Für Jessica, für Anne und fü Di;
und Di hörte diese Geschichte zuerst.
INHALT
Ein Junge überlebt
Ein Fenster verschwindet
Briefe von niemandem
Der Hüter der Schlüssel
In der Winkelgasse
Abreise von Gleis neundreiviertel
Der Sprechende Hut
Der Meister der Zaubertränke
Duell um Mitternacht
Halloween
Quidditch
Der Spiegel Nerhegeb
Nicolas Flamel
Norbert, der Norwegische Stachelbuckel
Der verbotene Wald
Durch die Falltür
Der Mann mit den zwei Gesichtern
Ein Junge überlebt
Mr und Mrs Dursley im Ligusterweg Nummer 4 waren stolz darauf, ganz und gar normal zu sein, sehr stolz sogar. Niemand wäre auf die Idee gekommen, sie könnten sich in eine merkwürdige und geheimnisvolle Geschichte verstricken, denn mit solchem Unsinn wollten sie nichts zu tun haben.
Mr Dursley war Direktor einer Firma namens Grunnings, die Bohrmaschinen herstellte. Er war groß und bullig und hatte fast keinen Hals, dafür aber einen sehr großen Schnurrbart. Mrs Dursley war dünn und blond und besaß doppelt so viel Hals, wie notwendig gewesen wäre, was allerdings sehr nützlich war, denn so konnte sie den Hals über den Gartenzaun recken und zu den Nachbarn hinüberspähen. Die Dursleys hatten einen kleinen Sohn namens Dudley und in ihren Augen gab es nirgendwo einen prächtigeren Jungen.
Die Dursleys besaßen alles, was sie wollten, doch sie hatten auch ein Geheimnis, und dass es jemand aufdecken könnte, war ihre größte Sorge. Einfach unerträglich wäre es, wenn die Sache mit den Potters herauskommen würde. Mrs Potter war die Schwester von Mrs Dursley; doch die beiden hatten sich schon seit etlichen Jahren nicht mehr gesehen. Mrs Dursley behauptete sogar, dass sie gar keine Schwester hätte, denn diese und deren Nichtsnutz von einem Mann waren so undursleyhaft, wie man es sich nur denken konnte. Die Dursleys schauderten beim Gedanken daran, was die Nachbarn sagen würden, sollten die Potters eines Tages in ihrer Straße aufkreuzen. Die Dursleys wussten, dass auch die Potters einen kleinen Sohn hatten, doch den hatten sie nie gesehen. Auch dieser Junge war ein guter Grund, sich von den Potters fernzuhalten; mit einem solchen Kind sollte ihr Dudley nicht in Berührung kommen.
Als Mr und Mrs Dursley an dem trüben und grauen Dienstag, an dem unsere Geschichte beginnt, die Augen aufschlugen, war an dem wolkenverhangenen Himmel draußen kein Vorzeichen der merkwürdigen und geheimnisvollen Dinge zu erkennen, die bald überall im Land geschehen sollten. Mr Dursley summte vor sich hin und suchte sich für die Arbeit seine langweiligste Krawatte aus, und Mrs Dursley schwatzte munter vor sich hin, während sie mit dem schreienden Dudley rangelte und ihn in seinen Hochstuhl zwängte.
Keiner von ihnen sah den riesigen Waldkauz am Fenster vorbeifliegen.
Um halb neun griff Mr Dursley nach der Aktentasche, gab seiner Frau einen Schmatz auf die Wange und versuchte es auch bei Dudley mit einem Abschiedskuss. Der ging jedoch daneben, weil Dudley gerade einen Wutanfall hatte und die Wände mit seinem Haferbrei bewarf. »Kleiner Schlingel«, gluckste Mr Dursley, während er nach draußen ging. Er setzte sich in den Wagen und fuhr rückwärts die Einfahrt zu Nummer 4 hinaus.
An der Straßenecke fiel ihm zum ersten Mal etwas Merkwürdiges auf – eine Katze, die eine Straßenkarte studierte. Einen Moment war Mr Dursley nicht klar, was er gesehen hatte – dann wandte er rasch den Kopf zurück, um noch einmal hinzuschauen. An der Einbiegung zum Ligusterweg stand eine getigerte Katze, aber eine Straßenkarte war nicht zu sehen. Woran er nur wieder gedacht hatte! Das musste eine Sinnestäuschung gewesen sein. Mr Dursley blinzelte und starrte die Katze an. Die Katze starrte zurück. Während Mr Dursley um die Ecke bog und die Straße entlangfuhr, beobachtete er die Katze im Rückspiegel. Jetzt las sie das Schild mit dem Namen Ligusterweg – nein, sie blickte auf das Schild. Katzen konnten weder Karten noch Schilder lesen. Mr Dursley gab sich einen kleinen Ruck und verjagte die Katze aus seinen Gedanken. Während er in Richtung Stadt fuhr, hatte er nur noch den großen Auftrag für Bohrmaschinen im Sinn, der heute hoffentlich eintreffen würde.
Doch am Stadtrand wurden die Bohrmaschinen von etwas anderem aus seinen Gedanken verdrängt. Er saß im üblichen morgendlichen Stau fest und konnte nicht umhin zu bemerken, dass offenbar eine Menge seltsam gekleideter Menschen unterwegs waren. Menschen in langen und weiten Umhängen. Mr Dursley konnte Leute nicht ausstehen, die sich komisch anzogen – wie sich die jungen Leute herausputzten! Das musste wohl irgendeine dumme neue Mode sein. Er trommelte mit den Fingern auf das Lenkrad und sein Blick fiel auf eine Ansammlung dieser merkwürdigen Gestalten nicht weit von ihm. Ganz aufgeregt flüsterten sie miteinander. Erzürnt stellte Mr Dursley fest, dass einige von ihnen überhaupt nicht jung waren; nanu, dieser Mann dort musste älter sein als er und trug einen smaragdgrünen Umhang! Der hatte vielleicht Nerven! Doch dann fiel Mr Dursley plötzlich ein, dass dies wohl eine verrückte Verkleidung sein musste – die Leute sammelten offenbar für irgendetwas … ja, so musste es sein. Die Autoschlange bewegte sich, und ein paar Minuten später fuhr Mr Dursley auf den Parkplatz seiner Firma, die Gedanken wieder bei den Bohrern.
In seinem Büro im neunten Stock saß Mr Dursley immer mit dem Rücken zum Fenster. Andernfalls wäre es ihm an diesem Morgen schwergefallen, sich auf die Bohrer zu konzentrieren. Er bemerkte die Eulen nicht, die am helllichten Tage vorbeischossen, wohl aber die Leute unten auf der Straße; sie deuteten in die Lüfte und verfolgten mit offenen Mündern, wie eine Eule nach der andern über ihre Köpfe hinwegflog. Die meisten von ihnen hatten überhaupt noch nie eine gesehen, nicht einmal nachts. Mr Dursley jedoch verbrachte einen ganz gewöhnlichen, eulenfreien Morgen. Er machte fünf verschiedene Leute zur Schnecke. Er führte mehrere wichtige Telefongespräche und schrie dabei noch ein wenig lauter. Bis zur Mittagspause war er glänzender Laune und wollte sich nun ein wenig die Beine vertreten und beim Bäcker über der Straße einen Krapfen holen.
Die Leute in der merkwürdigen Aufmachung hatte er schon längst vergessen, doch nun, auf dem Weg zum Bäcker, begegnete er einigen dieser Gestalten. Im Vorbeigehen warf er ihnen zornige Blicke zu. Er wusste nicht, warum, aber sie bereiteten ihm Unbehagen. Auch dieses Pack hier tuschelte ganz aufgeregt und eine Sammelbüchse war nirgends zu sehen. Auf dem Weg zurück vom Bäcker, eine Tüte mit einem großen Donut in der Hand, schnappte er ein paar Worte von ihnen auf.
»Die Potters, das stimmt, das hab ich gehört –«
»– ja, ihr Sohn, Harry –«
Mr Dursley blieb wie angewurzelt stehen. Angst überkam ihn. Er wandte sich nach den Flüsterern um, als ob er ihnen etwas sagen wollte, besann sich dann aber eines Besseren.
Hastig überquerte er die Straße, stürmte hoch ins Büro, fauchte seine Sekretärin an, er wolle nicht gestört werden, griff nach dem Telefon und hatte schon fast die Nummer von daheim gewählt, als er es sich anders überlegte. Er legte den Hörer auf die Gabel und strich sich über den Schnurrbart. Nein, dachte er, ich bin dumm. Potter war kein besonders ungewöhnlicher Name. Sicher gab es eine Menge Leute, die Potter hießen und einen Sohn namens Harry hatten. Nun, da er darüber nachdachte, war er sich nicht einmal mehr sicher, ob sein Neffe wirklich Harry hieß. Er hatte den Jungen noch nicht einmal gesehen. Er konnte auch Harvey heißen. Oder Harold. Es hatte keinen Sinn, Mrs Dursley zu beunruhigen, sie geriet immer so außer sich, wenn man ihre Schwester auch nur erwähnte. Er machte ihr deswegen keinen Vorwurf – wenn er eine solche Schwester hätte … Und dennoch, diese Leute in den Umhängen …
An diesem Nachmittag fiel es ihm um einiges schwerer, seine Gedanken auf die Bohrer zu richten, und als er das Büro um fünf Uhr verließ, war er immer noch so voller Sorge, dass er beim ersten Schritt nach draußen gleich mit jemandem zusammenprallte.
»Verzeihung«, grummelte er, als der kleine alte Mann ins Stolpern kam und beinahe hinfiel. Erst nach ein paar Sekunden bemerkte Mr Dursley, dass der Mann einen violetten Umhang trug. Dass er ihn fast umgestoßen hatte, schien ihn gar nicht weiter zu ärgern. Im Gegenteil, auf seinem Gesicht öffnete sich ein breites Lächeln, und die Leute, die vorbeigingen, blickten auf, als er mit piepsiger Stimme sagte: »Heute verzeih ich alles, mein lieber Herr, heute kann mich nichts aus der Bahn werfen! Freuen wir uns, denn Du-weißt-schon-wer ist endlich von uns gegangen! Selbst Muggel wie Sie sollten diesen freudigen, freudigen Tag feiern!«
Und der alte Mann umarmte Mr Dursley ungefähr in Bauchhöhe und ging von dannen.
Mr Dursley stand da wie angewurzelt. Ein völlig Fremder hatte ihn umarmt. Auch hatte er ihn wohl einen Muggel genannt, was immer das sein mochte. Völlig durcheinander eilte er zu seinem Wagen und fuhr nach Hause. Er hoffte, sich diese Dinge nur einzubilden, und das war neu für ihn, denn von Einbildungskraft hielt er normalerweise gar nichts.
Als er in die Auffahrt von Nummer 4 einbog, fiel sein Blick als Erstes – und das besserte seine Laune nicht gerade – auf die getigerte Katze, die er am Morgen schon gesehen hatte. Sie saß jetzt auf seiner Gartenmauer. Gewiss war es dieselbe Katze; sie hatte dasselbe Muster um die Augen.
»Schhhh!«, zischte Mr Dursley laut.
Die Katze regte sich nicht. Sie blickte ihn nur aus ernsten Augen an. War so etwas denn normal für Katzen, fragte sich Mr Dursley. Er versuchte sich zusammenzureißen und öffnete die Haustür. Immer noch war er entschlossen, nichts von alledem seiner Frau zu sagen.
Mrs Dursley hatte einen netten, gewöhnlichen Tag hinter sich. Beim Abendessen erzählte sie ihm alles über Frau Nachbarins Probleme mit deren Tochter und dass Dudley ein neues Wort gelernt hatte (»pfui«). Mr Dursley versuchte sich ganz wie immer zu geben. Nachdem Dudley zu Bett gebracht worden war, ging er ins Wohnzimmer, wo er sich das Neueste in den Abendnachrichten ansah.
»Und hier noch eine Meldung. Wie die Vogelkundler im ganzen Land berichten, haben sich unsere Eulen heute sehr ungewöhnlich verhalten. Obwohl Eulen normalerweise nachts jagen und tagsüber kaum gesichtet werden, wurden diese Vögel seit Sonnenaufgang hunderte Male beobachtet, wie sie kreuz und quer über das Land hinwegflogen. Die Fachleute können sich nicht erklären, warum die Eulen plötzlich ihre Gewohnheiten geändert haben.« Der Nachrichtensprecher erlaubte sich ein Grinsen. »Sehr mysteriös. Und nun zu Jim McGuffin mit dem Wetter. Sind heute Abend noch weitere Eulenschauer zu erwarten, Jim?«
»Nun, Ted«, meinte der Wetteransager, »das kann ich nicht sagen, aber es sind nicht nur die Eulen, die sich heute seltsam verhalten haben. Zuschauer aus so entfernten Gegenden wie Kent, Yorkshire und Dundee haben mich heute angerufen und berichtet, dass anstelle des Regens, den ich gestern versprochen hatte, ganze Schauer von Sternschnuppen niedergegangen sind! Vielleicht haben die Leute zu früh Silvester gefeiert – das ist noch eine Weile hin, meine Damen und Herren! Aber ich kann Ihnen für heute eine regnerische Nacht versprechen.«
Mr Dursley saß starr wie ein Eiszapfen in seinem Sessel. Sternschnuppen über ganz Großbritannien? Eulen, die bei Tage flogen? Allerorten geheimnisvolle Leute in sonderbarer Kleidung? Und ein Tuscheln, ein Tuscheln über die Potters …
Mrs Dursley kam mit zwei Tassen Tee ins Wohnzimmer. Es hatte keinen Zweck. Er musste ihr etwas sagen. Nervös räusperte er sich. »Ahm – Petunia, Liebes – du hast in letzter Zeit nichts von deiner Schwester gehört, oder?«
Wie er befürchtet hatte, blickte ihn Mrs Dursley entsetzt und wütend an. Schließlich taten sie für gewöhnlich so, als hätte sie keine Schwester.
»Nein«, sagte sie scharf. »Warum?«
»Komisches Zeug in den Nachrichten«, murmelte Mr Dursley. »Eulen … Sternschnuppen … und heute waren eine Menge komisch aussehender Leute in der Stadt …«
»Und?«, fuhr ihn Mrs Dursley an.
»Nun, ich dachte nur … vielleicht … hat es etwas zu tun mit … du weißt … ihrem Klüngel.«
Mrs Dursley nippte mit geschürzten Lippen an ihrem Tee. Konnte er es wagen, ihr zu sagen, dass er den Namen »Potter« gehört hatte? Nein, das konnte er nicht. Stattdessen bemerkte er so beiläufig, wie er nur konnte: »Ihr Sohn – er wäre ungefähr in Dudleys Alter, oder?«
»Ich nehme an«, sagte Mrs Dursley steif.
»Wie war noch mal sein Name? Howard, nicht wahr?«
»Harry. Ein hässlicher, gewöhnlicher Name, wenn du mich fragst.«
»O ja«, sagte Mr Dursley und das Herz rutschte ihm in die Hose. »Ja, da bin ich ganz deiner Meinung.«
Bis es Zeit zum Schlafen war und sie nach oben gingen, verlor er kein Wort mehr darüber. Während Mrs Dursley im Bad war, schlich sich Mr Dursley zum Schlafzimmerfenster und spähte hinunter in den Vorgarten. Die Katze war immer noch da. Sie starrte auf den Ligusterweg, als ob sie auf etwas wartete.
Bildete er sich das alles nur ein? Konnte all dies etwas mit den Potters zu tun haben? Wenn es so war … und wenn herauskäme, dass sie verwandt waren mit einem Paar von – nein, das würde er einfach nicht ertragen können.
Die Dursleys gingen zu Bett. Mrs Dursley schlief rasch ein, doch Mr Dursley lag wach und wälzte alles noch einmal im Kopf hin und her. Bevor er einschlief, kam ihm ein letzter, tröstender Gedanke. Selbst wenn die Potters wirklich mit dieser Geschichte zu tun hatten, gab es keinen Grund, warum sie bei ihm und Mrs Dursley auftauchen sollten. Die Potters wussten sehr wohl, was er und Petunia von ihnen und ihresgleichen hielten … Er konnte sich nicht denken, wie er und Petunia in irgendetwas hineingeraten sollten, was dort draußen vor sich ging – er gähnte und drehte sich auf die Seite –, damit würden er und seine Frau jedenfalls nichts zu tun haben …
Wie sehr er sich täuschte.
Mr Dursley mochte in einen unruhigen Schlaf hinübergeglitten sein, doch die Katze draußen auf der Mauer zeigte keine Spur von Müdigkeit. Sie saß noch immer da wie eine Statue, die Augen, ohne zu blinzeln, auf die weiter entfernte Ecke des Ligusterwegs gerichtet. Kein Härchen regte sich, als eine Straße weiter eine Autotür zugeknallt wurde oder als zwei Eulen über ihren Kopf hinwegschwirrten. In der Tat war es fast Mitternacht, als die Katze sich zum ersten Mal rührte.
An der Ecke, die sie beobachtet hatte, erschien ein Mann, so jäh und lautlos, als wäre er geradewegs aus dem Boden gewachsen. Der Schwanz der Katze zuckte und ihre Augen verengten sich zu Schlitzen.
Einen Mann wie diesen hatte man im Ligusterweg noch nie gesehen. Er war groß, dünn und sehr alt, jedenfalls der silbernen Farbe seines Haares und Bartes nach zu schließen, die beide so lang waren, dass sie in seinem Gürtel hätten stecken können. Er trug eine lange Robe, einen purpurroten Umhang, der den Boden streifte, und Schnallenstiefel mit hohen Hacken. Seine blauen Augen leuchteten funkelnd hinter den halbmondförmigen Brillengläsern hervor, und seine Nase war sehr lang und krumm, als ob sie mindestens zweimal gebrochen wäre. Der Name dieses Mannes war Albus Dumbledore.
Albus Dumbledore schien nicht zu bemerken, dass er soeben in einer Straße aufgetaucht war, in der alles an ihm, von seinem Namen bis zu seinen Stiefeln, keineswegs willkommen war. Gedankenverloren durchstöberte er die Taschen seines Umhangs. Doch offenbar bemerkte er, dass er beobachtet wurde, denn plötzlich sah er zu der Katze hinüber, die ihn vom andern Ende der Straße her immer noch anstarrte. Aus irgendeinem Grunde schien ihn der Anblick der Katze zu belustigen. Er gluckste vergnügt und murmelte: »Ich hätte es wissen müssen.«
In seiner Innentasche hatte er gefunden, wonach er suchte. Es sah aus wie ein silbernes Feuerzeug. Er ließ den Deckel aufschnappen, hielt es hoch in die Luft und ließ es knipsen. Mit einem leisen »Plop« ging eine Straßenlaterne in der Nähe aus. Er knipste noch mal – und die nächste Laterne flackerte und erlosch. Zwölfmal knipste er mit dem Ausmacher, bis die einzigen Lichter, die in der ganzen Straße noch zu sehen waren, zwei kleine Stecknadelköpfe in der Ferne waren, und das waren die Augen der Katze, die ihn beobachtete. Niemand, der jetzt aus dem Fenster geschaut hätte, auch nicht die scharfäugige Mrs Dursley, hätte nun irgendetwas von dem mitbekommen, was unten auf dem Bürgersteig geschah. Dumbledore ließ den Ausmacher in die Umhangtasche gleiten und machte sich auf den Weg die Straße entlang zu Nummer 4, wo er sich auf die Mauer neben die Katze setzte. Er sah sie nicht an, doch nach einer Weile sprach er mit ihr.
»Was für eine Überraschung, Sie hier zu sehen, Professor McGonagall.«
Mit einem Lächeln wandte er sich zur Seite, doch die Tigerkatze war verschwunden. Statt ihrer lächelte er einer ziemlich ernst dreinblickenden Frau mit Brille zu, deren Gläser quadratisch waren wie das Muster um die Augen der Katze. Auch sie trug einen Umhang, einen smaragdgrünen. Ihr schwarzes Haar war zu einem festen Knoten zusammengebunden. Sie sah recht verwirrt aus.
»Woher wussten Sie, dass ich es war?«, fragte sie.
»Mein lieber Professor, ich habe noch nie eine Katze so steif dasitzen sehen.«
»Sie wären auch steif, wenn Sie den ganzen Tag auf einer Backsteinmauer gesessen hätten«, sagte Professor McGonagall.
»Den ganzen Tag? Wo Sie doch hätten feiern können? Ich muss auf dem Weg an mindestens einem Dutzend Feste und Partys vorbeigekommen sein.«
Verärgert schnaubte Professor McGonagall durch die Nase.
»O ja, alle Welt feiert, sehr schön«, sagte sie ungeduldig. »Man sollte meinen, sie könnten ein bisschen vorsichtiger sein, aber nein – selbst die Muggel haben bemerkt, dass etwas los ist. Sie haben es in ihren Nachrichten gebracht.« Mit einem Kopfrucken deutete sie auf das dunkle Wohnzimmerfenster der Dursleys. »Ich habe es gehört. Ganze Schwärme von Eulen … Sternschnuppen … Nun, ganz dumm sind sie auch wieder nicht. Sie mussten einfach irgendetwas bemerken. Sternschnuppen unten in Kent – ich wette, das war Dädalus Diggel. Der war noch nie besonders vernünftig.«
»Sie können ihnen keinen Vorwurf machen«, sagte Dumbledore sanft. »Elf Jahre lang haben wir herzlich wenig zu feiern gehabt.«
»Das weiß ich«, sagte Professor McGonagall gereizt. »Aber das ist kein Grund, den Kopf zu verlieren. Die Leute sind einfach unvorsichtig, wenn sie sich am helllichten Tage draußen auf den Straßen herumtreiben und Gerüchte zum Besten geben. Wenigstens könnten sie Muggelsachen anziehen.«
Dabei wandte sie sich mit scharfem Blick Dumbledore zu, als hoffte sie, er würde ihr etwas mitteilen. Doch er schwieg und sie fuhr fort: »Das wäre eine schöne Bescherung, wenn ausgerechnet an dem Tag, da Du-weißt-schon-wer endlich verschwindet, die Muggel alles über uns herausfinden würden. Ich nehme an, er ist wirklich verschwunden, Dumbledore?«
»Es sieht ganz danach aus«, sagte Dumbledore. »Wir müssen für vieles dankbar sein. Möchten Sie ein Brausebonbon?«
»Ein was?«
»Ein Zitronenbrausebonbon. Eine Nascherei der Muggel, auf die ich ganz scharf bin.«
»Nein, danke«, sagte Professor McGonagall kühl, als sei jetzt nicht der richtige Moment für Zitronenbrausebonbons. »Wie ich schon sagte, selbst wenn Du-weißt-schon-wer wirklich fort ist –«
»Mein lieber Professor, eine vernünftige Person wie Sie kann ihn doch sicher beim Namen nennen? Der ganze Unsinn mit ›Du-weißt-schon-wer‹ – seit elf Jahren versuche ich die Leute dazu zu bringen, ihn bei seinem richtigen Namen zu nennen: Voldemort.« Professor McGonagall zuckte zurück, doch Dumbledore, der zwei weitere Bonbons aus der Tüte fischte, schien davon keine Notiz zu nehmen. »Es verwirrt doch nur, wenn wir dauernd ›Du-weißt-schon-wer‹ sagen. Ich habe nie eingesehen, warum ich Angst davor haben sollte, Voldemorts Namen auszusprechen.«
»Das weiß ich wohl«, sagte Professor McGonagall halb aufgebracht, halb bewundernd. »Doch Sie sind anders. Alle wissen, dass Sie der Einzige sind, den Du-weißt- … ahm, na gut, Voldemort fürchtete.«
»Sie schmeicheln mir«, sagte Dumbledore leise. »Voldemort hatte Kräfte, die ich nie besitzen werde.«
»Nur weil Sie zu – ja – nobel sind, um sie einzusetzen.«
»Ein Glück, dass es dunkel ist. So rot bin ich nicht mehr geworden, seit Madam Pomfrey mir gesagt hat, ihr gefielen meine neuen Ohrenschützer.«
Professor McGonagall sah Dumbledore scharf an und sagte: »Die Eulen sind nichts gegen die Gerüchte, die umherfliegen. Wissen Sie, was alle sagen? Warum er verschwunden ist? Was ihn endlich aufgehalten hat?«
Offenbar hatte Professor McGonagall den Punkt erreicht, über den sie unbedingt reden wollte, den wirklichen Grund, warum sie den ganzen Tag auf einer kalten, harten Mauer gewartet hatte, denn weder als Katze noch als Frau hatte sie Dumbledore mit einem so durchdringenden Blick festgenagelt wie jetzt. Was auch immer »alle« sagen mochten, offensichtlich glaubte sie es nicht, bis sie es aus dem Mund von Dumbledore gehört hatte. Der jedoch nahm sich ein weiteres Zitronenbrausebonbon und schwieg.
»Was sie sagen«, drängte sie weiter, »ist nämlich, dass Voldemort letzte Nacht in Godric’s Hollow auftauchte. Er war auf der Suche nach den Potters. Dem Gerücht zufolge sind Lily und James Potter – sie sind – tot.«
Dumbledore senkte langsam den Kopf. Professor McGonagall stockte der Atem.
»Lily und James … Ich kann es nicht glauben … Ich wollte es nicht glauben … Oh, Albus …«
Dumbledore streckte die Hand aus und klopfte ihr sanft auf die Schultern. »Ich weiß … ich weiß …«, sagte er mit belegter Stimme.
Professor McGonagall fuhr mit zitternder Stimme fort: »Das ist nicht alles. Es heißt, er habe versucht, Potters Sohn Harry zu töten. Aber – er konnte es nicht. Er konnte diesen kleinen Jungen nicht töten. Keiner weiß, warum oder wie, aber es heißt, als er Harry Potter nicht töten konnte, fiel Voldemorts Macht in sich zusammen – und deshalb ist er verschwunden.«
Dumbledore nickte mit düsterer Miene.
»Ist das – wahr?«, stammelte Professor McGonagall. »Nach all dem, was er getan hat – nach all den Menschen, die er umgebracht hat –, konnte er einen kleinen Jungen nicht töten? Das ist einfach unglaublich … ausgerechnet das setzt ihm ein Ende … aber wie um Himmels willen konnte Harry das überleben?«
»Wir können nur mutmaßen«, sagte Dumbledore. »Vielleicht werden wir es nie wissen.«
Professor McGonagall zog ein Spitzentaschentuch hervor und betupfte die Augen unter der Brille. Dumbledore zog eine goldene Uhr aus der Tasche und gab ein langes Schniefen von sich. Es war eine sehr merkwürdige Uhr. Sie hatte zwölf Zeiger, aber keine Ziffern; stattdessen drehten sich kleine Planeten in ihrem Rund. Dumbledore jedenfalls musste diese Uhr etwas mitteilen, denn er steckte sie zurück in die Tasche und sagte: »Hagrid verspätet sich. Übrigens nehme ich an, er hat Ihnen erzählt, dass ich hierherkommen würde?«
»Ja«, sagte Professor McGonagall. »Und ich nehme nicht an, dass Sie mir sagen werden, warum Sie ausgerechnet hier sind?«
»Ich bin gekommen, um Harry zu seiner Tante und seinem Onkel zu bringen. Sie sind die Einzigen aus der Familie, die ihm noch geblieben sind.«
»Sie meinen doch nicht – Sie können einfach nicht die Leute meinen, die hier wohnen?«, rief Professor McGonagall, sprang auf und deutete auf Nummer 4. »Dumbledore – das geht nicht. Ich habe sie den ganzen Tag beobachtet. Sie könnten keine zwei Menschen finden, die uns weniger ähneln. Und sie haben diesen Jungen – ich habe gesehen, wie er seine Mutter den ganzen Weg die Straße entlang gequält und nach Süßigkeiten geschrien hat. Harry Potter und hier leben?«
»Das ist der beste Platz für ihn«, sagte Dumbledore bestimmt. »Onkel und Tante werden ihm alles erklären können, wenn er älter ist. Ich habe ihnen einen Brief geschrieben.«
»Einen Brief?«, wiederholte Professor McGonagall mit erlahmender Stimme und setzte sich wieder auf die Mauer. »Wirklich, Dumbledore, glauben Sie, dass Sie all das in einem Brief erklären können? Diese Leute werden ihn nie verstehen! Er wird berühmt werden – eine Legende –, es würde mich nicht wundern, wenn der heutige Tag in Zukunft Harry-Potter-Tag heißt – ganze Bücher wird man über Harry schreiben – jedes Kind in unserer Welt wird seinen Namen kennen!«
»Genau«, sagte Dumbledore und blickte sehr ernst über die Halbmonde seiner Lesebrille. »Das würde reichen, um jedem Jungen den Kopf zu verdrehen. Berühmt, bevor er gehen und sprechen kann! Berühmt für etwas, an das er sich nicht einmal erinnern wird! Sehen Sie nicht, wie viel besser es für ihn wäre, wenn er weit weg von alledem aufwächst, bis er bereit ist, es zu begreifen?«
Professor McGonagall öffnete den Mund, änderte ihre Meinung, schluckte und sagte: »Ja – ja, Sie haben Recht, natürlich. Doch wie kommt der Junge hierher, Dumbledore?« Plötzlich musterte sie seinen Umhang, als dachte sie, er verstecke vielleicht den kleinen Harry darunter.
»Hagrid bringt ihn mit.«
»Sie halten es für – klug, Hagrid etwas so Wichtiges anzuvertrauen?«
»Ich würde Hagrid mein Leben anvertrauen«, sagte Dumbledore.
»Ich behaupte nicht, dass sein Herz nicht am rechten Fleck ist«, grummelte Professor McGonagall, »doch Sie können nicht so tun, als ob er besonders umsichtig wäre. Er neigt dazu – was war das?«
Ein tiefes Brummen hatte die Stille um sie her zerbrochen. Immer lauter wurde es, und sie schauten links und rechts die Straße hinunter, ob vielleicht ein Scheinwerfer auftauchte. Der Lärm schwoll zu einem Dröhnen an, und als sie beide zum Himmel blickten – da fiel ein riesiges Motorrad aus den Lüften und landete auf der Straße vor ihnen.
Schon das Motorrad war gewaltig, doch nichts im Vergleich zu dem Mann, der breitbeinig darauf saß. Er war fast zweimal so groß wie ein gewöhnlicher Mann und mindestens fünfmal so breit. Er sah einfach verboten dick aus, und so wild – Haar und Bart verdeckten mit langen Strähnen fast sein ganzes Gesicht, er hatte Hände, so groß wie Mülleimerdeckel, und in den Lederstiefeln steckten Füße wie Delphinbabys. In seinen ausladenden, muskelbepackten Armen hielt er ein Bündel aus Leintüchern.
»Hagrid«, sagte Dumbledore mit erleichterter Stimme. »Endlich. Und wo hast du dieses Motorrad her?«
»Hab es geborgt, Professor Dumbledore, Sir«, sagte der Riese und kletterte vorsichtig von seinem Motorrad. »Der junge Sirius Black hat es mir geliehen. Ich hab ihn, Sir.«
»Keine Probleme?«
»Nein, Sir – das Haus war fast zerstört, aber ich hab ihn gerade noch herausholen können, bevor die Muggel angeschwirrt kamen. Er ist eingeschlafen, als wir über Bristol flogen.«
Dumbledore und Professor McGonagall neigten ihre Köpfe über das Leintuchbündel. Darin steckte, gerade eben zu sehen, ein kleiner Junge, fast noch ein Baby, in tiefem Schlaf. Unter einem Büschel rabenschwarzen Haares auf der Stirn konnten sie einen merkwürdigen Schnitt erkennen, der aussah wie ein Blitz.
»Ist es das, wo –?«, flüsterte Professor McGonagall.
»Ja«, sagte Dumbledore. »Diese Narbe wird ihm immer bleiben.«
»Können Sie nicht etwas dagegen tun, Dumbledore?«
»Selbst wenn ich es könnte, ich würde es nicht. Narben können recht nützlich sein. Ich selbst habe eine oberhalb des linken Knies und die ist ein tadelloser Plan der Londoner U-Bahn. Nun denn – gib ihn mir, Hagrid –, wir bringen es besser hinter uns.«
Dumbledore nahm Harry in die Arme und wandte sich dem Haus der Dursleys zu.
»Könnte ich … könnte ich ihm adieu sagen, Sir?«, fragte Hagrid.
Er beugte seinen großen, struppigen Kopf über Harry und gab ihm einen gewiss sehr kratzigen, barthaarigen Kuss. Dann, plötzlich, stieß Hagrid ein Heulen wie ein verletzter Hund aus.
»Schhhh!«, zischte Professor McGonagall, »Sie wecken noch die Muggel auf!«
»V-v-verzeihung«, schluchzte Hagrid, zog ein großes, gepunktetes Taschentuch hervor und vergrub das Gesicht darin. »Aber ich k-k-kann es einfach nicht fassen – Lily und James tot – und der arme kleine Harry muss jetzt bei den Muggels leben –«
»Ja, ja, das ist alles sehr traurig, aber reiß dich zusammen, Hagrid, oder man wird uns entdecken«, flüsterte Professor McGonagall und klopfte Hagrid behutsam auf den Arm, während Dumbledore über die niedrige Gartenmauer stieg und zum Vordereingang trat. Sanft legte er Harry vor die Eingangstür, zog einen Brief aus dem Umhang, steckte ihn zwischen Harrys Leintücher und kehrte dann zu den beiden andern zurück. Eine ganze Minute lang standen die drei da und sahen auf das kleine Bündel; Hagrids Schultern zuckten, Professor McGonagall blinzelte heftig, und das funkelnde Licht, das sonst immer aus Dumbledores Augen schien, war wohl erloschen.
»Nun«, sagte Dumbledore schließlich, »das war’s … Wir haben hier nichts mehr zu suchen. Wir sollten lieber verschwinden und zu den Feiern gehen.«
»Jaow«, sagte Hagrid mit sehr dumpfer Stimme, »ich bring am besten diese Kiste weg. Nacht, Professor McGonagall – Professor Dumbledore, Sir.«
Hagrid wischte sich mit dem Jackenärmel die tropfnassen Augen, schwang sich auf das Motorrad und erweckte die Maschine mit einem Fußkick zum Leben; donnernd erhob sie sich in die Lüfte und verschwand in der Nacht.
»Wir werden uns bald wiedersehen, vermute ich, Professor McGonagall«, sagte Dumbledore und nickte ihr zu. Zur Antwort schnäuzte sich Professor McGonagall die Nase.
Dumbledore drehte sich um und entfernte sich die Straße entlang. An der Ecke blieb er stehen und holte den Ausmacher hervor. Er knipste einmal und zwölf Lichtbälle huschten zurück in ihre Straßenlaternen. Mit einem Mal leuchtete der Ligusterweg in Orange, und er konnte eine kleine Tigerkatze sehen, die am anderen Ende der Straße um die Ecke strich. Auf der Türschwelle von Nummer 4 konnte er gerade noch das Bündel aus Leintüchern erkennen.
»Viel Glück, Harry«, murmelte er. Er drehte sich auf dem Absatz um und mit einem Wehen seines Umhangs war er verschwunden.
Eine Brise kräuselte die sorgfältig geschnittenen Hecken des Ligusterwegs, der still und ordentlich dalag unter dem tintenfarbenen Himmel, und nie wäre man auf den Gedanken gekommen, dass hier etwas Unerhörtes geschehen könnte. In seinen Leintüchern drehte sich Harry Potter auf die Seite, ohne aufzuwachen. Seine kleinen Finger klammerten sich an den Brief neben ihm, und er schlief weiter, nicht wissend, dass er etwas Besonderes war, nicht wissend, dass er berühmt war, nicht wissend, dass in ein paar Stunden, wenn Mrs Dursley die Haustür öffnen würde, um die Milchflaschen hinauszustellen, ein Schrei ihn wecken würde, und auch nicht wissend, dass ihn sein Vetter Dudley in den nächsten Wochen peinigen und piesacken würde … Er konnte nicht wissen, dass in ebendiesem Moment überall im Land geheime Versammlungen stattfanden, Gläser erhoben wurden und gedämpfte Stimmen sagten: »Auf Harry Potter – den Jungen, der lebt!«
Ein Fenster verschwindet
Fast zehn Jahre waren vergangen, seit die Dursleys eines Morgens die Haustür geöffnet und auf der Schwelle ihren Neffen gefunden hatten, doch der Ligusterweg hatte sich kaum verändert. Wenn die Sonne aufging, tauchte sie dieselben fein säuberlich gepflegten Vorgärten in ihr Licht und ließ dasselbe Messingschild mit der Nummer 4 über der Tür erglimmen. Schließlich krochen ihre Strahlen ins Wohnzimmer. Dort sah es fast genauso aus wie in jener Nacht, als Mr Dursley im Fernsehen den unheilvollen Bericht über die Eulen gesehen hatte. Nur die Fotos auf dem Kaminsims führten einem vor Augen, wie viel Zeit verstrichen war. Zehn Jahre zuvor hatten dort eine Menge Bilder gestanden, auf denen etwas, das an einen großen rosa Strandball erinnerte, zu sehen war und Bommelhüte in verschiedenen Farben trug – doch Dudley Dursley war nun kein Baby mehr, und jetzt zeigten die Fotos einen großen, blonden Jungen, mal auf seinem ersten Fahrrad, mal auf dem Rummelplatz Karussell fahrend, mal beim Computerspiel mit dem Vater und schließlich, wie ihn die Mutter knuddelte und küsste. Nichts in dem Zimmer ließ ahnen, dass in diesem Haus auch noch ein anderer Junge lebte.
Doch Harry Potter war immer noch da, er schlief gerade, aber nicht mehr lange. Seine Tante Petunia war schon wach und ihre schrille Stimme durchbrach die morgendliche Stille.
»Aufstehen, aber dalli!«
Mit einem Schlag war Harry hellwach. Noch einmal trommelte seine Tante gegen die Tür.
»Aufstehen!«, kreischte sie. Harry hörte, wie sie in die Küche ging und dort die Pfanne auf den Herd stellte. Er drehte sich auf den Rücken und versuchte sich an den Traum zu erinnern, den er gerade noch geträumt hatte. Es war ein guter Traum. Ein fliegendes Motorrad war darin vorgekommen. Er hatte das merkwürdige Gefühl, den Traum schon einmal geträumt zu haben.
Draußen vor der Tür stand jetzt schon wieder seine Tante.
»Bist du schon auf den Beinen?«, fragte sie.
»Fast«, sagte Harry.
»Beeil dich. Ich möchte, dass du auf den Schinken aufpasst. Und lass ihn ja nicht anbrennen, an Duddys Geburtstag muss alles tipptopp sein.«
Harry stöhnte.
»Was hast du gesagt?«, keifte seine Tante durch die Tür.
»Nichts, nichts …«
Dudleys Geburtstag – wie konnte er den nur vergessen haben? Langsam kletterte Harry aus dem Bett und begann nach Socken zu suchen. Unter seinem Bett fand er ein Paar, zupfte eine Spinne davon weg und zog sie an. Harry war an Spinnen gewöhnt, weil es im Schrank unter der Treppe von Spinnen wimmelte. Und in diesem Schrank schlief Harry.
Als er angezogen war, ging er den Flur entlang und betrat die Küche. Der ganze Tisch war über und über bedeckt mit Geburtstagsgeschenken. Offenbar hatte Dudley den neuen Computer bekommen, den er sich gewünscht hatte, und, der Rede gar nicht wert, auch noch den zweiten Fernseher und das Rennrad. Warum Dudley eigentlich ein Rennrad haben wollte, war Harry ein Rätsel, denn Dudley war sehr dick und verabscheute Sport – außer natürlich, wenn es darum ging, andern eine reinzuhauen. Dudleys Lieblingsopfer war Harry, doch den bekam er nicht so oft zu fassen. Man sah es Harry zwar nicht an, aber er konnte sehr schnell rennen.
Vielleicht hatte es damit zu tun, dass er in einem dunklen Schrank lebte, jedenfalls war Harry für sein Alter immer recht klein und dürr gewesen. Er sah sogar noch kleiner und dürrer aus, als er in Wirklichkeit war, denn alles, was er zum Anziehen hatte, waren die abgelegten Klamotten Dudleys, und der war etwa viermal so dick wie Harry. Harry hatte ein schmales Gesicht, knubbelige Knie, schwarzes Haar und hellgrüne Augen. Er trug eine Brille mit runden Gläsern, die, weil Dudley ihn auf die Nase geschlagen hatte, mit viel Klebeband zusammengehalten wurden. Das Einzige, das Harry an seinem Aussehen mochte, war eine sehr feine Narbe auf seiner Stirn, die an einen Blitz erinnerte. So weit er zurückdenken konnte, war sie da gewesen, und seine allererste Frage an Tante Petunia war gewesen, wie er zu dieser Narbe gekommen war.
»Durch den Autounfall, bei dem deine Eltern starben«, hatte sie gesagt. »Und jetzt hör auf zu fragen.«
Hör auf zu fragen – das war die erste Regel, wenn man bei den Dursleys ein ruhiges Leben fristen wollte.
Onkel Vernon kam in die Küche, als Harry gerade den Schinken umdrehte.
»Kämm dir die Haare!«, bellte er als Morgengruß.
Etwa einmal die Woche spähte Onkel Vernon über seine Zeitung und rief, Harry müsse endlich einmal zum Friseur. Harry musste öfter beim Friseur gewesen sein als alle Jungen seiner Klasse zusammen, doch es half nichts. Sein Haar wucherte einfach vor sich hin – wie ein wilder Garten.
Harry briet gerade Eier, als Dudley mit seiner Mutter in die Küche kam. Dudley sah Onkel Vernon auffällig ähnlich. Er hatte ein breites, rosa Gesicht, nicht viel Hals, kleine, wässrige blaue Augen und dichtes blondes Haar, das glatt auf seinem runden, fetten Kopf lag. Tante Petunia sagte oft, dass Dudley aussehe wie ein kleiner Engel – Harry sagte oft, Dudley sehe aus wie ein Schwein mit Perücke.
Harry stellte die Teller mit Eiern und Schinken auf den Tisch, was schwierig war, denn viel Platz gab es nicht. Dudley zählte unterdessen seine Geschenke. Er zog eine Schnute.
»Sechsunddreißig«, sagte er und blickte auf zu Mutter und Vater. »Das sind zwei weniger als letztes Jahr.«
»Liebling, du hast Tante Magdas Geschenk nicht mitgezählt, schau, es ist hier unter dem großen von Mummy und Daddy.«
»Na gut, dann eben siebenunddreißig«, sagte Dudley und lief rot an – Harry, der einen gewaltigen Wutanfall nach Art von Dudley kommen sah, schlang seinen Schinken so schnell wie möglich hinunter, für den Fall, dass Dudley den Tisch umkippte.
Auch Tante Petunia witterte offenbar Gefahr, denn rasch sagte sie: »Und heute, wenn wir ausgehen, kaufen wir dir noch zwei Geschenke. Was sagst du nun, Spätzchen?«
Dudley dachte einen Augenblick nach und es sah wie Schwerstarbeit aus. Schließlich sagte er langsam: »Dann habe ich achtund… achtund…«
»Neununddreißig, mein Süßer«, sagte Tante Petunia.
»Oh.« Dudley ließ sich auf einen Stuhl plumpsen und grabschte nach einem Päckchen. »Von mir aus.«
Onkel Vernon gluckste.
»Der kleine Lümmel will was sehen für sein Geld, genau wie sein Vater. Braver Junge, Dudley!« Er fuhr mit der Hand durch Dudleys Haar.
In diesem Moment klingelte das Telefon, und Tante Petunia ging an den Apparat, während Harry und Onkel Vernon Dudley dabei zusahen, wie er das Rennrad, eine Videokamera, ein ferngesteuertes Modellflugzeug, sechzehn neue Computerspiele und einen Videorecorder auspackte. Gerade riss er das Papier von einer goldenen Armbanduhr, als Tante Petunia mit zornigem und besorgtem Blick vom Telefon zurückkam.
»Schlechte Nachrichten, Vernon«, sagte sie. »Mrs Figg hat sich ein Bein gebrochen. Sie kann ihn nicht nehmen.« Unwirsch nickte sie mit dem Kopf in Harrys Richtung.
Dudley klappte vor Schreck der Mund auf, doch Harrys Herz begann zu hüpfen. Jedes Jahr an Dudleys Geburtstag machten seine Eltern mit ihm und einem Freund einen Ausflug, sie besuchten Abenteuerparks, gingen Hamburger essen oder ins Kino. Jedes Jahr blieb Harry bei Mrs Figg, einer verrückten alten Dame zwei Straßen weiter. Harry hasste es, dorthin zu gehen. Das ganze Haus roch nach Kohl, und Mrs Figg bestand darauf, dass er sich die Fotos aller Katzen ansah, die sie je besessen hatte.
»Und nun?«, sagte Tante Petunia und sah Harry so zornig an, als hätte er persönlich diese Unannehmlichkeit ausgeheckt. Harry wusste, es sollte ihm eigentlich leidtun, dass sich Mrs Figg ein Bein gebrochen hatte, doch fiel ihm das nicht leicht bei dem Gedanken, sich Tibbles, Snowy, Putty und Tuffy erst wieder in einem Jahr angucken zu müssen.
»Wir könnten Magda anrufen«, schlug Onkel Vernon vor.
»Sei nicht albern, Vernon, sie hasst den Jungen.«
Die Dursleys sprachen oft über Harry, als ob er gar nicht da wäre – oder vielmehr, als ob er etwas ganz Widerwärtiges wäre, das sie nicht verstehen konnten, eine Schnecke vielleicht.
»Was ist mit Wie-heißt-sie-noch-mal, deine Freundin – Yvonne?«
»Macht Ferien auf Mallorca«, sagte Tante Petunia barsch.
»Ihr könntet mich einfach hierlassen«, schlug Harry hoffnungsvoll vor (dann konnte er zur Abwechslung mal fernsehen, was er wollte, und sich vielleicht sogar einmal über Dudleys Computer hermachen).
Tante Petunia schaute, als hätte sie soeben in eine Zitrone gebissen.
»Und wenn wir zurückkommen, liegt das Haus in Trümmern?«, raunzte sie.
»Ich werde das Haus schon nicht in die Luft jagen«, sagte Harry, aber sie hörten ihm nicht zu.
»Ich denke, wir könnten ihn in den Zoo mitnehmen«, sagte Tante Petunia langsam, »… und ihn im Wagen lassen …«
»Der Wagen ist neu, kommt nicht in Frage, dass er alleine drinbleibt …«
Dudley begann laut zu weinen. Er weinte zwar nicht wirklich, seit Jahren hatte er nicht mehr wirklich geweint, aber er wusste, wenn er eine Schnute zog und jammerte, würde ihm seine Mutter alles geben, was er wollte.
»Mein kleiner Duddybums, weine nicht, Mami wird nicht zulassen, dass er deinen Geburtstag verdirbt.«
»Ich … will … nicht … dass er … m-m-mitkommt!«, schrie Dudley zwischen den markerschütternden falschen Schluchzern. »Er macht immer alles k-k-kaputt!« Durch die Arme seiner Mutter hindurch warf er Harry ein gehässiges Grinsen zu.
In diesem Augenblick läutete es an der Tür – »Ach du liebes bisschen, da sind sie!«, rief Tante Petunia hellauf entsetzt – und schon marschierte Dudleys bester Freund, Piers Polkiss, in Begleitung seiner Mutter herein. Piers war ein magerer Junge mit einem Gesicht wie eine Ratte. Meist war es Piers, der den anderen Kindern die Arme auf dem Rücken festhielt, während Dudley auf sie einschlug. Sofort hörte Dudley auf mit seinem falschen Weinen.
Eine halbe Stunde später saß Harry, der sein Glück noch nicht fassen konnte, zusammen mit Piers und Dudley hinten im Wagen, auf dem Weg zum ersten Zoobesuch seines Lebens. Onkel und Tante war einfach nichts Besseres eingefallen, doch bevor sie aufgebrochen waren, hatte Onkel Vernon Harry beiseitegenommen.
»Ich warne dich«, hatte er gesagt und war mit seinem großen purpurroten Gesicht dem Harrys ganz nahe gekommen, »ich warne dich jetzt, Junge – irgendwelche krummen Dinger, auch nur eine Kleinigkeit – und du bleibst von heute bis Weihnachten im Schrank.«
»Ich mach überhaupt nichts«, sagte Harry, »ehrlich …«
Doch Onkel Vernon glaubte ihm nicht. Nie glaubte ihm jemand.
Das Problem war, dass oft merkwürdige Dinge um Harry herum geschahen, und es hatte einfach keinen Zweck, den Dursleys zu sagen, dass er nichts dafür konnte.
Einmal, als Harry wieder einmal vom Friseur kam und so aussah, als sei er gar nicht dort gewesen, hatte sich Tante Petunia voll Überdruss eine Küchenschere gegriffen und sein Haar so kurz geschnitten, dass er am Ende fast eine Glatze hatte. Nur über der Stirn hatte sie noch etwas übrig gelassen, um »diese schreckliche Narbe zu verdecken«. Dudley hatte sich dumm und dämlich gelacht bei diesem Anblick, und Harry machte in dieser Nacht kein Auge zu beim Gedanken, wie es ihm am nächsten Tag in der Schule ergehen würde, wo sie ihn ohnehin schon wegen seiner ausgebeulten Sachen und seiner zusammengeklebten Brille hänselten. Am nächsten Morgen jedoch wachte er auf und fand sein Haar genauso lang vor, wie es gewesen war, bevor Tante Petunia es ihm abgesäbelt hatte. Dafür hatte er eine Woche Schrank bekommen, obwohl er versucht hatte zu erklären, dass er sich nicht erklären konnte, wie das Haar so rasch wieder gewachsen war.
Ein andermal hatte Tante Petunia versucht, ihn in einen ekligen alten Pulli von Dudley zu zwängen (braun mit orangeroten Bommeln). Je verzweifelter sie sich mühte, ihn über Harrys Kopf zu ziehen, desto enger schien er zu werden, bis er am Ende vielleicht noch einer Babypuppe gepasst hätte, aber sicher nicht Harry. Tante Petunia gab sich schließlich mit der Erklärung zufrieden, er müsse wohl beim Waschen eingelaufen sein, und zu Harrys großer Erleichterung bestrafte sie ihn nicht.
Andererseits war er in schreckliche Schwierigkeiten geraten, weil man ihn eines Tages auf dem Dach der Schulküche gefunden hatte. Dudleys Bande hatte ihn wie üblich gejagt, als er auf einmal, und zwar ebenso verdutzt wie alle andern, auf dem Kamin saß. Die Dursleys bekamen daraufhin in einem sehr wütenden Brief von Harrys Schulleiterin zu lesen, Harry sei das Schulhaus emporgeklettert. Doch alles, was er hatte tun wollen, war (wie er Onkel Vernon durch die verschlossene Tür seines Schranks zurief), hinter die großen Abfalleimer draußen vor der Küchentür zu springen. Vielleicht, überlegte Harry, hatte ihn der Wind mitten im Sprung erfasst und hochgetragen.
Doch heute sollte nichts schiefgehen. Um den Tag bloß nicht in der Schule, seinem Schrank oder in Mrs Figgs nach Kohl riechendem Wohnzimmer verbringen zu müssen, nahm er sogar die Gesellschaft von Dudley und Piers in Kauf.
Während der Fahrt beschwerte sich Onkel Vernon bei Tante Petunia. Er beklagte sich gerne: die Leute im Büro, Harry, der Stadtrat, Harry, die Bank und Harry waren nur einige seiner Lieblingsthemen. Heute Morgen waren es die Motorradfahrer.
»… jagen hier lang wie die Verrückten, diese jungen Rowdys«, klagte er, als ein Motorrad sie überholte.
»Ich habe von einem Motorrad geträumt«, sagte Harry, der sich plötzlich wieder daran erinnerte. »Es konnte fliegen.«
Onkel Vernon knallte beinahe in den Vordermann. Er drehte sich auf seinem Sitz ganz nach hinten um, das Gesicht wie eine riesige Scheibe Rote Bete mit Schnurrbart, und schrie Harry an: »MOTORRÄDER FLIEGEN NICHT!«
Dudley und Piers wieherten.
»Das weiß ich«, sagte Harry. »Es war ja nur ein Traum.«
Hätte er bloß nichts gesagt, dachte er. Wenn es etwas gab, was die Dursleys noch mehr hassten als seine Fragen, dann waren es seine Geschichten über die Dinge, die sich nicht so verhielten, wie sie sollten, egal, ob es nun in einem Traum oder in einem Comic passierte – sie glaubten offenbar, er könnte auf gefährliche Gedanken kommen.
Es war ein sehr sonniger Sonnabend und im Zoo drängelten sich die Familien. Die Dursleys kauften Dudley und Piers am Eingang ein paar große Schoko-Eiskugeln, und weil die Frau im Eiswagen Harry mit einem Lächeln fragte, was denn der junge Mann bekomme, kauften sie ihm ein billiges Zitroneneis am Stiel. Das war auch nicht schlecht, dachte Harry und lutschte vor sich hin, während sie einem Gorilla zuschauten, der sich am Kopf kratzte und der, auch wenn er nicht blond war, Dudley erstaunlich ähnlich sah.
Es war Harrys bester Morgen seit langem. Umsichtig ging er ein Stück hinter den Dursleys her, damit Dudley und Piers, die um die Mittagszeit anfingen sich zu langweilen, nicht wieder auf ihre Lieblingsbeschäftigung verfielen, nämlich Harry zu verhauen. Sie aßen im Zoorestaurant, und als Dudley einen Wutanfall bekam, weil sein Eisbecher Hawaii nicht groß genug war, bestellte ihm Onkel Vernon einen neuen, und Harry durfte den ersten aufessen.
Das war des Guten zu viel, und im Nachhinein hatte Harry das Gefühl, er hätte es wissen müssen.
Nach dem Mittagessen gingen sie ins Reptilienhaus. Hier drin war es kühl und dunkel und entlang der Wände waren beleuchtete Sichtfenster eingelassen. Hinter dem Glas krabbelten und glitten alle Arten von Echsen und Schlangen über Äste und Steine. Dudley und Piers wollten die riesigen, giftigen Kobras und die Pythonschlangen sehen, die Menschen zerquetschen konnten. Schnell fand Dudley die größte Schlange, die es hier gab. Sie hätte sich zweimal um Onkel Vernons Wagen schlingen und ihn in einen Mülleimer quetschen können – doch offenbar war sie dazu gerade nicht in Stimmung. Tatsächlich döste sie vor sich hin.
Dudley hatte die Nase gegen das Fenster gepresst und starrte wie gebannt auf die glänzenden braunen Windungen.
»Mach, dass sie sich bewegt«, sagte er in quengelndem Ton zu seinem Vater. Onkel Vernon klopfte mit der Faust gegen das Glas, doch die Schlange rührte sich nicht.
»Mach’s noch einmal«, befahl Dudley. Onkel Vernon trommelte behände mit den Knöcheln auf das Glas, doch die Schlange schnarchte einfach weiter.
»Wie langweilig«, klagte Dudley und schlurfte davon.
Harry trat vor die Scheibe und ließ den Blick auf der Schlange ruhen. Es hätte ihn nicht überrascht, wenn auch sie vor Langeweile gestorben wäre – keine Gesellschaft außer doofen Leuten, die mit den Fingern gegen das Glas trommelten und sie den ganzen Tag lang störten. Das war schlimmer, als einen Schrank als Zimmer zu haben, wo der einzige Besucher Tante Petunia war, die an die Tür hämmerte, um einen aufzuwecken. Doch zumindest bekam er den Rest des Hauses zu sehen.
Die Schlange öffnete plötzlich ihre kleinen Perlaugen. Langsam, ganz allmählich, hob sie den Kopf, bis ihre Augen auf einer Höhe mit denen Harrys waren.
Sie zwinkerte.
Harry starrte sie an. Rasch blickte er über die Schulter, ob jemand zusah. Niemand. Er drehte sich wieder zu der Schlange um und zwinkerte zurück.
Die Schlange stieß mit dem Kopf in Richtung Onkel Vernon und Dudley und rollte die Augen nach oben. Sie sah Harry mit einem Blick an, der eindeutig sagte:
»So was muss ich den ganzen Tag ertragen.«
»Ich weiß«, murmelte Harry durch das Glas, wenn er auch nicht sicher war, ob die Schlange ihn hören konnte. »Das muss dich wirklich auf die Palme bringen.«
Die Schlange nickte lebhaft.
»Woher kommst du eigentlich?«, fragte Harry.
Die Schlange stieß mit ihrem Schwanz gegen ein kleines Schild nahe dem Fenster. Harry spähte auf die Inschrift.
Boa constrictor, Brasilien.
»War es schön dort?«
Wieder stieß die Schlange mit dem Schwanz gegen das Schild und Harry las weiter: Dieses Exemplar wurde im Zoo ausgebrütet. »Oh, ich verstehe, du warst nie in Brasilien?«
Die Schlange schüttelte den Kopf, und plötzlich erschallte hinter Harry ein ohrenbetäubendes Rufen, das sie beide zusammenzucken ließ: »DUDLEY! MR DURSLEY! KOMMT UND SEHT EUCH DIESE SCHLANGE AN! DAS GLAUBT IHR NICHT, WAS DIE TUT!«
Dudley kam, so schnell er konnte, auf sie zugewatschelt.
»Aus dem Weg, Mann«, sagte er und stieß Harry in die Rippen. Harry, von dem Schlag ganz überrascht, fiel hart auf den Betonboden. Was nun kam, passierte so schnell, dass niemand sah, wie es geschah: Einen Moment lang drückten sich Piers und Dudley ganz dicht gegen das Glas und im nächsten Moment sprangen sie unter Schreckgeheule zurück.
Harry setzte sich auf und nun stockte ihm der Atem. Die Glasscheibe am Terrarium der Boa constrictor war verschwunden. Die große Schlange entrollte sich im Nu und schlängelte sich heraus auf den Boden. – Im ganzen Reptilienhaus schrien die Menschen und rannten zu den Ausgängen.
Als die Schlange an Harry vorbeiglitt, hätte er schwören können, dass eine leise, zischelnde Stimme sagte: »Brasilien, ich komme … tschüsss, Amigo.«
Der Obertierpfleger des Reptilienhauses stand unter Schock.
»Aber das Glas«, murmelte er ständig vor sich hin, »was ist aus dem Glas geworden?«
Der Zoodirektor persönlich brühte Tante Petunia eine Tasse starken, süßen Tee und überschlug sich mit seinen Entschuldigungen. Piers und Dudley schnatterten nur noch. Soweit Harry es gesehen hatte, hatte die Schlange nichts getan, außer im Vorbeigleiten spielerisch gegen ihre Fersen zu schlenzen, doch als sie alle wieder in Onkel Vernons Wagen saßen, erzählte ihnen Dudley, die Schlange hätte ihm fast das Bein abgebissen, während Piers schwor, sie hätte versucht, ihn totzuquetschen. Doch am schlimmsten für Harry war, dass Piers, als er sich ein wenig beruhigt hatte, sagte: »Harry hat mit ihr gesprochen, nicht wahr, Harry?«
Onkel Vernon wartete, bis Piers endgültig aus dem Haus war, bevor er sich Harry vorknöpfte. Er war so wütend, dass er kaum ein Wort hervorbrachte. »Geh – Schrank – bleib – kein Essen«, konnte er gerade noch herauswürgen, bevor er auf einem Stuhl zusammensackte und Tante Petunia ihm schleunigst einen großen Cognac bringen musste.
Harry lag noch lange wach in seinem dunklen Schrank. Hätte er doch nur eine Uhr. Er wusste nicht, wie spät es war, und er war sich nicht sicher, ob die Dursleys schon schliefen. Bis es so weit war, konnte er es nicht riskieren, in die Küche zu schleichen und sich etwas zu essen zu holen.
Fast zehn Jahre lebte er nun bei den Dursleys, solange er sich erinnern konnte, und es waren zehn elende Jahre gewesen. Schon als Baby war er zu ihnen gekommen, denn seine Eltern waren bei einem Autounfall gestorben. Er konnte sich nicht erinnern, in diesem Auto gewesen zu sein, als der Unfall passierte. Manchmal, wenn er sich während der langen Stunden im Schrank ganz angestrengt zu erinnern suchte, tauchte ein unheimliches Bild vor seinen Augen auf: ein blendend heller Blitz aus grünem Licht und ein brennender Schmerz auf seiner Stirn. Das musste der Unfall gewesen sein, obwohl er sich nicht erklären konnte, wo all das grüne Licht herkam. Er konnte sich überhaupt nicht an seine Eltern erinnern. Onkel und Tante sprachen nie über sie, und natürlich war es ihm verboten, Fragen zu stellen. Im Haus gab es auch keine Fotos von ihnen.
Als Harry noch jünger gewesen war, hatte er immer und immer wieder von einem unbekannten Verwandten geträumt, der kommen und ihn mitnehmen würde, aber das war nie Wirklichkeit geworden; die Dursleys waren alles, was er noch an Familie hatte. Doch manchmal hatte er den Eindruck (oder vielleicht die Hoffnung), dass Unbekannte auf der Straße ihn zu kennen schienen. Sehr merkwürdige Unbekannte waren das übrigens. Einmal, als er mit Tante Petunia und Dudley beim Einkaufen war, hatte sich ein kleiner Mann mit einem violetten Zylinder vor ihm verneigt. Tante Petunia fragte Harry ganz entsetzt, ob er den Mann kenne, und schubste ihn und Dudley hastig aus dem Laden, ohne etwas zu kaufen. Ein andermal hatte ihm eine wild aussehende, ganz in Grün gekleidete alte Frau im Bus fröhlich zugewinkt. Und ein glatzköpfiger Mann mit einem sehr langen, purpurnen Umhang hatte ihm doch tatsächlich mitten auf der Straße die Hand geschüttelt und war dann, ohne ein Wort zu sagen, weitergegangen. Das Seltsamste an all diesen Leuten war, dass sie zu verschwinden schienen, wenn Harry versuchte sie genauer anzusehen.
In der Schule hatte Harry niemanden. Jeder wusste, dass Dudleys Bande diesen komischen Harry Potter mit seinen ausgebeulten alten Klamotten und seiner zerbrochenen Brille nicht ausstehen konnte, und niemand mochte Dudleys Bande in die Quere kommen.
Briefe von niemandem
Die Flucht der brasilianischen Boa constrictor hatte Harry die bisher längste Strafe eingebracht. Als er den Schrank wieder verlassen durfte, hatten die Sommerferien begonnen. Dudley hatte seine neue Videokamera schon längst zertrümmert und sein ferngesteuertes Flugzeug zu Bruch geflogen. Bei seiner ersten Fahrt mit dem Rennrad hatte er die alte Mrs Figg, die gerade, auf ihre Krücken gestützt, den Ligusterweg überquerte, über den Haufen geradelt.
Harry war froh, dass die Schule zu Ende war, doch Dudleys Bande, die das Haus Tag für Tag heimsuchte, konnte er nicht entkommen. Piers, Dennis, Malcolm und Gordon waren allesamt groß und dumm, doch weil Dudley der Größte und Dümmste von allen war, war er ihr Anführer. Die andern schlossen sich mit ausgesprochenem Vergnügen Dudleys Lieblingssport an: Harry jagen.
Deshalb verbrachte Harry möglichst viel Zeit außer Haus und wanderte durch die Straßen. Das baldige Ende der Ferien war ein kleiner Hoffnungsschimmer. Im September würde er auf die höhere Schule kommen und zum ersten Mal im Leben nicht mehr mit Dudley zusammen sein. Dudley hatte einen Platz an Onkel Vernons alter Schule, Smeltings. Auch Piers Polkiss ging dorthin. Harry dagegen kam in die Stonewall High School, die Gesamtschule in der Nachbarschaft. Dudley fand das sehr lustig.
»In Stonewall stecken sie den Neuen am ersten Tag den Kopf ins Klo«, eröffnete er Harry. »Willst du mit hochkommen und schon mal üben?«
»Nein, danke«, sagte Harry. »Das arme Klo hat noch nie etwas so Fürchterliches wie deinen Kopf geschluckt – vielleicht wird ihm schlecht davon.« Dann rannte er los, bevor sich Dudley einen Reim darauf machen konnte.
Eines Tages im Juli nahm Tante Petunia Dudley mit nach London, um dort die Schuluniform für Smeltings zu kaufen, und ließ Harry bei Mrs Figg zurück. Mrs Figg war nicht mehr so übel wie früher. Harry erfuhr, dass sie sich den Fuß gebrochen hatte, als sie über eine ihrer Katzen gestolpert war, und inzwischen schien sie von ihnen nicht mehr ganz so begeistert zu sein. Sie ließ Harry fernsehen und reichte ihm ein Stück Schokoladenkuchen, der schmeckte, als hätte sie ihn schon etliche Jahre aufbewahrt.
An diesem Abend stolzierte Dudley in seiner neuen Uniform unter den Augen der Eltern im Wohnzimmer umher. Die Jungen in Smeltings trugen kastanienbraune Fräcke, orangefarbene Knickerbocker-Hosen und flache Strohhüte, die sie »Kreissägen« nannten. Außerdem hatten sie knorrige Holzstöcke, mit denen sie sich, wenn die Lehrer nicht hinsahen, gegenseitig Hiebe versetzten. Das galt als gute Übung fürs spätere Leben.
Onkel Vernon musterte Dudley in den neuen Knickerbockern und grummelte etwas vom stolzesten Augenblick seines Lebens. Tante Petunia brach in Tränen aus und sagte, sie könne es einfach nicht fassen, dass dies ihr süßer kleiner Dudleyspatz sei, so hübsch und erwachsen, wie er aussehe. Harry wagte nicht, auch nur ein Wort zu sagen. Womöglich hatte er sich schon zwei Rippen angeknackst vor lauter Anstrengung, nicht loszulachen.
Am nächsten Morgen, als Harry zum Frühstück in die Küche kam, schlug ihm ein fürchterlicher Gestank entgegen. Offenbar kam er von einer großen Emailwanne in der Spüle. Er trat näher, um sich die Sache anzusehen. In dem grauen Wasser der Schüssel schwamm etwas, das aussah wie ein Bündel schmutziger Lumpen.
»Was ist das denn?«, fragte er Tante Petunia. Sie kniff die Lippen zusammen, wie immer, wenn er eine Frage zu stellen wagte.
»Deine neue Schuluniform«, sagte sie.
Harry warf noch einen Blick in die Schüssel.
»Aha«, sagte er, »ich wusste nicht, dass sie so nass sein muss.«
»Stell dich nicht so dumm an«, keifte Tante Petunia. »Ich färbe ein paar alte Sachen grau für dich. Die sehen dann genauso aus wie die der andern.«
Das bezweifelte Harry ernsthaft, er hielt es aber für besser, ihr nicht zu widersprechen. Er setzte sich an den Tisch und versuchte nicht daran zu denken, wie er an seinem ersten Schultag in der Stonewall High aussehen würde – vermutlich wie einer, der ein paar Fetzen alter Elefantenhaut trug.
Dudley und Onkel Vernon kamen herein und beide hielten sich beim Gestank von Harrys neuer Uniform die Nase zu. Onkel Vernon schlug wie immer seine Zeitung auf, und Dudley knallte seinen Smelting-Stock, den er immer bei sich trug, auf den Tisch.
Die Klappe des Briefschlitzes quietschte und die Post klatschte auf die Türmatte.
»Hol die Post, Dudley«, sagte Onkel Vernon hinter seiner Zeitung hervor.
»Soll doch Harry sie holen.«
»Hol die Post, Harry.«
»Soll doch Dudley sie holen.«
»Knuff ihn mal mit deinem Smelting-Stock, Dudley.«
Harry wich dem Stock aus und ging hinaus, um die Post zu holen. Dreierlei lag auf der Türmatte: eine Postkarte von Onkel Vernons Schwester Magda, die Ferien auf der Isle of Wight machte, ein brauner Umschlag, der wohl eine Rechnung enthielt, und – ein Brief für Harry.
Harry hob ihn auf und starrte auf den Umschlag. Sein Herz schwirrte wie ein riesiges Gummiband. Niemand hatte ihm je in seinem ganzen Leben einen Brief geschrieben. Wer konnte es sein? Er hatte keine Freunde, keine anderen Verwandten – er war nicht in der Bücherei angemeldet und hatte deshalb auch nie unhöfliche Aufforderungen erhalten, Bücher zurückzubringen. Doch hier war er, ein Brief, so klar adressiert, dass ein Fehler ausgeschlossen war:
Mr H. Potter
Im Schrank unter der Treppe
Ligusterweg 4
Little Whinging
Surrey
Dick und schwer war der Umschlag, aus gelblichem Pergament, und die Adresse war mit smaragdgrüner Tinte geschrieben. Eine Briefmarke war nicht draufgeklebt.
Mit zitternder Hand drehte Harry den Brief um und sah ein purpurnes Siegel aus Wachs, auf das ein Wappenschild eingeprägt war: ein Löwe, ein Adler, ein Dachs und eine Schlange, die einen Kreis um den Buchstaben »H« schlossen.
»Beeil dich, Junge!«, rief Onkel Vernon aus der Küche. »Was machst du da draußen eigentlich, Briefbombenkontrolle?« Er gluckste über seinen eigenen Scherz. Harry kam in die Küche zurück, den Blick unverwandt auf den Brief gerichtet. Er reichte Onkel Vernon die Rechnung und die Postkarte, setzte sich und begann langsam den gelben Umschlag zu öffnen.
Onkel Vernon riss den Brief mit der Rechnung auf, schnaubte vor Abscheu und überflog die Postkarte.
»Magda ist krank«, teilte er Tante Petunia mit. »Hat eine faule Wellhornschnecke gegessen …«
»Dad!«, sagte Dudley plötzlich. »Dad, Harry hat etwas!«
Harry war gerade dabei, den Brief zu entfalten, der aus demselben schweren Pergament bestand wie der Umschlag, als Onkel Vernon ihm das Blatt aus der Hand riss.
»Das ist für mich!«, rief Harry und versuchte Onkel Vernon den Brief wegzuschnappen.
»Wer sollte dir denn schreiben?«, höhnte Onkel Vernon, schüttelte das zusammengefaltete Blatt mit einer Hand auseinander und begann zu lesen. Sein Gesicht wechselte schneller von Rot zu Grün als eine Verkehrsampel. Und es blieb nicht bei Grün. Nach ein paar Sekunden war es gräulich-weiß wie alter Haferschleim.
»P-P-Petunia!«, stieß er keuchend hervor.
Dudley grabschte nach dem Brief, um ihn zu lesen, aber Onkel Vernon hielt ihn hoch, so dass er ihn nicht zu fassen bekam. Tante Petunia nahm ihn neugierig in die Hand und las die erste Zeile. Einen Moment lang sah es so aus, als würde sie in Ohnmacht fallen. Sie griff sich an den Hals und gab ein würgendes Geräusch von sich.
»Vernon! Ach du lieber Gott – Vernon!«
Sie starrten einander an, als hätten sie vergessen, dass Harry und Dudley immer noch in der Küche waren. Dudley war es nicht gewohnt, ignoriert zu werden. Mit dem Smelting-Stock versetzte er seinem Vater einen kurzen schmerzhaften Hieb auf den Kopf.
»Ich will diesen Brief lesen«, sagte er laut.
»Ich will ihn lesen«, sagte Harry wütend, »es ist nämlich meiner.«
»Raus hier, beide«, krächzte Onkel Vernon und stopfte den Brief in den Umschlag zurück.
Harry rührte sich nicht vom Fleck.
»ICH WILL MEINEN BRIEF!«, rief er.
»Lass mich sehen!«, verlangte Dudley.
»RAUS!«, brüllte Onkel Vernon, packte Harry und Dudley am Genick, warf sie hinaus in den Flur und knallte die Küchentür hinter ihnen zu. Prompt lieferten sich Harry und Dudley einen erbitterten, aber stummen Kampf darum, wer am Schlüsselloch lauschen durfte. Dudley gewann, und so legte sich Harry, die Brille von einem Ohr herabhängend, flach auf den Bauch und lauschte an dem Spalt zwischen Tür und Fußboden.
»Vernon«, sagte Tante Petunia mit zitternder Stimme, »schau dir die Adresse an – wie können sie denn nur wissen, wo er schläft? Sie beobachten doch nicht etwa unser Haus?«
»Beobachten – spionieren – vielleicht folgen sie uns«, murmelte Onkel Vernon verwirrt.
»Aber was sollen wir tun, Vernon? Sollen wir vielleicht antworten? Ihnen sagen, wir wollen nicht –«
Harry konnte Onkel Vernons glänzende schwarze Schuhe die Küche auf und ab schreiten sehen.
»Nein«, sagte er endlich. »Nein, wir tun so, als ob nichts wäre. Wenn sie keine Antwort bekommen … Ja, das ist das Beste … Wir tun gar nichts …«
»Aber –«
»Ich will keinen davon im Haus haben, Petunia! Als wir ihn aufnahmen, haben wir uns da nicht geschworen, diesen gefährlichen Unsinn auszumerzen?«
Als Onkel Vernon an diesem Abend vom Büro zurückkam, tat er etwas, was er nie zuvor getan hatte: Er besuchte Harry in seinem Schrank.
»Wo ist mein Brief?«, sagte Harry, kaum hatte sich Onkel Vernon durch die Tür gezwängt. »Wer schreibt an mich?«
»Niemand. Er war nur versehentlich an dich adressiert«, sagte Onkel Vernon kurz angebunden. »Ich habe ihn verbrannt.«
»Es war kein Versehen«, rief Harry zornig, »mein Schrank stand drauf.«
»RUHE!«, schrie Onkel Vernon und ein paar Spinnen fielen von der Decke. Er holte ein paar Mal tief Luft und zwang dann sein Gesicht zu einem recht schmerzhaft wirkenden Lächeln.
»Ahm – ja, Harry – wegen dieses Schranks hier. Deine Tante und ich haben darüber nachgedacht … Du wirst allmählich wirklich etwas zu groß dafür … Wir meinen, es wäre doch nett, wenn du in Dudleys zweites Schlafzimmer ziehen würdest.«
»Warum?«, sagte Harry.
»Keine dummen Fragen!«, fuhr ihn der Onkel an. »Bring dieses Zeug nach oben, aber sofort.«
Das Haus der Dursleys hatte vier Schlafzimmer: eines für Onkel Vernon und Tante Petunia, eines für Besucher (meist Onkel Vernons Schwester Magda), eines, in dem Dudley schlief, und eines, in dem Dudley all seine Spielsachen und die Dinge aufbewahrte, die nicht mehr in sein erstes Schlafzimmer passten. Harry musste nur einmal nach oben gehen und schon hatte er all seine Sachen aus dem Schrank in das neue Zimmer gebracht. Er setzte sich aufs Bett und ließ den Blick kreisen. Fast alles hier drin war kaputt. Die einen Monat alte Videokamera lag auf einem kleinen, noch funktionierenden Panzer, den Dudley einmal über den Hund der Nachbarn gefahren hatte. In der Ecke stand Dudleys erster Fernseher. Als seine Lieblingssendung abgesetzt wurde, hatte er den Fuß durch den Bildschirm gerammt. Auch ein großer Vogelkäfig stand da, in dem einmal ein Papagei gelebt hatte, den Dudley in der Schule gegen ein echtes Luftgewehr getauscht hatte. Es lag mit durchgebogenem Lauf auf einem Regal, denn Dudley hatte sich darauf niedergelassen. Andere Regale standen voller Bücher. Das waren die einzigen Dinge in dem Zimmer, die aussahen, als wären sie nie angerührt worden.
Von unten war Dudley zu hören, wie er seine Mutter anbrüllte. »Ich will ihn nicht da drin haben … Ich brauche dieses Zimmer … Er soll wieder ausziehen …«
Harry seufzte und streckte sich auf dem Bett aus. Gestern noch hätte er alles darum gegeben, hier oben zu sein. Heute wäre er lieber wieder in seinem Schrank mit dem Brief in der Hand statt hier oben ohne ihn.
Am nächsten Morgen beim Frühstück waren alle recht schweigsam. Dudley stand unter Schock. Er hatte geschrien, seinen Vater mit dem Smelting-Stock geschlagen, sich absichtlich übergeben, seine Mutter getreten und seine Schildkröte durch das Dach des Gewächshauses geworfen, aber sein Zimmer hatte er trotzdem nicht zurückbekommen. Harry dachte darüber nach, was gestern beim Frühstück geschehen war. Hätte er den Brief doch nur schon im Flur geöffnet, dachte er voll Bitterkeit.
Onkel Vernon und Tante Petunia sahen sich unablässig mit düsterer Miene an.
Die Post kam, und Onkel Vernon, der offenbar versuchte nett zu Harry zu sein, ließ Dudley aufstehen und sie holen. Sie konnten ihn hören, wie er den ganzen Flur entlang mit seinem Smelting-Stock mal hierhin, mal dorthin schlug. Dann rief er:
»Da ist schon wieder einer! Mr H. Potter, Das kleinste Schlafzimmer, Ligusterweg 4 –«
Mit einem erstickten Schrei sprang Onkel Vernon von seinem Stuhl hoch und rannte den Flur entlang, Harry dicht hinter ihm – Onkel Vernon musste Dudley zu Boden ringen, um ihm den Brief zu entwinden, was schwierig war, weil Harry Onkel Vernon von hinten um den Hals gepackt hatte. Nach einem kurzen Gerangel, bei dem jeder ein paar saftige Schläge mit dem Smelting-Stock einstecken musste, richtete sich Onkel Vernon nach Luft ringend auf und hielt Harrys Brief in der Hand.
»Verschwinde in deinen Schrank – ich meine, dein Zimmer«, japste er Harry zu. »Dudley – geh – ich bitte dich, geh.«
Oben in seinem neuen Zimmer ging Harry auf und ab, auf und ab. Jemand wusste, dass er aus dem Schrank ausgezogen war, und offenbar auch, dass er den ersten Brief nicht erhalten hatte. Das bedeutete doch gewiss, dass sie es wieder versuchen würden? Und das nächste Mal würde er dafür sorgen, dass es klappte. Er hatte einen Plan ausgeheckt.
Um sechs Uhr am nächsten Morgen klingelte der reparierte Wecker. Harry brachte ihn rasch zum Verstummen und zog sich leise an. Er durfte die Dursleys nicht aufwecken. Ohne Licht zu machen, stahl er sich die Treppe hinunter.
Er würde an der Ecke des Ligusterwegs auf den Postboten warten und sich die Briefe für Nummer 4 gleich geben lassen. Mit laut pochendem Herzen stahl er sich durch den dunklen Flur zur Haustür –
»AAAAAUUUUUH!«
Harry machte einen Sprung in die Luft – er war auf etwas Großes und Matschiges getreten, das auf der Türmatte lag – etwas Lebendiges!
Im ersten Stock gingen Lichter an, und mit einem furchtbaren Schreck wurde Harry klar, dass das große matschige Etwas das Gesicht seines Onkels war. Onkel Vernon hatte in einem Schlafsack vor der Tür gelegen, und zwar genau deshalb, um Harry daran zu hindern, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen.
Er schrie Harry etwa eine halbe Stunde lang an und befahl ihm dann, Tee zu kochen. Niedergeschlagen schlurfte Harry in die Küche, und als er zurückkam, war die Post schon eingeworfen worden, mitten auf den Schoß von Onkel Vernon. Harry konnte drei mit grüner Tinte beschriftete Briefe erkennen.
»Ich will –«, begann er, doch Onkel Vernon zerriss die Briefe vor seinen Augen in kleine Fetzen.
An diesem Tag ging Onkel Vernon nicht zur Arbeit. Er blieb zu Hause und nagelte den Briefschlitz zu.
»Weißt du«, erklärte er Tante Petunia mit dem Mund voller Nägel, »wenn sie die Briefe nicht zustellen können, werden sie es einfach bleiben lassen.«
»Ich bin mir nicht sicher, ob das klappt, Vernon.«
»Oh, diese Leute haben eine ganz merkwürdige Art zu denken, Petunia, sie sind nicht wie du und ich«, sagte Onkel Vernon und versuchte einen Nagel mit dem Stück Obstkuchen einzuschlagen, den ihm Tante Petunia soeben gebracht hatte.
Am Freitag kamen nicht weniger als zwölf Briefe für Harry. Da sie nicht in den Briefschlitz gingen, waren sie unter der Tür durchgeschoben, zwischen Tür und Rahmen geklemmt oder durch das kleine Fenster der Toilette im Erdgeschoss gezwängt worden.
Wieder blieb Onkel Vernon zu Hause. Nachdem er alle Briefe verbrannt hatte, holte er sich Hammer, Nägel und Leisten und nagelte die Spalten an Vorder- und Hintertür zu, so dass niemand hinausgehen konnte. Beim Arbeiten summte er »Bi-Ba-Butzemann« und zuckte beim kleinsten Geräusch zusammen.
Am Sonnabend gerieten die Dinge außer Kontrolle. Vierundzwanzig Briefe für Harry fanden den Weg ins Haus, zusammengerollt im Innern der zwei Dutzend Eier versteckt, die der völlig verdatterte Milchmann Tante Petunia durch das Wohnzimmerfenster hineingereicht hatte. Während Onkel Vernon wütend beim Postamt und bei der Molkerei anrief und versuchte jemanden aufzutreiben, bei dem er sich beschweren konnte, zerschnitzelte Tante Petunia die Briefe in ihrem Küchenmixer.
»Wer zum Teufel will so dringend mit dir sprechen?«, fragte Dudley Harry ganz verdutzt.
Als sich Onkel Vernon am Sonntagmorgen an den Frühstückstisch setzte, sah er müde und ziemlich erschöpft, aber glücklich aus.
»Keine Post an Sonntagen«, gemahnte er sie fröhlich, während er seine Zeitung mit Marmelade bestrich, »keine verfluchten Briefe heute –«
Während er sprach, kam etwas pfeifend den Küchenkamin heruntergesaust und knallte gegen seinen Hinterkopf. Einen Augenblick später kamen dreißig oder vierzig Briefe wie Kugeln aus dem Kamin geschossen. Die Dursleys gingen in Deckung, doch Harry hüpfte in der Küche umher und versuchte einen Brief zu fangen.
»Raus! RAUS!«
Onkel Vernon packte Harry um die Hüfte und warf ihn hinaus in den Flur. Als Tante Petunia und Dudley mit den Armen über dem Gesicht hinausgerannt waren, knallte Onkel Vernon die Tür zu. Sie konnten die Briefe immer noch in die Küche rauschen und gegen die Wände und den Fußboden klatschen hören.
»Das reicht«, sagte Onkel Vernon. Er versuchte ruhig zu sprechen, zog jedoch gleichzeitig große Haarbüschel aus seinem Schnurrbart. »Ich möchte, dass ihr euch alle in fünf Minuten hier einfindet, bereit zur Abreise. Wir gehen. Packt ein paar Sachen ein. Und keine Widerrede!«
Mit nur einem halben Schnurrbart sah er so gefährlich aus, dass niemand ein Wort zu sagen wagte. Zehn Minuten später hatten sie sich durch die brettervernagelten Türen gezwängt, saßen im Wagen und sausten in Richtung Autobahn davon. Auf dem Rücksitz wimmerte Dudley vor sich hin; sein Vater hatte ihm links und rechts eine geknallt, weil er sie aufgehalten hatte mit dem Versuch, seinen Fernseher, den Videorecorder und den Computer in seine Sporttasche zu packen.
Sie fuhren. Und sie fuhren. Selbst Tante Petunia wagte nicht zu fragen, wo sie denn hinfuhren. Hin und wieder machte Onkel Vernon scharf kehrt und fuhr dann eine Weile in die entgegengesetzte Richtung.
»Schüttel sie ab … schüttel sie ab«, murmelte er immer dann, wenn er umkehrte.
Den ganzen Tag über hielten sie nicht einmal an, um etwas zu essen oder zu trinken. Als die Nacht hereinbrach, war Dudley am Brüllen. In seinem ganzen Leben hatte er noch nie einen so schlechten Tag gehabt. Er war hungrig, er hatte fünf seiner Lieblingssendungen im Fernsehen verpasst, und er hatte noch nie so lange Zeit verbracht, ohne am Computer einen Außerirdischen in die Luft zu jagen.
Endlich machte Onkel Vernon vor einem düster aussehenden Hotel am Rande einer großen Stadt Halt. Dudley und Harry teilten sich ein Zimmer mit Doppelbett und feuchten, modrigen Decken. Dudley schnarchte, aber Harry blieb wach. Er saß auf der Fensterbank, blickte hinunter auf die Lichter der vorbeifahrenden Autos und dachte lange nach …
Am nächsten Morgen frühstückten sie muffige Cornflakes und kalte Dosentomaten auf Toast. Kaum waren sie fertig, trat die Besitzerin des Hotels an ihren Tisch.
»Verzeihn Sie, aber ist einer von Ihnen Mr H. Potter? Es ist nur – ich hab ungefähr hundert von diesen Dingern am Empfangsschalter.«
Sie hielt einen Brief hoch, so dass sie die mit grüner Tinte geschriebene Adresse lesen konnten:
Mr H. Potter
Zimmer 17
Hotel zum Bahnblick
Cokeworth
Harry schnappte nach dem Brief, doch Onkel Vernon schlug seine Hand weg. Die Frau starrte sie an.
»Ich nehme sie«, sagte Onkel Vernon, stand rasch auf und folgte ihr aus dem Speisezimmer.
»Wäre es nicht besser, wenn wir einfach nach Hause fahren würden, Schatz?«, schlug Tante Petunia einige Stunden später mit schüchterner Stimme vor. Doch Onkel Vernon schien sie nicht zu hören. Keiner von ihnen wusste, wonach genau er suchte. Er fuhr sie in einen Wald hinein, stieg aus, sah sich um, schüttelte den Kopf, setzte sich wieder ins Auto, und weiter ging’s. Dasselbe geschah inmitten eines umgepflügten Ackers, auf halbem Weg über einer Hängebrücke und auf der obersten Ebene eines mehrstöckigen Parkhauses.
»Daddy ist verrückt geworden, nicht wahr?«, fragte Dudley spät am Nachmittag mit dumpfer Stimme Tante Petunia. Onkel Vernon hatte an der Küste geparkt, sie alle im Wagen eingeschlossen und war verschwunden.
Es begann zu regnen. Große Tropfen klatschten auf das Wagendach. Dudley schniefte.
»Es ist Montag«, erklärte er seiner Mutter. »Heute kommt der Große Humberto. Ich will dahin, wo sie einen Fernseher haben.«
Montag. Das erinnerte Harry an etwas. Wenn es Montag war – und meist konnte man sich auf Dudley verlassen, wenn es um die Wochentage ging, und zwar wegen des Fernsehens –, dann war morgen Dienstag, Harrys elfter Geburtstag. Natürlich waren seine Geburtstage nie besonders lustig gewesen – letztes Jahr hatten ihm die Dursleys einen Kleiderbügel und ein Paar alte Socken von Onkel Vernon geschenkt. Trotzdem, man wird nicht jeden Tag elf.
Onkel Vernon kam zurück mit einem Lächeln auf dem Gesicht. In den Händen trug er ein langes, schmales Paket, doch auf Tante Petunias Frage, was er gekauft habe, antwortete er nicht.
»Ich habe den idealen Platz gefunden!«, sagte er. »Kommt! Alle aussteigen!«
Draußen war es sehr kalt. Onkel Vernon wies hinaus aufs Meer, wo in der Ferne ein großer Felsen zu erkennen war. Auf diesem Felsen thronte die schäbigste kleine Hütte, die man sich vorstellen kann. Eins war sicher, einen Fernseher gab es dort nicht.
»Sturmwarnung für heute Nacht!«, sagte Onkel Vernon schadenfroh und klatschte in die Hände. »Und dieser Gentleman hier hat sich freundlicherweise bereit erklärt, uns sein Boot zu leihen!«
Ein zahnloser alter Mann kam auf sie zugehumpelt und deutete mit einem recht verschmitzten Grinsen auf ein altes Ruderboot im stahlgrauen Wasser unter ihnen.
»Ich hab uns schon einige Futterrationen besorgt«, sagte Onkel Vernon, »also alles an Bord!«
Im Boot war es bitterkalt. Eisige Gischt und Regentropfen krochen ihnen die Rücken hinunter und ein frostiger Wind peitschte über ihre Gesichter. Nach Stunden, so kam es ihnen vor, erreichten sie den Fels, wo sie Onkel Vernon rutschend und schlitternd zu dem heruntergekommenen Haus führte.
Innen sah es fürchterlich aus; es stank durchdringend nach Seetang, der Wind pfiff durch die Ritzen der Holzwände und die Feuerstelle war nass und leer. Es gab nur zwei Räume.
Onkel Vernons Rationen stellten sich als eine Packung Kräcker für jeden und vier Bananen heraus. Er versuchte ein Feuer zu machen, doch die leeren Kräcker-Schachteln gaben nur Rauch von sich und schrumpelten zusammen.
»Jetzt könnte ich ausnahmsweise mal einen dieser Briefe gebrauchen, Leute«, sagte er fröhlich.
Er war bester Laune. Offenbar glaubte er, niemand hätte eine Chance, sie hier im Sturm zu erreichen und die Post zuzustellen. Harry dachte im Stillen das Gleiche, doch der Gedanke munterte ihn überhaupt nicht auf.
Als die Nacht hereinbrach, kam der versprochene Sturm um sie herum mächtig in Fahrt. Gischt von den hohen Wellen spritzte gegen die Wände der Hütte und ein zorniger Wind rüttelte an den schmutzigen Fenstern. Tante Petunia fand ein paar nach Aal riechende Leintücher und machte Dudley auf dem mottenzerfressenen Sofa ein Bett zurecht. Sie und Onkel Vernon gingen ins zerlumpte Bett nebenan, und Harry musste sich das weichste Stück Fußboden suchen und sich unter der dünnsten, zerrissensten Decke zusammenkauern.
Die Nacht rückte vor und immer wütender blies der Sturm. Harry konnte nicht schlafen. Er bibberte und wälzte sich hin und her, um es sich bequemer zu machen, und sein Magen röhrte vor Hunger. Dudleys Schnarchen ging im rollenden Donnern unter, das um Mitternacht anhob. Der Leuchtzeiger von Dudleys Uhr, die an seinem dicken Handgelenk vom Sofarand herunterbaumelte, sagte Harry, dass er in zehn Minuten elf Jahre alt sein würde. Er lag da und sah zu, wie sein Geburtstag tickend näher rückte. Ob die Dursleys überhaupt an ihn denken würden?, fragte er sich. Wo der Briefeschreiber jetzt wohl war?
Noch fünf Minuten. Harry hörte draußen etwas knacken. Hoffentlich kam das Dach nicht herunter, auch wenn ihm dann vielleicht wärmer sein würde. Noch vier Minuten. Vielleicht war das Haus am Ligusterweg, wenn sie zurückkamen, so vollgestopft mit Briefen, dass er auf die eine oder andere Weise einen davon stibitzen konnte.
Noch drei Minuten. War es das Meer, das so hart gegen die Felsen schlug? Und (noch zwei Minuten) was war das für ein komisches, malmendes Geräusch? Zerbrach der Fels und stürzte ins Meer?
Noch eine Minute und er war elf. Dreißig Sekunden … zwanzig … zehn … neun – vielleicht sollte er Dudley aufwecken, einfach um ihn zu ärgern – drei … zwei … eine –
BUMM.
Die ganze Hütte erzitterte. Mit einem Mal saß Harry kerzengerade da und starrte auf die Tür. Da draußen war jemand und klopfte.
Der Hüter der Schlüssel
BUMM. Wieder klopfte es. Dudley schreckte aus dem Schlaf.
»Wo ist die Kanone?«, sagte er dumpf.
Hinter ihnen hörten sie ein lautes Krachen. Onkel Vernon kam hereingestolpert. In den Händen hielt er ein Gewehr – das war also in dem langen, schmalen Paket gewesen, das er mitgebracht hatte.
»Wer da?«, rief er. »Ich warne Sie – ich bin bewaffnet!«
Einen Augenblick lang war alles still. Dann –
SPLITTER!
Die Tür wurde mit solcher Wucht getroffen, dass sie glattweg aus den Angeln sprang und mit einem ohrenbetäubenden Knall auf dem Boden landete.
In der Türöffnung stand ein Riese von Mann. Sein Gesicht war fast gänzlich von einer langen, zottigen Haarmähne und einem wilden, struppigen Bart verdeckt, doch man konnte seine Augen erkennen, die unter all dem Haar schimmerten wie schwarze Käfer.
Dieser Riese zwängte sich in die Hütte, den Rücken gebeugt, so dass sein Kopf die Decke nur streifte. Er bückte sich, stellte die Tür aufrecht und setzte sie mit leichter Hand wieder in den Rahmen ein. Der Lärm des Sturms draußen ließ etwas nach. Er wandte sich um und blickte sie an.
»Könnte ’ne Tasse Tee vertragen. War keine leichte Reise …«
Er schritt hinüber zum Sofa, auf dem der vor Angst versteinerte Dudley saß.
»Beweg dich, Klops«, sagte der Fremde.
Dudley quiekte und rannte hinter den Rücken seiner Mutter, die sich voller Angst hinter Onkel Vernon zusammenkauerte.
»Und hier ist Harry!«, sagte der Riese.
Harry blickte hinauf in sein grimmiges, wildes Gesicht und sah, dass sich die Fältchen um seine Käferaugen zu einem Lächeln gekräuselt hatten.
»Letztes Mal, als ich dich gesehen hab, warst du noch ’n Baby«, sagte der Riese. »Du siehst deinem Vater mächtig ähnlich, aber die Augen hast du von deiner Mum.«
Onkel Vernon gab ein merkwürdig rasselndes Geräusch von sich. »Ich verlange, dass Sie auf der Stelle verschwinden!«, sagte er. »Das ist Hausfriedensbruch!«
»Aach, halt den Mund, Dursley, du Oberpflaume«, sagte der Riese. Er streckte den Arm über die Sofalehne hinweg, riss das Gewehr aus Onkel Vernons Händen, verdrehte den Lauf – als wäre er aus Gummi – zu einem Knoten und warf es in die Ecke.
Onkel Vernon gab abermals ein merkwürdiges Geräusch von sich, wie eine getretene Maus.
»Dir jedenfalls, Harry«, sagte der Riese und kehrte den Dursleys den Rücken zu, »einen sehr herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Hab hier was für dich – vielleicht hab ich zwischendurch mal draufgesessen, aber er schmeckt sicher noch gut.«
Aus der Innentasche seines schwarzen Umhangs zog er eine etwas eingedellte Schachtel. Harry öffnete sie mit zitternden Fingern. Ein großer, klebriger Schokoladenkuchen kam zum Vorschein, auf dem mit grünem Zuckerguss Herzlichen Glückwunsch, Harry geschrieben stand.
Harry sah zu dem Riesen auf. Er wollte eigentlich danke sagen, aber auf dem Weg zum Mund gingen ihm die Worte verloren, und stattdessen sagte er: »Wer bist du?«
Der Riese gluckste.
»Wohl wahr, hab mich nicht vorgestellt. Rubeus Hagrid, Hüter der Schlüssel und Ländereien von Hogwarts.«
Er streckte eine gewaltige Hand aus und schüttelte Harrys ganzen Arm.
»Was ist nun eigentlich mit dem Tee?«, sagte er und rieb sich die Hände. »Würd nicht nein sagen, wenn er ’n bisschen stärker wär, wenn du verstehst, was ich meine.«
Sein Blick fiel auf einen Korb mit den zusammengeschrumpften Kräcker-Schachteln und er schnaubte. Er beugte sich zur Feuerstelle hinunter; sie konnten nicht sehen, was er tat, doch als er sich einen Moment später aufrichtete, prasselte dort ein Feuer. Es erfüllte die ganze feuchte Hütte mit flackerndem Licht, und Harry fühlte die Wärme über sein Gesicht fließen, als ob er in ein heißes Bad getaucht wäre.
Der Riese setzte sich wieder auf das Sofa, das unter seinem Gewicht einknickte, und begann dann alle möglichen Dinge aus den Taschen seines Umhangs zu ziehen: einen Kupferkessel, eine platt gedrückte Packung Würstchen, einen Schürhaken, eine Teekanne, einige ineinandergesteckte Becher und eine Flasche mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit, aus der er sich einen Schluck genehmigte, bevor der Tee zu kochen begann. Bald war die Hütte erfüllt von dem Duft der brutzelnden Würste. Während der Riese arbeitete, sagte niemand ein Wort, doch als er die ersten sechs fetten, saftigen, leicht angekokelten Würste vom Rost nahm, zappelte Dudley ein wenig. Onkel Vernon fauchte ihn an: »Dudley, du rührst nichts von dem an, was er dir gibt.«
Der Riese gab ein dunkles Glucksen von sich.
»Dein großer Pudding von einem Sohn muss nicht mehr gemästet werden, Dursley, keine Panik.«
Er reichte die Würstchen Harry, der so hungrig war, dass es ihm vorkam, als hätte er noch nie etwas Wundervolleres gekostet, doch immer noch konnte er den Blick nicht von dem Riesen abwenden. Schließlich, da offenbar niemand etwas zu erklären schien, sagte er: »Tut mir leid, aber ich weiß immer noch nicht richtig, wer du bist.«
Der Riese nahm einen großen Schluck Tee und wischte sich mit dem Handrücken den Mund.
»Nenn mich Hagrid«, sagte er, »das tun alle. Und wie ich dir schon gesagt hab, bin ich der Schlüsselhüter von Hogwarts – über Hogwarts weißt du natürlich alles.«
»Ähm – nein«, sagte Harry.
Hagrid sah schockiert aus.
»Tut mir leid«, sagte Harry rasch.
»Tut dir leid?«, bellte Hagrid und wandte sich zu den Dursleys um mit einem Blick, der sie in die Schatten zurückweichen ließ. »Denen sollte es leidtun. Ich wusste, dass du deine Briefe nicht kriegst, aber ich hätt nie gedacht, dass du nicht mal von Hogwarts weißt, das is ja zum Heulen! Hast du dich nie gefragt, wo deine Eltern das alles gelernt haben?«
»Alles was?«, fragte Harry.
»ALLES WAS?«, donnerte Hagrid. »Nu mal langsam!«
Er war aufgesprungen. In seinem Zorn schien er die ganze Hütte auszufüllen. Die Dursleys kauerten sich an die Wand.
»Wollt ihr mir etwa sagen«, knurrte er sie an, »dass dieser Junge – dieser Junge! – nichts von – von NICHTS weiß?«
Das ging Harry doch ein wenig zu weit. Immerhin ging er zur Schule und hatte keine schlechten Noten.
»Ich weiß schon einiges«, sagte er. »Ich kann nämlich Mathe und solche Sachen.«
Doch Hagrid tat dies mit einer Handbewegung ab und sagte: »Über unsere Welt, meine ich. Deine Welt. Meine Welt. Die Welt von deinen Eltern.«
»Welche Welt?«
Hagrid sah aus, als würde er gleich explodieren.
»DURSLEY!«, dröhnte er.
Onkel Vernon, der ganz blass geworden war, flüsterte etwas, das sich anhörte wie »Mimbelwimbel«. Hagrid starrte Harry mit wildem Blick an.
»Aber du musst doch von Mum und Dad wissen«, sagte er. »Ich meine, sie sind berühmt. Du bist berühmt.«
»Was? Mum und Dad waren doch nicht berühmt!«
»Du weißt es nicht … du weißt es nicht …« Hagrid fuhr sich mit den Fingern durch die Haare und fixierte Harry mit einem bestürzten Blick.
»Du weißt nicht, was du bist?«, sagte er schließlich.
Onkel Vernon fand plötzlich seine Stimme wieder.
»Aufhören«, befahl er, »hören Sie sofort auf, Sir! Ich verbiete Ihnen, dem Jungen irgendetwas zu sagen!«
Auch ein mutigerer Mann als Vernon Dursley wäre unter dem zornigen Blick Hagrids zusammengebrochen; als Hagrid sprach, zitterte jede Silbe vor Entrüstung.
»Du hast es ihm nie gesagt? Ihm nie gesagt, was in dem Brief stand, den Dumbledore für ihn dagelassen hat? Ich war auch dabei! Ich hab gesehen, wie Dumbledore ihn dort hingelegt hat, Dursley! Und du hast ihn Harry all die Jahre vorenthalten?«
»Was vorenthalten?«, fragte Harry begierig.
»AUFHÖREN! ICH VERBIETE ES IHNEN!«, schrie Onkel Vernon in Panik.
Tante Petunia schnappte vor Schreck nach Luft.
»Aach, kocht eure Köpfe doch im eigenen Saft, ihr beiden«, sagte Hagrid. »Harry, du bist ein Zauberer.«
In der Hütte herrschte mit einem Mal Stille. Nur das Meer und das Pfeifen des Winds waren noch zu hören.
»Ich bin ein was?«
»Ein Zauberer, natürlich«, sagte Hagrid und setzte sich wieder auf das Sofa, das unter Ächzen noch tiefer einsank. »Und ein verdammt guter noch dazu, würd ich sagen, sobald du mal ’n bisschen Übung hast. Was solltest du auch anders sein, mit solchen Eltern wie deinen? Und ich denk, ’s ist an der Zeit, dass du deinen Brief liest.«
Harry streckte die Hand aus und nahm endlich den gelblichen Umschlag, der in smaragdgrüner Schrift adressiert war an Mr H. Potter, Der Fußboden, Hütte-auf-dem-Fels, Das Meer. Er zog den Brief aus dem Umschlag und las:
HOGWARTS-SCHULE FÜR HEXEREI UND ZAUBEREI
Schulleiter: Albus Dumbledore
(Orden der Merlin, Erster Klasse, Großz., Hexenmst. Ganz hohes Tier, Internationale Vereinig. d. Zauberer)
Sehr geehrter Mr Potter,
wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass Sie an der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei aufgenommen sind. Beigelegt finden Sie eine Liste aller benötigten Bücher und Ausrüstungsgegenstände.
Das Schuljahr beginnt am 1. September. Wir erwarten Ihre Eule spätestens am 31. Juli.
Mit freundlichen Grüßen
Minerva McGonagall
Stellvertretende Schulleiterin
Wie ein Feuerwerk explodierten Fragen in Harrys Kopf, und er konnte sich nicht entscheiden, welche er zuerst stellen sollte. Nach ein paar Minuten stammelte er: »Was soll das heißen, sie erwarten meine Eule?«
»Galoppierende Gorgonen, da fällt mir doch ein …«, sagte Hagrid und schlug sich mit solcher Wucht die Hand gegen die Stirn, dass es einen Brauereigaul umgehauen hätte. Aus einer weiteren Tasche im Innern seines Umhangs zog er eine Eule hervor – eine echte, lebende, recht zerzaust aussehende Eule – sowie einen langen Federkiel und eine Pergamentrolle. Mit der Zunge zwischen den Lippen kritzelte er eine Notiz. Für Harry standen die Buchstaben zwar auf dem Kopf, dennoch konnte er sie lesen:
Sehr geehrter Mr Dumbledore,
ich habe Harry seinen Brief überreicht. Nehme ihn morgen mit, um seine Sachen einzukaufen.
Wetter ist fürchterlich. Hoffe, Sie sind wohlauf.
Hagrid
Hagrid rollte die Nachricht zusammen, übergab sie der Eule, die sie in den Schnabel klemmte, ging zur Tür und schleuderte die Eule hinaus in den Sturm. Dann kam er zurück und setzte sich, als hätte er nur mal kurz telefoniert.
Harry bemerkte, dass ihm der Mund offen stand, und klappte ihn rasch zu.
»Wo war ich gerade?«, sagte Hagrid, doch in diesem Augenblick trat Onkel Vernon, immer noch aschfahl, doch sehr zornig aussehend, in das Licht des Kaminfeuers.
»Er bleibt hier«, sagte er.
Hagrid grunzte.
»Das möchte ich sehen, wie ein so großer Muggel wie du ihn aufhalten will«, sagte er.
»Ein was?«, fragte Harry neugierig.
»Ein Muggel«, sagte Hagrid, »so nennen wir Leute wie ihn, die nicht zu den Magiern gehören. Und es ist dein Pech, dass du in einer Familie der größten Muggel aufgewachsen bist, die ich je gesehen habe.«
»Als wir ihn aufnahmen, haben wir geschworen, diesem Blödsinn ein Ende zu setzen«, sagte Onkel Vernon, »geschworen, es ihm auszubläuen! Zauberer, in der Tat!«
»Ihr habt es gewusst?«, sagte Harry, »ihr habt gewusst, dass ich ein – ein Zauberer bin?«
»Gewusst!«, schrie Tante Petunia plötzlich auf, »gewusst! Natürlich haben wir’s gewusst! Wie denn auch nicht, wenn meine vermaledeite Schwester so eine war? Sie hat nämlich genau den gleichen Brief bekommen und ist dann in diese – diese Schule verschwunden und kam in den Ferien jedes Mal mit den Taschen voller Froschlaich nach Hause und hat Teetassen in Ratten verwandelt. Ich war die Einzige, die klar erkannt hat, was sie wirklich war – eine Missgeburt. Aber bei Mutter und Vater, o nein, da hieß es Lily hier und Lily da, sie waren stolz, eine Hexe in der Familie zu haben!«
Sie hielt inne, um tief Luft zu holen, und fing dann erneut an zu schimpfen. Es schien, als ob sie das schon all die Jahre hatte loswerden wollen.
»Dann hat sie diesen Potter an der Schule getroffen, und sie sind weggegangen und haben geheiratet und haben dich bekommen, und natürlich wusste ich, dass du genau so einer sein würdest, genauso seltsam, genauso – unnormal, und dann, bitte schön, hat sie es geschafft, sich in die Luft zu jagen, und wir mussten uns plötzlich mit dir herumschlagen!«
Harry war ganz bleich geworden. Sobald er seine Stimme gefunden hatte, sagte er: »In die Luft gejagt? Du hast mir erzählt, dass sie bei einem Autounfall gestorben sind!«
»AUTOUNFALL!«, donnerte Hagrid und sprang so wütend auf, dass die Dursleys sich in ihre Ecke verdrückten. »Wie könnten Lily und James Potter in einem Auto ums Leben kommen? Das ist eine Schande! Ein Skandal! Harry Potter kennt nicht mal seine eigene Geschichte, wo doch jedes Kind in unserer Welt seinen Namen weiß!«
»Warum eigentlich? Was ist passiert?«, fragte Harry drängend.
Der Zorn wich aus Hagrids Gesicht. Plötzlich schien er etwas zu fürchten.
»Das hätte ich nie erwartet«, sagte er mit leiser, besorgter Stimme. »Als Dumbledore sagte, dass es schwierig werden würde, dich zu erwischen, hatte ich keine Ahnung, wie wenig du weißt. Ach, Harry, vielleicht bin ich nicht der Richtige, um es dir zu sagen – aber einer muss es tun –, und du kannst nicht nach Hogwarts gehen, ohne es zu wissen.«
Er warf den Dursleys einen finsteren Blick zu.
»Nun, es ist am besten, wenn du so viel weißt, wie ich dir sagen kann – aber natürlich kann ich dir nicht alles sagen, es ist ein großes Geheimnis, manches davon jedenfalls …«
Er setzte sich, starrte einige Augenblicke lang ins Feuer und sagte dann: »Es fängt, glaube ich, mit – mit einem Typen namens – aber es ist unglaublich, dass du seinen Namen nicht kennst, in unserer Welt kennen ihn alle –«
»Wen?«
»Nun ja, ich nenn den Namen lieber nicht, wenn’s nicht unbedingt sein muss. Keiner tut’s.«
»Warum nicht?«
»Schluckende Wasserspeier, Harry, die Leute haben immer noch Angst. Verflucht, ist das schwierig. Sieh mal, da war dieser Zauberer, der … böse geworden ist. So böse, wie es nur geht. Schlimmer noch. Schlimmer als schlimm. Sein Name war …«
Hagrid würgte, aber kein Wort kam hervor.
»Könntest du es aufschreiben?«, schlug Harry vor.
»Nöh – kann ihn nicht buchstabieren. Na gut – Voldemort.« Hagrid erschauerte. »Zwing mich nicht, das noch mal zu sagen. Jedenfalls, dieser – dieser Zauberer hat vor etwa zwanzig Jahren begonnen, sich Anhänger zu suchen. Und die hat er auch bekommen – manche hatten Angst, manche wollten einfach ein wenig von seiner Macht, denn er verschaffte sich viel Macht, das muss man sagen. Dunkle Zeiten, Harry. Wussten nicht, wem wir trauen sollten, wagten nicht, uns mit fremden Zauberern oder Hexen anzufreunden … Schreckliche Dinge sind passiert. Er hat die Macht übernommen. Klar haben sich einige gewehrt – und er hat sie umgebracht. Furchtbar. Einer der wenigen sicheren Orte, die es noch gab, war Hogwarts. Vermute, Dumbledore war der Einzige, vor dem Du-weißt-schon-wer Angst hatte. Hat es nicht gewagt, die Schule einzusacken, damals jedenfalls nicht.
Nun waren deine Mum und dein Dad als Hexe und Zauberer so gut, wie ich noch niemanden gekannt hab. Zu ihrer Zeit Schulsprecher und Schulsprecherin in Hogwarts! Für mich ist es ein großes Rätsel, warum Du-weißt-schon-wer nie versucht hat, sie auf seine Seite zu bringen … Hat wohl gewusst, dass sie Dumbledore zu nahe waren, um etwas mit der dunklen Seite zu tun haben zu wollen.
Vielleicht hat er geglaubt, er könne sie überreden … Vielleicht hat er sie auch nur aus dem Weg haben wollen. Alles, was man weiß, ist, dass er in dem Dorf auftauchte, wo ihr alle gelebt habt, an Halloween vor zehn Jahren. Du warst gerade mal ein Jahr alt. Er kam in euer Haus und – und –«
Hagrid zog plötzlich ein sehr schmutziges, gepunktetes Taschentuch hervor und schnäuzte sich laut wie ein Nebelhorn die Nase.
»Tut mir leid«, sagte er. »Aber es ist so traurig – hab deine Mum und deinen Dad gekannt, und nettere Menschen hast du einfach nicht finden können, jedenfalls – Du-weißt-schon-wer hat sie getötet. Und dann – und das ist das eigentlich Geheimnisvolle daran – hat er versucht, auch dich zu töten. Wollte reinen Tisch machen, denk ich, oder hatte inzwischen einfach Spaß am Töten. Aber er konnte es nicht. Hast du dich nie gefragt, wie du diese Narbe auf der Stirn bekommen hast? Das war kein gewöhnlicher Schnitt. Das kriegst du, wenn ein mächtiger, böser Fluch dich berührt – hat sogar bei deiner Mum und deinem Dad und deinem Haus geklappt – aber nicht bei dir, und darum bist du berühmt, Harry. Keiner hat es überlebt, wenn er einmal beschlossen hat, jemanden zu töten, keiner außer dir, und er hatte einige der besten Hexen und Zauberer der Zeit getötet – die McKinnons, die Bones, die Prewetts –, und du warst nur ein Baby, aber du hast überlebt.«
In Harrys Kopf spielte sich etwas sehr Schmerzhaftes ab. Als Hagrid mit der Geschichte ans Ende kam, sah er noch einmal den blendend hellen, grünen Blitz vor sich, deutlicher als jemals zuvor – und er erinnerte sich zum ersten Mal im Leben an etwas anderes – an ein höhnisches, kaltes, grausames Lachen.
Hagrid betrachtete ihn traurig.
»Hab dich selbst aus dem zerstörten Haus geholt, auf Dumbledores Befehl hin. Hab dich zu diesem Pack hier gebracht …«
»Lauter dummes Zeug«, sagte Onkel Vernon. Harry schreckte auf, er hatte fast vergessen, dass die Dursleys auch noch da waren. Onkel Vernon hatte offenbar seine Courage wiedergewonnen. Die Fäuste geballt, sah er Harry mit finsterem Blick an.
»Jetzt hörst du mir mal zu, Kleiner«, schnauzte er. »Mag sein, dass es etwas Seltsames mit dir auf sich hat, vermutlich nichts, was nicht durch ein paar saftige Ohrfeigen hätte kuriert werden können – und was diese Geschichte mit deinen Eltern angeht, nun, sie waren eben ziemlich verrückt, und die Welt ist meiner Meinung nach besser dran ohne sie. Haben’s ja nicht anders gewollt, wenn sie sich mit diesem Zaubererpack eingelassen haben – genau was ich erwartet hab, ich hab immer gewusst, dass es mit ihnen kein gutes Ende nehmen würde –«
Doch in diesem Augenblick sprang Hagrid vom Sofa und zog einen zerfledderten rosa Schirm aus seinem Umhang. Wie ein Schwert hielt er ihn Onkel Vernon entgegen und sagte: »Ich warne dich, Dursley – ich warne dich – noch ein Wort …«
Nun, da Onkel Vernon Gefahr lief, vom Schirm eines bärtigen Riesen aufgespießt zu werden, verließ ihn der Mut wieder; er drückte sich gegen die Wand und verstummte.
»Schon besser so«, sagte Hagrid schwer atmend und setzte sich aufs Sofa zurück, das sich diesmal bis auf den Boden durchbog.
Harry lagen unterdessen immer noch Fragen auf der Zunge, hunderte von Fragen.
»Aber was geschah mit Vol-, ’tschuldigung – ich meine Du-weißt-schon-wer?«
»Gute Frage, Harry. Ist verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt. Noch in der Nacht, als er versucht hat, dich zu töten. Macht dich noch berühmter. Das ist das größte Geheimnis, weißt du … Er wurde immer mächtiger – warum hätte er gehen sollen?
Manche sagen, er sei gestorben. Stuss, wenn du mich fragst. Weiß nicht, ob er noch genug Menschliches in sich hatte, um sterben zu können. Manche sagen, er sei immer noch irgendwo dort draußen und warte nur auf den rechten Augenblick, aber das glaub ich nicht. Leute, die auf seiner Seite waren, sind zu uns zurückgekommen. Manche sind aus einer Art Trance erwacht. Glaub nicht, dass sie es geschafft hätten, wenn er vorgehabt hätte zurückzukommen.
Die meisten von uns denken, dass er immer noch irgendwo da draußen ist, aber seine Macht verloren hat. Zu schwach, um weiterzumachen. Denn etwas an dir, Harry, hat ihm den Garaus gemacht. In jener Nacht geschah etwas, mit dem er nicht gerechnet hatte – weiß nicht, was es war, keiner weiß es –, aber etwas an dir hat er nicht gepackt, und das war’s.«
Hagrid betrachtete Harry voller Wärme und Hochachtung, doch Harry fühlte sich nicht froh und stolz deswegen, sondern war sich ganz sicher, dass es sich hier um einen fürchterlichen Irrtum handeln musste. Ein Zauberer? Er? Wie sollte das möglich sein? Sein Leben lang hatte er unter den Schlägen Dudleys gelitten und war von Tante Petunia und Onkel Vernon schikaniert worden; wenn er wirklich ein Zauberer war, warum hatten sie sich nicht jedes Mal, wenn sie versucht hatten, ihn in den Schrank einzuschließen, in warzige Kröten verwandelt? Wenn er einst den größten Hexer der Welt besiegt hatte, wie konnte ihn dann Dudley immer herumkicken wie einen Fußball?
»Hagrid«, sagte er leise, »du musst einen Fehler gemacht haben. Ich kann unmöglich ein Zauberer sein.«
Zu seiner Überraschung gluckste Hagrid.
»Kein Zauberer, was? Nie Dinge geschehen lassen, wenn du Angst hattest oder wütend warst?«
Harry blickte ins Feuer. Nun, da er darüber nachdachte … Alle seltsamen Dinge, die Onkel und Tante auf die Palme gebracht hatten, waren geschehen, als er, Harry, aufgebracht oder zornig gewesen war … Auf der Flucht vor Dudleys Bande war er manchmal einfach nicht zu fassen gewesen … Manchmal, wenn er mit diesem lächerlichen Haarschnitt partout nicht hatte zur Schule gehen wollen, hatte er es geschafft, dass sein Haar rasch nachwuchs … Und das letzte Mal, als Dudley ihn gestoßen hatte, da hatte er doch seine Rache bekommen, ohne auch nur zu wissen, was er tat? Hatte er nicht eine Boa constrictor auf ihn losgelassen?
Harry wandte sich erneut Hagrid zu und lächelte, und er sah, dass Hagrid ihn geradezu anstrahlte.
»Siehst du?«, sagte Hagrid. »Harry Potter und kein Zauberer – wart nur ab, und du wirst noch ganz berühmt in Hogwarts.«
Doch Onkel Vernon würde nicht kampflos aufgeben.
»Hab ich Ihnen nicht gesagt, der Junge bleibt hier?«, zischte er. »Er geht auf die Stonewall High und wird dafür dankbar sein. Ich habe diese Briefe gelesen, und er braucht allen möglichen Nonsens – und Zauberspruchfibeln und Zauberstäbe und –«
»Wenn er gehen will, wird ihn ein großer Muggel wie du nicht aufhalten können«, knurrte Hagrid. »Lily und James Potters Sohn von Hogwarts fernhalten! Du bist ja verrückt. Sein Name ist vorgemerkt, schon seit seiner Geburt. Er geht bald auf die beste Schule für Hexerei und Zauberei auf der ganzen Welt. Nach sieben Jahren dort wird er sich nicht mehr wiedererkennen. Er wird dort mit jungen Leuten seinesgleichen zusammen sein, zur Abwechslung mal, und er wird unter dem größten Schulleiter lernen, den Hogwarts je gesehen hat, Albus Dumbled–«
»ICH BEZAHLE KEINEN HIRNRISSIGEN ALTEN DUMMKOPF, DAMIT ER IHM ZAUBERTRICKS BEIBRINGT!«, schrie Onkel Vernon.
Doch nun war er endgültig zu weit gegangen. Hagrid packte den Schirm, schwang ihn über seinem Kopf hin und her und polterte: »BELEIDIGE NIE – ALBUS DUMBLEDORE – IN MEINER GEGENWART!«
Pfeifend sauste der Schirm herunter, bis die Spitze auf Dudley gerichtet war – ein Blitz aus violettem Licht, ein Geräusch wie das Knallen eines Feuerwerkskörpers, ein schrilles Kreischen –, und schon begann Dudley einen Tanz aufzuführen, mit den Händen auf dem dicken Hintern und heulend vor Schmerz. Gerade als er ihnen den Rücken zuwandte, sah Harry ein geringeltes Schweineschwänzchen durch ein Loch in seiner Hose hervorpurzeln.
Onkel Vernon tobte. Er zog Tante Petunia und Dudley in den anderen Raum, warf Hagrid einen letzten, angsterfüllten Blick zu und schlug die Tür hinter sich zu.
Hagrid sah auf den Schirm hinab und strich sich über den Bart.
»Hätt die Beherrschung nicht verlieren dürfen«, sagte er reuevoll, »aber es hat ohnehin nicht geklappt. Wollte ihn in ein Schwein verwandeln, aber ich denke, er war einem Schwein so ähnlich, dass es nicht mehr viel zu tun gab.«
Unter seinen buschigen Augenbrauen hervor blickte er Harry von der Seite an.
»Wär dir dankbar, wenn du das niemandem in Hogwarts erzählst«, sagte er. »Ich – ähm – soll eigentlich nicht herumzaubern, um es genau zu nehmen. Ich durfte ein wenig, um dir zu folgen und um dir die Briefe zu bringen und – einer der Gründe, warum ich so scharf auf diesen Job war –«
»Warum sollst du nicht zaubern?«
»Nun ja – ich war selbst in Hogwarts, doch ich – ähm – man hat mich rausgeworfen, um dir die Wahrheit zu sagen. Im dritten Jahr. Sie haben meinen Zauberstab zerbrochen und alles. Doch Dumbledore hat mich als Wildhüter dabehalten. Großartiger Mann, Dumbledore.«
»Warum hat man dich rausgeworfen?«
»Es wird spät und wir haben morgen viel zu erledigen«, sagte Hagrid laut. »Müssen hoch in die Stadt und dir alle Bücher und Sachen besorgen.«
Er nahm seinen dicken schwarzen Umhang ab und warf ihn Harry zu.
»Kannst drunter pennen«, sagte er. »Mach dir nichts draus, wenn’s da drin ein wenig zappelt, ich glaub, ich hab immer noch ein paar Haselmäuse in den Taschen.«
In der Winkelgasse
Am nächsten Morgen wachte Harry früh auf. Er wusste zwar, dass es draußen schon hell war, doch er hielt die Augen fest geschlossen.
»Es war ein Traum«, sagte er sich entschlossen. »Ich habe von einem Riesen namens Hagrid geträumt, der mir erklärt hat, von nun an werde ich eine Schule für Zauberer besuchen. Wenn ich aufwache, bin ich zu Hause in meinem Schrank.«
Plötzlich hörte er ein lautes, tappendes Geräusch.
»Und das ist Tante Petunia, die an die Tür klopft«, dachte Harry und das Herz wurde ihm schwer. Doch die Augen hielt er weiter geschlossen. Ein schöner Traum war es gewesen.
Tapp. Tapp. Tapp.
»Schon gut«, murmelte Harry. »Ich steh ja schon auf.«
Er richtete sich auf und Hagrids schwerer Umhang fiel von seinen Schultern. Sonnenlicht durchflutete die Hütte, der Sturm hatte sich gelegt. Hagrid selbst schlief auf dem zusammengebrochenen Sofa, und eine Eule, eine Zeitung in den Schnabel geklemmt, tappte mit ihrer Kralle gegen das Fenster.
Harry rappelte sich auf. Er war so glücklich, dass es ihm vorkam, als würde in seinem Innern ein großer Ballon anschwellen. Schnurstracks lief er zum Fenster und riss es auf. Die Eule schwebte herein und ließ die Zeitung auf Hagrids Bauch fallen. Er schlief jedoch munter weiter. Die Eule flatterte auf den Boden und begann auf Hagrids Umhang herumzupicken.
»Lass das.«
Harry versuchte die Eule wegzuscheuchen, doch sie hackte wütend nach ihm und fuhr fort, den Umhang zu zerfetzen.
»Hagrid!«, sagte Harry laut. »Da ist eine Eule –«
»Bezahl sie«, grunzte Hagrid in das Sofa.
»Was?«
»Sie will ihren Lohn fürs Zeitungausfliegen. Schau in meinen Taschen nach.«
Hagrids Umhang schien aus nichts als Taschen zu bestehen: Schlüsselbunde, Musketenkugeln, Bindfadenröllchen, Pfefferminzbonbons, Teebeutel … Schließlich zog er eine Hand voll merkwürdig aussehender Münzen hervor.
»Gib ihr fünf Knuts«, sagte Hagrid schläfrig.
»Knuts?«
»Die kleinen aus Bronze.«
Harry zählte fünf kleine Bronzemünzen ab. Die Eule streckte ein Bein aus, und er steckte das Geld in ein Lederbeutelchen, das daran festgebunden war. Dann flatterte sie durch das offene Fenster davon.
Hagrid gähnte laut, richtete sich auf und reckte genüsslich die Glieder.
»Wir brechen am besten gleich auf, Harry, haben heute ’ne Menge zu erledigen. Müssen hoch nach London und dir alles für die Schule besorgen.«
Harry drehte die Münzen nachdenklich hin und her. Eben war ihm ein Gedanke gekommen, der dem Glücksballon in seinem Innern einen Pikser versetzt hatte.
»Ähm … Hagrid?«
»Mm?« Hagrid zog gerade seine riesigen Stiefel an.
»Ich hab kein Geld – und du hast ja gestern Nacht Onkel Vernon gehört – er wird nicht dafür bezahlen, dass ich fortgehe und Zaubern lerne.«
»Mach dir darüber keine Gedanken«, sagte Hagrid. Er stand auf und kratzte sich am Kopf. »Glaubst du etwa, deine Eltern hätten dir nichts hinterlassen?«
»Aber wenn doch ihr Haus zerstört wurde –«
»Sie haben ihr Gold doch nicht im Haus aufbewahrt, mein Junge! Nee, wir machen als Erstes bei Gringotts Halt. Zaubererbank. Nimm dir ein Würstchen, kalt sind sie auch nicht schlecht – und zu ’nem Stück von deinem Geburtstagskuchen würd ich auch nicht nein sagen.«
»Zauberer haben Banken?«
»Nur die eine. Gringotts. Wird von Kobolden geführt.«
Harry ließ sein Würstchen fallen.
»Kobolde?«
»Jaow. Musst also ganz schön bescheuert sein, wenn du versuchst, sie auszurauben. Leg dich nie mit den Kobolden an, Harry. Gringotts ist der sicherste Ort der Welt für alles, was du aufbewahren willst – mit Ausnahme vielleicht von Hogwarts. Muss übrigens sowieso bei Gringotts vorbeischauen. Auftrag von Dumbledore. Geschäftliches für Hogwarts.« Hagrid richtete sich stolz auf. »Meist nimmt er mich, wenn es Wichtiges zu erledigen gibt. Dich abholen, etwas von Gringotts besorgen, weiß, dass er mir vertrauen kann, verstehst du. Alles klar? Na dann los.«
Harry folgte Hagrid hinaus auf den Felsen. Der Himmel war jetzt klar und das Meer schimmerte im Sonnenlicht. Das Boot, das Onkel Vernon gemietet hatte, lag noch da. Viel Wasser hatte sich auf dem Boden angesammelt.
»Wie bist du hergekommen?«, fragte Harry und sah sich nach einem zweiten Boot um.
»Geflogen«, sagte Hagrid.
»Geflogen?«
»Ja, aber zurück nehmen wir das Ding hier. Jetzt, wo du dabei bist, darf ich nicht mehr zaubern.«
Sie setzten sich ins Boot. Harry starrte Hagrid unverwandt an und versuchte sich vorzustellen, wie er flog.
»Schande allerdings, dass man rudern muss«, sagte Hagrid und sah Harry wieder mit einem seiner Blicke von der Seite her an. »Wenn ich … ähm … die Sache etwas beschleunigen würde, wärst du so freundlich und würdest in Hogwarts nichts davon sagen?«
»Klar«, sagte Harry, gespannt darauf, mehr von Hagrids Zauberkünsten zu sehen. Hagrid zog den rosa Schirm hervor, schlug ihn zweimal sachte gegen die Seitenwand des Bootes, und schon rauschten sie in Richtung Küste davon.
»Warum wäre es verrückt, wenn man Gringotts ausrauben wollte?«, fragte Harry.
»Magische Banne, Zauberflüche«, sagte Hagrid und öffnete seine Zeitung. »Es heißt, die Hochsicherheitsverliese werden von Drachen bewacht. Und dann musst du erst einmal hinfinden – Gringotts liegt nämlich hunderte von Meilen unterhalb von London. Tief unter der Untergrundbahn. Du stirbst vor Hunger, bevor du wieder ans Tageslicht kommst, auch wenn du dir was unter den Nagel gerissen hast.«
Harry saß da und dachte darüber nach, während Hagrid seine Zeitung, den Tagespropheten, las. Harry wusste von Onkel Vernon, dass die Erwachsenen beim Zeitunglesen in Ruhe gelassen werden wollten, auch wenn es ihm jetzt schwerfiel, denn noch nie hatte er so viele Fragen auf dem Herzen gehabt.
»Zaubereiministerium vermasselt mal wieder alles, wie üblich«, brummte Hagrid und blätterte um.
»Es gibt ein Ministerium für Zauberei?«, platzte Harry los.
»Klar«, sagte Hagrid. »Wollten natürlich Dumbledore als Minister haben, aber der würde nie von Hogwarts weggehen. Deshalb hat Cornelius Fudge die Stelle bekommen. Gibt keinen größeren Stümper. Schickt also Dumbledore jeden Morgen ein Dutzend Eulen und fragt ihn um Rat.«
»Aber was tut ein Zaubereiministerium?«
»Nun, seine Hauptaufgabe ist, vor den Muggels geheim zu halten, dass es landauf, landab immer noch Hexen und Zauberer gibt.«
»Warum?«
»Warum? Meine Güte, Harry, die wären doch ganz scharf darauf, dass wir ihre Schwierigkeiten mit magischen Kräften lösen. Nö, die sollen uns mal in Ruhe lassen.«
In diesem Augenblick stupste das Boot sanft gegen die Hafenmauer. Hagrid faltete die Zeitung zusammen und sie stiegen die Steintreppe zur Straße empor.
Die Menschen starrten Hagrid mit großen Augen an, als die beiden durch die kleine Stadt zum Bahnhof gingen. Harry konnte es ihnen nicht verübeln. Hagrid war nicht nur doppelt so groß wie alle anderen, er zeigte auch auf ganz gewöhnliche Dinge wie Parkuhren und rief dabei laut: »Schau dir das an, Harry. Solche Sachen lassen sich die Muggels einfallen, nicht zu fassen!«
»Hagrid«, sagte Harry ein wenig außer Atem, weil er rennen musste, um Schritt zu halten. »Hast du gesagt, bei Gringotts gebe es Drachen?«
»Ja, so heißt es«, sagte Hagrid. »Mann, ich hätte gern einen Drachen.«
»Du hättest gerne einen?«
»Schon als kleiner Junge wollte ich einen – hier lang.«
Sie waren am Bahnhof angekommen. In fünf Minuten ging ein Zug nach London. Hagrid, der mit »Muggelgeld«, wie er es nannte, nicht zurechtkam, reichte Harry ein paar Scheine, mit denen er die Fahrkarten kaufte.
Im Zug glotzten die Leute noch mehr. Hagrid, der zwei Sitzplätze brauchte, strickte während der Fahrt an etwas, das aussah wie ein kanariengelbes Zirkuszelt.
»Hast deinen Brief noch, Harry?«, fragte er, während er die Maschen zählte.
Harry zog den Pergamentumschlag aus der Tasche.
»Gut«, sagte Hagrid. »Da ist eine Liste drin mit allem, was du brauchst.«
Harry entfaltete einen zweiten Bogen Papier, den er in der Nacht zuvor nicht bemerkt hatte, und las:
HOGWARTS-SCHULE FÜR HEXEREI UND ZAUBEREI
Uniform
Im ersten Jahr benötigen die Schüler:
1. Drei Garnituren einfache Arbeitskleidung (schwarz)
2. Einen einfachen Spitzhut (schwarz) für tagsüber
3. Ein Paar Schutzhandschuhe (Drachenhaut o. Ä.)
4. Einen Winterumhang (schwarz, mit silbernen Schnallen)
Bitte beachten Sie, dass alle Kleidungsstücke der Schüler mit Namensetiketten versehen sein müssen.
Lehrbücher
Alle Schüler sollten jeweils ein Exemplar der folgenden Werke besitzen:
– Miranda Habicht: Lehrbuch der Zaubersprüche, Band 1
– Bathilda Bagshot: Geschichte der Zauberei
– Adalbert Schwahfel: Theorie der Magie
– Emeric Wendel: Verwandlungen für den Anfänger
– Phyllida Spore: Tausend Zauberkräuter und -pilze
– Arsenius Bunsen: Zaubertränke und Zauberbräue
– Newt Scamander: Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind
– Quirin Sumo: Dunkle Kräfte. Ein Kurs zur Selbstverteidigung
Ferner werden benötigt:
– 1 Zauberstab
– 1 Kessel (Zinn, Normgröße 2)
– 1 Sortiment Glas- oder Kristallfläschchen
– 1 Teleskop
– 1 Waage aus Messing
Es ist den Schülern zudem freigestellt, eine Eule ODER eine Katze ODER eine Kröte mitzubringen.
DIE ELTERN SEIEN DARAN ERINNERT, DASS ERSTKLÄSSLER KEINE EIGENEN BESEN BESITZEN DÜRFEN.
»Und das alles können wir in London kaufen?«, fragte sich Harry laut.
»Ja. Wenn du weißt, wo«, sagte Hagrid.
Harry war noch nie in London gewesen. Hagrid schien zwar zu wissen, wo er hinwollte, doch offensichtlich war er es nicht gewohnt, auf normalem Weg dorthin zu gelangen. Er verhedderte sich im Drehkreuz zur Untergrundbahn und beschwerte sich laut, die Sitze seien zu klein und die Züge zu lahm.
»Keine Ahnung, wie die Muggels zurechtkommen ohne Zauberei«, meinte er, als sie eine kaputte Rolltreppe emporkletterten, die auf eine belebte, mit Läden gesäumte Straße führte.
Hagrid war ein solcher Riese, dass er ohne Mühe einen Keil in die Menschenmenge trieb, und Harry brauchte sich nur dicht hinter ihm zu halten. Sie gingen an Buchhandlungen und Musikläden vorbei, an Schnellimbissen und Kinos, doch nirgends sah es danach aus, als ob es Zauberstäbe zu kaufen gäbe. Dies war eine ganz gewöhnliche Straße voll ganz gewöhnlicher Menschen. Konnte es wirklich sein, dass viele Meilen unter ihnen haufenweise Zauberergold vergraben war? Gab es wirklich Läden, die Zauberbücher und Besen verkauften? War all dies vielleicht nur ein gewaltiger Jux, den die Dursleys ausgeheckt hatten? Das hätte Harry vielleicht geglaubt, wenn er nicht gewusst hätte, dass die Dursleys keinerlei Sinn für Humor besaßen. Doch obwohl alles, was Hagrid ihm bisher erzählt hatte, schlicht unfassbar war, konnte er einfach nicht anders, als ihm zu vertrauen.
»Hier ist es«, sagte Hagrid und blieb stehen. »Zum Tropfenden Kessel. Den Laden kennt jeder.«
Es war ein kleiner, schmuddelig wirkender Pub. Harry hätte ihn nicht einmal bemerkt, wenn Hagrid nichts gesagt hätte. Die vorbeieilenden Menschen beachteten ihn nicht. Ihre Blicke wanderten von der großen Buchhandlung auf der einen Seite zum Plattenladen auf der anderen Seite, als könnten sie den Tropfenden Kessel überhaupt nicht sehen. Tatsächlich hatte Harry das ganz eigentümliche Gefühl, dass nur er und Hagrid ihn sahen. Doch bevor er den Mund aufmachen konnte, schob ihn Hagrid zur Tür hinein.
Für einen berühmten Ort war es hier sehr dunkel und schäbig. In einer Ecke saßen ein paar alte Frauen und tranken Sherry aus kleinen Gläsern. Eine von ihnen rauchte eine lange Pfeife. Ein kleiner Mann mit Zylinder sprach mit dem alten Wirt, der vollkommen kahlköpfig war und aussah wie eine klebrige Walnuss. Als sie eintraten, verstummte das leise Summen der Gespräche. Hagrid schienen alle zu kennen; sie winkten und lächelten ihm zu, und der Wirt griff nach einem Glas: »Das Übliche, Hagrid?«
»Heute nicht, Tom, bin im Auftrag von Hogwarts unterwegs«, sagte Hagrid und versetzte Harry mit seiner großen Hand einen Klaps auf die Schulter, der ihn in die Knie gehen ließ.
»Meine Güte«, sagte der Wirt und spähte zu Harry hinüber, »ist das – kann das –?«
Im Tropfenden Kessel war es mit einem Schlag mucksmäuschenstill geworden.
»Grundgütiger«, flüsterte der alte Barmann. »Harry Potter … welch eine Ehre.«
Er eilte hinter der Bar hervor, trat raschen Schrittes auf Harry zu und ergriff mit Tränen in den Augen seine Hand.
»Willkommen zu Hause, Mr Potter, willkommen zu Hause.«
Harry wusste nicht, was er sagen sollte. Aller Augen waren auf ihn gerichtet. Die alte Frau paffte ihre Pfeife, ohne zu bemerken, dass sie ausgegangen war. Hagrid strahlte.
Nun ging im Tropfenden Kessel ein großes Stühlerücken los, und die Gäste schüttelten Harry einer nach dem andern die Hand.
»Doris Crockford, Mr Potter, ich kann es einfach nicht fassen, Sie endlich zu sehen.«
»Ich bin so stolz, Sie zu treffen, Mr Potter, so stolz.«
»Wollte Ihnen schon immer die Hand schütteln – mir ist ganz schwindelig.«
»Erfreut, Mr Potter, mir fehlen die Worte. Diggel ist mein Name, Dädalus Diggel.«
»Sie hab ich schon mal gesehen!«, rief Harry, als Dädalus Diggel vor Aufregung seinen Zylinder verlor. »Sie haben sich einmal in einem Laden vor mir verneigt.«
»Er weiß es noch!«, rief Dädalus Diggel und blickte in die Runde. »Habt ihr das gehört? Er erinnert sich an mich!«
Harry schüttelte Hände hier und Hände dort – Doris Crockford konnte gar nicht genug kriegen.
Ein blasser junger Mann bahnte sich den Weg nach vorne. Er wirkte sehr fahrig; eins seiner Augen zuckte.
»Professor Quirrell!«, sagte Hagrid. »Harry, Professor Quirrell ist einer deiner Lehrer in Hogwarts.«
»P-P-Potter«, stammelte Professor Quirrell, »ich k-kann Ihnen nicht sagen, wie ich mich f-freue, Sie zu t-treffen.«
»Welche Art von Magie lehren Sie, Professor Quirrell?«
»V-Verteidigung g-gegen die d-dunklen K-Künste«, murmelte Professor Quirrell, als ob er lieber nicht daran denken wollte. »Nicht, d-dass Sie es nötig hätten, oder, P-Potter?« Er lachte nervös. »Sie b-besorgen sich Ihre Ausrüstung, nehme ich an? Ich muss auch noch ein neues B-Buch über V-Vampire abholen.« Schon bei dem bloßen Gedanken daran sah er furchtbar verängstigt drein.
Doch die anderen ließen nicht zu, dass Professor Quirrell Harry allein in Beschlag nahm. Es dauerte fast zehn Minuten, bis er von allen losgekommen war. Endlich konnte sich Hagrid in der allgemeinen Aufregung Gehör verschaffen.
»Wir müssen weiter – haben eine Menge einzukaufen. Komm, Harry.«
Doris Crockford schüttelte Harry ein letztes Mal die Hand. Hagrid führte ihn durch die Bar auf einen kleinen, von Mauern umgebenen Hof hinaus, wo es nichts als einen Mülleimer und ein paar Unkräuter gab.
Hagrid grinste Harry zu.
»Hab’s dir doch gesagt, oder? Hab dir doch gesagt, dass du berühmt bist. Sogar Professor Quirrell hat gezittert, als er dich sah – nun ja, er zittert fast ständig.«
»Ist er immer so nervös?«
»O ja. Armer Kerl. Genialer Kopf. Ging ihm gut, als er nur die Bücher studierte, doch dann hat er sich ein Jahr freigenommen, um ein wenig Erfahrung zu sammeln … Es heißt, er habe im Schwarzwald Vampire getroffen und er soll ein übles kleines Problem mit einer Hexe gehabt haben – ist seitdem jedenfalls nicht mehr der Alte. Hat Angst vor den Schülern, Angst vor dem eigenen Unterrichtsstoff – wo ist jetzt eigentlich mein Schirm abgeblieben?«
Vampire? Hexen? Harry war leicht schwindelig. Unterdessen zählte Hagrid die Backsteine an der Mauer über dem Mülleimer ab.
»Drei nach oben … zwei zur Seite …«, murmelte er. »Gut, einen Schritt zurück, Harry.«
Mit der Spitze des Schirms klopfte er dreimal gegen die Mauer.
Der Stein, auf den er geklopft hatte, erzitterte, wackelte und in der Mitte erschien ein kleiner Spalt. – Der wurde immer breiter, und eine Sekunde später standen sie vor einem Torbogen, der selbst für Hagrid groß genug war. Er führte hinaus auf eine gepflasterte Gasse, die sich in einer engen Biegung verlor.
»Willkommen in der Winkelgasse«, sagte Hagrid.
Harrys verblüffter Blick ließ ihn verschmitzt lächeln.
Sie traten durch den Torbogen. Harry blickte rasch über die Schulter und konnte gerade noch sehen, wie sich die Steinmauer wieder schloss.
Die Sonne erleuchtete einen Stapel Kessel vor der Tür eines Ladens. Kessel – Alle Größen – Kupfer, Messing, Zinn, Silber – Selbstumrührend – Faltbar hieß es auf einem Schild über ihren Köpfen.
»Jaow, du brauchst einen«, sagte Hagrid, »aber erst müssen wir dein Geld holen.«
Harry wünschte sich mindestens vier Augenpaare mehr. Er drehte den Kopf in alle Himmelsrichtungen, während sie die Straße entlanggingen, und versuchte, alles auf einmal zu sehen: die Läden, die Auslagen vor den Türen, die Menschen, die hier einkauften. Vor einer Apotheke stand eine rundliche Frau, und als sie vorbeigingen, sagte sie kopfschüttelnd: »Drachenleber, sechzehn Sickel die Unze, die müssen verrückt sein …«
Gedämpftes Eulengeschrei drang aus einem dunklen Laden. Auf einem Schild über dem Eingang stand: Eeylops Eulenkaufhaus – Waldkäuze, Zwergohreulen, Steinkäuze, Schleiereulen, Schneeeulen. Einige Jungen in Harrys Alter drückten ihre Nasen gegen ein Schaufenster mit Besen. »Schau mal«, hörte Harry einen von ihnen sagen, »der neue Nimbus Zweitausend, der schnellste überhaupt –« Manche Läden verkauften nur Umhänge, andere Teleskope und merkwürdige silberne Instrumente, die Harry noch nie gesehen hatte. Es gab Schaufenster, die vollgestopft waren mit Fässern voller Fledermausmilzen und Aalaugen, wacklig gestapelten Zauberspruchfibeln, Federkielen, Pergamentrollen, Zaubertrankflaschen, Mondgloben …
»Gringotts«, sagte Hagrid.
Sie waren vor einem schneeweißen Haus angelangt, das hoch über die kleinen Läden hinausragte. Neben dem blank polierten Bronzetor, in einer scharlachroten und goldbestickten Uniform stand ein –
»Tja, das ist ein Kobold«, sagte Hagrid leise, als sie die steinernen Stufen zu ihm hochstiegen. Der Kobold war etwa einen Kopf kleiner als Harry. Er hatte ein dunkelhäutiges, kluges Gesicht, einen Spitzbart und, wie Harry auffiel, sehr lange Finger und große Füße. Mit einer Verbeugung wies er sie hinein. Wieder standen sie vor einer Doppeltür, einer silbernen diesmal, in die folgende Worte eingraviert waren:
Fremder, komm du nur herein,
Hab Acht jedoch und bläu’s dir ein,
Wer der Sünde Gier will dienen
Und will nehmen, nicht verdienen,
Der wird voller Pein verlieren.
Wenn du suchst in diesen Hallen
Einen Schatz, dem du verfallen,
Dieb, sei gewarnt und sage dir,
Mehr als Gold harrt deiner hier.
»Wie ich gesagt hab, du musst verrückt sein, wenn du den Laden knacken willst«, sagte Hagrid.
Ein Paar Kobolde verbeugte sich, als sie durch die silberne Tür in eine riesige Marmorhalle schritten. Um die hundert Kobolde saßen auf hohen Schemeln hinter einem langen Schalter, kritzelten Zahlen in große Folianten, wogen auf Messingwaagen Münzen ab und prüften Edelsteine mit unter die Brauen geklemmten Uhrmacherlupen. Unzählige Türen führten in anschließende Räume, und andere Kobolde geleiteten Leute herein und hinaus. Hagrid und Harry traten vor den Schalter.
»Moin«, sagte Hagrid. »Wir sind hier, um ein wenig Geld aus Mr Harry Potters Safe zu entnehmen.«
»Sie haben seinen Schlüssel, Sir?«, fragte der Kobold.
»Hab ihn hier irgendwo«, sagte Hagrid und begann seine Taschen zu entleeren und ihren Inhalt auf dem Schalter auszubreiten, wobei er eine Hand voll krümeliger Hundekuchen über das Kassenbuch des Kobolds verstreute. Dieser rümpfte die Nase. Harry sah dem Kobold zu ihrer Rechten dabei zu, wie er einen Haufen Rubine wog, die so groß waren wie Eierkohlen.
»Hab ihn«, sagte Hagrid endlich und hielt dem Kobold einen kleinen goldenen Schlüssel vor die Nase.
Der Kobold nahm ihn genau in Augenschein.
»Das scheint in Ordnung zu sein.«
»Und ich habe außerdem einen Brief von Professor Dumbledore«, sagte Hagrid, sich mit gewichtiger Miene in die Brust werfend. »Es geht um den Du-weißt-schon-was in Verlies siebenhundertunddreizehn.«
Der Kobold las den Brief sorgfältig durch.
»Sehr gut«, sagte er und gab ihn Hagrid zurück. »Ich werde veranlassen, dass man Sie in beide Verliese führt. Griphook!«
Auch Griphook war ein Kobold. Sobald Hagrid alle seine Hundekuchen in die Taschen zurückgestopft hatte, folgten er und Harry Griphook zu einer der Türen, die aus der Halle hinausführten.
»Was ist der Du-weißt-schon-was in Verlies siebenhundertunddreizehn?«, fragte Harry.
»Darf ich nicht sagen«, meinte Hagrid geheimnistuerisch. »Streng geheim. Hat mit Hogwarts zu tun. Dumbledore vertraut mir. Lohnt sich nicht, meinen Job zu riskieren und es dir zu sagen.«
Griphook hielt die Tür für sie auf. Harry, der noch mehr Marmor erwartet hatte, war überrascht. Sie waren nun in einem engen, steinernen Gang, den lodernde Fackeln erleuchteten. In den Boden waren schmale Bahngeleise eingelassen, die steil in die Tiefe führten. Griphook pfiff und ein kleiner Karren kam auf den Schienen zu ihnen hochgezockelt. Sie kletterten hinauf und setzten sich – Hagrid mit einigen Schwierigkeiten – und schon ging es los.
Zuerst fuhren sie durch ein Gewirr sich überkreuzender Gänge. Harry versuchte sich den Weg zu merken, links, rechts, rechts, links, durch die Mitte, rechts, links – doch es war unmöglich. Der ratternde Karren schien zu wissen, wo es langging, denn es war nicht Griphook, der ihn steuerte.
Harrys Augen schmerzten in der kalten Luft, durch die sie sausten, doch er hielt sie weit geöffnet. Einmal meinte er am Ende eines Durchgangs einen Feuerstoß zu erkennen und wandte sich rasch um, denn vielleicht war es ein Drache – aber zu spät. Sie drangen weiter in die Tiefe vor und passierten einen unterirdischen See, bei dem riesige Stalaktiten und Stalagmiten von der Decke und aus dem Boden wucherten.
»Ich kann mir nie merken«, rief Harry durch das lärmende Rattern des Karrens Hagrid zu, »was der Unterschied zwischen Stalaktiten und Stalagmiten ist.«
»Stalagmiten haben ein ›m‹ in der Mitte«, sagte Hagrid. »Und jetzt keine Fragen mehr, mir ist schlecht.«
Er war ganz grün im Gesicht, und als die Karre endlich neben einer kleinen Tür in der Wand des unterirdischen Ganges hielt, stieg Hagrid aus und musste sich gegen die Wand lehnen, um seine zitternden Knie zu beruhigen.
Griphook schloss die Tür auf. Ein Schwall grünen Rauchs drang heraus, und als er sich verzogen hatte, stockte Harry der Atem. Im Innern lagen hügelweise Goldmünzen. Stapelweise Silbermünzen. Haufenweise kleine bronzene Knuts.
»Alles dein«, sagte Hagrid lächelnd.
Alles gehörte Harry – das war unglaublich. Die Dursleys konnten davon nichts gewusst haben, oder sie hätten es ihm schneller abgenommen, als er blinzeln konnte. Wie oft hatten sie sich darüber beschwert, wie viel es sie kostete, für Harry zu sorgen? Und die ganze Zeit über war ein kleines Vermögen, das ihm gehörte, tief unter Londons Straßen vergraben gewesen.
Hagrid half Harry dabei, einen Teil der Schätze in eine Tüte zu packen.
»Die goldenen sind Galleonen«, erklärte er. »Siebzehn Silbersickel sind eine Galleone und neunundzwanzig Knuts sind eine Sickel. Nichts einfacher als das. Gut, das sollte für ein paar Schuljahre reichen, wir bewahren den Rest für dich auf.« Er wandte sich Griphook zu. »Verlies siebenhundertunddreizehn jetzt, bitte, und können wir etwas langsamer fahren?«
»Nur eine Geschwindigkeit«, sagte Griphook.
Sie fuhren nun noch tiefer hinunter und wurden allmählich schneller. Während sie durch scharfe Kurven rasten, wurde die Luft immer kälter. Sie ratterten über eine unterirdische Schlucht hinweg, und Harry lehnte sich über den Wagenrand, um zu sehen, was tief unten auf dem dunklen Grund war, doch Hagrid stöhnte und zog ihn am Kragen zurück.
Verlies siebenhundertunddreizehn hatte kein Schlüsselloch.
»Zurücktreten«, sagte Griphook mit achtungheischender Stimme. Mit einem seiner langen Finger streichelte er sanft die Tür – die einfach wegschmolz.
»Sollte jemand dies versuchen, der kein Kobold von Gringotts ist, dann wird er durch die Tür gesogen und sitzt dort drin in der Falle«, sagte Griphook.
»Wie oft schaust du nach, ob jemand dort ist?«, fragte Harry.
»Einmal in zehn Jahren vielleicht«, sagte Griphook mit einem ziemlich gemeinen Grinsen.
In diesem Hochsicherheitsverlies musste etwas ganz Besonderes aufbewahrt sein, da war sich Harry sicher, und er steckte seine Nase begierig hinein, um zumindest ein paar sagenhafte Juwelen zu sehen – doch auf den ersten Blick schien alles leer. Dann bemerkte er auf dem Boden ein schmutziges, mit braunem Papier umwickeltes Päckchen. Hagrid hob es auf und verstaute es irgendwo in den Tiefen seines Umhangs. Harry hätte zu gern gewusst, was es war, aber ihm war klar, dass er besser nicht danach fragte.
»Los komm, zurück auf diese Höllenkarre, und red auf dem Rückweg nicht. Es ist besser, wenn ich den Mund geschlossen halte«, sagte Hagrid.
Nach einer weiteren haarsträubenden Fahrt auf dem Karren standen sie endlich wieder draußen vor Gringotts und blinzelten in das Sonnenlicht. Nun, da Harry einen Sack voll Geld besaß, wusste er nicht, wo er zuerst hinlaufen sollte. Er musste nicht wissen, wie viel Galleonen ein englisches Pfund ausmachten, um sich bewusst zu sein, dass er noch nie im Leben so viel Geld besessen hatte – mehr Geld, als selbst Dudley jemals gehabt hatte.
»Könnten jetzt eigentlich mal deine Uniform kaufen«, sagte Hagrid und nickte zu Madam Malkins Anzüge für alle Gelegenheiten hinüber. »Hör mal, Harry, würd es dir was ausmachen, wenn ich mir einen kleinen Magenbitter im Tropfenden Kessel genehmige? Ich hasse die Fuhrwerke bei Gringotts.« Er sah immer noch etwas bleich aus. Und so betrat der ein wenig nervöse Harry allein Madam Malkins Laden.
Madam Malkin war eine stämmige, lächelnde Hexe, die von Kopf bis Fuß malvenfarben gekleidet war.
»Hogwarts, mein Lieber?«, sagte sie, kaum hatte Harry den Mund aufgemacht. »Hab die Sachen hier – übrigens wird hier gerade noch ein junger Mann ausgestattet.«
Hinten im Laden stand auf einem Schemel ein Junge mit blassem, spitzem Gesicht, und eine zweite Hexe steckte seinen langen schwarzen Umhang mit Nadeln ab. Madam Malkin stellte Harry auf einen Stuhl daneben, ließ einen langen Umhang über seinen Kopf gleiten und steckte mit Nadeln die richtige Länge ab.
»Hallo«, sagte der Junge. »Auch Hogwarts?«
»Ja«, sagte Harry.
»Mein Vater ist nebenan und kauft die Bücher, und Mutter ist ein paar Läden weiter und sucht nach Zauberstäben«, sagte der Junge. Er sprach mit gelangweilter, schleppender Stimme. »Danach werd ich sie mitschleifen und mir einen Rennbesen aussuchen. Ich seh nicht ein, warum Erstklässler keinen eigenen haben dürfen. Ich glaub, ich geh meinem Vater so lange auf die Nerven, bis er mir einen kauft, und schmuggel ihn dann irgendwie rein.«
Der Junge erinnerte Harry stark an Dudley.
»Hast du denn deinen eigenen Besen?«, fuhr er fort.
»Nein«, sagte Harry.
»Spielst du überhaupt Quidditch?«
»Nein«, sagte Harry erneut und fragte sich, was zum Teufel Quidditch denn sein könnte.
»Aber ich – Vater sagt, es wäre eine Schande, wenn ich nicht ausgewählt werde, um für mein Haus zu spielen, und ich muss sagen, er hat Recht. Weißt du schon, in welches Haus du kommst?«
»Nein«, sagte Harry und fühlte sich mit jeder Minute dümmer.
»Na ja, eigentlich weiß es keiner, bevor er hinkommt, aber ich weiß, dass ich im Slytherin sein werde, unsere ganze Familie war da. – Stell dir vor, du kommst nach Hufflepuff, ich glaub, ich würde abhauen, du nicht?«
»Mmm«, sagte Harry und wünschte, er könnte etwas Interessanteres sagen.
»Ach herrje, schau dir mal diesen Mann an!«, sagte der Junge plötzlich und deutete auf das Schaufenster. Draußen stand Hagrid, grinste Harry zu und hielt zwei große Tüten mit Eiskrem hoch, um zu zeigen, dass er nicht hereinkommen konnte.
»Das ist Hagrid«, sagte Harry, froh, dass er etwas wusste, was der Junge nicht wusste. »Er arbeitet in Hogwarts.«
»Oh«, sagte der Junge, »ich hab von ihm gehört. Er ist ein Knecht oder so was, nicht wahr?«
»Er ist der Wildhüter«, sagte Harry. Er konnte den Jungen mit jeder Sekunde weniger ausstehen.
»Ja, genau. Ich hab gehört, dass er eine Art Wilder ist – lebt in einer Hütte auf dem Schulgelände, betrinkt sich des Öfteren, versucht zu zaubern und steckt am Ende sein Bett in Brand.«
»Ich halte ihn für brillant«, sagte Harry kühl.
»Tatsächlich?«, sagte der Junge mit einer Spur Häme. »Warum ist er mit dir zusammen? Wo sind deine Eltern?«
»Sie sind tot«, sagte Harry knapp. Er hatte keine große Lust, mit diesem Jungen darüber zu sprechen.
»Oh, tut mir leid«, sagte der andere, wobei es gar nicht danach klang. »Aber sie gehörten zu uns, oder?«
»Sie war eine Hexe und er ein Zauberer, falls du das meinst.«
»Ich halte überhaupt nichts davon, die andern aufzunehmen, du etwa? Die sind einfach anders erzogen worden als wir und gehören eben nicht dazu. Stell dir vor, manche von ihnen wissen nicht einmal von Hogwarts, bis sie ihren Brief bekommen. Ich meine, die alten Zaubererfamilien sollten unter sich bleiben. Wie heißt du eigentlich mit Nachnamen?«
Doch bevor Harry antworten konnte, sagte Madam Malkin: »So, das wär’s, mein Lieber«, und Harry, froh über die Gelegenheit, von dem Jungen loszukommen, sprang von seinem Schemel herunter.
»Gut, wir sehen uns in Hogwarts, nehme ich an«, sagte der Junge mit der schleppenden Stimme.
Recht wortkarg schleckte Harry das Eis, das Hagrid ihm gekauft hatte (Schokolade und Himbeere mit Nussstückchen).
»Was ist los?«, sagte Hagrid.
»Nichts«, log Harry. Sie traten in einen Laden, um Pergament und Federkiele zu kaufen. Harrys Laune besserte sich etwas, als sie eine Flasche Tinte kauften, die beim Schreiben ihre Farbe veränderte. Als sie wieder draußen waren, sagte er: »Hagrid, was ist Quidditch?«
»Mein Gott, Harry, ich vergess immer, wie wenig du weißt – kennst nicht mal Quidditch!«
»Mach’s nicht noch schlimmer«, sagte Harry. Er erzählte Hagrid von dem blassen Jungen bei Madam Malkin.
»… und er sagte, Leute aus Muggelfamilien sollten gar nicht aufgenommen werden …«
»Du bist nicht aus einer Muggelfamilie. Wenn er wüsste, wer du bist – wenn seine Eltern Zauberer sind, dann hat er deinen Namen mit der Muttermilch eingesogen – du hast die Zauberer im Tropfenden Kessel gesehen. Und außerdem, was weiß er schon, manche von den Besten waren die Einzigen in einer langen Linie von Muggels, die das Zeug zum Zaubern hatten – denk an deine Mum! Denk mal daran, was sie für eine Schwester hatte!«
»Also was ist jetzt Quidditch?«
»Das ist unser Sport. Zauberersport. Es ist wie – wie Fußball in der Muggelwelt – alle fahren auf Quidditch ab – man spielt es in der Luft auf Besen und mit vier Bällen – nicht ganz einfach, die Regeln zu erklären.«
»Und was sind Slytherin und Hufflepuff?«
»Schulhäuser. Es gibt vier davon. Alle sagen, in Hufflepuff sind ’ne Menge Flaschen, aber –«
»Ich wette, ich komme nach Hufflepuff«, sagte Harry bedrückt.
»Besser Hufflepuff als Slytherin«, sagte Hagrid mit düsterer Stimme. »Die Hexen und Zauberer, die böse wurden, waren allesamt in Slytherin. Du-weißt-schon-wer war einer davon.«
»Vol-, ’tschuldigung – Du-weißt-schon-wer war in Hogwarts?«
»Das ist ewig lange her«, sagte Hagrid.
Sie kauften die Schulbücher für Harry in einem Laden namens Flourish & Blotts, wo die Regale bis an die Decke vollgestopft waren mit in Leder gebundenen Büchern, so groß wie Gehwegplatten; andere waren klein wie Briefmarken und in Seide gebunden; viele Bücher enthielten merkwürdige Symbole, und es gab auch einige, in denen gar nichts stand. Selbst Dudley, der nie las, wäre ganz scharf auf manche davon gewesen. Hagrid musste Harry beinahe wegziehen von Werken wie Flüche und Gegenflüche (Verzaubern Sie Ihre Freunde und verhexen Sie Ihre Feinde mit den neuesten Racheakten: Haarausfall, Wabbelbeine, Vertrocknete Zunge und vieles, vieles mehr) von Professor Vindictus Viridian.
»Ich möchte rausfinden, wie ich Dudley verhexen kann.«
»Keine schlechte Idee, würd ich meinen, aber du sollst in der Muggelwelt nicht zaubern, außer wenn’s brenzlig wird«, sagte Hagrid. »Und du könntest mit diesen Flüchen ohnehin noch nicht umgehen, du musst noch sehr viel lernen, bis du das kannst.«
Hagrid wollte Harry auch keinen Kessel aus purem Gold kaufen lassen (»auf der Liste steht Zinn«), aber sie fanden eine praktische kleine Waage, um die Zutaten für die Zaubertränke abzumessen, und ein zusammenschiebbares Messingteleskop. Danach schauten sie in der Apotheke vorbei. Hier stank es zwar fürchterlich nach einer Mischung aus faulen Eiern und verrottetem Kohl, doch es gab viele interessante Dinge zu sehen. Auf dem Boden standen Fässer, die mit einer Art Schleim gefüllt waren; die Regale an den Wänden waren vollgestellt mit Gläsern, die Kräuter, getrocknete Wurzeln und hellfarbene Pulver enthielten; von der Decke hingen Federbüschel, an Schnüren aufgezogene Reißzähne und Krallenbündel. Während Hagrid den Mann hinter der Theke um eine Auswahl wichtiger Zaubertrankzutaten für Harry bat, untersuchte Harry selbst die silbernen Einhorn-Hörner zu einundzwanzig Galleonen das Stück und die winzigen glänzend schwarzen Käferaugen (fünf Knuts der Schöpflöffel).
Draußen vor der Apotheke warf Hagrid noch einmal einen Blick auf Harrys Liste.
»Nur dein Zauberstab fehlt noch – ach ja, und ich hab immer noch kein Geburtstagsgeschenk für dich.«
Harry spürte, wie er rot wurde.
»Du musst mir kein –«
»Ich weiß, ich muss nicht. Weißt du was, ich kauf dir das Tier. Keine Kröte, Kröten sind schon seit Jahren nicht mehr angesagt, man würde dich auslachen – und ich mag keine Katzen, von denen muss ich niesen. Ich kauf dir eine Eule. Alle Kinder wollen Eulen, die sind unglaublich nützlich, besorgen deine Post und so weiter.«
Zwanzig Minuten später verließen sie Eeylops Eulenkaufhaus. Dunkel war es dort gewesen, aus der einen oder andern Ecke hatten sie ein Flattern gehört, und gelegentlich waren diamanthelle Augenpaare aufgeblitzt. Harry trug jetzt einen großen Käfig, in dem eine wunderschöne Schneeeule saß, tief schlafend mit dem Kopf unter einem Flügel. Unablässig stammelte er seinen Dank und klang dabei genau wie Professor Quirrell.
»Nicht der Rede wert«, sagte Hagrid schroff. »Kann mir denken, dass du von diesen Dursleys nicht allzu viele Geschenke bekommen hast. Müssen jetzt nur noch zu Ollivander, dem Laden für Zauberstäbe, und du brauchst den besten.«
Ein Zauberstab … darauf war Harry am meisten gespannt.
Der Laden war eng und schäbig. Über der Tür hieß es in abblätternden Goldbuchstaben: Ollivander – Gute Zauberstäbe seit 382 v. Chr. Auf einem verblassten purpurroten Kissen im staubigen Fenster lag ein einziger Zauberstab.
Sie traten ein und von irgendwo ganz hinten im Laden kam das helle Läuten einer Glocke. Der Raum war klein und leer mit Ausnahme eines einzigen storchbeinigen Stuhls, auf den sich Hagrid niederließ, um zu warten. Harry fühlte sich so fremd hier, als ob er eine Bibliothek mit sehr strenger Aufsicht betreten hätte. Er schluckte eine Menge neuer Fragen hinunter, die ihm gerade eingefallen waren, und betrachtete stattdessen tausende von länglichen Schachteln, die fein säuberlich bis an die Decke gestapelt waren. Aus irgendeinem Grund kribbelte es ihm im Nacken. Allein der Staub und die Stille hier schienen ihn mit einem geheimen Zauber zu kitzeln.
»Guten Tag«, sagte eine sanfte Stimme. Harry schreckte auf. Auch Hagrid musste erschrocken sein, denn ein lautes Knacken war zu hören, und rasch erhob er sich von den Storchenbeinen.
Ein alter Mann stand vor ihnen, seine weit geöffneten, blassen Augen leuchteten wie Monde durch die Düsternis des Ladens.
»Hallo«, sagte Harry verlegen.
»Ah ja«, sagte der Mann. »Ja, ja. Hab mir gedacht, dass Sie bald vorbeikommen. Harry Potter.« Das war keine Frage. »Sie haben die Augen Ihrer Mutter. Mir kommt es vor, als wäre sie erst gestern selbst hier gewesen und hätte ihren ersten Zauberstab gekauft. Zehneinviertel Zoll lang, geschmeidig, aus Weidenholz gefertigt. Hübscher Stab für bezaubernde Arbeit.«
Mr Ollivander trat näher. Harry wünschte, er würde einmal blinzeln. Diese silbernen Augen waren etwas gruslig.
»Ihr Vater hingegen wollte lieber einen Zauberstab aus Mahagoni. Elf Zoll. Elastisch. Ein wenig mehr Kraft und hervorragend geeignet für Verwandlungen. Nun ja, ich sage, Ihr Vater wollte ihn – im Grunde ist es natürlich der Zauberstab, der sich den Zauberer aussucht.«
Mr Ollivander war Harry so nahe gekommen, dass sich beider Nasenspitzen fast berührten. Harry konnte in diesen nebligen Augen sein Spiegelbild sehen.
»Und hier hat …«
Mr Ollivander berührte die blitzförmige Narbe auf Harrys Stirn mit einem langen, weißen Finger.
»Leider muss ich sagen, dass ich selbst den Zauberstab verkauft habe, der das angerichtet hat«, sagte er sanft. »Dreizehneinhalb Zoll. Eibe. Mächtiger Zauberstab, sehr mächtig, und in den falschen Händen … Nun, wenn ich gewusst hätte, was dieser Zauberstab draußen in der Welt anstellen würde …«
Er schüttelte den Kopf und bemerkte dann zu Harrys Erleichterung Hagrid.
»Rubeus! Rubeus Hagrid! Wie schön, Sie wiederzusehen … Eiche, sechzehn Zoll, recht biegsam, nicht wahr?«
»Ja, Sir, das war er«, sagte Hagrid.
»Guter Stab, muss ich sagen. Aber ich fürchte, man hat ihn zerbrochen, als Sie ausgeschlossen wurden?«, sagte Mr Ollivander plötzlich mit ernster Stimme.
»Ähm – ja, das haben sie, ja«, sagte Hagrid und scharrte mit den Füßen. »Hab aber immer noch die Stücke«, fügte er strahlend hinzu.
»Aber Sie benutzen sie nicht, oder?«, sagte Mr Ollivander scharf.
»O nein, Sir«, sagte Hagrid rasch. Harry bemerkte, dass er seinen rosa Schirm fest umklammerte, während er sprach.
»Hmmm«, sagte Mr Ollivander und sah Hagrid mit durchdringendem Blick an. »Nun zu Ihnen, Mr Potter. Schauen wir mal.« Er zog ein langes Bandmaß mit silbernen Strichen aus der Tasche. »Welche Hand ist Ihre Zauberhand?«
»Ähm – ich bin Rechtshänder«, sagte Harry.
»Strecken Sie Ihren Arm aus. Genau so.« Er maß Harry von der Schulter bis zu den Fingerspitzen, dann vom Handgelenk zum Ellenbogen, von der Schulter bis zu den Füßen, vom Knie zur Armbeuge und schließlich von Ohr zu Ohr. Während er mit dem Maßband arbeitete, sagte er: »Jeder Zauberstab von Ollivander hat einen Kern aus einem mächtigen Zauberstoff, Mr Potter. Wir benutzen Einhornhaare, Schwanzfedern von Phönixen und die Herzfasern von Drachen. Keine zwei Ollivander-Stäbe sind gleich, ebenso wie kein Einhorn, Drache oder Phönix dem andern aufs Haar gleicht. Und natürlich werden Sie mit dem Stab eines anderen Zauberers niemals so hervorragende Resultate erzielen.«
Harry fiel plötzlich auf, dass das Maßband, welches gerade den Abstand zwischen seinen Nasenlöchern maß, dies von selbst tat. Mr Ollivander huschte zwischen den Regalen herum und nahm Schachteln herunter.
»Das wird reichen«, sagte er und das Bandmaß schnurrte zu einem Haufen auf dem Boden zusammen. »Nun gut, Mr Potter. Probieren Sie mal diesen. Buchenholz und Drachenherzfasern. Neun Zoll. Handlich und biegsam. Nehmen Sie ihn einfach mal und schwingen Sie ihn durch die Luft.«
Harry nahm den Zauberstab in die Hand und schwang ihn ein wenig hin und her (wobei er sich albern vorkam), doch Mr Ollivander riss ihm den Stab gleich wieder weg.
»Ahorn und Phönixfeder. Sieben Zoll. Peitscht so richtig. Versuchen Sie’s!«
Harry versuchte es, doch kaum hatte er den Zauberstab erhoben, entriss ihm Mr Ollivander auch diesen.
»Nein, nein – hier, Ebenholz und Einhornhaare, achteinhalb Zoll, federnd. Nur zu, nur zu, probieren Sie ihn aus.«
Harry probierte. Und probierte. Er hatte keine Ahnung, worauf Mr Ollivander eigentlich wartete. Der Stapel mit den abgelegten Zauberstäben auf dem storchbeinigen Stuhl wuchs immer höher, doch je mehr Zauberstäbe Mr Ollivander von den Regalen zog, desto glücklicher schien er zu werden.
»Schwieriger Kunde, was? Keine Sorge, wir werden hier irgendwo genau das Richtige finden. Ich frage mich jetzt – ja, warum eigentlich nicht – ungewöhnliche Verbindung – Stechpalme und Phönixfeder, elf Zoll, handlich und geschmeidig.«
Harry ergriff den Zauberstab. Plötzlich spürte er Wärme in den Fingern. Er hob den Stab über den Kopf und ließ ihn durch die staubige Luft herabsausen. Ein Strom roter und goldener Funken schoss aus der Spitze hervor wie ein Feuerwerk, das tanzende Lichtflecken auf die Wände warf. Hagrid johlte und klatschte, und Mr Ollivander rief: »Aah, bravo. Ja, in der Tat, oh, sehr gut. Gut, gut, gut … Wie seltsam … Ganz seltsam …«
Er legte Harrys Zauberstab zurück in die Schachtel, immer noch murmelnd: »Seltsam … Seltsam …«
»Verzeihung«, sagte Harry, »aber was ist seltsam?«
Mr Ollivander sah Harry mit blassen Augen fest an.
»Ich erinnere mich an jeden Zauberstab, den ich je verkauft habe, Mr Potter. An jeden einzelnen. Es trifft sich nun, dass der Phönix, dessen Schwanzfeder in Ihrem Zauberstab steckt, noch eine andere Feder gab – nur eine noch. Es ist schon sehr seltsam, dass Sie für diesen Zauberstab bestimmt sind, während sein Bruder – nun ja, sein Bruder Ihnen diese Narbe beigebracht hat.«
Harry schluckte.
»Ja, dreizehneinhalb Zoll. Eibe. Wirklich merkwürdig, wie die Dinge zusammentreffen. Der Zauberstab sucht sich den Zauberer, erinnern Sie sich … Ich denke, wir haben Großartiges von Ihnen zu erwarten, Mr Potter … Schließlich hat auch Er-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf Großartiges getan – Schreckliches, ja, aber Großartiges.«
Harry schauderte. Er war sich nicht sicher, ob er Mr Ollivander besonders gut leiden mochte. Er zahlte sieben goldene Galleonen für seinen Zauberstab und Mr Ollivander geleitete sie mit einer Verbeugung aus der Tür.
Die späte Nachmittagssonne stand tief am Himmel, als sich Harry und Hagrid auf den Rückweg durch die Winkelgasse machten, zurück durch die Mauer, zurück durch den Tropfenden Kessel, der nun menschenleer war. Harry schwieg, während sie die Straße entlanggingen; er bemerkte nicht einmal, wie viele Menschen in der U-Bahn sie mit offenem Munde anstarrten, beladen, wie sie waren, mit ihren merkwürdigen Päckchen und mit der schlafenden Schneeeule auf Harrys Schoß. Wieder fuhren sie eine Rolltreppe hoch, und hinaus ging es auf den Bahnhof Paddington. Harry erkannte erst, wo sie waren, als Hagrid ihm auf die Schulter klopfte.
»Haben noch Zeit für einen Imbiss, bevor dein Zug geht«, sagte er.
Er kaufte für sich und Harry zwei Hamburger, und sie setzten sich auf die Plastiksitze, um sie zu verspeisen. Harry sah sich unablässig um. Alles kam ihm irgendwie fremd vor.
»Alles in Ordnung mit dir, Harry? Du bist ja ganz still«, sagte Hagrid.
Harry wusste nicht recht, wie er es erklären konnte. Gerade hatte er den schönsten Geburtstag seines Lebens verbracht. Und doch, er kaute an seinem Hamburger und versuchte die richtigen Worte zu finden.
»Alle denken, ich sei etwas Besonderes«, sagte er endlich. »All diese Leute im Tropfenden Kessel, Professor Quirrell, Mr Ollivander … Aber ich weiß überhaupt nichts von Zauberei. Wie können sie großartige Dinge von mir erwarten? Ich bin berühmt, und ich kann mich nicht einmal daran erinnern, wofür ich berühmt bin. Ich weiß nicht, was passiert ist, als Vol-, tut mir leid – ich meine, in der Nacht, als meine Eltern starben.«
Hagrid beugte sich über den Tisch. Hinter dem wilden Bart und den buschigen Augenbrauen entdeckte Harry ein liebevolles Lächeln.
»Mach dir keine Sorgen, Harry. Du wirst alles noch schnell genug lernen. In Hogwarts fangen sie alle ganz von vorne an, es wird dir sicher gut gehen. Sei einfach du selbst. Ich weiß, es ist schwer. Du bist auserwählt worden und das ist immer schwer. Aber du wirst eine tolle Zeit in Hogwarts verbringen – wie ich damals – und heute noch, um genau zu sein.«
Hagrid half Harry in den Zug, der ihn zu den Dursleys zurückbringen würde, und reichte ihm dann einen Umschlag.
»Deine Fahrkarte nach Hogwarts«, sagte er. »Am 1. September Bahnhof King’s Cross – steht alles drauf. Wenn du irgendwelche Schwierigkeiten mit den Dursleys hast, schick mir deine Eule, sie weiß, wo sie mich findet … Bis bald, Harry.«
Der Zug fuhr aus dem Bahnhof hinaus. Harry wollte Hagrid beobachten, bis er außer Sicht war; er setzte sich auf und drückte die Nase gegen das Fenster. Doch er blinzelte und schon war Hagrid verschwunden.
Abreise von Gleis neundreiviertel
Harrys letzter Monat bei den Dursleys war nicht besonders lustig. Gewiss, Dudley hatte nun so viel Angst vor Harry, dass er nicht im selben Zimmer mit ihm bleiben wollte, und Tante Petunia und Onkel Vernon schlossen Harry nicht mehr in den Schrank ein, zwangen ihn zu nichts und schrien ihn nicht an – in Wahrheit sprachen sie kein Wort mit ihm. Halb entsetzt, halb wütend taten sie, als ob der Stuhl, auf dem Harry saß, leer wäre. So ging es ihm in mancher Hinsicht besser als zuvor, doch mit der Zeit wurde er ein wenig niedergeschlagen.
Harry blieb gerne in seinem Zimmer in Gesellschaft seiner Eule. Er hatte beschlossen, sie Hedwig zu nennen, ein Name, den er in der Geschichte der Zauberei gefunden hatte. Seine Schulbücher waren sehr interessant. Er lag auf dem Bett und las bis spät in die Nacht, während Hedwig durchs offene Fenster hinaus- oder hereinflatterte, wie es ihr gefiel. Ein Glück, dass Tante Petunia nicht mehr mit dem Staubsauger hereinkam, denn andauernd brachte Hedwig tote Mäuse mit. Harry hatte einen Monatskalender an die Wand geheftet, und jede Nacht, bevor er einschlief, hakte er einen weiteren Tag ab.
Am letzten Augusttag fiel ihm ein, dass er wohl mit Onkel und Tante darüber reden müsse, wie er am nächsten Tag zum Bahnhof King’s Cross kommen sollte. Er ging hinunter ins Wohnzimmer, wo sie sich ein Fernsehquiz ansahen. Als er sich räusperte, um auf sich aufmerksam zu machen, schrie Dudley auf und rannte davon.
»Ähm – Onkel Vernon?«
Onkel Vernon grunzte zum Zeichen, dass er hörte.
»Ähm – ich muss morgen nach King’s Cross, um … um nach Hogwarts zu fahren.«
Onkel Vernon grunzte erneut.
»Würde es dir etwas ausmachen, mich hinzufahren?«
Ein Brummen. Harry nahm an, dass es Ja hieß.
»Danke.«
Er war schon auf dem Weg zur Treppe, als Onkel Vernon tatsächlich den Mund aufmachte.
»Komische Art, zu einer Zaubererschule zu kommen, mit dem Zug. Die fliegenden Teppiche haben wohl alle Löcher, was?«
Harry schwieg.
»Wo ist diese Schule überhaupt?«
»Ich weiß es nicht«, sagte Harry, selbst davon überrascht. Er zog die Fahrkarte, die Hagrid ihm gegeben hatte, aus der Tasche.
»Ich nehme einfach den Zug um elf Uhr von Gleis neundreiviertel«, las er laut.
Tante und Onkel starrten ihn an.
»Gleis wie viel?«
»Neundreiviertel.«
»Red keinen Stuss«, sagte Onkel Vernon, »es gibt kein Gleis neundreiviertel.«
»Es steht auf meiner Fahrkarte.«
»Total verrückt«, sagte Onkel Vernon, »vollkommen übergeschnappt, das ganze Pack. Du wirst sehen. Wart’s nur ab. Gut, wir fahren dich nach King’s Cross. Wir müssen morgen ohnehin nach London, sonst würd ich mir die Mühe ja nicht machen.«
»Warum fahrt ihr nach London?«, fragte Harry, um das Gespräch ein wenig freundlich zu gestalten.
»Wir bringen Dudley ins Krankenhaus«, knurrte Onkel Vernon. »Bevor er nach Smeltings kommt, muss dieser vermaledeite Schwanz weg.«
Am nächsten Morgen wachte Harry um fünf Uhr auf, viel zu aufgeregt und nervös, um wieder einschlafen zu können. Er stieg aus dem Bett und zog seine Jeans an, weil er nicht in seinem Zaubererumhang auf dem Bahnhof erscheinen wollte – er würde sich dann im Zug umziehen. Noch einmal ging er die Liste für Hogwarts durch, um sich zu vergewissern, dass er alles Nötige dabeihatte, und schloss Hedwig in ihren Käfig ein. Dann ging er im Zimmer auf und ab, darauf wartend, dass die Dursleys aufstanden. Zwei Stunden später war Harrys riesiger, schwerer Koffer im Wagen der Dursleys verstaut, Tante Petunia hatte Dudley überredet, sich neben Harry zu setzen, und los ging die Fahrt.
Sie erreichten King’s Cross um halb elf. Onkel Vernon packte Harrys Koffer auf einen Gepäckwagen und schob ihn in den Bahnhof. Harry fand dies ungewöhnlich freundlich von ihm, bis Onkel Vernon mit einem hässlichen Grinsen auf dem Gesicht vor den Bahnsteigen Halt machte.
»Nun, das war’s, Junge. Gleis neun – Gleis zehn. Dein Gleis sollte irgendwo dazwischen liegen, aber sie haben es wohl noch nicht gebaut, oder?«
Natürlich hatte er vollkommen Recht. Über dem Bahnsteig hing auf der einen Seite die große Plastikziffer 9, über der anderen die große Plastikziffer 10, und dazwischen war nichts.
»Na dann, ein gutes Schuljahr«, sagte Onkel Vernon mit einem noch hässlicheren Grinsen. Er verschwand, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Harry wandte sich um und sah die Dursleys wegfahren. Alle drei lachten. Harrys Mund wurde ganz trocken. Was um Himmels willen sollte er tun? Schon richteten sich viele erstaunte Blicke auf ihn – wegen Hedwig. Er musste jemanden fragen.
Er sprach einen vorbeigehenden Wachmann an, wagte es aber nicht, Gleis neundreiviertel zu erwähnen. Der Wachmann hatte nie von Hogwarts gehört, und als Harry ihm nicht einmal sagen konnte, in welchem Teil des Landes die Schule lag, wurde er zusehends ärgerlich, als ob Harry sich absichtlich dumm anstellen würde. Schon ganz verzweifelt fragte Harry nach dem Zug, der um elf Uhr ging, doch der Wachmann meinte, es gebe keinen. Eine mürrische Bemerkung über Zeitverschwender auf den Lippen, ging er schließlich davon. Harry versuchte mit aller Macht, ruhig Blut zu bewahren. Der großen Uhr über der Ankunfttafel nach hatte er noch zehn Minuten, um in den Zug nach Hogwarts zu steigen, und er hatte keine Ahnung, wie er das anstellen sollte. Da stand er nun, verloren mitten auf einem Bahnhof, mit einem Koffer, den er kaum vom Boden heben konnte, einer Tasche voller Zauberergeld und einer großen Eule.
Hagrid musste vergessen haben, ihm zu sagen, dass er etwas Bestimmtes tun sollte, so wie man auf den dritten Backstein zur Linken klopfen musste, um auf die Winkelgasse zu kommen. Sollte er vielleicht seinen Zauberstab herausholen und auf den Fahrkartenschalter zwischen Gleis neun und Gleis zehn klopfen?
In diesem Augenblick ging eine Gruppe von Menschen dicht hinter ihm vorbei und er schnappte ein paar Worte ihrer Unterhaltung auf:
»… voller Muggel, natürlich …«
Harry wandte sich rasch um. Gesprochen hatte eine kugelrunde Frau, um sie herum vier Jungen, allesamt mit flammend rotem Haar. Jeder der vier schob einen Koffer, so groß wie der Harrys, vor sich her – und sie hatten eine Eule dabei.
Mit klopfendem Herzen schob Harry seinen Gepäckwagen hinter ihnen her. Sie hielten an, und auch Harry blieb stehen, dicht genug hinter ihnen, um sie zu hören.
»So, welches Gleis war es noch mal?«, fragte die Mutter der Jungen.
»Neundreiviertel«, piepste ein kleines Mädchen an ihrer Hand, das ebenfalls rote Haare hatte. »Mammi, kann ich nicht mitgehen …«
»Du bist noch zu klein, Ginny, und jetzt sei still. Percy, du gehst zuerst.«
Der offenbar älteste Junge machte sich auf den Weg in Richtung Bahnsteig neun und zehn. Harry beobachtete ihn, angestrengt darauf achtend, nicht zu blinzeln, damit ihm nichts entginge – doch gerade als der Junge die Absperrung zwischen den beiden Gleisen erreichte, schwärmte eine große Truppe Touristen an ihm vorbei, und als der letzte Rucksack sich verzogen hatte, war der Junge verschwunden.
»Fred, du bist dran«, sagte die rundliche Frau.
»Ich bin nicht Fred, ich bin George«, sagte der Junge. »Ehrlich mal, gute Frau, du nennst dich unsere Mutter? Kannst du nicht sehen, dass ich George bin?«
»Tut mir leid, George, mein Liebling.«
»War nur ’n Witz, ich bin Fred«, sagte der Junge, und fort war er. Sein Zwillingsbruder rief ihm nach, er solle sich beeilen, und das musste er getan haben, denn eine Sekunde später war er verschwunden – doch wie hatte er es geschafft?
Nun schritt der dritte Bruder zügig auf die Bahnsteigabsperrung zu – er war schon fast dort –, und dann, ganz plötzlich, war er nicht mehr zu sehen.
Er war spurlos verschwunden.
»Entschuldigen Sie«, sagte Harry zu der rundlichen Frau.
»Hallo, mein Junge«, sagte sie. »Das erste Mal nach Hogwarts? Ron ist auch neu.«
Sie deutete auf den letzten und jüngsten ihrer Söhne. Er war hoch gewachsen, dünn und schlaksig, hatte Sommersprossen, große Hände und Füße und eine kräftige Nase.
»Ja«, sagte Harry. »Die Sache ist die … ist nämlich die, ich weiß nicht, wie ich …«
»Wie du zum Gleis kommen sollst?«, sagte sie freundlich und Harry nickte.
»Keine Sorge«, sagte sie. »Du läufst einfach schnurstracks auf die Absperrung vor dem Bahnsteig für die Gleise neun und zehn zu. Halt nicht an und hab keine Angst, du könntest dagegenknallen, das ist sehr wichtig. Wenn du nervös bist, dann renn lieber ein bisschen. Nun geh, noch vor Ron.«
»Ähm – ja«, sagte Harry.
Er drehte seinen Gepäckwagen herum und blickte auf die Absperrung. Sie machte einen sehr stabilen Eindruck.
Langsam ging er auf sie zu. Menschen auf dem Weg zu den Gleisen neun oder zehn rempelten ihn an. Harry beschleunigte seine Schritte. Er würde direkt in diesen Fahrkartenschalter knallen und dann säße er in der Patsche. Er lehnte sich, auf den Wagen gestützt, nach vorn und stürzte nun schwer atmend los – die Absperrung kam immer näher – anhalten konnte er nun nicht mehr – der Gepäckkarren war außer Kontrolle – noch ein halber Meter – er schloss die Augen, bereit zum Aufprall –
Nichts geschah … Harry rannte weiter … er öffnete die Augen.
Eine scharlachrote Dampflok stand an einem Bahnsteig bereit, der voller Menschen war. Auf einem Schild über der Lok stand Hogwarts-Express, 11 Uhr. Harry warf einen Blick über die Schulter und sah an der Stelle, wo der Fahrkartenschalter gestanden hatte, ein schmiedeeisernes Tor und darauf die Worte Gleis neundreiviertel. Er hatte es geschafft.
Die Lok blies Dampf über die Köpfe der schnatternden Menge hinweg, während sich hie und da Katzen in allen Farben zwischen den Beinen der Leute hindurchschlängelten. Durch das Geschnatter der Wartenden und das Kratzen der schweren Koffer schrien sich Eulen gegenseitig etwas mürrisch an.
Die ersten Waggons waren schon dicht mit Schülern besetzt. Einige lehnten sich aus den Fenstern und sprachen mit ihren Eltern und Geschwistern, andere stritten sich um Sitzplätze. Auf der Suche nach einem freien Platz schob Harry seinen Gepäckwagen weiter den Bahnsteig hinunter. Er kam an einem Jungen mit rundem Gesicht vorbei und hörte ihn klagen: »Oma, ich hab schon wieder meine Kröte verloren.«
»Ach, Neville«, hörte er die alte Frau seufzen.
Ein kleiner Auflauf hatte sich um einen Jungen mit Rastalocken gebildet.
»Lass uns nur einmal gucken, Lee, komm schon!«
Der Junge hob den Deckel einer Schachtel, die er in den Armen hielt, und die Umstehenden kreischten und schrien auf, als ein langes, haariges Bein zum Vorschein kam.
Harry schob sich weiter durch die Menge, bis er fast am Ende des Zuges ein leeres Abteil fand. Dort stellte er erst einmal Hedwig ab, dann begann er seinen Koffer in Richtung Waggontür zu wuchten. Er versuchte ihn die Stufen hochzuhieven, doch er konnte den Koffer kaum auch nur an einer Seite anheben. Zweimal fiel er ihm auf die Füße und das tat weh.
»Brauchst du Hilfe?« Das war einer der rothaarigen Zwillinge, denen er durch den Fahrkartenschalter gefolgt war.
»Ja, bitte«, keuchte Harry.
»Hallo, Fred! Pack mal mit an!«
Mit Hilfe der Zwillinge verstaute er seinen Koffer schließlich in einer Ecke des Abteils.
»Danke«, sagte Harry und wischte sich die schweißnassen Haare aus der Stirn.
»Was ist denn das?«, rief einer der Zwillinge plötzlich und deutete auf Harrys Blitznarbe.
»Mensch!«, sagte der andere Zwilling. »Bist du –?«
»Er ist es«, sagte der erste Zwilling. »Oder etwa nicht?«, fügte er an Harry gewandt hinzu.
»Wer?«, sagte Harry.
»Harry Potter«, riefen die Zwillinge im Chor.
»Oh, der«, sagte Harry. »Ja, allerdings, der bin ich.«
Die beiden Jungen starrten ihn mit offenen Mündern an, und Harry spürte, wie er rot wurde. Dann kam, zu seiner Erleichterung, eine Stimme durch die offene Waggontür hereingeschwebt.
»Fred? George? Seid ihr da drin?«
»Wir kommen, Mum.«
Mit einem letzten Blick auf Harry sprangen die Zwillinge aus dem Zug.
Harry setzte sich ans Fenster, wo er, halb verdeckt, die rothaarige Familie auf dem Bahnsteig beobachten und ihrem Gespräch lauschen konnte. Die Mutter hatte soeben ein Taschentuch hervorgezogen.
»Ron, du hast was an der Nase.«
Der Jüngste versuchte sich loszureißen, doch sie packte ihn und fing an seine Nase zu putzen.
»Mum – hör auf.« Er wand sich los.
»Aaah, hat Ronniespätzchen etwas am Näschen?«, sagte einer der Zwillinge.
»Halt den Mund«, sagte Ron.
»Wo ist Percy?«, fragte die Mutter.
»Da kommt er.«
Der älteste Junge kam angeschritten. Er hatte bereits seinen wogenden schwarzen Hogwarts-Umhang angezogen und Harry bemerkte ein schimmerndes rot-goldenes Abzeichen mit dem Buchstaben V auf seiner Brust.
»Kann nicht lange bleiben, Mutter«, sagte er. »Ich bin ganz vorn, die Vertrauensschüler haben zwei Abteile für sich.«
»Oh, du bist Vertrauensschüler, Percy?«, sagte einer der Zwillinge und tat ganz überrascht. »Hättest du doch etwas gesagt, wir wussten ja gar nichts davon.«
»Warte, mir ist, als hätte er mal was erwähnt«, sagte der andere Zwilling. »Einmal –«
»Oder auch zweimal –«
»So nebenbei –«
»Den ganzen Sommer über –«
»Ach, hört auf«, sagte Percy der Vertrauensschüler.
»Warum hat Percy eigentlich einen neuen Umhang?«, fragte einer der Zwillinge.
»Weil er ein Vertrauensschüler ist«, sagte die Mutter vergnügt. »Nun gut, mein Schatz, ich wünsch dir ein gutes Schuljahr – und schick mir eine Eule, wenn du angekommen bist.«
Sie küsste Percy auf die Wange und er verabschiedete sich. Dann wandte sie sich den Zwillingen zu.
»Und jetzt zu euch beiden. Dieses Jahr benehmt ihr euch. Wenn ich noch einmal eine Eule bekomme, die mir sagt, dass ihr – dass ihr ein Klo in die Luft gejagt habt oder –«
»Ein Klo in die Luft gejagt? Wir haben noch nie ein Klo in die Luft gejagt.«
»Ist aber eine klasse Idee, danke, Mum.«
»Das ist nicht lustig. Und passt auf Ron auf.«
»Keine Sorge, Ronniespätzchen ist sicher mit uns.«
»Haltet den Mund«, sagte Ron erneut. Er war schon fast so groß wie die Zwillinge, und seine Nase war dort, wo die Mutter sie geputzt hatte, immer noch rosa.
»He, Mum, weißt du was? Rate mal, wen wir im Zug getroffen haben!«
Harry lehnte sich rasch zurück, damit sie nicht sehen konnten, dass er sie beobachtete.
»Weißt du noch, dieser schwarzhaarige Junge, der im Bahnhof neben uns stand? Weißt du, wer das ist?«
»Wer?«
»Harry Potter!«
Harry hörte die Stimme des kleinen Mädchens.
»Oh, Mum, kann ich in den Zug gehen und ihn sehen? Mum, bitte …«
»Du hast ihn schon gesehen, Ginny, und der arme Junge ist kein Tier, das man sich anguckt wie im Zoo. Ist er es wirklich, Fred? Woher weißt du das?«
»Hab ihn gefragt. Hab seine Narbe gesehen. Es gibt sie wirklich – sieht aus wie ein Blitz.«
»Der Arme – kein Wunder, dass er allein war. Er hat ja so höflich gefragt, wie er auf den Bahnsteig kommen soll.«
»Schon gut, aber glaubst du, er erinnert sich daran, wie Du-weißt-schon-wer aussieht?«
Ihre Mutter wurde plötzlich sehr ernst.
»Ich verbiete dir, ihn danach zu fragen, Fred. Wag es ja nicht. Das hat ihm gerade noch gefehlt, dass er an seinem ersten Schultag daran erinnert wird.«
»Schon gut, reg dich ab.«
Ein Pfiff gellte über den Bahnsteig.
»Beeilt euch!«, sagte die Mutter und die drei Jungen stiegen in den Zug. Sie lehnten sich aus dem Fenster für einen Abschiedskuss und ihre kleine Schwester begann zu weinen.
»Nicht doch, Ginny, wir senden dir kistenweise Eulen.«
»Wir schicken dir eine Klobrille aus Hogwarts.«
»George!«
»War nur ’n Witz, Mum.«
Mit einem Ruck fuhr der Zug an. Harry sah die Mutter der Jungen und die kleine Schwester halb lachend, halb weinend zum Abschied winken. Sie rannten mit, bis der Zug zu schnell wurde, dann blieben sie stehen und winkten.
Der Zug ging in eine Kurve und Harry verlor das Mädchen und seine Mutter aus den Augen. Vor dem Fenster zogen Häuser vorbei. Plötzlich war Harry ganz aufgeregt. Er wusste nicht, was ihn erwartete – doch besser als das, was er zurückließ, musste es allemal sein.
Die Abteiltür glitt auf und der jüngste der Rotschöpfe kam herein.
»Sitzt da jemand?«, fragte er und deutete auf den Sitz gegenüber von Harry. »Der ganze Zug ist nämlich voll.«
Harry schüttelte den Kopf und der Junge setzte sich. Er warf Harry einen schnellen Blick zu und sah dann schweigend aus dem Fenster. Harry sah, dass er immer noch einen schwarzen Fleck auf der Nase hatte.
»He, Ron.«
Da waren die Zwillinge wieder.
»Hör mal, wir gehen weiter in die Mitte. Lee Jordan hat eine riesige Tarantel.«
»Macht nur«, murmelte Ron.
»Harry«, sagte der andere Zwilling, »haben wir uns eigentlich schon vorgestellt? Fred und George Weasley. Und das hier ist Ron, unser Bruder. Bis später dann.«
»Tschau«, sagten Harry und Ron. Die Zwillinge schoben die Abteiltür hinter sich zu.
»Bist du wirklich Harry Potter?«, kam es aus Ron hervorgesprudelt.
Harry nickte.
»Aah, gut, ich dachte, es wäre vielleicht wieder so ein Scherz von Fred und George«, sagte Ron. »Und hast du wirklich … du weißt schon …« Er deutete auf Harrys Stirn.
Harry strich sich die Haare aus dem Gesicht und zeigte ihm die Blitznarbe. Ron machte große Augen.
»Also hier hat Du-weißt-schon-wer …?«
»Ja«, sagte Harry, »aber ich kann mich nicht daran erinnern.«
»An nichts?«, fragte Ron neugierig.
»Na ja, ich erinnere mich noch, dass überall grünes Licht war, aber an sonst nichts.«
»Mensch«, sagte Ron. Er saß da, starrte Harry einige Zeit lang an, und dann, als sei ihm plötzlich klar geworden, was er da tat, wandte er seine Augen rasch wieder aus dem Fenster.
»Sind alle in eurer Familie Zauberer?«, fragte Harry, der Ron genauso interessant fand wie Ron ihn.
»Ähm – ja, ich denke schon«, sagte Ron. »Ich glaube, Mum hat noch einen zweiten Vetter, der Buchhalter ist, aber wir reden nie über ihn.«
»Dann musst du schon viel vom Zaubern verstehen.«
Die Weasleys waren offensichtlich eine dieser alten Zaubererfamilien, von denen der blasse Junge in der Winkelgasse gesprochen hatte.
»Ich hab gehört, dass du bei den Muggeln gelebt hast«, sagte Ron. »Wie sind die?«
»Fürchterlich – na ja, nicht alle. Meine Tante, mein Onkel und mein Vetter jedenfalls. Ich wünschte, ich hätte auch drei Zaubererbrüder.«
»Fünf«, sagte Ron. Aus irgendeinem Grund verdüsterte sich seine Miene. »Ich bin der Sechste in unserer Familie, der nach Hogwarts geht. Und das heißt, in mich setzt man hohe Erwartungen. Bill und Charlie sind schon nicht mehr dort – Bill war Schulsprecher und Charlie war Kapitän der Quidditch-Mannschaft. Und Percy ist jetzt Vertrauensschüler. Fred und George machen zwar eine Menge Unsinn, aber sie haben trotzdem ganz gute Noten und sind beliebt. Alle erwarten von mir, dass ich so gut bin wie die andern, aber wenn ich es schaffe, ist es keine große Sache, weil sie es schon vorgemacht haben. Außerdem kriegst du nie etwas Neues, wenn du fünf Brüder hast. Ich habe den alten Umhang von Bill, den alten Zauberstab von Charlie und die alte Ratte von Percy.«
Ron schob die Hand in die Jacke und zog eine fette, graue, schlafende Ratte hervor.
»Ihr Name ist Krätze und sie ist nutzlos, sie pennt immer. Percy hat von meinem Dad eine Eule bekommen, weil er Vertrauensschüler wurde, aber sie konnten sich keine – ich meine, ich habe stattdessen Krätze bekommen.«
Rons Ohren färbten sich rosa. Offenbar glaubte er, er habe jetzt zu viel gesagt, denn er sah jetzt wieder aus dem Fenster.
Harry fand es überhaupt nicht schlimm, wenn jemand sich keine Eule leisten konnte. Schließlich hatte er bis vor einem Monat keinen Penny gehabt, und er erzählte Ron auch, dass er immer Dudleys alte Klamotten tragen musste und nie ein richtiges Geburtstagsgeschenk bekommen hatte. Das schien Ron ein wenig aufzumuntern.
»… und bis Hagrid es mir gesagt hat, wusste ich überhaupt nicht, dass ich ein Zauberer bin, und auch nichts von meinen Eltern und Voldemort.«
Ron stockte der Atem.
»Was ist?«, fragte Harry.
»Du hast Du-weißt-schon-wen beim Namen genannt!«, sagte Ron, entsetzt und beeindruckt zugleich. »Ich hätte nicht gedacht, dass ausgerechnet du –«
»Ich möchte nicht so tun, als ob ich besonders mutig wäre, wenn ich den Namen sage«, antwortete Harry. »Ich habe einfach nie gewusst, dass man es nicht tun sollte. Verstehst du? Ich hab noch eine Menge zu lernen … Ich wette«, fuhr er fort und redete sich etwas von der Seele, das ihm seit kurzem viel Sorge bereitete, »ich wette, ich bin der Schlechteste in der Klasse.«
»Das glaube ich nicht. Es gibt eine Menge Leute aus Muggelfamilien und sie lernen trotzdem schnell.«
Während sie sich unterhielten, hatte der Zug London hinter sich gelassen. Wiesen mit Kühen und Schafen zogen nun schnell an ihnen vorbei. Eine Weile schwiegen sie und schauten hinaus auf Felder und Wege.
Um halb zwölf drang vom Gang ein lautes Geklirre und Geklapper herein, und eine Frau mit Grübchen in den Wangen schob die Tür auf und sagte lächelnd: »Eine Kleinigkeit vom Wagen gefällig, ihr Süßen?«
Harry, der nicht gefrühstückt hatte, sprang auf, doch Rons Ohren liefen wieder rosa an. Er habe Stullen dabei, nuschelte er. Harry trat hinaus in den Gang.
Bei den Dursleys hatte er nie Geld für Süßigkeiten gehabt, und nun, mit den Taschen voll klimpernder Gold- und Silbermünzen, hatte er große Lust, so viele Schokoriegel zu kaufen, wie er nur tragen konnte, doch die Frau hatte keine Schokoriegel. Es gab Bertie Botts Bohnen in allen Geschmacksrichtungen, Bubbels Besten Blaskaugummi, Schokofrösche, Kürbispasteten, Kesselkuchen, Lakritz-Zauberstäbe und einige andere seltsame Dinge, die Harry noch nie gesehen hatte. Damit ihm auch nichts entginge, nahm er von allem etwas und zahlte der Frau elf Silbersickel und sieben Bronzeknuts.
Ron machte große Augen, als Harry mit all den Sachen ins Abteil zurückkam und sie auf einen leeren Sitz fallen ließ.
»Bist wohl ziemlich hungrig?«
»Ich verhungere gleich«, sagte Harry und nahm einen großen Bissen von einer Kürbispastete.
Ron hatte ein klobiges Papierbündel herausgeholt und es aufgewickelt. Drin waren vier belegte Brote. Er zog eins davon auseinander und sagte: »Sie vergisst immer, dass ich kein Corned Beef mag.«
»Ich tausch es für eine hiervon«, sagte Harry und hielt eine Pastete hoch. »Na los –«
»Das Brot magst du sicher nicht, es ist ganz trocken«, sagte Ron. »Sie hat nicht viel Zeit«, fügte er rasch hinzu, »mit gleich fünfen von uns, du weißt ja.«
»Ach, komm schon, nimm dir eine Pastete«, sagte Harry, der noch nie etwas zu teilen gehabt hatte oder auch nur jemanden, mit dem er etwas hätte teilen können. Es war ein gutes Gefühl, hier mit Ron zu sitzen und sich durch all seine Pasteten und Kuchen zu futtern (die Stullen hatten sie längst vergessen).
»Was ist das?«, fragte Harry und hielt eine Schachtel Schokofrösche hoch. »Das sind keine echten Frösche, oder?« Allmählich hatte er das Gefühl, dass ihn nichts mehr überraschen würde.
»Nein«, sagte Ron. »Aber schau nach, was auf der Karte ist, mir fehlt noch Agrippa.«
»Was?«
»Ach, das weißt du natürlich nicht! In den Schokofröschen sind Bildkarten von berühmten Hexen und Zauberern zum Sammeln. Ich habe über fünfhundert, aber mir fehlen noch Agrippa und Ptolemäus.«
Harry wickelte den Schokofrosch aus und entnahm die Karte. Sie zeigte das Gesicht eines Mannes. Er trug eine Lesebrille, hatte eine lange, krumme Nase, wehendes Silberhaar und einen mächtigen Vollbart. Unter dem Bild stand der Name Albus Dumbledore.
»Das ist also Dumbledore!«, rief Harry.
»Sag bloß, du hast noch nie von Dumbledore gehört!«, rief Ron. »Kann ich einen Frosch haben? Vielleicht ist Agrippa drin. – Danke.«
Harry drehte seine Karte um und las:
Albus Dumbledore, gegenwärtig Schulleiter von Hogwarts.
Gilt bei vielen als der größte Zauberer der jüngeren Geschichte.
Professor Dumbledores Ruhm beruht vor allem auf seinem Sieg über den schwarzen Magier Grindelwald im Jahre 1945, auf der Entdeckung der zwölf Anwendungen für Drachenblut und auf seinem Werk über Alchemie, verfasst zusammen mit seinem Partner Nicolas Flamel. In seiner Freizeit hört Professor Dumbledore mit Vorliebe Kammermusik und spielt Bowling.
Harry drehte die Karte wieder um und stellte verblüfft fest, dass Dumbledores Gesicht verschwunden war.
»Er ist weg!«
»Tja, du kannst nicht erwarten, dass er den ganzen Tag hier rumhängt«, sagte Ron. »Er wird schon wiederkommen. Ach nein, ich hab schon wieder Morgana; von der hab ich doch schon sechs Stück … willst du sie? Du könntest anfangen zu sammeln.«
Rons Augen wanderten hinüber zu dem Haufen Schokofrösche, die nur darauf warteten, ausgewickelt zu werden.
»Bedien dich«, sagte Harry. »Aber in der … in der Muggelwelt bleiben die Leute einfach sichtbar.«
»Wirklich? Soll das heißen, sie bewegen sich überhaupt nicht?« Ron klang verblüfft. »Komisch!«
Harry machte große Augen, als Dumbledore wieder ins Bild auf seiner Karte huschte und ihn kaum merklich anlächelte. Ron war mehr daran interessiert, die Frösche zu verspeisen, als die Karten mit den berühmten Hexen und Zauberern zu betrachten, doch Harry konnte seine Augen nicht von ihnen abwenden. Bald besaß er nicht nur Dumbledore und Morgana, sondern auch Hengis von Woodcroft, Alberich Grunnion, Circe, Paracelsus und Merlin. Schließlich wandte er mit Mühe die Augen von der Druidin Cliodna ab, die sich gerade an der Nase kratzte, und öffnete eine Tüte Bertie Botts Bohnen aller Geschmacksrichtungen.
»Sei bloß vorsichtig mit denen«, warnte ihn Ron. »Wenn sie sagen, jede Geschmacksrichtung, dann meinen sie es auch. – Du kriegst zwar alle gewöhnlichen wie Schokolade und Pfefferminz und Erdbeere, aber auch Spinat und Leber und Kutteln. George meint, er habe mal eine mit Popelgeschmack gehabt.«
Ron nahm sich eine grüne Bohne, studierte sie sorgfältig und biss sich ein Stück ab.
»Ääähhh – siehst du? Rosenkohl.«
Die Bohnen jeder Geschmacksrichtung zu essen machte ihnen Spaß. Harry hatte Toast, Kokosnuss, gebackene Bohnen, Erdbeere, Curry, Gras, Kaffee und Sardine und war sogar kühn genug, um das Ende einer merkwürdigen grauen Bohne anzuknabbern, die Ron nicht einmal anfassen wollte. Sie schmeckte nach Pfeffer.
Die Landschaft, die nun am Fenster vorbeiflog, wurde zunehmend wilder. Die ordentlich bestellten Felder waren verschwunden. Jetzt sahen sie Wälder, verschlungene Flüsse und dunkelgrüne Hügel.
An der Abteiltür klopfte es, und der Junge mit dem runden Gesicht, an dem Harry auf dem Bahnsteig vorbeigegangen war, kam herein. Er sah ganz verweint aus.
»Tut mir leid«, sagte er, »aber habt ihr vielleicht eine Kröte gesehen?«
Als sie die Köpfe schüttelten, fing er an zu klagen: »Ich hab sie verloren. Immer haut sie ab!«
»Sie wird schon wieder auftauchen«, sagte Harry.
»Ja«, sagte der Junge verzweifelt. »Gut, falls ihr sie seht …«
Er verschwand wieder.
»Weiß nicht, warum er sich so aufregt«, sagte Ron. »Wenn ich eine Kröte mitgebracht hätte, dann wär ich sie so schnell wie möglich losgeworden. Doch was soll’s, hab ja Krätze mitgebracht, ich sollte also lieber den Mund halten.«
Die Ratte döste immer noch auf Rons Schoß.
»Sie könnte inzwischen gestorben sein, ohne dass ich es gemerkt hätte«, sagte Ron voller Abscheu. »Gestern hab ich versucht, sie gelb zu färben, damit sie interessanter aussieht, aber der Spruch hat nicht gewirkt. Ich zeig’s dir, schau mal …«
Er stöberte in seinem Koffer herum und zog einen arg in Mitleidenschaft genommenen Zauberstab hervor. An manchen Stellen war er angeschnitten und etwas Weißes glitzerte an der Spitze.
»Das Einhornhaar kommt schon fast raus. Egal –«
Gerade hatte er seinen Zauberstab erhoben, als die Abteiltür erneut aufgeschoben wurde. Wieder war es der krötenlose Junge, doch diesmal war ein Mädchen bei ihm. Sie trug schon jetzt ihren neuen Hogwarts-Umhang.
»Hat jemand eine Kröte gesehen? Neville hat seine verloren«, sagte sie mit gebieterischer Stimme. Sie hatte einen üppigen braunen Haarschopf und recht lange Vorderzähne.
»Wir haben ihm schon gesagt, dass wir sie nicht gesehen haben«, erklärte Ron. Doch das Mädchen hörte nicht zu, sondern betrachtete den Zauberstab in seiner Hand.
»Aha, du bist gerade am Zaubern? Dann lass mal sehen.«
Sie setzte sich. Ron sah verlegen aus.
»Ähm – na gut.«
Er räusperte sich.
»Eidotter, Gänsekraut und Sonnenschein,
Gelb soll diese fette Ratte sein.«
Er wedelte mit dem Zauberstab durch die Luft, doch nichts passierte. Krätze blieb bei seiner grauen Farbe und schlief munter weiter.
»Bist du sicher, dass das ein richtiger Zauberspruch ist?«, sagte das Mädchen. »Jedenfalls ist er nicht besonders gut. Ich hab selbst ein paar einfache Sprüche probiert, nur zum Üben, und bei mir hat’s immer geklappt. Keiner in meiner Familie ist magisch, es war ja so eine Überraschung, als ich meinen Brief bekommen hab, aber ich hab mich unglaublich darüber gefreut, es ist nun einmal die beste Schule für Zauberei, die es gibt, wie ich gehört hab – ich hab natürlich alle unsere Schulbücher auswendig gelernt, ich hoffe nur, das reicht. Übrigens, ich bin Hermine Granger, und wer seid ihr?«
Das alles sprudelte in atemberaubender Geschwindigkeit aus ihr heraus.
Harry sah Ron an und war erleichtert, in seinem verblüfften Gesicht ablesen zu können, dass auch er nicht alle Schulbücher auswendig gelernt hatte.
»Ich bin Ron Weasley«, murmelte Ron.
»Harry Potter«, sagte Harry.
»Ach tatsächlich?«, sagte Hermine. »Natürlich weiß ich alles über dich, ich hab noch ein paar andere Bücher, als Hintergrundlektüre, und du stehst in der Geschichte der modernen Magie, im Aufstieg und Niedergang der dunklen Künste und in der Großen Chronik der Zauberei des zwanzigsten Jahrhunderts.«
»Nicht zu fassen«, sagte Harry, etwas schwurbelig im Kopf.
»Meine Güte, hast du das nicht gewusst, ich jedenfalls hätte alles über mich rausgefunden, wenn ich du gewesen wäre«, sagte Hermine. »Wisst ihr eigentlich schon, in welches Haus ihr kommt? Ich hab herumgefragt und hoffentlich komme ich nach Gryffindor, da hört man das Beste, es heißt, Dumbledore selber war dort, aber ich denke, Ravenclaw wär auch nicht schlecht … Gut denn, wir suchen jetzt besser weiter nach Nevilles Kröte. Übrigens, ihr beide solltet euch lieber umziehen, ich glaube, wir sind bald da.«
Den krötenlosen Jungen im Schlepptau, zog sie von dannen.
»Egal, in welches Haus ich komme, Hauptsache, die ist woanders«, sagte Ron. Er warf seinen Zauberstab in den Koffer zurück. »Blöder Spruch, ich hab ihn von George. Wette, er hat gewusst, dass es ein Blindgänger ist.«
»In welchem Haus sind deine Brüder?«, fragte Harry.
»Gryffindor«, sagte Ron. Wieder schienen ihn düstere Gedanken gefangen zu nehmen. »Mum und Dad waren auch dort. Ich weiß nicht, was sie sagen werden, wenn ich woanders hinkomme. Ravenclaw wäre sicher nicht allzu schlecht, aber stell dir vor, sie stecken mich nach Slytherin.«
»Das ist das Haus, in dem Vol-, ich meine, Du-weißt-schon-wer war?«
»Ja«, sagte Ron. Er ließ sich mit trübseliger Miene in seinen Sitz zurückfallen.
»Weißt du was, mir kommen die Spitzen von Krätzes Schnurrhaaren doch etwas heller vor«, sagte Harry, um Ron abzulenken. »Und was machen jetzt eigentlich deine älteren Brüder, wo sie aus der Schule sind?«
Harry war neugierig, was ein Zauberer wohl nach der Schule anstellen mochte.
»Charlie ist in Rumänien und erforscht Drachen und Bill ist in Afrika und erledigt etwas für Gringotts«, sagte Ron. »Hast du von Gringotts gehört? Es kam ganz groß im Tagespropheten, aber den kriegst du wohl nicht bei den Muggeln: Jemand hat versucht ein Hochsicherheitsverlies auszurauben.«
Harry starrte ihn an. »Wirklich? Und weiter?«
»Nichts, darum hat die Sache ja Schlagzeilen gemacht. Man hat sie nicht erwischt. Mein Dad sagt, es muss ein mächtiger schwarzer Magier gewesen sein, wenn er bei Gringotts eindringen konnte, aber sie glauben nicht, dass sie etwas mitgenommen haben, und das ist das Merkwürdige daran. Natürlich kriegen es alle mit der Angst zu tun, wenn so etwas passiert, es könnte ja Du-weißt-schon-wer dahinterstecken.«
Harry dachte über diese Neuigkeit nach. Inzwischen spürte er immer ein wenig Angst in sich hochkribbeln, wenn der Name von Du-weißt-schon-wem fiel. Das gehörte wohl dazu, wenn man in die Welt der Zauberer eintrat, doch es war viel einfacher gewesen, »Voldemort« zu sagen, ohne sich deswegen zu beunruhigen.
»Für welche Quidditch-Mannschaft bist du eigentlich?«, fragte Ron.
»Ähm – ich kenne gar keine«, gestand Harry.
»Was?« Ron sah ihn verdutzt an. »Ach, wart’s nur ab, das ist das beste Spiel der Welt –« Und dann legte er los und erklärte alles über die vier Bälle und die Positionen der sieben Spieler, beschrieb berühmte Spiele, die er mit seinen Brüdern besucht hatte, und den Besen, den er gerne kaufen würde, wenn er das Geld dazu hätte. Gerade war er dabei, Harry in die raffinierteren Züge des Spiels einzuführen, als die Abteiltür wieder aufging. Doch diesmal waren es weder Neville, der krötenlose Junge, noch Hermine Granger.
Drei Jungen traten ein und Harry erkannte sofort den mittleren von ihnen: Es war der blasse Junge aus Madam Malkins Laden. Er musterte Harry nun viel interessierter als in der Winkelgasse.
»Stimmt es?«, sagte er. »Im ganzen Zug sagen sie, dass Harry Potter in diesem Abteil ist. Also du bist es?«
»Ja«, sagte Harry. Er sah die anderen Jungen an. Beide waren stämmig und wirkten ziemlich fies. Wie sie da zur Rechten und zur Linken des blassen Jungen standen, sahen sie aus wie seine Leibwächter.
»Oh, das ist Crabbe und das ist Goyle«, bemerkte der blasse Junge lässig, als er Harrys Blick folgte. »Und mein Name ist Malfoy. Draco Malfoy.«
Von Ron kam ein leichtes Husten, das sich anhörte wie ein verdruckstes Kichern.
Draco Malfoy sah ihn an.
»Meinst wohl, mein Name ist komisch, was? Wer du bist, muss man ja nicht erst fragen. Mein Vater hat mir gesagt, alle Weasleys haben rotes Haar, Sommersprossen und mehr Kinder, als sie sich leisten können.«
Er wandte sich wieder Harry zu.
»Du wirst bald feststellen, dass einige Zaubererfamilien viel besser sind als andere, Potter. Und du wirst dich doch nicht etwa mit der falschen Sorte abgeben. Ich könnte dir behilflich sein.«
Er streckte die Hand aus, doch Harry machte keine Anstalten, ihm die seine zu reichen.
»Ich denke, ich kann sehr gut selber entscheiden, wer zur falschen Sorte gehört«, sagte er kühl.
Draco Malfoy wurde nicht rot, doch ein Hauch Rosa erschien auf seinen blassen Wangen.
»Ich an deiner Stelle würde mich vorsehen, Potter«, sagte er langsam. »Wenn du nicht ein wenig höflicher bist, wird es dir genauso ergehen wie deinen Eltern. Die wussten auch nicht, was gut für sie war. Wenn du dich mit Gesindel wie den Weasleys und diesem Hagrid abgibst, wird das auf dich abfärben.«
Harry und Ron erhoben sich. Rons Gesicht war nun so rot wie sein Haar.
»Sag das noch mal«, sagte er.
»Oh, ihr wollt euch mit uns schlagen?«, höhnte Malfoy.
»Außer ihr verschwindet sofort«, sagte Harry, was mutiger klang, als er sich fühlte, denn Crabbe und Goyle waren viel kräftiger als er und Ron.
»Aber uns ist überhaupt nicht nach Gehen zumute, oder, Jungs? Wir haben alles aufgefuttert, was wir hatten, und bei euch gibt’s offenbar noch was.«
Goyle griff nach den Schokofröschen neben Ron. Ron machte einen Sprung nach vorn, doch bevor er Goyle auch nur berührt hatte, entfuhr diesem ein fürchterlicher Schrei.
Krätze, die Ratte, baumelte von Goyles Zeigefinger herab, ihre scharfen kleinen Zähne tief in seine Knöchel versenkt – Crabbe und Malfoy wichen zur Seite, als der jaulende Goyle Krätze weit im Kreis herumschwang. Als Krätze schließlich wegflog und gegen das Fenster klatschte, verschwanden alle drei auf der Stelle. Vielleicht dachten sie, noch mehr Ratten würden zwischen den Süßigkeiten lauern, oder vielleicht hatten sie Schritte gehört, denn einen Augenblick später trat Hermine Granger ein.
»Was war hier los?«, sagte sie und blickte auf die Naschereien, die auf dem Boden verstreut lagen. Ron packte Krätze am Schwanz und hob ihn hoch.
»Ich denke, er ist k. o. gegangen«, sagte Ron zu Harry gewandt. Er besah sich Krätze näher. »Nein – doch nicht. Ist wohl wieder eingeschlafen.«
Und so war es.
»Hast du Malfoy schon einmal getroffen?«
Harry erzählte von ihrer Begegnung in der Winkelgasse.
»Ich hab von seiner Familie gehört«, sagte Ron in düsterem Ton. »Sie gehörten zu den Ersten, die auf unsere Seite zurückkehrten, nachdem Du-weißt-schon-wer verschwunden war. Sagten, sie seien verhext worden. Mein Dad glaubt nicht daran. Er sagt, Malfoys Vater brauchte keine Ausrede, um auf die dunkle Seite zu gehen.« Er wandte sich Hermine zu. »Können wir dir behilflich sein?«
»Ich schlage vor, ihr beeilt euch ein wenig und zieht eure Umhänge an. Ich war gerade vorn beim Lokführer, und er sagt, wir sind gleich da. Ihr habt euch nicht geschlagen, oder? Ihr kriegt noch Schwierigkeiten, bevor wir überhaupt da sind!«
»Krätze hat gekämpft, nicht wir«, sagte Ron und blickte sie finster an. »Würdest du bitte gehen, damit wir uns umziehen können?«
»Schon gut. Ich bin nur reingekommen, weil sich die Leute draußen einfach kindisch aufführen und ständig die Gänge auf und ab rennen«, sagte Hermine hochnäsig. »Und übrigens, du hast Dreck an der Nase, weißt du das?«
Unter dem zornfunkelnden Blick von Ron ging sie schließlich hinaus.
Harry sah aus dem Fenster. Es wurde langsam dunkel. Unter einem tiefpurpurrot gefärbten Himmel konnte er noch Berge und Wälder erkennen. Der Zug schien langsamer zu werden.
Die beiden legten die Jacken ab und zogen ihre langen schwarzen Umhänge an. Rons Umhang war ein wenig zu kurz für ihn, man konnte seine Turnschuhe darunter sehen.
Eine Stimme hallte durch den Zug: »In fünf Minuten kommen wir in Hogwarts an. Bitte lassen Sie Ihr Gepäck im Zug, es wird für Sie zur Schule gebracht.«
Harry spürte ein Ziehen im Magen und Ron sah unter seinen Sommersprossen ganz blass aus. Sie stopften sich den letzten Rest Süßigkeiten in die Taschen und traten hinaus auf den Gang, der schon voller Schüler war.
Der Zug bremste und kam zum Stillstand. Alles drängelte sich durch die Tür und hinaus auf einen kleinen, dunklen Bahnsteig. Harry zitterte in der kalten Abendluft. Plötzlich erhob sich über ihren Köpfen der Schein einer Lampe und Harry hörte eine vertraute Stimme: »Erstklässler! Erstklässler hier rüber! Alles klar, Harry?«
Hagrids großes, haariges Gesicht strahlte ihm über das Meer von Köpfen hinweg entgegen.
»Nu mal los, mir nach – noch mehr Erstklässler da? Passt auf, wo ihr hintretet! Erstklässler mir nach!«
Rutschend und stolpernd folgten sie Hagrid einen steilen, schmalen Pfad hinunter. Um sie her war es so dunkel, dass Harry vermutete, zu beiden Seiten müssten dichte Bäume stehen. Kaum jemand sprach ein Wort. Neville, der Junge, der immer seine Kröte verlor, schniefte hin und wieder.
»Augenblick noch, und ihr seht zum ersten Mal in eurem Leben Hogwarts«, rief Hagrid über die Schulter, »nur noch um diese Biegung hier.«
Es gab ein lautes »Oooooh!«.
Der enge Pfad war plötzlich zu Ende und sie standen am Ufer eines großen schwarzen Sees. Drüben auf der anderen Seite, auf der Spitze eines hohen Berges, die Fenster funkelnd im rabenschwarzen Himmel, thronte ein gewaltiges Schloss mit vielen Zinnen und Türmen.
»Nicht mehr als vier in einem Boot!«, rief Hagrid und deutete auf eine Flotte kleiner Boote, die am Ufer dümpelten. Harry und Ron sprangen in eines der Boote und ihnen hinterher Neville und Hermine.
»Alle drin?«, rief Hagrid, der ein Boot für sich allein hatte. »Nun denn – VORWÄRTS!«
Die kleinen Boote setzten sich gleichzeitig in Bewegung und glitten über den spiegelglatten See. Alle schwiegen und starrten hinauf zu dem großen Schloss. Es thronte dort oben, während sie sich dem Felsen näherten, auf dem es gebaut war.
»Köpfe runter!«, rief Hagrid, als die ersten Boote den Felsen erreichten; sie duckten sich, und die kleinen Boote schienen durch einen Vorhang aus Efeu zu schweben, der sich direkt vor dem Felsen auftat. Sie glitten durch einen dunklen Tunnel, der sie anscheinend in die Tiefe unterhalb des Schlosses führte, bis sie eine Art unterirdischen Hafen erreichten und aus den Booten kletterten.
»He, du da! Ist das deine Kröte?«, rief Hagrid, der die Boote musterte, während die Kinder ausstiegen.
»Trevor!«, schrie Neville selig vor Glück und streckte die Hände aus. Dann stiefelten sie hinter Hagrids Lampe einen Felsgang empor und kamen schließlich auf einer weichen, feuchten Wiese im Schatten des Schlosses heraus.
Sie gingen eine lange Steintreppe hoch und versammelten sich vor dem riesigen Eichentor des Schlosses.
»Alle da? Du da, hast noch deine Kröte?«
Hagrid hob seine gewaltige Faust und klopfte dreimal an das Schlosstor.
Der Sprechende Hut
Sogleich öffnete sich das Tor. Vor ihnen stand eine große Hexe mit schwarzen Haaren und einem smaragdgrünen Umhang. Sie hatte ein strenges Gesicht, und Harrys erster Gedanke war, dass mit ihr wohl nicht gut Kirschen essen wäre.
»Die Erstklässler, Professor McGonagall«, sagte Hagrid.
»Danke, Hagrid. Ich nehm sie dir ab.«
Sie zog die Torflügel weit auf. Die Eingangshalle war so groß, dass das ganze Haus der Dursleys hineingepasst hätte. Wie bei Gringotts beleuchtete das flackernde Licht von Fackeln die Steinwände, die Decke war so hoch, dass man sie nicht mehr erkennen konnte, und vor ihnen führte eine gewaltige Marmortreppe in die oberen Stockwerke.
Sie folgten Professor McGonagall durch die steingeflieste Halle. Aus einem Gang zur Rechten konnte Harry das Summen hunderter von Stimmen hören – die anderen Schüler mussten schon da sein –, doch Professor McGonagall führte die Erstklässler in eine kleine, leere Kammer neben der Halle. Sie drängten sich hinein und standen dort viel enger beieinander, als sie es normalerweise getan hätten. Aufgeregt blickten sie sich um.
»Willkommen in Hogwarts«, sagte Professor McGonagall. »Das Bankett zur Eröffnung des Schuljahrs beginnt in Kürze, doch bevor ihr eure Plätze in der Großen Halle einnehmt, werden wir feststellen, in welche Häuser ihr kommt. Das ist eine sehr wichtige Zeremonie, denn das Haus ist gleichsam eure Familie in Hogwarts. Ihr habt gemeinsam Unterricht, ihr schlaft im Schlafsaal eures Hauses und verbringt eure Freizeit im Gemeinschaftsraum.
Die vier Häuser heißen Gryffindor, Hufflepuff, Ravenclaw und Slytherin. Jedes Haus hat seine eigene, ehrenvolle Geschichte und jedes hat bedeutende Hexen und Zauberer hervorgebracht. Während eurer Zeit in Hogwarts holt ihr mit euren großen Leistungen Punkte für das Haus, doch wenn ihr die Regeln verletzt, werden eurem Haus Punkte abgezogen. Am Ende des Jahres erhält das Haus mit den meisten Punkten den Hauspokal, eine große Auszeichnung. Ich hoffe, jeder von euch ist ein Gewinn für das Haus, in welches er kommen wird.
Die Einführungsfeier, an der auch die anderen Schüler teilnehmen, beginnt in wenigen Minuten. Ich schlage vor, dass ihr die Zeit nutzt und euch beim Warten so gut wie möglich zurechtmacht.«
Ihre Augen ruhten kurz auf Nevilles Umhang, der unter seinem linken Ohr festgemacht war, und auf Rons verschmierter Nase. Harry mühte sich nervös, sein Haar zu glätten.
»Ich komme zurück, sobald alles für euch vorbereitet ist«, sagte Professor McGonagall. »Bitte bleibt ruhig, während ihr wartet.«
Sie verließ die Kammer. Harry schluckte.
»Wie legen sie denn fest, in welche Häuser wir kommen?«, fragte er Ron.
»Es ist eine Art Prüfung, glaube ich. Fred meinte, es tut sehr weh, aber ich glaube, das war nur ein Witz.«
Harrys Herz fing fürchterlich an zu pochen. Eine Prüfung? Vor der ganzen Schule? Aber er konnte doch noch gar nicht zaubern – was um Himmels willen würde er tun müssen? Als sie hier angekommen waren, hatte er mit so etwas nicht gerechnet. Ängstlich blickte er sich um und sah, dass auch alle anderen entsetzt schauten. Kaum jemand sagte etwas, außer Hermine Granger. Hastig flüsterte sie alle Zaubersprüche vor sich hin, die sie gelernt hatte, und fragte sich, welchen sie wohl brauchen würde. Harry versuchte angestrengt wegzuhören. Noch nie war er so nervös gewesen. Auch damals nicht, als er einen blauen Brief zu den Dursleys heimbringen musste, in dem es hieß, dass er auf unbekannte Weise die Perücke seines Lehrers blau gefärbt habe. Er blickte unablässig auf die Tür. Jeden Augenblick konnte Professor McGonagall zurückkommen und ihn in den Untergang führen.
Dann geschah etwas, das ihn vor Schreck einen halben Meter in die Luft springen ließ – mehrere Schüler hinter ihm begannen zu schreien.
»Was zum –?«
Er hielt den Atem an. Die andern um ihn her ebenfalls. Soeben waren etwa zwanzig Geister durch die rückwärtige Wand hereingeschwebt. Perlweiß und fast durchsichtig glitten sie durch den Raum, wobei sie sich unterhielten und den Erstklässlern nur gelegentlich einen Blick zuwarfen. Sie schienen sich zu streiten. Einer, der aussah wie ein fetter Mönch, sagte: »Vergeben und vergessen, würd ich sagen, wir sollten ihm eine zweite Chance geben.«
»Mein lieber Bruder, haben wir Peeves nicht alle Chancen gegeben, die ihm zustehen? Er bringt uns alle in Verruf, und du weißt, er ist nicht einmal ein echter Geist – ach du meine Güte, was macht ihr denn alle hier?«
Ein Geist, der eine Halskrause und Strumpfhosen trug, hatte plötzlich die Erstklässler bemerkt.
Keiner antwortete.
»Neue Schüler«, sagte der fette Mönch und lächelte in die Runde. »Werdet gleich ausgewählt, nicht wahr?«
Ein paar nickten stumm.
»Hoffe, wir sehen uns in Hufflepuff!«, sagte der Mönch. »Mein altes Haus, wisst ihr.«
»Gehen Sie weiter«, sagte eine strenge Stimme. »Die Einführungsfeier beginnt.«
Professor McGonagall war zurückgekommen. Die Geister schwebten einer nach dem andern durch die Wand gegenüber.
»Und ihr stellt euch der Reihe nach auf«, wies Professor McGonagall die Erstklässler an, »und folgt mir.«
Harry, dessen Beine sich anfühlten, als seien sie aus Blei, reihte sich hinter einem Jungen mit rotblondem Haar ein, Ron stellte sich hinter ihn, und im Gänsemarsch verließen sie die Kammer, gingen zurück durch die Eingangshalle und betraten durch eine Doppeltür die Große Halle.
Harry hatte von einem so fremdartigen und wundervollen Ort noch nicht einmal geträumt. Tausende und abertausende von Kerzen erleuchteten ihn, über den vier langen Tischen schwebend, an denen die anderen Schüler saßen. Die Tische waren mit schimmernden Goldtellern und -kelchen gedeckt. Am anderen Ende der Halle stand noch ein langer Tisch, an dem die Lehrer saßen. Dorthin führte Professor McGonagall die Erstklässler, so dass sie schließlich mit den Rücken zu den Lehrern in einer Reihe vor den anderen Schülern standen. Hunderte von Gesichtern starrten sie an und sahen aus wie fahle Laternen im flackernden Kerzenlicht. Die Geister, zwischen den Schülern verstreut, glänzten dunstig silbern. Um den starrenden Blicken auszuweichen, wandte Harry das Gesicht nach oben und sah eine samtschwarze, mit Sternen übersäte Decke. Er hörte Hermine flüstern: »Sie ist so verzaubert, dass sie wie der Himmel draußen aussieht, ich hab darüber in der Geschichte Hogwarts’ gelesen.«
Es war schwer zu glauben, dass es hier überhaupt eine Decke geben sollte und dass die Große Halle sich nicht einfach zum Himmel hin öffnete.
Harry wandte den Blick rasch wieder nach unten, als Professor McGonagall schweigend einen vierbeinigen Stuhl vor die Erstklässler stellte. Auf den Stuhl legte sie einen Spitzhut, wie ihn Zauberer benutzen. Es war ein verschlissener, hie und da geflickter und ziemlich schmutziger Hut. Tante Petunia wäre er nicht ins Haus gekommen.
Vielleicht mussten sie versuchen einen Hasen daraus hervorzuzaubern, schoss es Harry durch den Kopf, darauf schien es hinauszulaufen. Er bemerkte, dass inzwischen aller Augen auf den Hut gerichtet waren, und so folgte er dem Blick der andern. Ein paar Herzschläge lang herrschte vollkommenes Schweigen. Dann begann der Spitzhut zu wackeln. Ein Riss nahe der Krempe tat sich auf, so weit wie ein Mund, und der Spitzhut begann zu singen:
Ihr denkt, ich bin ein alter Hut,
mein Aussehen ist auch gar nicht gut.
Dafür bin ich der schlauste aller Hüte,
und ist’s nicht wahr, so fress ich mich, du meine Güte!
Alle Zylinder und schicken Kappen
sind gegen mich doch nur Jammerlappen!
Ich weiß in Hogwarts am besten Bescheid
und bin für jeden Schädel bereit.
Setzt mich nur auf, ich sag euch genau,
wohin ihr gehört – denn ich bin schlau.
Vielleicht seid ihr Gryffindors, sagt euer alter Hut,
denn dort regieren, wie man weiß, Tapferkeit und Mut.
In Hufflepuff dagegen ist man gerecht und treu,
man hilft dem andern, wo man kann, und hat vor Arbeit keine Scheu.
Bist du geschwind im Denken, gelehrsam auch und weise,
dann machst du dich nach Ravenclaw, so wett ich, auf die Reise.
In Slytherin weiß man noch List und Tücke zu verbinden,
doch dafür wirst du hier noch echte Freunde finden.
Nun los, so setzt mich auf, nur Mut,
habt nur Vertrauen zum Sprechenden Hut!
Als der Hut sein Lied beendet hatte, brach in der Halle ein Beifallssturm los. Er verneigte sich vor jedem der vier Tische und verstummte dann.
»Wir müssen also nur den Hut aufsetzen!«, flüsterte Ron Harry zu. »Ich bring Fred um, er hat große Töne gespuckt – von wegen Ringkampf mit einem Troll.«
Harry lächelte müde. Ja, den Hut anprobieren war viel besser, als einen Zauberspruch aufsagen zu müssen, doch es wäre ihm lieber gewesen, wenn nicht alle zugeschaut hätten. Der Hut stellte offenbar eine ganze Menge Fragen; Harry fühlte sich im Augenblick weder mutig noch schlagfertig noch überhaupt zu irgendetwas aufgelegt. Wenn der Hut nur ein Haus für solche Schüler erwähnt hätte, die sich ein wenig angematscht fühlten, das wäre das Richtige für ihn.
Professor McGonagall trat vor, in den Händen eine lange Pergamentrolle.
»Wenn ich euch aufrufe, setzt ihr den Hut auf und nehmt auf dem Stuhl Platz, damit euer Haus bestimmt werden kann«, sagte sie. »Abbott, Hannah!«
Ein Mädchen mit rosa Gesicht und blonden Zöpfen stolperte aus der Reihe der Neuen hervor, setzte den Hut auf, der ihr sogleich über die Augen rutschte, und ließ sich auf dem Stuhl nieder. Einen Moment lang geschah nichts –
»HUFFLEPUFF!«, rief der Hut.
Der Tisch zur Rechten johlte und klatschte, als Hannah aufstand und sich bei den Hufflepuffs niederließ. Harry sah, wie der Geist des fetten Mönchs ihr fröhlich zuwinkte.
»Bones, Susan!«
»HUFFLEPUFF!«, rief der Hut abermals, und Susan schlurfte los, um sich neben Hannah zu setzen.
»Boot, Terry!«
»RAVENCLAW!«
Diesmal klatschte der zweite Tisch von links; mehrere Ravenclaws standen auf, um Terry, dem Neuen, die Hand zu schütteln.
»Brocklehurst, Mandy« kam ebenfalls nach Ravenclaw, doch »Brown, Lavender« wurde die erste neue Gryffindor, und der Tisch ganz links brach in Jubelrufe aus. Harry konnte sehen, wie Rons Zwillingsbrüder pfiffen.
»Bulstrode, Millicent« schließlich wurde eine Slytherin. Vielleicht bildete Harry es sich nur ein, nach all dem, was er über Slytherin gehört hatte, aber sie sahen doch alle recht unangenehm aus.
Ihm war allmählich entschieden übel. Er erinnerte sich, wie in seiner alten Schule die Mannschaften zusammengestellt wurden. Immer war er der Letzte gewesen, den man aufrief, nicht weil er schlecht in Sport gewesen wäre, sondern weil keiner Dudley auf den Gedanken bringen wollte, dass man ihn vielleicht mochte.
»Finch-Fletchley, Justin!«
»HUFFLEPUFF!«
Bei den einen, bemerkte Harry, verkündete der Hut auf der Stelle das Haus, bei anderen wiederum brauchte er eine Weile, um sich zu entscheiden. »Finnigan, Seamus«, der rotblonde Junge vor Harry in der Schlange, saß fast eine Minute lang auf dem Stuhl, bevor der Hut verkündete, er sei ein Gryffindor.
»Granger, Hermine!«
Hermine ging eilig auf den Stuhl zu und packte sich den Hut begierig auf den Kopf.
»GRYFFINDOR!«, rief der Hut. Ron stöhnte.
Plötzlich überfiel Harry ein schrecklicher Gedanke, so plötzlich, wie es Gedanken an sich haben, wenn man aufgeregt ist. Was, wenn er gar nicht gewählt würde? Was, wenn er, den Hut auf dem Kopf, eine Ewigkeit lang nur dasäße, bis Professor McGonagall ihm den Hut vom Kopf reißen und erklären würde, offenbar sei ein Irrtum geschehen und er solle doch besser wieder in den Zug steigen?
Neville Longbottom wurde aufgerufen, der Junge, der ständig seine Kröte verlor. Auf dem Weg zum Stuhl stolperte er und wäre fast gestürzt. Bei Neville brauchte der Hut lange, um sich zu entscheiden. Als er schließlich GRYFFINDOR rief, rannte Neville mit dem Hut auf dem Kopf los, und er musste unter tosendem Gelächter zurücklaufen und ihn »McDougal, Morag« übergeben.
Malfoy stolzierte nach vorn, als sein Name aufgerufen wurde, und bekam seinen Wunsch sofort erfüllt: Kaum hatte der Hut seinen Kopf berührt, als er schon »SLYTHERIN!« rief.
Malfoy ging hinüber zu seinen Freunden Crabbe und Goyle, offensichtlich zufrieden mit sich selbst.
Nun waren nicht mehr viel Neue übrig.
»Moon« …, »Nott« …, »Parkinson« …, dann die Zwillingsmädchen »Patil« und »Patil« …, dann »Perks, Sally-Anne« … und dann, endlich –
»Potter, Harry!«
Als Harry vortrat, entflammten plötzlich überall in der Halle Feuer, kleine, zischelnde Geflüsterfeuer.
»Potter, hat sie gesagt?«
»Der Harry Potter?«
Das Letzte, was Harry sah, bevor der Hut über seine Augen herabsank, war die Halle voller Menschen, die die Hälse reckten, um ihn gut im Blick zu haben. Im nächsten Moment sah er nur noch das schwarze Innere des Huts. Er wartete.
»Hmm«, sagte eine piepsige Stimme in seinem Ohr. »Schwierig. Sehr schwierig. Viel Mut, wie ich sehe. Kein schlechter Kopf außerdem. Da ist Begabung, du meine Güte, ja – und ein kräftiger Durst, sich zu beweisen, nun, das ist interessant … Nun, wo soll ich dich hinstecken?«
Harry umklammerte die Stuhllehnen und dachte: »Nicht Slytherin, bloß nicht Slytherin.«
»Nicht Slytherin, nein?«, sagte die piepsige Stimme. »Bist du dir sicher? Du könntest groß sein, weißt du, es ist alles da in deinem Kopf, und Slytherin wird dir auf dem Weg zur Größe helfen. Kein Zweifel – nein? Nun, wenn du dir sicher bist – dann besser nach GRYFFINDOR!«
Harry hörte, wie der Hut das letzte Wort laut in die Halle rief. Er nahm den Hut ab und ging mit zittrigen Knien hinüber zum Tisch der Gryffindors. Er war so erleichtert, überhaupt aufgerufen worden und nicht nach Slytherin gekommen zu sein, dass er kaum bemerkte, dass er den lautesten Beifall überhaupt bekam. Percy der Vertrauensschüler stand auf und schüttelte ihm begeistert die Hand, während die Weasley-Zwillinge riefen: »Wir haben Potter! Wir haben Potter!« Harry setzte sich an einen Platz gegenüber dem Geist mit der Halskrause, den er schon vorhin gesehen hatte. Der Geist tätschelte ihm den Arm, und Harry hatte plötzlich das schreckliche Gefühl, den Arm gerade in einen Eimer voll eiskalten Wassers zu tauchen.
Er hatte jetzt eine gute Aussicht auf den Hohen Tisch der Lehrer. Am einen Ende, ihm am nächsten, saß Hagrid, der seinen Blick erwiderte und mit dem Daumen nach oben zeigte. Harry grinste zurück. Und dort, in der Mitte des Hohen Tischs, auf einem großen goldenen Stuhl, saß Albus Dumbledore. Harry erkannte ihn von der Karte wieder, die er im Zug aus dem Schokofrosch geholt hatte. Dumbledores silbernes Haar war das Einzige in der ganzen Halle, was so hell leuchtete wie die Geister. Harry erkannte auch Professor Quirrell, den nervösen jungen Mann aus dem Tropfenden Kessel. Mit seinem großen purpurroten Turban sah er sehr eigenartig aus.
Jetzt waren nur noch drei Schüler übrig, deren Haus bestimmt werden musste. »Turpin, Lisa« wurde eine Ravenclaw. Dann war Ron an der Reihe. Mittlerweile war er blassgrün im Gesicht. Harry kreuzte die Finger unter dem Tisch und eine Sekunde später rief der Hut »GRYFFINDOR!«.
Harry klatschte wie die andern am Tisch laut Beifall, als Ron sich auf den Stuhl neben ihm fallen ließ.
»Gut gemacht, Ron, hervorragend«, sagte Percy Weasley wichtigtuerisch über Harrys Kopf hinweg, während »Zabini, Blaise« zu einem Slytherin gemacht wurde. Professor McGonagall rollte ihr Pergament zusammen und trug den Sprechenden Hut fort.
Harry blickte hinab auf seinen leeren Goldteller. Jetzt erst überkam ihn auf einmal gewaltiger Hunger. Die Kürbispasteten schien er schon vor einer Ewigkeit verspeist zu haben.
Albus Dumbledore war aufgestanden. Mit einem strahlenden Lächeln blickte er in die Runde der Schüler, die Arme weit ausgebreitet, als ob nichts ihm mehr Freude machen könnte, als sie alle hier versammelt zu sehen.
»Willkommen!«, rief er. »Willkommen zu einem neuen Jahr in Hogwarts! Bevor wir mit unserem Bankett beginnen, möchte ich ein paar Worte sagen. Und hier sind sie: Schwachkopf! Schwabbelspeck! Krimskrams! Quiek!
Danke sehr!«
Er nahm wieder Platz. Alle klatschten und jubelten. Harry wußte nicht recht, ob er lachen sollte.
»Ist er … ist er ein bisschen verrückt?«, fragte er Percy unsicher.
»Verrückt?«, sagte Percy unbekümmert. »Er ist ein Genie! Der beste Zauberer der Welt! Aber ein bisschen verrückt ist er, ja. Kartoffeln, Harry?«
Harry staunte mit offenem Mund. Die Platten vor ihm auf dem Tisch waren überladen mit Essen. Er hatte noch nie so vieles, das er mochte, auf einem einzigen Tisch gesehen: Roastbeef, Brathähnchen, Schweine- und Lammkoteletts, Würste, Schinken, Steaks, Pellkartoffeln, Bratkartoffeln, Pommes, Yorkshire-Pudding, Erbsen, Karotten, Bratensoße, Ketschup und, aus irgendeinem merkwürdigen Grund, Pfefferminzbonbons.
Die Dursleys hatten Harry nicht gerade hungern lassen, aber er hatte nie so viel essen dürfen, wie er wollte. Dudley hatte Harry immer das weggenommen, was er wirklich mochte, selbst wenn Dudley schlecht davon wurde. Harry häufte von allem etwas auf seinen Teller, nur die Pfefferminzbonbons ließ er aus. Er begann zu essen und es schmeckte köstlich.
»Das sieht wahrhaft gut aus«, sagte der Geist mit der Halskrause traurig, während er Harry dabei zusah, wie er sein Steak zerschnitt.
»Können Sie nicht –?«
»Ich habe seit fast fünfhundert Jahren nichts mehr gegessen«, sagte der Geist. »Ich muss natürlich nicht, aber man vermisst es ja doch. Habe ich mich eigentlich schon vorgestellt? Sir Nicholas de Mimsy-Porpington, zu Ihren Diensten. Hausgeist von Gryffindor; ich wohne im Turm.«
»Ich weiß, wer Sie sind!«, platzte Ron los. »Meine Brüder haben mir von Ihnen erzählt. Sie sind der Fast Kopflose Nick!«
»Ich zöge es doch vor, wenn Sie mich Sir Nicholas de Mimsy nennen würden –«, erwiderte der Geist leicht pikiert, doch der rotblonde Seamus Finnigan unterbrach sie.
»Fast kopflos? Wie kann man fast kopflos sein?«
Sir Nicholas sah höchst verdrossen drein, als ob diese kleine Unterhaltung überhaupt nicht in seinem Sinne verliefe.
»Eben so«, sagte er leicht verärgert. Er packte sein linkes Ohr und zog daran. Sein ganzer Kopf kippte vom Hals weg, als ob er an einem Scharnier hinge, und fiel ihm auf die Schulter. Offensichtlich hatte jemand versucht ihn zu köpfen, aber das Geschäft nicht richtig erledigt. Der Fast Kopflose Nick freute sich über die verdutzten Gesichter um ihn herum, klappte seinen Kopf zurück auf den Hals, hustete und sagte: »So – die neuen Gryffindors! Ich hoffe, ihr strengt euch an, dass wir die Hausmeisterschaft dieses Jahr gewinnen? Gryffindor war noch nie so lange ohne Sieg. Slytherin hat den Pokal jetzt sechs Jahre in Folge! Der Blutige Baron wird langsam unerträglich – er ist der Geist von Slytherin.«
Harry blickte hinüber zum Tisch der Slytherins und sah dort einen fürchterlichen Geist sitzen, mit leeren, stierenden Augen, einem ausgemergelten Gesicht und einem mit silbrigem Blut bespritzten Umhang. Er saß auf dem Platz neben Malfoy, der, wie Harry vergnügt feststellte, über die Sitzordnung nicht gerade glücklich war.
»Wie hat er sich so mit Blut bespritzt?«, fragte Seamus mächtig interessiert.
»Ich habe ihn nie gefragt«, sagte der Fast Kopflose Nick taktvoll.
Als alle gegessen hatten, so viel sie konnten, verschwanden die Reste von den Tellern und hinterließen sie so funkelnd sauber wie zuvor. Einen Augenblick später erschien der Nachtisch: ganze Blöcke von Eiskrem in allen erdenklichen Geschmacksrichtungen, Apfelkuchen, Siruptorten, Schoko-Eclairs und marmeladegefüllte Donuts, Biskuits, Erdbeeren, Wackelpeter, Reispudding …
Während Harry eine Siruptorte verspeiste, wandte sich das Gespräch ihren Familien zu.
»Ich bin halb und halb«, sagte Seamus. »Mein Vater ist ein Muggel. Mum hat ihm nicht erzählt, dass sie eine Hexe ist, bis sie verheiratet waren. War doch ein kleiner Schock für ihn.«
Die andern lachten.
»Und wie steht’s mit dir, Neville?«, fragte Ron.
»Meine Oma hat mich aufgezogen und sie ist eine Hexe«, sagte Neville, »aber die Familie hat die ganze Zeit geglaubt, ich sei mit Haut und Haaren ein Muggel. Mein Großonkel Algie wollte mich immer erwischen, wenn ich nicht auf der Hut war, um ein wenig Magie aus mir herauszupressen. Einmal, in Blackpool, hat er mich vom Ende des Piers ins Wasser gestoßen, ich bin fast ertrunken. Aber bis ich acht war, ist nichts passiert. Dann kam Großonkel Algie eines Tages zum Tee vorbei, und er ließ mich gerade an den Fußgelenken aus einem Fenster im oberen Stock baumeln, als Großtante Enid ihm ein Stück Kuchen anbot. Da hat er einfach aus Versehen losgelassen. Doch ich bin gehüpft wie ein Ball – durch den Garten hindurch bis auf die Straße. Sie waren alle ganz aus dem Häuschen. Oma hat geheult, so glücklich war sie. Und du hättest ihre Gesichter sehen sollen, als ich hier aufgenommen wurde. Sie dachten, ich sei vielleicht nicht Zauberer genug. Großonkel Algie hat sich so gefreut, dass er mir eine Kröte geschenkt hat.«
Zu Harrys anderer Seite sprachen Percy Weasley und Hermine über den Unterricht (»Ich hoffe doch, sie fangen gleich an, es gibt so viel zu lernen. Mich interessieren besonders Verwandlungen, weißt du, etwas in etwas anderes verwandeln, natürlich soll es sehr schwer sein.« – »Ihr fangt mit ganz einfachen Sachen an, Streichhölzer in Nadeln verwandeln zum Beispiel …«).
Harry, der sich allmählich warm und schläfrig fühlte, sah erneut zum Hohen Tisch hinüber. Hagrid nahm einen tiefen Schluck aus seinem Kelch. Professor McGonagall sprach mit Professor Dumbledore. Professor Quirrell mit seinem komischen Turban unterhielt sich mit einem Lehrer mit fettigem schwarzem Haar, Hakennase und fahler Haut.
Es geschah urplötzlich. Der hakennasige Lehrer blickte an Quirrells Turban vorbei direkt in Harrys Augen und ein scharfer, heißer Schmerz schoss plötzlich durch Harrys Narbe.
»Autsch!« Harry schlug sich mit der Hand gegen die Stirn.
»Was ist los mit dir?«, fragte Percy.
»N-nichts.«
Der Schmerz war so schnell abgeklungen, wie er gekommen war. Schwerer abzuschütteln war das Gefühl, das der Blick des Lehrers in Harry ausgelöst hatte, ein Gefühl, das er Harry überhaupt nicht mochte.
»Wer ist der Lehrer, der sich mit Professor Quirrell unterhält?«, fragte er Percy.
»Aha, du kennst Quirrell also schon? Kein Wunder, dass er so nervös aussieht. Das ist Professor Snape. Er lehrt Zaubertränke, ist aber damit nicht zufrieden. Jeder weiß, dass er scharf ist auf die Arbeit von Professor Quirrell. Weiß eine Unmenge über die dunklen Künste, dieser Snape.«
Harry beobachtete Snape eine Weile, doch Snape blickte nicht mehr herüber.
Schließlich verschwand auch der Nachtisch und noch einmal erhob sich Professor Dumbledore.
»Ähm – jetzt, da wir alle gefüttert und getränkt sind, nur noch ein paar Worte. Ich habe ein paar Mitteilungen zum Schuljahresbeginn. Die Erstklässler sollten beachten, dass der Wald auf unseren Ländereien für alle Schüler verboten ist. Und einigen von den älteren Schülern möchte ich nahelegen, sich daran zu erinnern.«
Dumbledores zwinkernde Augen blitzten zu den Weasley-Zwillingen hinüber.
»Außerdem hat mich Mr Filch, der Hausmeister, gebeten, euch daran zu erinnern, dass in den Pausen auf den Gängen nicht gezaubert werden darf.
Die Quidditch-Auswahl findet in der zweiten Woche des Schuljahrs statt. Alle, die gerne in den Hausmannschaften spielen wollen, mögen sich an Madam Hooch wenden.
Und schließlich muss ich euch mitteilen, dass in diesem Jahr das Betreten des Korridors im dritten Stock, der in den rechten Flügel führt, allen verboten ist, die nicht einen sehr schmerzhaften Tod sterben wollen.«
Harry lachte, aber nur wenige lachten mit ihm.
»Er meint es doch nicht etwa ernst?«, flüsterte er Percy zu.
»Muss er wohl«, sagte Percy und sah mit einem Stirnrunzeln zu Dumbledore hinüber. »Merkwürdig, denn normalerweise sagt er uns den Grund, warum wir irgendwo nicht hindürfen. Der Wald ist voller gefährlicher Tiere, das wissen alle. Ich denke, er hätte es zumindest uns Vertrauensschülern sagen sollen.«
»Und nun, bevor wir zu Bett gehen, singen wir die Schulhymne!«, rief Dumbledore. Harry bemerkte, dass das Lächeln der anderen Lehrer recht steif geworden war.
Dumbledore fuchtelte kurz mit seinem Zauberstab, als ob er eine Fliege von der Spitze verscheuchen wollte, und ein langer goldener Faden schwebte daraus hervor, stieg hoch über die Tische und nahm, sich windend wie eine Schlange, die Gestalt von Worten an.
»Jeder nach seiner Lieblingsmelodie«, sagte Dumbledore, »los geht’s!«
Und die ganze Schule sang begeistert:
Hogwarts, Hogwarts, warzenschweiniges Hogwarts,
bring uns was Schönes bei,
Ob alt und kahl oder jung und albern,
wir sehnen uns Wissen herbei.
Denn noch sind unsre Köpfe leer,
voll Luft und voll toter Fliegen,
wir wollen nun alles erlernen,
was du uns bisher hast verschwiegen.
Gib dein Bestes – wir können’s gebrauchen,
unsere Köpfe, sie sollen rauchen!
Kaum einmal zwei von ihnen hörten gleichzeitig auf. Am Ende hörte man nur noch die Weasley-Zwillinge nach der Melodie eines langsamen Trauermarsches singen. Dumbledore dirigierte ihre letzten Verse mit seinem Zauberstab, und als sie geendet hatten, klatschte er am lautesten.
»Aah, Musik«, sagte er und wischte sich die Augen. »Ein Zauber, der alles in den Schatten stellt, was wir hier treiben. Und nun in die Betten!«
Die Erstklässler von Gryffindor folgten Percy durch die schnatternde Menge hinaus aus der Großen Halle und die Marmortreppe empor. Harrys Beine waren wieder bleischwer, diesmal jedoch nur, weil er sich den Bauch so vollgeschlagen hatte und todmüde war. Er war sogar zu schläfrig, um sich darüber zu wundern, dass die Menschen auf den Porträts entlang der Korridore flüsterten und auf sie deuteten, als sie vorbeigingen, oder dass Percy sie zweimal durch Türbögen führte, die versteckt hinter beiseitegleitenden Täfelungen und Wandteppichen lagen. Noch mehr Treppen ging es empor, gähnend und schlurfend, und Harry fragte sich gerade, wie lange es noch dauern würde, als sie plötzlich Halt machten. Ein Bündel Spazierstöcke schwebte in der Luft vor ihnen, und als Percy einen Schritt auf sie zutrat, begannen sie, sich auf ihn zu werfen.
»Peeves«, flüsterte Percy den Erstklässlern zu. »Ein Poltergeist.« Er hob seine Stimme: »Peeves, zeige dich.«
Ein lautes, grobes Geräusch, wie Luft, die aus einem Ballon gelassen wird, antwortete.
»Willst du, dass ich zum Blutigen Baron gehe?«
Es machte »Plopp« und ein kleiner Mann mit bösen dunklen Augen und weit geöffnetem Mund erschien. Die Beine über Kreuz, schwebte er vor ihnen in der Luft und packte die Spazierstöcke.
»Ooooooooh!«, sagte er mit einem gehässigen Kichern. »Die süßen kleinen Erstklässler! Welch ein Spaß!«
Plötzlich rauschte er auf sie zu. Sie duckten sich.
»Verschwinde, Peeves, oder der Baron erfährt davon, ich meine es ernst!«, bellte Percy.
Peeves streckte die Zunge heraus und verschwand, nicht ohne die Stöcke auf Nevilles Kopf fallen zu lassen. Sie hörten ihn abziehen, an jeder Rüstung rüttelnd, an der er vorbeikam.
»Nehmt euch lieber in Acht vor Peeves«, sagte Percy, als sie sich wieder auf den Weg machten. »Der Blutige Baron ist der Einzige, der ihn im Griff hat, er hört nicht einmal auf uns Vertrauensschüler. Da sind wir.«
Ganz am Ende des Ganges hing das Bildnis einer sehr dicken Frau in einem rosa Seidenkleid.
»Passwort?«, fragte sie.
»Caput Draconis«, sagte Percy. Das Porträt schwang zur Seite und gab den Blick auf ein rundes Loch in der Wand frei. Sie zwängten sich hindurch – Neville brauchte ein wenig Hilfestellung – und fanden sich in einem gemütlichen, runden Zimmer voll weicher Sessel wieder: dem Gemeinschaftsraum von Gryffindor.
Percy zeigte den Mädchen den Weg durch eine Tür, die in ihren Schlafsaal führte, und geleitete die Jungen in ihren. Sie kletterten eine Wendeltreppe empor – offensichtlich waren sie in einem der Türme – und fanden nun endlich ihre Betten: fünf Himmelbetten, die mit tiefroten samtenen Vorhängen verkleidet waren. Ihre Koffer waren schon hochgebracht worden. Viel zu müde, um sich noch lange zu unterhalten, zogen sie ihre Pyjamas an und ließen sich in die Kissen fallen.
»Tolles Essen, was?«, murmelte Ron durch die Vorhänge zu Harry hinüber. »Hau ab, Krätze! Er kaut an meinem Laken.«
Harry wollte Ron noch fragen, ob er von der Zuckergusstorte gekostet habe, doch in diesem Moment fielen ihm die Augen zu.
Vielleicht hatte Harry ein wenig zu viel gegessen, denn er hatte einen sehr merkwürdigen Traum. Er trug Professor Quirrells Turban, der ständig zu ihm sprach. Er müsse sofort nach Slytherin überwechseln, das sei sein Schicksal; der Turban wurde immer schwerer; Harry versuchte ihn vom Kopf zu reißen, doch er zog sich so eng zusammen, dass es wehtat. Und da war Malfoy, der ihn auslachte, jetzt verwandelte sich Malfoy in den hakennasigen Lehrer Snape, dessen Lachen spitz und kalt wurde – grünes Licht flammte auf und Harry erwachte zitternd und in Schweiß gebadet.
Er drehte sich auf die andere Seite und schlief wieder ein, und als er am nächsten Morgen aufwachte, erinnerte er sich nicht mehr an den Traum.
Der Meister der Zaubertränke
»Da ist er.«
»Wo?«
»Neben dem großen rothaarigen Jungen.«
»Der mit der Brille?«
»Siehst du sein Gesicht?«
»Siehst du seine Narbe?«
Ein Flüstern verfolgte Harry von dem Moment an, da er am nächsten Morgen den Schlafsaal verließ. Draußen vor den Klassenzimmern stellten sie sich auf Zehenspitzen, um einen Blick auf ihn zu erhaschen. Andere machten auf dem Weg durch den Korridor kehrt und liefen mit neugierigem Blick an ihm vorbei. Harry mochte das nicht, denn er war noch viel zu sehr damit beschäftigt, den Weg in die Klassenzimmer zu finden.
Es gab einhundertundzweiundvierzig Treppen in Hogwarts: breite, weit ausschwingende; enge, kurze, wacklige; manche führten freitags woandershin; manche hatten auf halber Höhe eine Stufe, die ganz plötzlich verschwand, und man durfte nicht vergessen, sie zu überspringen. Dann wiederum gab es Türen, die nicht aufgingen, außer wenn man sie höflich bat oder sie an genau der richtigen Stelle kitzelte, und Türen, die gar keine waren, sondern Wände, die nur so taten, als ob. Schwierig war es auch, sich daran zu erinnern, wo etwas Bestimmtes war, denn alles schien ziemlich oft den Platz zu wechseln. Die Leute in den Porträts gingen sich ständig besuchen, und Harry war sich sicher, dass die Rüstungen laufen konnten.
Auch die Geister waren nicht besonders hilfreich. Man bekam einen fürchterlichen Schreck, wenn einer von ihnen durch eine Tür schwebte, die man gerade zu öffnen versuchte. Der Fast Kopflose Nick freute sich immer, wenn er den neuen Gryffindors den Weg zeigen konnte, doch Peeves der Poltergeist bot mindestens zwei verschlossene Türen und eine Geistertreppe auf, wenn man zu spät dran war und ihn auf dem Weg zum Klassenzimmer traf. Er leerte den Schülern Papierkörbe über dem Kopf aus, zog ihnen die Teppiche unter den Füßen weg, bewarf sie mit Kreidestückchen oder schlich sich unsichtbar von hinten an, griff sie an die Nase und schrie: »HAB DEINEN ZINKEN!«
Noch schlimmer als Peeves, wenn davon überhaupt die Rede sein konnte, war Argus Filch, der Hausmeister. Harry und Ron schafften es schon am ersten Morgen, ihm in die Quere zu kommen. Filch erwischte sie dabei, wie sie sich durch eine Tür zwängen wollten, die sich unglücklicherweise als der Eingang zum verbotenen Korridor im dritten Stock herausstellte. Filch wollte nicht glauben, dass sie sich verlaufen hatten, und war fest davon überzeugt, dass sie versucht hatten, die Tür aufzubrechen. Er werde sie beide in den Kerker sperren, drohte er, gerade als Professor Quirrell vorbeikam und sie rettete.
Filch hatte eine Katze namens Mrs Norris, eine dürre, staubfarbene Kreatur mit hervorquellenden, lampenartigen Augen. Sie patrouillierte allein durch die Korridore. Brach man vor ihren Augen eine Regel oder setzte auch nur einen Fuß falsch auf, dann flitzte sie zu Filch, der zwei Sekunden später keuchend vor einem stand. Filch kannte die Geheimgänge der Schule besser als alle andern (mit Ausnahme vielleicht der Weasley-Zwillinge) und konnte so plötzlich auftauchen wie sonst nur ein Geist. Die Schüler mochten ihn alle nicht leiden und hätten Mrs Norris am liebsten einen gepfefferten Fußtritt versetzt.
Und dann, wenn man es einmal geschafft hatte, das Klassenzimmer zu finden, war da der eigentliche Unterricht. Wie Harry rasch feststellte, gehörte zum Zaubern viel mehr, als nur mit dem Zauberstab herumzufuchteln und ein paar merkwürdige Worte von sich zu geben.
Jeden Mittwoch um Mitternacht mussten sie mit ihren Teleskopen den Nachthimmel studieren und die Namen verschiedener Sterne und die Bewegungen der Planeten lernen. Dreimal die Woche gingen sie hinaus zu den Gewächshäusern hinter dem Schloss, wo sie bei einer plumpen kleinen Professorin namens Sprout Kräuterkunde hatten. Hier lernten sie, wie man all die seltsamen Pflanzen und Pilze züchtete und herausfand, wozu sie nütze waren.
Der bei weitem langweiligste Stoff war Geschichte der Zauberei, der einzige Unterricht, den ein Geist gab. Professor Binns war wirklich schon sehr alt gewesen, als er vor dem Kaminfeuer im Lehrerzimmer eingeschlafen und am nächsten Morgen zum Unterricht aufgestanden war, wobei er freilich seinen Körper zurückgelassen hatte. Binns leierte Namen und Jahreszahlen herunter, und sie kritzelten alles in ihre Hefte und verwechselten Emmerich den Bösen mit Ulrich dem Komischen Kauz.
Professor Flitwick, der Lehrer für Zauberkunst, war ein winzig kleiner Magier, der sich, um über das Pult sehen zu können, auf einen Stapel Bücher stellen musste. Zu Beginn der ersten Stunde verlas er die Namensliste, und als er zu Harry gelangte, gab er ein aufgeregtes Quieken von sich und stürzte vom Bücherstapel.
Professor McGonagall wiederum war ganz anders. Harry hatte durchaus zu Recht vermutet, mit dieser Lehrerin sei nicht gut Kirschen essen. Streng und klug, hielt sie ihnen eine Rede, kaum hatten sie sich zur ersten Stunde hingesetzt.
»Verwandlungen gehören zu den schwierigsten und gefährlichsten Zaubereien, die ihr in Hogwarts lernen werdet«, sagte sie. »Jeder, der in meinem Unterricht Unsinn anstellt, hat zu gehen und wird nicht mehr zurückkommen. Ihr seid gewarnt.«
Dann verwandelte sie ihr Pult in ein Schwein und wieder zurück. Sie waren alle sehr beeindruckt und konnten es kaum erwarten, loslegen zu dürfen, doch sie erkannten bald, dass es noch lange dauern würde, bis sie die Möbel in Tiere verwandeln konnten. Erst einmal schrieben sie eine Menge komplizierter Dinge auf, dann erhielt jeder ein Streichholz, das sie in eine Nadel zu verwandeln suchten. Am Ende der Stunde hatte nur Hermine Granger ihr Streichholz ein klein wenig verändert. Professor McGonagall zeigte der Klasse, dass es ganz silbrig und spitz geworden war, und schenkte Hermine ein bei ihr seltenes Lächeln.
Wirklich gespannt waren sie auf Verteidigung gegen die dunklen Künste, doch Quirrells Unterricht stellte sich als Witz heraus. Sein Klassenzimmer roch stark nach Knoblauch, und alle sagten, das diene dazu, einen Vampir fernzuhalten, den er in Rumänien getroffen habe und der, wie Quirrell befürchtete, eines Tages kommen und ihn holen würde. Seinen Turban, erklärte er, habe ihm ein afrikanischer Prinz geschenkt, weil er dem Prinzen einen lästigen Zombie vom Hals geschafft habe, aber sie waren sich nicht sicher, was sie von dieser Geschichte halten sollten. Als nämlich Seamus Finnigan neugierig fragte, wie Quirrell den Zombie denn verjagt habe, lief der rosarot an und begann über das Wetter zu reden; außerdem hatten sie bemerkt, dass von dem Turban ein komischer Geruch ausging, und die Weasley-Zwillinge behaupteten steif und fest, auch er sei vollgestopft mit Knoblauch, damit Professor Quirrell geschützt sei, wo immer er gehe und stehe.
Harry stellte erleichtert fest, dass er nicht meilenweit hinter den andern herhinkte. Viele Schüler kamen aus Muggelfamilien und hatten wie er keine Ahnung gehabt, dass sie Hexen oder Zauberer waren. Es gab so viel zu lernen, dass selbst Schüler wie Ron keinen großen Vorsprung hatten.
Ein großer Tag für Harry und Ron war der Freitag. Sie schafften es endlich, den Weg zum Frühstück in die Große Halle zu finden, ohne sich auch nur ein einziges Mal zu verirren.
»Was haben wir heute?«, fragte Harry Ron, während er Zucker auf seinen Haferbrei schüttete.
»Doppelstunde Zaubertränke, zusammen mit den Slytherins«, sagte Ron. »Snape ist der Hauslehrer von Slytherin. Es heißt, er bevorzugt sie immer. Wir werden ja sehen, ob das stimmt.«
»Ich wünschte, die McGonagall würde uns bevorzugen«, sagte Harry. Professor McGonagall war Hauslehrerin von Gryffindor und trotzdem hatte sie ihnen tags zuvor eine Unmenge Hausaufgaben aufgehalst.
In diesem Augenblick kam die Post. Harry hatte sich inzwischen daran gewöhnt, doch am ersten Morgen hatte er einen kleinen Schreck bekommen, als während des Frühstücks plötzlich an die hundert Eulen in die Große Halle schwirrten, die Tische umkreisten, bis sie ihre Besitzer erkannten, und dann die Briefe und Päckchen auf ihren Schoß fallen ließen.
Hedwig hatte Harry bisher nichts gebracht. Manchmal ließ sie sich auf seiner Schulter nieder, knabberte ein wenig an seinem Ohr und verspeiste ein Stück Toast, bevor sie sich mit den anderen Schuleulen in die Eulerei zum Schlafen verzog. An diesem Morgen jedoch landete sie flatternd zwischen dem Marmeladeglas und der Zuckerschüssel und ließ einen Brief auf Harrys Teller fallen. Harry riss ihn sofort auf.
Lieber Harrry, stand da sehr kraklig geschrieben,
ich weiß, dass du Freitagnachmittag freihast. Hättest du nicht Lust, mich gegen drei zu besuchen und eine Tasse Tee zu trinken? Ich möchte alles über deine erste Woche erfahren. Schick mir durch Hedwig eine Antwort.
Hagrid
Harry borgte sich Rons Federkiel, kritzelte »Ja, gerne, wir sehen uns später« auf die Rückseite des Briefes und schickte Hedwig damit los.
Ein Glück, dass Harry sich auf den Tee mit Hagrid freuen konnte, denn der Zaubertrankunterricht stellte sich als das Schlimmste heraus, was ihm bisher passiert war.
Beim Bankett zum Schuljahresbeginn hatte Harry den Eindruck gewonnen, dass Professor Snape ihn nicht mochte. Am Ende der ersten Zaubertrankstunde wusste er, dass er falsch gelegen hatte. Es war nicht so, dass Snape ihn nicht mochte – er hasste ihn.
Der Zaubertrankunterricht fand tief unten in einem der Kerker statt. Hier war es kälter als oben im Hauptschloss, und auch ohne die eingelegten Tiere, die in großen, an den Wänden aufgereihten Gläsern herumschwammen, wäre es schon unheimlich genug gewesen.
Snape begann die Stunde wie Flitwick mit der Verlesung der Namensliste, und wie Flitwick hielt er bei Harrys Namen inne.
»Ah, ja«, sagte er leise. »Harry Potter. Unsere neue – Berühmtheit.«
Draco Malfoy und seine Freunde Crabbe und Goyle kicherten hinter vorgehaltenen Händen. Snape rief die restlichen Namen auf und richtete dann den Blick auf die Klasse. Seine Augen waren so schwarz wie die Hagrids, doch sie hatten nichts von deren Wärme. Sie waren kalt und leer und erinnerten an dunkle Tunnel.
»Ihr seid hier, um die schwierige Wissenschaft und exakte Kunst der Zaubertrankbrauerei zu lernen.« Es war kaum mehr als ein Flüstern, doch sie verstanden jedes Wort – wie Professor McGonagall hatte Snape die Gabe, eine Klasse mühelos ruhig zu halten. »Da es bei mir nur wenig albernes Zauberstabgefuchtel gibt, werden viele von euch kaum glauben, dass es sich um Zauberei handelt. Ich erwarte nicht, dass ihr wirklich die Schönheit des leise brodelnden Kessels mit seinen schimmernden Dämpfen zu sehen lernt, die zarte Macht der Flüssigkeiten, die durch die menschlichen Venen kriechen, den Kopf verhexen und die Sinne betören … Ich kann euch lehren, wie man Ruhm in Flaschen füllt, Ansehen zusammenbraut, sogar den Tod verkorkt – sofern ihr kein großer Haufen Dummköpfe seid, wie ich sie sonst immer in der Klasse habe.«
Die Klasse blieb stumm nach dieser kleinen Rede. Harry und Ron tauschten mit hochgezogenen Augenbrauen Blicke aus. Hermine Granger saß auf dem Stuhlrand und sah aus, als wäre sie ganz versessen darauf, zu beweisen, dass sie kein Dummkopf war.
»Potter!«, sagte Snape plötzlich. »Was bekomme ich, wenn ich einem Wermutaufguss geriebene Affodillwurzel hinzufüge?«
Geriebene Wurzel wovon einem Aufguss wovon hinzufügen? Harry blickte Ron an, der genauso verdutzt aussah wie er; Hermines Hand war nach oben geschnellt.
»Ich weiß nicht, Sir«, sagte Harry.
Snapes Lippen kräuselten sich zu einem hämischen Lächeln.
»Tjaja – Ruhm ist eben nicht alles.«
Hermines Hand übersah er.
»Versuchen wir’s noch mal, Potter. Wo würdest du suchen, wenn du mir einen Bezoar beschaffen müsstest?«
Hermine streckte die Hand so hoch in die Luft, wie es möglich war, ohne dass sie sich vom Stuhl erhob, doch Harry hatte nicht die geringste Ahnung, was ein Bezoar war. Er mied den Blick hinüber zu Malfoy, Crabbe und Goyle, die sich vor Lachen schüttelten.
»Ich weiß nicht, Sir.«
»Dachtest sicher, es wäre nicht nötig, ein Buch aufzuschlagen, bevor du herkommst, nicht wahr, Potter?«
Harry zwang sich, fest in diese kalten Augen zu blicken. Bei den Dursleys hatte er wohl in seine Bücher geschaut, doch erwartete Snape, dass er alles aus Tausend Zauberkräutern und -pilzen herbeten konnte?
Snape missachtete immer noch Hermines zitternde Hand.
»Was ist der Unterschied zwischen Eisenhut und Wolfswurz, Potter?«
Bei dieser Frage stand Hermine auf, ihre Fingerspitzen berührten jetzt fast die Kerkerdecke.
»Ich weiß nicht«, sagte Harry leise. »Aber ich glaube, Hermine weiß es, also warum nehmen Sie nicht mal Hermine dran?«
Ein paar lachten; Harry fing Seamus’ Blick auf, der ihm zuzwinkerte. Snape allerdings war nicht erfreut.
»Setz dich«, blaffte er Hermine an. »Zu deiner Information, Potter, Affodill und Wermut ergeben einen Schlaftrank, der so stark ist, dass er als Trank der Lebenden Toten bekannt ist. Ein Bezoar ist ein Stein aus dem Magen einer Ziege, der einen vor den meisten Giften rettet. Was Eisenhut und Wolfswurz angeht, so bezeichnen sie dieselbe Pflanze, auch bekannt unter dem Namen Aconitum. Noch Fragen? Und warum schreibt ihr euch das nicht auf?«
Dem folgte ein lautes Geraschel von Pergament und Federkielen. Durch den Lärm drang Snapes Stimme: »Und Gryffindor wird ein Punkt abgezogen, wegen dir, Potter.«
Auch später erging es den Gryffindors in der Zaubertrankstunde nicht besser. Snape stellte sie zu Paaren zusammen und ließ sie einen einfachen Trank zur Heilung von Furunkeln anrühren. Er huschte in seinem langen schwarzen Umhang zwischen den Tischen umher, sah zu, wie sie getrocknete Nesseln abwogen und Giftzähne von Schlangen zermahlten. Bei fast allen hatte er etwas auszusetzen, außer bei Malfoy, den er offenbar gut leiden konnte. Gerade forderte er die ganze Klasse auf, sich anzusehen, wie gut Malfoy seine Wellhornschnecken geschmort hatte, als giftgrüne Rauchwolken und ein lautes Zischen den Kerker erfüllten. Neville hatte es irgendwie geschafft, den Kessel von Seamus zu einem unförmigen Klumpen zu zerschmelzen. Das Gebräu sickerte über den Steinboden und brannte Löcher in die Schuhe. Im Nu stand die ganze Klasse auf den Stühlen, während Neville, der sich mit dem Gebräu vollgespritzt hatte, als der Kessel zersprang, vor Schmerz stöhnte, denn überall auf seinen Armen und Beinen brachen zornrote Furunkel auf.
»Du Idiot!«, blaffte Snape ihn an und wischte den verschütteten Trank mit einem Schwung seines Zauberstabs weg. »Ich nehme an, du hast die Stachelschweinstacheln hinzugegeben, bevor du den Kessel vom Feuer genommen hast?«
Neville wimmerte, denn Furunkel brachen nun auch auf seiner Nase auf.
»Bring ihn hoch in den Hospitalflügel«, fauchte Snape Seamus an. Dann nahm er sich Harry und Ron vor, die am Tisch neben Neville gearbeitet hatten.
»Du – Potter – warum hast du ihm nicht gesagt, er solle die Pastillen weglassen? Dachtest wohl, du stündest besser da, wenn er es vermasselt, oder? Das ist noch ein Punkt, der Gryffindor wegen dir abgezogen wird.«
Das war so unfair, dass Harry den Mund öffnete, um ihm zu widersprechen, doch Ron versetzte ihm hinter ihrem Kessel einen Knuff.
»Leg’s nicht darauf an«, flüsterte er. »Ich hab gehört, Snape kann sehr gemein werden.«
Als sie eine Stunde später die Kerkerstufen emporstiegen, rasten wilde Gedanken durch Harrys Kopf und er fühlte sich miserabel. In der ersten Woche schon hatte Gryffindor seinetwegen zwei Punkte verloren. Warum hasste Snape ihn so sehr?
»Mach dir nichts draus«, sagte Ron. »Snape nimmt Fred und George auch immer Punkte weg. Kann ich mitkommen zu Hagrid?«
Um fünf vor drei verließen sie das Schloss und machten sich auf den Weg. Hagrid lebte in einem kleinen Holzhaus am Rande des verbotenen Waldes. Neben der Tür standen eine Armbrust und ein Paar Galoschen.
Als Harry klopfte, hörten sie von drinnen ein aufgeregtes Kratzen und ein donnerndes Bellen. Dann erwachte Hagrids Stimme: »Zurück, Fang – mach Platz.«
Hagrids großes, haariges Gesicht erschien im Türspalt, dann öffnete er.
»Wartet«, sagte er. »Platz, Fang.«
Er ließ sie herein, wobei er versuchte einen riesigen schwarzen Saurüden am Halsband zu fassen.
Drinnen gab es nur einen Raum. Von der Decke hingen Schinken und Fasane herunter, ein Kupferkessel brodelte über dem offenen Feuer, und in der Ecke stand ein riesiges Bett mit einer Flickendecke.
»Macht’s euch bequem«, sagte Hagrid und ließ Fang los, der gleich auf Ron losstürzte und ihn an den Ohren leckte. Wie Hagrid war auch Fang offensichtlich nicht so wild, wie er aussah.
»Das ist Ron«, erklärte Harry, während Hagrid kochendes Wasser in einen großen Teekessel goss und Plätzchen auf einen Teller legte.
»Noch ein Weasley, nicht wahr?«, sagte Hagrid und betrachtete Rons Sommersprossen. »Mein halbes Leben hab ich damit verbracht, deine Zwillingsbrüder aus dem Wald zu verjagen.«
Die Plätzchen waren so hart, dass sie sich fast die Zähne ausbissen, doch Harry und Ron ließen sich nichts anmerken und erzählten Hagrid alles über die ersten Unterrichtsstunden. Fang legte den Kopf auf Harrys Knie und Sabber lief den Umhang hinunter.
Harry und Ron genossen es, dass Hagrid Filch einen »blöden Sack« nannte.
»Und was diese Katze angeht, Mrs Norris, die möcht ich mal Fang vorstellen. Wisst ihr, immer wenn ich hochgeh zur Schule, folgt sie mir auf Schritt und Tritt. Kann sie nicht abschütteln, Filch macht sie extra scharf auf mich.«
Harry erzählte Hagrid von der ersten Stunde bei Snape. Wie zuvor schon Ron, riet ihm auch Hagrid, sich darüber keine Gedanken zu machen; Snape möge eben kaum einen Schüler.
»Aber er schien mich richtig zu hassen.«
»Unsinn!«, sagte Hagrid. »Warum sollte er?«
Doch Harry meinte zu bemerken, dass Hagrid ihm dabei nicht wirklich in die Augen schaute.
»Wie geht’s deinem Bruder Charlie?«, fragte Hagrid Ron. »Mochte ihn sehr gern, konnte prima mit Tieren umgehen.«
Harry fragte sich, ob Hagrid das Thema absichtlich gewechselt hatte. Während Ron Hagrid von Charlies Arbeit mit den Drachen erzählte, zog Harry ein Blatt Papier unter der Teehaube hervor. Es war ein Ausschnitt aus dem Tagespropheten:
Neues vom Einbruch bei Gringotts
Die Ermittlungen im Fall des Einbruchs bei Gringotts vom 31. Juli werden fortgesetzt. Allgemein wird vermutet, dass es sich um die Tat schwarzer Magier oder Hexen handelt. Um wen genau es sich handelt, ist jedoch unklar.
Vertreter der Kobolde bei Gringotts bekräftigten heute noch einmal, dass nichts gestohlen wurde. Das Verlies, das durchsucht wurde, war zufällig am selben Tag geleert worden.
»Wir sagen Ihnen allerdings nicht, was drin war, also halten Sie Ihre Nasen da raus, falls Sie wissen, was gut für Sie ist«, sagte ein offizieller Koboldsprecher von Gringotts heute Nachmittag.
Harry erinnerte sich, dass Ron ihm im Zug gesagt hatte, jemand habe versucht, Gringotts auszurauben. Doch Ron hatte nicht erwähnt, an welchem Tag das war.
»Hagrid!«, rief Harry, »dieser Einbruch bei Gringotts war an meinem Geburtstag! Vielleicht sogar, während wir dort waren!«
Diesmal konnte es keinen Zweifel geben: Hagrid blickte Harry nicht in die Augen. Er stöhnte auf und bot ihm noch ein Plätzchen an. Harry las den Zeitungsartikel noch einmal durch. Das Verlies, das durchsucht wurde, war zufällig am selben Tag geleert worden. Hagrid hatte Verlies siebenhundertdreizehn geleert, wenn man es so nennen konnte, denn er hatte nur dieses schmutzige kleine Paket herausgeholt. War es das, wonach die Diebe gesucht hatten?
Als Harry und Ron zum Abendessen ins Schloss zurückkehrten, waren ihre Taschen vollgestopft mit den steinharten Plätzchen, die sie aus Höflichkeit nicht hatten ablehnen wollen. Harry überlegte, dass ihm bisher keine Unterrichtsstunde so viel Stoff zum Nachdenken geliefert hatte wie dieser Teenachmittag bei Hagrid. Hatte Hagrid dieses Päckchen gerade noch rechtzeitig geholt? Wo war es jetzt? Und wusste Hagrid mehr über Snape, als er Harry erzählen wollte?
Duell um Mitternacht
Harry hätte sich nicht träumen lassen, dass er je auf einen Jungen stoßen würde, den er mehr hasste als Dudley – bis er Draco Malfoy kennen lernte. Ein Glück, dass die Erstklässler von Gryffindor nur die Zaubertrankstunden gemeinsam mit den Slytherins hatten und sie sich deshalb nicht allzu lange mit Malfoy abgeben mussten. Wenigstens taten sie es nicht, bis sie am schwarzen Brett ihres Aufenthaltsraumes eine Notiz bemerkten, die sie alle aufstöhnen ließ. Die Flugstunden würden am Donnerstag beginnen. Und Gryffindor und Slytherin sollten zusammen Unterricht haben.
»Das hat mir gerade noch gefehlt«, sagte Harry mit düsterer Stimme. »Genau das, was ich immer wollte. Mich vor den Augen Malfoys auf einem Besen lächerlich machen.«
Auf das Fliegenlernen hatte er sich mehr gefreut als auf alles andere.
»Du weißt doch noch gar nicht, ob du dich lächerlich machst«, sagte Ron vernünftigerweise. »Jedenfalls weiß ich, dass Malfoy immer damit protzt, wie gut er im Quidditch ist, aber ich wette, das ist alles nur Gerede.«
Malfoy sprach in der Tat ausgiebig vom Fliegen. Er beklagte sich lauthals, dass die Erstklässler es nie schafften, in eines der Quidditch-Teams aufgenommen zu werden, und erzählte langatmige Geschichten, die immer damit zu enden schienen, dass er um Haaresbreite irgendwelchen Muggeln in Hubschraubern entkommen war. Allerdings war er nicht der Einzige: Seamus Finnigan jedenfalls ließ durchblicken, dass er den größten Teil seiner Kindheit damit verbracht habe, auf einem Besen übers Land zu brausen. Selbst Ron erzählte jedem, der es hören wollte, wie er auf Charlies altem Besen einmal fast mit einem Drachenflieger zusammengestoßen sei. Alle Schüler aus Zaubererfamilien redeten ständig über Quidditch. Mit Dean Thomas, der auch in ihrem Schlafsaal war, hatte sich Ron bereits einen heftigen Streit über Fußball geliefert. Ron konnte einfach nicht einsehen, was so spannend sein sollte an einem Spiel mit nur einem Ball, bei dem es nicht erlaubt war, zu fliegen. Harry hatte Ron dabei erwischt, wie er vor Deans Poster von dessen Lieblingsfußballmannschaft stand und die Spieler anfeuerte, sich doch endlich zu bewegen.
Neville wiederum hatte noch nie einen Besen bestiegen. Seine Großmutter wollte ihn nicht einmal in die Nähe eines solchen Fluggeräts lassen. Harry gab ihr im Stillen Recht, denn Neville schaffte es sogar, mit beiden Füßen fest auf dem Boden eine erstaunliche Zahl von Unfällen zu erleiden.
Fast so nervös wie Neville, wenn es ans Fliegen ging, war Hermine Granger. Fliegen war etwas, was man nicht aus einem Buch auswendig lernen konnte – nicht, dass sie es nicht versucht hätte. Beim Frühstück am Donnerstagmorgen langweilte sie alle mit dummen Flugtipps, die sie in einem Bibliotheksband namens Quidditch im Wandel der Zeiten gefunden hatte. Neville hing ihr an den Lippen, begierig auf alles, was ihm nachher helfen könnte, auf dem Besen zu bleiben, doch alle anderen waren erleichtert, als die Ankunft der Post Hermines Vorlesung unterbrach.
Seit Hagrids Einladung hatte Harry keinen einzigen Brief mehr bekommen, was Malfoy natürlich schnell bemerkt hatte. Malfoys Uhu brachte ihm immer Päckchen mit Süßigkeiten von daheim, die er am Tisch der Slytherins genüsslich auspackte.
Eine Schleiereule brachte Neville ein kleines Päckchen von seiner Großmutter. Er öffnete es ganz aufgeregt und zeigte den andern eine Glaskugel, die einer großen Murmel ähnelte und offenbar mit weißem Rauch gefüllt war.
»Ein Erinnermich«, erklärte er. »Oma weiß, dass ich ständig alles vergesse. Das Ding hier sagt einem, ob es etwas gibt, was man zu tun vergessen hat. Schaut mal, ihr schließt es ganz fest in die Hand, und wenn es rot wird – oh …« Er schaute betreten drein, denn das Erinnermich erglühte im Nu scharlachrot, »… dann habt ihr etwas vergessen …«
Neville war gerade damit beschäftigt, sich daran zu erinnern, was er vergessen hatte, als Draco Malfoy am Tisch der Gryffindors vorbeiging und ihm das Erinnermich aus der Hand riss.
Harry und Ron sprangen auf. Insgeheim hofften sie, einen Grund zu finden, um sich mit Malfoy schlagen zu können, doch Professor McGonagall, die schneller als alle anderen Lehrer der Schule spürte, wenn es Ärger gab, stand schon vor ihnen.
»Was geht hier vor?«
»Malfoy hat mein Erinnermich, Frau Professor.«
Mit zornigem Blick ließ Malfoy das Erinnermich rasch wieder auf den Tisch fallen.
»Wollte nur mal sehen«, sagte er und trottete mit Crabbe und Goyle im Schlepptau davon.
An diesem Nachmittag um halb vier rannten Harry, Ron und die anderen Gryffindors über die Vordertreppe hinaus auf das Schlossgelände, wo die erste Flugstunde stattfinden sollte. Es war ein klarer, ein wenig windiger Tag, und das Gras wellte sich unter ihren Füßen, als sie den sanft abfallenden Hang zu einem flachen Stück Rasen auf der gegenüberliegenden Seite des verbotenen Waldes hinuntergingen, dessen Bäume in der Ferne dunkel wogten.
Die Slytherins waren schon da, und auch, fein säuberlich aneinandergereiht auf dem Boden liegend, zwanzig Besen. Harry hatte gehört, wie Fred und George Weasley sich über die Schulbesen mokierten. Manche davon fingen an zu vibrieren, wenn man zu hoch flog, oder bekamen einen Drall nach links.
Jetzt erschien Madam Hooch, ihre Lehrerin. Sie hatte kurzes, graues Haar und gelbe Augen wie ein Falke.
»Nun, worauf wartet ihr noch?«, blaffte sie die Schüler an. »Jeder stellt sich neben einem Besen auf. Na los, Beeilung.«
Harry sah hinunter auf seinen Besen. Es war ein altes Modell und einige der Reisigzweige waren kreuz und quer abgespreizt.
»Streckt die rechte Hand über euren Besen aus«, rief Madam Hooch, die sich vor ihnen aufgestellt hatte, »und sagt ›Hoch!‹.«
»HOCH!«, riefen alle.
Harrys Besen sprang sofort hoch in seine Hand, doch er war nur einer von wenigen, bei denen es klappte. Der Besen von Hermine Granger hatte sich einfach auf dem Boden umgedreht und der Nevilles hatte sich überhaupt nicht gerührt. Vielleicht spürten Besen wie Pferde, wenn man Angst hatte, dachte Harry. In Nevilles Stimme lag ein Zittern, das nur zu deutlich sagte, dass er mit den Füßen lieber auf dem Boden bleiben wollte.
Madam Hooch zeigte ihnen nun, wie sie die Besenstiele besteigen konnten, ohne hinten herunterzurutschen, und ging die Reihen entlang, um ihre Griffe zu überprüfen. Harry und Ron freuten sich riesig, als sie Malfoy erklärte, dass er es all die Jahre falsch gemacht habe.
»Passt jetzt auf. Wenn ich pfeife, stoßt ihr euch vom Boden ab, und zwar mit aller Kraft«, sagte Madam Hooch. »Haltet eure Besenstiele gerade, steigt ein paar Meter hoch und kommt dann gleich wieder runter, indem ihr euch leicht nach vorn neigt. Auf meinen Pfiff – drei – zwei –«
Neville jedoch, nervös und aufgeregt und voller Angst, auf dem Boden zurückzubleiben, nahm all seine Kräfte zusammen und stieß sich vom Boden ab, bevor die Pfeife Madam Hoochs Lippen berührt hatte.
»Komm zurück, Junge!«, rief sie. Doch Neville schoss in die Luft wie der Korken aus einer Sektflasche – vier Meter – sieben Meter. Harry sah sein verängstigtes Gesicht auf den entschwindenden Boden blicken, sah ihn die Luft anhalten, seitlich vom Besenstiel gleiten und –
WUMM – ein dumpfer Schlag und ein hässliches Knacken, und Neville, ein unförmiges Bündel, lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Gras. Sein Besen stieg immer noch höher und schwebte ganz allmählich zum verbotenen Wald hinüber, wo er verschwand.
Madam Hooch beugte sich über Neville, ihr Gesicht ebenso bleich wie das seine.
»Handgelenk gebrochen«, hörte Harry sie murmeln. »Na komm, Junge, es ist schon gut, steh auf.«
Sie drehte sich zum Rest der Klasse um.
»Keiner von euch rührt sich, während ich diesen Jungen in den Krankenflügel bringe! Ihr lasst die Besen, wo sie sind, oder ihr seid schneller aus Hogwarts draußen, als ihr ›Quidditch‹ sagen könnt! Komm, mein Kleiner.«
Neville, mit tränenüberströmtem Gesicht, umklammerte sein Handgelenk und hinkte mit Madam Hooch davon, die ihren Arm um ihn gelegt hatte.
Kaum waren sie außer Sicht, brach Malfoy in lautes Lachen aus.
»Habt ihr das Gesicht von diesem Riesentrampel gesehen?«
Die anderen Slytherins stimmten in sein Lachen ein.
»Halt den Mund, Malfoy«, sagte Parvati Patil in scharfem Ton.
»Ooh, machst dich für Longbottom stark?«, sagte Pansy Parkinson, ein Slytherin-Mädchen mit harten Zügen. »Hätte nicht gedacht, dass ausgerechnet du fette kleine Heulsusen magst, Parvati.«
»Schaut mal«, sagte Malfoy, machte einen Sprung und pickte etwas aus dem Gras. »Das blöde Ding, das die Oma von Longbottom ihm geschickt hat.«
Er hielt das Erinnermich hoch und es schimmerte in der Sonne.
»Gib es her, Malfoy«, sagte Harry ruhig. Alle schwiegen mit einem Schlag und richteten die Augen auf die beiden.
Malfoy grinste.
»Ich glaube, ich steck es irgendwohin, damit Longbottom es sich abholen kann – wie wär’s mit – oben auf einem Baum?«
»Gib es her!«, schrie Harry. Doch Malfoy war auf seinen Besen gehüpft und hatte sich in die Lüfte erhoben. Gelogen hatte er nicht – fliegen konnte er. Von den obersten Ästen einer Eiche herab rief er: »Komm und hol’s dir doch, Potter!«
Harry griff nach seinem Besen.
»Nein«, rief Hermine Granger. »Madam Hooch hat gesagt, wir dürfen uns nicht rühren. – Du bringst uns noch alle in Schwierigkeiten.«
Harry beachtete sie nicht. Blut pochte in seinen Ohren. Er stieg auf den Besen, stieß sich heftig vom Boden ab und schoss mit wehendem Haar und in der Luft peitschendem Umhang nach oben – und wilde Freude durchströmte ihn, denn er spürte, dass er etwas konnte, was man ihm nicht erst beibringen musste – Fliegen war leicht, Fliegen war toll. Er zog ein wenig an seinem Besenstiel, damit er ihn noch höher trug, und von unten hörte er die Mädchen schreien und seufzen und einen bewundernden Zuruf von Ron.
Er riss den Besen scharf herum, um Malfoy mitten in der Luft zu stellen. Malfoy sah überrascht aus.
»Gib es her«, rief Harry, »oder ich werf dich von deinem Besen runter!«
»Was du nicht sagst?«, entgegnete Malfoy und versuchte ein höhnisches Grinsen. Allerdings sah er ein wenig besorgt aus.
Aus irgendeinem Grund wusste Harry, was zu tun war. Er beugte sich vor, griff den Besenstiel fest mit beiden Händen und ließ ihn auf Malfoy zuschießen wie einen Speer. Malfoy konnte gerade noch rechtzeitig ausweichen; Harry machte scharf kehrt und hielt den Besenstiel gerade. Unten auf dem Boden klatschten ein paar Schüler in die Hände.
»Kein Crabbe und kein Goyle hier oben, um dich rauszuhauen, Malfoy!«, rief Harry.
Derselbe Gedanke schien auch Malfoy gekommen zu sein.
»Dann fang’s doch, wenn du kannst!«, schrie er, warf die Glaskugel hoch in die Luft und sauste hinunter gen Erde.
Harry sah den Ball wie in Zeitlupe hochsteigen und dann immer schneller fallen. Er beugte sich vor und drückte seinen Besenstiel nach unten. – Im nächsten Augenblick war er in steilem Sinkflug, immer schneller hinter der Kugel her – der Wind pfiff ihm um die Ohren, hin und wieder drangen Schreie vom Boden durch – er streckte die Hand aus – kaum einen halben Meter über dem Boden fing er sie auf, gerade rechtzeitig, um seinen Besenstiel in die Waagrechte zu ziehen, und mit dem Erinnermich sicher in der Faust landete er sanft auf dem Gras.
»HARRY POTTER!«
Das Herz sank ihm wesentlich schneller in die Hose, als er gerade eben für seinen Flug aus luftiger Höhe zurück auf die Erde gebraucht hatte. Mit zitternden Knien stand er auf.
»Nie, während meiner ganzen Zeit in Hogwarts –«
Professor McGonagall war fast sprachlos vor Entsetzen und ihre Brillengläser funkelten zornig. »Wie kannst du es wagen, du hättest dir den Hals brechen können –«
»Es war nicht seine Schuld, Professor –«
»Seien Sie still, Miss Patil!«
»Aber Malfoy –«
»Genug, Mr Weasley. Potter, folgen Sie mir, sofort.«
Harry sah noch Malfoys, Crabbes und Goyles triumphierende Gesichter, als er benommen hinter Professor McGonagall hertrottete, die raschen Schritts auf das Schloss zuging. Er würde von der Schule verwiesen werden, das hatte er im Gefühl. Er wollte etwas sagen, um sich zu verteidigen, doch mit seiner Stimme schien etwas nicht zu stimmen. Professor McGonagall eilte voran, ohne ihn auch nur anzublicken; um Schritt zu halten, musste er laufen. Jetzt hatte er es vermasselt. Nicht einmal zwei Wochen lang hatte er es geschafft. In zehn Minuten würde er seine Koffer packen. Was würden die Dursleys sagen, wenn er vor ihrer Tür auftauchte?
Es ging die Vordertreppe hoch, dann die Marmortreppe im Innern des Schlosses, und noch immer sagte Professor McGonagall kein Wort. Sie riss Türen auf und marschierte Gänge entlang, den niedergeschlagenen Harry im Schlepptau. Vielleicht brachte sie ihn zu Dumbledore. Er dachte an Hagrid: von der Schule verwiesen, doch als Wildhüter noch geduldet. Vielleicht konnte er Hagrids Gehilfe werden. Ihm drehte es den Magen um, als er sich das vorstellte: Ron und den anderen zusehen, wie sie Zauberer wurden, während er über die Ländereien humpelte mit Hagrids Tasche auf dem Rücken.
Professor McGonagall machte vor einem Klassenzimmer Halt. Sie öffnete die Tür und steckte den Kopf hinein.
»Entschuldigen Sie, Professor Flitwick, könnte ich mir Wood für eine Weile ausleihen?«
Wood?, dachte Harry verwirrt; war Wood ein Stock, den sie für ihn brauchte?
Doch Wood stellte sich als Mensch heraus, als ein stämmiger Junge aus der fünften Klasse, der etwas verdutzt aus Flitwicks Unterricht herauskam.
»Folgt mir, ihr beiden«, sagte Professor McGonagall, und sie gingen weiter den Korridor entlang, wobei Wood Harry neugierige Blicke zuwarf.
»Da hinein.«
Professor McGonagall wies sie in ein Klassenzimmer, das leer war, mit Ausnahme von Peeves, der gerade wüste Ausdrücke an die Tafel schrieb.
»Raus hier, Peeves!«, blaffte sie ihn an. Peeves warf die Kreide in einen Mülleimer, der ein lautes Klingen von sich gab, und schwebte fluchend hinaus. Professor McGonagall schlug die Tür hinter ihm zu und musterte die beiden Jungen.
»Potter, dies ist Oliver Wood. Wood, ich habe einen Sucher für Sie gefunden.«
Der zuvor noch ratlose Wood schien nun plötzlich hellauf begeistert.
»Meinen Sie das ernst, Professor?«
»Vollkommen ernst«, sagte Professor McGonagall forsch. »Der Junge ist ein Naturtalent. So etwas habe ich noch nie gesehen. War das Ihr erstes Mal auf einem Besen, Potter?«
Harry nickte schweigend. Er hatte keine Ahnung, was hier vor sich ging, doch offenbar wurde er nicht von der Schule verwiesen, und allmählich bekam er wieder ein Gefühl in den Beinen.
»Er hat dieses Ding aufgefangen nach einem Sturzflug aus fünfzehn Metern«, sagte Professor McGonagall zu Wood gewandt. »Hat sich nicht einmal einen Kratzer geholt. Nicht einmal Charlie Weasley hätte das geschafft.«
Wood guckte, als ob all seine Träume auf einen Schlag wahr geworden wären.
»Jemals ein Quidditch-Spiel gesehen, Potter?«, fragte er aufgeregt.
»Wood ist Kapitän der Mannschaft von Gryffindor«, erklärte Professor McGonagall.
»Außerdem hat er genau die richtige Statur für einen Sucher«, sagte Wood, der nun mit prüfendem Blick um Harry herumging. »Leicht, schnell, wir müssen ihm einen anständigen Besen verschaffen, Professor, einen Nimbus Zweitausend oder einen Sauberwisch Sieben, würd ich sagen.«
»Ich werde mit Professor Dumbledore sprechen und zusehen, dass wir die Regeln für die Erstklässler etwas zurechtbiegen können. Weiß Gott, wir brauchen eine bessere Mannschaft als letztes Jahr. Plattgemacht von Slytherin in dem letzten Spiel – ich konnte Severus Snape wochenlang nicht in die Augen sehen …«
Professor McGonagall sah Harry mit ernstem Blick über die Brillengläser hinweg an.
»Ich möchte hören, dass Sie hart trainieren werden, Potter, oder ich könnte mir das mit der Bestrafung noch einmal überlegen.«
Dann lächelte sie plötzlich.
»Ihr Vater wäre stolz auf Sie. Er war selbst ein hervorragender Quidditch-Spieler.«
»Du machst Witze.«
Sie waren beim Abendessen. Harry hatte Ron gerade erzählt, was passiert war, nachdem er mit Professor McGonagall ins Schloss gegangen war. Ron hatte gerade ein Stück Steak-und-Nieren-Pastete auf halbem Weg in den Mund, doch er vergaß völlig zu essen.
»Sucher?«, sagte er. »Aber Erstklässler werden nie – du musst der jüngste Hausspieler seit mindestens –«
»– einem Jahrhundert sein«, sagte Harry und schaufelte sich Pastete in den Mund. Nach der Aufregung am Nachmittag war er besonders hungrig. »Wood hat es mir erzählt.«
Ron war so beeindruckt und aus dem Häuschen, dass er nur dasaß und Harry mit offenem Mund anstarrte.
»Nächste Woche fange ich an zu trainieren«, sagte Harry. »Aber sag’s nicht weiter, Wood will es geheim halten.«
Fred und George kamen jetzt in die Halle, sahen Harry und liefen rasch zu ihm.
»Gut gemacht«, sagte George mit leiser Stimme, »Wood hat es uns erzählt. Wir sind auch in der Mannschaft – als Treiber.«
»Ich sag’s euch, dieses Jahr gewinnen wir ganz sicher den Quidditch-Pokal«, meinte Fred. »Seit Charlie weg ist, haben wir nicht mehr gewonnen, aber die Mannschaft von diesem Jahr ist klasse. Du musst wohl ganz gut sein, Harry, Wood hat sich fast überschlagen, als er es erzählt hat.«
»Übrigens, wir müssen gleich wieder los, Lee Jordan glaubt, er habe einen neuen Geheimgang entdeckt, der aus der Schule herausführt.«
»Wette, es ist der hinter dem Standbild von Gregor dem Kriecher, den wir schon in unserer ersten Woche hier entdeckt haben. Bis später.«
Kaum waren Fred und George verschwunden, als jemand auftauchte, der weit weniger willkommen war: Malfoy, flankiert von Crabbe und Goyle.
»Nimmst deine letzte Mahlzeit ein, Potter? Wann fährt der Zug zurück zu den Muggeln?«
»Hier unten bist du viel mutiger und deine kleinen Kumpel hast du auch mitgebracht«, sagte Harry kühl. Natürlich war überhaupt nichts Kleines an Crabbe und Goyle, doch da der Hohe Tisch mit Lehrern besetzt war, konnte keiner von ihnen mehr tun, als mit den Knöcheln zu knacken und böse Blicke zu werfen.
»Mit dir würd ich es jederzeit allein aufnehmen«, sagte Malfoy. »Heute Nacht, wenn du willst. Zaubererduell. Nur Zauberstäbe, kein Körperkontakt. Was ist los? Noch nie von einem Zaubererduell gehört, was?«
»Natürlich hat er«, sagte Ron und stand auf. »Ich bin sein Sekundant, wer ist deiner?«
Malfoy musterte Crabbe und Goyle.
»Crabbe«, sagte er. »Mitternacht, klar? Wir treffen uns im Pokalzimmer, das ist immer offen.«
Als Malfoy verschwunden war, sahen sich Ron und Harry an.
»Was ist ein Zaubererduell?«, fragte Harry. »Und was soll das heißen, du bist mein Sekundant?«
»Na ja, ein Sekundant ist da, um deine Angelegenheiten zu regeln, falls du stirbst«, sagte Ron lässig und machte sich endlich über seine kalte Pastete her. Er bemerkte Harrys Gesichtsausdruck und fügte rasch hinzu: »Aber man stirbt nur in richtigen Duellen mit richtigen Zauberern. Alles, was du und Malfoy könnt, ist, euch mit Funken zu besprühen. Keiner von euch kann gut genug zaubern, um wirklich Schaden anzurichten. Ich wette, er hat ohnehin erwartet, dass du ablehnst.«
»Und was, wenn ich mit meinem Zauberstab herumfuchtle und nichts passiert?«
»Dann wirf ihn weg und hau Malfoy eins auf die Nase«, schlug Ron vor.
»Entschuldigt, wenn ich störe.«
Beide sahen auf. Es war Hermine Granger.
»Kann ein Mensch hier nicht mal in Ruhe essen?«, sagte Ron.
Hermine ignorierte ihn und wandte sich an Harry.
»Ich habe unfreiwillig mitbekommen, was du und Malfoy beredet habt –«
»Von wegen unfreiwillig«, murmelte Ron.
»– und ihr dürft einfach nicht nachts in der Schule herumlaufen, denkt an die Punkte, die Gryffindor wegen euch verliert, wenn ihr erwischt werdet, und das werdet ihr sicher. Das ist wirklich sehr egoistisch von euch.«
»Und dich geht es wirklich nichts an«, sagte Harry.
»Auf Wiedersehen«, sagte Ron.
Trotz allem konnte man nicht gerade von einem gelungenen Abschluss des Tages reden, dachte Harry, als er später noch lange wach lag und hörte, wie Dean und Seamus einschliefen (Neville war noch nicht aus dem Krankenflügel zurückgekehrt). Ron hatte ihm den ganzen Abend lang Ratschläge erteilt, zum Beispiel: »Wenn er versucht, dir einen Fluch anzuhängen, dann weich ihm besser aus, ich weiß nämlich nicht, wie man sie abblocken kann.« Wahrscheinlich würden sie ohnehin von Filch oder Mrs Norris erwischt werden, und Harry hatte das Gefühl, dass er sein Glück aufs Spiel setzte, wenn er heute noch eine Schulregel brach. Andererseits tauchte ständig Malfoys grinsendes Gesicht aus der Dunkelheit auf – das war die große Gelegenheit, ihn von Angesicht zu Angesicht zu schlagen. Er konnte sie nicht sausen lassen.
»Halb zwölf«, murmelte Ron schließlich, »wir sollten aufbrechen.«
Sie zogen die Morgenmäntel an, griffen sich ihre Zauberstäbe und schlichen durch das Turmzimmer, die Wendeltreppe hinab und in den Gemeinschaftsraum der Gryffindors. Ein paar Holzscheite glühten noch im Kamin und verwandelten die Sessel in gedrungene schwarze Schatten. Sie hatten das Loch hinter dem Porträt schon fast erreicht, als eine Stimme aus nächster Nähe zu ihnen sprach: »Ich kann einfach nicht glauben, dass du das tust, Harry.«
Eine Lampe ging flackernd an. Es war Hermine Granger, die einen rosa Morgenmantel trug und auf der Stirn eine tiefe Sorgenfalte.
»Du!«, sagte Ron zornig. »Geh wieder ins Bett!«
»Ich hätte es fast deinem Bruder erzählt«, sagte Hermine spitz, »Percy, er ist Vertrauensschüler, und er hätte das hier nicht zugelassen.«
Harry konnte es nicht fassen, dass sich jemand auf so unverschämte Weise einmischte.
»Los, weiter«, sagte er zu Ron. Er schob das Porträt der fetten Dame beiseite und kletterte durch das Loch.
So schnell gab Hermine jedoch nicht auf. Sie folgte Ron durch das Loch hinter dem Bild und fauchte wie eine wütende Gans.
»Ihr schert euch überhaupt nicht um Gryffindor, sondern nur um euch selbst. Ich jedenfalls will nicht, dass Slytherin den Hauspokal gewinnt und ihr sämtliche Punkte wieder verliert, die ich von Professor McGonagall gekriegt habe, weil ich alles über die Verwandlungssprüche wusste.«
»Hau ab.«
»Na gut, aber ich warne euch, erinnert euch an das, was ich gesagt habe, wenn ihr morgen im Zug nach Hause sitzt, ihr seid ja so was von –«
Doch was sie waren, erfuhren sie nicht mehr. Hermine hatte sich zu dem Porträt der fetten Dame umgedreht, um zurückzukehren, doch das Bild war leer. Die fette Dame war zu einem nächtlichen Besuch ausgegangen und Hermine war aus dem Gryffindor-Turm ausgesperrt.
»Was soll ich jetzt tun?«, fragte sie mit schriller Stimme.
»Das ist dein Problem«, sagte Ron. »Wir müssen weiter, sonst kommen wir noch zu spät.«
Sie hatten noch nicht einmal das Ende des Ganges erreicht, als Hermine sie einholte.
»Ich komme mit«, sagte sie.
»Das tust du nicht.«
»Glaubt ihr, ich warte hier draußen, bis Filch mich erwischt? Wenn er uns alle drei erwischt, sage ich ihm die Wahrheit, nämlich dass ich euch aufhalten wollte, und ihr könnt es ja bestätigen.«
»Du hast vielleicht Nerven –«, stöhnte Ron.
»Seid still, beide!«, zischte Harry. »Ich hab etwas gehört.«
Es hörte sich an wie ein Schnüffeln.
»Mrs Norris?«, flüsterte Ron und spähte durch die Dunkelheit.
Es war nicht Mrs Norris. Es war Neville. Er lag zusammengekauert auf dem Boden und schlief, doch als sie sich näherten, schreckte er hoch.
»Gott sei Dank, dass ihr mich gefunden habt! Ich bin schon seit Stunden hier draußen. Ich hab das Passwort vergessen und bin nicht reingekommen.«
»Sprich leise, Neville. Das Passwort ist ›Schweineschnauze‹, aber das wird dir nicht weiterhelfen, die fette Dame ist nämlich ausgeflogen.«
»Was macht dein Arm?«, fragte Harry.
»Wieder in Ordnung«, sagte Neville und zeigte ihn vor. »Madam Pomfrey hat ihn in einer Minute heil gemacht.«
»Gut. Nun hör mal zu, Neville, wir müssen noch weiter, wir sehen uns später –«
»Lasst mich nicht allein!«, rief Neville und rappelte sich hoch. »Ich will nicht alleine hierbleiben, der Blutige Baron ist schon zweimal vorbeigekommen.«
Ron sah auf die Uhr und blickte dann Hermine und Neville wütend an.
»Wenn wir wegen euch erwischt werden, ruhe ich nicht eher, bis ich diesen Fluch der Kobolde gelernt habe, von dem uns Quirrell erzählt hat, und ihn euch auf den Hals gejagt habe.«
Hermine öffnete den Mund, vielleicht um Ron genau zu erklären, wie der Fluch der Kobolde funktionierte, doch mit einem Zischen gebot ihr Harry zu schweigen und scheuchte sie alle weiter.
Sie huschten Gänge entlang, in die der Mond Lichtstreifen durch die hohen Fenster warf. Nach jeder Ecke erwartete Harry, sie würden auf Filch oder Mrs Norris stoßen, doch sie hatten Glück. Sie rannten eine Treppe zum dritten Stock empor und gingen auf Zehenspitzen in Richtung Pokalzimmer.
Malfoy und Crabbe waren noch nicht da. Die Vitrinen aus Kristallglas schimmerten im Mondlicht. Pokale, Schilder, Teller und Statuen blinkten silbern und golden durch die Dunkelheit. Sie drückten sich leise an den Wänden entlang und behielten dabei die Türen auf beiden Seiten des Raumes im Auge. Harry nahm seinen Zauberstab heraus für den Fall, dass Malfoy hereinsprang und sofort loslegte. Die Minuten krochen vorbei.
»Er kommt zu spät, vielleicht hat er Muffensausen gekriegt«, flüsterte Ron.
Ein Geräusch im Zimmer nebenan ließ sie zusammenschrecken. Harry hatte gerade den Zauberstab erhoben, als sie jemanden sprechen hörten – und es war nicht Malfoy.
»Schnüffel ein wenig herum, meine Süße, vielleicht lauern sie in einer Ecke.«
Es war Filch, der mit Mrs Norris sprach. Harry, den ein fürchterlicher Schreck gepackt hatte, ruderte wild mit den Armen, um den anderen zu bedeuten, sie sollten ihm so schnell wie möglich folgen. Sie tasteten sich zur Tür, die von Filchs Stimme wegführte. Kaum war Nevilles Umhang um die Ecke gewischt, als sie Filch das Pokalzimmer betreten hörten.
»Sie sind irgendwo hier drin«, hörten sie ihn murmeln, »wahrscheinlich verstecken sie sich.«
»Hier entlang!«, bedeutete Harry den andern mit einer Mundbewegung, und mit entsetzensstarren Gliedern schlichen sie eine endlose Galerie voller Rüstungen entlang. Sie konnten Filch näher kommen hören. Neville gab plötzlich ein ängstliches Quieken von sich und rannte los, er stolperte, klammerte seine Arme um Rons Hüfte und beide stürzten mitten in eine Rüstung.
Das Klingen und Klirren reichte aus, um das ganze Schloss aufzuwecken.
»LAUFT!«, rief Harry, und die vier rasten die Galerie entlang, ohne sich umzusehen, ob Filch folgte. Sie schwangen sich um einen Türpfosten und liefen einen Gang runter und dann noch einen, Harry voran, der jedoch keine Ahnung hatte, wo sie waren oder hinrannten. Schließlich durchrissen sie einen Wandbehang und fanden sich in einem Geheimgang wieder. Immer noch rennend kamen sie in der Nähe des Klassenzimmers heraus, wo sie Zauberkunst hatten und von dem sie wussten, dass es vom Pokalzimmer meilenweit entfernt war.
»Ich glaube, wir haben ihn abgehängt«, stieß Harry außer Atem hervor, lehnte sich gegen die kalte Wand und wischte sich die Stirn. Neville war pfeifend und prustend in sich zusammengesunken.
»Ich – hab’s euch – gesagt«, keuchte Hermine und griff sich an die Seite, wo sie ein Stechen spürte, »ich – hab’s – euch – doch – gesagt.«
»Wir müssen zurück in den Gryffindor-Turm«, sagte Ron, »so schnell wie möglich.«
»Malfoy hat dich reingelegt«, sagte Hermine zu Harry. »Das siehst du doch auch, oder? Er hat dich nie treffen wollen – Filch wusste, dass im Pokalzimmer etwas vor sich ging, Malfoy muss ihm einen Tipp gegeben haben.«
Sie hat vermutlich Recht, dachte Harry, doch das würde er ihr nicht sagen.
»Gehen wir.«
So einfach war es freilich nicht. Nach kaum einem Dutzend Schritten rüttelte es an einer Türklinke und aus einem Klassenzimmer kam eine Gestalt herausgeschossen.
Es war Peeves. Er bemerkte sie und gab ein freudiges Quietschen von sich.
»Halt den Mund, Peeves, bitte, wegen dir werden wir noch rausgeworfen.«
Peeves lachte gackernd.
»Stromern um Mitternacht im Schloss herum, die kleinen Erstklässler? Soso, soso. Gar nicht brav, man wird euch erwischen.«
»Nicht, wenn du uns nicht verpetzt, Peeves, bitte.«
»Sollte es Filch sagen, sollte ich wirklich«, sagte Peeves mit sanfter Stimme, doch mit verschlagen glitzernden Augen. »Ist nur zu eurem Besten, wisst ihr.«
»Aus dem Weg«, fuhr ihn Ron an und schlug nach ihm, was ein großer Fehler war.
»SCHÜLER AUS DEM BETT!«, brüllte Peeves, »SCHÜLER AUS DEM BETT, HIER IM ZAUBERKUNSTKORRIDOR!«
Sie duckten sich unter Peeves hindurch und rannten wie um ihr Leben bis zum Ende des Gangs, wo sie in eine Tür krachten – und die war verschlossen.
»Das war’s!«, stöhnte Ron, als sie verzweifelt versuchten die Tür aufzudrücken. »Wir sitzen in der Falle! Das ist das Ende!«
Sie hörten Schritte. Filch rannte, so schnell er konnte, den Rufen von Peeves nach.
»Ach, geh mal beiseite«, fauchte Hermine. Sie packte Harrys Zauberstab, klopfte auf das Türschloss und flüsterte: »Alohomora!«
Das Schloss klickte und die Tür ging auf – sie stürzten sich alle auf einmal hindurch, verschlossen sie rasch hinter sich und drückten die Ohren dagegen, um zu lauschen.
»In welche Richtung sind sie gelaufen, Peeves?«, hörten sie Filch fragen. »Schnell, sag’s mir.«
»Sag ›bitte‹.«
»Keine blöden Mätzchen jetzt, Peeves, wo sind sie hingegangen?«
»Ich sag dir nichts, wenn du nicht ›bitte‹ sagst«, antwortete Peeves mit einer nervigen Singsangstimme.
»Na gut – bitte.«
»NICHTS! Hahaaa! Hab dir gesagt, dass ich nichts sagen würde, wenn du nicht ›bitte‹ sagst! Haha! Haaaaa!« Und sie hörten Peeves fortrauschen und Filch wütend fluchen.
»Er glaubt, dass diese Tür verschlossen ist«, flüsterte Harry, »ich glaube, wir haben’s geschafft – lass los, Neville!« Denn Neville zupfte schon seit einer Minute ständig an Harrys Ärmel. »Was?«
Harry wandte sich um und sah, ganz deutlich, was. Einen Moment lang glaubte er, in einen Alptraum geschlittert zu sein – das war einfach zu viel, nach dem, was bisher schon passiert war.
Sie waren nicht in einem Zimmer, wie er gedacht hatte. Sie waren in einem Gang. In dem verbotenen Gang im dritten Stock. Und jetzt wussten sie auch, warum er verboten war.
Sie sahen direkt in die Augen eines Ungeheuers von Hund, eines Hundes, der den ganzen Raum zwischen Decke und Fußboden einnahm. Er hatte drei Köpfe. Drei Paar rollender, irrsinniger Augen; drei Nasen, die in ihre Richtung zuckten und zitterten; drei sabbernde Mäuler, aus denen von gelblichen Fangzähnen in glitschigen Fäden der Speichel herunterhing.
Er stand ganz ruhig da, alle sechs Augen auf sie gerichtet, und Harry wusste, dass der einzige Grund, warum sie nicht schon tot waren, ihr plötzliches Erscheinen war, das ihn überrascht hatte. Doch darüber kam er jetzt schnell hinweg, denn es war unmissverständlich, was dieses Donnergrollen bedeutete.
Harry griff nach der Türklinke – wenn er zwischen Filch und dem Tod wählen musste, dann nahm er lieber Filch.
Sie liefen rückwärts. Harry schlug die Tür hinter ihnen zu und sie rannten, flogen fast, den Gang entlang zurück. Filch war nirgends zu sehen, er musste fortgeeilt sein, um anderswo nach ihnen zu suchen, doch das kümmerte sie nicht. Alles, was sie wollten, war, das Ungeheuer so weit wie möglich hinter sich zu lassen. Sie hörten erst auf zu rennen, als sie das Porträt der fetten Dame im siebten Stock erreicht hatten.
»Wo um Himmels willen seid ihr alle gewesen?«, fragte sie und musterte ihre Morgenmäntel, die ihnen von den Schultern hingen, und ihre erhitzten, schweißüberströmten Gesichter.
»Das ist jetzt egal – Schweineschnauze, Schweineschnauze«, keuchte Harry und das Porträt schwang zur Seite. Sie drängten sich in den Aufenthaltsraum und ließen sich zitternd in die Sessel fallen.
Es dauerte eine Weile, bis einer von ihnen ein Wort sagte. Neville sah tatsächlich so aus, als ob er nie mehr den Mund aufmachen würde.
»Was denken die sich eigentlich, wenn sie so ein Ding hier in der Schule eingesperrt halten?«, sagte Ron schließlich. »Wenn es einen Hund gibt, der mal Auslauf braucht, dann der da unten.«
Hermine hatte inzwischen wieder Atem geschöpft und auch ihre schlechte Laune zurückgewonnen.
»Ihr benutzt wohl eure Augen nicht, keiner von euch?«, fauchte sie. »Habt ihr nicht gesehen, worauf er stand?«
»Auf dem Boden?«, war der Beitrag Harrys zu dieser Frage. »Ich habe nicht auf seine Pfoten geschaut, ich war zu beschäftigt mit den Köpfen.«
»Nein, nicht auf dem Boden. Er stand auf einer Falltür. Offensichtlich bewacht er etwas.«
Sie stand auf und sah sie entrüstet an.
»Ich hoffe, ihr seid zufrieden mit euch. Wir hätten alle sterben können – oder noch schlimmer, von der Schule verwiesen werden. Und jetzt, wenn es euch nichts ausmacht, gehe ich zu Bett.«
Ron starrte ihr mit offenem Mund nach.
»Nein, es macht uns nichts aus«, sagte er. »Du könntest glatt meinen, wir hätten sie mitgeschleift, oder?«
Doch Hermine hatte Harry etwas anderes zum Nachdenken gegeben, bevor sie ins Bett ging. Der Hund bewachte etwas … Was hatte Hagrid gesagt? Gringotts war der sicherste Ort auf der Welt, mit Ausnahme vielleicht von Hogwarts.
Es sah so aus, als hätte Harry herausgefunden, wo das schmutzige kleine Päckchen aus dem Verlies siebenhundertunddreizehn steckte.
Halloween
Malfoy wollte seinen Augen nicht trauen, als er am nächsten Tag sah, dass Harry und Ron immer noch in Hogwarts waren, müde zwar, doch glänzend gelaunt. Tatsächlich hielten die beiden ihre Begegnung mit dem dreiköpfigen Hund am nächsten Morgen für ein tolles Abenteuer und waren ganz erpicht auf ein neues. Unterdessen erzählte Harry Ron von dem Päckchen, das offenbar von Gringotts nach Hogwarts gebracht worden war, und sie zerbrachen sich die Köpfe darüber, was denn mit so viel Aufwand geschützt werden musste.
»Entweder ist es sehr wertvoll oder sehr gefährlich«, sagte Ron.
»Oder beides«, sagte Harry.
Doch weil sie über das geheimnisvolle Ding nicht mehr wussten, als dass es gut fünf Zentimeter lang war, hatten sie ohne nähere Anhaltspunkte keine große Chance zu erraten, was in dem Päckchen war.
Weder Neville noch Hermine zeigten das geringste Interesse an der Frage, was wohl unter dem Hund und der Falltür liegen könnte. Neville interessierte nur eines, nämlich nie mehr in die Nähe des Hundes zu kommen.
Hermine weigerte sich von nun an, mit Harry und Ron zu sprechen, doch sie war eine so aufdringliche Besserwisserin, dass die beiden dies als Zusatzpunkt für sich verbuchten. Was sie jetzt wirklich wollten, war eine Gelegenheit, es Malfoy heimzuzahlen, und zu ihrem großen Vergnügen kam sie eine Woche später per Post.
Die Eulen flogen wie immer in einem langen Strom durch die Große Halle, doch diesmal schauten alle sogleich auf das lange, schmale Paket, das von sechs großen Schleiereulen getragen wurde. Harry war genauso neugierig darauf wie alle andern, was wohl in diesem großen Paket stecken mochte, und war sprachlos, als die Eulen herabstießen und es vor seiner Nase fallen ließen, so dass sein Frühstücksspeck vom Tisch rutschte. Sie waren kaum aus dem Weg geflattert, als eine andere Eule einen Brief auf das Paket warf.
Harry riss als Erstes den Brief auf, und das war ein Glück, denn er lautete:
ÖFFNEN SIE DAS PAKET NICHT BEI TISCH.
Es enthält Ihren neuen Nimbus Zweitausend, doch ich möchte nicht, dass die andern von Ihrem Besen erfahren, denn dann wollen sie alle einen. Oliver Wood erwartet Sie heute Abend um sieben Uhr auf dem Quidditch-Feld zu ihrer ersten Trainingsstunde.
Professor M. McGonagall
Harry fiel es schwer, seine Freude zu verbergen, als er Ron den Brief zu lesen gab.
»Einen Nimbus Zweitausend«, stöhnte Ron neidisch. »Ich hab noch nicht mal einen berührt.«
Sie verließen rasch die Halle, um den Besen zu zweit noch vor der ersten Stunde auszupacken, doch in der Eingangshalle sahen sie, dass Crabbe und Goyle ihnen an der Treppe den Weg versperrten. Malfoy riss Harry das Paket aus den Händen und betastete es.
»Das ist ein Besen«, sagte er und warf ihn Harry zurück, eine Mischung aus Eifersucht und Häme im Gesicht. »Diesmal bist du dran, Potter, Erstklässler dürfen keinen haben.«
Ron konnte nicht widerstehen.
»Es ist nicht irgendein blöder Besen«, sagte er, »es ist ein Nimbus Zweitausend. Was sagtest du, was für einen du daheim hast, einen Komet Zwei-Sechzig?« Ron grinste Harry an. »Ein Komet sieht ganz protzig aus, aber der Nimbus spielt in einer ganz anderen Liga.«
»Was weißt du denn schon darüber, Weasley, du könntest dir nicht mal den halben Stiel leisten«, fauchte Malfoy zurück. »Ich nehme an, du und deine Brüder müssen sich jeden Reisigzweig einzeln zusammensparen.«
Bevor Ron antworten konnte, erschien Professor Flitwick an Malfoys Seite.
»Die Jungs streiten sich doch nicht etwa?«, quiekte er.
»Potter hat einen Besen geschickt bekommen, Professor«, sagte Malfoy wie aus der Pistole geschossen.
»Ja, das hat seine Richtigkeit«, sagte Professor Flitwick und strahlte Harry an. »Professor McGonagall hat mir die besonderen Umstände eingehend erläutert, Potter. Und welches Modell ist es?«
»Ein Nimbus Zweitausend, Sir«, sagte Harry und musste kämpfen, um beim Anblick von Malfoys Gesicht nicht laut loszulachen. »Und im Grunde genommen verdanke ich ihn Malfoy hier«, fügte er hinzu.
Mit halb unterdrücktem Lachen über Malfoys unverhohlene Wut und Bestürzung stiegen Harry und Ron die Marmortreppe hoch.
»Tja, es stimmt«, frohlockte Harry, als sie oben angelangt waren, »wenn er nicht Nevilles Erinnermich geklaut hätte, wär ich nicht in der Mannschaft …«
»Du glaubst wohl, es sei eine Belohnung dafür, dass du die Regeln gebrochen hast?«, tönte eine zornige Stimme hinter ihnen. Hermine stapfte die Treppe hoch und betrachtete missbilligend das Paket in Harrys Hand.
»Ich dachte, du sprichst nicht mehr mit uns?«, sagte Harry.
»Hör jetzt bloß nicht auf damit«, sagte Ron, »es tut uns ja so gut.«
Hermine warf den Kopf in den Nacken und stolzierte davon.
Harry fiel es an diesem Tag ausgesprochen schwer, sich auf den Unterricht zu konzentrieren. In Gedanken stieg er hoch zum Schlafsaal, wo sein neuer Besen unter dem Bett lag, und schlenderte hinaus zum Quidditch-Feld, wo er heute Abend noch spielen lernen würde. Das Abendessen schlang er hinunter, ohne zu bemerken, dass er überhaupt aß, und rannte dann mit Ron die Treppen hoch, um endlich den Nimbus Zweitausend auszupacken.
»Aaah«, seufzte Ron, als der Besen auf Harrys Bettdecke lag.
Selbst für Harry, der nichts über die verschiedenen Besen wusste, sah er wundervoll aus. Der schlanke, glänzende Stiel war aus Mahagoni und trug die goldgeprägte Aufschrift Nimbus Zweitausend an der Spitze, der Schweif war aus fest gebündelten und geraden Reisigzweigen.
Es war bald sieben. Harry verließ das Schloss und machte sich in der Dämmerung auf den Weg zum Quidditch-Feld. Er war noch nie in dem Stadion gewesen. Auf Tribünen um das Feld herum waren hunderte von Sitzen befestigt, so dass die Zuschauer hoch genug saßen, um das Geschehen verfolgen zu können. An beiden Enden des Feldes standen je drei goldene Pfeiler mit Ringen an der Spitze. Sie erinnerten Harry an die Ringe aus Plastik, mit denen die Muggelkinder Seifenblasen machten, nur waren sie in einer Höhe von fast fünfzehn Metern angebracht.
Harry war so scharf darauf, wieder zu fliegen, dass er nicht auf Wood wartete, sondern seinen Besen bestieg und sich vom Boden abstieß. Was für ein Gefühl – er schwebte durch die Torringe und raste dann das Spielfeld hinauf und hinunter. Der Nimbus Zweitausend reagierte auf die leiseste Berührung.
»He, Potter, runter da!«
Oliver Wood war angekommen. Er trug eine große Holzkiste unter dem Arm. Harry landete neben ihm.
»Sehr schön«, sagte Wood mit glänzenden Augen. »Ich weiß jetzt, was McGonagall gemeint hat … du bist wirklich ein Naturtalent. Heute Abend erkläre ich dir nur die Regeln und dann nimmst du dreimal die Woche am Mannschaftstraining teil.«
Er öffnete die Kiste. Darin lagen vier Bälle verschiedener Größe.
»So«, sagte Wood, »pass auf. Quidditch ist leicht zu verstehen, auch wenn es nicht leicht zu spielen ist. Jede Mannschaft hat sieben Spieler. Drei von ihnen heißen Jäger.«
»Drei Jäger«, wiederholte Harry und Wood nahm einen hellroten Ball in der Größe eines Fußballs heraus.
»Dieser Ball ist der so genannte Quaffel«, sagte Wood. »Die Jäger werfen sich den Quaffel zu und versuchen ihn durch einen der Ringe zu werfen und damit ein Tor zu erzielen. Jedes Mal zehn Punkte, wenn der Quaffel durch einen Ring geht. Alles klar so weit?«
»Die Jäger spielen mit dem Quaffel und werfen ihn durch die Ringe, um ein Tor zu erzielen«, wiederholte Harry. »Das ist wie Basketball auf Besen mit sechs Körben, oder?«
»Was ist Basketball?«, fragte Wood neugierig.
»Nicht so wichtig«, sagte Harry rasch.
»Nun hat jede Seite noch einen Spieler, der Hüter heißt – ich bin der Hüter von Gryffindor. Ich muss um unsere Ringe herumfliegen und die andere Mannschaft daran hindern, Tore zu erzielen.«
»Drei Jäger, ein Hüter«, sagte Harry, entschlossen, sich alles genau zu merken. »Und sie spielen mit dem Quaffel. Gut, hab ich verstanden. Und wozu sind die da?« Er deutete auf die drei Bälle, die noch in der Kiste lagen.
»Das zeig ich dir jetzt«, sagte Wood. »Nimm das.«
Er reichte Harry ein kleines Schlagholz, das an einen Baseballschläger erinnerte.
»Ich zeig dir, was die Klatscher tun«, sagte Wood. »Diese beiden hier sind Klatscher.«
Er zeigte Harry zwei gleiche Bälle, die tiefschwarz und etwas kleiner waren als der rote Quaffel. Harry bemerkte, dass sie den Bändern offenbar entkommen wollten, die sie im Korb festhielten.
»Geh einen Schritt zurück«, warnte Wood Harry. Er bückte sich und befreite einen der Klatscher.
Der schwarze Ball stieg sofort hoch in die Luft und schoss dann direkt auf Harrys Gesicht zu. Harry schlug mit dem Schlagholz nach ihm, damit er ihm nicht die Nase brach, und der Ball flog im Zickzack hoch in die Luft. Er drehte sich im Kreis um ihre Köpfe und schoss dann auf Wood hinunter, der sich auf ihn stürzte und es schaffte, ihn auf dem Boden festzuhalten.
»Siehst du?«, keuchte Wood und mühte sich damit ab, den Klatscher wieder in den Korb zu zwängen und ihn sicher festzuschnallen. »Die Klatscher schießen in der Luft herum und versuchen die Spieler von ihren Besen zu stoßen. Deshalb hat jede Mannschaft zwei Treiber – die Weasley-Zwillinge sind unsere –, ihre Aufgabe ist es, die eigene Seite vor den Klatschern zu schützen und zu versuchen, sie auf die gegnerische Mannschaft zu jagen. So, meinst du, du hast alles im Kopf?«
»Drei Jäger versuchen mit dem Quaffel Tore zu erzielen; der Hüter bewacht die Torpfosten; die Treiber halten die Klatscher von ihrem Team fern«, spulte Harry herunter.
»Sehr gut«, sagte Wood.
»Ähm – haben die Klatscher schon mal jemanden umgebracht?«, fragte Harry, wobei er möglichst lässig klingen wollte.
»In Hogwarts noch nie. Wir hatten ein paar gebrochene Kiefer, doch ansonsten nichts Ernstes. Wir haben noch einen in der Mannschaft, nämlich den Sucher. Das bist du. Und du brauchst dich um den Quaffel und die Klatscher nicht zu kümmern –«
»Außer sie spalten mir den Schädel.«
»Mach dir keine Sorgen, die Weasleys sind den Klatschern weit überlegen – ich will sagen, sie sind wie ein Paar menschlicher Klatscher.«
Wood griff in seine Kiste und nahm den vierten und letzten Ball heraus. Er war kleiner als der Quaffel und die Klatscher, so klein etwa wie eine große Walnuss. Er war hellgolden und hatte kleine, flatternde Silberflügel.
»Das hier«, sagte Wood, »ist der Goldene Schnatz, und der ist der wichtigste Ball von allen. Er ist sehr schwer zu fangen, weil er sehr schnell und kaum zu sehen ist. Der Sucher muss ihn fangen. Du musst dich durch die Jäger, Treiber, Klatscher und den Quaffel hindurchschlängeln, um ihn vor dem Sucher der anderen Mannschaft zu fangen, denn der Sucher, der ihn fängt, holt seiner Mannschaft zusätzlich hundertfünfzig Punkte, und das heißt fast immer, dass sie gewinnt. Deshalb werden Sucher so oft gefoult. Ein Quidditch-Spiel endet erst, wenn der Schnatz gefangen ist, also kann es ewig lange dauern. Ich glaube, der Rekord liegt bei drei Monaten, sie mussten damals ständig Ersatzleute ranschaffen, damit die Spieler ein wenig schlafen konnten.
Nun, das war’s. Noch Fragen?«
Harry schüttelte den Kopf. Er hatte begriffen, wie das Spiel ging, nun war das Problem, das alles in die Tat umzusetzen.
»Wir üben heute noch nicht mit dem Schnatz«, sagte Wood und verstaute ihn sorgfältig wieder in der Kiste. »Es ist zu dunkel, er könnte verloren gehen. Am besten fängst du mit ein paar von denen an.«
Er zog einen Beutel mit gewöhnlichen Golfbällen aus der Tasche und ein paar Minuten später waren die beiden oben in den Lüften. Wood warf die Golfbälle, so weit er konnte, in alle Himmelsrichtungen und Harry musste sie auffangen.
Harry fing jeden Ball, bevor er den Boden berührte, was Wood ungemein freute. Nach einer halben Stunde war die Nacht hereingebrochen und sie mussten aufhören.
»Der Quidditch-Pokal wird dieses Jahr unseren Namen tragen«, sagte Wood glücklich, als sie zum Schloss zurückschlenderten. »Würde mich nicht wundern, wenn du besser bist als Charlie Weasley, und der hätte für England spielen können, wenn er nicht Drachen jagen gegangen wäre.«
Vielleicht war Harry so beschäftigt mit dem Quidditch-Training drei Abende die Woche und dazu noch mit all den Hausaufgaben, jedenfalls konnte er es kaum fassen, als ihm klar wurde, dass er schon seit zwei Monaten in Hogwarts war. Im Schloss fühlte er sich mehr zu Hause als jemals im Ligusterweg. Auch der Unterricht wurde nun, da sie die Grundlagen beherrschten, immer interessanter.
Als sie am Morgen von Halloween aufwachten, wehte der köstliche Geruch gebackener Kürbisse durch die Gänge. Und es kam noch besser: Professor Flitwick verkündete im Zauberunterricht, sie seien nun so weit, Gegenstände fliegen zu lassen, und danach hatten sie sich alle gesehnt, seit sie erlebt hatten, wie er Nevilles Kröte im Klassenzimmer umherschwirren ließ. Für die Übungen stellte Professor Flitwick die Schüler paarweise zusammen. Harrys Partner war Seamus Finnigan (worüber er froh war, denn Neville hatte schon zu ihm herübergespäht). Ron sollte jedoch mit Hermine Granger arbeiten. Es war schwer zu sagen, wer von den beiden deshalb missmutiger war. Seit Harrys Besen gekommen war, hatte sie nicht mehr mit ihnen gesprochen.
»Also, vergesst nicht diese flinke Bewegung mit dem Handgelenk, die wir geübt haben!«, quiekte Professor Flitwick, wie üblich auf seinem Stapel Bücher stehend. »Wutschen und schnipsen, denkt daran, wutschen und schnipsen. Und die Zauberworte richtig herzusagen ist auch sehr wichtig – denkt immer an Zauberer Baruffio, der ›r‹ statt ›w‹ gesagt hat und plötzlich auf dem Boden lag – mit einem Büffel auf der Brust.«
Es war sehr schwierig. Harry und Seamus wutschten und schnipsten, doch die Feder, die sie himmelwärts schicken sollten, blieb einfach auf dem Tisch liegen. Seamus wurde so ungeduldig, dass er sie mit seinem Zauberstab anstachelte, worauf sie anfing zu brennen – Harry musste das Feuer mit seinem Hut ersticken.
Ron, am Tisch nebenan, erging es auch nicht viel besser.
»Wingardium Leviosa!«, rief er und ließ seine langen Arme wie Windmühlenflügel kreisen.
»Du sagst es falsch«, hörte Harry Hermine meckern. »Es heißt Wing-gar-dium Levi-o-sa, mach das ›gar‹ schön und lang.«
»Dann mach’s doch selber, wenn du alles besser weißt«, knurrte Ron.
Hermine rollte die Ärmel ihres Kleids hoch, knallte kurz mit dem Zauberstab auf den Tisch und sagte »Wingardium Leviosa!«.
Die Feder erhob sich vom Tisch und blieb gut einen Meter über ihren Köpfen in der Luft schweben.
»Oh, gut gemacht!«, rief Professor Flitwick und klatschte in die Hände. »Alle mal hersehen, Miss Granger hat es geschafft!«
Am Ende der Stunde hatte Ron eine hundsmiserable Laune.
»Kein Wunder, dass niemand sie ausstehen kann«, sagte er zu Harry, als sie hinaus in den belebten Korridor drängten, »ehrlich gesagt ist sie ein Alptraum.«
Jemand stieß im Vorbeigehen Harry an. Es war Hermine. Für einen Augenblick sah er ihr Gesicht – und war überrascht, dass sie weinte.
»Ich glaube, sie hat dich gehört.«
»So?«, sagte Ron und schaute allerdings etwas unbehaglich drein. »Ihr muss selbst schon aufgefallen sein, dass sie keine Freunde hat.«
Hermine erschien nicht zur nächsten Stunde und blieb den ganzen Nachmittag lang verschwunden. Auf ihrem Weg hinunter in die Große Halle zum Halloween-Festessen hörten Harry und Ron, wie Parvati Patil ihrer Freundin Lavender sagte, Hermine sitze heulend im Mädchenklo und wolle allein gelassen werden. Daraufhin machte Ron einen noch verlegeneren Eindruck, doch nun betraten sie die Große Halle, die für Halloween ausgeschmückt war, und vergaßen Hermine.
Tausend echte Fledermäuse flatterten an den Wänden und an der Decke, und noch einmal tausend fegten in langen schwarzen Wolken über die Tische und ließen die Kerzen in den Kürbissen flackern. Auf einen Schlag, genau wie beim Bankett zum Schuljahresbeginn, waren die goldenen Platten mit dem Festessen gefüllt.
Harry nahm sich gerade eine Pellkartoffel, als Professor Quirrell mit verrutschtem Turban und angstverzerrtem Gesicht in die Halle gerannt kam. Aller Blicke richteten sich auf ihn, als er Professor Dumbledores Platz erreichte, gegen den Tisch rempelte und nach Luft schnappend hervorstieß: »Troll – im Kerker – dachte, Sie sollten es wissen.«
Dann sank er ohnmächtig auf den Boden.
Mit einem Mal herrschte heilloser Aufruhr. Etliche purpurrote Knallfrösche aus Professor Dumbledores Zauberstab waren nötig, um den Saal zur Ruhe zu bringen.
»Vertrauensschüler«, polterte er, »führt eure Häuser sofort zurück in die Schlafsäle!«
Percy war in seinem Element.
»Folgt mir! Bleibt zusammen, Erstklässler! Kein Grund zur Angst vor dem Troll, wenn ihr meinen Anweisungen folgt! Bleibt jetzt dicht hinter mir. Platz machen bitte für die Erstklässler. Pardon, ich bin Vertrauensschüler!«
»Wie konnte ein Troll reinkommen?«, fragte Harry, während sie die Treppen hochstiegen.
»Frag mich nicht, angeblich sollen sie ziemlich dumm sein«, sagte Ron.
»Vielleicht hat ihn Peeves hereingelassen, als Streich zu Halloween.«
Unterwegs trafen sie immer wieder auf andere Häufchen von Schülern, die in verschiedene Richtungen eilten. Als sie sich ihren Weg durch eine Gruppe verwirrter Hufflepuffs bahnten, packte Harry Ron plötzlich am Arm.
»Da fällt mir ein – Hermine.«
»Was ist mit ihr?«
»Sie weiß nichts von dem Troll.«
Ron biss sich auf die Lippe.
»Von mir aus«, knurrte er. »Aber Percy sollte uns lieber nicht sehen.«
Sie duckten ihre Köpfe in der Menge und folgten den Hufflepuffs, die in die andere Richtung unterwegs waren, huschten dann einen verlassenen Korridor entlang und rannten weiter in Richtung der Mädchenklos. Gerade waren sie um die Ecke gebogen, als sie hinter sich schnelle Schritte hörten.
»Percy!«, zischte Ron und zog Harry hinter einen großen steinernen Greifen.
Als sie um die Ecke spähten, sahen sie nicht Percy, sondern Snape. Er ging den Korridor entlang und entschwand ihren Blicken.
»Was macht der hier?«, flüsterte Harry. »Warum ist er nicht unten in den Kerkern mit den anderen Lehrern?«
»Keine Ahnung.«
So vorsichtig wie möglich schlichen sie den nächsten Gang entlang, Snapes leiser werdenden Schritten nach.
»Er ist auf dem Weg in den dritten Stock«, sagte Harry, doch Ron hielt die Hand hoch.
»Riechst du was?«
Harry schnüffelte, und ein übler Gestank drang ihm in die Nase, eine Mischung aus getragenen Socken und der Sorte öffentlicher Toiletten, die niemand je zu putzen scheint.
Und dann hörten sie es – ein leises Grunzen und das Schleifen gigantischer Füße. Ron deutete nach links – vom Ende eines Ganges her bewegte sich etwas Riesiges auf sie zu. Sie drängten sich in die Dunkelheit der Schatten und sahen, wie das Etwas in einem Fleck Mondlicht Gestalt annahm.
Es war ein fürchterlicher Anblick. Über drei Meter hoch, die Haut ein fahles, granitenes Grau, der große, plumpe Körper wie ein Findling, auf den man einen kleinen, kokosnussartigen Glatzkopf gesetzt hatte. Das Wesen hatte kurze Beine, dick wie Baumstämme, mit flachen, verhornten Füßen. Der Gestank, den es ausströmte, verschlug einem den Atem. Es hielt eine riesige hölzerne Keule in der Hand, die, wegen seiner langen Arme, auf dem Boden entlangschleifte.
Der Troll machte an einer Tür Halt, öffnete sie einen Spaltbreit und linste hinein. Er wackelte mit den langen Ohren, fasste dann in seinem kleinen Hirn einen Entschluss und schlurfte gemächlich in den Raum hinein.
»Der Schlüssel steckt«, flüsterte Harry. »Wir könnten ihn einschließen.«
»Gute Idee«, sagte Ron nervös.
Sie schlichen die Wand entlang zu der offenen Tür, mit trockenen Mündern, betend, dass der Troll nicht gleich wieder herauskam. Harry machte einen großen Satz und schaffte es, die Klinke zu packen, die Tür zuzuschlagen und sie abzuschließen.
»Ja!«
Mit Siegesröte auf den Gesichtern rannten sie los, den Gang zurück, doch als sie die Ecke erreichten, hörten sie etwas, das ihre Herzen stillstehen ließ – einen schrillen, panischen Entsetzensschrei –, und er kam aus dem Raum, den sie gerade abgeschlossen hatten.
»O nein«, sagte Ron, blass wie der Blutige Baron.
»Es ist das Mädchenklo!«, keuchte Harry.
»Hermine!«, japsten sie einstimmig.
Es war das Letzte, was sie tun wollten, doch hatten sie eine Wahl? Sie machten auf dem Absatz kehrt, rannten zurück zur Tür, drehten, zitternd vor Panik, den Schlüssel herum – Harry stieß die Tür auf und sie stürzten hinein.
Hermine Granger stand mit zitternden Knien an die Wand gedrückt da und sah aus, als ob sie gleich in Ohnmacht fallen würde. Der Troll schlug die Waschbecken von den Wänden und kam langsam auf sie zu.
»Wir müssen ihn ablenken!«, sagte Harry verzweifelt zu Ron, griff nach einem auf dem Boden liegenden Wasserhahn und warf ihn mit aller Kraft gegen die Wand.
Der Troll hielt knapp einen Meter vor Hermine inne. Schwerfällig drehte er sich um und blinzelte dumpf, um zu sehen, was diesen Lärm gemacht hatte. Die bösen kleinen Augen erblickten Harry. Er zögerte kurz und ging dann, die Keule emporhebend, auf Harry los.
»He, du, Erbsenhirn!«, schrie Ron von der anderen Seite des Raums und warf ein Metallrohr nach ihm. Der Troll schien nicht einmal Notiz davon zu nehmen, dass das Rohr seine Schulter traf, doch er hörte den Schrei, hielt erneut inne und wandte seine hässliche Schnauze nun Ron zu, was Harry die Zeit gab, um ihn herumzurennen.
»Schnell, lauf, lauf!«, rief Harry Hermine zu und versuchte sie zur Tür zu zerren, doch sie konnte sich nicht bewegen. Immer noch stand sie flach gegen die Wand gedrückt, mit vor Entsetzen weit offenem Mund.
Die Schreie und deren Echo schienen den Troll zur Raserei zu bringen. Mit einem dumpfen Röhren ging er auf Ron los, der ihm am nächsten stand und keinen Ausweg hatte.
Harry tat nun etwas, das sehr mutig und sehr dumm zugleich war: Mit einem mächtigen Satz sprang er auf den Rücken des Trolls und klammerte die Arme um seinen Hals. Der Troll spürte zwar nicht, dass Harry auf seinem Rücken hing, doch selbst ein Troll bemerkt, wenn man ihm ein langes Stück Holz in die Nase steckt, und Harry hatte seinen Zauberstab noch in der Hand gehabt, als er sprang – der war ohne weiteres in eines der Nasenlöcher des Trolls hineingeflutscht.
Der Troll heulte vor Schmerz, zuckte und schlug mit der Keule wild um sich, und Harry, in Todesgefahr, klammerte sich noch immer auf seinem Rücken fest; gleich würde der Troll ihn herunterreißen oder ihm einen schrecklichen Schlag mit der Keule versetzen.
Hermine war vor Angst zu Boden gesunken. Jetzt zog Ron seinen eigenen Zauberstab hervor – er wusste zwar nicht, was er tat, doch er hörte, wie er den ersten Zauberspruch rief, der ihm in den Sinn kam: »Wingardium Leviosa!«
Die Keule flog plötzlich aus der Hand des Trolls, stieg hoch, hoch in die Luft, drehte sich langsam um – und krachte mit einem scheußlichen Splittern auf den Kopf ihres Besitzers. Der Troll wankte kurz im Kreis und fiel dann flach auf die Schnauze, mit einem dumpfen Schlag, der den ganzen Raum erschütterte.
Harry zitterte und rang nach Atem. Ron stand immer noch mit erhobenem Zauberstab da und starrte auf das, was er angestellt hatte.
Hermine machte als Erste den Mund auf.
»Ist er – tot?«
»Glaub ich nicht«, sagte Harry. »Ich denke, er ist k. o.«
Er bückte sich und zog den Zauberstab aus der Nase des Trolls. Er war beschmiert mit etwas, das aussah wie klumpiger grauer Kleber.
»Uäääh, Troll-Popel.«
Er wischte ihn an der Hose des Trolls ab.
Ein plötzliches Türschlagen und laute Schritte ließen die drei aufhorchen. Sie hatten nicht bemerkt, was für einen Höllenlärm sie veranstaltet hatten, doch natürlich musste unten jemand das Röhren des Trolls und das Krachen gehört haben. Einen Augenblick später kam Professor McGonagall hereingestürmt, dicht gefolgt von Snape, mit Quirrell als Nachhut. Quirrell warf einen Blick auf den Troll, gab ein schwaches Wimmern von sich, griff sich ans Herz und ließ sich schnell auf einem der Toilettensitze nieder.
Snape beugte sich über den Troll. Professor McGonagall blickte Ron und Harry an. Noch nie hatte Harry sie so wütend gesehen. Ihre Lippen waren weiß. Seine Hoffnungen, fünfzig Punkte für Gryffindor zu gewinnen, schmolzen rasch dahin.
»Was zum Teufel habt ihr euch eigentlich gedacht?«, fragte Professor McGonagall mit kalter Wut in der Stimme. Harry sah Ron an, der immer noch mit erhobenem Zauberstab dastand. »Ihr könnt von Glück reden, dass ihr noch am Leben seid. Warum seid ihr nicht in eurem Schlafsaal?«
Snape versetzte Harry einen raschen, aber durchdringenden Blick. Harry sah zu Boden. Er wünschte, Ron würde den Zauberstab sinken lassen.
Dann drang eine leise Stimme aus dem Schatten.
»Bitte, Professor McGonagall, sie haben nach mir gesucht.«
»Miss Granger!«
Hermine schaffte es endlich, auf die Beine zu kommen.
»Ich bin dem Troll nachgelaufen, weil ich – ich dachte, ich könnte allein mit ihm fertig werden. Sie wissen ja, weil ich alles über Trolle gelesen habe.«
Ron ließ seinen Zauberstab sinken. Hermine Granger erzählte ihrer Lehrerin eine glatte Lüge?
»Wenn sie mich nicht gefunden hätten, wäre ich jetzt tot. Harry hat ihm seinen Zauberstab in die Nase gestoßen und Ron hat ihn mit seiner eigenen Keule erledigt. Sie hatten keine Zeit, jemanden zu holen. Er wollte mich gerade umbringen, als sie kamen.«
Harry und Ron versuchten auszusehen, als ob ihnen diese Geschichte keineswegs neu wäre.
»Na, wenn das so ist …«, sagte Professor McGonagall und blickte sie alle drei streng an. »Miss Granger, Sie dummes Mädchen, wie konnten Sie glauben, es allein mit einem Bergtroll aufnehmen zu können?«
Hermine ließ den Kopf hängen. Harry war sprachlos. Hermine war die Letzte, die etwas tun würde, was gegen die Regeln verstieß, und da stellte sie sich hin und behauptete ebendies, nur um ihm und Ron aus der Patsche zu helfen. Es war, als würde Snape plötzlich Süßigkeiten verteilen.
»Miss Granger, dafür werden Gryffindor fünf Punkte abgezogen«, sagte Professor McGonagall. »Ich bin sehr enttäuscht von Ihnen. Wenn Sie nicht verletzt sind, gehen Sie jetzt besser hinauf in den Gryffindor-Turm. Die Schüler beenden das Festmahl in ihren Häusern.«
Hermine ging hinaus.
Professor McGonagall wandte sich Ron und Harry zu.
»Nun, ich würde immer noch sagen, dass Sie Glück gehabt haben, aber nicht viele Erstklässler hätten es mit einem ausgewachsenen Bergtroll aufnehmen können. Sie beide gewinnen je fünf Punkte für Gryffindor. Professor Dumbledore wird davon unterrichtet werden. Sie können gehen.«
Sie gingen rasch hinaus und sprachen kein Wort, bis sie zwei Stockwerke weiter oben waren. Sie waren, abgesehen von allem andern, heilfroh, den Gestank des Trolls los zu sein.
»Wir sollten mehr als zehn Punkte bekommen«, brummte Ron.
»Fünf, meinst du, wenn du die von Hermine abziehst.«
»Gut von ihr, uns zu helfen«, gab Ron zu. »Immerhin haben wir sie wirklich gerettet.«
»Sie hätte es vielleicht nicht nötig gehabt, wenn wir das Ding nicht mit ihr eingeschlossen hätten«, erinnerte ihn Harry.
Sie hatten das Bildnis der fetten Dame erreicht.
»Schweineschnauze«, sagten sie und traten ein.
Im Gemeinschaftsraum war es voll und laut. Alle waren dabei, das Essen zu verspeisen, das ihnen hochgebracht worden war. Hermine allerdings stand allein neben der Tür und wartete auf sie. Es gab eine sehr peinliche Pause. Dann, ohne dass sie sich anschauten, sagten sie alle »Danke« und sausten los, um sich Teller zu holen.
Doch von diesem Augenblick an war Hermine Granger ihre Freundin. Es gibt Dinge, die man nicht gemeinsam erleben kann, ohne dass man Freundschaft schließt, und einen fast vier Meter großen Bergtroll zu erlegen gehört gewiss dazu.
Quidditch
Anfang November wurde es sehr kalt. Die Berge im Umkreis der Schule wurden eisgrau und der See kalt wie Stahl. Allmorgendlich war der Boden mit Reif bedeckt. Von den oberen Fenstern aus konnten sie Hagrid sehen, wie er, warm angezogen mit einem langen Mantel aus Maulwurffell, Handschuhen aus Hasenfell und gewaltigen Biberpelzstiefeln, die Besen auf dem Quidditch-Feld entfrostete.
Die Quidditch-Saison hatte begonnen. Am Samstag, nach wochenlangem Training, würde Harry seine erste Partie spielen: Gryffindor gegen Slytherin. Wenn die Gryffindors gewinnen sollten, dann würden sie den zweiten Tabellenplatz in der Hausmeisterschaft erobern.
Bislang hatte kaum jemand Harry spielen sehen, denn Wood hatte beschlossen, die Geheimwaffe müsse – nun ja – geheim gehalten werden. Doch auf irgendeinem Wege war durchgesickert, dass Harry den Sucher spielte, und Harry wusste nicht, was schlimmer war – die Leute, die ihm sagten, er würde ein glänzender Spieler sein, oder die Leute, die ankündigten, sie würden mit einer Matratze auf dem Spielfeld herumlaufen.
Harry hatte wirklich Glück, dass er inzwischen Hermine zur Freundin hatte. Bei all den von Wood immer in letzter Minute angesetzten Trainingsstunden hätte er ohne sie nicht gewusst, wie er seine ganzen Hausaufgaben schaffen sollte. Hermine hatte ihm auch Quidditch im Wandel der Zeiten ausgeliehen, ein Buch, in dem es interessante Dinge zu lesen gab.
Harry erfuhr, dass es siebenhundert Möglichkeiten gab, ein Quidditch-Foul zu begehen, und dass sie alle bei einem Weltmeisterschaftsspiel von 1473 vorgekommen waren; dass Sucher meist die kleinsten und schnellsten Spieler waren und dass sie sich offenbar immer die schwersten Verletzungen zuzogen; dass die Spieler zwar selten einmal starben, es jedoch vorgekommen war, dass Schiedsrichter einfach verschwanden und dann Monate später in der Wüste Sahara wieder auftauchten.
Seit Hermine von Harry und Ron vor dem Bergtroll gerettet worden war, sah sie die Regeln nicht mehr so eng und war überhaupt viel netter zu ihnen. Am Tag vor Harrys erstem Quidditch-Spiel standen die drei in einer Pause draußen im eiskalten Hof. Hermine hatte für sie ein hellblaues Feuer heraufbeschworen, das man in einem Marmeladeglas mit sich herumtragen konnte. Sie standen gerade mit dem Rücken zum Feuer und wärmten sich, als Snape über den Hof kam. Harry fiel gleich auf, dass Snape hinkte. Die drei rückten näher aneinander, um das Feuer vor ihm zu verbergen, denn gewiss war es nicht erlaubt. Unglücklicherweise musste Snape ihre schuldbewussten Gesichter bemerkt haben, denn er hinkte zu ihnen herüber. Das Feuer hatte er nicht gesehen, doch er schien ohnehin nach einem Grund zu suchen, um ihnen eine Lektion zu erteilen.
»Was hast du da in der Hand, Potter?«
Es war Quidditch im Wandel der Zeiten. Harry zeigte es ihm.
»Bücher aus der Bibliothek dürfen nicht nach draußen genommen werden«, sagte Snape. »Gib es mir. Fünf Punkte Abzug für Gryffindor.«
»Diese Regel hat er gerade erfunden«, zischte Harry wütend, als Snape fortgehinkt war. »Was ist eigentlich mit seinem Bein?«
»Weiß nicht, aber hoffentlich tut’s richtig weh«, sagte Ron verbittert.
An diesem Abend war es im Aufenthaltsraum der Gryffindors sehr laut. Harry, Ron und Hermine saßen zusammen am Fenster. Hermine las sich Harrys und Rons Hausaufgaben für Zauberkunst durch. Abschreiben durften sie bei ihr nie (»Wie wollt ihr dann je was lernen?«), doch wenn sie sie baten, ihre Hefte durchzulesen, bekamen sie auch so die richtigen Antworten.
Harry war nervös. Er wollte Quidditch im Wandel der Zeiten zurückhaben, um sich vom morgigen Spiel abzulenken. Und warum sollte er vor Snape Angst haben? Er stand auf und sagte, er werde Snape fragen, ob er es zurückhaben könne.
»Der gibt es dir nie im Leben«, sagten Ron und Hermine wie aus einem Munde, doch Harry hatte das Gefühl, Snape würde nicht nein sagen, wenn noch andere Lehrer zuhörten.
Er ging hinunter zum Lehrerzimmer und klopfte. Keine Antwort. Er klopfte noch einmal. Wieder nichts.
Vielleicht hatte Snape das Buch dort dringelassen? Einen Versuch war es wert. Er drückte die Tür einen Spaltbreit auf und spähte hinein – und es bot sich ihm ein furchtbares Schauspiel.
Snape und Filch waren im Zimmer, allein. Snape hatte den Umhang über ein Knie hochgezogen. Sein Bein war zerfleischt und blutig. Filch reichte Snape Binden.
»Verdammtes Biest«, sagte Snape. »Wie soll man eigentlich auf alle drei Köpfe gleichzeitig achten?«
Harry versuchte die Tür leise zu schließen, doch –
»POTTER!«
Snape ließ sofort den Umhang los, um sein Bein zu verdecken. Sein Gesicht war wutverzerrt. Harry schluckte.
»Ich wollte nur fragen, ob ich mein Buch zurückhaben kann.«
»RAUS HIER! RAUS!«
Harry machte sich davon, bevor Snape Gryffindor noch mehr Punkte abziehen konnte. Er rannte die Treppen hoch zu den andern.
»Hast du es?«, fragte Ron, als Harry hereinkam. »Was ist los?«
Leise flüsternd berichtete Harry, was er gesehen hatte.
»Wisst ihr, was das heißt?«, schloss er außer Atem, »er hat an Halloween versucht, an diesem dreiköpfigen Hund vorbeizukommen! Er war auf dem Weg dorthin, als wir ihn gesehen haben – was auch immer der Hund bewacht, Snape will es haben! Und ich wette meinen Besen, dass er den Troll hereingelassen hat, um die andern abzulenken!«
Hermine sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an.
»Nein, das würde er nicht tun«, sagte sie. »Ich weiß, er ist nicht besonders nett, aber er würde nichts zu stehlen versuchen, was Dumbledore sicher aufbewahrt.«
»Ehrlich gesagt, Hermine, du glaubst, alle Lehrer seien so etwas wie Heilige«, fuhr Ron sie an. »Ich finde, Harry hat Recht. Snape trau ich alles zu. Aber hinter was ist er her? Was bewacht der Hund?«
Als Harry zu Bett ging, surrte ihm noch immer diese Frage durch den Kopf. Neville schnarchte laut, doch Harry konnte ohnehin nicht schlafen. Er versuchte die Gedanken daran zu vertreiben – er brauchte Schlaf. Er musste schlafen, denn in ein paar Stunden hatte er sein erstes Quidditch-Spiel – doch den Ausdruck auf Snapes Gesicht, nachdem Harry sein Bein gesehen hatte, konnte er einfach nicht vergessen.
Strahlend hell und kalt zog der Morgen herauf. Die Große Halle war erfüllt mit dem köstlichen Geruch von Bratwürsten und dem fröhlichen Geschnatter all derer, die sich auf ein gutes Quidditch-Spiel freuten.
»Du musst etwas frühstücken.«
»Ich will nichts.«
»Nur ein wenig Toast«, redete ihm Hermine zu.
»Ich hab keinen Hunger.«
Harry fühlte sich elend. In einer Stunde würde er das Spielfeld betreten.
»Harry, du brauchst Kraft«, sagte Seamus Finnigan. »Im Quidditch versucht man immer, den Sucher der anderen Mannschaft auszulaugen.«
»Danke, Seamus«, sagte Harry und sah ihm zu, wie er Ketschup auf seine Würste schüttete.
Um elf schien die ganze Schule draußen auf den Rängen um das Quidditch-Feld zu sein. Viele Schüler hatten Ferngläser mitgebracht. Die Sitze mochten zwar hoch oben angebracht sein, doch manchmal war es trotzdem schwierig zu sehen, was vor sich ging.
Ron und Hermine setzten sich in die oberen Ränge zu Neville, Seamus und Dean, dem unermüdlichen Fußball-Fan. Als Überraschung für Harry hatten sie aus einem der Leintücher, die Krätze ruiniert hatte, ein großes Spruchband gemacht und Potter vor – für Gryffindor draufgeschrieben. Dean, der gut malen konnte, hatte einen großen Gryffindor-Löwen daruntergesetzt. Hermine hatte das Bild dann mit einem kleinen Zaubertrick in verschiedenen Farben zum Leuchten gebracht.
Unterdessen zogen Harry und die anderen aus der Mannschaft ihre scharlachroten Quidditch-Umhänge an (Slytherin würde in Grün spielen).
Mit einem Räuspern verschaffte sich Wood Ruhe.
»Okay, Männer«, sagte er.
»Und Frauen«, sagte die Jägerin Angelina Johnson.
»Und Frauen«, stimmte Wood zu. »Das ist es.«
»Das Große«, sagte Fred Weasley.
»Auf das wir alle gewartet haben«, sagte George.
»Wir kennen Olivers Rede auswendig«, erklärte Fred Harry, »wir waren schon letztes Jahr im Team.«
»Ruhe, ihr beiden«, sagte Wood. »Dies ist die beste Mannschaft von Gryffindor seit Jahren. Wir gewinnen. Ich weiß es.«
Er sah sie alle durchdringend an, als ob er sagen wollte: »Und wehe, wenn nicht.«
»Gut, es wird Zeit. Viel Glück euch allen.«
Harry folgte Fred und George aus dem Umkleideraum und lief in der Hoffnung, die Knie würden ihm nicht nachgeben, unter lauten Anfeuerungsrufen hinaus auf das Spielfeld.
Madam Hooch war die Schiedsrichterin. Sie stand in der Mitte des Feldes, ihren Besen in der Hand, und wartete auf die beiden Mannschaften.
»Hört zu, ich will ein schönes, faires Spiel sehen, von allen«, sagte sie, als sie sich um sie versammelt hatten. Harry fiel auf, dass sie dabei vor allem den Kapitän der Slytherins, Marcus Flint, anschaute, einen Fünftklässler. Harry kam es vor, als ob Flint ein wenig Trollblut in den Adern hätte. Aus den Augenwinkeln sah er hoch oben über der Menge das flatternde Transparent, das Potter vor – für Gryffindor verkündete. Sein Herz machte einen Hüpfer. Er fühlte sich mutiger.
»Besteigt eure Besen, bitte.«
Harry kletterte auf seinen Nimbus Zweitausend.
Madam Hooch hob ihre silberne Pfeife an den Mund und ließ einen gellenden Pfiff ertönen.
Fünfzehn Besen stiegen in die Lüfte empor, hoch und immer höher. Es konnte losgehen.
»Und Angelina Johnson von Gryffindor übernimmt sofort den Quaffel – was für eine glänzende Jägerin dieses Mädchen ist, und außerdem auffallend hübsch –«
»JORDAN!«
»Verzeihung, Professor.«
Der Freund der Weasley-Zwillinge, Lee Jordan, machte den Stadionsprecher, unter den strengen Ohren von Professor McGonagall.
»Und sie hat wirklich ein Höllentempo drauf da oben, jetzt ein sauberer Pass zu Alicia Spinnet, eine gute Entdeckung von Oliver Wood, letztes Jahr noch auf der Reservebank – wieder zu Johnson und – nein, Slytherin hat jetzt den Quaffel, ihr Kapitän Marcus Flint holt sich ihn und haut damit ab – Flint fliegt dort oben rum wie ein Adler – gleich macht er ein To… – nein, eine glänzende Parade von Gryffindor-Torwart Wood stoppt ihn, und jetzt wieder die Gryffindors in Quaffelbesitz – das ist die Jägerin Katie Bell von Gryffindor dort oben, elegant ist sie unter Flint hindurchgetaucht und schnell jagt sie über das Feld und – AU – das muss wehgetan haben, ein Klatscher trifft sie im Nacken – der Quaffel jetzt wieder bei den Slytherins – das ist Adrian Pucey, der in Richtung Tore losfegt, doch ein zweiter Klatscher hält ihn auf – geschickt von Fred oder George Weasley, ich kann die beiden einfach nicht auseinanderhalten – gutes Spiel vom Treiber der Gryffindors jedenfalls, und Johnson wieder in Quaffelbesitz, hat jetzt freie Bahn, und weg ist sie – sie fliegt ja buchstäblich – weicht einem schnellen Klatscher aus – da sind schon die Tore – ja, mach ihn rein, Angelina – Torhüter Bletchley taucht ab, verfehlt den Quaffel – und TOR FÜR GRYFFINDOR!«
Jubelrufe für Gryffindor füllten die kalte Luft, von den Slytherins kam Heulen und Stöhnen.
»Bewegt euch da oben, rückt ein Stück weiter.«
»Hagrid!«
Ron und Hermine drängten sich eng aneinander, um für Hagrid Platz zu machen.
»Hab von meiner Hütte aus zugeschaut«, sagte Hagrid und tätschelte ein großes Fernglas, das um seinen Hals hing. »Aber es ist einfach was anderes, dabei zu sein. Noch kein Zeichen vom Schnatz, oder?«
»Null«, sagte Ron. »Harry hat noch nicht viel zu tun.«
»Hat sich aber auf der sicheren Seite gehalten bisher, das ist schon mal was«, sagte Hagrid, setzte das Fernglas an die Augen und spähte himmelwärts auf den Fleck, der Harry war.
Hoch über ihnen glitt Harry über das Spiel hinweg und hielt Ausschau nach einem Anzeichen vom Schnatz. Das hatten er und Wood miteinander abgesprochen.
»Halt dich raus, bis du den Schnatz sichtest«, hatte Wood gesagt. »Besser, wenn du nicht angegriffen wirst, bevor es sein muss.«
Nach Angelinas Tor hatte Harry ein paar Loopings hingelegt, um seiner Freude Luft zu machen. Nun war er wieder damit beschäftigt, nach dem Schnatz Ausschau zu halten. Einmal hatte er etwas Goldenes aufblitzen sehen, doch es war nur ein Lichtreflex von der Armbanduhr eines Weasley, und wenn ein Klatscher sich entschied, einer Kanonenkugel gleich auf ihn zuzujagen, wich ihm Harry aus und Fred Weasley kam hinter ihm hergefegt.
»Alles in Ordnung bei dir?«, konnte er noch rufen, bevor er den Klatscher wütend in Richtung Marcus Flint schlug.
»Slytherin im Quaffelbesitz«, sagte Lee Jordan. »Jäger Pucey duckt sich vor zwei Klatschern, zwei Weasleys und Jäger Bell und rast auf die – Moment mal – war das der Schnatz?«
Ein Gemurmel ging durch die Menge, als Adrian Pucey den Quaffel fallen ließ, weil er es nicht lassen konnte, sich umzudrehen und dem goldenen Etwas nachzuschauen, das an seinem linken Ohr vorbeigezischt war.
Harry sah es. Mit plötzlicher Begeisterung stürzte er sich hinab, dem goldenen Schweif hinterher. Der Sucher der Slytherins, Terence Higgs, hatte ihn ebenfalls gesehen. Kopf an Kopf rasten sie hinter dem Schnatz her – alle Jäger schienen vergessen zu haben, was sie zu tun hatten, und hingen mitten in der Luft herum, um ihnen zuzusehen.
Harry war schneller als Higgs – er konnte den kleinen Ball sehen, der flügelflatternd vor ihm herjagte – Harry legte noch einmal etwas zu –
WUMM! Von den Gryffindors unten auf den Rängen kam lautes Zorngeschrei – Marcus Flint hatte Harry absichtlich geblockt, Harrys Besen trudelte jetzt durch die Luft und Harry selbst klammerte sich in Todesgefahr an ihn.
»Foul!«, schrien die Gryffindors.
Die wutentbrannte Madam Hooch knöpfte sich Flint vor und gab den Gryffindors einen Freiwurf. Doch in all der Aufregung war der Goldene Schnatz natürlich wieder verschwunden.
Unten auf den Rängen schrie Dean Thomas: »Schick ihn vom Platz, Schiri! Rote Karte!«
»Das ist nicht Fußball, Dean«, erinnerte ihn Ron. »Du kannst im Quidditch keinen vom Platz stellen – und was ist eigentlich eine rote Karte?«
Doch Hagrid war auf Deans Seite.
»Sie sollten die Regeln ändern, wegen Flint wäre Harry ja fast runtergefallen.«
Lee Jordan fiel es schwer, nicht Partei zu ergreifen.
»So – nach diesem offenen und widerwärtigen Betrug –«
»Jordan!«, knurrte Professor McGonagall.
»Ich meine, nach diesem offenen und empörenden Foul –«
»Jordan, ich warne Sie –«
»Schon gut, schon gut. Flint bringt den Sucher der Gryffindors fast um, das könnte natürlich jedem passieren, da bin ich mir sicher, also ein Freiwurf für Gryffindor, Spinnet übernimmt ihn, und sie macht ihn rein, keine Frage, und das Spiel geht weiter, Gryffindor immer noch im Quaffelbesitz.«
Es geschah, als Harry erneut einem Klatscher auswich, der gefährlich nahe an seinem Kopf vorbeischlingerte. Sein Besen tat plötzlich einen fürchterlichen Ruck. Den Bruchteil einer Sekunde lang glaubte er hinunterzustürzen. Er umklammerte den Besen fest mit beiden Händen und Knien. Ein solches Gefühl hatte er noch nie gehabt.
Es passierte wieder. Als ob der Besen versuchte ihn abzuschütteln. Doch ein Nimbus Zweitausend beschloss nicht plötzlich, seinen Reiter abzuschütteln. Harry versuchte sich zu den Toren der Gryffindors umzuwenden; halb dachte er daran, Wood um eine Spielpause zu bitten – und nun war ihm klar, dass der Besen ihm überhaupt nicht mehr gehorchte. Er konnte ihn nicht wenden. Er konnte ihn überhaupt nicht mehr steuern. Im Zickzack fegte er durch die Luft und machte in kurzen Abständen wütende Schlenker, die ihn fast herunterrissen.
Lee kommentierte immer noch das Spiel.
»Slytherin im Ballbesitz – Flint mit dem Quaffel – vorbei an Spinnet – vorbei an Bell – der Klatscher trifft ihn hart im Gesicht, hat ihm hoffentlich die Nase gebrochen – nur ’n Scherz, Professor – Tor für Slytherin – o nein …«
Die Slytherins jubelten. Keiner schien bemerkt zu haben, dass Harrys Besen sich merkwürdig benahm. Er trug ihn langsam höher, ruckend und zuckend, fort vom Spiel.
»Weiß nicht, was Harry da eigentlich treibt«, murmelte Hagrid. Er sah gebannt durch sein Fernglas. »Wenn ich es nicht besser wüsste, würd ich sagen, er hat seinen Besen nicht mehr im Griff … aber das kann nicht sein …«
Auf einmal deuteten überall auf den Rängen Menschen auf Harry. Sein Besen rollte sich nun im Kreis, unablässig, und Harry konnte sich nur noch mit letzter Kraft halten. Dann stöhnte die Menge auf. Harrys Besen hatte einen gewaltigen Ruck gemacht und Harry hatte den Halt verloren. Er hing jetzt in der Luft, mit einer Hand am Besenstiel.
»Hat er irgendwas abgekriegt, als Flint ihn geblockt hat?«, flüsterte Seamus.
»Kann nicht sein«, meinte Hagrid mit zitternder Stimme. »Nichts kann einen Besen durch’nanderbringen außer machtvolle schwarze Magie – kein Kind könnt so was mit ’nem Nimbus Zweitausend anstellen.«
Bei diesen Worten griff sich Hermine Hagrids Fernglas, doch anstatt zu Harry hinaufzusehen, ließ sie den Blick hastig über die Menge schweifen.
»Was machst du da?«, stöhnte Ron graugesichtig.
»Ich wusste es«, keuchte Hermine, »Snape – sieh mal.«
Ron hob das Fernglas an die Augen. Snape stand in der Mitte der Ränge gegenüber. Seine Augen waren fest auf Harry gerichtet und er murmelte unablässig vor sich hin.
»Da ist was faul – er verhext den Besen«, sagte Hermine.
»Was sollen wir machen?«
»Überlass ihn mir.«
Bevor Ron noch ein Wort sagen konnte, war Hermine verschwunden. Ron richtete das Fernglas wieder auf Harry. Dessen Besen ruckte nun so heftig, dass er sich kaum noch daran festklammern konnte. Sämtliche Zuschauer waren aufgestanden und sahen entsetzt zu, wie die Weasleys hochflogen und versuchten, ihn auf einen ihrer Besen zu ziehen, doch es nützte nichts: Jedes Mal, wenn sie ihm nahe kamen, stieg der Besen sofort noch höher. Sie ließen sich ein wenig sinken und zogen unterhalb von Harry Kreise, offenbar in der Hoffnung, ihn auffangen zu können, falls er herunterfiel. Marcus Flint packte den Quaffel und schoss fünf Tore, ohne dass jemand Notiz davon nahm.
»Los, Hermine, mach schon«, murmelte Ron verzweifelt.
Hermine hatte sich zu der Tribüne durchgekämpft, auf der Snape stand, und raste nun die Sitzreihe entlang auf ihn zu; sie hielt nicht einmal an, um sich zu entschuldigen, als sie Professor Quirrell kopfüber in die Reihe davor stieß. Als sie Snape erreicht hatte, zog sie ihren Zauberstab hervor, kauerte sich auf den Boden und flüsterte ein paar wohl gewählte Worte. Aus ihrem Zauberstab züngelten hellblaue Flämmchen zum Saum von Snapes Umhang empor.
Snape brauchte vielleicht eine halbe Minute, um zu bemerken, dass er brannte. Ein plötzliches Aufheulen sagte ihr, dass sie es geschafft hatte. Sie sog das Feuer von ihm ab in ein kleines Glasgefäß, das sie in der Tasche hatte, und stolperte dann durch die Reihe zurück – Snape erfuhr nie, was geschehen war.
Doch es war gelungen. Hoch oben in den Lüften konnte Harry plötzlich wieder auf seinen Besen klettern.
»Neville, du kannst wieder hinsehen!«, rief Ron. Neville hatte die letzten fünf Minuten in Hagrids Jacke geschluchzt.
Harry raste gerade bodenwärts, als die Menge ihn plötzlich die Hand vor den Mund schlagen sah, als ob ihm schlecht wäre – auf allen vieren knallte er auf das Spielfeld – hustete – und etwas Goldenes fiel ihm in die Hand.
»Ich hab den Schnatz!«, rief er, mit den Armen rudernd, und das Spiel endete in heilloser Verwirrung.
»Er hat ihn nicht gefangen, er hat ihn fast verschluckt«, brüllte Flint zwanzig Minuten später immer noch, doch es half nichts mehr – Harry hatte keine Regel gebrochen und der glückselige Lee Jordan rief immer noch das Ergebnis aus – Gryffindor hatte mit hundertsiebzig zu sechzig Punkten gewonnen. Davon hörte Harry freilich nichts mehr. Hinten am Wald, in der Hütte, braute Hagrid ihm und Ron und Hermine einen kräftigen Tee.
»Es war Snape«, erklärte Ron, »Hermine und ich haben ihn gesehen. Er hat leise vor sich hin gemurmelt und deinen Besen mit Flüchen belegt, er hat nicht ein einziges Mal die Augen von dir abgewandt.«
»Unsinn«, brummte Hagrid, der kein Wort von dem gehört hatte, was neben ihm auf den Rängen gesprochen worden war. »Warum sollte Snape so etwas tun?«
Harry, Ron und Hermine sahen sich an, unsicher, was sie ihm erzählen sollten. Harry entschied sich für die Wahrheit.
»Ich hab etwas über ihn herausgefunden«, erklärte er Hagrid. »Er hat an Halloween versucht, an diesem dreiköpfigen Hund vorbeizukommen. Der hat ihn gebissen. Wir glauben, er wollte das stehlen, was der Hund bewacht, was auch immer es ist.«
Hagrid ließ den Teekessel auf den Herd fallen.
»Woher wisst ihr von Fluffy?«, fragte er.
»Fluffy?«
»Ja – ist nämlich meiner – hab ihn einem Kerl aus Griechenland abgekauft, den ich letztes Jahr im Pub getroffen hab – ich hab ihn Dumbledore geliehen, als Wachhund für –«
»Ja?«, sagte Harry begierig.
»Das reicht, fragt mich nicht weiter aus«, sagte Hagrid grummelig. »Das ist streng geheim, ist das nämlich.«
»Aber Snape hat versucht, es zu stehlen.«
»Unsinn«, sagte Hagrid erneut. »Snape ist ein Lehrer in Hogwarts, so was würde der nie tun.«
»Und warum hat er dann gerade versucht, Harry umzubringen?«, rief Hermine.
Was am Nachmittag geschehen war, hatte ihre Ansichten über Snape offenbar verändert.
»Ich erkenne sehr wohl, wenn jemand einen bösen Fluch ausspricht, Hagrid, ich hab alles darüber gelesen. Du musst die Augen immer draufhalten, und Snape hat nicht einmal geblinzelt, ich hab’s gesehen!«
»Ich sag euch, ihr liegt grottenfalsch!«, sagte Hagrid erregt. »Ich weiß nicht, warum Harrys Besen so komisch geflogen ist, aber Snape würde nie versuchen einen Schüler umzubringen! Nun hört mir mal alle genau zu, ihr mischt euch in Dinge ein, die euch nichts angehen. Vergesst den Hund und vergesst, was er bewacht, das ist allein die Sache von Professor Dumbledore und Nicolas Flamel –«
»Aha!«, sagte Harry. »Also hat jemand namens Nicolas Flamel damit zu tun, oder?«
Hagrid sah aus, als ob er auf sich selbst sauer wäre.
Der Spiegel Nerhegeb
Weihnachten stand vor der Tür. Eines Morgens Mitte Dezember wachte Hogwarts auf und sah sich ellendick in Schnee gehüllt. Der See fror zu, und die Weasley-Zwillinge wurden bestraft, weil sie ein paar Schneebälle verhext hatten, die dann hinter Quirrell herflogen und ihm auf den Turban klatschten. Die wenigen Eulen, die sich durch die Schneestürme schlagen konnten, um die Post zu bringen, mussten von Hagrid gesund gepflegt werden, bevor sie sich auf den Rückflug machen konnten.
Sie konnten es alle kaum noch erwarten, dass endlich die Ferien losgingen. Während im Gemeinschaftsraum der Gryffindors und in der Großen Halle die Kaminfeuer prasselten, war es in den zugigen Korridoren eisig kalt geworden und ein beißender Wind rüttelte an den Fenstern der Klassenzimmer. Am schlimmsten war der Unterricht von Professor Snape unten in den Kerkern, wo ihr Atem sich über ihren Köpfen zu einem Nebelschleier zusammenzog und sie sich so nah wie möglich an ihre heißen Kessel setzten.
»Es tut mir ja so leid«, sagte Draco Malfoy in einer Zaubertrankstunde, »für all die Leute, die über Weihnachten in Hogwarts bleiben müssen, weil sie daheim nicht erwünscht sind.«
Dabei sah er hinüber zu Harry. Crabbe und Goyle kicherten. Harry, der gerade zerriebene Löwenfischgräten abwog, überhörte ihn. Seit dem Quidditch-Spiel war Malfoy noch gehässiger als früher. Empört über die Niederlage der Slytherins, hatte er versucht, allgemeine Heiterkeit zu verbreiten mit dem Vorschlag, das nächste Mal solle anstelle von Harry ein Breitmaulfrosch den Sucher spielen. Dann musste er feststellen, dass keiner das witzig fand. Alle waren davon beeindruckt, wie Harry es geschafft hatte, sich auf seinem bockenden Besen zu halten. Und so hatte sich der eifersüchtige und zornige Malfoy wieder darauf verlegt, Harry damit zu verhöhnen, dass er keine richtige Familie hatte.
Es stimmte, dass Harry über Weihnachten nicht in den Ligusterweg zurückkehren würde. Letzte Woche war Professor McGonagall vorbeigekommen und hatte die Schüler in eine Liste eingetragen, die in den Weihnachtsferien dableiben würden, und Harry hatte sich sofort gemeldet. Es tat ihm gar nicht leid um sich; das würde wahrscheinlich das schönste Weihnachten seines Lebens werden. Auch Ron und seine Brüder blieben da, weil Mr und Mrs Weasley nach Rumänien fuhren, um Charlie zu besuchen.
Als sie am Ende des Zaubertrankunterrichts die Kerker verließen, war der Korridor durch eine große Tanne versperrt. Zwei gewaltige Schuhe, die am unteren Ende herausragten, und ein lautes Schnaufen sagten ihnen, dass Hagrid hinter ihr steckte.
»Hey, Hagrid, brauchst du Hilfe?«, fragte Ron und steckte den Kopf durch die Zweige.
»Nö, komm schon zurecht, Ron.«
»Würden Sie bitte aus dem Weg gehen?«, tönte Malfoy mit kalter, gedehnter Stimme hinter ihnen. »Willst dir wohl ein wenig Taschengeld dazuverdienen, Weasley? Hoffst wohl, selber Wildhüter zu werden, wenn du mit Hogwarts fertig bist – diese Hütte von Hagrid muss dir wie ein Palast vorkommen im Vergleich zu dem, was du von deiner Familie gewöhnt bist.«
Ron stürzte sich auf Malfoy und in diesem Moment kam Snape die Treppe hoch.
»WEASLEY!«
Ron ließ Malfoys Umhang los.
»Er ist herausgefordert worden, Professor Snape«, sagte Hagrid und steckte sein großes, haariges Gesicht hinter dem Baum hervor. »Malfoy hat seine Familie beleidigt.«
»Das mag sein, aber eine Schlägerei ist gegen die Hausregeln, Hagrid«, sagte Snape mit öliger Stimme. »Fünf Punkte Abzug für Gryffindor, Weasley, und sei dankbar, dass es nicht mehr ist. Marsch jetzt, aber alle.«
Malfoy, Crabbe und Goyle schlugen sich mit den Armen rudernd an dem Baum vorbei, verstreuten Nadeln auf dem Boden und grinsten dabei blöde.
»Den krieg ich noch«, sagte Ron zähneknirschend hinter Malfoys Rücken, »eines Tages krieg ich ihn.«
»Ich hasse sie beide«, sagte Harry, »Malfoy und Snape.«
»Nu ist aber gut, Kopf hoch, es ist bald Weihnachten«, sagte Hagrid. »Ich mach euch ’nen Vorschlag, kommt mit in die Große Halle, sieht umwerfend aus.«
Also folgten die drei Hagrid und seinem Baum in die Große Halle, die Professor McGonagall und Professor Flitwick festlich ausschmückten.
»Ah, Hagrid, der letzte Baum – stellen Sie ihn doch bitte in die Ecke dort hinten.«
Die Halle sah phantastisch aus. An den Wänden entlang hingen Girlanden aus Stechpalmen- und Mistelzweigen und nicht weniger als zwölf turmhohe Weihnachtsbäume waren im Raum verteilt. Von den einen funkelten winzige Eiszapfen herüber, auf den anderen flackerten hunderte von Kerzen.
»Wie viel Tage habt ihr noch bis zu den Ferien?«, fragte Hagrid.
»Nur einen«, sagte Hermine. »Und da fällt mir ein – Harry, Ron, wir haben noch eine halbe Stunde bis zum Mittagessen, wir sollten in die Bibliothek gehen.«
»Ja, klar, du hast Recht«, sagte Ron und wandte seine Augen von Professor Flitwick ab, der goldene Kugeln aus seinem Zauberstab blubbern ließ und sie über die Zweige des neuen Baums verteilte.
»In die Bibliothek?«, sagte Hagrid und folgte ihnen aus der Halle. »Kurz vor den Ferien? Sehr strebsam heute, was?«
»Aach, wir arbeiten gar nicht«, erklärte ihm Harry strahlend. »Seit du Nicolas Flamel erwähnt hast, versuchen wir nämlich herauszufinden, wer er ist.«
»Ihr wollt was?«, Hagrid sah sie entsetzt an. »Hört mal gut zu, ich hab’s euch gesagt, lasst es bleiben. Was der Hund bewacht, geht euch nichts an.«
»Wir wollen nur wissen, wer Nicolas Flamel ist, das ist alles«, sagte Hermine.
»Außer du möchtest es uns sagen und uns damit Arbeit ersparen?«, fügte Harry hinzu. »Wir müssen schon hunderte von Büchern gewälzt haben und wir können ihn nirgends finden – gib uns einfach mal ’nen Tipp – ich weiß, dass ich seinen Namen schon mal irgendwo gelesen hab.«
»Ich sag nichts«, sagte Hagrid matt.
»Dann müssen wir es selbst rausfinden«, sagte Ron. Sie ließen den missmutig dreinblickenden Hagrid stehen und hasteten in die Bibliothek.
Tatsächlich hatten sie den Namen, seit er Hagrid herausgerutscht war, in allen möglichen Büchern gesucht, denn wie sonst sollten sie herausfinden, was Snape zu stehlen versuchte? Sie wussten eigentlich gar nicht, wo sie anfangen sollten, denn sie hatten keine Ahnung, womit sich Nicolas Flamel die Aufnahme in ein Buch verdient hatte. Er stand nicht in den Großen Zauberern des zwanzigsten Jahrhunderts oder im Handbuch zeitgenössischer Magier; in den Bedeutenden Entdeckungen der modernen Zauberei fehlte er ebenso wie in den Jüngeren Entwicklungen in der Zauberei. Hinzu kam natürlich noch die schiere Größe der Bibliothek; zehntausende von Büchern; tausende von Regalen; hunderte von schmalen Regalreihen.
Hermine zog eine Liste von Fachgebieten und Buchtiteln hervor, in denen sie suchen wollte, während Ron die Regale entlangschlenderte und nach Lust und Laune mal hier, mal da ein Buch hervorzog. Harry ging hinüber in die Abteilung für verbotene Bücher. Schon seit einiger Zeit fragte er sich, ob Flamel nicht vielleicht hier zu finden wäre. Leider brauchte man die schriftliche Erlaubnis eines Lehrers, um eines der Bücher in dieser Abteilung einsehen zu dürfen, und die würde er nie kriegen. Die Bücher hier behandelten die mächtige schwarze Magie, die in Hogwarts niemals gelehrt wurde, und sie durften nur von den älteren Schülern gelesen werden, die fortgeschrittene Verteidigung gegen die dunklen Künste studierten.
»Suchst du etwas Bestimmtes, mein Junge?«
»Nein«, sagte Harry.
Die Bibliothekarin, Madam Pince, fuchtelte mit einem Staubwedel nach ihm.
»Dann verziehst du dich besser wieder. Husch, fort mit dir!«
Harry bereute, dass er sich nicht schnell eine Geschichte hatte einfallen lassen, und verließ die Bibliothek. Er hatte mit Ron und Hermine nämlich schon vereinbart, dass sie lieber nicht Madam Pince fragen wollten, wo sie Flamel finden könnten. Sie würde es ihnen gewiss sagen können, doch sie konnten es nicht riskieren, dass Snape Wind davon bekam, wonach sie suchten.
Harry wartete draußen vor der Tür, um zu hören, ob die andern beiden etwas herausgefunden hatten, doch viel Hoffnung machte er sich nicht. Immerhin suchten sie schon seit zwei Wochen, doch da sie zwischen den Unterrichtsstunden nur gelegentlich einmal Zeit hatten, war es kein Wunder, dass sie noch nichts gefunden hatten. Was sie wirklich brauchten, war viel Zeit zum Suchen, ohne dass ihnen Madam Pince ständig über die Schultern sah.
Fünf Minuten später kamen Ron und Hermine heraus und schüttelten die Köpfe. Sie gingen zum Mittagessen.
»Ihr sucht doch weiter, während ich weg bin, oder?«, sagte Hermine. »Und schickt mir eine Eule, wenn ihr irgendwas herausfindet.«
»Und du könntest deine Eltern fragen, ob sie wissen, wer Flamel ist«, sagte Ron. »Da kann nichts passieren.«
»Überhaupt nichts, denn sie sind beide Zahnärzte«, sagte Hermine.
Als die Ferien einmal begonnen hatten, ging es Ron und Harry einfach zu gut, um lange über Flamel nachzudenken. Sie hatten den ganzen Schlafsaal für sich, auch im Aufenthaltsraum war viel mehr Platz als sonst, und sie konnten die guten Sessel am Kamin belegen. Da saßen sie stundenlang und verspeisten alles, was sie auf eine Röstgabel spießen konnten: Brot, Pfannkuchen, Marshmallows, und schmiedeten Pläne, wie sie es anstellen könnten, dass Malfoy von der Schule flog. Das auszuhecken machte Spaß, auch wenn es nicht klappen würde.
Ron brachte Harry auch Zauberschach bei. Das ging genauso wie Muggelschach, außer dass die Figuren lebten, und so war es fast das Gleiche wie Truppen in eine Schlacht zu führen. Rons Schachspiel war sehr alt und ramponiert. Wie alles andere, das Ron besaß, hatte es einst jemandem aus seiner Familie gehört – in diesem Fall seinem Großvater. Allerdings waren die alten Schachmenschen überhaupt kein Nachteil. Ron kannte sie so gut, dass er sie immer mühelos dazu bringen konnte, genau das zu tun, was er wollte.
Harry spielte mit Schachmenschen, die ihm Seamus Finnigan geliehen hatte, und die trauten ihm überhaupt nicht. Er war noch kein guter Spieler, und sie riefen ihm ständig Ratschläge zu, allerdings widersprüchliche, was ihn heftig verwirrte: »Schick mich ja nicht dorthin, siehst du denn nicht seinen Springer? Schick doch den da, auf den können wir verzichten.«
Heiligabend ging Harry voller Vorfreude auf das Essen und den Spaß am Weihnachtstag zu Bett; Geschenke erwartete er überhaupt keine. Als er früh am nächsten Morgen erwachte, sah er als Erstes einen Stapel Päckchen am Fußende seines Bettes.
»Fröhliche Weihnachten«, sagte Ron schläfrig, als Harry aus dem Bett stieg und seinen Morgenmantel anzog.
»Dir auch«, sagte Harry. »Schau dir das mal an! Ich hab Geschenke bekommen!«
»Was hast du erwartet, Runkelrüben?«, sagte Ron und machte sich an seinen eigenen Stapel, der um einiges größer war als der Harrys.
Harry nahm das oberste Päckchen in die Hand. Es war mit dickem braunem Papier umwickelt und quer darüber war Für Harry von Hagrid gekrakelt. Drinnen war eine grob geschnitzte hölzerne Flöte. Offenbar hatte Hagrid sie selber zugeschnitten. Harry blies hinein – sie klang ein wenig wie eine Eule.
Ein zweites, winziges Päckchen enthielt einen Zettel.
Wir haben deine Nachricht erhalten und fügen dein Weihnachtsgeschenk bei. Von Onkel Vernon und Tante Petunia. Mit Klebeband war ein Fünfzig-Pence-Stück auf den Zettel geklebt.
»Das ist nett«, sagte Harry.
Ron war von den fünfzig Pence fasziniert.
»Komisch!«, sagte er. »Diese Form! Ist das Geld?«
»Du kannst es behalten«, sagte Harry und lachte, als er sah, wie Ron sich freute. »Hagrid und Tante und Onkel – und von wem ist das hier?«
»Ich glaub, ich weiß, von wem das ist«, sagte Ron, deutete auf ein recht klumpiges Paket und lief ein wenig rosa an. »Von meiner Mum. Ich hab ihr gesagt, dass du keine Geschenke erwartest und – o nein«, stöhnte er, »sie hat dir einen Weasley-Pulli gestrickt!«
Harry hatte das Paket aufgerissen und einen dicken, handgestrickten Pullover in Smaragdgrün gefunden und eine große Schachtel selbst gebackener Plätzchen.
»Sie strickt uns jedes Jahr einen Pulli«, sagte Ron, während er seinen eigenen auspackte, »und meiner ist immer kastanienbraun.«
»Das ist wirklich nett von ihr«, sagte Harry und probierte von den Plätzchen, die köstlich schmeckten.
Auch sein nächstes Päckchen enthielt Süßigkeiten – es war eine große Schachtel Schokofrösche von Hermine.
Ein Päckchen war jetzt noch übrig. Harry hob es auf und betastete es. Es war sehr leicht. Er wickelte es aus.
Etwas Fließendes und Silbergraues glitt auf den Boden, wo es in schimmernden Falten dalag. Ron machte große Augen.
»Ich hab davon gehört«, sagte er mit gedämpfter Stimme und ließ die Schachtel mit Bohnen jeder Geschmacksrichtung fallen, die er von Hermine bekommen hatte. »Wenn es das ist, was ich glaube – sie sind wirklich selten und wirklich wertvoll.«
»Was ist es?«
Harry hob das silbern leuchtende Stück Stoff vom Boden hoch. Es fühlte sich seltsam an, wie Wasser, das zu Stoff gewebt worden war.
»Es ist ein Umhang, der unsichtbar macht«, sagte Ron mit ehrfürchtigem Gesicht. »Ganz bestimmt – probier ihn mal an.«
Harry warf sich den Umhang über die Schultern und Ron stieß einen Schrei aus.
»Es stimmt! Schau!«
Harry sah hinunter auf seine Füße, doch die waren verschwunden. Er stürzte hinüber zum Spiegel. Gewiss, sein Spiegelbild sah ihn an, freilich nur sein Kopf, der Körper war völlig unsichtbar. Er zog den Umhang über den Kopf und sein Spiegelbild verschwand vollends.
»Da liegt ein Zettel!«, sagte Ron plötzlich. »Ein Zettel ist rausgefallen!«
Harry streifte den Umhang ab und hob den Zettel auf. In enger, verschlungener Handschrift, die er noch nie gesehen hatte, standen da die folgenden Worte:
Dein Vater hat mir dies vor seinem Tode zur Aufbewahrung überreicht. Nun ist die Zeit gekommen, ihn dir zu geben.
Gebrauche ihn klug.
Fröhliche Weihnachten wünsche ich dir.
Unterschrieben hatte niemand. Harry starrte auf den Zettel. Ron bewunderte den Umhang.
»Ich würde alles geben für einen davon«, sagte er. »Alles. Was ist los mit dir?«
»Nichts«, sagte Harry. Ihm war seltsam zumute. Wer hatte ihm den Umhang geschickt? Hatte er wirklich einst seinem Vater gehört?
Bevor er noch etwas denken oder sagen konnte, flog die Tür zum Schlafsaal auf und Fred und George Weasley stürmten herein. Harry steckte den Umhang schnell weg. Er hatte keine Lust, ihn überall herumzureichen.
»Frohe Weihnachten!«
»Hey, sieh mal – Harry hat auch ’nen Weasley-Pulli!«
Fred und George trugen blaue Pullover, der eine mit einem großen gelben F darauf gestickt, der andere mit einem G.
»Der von Harry ist aber besser als unserer«, sagte Fred und hielt Harrys Pullover hoch. »Sieht so aus, als ob sie sich mehr anstrengt, wenn du nicht zur Familie gehörst.«
»Warum trägst du deinen Pulli nicht, Ron?«, fragte George. »Komm, zieh ihn an, sie sind herrlich warm.«
»Ich mag Kastanienbraun nicht«, meinte Ron halbherzig und zog sich den Pulli über.
»Du hast keinen Buchstaben auf deinem«, stellte George fest. »Sie denkt wohl, du vergisst deinen Namen nicht. Aber wir sind nicht dumm – wir wissen, dass wir Gred und Forge heißen.«
»Was macht ihr da eigentlich für einen Lärm?«
Percy Weasley steckte mit missbilligendem Blick den Kopf durch die Tür. Offensichtlich war er schon halb mit dem Geschenkeauspacken fertig, denn auch er trug einen zusammengeknäuelten Pullover auf dem Arm, den ihm Fred entriss.
»V für Vertrauensschüler! Zieh ihn an, Percy, los komm schon, sogar Harry hat einen gekriegt.«
»Ich – will – nicht –«, sagte Percy halb erstickt, während die Zwillinge ihm den Pullover über den Kopf zwängten und dabei seine Brille verbogen.
»Und du hockst dich heute nicht zu den Vertrauensschülern«, sagte George. »Weihnachten verbringt man mit der Familie.«
Sie hatten Percys Arme nicht durch die Ärmel des Pullovers gesteckt, und so gefesselt nahmen sie ihn nun auf die Schultern und marschierten mit ihm hinaus.
Harry hatte noch nie in seinem Leben ein solches Weihnachtsmahl verspeist. Hundert fette gebratene Truthähne, Berge von Brat- und Pellkartoffeln, Platten voll niedlicher Cocktailwürstchen, Schüsseln voll Buttererbsen, Silberterrinen voll dicken, sahnigen Bratensafts und Preiselbeersauce – und, über den Tisch verteilt, stapelweise Zauber-Knallbonbons. Diese phantastischen Knallbonbons waren überhaupt nicht zu vergleichen mit den schwächlichen der Muggel, wie sie die Dursleys kauften, mit dem kleinen Plastikspielkram und den knittrigen Papierhütchen. Harry zog mit Fred an einem Zauber-Knallbonbon, und es knallte nicht nur, sondern ging los wie eine Kanone und hüllte sie in eine Wolke blauen Rauchs, während aus dem Innern der Hut eines Admirals und mehrere lebende weiße Mäuse herausschossen. Drüben am Hohen Tisch hatte Dumbledore seinen spitzen Zaubererhut gegen eine mit Blumen verzierte Haube getauscht und kicherte fröhlich über einen Witz, den ihm Professor Flitwick soeben vorgelesen hatte.
Dem Truthahn folgte ein flambierter Plumpudding. Percy brach sich fast die Zähne an einem Silbersickel aus, der in seiner Portion versteckt war. Harry beobachtete, wie Hagrid nach mehr Wein verlangte und sein Gesicht immer röter wurde, bis er schließlich Professor McGonagall auf die Wange küsste, die, wie Harry verdutzt feststellte, unter ihrem leicht verrutschten Spitzhut errötete und anfing zu kichern.
Als Harry schließlich vom Tisch aufstand, war er beladen mit einer Unmenge Sachen aus den Knallbonbons, darunter ein Dutzend Leuchtballons, die nie platzten, ein »Züchte deine eigenen Warzen«-Biokasten und ein neues Zauberschachspiel. Die weißen Mäuse waren verschwunden, und Harry hatte das unangenehme Gefühl, dass sie als Mrs Norris’ Weihnachtsschmaus enden würden.
Harry und die Weasleys verbrachten einen glücklichen Nachmittag mit einer wilden Schneeballschlacht draußen auf dem Schulgelände. Verfroren, nass und nach Atem ringend, kehrten sie ans Kaminfeuer in ihrem Gemeinschaftsraum zurück, wo Harry sein neues Schachspiel mit einer haarsträubenden Niederlage gegen Ron einweihte. Er hätte vielleicht nicht so kläglich verloren, vermutete er, wenn Percy nicht so angestrengt versucht hätte, ihm zu helfen.
Nach dem Tee – es gab Brote mit kaltem Braten, Pfannkuchen, Biskuits und Weihnachtskuchen – fühlten sich alle zu vollgestopft und müde, um noch viel vor dem Schlafengehen anzufangen. Sie sahen nur noch Percy zu, wie er Fred und George durch den ganzen Gryffindor-Turm nachjagte, weil sie sein Vertrauensschüler-Abzeichen geklaut hatten.
Es war Harrys schönstes Weihnachten gewesen. Doch den ganzen Tag über war ihm etwas im Hinterkopf herumgeschwirrt. Erst als er im Bett lag, hatte er die Ruhe, darüber nachzudenken: Es war der Umhang, der unsichtbar machte, und die Frage, wer ihn wohl geschickt hatte.
Ron, vollgestopft mit Braten und Kuchen und mit nichts weiter Geheimnisvollem beschäftigt, schlief ein, sobald er die Vorhänge seines Himmelbetts zugezogen hatte. Harry drehte sich auf die Seite und zog den Umhang unter dem Bett hervor.
Das war von seinem Vater … der Umhang seines Vaters. Er ließ den Stoff durch die Hände gleiten, fließender als Seide, leichter als Luft. Gebrauche ihn klug, hatte es auf dem Zettel geheißen.
Er musste es versuchen – jetzt. Er schlüpfte aus dem Bett und hüllte sich in den Umhang. Wo eben noch seine Füße waren, sah er jetzt nur noch das Mondlicht und Schatten. Ihm war merkwürdig zumute.
Gebrauche ihn klug.
Plötzlich war Harry hellwach. In diesem Umhang stand ihm ganz Hogwarts offen. Begeisterung durchströmte ihn. Er konnte überallhin, überall, und Filch würde es nie herausfinden.
Ron grunzte im Schlaf. Sollte Harry ihn wecken? Etwas hielt ihn zurück – der Umhang seines Vaters –, er spürte, dass er diesmal, dieses erste Mal, allein mit ihm sein wollte.
Er stahl sich aus dem Schlafsaal, die Treppe hinunter, durch den Aufenthaltsraum und kletterte durch das Loch hinter dem Porträt.
»Wer da?«, quakte die fette Dame. Harry sagte nichts. Rasch ging er den Korridor entlang.
Wo sollte er hin? Mit rasend pochendem Herzen hielt er inne und dachte nach. Und dann fiel es ihm ein. Die verbotene Abteilung in der Bibliothek. Dort konnte er lesen, solange er wollte, solange er musste, um herauszufinden, wer Flamel war. Den Tarnumhang eng um sich schlingend, ging er weiter.
In der Bibliothek herrschte rabenschwarze Nacht. Harry war gruslig zumute. Er zündete eine Laterne an, um sich den Weg durch die Buchregale zu leuchten. Die Laterne schien in der Luft zu schweben, und obwohl Harry spürte, dass er sie in der Hand trug, ließ ihm der Anblick Schauer über den Rücken laufen.
Die verbotene Abteilung lag ganz hinten in der Bibliothek. Er stieg umsichtig über die Kordel, die diesen Bereich von den andern trennte, und hielt seine Laterne hoch, um die Titel auf den Buchrücken zu lesen.
Sie sagten ihm nicht viel. Die abblätternden und verblassenden Goldlettern bildeten Wörter in Sprachen, die Harry nicht verstand. Manche Bücher hatten gar keinen Titel. Auf einem Buch war ein dunkler Fleck, der Blut schrecklich ähnlich sah. Harry sträubten sich die Nackenhaare. Vielleicht bildete er es sich nur ein, vielleicht auch nicht, aber er glaubte, von den Büchern her ein leises Flüstern zu vernehmen, als ob sie wüssten, dass jemand hier war, der nicht hier sein durfte.
Irgendwo musste er anfangen. Er stellte die Laterne vorsichtig auf den Boden und suchte entlang der untersten Regalreihe nach einem viel versprechend aussehenden Buch. Ein großer schwarz-silberner Band fiel ihm ins Auge. Er zog das Buch mühsam heraus, denn es war sehr schwer, setzte es mit dem Rücken auf seine Knie und klappte es auf.
Ein durchdringender Schrei, der ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ, durchbrach die Stille – das Buch schrie! Harry schlug es zu, doch es schrie immer weiter, ununterbrochen, in einem hohen und trommelfellzerreißenden Ton. Er stolperte rückwärts und stieß seine Laterne um, die sofort ausging. In panischer Angst hörte er Schritte den Gang draußen entlangkommen – er stopfte das schreiende Buch wieder ins Regal und rannte davon. Just an der Tür traf er auf Filch. Filchs blasse, wirre Augen sahen durch ihn hindurch und Harry wich vor Filchs ausgestrecktem Arm zur Seite und rannte weiter, den Korridor hinunter, die Schreie des Buches immer noch in den Ohren klingend.
Vor einer großen Rüstung erstarrte er. Er war so überstürzt aus der Bibliothek geflohen, dass er nicht darauf geachtet hatte, wo er hinlief. Um ihn her war es vollkommen dunkel, und vielleicht wusste er deshalb nicht, wo er sich befand. Eine Rüstung stand in der Nähe der Küchen, das wusste er, doch er musste fünf Stockwerke darüber sein.
»Sie haben mich gebeten, sofort zu Ihnen zu kommen, Herr Professor, wenn jemand nachts umherstreift, und jemand war in der Bibliothek – in der verbotenen Abteilung.«
Harry spürte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht strömte. Wo immer er auch war, Filch musste eine Abkürzung kennen, denn seine weiche, ölige Stimme kam näher, und zu seinem Entsetzen war es Snape, der antwortete:
»Die verbotene Abteilung? Nun, dann können sie nicht weit sein, die kriegen wir schon.«
Als Filch und Snape vor ihm um die Ecke bogen, gefror Harry zu einem Eiszapfen. Natürlich konnten sie ihn nicht sehen, doch der Korridor war eng, und wenn sie näher kämen, würden sie auf ihn prallen – trotz des Umhangs war er ja immer noch aus Fleisch und Blut.
So leise er nur konnte, wich er zurück. Zu seiner Linken stand eine Tür einen Spaltbreit offen. Das war seine einzige Hoffnung. Den Atem anhaltend, um sie ja nicht zu bewegen, zwängte er sich hindurch, und als er es geschafft hatte, in das Zimmer zu gelangen, ohne dass Snape und Filch etwas bemerkten, wurde ihm leichter zumute. Sie gingen einfach vorbei und Harry lehnte sich tief atmend gegen die Wand und lauschte ihren leiser werdenden Schritten nach. Das war knapp gewesen, sehr knapp. Es dauerte einige Augenblicke, bis er das Zimmer, in dem er sich versteckt hatte, besser wahrnahm.
Es sah aus wie ein nicht mehr benutztes Klassenzimmer. An der Wand entlang waren Tische und Stühle aufgestapelt und im Dunkeln konnte er auch einen umgedrehten Papierkorb erkennen. Doch an der Wand gegenüber lehnte etwas, das nicht den Eindruck machte, als ob es hierher gehörte, etwas, das aussah, als ob jemand es einfach hier abgestellt hätte, um es aus dem Weg zu schaffen.
Es war, auf zwei Klauenfüßen stehend, ein gewaltiger Spiegel, der bis zur Decke reichte und mit einem reich verzierten Goldrahmen versehen war. Oben auf dem Rahmen war eine Inschrift eingeprägt: NERHEGEB Z REH NIE DREBAZ TILT NANIEDTH CIN.
Nun, da von Filch und Snape nichts mehr zu hören war, schwand Harrys Panik, und er näherte sich dem Spiegel, um sich darin zu sehen und doch nichts zu sehen.
Er musste die Hand vor den Mund schlagen, um nicht zu schreien. Er wirbelte herum. Sein Herz hämmerte noch rasender als vorhin bei dem schreienden Buch, denn er hatte nicht nur sich selbst im Spiegel gesehen, sondern eine ganze Ansammlung von Menschen, die direkt hinter ihm standen.
Doch das Zimmer war leer. Rasch atmend drehte er sich langsam wieder um und sah in den Spiegel.
Da war es, sein Spiegelbild, weiß und mit furchtverzerrtem Gesicht, und dort, hinter ihm, spiegelten sich noch gut zehn andere. Harry blickte über die Schulter, doch immer noch war da niemand. Oder waren die vielleicht auch unsichtbar? War er tatsächlich in einem Zimmer voll unsichtbarer Menschen, und war es die Eigenart dieses Spiegels, dass er sie spiegelte, unsichtbar oder nicht?
Erneut blickte er in den Spiegel. Eine Frau, die unmittelbar hinter ihm stand, lächelte ihn an und winkte. Er streckte die Hand aus, doch er fasste ins Leere. Wenn sie wirklich da wäre, dann würde er sie berühren, im Spiegel standen sie so nahe beieinander. Doch er spürte nur Luft – sie und die anderen existierten nur im Spiegel.
Es war eine sehr schöne Frau. Sie hatte dunkelrotes Haar und ihre Augen – ihre Augen sind genau wie die meinen, dachte Harry und rückte ein wenig näher an das Glas heran. Hellgrün – genau dieselbe Form, doch dann sah er, dass sie weinte; zwar lächelte, aber zugleich weinte. Der große, schlanke, schwarzhaarige Mann hinter ihr legte den Arm um sie. Er trug eine Brille und sein Haar war ziemlich durcheinander. Hinterm Kopf stand es ab, genau wie bei Harry.
Harry war nun so nahe am Spiegel, dass seine Nase jetzt fast ihr Spiegelbild berührte.
»Mum?«, flüsterte er. »Dad?«
Sie sahen ihn nur an und lächelten. Und langsam sah Harry in die Gesichter der anderen Menschen im Spiegel und sah noch mehr grüne Augenpaare als das seine, andere Nasen als die seine, selbst einen kleinen alten Mann, der aussah, als ob er Harrys knubblige Knie hätte – Harry sah zum ersten Mal im Leben seine Familie.
Die Potters lächelten und winkten Harry zu, und er starrte zurück, die Hände flach gegen das Glas gepresst, als hoffte er, einfach zu ihnen hindurchfallen zu können. Er spürte ein mächtiges Stechen in seinem Körper, halb Freude, halb furchtbare Traurigkeit.
Wie lange er schon so dastand, wusste er nicht. Die Spiegelbilder verblassten nicht, und er wandte den Blick nicht eine Sekunde ab, bis ein fernes Geräusch ihn wieder zur Besinnung brachte. Er konnte nicht hierbleiben, er musste sich zurück ins Bett stehlen. »Ich komme wieder«, flüsterte er, wandte den Blick vom Gesicht seiner Mutter ab und lief aus dem Zimmer.
»Du hättest mich wecken können«, sagte Ron mit saurer Miene.
»Komm doch heute Nacht mit, ich will dir den Spiegel zeigen.«
»Ich würde gern deine Mum und deinen Dad sehen«, sagte Ron begeistert.
»Und ich will deine Familie sehen, alle Weasleys, du kannst mir deine anderen Brüder zeigen und überhaupt alle.«
»Die kannst du jederzeit sehen«, sagte Ron. »Komm mich einfach diesen Sommer besuchen. Außerdem zeigt er vielleicht nur die Toten. Schade jedenfalls, dass du nichts über Flamel herausgefunden hast. Nimm doch von dem Schinken, warum isst du eigentlich nichts?«
Harry konnte nichts essen. Er hatte seine Eltern gesehen und würde sie heute Nacht wieder sehen. Flamel hatte er fast vergessen. Das schien ihm nicht mehr besonders wichtig. Wen kümmerte es, was der dreiköpfige Hund bewachte? War es im Grunde nicht gleichgültig, wenn Snape es stahl?
»Geht’s dir gut?«, fragte Ron. »Du guckst so komisch.«
Wovor Harry wirklich am meisten Angst hatte, war, den Raum mit dem Spiegel nicht mehr zu finden. Weil Ron in dieser Nacht auch noch unter dem Umhang steckte, mussten sie langsamer gehen. Sie versuchten Harrys Weg von der Bibliothek aus wiederzufinden und zogen fast eine Stunde lang durch die dunklen Korridore.
»Mir ist kalt«, sagte Ron. »Vergessen wir’s und gehen wieder ins Bett.«
»Nein!«, zischte Harry. »Ich weiß, dass er irgendwo hier ist.«
Sie kamen am Geist einer großen Hexe vorbei, die in die andere Richtung unterwegs war, doch sonst sahen sie niemanden. Gerade als Ron anfing zu klagen, ihm sei eiskalt an den Füßen, entdeckte Harry die Rüstung.
»Es ist hier, genau hier, ja!«
Sie stießen die Tür auf. Harry ließ den Umhang von den Schultern gleiten und rannte zum Spiegel.
Da waren sie. Mutter und Vater strahlten ihn an.
»Siehst du?«, flüsterte Harry.
»Ich seh gar nichts.«
»Sieh doch mal! Schau sie dir an … da sind so viele …«
»Ich seh nur dich.«
»Du musst richtig hinsehen, komm her, stell dich neben mich.«
Harry trat einen Schritt zur Seite, doch zusammen mit Ron vor dem Spiegel konnte er seine Familie nicht mehr sehen, nur noch Ron in seinem Schlafanzug.
Ron jedoch blickte wie gebannt auf sein Spiegelbild.
»Schau doch mal!«, sagte er.
»Kannst du deine ganze Familie um dich herum sehen?«
»Nein, ich bin allein, aber ich sehe anders aus, älter, und ich bin Schulsprecher!«
»Was?«
»Ich bin … ich trage ein Abzeichen wie früher Bill, und ich halte den Hauspokal und den Quidditch-Pokal in den Händen, und ich bin auch noch Mannschaftskapitän!«
Ron konnte kaum den Blick von dieser phantastischen Aussicht lassen.
»Glaubst du, dass dieser Spiegel die Zukunft zeigt?«
»Wie sollte er? Meine ganze Familie ist tot, lass mich noch mal sehen –«
»Du hast ihn gestern Nacht für dich alleine gehabt, lass mir ein wenig mehr Zeit.«
»Du hältst doch bloß den Quidditch-Pokal, was soll daran interessant sein? Ich will meine Eltern sehen.«
»Hör auf, mich zu schubsen!«
Ein plötzliches Geräusch draußen im Gang setzte ihrer Streiterei ein Ende. Sie hatten nicht bemerkt, wie laut sie sprachen.
»Schnell!«
Ron warf den Umhang über sie beide und in diesem Augenblick huschten die leuchtenden Augen von Mrs Norris durch die Tür. Ron und Harry standen mucksmäuschenstill und beide stellten sich dieselbe Frage – wirkte der Umhang auch bei Katzen? Es schien eine Ewigkeit zu dauern, doch dann wandte sie sich um und verschwand.
»Wir sind hier nicht mehr sicher, vielleicht ist sie zu Filch gelaufen, ich wette, sie hat uns gehört. Los, komm.«
Und Ron zog Harry hinaus.
Am nächsten Morgen war der Schnee noch nicht geschmolzen.
»Hast du Lust auf Schach, Harry?«, fragte Ron.
»Nein.«
»Wie wär’s, wenn wir runtergehen und Hagrid besuchen?«
»Nein … du kannst ja gehen …«
»Ich weiß, was dir im Kopf rumgeht, Harry, dieser Spiegel. Bleib heute Nacht lieber hier.«
»Warum?«
»Ich weiß nicht, ich hab nur ein schlechtes Gefühl dabei – und außerdem bist du jetzt schon zu oft nur um Haaresbreite entkommen. Filch, Snape und Mrs Norris streifen im Schloss umher. Sie können dich zwar nicht sehen, aber was ist, wenn sie einfach in dich reinlaufen? Was, wenn du etwas umstößt?«
»Du hörst dich an wie Hermine.«
»Mir ist es ernst, Harry, geh nicht.«
Doch Harry hatte nur einen Gedanken im Kopf, nämlich zum Spiegel zurückzukehren. Und Ron würde ihn nicht aufhalten.
In dieser dritten Nacht fand er den Weg schneller als zuvor. Er rannte und wusste, dass er unvorsichtig laut war, doch er begegnete niemandem.
Und da waren seine Mutter und sein Vater wieder. Sie lächelten ihn an und einer seiner Großväter nickte glücklich mit dem Kopf. Harry sank vor dem Spiegel auf den Boden. Nichts würde ihn davon abhalten, die ganze Nacht über bei seiner Familie zu bleiben – nichts in der Welt.
Außer –
»Nun, wieder da, Harry?«
Harry kam sich vor, als ob sein Inneres zu Eis erstarrt wäre. Er wandte sich um. Auf einem der Tische an der Wand saß niemand anderer als Albus Dumbledore. Harry musste einfach an ihm vorbeigelaufen sein, so begierig, zum Spiegel zu gelangen, dass er ihn nicht bemerkt hatte.
»Ich – ich hab Sie nicht gesehen, Sir.«
»Merkwürdig, wie kurzsichtig man werden kann, wenn man unsichtbar ist«, sagte Dumbledore, und Harry war erleichtert, als er ihn lächeln sah.
»Nun«, sagte Dumbledore und glitt vom Tisch herunter, um sich neben Harry auf den Boden zu setzen, »wie hunderte Menschen vor dir hast du die Freuden des Spiegels Nerhegeb entdeckt.«
»Ich wusste nicht, dass er so heißt, Sir.«
»Aber ich denke, du hast inzwischen erkannt, was er tut?«
»Er – na ja – er zeigt mir meine Familie –«
»Und er hat deinen Freund Ron als Schulsprecher gezeigt.«
»Woher wissen Sie –?«
»Ich brauche keinen Umhang, um unsichtbar zu werden«, sagte Dumbledore sanft. »Nun, kannst du dir denken, was der Spiegel Nerhegeb uns allen zeigt?«
Harry schüttelte den Kopf.
»Dann lass es mich erklären. Der glücklichste Mensch auf der Erde könnte den Spiegel Nerhegeb wie einen ganz normalen Spiegel verwenden, das heißt, er würde in den Spiegel schauen und sich genau so sehen, wie er ist. Hilft dir das weiter?«
Harry dachte nach. Dann sagte er langsam: »Er zeigt uns, was wir wollen … was immer wir wollen …«
»Ja und nein«, sagte Dumbledore leise. »Er zeigt uns nicht mehr und nicht weniger als unseren tiefsten, verzweifeltsten Herzenswunsch. Du, der du deine Familie nie kennen gelernt hast, siehst sie hier alle um dich versammelt. Ronald Weasley, der immer im Schatten seiner Brüder gestanden hat, sieht sich ganz alleine, als Bester von allen. Allerdings gibt uns dieser Spiegel weder Wissen noch Wahrheit. Es gab Menschen, die vor dem Spiegel dahingeschmolzen sind, verzückt von dem, was sie sahen, und andere sind wahnsinnig geworden, weil sie nicht wussten, ob ihnen der Spiegel etwas Wirkliches oder auch nur etwas Mögliches zeigte.
Der Spiegel kommt morgen an einen neuen Platz, Harry, und ich bitte dich, nicht mehr nach ihm zu suchen. Du kennst dich jetzt aus, falls du jemals auf ihn stoßen solltest. Es ist nicht gut, wenn wir nur unseren Träumen nachhängen und vergessen zu leben, glaub mir. Und nun, wie wär’s, wenn du diesen beeindruckenden Umhang wieder anziehst und ins Bett verschwindest?«
Harry stand auf.
»Sir, Professor Dumbledore? Darf ich Sie etwas fragen?«
»Nun hast du ja eine Frage schon gestellt«, sagte Dumbledore lächelnd. »Du darfst mich aber noch etwas fragen.«
»Was sehen Sie, wenn Sie in den Spiegel schauen?«
»Ich? Ich sehe mich dastehen, ein Paar dicke Wollsocken in der Hand haltend.«
Harry starrte ihn an.
»Man kann nie genug Socken haben«, sagte Dumbledore. »Wieder einmal ist ein Weihnachtsfest vergangen, ohne dass ich ein einziges Paar Socken bekommen habe. Die Leute meinen dauernd, sie müssten mir Bücher schenken.«
Erst als Harry wieder im Bett lag, kam ihm der Gedanke, dass Dumbledore vielleicht nicht ganz die Wahrheit gesagt hatte. Doch zugegeben, dachte er und schubste Krätze von seinem Kopfkissen, es war doch eine recht persönliche Frage.
Nicolas Flamel
Dumbledore hatte Harry davon überzeugt, besser nicht mehr nach dem Spiegel Nerhegeb zu suchen, und die restlichen Tage der Weihnachtsferien blieb der Tarnumhang zusammengefaltet auf dem Boden seines großen Koffers. Harry wünschte sich, er könnte genauso leicht das, was er im Spiegel gesehen hatte, aus seinem Innern räumen, doch das gelang ihm nicht. Allmählich bekam er Alpträume. Immer und immer wieder träumte er davon, wie seine Eltern in einem Blitz grünen Lichts verschwanden, während eine hohe Stimme gackernd lachte.
»Siehst du, Dumbledore hatte Recht, dieser Spiegel könnte dich in den Wahnsinn treiben«, sagte Ron, als Harry ihm von diesen Träumen erzählte.
Hermine, die am letzten Ferientag zurückkam, sah die Dinge ganz anders. Sie schwankte zwischen Entsetzen und Enttäuschung. Entsetzen bei dem Gedanken, dass Harry drei Nächte nacheinander aus dem Bett geschlüpft war und das Schloss durchstreift hatte (»Wenn Filch dich erwischt hätte!«), und Enttäuschung darüber, dass er nicht wenigstens herausgefunden hatte, wer Nicolas Flamel war.
Sie hatten schon fast die Hoffnung aufgegeben, Flamel jemals in einem Bibliotheksband zu finden, auch wenn Harry sich immer noch sicher war, dass er den Namen irgendwo gelesen hatte. Nach dem Ende der Ferien fingen sie wieder an zu suchen und in den Zehn-Minuten-Pausen die Bücher durchzublättern. Harry hatte sogar noch weniger Zeit als die andern, denn auch das Quidditch-Training hatte wieder begonnen.
Wood forderte die Mannschaft härter denn je. Selbst der Dauerregen, der nach dem Schnee eingesetzt hatte, konnte seine Begeisterung nicht dämpfen. Die Weasleys beschwerten sich, Wood sei vom Quidditch geradezu besessen, doch Harry war auf Woods Seite. Sollten sie ihr nächstes Spiel gegen Hufflepuff gewinnen, würden sie zum ersten Mal in sieben Jahren Slytherin in der Hausmeisterschaft überholen. Abgesehen davon, dass er gewinnen wollte, stellte Harry fest, dass er weniger Alpträume hatte, wenn er nach dem Training erschöpft war.
Eines Tages, während einer besonders nassen und schlammigen Trainingsstunde, hatte Wood der Mannschaft eine schlechte Nachricht mitzuteilen. Gerade war er sehr zornig geworden wegen der Weasleys, die immerzu im Sturzflug aufeinander zurasten und so taten, als stürzten sie von ihren Besen.
»Hört jetzt endlich auf mit dem Unfug!«, rief er. »Genau wegen so was verlieren wir noch das Spiel! Diesmal macht Snape den Schiedsrichter, und dem wird jede Ausrede recht sein, um Gryffindor Punkte abzuziehen.«
George Weasley fiel bei diesen Worten wirklich vom Besen.
»Snape ist Schiedsrichter?«, prustete er durch einen Mund voll Schlamm. »Wann hat der denn jemals ein Quidditch-Spiel gepfiffen? Er wird nicht mehr fair sein, falls wir die Slytherins überholen können.«
Die anderen Spieler landeten neben George und beschwerten sich ebenfalls.
»Ich kann doch nichts dafür«, sagte Wood. »Wir müssen einfach aufpassen, dass wir ein sauberes Spiel machen und Snape keinen Grund liefern, uns eins auszuwischen.«
Schön und gut, dachte Harry, doch er hatte noch einen Grund, warum er Snape beim Quidditch lieber nicht in seiner Nähe haben wollte …
Wie immer nach dem Training blieben die anderen Spieler noch eine Weile beisammen und unterhielten sich, doch Harry machte sich gleich wieder auf den Weg in den Gemeinschaftsraum der Gryffindors, wo er Ron und Hermine beim Schachspiel fand. Schach war das Einzige, bei dem Hermine immer verlor, und Harry und Ron waren der Meinung, das könne ihr nur guttun.
»Sei mal einen Augenblick ruhig«, sagte Ron, als Harry sich neben ihn setzte. »Ich muss mich konzen–« Dann sah er Harrys Gesicht. »Was ist denn mit dir los? Du siehst ja furchtbar aus.«
Mit leiser Stimme, damit ihn niemand im Umkreis hören konnte, berichtete Harry den beiden von Snapes plötzlichem und finsterem Wunsch, ein Quidditch-Schiedsrichter zu sein.
»Spiel nicht mit«, sagte Hermine sofort.
»Sag, dass du krank bist«, meinte Ron.
»Tu so, als ob du dir das Bein gebrochen hättest«, schlug Hermine vor.
»Brich dir das Bein wirklich«, sagte Ron.
»Das geht nicht«, sagte Harry. »Wir haben keinen Reserve-Sucher. Wenn ich passe, kann Gryffindor überhaupt nicht spielen.«
In diesem Moment stürzte Neville kopfüber in den Gemeinschaftsraum. Wie er es geschafft hatte, durch das Porträtloch zu klettern, war ihnen schleierhaft, denn seine Beine waren zusammengeklemmt, und sie erkannten sofort, dass es der Beinklammer-Fluch sein musste. Offenbar war er den ganzen Weg hoch in den Gryffindor-Turm gehoppelt wie ein Hase.
Allen war nach Lachen zumute, außer Hermine, die aufsprang und den Gegenfluch sprach. Nevilles Beine sprangen auseinander und zitternd rappelte er sich hoch.
»Was ist passiert?«, fragte ihn Hermine und schleppte ihn hinüber zu Harry und Ron, wo er sich setzte.
»Malfoy«, sagte Neville mit zitternder Stimme. »Ich hab ihn vor der Bibliothek getroffen. Er sagte, er würde nach jemandem suchen, bei dem er diesen Fluch üben könnte.«
»Geh zu Professor McGonagall!«, drängte ihn Hermine. »Sag es ihr!«
Neville schüttelte den Kopf.
»Ich will nicht noch mehr Schwierigkeiten«, murmelte er.
»Du musst dich gegen ihn wehren, Neville!«, sagte Ron. »Er ist daran gewöhnt, auf den Leuten herumzutrampeln, aber das ist noch kein Grund, sich vor ihn hinzulegen und es ihm noch leichter zu machen.«
»Du brauchst mir nicht zu sagen, dass ich nicht mutig genug bin für Gryffindor, das hat Malfoy schon getan«, schluchzte er.
Harry durchwühlte die Taschen seines Umhangs und zog einen Schokofrosch hervor, den allerletzten aus der Schachtel, die Hermine ihm zu Weihnachten geschenkt hatte. Er gab ihn Neville, der kurz davor schien, in Tränen auszubrechen.
»Du bist ein Dutzend Malfoys wert«, sagte Harry. »Der Sprechende Hut hat dich für Gryffindor ausgewählt, oder? Und wo ist Malfoy? Im stinkigen Slytherin.«
Nevilles Lippen zuckten für ein schwaches Lächeln, als er den Frosch auspackte.
»Danke, Harry … Ich glaub, ich geh ins Bett … Willst du die Karte? Du sammelst die doch, oder?«
Neville ging hinaus und Harry sah sich die Sammelkarte der berühmten Zauberer an.
»Schon wieder Dumbledore«, sagte er. »Er war der Erste, den ich –«
Ihm stockte der Atem. Er starrte auf die Rückseite der Karte. Dann sah er Ron und Hermine an.
»Ich hab ihn gefunden!«, flüsterte er. »Ich hab Flamel gefunden! Hab euch doch gesagt, dass ich den Namen schon mal irgendwo gelesen hab. Es war im Zug hierher. Hört mal: ›Professor Dumbledores Ruhm beruht vor allem auf seinem Sieg über den schwarzen Magier Grindelwald im Jahre 1945, auf der Entdeckung der zwölf Anwendungen für Drachenblut und auf seinem Werk über Alchemie, verfasst zusammen mit seinem Partner Nicolas Flamel.‹!«
Hermine sprang auf. Seit sie die Noten für die ersten Hausaufgaben bekommen hatte, war sie nicht mehr so begeistert gewesen.
»Wartet hier!«, sagte sie und rannte die Stufen zu den Mädchenschlafsälen hoch. Harry und Ron hatten kaum Zeit, sich ratlose Blicke zuzuwerfen, als sie schon wieder die Treppe heruntergeflogen kam, ein riesiges altes Buch in den Armen.
»Ich hab einfach nicht daran gedacht, hier drin nachzuschauen!«, flüsterte sie erregt. »Das hab ich schon vor Wochen aus der Bibliothek ausgeliehen, leichte Lektüre.«
»Leicht?«, sagte Ron, doch Hermine hieß ihn, still zu sein, bis sie etwas nachgeschaut hatte, und begann, vor sich hin murmelnd, hastig die Seiten durchzublättern.
Endlich fand sie, was sie gesucht hatte.
»Ich hab’s gewusst! Ich hab’s gewusst!«
»Ist es uns jetzt erlaubt, zu sprechen?«, sagte Ron brummig. Hermine überhörte ihn.
»Nicolas Flamel«, flüsterte sie aufgeregt, »ist der einzige bekannte Hersteller des Steins der Weisen!«
Das hatte nicht ganz die von ihr erwartete Wirkung.
»Des was?«, fragten Harry und Ron.
»Ach, nun hört mal, lest ihr beiden eigentlich nie? Seht her, lest das hier.«
Sie schob ihnen das Buch zu und Harry und Ron lasen:
Die alte Wissenschaft der Alchemie befasst sich mit der Herstellung des Steins der Weisen, eines sagenhaften Stoffes mit erstaunlichen Kräften. Er verwandelt jedes Metall in reines Gold. Auch zeugt er das Elixier des Lebens, welches den, der es trinkt, unsterblich macht.
Im Laufe der Jahrhunderte gab es viele Berichte über den Stein der Weisen, doch der einzige Stein, der heute existiert, gehört Mr Nicolas Flamel, dem angesehenen Alchemisten und Opernliebhaber. Mr Flamel, der im letzten Jahr seinen sechshundertundfünfundsechzigsten Geburtstag feierte, erfreut sich eines ruhigen Lebens in Devon, zusammen mit seiner Frau Perenelle (sechshundertundachtundfünfzig).
»Seht ihr?«, sagte Hermine, als Harry und Ron zu Ende gelesen hatten. »Der Hund muss Flamels Stein der Weisen bewachen! Ich wette, Flamel hat Dumbledore gebeten, ihn sicher aufzubewahren, denn sie sind Freunde, und er wusste, dass jemand hinter dem Stein her ist. Deshalb wollte er ihn aus Gringotts herausschaffen!«
»Ein Stein, der Gold erzeugt und dich nie sterben lässt!«, sagte Harry. »Kein Wunder, dass Snape hinter ihm her ist! Jeder würde ihn haben wollen.«
»Und kein Wunder, dass wir Flamel nicht in den Jüngeren Entwicklungen in der Zauberei gefunden haben«, sagte Ron. »Er ist nicht gerade der Jüngste, wenn er sechshundertfünfundsechzig ist, oder?«
Am nächsten Morgen, während sie in Verteidigung gegen die dunklen Künste die verschiedenen Möglichkeiten, Werwolfbisse zu behandeln, von der Tafel abschrieben, sprachen Harry und Ron immer noch darüber, was sie mit einem Stein der Weisen anfangen würden, wenn sie einen hätten.
Erst als Ron sagte, er würde sich seine eigene Quidditch-Mannschaft kaufen, fiel Harry die Sache mit Snape und dem kommenden Spiel wieder ein.
»Ich werde spielen«, sagte er Ron und Hermine. »Wenn nicht, denken alle Slytherins, ich hätte Angst, es mit Snape aufzunehmen. Ich werd’s ihnen zeigen … das wird ihnen das Grinsen vom Gesicht wischen, wenn wir gewinnen.«
»Solange wir dich nicht vom Spielfeld wischen müssen«, sagte Hermine.
Je näher jedoch das Spiel rückte, desto nervöser wurde Harry, und mochte er noch so aufschneiderisch vor Ron und Hermine getan haben. Die anderen Spieler waren auch nicht gerade gelassen. Die Vorstellung, sie könnten Slytherin in der Hausmeisterschaft überholen, war traumhaft, denn seit fast sieben Jahren hatte das keine Mannschaft mehr geschafft, doch würde ein so parteiischer Schiedsrichter das zulassen?
Harry wusste nicht, ob er es sich nur einbildete, doch ständig und überall lief er Snape über den Weg. Manchmal fragte er sich sogar, ob Snape ihm vielleicht folgte und versuchte, ihn irgendwo allein zu erwischen. Die Zaubertrankstunden wurden allmählich zu einer Art wöchentlicher Folter, so gemein war Snape zu Harry. Konnte Snape denn eigentlich wissen, dass sie die Geschichte mit dem Stein der Weisen herausgefunden hatten? Harry konnte sich das nicht vorstellen – doch manchmal hatte er das fürchterliche Gefühl, Snape könne Gedanken lesen.
Am folgenden Nachmittag wünschten ihm Ron und Hermine viel Glück für das Spiel, und Harry wusste, dass sie sich fragten, ob sie ihn jemals lebend wiedersehen würden. Das war nicht gerade tröstlich. Während Harry seinen Quidditch-Umhang anzog und seinen Nimbus Zweitausend aufnahm, hörte er kaum etwas von den ermutigenden Worten Woods.
Ron und Hermine hatten inzwischen einen Platz auf den Rängen gefunden, neben Neville, der nicht verstand, warum sie so grimmig und besorgt aussahen und warum sie ihre Zauberstäbe zum Spiel mitgebracht hatten. Harry hatte keine Ahnung, dass Ron und Hermine insgeheim den Beinklammer-Fluch geübt hatten. Auf die Idee gebracht hatte sie Malfoy, der ihn an Neville ausprobiert hatte, und nun waren sie bereit, ihn Snape auf den Hals zu jagen, wenn er auch nur die geringsten Anstalten machte, Harry zu schaden.
»Also, nicht vergessen, es heißt Locomotor Mortis«, murmelte Hermine, während Ron seinen Zauberstab den Ärmel hochschob.
»Ich weiß«, fauchte Ron. »Nerv mich nicht.«
Unten in der Umkleidekabine hatte Wood Harry zur Seite genommen.
»Ich will dich ja nicht unter Druck setzen, Potter, aber wenn wir je einen schnellen Schnatz-Fang gebraucht haben, dann jetzt. Bring das Spiel unter Dach und Fach, ehe Snape anfangen kann, die Hufflepuffs zu bevorzugen.«
»Dort draußen ist die ganze Schule!«, sagte Fred Weasley, der durch die Tür hinausspähte. »Sogar – mein Gott – Dumbledore ist gekommen!«
Harrys Herz überschlug sich.
»Dumbledore?«, sagte er und stürzte zur Tür, um ihn mit eigenen Augen zu sehen. Fred hatte Recht. Dieser silberne Bart konnte nur Dumbledore gehören.
Harry hätte vor Erleichterung laut auflachen können. Nun war er sicher. Snape würde jetzt, da Dumbledore zusah, nicht einmal den Versuch wagen, ihm etwas anzutun.
Vielleicht sah Snape deshalb so wütend aus, als die Mannschaften auf das Spielfeld liefen. Auch Ron hatte das bemerkt.
»Ich hab Snape noch nie so böse gucken sehen«, erklärte er Hermine. »Schau – weg sind sie. Autsch!«
Jemand hatte Ron gegen den Hinterkopf gestoßen. Es war Malfoy.
»Oh, tut mir leid, Weasley, hab dich gar nicht gesehen.«
Mit breitem Grinsen sah Malfoy Crabbe und Goyle an.
»Frag mich, wie lange Potter sich diesmal auf seinem Besen hält? Will jemand wetten? Wie wär’s mit dir, Weasley?«
Ron antwortete nicht; Snape hatte Hufflepuff gerade einen Strafwurf zugesprochen, weil George Weasley ihn mit einem Klatscher getroffen hatte. Hermine, die alle Finger im Schoß gekreuzt hatte, schaute mit zusammengezogenen Augenbrauen unablässig Harry nach, der wie ein Falke über dem Spiel kreiste und Ausschau nach dem Schnatz hielt.
»Weißt du eigentlich, wie sie die Leute für die Gryffindor-Mannschaft aussuchen?«, sagte Malfoy ein paar Minuten später mit lauter Stimme, als Snape den Hufflepuffs schon wieder einen Strafwurf zusprach, diesmal ganz ohne Grund. »Sie nehmen Leute, die ihnen leidtun. Seht mal, da ist Potter, der keine Eltern hat, dann die Weasleys, die kein Geld haben – du solltest auch in der Mannschaft sein, Longbottom, du hast kein Hirn.«
Neville wurde hellrot, drehte sich jedoch auf seinem Platz herum und sah Malfoy ins Gesicht.
»Ich bin ein Dutzend von deinesgleichen wert, Malfoy«, stammelte er.
Malfoy, Crabbe und Goyle heulten laut auf vor Lachen, doch Ron, der immer noch nicht die Augen vom Spiel abzuwenden wagte, sagte: »Gib’s ihm, Neville.«
»Longbottom, wenn Hirn Gold wäre, dann wärst du ärmer als Weasley, und das will was heißen.«
Rons Nerven waren wegen der Angst um Harry ohnehin schon zum Zerreißen gespannt.
»Ich warne dich, Malfoy, noch ein Wort –«
»Ron!«, sagte Hermine plötzlich, »Harry –!«
»Was? Wo?«
Harry war überraschend in einen atemberaubenden Sturzflug gegangen, und ein Stöhnen und Jubeln drang aus der Menge. Hermine stand auf, die gekreuzten Finger im Mund, und Harry schoss wie eine Kugel in Richtung Boden.
»Du hast Glück, Weasley, Potter hat offenbar Geld auf dem Boden herumliegen sehen!«, sagte Malfoy.
Das war zu viel für Ron. Bevor Malfoy wusste, wie ihm geschah, war Ron schon auf ihm und drückte ihn zu Boden. Neville zögerte erst, dann kletterte er über seine Sitzlehne, um Ron zu helfen.
»Los, Harry!«, schrie Hermine und sprang auf ihren Sitz, um zu sehen, wie Harry direkt auf Snape zuraste – sie bemerkte nicht einmal, dass Malfoy und Ron sich unter ihrem Sitz wälzten, und auch nicht das Stöhnen und Schreien, das aus dem Knäuel drang, das aus Neville, Crabbe und Goyle bestand.
Oben in der Luft riss Snape seinen Besen gerade rechtzeitig herum, um etwas Scharlachrotes an ihm vorbeischießen zu sehen, das ihn um Zentimeter verfehlte – im nächsten Moment hatte Harry seinen Besen wieder in die Waagrechte gebracht; den Arm triumphierend in die Höhe gestreckt, hielt er den Schnatz fest in der Hand.
Die Zuschauer tobten; das musste ein Rekord sein, niemand konnte sich erinnern, dass der Schnatz jemals so schnell gefangen worden war.
»Ron! Ron! Wo bist du? Das Spiel ist aus! Harry hat gewonnen! Wir haben gewonnen! Gryffindor liegt in Führung!«, schrie Hermine, tanzte auf ihrem Sitz herum und umarmte Parvati Patil in der Reihe vor ihr.
Harry sprang einen Meter über dem Boden von seinem Besen. Er konnte es nicht glauben. Er hatte es geschafft – das Spiel war zu Ende; es hatte kaum fünf Minuten gedauert. Gryffindors kamen aufs Spielfeld gerannt, und ganz in der Nähe sah er Snape landen, mit weißem Gesicht und zusammengekniffenen Lippen – dann spürte Harry eine Hand auf der Schulter und er sah hoch in das lächelnde Gesicht von Dumbledore.
»Gut gemacht«, sagte Dumbledore leise, so dass nur Harry es hören konnte. »Schön, dass du nicht diesem Spiegel nachhängst … hattest was Besseres zu tun … vortrefflich …«
Snape spuckte mit verbittertem Gesicht auf den Boden.
Einige Zeit später verließ Harry allein den Umkleideraum, um seinen Nimbus Zweitausend zurück in die Besenkammer zu stellen. Er konnte sich nicht erinnern, jemals glücklicher gewesen zu sein. Nun hatte er wirklich etwas getan, auf das er stolz sein durfte – keiner konnte jetzt mehr sagen, er hätte nur einen berühmten Namen. Die Abendluft hatte noch nie so süß gerochen. Er ging über das feuchte Gras und sah noch einmal, wie durch einen Schleier von Glück, die letzte Stunde: die Gryffindors, die herbeigerannt kamen, um ihn auf die Schultern zu nehmen; in der Ferne Hermine, die in die Luft sprang, und Ron, der ihm mit blutverschmierter Nase zujubelte.
Harry hatte den Schuppen erreicht. Er lehnte sich gegen die Holztür und sah hoch zum Schloss, dessen Fenster in der untergehenden Sonne rot aufleuchteten. Gryffindor in Führung. Er hatte es geschafft, er hatte es Snape gezeigt …
Wo er gerade an Snape dachte …
Eine vermummte Gestalt eilte die Schlosstreppen herunter. Offenbar wollte sie nicht gesehen werden, denn raschen Schrittes ging sie in Richtung des verbotenen Waldes. Harry sah ihr nach und sein eben errungener Sieg schwand ihm aus dem Kopf. Er erkannte den raubtierhaften Gang dieser Gestalt: Snape, der sich in den verbotenen Wald stahl, während die andern beim Abendessen waren – was ging da vor?
Harry sprang auf seinen Nimbus Zweitausend und stieg empor. Still glitt er über das Schloss hinweg und sah Snape rennend im Wald verschwinden. Er folgte ihm.
Die Bäume standen so dicht, dass er nicht sehen konnte, wohin Snape gegangen war. Schleifen drehend ließ er sich weiter sinken. Erst als er die Baumwipfel berührte, hörte er Stimmen. Er schwebte in die Richtung, aus der sie kamen, und landete geräuschlos auf einer turmhohen Buche.
Vorsichtig kletterte er an einem ihrer Äste entlang, den Besen fest umklammernd, und versuchte durch die Blätter hindurch etwas zu erkennen.
Unten, auf einer schattendunklen Lichtung, stand Snape. Doch er war nicht allein. Neben ihm stand Quirrell. Harry konnte seinen Gesichtsausdruck nicht erkennen, doch er stotterte schlimmer denn je. Harry spitzte die Ohren, um etwas von dem zu erhaschen, was sie sagten.
»… w-weiß nicht, warum Sie mich a-a-ausgerechnet hier treffen wollen, Severus …«
»Oh, ich dachte, das bleibt unter uns«, sagte Snape mit eisiger Stimme. »Die Schüler sollen schließlich nichts vom Stein der Weisen erfahren.«
Harry lehnte sich weiter vor. Quirrell murmelte etwas. Snape unterbrach ihn.
»Haben Sie schon herausgefunden, wie Sie an diesem Untier von Hagrid vorbeikommen?«
»A-a-ber, Severus, ich –«
»Sie wollen mich doch nicht zum Feind haben, Quirrell«, sagte Snape und trat einen Schritt auf ihn zu.
»I-ich weiß nicht, w-was Sie –«
»Sie wissen genau, was ich meine.«
Beim lauten Schrei einer Eule fiel Harry fast aus dem Baum. Er brachte sich noch rechtzeitig ins Gleichgewicht, um zu hören, wie Snape sagte: »… Ihr kleines bisschen Hokuspokus. Ich warte.«
»A-aber i-ich –«
»Sehr schön«, unterbrach ihn Snape. »Wir sprechen uns bald wieder, wenn Sie Zeit hatten, sich die Dinge zu überlegen, und sich im Klaren sind, wem Sie verpflichtet sind.«
Er warf sich die Kapuze über den Kopf und entfernte sich von der Lichtung. Es war jetzt fast dunkel, doch Harry konnte Quirrell sehen, der so unbeweglich dastand, als sei er versteinert.
»Harry, wo hast du gesteckt?«, keifte Hermine.
»Wir haben gewonnen! Du hast gewonnen! Wir haben gewonnen!«, rief Ron und klatschte Harry auf den Rücken. »Und ich hab Malfoy ein blaues Auge verpasst, und Neville hat versucht, es allein mit Crabbe und Goyle aufzunehmen! Er ist immer noch bewusstlos, aber Madam Pomfrey sagt, es wird schon wieder – redet die ganze Zeit davon, es Slytherin zu zeigen! Im Gemeinschaftsraum warten alle auf dich – wir machen ein Fest, Fred und George haben ein bisschen Kuchen und was zu trinken aus der Küche organisiert.«
»Das ist jetzt nicht so wichtig«, sagte Harry außer Atem. »Suchen wir uns erst mal ein Zimmer, wo wir allein sind, und dann wartet ab, was ich euch erzähle …«
Er sah erst nach, ob Peeves drin war, bevor er die Tür hinter ihnen schloss, und dann erzählte er ihnen, was er gesehen und gehört hatte.
»Also hatten wir Recht, es ist der Stein der Weisen, und Snape versucht Quirrell zu zwingen, ihm zu helfen. Er hat ihn gefragt, ob er wüsste, wie er an Fluffy vorbeikommen kann – und er hat etwas über Quirrells ›Hokuspokus‹ gesagt – ich wette, es gibt noch mehr außer Fluffy, was den Stein bewacht, eine Menge Zaubersprüche wahrscheinlich, und Quirrell wird einige Gegenflüche zum Schutz gegen die schwarze Magie ausgesprochen haben, die Snape durchbrechen muss.«
»Du meinst also, der Stein ist nur sicher, solange Snape Quirrell nicht das Rückgrat bricht?«, fragte Hermine bestürzt.
»Nächsten Dienstag ist er weg«, meinte Ron.
Norbert, der Norwegische Stachelbuckel
Quirrell musste freilich mutiger sein, als sie dachten. In den folgenden Wochen schien er zwar blasser und dünner zu werden, doch es sah nicht danach aus, als ob ihm Snape schon das Rückgrat gebrochen hätte.
Jedes Mal, wenn sie an dem Korridor im dritten Stock vorbeigingen, drückten Harry, Ron und Hermine die Ohren an die Tür, um zu hören, ob Fluffy dahinter noch knurrte. Snape huschte in seiner üblichen schlechten Laune umher, was sicher bedeutete, dass der Stein noch dort lag, wo er hingehörte. Immer wenn Harry in diesen Tagen an Quirrell vorbeikam, schenkte er ihm ein Lächeln, das ihn aufmuntern sollte, und Ron hatte angefangen die andern dafür zu tadeln, wenn sie bei Quirrells Stottern lachten.
Hermine jedoch hatte mehr im Kopf als den Stein der Weisen. Sie hatte begonnen einen Zeitplan für die Wiederholung des Unterrichtsstoffes aufzustellen und ihre gesamten Notizen mit verschiedenen Farben angestrichen. Harry und Ron hätten sich nicht darum gekümmert, doch sie lag ihnen ständig damit in den Ohren.
»Hermine, es ist noch eine Ewigkeit bis zu den Prüfungen.«
»Zehn Wochen«, meinte sie barsch. »Das ist keine Ewigkeit, das ist für Nicolas Flamel nur eine Sekunde.«
»Aber wir sind nicht sechshundert Jahre alt«, erinnerte sie Ron. »Und außerdem, wozu wiederholst du den Stoff eigentlich, du weißt doch ohnehin alles.«
»Wozu ich wiederhole? Seid ihr verrückt? Euch ist doch klar, dass wir diese Prüfungen schaffen müssen, um ins zweite Schuljahr zu kommen? Sie sind sehr wichtig, ich hätte schon vor einem Monat anfangen sollen zu büffeln, ich weiß nicht, was in mich gefahren ist …«
Unglücklicherweise schienen die Lehrer ganz genauso zu denken wie Hermine. Sie halsten ihnen eine Unmenge von Hausaufgaben auf, so dass sie in den Osterferien nicht annähernd so viel Spaß hatten wie noch in den Weihnachtsferien. Wenn Hermine neben ihnen die zwölf Anwendungen von Drachenblut aufzählte oder Bewegungen mit dem Zauberstab übte, konnten sie sich kaum entspannen. Harry und Ron verbrachten den größten Teil ihrer freien Zeit stöhnend und gähnend mit Hermine in der Bibliothek und versuchten mit ihren vielen zusätzlichen Hausaufgaben fertig zu werden.
»Das kann ich mir nie merken«, platzte Ron eines Nachmittags los, warf seine Feder auf den Tisch und ließ den Blick sehnsüchtig aus dem Fenster der Bibliothek schweifen. Seit Monaten war dies der erste wirklich schöne Tag. Der Himmel war klar und vergissmeinnichtblau und in der Luft lag ein Hauch des kommenden Sommers.
Harry, der in Tausend Zauberkräutern und -pilzen nach »Diptam« suchte, sah erst auf, als er Ron sagen hörte: »Hagrid, was machst du denn in der Bibliothek?«
Hagrid, der in seinem Biberfellmantel hier recht fehl am Platze wirkte, schlurfte zu ihnen herüber. Hinter dem Rücken hielt er etwas versteckt.
»Nur mal schauen«, sagte er mit unsicherer Stimme, die sogleich ihre Neugier erregte. »Und wonach schaut ihr denn?« Plötzlich sah er sie misstrauisch an. »Nicht etwa immer noch nach Nicolas Flamel?«
»Ach was, das haben wir schon ewig lange rausgefunden«, sagte Ron wichtigtuerisch, »und wir wissen auch, was dieser Hund bewacht, es ist der Stein der W–«
»Schhhh!«, Hagrid sah rasch nach links und rechts, ob jemand lauschte. »Schreit das doch nicht so herum, was ist denn los mit euch?«
»Wir wollten dich tatsächlich ein paar Dinge fragen«, sagte Harry, »nämlich was außer Fluffy noch dazu da ist, diesen Stein zu bewachen –«
»SCHHHH!«, zischte Hagrid wieder. »Hört mal, kommt später rüber zu mir, ich versprech euch zwar nicht, dass ich irgendwas erzähle, aber quasselt bloß nicht hier drin rum, die Schüler sollen’s nämlich nicht wissen. Nachher heißt’s noch, ich hätt’s euch gesagt –«
»Bis später dann«, sagte Harry.
Hagrid schlurfte davon.
»Was hat er hinter dem Rücken versteckt?«, sagte Hermine nachdenklich.
»Glaubt ihr, es hat was mit dem Stein zu tun?«
»Ich seh mal nach, in welcher Abteilung er war«, sagte Ron, der vom Arbeiten genug hatte. Eine Minute später kam er mit einem Stapel Bücher in den Armen zurück und ließ sie auf den Tisch knallen.
»Drachen!«, flüsterte er. »Hagrid hat nach Büchern über Drachen gesucht! Seht mal: Drachenarten Großbritanniens und Irlands; Vom Ei zum Inferno: Ein Handbuch für Drachenhalter.«
»Hagrid wollte immer einen Drachen haben, das hat er mir schon gesagt, als wir uns zum ersten Mal begegnet sind«, sagte Harry.
»Aber das ist gegen unsere Gesetze«, sagte Ron. »Der Zaubererkonvent von 1709 hat die Drachenzucht verboten, das weiß doch jedes Kind. Die Muggel merken es doch gleich, wenn wir Drachen im Garten hinter dem Haus halten – außerdem kann man Drachen nicht zähmen, es ist zu gefährlich. Du solltest mal sehen, wie sich Charlie bei den wilden Drachen in Rumänien verbrannt hat.«
»Aber es gibt doch keine wilden Drachen in Großbritannien?«, fragte Harry.
»Natürlich gibt es welche«, sagte Ron. »Den Gemeinen Walisischen Grünling und den Schwarzen Hebriden. Das Zaubereiministerium hat alle Hände voll zu tun, das zu vertuschen, kann ich euch sagen. Unsere Leute müssen die Muggel, die welche gesehen haben, ständig mit Zaubersprüchen verhexen, damit sie es wieder vergessen.«
»Und was in aller Welt hat dann Hagrid vor?«, sagte Hermine.
Als sie eine Stunde später vor der Hütte des Wildhüters standen und an die Tür klopften, bemerkten sie überrascht, dass alle Vorhänge zugezogen waren. Hagrid rief: »Wer da?«, bevor er sie einließ und rasch die Tür hinter ihnen schloss.
Drinnen war es unerträglich heiß. Obwohl es draußen warm war, loderte ein Feuer im Kamin. Hagrid machte ihnen Tee und bot ihnen Wiesel-Sandwiches an, die sie ablehnten.
»Nun, ihr wolltet mich was fragen?«
»Ja«, sagte Harry. Es machte keinen Sinn, um den heißen Brei herumzureden. »Wir haben uns gefragt, ob du uns sagen kannst, was den Stein der Weisen außer Fluffy sonst noch schützt.«
Hagrid sah ihn missmutig an.
»Kann ich natürlich nicht«, sagte er. »Erstens weiß ich es selbst nicht. Zweitens wisst ihr schon zu viel, und deshalb würd ich nichts sagen, selbst wenn ich könnte. Der Stein ist aus einem guten Grund hier. Aus Gringotts ist er fast gestohlen worden – ich nehm an, das habt ihr auch schon rausgefunden? Das haut mich allerdings um, dass ihr sogar von Fluffy wisst.«
»Ach, hör mal, Hagrid, du willst es uns vielleicht nicht sagen, aber du weißt es, du weißt alles, was hier vor sich geht«, sagte Hermine mit warmer, schmeichelnder Stimme. Hagrids Bart zuckte, und sie konnten erkennen, dass er lächelte. »Wir fragen uns nur, wer für die Bewachung verantwortlich war.« Hermine drängte weiter. »Wir fragen uns, wem Dumbledore genug Vertrauen entgegenbringt, um ihn um Hilfe zu bitten, abgesehen natürlich von dir.«
Bei ihren letzten Worten schwoll Hagrids Brust an. Harry und Ron strahlten zu Hermine hinüber.
»Nun gut, ich denk nicht, dass es schadet, wenn ich euch das erzähl … lasst mal sehen … er hat sich Fluffy von mir geliehen … dann haben ein paar von den Lehrern Zauberbanne drübergelegt … Professor Sprout, Professor Flitwick, Professor McGonagall«, er zählte sie an den Fingern ab, »Professor Quirrell, und Dumbledore selbst hat natürlich auch was unternommen. Wartet mal, ich hab jemanden vergessen. Ach ja, Professor Snape.«
»Snape?«
»Ja, ihr seid doch nicht etwa immer noch hinter dem her? Seht mal, Snape hat geholfen, den Stein zu schützen, da wird er ihn doch nicht stehlen wollen.«
Harry wusste, dass Ron und Hermine dasselbe dachten wie er. Wenn Snape dabei gewesen war, als sie den Stein mit den Zauberbannen umgaben, musste es ein Leichtes für ihn gewesen sein, herauszufinden, wie die andern ihn geschützt hatten. Wahrscheinlich wusste er alles, außer, wie es schien, wie er Quirrells Zauberbann brechen und an Fluffy vorbeikommen sollte.
»Du bist der Einzige, der weiß, wie man an Fluffy vorbeikommt, nicht wahr, Hagrid?«, fragte Harry begierig. »Und du würdest es niemandem erzählen, oder, nicht mal einem der Lehrer?«
»Kein Mensch weiß es außer mir und Dumbledore«, sagte Hagrid stolz.
»Nun, das ist schon mal was«, murmelte Harry den andern zu. »Hagrid, könnten wir ein Fenster aufmachen? Ich komme um vor Hitze.«
»Geht nicht, Harry, tut mir leid«, sagte Hagrid. Harry sah, wie er einen Blick zum Feuer warf. Auch Harry sah hinüber.
»Hagrid – was ist das denn?«
Doch er wusste schon, was es war. Unter dem Kessel, im Herzen des Feuers, lag ein riesiges schwarzes Ei.
»Ähem«, brummte Hagrid und fummelte nervös an seinem Bart. »Das … ähm…«
»Wo hast du es her, Hagrid?«, sagte Ron und beugte sich über das Feuer, um sich das Ei näher anzusehen. »Es muss dich ein Vermögen gekostet haben.«
»Hab’s gewonnen«, sagte Hagrid. »Letzte Nacht. War unten im Dorf, hab mir ein oder zwei Gläschen genehmigt und mit ’nem Fremden ein wenig Karten gezockt. Glaube, er war ganz froh, dass er es losgeworden ist, um ehrlich zu sein.«
»Aber was fängst du damit an, wenn es ausgebrütet ist?«, fragte Hermine.
»Na ja, ich hab ’n bisschen was gelesen«, sagte Hagrid und zog ein großes Buch unter seinem Kissen hervor. »Aus der Bibliothek – Drachenzucht für Haus und Hof – ist ein wenig veraltet, klar, aber da steht alles drin. Das Ei muss im Feuer bleiben, weil die Mütter es beatmen, seht ihr, und wenn es ausgeschlüpft ist, füttern sie es alle halbe Stunde mit einem Eimer voll Schnaps und Hühnerblut. Und da, schaut, wie man die Drachen an den Eiern erkennt – was ich hier habe, ist ein Norwegischer Stachelbuckel. Sind selten, die Stachelbuckel.«
Hagrid sah sehr zufrieden aus; Hermine allerdings nicht.
»Hagrid, du lebst in einer Holzhütte«, sagte sie.
Doch er hörte sie nicht. Vergnügt summend stocherte er im Feuer herum.
Nun gab es also noch etwas, um das sie sich Sorgen machen mussten: Was sollte mit Hagrid geschehen, wenn jemand herausfand, dass er einen gesetzlich verbotenen Drachen in seiner Hütte versteckte?
»Frag mich, wie es ist, wenn man ein geruhsames Leben führt«, seufzte Ron, als sie sich Abend für Abend durch all die zusätzlichen Hausaufgaben quälten. Hermine hatte inzwischen begonnen, auch für Harry und Ron Stundenpläne für die Wiederholungen auszuarbeiten. Das machte die beiden fuchsteufelswild.
Eines Tages dann, sie waren gerade beim Frühstück, brachte Hedwig wieder einen Zettel von Hagrid. Er hatte nur zwei Worte geschrieben: Er schlüpft.
Ron wollte Kräuterkunde schwänzen und schnurstracks hinunter zur Hütte gehen, doch Hermine mochte nichts davon hören.
»Hermine, wie oft im Leben sehen wir noch einen Drachen schlüpfen?«
»Wir haben Unterricht, das gibt nur Ärger, und das ist nichts im Vergleich zu dem, was Hagrid erwartet, wenn jemand herausfindet, was er da treibt –«
»Sei still!«, flüsterte Harry.
Nur ein paar Meter entfernt war Malfoy wie angewurzelt stehen geblieben, um zu lauschen. Wie viel hatte er gehört? Malfoys Gesichtsausdruck gefiel Harry überhaupt nicht.
Ron und Hermine stritten sich auf dem ganzen Weg zur Kräuterkunde, und schließlich ließ sich Hermine breitschlagen, während der großen Pause zu Hagrid zu laufen. Als am Ende der Stunde die Schlossglocke läutete, warfen die drei sofort ihre Kellen hin und rannten über das Schlossgelände zum Waldrand. Hagrid begrüßte sie mit vor Aufregung rotem Gesicht.
»Es ist schon fast raus.« Er schob sie hinein.
Das Ei lag auf dem Tisch. Es hatte tiefe Risse. Etwas in seinem Innern bewegte sich; ein merkwürdiges Knacken war zu hören.
Sie stellten ihre Stühle um den Tisch herum und sahen mit angehaltenem Atem zu.
Mit einem plötzlichen lauten Kratzen riss das Ei auf. Das Drachenbaby plumpste auf den Tisch. Es war nicht gerade hübsch; Harry kam es vor wie ein verschrumpelter schwarzer Schirm. Seine knochigen Flügel waren riesig im Vergleich zu seinem dünnhäutigen rabenschwarzen Körper, es hatte eine lange Schnauze mit weit geöffneten Nüstern, kleine Hornstummel und hervorquellende orangerote Augen.
Es nieste. Aus seiner Schnauze flogen ein paar Funken.
»Ist es nicht schön?«, murmelte Hagrid. Er streckte die Hand aus, um den Kopf des Drachenbabys zu streicheln. Es schnappte nach seinen Fingern und zeigte dabei seine spitzen Fangzähne.
»Du meine Güte, es kennt seine Mammi!«
»Hagrid«, sagte Hermine, »wie schnell wachsen eigentlich Norwegische Stachelbuckel?«
Hagrid wollte gerade antworten, als mit einem Mal die Farbe aus seinem Gesicht wich – er sprang auf und rannte ans Fenster.
»Was ist los?«
»Jemand hat durch den Spalt in den Vorhängen reingeschaut, ein Junge, er rennt zurück zur Schule.«
Harry sprang zur Tür und sah hinaus. Selbst auf diese Entfernung gab es keinen Zweifel, wer es war.
Malfoy hatte den Drachen gesehen.
Etwas an dem Lächeln, das die ganze nächste Woche über auf Malfoys Gesicht hängen blieb, machte Harry, Ron und Hermine sehr nervös. Ihre freie Zeit verbrachten sie größtenteils in Hagrids abgedunkelter Hütte, wo sie versuchten ihm Vernunft beizubringen.
»Lass ihn einfach laufen«, drängte Harry. »Lass ihn frei.«
»Ich kann nicht«, sagte Hagrid. »Er ist zu klein. Er würde sterben.«
Sie sahen den Drachen an. In nur einer Woche war er um das Dreifache gewachsen. Aus seinen Nüstern schwebten kleine Rauchkringel hervor. Hagrid vernachlässigte schon seine Pflichten als Wildhüter, denn der Drache nahm ihn ständig in Anspruch. Auf dem Boden verstreut lagen Hühnerfedern und leere Schnapsflaschen.
»Ich will ihn Norbert nennen«, sagte Hagrid und blickte den Drachen mit feuchten Augen an. »Er kennt mich jetzt ganz gut, seht mal her. Norbert! Norbert! Wo ist die Mammi?«
»Er hat nicht mehr alle Tassen im Schrank«, murmelte Ron in Harrys Ohr.
»Hagrid«, sagte Harry laut, »gib Norbert noch zwei Wochen und er ist so lang wie dein Haus. Malfoy könnte jeden Augenblick zu Dumbledore gehen.«
Hagrid biss sich auf die Unterlippe.
»Ich … ich weiß, ich kann ihn nicht ewig behalten, aber ich kann ihn auch nicht einfach aussetzen, das kann ich einfach nicht.«
Harry wandte sich jäh zu Ron um.
»Charlie«, sagte er.
»Du hast sie auch nicht mehr alle«, sagte Ron. »Ich bin Ron, weißt du noch?«
»Nein, Charlie, dein Bruder Charlie. In Rumänien. Der Drachenforscher. Wir könnten ihm Norbert schicken. Charlie kann sich um ihn kümmern und ihn dann in die Wildnis aussetzen!«
»Einfach genial!«, sagte Ron. »Wie wär’s damit, Hagrid?«
Und am Ende war Hagrid einverstanden, Charlie eine Eule zu schicken und ihn zu fragen.
Die nächste Woche schleppte sich zäh dahin. Mittwochabend, nachdem die andern zu Bett gegangen waren, saßen Hermine und Harry noch lange im Gemeinschaftszimmer. Die Wanduhr hatte gerade Mitternacht geschlagen, als das Porträt zur Seite sprang. Ron ließ Harrys Tarnumhang fallen und erschien aus dem Nichts. Er war unten in Hagrids Hütte gewesen und hatte ihm geholfen, Norbert zu füttern, der inzwischen körbeweise tote Ratten verschlang.
»Er hat mich gebissen!«, sagte er und zeigte ihnen seine Hand, die mit einem blutigen Taschentuch umwickelt war. »Ich werd eine ganze Woche lang keine Feder mehr halten können. Ich sag euch, dieser Drache ist das fürchterlichste Tier, das ich je gesehen hab, aber so wie Hagrid es betüttelt, könnte man meinen, es sei ein niedliches, kleines Schmusehäschen. Nachdem er mich gebissen hat, hat Hagrid mir auch noch vorgeworfen, ich hätte dem Kleinen Angst gemacht. Und als ich zur Tür raus bin, hat er ihm gerade ein Schlaflied gesungen.«
Am dunklen Fenster kratzte etwas.
»Es ist Hedwig!«, sagte Harry und lief rasch hinüber, um sie einzulassen. »Sie hat bestimmt Charlies Antwort!«
Mit zusammengesteckten Köpfen lasen sie den Brief.
Lieber Ron,
wie geht es dir? Danke für den Brief – den Norwegischen Stachelbuckel würde ich gerne nehmen, aber es wird nicht leicht sein, ihn hierher zu bringen. Ich glaube, das Beste ist, ihn ein paar Freunden von mir mitzugeben, die mich nächste Woche besuchen kommen. Das Problem ist, dass sie nicht dabei gesehen werden dürfen, wenn sie einen gesetzlich verbotenen Drachen mitnehmen.
Könntest du den Stachelbuckel am Samstag um Mitternacht auf den höchsten Turm setzen? Sie können dich dort treffen und ihn mitnehmen, während es noch dunkel ist.
Schick mir deine Antwort so bald wie möglich.
Herzlichst
Charlie
Sie sahen einander an.
»Wir haben den Tarnumhang«, sagte Harry. »Das wird nicht so schwierig sein – ich glaube, er ist groß genug, um zwei von uns und Norbert zu verstecken.«
Dass die anderen beiden ihm zustimmten, war ein Zeichen dafür, wie mitgenommen sie von der vergangenen Woche waren. Sie würden alles tun, um Norbert loszuwerden – und Malfoy dazu.
Einen Haken gab es freilich. Am nächsten Morgen war Rons verletzte Hand auf die doppelte Größe angeschwollen. Er wusste nicht, ob es ratsam war, zu Madam Pomfrey zu gehen – würde sie einen Drachenbiss erkennen? Es wurde Nachmittag und nun hatte er keine andere Wahl mehr. Der Biss hatte eine hässliche grüne Färbung angenommen. Es sah so aus, als ob Norberts Reißzähne giftig waren.
Am Abend rannten Harry und Hermine in den Krankenflügel, wo sie Ron in fürchterlichem Zustand im Bett vorfanden.
»Es ist nicht nur meine Hand«, flüsterte er, »auch wenn die sich anfühlt, als ob sie gleich abfallen würde. Malfoy hat Madam Pomfrey gesagt, er wolle sich eines meiner Bücher borgen, und so konnte er reinkommen und mich in aller Ruhe auslachen. Er hat gedroht, ihr zu sagen, was mich wirklich gebissen hat – ich hab ihr gesagt, es sei ein Hund gewesen, aber ich glaube nicht, dass sie mir glaubt – ich hätte ihn beim Quidditch-Spiel nicht verprügeln sollen, deshalb macht er das.«
Harry und Hermine versuchten Ron zu beruhigen.
»Bis Samstag um Mitternacht ist alles vobei«, sagte Hermine, doch das besänftigte Ron überhaupt nicht. Im Gegenteil, mit einem Mal saß er kerzengerade im Bett und brach in Schweiß aus.
»Samstag um Mitternacht!«, sagte er mit heiserer Stimme. »O nein, o nein, mir fällt gerade ein, Charlies Brief war in dem Buch, das Malfoy mitgenommen hat, er weiß, dass wir uns Norbert vom Hals schaffen wollen.«
Harry und Hermine konnten darauf nichts mehr entgegnen. Gerade in diesem Moment kam Madam Pomfrey ins Zimmer und bat sie zu gehen, denn Ron brauche etwas Schlaf.
»Es ist zu spät, um den Plan jetzt noch zu ändern«, sagte Harry zu Hermine. »Das wird wohl die einzige Chance sein, Norbert loszuwerden, und wir haben jetzt nicht die Zeit, um Charlie noch eine Eule zu schicken. Wir müssen es riskieren. Und wir haben schließlich den Tarnumhang, von dem weiß Malfoy nichts.«
Sie gingen zu Hagrid, um ihm ihren Plan zu erzählen, und fanden Fang, den Saurüden, mit verbundenem Schwanz vor der Hütte sitzen. Hagrid öffnete ein Fenster, um mit ihnen zu sprechen.
»Ich kann euch jetzt nicht reinlassen«, schnaufte er, »Norbert ist in einer schwierigen Phase, aber damit werd ich schon fertig.«
Sie erzählten ihm von Charlies Brief, und seine Augen füllten sich mit Tränen, wenn auch vielleicht nur deshalb, weil Norbert ihn gerade ins Bein gebissen hatte.
»Aaah! Schon gut, er hat nur meinen Stiefel – spielt nur – schließlich ist er noch ein Baby.«
Das Baby knallte mit dem Schwanz gegen die Wand und ließ die Fenster klirren. Harry und Hermine gingen zum Schloss zurück mit dem Gefühl, der Samstag könne gar nicht schnell genug kommen.
Für Hagrid wurde es allmählich Zeit, sich von Norbert zu verabschieden, und er hätte ihnen leidgetan, wenn sie nicht so aufgeregt überlegt hätten, wie sie am besten vorgehen sollten. Es war eine sehr dunkle, wolkige Nacht, und als sie bei Hagrid ankamen, war es schon ein bisschen spät. Sie hatten in der Eingangshalle warten müssen, bis Peeves, der Tennis gegen die Wand spielte, den Weg frei machte.
Hagrid hatte Norbert schon in einen großen Korb gepackt.
»Er hat ’ne Menge Ratten und ein wenig Schnaps für die Reise«, sagte er mit dumpfer Stimme. »Und ich hab seinen Teddybären eingepackt, falls er sich einsam fühlt.«
Aus dem Korb drang ein schauriges Geräusch, und Harry kam es vor, als ob dem Teddybären gerade der Kopf abgerissen würde.
»Mach’s gut, Norbert«, schluchzte Hagrid, als Harry und Hermine den Korb mit dem Tarnumhang bedeckten und dann selbst darunterschlüpften. »Mammi wird dich nie vergessen!«
Wie sie es schafften, den Korb zum Schloss hochzubringen, wussten sie selbst nicht. Mitternacht rückte tickend näher, während sie Norbert die Marmorstufen zur Eingangshalle emporhievten und die dunklen Korridore entlangschleppten. Noch eine Treppe hoch und noch eine – selbst eine von Harrys Abkürzungen machte die Arbeit nicht viel leichter.
»Gleich da«, keuchte Harry, als sie den Gang zum höchsten Turm erreicht hatten.
Vor ihnen bewegte sich etwas und vor Schreck ließen sie beinahe den Korb fallen. Dass sie unsichtbar waren, hatten sie ganz vergessen, und so verdrückten sie sich in die Schatten und starrten auf die dunklen Umrisse zweier Gestalten, die drei Meter entfernt miteinander rangen. Eine Lampe flammte auf.
Professor McGonagall, ein Haarnetz über dem Kopf und in einen Morgenmantel mit Schottenmuster gehüllt, hielt Malfoy am Ohr gepackt.
»Strafarbeit!«, rief sie. »Und zwanzig Punkte Abzug für Slytherin! Mitten in der Nacht umherschleichen, wie können Sie es wagen –«
»Sie verstehen nicht, Professor, Harry Potter ist auf dem Weg – er hat einen Drachen!«
»Was für ein ausgemachter Unsinn! Woher nehmen Sie die Stirn, mir solche Lügen zu erzählen! Kommen Sie, ich werde mit Professor Snape über Sie sprechen, Malfoy!«
Die steile Wendeltreppe zur Spitze des Turms schien danach die leichteste Übung der Welt. Erst als sie in die kalte Nachtluft hinausgetreten waren, warfen sie den Mantel ab, froh, endlich wieder frei atmen zu können. Hermine legte einen kleinen Stepptanz hin.
»Malfoy bekommt eine Strafarbeit! Ich könnte singen vor Freude!«
»Tu’s lieber nicht«, riet ihr Harry.
Beim Warten machten sie sich über Malfoy lustig, während Norbert in seinem Korb tobte. Zehn Minuten vergingen und dann kamen vier Besen aus der Dunkelheit herabgeschwebt.
Charlies Freunde waren ein lustiges Völkchen. Sie zeigten Harry und Hermine das Geschirr, das sie für Norbert zusammengebastelt hatten, so dass sie ihn zwischen sich aufhängen konnten. Alle zusammen halfen, Norbert sicher darin unterzubringen, dann schüttelten Harry und Hermine den andern die Hände und dankten ihnen herzlich.
Endlich war Norbert auf dem Weg … fort … fort … verschwunden.
Sie schlichen die Wendeltreppe wieder hinab, nun, da Norbert fort war, mit Herzen so leicht wie ihre Hände. Kein Drache mehr, Malfoy bekam eine Strafarbeit, was konnte ihr Glück jetzt noch stören?
Die Antwort darauf wartete am Fuß der Treppe. Als sie in den Korridor traten, erschien aus der Dunkelheit plötzlich das Gesicht von Filch.
»Schön, schön, schön«, flüsterte er. »Jetzt haben wir wirklich ein Problem.«
Oben auf dem Turm lag der Tarnumhang.
Der verbotene Wald
Es hätte nicht schlimmer kommen können.
Filch brachte sie hinunter ins Erdgeschoss ins Studierzimmer von Professor McGonagall, und da saßen sie und warteten, ohne ein Wort miteinander zu reden. Hermine zitterte. Ausreden, Alibis und hanebüchene Vertuschungsgeschichten schossen Harry durch den Kopf, die eine kläglicher als die andere. Diesmal konnte er sich nicht vorstellen, wie sie sich aus diesem Schlamassel herauswinden sollten. Sie saßen in der Falle. Wie konnten sie nur so dumm sein und den Umhang vergessen? Professor McGonagall würde aus keinem Grund der Welt gutheißen, dass sie nicht im Bett lagen und in tiefster Nacht in der Schule umherschlichen, geschweige denn, dass sie auf dem höchsten Turm waren, der, außer im Astronomie-Unterricht, für sie verboten war. Wenn sie dann noch von Norbert und dem Tarnumhang erfahren hatte, konnten sie genauso gut schon ihre Koffer packen.
Hatte Harry geglaubt, noch schlimmer könne es nicht kommen? Welch ein Irrtum. Als Professor McGonagall auftauchte, hatte sie Neville im Schlepptau.
»Harry!«, platzte Neville los, kaum dass er die beiden erblickt hatte, »ich hab versucht dich zu finden, weil ich dich warnen wollte, Malfoy hat nämlich gesagt, du hättest einen Dra–«
Harry schüttelte heftig den Kopf, um Neville zum Schweigen zu bringen, doch Professor McGonagall hatte ihn gesehen. Sie baute sich vor den dreien auf und sah aus, als könne sie besser Feuer spucken als Norbert.
»Das hätte ich von keinem von Ihnen je geglaubt. Mr Filch sagt, Sie seien auf dem Astronomieturm gewesen. Es ist ein Uhr morgens. Erklären Sie mir das bitte.«
Zum ersten Mal fand Hermine keine Antwort auf die Frage eines Lehrers. Sie starrte auf ihre Pantoffeln, stumm wie eine Statue.
»Ich glaube, ich weiß ganz gut, was geschehen ist«, sagte Professor McGonagall. »Es braucht kein Genie, um das herauszufinden. Sie haben Draco Malfoy irgendeine haarsträubende Geschichte über einen Drachen aufgebunden, um ihn aus dem Bett zu locken und in Schwierigkeiten zu bringen. Ich habe ihn bereits erwischt. Ich nehme an, Sie finden es auch noch lustig, dass Longbottom hier etwas aufgeschnappt hat und daran glaubt?«
Harry versuchte dem verdutzt und beleidigt dreinblickenden Neville in die Augen zu schauen und ihm stumm zu bedeuten, dass dies nicht stimmte. Der arme, tollpatschige Neville – Harry wusste, was es ihn gekostet haben musste, sie im Dunkeln zu suchen, um sie zu warnen.
»Ich bin sehr enttäuscht«, sagte Professor McGonagall. »Vier Schüler aus dem Bett in einer Nacht! Das ist mir noch nie untergekommen. Miss Granger, wenigstens Sie hätte ich für vernünftiger gehalten. Was Sie angeht, Mr Potter, so hätte ich gedacht, Gryffindor bedeutete Ihnen mehr als alles andere. Sie alle werden Strafarbeiten bekommen – ja, auch Sie, Mr Longbottom, nichts gibt Ihnen das Recht, nachts in der Schule umherzustromern, besonders dieser Tage ist es gefährlich – und fünfzig Punkte Abzug für Gryffindor.«
»Fünfzig?« Harry verschlug es den Atem. Sie würden die Führung verlieren, die er noch im letzten Quidditch-Spiel erobert hatte.
»Fünfzig Punkte für jeden«, schnaubte Professor McGonagall durch ihre lange, spitze Nase.
»Professor – bitte –«
»Sie können doch nicht –«
»Sagen Sie mir nicht, was ich kann und was nicht, Potter. Gehen Sie jetzt wieder zu Bett, Sie alle. Ich habe mich noch nie dermaßen für Schüler von Gryffindor geschämt.«
Einhundertfünfzig Punkte verloren. Damit lag Gryffindor auf dem letzten Platz. In einer Nacht hatten sie alle Chancen auf den Hauspokal zunichtegemacht. Harry hatte das Gefühl, als hätte sich ein riesiges Loch in seinem Magen aufgetan. Wie konnten sie das jemals wiedergutmachen?
Harry tat die ganze Nacht kein Auge zu. Stundenlang, so kam es ihm vor, hörte er Neville in sein Kissen schluchzen. Ihm fiel nichts ein, womit er ihn hätte trösten können. Er wusste, dass Neville, wie ihm selbst, angst und bange war vor dem Morgen. Was würde geschehen, wenn die anderen aus ihrem Haus erfuhren, was sie getan hatten?
Als die Gryffindors am nächsten Morgen an den riesigen Stundengläsern vorbeigingen, welche die Hauspunkte anzeigten, dachten sie zunächst, es müsse ein Irrtum passiert sein. Wie konnten sie plötzlich hundertfünfzig Punkte weniger haben als gestern? Und dann verbreitete sich allmählich die Geschichte: Harry Potter, der berühmte Harry Potter, ihr Held aus zwei Quidditch-Spielen, hatte ihnen das eingebrockt, er und ein paar andere dumme Erstklässler.
Harry, bisher einer der beliebtesten und angesehensten Schüler, war nun der meistgehasste. Selbst Ravenclaws und Hufflepuffs wandten sich gegen ihn, denn alle hatten sich darauf gefreut, dass Slytherin den Hauspokal diesmal nicht erringen würde. Überall, wo Harry auftauchte, deuteten die Schüler auf ihn und machten sich nicht einmal die Mühe, ihre Stimmen zu senken, wenn sie ihn beleidigten. Die Slytherins dagegen klatschten in die Hände, wenn er vorbeiging, sie pfiffen und johlten: »Danke, Potter, wir schulden dir noch was!«
Nur Ron hielt zu ihm.
»In ein paar Wochen haben sie es alle vergessen. Fred und George haben während ihrer ganzen Zeit hier ’ne Unmenge Punkte verloren, aber die Leute mögen sie trotzdem noch.«
»Sie haben nie hundertfünfzig Punkte auf einmal verloren, oder?«, sagte Harry niedergeschlagen.
»Nun – nein«, gab Ron zu.
Es war ein wenig zu spät, um den Schaden wiedergutzumachen, doch Harry schwor sich, von nun an würde er sich nie mehr in Dinge einmischen, die ihn nichts angingen. Vom Herumstromern und Spionieren hatte er die Nase voll. Er schämte sich so sehr, dass er zu Wood ging und ihm seinen Rücktritt aus der Mannschaft anbot.
»Rücktritt?«, donnerte Wood. »Wozu soll das gut sein? Wie sollen wir denn jemals wieder Punkte gutmachen, wenn wir nicht mehr beim Quidditch gewinnen können?«
Doch selbst Quidditch machte keinen Spaß mehr. Die anderen Spieler wollten beim Training nicht mit Harry sprechen, und wenn sie über ihn reden mussten, nannten sie ihn »den Sucher«.
Auch Hermine und Neville ging es nicht gut. Nicht so schlecht wie Harry zwar, weil sie nicht so bekannt waren, doch auch mit ihnen wollte keiner mehr sprechen. Im Unterricht mochte Hermine nicht mehr auf sich aufmerksam machen, sie ließ den Kopf hängen und arbeitete still vor sich hin.
Harry war beinahe froh, dass die Prüfungen vor der Tür standen. Die ganzen Wiederholungen, die nötig waren, lenkten ihn von seinem Elend ab. Er, Ron und Hermine blieben unter sich und mühten sich bis spät in den Abend, sich die Zutaten komplizierter Gebräue in Erinnerung zu rufen, sich Zaubersprüche und Zauberbanne einzuprägen und die Jahreszahlen großer Entdeckungen in der Zauberei und von Koboldaufständen auswendig zu lernen …
Dann, etwa eine Woche bevor die Prüfungen beginnen sollten, wurde Harrys jüngster Entschluss, seine Nase nicht in Dinge zu stecken, die ihn nichts angingen, unerwartet auf die Probe gestellt. Eines Nachmittags, auf dem Rückweg von der Bibliothek, hörte er in einem der Klassenzimmer vor ihm jemanden wimmern. Er ging weiter und hörte Quirrells Stimme.
»Nein – nein – nicht schon wieder, bitte –«
Es klang, als würde ihm jemand drohen. Harry trat sachte näher.
»Gut – schon gut –«, hörte er Quirrell schluchzen.
Im nächsten Moment kam Quirrell, seinen Turban richtend, aus dem Klassenzimmer gestürzt. Er war blass und sah aus, als würde er gleich in Tränen ausbrechen. Raschen Schrittes verschwand er; Harry hatte nicht das Gefühl, dass er ihn bemerkt hatte. Er wartete, bis Quirrells Schritte verklungen waren, und spähte dann in das Klassenzimmer. Es war leer, doch am andern Ende war eine Tür weit geöffnet. Harry war schon auf halbem Wege dorthin, als ihm einfiel, dass er sich vorgenommen hatte, sich nicht mehr in fremde Angelegenheiten zu mischen.
Dennoch: Zwölf Steine der Weisen hätte er gewettet, dass es Snape war, der soeben das Zimmer verlassen hatte, und nach dem zu schließen, was Harry mitgehört hatte, gewiss mit federnden Schritten. Quirrell schien nun doch nachgegeben zu haben.
Harry ging zurück in die Bibliothek, wo Hermine Ron in Astronomie abfragte. Harry berichtete ihnen, was er gehört hatte.
»Snape hat es also geschafft!«, sagte Ron. »Wenn Quirrell ihm gesagt hat, wie er seinen Schutzzauber gegen die schwarze Magie brechen kann –«
»Da ist allerdings immer noch Fluffy«, sagte Hermine.
»Vielleicht hat Snape herausgefunden, wie er an ihm vorbeikommt, ohne Hagrid zu fragen«, sagte Ron und ließ den Blick über die Unmenge von Büchern gleiten, die sie umgaben. »Ich wette, irgendwo hier drin gibt es ein Buch, das erklärt, wie man an einem riesigen dreiköpfigen Hund vorbeikommt. Also, was sollen wir tun, Harry?«
In Rons Augen erschien wieder das Funkeln kommender Abenteuer, doch Hermine antwortete, noch bevor Harry den Mund aufmachen konnte.
»Zu Dumbledore gehen. Das hätten wir schon vor Ewigkeiten tun müssen. Wenn wir selbst irgendwas unternehmen, werden wir am Ende sicher noch rausgeworfen.«
»Aber wir haben keinen Beweis!«, sagte Harry. »Quirrell hat zu viel Angst, um sich auf unsere Seite zu schlagen. Snape muss nur behaupten, er wisse nicht, wie der Troll an Halloween hereingekommen ist, und sei überhaupt nicht im dritten Stock gewesen – wem glauben sie wohl, uns oder ihm? Es ist ein offenes Geheimnis, dass wir ihn nicht ausstehen können, Dumbledore wird denken, wir hätten die Geschichte erfunden, damit er Snape rauswirft. Filch würde uns auch nicht helfen, und wenn es um sein Leben ginge, er ist zu gut mit Snape befreundet, und je mehr Schüler rausgeworfen werden, desto besser, wird er denken. Und vergiss nicht, wir sollten eigentlich gar nichts über den Stein oder Fluffy wissen. Da müssen wir eine Menge erklären.«
Hermine sah überzeugt aus, Ron jedoch nicht.
»Und wenn wir nur ein wenig rumstöbern –«
»Nein«, sagte Harry matt, »wir haben genug rumgestöbert.«
Er entfaltete eine Karte des Jupiters und begann die Namen seiner Monde auswendig zu lernen.
Am Morgen darauf beim Frühstück wurden Harry, Hermine und Neville Briefe zugestellt. Sie lauteten alle gleich:
Ihre Strafarbeit beginnt um elf Uhr heute Abend.
Sie treffen Mr Filch in der Eingangshalle.
Prof. M. McGonagall
In der ganzen Aufregung über die verlorenen Punkte hatte Harry ganz vergessen, dass sie noch Strafarbeiten vor sich hatten. Gleich würde Hermine klagen, wieder sei eine ganze Nacht für die Wiederholungen verloren, doch sie sagte kein Wort. Wie Harry hatte sie das Gefühl, nichts Besseres verdient zu haben.
Um elf Uhr an diesem Abend verabschiedeten sie sich im Gemeinschaftsraum von Ron und gingen mit Neville hinunter in die Eingangshalle. Filch wartete schon – und Malfoy. Harry hatte gar nicht mehr daran gedacht, dass es auch Malfoy erwischt hatte.
»Folgt mir«, sagte Filch, zündete eine Laterne an und führte sie nach draußen.
»Ich wette, ihr überlegt es euch das nächste Mal, ob ihr noch mal eine Schulvorschrift brecht, he?«, sagte er und schielte sie von der Seite her an. »O ja … harte Arbeit und Schmerzen sind die besten Lehrmeister, wenn ihr mich fragt … Jammerschade, dass sie die alten Strafen nicht mehr anwenden … Könnt euch ein paar Tage lang in Handschellen legen und von der Decke hängen lassen, die Ketten hab ich noch in meinem Büro, halt sie immer gut eingefettet, falls sie doch noch mal gebraucht werden … Schön, los geht’s, und denkt jetzt bloß nicht ans Weglaufen, dann wird’s nur noch schlimmer für euch.«
Sie machten sich auf den Weg über das dunkle Schlossgelände. Neville schniefte unablässig. Harry fragte sich, worin die Strafe wohl bestehen würde. Es musste etwas wirklich Schreckliches sein, sonst würde sich Filch nicht so vergnügt anhören.
Der Mond war sehr hell, doch die Wolken, die über ihn dahintrieben, tauchten sie immer wieder in Dunkelheit. Vor ihnen konnte Harry die Fenster von Hagrids Hütte erkennen. Dann hörten sie einen Ruf aus der Ferne.
»Bist du das, Filch? Beeil dich, ich will aufbrechen.«
Harry wurde leichter ums Herz; wenn sie mit Hagrid arbeiten würden, dann konnte es ihnen nicht so schlecht ergehen. Die Erleichterung stand ihm wohl ins Gesicht geschrieben, denn Filch sagte: »Du glaubst, ihr werdet euch mit diesem Hornochsen einen netten Abend machen? Überleg’s dir lieber noch mal, Junge – es geht in den Wald, und es würde mich wundern, wenn ihr in einem Stück wieder rauskommt.«
Bei diesen Worten stöhnte Neville leise auf und Malfoy blieb wie angewurzelt stehen.
»In den Wald?«, wiederholte er, wobei er nicht mehr so kühl klang wie sonst. »Wir können da nachts nicht reingehen – da treibt sich allerlei herum – auch Werwölfe, hab ich gehört.«
Neville packte den Ärmel von Harrys Umhang und gab ein ersticktes Geräusch von sich.
»Das sind schöne Aussichten, nicht wahr?«, sagte Filch, wobei sich seine Stimme vor Schadenfreude überschlug. »Hättet an die Werwölfe denken sollen, bevor ihr euch in Schwierigkeiten gebracht habt.«
Hagrid kam ihnen mit langen Schritten aus der Dunkelheit entgegen, mit Fang bei Fuß. Er trug seine große Armbrust und hatte einen Köcher mit Pfeilen über die Schulter gehängt.
»Wird allmählich Zeit«, sagte er. »Warte schon ’ne halbe Stunde. Alles in Ordnung, Harry, Hermine?«
»Ich wär lieber nicht so freundlich zu ihnen, Hagrid«, sagte Filch kalt, »schließlich sind sie hier, um sich ihre Strafe abzuholen.«
»Deshalb bist du zu spät dran«, antwortete Hagrid mit einem Stirnrunzeln. »Hast ihnen ’ne Lektion erteilt, was? Nicht deine Aufgabe, das zu tun. Du hast deine Sache erledigt und ich übernehme ab hier.«
»Bei Morgengrauen bin ich zurück«, sagte Filch, »und hol die Reste von ihnen ab«, fügte er gehässig hinzu, drehte sich um und machte sich mit in der Dunkelheit hüpfender Laterne auf den Weg zurück zum Schloss.
Nun wandte sich Malfoy an Hagrid.
»Ich gehe nicht in diesen Wald«, sagte er und Harry bemerkte mit Genugtuung den Anflug von Panik in seiner Stimme.
»Du musst, wenn du in Hogwarts bleiben willst«, sagte Hagrid grimmig. »Du hast was ausgefressen und jetzt musst du dafür bezahlen.«
»Aber das ist Sache der Bediensteten, nicht der Schüler. Ich dachte, wir würden die Hausordnung abschreiben oder so was. Wenn mein Vater wüsste, was ich hier tue, würde er –«
»– dir sagen, dass es in Hogwarts eben so zugeht«, knurrte Hagrid. »Die Hausordnung abschreiben! Wem nützt das denn? Du tust was Nützliches oder du fliegst raus. Wenn du glaubst, dein Vater hätte es lieber, wenn du von der Schule verwiesen wirst, dann geh zurück ins Schloss und pack deine Sachen. Los jetzt!«
Malfoy rührte sich nicht vom Fleck. Voll Zorn sah er Hagrid an, doch dann senkte er den Blick.
»Na also«, sagte Hagrid. »Nun hört mal gut zu, weil es gefährlich ist, was wir heute Nacht tun, und ich will nicht, dass einer von euch sich unnötig in Gefahr bringt. Folgt mir kurz hier rüber.«
Er führte sie dicht an den Rand des Waldes. Mit hochgehaltener Laterne wies er auf einen engen, gewundenen Pfad, der zwischen den dicht stehenden schwarzen Bäumen verschwand. Als sie in den Wald hineinsahen, zerzauste ihnen eine leichte Brise die Haare.
»Seht mal her«, sagte Hagrid, »seht ihr das Zeug, das da auf dem Boden glänzt? Silbriges Zeug? Das ist Einhornblut. Irgendwo ist da ein Einhorn, das von irgendetwas schwer verletzt worden ist. Das ist jetzt das zweite Mal in einer Woche. Letzten Mittwoch hab ich ein totes gefunden. Wir versuchen jetzt das arme Tier zu finden. Vielleicht müssen wir es auch von seinem Leiden erlösen.«
»Und was passiert, wenn das andere – was das Einhorn verletzt hat – uns zuerst findet?«, fragte Malfoy, ohne dass er die Furcht aus der Stimme verbannen konnte.
»In diesem Wald ist nichts, was euch etwas zuleide tut, solange ich und Fang dabei sind«, sagte Hagrid. »Und bleibt auf’m Weg. Also dann, wir teilen uns in zwei Gruppen und folgen der Spur in verschiedene Richtungen. Hier ist überall Blut, das Tier muss sich mindestens seit gestern Nacht herumschleppen.«
Malfoy warf einen raschen Blick auf Fangs lange Zähne. »Ich will Fang.«
»Na gut, aber ich warn dich, er ist ein Feigling«, sagte Hagrid. »Also gehen Harry, Hermine und ich in die eine Richtung und Draco, Neville und Fang in die andere. Und wenn einer von uns das Einhorn findet, schicken wir grüne Funken aus, klar? Holt eure Zauberstäbe hervor und probiert das mal – sehr gut – und wenn einer in Gefahr ist, schickt rote Funken aus und wir kommen zu Hilfe – also, seid vorsichtig – und nun los.«
Der Wald war schwarz und still. Sie legten ein Stück des Wegs gemeinsam zurück und stießen dann auf eine Gabelung. Harry, Hermine und Hagrid gingen nach links, Malfoy, Neville und Fang nach rechts.
Sie gingen schweigend, die Augen auf die Erde gerichtet. Hie und da beleuchtete ein Mondstrahl einen Fleck silbrig blauen Blutes auf den herabgefallenen Blättern.
Harry bemerkte, dass Hagrid sehr besorgt aussah.
»Könnte ein Werwolf die Einhörner töten?«, fragte Harry.
»Nicht schnell genug«, sagte Hagrid. »Es ist nicht leicht, ein Einhorn zu fangen, sie sind mächtige Zaubergeschöpfe. Ich hab noch nie gehört, dass eines verletzt wurde.«
Sie kamen an einem moosbewachsenen Baumstumpf vorbei. Harry konnte Wasser plätschern hören, irgendwo in der Nähe musste ein Bach sein. An manchen Stellen entlang des gewundenen Pfades war noch Einhornblut.
»Alles in Ordnung mit dir, Hermine?«, flüsterte Hagrid. »Keine Sorge, es kann nicht weit weg sein, wenn es so schwer verletzt ist, und dann können wir – HINTER DEN BAUM!«
Hagrid packte Harry und Hermine und schubste sie vom Pfad in die Deckung einer riesigen Eiche. Er zog einen Pfeil aus dem Köcher, spannte ihn auf die Armbrust und hielt sie schussbereit in die Höhe. Die drei spitzten die Ohren. Ganz in der Nähe raschelte etwas über die toten Blätter. Es hörte sich an wie ein Mantel, der über den Boden schleifte. Hagrid spähte den dunklen Pfad hoch, doch nach einer Weile entfernte sich das Geräusch.
»Ich wusste es«, murmelte er. »Da ist etwas im Wald, was nicht hierher gehört.«
»Ein Werwolf?«, fragte Harry.
»Das war kein Werwolf und auch kein Einhorn«, sagte Hagrid grimmig. »Gut, folgt mir, aber vorsichtig jetzt.«
Sie gingen jetzt langsamer, gespannt auf das leiseste Geräusch achtend. Plötzlich, auf einer Lichtung vor ihnen, bewegte sich etwas.
»Wer da?«, rief Hagrid. »Zeig dich – ich bin bewaffnet!«
Und es erschien – war es ein Mann oder ein Pferd? Bis zur Hüfte ein Mann mit rotem Haar und Bart, doch darunter hatte er den glänzenden, kastanienbraunen Körper eines Pferdes mit langem, rötlichem Schwanz. Harry und Hermine hielten den Atem an.
»Ach, du bist es, Ronan«, sagte Hagrid erleichtert. »Wie geht’s?«
Er trat vor und schüttelte die Hand des Zentauren.
»Einen guten Abend dir, Hagrid«, sagte Ronan. Er hatte eine tiefe, melancholische Stimme. »Wolltest du gerade auf mich schießen?«
»Man kann nie vorsichtig genug sein, Ronan«, sagte Hagrid und tätschelte seine Armbrust. »Was Böses streift in diesem Wald herum. Das sind übrigens Harry Potter und Hermine Granger, Schüler vom Schloss oben. Und das, ihr beiden, ist Ronan. Er ist ein Zentaur.«
»Das haben wir schon bemerkt«, sagte Hermine matt.
»Guten Abend«, sagte Ronan. »Schüler seid ihr? Und lernt ihr viel da oben in der Schule?«
»Ähm –«
»Ein wenig«, sagte Hermine schüchtern.
»Ein wenig. Nun, das ist doch schon etwas«, seufzte Ronan. Er warf den Kopf zurück und blickte gen Himmel. »Der Mars ist hell heute Nacht.«
»Ja«, sagte Hagrid und schaute ebenfalls empor. »Hör mal, ich bin froh, dass wir dich getroffen haben, Ronan, hier ist nämlich ein Einhorn verletzt worden – hast du was gesehen?«
Ronan antwortete nicht sofort. Unverwandt blickte er gen Himmel, dann seufzte er wieder.
»Die Unschuldigen sind immer die ersten Opfer«, sagte er. »So ist es seit ewigen Zeiten, so ist es auch heute.«
»Ja«, sagte Hagrid, »aber hast du irgendwas gesehen, Ronan? Irgendwas Ungewöhnliches?«
»Der Mars ist hell heute Nacht«, wiederholte Ronan unter dem ungeduldigen Blick Hagrids. »Ungewöhnlich hell.«
»Ja, aber ich meinte etwas Ungewöhnliches mehr in der Nähe«, sagte Hagrid. »Du hast also nichts Seltsames bemerkt?«
Doch wieder dauerte es eine Weile, bis Ronan antwortete. Endlich sagte er: »Der Wald birgt viele Geheimnisse.«
Eine Bewegung in den Bäumen hinter Ronan ließ Hagrid erneut seine Armbrust heben, doch es war nur ein zweiter Zentaur, mit schwarzem Haar und schwarzem Körper und wilder aussehend als Ronan.
»Hallo, Bane«, sagte Hagrid. »Wie geht’s?«
»Guten Abend, Hagrid. Ich hoffe, dir geht’s gut?«
»Gut genug. Hör mal, ich hab gerade Ronan gefragt, hast du in letzter Zeit irgendetwas Merkwürdiges hier gesehen? Es ist nämlich ein Einhorn verletzt worden – weißt du was darüber?«
Bane kam näher und stellte sich neben Ronan. Er blickte gen Himmel.
»Der Mars ist hell heute Nacht«, sagte er nur.
»Das haben wir schon gehört«, sagte Hagrid verdrießlich. »Nun, wenn einer von euch etwas sieht, lasst es mich wissen, bitte. Wir verschwinden wieder.«
Harry und Hermine folgten ihm, über ihre Schultern auf Ronan und Bane starrend, bis die Bäume ihnen die Sicht verdeckten.
»Versuch niemals, niemals, einem Zentauren eine klare Antwort zu entlocken«, sagte Hagrid verärgert. »Vermaledeite Sternengucker. Interessieren sich für nichts, was näher ist als der Mond.«
»Gibt es viele von denen hier im Wald?«, fragte Hermine.
»Oh, schon einige … Bleiben allerdings meist unter sich, aber wenn ich mich ein wenig unterhalten will, tauchen sie schon mal auf. Sind nämlich tiefe Naturen, diese Zentauren … sie kennen sich aus … machen nur nicht viel Aufhebens davon.«
»Glaubst du, was wir vorhin gehört haben, war ein Zentaur?«, sagte Harry.
»Hat sich das für dich angehört wie Hufe? Nee, wenn du mich fragst, das hat die Einhörner gejagt – hab so was noch nie im Leben gehört.«
Sie gingen weiter durch dichten, dunklen Wald. Harry warf ständig nervöse Blicke über die Schulter. Er hatte das unangenehme Gefühl, dass sie beobachtet wurden, und war sehr froh, dass sie Hagrid und seine Armbrust dabeihatten. Soeben waren sie um eine Windung gebogen, als Hermine Hagrids Arm packte.
»Hagrid! Sieh mal! Rote Funken, die andern sind in Schwierigkeiten!«
»Ihr beide wartet hier!«, rief Hagrid. »Bleibt auf dem Weg, ich hol euch dann!«
Sie hörten ihn durch das Unterholz brechen. Voller Angst blieben sie zurück und sahen sich an. Schließlich hörten sie nichts mehr außer dem Rascheln der Blätter um sie her.
»Du denkst nicht etwa, dass ihnen etwas zugestoßen ist, oder?«, flüsterte Hermine.
»Das wär mir bei Malfoy egal, aber wenn Neville … Es ist nämlich unsere Schuld, dass er überhaupt hier ist.«
Die Minuten schleppten sich dahin. Ihre Ohren schienen schärfer als normal zu sein. Harry kam es vor, als könnte er jeden Seufzer des Windes, jeden knackenden Zweig hören. Was war eigentlich los? Wo waren die andern?
Endlich kündete ein lautes Knacken Hagrids Rückkehr an. Malfoy, Neville und Fang waren hinter ihm. Hagrid rauchte vor Zorn. Malfoy, so schien es, hatte sich zum Scherz von hinten an Neville herangeschlichen und ihn gepackt. In panischem Schreck hatte Neville die Funken versprüht.
»Wir können von Glück reden, wenn wir jetzt noch irgendwas fangen, bei dem Aufruhr, den ihr veranstaltet habt. Und jetzt bilden wir neue Gruppen – Neville, du bleibst bei mir und Hermine, Harry, du gehst mit Fang und diesem Idioten. Tut mir leid«, fügte er zu Harry gewandt flüsternd hinzu, »aber dich wird er nicht so schnell erschrecken und wir müssen es jetzt schaffen.«
Und so machte sich Harry mit Malfoy und Fang ins Herz des Waldes auf. Sie gingen fast eine halbe Stunde lang tiefer und tiefer hinein, bis der Pfad sich fast verlor, so dicht standen die Bäume. Harry hatte den Eindruck, dass das Einhornblut allmählich dicker wurde. Auf den Wurzeln eines Baumes waren Spritzer, als ob das arme Tier sich hier in der Nähe voll Schmerz herumgewälzt hätte. Weiter vorn, durch die verschlungenen Äste einer alten Eiche hindurch, konnte Harry eine Lichtung erkennen.
»Sieh mal«, murmelte er und streckte den Arm aus, damit Malfoy stehen blieb.
Etwas Hellweißes schimmerte auf dem Boden. Vorsichtig traten sie näher.
Es war das Einhorn und es war tot. Harry hatte nie etwas so Schönes und so Trauriges gesehen. Seine langen, schlanken Beine ragten verquer in die Luft und seine perlweiße Mähne lag ausgebreitet auf den dunklen Blättern.
Harry trat noch einen Schritt näher, als ein schleifendes Geräusch ihn wie angefroren innehalten ließ. Ein Busch am Rande der Lichtung erzitterte … Dann kam eine vermummte Gestalt aus dem Schatten und kroch über den Boden auf sie zu wie ein staksendes Untier. Harry, Malfoy und Fang standen da wie erstarrt. Die vermummte Gestalt erreichte das Einhorn, senkte den Kopf über die Wunde an der Seite des Tiers und begann sein Blut zu trinken.
»AAAAAAAAAAAARRRH!«
Malfoy stieß einen fürchterlichen Schrei aus und machte sich auf und davon – mit Fang an seinen Fersen. Die vermummte Gestalt hob den Kopf und sah zu Harry herüber – an ihr herunter tropfte Einhornblut. Das Wesen stand auf und kam rasch auf Harry zu – er war vor Angst wie gelähmt.
Dann durchstieß ein Schmerz seinen Kopf, wie er ihn noch nie verspürt hatte, es war, als ob seine Narbe Feuer gefangen hätte – halb blind stolperte er rückwärts. Hinter sich hörte er Hufe, Pferdegalopp, und etwas sprang einfach über ihn hinweg und stürzte sich auf die Gestalt.
Der Schmerz in Harrys Kopf war so stark, dass er auf die Knie fiel. Nach ein oder zwei Minuten war er vorüber. Als er aufsah, war die Gestalt verschwunden. Ein Zentaur stand über ihm, nicht Ronan oder Bane; dieser sah jünger aus; er hatte weißblondes Haar und den Körper eines Palominos.
»Geht es Ihnen gut?«, fragte der Zentaur und half Harry auf die Beine.
»Ja – danke – was war das?«
Der Zentaur antwortete nicht. Er hatte eindrucksvoll blaue Augen, wie blasse Saphire. Er musterte Harry sorgfältig, und seine Augen verweilten auf der Narbe, die sich nun bläulich von Harrys Stirn abhob.
»Sie sind der junge Potter«, sagte er. »Besser, Sie gehen zurück zu Hagrid. Der Wald ist nicht sicher – besonders für Sie. Können Sie reiten? Dann geht es schneller.
Mein Name ist Firenze«, fügte er hinzu und ließ sich auf die Vorderbeine sinken, damit Harry ihm auf den Rücken klettern konnte.
Plötzlich hörte Harry von der anderen Seite der Lichtung noch mehr galoppierende Hufe. Mit wogenden, schweißnassen Flanken brachen Ronan und Bane durch die Bäume.
»Firenze!«, donnerte Bane, »was tust du da? Du hast einen Menschen auf dem Rücken! Kennst du keine Scham? Bist du ein gewöhnliches Maultier?«
»Ist dir klar, wer das ist?«, entgegnete Firenze. »Das ist der junge Potter. Je schneller er den Wald verlässt, desto besser.«
»Was hast du ihm erzählt«, brummte Bane. »Ich muss dich nicht daran erinnern, Firenze, wir haben einen Eid abgelegt, uns nicht gegen den Himmel zu stellen. Haben wir nicht in den Bewegungen der Planeten gelesen, was kommen wird?«
Ronan scharrte nervös mit den Hufen.
»Ich bin sicher, Firenze hat nur das Beste im Sinn gehabt«, sagte er in seiner düsteren Stimme.
Bane schlug wütend mit den Hinterbeinen aus.
»Das Beste! Was hat das mit uns zu tun? Zentauren kümmern sich um das, was in den Sternen steht! Es ist nicht unsere Aufgabe, wie Esel herumstreunenden Menschen nachzulaufen!«
Firenze stellte sich plötzlich zornig auf die Hinterbeine, so dass Harry sich an seinen Schultern festklammern musste, um nicht abzurutschen.
»Siehst du nicht dieses Einhorn?«, brüllte Firenze Bane an. »Verstehst du nicht, warum es getötet wurde? Oder haben die Planeten dir dieses Geheimnis nicht verraten? Ich stelle mich gegen das, was in diesem Wald lauert, ja, Bane, mit Menschen an meiner Seite, wenn es sein muss.«
Und Firenze wirbelte herum; Harry klammerte sich an ihn, so gut er konnte, und sie stürzten sich zwischen die Bäume, Ronan und Bane hinter sich lassend.
Harry hatte keine Ahnung, was da vor sich ging.
»Warum ist Bane so wütend?«, fragte er. »Was war eigentlich dieses Wesen, vor dem du mich gerettet hast?«
Firenze ging nun im Schritt und ermahnte Harry, wegen der tiefen Äste den Kopf gesenkt zu halten, doch er antwortete nicht auf seine Fragen. Ohne ein Wort zu sagen, schlugen sie sich durch die Bäume, so lange schweigend, dass Harry dachte, Firenze wolle nicht mehr mit ihm sprechen. Sie drangen nun jedoch durch ein besonders dichtes Stück Wald und Firenze hielt plötzlich inne.
»Harry Potter, wissen Sie, wozu Einhornblut gebraucht wird?«
»Nein«, sagte Harry, verdutzt über die seltsame Frage. »Wir haben für Zaubertränke nur das Horn und die Schweifhaare benutzt.«
»Das ist so, weil es etwas Grauenhaftes ist, ein Einhorn abzuschlachten«, sagte Firenze. »Nur jemand, der nichts zu verlieren und alles zu gewinnen hat, könnte ein solches Verbrechen begehen. Das Blut eines Einhorns wird ihn am Leben halten, selbst wenn er nur eine Handbreit vom Tod entfernt ist – doch zu einem schrecklichen Preis. Er hat etwas Reines und Schutzloses gemeuchelt, um sich selbst zu retten, aber nun hat er nur noch ein halbes Leben, ein verfluchtes, von dem Augenblick an, da das Blut seine Lippen berührt.«
Harry blickte starr auf Firenzes Hinterkopf, der im Mondlicht silbern gesprenkelt war.
»Aber wer könnte so verzweifelt sein?«, fragte er sich laut. »Wenn man für immer verflucht ist, dann ist der Tod doch besser, oder?«
»Das ist wahr«, stimmte Firenze zu, »außer wenn man nur lange genug leben muss, um noch etwas anderes zu trinken – etwas, das einem alle Stärke und Macht zurückbringt – etwas, das bewirkt, dass man nie sterben wird. Mr Potter, wissen Sie, was in diesem Augenblick in der Schule versteckt ist?«
»Der Stein der Weisen! Natürlich – das Lebenselixier! Aber ich verstehe nicht, wer –«
»Können Sie sich niemanden denken, der seit Jahren darauf wartet, an die Macht zurückzukehren, der sich ans Leben klammert und auf seine Chance lauert?«
Es war, als hätte sich plötzlich eine eiserne Faust um Harrys Herz geschlossen. Über dem Rascheln der Bäume schien er noch einmal zu hören, was Hagrid gesagt hatte in jener Nacht, da sie sich kennen gelernt hatten: »Manche sagen, er sei gestorben. Stuss, wenn du mich fragst. Weiß nicht, ob er noch genug Menschliches in sich hatte, um sterben zu können.«
»Meinen Sie«, sagte Harry mit krächzender Stimme, »das war Vol–«
»Harry! Harry, geht’s dir gut?«
Hermine rannte den Pfad entlang auf sie zu, Hagrid keuchte hinter ihr her.
»Mir geht’s gut«, sagte Harry, ohne recht zu wissen, was er sagte. »Das Einhorn ist tot, Hagrid, es liegt dort hinten auf der Lichtung.«
»Ich werde Sie nun verlassen«, murmelte Firenze, als Hagrid davoneilte, um das Einhorn zu untersuchen. »Sie sind jetzt sicher.«
Harry glitt von seinem Rücken herunter.
»Viel Glück, Harry Potter«, sagte Firenze. »Die Planeten wurden schon einige Male falsch gedeutet, selbst von Zentauren. Ich hoffe, diesmal ist es genauso.«
Er wandte sich um und verschwand in leichtem Galopp in den Tiefen des Waldes, einen zitternden Harry hinter sich zurücklassend.
Ron, der auf ihre Rückkehr hatte warten wollen, war im Gemeinschaftsraum eingenickt. Während Harry ihn unsanft wachrüttelte, rief er etwas über Quidditch-Fouls. Nach wenigen Augenblicken freilich war er hellwach, als Harry ihm und Hermine zu erzählen begann, was im Wald geschehen war.
Harry konnte nicht ruhig sitzen. Er schritt vor dem Feuer auf und ab. Noch immer zitterte er.
»Snape will den Stein für Voldemort … und Voldemort wartet draußen im Wald … und die ganze Zeit über haben wir geglaubt, Snape wolle nur reich werden …«
»Hör auf, den Namen zu nennen!«, sagte Ron in einem angstdurchtränkten Flüstern, als glaubte er, Voldemort könnte sie belauschen.
Harry hörte ihn nicht.
»Firenze hat mich gerettet, aber er hätte es eigentlich nicht tun dürfen … Bane war wütend deswegen … er hat etwas gesagt von Einmischung in die Offenbarung der Planeten … Sie müssen wohl zeigen, dass Voldemort zurückkommt … Bane denkt, Firenze hätte Voldemort nicht daran hindern dürfen, mich zu töten … Ich glaube, das steht auch in den Sternen.«
»Hörst du endlich auf, diesen Namen zu nennen!«, zischte Ron.
»Wir müssen also nur darauf warten, dass Snape den Stein stiehlt«, fuhr Harry in fieberhafter Aufregung fort, »dann kann Voldemort kommen und mich erledigen … Nun, ich denke, Bane würde glücklich darüber sein.«
Hermine sah verängstigt aus, doch sie hatte ein Wort des Trosts.
»Harry, alle sagen, Dumbledore sei der Einzige, vor dem Du-weißt-schon-wer je Angst hatte. Mit Dumbledore in der Nähe wird dich Du-weißt-schon-wer nicht anrühren. Und außerdem, wer sagt eigentlich, dass die Zentauren Recht haben? Das klingt für mich wie Wahrsagerei, und Professor McGonagall sagt, das sei ein sehr ungenauer Ableger der Zauberei.«
Der Himmel war schon hell, als ihr Gespräch verstummte. Erschöpft gingen sie zu Bett, der Hals tat ihnen weh. Doch die Überraschungen der Nacht waren noch nicht vorbei.
Als Harry seine Bettdecke zurückzog, fand er darunter, fein säuberlich zusammengefaltet, seinen Tarnumhang. Ein Zettel war daran gepinnt:
Nur für den Fall …
Durch die Falltür
Auch in den folgenden Jahren blieb es für Harry immer ein Rätsel, wie er es geschafft hatte, die Jahresabschlussprüfungen zu überstehen, wo er doch jeden Moment damit rechnete, Voldemort könne hereinplatzen. Doch die Tage flossen zäh dahin und hinter der verschlossenen Tür war Fluffy zweifellos noch immer putzmunter.
Es war schwülheiß, besonders in den großen Klassenzimmern, wo sie ihre Arbeiten schrieben. Für die Prüfungen hatten sie neue, ganz besondere Federn bekommen, die mit einem Zauberspruch gegen Schummeln behext waren.
Sie hatten auch praktische Prüfungen. Professor Flitwick rief sie nacheinander in sein Klassenzimmer und ließ sich zeigen, ob sie eine Ananas über einen Schreibtisch Stepp tanzen lassen konnten. Bei Professor McGonagall mussten sie eine Maus in eine Schnupftabaksdose verwandeln – Punkte gab es, wenn es eine schöne Dose wurde, Punktabzug, wenn sie einen Schnurrbart hatte. Snape machte sie alle nervös; sie spürten seinen Atem im Nacken, während sie verzweifelt versuchten, sich an die Zutaten für den Vergesslichkeitstrank zu erinnern.
Harry strengte sich an, so gut er konnte, und versuchte den stechenden Schmerz in seiner Stirn zu vergessen, der ihn seit seinem Ausflug in den Wald nicht mehr losließ. Neville meinte, Harry litte unter besonders schlimmer Prüfungsangst, weil er nicht schlafen konnte, doch in Wahrheit hielt ihn jener altbekannte Alptraum wach, nur war er jetzt noch schrecklicher, weil darin eine vermummte, blutverschmierte Gestalt auftauchte.
Ron und Hermine dagegen schienen sich nicht so viele Gedanken um den Stein zu machen, vielleicht, weil sie nicht gesehen hatten, was Harry gesehen hatte, oder weil ihnen keine Narbe auf der Stirn brannte. Der Gedanke an Voldemort machte ihnen gewiss Angst, doch er besuchte sie ja nicht unablässig in ihren Träumen, und sie waren mit ihrem Wiederholungsstoff so beschäftigt, dass sie keine Zeit hatten, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, was Snape oder jemand anderes vorhaben könnte.
Die allerletzte Prüfung hatten sie in Geschichte der Zauberei. Eine Stunde lang mussten sie Fragen über schrullige alte Zauberer beantworten, die selbstumrührende Kessel erfunden hatten, und dann hatten sie frei, eine ganze herrliche Woche lang, bis es die Zeugnisse gab. Als der Geist von Professor Binns sie anwies, ihre Federkiele aus den Händen zu legen und ihre Pergamentblätter zusammenzurollen, ließ sich auch Harry von den Jubelschreien der anderen mitreißen.
»Das war viel leichter, als ich dachte«, sagte Hermine, als sie sich den Grüppchen anschlossen, die auf das sonnendurchflutete Schlossgelände hinauspilgerten. »Die Benimmregeln für Werwölfe von 1637 und den Aufstand von Elfrich dem Eifrigen hätte ich gar nicht pauken müssen.«
Hermine sprach hinterher immer gern die Arbeiten durch, aber Ron meinte, ihm werde ganz schlecht bei dem Gedanken. Also wanderten sie hinunter zum See und legten sich unter einen Baum. Die Weasley-Zwillinge und Lee Jordan kitzelten die Tentakel eines riesigen Tintenfischs, der sich im ufernahen warmen Wasser suhlte.
»Endlich keine Lernerei mehr«, seufzte Ron und streckte sich glücklich auf dem Gras aus. »Du könntest auch etwas fröhlicher aussehen, Harry, wir haben noch eine Woche, bis wir erfahren, wie schlecht wir abgeschnitten haben, also kein Grund, sich jetzt schon Sorgen zu machen.«
Harry rieb sich die Stirn.
»Ich möchte wissen, was das bedeutet!«, stieß er zornig hervor. »Meine Narbe tut die ganze Zeit weh – das ist schon mal vorgekommen, aber so schlimm war es noch nie!«
»Geh zu Madam Pomfrey«, schlug Hermine vor.
»Ich bin nicht krank«, sagte Harry. »Ich glaube, es ist ein Warnzeichen … es bedeutet Gefahr …«
Ron mochte sich deswegen nicht aus der Ruhe bringen lassen, dafür war es ihm zu heiß.
»Entspann dich, Harry. Hermine hat Recht, der Stein ist in Sicherheit, solange Dumbledore hier ist. Außerdem haben wir immer noch keinen Beweis dafür, dass Snape herausgefunden hat, wie er an Fluffy vorbeikommen kann. Einmal hat er ihm fast das Bein abgerissen und so schnell wird Snape es nicht wieder versuchen. Und ehe Hagrid Dumbledore im Stich lässt, spielt Neville Quidditch in der englischen Nationalmannschaft.«
Harry nickte, doch er konnte ein untergründiges Gefühl nicht abschütteln, dass er etwas zu tun vergessen hatte – etwas Wichtiges. Er versuchte es den andern zu erklären, doch Hermine meinte: »Das sind nur die Prüfungen. Gestern Nacht bin ich aufgewacht und war schon halb durch meine Aufzeichnungen über Verwandlungskunst, bis mir einfiel, dass wir das schon hinter uns haben.«
Harry war sich jedoch ganz sicher, dass dieses beunruhigende Gefühl nichts mit dem Schulstoff zu tun hatte. Seine Augen folgten einer Eule, die mit einem Brief im Schnabel am hellblauen Himmel hinüber zur Schule flatterte. Hagrid war der Einzige, der ihm je Briefe schickte. Hagrid würde Dumbledore nie verraten. Hagrid würde nie jemandem erzählen, wie man an Fluffy vorbeikam … nie … aber –
Plötzlich sprang Harry auf die Beine
»Wo willst du hin?«, sagte Ron schläfrig.
»Mir ist eben was eingefallen«, sagte Harry. Er war bleich geworden. »Wir müssen zu Hagrid, und zwar gleich.«
»Warum?«, keuchte Hermine, mühsam Schritt haltend.
»Findest du es nicht ein wenig merkwürdig«, sagte Harry, den grasbewachsenen Abhang emporhastend, »dass Hagrid sich nichts sehnlicher wünscht als einen Drachen und dann überraschend ein Fremder auftaucht, der zufällig gerade ein Ei in der Tasche hat? Wie viele Leute laufen mit Dracheneiern herum, wo es doch gegen das Zauberergesetz ist? Ein Glück, dass er Hagrid gefunden hat. Warum hab ich das nicht schon vorher gesehen?«
»Worauf willst du hinaus?«, fragte Ron, doch Harry, der jetzt über das Schlossgelände zum Wald hinüberrannte, antwortete nicht.
Hagrid saß in einem Lehnstuhl vor seiner Hütte, die Ärmel und Hosenbeine hochgerollt; über eine große Schüssel gebeugt enthülste er Erbsen.
»Hallooh«, sagte er lächelnd. »Fertig mit den Prüfungen? Wollt ihr was trinken?«
»Ja, bitte«, sagte Ron, doch Harry schnitt ihm das Wort ab.
»Nein, keine Zeit, Hagrid, ich muss dich was fragen. Erinnerst du dich noch an die Nacht, in der du Norbert gewonnen hast? Wie sah der Fremde aus, mit dem du Karten gespielt hast?«
»Weiß nicht«, sagte Hagrid lässig, »er wollte seinen Kapuzenmantel nicht ablegen.«
Er sah, wie verdutzt die drei waren, und hob die Augenbrauen.
»Das ist nicht so ungewöhnlich, da gibt’s ’ne Menge seltsames Volk im Eberkopf – das ist einer von den Pubs unten im Dorf. Hätt ’n Drachenhändler sein können, oder? Sein Gesicht hab ich nicht gesehen, er hat seine Kapuze aufbehalten.«
Harry ließ sich langsam neben der Erbsenschüssel zu Boden sinken.
»Worüber habt ihr gesprochen, Hagrid? Hast du zufällig Hogwarts erwähnt?«
»Könnte mal vorgekommen sein«, sagte Hagrid und runzelte die Stirn, während er sich zu erinnern versuchte. »Ja … er hat mich gefragt, was ich mache, und ich hab ihm gesagt, ich sei Wildhüter hier … Er wollte hören, um was für Tiere ich mich kümmere … also hab ich’s ihm gesagt … und auch, dass ich immer gerne einen Drachen haben wollte … und dann … ich weiß nicht mehr genau, weil er mir ständig was zu trinken spendiert hat … Wartet mal … ja, dann hat er gesagt, er hätte ein Drachenei und wir könnten darum spielen, Karten, wenn ich wollte … aber er müsse sicher sein, dass ich damit umgehen könne, er wolle es nur in gute Hände abgeben … Also hab ich ihm gesagt, im Vergleich zu Fluffy wär ein Drache doch ein Kinderspiel …«
»Und schien er … schien er sich für Fluffy zu interessieren?«, fragte Harry mit angestrengt ruhiger Stimme.
»Nun – ja – wie viele dreiköpfige Hunde trifft man schon, selbst um Hogwarts herum? Also hab ich ihm gesagt, Fluffy ist ein Schoßhündchen, wenn man weiß, wie man ihn beruhigt, spiel ihm einfach ’n wenig Musik vor, und er wird auf der Stelle einschlafen –«
Plötzlich trat Entsetzen auf Hagrids Gesicht.
»Das hätt ich euch nicht sagen sollen!«, sprudelte er hervor. »Vergesst es! Hei – wo lauft ihr hin?«
Harry, Ron und Hermine sprachen kein Wort miteinander, bis sie in der Eingangshalle ankamen, die nach dem sonnendurchfluteten Schlosshof sehr kalt und düster wirkte.
»Wir müssen zu Dumbledore«, sagte Harry. »Hagrid hat diesem Fremden gesagt, wie man an Fluffy vorbeikommt, und unter diesem Mantel war entweder Snape oder Voldemort – es muss ganz leicht gewesen sein, sobald er Hagrid betrunken gemacht hat. Ich kann nur hoffen, dass Dumbledore uns glaubt. Firenze hilft uns vielleicht, wenn Bane ihn nicht daran hindert. Wo ist eigentlich Dumbledores Arbeitszimmer?«
Sie sahen sich um, als hofften sie, ein Schild zu sehen, das ihnen den Weg wies. Nie hatten sie erfahren, wo Dumbledore lebte, und sie kannten auch keinen, der jemals zu Dumbledore geschickt worden war.
»Dann müssen wir eben –«, begann Harry, doch plötzlich drang eine gebieterische Stimme durch die Halle.
»Was machen Sie drei denn hier drin?«
Es war Professor McGonagall, mit einem hohen Stapel Bücher in den Armen.
»Wir möchten Professor Dumbledore sprechen«, sagte Hermine recht kühn, wie Harry und Ron fanden.
»Professor Dumbledore sprechen?«, wiederholte Professor McGonagall, als ob daran etwas faul wäre. »Warum?«
Harry schluckte – was nun?
»Es ist sozusagen geheim«, sagte er, bereute es jedoch gleich, denn Professor McGonagalls Nasenflügel fingen an zu beben.
»Professor Dumbledore ist vor zehn Minuten abgereist«, sagte sie kühl. »Er hat eine eilige Eule vom Zaubereiministerium erhalten und ist sofort nach London geflogen.«
»Er ist fort?«, sagte Harry verzweifelt. »Gerade eben?«
»Professor Dumbledore ist ein sehr bedeutender Zauberer, Potter, er wird recht häufig in Anspruch genommen –«
»Aber es ist wichtig.«
»Etwas, das Sie zu sagen haben, ist wichtiger als das Zaubereiministerium, Potter?«
»Sehen Sie«, sagte Harry und ließ alle Vorsicht fahren, »Professor – es geht um den Stein der Weisen –«
Was immer Professor McGonagall erwartet hatte, das war es nicht. Die Bücher in ihren Armen plumpsten zu Boden.
»Woher wissen Sie das?«, prustete sie los.
»Professor, ich glaube – ich weiß – dass Sn… dass jemand versuchen wird den Stein zu stehlen. Ich muss Professor Dumbledore sprechen.«
Sie musterte ihn mit einer Mischung aus Entsetzen und Misstrauen.
»Professor Dumbledore wird morgen zurück sein«, sagte sie schließlich. »Ich weiß nicht, wie Sie von dem Stein erfahren haben, aber seien Sie versichert, dass niemand in der Lage ist, ihn zu stehlen, er ist bestens bewacht.«
»Aber, Professor –«
»Potter, ich weiß, wovon ich spreche«, sagte sie barsch. Sie bückte sich und hob die Bücher auf. »Ich schlage vor, Sie gehen alle wieder nach draußen und genießen die Sonne.«
Doch das taten sie nicht.
»Heute Nacht passiert es«, sagte Harry, sobald er sicher war, dass Professor McGonagall sie nicht mehr hören konnte. »Heute Nacht steigt Snape durch die Falltür. Er hat alles herausgefunden, was er braucht, und jetzt hat er Dumbledore aus dem Weg geschafft. Diesen Brief hat er geschickt. Ich wette, im Zaubereiministerium kriegen sie einen gewaltigen Schrecken, wenn Dumbledore dort auftaucht.«
»Aber was können wir –«
Hermine blieb der Mund offen. Harry und Ron wirbelten herum.
Snape stand hinter ihnen.
»Einen schönen Nachmittag«, sagte er sanft.
Sie starrten ihn an.
»An so einem Tag solltet ihr nicht hier drin sein«, sagte er mit einem merkwürdigen, gequälten Lächeln.
»Wir waren –«, begann Harry, völlig ahnungslos, was er eigentlich sagen wollte.
»Seid besser etwas vorsichtiger«, sagte Snape. »So, wie ihr hier herumhängt, könnte man auf den Gedanken kommen, dass ihr etwas ausheckt. Und Gryffindor kann sich nun wirklich nicht leisten, noch mehr Punkte zu verlieren, oder?«
Harry wurde rot. Sie waren schon auf dem Weg nach draußen, als Snape sie zurückrief.
»Ich warne dich, Potter, noch so eine Nachtwanderung, und ich werde persönlich dafür sorgen, dass du von der Schule verwiesen wirst. Einen schönen Tag noch.«
Er schritt in Richtung Lehrerzimmer davon.
Draußen auf den steinernen Stufen drehte sich Harry zu den andern um.
»Ich weiß jetzt, was wir tun müssen«, flüsterte er. »Einer von uns muss ein Auge auf Snape haben – vor dem Lehrerzimmer warten und ihm folgen, wenn er es verlässt. Am besten du, Hermine.«
»Warum ich?«
»Ist doch klar«, sagte Ron. »Du kannst so tun, als ob du auf Professor Flitwick wartest.« Er ahmte Hermines Stimme nach: »Oh, Professor Flitwick, ich mache mir solche Sorgen, ich glaube, ich habe Frage vierzehn b falsch beantwortet …«
»Ach, hör auf damit«, sagte Hermine, doch sie war einverstanden, Snape zu überwachen.
»Und wir warten am besten draußen vor dem Korridor im dritten Stock«, sagte Harry zu Ron. »Komm mit.«
Doch dieser Teil des Plans schlug fehl. Kaum hatten sie die Tür erreicht, die Fluffy von der Schule trennte, als Professor McGonagall abermals auftauchte. Und diesmal verlor sie die Beherrschung.
»Sie glauben wohl, man könne schwerer an Ihnen vorbeikommen als an einem Bündel Zauberbanne, was!«, wütete sie. »Genug jetzt von diesem Unfug! Wenn mir zu Ohren kommt, dass Sie noch einmal hier in der Nähe rumstromern, ziehe ich Gryffindor weitere fünfzig Punkte ab! Ja, Weasley, von meinem eigenen Haus!«
Harry und Ron gingen in den Gemeinschaftsraum. »Wenigstens ist Hermine Snape auf den Fersen«, meinte Harry gerade, als das Porträt der fetten Dame zur Seite klappte und Hermine hereinkam.
»Tut mir leid, Harry!«, klagte sie. »Snape ist rausgekommen und hat mich gefragt, was ich da zu suchen hätte, und ich habe gesagt, ich würde auf Flitwick warten. Snape ist reingegangen und hat ihn geholt, und ich konnte mich eben erst loseisen. Ich weiß nicht, wo Snape hin ist.«
»Tja, das war’s dann wohl«, sagte Harry.
Die andern beiden starrten ihn an. Er war blass und seine Augen glitzerten.
»Ich gehe heute Nacht raus und versuche als Erster zum Stein zu kommen.«
»Du bist verrückt!«, sagte Ron.
»Das kannst du nicht machen!«, sagte Hermine. »Nach dem, was McGonagall und Snape gesagt haben? Sie werden dich rauswerfen!«
»NA UND?«, rief Harry. »Versteht ihr nicht? Wenn Snape den Stein in die Hände kriegt, dann kommt Voldemort zurück! Hast du nicht gehört, wie es war, als er versucht hat, die Macht zu übernehmen? Dann gibt es kein Hogwarts mehr, aus dem wir rausgeschmissen werden können! Er würde Hogwarts dem Erdboden gleichmachen oder es in eine Schule für schwarze Magie verwandeln! Punkte zu verlieren spielt jetzt keine Rolle mehr, begreift ihr das denn nicht? Glaubt ihr etwa, er lässt euch und eure Familien in Ruhe, wenn Gryffindor den Hauspokal gewinnt? Wenn ich erwischt werde, bevor ich zum Stein komme, sei’s drum, dann muss ich zurück zu den Dursleys und darauf warten, dass mich Voldemort dort findet. Das heißt nur, dass ich ein wenig später sterbe, als ich ohnehin müsste, denn ich gehe niemals auf die dunkle Seite! Ich steige heute Nacht durch diese Falltür, und nichts, was ihr beide sagt, wird mich aufhalten. Voldemort hat meine Eltern umgebracht, erinnert ihr euch?«
Zornfunkelnd sah er sie an.
»Du hast Recht, Harry«, sagte Hermine leise.
»Ich nehme den Tarnumhang«, sagte Harry. »Ein Glück, dass ich ihn zurückbekommen habe.«
»Aber passen wir alle drei darunter?«, sagte Ron.
»Alle … alle drei?«
»Aach, hör doch auf, glaubst du etwa, wir lassen dich alleine gehen?«
»Natürlich nicht«, sagte Hermine energisch. »Wie glaubst du eigentlich, dass du ohne uns zu dem Stein kommst? Ich an deiner Stelle würde mir die Bücher vornehmen, da könnte vielleicht was Nützliches drinstehen …«
»Aber wenn wir erwischt werden, werdet ihr auch rausgeworfen.«
»Das möcht ich erst mal sehen«, entgegnete Hermine mit entschlossener Miene. »Flitwick hat mir schon verraten, dass ich bei ihm in der Prüfung eine Eins plus habe. Mit der Note werfen die mich nicht raus.«
Nach dem Abendessen saßen die drei abseits in einer Ecke des Gemeinschaftsraums. Sie waren nervös, aber niemand kümmerte sich um sie; mit Harry sprach ohnehin keiner von den Gryffindors mehr. An diesem Abend nahm Harry das zum ersten Mal mit Gleichmut hin. Hermine blätterte durch alle ihre Aufzeichnungen, um vielleicht auf einen der Zauberbanne zu stoßen, die sie gleich versuchen würden zu brechen. Harry und Ron redeten nicht viel miteinander. Beide dachten über das nach, was sie gleich unternehmen würden.
Allmählich leerte sich der Raum, es wurde Zeit zum Schlafengehen.
»Hol jetzt besser den Umhang«, murmelte Ron, als Lee Jordan endlich gähnend und sich streckend hinausging. Harry rannte nach oben in ihr dunkles Schlafzimmer. Er zog den Umhang hervor, und dann fiel sein Blick auf die Flöte, die ihm Hagrid zu Weihnachten geschenkt hatte. Er steckte sie ein für Fluffy – nach Singen war ihm nicht besonders zumute.
Dann rannte er wieder hinunter in den Gemeinschaftsraum.
»Wir sollten den Umhang am besten hier anziehen und zusehen, dass wir alle drei darunterpassen – wenn Filch einen unserer Füße allein umherwandern sieht –«
»Was habt ihr vor?«, sagte eine Stimme aus der Ecke.
Neville tauchte hinter einem Sessel auf, mit Trevor in der Hand, die aussah, als hätte sie wieder einmal einen Fluchtversuch unternommen.
»Nichts, Neville, nichts«, sagte Harry und versteckte hastig den Umhang hinter dem Rücken.
Neville starrte auf ihre schuldbewussten Gesichter.
»Ihr geht wieder raus«, sagte er.
»Nein, nein, nein«, sagte Hermine. »Nein, das tun wir nicht. Warum gehst du nicht zu Bett, Neville?«
Harry warf einen Blick auf die Standuhr bei der Tür. Sie durften jetzt nicht noch mehr Zeit verlieren, vielleicht spielte Snape gerade in diesem Moment Fluffy ein Schlaflied.
»Ihr könnt nicht rausgehen«, sagte Neville, »sie erwischen euch wieder und Gryffindor kriegt noch mehr Ärger.«
»Das verstehst du nicht«, sagte Harry, »es ist wichtig.«
Doch Neville sprach sich offensichtlich gerade eisernen Mut zu, etwas Verzweifeltes zu tun.
»Ich lass euch nicht gehen«, sagte er und sprang hinüber zum Porträtloch. »Ich – ich kämpfe gegen euch!«
»Neville«, schrie Ron auf, »geh weg von dem Loch und sei kein Idiot –«
»Nenn mich nicht Idiot!«, sagte Neville. »Ich will nicht, dass ihr noch mehr Regeln brecht! Ihr habt mir auch gesagt, ich solle mich gegen die anderen wehren!«
»Ja, aber nicht gegen uns«, sagte Ron erschöpft. »Neville, du weißt nicht, was du tust.«
Er trat einen Schritt vor, und Neville ließ Trevor fallen, die mit ein paar Hüpfern verschwand.
»Na komm schon, versuch mich zu schlagen!«, sagte Neville und hob die Fäuste. »Ich bin bereit!«
Harry wandte sich Hermine zu.
»Unternimm was«, sagte er verzweifelt.
Hermine trat vor.
»Neville«, sagte sie. »Das tut mir jetzt arg, arg leid.«
Sie hob den Zauberstab.
»Petrificus Totalus!«, schrie sie, mit ausgestrecktem Arm auf Neville deutend.
Nevilles Arme schnappten ihm an die Seiten. Seine Beine klappten zusammen. Mit vollkommen versteinertem Körper schwankte er ein wenig auf der Stelle und fiel dann, steif wie ein Brett, mit dem Gesicht voraus auf den Boden.
Hermine stürzte zu ihm und drehte ihn um. Nevilles Kiefer waren zusammengepresst, so dass er nicht mehr sprechen konnte. Nur seine Augen bewegten sich noch und sahen sie mit dem Ausdruck äußersten Entsetzens an.
»Was hast du mit ihm gemacht?«, flüsterte Harry.
»Das ist die Ganzkörperklammer«, sagte Hermine niedergeschlagen. »Oh, Neville, es tut mir ja so leid.«
»Wir mussten es tun, Neville, keine Zeit jetzt, um es zu erklären«, sagte Harry.
»Später wirst du es schon verstehen, Neville«, sagte Ron, als sie über ihn stiegen und sich den Tarnumhang überwarfen.
Den versteinerten Neville zurückzulassen kam ihnen nicht als besonders gutes Omen vor. Nervös, wie sie waren, sah jede Statue wie Filch aus, klang jeder ferne Windhauch wie Peeves, der auf sie herabsauste.
Am Fuß der ersten Treppe bemerkten sie, dass oben, fast am Ende der Treppe, Mrs Norris lauerte.
»Ach, geben wir ihr einen Fußtritt, nur dieses eine Mal«, flüsterte Ron Harry ins Ohr, doch Harry schüttelte den Kopf. Sie kletterten vorsichtig um sie herum, und Mrs Norris richtete ihre leuchtenden Augen auf sie, rührte sich jedoch nicht vom Fleck.
Sie trafen niemanden sonst, bis sie die Treppe erreichten, die hoch zum dritten Stock führte. Peeves hüpfte auf halber Höhe umher und zog den Teppich auf den Stufen locker, um die Darübergehenden ins Stolpern zu bringen.
»Wer da?«, fragte er plötzlich, als sie zu ihm hochstiegen. Seine gemeinen schwarzen Augen verengten sich. »Ich weiß, ihr seid da, auch wenn ich euch nicht sehen kann. Wer seid ihr, Gespenster oder kleine Schulbiester?«
Er stieg empor und blieb lauernd in der Luft schweben.
»Sollte Filch rufen, sollte ich, wenn etwas Unsichtbares umherschleicht.«
Harry schoss eine Idee durch den Kopf.
»Peeves«, sagte er heiser flüsternd, »der Blutige Baron hat seine Gründe, unsichtbar zu bleiben.«
Peeves fiel vor Schreck fast aus der Luft. Er konnte sich gerade noch rechtzeitig abfangen und blieb einen halben Meter über der Treppe hängen.
»Verzeihung vielmals, Eure Blutigkeit, Herr Baron, Sir«, sagte er schleimig. »Meine Schuld, ganz meine Schuld – ich hab Sie nicht gesehen – natürlich nicht, Sie sind unsichtbar – verzeihen Sie dem alten Peeves diesen kleinen Scherz, Sir.«
»Ich bin geschäftlich hier, Peeves«, krächzte Harry. »Bleiben Sie heute Nacht von hier fern.«
»Das werde ich, Sir, das werde ich ganz gewiss tun«, sagte Peeves und stieg wieder in die Lüfte. »Hoffe, die Geschäfte gehen gut, Herr Baron, ich werde Sie nicht belästigen.«
Und er schoss davon.
»Genial, Harry!«, flüsterte Ron.
Ein paar Sekunden später standen sie draußen vor dem Korridor im dritten Stock – und die Tür war nur angelehnt.
»Schöne Bescherung«, sagte Harry leise. »Snape ist schon an Fluffy vorbei.«
Die offene Tür schien allen dreien eindringlich zu sagen, was sie erwartete. Unter dem Umhang wandte sich Harry an die beiden andern.
»Wenn ihr jetzt zurückwollt, mach ich euch keinen Vorwurf«, sagte er. »Ihr könnt den Umhang nehmen, ich brauche ihn jetzt nicht mehr.«
»Red keinen Stuss«, sagte Ron.
»Wir kommen mit«, sagte Hermine.
Harry stieß die Tür auf.
Die Tür knarrte und ein tiefes, grollendes Knurren drang an ihre Ohren. Wie im Wahn schnüffelte der Hund mit allen drei Schnauzen nach ihnen, auch wenn er sie nicht sehen konnte.
»Was liegt da zwischen seinen Beinen?«, flüsterte Hermine.
»Sieht aus wie eine Harfe«, sagte Ron. »Snape muss sie dagelassen haben.«
»Er wacht sicher auf, sobald man aufhört zu spielen«, sagte Harry. »Nun, dann mal los …«
Er setzte Hagrids Flöte an die Lippen und blies hinein. Es war keine richtige Melodie, doch kaum hatte er einen Ton hervorgebracht, kroch schon die Müdigkeit in die Augen des Untiers. Harry wagte kaum Luft zu holen. Allmählich wurde das Knurren des Hundes schwächer – er torkelte und tapste ein wenig mit den Pfoten, fiel auf die Knie, plumpste dann vollends zu Boden und versank in tiefen Schlaf.
»Spiel weiter«, ermahnte Ron Harry, als sie aus dem Mantel schlüpften und zur Falltür krochen. Sie näherten sich den riesigen Köpfen und spürten den heißen, stinkenden Atem des Hundes.
»Ich glaube, wir können die Tür hochklappen«, sagte Ron und spähte über den Rücken des Tiers. »Willst du zuerst gehen, Hermine?«
»Nein, will ich nicht!«
»Schon gut.« Ron biss die Zähne zusammen und stapfte vorsichtig über die Beine des Hundes. Er bückte sich und zog am Ring der Falltür; sie schwang auf.
»Was siehst du?«, fragte Hermine neugierig.
»Nichts – alles dunkel – hinunterklettern können wir nicht, es bleibt uns nichts übrig, als zu springen.«
Harry, der noch immer Flöte spielte, winkte Ron und deutete auf sich.
»Du willst zuerst? Bist du sicher?«, fragte Ron. »Ich weiß nicht, wie tief das Loch ist. Gib Hermine die Flöte, damit er nicht wach wird.«
Harry gab ihr die Flöte. Während der wenigen Sekunden der Stille knurrte und zuckte der Hund, doch in dem Augenblick, da Hermine zu spielen begann, fiel er wieder in tiefen Schlaf.
Harry stieg über ihn hinweg und blickte durch die Öffnung der Falltür. Er sah in bodenlose Schwärze.
Er stieg durch die Luke, bis er nur noch an den Fingerspitzen baumelte. Dann sah er hoch zu Ron und sagte: »Wenn mir etwas passiert, kommt nicht hinterher. Geht gleich in die Eulerei und schickt Hedwig zu Dumbledore, ja?«
»Gut«, sagte Ron.
»Wir sehen uns gleich, hoffentlich …«
Und Harry ließ sich fallen. Kalte, feuchte Luft rauschte an ihm vorbei, und er fiel immer weiter, weiter und –
FLUMMPPH. Mit einem merkwürdig dumpfen Aufschlag landete er auf etwas Weichem. Er setzte sich auf; seine Augen hatten sich noch nicht an die Dunkelheit gewöhnt, und so ertastete er mit den Händen seine Umgebung. Es fühlte sich an, als würde er auf einer Art Pflanze sitzen.
»Alles in Ordnung!«, rief er nach oben zu dem Lichtfleck der offenen Luke, die jetzt so groß wirkte wie eine Briefmarke. »Ich bin weich gelandet, ihr könnt springen!«
Ron folgte ihm ohne Zögern. Er landete auf allen vieren neben Harry.
»Was ist das für ein Zeug?«, waren seine ersten Worte.
»Weiß nicht, eine Art Pflanze. Ich glaube, sie soll den Sturz abfedern. Komm runter, Hermine!«
Die ferne Musik verstummte. Der Hund gab einen lauten Kläffer von sich, doch Hermine war schon gesprungen. Sie landete auf Harrys anderer Seite.
»Wir müssen Meilen unter der Schule sein«, sagte sie.
»Ein Glück, dass diese komische Pflanze hier ist«, sagte Ron.
»Glück?«, kreischte Hermine. »Schaut euch nur an!«
Sie sprang auf und stakste mühsam zu einer feuchten Wand hinüber. Sie musste alle Kraft aufwenden, denn kaum dass sie gelandet war, hatte die Pflanze begonnen, Ranken wie Schlangen um ihre Fußknöchel zu winden. Und ohne dass sie es gemerkt hatten, waren Harrys und Rons Beine schon fest mit langen Trieben verschnürt.
Hermine hatte es geschafft, sich zu befreien, bevor die Pflanze sich an ihr festgesetzt hatte. Nun sah sie entsetzt zu, wie die beiden Jungen verzweifelt versuchten die Schlingen von sich abzureißen, doch je mehr sie sich sträubten, desto fester und schneller wand sich die Pflanze um sie.
»Haltet still!«, befahl ihnen Hermine. »Ich weiß, was das ist – es ist eine Teufelsschlinge!«
»Oh, gut, dass ich weiß, wie das, was mich umbringt, heißt, das ist eine große Hilfe«, fauchte Ron und beugte sich nach hinten, damit die Pflanze sich nicht um seinen Hals schlingen konnte.
»Sei still, ich versuch mich zu erinnern, wie man sie umbringen kann!«, sagte Hermine.
»Na dann beeil dich, ich ersticke!«, würgte Harry hervor, der mit den Schlingen um seine Brust kämpfte.
»Teufelsschlinge, Teufelsschlinge … Was hat Professor Sprout gesagt? – Sie mag das Dunkle und Feuchte –«
»Dann mach Feuer!«, ächzte Harry.
»Ja – natürlich – aber hier gibt es kein Holz!«, schrie Hermine händeringend.
»BIST DU VERRÜCKT GEWORDEN?«, brüllte Ron. »BIST DU NUN EINE HEXE ODER NICHT?«
»Ach ja!«, sagte Hermine und riss ihren Zauberstab hervor, schwang ihn, murmelte etwas und schickte einen Strom der gleichen bläulichen Flämmchen gegen die Pflanze, mit denen sie schon Snape angekokelt hatte. Nach wenigen Augenblicken spürten die Jungen, dass die Schlingen sich lockerten und die Pflanze vor dem Licht und der Hitze auswich. Zitternd und mit den Schlingen schlagend, löste sie sich von Harry und Ron und sie konnten die Pflanze schließlich vollends abschütteln.
»Ein Glück, dass du in Kräuterkunde aufgepasst hast, Hermine«, sagte Harry, als er zu ihr an die Wand sprang und sich den Schweiß vom Gesicht wischte.
»Ja«, sagte Ron, »und ein Glück, dass Harry den Kopf nicht verliert, wenn’s brenzlig wird – ›es gibt kein Holz‹ – also wirklich!«
»Da lang«, sagte Harry und deutete auf den einzigen Weg, der sich bot, einen steinernen Gang.
Alles, was sie außer ihren Schritten hören konnten, war ein sanftes Rieseln von Wasser, das die Wände herablief. Der Gang neigte sich in die Tiefe und Harry musste an Gringotts denken. Mit plötzlichem, schmerzhaftem Herzpochen fiel ihm ein, dass angeblich Drachen die Verliese in der Zaubererbank bewachten. Wenn sie nun auf einen Drachen stießen, auf einen ausgewachsenen Drachen – Norbert war schon schlimm genug gewesen …
»Kannst du etwas hören?«, flüsterte Ron.
Harry lauschte. Von oben schien ein leises Rascheln und Klimpern zu kommen.
»Glaubst du, das ist ein Geist?«
»Ich weiß nicht … hört sich an wie Flügel.«
»Da vorn ist Licht und etwas bewegt sich.«
Sie erreichten das Ende des Ganges und sahen vor sich eine strahlend hell erleuchtete Gruft, deren Decke sich hoch über ihnen wölbte. Sie war voller kleiner, diamantheller Vögel, die im ganzen Raum umherflatterten und herumhüpften. Auf der anderen Seite der Gruft war eine schwere Holztür.
»Glaubst du, sie greifen uns an, wenn wir durchgehen?«, sagte Ron.
»Wahrscheinlich«, sagte Harry. »Sie sehen zwar nicht gerade bösartig aus, aber ich glaube, wenn sie alle auf einmal auf uns losgehen … Nun, es bleibt uns nichts anderes übrig … Ich renne hinüber.«
Er holte tief Luft, bedeckte das Gesicht mit den Armen und stürmte durch die Gruft. Er rechnete jede Sekunde damit, dass sich die Vögel mit scharfen Schnäbeln und Klauen auf ihn stürzten, doch nichts geschah. Harry erreichte die Tür, ohne dass sie sich um ihn kümmerten. Er drückte die Klinke, doch die Tür war verschlossen.
Die beiden anderen folgten ihm. Sie zogen und rüttelten an der Tür, doch sie gab nicht um Haaresbreite nach, nicht einmal, als es Hermine mit ihrem Alohomora-Spruch probierte.
»Was nun?«, sagte Ron.
»Diese Vögel … sie können nicht einfach zum Anschauen hier sein«, sagte Hermine.
Sie betrachteten die Vögel, die funkelnd über ihren Köpfen umherschwirrten – funkelnd?
»Das sind keine Vögel!«, sagte Harry plötzlich, »das sind Schlüssel! Geflügelte Schlüssel, seht genau hin. Das muss also heißen …« Er sah sich in der Gruft um, während die anderen beiden zu dem Schlüsselschwarm emporschauten.
»… ja, seht mal! Besen! Wir müssen den Schlüssel zur Tür einfangen!«
»Aber es gibt hunderte davon!«
Ron untersuchte das Türschloss.
»Wir suchen nach einem großen, altmodischen Schlüssel – vermutlich silbern, wie die Klinke.«
Sie packten jeder einen Besen, stießen sich hoch in die Luft und fegten inmitten der Wolke aus Schlüsseln herum. Sie grabschten und pickten nach ihnen, doch die verhexten Schlüssel schossen pfeilschnell davon oder tauchten weg, so dass es unmöglich schien, einen zu fangen.
Nicht umsonst jedoch war Harry der jüngste Sucher seit einem Jahrhundert. Er hatte ein Talent dafür, Dinge zu sehen, die anderen verborgen blieben. Eine Weile wedelte er durch den Wirbel der Regenbogenfedern, dann fiel ihm ein großer silberner Schlüssel mit einem geknickten Flügel auf. Er sah aus, als hätte ihn schon jemand gepackt und grob ins Schlüsselloch gesteckt.
»Der dort!«, rief er den andern zu. »Dieser große – dort – nein, dort – mit himmelblauen Flügeln – auf der einen Seite ist er ganz zerzaust.«
Ron sauste in die Richtung, in die Harry deutete, krachte gegen die Decke und fiel fast von seinem Besen.
»Wir müssen ihn einkreisen!«, rief Harry, ohne den Schlüssel mit dem beschädigten Flügel aus den Augen zu lassen. »Ron, du kommst von oben – Hermine, du bleibst unten, falls er abtaucht – und ich versuche ihn zu fangen. Los, JETZT!«
Ron kam im Sturzflug heruntergeschossen, Hermine raste steil nach oben wie eine Rakete; der Schlüssel wich beiden aus. Harry raste ihm hinterher, der Wand entgegen, er beugte sich weit vor und presste den Schlüssel mit der Hand gegen die Wand. Es gab ein hässliches Knirschen. Die Gruft hallte von Rons und Hermines Jubelrufen.
Sie ließen sich schnell auf den Boden herunter und Harry lief mit dem widerspenstigen Schlüssel in der Hand zur Tür. Er rammte ihn in das Schloss, drehte ihn um – und es klickte. Kaum hatte sich das Schloss geöffnet, flatterte der Schlüssel wieder los, nun, da er zweimal gefangen worden war, sehr mitgenommen aussehend.
»Seid ihr bereit?«, fragte Harry die anderen beiden, die Hand auf der Türklinke. Sie nickten. Er öffnete die Tür.
Die nächste Gruft war so dunkel, dass sie überhaupt nichts sehen konnten. Doch als sie einen Schritt hineintaten, flutete Licht durch den Raum, und ihnen bot sich ein verblüffender Anblick.
Sie standen am Rande eines riesigen Schachbretts, im Rücken der schwarzen Schachfiguren, allesamt größer als sie und offenbar aus einer Art schwarzem Stein gemeißelt. Ihnen gegenüber, auf der anderen Seite der Gruft, standen die weißen Figuren. Harry, Ron und Hermine erschauderten – die riesigen weißen Figuren hatten keine Gesichter.
»Und was sollen wir jetzt tun?«, flüsterte Harry.
»Ist doch klar«, sagte Ron. »Wir müssen uns durch den Raum spielen.«
Hinter den weißen Figuren konnten sie eine weitere Tür sehen.
»Wie?«, sagte Hermine nervös.
»Ich glaube«, sagte Ron, »wir müssen Schachmenschen werden.«
Er ging vor zu einem schwarzen Springer, streckte die Hand aus und berührte ihn. Sofort erwachte der Stein zum Leben. Das Pferd scharrte und der Ritter wandte seinen behelmten Kopf zu Ron hinunter.
»Müssen wir – ähm – mit euch kämpfen, um hinüberzukommen?«
Der schwarze Ritter nickte. Ron drehte sich zu den andern um.
»Lasst mich mal nachdenken …«, sagte er. »Ich denke, wir müssen die Plätze von drei der Schwarzen einnehmen …«
Harry und Hermine sahen schweigend zu, wie Ron nachdachte. Schließlich sagte er: »Hört mal, seid nicht beleidigt, aber keiner von euch beiden ist besonders gut im Schach.«
»Wir sind nicht beleidigt«, sagte Harry rasch. »Sag uns einfach, was wir tun sollen.«
»Gut. Harry, du nimmst den Platz dieses Läufers ein, und Hermine, du gehst rüber auf den Platz des Turms.«
»Was ist mit dir?«
»Ich bin ein Springer«, sagte Ron.
Die Schachfiguren hatten offenbar zugehört, denn in diesem Augenblick kehrten ein Springer, ein Läufer und ein Turm den weißen Figuren den Rücken und schritten vom Platz. Sie ließen drei leere Quadrate zurück, auf denen Harry, Ron und Hermine ihre Plätze einnahmen.
»Weiß zieht im Schach immer zuerst«, sagte Ron und spähte über das Brett. »Ja … schaut …«
Ein weißer Bauer war zwei Felder vorgerückt.
Ron begann die schwarzen Figuren zu führen. Wo immer er sie hinschickte, sie rückten schweigend auf ihre Plätze. Harry zitterten die Knie. Was, wenn sie verloren?
»Harry, rück vier Felder schräg nach rechts.«
Richtig mit der Angst zu tun bekamen sie es erst, als der andere Springer geschlagen wurde. Die weiße Dame schlug ihn zu Boden und schleifte ihn vom Brett, wo er mit dem Gesicht nach unten bewegungslos liegen blieb.
»Ich musste das zulassen«, sagte Ron erschüttert. »Deshalb kannst du jetzt diesen Läufer schlagen, Hermine, geh los.«
Wenn die Weißen eine ihrer Figuren schlagen konnten, zeigten sie niemals Gnade. Nach kurzer Zeit lagen haufenweise übereinander gekrümmte schwarze Spieler entlang der Wand. Zweimal bemerkte Ron gerade noch rechtzeitig, dass Harry und Hermine in Gefahr waren. Er selbst jagte auf dem Brett umher und schlug fast so viele weiße Figuren, wie sie schwarze verloren hatten.
»Wir haben es gleich geschafft«, murmelte er plötzlich. »Lasst mich nachdenken … lasst mich nachdenken …«
Die weiße Königin wandte ihm ihr leeres Gesicht zu.
»Ja …«, sagte Ron leise, »das ist die einzige Chance … Ich muss geschlagen werden.«
»NEIN!«, riefen Harry und Hermine.
»So ist es eben im Schach!«, herrschte sie Ron an. »Manchmal muss man Figuren opfern! Ich mache meinen Zug und sie schlägt mich, dann könnt ihr den König schachmatt setzen. Harry!«
»Aber –«
»Willst du Snape aufhalten oder nicht?«
»Ron –«
»Hör zu, wenn du dich nicht beeilst, dann ist er mit dem Stein auf und davon!«
Darauf gab es nichts mehr zu sagen.
»Fertig?«, rief Ron mit blassem Gesicht, aber entschlossen. »Ich springe, und trödelt nicht, wenn ihr gewonnen habt.«
Er sprang vor und die weiße Dame stürzte sich auf ihn. Mit ihrem steinernen Arm schlug sie Ron heftig gegen den Kopf und er brach auf dem Boden zusammen. Hermine schrie, blieb aber auf ihrem Feld. Die weiße Dame schleifte Ron zur Seite. Offenbar hatte sie ihn bewusstlos geschlagen.
Harry ging mit zitternden Knien drei Felder nach links.
Der weiße König nahm seine Krone ab und warf sie Harry zu Füßen. Sie hatten gewonnen. Die Schachfiguren verbeugten sich zum Abschied und gaben die Tür auf ihrer Seite frei. Mit einem letzten verzweifelten Blick zurück auf Ron stürmten Harry und Hermine durch die Tür und rannten den nächsten Gang entlang.
»Was, wenn er –?«
»Er wird schon wieder auf die Beine kommen«, sagte Harry, gegen seine Zweifel ankämpfend. »Was, meinst du, kommt als Nächstes?«
»Wir haben den Zauber von Sprout hinter uns, das war die Teufelsschlinge, Flitwick muss die Schlüssel verhext haben, Professor McGonagall hat die Schachfiguren lebendig gemacht, bleibt noch der Zauber von Quirrell und der von Snape …«
Sie waren an eine weitere Tür gelangt.
»Einverstanden?«, flüsterte Harry.
»Mach schon.«
Harry stieß die Tür auf.
Ein widerlicher Gestank schlug ihnen entgegen und beide hielten sich den Umhang vor die Nase. Mit tränenden Augen sahen sie einen Troll, alle viere von sich gestreckt und mit einer blutigen Wunde am Kopf, auf dem Boden liegen, noch größer sogar als der, mit dem sie es schon aufgenommen hatten.
»Ich bin heilfroh, dass wir uns den sparen können«, flüsterte Harry, als sie vorsichtig über eines seiner massigen Beine stapften. »Komm weiter, mir verschlägt es den Atem.«
Er öffnete die nächste Tür, und beide wagten kaum hinzusehen, was wohl als Nächstes kommen würde. Doch hier drin war nichts besonders Furcht erregend, nur ein Tisch mit sieben aneinandergereihten Flaschen, die alle unterschiedliche Gestalt hatten.
»Snapes Zauber«, sagte Harry. »Was müssen wir tun?«
Kaum waren sie über die Schwelle getreten, loderte hinter ihnen im Türrahmen ein Feuer hoch. Es war kein gewöhnliches Feuer: Es war purpurrot. Im gleichen Augenblick schossen schwarze Flammen im Türbogen gegenüber auf. Sie saßen in der Falle.
»Schau mal!« Hermine griff nach einem zusammengerollten Blatt Papier, das neben den Flaschen lag. Harry sah ihr über die Schulter und las:
Die Gefahr liegt vor euch, die Rettung zurück,
Zwei von uns helfen, bei denen habt ihr Glück,
Eine von uns sieben, die bringt euch von dannen,
Eine andere führt den Trinker zurück durch die Flammen,
Zwei von uns enthalten nur guten Nesselwein,
Drei von uns sind Mörder, warten auf eure Pein.
Wählt eine, wenn ihr weiterwollt und nicht zerstäuben hier.
Euch helfen sollen Hinweis’ – und davon ganze vier:
Erstens: so schlau das Gift versteckt mag sein,
’s ist immer welches zur Linken vom guten Nesselwein;
Zweitens: die beiden an den Enden sind ganz verschied’ne Leut,
doch wenn ihr wollt weitergehen, so ist keine davon euer Freund;
Drittens: wie ihr deutlich seht, sind alle verschieden groß.
Doch weder der Zwerg noch der Riese enthalten euren Tod.
Viertens: die zweite von links und die zweite von rechts werden gleichen Geschmack haben,
so verschiedene Gestalt sie auf den ersten Blick auch haben.
Hermine seufzte laut auf, und Harry sah verblüfft, dass sie lächelte, das Letzte, wonach ihm zumute war.
»Ausgezeichnet«, sagte Hermine. »Das ist nicht Zauberei, das ist Logik, ein Rätsel. Viele von den größten Zauberern haben keine Unze Logik im Kopf, die säßen hier für immer in der Falle.«
»Aber wir doch auch, oder?«
»Natürlich nicht«, sagte Hermine. »Alles, was wir brauchen, steht hier auf diesem Papier. Sieben Flaschen: drei enthalten Gift; zwei Wein; eine bringt uns sicher durch das schwarze Feuer und eine bringt uns zurück durch das purpurne.«
»Aber woher sollen wir wissen, welche wir trinken müssen?«
»Gib mir eine Minute Zeit.«
Hermine las das Papier mehrmals durch. Dann ging sie vor den Flaschen auf und ab, vor sich hin murmelnd und auf sie deutend. Schließlich klatschte sie in die Hände.
»Ich hab’s«, sagte sie. »Die kleinste Flasche bringt uns durch das schwarze Feuer, zum Stein.«
Harry musterte die kleine Flasche.
»Sie reicht nur für einen«, sagte er. »Das ist kaum ein Schluck.«
Sie sahen sich an.
»Welche führt zurück durch die Purpurflammen?«
Hermine deutete auf eine bauchige Flasche am rechten Ende der Reihe.
»Die trinkst du«, sagte Harry. »Nein, hör zu, geh zurück und nimm Ron mit, schnappt euch zwei Besen aus dem Raum mit den fliegenden Schlüsseln, die bringen euch durch die Falltür und an Fluffy vorbei; fliegt sofort in die Eulerei und schickt Hedwig zu Dumbledore, wir brauchen ihn. Vielleicht kann ich Snape eine Weile hinhalten, aber im Grunde kann ich es nicht mit ihm aufnehmen.«
»Aber, Harry, was ist, wenn Du-weißt-schon-wer bei ihm ist?«
»Tja, das letzte Mal hab ich Glück gehabt«, sagte Harry und deutete auf seine Narbe. »Vielleicht hab ich ja noch mal Glück.«
Hermines Lippen zitterten und plötzlich rannte sie auf Harry zu und warf die Arme um ihn.
»Hermine!«
»Harry, du bist ein großer Zauberer, das weißt du.«
»Ich bin nicht so gut wie du«, sagte Harry ganz verlegen. Sie ließ ihn los.
»Wie ich?«, sagte Hermine. »Bücher! Schlauheit! Es gibt wichtigere Dinge – Freundschaft und Mut und – o Harry, sei vorsichtig!«
»Trink du zuerst«, sagte Harry. »Du bist dir sicher, was wo drin ist?«
»Vollkommen«, sagte Hermine. Sie nahm einen großen Schluck aus der runden Flasche und erschauderte.
»Es ist kein Gift?«, sagte Harry beängstigt.
»Nein, aber es ist wie Eis.«
»Schnell, geh, bevor es nachlässt.«
»Viel Glück, pass auf dich auf –«
»GEH!«
Hermine wandte sich um und ging geradewegs durch das purpurne Feuer.
Harry holte tief Luft und nahm die kleinste Flasche in die Hand. Er wandte sich den schwarzen Flammen zu.
»Ich komme«, sagte er und leerte die kleine Flasche mit einem Zug.
Es war wirklich wie Eis, das seinen Körper durchströmte. Er stellte die Flasche zurück, nahm all seinen Mut zusammen und machte sich auf; er sah die schwarzen Flammen an seinem Körper hochzüngeln, doch er spürte sie nicht. Einen Moment lang konnte er nichts sehen außer dunklem Feuer, dann war er auf der anderen Seite, in der letzten Gruft.
Jemand war schon da – doch es war nicht Snape. Es war auch nicht Voldemort.
Der Mann mit den zwei Gesichtern
Es war Quirrell.
»Sie!«, stieß Harry hervor.
Quirrell lächelte. Kein Zucken war mehr in seinem Gesicht.
»Ja, ich«, sagte er gelassen. »Ich habe mich gefragt, ob ich Sie hier treffen würde, Potter.«
»Aber ich dachte – Snape –«
»Severus?« Quirrell lachte und es war nicht sein übliches zittrig schrilles Lachen, es war kalt und scharf. »Ja, Severus scheint der richtige Mann dafür zu sein, nicht wahr? Recht nützlich, dass er umherschwirrt wie eine zu groß geratene Fledermaus. Wer würde neben ihm den a-a-armen st-stotternden P-Professor Quirrell verdächtigen?«
Harry konnte es nicht fassen. Das durfte einfach nicht wahr sein.
»Aber Snape hat versucht mich umzubringen!«
»Nein, nein, nein. Ich habe es getan. Ihre Freundin Miss Granger hat mich versehentlich umgerempelt, als sie beim Quidditch-Spiel zu Snape hinüberrannte, um ihn anzuzünden. Sie hat meinen Blickkontakt zu Ihnen unterbrochen. Ein paar Sekunden mehr und ich hätte Sie von diesem Besen heruntergehabt. Ich hätte es schon vorher geschafft, wenn Snape nicht einen Gegenzauber gemurmelt hätte, um Sie zu retten.«
»Snape hat versucht mich zu retten?«
»Natürlich«, sagte Quirrell kühl. »Warum, glauben Sie, wollte er beim nächsten Spiel der Schiedsrichter sein? Er wollte dafür sorgen, dass ich es nicht noch einmal versuche. Wirklich eigenartig … wenn Dumbledore dabei ist, kann ich ohnehin nichts ausrichten. Alle anderen Lehrer dachten, Snape wolle verhindern, dass Gryffindor gewinnt, und damit hat er sich richtig unbeliebt gemacht … was für eine Zeitverschwendung, wenn ich Sie heute Nacht schließlich doch umbringe.«
Quirrell schnippte mit den Fingern. Aus der Luft peitschten Seile hervor, die sich fest um Harrys Körper wickelten.
»Ihre Neugier bringt Sie um Kopf und Kragen, Potter. Sie sind an Halloween in der Schule umhergeschlichen und sind auf mich gestoßen. Ich wollte mir ansehen, wie der Stein bewacht ist.«
»Sie haben den Troll hereingelassen?«
»Gewiss. Ich habe ein glückliches Händchen, wenn es um Trolle geht. Sie haben ja gesehen, was ich mit dem in der Kammer dort hinten angestellt habe. Nun, während alle andern umherliefen und ihn suchten, ging Snape, der mich schon im Verdacht hatte, leider geradewegs in den dritten Stock, um mir den Weg abzuschneiden – und mein Troll hat es nicht nur versäumt, Sie totzuschlagen, dieser dreiköpfige Hund hat es nicht einmal fertiggebracht, Snapes Bein ganz abzubeißen.
Und jetzt, Potter, warten Sie hier ganz ruhig. Ich muss mir diesen interessanten Spiegel näher ansehen.«
Erst jetzt erkannte Harry, was hinter Quirrell stand. Es war der Spiegel Nerhegeb.
»Dieser Spiegel ist der Schlüssel zum Stein«, murmelte Quirrell und klopfte suchend am Rahmen entlang. »Typisch Dumbledore, sich so etwas einfallen zu lassen … aber er ist in London … bis er zurückkommt, bin ich längst über alle Berge …«
Harrys Gedanken drehten sich einzig darum, wie er Quirrell am Sprechen halten und ihn vom Spiegel ablenken konnte.
»Ich habe Sie und Snape im Wald gesehen –«, plapperte er hastig drauflos.
»Ja«, sagte Quirrell gleichmütig, während er um den Spiegel herumging, um sich die Rückseite anzusehen. »Da war er mir schon auf die Pelle gerückt und wollte wissen, wie weit ich gekommen war. Er hat mich die ganze Zeit über verdächtigt. Hat versucht mich einzuschüchtern – als ob er das könnte, wenn ich Lord Voldemort auf meiner Seite habe …«
Quirrell kam hinter dem Spiegel hervor und sah begierig hinein.
»Ich sehe den Stein … Ich überreiche ihn meinem Meister … aber wo ist er?«
Harry drückte mit aller Kraft gegen seine Fesseln, doch die Seile gaben nicht nach. Er musste Quirrell davon abhalten, seine ganze Aufmerksamkeit dem Spiegel zu widmen.
»Aber Snape kam mir immer so vor, als würde er mich richtig hassen.«
»Oh, das tut er auch«, sagte Quirrell nebenher, »Himmel, ja. Er und Ihr Vater waren zusammen in Hogwarts, haben Sie das nicht gewusst? Sie haben sich gegenseitig verabscheut. Aber er wollte nie, dass Sie sterben.«
»Aber vor ein paar Tagen hab ich Sie schluchzen gehört. Ich dachte, Snape würde Sie bedrohen …«
Zum ersten Mal huschte ein ängstliches Zucken über Quirrells Gesicht.
»Manchmal«, sagte er, »fällt es mir schwer, den Anweisungen meines Meisters zu folgen – er ist ein großer Zauberer und ich bin schwach –«
»Sie meinen, er war in diesem Klassenzimmer bei Ihnen?« Harry blieb der Mund offen.
»Er ist bei mir, wo immer ich bin«, sagte Quirrell leise. »Ich traf ihn bei meiner Reise um die Welt. Damals war ich noch ein einfältiger junger Mann, mit dem Kopf voll lächerlicher Vorstellungen über Gut und Böse. Lord Voldemort hat mir gezeigt, wie falsch ich dachte. Es gibt kein Gut und Böse, es gibt nur Macht, und jene, die zu schwach sind, um nach ihr zu streben … Seit damals bin ich sein treuer Diener, auch wenn ich ihn viele Male enttäuscht habe. Er musste sehr streng mit mir sein.« Quirrell zitterte plötzlich. »Fehler vergibt er nicht so einfach. Als es mir nicht gelungen ist, den Stein aus Gringotts zu stehlen, war er höchst ungehalten. Er hat mich bestraft … und beschlossen, mich näher im Auge zu behalten …«
Quirrells Stimme verlor sich. Harry fiel der Besuch in der Winkelgasse ein – wie konnte er nur so dusslig gewesen sein? An jenem Tag hatte er Quirrell dort gesehen und ihm im Tropfenden Kessel die Hand geschüttelt.
Quirrell fluchte leise vor sich hin.
»Ich verstehe nicht … ist der Stein im Innern des Spiegels? Sollte ich ihn zerschlagen?«
Harry raste der Kopf.
Was ich im Augenblick mehr als alles auf der Welt möchte, dachte er, ist, den Stein vor Quirrell zu finden. Wenn ich in den Spiegel schauen würde, müsste ich mich eigentlich dabei sehen, wie ich den Stein finde. Und das heißt, ich wüsste, wo er versteckt ist! Doch wie kann ich hineinsehen, ohne dass Quirrell bemerkt, was ich vorhabe?
Er versuchte sich ein wenig nach links zu bewegen, um vor das Glas zu kommen, ohne Quirrells Aufmerksamkeit zu erregen, doch die Seile waren zu fest um seine Knöchel gespannt: Er stolperte und fiel zu Boden. Quirrell achtete nicht auf ihn. Er sprach immer noch mit sich selbst.
»Was tut dieser Spiegel? Wie wirkt er? Hilf mir, Meister!«
Und zu Harrys Entsetzen antwortete eine Stimme und diese Stimme schien von Quirrell selbst zu kommen.
»Nutze den Jungen … Nutze den Jungen …«
Quirrell drehte sich zu Harry um.
»Ja, Potter, komm her.«
Er klatschte einmal in die Hände und Harrys Fesseln fielen von ihm ab. Langsam kam Harry auf die Beine.
»Komm her«, wiederholte Quirrell. »Schau in den Spiegel, und sag mir, was du siehst.«
Harry trat zu ihm.
»Ich muss lügen«, dachte er verzweifelt. »Ich muss hineinsehen und ihn darüber belügen, was ich sehe, das ist alles.«
Quirrell stellte sich dicht hinter ihn. Harry atmete den merkwürdigen Geruch ein, der von Quirrells Turban auszugehen schien. Er schloss die Augen, trat vor den Spiegel und öffnete sie wieder.
Er sah zuerst sein Spiegelbild, bleich und verängstigt. Doch einen Augenblick später lächelte ihn das Spiegelbild an. Es schob die Hand in die Tasche und zog einen blutroten Stein hervor. Es zwinkerte ihm zu und ließ den Stein in die Tasche zurückgleiten – und in diesem Moment spürte Harry etwas Schweres in seine wirkliche Tasche fallen. Irgendwie – unfasslicherweise – besaß er den Stein.
»Nun?«, sagte Quirrell ungeduldig. »Was siehst du?«
Harry nahm all seinen Mut zusammen.
»Ich sehe mich, wie ich Dumbledore die Hand schüttle«, reimte er sich zusammen. »Ich … ich hab den Hauspokal für Gryffindor gewonnen.«
Quirrell fluchte erneut.
»Aus dem Weg«, sagte er. Harry trat zur Seite und spürte den Stein der Weisen an seinem Bein. Konnte er es wagen, zu fliehen?
Doch er war keine fünf Schritte gegangen, als eine hohe Stimme ertönte, obwohl sich Quirrells Lippen nicht bewegten.
»Er lügt … Er lügt …«
»Potter, komm hierher zurück!«, rief Quirrell. »Sag mir die Wahrheit! Was hast du gesehen?«
»Lass mich zu ihm sprechen … von Angesicht zu Angesicht …«
»Meister, Ihr seid nicht stark genug!«
»Ich habe genügend Kraft … dafür …«
Harry hatte das Gefühl, als würde ihn eine Teufelsschlinge auf dem Boden anwurzeln. Er konnte keinen Muskel bewegen. Versteinert sah er zu, wie Quirrell die Hände hob und seinen Turban abwickelte. Was ging da vor? Der Turban fiel zu Boden. Quirrells Kopf sah seltsam klein aus ohne ihn. Dann drehte er sich langsam auf dem Absatz um.
Harry hätte geschrien, aber er brachte keinen Ton hervor. Wo eigentlich Quirrells Hinterkopf hätte sein sollen, war ein Gesicht, das schrecklichste Gesicht, das Harry jemals gesehen hatte. Es war kreideweiß mit stierenden roten Augen und, einer Schlange gleich, Schlitzen als Nasenlöchern.
»Harry Potter …«, flüsterte es.
Harry versuchte einen Schritt zurückzutreten, doch seine Beine wollten ihm nicht gehorchen.
»Siehst du, was aus mir geworden ist?«, sagte das Gesicht. »Nur noch Schatten und Dunst … Ich habe nur Gestalt, wenn ich jemandes Körper teile … aber es gibt immer jene, die willens sind, mich in ihre Herzen und Köpfe einzulassen … Einhornblut hat mich gestärkt in den letzten Wochen … du hast den treuen Quirrell gesehen, wie er es im Wald für mich getrunken hat … und sobald ich das Elixier des Lebens besitze, werde ich mir meinen eigenen Körper erschaffen können … Nun … warum gibst du mir nicht diesen Stein in deiner Tasche?«
Er wusste es also. Plötzlich strömte das Gefühl in Harrys Beine zurück. Er stolperte rückwärts.
»Sei kein Dummkopf«, schnarrte das Gesicht. »Rette besser dein eigenes Leben und schließ dich mir an … oder du wirst dasselbe Schicksal wie deine Eltern erleiden … Sie haben mich um Gnade angefleht, bevor sie gestorben sind …«
»LÜGNER!«, rief Harry plötzlich.
Quirrell ging rückwärts auf ihn zu, so dass Voldemort ihn im Auge behalten konnte. Das böse Gesicht lächelte jetzt.
»Wie rührend …«, zischte es. »Ich weiß Tapferkeit immer zu schätzen … Ja, Junge, deine Eltern waren tapfer … Ich habe deinen Vater zuerst getötet und er hat mir einen mutigen Kampf geliefert … aber deine Mutter hätte nicht sterben müssen … sie hat versucht dich zu schützen … Gib mir jetzt den Stein, wenn du nicht willst, dass sie umsonst gestorben ist.«
»NIEMALS!«
Harry sprang hinüber zur Flammentür, doch Voldemort schrie: »PACK IHN!«, und im nächsten Augenblick spürte Harry, wie Quirrells Hand sich um sein Handgelenk schloss. Sogleich schoss ein messerscharfer Schmerz durch Harrys Narbe; sein Kopf fühlte sich an, als wolle er entzweibersten; er schrie und kämpfte mit aller Kraft und zu seiner Überraschung ließ Quirrell ihn los. Der Schmerz in seinem Kopf ließ nach – fiebrig blickte er sich nach Quirrell um und sah ihn vor Schmerz zusammengekauert auf dem Boden sitzen und auf seine Finger starren – vor seinen Augen trieben sie blutige Blasen.
»PACK IHN! PACK IHN!«, kreischte Voldemort erneut. Mit einem Hechtsprung riss Quirrell Harry von den Füßen; Harry fiel auf den Rücken, Quirrell war auf ihm, mit beiden Händen fest um seinen Hals – Harrys Narbe machte ihn fast blind vor Schmerz, doch er hörte, wie Quirrell laut aufschrie.
»Meister, ich kann ihn nicht festhalten – meine Hände – meine Hände!«
Und obwohl Quirrell Harry mit den Knien zu Boden presste, ließ er seinen Hals los und starrte entgeistert auf seine Handflächen – die, wie Harry sehen konnte, verbrannt waren und fleischig rot glänzten.
»Dann töte ihn, Dummkopf, und scher dich fort!«, schrie Voldemort.
Quirrell hob die Hand, um einen tödlichen Fluch auszustoßen, doch Harry streckte unwillkürlich die Hand aus und presste sie auf Quirrells Gesicht.
»AAAARRH!«
Quirrell rollte von ihm herunter, nun auch im Gesicht übersät mit Brandblasen, und jetzt wusste Harry: Quirrell konnte seine nackte Haut nicht berühren, ohne schreckliche Schmerzen zu leiden – seine einzige Chance war, Quirrell festzuhalten und ihm anhaltende Qualen zu bereiten, so dass er keinen Fluch aussprechen konnte.
Harry sprang auf die Füße, griff Quirrell am Arm und packte so fest zu, wie er konnte. Quirrell schrie und versuchte Harry abzuschütteln – der Schmerz in Harrys Kopf wurde immer heftiger – er konnte nichts mehr sehen – er konnte nur Quirrells schreckliche Schreie und Voldemorts Rufe hören: »TÖTE IHN! TÖTE IHN!« – und auch andere Stimmen, vielleicht in seinem Kopf, die riefen: »Harry! Harry!«
Er spürte, wie Quirrells Arm seinem Griff entwunden wurde, wusste, dass nun alles verloren war, und fiel ins Dunkel, tief … tief …tief …
Vor seinen Augen glitzerte etwas Goldenes. Der Schnatz! Er versuchte nach ihm zu greifen, doch seine Arme waren zu schwer. Er blinzelte. Es war gar nicht der Schnatz. Es war eine Brille. Wie merkwürdig. Er blinzelte wieder. Das lächelnde Gesicht von Albus Dumbledore tauchte verschwommen über ihm auf.
»Guten Tag, Harry«, sagte Dumbledore.
Harry starrte ihn an. Dann kam die Erinnerung: »Sir! Der Stein! Es war Quirrell! Er hat den Stein! Sir, schnell –«
»Beruhige dich, mein Junge, du bist nicht ganz auf der Höhe der Ereignisse«, sagte Dumbledore. »Quirrell hat den Stein nicht.«
»Wer hat ihn dann? Sir, ich –«
»Harry, bitte beruhige dich, oder Madam Pomfrey wirft mich am Ende noch hinaus.«
Harry schluckte und sah sich um. Er musste im Krankenflügel sein. Er lag in einem Bett mit weißen Leintüchern, und neben ihm stand ein Tisch, der aussah wie ein Marktstand voller Süßigkeiten.
»Gaben von deinen Freunden und Bewunderern«, sagte Dumbledore strahlend. »Was unten in den Kerkern zwischen dir und Professor Quirrell geschehen ist, ist vollkommen geheim, und so weiß natürlich die ganze Schule davon. Ich glaube, deine Freunde, die Herren Fred und George Weasley, zeichnen verantwortlich für den Versuch, dir einen Toilettensitz zu schicken. Zweifellos dachten sie, es würde dich amüsieren. Madam Pomfrey jedoch meinte, er sei vielleicht nicht besonders hygienisch, und hat ihn beschlagnahmt.«
»Wie lange bin ich schon hier?«
»Drei Tage. Mr Ronald Weasley und Miss Granger werden sehr erleichtert sein, dass du wieder zu dir gekommen bist, sie waren höchst besorgt.«
»Aber, Sir, der Stein –«
»Wie ich sehe, lässt du dich nicht ablenken. Nun gut, der Stein. Professor Quirrell ist es nicht gelungen, dir den Stein abzunehmen. Ich bin rechtzeitig dazugekommen, um dies zu verhindern, obwohl du dich auch allein sehr gut geschlagen hast, muss ich sagen.«
»Sie waren da? Hat Hedwig Sie erreicht?«
»Wir müssen uns in der Luft gekreuzt haben. Kaum hatte ich London erreicht, war mir klar, dass ich eigentlich dort sein sollte, wo ich gerade hergekommen war. Ich kam gerade noch rechtzeitig, um Quirrell von dir herunterzureißen.«
»Das waren Sie.«
»Ich fürchtete schon, zu spät zu kommen.«
»Sie waren fast zu spät, lange hätte ich ihn nicht mehr vom Stein fernhalten können.«
»Es ging nicht um den Stein, mein Junge, sondern um dich. Die Anstrengung hat dich fast umgebracht. Einen schrecklichen Moment lang hielt ich dich für tot. Und was den Stein angeht, er wurde zerstört.«
»Zerstört?«, sagte Harry bestürzt. »Aber Ihr Freund, Nicolas Flamel –«
»Ach, du weißt von Nicolas?«, sagte Dumbledore und klang dabei recht vergnügt. »Du hast gründliche Arbeit geleistet. Nun, Nicolas und ich hatten ein kleines Gespräch und sind zu dem Schluss gekommen, dass dies das Beste ist.«
»Aber das heißt, er und seine Frau werden sterben.«
»Sie haben genug Elixier vorrätig, um ihre Angelegenheiten regeln zu können, und dann, ja, dann werden sie sterben.«
Dumbledore lächelte beim Anblick von Harrys verblüfftem Gesicht.
»Für jemanden, der so jung ist wie du, klingt es gewiss unglaublich, doch für Nicolas und Perenelle ist es im Grunde nur, wie wenn sie nach einem sehr, sehr langen Tag zu Bett gingen. Schließlich ist der Tod für den gut vorbereiteten Geist nur das nächste große Abenteuer. Weißt du, eigentlich war der Stein gar nichts so Wundervolles. Geld und Leben, so viel du dir wünschst! Die beiden Dinge, welche die meisten Menschen allem andern vorziehen würden – das Problem ist, die Menschen haben den Hang, genau das zu wählen, was am schlechtesten für sie ist.«
Harry lag da und wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Dumbledore summte ein wenig und lächelte die Decke an.
»Sir?«, sagte Harry. »Ich habe nachgedacht … Selbst wenn der Stein weg ist, wird Vol-, ich meine, Du-weißt-schon-wer –«
»Nenn ihn Voldemort, Harry. Nenn die Dinge immer beim richtigen Namen. Die Angst vor einem Namen steigert nur die Angst vor der Sache selbst.«
»Ja, Sir. Nun, Voldemort wird versuchen auf anderem Wege zurückzukommen. Ich meine, er ist nicht für immer auf und davon, oder?«
»Nein, Harry, das ist er nicht. Er ist immer noch irgendwo da draußen, vielleicht auf der Suche nach einem anderen Körper, der ihn aufnimmt … weil er nicht wirklich lebendig ist, kann er nicht getötet werden. Quirrell hat er dem Tod überlassen; seinen Gefolgsleuten erweist er genauso wenig Gnade wie seinen Feinden. Wie auch immer, Harry, vielleicht hast du nur seine Rückkehr an die Macht hinausgezögert; er braucht nur jemand anderen, der bereit ist, eine neue Schlacht zu schlagen, bei der er wohl verlieren wird – und wenn er immer wieder abgewehrt wird, wieder und wieder, vielleicht kehrt er dann nie an die Macht zurück.«
Harry nickte, hielt aber sogleich inne, denn sein Kopf schmerzte davon. Dann sagte er: »Sir, es gibt einige andere Dinge, die ich gern wissen möchte, falls Sie es mir erklären können … Dinge, über die ich die Wahrheit wissen will …«
»Die Wahrheit.« Dumbledore seufzte. »Das ist etwas Schönes und Schreckliches und sollte daher mit großer Umsicht behandelt werden. Allerdings werde ich deine Fragen beantworten, außer wenn ich einen sehr guten Grund habe, der dagegen spricht, und in diesem Falle bitte ich dich um Nachsicht. Ich werde natürlich nicht lügen.«
»Gut … Voldemort sagte, er hätte meine Mutter nur getötet, weil sie ihn daran hindern wollte, mich zu töten. Aber warum wollte er mich überhaupt töten?«
Dumbledore seufzte diesmal sehr tief.
»Herrje, gleich das Erste, was du mich fragst, kann ich dir nicht sagen. Nicht heute. Nicht jetzt. Eines Tages wirst du es erfahren … schlag es dir erst einmal aus dem Kopf, Harry. Wenn du älter bist … Ich weiß, das hörst du gar nicht gern … wenn du bereit bist, wirst du es erfahren.«
Und Harry wusste, dass es keinen Zweck hatte, zu streiten.
»Aber warum konnte Quirrell mich nicht berühren?«
»Deine Mutter ist gestorben, um dich zu retten. Wenn es etwas gibt, was Voldemort nicht versteht, dann ist es Liebe. Er wusste nicht, dass eine Liebe, die so mächtig ist wie die deiner Mutter zu dir, ihren Stempel hinterlässt. Keine Narbe, kein sichtbares Zeichen … so tief geliebt worden zu sein, selbst wenn der Mensch, der uns geliebt hat, nicht mehr da ist, wird uns immer ein wenig schützen. Es ist deine bloße Haut, die dich schützt. Quirrell, voll Hass, Gier und Ehrgeiz, der seine Seele mit der Voldemorts teilt, konnte dich aus diesem Grunde nicht anrühren. Für ihn war es eine tödliche Qual, jemanden zu berühren, dem etwas so Wunderbares widerfahren ist.«
Dumbledore fand nun großen Gefallen an einem Vogel, der draußen auf dem Fenstersims hockte, und Harry hatte Zeit, seine Augen an der Bettdecke zu trocknen. Als er seine Stimme wiedergefunden hatte, sagte er: »Und der Tarnumhang – wissen Sie, wer mir den geschickt hat?«
»Aah, es traf sich, dass ihn dein Vater mir anvertraut hat, und ich dachte, dir gefiele er vielleicht.« Dumbledore zwinkerte mit den Augen. »Nützliche Dinge … dein Vater hat ihn damals meistens genommen, um in die Küche zu huschen und etwas zum Naschen zu stibitzen.«
»Und da ist noch etwas anderes …«
»Dann schieß los.«
»Quirrell sagte, dass Snape –«
»Professor Snape, Harry.«
»Ja, er – Quirrell sagte, er hasst mich, weil er auch meinen Vater hasste. Ist das wahr?«
»Nun, sie haben sich gegenseitig heftig verabscheut. Ganz ähnlich wie du und Mr Malfoy. Und dann hat dein Vater etwas getan, was ihm Snape nie verzeihen konnte.«
»Was?«
»Er hat sein Leben gerettet.«
»Was?«
»Ja …«, sagte Dumbledore, in Gedanken vertieft, »merkwürdig, wie es in den Köpfen der Menschen zugeht. Professor Snape konnte es nicht ertragen, in der Schuld deines Vaters zu stehen … Ich bin mir sicher, dass er sich dieses Jahr deshalb so bemüht hat, dich zu schützen, weil er das Gefühl hatte, dass er und dein Vater dann quitt wären. Dann konnte er endlich wieder an deinen Vater denken und ihn in aller Ruhe hassen …«
Harry versuchte das zu verstehen, doch sein Kopf fing davon an zu pochen und er gab es auf.
»Und, Sir, da ist noch etwas …«
»Nur noch das eine?«
»Wie habe ich den Stein aus dem Spiegel bekommen?«
»Ah, nun, ich freue mich, dass du mich danach fragst. Es war eine meiner vortrefflicheren Ideen, und unter uns gesagt, das will schon was heißen. Sieh mal, nur jemand, der den Stein finden wollte – finden, nicht benutzen –, sollte ihn bekommen können, die andern würden nur sehen, wie sie Gold herstellen oder das Lebenselixier trinken. Mein Hirn überrascht mich gelegentlich … Nun, genug der Fragen. Ich schlage vor, du fängst mal an mit diesen Süßigkeiten. Ah! Bertie Botts Bohnen jeder Geschmacksrichtung! In meiner Jugend hatte ich leider das Pech, auf eine zu stoßen, die nach Erbrochenem schmeckte, und ich fürchte, seither habe ich meine Schwäche für sie verloren – aber ich denke, mit einer kleinen Toffee-Bohne bin ich auf der sicheren Seite, meinst du nicht?«
Lächelnd schob er sich die goldbraune Bohne in den Mund. Kurz darauf würgte er sie wieder hervor: »Meine Güte! Ohrenschmalz!«
Madam Pomfrey war eine nette Dame, aber sehr streng.
»Nur fünf Minuten«, bettelte Harry.
»Kommt nicht in Frage.«
»Sie haben Professor Dumbledore ja auch hereingelassen …«
»Ja, natürlich, er ist der Schulleiter, das ist etwas ganz anderes. Du brauchst Ruhe.«
»Ich ruhe doch, sehen Sie, ich liege im Bett und alles. Ach, bitte, Madam Pomfrey …«
»Na, meinetwegen«, sagte sie. »Aber nur fünf Minuten.«
Und sie ließ Ron und Hermine herein.
»Harry!«
Hermine schien drauf und dran, ihm schon wieder um den Hals zu fallen, und Harry war froh, dass sie es bleiben ließ, denn der Kopf tat ihm immer noch sehr weh.
»O Harry, wir dachten schon, du würdest – Dumbledore war so besorgt –«
»Die ganze Schule spricht darüber«, sagte Ron. »Was ist denn wirklich passiert?«
Es war eine jener seltenen Gelegenheiten, bei denen die wahre Geschichte noch unerhörter und aufregender ist als die wildesten Gerüchte. Harry erzählte ihnen alles: von Quirrell, vom Spiegel, vom Stein und von Voldemort. Ron und Hermine waren sehr gute Zuhörer; sie rissen an den richtigen Stellen Mund und Augen auf, und als Harry ihnen erzählte, was unter Quirrells Turban zum Vorschein gekommen war, schrie Hermine laut auf.
»Der Stein ist also vernichtet?«, sagte Ron schließlich. »Flamel wird einfach sterben?«
»Das habe ich gesagt, aber Dumbledore glaubt, dass – wie war es noch mal? – ›für den gut vorbereiteten Geist der Tod nur das nächste große Abenteuer ist‹.«
»Ich hab ja immer gesagt, dass er völlig von der Rolle ist«, sagte Ron und schien recht beeindruckt davon, wie verrückt sein großes Vorbild war.
»Und was ist mit euch geschehen?«, sagte Harry.
»Nun, ich bin rausgekommen«, sagte Hermine. »Ich habe Ron aufgepäppelt – das hat eine Weile gedauert –, wir sind zur Eulerei hochgerast, um Dumbledore zu benachrichtigen, und da laufen wir ihm in der Eingangshalle über den Weg – er wusste schon Bescheid und sagte nur: Harry ist hinter ihm her, nicht wahr?, und ist losgesaust in den dritten Stock.«
»Glaubst du, er wollte, dass du es tust?«, sagte Ron. »Wo er dir doch den Umhang deines Vaters geschickt hat und alles?«
»Also«, platzte Hermine los, »wenn das stimmt – möchte ich doch sagen – das ist schrecklich, du hättest umgebracht werden können.«
»Nein, ist es nicht«, sagte Harry nachdenklich. »Er ist ein merkwürdiger Mensch, dieser Dumbledore. Ich glaube, er wollte mir eine Chance geben. Er weiß wohl mehr oder weniger alles, was hier vor sich geht. Ich wette, er hat recht gut geahnt, was wir vorhatten, und anstatt uns aufzuhalten, hat er uns gerade genug beigebracht, um uns zu helfen. Dass er mich herausfinden ließ, wie der Spiegel wirkt, war wohl kein Zufall. Mir kommt es fast so vor, als meinte er, ich hätte das Recht, mich Voldemort zu stellen, wenn ich konnte …«
»Ja, Dumbledore ist auf Draht, allerdings«, sagte Ron stolz. »Hör mal, du musst für die Jahresabschlussfeier morgen wieder auf den Beinen sein. Die Punkte sind alle gezählt und Slytherin hat natürlich gewonnen – du warst beim letzten Quidditch-Spiel nicht dabei, Ravenclaw hat uns weggeputzt ohne dich – aber das Essen ist sicher gut.«
In diesem Moment kam Madam Pomfrey herübergewirbelt.
»Ihr habt jetzt fast fünfzehn Minuten gehabt, nun aber RAUS«, sagte sie bestimmt.
Nachdem er die Nacht gut geschlafen hatte, fühlte sich Harry fast wieder bei Kräften.
»Ich möchte zum Fest«, erklärte er Madam Pomfrey, die gerade seine vielen Schachteln mit Süßigkeiten aufstapelte. »Ich kann doch, oder?«
»Professor Dumbledore sagt, es sei dir erlaubt, zu gehen«, sagte sie spitz, als ob ihrer Meinung nach Professor Dumbledore nicht erkannte, wie gesundheitsgefährdend Feste sein konnten. »Und du hast noch einen Besucher.«
»Oh, gut«, sagte Harry. »Wer ist es?«
Kaum hatte er gefragt, schlüpfte Hagrid durch die Tür. Wie immer, wenn er sich in Räumen aufhielt, sah er verboten groß aus. Er setzte sich neben Harry, warf ihm einen Blick zu und brach in Tränen aus.
»Es war – alles – mein – verfluchter – Fehler!«, schluchzte er, das Gesicht in den Händen vergraben. »Ich hab dem bösen Wicht gesagt, wie er an Fluffy vorbeikommen kann! Ausgerechnet ich! Es war das Einzige, was er nicht wusste, und ich hab’s ihm gesagt. Du hättest sterben können! Und alles für ein Drachenei! Ich rühr kein Glas mehr an! Man sollte mich rausschmeißen und mich zwingen, als Muggel zu leben!«
»Hagrid!«, sagte Harry, entsetzt darüber, dass es Hagrid vor Gram und Reue schüttelte und große Tränen an seinem Bart herunterkullerten. »Hagrid, er hätte es schon irgendwie herausgefunden, wir sprechen immerhin von Voldemort, er hätte es rausgefunden, auch wenn du es ihm nicht gesagt hättest.«
»Du hättest sterben können!«, wiederholte Hagrid. »Und nenn ja nicht den Namen!«
»VOLDEMORT«, brüllte Harry, und Hagrid bekam einen solchen Schreck, dass ihm das Weinen verging. »Ich hab ihn gesehen und ich nenne ihn bei seinem Namen. Bitte krieg dich wieder ein, wir hatten den Stein, er ist zerstört, er kann ihn nicht benutzen. Nimm einen Schokofrosch, ich hab ganze Wagenladungen davon …«
Hagrid wischte sich mit dem Handrücken die Nase und sagte: »Da fällt mir ein – ich hab ein Geschenk für dich.«
»Kein Wiesel-Sandwich, oder?«, sagte Harry mit besorgter Miene und endlich ließ Hagrid ein leises Glucksen hören.
»Nee. Dumbledore hat mir gestern dafür freigegeben. Hätt mich natürlich stattdessen rausschmeißen sollen – jedenfalls, das ist für dich …«
Es sah aus wie ein schönes, in Leder gebundenes Buch. Harry öffnete es neugierig. Es war voller Zaubererfotos. Von jeder Seite des Buches lächelten und winkten ihm seine Mutter und sein Vater entgegen.
»Hab Eulen an alle alten Schulfreunde deiner Eltern geschickt und sie um Fotos gebeten … Wusste, dass du keine hast … Magst du es?«
Harry brachte kein Wort hervor, doch Hagrid verstand ihn.
An diesem Abend ging Harry allein den Weg hinunter zum Jahresabschlussfest. Madam Pomfrey, die noch einigen Wirbel veranstaltet hatte, weil sie ihn noch ein letztes Mal untersuchen wollte, hatte ihn aufgehalten, und so war die Große Halle schon voller Schüler. Sie war in den Farben der Slytherins, Grün und Silber, ausgeschmückt, denn sie hatten den Hauspokal nun im siebten Jahr in Folge gewonnen. Ein riesiges Transparent mit der Slytherin-Schlange bedeckte die Wand hinter dem Hohen Tisch.
Als Harry hereinkam, trat ein kurzes Schweigen ein und dann begannen alle auf einmal laut durcheinanderzureden. Er rutschte auf einen Platz am Gryffindor-Tisch zwischen Ron und Hermine und versuchte die Schüler nicht zu beachten, die aufstanden, um ihn zu sehen.
Glücklicherweise kam nur wenige Augenblicke später Dumbledore herein. Das Geplapper erstarb.
»Wieder ein Jahr vorbei!«, rief Dumbledore ausgelassen. »Und bevor wir die Zähne in unser köstliches Festessen versenken, muss ich euch mit dem schwefligen Geschwafel eines alten Mannes belästigen. Was für ein Jahr! Hoffentlich sind eure Köpfe ein wenig voller als zuvor … ihr habt jetzt den ganzen Sommer vor euch, um sie wieder hübsch leer zu räumen, bevor das nächste Schuljahr anfängt …
Nun, wie ich es verstehe, muss jetzt dieser Hauspokal überreicht werden, und auf der Tabelle sieht es wie folgt aus: an vierter Stelle Gryffindor mit dreihundertundzwölf Punkten; an dritter Hufflepuff mit dreihundertundzweiundfünfzig; Ravenclaw hat vierhundertundsechsundzwanzig und Slytherin vierhundertundzweiundsiebzig Punkte.«
Vom Tisch der Slytherins brach ein Sturm aus Jubelrufen und Fußgetrappel los. Harry sah Draco Malfoy mit dem Becher auf den Tisch hauen. Von dem Anblick wurde ihm fast schlecht.
»Ja, ja, gut gemacht, Slytherin«, sagte Dumbledore. »Allerdings müssen auch die jüngsten Ereignisse berücksichtigt werden.«
In der Halle wurde es sehr leise. Das Lächeln auf den Gesichtern der Slytherins verblasste.
»Ähem«, sagte Dumbledore. »Ich habe hier noch ein paar letzte Punkte zu vergeben. Schauen wir mal. Ja …
Zuerst – an Mr Ronald Weasley …«
Ron lief purpurrot an; er sah aus wie ein Radieschen mit einem schlimmen Sonnenbrand.
»… für die beste Schachpartie, die in Hogwarts seit vielen Jahren gespielt wurde, verleihe ich Gryffindor fünfzig Punkte.«
Fast hoben die Jubelschreie der Gryffindors die verzauberte Decke noch höher in die Lüfte; die Sterne über ihren Köpfen schienen zu erzittern. Nicht zu überhören war Percy, der den anderen Vertrauensschülern mitteilte: »Mein Bruder, müsst ihr wissen! Mein jüngster Bruder! Ist durch McGonagalls riesiges Schachspiel gekommen!«
Endlich kehrte wieder Ruhe ein.
»Zweitens – Miss Hermine Granger … für den Einsatz kühler Logik im Angesicht des Feuers verleihe ich Gryffindor fünfzig Punkte.«
Hermine begrub das Gesicht in den Armen; Harry hatte das sichere Gefühl, dass sie in Tränen ausgebrochen war. Tischauf, tischab waren die Gryffindors vollkommen aus dem Häuschen – sie hatten hundert Punkte mehr.
»Drittens – Mr Harry Potter …«, sagte Dumbledore. In der Halle wurde es totenstill. »… für seine Unerschrockenheit und seinen überragenden Mut verleihe ich Gryffindor sechzig Punkte.«
Ein ohrenbetäubendes Tosen brach los. Wer noch rechnen konnte, während er sich heiser schrie, wusste, dass Gryffindor jetzt vierhundertundzweiundsiebzig Punkte hatte – genauso viel wie Slytherin. Sie hatten im Kampf um den Hauspokal Gleichstand erreicht – hätte Dumbledore Harry doch nur einen Punkt mehr gegeben.
Dumbledore hob die Hand. In der Halle wurde es allmählich still.
»Es gibt viele Arten von Mut«, sagte Dumbledore lächelnd. »Es verlangt einiges an Mut, sich seinen Feinden entgegenzustellen, doch genauso viel, den eigenen Freunden in den Weg zu treten. Deshalb vergebe ich zehn Punkte an Mr Longbottom.«
Jemand draußen vor der Großen Halle wäre vielleicht auf den Gedanken gekommen, dass eine Explosion stattgefunden hätte, so ohrenbetäubend war der Lärm, der am Tisch der Gryffindors losbrach. Harry, Ron und Hermine standen jubelnd und schreiend auf, als Neville, weiß vor Schreck, unter einem Haufen Leute begraben wurde, die ihn alle umarmen wollten. Noch nie hatte er auch nur einen Punkt für Gryffindor geholt. Harry, immer noch jubelnd, stupste Ron in die Rippen und deutete auf Malfoy, der so aussah, als hätte ihm gerade jemand die Ganzkörperklammer auf den Hals gejagt.
»Das heißt«, rief Dumbledore über den stürmischen Applaus hinweg, denn auch die Ravenclaws und die Hufflepuffs feierten den Fall von Slytherin, »wir müssen ein wenig umdekorieren.«
Er klatschte in die Hände. Im Nu waren die grünen Girlanden scharlachrot und das Silber hatte sich in Gold verwandelt; die riesige Schlange der Slytherins verschwand und ein gewaltiger Gryffindor-Löwe trat an ihre Stelle. Snape schüttelte Professor McGonagall mit einem schrecklich gezwungenen Lächeln die Hand. Er warf einen Blick zu Harry hinüber, und Harry wusste sofort, dass sich Snapes Gefühle ihm gegenüber nicht um ein Jota geändert hatten. Besorgt war er deshalb nicht. So würde das Leben nächstes Jahr ganz normal weitergehen, so normal jedenfalls, wie es in Hogwarts eben sein konnte.
Es war der beste Abend in Harrys Leben, besser noch als der Sieg im Quidditch oder Weihnachten oder Bergtrolle erlegen … niemals würde er diesen Abend vergessen.
Fast wäre Harry entfallen, dass die Zeugnisse noch kommen mussten, und sie kamen auch. Zu ihrer großen Überraschung hatten er und Ron mit guten Noten bestanden; Hermine war natürlich die Jahresbeste. Selbst Neville, dessen gute Noten in Kräuterkunde die miserablen in Zaubertränke wettmachten, hatte es mit Hängen und Würgen geschafft. Gehofft hatten sie, dass Goyle, der fast so dumm war wie fies, vielleicht rausfliegen würde, doch auch er schaffte es. Jammerschade, doch wie Ron sagte, man kann im Leben nicht alles haben.
Und plötzlich waren ihre Schränke leer, ihre Koffer gepackt, Nevilles Kröte wurde in einer Ecke der Toiletten umherkriechend gefunden; alle Schüler bekamen Zettel in die Hand, auf denen sie ermahnt wurden, während der Ferien nicht zu zaubern (»Ich hoffe immer, dass sie diese Zettel mal vergessen«, sagte Fred Weasley enttäuscht); Hagrid stand bereit, um sie zur Bootsflotte hinunterzuführen, mit der er sie über den See fuhr; sie bestiegen den Hogwarts-Express; während sie schwatzten und lachten, wurde das Land allmählich grüner; sie aßen Bertie Botts Bohnen jeder Geschmacksrichtung und sahen Muggelstädte vorbeiziehen; sie legten ihre Zaubererumhänge ab und zogen Jacken und Mäntel an; und dann fuhren sie auf Gleis neundreiviertel in den Bahnhof von King’s Cross ein.
Es dauerte eine ganze Weile, bis sie alle vom Bahnsteig herunter waren. Ein verhutzelter alter Wachmann stand oben an der Fahrkartenschranke und ließ sie jeweils zu zweit oder zu dritt durch das Tor, so dass sie nicht alle auf einmal aus einer festen Mauer herausgepurzelt kamen und die Muggel erschreckten.
»Ihr müsst uns diesen Sommer über besuchen kommen«, sagte Ron, »ihr beide – ich schick euch eine Eule.«
»Danke«, sagte Harry. »Ich brauche was, auf das ich mich freuen kann.«
Unter Geschubse und Gedrängel näherten sie sich dem Tor zur Muggelwelt. Manche von den anderen Schülern riefen:
»Tschau, Harry!«
»Bis dann, Potter!«
»Immer noch berühmt«, sagte Ron und grinste ihn an.
»Nicht da, wo ich hingehe, das kann ich dir versprechen«, sagte Harry.
Er, Ron und Hermine gingen zusammen durch das Tor.
»Da ist er, Mum, da ist er, schau!«
Es war Ginny Weasley, Rons kleine Schwester, doch sie deutete nicht auf Ron.
»Harry Potter«, kreischte sie. »Schau, Mum! Ich kann ihn sehen –«
»Sei leise, Ginny, und man zeigt nicht mit dem Finger auf Leute.«
Mrs Weasley lächelte ihnen entgegen.
»Ein anstrengendes Jahr hinter euch?«, sagte sie.
»Sehr«, sagte Harry. »Danke für die Plätzchen und den Pulli, Mrs Weasley.«
»Ach, gern geschehen, mein Junge.«
»Bist du bereit?«
Es war Onkel Vernon, immer noch purpurrot im Gesicht, immer noch mit Schnurrbart, immer noch wütend darüber, wie Harry nur so gelassen einen Käfig mit einer Eule in einem Bahnhof voller normaler Menschen herumtragen konnte. Hinter ihm standen Tante Petunia und Dudley, entsetzt beim bloßen Anblick von Harry.
»Sie müssen Harrys Familie sein«, sagte Mrs Weasley.
»Man mag es so ausdrücken«, sagte Onkel Vernon. »Beeil dich, Junge, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.« Er schritt davon.
Harry blieb für ein Abschiedswort bei Ron und Hermine stehen.
»Wir sehen uns dann im Sommer.«
»Ich hoffe, du hast – ähm – schöne Ferien«, sagte Hermine und sah ein wenig zweifelnd Onkel Vernon nach, entsetzt darüber, dass jemand so unfreundlich sein konnte.
»Oh, ganz bestimmt«, sagte Harry, und sie waren überrascht, dass sich ein verschmitztes Lächeln über sein Gesicht breitete. »Die wissen ja nicht, dass wir zu Hause nicht zaubern dürfen. Ich werde diesen Sommer viel Spaß haben mit Dudley …«
Alles über Harry Potter:
Harry Potter und der Stein der Weisen
Harry Potter und die Kammer des Schreckens
Harry Potter und der Gefangene von Askaban
Harry Potter und der Feuerkelch
Harry Potter und der Orden des Phönix
Harry Potter und der Halbblutprinz
Harry Potter und die Heiligtümer des Todes
Weitere erhältliche Titel:
Quidditch im Wandel der Zeiten
Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind
Die Märchen von Beedle dem Barden
Lies das erste Kapitel des nächsten Buches in der Harry Potter Reihe...
Joanne K. Rowling
HARRY POTTER
und die Kammer des Schreckens
Aus dem Englischen
von Klaus Fritz
Originaltitel: Harry Potter and the Chamber of Secrets
Aus dem Englischen von Klaus Fritz
Umschlagbild: Sabine Wilharm
Umschlaggestaltung: Kerstin Schürmann, formlabor
Diese Digitale Edition wurde 2012 zum ersten Mal von Pottermore Limited veröffentlicht
Deutsche Printausgabe erschienen im Carlsen Verlag GmbH
Originalcopyright © J.K. Rowling 1998
Copyright für die Deutsche Ausgabe © Carlsen Verlag GmbH 1999
Harry Potter characters, names and related indicia are trademarks of and © Warner Bros. Ent.
ISBN 978-1-78110-056-1
www.pottermore.com
von J.K. Rowling
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Für Sean P. F.Harris,
Fluchtwagen-Fahrer und Freund
bei stürmischem Wetter
INHALT
Ein grässlicher Geburtstag
Dobbys Warnung
Der Fuchsbau
Bei Flourish & Blotts
Die Peitschende Weide
Gilderoy Lockhart
Die unheimliche Stimme
Die Todestagsfeier
Die Schrift an der Wand
Der besessene Klatscher
Der Duellierclub
Der Vielsaft-Trank
Der sehr geheime Taschenkalender
Cornelius Fudge
Aragog
Die Kammer des Schreckens
Der Erbe Slytherins
Dobbys Belohnung
Ein grässlicher Geburtstag
Im Ligusterweg Nummer 4 war mal wieder bereits beim Frühstück Streit ausgebrochen. Ein lautes Kreischen aus dem Zimmer seines Neffen Harry hatte Mr Vernon Dursley in aller Herrgottsfrühe aus dem Schlaf gerissen.
»Schon das dritte Mal diese Woche!«, polterte er über den Tisch hinweg. »Wenn du diese Eule nicht in den Griff kriegst, fliegt sie raus!«
Harry versuchte, übrigens nicht zum ersten Mal, die Sache zu erklären.
»Sie langweilt sich«, sagte er. »Sonst fliegt sie doch immer draußen rum. Könnte ich sie nicht wenigstens nachts rauslassen?«
»Hältst du mich für blöde?«, raunzte ihn Onkel Vernon an, und ein Stück Spiegelei baumelte von seinem buschigen Schnauzbart herunter. »Ich weiß doch, was passiert, wenn diese Eule rauskommt.«
Er wechselte finstere Blicke mit seiner Gattin Petunia.
Harry wollte widersprechen, doch seine Worte gingen in einem lang gezogenen, lauten Rülpser unter. Urheber dessen war Dudley, der Sohn der Dursleys.
»Mehr Schinken.«
»In der Pfanne ist noch welcher, Schätzchen«, sagte Tante Petunia und wandte sich mit verschleierten Augen ihrem verfetteten Sohn zu. »Wir müssen dich päppeln, solange wir können … Mir gefällt nicht, was ich über diese Schulkost gehört habe.«
»Unsinn, Petunia, ich bin damals in Smeltings immer satt geworden«, warf Onkel Vernon energisch ein. »Dudley kriegt genug, nicht wahr, mein Junge?«
Dudley, dessen Hintern zu beiden Seiten des Küchenstuhls herabhing, grinste und drehte sich zu Harry um.
»Gib mir die Pfanne.«
»Du hast das Zauberwort vergessen«, sagte Harry gereizt.
Dieser schlichte Satz hatte eine gewaltige Wirkung auf den Rest der Familie: Dudley riss den Mund auf und fiel mit einem küchenerschütternden Krachen vom Stuhl. Mrs Dursley stieß einen spitzen Schrei aus und schlug die Hände vor den Mund. Mr Dursley sprang vom Tisch auf; das Blut pulsierte wild in seinen Stirnadern.
»Ich habe ›bitte‹ gemeint!«, setzte Harry rasch nach. »Und nicht –«
»HABE ICH DIR NICHT GESAGT«, tobte sein Onkel und besprühte dabei den Tisch mit Spucke, »DAS WORT MIT ›Z‹ KOMMT MIR IN DIESEM HAUS NICHT VOR!«
»Aber ich –«
»WIE KANNST DU ES WAGEN, DUDLEY ZU BEDROHEN!«, brüllte Onkel Vernon und hämmerte mit der Faust auf den Tisch.
»Ich hab doch nur –«
»ICH HABE DICH GEWARNT! UNTER MEINEM DACH WILL ICH NICHTS VON DEINER ABNORMITÄT HÖREN!«
Harrys Blick wanderte vom purpurroten Gesicht des Onkels hinüber zur aschfahlen Tante, die sich mühte, Dudley wieder auf die Beine zu hieven.
»Schon gut«, sagte Harry, »schon gut …«
Schnaubend wie ein erschöpftes Nashorn setzte sich Onkel Vernon wieder hin und beobachtete Harry aus den Winkeln seiner kleinen stechenden Augen.
Seit Harry zu Beginn der Sommerferien nach Hause gekommen war, hatte Onkel Vernon ihn behandelt wie eine Bombe, die jeden Moment hochgehen könnte, denn Harry war kein normaler Junge. In der Tat war er so wenig normal wie überhaupt vorstellbar.
Harry Potter war ein Zauberer – ein Zauberer, der gerade sein erstes Jahr in Hogwarts, der Schule für Hexerei und Zauberei, hinter sich hatte. Und mochten die Dursleys noch so unglücklich sein, weil sie ihn für die Ferien zurückhatten – das war noch lange nichts gegen Harrys Kummer.
Er vermisste Hogwarts so sehr, dass es ihm vorkam, als hätte er dauernd Magenschmerzen. Er vermisste das Schloss mit seinen Geheimgängen und Geistern, die Unterrichtsstunden (wenn auch nicht gerade Snape, den Lehrer für Zaubertränke), die Eulenpost, die Festessen in der Großen Halle, sein Himmelbett im Turmschlafsaal, die Besuche bei Hagrid, dem Wildhüter, der in einer Hütte am Rand des Verbotenen Walds auf den Ländereien des Schlosses lebte – und vor allem Quidditch, den beliebtesten Sport in der Welt der Zauberer (sechs Torringe auf hohen Stangen, vier fliegende Bälle und vierzehn Spieler auf fliegenden Besen).
Alle Zauberbücher Harrys, den Zauberstab, die Umhänge, den Kessel und den Nimbus Zweitausend, einen fliegenden Besen der Spitzenklasse, hatte Onkel Vernon, kaum hatte Harry das Haus betreten, in den Schrank unter der Treppe gesperrt. Was kümmerte es die Dursleys, dass Harry seinen festen Platz im Quidditch-Team seines Hauses verlieren konnte, wenn er den ganzen Sommer über nicht trainierte? Was scherte es die Dursleys, wenn Harry in die Schule zurückkehrte, ohne auch nur einen Teil seiner Hausaufgaben erledigt zu haben? Die Dursleys waren Muggel (so nannten die Zauberer Menschen, die keinen Tropfen magisches Blut in den Adern hatten), und in ihren Augen war es eine abgrundtiefe Schande, einen Zauberer in der Familie zu haben. Onkel Vernon hatte sogar den Käfig von Hedwig, Harrys Eule, mit einem Vorhängeschloss versehen, damit sie niemandem in der Zaubererwelt Botschaften überbringen konnte.
Harry sah ganz anders aus als der Rest der Familie. Onkel Vernon war groß und hatte keinen Hals, dafür aber einen riesigen schwarzen Schnurrbart; Tante Petunia war pferdegesichtig und knochig; Dudley war blond, rosa und fett wie ein Schwein. Harry dagegen war klein und dünn, hatte leuchtend grüne Augen und immer zerzaustes rabenschwarzes Haar. Er trug eine Brille mit runden Gläsern, und auf der Stirn hatte er eine feine Narbe, die aussah wie ein Blitz.
Diese Narbe machte Harry sogar in der Welt der Zauberer zu etwas ganz Besonderem. Sie war das Einzige an Harry, das auf seine geheimnisvolle Vergangenheit und damit auf den Grund hindeutete, weshalb er vor elf Jahren den Dursleys vor die Tür gelegt worden war.
Damals, im Alter von einem Jahr, überlebte Harry auf merkwürdige Weise einen Fluch des größten schwarzen Magiers aller Zeiten. Die meisten Hexen und Zauberer hatten immer noch Angst, dessen Namen auszusprechen: Lord Voldemort. Harrys Eltern starben bei Voldemorts Überfall, doch Harry kam mit der blitzförmigen Narbe davon. Voldemorts Macht jedoch fiel in ebenjenem Augenblick in sich zusammen, als es ihm misslungen war, Harry zu töten. Und keiner konnte das begreifen.
So kam es, dass die Schwester seiner toten Mutter und deren Gatte Harry aufgezogen hatten. Zehn Jahre hatte er bei den Dursleys gelebt und ihnen die Geschichte geglaubt, seine Narbe rühre von einem Autounfall her, bei dem seine Eltern gestorben seien, und nie hatte er verstanden, warum er ständig, ohne es zu wollen, merkwürdige Dinge geschehen ließ.
Und dann, genau vor einem Jahr, hatte Hogwarts ihm einen Brief geschickt, und die ganze Geschichte war aufgeflogen. Harry ging nun auf die Zaubererschule, wo er und seine Narbe berühmt waren … Doch jetzt waren Sommerferien, und er war zu den Dursleys zurückgekehrt – dorthin, wo sie ihn behandelten wie einen Hund, der aus einem stinkenden Loch gekrochen war.
Die Dursleys hatten nicht einmal daran gedacht, dass heute Harrys zwölfter Geburtstag war. Natürlich hatte er nicht viel erwartet; ein richtiges Geschenk schon gar nicht, geschweige denn einen Kuchen – aber dass sie nicht einmal ein Wort sagen würden …
In diesem Augenblick räusperte sich Onkel Vernon mit wichtiger Miene: »Nun, wie wir alle wissen, ist heute ein bedeutender Tag.«
Harry wollte seinen Ohren nicht trauen und hob den Kopf.
»Dies könnte durchaus der Tag sein, an dem ich das größte Geschäft meiner Laufbahn abschließe«, sagte Onkel Vernon.
Harry wandte sich wieder seinem Toast zu. Natürlich, dachte er verbittert, Onkel Vernon sprach von diesem blöden Abendessen. Seit zwei Wochen redete er von nichts anderem. Ein reicher Bauunternehmer und seine Frau sollten zum Abendessen kommen, und Onkel Vernon hoffte, einen großen Auftrag zu landen (Onkel Vernons Firma stellte Bohrmaschinen her).
»Ich denke, wir sollten den Ablauf des Abends noch einmal durchgehen«, sagte Onkel Vernon. »Um acht Uhr müssen wir alle bereit sein. Petunia, du bist wo –?«
»Im Salon«, sagte Tante Petunia wie aus der Pistole geschossen, »wo ich sie herzlich in unserem Heim willkommen heiße.«
»Sehr gut. Und Dudley?«
»Ich stehe in der Diele bereit und öffne die Tür, wenn sie kommen.« Dudley setzte ein widerliches falsches Lächeln auf. »Darf ich Ihnen die Jacken abnehmen, Mr und Mrs Mason?«
»Sie werden begeistert von ihm sein«, rief Tante Petunia ganz hingerissen.
»Vortrefflich, Dudley«, sagte Onkel Vernon. Dann wandte er sich Harry zu. »Und du?«
»Ich bin in meinem Schlafzimmer, mache keinen Mucks und tu so, als ob ich nicht da wäre«, sagte Harry mit tonloser Stimme.
»Genau«, sagte Onkel Vernon giftig. »Und ich führe die beiden in den Salon, stelle dich vor, Petunia, und reiche ihnen die Drinks. Um acht Uhr fünfzehn –«
»– bitte ich zu Tisch«, sagte Tante Petunia.
»Und Dudley, du sagst –«
»Darf ich Sie ins Speisezimmer geleiten, Mrs Mason?«, sagte Dudley und bot einer unsichtbaren Dame seinen fetten Arm an.
»Mein perfekter kleiner Kavalier!«, seufzte Tante Petunia.
»Und du?«, sagte Onkel Vernon und sah Harry gehässig an.
»Ich bin in meinem Schlafzimmer, mache keinen Mucks und tu so, als ob ich nicht da wäre«, sagte Harry dumpf.
»Genau. Nun, wir sollten versuchen beim Abendessen ein paar Komplimente auszustreuen. Hast du eine Idee, Petunia?«
»Vernon sagt, Sie seien ein glänzender Golfspieler, Mr Mason … Sie müssen mir unbedingt verraten, wo Sie Ihr Kleid gekauft haben, Mrs Mason …«
»Bestens … und Dudley?«
»Wie wär’s mit: ›In der Schule mussten wir einen Aufsatz über unseren Helden schreiben, Mr Mason, und ich habe über Sie geschrieben.‹«
Das war zu viel für Tante Petunia und auch für Harry. Tante Petunia brach in Tränen aus und drückte ihren Sohn an die Brust, während Harry unter den Tisch abtauchte, damit sie sein Lachen nicht sehen konnten.
»Und du, Junge?«
Harry tauchte wieder auf und mühte sich nach Kräften, keine Miene zu verziehen.
»Ich bin in meinem Schlafzimmer, mache keinen Mucks und tu so, als ob ich nicht da wäre«, sagte er.
»Genau das wirst du tun«, sagte Onkel Vernon nachdrücklich. »Die Masons wissen nichts von dir und so soll es auch bleiben. Wenn wir fertig sind mit dem Essen, Petunia, geleitest du Mrs Mason zurück in den Salon zum Kaffee, und ich spreche Mr Mason auf die Bohrer an. Mit ein bisschen Glück habe ich den Auftrag noch vor den Zehnuhrnachrichten unter Dach und Fach. Und morgen um diese Zeit können wir uns schon um eine Ferienwohnung auf Mallorca kümmern.«
Harry war davon nicht gerade begeistert. Die Dursleys würden ihn auf Mallorca genauso wenig leiden können wie im Ligusterweg.
»Gut – ich fahr in die Stadt und hol die Smokings für mich und Dudley ab. Und du«, raunzte er Harry an, »du gehst deiner Tante aus dem Weg, während sie sauber macht.«
Harry ging durch die Hintertür hinaus. Es war ein strahlend heller Sommertag. Er schlenderte über den Rasen, ließ sich auf die Gartenbank sinken und sang leise für sich:
»Happy Birthday to me … Happy Birthday to me …«
Keine Postkarten, keine Geschenke, und er würde den ganzen Abend so tun, als ob er nicht auf der Welt wäre. Niedergeschlagen starrte er die Hecke an. Noch nie hatte er sich so einsam gefühlt. Mehr als alles andere in Hogwarts, noch mehr sogar als Quidditch, vermisste Harry seine besten Freunde, Ron Weasley und Hermine Granger. Die allerdings schienen ihn überhaupt nicht zu vermissen. Seit er hier war, hatte er keinen einzigen Brief von ihnen bekommen, obwohl Ron doch versprochen hatte, er würde Harry zu sich nach Hause einladen.
Harry war schon unzählige Male drauf und dran gewesen, Hedwigs Käfig mit Hilfe eines Zauberspruchs zu öffnen und sie mit einem Brief zu Ron und Hermine zu schicken, doch die Gefahr war zu groß. Minderjährige Zauberer durften außerhalb der Schule nicht zaubern. Das hatte Harry den Dursleys nicht gesagt; er wusste, nur ihre Angst, er könnte sie alle in Mistkäfer verwandeln, hielt sie davon ab, auch ihn zu dem Zauberstab und dem Besen in den Schrank zu sperren. In den ersten Wochen nach seiner Rückkehr hatte sich Harry einen Spaß daraus gemacht, sinnlose Wörter vor sich hin zu murmeln und mit anzusehen, wie Dudley, so schnell seine plumpen Beine ihn trugen, aus dem Zimmer floh. Doch nun, da er so lange nichts mehr von Ron und Hermine gehört hatte, fühlte er sich der Zaubererwelt so fern, dass er sogar die Lust verlor, Dudley zu triezen – und jetzt hatten Ron und Hermine auch noch seinen Geburtstag vergessen.
Was würde er nicht alles geben für eine Nachricht aus Hogwarts? Von einer Hexe oder einem Zauberer, gleich, von wem. Fast wäre er dankbar, wieder einmal seinen Erzfeind Draco Malfoy zu sehen, einfach um sich zu vergewissern, dass er nicht alles geträumt hatte …
Nicht, dass sein Jahr in Hogwarts immer nur Spaß gemacht hätte. Ganz am Ende des Schuljahres hatte Harry niemand anderem als dem leibhaftigen Lord Voldemort ins Auge geblickt. Voldemort mochte nur ein kläglicher Schatten seines alten Selbst sein, doch war er immer noch schrecklich, immer noch gerissen und immer noch entschlossen, seine Macht zurückzugewinnen. Harry war Voldemorts Klauen ein zweites Mal entkommen, doch diesmal nur um Haaresbreite, und selbst jetzt, Wochen später, wachte Harry nachts schweißgebadet auf und sah Voldemorts aschgraues Gesicht und seine weit aufgerissenen, wahnsinnigen Augen vor sich. Wo mochte er jetzt wohl stecken?
Jählings richtete sich Harry kerzengerade auf der Gartenbank auf. Gedankenverloren hatte er auf die Hecke gestarrt – und die Hecke starrte zurück. Zwei riesige grüne Augen waren zwischen den Blättern aufgetaucht.
Harry sprang auf und im selben Moment hörte er ein Johlen über den Rasen schallen.
»Ich weiß, was heute für ein Tag ist«, sang Dudley und watschelte auf ihn zu.
Die riesigen Augen blinzelten und verschwanden.
»Was?«, sagte Harry, ohne den Blick von der Stelle zu wenden, wo er die Augen gesehen hatte.
»Ich weiß, was heute für ein Tag ist«, wiederholte Dudley und rückte ihm ganz nahe auf den Leib.
»Gut gemacht«, sagte Harry, »hast also endlich die Wochentage auswendig gelernt?«
»Heute ist dein Geburtstag«, höhnte Dudley. »Wieso hast du eigentlich keine Karten bekommen? Hast du in dieser Schule für Missgeburten nicht mal Freunde?«
»Wenn deine Mutter hört, dass du über meine Schule redest …«, erwiderte Harry kühl.
Dudley zog die Hosen hoch, die über seinen fetten Hintern herunterrutschten.
»Warum starrst du dauernd auf die Hecke?«, fragte er misstrauisch.
»Ich überlege, was wohl der beste Zauberspruch wäre, um sie in Brand zu stecken«, sagte Harry.
Dudley wich stolpernd vor ihm zurück, mit einem panischen Ausdruck auf dem fetten Gesicht.
»Du k-kannst nicht – Dad hat dir gesagt, du darfst nicht z-zaubern – er würde dich aus dem Haus werfen – und du hast sonst niemanden – du hast keine Freunde, die dich aufnehmen –«
»Simsalabim!«, sagte Harry mit finsterer Stimme, »Hokus – pokus – Fidibus –«
»MAAAAMAAAA!«, heulte Dudley, und während er hastig zurückwich, stolperte er über die eigenen Füße. »MAAAMAAA! Er tut es, du weißt schon, was er tut!«
Harry musste seinen kleinen Spaß teuer bezahlen. Da weder der Hecke ein Blatt fehlte noch Dudley ein Haar gekrümmt war, wusste Tante Petunia, dass er nicht wirklich gezaubert hatte, und dennoch musste er sich wegducken, als sie mit der spülschaumtriefenden Pfanne zum Schlag gegen ihn ausholte. Dann gab sie ihm Arbeiten auf und versprach ihm, er würde nichts zu essen bekommen, bevor er fertig wäre.
Während Dudley herumlümmelte und ihm Eiskrem schleckend zusah, putzte Harry die Fenster, wusch den Wagen, mähte den Rasen, jätete die Blumenbeete, beschnitt und goss die Rosen und verpasste der Gartenbank einen neuen Anstrich. Am Himmel glühte die Sonne und versengte ihm den Nacken. Er hätte Dudleys Köder nicht schlucken sollen, sagte sich Harry, doch Dudley hatte genau das ausgesprochen, was er selbst gedacht hatte … Vielleicht hatte er ja tatsächlich keine Freunde in Hogwarts …
»Ich wünschte, sie könnten den berühmten Harry Potter jetzt sehen«, dachte er wütend, während er mit schmerzendem Rücken und schweißtriefendem Gesicht Dünger über die Beete streute.
Es war schon halb acht, als er endlich, völlig erschöpft, Tante Petunia rufen hörte.
»Komm rein! Aber geh über die Zeitungen!«
Erleichtert trat Harry in die kühle, blitzblank schimmernde Küche. Auf dem Kühlschrank stand der Nachtisch für heute Abend: ein riesiger Berg Schlagsahne mit kandierten Veilchenblättern. Im Herd brutzelte ein Schweinebraten.
»Iss rasch auf! Die Masons kommen gleich!«, herrschte ihn Tante Petunia an und deutete auf zwei Scheiben Brot und ein Stück Käse auf dem Küchentisch. Sie trug bereits ein lachsrosa Abendkleid.
Harry wusch sich die Hände und verschlang sein karges Mahl. Kaum war er fertig, schnappte ihm Tante Petunia den Teller weg. »Nach oben! Marsch!«
Als Harry an der Wohnzimmertür vorbeiging, erhaschte er einen Blick auf Onkel Vernon und Dudley mit Smoking und Fliege. Gerade war er oben angelangt, da läutete es an der Tür, und Onkel Vernons wutverzerrtes Gesicht erschien am Fuß der Treppe.
»Denk dran, Junge – ein Mucks, und –«
Harry schlich auf Zehenspitzen zu seinem Zimmer, glitt hinein, schloss die Tür, wandte sich um und wollte sich auf sein Bett fallen lassen.
Nur – da saß schon jemand.
Für Sean P. F. Harris,
Fluchtwagen-Fahrer und Freund
bei stürmischem Wetter
INHALT
Ein grässlicher Geburtstag
Dobbys Warnung
Der Fuchsbau
Bei Flourish & Blotts
Die Peitschende Weide
Gilderoy Lockhart
Die unheimliche Stimme
Die Todestagsfeier
Die Schrift an der Wand
Der besessene Klatscher
Der Duellierclub
Der Vielsaft-Trank
Der sehr geheime Taschenkalender
Cornelius Fudge
Aragog
Die Kammer des Schreckens
Der Erbe Slytherins
Dobbys Belohnung
Ein grässlicher Geburtstag
Im Ligusterweg Nummer 4 war mal wieder bereits beim Frühstück Streit ausgebrochen. Ein lautes Kreischen aus dem Zimmer seines Neffen Harry hatte Mr Vernon Dursley in aller Herrgottsfrühe aus dem Schlaf gerissen.
»Schon das dritte Mal diese Woche!«, polterte er über den Tisch hinweg. »Wenn du diese Eule nicht in den Griff kriegst, fliegt sie raus!«
Harry versuchte, übrigens nicht zum ersten Mal, die Sache zu erklären.
»Sie langweilt sich«, sagte er. »Sonst fliegt sie doch immer draußen rum. Könnte ich sie nicht wenigstens nachts rauslassen?«
»Hältst du mich für blöde?«, raunzte ihn Onkel Vernon an, und ein Stück Spiegelei baumelte von seinem buschigen Schnauzbart herunter. »Ich weiß doch, was passiert, wenn diese Eule rauskommt.«
Er wechselte finstere Blicke mit seiner Gattin Petunia.
Harry wollte widersprechen, doch seine Worte gingen in einem lang gezogenen, lauten Rülpser unter. Urheber dessen war Dudley, der Sohn der Dursleys.
»Mehr Schinken.«
»In der Pfanne ist noch welcher, Schätzchen«, sagte Tante Petunia und wandte sich mit verschleierten Augen ihrem verfetteten Sohn zu. »Wir müssen dich päppeln, solange wir können … Mir gefällt nicht, was ich über diese Schulkost gehört habe.«
»Unsinn, Petunia, ich bin damals in Smeltings immer satt geworden«, warf Onkel Vernon energisch ein. »Dudley kriegt genug, nicht wahr, mein Junge?«
Dudley, dessen Hintern zu beiden Seiten des Küchenstuhls herabhing, grinste und drehte sich zu Harry um.
»Gib mir die Pfanne.«
»Du hast das Zauberwort vergessen«, sagte Harry gereizt.
Dieser schlichte Satz hatte eine gewaltige Wirkung auf den Rest der Familie: Dudley riss den Mund auf und fiel mit einem küchenerschütternden Krachen vom Stuhl. Mrs Dursley stieß einen spitzen Schrei aus und schlug die Hände vor den Mund. Mr Dursley sprang vom Tisch auf; das Blut pulsierte wild in seinen Stirnadern.
»Ich habe ›bitte‹ gemeint!«, setzte Harry rasch nach. »Und nicht –«
»HABE ICH DIR NICHT GESAGT«, tobte sein Onkel und besprühte dabei den Tisch mit Spucke, »DAS WORT MIT ›Z‹ KOMMT MIR IN DIESEM HAUS NICHT VOR!«
»Aber ich –«
»WIE KANNST DU ES WAGEN, DUDLEY ZU BEDROHEN!«, brüllte Onkel Vernon und hämmerte mit der Faust auf den Tisch.
»Ich hab doch nur –«
»ICH HABE DICH GEWARNT! UNTER MEINEM DACH WILL ICH NICHTS VON DEINER ABNORMITÄT HÖREN!«
Harrys Blick wanderte vom purpurroten Gesicht des Onkels hinüber zur aschfahlen Tante, die sich mühte, Dudley wieder auf die Beine zu hieven.
»Schon gut«, sagte Harry, »schon gut …«
Schnaubend wie ein erschöpftes Nashorn setzte sich Onkel Vernon wieder hin und beobachtete Harry aus den Winkeln seiner kleinen stechenden Augen.
Seit Harry zu Beginn der Sommerferien nach Hause gekommen war, hatte Onkel Vernon ihn behandelt wie eine Bombe, die jeden Moment hochgehen könnte, denn Harry war kein normaler Junge. In der Tat war er so wenig normal wie überhaupt vorstellbar.
Harry Potter war ein Zauberer – ein Zauberer, der gerade sein erstes Jahr in Hogwarts, der Schule für Hexerei und Zauberei, hinter sich hatte. Und mochten die Dursleys noch so unglücklich sein, weil sie ihn für die Ferien zurückhatten – das war noch lange nichts gegen Harrys Kummer.
Er vermisste Hogwarts so sehr, dass es ihm vorkam, als hätte er dauernd Magenschmerzen. Er vermisste das Schloss mit seinen Geheimgängen und Geistern, die Unterrichtsstunden (wenn auch nicht gerade Snape, den Lehrer für Zaubertränke), die Eulenpost, die Festessen in der Großen Halle, sein Himmelbett im Turmschlafsaal, die Besuche bei Hagrid, dem Wildhüter, der in einer Hütte am Rand des Verbotenen Walds auf den Ländereien des Schlosses lebte – und vor allem Quidditch, den beliebtesten Sport in der Welt der Zauberer (sechs Torringe auf hohen Stangen, vier fliegende Bälle und vierzehn Spieler auf fliegenden Besen).
Alle Zauberbücher Harrys, den Zauberstab, die Umhänge, den Kessel und den Nimbus Zweitausend, einen fliegenden Besen der Spitzenklasse, hatte Onkel Vernon, kaum hatte Harry das Haus betreten, in den Schrank unter der Treppe gesperrt. Was kümmerte es die Dursleys, dass Harry seinen festen Platz im Quidditch-Team seines Hauses verlieren konnte, wenn er den ganzen Sommer über nicht trainierte? Was scherte es die Dursleys, wenn Harry in die Schule zurückkehrte, ohne auch nur einen Teil seiner Hausaufgaben erledigt zu haben? Die Dursleys waren Muggel (so nannten die Zauberer Menschen, die keinen Tropfen magisches Blut in den Adern hatten), und in ihren Augen war es eine abgrundtiefe Schande, einen Zauberer in der Familie zu haben. Onkel Vernon hatte sogar den Käfig von Hedwig, Harrys Eule, mit einem Vorhängeschloss versehen, damit sie niemandem in der Zaubererwelt Botschaften überbringen konnte.
Harry sah ganz anders aus als der Rest der Familie. Onkel Vernon war groß und hatte keinen Hals, dafür aber einen riesigen schwarzen Schnurrbart; Tante Petunia war pferdegesichtig und knochig; Dudley war blond, rosa und fett wie ein Schwein. Harry dagegen war klein und dünn, hatte leuchtend grüne Augen und immer zerzaustes rabenschwarzes Haar. Er trug eine Brille mit runden Gläsern, und auf der Stirn hatte er eine feine Narbe, die aussah wie ein Blitz.
Diese Narbe machte Harry sogar in der Welt der Zauberer zu etwas ganz Besonderem. Sie war das Einzige an Harry, das auf seine geheimnisvolle Vergangenheit und damit auf den Grund hindeutete, weshalb er vor elf Jahren den Dursleys vor die Tür gelegt worden war.
Damals, im Alter von einem Jahr, überlebte Harry auf merkwürdige Weise einen Fluch des größten schwarzen Magiers aller Zeiten. Die meisten Hexen und Zauberer hatten immer noch Angst, dessen Namen auszusprechen: Lord Voldemort. Harrys Eltern starben bei Voldemorts Überfall, doch Harry kam mit der blitzförmigen Narbe davon. Voldemorts Macht jedoch fiel in ebenjenem Augenblick in sich zusammen, als es ihm misslungen war, Harry zu töten. Und keiner konnte das begreifen.
So kam es, dass die Schwester seiner toten Mutter und deren Gatte Harry aufgezogen hatten. Zehn Jahre hatte er bei den Dursleys gelebt und ihnen die Geschichte geglaubt, seine Narbe rühre von einem Autounfall her, bei dem seine Eltern gestorben seien, und nie hatte er verstanden, warum er ständig, ohne es zu wollen, merkwürdige Dinge geschehen ließ.
Und dann, genau vor einem Jahr, hatte Hogwarts ihm einen Brief geschickt, und die ganze Geschichte war aufgeflogen. Harry ging nun auf die Zaubererschule, wo er und seine Narbe berühmt waren … Doch jetzt waren Sommerferien, und er war zu den Dursleys zurückgekehrt – dorthin, wo sie ihn behandelten wie einen Hund, der aus einem stinkenden Loch gekrochen war.
Die Dursleys hatten nicht einmal daran gedacht, dass heute Harrys zwölfter Geburtstag war. Natürlich hatte er nicht viel erwartet; ein richtiges Geschenk schon gar nicht, geschweige denn einen Kuchen – aber dass sie nicht einmal ein Wort sagen würden …
In diesem Augenblick räusperte sich Onkel Vernon mit wichtiger Miene: »Nun, wie wir alle wissen, ist heute ein bedeutender Tag.«
Harry wollte seinen Ohren nicht trauen und hob den Kopf.
»Dies könnte durchaus der Tag sein, an dem ich das größte Geschäft meiner Laufbahn abschließe«, sagte Onkel Vernon.
Harry wandte sich wieder seinem Toast zu. Natürlich, dachte er verbittert, Onkel Vernon sprach von diesem blöden Abendessen. Seit zwei Wochen redete er von nichts anderem. Ein reicher Bauunternehmer und seine Frau sollten zum Abendessen kommen, und Onkel Vernon hoffte, einen großen Auftrag zu landen (Onkel Vernons Firma stellte Bohrmaschinen her).
»Ich denke, wir sollten den Ablauf des Abends noch einmal durchgehen«, sagte Onkel Vernon. »Um acht Uhr müssen wir alle bereit sein. Petunia, du bist wo –?«
»Im Salon«, sagte Tante Petunia wie aus der Pistole geschossen, »wo ich sie herzlich in unserem Heim willkommen heiße.«
»Sehr gut. Und Dudley?«
»Ich stehe in der Diele bereit und öffne die Tür, wenn sie kommen.« Dudley setzte ein widerliches falsches Lächeln auf. »Darf ich Ihnen die Jacken abnehmen, Mr und Mrs Mason?«
»Sie werden begeistert von ihm sein«, rief Tante Petunia ganz hingerissen.
»Vortrefflich, Dudley«, sagte Onkel Vernon. Dann wandte er sich Harry zu. »Und du?«
»Ich bin in meinem Schlafzimmer, mache keinen Mucks und tu so, als ob ich nicht da wäre«, sagte Harry mit tonloser Stimme.
»Genau«, sagte Onkel Vernon giftig. »Und ich führe die beiden in den Salon, stelle dich vor, Petunia, und reiche ihnen die Drinks. Um acht Uhr fünfzehn –«
»– bitte ich zu Tisch«, sagte Tante Petunia.
»Und Dudley, du sagst –«
»Darf ich Sie ins Speisezimmer geleiten, Mrs Mason?«, sagte Dudley und bot einer unsichtbaren Dame seinen fetten Arm an.
»Mein perfekter kleiner Kavalier!«, seufzte Tante Petunia.
»Und du?«, sagte Onkel Vernon und sah Harry gehässig an.
»Ich bin in meinem Schlafzimmer, mache keinen Mucks und tu so, als ob ich nicht da wäre«, sagte Harry dumpf.
»Genau. Nun, wir sollten versuchen beim Abendessen ein paar Komplimente auszustreuen. Hast du eine Idee, Petunia?«
»Vernon sagt, Sie seien ein glänzender Golfspieler, Mr Mason … Sie müssen mir unbedingt verraten, wo Sie Ihr Kleid gekauft haben, Mrs Mason …«
»Bestens … und Dudley?«
»Wie wär’s mit: ›In der Schule mussten wir einen Aufsatz über unseren Helden schreiben, Mr Mason, und ich habe über Sie geschrieben.‹«
Das war zu viel für Tante Petunia und auch für Harry. Tante Petunia brach in Tränen aus und drückte ihren Sohn an die Brust, während Harry unter den Tisch abtauchte, damit sie sein Lachen nicht sehen konnten.
»Und du, Junge?«
Harry tauchte wieder auf und mühte sich nach Kräften, keine Miene zu verziehen.
»Ich bin in meinem Schlafzimmer, mache keinen Mucks und tu so, als ob ich nicht da wäre«, sagte er.
»Genau das wirst du tun«, sagte Onkel Vernon nachdrücklich. »Die Masons wissen nichts von dir und so soll es auch bleiben. Wenn wir fertig sind mit dem Essen, Petunia, geleitest du Mrs Mason zurück in den Salon zum Kaffee, und ich spreche Mr Mason auf die Bohrer an. Mit ein bisschen Glück habe ich den Auftrag noch vor den Zehnuhrnachrichten unter Dach und Fach. Und morgen um diese Zeit können wir uns schon um eine Ferienwohnung auf Mallorca kümmern.«
Harry war davon nicht gerade begeistert. Die Dursleys würden ihn auf Mallorca genauso wenig leiden können wie im Ligusterweg.
»Gut – ich fahr in die Stadt und hol die Smokings für mich und Dudley ab. Und du«, raunzte er Harry an, »du gehst deiner Tante aus dem Weg, während sie sauber macht.«
Harry ging durch die Hintertür hinaus. Es war ein strahlend heller Sommertag. Er schlenderte über den Rasen, ließ sich auf die Gartenbank sinken und sang leise für sich:
»Happy Birthday to me … Happy Birthday to me …«
Keine Postkarten, keine Geschenke, und er würde den ganzen Abend so tun, als ob er nicht auf der Welt wäre. Niedergeschlagen starrte er die Hecke an. Noch nie hatte er sich so einsam gefühlt. Mehr als alles andere in Hogwarts, noch mehr sogar als Quidditch, vermisste Harry seine besten Freunde, Ron Weasley und Hermine Granger. Die allerdings schienen ihn überhaupt nicht zu vermissen. Seit er hier war, hatte er keinen einzigen Brief von ihnen bekommen, obwohl Ron doch versprochen hatte, er würde Harry zu sich nach Hause einladen.
Harry war schon unzählige Male drauf und dran gewesen, Hedwigs Käfig mit Hilfe eines Zauberspruchs zu öffnen und sie mit einem Brief zu Ron und Hermine zu schicken, doch die Gefahr war zu groß. Minderjährige Zauberer durften außerhalb der Schule nicht zaubern. Das hatte Harry den Dursleys nicht gesagt; er wusste, nur ihre Angst, er könnte sie alle in Mistkäfer verwandeln, hielt sie davon ab, auch ihn zu dem Zauberstab und dem Besen in den Schrank zu sperren. In den ersten Wochen nach seiner Rückkehr hatte sich Harry einen Spaß daraus gemacht, sinnlose Wörter vor sich hin zu murmeln und mit anzusehen, wie Dudley, so schnell seine plumpen Beine ihn trugen, aus dem Zimmer floh. Doch nun, da er so lange nichts mehr von Ron und Hermine gehört hatte, fühlte er sich der Zaubererwelt so fern, dass er sogar die Lust verlor, Dudley zu triezen – und jetzt hatten Ron und Hermine auch noch seinen Geburtstag vergessen.
Was würde er nicht alles geben für eine Nachricht aus Hogwarts? Von einer Hexe oder einem Zauberer, gleich, von wem. Fast wäre er dankbar, wieder einmal seinen Erzfeind Draco Malfoy zu sehen, einfach um sich zu vergewissern, dass er nicht alles geträumt hatte …
Nicht, dass sein Jahr in Hogwarts immer nur Spaß gemacht hätte. Ganz am Ende des Schuljahres hatte Harry niemand anderem als dem leibhaftigen Lord Voldemort ins Auge geblickt. Voldemort mochte nur ein kläglicher Schatten seines alten Selbst sein, doch war er immer noch schrecklich, immer noch gerissen und immer noch entschlossen, seine Macht zurückzugewinnen. Harry war Voldemorts Klauen ein zweites Mal entkommen, doch diesmal nur um Haaresbreite, und selbst jetzt, Wochen später, wachte Harry nachts schweißgebadet auf und sah Voldemorts aschgraues Gesicht und seine weit aufgerissenen, wahnsinnigen Augen vor sich. Wo mochte er jetzt wohl stecken?
Jählings richtete sich Harry kerzengerade auf der Gartenbank auf. Gedankenverloren hatte er auf die Hecke gestarrt – und die Hecke starrte zurück. Zwei riesige grüne Augen waren zwischen den Blättern aufgetaucht.
Harry sprang auf und im selben Moment hörte er ein Johlen über den Rasen schallen.
»Ich weiß, was heute für ein Tag ist«, sang Dudley und watschelte auf ihn zu.
Die riesigen Augen blinzelten und verschwanden.
»Was?«, sagte Harry, ohne den Blick von der Stelle zu wenden, wo er die Augen gesehen hatte.
»Ich weiß, was heute für ein Tag ist«, wiederholte Dudley und rückte ihm ganz nahe auf den Leib.
»Gut gemacht«, sagte Harry, »hast also endlich die Wochentage auswendig gelernt?«
»Heute ist dein Geburtstag«, höhnte Dudley. »Wieso hast du eigentlich keine Karten bekommen? Hast du in dieser Schule für Missgeburten nicht mal Freunde?«
»Wenn deine Mutter hört, dass du über meine Schule redest …«, erwiderte Harry kühl.
Dudley zog die Hosen hoch, die über seinen fetten Hintern herunterrutschten.
»Warum starrst du dauernd auf die Hecke?«, fragte er misstrauisch.
»Ich überlege, was wohl der beste Zauberspruch wäre, um sie in Brand zu stecken«, sagte Harry.
Dudley wich stolpernd vor ihm zurück, mit einem panischen Ausdruck auf dem fetten Gesicht.
»Du k-kannst nicht – Dad hat dir gesagt, du darfst nicht z-zaubern – er würde dich aus dem Haus werfen – und du hast sonst niemanden – du hast keine Freunde, die dich aufnehmen –«
»Simsalabim!«, sagte Harry mit finsterer Stimme, »Hokus – pokus – Fidibus –«
»MAAAAMAAAA!«, heulte Dudley, und während er hastig zurückwich, stolperte er über die eigenen Füße. »MAAAMAAA! Er tut es, du weißt schon, was er tut!«
Harry musste seinen kleinen Spaß teuer bezahlen. Da weder der Hecke ein Blatt fehlte noch Dudley ein Haar gekrümmt war, wusste Tante Petunia, dass er nicht wirklich gezaubert hatte, und dennoch musste er sich wegducken, als sie mit der spülschaumtriefenden Pfanne zum Schlag gegen ihn ausholte. Dann gab sie ihm Arbeiten auf und versprach ihm, er würde nichts zu essen bekommen, bevor er fertig wäre.
Während Dudley herumlümmelte und ihm Eiskrem schleckend zusah, putzte Harry die Fenster, wusch den Wagen, mähte den Rasen, jätete die Blumenbeete, beschnitt und goss die Rosen und verpasste der Gartenbank einen neuen Anstrich. Am Himmel glühte die Sonne und versengte ihm den Nacken. Er hätte Dudleys Köder nicht schlucken sollen, sagte sich Harry, doch Dudley hatte genau das ausgesprochen, was er selbst gedacht hatte … Vielleicht hatte er ja tatsächlich keine Freunde in Hogwarts …
»Ich wünschte, sie könnten den berühmten Harry Potter jetzt sehen«, dachte er wütend, während er mit schmerzendem Rücken und schweißtriefendem Gesicht Dünger über die Beete streute.
Es war schon halb acht, als er endlich, völlig erschöpft, Tante Petunia rufen hörte.
»Komm rein! Aber geh über die Zeitungen!«
Erleichtert trat Harry in die kühle, blitzblank schimmernde Küche. Auf dem Kühlschrank stand der Nachtisch für heute Abend: ein riesiger Berg Schlagsahne mit kandierten Veilchenblättern. Im Herd brutzelte ein Schweinebraten.
»Iss rasch auf! Die Masons kommen gleich!«, herrschte ihn Tante Petunia an und deutete auf zwei Scheiben Brot und ein Stück Käse auf dem Küchentisch. Sie trug bereits ein lachsrosa Abendkleid.
Harry wusch sich die Hände und verschlang sein karges Mahl. Kaum war er fertig, schnappte ihm Tante Petunia den Teller weg. »Nach oben! Marsch!«
Als Harry an der Wohnzimmertür vorbeiging, erhaschte er einen Blick auf Onkel Vernon und Dudley mit Smoking und Fliege. Gerade war er oben angelangt, da läutete es an der Tür, und Onkel Vernons wutverzerrtes Gesicht erschien am Fuß der Treppe.
»Denk dran, Junge – ein Mucks, und –«
Harry schlich auf Zehenspitzen zu seinem Zimmer, glitt hinein, schloss die Tür, wandte sich um und wollte sich auf sein Bett fallen lassen.
Nur – da saß schon jemand.
Dobbys Warnung
Harry schaffte es gerade noch, einen Aufschrei zu unterdrücken. Das kleine Geschöpf auf dem Bett hatte große, fledermausähnliche Ohren und hervorquellende grüne Augäpfel, so groß wie Tennisbälle. Harry war sofort klar, dass dieses Wesen ihn heute Morgen aus der Hecke heraus beobachtet hatte.
Während sie sich anstarrten, hörte Harry Dudleys Stimme aus der Diele.
»Darf ich Ihnen bitte die Jacken abnehmen, Mr und Mrs Mason?«
Das Geschöpf glitt vom Bett herunter und verneigte sich so tief, dass die Spitze seiner langen schmalen Nase den Teppich berührte. Harry sah, dass es eine Art alten Kissenüberzug anhatte, mit Löchern für die Arme und die Beine.
»Ahm – hallo«, sagte Harry unsicher.
»Harry Potter«, sagte das Geschöpf mit so durchdringender Piepsestimme, dass Harry ganz sicher war, man würde sie unten hören. »Dobby hat so lange darauf gewartet, Sie zu treffen, Sir … Welche Ehre …«
»D-danke«, sagte Harry. Er drängte sich an der Wand entlang und ließ sich auf seinen Schreibtischstuhl sinken, direkt neben die schlafende Hedwig in ihrem großen Käfig. Er wollte fragen: Was bist du eigentlich?, doch das hielt er für ziemlich grob, und so sagte er:
»Wer sind Sie?«
»Dobby, Sir. Einfach Dobby. Dobby, der Hauself«, sagte das Geschöpf.
»Ach – wirklich?«, sagte Harry. »Ahm – ich möchte ja nicht unhöflich sein, aber – das ist nicht der passende Augenblick für mich, um einen Hauselfen im Schlafzimmer zu haben.«
Aus dem Wohnzimmer drang Tante Petunias schrilles und falsches Lachen empor. Der Elf ließ den Kopf hängen.
»Natürlich freue ich mich, Sie zu treffen«, setzte Harry rasch hinzu, »aber, ähm, gibt es einen besonderen Grund für Ihren Besuch?«
»O ja, Sir«, sagte Dobby mit ernster Miene. »Dobby ist hier, Sir, um Ihnen zu sagen … Es ist schwierig, Sir … Dobby weiß nicht, wo er anfangen soll …«
»Setzen Sie sich«, sagte Harry höflich und deutete aufs Bett.
Zu seinem Entsetzen brach der Elf in Tränen aus – sehr geräuschvolle Tränen.
»S-setzen Sie sich!«, jammerte er, »nie … niemals …«
Harry meinte, die Stimmen unten verstummen zu hören.
»Es tut mir leid«, flüsterte er, »ich wollte Sie nicht verletzen –«
»Dobby verletzen«, schluchzte der Elf. »Noch nie hat ein Zauberer Dobby aufgefordert, sich zu setzen – von Gleich zu Gleich –«
Harry zischte »Schhh!« und versuchte Dobby zugleich tröstend anzublicken und einladend aufs Bett zu weisen. Da saß er nun wieder, wie eine große, hässliche Puppe mit einem Schluckauf. Endlich sammelte er sich und starrte Harry mit einem Ausdruck der Bewunderung in den großen wässrigen Augen an.
»Sie haben bestimmt noch nicht viele anständige Zauberer kennen gelernt«, sagte Harry aufmunternd.
Dobby schüttelte den Kopf. Dann, ohne Warnung, sprang er auf und begann den Kopf wie rasend gegen das Fenster zu hämmern. »Böser Dobby! Böser Dobby!«, schrie er.
»Nicht doch, was tun Sie denn da?«, zischte Harry, sprang auf und zerrte Dobby zurück aufs Bett. Hedwig wachte mit einem besonders lauten Kreischen auf und schlug wild mit den Flügeln gegen die Käfigstangen.
»Dobby musste sich bestrafen, Sir«, sagte der Elf, nun mit einem leichten Schielen in den Augen, »fast hätte Dobby schlecht von seiner Familie gesprochen, Sir …«
»Ihrer Familie?«
»Die Zaubererfamilie, der Dobby dient, Sir … Dobby ist ein Hauself, er muss immer und ewig in einem Haus bleiben und einer Familie dienen …«
»Wissen die, dass Sie hier sind?«, fragte Harry neugierig.
Dobby erschauderte.
»O nein, Sir, nein … Dobby wird sich ganz fürchterlich bestrafen müssen, weil er zu Ihnen gekommen ist, Sir. Dobby wird deswegen seine Ohren in die Herdklappe klemmen müssen. Wenn die Familie das jemals erfährt, Sir –«
»Aber wird es nicht auffallen, wenn Sie Ihre Ohren in die Herdklappe klemmen?«
»Das bezweifelt Dobby, Sir. Dobby muss sich immer für irgendetwas bestrafen, Sir. Sie lassen Dobby machen, Sir. Manchmal erinnern sie mich daran, dass ich ein paar Strafen vergessen habe …«
»Aber warum gehen Sie dann nicht fort? Fliehen?«
»Ein Hauself muss freigelassen werden, Sir. Und die Familie wird Dobby niemals freilassen … Dobby wird der Familie dienen, bis er stirbt, Sir …«
Harry starrte ihn an.
»Und ich dachte, ich hätte ein elendes Los, weil ich noch vier Wochen hier bleiben muss«, sagte er. »Dagegen benehmen sich die Dursleys ja fast menschlich. Kann Ihnen niemand helfen? Ich vielleicht?«
Noch im selben Augenblick hätte sich Harry auf die Zunge beißen mögen. Dobby heulte vor Dankbarkeit auf.
»Bitte«, zischelte Harry angespannt, »bitte, seien Sie still, wenn die Dursleys etwas hören, wenn sie erfahren, dass Sie hier sind –«
»Harry Potter fragt, ob er Dobby helfen kann … Dobby hat von Ihrer Größe gehört, Sir, aber von Ihrer Güte hat er nie erfahren …«
Harry, dem jetzt ganz heiß im Gesicht war, sagte: »Was immer Sie über meine Größe gehört haben, ist völliger Unsinn. Ich bin nicht einmal Jahresbester in Hogwarts, das ist Hermine, sie –« Doch hielt er sofort inne, denn der Gedanke an Hermine schmerzte ihn.
»Harry Potter ist demütig und bescheiden«, sagte Dobby ehrfürchtig und seine kugelrunden Augen erglühten. »Harry Potter spricht nicht von seinem Triumph über Jenen, dessen Name nicht genannt werden darf –«
»Voldemort?«, sagte Harry.
Dobby schlug die Hände gegen seine Fledermausohren und stöhnte: »Aah, sprechen Sie den Namen nicht aus, Sir, nennen Sie nicht den Namen!«
»Tut mir leid«, sagte Harry rasch, »ich weiß, viele Leute mögen das nicht – mein Freund Ron –«
Wieder brach er ab. Auch an Ron zu denken tat weh.
Dobby beugte sich zu Harry herüber, die Augen groß wie Scheinwerfer.
»Dobby ist zu Ohren gekommen«, sagte er mit heiserer Stimme, »dass Harry Potter dem Schwarzen Lord ein zweites Mal begegnet ist, erst vor ein paar Wochen … und dass Harry Potter abermals entkommen ist.«
Harry nickte und in Dobbys Augen glitzerten Tränen.
»Ach, Sir«, stöhnte er und tupfte sich mit einer Ecke seines schmuddeligen Kissenbezugs das Gesicht. »Harry Potter ist kühn und tapfer! Er hat schon so vielen Gefahren die Stirn geboten! Aber Dobby ist gekommen, um Harry Potter zu schützen, um ihn zu warnen, selbst wenn er dafür die Ohren in die Herdklappe klemmen muss … Harry Potter darf nicht nach Hogwarts zurückkehren.«
Stille trat ein, nur unterbrochen vom Klingen der Messer und Gabeln im Esszimmer und dem fernen Dröhnen von Onkel Vernons Stimme.
»W-was?«, stammelte Harry. »Aber ich muss zurück – das Schuljahr beginnt am ersten September. Das ist das Einzige, was mich hier durchhalten lässt. Sie wissen nicht, wie es hier ist. Hier bin ich nicht zu Hause. Ich gehöre in Ihre Welt – nach Hogwarts.«
»Nein, nein, nein«, quiekte Dobby und schüttelte so heftig den Kopf, dass ihm die Ohren ins Gesicht schlackerten. »Harry Potter muss da bleiben, wo er in Sicherheit ist. Er ist zu groß, zu gut, um zu verlieren. Wenn Harry Potter nach Hogwarts zurückgeht, ist er in tödlicher Gefahr.«
»Warum?«, fragte Harry verdutzt.
»Es gibt eine Verschwörung, Harry Potter. Eine Verschwörung mit dem Ziel, dieses Jahr in der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei die schrecklichsten Dinge geschehen zu lassen«, flüsterte Dobby und zitterte plötzlich am ganzen Leib. »Dobby weiß es schon seit Monaten, Sir. Harry Potter darf sich nicht in Gefahr bringen. Er ist zu wichtig, Sir!«
»Was für schreckliche Dinge?«, fragte Harry sofort nach. »Wer steckt dahinter?«
Dobby gab ein seltsam würgendes Geräusch von sich und schlug dann, wie von Sinnen, den Kopf gegen die Wand.
»Na schön!«, rief Harry und packte den Elfen am Arm, um ihn zu beruhigen. »Sie können es nicht sagen, verstehe. Aber warum warnen Sie mich?« Plötzlich kam ihm ein beunruhigender Gedanke. »Warten Sie – das hat doch nichts mit Vol – Verzeihung –, mit Du-weißt-schon-wem zu tun, oder doch? Sie könnten einfach den Kopf schütteln oder nicken«, fügte er hastig hinzu, da Dobbys Kopf sich schon wieder Besorgnis erregend nahe zur Wand hin neigte.
Dobby schüttelte langsam den Kopf.
»Nein – nicht Jener, der nicht genannt werden darf, Sir –«
Dobbys Augen jedoch waren weit aufgerissen und schienen Harry einen Hinweis geben zu wollen. Harry allerdings war vollkommen ratlos.
»Er hat doch keinen Bruder, oder?«
Dobby schüttelte den Kopf und riss die Augen noch weiter auf.
»Tja dann; ich habe keine Ahnung, wer außer ihm die Macht hätte, in Hogwarts schreckliche Dinge geschehen zu lassen«, sagte Harry. »Ich meine, da ist zwar Dumbledore – Sie wissen doch, wer Dumbledore ist?«
Dobby neigte den Kopf. »Albus Dumbledore ist der großartigste Schulleiter, den Hogwarts je hatte. Dobby weiß das, Sir. Dobby hat gehört, dass Dumbledores Zauberkräfte Jenem, der nicht genannt werden darf, auch auf der Höhe seiner Macht ebenbürtig waren. Aber, Sir«, Dobbys Stimme senkte sich zu einem dringlichen Flüstern, »es gibt Zauberkräfte, die Dumbledore nicht … Kräfte, die kein anständiger Zauberer …«
Und bevor Harry ihn festhalten konnte, stürzte sich Dobby vom Bett, packte Harrys Schreibtischlampe und schlug sie sich unter ohrenbetäubendem Jaulen um den Kopf.
Unten im Erdgeschoss trat urplötzlich Stille ein. Harrys Herz begann zu rasen und einen Augenblick später hörte er Onkel Vernon in die Diele treten und rufen: »Dudley muss mal wieder seinen Fernseher angelassen haben, der kleine Schlingel!«
»Schnell! Da hinein!«, zischte Harry, drängte Dobby in den Schrank, schloss die Tür und warf sich aufs Bett. Schon drehte sich der Türknopf.
»Was zum Teufel treibst du hier?«, knurrte Onkel Vernon mit zusammengebissenen Zähnen und beugte sich mit dem Gesicht furchtbar nahe zu Harry hinab. »Du hast mir gerade die Pointe von dem japanischen Golferwitz vermasselt … Noch ein Mucks, und du wirst dir wünschen, nie geboren worden zu sein, Junge!«
Mit stampfenden Schritten verließ er das Zimmer.
Harry befreite Dobby mit zitternden Händen aus dem Schrank.
»Sehen Sie, wie es hier ist?«, sagte er. »Sehen Sie, warum ich nach Hogwarts zurückmuss? Das ist der einzige Ort, wo ich – na ja, wo ich glaube, dass ich Freunde habe.«
»Freunde, die Harry Potter nicht einmal schreiben?«, sagte Dobby hinterhältig.
»Ich denke, sie waren einfach – Moment mal«, sagte Harry stirnrunzelnd. »Woher wissen Sie, dass meine Freunde mir nicht geschrieben haben?«
Dobby scharrte mit den Füßen. »Harry Potter darf nicht zornig sein auf Dobby – Dobby hat es nur gut gemeint –«
»Haben Sie meine Briefe abgefangen?«
»Dobby hat sie hier, Sir«, sagte der Elf. Hurtig entfernte er sich aus Harrys Reichweite und zog einen dicken Packen Umschläge aus seinem Kissenbezug. Harry konnte Hermines fein säuberliche Handschrift erkennen, Rons wirres Gekrakel und selbst ein Gekritzel, das aussah, als stammte es von Hagrid, dem Wildhüter von Hogwarts.
Dobby blinzelte ängstlich zu Harry empor.
»Harry Potter darf nicht böse sein … Dobby hat gehofft … wenn Harry Potter glaubt, dass seine Freunde ihn vergessen hätten … dann würde Harry Potter vielleicht nicht mehr auf die Schule zurückwollen, Sir …«
Harry hörte ihm nicht zu. Er schnappte nach den Briefen, doch Dobby entkam ihm mit einem Sprung.
»Harry Potter kann sie haben, Sir, wenn er Dobby sein Wort gibt, dass er nicht nach Hogwarts zurückkehrt. Aah, Sir, dort droht eine Gefahr, der Sie nicht begegnen dürfen! Sagen Sie, dass Sie nicht zurückgehen, Sir!«
»Nein«, sagte Harry zornig, »geben Sie mir die Briefe!«
»Dann lässt Harry Potter Dobby keine Wahl«, sagte der Elf traurig.
Noch bevor Harry auch nur die Hand rühren konnte, war Dobby schon zur Zimmertür gehechtet, hatte sie geöffnet und war die Treppe hinuntergerast.
Mit trockenem Mund und verkrampftem Magen setzte ihm Harry nach, so leise er konnte. Die letzten sechs Stufen übersprang er und landete katzengleich auf dem Läufer. Er sah sich nach Dobby um. Aus dem Esszimmer hörte er Onkel Vernons Stimme:
»… erzählen Sie doch bitte Petunia diese unglaublich witzige Geschichte über die amerikanischen Klempner, Mr Mason, meine Frau möchte sie unbedingt hören …«
Harry rannte die Diele entlang und in die Küche. Was er dort sah, gab seinem Magen den Rest.
Tante Petunias Meisterwerk von einem Nachtisch, der Berg aus Sahne und kandierten Veilchen, schwebte knapp unter der Decke. Auf einem Schrank in der Ecke kauerte Dobby.
»Nein«, ächzte Harry, »bitte nicht … die bringen mich um …«
»Harry Potter muss versprechen, dass er nicht in die Schule zurückgeht –«
»Dobby – bitte …«
»Sagen Sie es, Sir –«
»Ich kann nicht –«
Dobby warf ihm einen schmerzerfüllten Blick zu.
»Dann muss Dobby es tun, Sir, nur zum Wohle Harry Potters.«
Die Platte fiel mit einem ohrenbetäubenden Splittern zu Boden. Sahne spritzte auf Fenster und Wände. Mit einem peitschenden Knall verschwand Dobby.
Aus dem Esszimmer drangen Schreie und Onkel Vernon kam in die Küche gestürzt: Harry stand vor ihm, starr vor Schreck, von Kopf bis Fuß mit Tante Petunias Nachtisch besprenkelt.
Zunächst schien es, als würde es Onkel Vernon gelingen, die Situation zu retten (»Nur unser Neffe – ganz verwirrt – Fremde machen ihm Angst, daher sollte er oben bleiben …«). Er drängte die überraschten Masons mit sanfter Gewalt zurück ins Esszimmer, versprach Harry, wenn der Besuch weg sei, würde es Prügel setzen, dass ihm Hören und Sehen verginge, und drückte ihm einen Wischmopp in die Hand. Tante Petunia grub etwas Eis aus der Kühltruhe, und Harry, immer noch zitternd, begann die Küche zu wischen.
Vielleicht hätte Onkel Vernon seinen Auftrag doch noch unter Dach und Fach bringen können – wenn da nicht die Eule gewesen wäre. Tante Petunia reichte gerade eine Schachtel mit Pfefferminzplätzchen herum, als eine riesige Schleiereule durchs Esszimmerfenster geflattert kam, einen Brief auf Mrs Masons Kopf fallen ließ und wieder hinausflog. Mrs Mason kreischte wie eine Todesfee und rannte aus dem Haus, lauthals über »diese Verrückten« schimpfend. Mr Mason nahm sich noch die Zeit zu erklären, dass seine Frau eine Heidenangst vor Vögeln aller Art und Größe habe. Ob die Dursleys solche Scherze denn witzig fänden?
Harry stand in der Küche und klammerte sich am Wischmopp fest, als Onkel Vernon mit einem dämonischen Glimmen in den kleinen Augen auf ihn zumarschierte.
»Lies ihn!«, zischelte er bösartig und fuchtelte mit dem Brief, den die Eule gebracht hatte, in der Luft herum. »Nur zu – lies ihn!«
Harry nahm den Brief in die Hand. Ein Geburtstagsbrief war es nicht.
Sehr geehrter Mr Potter,
wie uns zur Kenntnis gelangt ist, wurde an Ihrem Wohnort heute Abend um zwölf Minuten nach neun ein Schwebezauber verwendet.
Wie Sie wissen, ist es minderjährigen Zauberern nicht gestattet, außerhalb der Schule zu zaubern. Weitere Zaubertätigkeit Ihrerseits kann zum Verweis von besagter Schule führen (Erlass zur Vernunftgemäßen Beschränkung der Zauberei Minderjähriger, 1875, Abschnitt C).
Wir möchten Sie zugleich daran erinnern, dass jegliche magische Tätigkeit, die den Mitgliedern der nichtmagischen Gemeinschaft (Muggel) aufzufallen droht, gemäß Abschnitt 13 des Geheimhaltungsabkommens der Internationalen Zauberervereinigung ein schweres Vergehen ist.
Genießen Sie Ihre Ferien!
Hochachtungsvoll,
Mafalda Hopfkirch
Abteilung für unbefugte Zauberei
Zaubereiministerium
Harry blickte auf und schluckte.
»Du hast uns nicht erzählt, dass du außerhalb der Schule nicht zaubern darfst«, sagte Onkel Vernon. Ein irrer Glanz funkelte in seinen Augen. »Hast wohl vergessen, es zu erwähnen … ist dir einfach entfallen, würde ich mal sagen …«
Wie eine große Bulldogge beugte er sich mit gefletschten Zähnen über Harry. »Nun, ich habe Neuigkeiten für dich, Junge … Ich schließ dich ein … Du gehst nie wieder in diese Schule zurück … nie … und wenn du versuchen solltest, dich hier herauszuzaubern – dann werfen sie dich dort raus!«
Und wie ein Wahnsinniger lachend schleifte er Harry die Treppe hoch.
Onkel Vernon war gemein genug, sein Versprechen zu halten. Am folgenden Morgen ließ er ein Gitter vor Harrys Fenster anbringen. Die Katzenklappe baute er persönlich in die Zimmertür ein, so dass sie dreimal täglich ein wenig Nahrung hineinschieben konnten. Morgens und abends ließen sie Harry ins Badezimmer; für den Rest des Tages schlossen sie ihn in sein Zimmer ein.
Drei Tage später machten die Dursleys immer noch keine Anstalten nachzugeben, und Harry hatte keine Ahnung, wie er aus seiner vertrackten Lage herauskommen konnte. Auf dem Bett liegend sah er die Sonne hinter den Fenstergittern untergehen und fragte sich niedergeschlagen, wie es mit ihm weitergehen sollte.
Was nutzte es, sich aus dem Zimmer zu zaubern? Dann würde er von Hogwarts fliegen. Doch so elend war es ihm hier im Ligusterweg noch nie ergangen. Nun, da die Dursleys wussten, dass sie nicht eines Tages als Fledermäuse aufwachen würden, hatte er seine einzige Waffe verloren. Dobby mochte Harry vor schrecklichen Geschehnissen in Hogwarts bewahrt haben, doch so, wie die Dinge nun liefen, würde er ohnehin eines Tages verhungern.
Die Katzenklappe klapperte, Tante Petunias Hand erschien und schob eine Schale Dosensuppe ins Zimmer. Harry, der vor Hunger Bauchschmerzen hatte, sprang vom Bett und hob sie hoch. Die Suppe war eiskalt, doch er trank die Schale in einem Zug halb leer. Dann ging er hinüber zu Hedwigs Käfig und warf das lasche Grünzeug vom Boden der Schale in ihren leeren Futternapf. Hedwig raschelte mit ihren Federn und warf ihm einen angeekelten Blick zu.
»Nützt nichts, wenn es deinem Schnabel nicht gut genug ist, das ist alles, was wir haben«, sagte Harry grimmig.
Er stellte die leere Schale zurück vor die Katzenklappe und legte sich wieder aufs Bett, seltsamerweise noch hungriger als vor der Suppe.
Sollte er in vier Wochen noch am Leben sein, was würde geschehen, wenn er nicht in Hogwarts auftauchte? Würden sie jemanden schicken, um herauszufinden, warum er nicht gekommen war? Konnten sie die Dursleys zwingen, ihn freizulassen?
Allmählich wurde es dunkel im Zimmer. Erschöpft, mit knurrendem Magen und den Kopf voller unlösbarer Probleme, versank Harry in einen unruhigen Schlaf.
Ihm träumte, er würde in einem Zoo ausgestellt, in einem Käfig mit dem Schild »Minderjähriger Zauberer«. Leute glotzten durch die Gitter des Käfigs, wo er hungernd und geschwächt auf einer Strohmatte lag. Er sah Dobbys Gesicht in der Menge und schrie um Hilfe, doch Dobby rief: »Hier ist Harry Potter in Sicherheit, Sir!«, und verschwand. Dann tauchten die Dursleys auf und Dudley rüttelte an den Gitterstäben und lachte ihn aus.
»Hör auf damit«, murmelte Harry. Das Rütteln dröhnte in seinem schmerzenden Kopf. »Lass mich in Ruhe … Schluss damit … Ich will schlafen …«
Er öffnete die Augen. Der Mond schien durch das Fenstergitter. Und da war wirklich jemand, der ihn durch die Gitterstäbe anstarrte: ein sommersprossiger, rothaariger, langnasiger Jemand.
Draußen vor Harrys Fenster war Ron Weasley.
Der Fuchsbau
»Ron!«, keuchte Harry. Er kroch zum Fenster und schob es hoch, so dass sie durch die Gitterstäbe miteinander sprechen konnten. »Ron, wie bist du – was zum –?«
Die Kinnlade fiel ihm herunter, als ihm klar wurde, was er da vor sich hatte. Ron lehnte sich aus dem hinteren Seitenfenster eines alten, türkisfarbenen Autos, das mitten in der Luft geparkt war. Vorne im Wagen saßen Fred und George, Rons ältere Zwillingsbrüder, und grinsten ihn an.
»Alles in Ordnung, Harry?«
»Was war denn los mit dir?«, fragte Ron. »Warum hast du meine Briefe nicht beantwortet? Ich hab dich ungefähr ein Dutzend Mal gebeten zu kommen, und dann kam heute Dad nach Hause und meinte, du hättest eine offizielle Verwarnung wegen Zauberei vor Muggeln erhalten –«
»Das war nicht ich – und woher weiß er das eigentlich?«
»Er arbeitet im Ministerium«, sagte Ron. »Du weißt doch, dass wir außerhalb der Schule nicht zaubern dürfen –«
»Das musst ausgerechnet du sagen«, erwiderte Harry mit einem Blick auf den schwebenden Wagen.
»Ach, das zählt nicht«, sagte Ron. »Den haben wir nur geborgt, er gehört Dad. Wir haben ihn nicht verzaubert. Aber vor den Augen der Muggel, bei denen du lebst, auch noch zaubern –«
»Ich hab dir doch gesagt, ich war’s nicht – aber ich hab jetzt keine Zeit, dir das zu erklären. Hör mal, kannst du in Hogwarts sagen, dass die Dursleys mich eingesperrt haben und mich nicht zurücklassen, und selbst herauszaubern kann ich mich natürlich nicht, weil das Ministerium dann glaubt, es sei der zweite Zauber in drei Tagen, also –«
»Hör auf, dummes Zeug zu quatschen«, sagte Ron. »Wir sind hier, um dich mit nach Hause zu nehmen.«
»Aber ihr dürft mich genauso wenig rauszaubern –«
»Ist nicht nötig«, sagte Ron grinsend und wies mit einem Kopfnicken auf seine Brüder. »Du vergisst, wen ich dabeihabe.«
»Schnür das um die Gitterstäbe«, sagte Fred und warf Harry das Ende eines Seils zu.
»Wenn die Dursleys aufwachen, bin ich ein toter Mann«, sagte Harry und band das Seil fest um das Gitter, während Fred den Motor aufheulen ließ.
»Keine Sorge«, sagte Fred. »Aber geh vom Fenster weg.«
Harry wich ein paar Schritte in die Dunkelheit zurück und wartete neben Hedwigs Käfig. Offenbar hatte sie erkannt, dass etwas Wichtiges vor sich ging, und gab keinen Mucks von sich. Der Motor heulte auf, und mit einem Knirschen riss der Wagen das Gitter aus dem Fensterrahmen und schoss hoch in die Lüfte – Harry rannte zum Fenster zurück und sah das Gitter gut einen Meter über dem Boden pendeln. Ron zog es schwer atmend hoch ins Wageninnere. Harry lauschte ängstlich, doch aus dem Schlafzimmer der Dursleys war nichts zu hören.
Als das Gitter auf dem Rücksitz neben Ron verstaut war, setzte Fred rückwärts so nahe wie möglich an Harrys Fenster heran.
»Steig ein«, sagte Ron.
»Aber meine ganzen Sachen für Hogwarts – mein Zauberstab, mein Besen –«
»Wo sind die Sachen?«
»Im Schrank unter der Treppe eingeschlossen und ich kann nicht aus dem Zimmer –«
»Kein Problem«, sagte George vom Beifahrersitz, »aus dem Weg, Harry.«
Fred und George kletterten vorsichtig durchs Fenster in Harrys Zimmer. Die verstehen ihr Handwerk, dachte Harry, als George eine Haarnadel aus der Tasche zog und im Türschloss zu stochern begann.
»Viele Zauberer halten es für pure Zeitverschwendung, solche Muggeltricks zu lernen«, sagte Fred. »Aber wir glauben, es lohnt sich, selbst wenn es damit ein bisschen länger dauert.«
Mit einem leisen Klicken ging die Tür auf.
»Also, wir holen deinen Koffer, du packst alles zusammen, was du aus deinem Zimmer brauchst, und gibst es Ron«, flüsterte George.
»Passt auf die letzte Stufe auf, die knarrt«, wisperte Harry, und die Zwillingsbrüder verschwanden auf der dunklen Treppe.
Harry flitzte im Zimmer herum, sammelte seine Sachen ein und reichte sie Ron durch das Fenster hinaus. Dann half er Fred und George, den Koffer die Treppe hochzuschleppen. Harry hörte Onkel Vernon husten.
Endlich, außer Atem, waren sie oben auf dem Treppenabsatz angelangt. Sie trugen den Koffer durch Harrys Zimmer zum offenen Fenster. Fred kletterte zurück in den Wagen, um gemeinsam mit Ron zu ziehen, und Harry und George schoben von drinnen. Zentimeter um Zentimeter rutschte der Koffer durchs Fenster.
Wieder hustete Onkel Vernon.
»Noch ein wenig«, keuchte Fred, der aus dem Wagen zog, »einen kräftigen Schubser noch –«
Harry und George warfen sich mit den Schultern gegen den Koffer und er rutschte durch das Fenster auf den Rücksitz.
»Okay, gehen wir«, flüsterte George.
Doch als Harry auf das Fensterbrett stieg, hörte er hinter sich plötzlich ein lautes Kreischen, unmittelbar gefolgt von der Donnerstimme Onkel Vernons.
»DIESE VERFLUCHTE EULE!«
»Ich hab Hedwig vergessen!«
Harry rannte hinüber zu Hedwig und in diesem Augenblick ging das Flurlicht an. Er packte Hedwigs Käfig, stürzte zurück zum Fenster und reichte ihn Ron hinaus. – Er war gerade auf die Kommode gestiegen, als Onkel Vernon gegen die offene Tür schlug, die mit einem lauten Krachen aufflog.
Einen Augenblick lang blieb Onkel Vernon im Türrahmen stehen; dann fing er an zu toben wie ein rasender Stier. Er stürzte sich auf Harry und umklammerte sein Fußgelenk.
Ron, Fred und George packten Harrys Arme und zogen ihn mit aller Kraft nach draußen.
»Petunia!«, röhrte Onkel Vernon. »Er haut ab! ER HAUT AB!«
Doch mit einem gewaltigen Ruck befreiten die Weasleys Harrys Fuß aus Onkel Vernons Klammergriff – Harry war jetzt im Wagen – er hatte die Tür hinter sich zugeschlagen –
»Gib Gas, Fred!«, rief Ron und schon jagte der Wagen dem Mond entgegen.
Harry konnte es nicht glauben – er war frei. Er kurbelte das Fenster herunter, die Nachtluft peitschte ihm durchs Haar und er sah hinab auf die schrumpfenden Dächer des Ligusterwegs. Onkel Vernon, Tante Petunia und Dudley hingen wie vom Schlag getroffen aus Harrys Fenster.
»Bis nächsten Sommer!«, rief Harry.
Von den Weasleys kam ein dröhnendes Lachen, und Harry ließ sich, von Ohr zu Ohr grinsend, in den Rücksitz sinken.
»Lass Hedwig raus«, sagte er zu Ron, »sie kann hinter uns herfliegen. Sie hat schon eine Ewigkeit ihre Flügel nicht mehr ausspannen dürfen.«
George gab Ron die Haarnadel, und einen Augenblick später war Hedwig schon glücklich aus dem Fenster nach draußen geschossen, wo sie jetzt wie ein Geist neben ihnen herschwebte.
»Also, erzähl mal, Harry«, sagte Ron ungeduldig. »Was ist passiert?«
Harry erzählte ihnen alles, von Dobbys Warnung bis zur Katastrophe mit dem Veilchennachtisch. Eine lange, bestürzte Stille trat ein, als er geendet hatte.
»Ganz faule Geschichte«, sagte Fred endlich.
»Ziemlich fies«, pflichtete ihm George bei. »Also wollte er dir nicht mal sagen, wer hinter der ganzen Geschichte steckt?«
»Ich glaube, das konnte er nicht«, sagte Harry. »Ich hab euch ja gesagt, jedes Mal, wenn ihm beinahe was rausgerutscht wäre, hat er den Kopf gegen die Wand geknallt.«
Fred und George sahen sich an.
»Wie? Ihr denkt, er hat mich angelogen?«
»Na ja«, sagte Fred, »sagen wir mal so, Hauselfen haben ihre eigenen starken Zauberkräfte, aber normalerweise können sie die nicht ohne Erlaubnis ihres Herrn einsetzen. Ich denke mal, man hat Dobby geschickt, um dich davon abzuhalten, nach Hogwarts zurückzukommen. Das fand jemand wohl besonders komisch. Gibt es jemanden in der Schule, der etwas gegen dich hat?«
»Ja«, stießen Harry und Ron gleichzeitig hervor.
»Draco Malfoy«, sagte Harry. »Er hasst mich.«
»Draco Malfoy?«, wiederholte George und wandte sich um. »Nicht etwa Lucius Malfoys Sohn?«
»Muss er wohl sein, denn der Name kommt nicht gerade häufig vor«, sagte Harry. »Warum?«
»Ich hab gehört, wie Dad von ihm geredet hat«, sagte George. »Er war ein großer Anhänger von Du-weißt-schon-wem.«
»Und als Du-weißt-schon-wer verschwunden war«, sagte Fred und drehte sich zu Harry um, »kehrte Lucius Malfoy zurück und behauptete, er hätte es gar nicht so gemeint. Ein Haufen Mist. Dad meint, er habe zum engsten Kreis von Du-weißt-schon-wem gehört.«
Harry hatte diese Gerüchte über Malfoys Familie schon häufiger gehört und sie überraschten ihn nicht. Im Vergleich zu Malfoy kam ihm Dudley Dursley wie ein netter und nachdenklicher Junge vor.
»Ich weiß nicht, ob die Malfoys einen Hauselfen haben …«, sagte Harry.
»Nun, wem immer der Elf gehört, es muss jedenfalls eine alte Zaubererfamilie sein, und eine reiche dazu«, sagte Fred.
»Ja, Mum hätte auch gern einen Hauselfen zum Bügeln«, sagte George. »Aber alles, was wir haben, ist ein lumpiger alter Ghul in der Dachkammer und Gnomen überall im Garten. Hauselfen gehören zu großen alten Landsitzen und Schlössern und anderen Prachtbauten und in unserem Haus wirst du bestimmt keinem über den Weg laufen …«
Harry schwieg. Wenn er bedachte, dass Draco Malfoy fast immer das Beste vom Besten hatte, musste sich seine Familie in Zauberergold wälzen können; er sah Malfoy vor sich, wie er in einem großen alten Landhaus umherstolzierte. Den Familiendiener zu schicken, um Harry von der Rückkehr nach Hogwarts abzuhalten – genau das sah Malfoy ähnlich. War es eine Dummheit von ihm gewesen, Dobby ernst zu nehmen?
»Ich bin jedenfalls froh, dass wir dich da rausgeholt haben«, sagte Ron. »Ich hab mir allmählich wirklich Sorgen um dich gemacht, als du meine Briefe nicht beantwortet hast. Ich dachte erst, es wäre Errols Schuld.«
»Wer ist Errol?«
»Unsere Eule. Schon steinalt. Kann schon mal vorkommen, dass sie auf einem Botenflug einen Herzanfall bekommt. Also hab ich versucht, mir Hermes zu borgen –«
»Wen?«
»Die Eule, die Mum und Dad für Percy gekauft haben, als er zum Vertrauensschüler ernannt wurde«, erklärte Fred vom Fahrersitz aus.
»Aber Percy wollte ihn nicht verleihen«, sagte Ron. »Meinte, er brauchte ihn.«
»Überhaupt führt sich Percy diesen Sommer ziemlich eigenartig auf«, sagte George stirnrunzelnd. »Und tatsächlich hat er einen Haufen Briefe verschickt und sich oft in seinem Zimmer eingeschlossen … Ich meine, so oft kannst du eine Vertrauensschülermedaille auch nicht polieren … Du fliegst zu weit nach Westen, Fred«, fügte er hinzu und deutete auf einen Kompass am Armaturenbrett. Fred kurbelte das Steuer herum.
»Sagt mal, weiß euer Vater eigentlich, dass ihr den Wagen habt?«, fragte Harry, obwohl er schon die Antwort ahnte.
»Ähm, nicht direkt«, sagte Ron, »er musste heute Abend zur Arbeit. Hoffentlich können wir den Wagen in die Garage zurückstellen, ohne dass Mum etwas merkt.«
»Was macht euer Vater überhaupt im Ministerium?«
»Er arbeitet in der langweiligsten Abteilung«, sagte Ron. »Im Büro für den Missbrauch von Muggelartefakten.«
»Wo bitte?«
»Es hat mit dem Verhexen von Muggelsachen zu tun; die dürfen auf keinen Fall in einem Muggelladen oder bei den Muggeln zu Hause landen. Letztes Jahr zum Beispiel wurde das Teeservice einer alten Hexe, die gestorben war, an ein Antiquitätengeschäft verkauft. Eine Muggelfrau hat es gekauft, heimgenommen und versucht, ihren Freunden darin Tee zu servieren. Es war ein Alptraum, Dad musste wochenlang Überstunden machen –«
»Was ist denn passiert?«
»Die Teekanne ist ausgerastet und hat überall kochend heißen Tee verspritzt und ein Mann musste mit Zuckerzangen auf der Nase ins Krankenhaus gebracht werden. Dad war vollkommen aus dem Häuschen, außer ihm und einem alten Hexenmeister namens Perkins ist nämlich keiner dafür zuständig, und sie mussten Vergessenszauber und solche Dinge anwenden, um die Sache zu vertuschen –«
»Aber euer Vater – dieses Auto –«
Fred lachte. »Ja, Dad ist verrückt nach allem, was mit den Muggeln zu tun hat, unser Schuppen ist vollgestopft mit Muggelzeug. Er nimmt es auseinander, verzaubert es und setzt es wieder zusammen. Wenn er unser Haus durchsuchen würde, müsste er auf der Stelle sich selbst verhaften. Das treibt Mum zum Wahnsinn.«
»Da ist die Hauptstraße«, sagte George und spähte durch die Windschutzscheibe. »In zehn Minuten sind wir da … wird auch Zeit, es wird langsam hell …«
Im Osten begann der Horizont blassrosa zu schimmern.
Fred ließ den Wagen sinken und Harry sah einen dunklen Flickenteppich aus Feldern und Baumgruppen.
»Wir sind nicht weit vom Dorf«, sagte George, »Ottery St. Catchpole …«
Der fliegende Wagen sank tiefer und tiefer. Die ersten Strahlen der leuchtend roten Sonne drangen durch die Bäume.
»Geschafft«, rief Fred, als sie mit einem leichten Rumpeln zu Boden gingen. Sie waren neben einer baufälligen Garage in einem kleinen Hof gelandet und zum ersten Mal sah Harry Rons Haus.
Es sah aus, als sei es früher ein großer steinerner Schweinestall gewesen, doch an allen Ecken und Enden waren weitere Räume angebaut worden, bis das Haus mehrere Stockwerke hoch war und so krumm, dass man meinen konnte, es würde durch Zauberkraft zusammengehalten (was, wie Harry überlegte, vermutlich stimmte). Vom roten Dach ragten vier oder fünf Schornsteine empor. Neben der Tür steckte ein Schild im Boden, auf dem verkehrt herum zu lesen war: »Fuchsbau«. Um den Eingang herum lagen haufenweise Gummistiefel und ein sehr rostiger Kessel. Etliche fette braune Hühner pickten im Hof.
»Nichts Besonderes«, sagte Ron.
»Es ist toll«, sagte Harry glücklich und dachte an den Ligusterweg.
Sie stiegen aus.
»Also – wir gehen jetzt ganz, ganz leise nach oben«, sagte Fred, »und warten, bis Mum uns zum Frühstück ruft. Dann rennst du die Treppe runter, Ron, und rufst: ›Mum, schau mal, wer heute Nacht aufgetaucht ist!‹, und sie wird sich freuen, Harry zu sehen, und keiner braucht je zu wissen, dass wir mit dem Wagen geflogen sind.«
»In Ordnung«, sagte Ron. »Los komm, Harry, ich schlafe –«
Ron war hässlich grün geworden und starrte das Haus an. Die anderen drei wirbelten herum.
Links und rechts die Hühner aufscheuchend, kam Mrs Weasley über den Hof marschiert. Und für eine kleine, kugelrunde Frau mit freundlichem Gesicht sah sie einem Säbelzahntiger erstaunlich ähnlich.
»Ah«, sagte Fred.
»Das darf nicht wahr sein«, sagte George.
Mrs Weasley machte vor ihnen Halt, stemmte die Hände in die Hüften und sah von einem schuldbewussten Gesicht zum nächsten. Sie trug eine geblümte Schürze, aus deren Tasche ein Zauberstab ragte.
»So«, sagte sie.
»Morgen, Mum«, sagte George mit einer Stimme, von der er offenbar glaubte, sie klinge unbekümmert und einschmeichelnd.
»Könnt ihr euch vorstellen, was für Sorgen ich mir gemacht habe«, zischte Mrs Weasley in giftigem Flüsterton.
»Tut uns leid, Mum, aber wir mussten –«
Ihre drei Söhne waren Mrs Weasley ein ganzes Stück über den Kopf gewachsen, aber als ihr Wutausbruch über sie hereinbrach, schrumpften sie in sich zusammen.
»Die Betten leer! Keine Nachricht! Der Wagen weg, vielleicht hatte er einen Unfall gehabt, ich werd fast verrückt vor Sorgen, daran habt ihr wohl nicht gedacht? – Meiner Lebtage ist mir das noch nicht – wartet nur, bis euer Vater nach Hause kommt, nie haben uns Bill oder Charlie oder Percy solchen Kummer gemacht –«
»Perfekter Percy«, murmelte Fred.
»VON PERCY KÖNNTET IHR EUCH GERN EINE SCHEIBE ABSCHNEIDEN!«, schrie Mrs Weasley und bohrte ihren Zeigefinger in Freds Brust. »Ihr hättet sterben können, man hätte euch sehen können, euer Vater hätte entlassen werden können –«
Stundenlang schien es so weiterzugehen. Mrs Weasley hatte sich heiser geschrien, noch bevor sie sich Harry zuwandte, der vor ihr zurückwich.
»Ich freue mich sehr, dich zu sehen, Harry, mein Lieber«, sagte sie. »Komm doch rein zum Frühstück.«
Sie wandte sich um und ging zurück ins Haus, und nach einem nervösen Blick auf Ron, der ihm aufmunternd zunickte, folgte Harry ihr.
Die Küche war klein und ziemlich vollgestopft. In der Mitte standen ein abgenutzter Holztisch und Stühle; Harry setzte sich auf eine Stuhlkante und sah sich um. Noch nie war er in einem Zaubererhaus gewesen.
Die Uhr an der Wand gegenüber hatte nur einen Zeiger und überhaupt keine Ziffern. Am Rand entlang standen Dinge wie »Zeit für Tee«, »Zeit zum Hühnerfüttern« und »Du kommst zu spät«. Der Kaminsims war drei Reihen tief vollgepackt mit Büchern: So zaubern Sie Ihren eigenen Käse, lautete ein Titel, oder Magie beim Backen und Festessen in einer Minute – Das ist Hexerei!. Und wenn Harry seinen Ohren trauen durfte, hatte eine Stimme aus dem alten Radio über der Spüle gerade die »Hexenstunde« angekündigt, »mit der bezaubernden singenden Hexe Celestina Warbeck«.
Mrs Weasley werkelte in der Küche herum und bereitete eher planlos das Frühstück zu, wobei sie ihren Söhnen böse Blicke zu- und Würstchen in die Pfanne warf. Hin und wieder murmelte sie etwas wie: »Weiß nicht, was ihr euch eigentlich dabei gedacht habt«, und »Das hätte ich nie von euch erwartet«.
»Dir mache ich keinen Vorwurf«, versicherte sie Harry und häufte acht oder neun Würstchen auf seinen Teller. »Arthur und ich haben uns genauso um dich Sorgen gemacht. Letzte Nacht noch haben wir uns gesagt, wir gehen hin und holen ihn persönlich, wenn er Ron bis Freitag nicht geantwortet hat. Aber hört mal« (jetzt schaufelte sie noch drei Spiegeleier auf Harrys Teller), »einen nicht zugelassenen Wagen übers halbe Land zu fliegen! Hinz und Kunz hätten euch sehen können –«
Lässig schnippte sie mit dem Zauberstab gegen das Geschirr in der Spüle, das sich, leise im Hintergrund klirrend, selber abwusch.
»Es war bewölkt, Mum!«, sagte Fred.
»Sprich nicht mit vollem Mund!«, fauchte Mrs Weasley.
»Sie haben ihn ausgehungert, Mum!«, sagte George.
»Das gilt auch für dich!«, sagte Mrs Weasley, doch mit leicht besänftigter Miene begann sie für Harry Brote zu schneiden und sie mit Butter zu bestreichen.
In diesem Augenblick wurden sie von einer kleinen rothaarigen Gestalt in einem langen Nachthemd abgelenkt, die in der Küche erschien, einen spitzen schrillen Schrei ausstieß und wieder hinaushüpfte.
»Ginny«, sagte Ron mit gedämpfter Stimme zu Harry. »Meine Schwester. Den ganzen Sommer schon redet sie von dir.«
»Tja, sie wird ein Autogramm von dir wollen, Harry«, grinste Fred, doch er fing den Blick seiner Mutter auf und machte sich stumm über seinen Teller her. Keiner sagte mehr ein Wort, bis alle vier Teller leer waren, was überraschend schnell ging.
»Mensch, bin ich müde«, gähnte Fred und legte endlich Messer und Gabel weg. »Ich glaub, ich geh ins Bett und –«
»Das wirst du nicht«, fuhr ihn Mrs Weasley an, »es ist dein Problem, dass du die ganze Nacht auf gewesen bist. Du wirst jetzt den Garten für mich entgnomen, die spielen mal wieder völlig verrückt –«
»Ach Mum –«
»Und ihr auch«, sagte sie mit wütendem Blick auf Ron und George. »Du kannst nach oben ins Bett, mein Lieber«, sagte sie zu Harry gewandt, »du hast sie ja nicht angestiftet, diese Klapperkiste zu fliegen.«
Doch Harry, der sich hellwach fühlte, sagte rasch: »Ich helfe Ron, ich hab noch nie beim Entgnomen –«
»Das ist sehr lieb von dir, Harry, aber es ist eine stumpfsinnige Arbeit«, sagte Mrs Weasley. »Nun, hören wir mal, was Lockhart dazu sagt –«
Und sie zog einen dicken Wälzer vom Kaminsims. George stöhnte auf.
»Mum, wir wissen, wie man einen Garten entgnomt –«
Harry sah auf den Einband von Mrs Weasleys Buch. In verschlungenen Goldlettern standen darauf die Worte: Gilderoy Lockharts Ratgeber für Schädlinge in Haus und Hof. Auf dem Umschlag prangte das Foto eines sehr gut aussehenden Zauberers mit wehendem Blondhaar und hellblauen Augen. Wie immer in der Zaubererwelt bewegte sich das Foto, und der Abgebildete, offenbar Gilderoy Lockhart, zwinkerte ihnen verschmitzt zu. Mrs Weasley sah mit strahlenden Augen zu ihm hinunter.
»Ach, ein wunderbarer Mann«, sagte sie, »er kennt sich aus mit Haushaltsschädlingen, da könnt ihr Gift drauf nehmen, ein fabelhaftes Buch …«
»Mum steht auf ihn«, flüsterte Fred laut und deutlich.
»Mach dich nicht lächerlich, Fred«, sagte Mrs Weasley mit deutlich rosa angehauchten Wangen. »Na gut, wenn ihr glaubt, ihr wüsstet’s besser als Lockhart, dann mal los, und wehe, es ist noch ein einziger Gnom im Garten, wenn ich nachschauen komme.«
Grummelnd und gähnend schlurften die Weasleys nach draußen, Harry im Schlepptau. Der Garten war groß und genau nach Harrys Geschmack. Die Dursleys hätten ihn nicht gemocht – es gab eine Menge Unkraut und das Gras hätte mal gemäht werden müssen – entlang der Mauer standen knorrige Bäume; in den Blumenbeeten wucherten Pflanzen, die Harry noch nie gesehen hatte, und ein großer grüner Teich war voller Frösche.
»Auch Muggel haben Gartengnomen, musst du wissen«, sagte Harry, während sie über den Rasen gingen.
»Ja, ich hab die Dinger gesehen, die sie für Gnomen halten«, sagte Ron, kniete sich hin und steckte den Kopf tief in einen Pfingstrosenbusch, »zum Beispiel fette kleine Weihnachtsmänner mit Angelruten …«
Es gab ein heftiges Gezerre, der Pfingstrosenbusch zitterte und Ron richtete sich auf: »Das ist ein Gnom«, sagte er grimmig.
»Loslassen, loslassen!«, fiepte der Gnom.
Er sah ganz und gar nicht nach einem Weihnachtsmann aus. Er war klein und lederhäutig und hatte einen großen, knubbligen Glatzkopf wie eine Kartoffel. Ron hielt ihn mit ausgestrecktem Arm von sich, weil er mit seinen hornhäutigen kleinen Füßen um sich trat; er packte ihn um die Fußgelenke und ließ ihn mit dem Kopf nach unten baumeln.
»So macht man das«, sagte er. Er hob den Gnomen hoch (»Loslassen!«) und begann ihn wie ein Lasso über seinem Kopf zu schwingen. Als er Harrys erschrockenes Gesicht sah, sagte Ron:
»Es tut ihnen nicht weh – man muss sie nur richtig schwindlig machen, damit sie nicht wieder in ihre Löcher zurückfinden.«
Er ließ los: Der Gnom flog zehn Meter durch die Luft und landete mit einem Plumps im Feld jenseits der Hecke.
»Erbärmlich«, kommentierte Fred den Wurf. »Ich wette, ich kann meinen bis zu diesem Baumstumpf schleudern.«
Harry merkte schnell, dass man nicht allzu viel Mitleid mit den Gnomen zu haben brauchte. Den ersten, den er fing, wollte er einfach auf die andere Seite der Hecke fallen lassen, doch der Gnom, der seine Schwäche spürte, versenkte seine messerscharfen Zähnchen in Harrys Finger. Der hatte Mühe, ihn abzuschütteln, bis –
»Mensch, Harry! Das müssen fünfzehn Meter gewesen sein …«
Bald war die Luft erfüllt von fliegenden Gnomen.
»Siehst du, sie sind nicht allzu helle«, sagte George, der fünf oder sechs Gnomen gleichzeitig gepackt hatte. »Sobald sie wissen, dass es mit dem Entgnomen losgeht, stürmen sie hoch, um zuzusehen. Man sollte meinen, inzwischen hätten sie gelernt, in ihren Löchern zu bleiben.«
Mit eingezogenen kleinen Schultern begannen die Gnomen auf dem Feld im Gänsemarsch davonzuziehen.
»Die kommen zurück«, sagte Ron, während sie die Gnomen in der Hecke auf der anderen Seite des Feldes verschwinden sahen. »Denen gefällt es hier … Dad ist nicht streng genug mit ihnen. Er findet sie lustig …«
In diesem Augenblick fiel die Haustür ins Schloss.
»Er ist da!«, sagte George, »Dad ist heimgekommen!«
Sie rannten durch den Garten zurück ins Haus.
Mit geschlossenen Augen und der Brille in der Hand war Mr Weasley auf einem Küchenstuhl zusammengesunken. Er war dünn und hatte nur noch spärliches, doch ebenso rotes Haar wie seine Kinder. Sein langer grüner Umhang war staubig und verschlissen.
»Was für eine Nacht«, murmelte er und griff nach der Teekanne, während sich die Jungen um ihn herum niederließen. »Neun Hausdurchsuchungen. Neun! Und der alte Mundungus Fletcher wollte mir einen Zauberbann auf den Hals jagen, als ich ihm gerade den Rücken zudrehte …«
Mr Weasley nahm einen kräftigen Schluck Tee und seufzte.
»Hast du was gefunden, Dad?«, wollte Fred begierig wissen.
»Nichts außer ein paar schrumpfenden Schlüsseln und einem beißenden Kessel«, gähnte Mr Weasley. »Außerdem noch einige recht üble Dinge, für die wir allerdings nicht zuständig sind. Mortlake haben sie wegen ein paar äußerst merkwürdiger Frettchen zum Verhör mitgenommen, aber das ist Sache des Komitees für experimentelle Zauberei, Gott sei Dank …«
»Warum sollte sich jemand die Mühe machen, Türschlüssel schrumpfen zu lassen?«, fragte George.
»Einfach um die Muggel zu ärgern«, seufzte Mr Weasley. »Verkaufen ihnen Schlüssel, die zusammenschrumpfen, bis nichts mehr übrig ist, und die Muggel können sie dann nie finden, wenn sie sie brauchen … Natürlich ist es sehr schwer, jemanden dafür ranzukriegen, denn kein Muggel würde zugeben, dass sein Schlüssel schrumpft – sie behaupten andauernd, sie würden sie verlieren. Das muss man ihnen lassen, sie tun alles, um die Zauberei zu übersehen, selbst wenn sie ihnen ins Gesicht springt … Aber was unsere Leute inzwischen alles so verzaubern, ihr würdet’s nicht glauben –«
»AUTOS, ZUM BEISPIEL?«
Mrs Weasley war in der Küche erschienen und hielt einen langen Schürhaken wie ein Schwert in der Hand. Mr Weasley riss die Augen auf. Schuldbewusst starrte er seine Frau an.
»A-Autos, Molly, Liebling?«
»Ja, Arthur, Autos«, sagte Mrs Weasley mit blitzenden Augen. »Stell dir vor, ein Zauberer kauft ein rostiges altes Auto und sagt seiner Frau, er wolle es nur auseinandernehmen, um zu sehen, wie es funktioniert, aber in Wahrheit verzaubert er es, damit es fliegen kann.«
Mr Weasley blinzelte.
»Nun, Liebling, ich denke, du wirst feststellen, dass er sich damit durchaus im Rahmen des Gesetzes bewegt, selbst wenn, ähm, er vielleicht besser daran getan hätte, seiner, ähm, Frau die Wahrheit zu sagen … es gibt da eine Lücke im Gesetz, wie du sehen wirst … solange er nämlich nicht beabsichtigte, den Wagen zu fliegen, ist die Tatsache, dass der Wagen fliegen könnte, nicht unbedingt –«
»Arthur Weasley, du selbst hast dafür gesorgt, dass es eine Lücke gibt, als du dieses Gesetz verfasst hast«, rief Mrs Weasley, »damit du weiter an diesem ganzen Muggelschrott in deinem Schuppen herumbasteln kannst! Und zu deiner Information: Harry ist heute Morgen in ebendiesem Wagen hergekommen, den du nie zu fliegen beabsichtigt hast!«
»Harry?«, sagte Mr Weasley ahnungslos, »Harry wer?«
Er sah sich um, erblickte Harry und sprang auf.
»Gütiger Gott, ist das Harry Potter? Freut mich sehr, dich kennen zu lernen, Ron hat uns so viel erzählt –«
»Deine Söhne haben den Wagen heute Nacht zu Harrys Haus geflogen und wieder zurück!«, rief Mrs Weasley. »Was sagst du dazu?«
»Habt ihr wirklich?«, fragte Mr Weasley begeistert. »Ist alles gut gegangen? Ich – ich meine«, stammelte er, als er sah, dass aus Mrs Weasleys Augen Funken sprühten, »das – war ganz falsch von euch, Jungs – wirklich ganz falsch …«
»Lass sie das unter sich ausmachen«, flüsterte Ron in Harrys Ohr, während Mrs Weasley anschwoll wie ein Ochsenfrosch. »Komm, ich zeig dir mein Schlafzimmer.«
Sie schlichen sich aus der Küche und gingen einen engen Gang entlang zu einer schiefen Treppe, die sich zickzackförmig durch das Haus emporwand. Im dritten Stock stand eine Tür offen. Harry konnte gerade noch ein Paar hellbrauner Augen sehen, die ihn anstarrten, bevor sie ins Schloss fiel.
»Ginny«, sagte Ron, »du weißt ja nicht, wie komisch es ist, dass sie so scheu ist, normalerweise hört sie nicht auf zu plappern –«
Sie stiegen noch zwei Stockwerke hoch und standen nun vor einer Tür. Die Farbe blätterte bereits ab und auf einem kleinen Schild stand: »Ronalds Zimmer«.
Harry trat ein, wobei er mit dem Kopf beinahe an die schräg abfallende Decke stieß, und blinzelte überrascht. Es war, als ob er in einen Hochofen geraten wäre: Fast alles in Rons Zimmer glühte orange; die Bettdecke, die Wände, sogar die Decke. Dann erkannte Harry, dass Ron fast jeden Zentimeter der schäbigen Tapete mit Postern derselben sieben Hexen und Zauberer vollgeklebt hatte, die alle hellorange Umhänge anhatten, Besen trugen und begeistert winkten.
»Deine Quidditch-Mannschaft?«, fragte Harry.
»Die Chudley Cannons«, sagte Ron und wies auf die orangerote Bettdecke, die mit zwei riesigen schwarzen »C« und einer fliegenden Kanonenkugel verziert war. »Neunter Platz in der Liga.«
Rons Zauberspruchbücher für die Schule waren achtlos in einer Ecke gestapelt, daneben ein Stoß Comic-Hefte, alle offenbar Abenteuer von Martin Miggs, dem mickrigen Muggel. Rons Zauberstab lag auf einem Aquarium voller Froschlaich, das auf dem Fenstersims stand. Daneben, auf einem sonnigen Fleck, döste Krätze, seine fette graue Ratte.
Harry stieg über einen Packen Selbst mischender Spielkarten und sah aus dem kleinen Fenster. Weit unten auf dem Feld konnte er eine Schar Gnomen erkennen, die durch die Hecke der Weasleys zurückschlichen. Er wandte sich um und sah, dass Ron ihn etwas nervös beobachtete, als ob er auf sein Urteil wartete.
»Ein wenig klein«, sagte Ron rasch, »nicht wie dein Zimmer bei den Muggeln. Und direkt unter dem Ghul in der Dachkammer, der immer auf die Rohre klopft und stöhnt …«
Doch Harry grinste breit: »Das ist das beste Haus, in dem ich je war.«
Rons Ohren liefen rosarot an.
Bei Flourish & Blotts
Das Leben im Fuchsbau war himmelweit entfernt von dem im Ligusterweg. Die Dursleys mochten alles Vertraute und Geordnete; das Haus der Weasleys steckte voller Absonderlichkeiten und Überraschungen. Als Harry zum ersten Mal in den Spiegel über dem Küchenkamin sah, zuckte er erschrocken zusammen, als eine Stimme ertönte: »Stopf dein Hemd rein, Schlamper!« Der Ghul in der Dachkammer fing an zu heulen und ließ Rohre auf den Boden fallen, wenn ihm das Haus zu ruhig vorkam, und die kleinen Explosionen im Schlafzimmer von Fred und George kümmerten niemanden. Was Harry am Leben in Rons Haus jedoch am ungewöhnlichsten vorkam, war nicht der sprechende Spiegel oder der lärmende Ghul: Es war schlicht und einfach, dass ihn offenbar alle mochten.
Mrs Weasley kümmerte sich um seine Socken und wollte ihm bei jeder Mahlzeit unbedingt dreimal nachlegen. Mr Weasley mochte Harry beim Abendessen gern neben sich haben und bombardierte ihn dann mit Fragen über das Leben bei den Muggeln, zum Beispiel, wie Stecker und die Post funktionierten.
»Faszinierend!«, sagte er dann immer, wenn Harry ihm erzählte, wie man ein Telefon benutzte, »wirklich genial, wie viele Schliche die Muggel gefunden haben, um ohne Zauberei durchzukommen.«
Eines sonnigen Morgens, gut eine Woche nach Harrys Ankunft im Fuchsbau, erhielt er einen Brief aus Hogwarts. Er war mit Ron zum Frühstück nach unten gegangen, wo Mr und Mrs Weasley und Ginny schon am Küchentisch saßen. In dem Augenblick, als sie Harry sah, stieß sie ihre Haferbreischale vom Tisch, und laut klirrend landete diese auf dem Boden. Ginny neigte offenbar stark dazu, just dann irgendwelche Sachen umzustoßen, wenn Harry gerade hereinkam. Sie tauchte unter den Tisch, um die Schale aufzuheben, und als sie wieder hochkam, glühte ihr Gesicht wie die untergehende Sonne. Harry tat, als habe er nichts bemerkt, setzte sich und nahm das Stück Toast, das ihm Mrs Weasley anbot.
»Briefe aus der Schule«, sagte Mr Weasley und reichte Harry und Ron gleiche Umschläge aus gelblichem Pergament, die mit grüner Tinte adressiert waren. »Dumbledore weiß bereits, dass du hier bist, Harry, dem Mann entgeht nichts. Ihr beide habt auch Briefe bekommen«, sagte er zu Fred und George, die eben, noch in ihren Schlafanzügen, hereingestolpert kamen.
Sie lasen ihre Briefe und ein paar Minuten herrschte Stille. In Harrys Brief hieß es, er solle wie üblich am ersten September den Hogwarts-Express vom Bahnhof King’s Cross nehmen. Auch eine Liste der neuen Bücher für das folgende Schuljahr war enthalten:
Schüler der zweiten Klasse benötigen:
Miranda Habicht: Lehrbuch der Zaubersprüche, Band 2
Gilderoy Lockhart: Tanz mit einer Todesfee
Gilderoy Lockhart: Gammeln mit Ghulen
Gilderoy Lockhart: Ferien mit Vetteln
Gilderoy Lockhart: Trips mit Trollen
Gilderoy Lockhart: Abstecher mit Vampiren
Gilderoy Lockhart: Wanderungen mit Werwölfen
Gilderoy Lockhart: Ein Jahr bei dem Yeti
Fred hatte seine Liste durchgesehen und spähte hinüber auf Harrys Blatt.
»Du musst ja auch alle Bücher von Lockhart besorgen!«, sagte er. »Der neue Lehrer in Verteidigung gegen die dunklen Künste muss ein richtiger Fan von ihm sein, wette, es ist eine Hexe.«
Fred fing im selben Moment den Blick seiner Mutter auf und wandte sich daraufhin schleunig der Marmelade zu.
»Das wird nicht billig«, sagte George und warf den Eltern einen raschen Blick zu. »Die Bücher von Lockhart sind ziemlich teuer …«
»Schon gut, das schaffen wir«, sagte Mrs Weasley, sah jedoch besorgt aus. »Ich denke, wir können viel von Ginnys Schulsachen aus zweiter Hand kaufen.«
»Ach, du kommst dieses Jahr nach Hogwarts?«, fragte Harry Ginny.
Sie nickte, errötete bis unter die Wurzeln des flammend roten Haares und setzte ihren Ellbogen in die Butterschale. Glücklicherweise sah das niemand außer Harry, denn in diesem Augenblick kam Rons älterer Bruder Percy herein. Er war bereits angezogen und hatte das Vertrauensschülerabzeichen von Hogwarts an seinen Rollkragenpullover geheftet.
»Morgen, allerseits«, sagte Percy gut gelaunt, »wunderschöner Tag heute.«
Er setzte sich auf den einzigen freien Stuhl, sprang jedoch gleich wieder hoch und hob einen zerzausten grauen Federwisch hoch – zumindest sah es für Harry so aus, bis er sah, dass der Federwisch atmete.
»Errol«, sagte Ron, nahm die lahme Eule aus Percys Händen und zog einen Brief unter ihrem Flügel hervor. »Endlich, er hat Hermines Antwort, ich hab ihr geschrieben, dass wir versuchen wollen, dich vor den Dursleys zu retten.«
Er trug Errol zu einer Vogelstange neben der Hintertür und versuchte ihn darauf abzusetzen, doch Errol konnte sich nicht halten, so dass ihn Ron auf das Abtropfbrett legte. »Traurig«, murmelte er. Dann riss er Hermines Brief auf und las ihn laut vor:
Lieber Ron, und Harry, falls du da bist,
ich hoffe, alles ist gut gelaufen und Harry ist okay, und ihr habt nichts Ungesetzliches getan, um ihn rauszuholen, Ron, denn dann käme auch Harry in Schwierigkeiten. Ich mach mir wirklich Sorgen, und falls es Harry gut geht, lass es mich sofort wissen, aber vielleicht wäre es besser, eine andere Eule zu nehmen, denn ich glaube, noch ein Botenflug würde ihm den Garaus machen.
Natürlich bin ich viel mit den Schularbeiten beschäftigt –
»Wieso das denn?«, sagte Ron entsetzt, »wir haben doch Ferien!«
– und nächsten Mittwoch fahren wir nach London, um die neuen Bücher zu kaufen, wollen wir uns nicht in der Winkelgasse treffen?
Sag mir, sobald du kannst, Bescheid, was los ist.
Alles Liebe, Hermine
»Nun, das passt ganz gut, wir können dann auch eure Sachen besorgen«, sagte Mrs Weasley und begann den Tisch abzuräumen. »Und was habt ihr heute vor?«
Harry, Ron, George und Fred wollten zu einer kleinen Pferdekoppel der Weasleys auf dem Hügel hinter dem Haus. Sie war von Bäumen umgeben, die die Sicht vom Dorf unten versperrten, und solange sie nicht zu hoch flogen, konnten sie dort Quidditch üben. Echte Quidditch-Bälle konnten sie allerdings nicht benutzen, denn es würde schwer sein, die Sache zu erklären, wenn die Bälle abhauen und über das Dorf fliegen würden. Stattdessen warfen sie einander Äpfel zu, die sie auffangen mussten. Sie flogen abwechselnd Harrys Nimbus Zweitausend, der mit Abstand der beste Besen war; Rons alter Shooting Star wurde nicht selten von vorbeifliegenden Schmetterlingen überholt.
Fünf Minuten später zogen sie mit geschulterten Besen den Hügel hoch. Sie hatten Percy gefragt, ob er mitkommen wolle, doch er meinte, er hätte zu tun. Harry hatte Percy bisher nur bei den Mahlzeiten gesehen; den Rest der Zeit blieb er auf seinem Zimmer.
»Möchte wissen, was er eigentlich treibt«, sagte Fred stirnrunzelnd. »Er ist nicht mehr der Alte. Seine Prüfungsergebnisse kamen an dem Tag vor deiner Ankunft. Zwölfter ZAG, und er hat kaum damit angegeben.«
»Zaubergrad«, erklärte George, als er Harrys verwirrtes Gesicht sah. »Auch Bill hatte damals den zwölften. Wenn wir nicht aufpassen, haben wir bald noch einen Schulsprecher in der Familie. Ich glaube, diese Schande könnte ich nicht ertragen.«
Bill war der älteste Bruder der Weasleys. Er und der zweitälteste, Charlie, hatten Hogwarts bereits verlassen. Harry hatte noch keinen von beiden getroffen, wusste aber, dass Charlie in Rumänien war, um Drachen zu erforschen, und Bill in Ägypten, wo er für die Zaubererbank Gringotts arbeitete.
»Weiß nicht, wie Mum und Dad dieses Jahr unsere Schulsachen bezahlen wollen«, sagte George nach einer Weile. »Fünfmal sämtliche Lockhart-Werke! Und Ginny braucht Umhänge und einen Zauberstab und noch so einiges …«
Harry sagte nichts. Das Thema war ihm ein bisschen peinlich. Tief unten in einem Verlies der Londoner Gringotts-Bank lag ein kleines Vermögen, das ihm seine Eltern hinterlassen hatten. Natürlich konnte er das Geld nur in der Zaubererwelt ausgeben; mit Galleonen, Sickeln und Knuts konnte er in Muggelläden nichts kaufen. Sein Bankguthaben hatte er bei den Dursleys nie erwähnt; er glaubte nämlich, dass ihr Entsetzen bei allem, was mit Zauberei zu tun hatte, sich nicht auf einen großen Haufen Gold erstrecken würde.
Am folgenden Mittwoch weckte Mrs Weasley sie alle sehr früh. Nachdem jeder rasch ein halbes Dutzend Schinkenbrote verschlungen hatte, zogen sie ihre Mäntel an und Mrs Weasley nahm den Blumentopf vom Kaminsims in der Küche und spähte hinein.
»Nicht mehr viel da, Arthur«, seufzte sie. »Wir kaufen heute welches nach … Na gut, Gäste zuerst! Nach dir, Harry, mein Lieber!«
Und sie bot ihm den Blumentopf an.
Aller Augen richteten sich auf Harry und der starrte zurück.
»W-was soll ich tun?«, stammelte er.
»Er ist noch nie mit Flohpulver gereist«, fiel Ron plötzlich ein, »tut mir leid, Harry, hab gar nicht dran gedacht.«
»Noch nie?«, sagte Mrs Weasley. »Aber wie bist du letztes Jahr in die Winkelgasse gekommen, um deine Sachen zu kaufen?«
»Mit der U-Bahn –«
»Tatsächlich?«, sagte Mr Weasley neugierig. »Gab es Trolltreppen? Wie genau –«
»Nicht jetzt, Arthur«, sagte Mrs Weasley. »Flohpulver ist viel schneller, mein Lieber, aber meine Güte, wenn du es noch nie ausprobiert hast –«
»Er wird es schon schaffen, Mum«, sagte Fred. »Harry, schau erst mal uns zu.«
Er nahm eine Prise des glitzernden Pulvers aus dem Blumentopf, trat zum Feuer und warf es in die Flammen.
Das Feuer wurde smaragdgrün und schoss laut grollend über Freds Kopf hinweg. Ohne Zögern trat er mitten ins Feuer, rief »Winkelgasse« und verschwand.
»Du musst klar und deutlich sprechen, mein Lieber«, sagte Mrs Weasley zu Harry gewandt, während George jetzt die Hand in den Blumentopf steckte. »Und sieh zu, dass du auf dem richtigen Kaminrost aussteigst …«
»Dem richtigen was?«, sagte Harry nervös, als das Feuer hochloderte und auch George mit sich riss.
»Nun, es gibt furchtbar viele Zaubererfeuer, aus denen du wählen kannst, aber wenn du deutlich gesprochen hast –«
»Er wird schon heil ankommen, Molly, mach’s nicht kompliziert«, sagte Mr Weasley und nahm ebenfalls von dem Flohpulver.
»Aber Liebling, wenn er verloren geht, wie würden wir das je seiner Tante und seinem Onkel erklären können?«
»Denen wäre das schnurz«, versicherte ihr Harry, »Dudley würde es für einen irren Witz halten, wenn ich irgendwo in einem Kamin verloren ginge, machen Sie sich darüber keine Gedanken –«
»Nun denn … in Ordnung … Du gehst nach Arthur«, sagte Mrs Weasley. »Also, wenn du ins Feuer gehst, sag, wohin du willst –«
»Und zieh die Ellbogen ein«, riet ihm Ron.
»Und halt die Augen geschlossen«, sagte Mrs Weasley, »der Ruß –«
»Zappel nicht rum«, sagte Ron, »sonst fällst du noch aus dem falschen Kamin –«
»Aber gerat nicht in Panik und steig nicht zu früh aus. Wart ab, bis du Fred und George siehst.«
Harry strengte sich an, alles im Kopf zu behalten, und nahm eine Prise Flohpulver aus dem Topf. Dann stellte er sich an den Rand des Feuers. Er holte tief Luft, streute das Pulver ins Feuer und tat einen Schritt hinein; das fühlte sich an wie eine warme Brise; er öffnete den Mund und schluckte sofort einen Haufen Asche.
»W-wink-kel-gasse«, hustete er heraus.
Es war, als ob ein riesiges Abflussrohr ihn einsaugen würde. Offenbar drehte er sich rasend schnell um sich selbst – um ihn her ein ohrenbetäubendes Tosen – er versuchte die Augen offen zu halten, doch im grünen Flammenwirbel wurde ihm schlecht – etwas Hartes schlug gegen seinen Ellbogen, und er drückte ihn fest an die Seite, sich immer noch weiterdrehend – nun schienen kalte Hände gegen sein Gesicht zu klatschen – durch die Brille blinzelnd sah er verschwommen einen Strom von Kaminen und kurz auch die Räume dahinter – in seinem Bauch rumorten die Schinkenbrote – er schloss die Augen und wünschte, es würde endlich aufhören, und dann –
Mit dem Gesicht nach unten fiel er auf kalten Stein. Die Brillengläser zerbrachen.
Schwindlig und zerkratzt, über und über mit Ruß bedeckt, rappelte er sich auf und hielt sich, noch schwankend, die zerbrochene Brille vor die Augen. Er war ganz allein und hatte keine Ahnung, wo er war. Alles, was er erkennen konnte, war, dass er im steinernen Kamin eines großen, schwach beleuchteten Zaubererladens stand – doch nichts hier drin würde je auf einer Liste für Hogwarts stehen.
Eine gläserne Vitrine nicht weit von ihm enthielt eine verwitterte Hand auf einem Kissen, einen blutbespritzten Packen Spielkarten und ein starrendes Glasauge. Böse wirkende Masken glotzten von den Wänden herab, eine Sammlung menschlicher Knochen lag auf dem Ladentisch und rostige, spitze Gerätschaften hingen von der Decke. Zu allem Unglück war die dunkle, enge Straße, die Harry durch das staubige Schaufenster sehen konnte, ganz gewiss nicht die Winkelgasse.
Je schneller er hier rauskam, desto besser. Harrys Nase, mit der er auf dem Boden aufgeschlagen war, tat noch weh, und er huschte leise hinüber zur Tür, doch er hatte den Weg noch nicht halb geschafft, da erschienen zwei Gestalten auf der anderen Seite des Türglases – und eine davon war der Letzte, den Harry treffen wollte, wenn er sich verirrt hatte, mit Ruß bedeckt war und eine zerbrochene Brille trug: Draco Malfoy.
Rasch sah sich Harry um und entdeckte zu seiner Linken einen großen schwarzen Schrank; er schlüpfte hinein und zog die Türen hinter sich zu, bis auf einen kleinen Spalt, durch den er hindurchspähen konnte. Sekunden später klirrte eine Glocke und Malfoy betrat den Laden.
Der Mann, der ihm folgte, konnte nur sein Vater sein. Er hatte das gleiche fahle, spitze Gesicht und die gleichen kalten grauen Augen. Mr Malfoy durchquerte den Laden, ließ den Blick über die ausgestellten Waren gleiten und läutete eine Glocke auf dem Ladentisch, bevor er sich seinem Sohn zuwandte:
»Rühr nichts an, Draco.«
Malfoy, der die Hand nach dem Glasauge ausgestreckt hatte, erwiderte:
»Ich dachte, du wolltest mir was schenken.«
»Ich sagte, ich würde dir einen Rennbesen kaufen«, antwortete der Vater und trommelte ungeduldig mit den Fingern auf den Ladentisch.
»Was nützt das, wenn ich nicht in der Hausmannschaft bin?«, sagte Malfoy schmollend und sichtlich schlecht gelaunt. »Harry Potter hat letztes Jahr einen Nimbus Zweitausend bekommen. Sondergenehmigung von Dumbledore, damit er für Gryffindor spielen kann. So gut ist er ja gar nicht, es ist nur, weil er berühmt ist … berühmt wegen der blöden Narbe auf seiner Stirn …«
Malfoy kniete sich nieder, um ein Regal voller Totenköpfe zu betrachten.
»… alle denken, er sei so begabt, der wunderbare Potter mit seiner Narbe und seinem Besen –«
»Das hast du mir mindestens schon ein Dutzend Mal erzählt«, sagte Mr Malfoy mit mahnendem Blick auf seinen Sohn, »und ich muss dich nicht zum ersten Mal daran erinnern, dass es – unklug ist, nicht allzu angetan von Harry Potter zu sein, wo die meisten von uns ihn doch als Helden betrachten, der den Schwarzen Lord verjagt hat – ah, Mr Borgin.«
Ein gebeugter Mann war hinter dem Ladentisch erschienen und wischte sich fettige Haarsträhnen aus dem Gesicht.
»Mr Malfoy, welche Freude, Sie wiederzusehen«, sagte Mr Borgin mit einer Stimme, die so ölig war wie sein Haar. »Eine Ehre – und den jungen Mr Malfoy hat er auch mitgebracht – wie reizend. Was kann ich für Sie tun? Ich muss Ihnen unbedingt etwas zeigen, gerade heute hereingekommen und sehr günstig im Preis –«
»Ich kaufe heute nicht, Mr Borgin, ich verkaufe«, sagte Mr Malfoy.
»Verkaufen?« Das Lächeln auf Mr Borgins Gesicht verblasste.
»Ihnen ist natürlich zu Ohren gekommen, dass das Ministerium verstärkt Hausdurchsuchungen durchführt«, sagte Mr Malfoy, zog eine Pergamentrolle aus der Tasche und wickelte sie für Mr Borgin auf. »Ich habe ein paar – ähm – Gegenstände zu Hause, die mich in eine peinliche Lage bringen könnten, wenn die Leute vom Ministerium kämen …«
Mr Borgin klemmte sich einen Zwicker auf die Nase und beugte sich über die Liste.
»Das Ministerium würde sich doch nicht anmaßen, Ihnen Unannehmlichkeiten zu bereiten, Sir?«
Mr Malfoy schürzte die Lippen.
»Man hat mich noch nicht besucht. Der Name Malfoy gebietet immer noch einen gewissen Respekt, doch im Ministerium wird man immer unverschämter. Es gibt Gerüchte über ein neues Muggelschutzgesetz – kein Zweifel, dass dieser flohgebissene dumme Muggelfreund Arthur Weasley dahintersteckt –«
Harry spürte, wie Zorn in ihm hochkochte.
»– und wie Sie sehen, könnten einige dieser Gifte den Eindruck erwecken –«
»Verstehe vollkommen, Sir, natürlich«, sagte Mr Borgin. »Schauen wir mal …«
»Kann ich die haben?«, unterbrach Draco und deutete auf die verwitterte Hand auf dem Kissen.
»Ah, die Hand des Ruhmes!«, sagte Mr Borgin, ließ Mr Malfoys Liste liegen und schlurfte hinüber zu Draco. »Man steckt eine Kerze hinein und sie leuchtet nur für den Halter! Der beste Freund der Diebe und Plünderer! Ihr Sohn hat Geschmack, Sir.«
»Ich hoffe, aus meinem Sohn wird mehr als ein Dieb oder Plünderer, Borgin«, sagte Malfoy kühl und Mr Borgin setzte rasch nach:
»Das sollte keine Beleidigung sein, Sir, keinesfalls –«
»Sollten allerdings seine Schulnoten nicht besser werden«, sagte Mr Malfoy noch kühler, »könnte es durchaus sein, dass er so endet –«
»Das ist nicht meine Schuld«, erwiderte Draco. »Die Lehrer haben alle ihre Lieblinge, diese Hermine Granger zum Beispiel –«
»Ich hätte gedacht, du würdest dich schämen, dass ein Mädchen, das nicht mal aus einer Zaubererfamilie kommt, dich in jeder Prüfung geschlagen hat«, sagte Mr Malfoy mit schneidender Stimme.
»Ha!«, entfuhr es Harry leise, der sich freute, Draco beschämt und wütend zugleich zu sehen.
»Wo man hinkommt, ist es dasselbe«, sagte Mr Borgin mit seiner öligen Stimme, »Zaubererblut gilt immer weniger –«
»Nicht bei mir«, sagte Mr Malfoy und seine langen Nasenflügel blähten sich.
»Nein, Sir, bei mir auch nicht«, sagte Mr Borgin mit einer tiefen Verbeugung.
»Wenn das so ist, können wir vielleicht auf die Liste zurückkommen«, sagte Mr Malfoy barsch. »Ich bin etwas in Eile, Borgin, muss heute noch wichtige Geschäfte erledigen –«
Sie begannen zu feilschen. Harry beobachtete nervös, wie Draco mit neugierigem Blick auf die ausgestellten Waren seinem Versteck immer näher rückte. Er hielt inne, um einen langen Henkersstrick zu begutachten, und las mit feixender Miene das Kärtchen, das an ein herrliches Opalhalsband geheftet war: Vorsicht: Nicht berühren. Verflucht! Hat bis heute 19 Muggelbesitzer das Leben gekostet.
Draco wandte sich ab und hatte nun den Schrank im Visier. Er trat näher, streckte die Hand nach dem Türgriff aus –
»Das wär erledigt«, sagte Mr Malfoy am Ladentisch. »Komm, Draco –«
Draco wandte sich ab und Harry wischte sich mit den Ärmeln den Schweiß von der Stirn.
»Einen schönen Tag noch, Mr Borgin, ich erwarte Sie morgen auf meinem Landsitz, wo Sie die Sachen abholen können.«
Kaum war die Tür ins Schloss gefallen, fiel auch das schmierige Gehabe von Mr Borgin ab.
»Ihnen auch einen schönen Tag, Mr Malfoy, und wenn es stimmt, was man sich erzählt, haben Sie mir nicht einmal die Hälfte von dem verkauft, was auf Ihrem Landsitz versteckt ist …«
Dumpf murmelnd verschwand Mr Borgin im Hinterzimmer. Harry wartete noch eine Minute, ob er vielleicht zurückkam, und schlüpfte dann so leise er konnte aus dem Schrank, an den Glaskästen vorbei und aus der Ladentür.
Die zerbrochene Brille auf die Nase gepresst, schaute er sich um. Er war in einer schmutzigen Gasse, in der es offenbar nur Läden für die dunklen Künste gab. Borgin und Burkes, den er gerade verlassen hatte, schien der größte zu sein, dafür steckte das Schaufenster gegenüber voll abstoßender Schrumpfköpfe und zwei Läden weiter wimmelte es in einem Käfig von gigantischen Spinnen. Aus dem Schatten eines Hauseingangs heraus verfolgten ihn die Blicke zweier schäbig aussehender Zauberer, die sich gedämpft unterhielten. Harry fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Mühsam hielt er die Brille gerade und machte sich in der verzweifelten Hoffnung, hier herauszufinden, auf den Weg.
Ein altes hölzernes Straßenschild über einem Laden für giftige Kerzen sagte ihm, dass er in der Nokturngasse war. Doch das half nichts, denn von einer solchen hatte Harry noch nie gehört. Im Feuer bei den Weasleys, mit dem Mund voller Asche, hatte er wohl nicht deutlich genug gesprochen. Er versuchte ruhig Blut zu bewahren und überlegte, was er tun sollte.
»Hast dich nicht etwa verirrt, Schätzchen?«, sagte eine Stimme dicht an seinem Ohr und Harry zuckte vor Schreck zusammen.
Eine alte Hexe stand vor ihm und hielt ein Tablett. Was darauf lag, sah menschlichen Fingernägeln, und zwar ganzen, fürchterlich ähnlich. Sie schielte ihn an und zeigte ihre moosgrünen Zähne. Harry wich zurück.
»Geht mir gut, danke«, sagte er, »ich wollte gerade –«
»HARRY! Was zum Teufel machst du hier?«
Harrys Herz machte einen Hüpfer. Das Gleiche tat die Hexe; ein Häufchen Fingernägel fiel ihr auf die Füße. Fluchend sah sie die massige Gestalt Hagrids, des Wildhüters von Hogwarts, mit großen Schritten näher kommen, die rabenschwarzen Augen blitzten über seinem üppigen struppigen Bart.
»Hagrid!«, krächzte Harry erleichtert. »Ich hab mich verirrt – Flohpulver –«
Hagrid schlug der Hexe die Schale aus den Händen, packte Harry am Kragen und zog ihn fort. Die Schreie der Alten verfolgten sie auf dem ganzen Weg durch die gewundene Gasse bis hinaus ins helle Sonnenlicht. In der Ferne sah Harry einen schneeweißen Marmorbau, der ihm vertraut vorkam – es war die Gringotts-Bank. Hagrid hatte ihn geradewegs in die Winkelgasse geführt.
»Wie siehst du denn aus!«, sagte Hagrid grimmig und klopfte den Ruß mit so kräftigen Schlägen von Harrys Kleidern, dass er beinahe in ein Fass mit Drachendung geflogen wäre, das vor einer Apotheke stand. »Treibst dich in der Nokturngasse rum, was soll ich denn davon halten – zwielichtige Gegend, Harry – möchte nicht, dass dich jemand dort sieht –«
»Das ist mir auch klar«, sagte Harry und duckte sich, als Hagrid ihn erneut abklopfen wollte. »Ich hab dir doch gesagt, dass ich mich verirrt habe – und außerdem, was hattest du eigentlich dort zu suchen?«
»Ich hab einen Fleisch fressenden Schneckenschutz gesucht«, brummte Hagrid. »Die ruinieren mir noch den ganzen Kohl im Schulgarten. Du bist doch nicht etwa allein?«
»Ich wohne bei den Weasleys, aber wir haben uns verloren«, erklärte Harry. »Ich muss los und sie suchen …«
Gemeinsam machten sie sich auf den Weg.
»Warum hast du mir eigentlich nie zurückgeschrieben?«, fragte Hagrid den neben ihm hertrabenden Harry (der drei Schritte machen musste für jeden Schritt, den Hagrid mit seinen gewaltigen Stiefeln tat). Harry erzählte alles von Dobby und den Dursleys.
»Diese verdammten Muggels«, knurrte Hagrid, »wenn ich das gewusst hätte –«
»Harry! Harry! Hier bin ich!«
Harry hob den Kopf und sah Hermine Granger oben auf der weißen Treppe von Gringotts stehen. Sie rannte ihnen entgegen, ihr buschiges braunes Haar flog im Wind.
»Was ist mit deiner Brille passiert? Hallo, Hagrid – ach, es ist toll, euch beide wiederzusehen – kommst du mit zu Gringotts, Harry?«
»Sobald ich die Weasleys gefunden habe«, sagte Harry.
»Das wird nicht lange dauern«, meinte Hagrid grinsend.
Harry und Hermine drehten sich um; durch die belebte Straße rannten Fred, George, Percy, Ron und Mr Weasley auf sie zu.
»Harry«, keuchte Mr Weasley, »wir haben gehofft, dass du nur einen Kamin zu weit geflogen bist …« Er rieb seine kahle glänzende Stelle am Kopf. »Molly ist ganz außer sich – sie kommt gleich –«
»Wo bist du rausgekommen?«, fragte Ron.
»Nokturngasse«, brummte Hagrid.
»Phantastisch!«, sagten Fred und George wie aus einem Mund.
»Da dürfen wir nie hin«, sagte Ron neidisch.
»Das möchte ich verdammt noch mal auch meinen«, knurrte Hagrid.
Nun kam Mrs Weasley angehüpft, an der einen Hand die wild umherschlackernde Handtasche, an der anderen Ginny.
»O Harry – o mein Lieber – du hättest werweißwo gelandet sein können –« Nach Atem ringend zog sie eine große Kleiderbürste aus der Handtasche und begann den Ruß abzubürsten, den Hagrid nicht wegbekommen hatte. Mr Weasley nahm Harrys Brille, tippte sie leicht mit seinem Zauberstab an und reichte sie ihm so gut wie neu zurück.
»Schön, aber ich muss jetzt gehen«, sagte Hagrid und winkte mit der Hand, die Mrs Weasley umklammert hielt (»Nokturngasse! Wenn Sie ihn nicht gefunden hätten, Hagrid!«). »Bis dann in Hogwarts!« Und er schritt von dannen, Kopf und Schultern ragten über alle andern in der dicht bevölkerten Straße heraus.
»Ratet mal, wen ich bei Borgin und Burkes gesehen hab«, fragte Harry Ron und Hermine, während sie die Treppen zu Gringotts emporstiegen. »Malfoy und seinen Vater.«
»Hat Lucius Malfoy etwas gekauft?«, kam es sofort von Mr Weasley hinter ihnen.
»Nein, er hat verkauft –«
»Also macht er sich Sorgen«, sagte Mr Weasley mit grimmiger Befriedigung. »Aah, wie gern würde ich Lucius Malfoy wegen irgendwas drankriegen …«
»Sei bloß vorsichtig, Arthur«, sagte Mrs Weasley mit schneidender Stimme, während die Empfangskobolde sie mit einer Verbeugung hineinwiesen, »diese Familie bedeutet Ärger, beiß nicht mehr ab, als du kauen kannst –«
»Du glaubst wohl, ich könnte es mit Lucius Malfoy nicht aufnehmen?«, sagte Mr Weasley entrüstet, doch gleich darauf lenkte ihn der Anblick von Hermines Eltern ab, die nervös vor dem Schalter standen, der die große marmorne Halle durchmaß, und darauf warteten, dass Hermine sie vorstellte.
»Aber Sie sind ja Muggel!«, sagte Mr Weasley entzückt. »Wir müssen unbedingt etwas trinken gehen! Und was haben Sie da? Oh, Sie tauschen Muggelgeld? Molly, sieh mal!« Erregt deutete er auf die Zehnpfundscheine in Mr Grangers Hand.
»Wir treffen uns hier wieder«, sagte Ron zu Hermine, als ein Gringott-Kobold hinzutrat, um die Weasleys und Harry zu ihren unterirdischen Verliesen zu führen.
Dort hinunter fuhren sie auf kleinen, von Kobolden gefahrenen Karren, die auf schmalen Schienensträngen durch die unterirdischen Gänge der Bank sausten. Harry genoss die halsbrecherische Spritztour zum Verlies der Weasleys, doch als das Schloss geöffnet wurde, wurde ihm plötzlich ganz elend, noch beklommener als in der Nokturngasse. Ein winziger Haufen silberner Sickel lag im Innern und nur eine einzige goldene Galleone. Mrs Weasley tastete alle Ecken ab, bevor sie das ganze Geld in ihre Tasche schob. Noch miserabler fühlte Harry sich, als sie sein Verlies erreichten. Er bemühte sich, den andern die Sicht zu verdecken, während er hastig ganze Hände voller Münzen in einen Lederbeutel stopfte.
Wieder draußen auf den Marmorstufen angelangt, trennten sie sich. Percy murmelte undeutlich, er brauche einen neuen Federkiel. Fred und George hatten Lee Jordan, ihren Freund aus Hogwarts, getroffen. Mrs Weasley und Ginny gingen zu einem Laden für gebrauchte Gewänder. Mr Weasley bestand darauf, die Grangers auf einen Schluck in den Tropfenden Kessel mitzunehmen.
»Wir treffen uns alle in einer Stunde bei Flourish & Blotts, um eure Schulbücher zu kaufen!«, sagte Mrs Weasley und ging mit Ginny davon. »Und nicht einen Schritt in die Nokturngasse!«, rief sie den Zwillingen noch nach.
Harry, Ron und Hermine schlenderten durch die gepflasterte Gasse mit ihren vielen Windungen. Die Gold-, Silber- und Bronzemünzen, die in Harrys Tasche fröhlich klimperten, warteten nur darauf, ausgegeben zu werden, und so kaufte er drei große Tüten mit Erdbeer- und Erdnussbuttereiskugeln, die sie glücklich schleckten, während sie die Gasse entlangbummelten und die faszinierenden Auslagen betrachteten. Ron starrte sehnsüchtig auf eine vollständige Umhanggarnitur der Chudley Cannons im Schaufenster von Qualität für Quidditch, bis Hermine sie weiterschleifte, weil sie nebenan noch Tinte und Pergament kaufen wollte. Bei Freud und Leid – Laden für Zauberscherze trafen sie Fred, George und Lee Jordan, die sich mit »Dr. Filibusters Fabelhaftem Nass zündendem Hitzefreiem Feuerwerk« eindeckten, und in einem winzigen Kramladen voll zerbrochener Zauberstäbe, schiefer Messingwaagen und alter Umhänge mit Zaubertrankflecken stießen sie auf Percy, tief versunken in ein kleines und elend langweiliges Buch namens Vertrauensschüler und ihr Weg zur Macht.
»Eine Studie über Vertrauensschüler in Hogwarts und ihre späteren Karrieren«, las Ron laut vom Umschlagrücken ab. »Das klingt ja prickelnd …«
»Haut ab«, fauchte ihn Percy an.
»Natürlich, er ist sehr ehrgeizig, unser Percy, er hat schon alles geplant … er will Zaubereiminister werden …«, sagte Ron mit gedämpfter Stimme zu Harry und Hermine, als sie Percy mit dem Buch allein ließen.
Eine Stunde später machten sie sich auf den Weg zu Flourish & Blotts. Sie waren keineswegs die Einzigen, die in den Buchladen wollten. Als sie um die Ecke bogen, sahen sie überrascht, dass vor der Tür eine Menge Leute standen, die alle versuchten hineinzukommen. Den Grund dafür verkündete ein großes Banner, das über die Fenster im ersten Stock gespannt war:
GILDEROY LOCKHART
signiert seine Autobiographie
ZAUBRISCHES ICH
heute von 12 Uhr 30 bis 16 Uhr 30
»Wir können ihn tatsächlich hier treffen!«, jauchzte Hermine, »immerhin hat er fast alle Bücher auf unserer Liste geschrieben!«
Die Schar der Wartenden schien fast nur aus Hexen in Mrs Weasleys Alter zu bestehen. Ein genervt aussehender Zauberer stand an der Tür und sagte:
»Nur die Ruhe, bitte, meine Damen … nicht drängeln … achten Sie auf die Bücher …«
Harry, Ron und Hermine quetschten sich hinein. Eine lange Schlange wand sich bis an das andere Ende des Ladens. Dort signierte Gilderoy Lockhart seine Bücher. Sie nahmen sich jeweils einen Band Tanz mit einer Todesfee und stahlen sich weiter vorn in die Schlange hinein, wo schon die anderen Weasleys mit Mr und Mrs Granger standen.
»Ach gut, da seid ihr ja«, sagte Mrs Weasley. Sie klang etwas atemlos und fummelte ständig an ihrer Frisur herum. »Gleich können wir ihn sehen …«
Allmählich kam Gilderoy Lockhart in Sicht; er saß an einem Tisch, umgeben von riesigen Porträts seiner selbst, die alle zwinkerten. Seine blendend weißen Zähne blitzten der Menge entgegen. Der echte Lockhart trug einen vergissmeinnichtblauen Umhang, genau passend zu seinen Augen; ein Zauberer-Spitzhut saß gewagt schräg auf seinem gewellten Haar.
Ein kleiner, ärgerlich dreinschauender Mann hüpfte umher und schoss Fotos mit einer großen schwarzen Kamera, die bei jedem blendenden Blitz eine purpurrote Rauchwolke ausstieß.
»Aus dem Weg da«, schnauzte er Ron an und trat für einen besseren Schnappschuss einen Schritt nach hinten, »ich bin vom Tagespropheten –«
»Na, wenn das so ist«, sagte Ron und rieb sich den Fuß, auf den der Fotograf getreten war.
Gilderoy Lockhart hörte ihn. Er blickte auf. Er sah Ron – und dann sah er Harry. Er starrte ihn an. Dann sprang er auf und rief lauthals: »Das ist doch nicht etwa Harry Potter?«
Die Menge teilte sich und verfiel in erregtes Flüstern; Lockhart machte einen Sprung auf Harry zu, packte ihn am Arm und zog ihn nach vorn. Das Publikum brach in Beifall aus. Harrys Gesicht brannte, als Lockhart ihm für den Fotografen die Hand schüttelte, der wie besessen ein Bild nach dem andern schoss und die Weasleys in dicken Rauch hüllte.
»Immer schön lächeln, Harry«, sagte Lockhart durch seine strahlend weißen Zähne, »Sie und ich zusammen schaffen es auf die Titelseite.«
Endlich ließ er Harrys Hand los; Harry spürte kaum noch seine Finger. Er wollte sich gerade zu den Weasleys zurückstehlen, da warf Lockhart ihm den Arm um die Schultern und drückte ihn fest an seine Seite.
»Meine Damen und Herren«, verkündete er laut und gebot mit erhobener Hand Ruhe. »Was ist das für ein außerordentlicher Moment für mich! Genau der richtige Augenblick für eine kleine Ankündigung, die ich schon einige Zeit loswerden will.
Als der junge Harry heute Flourish & Blotts betrat, da wollte er nur meine Autobiographie kaufen – die ich ihm natürlich gerne schenke« – wieder gab es Beifall – »und er hatte keine Ahnung«, fuhr Lockhart fort, während er Harry ein klein wenig schüttelte, so dass ihm die Brille auf die Nasenspitze rutschte, »dass er in Kürze viel, viel mehr als mein Buch Zaubrisches Ich bekommen würde. Er und seine Mitschüler werden nämlich mein wirkliches zaubrisches Ich bekommen. Ja, meine Damen und Herren, mit ausgesprochenem Vergnügen und Stolz kann ich ankündigen, dass ich diesen September die Stelle des Lehrers für Verteidigung gegen die dunklen Künste an der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei antreten werde!«
Die Menge jubelte und klatschte und Harry sah sich plötzlich mit sämtlichen Werken Gilderoy Lockharts beschenkt. Ein wenig unter ihrem Gewicht wankend gelang es ihm, aus dem Rampenlicht in eine Ecke des Raums zu entkommen, wo Ginny mit ihrem neuen Kessel stand.
»Die hier kannst du haben«, murmelte ihr Harry zu und warf die Bücher in den Kessel. »Meine kauf ich mir –«
»Wette, das hat dir gefallen, Potter?«, sagte eine Stimme, die Harry mühelos erkannte. Er richtete sich auf und blickte in das Gesicht Draco Malfoys, der sein übliches hämisches Grinsen aufgesetzt hatte.
»Der berühmte Harry Potter«, sagte Malfoy, »kann nicht mal in eine Buchhandlung gehen, ohne auf die Titelseite der Zeitung zu kommen.«
»Lass ihn in Frieden, er hat das alles gar nicht gewollt«, sagte Ginny. Es war das erste Mal, dass sie in Harrys Gegenwart sprach. Mit zornfunkelnden Augen sah sie Malfoy an.
»Potter, du hast ja eine Freundin!«, sagte Malfoy gedehnt. Ginny lief scharlachrot an, während Ron und Hermine sich zu ihnen durchkämpften, bepackt mit Büchern von Lockhart.
»Oh, du bist es«, sagte Ron und sah Malfoy an, als ob dieser etwas Ekliges wäre, das an der Schuhsohle klebt. »Wette, du bist überrascht, Harry zu sehen?«
»Nicht so überrascht wie darüber, dich in einem Laden zu treffen, Weasley«, gab Malfoy zurück. »Ich vermute mal, deine Eltern werden einen Monat lang hungern müssen, um das ganze Zeug bezahlen zu können.«
Ron lief so rot an wie Ginny. Er ließ seine Bücher ebenfalls in den Kessel fallen und stürzte auf Malfoy zu, doch Harry und Hermine packten ihn von hinten an seiner Jacke.
»Ron!«, sagte Mr Weasley, der sich zusammen mit Fred und George zu ihnen durchwühlte. »Was tust du da? Das ist Unsinn hier drin, lass uns rausgehen.«
»Schön, schön, schön – Arthur Weasley.«
Das war Mr Malfoy. Er stand da, die Hand auf Dracos Schulter gelegt, und sah sie mit demselben höhnischen Blick wie sein Sohn an.
»Lucius«, sagte Mr Weasley und nickte mit kühler Miene.
»Viel Arbeit im Ministerium, wie ich höre?«, sagte Mr Malfoy. »Diese ganzen Hausdurchsuchungen … Ich hoffe, man bezahlt Ihnen Überstunden?« Er steckte die Hand in Ginnys Kessel und zog aus dem Haufen Lockhart-Bücher mit Hochglanzumschlägen ein altes, sehr ramponiertes Exemplar der Verwandlungen für den Anfänger hervor.
»Offensichtlich nicht«, sagte er. »Meine Güte, was nützt es, eine Schande für die gesamte Zaubererschaft zu sein, wenn man nicht einmal gut dafür bezahlt wird?«
Mr Weasley lief rot an, dunkler als Ron oder Ginny. »Wir haben sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, was eine Schande für die Zaubererschaft ist, Malfoy«, sagte er.
»Eindeutig«, sagte Mr Malfoy, und seine blassen Augen schweiften zu den Grangers hinüber, die ängstlich zusahen. »Mit solchen Leuten geben Sie sich ab, Weasley, und ich hatte gedacht, Ihre Familie könnte nicht noch tiefer sinken –«
Es gab ein metallisches Klingen, als Ginnys Kessel durch die Luft flog; Mr Weasley hatte sich auf Mr Malfoy gestürzt und ihn mit dem Rücken gegen ein Bücherregal geworfen; Dutzende schwere Zauberbücher donnerten auf ihre Köpfe; »Pack ihn, Dad«, rief Fred oder George; Mrs Weasley kreischte »Nein, Arthur, nein«; die Menge wich blitzschnell zurück und warf noch mehr Regale um; »Meine Herren, bitte – bitte!«, rief der Verkäufer, und dann, lauter als alle andern: »Aufhören damit, meine Herren, aufhören –«
Durch das Meer von Büchern watete Hagrid auf sie zu. Im Handumdrehen hatte er Mr Weasley und Mr Malfoy voneinander getrennt. Mr Weasley blutete an der Lippe und Mr Malfoy hatte eine Enzyklopädie der Giftpilze ins Auge bekommen. Noch immer hielt er Ginnys altes Verwandlungsbuch in der Hand. Mit bösartig funkelnden Augen warf er es ihr entgegen.
»Hier, Mädchen – nimm dein Buch – das ist alles, was dein Vater dir bieten kann –« Er befreite sich aus Hagrids Griff, trat auf Draco zu und sie stolzierten aus dem Laden.
»Du hättest ihn gar nicht beachten dürfen, Arthur«, sagte Hagrid und riss Mr Weasley beinahe von den Füßen, während er dessen Umhang zurechtzupfte. »Verdorben bis ins Mark, die ganze Familie, das weiß doch jeder – einem Malfoy darf man nicht zuhören – schlechtes Blut, das ist es – kommt jetzt – lasst uns von hier verschwinden.«
Der Verkäufer machte Anstalten, sie aufzuhalten, doch er reichte kaum bis zu Hagrids Hüfte und schien es sich anders zu überlegen. Die Grangers, vor Schreck zitternd, und Mrs Weasley, außer sich vor Zorn, eilten durch die Straße.
»Ein gutes Beispiel für deine Kinder – sich in aller Öffentlichkeit zu prügeln – was muss bloß Gilderoy Lockhart gedacht haben –«
»Er war begeistert«, sagte Fred, »hast du ihn nicht gehört, als wir gegangen sind? Er hat den Typen vom Tagespropheten gebeten, ja die Schlägerei nicht zu vergessen – das sei die beste Werbung –«
Es war ein niedergeschlagenes Grüppchen, das sich auf den Weg zum Kamin im Tropfenden Kessel machte, von wo aus Harry, die Weasleys und all ihre Einkäufe mittels Flohpulver zum Fuchsbau zurückreisten. Sie verabschiedeten sich von den Grangers, die den Pub in Richtung Muggelstraße verließen; Mr Weasley wollte sie gerade fragen, wie es an Bushaltestellen zuging, verstummte jedoch sofort beim Anblick von Mrs Weasleys Miene.
Harry nahm die Brille ab und verstaute sie sicher in seiner Tasche, bevor er eine Prise Flohpulver nahm. Das war bestimmt nicht seine Lieblingsart zu reisen.
Die Peitschende Weide
Die Sommerferien gingen zu Ende, viel zu schnell nach Harrys Geschmack. Zwar freute er sich auf Hogwarts, doch dieser Monat im Fuchsbau war der glücklichste seines Lebens gewesen. Es fiel ihm schwer, Ron nicht zu beneiden, wenn er an die Dursleys dachte und daran, wie sie ihn wohl willkommen heißen würden, wenn er das nächste Mal im Ligusterweg auftauchte.
An ihrem letzten Abend zauberte Mrs Weasley ein üppiges Mahl aus Harrys Lieblingsspeisen, gekrönt von einem leckeren Siruppudding. Fred und George rundeten den Abend mit einer kleinen Vorstellung ihres Filibuster-Feuerwerks ab; sie füllten die Küche mit roten und blauen Sternen, die mindestens eine halbe Stunde lang zwischen Wänden und Decke hin und her schossen. Dann war es Zeit für den letzten Becher heißen Kakao und fürs Bett.
Am nächsten Morgen brauchten sie recht lange, um in die Gänge zu kommen. Schon beim ersten Hahnenschrei wachten sie auf, doch merkwürdigerweise hatten sie alle noch eine ganze Menge zu erledigen: Mrs Weasley hetzte schlecht gelaunt herum und suchte Sockenpaare und Federkiele zusammen. Halb angezogen und mit angebissenen Toastscheiben in den Händen rannten sie ständig auf den Treppen ineinander, und Mr Weasley brach sich beinahe den Hals, als er Ginnys Koffer über den Hof zum Auto schleppte und dabei über ein verirrtes Huhn stolperte.
Harry konnte sich nicht vorstellen, wie acht Leute, sechs gewaltige Koffer, zwei Eulen und eine Ratte in einen kleinen Ford Anglia passen sollten. Er hatte natürlich nicht mit Mr Weasleys Sonderausstattung gerechnet.
»Kein Wort davon zu Molly«, flüsterte er Harry zu, als er den Kofferraum öffnete und ihm zeigte, dass er magisch vergrößert war, so dass die Koffer problemlos hineinpassten.
Als Harry, Ron, Fred, George und Percy endlich bequem auf der Rückbank Platz genommen hatten, spähte Mrs Weasley durch die Scheibe ins Wageninnere:
»Die Muggel können doch mehr, als wir ihnen zutrauen, nicht wahr?« Sie und Ginny nahmen auf dem Vordersitz Platz, der sich auf die Größe einer Parkbank ausgedehnt hatte. »Von außen kommt man nie auf den Gedanken, dass drinnen so viel Platz ist, oder?«
Mr Weasley ließ den Motor an und sie fuhren gemächlich über den Hof. Harry warf einen letzten Blick zurück aufs Haus. Er hatte kaum Zeit, sich zu fragen, wann er es wieder sehen würde, als sie auch schon anhielten: George hatte seine Kiste mit Filibuster-Feuerwerk vergessen. Fünf Minuten später kehrten sie mit quietschenden Reifen auf den Hof zurück, und Fred rannte los, um seinen Besen zu holen. Und sie waren kurz vor der Autobahn, als Ginny schreiend verkündete, sie habe ihren Taschenkalender vergessen. Als sie endlich wieder in den Wagen stieg, waren sie schon sehr spät dran und die Gemüter waren gereizt.
Mr Weasley blickte auf die Uhr und dann zu seiner Frau hinüber.
»Molly, Liebling –«
»Nein, Arthur –«
»Kein Mensch würde es sehen – dieser kleine Knopf hier ist für einen Unsichtbarkeits-Servoantrieb, den ich eingebaut habe – der würde uns in die Luft heben – und dann fliegen wir über den Wolken, in zehn Minuten sind wir da, und niemand hätte den geringsten Schimmer –«
»Ich sagte nein, Arthur, nicht am helllichten Tag.«
Um Viertel vor elf fuhren sie am Bahnhof King’s Cross vor. Mr Weasley rannte über die Straße und holte Gepäckkarren und im Laufschritt stürmten sie in die Schalterhalle.
Harry war schon vor einem Jahr mit dem Hogwarts-Express gefahren. Der Trick dabei war, dass sie zu Gleis neundreiviertel kommen mussten, einem Gleis, das Muggelaugen nicht sehen konnten. Dazu war es nötig, durch die Absperrung zu gehen, die die Bahnsteige neun und zehn trennte. Weh tat es nicht, aber sie mussten aufpassen, dass kein Muggel sie verschwinden sah.
»Percy geht als Erster«, sagte Mrs Weasley und blickte nervös auf die Uhr über ihren Köpfen, nach der sie nur noch fünf Minuten Zeit hatten, um lässig hinter der Absperrung zu verschwinden.
Percy marschierte unerschrocken los und verschwand. Mr Weasley ging als Nächster, Fred und George folgten ihm.
»Ich nehm Ginny mit und ihr beide folgt uns dann«, sagte Mrs Weasley zu Harry und Ron, nahm Ginnys Hand und machte sich auf den Weg. Einen Augenblick später waren sie verschwunden.
»Lass uns zusammen gehen, wir haben nur noch eine Minute«, sagte Ron zu Harry.
Harry vergewisserte sich, dass Hedwigs Käfig sicher auf dem Koffer festgezurrt war, und drehte seinen Gepäckwagen zur Absperrung hin. Er fühlte sich völlig sicher; das war bei weitem nicht so beschwerlich wie die Sache mit dem Flohpulver. Beide beugten sich tief über die Handgriffe ihrer Karren und schritten zielstrebig auf die Absperrung zu, langsam schneller werdend – ein paar Meter noch, sie begannen zu rennen –
SCHEPPER.
Beide Karren knallten gegen die Absperrung und prallten zurück; mit lautem Krachen fiel Rons Koffer herunter, Harry verlor den Halt, der Käfig mit Hedwig purzelte auf den blank gewienerten Boden und empört kreischend rollte sie davon; die Leute um sie her starrten sie an und ein Wachmann in der Nähe rief: »Was zum Teufel denkt ihr euch eigentlich dabei?«
»Hatten die Karre nicht mehr im Griff«, keuchte Harry und richtete sich auf, die Hände an die Rippen gepresst; Ron stürzte los, um Hedwig zu holen, die ein solches Theater veranstaltete, dass einige Umstehende von Tierquälerei zu munkeln begannen.
»Warum kommen wir nicht durch?«, zischelte Harry.
»Keine Ahnung –«
Ron blickte sich hastig um. Noch immer verfolgte sie ein Dutzend Neugierige mit ihren Blicken.
»Wir verpassen noch den Zug«, flüsterte Ron, »ich weiß nicht, warum das Tor sich verschlossen hat –«
Harry sah mit einem flauen Gefühl in der Magengegend zu der riesigen Uhr hoch. Zehn Sekunden … neun Sekunden …
Er schob seinen Karren vorsichtig weiter, bis er direkt vor der Absperrung stand, und drückte dann mit aller Kraft. Das Eisen gab nicht nach.
Drei Sekunden … zwei Sekunden … eine Sekunde …
»Er ist weg«, sagte Ron mit verblüffter Stimme. »Der Zug ist fort. Was ist, wenn Mum und Dad nicht zu uns zurückkönnen? Hast du Muggelgeld?«
Von Harry kam ein hölzernes Lachen. »Die Dursleys haben mir seit gut sechs Jahren kein Taschengeld mehr gegeben.«
Ron drückte ein Ohr gegen die kalte Barriere.
»Nichts zu hören«, sagte er angespannt. »Was sollen wir bloß machen? Ich weiß nicht, wie lange Mum und Dad brauchen, um zurückzukommen.«
Sie sahen sich um. Noch immer wurden sie beobachtet, kein Wunder, denn Hedwig kreischte unablässig.
»Ich glaube, wir gehen lieber raus und warten beim Auto«, sagte Harry, »wir sind zu auffäll…«
»Harry!«, sagte Ron mit leuchtenden Augen, »der Wagen?«
»Was ist damit?«
»Wir können mit dem Wagen nach Hogwarts fliegen!«
»Aber ich dachte –«
»Wir stecken in der Klemme, oder? Und wir müssen doch zur Schule? Und selbst minderjährige Zauberer dürfen in einem echten Notfall zaubern, Abschnitt neunzehn oder so des Erlasses zur Beschränkung des Weißichnichtwas …«
Harrys Panik verwandelte sich jäh in Begeisterung.
»Kannst du ihn fliegen?«
»Kein Problem«, sagte Ron und drehte seinen Karren in Richtung Ausgang. »Komm, lass uns gehen, wenn wir uns beeilen, können wir dem Hogwarts-Express folgen.«
Und sie marschierten los, mitten durch die Schar der neugierigen Muggel, hinaus aus dem Bahnhof und hinein in die Seitenstraße, wo der alte Ford Anglia geparkt war.
Ron öffnete den geräumigen Kofferraum mit ein paar sanften Stupsern seines Zauberstabs. Sie hievten ihre Koffer hinein, stellten Hedwig auf dem Rücksitz ab und stiegen ein.
»Pass auf, dass niemand zuschaut«, sagte Ron und zündete den Motor mit einem weiteren leichten Stupser des Zauberstabs. Harry steckte den Kopf aus dem Fenster: über die Hauptstraße vorn rollte lärmender Verkehr, doch ihre Straße war leer.
»Alles klar«, sagte er.
Ron drückte auf einen kleinen silbernen Knopf am Armaturenbrett. Der Wagen um sie her verschwand – und sie mit ihm. Harry spürte den Sitz unter sich erzittern, hörte den Motor, fühlte seine Hände auf den Knien und seine Brille auf der Nase, doch nach allem, was er sehen konnte, war er nur noch ein Augenpaar, das in einer schäbigen Straße voll geparkter Autos einen Meter über dem Boden schwebte.
»Los geht’s«, sagte Rons Stimme zu seiner Rechten.
Und die Straße und die schmutzigen Gebäude versanken zu beiden Seiten, als der Wagen sich in die Lüfte erhob; ein paar Sekunden später lag die große Stadt London rauchig und glitzernd unter ihnen.
Dann hörten sie ein Knallen und der Wagen, Harry und Ron tauchten wieder auf.
»O nein«, sagte Ron und hämmerte auf den Knopf für den Unsichtbarkeits-Servoantrieb ein, »er ist kaputt!«
Beide fummelten an dem Knopf herum. Der Wagen verschwand und kam gleich wieder flackernd zum Vorschein.
»Halt dich fest!«, rief Ron und drückte das Gaspedal durch; sie schossen hinein in die tief hängende flaumige Wolkendecke, und um sie her war nun alles trübe und feucht.
»Was nun?«, fragte Harry und spähte verdutzt durch die dichte Wolkenmasse.
»Wir müssen den Zug finden, damit wir wissen, in welche Richtung wir fliegen sollen«, sagte Ron.
»Wieder runter, schnell!«
Sie tauchten hinab unter die Wolkendecke und schauten durch die Fenster auf die Erde.
»Ich kann ihn sehen!«, rief Harry, »dort – direkt vor uns!«
Der Hogwarts-Express glitt vor ihnen dahin wie eine scharlachrote Schlange.
»Richtung Norden«, sagte Ron mit einem Blick auf den Kompass am Armaturenbrett. »Gut – wir müssen nur jede halbe Stunde nachsehen – halt dich fest –«
Und wieder schossen sie hoch in die Wolken; eine Minute später stießen sie durch die Wolkendecke ins gleißende Sonnenlicht.
Dies war eine andere Welt. Die Wagenräder glitten durch das flaumige Wolkenmeer, der Himmel war ein helles, endloses Blau unter der blendend weißen Sonne.
»Jetzt müssen wir nur noch auf Flugzeuge aufpassen«, sagte Ron.
Sie sahen sich an und prusteten los; es dauerte einige Zeit, bis sie sich wieder beruhigt hatten.
Sie fühlten sich wie inmitten eines phantastischen Traums. Das ist die einzig wahre Art zu reisen, dachte Harry: vorbei an schneeigen Wolkenwirbeln und -türmchen, in einem von heißem, hellem Sonnenlicht durchfluteten Wagen, mit einer großen Packung Sahnebonbons im Handschuhfach und der Aussicht auf die neidischen Gesichter von Fred und George, wenn sie vor aller Augen sanft auf dem üppigen Rasen vor Schloss Hogwarts landen würden.
Immer weiter nach Norden flogen sie und schauten dabei regelmäßig nach dem Zug, und jedes Mal, wenn sie unter die Wolken abtauchten, bot sich ihnen ein anderer Blick. London lag nun weit hinter ihnen, stattdessen sahen sie anmutige grüne Felder, die allmählich weitläufigen, purpurn schimmernden Mooren wichen, Weilern mit kleinen Spielzeugkirchen und einer großen Stadt, in der es von Autos nur so wimmelte, die an bunte Ameisen erinnerten.
Mehrere ereignislose Stunden später jedoch musste sich Harry eingestehen, dass er allmählich die Lust verlor. Die Sahnebonbons hatten ihnen höllisch Durst gemacht und sie hatten nichts zu trinken dabei. Er und Ron hatten die Pullis ausgezogen, doch Harrys T-Shirt klebte an seinem Sitz und die Brille rutschte ihm ständig auf die schweißfeuchte Nasenspitze. Die phantastischen Wolkenformen beachtete er schon gar nicht mehr, und sehnsüchtig dachte er an den Zug meilenweit unter ihnen, wo man von einer kugelrunden Hexe mit einem Imbisswägelchen eiskalten Kürbissaft kaufen konnte. Warum waren sie eigentlich nicht zu Gleis neundreiviertel durchgekommen?
»Weit kann es nicht mehr sein, oder?«, krächzte Ron wieder ein paar Stunden später, als die Sonne schon im Wolkenteppich versank und den Himmel tiefrosa einfärbte. »Wollen wir noch mal nach dem Zug schauen?«
Er war immer noch direkt unter ihnen und schlängelte sich an einem schneebedeckten Berg vorbei. Unter dem Wolken-Baldachin war es jetzt schon recht dunkel.
Ron drückte aufs Gaspedal und flog den Wagen wieder nach oben, doch auf einmal begann der Motor zu wimmern.
Harry und Ron tauschten nervöse Blicke.
»Wahrscheinlich ist er bloß müde«, sagte Ron. »So weit ist er noch nie geflogen …«
Und während der Himmel immer dunkler wurde, taten sie so, als ob sie das lauter werdende Wimmern nicht hörten. In der Schwärze um sie her blühten Sterne auf. Harry zog den Pulli wieder an und versuchte die wie aus Protest inzwischen schwächlich arbeitenden Scheibenwischer zu ignorieren.
»Nicht mehr weit«, sagte Ron, mehr zum Wagen als zu Harry, »wir sind bald da«, und er tätschelte mit zitternder Hand das Armaturenbrett.
Als sie eine Weile später wieder durch die Wolken hinabtauchten, mussten sie in der Dunkelheit nach einem Punkt in der Landschaft Ausschau halten, den sie kannten.
»Dort!«, rief Harry, und Ron und Hedwig schraken zusammen. »Direkt vor uns!«
Hoch oben auf einer Klippe über dem See, abgehoben gegen den dunklen Horizont, ragten die vielen Zinnen und Türme von Hogwarts empor.
Der Wagen begann zu stottern und wurde langsamer.
»Na komm schon«, flehte Ron und rüttelte ein wenig am Steuer, »wir sind doch fast da, los –«
Der Motor stöhnte auf. Unter der Kühlerhaube pfiffen feine Dampfstrahlen hervor. Harry klammerte sich zu beiden Seiten seines Sitzes fest, während sie auf den See zuflogen.
Der Wagen begann heftig zu ruckeln. Harry spähte aus dem Fenster und sah ein gutes Stück unter ihnen das ruhige, gläsern-schwarze Wasser. Rons Handknöchel auf dem Lenkrad waren weiß geworden. Wieder machte der Wagen einen Ruck.
»Ich bitte dich«, murmelte Ron.
Sie waren über dem See … Hogwarts lag direkt vor ihnen … Ron drückte das Gaspedal durch.
Sie hörten ein lautes metallisches Klirren und mit einem Stottern erstarb der Motor.
»Uh, aah«, sagte Ron in die Stille hinein.
Der Wagen neigte sich vornüber in die Tiefe. Sie sanken, immer schneller, geradewegs auf die Schlossmauer zu.
»Neiiiiin!«, schrie Ron und kurbelte am Steuer; um Zentimeter verfehlten sie die dunkle Steinmauer, und der Wagen beschrieb einen ausladenden Bogen; sie surrten über die dunklen Gewächshäuser hinweg, über den Gemüsegarten und dann über die dunklen Parkanlagen, dabei verloren sie stetig an Höhe.
Ron ließ das Steuer ganz los und zog seinen Zauberstab aus der hinteren Tasche.
»HALT! STOPP!«, rief er und schlug auf das Armaturenbrett und die Windschutzscheibe ein, doch immer noch sanken sie tiefer, und der Erdboden flog ihnen entgegen …
»PASS AUF DEN BAUM AUF!«, schrie Harry und stürzte sich auf das Lenkrad, doch zu spät –
SPLITTER.
Mit ohrenbetäubendem Lärm schlug Metall auf Holz; sie krachten gegen den dicken Baumstamm und landeten mit einem schmerzhaften Aufprall auf der Erde. Unter der zusammengeschrumpelten Kühlerhaube paffte Dampf hervor; Hedwig kreischte in panischer Angst, und auf Harrys Kopf pochte da, wo er gegen die Windschutzscheibe geknallt war, eine golfballgroße Beule. Von Ron zu seiner Rechten kam ein lautes, verzweifeltes Stöhnen.
»Bist du okay?«, fragte Harry besorgt.
»Mein Zauberstab«, sagte Ron mit zittriger Stimme. »Sieh dir meinen Zauberstab an.«
Er war durchgeknackst und fast entzweigebrochen; die Spitze hing lahm herab und wurde nur noch von ein paar Splittern gehalten.
Harry öffnete den Mund, um zu sagen, das würden sie in der Schule sicher wieder hinbekommen, doch er brachte kein Wort heraus. In genau diesem Moment schlug etwas mit der Kraft eines rasenden Stiers gegen seine Wagentür und schmetterte ihn gegen Ron, während zugleich ein ebenso heftiger Schlag das Dach traf.
»Was ist –«
Ron keuchte, als er durch die Scheibe starrte, und Harry folgte seinem Blick gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie ein Ast, so dick wie eine Pythonschlange, auf sie einschlug. Der Baum, gegen den sie gekracht waren, fiel über sie her. Seine Krone hatte sich fast zum Erdboden hinuntergebogen, und seine knorrigen Zweige trommelten auf jeden Zentimeter des Wagens ein, den sie erreichen konnten.
»Aaarh!«, sagte Ron, als ein weiterer Ast sich zurückbog und eine tiefe Delle in die Fahrertür schlug; die Windschutzscheibe zitterte nun unter einem Hagel von Schlägen knöchelartiger Zweiglein, und ein Ast, so dick wie ein Rammbock, hämmerte wild auf das Dach ein, das sich immer tiefer eindellte –
»Raus hier, schnell!«, schrie Ron und warf sich mit aller Kraft gegen die Tür, doch schon schleuderte ihn ein teuflischer Aufwärtshaken in Harrys Schoß.
»Wir sind erledigt«, stöhnte er, als das Dach einbrach, doch plötzlich erzitterte der Wagenboden – der Motor war wieder angesprungen.
»Rückwärts!«, schrie Harry und der Wagen sauste zurück. Noch immer schlug der Baum nach ihnen aus; mit knarzenden Wurzeln riss er sich fast aus der Erde, um sie noch einmal mit seinen Peitschenhieben zu treffen, bevor sie davonfuhren.
»Das war knapp«, keuchte Ron. »Gut gemacht, Auto.«
Der Wagen freilich war nun am Ende seiner Kräfte. Mit einem trockenen Geräusch flogen die Türen auf und Harry spürte seinen Sitz zur Seite kippen; schon lag er, alle viere von sich gestreckt, auf dem feuchten Erdboden. Laute dumpfe Aufschläge sagten ihm, dass der Wagen nun ihr Gepäck aus dem Kofferraum warf; Hedwigs Käfig segelte durch die Luft, die Käfigtür flog auf, und mit einem wütenden Kreischen flatterte sie, ohne die beiden noch eines Blickes zu würdigen, rasch in Richtung Schloss davon. Nun zuckelte der zerbeulte und zerkratzte Wagen, zornig mit den Rücklichtern blinkend, in die Dunkelheit davon.
»Komm zurück!«, rief Ron ihm nach und fuchtelte mit seinem durchgeknacksten Zauberstab durch die Luft. »Dad bringt mich um!«
Doch mit einem letzten Ächzer des Auspuffs verschwand der Wagen in der Nacht.
»Wie kann man nur so viel Pech haben«, sagte Ron niedergeschlagen und bückte sich, um Krätze, die Ratte, aufzuheben. »Von allen Bäumen, gegen die wir hätten fliegen können, haben wir einen getroffen, der zurückschlägt.«
Er blickte über die Schulter zurück zu dem alten Baum, der immer noch drohend mit den Zweigen ausschlug.
»Los komm«, sagte Harry erschöpft, »wir gehen besser rauf zur Schule …«
Das war keineswegs die triumphale Ankunft, die sie erwartet hatten. Mit steifen Gliedern, unterkühlt und zerkratzt packten sie ihre Koffer und zogen den grasbewachsenen Abhang zum großen eichenen Schlossportal hoch.
»Die Feier hat wohl schon angefangen«, sagte Ron, ließ den Koffer am Fuß der Portaltreppe fallen und huschte zu einem hell erleuchteten Fenster hinüber. »Hey, Harry, sieh mal – die Auswahl!«
Harry rannte zu Ron hinüber und gemeinsam spähten sie in die Große Halle.
Zahllose Kerzen schwebten über den vier langen, dicht besetzten Tischen und ließen die goldenen Teller und Becher funkeln. Hoch oben an der verzauberten Decke, die immerzu den Himmel draußen spiegelte, glitzerten die Sterne.
Durch den Wald aus schwarzen Hogwarts-Spitzhüten sah Harry eine lange Schlange Erstklässler mit bangen Blicken in die Halle marschieren. Ginny war wegen ihres leuchtend roten Weasley-Haares leicht zu erkennen. Nun trat Professor McGonagall hinzu, eine bebrillte Hexe mit strammem Haarknoten, und legte den berühmten Sprechenden Hut von Hogwarts auf einen Stuhl.
Dieser uralte Hut, fleckig, rissig und schmutzig, verteilte alljährlich die neuen Schüler auf die vier Häuser von Hogwarts (Gryffindor, Hufflepuff, Ravenclaw und Slytherin). Harry erinnerte sich noch gut daran, wie er ihn vor genau einem Jahr aufgesetzt und ganz versteinert auf die Entscheidung gewartet hatte, während ihm der Hut eindringlich ins Ohr flüsterte. Ein paar schreckliche Sekunden lang hatte er befürchtet, der Hut würde ihn nach Slytherin stecken, in das Haus, das mehr schwarze Hexen und Zauberer hervorgebracht hatte als jedes andere. Doch er war schließlich nach Gryffindor gekommen, zusammen mit Ron, Hermine und den anderen Weasleys. Im letzten Schuljahr hatten Harry und Ron dazu beigetragen, dass Gryffindor die Hausmeisterschaft gewonnen und damit Slytherin nach sieben Jahren endlich wieder besiegt hatte.
Ein sehr kleiner Junge mit mausgrauem Haar war aufgerufen worden, den Hut aufzusetzen. Harrys Augen wanderten an ihm vorbei, dorthin, wo Professor Dumbledore saß, der Schulleiter mit dem langen, silbernen Bart. Vom Lehrertisch aus verfolgte er die Auswahl durch seine halbmondförmigen Brillengläser, die im Kerzenlicht blitzten. Ein paar Plätze weiter sah Harry Gilderoy Lockhart, gewandet in einen aquamarinblauen Umhang. Und dort, am Ende des Tisches, saß Hagrid, riesig und haarüberwuchert, und nahm tiefe Schlucke aus seinem Becher.
»Guck mal …«, zischte Harry Ron ins Ohr. »Dort am Lehrertisch ist ein freier Platz … Wo ist eigentlich Snape?«
Professor Severus Snape war der Lehrer, den Harry am wenigsten leiden konnte. Und es traf sich, dass Harry auch der Schüler war, den Snape am wenigsten leiden konnte. Der grausame, spöttische und bei allen außer bei den Schülern seines eigenen Hauses (Slytherin) unbeliebte Snape unterrichtete Zaubertränke.
»Vielleicht ist er krank!«, sagte Ron hoffnungsvoll.
»Vielleicht hat er gekündigt«, entgegnete Harry, »weil er wieder nicht Verteidigung gegen die dunklen Künste unterrichten darf!«
»Oder sie haben ihn rausgeschmissen!«, meinte Ron begeistert. »Immerhin kann ihn ja keiner ausstehen –«
»Oder vielleicht«, sagte eine eisige Stimme direkt hinter ihnen, »wartet er darauf, von euch zu hören, warum ihr nicht mit dem Schulzug gekommen seid.«
Harry wirbelte herum. Vor ihnen, sein schwarzer Umhang flatterte in der kalten Brise, stand Severus Snape. Er war ein dünner, fahlhäutiger Mann mit Hakennase und fettigem, schulterlangem schwarzem Haar. Und in diesem Augenblick lächelte er auf eine Weise, die Harry sagte, dass er und Ron in gewaltigen Schwierigkeiten steckten.
»Kommt«, sagte Snape.
Harry und Ron wagten nicht einmal, sich Blicke zuzuwerfen, und folgten Snape die Stufen hoch in die ausladende, von Echos durchzogene und fackelbeleuchtete Eingangshalle. Ein köstlicher Duft wehte aus der Großen Halle herüber, doch Snape führte sie weg aus der Wärme und dem Licht und eine schmale Steintreppe hinunter, die in die Kerker führte.
»Da hinein!«, sagte er und öffnete eine Tür auf halbem Weg den dunklen Treppengang hinunter.
Zitternd betraten sie Snapes Büro. An den dunklen Wänden zogen sich Regale voller großer Einmachgläser entlang, in denen alle möglichen widerwärtigen Geschöpfe schwammen, deren Namen Harry im Moment nicht wusste. Der Kamin war dunkel und leer. Snape schloss die Tür, wandte sich um und blickte die beiden an.
»Soso«, sagte er leise, »der Zug ist nicht gut genug für den berühmten Harry Potter und seinen treuen Kameraden Weasley. Wollten hier mit großem Trara ankommen, nicht wahr, die Herren?«
»Nein, Sir, die Absperrung in King’s Cross, sie …«
»Ruhe«, sagte Snape kühl. »Was habt ihr mit dem Wagen gemacht?«
Ron schluckte. Nicht zum ersten Mal hatte Harry den Eindruck, Snape könne Gedanken lesen. Doch einen Moment später, als Snape die neue Ausgabe des Abendpropheten entrollte, wurde ihm alles klar.
»Man hat euch gesehen«, zischte Snape und zeigte ihnen die Schlagzeile: FLIEGENDER FORD ANGLIA VERSETZT MUGGEL IN AUFREGUNG. Er las laut vor. »Zwei Londoner Muggel sind felsenfest überzeugt, dass sie einen alten Wagen über den Turm des Postamtes fliegen sahen … Als Mrs Hetty Bayliss in Norfolk um die Mittagszeit ihre Wäsche aufhängen wollte … Mr Angus Fleet aus Peebles schilderte der Polizei … Sechs bis sieben Muggel insgesamt. Ich glaube, dein Vater arbeitet in der Abteilung für den Missbrauch von Muggelsachen?«, sagte er und blickte Ron mit zunehmend gehässigem Lächeln an. »Meine Güte … sein eigener Sohn …«
Harry fühlte sich, als ob ihn gerade einer der kräftigeren Äste des verrückten Baumes in die Magengegend geschlagen hätte. Wenn jemand herausfand, dass Mr Weasley den Wagen verhext hatte … daran hatte er gar nicht gedacht …
»Wie ich bei meinem Kontrollgang durch den Park feststellen musste, scheint eine sehr wertvolle Peitschende Weide schwer beschädigt worden zu sein«, fuhr Snape fort.
»Der Baum hat uns mehr zugesetzt als wir ihm!«, sprudelte es aus Ron heraus.
»Ruhe!«, fuhr ihn Snape an. »Zu meinem größten Bedauern gehört ihr nicht zu meinem Haus, und die Entscheidung, euch von der Schule zu weisen, ist nicht meine Sache. Ich werde jetzt gehen und die Leute holen, die das Glück haben, dazu befugt zu sein. Ihr wartet hier.«
Harry und Ron starrten sich in die weißen Gesichter. Hunger hatte Harry keinen mehr. Ihm war jetzt furchtbar schlecht. Er versuchte, nicht das große, schleimige Etwas anzusehen, das da in grüner Flüssigkeit auf einem Regal hinter Snapes Schreibtisch schwebte. Wenn Snape jetzt Professor McGonagall holte, die Hauslehrerin von Gryffindor, dann würde es ihnen kaum besser ergehen. Sie war vielleicht fairer als Snape, aber dafür äußerst streng.
Zehn Minuten später kam Snape zurück und tatsächlich in Begleitung von Professor McGonagall. Harry hatte sie schon mehrmals wütend gesehen, doch entweder hatte er vergessen, wie schmal ihr Mund werden konnte, oder er hatte sie noch nie so zornig erlebt. Sie war kaum eingetreten, als sie auch schon ihren Zauberstab hob. Harry und Ron zuckten zusammen. Doch sie richtete ihn nur auf den leeren Kamin, in dem jetzt plötzlich Flammen aufflackerten.
»Setzen Sie sich.« Ron und Harry ließen sich auf Stühle beim Feuer nieder.
»Ich wünsche eine Erklärung«, sagte sie mit Unheil verkündend schimmernden Brillengläsern.
Ron stürzte sich in die Schilderung ihrer Erlebnisse und begann bei der Absperrung, die sie nicht durchlassen wollte.
»… also hatten wir keine Wahl, Professor, wir konnten den Zug nicht erreichen.«
»Warum haben Sie uns keinen Brief per Eule geschickt? Ich glaube, Sie haben eine Eule?«, sagte Professor McGonagall mit kalter Stimme zu Harry gewandt.
Harry sah sie bestürzt an. Nun, da sie es sagte, schien es das Natürlichste gewesen zu sein.
»Ich … ich habe nicht gedacht …«
»Das«, sagte Professor McGonagall, »ist mir klar.«
Es klopfte, und Snape, gut gelaunt wie sonst nie, öffnete die Tür. Herein kam der Schulleiter, Professor Dumbledore.
Harry spürte seinen ganzen Körper taub werden. Dumbledore sah ungewöhnlich ernst aus. Er blickte sie entlang seiner sehr krummen Nase an, und Harry verspürte jäh den Wunsch, die Peitschende Weide möge immer noch auf ihn und Ron einprügeln.
Ein langes Schweigen trat ein. Dann sagte Dumbledore: »Bitte erklären Sie mir, warum Sie das getan haben.«
Es wäre besser zu ertragen gewesen, wenn er sie angeschrien hätte. Die Enttäuschung, die in Dumbledores Stimme lag, gefiel Harry überhaupt nicht. Aus irgendeinem Grund konnte er Dumbledore nicht in die Augen sehen und er sprach stattdessen zu seinen Knien. Er sagte Dumbledore alles, außer dass der verzauberte Wagen Mr Weasley gehörte, und tat so, als hätten er und Ron ganz zufällig einen fliegenden Wagen vor dem Bahnhof gefunden. Dass Dumbledore diesen Schwindel sofort durchschauen würde, war ihm klar, doch Dumbledore wollte nichts weiter über den Wagen wissen. Als Harry fertig war, sah er sie einfach weiter durch seine Brille hindurch an.
»Wir holen unsere Sachen«, sagte Ron mit matter Stimme.
»Was reden Sie da, Weasley?«, blaffte ihn Professor McGonagall an.
»Sie werfen uns doch raus, oder?«, sagte Ron.
Harry warf Dumbledore einen raschen Blick zu.
»Nicht heute, Mr Weasley«, sagte Dumbledore. »Doch ich muss Ihnen nachdrücklich einschärfen, dass Ihr Handeln ein schwerer Fehler war. Ich werde heute Abend Ihren Familien schreiben. Ich muss Sie auch davor warnen, noch einmal etwas Derartiges zu tun, denn dann werde ich keine andere Wahl haben, als Sie von der Schule zu weisen.«
Snape sah aus, als wäre Weihnachten abgesagt worden. Er räusperte sich und sagte: »Professor Dumbledore, diese Jungen haben die Vorschriften zur Einschränkung der Zauberei Minderjähriger gebrochen und einen wertvollen alten Baum schwer beschädigt … gewiss müssen derlei Taten …«
»Es ist Sache von Professor McGonagall, über die Strafen für die Jungen zu befinden, Severus«, sagte Dumbledore gelassen. »Sie gehören zu ihrem Haus und stehen daher in ihrer Obhut.« Er wandte sich an Professor McGonagall. »Ich muss zurück zur Feier, Minerva, und ein paar Dinge ansagen. Kommen Sie, Severus, da steht eine köstlich aussehende Eiercremetorte, die ich gerne mal probieren möchte …«
Snape warf Harry und Ron einen Blick zu, der reiner Hass war, und ließ sich dann von Dumbledore aus seinem Büro geleiten. Nun waren sie allein mit Professor McGonagall, die sie immer noch wie ein Adler auf Beuteflug beäugte.
»Sie gehen in den Krankenflügel, Weasley, Sie bluten ja.«
»Nicht schlimm«, sagte Ron und fuhr hastig mit dem Ärmel über den Riss an seiner Augenbraue. »Professor, ich wollte eigentlich zusehen, wie meine Schwester den Sprechenden Hut aufsetzt –«
»Die Auswahlfeier ist vorbei«, sagte Professor McGonagall. »Ihre Schwester kommt ebenfalls nach Gryffindor.«
»Oh, gut«, sagte Ron.
»Und da wir gerade von Gryffindor sprechen …«, sagte Professor McGonagall scharf, doch Harry unterbrach sie. »Professor, als wir den Wagen nahmen, hatte das Schuljahr noch gar nicht begonnen, also … also sollten Gryffindor eigentlich keine Punkte abgezogen werden, oder?«, schloss er und blickte sie gespannt an.
Professor McGonagall versetzte ihm einen durchdringenden Blick, doch er war sich sicher, den Anflug eines Lächelns zu erkennen. Jedenfalls sah ihr Mund nicht mehr ganz so schmal aus.
»Ich werde Gryffindor keine Punkte abziehen«, sagte sie und Harry wurde es ganz leicht ums Herz. »Aber ihr werdet beide Strafarbeiten bekommen.«
Das war besser, als Harry befürchtet hatte. Dumbledore wollte den Dursleys schreiben – na wenn schon. Die würden gewiss nur enttäuscht darüber sein, dass die Peitschende Weide ihn nicht zermalmt hatte.
Professor McGonagall hob abermals ihren Zauberstab und richtete ihn auf Snapes Schreibtisch. Mit einem leisen Knall erschienen ein Teller mit belegten Broten, zwei silberne Becher und ein Krug mit eisgekühltem Kürbissaft.
»Ihr esst hier und geht dann gleich in euren Schlafsaal«, sagte sie. »Ich muss zurück zur Feier.«
Als sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, kam von Ron ein langer und lauter Pfiff.
»Ich dachte, es wäre aus mit uns«, sagte er und griff nach einem Brot.
»Ich auch«, sagte Harry und bediente sich ebenfalls.
»Aber wir hatten doch wirklich unglaubliches Pech«, schmatzte Ron durch einen Mund voll Hühnchen und Schinken. »Fred und George müssen dieses Auto fünf oder sechs Mal geflogen haben und kein Muggel hat die je gesehen.« Er schluckte und nahm einen weiteren gewaltigen Bissen. »Warum sind wir nicht durch die Absperrung gekommen?«
Harry zuckte die Achseln. »Von jetzt an müssen wir jedenfalls aufpassen«, sagte er und nahm einen kräftigen Schluck Kürbissaft. »Wünschte, wir könnten hoch zur Feier …«
»Sie wollte nicht, dass wir mit der Geschichte angeben«, sagte Ron weise. »Will nicht, dass die andern glauben, es sei eine tolle Sache, mit einem fliegenden Auto aufzutauchen.«
Als sie so viele Brote verspeist hatten, wie sie konnten (der Teller füllte sich immer wieder nach), standen sie auf und verließen das Büro. Sie gingen den vertrauten Weg zum Turm der Gryffindors hinauf. Im Schloss war es ruhig; die Feier schien vorüber zu sein. Sie gingen an murmelnden Porträts und quietschenden Rüstungen vorbei und stiegen die schmalen Steintreppen empor. Endlich erreichten sie den Korridor, an dessen Ende der geheime Eingang zum Gryffindor-Turm versteckt war – hinter dem Ölgemälde einer sehr fetten Dame in einem rosa Seidenkleid.
»Passwort?«, fragte sie, als sie näher kamen.
»Ähm –«, sagte Harry.
Sie kannten das Passwort für das neue Schuljahr nicht, weil sie noch keinen Vertrauensschüler der Gryffindors getroffen hatten. Doch fast im gleichen Moment nahte auch schon Hilfe; hinter sich hörten sie Fußgetrappel, und als sie sich umdrehten, sahen sie Hermine auf sie zurennen.
»Da seid ihr ja! Wo wart ihr denn? Es gab die lächerlichsten Gerüchte – jemand meinte, ihr seid rausgeflogen, weil ihr ein fliegendes Auto geschrottet habt.«
»Nun, wir sind nicht rausgeflogen«, versicherte ihr Harry.
»Sagt bloß, ihr seid tatsächlich hergeflogen?«, sagte Hermine und klang dabei fast so streng wie Professor McGonagall.
»Spar dir den Vortrag«, sagte Ron unwirsch, »und sag uns das neue Passwort.«
»Es ist ›Bartvogel‹«, sagte Hermine ungeduldig, »aber darum geht’s jetzt nicht –«
Sie wurde jedoch unterbrochen, denn das Porträt der fetten Dame klappte zur Seite und plötzlich brach ein Beifallssturm los. Es schien, als wären alle Gryffindors noch wach: Dicht gedrängt standen sie in ihrem kreisrunden Gemeinschaftsraum, auf Tischen und knuddeligen Sesseln verteilt, und warteten auf ihre Ankunft. Arme streckten sich durch das Porträtloch, um Harry und Ron hineinzuziehen, und Hermine musste hinter ihnen herklettern.
»Klasse gemacht«, schrie Lee Jordan. »Genial! Was für ein Auftritt! Einen Wagen mitten in die Peitschende Weide hineinzufliegen, darüber wird man noch in Jahren reden!«
»Gut gemacht!«, sagte ein Fünftklässler, mit dem Harry noch nie gesprochen hatte; jemand klopfte ihm auf die Schulter, als ob er gerade einen Marathonlauf gewonnen hätte. Fred und George drängten sich zu ihnen durch und sagten gleichzeitig: »Warum zum Teufel habt ihr uns denn nicht zurückgerufen?« Ron war scharlachrot im Gesicht und grinste verlegen, doch Harry erblickte einen Jungen in der Schar der Köpfe, der gar nicht glücklich aussah. Hinter einigen aufgeregten Erstklässlern erkannte er Percy, der offenbar nahe genug heranzukommen versuchte, um ihnen eine Strafpredigt zu halten. Harry stieß Ron in die Rippen und nickte in Percys Richtung. Ron verstand sofort.
»Müssen jetzt nach oben – sind ein wenig müde«, sagte er, und sie bahnten sich einen Weg zur Tür gegenüber, die zu einer Wendeltreppe und in die Schlafsäle hochführte.
»Nacht«, rief Harry noch Hermine zu, die genau den gleichen vorwurfsvollen Blick aufgesetzt hatte wie Percy.
Immer noch unter Schulterklopfen der Umstehenden schafften sie es auf die andere Seite des Gemeinschaftsraums und hinaus in die Stille des Treppenaufgangs. Eilends stiegen sie empor, bis an die Spitze, und standen nun endlich vor der Tür ihres alten Schlafsaals, auf dem jetzt ein Schild mit der Aufschrift »Zweitklässler« angebracht war. Sie betraten das vertraute runde Turmzimmer mit den fünf roten samtbehangenen Himmelbetten und den hohen, schmalen Fenstern. Ihre Koffer waren schon hochgebracht worden und standen vor den Betten.
Schuldbewusst grinste Ron Harry an.
»Ich weiß, das hätte ich nicht genießen sollen, aber –«
Die Schlafsaaltür flog auf und herein kamen die anderen Jungen der zweiten Klasse von Gryffindor, Seamus Finnigan, Dean Thomas und Neville Longbottom.
»Unglaublich«, rief Seamus strahlend.
»Cool«, sagte Dean.
»Phantastisch«, sagte Neville ehrfurchtsvoll.
Harry konnte nicht anders. Auch er grinste.
Gilderoy Lockhart
Am Tag darauf jedoch hatte Harry kaum etwas zu grinsen. Vom Frühstück in der Großen Halle an ging es bergab. Die vier langen Haustische unter der magischen Decke (heute in wolkig trübem Grau) ächzten unter ihrer Last aus Schüsseln mit Haferbrei, Platten voll geräuchertem Hering, Tellern mit Eiern und Schinken und Bergen von Toastbrot. Harry und Ron setzten sich an den Tisch der Gryffindors, neben Hermine, die Abstecher mit Vampiren aufgeschlagen gegen einen Milchkrug gelehnt hatte. Ihr »Morgen«-Gruß klang ein wenig steif, und Harry spürte, dass sie immer noch die Art und Weise, wie er und Ron nach Hogwarts gelangt waren, missbilligte. Neville Longbottom dagegen grüßte sie fröhlich. Neville war ein rundgesichtiger und unfallträchtiger Junge mit dem schlechtesten Gedächtnis von allen Menschen, die Harry jemals kennen gelernt hatte.
»Die Post müsste gleich kommen. Ich glaube, Oma schickt mir ein paar Sachen, die ich vergessen habe.«
Tatsächlich hatte sich Harry gerade über seinen Haferbrei hergemacht, als auch schon ein Rauschen über ihren Köpfen zu hören war und gut hundert Eulen hereinströmten, in der Halle kreisten und Briefe und Päckchen in die schnatternde Schülerschar fallen ließen. Ein großes, klumpiges Paket prallte von Nevilles Kopf ab und einen Augenblick später fiel etwas Großes und Graues in Hermines Krug und bespritzte sie alle mit Milch und Federn.
»Errol!«, sagte Ron und zog die bedröppelte Eule an den Beinen aus der Milch. Errol sackte ohnmächtig auf dem Tisch zusammen, die Krallen in die Luft gestreckt und einen feuchten roten Umschlag im Schnabel.
»O nein«, seufzte Ron.
»Schon gut, er lebt noch«, sagte Hermine und tätschelte Errol sanft mit den Fingerspitzen.
»Das ist es nicht – sondern das hier.«
Ron deutete auf den roten Brief. Harry kam er ganz gewöhnlich vor, doch Ron und Neville sahen ihn an, als würde er gleich explodieren.
»Was ist denn los?«, fragte Harry.
»Sie … sie hat mir einen Heuler geschickt«, sagte Ron mit matter Stimme.
»Mach ihn lieber auf, Ron«, flüsterte Neville ängstlich. »Sonst wird es nur noch schlimmer. Meine Oma hat mir mal einen geschickt, und ich hab ihn nicht beachtet und –«, er schluckte, »es war schrecklich.«
Harry betrachtete ihre versteinerten Gesichter und dann den Brief.
»Was ist ein Heuler?«, fragte er.
Doch Rons Aufmerksamkeit war ganz und gar auf den Brief gerichtet, der an den Ecken zu rauchen begonnen hatte.
»Mach ihn auf«, drängte Neville. »In ein paar Minuten ist alles vorbei …«
Ron streckte zitternd die Hand aus, zog den Umschlag aus Errols Schnabel und schlitzte ihn auf. Neville steckte die Finger in die Ohren. Den Bruchteil einer Sekunde später wusste Harry, warum. Einen Moment lang dachte er, der Brief wäre tatsächlich explodiert; ein ohrenbetäubendes Dröhnen erschütterte die riesige Halle und Staub rieselte von der Decke.
»… DEN WAGEN ZU STEHLEN – ES HÄTTE MICH NICHT GEWUNDERT, WENN SIE DICH RAUSGEWORFEN HÄTTEN, WART AB, BIS ICH DICH IN DIE FINGER KRIEGE, NATÜRLICH HAST DU NICHT DARAN GEDACHT, WAS DEIN VATER UND ICH DURCHMACHEN MUSSTEN, ALS WIR SAHEN, DASS ER WEG WAR …«
Mrs Weasleys Geschrei, hundertmal lauter als sonst, ließ Teller und Löffel auf dem Tisch erzittern und hallte gellend laut von den steinernen Wänden wider. Alle Köpfe in der Halle wirbelten herum, neugierig, wer den Heuler bekommen hatte, und Ron versank so tief in seinen Stuhl, dass nur noch seine puterrote Stirn zu sehen war.
»… BRIEF VON DUMBLEDORE GESTERN ABEND, ICH DACHTE, DEIN VATER WÜRDE VOR SCHAM STERBEN, NACH ALLEM, WAS WIR FÜR DICH GETAN HABEN, DU UND HARRY HÄTTET EUCH DEN HALS BRECHEN KÖNNEN …«
Harry hatte sich bereits gefragt, wann sein Name fallen würde. Angestrengt versuchte er den Eindruck zu erwecken, als ob er die Stimme, die in seinen Trommelfellen dröhnte, gar nicht hören würde.
»… EINE UNGLAUBLICHE SCHANDE, DEIN VATER HAT EINE UNTERSUCHUNGSKOMMISSION AUF DEM HALS, UND WENN DU DIR NOCH EINMAL DEN KLEINSTEN FEHLTRITT ERLAUBST, HOLEN WIR DICH SOFORT NACH HAUSE.«
Grabesstille machte sich breit. Der rote Umschlag, den Ron auf den Tisch hatte fallen lassen, flammte auf und zerschrumpelte zu Asche. Harry und Ron saßen sprachlos da, als wäre eine Flutwelle über sie hinweggegangen. Ein paar Schüler lachten und allmählich stellte sich wieder munteres Geplapper ein.
Hermine klappte Abstecher mit Vampiren zu und sah hinab zu Ron.
»Nun, ich weiß nicht, was du erwartet hast, Ron, aber du –«
»Sag bloß nicht, ich hab es verdient«, fauchte Ron sie an.
Harry schob den Haferbrei beiseite. Seine Eingeweide brannten vor Schuldgefühlen. Mr Weasley musste im Ministerium eine Untersuchung über sich ergehen lassen. Nach allem, was Mr und Mrs Weasley diesen Sommer für ihn getan hatten …
Doch er hatte keine Zeit, darüber nachzugrübeln. Professor McGonagall ging am Tisch der Gryffindors entlang und verteilte Stundenpläne. Harry nahm den seinen und stellte fest, dass sie als Erstes eine Doppelstunde Kräuterkunde zusammen mit den Hufflepuffs hatten.
Harry, Ron und Hermine verließen zusammen das Schloss und gingen durch den Gemüsegarten hinüber zu den Gewächshäusern, wo die Zauberpflanzen gezüchtet wurden. Zumindest für eins war der Heuler gut gewesen: Hermine dachte nun offenbar, sie seien genug gestraft worden, und war wieder ausgesprochen freundlich zu ihnen.
Sie näherten sich den Gewächshäusern und sahen schon die anderen aus der Klasse draußen auf Professor Sprout warten. Kaum waren Harry, Ron und Hermine hinzugetreten, kam sie auch schon über den Rasen geschritten – in Begleitung von Gilderoy Lockhart. Professor Sprout trug einen Arm voll Mullbinden, und mit einem erneuten Anflug von Schuldgefühlen erkannte Harry in der Ferne die Peitschende Weide, die nun etliche Zweige in Bandagen hatte.
Professor Sprout war eine untersetzte kleine Hexe mit einem Flickenhut auf ihrem windzerzausten Haar; meist hatte sie eine ganze Menge Erde auf den Kleidern, und beim Anblick ihrer Fingernägel wäre Tante Petunia in Ohnmacht gefallen. Tadellos gekleidet war dagegen Gilderoy Lockhart mit seinem wehenden türkisfarbenen Umhang. Sein goldenes Haar schimmerte unter einem perfekt sitzenden türkisfarbenen Hut mit Goldrand hervor.
»Oh, hallo, hallo!«, rief Lockhart und strahlte die versammelten Schüler an. »Hab eben kurz Professor Sprout erklärt, wie man eine Peitschende Weide richtig verarztet! Aber ich möchte nicht, dass ihr jetzt denkt, ich sei besser in Pflanzenkunde als sie! Auf meinen Reisen sind mir nur zufällig einige dieser Exoten begegnet …«
»Gewächshaus drei heute, Freunde!«, sagte Professor Sprout, die nicht wie sonst immer fröhlich, sondern unverkennbar miesepetrig dreinsah.
Ein neugieriges Gemurmel lief durch die Umstehenden. Bisher hatten sie nur in Gewächshaus eins gearbeitet – Gewächshaus drei beherbergte viel interessantere und gefährlichere Pflanzen. Professor Sprout nahm einen großen Schlüssel von ihrem Gürtel und schloss die Tür auf. Der Geruch von feuchter Erde und Dünger drang in Harrys Nase, vermischt mit dem schweren Parfümduft einiger riesiger, schirmartiger Blumen, die von der Decke herabhingen. Er wollte gerade hinter Ron und Hermine eintreten, als Lockhart blitzartig die Hand ausstreckte.
»Harry! Ich wollte kurz mit Ihnen sprechen. Sie haben doch nichts dagegen, wenn er ein paar Minuten später kommt, nicht wahr, Professor Sprout?«
Nach Professor Sprouts Stirnrunzeln zu schließen, hatte sie eine ganze Menge dagegen, doch Lockhart sagte: »Wunderbar«, und schlug ihr die Gewächshaustür vor der Nase zu.
»Harry«, sagte Lockhart kopfschüttelnd und seine großen weißen Zähne blitzten. »Harry, Harry, Harry.«
Harry schwieg völlig verdutzt.
»Als ich davon gehört hab – nun, natürlich war alles meine Schuld. Ich hätte mich ohrfeigen können.«
Harry hatte keine Ahnung, wovon er redete. Das wollte er gerade sagen, als Lockhart fortfuhr: »Weiß nicht, ob ich mich jemals so erschrocken habe. Einen Wagen nach Hogwarts zu fliegen! Nun, natürlich wusste ich sofort, warum Sie es getan haben. War eine ganz große Sache. Harry, Harry, Harry.«
Erstaunlicherweise konnte er jeden einzelnen seiner blitzenden Zähne zeigen, selbst wenn er nicht sprach.
»Hab Sie auf den Geschmack gebracht, was öffentliches Aufsehen angeht, nicht wahr?«, sagte Lockhart. »Es hat Sie gepackt. Sie sind mit mir auf die Titelseite gekommen und wollten es gleich noch mal probieren.«
»O nein, Professor, sehen Sie –«
»Harry, Harry, Harry«, sagte Lockhart, streckte die Hand aus und packte ihn an der Schulter. »Ich verstehe. Ist doch nur natürlich, dass man ein wenig mehr will, sobald man davon gekostet hat. Und ich mache mir Vorwürfe, Sie darauf gebracht zu haben, denn es musste Ihnen ja zu Kopfe steigen – doch sehen Sie mal, junger Mann, Sie können nicht einfach hingehen und mit Autos herumfliegen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Kommen Sie besser wieder auf den Boden. Wenn Sie älter sind, haben Sie noch genug Zeit für derlei. Ja, ja, ich weiß, was Sie denken! ›Der hat gut reden, er ist ja schon ein weltberühmter Zauberer!‹ Aber als ich zwölf war, war ich auch nur ein Niemand, genau wie Sie. Und eigentlich noch weniger als ein Niemand! Immerhin haben einige Leute schon von Ihnen gehört, oder? Diese ganze Geschichte mit Jenem, dessen Name nicht genannt werden darf!« Er betrachtete die blitzförmige Narbe auf Harrys Stirn. »Ich weiß, das ist nichts gegen meine Auszeichnungen – fünfmal in Folge den Charmantestes-Lächeln-Preis der Hexenwoche gewonnen –, doch es ist ein Anfang, Harry, ein Anfang.« Er zwinkerte Harry kumpelhaft zu und schritt davon. Harry blieb ein paar Sekunden wie angewurzelt stehen, dann fiel ihm ein, dass er eigentlich im Gewächshaus sein sollte. Er öffnete die Tür und glitt hinein.
Professor Sprout stand hinter einer aufgebockten Holzplatte mitten im Gewächshaus. Darauf lagen etwa zwanzig Paar verschiedenfarbiger Ohrschützer. Harry stellte sich zwischen Ron und Hermine. »Heute werden wir Alraunen umtopfen. Nun, wer kann mir die Eigenschaften der Alraune nennen?«
Hermine streckte als Erste den Finger in die Höhe, worüber sich niemand wunderte.
»Die Alraune, oder Mandragora, ist eine mächtige Rückverwandlerin«, sagte Hermine und klang wie üblich, als hätte sie das Lehrbuch geschluckt. »Sie wird verwendet, um Verwandelte oder Verfluchte in ihren ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen.«
»Glänzend. Zehn Punkte für Gryffindor«, sagte Professor Sprout. »Die Alraune bildet einen wesentlichen Bestandteil der meisten Gegengifte. Freilich ist auch sie gefährlich. Wer kann mir sagen, warum?«
Hermines Hand schoss wieder hoch und verfehlte dabei knapp Harrys Brille.
»Der Schrei der Alraune ist tödlich für jeden, der ihn hört«, antwortete sie blitzschnell.
»Genau. Weitere zehn Punkte«, sagte Professor Sprout. »Nun sind die Alraunen, die wir hier haben, noch sehr jung.«
Sie deutete auf eine Reihe tiefer Kästen und alle hasteten mit neugierigem Blick nach vorn. Dort wuchsen aufgereiht etwa hundert kleine, büschelige Pflanzen von grüner Farbe mit einem Hauch Purpurrot. Harry, der nicht die geringste Ahnung hatte, was Hermine mit dem »Schrei« der Alraune meinte, fand die Gewächse recht unscheinbar.
»Jetzt nimmt sich jeder ein Paar Ohrenschützer«, sagte Professor Sprout.
Es gab ein Gerangel, weil alle versuchten, ein Paar zu bekommen, das nicht rosa und flauschig war.
»Wenn ich sage, ihr sollt sie aufsetzen, dann passt auf, dass eure Ohren vollständig bedeckt sind«, sagte Professor Sprout. »Wenn ihr sie gefahrlos wieder abnehmen könnt, zeige ich mit dem Daumen nach oben. Also, Ohrenschützer aufsetzen.«
Harry klemmte sich die Ohrenschützer über den Kopf. Sie ließen keinerlei Geräusch durch. Professor Sprout setzte ein rosafarbenes, flauschiges Paar auf die Ohren, rollte die Ärmel ihres Umhangs hoch, packte mit festem Griff eine der büscheligen Pflanzen und zog kräftig daran.
Harry entfuhr vor Überraschung ein kleiner Aufschrei, den natürlich niemand hören konnte.
Statt einer Wurzel kam ein kleines, schlammüberzogenes und äußerst hässliches Baby aus der Erde. Die Blätter wuchsen aus seinem Kopf heraus. Es hatte eine blassgrüne, gefleckte Haut und schrie ganz eindeutig aus Leibeskräften.
Professor Sprout zog einen großen Blumentopf unter dem Tisch hervor, steckte die Alraune hinein und begrub sie mit dunkler, feuchter Komposterde, bis nur noch die büscheligen Blätter zu sehen waren. Dann rieb sie sich Erdkrümel von den Händen, zeigte mit dem Daumen nach oben und nahm ihre Ohrenschützer ab.
»Da unsere Alraunen noch Setzlinge sind, würden ihre Schreie euch noch nicht umbringen«, sagte sie gelassen, als ob sie gerade nichts weiter Aufregendes getan hätte, als eine Begonie zu gießen. »Allerdings würden sie euch mehrere Stunden lang außer Gefecht setzen, und da sicher keiner von euch den ersten Schultag im neuen Jahr verpassen will, achtet darauf, dass eure Ohrenschützer richtig sitzen, während ihr arbeitet. Ich gebe euch ein Zeichen, wenn es an der Zeit ist, einzupacken.
Jeweils vier von euch an einen Kasten – hier sind genug Töpfe – Komposterde ist in den Säcken dort drüben – und passt auf die Venemosa Tentacula auf, sie zahnt.«
Bei diesen Worten versetzte sie einer dornigen, dunkelroten Pflanze, deren lange Fühler sich still und leise über ihre Schulter gestohlen hatten, einen heftigen Klaps, und die Fühler wichen rasch zurück.
Zu Harry, Ron und Hermine trat ein lockenköpfiger Junge von den Hufflepuffs, den Harry nur vom Sehen her kannte.
»Justin Finch-Fletchley«, sagte er gut gelaunt und schüttelte Harry die Hand. »Weiß natürlich, wer du bist, der berühmte Harry Potter … und du bist Hermine Granger – in allem immer Spitze …« (Hermine strahlte, da er auch ihr die Hand schüttelte) »… und Ron Weasley. War das nicht dein fliegendes Auto?«
Ron lächelte nicht. Der Heuler ging ihm offenbar immer noch im Kopf herum.
»Dieser Lockhart ist schon ein toller Hecht, nicht wahr?«, sagte Justin munter, während sie ihre Blumentöpfe mit Drachendungkompost füllten. »Unglaublich mutiger Kerl. Habt ihr seine Bücher gelesen? Ich wär ja vor Angst gestorben, wenn mich ein Werwolf in einer Telefonzelle belagert hätte, aber er ist ruhig geblieben und – zapp – einfach phantastisch.
Mein Name war schon auf der Liste für Eton, müsst ihr wissen, und ich kann euch nicht sagen, wie froh ich bin, dass ich dann doch hierherkam. Natürlich war Mutter ein wenig enttäuscht, aber seit ich ihr die Lockhart-Bücher empfohlen habe, hat sie wohl eingesehen, wie nützlich es ist, wenn man einen gründlich ausgebildeten Zauberer in der Familie hat …«
Danach hatten sie nicht mehr viel Gelegenheit zum Reden. Sie setzten ihre Ohrenschützer auf und mussten sich auf die Alraunen konzentrieren. Bei Professor Sprout hatte es ganz einfach ausgesehen, doch das war es nicht. Die Alraunen mochten zwar überhaupt nicht gerne aus der Erde, doch zurück in die Erde wollten sie dann schon gar nicht. Sie wanden und krümmten sich, ballten ihre spitzen kleinen Fäuste, schlugen um sich und knirschten mit den Zähnen. Harry brauchte ganze zehn Minuten, um endlich eine besonders fette Alraune in einen Topf zu zwängen.
Am Ende der Stunde war Harry wie alle anderen schweißnass, voller Erde, und die Arme taten ihm weh. Sie trotteten hinüber zum Schloss, wuschen sich rasch, und dann ging es für die Gryffindors auch schon weiter mit Verwandlung.
Der Unterricht von Professor McGonagall war immer harte Arbeit, doch heute war es besonders anstrengend. Alles, was Harry letztes Jahr gelernt hatte, schien während des Sommers aus seinem Kopf verdunstet zu sein. Er sollte einen Käfer in einen Knopf verwandeln, doch es gelang ihm nur, seinen Käfer außer Atem zu bringen, denn der krabbelte ständig über den Tisch, um Harrys Zauberstab zu entkommen.
Ron erging es noch schlimmer. Er hatte seinen Zauberstab mit einem Stück geborgtem Zauberband geflickt, doch er schien nachhaltig beschädigt zu sein. In den unpassendsten Momenten stieß er prasselnd Funken aus. Und immer wenn Ron seinen Käfer verwandeln wollte, hüllte er ihn in dicken grauen Rauch, der nach faulen Eiern stank. Ron, der nicht mehr sah, was er tat, zerquetschte aus Versehen seinen Käfer mit dem Ellbogen und musste um einen neuen bitten. Professor McGonagall war alles andere als begeistert.
Harry war sehr erleichtert, als die Glocke zum Mittagessen schellte. Sein Hirn fühlte sich wie ein ausgedrückter Schwamm an. Das Klassenzimmer leerte sich, zurück blieben nur er und Ron, der mit seinem Zauberstab wütend auf den Tisch schlug.
»Blödes … nutzloses … Teil …«
»Schreib deinen Eltern, sie sollen dir einen neuen schicken«, schlug Harry vor, als leuchtende Kugeln in hohem Bogen aus dem Zauberstab hervorschossen und wie bei einem Feuerwerk zerknallten.
»Ja, natürlich, und zurück kommt dann noch ein Heuler«, sagte Ron und stopfte den inzwischen fauchenden Zauberstab in seine Schulmappe. »Es ist dein Fehler, wenn der Zauberstab angeknackst ist –«
Sie gingen hinunter zum Mittagessen, wo Rons Stimmung durch Hermine nicht gerade gehoben wurde. Sie zeigte ihnen eine Hand voll Mantelknöpfe, die sie in Verwandlung zustande gebracht hatte.
»Was haben wir heute Nachmittag?«, sagte Harry, um rasch das Thema zu wechseln.
»Verteidigung gegen die dunklen Künste«, sagte Hermine sofort.
»Sag mal«, meinte Ron und schnappte sich ihren Stundenplan, »warum hast du eigentlich alle Stunden bei Lockhart mit Herzchen umkringelt?«
Hermine riss ihm den Stundenplan aus der Hand und wurde knallrot.
Nach dem Essen gingen sie hinaus in den Hof. Der Himmel war bedeckt. Hermine setzte sich auf eine steinerne Stufe und vergrub sich wieder in Abstecher mit Vampiren. Harry und Ron unterhielten sich ein wenig über Quidditch, doch nach einigen Minuten beschlich Harry das Gefühl, dass jemand ihn beobachtete. Er blickte auf und sah den sehr kleinen Jungen mit mausgrauen Haaren, den er schon gestern Abend gesehen hatte, als er den Sprechenden Hut aufsetzte. Er starrte Harry an, als stünde er unter einem Bann. In den Händen hielt er etwas, das aussah wie eine gewöhnliche Muggelkamera, und in dem Moment, als Harry ihn anschaute, lief er hellrot an.
»Hallo, Harry. Ich bin … ich bin Colin Creevey«, sagte er atemlos und machte einen schüchternen Schritt auf ihn zu. »Ich bin auch in Gryffindor. Meinst du – wäre es für dich in Ordnung, wenn – kann ich ein Bild von dir machen?«, fragte er und hob hoffnungsvoll die Kamera.
»Ein Bild?«, wiederholte Harry tonlos.
»Damit ich beweisen kann, dass ich dich getroffen hab«, sagte Colin Creevey begierig und kam langsam näher. »Ich weiß alles über dich. Jeder erzählt es. Wie du überlebt hast, als Du-weißt-schon-wer dich umbringen wollte, und wie er verschwunden ist und alles und dass du immer noch eine Blitznarbe auf der Stirn hast« (er besah sich prüfend Harrys Haaransatz), »und ein Junge in meinem Schlafsaal hat gesagt, wenn ich den Film im richtigen Gebräu entwickle, dann bewegen sich die Bilder.« Colin holte vor Begeisterung tief Luft und sagte: »Es ist einfach klasse hier, oder? Ich wusste nie, dass all das merkwürdige Zeug, das ich konnte, Magie war, bis der Brief von Hogwarts kam. Mein Vater ist Milchmann, er konnte es auch nicht fassen. Also mach ich eine Menge Fotos und schick sie ihm. Und es wär echt gut, wenn ich eins von dir hätte« – er sah Harry flehentlich bittend an – »vielleicht könnte dein Freund es schießen und ich stelle mich neben dich? Und könntest du dann deinen Namen draufschreiben?«
»Autogrammkarten? Du verteilst Autogrammkarten, Potter?«
Laut und schneidend hallte Draco Malfoys Stimme im ganzen Hof wider. Er hatte sich direkt hinter Colin gestellt, flankiert, wie immer in Hogwarts, von seinen grobschlächtigen und brutalen Spießgesellen Crabbe und Goyle.
»Alle anstellen!«, dröhnte Malfoy in die Menge hinein. »Harry Potter verteilt Autogrammkarten!«
»Nein, tu ich nicht«, sagte Harry wütend und ballte die Fäuste. »Halt den Mund, Malfoy.«
»Du bist doch nur neidisch«, piepste Colin, dessen ganzer Körper etwa so dick war wie Crabbes Hals.
»Neidisch?«, sagte Malfoy, der jetzt nicht mehr zu schreien brauchte; der halbe Schulhof hörte zu. »Worauf denn? Ich will doch keine ekelhafte Narbe quer über mein Gesicht haben, nein danke. Wenn du den halben Kopf aufgeschlitzt kriegst, macht dich das noch lange nicht zu was Besonderem, wenn du mich fragst.«
Crabbe und Goyle kicherten dümmlich.
»Friss Schnecken, Malfoy«, sagte Ron zornig. Crabbe hörte auf zu lachen und begann drohend seine kastaniengroßen Faustknöchel zu reiben.
»Sieh dich vor, Weasley«, höhnte Malfoy. »Du willst doch nicht etwa Ärger machen, denn dann muss deine Mami kommen und dich von der Schule holen.« Mit durchdringend schriller Stimme rief er: »Wenn du dir noch einmal den kleinsten Fehltritt erlaubst –«
Ein Haufen Fünftklässler von Slytherin lachte laut auf.
»Weasley hätte gern eine Autogrammkarte, Potter«, spottete Malfoy, »sie wäre mehr wert als das ganze Haus seiner Familie –«
Blitzschnell zog Ron seinen geflickten Zauberstab hervor, doch Hermine schlug Abstecher mit Vampiren knallend zu und flüsterte:
»Achtung!«
»Um was geht es denn, Herrschaften?« Gilderoy Lockhart schritt auf sie zu, sein türkisfarbener Umhang flatterte im Winde. »Wer verteilt hier Autogrammkarten?«
Harry wollte gerade den Mund aufmachen, doch Lockhart patschte ihm den Arm auf die Schulter und dröhnte gönnerhaft:
»Dumme Frage! Wieder mal unser Harry!«
Harry, wie mit einem Schraubstock an Lockhart gepresst, sah Malfoy mit spöttischem Blick in der Menge verschwinden.
»Nun denn, Mr Creevey«, sagte Lockhart und strahlte zu Colin hinüber. »Ein Doppelporträt, was für ein Angebot, und wir unterschreiben es beide für Sie.«
Colin fummelte an seiner Kamera und schoss das Bild in dem Augenblick, als die Glocke hinter ihnen läutete und zum Nachmittagsunterricht rief.
»So, die Herrschaften, verkrümelt euch«, rief Lockhart den Umstehenden zu und ging mit Harry, den er immer noch an sich gepresst hatte, auf das Schlosstor zu. Wenn ich nur einen guten Verschwindezauber kennen würde, dachte Harry.
»Unter uns gesagt, Harry«, sagte Lockhart väterlich, als sie das Gebäude durch eine Seitentür betraten. »Ich hab Ihnen da mit dem jungen Creevey ein wenig geholfen – weil er mich auch fotografiert hat, werden Ihre Schulkameraden nicht denken, dass Sie sich zu sehr ins Rampenlicht rücken …« Er achtete nicht auf Harrys Gestammel und schleifte ihn unter den neugierigen Blicken der anderen Schüler durch einen Gang und eine Treppe empor.
»Ich wollte Ihnen nur sagen, dass es zu diesem Zeitpunkt Ihrer Laufbahn nicht klug ist, Autogrammkarten zu verteilen – wirkt doch leicht übertrieben, um ehrlich zu sein. Irgendwann mag durchaus die Zeit kommen, da Sie immer einen Stapel griffbereit haben sollten, wie ich, aber –«, er gab ein leises Gackern von sich, »ich glaube nicht, dass Sie schon so weit sind.«
Sie waren zu Lockharts Klassenzimmer gelangt und endlich ließ er Harry los. Harry zupfte seinen Umhang zurecht und suchte sich einen Platz ganz hinten, wo er sich damit beschäftigte, alle sieben Bücher von Lockhart vor sich aufzustapeln, so dass er den leibhaftigen Lockhart nicht anzusehen brauchte.
Der Rest der Klasse kam hereingetröpfelt und Ron und Hermine setzten sich neben Harry.
»Auf deinem Gesicht hätte man Spiegeleier braten können«, sagte Ron. »Kannst nur beten, dass Creevey nicht Ginny über den Weg läuft, die würden auf der Stelle einen Harry-Potter-Fanclub gründen.«
»Hör auf«, fauchte ihn Harry an. Das Letzte, was er jetzt brauchen konnte, war, dass Lockhart etwas von einem »Harry-Potter-Fanclub« aufschnappte.
Als alle saßen, räusperte sich Lockhart laut und es trat Stille ein. Er griff nach Neville Longbottoms Exemplar von Trips mit Trollen und hielt es hoch, um sein eigenes zwinkerndes Bild auf der Titelseite zu zeigen.
»Ich«, sagte er, deutete darauf und zwinkerte ebenfalls, »Gilderoy Lockhart, Orden der Merlin dritter Klasse, Ehrenmitglied der Liga zur Verteidigung gegen die dunklen Kräfte und fünfmaliger Gewinner des Charmantestes-Lächeln-Preises der Hexenwoche – aber das ist nicht der Rede wert. Die Todesfee von Bandon bin ich schließlich nicht losgeworden, indem ich sie angelächelt habe!«
Er hielt inne, um ihnen Gelegenheit zum Lachen zu geben; ein paar lächelten matt.
»Wie ich sehe, habt ihr alle die komplette Ausgabe meiner Werke erworben – gut so. Ich dachte, wir könnten heute mit einem kleinen Quiz beginnen. Was ganz Leichtes, keine Sorge – wollte nur sehen, wie gründlich ihr sie gelesen habt, wie viel ihr behalten habt –«
Er verteilte die Aufgabenblätter und ging dann wieder nach vorn: »Ihr habt dreißig Minuten – los geht’s!«
Harry sah auf sein Blatt und las:
1. Was ist Gilderoy Lockharts Lieblingsfarbe?
2. Wie lautet Gilderoy Lockharts geheimer Wunsch?
3. Was ist Ihrer Meinung nach Gilderoy Lockharts größte Leistung bisher?
So ging es weiter, über drei Seiten hinweg, bis zur letzten Frage:
54. Wann hat Gilderoy Lockhart Geburtstag und was wäre das ideale Geschenk für ihn?
Eine halbe Stunde später sammelte Lockhart die Zettel ein und blätterte sie vor der Klasse durch.
»Tjaja – kaum einer von euch weiß noch, dass meine Lieblingsfarbe Lila ist. Das schreibe ich in Ein Jahr bei einem Yeti. Und ein paar von euch müssen Wanderungen mit Werwölfen sorgfältiger lesen – dort mache ich in Kapitel zwölf deutlich, dass mein ideales Geburtstagsgeschenk die Harmonie zwischen allen magischen und nichtmagischen Menschen wäre – auch wenn ich zu einer großen Flasche Ogdens Old Firewhisky nicht nein sagen würde!«
Er zwinkerte ihnen erneut schalkhaft zu. Ron starrte Lockhart inzwischen mit ungläubiger Miene an; Seamus Finnigan und Dean Thomas, die in der ersten Reihe saßen, schüttelten sich vor unterdrücktem Lachen. Hermine hingegen lauschte Lockhart mit verzückter Aufmerksamkeit und zuckte zusammen, als er ihren Namen nannte.
»… doch Miss Hermine Granger kennt meinen geheimen Wunsch, die Welt von allem Bösen zu befreien und meine eigene Serie von Haarpflegeprodukten zu vermarkten. Gutes Mädchen! Tatsächlich –«, er überflog ihre Arbeit, »die volle Punktzahl! Wo ist Miss Hermine Granger?«
Hermine hob eine zitternde Hand.
»Hervorragend!«, strahlte Lockhart, »ganz hervorragend! Nehmen Sie zehn Punkte für Gryffindor! Und nun zu den ernsten Dingen!«
Er beugte sich hinter seinen Tisch, hob einen großen, tuchbedeckten Käfig hoch und stellte ihn auf die Tischplatte.
»Ich muss euch warnen! Es ist meine Aufgabe, euch gegen die heimtückischsten Geschöpfe zu wappnen, die die Zaubererwelt kennt! Und es mag durchaus sein, dass ihr in diesem Raum euren schlimmsten Ängsten ins Gesicht sehen müsst. Ihr sollt jedoch wissen, dass euch nichts passieren kann, solange ich hier bin. Alles, was ich verlange, ist, dass ihr ruhig bleibt.«
Widerwillig beugte sich Harry zur Seite, um an seinem Bücherstapel vorbei den Käfig besser sehen zu können. Lockhart legte eine Hand auf die Abdeckung. Dean und Seamus hatten jetzt aufgehört zu lachen. Neville vorn in der ersten Reihe kauerte sich in seinem Stuhl zusammen.
»Ich muss euch bitten, nicht zu schreien«, sagte Lockhart mit leiser Stimme, »das könnte sie reizen.«
Die ganze Klasse hielt die Luft an und Lockhart zog die Decke vom Käfig.
»Ja«, sagte er mit theatralischer Stimme, »frisch gefangene Wichtel aus Cornwall.«
Seamus Finnigan konnte nicht mehr an sich halten. Er prustete los und selbst Lockhart konnte dieses Lachen nicht mit einem Entsetzensschrei verwechseln.
»Ja?«, sagte er lächelnd zu Seamus.
»Nun, sie sind nicht – sie sind nicht sehr – gefährlich, oder?«, sagte er mit verschluckter Stimme.
»Da wär ich mir nicht so sicher!«, sagte Lockhart und fuchtelte lästig mit dem Finger vor Seamus’ Nase herum. »Teuflisch trickreiche kleine Biester können das sein!«
Die Wichtel waren leuchtend blau und etwa zwanzig Zentimeter groß, mit spitzen Gesichtern und so schrillen Stimmen, dass man meinen konnte, einen Haufen streitender Wellensittiche vor sich zu haben. Kaum war die Abdeckung weg, begannen sie auch schon zu plappern und umherzuflitzen, sie rüttelten an den Käfigstäben und zogen den Schülern in der Nähe hässliche Grimassen.
»Nun gut«, sagte Lockhart laut. »Sehen wir mal, wie ihr mit ihnen klarkommt!« Und er öffnete den Käfig.
Es war, als hätte er das Tor zur Hölle aufgestoßen. Pfeilschnell schossen die Wichtel heraus und in alle Richtungen davon. Zwei von ihnen packten Neville bei den Ohren und hoben ihn in die Luft. Einige brachen geradewegs durchs Fenster und ließen einen Hagel aus Glassplittern über die hinteren Reihen niederprasseln. Der Rest machte sich daran, das Klassenzimmer gründlicher zu verwüsten als ein rasendes Nashorn. Sie packten Tintenfässer und spritzten damit in der Klasse herum, zerfetzten Bücher und Papiere, rissen Bilder von den Wänden, stülpten den Papierkorb um, packten Taschen und Bücher und warfen sie aus dem zerborstenen Fenster; nach ein paar Minuten nahmen die Schüler unter ihren Tischen Deckung und Neville pendelte vom Kronleuchter an der Decke.
»Na kommt schon! – treibt sie zusammen, zeigt es ihnen! Es sind doch bloß Wichtel«, rief Lockhart.
Er rollte die Ärmel hoch, fuchtelte mit seinem Zauberstab und brüllte: »Peskiwichteli Pesternomi!«
Nichts passierte, außer dass einer der Wichtel Lockharts Zauberstab packte und ihn aus dem Fenster warf. Lockhart schluckte vor Schreck und tauchte ab unter seinen Tisch, wobei er gerade noch Glück hatte, nicht von Neville zerquetscht zu werden, der eine Sekunde später mitsamt dem Kronleuchter herunterkrachte.
Die Glocke läutete und alle rannten in wilder Hast zum Ausgang. Nun trat ein wenig Ruhe ein. Lockhart richtete sich auf, sah Harry, Ron und Hermine, die fast an der Tür waren, und sagte:
»Nun, ich bitte euch drei, den Rest von ihnen einfach wieder in den Käfig zu sperren.« Er huschte an ihnen vorbei und schloss rasch die Tür hinter sich.
»Das ist doch unglaublich!«, brüllte Ron, als einer der verbliebenen Wichtel ihn ins Ohr biss.
»Er will doch nur, dass wir ein wenig praktische Erfahrung sammeln«, sagte Hermine, legte mit einem pfiffigen Erstarrungszauber zwei Wichtel auf einmal lahm und stopfte sie zurück in den Käfig.
»Praktische Erfahrung?«, sagte Harry und versuchte einen Wichtel zu packen, der jedoch tänzelnd entwich und ihm die Zunge rausstreckte. »Hermine, der hatte doch keinen blassen Schimmer von dem, was er da hätte tun sollen –«
»Unsinn«, sagte Hermine, »du hast doch seine Bücher gelesen – überleg doch mal, was für tolle Sachen er gemacht hat –«
»Die er angeblich gemacht hat«, murmelte Ron.
Die unheimliche Stimme
In den nächsten Tagen war Harry häufig damit beschäftigt, rasch abzutauchen, wenn er Gilderoy Lockhart herumstolzieren sah. Schwieriger war es allerdings, Colin Creevey aus dem Weg zu gehen. Colin hatte Harrys Stundenplan offenbar auswendig gelernt. Nichts schien ihm mehr Spaß zu machen, als sechs oder sieben Mal täglich »Alles klar, Harry?« zu rufen und darauf »Hallo, Colin« zu hören, und mochte Harry dabei noch so entnervt klingen.
Hedwig war wegen der fürchterlichen Reise immer noch sauer auf Harry, und Rons Zauberstab spielte immer noch verrückt. Am Freitagmorgen übertraf er sich selbst: Pfeilschnell schoss er aus Rons Hand, flog genau zwischen die Augen des kleinen alten Professor Flitwick und hinterließ dort eine große, pulsierende grüne Beule. So kam das eine zum andern, und Harry war ganz froh, dass endlich Wochenende war. Mit Ron und Hermine wollte er am Samstagvormittag Hagrid besuchen. Frühmorgens jedoch, nach Harrys Geschmack ein paar Stunden zu früh, rüttelte ihn Oliver Wood, der Kapitän der Quidditch-Mannschaft von Gryffindor, aus dem Schlaf.
»Wasnlos?«, sagte Harry noch ganz benommen.
»Quidditch-Training«, sagte Wood. »Mach schon!«
Harry blinzelte aus dem Fenster. Ein leichter Nebelschleier hing am gold und rosa gefärbten Himmel. Jetzt, wo er wach war, begriff er nicht, wie er bei dem Höllenspektakel der Vögel hatte schlafen können.
»Oliver«, krächzte Harry, »in dieser Herrgottsfrühe.«
»Selbstverständlich«, sagte Wood. Er war ein großer und stämmiger Sechstklässler, und seine Augen waren voll glühender Begeisterung. »Unser neues Trainingsprogramm. Los jetzt, nimm deinen Besen und lass uns endlich gehen«, sagte Wood energisch. »Von den andern Mannschaften hat noch keine mit dem Training angefangen, dieses Jahr sind wir die Ersten in den Startlöchern –«
Gähnend und ein wenig fröstelnd stieg Harry aus dem Bett und machte sich auf die Suche nach seinem Quidditch-Umhang.
»Bist ein guter Mann«, sagte Wood. »Wir sehen uns in einer Viertelstunde auf dem Feld.«
Harry suchte den scharlachroten Mannschaftsumhang heraus und zog, weil ihm kalt war, seinen Mantel drüber. Dann schrieb er einen Zettel für Ron und stieg mit geschultertem Nimbus Zweitausend die Wendeltreppe hinunter in den Gemeinschaftsraum. Kurz vor dem Porträtloch hörte er hinter sich Getrappel. Colin Creevey raste mit wild umherpendelnder Kamera die Wendeltreppe herunter. In der Hand hielt er etwas umklammert.
»Hab gehört, wie jemand auf der Treppe deinen Namen genannt hat, Harry! Schau mal, was ich hier hab! Ich hab’s entwickeln lassen und wollte es dir zeigen –«
Gedankenverloren sah Harry auf das Foto, das ihm Colin unter die Nase hielt.
Ein schwarzweißer Lockhart bewegte sich darauf und zerrte mit Leibeskräften an einem Arm, den Harry als seinen eigenen erkannte. Mit Genugtuung stellte er fest, dass sein Foto-Ich es Lockhart mehr als schwer machte und sich partout nicht ins Blickfeld zerren ließ. Schließlich gab Lockhart auf und sank nach Luft ringend am weißen Bildrand nieder.
»Schreibst du deinen Namen drauf?«, fragte Colin schmeichelnd.
»Nein«, erwiderte Harry schlicht und blickte sich um, ob wirklich niemand im Raum war. »Tut mir leid, Colin, ich hab’s eilig – Quidditch-Training –«
Er kletterte durch das Porträtloch.
»Au klasse! Wart auf mich! Ich hab noch nie ein Quidditch-Spiel gesehen!«
Und Colin kraxelte hinter ihm her.
»Das ist sicher ganz langweilig für dich«, sagte Harry rasch, doch Colin, das Gesicht leuchtend vor Begeisterung, hörte nicht auf ihn.
»Du bist der jüngste Hausspieler seit hundert Jahren, stimmt doch, Harry?«, sagte Colin, neben ihm hertrottend. »Du musst ein toller Spieler sein. Ich bin noch nie geflogen. Ist es leicht? Ist das dein Besen? Ist das der beste, den es gibt?«
Harry wusste nicht, wie er ihn loswerden konnte. Es war, als hätte er einen äußerst redseligen Schatten.
»Ich versteh eigentlich nichts von Quidditch«, sagte Colin außer Atem. »Stimmt es, dass es vier Bälle gibt? Und zwei davon fliegen herum und wollen die Spieler von den Besen hauen?«
»Ja«, sagte Harry mit schwerer Stimme. Wohl oder übel musste er die schwierigen Quidditch-Regeln erklären. »Sie heißen Klatscher. Es gibt in jeder Mannschaft auch zwei Treiber mit Schlägern, die die Klatscher von den eigenen Leuten wegzujagen versuchen. Fred und George Weasley sind die Treiber für Gryffindor.«
»Und wozu sind die anderen Bälle?«, fragte Colin und stolperte über ein paar Stufen, weil er mit offenem Munde unverwandt Harry anstarrte.
»Nun, der Quaffel – der große rote Ball –, mit dem schießen wir Tore. Die drei Jäger in jeder Mannschaft werfen sich den Quaffel zu und versuchen ihn durch die Tore am Ende des Spielfelds zu kriegen – das sind drei lange Stangen mit Ringen an der Spitze.«
»Und der vierte Ball –«
»– ist der Goldene Schnatz«, sagte Harry, »und der ist sehr klein, sehr schnell und schwer zu fangen. Das ist die Aufgabe des Suchers, denn ein Quidditch-Spiel endet nicht, bevor der Schnatz gefangen ist. Und die Mannschaft, deren Sucher den Schnatz kriegt, bekommt hundertfünfzig Punkte extra.«
»Und du bist der Sucher von Gryffindor, nicht?«, sagte Colin ehrfurchtsvoll.
»Ja«, sagte Harry, als sie aus dem Schlosstor gingen und sich auf den Weg über den taugetränkten Rasen machten. »Und dann gibt es noch den Hüter. Er bewacht die Tore. Das war’s jetzt aber.«
Doch Colin hörte nicht auf, Harry den ganzen Weg über den Rasen hinunter zum Quidditch-Feld mit Fragen zu löchern, und Harry konnte ihn erst abschütteln, als sie die Umkleidekabinen erreicht hatten. »Ich geh und besorg mir einen guten Platz, Harry!«, rief Colin ihm noch piepsend hinterher, dann rannte er zu den Tribünen.
Die andern aus der Mannschaft von Gryffindor waren schon anwesend, falls man das so nennen konnte. Wood war der Einzige, der wirklich wach aussah. Fred und George Weasley saßen mit geschwollenen Augen und zerzausten Haaren neben der Viertklässlerin Alicia Spinnet, die schlaftrunken immer wieder einnickte und dabei mit dem Kopf gegen die Wand schlug. Gegenüber saßen Seite an Seite ihre Mitjägerinnen Katie Bell und Angelina Johnson und gähnten.
»Da bist du ja, Harry, wo warst du denn so lange?«, sagte Wood munter. »Nun denn, ich wollte noch kurz mit euch reden, bevor wir rausgehen aufs Feld. Den Sommer über habe ich nämlich ein ganz neues Trainingsprogramm entwickelt, und ich bin überzeugt, dass es uns den entscheidenden Schritt nach vorn bringt …«
Wood hielt eine große Tafel mit dem Plan des Quidditch-Feldes in die Höhe. Mit Tinten in verschiedenen Farben waren Linien, Pfeile und Kreuze darauf eingezeichnet. Wood zückte seinen Zauberstab, tippte auf die Tafel, und die Pfeile begannen über den Plan zu krabbeln wie Raupen. Während er seinen Vortrag über die neue Spieltaktik hielt, sank Fred Weasleys Kopf auf Alicia Spinnets Schulter und er begann zu schnarchen.
Wood brauchte zwanzig Minuten, um die Tafel zu erläutern, doch unter der war noch eine zweite, und darunter noch eine dritte. Harry döste ein, während Wood unablässig weiterplapperte.
»So«, sagte Wood endlich und riss Harry aus einem wohligen Dämmerschlaf, in dem er sich vorstellte, was er in diesem Augenblick oben im Schloss zum Frühstück verspeisen könnte. »Ist alles klar? Noch Fragen?«
»Ich hab eine Frage, Oliver«, sagte der aus dem Schlaf hochgeschreckte George. »Warum hast du uns das nicht gestern erzählt, als wir wach waren?«
Wood war nicht entzückt.
»Nun hört mal zu, ihr Schlafmützen«, sagte er und sah sie alle finster an. »Wir hätten letztes Jahr den Quidditch-Pokal gewinnen müssen. Wir sind bei weitem das beste Team. Doch unglücklicherweise – aufgrund von Ereignissen, die wir nicht vorhersehen konnten –«
Harry rutschte unruhig auf seinem Platz umher. Beim Endspiel letztes Jahr hatte er bewusstlos im Krankenflügel gelegen, Gryffindor hatte einen Spieler weniger gehabt und die schlimmste Niederlage seit dreihundert Jahren einstecken müssen.
Wood brauchte einen Moment, um sich wieder zu fassen. Die letzte Niederlage quälte ihn offenbar immer noch.
»Deshalb strengen wir uns dieses Jahr noch mehr an als sonst … Also los, gehen wir und setzen unsere neuen Theorien in die Praxis um!«, rief Wood, packte seinen Besen und marschierte hinaus. Steifbeinig und immer noch gähnend folgte ihm seine Mannschaft.
Sie waren so lange in der Kabine gewesen, dass die Sonne inzwischen ganz aufgegangen war, wenn auch noch Reste des Morgennebels über dem Stadionrasen hingen. Als Harry das Feld betrat, sah er Ron und Hermine auf der Tribüne sitzen.
»Seid ihr noch nicht fertig?«, rief Ron ungläubig.
»Haben noch nicht mal angefangen«, entgegnete Harry und schielte neidisch auf die Toasts mit Marmelade, die Ron und Hermine aus der Großen Halle mitgebracht hatten. »Wood hat uns neue Spielzüge erläutert.«
Er bestieg seinen Besen, stieß sich vom Boden ab und sauste hoch in die Lüfte. Die kühle Morgenluft peitschte ihm ins Gesicht und weckte seine Lebensgeister gründlicher als Woods langatmiger Vortrag. Ein wunderbares Gefühl, wieder auf dem Quidditch-Feld zu sein. Mit vollem Karacho sauste er um das Stadion und jagte Fred und George hinterher.
»Was ist das für ein komisches Klicken?«, rief Fred, als sie sich in eine Kurve legten.
Harry blickte hinunter auf die Ränge. Colin saß auf einem der höchsten Plätze, hielt die Kamera vor die Augen und schoss ein Foto nach dem andern. In dem fast menschenleeren Stadion klang das Klicken merkwürdig laut.
»Schau hierher, Harry, hierher!«, rief er schrill.
»Wer ist denn das?«, sagte Fred.
»Keine Ahnung«, log Harry und legte einen Spurt ein, um möglichst weit von Colin wegzukommen.
»Was geht da vor?«, sagte Wood stirnrunzelnd und kam zu ihnen herübergeglitten. »Warum macht dieser Erstklässler Fotos? Ich mag das nicht. Womöglich ist er ein Spion der Slytherins, der unser neues Trainingsprogramm auskundschaften will.«
»Er ist ein Gryffindor«, sagte Harry rasch.
»Und die Slytherins brauchen keinen Spion, Oliver«, sagte George.
»Wieso?«, fragte Wood gereizt.
»Weil sie selbst hier sind«, sagte George und deutete auf die Erde.
Mehrere Gestalten in grünen Umhängen und mit Besen in den Händen schritten auf das Feld zu.
»Ist doch nicht zu fassen!«, zischte Wood empört. »Ich hab das Feld für heute gebucht! Das werden wir ja sehen!«
Wood schoss zur Erde und schlug in seinem Zorn doch etwas härter auf als beabsichtigt. Mit zitternden Knien stieg er vom Besen. Harry, Fred und George folgten ihm.
»Flint!«, bellte Wood den Kapitän der Slytherins an, »das ist unsere Trainingszeit! Wir sind extra früh aufgestanden! Ihr könnt gleich wieder Leine ziehen!«
Marcus Flint war sogar noch größer als Wood. Mit trollhaft durchtriebener Miene antwortete er: »Ist doch Platz genug für uns alle da, Wood.«
Auch Angelina, Alicia und Katie kamen herüber. Mädchen gab es keine im Team der Slytherins; allesamt grinsend standen sie jetzt Schulter an Schulter vor den Gryffindors.
»Aber ich hab das Feld gebucht«, sagte Wood, jetzt buchstäblich spuckend vor Wut. »Ich hab’s gebucht!«
»Aah«, sagte Flint. »Ich habe hier allerdings eine von Professor Snape persönlich unterzeichnete Erklärung: ›Ich, Professor S. Snape, erteile dem Slytherin-Team die Erlaubnis, am heutigen Tage auf dem Quidditch-Feld zu trainieren aufgrund der Notwendigkeit, ihren neuen Sucher auszubilden.‹«
»Ihr habt einen neuen Sucher?«, sagte Wood verwirrt. »Wen?«
Und hinter den sechs stämmigen Gestalten vor ihnen kam ein siebter, kleinerer Junge zum Vorschein, über das ganze bleiche, spitze Gesicht feixend. Es war Draco Malfoy.
»Bist du nicht der Sohn von Lucius Malfoy?«, fragte Fred und musterte Malfoy geringschätzig.
»Komisch, dass du Dracos Vater erwähnst«, sagte Flint und die Slytherin-Mannschaft setzte ein noch breiteres Grinsen auf. »Seht mal her, was für ein großzügiges Geschenk er dem Slytherin-Team gemacht hat.«
Alle sieben hielten ihre Besen in die Höhe. Sieben auf Hochglanz polierte, brandneue Besenstiele und siebenmal die Aufschrift in gediegenen Goldlettern, die unter den Nasen der Gryffindors in der frühen Morgensonne schimmerten: »Nimbus Zweitausendeins«.
»Das allerneueste Modell. Kam erst letzten Monat raus«, sagte Flint lässig und blies ein Staubkorn von der Spitze seines Besenstiels. »Ich glaube, er schlägt den alten Zweitausender um Längen. Und was die alten Sauberwischs angeht« – gehässig lächelte er Fred und George an, die ihre Sauberwischs Fünf in Händen hielten – »damit könnt ihr die Tafel wischen.«
Die Gryffindors waren für den Moment vollkommen sprachlos. Malfoy feixte so breit, dass seine Augen sich zu Schlitzen verengten.
»Oh, sieh mal«, sagte Flint, »was für ein Ansturm.«
Ron und Hermine kamen über den Rasen, um nachzusehen, was da passierte.
»Was ist los?«, fragte Ron Harry, »warum spielt ihr nicht? Und was macht eigentlich der hier?«
Das galt Malfoy, der sich gerade den Quidditch-Umhang der Slytherins überwarf.
»Ich bin der neue Sucher der Slytherins, Weasley«, sagte Malfoy mit blasierter Miene. »Wir sind gerade dabei, die Besen zu bewundern, die mein Vater unserer Mannschaft geschenkt hat.«
Ron starrte mit offenem Mund auf die sieben Superbesen vor ihm.
»Gut, nicht wahr?«, sagte Malfoy mit gleichmütiger Stimme. »Aber vielleicht schaffen es die Gryffindors ja, ein wenig Gold aufzutreiben und sich ebenfalls neue Besen zuzulegen. Ihr könntet eure Sauberwischs Fünf verscheuern, vielleicht hat ein Museum Interesse dran.«
Die Slytherins brachen in johlendes Gelächter aus.
»Zumindest musste sich keiner von den Gryffindors in das Team einkaufen«, sagte Hermine mit schneidender Stimme. »Die sind nämlich nur wegen ihres Könnens reingekommen.«
Malfoys blasiertes Gesicht begann zu flackern.
»Keiner hat dich nach deiner Meinung gefragt, du dreckiges kleines Schlammblut«, blaffte er sie an.
Harry spürte sofort, dass Malfoy etwas ganz Schlimmes gesagt haben musste, denn er hatte den Mund noch nicht zugemacht, als auch schon ein Aufschrei zu hören war. Mit einem Hechtsprung stellte sich Flint vor Malfoy, damit Fred und George sich nicht auf ihn werfen konnten, und Alicia kreischte »Wie kannst du es wagen!«. Ron zog seinen Zauberstab aus dem Umhang und schrie: »Dafür wirst du bezahlen, Malfoy!« Wutentbrannt richtete er den Zauberstab auf Malfoys Gesicht, das unter Flints Armen hervorlugte.
Ein lauter Knall hallte im Stadion wider, ein grüner Lichtstrahl schoss aus dem falschen Ende von Rons Zauberstab heraus, traf ihn in den Magen und schleuderte ihn in hohem Bogen rücklings ins Gras.
»Ron, Ron! Alles in Ordnung mit dir?«, kreischte Hermine.
Ron öffnete den Mund, um zu sprechen, doch er brachte kein Wort heraus. Stattdessen gab er einen dröhnenden Rülpser von sich und ein Dutzend Schnecken kullerten ihm aus dem Mund in den Schoß.
Die Slytherins krümmten sich vor Lachen. Flint musste sich auf seinen neuen Besen stützen, um nicht umzufallen. Malfoy lag auf allen vieren und hämmerte mit den Fäusten auf den Boden. Die Gryffindors schlossen einen Kreis um Ron, der ständig große, glänzende Schnecken hervorwürgte. Keiner schien ihn berühren zu wollen.
»Wir schaffen ihn am besten zu Hagrid, das ist am nächsten«, sagte Harry zu Hermine. Die nickte mutig und die beiden zogen Ron an den Armen in die Höhe.
»Was ist passiert, Harry? Was ist passiert? Ist er krank? Aber du kannst ihn doch gesund machen, oder?« Colin war von seinem Platz auf der Tribüne heruntergerannt und tänzelte neben ihnen her, während sie das Feld verließen. Ein heftiges Würgen, und noch mehr Schnecken kullerten Ron den Bauch hinunter.
»Oooh«, sagte Colin fasziniert und hob die Kamera. »Kannst du ihn still halten, Harry?«
»Aus dem Weg jetzt, Colin«, sagte Harry unwirsch. Er und Hermine stützten Ron auf dem Weg hinaus aus dem Stadion und über die Felder zum Waldrand.
»Wir sind fast da, Ron«, sagte Hermine, als die Hütte des Wildhüters in Sicht kam. »Gleich geht’s dir besser – ein paar Schritte noch –«
Sie waren sieben Meter vor Hagrids Hütte, als die Tür aufflog. Doch es war nicht Hagrid, der herauskam. Gilderoy Lockhart kam herausgeschritten, heute in einem hauchzart malvenfarben getönten Umhang.
»Schnell, da rüber«, zischte Harry und zerrte Ron hinter ein nahes Gebüsch. Hermine folgte etwas widerstrebend.
»Es ist ganz einfach, wenn Sie wissen, was Sie zu tun haben«, sagte Lockhart mit lauter Stimme zu Hagrid, »Sie wissen, wo Sie mich finden, falls Sie Hilfe brauchen. Ich lass Ihnen mein Buch zukommen, es wundert mich, dass Sie es noch nicht haben. Ich signiere heute Abend eines und schick es rüber. Nun denn, auf Wiedersehen!« Und er marschierte in Richtung Schloss davon.
Harry wartete, bis Lockhart außer Sicht war, dann zog er Ron hinter dem Busch hervor und half ihm weiter zu Hagrids Tür, wo sie laut anklopften.
Hagrid öffnete auf der Stelle, allerdings recht missmutig dreinblickend. Doch seine Miene hellte sich auf, als er sah, wen er vor sich hatte.
»Hab mich schon gefragt, wann ihr endlich kommt – rein mit euch – dachte, es wäre vielleicht schon wieder Professor Lockhart –«
Harry und Hermine halfen Ron über die Schwelle in die Hütte mit nur einem Raum, in dem in einer Ecke ein riesiges Bett stand und in der anderen ein munteres Feuer prasselte. Sie ließen Ron in einen Sessel sinken, und Harry erklärte rasch, was vorgefallen war. Hagrid schien sich nicht sonderlich an Rons Schneckenproblem zu stören.
»Besser raus als rein«, sagte er gut gelaunt und stellte eine große Kupferwanne vor Ron auf. »Nur immer raus damit, Ron.«
»Ich glaube, wir können nichts tun außer abwarten, bis es aufhört«, sagte Hermine bedrückt, während sich Ron über die Wanne beugte. »Schon wenn man in Form ist, ist das ein schwieriger Fluch, aber mit einem zerbrochenen Zauberstab –«
Hagrid war emsig damit beschäftigt, ihnen Tee zu kochen. Fang, sein Saurüde, sabberte über Harrys Umhang.
»Was wollte Lockhart eigentlich bei dir, Hagrid?«, fragte Harry und kratzte Fang an den Ohren.
»Hat mich beraten, wie man Wassergeister aus einer Quelle rauskriegt«, brummte Hagrid, dabei räumte er einen halb gerupften Hahn vom geschrubbten Tisch und setzte den Teekessel auf. »Als ob ich das nicht selbst wüsste. Und hat groß angegeben mit einer Todesfee, die er gebannt hat. Wenn davon auch nur ein Wort wahr ist, futtere ich meinen Kessel auf.«
Es sah Hagrid gar nicht ähnlich, einen Lehrer von Hogwarts zu kritisieren, und Harry blickte ihn überrascht an. Hermine jedoch sagte mit einer etwas höheren Stimme als sonst: »Ich glaub, du bist ein bisschen unfair. Professor Dumbledore war ja offensichtlich der Meinung, er sei der beste Mann für diese Aufgabe.«
»Er war der einzige Mann für diese Aufgabe«, sagte Hagrid und bot ihnen einen Teller mit Karamellbonbons an, während Ron keuchend in seine Wanne würgte. »Und das meine ich wörtlich. Wird langsam ziemlich schwierig, jemanden für diese Arbeit zu finden. Die Leute sind nicht besonders scharf drauf, sich mit den dunklen Künsten rumzuschlagen. Allmählich glauben sie, es bringt Unglück. Seit einiger Zeit hält keiner mehr besonders lange durch. Aber erklärt mal«, sagte Hagrid und nickte mit dem Kopf zu Ron hinüber, »wen wollte er eigentlich mit dem Fluch belegen?«
»Malfoy hat Hermine beschimpft – muss wirklich schlimm gewesen sein, denn alle sind ausgerastet –«
»Es war schlimm«, sagte Ron heiser und tauchte bleich und schwitzend über der Tischplatte auf. »Malfoy hat sie ›Schlammblut‹ genannt, Hagrid.«
Er würgte eine neue Welle von Schnecken herauf und tauchte wieder ab. Hagrid war blanker Zorn ins Gesicht gestiegen.
»Das hat er nicht!«, knurrte er Hermine an.
»Hat er doch«, sagte sie, »aber ich weiß nicht, was es bedeutet. Natürlich hab ich mitgekriegt, dass es wirklich übel war –«
»Das ist so ziemlich das Gemeinste, was ihm einfallen konnte«, keuchte Ron und tauchte wieder auf. »Schlammblut ist ein wirklich schlimmes Schimpfwort für jemanden, der aus einer Muggelfamilie stammt – du weißt ja, mit Eltern, die keine Zauberer sind. Es gibt ein paar Zauberer, wie Malfoys Familie, die glauben, sie wären besser als alle andern, weil sie das sind, was die Leute reinblütig nennen.« Er rülpste leise und eine einsame Schnecke flog ihm in die ausgestreckte Hand. Er warf sie in die Wanne und fuhr fort: »Wir andern wissen ja, dass es überhaupt keinen Unterschied macht. Seht euch Neville Longbottom an – er ist reinblütig und kann kaum einen Kessel richtig herum aufstellen.«
»Und einen Zauber, den unsere Hermine nicht schafft, müssen sie erst noch erfinden«, sagte Hagrid stolz und Hermines Gesicht lief leuchtend magentarot an.
»Abscheulich, jemanden so zu nennen«, sagte Ron und wischte sich mit zitternder Hand die schweißnasse Stirn, »schmutziges Blut, gewöhnliches Blut. Verrückt. Heute haben die meisten Zauberer ohnehin gemischtes Blut. Wenn wir keine Muggel geheiratet hätten, wären wir ausgestorben.«
Wieder begann er zu würgen und tauchte ab.
»Tja, ich mach dir keinen Vorwurf, weil du ihm einen Fluch auf den Hals jagen wolltest«, sagte Hagrid laut, da noch mehr Schnecken geräuschvoll in die Wanne klatschten. »Aber vielleicht ist es ganz gut, dass dein Zauberstab nach hinten losgegangen ist. Ich vermute mal, dass Lucius Malfoy schnurstracks zur Schule marschiert wäre, wenn du seinen Sohn mit einem Fluch belegt hättest. Wenigstens bist du jetzt nicht in Schwierigkeiten.«
Harry wollte ihn gerade darauf hinweisen, dass man durchaus in Schwierigkeiten war, wenn einem Schnecken aus dem Mund kullerten, doch er konnte nicht. Hagrids Sirupbonbon hatte ihm die Zähne verklebt.
»Harry«, sagte Hagrid, als ob ihm plötzlich etwas eingefallen wäre, »mit dir muss ich noch ein Hühnchen rupfen. Wie ich höre, verteilst du Autogrammkarten. Wie kommt es, dass ich noch keine hab?«
Wütend riss Harry die verklebten Zähne auseinander.
»Ich vergebe keine Autogrammkarten«, sagte er aufgebracht. »Wenn Lockhart das immer noch behauptet –«
Doch dann sah er Hagrid lächeln.
»War nur ’n Witz«, sagte er, klopfte Harry freundschaftlich auf den Rücken, so dass er mit dem Kinn auf den Tisch knallte. »Ich wusste schon, dass es nicht stimmt. Hab Lockhart gesagt, dass du es nicht nötig hättest. Du bist ohnehin berühmter als er, auch wenn du keinen Finger rührst.«
»Wette, das hat er gar nicht gern gehört«, sagte Harry, der sich wieder aufgesetzt hatte und sich das schmerzende Kinn rieb.
»Das kannst du wohl glauben«, sagte Hagrid augenzwinkernd. »Und als ich ihm dann noch gesagt hab, dass ich kein Buch von ihm gelesen hätte, wollte er gehen. Sirupbonbon, Ron?«, fügte er hinzu, als Ron wieder auftauchte.
»Nein danke«, sagte Ron matt, »das riskier ich besser nicht.«
»Kommt mal mit und seht euch an, was ich angepflanzt hab«, sagte Hagrid, als Harry und Hermine ihren letzten Schluck Tee getrunken hatten.
Auf dem kleinen Gemüsebeet hinter Hagrids Haus wuchsen ein Dutzend der größten Kürbisse, die Harry je gesehen hatte. Jeder war so groß wie ein mächtiger Findling.
»Wachsen gut, oder?«, sagte Hagrid glücklich. »Für das Halloween-Fest … bis dahin sollten sie groß genug sein.«
»Womit hast du sie denn gedüngt?«, fragte Harry.
Hagrid sah sich um, ob sie allein waren.
»Nun, ich hab ihnen – weißt du – ein wenig geholfen –«
Harry sah Hagrids geblümten rosa Schirm an der Rückwand der Hütte lehnen. Schon früher hatte Harry den Verdacht gehabt, dass dieser Schirm nicht so harmlos war, wie er aussah. Tatsächlich war er sich fast sicher, dass Hagrids alter Schulzauberstab darin versteckt war. Hagrid durfte eigentlich nicht zaubern. Er war im dritten Schuljahr von Hogwarts verwiesen worden, doch hatte Harry nie herausgefunden, warum … fiel auch nur ein Wort darüber, dann räusperte sich Hagrid laut und wurde auf mysteriöse Weise taub, bis man das Thema wechselte.
»Ein Schwellzauber, nehme ich an?«, sagte Hermine, hin- und hergerissen zwischen Missbilligung und Vergnügen. »Nun, da hast du wirklich ganze Arbeit geleistet.«
»Das hat deine kleine Schwester auch gesagt«, meinte Hagrid zu Ron hinübernickend. »Hab sie erst gestern getroffen.« Mit zuckendem Bart sah er aus den Augenwinkeln Harry an. »Sagte, sie wolle sich nur mal die Ländereien anschauen, aber ich wette, sie hat gehofft, bei mir zufällig noch jemand anderen zu treffen.« Er zwinkerte Harry zu. »Wenn du mich fragst, sie würde nicht nein sagen zu einem Autogramm –«
»Ach, hör doch auf damit«, sagte Harry. Ron brach in röhrendes Gelächter aus und besprenkelte den Erdboden mit Schnecken.
»Pass auf!«, dröhnte Hagrid und zog Ron von seinen wertvollen Kürbissen weg.
Es war jetzt bald Zeit zum Mittagessen, und da Harry seit dem Aufstehen nur ein Karamellbonbon verspeist hatte, zog es ihn in die Schule. Sie verabschiedeten sich von Hagrid und gingen hoch zum Schloss. Ron gluckste zwar noch ein paarmal, doch es kamen nur noch zwei winzige Schnecken zum Vorschein.
Kaum hatten sie die Eingangshalle betreten, als auch schon eine laute Stimme ertönte. »Da sind Sie ja, Potter – Weasley.«
Professor McGonagall schritt mit ernster Miene auf sie zu. »Sie beide werden heute Abend ihre Strafarbeiten erledigen.«
»Was müssen wir tun, Professor?«, fragte Ron und versuchte hektisch einen Rülpser zu unterdrücken.
»Sie polieren das Silber im Pokalzimmer zusammen mit Mr Filch«, sagte Professor McGonagall. »Und keine Zauberei, Weasley – Armschmalz.«
Ron schluckte. Alle Schüler des Schlosses hassten Argus Filch, den Hausmeister.
»Und Sie, Potter, helfen Professor Lockhart dabei, seine Fanpost zu beantworten«, sagte Professor McGonagall.
»O n-, Professor, kann ich nicht auch ins Pokalzimmer?«, sagte Harry verzweifelt.
»Auf keinen Fall«, sagte Professor McGonagall und zog die Augenbrauen hoch. »Professor Lockhart hat ausdrücklich nach Ihnen verlangt. Pünktlich um acht, Sie beide.«
Vollkommen niedergeschlagen schlurften Harry und Ron in die Große Halle. Hermine hinter ihnen hatte ihre Schließlich habt ihr die Schulregeln gebrochen-Miene aufgesetzt. Harry schmeckte sein Auflauf mit Hackfleisch und Kartoffeln nicht so gut, wie er erwartet hatte. Beide waren fest davon überzeugt, das schlechtere Los gezogen zu haben.
»Filch wird mich die ganze Nacht dabehalten«, sagte Ron trübselig. »Keine Zauberei! In dem Zimmer müssen doch über hundert Pokale stehen. Im Putzen nach Muggelart bin ich gar nicht gut.«
»Ich würd ja jederzeit tauschen«, sagte Harry mit hohler Stimme. »Bei den Dursleys hab ich ’ne Menge Übung bekommen. Aber Lockharts Fanpost beantworten … der wird ein Alptraum sein …«
Der Samstagnachmittag schien rasch dahinzuschmelzen, und kaum hatten sie sich’s versehen, war es auch schon fünf vor acht. Harry schleppte sich den Gang im zweiten Stock entlang zu Lockharts Büro. Er biss die Zähne zusammen und klopfte.
Prompt flog die Tür auf. Lockhart strahlte auf ihn herab.
»Ah, da ist ja der kleine Taugenichts!«, sagte er. »Kommen Sie rein, Harry, nur herein mit Ihnen –«
Entlang der Wände spiegelten zahllose gerahmte Fotos von Lockhart das Licht der vielen Kerzen wider. Ein paar der Bilder hatte er sogar mit seinem Namenszug versehen. Und auf dem Schreibtisch stapelten sich noch mehr Fotos.
»Sie können die Umschläge adressieren!«, wies Lockhart Harry an, als ob dies eine besondere Gunst wäre. »Dieser erste geht an die gute Gladys Gudgeon – großer Fan von mir –«
Die Minuten schlichen dahin. Harry ließ Lockharts Worte an sich abtröpfeln und sagte gelegentlich »Mmm« und »Stimmt« und »Ja«. Hin und wieder fing er einen Satz auf wie: »Ruhm ist ein tückischer Begleiter, Harry«, oder: »Berühmt sein heißt, ruhmreich zu handeln, merken Sie sich das.«
Die Kerzen brannten zur Neige und warfen ihr flackerndes Licht über die vielen Gesichter Lockharts, die Harry ansahen. Mit schmerzender Hand schrieb Harry auf den wohl tausendsten Umschlag die Adresse einer Veronica Smethley. Muss bald Zeit sein zu gehen, dachte Harry betrübt, bitte lass es bald Zeit sein …
Und dann hörte er etwas – etwas ganz anderes als das Zischen der ausgehenden Kerzen und Lockharts Gebrabbel über seine Fans.
Es war eine Stimme, eine Stimme, die ihm das Knochenmark gefrieren ließ, eine Stimme, erfüllt von eiskaltem Hass.
»Komm … komm zu mir … lass mich dich zerreißen … lass mich dich zerfetzen … lass mich dich töten …«
Harry fiel fast vom Stuhl und ein großer lila Fleck breitete sich auf Veronica Smethleys Straße aus.
»Was?«, sagte er laut.
»Ich weiß«, sagte Lockhart, »sechs Monate an der Spitze der Bestsellerliste! Hab alle Rekorde gebrochen!«
»Nein«, sagte Harry fiebrig, »diese Stimme!«
»Wie bitte?«, sagte Lockhart verdutzt, »welche Stimme?«
»Diese – diese Stimme, die gesagt hat – haben Sie es nicht gehört?«
Lockhart sah Harry höchst erstaunt an.
»Wovon reden Sie eigentlich, Harry? Vielleicht sind Sie allmählich ein wenig dösig? Großer Scott – was sagt denn die Uhr! Jetzt sind wir schon fast vier Stunden hier! Ist doch nicht zu fassen – wie die Zeit verflogen ist!«
Harry sagte nichts. Er lauschte angestrengt, um die Stimme noch einmal zu hören, doch niemand sprach, außer Lockhart, der ihm erklärte, er dürfe nicht erwarten, bei jeder Strafarbeit so gut wegzukommen wie diesmal. Wie betäubt ging Harry zur Tür hinaus.
Es war so spät, dass der Gemeinschaftsraum der Gryffindors schon fast leer war. Harry ging gleich weiter in den Schlafsaal. Ron war noch nicht zurück. Harry zog seinen Schlafanzug an, stieg ins Bett und wartete. Eine halbe Stunde später kam Ron herein. Er brachte einen durchdringenden Politurgeruch in den dunklen Saal und massierte sich den rechten Arm.
»Meine Muskeln sind alle ganz verspannt«, stöhnte er und ließ sich aufs Bett fallen. »Vierzehnmal hat er mich diesen Quidditch-Pokal auf Hochglanz bringen lassen, bis er zufrieden war. Und dann hatte ich noch einen Schneckenausbruch über einem Wappenschild für Besondere Verdienste um die Schule. Hat ewig gedauert, bis der Schleim runter war … wie war’s mit Lockhart?«
Mit leiser Stimme, um Neville, Dean und Seamus nicht aufzuwecken, wiederholte Harry jedes Wort, das er gehört hatte.
»Und Lockhart meinte, er hätte es nicht gehört?«, fragte Ron. Im Mondlicht sah ihn Harry die Stirn runzeln. »Glaubst du, er hat gelogen? Aber ich versteh’s nicht – selbst ein Unsichtbarer hätte ja die Tür öffnen müssen.«
»Ich weiß«, sagte Harry. Er lehnte sich in seinem Himmelbett zurück und starrte auf den Baldachin über ihm. »Ich versteh’s auch nicht.«
Die Todestagsfeier
Es wurde Oktober und feuchte Kühle breitete sich über die Ländereien und das Schloss aus. Eine jähe Erkältungswelle unter den Lehrern und Schülern hielt Madam Pomfrey, die Krankenschwester, in Atem. Ihr Aufpäppel-Trank wirkte zwar sofort, aber wer ihn getrunken hatte, dem rauchten danach noch stundenlang die Ohren. Percy Weasley drängte die etwas kränklich aussehende Ginny, ein paar Schlucke zu trinken, und sofort zischte Dampf unter ihrem feuerroten Haar hervor, und es sah aus, als stünde ihr Kopf in Flammen.
Regentropfen, groß wie Gewehrkugeln, trommelten tagelang gegen die Schlossfenster; der See schwoll an, die Blumenbeete verwandelten sich in Schlammströme und Hagrids Kürbisse quollen zur Größe von Gartenschuppen auf. Oliver Wood freilich ließ sich nicht beirren und feuerte sie begeistert zu regelmäßigem Training an. So befand sich Harry eines stürmischen Samstagnachmittags bis auf die Haut durchweicht und schlammbespritzt auf dem Heimweg zum Turm der Gryffindors.
Vom Regen und Wind mal ganz abgesehen, war es alles andere als ein gelungenes Training gewesen. Fred und George hatten das Slytherin-Team ausgespäht und mit eigenen Augen gesehen, wie schnell sie mit ihren neuen Nimbus Zweitausendeins waren. Die Slytherins jagten durch die Luft wie Senkrechtstarter, so berichteten sie, und seien nur noch als sieben grünliche Dunstschleier auszumachen.
Als Harry den ausgestorbenen Gang entlangstapfte, begegnete ihm jemand, der genauso besorgt dreinsah wie er selbst. Der Fast Kopflose Nick, der Geist des Gryffindor-Turms, starrte trübselig aus einem Fenster und brummelte leise vor sich hin: »… ich entspreche den Anforderungen nicht … zwei Zentimeter, wenn das …«
»Hallo, Nick«, sagte Harry.
»Hallo, hallo«, sagte der Fast Kopflose Nick und drehte sich erschrocken um. Er trug einen eleganten Federhut auf dem langen Lockenhaar und einen Waffenrock mit Halskrause, so dass man nicht sehen konnte, dass sein Hals fast ganz durchtrennt war. Er war blass wie Rauch, und Harry sah durch ihn hindurch nach draußen auf den dunklen Himmel und die Sintflut, die sich aus ihm ergoss.
»Er sieht besorgt aus, der junge Potter«, sagte Nick, faltete einen durchsichtigen Brief zusammen und steckte ihn ein.
»Sie ebenfalls«, sagte Harry.
»Ah«, sagte der Fast Kopflose Nick mit eleganter Handbewegung, »eine Angelegenheit ohne Bedeutung … nicht, dass ich wirklich Mitglied werden wollte … dachte, ich bewerbe mich mal, doch offenbar genüge ich ›nicht den Anforderungen‹.«
Trotz seines gelassenen Tonfalls hatte sein Gesicht einen Zug von Bitterkeit.
»Aber, nicht wahr, man sollte doch meinen«, brach es plötzlich aus ihm heraus, »wenn man fünfundvierzig Hiebe mit einer stumpfen Axt auf den Hals bekommen hat, wäre man gut genug für die Jagd der Kopflosen?«
»Oh, äh, ja«, sagte Harry, denn offenbar war hier seine Zustimmung verlangt.
»Ich meine, keiner wünscht sich mehr als ich, dass alles schnell und sauber vonstatten gegangen und mein Kopf endgültig herunter wäre, ich muss sagen, das hätte mir einiges an Schmerz und Gelächter erspart. Allerdings –« Der Fast Kopflose Nick holte den Brief wieder hervor, faltete ihn auf und las wutentbrannt vor: »›Wir können nur Jäger aufnehmen, deren Köpfe sich endgültig von ihren Körpern getrennt haben. Wie Sie gewiss einsehen, wäre es andernfalls unmöglich, dass die Mitglieder an Jagdvergnügen wie Kopfjonglieren zu Pferde und Kopfpolo teilnehmen können. Daher muss ich Ihnen mit dem größten Bedauern mitteilen, dass Sie nicht den Anforderungen entsprechen. Mit den besten Wünschen, Sir Patrick Delaney-Podmore‹.«
Rauchend vor Zorn stopfte der Fast Kopflose Nick den Brief in sein Wams zurück.
»Zwei Zentimeter Haut und Sehnen halten meinen Kopf auf dem Hals, Harry! Normale Leute würden denken, das könnte man doch als geköpft durchgehen lassen, aber nein, es reicht nicht für Sir Ordentlich Geköpfter Podmore.«
Der Fast Kopflose Nick holte einige Male tief Luft und sagte dann mit viel ruhigerer Stimme: »So, und was macht Ihnen Sorgen? Kann ich etwas für Sie tun?«
»Nein«, sagte Harry. »Außer, Sie wissen, wo wir sieben Nimbus Zweitausendeins umsonst herkriegen könnten für unser Spiel gegen Sly-«
Der Rest des Satzes ging in einem fiepsigen Miauen unter, das aus der Nähe seiner Füße kam. Er blickte hinunter und ein Paar gelbe Laternenaugen starrten ihn an. Es war Mrs Norris, die skelettdürre graue Katze, die der Hausmeister Argus Filch als eine Art Gehilfin in seiner endlosen Schlacht gegen die Schüler einsetzte.
»Sie verschwinden am besten von hier, Harry«, sagte Nick hastig, »Filch hat ganz schlechte Laune – er hat einen Schnupfen, und ein paar Drittklässler haben in Kerker fünf versehentlich Froschgehirne über die ganze Decke gespritzt, er hat den ganzen Morgen geputzt, und wenn er Sie hier vor Schlamm triefen sieht –«
»Stimmt«, sagte Harry und wich vor dem anklagenden Starren von Mrs Norris zurück, doch nicht schnell genug. Angezogen durch die geheimnisvolle Macht, die ihn offenbar mit seiner heimtückischen Katze verband, brach Argus Filch plötzlich durch einen Wandbehang rechts von Harry. Mit rasselndem Atem sah er sich fieberhaft nach dem Regelverletzer um. Um den Kopf hatte er einen dicken Schal mit Schottenmuster gewickelt und seine Nase glänzte ungewöhnlich purpurfarben.
»Dreck«, rief er mit zitternden Wangen, und seine Augen quollen beunruhigend weit vor, als er auf die Schlammlache deutete, die von Harrys Quidditch-Umhang herabgetropft war. »Überall Dreck und Unordnung. Mir reicht’s, kann ich dir sagen! Folge mir, Potter!«
Also winkte Harry mit düsterem Blick dem Fast Kopflosen Nick zum Abschied und folgte Filch nach unten, wobei er die Zahl der schlammigen Fußabdrücke auf dem Boden verdoppelte.
Harry war noch nie in Filchs Büro gewesen; das war der Ort, um den die meisten Schüler einen weiten Bogen machten. Das schäbige und fensterlose Kabuff wurde vom Licht einer Ölfunzel an der niedrigen Decke erhellt. Ein schwacher Geruch nach gebratenem Fisch hing in der Luft. An der Wand entlang standen hölzerne Aktenschränke, deren Beschriftungen Harry sagten, dass sie Einzelheiten über jeden Schüler enthielten, den Filch je bestraft hatte. Fred und George Weasley hatten ein ganzes Fach für sich allein. Eine Sammlung von auf Hochglanz polierten Ketten und Fußschellen hing an der Wand hinter Filchs Schreibtisch. Alle wussten, dass er Dumbledore ständig um die Erlaubnis bat, die Schüler an den Fußgelenken gefesselt von der Decke baumeln zu lassen.
Filch nahm eine Feder aus dem Tintenfass auf seinem Schreibtisch und begann nach Pergament zu stöbern.
»Dreck«, murmelte er zornig, »große, glühend heiße Drachenpopel … Froschgehirne … Ratteninnereien … mir reicht’s … Strafe zur Abschreckung … wo ist das Formblatt … da …«
Er hatte eine dicke Rolle Pergament aus der Schreibtischschublade gezogen und sie vor sich ausgebreitet und tunkte nun den langen schwarzen Federkiel in das Tintenfass.
»Name … Harry Potter. Verbrechen …«
»War doch nur ein bisschen Schlamm!«, sagte Harry.
»Für dich ist es nur ein wenig Schlamm, Junge, aber für mich ist es eine Überstunde Schrubben!«, schrie Filch und an der Spitze seiner Knollennase erzitterte ein widerlicher Tropfen. »Verbrechen … Beschmutzung des Schlosses … vorgeschlagene Strafe …«
Filch tippte mit dem Finger gegen seine triefende Nase und äugte Unheil verkündend zu Harry hinüber, der mit angehaltenem Atem auf den Urteilsspruch wartete.
Doch gerade als Filch die Feder aufsetzte, erschütterte ein lauter KNALL die Bürodecke, der die Öllampe klirren ließ.
»PEEVES«, donnerte Filch zornentbrannt und warf die Feder auf den Tisch, »diesmal krieg ich dich, darauf kannst du Gift nehmen!«
Und ohne Harry auch nur einen Blick zuzuwerfen, hastete Filch plattfüßig aus dem Büro, Mrs Norris auf den Fersen.
Peeves war der Schul-Poltergeist, ein grinsendes, in der Luft schwebendes Übel, dessen Lebenszweck es war, Wirrsal und Verdruss zu schaffen. Harry konnte Peeves nicht ausstehen, doch diesmal konnte er nicht anders, als ihm für seinen Auftritt zur rechten Zeit dankbar zu sein. Was Peeves angestellt hatte (und diesmal hatte es geklungen, als ob er etwas sehr Großes in Stücke geschlagen hatte), würde Filch hoffentlich von Harry ablenken.
Harry dachte, es sei besser zu warten, bis Filch zurückkam, und ließ sich in einen mottenzerfressenen Sessel neben dem Schreibtisch sinken. Außer dem halb ausgefüllten Formblatt lag noch etwas anderes auf der Tischplatte: ein großer, glänzender, purpurfarbener Umschlag mit silberner Aufschrift auf der Vorderseite. Harry warf rasch einen Blick zur Tür, ob Filch vielleicht schon zurückkam, griff dann nach dem Umschlag und las:
KWIKZAUBERN Ein Fernkurs in Zauberei für Anfänger
Neugierig schnippte Harry den Umschlag auf und zog einen Stoß Pergamentblätter hervor. Auf der ersten Seite, ebenfalls in Silberschrift, las Harry:
Haben Sie das Gefühl, den Anschluss an die moderne Zauberei verloren zu haben? Ertappen Sie sich bei Ausreden, um einfachste Zaubereien nicht ausführen zu müssen? Werden Sie des Öfteren wegen Ihrer kläglichen Arbeit mit dem Zauberstab getadelt? Es gibt eine Antwort darauf!
Kwikzaubern ist ein völlig neu entwickelter, garantiert erfolgreicher, einfach aufgebauter Kurs mit verblüffenden Erfolgen. Hunderte von Hexen und Zauberern sind von der Kwikzaubern-Methode begeistert!
Madam Z. Nettles aus Topsham schreibt:
»Ich konnte einfach keine Zauberformeln behalten und über meine Zaubertränke hat die ganze Familie gelacht! Jetzt, nach dem Kwikzaubern-Kurs, bin ich der Mittelpunkt bei allen Partys und Freunde bitten mich um das Rezept für meine Funken-Lösung!«
Hexenmeister D. J. Prod aus Didsbury bekennt:
»Meine Frau hat meine schwächlichen Zaubereien immer verspottet, doch nach einem Monat Training mit Ihrem fabelhaften Kwikzaubern-Kurs ist es mir gelungen, sie in einen Yak zu verwandeln! Vielen Dank, Kwikzaubern!«
Fasziniert blätterte Harry die restlichen Blätter durch. Warum in aller Welt brauchte Filch einen Zauberkurs? War er etwa kein richtiger Zauberer? Harry las gerade: »Lektion eins. Wie wir den Zauberstab halten (einige nützliche Tipps)«, als ein Schlurfen von draußen Filchs Rückkehr ankündigte. Er stopfte die Pergamentblätter zurück in den Umschlag und warf ihn auf den Schreibtisch, als auch schon die Tür aufflog.
Mit siegestrunkenem Blick kam Filch herein.
»Dieses Verschwindekabinett war äußerst wertvoll!«, sagte er gehässig zu Mrs Norris. »Diesmal fliegt Peeves raus, meine Süße –«
Sein Blick fiel auf Harry und dann blitzschnell auf den Zauberkurs-Umschlag, der, wie Harry zu spät bemerkte, einen halben Meter zu weit von seinem ursprünglichen Platz entfernt lag.
Filchs teigiges Gesicht lief ziegelrot an. Harry wappnete sich gegen eine Flutwelle aus Beschimpfungen. Filch humpelte hinüber zum Schreibtisch, schnappte sich den Umschlag und warf ihn in eine Schublade.
»Hast du … hast du gelesen –?«, prustete er.
»Nein«, log Harry rasch.
Filch verschlang seine knorrigen Hände.
»Wenn ich gewusst hätte, dass du meine private – nicht dass es für mich wäre – für einen Freund – sei’s, wie es ist – allerdings –«
Harry starrte ihn bestürzt an; noch nie hatte Filch so aufgelöst gewirkt. Seine Augäpfel hüpften auf und ab, eine seiner teigigen Wangen war von einem Zucken befallen und der schottengemusterte Schal machte den Anblick auch nicht schöner.
»Von mir aus – geh – und kein Wort davon – nicht, dass – allerdings, wenn du es nicht gelesen hast – geh jetzt, ich muss den Bericht über Peeves schreiben – geh –«
Fassungslos über sein Glück rannte Harry zur Tür hinaus, den Gang entlang und den Turm hoch. Ohne Bestrafung aus Filchs Stube zu entkommen, war vermutlich eine Art Schulrekord.
»Harry! Harry! Hat es geklappt?«
Der Fast Kopflose Nick kam aus einem Klassenzimmer geglitten. Hinter ihm sah Harry die Trümmer eines großen schwarz-goldenen Schranks, der offenbar aus großer Höhe herabgefallen war.
»Ich hab Peeves dazu überredet, ihn direkt über Filchs Büro zu zertrümmern«, sagte Nick beflissen, »dachte, es würde ihn ablenken –«
»Sie waren das?«, erwiderte Harry dankbar. »Ja, es hat geklappt, ich hab nicht einmal eine Strafarbeit bekommen, danke, Nick!«
Sie machten sich auf den Weg den Gang entlang. Der Fast Kopflose Nick hielt schon wieder Sir Patricks Ablehnungsbrief in der Hand.
»Ich wünschte, ich könnte etwas für Sie tun wegen dieser Kopflosenjagd«, sagte Harry.
Der Fast Kopflose Nick blieb wie angewurzelt stehen und Harry ging geradewegs durch ihn hindurch. Das bereute er, denn es war wie ein Schritt durch eine eiskalte Dusche.
»Aber es gibt tatsächlich etwas, das Sie für mich tun können«, sagte Nick aufgeregt. »Harry – wäre es zu viel verlangt – aber nein, Sie wollen bestimmt nicht –«
»Was denn?«, sagte Harry.
»Nun, an diesem Halloween ist mein fünfhundertster Todestag«, sagte der Fast Kopflose Nick mit schwellender Brust und würdevollem Blick.
»Oh«, sagte Harry, nicht ganz sicher, ob er eine mitleidsvolle oder eine glückliche Miene aufsetzen sollte. »Verstehe.«
»Ich gebe unten in einem der geräumigeren Kerker ein Fest. Aus dem ganzen Land werden Freunde kommen. Es wäre mir eine große Ehre, wenn Sie dabei wären. Mr Weasley und Miss Granger wären natürlich ebenfalls willkommen – aber ich fürchte, Sie gehen lieber zum Schulfest?« Wie auf die Folter gespannt musterte er Harry.
»Nein«, sagte Harry rasch, »ich komme –«
»Mein lieber Junge! Harry Potter auf meiner Todestagsfeier! Und –«, sagte er zögernd und aufgeregt, »wäre es Ihnen vielleicht möglich, gegenüber Sir Patrick zu erwähnen, wie furchtbar angsteinflößend und beeindruckend Sie mich finden?«
»Na… natürlich«, sagte Harry.
Der Fast Kopflose Nick strahlte ihn an.
»Eine Todestagsfeier«, sagte Hermine begeistert. Harry hatte sich endlich umgezogen und Hermine und Ron im Gemeinschaftsraum getroffen. »Ich wette, es gibt nicht viele Lebende, die von sich behaupten können, auf einer davon gewesen zu sein – das wird sicher faszinierend!«
»Warum sollte jemand den Tag feiern wollen, an dem er gestorben ist?«, fragte Ron, der erst mit der Hälfte seiner Zaubertrank-Hausaufgaben fertig war und schlechte Laune hatte. »Das hört sich ja niederschmetternd an …«
Noch immer peitschte Regen gegen die Fenster, die nun tintenschwarz waren; drinnen war es jedoch hell und behaglich. Das Feuer warf flackerndes Licht auf die weichen Sessel im Umkreis. Die anderen Schüler lasen, unterhielten sich oder machten Hausaufgaben. Oder aber sie waren wie Fred und George Weasley mit dem Versuch beschäftigt herauszufinden, was geschehen würde, wenn man einen Salamander mit einem Filibuster-Feuerwerkskörper fütterte. Fred hatte die orangerot leuchtende, im Feuer lebende Echse aus dem Unterricht für die Pflege magischer Geschöpfe »gerettet«, und von einer Schar Neugieriger umgeben schmorte sie nun ruhig auf einem Tisch vor sich hin.
Harry wollte gerade Ron und Hermine von Filch und dem Kwikzaubern-Kurs erzählen, als der Salamander plötzlich pfeifend in die Luft schoss und knallende Funken spuckend wild im Raum umherwirbelte. Percy, der sich wegen Fred und George heiser brüllte, und der fabelhafte Anblick des mandarinefarbene Funken ausstiebenden Salamanders und dessen von Explosionen begleitete Flucht ins Feuer – dies alles vertrieb Filch und den Kwikzaubern-Kurs aus Harrys Gedanken.
Halloween kam, und Harry bereute sein voreiliges Versprechen, zu der Todestagsfeier zu gehen. Die anderen Schüler freuten sich schon auf ihr Halloween-Fest; die Große Halle war wie üblich mit lebenden Fledermäusen ausgeschmückt, Hagrids Riesenkürbisse waren zu Laternen ausgeschnitzt worden, in denen drei Schüler auf einmal sitzen konnten, und es liefen Gerüchte um, Dumbledore habe zur Unterhaltung eine Truppe tanzender Skelette gebucht.
»Versprochen ist versprochen«, ermahnte Hermine Harry energisch. »Du hast gesagt, dass du auf die Todestagsfeier gehst.«
So gingen Harry, Ron und Hermine um sieben Uhr geradewegs an der Tür zu der voll besetzten Großen Halle vorbei, in der goldene Teller und Kerzen einladend schimmerten, und stiegen hinab in die Kerker.
Der Gang, der zur Feier des Fast Kopflosen Nick führte, war ebenfalls mit Kerzen beleuchtet, wenn auch diese nicht gerade eine aufmunternde Wirkung hatten: Es waren lange, dünne, kohlschwarze Kerzen mit hellblauen Flammen, die sogar ihre lebendigen Gesichter leicht geisterhaft aussehen ließen. Mit jedem Schritt, den sie gingen, wurde es kälter. Harry zitterte und zog seinen Umhang fest zu, und da hörte er etwas, das klang wie tausend Fingernägel, die über eine riesige Tafel kratzten.
»Soll das etwa Musik sein?«, flüsterte Ron.
Sie bogen um eine Ecke und sahen den Fast Kopflosen Nick vor einer Tür stehen, die mit schwarzem Samt bespannt war.
»Meine lieben Freunde«, sagte er von Trauer erfüllt, »willkommen, willkommen … so erfreut, dass Sie kommen konnten …«
Er riss sich den Federhut vom Kopf und bat sie mit einer Verbeugung herein.
Ein unglaublicher Anblick bot sich ihnen. Der Kerker war voll mit hunderten perlweißer, durchscheinender Gestalten. Die meisten schwebten dicht gedrängt über einem Tanzboden und walzten zu dem fürchterlichen Kreischen von dreißig Musiksägen eines Orchesters, das auf einer schwarz bespannten Bühne spielte. Über ihnen verströmten weitere tausend Kerzen auf einem Kronleuchter mitternachtsblaues Licht. Ihr Atem stieg als Nebelwolke vor ihnen auf; es war, als würden sie einen Eisschrank betreten.
»Sollen wir uns ein wenig umsehen?«, schlug Harry vor; er musste nämlich dringend seine Füße aufwärmen.
»Passt auf, dass ihr durch keinen hindurchgeht«, sagte Ron nervös und sie machten sich auf den Weg um die Tanzfläche. Sie kamen an einer Gruppe düsterer Nonnen vorbei, an einem zerlumpten und mit Ketten gefesselten Mann und an dem Fetten Mönch, einem gut gelaunten Geist aus dem Hause Hufflepuff, der in ein Gespräch mit einem Ritter vertieft war, aus dessen Stirn ein Pfeil ragte. Harry erkannte auch den Blutigen Baron, einen ausgemergelten, stierenden Slytherin-Geist voll silberner Blutflecke, und es wunderte ihn nicht, dass die anderen Geister einen weiten Bogen um ihn schlugen.
»O nein«, sagte Hermine und blieb schlagartig stehen. »Umdrehen, umdrehen, ich will nicht mit der Maulenden Myrte sprechen –«
»Mit wem?«, sagte Harry, während sie rasch kehrtmachten.
»Sie spukt in der Mädchentoilette im ersten Stock herum«, sagte Hermine.
»Sie spukt in einem Klo herum?«
»Ja. War fast das ganze Jahr über geschlossen, weil sie ständig Anfälle hat und alles unter Wasser setzt. Ich bin da sowieso nicht hingegangen, wenn ich’s vermeiden konnte, es ist bescheuert, wenn du aufs Klo gehen willst und sie jammert dich voll –«
»Seht mal, da gibt’s was zu essen!«, sagte Ron.
Auf der anderen Seite des Kerkers stand ein langer Tisch, ebenfalls mit schwarzem Samt bedeckt. Hungrig traten sie näher, doch nach ein paar Schritten blieben sie entsetzt stehen. Der Gestank war Ekel erregend. Auf schönen Silberplatten lagen riesige verdorbene Fische, rabenschwarze verbrannte Kuchen häuften sich auf Tellern; es gab große Mengen Schafsinnereien, auf denen sich fröhlich Maden tummelten, einen Käselaib, überzogen mit flaumigem grünem Moder und, der Stolz der Küche, einen gewaltigen grauen Kuchen in der Form eines Grabsteins, verziert mit einer Art Teer, der die Worte bildete:
SIR NICHOLAS DE MIMSY-PORPINGTON
gestorben am 31. Oktober 1492
Harry sah erstaunt zu, wie ein fülliger Geist sich dem Tisch näherte, in die Knie ging und mit offenem Mund durch einen stinkenden Lachs watschelte.
»Können Sie es schmecken, wenn Sie hindurchgehen?«, fragte ihn Harry.
»Beinahe«, sagte der Geist traurig und entschwebte.
»Ich denke mal, sie lassen es verrotten, damit es einen stärkeren Geschmack annimmt«, wusste Hermine beizutragen, kniff sich die Nase zu und beugte sich vor, um die verwesenden Innereien zu begutachten.
»Lasst uns gehen, mir ist schlecht«, sagte Ron.
Kaum hatten sie sich umgedreht, huschte ein kleiner Mann unter dem Tisch hervor und schwebte ihnen in den Weg.
»Hallo, Peeves«, sagte Harry behutsam.
Im Gegensatz zu den Geistern um sie herum war Peeves, der Poltergeist, überhaupt nicht blass und durchscheinend. Er trug einen hellorange Papierhut, eine sich drehende Fliege und grinste arglistig über das ganze breite Gesicht.
»Was zu knabbern?«, sagte er schmeichlerisch und bot ihnen eine Schale mit pilzüberwucherten Erdnüssen an.
»Nein danke«, sagte Hermine.
»Hab gehört, wie ihr über die arme Myrte gesprochen habt«, sagte Peeves mit tanzenden Augäpfeln. »Unverschämte Dinge habt ihr über die arme Myrte gesagt.« Er holte tief Luft und rief mit donnernder Stimme: »HEY! MYRTE!«
»O nein, Peeves, erzähl ihr nicht, was ich gesagt hab, das wird sie ganz durcheinanderbringen«, flüsterte Hermine aufgeregt. »Ich hab’s nicht so gemeint, ich hab nichts gegen sie – ah, hallo, Myrte.«
Der Geist eines plumpen Mädchens war zu ihnen herübergeglitten. Sie hatte das trübseligste Gesicht, das Harry je gesehen hatte, halb verborgen hinter glattem Haar und einer dicken Perlmuttbrille.
»Was ist?«, sagte sie schmollend.
»Wie geht es dir, Myrte?«, fragte Hermine mit gekünstelt munterer Stimme, »schön, dass du mal aus der Toilette rauskommst.«
Myrte schniefte.
»Miss Granger hat gerade über dich gesprochen«, sagte Peeves heimtückisch in Myrtes Ohr.
»Hab nur gesagt – wie – wie hübsch du heute Abend aussiehst«, sagte Hermine und starrte Peeves mit wütendem Blick an.
Myrte beäugte Hermine misstrauisch.
»Du machst dich über mich lustig«, sagte sie und silberne Tränen schossen in ihre kleinen durchsichtigen Augen.
»Nein, ehrlich, hab ich nicht gerade gesagt, wie hübsch Myrte aussieht?«, sagte Hermine und stieß Harry und Ron schmerzhaft in die Rippen.
»O ja –«
»Das hat sie –«
»Lügt mich nicht an«, stöhnte Myrte, und jetzt kullerten Tränen ihr Gesicht hinunter, während Peeves glücklich über ihre Schulter hinweg gluckste. »Meint ihr, ich weiß nicht, wie mich die Leute hinter meinem Rücken nennen? Fette Myrte! Hässliche Myrte! Elende, maulende, trübselige Myrte!«
»Du hast ›picklig‹ vergessen«, zischte ihr Peeves ins Ohr.
Die Maulende Myrte brach in verzweifeltes Schluchzen aus und floh aus dem Kerker. Peeves schoss ihr nach, bewarf sie mit pilzigen Erdnüssen und rief: »Picklig! Picklig!«
»Ach je«, sagte Hermine traurig.
Der Fast Kopflose Nick schwebte ihnen durch die Gästeschar entgegen.
»Macht’s Spaß?«
»O ja«, logen sie.
»Es sind doch einige gekommen«, sagte der Fast Kopflose Nick stolz. »Die Klagende Witwe ist immerhin aus Kent angereist … es ist Zeit für meine Rede, ich geh lieber und sag dem Orchester Bescheid …«
Das Orchester hörte jedoch in diesem Moment zu spielen auf. Und auch alle andern im Kerker verstummten und drehten sich entgeistert um, als ein Jagdhorn ertönte.
»Oh, da sind sie«, sagte der Fast Kopflose Nick verbittert.
Durch die Kerkerwände brach ein Dutzend Geisterpferde, jedes geritten von einem kopflosen Reiter. Die Versammelten klatschten begeistert, und auch Harry begann zu klatschen, hielt beim Anblick von Nicks Gesicht jedoch rasch inne.
Die Pferde galoppierten in die Mitte der Tanzfläche, wo sie aufbäumend und ausschlagend Halt machten; ein großer Geist an der Spitze, der seinen bärtigen Kopf unter dem Arm trug und ein Horn blies, sprang herab und hob den Kopf in die Luft, um über die Menge sehen zu können (alles lachte). Er setzte den Kopf auf den Hals und schritt auf den Fast Kopflosen Nick zu.
»Nick«, dröhnte er. »Wie geht’s? Hängt der Kopf immer noch dran?«
Unter schallendem Gelächter klopfte er dem Fast Kopflosen Nick auf die Schulter.
»Willkommen, Patrick«, sagte Nick steif.
»Lebendige!«, rief Sir Patrick, als er Harry, Ron und Hermine erblickte, und zuckte mit gespieltem Entsetzen zusammen, so dass sein Kopf wieder herunterkullerte (die Menge johlte auf).
»Sehr amüsant«, sagte der Fast Kopflose Nick mit düsterer Miene.
»Stört euch nicht an Nick!«, rief Sir Patricks Kopf vom Fußboden hoch, »der ist immer noch sauer, weil er nicht an der Jagd teilnehmen darf! Aber ich würde meinen – schaut euch den Kerl doch mal an –«
»Ich denke«, sagte Harry rasch auf einen bedeutungsvollen Blick von Nick hin, »Nick ist sehr – furchteinflößend und – ähm –«
»Ha!«, rief Sir Patricks Kopf, »wette, er hat Sie gebeten, mir das zu sagen!«
»Dürfte ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten, es ist Zeit für meine Rede!«, sagte der Fast Kopflose Nick laut, schritt auf das Podium zu und trat in das eisblaue Licht einer Kerze.
»Meine beklagenswerten verstorbenen Lords, Ladys und Gentlemen, es ist mir ein großes Missvergnügen …«
Doch niemand mochte mehr zuhören. Sir Patrick und der Rest seiner Kopflosen Jäger hatten eine Partie Kopfhockey begonnen und die Gäste wandten sich dem Spiel zu. Der Fast Kopflose Nick bemühte sich vergeblich, die Aufmerksamkeit seines Publikums zurückzugewinnen, gab jedoch auf, als Sir Patricks Kopf unter lautem Johlen an ihm vorbeisegelte.
Harry war es inzwischen sehr kalt, ganz zu schweigen von seinem Hunger.
»Ich halt’s hier nicht mehr lange aus«, knurrte Ron mit klappernden Zähnen, als das Orchester wieder zu sägen begann und die Geister auf den Tanzboden zurückschwebten.
»Gehen wir«, stimmte ihm Harry zu.
Den Umstehenden lächelnd zunickend, machten sie sich auf den Weg in Richtung Tür, und kurze Zeit später hasteten sie zurück durch den mit schwarzen Kerzen gesäumten Gang.
»Vielleicht sind sie mit dem Nachtisch noch nicht fertig«, sagte Ron hoffnungsvoll und betrat als Erster die Stufen zur Eingangshalle.
Und dann hörte Harry es.
»Reißen … zerfetzen … töten …«
Es war dieselbe Stimme, dieselbe kalte, mörderische Stimme, die er schon in Lockharts Büro gehört hatte.
Stolpernd hielt er inne, legte die Hände auf die steinerne Wand, blickte gangauf und gangab und lauschte mit aller Kraft.
»Harry, was –?«
»Da ist wieder diese Stimme – sei mal still –«
»… so hungrig … schon so lange …«
»Hört!«, sagte Harry eindringlich, und Ron und Hermine erstarrten und richteten die Augen auf ihn.
»… töten … Zeit zu töten …«
Die Stimme wurde schwächer. Sie bewegte sich fort von ihnen, da war sich Harry sicher – nach oben. Er starrte an die dunkle Decke, und eine Mischung aus Angst und Erregung erfüllte ihn; wie konnte sie sich nach oben bewegen? War sie ein Phantom, dem steinerne Decken nichts ausmachten?
»Hier lang«, rief er und lief die Stufen zur Eingangshalle hoch. Doch hier war gewiss nichts mehr zu hören, denn Stimmengewirr vom Halloween-Fest drang aus der Großen Halle. Ron und Hermine dicht auf den Fersen, rannte Harry die Marmortreppe zum ersten Stock hoch.
»Harry, was tun wir –«
»SCHHH!«
Harry spitzte die Ohren. Aus dem nächsten Stockwerk, aus weiter Ferne, hörte er die verblassende Stimme: »… ich rieche Blut … ICH RIECHE BLUT!«
Harry drehte sich der Magen um –
»Es wird jemanden umbringen!«, rief er und rannte los. Ohne auf Rons und Hermines verwirrte Gesichter zu achten, nahm er drei Stufen der nächsten Treppe auf einmal und versuchte über das Getrappel der eigenen Schritte hinweg zu lauschen –
Harry jagte durch alle Gänge im zweiten Stock und Ron und Hermine keuchten hinter ihm her. Erst als sie in den letzten, verlassenen Korridor eingebogen waren, hielten sie an.
»Harry, was ist eigentlich los?«, fragte Ron, während er sich den Schweiß vom Gesicht wischte. »Ich hab nichts gehört …«
Da stieß Hermine einen kurzen Seufzer aus und deutete den Gang hinunter.
»Seht mal!«
An der Wand vor ihnen leuchtete etwas. Sie spähten durch die Dunkelheit und traten vorsichtig näher. An die Wand zwischen zwei Fenstern waren halbmeterhohe Wörter geschmiert, die im flackernden Licht der Fackeln schimmerten.
DIE KAMMER DES SCHRECKENS WURDE GEÖFFNET. FEINDE DES ERBEN, NEHMT EUCH IN ACHT
»Was hängt – da drunter?«, fragte Ron mit leichtem Zittern in der Stimme.
Zögernd gingen sie vor. Harry rutschte beinahe aus – auf dem Boden war eine große Wasserlache; Ron und Hermine hielten ihn fest, und gemeinsam näherten sie sich der Schrift an der Wand, die Augen auf den dunklen Schatten darunter gerichtet. Alle drei erkannten im selben Augenblick, was es war, und zuckten zurück.
Mrs Norris, die Katze des Hausmeisters, hing am Schwanz festgebunden vom Fackelhalter herab. Sie war steif wie ein Brett und in ihren weit aufgerissenen Augen lag ein starrer Blick.
Einige Atemzüge lang standen sie da wie angefroren. Dann sagte Ron: »Lasst uns von hier verschwinden.«
»Sollten wir nicht versuchen, ihr zu helfen –«, begann Harry verlegen.
»Glaub mir«, sagte Ron, »es ist besser, wenn uns hier niemand sieht.«
Doch es war zu spät. Ein Dröhnen, wie von fernem Donner, sagte ihnen, dass das Fest gerade zu Ende war. Von beiden Enden des Korridors näherte sich das Trappeln hunderter treppensteigender Füße und das laute, muntere Gesumme wohlgenährter Schüler: Und schon drangen sie von den Seiten herein.
Das Geschnatter und Gekicher und der Lärm starben jäh ab, als die Ersten von ihnen die aufgehängte Katze erblickten. Harry, Ron und Hermine standen allein inmitten des Durchgangs, und allmählich verstummte die ganze Schar und drängte vorwärts, um die grauenvolle Stätte zu sehen.
Dann durchbrach ein Ruf die Stille.
»Feinde des Erben, nehmt euch in Acht! Ihr seid die Nächsten, Schlammblüter!«
Es war Draco Malfoy. Er hatte sich ganz nach vorn gedrängt. Mit einem Funkeln in den kalten Augen, das sonst blutleere Gesicht gerötet, grinste er beim Anblick der starren Katze.
Die Schrift an der Wand
»Was geht hier vor? Was ist los?«
Argus Filch, angelockt von Malfoys Geschrei, keilte sich mit den Ellbogen durch die Schülerschar. Als er Mrs Norris erblickte, zuckte er erschrocken zurück und begrub entsetzt das Gesicht in den Händen.
»Meine Katze! Meine Katze! Was ist mit Mrs Norris passiert?«, jammerte er.
Und seine hervorquellenden Augen richteten sich auf Harry.
»Du!«, kreischte er, »du! Du hast meine Katze ermordet! Du hast sie getötet! Ich bring dich um! Ich –«
»Argus!«
Dumbledore hatte den Schauplatz betreten, mit etlichen Lehrern im Schlepptau. Im Nu rauschte er an Harry, Ron und Hermine vorbei und holte Mrs Norris vom Fackelhalter.
»Kommen Sie mit, Argus«, sagte er zu Filch, »und Sie auch, Mr Potter, Mr Weasley, Miss Granger.«
Beflissen trat Lockhart vor.
»Mein Büro ist am nächsten, Direktor – nur die Treppe hoch – bitte seien Sie so frei –«
»Ich danke Ihnen, Gilderoy«, sagte Dumbledore.
Die stumme Menge teilte sich, um sie durchzulassen. Lockhart, aufgeregt und mit gewichtiger Miene, eilte hinter Dumbledore her; und auch die Professoren McGonagall und Snape folgten.
Als sie Lockharts dunkles Büro betraten, gab es ein Gehusche entlang der Wände. Harry sah einige Lockharts mit Lockenwicklern in den Haaren aus den Bildern verschwinden. Der echte Lockhart zündete die Kerzen auf dem Schreibtisch an und trat zurück. Dumbledore legte Mrs Norris auf die polierte Tischplatte und begann sie zu untersuchen. Harry, Ron und Hermine tauschten gespannte Blicke und setzten sich auf Stühle außerhalb des Kerzenscheins.
Die Spitze von Dumbledores langer Hakennase war kaum drei Zentimeter von Mrs Norris’ Fell entfernt. Durch seine Halbmondbrille untersuchte er sie genau, wobei er sie mit seinen langen Fingern streichelte und anstupste. Professor McGonagall, die Augen zu Schlitzen verengt, hatte sich fast ebenso nahe zu der Katze herabgebeugt. Hinter ihnen im Halbschatten stand Snape, wachsam und mit einem höchst merkwürdigen Gesichtsausdruck: als ob er angestrengt versuchte, nicht zu lächeln. Und Lockhart tänzelte um sie alle herum und gab seine Einschätzungen zum Besten.
»Eindeutig ein Fluch, der sie umgebracht hat – vermutlich die Transmutations-Tortur – ich hab’s viele Male mit angesehen, leider war ich hier nicht dabei. Ich kenne nämlich den Gegenfluch, der sie gerettet hätte …«
Während Lockharts Auslassungen waren immer wieder Filchs trockene, markerschütternde Schluchzer zu hören. Er war auf einem Stuhl neben dem Schreibtisch zusammengesunken, das Gesicht in den Händen vergraben und nicht fähig, einen Blick auf Mrs Norris zu werfen. Sosehr er Filch verabscheute, Harry konnte nicht anders, er empfand ein wenig Mitleid für ihn, wenn auch nicht so viel wie für sich selbst. Wenn Dumbledore Filch glaubte, würde er ihn ohne Frage von der Schule weisen.
Dumbledore murmelte jetzt seltsame Worte vor sich hin und tippte Mrs Norris mit seinem Zauberstab an, doch nichts passierte: Sie sah weiterhin aus, als wäre sie gerade ausgestopft worden.
»… ich kann mich an einen ganz ähnlichen Vorfall in Ouagadogou erinnern«, sagte Lockhart, »eine Serie von Attacken, nachzulesen in meiner Autobiographie; ich konnte die Dorfbevölkerung mit verschiedenen Amuletten ausstatten, und die Sache war sofort erledigt …«
Die Lockharts an den Wänden nickten allesamt zustimmend. Einer davon hatte vergessen, sein Haarnetz abzunehmen.
Endlich richtete sich Dumbledore auf.
»Sie ist nicht tot, Argus«, sagte er sanft.
Lockhart, der gerade die Zahl der Morde zählte, die er verhindert hatte, verstummte jäh.
»Nicht tot«, würgte Filch hervor und sah Mrs Norris durch einen Fingerspalt an. »Aber warum ist sie ganz … ganz steif und erstarrt?«
»Sie wurde versteinert«, sagte Dumbledore. (»Ah! Hab ich’s mir doch gedacht!«, rief Lockhart.) »Doch wie, kann ich nicht sagen …«
»Fragen Sie ihn!«, kreischte Filch und wandte sein fleckiges und tränenverschmiertes Gesicht Harry zu.
»Kein Zweitklässler hätte das geschafft«, sagte Dumbledore bestimmt. »Dafür wäre schwarze Magie der fortgeschrittensten –«
»Er hat’s getan, er hat’s getan!«, keifte Filch und sein teigiges Gesicht lief purpurrot an. »Sie haben gesehen, was er an die Wand geschrieben hat! Er hat – in meinem Büro – er weiß, dass ich ein – ich ein –«, in Filchs Gesicht trat etwas fürchterlich Gequältes, »er weiß, dass ich ein Squib bin!«, stieß er hervor.
»Ich habe Mrs Norris nicht einmal angefasst!«, sagte Harry laut und im Bewusstsein, dass ihn alle ansahen, auch alle Lockharts an den Wänden. »Und ich weiß nicht mal, was ein Squib ist.«
»Unsinn«, schnarrte Filch, »er hat meinen Kwikzaubern-Brief gesehen!«
»Wenn ich etwas dazu sagen darf, Direktor«, sagte Snape aus dem Schatten heraus und Harrys ungute Vorahnung verstärkte sich; gewiss würde Snape nichts zu sagen haben, was ihm helfen könnte.
»Potter und seine Freunde waren vielleicht nur zur falschen Zeit am falschen Ort«, sagte er, und seine Lippen kräuselten sich in einem Anflug von Häme, als ob er dies bezweifelte, »aber wir haben hier eine Reihe von verdächtigen Umständen. Warum war er überhaupt in diesem Korridor? Warum war er nicht beim Halloween-Fest?«
Harry, Ron und Hermine sprudelten gleichzeitig los, um die Sache mit der Todestagsfeier zu erklären: »… da waren hunderte von Geistern, die werden Ihnen sagen, dass wir dort waren –«
»Aber warum seid ihr hinterher nicht zum Fest gekommen?«, sagte Snape und seine dunklen Augen glitzerten im Kerzenlicht. »Warum seid ihr hoch in diesen Korridor?«
Ron und Hermine sahen Harry an.
»Weil … weil …«, sagte Harry mit heftig pochendem Herzen, und etwas sagte ihm, es würde weit hergeholt klingen, wenn er ihnen erklärte, dass eine körperlose Stimme, die nur er hören konnte, ihn dorthin gelockt habe. »Weil wir müde waren und ins Bett gehen wollten«, sagte er.
»Ohne noch etwas zu Abend zu essen?«, fragte Snape mit einem triumphierenden Lächeln auf dem hageren Gesicht. »Ich dachte, Geister würden bei ihren Partys keine Speisen servieren, die Lebenden bekömmlich wären.«
»Wir hatten keinen Hunger«, sagte Ron laut, um ein gewaltiges Knurren seines Magens zu übertönen.
Snapes gehässiges Lächeln verwandelte sich in ein breites Grinsen.
»Ich denke, dass Potter nicht die ganze Wahrheit sagt«, verkündete er. »Es wäre angeraten, ihm gewisse Vergünstigungen zu entziehen, bis er bereit ist, uns die ganze Geschichte zu erzählen. Ich persönlich meine, er sollte aus dem Quidditch-Team ausgeschlossen werden, bis er sich entschlossen hat, alle Unklarheiten zu beseitigen.«
»Nun mal halblang, Severus«, sagte Professor McGonagall scharf, »ich sehe keinen Grund, dem Jungen das Quidditch zu verbieten. Diese Katze hat keinen Schlag mit dem Besenstiel abbekommen. Es gibt keinerlei Beweise dafür, dass Potter etwas Unrechtes getan hat.«
Dumbledore sah Harry prüfend an. Seine blinkenden hellblauen Augen gaben Harry das Gefühl, geröntgt zu werden.
»Unschuldig bis zum Beweis der Schuld, Severus«, sagte er entschieden.
Snape sah zornig aus, ebenso wie Filch.
»Meine Katze ist versteinert worden!«, kreischte er mit hüpfenden Augenbällen, »ich will eine Bestrafung sehen!«
»Wir werden sie heilen können, Argus«, sagte Dumbledore geduldig, »Professor Sprout ist es kürzlich gelungen, einige Alraunen zu züchten. Sobald sie ihre volle Größe erreicht haben, werde ich einen Trank brauen lassen, der Mrs Norris wiederbeleben wird.«
»Das erledige ich«, warf Lockhart ein. »Ich muss es schon hundertmal getan haben, ich könnte einen Alraune-Wiederbelebungstrank im Schlaf zusammenbrauen.«
»Verzeihen Sie«, sagte Snape eisig, »doch ich denke, ich bin der Experte für Zaubertränke an dieser Schule.«
Eine peinliche Pause trat ein.
»Sie können gehen«, sagte Dumbledore zu Harry, Ron und Hermine.
Sie gingen so schnell sie konnten, ohne zu rennen. Ein Stockwerk über Lockharts Büro huschten sie in ein leeres Klassenzimmer und schlossen die Tür leise hinter sich. Harry versuchte in der Dunkelheit die Gesichter seiner Freunde auszumachen.
»Meint ihr, ich hätte ihnen von der Stimme erzählen sollen, die ich gehört habe?«
»Nein«, sagte Ron ohne Zögern. »Stimmen zu hören, die niemand sonst hören kann, ist kein gutes Zeichen, nicht einmal in der Zaubererwelt.«
Etwas in Rons Stimme ließ Harry fragen: »Du glaubst mir doch, oder?«
»Natürlich«, sagte Ron rasch. »Aber, du musst zugeben, es ist unheimlich …«
»Ich weiß, es ist unheimlich«, sagte Harry. »Die ganze Geschichte ist unheimlich. Was stand da an der Wand? Die Kammer wurde geöffnet … Was soll das heißen?«
»Wart mal, da klingelt etwas in meinem Kopf«, sagte Ron langsam. »Ich glaube, jemand hat mir mal eine Geschichte über eine geheime Kammer in Hogwarts erzählt … vielleicht war es Bill …«
»Und was in aller Welt ist eigentlich ein Squib?«, fragte Harry.
Überrascht hörte er, wie Ron verdruckst kicherte.
»Nun ja – eigentlich ist es nicht lustig – aber wenn es um Filch geht«, sagte er, »ein Squib ist jemand, der aus einer Zaubererfamilie stammt, aber keine magischen Kräfte besitzt. Sozusagen das Gegenteil der Zauberer aus den Muggelfamilien, aber Squibs sind ganz selten. Wenn Filch ein wenig Magie in diesem Kwikzaubern-Kurs lernen will, muss er ein Squib sein. Das würde vieles erklären. Zum Beispiel, warum er Schüler so hasst.« Ron lächelte zufrieden. »Er ist verbittert.«
Irgendwo läutete eine Glocke.
»Mitternacht«, sagte Harry. »Wir gehen besser zu Bett, bevor Snape kommt und versucht, uns wegen etwas anderem dranzukriegen.«
Ein paar Tage lang sprachen sie in der Schule von nichts anderem als vom Angriff auf Mrs Norris. Filch erinnerte sie alle immer wieder daran, indem er am Tatort auf und ab marschierte, als ob er glaubte, der Angreifer werde zurückkehren. Harry hatte gesehen, wie er die Schrift an der Wand mit »Mrs Skowers Allzweck-Magische-Sauerei-Entferner« schrubbte, doch ohne Erfolg. Die Worte leuchteten so hell wie zuvor auf der steinernen Wand. Wenn Filch nicht den Schauplatz des Verbrechens bewachte, schlurfte er mit roten Augen durch die Gänge, stürzte sich drohend auf arglose Schüler und versuchte ihnen Nachsitzen aufzubrummen für Dinge wie »lautes Atmen« oder »glückliches Aussehen«.
Ginny Weasley schien über Mrs Norris’ Schicksal sehr betrübt zu sein. Ron zufolge war sie eine große Katzenliebhaberin.
»Aber du hast doch Mrs Norris gar nicht richtig kennen gelernt«, meinte Ron aufmunternd. »Ehrlich gesagt sind wir ohne sie viel besser dran.« Ginnys Lippen zitterten. »Solche Geschichten passieren nicht oft in Hogwarts«, versicherte ihr Ron, »sie werden den Verrückten kriegen, der es getan hat, und ihn schnurstracks rauswerfen. Ich hoffe nur, er hat Zeit, Filch zu versteinern, bevor er rausfliegt. – Ich mach nur Witze«, fügte er hastig hinzu, als Ginny erbleichte.
Der Vorfall hatte auch seine Wirkung auf Hermine. Es war durchaus üblich, dass sie viel Zeit mit Lesen verbrachte, doch jetzt tat sie fast nichts anderes mehr. Harry und Ron brachten mit ihrer Frage, was sie denn aushecke, auch nicht viel aus ihr heraus, und erst am folgenden Mittwoch erfuhren sie es.
Snape hatte Harry nach der Zaubertrankstunde zurückbehalten und ihn Ringelwürmer von den Tischen kratzen lassen. Nachdem er hastig sein Mittagessen hinuntergeschlungen hatte, ging er nach oben, um Ron in der Bibliothek zu treffen. Da kam Justin Finch-Fletchley, der Hufflepuff-Junge aus der Kräuterkunde, auf ihn zu. Harry hatte gerade den Mund aufgemacht, um hallo zu sagen, als Justin ihn bemerkte, abrupt kehrtmachte und floh.
Harry fand Ron weit hinten in der Bibliothek, wo er seine Hausaufgaben in Geschichte der Zauberei erledigte. Professor Binns hatte ihnen einen meterlangen Aufsatz über »Die Versammlung europäischer Zauberer im Mittelalter« aufgegeben.
»Ich glaub’s einfach nicht, ich hab immer noch zwanzig Zentimeter zu wenig«, sagte Ron aufgebracht und ließ sein Pergament los, das sich im Nu wieder zusammenrollte. »Und Hermine hat anderthalb Meter in ihrer Bonsai-Schrift geschafft.«
»Wo ist sie?«, fragte Harry, griff sich das Maßband und entrollte seine eigene Hausarbeit.
»Irgendwo dort drüben«, sagte Ron und deutete zu den Regalen hinüber. »Sucht ständig Bücher. Ich glaube, sie will die ganze Bibliothek noch vor Weihnachten auslesen.«
Harry erzählte Ron, dass Justin Finch-Fletchley vor ihm Reißaus genommen habe.
»Weiß nicht, weshalb dich das überhaupt beschäftigt, er kam mir ein wenig dumm vor«, sagte Ron, während er so groß wie möglich aufs Pergament krakelte. »Der ganze Unsinn über Lockhart, den sie so großartig findet –«
Hermine tauchte zwischen den Bücherregalen auf. Sie sah verärgert aus und schien endlich bereit, mit ihnen zu reden.
»Alle Exemplare der Geschichte von Hogwarts sind ausgeliehen«, sagte sie und setzte sich neben Harry und Ron. »Es gibt eine zweiwöchige Warteliste. Hätte ich doch mein Exemplar nicht zu Hause gelassen, aber es hat bei den vielen Lockhart-Büchern einfach nicht mehr in den Koffer gepasst.«
»Warum willst du es?«, fragte Harry.
»Aus dem gleichen Grund wie alle andern auch«, sagte Hermine, »um die Legende von der Kammer des Schreckens nachzulesen.«
»Was ist das?«, sagte Harry rasch.
»Das ist es ja. Ich kann mich nicht erinnern«, sagte Hermine und biss sich auf die Lippe. »Und anderswo kann ich die Geschichte auch nicht finden –«
»Hermine, lass mich deinen Aufsatz lesen«, sagte Ron, verzweifelt auf die Uhr blickend.
»Nein, das möchte ich nicht«, sagte Hermine plötzlich in strengem Ton, »du hast doch zehn Tage Zeit gehabt.«
»Ich brauch doch nur noch sechs Zentimeter, nun komm schon –«
Es läutete. Ron und Hermine gingen zankend in Geschichte der Zauberei.
Das war das langweiligste Fach auf ihrem Stundenplan. Professor Binns war der einzige Geist, den sie als Lehrer hatten, und dass er einmal das Klassenzimmer durch die Tafel betreten hatte, war das Aufregendste, was je in seinem Unterricht passiert war. Er war uralt und schrumplig, und viele Leute sagten, er habe nicht bemerkt, dass er tot sei. Er war eines Tages einfach aufgestanden, um zum Unterricht zu gehen, und hatte seinen Körper in einem Sessel vor dem Kamin im Lehrerzimmer zurückgelassen; sein Tagesablauf hatte sich seither nicht im Mindesten geändert.
Heute war es noch langweiliger als sonst. Professor Binns öffnete seine Unterlagen und begann dumpf dröhnend wie ein Staubsauger zu lesen, bis fast alle in der Klasse in einen Wachschlaf verfallen waren, nur gelegentlich aufmerkend, um einen Namen oder ein Datum zu notieren. Er hatte schon eine halbe Stunde geredet, als etwas geschah, was noch nie zuvor geschehen war. Hermine hob die Hand.
Professor Binns, inmitten eines sterbenslangweiligen Vortrags über die Internationale Zaubererversammlung von 1289, schaute verdutzt auf.
»Miss – ähm –«
»Granger, Professor. Ich frage mich, ob Sie uns nicht etwas über die Kammer des Schreckens erzählen könnten«, sagte Hermine mit heller Stimme.
Dean Thomas, der mit herabhängendem Unterkiefer dagesessen und aus dem Fenster gestarrt hatte, schreckte aus seiner Trance; Lavender Brown riss den Kopf von ihren Armen und Nevilles Ellbogen rutschte vom Tisch.
Professor Binns blinzelte.
»Mein Fach ist Geschichte der Zauberei«, sagte er mit seiner trockenen, pfeifenden Stimme. »Ich habe es mit Tatsachen zu tun, Miss Granger, nicht mit Mythen und Legenden.« Er räusperte sich, was sich anhörte wie zerbrechende Kreide, und fuhr fort: »Im September jenes Jahres hat ein Unterausschuss zyprischer Zauberer –«
Er verhaspelte sich und brach ab. Wieder ruderte Hermines Hand durch die Luft.
»Miss Grant?«
»Bitte, Sir, gehen Legenden nicht immer auf Tatsachen zurück?«
Professor Binns sah sie derart irritiert an, dass Harry sich sicher war, dass noch kein Schüler ihn je zuvor unterbrochen hatte, weder zu seinen Lebzeiten noch danach.
»Nun«, sagte Professor Binns langsam, »ja, so könnte man argumentieren, denke ich.« Er spähte zu Hermine hinüber, als ob er noch nie zuvor eine leibhaftige Schülerin gesehen hätte. »Allerdings ist die Legende, von der Sie sprechen, eine derart reißerische, geradezu lächerliche Geschichte –«
Doch nun hing die ganze Klasse an Professor Binns’ Lippen. Er sah sie mit verhangenem Blick an und aller Augen waren auf ihn gerichtet. Harry konnte sehen, dass derart ungewöhnliches Interesse Binns völlig aus dem Häuschen brachte.
»Oh, wie Sie wünschen«, sagte er langsam. »Lassen Sie mich überlegen … die Kammer des Schreckens …
Sie alle wissen natürlich, dass Hogwarts vor über tausend Jahren gegründet wurde – das genaue Datum ist nicht bekannt –, und zwar von den vier größten Hexen und Zauberern des damaligen Zeitalters. Die vier Häuser der Schule sind nach ihnen benannt: Godric Gryffindor, Helga Hufflepuff, Rowena Ravenclaw und Salazar Slytherin. Sie haben dieses Schloss gemeinsam erbaut, fern von neugierigen Muggelaugen, denn es war ein Zeitalter, als das einfache Volk die Zauberei fürchtete und Hexen und Zauberer unter grausamer Verfolgung zu leiden hatten.«
Er hielt inne, schaute sich mit trüben Augen im Raum um und fuhr dann fort.
»Ein paar Jahre lang arbeiteten die Zauberer einträchtig zusammen. Sie suchten sich junge Leute, die magische Kräfte zeigten, und brachten sie auf das Schloss, um sie auszubilden. Doch dann kam es zum Streit. Zwischen Slytherin und den andern tat sich eine wachsende Kluft auf. Slytherin wollte die Schüler, die in Hogwarts aufgenommen wurden, strenger auslesen. Er glaubte, das Studium der Zauberei müsse den durch und durch magischen Familien vorbehalten sein. Schüler mit Muggeleltern wollte er nicht aufnehmen, denn sie seien nicht vertrauenswürdig. Nach einiger Zeit kam es darüber zu einem heftigen Streit zwischen Slytherin und Gryffindor, und Slytherin verließ die Schule.«
Wieder machte Professor Binns eine Pause, schürzte die Lippen und sah dabei aus wie eine schrumplige alte Schildkröte.
»Zuverlässige historische Quellen sagen uns jedenfalls so viel«, sagte er. »Doch diese klaren Tatsachen werden überwuchert durch die phantasiereiche Legende von der Kammer des Schreckens. Dieser zufolge hat Slytherin eine Geheimkammer in das Schloss eingebaut, von der die anderen Gründer nichts wussten.
Und die Legende sagt weiter, dass Slytherin diese Kammer versiegelt hat, so dass keiner sie öffnen kann, bis sein eigener wahrer Erbe zur Schule kommt. Der Erbe allein soll in der Lage sein, die Kammer des Schreckens zu entsiegeln, den Schrecken im Innern zu entfesseln und mit seiner Hilfe die Schule von all jenen zu säubern, die es nicht wert seien, Zauberei zu studieren.«
Ein Schweigen trat ein, als er zu Ende erzählt hatte, doch es war nicht das übliche, schläfrige Schweigen, das Professor Binns’ Unterricht erfüllte. Die Stimmung war unangenehm gespannt, denn alle sahen ihn an und warteten auf mehr. Professor Binns sah ein wenig ungehalten aus.
»Die ganze Geschichte ist natürlich blühender Unsinn«, sagte er. »Natürlich haben die gelehrtesten Hexen und Zauberer die Schule nach einer solchen Kammer durchsucht, viele Male. Es gibt sie nicht. Eine Mär, die dazu taugt, den Leichtgläubigen Furcht einzujagen.«
Hermines Hand war schon wieder oben.
»Sir – was genau meinen Sie mit dem ›Schrecken‹ in der Kammer?«
»Das soll eine Art Monster sein, das nur der Erbe von Slytherin im Griff hat«, sagte Professor Binns mit seiner trockenen, schrillen Stimme.
Die Klasse tauschte beunruhigte Blicke aus.
»Ich versichere Ihnen, dieses Wesen existiert nicht«, sagte Professor Binns und blätterte durch seine Unterlagen. »Es gibt weder eine Kammer noch ein Monster.«
»Aber Sir«, sagte Seamus Finnigan, »wenn die Kammer nur von Slytherins wahrem Erben geöffnet werden kann, dann kann sie ja kein anderer finden, nicht wahr?«
»Unsinn, Flaherty«, sagte Professor Binns nun in ernsterem Ton. »Wenn eine lange Reihe von Schulleitern und Schulleiterinnen in Hogwarts das Ding nicht gefunden hat –«
»Aber, Professor«, piepste Parvati Patil, »man braucht wahrscheinlich schwarze Magie, um sie zu öffnen –«
»Wenn ein Zauberer keine schwarze Magie gebraucht, heißt das noch lange nicht, dass er sie nicht auch beherrscht, Miss Pennyfeather«, antwortete Professor Binns barsch. »Ich wiederhole, wenn Leute wie Dumbledore –«
»Aber vielleicht muss man mit Slytherin verwandt sein, also konnte Dumbledore nicht –«, begann Dean Thomas, doch Professor Binns hatte genug.
»Das reicht jetzt«, sagte er scharf. »Es ist ein Mythos! Die Kammer existiert nicht! Es gibt nicht den Zipfel eines Beweises, dass Slytherin auch nur einen geheimen Besenschrank gebaut hat! Ich bereue es, Ihnen eine so hanebüchene Legende erzählt zu haben! Wir werden jetzt, wenn Sie erlauben, zur Geschichte zurückkehren, zu den harten, glaubhaften und nachprüfbaren Tatsachen!«
Und fünf Minuten später war die Klasse wieder in ihren üblichen Wachschlaf gesunken.
»Ich hab immer gewusst, dass Salazar Slytherin ein verrückter alter Schwachkopf war«, sagte Ron zu Harry und Hermine, als sie sich nach Ende der Stunde durch die dicht gedrängten Gänge kämpften, um ihre Taschen vor dem Abendessen nach oben zu bringen. »Aber ich hab nicht gewusst, dass er diesen ganzen Unsinn mit dem reinen Blut angefangen hat. Ich wollte nicht in seinem Haus sein, und wenn man mich dafür bezahlte. Ehrlich gesagt, wenn der Sprechende Hut versucht hätte, mich nach Slytherin zu stecken, hätte ich gleich wieder den Zug nach Hause genommen …«
Hermine nickte eifrig, doch Harry sagte kein Wort. In seinem Inneren hatte sich gerade etwas schmerzhaft verkrampft.
Harry hatte Ron und Hermine nie erzählt, dass der Sprechende Hut ernsthaft erwogen hatte, ihn nach Slytherin zu stecken. Als ob es erst gestern gewesen wäre, konnte er sich noch an die leise Stimme erinnern, die in sein Ohr gesprochen hatte, als er vor einem Jahr den Hut aufgesetzt hatte.
»Du könntest groß sein, weißt du, es ist alles da in deinem Kopf, und Slytherin wird dir auf dem Weg zur Größe helfen. Kein Zweifel…«
Doch Harry, der schon gehört hatte, dass das Haus Slytherin in dem Ruf stand, schwarze Magier hervorzubringen, hatte verweifelt gedacht: »Nicht Slytherin!«, und der Hut hatte gesagt: »Nun, wenn du dir sicher bist – dann besser nach Gryffindor …«
Während der Schülerstrom sie in die eine Richtung trug, schwamm in der Gegenrichtung Colin Creevey vorbei.
»Hi, Harry!«
»Hallo, Colin«, sagte Harry beiläufig.
»Harry – Harry – ein Junge in meiner Klasse hat gesagt, dass du –«
Doch Colin war so klein, dass er nicht gegen die Welle von Schülern ankämpfen konnte, die ihn zur Großen Halle trug; sie hörten ihn noch quieken: »Bis nachher, Harry!«, und dann war er verschwunden.
»Was sagt ein Junge in seiner Klasse über dich?«, fragte Hermine.
»Dass ich der Erbe von Slytherin bin, vermute ich«, sagte Harry, und sein Magen machte eine Umdrehung, als ihm plötzlich einfiel, wie Justin Finch-Fletchley am Mittag vor ihm Reißaus genommen hatte.
»Die Leute hier glauben auch alles«, sagte Ron angewidert.
Die Menge verlor sich allmählich und die nächste Treppe nahmen sie ohne Mühe.
»Glaubst du wirklich, dass es eine Kammer des Schreckens gibt?«, fragte Ron Hermine.
»Ich weiß nicht«, sagte sie stirnrunzelnd. »Dumbledore konnte Mrs Norris nicht heilen, und deshalb denke ich, was immer sie angegriffen hat, ist vielleicht kein – nun ja – menschliches Wesen.«
Während sie sprach, bogen sie um eine Ecke und fanden sich nun ganz am Ende jenes Korridors, in dem der Angriff geschehen war. Sie hielten inne und sahen sich um. Der Schauplatz sah genauso aus wie in jener Nacht, nur hing keine steife Katze vom Fackelhalter, und ein leerer Stuhl stand an der Wand, auf der immer noch zu lesen war: »Die Kammer wurde geöffnet.«
»Da hat Filch Wache gehalten«, murmelte Ron.
Sie sahen sich an. Der Korridor war menschenleer.
»Kann nicht schaden, wenn wir uns ein wenig umsehen«, sagte Harry. Er stellte seine Tasche ab, ging auf die Knie und kroch nach Spuren suchend auf dem Boden umher.
»Brandflecken!«, sagte er, »hier – und hier –«
»Komm und schau dir das an!«, sagte Hermine, »das ist merkwürdig …«
Harry stand auf und ging hinüber zum Fenster neben der Schrift an der Wand. Hermine deutete auf die oberste Fensterscheibe, wo sich etwa zwanzig Spinnen auf einem Haufen drängten und offenbar mit aller Kraft versuchten, durch einen kleinen Riss zu kommen. Ein langer silberner Faden pendelte hin und her wie ein Seil, als ob sie alle schnell daran hochgekrabbelt wären, um hinauszugelangen.
»Hast du jemals so etwas bei Spinnen gesehen?«, sagte Hermine kopfschüttelnd.
»Nein«, sagte Harry, »und du, Ron? Ron?«
Er wandte den Kopf. Ron hielt weiten Abstand zu ihnen und schien gegen den Drang anzukämpfen, einfach wegzulaufen.
»Was ist los?«, sagte Harry.
»Ich mag keine Spinnen«, sagte Ron gepresst.
»Das hab ich nicht gewusst«, sagte Hermine und sah Ron überrascht an. »Du hast doch so oft Spinnen in Zaubertränke gemischt …«
»Gegen tote hab ich ja nichts«, sagte Ron, der sorgfältig den Blick aufs Fenster vermied. »Ich mag nur nicht, wie sie sich bewegen …«
Hermine kicherte.
»Das ist nicht komisch«, sagte Ron beleidigt. »Wenn du’s wissen willst: Als ich drei war, hat Fred meinen … meinen Teddybären in eine eklige große Spinne verwandelt, weil ich seinen Spielzauberbesen zerbrochen hatte … Du würdest sie auch nicht ausstehen können, wenn du deinen Bären geknuddelt hättest, und der hätte plötzlich zu viele Beine …«
Erschaudernd brach er ab. Hermine bemühte sich offenbar immer noch, sich das Lachen zu verkneifen. Harry hatte das dringende Gefühl, sie sollten lieber das Thema wechseln, und sagte: »Erinnert ihr euch an das viele Wasser auf dem Boden? Wo kam das her? Jemand hat es aufgewischt.«
»Es war ungefähr hier«, sagte Ron, der sich wieder gesammelt hatte, und ging ein paar Schritte an Filchs Stuhl vorbei: »Auf Höhe dieser Tür.«
Er streckte die Hand nach dem Messingtürknopf aus, zog sie aber jäh wieder zurück, als ob er sich verbrannt hätte.
»Was ist denn jetzt wieder los?«, wollte Harry wissen.
»Ich kann da nicht rein«, sagte Ron grantig. »Das ist ein Mädchenklo.«
»Ach Ron, da wird niemand drin sein«, sagte Hermine. Sie richtete sich auf und kam zu ihm herüber. »Da lebt die Maulende Myrte. Komm, lass uns mal nachsehen.«
Sie setzte sich über das große »Defekt«-Schild hinweg und öffnete die Tür. Es war der düsterste und trostloseste Toilettenraum, den Harry je betreten hatte. Unter einem riesigen gesplitterten und fleckigen Spiegel zog sich eine Reihe angeschlagener Waschbecken entlang. Der Boden war feucht und spiegelte trübe das Licht einiger Kerzenstummel wider, die in ihren Haltern ausbrannten; von den zerkratzten Holztüren der Kabinen schälte sich die Farbe ab und eine hing in den Angeln.
Hermine drückte die Finger an die Lippen und schlich hinüber zur hintersten Kabine. Dort angelangt, sagte sie: »Hallo, Myrte, wie geht es dir?«
Harry und Ron traten neugierig hinzu. Die Maulende Myrte schwebte über der Kloschüssel und drückte an einem Pickel auf ihrem Kinn herum.
»Das ist ein Mädchenklo«, sagte sie und musterte Ron und Harry misstrauisch. »Das sind keine Mädchen.«
»Nein«, stimmte ihr Hermine zu, »ich wollte ihnen nur zeigen, wie – ähm – nett du es hier hast.«
Mit einer Armbewegung deutete sie auf den schmutzigen alten Spiegel und den feuchten Boden.
»Frag sie, ob sie etwas gesehen hat«, hauchte Harry in Hermines Ohr.
»Was flüsterst du da?«, fragte Myrte und starrte ihn an.
»Nichts«, sagte Harry rasch. »Wir wollten nur fragen –«
»Ich wünschte, die Leute würden aufhören, hinter meinem Rücken zu reden!«, sagte Myrte mit tränenerstickter Stimme. »Ich hab auch Gefühle, müsst ihr wissen, obwohl ich tot bin –«
»Myrte, niemand will dich ärgern«, sagte Hermine, »Harry wollte nur –«
»Niemand will mich ärgern! Guter Witz!«, heulte Myrte. »Mein Leben hier drin war nichts als das reine Elend, und nun kommen auch noch Leute, die mir den Tod ruinieren!«
»Wir wollten dich fragen, ob du in letzter Zeit etwas Merkwürdiges gesehen hast«, sagte Hermine rasch. »Denn direkt vor der Tür wurde an Halloween eine Katze angegriffen.«
»Hast du an diesem Abend jemanden hier gesehen?«, fragte Harry.
»Ich hab nicht drauf geachtet«, sagte Myrte aufbrausend. »Peeves hat mich derart zur Verzweiflung getrieben, dass ich hierher geflüchtet bin und versucht habe, mich umzubringen. Dann ist mir natürlich eingefallen, dass ich … dass ich …«
»Dass du schon tot bist«, half Ron ihr weiter.
Myrte stieß ein dramatisches Schluchzen aus, stieg hoch in die Luft, drehte sich um und stürzte sich, die drei mit Wasser bespritzend, kopfüber in die Kloschüssel, wo sie verschwand; ihren dumpfen Schluchzern nach zu schließen, war sie irgendwo im Abflussrohr zur Ruhe gekommen.
Harry und Ron standen mit offenen Mündern da, doch Hermine zuckte matt die Achseln und meinte: »Offen gestanden war das für Myrtes Verhältnisse eine fast fröhliche Unterhaltung … kommt, gehen wir.«
Harry hatte kaum die Tür hinter Myrtes gurgelnden Schluchzern zugeschlagen, als eine laute Stimme die drei zusammenzucken ließ.
»RON!«
Percy Weasley, mit glänzendem Vertrauensschülerabzeichen, stand wie angewurzelt am Treppenabsatz, mit dem Ausdruck ungläubigen Staunens auf dem Gesicht.
»Das ist ein Mädchenklo!«, sagte er entsetzt, »was habt ihr –?«
»Haben uns nur ein wenig umgesehen«, meinte Ron achselzuckend, »Spuren, weißt du –«
Percy schwoll auf eine Weise an, die Harry stark an Mrs Weasley erinnerte. »Verschwindet – auf – der – Stelle«, sagte er, schritt auf sie zu und begann sie mit den Armen fuchtelnd fortzuscheuchen. »Ist euch denn egal, was das für einen Eindruck macht? Hierher zurückzukommen, während alles beim Abendessen ist?«
»Warum sollten wir nicht hier sein?«, versetzte Ron aufgebracht. Er hielt an und stellte sich wütend vor Percy auf. »Hör zu, wir haben diese Katze nicht angerührt!«
»Das hab ich auch Ginny gesagt«, sagte Percy erbost, »aber sie denkt offenbar immer noch, dass ihr von der Schule fliegt, ich hab sie nie so aufgeregt gesehen, sie heult sich die Augen aus, denk doch mal an sie, alle Erstklässler sind wegen dieser ganzen Geschichte völlig aus dem Häuschen –«
»Dir ist Ginny doch egal«, sagte Ron und die Ohren liefen ihm jetzt rot an. »Du machst dir nur Sorgen, dass ich dir die Chance vermassle, Schulsprecher zu werden –«
»Fünf Punkte Abzug für Gryffindor!«, sagte Percy barsch und befingerte sein Vertrauensschülerabzeichen. »Und ich hoffe, das ist dir eine Lektion! Keine Detektivarbeit mehr, oder ich schreibe an Mum!«
Und er schritt davon, sein Nacken so rot wie Rons Ohren.
Harry, Ron und Hermine setzten sich an diesem Abend im Gemeinschaftsraum so weit wie möglich von Percy weg. Ron war immer noch schlecht gelaunt und bekleckste ständig seine Zauberkunst-Hausaufgaben. Als er gedankenverloren nach seinem Zauberstab griff, um die Kleckse zu entfernen, fing das Pergament Feuer. Ron, der vor Zorn fast so rauchte wie seine Hausaufgaben, schlug das Lehrbuch der Zaubersprüche, Band 2 zu. Zu Harrys Überraschung tat es ihm Hermine gleich.
»Aber wer könnte es denn sein?«, sagte sie mit ruhiger Stimme, als würde sie gerade ein Gespräch fortsetzen. »Wer würde alle Squibs und Muggelkinder aus Hogwarts vertreiben wollen?«
»Überlegen wir mal«, sagte Ron mit gespielter Ratlosigkeit, »wer, den wir kennen, denkt, Muggelkinder seien Abschaum?«
Er sah Hermine an. Hermine gab den Blick zurück, nicht gerade überzeugt. »Wenn du von Malfoy redest –«
»Natürlich tue ich das!«, sagte Ron, »du hast ihn gehört – »Ihr seid die Nächsten, Schlammblüter!« –, du musst dir nur sein fieses Rattengesicht ansehen, dann weißt du, dass er es ist –«
»Malfoy, der Erbe von Slytherin?«, sagte Hermine zweifelnd.
»Schau dir seine Familie an«, sagte Harry und schlug ebenfalls seine Bücher zu. »Die ganze Bande war in Slytherin, damit prahlt er doch immer. Sie könnten ohne weiteres die Nachfahren von Slytherin sein. Sein Vater ist böse genug.«
»Vielleicht haben sie schon seit Jahrhunderten den Schlüssel zur Kammer des Schreckens!«, sagte Ron, »geben ihn immer weiter, die Väter den Söhnen …«
»Gut«, Hermine zögerte, »ich denke, es wäre möglich …«
»Aber wie beweisen wir es?«, fragte Harry.
»Es könnte da eine Möglichkeit geben«, sagte Hermine langsam, und mit einem raschen Blick hinüber zu Percy senkte sie ihre Stimme noch weiter. »Natürlich ist es schwierig. Und gefährlich, sehr gefährlich. Wir würden wahrscheinlich fünfzig Schulregeln brechen, fürchte ich –«
»Wenn du irgendwann mal Lust haben solltest, uns das näher zu erklären, vielleicht in einem Monat oder so, dann sag einfach Bescheid?«, sagte Ron gereizt.
»Na gut«, sagte Hermine kühl. »Wir müssen in den Gemeinschaftsraum der Slytherins kommen und Malfoy ein paar Fragen stellen, ohne dass er merkt, dass wir es sind.«
»Aber das ist unmöglich«, sagte Harry, und Ron lachte auf.
»Nein, ist es nicht«, sagte Hermine. »Alles, was wir brauchen, wäre ein wenig Vielsaft-Zaubertrank.«
»Was ist das?«, fragten Ron und Harry wie aus einem Munde.
»Snape hat es neulich im Unterricht erwähnt –«
»Glaubst du, wir haben in Zaubertränke nichts Besseres zu tun, als Snape zuzuhören?«, murrte Ron.
»Er verwandelt einen in jemand anderen. Denkt darüber nach! Wir könnten uns in drei Slytherins verwandeln. Keiner würde wissen, dass wir es sind. Malfoy würde wahrscheinlich alles vor uns ausplaudern. Er prahlt damit bestimmt gerade jetzt im Gemeinschaftsraum der Slytherins, wenn wir ihn nur hören könnten.«
»Dieses Vielsaft-Zeugs klingt mir ein wenig tückisch«, sagte Ron stirnrunzelnd. »Was, wenn wir stecken bleiben und für immer wie drei Slytherins aussehen?«
»Nach einer Weile verliert sich die Wirkung«, sagte Hermine, ungeduldig mit der Hand wedelnd, »aber an das Rezept zu kommen wird schwierig werden. Snape meinte, es sei in einem Buch namens Höchst potente Zaubertränke, und es wird sicher in der Verbotenen Abteilung der Bibliothek sein.«
Es gab nur eine Möglichkeit, ein Buch aus der Verbotenen Abteilung zu bekommen: Sie brauchten die schriftliche Erlaubnis eines Lehrers.
»Schwer einzusehen, warum wir eigentlich das Buch brauchen sollten«, sagte Ron, »wenn wir nicht einen der Zaubertränke zusammenbrauen wollen.«
»Ich glaube«, sagte Hermine, »wenn wir so tun, als ob wir einfach an der Theorie interessiert wären, haben wir vielleicht eine Chance …«
»Ach komm, kein Lehrer wird darauf reinfallen«, sagte Ron. »Der müsste schon ziemlich blöde sein.«
Der besessene Klatscher
Seit der unrühmlichen Geschichte mit den Wichteln hatte Professor Lockhart keine lebenden Geschöpfe mehr in den Unterricht gebracht. Stattdessen las er ihnen aus seinem Buch vor und manchmal spielte er einige der dramatischeren Geschehnisse daraus nach. Für diese Aufführungen bat er meist Harry um Hilfe. So hatte er ihn schon genötigt, einen einfachen Dörfler aus Transsylvanien zu spielen, den Lockhart von einem Babbelfluch geheilt hatte, einen Yeti mit einem Schnupfen und einen Vampir, der, seit Lockhart sich ihn zur Brust genommen hatte, nichts mehr außer Kopfsalat essen konnte.
Auch in der nächsten Stunde Verteidigung gegen die dunklen Künste holte Lockhart Harry vor die Klasse und diesmal musste er einen Werwolf spielen. Er hätte sich am liebsten geweigert, doch hatte er einen sehr guten Grund, Lockhart bei Laune zu halten.
»Ein schönes lautes Heulen, Harry – genau – und dann, stellt euch vor, stürze ich mich auf ihn – wie jetzt – und drück ihn zu Boden – so – mit der einen Hand halte ich ihn unten – mit der andern steche ich den Zauberstab gegen seine Kehle – dann nehme ich meine letzten Kräfte zusammen und führe den immens komplizierten Homorphus-Zauber aus – der Werwolf fiept jämmerlich – weiter, Harry – noch höher – gut – der Pelz verschwindet – die Reißzähne schrumpfen – und er verwandelt sich zurück in einen Menschen. Einfach, aber wirksam. Und noch ein Dorf wird meiner auf ewig gedenken als jenes Helden, der es von den Schrecken der allmonatlichen Werwolfangriffe erlöst hat.«
Die Glocke läutete. Lockhart stand auf.
»Hausaufgaben: Schreibt ein Gedicht über meinen Sieg über den Wagga Wagga Werwolf! Mein Buch Magisches Ich mit Autogramm als Belohnung für das beste Gedicht!«
Das Klassenzimmer begann sich zu leeren. Harry ging nach hinten, wo Ron und Hermine auf ihn warteten.
»Fertig?«, wisperte Harry.
»Warte, bis alle draußen sind«, sagte Hermine nervös. »So, jetzt …«
Ein Blatt Papier zwischen die Finger gepresst, ging sie nach vorn zu Lockharts Tisch. Harry und Ron folgten ihr auf den Fersen.
»Ähm – Professor Lockhart?«, stammelte Hermine, »ich möchte gerne – dieses Buch – aus der Bibliothek haben. Nur zur Hintergrundlektüre.« Mit ein wenig zittriger Hand zeigte sie ihm das Blatt. »Das Problem ist nur, es steht in der Verbotenen Abteilung, also brauche ich einen Lehrer, der mir diese Erlaubnis unterschreibt – ich bin sicher, es hilft mir zu verstehen, was Sie in Gammeln mit Ghulen über langsam wirkende Gifte sagen –«
»Ah, Gammeln mit Ghulen!«, sagte Lockhart und griff mit einem breiten Lächeln nach Hermines Blatt. »Vielleicht mein Lieblingsbuch. Hat es Ihnen gefallen?«
»O ja«, sagte Hermine respektvoll, »so schlau, wie Sie diesen letzten mit dem Teesieb gefangen haben –«
»Nun, sicher wird niemand etwas dagegen haben, wenn ich meiner besten Schülerin in diesem Jahr noch ein wenig weiterhelfe«, sagte Lockhart herzlich und zückte einen riesigen Pfauenfederhalter. »Ja, hübsch, nicht wahr?«, sagte er, Rons empörten Blick missdeutend, »ich benutz ihn normalerweise nur, um Bücher zu signieren.«
Er malte einen riesigen, verschlungenen Namenszug aufs Papier und reichte es Hermine zurück.
»So, Harry«, sagte Lockhart, während Hermine das Blatt mit fahriger Hand zusammenfaltete und es in die Tasche gleiten ließ. »Morgen ist das erste Quidditch-Spiel der Saison? Gryffindor gegen Slytherin? Wie ich höre, sind Sie ein brauchbarer Spieler. Auch ich war mal Sucher. Man hat mich gebeten, in der Nationalmannschaft zu spielen, doch ich zog es vor, mein Leben der Auslöschung der dunklen Kräfte zu widmen. Trotzdem, wenn Sie je das Bedürfnis nach ein wenig Einzeltraining haben, zögern Sie nicht zu fragen. Bin immer gern bereit, meine Erfahrung an weniger gute Spieler weiterzugeben …«
Harry gab einen undeutlichen Kehllaut von sich und hastete dann Ron und Hermine nach.
»Ich fass es einfach nicht«, sagte er, als die drei sich die Unterschrift auf dem Papier ansahen. »Er hat nicht mal nachgesehen, welches Buch wir wollen.«
»Er ist eben ein hirnloser Aufschneider«, sagte Ron. »Aber was soll’s, wir haben, was wir brauchen –«
»Er ist kein hirnloser Aufschneider«, sagte Hermine schrill, und im Laufschritt machten sie sich auf den Weg in die Bibliothek.
»Nur weil er gesagt hat, dass du dieses Jahr die beste Schülerin bist –«
Sie senkten die Stimmen und traten in die Stille der Bibliothek. Madam Pince, die Bibliothekarin, war eine dürre, reizbare Gestalt, die aussah wie ein unterernährter Geier.
»Höchst potente Zaubertränke?«, wiederholte sie misstrauisch und wollte Hermine das Papier aus der Hand ziehen, doch Hermine ließ nicht los.
»Ich würd es so gerne behalten«, hauchte sie.
»Ach, komm schon«, sagte Ron. Er zerrte ihr das Papier aus der Hand und klatschte es Madam Pince hin. »Wir holen dir noch ein Autogramm, Lockhart unterschreibt ja alles, wenn es lang genug still steht.«
Madam Pince hielt das Blatt hoch gegen das Licht, als wäre sie entschlossen, eine Fälschung aufzuspüren, doch es hielt ihrer Prüfung stand. Sie stakste davon und verschwand zwischen den hohen Regalen. Ein paar Minuten später kehrte sie mit einem großen, schimmlig aussehenden Buch zurück. Hermine steckte es vorsichtig in die Tasche, und während sie die Bibliothek verließen, achteten sie sorgfältig darauf, nicht allzu schnell zu gehen oder zu schuldbewusst dreinzuschauen.
Fünf Minuten später hatten sie sich wieder im kaputten Klo der Maulenden Myrte verschanzt. Hermine hatte sich gegen Rons Einwände durchgesetzt und darauf hingewiesen, dass dies der letzte Ort sei, den jemand aufsuchen würde, der noch alle Tassen im Schrank hatte. Hier würden sie jedenfalls nicht gestört werden. Die Maulende Myrte weinte geräuschvoll in ihrer Kabine, doch sie beachteten sie nicht, und Myrte tat es ihnen gleich.
Vorsichtig schlug Hermine Höchst potente Zaubertränke auf und die drei beugten sich über die stockfleckigen Seiten. Ein Blick sagte ihnen, warum es in die Verbotene Abteilung gehörte. Einige der Zaubertränke hatten derart gruslige Wirkungen, dass sie es sich lieber nicht ausmalten, und es gab einige gräuliche Abbildungen, darunter ein Mann, dessen Inneres nach außen gekehrt war, und eine Hexe, der etliche Arme aus dem Kopf sprossen.
»Da ist es«, sagte Hermine aufgeregt und deutete auf die Seite mit der Überschrift Der Vielsaft-Trank. Bebildert war sie mit Zeichnungen von Menschen, die schon halb in andere Menschen verwandelt waren. Harry hoffte inständig, dass der Ausdruck heftiger Schmerzen auf ihren Gesichtern auf das Konto der Künstlerphantasie ging.
»Das ist der komplizierteste Trank, von dem ich je gehört hab«, sagte Hermine, während sie das Rezept überflogen. »Florfliegen, Blutegel, Flussgras und Knöterich«, murmelte sie und fuhr mit dem Finger über die Zutatenliste. »Nun gut, das ist recht einfach, das ist im Vorratsschrank für die Schüler, da können wir uns bedienen … oh, seht mal, gemahlenes Horn eines Zweihorns – weiß nicht, wo wir das herkriegen sollen –, klein geschnittene Haut einer Baumschlange – auch das wird nicht einfach sein – und natürlich ein Stück von demjenigen, in den wir uns verwandeln wollen.«
»Wie bitte?«, sagte Ron schockiert, »was meinst du damit, ein Stück von dem, in den wir uns verwandeln? Ich trinke nichts mit Crabbes Zehennägeln drin –«
Hermine fuhr fort, als hätte sie ihn nicht gehört.
»Darüber müssen wir uns jetzt noch keine Sorgen machen, weil wir diese Stückchen zuletzt reintun …«
Ron hatte es die Sprache verschlagen. Er wandte sich Harry zu, der jedoch ein anderes Problem hatte.
»Ist dir klar, wie viel wir stehlen müssen, Hermine? Klein geschnittene Haut einer Baumschlange, das ist bestimmt nicht im Schülerschrank, was sollen wir tun, bei Snape einbrechen und seine privaten Vorräte klauen? Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist …«
Hermine knallte das Buch zu.
»Nun, wenn ihr kalte Füße kriegt, schön«, sagte sie. Rosa Flecken waren auf ihren Wangen erschienen und ihre Augen waren ungewöhnlich hell. »Ich will ja keine Regeln brechen, wisst ihr. Ich glaube, Schüler aus Muggelfamilien zu bedrohen ist viel schlimmer als einen schwierigen Zaubertrank zu brauen. Aber wenn ihr nicht rausfinden wollt, ob es wirklich Malfoy ist, geh ich jetzt gleich zu Madam Pince und geb das Buch wieder zurück –«
»Hätte nie gedacht, dass ich den Tag erleben würde, an dem du uns dazu überredest, die Regeln zu brechen«, sagte Ron. »Na gut, wir machen mit. Aber keine Zehennägel, ist das klar!?«
»Wie lange brauchen wir eigentlich dafür?«, fragte Harry.
Hermine, jetzt mit glücklicherer Miene, schlug das Buch wieder auf.
»Na ja, wenn das Flussgras bei Vollmond gezupft werden muss und die Florfliegen einundzwanzig Tage schmoren müssen … würd ich schätzen, wenn wir alle Zutaten kriegen können, bin ich in einem Monat fertig.«
»Ein Monat«, sagte Ron. »Bis dahin könnte Malfoy alle Schüler aus Muggelfamilien angreifen!«
Doch Hermines Augen verengten sich abermals bedrohlich und rasch erwiderte sie: »Aber einen besseren Plan haben wir nicht. Also volle Kraft voraus, meine ich.«
Hermine sah nach, ob draußen vor dem Klo die Luft rein war, und Ron brummte Harry zu: »Wir hätten viel weniger Scherereien, wenn du Malfoy morgen einfach vom Besen hauen könntest.«
Harry wachte am Samstagmorgen früh auf, und während er noch eine Weile liegen blieb, dachte er über das Quidditch-Spiel nach. Er war aufgeregt, vor allem bei dem Gedanken, was Wood sagen würde, wenn Gryffindor verlöre, aber auch bei der Vorstellung, dass sie es mit einer Mannschaft zu tun hatten, die mit den schnellsten Rennbesen ausgestattet war, die mit Gold zu kaufen waren. Nie hatte er sich sehnlicher gewünscht, Slytherin zu schlagen. Nachdem er eine halbe Stunde mit brennenden Eingeweiden dagelegen hatte, stand er auf, zog sich an und ging zeitig hinunter zum Frühstück. Die anderen aus der Gryffindor-Mannschaft saßen bereits an dem langen leeren Tisch zusammen, alle mit gespannten Mienen und recht schweigsam.
Gegen elf machte sich die ganze Schule auf den Weg zum Quidditch-Stadion. Es war ein windstiller Tag und ein Gewitter lag in der Luft. Harry wollte gerade in den Umkleideraum gehen, als Ron und Hermine herübergerannt kamen, um ihm Glück zu wünschen. Die Mannschaft zog ihre scharlachroten Gryffindor-Umhänge an und setzte sich dann auf die Bänke, um wie üblich Woods aufmunternden Worten vor dem Spiel zu lauschen.
»Die Slytherins haben bessere Besen als wir«, begann er, »zwecklos, das zu bestreiten. Aber wir haben bessere Spieler auf unseren Besen. Wir haben härter trainiert als sie, wir sind bei jedem Wetter geflogen« – (»Wie wahr«, brummte George Weasley, »seit August bin ich nicht mehr richtig trocken gewesen«) – »und wir werden sie den Tag bereuen lassen, an dem sie es zuließen, dass dieses kleine Stück Schleim, Malfoy, sich in ihre Mannschaft einkaufte.«
Die Brust vor Überschwang geschwellt, wandte sich Wood an Harry.
»Es liegt an dir, Harry, ihnen zu zeigen, dass ein Sucher etwas mehr haben muss als einen reichen Vater. Schnapp dir diesen Schnatz, bevor es Malfoy tut, oder stirb bei dem Versuch, Harry, denn wir müssen heute unbedingt gewinnen.«
»Kein Erwartungsdruck also, Harry«, sagte Fred und zwinkerte ihm zu.
Sie gingen hinaus aufs Spielfeld, wo sie mit höllischem Lärm begrüßt wurden. Es war vor allem Anfeuerungsgeschrei, denn die Ravenclaws und Hufflepuffs waren scharf darauf, die Slytherins endlich geschlagen zu sehen, doch die Slytherins unter den Zuschauern buhten und pfiffen ebenfalls unüberhörbar. Madam Hooch, die Quidditch-Lehrerin, forderte Flint und Wood zum Händedruck auf, und unter drohenden Blicken packten sie härter zu als nötig.
»Auf meinen Pfiff geht’s los«, sagte Madam Hooch. »Also, drei … zwei … eins …«
Unter dem Geschrei der Menge stiegen die vierzehn Spieler hoch in den bleigrauen Himmel. Harry flog höher als alle andern und hielt Ausschau nach dem Schnatz.
»Alles klar dort, Narbengesicht?«, schrie Malfoy und raste unter ihm durch, als ob er ihm zeigen wollte, wie schnell sein Besen war.
Harry hatte keine Zeit zu antworten. In ebendiesem Moment kam ein schwerer schwarzer Klatscher auf ihn zugeschossen, dem er nur um Haaresbreite ausweichen konnte.
»Das war knapp, Harry!«, sagte George und brauste mit dem Schläger in der Hand an ihm vorbei, um den Klatscher zurück in Richtung der Slytherins zu treiben. Harry sah, wie George dem Klatscher einen kräftigen Schlag versetzte, der ihn zu Adrian Pucey hinüberjagen sollte, doch der Klatscher machte mitten im Flug kehrt und schoss abermals auf Harry zu.
Harry tauchte rasch ab, um ihm auszuweichen, und George schaffte es, den Klatscher mit einem harten Schlag auf Malfoy zuzutreiben. Doch wieder machte der Klatscher in weitem Bogen wie ein Bumerang kehrt und schoss erneut auf Harrys Kopf zu.
Harry legte einen Spurt ein und jagte auf das andere Ende des Feldes zu. Er konnte den Klatscher hinter sich pfeifen hören. Was ging da vor? Klatscher verlegten sich nie so hartnäckig auf einen Spieler, es war ihre Aufgabe, so viele Leute wie möglich von den Besen zu werfen …
Fred Weasley wartete am anderen Ende auf den Klatscher. Harry duckte sich, Fred schlug mit aller Kraft gegen den Klatscher und schaffte es, ihn aus der Flugbahn zu werfen.
»Das war’s!«, rief Fred glücklich, doch damit lag er falsch; als würde Harry den Klatscher anziehen wie ein Magnet, jagte er ihm erneut nach und Harry musste so schnell er konnte das Weite suchen.
Es hatte zu regnen begonnen; schwere Tropfen schlugen gegen Harrys Gesicht und seine Brillengläser. Er hatte keine Ahnung, was im Spiel sonst noch vor sich ging, bis er Lee Jordan, den Stadionsprecher, rufen hörte: »Slytherin in Führung, sechzig zu null Punkte –«
Die überlegenen Besen der Slytherins taten eindeutig ihre Wirkung, während der verrückte Klatscher alles unternahm, um Harry vom Besen zu schlagen. Fred und George flogen jetzt so dicht neben ihm, dass Harry nichts außer ihren rudernden Armen sehen konnte und keine Chance hatte, den Schnatz auszumachen, geschweige denn ihn zu fangen.
»Jemand hat an diesem Klatscher herumgebosselt«, grummelte Fred und schlug mit aller Kraft gegen den Ball, als der einen neuen Angriff auf Harry startete.
»Wir brauchen eine Auszeit«, sagte George und versuchte, Wood ein Zeichen zu geben und zugleich den Klatscher daran zu hindern, Harrys Nase zu zertrümmern.
Wood hatte offenbar verstanden. Madam Hoochs Pfeife schrillte, und Harry, Fred und George gingen im Sinkflug zu Boden, wobei sie darauf achten mussten, dem verrückt gewordenen Klatscher auszuweichen.
»Was ist los?«, fragte Wood, als die Gryffindor-Mannschaft sich unter lautem Johlen der Slytherins zu einem Kreis zusammendrängte. »Wir werden plattgemacht. Fred und George, wo wart ihr, als dieser Klatscher Angelina am Torschuss gehindert hat?«
»Wir waren zehn Meter über ihr und haben verhindert, dass der andere Klatscher Harry umbringt, Oliver«, sagte George wütend. »Jemand hat ihn verhext, er lässt Harry nicht in Ruhe und ist das ganze Spiel über hinter niemand anderem her. Die Slytherins müssen da etwas gedreht haben.«
»Aber die Klatscher waren seit unserem letzten Training in Madam Hoochs Büro eingeschlossen und da waren sie noch in Ordnung …«, sagte Wood aufgebracht.
Madam Hooch kam auf sie zugeschritten. Hinter ihr sah Harry die Slytherin-Mannschaft johlend in seine Richtung deuten.
»Hört mal zu«, sagte Harry, während Madam Hooch näher kam, »wenn ihr beide die ganze Zeit um mich herumfliegt, kann ich den Schnatz nur kriegen, wenn er mir den Ärmel hochsaust. Geht zurück zu den anderen und lasst mich mit dem Kerlchen alleine fertig werden.«
»Sei doch nicht blöd«, sagte Fred, »er schießt dir den Kopf ab.«
Wood blickte abwechselnd Harry und die Weasleys an.
»Oliver, das ist verrückt«, sagte Alicia Spinnet wütend, »ihr könnt Harry mit dem Ding nicht alleine lassen: Wir brauchen eine Untersuchung!«
»Wenn wir jetzt aufhören, müssen wir das Spiel abschreiben!«, sagte Harry, »und nur wegen eines durchgedrehten Klatschers wollen wir doch nicht gegen die Slytherins verlieren! Komm schon, Oliver, sag ihnen, dass sie mich allein lassen sollen!«
»Das ist alles deine Schuld«, sagte George wutentbrannt zu Wood, »›hol den Schnatz oder stirb bei dem Versuch‹ – das war saudumm von dir, ihm das zu sagen.«
Madam Hooch war jetzt bei ihnen.
»Bereit, wieder zu spielen?«, fragte sie Wood.
Wood sah den entschlossenen Ausdruck auf Harrys Gesicht.
»Alles klar«, sagte er. »Fred und George, ihr habt Harry gehört – er will es mit dem Klatscher alleine aufnehmen.«
Es regnete jetzt stärker. Auf Madam Hoochs Pfiff hin stieß sich Harry mit aller Kraft vom Boden ab und schon hörte er den Klatscher Unheil verkündend hinter sich herzischen. Harry stieg immer höher. Er zog weite Schlaufen und legte Loopings ein, flog Spiralen und im Zickzack und rollte sich seitlich weg; ihm war leicht schwindlig, dennoch hielt er die Augen weit geöffnet; der Regen klatschte gegen seine Brille und lief ihm die Nase hoch, während er sich vom Besen hängen ließ, um einem weiteren tückischen Angriff des Klatschers auszuweichen. Er konnte einige Zuschauer lachen hören, und ihm war klar, dass er albern aussehen musste, doch der Klatscher war schwer und konnte die Richtung nicht so schnell ändern wie Harry. Er legte eine Achterbahnfahrt hin, flog um das Stadion herum und linste durch die silbernen Regenschleier hinüber zu den Torpfosten der Slytherins, wo Adrian Pucey versuchte, an Wood vorbeizukommen –
Ein Pfeifen in Harrys Ohr sagte ihm, dass der Klatscher ihn eben wieder knapp verfehlt hatte; er legte sich in die Kurve und rauschte in die andere Richtung davon.
»Trainierst du fürs Ballett, Potter?«, rief Malfoy, als Harry mitten in der Luft einen albernen Tanz aufführen musste, um dem Klatscher zu entgehen. Er schaffte es jedoch, ein paar Meter zwischen sich und dem Klatscher zu gewinnen; und dann, als er voller Hass auf Malfoy zurückblickte, sah er ihn – den Goldenen Schnatz. Er schwebte ein paar Zentimeter über Malfoys linkem Ohr. Und Malfoy, ganz damit beschäftigt, Harry auszulachen, hatte ihn nicht bemerkt.
Einen quälenden Moment lang schwebte Harry mitten in der Luft und wagte es nicht, auf Malfoy loszurasen, aus Furcht, er würde hochschauen und den Schnatz bemerken.
WAMM.
Eine Sekunde zu lange hatte er angehalten. Der Klatscher hatte schließlich doch noch getroffen. Er war gegen seinen Ellbogen geknallt, und Harry spürte, dass sein Arm gebrochen war. Mit getrübtem Blick und betäubt von dem stechenden Schmerz glitt er auf seinem regennassen Besen zur Seite und ließ sich mit geknicktem Knie von seinem Besenstiel hängen, der rechte Arm pendelte nutzlos an seiner Seite. Der Klatscher kam für einen zweiten Angriff zurückgeschossen und diesmal zielte er auf sein Gesicht. Harry kurvte ihm aus dem Weg. Nur noch einen einzigen Gedanken hielt er in seinem betäubten Kopf fest: Schaff es noch zu Malfoy.
Durch den Schleier aus Regen und Schmerz tauchte er zu dem schimmernden, grinsenden Gesicht unter sich ab und sah Malfoy die Augen vor Angst aufreißen: Er dachte, Harry würde ihn angreifen.
»Was zum –«, keuchte er und jagte vor Harry davon.
Harry nahm seine gesunde Hand vom Besen und griff blitzartig zu; er spürte, wie sie sich um den kalten Schnatz zusammenballte, doch nun hing er nur noch mit den Beinen am Besen. Verzweifelt bemüht, nicht ohnmächtig zu werden, schoss er auf den Boden zu. Die Zuschauer schrien auf.
Schlamm spritzte auf, als er unten aufschlug und sich vom Besen rollte. Sein Arm hing in einem sehr merkwürdigen Winkel an ihm herab: Von Schmerzen geschüttelt, hörte er wie aus weiter Ferne vielstimmiges Pfeifen und Rufen. Er achtete nur noch auf den Schnatz in seiner gesunden Hand.
»Aha«, nuschelte er, »wir haben gewonnen.«
Und dann wurde es schwarz um ihn.
Als er wieder zu sich kam, lag er immer noch auf dem Feld. Regen trommelte auf sein Gesicht und jemand beugte sich über ihn. Er sah Zähneglitzern.
»O nein, nicht der«, stöhnte Harry.
»Weiß nicht, was er sagt«, verkündete Lockhart mit lauter Stimme der gespannten Schar von Gryffindors, die sich um sie drängten. »Keine Sorge, Harry. Ich richte das mit Ihrem Arm.«
»Nein!«, schrie Harry, »ich behalt ihn so, wie er ist, danke …«
Er versuchte sich aufzurichten, doch der stechende Schmerz ließ ihn wieder zurücksinken. Da hörte er ein vertrautes Klicken in der Nähe.
»Davon will ich kein Foto, Colin«, sagte er laut.
»Legen Sie sich wieder hin, Harry«, sagte Lockhart besänftigend, »das ist ein einfacher Zauber, den ich unzählige Male durchgeführt habe –«
»Warum kann ich nicht einfach hinüber in den Krankenflügel?«, sagte Harry mit zusammengebissenen Zähnen.
»Das sollte er tatsächlich, Professor«, sagte der schlammbespritzte Wood, der nicht umhinkonnte zu grinsen, obwohl sein Sucher verletzt war. »Großer Fang, Harry, wirklich hervorragend, dein bester, würd ich sagen –«
Durch das Beingewimmel um ihn her erkannte Harry Fred und George Weasley, die den besessenen Klatscher mit Mühe und Not in einer Kiste verstauten. Er lieferte ihnen immer noch einen verbissenen Kampf.
»Zurücktreten«, sagte Lockhart und rollte seine jadegrünen Ärmel hoch.
»Nein – nicht –«, sagte Harry matt, doch Lockhart fuchtelte schon mit seinem Zauberstab herum und richtete ihn jetzt direkt auf Harrys Arm.
An Harrys Schulter begann sich ein merkwürdiges und unangenehmes Gefühl auszubreiten, das sich bis in die Fingerspitzen zog: Es war, als würde sein Arm ausgepumpt. Er wagte nicht hinzusehen, hielt die Augen geschlossen und das Gesicht vom Arm abgewandt. Und seine schlimmsten Befürchtungen bewahrheiteten sich, als sie über ihm die Münder aufrissen und Colin Creevey wie verrückt zu knipsen begann. Sein Arm tat nicht mehr weh, aber er fühlte sich auch nicht mehr an wie ein Arm.
»Tja«, sagte Lockhart. »Tja. Nun, das kann schon mal passieren. Entscheidend jedoch ist, dass die Knochen nicht mehr gebrochen sind. Das muss man sich merken. So, Harry, dann trollen Sie sich mal hoch zum Krankenflügel – ähm, Mr Weasley, Miss Granger, würden Sie ihn begleiten? Madam Pomfrey wird ihn dann schon – ähem – ein wenig zusammenflicken.«
Harry richtete sich auf. Er fühlte sich merkwürdig seitlastig. Er holte tief Luft und blickte an seiner rechten Schulter hinunter. Und was er da sah, ließ ihn beinahe wieder ohnmächtig werden.
Unter seinem Umhang lugte etwas hervor, das aussah wie ein dicker, fleischfarbener Gummihandschuh. Er versuchte die Finger zu bewegen. Nichts passierte.
Lockhart hatte Harrys Knochen nicht repariert. Er hatte sie zum Verschwinden gebracht.
Madam Pomfrey war alles andere als erfreut.
»Sie hätten gleich zu mir kommen sollen!«, tobte sie und hielt den traurigen lahmen Überrest dessen in die Höhe, was vor einer halben Stunde noch ein gesunder Arm gewesen war. »Ich kann Knochen in einer Sekunde wieder heilen – aber neu wachsen lassen –«
»Das werden Sie doch schaffen, nicht wahr?«, sagte Harry verzweifelt.
»Ich werde es schaffen, selbstverständlich, aber es wird schmerzhaft sein«, sagte Madam Pomfrey grimmig und warf Harry einen Schlafanzug aufs Bett. »Sie werden die Nacht über hierbleiben müssen …«
Hermine wartete vor dem Vorhang um Harrys Bett, während Ron ihm in den Schlafanzug half. Es dauerte eine Weile, bis der gummiartige, knochenlose Arm in einen Ärmel gestopft war.
»Wie kannst du jetzt noch zu Lockhart halten, Hermine?«, rief Ron durch den Vorhang, während er Harrys lasche Finger durch den Ärmelaufschlag zog. »Wenn Harry eine Entknochung gewollt hätte, dann hätte er danach gefragt.«
»Jeder kann mal einen Fehler machen«, sagte Hermine. »Und es tut nicht mehr weh, oder, Harry?«
»Nein«, sagte Harry und stieg ins Bett. »Aber ansonsten tut sich auch nichts mehr.«
Mit ziellos umherflatterndem Arm schwang er sich aufs Bett.
Hermine und Madam Pomfrey kamen jetzt um den Vorhang herum. Madam Pomfrey hielt eine große Flasche in der Hand, auf deren Etikett es hieß: »Skele-Wachs«.
»Du hast eine schwere Nacht vor dir«, sagte sie, schenkte einen Becher mit der dampfenden Flüssigkeit voll und reichte ihn Harry. »Knochen nachwachsen lassen ist eine scheußliche Sache.«
Scheußlich war auch das Skele-Wachs. Es verbrannte Harry Mund und Rachen und ließ ihn husten und prusten. Und während Madam Pomfrey noch über gefährliche Sportarten und unfähige Lehrer schimpfte, zog sie sich zurück und überließ es Ron und Hermine, Harry zu helfen, etwas Wasser hinunterzuwürgen.
»Immerhin haben wir gewonnen«, sagte Ron und ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. »Das war ein toller Fang von dir. Du hättest Malfoys Gesicht sehen sollen … er sah aus, als wollte er dich umbringen …«
»Ich möchte wissen, wie er diesen Klatscher verhext hat«, sagte Hermine mit düsterer Stimme.
»Das können wir auf die Liste der Fragen setzen, die wir ihm stellen, wenn wir den Vielsaft-Trank eingenommen haben«, sagte Harry und ließ sich auf die Kissen zurücksinken. »Ich hoffe, er schmeckt besser als dieses Zeugs …«
»Wenn Stückchen von Slytherins drin sind? Du machst wohl Witze«, sagte Ron.
In diesem Augenblick ging die Tür des Krankenzimmers auf. Schmutzig und durchnässt stürmten die anderen aus der Gryffindor-Mannschaft herein und scharten sich um Harrys Bett.
»Unglaubliche Fliegerei, Harry«, sagte George, »ich hab gerade gesehen, wie Marcus Flint Malfoy fertiggemacht hat. Von wegen den Schnatz direkt über dem Kopf haben und nichts bemerken. Malfoy guckte nicht besonders glücklich aus der Wäsche.«
Sie hatten Kuchen, Süßigkeiten und Flaschen mit Kürbissaft gebracht und machten sich gerade warm für eine viel versprechende Party um Harrys Bett, als Madam Pomfrey herbeigestürmt kam: »Dieser Junge braucht Ruhe, schließlich müssen dreiunddreißig Knochen nachwachsen! Raus! RAUS!«
Und sie ließen Harry allein, mit nichts, was ihn von dem stechenden Schmerz in seinem lahmen Arm hätte ablenken können.
Viele Stunden später erwachte Harry jäh in rabenschwarzer Nacht und stieß einen kleinen Schmerzensschrei aus: Sein Arm fühlte sich jetzt an, als sei er voll großer Splitter. Eine Sekunde lang dachte er, das sei es, was ihn aufgeweckt habe. Dann, mit einem Schauder des Entsetzens, erkannte er, dass jemand in der Dunkelheit seine Stirn abtupfte.
»Hau ab!«, sagte er laut, und dann: »Dobby!«
Die glubschigen Tennisballaugen des Hauselfen spähten Harry durch die Dunkelheit an. Eine einsame Träne lief an seiner langen, spitzen Nase herab.
»Harry Potter ist in die Schule zurückgekehrt«, flüsterte er niedergeschlagen. »Dobby hat Harry Potter immer wieder gewarnt. O Sir, warum haben Sie Dobby nicht geglaubt? Warum ist Harry Potter nicht nach Hause zurückgefahren, als er den Zug verpasst hat?«
Harry richtete sich mühsam auf und schob Dobbys Schwamm weg.
»Was machst du hier?«, sagte er. »Und woher weißt du, dass ich den Zug verpasst habe?«
Dobbys Lippen erzitterten und Harry kam plötzlich ein furchtbarer Verdacht.
»Du warst es!«, sagte er langsam, »du hast verhindert, dass die Absperrung uns durchließ!«
»In der Tat, Sir«, sagte Dobby und nickte lebhaft und ohrenflatternd mit dem Kopf, »Dobby hat sich versteckt und nach Harry Potter Ausschau gehalten und den Durchgang verschlossen, ja, und danach musste Dobby seine Hände bügeln« – er zeigte Harry zehn lange verbundene Finger – »aber Dobby war es egal, Sir, denn er glaubte, Harry Potter sei sicher, und er hat sich nie träumen lassen, dass Harry Potter auf einem anderen Weg zur Schule kommen würde!«
Er schüttelte den hässlichen Kopf und wiegte sich vor und zurück.
»Dobby war so entsetzt, als er hörte, dass Harry Potter zurück in Hogwarts war, dass er das Essen seines Herrn anbrennen ließ! Eine solche Tracht Prügel hat Dobby noch nie bekommen, Sir …«
Harry ließ sich auf die Kissen zurückfallen.
»Wegen dir sind Ron und ich fast rausgeworfen worden«, sagte er grimmig. »Du verschwindest besser, bevor meine Knochen zurückkommen, Dobby, oder ich erwürge dich noch.«
Dobby lächelte matt.
»Dobby ist an Todesdrohungen gewöhnt, Sir. Zu Hause kriegt er sie fünfmal am Tag.«
Er schnäuzte sich in eine Ecke des schmutzigen Kissenbezugs, den er trug, und sah dabei so Mitleid erregend aus, dass Harry seinen Zorn widerwillig schwinden spürte.
»Warum trägst du dieses Ding, Dobby?«, fragte er neugierig.
»Das, Sir?«, sagte Dobby und zupfte an seinem Kissenbezug herum. »Das ist ein Zeichen für den Sklavenstand des Hauselfen, Sir. Dobby kann nur freikommen, wenn seine Gebieter ihm Kleider schenken, Sir. Die Familie achtet aber darauf, Dobby nicht einmal eine Socke zu geben, Sir, denn dann wäre er frei, ihr Haus für immer zu verlassen.«
Dobby wischte sich die hervorquellenden Augen und sagte plötzlich: »Harry Potter muss nach Hause gehen! Dobby dachte, sein Klatscher würde reichen, um ihn –«
»Dein Klatscher?«, fragte Harry und wieder kochte blanke Wut in ihm hoch. »Was meinst du, dein Klatscher? Du steckst dahinter, dass mich dieses verdammte Ding umbringen wollte?«
»Nicht umbringen, Sir, niemals!«, sagte Dobby schockiert, »Dobby will Harry Potters Leben retten! Besser nach Hause geschickt, schlimm verletzt, als hierbleiben, Sir! Dobby wollte nur, dass Harry Potter so verletzt wird, dass sie ihn nach Hause schicken!«
»Oh, ist das alles?«, sagte Harry schnaubend. »Ich nehm nicht an, dass du mir sagen wirst, warum du willst, dass ich in Stücke zerlegt nach Hause geschickt werde?«
»Ah, wenn Harry Potter nur wüsste!«, stöhnte Dobby und noch mehr Tränen tropften auf seinen schmuddeligen Kissenbezug. »Wenn er nur wüsste, was er uns bedeutet, den Niederen, den Versklavten, dem Abschaum der Zaubererwelt! Dobby erinnert sich noch, wie es war, als Jener, dessen Name nicht genannt werden darf, auf der Höhe seiner Macht war, Sir! Wir Hauselfen wurden wie Ungeziefer behandelt, Sir! Natürlich wird Dobby immer noch so behandelt, Sir«, gab er zu und trocknete sich das Gesicht am Kissenbezug. »Aber insgesamt, Sir, hat sich das Leben für unsereins verbessert, seit Sie über Jenen, dessen Name nicht genannt werden darf, triumphiert haben. Harry Potter hat überlebt, und die Macht des Dunklen Lords wurde gebrochen und ein neuer Morgen brach an, Sir, und Harry Potter strahlte wie ein Leuchtturm der Hoffnung für jene von uns, die dachten, die dunklen Tage würden nie enden, Sir … und jetzt, in Hogwarts, werden schreckliche Dinge geschehen, und geschehen vielleicht jetzt schon, und Dobby kann Harry Potter nicht hierlassen, nun, da die Geschichte sich wiederholen wird, nun, da die Kammer des Schreckens wieder geöffnet ist –«
Dobby erstarrte. Vom Grauen gepackt, griff er sich Harrys Wasserkrug vom Nachttisch, schlug ihn gegen seinen Kopf und stürzte hintüber. Gleich darauf krabbelte er zurück aufs Bett und brummelte mit schielendem Blick: »Böser Dobby, sehr böser Dobby …«
»Also gibt es tatsächlich eine Kammer des Schreckens?«, flüsterte Harry, »und – hast du gesagt, sie wurde schon einmal geöffnet? Erzähl’s mir, Dobby!«
Dobbys Hand wanderte langsam wieder zum Wasserkrug hinüber und Harry packte sein mageres Handgelenk. »Aber ich stamme nicht aus einer Muggelfamilie, wie kann mir dann Gefahr aus der Kammer drohen?«
»Ach, Sir, fragen Sie nicht weiter, fragen Sie den armen Dobby nicht mehr«, stammelte der Elf und seine riesigen Augen leuchteten in der Dunkelheit. »Schlimme Taten werden an diesem Ort geplant, doch Harry Potter darf nicht hier sein, wenn sie geschehen – gehen Sie heim, Harry Potter, Harry Potter darf sich da nicht einmischen, Sir, es ist zu gefährlich –«
»Wer ist es, Dobby?«, sagte Harry und umklammerte weiterhin Dobbys Handgelenk, um ihn daran zu hindern, sich wieder mit dem Wasserkrug zu schlagen. »Wer hat sie geöffnet? Wer hat sie das letzte Mal geöffnet?«
»Dobby kann nicht, Sir, Dobby kann nicht, Dobby darf es nicht sagen!«, quiekte der Elf. »Gehen Sie heim, Harry Potter, gehen Sie nach Hause!«
»Ich gehe nirgendwohin!«, sagte Harry entschlossen, »meine beste Freundin kommt aus einer Muggelfamilie, sie wird als Erste an der Reihe sein, wenn die Kammer wirklich geöffnet wurde.«
»Harry Potter setzt sein Leben für Freunde ein!«, stöhnte Dobby in einer Art wehmütiger Begeisterung. »So edel! So tapfer! Aber er muss sich selbst retten, er muss, Harry Potter darf nicht –«
Dobby erstarrte plötzlich und seine Fledermausohren erzitterten. Auch Harry hörte es. Draußen auf dem Gang näherten sich Schritte.
»Dobby muss gehen!«, hauchte der Elf entsetzt: Es gab ein lautes Knacken und Harrys Faust umklammerte plötzlich nur noch dünne Luft. Er ließ sich aufs Bett zurückfallen, die Augen auf den dunklen Eingang zum Krankenflügel gerichtet, und lauschte den näher kommenden Schritten.
Einen Moment später kam Dumbledore rückwärtsgehend in das Krankenzimmer. Er trug einen langen, wollenen Morgenmantel und eine Nachtmütze und schleppte den Kopf von etwas, das aussah wie eine Statue. Professor McGonagall erschien eine Sekunde später, die Füße tragend. Gemeinsam hievten sie die Statue auf ein Bett.
»Holen Sie Madam Pomfrey«, flüsterte Dumbledore, und Professor McGonagall hastete am Fußende von Harrys Bett vorbei und verschwand. Harry lag mucksmäuschenstill da und tat so, als würde er schlafen. Er hörte aufgeregtes Geflüster, und dann tauchte Professor McGonagall wieder auf, dicht gefolgt von Madam Pomfrey, die eine Strickjacke über ihr Nachthemd zog. Er hörte, wie jemand pfeifend Luft holte.
»Was ist passiert?«, flüsterte Madam Pomfrey zu Dumbledore gewandt und beugte sich über die Statue auf dem Bett.
»Ein zweiter Angriff«, sagte Dumbledore. »Minerva hat ihn auf der Treppe gefunden.«
»Neben ihm lag ein Bündel Trauben«, sagte Professor McGonagall, »wir glauben, er hat versucht, sich hier heraufzuschleichen, um Potter zu besuchen.«
Harrys Magen verkrampfte sich fürchterlich. Langsam und vorsichtig richtete er sich ein paar Zentimeter auf, um die Statue auf dem Bett betrachten zu können. Ein Strahl Mondlicht fiel auf das starr blickende Gesicht.
Es war Colin Creevey. Mit weit aufgerissenen Augen lag er da, die Hände von sich gestreckt. Und in den Händen hielt er seine Kamera.
»Versteinert?«, flüsterte Madam Pomfrey.
»Ja«, sagte Professor McGonagall. »Aber ich darf nicht daran denken … wenn Albus nicht nach unten gegangen wäre, um sich heiße Schokolade zu holen – wer weiß, was dann –«
Alle drei starrten auf Colin hinunter. Dann beugte sich Dumbledore vor und zerrte die Kamera aus Colins verklammerten Händen.
»Sie denken, es ist ihm gelungen, ein Foto seines Angreifers zu schießen?«, sagte Professor McGonagall mit beschwörender Stimme.
Dumbledore antwortete nicht. Er zog den Kameradeckel ab.
»Du meine Güte!«, sagte Madam Pomfrey.
Ein Dampfstrahl zischte aus der Kamera. Harry, drei Betten entfernt, drang der beißende Geruch von verbranntem Plastik in die Nase.
»Geschmolzen«, sagte Madam Pomfrey und schüttelte den Kopf, »alles geschmolzen …«
»Was bedeutet das, Albus?«, fragte Professor McGonagall ängstlich.
»Es heißt«, sagte Dumbledore, »dass die Kammer des Schreckens tatsächlich wieder offen ist.«
Madam Pomfrey schlug sich die Hand gegen den Mund. Professor McGonagall starrte Dumbledore an.
»Aber Albus … wer?«
»Die Frage ist nicht, wer«, sagte Dumbledore, die Augen auf Colin gerichtet. »Die Frage ist, wie …«
Und nach dem, was Harry von Professor McGonagalls Gesicht in der Dunkelheit erkennen konnte, verstand sie auch nicht mehr als er.
Der Duellierclub
Als Harry am Sonntagmorgen aufwachte, hatte die Wintersonne den Krankensaal in gleißendes Licht getaucht. Er spürte zwar neue Knochen im Arm, konnte ihn allerdings noch nicht bewegen. Rasch setzte er sich auf und sah hinüber zu Colins Bett, doch jetzt versperrte ihm der lange Vorhang die Sicht, hinter dem sich Harry tags zuvor umgezogen hatte. Madam Pomfrey bemerkte, dass er wach war, und kam mit einem Frühstückstablett zu ihm. Dann begann sie seinen Arm und seine Finger zu dehnen und zu strecken.
»Alles in Ordnung«, sagte sie, während er sich mit der linken Hand unbeholfen Haferbrei in den Mund löffelte. »Wenn du aufgegessen hast, darfst du gehen.«
Harry zog sich so schnell er konnte an und machte sich rasch auf den Weg zum Gryffindor-Turm, voller Ungeduld, Ron und Hermine von Colin und Dobby zu erzählen. Doch sie waren nicht da. Harry ging wieder hinaus, um nach ihnen zu suchen. Wo konnten sie abgeblieben sein? Ein wenig beleidigt war er schon, dass es sie nicht interessierte, ob er nun seine Knochen wiederhatte oder nicht.
Als er an der Bibliothek vorbeiging, kam Percy Weasley herausgeschlendert, diesmal offenbar viel besser gelaunt als bei ihrem letzten Zusammentreffen.
»Ach, hallo, Harry«, sagte er. »Glänzender Flug gestern, wirklich ausgezeichnet. Gryffindor hat gerade die Führung im Kampf um den Hauspokal übernommen; du hast fünfzig Punkte geholt!«
»Du hast nicht zufällig Ron oder Hermine gesehen?«, fragte Harry.
»Nein, hab ich nicht«, antwortete Percy und sein Lächeln verblasste. »Ich hoffe, Ron treibt sich nicht schon wieder in einer Mädchentoilette rum …«
Harry lachte gekünstelt, wartete, bis Percy außer Sicht war, und machte sich dann schnurstracks auf den Weg zum Klo der Maulenden Myrte. Er konnte sich zwar nicht denken, warum Ron und Hermine schon wieder dort drin sein sollten, doch nachdem er sich vergewissert hatte, dass weder Filch noch irgendwelche Vertrauensschüler auf dem Gang waren, öffnete er die Tür. Aus einer verriegelten Kabine hörte er ihre Stimmen.
»Ich bin’s«, sagte er und schloss die Tür hinter sich. Von drinnen hörte er ein metallisches Klirren, Wasser spritzen und einen spitzen Aufschrei, dann sah er Hermines Auge durch das Schlüsselloch spähen. »Harry!«, sagte sie. »Hast du uns erschreckt! Komm rein – wie geht’s deinem Arm?«
»Gut«, sagte Harry und zwängte sich in die Kabine. Auf der Kloschüssel stand ein alter Kessel, und ein prasselndes Geräusch sagte Harry, dass sie darunter ein Feuer entfacht hatten. Tragbare, wasserdichte Feuer heraufzubeschwören, war eine Spezialität Hermines.
»Wir wären dich ja besuchen gekommen, aber dann haben wir beschlossen, mit dem Vielsaft-Zaubertrank anzufangen«, erklärte Ron, während Harry mühsam die Tür hinter sich verriegelte. »Wir haben uns überlegt, dass wir ihn am besten hier verstecken.«
Harry begann von Colin zu erzählen, doch Hermine unterbrach ihn:
»Das wissen wir schon, wir haben gehört, wie Professor McGonagall es heute Morgen Professor Flitwick gesagt hat. Darum haben wir beschlossen, gleich loszulegen –«
»Je schneller wir ein Geständnis aus Malfoy rausholen, desto besser«, knurrte Ron. »Wisst ihr, was ich glaube? Er war nach dem Quidditch-Match ganz miserabler Laune und hat sie an Colin ausgelassen.«
»Da ist noch etwas«, sagte Harry und beobachtete Hermine, wie sie büschelweise Knöterich zerrupfte und in das Gebräu warf. »Mitten in der Nacht hat Dobby mich besucht.«
Ron und Hermine hoben verblüfft die Köpfe. Harry erzählte ihnen, was Dobby ihm gesagt – oder vielmehr nicht gesagt hatte. Ron und Hermine lauschten mit offenen Mündern.
»Die Kammer des Schreckens wurde schon einmal geöffnet?«, fragte Hermine.
»Damit ist die Sache klar«, sagte Ron triumphierend. »Lucius Malfoy muss die Kammer geöffnet haben, als er hier in der Schule war, und jetzt hat er dem lieben alten Draco verraten, wie es geht. Glasklar. Hätte dir Dobby doch bloß gesagt, was für ein Monster dadrin ist. Ich möchte wissen, wie es kommt, dass noch niemand gesehen hat, wie es in der Schule herumschleicht.«
»Vielleicht kann es sich unsichtbar machen«, sagte Hermine, die gerade Blutegel auf den Kesselboden schubste. »Oder vielleicht kann es sich verkleiden und so tun, als wäre es eine Rüstung oder so was: Ich hab gelesen, dass es Chamäleon-Ghule gibt –«
»Du hast zu viel gelesen, Hermine«, sagte Ron und schüttete den Blutegeln tote Florfliegen hinterher. Er knüllte die leere Florfliegentüte zusammen und wandte sich zu Harry um.
»Also hat Dobby uns den Zug verpassen lassen und deinen Arm gebrochen …« Er schüttelte den Kopf. »Weißt du was, Harry? Wenn er nicht aufhört, dein Leben retten zu wollen, bringt er dich sicher noch um.«
Die Nachricht, dass Colin Creevey angegriffen worden war und jetzt wie tot im Krankenflügel lag, hatte sich bis Montagmorgen in der ganzen Schule herumgesprochen. Plötzlich schwirrte die Luft von Gerüchten und Verdächtigungen. Die Erstklässler gingen jetzt nur noch in Grüppchen durch das Schloss, als ob sie Angst hätten, angegriffen zu werden, wenn sie sich allein auf den Weg machten.
Ginny Weasley, die in Zauberkunst neben Colin Creevey gesessen hatte, war ganz verstört, doch Harry hatte den Eindruck, dass Fred und George das falsche Rezept einsetzten, um sie aufzumuntern. Abwechselnd ließen sie sich Pelze oder Furunkel wachsen und lauerten ihr hinter Statuen auf, um ihr dann mitten in den Weg zu springen. Sie hörten erst damit auf, als Percy vor Wut platzte und ihnen drohte, er werde an Mrs Weasley schreiben und ihr sagen, dass Ginny Alpträume durchlitte.
Unterdessen kam es hinter dem Rücken der Lehrer zu einem blühenden Handel mit Talismanen, Amuletten und anderen schützenden Utensilien. Neville Longbottom kaufte eine große übel riechende grüne Zwiebel und den verwesenden Schwanz eines Wassermolchs, bevor die anderen Gryffindor-Jungen ihn darüber aufklärten, dass er nicht in Gefahr sei; er war ein Reinblüter und würde deshalb wohl nicht angegriffen werden.
»Sie haben sich Filch als Ersten vorgenommen«, sagte Neville, das runde Gesicht voller Angst, »und jeder weiß, dass ich beinahe ein Squib bin.«
In der zweiten Dezemberwoche kam wie üblich Professor McGonagall zu ihnen hoch und notierte sich die Namen der Schüler, die über Weihnachten in Hogwarts bleiben wollten. Harry, Ron und Hermine trugen sich in die Liste ein; sie hatten gehört, dass auch Malfoy dableiben würde, und das kam ihnen sehr verdächtig vor. Die Ferien würden die beste Zeit sein, um den Vielsaft-Trank einzusetzen und zu versuchen, ein Geständnis aus ihm herauszukitzeln.
Leider war das Gebräu erst halb fertig. Sie brauchten noch das Zweihorn-Horn und die Baumschlangenhaut, und die konnten sie sich nur aus Snapes privaten Vorräten beschaffen. Harry verschwieg den andern, dass er lieber dem sagenhaften Monster Slytherins die Stirn bieten würde, als von Snape beim Klauen in seinem Büro erwischt zu werden.
»Was wir brauchen«, sagte Hermine entschieden, als die donnerstägliche Doppelstunde Zaubertränke näher rückte, »ist ein Ablenkungsmanöver. Dann kann einer von uns in Snapes Büro schleichen und dort holen, was wir brauchen.«
Harry und Ron sahen sie nervös an.
»Ich glaube, ich mach das besser selbst mit dem Klauen«, fuhr Hermine in sachlichem Ton fort. »Ihr beide werdet rausgeworfen, wenn ihr noch mal was anstellt, und ich habe noch keinen Eintrag. Also müsst ihr nur genug Durcheinander stiften, um Snape etwa fünf Minuten lang in Atem zu halten.«
Harry lächelte matt. Einen Aufruhr in Snapes Klasse zu veranstalten war etwa so ungefährlich, wie einem schlafenden Drachen ins Auge zu stechen.
Der Zaubertrankunterricht fand in einem der großen Kerker statt. Am Donnerstagnachmittag ging es wie üblich zu. Zwanzig Kessel brodelten zwischen den Holztischen, auf denen Messingwaagen und Töpfe mit Zutaten standen. Snape durchstreifte die Dampfwolken und machte abfällige Bemerkungen über die Arbeit der Gryffindors, während die Slytherins genüsslich kicherten. Draco Malfoy, Snapes Lieblingsschüler, schnippte dauernd Pufferfischaugen gegen Ron und Harry, die wussten, wenn sie sich rächen würden, bekämen sie schneller Strafarbeiten aufgehalst, als sie »ungerecht« sagen konnten.
Harrys Schwell-Lösung war viel zu dünn, aber das beunruhigte ihn heute wenig. Er wartete auf Hermines Zeichen und hörte kaum zu, als Snape vor ihn trat und über seine wässrige Suppe spottete. Als Snape weiterging, um Neville zu schikanieren, sah Hermine zu Harry hinüber und nickte.
Harry duckte sich rasch hinter seinen Kessel, zog einen von Freds Filibuster-Feuerwerkskrachern aus der Tasche und tippte mit dem Zauberstab dagegen. Der Kracher fing an zu zischen und zu knattern. Harry, der wusste, dass er nur ein paar Sekunden Zeit hatte, zielte und warf ihn durch die Luft; er landete genau im Ziel, nämlich in Goyles Kessel.
Goyles Schwellgebräu explodierte und regnete über der ganzen Klasse herab. Schüler, die einen Tropfen abbekommen hatten, schrien laut auf. Malfoy hatte einen Spritzer mitten ins Gesicht bekommen und seine Nase begann sich zu blähen wie ein Luftballon. Goyle tapste umher, die Hände über den Augen, die zur Größe von Tellern aufgequollen waren. Snape mühte sich nach Kräften, Ruhe in die Klasse zu bringen und herauszufinden, was geschehen war. Im Durcheinander sah Harry, wie Hermine sich aus dem Klassenraum schlich.
»Ruhe! RUHE!«, dröhnte Snape. »Alle, die einen Spritzer abbekommen haben, hier herüber zum Abschwelltrank – wenn ich rauskriege, wer das war –«
Harry versuchte, sich das Lachen zu verkneifen, als er sah, wie Malfoy nach vorn rannte, den Kopf vom Gewicht einer melonengroßen Nase zu Boden gezogen. Die halbe Klasse schlurfte vor zu Snapes Tisch. Einige hatten Arme wie unförmige Holzprügel, andere brachten durch ihre gigantisch aufgequollenen Lippen kein Wort mehr heraus. Unterdessen sah Harry, wie Hermine mit aufgebauschtem Umhang wieder in den Kerker glitt.
Als alle einen Schluck des Gegenmittels genommen hatten und die verschiedenen Schwellungen abgeklungen waren, fegte Snape hinüber zu Goyles Kessel und schöpfte die verhedderten schwarzen Überreste des Feuerwerkskörpers heraus. Die Klasse verstummte.
»Wenn ich je rauskriege, wer das getan hat«, zischte Snape. »Dem garantiere ich, dass er rausfliegen wird.«
Harry bemühte sich, seinem Gesicht den Ausdruck von Verwirrung zu geben. Snapes Blick fiel auf ihn, und die Glocke, die zehn Minuten später läutete, war eine Erlösung.
»Er weiß, dass ich es war«, sagte Harry zu Ron und Hermine, nachdem sie wieder ins Klo der Maulenden Myrte gerannt waren. »Das hab ich deutlich gespürt.«
Hermine warf die neuen Zutaten in den Kessel und begann fieberhaft umzurühren.
»In zwei Wochen ist der Trank fertig«, sagte sie glücklich.
»Snape kann nicht beweisen, dass du es warst«, sagte Ron aufmunternd. »Was kann er denn machen?«
»Wie ich Snape kenne, etwas ganz Fieses«, sagte Harry unter dem Schäumen und Blubbern des Zaubertranks.
Als Harry, Ron und Hermine eine Woche später die Eingangshalle durchquerten, bemerkten sie einen kleinen Menschenauflauf um das schwarze Brett, wo soeben ein Pergament angepinnt worden war. Seamus Finnigan und Dean Thomas winkten sie ganz aufgeregt herüber.
»Sie gründen einen Duellierclub!«, sagte Seamus. »Heute Abend ist das erste Treffen! Ich hätte nichts gegen Duellunterricht, wer weiß, vielleicht brauche ich ihn eines Tages …«
»Wie – du denkst, Slytherins Monster wird sich duellieren?«, sagte Ron, doch auch er las den Aushang mit Interesse.
»Könnte nützlich sein«, sagte er auf dem Weg zum Mittagessen zu Harry und Hermine. »Sollen wir hingehen?«
Auch Harry und Hermine hatten Lust, und so eilten sie abends um acht zurück in die Große Halle. Die langen Speisetische waren verschwunden und an einer Wand war eine goldene Bühne aufgetaucht, erleuchtet von tausenden über ihr schwebenden Kerzen. Unter der wieder samtschwarzen Decke schien sich fast die ganze Schule versammelt zu haben, alle mit aufgeregter Miene und bewaffnet mit dem Zauberstab.
»Wer wohl den Unterricht gibt?«, fragte Hermine, als sie sich in die schnatternde Schar drängten. »Vielleicht Flitwick, ich hab gehört, er sei in jungen Jahren ein glänzender Duellkämpfer gewesen.«
»Solange es nicht –«, begann Harry, doch mit einem Stoßseufzer brach er ab: Gewandet in einen prachtvollen pflaumenblauen Umhang, betrat Gilderoy Lockhart die Bühne, und ihm folgte, in seinem üblichen schwarzen Umhang, kein anderer als Snape.
Mit einer Armbewegung gebot Lockhart Ruhe. »Kommt näher, hier herüber! Können mich alle sehen? Könnt ihr mich alle hören? Sehr schön!
Nun, Professor Dumbledore hat mir die Erlaubnis erteilt, diesen kleinen Duellierclub zu gründen und euch auszubilden für den Fall, dass ihr euch verteidigen müsst, wie ich selbst es in zahllosen Fällen getan habe – die Einzelheiten lest ihr bitte in meinen Veröffentlichungen nach.
Ich möchte euch meinen Assistenten Professor Snape vorstellen«, sagte Lockhart und ließ ein breites Lächeln aufblitzen. »Er hat mir anvertraut, dass er selbst ein klein wenig vom Duell versteht und sich freundlicherweise bereit erklärt hat, mir anfangs bei einer kleinen Vorführung zu helfen. Nun, ihr jungen Leute braucht euch keine Sorgen zu machen, wenn ich mit ihm fertig bin, bekommt ihr euren Zaubertranklehrer unversehrt wieder, keine Angst!«
»Wär’s nicht das Beste, wenn sie sich gegenseitig erledigten?«, murmelte Ron Harry ins Ohr.
Snapes Oberlippe kräuselte sich. Harry fragte sich, weshalb Lockhart eigentlich noch lächelte; wenn Snape ihn so angesehen hätte, hätte er schon längst das Weite gesucht.
Lockhart und Snape wandten sich einander zu und verbeugten sich; wenigstens tat dies Lockhart mit viel Händegefuchtel, während Snape gereizt mit dem Kopf ruckte. Dann hoben sie ihre Zauberstäbe wie Schwerter in die Höhe.
»Wie ihr seht, halten wir unsere Zauberstäbe in der herkömmlichen Kampfstellung«, erklärte Lockhart der schweigenden Menge. »Ich zähle bis drei und dann sprechen wir unsere ersten Zauberflüche. Natürlich hat keiner von uns die Absicht zu töten.«
»Darauf würd ich nicht wetten«, murmelte Harry und sah Snape die Zähne blecken.
»Eins – zwei – drei –«
Beide schwangen ihre Zauberstäbe über die Schultern; Snape rief: »Expelliarmus!« Ein blendend scharlachroter Blitz riss Lockhart von den Füßen: Rücklings flog er über die Bühne, knallte gegen die Wand, rutschte an ihr herunter und blieb, alle viere von sich gestreckt, auf dem Boden liegen.
Malfoy und einige andere Slytherins johlten. Hermine hüpfte auf den Zehenspitzen herum. »Meint ihr, ihm ist was passiert?«, kreischte sie durch die Finger.
»Na wenn schon«, sagten Harry und Ron wie aus einem Munde.
Lockhart rappelte sich schwankend auf. Er hatte den Hut verloren und sein Wellenhaar stand spitz in die Höhe.
»Nun, ihr habt’s gesehen!«, sagte er und tapste zurück auf die Bühne. »Das war ein Entwaffnungszauber – wie ihr seht, hab ich meinen Zauberstab verloren – ah, danke, Miss Brown – ja, treffliche Idee, ihnen das zu zeigen, Professor Snape, aber verzeihen Sie, wenn ich Ihnen dies sage, es war recht offensichtlich, was Sie vorhatten, und ich hätte es verhindert, wenn ich nur gewollt hätte – allerdings meinte ich, es sei lehrreich, wenn die Schüler es sehen würden …«
Snapes Gesicht hatte einen mörderischen Ausdruck angenommen. Vielleicht war das auch Lockhart aufgefallen, denn er sagte: »Genug der Vorführung! Ich komme jetzt runter und stelle euch alle zu Paaren zusammen – Professor Snape, wenn Sie mir helfen würden –«
Sie gingen durch die Menge und stellten die Schüler partnerweise zusammen. Lockhart stellte Neville neben Justin Finch-Fletchley. Snape erreichte Ron und Harry zuerst.
»Zeit, das Traumpaar zu trennen«, höhnte er. »Weasley, du gehst zu Finnigan. Potter –«
Harry bewegte sich ganz automatisch in Richtung Hermine.
»Das kommt nicht in Frage«, sagte Snape kalt lächelnd. »Mr Malfoy, kommen Sie hier herüber. Schauen wir mal, was Sie aus dem berühmten Potter machen. Und Sie, Miss Granger – Sie gehen mit Miss Bulstrode zusammen.«
Eitel grinsend schritt Malfoy herbei. Hinter ihm kam ein Mädchen aus Slytherin, das Harry an ein Bild erinnerte, das er in Ferien mit Vetteln gesehen hatte. Sie war groß und vierschrötig und ihr schwerer Kiefer mahlte angriffslustig. Hermine schenkte ihr ein mattes Lächeln, doch sie lächelte nicht zurück.
»Stellt euch zum Partner gewandt auf!«, rief Lockhart, inzwischen wieder auf der Bühne. »Und verbeugt euch!«
Harry und Malfoy neigten kaum merklich die Köpfe und ließen sich dabei nicht aus den Augen.
»Zauberstäbe bereit!«, rief Lockhart. »Ich zähle bis drei, dann sprecht ihr eure Zauberflüche und entwaffnet den Gegner – nur entwaffnen – wir wollen keine Unfälle – eins … zwei … drei –«
Harry schwang den Zauberstab über die Schulter, doch Malfoy hatte schon bei »zwei« angefangen: Sein Fluch traf Harry so hart, dass er das Gefühl hatte, ein Suppentopf sei ihm gegen den Kopf geflogen. Er stolperte, doch es schien noch alles an ihm heil zu sein, und ohne Zeit zu verschwenden, richtete Harry seinen Zauberstab auf Malfoy: »Rictusempra!«
Ein silberner Lichtstrahl traf Malfoy in den Magen und er knickte keuchend ein.
»Ich sagte, nur entwaffnen!«, rief Lockhart aufgebracht über die Köpfe der kämpfenden Menge hinweg, als Malfoy in die Knie sank; Harry hatte ihn mit einem Kitzelzauber belegt und Malfoy konnte sich vor Lachen kaum bewegen. Harry hatte das Gefühl, es wäre unsportlich, Malfoy zu verhexen, während er auf dem Boden lag, und hielt sich zurück. Doch das war ein Fehler; nach Atem ringend richtete Malfoy seinen Zauberstab auf Harrys Knie, würgte »Tarantallegra!« heraus, und im nächsten Augenblick begannen Harrys Beine wild umherzuschlenkern, als tanzte er einen schnellen Foxtrott.
»Aufhören! Aufhören!«, schrie Lockhart, doch Snape nahm die Sache in die Hand.
»Finite Incantatem!«, schrie er; Harrys Beine hörten auf zu tanzen und Malfoy hörte auf zu lachen und beide konnten sich wieder sammeln.
Grünlicher Rauch hing über dem Schlachtfeld. Neville und Justin lagen schwer atmend auf dem Boden; Ron half dem aschfahlen Seamus auf die Beine und entschuldigte sich für was immer auch sein lädierter Zauberstab angestellt haben mochte; doch Hermine und Millicent Bulstrode rauften noch miteinander; Millicent hatte Hermine, die vor Schmerz wimmerte, im Schwitzkasten: Die Zauberstäbe der beiden lagen vergessen auf dem Boden. Harry sprang hinüber und riss Millicent weg. Das war nicht einfach, denn sie war viel größer als er.
»Du meine Güte«, sagte Lockhart. Er hüpfte durch die Menge und begutachtete das Trümmerfeld. »Aufstehen, Macmillan … vorsichtig da, Miss Fawcett … drück stark dagegen, Boot, es wird gleich aufhören zu bluten –
Ich denke, ich zeige euch lieber, wie ihr feindseligen Zauber abblocken könnt«, sagte Lockhart, verwirrt inmitten der Halle stehend. Er sah zu Snape hinüber, dessen schwarze Augen funkelten, und sah rasch wieder weg. »Ich brauche zwei Freiwillige – Longbottom und Finch-Fletchley, wie wär’s mit Ihnen –«
»Eine schlechte Idee, Professor Lockhart«, sagte Snape und glitt herüber wie eine große Unheil bringende Fledermaus. »Longbottom richtet mit den einfachsten Zaubersprüchen Verheerungen an, da können wir das, was von Finch-Fletchley übrig bleibt, in einer Streichholzschachtel hoch ins Krankenquartier schicken.« Nevilles rundes rosa Gesicht färbte sich dunkelrosa. »Wie wär’s mit Malfoy und Potter?«, sagte Snape mit einem schiefen Lächeln.
»Glänzende Idee!«, sagte Lockhart und gestikulierte Harry und Malfoy in die Mitte der Halle. Die Menge wich zurück, um ihnen Platz zu machen.
»Nun, Harry«, sagte Lockhart, »wenn Draco seinen Zauberstab auf Sie richtet, tun Sie dies.«
Er hob seinen eigenen Zauberstab, versuchte eine komplizierte Schlängelbewegung und ließ ihn fallen. Unter dem hämischen Grinsen Snapes hob Lockhart den Zauberstab auf: »Uuups – mein Zauberstab ist ein wenig überhitzt –«
Snape trat zu Malfoy, beugte sich hinunter und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Jetzt grinste auch Malfoy. Harry sah nervös zu Lockhart auf:
»Professor, könnten Sie mir diese Abwehrbewegung noch einmal zeigen?«
»Angst?«, murmelte Malfoy so leise, dass Lockhart es nicht hören konnte.
»Hättest du wohl gerne«, sagte Harry aus dem Mundwinkel.
Lockhart patschte Harry fröhlich auf die Schulter: »Machen Sie einfach meine Bewegung nach, Harry!«
»Wie, ich soll meinen Zauberstab fallen lassen?«
Doch Lockhart hörte ihm nicht zu.
»Drei – zwei – eins – los!«, rief er.
Malfoy hob rasch seinen Zauberstab und bellte: »Serpensortia!«
Die Spitze des Zauberstabs explodierte. Harry sah mit aufgerissenen Augen, wie eine lange schwarze Schlange daraus hervorschoss, schwer auf den Boden zwischen ihnen klatschte und sich aufrichtete, bereit zum Biss. Schreiend wich die Menge zurück und bildete einen weiten Kreis um sie.
»Nicht bewegen, Potter«, sagte Snape gleichmütig. Er genoss offensichtlich den Anblick des erstarrten Harry, Auge in Auge mit der gereizten Schlange. »Ich schaff sie fort …«
»Erlauben Sie«, rief Lockhart. Drohend schwang er seinen Zauberstab gegen die Schlange und es gab einen lauten Knall; die Schlange, anstatt zu verschwinden, hob sich vier Meter in die Luft und fiel dann mit einem lauten Klatschen zurück auf den Boden. Rasend vor Wut und erregt zischend, glitt sie direkt auf Justin Finch-Fletchley zu und richtete sich abermals mit gebleckten Giftzähnen auf.
Harry war sich nicht sicher, was ihn zu seinem Handeln trieb. Er hatte sich nicht einmal bewusst dazu entschieden. Alles, was er wusste, war, dass ihn seine Beine vorwärtstrugen, als bewege er sich auf Rollen, und dass er die Schlange dusslig anschrie: »Weg von ihm!« Und wundersamerweise – unerklärlicherweise – sackte die Schlange zu Boden, friedlich wie ein dicker schwarzer Gartenschlauch, und richtete ihre Augen auf Harry. Harry spürte die Angst aus sich weichen. Er wusste, dass die Schlange jetzt niemanden mehr angreifen würde, aber warum er das wusste, hätte er nicht erklären können.
Er sah zu Justin auf und grinste ihn an. Justin hätte eigentlich erleichtert aussehen müssen oder verwirrt oder sogar dankbar – doch gewiss nicht wütend und verängstigt.
»Was treibst du da eigentlich für ein Spiel?«, schrie er, und bevor Harry etwas sagen konnte, hatte er sich umgewandt und war aus der Halle gestürmt.
Snape trat vor, wedelte mit seinem Zauberstab und die Schlange löste sich in ein Wölkchen aus schwarzem Staub auf. Auch Snape musterte Harry mit einem Blick, den er nicht erwartet hätte: scharf und berechnend, und Harry mochte diesen Blick nicht. Und nun hob ein merkwürdiges Murmeln entlang der Wände an. Jemand hinter ihm zerrte an seinem Umhang.
»Komm«, sagte Rons Stimme in sein Ohr, »beweg dich – komm schon –«
Ron und Hermine nahmen ihn in die Mitte und führten ihn aus der Halle. Als sie durch die Tür gingen, teilte sich die Schar der Schüler zu beiden Seiten, als hätten sie Angst. Harry hatte keine Ahnung, was eigentlich los war, und weder Ron noch Hermine sagten ein Wort, bis sie ihn nach oben in den Gemeinschaftsraum geführt hatten. Ron drückte Harry in einen Sessel und sagte:
»Du bist ein Parselmund. Warum hast du es uns nicht erzählt?«
»Ich bin ein was?«
»Ein Parselmund!«, sagte Ron. »Du kannst mit Schlangen sprechen!«
»Ich weiß«, sagte Harry. »Aber das ist erst das zweite Mal in meinem Leben. Einmal hab ich aus Versehen eine Boa constrictor im Zoo auf meinen Vetter Dudley losgelassen – lange Geschichte –, aber sie sagte mir, sie sei noch nie in Brasilien gewesen, und ich hab sie eigentlich unabsichtlich freigelassen – das war, bevor ich wusste, dass ich ein Zauberer bin –«
»Eine Boa constrictor hat dir gesagt, sie sei noch nie in Brasilien gewesen?«, wiederholte Ron mit leiser Stimme.
»Na und?«, sagte Harry, »ich wette, eine Menge Leute hier können das.«
»O nein, können sie nicht«, sagte Ron. »Es ist keine sehr verbreitete Gabe. Harry, das ist schlecht.«
»Was ist schlecht?«, sagte Harry, der allmählich etwas ungeduldig wurde. »Was ist eigentlich los mit euch allen? Hör mal, wenn ich dieser Schlange nicht gesagt hätte, dass sie Justin nicht angreifen soll –«
»Oh, das hast du ihr gesagt?«
»Was soll das heißen? Du warst dabei – du hast mich doch gehört –«
»Ich hab dich Parsel sprechen gehört«, sagte Ron. »Schlangensprache. Du hättest alles sagen können – kein Wunder, dass Justin panische Angst gekriegt hat, du hast geklungen, als ob du die Schlange anstacheln würdest – es war gruslig, weißt du –«
Harry starrte ihn mit offenem Mund an.
»Ich habe eine andere Sprache gesprochen? Aber – das habe ich nicht gemerkt – wie kann ich eine andere Sprache sprechen, ohne dass ich es weiß?«
Ron schüttelte den Kopf. Er und Hermine sahen aus, als wäre eben jemand gestorben. Harry begriff nicht, was denn so schrecklich sein sollte.
»Willst du mir sagen, was daran falsch ist, wenn ich eine dreckige alte Schlange daran hindere, Justin den Kopf abzubeißen?«, fragte er. »Ist doch egal, wie ich es angestellt habe, solange Justin nicht bei der Kopflosenjagd mitmachen muss!«
»Es ist nicht egal«, meldete sich Hermine endlich mit gedämpfter Stimme. »Denn Salazar Slytherin war berühmt dafür, dass er mit Schlangen reden konnte. Deshalb ist das Symbol des Hauses Slytherin eine Schlange.«
Harry klappte der Mund auf.
»Genau«, sagte Ron. »Und jetzt denkt die ganze Schule, du bist sein Urururururgroßenkel oder so ähnlich –«
»Aber das bin ich nicht«, sagte Harry mit einem Anflug von Panik, den er sich selbst nicht recht erklären konnte.
»Das wirst du kaum beweisen können«, sagte Hermine. »Er lebte vor ungefähr einem Jahrtausend; nach allem, was wir wissen, könntest du es sein.«
Harry lag in dieser Nacht noch stundenlang wach. Durch eine Lücke im Vorhang um sein Bett sah er Schnee am Turmfenster vorbeitreiben. Er dachte nach …
Konnte er ein Nachfahre Salazar Slytherins sein? Er wusste schließlich nichts über die Familie seines Vaters. Die Dursleys hatten ihm Fragen über seine Zaubererverwandtschaft immer verboten.
Leise versuchte Harry etwas in der Schlangensprache zu sagen. Doch Worte wollten nicht kommen. Offenbar ging es nur, wenn er einer Schlange in die Augen blickte.
»Aber ich bin in Gryffindor«, dachte Harry. »Der Sprechende Hut hätte mich nicht hierher gesteckt, wenn ich Slytherin-Blut hätte …«
»Ach«, sagte eine boshafte leise Stimme in seinem Gehirn. »Aber der Sprechende Hut wollte dich doch nach Slytherin stecken, erinnerst du dich nicht?«
Harry drehte sich auf die Seite. Morgen würde er Justin in Kräuterkunde treffen und ihm erklären, dass er die Schlange von ihm abgehalten und sie nicht aufgestachelt hatte, was (wie er, wütend sein Kissen zusammenknüllend, dachte) doch jeder Dummkopf hätte erkennen müssen.
Am nächsten Morgen allerdings hatte sich das nächtliche Schneetreiben in einen so dichten Schneesturm verwandelt, dass Kräuterkunde ausfiel: Professor Sprout wollte den Alraunen Socken und Schals überziehen, und das war eine so vertrackte Angelegenheit, dass sie niemand anderen damit betrauen wollte – besonders jetzt, da die Alraunen rasch wachsen und Mrs Norris und Colin Creevey ins Leben zurückholen sollten.
Harry saß am Kaminfeuer im Gemeinschaftsraum und grübelte über den gestrigen Abend nach, während Ron und Hermine die freie Stunde nutzten, um Zaubererschach zu spielen.
»Um Himmels willen, Harry«, sagte Hermine entnervt, als einer von Rons Läufern ihren Springer vom Pferd zerrte und ihn vom Brett schleifte. »Dann geh doch und such Justin, wenn es dir so wichtig ist.«
Also stand Harry auf und stieg durch das Porträtloch. Wo konnte Justin wohl stecken?
Wegen des dichten Schneetreibens war es im Schloss dunkler als sonst tagsüber. Bibbernd vor Kälte ging Harry an den Klassenzimmern vorbei, in denen Unterricht stattfand, und erhaschte dabei augenblicksweise, was drinnen vorging. Professor McGonagall herrschte gerade einen Schüler an, der, nach ihren Worten zu schließen, seinen Freund in einen Dachs verwandelt hatte. Harry widerstand dem Drang, einen Blick hineinzuwerfen, und ging vorbei. Justin nutzte vielleicht seine freie Stunde, um ein wenig zu arbeiten, und Harry beschloss, zuerst in der Bibliothek nachzuschauen.
Eine Gruppe von Hufflepuffs, die auch Kräuterkunde gehabt hätten, saßen tatsächlich hinten in der Bibliothek, aber sie schienen nicht zu arbeiten. Durch die langen Reihen hoher Bücherregale konnte Harry sehen, dass sie die Köpfe eng zusammengesteckt hatten und offenbar angespannt miteinander tuschelten. Er konnte nicht erkennen, ob Justin dabei war, und trat näher. Auf dem Weg erhaschte er einen Fetzen ihres Gesprächs, und in der Abteilung Unsichtbarkeit blieb er stehen und lauschte.
»Na, jedenfalls«, sagte ein stämmiger Junge, »hab ich Justin geraten, er solle sich in unserem Schlafsaal verstecken. Ich würde sagen, wenn Potter ihn als sein nächstes Opfer ausersehen hat, dann ist es besser, wenn er sich eine Weile bedeckt hält. Natürlich hat Justin auf so etwas gewartet, seit ihm gegenüber Potter herausgerutscht ist, dass er ein Muggelkind ist. Justin musste ausgerechnet ihm sagen, dass er eigentlich nach Eton gehen sollte. So was plappert man nicht aus, wenn der Erbe Slytherins auf Jagd ist, oder?«
»Du bist also sicher, dass es Potter ist, Ernie?«, sagte ein Mädchen mit blonden Zöpfen ängstlich.
»Hannah«, erwiderte der stämmige Junge ernst. »Er ist ein Parselmund. Jeder weiß, das ist das Erkennungszeichen eines schwarzen Magiers. Hast du jemals von einem anständigen gehört, der zu Schlangen sprechen konnte? Slytherin selbst haben sie Schlangenzunge genannt.«
Diesen Worten folgte ein lautes Murmeln, und Ernie fuhr fort:
»Erinnert ihr euch, was an der Wand geschrieben stand: Feinde des Erben, nehmt euch in Acht. Potter muss sich mit Filch in die Wolle gekriegt haben. Und kurz danach wird Filchs Katze angegriffen. Dieser Erstklässler Creevey hat Potter beim Quidditch-Spiel geärgert, weil er Bilder von ihm machte, als Potter im Schlamm lag. Und was passiert kurz danach? Creevey wird angegriffen.«
»Er kommt mir aber immer so nett vor«, sagte Hannah unsicher, »und außerdem, nun ja, er war es immerhin, der Du-weißt-schon-wen verjagt hat. Er kann nicht durch und durch böse sein, oder?«
Ernie senkte geheimnistuerisch die Stimme, die Hufflepuffs beugten sich noch weiter vor, und Harry stahl sich näher heran, um Ernies Worte zu erhaschen.
»Keiner weiß, wie er diesen Angriff von Du-weißt-schon-wem überlebt hat. Überlegt doch mal, er war noch ein Baby, als es passierte. Normalerweise wäre er in Stücke gerissen worden. Nur ein wirklich mächtiger schwarzer Magier konnte einen solchen Fluch überleben.« Er senkte die Stimme zu einem eindringlichen Flüstern: »Das ist wahrscheinlich der Grund, warum ihn Du-weißt-schon-wer überhaupt töten wollte. Wollte keinen anderen Schwarzen Lord haben, der mit ihm um die Macht streitet. Ich frag mich, welche anderen Kräfte Potter noch verbirgt?«
Harry hielt es nicht länger aus. Er räusperte sich laut und trat hinter den Regalen hervor. Wenn er nicht so wütend gewesen wäre, hätte er das Schauspiel, das sich ihm bot, lustig gefunden: Die versammelten Hufflepuffs sahen aus, als wären sie von seinem bloßen Anblick versteinert, und aus Ernies Gesicht war jede Farbe gewichen.
»Hallo«, sagte Harry. »Ich bin auf der Suche nach Justin Finch-Fletchley.«
Offensichtlich hatten sich die schlimmsten Befürchtungen der Hufflepuffs bestätigt. Alle blickten angsterfüllt auf Ernie.
»Was willst du von ihm?«, sagte Ernie mit zittriger Stimme.
»Ich will ihm sagen, was im Duellierclub wirklich mit der Schlange passiert ist«, sagte Harry.
Ernie biss sich auf die weißen Lippen, holte tief Luft und sagte:
»Wir waren alle da. Wir haben gesehen, was passiert ist.«
»Dann hast du auch gesehen, dass die Schlange zurückgewichen ist, nachdem ich zu ihr gesprochen habe?«, sagte Harry.
»Alles, was ich gesehen habe, war, dass du Parsel gesprochen und die Schlange auf Justin gehetzt hast«, erwiderte Ernie starrköpfig.
»Ich hab sie nicht auf ihn gehetzt!«, sagte Harry mit vor Wut zitternder Stimme. »Sie hat ihn nicht einmal berührt!«
»Es war aber sehr knapp«, sagte Ernie. »Und falls du auf irgendwelche krummen Gedanken kommen solltest«, fügte er rasch hinzu, »sag ich dir lieber, dass du meine Familie bis auf neun Generationen von Hexen und Zauberern zurückverfolgen kannst und mein Blut so rein ist wie nur möglich, also –«
»Es ist mir egal, was für Blut du hast!«, sagte Harry aufgebracht. »Warum sollte ich Muggelgeborene angreifen?«
»Ich hab gehört, dass du die Muggel hasst, bei denen du lebst«, sagte Ernie schlagfertig.
»Es ist unmöglich, bei den Dursleys zu leben und sie nicht zu hassen«, erwiderte Harry. »Da möchte ich dich mal sehen.«
Er machte auf dem Absatz kehrt und stürmte aus der Bibliothek, wobei er sich einen tadelnden Blick von Madam Pince einhandelte, die den goldgeprägten Einband eines dicken Zauberspruchbandes polierte.
Harry rannte stolpernd durch die Gänge und bemerkte vor Wut kaum, wo er hinlief. Der Erfolg war, dass er gegen etwas sehr Großes und Festes prallte, das ihn zu Boden schlug.
Harry blickte auf. »Oh, hallo, Hagrid.«
Hagrids Gesicht war unter einer schneebedeckten Wollkapuze verborgen, aber ein anderer konnte es unmöglich sein, da er mit seinem Maulwurfsmantel den Gang fast in ganzer Breite ausfüllte. Ein toter Hahn baumelte von einer seiner massigen behandschuhten Pranken herab.
»Alles in Ordnung, Harry?«, sagte er und zog zum Sprechen die Kapuze hoch. »Warum bist du nicht im Unterricht?«
»Fällt aus«, sagte Harry und richtete sich auf. »Was machst du eigentlich hier?«
Hagrid hob den leblosen Hahn hoch.
»Der zweite, der dieses Jahr getötet wurde«, erklärte er. »Entweder Füchse oder ein Blut saugendes Gespenst, und ich brauch die Erlaubnis des Schulleiters, einen Bannkreis um den Hühnerstall zu ziehen.«
Er lugte unter seinen dicken, schneeglitzernden Brauen hervor und musterte Harry.
»Wirklich alles in Ordnung mit dir? Bist ja ganz heiß im Gesicht und siehst so besorgt aus –«
Harry brachte es nicht über sich zu wiederholen, was Ernie und die anderen Hufflepuffs über ihn gesagt hatten.
»Es ist nichts«, sagte er. »Ich mach mich jetzt besser auf die Socken, Hagrid, wir haben jetzt Verwandlung und ich muss noch meine Bücher holen.«
Den Kopf immer noch voll mit Ernies Worten, verließ er Hagrid.
»Justin hat auf so etwas gewartet, seit ihm Potter gegenüber herausgerutscht ist, dass er ein Muggelkind ist …«
Harry stapfte die Treppen hoch und bog in einen Korridor ein, der noch dunkler war als die anderen; ein scharfer, eisiger Luftzug pfiff durch ein in den Angeln schlagendes Fenster und hatte die Fackeln gelöscht. Auf halbem Wege durch den Gang stolperte er und stürzte zu Boden.
Er drehte sich um, um nachzusehen, worüber er gestolpert war – und hatte plötzlich das Gefühl, sein Magen würde sich auflösen.
Justin Finch-Fletchley lag auf dem Boden, steif und kalt und leblos an die Decke stierend, mit einem festgefrorenen Ausdruck des Entsetzens im Gesicht. Und das war nicht alles. Neben ihm war eine andere Gestalt und etwas Befremdlicheres hatte Harry noch nie gesehen.
Es war der Fast Kopflose Nick, nicht mehr perlweiß und durchsichtig, sondern mit schwarzem Rauch gefüllt. Reglos schwebte er eine Handbreit über dem Boden. Sein Kopf hing herunter und auf seinem Gesicht stand derselbe Ausdruck des Entsetzens wie auf dem Justins.
Harry rappelte sich auf, schnell und flach atmend, und sein Herz vollführte eine Art Trommelwirbel gegen seine Rippen. Mit fiebrigem Blick spähte er den verlassenen Korridor hinunter und sah, wie ein paar Spinnen so schnell sie konnten von den Körpern fortkrabbelten. Alles, was er hörte, waren die gedämpften Stimmen der Lehrer aus den Klassenzimmern zu beiden Seiten des Ganges.
Er hätte losrennen können, und keiner hätte je erfahren, dass er hier war. Aber er konnte sie nicht einfach hier liegen lassen … er musste Hilfe holen … würde auch nur einer glauben, dass er damit nichts zu tun hatte?
Während er dastand und Panik in ihm hochstieg, schlug gleich neben ihm krachend eine Tür auf. Peeves, der Poltergeist, kam herausgeschossen.
»Sieh an, es ist der putzige kleine Potter!«, gackerte Peeves und schlug Harry im Vorbeihüpfen die Brille von der Nase. »Was führt Potter im Schilde? Warum lümmelt Potter hier –«
Mitten in einem Salto hielt Peeves inne. Kopfüber in der Luft hängend, erkannte er Justin und den Fast Kopflosen Nick. Er vollendete seinen Purzelbaum, und bevor Harry ihn aufhalten konnte, füllte er seine Lungen und brüllte:
»ANGRIFF! ANGRIFF! WIEDER EIN ANGRIFF! KEIN STERBLICHER ODER GEIST IST SICHER! RENNT UM EUER LEBEN! AAAANGRIFF!«
Knall – knall – knall – den Gang entlang flog eine Tür nach der anderen auf und eine Flut von Schülern quoll heraus. Mehrere lange Minuten herrschte solches Durcheinander, dass Justins Körper Gefahr lief, ziemlich Schaden zu nehmen, und manche mitten im Kopflosen Nick standen. Von den andern gegen die Wand gedrückt, hörte Harry die Lehrer mit lauter Stimme Ruhe gebieten. Professor McGonagall kam herbeigeeilt, gefolgt von ihren Schülern, von denen einer immer noch schwarzweiß gestreiftes Haar hatte. Ein lauter Knall aus ihrem Zauberstab ließ Ruhe einkehren und sie wies alle zurück in die Klassenzimmer. Kaum hatte sich der Korridor etwas geleert, kam auch schon Ernie von den Hufflepuffs keuchend angerannt.
»Auf frischer Tat ertappt!«, rief Ernie und deutete mit schneeweißem Gesicht und dramatischer Geste auf Harry.
»Lass gut sein, Macmillan!«, sagte Professor McGonagall scharf.
Über ihnen hüpfte Peeves auf und ab und wachte bösartig grinsend über das Schauspiel; wenn heilloses Durcheinander herrschte, war Peeves immer bester Laune. Während die Lehrer sich über Justin und den Fast Kopflosen Nick beugten, um sie zu untersuchen, schmetterte Peeves ein Liedchen:
»Ach, Potter, du Schwein, was hast du getan.
Du meuchelst die Schüler und freust dich daran –« »Das reicht, Peeves!«, blaffte ihn Professor McGonagall an, und Peeves schwebte rücklings, nicht ohne Harry die Zunge rauszustrecken, davon.
Professor Flitwick und Professor Sinistra aus dem Fachbereich Astronomie trugen Justin in den Krankenflügel, doch niemand schien zu wissen, was man für den Fast Kopflosen Nick tun konnte. Professor McGonagall beschwor schließlich einen großen Fächer aus dem Nichts herauf und reichte ihn Ernie mit der Anweisung, den Fast Kopflosen Nick die Treppe hochzuwedeln. Und Ernie fächerte Nick vor sich her wie ein stummes schwarzes Hovercraft-Boot. Nun waren Harry und Professor McGonagall allein.
»Hier lang, Potter«, sagte sie.
»Professor«, sagte Harry sofort, »ich schwöre, ich habe es nicht –«
»Das liegt jetzt nicht mehr in meiner Hand, Potter«, sagte Professor McGonagall kurz angebunden.
Schweigend bogen sie um eine Ecke und sie hielt vor einem großen und äußerst hässlichen steinernen Wasserspeier an.
»Zitronenbrause!«, sagte sie. Das war offenbar ein Passwort, denn der Wasserspeier erwachte plötzlich zum Leben und hüpfte zur Seite. Die Wand hinter ihm teilte sich. Obwohl Harry Angst hatte vor dem, was ihn jetzt erwartete, musste er einfach staunen. Hinter der Wand war eine Wendeltreppe, die sich langsam nach oben bewegte wie eine Rolltreppe. Er und Professor McGonagall betraten die Treppe und die Wand hinter ihnen schloss sich mit einem dumpfen Geräusch. Sich im Kreise drehend, stiegen sie nach oben, höher und höher, bis Harry endlich, leicht schwindlig im Kopf, eine schimmernde Eichentür vor sich sehen konnte, mit einem bronzenen Türklopfer in Gestalt eines Greifen.
Er wusste, wo sie ihn hinführte. Das musste der Ort sein, wo Dumbledore lebte.
Der Vielsaft-Trank
Sie stiegen die letzte Stufe der steinernen Treppe empor und Professor McGonagall klopfte an die Tür. Geräuschlos öffnete sie sich und die beiden traten ein. Professor McGonagall gebot Harry zu warten und ließ ihn allein.
Harry sah sich um. Eins war gewiss: Von allen Lehrerbüros, die Harry bisher gesehen hatte, war Dumbledores das bei weitem interessanteste. Wenn er vor Angst nicht fast vergangen wäre, man würde ihn von der Schule werfen, dann hätte er ganz gerne einmal hier herumgestöbert.
Es war ein großer und schöner runder Raum, erfüllt mit merkwürdigen leisen Geräuschen. Auf den storchbeinigen Tischen standen merkwürdige silberne Instrumente, die surrten und kleine Rauchwolken ausstießen. An den Wänden hingen Bilder ehemaliger Schulleiter und Schulleiterinnen, die alle friedlich in ihren Rahmen dösten. Es gab auch einen gewaltigen klauenfüßigen Schreibtisch, und auf einem Bord dahinter lag ein schäbiger und rissiger Zaubererhut – der Sprechende Hut.
Harry zögerte. Er warf einen wachsamen Blick auf die schlafenden Hexen und Zauberer an den Wänden. Gewiss konnte es nicht schaden, wenn er den Hut herunternahm und ihn noch mal anprobierte? Nur mal sehen … einfach um sicherzugehen, dass er ihn tatsächlich ins richtige Haus gesteckt hatte –
Leise ging er um den Schreibtisch herum, nahm den Hut vom Bord und ließ ihn langsam auf seinen Kopf sinken. Er war ihm viel zu groß und rutschte ihm über die Augen, genau wie das letzte Mal, als er ihn aufgesetzt hatte. Harry starrte ins Schwarze im Innern des Hutes und wartete. Schließlich wisperte ihm eine leise Stimme ins Ohr:
»Hast ’nen kleinen Fimmel, Harry Potter?«
»Ähm, ja«, murmelte Harry. »Ähm – tut mir leid, dass ich dich störe – ich wollte nur fragen –«
»Du fragst dich, ob ich dich ins richtige Haus gesteckt habe«, sagte der Hut gewitzt. »Ja … bei dir war es besonders schwierig. Aber ich bleibe bei dem, was ich schon gesagt habe« – Harrys Herz machte einen Hüpfer – »dir wäre es in Slytherin gut ergangen –«
Harrys Magen krampfte sich zusammen. Er packte den Hut an der Spitze und zog ihn vom Kopf. Lasch baumelte er in seiner Hand, schmutzig und verschlissen. Harry schob ihn zurück ins Regal. Ihm war übel.
»Das stimmt nicht«, sagte er laut zu dem reglosen und stummen Hut. Er bewegte sich nicht. Harry wich zurück, die Augen starr auf ihn gerichtet. Dann hörte er hinter sich ein merkwürdig würgendes Geräusch und wirbelte herum.
Er war doch nicht allein. Auf einer goldenen Stange hinter der Tür saß ein altersschwacher Vogel, der aussah wie ein halb gerupfter Truthahn. Harry starrte ihn an und der Vogel starrte boshaft zurück und ließ erneut sein würgendes Geräusch hören. Er sieht sehr krank aus, dachte Harry. Die Augen des Vogels waren trübe, und während Harry ihn ansah, fielen Federn aus dem Schwanz.
Hätte mir gerade noch gefehlt, wenn Dumbledores Vogel stirbt, während ich allein mit ihm bin, dachte Harry gerade – als der Vogel in Flammen aufging.
Vor Schreck schrie Harry auf, wich zurück und stieß mit dem Rücken gegen den Schreibtisch; fieberhaft schaute er sich um, ob es nicht irgendwo ein Glas Wasser gäbe, aber er sah keines; der Vogel war mittlerweile ein Feuerball geworden; er gab einen lauten Schrei von sich und schon war nichts mehr von ihm übrig als ein schwelender Haufen Asche auf dem Boden.
Die Bürotür ging auf und Dumbledore kam mit ernstem Gesichtsausdruck herein.
»Professor«, keuchte Harry, »Ihr Vogel – ich konnte nichts machen – er hat einfach Feuer gefangen –«
Zu Harrys Verblüffung lächelte Dumbledore.
»Wurde auch Zeit«, sagte er. »Sah seit Tagen schon fürchterlich aus, ich hab ihm gesagt, er solle sich mal sputen.«
Er kicherte beim Anblick von Harrys verdutztem Gesicht.
»Fawkes ist ein Phönix, Harry. Phönixe gehen in Flammen auf, wenn es an der Zeit für sie ist zu sterben, und werden aus der Asche neu geboren. Sieh mal …«
Harry sah gerade noch rechtzeitig hin, um einen winzigen, verschrumpelten, neugeborenen Vogel den Kopf aus der Asche stecken zu sehen. Er war genauso hässlich wie der alte.
»Ein Jammer, dass du ihn an einem Brandtag sehen musstest«, sagte Dumbledore und setzte sich hinter seinen Schreibtisch. »Eigentlich ist er die meiste Zeit sehr hübsch, herrlich rot und golden gefiedert. Faszinierende Geschöpfe, diese Phönixe. Sie können unglaublich schwere Lasten tragen, ihre Tränen haben heilende Kraft und sie sind außerordentlich treue Haustiere.«
Vor Entsetzen über den in Flammen aufgehenden Fawkes hatte Harry ganz vergessen, weshalb er hier war, doch als Dumbledore sich auf dem hohen Stuhl hinter dem Schreibtisch niederließ und Harry mit seinen durchdringenden, hellblauen Augen festnagelte, erinnerte er sich jäh wieder.
Bevor Dumbledore allerdings noch ein Wort sagen konnte, flog laut krachend die Bürotür auf und Hagrid stürzte herein, mit der Kapuze auf den zottigen schwarzen Haaren und einem wilden Blick in den Augen. Noch immer baumelte der tote Hahn in seiner Pranke.
»Es war nicht Harry, Professor Dumbledore!«, sagte Hagrid eindringlich, »Sekunden bevor dieses Kind gefunden wurde, hab ich mit ihm geredet, er hätte nie die Zeit gehabt, Sir –«
Dumbledore versuchte etwas zu sagen, doch Hagrid drang weiter auf ihn ein, dabei wedelte er vor Aufregung mit dem Hahn, dessen Federn durch den ganzen Raum schwebten.
»– er kann’s nicht gewesen sein, ich schwör’s vor dem Ministerium für Zauberei, wenn nötig –«
»Hagrid, ich –«
»– Sie haben den falschen Jungen, Sir, ich weiß, dass Harry nie –«
»Hagrid!«, sagte Dumbledore laut. »Ich glaube nicht, dass Harry diese Leute angegriffen hat.«
»Oh«, sagte Hagrid und der Hahn schwang leblos um sein Bein. »Gut. Dann warte ich draußen.«
Und verlegen stapfte er hinaus.
»Sie glauben nicht, dass ich es war?«, wiederholte Harry hoffnungsvoll, während Dumbledore die Hahnenfedern von seinem Schreibtisch wischte.
»Nein, Harry, ich glaube es nicht«, sagte Dumbledore, wenn auch wieder mit ernstem Gesicht. »Aber ich will trotzdem mit dir reden.«
Dumbledore legte die Fingerspitzen zusammen und musterte ihn. Harry wartete nervös.
»Harry, ich muss dich fragen, ob es etwas gibt, was du mir erzählen möchtest«, sagte er sanft. »Was es auch immer sein mag.«
Harry wusste nicht, was er antworten sollte. Er dachte an Malfoy, der »Ihr seid die Nächsten, Schlammblüter!« gerufen hatte, und an den Vielsaft-Trank, der im Klo der Maulenden Myrte vor sich hin köchelte. Dann fiel ihm die körperlose Stimme ein, die er zweimal gehört hatte, und das, was Ron gesagt hatte: »Stimmen zu hören, die niemand sonst hören kann, ist kein gutes Zeichen, nicht einmal in der Zaubererwelt.« Auch dachte er daran, was alle über ihn sagten, und an seine wachsende Angst, dass ihn irgendetwas mit Salazar Slytherin verband …
»Nein«, sagte Harry, »es gibt nichts, Professor …«
Der Doppelangriff auf Justin und den Fast Kopflosen Nick verwandelte die angespannte Stimmung im Schloss in helle Panik. Eigenartigerweise war es das Schicksal des Fast Kopflosen Nick, das den Leuten offenbar die größte Sorge bereitete. Was für ein Wesen konnte einem Geist so etwas antun, fragten sich Lehrer und Schüler; was für eine schreckliche Macht konnte jemandem Schaden zufügen, der bereits tot war? Fast kam es zu einem Ansturm auf die Fahrkarten für den Hogwarts-Express, denn alle wollten über Weihnachten nach Hause.
»Wenn das so weitergeht, bleiben wir als Einzige hier«, sagte Ron zu Harry und Hermine. »Wir, Malfoy, Crabbe und Goyle. Das werden lustige Ferien.«
Crabbe und Goyle, die Malfoy alles nachmachten, hatten sich ebenfalls in die Liste derer eingetragen, die in den Ferien dableiben wollten. Doch Harry war froh, dass die meisten gingen. Er war es leid, dass die andern immer einen großen Bogen um ihn machten, wenn sie ihm begegneten, als ob er gleich Fangarme auswerfen oder Gift spucken würde; er war es leid, dass sie im Vorbeigehen murmelnd und zischelnd mit dem Finger auf ihn zeigten.
Fred und George allerdings fanden das alles sehr lustig. Sie ließen es sich nicht nehmen, als Harrys Vorhut durch die Gänge zu marschieren und zu rufen: »Macht Platz für den Erben von Slytherin, ein gaaanz böser Zauberer kommt hier durch …«
Percy missbilligte dieses Verhalten zutiefst.
»Das ist nicht zum Lachen«, sagte er kühl.
»Ach, geh aus dem Weg, Percy«, sagte Fred. »Harry hat’s eilig.«
»Ja, er macht schnell einen Abstecher in die Kammer des Schreckens auf eine Tasse Tee mit seinem reißzähnigen Knecht«, sagte George glucksend.
Auch Ginny fand das nicht lustig.
»Ach, hört auf«, flehte sie jedes Mal, wenn Fred Harry lauthals fragte, wen er denn als Nächsten anzugreifen gedenke, oder George so tat, als wehre er Harry mit einer Knoblauchzehe ab.
Harry war es gleich; er fühlte sich wohler bei dem Gedanken, dass wenigstens Fred und George die Vorstellung, er sei der Erbe Slytherins, für ausgesprochen lächerlich hielten. Doch ihr Gekasper schien Draco Malfoy in Rage zu bringen, der bei jedem ihrer Auftritte ein wenig saurer aussah.
»Eben weil es fast aus ihm herausplatzt, dass es in Wahrheit er ist«, sagte Ron ahnungsvoll. »Ihr wisst ja, wie er jeden hasst, der besser ist als er, und du, Harry, kriegst die ganze Anerkennung für seine schmutzige Arbeit.«
»Nicht mehr lange!«, sagte Hermine zufrieden. »Der Vielsaft-Trank ist fast fertig. In den nächsten Tagen holen wir die Wahrheit aus ihm heraus.«
Endlich hatten die Weihnachsferien begonnen und eine Stille, so tief wie der Schnee auf den Ländereien, senkte sich über das Schloss. Harry stimmte sie friedlich, nicht düster, und er freute sich, dass er, Hermine und die Weasleys den Gryffindor-Turm für sich allein hatten, was hieß, sie konnten lautstark »Zauberschnippschnapp« spielen, ohne jemanden zu stören, und in Ruhe Duellieren üben. Fred, George und Ginny waren lieber in der Schule geblieben, als mit Mr und Mrs Weasley Bill in Ägypten zu besuchen. Percy, der ihr, wie er es nannte, kindisches Betragen verachtete, tauchte selten im Gemeinschaftsraum der Gryffindors auf. Er hatte ihnen mit dem Brustton der Überzeugung erklärt, dass er nur deshalb über Weihnachten bleibe, weil es seine Pflicht als Vertrauensschüler sei, die Lehrer in diesen unruhigen Zeiten zu unterstützen.
Der Weihnachtsmorgen brach an, kalt und weiß. Harry und Ron, die Einzigen im Schlafsaal, wurden sehr früh von Hermine geweckt, die vollständig angezogen hereinplatzte und Geschenke für beide in den Armen trug.
»Aufwachen!«, rief sie laut und zog die Vorhänge zurück.
»Hermine, du darfst eigentlich nicht hier drin sein –«, sagte Ron und hob die Hand gegen das Licht.
»Ebenfalls frohe Weihnachten«, sagte Hermine und warf ihm ein Geschenk zu. »Ich bin schon fast eine Stunde auf den Beinen und hab noch ein paar Florfliegen in den Zaubertrank gemischt. Er ist fertig.«
Harry, plötzlich hellwach, setzte sich auf.
»Bist du sicher?«
»Vollkommen«, sagte Hermine und schob Krätze, die Ratte, beiseite, so dass sie sich ans Ende seines Himmelbetts setzen konnte. »Wenn wir’s versuchen, dann würd ich sagen, heute Abend.«
In diesem Augenblick schwebte Hedwig herein. Im Schnabel trug sie ein sehr kleines Päckchen.
»Hallo«, sagte Harry glücklich, als sie auf seinem Bett landete. »Sprichst du wieder mit mir?«
Zutraulich knabberte sie an seinem Ohr, was ein viel besseres Geschenk war als das, was sie ihm brachte. Denn wie sich herausstellte, kam es von den Dursleys. Sie hatten Harry einen Zahnstocher geschickt und einen Zettel, auf dem es hieß, er solle fragen, ob er auch während der Sommerferien in Hogwarts bleiben könne.
Die übrigen Weihnachtsgeschenke für Harry waren um einiges erfreulicher. Hagrid hatte ihm eine große Dose mit Sirupbonbons geschickt, die Harry am Feuer etwas weicher machen wollte, bevor er sie aß. Ron hatte ihm ein Buch geschenkt, Auf Jagd mit den Cannons, voll interessanter Geschichten über seine Lieblings-Quidditch-Mannschaft. Von Hermine bekam er einen prächtigen Adlerfederkiel. Harry öffnete das letzte Päckchen und fand einen neuen, selbst gestrickten Pullover von Mrs Weasley und einen großen Pflaumenkuchen. Mit einem neuen Anflug von Schuldgefühlen las er ihre Karte. Er dachte an Mr Weasleys Wagen, der seit ihrer Bruchlandung verschollen war, und das ganze Bündel von Regelbrüchen, die er und Ron schon wieder ausheckten.
Keiner konnte umhin, das Weihnachtsessen in Hogwarts zu genießen, nicht einmal einer, den es davor grauste, später den Vielsaft-Trank zu schlucken.
Die Große Halle war herrlich geschmückt. Da waren nicht nur das Dutzend mit Eiskristallen gezuckerter Weihnachtsbäume und die dicht geflochtenen Bänder aus Stechpalmenzweigen und Misteln, die kreuz und quer unter die Decke gespannt waren; auch verzauberter Schnee rieselte herab, weich und trocken. Dumbledore stimmte mit ihnen ein paar seiner liebsten Weihnachtslieder an, wobei Hagrid mit jedem Becher Eierpunsch, den er schluckte, lauter dröhnte. Percy, der nicht bemerkt hatte, dass Fred sein Vertrauensschülerabzeichen verzaubert hatte, so dass nun »Eierkopf« darauf zu lesen war, fragte sie andauernd, worüber sie denn kicherten. Harry störte es nicht einmal, dass Draco Malfoy drüben am Tisch der Slytherins mit lauter Stimme abfällige Bemerkungen über seinen neuen Pullover machte. Mit ein wenig Glück würde er es Malfoy in ein paar Stunden heimzahlen.
Harry und Ron hatten kaum ihren dritten Nachschlag Weihnachtspudding aufgegessen, als Hermine sie aus der Halle winkte, um ein letztes Mal den Plan für diesen Abend durchzugehen.
»Wir brauchen immer noch Stückchen von den Leuten, in die ihr euch verwandeln wollt«, sagte Hermine ganz sachlich, als schickte sie die beiden in den Laden, um Waschpulver zu kaufen. »Und natürlich wäre es am besten, wenn ihr etwas von Crabbe und Goyle abkriegt, die sind Malfoys beste Freunde, denen wird er alles erzählen. Und wir müssen auch dafür sorgen, dass die echten Crabbe und Goyle nicht hereinplatzen, während wir ihn befragen.
Ich hab alles genau geplant«, fuhr sie gelassen fort und achtete nicht im Geringsten auf Harrys und Rons verdutzte Gesichter. Sie hielt zwei üppige Schokoladenkuchen hoch. »Die hab ich mit einem einfachen Schlafmittel gefüllt. Ihr müsst nur dafür sorgen, dass Crabbe und Goyle sie finden. Ihr wisst, wie gierig sie sind, die können gar nicht anders, als sie aufzufuttern. Sobald sie eingeschlafen sind, rupft ihr ihnen ein paar Haare aus und versteckt sie im Besenschrank.«
Harry und Ron sahen sich ungläubig an.
»Hermine, ich glaub nicht –«
»Das könnte übel ausgehen –«
Doch Hermine hatte einen Blick aus Stahl, nicht unähnlich dem, den Professor McGonagall manchmal zeigte.
»Der Trank ist nutzlos ohne Crabbes und Goyles Haare«, sagte sie entschieden. »Ihr wollt doch Malfoy aushorchen, oder?«
»Ja, schon, klar«, sagte Harry, »aber was ist mit dir? Wem rupfst du die Haare aus?«
»Ich hab meines schon!«, sagte Hermine strahlend und zog ein Fläschchen aus ihrer Tasche. Es enthielt ein einziges Haar. »Wisst ihr noch, wie Millicent Bulstrode sich in der Duellierstunde mit mir gekloppt hat? Das hat sie auf meinem Umhang hinterlassen, als sie versucht hat, mich zu erwürgen! Und über Weihnachten ist sie nach Hause gefahren – also muss ich den Slytherins nur sagen, dass ich beschlossen habe zurückzukommen.«
Hermine wirbelte davon, um noch einmal nach dem Vielsaft-Trank zu schauen. Ron und Harry sahen sich an, als ob ihre letzte Stunde geschlagen hätte.
»Hast du je von einem Plan gehört, bei dem so vieles schiefgehen kann?«
Doch zu Harrys und Rons kompletter Verblüffung verlief Phase eins ihrer Operation genauso reibungslos, wie Hermine gesagt hatte. Nach dem Weihnachtstee schlichen sie in die verlassene Eingangshalle, um auf Crabbe und Goyle zu warten, die allein am Slytherin-Tisch zurückgeblieben waren, wo sie die vierte Portion Pudding vernichteten. Harry hatte die Schokokuchen auf das Ende des Treppengeländers gestellt. Als sie Crabbe und Goyle aus der Großen Halle kommen sahen, verschwanden Harry und Ron rasch hinter einer Rüstung neben der Eingangstür.
»Wie dick kann man eigentlich werden?«, flüsterte Ron begeistert, als Crabbe schadenfroh auf die Kuchen deutete und sie sich schnappte. Dumm grinsend stopften sie sich alles auf einmal in die großen Münder. Gierig und mit triumphierendem Blick kauten sie eine Weile. Dann, ohne auch nur die Miene zu verziehen, gingen beide in die Knie und sackten zu Boden.
Der bei weitem schwierigste Teil war nun, Crabbe und Goyle im Schrank auf der anderen Seite der Halle zu verstecken. Sobald sie sicher zwischen den Eimern und Wischern verstaut waren, riss Harry ein paar der Borsten aus, die auf Goyles Stirn wuchsen, und Ron nahm sich ein paar Haare von Crabbe. Außerdem stahlen sie ihre Schuhe, denn ihre eigenen waren einige Nummern zu klein für die Füße von Crabbe und Goyle. Dann, immer noch verblüfft über das, was ihnen gerade gelungen war, spurteten sie hoch ins Klo der Maulenden Myrte.
Dicker schwarzer Qualm drang aus der Kabine, in der Hermine den Kessel rührte. Sie konnten kaum etwas sehen. Sie zogen sich die Umhänge über die Gesichter und klopften sachte an die Tür.
»Hermine?«
Mit einem scharrenden Geräusch wurde der Riegel zurückgeschoben und Hermine tauchte vor ihnen auf. Ihr Gesicht glänzte und wirkte angespannt. Hinter ihr hörten sie das Blubb, Blubb des sirupdicken Zaubertranks. Drei Trinkgläser standen auf dem Toilettensitz bereit.
»Habt ihr sie?«, fragte Hermine außer Atem.
Harry zeigte ihr Goyles Haare.
»Gut. Und ich hab diese Umhänge aus der Wäsche stibitzt«, sagte Hermine und hielt einen kleinen Sack hoch. »Ihr braucht andere Größen, sobald ihr Crabbe und Goyle seid.«
Die drei starrten in den Kessel. Aus der Nähe sah der Zaubertrank wie dicker, dunkler, träge blubbernder Schlamm aus.
»Ich bin mir sicher, dass ich alles richtig gemacht habe«, sagte Hermine und las noch einmal nervös die bekleckerte Seite von Höchst potente Zaubertränke durch. »Sieht genauso aus, wie es das Buch vorschreibt … wenn wir ihn getrunken haben, bleibt uns exakt eine Stunde, bis wir uns wieder in uns selbst verwandeln.«
»Und was nun?«, flüsterte Ron.
»Wir teilen ihn auf drei Gläser auf und fügen die Haare hinzu.«
Hermine füllte große Schöpflöffel mit Zaubertrank in die Gläser. Dann schüttelte sie mit zitternder Hand Millicent Bulstrodes Haar aus dem Fläschchen in das erste Glas.
Der Trank zischte laut wie ein Wasserkessel und schäumte bedrohlich auf. Eine Sekunde später nahm er einen Übelkeit erregenden Gelbton an.
»Uääh – Essenz von Millicent Bulstrode«, sagte Ron mit ekelerfülltem Blick. »Wette, es schmeckt widerlich.«
»Tut jetzt eure rein«, sagte Hermine.
Harry warf Goyles Haare ins mittlere, Ron die Crabbes ins letzte Glas. Beide Gläser zischten und schäumten: Goyles Glas nahm den khakifarbenen Ton eines Nasenpopels an, Crabbes ein dunkles, trübes Braun.
»Wartet«, sagte Harry, als Ron und Hermine nach ihren Gläsern griffen. »Wir trinken sie besser nicht alle drei hier drin … Sobald wir uns in Crabbe und Goyle verwandeln, passen wir nicht mehr hier rein. Und Millicent Bulstrode ist auch nicht gerade eine Elfe.«
»Kluger Junge«, sagte Ron und schob den Riegel zurück. »Jeder nimmt eine Kabine.«
Harry, sorgsam darauf achtend, keinen Tropfen seines Vielsaft-Tranks zu verschütten, glitt in die mittlere Kabine.
»Fertig?«, rief er.
»Fertig«, kam es von Ron und Hermine zurück.
»Eins – zwei – drei –«
Harry klemmte sich die Nase zu und trank das Gebräu in zwei großen Schlucken. Es schmeckte wie zerkochter Kohl.
Sogleich begannen seine Eingeweide sich zu winden, als ob er lebende Schlangen geschluckt hätte – zusammengekrümmt fragte er sich, ob er sich übergeben würde –, dann breitete sich ein Brennen von seinem Magen rasch bis in seine Fingerspitzen und Zehen aus – als Nächstes, er lag nun keuchend auf allen vieren, kam ein fürchterliches Gefühl, als ob er schmelze, und die Haut an seinem Körper blähte sich wie heißes Wachs – vor seinen Augen begannen seine Hände zu wachsen, die Finger verdickten sich, die Nägel wurden breiter, die Knöchel traten hervor wie Bolzen – seine Schultern dehnten sich schmerzhaft, und ein Prickeln auf seiner Stirn sagte ihm, dass sein Haar bis zu seinen Augenbrauen hinunterkroch – sein Umhang zerriss, als seine Brust sich ausdehnte wie ein Fass, das seine Reifen sprengte – seine Füße quälten sich in Schuhen, die vier Nummern zu klein waren –
So schnell es begonnen hatte, hörte es auch wieder auf. Harry lag mit dem Gesicht nach unten auf dem steinkalten Boden und hörte Myrte im hinteren Klo verdrießlich gurgeln. Mühsam zog er sich die Schuhe aus und stand auf. So fühlte es sich also an, wenn man Goyle war. Mit seiner großen zitternden Hand warf er den Umhang ab, der einen halben Meter über seinen Knöcheln hing, zog den anderen an und schlüpfte in Goyles bootgroße Schuhe. Er hob die Hand, um sich das Haar vor den Augen wegzuwischen, traf aber nur den kurzen drahtigen Stoppelwuchs tief auf seiner Stirn. Dann erkannte er, dass seine Brille ihm den Blick vernebelte, weil Goyle sie offenbar nicht brauchte – er nahm sie ab und rief:
»Seid ihr okay?« Goyles leise Raspelstimme drang aus seinem Mund.
»Ja«, hörte er Crabbes tiefes Grunzen zu seiner Rechten.
Harry öffnete seine Tür und trat vor den zerbrochenen Spiegel. Aus dumpfen, tief liegenden Augen starrte ihn Goyle an. Harry kratzte sich am Ohr. Goyle tat es ihm gleich.
Rons Tür ging auf. Sie starrten sich an. Ron sah blass und entsetzt aus, war aber sonst von Crabbe nicht zu unterscheiden, vom puddingschüsselförmigen Haarschnitt bis zu den langen Gorillaarmen.
»Das ist unglaublich«, sagte Ron. Er trat vor den Spiegel und tippte sich gegen Crabbes platte Nase. »Unglaublich.«
»Wir sollten uns beeilen«, sagte Harry und lockerte sein Uhrband, das tief in Goyles Handgelenk schnitt. »Wir müssen erst noch rauskriegen, wo der Gemeinschaftsraum der Slytherins ist. Hoffentlich finden wir jemanden, dem wir folgen können.«
Ron, der Harry sprachlos angestarrt hatte, sagte: »Du ahnst nicht, wie seltsam es aussieht, Goyle denken zu sehen.« Er klopfte gegen Hermines Tür. »Komm schon, wir müssen gehen –«
Eine schrille Stimme antwortete.
»Ich – ich glaube, ich geh doch nicht mit. Ihr könnt doch ohne mich gehen.«
»Hermine, wir wissen, dass Millicent Bulstrode hässlich ist, es weiß doch keiner, dass du es bist –«
»Nein – im Ernst – ich geh lieber nicht mit – beeilt euch, ihr beiden, ihr vertrödelt die Zeit –«
Harry sah Ron verwirrt an.
»Jetzt siehst du eher nach Goyle aus«, sagte Ron. »So guckt er immer, wenn ein Lehrer ihn was fragt.«
»Hermine, alles in Ordnung mit dir?«, rief Harry durch die Tür.
»Ja – mir geht’s gut – los, geht schon –«
Harry sah auf die Uhr. Von ihren wertvollen sechzig Minuten waren fünf schon verstrichen.
»Wir treffen uns wieder hier, hörst du?«, sagte er.
Harry und Ron öffneten vorsichtig die Tür zum Gang, prüften, ob die Luft rein war, und machten sich auf den Weg.
»Schwing die Arme nicht so durch die Luft«, murmelte Harry Ron zu.
»Was?«
»Crabbe hält sie irgendwie steif …«
»So vielleicht?«
»Ja, schon besser …«
Sie stiegen die Marmortreppe hinunter. Was sie jetzt unbedingt brauchten, war ein Slytherin, dem sie in seinen Gemeinschaftsraum folgen konnten. Doch keiner war unterwegs.
»Hast du eine Idee?«, murmelte Harry.
»Die Slytherins kommen zum Frühstück immer von dort«, sagte Ron und nickte zum Eingang der Kerker hinüber. Kaum hatte er den Mund zugemacht, kam auch schon ein Mädchen mit langem Lockenhaar aus der Tür.
Ron hastete auf sie zu. »Verzeihung«, sagte er, »wir haben vergessen, wie wir in unseren Gemeinschaftsraum kommen.«
»Wie bitte?«, sagte das Mädchen steif. »Unseren Gemeinschaftsraum? Ich bin eine Ravenclaw.«
Misstrauisch blickte sie über die Schulter und ging davon.
Harry und Ron rannten die steinernen Stufen hinunter in die Dunkelheit, und ihre Tritte hallten besonders laut wider, denn es waren Crabbes und Goyles Füße, die auf die Steine krachten. Sie hatten das Gefühl, es würde doch nicht so einfach werden, wie sie gehofft hatten.
Die labyrinthischen Gänge waren menschenleer. Immer weiter drangen sie hinunter in die Tiefen unter der Schule, und mit raschen Blicken auf ihre Uhren prüften sie, wie viel Zeit ihnen noch blieb. Eine Viertelstunde war vergangen und schon kroch die Verzweiflung in ihnen hoch, da hörten sie plötzlich, wie sich vor ihnen etwas bewegte.
»Ha!«, sagte Ron aufgeregt. »Da ist endlich einer von ihnen!«
Die Gestalt kam aus einem Nebenzimmer. Sie rannten auf sie zu, doch das Herz sank ihnen in die Hosentasche. Es war kein Slytherin, es war Percy.
»Was machst du denn hier?«, sagte Ron überrascht.
Percy sah beleidigt aus.
»Das«, sagte er steif, »geht dich nichts an. Du bist Crabbe, nicht wahr?«
»Wa… – o ja«, sagte Ron.
»Nun – schleicht euch in den Schlafsaal«, sagte Percy streng. »Zurzeit ist es keine gute Idee, in dunklen Gängen herumzustreunen.«
»Das tust du gerade«, ermahnte ihn Ron.
»Ich«, sagte Percy und richtete sich auf, »ich bin Vertrauensschüler. Mich greift niemand an.«
Plötzlich ertönte eine Stimme hinter Harry und Ron. Draco Malfoy stolzierte auf sie zu, und zum ersten Mal in seinem Leben freute sich Harry, ihn zu sehen.
»Da seid ihr ja«, raunzte er und sah sie an. »Habt ihr beiden die ganze Zeit in der Großen Halle rumgefuttert? Ich hab euch gesucht, ich muss euch was zeigen, da lacht ihr euch tot.«
Malfoy warf Percy einen vernichtenden Blick zu.
»Und was machst du eigentlich hier unten, Weasley?«, höhnte er.
Percy war außer sich.
»Etwas mehr Respekt vor einem Vertrauensschüler, bitte!«, sagte er. »Deine Haltung gefällt mir nicht!«
Malfoy grinste hämisch und wies Harry und Ron mit einer Handbewegung an, ihm zu folgen. Harry hätte Percy beinahe ein entschuldigendes Wort zugerufen, fing sich jedoch gerade noch rechtzeitig. Er und Ron eilten Malfoy nach.
»Dieser Peter Weasley –«, sagte Malfoy, als sie in den nächsten Durchgang eingebogen waren.
»Percy«, korrigierte ihn Ron wie von selbst.
»Wie auch immer«, sagte Malfoy. »Ich seh ihn in letzter Zeit viel herumschleichen. Und ich wette, ich weiß, was er vorhat. Er glaubt, er könnte den Erben von Slytherin ganz alleine fassen.«
Er gab ein kurzes, abfälliges Lachen von sich. Harry und Ron tauschten aufgeregte Blicke.
Malfoy hielt vor einer nackten, feuchten Steinwand an.
»Wie war noch mal das neue Passwort?«, sagte er zu Harry.
»Ähm –«, sagte Harry.
»Ach ja – Reinblüter!«, sagte Malfoy achtlos und eine in der Wand versteckte steinerne Tür glitt auf. Malfoy schritt hindurch und Harry und Ron folgten ihm.
Der Gemeinschaftsraum der Slytherins war ein lang gezogenes unterirdisches Verlies mit rohen Steinwänden. Grünliche Kugellampen hingen an Ketten von der Decke. Ein Feuer prasselte unter einem kunstvoll gemeißelten Kaminsims vor ihnen, und im Umkreis des Feuers erkannten sie die Silhouetten mehrerer Slytherins, die in hohen Lehnstühlen saßen.
»Wartet hier«, sagte Malfoy zu Harry und Ron und deutete auf ein Paar freier Stühle, die etwas entfernt vom Kamin standen. »Ich geh und hol es – mein Vater hat es mir gerade geschickt –«
Neugierig, was Malfoy ihnen zeigen würde, setzten sich Harry und Ron auf die Stühle und taten ihr Bestes, um den Eindruck zu erwecken, sie fühlten sich wie zu Hause.
Eine Minute später kehrte Malfoy mit einem Zeitungsausschnitt in der Hand zurück. Er hielt ihn Ron unter die Nase.
»Ein Lacher für dich«, sagte er.
Harry sah, wie sich Rons Augen vor Schreck weiteten. Rasch las er den Zeitungsausschnitt durch, würgte ein sehr gezwungenes Lachen hervor und reichte ihn Harry.
Es war ein Ausschnitt aus dem Tagespropheten:
Untersuchung im Zaubereiministerium
Arthur Weasley, Chef des Amts für den Missbrauch von Muggelartefakten, wurde heute wegen der Verzauberung eines Muggelwagens zu einer Geldbuße von fünfzig Galleonen verurteilt.
Mr Lucius Malfoy, ein Beirat der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei, wo der verzauberte Wagen vor einigen Monaten einen Unfall verursachte, forderte Mr Weasley zum Rücktritt auf.
»Weasley hat das Ministerium in Misskredit gebracht«, sagte Mr Malfoy einem unserer Reporter. »Er ist offensichtlich ungeeignet, für uns Gesetze zu entwickeln, und sein lächerliches Muggelschutzgesetz sollte sofort gestrichen werden.«
Mr Weasley war in dieser Sache nicht zu sprechen. Allerdings wies seine Frau die Reporter an zu verschwinden, oder sie würde den Familienghul auf sie hetzen.
»Nun?«, sagte Malfoy ungeduldig, als Harry ihm den Ausschnitt zurückgab. »Ist das nicht witzig?«
»Haha«, sagte Harry tonlos.
»Arthur Weasley hat ein so großes Herz für die Muggel, dass er seinen Zauberstab zerbrechen und zu ihnen gehen sollte«, sagte Malfoy verächtlich. »Man sollte nicht meinen, dass die Weasleys Reinblüter sind, so wie die sich aufführen.«
Rons – oder vielmehr Crabbes – Gesicht hatte sich vor Wut verzerrt.
»Was ist los mit dir, Crabbe?«, fuhr ihn Malfoy an.
»Magenschmerzen«, grunzte Ron.
»Na dann geh hoch in den Krankenflügel und gib all diesen Schlammblütern einen Tritt von mir«, sagte Malfoy kichernd. »Wisst ihr, es wundert mich, dass der Tagesprophet noch nichts über diese Angriffe gebracht hat«, fuhr er nachdenklich fort. »Ich vermute, Dumbledore will alles vertuschen. Er wird entlassen, wenn der Spuk nicht bald aufhört. Vater hat schon immer gesagt, dass Dumbledore das Schlimmste ist, was dieser Schule passieren konnte. Er mag Muggelstämmige. Ein anständiger Schulleiter hätte nie solchen Schleim wie Creevey zugelassen.«
Malfoy begann mit einer eingebildeten Kamera Bilder zu knipsen und ahmte Colin auf grausame, aber treffende Art nach: »Potter, kann ich ein Bild von dir haben, Potter? Krieg ich ein Autogramm von dir? Kann ich dir die Schuhe lecken, bitte, Potter?«
Er ließ die Hände sinken und sah Harry und Ron an.
»Was ist eigentlich los mit euch beiden?«
Viel zu spät zwangen sich Harry und Ron zum Lachen, doch Malfoy schien zufrieden damit. Vielleicht waren Crabbe und Goyle immer etwas schwer von Begriff.
»Der heilige Potter, Freund der Schlammblüter«, sagte Malfoy langsam. »Noch so einer ohne das anständige Zaubererempfinden, oder er würde nicht mit dieser hochnäsigen Schlammblüterin Granger herumlaufen. Und die Leute halten ihn auch noch für den Erben Slytherins!«
Harry und Ron warteten mit angehaltenem Atem: Gewiss würde Malfoy ihnen in ein paar Sekunden sagen, er selbst sei es – doch dann –
»Wenn ich nur wüsste, wer es ist«, sagte Malfoy gereizt. »Ich könnte ihm helfen.«
Ron klappte der Unterkiefer herunter, so dass Crabbes Gesicht noch dümmlicher aussah als üblich. Glücklicherweise bemerkte Malfoy nichts, und Harry, der schnell überlegte, sagte:
»Du musst doch irgendeine Vermutung haben, wer hinter alldem steckt …«
»Du weißt, ich hab keine Ahnung, Goyle, wie oft soll ich dir das noch sagen?«, fuhr ihn Malfoy an. »Und Vater will mir nichts über das letzte Mal erzählen, als die Kammer geöffnet wurde. Natürlich, das war vor fünfzig Jahren, also vor seiner Zeit, aber er weiß alles darüber, und er sagt, es wurde alles unter der Decke gehalten, und wenn ich zu viel darüber wüsste, würde das nur Verdacht erregen. Aber eins weiß ich – das letzte Mal, als die Kammer des Schreckens geöffnet wurde, ist ein Schlammblüter gestorben. Also wette ich, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis einer von ihnen diesmal umgebracht wird … Ich hoffe, es ist die Granger«, sagte er genüsslich.
Ron ballte Crabbes gigantische Faust zusammen. Harry, der dachte, es wäre doch etwas verräterisch, wenn Ron Malfoy einen Faustschlag versetzen würde, warf ihm einen warnenden Blick zu und sagte:
»Weißt du, ob derjenige, der die Kammer das letzte Mal geöffnet hat, erwischt wurde?«
»O ja … wer immer es war, er wurde aus der Schule verbannt«, sagte Malfoy. »Sitzt wahrscheinlich immer noch in Askaban.«
»Askaban?«, sagte Harry verdutzt.
»Askaban – das Zauberergefängnis, Goyle«, sagte Malfoy und sah ihn ungläubig an. »Ehrlich, wenn du noch langsamer wärst, würdest du rückwärtsgehen.«
Er rutschte unruhig auf seinem Stuhl herum und sagte: »Vater sagt, ich solle mich zurückhalten und den Erben von Slytherin machen lassen. Die Schule müsse von allen schmutzigen Schlammblütern gereinigt werden, doch ich soll mich nicht einmischen. Natürlich hat er im Augenblick viel am Hals. Wisst ihr, dass das Zaubereiministerium letzte Woche unseren Landsitz durchsucht hat?«
Harry versuchte Goyles dumpfes Gesicht zu einem besorgten Blick zu zwingen.
»Tja …«, sagte Malfoy, »glücklicherweise haben sie nicht viel gefunden. Vater hat ein paar sehr wertvolle Sachen für schwarze Magie. Aber zum Glück haben wir unsere eigene Geheimkammer unter dem Fußboden des Salons –«
»Ho!«, sagte Ron.
Malfoy sah ihn an. Und Harry ebenfalls. Ron wurde rot. Selbst sein Haar wurde rot. Auch seine Nase wurde fast unmerklich länger – ihre Zeit war um, Ron verwandelte sich wieder in sich selbst, und nach dem entsetzten Blick, den er Harry zuwarf, geschah dies auch mit ihm.
Beide sprangen auf.
»Arznei für meinen Magen«, stöhnte Ron, und ohne noch ein Wort zu sagen, rannten sie durch den Gemeinschaftsraum der Slytherins, stürzten sich auf die feuchte Wand und spurteten den Gang entlang, in der Hoffnung, Malfoy habe nichts bemerkt. Harrys Füße begannen in Goyles riesigen Schuhen zu rutschen, und weil er schrumpfte, musste er seinen Umhang hochraffen. Sie rasten die Treppe hoch in die dunkle Eingangshalle; nicht zu überhören war das dumpfe Pochen aus dem Schrank, in den sie Crabbe und Goyle eingeschlossen hatten. Sie ließen die Schuhe vor der Schranktür zurück und hasteten in Socken die marmorne Treppe zum Klo der Maulenden Myrte hoch.
»Na ja, es war nicht alles Zeitverschwendung«, keuchte Ron und schloss die Klotür hinter sich. »Ich weiß, wir haben immer noch nicht rausgefunden, wer für die Angriffe verantwortlich ist, aber morgen schreibe ich Dad, er soll unter Malfoys Salon nachschauen.«
Harry prüfte sein Gesicht in dem zerbrochenen Spiegel. Er war wieder er selbst. Er setzte seine Brille auf und Ron hämmerte gegen Hermines Kabine.
»Hermine, komm raus, wir haben dir ’ne Menge zu erzählen –«
»Haut ab!«, quiekte Hermine.
Harry und Ron sahen sich an.
»Was ist los mit dir?«, fragte Ron. »Du musst doch inzwischen wieder du selbst sein, wie wir –«
Doch plötzlich glitt die Maulende Myrte durch die Kabinentür. Harry hatte sie nie so glücklich gesehen.
»Ooooooh, wartet, bis ihr sie seht«, sagte sie. »Es ist schrecklich –«
Sie hörten den Riegel zurückgleiten, und heraus kam Hermine, den Umhang über den Kopf gezogen und schluchzend.
»Was ist los?«, fragte Ron wieder. »Hast immer noch Millicents Nase oder so was?«
Hermine ließ den Umhang fallen, und Ron zuckte so schnell zurück, dass er gegen das Waschbecken stieß.
Ihr Gesicht war mit schwarzem Fell überzogen. Ihre Augen waren gelb, und lange spitze Ohren ragten aus ihrem Haar.
»Es war ein K-Katzenhaar!«, heulte sie. »M-Millicent Bulstrode muss eine Katze haben! Und der Trank darf nicht für Verwandlungen in Tiere gebraucht werden!«
»Uh – oh«, sagte Ron.
»Da werden sie dich ganz fürchterlich triezen«, sagte Myrte glücklich.
»Ist schon gut, Hermine«, sagte Harry rasch. »Wir bringen dich hoch in den Krankenflügel, Madam Pomfrey stellt nie zu viele Fragen …«
Es dauerte lange, bis sie Hermine dazu überredet hatten, hinauszugehen. Die Maulende Myrte machte ihnen mit schallendem Gelächter Beine.
»Wart nur, bis alle rausfinden, dass du einen Schwanz hast!«
Der sehr geheime Taschenkalender
Hermine blieb mehrere Wochen im Krankenflügel. Als die andern aus den Weihnachtsferien zurückkamen, kochte die Gerüchteküche über, denn natürlich glaubten alle, sie wäre angegriffen worden. Auffällig viele schlenderten am Krankenflügel entlang und versuchten einen Blick auf Hermine zu erhaschen, so dass Madam Pomfrey ihren Vorhang wieder auspackte und ihn um Hermines Bett hängte, damit ihr die Schande erspart bleiben sollte, mit einem Fellgesicht gesehen zu werden.
Harry und Ron gingen sie jeden Abend besuchen. Und seit der Unterricht wieder begonnen hatte, brachten sie ihr Tag für Tag die Hausaufgaben mit.
»Wenn mir diese Schnurrhaare gewachsen wären, dann hätte ich mal eine Pause eingelegt«, sagte Ron eines Abends und legte einen Stapel Bücher auf Hermines Nachttisch.
»Red keinen Stuss, Ron, ich darf den Anschluss nicht verpassen«, erwiderte Hermine barsch. Ihre Stimmung hatte sich deutlich gebessert, seit alle Haare aus ihrem Gesicht verschwunden waren und ihre Augen sich allmählich wieder braun färbten. »Ihr habt nicht etwa neue Spuren?«, setzte sie flüsternd hinzu, damit Madam Pomfrey nichts hörte.
»Nichts«, sagte Harry düster.
»Ich war mir so sicher, es sei Malfoy«, sagte Ron ungefähr zum hundertsten Mal.
»Was ist denn das?«, fragte Harry und deutete auf etwas Goldenes, das unter Hermines Kissen hervorlugte.
»Nur eine Gute-Besserung-Karte«, sagte Hermine hastig und versuchte die Karte wegzustecken, doch Ron war schneller. Er zog sie hervor, klappte sie auf und las laut:
»An Miss Granger, der ich eine rasche Genesung wünsche, von ihrem besorgten Lehrer, Professor Gilderoy Lockhart, Orden der Merlin dritter Klasse, Ehrenmitglied der Liga zur Verteidigung gegen die dunklen Kräfte und fünfmaliger Gewinner des Charmantestes-Lächeln-Preises der Hexenwoche.«
Ron sah angewidert zu Hermine auf.
»Mit der Karte unter dem Kissen schläfst du?«
Doch Madam Pomfrey kam mit der abendlichen Dosis Arznei herübergewuselt und ersparte Hermine die Antwort.
»Lockhart ist mit Abstand der größte Schleimer, den man sich vorstellen kann«, sagte Ron zu Harry, als sie den Krankensaal verlassen hatten und die Treppe zum Gryffindor-Turm emporstiegen. Snape hatte ihnen so viele Hausaufgaben aufgehalst, dass Harry meinte, er würde wohl erst im sechsten Schuljahr damit fertig werden. Ron sagte gerade, er hätte Hermine eigentlich fragen wollen, wie viele Rattenschwänze man in einen Haarsträubetrank mischen müsse, als sie aus dem Stockwerk über ihnen jemanden wutentbrannt schreien hörten.
»Das ist Filch«, murmelte Harry. Sie rannten die Treppe hoch, gingen in Deckung und lauschten mit gespitzten Ohren.
»Du glaubst doch nicht etwa, es ist wieder jemand angegriffen worden?«, fragte Ron angespannt.
Sie standen reglos da, die Köpfe zu Filchs Stimme hin geneigt, die ausgesprochen hysterisch klang.
»– noch mehr Arbeit für mich! Die ganze Nacht wischen, als ob ich nicht genug zu tun hätte! Nein, das bringt das Fass zum Überlaufen, ich geh zu Dumbledore –«
Seine Schritte wurden leiser, und in der Ferne hörten sie eine Tür schlagen.
Sie steckten die Köpfe um die Ecke. Filch hatte offenbar an der üblichen Stelle Wache gehalten: Wieder einmal waren sie an dem Ort, wo Mrs Norris angegriffen worden war. Sie sahen auf den ersten Blick, weshalb Filch getobt hatte. Eine große Wasserlache bedeckte den halben Korridor, und es sah so aus, als ob immer noch Wasser unter der Klotür der Maulenden Myrte hervorsickerte. Nun, da Filch aufgehört hatte zu schimpfen, konnten sie Myrtes Klagen von den Klowänden widerhallen hören.
»Was ist denn bloß mit der schon wieder los?«, fragte Ron.
»Lass uns nachsehen«, sagte Harry. Sie zogen die Umhänge über die Knöchel hoch und tapsten durch die große Wasserlache hinüber zur Tür mit dem »Defekt«-Schild, missachteten es wie üblich und traten ein.
Die Maulende Myrte weinte noch lauter und heftiger als sonst, falls das überhaupt möglich sein konnte. Offenbar versteckte sie sich in ihrer üblichen Kloschüssel. Hier drin war es dunkel, denn die große Wasserflut, von der Wände und Boden pitschnass waren, hatte auch die Kerzen gelöscht.
»Was ist los, Myrte?«, fragte Harry.
»Wer ist da?«, schluchzte Myrte niedergeschlagen. »Willst du noch etwas auf mich werfen?«
Harry watete hinüber zu ihrer Tür und sagte:
»Warum sollte ich dich mit etwas bewerfen?«
»Frag mich nicht«, rief Myrte und tauchte auf, wobei noch eine Wasserwelle auf den schon klitschnassen Boden schwappte. »Da bin ich und kümmere mich um meine eigenen Angelegenheiten, und irgendjemand hält es für witzig, ein Buch nach mir zu schmeißen …«
»Aber es kann dir doch nicht wehtun, wenn jemand dich trifft«, sagte Harry beschwichtigend. »Ich meine, es würde einfach durchfliegen, oder?«
Er hatte etwas Falsches gesagt. Myrte plusterte sich auf und kreischte:
»Lasst uns allesamt Bücher auf Myrte werfen, denn sie spürt es ja nicht! Zehn Punkte, wenn ihr eins durch den Magen kriegt! Fünfzig Punkte, wenn es durch den Kopf geht! Schön, hahaha! Was für ein wunderbares Spiel – finde ich gar nicht!«
»Wo wir schon dabei sind – wer war es eigentlich?«, sagte Harry.
»Ich weiß es nicht … Ich saß im Abflussrohr und dachte über den Tod nach, und es fiel direkt durch meinen Kopf«, sagte Myrte und starrte sie böse an. »Da drüben ist es, es ist rausgespült worden …«
Harry und Ron sahen unter dem Waschbecken nach, auf das Myrte deutete. Dort lag ein kleines, dünnes Buch. Es hatte einen schäbigen schwarzen Einband und war nass wie alles andere im Klo. Harry trat vor, um es aufzuheben, doch Ron streckte jäh seinen Arm aus, um ihn aufzuhalten.
»Was ist?«, sagte Harry.
»Bist du verrückt geworden?«, sagte Ron. »Es könnte gefährlich sein.«
»Gefährlich?«, sagte Harry und lachte auf. »Weshalb sollte es gefährlich sein?«
»Du würdest Augen machen«, sagte Ron, der das Buch besorgt beäugte. »Manche der Bücher, die das Ministerium beschlagnahmt hat – Dad hat es mir erzählt – eines davon brannte einem die Augen aus. Und jeder, der Sonette eines Zauberers gelesen hatte, sprach für den Rest seines Lebens in Limericks. Und eine alte Hexe in Bath hatte ein Buch, bei dem man nie aufhören konnte zu lesen! Man musste mit der Nase drin herumlaufen und versuchen, alles mit einer Hand zu erledigen. Und –«
»Schon gut, ich hab’s kapiert«, sagte Harry.
Das kleine Buch lag auf dem Boden, harmlos und durchweicht.
»Nun, wir kommen nicht weiter, wenn wir es uns nicht anschauen«, sagte er, duckte sich unter Rons Arm hindurch und hob das Buch auf.
Harry sah sofort, dass es sich um einen Taschenkalender handelte, und die ausgebleichte Jahreszahl auf dem Umschlag sagte ihm, dass er fünfzig Jahre alt war. Neugierig schlug er das Buch auf. Auf der ersten Seite konnte er nur den Namen »T. V. Riddle« in verkleckster Tintenschrift erkennen.
»Wart mal«, sagte Ron, der sich vorsichtig genähert hatte und über Harrys Schulter sah. »Den Namen kenn ich doch gut … T. V. Riddle hat vor fünfzig Jahren eine Auszeichnung für besondere Verdienste um die Schule erhalten.«
»Woher zum Teufel weißt du das?«, fragte Harry verblüfft.
»Filch hat mich bei den Strafarbeiten den Schild ungefähr fünfzig Mal polieren lassen«, sagte Ron gereizt. »Das war der Schild, über den ich eine Ladung Schnecken gespuckt hab. Wenn du eine Stunde lang Schleim von einem Namen gewischt hättest, dann würdest du dich auch an ihn erinnern.«
Harry schälte die nassen Seiten auseinander. Sie waren vollkommen leer. Nicht die geringste Spur einer Eintragung war auf ihnen zu entdecken, nicht einmal »Tante Mabels Geburtstag« oder »Zahnarzt, halb vier«.
»Er hat ihn nicht benutzt«, sagte Harry enttäuscht.
»Ich frag mich, warum es dann jemand ins Klo spülen wollte?«, sagte Ron verwundert.
Harry drehte das Buch um und sah auf der Rückseite den Namen eines Zeitungshändlers in der Londoner Vauxhall Road.
»Er muss aus einer Muggelfamilie stammen«, sagte Harry nachdenklich. »Wenn er einen Kalender in der Vauxhall Road gekauft hat …«
»Tja, das nützt dir nicht viel«, sagte Ron. Er senkte die Stimme. »Fünfzig Punkte, wenn du es durch Myrtes Nase kriegst.«
Harry jedoch steckte es in die Tasche.
Hermine konnte Anfang Februar den Krankenflügel verlassen. Sie war ihre Schnurrhaare, ihr Fell und ihren Schwanz los. Am ersten Abend im Gryffindor-Turm zeigte ihr Harry T. V. Riddles Taschenkalender und erzählte, wie sie ihn gefunden hatten.
»Oooh, er könnte verborgene Kräfte besitzen«, sagte Hermine begeistert. Sie nahm den Kalender in die Hand und musterte ihn genau.
»Wenn er welche hat, dann verbirgt er sie ganz gut«, sagte Ron. »Vielleicht ist er schüchtern. Ich weiß nicht, warum du ihn nicht wegwirfst.«
»Ich würde zu gern wissen, warum jemand versucht hat, ihn loszuwerden«, sagte Harry. »Und ich hätte auch nichts dagegen, wenn ich wüsste, für welche besonderen Verdienste um Hogwarts Riddle seine Auszeichnung bekommen hat.«
»Könnte alles Mögliche gewesen sein«, sagte Ron. »Vielleicht hatte er den dreißigsten ZAG geschafft oder einen Lehrer vor dem Riesenkraken gerettet. Vielleicht hat er Myrte umgebracht, da hätte er allen einen Gefallen getan …«
Doch Harry schloss aus der unbewegten Miene Hermines, dass sie das Gleiche dachte wie er.
»Was ist?«, sagte Ron und sah die beiden abwechselnd an.
»Nun, die Kammer des Schreckens wurde vor fünfzig Jahren geöffnet, oder?«, sagte Harry. »Das hat Malfoy gesagt.«
»Jaa …«, sagte Ron langsam.
»Und dieser Kalender ist fünfzig Jahre alt«, sagte Hermine, aufgeregt mit den Fingern darauf trommelnd.
»Na und?«
»Ach Ron, wach auf«, herrschte ihn Hermine an. »Wir wissen, dass die Person, die die Kammer das letzte Mal geöffnet hat, vor fünfzig Jahren von der Schule verwiesen wurde. Wir wissen, dass T. V. Riddle seine Auszeichnung für besondere Verdienste um die Schule vor fünfzig Jahren bekommen hat. Nun, was wäre, wenn Riddle seine besondere Auszeichnung bekam, weil er den Erben von Slytherin gefangen hat? Sein Kalender, als eine Art Tagebuch benutzt, würde uns wahrscheinlich alles sagen – wo die Kammer ist und wie man sie öffnet und was für eine Kreatur darin lebt –, die Person, die diesmal hinter den Angriffen steckt, würde so ein Buch lieber nicht hier rumliegen sehen, oder?«
»Das ist eine geniale Theorie, Hermine«, sagte Ron, »mit nur einem kleinen Fehler. In dem Buch steht nichts.«
Doch Hermine zog den Zauberstab aus der Tasche.
»Vielleicht ist es unsichtbare Tinte!«, flüsterte sie.
Sie tippte dreimal sanft gegen den Kalender und sagte: »Aparecium!«
Nichts geschah. Unverzagt griff Hermine erneut in ihre Tasche und zog einen leuchtend roten Radiergummi hervor.
»Das ist ein Enthüller, hab ich in der Winkelgasse gekauft«, sagte sie.
Sie rubbelte kräftig über »Erster Januar«. Nichts geschah.
»Ich sag euch doch, dadrin ist nichts«, sagte Ron. »Riddle hat eben einen Kalender zu Weihnachten bekommen und hatte einfach keine Lust, darin zu schreiben.«
Harry konnte nicht erklären, auch nicht sich selbst, warum er Riddles Buch nicht einfach wegwarf. Nicht nur das. Obwohl er wusste, dass der Taschenkalender leer war, nahm er ihn ständig gedankenverloren in die Hand und durchblätterte ihn, als ob er eine Geschichte enthielte, die er zu Ende lesen wollte. Und obwohl sich Harry sicher war, dass er den Namen T. V. Riddle nie vorher gehört hatte, schien er dennoch etwas für ihn zu bedeuten, fast als ob Riddle ein Freund gewesen wäre, als er noch sehr klein war, ein Freund, den er fast vergessen hatte. Doch das war Unsinn. Bevor er nach Hogwarts kam, hatte er keine Freunde gehabt, dafür hatte Dudley schon gesorgt.
Dennoch war Harry entschlossen, mehr über Riddle herauszufinden, und so machte er sich tags darauf in der großen Pause auf den Weg ins Pokalzimmer, um sich Riddles besondere Auszeichnung anzusehen. Eine neugierige Hermine begleitete ihn nebst einem zutiefst ungläubigen Ron, der zudem verkündete, er habe von Pokalzimmern für sein Leben lang die Nase voll.
Riddles blank polierte Goldmedaille war in einem Eckschrank verstaut. Warum er sie bekommen hatte, stand nicht darauf (»Besser ist’s, denn sonst wäre sie noch größer gewesen und ich würd sie immer noch polieren«, sagte Ron). Allerdings fanden sie Riddles Namen darüber hinaus noch auf einer alten Medaille für Magische Meriten und auf einer Liste ehemaliger Schulsprecher.
»Klingt wie Percy«, sagte Ron und kräuselte angewidert die Nase. »Vertrauensschüler, Schulsprecher … wahrscheinlich immer Klassenbester –«
»Du hörst dich an, als ob das was Schlechtes wäre«, sagte Hermine in leicht beleidigtem Ton.
Die Sonne warf inzwischen wieder die ersten schwachen Strahlen auf Hogwarts. Im Schloss war die Stimmung hoffnungsvoller geworden. Seit den Angriffen auf Justin und den Fast Kopflosen Nick war nichts mehr passiert, und Madam Pomfrey konnte erfreut berichten, dass die Alraunen launisch und geheimnistuerisch wurden, was hieß, dass sie die Kindheit nun rasch hinter sich ließen.
»Sobald ihre Akne zurückgeht, kann man sie wieder eintopfen«, hörte Harry sie eines Nachmittags mit freundlicher Stimme Filch erklären. »Und danach dauert es nicht mehr lange, bis wir sie zerschneiden und schmoren. Ihre Mrs Norris haben Sie dann im Nu zurück.«
Vielleicht hat der Erbe von Slytherin die Nerven verloren, dachte Harry. Wenn die Schule so wachsam und misstrauisch war, musste es immer riskanter werden, die Kammer des Schreckens zu öffnen. Vielleicht ließ sich das Monster, was immer es war, gerade jetzt nieder, um weitere fünfzig Jahre Winterschlaf zu halten …
Ernie Macmillan von den Hufflepuffs teilte diese hoffnungsvolle Überzeugung nicht. Er war immer noch der Ansicht, dass Harry der Schuldige war und sich im Duellierclub »verraten« habe. Peeves war da auch nicht hilfreich; ständig tauchte er in überfüllten Korridoren auf und sang: »Ach Potter, du Schwein …«, inzwischen mit einem dazu passenden Tänzchen.
Für Gilderoy Lockhart stand außer Frage, dass er persönlich bewirkt habe, dass die Angriffe aufgehört hatten. Während sich die Gryffindors für Verwandlung bereitmachten, hörte Harry, wie er dies Professor McGonagall erklärte.
»Ich denke nicht, dass es noch irgendwelche Schwierigkeiten geben wird, Minerva«, sagte er augenzwinkernd und sich ahnungsvoll gegen die Nase tippend. »Ich glaube, die Kammer des Schreckens ist jetzt endgültig verschlossen. Der Schurke muss gewusst haben, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis ich ihn erwischen würde. Ganz vernünftig von ihm, jetzt aufzuhören, bevor ich ihn mir zur Brust nehmen konnte.
Wissen Sie, was die Schule jetzt braucht, ist einen Stimmungsheber. Etwas, das die Erinnerungen an diese Geschichte fortwäscht! Ich will jetzt nicht weiter darüber reden, aber ich denke, ich weiß genau das Richtige …«
Er tippte sich erneut an die Nase und schritt davon.
Was sich Lockhart unter einem Stimmungsheber vorstellte, wurde beim Frühstück am vierzehnten Februar deutlich. Harry hatte wegen eines bis spätabends dauernden Quidditch-Trainings nicht viel geschlafen und ein wenig verspätet rannte er hinunter in die Große Halle. Einen Moment lang dachte er, sich in der Tür geirrt zu haben.
Alle Wände waren mit großen, grellrosa Blumen bedeckt. Schlimmer noch, herzförmiges Konfetti schneite vom fahlblauen Himmel herab. Harry ging hinüber zum Gryffindor-Tisch. Ron hockte da, als ob ihm schlecht wäre, und Hermine schien in recht kichriger Stimmung.
»Was ist denn hier los?«, fragte Harry die beiden und schnippte Konfetti von seinem Schinken.
Ron deutete auf den Lehrertisch, offenbar zu angewidert, um zu sprechen. Lockhart, mit einem zur Dekoration passenden grellrosa Umhang, gebot armfuchtelnd Schweigen. Die Lehrer neben ihm saßen mit versteinerten Gesichtern da. Von seinem Platz aus konnte Harry auf Professor McGonagalls Wange einen Muskel zucken sehen. Snape sah aus, als hätte ihm soeben jemand einen großen Becher Skele-Wachs eingeflößt.
»Einen glücklichen Valentinstag!«, rief Lockhart. »Und danken möchte ich den inzwischen sechsundvierzig Leuten, die mir Karten geschickt haben. Ja, ich habe mir die Freiheit genommen, diese kleine Überraschung für Sie alle vorzubereiten – und es kommt noch besser!«
Lockhart klatschte in die Hände und durch das Portal zur Eingangshalle marschierte ein Dutzend griesgrämig dreinschauender Zwerge. Freilich nicht irgendwelche Zwerge. Lockhart hatte sie alle mit goldenen Flügeln und Harfen ausstaffiert.
»Meine freundlichen Liebesboten!«, strahlte Lockhart. »Sie werden heute durch die Schule streifen und ihre Valentinsgrüße überbringen. Und damit ist der Spaß noch nicht zu Ende! Ich bin sicher, meine Kollegen werden sich dem Geist der Stunde nicht verschließen wollen. Warum bitten wir nicht Professor Snape, uns zu zeigen, wie man einen Liebestrank mischt! Und wenn wir schon dabei sind, Professor Flitwick weiß mehr als jeder Hexenmeister, den ich je getroffen habe, über Verzückungszauber, der durchtriebene alte Hund!«
Professor Flitwick begrub das Gesicht in den Händen. Snape sah aus, als ob er dem Ersten, der ihn nach einem Liebestrank fragte, Gift in den Hals stopfen würde.
»Bitte, Hermine, sag mir, dass du keine von den sechsundvierzig bist«, flehte Ron, als sie die Große Halle verließen und zum Unterricht gingen. Hermine war plötzlich vollauf damit beschäftigt, in ihrer Tasche nach dem Stundenplan zu kramen, und antwortete nicht.
Den ganzen Tag über platzten die Zwerge zum Ärger der Lehrer in die Unterrichtsstunden und überbrachten Valentinsgrüße, und spät am Nachmittag, die Gryffindors waren gerade auf dem Weg hoch zur Zauberkunststunde, holte einer von ihnen Harry ein.
»Ei, du! Arry Potter!«, rief ein besonders grimmig aussehender Zwerg und räumte sich mit dem Ellbogen den Weg zu Harry frei.
Harry war die Vorstellung ein Gräuel, vor den Augen einer Schar von Erstklässlern, zu der zufällig auch Ginny Weasley gehörte, einen Valentinsgruß empfangen zu müssen, und versuchte zu entkommen. Doch der Zwerg schlug sich schienbeintretend durch die Menge und holte ihn ein, bevor er auch nur zwei Schritte getan hatte.
»Ich hab eine musikalische Nachricht an ›Arry Potter persönlich‹ zu überbringen«, sagte er und zupfte Unheil verkündend an seiner Harfe herum.
»Nicht hier«, zischte Harry und rannte erneut los.
»Stillgestanden!«, raunzte der Zwerg, packte Harrys Tasche und zog ihn zurück.
»Lass mich los!«, knurrte Harry.
Mit einem lauten Reißen ging seine Tasche entzwei. Bücher, Zauberstab, Pergament und Federkiel flogen zu Boden und über dem ganzen Durcheinander zerbrach auch noch sein gläsernes Tintenfass.
Harry hastete umher und versuchte seine Sachen aufzusammeln, bevor der Zwerg zu singen begann. Im Korridor entstand ein kleiner Menschenauflauf.
»Was geht hier vor?«, ertönte die kalte, schleppende Stimme von Draco Malfoy. Fieberhaft stopfte Harry alles in seine zerrissene Tasche, verzweifelt darauf aus, zu entkommen, bevor Malfoy den musikalischen Valentinsgruß hören konnte.
»Was ist denn das für ein Durcheinander?«, sagte eine andere vertraute Stimme, die von Percy Weasley.
Harry verlor den Kopf und wollte losrennen, doch der Zwerg packte ihn um die Knie und er stürzte polternd zu Boden.
»Schön«, sagte der Zwerg und setzte sich auf Harrys Fußgelenke. »Hier ist dein Valentinslied:
›Seine Augen, so grün wie frisch gepökelte Kröte
Sein Haar, so schwarz wie Ebenholz
Ich wünscht’, er wär mein, denn göttlich muss sein
Der die Macht des Dunklen Lords schmolz.‹«
Harry hätte alles Gold in Gringotts dafür gegeben, sich auf der Stelle in Luft auflösen zu können. Er mühte sich vergeblich, zu lachen wie die anderen, und rappelte sich auf. Seine Füße waren taub vom Gewicht des Zwerges. Unterdessen tat Percy Weasley sein Bestes, um die Schar der Schüler zu zerstreuen, von denen einige zu Tränen gerührt waren.
»Weitergehen, weitergehen, es hat vor fünf Minuten geläutet, ab in die Klassenzimmer jetzt«, sagte er und schubste ein paar der jüngeren Schüler mit sanfter Gewalt weiter. »Auch du, Malfoy!«
Harry sah zu Malfoy hinüber und bemerkte, wie er jäh innehielt und etwas vom Boden auflas. Höhnisch grinsend zeigte er es Crabbe und Goyle, und Harry erkannte, dass er Riddles Kalender in der Hand hielt.
»Gib das zurück«, sagte Harry mit ruhiger Stimme.
»Was Potter wohl da reingeschrieben hat?«, sagte Malfoy, der die Jahreszahl auf dem Umschlag offenbar nicht bemerkt hatte und glaubte, es wäre Harrys Kalender. Die Umstehenden verstummten. Ginny starrte mit entsetztem Blick abwechselnd auf das Buch und auf Harry.
»Gib es mir, Malfoy«, sagte Percy streng.
»Erst schau ich es mir an«, sagte Malfoy und wedelte provozierend mit dem Kalender zu Harry hin.
Percy hob an: »Als Vertrauensschüler –«, doch Harry hatte die Geduld verloren. Er zückte seinen Zauberstab und rief: »Expelliarmus!« Und genau wie Snape Lockhart entwaffnet hatte, musste Malfoy zusehen, wie ihm das Buch in hohem Bogen aus der Hand flog. Ron, über das ganze Gesicht grinsend, fing es auf.
»Harry!«, sagte Percy laut. »Keine Zauberei in den Korridoren. Ich muss das berichten, das weißt du!«
Doch Harry war es egal. Er hatte Malfoy eins ausgewischt und das war die fünf Punkte Abzug für Gryffindor allemal wert. Malfoy sah wütend aus, und als Ginny an ihm vorbei in ihr Klassenzimmer ging, rief er ihr hämisch nach:
»Ich glaube nicht, dass Potter deinen Valentinsgruß besonders gemocht hat!«
Ginny bedeckte das Gesicht mit den Händen und verschwand durch die Tür. Schnaubend zog Ron seinen Zauberstab hervor, doch Harry hielt ihn zurück. Schließlich sollte Ron nicht unbedingt während des ganzen Zauberkunstunterrichts Schnecken spucken.
Erst als sie Professor Flitwicks Klassenzimmer erreicht hatten, bemerkte Harry etwas ziemlich Merkwürdiges an Riddles Kalender. All seine anderen Bücher waren mit scharlachroter Tinte durchtränkt. Der Taschenkalender jedoch war so sauber, wie er gewesen war, bevor das Tintenfass darüber zerbrochen war. Er wollte ihn Ron zeigen, doch Ron hatte wieder einmal Probleme mit seinem Zauberstab. Aus der Spitze traten große purpurne Blasen, was Rons Aufmerksamkeit ganz und gar im Bann hielt.
An diesem Abend ging Harry früher als alle andern zu Bett. Zum einen würde er es nicht ertragen, Fred und George noch einmal »Seine Augen, so grün wie frisch gepökelte Kröte« singen zu hören, zum andern wollte er sich Riddles Kalender genau ansehen, und er wusste, dass Ron dies für Zeitverschwendung hielt.
Harry saß auf seinem Himmelbett und blätterte durch die leeren Seiten. Auf keiner einzigen war auch nur eine Spur scharlachroter Tinte. Dann zog er ein neues Fässchen aus seinem Nachtschrank, tauchte die Feder hinein und ließ einen Tropfen auf die erste Seite des Tagebuchs fallen.
Eine Sekunde lang leuchtete die Tinte hell auf dem Papier, und dann, als würde sie in das Blatt hineingesaugt, verschwand sie. Aufgeregt tunkte Harry die Feder ein zweites Mal ein und schrieb: »Mein Name ist Harry Potter.«
Die Worte leuchteten sekundenlang auf dem Blatt und dann verschwanden auch sie spurlos. Dann, endlich, geschah etwas.
Aus dem Blatt heraus drangen, in seiner eigenen Tinte, Wörter, die Harry nicht geschrieben hatte.
»Hallo, Harry Potter. Mein Name ist Tom Riddle. Wie kommst du an mein Tagebuch?«
Auch diese Worte verblassten, doch nicht bevor Harry zurückgekritzelt hatte.
»Jemand hat versucht, es ins Klo zu spülen.«
Gespannt wartete er auf Riddles Antwort.
»Ein Glück, dass ich meine Erinnerungen auf dauerhaftere Weise als mit Tinte festgehalten habe. Aber ich wusste immer, dass es einige gibt, die nicht wollen, dass dieses Tagebuch gelesen wird.«
»Was meinst du damit?«, krakelte Harry und bekleckste vor Aufregung die Seite.
»Ich will sagen, dass dieses Tagebuch Erinnerungen an schreckliche Dinge enthält. Dinge, die vertuscht wurden. Dinge, die an der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei geschahen.«
»Da bin ich gerade«, schrieb Harry rasch. »Ich bin in Hogwarts und furchtbare Sachen sind passiert. Weißt du etwas über die Kammer des Schreckens?«
Sein Herz hämmerte. Riddles Antwort kam schnell, seine Schrift wurde schludriger, als wollte er eilends alles erzählen, was er wusste.
»Natürlich weiß ich von der Kammer des Schreckens. Zu meiner Zeit haben sie uns erzählt, es sei nur eine Legende und es gebe sie nicht. Aber das war eine Lüge. In meinem fünften Jahr wurde die Kammer geöffnet und das Monster hat mehrere Schüler angegriffen und schließlich einen getötet. Ich habe die Person erwischt, die die Kammer geöffnet hat, und sie wurde verstoßen. Doch der Schulleiter, Professor Dippet, schämte sich, dass so etwas in Hogwarts geschehen war, und verbot mir, die Wahrheit zu sagen. Sie haben ein Märchen erfunden, wonach das Mädchen bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen sei. Sie haben mir eine hübsche, glänzende Medaille mit eingeprägter Widmung gegeben und mich ermahnt, den Mund zu halten. Doch ich wusste, dass es wieder geschehen konnte. Das Monster lebte weiter, und derjenige, der die Macht hatte, es loszulassen, kam nicht ins Gefängnis.«
Harry stieß fast sein Tintenfass um, so eilig hatte er es mit der Antwort.
»Es geschieht jetzt wieder. Es gab drei Angriffe, und keiner scheint zu wissen, wer dahintersteckt. Wer war es das letzte Mal?«
»Ich kann es dir zeigen, wenn du willst«, antwortete Riddle. »Du brauchst meinen Worten nicht zu glauben. Ich kann dich in mein Gedächtnis von jener Nacht, in der ich ihn gefangen habe, hereinholen.«
Harry zögerte und hielt die Feder über das Tagebuch. Was meinte Riddle damit? Wie konnte er in das Gedächtnis eines anderen gelangen? Nervös blickte er zur Tür des Schlafsaals, in dem es nun dunkel wurde. Als sein Blick wieder auf das Buch fiel, sah er, wie sich neue Worte bildeten.
»Ich will es dir zeigen.«
Harry hielt für den Bruchteil einer Sekunde inne und schrieb dann ein Wort.
»Okay.«
Die Blätter des Tagebuchs begannen zu flattern, als ob ein Wind sie erfasst hätte. Als sich der Wirbel legte, waren die Seiten für Mitte Juni aufgeschlagen. Mit offenem Mund sah Harry, dass sich das kleine Quadrat für den dreizehnten Juni offenbar in einen winzigen Bildschirm verwandelt hatte. Mit leicht zitternden Händen hob er das Buch und drückte ein Auge gegen das kleine Fenster, und bevor er wusste, wie ihm geschah, kippte er nach vorn; das Fenster weitete sich, er spürte, wie sein Körper das Bett verließ und er kopfüber durch die Öffnung gezogen wurde, hinein in einen Wirbel aus Farbe und Schatten.
Seine Füße berührten festen Grund. Am ganzen Körper zitternd richtete er sich auf und die verschwommenen Formen um ihn her nahmen plötzlich Gestalt an.
Sofort wusste er, wo er war. Dieser kreisrunde Raum mit den schlafenden Porträts war Dumbledores Büro – doch hinter dem Schreibtisch saß nicht Dumbledore. Ein verhutzelter, gebrechlich aussehender Zauberer, kahlköpfig mit Ausnahme einiger Strähnen weißen Haares, las bei Kerzenlicht einen Brief. Harry hatte diesen Mann noch nie gesehen.
»Es tut mir leid«, sagte er zitternd, »ich wollte hier nicht reinplatzen.«
Doch der Zauberer sah nicht auf. Ein wenig stirnrunzelnd las er weiter. Harry trat näher an den Schreibtisch heran und stammelte:
»Ähm, ich gehe einfach, oder?«
Der Zauberer beachtete ihn immer noch nicht. Er schien ihn nicht einmal gehört zu haben. Harry überlegte, ob er vielleicht schwerhörig sei, und hob die Stimme.
»Tut mir leid, dass ich Sie gestört habe, ich gehe jetzt«, schrie er beinahe.
Der Zauberer faltete mit einem Seufzer den Brief zusammen, stand auf, ging an Harry vorbei, ohne ihm auch nur einen Blick zuzuwerfen, und zog die Vorhänge am Fenster auf.
Der Himmel draußen war rubinrot; offenbar war Sonnenuntergang. Der Zauberer ging zum Schreibtisch zurück, setzte sich und beobachtete Däumchen drehend die Tür.
Harry sah sich im Büro um. Kein Phönix Fawkes, keine surrenden silbernen Gerätschaften. Dies war Hogwarts, wie Riddle es kennen gelernt hatte, und dieser unbekannte Zauberer war der Schulleiter, nicht Dumbledore, und er, Harry, war ein für die Menschen vor fünfzig Jahren unsichtbares Phantom.
Es klopfte an der Tür.
»Herein«, sagte der alte Zauberer mit schwacher Stimme.
Ein Junge von etwa sechzehn Jahren trat ein und nahm seinen Spitzhut ab. Auf seiner Brust schimmerte das silberne Abzeichen des Vertrauensschülers. Er war viel größer als Harry, doch auch er hatte rabenschwarzes Haar.
»Ah, Riddle«, sagte der Schulleiter.
»Sie wollten mich sprechen, Professor Dippet?«, sagte Riddle. Er sah nervös aus.
»Setzen Sie sich«, sagte Dippet. »Ich habe eben Ihren Brief gelesen.«
»Oh«, sagte Riddle. Er setzte sich und klammerte die Hände fest zusammen.
»Mein lieber Junge«, sagte Dippet freundlich, »ich kann Sie unmöglich den Sommer über hier in der Schule lassen. Gewiss möchten Sie in den Ferien nach Hause?«
»Nein«, sagte Riddle sofort. »Ich würde viel lieber in Hogwarts bleiben, als in dieses … in dieses …«
»Sie leben in einem Waisenhaus der Muggel, nicht wahr?«, sagte Dippet neugierig.
»Ja, Sir«, sagte Riddle und errötete leicht.
»Sie stammen aus einer Muggelfamilie?«
»Halbblüter, Sir«, sagte Riddle. »Vater Muggel, Mutter Hexe.«
»Und beide Eltern sind –?«
»Meine Mutter starb, kurz nachdem ich geboren wurde, Sir. Im Waisenhaus haben sie mir gesagt, sie habe mir noch meinen Namen geben können – Tom nach meinem Vater, Vorlost nach meinem Großvater.«
Mitfühlend schnalzte Dippet mit der Zunge.
»Die Sache ist die, Tom«, seufzte er. »Man hätte für Sie vielleicht eine Ausnahme machen können, aber unter den gegenwärtigen Umständen …«
»Sie meinen all diese Angriffe, Sir?«, sagte Riddle und Harrys Herz begann zu pochen. Er trat näher, aus Angst, es könne ihm etwas entgehen.
»Genau«, sagte der Schulleiter. »Mein lieber Junge, Sie müssen einsehen, wie dumm es von mir wäre, wenn ich Sie nach Ende des Schuljahres im Schloss bleiben ließe. Besonders im Licht der jüngsten Tragödie … des Todes dieses armen kleinen Mädchens … In Ihrem Waisenhaus sind Sie bei weitem sicherer. Übrigens überlegt man im Zaubereiministerium gerade, ob man die Schule schließen soll. Wir sind der – ähm – Quelle dieser Unannehmlichkeiten bisher keinen Schritt näher gekommen …«
Riddles Augen hatten sich geweitet.
»Sir, wenn diese Person gefangen würde – wenn alles aufhören würde –«
»Was meinen Sie damit?«, sagte Dippet mit einem Quieken in der Stimme und richtete sich in seinem Stuhl auf. »Riddle, wollen Sie sagen, dass Sie etwas über diese Angriffe wissen?«
»Nein, Sir«, sagte Riddle rasch.
Doch Harry war sich sicher, dass es das gleiche »Nein« war, mit dem er Dumbledore geantwortet hatte.
Dippet sank zurück und wirkte ein wenig enttäuscht.
»Sie können gehen, Tom …«
Riddle stand auf und ging aus dem Zimmer. Harry folgte ihm.
Sie ließen sich von der Wendeltreppe hinabtragen und kamen beim Wasserspeier im nun fast dunklen Korridor heraus. Riddle hielt inne, und Harry, ihn unverwandt ansehend, tat es ihm gleich. Er konnte erkennen, dass Riddle angestrengt nachdachte. Riddle biss sich auf die Unterlippe, die Stirn in Falten gelegt.
Dann, als hätte er plötzlich eine Entscheidung getroffen, stürmte er los. Harry glitt geräuschlos neben ihm her. Sie sahen niemand anderen, bis sie die Eingangshalle erreicht hatten, wo ein großer Zauberer mit langem, wehendem, kastanienbraunem Haar und Bart von der Marmortreppe aus rief:
»Was streunen Sie so spät hier herum, Tom?«
Harry starrte den Zauberer mit offenem Mund an. Er war kein anderer als der fünfzig Jahre jüngere Dumbledore.
»Der Schulleiter wollte mich sprechen, Sir«, sagte Riddle.
»Gut, nun aber rasch ins Bett«, sagte Dumbledore und starrte Riddle genauso durchdringend an, wie es Harry schon von ihm kannte. »Jetzt sollte man lieber nicht in den Gängen umherwandern. Nicht, seit …«
Er seufzte tief, wünschte Riddle eine gute Nacht und schritt davon. Riddle wartete, bis er außer Sicht war, und ging dann mit raschen Schritten die steinernen Treppen zu den Kerkern hinunter, Harry dicht auf seinen Fersen.
Doch zu Harrys Enttäuschung führte ihn Riddle nicht in einen versteckten Gang oder einen Geheimtunnel, sondern in ebenden Kerker, in dem Harry Zaubertrankunterricht bei Snape hatte. Die Fackeln waren nicht entzündet worden, und als Riddle die Tür bis auf einen Spaltbreit zuschob, konnte Harry nur noch Riddle sehen, der reglos an der Tür stand und den Gang draußen beobachtete.
Harry hatte das Gefühl, sie hatten mindestens eine Stunde lang so dagestanden. Alles, was er sehen konnte, war die Gestalt Riddles an der Tür, die durch den Spalt lugte und wie versteinert wartete. Und gerade als Harrys Neugier und Spannung nachgelassen hatten und er sich allmählich wünschte, wieder in die Gegenwart zurückzukehren, hörte er, wie sich vor der Tür etwas bewegte.
Jemand kroch den Gang entlang. Er hörte ihn, wer immer es war, an dem Kerker vorbeigehen, in dem er und Riddle sich versteckt hatten. Stumm wie ein Schatten glitt Riddle durch die Tür und schlich ihm nach, und Harry, der ganz vergessen hatte, dass niemand ihn hören konnte, ging auf Zehenspitzen hinterher.
Etwa fünf Minuten lang folgten sie den Schritten, bis Riddle plötzlich anhielt und den Kopf neigte. Neue Geräusche drangen an ihre Ohren. Harry hörte eine Tür knarrend aufgehen und dann eine raue flüsternde Stimme:
»Komm … muss dich hier rausbringen … komm jetzt … in die Kiste …«
Etwas an dieser Stimme kam ihm vertraut vor …
Plötzlich machte Riddle einen Sprung um die Ecke, und Harry konnte den dunklen Umriss eines riesigen Jungen erkennen, der vor einer offenen Tür kauerte, neben ihm eine große Kiste.
»Schönen Abend, Rubeus«, sagte Riddle mit schneidender Stimme.
Der Junge schlug die Tür zu und richtete sich auf.
»Was machst du denn hier, Tom?«
Riddle trat näher.
»Es ist aus«, sagte er. »Ich muss dich anzeigen, Rubeus. Man spricht schon darüber, Hogwarts zu schließen, wenn die Angriffe nicht aufhören.«
»Was m-meinst –«
»Ich glaube nicht, dass du jemanden töten wolltest. Aber Monster geben keine guten Haustiere ab. Ich denke, du hast es nur zum Üben rausgelassen und –«
»Es hat nie keinen umgebracht!«, sagte der riesige Junge und wich gegen die geschlossene Tür zurück. Hinter der hörte Harry ein merkwürdiges Rascheln und Klicken.
»Mach schon, Rubeus«, sagte Riddle und trat noch näher. »Die Eltern des toten Mädchens kommen morgen. Das Mindeste, was Hogwarts tun kann, ist, dafür zu sorgen, dass das Wesen, das sie getötet hat, geschlachtet wird …«
»Er war es nicht!«, polterte der Junge und seine Stimme hallte in dem dunklen Gang wider. »Er würd’s nie tun! Er nie!«
»Geh zur Seite«, sagte Riddle und zückte seinen Zauberstab.
Sein Zauberspruch tauchte den Gang jäh in flammendes Licht. Die Tür hinter dem riesigen Jungen flog mit solcher Wucht auf, dass sie ihn an die Wand gegenüber warf. Und heraus drang etwas, das Harry einen langen, durchdringenden Schrei entfahren ließ, den niemand hören konnte –
Ein riesiger, lang gezogener, haariger Körper und ein Gewirr schwarzer Beine; ein Glimmen vieler Augen und ein Paar rasiermesserscharfer Greifzangen – noch einmal hob Riddle seinen Zauberstab, doch es war zu spät. Das Wesen warf ihn zu Boden und krabbelte den Gang entlang davon und verschwand. Riddle rappelte sich auf und sah ihm nach, doch der riesige Junge stürzte sich auf ihn, packte seinen Zauberstab und warf ihn laut schreiend erneut zu Boden: »NEIIIIIIIN!«
Und vor Harrys Augen begann sich alles zu drehen, nun war alles schwarz, Harry hatte das Gefühl, zu fallen und hart aufzuprallen. Er landete, alle viere von sich gestreckt, auf seinem Bett im Schlafsaal der Gryffindors, Riddles Tagebuch aufgeschlagen auf seinem Bauch.
Noch bevor er wieder ruhig Luft holen konnte, ging die Schlafsaaltür auf und Ron kam herein.
»Da bist du ja«, sagte er.
Harry setzte sich auf. Er schwitzte und zitterte.
»Was ist los?«, sagte Ron und sah ihn besorgt an.
»Es war Hagrid, Ron. Hagrid hat die Kammer des Schreckens vor fünfzig Jahren geöffnet.«
Cornelius Fudge
Harry, Ron und Hermine wussten schon seit langem von Hagrids unglücklicher Vorliebe für große und monströse Geschöpfe. Während ihres ersten Jahres in Hogwarts wollte er in seiner kleinen Holzhütte einen Drachen aufziehen, und auch den riesigen dreiköpfigen Hund, den er »Fluffy« getauft hatte, würden sie nicht so schnell vergessen. Und wenn der junge Hagrid damals gehört hatte, irgendwo im Schloss sei ein Monster versteckt, dann, da war sich Harry sicher, hatte er bestimmt alles darangesetzt, einen Blick auf dieses Monster zu erhaschen. Vermutlich dachte Hagrid, es sei ein Jammer, das Geschöpf so lange einzupferchen, und wollte ihm die Möglichkeit geben, sich einmal die vielen Beine zu vertreten. Harry konnte sich gut vorstellen, wie der dreizehnjährige Hagrid versucht hatte, es an Halsband und Leine auszuführen. Doch er war sich auch sicher, dass Hagrid niemals jemanden töten wollte.
Fast bereute Harry es, dass er herausgefunden hatte, wie Riddles Tagebuch funktionierte. Immer wieder musste er Ron und Hermine erzählen, was er gesehen hatte, bis er von der Geschichte und den langen, sich im Kreise drehenden Gesprächen danach endgültig die Nase voll hatte.
»Riddle könnte den Falschen erwischt haben«, sagte Hermine. »Vielleicht war es ein anderes Monster, das die Leute angegriffen hat …«
»Wie viele Monster, glaubst du, passen hier rein?«, fragte Ron gelangweilt.
»Wir wussten immer, dass Hagrid der Schule verwiesen wurde«, sagte Harry niedergeschlagen. »Und die Angriffe müssen aufgehört haben, nachdem sie ihn rausgeworfen hatten. Sonst hätte Riddle seine Auszeichnung nicht bekommen.«
Ron probierte es mit einer anderen Spur.
»Riddle erinnert mich an Percy – wer hat ihm eigentlich gesagt, er solle Hagrid verpfeifen?«
»Aber das Monster hatte jemanden getötet, Ron«, sagte Hermine.
»Und Riddle hätte in ein Waisenhaus der Muggel zurückgehen müssen, wenn sie Hogwarts geschlossen hätten«, sagte Harry. »Ich mach ihm keinen Vorwurf, dass er lieber hierbleiben wollte …«
Ron biss sich auf die Lippe und sagte dann zögernd: »Du hast Hagrid in der Nokturngasse getroffen, oder, Harry?«
»Er sagte, er wollte einen Fleisch fressenden Schneckenschutz kaufen«, erwiderte Harry rasch.
Alle drei verstummten. Nach einer langen Pause stellte Harry mit zögernder Stimme die kniffligste Frage:
»Meint ihr, wir sollten zu Hagrid gehen und ihn einfach fragen?«
»Das wäre ein lustiger Besuch«, sagte Ron. »›Hallo, Hagrid, sag mal, hast du in letzter Zeit irgendwas Verrücktes und Haariges im Schloss losgelassen?‹«
Schließlich beschlossen sie, Hagrid nichts zu sagen, außer wenn es einen neuen Angriff geben sollte. Und da immer mehr Tage ohne ein Flüstern der körperlosen Stimme vergingen, wuchs ihre Hoffnung, sie müssten Hagrid nie fragen, warum er von der Schule geflogen war. Es war jetzt schon fast vier Monate her, seit Justin und der Fast Kopflose Nick versteinert worden waren, und fast alle schienen zu glauben, dass der Angreifer, wer immer es war, sich endgültig zurückgezogen hatte. Peeves war sein »Potter, du Schwein«-Liedchen endlich leid geworden, eines Tages in Kräuterkunde bat Ernie Macmillan Harry recht höflich, ihm einen Eimer hüpfender Giftpilze zu reichen, und im März schmissen einige Alraunen eine lärmende und ausschweifende Party in Gewächshaus drei. Professor Sprout war sehr glücklich darüber.
»Sobald sie anfangen, gemeinsam in ihren Töpfen zu hausen, wissen wir, dass sie ganz reif sind«, erklärte sie Harry. »Dann können wir endlich diese armen Leute im Krankenflügel wiederbeleben.«
Während der Osterferien bekamen die Zweitklässler neuen Stoff zum Nachdenken. Es war an der Zeit, die Fächer für das dritte Schuljahr auszuwählen, eine Sache, die zumindest Hermine sehr ernst nahm.
»Es könnte unsere ganze Zukunft beeinflussen«, erklärte sie Harry und Ron, während sie über den Listen mit den neuen Fächern grübelten und ihre Kreuzchen machten.
»Zaubertränke will ich jedenfalls loswerden«, sagte Harry.
»Das geht nicht«, sagte Ron mit trübseliger Miene. »Wir müssen unsere alten Fächer behalten, sonst würde ich Verteidigung gegen die dunklen Künste gleich über Bord werfen.«
»Aber das ist sehr wichtig!«, sagte Hermine schockiert.
»So, wie Lockhart es unterrichtet, jedenfalls nicht«, sagte Ron. »Bei dem hab ich nichts gelernt, außer dass man Wichtel nicht freilassen darf.«
Neville Longbottom hatte Briefe von sämtlichen Hexen und Zauberern in seiner Familie bekommen, die ihm allesamt unterschiedliche Ratschläge erteilten, welche Fächer er wählen sollte. Verwirrt und besorgt saß er da, las mit der Zungenspitze zwischen den Lippen die Fächerliste durch und fragte die andern, ob sie glaubten, Arithmantik sei ein schwierigeres Fach als Alte Runen. Dean Thomas, der wie Harry unter Muggeln aufgewachsen war, schloss am Ende einfach die Augen, stach mit dem Zauberstab auf die Liste und wählte die Fächer, auf denen er landete. Hermine wollte von keinem Ratschläge hören und kreuzte schlichtweg alles an.
Harry lächelte grimmig in sich hinein bei dem Gedanken, was Onkel Vernon und Tante Petunia sagen würden, wenn er versuchte, mit ihnen über seine Zaubererkarriere zu sprechen. Aber es war beileibe nicht so, dass ihm keiner zur Seite gestanden hätte: Percy Weasley wollte unbedingt seine Erfahrungen mit ihm teilen.
»Kommt drauf an, was dein Ziel ist, Harry«, sagte er. »Es ist nie zu früh, über die Zukunft nachzudenken, deshalb würde ich Weissagung empfehlen. Außerdem heißt es immer, das Studium der Muggel sei nichts Halbes und nichts Ganzes, doch wenn du mich fragst, sollten Zauberer ein gründliches Verständnis der nichtmagischen Gemeinschaft besitzen, besonders, wenn sie vorhaben, eng mit ihnen zusammenzuarbeiten – sieh dir meinen Vater an, er muss sich ständig mit Muggelangelegenheiten herumschlagen. Mein Bruder Charlie war schon immer mehr ein Typ für die freie Natur, also hat er sich für die Aufzucht und Pflege Magischer Geschöpfe entschieden. Überleg einfach, wo deine Stärken liegen, Harry.«
Doch das Einzige, was Harry wirklich gut zu können glaubte, war Quidditch. Schließlich wählte er die gleichen neuen Fächer wie Ron, denn wenn er darin miserabel sein sollte, dann hätte er wenigstens einen Freund, der ihm helfen konnte.
Im nächsten Spiel der Gryffindors ging es gegen die Hufflepuffs. Wood bestand darauf, dass sie jeden Abend nach dem Essen noch trainierten, und so blieb Harry kaum Zeit für etwas anderes als Quidditch und Hausaufgaben. Allerdings wurden die Trainingsstunden besser oder wenigstens trockener, und als er am Abend vor dem sonnabendlichen Spiel in den Schlafsaal hochging, um den Besen zu verstauen, hatte er das Gefühl, die Gryffindors hätten noch nie eine größere Chance gehabt, den Quidditch-Pokal zu gewinnen.
Doch seine muntere Stimmung hielt nicht lange an. Oben auf dem Treppenabsatz vor dem Schlafsaal traf er auf Neville Longbottom und der war völlig aus dem Häuschen.
»Harry – ich weiß nicht, wer es war – ich hab’s gerade entdeckt –«
Mit ängstlichem Blick auf Harry stieß Neville die Tür auf.
Harrys Schrankkoffer war geöffnet worden und seine Sachen waren überall verstreut. Sein Umhang lag zerrissen auf dem Boden. Das Betttuch war heruntergerissen, die Schublade aus seinem Nachttisch gezogen und über der Matratze ausgeschüttet worden.
Mit offenem Mund, über herausgerissene Seiten aus Trips mit Trollen, ging Harry hinüber zu seinem Bett. Gerade zog er mit Nevilles Hilfe das Leintuch wieder auf, als Ron, Dean und Seamus hereinkamen. Dean fluchte laut.
»Was ist passiert, Harry?«
»Keine Ahnung«, sagte Harry, während Ron Harrys Umhang unter die Lupe nahm. Alle Taschen waren nach außen gestülpt.
»Da hat jemand was gesucht«, sagte Ron. »Fehlt irgendetwas?«
Harry begann seine Sachen aufzulesen und sie wieder in den Koffer zu werfen. Erst als er das letzte Buch Lockharts hineinwarf, fiel ihm auf, was fehlte.
»Riddles Tagebuch ist verschwunden«, sagte er mit gedämpfter Stimme zu Ron.
»Was?«
Harry nickte mit dem Kopf hinüber zur Tür und Ron folgte ihm hinaus. Sie rannten in den Gemeinschaftsraum hinunter, der halb leer war. Einsam in einer Ecke saß Hermine und las ein Buch mit dem Titel Alte Runen leicht gemacht.
Entsetzt lauschte sie den Neuigkeiten.
»Aber – nur ein Gryffindor hätte es stehlen können – die andern kennen das Passwort nicht.«
»Genau«, sagte Harry.
Als sie am nächsten Morgen aufwachten, strahlte die Sonne und es wehte eine leichte, erfrischende Brise.
»Beste Bedingungen für Quidditch!«, sagte Wood begeistert am Gryffindor-Tisch und schaufelte die Teller der Mannschaft mit Rührei voll. »Harry, halt dich ran, du brauchst ein anständiges Frühstück.«
Harry hatte am dicht besetzten Gryffindor-Tisch entlanggestarrt und sich gefragt, ob der neue Besitzer von Riddles Tagebuch ihm direkt vor Augen saß. Hermine hatte ihn gedrängt, den Diebstahl zu melden, doch davon wollte er nichts wissen. Dann würde er einem Lehrer alles über das Tagebuch sagen müssen, und wie viele Leute wussten eigentlich, warum Hagrid vor fünfzig Jahren rausgeflogen war? Er wollte nicht der sein, der alles wieder aufrührte.
Als Harry gemeinsam mit Ron und Hermine die Große Halle verließ, um seine Quidditch-Sachen zu holen, wuchs Harrys lange Sorgenliste um ein neues Kümmernis. Gerade hatte er den Fuß auf die Marmortreppe gesetzt, da hörte er es wieder –
»Töte dieses Mal … lass mich reißen … zerfetzen …«
Er schrie laut auf und Ron und Hermine sprangen erschrocken von ihm weg.
»Die Stimme!«, sagte Harry und warf einen Blick über die Schulter. »Ich hab sie eben wieder gehört – ihr nicht?«
Ron schüttelte den Kopf, die Augen weit aufgerissen. Hermine jedoch schlug sich mit der Hand gegen die Stirn.
»Harry, ich glaub, mir ist eben ein Licht aufgegangen! Ich muss in die Bibliothek!«
Und sie rannte die Treppe hoch und davon.
»Was ist ihr klar geworden?«, sagte Harry verwirrt. Immer noch blickte er umher und versuchte herauszufinden, woher die Stimme gekommen war.
»Eine ganze Menge mehr als mir«, sagte Ron kopfschüttelnd.
»Aber warum muss sie in die Bibliothek?«
»Weil das Hermines Art ist«, sagte Ron achselzuckend. »Im Zweifelsfall geh in die Bibliothek!«
Harry stand unentschlossen herum und versuchte die Stimme wieder zu erhaschen, doch jetzt kamen Schüler aus der Großen Halle, die laut schwatzend durch das Portal hinüber zum Quidditch-Feld strömten.
»Beeil dich lieber«, sagte Ron, »es ist fast elf – das Spiel –«
Harry rannte hoch in den Gryffindor-Turm, holte seinen Nimbus Zweitausend und schloss sich der großen Schar an, die über das Gelände schwärmte. Doch in Gedanken war er immer noch im Schloss, bei der körperlosen Stimme, und als er im Umkleideraum seinen scharlachroten Umhang anzog, war sein einziger Trost, dass nun alle draußen waren, um das Spiel zu sehen.
Als die Spieler auf das Feld marschierten, erhob sich ohrenbetäubender Beifall. Oliver Wood genehmigte sich einen Aufwärmflug um die Torstangen, und Madam Hooch gab die Bälle frei. Die Hufflepuffs, die in Kanariengelb spielten, bildeten eine Traube und besprachen ein letztes Mal ihre Taktik.
Gerade bestieg Harry seinen Besen, als Professor McGonagall halb schreitend, halb rennend über das Feld kam, ein gewaltiges purpurnes Megafon in der Hand.
Harry wurde das Herz schwer wie Stein.
»Das Spiel ist abgesagt«, rief Professor McGonagall durch das Megafon hinüber zu den voll besetzten Rängen. Zurück kamen Buhrufe und Pfiffe. Oliver Wood, außer sich vor Verzweiflung, landete und rannte, ohne vom Besen zu steigen, auf Professor McGonagall zu.
»Aber Professor«, rief er. »Wir müssen spielen – der Pokal – Gryffindor –«
Professor McGonagall achtete gar nicht auf ihn und hob erneut das Megafon: »Alle Schüler gehen zurück in die Gemeinschaftsräume, wo die Hauslehrer ihnen alles Weitere erklären. So schnell Sie können, bitte!« Dann ließ sie das Megafon sinken und winkte Harry zu sich herüber.
»Potter, ich denke, Sie kommen besser mit mir …«
Wie konnte sie ihn nur diesmal schon wieder verdächtigen, fragte sich Harry, als sie zum Schloss aufbrachen, und sah gleichzeitig, wie Ron sich aus der protestierenden Menge löste und zu ihnen herübergerannt kam. Zu Harrys Überraschung hatte Professor McGonagall nichts einzuwenden.
»Ja, vielleicht sollten Sie auch mitkommen, Weasley …«
Manche der Schüler, die um sie herumschwärmten, grummelten, weil das Spiel ausfiel, andere sahen besorgt aus. Harry und Ron folgten Professor McGonagall zurück in die Schule und die Marmortreppe empor. Doch diesmal ging es nicht in das Büro eines Lehrers.
»Das wird ein ziemlicher Schock für Sie sein«, sagte Professor McGonagall mit überraschend sanfter Stimme, als sie sich dem Krankenflügel näherten. »Es gab einen weiteren Angriff … einen Doppelangriff.«
Harrys Eingeweide krampften sich heftig schmerzend zusammen. Professor McGonagall öffnete die Tür und er und Ron traten ein. Madam Pomfrey beugte sich über eine Sechstklässlerin mit langem Lockenhaar. Harry erkannte sie; es war das Mädchen aus Ravenclaw, das sie zufällig nach dem Weg zum Gemeinschaftsraum der Slytherins gefragt hatten. Und im Bett neben ihr lag –
»Hermine!«, stöhnte Ron. Hermine lag vollkommen reglos da, mit aufgerissenen, glasigen Augen.
»Sie wurden in der Nähe der Bibliothek gefunden«, sagte Professor McGonagall. »Ich nehme an, keiner von Ihnen kann das erklären? Und das lag neben ihnen auf dem Boden …«
Sie hielt einen kleinen runden Spiegel hoch.
Harry und Ron schüttelten die Köpfe, ohne den Blick von Hermine zu wenden.
»Ich begleite Sie zurück in den Gryffindor-Turm«, sagte Professor McGonagall mit trauriger Stimme. »Ich muss ohnehin zu den Schülern sprechen.«
»Sie alle kehren spätestens um sechs Uhr abends zurück in die Gemeinschaftsräume. Danach verlässt keiner mehr den Schlafsaal. Ein Lehrer wird Sie zu jeder Unterrichtsstunde begleiten. Kein Schüler geht ohne Begleitung eines Lehrers auf die Toilette. Quidditch-Training und -Spiele sind bis auf weiteres gestrichen. Es gibt keine abendlichen Veranstaltungen mehr.«
Die Gryffindors, die sich im Gemeinschaftsraum zusammendrängten, lauschten Professor McGonagall schweigend. Sie rollte das Pergament ein, von dem sie abgelesen hatte, und sagte mit fast erstickter Stimme:
»Ich muss wohl kaum hinzufügen, dass ich in größter Sorge bin. Wahrscheinlich wird die Schule geschlossen, wenn der Schurke, der hinter diesen Angriffen steckt, nicht gefasst wird. Ich ermahne eindringlich jeden, der glaubt, etwas darüber zu wissen, mit der Sprache herauszurücken.«
Etwas ungelenk kletterte sie aus dem Porträtloch und sofort begannen die Gryffindors laut zu schwatzen.
»Jetzt sind schon zwei Gryffindors außer Gefecht, einen Geist von uns nicht mitgezählt, und eine Ravenclaw und ein Hufflepuff«, sagte der Freund der Weasley-Zwillinge, Lee Jordan, und zählte die Opfer an den Fingern ab. »Hat denn von den Lehrern keiner mitgekriegt, dass die Slytherins noch vollzählig sind? Ist es nicht glasklar, dass diese Angriffe von Slytherin ausgehen? Der Erbe von Slytherin, das Monster von Slytherin – warum werfen sie nicht einfach alle Slytherins raus?«, polterte er unter Kopfnicken und vereinzeltem Beifall der Umstehenden. Percy Weasley saß in einem Stuhl hinter Lee, doch er schien diesmal nicht erpicht darauf, seine Meinung zu sagen. Er sah blass und ratlos aus.
»Percy steht unter Schock«, sagte George leise zu Harry. »Dieses Ravenclaw-Mädchen war Vertrauensschülerin. Er glaubte wohl, das Monster würde es nicht wagen, einen Vertrauensschüler anzugreifen.«
Doch Harry hörte nur mit halbem Ohr zu. Das Bild Hermines wollte ihm einfach nicht aus dem Kopf, wie sie da auf dem Krankenbett lag, als wäre sie aus Stein gemeißelt. Und wenn der Schuldige nicht bald gefasst würde, musste er den Rest seines Lebens bei den Dursleys verbringen. Tom Riddle wäre in ein Waisenhaus der Muggel gekommen, wenn sie die Schule geschlossen hätten, und deshalb hatte er Hagrid verraten. Jetzt wusste Harry genau, wie ihm zumute gewesen war.
»Was tun wir jetzt?«, fragte Ron leise in Harrys Ohr. »Glaubst du, sie verdächtigen Hagrid?«
Harry hatte sich entschlossen. »Wir müssen mit ihm reden«, sagte er. »Ich kann einfach nicht glauben, dass er es diesmal wieder ist, aber wenn er das Monster losgelassen hat, weiß er, wie man in die Kammer des Schreckens kommt, und das ist schon mal ein Anfang.«
»Aber Professor McGonagall sagt, wir müssen im Turm bleiben, wenn wir nicht im Unterricht sind –«
»Ich glaube«, sagte Harry noch leiser, »es ist Zeit, den alten Umhang meines Vaters wieder auszupacken.«
Harry hatte nur eines von seinem Vater geerbt: einen langen, silbern schimmernden Umhang, der unsichtbar machte. Das war ihre einzige Chance, sich unbemerkt aus der Schule hinaus zu Hagrid zu schleichen. Sie gingen zur üblichen Zeit zu Bett und warteten, bis Neville, Dean und Seamus endlich aufgehört hatten, über die Kammer des Schreckens zu diskutieren, dann standen sie wieder auf, zogen sich an und warfen sich den Tarnumhang über.
Der Streifzug durch die dunklen Korridore war nicht gerade ein Vergnügen. Harry war schon öfter nachts im Schloss umhergewandert, aber so viel wie jetzt war nach Sonnenuntergang noch nie los gewesen. Lehrer, Vertrauensschüler und Geister streiften paarweise durch die Gänge und hielten Ausschau nach verdächtigen Vorkommnissen. Zwar waren sie unsichtbar, aber ihr Tarnumhang sorgte nicht dafür, dass sie keine Geräusche machten, und es gab einen besonders brenzligen Moment, als Ron sich den Zeh stieß. Nur ein paar Meter entfernt stand Snape Wache. Glücklicherweise nieste Snape in fast demselben Augenblick, in dem Ron fluchte. Als sie das eichene Schlosstor erreichten, fiel ihnen ein Stein vom Herzen. Langsam schoben sie es auf.
Es war eine klare, sternenhelle Nacht. Sie rannten so schnell sie konnten hinüber zu den erleuchteten Fenstern von Hagrids Hütte und streiften den Umhang erst ab, als sie vor seiner Tür standen.
Sekunden nachdem sie geklopft hatten, öffnete Hagrid die Tür. Sie starrten ihm ins Gesicht. Hagrid hielt eine Armbrust auf sie gerichtet, und Fang, sein Saurüde, stand laut kläffend hinter ihm.
»Oh«, sagte er, senkte die Waffe und starrte sie an. »Was macht’n ihr beide hier?«
»Was soll das denn?«, sagte Harry, als sie eintraten, und deutete auf die Armbrust.
»Nichts, nichts«, murmelte Hagrid. »Ich hab jemanden erwartet, tut jetzt nichts zur Sache, setzt euch, ich koch Tee.«
Hagrid schien nicht recht zu wissen, was er tat. Beinahe hätte er das Feuer gelöscht, weil er Wasser aus dem Kessel daraufschüttete, und dann zerschlug er mit einem nervösen Zucken seiner massigen Hand die Teekanne.
»Alles in Ordnung mit dir, Hagrid?«, sagte Harry. »Hast du von Hermine gehört?«
»Oh, hab ich, ja«, sagte er ein wenig zögernd.
Ständig warf er nervöse Blicke zum Fenster. Er servierte ihnen große Becher mit heißem Wasser (die Teebeutel hatte er vergessen) und legte gerade eine Scheibe Früchtekuchen auf einen Teller, als jemand an die Tür pochte.
Hagrid ließ den Früchtekuchen fallen. Harry und Ron tauschten panische Blicke, dann warfen sie sich den Tarnumhang über und verdrückten sich in eine Ecke. Hagrid vergewisserte sich, dass sie nicht zu sehen waren, dann packte er die Armbrust und öffnete die Tür.
»Guten Abend, Hagrid.«
Es war Dumbledore. Mit todernster Miene trat er ein, ihm folgte ein zweiter, sehr merkwürdig aussehender Mann.
Der Fremde war klein und korpulent, hatte zerwühltes graues Haar und machte einen verschreckten Eindruck. Er trug eine seltsame Mischung von Kleidern: einen Nadelstreifenanzug, eine scharlachrote Krawatte, einen langen schwarzen Umhang und spitze purpurne Stiefel. Unter dem Arm trug er einen limonengrünen Hut.
»Das ist Dads Chef!«, hauchte Ron. »Cornelius Fudge, der Minister für Zauberei!«
Harry stupste Ron mit dem Ellbogen, damit er schwieg.
Hagrid war bleich geworden und schwitzte. Er ließ sich schwer auf einen Stuhl fallen und sah abwechselnd Dumbledore und Cornelius Fudge an.
»Üble Geschichte«, sagte Fudge knapp. »Ganz, ganz üble Geschichte. Musste kommen. Vier Angriffe auf Muggelstämmige. Die Sache ist aus dem Ruder gelaufen. Das Ministerium muss handeln.«
»Ich hab niemals«, begann Hagrid und sah Dumbledore flehend an, »Sie wissen, Professor Dumbledore, Sir, ich hab nie –«
»Ich möchte klarstellen, Cornelius, dass Hagrid mein volles Vertrauen genießt«, sagte Dumbledore und sah Fudge missmutig an.
»Sehen Sie, Albus«, sagte Fudge gequält. »Hagrids Akte spricht gegen ihn. Das Ministerium muss etwas unternehmen – die Schulräte haben sich ins Vernehmen gesetzt –«
»Ich sage Ihnen noch mal, Cornelius, wenn Sie Hagrid mitnehmen, wird uns das keinen Schritt weiterbringen«, sagte Dumbledore. In seinen blauen Augen brannte ein Feuer, das Harry noch nie gesehen hatte.
»Sehen Sie es doch mal von meinem Standpunkt«, sagte Fudge und fummelte an seinem Hut. »Ich stehe mächtig unter Druck. Man erwartet von mir, dass ich handle. Wenn sich herausstellt, dass Hagrid unschuldig ist, kommt er zurück und die Sache ist erledigt. Aber ich muss ihn mitnehmen. Geht nicht anders. Täte sonst nicht meine Pflicht –«
»Mich mitnehmen?«, sagte Hagrid und zitterte. »Wohin mitnehmen?«
»Nur für kurze Zeit«, sagte Fudge und wich Hagrids Blick aus. »Keine Strafe, Hagrid, eher eine Vorsichtsmaßnahme. Wenn jemand anders erwischt wird, kommen Sie mit einer offiziellen Entschuldigung raus –«
»Nicht Askaban?«, krächzte Hagrid.
Bevor Fudge antworten konnte, pochte es erneut laut an der Tür.
Dumbledore öffnete. Nun fing sich Harry einen Ellenbogenstoß in die Rippen ein, er keuchte hörbar.
Mr Lucius Malfoy betrat Hagrids Hütte, gehüllt in einen langen schwarzen Reiseumhang, mit einem kalten und zufriedenen Lächeln auf dem Gesicht. Fang begann zu knurren.
»Schon hier, Fudge«, sagte er anerkennend. »Sehr schön …«
»Was haben Sie hier zu suchen?«, rief Hagrid wutentbrannt. »Raus aus meinem Haus!«
»Guter Mann, bitte seien Sie versichert, es ist mir kein Vergnügen, in Ihrem – ähm – Sie nennen es Haus? – zu sein«, sagte Lucius Malfoy und sah sich verächtlich in der kleinen Hütte um. »Ich habe in der Schule vorbeigeschaut, und man hat mir gesagt, der Schulleiter sei hier.«
»Und was genau wollen Sie von mir, Lucius?«, fragte Dumbledore. Er sprach sehr höflich, doch immer noch loderte das Feuer in seinen Augen.
»Schreckliche Angelegenheit, Dumbledore«, sagte Malfoy lässig und zog eine lange Pergamentrolle hervor. »Aber die Schulräte sind der Auffassung, es sei an der Zeit, dass Sie einem andern Platz machen. Laut dieser Anordnung hier werden Sie vorläufig beurlaubt – Sie finden alle zwölf Unterschriften unter diesem Dokument. Ich fürchte, wir sind der Meinung, dass Sie die Sache nicht mehr im Griff haben. Wie viele Angriffe gab es bisher? Zwei neue heute Nachmittag, nicht wahr? Wenn es so weitergeht, gibt es bald keine Muggelstämmigen mehr in Hogwarts, und wir alle wissen, welch schlimmer Verlust das für die Schule wäre.«
»Oh, nun aber immer mit der Ruhe, Lucius«, sagte Fudge nervös, »Dumbledore beurlauben – nein, nein – das ist das Letzte, was wir jetzt wollen –«
»Die Ernennung – oder Entlassung – eines Schulleiters ist Aufgabe der Schulräte, Fudge«, sagte Mr Malfoy beiläufig. »Und da es Dumbledore nicht gelungen ist, diese Angriffe zu stoppen –«
»Hören Sie mal, Lucius, wenn Dumbledore nichts dagegen ausrichten kann –«, sagte Fudge mit schweißnasser Oberlippe, »wer soll es dann schaffen?«
»Das werden wir sehen«, sagte Mr Malfoy gehässig. »Doch da wir alle zwölf abgestimmt haben –«
Hagrid sprang auf und sein zottiger schwarzer Kopf streifte die Decke.
»Und wie viele mussten Sie bedrohen und erpressen, bevor sie zugestimmt haben, Malfoy, eh?«, polterte er los.
»Mein guter Mann, wissen Sie, Ihr Temperament wird Sie eines Tages noch in Schwierigkeiten bringen, Hagrid«, sagte Malfoy. »Ich würde Ihnen raten, die Wachen in Askaban nicht dermaßen anzuschreien. Die mögen das gar nicht.«
»Sie können Dumbledore nicht entlassen!«, rief Hagrid, und Fang, der Saurüde, kauerte sich in seinem Korb zusammen und wimmerte. »Wenn Sie ihn entlassen, haben die Muggelkinder keine Chance! Das nächste Mal werden sie umgebracht!«
»Beruhige dich, Hagrid«, sagte Dumbledore barsch. Er sah Lucius Malfoy an.
»Wenn die Schulräte mich aus dem Weg haben wollen, Lucius, werde ich natürlich zurücktreten.«
»Aber –«, stammelte Fudge.
»Nein!«, knurrte Hagrid.
Dumbledores hellblaue Augen blickten unverwandt in die kalten grauen Augen Malfoys.
»Allerdings«, sagte Dumbledore, sehr langsam und deutlich sprechend, so dass keinem ein Wort entging, »allerdings werden Sie feststellen, dass ich diese Schule erst dann endgültig verlasse, wenn mir hier keiner mehr die Treue hält. Und wer immer in Hogwarts um Hilfe bittet, wird sie auch bekommen.«
Eine Sekunde lang war sich Harry fast sicher, dass Dumbledores Augen in die Ecke herüberflackerten, in der er und Ron sich versteckt hatten.
»Bewundernswerte Gefühle«, sagte Malfoy und verneigte sich. »Wir werden alle Ihre – ähm – höchst eigenwillige Art vermissen, die Schule zu leiten, Albus, und hoffen nur, dass Ihr Nachfolger es schaffen wird – äh –, Morde zu verhindern.«
Er schritt zur Tür, öffnete sie und verbeugte sich, als Dumbledore hinausging. Fudge, an seinem Hut herumfummelnd, wartete darauf, dass Hagrid vorgehen würde, doch Hagrid rührte sich nicht vom Fleck, holte tief Luft und sagte vorsichtig:
»Wenn jemand etwas herausfinden will, muss er nur den Spinnen folgen. Die bringen ihn auf die Spur! Das ist alles, was ich zu sagen habe.«
Verdattert starrte ihn Fudge an.
»Schon gut, ich komme«, sagte Hagrid und zog seinen Maulwurfsmantel an. Doch im Hinausgehen hielt er noch einmal inne und sagte laut: »Und jemand muss Fang füttern, während ich weg bin.«
Die Tür schlug zu und Ron zog den Tarnumhang aus.
»Jetzt sitzen wir in der Tinte«, sagte er heiser. »Kein Dumbledore mehr. Da sollten sie die Schule lieber heute Nacht noch schließen. Wenn er auch nur einen Tag weg ist, gibt es einen neuen Angriff.«
Fang begann heulend an der geschlossenen Tür zu kratzen.
Aragog
Langsam zog der Sommer über die Ländereien des Schlosses. Himmel und See färbten sich hellblau und in den Gewächshäusern trieben Blumen kohlkopfgroße Blüten aus. Doch ohne Hagrid, den Harry oft vom Fenster aus beobachtet hatte, wie er mit Fang auf den Fersen umherschlenderte, kam es ihm vor, als stimmte an diesem Bild etwas nicht. Und nicht besser war es drinnen im Schloss, wo die Dinge so fürchterlich falsch liefen.
Harry und Ron hatten versucht, Hermine zu besuchen, doch Besuche im Krankenflügel waren jetzt verboten.
»Wir gehen kein Risiko mehr ein«, erklärte ihnen Madam Pomfrey mit strenger Miene durch einen Spalt in der Hospitaltür. »Nein, tut mir leid, es könnte durchaus sein, dass der Angreifer zurückkommt, um seine Opfer endgültig zu erledigen …«
Seit Dumbledore fort war, hatte sich eine nie gekannte Furcht im Schloss breitgemacht, und die Sonne, die die Schlossmauern draußen erwärmte, schien an den Doppelfenstern Halt zu machen. In der Schule sah man kaum ein Gesicht, das nicht besorgt und angespannt wirkte, und alles Lachen, das durch die Gänge hallte, klang schrill und unnatürlich und erstarb rasch.
Harry rief sich immer wieder die letzten Worte Dumbledores in Erinnerung: »Ich werde die Schule erst dann endgültig verlassen, wenn mir hier keiner mehr die Treue hält … Wer immer in Hogwarts um Hilfe bittet, wird sie auch bekommen.« Doch was nützten diese Worte? Wen sollten sie denn um Hilfe rufen, wenn alle andern genauso ratlos und verängstigt waren?
Hagrids Fingerzeig auf die Spinnen war viel leichter zu verstehen – das Problem war nur, dass im Schloss offenbar keine einzige Spinne mehr übrig geblieben war, der sie hätten folgen können. Wo immer Harry auch hinging, hielt er Ausschau nach einer Spinne, und Ron half ihm dabei (wenn auch eher widerstrebend). Natürlich störte sie das Verbot, allein umherzuwandern, und die anderen Gryffindors waren immer dabei. Wie eine Schafherde wurden sie von den Lehrern von Klassenzimmer zu Klassenzimmer geführt, und die meisten schienen froh darüber zu sein, doch Harry fand es sehr lästig.
Einer jedoch schien die Stimmung aus Angst und Misstrauen von ganzem Herzen zu genießen. Draco Malfoy stolzierte in der Schule herum, als ob er gerade zum Schulsprecher ernannt worden wäre. Worüber Draco sich so freute, wurde Harry erst gut zwei Wochen nach Dumbledores und Hagrids Fortgang klar. Im Zaubertrankunterricht, wo er eine Reihe hinter Malfoy saß, hörte er ihn vor Crabbe und Goyle prahlen.
»Ich hab immer gewusst, dass Vater es schaffen wird, Dumbledore aus dem Weg zu räumen«, sagte er, ohne sich groß anzustrengen, leise zu sprechen. »Hab euch ja gesagt, seiner Meinung nach ist Dumbledore der schlechteste Schulleiter, den die Schule je gehabt hat. Vielleicht kriegen wir jetzt einen anständigen Rektor. Jemand, der gar nicht will, dass die Kammer des Schreckens geschlossen wird. McGonagall wird nicht lange bleiben, sie ist nur eingesprungen …«
Snape rauschte an Harry vorbei, ohne ein Wort über Hermines leeren Platz und Kessel zu verlieren.
»Sir«, sagte Malfoy laut, »Sir, warum bewerben Sie sich nicht um das Amt des Schulleiters?«
»Schon gut, Malfoy«, sagte Snape, auch wenn er ein dünnlippiges Lächeln nicht unterdrücken konnte. »Professor Dumbledore ist von den Schulräten nur beurlaubt worden, ich würde sagen, er wird schon bald wieder bei uns sein.«
»Ja, schon«, sagte Malfoy hämisch grinsend. »Ich bin mir aber sicher, mein Vater würde für Sie stimmen, Sir, wenn Sie sich um die Stelle bewerben – ich jedenfalls werde Vater sagen, dass Sie der beste Lehrer an der Schule sind, Sir –«
Mit einem gekünstelten Lächeln rauschte Snape davon. Glücklicherweise bemerkte er Seamus Finnigan nicht, der so tat, als erbreche er sich in seinen Kessel.
»Es überrascht mich doch, dass die Schlammblüter inzwischen nicht alle die Koffer gepackt haben«, fuhr Malfoy fort. »Wette fünf Galleonen, dass der nächste stirbt. Schade, dass es nicht die Granger war –«
In diesem Moment läutete die Glocke und das war ein Glück. Denn bei Malfoys letzten Worten war Ron aufgesprungen, und weil jetzt alle hastig ihre Taschen und Bücher zusammenkramten, fiel nicht weiter auf, dass er sich auf Malfoy stürzen wollte.
»Lasst mich zu dem Kerl«, knurrte Ron; Harry und Dean hielten ihn an den Armen fest. »Ist mir egal, ich brauch meinen Zauberstab nicht, ich bring ihn mit meinen bloßen Händen um –«
»Beeilung, ich muss euch zu Kräuterkunde bringen«, bellte Snape über die Köpfe der Schüler hinweg, und sie marschierten in Zweierreihen los. Harry und Dean bildeten die Nachhut und schleppten Ron, der sich immer noch losreißen wollte, hinter sich her. Erst als Snape am Schlossportal zurückgeblieben war und sie durch das Gemüsefeld hinüber zu den Gewächshäusern gingen, konnten sie ihn loslassen.
In Kräuterkunde herrschte gedrückte Stimmung; jetzt fehlten schon zwei von ihnen, Justin und Hermine.
Professor Sprout gab ihnen die Aufgabe, die abessinischen Schrumpelfeigenbäume zu beschneiden. Harry ging mit einem Arm voll verdorrter Stiele hinüber zum Komposthaufen. Dort stand Ernie Macmillan und suchte seinen Blick. Ernie holte tief Luft und sagte sehr förmlich:
»Ich wollte dir nur sagen, Harry, dass es mir leidtut, dass ich dich verdächtigt habe. Ich weiß, du würdest niemals Hermine Granger angreifen, und ich entschuldige mich für all das Zeug, das ich gesagt habe. Wir sitzen jetzt alle im selben Boot und, na ja –«
Er streckte seine plumpe Hand aus und Harry schüttelte sie.
Ernie und seine Freundin Hannah arbeiteten zufällig am selben Schrumpelfeigenbaum.
»Dieser Typ, Draco Malfoy«, sagte Ernie, während er vertrocknete Stiele abknickte, »der scheint sich über die ganze Geschichte riesig zu freuen. Wisst ihr, ich glaube, er könnte der Erbe Slytherins sein.«
»Das ist schlau von dir«, sagte Ron, der Ernie offenbar nicht so bereitwillig verziehen hatte wie Harry.
»Glaubst du, es ist Malfoy, Harry?«, fragte Ernie.
»Nein«, sagte Harry so bestimmt, dass Ernie und Hannah ihn verdutzt anstarrten.
Eine Sekunde später bemerkte Harry etwas, das ihn zwang, Ron mit seiner Gartenschere eins über die Hände zu geben.
»Au! Was soll –«
Harry deutete auf den Boden ein paar Meter vor ihnen. Mehrere große Spinnen krabbelten über die Erde.
»O ja«, sagte Ron und versuchte – vergeblich – eine erfreute Miene aufzusetzen. »Aber wir können ihnen jetzt nicht folgen –«
Ernie und Hannah hörten ihnen neugierig zu.
Harry sah den flüchtenden Spinnen nach.
»Sieht aus, als seien sie auf dem Weg in den Verbotenen Wald …«
Daraufhin sah Ron nicht glücklicher aus.
Nach Ende der Stunde führte sie Professor Sprout hinüber in Verteidigung gegen die dunklen Künste. Harry und Ron ließen sich ein wenig zurückfallen, um ungestört reden zu können.
»Wir brauchen noch einmal den Tarnumhang«, sagte Harry. »Wir können Fang mitnehmen. Er geht mit Hagrid öfter in den Wald und könnte uns vielleicht nützen.«
»Stimmt«, sagte Ron, der seinen Zauberstab nervös in den Fingern drehte. »Ähm – soll es nicht – soll es nicht Werwölfe im Wald geben?«, fügte er hinzu, als sie ihre Stammplätze ganz hinten in Lockharts Klassenzimmer eingenommen hatten.
Harry wollte auf diese Frage lieber nicht antworten und sagte:
»Es gibt dort auch Gutes. Die Zentauren sind in Ordnung, und die Einhörner …«
Ron war nie im Verbotenen Wald gewesen. Harry hatte ihn nur einmal betreten und seither gehofft, es nie wieder tun zu müssen.
Lockhart kam hereingestürmt und die Klasse starrte ihn an. Alle anderen Lehrer der Schule wirkten bedrückter als sonst, doch Lockhart kam ihnen geradezu ausgelassen vor.
»Na, was denn?«, rief er umherstrahlend. »Warum all die langen Gesichter?«
Sie tauschten ärgerliche Blicke, doch keiner antwortete.
»Ist euch eigentlich nicht klar«, sagte Lockhart langsam, als wären sie alle ein bisschen einfältig, »dass die Gefahr vorüber ist! Der Schurke wurde abgeführt –«
»Sagt wer?«, rief Dean Thomas.
»Mein lieber junger Mann, der Zaubereiminister hätte Hagrid nicht festgenommen, wenn er sich nicht hundertprozentig sicher wäre, dass er der Schuldige ist«, sagte Lockhart im Ton eines Lehrers, der erklären muss, dass eins und eins zwei ergibt.
»O doch, das würde er«, sagte Ron noch lauter als Dean.
»Ich schmeichle mir, ein klein wenig mehr über Hagrids Festnahme zu wissen als Sie, Mr Weasley«, sagte Lockhart selbstzufrieden.
Ron wollte schon sagen, da sei er anderer Meinung, brach jedoch mitten im Satz ab, als ihm Harry gegen das Schienbein trat.
»Wir waren nicht dabei, klar?«, zischelte Harry.
Doch Lockharts abstoßende Fröhlichkeit, seine Andeutungen, er habe ohnehin nie Gutes von Hagrid gehalten, seine Zuversicht, dass die ganze Angelegenheit nun abgeschlossen sei – das alles ärgerte Harry dermaßen, dass er große Lust hatte, Gammeln mit Ghulen in Lockharts dummes Gesicht zu schmeißen. Stattdessen gab er sich damit zufrieden, eine Notiz für Ron zu kritzeln.
»Tun wir’s heute Nacht.«
Ron las den Zettel, schluckte krampfhaft und sah hinüber zu dem leeren Platz, auf dem sonst Hermine saß. Der Anblick bestärkte ihn offenbar in seinem Entschluss und er nickte.
Im Gemeinschaftsraum der Gryffindors war jetzt immer viel los, denn ab sechs Uhr durften sie nirgendwo anders hingehen. Außerdem hatten sie viel zu besprechen, und die Folge war, dass sich der Gemeinschaftsraum oft erst nach Mitternacht leerte.
Harry ging nach dem Abendessen hoch, um den Tarnumhang zu holen. Den ganzen Abend hockte er darauf und wartete, dass die andern endlich zu Bett gehen würden. Fred und George forderten Harry und Ron zu ein paar Spielen »Zauberschnippschnapp« heraus und Ginny saß ganz niedergeschlagen auf Hermines Stammplatz und sah ihnen zu. Harry und Ron versuchten die Spiele rasch zu beenden und verloren dauernd mit Absicht, dennoch war es schon weit nach Mitternacht, als Fred, George und Ginny endlich zu Bett gingen.
Harry und Ron warteten, bis sie weiter oben im Turm zwei Schlafsaaltüren zugehen hörten, dann warfen sie sich den Tarnumhang über und kletterten durch das Porträtloch.
Wieder war es eine schwierige Wanderung durch das Schloss, bei der sie vielen Lehrern ausweichen mussten, bis sie endlich die Eingangshalle erreichten. Sie entriegelten das eichene Tor und schoben es auf, wobei sie Acht gaben, dass es nicht knarrte. Dann traten sie hinaus auf das mondbeschienene Schlossgelände.
»Kann natürlich sein«, sagte Ron urplötzlich, während sie über das schwarze Gras marschierten, »dass wir zum Wald kommen und dann nicht wissen, wie weiter. Die Spinnen sind vielleicht gar nicht dorthin gekrabbelt. Ich weiß, es sah so aus, als ob sie grob in die Richtung gegangen seien, aber …«
Hoffnungsvoll verlor sich seine Stimme in der Dunkelheit.
Sie erreichten Hagrids Hütte, die mit ihren leeren Fenstern traurig und wehmütig aussah. Harry stieß die Tür auf, und als Fang sie erkannte, spielte er verrückt vor Freude. Aus Sorge, er könne mit seinem tiefen, donnernden Bellen das ganze Schloss aufwecken, gaben sie ihm hastig Sirupbonbons aus einer Dose auf dem Kaminsims zu fressen, die seine Zähne zusammenklebten.
Harry ließ den Tarnumhang auf Hagrids Tisch zurück. Im stockdunklen Wald würden sie ihn nicht brauchen.
»Komm mit, Fang, wir gehen spazieren«, sagte Harry und klopfte ihm auf sein Bein. Glücklich tollte Fang hinter ihnen her und jagte hinüber zum Waldrand, wo er an einer hohen Platane das Bein hob. Harry zückte seinen Zauberstab und murmelte »Lumos!«. An der Spitze erschien ein kleines Licht, gerade hell genug, um den Weg nach Spinnen abzusuchen.
»Klug von dir«, sagte Ron. »Ich würde meinen ja auch anzünden, aber du weißt ja – er würde wahrscheinlich explodieren oder so etwas …«
Harry tippte Ron auf die Schulter und deutete ins Gras. Zwei einzelne Spinnen entflohen dem Licht des Zauberstabs in den Schatten der Bäume.
»Na schön«, seufzte Ron, als ob er sich mit dem Schlimmsten abgefunden hätte. »Ich bin bereit. Gehen wir.«
Mit dem wild herumtollenden und Baumwurzeln und Blätter beschnüffelnden Fang betraten sie den Wald. Im Schein von Harrys Zauberstab gingen sie den Spinnen nach, die immer wieder am Pfad entlang auftauchten. Gut eine Viertelstunde lang folgten sie ihnen schweigend, wobei sie angespannt auf andere Geräusche als das Knacken von Zweigen und das Rascheln von Blättern lauschten. Dann jedoch – der Wald war so dicht geworden, dass sie die Sterne am Himmel nicht mehr sehen konnten und nur noch Harrys Zauberstab in das Meer der Dunkelheit strahlte – sahen sie, dass die Spinnen, die sie geführt hatten, den Pfad verließen.
Harry hielt an und versuchte zu erspähen, wo die Spinnen hinliefen, doch alles außerhalb des kleinen Lichtkegels war rabenschwarz. So tief war er noch nie in den Wald vorgedrungen. Lebhaft erinnerte er sich noch an Hagrids Mahnung beim letzten Mal, nie den Pfad zu verlassen. Doch Hagrid war jetzt meilenweit entfernt, vermutlich saß er in einer Zelle in Askaban, und immerhin hatte er selbst gesagt, sie sollten den Spinnen folgen.
Etwas Nasses berührte Harrys Hand, er zuckte zurück und trat auf Rons Fuß. Doch es war nur Fangs Nase.
»Was überlegst du?«, fragte Harry Ron, dessen Augen er gerade noch im Licht des Zauberstabes erkennen konnte.
»Wenn wir schon so weit gekommen sind …«, sagte Ron.
Und so folgten sie den huschenden Schatten der Spinnen in das Dickicht der Bäume. Sie kamen jetzt nur noch langsam voran; Wurzeln und Baumstümpfe waren ihnen im Weg, den sie in der fast völligen Dunkelheit kaum sehen konnten. Harry konnte Fangs heißen Atem auf seiner Hand spüren. Mehr als einmal mussten sie anhalten, und Harry kniete sich hin, um die Spinnen im Zauberstablicht auf dem Waldboden zu suchen.
Mindestens eine halbe Stunde lang, so kam es ihnen vor, gingen sie quer durch den Wald, wobei sich ihre Umhänge immer wieder an niedrigen Zweigen und Dornensträuchern verhedderten. Nach einer Weile schien es sanft bergab zu gehen, auch wenn die Bäume so dicht standen wie zuvor. Dann ließ Fang plötzlich ein mächtiges, widerhallendes Bellen ertönen, das Harry und Ron fast aus der Haut springen ließ.
»Was ist?«, sagte Ron laut, starrte in der Dunkelheit umher und umklammerte fest Harrys Arm.
»Da drüben bewegt sich was«, flüsterte Harry, »hör mal … klingt wie etwas Großes.«
Sie lauschten. In einiger Entfernung rechts von ihnen bahnte sich das große Etwas ästebrechend eine Schneise durch die Bäume.
»O nein«, sagte Ron. »O nein, o nein, o –«
»Sei still«, sagte Harry aufgeregt, »es hört dich sonst noch.«
»Mich hören?«, erwiderte Ron mit unnatürlich hoher Stimme. »Es hat schon längst Fang gehört!«
Starr vor Schreck standen sie da und warteten. Die Dunkelheit schien auf ihre Augäpfel zu drücken. Es gab ein merkwürdiges Rumpeln und dann herrschte Stille.
»Was, glaubst du, tut es gerade?«, fragte Harry.
»Macht sich wohl zum Sprung bereit«, antwortete Ron.
Sie warteten, am ganzen Leib zitternd, und wagten nicht, sich zu bewegen.
»Glaubst du, es ist fort?«, flüsterte Ron.
»Weiß nicht –«
Jäh und grell strömte Licht von rechts her und sie mussten die Hände schützend vor die Augen halten. Fang jaulte auf und wollte wegrennen, verhedderte sich jedoch in einem Dorngestrüpp und jaulte noch lauter.
»Harry!«, rief Ron und die Stimme versagte ihm vor Erleichterung. »Harry, es ist unser Wagen!«
»Was?«
»Komm mit!«
Stolpernd folgte er Ron. Nach kurzer Zeit betraten sie eine Lichtung.
Inmitten eines dichten Baumkreises und unter einem festen Dach aus Zweigen stand Mr Weasleys Wagen, seine Scheinwerfer strahlten in die Nacht. Niemand saß darin. Als Ron mit offenem Mund auf den Wagen zuging, kam er ihm langsam entgegen, wie ein großer, türkisgrüner Hund, der sein Herrchen begrüßt.
»Er war die ganze Zeit hier«, sagte Ron erleichtert und ging um das Auto herum. »Schau ihn dir an. Der Wald hat ihn wild gemacht …«
Die Flügel des Wagens waren zerkratzt und schlammbeschmiert. Offenbar hatte er Gefallen daran gefunden, auf eigene Faust im Wald umherzuhoppeln. Fang schien überhaupt nicht scharf auf ihn zu sein. Zitternd drängte er sich an Harrys Beine, während Harry allmählich wieder ruhig zu atmen begann und den Zauberstab wieder in den Umhang steckte.
»Und wir dachten, er würde uns angreifen!«, sagte Ron. Er lehnte sich an den Wagen und tätschelte ihn. »Hab mich oft gefragt, wo er hin ist!«
Harry suchte im Licht der Scheinwerfer nach Spinnen auf dem Boden, doch alle waren vor dem gleißenden Licht geflohen.
»Wir haben ihre Spur verloren«, sagte er. »Komm, gehen wir sie suchen.«
Ron schwieg. Er bewegte sich nicht. Seine Augen waren auf einen Punkt etwa drei Meter über dem Waldboden gerichtet, direkt hinter Harry. In seinem Gesicht stand das helle Entsetzen.
Harry hatte nicht einmal die Zeit, sich umzudrehen. Er hörte ein lautes Klicken, und plötzlich spürte er, wie etwas Langes und Haariges sich um seine Hüfte schlang und ihn von den Füßen riss, so dass er mit dem Gesicht nach unten baumelte. Zu Tode erschrocken schlug er um sich, dann hörte er ein neuerliches Klicken und sah, wie sich auch Rons Beine vom Boden hoben. Fang wimmerte und heulte – und im nächsten Moment wurde auch er vom Boden gerissen und verschwand zwischen den dunklen Bäumen. Kopfüber hängend erkannte Harry, was ihn gepackt hatte. Es hatte sechs ungeheuer lange, haarige Beine, und die vorderen zwei hielten ihn fest umschlungen, dicht unterhalb eines Paars schimmernd schwarzer Greifzangen. Hinter sich konnte er noch eine dieser Kreaturen hören, die zweifellos Ron fortschleppten. Sie krabbelten geradewegs ins Herz des Waldes. Harry konnte Fang hören, wie er laut wimmernd versuchte, sich von einem dritten Monster loszukämpfen, doch er selbst hätte nicht schreien können, selbst wenn er gewollt hätte; seine Stimme schien beim Wagen auf der Lichtung zurückgeblieben zu sein.
Er konnte nicht sagen, wie lange er in den Krallen des Wesens gewesen war; er wusste nur, dass die Dunkelheit plötzlich so viel von ihrer Schwärze verlor, dass er etwas erkennen konnte – auf dem blätterbedeckten Boden wimmelte es jetzt von Spinnen. Er reckte den Kopf zur Seite und sah, dass sie den Rand einer gewaltigen Senke erreicht hatten, in der keine Bäume standen, so dass die Sterne ihr Licht auf das schlimmste Schauspiel warfen, das er je gesehen hatte.
Spinnen. Nicht kleine Spinnen wie jene, die über die Blätter auf dem Boden huschten. Spinnen, so groß wie Kutschpferde, achtäugig, achtbeinig, schwarz, haarig, gigantisch. Das massige Exemplar, das Harry trug, machte sich auf den Weg den steilen Abhang hinunter, hinüber zu einem Netz, das wie eine Kuppel aus Nebelschleiern in der Mitte der Senke hing. Seine Artgenossen schlossen einen engen Kreis um sie und angesichts seiner Beute klickten sie aufgeregt mit ihren Greifern.
Die Spinne ließ ihn los und Harry landete mit allen vieren auf dem Boden. Ron und Fang schlugen neben ihm auf. Fang heulte nicht mehr, sondern kauerte sich still zusammen. Ron sah genauso aus, wie Harry sich fühlte. Sein Mund war weit aufgerissen zu einem stummen Schrei und seine Augen hüpften.
Plötzlich hörte Harry, dass die Spinne, die ihn hatte fallen lassen, etwas sagte. Es war schwer zu verstehen, denn sie klickte bei jedem Wort mit ihren Greifzangen.
»Aragog!«, rief sie, »Aragog!«
Und aus der Mitte der schleierartigen Netzkuppel tauchte ganz langsam eine Spinne von der Größe eines kleinen Elefanten auf. Ins Schwarz ihres Körpers und ihrer Beine war Grau gemischt und jedes Auge auf ihrem hässlichen, greiferbestückten Kopf war milchig weiß. Sie war blind.
»Was ist?«, sagte sie und klickte schnell mit ihren Greifern.
»Menschen«, klickte die Spinne, die Harry gefangen hatte.
»Ist es Hagrid?«, sagte Aragog und kam näher, seine acht milchigen Augen schwammen ziellos umher.
»Fremde«, klickte die Spinne, die Ron gebracht hatte.
»Tötet sie«, klickte Aragog gereizt. »Ich habe geschlafen …«
»Wir sind Freunde von Hagrid«, rief Harry. Sein Herz schien die Brust verlassen zu haben und in der Kehle zu pochen.
Klick, klick, klick, machten die Spinnenzangen im Umkreis der Senke. Aragog hielt kurz inne.
»Hagrid hat nie zuvor Menschen in unsere Senke geschickt«, sagte er träge.
»Hagrid steckt in Schwierigkeiten«, sagte Harry und atmete dabei schnell. »Deshalb sind wir gekommen.«
»In Schwierigkeiten?«, sagte die alte Spinne und Harry meinte ein wenig Besorgnis aus dem Klicken herauszuhören. »Aber warum hat er euch geschickt?«
Harry überlegte, ob er aufstehen sollte, ließ es jedoch sein; er glaubte nicht, dass ihn seine Beine tragen würden. Und so sprach er vom Boden aus, so ruhig er konnte.
»Oben in der Schule glauben sie, Hagrid hätte ein – ein – etwas auf die Schüler losgelassen. Sie haben ihn nach Askaban gebracht.«
Aragog klickte wütend mit den Greifzangen und in der ganzen Senke tat es ihm die Schar der Spinnen gleich; es klang wie Beifall, nur dass Harry davon normalerweise nicht übel vor Angst wurde.
»Aber das war vor vielen Jahren«, sagte Aragog ungehalten. »Vor vielen, vielen Jahren. Ich erinnere mich gut daran. Deshalb haben sie ihn gezwungen, die Schule zu verlassen. Sie glaubten, ich sei das Monster, das, wie sie sagen, in der Kammer des Schreckens haust. Sie glaubten, Hagrid habe die Kammer geöffnet und mich freigelassen.«
»Und du … du kamst nicht aus der Kammer des Schreckens?«, sagte Harry, dem jetzt der kalte Schweiß auf der Stirn ausbrach.
»Ich!«, sagte Aragog und klapperte zornig. »Ich wurde nicht im Schloss geboren. Ich komme aus einem fernen Land. Ein Reisender schenkte mich Hagrid, als ich noch ein Ei war. Hagrid war damals noch ein Junge, doch er sorgte für mich und versteckte mich in einem Schrank im Schloss und fütterte mich mit Essensresten vom Tisch. Hagrid ist mein Freund und ein guter Mann. Als man mich entdeckte und mir die Schuld für den Tod des Mädchens gab, da beschützte er mich. Seither lebe ich hier im Wald, wo Hagrid mich immer noch besucht. Er hat sogar eine Frau für mich gefunden, Mosag, und du siehst, wie unsere Familie gewachsen ist; alles dank Hagrids Güte …«
Harry raffte den letzten Rest Mut zusammen.
»Also hast du nie – nie jemanden angegriffen?«
»Niemals«, krächzte die alte Spinne. »Es wäre nur natürlich für mich gewesen, aber aus Achtung für Hagrid habe ich nie einem Menschen Leid angetan. Die Leiche des Mädchens, das getötet wurde, hat man in einer Toilette gefunden. Ich habe nie einen anderen Teil des Schlosses gesehen als den Schrank, in dem ich aufwuchs. Unsereins mag das Dunkle und die Stille …«
»Aber dann … weißt du, was wirklich das Mädchen getötet hat?«, sagte Harry. »Denn was immer es ist, es ist zurück und greift wieder Menschen an –«
Seine Worte ertranken in lautem Zangenklicken und im Rascheln vieler langer Beine, die wütend über den Boden scharrten; um ihn her huschten große schwarze Schatten.
»Das Wesen, das im Schloss lebt«, sagte Aragog, »ist eine uralte Kreatur, die wir Spinnen mehr als alles andere fürchten. Ich erinnere mich noch gut, wie ich Hagrid angefleht habe, mich gehen zu lassen, als ich spürte, dass das Biest in der Schule umherstreifte.«
»Was ist es?«, fragte Harry eindringlich.
Abermals lautes Klicken und Rascheln; die Spinnen schienen den Kreis enger zu ziehen.
»Wir sprechen nicht davon!«, sagte Aragog zornig. »Wir nennen es nicht beim Namen! Nicht einmal Hagrid habe ich je den Namen dieser fürchterlichen Kreatur genannt, obwohl er mich viele Male gefragt hat.«
Harry wollte nicht weiter auf ihn einreden, nicht angesichts all dieser Spinnen, die von allen Seiten her auf ihn zudrängten. Aragog schien des Redens müde zu sein. Langsam wich er in sein Kuppelnetz zurück, doch seine Artgenossen drangen ganz allmählich weiter auf Harry und Ron vor.
»Dann gehen wir jetzt einfach«, rief Harry verzweifelt Aragog zu und schon raschelten die Blätter hinter ihm.
»Gehen?«, sagte Aragog langsam. »Ich glaube nicht …«
»Aber … aber …«
»Meine Söhne und Töchter rühren Hagrid nicht an, auf meinen Befehl hin. Doch ich kann ihnen frisches Fleisch nicht verwehren, wenn es so bereitwillig in unsere Mitte kommt. Adieu, Freund von Hagrid.«
Harry wirbelte herum. Wenige Meter von ihm entfernt ragte eine feste Wand aus Spinnen empor, die mit ihren Greifern klickten. Ihre Augen schimmerten wie hässliche schwarze Knöpfe. Schon als er nach seinem Zauberstab griff, wusste Harry, dass es nichts nützen würde, es waren zu viele. Doch als er aufzustehen versuchte, bereit, kämpfend zu sterben, hörte er einen lauten, lang gezogenen Ton, und ein Lichtblitz flammte durch die Senke.
Mr Weasleys Wagen donnerte den Abhang herunter, mit gleißenden Scheinwerfern und schrill hupend, und er rempelte dabei rechts und links Spinnen um; mehrere von ihnen landeten auf dem Rücken und ihre endlos langen Beine ruderten durch die Luft. Kreischend hielt der Wagen vor Harry und Ron, und die Türen flogen auf.
»Hol Fang!«, schrie Harry und hechtete auf den Beifahrersitz; Ron packte den Saurüden um den Bauch und warf den jaulenden Hund auf den Rücksitz – die Türen schlugen zu – Ron saß absolut reglos da, doch der Wagen brauchte ihn nicht; mit dröhnendem Motor fuhren sie davon und warfen unterwegs noch mehr Spinnen auf den Rücken; sie rasten den Abhang hoch und aus der Senke heraus. Bald jagten sie krachend durch den Wald, Äste peitschten gegen den Wagen, während er sich pfiffig seinen Weg durch die breitesten Baumlücken bahnte. Offenbar wusste er, wo es langging.
Harry drehte sich zu Ron um. Sein Mund war immer noch zu einem stummen Schrei geöffnet, doch seine Augen hüpften nicht mehr.
»Bist du in Ordnung?«
Ron starrte geradeaus und brachte kein Wort heraus.
Der Wagen krachte durch das Unterholz. Fang heulte laut auf, und als sie knapp an einer großen Eiche vorbeizischten, brach ein Seitenspiegel ab. Nach zehn lärmerfüllten, holprigen Minuten lichteten sich die Bäume, und Harry konnte hier und da einen Fleck Himmel erkennen.
Der Wagen stoppte so jäh, dass sie fast durch die Windschutzscheibe flogen. Sie hatten den Waldrand erreicht. Fang warf sich gegen das Fenster, so ungestüm drängte er nach draußen, und als Harry die Tür öffnete, peste er mit eingezogenem Schwanz los durch die Bäume hindurch auf Hagrids Hütte zu. Auch Harry stieg aus und nach einer Weile schien auch Ron seine Glieder wieder zu spüren und folgte ihm mit steifen Bewegungen und starrem Blick. Harry gab dem Wagen einen dankbaren Klaps und der fuhr zurück in den Wald und verschwand.
Harry ging noch einmal in Hagrids Hütte, um den Tarnumhang zu holen. Fang lag zitternd unter einer Decke in seinem Korb. Als Harry wieder nach draußen kam, sah er Ron im Kürbisbeet stehen und sich heftig übergeben.
»Folgt den Spinnen«, sagte Ron matt und wischte sich mit dem Ärmel den Mund ab. »Das werd ich Hagrid nie verzeihen. Wir können von Glück reden, dass wir am Leben sind.«
»Ich wette, er glaubte, Aragog würde seinen Freunden nichts tun«, sagte Harry.
»Das ist ja gerade Hagrids Problem!«, sagte Ron und hämmerte mit der Faust gegen die Hüttenwand. »Er glaubt ständig, Monster seien nicht so schlimm wie ihr Ruf, und du siehst ja, wohin ihn das gebracht hat! In eine Zelle in Askaban!« Er zitterte jetzt unkontrolliert am ganzen Körper. »Was hat es gebracht, uns da reinzuschicken? Was haben wir herausgefunden, möchte ich gern wissen.«
»Dass Hagrid die Kammer des Schreckens nicht geöffnet hat«, sagte Harry, warf Ron den Umhang über und zog ihn am Arm, um ihn zum Gehen zu bewegen. »Er war unschuldig.«
Von Ron kam ein lautes Schnauben. Offenbar stellte er sich etwas anderes unter Unschuld vor, als Aragog in einem Schrank auszubrüten.
Das Schloss ragte nun über ihnen auf, und Harry zog am Tarnumhang, damit ihre Füße bedeckt waren. Sie schoben vorsichtig das knarrende Tor auf, durchquerten die Eingangshalle, stiegen die Marmortreppe empor und huschten mit angehaltenem Atem durch die Gänge, in denen aufmerksame Wächter umherliefen. Endlich erreichten sie den Gemeinschaftsraum der Gryffindors, wo vom Feuer nur noch glühende Asche übrig geblieben war. Hier waren sie in Sicherheit. Sie nahmen den Tarnumhang ab und kletterten die Wendeltreppe zum Schlafsaal hoch.
Ron sank ins Bett, ohne sich die Mühe zu machen, die Kleider auszuziehen. Harry jedoch fühlte sich nicht besonders müde. Er saß auf dem Bettrand und dachte angestrengt über alles nach, was Aragog gesagt hatte.
Die Kreatur, die irgendwo im Schloss lauerte, hörte sich nach einer Art monsterhaftem Voldemort an – selbst andere Ungetüme wollten es nicht beim Namen nennen. Doch er und Ron waren keinen Schritt weitergekommen bei ihrem Versuch, herauszufinden, was es war oder wie es seine Opfer versteinerte. Selbst Hagrid hatte nie gewusst, was in der Kammer des Schreckens steckte.
Harry schwang die Beine aufs Bett und lehnte sich gegen die Kissen. Durch das Turmfenster funkelte der Mond.
Er wusste nicht, was sie noch tun konnten. Überall waren sie auf Sackgassen gestoßen. Riddle hatte den Falschen erwischt, der Erbe Slytherins war davongekommen, und keiner konnte sagen, ob es dieselbe Person war oder eine andere, die diesmal die Kammer geöffnet hatte. Es blieb niemand übrig, den sie fragen konnten. Harry legte sich hin und dachte über die Worte Aragogs nach.
Er war schon halb eingeschlafen, als ihm etwas einfiel, was ihm wie ihre letzte Hoffnung vorkam, und plötzlich saß er wieder kerzengerade auf dem Bett.
»Ron«, zischte er durch die Dunkelheit, »Ron –«
Ron wachte mit einem Jaulen auf, das an Fang erinnerte, blickte wild umher und erkannte dann Harry.
»Ron – dieses Mädchen, das gestorben ist. Aragog sagte, sie sei in einer Toilette gefunden worden«, sagte Harry und achtete nicht auf Nevilles schnaubendes Schnarchen in der Ecke. »Was, wenn sie dieses Klo nie verlassen hat? Was, wenn sie immer noch da ist?«
Ron rieb sich die Augen und blinzelte stirnrunzelnd durch das Mondlicht. Und dann begriff auch er.
»Du glaubst doch nicht etwa – nicht die Maulende Myrte?«
Die Kammer des Schreckens
»Wir waren so oft in diesem Klo und sie war nur drei Türen entfernt«, sagte Ron verbittert beim Frühstück am nächsten Morgen, »wir hätten sie fragen können, aber jetzt …«
Den Spinnen nachzuspüren war schwer genug gewesen. Jetzt würde es fast unmöglich sein, den Lehrern lange genug zu entkommen, um sich in ein Mädchenklo zu stehlen, das zu allem Überfluss auch noch unmittelbar am Schauplatz des ersten Angriffs lag.
Doch in der ersten Stunde, in Verwandlung, geschah etwas, das die Kammer des Schreckens zum ersten Mal seit Wochen aus ihren Köpfen vertrieb. Nach zehn Minuten Unterricht verkündete Professor McGonagall, ihre Prüfungen würden am ersten Juni beginnen, in genau einer Woche.
»Prüfungen?«, heulte Seamus Finnigan auf. »Wir haben trotz allem noch Prüfungen?«
Hinter Harry krachte es. Neville Longbottom war der Zauberstab aus der Hand gefallen und ein Bein seines Tisches war verschwunden. Professor McGonagall brachte es mit einem Schlenker ihres Zauberstabs wieder zum Vorschein und wandte sich dann stirnrunzelnd Seamus zu.
»Wir halten die Schule einzig und allein deshalb geöffnet, damit Sie Ihre Ausbildung erhalten«, sagte sie streng. »Die Prüfungen finden daher wie üblich statt, und ich bin sicher, Sie alle werden den Stoff fleißig wiederholen.«
Fleißig wiederholen! Harry hätte nie gedacht, sie würden Prüfungen haben, bei all dem, was im Schloss passierte. Im Klassenzimmer gab es meutereilustiges Getuschel, und Professor McGonagall blickte noch finsterer in die Runde.
»Professor Dumbledores Anweisung lautet, den Unterricht möglichst wie gewohnt fortzusetzen«, sagte sie. »Und das, wie ich kaum weiter ausführen muss, heißt herauszufinden, wie viel Sie dieses Jahr gelernt haben.«
Harry schaute auf das Paar weißer Kaninchen, die er in Pantoffeln verwandeln sollte. Was hatte er bislang in diesem Schuljahr gelernt? Ihm fiel einfach nichts ein, was in einer Prüfung nützlich sein konnte.
Ron sah aus, als ob man ihm gerade gesagt hätte, er müsse fort und im Verbotenen Wald leben.
»Kannst du dir vorstellen, dass ich mit dem hier die Prüfungen bestehe?«, fragte er Harry und hob seinen Zauberstab, der gerade anfing laut zu pfeifen.
Drei Tage vor ihrer ersten Prüfung machte Professor McGonagall beim Frühstück eine weitere Ankündigung.
»Ich habe eine gute Nachricht«, sagte sie, und die Menge in der Großen Halle, anstatt in Schweigen zu verfallen, brach in Gejohle aus.
»Dumbledore kommt zurück!«, riefen einige ausgelassen.
»Sie haben den Erben Slytherins gefangen!«, quiekte ein Mädchen am Ravenclaw-Tisch.
»Es gibt wieder Quidditch-Spiele!«, dröhnte Wood begeistert.
Als der Tumult sich gelegt hatte, sagte Professor McGonagall:
»Professor Sprout hat mir mitgeteilt, dass die Alraunen endlich reif zum Schneiden sind. Wir werden die Versteinerten heute Abend noch wiederbeleben können. Ich muss Sie wohl kaum daran erinnern, dass einer von ihnen uns vielleicht sagen wird, wer – oder was – ihn angegriffen hat. Ich habe die große Hoffnung, dass dieses schreckliche Jahr damit enden wird, dass wir den Schurken fassen.«
Dem folgte ohrenbetäubendes Kreischen. Harry sah hinüber zum Slytherin-Tisch und war keineswegs überrascht, dass Draco Malfoy nicht in das Freudengeheul einstimmen wollte. Ron hingegen schien besser gelaunt als seit Tagen.
»Dann ist es egal, dass wir Myrte nicht gefragt haben!«, sagte er zu Harry. »Hermine wird wahrscheinlich alles wissen, wenn sie aufwacht! Ich sag dir, sie dreht durch, wenn sie erfährt, dass wir in drei Tagen Prüfungen haben. Sie hat ja nichts wiederholt. Vielleicht wäre es besser, sie in Ruhe zu lassen, bis alles vorbei ist.«
In diesem Moment kam Ginny Weasley herüber und setzte sich neben Ron. Sie sah angespannt und nervös aus, und Harry bemerkte, dass sie die Hände im Schoß knetete.
»Was gibt’s?«, sagte Ron und tat sich noch einen Schlag Haferbrei auf.
Ginny sagte nichts, sondern blickte ängstlich am Gryffindor-Tisch entlang. Sie erinnerte Harry an jemanden, doch er wusste nicht, an wen.
»Spuck’s aus«, sagte Ron und musterte sie aufmerksam.
Harry fiel plötzlich ein, wem Ginny ähnlich sah. Sie wiegte sich im Sitzen leicht vor und zurück, genau wie Dobby, wenn er kurz davor war, verbotene Auskünfte zu geben.
»Ich muss euch etwas sagen«, murmelte Ginny und vermied sorgfältig jeden Blick auf Harry.
»Was denn?«, fragte Harry.
Ginny sah aus, als fände sie nicht die richtigen Worte.
»Was?«, fragte Ron.
Ginny öffnete den Mund, brachte jedoch kein Wort heraus. Harry beugte sich vor und sprach leise, so dass nur Ginny und Ron ihn hören konnten.
»Hat es etwas mit der Kammer des Schreckens zu tun? Hast du etwas gesehen? Jemanden, der sich merkwürdig verhält?«
Ginny holte tief Luft und genau in diesem Moment erschien, müde und blass, Percy Weasley.
»Wenn du fertig bist mit Essen, setz ich mich auf deinen Platz, Ginny, ich komm gerade vom Wachdienst.«
Ginny sprang auf, als ob der Stuhl ihr gerade einen elektrischen Schlag verpasst hätte, warf Percy einen flüchtigen, angsterfüllten Blick zu und verschwand. Percy setzte sich und nahm sich einen Becher vom Tisch.
»Percy!«, sagte Ron zornig. »Sie wollte uns gerade etwas Wichtiges sagen!«
Percy, der gerade einen Schluck Tee genommen hatte, wäre daran fast erstickt.
»Um was geht es?«, sagte er hustend.
»Ich hab sie nur gefragt, ob sie etwas Merkwürdiges gesehen hätte, und sie wollte gerade etwas sagen –«
»Oh – das – das hat nichts mit der Kammer des Schreckens zu tun«, sagte Percy rasch.
»Woher weißt du das?«, sagte Ron mit hochgezogenen Augenbrauen.
»Nun, ähm, wenn ihr es unbedingt wissen müsst, Ginny, ähm, lief mir letztens über den Weg, als ich – nun, egal – der Punkt ist, sie hat mich bei etwas gesehen, und ich hab sie gebeten, es keinem zu erzählen. Ich muss sagen, sie hat offenbar Wort gehalten. Es ist nichts, wirklich, ich würde lieber –«
Harry hatte Percy noch nie mit einer so unbehaglichen Miene gesehen.
»Wobei hat sie dich erwischt, Percy?«, sagte Ron grinsend. »Komm schon, erzähl’s uns, wir lachen bestimmt nicht.«
Percy erwiderte sein Lächeln nicht.
»Kannst du mir die Brötchen reichen, Harry, ich verhungere.«
Harry wusste, dass das ganze Geheimnis morgen vielleicht ohne ihre Hilfe gelöst würde, doch er wollte sich eine Gelegenheit, mit ihr zu sprechen, nicht entgehen lassen, wenn sie sich bieten sollte – und zu seiner Freude kam eine, später am Morgen, als Gilderoy Lockhart sie zu Geschichte der Zauberei begleitete.
Lockhart, der ihnen so oft versichert hatte, jede Gefahr sei vorüber, nur um sofort widerlegt zu werden, war nun zutiefst davon überzeugt, dass es kaum die Mühe wert war, sie durch die Gänge zu geleiten. Sein Haar war nicht so geschniegelt wie sonst; offenbar war er die ganze Nacht auf gewesen und hatte im vierten Stock Wache geschoben.
»Denkt an meine Worte«, sagte er, während sie um eine Ecke bogen, »das Erste, was diese armen Versteinerten sagen werden, wird sein ›es war Hagrid‹. Offen gestanden bin ich erstaunt, dass Professor McGonagall diese Sicherheitsmaßnahmen noch für nötig hält.«
»Ich stimme Ihnen zu, Sir«, sagte Harry und vor Überraschung ließ Ron seine Bücher fallen.
»Ich danke Ihnen, Harry«, sagte Lockhart gnädig, während sie warteten, bis eine lange Reihe Hufflepuffs vorbeigezogen war. »Ich meine, als ob wir Lehrer nichts anderes zu tun hätten, als die Schüler in die Klassenzimmer zu begleiten und die ganze Nacht Wache zu halten …«
»Das stimmt«, sagte Ron, der den Faden aufgenommen hatte. »Lassen Sie uns doch hier allein, wir haben nur noch einen Korridor vor uns.«
»Wissen Sie was, Weasley, ich glaube, das tue ich«, sagte Lockhart. »Ich sollte wirklich gehen und meine nächste Stunde vorbereiten –«
Und er eilte davon.
»Seine Stunde vorbereiten«, höhnte ihm Ron nach. »Dreht sich jetzt wohl eher Lockenwickler ins Haar.«
Sie ließen sich hinter die anderen Gryffindors zurückfallen, glitten durch einen Seitengang und machten sich auf den Weg zum Klo der Maulenden Myrte. Doch gerade als sie sich zu ihrem gelungenen Streich beglückwünschen wollten –
»Potter! Weasley! Was machen Sie da?«
Es war Professor McGonagall und ihr Mund war der schmalste aller schmalen Striche.
»Wir wollten … wir wollten …«, stammelte Ron, »wir wollten … jemanden besuchen …«
»Hermine«, sagte Harry. Ron und Professor McGonagall sahen ihn an.
»Wir haben sie schon Ewigkeiten nicht mehr gesehen, Professor«, fuhr Harry hastig fort und tappte Ron auf den Fuß, »und wir dachten, wir schleichen uns in den Krankenflügel, wissen Sie, und sagen ihr, dass die Alraunen fast fertig sind und sie sich keine Sorgen machen soll –«
Professor McGonagall starrte ihn immer noch an, und einen Moment lang glaubte Harry, sie würde explodieren, doch als sie sprach, hatte ihre Stimme einen seltsam krächzenden Ton angenommen.
»Natürlich«, sagte sie und in einem ihrer perlschimmernden Augen sah Harry erstaunt eine Träne glitzern. »Natürlich, ich sehe ein, am schlimmsten war es für die Freunde derer, die … Ich verstehe durchaus. Ja, Potter, natürlich dürfen Sie Miss Granger besuchen. Ich werde Professor Binns mitteilen, wo Sie stecken. Sagen Sie Madam Pomfrey, dass ich es erlaubt habe.«
Harry und Ron gingen davon. Sie konnten es kaum fassen, dass sie keine Strafarbeiten bekommen hatten. Als sie um die Ecke bogen, hörten sie deutlich, wie Professor McGonagall sich die Nase schnäuzte.
»Das«, sagte Ron hingerissen, »war die beste Ausrede, die du je erfunden hast.«
Sie hatten jetzt keine andere Wahl, als in den Krankenflügel zu gehen und Madam Pomfrey zu sagen, Professor McGonagall habe ihnen erlaubt, Hermine zu besuchen.
Madam Pomfrey ließ sie ein, wenn auch widerstrebend.
»Es ist einfach sinnlos, zu einer versteinerten Person zu sprechen«, sagte sie. Und als sie sich neben Hermine gesetzt hatten, mussten sie zugeben, dass sie Recht hatte. Offensichtlich hatte Hermine nicht die leiseste Ahnung, dass sie Besuch hatte, und genauso gut hätten sie ihrem Nachttisch sagen können, er solle sich nicht sorgen.
»Ich frag mich wirklich, ob sie den Angreifer gesehen hat«, sagte Ron und betrachtete traurig Hermines starres Gesicht. »Denn wenn er sich an alle von hinten herangeschlichen hat, werden wir es nie erfahren …«
Doch Harry sah nicht auf Hermines Gesicht. Er war mehr an ihrer rechten Hand interessiert. Sie lag zusammengeballt auf der Bettdecke, und als er sich über sie beugte, sah er, dass Hermine ein zerknülltes Stück Papier in der Faust hielt.
Er sah sich um, ob Madam Pomfrey in der Nähe war, dann machte er Ron darauf aufmerksam.
»Versuch es rauszuholen«, flüsterte Ron und rückte seinen Stuhl so, dass er Madam Pomfrey die Sicht auf Harry verdeckte.
Es war nicht einfach. Hermines Hand war so fest um das Papier geklammert, dass Harry schon fürchtete, er würde es zerreißen. Während Ron aufpasste, zog und rüttelte er, und endlich, nach spannungsvollen Minuten, löste sich das Papier aus Hermines Hand.
Es war eine herausgerissene Seite aus einem alten Bibliotheksband. Harry glättete es neugierig, und Ron beugte sich ebenfalls über das Blatt, um es zu lesen.
Von den vielen Furcht erregenden Bestien und Monstern, die unser Land durchstreifen, ist keines seltsamer oder tödlicher als der Basilisk, auch bekannt als der König der Schlangen. Diese Schlange, die eine gigantische Größe erreichen und viele hundert Jahre alt werden kann, wird aus einem Hühnerei geboren, das von einer Kröte ausgebrütet wird. Der Basilisk tötet auf höchst wunderliche Weise, denn außer seinen tödlichen und giftigen Zähnen hat der Basilisk einen mörderischen Blick, und alle, die in den Bann seiner Augen geraten, erleiden den sofortigen Tod. Spinnen fliehen vor dem Basilisken, denn er ist ihr tödlicher Erbfeind, und der Basilisk entflieht nur dem Krähen des Hahns, das tödlich für ihn ist.
Darunter stand ein einziges Wort geschrieben und Harry erkannte Hermines Handschrift. Rohre.
Es war, als hätte jemand ein Licht in seinem Gehirn angeknipst.
»Ron«, keuchte er, »das ist es. Das ist die Antwort. Das Monster in der Kammer ist ein Basilisk – eine Riesenschlange! Darum hab ich überall diese Stimme gehört und niemand sonst. Weil ich nämlich Parsel verstehe …«
Harry blickte auf die Betten um ihn her.
»Der Basilisk tötet Menschen, indem er sie ansieht. Aber keiner ist gestorben – weil keiner ihm direkt ins Auge geschaut hat. Colin hat ihn durch seine Kamera gesehen. Der Basilisk hat den Film darin völlig verbrannt, aber Colin wurde nur versteinert. Justin … Justin muss den Basilisken durch den Fast Kopflosen Nick gesehen haben! Nick hat alles abbekommen, aber er konnte ja nicht noch mal sterben … und neben Hermine und der Vertrauensschülerin der Ravenclaws wurde ein Spiegel gefunden. Hermine hatte gerade erkannt, dass das Monster ein Basilisk ist. Ich wette jederzeit mit dir, sie hat den ersten Menschen, den sie traf, gewarnt und gesagt, es sei besser, erst mit einem Spiegel um die Ecken zu sehen! Und dieses Mädchen hat ihren Spiegel herausgeholt – und –«
Rons Unterkiefer war heruntergeklappt.
»Und Mrs Norris?«, flüsterte er gespannt.
Harry dachte angestrengt nach und stellte sich vor, was in jener Halloween-Nacht geschehen war.
»Das Wasser …«, sagte er langsam. »Diese Überschwemmung aus dem Klo der Maulenden Myrte. Ich wette, Mrs Norris hat nur die Spiegelung gesehen …«
Aufgeregt überflog er das Blatt in seiner Hand. Je länger er es ansah, desto mehr verstand er.
»Der Basilisk flieht nur vor dem Krähen des Hahns, das tödlich für ihn ist!«, las er laut. »Hagrids Hähne wurden umgebracht! Der Erbe Slytherins wollte keinen in der Nähe des Schlosses haben, wenn die Kammer geöffnet war! Spinnen fliehen vor dem Basilisken!«
»Aber wie ist der Basilisk im Schloss herumgekommen?«, sagte Ron. »Eine große, hässliche Schlange … jemand hätte sie sehen müssen …«
Doch Harry deutete auf das Wort, das Hermine unten auf die Seite gekritzelt hatte.
»Rohre«, sagte er. »Rohre … Ron, es hat die Rohrleitungen benutzt. Ich hab diese Stimme aus den Wänden gehört …«
Ron packte jäh Harrys Arm.
»Der Eingang zur Kammer des Schreckens!«, sagte er mit rauer Stimme. »Was ist, wenn es ein Klo ist? Was ist, wenn es im –«
»– Klo der Maulenden Myrte ist«, sagte Harry.
Da saßen sie, ganz überwältigt von ihrer Entdeckung, und konnten es kaum glauben.
»Das heißt, ich kann nicht der einzige Parselmund in der Schule sein«, sagte Harry. »Der Erbe Slytherins ist auch einer. Damit hat er den Basilisken im Griff.«
»Was tun wir jetzt?«, fragte Ron mit blitzenden Augen. »Sollen wir einfach zu McGonagall gehen?«
»Gehen wir ins Lehrerzimmer«, sagte Harry und sprang auf. »In zehn Minuten ist sie dort, es ist gleich Pause.«
Sie rannten nach unten. Da sie nicht schon wieder entdeckt werden wollten, wie sie in einem Korridor herumlungerten, gingen sie geradewegs in das verlassene Lehrerzimmer. Es war ein großer getäfelter Raum voll dunkler Holzstühle. Harry und Ron liefen darin umher, zu aufgeregt, um sich zu setzen.
Doch die Pausenglocke läutete nicht.
Stattdessen hallte, magisch verstärkt, die Stimme von Professor McGonagall durch die Gänge.
»Die Schüler kehren sofort in ihre Schlafsäle zurück. Die Lehrer versammeln sich im Lehrerzimmer. Unverzüglich, bitte.«
Harry wirbelte herum und starrte Ron an.
»Nicht schon wieder ein Angriff! Nicht jetzt!«
»Was sollen wir tun?«, sagte Ron entgeistert. »In den Schlafsaal gehen?«
»Nein«, sagte Harry und blickte sich um. Zu seiner Linken stand ein hässlicher Kleiderschrank voller Lehrerumhänge. »Da rein. Hören wir erst mal, was eigentlich los ist. Dann können wir ihnen sagen, was wir herausgefunden haben.«
Sie versteckten sich im Schrank, lauschten dem Getrappel von hunderten von Schülern über ihren Köpfen und hörten dann, wie die Lehrerzimmertür aufging. Zwischen den muffigen Umhängen sahen sie einen Lehrer nach dem andern in den Raum kommen. Manche sahen verwirrt aus, andere gaben sich keine Mühe, ihre Angst zu verbergen. Dann kam Professor McGonagall herein.
»Es ist passiert«, erklärte sie den stumm vor ihr Versammelten. »Das Monster hat einen Schüler entführt. Und zwar in die Kammer.«
Professor Flitwick stieß einen spitzen Schrei aus. Professor Sprout schlug sich die Hände auf den Mund. Snape umklammerte eine Stuhllehne und sagte:
»Woher wissen Sie das so genau?«
»Der Erbe Slytherins«, sagte Professor McGonagall, nun ganz weiß im Gesicht, »hat eine weitere Botschaft hinterlassen. Direkt unter der ersten. ›Ihr Skelett wird für immer in der Kammer liegen.‹«
Professor Flitwick brach in Tränen aus.
»Wer ist es?«, sagte Madam Hooch, die mit weichen Knien auf einen Stuhl gesunken war. »Welche Schülerin?«
»Ginny Weasley«, sagte Professor McGonagall.
Harry spürte, wie Ron neben ihm stumm auf den Schrankboden sank.
»Wir werden morgen alle Schüler nach Hause schicken müssen«, sagte Professor McGonagall. »Das ist das Ende von Hogwarts. Dumbledore hat immer gesagt …«
Wieder ging die Lehrerzimmertür auf. Einen erregten Moment lang war sich Harry sicher, es sei Dumbledore. Doch es war Lockhart und er strahlte.
»Tut mir ja so leid – bin eingedöst – was hab ich verpasst?«
Er schien nicht zu bemerken, dass die anderen Lehrer ihn mit einem Ausdruck anstarrten, der deutlich an Hass erinnerte. Snape trat vor.
»Genau der Richtige«, sagte er. »Der richtige Mann. Das Monster hat ein Mädchen entführt, Lockhart. Hat sie in die Kammer des Schreckens gebracht. Ihre Stunde ist nun endlich gekommen.«
Lockhart erbleichte.
»Das stimmt, Gilderoy«, warf Professor Sprout ein, »haben Sie nicht erst gestern Abend gesagt, Sie hätten immer gewusst, wo der Eingang zur Kammer des Schreckens ist?«
»Ich – nun, ich –«, stammelte Lockhart.
»Ja, haben Sie mir nicht gesagt, Sie wüssten sicher, was in der Kammer verborgen ist?«, piepste Professor Flitwick.
»Hab – hab ich? Kann mich nicht erinnern –«
»Ich weiß noch genau, wie Sie gesagt haben, es sei schade, dass Sie es nicht mit dem Monster aufnehmen durften, bevor Hagrid verhaftet wurde«, sagte Snape. »Sagten Sie nicht, die ganze Sache sei stümperhaft angegangen worden und dass man Ihnen von Anfang an hätte freie Hand lassen sollen?«
Lockhart starrte in die versteinerten Gesichter seiner Kollegen.
»Ich – ich hab wirklich nie – da haben Sie mich wohl falsch verstanden –«
»Wir überlassen es also Ihnen, Gilderoy«, sagte Professor McGonagall. »Heute Nacht ist die beste Zeit dafür. Wir sorgen dafür, dass Ihnen niemand in die Quere kommt. Sie können es dann ganz allein mit dem Monster aufnehmen. Endlich freie Hand für Sie.«
Lockhart blickte verzweifelt in die Runde, doch keiner kam ihm zu Hilfe. Er sah jetzt nicht im Entferntesten mehr hübsch aus. Seine Lippen zitterten und ohne sein übliches zähneblitzendes Grinsen sah er schlaffwangig und gebrechlich aus.
»N… nun gut«, sagte er. »Ich geh in mein Büro und – bereite mich vor.«
Und er ging hinaus.
»Schön«, sagte Professor McGonagall mit geblähten Nasenflügeln, »jetzt haben wir ihn aus dem Weg. Die Hauslehrer sollten nun gehen und ihren Schülern mitteilen, was geschehen ist. Sagen Sie ihnen, der Hogwarts-Express wird sie gleich morgen früh nach Hause bringen. Und ich bitte die anderen, sich zu vergewissern, dass kein Schüler mehr außerhalb der Schlafsäle geblieben ist.«
Die Lehrer erhoben sich und gingen einer nach dem andern hinaus.
Es war wohl der schlimmste Tag in Harrys ganzem Leben. Er, Ron, Fred und George saßen zusammen in einer Ecke des Gemeinschaftsraums und brachten kein Wort heraus. Percy war nicht da. Er war weggegangen, um Mr und Mrs Weasley eine Eule zu schicken, und hatte sich dann in seinem Zimmer eingeschlossen.
Kein Nachmittag hatte je so lange gedauert wie dieser und nie war es im Gryffindor-Turm so voll und zugleich so still gewesen. Bei Sonnenuntergang gingen Fred und George, die nicht mehr länger herumsitzen konnten, nach oben und zu Bett.
»Sie wusste etwas, Harry«, sagte Ron und sprach damit zum ersten Mal, seit sie sich im Lehrerschrank versteckt hatten. »Deshalb wurde sie entführt. Es war nicht irgendein Blödsinn mit Percy. Sie hat etwas über die Kammer des Schreckens herausgefunden. Das muss der Grund sein, weshalb sie –« Ron rieb sich fieberhaft die Augen. »Ich meine, sie hat reines Blut. Es kann keinen anderen Grund geben.«
Blutrot sah Harry am Horizont die Sonne untergehen. So schlecht hatte er sich noch nie gefühlt. Wenn er nur etwas tun könnte. Irgendetwas.
»Harry«, sagte Ron. »Glaubst du, es könnte vielleicht doch sein, dass sie nicht – du weißt schon –«
Harry wusste nicht, was er sagen sollte. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Ginny noch am Leben war.
»Weißt du was?«, sagte Ron. »Ich glaube, wir sollten zu Lockhart gehen. Ihm sagen, was wir wissen. Er wird versuchen, in die Kammer zu kommen. Wir können ihm sagen, wo wir glauben, dass sie ist, und dass ein Basilisk dort drinsteckt.«
Weil Harry nichts Besseres einfiel und auch er etwas tun wollte, stimmte er zu. Die Gryffindors um sie her waren so niedergeschlagen und die Weasleys taten ihnen so leid, dass keiner versuchte sie aufzuhalten, als sie aufstanden, den Raum durchquerten und durch das Porträtloch stiegen.
Dunkelheit fiel über das Schloss, während sie zu Lockharts Büro hinuntergingen. Drinnen schien einiges los zu sein. Sie konnten Schleifen und Poltern und eilige Schritte hören.
Harry klopfte und hinter der Tür wurde es jäh still. Dann öffnete sie sich einen winzigen Spaltbreit und sie sahen ein Auge Lockharts.
»Oh – Mr Potter – Mr Weasley –«, sagte er und öffnete die Tür einen Daumenbreit weiter. »Ich bin im Augenblick sehr beschäftigt – wenn Sie sich beeilen würden –«
»Professor, wir haben Ihnen etwas Wichtiges zu sagen«, erklärte Harry. »Wir glauben, es wird Ihnen helfen.«
»Ähm – nun – es ist nicht unbedingt –« Die Seite von Lockharts Gesicht, die sie sehen konnten, sah sehr verlegen aus. »Ich meine – nun – also gut –«
Er öffnete die Tür und sie traten ein.
Sein Büro war fast ganz ausgeräumt. Zwei große Schrankkoffer standen aufgeklappt auf dem Boden. Umhänge, jadegrün, lila, mitternachtsblau, waren in aller Hast in den einen gepackt worden, Bücher stapelten sich kreuz und quer im anderen. Die Fotos, die die Wände bedeckt hatten, lagen in Kisten gestopft auf dem Schreibtisch.
»Gehen Sie etwa fort?«, fragte Harry.
»Ähm, nun, ja«, sagte Lockhart, riss ein lebensgroßes Poster seiner selbst von der Tür und fing an, es aufzurollen. »Dringender Ruf – unvermeidlich – muss gehen –«
»Was ist mit meiner Schwester?«, stieß Ron hervor.
»Nun, was das angeht – unglückliche Sache –«, sagte Lockhart und mied ihre Blicke, während er eine Schublade herauszog und deren Inhalt in eine Tasche kippte. »Keiner bedauert das mehr als ich –«
»Sie sind der Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste!«, sagte Harry, »Sie können doch jetzt nicht gehen! Bei all den dunklen Machenschaften hier!«
»Nun, ich muss sagen, als ich die Stelle übernahm –«, murmelte Lockhart und häufte jetzt Socken auf seine Umhänge, »nichts davon in der Stellenbeschreibung – hab nicht erwartet –«
»Wollen Sie sagen, Sie hauen ab?«, sagte Harry ungläubig. »Nach all dem, was Sie in Ihren Büchern tun –«
»Bücher können irreführen«, sagte Lockhart behutsam.
»Sie haben sie selbst geschrieben«, rief Harry.
»Mein lieber Junge«, sagte Lockhart, richtete sich auf und sah Harry stirnrunzelnd an. »Benutzen Sie doch Ihren gesunden Menschenverstand. Meine Bücher hätten sich nicht halb so gut verkauft, wenn die Leute nicht glauben würden, ich hätte das alles getan. Keiner will etwas über einen hässlichen alten armenischen Zauberer lesen, auch wenn er ein Dorf vor den Werwölfen gerettet hat. Auf dem Umschlag würde er fürchterlich aussehen. Keinen Schimmer, wie man sich gut anzieht. Und die Hexe, die die Todesfee von Bandon verbannt hat, hatte ein haariges Kinn. Na hören Sie mal –«
»Also haben Sie einfach den Ruhm für das eingeheimst, was andere Leute getan haben?«, sagte Harry ungläubig.
»Harry, Harry«, sagte Lockhart, ungeduldig den Kopf schüttelnd. »Gar so einfach ist es nicht. Es hat Arbeit gekostet. Ich musste diese Leute aufspüren. Sie fragen, wie sie es genau gemacht haben. Dann musste ich sie mit einem Vergessenszauber belegen, so dass sie sich nicht daran erinnern würden. Wenn es etwas gibt, auf das ich stolz bin, dann sind es meine Vergessenszauber. Nein, es war eine Menge Arbeit, Harry. Es reicht nicht, Bücher zu signieren und Fotos in den Zeitungen zu haben, müssen Sie wissen. Wenn Sie Ruhm wollen, müssen Sie sich auf eine ziemliche Schinderei vorbereiten.«
Er schlug die Kofferdeckel zu und verschloss sie.
»Mal sehen«, sagte er. »Ich glaube, ich hab alles. Ja. Nur noch eins.«
Er zückte seinen Zauberstab und drehte sich zu ihnen herum.
»Tut mir furchtbar leid, Jungs, aber ich muss euch jetzt mit einem Vergessenszauber belegen. Kann es nicht brauchen, wenn ihr all meine Geheimnisse ausplaudert. Ich würde kein Buch mehr verkaufen –«
Harry kam noch rechtzeitig an seinen Zauberstab. Lockhart wollte gerade seinen heben, als Harry rief: »Expelliarmus!«
Lockhart flog nach hinten und fiel rücklings über seinen Koffer. Sein Zauberstab wirbelte durch die Luft; Ron fing ihn auf und warf ihn aus dem offenen Fenster.
»Den hätten Sie uns von Professor Snape nicht zeigen lassen dürfen«, sagte Harry wütend und stieß Lockharts Koffer zur Seite. Lockhart, der nun wieder schlaff wirkte, sah zu ihm hoch. Harry hatte den Zauberstab immer noch auf ihn gerichtet.
»Was haben Sie vor?«, sagte Lockhart mit matter Stimme. »Ich weiß nicht, wo die Kammer des Schreckens ist. Ich kann nichts tun.«
»Sie haben Glück«, sagte Harry und zwang Lockhart mit vorgehaltenem Zauberstab aufzustehen. »Wir glauben zu wissen, wo sie ist. Und was drin ist. Gehen wir.«
Lockhart vor sich herschiebend, verließen sie das Büro und gingen die nächste Treppe hinunter, den dunklen Korridor entlang, wo die Botschaften an den Wänden leuchteten, bis zur Klotür der Maulenden Myrte.
Sie schickten Lockhart als Ersten hinein. Harry sah vergnügt, dass er zitterte.
Die Maulende Myrte saß auf der Kloschüssel in der letzten Kabine.
»Oh, du bist es«, sagte sie, als sie Harry erkannte. »Was willst du diesmal?«
»Dich fragen, wie du gestorben bist«, sagte Harry.
Schlagartig änderte sich Myrtes ganzes Gebaren. Sie sah aus, als ob ihr noch nie jemand eine so schmeichelhafte Frage gestellt hätte.
»Ooooh, das war schrecklich«, sagte sie genüsslich. »Es ist hier drin geschehen. Ich bin in dieser Kabine gestorben. Ich erinnere mich noch so gut daran. Ich versteckte mich, weil Olive Hornby mich wegen meiner Brille hänselte. Die Tür war verriegelt, und ich weinte, und dann hörte ich jemanden hereinkommen. Dann wurde etwas Komisches gesagt. Eine andere Sprache muss es gewesen sein. Jedenfalls, was mich wirklich gewundert hat, war, dass ein Junge sprach. Also hab ich die Tür aufgemacht, um ihm zu sagen, er solle gefälligst verschwinden und sein eigenes Klo benutzen, und dann« – Myrte schwoll an und ihr Gesicht glänzte – »dann bin ich gestorben.«
»Wie?«, sagte Harry.
»Keine Ahnung«, sagte Myrte mit gedämpfter Stimme. »Ich weiß nur noch, dass ich ein Paar großer gelber Augen gesehen habe. Mein ganzer Körper wurde starr und dann bin ich davongeschwebt …« Sie sah Harry traumverloren an. »Und dann kam ich wieder zurück. Ich war entschlossen, mit Olive Hornby meinen Schabernack zu treiben. Oh, es tat ihr ja so leid, dass sie jemals über meine Brille gelacht hatte.«
»Wo genau hast du diese Augen gesehen?«, sagte Harry.
»Irgendwo dort«, sie deutete auf das Waschbecken gegenüber.
Harry und Ron stürzten darauf zu. Lockhart hielt sich im Hintergrund, mit einem Ausdruck sprachlosen Entsetzens im Gesicht.
Es sah aus wie ein gewöhnliches Waschbecken. Sie untersuchten jeden Zentimeter, innen und außen, und auch die Rohre darunter. Und dann stutzte Harry: An der Seite eines der kupfernen Wasserhähne war eine winzige Schlange eingekratzt.
»Der Hahn hat nie funktioniert«, sagte Myrte munter, als sie ihn aufdrehen wollten.
»Harry«, sagte Ron. »Sag was. Etwas in der Parselsprache.«
»Aber –« Harry überlegte fieberhaft. Er hatte immer nur dann Parsel sprechen können, wenn er es mit einer echten Schlange zu tun hatte. Er starrte die winzige Gravur an und versuchte sich vorzustellen, es sei eine lebende Schlange.
»Mach auf«, sagte er.
Er sah Ron an, der den Kopf schüttelte.
»Noch mal«, sagte er.
Harry blickte wieder auf die Schlange und versuchte sich einzureden, sie würde leben. Wenn er den Kopf bewegte, sah es im Kerzenlicht so aus, als würde sie ein wenig schlängeln.
»Mach auf«, sagte er.
Doch es waren nicht diese Worte, die er hörte; ein unheimliches Zischen war ihm entwischt, und sofort erglühte der Hahn strahlend hell und begann sich zu drehen – kurz darauf begann sich das Waschbecken zu bewegen. Es versank gänzlich in die Wand und gab das Ende eines großen Rohres frei, breit genug, damit ein Mensch hindurchrutschen konnte.
Harry hörte Ron aufstöhnen und sah hoch. Er fasste einen Entschluss.
»Ich gehe da runter«, sagte er.
Er konnte jetzt nicht weggehen, nicht jetzt, da sie den Eingang zur Kammer gefunden hatten, nicht, wenn es auch nur den geringsten, unglaublichsten, verrücktesten Hoffnungsschimmer gab, dass Ginny noch lebte.
»Ich auch«, sagte Ron.
Einen Moment lang herrschte Schweigen.
»Nun, Sie scheinen mich wohl kaum zu brauchen«, sagte Lockhart mit dem Schatten seines alten Lächelns auf dem Gesicht. »Ich werde dann –«
Er griff zum Türknopf, doch Ron und Harry richteten ihre Zauberstäbe auf ihn.
»Sie werden als Erster gehen«, knurrte Ron.
Weiß im Gesicht und zauberstablos näherte sich Lockhart der Öffnung.
»Jungs«, sagte er mit schwacher Stimme. »Jungs, was nützt das?«
Harry stach ihm mit dem Zauberstab in den Rücken. Lockhart steckte die Beine in das Rohr.
»Ich glaube wirklich nicht –«, fing er an, doch Ron gab ihm einen Stoß und er schlitterte davon. Harry folgte ihm rasch. Er stieg ins Rohr hinein und ließ sich hinabgleiten.
Es war, als rauschte er eine endlose, schleimige, dunkle Rutschbahn hinab. Er sah andere Rohre in alle Richtungen abzweigen, doch keines war so dick wie das ihre, das in unendlich vielen Windungen steil abwärtslief, und Harry wusste, dass es tief hinabging unter die Schule, in Tiefen weit unterhalb der Kerker. Hinter sich konnte er Ron hören, den es in den Biegungen sacht gegen die Wände schlug.
Und dann, gerade als Harry besorgt überlegte, wie er auf dem Boden aufprallen würde, bog sich das Rohr nach oben und lief aus. Mit einem nassen dumpfen Schlag kullerte er heraus und landete auf dem feuchten Boden eines dunklen Steintunnels, hoch genug, um darin stehen zu können. Harry trat zur Seite und hinter ihm plumpste Ron aus dem Rohr.
»Wir müssen meilenweit unter der Schule sein«, sagte Harry und seine Stimme hallte im dunklen Tunnel wider.
»Unter dem See wahrscheinlich«, sagte Ron und musterte die glitschigen Wände.
Alle drei drehten sich um und starrten in die Dunkelheit vor ihnen.
»Lumos!«, murmelte Harry seinem Zauberstab zu und der begann wieder zu leuchten. »Weiter geht’s«, sagte er zu Ron und Lockhart, und sie gingen los, ihre Schritte klatschten laut auf dem nassen Boden.
Im Tunnel war es so dunkel, dass sie nur ein paar Meter weit sehen konnten. Im Licht des Zauberstabs wirkten ihre Schatten an den Wänden wie Riesen.
»Nicht vergessen«, sagte Harry, während sie vorsichtig weitergingen, »wenn sich irgendwas bewegt, gleich die Augen schließen …«
Doch der Tunnel war still wie ein Grab, und das erste unerwartete Geräusch, das sie hörten, war ein lautes Knirschen, als Ron auf etwas trat, das sich als Rattenschädel herausstellte. Harry richtete den Zauberstab auf den Boden und sah, dass er übersät war mit kleinen Tierknochen. Angestrengt versuchte er, den Gedanken zu vertreiben, wie Ginny wohl aussehen würde, wenn sie sie fänden, und führte die anderen weiter durch eine dunkle Biegung des Tunnels.
»Harry – da oben ist etwas –«, sagte Ron heiser und packte Harrys Schulter.
Sie erstarrten und sahen nach oben. Harry konnte den Umriss von etwas Riesigem und Rundem sehen, das quer im Tunnel lag. Es bewegte sich nicht.
»Vielleicht schläft es«, flüsterte er mit einem Blick zurück auf die andern beiden. Lockhart hatte die Hände auf die Augen gepresst. Harry wandte sich wieder um und blickte zu dem Wesen empor, und sein Herz schlug so schnell, dass es schmerzte.
Sehr langsam, mit erhobenem Zauberstab, die Augen zu winzigen Schlitzen verengt, schlich Harry sich weiter vor.
Das Licht huschte über eine gigantische Schlangenhaut von leuchtend giftgrüner Farbe, die sich leer quer über den Tunnelboden ringelte. Das Geschöpf, das sie abgeworfen hatte, musste mindestens sechs Meter lang sein.
»Ich fass es nicht«, sagte Ron matt.
Plötzlich bewegte sich etwas hinter ihnen. Gilderoy Lockharts Knie hatten nachgegeben.
»Stehen Sie auf«, sagte Ron scharf und richtete den Zauberstab auf Lockhart.
Lockhart rappelte sich hoch – und dann hechtete er auf Ron zu und schlug ihn zu Boden.
Harry sprang vor, doch zu spät – Lockhart erhob sich keuchend, Rons Zauberstab in der Hand und ein strahlendes Lächeln im Gesicht.
»Schluss mit lustig, Jungs!«, sagte er. »Ich nehme ein Stück von dieser Haut nach oben und sag ihnen, es sei zu spät gewesen, um das Mädchen zu retten, und dass ihr beide angesichts ihres zerfleischten Körpers tragischerweise den Verstand verloren hättet – sagt eurem Gedächtnis Adieu!«
Er hob Rons zauberbandgeflickten Stab hoch über den Kopf und rief »Amnesia!«.
Der Zauberstab explodierte mit der Sprengkraft einer kleinen Bombe. Harry schlang die Arme um den Kopf und rannte los, stolperte über die gewundene Schlangenhaut und versuchte den großen Stücken Tunneldecke auszuweichen, die auf den Boden donnerten. Einen Augenblick später war er allein und starrte auf eine undurchdringliche Wand aus herabgestürzten Felsstücken.
»Ron!«, rief er, »bist du okay? Ron!«
»Ich bin hier«, ertönte eine gedämpfte Stimme hinter dem Felseinbruch. »Ich bin okay – der Aufschneider allerdings nicht – der Zauberstab hat ihn umgerissen –«
Es gab einen dumpfen Schlag und ein lautes »Au!«. Es hörte sich an, als hätte Ron Lockhart soeben gegen das Schienbein getreten.
»Was jetzt?«, ertönte Rons verzweifelt klingende Stimme. »Wir kommen hier nicht durch – das dauert eine Ewigkeit …«
Harry sah zur Tunneldecke empor. Gewaltige Risse waren jetzt zu sehen. Er hatte noch nie versucht, etwas so Riesiges wie diese Felsen entzweizuzaubern, und dies schien nicht der richtige Moment, um es zu probieren – was, wenn der Tunnel einbrach?
Hinter den Felsen hörte er einen weiteren Schlag und abermals ein »Au!«. Sie verschwendeten ihre Zeit. Ginny war jetzt schon einige Stunden in der Kammer des Schreckens … Harry wusste, dass er nur eins tun konnte.
»Warte dort«, rief er Ron zu. »Warte mit Lockhart. Ich geh weiter … wenn ich in einer Stunde nicht zurück bin …«
Eine sehr gespannte Pause trat ein.
»Ich probier ein paar dieser Felsen wegzuschieben«, antwortete Ron, der offenbar versuchte, seine Stimme ruhig klingen zu lassen. »So dass du – zurückkannst. Und, Harry –«
»Wir sehen uns gleich«, sagte Harry und packte so viel Zuversicht in seine zitternde Stimme wie nur möglich.
Dann machte er sich an der riesigen Schlangenhaut vorbei allein auf den Weg.
Bald hörte er nur noch von fern, wie Ron versuchte, die Felsen wegzuschieben, und dann war es still. In endlosen Biegungen wand sich der Tunnel fort. Jeder Nerv in Harrys Körper vibrierte unangenehm. Er wünschte, der Tunnel wäre zu Ende, doch ihm graute davor, was er dann finden würde. Und dann, endlich, als er um eine Biegung schlich, sah er vor sich eine Wand, in die zwei ineinandergeflochtene Schlangen eingemeißelt waren. Ihre Augen waren große schimmernde Smaragde.
Mit ausgetrockneter Kehle trat Harry näher. Es war nicht nötig, sich einzubilden, dass diese steinernen Schlangen echt waren, denn ihre Augen sahen unheimlich lebendig aus.
Er ahnte, was er zu tun hatte. Er räusperte sich und die Smaragdaugen schienen aufzuflackern.
»Öffnet«, sagte Harry mit einem tiefen, schwachen Zischen.
Die Schlangen entflochten sich und in der Wand tat sich ein Spalt auf. Die beiden Wandhälften glitten sanft zur Seite und Harry, von Kopf bis Fuß zitternd, trat ein.
Der Erbe Slytherins
Er stand am Ende einer sehr langen, schwach beleuchteten Kammer. Mächtige Säulen, auch sie umrankt von steinernen Schlangen, ragten empor zur Decke, die im Dunkeln lag. Die Säulen warfen lange schwarze Schatten durch das seltsam grünliche Dämmerlicht, das den Raum erfüllte.
Reglos und mit immer noch rasendem Herzen stand Harry da und lauschte in die kalte Stille hinein. Konnte der Basilisk in einer Ecke lauern, hinter einer Säule? Wo war Ginny?
Er zückte den Zauberstab und ging zwischen den Schlangensäulen hindurch nach vorn. Jeder vorsichtige Tritt hallte von den Wänden wider. Er hatte die Augen zu Schlitzen verengt, bereit, sie bei der kleinsten Bewegung fest zu schließen. Die leeren Augenhöhlen der Steinschlangen schienen ihm zu folgen, und es war ihm, als würden sie sich regen. Sein Magen krampfte sich zusammen.
Dann trat er zwischen das letzte Säulenpaar. Vor ihm, an der Rückwand, ragte eine Statue auf, die so hoch war wie die Kammer selbst.
Harry verrenkte sich den Hals, um das riesenhafte Gesicht sehen zu können: Es war das alte, affenartige Gesicht eines Zauberers mit langem schmalem Bart, der fast bis zum Saum seines wogenden Steinumhangs herabfiel. Zwei gewaltige graue Füße standen auf dem glatten Kammerboden. Und zwischen den Füßen, mit dem Gesicht nach unten, lag eine kleine Gestalt mit schwarzem Umhang und flammend rotem Haar.
»Ginny!«, flüsterte Harry. Mit einem Sprung war er bei ihr und fiel auf die Knie. »Ginny, sei nicht tot, bitte, sei nicht tot –« Er warf den Zauberstab zur Seite, packte Ginny an der Schulter und drehte sie um. Ihr Gesicht war weiß wie Marmor und ebenso kalt, doch ihre Augen waren geschlossen – also war sie nicht versteinert. Doch dann musste sie –
»Ginny, bitte wach auf«, flüsterte Harry verzweifelt und schüttelte sie. Ginnys Kopf kullerte hoffnungslos hin und her.
»Sie wird nicht aufwachen«, sagte eine leise Stimme.
Harry schrak zusammen und rutschte auf den Knien herum.
Ein großer, schwarzhaariger Junge stand gegen die nächste Säule gelehnt und musterte ihn. Seine Umrisse waren merkwürdig verschwommen, als ob Harry ihn durch ein beschlagenes Fenster sehen würde. Aber es gab keinen Zweifel –
»Tom – Tom Riddle?«
Riddle nickte, ohne die Augen von Harrys Gesicht zu wenden.
»Was meinst du damit, sie wird nicht aufwachen?«, fragte Harry verzweifelt. »Sie ist nicht … sie ist doch nicht …?«
»Sie lebt noch«, sagte Riddle. »Gerade noch.«
Harry starrte ihn an. Tom Riddle war vor fünfzig Jahren in Hogwarts gewesen, doch da stand er, ein unheimliches, nebliges Licht um sich ausbreitend, keinen Tag älter als sechzehn.
»Bist du ein Geist?«, fragte Harry unsicher.
»Eine Erinnerung«, sagte Riddle leise. »Fünfzig Jahre lang in einem Tagebuch aufbewahrt.«
Er deutete auf den Boden neben die Riesenzehen der Statue. Dort lag aufgeschlagen der kleine schwarze Taschenkalender, den Harry im Klo der Maulenden Myrte gefunden hatte. Einen Moment lang fragte sich Harry, wie er hierhergekommen war – doch es gab Dringlicheres zu tun.
»Du musst mir helfen, Tom«, sagte Harry und hob abermals Ginnys Kopf. »Wir müssen sie hier rausbringen. Da ist ein Basilisk … ich weiß nicht, wo er steckt, aber er könnte jeden Augenblick kommen … bitte, hilf mir –«
Riddle rührte sich nicht. Harry, dem der Schweiß ausbrach, schaffte es, Ginny hochzuheben, und er beugte sich noch einmal zu Boden, um den Zauberstab aufzuheben.
Doch der Zauberstab war verschwunden.
»Hast du meinen –?«
Er sah auf. Riddle sah ihn immer noch an – und mit seinen langen Fingern ließ er Harrys Zauberstab im Kreise wirbeln.
»Danke«, sagte Harry und streckte die Hand nach dem Zauberstab aus.
Ein Lächeln kräuselte Riddles Mundwinkel. Er sah Harry ungerührt an und ließ den Zauberstab gelassen weiterkreisen.
»Hör zu«, sagte Harry unwirsch und seine Knie knickten unter der leblosen Last Ginnys ein. »Wir müssen hier raus! Wenn der Basilisk kommt –«
»Er kommt erst, wenn er gerufen wird«, sagte Riddle leise.
Harry konnte Ginny nicht mehr halten und ließ sie wieder zu Boden gleiten.
»Was meinst du damit?«, sagte er. »Gib mir meinen Zauberstab, ich brauch ihn womöglich –«
Riddle verzog lächelnd die Mundwinkel.
»Du wirst ihn nicht brauchen«, sagte er.
Harry starrte ihn an.
»Was meinst du, ich werd ihn nicht –?«
»Ich habe lange auf diese Stunde gewartet, Harry Potter«, sagte Riddle. »Auf die Gelegenheit, dich zu treffen. Mit dir zu sprechen.«
Harry verlor die Geduld. »Hör mal«, sagte er, »ich glaub, du kapierst es nicht. Wir sind in der Kammer des Schreckens. Unterhalten können wir uns später –«
»Wir reden jetzt«, sagte Riddle immer noch breit lächelnd und steckte Harrys Zauberstab in die Tasche.
Harry starrte ihn an. Etwas sehr Merkwürdiges ging hier vor …
»Was ist mit Ginny passiert?«, fragte er langsam.
»Nun, das ist eine interessante Frage«, sagte Riddle vergnügt. »Und eine ziemlich lange Geschichte. Ich denke, der eigentliche Grund, warum Ginny hier liegt, ist, dass sie ihr Herz ausgeschüttet und all ihre Geheimnisse einem unsichtbaren Fremden verraten hat.«
»Wovon redest du?«, sagte Harry.
»Vom Tagebuch«, sagte Riddle. »Meinem Tagebuch. Die kleine Ginny hat Monat für Monat darin geschrieben und mir all ihre jämmerlichen Sorgen und ihr Herzeleid anvertraut – wie ihre Brüder sie triezen, wie sie mit gebrauchten Umhängen und Büchern zur Schule kam, und dass« – Riddles Augen funkelten – »und dass sie nicht glaubt, der berühmte, gute, große Harry Potter würde sie jemals mögen …«
Während er sprach, wandte Riddle die Augen keinen Moment lang von Harrys Gesicht. Etwas Hungriges lag in seinem Blick.
»Es war sehr langweilig, den albernen kleinen Sorgen eines elfjährigen Mädchens zu lauschen«, fuhr er fort. »Doch ich war geduldig. Ich schrieb zurück, ich zeigte Mitgefühl, ich war nett. Ginny hat mich einfach geliebt. Keiner versteht mich besser als du, Tom … Ich bin so froh, dass ich mich diesem Tagebuch anvertrauen kann … Es ist wie ein Freund, den ich in der Tasche herumtragen kann …«
Riddle lachte. Es war ein hohes, kaltes Lachen, das nicht zu ihm passte und Harry die Nackenhaare zu Berge stehen ließ.
»Ich darf durchaus von mir behaupten, Harry, dass ich jene, die ich brauchte, immer bezaubern konnte. Und so hat Ginny mir ihr Herz ausgeschüttet, und ihr Herz war genau das, was ich brauchte. Ich wurde stärker und stärker, denn ich konnte mich von ihren tiefsten Ängsten, ihren dunkelsten Geheimnissen nähren. Ich wurde mächtig, viel mächtiger als die kleine Miss Weasley. Mächtig genug, um Miss Weasley schließlich mit ein paar meiner Geheimnisse zu füttern, um ihr allmählich ein wenig von meiner Seele einzuflößen …«
»Was meinst du damit«, sagte Harry, dessen Mund jetzt sehr trocken war.
»Hast du es noch nicht erraten, Harry Potter?«, sagte Riddle sanft. »Ginny Weasley hat die Kammer des Schreckens geöffnet. Sie hat die Schulhähne erwürgt und Drohungen an die Wände geschmiert. Sie hat die Schlange von Slytherin auf vier Schlammblüter losgelassen und auf die Katze von diesem Squib.«
»Nein«, flüsterte Harry.
»Ja«, sagte Riddle gelassen. »Natürlich wusste sie zuerst nicht, was sie tat. Es war sehr lustig. Ich wünschte, du hättest ihre neuen Tagebucheinträge lesen können … Wurden jetzt bei weitem interessanter … Lieber Tom«, zitierte er und beobachtete Harrys entsetztes Gesicht, »ich glaube, ich verliere mein Gedächtnis. Auf meinem Umhang sind überall Hühnerfedern, und ich weiß nicht, wie das kommt. Lieber Tom, ich kann mich nicht erinnern, was ich in der Nacht von Halloween getan habe, aber eine Katze wurde angegriffen und ich bin überall mit Farbe bekleckert. Lieber Tom, Percy sagt ständig, ich sei blass und nicht mehr die Alte. Ich glaube, er verdächtigt mich … Heute gab es wieder einen Angriff, und ich weiß nicht, wo ich war. Tom, was soll ich tun? Ich glaube, ich werde verrückt … Ich glaube, ich bin es, die alle angreift, Tom!«
Harry ballte die Hände zu Fäusten. Seine Fingernägel gruben sich tief ins Fleisch.
»Es hat sehr lange gedauert, bis die dumme kleine Ginny aufgehört hat, ihrem Tagebuch zu vertrauen«, sagte Riddle. »Schließlich wurde sie doch misstrauisch und versuchte es loszuwerden. Und dann kamst du auf die Bühne, Harry. Du hast es gefunden, zu meinem allergrößten Vergnügen. Von allen, die es hätten finden können, warst ausgerechnet du es, der Mensch, den ich am sehnlichsten treffen wollte …«
»Und warum wolltest du mich treffen?«, sagte Harry. Zorn durchflutete ihn, und es kostete ihn Mühe, ruhig zu bleiben.
»Nun, sieh mal, Ginny hat mir alles über dich erzählt, Harry«, sagte Riddle, »deine ganze faszinierende Geschichte.« Seine Augen wanderten über die blitzförmige Narbe auf Harrys Stirn und nahmen einen noch hungrigeren Ausdruck an. »Ich musste einfach noch mehr über dich rausfinden, mit dir sprechen, dich treffen, wenn ich konnte. Also beschloss ich, dein Vertrauen zu gewinnen und dir meine Ruhmestat vorzuführen: wie ich diesen gewaltigen Hornochsen Hagrid erwischt hab –«
»Hagrid ist mein Freund«, sagte Harry und seine Stimme zitterte jetzt. »Und du hast ihn reingelegt, oder? Ich dachte, du hättest einen Fehler gemacht, aber –«
Riddle ließ erneut sein hohes Lachen vernehmen.
»Mein Wort stand gegen das von Hagrid, Harry. Du kannst dir vorstellen, wie es für den alten Armando Dippet ausgesehen hat. Auf der einen Seite Tom Riddle, arm, aber brillant, elternlos, aber so mutig, Schulsprecher, vorbildlicher Schüler … auf der anderen Seite der große, stümperhafte Hagrid, gerät alle paar Wochen in Schwierigkeiten, versucht Werwolfjunge unter seinem Bett großzuziehen, schleicht sich in den Verbotenen Wald, um mit Trollen zu raufen … doch ich gebe zu, selbst ich war überrascht, wie gut der Plan funktionierte. Ich dachte, irgendjemand müsste doch erkennen, dass Hagrid unmöglich der Erbe Slytherins sein konnte. Selbst ich hatte fünf Jahre gebraucht, um alles über die Kammer des Schreckens herauszufinden und den geheimen Eingang zu finden … und Hagrid sollte den Grips oder die Macht dazu haben?
Nur Dumbledore, der Lehrer für Verwandlung, hielt Hagrid offenbar für unschuldig. Er überredete Dippet, Hagrid als Wildhüter zu behalten. Ja, ich denke, Dumbledore hat etwas geahnt … Dumbledore schien mich nie so zu mögen wie die anderen Lehrer …«
»Ich wette, Dumbledore hat dich durchschaut«, sagte Harry mit zusammengebissenen Zähnen.
»Nun ja, er hat mich nach Hagrids Rauswurf genau im Auge behalten, das war ein wenig lästig«, sagte Riddle gleichmütig. »Ich wusste, es würde zu gefährlich sein, die Kammer noch einmal zu öffnen, während ich in der Schule war. Aber all die langen Jahre der Suche nach ihr sollten auch nicht umsonst gewesen sein. Ich beschloss, ein Tagebuch zu hinterlassen und mein sechzehn Jahre altes Selbst in den Seiten aufzubewahren, so dass ich mit ein wenig Glück eines Tages jemand anderen auf meine Spur bringen konnte, um Salazar Slytherins edles Werk zu vollenden.«
»Nun, du hast es nicht vollendet«, sagte Harry siegessicher. »Diesmal ist keiner gestorben, nicht einmal die Katze. In ein paar Stunden ist der Alraunentrank fertig und alle Versteinerten werden wieder gesund –«
»Hab ich dir nicht bereits erklärt«, sagte Riddle gelassen, »dass es mich nicht mehr interessiert, Schlammblüter zu töten? Seit vielen Monaten schon habe ich ein neues Ziel – dich!«
Harry starrte ihn an.
»Stell dir vor, wie wütend ich war, als das nächste Mal, da mein Tagebuch geöffnet wurde, Ginny vor mir saß und mir schrieb, und nicht du. Sie hat dich nämlich mit dem Tagebuch gesehen und ist in Panik geraten. Was, wenn du herausfändest, wie es zu gebrauchen ist, und ich dir all ihre Geheimisse verraten würde? Und noch schlimmer, wenn ich dir erzählen würde, wer die Hähne erwürgt hat? Also hat das dumme kleine Gör gewartet, bis keiner mehr in deinem Schlafsaal war, und es gestohlen. Doch ich wusste, was zu tun war. Es war mir klar, dass du auf der Spur des Erben von Slytherin warst. Nach allem, was mir Ginny über dich erzählt hat, wusste ich, dass du vor nichts zurückschrecken würdest, um das Rätsel zu lösen – besonders, wenn deine beste Freundin angegriffen würde. Und Ginny hat mir gesagt, die ganze Schule sei in Aufruhr, weil du Parsel sprechen kannst …
Also ließ ich Ginny ihren eigenen Abschiedsgruß auf die Wand schreiben und kam hier herunter, um zu warten. Sie hat sich gewehrt und geheult und hat mich sehr gelangweilt. Doch jetzt ist nicht mehr viel Leben in ihr … sie hat zu viel in das Tagebuch gesteckt – in mich. Genug, damit ich endlich dessen Seiten verlassen konnte … Ich warte auf dich, seit wir hier sind. Ich wusste, du würdest kommen. Ich habe viele Fragen an dich, Harry Potter.«
»Zum Beispiel?«, blaffte ihn Harry an, die Hände immer noch geballt.
»Nun«, sagte Riddle vergnügt lächelnd, »wie kommt es, dass ein Baby ohne außergewöhnliche magische Begabung es geschafft hat, den größten Zauberer aller Zeiten zu besiegen? Wie konntest du mit nichts weiter als einer Narbe davonkommen, während Lord Voldemorts Kräfte zerstört wurden?«
In seine hungrigen Augen trat jetzt ein merkwürdiges rotes Leuchten.
»Was schert es dich, wie ich überlebte?«, sagte Harry langsam. »Voldemort kam nach deiner Zeit …«
»Voldemort«, sagte Riddle sanft, »ist meine Vergangenheit, meine Gegenwart und meine Zukunft, Harry Potter …«
Er zog Harrys Zauberstab aus der Tasche, schwang ihn durch die Luft und schrieb drei schimmernde Wörter:
TOM VORLOST RIDDLE
Und mit einem Schwung des Zauberstabs vertauschten die Buchstaben ihre Plätze:
IST LORD VOLDEMORT
»Siehst du?«, flüsterte er. »Es war ein Name, den ich schon in Hogwarts gebraucht habe, natürlich nur für meine engsten Freunde. Glaubst du etwa, ich wollte für immer den Namen meines miesen Muggelvaters tragen? Ich, in dessen Adern von der Mutter her das Blut von Salazar Slytherin selbst fließt? Ich soll den Namen eines schäbigen, gemeinen Muggels behalten, der mich verließ, noch bevor ich geboren war, nur weil er herausfand, dass seine Frau eine Hexe war? Nein, Harry – ich erfand mir einen neuen Namen, einen Namen, von dem ich wusste, dass Zauberer allerorten ihn eines Tages, wenn ich der größte Zaubermeister der Welt sein würde, vor Angst nicht auszusprechen wagen würden!«
Harrys Gehirn schien wie gelähmt. Benommen starrte er Riddle an, den Waisenjungen, der später Harrys Eltern töten sollte und wie viele andere noch … Endlich zwang er sich zu sprechen.
»Das bist du nicht«, sagte er leise und mit hasserfüllter Stimme.
»Was nicht?«, fuhr ihn Riddle an.
»Nicht der größte Zauberer der Welt«, sagte Harry rasch atmend. »Tut mir leid, dass ich dich enttäuschen muss, doch der größte Zauberer der Welt ist Albus Dumbledore. Das sagen alle. Selbst als du stark warst, hast du nicht gewagt, Hogwarts zu erobern. Dumbledore hat dich schon durchschaut, als du noch in der Schule warst, und er macht dir immer noch Angst, wo du dich auch heute verstecken magst –«
Das Lächeln war aus Riddles Gesicht gewichen und er schaute Harry mit einem sehr hässlichen Blick an.
»Dumbledore ist durch mein bloßes Gedächtnis aus diesem Schloss vertrieben worden!«, zischte er.
»Er ist nicht so fern, wie du glauben möchtest!«, erwiderte Harry. Er sprach so dahin, um Riddle Furcht einzujagen, ohne zu glauben, dass es stimmte –
Riddle öffnete den Mund, doch dann erstarrte er.
Von irgendwoher kam Musik. Riddle wirbelte herum und starrte durch die leere Kammer. Die Musik wurde lauter. Es war unheimliche Musik, sie ließ einen erschaudern, als wäre sie nicht von dieser Welt; Harrys Nackenhaare sträubten sich, und sein Herz fühlte sich an, als wolle es auf die doppelte Größe anschwellen. Dann, als die Musik einen so hohen Ton erreicht hatte, dass Harrys Rippen erzitterten, brachen hoch oben an der Säule neben ihm Flammen aus.
Ein scharlachroter Vogel, groß wie ein Schwan, tauchte aus den Flammen auf und zwitscherte seine unheimliche Musik der gewölbten Decke entgegen. Er hatte einen golden schimmernden Schweif, lang wie der eines Pfaus, und leuchtend goldene Krallen, die ein zerlumptes Bündel trugen.
Eine Sekunde später schwebte der Vogel geradewegs auf Harry zu. Er ließ das zerlumpte Ding vor seine Füße fallen und landete dann schwer auf seiner Schulter. Während der Vogel seine großen Flügel faltete, sah Harry hoch und erkannte einen langen, scharfen goldenen Schnabel und ein perlenes schwarzes Auge.
Der Vogel hörte auf zu singen. Er saß still und wärmend an Harrys Wange und starrte unverwandt Riddle an.
»Das ist ein Phönix …«, sagte Riddle misstrauisch zurückstarrend.
»Fawkes?«, hauchte Harry und die goldenen Krallen des Vogels drückten sanft seine Schulter.
»Und das –«, sagte Riddle und beäugte nun das zerlumpte Ding, das Fawkes hatte fallen lassen, »das ist der alte Sprechende Hut der Schule –«
So war es. Geflickt, zerzaust und schmutzig lag der Hut reglos zu Harrys Füßen.
Riddle begann wieder zu lachen. Er lachte so heftig, dass die dunkle Kammer davon widerhallte, als ob zehn Riddles auf einmal lachten –
»Das also schickt Dumbledore seinem Verteidiger! Einen Singvogel und einen alten Hut! Fühlst du dich ermutigt, Harry Potter? Fühlst du dich jetzt sicher?«
Harry antwortete nicht. Noch sah er ganz und gar nicht, was ihm Fawkes und der Sprechende Hut nützen würden, doch er war nicht mehr allein, und mit wachsendem Mut wartete er, bis Riddle aufhörte zu lachen.
»Spaß beiseite, Harry«, sagte Riddle, immer noch breit lächelnd. »Zweimal – in deiner Vergangenheit – in meiner Zukunft – sind wir uns begegnet. Und zweimal ist es mir nicht gelungen, dich zu töten. Wie hast du überlebt? Sag mir alles. Je länger du sprichst«, fügte er sanft hinzu, »desto länger bleibst du am Leben.«
Harry dachte rasch nach und wog seine Chancen ab. Riddle hatte den Zauberstab. Er hatte Fawkes und den Sprechenden Hut, und keiner von beiden würde ihm in einem Duell viel nützen. Es sah schlecht aus, gewiss … doch je länger Riddle dastand, desto mehr Leben sickerte aus Ginny heraus … und inzwischen, stellte Harry plötzlich fest, wurde Riddles Umriss klarer, fester … Wenn es einen Kampf zwischen ihm und Riddle geben musste, dann so schnell wie möglich.
»Keiner weiß, warum deine Kräfte verloren gingen, als du mich angegriffen hast«, sagte Harry brüsk. »Ich weiß es selbst nicht. Doch ich weiß, warum du mich nicht töten konntest. Weil meine Mutter starb, um mich zu retten. Meine einfache, von Muggeln geborene Mutter«, fügte er hinzu, zitternd vor unterdrückter Wut. »Sie hat dich daran gehindert, mich zu töten. Und ich habe dein wahres Selbst gesehen, letztes Jahr. Du bist ein Wrack. Du bist kaum noch am Leben. All deine Macht hat dir nichts weiter eingebracht. Du versteckst dich. Du bist hässlich, du bist abscheulich –«
Riddles Gesicht verzerrte sich. Dann zwang er es zu einem grässlichen Lächeln.
»Soso. Deine Mutter ist gestorben, um dich zu retten. Ja, das ist ein mächtiger Gegenzauber. Jetzt verstehe ich … es ist trotz allem nichts Besonderes an dir. Ich hab mich gewundert, weißt du. Schließlich gibt es merkwürdige Ähnlichkeiten zwischen uns. Selbst du musst das bemerkt haben. Beide Halbblütige, Waisen, von Muggeln aufgezogen. Wahrscheinlich die einzigen Parselzungen, die seit dem großen Slytherin nach Hogwarts kamen. Wir sehen uns sogar ein wenig ähnlich … doch am Ende hat dich nur eine glückliche Fügung vor mir gerettet. Das ist alles, was ich wissen wollte.«
Harry wartete angespannt darauf, dass Riddle seinen Zauberstab heben würde. Doch Riddles verzerrtes Lächeln wurde wieder breiter.
»Nun, Harry, werde ich dir eine kleine Lektion erteilen. Messen wir die Kräfte von Lord Voldemort, dem Erben von Salazar Slytherin, mit denen des berühmten Harry Potter und den besten Waffen, die Dumbledore ihm geben kann …«
Er warf einen belustigten Blick auf Fawkes und den Sprechenden Hut und ging davon. Harry, dem die Angst an den tauben Beinen hochkroch, sah, wie Riddle zwischen den hohen Säulen stehen blieb und zum steinernen Gesicht Slytherins emporblickte, hoch oben im Halbdunkel. Riddle öffnete weit den Mund und zischte – doch Harry verstand, was er sagte …
»Sprich zu mir, Slytherin, Größter der Vier von Hogwarts.«
Harry wirbelte herum und sah zum Kopf der Statue hoch; Fawkes schlug mit den Flügeln.
Slytherins gigantisches Steingesicht begann sich zu regen. Von Grauen gepackt sah Harry, wie sich der Mund öffnete, immer weiter, und ein riesiges schwarzes Loch freigab.
Und etwas bewegte sich im Innern des steinernen Mundes. Etwas wand sich aus seinen Tiefen empor.
Harry wich zurück, bis er gegen die dunkle Wand stieß. Er presste die Augen zusammen, und dann spürte er, wie Fawkes, mit dem Flügel gegen seine Wange schlagend, von seiner Schulter flatterte. »Lass mich nicht allein!«, wollte Harry ihm nachrufen, doch welche Chance hatte ein Phönix gegen den König der Schlangen?
Etwas Riesiges klatschte auf den steinernen Boden der Kammer und ließ ihn erzittern. Harry wusste, was geschah, er konnte es spüren, konnte fast sehen, wie die Schlange sich aus Slytherins Mund herauswand – dann hörte er Riddles zischende Stimme:
»Töte ihn.«
Der Basilisk schlängelte auf Harry zu, er konnte seinen schweren Körper über den staubigen Boden gleiten hören. Die Augen immer noch geschlossen, rannte Harry mit tastenden Händen an der Wand entlang – Riddle lachte –
Harry stolperte. Er schlug hart auf den Steinboden und schmeckte Blut – die Schlange war nur noch ein paar Meter von ihm entfernt, er hörte sie näher kommen –
Nicht weit über seinem Kopf hörte er ein lautes, knallendes Spucken, und dann traf ihn etwas Schweres so heftig, dass er gegen die Wand geschleudert wurde. Gleich würden Giftzähne in seinen Körper dringen, dachte er, und wieder hörte er ein rasendes Zischen und etwas, das wütend gegen die Säulen klatschte.
Er konnte nicht anders – er öffnete die Augen weit genug, um etwas sehen zu können.
Die riesige Schlange, leuchtend giftgrün, dick wie ein Eichenstamm, hatte sich hoch in die Luft erhoben und ihr großer, stumpfer Kopf wankte wie betrunken zwischen den Säulen umher. Harry erschauderte, bereit, die Augen zu schließen, sobald sie sich umdrehte – und dann sah er, was die Schlange abgelenkt hatte.
Fawkes schwebte um ihren Kopf herum und der Basilisk schnappte mit langen, säbeldünnen Giftzähnen nach ihm –
Fawkes stürzte sich kopfüber in die Tiefe. Sein langer goldener Schnabel verschwand und ein jäher Schauer von dunklem Blut benetzte den Boden. Die Schlange schlug mit dem Schwanz aus und verfehlte Harry nur knapp, und noch bevor Harry die Augen schließen konnte, schoss sie herum – er blickte ihr direkt ins Gesicht und sah, dass ihre Augen, beide großen kugligen gelben Augen, vom Phönix durchstochen worden waren; Blut floss auf den Boden und die Schlange zischte in tödlicher Qual.
»Nein!«, hörte Harry Voldemort schreien, »lass den Vogel! Lass den Vogel! Der Junge ist hinter dir! Du kannst ihn riechen! Töte ihn!«
Die geblendete Schlange wankte, verstört, doch immer noch todbringend. Fawkes umkreiste weiter ihren Kopf, sein schauriges Lied singend, und hackte hin und wieder auf ihre schuppige Nase ein, während das Blut aus ihren zerstörten Augen quoll.
»Helft mir, helft mir«, flüsterte Harry fiebrig, »jemand – irgendwer –«
Wieder peitschte die Schlange mit dem Schwanz über den Boden. Harry duckte sich. Etwas Weiches hatte ihn im Gesicht getroffen.
Der Basilisk hatte den Sprechenden Hut in Harrys Arme gewischt. Harry packte ihn. Er war alles, was er noch hatte, seine einzige Chance – er drückte ihn auf den Kopf und warf sich flach zu Boden, und schon peitschte der Schwanz des Basilisken über ihn hinweg.
»Hilf mir – hilf mir –«, dachte Harry, die Augen unter dem Hut fest zugekniffen – »bitte, hilf mir –«
Keine Stimme antwortete. Stattdessen zog sich der Hut zusammen, als würde ihn eine unsichtbare Hand fest umklammern.
Etwas sehr Hartes und Schweres fiel auf Harrys Kopf und er wurde fast ohnmächtig. Er sah Sterne funkeln und packte die Spitze des Hutes, um ihn herunterzureißen, doch unter dem Stoff spürte er etwas Langes und Hartes.
Im Innern des Hutes war ein silbern schimmerndes Schwert erschienen, auf dessen Griff eiergroße Rubine glitzerten.
»Töte den Jungen! Lass den Vogel! Der Junge ist hinter dir, schnuppere – riech ihn!«
Harry stand auf, bereit zum Kampf. Der Kopf des Basilisken fiel herab, der Körper wälzte sich umher und schlug gegen die Säulen, als er sich Harry zuwandte. Er konnte die riesigen, blutigen Augenhöhlen sehen, das Maul, weit aufgerissen, weit genug, um ihn auf einmal zu verschlingen, versehen mit Zähnen, so lang wie sein Schwert, dünn, schimmernd und giftig –
Blindlings stieß der Kopf vor – Harry duckte sich weg und er schlug gegen die Wand. Wieder stieß der Basilisk zu und seine gespaltene Zunge peitschte Harry gegen die Schulter. Harry hob das Schwert mit beiden Händen –
Der Basilisk stieß abermals zu und diesmal zielte er richtig – Harry stürzte sich mit der Kraft seines ganzen Gewichts nach vorn und trieb das Schwert bis zum Heft in das Gaumendach der Schlange –
Warmes Blut strömte über Harrys Arme herab, doch nun spürte er oberhalb des Ellbogens einen stechenden Schmerz. Ein langer, giftiger Zahn senkte sich tiefer und tiefer in seinen Arm und splitterte ab, als der Basilisk zur Seite kippte und zuckend zu Boden fiel.
Harry glitt an der Mauer herunter. Er packte den Zahn, der Gift durch seinen Körper jagte, und zog ihn aus dem Arm. Doch er wusste, dass es zu spät war. Glühend heißer Schmerz breitete sich von der Wunde aus. Er ließ den Zahn fallen und sah noch, wie sein eigenes Blut den Umhang durchnässte, dann trübte sich sein Blick. Die Kammer verschwamm in einem Wirbel dunkler Farben.
Ein Fleck Scharlachrot schwebte vorbei und Harry hörte das leise Geklapper von Klauen neben sich.
»Fawkes«, sagte Harry mit schwerer Zunge. »Du warst klasse, Fawkes …« Er spürte, wie der Vogel seinen schönen Kopf auf die Stelle legte, wo der Schlangenzahn ihn durchstochen hatte.
Harry hörte Schritte widerhallen und dann tauchte ein dunkler Schatten vor ihm auf.
»Du bist tot, Harry Potter«, hörte er Riddles Stimme über sich. »Tot. Selbst Dumbledores Vogel weiß das. Siehst du, was er tut, Potter? Er weint.«
Harry blinzelte. Fawkes’ Kopf wurde klar und verschwamm dann wieder. Dicke, perlene Tränen kullerten die glänzenden Federn hinab.
»Ich bleibe hier sitzen und sehe zu, wie du stirbst, Harry Potter. Lass dir Zeit. Ich hab’s nicht eilig.«
Harry fühlte sich benommen. Alles um ihn her schien sich zu drehen.
»So endet der berühmte Harry Potter«, sagte Riddles ferne Stimme. »Allein in der Kammer des Schreckens, aufgegeben von seinen Freunden, am Ende besiegt vom Dunklen Lord, den er so vorwitzig herausgefordert hat. Bald bist du bei deiner lieben Schlammblutmutter, Harry … sie hat dir zwölf Jahre geborgte Zeit verschafft … doch Lord Voldemort hat dich schließlich gekriegt, und du wusstest, dass es so kommen musste …«
Wenn dies Sterben ist, dachte Harry, dann ist es gar nicht so übel.
Selbst der Schmerz ließ nach.
Aber war dies das Sterben? Die Kammer, anstatt schwarz zu werden, schien wieder schärfere Umrisse anzunehmen. Harry drehte den Kopf leicht zur Seite und sah Fawkes, der immer noch den Kopf auf seinen Arm gelegt hatte. Perlene Tränen schimmerten im Umkreis der Wunde – aber da war gar keine Wunde mehr –
»Weg von ihm, Vogel«, ertönte plötzlich Riddles Stimme. »Weg von ihm – ich sagte, weg hier –«
Harry hob den Kopf. Riddle deutete mit Harrys Zauberstab auf Fawkes; es gab einen Knall, laut wie ein Gewehrschuss, und wieder flatterte Fawkes in einem Wirbel aus Gold und Scharlach davon.
»Phönixtränen …«, sagte Riddle leise und starrte auf Harrys Arm. »Natürlich … heilende Kräfte … ganz vergessen …«
Er sah Harry ins Gesicht. »Macht nichts. In Wahrheit mag ich es lieber auf diese Weise. Nur du und ich, Harry Potter … du und ich …«
Er hob den Zauberstab –
Doch da, heftig mit den Flügeln schlagend, kam Fawkes wieder herbeigeschwebt und ließ etwas in seinen Schoß fallen – das Tagebuch.
Den Bruchteil einer Sekunde lang starrten Harry und Riddle mit immer noch erhobenem Zauberstab auf das Tagebuch. Dann, ohne nachzudenken, ohne zu zögern, als habe er es schon immer vorgehabt, hob Harry den Basiliskzahn vom Boden und stach ihn mitten ins Herz des Buches.
Ein langer, fürchterlicher, durchdringender Schrei ertönte. Tinte quoll in Sturzbächen aus dem Buch, strömte über Harrys Hände und überflutete den Boden. Riddle wand und krümmte sich, schreiend und mit den Armen rudernd, und dann –
Er war verschwunden. Harrys Zauberstab fiel klappernd zu Boden und es herrschte Stille. Stille mit Ausnahme des stetigen tropf, tropf der Tinte, die immer noch aus dem Tagebuch heraussickerte. Der Giftzahn des Basilisken hatte ein knisterndes Loch mitten hindurch gebrannt.
Am ganzen Leib zitternd richtete Harry sich auf. Ihm drehte sich alles, als ob er gerade meilenweit mit Flohpulver gereist wäre. Schwerfällig sammelte er den Zauberstab und den Sprechenden Hut auf, und dann, mit einem gewaltigen Ruck, zog er das schimmernde Schwert aus dem Maul des Basilisken.
Da hörte er ein schwaches Stöhnen vom Ende der Kammer. Ginny regte sich. Bis Harry bei ihr war, hatte sie sich schon aufgesetzt. Ihr verwirrter Blick wanderte von der riesigen Gestalt des toten Basilisken zu Harry in seinem blutgetränkten Umhang und zum Tagebuch in seiner Hand. Sie stöhnte laut auf und erschauderte und Tränen flossen ihr übers Gesicht.
»Harry, ach, Harry – ich wollte es dir beim F…Frühstück sagen, aber ich k…konnte es nicht vor Percy – ich war’s, Harry – aber ich – ich sch…schwöre, ich wollte es nicht – R…Riddle hat mich dazu gebracht, er h…hat mich geholt – und – wie hast du dieses – dieses Ding da – getötet? Wo ist Riddle? Das Letzte, an das ich mich erinnere, ist, dass er aus seinem Tagebuch kam –«
»Es ist alles gut«, sagte Harry, hielt das Buch empor und zeigte Ginny das Loch, das der Giftzahn hinterlassen hatte. »Riddle ist erledigt. Schau! Er und der Basilisk. Komm, Ginny, verschwinden wir von hier –«
»Sie werden mich von der Schule schmeißen«, weinte Ginny, als Harry ihr ungeschickt auf die Beine half. »Ich hab mich so gefreut, nach Hogwarts zu kommen, schon seit B…Bill hinging und j…jetzt muss ich wieder fort und – w…was werden Mum und Dad sagen?«
Fawkes wartete auf sie, über dem Eingang der Kammer schwebend. Harry drängte Ginny, schnell zu gehen; sie stapften über den reglosen Schwanz des toten Basilisken, durch die von Echos erfüllte Düsternis und zurück in den Tunnel. Harry hörte, wie die Steintore hinter ihnen mit einem leisen Zischen zuschlugen.
Nachdem sie ein paar Minuten durch die Finsternis gegangen waren, hörte Harry von fern ein Geräusch. Es waren Steine, die über den Boden geschleift wurden.
»Ron!«, schrie Harry und ging schneller. »Ginny geht es gut! Ich hab sie!«
Er hörte den gedämpften Freudenschrei Rons, und als sie um die nächste Biegung kamen, sahen sie sein begeistertes Gesicht durch den erstaunlich breiten Spalt lugen, den er zwischen den Felsbrocken geschaffen hatte.
»Ginny!« Ron steckte einen Arm durch die Lücke, um sie zuerst hindurchzuziehen. »Du lebst! Ich kann’s nicht fassen! Was ist passiert?«
Er versuchte sie in den Arm zu nehmen, doch Ginny sträubte sich schluchzend.
»Aber du bist gesund, Ginny«, sagte Ron und strahlte sie an. »Es ist vorbei, es ist – wo kommt eigentlich dieser Vogel her?«
Fawkes war nach Ginny durch den Spalt geflattert.
»Er gehört Dumbledore«, sagte Harry und quetschte sich nun ebenfalls hindurch.
»Und wie kommst du zu dem Schwert?«, sagte Ron und starrte mit offenem Mund die schimmernde Waffe in Harrys Hand an.
»Das erklär ich dir, wenn wir hier raus sind«, sagte Harry mit einem Seitenblick auf Ginny.
»Aber –«
»Später«, sagte Harry rasch. Er hielt es für keine gute Idee, Ron jetzt schon zu sagen, wer die Kammer des Schreckens geöffnet hatte, nicht vor Ginny jedenfalls. »Wo steckt Lockhart?«
»Dahinten«, sagte Ron grinsend und nickte mit dem Kopf zum Rohr am anderen Ende des Tunnels. »Geht ihm ziemlich dreckig. Komm mit.«
Von Fawkes geführt, dessen scharlachrote Flügel einen sanften goldenen Schimmer in der Dunkelheit verbreiteten, gingen sie den ganzen Weg zurück zur Mündung des Rohrs. Dort saß, friedlich vor sich hin summend, Gilderoy Lockhart.
»Er hat sein Gedächtnis verloren«, sagte Ron. »Der Vergessenszauber ist nach hinten losgegangen. Hat ihn selbst erwischt. Er hat keine Ahnung, wer er ist, wo er ist und wer wir sind. Ich hab ihm gesagt, er soll hier warten, sonst bringt er sich noch selbst in Gefahr.«
Lockhart schaute gut gelaunt zu ihnen hoch.
»Hallo«, sagte er. »Komischer Ort ist das. Lebt ihr hier?«
»Nein«, sagte Ron und sah Harry stirnrunzelnd an.
Harry beugte sich hinunter und schaute in die lange dunkle Röhre.
»Hast du eine Idee, wie wir hier wieder hochkommen?«, sagte er zu Ron.
Ron schüttelte den Kopf, doch der Phönix war an Harry vorbeigerauscht und flatterte nun vor seinem Gesicht. Seine Perlenaugen leuchteten hell in der Dunkelheit. Er wedelte mit seinem langen goldenen Federschweif. Harry sah ihn unsicher an.
»Sieht aus, als wolle er, dass du dich festhältst …«, sagte Ron verdutzt. »Aber du bist viel zu schwer, als dass ein Vogel dich da hochziehen könnte.«
»Fawkes«, sagte Harry, »ist kein gewöhnlicher Vogel.« Er wandte sich rasch zu den andern um. »Wir müssen uns aneinander festhalten. Ginny, du nimmst Rons Hand. Professor Lockhart –«
»Er meint Sie«, sagte Ron in scharfem Ton zu Lockhart.
»Sie halten Ginnys andere Hand.«
Harry steckte das Schwert und den Sprechenden Hut in den Gürtel, Ron hielt sich hinten an seinem Umhang fest und Harry streckte die Hand aus und griff nach Fawkes’ merkwürdig heißen Schwanzfedern.
Eine ungewöhnliche Leichtigkeit schien durch seinen ganzen Körper zu fluten und einen Augenblick später rauschten sie durch das Rohr nach oben. Harry konnte Lockhart unter sich hin und her schwingen hören. »Unglaublich! Unglaublich!«, rief er. »Das ist ja wie Zauberei!« Die kalte Luft peitschte durch Harrys Haar, und bevor er den Spaß an der Fahrt verlor, war sie auch schon vorbei – alle vier klatschten auf den nassen Boden im Klo der Maulenden Myrte, und während Lockhart seinen Hut zurechtrückte, glitt das Waschbecken, das das Rohr verbarg, wieder an seinen Platz.
Myrte machte Glubschaugen.
»Du lebst ja noch«, sagte sie mit tonloser Stimme zu Harry.
»Kein Grund, so enttäuscht zu sein«, sagte er grimmig und wischte die Blut- und Schleimspritzer von seiner Brille.
»Nun ja … ich hab nur ein wenig nachgedacht. Wenn du gestorben wärst, hättest du gerne meine Toilette mit mir teilen können«, sagte Myrte und lief silbern an.
»Uääh«, sagte Ron, als sie das Klo verließen und in den dunklen, verlassenen Korridor hinaustraten. »Harry! Ich glaub, Myrte hat sich in dich verknallt! Du hast eine Konkurrentin, Ginny!«
Doch immer noch kullerten Tränen still über Ginnys Gesicht.
»Wohin jetzt?«, sagte Ron mit einem besorgten Blick auf Ginny. Harry deutete nach vorn.
Fawkes, golden im dunklen Gang glühend, wies ihnen den Weg. Sie gingen ihm nach und kurze Zeit später standen sie vor Professor McGonagalls Büro.
Harry klopfte und öffnete die Tür.
Dobbys Belohnung
Einen Moment lang herrschte Stille, und alle starrten auf Harry, Ron, Ginny und Lockhart, die verdreckt, schleimbeschmiert und (in Harrys Fall) blutbespritzt dastanden. Dann ertönte ein Schrei.
»Ginny!«
Es war Mrs Weasley, die weinend vor dem Kamin gesessen hatte. Sie sprang auf, Mr Weasley folgte ihr, und beide stürzten sich auf ihre Tochter.
Harry jedoch sah an ihnen vorbei. Professor Dumbledore stand am Kamin, mit strahlenden Augen, und neben ihm saß Professor McGonagall, die sich an die Brust gegriffen hatte und zur Beruhigung tief durchatmete. Fawkes flatterte an Harrys Ohr vorbei und ließ sich auf Dumbledores Schulter nieder, und schon holte sich Mrs Weasley auch Harry in die Arme.
»Ihr habt sie gerettet! Ihr habt sie gerettet! Wie habt ihr das nur geschafft?«
»Das, glaube ich, würden wir alle gern erfahren«, sagte Professor McGonagall mit matter Stimme.
Mrs Weasley ließ Harry los, der einen Moment zögerte. Dann ging er hinüber zum Schreibtisch und legte den Sprechenden Hut, das rubinbesetzte Schwert und das Überbleibsel von Riddles Tagebuch darauf ab.
Und dann fing er an, ihnen alles zu erzählen. Fast eine Viertelstunde lang sprach er in das gespannte Schweigen hinein: Er erzählte von der körperlosen Stimme und wie Hermine schließlich begriffen hatte, dass er einen Basilisken in den Rohren gehört hatte; wie er und Ron den Spinnen in den Wald gefolgt waren, wo Aragog ihnen sagte, wo das letzte Opfer des Basilisken gestorben war; wie er auf den Gedanken kam, dass die Maulende Myrte dieses Opfer gewesen war und dass der Eingang zur Kammer des Schreckens in ihrer Toilette sein könnte …
»Sehr gut«, half Professor McGonagall ein wenig nach, als er innehielt, »Sie haben also herausgefunden, wo der Eingang ist – und nebenher gut hundert Schulregeln in Stücke gehauen, könnte ich hinzufügen –, aber wie um alles in der Welt sind Sie da alle wieder lebend rausgekommen, Potter?«
Und so erzählte ihnen Harry mit inzwischen heiserer Stimme, dass Fawkes genau im richtigen Moment aufgetaucht sei und der Sprechende Hut ihm das Schwert gegeben habe. Doch dann stockte er. Er hatte es bisher vermieden, Riddles Tagebuch zu erwähnen – oder Ginny. Sie hatte den Kopf an Mrs Weasleys Schulter gedrückt und Tränen liefen leise ihre Wangen hinunter. Was, wenn man sie von der Schule weisen würde?, dachte Harry panisch. Riddles Tagebuch funktionierte nicht mehr … wie konnten sie beweisen, dass er es war, der Ginny zu allem gezwungen hatte?
Unwillkürlich sah Harry zu Dumbledore hinüber. In seinen halbmondförmigen Brillengläsern spiegelte sich der Schein des Kaminfeuers und er lächelte kaum merklich.
»Was mich am meisten interessiert«, sagte Dumbledore sanft, »ist die Frage, wie Lord Voldemort es geschafft hat, Ginny zu verzaubern, wo meine Kundschafter mir doch sagen, dass er sich gegenwärtig in den Wäldern Albaniens versteckt.«
Erleichterung – warme, überwältigende, herrliche Erleichterung – durchflutete Harry.
»W…was soll das heißen?«, sagte Mr Weasley verblüfft. »Du-weißt-schon-wer? Hat Ginny ver-verzaubert? Aber Ginny ist nicht … Ginny war nicht … oder?«
»Es war sein Tagebuch«, sagte Harry rasch, nahm es hoch und zeigte es Dumbledore. »Riddle hat es geschrieben, als er sechzehn war …«
Dumbledore nahm das Tagebuch aus Harrys Hand und senkte neugierig seine lange Hakennase auf die verbrannten und durchweichten Seiten hinab.
»Brillant«, sagte er leise. »Natürlich war er der wohl brillanteste Schüler, den Hogwarts je gesehen hat.« Er wandte sich zu den Weasleys um, die völlig perplex aussahen.
»Sehr wenige wissen, dass Lord Voldemort einst Tom Riddle hieß. Ich selbst war sein Lehrer, vor fünfzig Jahren in Hogwarts. Er verschwand, nachdem er die Schule verlassen hatte … reiste in der Welt herum … versank tief in die dunklen Künste, hat sich mit den Schlimmsten von uns zusammengetan, unterzog sich so vielen gefährlichen, magischen Verwandlungen, dass er, als er als Lord Voldemort wieder auftauchte, kaum wiederzuerkennen war. Kaum jemand hat Lord Voldemort mit dem klugen, hübschen Jungen in Verbindung gebracht, der einst hier Schulsprecher war.«
»Aber Ginny«, sagte Mrs Weasley, »was hat unsere Ginny mit … mit ihm zu tun?«
»Sein T…Tagebuch!«, schluchzte Ginny, »ich hab darin geschrieben und er hat das ganze Jahr über zurückgeschrieben –«
»Ginny!«, sagte Mr Weasley verblüfft. »Hab ich dir denn gar nichts beigebracht? Was hab ich dir immer gesagt? Trau nie etwas, das selbst denken kann, wenn du nicht sehen kannst, wo es sein Hirn hat? Warum hast du das Tagebuch nicht mir oder deiner Mutter gezeigt? So ein verdächtiger Gegenstand, natürlich steckte es voll schwarzer Magie –«
»Ich – h…hab es nicht gewusst«, schluchzte Ginny, »ich hab es in einem der Bücher gefunden, die Mum mir gegeben hat, ich d…dachte, jemand hätte es einfach dringelassen und es vergessen –«
»Miss Weasley sollte sofort hochgehen in den Krankenflügel«, unterbrach sie Dumbledore mit gebieterischer Stimme. »Das alles war eine schreckliche Qual für sie. Es gibt keine Bestrafung. Ältere und weisere Zauberer wurden bereits von Lord Voldemort hinters Licht geführt.« Er schritt hinüber zur Tür und öffnete sie. »Bettruhe und vielleicht ein großer, dampfender Becher heißer Kakao, mich jedenfalls muntert das immer auf.« Freundlich zwinkernd sah er zu ihr hinab. »Madam Pomfrey wird noch wach sein. Sie gibt gerade den Alraunensaft aus – ich wage zu behaupten, die Opfer des Basilisken werden jeden Moment aufwachen.«
»Also wird Hermine gesund!«, sagte Ron freudestrahlend.
»Niemand hat einen bleibenden Schaden erlitten«, sagte Dumbledore.
Mrs Weasley begleitete Ginny hinaus und Mr Weasley, immer noch tief erschüttert, folgte ihnen.
»Wissen Sie, Minerva«, sagte Professor Dumbledore nachdenklich zu Professor McGonagall, »ich glaube, all das verlangt nach einem guten Fest. Darf ich Sie bitten, die Küchen auf Trab zu bringen?«
»Gut«, sagte Professor McGonagall forsch und ging zur Tür. »Sie erledigen das mit Potter und Weasley alleine, nicht wahr?«
»Gewiss«, sagte Dumbledore.
Sie ging hinaus und Harry und Ron sahen Dumbledore unsicher an. Was genau hatte Professor McGonagall gemeint mit erledigen? Keinesfalls – keinesfalls – würden sie jetzt bestraft werden?
»Soweit ich mich erinnere, hab ich euch beiden gesagt, ich müsse euch von der Schule weisen, falls ihr noch einmal die Regeln brecht«, sagte Dumbledore.
Ron öffnete den Mund vor Entsetzen.
»Was allerdings heißt, dass selbst die Besten von uns manchmal das, was sie gesagt haben, wieder zurücknehmen müssen«, fuhr Dumbledore lächelnd fort. »Sie beide werden Besondere Auszeichnungen für Verdienste um die Schule bekommen und – überlegen wir mal – ja, ich denke, zweihundert Punkte pro Nase für Gryffindor erhalten.«
Ron lief so hellrosa an wie Lockharts Valentinsblumen und schloss den Mund.
»Doch einer von uns scheint sich über seinen Anteil an diesem gefährlichen Abenteuer ganz und gar auszuschweigen«, fügte Dumbledore hinzu. »Warum so bescheiden, Gilderoy?«
Harry fiel es siedend heiß wieder ein. Lockhart hatte er völlig vergessen. Er wandte sich um und sah ihn in einer Ecke stehen, immer noch verschwommen lächelnd. Als Dumbledore ihn ansprach, wandte Lockhart den Kopf, um zu sehen, mit wem er redete.
»Professor Dumbledore«, warf Ron ein, »es gab da unten in der Kammer des Schreckens einen Unfall. Professor Lockhart –«
»Bin ich ein Professor?«, fragte Lockhart milde überrascht. »Meine Güte. Ich glaube, ich war ein hoffnungsloser Fall, oder?«
»Er hat einen Vergessenszauber versucht und der Zauberstab ist nach hinten losgegangen«, erklärte Ron leise zu Dumbledore gewandt.
»Der Arme«, sagte Dumbledore und schüttelte den Kopf, wobei sein langer silberner Schnauzbart erzitterte. »Aufgespießt auf Ihrem eigenen Schwert, Gilderoy!«
»Schwert?«, sagte Lockhart verständnislos. »Hab kein Schwert. Dieser Junge da hat eins«, sagte er, auf Harry deutend, »er wird es Ihnen leihen.«
»Würdest du bitte auch Professor Lockhart in den Krankenflügel bringen?«, sagte Dumbledore zu Ron. »Ich möchte noch ein paar Worte mit Harry reden …«
Gemächlich ging Lockhart hinaus. Mit einem neugierigen Blick zurück auf Dumbledore und Harry schloss Ron die Tür.
Dumbledore trat zu einem Stuhl am Feuer.
»Setz dich, Harry«, sagte er und Harry, der sich unerklärlich nervös fühlte, folgte der Aufforderung.
»Zunächst einmal möchte ich dir danken, Harry«, sagte Dumbledore und seine Augen blinkten wieder. »Du musst mir dort unten in der Kammer wirkliche Treue bewiesen haben. Sonst wäre Fawkes nämlich nicht erschienen.«
Er streichelte den Phönix, der ihm auf die Knie geflattert war. Harry grinste verlegen, als Dumbledore ihn musterte.
»Und du hast also Tom Riddle getroffen«, sagte Dumbledore nachdenklich. »Ich kann mir vorstellen, dass er an dir höchst interessiert war …«
Plötzlich kam Harry etwas, was ihm auf dem Herzen lag, aus dem Mund gekullert.
»Professor Dumbledore … Riddle sagte, ich sei wie er, seltsame Ähnlichkeit, sagte er …«
»Ach, hat er?«, sagte Dumbledore und blickte Harry unter seinen dicken silbernen Augenbrauen nachdenklich an. »Und was denkst du, Harry?«
»Ich denke nicht, dass ich wie er bin!«, sagte Harry unwillkürlich laut. »Ich meine, ich bin … ich bin ein Gryffindor, ich bin …«
Doch er verstummte, denn ein unauslöschlicher Zweifel tauchte abermals in seinen Gedanken auf.
»Professor«, hob er nach einer Weile wieder an, »der Sprechende Hut hat mir gesagt, dass ich – dass ich in Slytherin gut gewesen wäre. Alle dachten eine Zeit lang, ich wäre Slytherins Erbe … weil ich Parsel sprechen kann …«
»Du kannst Parsel, Harry«, sagte Dumbledore ruhig, »weil Lord Voldemort, der tatsächlich der letzte Nachfahre von Salazar Slytherin ist, Parsel sprechen kann. Und wenn ich mich nicht irre, hat er in jener Nacht, als er dir die Narbe zugefügt hat, einige seiner eigenen Kräfte auf dich übertragen … nicht dass er es beabsichtigt hätte, da bin ich mir sicher …«
»Voldemort hat etwas von sich selbst auf mich übertragen?«, sagte Harry wie vom Donner gerührt.
»Es sieht ganz danach aus.«
»Also sollte ich tatsächlich in Slytherin sein«, sagte Harry und sah Dumbledore verzweifelt in die Augen. »Der Sprechende Hut hat die Macht Slytherins in mir gespürt und er –«
»Hat dich nach Gryffindor gesteckt«, sagte Dumbledore gelassen. »Hör mir zu, Harry. Du hast nun einmal viele der Begabungen, die Salazar Slytherin bei seinen handverlesenen Schülern schätzte. Seine eigene, sehr seltene Gabe, die Schlangensprache, sowie Entschlossenheit, Findigkeit und eine gewisse Neigung, Regeln zu missachten«, fügte er hinzu und wieder zitterte sein Schnurrbart. »Doch der Sprechende Hut hat dich nach Gryffindor gesteckt. Du weißt, warum. Denk nach.«
»Er hat mich nur nach Gryffindor gesteckt«, sagte Harry mit gedrückter Stimme, »weil ich nicht nach Slytherin wollte …«
»Genau«, sagte Dumbledore und strahlte abermals. »Und das heißt, du bist ganz anders als Tom Riddle, Harry. Viel mehr als unsere Fähigkeiten sind es unsere Entscheidungen, Harry, die zeigen, wer wir wirklich sind.« Harry saß reglos und verblüfft auf seinem Stuhl. »Wenn du einen Beweis willst, dass du nach Gryffindor gehörst, Harry, dann schau dir mal das hier näher an.«
Dumbledore beugte sich zu Professor McGonagalls Schreibtisch hinüber, nahm das blutverschmierte silberne Schwert hoch und reichte es Harry. Benommen drehte Harry die Waffe um. Die Rubine strahlten im Licht des Feuers. Und dann sah er den Namen, der unterhalb des Griffs eingraviert war.
Godric Gryffindor.
»Nur ein wahrer Gryffindor hätte das aus dem Hut ziehen können, Harry«, sagte Dumbledore schlicht.
Eine Minute lang schwiegen beide. Dann öffnete Dumbledore eine Schublade von Professor McGonagalls Schreibtisch und holte eine Feder und ein Fläschchen Tinte heraus.
»Was du brauchst, Harry, ist etwas zu essen und Schlaf. Ich schlage vor, du gehst runter zum Fest, während ich nach Askaban schreibe – wir brauchen unseren Wildhüter wieder. Und ich muss auch eine Anzeige für den Tagespropheten entwerfen«, fügte er nachdenklich hinzu. »Wir brauchen einen neuen Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste … meine Güte, wir verschleißen sie alle recht schnell.«
Harry stand auf und ging zur Tür. Gerade wollte er die Klinke berühren, als die Tür so heftig aufgestoßen wurde, dass sie gegen die Wand knallte.
Lucius Malfoy stand vor ihnen, Zornesröte im Gesicht. Und unter seinem Arm kauerte, dick in Binden gewickelt, Dobby.
»Guten Abend, Lucius«, sagte Dumbledore vergnügt.
Mr Malfoy stieß Harry beinahe um, als er in den Raum rauschte. Dobby humpelte ihm nach und duckte sich unter seinen Rocksaum, mit dem Ausdruck jämmerlicher Angst auf dem Gesicht.
»So!«, sagte Lucius Malfoy, die kalten Augen starr auf Dumbledore gerichtet. »Sie sind zurück. Die Schulräte haben Sie beurlaubt, doch Sie hielten es für angebracht, nach Hogwarts zurückzukehren.«
»Sehen Sie, Lucius«, sagte Dumbledore feierlich lächelnd, »die anderen elf Schulräte haben mir heute Botschaften geschickt. Kam mir vor, als wäre ich in einen Hagelsturm aus Eulen geraten, um ehrlich zu sein. Sie hatten gehört, dass Arthur Weasleys Tochter getötet worden war, und wollten, dass ich sofort zurückkomme. Sie schienen nun doch zu glauben, ich sei der beste Mann für diese Aufgabe. Außerdem haben sie mir sehr merkwürdige Geschichten erzählt … etliche von ihnen glaubten offenbar, Sie hätten gedroht, ihre Familien zu verfluchen, falls sie mich nicht beurlauben wollten.«
Mr Malfoy wurde noch blasser als sonst, doch seine Augen waren immer noch wuterfüllte Schlitze.
»Und – haben Sie den Angriffen schon ein Ende bereitet?«, höhnte er. »Haben Sie den Schurken gefasst?«
»Haben wir«, sagte Dumbledore mit einem Lächeln.
»Ach ja?«, sagte Mr Malfoy schneidend. »Wer ist es?«
»Derselbe wie letztes Mal, Lucius«, sagte Dumbledore. »Doch diesmal hat Lord Voldemort durch jemand anderen gehandelt. Mittels dieses Tagebuchs.«
Er hielt das kleine schwarze Buch mit dem großen schwarzen Loch in der Mitte hoch und beobachtete Mr Malfoy genau. Harry jedoch beobachtete Dobby.
Der Elf tat etwas sehr Seltsames. Die großen Augen fest auf Harry gerichtet, deutete er auf das Tagebuch, dann auf Mr Malfoy, und dann schlug er sich mit der Faust hart gegen den Kopf.
»Ich verstehe …«, sagte Mr Malfoy langsam zu Dumbledore.
»Ein ausgefuchster Plan«, sagte Dumbledore mit gleichmütiger Stimme und sah Malfoy immer noch fest in die Augen. »Denn wenn Harry hier –«, Mr Malfoy warf Harry einen schnellen und scharfen Blick zu, »und sein Freund Ron dieses Buch nicht entdeckt hätten, dann – hätte man Ginny Weasley alle Schuld gegeben. Keiner hätte je beweisen können, dass sie nicht aus eigenen Stücken gehandelt hat …«
Mr Malfoy sagte nichts. Sein Gesicht sah plötzlich aus wie eine Maske.
»Und stellen Sie sich vor«, fuhr Dumbledore fort, »was dann geschehen wäre … die Weasleys sind eine unserer bekanntesten reinblütigen Familien. Stellen Sie sich die Folgen für Arthur Weasley und sein Gesetz zum Schutz der Muggel vor, wenn sich erwiesen hätte, dass seine eigene Tochter Muggelstämmige angreift und tötet … ein Glück, dass das Tagebuch entdeckt und Riddles Gedächtnis darin ausgelöscht wurde. Wer weiß, welche Folgen das noch gehabt hätte …«
Mr Malfoy zwang sich zu sprechen.
»Großes Glück«, sagte er steif.
Und immer noch deutete Dobby hinter seinem Rücken erst auf das Tagebuch, dann auf Lucius Malfoy und schlug sich dann auf den Kopf.
Und plötzlich begriff Harry. Er nickte Dobby zu und Dobby wich in eine Ecke zurück und zog sich zur Strafe an den Ohren.
»Wissen Sie, wie Ginny zu diesem Tagebuch gekommen ist, Mr Malfoy?«, sagte Harry.
Lucius Malfoy wirbelte herum.
»Woher soll ich wissen, wie dieses dumme Mädchen da drangekommen ist?«, antwortete er.
»Weil Sie es ihr gaben«, sagte Harry. »Bei Flourish & Blotts. Sie haben ihr altes Verwandlungsbuch vom Boden aufgehoben und das Tagebuch hineingelegt, nicht wahr?«
Er sah, wie sich Mr Malfoys weiße Hände zusammenballten und wieder spreizten.
»Beweis es«, zischte er.
»Oh, keiner wird das können«, sagte Dumbledore und lächelte Harry zu. »Nicht jetzt, da Riddle aus dem Buch verschwunden ist. Andererseits würde ich Ihnen raten, Lucius, nichts mehr von den alten Schulsachen Lord Voldemorts zu verteilen. Sollte noch irgendetwas davon in unschuldige Hände fallen, denke ich, dass Arthur Weasley die Spur zu Ihnen verfolgen wird …«
Lucius Malfoy stand einen Moment lang reglos da, und Harry sah seine rechte Hand zucken, als ob es ihn nach seinem Zauberstab gelüstete. Stattdessen wandte er sich seinem Hauselfen zu.
»Wir gehen, Dobby!«
Er riss die Tür auf, und als der Elf herbeigehumpelt kam, stieß er ihn mit einem Fußtritt nach draußen. Sie konnten Dobby den ganzen Korridor entlang vor Schmerz schreien hören. Harry stand eine Weile reglos da und dachte angestrengt nach. Dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen –
»Professor Dumbledore«, sagte er hastig, »könnte ich bitte dieses Buch Mr Malfoy zurückgeben?«
»Warum nicht, gewiss, Harry«, sagte Dumbledore. »Aber beeil dich. Du weißt, das Fest.«
Harry packte das Tagebuch und jagte aus dem Büro. Von fern hörte er Dobbys leiser werdenden Schmerzensschrei. Hastig und voller Zweifel, ob sein Vorhaben gelingen würde, zog Harry einen Schuh aus, dann die schleimige, dreckige Socke und stopfte das Tagebuch hinein. Dann rannte er den dunklen Gang entlang.
Auf dem Treppenabsatz holte er sie ein.
»Mr Malfoy«, keuchte er und kam vor ihm schlitternd zum Halten. »Ich hab etwas für Sie –«
Und er drückte Lucius Malfoy die stinkende Socke in die Hand.
»Was zum –?«
Mr Malfoy riss die Socke vom Tagebuch, warf sie fort und sah zornig von dem zerstörten Buch zu Harry auf.
»Du wirst eines Tages das gleiche üble Schicksal erleiden wie deine Eltern, Harry Potter«, sagte er leise. »Auch sie waren aufdringliche Dummköpfe.«
Er schickte sich an zu gehen.
»Komm, Dobby. Ich sagte, komm.«
Doch Dobby rührte sich nicht. Er hielt Harrys eklige Socke empor und musterte sie, als wäre sie ein unschätzbares Geschenk.
»Meister hat Dobby eine Socke geschenkt«, sagte der Elf verwundert, »Meister hat sie Dobby gegeben.«
»Was soll das heißen?«, fauchte Mr Malfoy. »Was hast du gesagt?«
»Dobby hat eine Socke«, sagte Dobby ungläubig. »Der Meister hat sie geworfen und Dobby hat sie aufgefangen und Dobby – Dobby ist frei.«
Lucius Malfoy stand wie angefroren da und starrte den Elfen an. Dann stürzte er sich auf Harry.
»Du hast mir meinen Diener gestohlen, verdammter Bengel!«
Doch Dobby rief: »Sie dürfen Harry Potter nicht wehtun!«
Es gab einen lauten Knall und Mr Malfoy hob es von den Füßen. Drei Stufen auf einmal nehmend, stürzte er die Treppe hinunter und landete als zerknautschtes Bündel auf dem Absatz. Er stand auf, das Gesicht rot vor Zorn, und zückte den Zauberstab, doch Dobby hob einen seiner langen, drohenden Finger.
»Sie werden jetzt gehen«, sagte er, empört auf Mr Malfoy hinunterdeutend. »Sie werden Harry Potter nicht anrühren. Sie werden jetzt gehen.«
Lucius Malfoy hatte keine andere Wahl. Mit einem letzten, hasserfüllten Blick auf die beiden warf er sich den Umhang über und eilte davon.
»Harry Potter hat Dobby befreit!«, sagte der Elf schrill und starrte Harry an; das Mondlicht vom Fenster spiegelte sich in seinen Kugelaugen. »Harry Potter hat Dobby befreit!«
»War das Mindeste, was ich tun konnte, Dobby«, sagte Harry grinsend. »Versprich mir nur, nie mehr mein Leben retten zu wollen.«
Das hässliche braune Gesicht des Elfen teilte sich plötzlich zu einem breiten, zähneblitzenden Lächeln.
»Ich hab nur eine Frage, Dobby«, sagte Harry, während Dobby mit zitternden Händen Harrys Socke anzog. »Du hast mir gesagt, all dies hätte nichts zu tun mit Jenem, dessen Name nicht genannt werden darf, erinnerst du dich?«
»Es war ein Hinweis, Sir«, sagte Dobby, und seine Augen weiteten sich, als ob das offensichtlich wäre. »Dobby hat Ihnen einen Hinweis gegeben. Bevor der Dunkle Lord seinen Namen änderte, konnte er einfach beim Namen genannt werden, verstehen Sie?«
»Verstehe«, sagte Harry matt. »Nun, ich geh jetzt besser. Es gibt ein Fest und meine Freundin Hermine sollte inzwischen aufgewacht sein …«
Dobby warf die Arme um Harrys Bauch und drückte ihn.
»Harry Potter ist noch großartiger, als Dobby wusste!«, schluchzte er. »Alles Gute, Harry Potter!«
Und mit einem letzten lauten Krachen verschwand Dobby.
Harry war schon auf einigen Festen in Hogwarts gewesen, doch dieses war ein klein wenig anders. Alle waren in ihren Schlafanzügen erschienen und die Feier dauerte die ganze Nacht. Harry wusste nicht, was das Beste war: Hermine, die schreiend auf ihn zugerannt kam, »Du hast es gelöst! Du hast es gelöst!«, oder Justin, der vom Tisch der Hufflepuffs herübereilte, um ihm die Hand zu drücken und sich endlos dafür zu entschuldigen, dass er ihn verdächtigt hatte, oder Hagrid, der um halb vier in der Nacht auftauchte und Harry und Ron so heftig auf die Schultern klopfte, dass sie mit der Nase in die Puddingteller fielen, oder seine und Rons vierhundert Punkte für Gryffindor, die ihnen das zweite Jahr in Folge den Hauspokal einbrachten, oder Professor McGonagall, die ihnen allen verkündete, die Prüfungen seien – als kleines Geschenk der Schule – gestrichen worden (»O nein!«, sagte Hermine), oder Dumbledore, der bekannt gab, dass Professor Lockhart nächstes Jahr leider nicht wieder kommen könne, denn er müsse auf Reisen gehen, um sein Gedächtnis wiederzufinden. Nicht wenige der Lehrer stimmten in die Jubelrufe ein, mit denen diese Nachricht aufgenommen wurde.
»Schade«, sagte Ron und nahm sich einen Marmeladekrapfen. »Unter meiner Hand ging’s ihm doch schon wieder besser.«
Der Rest des Sommerhalbjahres verging in einem Nebel gleißenden Sonnenscheins. In Hogwarts ging alles wieder seinen üblichen Gang, mit nur ein paar kleinen Unterschieden – Verteidigung gegen die dunklen Künste wurde nicht mehr gegeben (»darin haben wir ohnehin viel Übung inzwischen«, sagte Ron zu der verstimmten Hermine) und Lucius Malfoy war als Schulrat gefeuert worden. Draco stolzierte nicht mehr in der Schule umher, als ob er der Schlossherr wäre. Im Gegenteil, er sah geradezu verärgert und schmollend aus. Hingegen war Ginny Weasley wieder vollkommen glücklich.
Allzu bald war es Zeit für die Heimreise mit dem Hogwarts-Express. Harry, Ron, Hermine, Fred, George und Ginny bekamen ein Abteil für sich. Sie nutzten die letzten paar Stunden vor den Ferien, in denen sie noch zaubern durften, weidlich aus. Sie spielten »Zauberschnippschnapp«, ließen Freds und Georges allerletzte Filibuster-Kracher hochgehen und übten Entwaffnung mit Zauberkraft. Harry konnte es allmählich richtig gut.
Sie waren fast schon im Bahnhof King’s Cross, als Harry noch etwas einfiel.
»Ginny, wobei hast du Percy eigentlich erwischt, was solltest du niemandem erzählen?«
»Ach, das«, sagte Ginny kichernd. »Na ja, Percy hat eine Freundin.«
Fred ließ einen Stapel Bücher auf Georges Kopf fallen.
»Was?«
»Es ist diese Vertrauensschülerin der Ravenclaws, Penelope Clearwater«, sagte Ginny. »Ihr hat er den ganzen letzten Sommer über geschrieben. Sie haben sich heimlich überall in der Schule getroffen. Einmal bin ich in ein leeres Klassenzimmer geraten und hab gesehen, wie sie sich küssten. Er war so erschüttert, als sie – ihr wisst schon – angegriffen wurde. Aber ihr zieht ihn doch damit jetzt nicht auf, oder?«, fügte sie besorgt hinzu.
»Fiele mir nicht im Traum ein«, sagte Fred, der aussah, als wäre sein Geburtstag vorverlegt worden.
»Ganz bestimmt nicht«, sagte George wiehernd.
Der Hogwarts-Express bremste und kam schließlich zum Stehen.
Harry zog seinen Federkiel und ein Stück Pergament hervor und wandte sich Ron und Hermine zu.
»Das hier nennt man eine Telefonnummer«, erklärte er Ron und schrieb sie zweimal hin, riss das Blatt durch und gab ihnen die Hälften. »Ich hab deinem Dad letzten Sommer gesagt, wie man ein Telefon benutzt, er weiß es jetzt. Ruft mich bei den Dursleys an, ja? Ich halt es nicht noch mal zwei Monate alleine mit Dudley aus …«
»Dein Onkel und deine Tante werden doch sicher stolz sein«, sagte Hermine, als sie aus dem Zug stiegen und sich der Menge anschlossen, die durch die verzauberte Absperrung drängte. »Wenn sie hören, was du dieses Jahr getan hast?«
»Stolz?«, sagte Harry. »Bist du verrückt? Wo ich doch so oft hätte sterben können und es nicht geschafft habe? Die werden sauer sein …«
Und gemeinsam gingen sie durch das Tor zurück in die Muggelwelt.
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Originaltitel: Harry Potter and the Prisoner of Azkaban
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Diese Digitale Edition wurde 2012 zum ersten Mal von Pottermore Limited veröffentlicht
Deutsche Printausgabe erschienen im Carlsen Verlag GmbH
Originalcopyright © J.K. Rowling 1999
Copyright für die Deutsche Ausgabe © Carlsen Verlag GmbH 1999
Harry Potter characters, names and related indicia are trademarks of and © Warner Bros. Ent.
ISBN 978-1-78110-057-8
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INHALT
Eulenpost
Tante Magdas großer Fehler
Der Fahrende Ritter
Im Tropfenden Kessel
Der Dementor
Teeblätter und Krallen
Der Irrwicht im Schrank
Die Flucht der fetten Dame
Bittere Niederlage
Die Karte des Rumtreibers
Der Feuerblitz
Der Patronus
Gryffindor gegen Ravenclaw
Snapes Groll
Das Finale
Professor Trelawneys Vorhersage
Kater, Ratte, Hund
Vier Freunde
Lord Voldemorts Knecht
Der Kuss des Dementors
Hermines Geheimnis
Noch einmal Eulenpost
Eulenpost
Harry Potter war in vielerlei Hinsicht ein höchst ungewöhnlicher Junge. So hasste er zum Beispiel die Sommerferien mehr als jede andere Zeit des Jahres. Zudem wollte er in den Ferien eigentlich gern für die Schule lernen, doch er war gezwungen, dies heimlich und in tiefster Nacht zu tun. Und außerdem war er ein Zauberer.
Es war schon fast Mitternacht und er lag bäuchlings im Bett, die Bettdecke wie ein Zelt über seinen Kopf gezogen, eine Taschenlampe in der Hand und ein großes, in Leder gebundenes Buch (Geschichte der Zauberei von Bathilda Bagshot) ans Kopfkissen gelehnt. Mit zusammengezogenen Brauen fuhr er mit der Spitze seiner Adlertintenfeder über die Buchseiten, auf der Suche nach etwas Brauchbarem für seinen Aufsatz: »Die Hexenverbrennung im vierzehnten Jahrhundert war vollkommen sinnlos. Erörtern Sie die These«.
Am Beginn eines viel versprechenden Absatzes hielt die Feder inne. Harry schob die Brille mit den runden Gläsern die Nase hoch, hielt die Taschenlampe näher an das Buch und las:
Im Mittelalter hatten besonders nichtmagische Menschen (besser bekannt als Muggel) Angst vor der Zauberei, während sie zugleich kaum fähig waren, sie zu erkennen. In den seltenen Fällen, da sie eine echte Hexe oder einen Zauberer zu fassen bekamen, hatte die Verbrennung keinerlei Wirkung. Die Hexe oder der Zauberer übte einen einfachen Flammengefrier-Zauber aus und schrie dann wie am Spieß, während sie oder er in Wahrheit nur ein angenehmes Kitzeln spürte. Tatsächlich kam Wendeline die Ulkige dermaßen auf den Geschmack, dass sie sich nicht weniger als siebenundvierzig Mal in verschiedenen Verkleidungen fangen und verbrennen ließ.
Harry steckte die Feder zwischen die Zähne und kramte unter dem Kopfkissen nach seinem Tintenfass und einer Pergamentrolle. Langsam und sehr vorsichtig schraubte er das Tintenfass auf, tauchte die Feder hinein und begann zu schreiben, dabei hielt er ab und zu inne, um zu lauschen. Wenn einer der Dursleys auf dem Weg ins Badezimmer das Kratzen der Feder hörte, würden sie ihn vermutlich für den Rest des Sommers im Schrank unter der Treppe einsperren.
Die Familie Dursley im Ligusterweg Nummer vier war der Grund, weshalb Harry seine Sommerferien nie genießen konnte. Onkel Vernon, Tante Petunia und ihr Sohn Dudley waren Harrys einzige noch lebende Verwandte. Sie waren Muggel und hatten eine ausgesprochen mittelalterliche Einstellung zur Zauberei. Über Harrys tote Eltern, die selbst Hexe und Zauberer gewesen waren, fiel unter dem Dach der Dursleys niemals auch nur ein Wort. Jahrelang hatten Tante Petunia und Onkel Vernon gehofft, wenn sie Harry nur immer unter der Knute hielten, würden sie ihm die Zauberei schließlich austreiben. Zu ihrer großen Verbitterung hatte es nicht geklappt. Und heute lebten sie in ständiger Angst davor, jemand könnte herausfinden, dass Harry seit zwei Jahren nach Hogwarts ging, auf die Schule für Hexerei und Zauberei. Alles, was sie tun konnten, war, Harrys Zauberbücher, Zauberstab, Kessel und Besen zu Beginn der Sommerferien wegzuschließen und ihm zu verbieten, mit den Nachbarn zu sprechen.
Dass Harry nicht an die Zauberbücher herankam, war ein erhebliches Problem, denn die Lehrer in Hogwarts hatten ihm für die Ferien eine Menge Arbeit aufgegeben. Einer der Aufsätze, ein besonders kniffliger über Schrumpftränke, war für Professor Snape, den Lehrer, den Harry am wenigsten leiden konnte und der sich über jeden Grund freuen würde, Harry einen Monat Nachsitzen aufzubrummen. Deshalb hatte Harry in der ersten Ferienwoche eine Gelegenheit beim Schopf gepackt: Während Onkel Vernon, Tante Petunia und Dudley im Vorgarten waren, um Onkel Vernons neuen Firmenwagen zu bewundern (so laut, dass sämtliche Nachbarn nicht umhinkonnten, ebenfalls Notiz zu nehmen), schlich sich Harry nach unten, knackte das Schloss am Treppenschrank, griff sich ein paar Bücher und versteckte sie in seinem Zimmer. Solange er keine Tintenflecke auf der Bettwäsche hinterließ, würden die Dursleys nie erfahren, dass er nachts Zauberei büffelte.
Gerade jetzt wollte Harry Ärger mit dem Onkel und der Tante um jeden Preis vermeiden, denn sie waren ohnehin noch schlechter auf ihn zu sprechen als gewöhnlich schon, einzig und allein deshalb, weil er in den ersten Ferientagen einen Anruf von einem befreundeten Zauberer bekommen hatte.
Ron Weasley, der beste Freund Harrys in Hogwarts, kam aus einer richtigen Zaubererfamilie. Das hieß, dass er zwar einiges mehr über Zauberei wusste als Harry, jedoch noch nie ein Telefon benutzt hatte. Zu allem Unglück war es auch noch Onkel Vernon, der ans Telefon ging.
»Vernon Dursley am Apparat.«
Harry, der zufällig im Zimmer war, erstarrte, als er Rons Stimme antworten hörte.
»Hallo? Hallo? Können Sie mich hören? Ich – möchte – mit – Harry – Potter – sprechen!«
Ron schrie so laut, dass Onkel Vernon zusammenzuckte, den Hörer eine Handbreit von seinem Ohr weghielt und ihn mit einer Mischung aus Zorn und Furcht anstarrte.
»Wer ist da?«, dröhnte er in Richtung Sprechmuschel. »Wer sind Sie?«
»Ron – Weasley!«, brüllte Ron zurück, als ob er und Onkel Vernon sich quer über ein Fußballfeld hinweg unterhalten würden. »Ich – bin – ein – Schulfreund – von – Harry –«
Onkel Vernons kleine Augen funkelten Harry an, der immer noch wie angewurzelt dastand.
»Es gibt hier keinen Harry Potter!«, polterte Onkel Vernon und hielt den Hörer nun weit von sich weg, als ob der gleich explodieren würde. »Ich weiß nicht, von welcher Schule Sie reden! Ich verbitte mir weitere Belästigungen! Und kommen Sie ja nicht in die Nähe meiner Familie!«
Er warf den Hörer auf die Gabel, als wollte er eine Giftspinne abschütteln.
Darauf folgte ein ganz hässlicher Krach.
»Wie kannst du es wagen, diese Nummer Leuten – Leuten wie deinesgleichen zu geben!«, polterte Onkel Vernon und besprühte Harry mit mächtig viel Spucke.
Ron hatte offenbar begriffen, dass er Harry in Schwierigkeiten gebracht hatte, denn er rief nicht mehr an. Auch Harrys beste Freundin in Hogwarts, Hermine Granger, meldete sich nicht. Harry vermutete, dass Ron ihr gesagt hatte, sie solle lieber nicht anrufen. Jammerschade, denn Hermine war die Beste in Harrys Jahrgang, hatte Muggeleltern, wusste sehr wohl, wie man ein Telefon benutzte, und wäre wahrscheinlich so umsichtig, nicht zu erwähnen, dass sie nach Hogwarts ging.
Harry erfuhr also fünf lange Wochen nichts von seinen Zaubererfreunden und dieser Sommer erwies sich als fast so schlimm wie der letzte. Nur einen kleinen Lichtblick gab es: Nachdem er den Dursleys geschworen hatte, dass er Hedwig keine Briefe für die Freunde in den Schnabel stecken würde, hatten sie ihm erlaubt, seine Eule nachts herauszulassen. Onkel Vernon hatte nachgegeben wegen des Höllenlärms, den Hedwig veranstaltete, wenn sie die ganze Zeit in ihrem Käfig eingeschlossen blieb.
Harry unterbrach seine Arbeit über Wendeline die Ulkige und lauschte in die Nacht hinein. Die Stille im dunklen Haus wurde nur vom fernen, grunzenden Geschnarche seines massigen Vetters Dudley gestört. Es musste sehr spät sein. Harrys Augen juckten vor Müdigkeit. Vielleicht sollte er den Aufsatz besser morgen Nacht fertig schreiben …
Er schraubte das Tintenfass zu, zog einen alten Kissenbezug unter dem Bett hervor, steckte die Taschenlampe, die Geschichte der Zauberei, Aufsatz, Feder und Tinte hinein, stieg aus dem Bett und versteckte die Sachen unter einem losen Dielenbrett unter dem Bett. Dann richtete er sich auf, streckte sich und warf einen Blick auf das leuchtende Zifferblatt des Weckers auf dem Nachttisch.
Es war ein Uhr morgens. Harrys Herz machte einen kleinen Hüpfer. Eine Stunde schon war er, ohne es bemerkt zu haben, dreizehn Jahre alt.
Doch ein weiterer ungewöhnlicher Zug an Harry war, dass er sich so wenig auf seine Geburtstage freute. Noch nie im Leben hatte er eine Geburtstagskarte bekommen. Die Dursleys hatten seine letzten beiden Geburtstage völlig ignoriert und er hatte keinen Grund zu erwarten, dass es diesmal anders sein würde.
Harry ging durch das dunkle Zimmer, vorbei an Hedwigs großem, leerem Käfig, hinüber zum offenen Fenster. Er lehnte sich gegen den Fenstersims und nach so langer Zeit unter der Bettdecke strich die kühle Luft angenehm über sein Gesicht. Hedwig war jetzt schon zwei Nächte lang weg. Harry sorgte sich nicht ihretwegen; sie war schon öfter so lange fort gewesen, doch er hoffte, sie bald wiederzusehen – immerhin war sie das einzige Lebewesen in diesem Haus, das bei seinem Anblick nicht zusammenschreckte.
Harry, wenn auch immer noch recht klein und mager für sein Alter, war im letzten Jahr um ein paar Zentimeter gewachsen. Sein rabenschwarzes Haar jedoch war wie immer – widerborstig verstrubbelt, da konnte er machen, was er wollte. Die Augen hinter seiner Brille waren hellgrün und auf der Stirn, durch die Haare deutlich zu sehen, hatte er eine schmale Narbe, die aussah wie ein Blitz.
Unter all den ungewöhnlichen Merkmalen Harrys war diese Narbe wohl das außergewöhnlichste. Sie war nicht, wie die Dursleys zehn Jahre lang geschwindelt hatten, das Überbleibsel eines Autounfalls, bei dem Harrys Eltern umgekommen seien. Lily und James Potter waren nicht bei einem Unfall gestorben. Sie wurden ermordet, ermordet von Lord Voldemort, dem gefürchtetsten schwarzen Magier seit hundert Jahren. Harry war diesem Angriff mit nichts weiter als einer Narbe auf der Stirn entkommen, wobei Voldemorts Fluch, anstatt ihn zu töten, gegen seinen Urheber zurückgeprallt war. Voldemort, fast zu Tode entkräftet, war geflohen …
Doch Harry war ihm in Hogwarts wieder begegnet. Während er am Fenster stand und sich an das letzte Zusammentreffen erinnerte, musste er sich eingestehen, dass er von Glück reden konnte, überhaupt seinen dreizehnten Geburtstag zu erleben.
Er suchte den sternfunkelnden Himmel nach einem Zeichen von Hedwig ab, die vielleicht in Windeseile mit einer toten Maus im Schnabel auf der Rückreise zu ihm war und dafür Lob erwartete. Gedankenverloren ließ er seinen Blick über die Dächer schweifen, und es dauerte ein paar Sekunden, bis er begriff, was er da vor Augen hatte.
Vom goldenen Mondlicht umflutet und jeden Moment größer werdend, sah er ein Ungetüm mit merkwürdiger Schlagseite auf sich zuflattern. Reglos stand er da und beobachtete, wie es immer tiefer sank – für den Bruchteil einer Sekunde zögerte er, die Hand am Fenstergriff, und fragte sich, ob er es zuschlagen sollte –, doch dann surrte das ungeheure Geschöpf über eine der Straßenlaternen des Ligusterwegs, und Harry, der nun erkannte, was es war, sprang zur Seite.
Durchs Fenster schwebten drei Eulen herein, zwei davon hielten eine dritte, die ohnmächtig schien. Mit einem leisen Flumphh landeten sie auf Harrys Bett und die mittlere Eule, groß und grau, kippte sofort um und blieb reglos liegen. An ihre Beine war ein großes Päckchen gebunden.
Harry erkannte die ohnmächtige Eule sofort – ihr Name war Errol und sie gehörte der Familie Weasley. Mit einem Satz war er am Bett, entknotete die Schnüre um Errols Beine, nahm das Päckchen und trug Errol hinüber zu Hedwigs Käfig. Errol öffnete ein trübes Auge, fiepte ein Dankeschön und würgte ein paar Schlucke Wasser hinunter.
Harry wandte sich den beiden anderen Eulen zu. Eine davon, die große weibliche Schneeeule, war seine Hedwig. Auch sie trug ein großes Päckchen und sah höchst zufrieden mit sich aus. Sie kniff Harry liebevoll ins Ohr, während er ihr die Last abnahm, und flog dann quer durchs Zimmer hinüber zu Errol.
Die dritte Eule, ein hübscher Waldkauz, erkannte Harry nicht, doch er wusste sofort, woher sie kam, denn außer einem dritten großen Päckchen trug sie auch einen Brief mit dem Siegel von Hogwarts. Als Harry dieser Eule die Last abgenommen hatte, raschelte sie bedeutungsschwer mit den Federn, spreizte die Flügel und flatterte durch das Fenster hinaus in die Nacht.
Harry setzte sich aufs Bett, nahm Errols Päckchen in die Hand, riss das braune Papier ab und entdeckte ein in Goldpapier eingewickeltes Geschenk und die erste Geburtstagskarte seines Lebens. Mit leicht zitternden Fingern öffnete er den Umschlag. Zwei Blätter fielen heraus – ein Brief und ein Zeitungsausschnitt.
Der Ausschnitt stammte offensichtlich aus der Zaubererzeitung, dem Tagespropheten, denn die Menschen auf den Schwarzweißfotos bewegten sich. Harry hob das Blatt hoch, glättete es und las:
Beamter des Zaubereiministeriums gewinnt Großen Preis
Arthur Weasley, Chef der Abteilung gegen den Missbrauch von Muggelartefakten im Zaubereiministerium, hat den jährlich vergebenen Großen Goldpreis des Tagespropheten gewonnen.
Der entzückte Mr Weasley sagte gegenüber dem Tagespropheten: »Wir werden das Gold für einen Sommerurlaub in Ägypten ausgeben, wo unser ältester Sohn, Bill, als Fluchbrecher für die Gringotts-Zaubererbank arbeitet.«
Die Familie Weasley wird einen Monat in Ägypten verbringen und zu Beginn des neuen Schuljahres in Hogwarts, das gegenwärtig fünf ihrer Kinder besuchen, zurückkehren.
Harry warf einen Blick auf das sich bewegende Foto und ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Alle neun Weasleys standen da vor einer großen Pyramide und winkten ihm begeistert zu. Die füllige kleine Mrs Weasley, der große, zur Glatze neigende Mr Weasley, sechs Söhne und eine Tochter, allesamt (auf dem Schwarzweißfoto natürlich nicht zu sehen) mit flammend roten Haaren. In der Mitte des Bildes war Ron, groß und schlaksig, seine Hausratte Krätze auf der Schulter und den Arm um seine kleine Schwester Ginny gelegt.
Harry fiel niemand ein, der einen großen Haufen Gold mehr verdient hätte als die Weasleys, die sehr nett und furchtbar arm waren. Er nahm Rons Brief in die Hand und entfaltete ihn.
Lieber Harry,
herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!
Hör mal, das mit dem Telefonanruf tut mir wirklich leid. Ich hoffe, die Muggel haben dich in Ruhe gelassen. Ich hab Dad gefragt, und er meint, ich hätte nicht in den Hörer brüllen sollen.
Es ist toll hier in Ägypten. Bill hat uns alle Gräber gezeigt und du glaubst gar nicht, mit welchen Flüchen diese alten ägyptischen Zauberer sie belegt haben. Mum wollte nicht, dass Ginny mit in die letzte Grabkammer geht. Dadrin waren eine Menge komischer Skelette von Muggeln, die das Grab ausrauben wollten und denen neue Köpfe und eklige Sachen gewachsen sind.
Ich konnte nicht fassen, dass Dad den Preis des Tagespropheten gewonnen hat. Siebenhundert Galleonen! Das meiste davon geht für diesen Urlaub drauf, aber sie kaufen mir einen neuen Zauberstab fürs nächste Schuljahr.
Harry erinnerte sich nur zu gut an damals, als Rons alter Zauberstab zerbrochen war. Es war passiert, als das Auto, das er und Ron nach Hogwarts geflogen hatten, gegen einen Baum auf dem Schulgelände gekracht war.
Wir sind eine Woche vor Schulbeginn zurück und fahren dann hoch nach London, um meinen neuen Zauberstab und unsere Bücher zu besorgen. Könnten wir uns dort vielleicht treffen?
Lass dir von den Muggeln nicht die Laune verderben!
Versuch doch, nach London zu kommen,
Ron
PS: Percy ist Schulsprecher. Letzte Woche hat er den Brief bekommen.
Erneut musterte Harry das Foto. Percy, im siebten und letzten Schuljahr in Hogwarts, sah besonders schmuck aus. Er hatte sein Vertrauensschüler-Abzeichen an den fesch auf dem properen Haarschopf sitzenden Fes gepinnt, und seine Hornbrille blitzte in der ägyptischen Sonne.
Harry wandte sich jetzt seinem Geschenk zu und wickelte es aus. Zum Vorschein kam etwas, das aussah wie ein kleiner gläserner Kreisel. Darunter war eine weitere Nachricht von Ron.
Harry – das ist ein Taschenspickoskop. Wenn jemand in der Nähe ist, dem man nicht trauen kann, soll es aufleuchten und sich drehen. Bill sagt, es ist Plunder, den sie für die Zauberertouristen verkaufen, und man könne sich nicht darauf verlassen, weil es gestern Abend beim Essen ständig aufleuchtete. Aber er hat nicht bemerkt, dass Fred und George Käfer in seine Suppe gemischt haben.
Tschau, Ron
Harry stellte das Taschenspickoskop auf den Nachttisch, wo es auf seinem spitzen Ständer reglos im Gleichgewicht blieb und die Leuchtzeiger seines Weckers spiegelte. Eine Weile betrachtete er es glücklich, dann griff er nach dem Päckchen, das Hedwig gebracht hatte.
Auch darin war ein Geschenk eingewickelt sowie eine Karte und ein Brief, diesmal von Hermine.
Lieber Harry,
Ron hat mir geschrieben und von seinem Anruf bei Onkel Vernon berichtet. Ich hoffe, es geht dir gut.
Ich verbringe die Ferien in Frankreich und wusste nicht, wie ich dir diesen Brief schicken sollte – was, wenn sie ihn am Zoll öffnen würden? – Doch dann tauchte Hedwig auf! Ich glaube, sie wollte sichergehen, dass du zur Abwechslung mal was zum Geburtstag bekommst. Ich hab dein Geschenk beim Eulenexpress bestellt, im Tagespropheten war eine Anzeige. (Ich hab ihn abonniert, um mich über die Zaubererwelt auf dem Laufenden zu halten.) Hast du dieses Bild von Ron und seiner Familie gesehen, das sie vor einer Woche gebracht haben? Ich wette, er lernt eine Menge, ich bin ganz neidisch – diese alten ägyptischen Zauberer sind wirklich faszinierend.
Auch hier in der Gegend haben sie eine spannende Hexereivergangenheit. Ich habe meinen Aufsatz zur Geschichte der Zauberei völlig umgeschrieben und einiges von dem eingebaut, was ich herausgefunden habe. Ich hoffe, er ist nicht zu lang geworden – zwei Rollen Pergament mehr, als Professor Binns verlangt.
Ron sagte, er sei in der letzten Ferienwoche in London. Kannst du auch kommen? Werden dein Onkel und deine Tante es erlauben? Ich hoffe sehr, es klappt – wenn nicht, sehen wir uns am ersten September im Hogwarts-Express.
Alles Liebe,
Hermine
PS: Ron schreibt, Percy sei jetzt Schulsprecher. Ich wette, der ist ganz aus dem Häuschen. Ron scheint darüber nicht besonders glücklich zu sein.
Lachend legte Harry Hermines Brief beiseite und nahm ihr Geschenk in die Hand. Es war sehr schwer. Er kannte Hermine und sicher war es ein großes Buch voll schwieriger Zaubersprüche – aber nein. Sein Herz fing mächtig an zu hüpfen, als er das Papier abriss und ein schmales schwarzes Ledertäschchen zum Vorschein kam, auf das silberne Lettern gedruckt waren: Besenpflege-Set.
»Mensch, Hermine!«, flüsterte Harry und zog den Reißverschluss auf.
Das Täschchen enthielt eine große Flasche Fleetwoods Hochglanzpolitur, eine silbrig schimmernde Reisig-Knipszange, einen winzigen Messingkompass, den man für lange Reisen an den Besen klemmen konnte, und ein Do-it-yourself-Handbuch der Besenpflege.
Es gab noch etwas außer seinen Freunden, das Harry in den Ferien heftig vermisste, und das war der beliebteste Sport in der Zaubererwelt – Quidditch, hochgefährlich, äußerst spannend und gespielt auf fliegenden Besen. Zudem war Harry ein begnadeter Quidditch-Spieler; er war der Jüngste seit hundert Jahren, der für eine der Hausmannschaften von Hogwarts aufgestellt worden war. Und besonders stolz war er auf seinen Rennbesen, einen Nimbus Zweitausend.
Harry legte das Ledertäschchen beiseite und hob sein letztes Päckchen hoch. Er erkannte das fahrige Gekrakel auf dem braunen Papier sofort – es stammte von Hagrid, dem Wildhüter von Hogwarts. Er riss die obere Lage des Papiers ab und sah darunter etwas Grünes und Ledriges, doch bevor er es richtig auswickeln konnte, begann das Päckchen merkwürdig zu zittern und was immer darin war, schnappte laut – als ob es kräftige Beißwerkzeuge hätte.
Harry erstarrte. Er wusste, dass Hagrid ihm nie absichtlich etwas Gefährliches schicken würde, allerdings hatte der Wildhüter seine eigenen Auffassungen von dem, was gefährlich war. Hagrid hatte sich immerhin schon mit Riesenspinnen angefreundet, heimtückische, dreiköpfige Hunde von zwielichtigen Gestalten in Wirtshäusern gekauft und heimlich verbotene Dracheneier in seiner Hütte ausgebrütet.
Harry klopfte nervös gegen das Päckchen. Aus dem Innern kam erneut ein lautes Schnappen. Er nahm die Lampe vom Nachttisch, packte sie fest mit der einen Hand und hob sie über den Kopf, bereit zum Zuschlagen. Dann nahm er das restliche Packpapier in die Hand und riss es herunter.
Und heraus fiel – ein Buch. Harry hatte gerade noch Zeit, einen Blick auf den hübschen grünen Umschlag zu werfen, auf dem in goldenen Lettern der Titel Das Monsterbuch der Monster prangte, da stand es auch schon halb aufgeklappt auf den Rändern und klappte seitlich über das Bett hinweg wie ein seltsamer Krebs.
»Oh-oh«, murmelte Harry.
Geräuschvoll fiel das Buch vom Bett und schlurfte rasch durch das Zimmer. Harry folgte ihm vorsichtig. Das Buch versteckte sich im Dunkeln unter seinem Schreibtisch. Harry flehte zum Himmel, dass die Dursleys noch tief schlafen mochten, ließ sich auf die Knie nieder und streckte die Hand nach dem Buch aus.
»Autsch!«
Das Buch klatschte zu und klemmte seine Hand ein, dann hoppelte es eilig auf dem Umschlag an ihm vorbei. Harry wirbelte herum, warf sich mit einem Sprung auf das Buch und presste es flach auf den Boden. Im Zimmer nebenan ließ Onkel Vernon ein lautes, schlaftrunkenes Grunzen ertönen.
Hedwig und Errol beobachteten interessiert, wie Harry das widerspenstige Buch fest unter den Arm klemmte, zur Kommode hinüberstürzte, einen Gürtel herauszog und ihn stramm um das Buch schnürte. Das Monsterbuch zitterte zornig, doch es konnte jetzt nicht mehr klappen und schnappen. Harry warf es aufs Bett und hob Hagrids Karte auf.
Lieber Harry,
herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!
Dachte, du könntest das im nächsten Schuljahr vielleicht nützlich finden. Will hier nicht mehr verraten. Ich sag’s dir, wenn wir uns sehen.
Ich hoffe, die Muggels behandeln dich anständig.
Alles Gute,
Hagrid
Harry kam es merkwürdig vor, dass Hagrid glaubte, ein beißendes Buch würde ihm nützen, doch er stellte Hagrids Karte neben die Rons und Hermines und grinste noch ein wenig breiter. Jetzt war nur noch der Brief aus Hogwarts übrig.
Harry fiel auf, dass der Umschlag viel dicker war als sonst, ritzte ihn auf und zog die erste Seite Pergament heraus:
Sehr geehrter Mr Potter,
bitte beachten Sie, dass das neue Schuljahr am ersten September beginnt. Der Hogwarts-Express fährt am Bahnhof King’s Cross ab, elf Uhr, Gleis neundreiviertel.
Drittklässlern ist es erlaubt, an bestimmten Wochenenden das Dorf Hogsmeade zu besuchen. Bitte geben Sie die beigefügte Zustimmungserklärung zur Unterschrift Ihren Eltern oder Ihrem Vormund.
Anbei auch eine Liste der Bücher für das nächste Schuljahr.
Mit freundlichen Grüßen
Professor M. McGonagall
Stellvertretende Schulleiterin
Harry nahm die Zustimmungserklärung für Hogsmeade heraus und las sie durch. Das Grinsen war ihm vergangen. Es wäre toll, an den Wochenenden ins Dorf zu können; er wusste, dass dort nur Zauberer und Hexen lebten, und er war noch nie da gewesen. Doch wie um alles in der Welt sollte er Onkel Vernon und Tante Petunia überreden, die Erlaubnis zu unterschreiben?
Er sah auf den Wecker. Es war jetzt zwei Uhr morgens.
Harry beschloss sich über die Erlaubnis für Hogsmeade Gedanken zu machen, wenn er aufwachte, stieg wieder ins Bett und streckte die Hand aus, um ein weiteres Kreuzchen auf dem Kalender zu machen, den er sich gebastelt hatte, um die verbleibenden Tage bis zur Rückkehr nach Hogwarts zu zählen. Dann nahm er die Brille ab, legte sich hin und sah mit weit geöffneten Augen auf seine drei Geburtstagskarten.
Mochte er auch ein höchst ungewöhnlicher Junge sein, in diesem Augenblick fühlte sich Harry Potter genau wie jeder andere – zum ersten Mal im Leben einfach froh, dass er Geburtstag hatte.
Für Jill Prewett und Aine Kiely,
die Patinnen des Souls
INHALT
Eulenpost
Tante Magdas großer Fehler
Der Fahrende Ritter
Im Tropfenden Kessel
Der Dementor
Teeblätter und Krallen
Der Irrwicht im Schrank
Die Flucht der fetten Dame
Bittere Niederlage
Die Karte des Rumtreibers
Der Feuerblitz
Der Patronus
Gryffindor gegen Ravenclaw
Snapes Groll
Das Finale
Professor Trelawneys Vorhersage
Kater, Ratte, Hund
Vier Freunde
Lord Voldemorts Knecht
Der Kuss des Dementors
Hermines Geheimnis
Noch einmal Eulenpost
Eulenpost
Harry Potter war in vielerlei Hinsicht ein höchst ungewöhnlicher Junge. So hasste er zum Beispiel die Sommerferien mehr als jede andere Zeit des Jahres. Zudem wollte er in den Ferien eigentlich gern für die Schule lernen, doch er war gezwungen, dies heimlich und in tiefster Nacht zu tun. Und außerdem war er ein Zauberer.
Es war schon fast Mitternacht und er lag bäuchlings im Bett, die Bettdecke wie ein Zelt über seinen Kopf gezogen, eine Taschenlampe in der Hand und ein großes, in Leder gebundenes Buch (Geschichte der Zauberei von Bathilda Bagshot) ans Kopfkissen gelehnt. Mit zusammengezogenen Brauen fuhr er mit der Spitze seiner Adlertintenfeder über die Buchseiten, auf der Suche nach etwas Brauchbarem für seinen Aufsatz: »Die Hexenverbrennung im vierzehnten Jahrhundert war vollkommen sinnlos. Erörtern Sie die These«.
Am Beginn eines viel versprechenden Absatzes hielt die Feder inne. Harry schob die Brille mit den runden Gläsern die Nase hoch, hielt die Taschenlampe näher an das Buch und las:
Im Mittelalter hatten besonders nichtmagische Menschen (besser bekannt als Muggel) Angst vor der Zauberei, während sie zugleich kaum fähig waren, sie zu erkennen. In den seltenen Fällen, da sie eine echte Hexe oder einen Zauberer zu fassen bekamen, hatte die Verbrennung keinerlei Wirkung. Die Hexe oder der Zauberer übte einen einfachen Flammengefrier-Zauber aus und schrie dann wie am Spieß, während sie oder er in Wahrheit nur ein angenehmes Kitzeln spürte. Tatsächlich kam Wendeline die Ulkige dermaßen auf den Geschmack, dass sie sich nicht weniger als siebenundvierzig Mal in verschiedenen Verkleidungen fangen und verbrennen ließ.
Harry steckte die Feder zwischen die Zähne und kramte unter dem Kopfkissen nach seinem Tintenfass und einer Pergamentrolle. Langsam und sehr vorsichtig schraubte er das Tintenfass auf, tauchte die Feder hinein und begann zu schreiben, dabei hielt er ab und zu inne, um zu lauschen. Wenn einer der Dursleys auf dem Weg ins Badezimmer das Kratzen der Feder hörte, würden sie ihn vermutlich für den Rest des Sommers im Schrank unter der Treppe einsperren.
Die Familie Dursley im Ligusterweg Nummer vier war der Grund, weshalb Harry seine Sommerferien nie genießen konnte. Onkel Vernon, Tante Petunia und ihr Sohn Dudley waren Harrys einzige noch lebende Verwandte. Sie waren Muggel und hatten eine ausgesprochen mittelalterliche Einstellung zur Zauberei. Über Harrys tote Eltern, die selbst Hexe und Zauberer gewesen waren, fiel unter dem Dach der Dursleys niemals auch nur ein Wort. Jahrelang hatten Tante Petunia und Onkel Vernon gehofft, wenn sie Harry nur immer unter der Knute hielten, würden sie ihm die Zauberei schließlich austreiben. Zu ihrer großen Verbitterung hatte es nicht geklappt. Und heute lebten sie in ständiger Angst davor, jemand könnte herausfinden, dass Harry seit zwei Jahren nach Hogwarts ging, auf die Schule für Hexerei und Zauberei. Alles, was sie tun konnten, war, Harrys Zauberbücher, Zauberstab, Kessel und Besen zu Beginn der Sommerferien wegzuschließen und ihm zu verbieten, mit den Nachbarn zu sprechen.
Dass Harry nicht an die Zauberbücher herankam, war ein erhebliches Problem, denn die Lehrer in Hogwarts hatten ihm für die Ferien eine Menge Arbeit aufgegeben. Einer der Aufsätze, ein besonders kniffliger über Schrumpftränke, war für Professor Snape, den Lehrer, den Harry am wenigsten leiden konnte und der sich über jeden Grund freuen würde, Harry einen Monat Nachsitzen aufzubrummen. Deshalb hatte Harry in der ersten Ferienwoche eine Gelegenheit beim Schopf gepackt: Während Onkel Vernon, Tante Petunia und Dudley im Vorgarten waren, um Onkel Vernons neuen Firmenwagen zu bewundern (so laut, dass sämtliche Nachbarn nicht umhinkonnten, ebenfalls Notiz zu nehmen), schlich sich Harry nach unten, knackte das Schloss am Treppenschrank, griff sich ein paar Bücher und versteckte sie in seinem Zimmer. Solange er keine Tintenflecke auf der Bettwäsche hinterließ, würden die Dursleys nie erfahren, dass er nachts Zauberei büffelte.
Gerade jetzt wollte Harry Ärger mit dem Onkel und der Tante um jeden Preis vermeiden, denn sie waren ohnehin noch schlechter auf ihn zu sprechen als gewöhnlich schon, einzig und allein deshalb, weil er in den ersten Ferientagen einen Anruf von einem befreundeten Zauberer bekommen hatte.
Ron Weasley, der beste Freund Harrys in Hogwarts, kam aus einer richtigen Zaubererfamilie. Das hieß, dass er zwar einiges mehr über Zauberei wusste als Harry, jedoch noch nie ein Telefon benutzt hatte. Zu allem Unglück war es auch noch Onkel Vernon, der ans Telefon ging.
»Vernon Dursley am Apparat.«
Harry, der zufällig im Zimmer war, erstarrte, als er Rons Stimme antworten hörte.
»Hallo? Hallo? Können Sie mich hören? Ich – möchte – mit – Harry – Potter – sprechen!«
Ron schrie so laut, dass Onkel Vernon zusammenzuckte, den Hörer eine Handbreit von seinem Ohr weghielt und ihn mit einer Mischung aus Zorn und Furcht anstarrte.
»Wer ist da?«, dröhnte er in Richtung Sprechmuschel. »Wer sind Sie?«
»Ron – Weasley!«, brüllte Ron zurück, als ob er und Onkel Vernon sich quer über ein Fußballfeld hinweg unterhalten würden. »Ich – bin – ein – Schulfreund – von – Harry –«
Onkel Vernons kleine Augen funkelten Harry an, der immer noch wie angewurzelt dastand.
»Es gibt hier keinen Harry Potter!«, polterte Onkel Vernon und hielt den Hörer nun weit von sich weg, als ob der gleich explodieren würde. »Ich weiß nicht, von welcher Schule Sie reden! Ich verbitte mir weitere Belästigungen! Und kommen Sie ja nicht in die Nähe meiner Familie!«
Er warf den Hörer auf die Gabel, als wollte er eine Giftspinne abschütteln.
Darauf folgte ein ganz hässlicher Krach.
»Wie kannst du es wagen, diese Nummer Leuten – Leuten wie deinesgleichen zu geben!«, polterte Onkel Vernon und besprühte Harry mit mächtig viel Spucke.
Ron hatte offenbar begriffen, dass er Harry in Schwierigkeiten gebracht hatte, denn er rief nicht mehr an. Auch Harrys beste Freundin in Hogwarts, Hermine Granger, meldete sich nicht. Harry vermutete, dass Ron ihr gesagt hatte, sie solle lieber nicht anrufen. Jammerschade, denn Hermine war die Beste in Harrys Jahrgang, hatte Muggeleltern, wusste sehr wohl, wie man ein Telefon benutzte, und wäre wahrscheinlich so umsichtig, nicht zu erwähnen, dass sie nach Hogwarts ging.
Harry erfuhr also fünf lange Wochen nichts von seinen Zaubererfreunden und dieser Sommer erwies sich als fast so schlimm wie der letzte. Nur einen kleinen Lichtblick gab es: Nachdem er den Dursleys geschworen hatte, dass er Hedwig keine Briefe für die Freunde in den Schnabel stecken würde, hatten sie ihm erlaubt, seine Eule nachts herauszulassen. Onkel Vernon hatte nachgegeben wegen des Höllenlärms, den Hedwig veranstaltete, wenn sie die ganze Zeit in ihrem Käfig eingeschlossen blieb.
Harry unterbrach seine Arbeit über Wendeline die Ulkige und lauschte in die Nacht hinein. Die Stille im dunklen Haus wurde nur vom fernen, grunzenden Geschnarche seines massigen Vetters Dudley gestört. Es musste sehr spät sein. Harrys Augen juckten vor Müdigkeit. Vielleicht sollte er den Aufsatz besser morgen Nacht fertig schreiben …
Er schraubte das Tintenfass zu, zog einen alten Kissenbezug unter dem Bett hervor, steckte die Taschenlampe, die Geschichte der Zauberei, Aufsatz, Feder und Tinte hinein, stieg aus dem Bett und versteckte die Sachen unter einem losen Dielenbrett unter dem Bett. Dann richtete er sich auf, streckte sich und warf einen Blick auf das leuchtende Zifferblatt des Weckers auf dem Nachttisch.
Es war ein Uhr morgens. Harrys Herz machte einen kleinen Hüpfer. Eine Stunde schon war er, ohne es bemerkt zu haben, dreizehn Jahre alt.
Doch ein weiterer ungewöhnlicher Zug an Harry war, dass er sich so wenig auf seine Geburtstage freute. Noch nie im Leben hatte er eine Geburtstagskarte bekommen. Die Dursleys hatten seine letzten beiden Geburtstage völlig ignoriert und er hatte keinen Grund zu erwarten, dass es diesmal anders sein würde.
Harry ging durch das dunkle Zimmer, vorbei an Hedwigs großem, leerem Käfig, hinüber zum offenen Fenster. Er lehnte sich gegen den Fenstersims und nach so langer Zeit unter der Bettdecke strich die kühle Luft angenehm über sein Gesicht. Hedwig war jetzt schon zwei Nächte lang weg. Harry sorgte sich nicht ihretwegen; sie war schon öfter so lange fort gewesen, doch er hoffte, sie bald wiederzusehen – immerhin war sie das einzige Lebewesen in diesem Haus, das bei seinem Anblick nicht zusammenschreckte.
Harry, wenn auch immer noch recht klein und mager für sein Alter, war im letzten Jahr um ein paar Zentimeter gewachsen. Sein rabenschwarzes Haar jedoch war wie immer – widerborstig verstrubbelt, da konnte er machen, was er wollte. Die Augen hinter seiner Brille waren hellgrün und auf der Stirn, durch die Haare deutlich zu sehen, hatte er eine schmale Narbe, die aussah wie ein Blitz.
Unter all den ungewöhnlichen Merkmalen Harrys war diese Narbe wohl das außergewöhnlichste. Sie war nicht, wie die Dursleys zehn Jahre lang geschwindelt hatten, das Überbleibsel eines Autounfalls, bei dem Harrys Eltern umgekommen seien. Lily und James Potter waren nicht bei einem Unfall gestorben. Sie wurden ermordet, ermordet von Lord Voldemort, dem gefürchtetsten schwarzen Magier seit hundert Jahren. Harry war diesem Angriff mit nichts weiter als einer Narbe auf der Stirn entkommen, wobei Voldemorts Fluch, anstatt ihn zu töten, gegen seinen Urheber zurückgeprallt war. Voldemort, fast zu Tode entkräftet, war geflohen …
Doch Harry war ihm in Hogwarts wieder begegnet. Während er am Fenster stand und sich an das letzte Zusammentreffen erinnerte, musste er sich eingestehen, dass er von Glück reden konnte, überhaupt seinen dreizehnten Geburtstag zu erleben.
Er suchte den sternfunkelnden Himmel nach einem Zeichen von Hedwig ab, die vielleicht in Windeseile mit einer toten Maus im Schnabel auf der Rückreise zu ihm war und dafür Lob erwartete. Gedankenverloren ließ er seinen Blick über die Dächer schweifen, und es dauerte ein paar Sekunden, bis er begriff, was er da vor Augen hatte.
Vom goldenen Mondlicht umflutet und jeden Moment größer werdend, sah er ein Ungetüm mit merkwürdiger Schlagseite auf sich zuflattern. Reglos stand er da und beobachtete, wie es immer tiefer sank – für den Bruchteil einer Sekunde zögerte er, die Hand am Fenstergriff, und fragte sich, ob er es zuschlagen sollte –, doch dann surrte das ungeheure Geschöpf über eine der Straßenlaternen des Ligusterwegs, und Harry, der nun erkannte, was es war, sprang zur Seite.
Durchs Fenster schwebten drei Eulen herein, zwei davon hielten eine dritte, die ohnmächtig schien. Mit einem leisen Flumphh landeten sie auf Harrys Bett und die mittlere Eule, groß und grau, kippte sofort um und blieb reglos liegen. An ihre Beine war ein großes Päckchen gebunden.
Harry erkannte die ohnmächtige Eule sofort – ihr Name war Errol und sie gehörte der Familie Weasley. Mit einem Satz war er am Bett, entknotete die Schnüre um Errols Beine, nahm das Päckchen und trug Errol hinüber zu Hedwigs Käfig. Errol öffnete ein trübes Auge, fiepte ein Dankeschön und würgte ein paar Schlucke Wasser hinunter.
Harry wandte sich den beiden anderen Eulen zu. Eine davon, die große weibliche Schneeeule, war seine Hedwig. Auch sie trug ein großes Päckchen und sah höchst zufrieden mit sich aus. Sie kniff Harry liebevoll ins Ohr, während er ihr die Last abnahm, und flog dann quer durchs Zimmer hinüber zu Errol.
Die dritte Eule, ein hübscher Waldkauz, erkannte Harry nicht, doch er wusste sofort, woher sie kam, denn außer einem dritten großen Päckchen trug sie auch einen Brief mit dem Siegel von Hogwarts. Als Harry dieser Eule die Last abgenommen hatte, raschelte sie bedeutungsschwer mit den Federn, spreizte die Flügel und flatterte durch das Fenster hinaus in die Nacht.
Harry setzte sich aufs Bett, nahm Errols Päckchen in die Hand, riss das braune Papier ab und entdeckte ein in Goldpapier eingewickeltes Geschenk und die erste Geburtstagskarte seines Lebens. Mit leicht zitternden Fingern öffnete er den Umschlag. Zwei Blätter fielen heraus – ein Brief und ein Zeitungsausschnitt.
Der Ausschnitt stammte offensichtlich aus der Zaubererzeitung, dem Tagespropheten, denn die Menschen auf den Schwarzweißfotos bewegten sich. Harry hob das Blatt hoch, glättete es und las:
Beamter des Zaubereiministeriums gewinnt Großen Preis
Arthur Weasley, Chef der Abteilung gegen den Missbrauch von Muggelartefakten im Zaubereiministerium, hat den jährlich vergebenen Großen Goldpreis des Tagespropheten gewonnen.
Der entzückte Mr Weasley sagte gegenüber dem Tagespropheten: »Wir werden das Gold für einen Sommerurlaub in Ägypten ausgeben, wo unser ältester Sohn, Bill, als Fluchbrecher für die Gringotts-Zaubererbank arbeitet.«
Die Familie Weasley wird einen Monat in Ägypten verbringen und zu Beginn des neuen Schuljahres in Hogwarts, das gegenwärtig fünf ihrer Kinder besuchen, zurückkehren.
Harry warf einen Blick auf das sich bewegende Foto und ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Alle neun Weasleys standen da vor einer großen Pyramide und winkten ihm begeistert zu. Die füllige kleine Mrs Weasley, der große, zur Glatze neigende Mr Weasley, sechs Söhne und eine Tochter, allesamt (auf dem Schwarzweißfoto natürlich nicht zu sehen) mit flammend roten Haaren. In der Mitte des Bildes war Ron, groß und schlaksig, seine Hausratte Krätze auf der Schulter und den Arm um seine kleine Schwester Ginny gelegt.
Harry fiel niemand ein, der einen großen Haufen Gold mehr verdient hätte als die Weasleys, die sehr nett und furchtbar arm waren. Er nahm Rons Brief in die Hand und entfaltete ihn.
Lieber Harry,
herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!
Hör mal, das mit dem Telefonanruf tut mir wirklich leid. Ich hoffe, die Muggel haben dich in Ruhe gelassen. Ich hab Dad gefragt, und er meint, ich hätte nicht in den Hörer brüllen sollen.
Es ist toll hier in Ägypten. Bill hat uns alle Gräber gezeigt und du glaubst gar nicht, mit welchen Flüchen diese alten ägyptischen Zauberer sie belegt haben. Mum wollte nicht, dass Ginny mit in die letzte Grabkammer geht. Dadrin waren eine Menge komischer Skelette von Muggeln, die das Grab ausrauben wollten und denen neue Köpfe und eklige Sachen gewachsen sind.
Ich konnte nicht fassen, dass Dad den Preis des Tagespropheten gewonnen hat. Siebenhundert Galleonen! Das meiste davon geht für diesen Urlaub drauf, aber sie kaufen mir einen neuen Zauberstab fürs nächste Schuljahr.
Harry erinnerte sich nur zu gut an damals, als Rons alter Zauberstab zerbrochen war. Es war passiert, als das Auto, das er und Ron nach Hogwarts geflogen hatten, gegen einen Baum auf dem Schulgelände gekracht war.
Wir sind eine Woche vor Schulbeginn zurück und fahren dann hoch nach London, um meinen neuen Zauberstab und unsere Bücher zu besorgen. Könnten wir uns dort vielleicht treffen?
Lass dir von den Muggeln nicht die Laune verderben!
Versuch doch, nach London zu kommen,
Ron
PS: Percy ist Schulsprecher. Letzte Woche hat er den Brief bekommen.
Erneut musterte Harry das Foto. Percy, im siebten und letzten Schuljahr in Hogwarts, sah besonders schmuck aus. Er hatte sein Vertrauensschüler-Abzeichen an den fesch auf dem properen Haarschopf sitzenden Fes gepinnt, und seine Hornbrille blitzte in der ägyptischen Sonne.
Harry wandte sich jetzt seinem Geschenk zu und wickelte es aus. Zum Vorschein kam etwas, das aussah wie ein kleiner gläserner Kreisel. Darunter war eine weitere Nachricht von Ron.
Harry – das ist ein Taschenspickoskop. Wenn jemand in der Nähe ist, dem man nicht trauen kann, soll es aufleuchten und sich drehen. Bill sagt, es ist Plunder, den sie für die Zauberertouristen verkaufen, und man könne sich nicht darauf verlassen, weil es gestern Abend beim Essen ständig aufleuchtete. Aber er hat nicht bemerkt, dass Fred und George Käfer in seine Suppe gemischt haben.
Tschau, Ron
Harry stellte das Taschenspickoskop auf den Nachttisch, wo es auf seinem spitzen Ständer reglos im Gleichgewicht blieb und die Leuchtzeiger seines Weckers spiegelte. Eine Weile betrachtete er es glücklich, dann griff er nach dem Päckchen, das Hedwig gebracht hatte.
Auch darin war ein Geschenk eingewickelt sowie eine Karte und ein Brief, diesmal von Hermine.
Lieber Harry,
Ron hat mir geschrieben und von seinem Anruf bei Onkel Vernon berichtet. Ich hoffe, es geht dir gut.
Ich verbringe die Ferien in Frankreich und wusste nicht, wie ich dir diesen Brief schicken sollte – was, wenn sie ihn am Zoll öffnen würden? – Doch dann tauchte Hedwig auf! Ich glaube, sie wollte sichergehen, dass du zur Abwechslung mal was zum Geburtstag bekommst. Ich hab dein Geschenk beim Eulenexpress bestellt, im Tagespropheten war eine Anzeige. (Ich hab ihn abonniert, um mich über die Zaubererwelt auf dem Laufenden zu halten.) Hast du dieses Bild von Ron und seiner Familie gesehen, das sie vor einer Woche gebracht haben? Ich wette, er lernt eine Menge, ich bin ganz neidisch – diese alten ägyptischen Zauberer sind wirklich faszinierend.
Auch hier in der Gegend haben sie eine spannende Hexereivergangenheit. Ich habe meinen Aufsatz zur Geschichte der Zauberei völlig umgeschrieben und einiges von dem eingebaut, was ich herausgefunden habe. Ich hoffe, er ist nicht zu lang geworden – zwei Rollen Pergament mehr, als Professor Binns verlangt.
Ron sagte, er sei in der letzten Ferienwoche in London. Kannst du auch kommen? Werden dein Onkel und deine Tante es erlauben? Ich hoffe sehr, es klappt – wenn nicht, sehen wir uns am ersten September im Hogwarts-Express.
Alles Liebe,
Hermine
PS: Ron schreibt, Percy sei jetzt Schulsprecher. Ich wette, der ist ganz aus dem Häuschen. Ron scheint darüber nicht besonders glücklich zu sein.
Lachend legte Harry Hermines Brief beiseite und nahm ihr Geschenk in die Hand. Es war sehr schwer. Er kannte Hermine und sicher war es ein großes Buch voll schwieriger Zaubersprüche – aber nein. Sein Herz fing mächtig an zu hüpfen, als er das Papier abriss und ein schmales schwarzes Ledertäschchen zum Vorschein kam, auf das silberne Lettern gedruckt waren: Besenpflege-Set.
»Mensch, Hermine!«, flüsterte Harry und zog den Reißverschluss auf.
Das Täschchen enthielt eine große Flasche Fleetwoods Hochglanzpolitur, eine silbrig schimmernde Reisig-Knipszange, einen winzigen Messingkompass, den man für lange Reisen an den Besen klemmen konnte, und ein Do-it-yourself-Handbuch der Besenpflege.
Es gab noch etwas außer seinen Freunden, das Harry in den Ferien heftig vermisste, und das war der beliebteste Sport in der Zaubererwelt – Quidditch, hochgefährlich, äußerst spannend und gespielt auf fliegenden Besen. Zudem war Harry ein begnadeter Quidditch-Spieler; er war der Jüngste seit hundert Jahren, der für eine der Hausmannschaften von Hogwarts aufgestellt worden war. Und besonders stolz war er auf seinen Rennbesen, einen Nimbus Zweitausend.
Harry legte das Ledertäschchen beiseite und hob sein letztes Päckchen hoch. Er erkannte das fahrige Gekrakel auf dem braunen Papier sofort – es stammte von Hagrid, dem Wildhüter von Hogwarts. Er riss die obere Lage des Papiers ab und sah darunter etwas Grünes und Ledriges, doch bevor er es richtig auswickeln konnte, begann das Päckchen merkwürdig zu zittern und was immer darin war, schnappte laut – als ob es kräftige Beißwerkzeuge hätte.
Harry erstarrte. Er wusste, dass Hagrid ihm nie absichtlich etwas Gefährliches schicken würde, allerdings hatte der Wildhüter seine eigenen Auffassungen von dem, was gefährlich war. Hagrid hatte sich immerhin schon mit Riesenspinnen angefreundet, heimtückische, dreiköpfige Hunde von zwielichtigen Gestalten in Wirtshäusern gekauft und heimlich verbotene Dracheneier in seiner Hütte ausgebrütet.
Harry klopfte nervös gegen das Päckchen. Aus dem Innern kam erneut ein lautes Schnappen. Er nahm die Lampe vom Nachttisch, packte sie fest mit der einen Hand und hob sie über den Kopf, bereit zum Zuschlagen. Dann nahm er das restliche Packpapier in die Hand und riss es herunter.
Und heraus fiel – ein Buch. Harry hatte gerade noch Zeit, einen Blick auf den hübschen grünen Umschlag zu werfen, auf dem in goldenen Lettern der Titel Das Monsterbuch der Monster prangte, da stand es auch schon halb aufgeklappt auf den Rändern und klappte seitlich über das Bett hinweg wie ein seltsamer Krebs.
»Oh-oh«, murmelte Harry.
Geräuschvoll fiel das Buch vom Bett und schlurfte rasch durch das Zimmer. Harry folgte ihm vorsichtig. Das Buch versteckte sich im Dunkeln unter seinem Schreibtisch. Harry flehte zum Himmel, dass die Dursleys noch tief schlafen mochten, ließ sich auf die Knie nieder und streckte die Hand nach dem Buch aus.
»Autsch!«
Das Buch klatschte zu und klemmte seine Hand ein, dann hoppelte es eilig auf dem Umschlag an ihm vorbei. Harry wirbelte herum, warf sich mit einem Sprung auf das Buch und presste es flach auf den Boden. Im Zimmer nebenan ließ Onkel Vernon ein lautes, schlaftrunkenes Grunzen ertönen.
Hedwig und Errol beobachteten interessiert, wie Harry das widerspenstige Buch fest unter den Arm klemmte, zur Kommode hinüberstürzte, einen Gürtel herauszog und ihn stramm um das Buch schnürte. Das Monsterbuch zitterte zornig, doch es konnte jetzt nicht mehr klappen und schnappen. Harry warf es aufs Bett und hob Hagrids Karte auf.
Lieber Harry,
herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!
Dachte, du könntest das im nächsten Schuljahr vielleicht nützlich finden. Will hier nicht mehr verraten. Ich sag’s dir, wenn wir uns sehen.
Ich hoffe, die Muggels behandeln dich anständig.
Alles Gute,
Hagrid
Harry kam es merkwürdig vor, dass Hagrid glaubte, ein beißendes Buch würde ihm nützen, doch er stellte Hagrids Karte neben die Rons und Hermines und grinste noch ein wenig breiter. Jetzt war nur noch der Brief aus Hogwarts übrig.
Harry fiel auf, dass der Umschlag viel dicker war als sonst, ritzte ihn auf und zog die erste Seite Pergament heraus:
Sehr geehrter Mr Potter,
bitte beachten Sie, dass das neue Schuljahr am ersten September beginnt. Der Hogwarts-Express fährt am Bahnhof King’s Cross ab, elf Uhr, Gleis neundreiviertel.
Drittklässlern ist es erlaubt, an bestimmten Wochenenden das Dorf Hogsmeade zu besuchen. Bitte geben Sie die beigefügte Zustimmungserklärung zur Unterschrift Ihren Eltern oder Ihrem Vormund.
Anbei auch eine Liste der Bücher für das nächste Schuljahr.
Mit freundlichen Grüßen
Professor M. McGonagall
Stellvertretende Schulleiterin
Harry nahm die Zustimmungserklärung für Hogsmeade heraus und las sie durch. Das Grinsen war ihm vergangen. Es wäre toll, an den Wochenenden ins Dorf zu können; er wusste, dass dort nur Zauberer und Hexen lebten, und er war noch nie da gewesen. Doch wie um alles in der Welt sollte er Onkel Vernon und Tante Petunia überreden, die Erlaubnis zu unterschreiben?
Er sah auf den Wecker. Es war jetzt zwei Uhr morgens.
Harry beschloss sich über die Erlaubnis für Hogsmeade Gedanken zu machen, wenn er aufwachte, stieg wieder ins Bett und streckte die Hand aus, um ein weiteres Kreuzchen auf dem Kalender zu machen, den er sich gebastelt hatte, um die verbleibenden Tage bis zur Rückkehr nach Hogwarts zu zählen. Dann nahm er die Brille ab, legte sich hin und sah mit weit geöffneten Augen auf seine drei Geburtstagskarten.
Mochte er auch ein höchst ungewöhnlicher Junge sein, in diesem Augenblick fühlte sich Harry Potter genau wie jeder andere – zum ersten Mal im Leben einfach froh, dass er Geburtstag hatte.
Tante Magdas großer Fehler
Als Harry am nächsten Morgen zum Frühstück hinunterging, saßen die drei Dursleys schon am Küchentisch. Sie starrten auf die Mattscheibe eines brandneuen Fernsehers, eines Willkommen-in-den-Ferien-Geschenks für Dudley, der sich fortwährend lauthals über den langen Weg zwischen dem Kühlschrank und dem Fernseher im Wohnzimmer beschwert hatte. Dudley hatte den größten Teil des Sommers in der Küche verbracht, die kleinen Schweinchenaugen geradezu auf die Mattscheibe geklebt und mit wabbelndem fünflagigem Kinn ununterbrochen kauend.
Harry setzte sich zwischen Dudley und Onkel Vernon, einen großen, fleischigen Mann mit sehr wenig Hals und einer Menge Schnauzbart. Keiner der Dursleys nahm Notiz davon, dass Harry in die Küche gekommen war, geschweige denn, dass ihm einer zum Geburtstag gratuliert hätte, aber Harry hatte sich ohnehin schon zu gut an diese Behandlung gewöhnt. Er nahm sich eine Scheibe Toast und sah hoch zum Fernseher, wo der Nachrichtensprecher gerade von einem Ausbrecher berichtete …
»… die Polizei warnt die Bevölkerung. Black ist bewaffnet und äußerst gefährlich. Eine eigene Notrufnummer wurde eingerichtet und jeder Hinweis auf Black sollte umgehend gemeldet werden.«
»Dass der ein Verbrecher ist, brauchen sie uns nicht erst zu sagen«, schnarrte Onkel Vernon und starrte über seine Zeitung hinweg auf das Bild des Flüchtigen. »Seht euch mal an, wie der aussieht, ein dreckiger Rumtreiber! Und diese Haare!«
Er warf Harry einen gehässigen Seitenblick zu, dessen strubbeliges Haar ihn immer von neuem ärgerte. Verglichen mit dem Mann im Fernsehen jedoch, dessen ausgemergeltes Gesicht umwuchert war von verfilztem, ellbogenlangem Gestrüpp, kam sich Harry durchaus gepflegt vor.
Wieder erschien der Nachrichtensprecher.
»Das Landwirtschafts- und Fischereiministerium gibt heute bekannt, dass –«
»Ist doch nicht zu fassen!«, bellte Onkel Vernon und starrte den Sprecher wütend an, »du hast uns nicht gesagt, wo dieser Verrückte ausgebrochen ist! Was soll das? Der Wahnsinnige könnte doch jeden Augenblick die Straße entlangkommen!«
Tante Petunia, knochig und pferdegesichtig, wirbelte herum und schaute wachsam aus dem Küchenfenster. Harry wusste, dass Tante Petunia nichts lieber tun würde, als den Notruf anzuläuten. Sie war die neugierigste Frau der Welt und verbrachte den größten Teil ihres Lebens damit, die langweiligen, gesetzestreuen Nachbarn auszukundschaften.
»Wann werden die es endlich kapieren«, sagte Onkel Vernon und schlug mit seiner großen purpurroten Faust auf den Tisch, »dass Aufknüpfen das einzige Rezept gegen solches Pack ist?«
»Wie wahr«, sagte Tante Petunia, die immer noch zu den Bohnenstangen nebenan hinüberäugte.
Onkel Vernon nahm den letzten Schluck aus seiner Teetasse, warf einen Blick auf die Uhr und fügte hinzu: »Am besten, ich geh gleich, Petunia, Magdas Zug kommt um zehn an.«
Harry, in Gedanken eben noch oben bei seinem Besenpflege-Set, fiel schmerzhaft aus allen Wolken.
»Tante Magda?«, sprudelte es aus ihm heraus. »D-die – die kommt doch nicht etwa zu uns?«
Tante Magda war Onkel Vernons Schwester. Zwar war sie keine Blutsverwandte von Harry (dessen Mutter Tante Petunias Schwester gewesen war), doch man hatte ihn gezwungen, sie die ganze Zeit »Tante« zu nennen. Tante Magda lebte auf dem Land, in einem Haus mit großem Garten, wo sie Bulldoggen züchtete. Sie kam nur selten in den Ligusterweg, weil sie es nicht übers Herz brachte, ihre wertvollen Hunde allein zu lassen, doch jeden ihrer Besuche hatte Harry in schrecklich lebendiger Erinnerung.
Beim Fest zu Dudleys fünftem Geburtstag hatte Tante Magda Harry mit ihrem Gehstock auf die Schienbeine gehauen, damit er Dudley nicht mehr bei der Reise nach Jerusalem schlug. Ein paar Jahre später war sie zu Weihnachten mit einem elektronischen Roboter für Dudley und einem Karton Hundekuchen für Harry aufgetaucht. Bei ihrem letzten Besuch war Harry versehentlich ihrem Lieblingshund auf die Pfote getreten. Ripper hatte Harry hinaus in den Garten und einen Baum hochgejagt und Tante Magda hatte sich bis nach Mitternacht geweigert, ihn zurückzupfeifen. Wenn Dudley sich daran erinnerte, brach er vor Lachen immer noch in Tränen aus.
»Magda wird eine Woche bleiben«, schnarrte Onkel Vernon, »und wenn wir schon beim Thema sind« – er deutete mit einem fetten Finger drohend auf Harry – »sollten wir einiges klarstellen, bevor ich sie abholen gehe.«
Dudley grinste hämisch und wandte den Blick von der Mattscheibe ab. Sein liebster Zeitvertreib war, zu beobachten, wie Harry von Onkel Vernon schikaniert wurde.
»Erstens«, knurrte Onkel Vernon, »hältst du deine Zunge im Zaum, wenn du mit Magda sprichst.«
»Gut«, sagte Harry bitter, »wenn sie es auch tut.«
»Zweitens«, sagte Onkel Vernon und tat so, als hätte er Harrys Antwort nicht gehört, »da Magda nichts von deiner Abnormalität weiß, will ich nicht, dass irgendwas Komisches passiert, während sie hier ist. Du benimmst dich, verstanden?«
»Wenn sie es auch tut«, sagte Harry zähneknirschend.
»Und drittens«, sagte Onkel Vernon, die gemeinen kleinen Augen waren jetzt Schlitze in seinem großen purpurnen Gesicht, »haben wir Magda gesagt, du würdest das St.-Brutus-Sicherheitszentrum für unheilbar kriminelle Jungen besuchen.«
»Was?«, schrie Harry.
»Und du bleibst bei dieser Geschichte, Bursche, oder du kriegst Schwierigkeiten«, fauchte Onkel Vernon.
Zornig und mit bleichem Gesicht starrte Harry Onkel Vernon an. Er konnte es nicht fassen. Tante Magda kam für eine Woche zu Besuch – das war das furchtbarste Geburtstagsgeschenk, das er je von den Dursleys bekommen hatte, verglichen selbst mit Onkel Vernons alten Socken.
»Nun, Petunia«, sagte Onkel Vernon und erhob sich schnaufend, »ich fahre jetzt zum Bahnhof. Kleine Ausfahrt gefällig, Dudders?«
»Nein«, sagte Dudley, der seine Aufmerksamkeit jetzt, da Onkel Vernon aufgehört hatte, Harry zu tyrannisieren, wieder dem Fernseher zugewandt hatte.
»Diddy muss sich für Tantchen fein herausputzen«, sagte Tante Petunia und strich über Dudleys dichtes Blondhaar. »Mamchen hat ihm eine wunderschöne neue Fliege gekauft.«
Onkel Vernon klopfte Dudley auf die fette Schulter.
»Also bis gleich«, sagte er und ging hinaus.
Harry, der in eine Art grauenerfüllte Trance versunken war, fiel plötzlich etwas ein. Er ließ seinen Toast liegen, stand rasch auf und folgte Onkel Vernon zur Haustür.
Onkel Vernon zog seinen Mantel an.
»Dich nehm ich nicht mit«, schnarrte er, als er sich umwandte und Harry erblickte.
»Will ich auch nicht«, sagte Harry kühl. »Ich möchte dich was fragen.«
Onkel Vernon beäugte ihn misstrauisch.
»Drittklässler in Hog…, auf meiner Schule dürfen hin und wieder ins Dorf«, sagte Harry.
»Ach?«, blaffte Onkel Vernon und nahm die Wagenschlüssel vom Haken neben der Tür.
Rasch setzte Harry nach. »Du musst die Einverständniserklärung für mich unterschreiben«, sagte er.
»Und warum sollte ich das tun?«, höhnte Onkel Vernon.
»Nun ja«, sagte Harry und wog sorgfältig seine Worte ab, »es wird ein hartes Stück Arbeit sein, gegenüber Tante Magda so zu tun, als ob ich in dieses St. Wasweißich ginge –«
»St.-Brutus-Sicherheitszentrum für unheilbar kriminelle Jungen!«, bellte Onkel Vernon, und Harry freute sich, einen deutlichen Anflug von Panik in seiner Stimme zu hören.
»Genau«, sagte Harry und sah gelassen hoch in Onkel Vernons großes, rotes Gesicht. »Ich muss mir eine Menge merken. Außerdem soll es sich ja überzeugend anhören, oder? Was, wenn mir aus Versehen etwas rausrutscht?«
»Dann prügle ich dir die Innereien raus!«, polterte Onkel Vernon und trat mit erhobener Faust auf Harry zu. Doch Harry ließ nicht locker. »Die Innereien aus mir herauszuprügeln wird Tante Magda auch nicht vergessen lassen, was ich ihr gesagt haben könnte«, sagte er verbissen.
Onkel Vernon, die Faust immer noch erhoben, erstarrte. Sein Gesicht hatte ein hässliches Braunrot angenommen.
»Aber wenn du meine Einverständniserklärung unterschreibst«, fuhr Harry rasch fort, »schwöre ich, dass ich nicht vergesse, wo ich angeblich zur Schule gehe, und ich führe mich auf wie ein Mug…, als ob ich normal und alles wäre.«
Harry entging nicht, dass Onkel Vernon noch einmal über die Sache nachdachte, auch wenn er die Zähne gefletscht hatte und eine Vene auf seiner Schläfe pochte.
»Schön«, blaffte er endlich. »Ich werde dein Verhalten während Tante Magdas Besuch scharf überwachen. Wenn du am Ende nicht die Grenze überschritten hast und bei der Geschichte geblieben bist, unterschreibe ich dein verdammtes Formular.«
Abrupt drehte er sich um, öffnete die Haustür und schlug sie mit solcher Wucht hinter sich zu, dass eine der kleinen Glasscheiben am oberen Türrand herausfiel.
Harry kehrte nicht in die Küche zurück. Er ging nach oben in sein Zimmer. Wenn er sich wie ein echter Muggel aufführen musste, dann fing er am besten gleich damit an. Widerwillig und traurig sammelte er all seine Geschenke und Geburtstagskarten ein und versteckte sie unter dem losen Dielenbrett, zusammen mit seinen Hausaufgaben. Dann ging er hinüber zu Hedwigs Käfig. Errol hatte sich offenbar erholt; er und Hedwig schliefen mit den Köpfen unter den Flügeln. Harry seufzte und stupste sie beide wach.
»Hedwig«, sagte er niedergeschlagen, »du musst für eine Woche verschwinden. Flieg mit Errol, Ron wird sich um dich kümmern. Ich geb dir eine Nachricht für ihn mit. Und schau mich nicht so an« – Hedwigs große bernsteinfarbene Augen blickten vorwurfsvoll – »es ist nicht meine Schuld. Das ist die einzige Möglichkeit, die Erlaubnis zu kriegen, mit Ron und Hermine nach Hogsmeade zu gehen.«
Zehn Minuten später flatterten Errol und Hedwig (der Harry einen Zettel für Ron ans Bein gebunden hatte) aus dem Fenster und waren bald auf und davon. Harry, dem nun ganz und gar elend war, räumte den leeren Käfig in den Schrank.
Doch er hatte nicht lange Zeit zum Grübeln. Schon kreischte Tante Petunia unten am Fuß der Treppe, Harry solle herunterkommen und sich bereitmachen, den Gast zu begrüßen.
»Mach was mit deinen Haaren«, keifte Tante Petunia, als er im Flur ankam.
Harry sah nicht ein, warum er versuchen sollte, sein Haar glatt zu kämmen. Tante Magda krittelte doch liebend gern an ihm herum, und je zerzauster er aussah, desto glücklicher war sie.
Doch schon war draußen das Knirschen von Kies zu hören, als Onkel Vernon den Wagen in die Einfahrt zurücksetzte, dann das »Klonk« der Wagentüren und schließlich Schritte auf dem Gartenweg.
»An die Tür!«, zischte Tante Petunia.
Mit einem Gefühl im Magen, als würde die Welt untergehen, öffnete Harry die Tür.
Auf der Schwelle stand Tante Magda. Sie war Onkel Vernon sehr ähnlich mit ihrem großen, fleischigen, purpurroten Gesicht. Sie hatte sogar einen Schnurrbart, auch wenn er nicht so buschig war wie seiner. Unter dem einen Arm trug sie einen riesigen Koffer, unter dem anderen klemmte eine alte, bösartige Bulldogge.
»Wo ist denn mein Dudders?«, röhrte Tante Magda. »Wo ist mein Neffilein?«
Dudley kam den Flur entlanggewatschelt, das Blondhaar flach auf den fetten Schädel geklebt, und unter seinen vielen Kinnen lugte gerade noch der Zipfel einer Fliege hervor. Tante Magda wuchtete ihren Koffer in Harrys Magen, dass er nach Luft schnappen musste, drückte Dudley mit einem Arm schraubstockfest an ihr Herz und pflanzte ihm einen Kuss auf die Wange.
Harry wusste genau, dass Dudley Tante Magdas Umarmungen nur ertrug, weil er dafür gut bezahlt wurde. Beim Abschied fand er eine knisternde Zwanzig-Pfund-Note in seiner fetten Faust.
»Petunia!«, rief Tante Magda und schritt an Harry vorbei, als wäre er ein Hutständer. Tante Magda und Tante Petunia küssten sich, besser gesagt ließ Tante Magda ihren massigen Kiefer gegen Tante Petunias hervorstehende Wangenknochen krachen.
Onkel Vernon kam jetzt herein und schloss die Tür mit einem leutseligen Lächeln. »Tee, Magda?«, fragte er. »Und was dürfen wir Ripper anbieten?«
»Ripper kann ein wenig Tee aus meiner Untertasse haben«, sagte Tante Magda, während sie sich in die Küche begaben und Harry im Flur mit dem Koffer allein ließen. Doch Harry beklagte sich nicht; jede Ausrede, nicht mit Tante Magda zusammen sein zu müssen, war ihm recht, und als hätte er alle Zeit der Welt, hievte er den Koffer die Treppe empor ins freie Schlafzimmer.
Als er in die Küche zurückkam, war Tante Magda schon mit Tee und Obstkuchen versorgt und Ripper schlabberte geräuschvoll in der Ecke. Harry bemerkte, wie Tante Petunia leicht die Mundwinkel verzog, weil Ripper ihren sauberen Boden mit Tee und Sabber bespritzte. Tante Petunia konnte Tiere nicht ausstehen.
»Wer kümmert sich denn um die anderen Hunde, Magda?«, fragte Onkel Vernon.
»Ach, ich hab sie in die Obhut von Oberst Stumper gegeben«, strahlte Tante Magda. »Er ist jetzt pensioniert. Ein kleiner Zeitvertreib kann ihm nicht schaden. Aber den armen alten Ripper hab ich nicht dalassen können. Er leidet ja so, wenn er nicht bei mir ist.«
Als Harry sich setzte, begann Ripper zu knurren. Das lenkte Tante Magdas Aufmerksamkeit zum ersten Mal auf Harry.
»So!«, bellte sie, »immer noch hier?«
»Ja«, sagte Harry.
»Sag nicht in diesem unhöflichen Ton ›ja‹, hörst du«, knurrte Tante Magda. »Verdammt gut von Vernon und Petunia, dich hierzubehalten. Ich hätte das nicht getan. Hätten sie dich vor meiner Tür ausgesetzt, wärst du sofort ins Waisenhaus gekommen.«
Harry war drauf und dran zu antworten, er würde lieber in einem Waisenhaus als bei den Dursleys leben, doch der Gedanke an die Erlaubnis für Hogsmeade hielt ihn davon ab. Er zwang sein Gesicht zu einem schmerzhaften Lächeln.
»Grins mich nicht so an!«, donnerte Tante Magda. »Ich sehe, du hast dich seit unserer letzten Begegnung nicht gebessert. Ich hatte gehofft, in der Schule würden sie dir ein paar Manieren einprügeln.« Sie nahm einen kräftigen Schluck Tee, wischte sich den Schnurrbart und sagte: »Wo schickst du ihn noch mal hin, Vernon?«
»Nach St. Brutus«, antwortete Onkel Vernon prompt. »Erstklassige Anstalt für hoffnungslose Fälle.«
»Verstehe«, sagte Tante Magda. »Machen sie in St. Brutus auch vom Rohrstock Gebrauch, Bursche?«, blaffte sie über den Tisch.
»Ähm –«
Onkel Vernon nickte hinter Tante Magdas Rücken.
»Ja«, sagte Harry. Wenn schon, denn schon, überlegte er dann und fügte hinzu: »Tagein, tagaus.«
»Vortrefflich«, sagte Tante Magda. »Dieses windelweiche Wischiwaschi, dass man Leute nicht schlagen soll, die es doch verdienen, kann ich nicht vertragen. In neunundneunzig von hundert Fällen hilft eine gute Tracht Prügel. Hat man dich oft geschlagen?«
»O ja«, sagte Harry, »viele Male.«
Tante Magda verengte die Augen zu Schlitzen.
»Dein Ton gefällt mir immer noch nicht, Bürschchen«, sagte sie. »Wenn du so lässig von deinen Hieben reden kannst, dann schlagen sie offenbar nicht hart genug zu. Petunia, wenn ich du wäre, würde ich dorthin schreiben. Mach ihnen klar, dass du im Falle dieses Jungen den Einsatz äußerster Gewalt gutheißt.«
Vielleicht machte sich Onkel Vernon Sorgen, Harry könnte die Abmachung vergessen haben; jedenfalls wechselte er abrupt das Thema.
»Schon die Nachrichten gehört heute Morgen, Magda? Was sagst du zu der Geschichte mit diesem Ausbrecher?«
Während sich Tante Magda allmählich häuslich einrichtete, erwischte sich Harry bei fast sehnsüchtigen Gedanken an das Leben in Nummer vier ohne sie. Onkel Vernon und Tante Petunia gaben sich meist damit zufrieden, wenn Harry ihnen aus dem Weg ging, und Harry war das nur recht. Tante Magda jedoch wollte Harry ständig im Auge behalten, so dass sie Vorschläge für die Besserung seines Betragens zum Besten geben konnte. Vorzugsweise verglich sie Harry mit Dudley und kaufte Dudley teure Geschenke, während sie Harry tückisch anstarrte, als wollte sie ihn herausfordern zu fragen, warum er nicht auch ein Geschenk bekomme. Auch ließ sie ständig Mutmaßungen fallen, aus welchem Grund wohl Harry zu einer dermaßen unzulänglichen Person geworden sei.
»Du musst dir keinen Vorwurf machen, dass der Junge so geworden ist, Vernon«, sagte sie am dritten Tag beim Mittagessen. »Wenn im Innern etwas Verdorbenes steckt, kann kein Mensch etwas dagegen machen.«
Harry versuchte sich auf das Essen zu konzentrieren, doch seine Hände zitterten und sein Gesicht fing an vor Zorn zu brennen. Denk an die Erlaubnis, mahnte er sich selbst. Denk an Hogsmeade. Sag nichts. Steh nicht auf –
Tante Magda griff nach ihrem Weinglas.
»Das ist eine Grundregel der Zucht«, sagte sie. »Bei Hunden kann man es immer wieder beobachten. Wenn etwas mit der Hündin nicht stimmt, wird auch mit den Welp–«
In diesem Augenblick explodierte das Weinglas in Tante Magdas Hand. Scherben stoben in alle Richtungen davon und Tante Magda prustete und blinzelte und von ihrem großen geröteten Gesicht tropfte der Wein.
»Magda!«, kreischte Tante Petunia. »Magda, hast du dir was getan?«
»Keine Sorge«, grunzte Tante Magda und wischte sich mit der Serviette das Gesicht. »Muss es wohl zu fest gedrückt haben. Ist mir letztens auch bei Oberst Stumper passiert. Kein Grund zur Aufregung, Petunia, ich hab einen ziemlich festen Griff –«
Doch Tante Petunia und Onkel Vernon sahen Harry misstrauisch an, und so beschloss er den Nachtisch lieber wegzulassen und der Tischrunde so bald wie möglich zu entfliehen.
Draußen im Flur lehnte er sich gegen die Wand und atmete tief durch. Es war schon lange her, dass er die Beherrschung verloren und etwas hatte explodieren lassen. Das durfte ihm auf keinen Fall noch mal passieren. Die Erlaubnis für Hogsmeade war nicht das Einzige, was auf dem Spiel stand – wenn er so weitermachte, würde er auch noch Schwierigkeiten mit dem Zaubereiministerium kriegen.
Harry war immer noch ein minderjähriger Zauberer und es war ihm nach dem Zauberergesetz verboten, außerhalb der Schule zu zaubern. Er hatte zudem keine ganz weiße Weste. Erst letzten Sommer hatte er eine offizielle Verwarnung bekommen, in der es klar und deutlich hieß, falls das Ministerium noch einmal von Zauberei im Ligusterweg Wind bekäme, würde ihm der Schulverweis von Hogwarts drohen.
Er hörte die Dursleys aufstehen und verschwand rasch nach oben.
Die nächsten Tage überstand Harry, indem er sich zwang, an sein Do-it-yourself-Handbuch zur Besenpflege zu denken, wann immer Tante Magda es auf ihn anlegte. Das klappte ganz gut, auch wenn sein Blick dabei offenbar etwas glasig wurde, denn Tante Magda begann die Meinung zu äußern, er sei geistig unterbelichtet.
Endlich, nach einer Ewigkeit, brach der letzte Abend von Tante Magdas Aufenthalt an. Tante Petunia kochte ein schickes Essen und Onkel Vernon entkorkte mehrere Flaschen Wein. Sie schafften es durch die Suppe und den Lachs, ohne Harrys Charaktermängel auch nur mit einem Wort zu erwähnen; bei der Zitronen-Meringe-Torte langweilte Onkel Vernon alle mit einem Vortrag über Grunnings, seine Bohrerfirma. Dann kochte Tante Petunia Kaffee und Onkel Vernon stellte eine Flasche Kognak auf den Tisch.
»Ein Schlückchen, Magda?«
Tante Magda hatte dem Wein bereits ausgiebig zugesprochen. Ihr riesiges Gesicht war puterrot.
»Aber nur ein winziges, bitte«, kicherte sie. »Noch ein wenig – und noch ein bisschen – so ist es fein.«
Dudley verspeiste sein viertes Stück Torte. Tante Petunia schlürfte mit abgespreiztem kleinem Finger an ihrem Kaffee. Harry wollte sich eigentlich in sein Zimmer verziehen, doch als er in Onkel Vernons zornige kleine Augen blickte, wusste er, dass er es aussitzen musste.
»Aah«, sagte Tante Magda, stellte das leere Glas auf den Tisch und leckte sich die Lippen. »Ausgezeichneter Schmaus, Petunia. Normalerweise wärm ich mir abends nur was auf, wo ich mich doch um zwölf Hunde kümmern muss …« Sie rülpste herzhaft und tätschelte ihren runden tweedbedeckten Bauch. »Verzeihung. Aber ich für meinen Teil sehe gern einen Jungen, der gut beieinander ist«, fuhr sie fort und zwinkerte Dudley zu. »Du wirst sicher mal ein stattlicher Mann, Dudders, wie dein Vater. Ja, danke, Vernon, noch ein winziges Schlückchen Kognak …«
»Aber der da –«
Sie ruckte mit dem Kopf in Richtung Harry, dessen Magen sich verkrampfte.
Das Handbuch, dachte er rasch.
»Der da hat ein fieses, zwergenhaftes Aussehen. Das sieht man auch bei Hunden. Letztes Jahr hab ich Oberst Stumper einen ertränken lassen. Rattiges kleines Ding. Schwach. Unterzüchtet.«
Harry versuchte sich Seite zwölf seines Buches in Erinnerung zu rufen: Ein Zauber zur Kur renitenter Rückwärtsgänger.
»Alles eine Frage des Blutes, sag ich immer. Schlechtes Blut zeigt sich einfach. Nun, ich will nichts gegen eure Familie sagen, Petunia –«, sie tätschelte Tante Petunias Hand mit ihrer eigenen schaufelgroßen, »– aber deine Schwester war ein faules Ei. Kommt in den besten Familien vor. Dann ist sie mit diesem Taugenichts abgehauen, und was dabei herauskam, sitzt hier vor uns.«
Harry starrte auf seinen Teller, ein merkwürdiges Klingeln in den Ohren. Packen Sie Ihren Besen fest am Schweif, dachte er. Doch er wusste nicht mehr, was dann kam. Tante Magda schien in ihn hineinzubohren wie einer von Onkel Vernons Bohrern.
»Dieser Potter«, sagte Tante Magda laut, griff sich die Flasche und schüttete Kognak in ihr Glas und auf das Tischtuch, »ihr habt mir nie gesagt, was er beruflich gemacht hat!«
Onkel Vernon und Tante Petunia schienen auf glühenden Kohlen zu sitzen. Sogar Dudley hatte den Blick von der Torte erhoben und starrte seine Eltern an.
»Er – er hat nicht gearbeitet«, sagte Onkel Vernon und warf Harry einen kurzen Blick zu. »War arbeitslos.«
»Das hab ich mir gedacht!«, sagte Tante Magda, nahm einen gewaltigen Schluck Kognak und wischte sich mit dem Ärmel das Kinn. »Ein fauler Rumtreiber, der –«
»War er nicht«, sagte Harry plötzlich. Am Tisch trat jähe Stille ein. Harry zitterte am ganzen Körper. Noch nie war er so zornig gewesen.
»Noch Kognak!«, schrie Onkel Vernon, der käseweiß geworden war. Er schüttete den Rest der Flasche in Tante Magdas Glas.
»Und du, Bursche«, fauchte er Harry an, »du gehst zu Bett, verschwinde –«
»Nein, Vernon«, hickste Tante Magda mit erhobener Hand, während sie ihre kleinen, blutunterlaufenen Augen fest auf Harry richtete. »Sprich weiter, Bürschchen, nur weiter. Stolz auf deine Eltern, nicht wahr? Da gehen die doch einfach hin und fahren sich zu Tode – betrunken, nehm ich an –«
»Sie sind nicht bei einem Autounfall gestorben!«, sagte Harry, der plötzlich auf den Füßen stand.
»Sind sie sehr wohl, du frecher kleiner Lügner, und sie haben dich zurückgelassen als Last für ihre anständigen, hart arbeitenden Verwandten!«, schrie Tante Magda und schwoll vor Zorn an. »Du bist ein unverschämter, undankbarer kleiner –«
Doch Tante Magda verstummte plötzlich. Einen Moment lang sah es so aus, als fehlten ihr die Worte. Sie schien vor unsäglicher Wut anzuschwellen – doch es nahm kein Ende. Ihr großes rotes Gesicht dehnte sich aus, die winzigen Augen traten hervor und der Mund war so fest gespannt, dass sie nicht mehr sprechen konnte – und jetzt rissen einige Knöpfe von ihrer Tweedjacke und flogen gegen die Wände – sie schwoll an wie ein monströser Ballon, ihr Bauch platzte jetzt durch ihren Tweedbund, jeder einzelne Finger blähte sich zu Salamigröße auf –
»Magda«, schrien Onkel Vernon und Tante Petunia wie aus einem Munde, als Tante Magdas ganzer Körper vom Stuhl abhob. Sie war jetzt kugelrund wie eine riesige Rettungsboje mit Schweinchenaugen, Hände und Füße standen merkwürdig ab, während sie unter Würgen und Puffen in die Höhe schwebte. Ripper kam ins Zimmer gewatschelt und fing an wie verrückt zu bellen.
»Neeeeeeeiiin!«
Onkel Vernon packte Magda an einem Fuß und versuchte sie herunterzuziehen, doch er selbst hob beinahe vom Boden ab. Im nächsten Augenblick machte Ripper einen Satz und versenkte die Zähne in Onkel Vernons Bein.
Harry verschwand aus dem Esszimmer, bevor ihn jemand aufhalten konnte, und rannte zum Schrank unter der Treppe. Die Schranktür sprang von Zauberhand auf, als er sich näherte. Im Handumdrehen hatte er seinen großen Reisekoffer zur Haustür geschleift. Er sprintete die Treppe hoch, hechtete unter das Bett, riss das lose Dielenbrett heraus und griff sich den Kissenüberzug mit seinen Büchern und Geschenken. Er kroch unter dem Bett hervor, packte Hedwigs leeren Käfig und stürzte die Treppe hinunter zu seinem Koffer, gerade als Onkel Vernon, die Hose in blutige Fetzen gerissen, aus dem Esszimmer platzte.
»Komm zurück!«, bellte er, »komm rein und bring sie wieder in Ordnung!«
Doch Harry hatte ein rücksichtsloser Zorn überwältigt. Er stieß den Kofferdeckel auf, zog seinen Zauberstab heraus und richtete ihn auf Onkel Vernon.
»Sie hat es verdient«, sagte er nach Atem ringend, »sie hat verdient, was sie bekommen hat. Und du bleibst mir vom Hals.«
Er langte hinter sich und fummelte an der Türkette.
»Ich gehe«, sagte Harry. »Mir reicht’s.«
Und schon war er draußen auf der dunklen, stillen Straße, den Koffer hinter sich herziehend und Hedwigs Käfig unter dem Arm.
Der Fahrende Ritter
Harry zog mit dem schweren Koffer im Schlepptau durch die nächtlichen Straßen und sank schließlich keuchend auf ein Mäuerchen am Magnolienring. Reglos saß er da, doch noch immer kochte in ihm der Zorn und er spürte das rasende Pochen seines Herzens in den Ohren.
Nach zehn Minuten allein auf der dunklen Straße überkam ihn ein neues Gefühl: Panik. Wie er die Sache auch immer drehte und wendete, er war noch nie in einer so miserablen Lage gewesen, allein, auf sich gestellt, in der dunklen Welt der Muggel gestrandet und weit und breit niemand, an den er sich hätte wenden können. Das Schlimmste jedoch war, dass er gerade mutwillig gezaubert hatte, und das bedeutete, dass sie ihn fast sicher aus Hogwarts rauswerfen würden. Er hatte die Verordnung zur Beschränkung der Zauberei Minderjähriger so krass verletzt, dass er sich wunderte, dass die Vertreter des Zaubereiministeriums nicht hier und jetzt auf ihn niedersausten.
Zitternd sah er den Magnolienring entlang. Was würde mit ihm geschehen? Würden sie ihn verhaften oder ihn nur aus der Zaubererwelt verbannen? Er dachte an Ron und Hermine, und das Herz wurde ihm noch schwerer. Ron und Hermine, ob er nun kriminell war oder nicht, würden ihm jetzt sicher helfen, doch sie waren beide im Ausland, und ohne Hedwig hatte er keine Möglichkeit, Verbindung mit ihnen aufzunehmen.
Außerdem hatte er kein Muggelgeld. Ein wenig Zauberergold war im Geldbeutel unten im Koffer, doch der Rest des Vermögens, das ihm seine Eltern hinterlassen hatten, lagerte in einem Verlies der Gringotts-Zaubererbank in London. Seinen Koffer bis nach London zu schleifen würde er nie schaffen. Außer …
Er sah hinunter auf seinen Zauberstab, den er immer noch umklammert hielt. Wenn er schon rausgeworfen war (sein Herz pochte nun so schnell, dass es wehtat), konnte noch ein wenig mehr Zauberei nicht weiter schaden. Er hatte den Tarnumhang, den er von seinem Vater geerbt hatte – was, wenn er den Koffer verzauberte, so dass er federleicht war, ihn an seinen Besen band, sich den Umhang überwarf und einfach nach London flog? Dann konnte er den Rest seines Geldes aus dem Verlies holen und … sein neues Leben als Verbannter beginnen. Eine fürchterliche Aussicht, doch er konnte ja nicht ewig auf dieser Mauer sitzen und am Ende noch der Muggelpolizei erklären müssen, warum er sich mitten in der Nacht mit einem Koffer voller Zauberbücher und einem Besen herumtrieb.
Harry öffnete den Koffer und kramte unter seinen Sachen nach dem Tarnumhang. Doch bevor er ihn gefunden hatte, richtete er sich plötzlich auf und sah sich um.
Ein komisches Prickeln im Nacken gab ihm das Gefühl, er würde beobachtet. Doch die Straße schien immer noch menschenleer und kein Fenster der großen, quadratischen Häuser war erleuchtet.
Er beugte sich wieder über seinen Koffer, doch fast sofort stand er erneut auf, die Hand um den Zauberstab geklammert. Er ahnte es eher, als dass er es hörte: Jemand oder etwas stand hinter ihm, im schmalen Durchgang zwischen dem Zaun und einer Garage. Harry spähte in die Dunkelheit hinein. Wenn es sich nur bewegen würde, dann würde er sehen, ob es nur eine streunende Katze war – oder etwas anderes.
»Lumos«, murmelte Harry und an der Spitze seines Zauberstabes erschien ein Licht, das ihn fast blendete. Er hielt den Zauberstab hoch über den Kopf, und die rau verputzten Mauern von Nummer zwei glitzerten plötzlich; die Garagentür schimmerte und dazwischen sah Harry ganz deutlich die mächtigen Umrisse von etwas sehr Großem mit weit aufgerissenen, glühenden Augen.
Harry wich zurück – er stieß mit dem Bein gegen seinen Koffer und stolperte. Der Zauberstab flog ihm aus der Hand, als er einen Arm ausstreckte, um den Sturz abzufangen, und er landete schmerzhaft im Rinnstein.
Da ertönte ein ohrenbetäubender Knall und Harry riss die Hände vors Gesicht, um seine Augen vor dem jähen, blendenden Licht eines Scheinwerfers zu schützen.
Mit einem Schrei rollte er zurück auf den Gehweg, gerade noch rechtzeitig. Eine Sekunde später kam ein gigantisches Paar Reifen ebendort quietschend zum Stehen, wo Harry gerade gelegen hatte. Sie gehörten, wie er erkannte, als er den Kopf hob, zu einem grellvioletten Bus, einem Dreidecker, der aus dem Nichts aufgetaucht war. Goldene Lettern über der Windschutzscheibe verkündeten: Der Fahrende Ritter.
Einen kurzen Moment lang fragte sich Harry, ob er nach seinem Sturz noch alle Tassen im Schrank hatte. Dann sprang ein Schaffner in violetter Uniform aus dem Bus und begann laut in die Nacht hinein zu sprechen.
»Willkommen im Fahrenden Ritter, dem Nottransporter für gestrandete Hexen und Zauberer. Strecken Sie einfach die Zauberstabhand aus, steigen Sie ein und wir fahren Sie, wohin Sie wollen. Mein Name ist Stan Shunpike und ich bin für heute Abend Ihr Schaff–«
Der Schaffner verstummte jäh. Er hatte Harry entdeckt, der immer noch auf dem Boden saß. Harry hob seinen Zauberstab auf und rappelte sich hoch. Von nahem sah er, dass Stan Shunpike nur ein paar Jahre älter war als er; achtzehn oder neunzehn höchstens, mit großen, abstehenden Ohren und einer hübschen Portion Pickel.
»Was hast du denn da unten gesucht?«, fragte Stan, jetzt ganz ohne seinen beruflichen Ernst.
»Bin hingefallen«, sagte Harry.
»Wozu das denn?«, kicherte Stan.
»War keine Absicht«, sagte Harry genervt. Seine Jeans war an einem Knie aufgerissen und die Hand, die er ausgestreckt hatte, um sich abzufangen, blutete. Plötzlich fiel ihm ein, warum er gestürzt war, drehte sich auf den Fersen um und starrte auf den Durchgang zwischen dem Zaun und der Garage. Die Scheinwerfer des Fahrenden Ritters überfluteten ihn mit Licht – und nichts war zu sehen.
»Wen suchste denn?«, fragte Stan.
»Da war etwas Großes und Schwarzes«, sagte Harry und deutete unsicher auf den Durchgang. »Wie ein Hund … aber riesig …«
Er drehte sich zu Stan um, dessen Mund halb offen stand. Harry war mulmig zumute, als er Stans Augen zu der Narbe auf seiner Stirn wandern sah.
»Was’n das auf deinem Kopf?«, sagte Stan abrupt.
»Nichts«, sagte Harry schnell und patschte sich die Haare auf seine Narbe. Wenn das Zaubereiministerium nach ihm suchte, wollte er es ihnen nicht zu einfach machen.
»Wie heißt’n du?«, bohrte Stan nach.
»Neville Longbottom.« Das war der erstbeste Name, der ihm einfiel. »Also – also dieser Bus«, fuhr er rasch fort in der Hoffnung, Stan ablenken zu können, »du sagst, er fährt überallhin?«
»Jep«, sagte Stan stolz, »wo immer du hinwillst, solange es auf Land ist. Unter Wasser geht’s nich.« Wieder sah er Harry misstrauisch an. »Hör mal, du hast uns doch gewinkt, oder? Hast deinen Zauberstab ausgestreckt, nich wahr?«
»Ja«, sagte Harry rasch. »Hör mal, wie viel würde es nach London kosten?«
»Elf Sickel«, sagte Stan, »aber für dreizehn kriegst du heiße Schokolade und für fünfzehn eine Wärmflasche und eine Zahnbürste in der Farbe deiner Wahl.«
Wieder kramte Harry in seinem Koffer, zog seinen Geldbeutel heraus und zählte etwas Silber in Stans Hand. Dann hoben sie gemeinsam den Koffer und Hedwigs Käfig die Stufen des Busses empor.
Es gab keine Sitze; ein halbes Dutzend Messingbetten stand entlang der vorhangbezogenen Fenster. Neben jedem Bett brannten Kerzen in Haltern und beleuchteten die holzgetäfelten Wände. Hinten im Bus nuschelte ein winziger Zauberer mit Nachtmütze: »Nicht jetzt, danke, ich pökle gerade ein paar Schnecken«, drehte sich um und schlief weiter.
»Das ist deins«, flüsterte Stan und schob Harrys Koffer unter das Bett gleich hinter dem Fahrer, der in einem Lehnstuhl vor dem Steuer saß. »Das ist unser Fahrer, Ernie Prang. Ern, das ist Neville Longbottom.«
Ernie Prang, ein älterer Zauberer mit sehr dicken Brillengläsern, nickte Harry zu, der noch einmal nervös die Haare auf die Stirn klatschte und sich auf sein Bett setzte.
»Leg los, Ern«, sagte Stan und setzte sich in den Sessel neben Ernie.
Es gab einen weiteren gewaltigen Knall und im nächsten Moment lag Harry flach auf dem Bett, hingeworfen durch die Beschleunigung des Fahrenden Ritters. Er rappelte sich hoch, starrte aus dem Fenster und sah, dass sie nun eine ganz andere Straße entlangrollten. Stan musterte Harrys verdutztes Gesicht mit großem Vergnügen.
»Hier waren wir, bevor du uns runtergewinkt hast«, sagte er. »Wo sind wir, Ern? Irgendwo in Wales?«
»Hmm«, sagte Ernie.
»Wie kommt es, dass die Muggel den Bus nicht hören?«, fragte Harry.
»Die!«, sagte Stan verächtlich. »Hörn nicht richtig hin, nich wahr? Gucken auch nicht richtig. Merken nie nichts, nee.«
»Am besten, du weckst Madam Marsh auf, Stan«, sagte Ern. »Wir sind gleich in Abergavenny.«
Stan ging an Harrys Bett vorbei, stieg eine schmale Holztreppe hoch und verschwand. Harry sah immer noch aus dem Fenster, zunehmend nervös. Ernie schien den Gebrauch eines Steuers noch nicht gemeistert zu haben. Der Fahrende Ritter holperte immer wieder über Gehwege, doch nie krachte es. Reihenweise Laternenpfähle, Briefkästen und Mülleimer sprangen ihm aus dem Weg, wenn er sich näherte, und zurück auf ihren Platz, wenn er vorbei war.
Stan kam wieder herunter, gefolgt von einer Hexe, die in einen Reiseumhang eingehüllt war und ein bisschen grün im Gesicht wirkte.
»Da sind wir, Madam Marsh«, sagte Stan glücklich, als Ern auf die Bremse trat und die Betten ungefähr einen halben Meter in Richtung Fahrersitz schlitterten. Doch Madam Marsh drückte sich nur schnell ein Taschentuch gegen den Mund und wankte die Stufen hinunter. Stan warf ihr die Tasche hinterher und schlug die Tür zu. Wieder ertönte ein lauter Knall und sie donnerten eine schmale Allee entlang, an deren Rand die Bäume aus dem Weg sprangen.
Harry hätte ohnehin nicht schlafen können, selbst wenn er nicht in einem Bus gesessen hätte, der ständig laut knallte und hundertfünfzig Kilometer auf einmal überspringen konnte. Ihm drehte sich der Magen, als ihm wieder die Frage einfiel, was wohl mit ihm geschehen würde und ob die Dursleys es schon geschafft hatten, Tante Magda von der Decke zu holen.
Stan hatte inzwischen eine Ausgabe des Tagespropheten aufgeschlagen und las mit der Zunge zwischen den Zähnen in dem Blatt. Ein großes Foto von einem Mann mit eingesunkenem Gesicht und langem, verfilztem Haar blickte Harry von der Titelseite entgegen. Es kam ihm merkwürdig bekannt vor.
»Der Mann da!«, sagte Harry und vergaß für eine Weile seine Sorgen, »er war in den Muggelnachrichten.«
Stanley blätterte zur Titelseite zurück und kiekste.
»Sirius Black«, sagte er kopfnickend. »Natürlich war er in den Muggelnachrichten, Neville. Wo hast du eigentlich gesteckt?«
Beim Anblick von Harrys ratloser Miene kicherte er überlegen, riss die Titelseite heraus und gab sie Harry.
»Du solltest mehr Zeitung lesen, Neville.«
Harry hielt das Blatt ins Kerzenlicht und las:
Black immer noch auf freiem Fuß
Sirius Black, der wohl berüchtigtste Gefangene, der je in der Festung von Askaban saß, ist immer noch auf der Flucht, wie das Zaubereiministerium heute bestätigte.
»Wir tun alles, was wir können, um Black zu fassen«, sagte Zaubereiminister Cornelius Fudge heute Morgen, »und wir bitten alle Hexen und Zauberer, Ruhe zu bewahren.«
Fudge wurde von Mitgliedern der Internationalen Vereinigung von Zauberern kritisiert, weil er den Premierminister der Muggel von der Krise unterrichtet hatte.
»Nun, es blieb mir nichts anderes übrig, wissen Sie«, sagte der verärgert wirkende Fudge. »Black ist verrückt. Er ist eine Gefahr für jeden, der ihm über den Weg läuft, ob Magier oder Muggel. Der Premierminister hat mir versichert, dass er kein Wort darüber verlauten lassen wird, wer Black in Wahrheit ist. Und seien wir ehrlich – wer würde ihm schon glauben?«
Während die Muggel gewarnt wurden, dass Black mit einer Pistole bewaffnet ist (eine Art metallener Zauberstab, mit dem sich die Muggel gegenseitig umbringen), lebt die Zauberergemeinschaft in Furcht vor einem weiteren Massaker wie dem vor zwölf Jahren, als Black mit einem einzigen Fluch dreizehn Menschen tötete.
Harry sah in die überschatteten Augen von Sirius Black, die einzige Partie des eingesunkenen Gesichts, die lebendig schien. Harry hatte nie einen Vampir getroffen, doch er hatte Bilder von ihnen im Unterricht gesehen, in Verteidigung gegen die dunklen Künste, und Black, mit seiner wachsweißen Haut, sah genau wie ein Vampir aus.
»Kann einem ganz schön Angst einjagen, nich wahr?«, sagte Stan, der Harry beim Lesen beobachtet hatte.
»Er hat dreizehn Menschen umgebracht?«, sagte Harry und gab Stan die Seite zurück, »mit einem Fluch?«
»Jep«, sagte Stan, »und auch noch vor Zeugen. Am helllichten Tag. Gab ’n ziemlichen Aufruhr, nich wahr, Ern?«
»Hmm«, mümmelte Ernie.
Stan, die Hände auf der Rückenlehne, drehte sich mitsamt Stuhl herum, um Harry besser sehen zu können.
»Black war ein großer Anhänger von Du-weißt-schon-wem«, sagte er.
»Wie, Voldemort?«, sagte Harry unbedacht.
Selbst Stans Pickel wurden weiß; Ern riss das Steuer so heftig herum, dass ein ganzer Bauernhof dem Bus aus dem Weg springen musste.
»Hast du sie nicht mehr alle?«, keuchte Stan. »Wozu sagst du seinen Namen?«
»Tut mir leid«, sagte Harry hastig, »entschuldigt, ich – ich hab vergessen –«
»Vergessen!«, sagte Stan mit matter Stimme. »Du lieber Junge, mein Herz pocht so schnell …«
»Also – war Black ein Anhänger von Du-weißt-schon-wem?«, hakte Harry zerknirscht nach.
»Ja«, sagte Stan und rieb sich die Brust. »Ja, das stimmt. Stand Du-weißt-schon-wem sehr nahe, heißt es. Jedenfalls, als der kleine Harry Potter mit Du-weißt-schon-wem Schluss machte –«
Wieder strich sich Harry nervös die Haare in die Stirn.
»– wurden alle Anhänger von Du-weißt-schon-wem aufgespürt, nich wahr, Ern? Die meisten wussten, dass alles vorbei war, wo doch Du-weißt-schon-wer verschwunden war, und sie gaben klein bei. Aber nicht Sirius Black. Hab gehört, er dachte, er würde der zweite Mann sein, wenn Du-weißt-schon-wer eines Tages die Macht übernommen hätte.
Jedenfalls haben sie Black mitten auf einer Straße voller Muggel eingekreist und Black hat seinen Zauberstab gezogen und die halbe Straße in die Luft gejagt. Einen Zauberer hat er dabei erwischt und auch ein Dutzend Muggel, die im Weg waren. Furchtbar, nich? Und weißt du, was Black dann getan hat?«, fuhr Stan dramatisch flüsternd fort.
»Was?«, sagte Harry.
»Gelacht«, sagte Stan. »Hat einfach dagestanden und gelacht. Und als die Verstärkung aus dem Zaubereiministerium ankam, hat er sich seelenruhig abführen lassen und hat sich die ganze Zeit geschüttelt vor Lachen. Weil er verrückt ist, nich wahr, Ern? Isser nich verrückt?«
»Wenn er’s nich war, als er nach Askaban kam, dann isser’s spätestens jetzt«, sagte Ern in seiner langsamen Art. »Würd mich in die Luft jagen, bevor ich einen Fuß dort hineinsetze. Geschieht ihm aber recht … nach dem, was er getan hat …«
»War ’n ziemlicher Aufwand, die Sache zu vertuschen, nich wahr, Ern?«, sagte Stan. »Ganze Straße in Schutt und Asche und all die toten Muggel. Was, haben sie noch mal gesagt, sei passiert, Ern?«
»Gasexplosion«, brummte Ernie.
»Und jetzt isser raus«, sagte Stan und begutachtete erneut das Zeitungsfoto von Sirius Blacks ausgemergeltem Gesicht. »Hat noch nie jemand geschafft, aus Askaban auszubrechen, nich, Ern? Frag mich, wie er’s hingekriegt hat. Jagt einem ganz schön Angst ein, nich wahr? Mann, ich kann mir gar nicht vorstellen, wie er das gegen die Askaban-Wärter geschafft hat, ne, Ern!«
Ernie zitterte plötzlich.
»Lass uns über was andres reden, Stan, alter Junge. Wenn ich an diese Wärter in Askaban denke, wird mir ganz anders.«
Widerstrebend legte Stan die Zeitung weg und Harry, der sich jetzt elender fühlte als je zuvor, lehnte sich an ein Fenster. Unwillkürlich stellte er sich vor, was Stan in ein paar Nächten seinen Passagieren erzählen würde.
»Habt ihr von Harry Potter gehört? Hat seine Tante aufgeblasen! Wir ham ihn hier im Fahrenden Ritter gehabt, oder, Ernie? Hat versucht zu entkommen …«
Er, Harry, hatte das Zaubergesetz gebrochen, genau wie Sirius Black. War Tante Magda aufzublasen schlimm genug, um in Askaban zu landen? Harry wusste nichts über das Zauberergefängnis, nur dass jeder, den er es hatte erwähnen hören, im gleichen angsterfüllten Ton gesprochen hatte. Hagrid, der Wildhüter von Hogwarts, hatte erst letztes Jahr zwei Monate dort verbracht. Harry würde den Ausdruck des Entsetzens auf Hagrids Gesicht, als er hörte, dass er dorthin musste, niemals vergessen, und Hagrid war einer der mutigsten Menschen, die er kannte.
Der Fahrende Ritter rollte durch die Dunkelheit, und Büsche und Poller, Telefonhäuschen und Bäume links und rechts des Weges hüpften davon. Harry lag ruhelos und niedergeschlagen auf seinem Federbett. Nach einer Weile fiel Stan ein, dass Harry für heiße Schokolade bezahlt hatte, doch er schüttete alles über Harrys Kopfkissen, als der Bus mit einem Schlag von Anglesey nach Aberdeen sprang. Nach und nach kamen Zauberer und Hexen in Morgenmänteln und Pantoffeln von den oberen Decks herunter und stiegen aus. Alle schienen sehr glücklich darüber zu sein.
Schließlich war Harry als letzter Passagier übrig geblieben.
»Lass hören, Neville«, sagte Stan und klatschte in die Hände, »wohin in London?«
»Winkelgasse«, sagte Harry.
»Na gut«, sagte Stan, »dann halt dich mal fest –«
Knall!
Sie donnerten über die Charing Cross Road. Harry setzte sich auf und sah zu, wie sich Häuser und Bänke aus dem Weg des Fahrenden Ritters quetschten. Am Himmel wurde es allmählich heller. Er würde sich ein paar Stunden hinlegen, dann zur Gringotts gehen, sobald sie öffnete, und dann fliehen – wohin, wusste er nicht.
Ern trat jählings auf die Bremse und der Bus kam mit quietschenden Reifen vor einem kleinen, schäbig wirkenden Pub zum Stehen, dem Tropfenden Kessel, hinter dem das magische Tor zur Winkelgasse lag.
»Danke«, sagte Harry zu Ern.
Er sprang die Stufen hinunter und half Stan, seinen Koffer und Hedwigs Käfig auf den Gehweg zu hieven.
»Na dann«, sagte Harry, »auf Wiedersehen!«
Doch Stan hörte ihn nicht. Er stand immer noch an der Bustür und glotzte auf den dunklen Eingang des Tropfenden Kessels.
»Da bist du ja, Harry«, sagte eine Stimme.
Bevor Harry sich umdrehen konnte, spürte er eine Hand auf seiner Schulter. Und im gleichen Moment schrie Stan: »Wahnsinn! Ern, komm mal her! Komm her!«
Harry blickte hoch zum Besitzer der Hand auf seiner Schulter und ihm war plötzlich, als würde ein Eimer Eis in seinen Magen geschüttet – er war geradewegs in die Arme des Zaubereiministers Cornelius Fudge gelaufen.
Stan sprang neben ihn auf den Gehweg.
»Wie haben Sie Neville gerade genannt, Herr Minister?«, fragte er aufgeregt.
Fudge, ein beleibter kleiner Mann in langem Nadelstreifenumhang, sah durchfroren und erschöpft aus.
»Neville?«, wiederholte er stirnrunzelnd. »Das ist Harry Potter.«
»Ich hab’s doch gewusst«, rief Stan schadenfroh. »Ern! Ern! Rat mal, wer Neville ist, Ern! ’s ist Harry Potter! Ich kann seine Narbe sehen!«
»Ja«, sagte Fudge unwirsch. »Nun, ich bin sehr froh, dass der Fahrende Ritter Harry aufgelesen hat. Wir beide gehen jetzt rein in den Tropfenden Kessel –«
Fudge verstärkte den Druck seiner Hand auf Harrys Schulter und Harry musste sich von ihm in den Pub bugsieren lassen. Eine gebeugte Gestalt mit einer Laterne kam durch die Tür hinter der Bar. Es war Tom, der verhutzelte, zahnlose Wirt.
»Sie haben ihn, Herr Minister!«, sagte Tom. »Wünschen Sie etwas? Bier? Kognak?«
»Vielleicht eine Kanne Tee«, sagte Fudge, der Harry immer noch fest im Griff hielt.
Hinter sich hörten sie ein lautes Kratzen und Keuchen und dann erschienen Stan und Ern mit Harrys Koffer und Hedwigs Käfig. Sie sahen sich nervös um.
»Wieso haste uns denn nicht gesagt, wer du bist, he, Neville?«, sagte Stan und strahlte Harry an, während Ernies eulenhaftes Gesicht interessiert über Stans Schulter lugte.
»Und einen Raum, wo wir ungestört sein können, bitte, Tom«, sagte Fudge ungeduldig.
»Tschau«, sagte Harry bedrückt zu Stan und Ern, während Tom den Minister zum Durchgang hinter der Bar wies.
»Tschau, Neville«, rief Stan.
Tom ging mit erhobener Laterne voran und Fudge geleitete Harry durch den schmalen Gang in ein kleines Hinterzimmer. Tom schnippte mit den Fingern, ein kleines Feuer entflammte im Kamin und mit einer Verbeugung ging er hinaus.
»Setz dich, Harry«, sagte Fudge und wies auf einen Stuhl neben dem Kamin.
Harry setzte sich; trotz des wärmenden Feuers kroch ihm eine Gänsehaut die Arme empor. Fudge zog seinen Nadelstreifenumhang aus und warf ihn beiseite, dann krempelte er die Hosenbeine seines flaschengrünen Anzugs hoch und setzte sich Harry gegenüber.
»Ich bin Cornelius Fudge, Harry. Der Zaubereiminister.«
Das wusste Harry natürlich; er hatte Fudge schon einmal gesehen, doch damals hatte er den Tarnumhang seines Vaters getragen und Fudge erfuhr besser nichts von dieser Geschichte.
Tom, der Wirt, tauchte wieder auf, mit einer Schürze über seinem Nachthemd und einem Tablett mit Tee und kleinen Brötchen. Er stellte das Tablett auf den Tisch zwischen Fudge und Harry, ging hinaus und schloss die Tür hinter sich.
»Nun, Harry«, sagte Fudge und schenkte ihnen Tee ein, »du hast uns ganz schön in die Bredouille gebracht, das will ich dir offen sagen. Einfach so aus dem Haus deiner Verwandten wegrennen! Ich fürchtete schon … aber du bist in Sicherheit, und das ist alles, was zählt.«
Fudge butterte eine Brötchenhälfte und schob den Teller Harry zu.
»Iss, Harry, du siehst ganz schön mitgenommen aus. Nun denn …
Es wird dich sicher freuen zu hören, dass wir die bedauernswerte Sache mit der aufgeblasenen Miss Magdalene Dursley bereinigt haben. Zwei Mitarbeiter des Kommandos für die Umkehr verunglückter Zauberei wurden vor ein paar Stunden in den Ligusterweg beordert. Miss Dursley wurde aufgestochen und ihr Gedächtnis ein klein wenig verändert. Sie hat keinerlei Erinnerung an den Vorfall. Es ist also nichts passiert, und die Sache ist erledigt.«
Fudge lächelte Harry über den Rand seiner Teetasse hinweg an, ganz wie ein guter Onkel, der seinem Lieblingsneffen ein hübsches Geschenk gemacht hat. Harry, der seinen Ohren nicht trauen wollte, öffnete den Mund, doch ihm fiel nichts ein, was er hätte sagen können, und er klappte ihn wieder zu.
»Aah, du machst dir Sorgen, wie Tante und Onkel reagieren?«, sagte Fudge. »Nun, ich will nicht bestreiten, dass sie äußerst wütend sind, Harry, aber sie sind bereit, dich nächsten Sommer wieder aufzunehmen, solange du über Weihnachten und Ostern in Hogwarts bleibst.«
Harry räusperte sich.
»In den Weihnachtsferien und den Osterferien bleibe ich immer in Hogwarts«, sagte er, »und in den Ligusterweg will ich nie wieder zurück.«
»Schon gut, schon gut, Harry, wenn du dich erst einmal beruhigt hast, denkst du sicher anders darüber«, sagte Fudge in besorgtem Ton. »Es ist schließlich deine Familie, und ich bin sicher, ihr mögt euch alle miteinander – ähm – tief im Grunde eurer Herzen.«
Es wäre Harry nicht in den Sinn gekommen, Fudge eines Besseren zu belehren. Er wartete immer noch darauf zu hören, was jetzt mit ihm passieren würde.
»Also müssen wir nur noch klären«, sagte Fudge und butterte sich sein zweites Brötchen, »wo du die letzten drei Ferienwochen verbringst. Ich schlage vor, du nimmst hier im Tropfenden Kessel ein Zimmer und –«
»Moment mal«, brach es aus Harry hervor, »was ist mit meiner Bestrafung?«
Fudge zwinkerte. »Bestrafung?«
»Ich hab das Gesetz gebrochen!«, sagte Harry. »Die Verordnung zur Beschränkung der Zauberei Minderjähriger!«
»O mein lieber Junge, wir werden dich doch wegen einer solchen Lappalie nicht bestrafen!«, rief Fudge und fuchtelte mit der Brötchenhälfte in der Hand ungeduldig durch die Luft. »Es war ein Unfall! Wir schicken doch nicht Leute nach Askaban, nur weil sie ihre Tante aufgeblasen haben!«
Das passte nun überhaupt nicht zu Harrys früheren Erfahrungen mit dem Zaubereiministerium.
»Letztes Jahr habe ich eine offizielle Verwarnung gekriegt, nur weil ein Hauself einen Teller mit Nachtisch im Haus meines Onkels zerdeppert hat!«, erklärte er Fudge mit gerunzelter Stirn. »Das Zaubereiministerium sagte, wenn dort noch einmal gezaubert wird, werfen sie mich aus Hogwarts raus.«
Wenn Harrys Augen ihn nicht trogen, sah Fudge plötzlich verlegen aus.
»Die Dinge ändern sich, Harry … unter den heutigen Umständen … müssen wir dies und jenes berücksichtigen … du willst doch nicht etwa rausgeworfen werden?«
»Natürlich nicht«, sagte Harry.
»Schön, und warum dann die ganze Aufregung?«, lachte Fudge. »Hier, nimm dir ein Brötchen, Harry, während ich vorne nachfrage, ob Tom noch ein Zimmer für dich frei hat.«
Fudge verließ das Hinterzimmer; Harry starrte ihm nach. Etwas äußerst Merkwürdiges ging hier vor. Warum hatte Fudge ausgerechnet im Tropfenden Kessel auf ihn gewartet, wenn nicht, um ihn zu bestrafen? Und nun, da Harry darüber nachdachte, war es doch ungewöhnlich, dass der Zaubereiminister sich persönlich mit der Zauberei Minderjähriger abgab?
Fudge kam mit Tom zurück.
»Zimmer elf ist frei, Harry«, sagte Fudge. »Ich bin sicher, du wirst dich hier sehr wohl fühlen. Nur noch eins, und das wirst du gewiss verstehen … Ich möchte nicht, dass du dich im London der Muggel herumtreibst, klar? Bleib in der Winkelgasse. Und jeden Abend, bevor es dunkel wird, kommst du hierher zurück. Das verstehst du sicher. Tom wird dich ein wenig im Auge behalten.«
»Gut«, sagte Harry langsam, »aber warum –?«
»Wir wollen dich doch nicht wieder verlieren, nicht wahr?«, sagte Fudge und lachte herzhaft. »Nein, nein … besser, wir wissen, wo du bist … ich meine …«
Fudge räusperte sich laut und griff nach seinem Nadelstreifenumhang.
»Nun, ich muss gehen, viel zu tun, weißt du …«
»Haben Sie schon eine Spur von diesem Black?«, fragte Harry.
Fudges Finger rutschten fahrig über die silbernen Verschlüsse seines Umhangs.
»Wie bitte? Oh, du hast davon gehört, nun, nein, noch nicht, aber es ist nur eine Frage der Zeit. Die Wachen in Askaban haben noch nie versagt … und so wütend hab ich sie noch nie gesehen …« Fudge schauderte ein wenig. »Nun, ich verabschiede mich.«
Er streckte die Hand aus, und als Harry sie schüttelte, fiel ihm plötzlich etwas ein.
»Ähm, Herr Minister, kann ich Sie etwas fragen?«
»Natürlich«, sagte Fudge lächelnd.
»Also, Drittklässler in Hogwarts dürfen doch Hogsmeade besuchen, und mein Onkel hat die Zustimmungserklärung nicht unterschrieben. Meinen Sie, Sie könnten –?«
Fudge sah peinlich berührt aus.
»Ähm«, sagte er. »Nein. Nein, tut mir sehr leid, Harry, aber da ich nicht dein Vater oder Vormund bin –«
»Aber Sie sind der Zaubereiminister«, drängte Harry. »Wenn Sie mir die Erlaubnis geben würden –«
»Nein, tut mir leid, Harry, aber die Vorschriften sind nun mal so«, sagte Fudge mit matter Stimme. »Vielleicht kannst du Hogsmeade nächstes Jahr besuchen. Im Grunde finde ich es ohnehin besser, wenn du nicht … ja … gut, ich muss gehen. Viel Spaß hier, Harry.«
Und mit einem letzten Lächeln und einem Händedruck verabschiedete sich Fudge, und Tom ging freudestrahlend auf Harry zu.
»Würden Sie mir bitte folgen, Mr Potter«, sagte er. »Ich habe Ihre Sachen schon hochgetragen …«
Harry folgte Tom eine schöne hölzerne Treppe empor zu einer Tür mit der Messingnummer elf, die der Wirt für ihn aufschloss und öffnete.
Drinnen standen ein sehr bequem aussehendes Bett und ein paar auf Hochglanz polierte Eichenmöbel, im Kamin prasselte fröhlich ein Feuer und auf dem Kleiderschrank hockte –
»Hedwig!«, keuchte Harry.
Die Schneeeule klickte mit dem Schnabel und flatterte hinunter auf Harrys Arm.
»Eine sehr kluge Eule haben Sie da«, gluckste Tom. »Kam etwa fünf Minuten nach Ihnen an. Wenn Sie irgendetwas brauchen, Mr Potter, zögern Sie nicht zu fragen.«
Mit einer weiteren Verbeugung ging er hinaus.
Harry saß eine ganze Weile auf dem Bett und streichelte Hedwig, ganz in Gedanken versunken. Der Himmel draußen vor dem Fenster wechselte rasch die Farben, von einem tiefen, samtenen Blau zu einem stählernen Grau und dann, allmählich, zu einem mit Gold durchzogenen Rosa. Harry konnte kaum glauben, dass er erst vor ein paar Stunden aus dem Ligusterweg geflohen war, dass er nicht von der Schule geworfen wurde und dass er jetzt drei Wochen ohne einen einzigen Dursley vor sich hatte.
»Das war eine ziemlich merkwürdige Nacht, Hedwig«, sagte er gähnend.
Und ohne auch nur seine Brille abzunehmen, ließ er sich in die Kissen sinken und schlief ein.
Im Tropfenden Kessel
Harry brauchte einige Tage, um sich an seine neue Freiheit zu gewöhnen. Nie zuvor hatte er aufstehen oder liegen bleiben können, wie ihm gerade zumute war, oder essen können, worauf er gerade Lust hatte. Er konnte sogar gehen, wohin er wollte, solange er in der Winkelgasse blieb, und auf dieser langen kopfsteingepflasterten Straße reihten sich die verlockendsten Zauberläden der Welt aneinander. So kam es Harry gar nicht in den Sinn, sein Versprechen gegenüber Fudge zu brechen und irgendwelche Ausflüge in die Welt der Muggel zu unternehmen.
Beim allmorgendlichen Frühstück im Tropfenden Kessel beobachtete Harry mit Vorliebe die anderen Gäste: komische kleine Hexen vom Land, die für einen Tag zum Einkaufsbummel gekommen waren; altehrwürdige Zauberer, die sich über den jüngsten Aufsatz in Verwandlung Heute stritten; wild aussehende Hexenmeister, rauflustige Zwerge und einmal sogar ein Wesen, das verdächtig nach einer Vettel aussah und aus seinem dicken wollenen Kopfschützer heraus einen Teller voll roher Leber bestellte.
Nach dem Frühstück ging Harry hinaus auf den Hinterhof, zückte den Zauberstab, tippte gegen den dritten Backstein von links über dem Mülleimer und trat einen Schritt zurück. Die Mauer öffnete sich und gab den Durchgang zur Winkelgasse frei.
Harry verbrachte die langen, sonnigen Tage damit, in den Läden zu stöbern und unter den grellbunten Sonnenschirmen der Straßencafés zu essen, wo die anderen Gäste sich ihre Anschaffungen zeigten (»Das’n Lunaskop, alter Junge, kein Rumgemurkse mehr mit Mondtabellen, verstehste?«) oder sich über den Fall Sirius Black unterhielten (»Ich würde meine Kinder nicht mehr allein rauslassen, bis er wieder in Askaban sitzt«). Harry musste seine Hausaufgaben nicht mehr beim Licht einer Taschenlampe unter der Bettdecke erledigen; jetzt konnte er im strahlenden Sonnenschein vor Florean Fortescues Eissalon sitzen und seine sämtlichen Aufsätze mit gelegentlicher Hilfe von Florean Fortescue persönlich fertig schreiben, der, abgesehen davon, dass er eine Menge über mittelalterliche Hexenverbrennungen wusste, Harry alle halbe Stunde einen neuen Fruchteisbecher schenkte.
Sobald Harry einmal seinen Geldbeutel mit goldenen Galleonen, silbernen Sickeln und bronzenen Knuts aus seinem Verlies bei Gringotts aufgefüllt hatte, musste er sich mächtig am Riemen reißen, um das ganze Geld nicht auf einen Schlag auszugeben. Er musste sich ständig daran erinnern, dass er noch fünf Jahre Hogwarts vor sich hatte und wie er sich fühlen würde, wenn er die Dursleys um Geld für Zauberbücher bitten müsste – alles, um sich davon abzuhalten, ein Set hübscher, massiv goldener Gobsteine zu kaufen (ein Zauberspiel, ähnlich wie Murmeln, bei dem die Steine eine eklig riechende Flüssigkeit in das Gesicht des gegnerischen Spielers spritzten, wenn sie einen Punkt verloren). Beinahe schwach geworden wäre er auch bei dem vollkommen beweglichen Modell der Galaxie in einer großen gläsernen Kugel, das ihm jede weitere Astronomiestunde erspart hätte. Doch eine Woche nach seiner Ankunft im Tropfenden Kessel tauchte etwas in seinem Lieblingsladen Qualität für Quidditch auf, das seine Entschlossenheit hart auf die Probe stellte.
Neugierig geworden durch den Menschenauflauf im Laden drängelte Harry hinein und quetschte sich zwischen den aufgeregten Hexen und Zauberern durch bis vor ein eigens errichtetes kleines Podest, auf dem der herrlichste Rennbesen ausgestellt war, den er je gesehen hatte.
»Ganz neu rausgekommen, ein Prototyp –«, erklärte ein Zauberer mit vierkantigem Kiefer seinem Begleiter.
»Das ist der schnellste Besen der Welt, stimmt doch, Paps?«, quiekte ein kleiner Junge, der vom Arm seines Vaters herunterbaumelte.
»Die irische Nationalmannschaft hat gerade sieben dieser Schönheiten bestellt!«, verkündete der Ladenbesitzer der Menge. »Und sie sind Favoriten für die Weltmeisterschaft!«
Eine große Hexe vor Harry trat zur Seite und jetzt konnte er das Schild neben dem Besen lesen:
Der Feuerblitz
Dieser Rennbesen nach neuestem Stand der Technik hat einen stromlinienförmigen, superveredelten Stiel aus Eschenholz mit diamantharter Politur und von Hand eingemeißelter Registriernummer. Jede handverlesene Birkenholzrute des Schweifs ist aerodynamisch optimal abgeschliffen, was dem Feuerblitz unvergleichliche Stabilität und haarscharfe Präzision verleiht. Der Feuerblitz beschleunigt von 0 auf 250 Stundenkilometer in 10 Sekunden und ist mit einem unbrechbaren Bremszauber ausgestattet. Preis auf Nachfrage.
Preis auf Nachfrage … Harry mochte sich lieber nicht ausmalen, wie viel der Feuerblitz kosten würde. Nie hatte er sich etwas sehnlicher gewünscht – doch immerhin hatte er auch noch nie ein Quidditch-Spiel auf seinem Nimbus Zweitausend verloren, und weshalb sollte er sein Verlies in Gringotts für den Feuerblitz plündern, wenn er bereits einen sehr guten Rennbesen hatte? Harry fragte nicht nach dem Preis, doch er kam fast jeden Tag in den Laden, nur um den Feuerblitz zu sehen.
Es gab jedoch Dinge, die Harry kaufen musste. In der Apotheke füllte er seinen Vorrat an Zaubertrankzutaten auf, und da seine Schulumhänge an Armen und Beinen jetzt um einige Zentimeter zu kurz waren, ging er in Madam Malkins Gewänder für alle Gelegenheiten und kaufte sich neue. Vor allem jedoch musste er die neuen Schulbücher besorgen, darunter auch die für seine neuen Fächer Pflege magischer Geschöpfe und Wahrsagen.
Ein Blick in das Schaufenster des Buchladens ließ Harry stutzen. Statt der üblichen Auslage an goldgeprägten Zauberspruchbänden, so groß wie Gehwegplatten, stand ein riesiger Eisenkäfig hinter der Scheibe, in dem rund hundert Exemplare des Monsterbuchs der Monster steckten. Die Bücher schnappten nacheinander und hatten sich wütend ineinander verkeilt, und überall flatterten ausgerissene Seiten umher.
Harry zog die Bücherliste aus der Tasche und las sie zum ersten Mal aufmerksam durch. Das Monsterbuch der Monster war das Lehrbuch für den Unterricht in Pflege magischer Geschöpfe. Nun begriff Harry, warum Hagrid gesagt hatte, es würde noch nützlich sein. Jetzt war ihm leichter ums Herz; schon hatte er gefürchtet, Hagrid hätte sich ein schreckliches neues Haustier zugelegt und brauche seine Hilfe.
Als Harry Flourish & Blotts betrat, kam ihm der Verkäufer entgegengelaufen.
»Hogwarts?«, fragte er kurz angebunden. »Kommst du wegen der neuen Bücher?«
»Ja«, sagte Harry, »ich brauche –«
»Aus dem Weg«, sagte der Verkäufer ungeduldig und schob Harry beiseite. Er zog ein Paar sehr dicker Handschuhe an, packte einen großen, knotigen Wanderstock und ging auf den Käfig mit den Monsterbüchern zu.
»Warten Sie«, sagte Harry rasch, »ich hab schon eins von denen.«
»Ach ja?« Auf dem Gesicht des Verkäufers machte sich gewaltige Erleichterung breit. »Dem Himmel sei Dank, ich bin heute Morgen schon fünfmal gebissen worden.«
Ein lautes Ratschen erfüllte die Luft; zwei der Monsterbücher hatten ein drittes geschnappt und rissen es auseinander.
»Aufhören! Aufhören!«, rief der Verkäufer, stocherte mit dem Wanderstock durch die Käfigstäbe und trieb die Bücher auseinander. »Die bestell ich nie wieder, nie! Es ist das reinste Tollhaus! Ich dachte schon, es könne nicht mehr schlimmer kommen, als wir zweihundert Exemplare von dem Titel Das Unsichtbare Buch der Unsichtbarkeit hier hatten – hat ein Vermögen gekostet und wir haben sie nie gefunden … Nun … kann ich dir weiterhelfen?«
»Ja«, sagte Harry und sah auf die Bücherliste. »Ich brauche Die Entnebelung der Zukunft von Kassandra Wablatschki.«
»Ah, verstehe, ihr fangt mit Wahrsagen an«, sagte der Verkäufer, zog die Handschuhe aus und führte Harry in den hinteren Teil des Ladens, in eine Ecke mit lauter Büchern über das Wahrsagen. Auf einem kleinen Tisch stapelten sich Werke wie Die Vorhersage des Unvorhersagbaren: So schützen Sie sich vor Schocks und Zerbrochene Träume: Wenn sich das Schicksal wendet.
»Bitte schön«, sagte der Verkäufer, der auf eine kleine Stehleiter geklettert war und ein dickes, schwarz gebundenes Buch heruntergeholt hatte. »Die Entnebelung der Zukunft. Sehr guter Überblick über alle grundlegenden Methoden des Wahrsagens – Handlesekunst, Kristallkugeln, Vogeleingeweide –«
Doch Harry hörte ihm gar nicht mehr zu. Sein Blick war auf ein anderes Buch gefallen, das auf einem kleinen Tisch auslag: Omen des Todes – Was tun, wenn Sie wissen, dass das Schlimmste bevorsteht.
»Oh, das würde ich an deiner Stelle lieber nicht lesen«, sagte der Verkäufer beiläufig, als er Harrys Blick folgte, »sonst fängst du noch an, überall Vorzeichen des Todes zu sehen, und das kann einem wirklich Todesangst einjagen.«
Doch Harry wandte den Blick nicht vom Umschlag des Buches; darauf abgebildet war ein Hund, groß wie ein Bär und mit glühenden Augen. Er kam ihm merkwürdig bekannt vor …
Der Verkäufer drückte Harry Die Entnebelung der Zukunft in die Hand.
»Noch was?«, sagte er.
»Ja«, sagte Harry, wandte den Blick mühsam von den Augen des Hundes ab und zog verwirrt seine Bücherliste zu Rate. »Ähm – ich brauche Verwandlung für Fortgeschrittene und Das Lehrbuch der Zaubersprüche, Band 3.«
Zehn Minuten später kam Harry mit seinen neuen Büchern unter den Armen aus Flourish & Blotts. Gedankenversunken und hie und da jemanden anrempelnd schlenderte er zum Tropfenden Kessel zurück.
Er stapfte die Treppe zu seinem Zimmer empor, ging hinein und warf die Bücher aufs Bett. Jemand war da gewesen, um zu putzen; die Fenster standen offen und Sonnenlicht flutete herein. Harry hörte die Busse auf der Muggelstraße, die er nicht besucht hatte, vorbeirollen und den Lärm der unsichtbaren Menge unten in der Winkelgasse. Im Spiegel über dem Waschbecken sah er sich ins Gesicht.
»Es kann kein Todesomen gewesen sein«, erklärte er trotzig seinem Spiegelbild. »Ich hab einfach Panik gekriegt, als ich dieses Ding im Magnolienring gesehen habe … wahrscheinlich war es bloß ein streunender Hund …«
Wie von selbst hob er die Hand, um sein Haar zu glätten.
»Ein aussichtsloser Kampf, mein Lieber«, sagte der Spiegel mit pfeifender Stimme.
Die Tage glitten dahin und Harry begann auf Schritt und Tritt nach Zeichen von Ron und Hermine Ausschau zu halten. Das neue Schuljahr nahte und jetzt kamen eine Menge Hogwarts-Schüler in die Winkelgasse. Harry traf Seamus Finnigan und Dean Thomas, seine Mitschüler aus dem Haus der Gryffindors. Auch sie standen mit sehnsüchtigen Augen vor Qualität für Quidditch und bestaunten den Feuerblitz. Vor Flourish & Blotts stieß er auf den echten Neville Longbottom, einen rundgesichtigen, vergesslichen Jungen. Harry hielt nicht an, um ein Pläuschchen zu halten; Neville schien seine Bücherliste verlegt zu haben und wurde gerade von seiner recht stattlichen Großmutter zur Schnecke gemacht. Harry hoffte, sie würde nie spitzkriegen, dass er auf der Flucht vor dem Zaubereiministerium vorgetäuscht hatte, er sei Neville.
Am letzten Ferientag wachte Harry mit dem Gedanken auf, morgen im Hogwarts-Express würde er endlich Ron und Hermine treffen. Er stand auf, zog sich an, ging hinaus, um einen letzten Blick auf den Feuerblitz zu werfen, und fragte sich gerade, wo er zu Mittag essen sollte, als jemand seinen Namen rief. Er drehte sich um.
»Harry! Harry!«
Da saßen sie, alle beide, vor Fortescues Eissalon; Ron sah unglaublich sommersprossig aus, Hermine war ganz braun gebrannt, und beide winkten ihm begeistert zu.
Harry setzte sich zu ihnen. »Endlich!«, sagte Ron und grinste Harry an. »Wir waren im Tropfenden Kessel, aber sie meinten, du seist ausgegangen, und dann sind wir zu Flourish & Blotts und zu Madam Malkins und –«
»Ich hab alle meine Schulsachen schon letzte Woche besorgt«, erklärte Harry. »Und woher wisst ihr eigentlich, dass ich im Tropfenden Kessel wohne?«
»Dad«, sagte Ron nur.
Mr Weasley, der beim Zaubereiministerium arbeitete, hatte natürlich die ganze Geschichte mit Tante Magda gehört.
»Hast du wirklich deine Tante aufgeblasen?«, fragte Hermine mit sehr ernster Stimme.
»Wollte ich gar nicht«, sagte Harry, während sich Ron vor Lachen schüttelte. »Ich hab einfach die Nerven verloren.«
»Das ist nicht lustig, Ron«, sagte Hermine scharf. »Ehrlich gesagt, ich bin erstaunt, dass sie Harry nicht von der Schule verwiesen haben.«
»Das bin ich auch«, gab Harry zu. »Aber was heißt von der Schule fliegen, ich dachte schon, sie würden mich verhaften.« Er sah Ron an. »Dein Dad weiß nicht, warum Fudge mich laufen ließ, oder?«
»Wahrscheinlich, weil du es bist«, sagte Ron schulterzuckend und immer noch kichernd. »Der berühmte Harry Potter, du weißt schon. Ich möchte nicht wissen, was das Ministerium mit mir angestellt hätte, wenn ich meine Tante aufgeblasen hätte. Na ja, sie würden mich erst ausgraben müssen, denn meine Mum hätte mich gleich umgebracht. Übrigens kannst du Dad heute Abend selbst fragen. Wir übernachten auch im Tropfenden Kessel! Und wir können morgen zusammen nach King’s Cross fahren. Hermine ist auch dabei!«
Hermine nickte strahlend. »Mum und Dad haben mich heute Morgen mit all meinen Hogwarts-Sachen hergebracht.«
»Toll!«, sagte Harry glücklich. »Wie sieht’s aus, habt ihr alle eure Bücher und Sachen?«
»Sieh dir das mal an«, sagte Ron und zog eine lange schmale Schachtel aus seiner Tasche und öffnete sie. »Brandneuer Zauberstab. Vierzehn Zoll, Weide, mit Einhornschwanz-Haar. Und wir haben alle Bücher beisammen –«, er deutete auf eine große Tüte unter seinem Stuhl. »Was ist eigentlich mit diesen Monsterbüchern los? Der Verkäufer ist fast in Tränen ausgebrochen, als wir zwei Stück verlangt haben.«
»Was ist das denn alles, Hermine?«, fragte Harry und deutete nicht auf eine, sondern auf drei prall gefüllte Tüten auf dem Stuhl neben ihr.
»Tja, ich hab eben mehr Fächer gewählt als ihr«, sagte Hermine. »Das sind meine Bücher für Arithmantik, Pflege magischer Geschöpfe, Weissagung, Alte Runen, Muggelkunde –«
»Warum gehst du eigentlich in Muggelkunde?«, fragte Ron und sah, die Augen rollend, zu Harry hinüber. »Du stammst doch von Muggeln ab! Deine Eltern sind doch Muggel! Du weißt doch schon alles über Muggel!«
»Aber es ist spannend, sie aus der Sicht der Zauberei zu studieren«, sagte Hermine mit ernster Stimme.
»Hast du vor, dieses Jahr überhaupt noch zu essen und zu schlafen, Hermine?«, fragte Harry, während Ron gluckste. Hermine ließ sich nicht beirren.
»Ich hab noch zehn Galleonen«, sagte sie und sah in ihrer Geldbörse nach. »Ich hab im September Geburtstag und Mum und Dad haben mir ein wenig Geld gegeben, damit ich mir schon mal ein Geschenk kaufe.«
»Wie wär’s mit einem guten Buch?«, sagte Ron mit Unschuldsmiene.
»Nein, eher nicht«, gab Hermine trocken zurück. »Ich will eigentlich gerne eine Eule. Immerhin hat Harry seine Hedwig und du hast Errol.«
»Hab ich nicht«, sagte Ron. »Errol ist eine Familieneule. Alles, was ich hab, ist Krätze.« Er zog seine Ratte aus der Tasche. »Und ich will ihn untersuchen lassen«, fügte er hinzu, während er Krätze auf den Tisch legte. »Ich hab den Eindruck, Ägypten ist ihm nicht bekommen.«
Krätze war dünner als sonst und seine Schnurrhaare waren sichtlich erschlafft.
»Gleich da drüben ist ein Laden für magische Geschöpfe«, sagte Harry, der die Winkelgasse inzwischen recht gut kannte. »Du könntest fragen, ob sie irgendwas für Krätze haben, und Hermine kann ihre Eule kaufen.«
Also bezahlten sie ihre Eisbecher und gingen über die Straße zur Magischen Menagerie.
Drinnen war es ziemlich eng. Jeder Zentimeter Wand war mit Käfigen voll gestellt. Die Luft war schlecht und die Bewohner der Käfige kreischten, quiekten, fiepten, plapperten oder zischten alle durcheinander und veranstalteten ein Höllenspektakel. Die Hexe hinter der Ladentheke gab einem Zauberer gerade Ratschläge zur Pflege doppelschwänziger Wassermolche, und Harry, Ron und Hermine erkundeten inzwischen die Käfige.
Ein Paar gewaltiger purpurroter Kröten machte sich schlabbernd und schluckend über tote Schmeißfliegen her. Eine gigantische Schildkröte mit juwelenbesetztem Panzer glitzerte in der Nähe des Fensters. Giftige orange Schnecken saugten sich gemächlich an den Wänden ihrer Glaskästen hoch und ein fettes weißes Kaninchen verwandelte sich unter lautem Knallen in einen seidenen Zylinder und wieder zurück. Zudem gab es Katzen jeder Farbe, einen lärmigen Käfig voller Raben, einen Korb mit merkwürdigen vanillefarbenen Pelzbällchen, die laut summten, und auf der Theke stand ein riesiger Käfig mit schlanken schwarzen Ratten, die mit ihren langen kahlen Schwänzen eine Art Hüpfspiel veranstalteten.
Der Zauberer mit den doppelschwänzigen Wassermolchen verließ den Laden und Ron trat an die Theke.
»Das ist meine Ratte«, sagte er zu der Hexe, »sie hat ein wenig Farbe verloren, seit wir aus Ägypten zurück sind.«
»Klatsch sie auf die Theke«, sagte die Hexe und zog eine klobige schwarze Brille aus ihrer Tasche.
Ron zog Krätze aus seiner Innentasche und legte ihn neben den Käfig seiner Artgenossen, die mit ihrem Hüpfspiel aufhörten und zum Gitterdraht huschten, um ja nichts zu verpassen.
Wie fast alles, was Ron besaß, war Krätze aus zweiter Hand (er hatte einst Rons Bruder Percy gehört) und wirkte ein wenig mitgenommen. Neben den Hochglanzratten im Käfig sah er besonders mitleiderregend aus.
»Hm«, sagte die Hexe und hob Krätze hoch. »Wie alt ist diese Ratte?«
»Keine Ahnung«, sagte Ron. »Ziemlich alt. Sie hat mal meinem Bruder gehört.«
»Welche Kräfte hat sie?«, sagte die Hexe und musterte Krätze eingehend.
»Ähm«, sagte Ron. Die Wahrheit war, dass Krätze nie die Spur einer interessanten Kraft gezeigt hatte. Der Blick der Hexe wanderte von Krätzes angeknabbertem linkem Ohr zu seiner Vorderpfote, an der ein Zeh fehlte, und er tat sein Missfallen laut kund.
»Der wurde aber wirklich übel mitgespielt«, meinte sie.
»Sie war schon so, als ich sie von Percy bekommen hab«, sagte Ron zu seiner Verteidigung.
»Eine gewöhnliche Haus- oder Gartenratte wie diese hier wird meist nicht älter als drei Jahre«, sagte die Hexe. »Nun, wenn du nach etwas Haltbarerem suchst, könntest du dich vielleicht mit einer von diesen anfreunden.«
Sie zeigte auf die schwarzen Ratten, die prompt wieder anfingen zu hüpfen.
»Angeber«, murmelte Ron.
»Schön, wenn du keine neue willst, kannst du diese Rattentinktur ausprobieren«, sagte die Hexe, griff unter die Theke und holte eine kleine rote Flasche hervor.
»Gut«, sagte Ron, »wie viel – autsch!«
Ron duckte sich, denn etwas Riesiges und Orangerotes war von einem Käfigdach hoch oben auf den Regalen heruntergesprungen, auf seinem Kopf gelandet und hatte sich dann wild fauchend auf Krätze gestürzt.
»Nein, Krummbein, aus!«, rief die Hexe, doch Krätze flutschte wie ein Stück nasse Seife zwischen ihren Händen hindurch, landete bäuchlings auf dem Boden und raste zur Tür.
»Krätze!«, schrie Ron und jagte ihm nach aus dem Laden; Harry folgte ihm.
Sie brauchten fast zehn Minuten, um Krätze einzufangen, der unter einem Mülleimer vor Qualität für Quidditch Zuflucht gesucht hatte. Ron stopfte die zitternde Ratte zurück in seine Tasche und richtete sich auf.
»Was war denn das?«, sagte er und rieb sich den Kopf.
»Entweder eine sehr große Katze oder ein ziemlich kleiner Tiger«, sagte Harry.
»Wo ist Hermine?«
»Kauft vermutlich ihre Eule.«
Durch die belebte Gasse gingen sie zurück zur Magischen Menagerie. Als sie vor dem Laden standen, kam Hermine heraus, doch eine Eule hatte sie nicht bei sich. Ihre Arme waren fest um einen gewaltigen rötlichen Kater geklammert.
»Du hast dieses Monster gekauft?«, fragte Ron und starrte sie mit offenem Mund an.
»Ist er nicht unglaublich?«, sagte Hermine strahlend.
Das ist Ansichtssache, dachte Harry. Das rötliche Fell des Katers war dick und flauschig, doch er sah unleugbar etwas krummbeinig aus und sein Gesicht wirkte missmutig und seltsam eingedellt, als ob er geradewegs gegen eine Backsteinmauer gerannt wäre. Nun jedoch, da Krätze außer Sicht war, schnurrte der Kater zufrieden in Hermines Armen.
»Hermine, das Ungeheuer hat mich fast skalpiert!«, sagte Ron.
»War keine Absicht, oder, Krummbein?«, sagte Hermine.
»Und was ist mit Krätze?«, sagte Ron und deutete auf das Knäuel in seiner Brusttasche. »Meine Ratte braucht Ruhe und Entspannung! Wie soll das gehen, wenn dieses Ding in der Nähe ist?«
»Da fällt mir ein, du hast dein Rattentonikum vergessen«, sagte Hermine und drückte Ron die kleine rote Flasche in die Hand. »Und mach dir keine Sorgen, Krummbein schläft bei mir im Schlafsaal und Krätze bei dir, wo ist das Problem? Armer Krummbein, die Hexe sagte, er sei schon seit Ewigkeiten da und keiner wollte ihn haben.«
»Das wundert mich auch«, sagte Ron sarkastisch und sie machten sich auf den Weg zum Tropfenden Kessel.
In der Bar des Wirtshauses saß Mr Weasley und las den Tagespropheten.
Er blickte auf. »Harry!«, sagte er lächelnd. »Wie geht’s dir?«
»Danke, gut«, sagte Harry und alle drei setzten sich mit ihren Einkäufen zu ihm.
Mr Weasley legte die Zeitung beiseite und Harrys Blick fiel auf ein vertrautes Foto. Sirius Black starrte Harry ins Gesicht.
»Sie haben ihn also noch immer nicht?«, fragte er.
»Nein«, sagte Mr Weasley mit ernster Miene. »Das Ministerium hat uns alle von den täglichen Pflichten entbunden, um ihn mit vereinten Kräften zu suchen, doch bislang hatten wir wenig Glück.«
»Wär eine Belohnung für uns drin, wenn wir ihn fangen würden?«, fragte Ron. »Ein wenig Geld könnte ich gut gebrauchen.«
»Sei nicht albern, Ron«, sagte Mr Weasley, der bei näherem Hinsehen äußerst angespannt wirkte. »Black wird sich von einem dreizehnjährigen Zauberer nicht fangen lassen. Es sind die Wachen von Askaban, die ihn kriegen werden, darauf kannst du dich verlassen.«
In diesem Augenblick kam Mrs Weasley in die Bar, beladen mit Einkäufen und gefolgt von den Zwillingen Fred und George, die nun ihr fünftes Jahr in Hogwarts begannen, vom neu gewählten Schulsprecher Percy und vom jüngsten Kind und einzigen Mädchen der Weasleys, Ginny.
Ginny war von Harry immer schon hingerissen gewesen, und als sie ihn jetzt sah, stürzte sie offenbar in noch tiefere Verlegenheit als sonst, vielleicht, weil er ihr letztes Jahr in Hogwarts das Leben gerettet hatte. Sie wurde puterrot und murmelte: »Hallo«, ohne ihn anzusehen. Percy jedoch streckte Harry feierlich die Hand entgegen, als ob er und Harry sich noch nie gesehen hätten:
»Harry. Wie schön dich zu sehen.«
»Hallo, Percy«, sagte Harry und mühte sich, nicht zu lachen.
»Ich hoffe, dir geht’s gut?«, sagte Percy pompös und schüttelte ihm die Hand. Es war, als ob Harry einem Bürgermeister vorgestellt würde.
»Sehr gut, danke.«
»Harry!«, sagte Fred, schob Percy mit dem Ellbogen aus dem Weg und verbeugte sich tief. »Einfach toll dich zu sehen, alter Junge.«
»Großartig«, sagte George, stieß Fred beiseite und ergriff seinerseits Harrys Hand. »Absolut umwerfend.«
Percy runzelte die Stirn.
»Das reicht jetzt«, sagte Mrs Weasley.
»Mum!«, sagte Fred, als ob er sie just in diesem Augenblick erkannt hätte, und packte ihre Hand: »Einfach unglaublich dich zu sehen.«
»Genug jetzt, hab ich gesagt«, herrschte ihn Mrs Weasley an und stellte ihre Einkäufe auf einem freien Stuhl ab. »Hallo, Harry, mein Lieber. Ich nehm an, du hast die fabelhafte Neuigkeit schon erfahren?« Sie deutete auf das brandneue silberne Abzeichen auf Percys Brust. »Der zweite Schulsprecher in der Familie!«, sagte sie und schwoll vor Stolz an.
»Und der letzte«, murmelte Fred hintenherum.
»Das bezweifle ich nicht«, sagte Mrs Weasley und runzelte plötzlich die Stirn. »Mir ist nicht entgangen, dass sie euch beide nicht zu Vertrauensschülern ernannt haben.«
»Wozu sollen wir denn Vertrauensschüler sein?«, sagte George und schien bereits von der bloßen Vorstellung angewidert. »Das würde uns doch jeden Spaß im Leben nehmen.«
Ginny gluckste.
»Du solltest deiner Schwester ein besseres Vorbild sein«, fauchte Mrs Weasley.
»Ginny hat doch noch andere Brüder, die ihr ein Vorbild sein können, Mutter«, sagte Percy hochmütig. »Ich geh nach oben und zieh mich zum Abendessen um …«
Er verschwand und George seufzte schwer.
»Wir wollten ihn in eine Pyramide einsperren«, meinte er zu Harry gewandt. »Aber Mum hat uns erwischt.«
Das Essen an diesem Abend war eine vergnügliche Angelegenheit. Tom, der Wirt, stellte im Salon drei Tische zusammen, und die sieben Weasleys, Harry und Hermine futterten sich durch fünf leckere Gänge.
»Wie kommen wir morgen eigentlich nach King’s Cross, Dad?«, fragte Fred, während sie sich über einen üppigen Schokoladenpudding hermachten.
»Das Ministerium stellt ein paar Autos zur Verfügung«, sagte Mr Weasley.
Alle hoben die Köpfe und sahen ihn an.
»Warum?«, fragte Percy neugierig.
»Wegen dir, Percy«, sagte George mit ernster Miene. »Und auf die Kühler stecken sie kleine Wimpel mit G. A. drauf.«
»– für Gewaltiger Angeber«, sagte Fred.
Alle außer Percy und Mrs Weasley prusteten in ihren Nachtisch.
»Warum stellt das Ministerium Autos zur Verfügung?«, fragte Percy noch einmal in Respekt heischendem Ton.
»Nun, weil wir kein Auto mehr haben«, sagte Mr Weasley, »und weil ich dort arbeite, tun sie mir einen Gefallen.«
Er sprach in lässigem Ton, doch Harry entging nicht, dass seine Ohren rot angelaufen waren, genau wie die von Ron, wenn er unter Druck stand.
»Das ist auch ganz gut so«, sagte Mrs Weasley gut gelaunt. »Ist euch klar, wie viel Gepäck ihr alle zusammen mitschleppt? Da hätten die Muggel in ihrer U-Bahn was zu gucken … Ihr habt doch alle schon gepackt, oder?«
»Ron hat noch nicht alle seine neuen Sachen im Koffer«, sagte Percy mit leidgetränkter Stimme, »er hat sie auf meinem Bett abgelegt.«
»Dann gehst du jetzt besser und packst ordentlich, Ron, denn morgen früh haben wir nicht viel Zeit.« Mit diesen Worten hob Mrs Weasley die Tafel auf. Ron starrte Percy missmutig an.
Nach dem Abendessen fühlten sie sich alle proppenvoll und schläfrig. Einer nach dem andern ging nach oben in sein Zimmer, um die Abreise am nächsten Tag vorzubereiten. Ron und Percy hatten das Zimmer neben Harry. Er hatte seinen Koffer gerade zugemacht und abgeschlossen, als zorniges Stimmengewirr durch die Wand drang. Er ging hinaus, um nachzusehen, was los war.
Die Tür zu Nummer zwölf stand offen und er hörte Percy laut rufen.
»Es war hier, auf dem Nachttisch, ich hab es zum Polieren abgenommen.«
»Ich hab’s nicht angerührt, klar?«, brüllte Ron zurück.
»Was ist los?«, fragte Harry.
»Mein Schulsprecher-Abzeichen ist verschwunden«, sagte Percy und wandte sich Harry zu.
»Und Krätzes Rattentonikum auch«, sagte Ron und warf seine Sachen aus dem Koffer, um nachzusehen. »Vielleicht hab ich’s unten vergessen.«
»Du gehst nirgendwohin, bis du mein Abzeichen gefunden hast«, polterte Percy.
»Ich hol das Zeug für Krätze, ich hab schon gepackt«, sagte Harry zu Ron und ging nach unten.
Harry war in der Mitte des Durchgangs zur Bar, die jetzt stockdunkel war, als er vom Salon her ein weiteres Paar zorniger Stimmen hörte. Gleich darauf erkannte er sie als die von Mr und Mrs Weasley. Er wollte schon weitergehen, denn er wollte nicht, dass die Weasleys mitbekamen, dass er ihren Streit gehört hatte, als sein Name fiel. Er hielt inne und näherte sich langsam der Tür zum Salon.
»… hat keinen Zweck, es ihm zu verschweigen«, sagte Mr Weasley mit erhitzter Stimme. »Harry hat ein Recht, es zu erfahren. Ich hab versucht mit Fudge zu reden, aber er muss Harry ja unbedingt wie ein kleines Kind behandeln – Harry ist immerhin dreizehn und –«
»Arthur, die Wahrheit würde ihm fürchterliche Angst einjagen!«, erwiderte Mrs Weasley schrill. »Willst du Harry mit dieser schweren Last in die Schule schicken? Um Himmels willen, er kann von Glück reden, dass er nichts weiß!«
»Ich will nicht, dass es ihm schlecht geht, ich will nur, dass er auf sich aufpasst!«, gab Mr Weasley zurück. »Du weißt doch, wie Harry und Ron sind, sie streunen zusammen in der Gegend rum, sie sind sogar im Verbotenen Wald gelandet! Aber das kommt dieses Jahr für Harry nicht in Frage! Wenn ich überlege, was ihm hätte passieren können in dieser Nacht, als er von zu Hause weggelaufen ist! Wenn der Fahrende Ritter ihn nicht aufgelesen hätte, wär er tot gewesen, bevor das Ministerium ihn gefunden hätte, da wette ich mit dir.«
»Aber er ist nicht tot, es geht ihm gut, also was soll –«
»Molly, es heißt, Sirius Black sei verrückt, und vielleicht ist er es auch, aber er war gerissen genug, um aus Askaban zu entkommen, und das ist angeblich unmöglich. Das ist jetzt einen Monat her, und wir haben nicht die leiseste Ahnung, wo er steckt, und egal was Fudge ständig dem Tagespropheten erzählt, eher erfinden sie den selbstzaubernden Zauberstab, als dass wir ihn fangen. Wir wissen nur, wem Black auf den Fersen ist.«
»Aber Harry ist in Hogwarts völlig sicher.«
»Wir glaubten ja auch, Askaban wäre vollkommen sicher. Wenn Black aus Askaban ausbrechen konnte, kann er auch in Hogwarts einbrechen.«
»Aber keiner weiß wirklich genau, ob Black hinter Harry her ist.«
Es gab einen dumpfen Schlag auf Holz, und Harry war sich sicher, dass Mr Weasley mit der Faust auf den Tisch gehauen hatte.
»Molly, wie oft soll ich es dir noch sagen? Sie haben es nicht in der Zeitung gebracht, weil Fudge es geheim halten wollte, aber Fudge ging noch in der Nacht, als Black verschwand, nach Askaban. Die Wachen haben ihm berichtet, dass Black schon eine ganze Zeit im Schlaf geredet habe. Immer dieselben Worte … ›Er ist in Hogwarts – er ist in Hogwarts.‹ Black ist geistesgestört, Molly, und er will Harry umbringen. Wenn du mich fragst, glaubt er, dass er mit dem Mord an Harry Du-weißt-schon-wen an die Macht zurückbringt. Black hat alles verloren in der Nacht, als Harry die Macht von Du-weißt-schon-wem gebrochen hat, und er hat zwölf Jahre allein in Askaban hinter sich, in denen er darüber brüten konnte …«
Schweigen trat ein. Harry drückte das Ohr an die Tür, um ja kein Wort zu verpassen.
»Nun, Arthur, du musst tun, was du für richtig hältst. Aber du vergisst Albus Dumbledore. Ich bin sicher, dass Harry in Hogwarts nichts passieren kann, solange Dumbledore dort Schulleiter ist. Ich nehme an, er weiß alles über diese Geschichte?«
»Natürlich weiß er Bescheid. Wir mussten ihn fragen, ob er etwas dagegen hat, wenn sich die Wachen von Askaban an den Eingängen zum Schulgelände aufstellen. Er war nicht besonders erfreut darüber, aber er war einverstanden.«
»Nicht erfreut? Warum eigentlich, wenn sie da sind, um Black zu fangen?«
»Dumbledore hält nicht besonders viel von den Wachen in Askaban«, sagte Mr Weasley mit schwerer Stimme. »Und wenn du mich fragst – ich auch nicht … Aber wenn du mit einem Zauberer wie Black zu tun hast, musst du manchmal deine Kräfte mit denen von Leuten vereinen, die du sonst meidest.«
»Wenn sie Harry retten –«
»– dann werd ich nie wieder ein Wort gegen sie sagen«, sagte Mr Weasley mit müder Stimme. »Es ist spät, Molly, wir gehen besser nach oben …«
Harry hörte Stühle rücken. So leise er konnte, huschte er durch den Gang in die Bar und verschwand in der Dunkelheit. Die Salontür ging auf und ein paar Sekunden später hörte er Mr und Mrs Weasley die Treppe emporgehen.
Die Flasche mit dem Rattentonikum lag unter dem Tisch, an dem sie gesessen hatten. Harry wartete, bis er die Zimmertür der Weasleys zugehen hörte, dann machte er sich mit der Flasche auf den Weg nach oben.
Fred und George kauerten im dunklen Flur und krümmten sich vor Lachen, während sie Percy lauschten, der drinnen das Zimmer auf der Suche nach dem Abzeichen auseinandernahm.
»Wir haben es«, flüsterte Fred Harry zu. »Wir haben es ein wenig überarbeitet.«
»Großsprecher« hieß es jetzt auf der Plakette.
Harry zwang sich zu einem Lachen, ging hinein, um Ron das Rattentonikum zu bringen, schloss sich dann in seinem Zimmer ein und legte sich aufs Bett.
Sirius Black war also hinter ihm her. Das erklärte alles. Fudge war großzügig mit ihm gewesen, weil er so erleichtert war, dass er überhaupt noch lebte. Harry hatte ihm versprechen müssen, in der Winkelgasse zu bleiben, wo es genug Zauberer gab, die ihn im Auge behalten konnten. Und er schickte zwei Dienstwagen seines Ministeriums, um sie morgen alle zum Bahnhof zu bringen, so dass die Weasleys nach ihm sehen konnten, bis er im Zug war.
Harry lag da und lauschte dem gedämpften Streit nebenan und fragte sich, warum er eigentlich nicht mehr Angst hatte. Sirius Black hatte mit einem Fluch dreizehn Menschen umgebracht. Die Weasleys glaubten offenbar, Harry würde in Panik geraten, wenn er die Wahrheit erführe. Doch Harry war sich von ganzem Herzen mit Mrs Weasley einig, dass der sicherste Ort auf Erden dort war, wo Albus Dumbledore sich gerade aufhielt; sagten die Leute nicht immer, Dumbledore sei der Einzige, vor dem Lord Voldemort je Angst gehabt hätte? Sicher würde Black als Voldemorts rechte Hand ebenfalls Angst vor ihm haben?
Und dazu kamen noch die Wachen von Askaban, über die alle redeten. Sie schienen den meisten Leuten panische Angst einzujagen, und wenn sie um die Schule herum postiert würden, hätte Black sicher wenig Chancen hineinzukommen.
Nein, alles in allem machte sich Harry am meisten darüber Gedanken, dass seine Aussicht, nach Hogsmeade zu kommen, jetzt offensichtlich bei null lag. Keiner würde wollen, dass Harry die Sicherheit des Schlosses verließe, bis sie Black gefangen hatten. Harry ahnte außerdem voraus, dass man ihn auf Schritt und Tritt überwachen würde, bis die Gefahr vorüber war.
Grimmig starrte er gegen die dunkle Decke. Glaubten sie wirklich, er könne nicht auf sich selbst aufpassen? Er war Lord Voldemort dreimal entkommen, er war nicht völlig hilflos …
Unwillkürlich erschien das Bild des Ungeheuers im Magnolienring vor seinem Auge. Was wirst du tun, wenn du weißt, dass das Schlimmste bevorsteht …
»Ich lasse mich nicht umbringen«, sagte Harry laut.
»Das ist die richtige Einstellung, mein Junge«, sagte der Spiegel schläfrig.
Der Dementor
Tom weckte Harry am nächsten Morgen mit einer Tasse Tee und seinem üblichen zahnlosen Grinsen. Harry zog sich an und überredete gerade die morgenmufflige Hedwig, sich in ihren Käfig zu begeben, als Ron, ein Sweatshirt halb über den Kopf gezogen und missmutig dreinblickend, ins Zimmer gepoltert kam.
»Wird Zeit, dass wir losfahren«, sagte er. »In Hogwarts kann ich Percy wenigstens aus dem Weg gehen. Jetzt behauptet er auch noch, ich hätte Tee auf sein Bild von Penelope Clearwater geschüttet. Du weißt schon«, Ron schnitt eine Grimasse, »seine Freundin. Sie hat das Gesicht unter dem Rahmen versteckt, weil ihre Nase ganz fleckig geworden ist …«
»Ich muss dir was sagen«, begann Harry, doch da schneiten Fred und George herein, um Ron zu gratulieren, weil er Percy abermals zur Weißglut getrieben hatte.
Sie gingen nach unten zum Frühstück. Mr Weasley las mit gerunzelter Stirn die Titelseite des Tagespropheten und Mrs Weasley erzählte Hermine und Ginny von einem Liebestrank, den sie als junges Mädchen gebraut hatte. Alle drei giggelten und kieksten.
»Was wolltest du eben sagen?«, fragte Ron Harry, als sie sich setzten.
»Später«, murmelte Harry, denn gerade kam Percy hereingestürmt.
Harry hatte im Durcheinander des Aufbruchs keine Gelegenheit, mit Ron oder Hermine zu sprechen; sie waren vollauf damit beschäftigt, ihre Koffer die schmale Treppe des Tropfenden Kessels hinunterzuschleifen und neben der Tür aufzuschichten. Hedwig und Hermes, Percys Kreischeule, hockten in ihren Käfigen und herrschten über den Gepäckstapel. Ein kleiner Weidenkorb, der neben den Koffern stand, fauchte laut.
»Schon gut, Krummbein«, schnurrte Hermine durch das Weidengeflecht. »Wenn wir im Zug sind, darfst du raus.«
»Bloß nicht«, blaffte Ron sie an, »was soll dann aus dem armen Krätze werden?«
Er deutete auf seine Brust. Eine große Ausbuchtung zeigte, dass Krätze sich in seiner Tasche zusammengerollt hatte.
Mr Weasley, der draußen auf die Dienstwagen gewartet hatte, streckte den Kopf herein.
»Sie sind da«, sagte er. »Komm mit, Harry –«
Mr Weasley führte Harry über das kurze Stück Gehweg zum ersten der beiden altertümlichen dunkelgrünen Wagen, an deren Steuer verstohlen dreinblickende Zauberer in smaragdgrünen Samtanzügen saßen.
»Rein mit dir, Harry«, sagte Mr Weasley und spähte die belebte Straße auf und ab.
Harry setzte sich in den Fond des Wagens und bald stiegen auch Hermine, Ron und, zu Rons Abscheu, auch Percy ein.
Die Fahrt nach King’s Cross war im Vergleich zu Harrys Reise mit dem Fahrenden Ritter recht ereignislos. Die Wagen des Zaubereiministeriums schienen gewöhnliche Autos zu sein, nur fiel Harry auf, dass sie durch Engpässe glitten, die Onkel Vernons neuer Firmenwagen sicher nicht geschafft hätte. Als sie King’s Cross erreichten, hatten sie noch zwanzig Minuten Zeit; die Fahrer holten Gepäckkarren, luden die Koffer aus, verabschiedeten sich von Mr Weasley mit einer kurzen Berührung ihrer Hüte und fuhren davon, wobei sie es irgendwie schafften, an die Spitze der Schlange vor einer Ampel zu springen.
Mr Weasley blieb auf dem ganzen Weg in den Bahnhof dicht an Harrys Seite.
»Na denn«, sagte er und spähte wachsam umher, »gehen wir jeweils zu zweit, weil wir so viele sind. Harry und ich gehen zuerst.«
Mr Weasley schlenderte zur Absperrung zwischen den Gleisen neun und zehn, Harrys Gepäckwagen vor sich herschiebend und scheinbar sehr interessiert am InterCity 125, der gerade auf Gleis neun eingefahren war. Er warf Harry einen viel sagenden Blick zu und lehnte sich lässig gegen die Barriere. Harry tat es ihm nach.
Im nächsten Augenblick kippten sie seitlich durch die Metallwand und landeten auf Bahnsteig neundreiviertel. Als sie aufblickten, sahen sie den Hogwarts-Express mit seiner scharlachroten Lok, die Dampf aus ihrem Schornstein paffte. Auf dem Bahnsteig herrschte ein dichtes Gewühl von Zauberern und Hexen, die ihre Kinder zum Zug brachten.
Mit einem Mal tauchten Percy und Ginny hinter Harry auf. Sie hatten die Absperrung offenbar mit Anlauf überwunden und waren noch ganz außer Atem.
»Ah, da ist Penelope!«, sagte Percy, glättete sich das Haar und lief rosarot an. Ginny fing Harrys Blick auf und beide wandten sich ab, um ihr Lachen zu verbergen, während Percy zu einem Mädchen mit langem Lockenhaar hinüberschritt, mit geschwellter Brust, so dass sie sein schimmerndes Abzeichen unmöglich übersehen konnte.
Sobald die übrigen Weasleys und Hermine da waren, führten Harry und Mr Weasley die kleine Gruppe an den vollen Abteilen vorbei bis ans Ende des Zuges zu einem Waggon, der noch recht leer schien. Sie hievten die Koffer hoch, stellten Hedwig und Krummbein auf ihr Gepäck und stiegen noch einmal aus, um sich von Mr und Mrs Weasley zu verabschieden.
Mrs Weasley küsste ihre Kinder, dann Hermine und schließlich Harry. Obwohl er etwas verlegen war, freute er sich, als sie ihn auch noch in die Arme schloss.
»Pass auf dich auf, Harry, versprich es mir«, sagte sie und ordnete ihre Kleider mit seltsam hellen Augen. Dann öffnete sie ihre gewaltige Handtasche: »Ich hab für euch alle belegte Brote gemacht … hier, Ron … nein, kein Corned Beef … Fred? Wo ist Fred? Hier bist du ja, mein Lieber …«
»Harry«, sagte Mr Weasley leise, »komm mal kurz hier rüber –«
Er ruckte mit dem Kopf in Richtung einer Säule, und Harry ließ die anderen bei Mrs Weasley zurück und folgte ihm.
»Ich muss dir noch was sagen, bevor du fährst –«, sagte Mr Weasley mit angespannter Stimme.
»Schon gut, Mr Weasley«, sagte Harry, »ich weiß es schon.«
»Du weißt es? Wie das denn?«
»Ich – ähm – ich hab Sie und Mrs Weasley gestern Abend sprechen gehört. Das ließ sich nicht vermeiden«, fügte Harry rasch hinzu, »tut mir leid –«
»Ich wollte eigentlich, dass du es auf andere Weise erfährst«, sagte Mr Weasley und sah jetzt besorgt aus.
»Nein – ehrlich gesagt, es ist besser so. Dann haben Sie wenigstens Fudge gegenüber Ihr Wort nicht gebrochen und ich weiß, was los ist.«
»Harry, du hast jetzt sicher ziemliche Angst –«
»Nein, hab ich nicht«, sagte Harry wahrheitsgetreu. »Wirklich«, fügte er hinzu, weil Mr Weasley ungläubig dreinblickte. »Ich will ja nicht den Helden spielen, aber im Ernst, Sirius Black kann doch nicht schlimmer sein als Voldemort, oder?«
Mr Weasley zuckte beim Klang dieses Namens zusammen, sagte jedoch nichts.
»Harry, ich wusste, dass du, wie soll ich sagen, stärkere Nerven hast, als Fudge offenbar glaubt, und ich bin natürlich froh, dass du keine Angst hast, aber –«
»Arthur!«, rief Mrs Weasley, die nun die anderen wie eine kleine Schafherde zum Zug trieb, »Arthur, was macht ihr da? Er fährt gleich ab!«
»Er kommt sofort, Molly!«, sagte Mr Weasley, wandte sich jedoch erneut Harry zu und sprach leiser und hastiger weiter. »Hör zu, ich will, dass du mir dein Wort gibst –«
»– dass ich ein braver Junge sein und im Schloss bleiben werde?«, sagte Harry mit düsterer Miene.
»Nicht ganz«, sagte Mr Weasley, der jetzt ernster aussah, als Harry ihn je gesehen hatte. »Harry, schwör mir, dass du nicht nach Black suchen wirst.«
Harry starrte ihn an. »Wie bitte?«
Ein lauter Pfiff ertönte. Schaffner gingen am Zug entlang und schlugen die Türen zu.
»Versprich mir, Harry«, sagte Mr Weasley noch hastiger, »dass, was immer auch passiert –«
»Warum sollte ich nach jemandem suchen, von dem ich weiß, dass er mich umbringen will?«, fragte Harry geradeheraus.
»Schwör mir, was immer du hörst –«
»Arthur, schnell!«, rief Mrs Weasley.
Dampfstrahlen zischten aus der Lok; der Zug war angefahren. Harry rannte zur Zugtür, und Ron riss sie auf und trat zurück, um ihn einzulassen. Sie lehnten aus dem Fenster und winkten Mr und Mrs Weasley zu, bis der Zug um eine Kurve bog und ihnen die Sicht nahm.
»Ich muss mal mit euch allein reden«, murmelte Harry Ron und Hermine zu, während der Zug allmählich schneller wurde.
»Hau ab, Ginny«, sagte Ron.
»Oh, wie nett«, sagte Ginny beleidigt und stolzierte davon.
Harry, Ron und Hermine gingen den Gang entlang, auf der Suche nach einem leeren Abteil, doch alle waren voll, außer dem einen ganz am Ende des Zuges.
Dort war nur ein Platz besetzt. Ein Mann saß tief schlafend am Fenster. Harry, Ron und Hermine blieben an der Schiebetür stehen. Der Hogwarts-Express war sonst immer für Schüler reserviert gewesen und sie hatten nie einen Erwachsenen im Zug gesehen, mit Ausnahme der Hexe mit dem Imbisswagen.
Der Fremde trug einen äußerst schäbigen, an mehreren Stellen geflickten Zaubererumhang. Er sah krank und erschöpft aus. Obwohl er noch recht jung war, durchzogen graue Strähnen sein hellbraunes Haar.
»Wer, glaubt ihr, ist das?«, zischte Ron, als sie die Tür zuschoben und sich setzten, möglichst weit von dem Mann am Fenster entfernt.
»Professor R. J. Lupin«, flüsterte Hermine, ohne zu zögern.
»Woher weißt du das denn schon wieder?«
»Steht auf seinem Koffer«, antwortete Hermine und deutete auf die Gepäckablage über dem Kopf des Mannes, wo ein kleiner, zerknautschter Koffer lag, der mit einer Menge Schnur sorgfältig zugeknotet war. Auf einer Seite stand in abblätternden Lettern der Name »Professor R. J. Lupin«.
»Welches Fach der wohl gibt?«, sagte Ron und musterte stirnrunzelnd Professor Lupins bleiches Profil.
»Das ist doch klar«, flüsterte Hermine, »es gibt nur eine freie Stelle, oder? Verteidigung gegen die dunklen Künste.«
Harry, Ron und Hermine hatten schon zwei Lehrer in diesem Fach gehabt, und beide hatten es nur ein Jahr lang durchgehalten. Gerüchten zufolge war diese Stelle verhext.
»Ich hoffe, er schafft es«, sagte Ron zweifelnd. »Sieht eher aus, als ob ein guter Zauber ihn erledigen würde, oder? Jedenfalls …«, er wandte sich Harry zu, »was wolltest du uns sagen?«
Harry erzählte die ganze Geschichte von dem Streit zwischen Mr und Mrs Weasley und der Warnung, die er soeben von Mr Weasley erhalten hatte. Als er fertig war, schien Ron wie vom Donner gerührt und Hermine hatte die Hände gegen die Lippen gepresst. Schließlich ließ sie die Hände sinken und sagte:
»Sirius Black ist tatsächlich ausgebrochen, um dich zu jagen? Oh, Harry … du musst wirklich ganz, ganz vorsichtig sein. Such bloß keinen Ärger, Harry …«
»Ich suche keinen Ärger«, sagte Harry gereizt. »Meist findet der Ärger mich.«
»Harry müsste doch eine schöne Dumpfbacke sein, wenn er nach einem Verrückten sucht, der ihn umbringen will«, sagte Ron mit zitternder Stimme.
Die Neuigkeit erschütterte sie mehr, als Harry erwartet hatte. Beide schienen größere Angst vor Black zu haben als er.
»Keiner weiß, wie er aus Askaban entkommen konnte«, sagte Ron mit Unbehagen. »Keiner hat es je geschafft. Und er war auch noch ein Hochsicherheitsgefangener.«
»Aber sie werden ihn doch fassen, nicht wahr?«, sagte Hermine nachdrücklich. »Ich meine, die Muggel suchen ihn doch auch alle …«
»Was ist das für ein Geräusch?«, sagte Ron plötzlich.
Von irgendwoher kam ein leises, blechernes Pfeifen. Sie sahen sich im Abteil um.
»Es kommt aus deinem Koffer, Harry«, sagte Ron. Er stand auf und zog den Koffer aus der Gepäckablage. Einen Augenblick später hatte er das Taschenspickoskop zwischen Harrys Umhängen herausgezogen. Rasend schnell und hell aufleuchtend drehte es sich auf Rons Handfläche.
»Ist das ein Spickoskop?«, fragte Hermine neugierig und stand auf, um es näher in Augenschein zu nehmen.
»Ja … allerdings ein ziemlich billiges«, sagte Ron. »Seit ich es Errol ans Bein gebunden hab, um es Harry zu schicken, spinnt es ein wenig.«
»Hast du damals irgendwas Komisches gemacht?«, sagte Hermine mit forschendem Blick.
»Nein! Nun ja … ich hätte eigentlich nicht Errol nehmen sollen, du weißt doch, dass er nicht fit ist für lange Flüge … aber wie sollte ich Harry das Geschenk denn sonst schicken?«
»Steck es zurück in den Koffer«, mahnte Harry, als das Spickoskop anfing, durchdringend zu pfeifen, »oder er wacht noch auf.«
Er nickte zu Professor Lupin hinüber. Ron stopfte das Spickoskop in ein besonders fürchterliches Paar von Onkel Vernons alten Socken, was das Pfeifen abwürgte, dann klappte er den Koffer zu.
»Wir könnten es in Hogsmeade nachsehen lassen«, sagte Ron und setzte sich wieder. »Sie verkaufen solche Sachen bei Derwisch und Banges, magische Werkzeuge und so Zeugs, das weiß ich von Fred und George.«
»Weißt du viel über Hogsmeade?«, fragte Hermine interessiert. »Ich hab gelesen, es ist der einzige Ort in England, wo kein einziger Muggel lebt.«
»Ja, ich glaub schon«, sagte Ron gleichgültig, »aber das ist nicht der Grund, weshalb ich dort hinmöchte. Ich will einfach mal in den Honigtopf!«
»Was ist das?«, wollte Hermine wissen.
»Der Süßigkeitenladen«, sagte Ron und ein träumerischer Ausdruck trat auf sein Gesicht, »wo sie alles haben – Pfefferkobolde – die lassen dir den Mund rauchen – und große pralle Schokokugeln, gefüllt mit Erdbeermousse und Schlagsahne, und ganz tolle Zuckerfederhalter, die kannst du in der Schule lutschen und siehst dabei aus, als würdest du nur überlegen, was du schreiben sollst –«
»Aber Hogsmeade ist doch auch sonst ganz interessant, oder?«, bohrte Hermine wissbegierig nach. »In Historische Stätten der Zauberei heißt es, das Wirtshaus sei das Hauptquartier des Koboldaufstands von 1612 gewesen und die Heulende Hütte soll das am übelsten spukende Gebäude im ganzen Land sein –«
»– und dicke Brausekugeln, du hebst vom Boden ab, wenn du sie lutschst«, sagte Ron, der offensichtlich kein Wort von dem hören wollte, was Hermine zu sagen hatte.
Hermine wandte sich Harry zu.
»Wär es nicht schön, mal ein wenig aus der Schule rauszukommen und Hogsmeade zu erkunden?«
»Sicher«, brummte Harry. »Ihr müsst mir dann erzählen, wie es war.«
»Was soll das heißen?«, sagte Ron.
»Ich kann nicht mit. Die Dursleys haben die Zustimmungserklärung für mich nicht unterschrieben und Fudge wollte auch nicht.«
Ron war entsetzt.
»Du darfst nicht mitkommen? Aber kommt nicht in Frage, McGonagall oder sonst jemand wird es schon erlauben –«
Harry lachte hohl. Professor McGonagall, die das Haus Gryffindor leitete, war sehr streng.
»Oder wir fragen Fred und George, die kennen alle Geheimgänge aus dem Schloss heraus.«
»Ron!«, sagte Hermine in schneidendem Ton. »Ich glaube nicht, dass Harry sich aus der Schule schleichen sollte, wenn Black auf freiem Fuß ist.«
»Ja, das wird McGonagall sicher auch sagen, wenn ich sie um Erlaubnis frage«, sagte Harry erbittert.
»Aber wenn wir ihn begleiten, Hermine«, sagte Ron beherzt, »wird Black es nicht wagen.«
»Ach Ron, red keinen Stuss«, fuhr ihn Hermine an. »Black hat mitten auf einer belebten Straße ein Dutzend Leute umgebracht, glaubst du wirklich, er wird sich davon abhalten lassen, Harry anzugreifen, nur weil wir dabei sind?«
Während sie sprach, nestelte sie an den Spannverschlüssen von Krummbeins Korb herum.
»Lass bloß dieses Tier nicht raus!«, sagte Ron. Doch zu spät; leichtfüßig hüpfte Krummbein aus dem Korb, streckte sich, gähnte und sprang auf Rons Knie; das Knäuel in Rons Brusttasche zitterte und wütend schob er Krummbein beiseite.
»Hau ab!«
»Ron, nicht!«, sagte Hermine zornig.
Ron wollte gerade etwas entgegnen, als sich Professor Lupin regte. Gebannt beobachteten sie ihn, doch er drehte nur mit leicht geöffnetem Mund den Kopf auf die andere Seite und schlief weiter.
Der Hogwarts-Express fuhr stetig nordwärts und die Landschaft vor dem Fenster wurde wilder und düsterer und die Wolken am Himmel verdichteten sich. Vor der Abteiltür rannten Schüler hin und her. Krummbein hatte sich jetzt auf einem leeren Sitz niedergelassen, das eingedellte Gesicht Ron zugewandt und die gelben Augen auf Rons Brusttasche gerichtet.
Um eins schob die plumpe Hexe mit dem Imbisswagen die Tür auf.
»Meint ihr, wir sollten ihn aufwecken?«, fragte Ron verlegen und nickte zu Professor Lupin hinüber. »Sieht aus, als könnte er was zu essen vertragen.«
Hermine näherte sich vorsichtig dem Professor.
»Ähm – Professor?«, sagte sie. »Verzeihung – Professor?«
Er rührte sich nicht.
»Schon gut, Mädchen«, sagte die Hexe und reichte Harry einen mächtigen Stapel Kesselkuchen, »wenn er aufwacht und Hunger hat, ich bin vorne beim Zugführer.«
»Ich hoffe doch, dass er schläft?«, sagte Ron leise, als die Hexe die Abteiltür zugeschoben hatte. »Ich meine – er ist nicht tot, oder?«
»Nein, nein, er atmet«, flüsterte Hermine und nahm das Stück Kesselkuchen, das Harry ihr reichte.
Professor Lupin mochte keine angenehme Gesellschaft sein, doch dass er in ihrem Abteil war, hatte seine nützlichen Seiten. Am späten Nachmittag, gerade als es zu regnen begonnen hatte und die sanften Hügel vor dem Fenster verschwammen, hörten sie erneut Schritte auf dem Gang, und die Mitschüler, die sie am wenigsten leiden konnten, erschienen an der Tür: Draco Malfoy, flankiert von seinen Kumpanen Vincent Crabbe und Gregory Goyle.
Draco Malfoy und Harry waren verfeindet, seit sie sich auf ihrer ersten Zugreise nach Hogwarts getroffen hatten. Malfoy mit seinem blassen, spitzen und blasierten Gesicht war im Haus Slytherin; er war Sucher in der Quidditch-Mannschaft der Slytherins, ebenso wie Harry bei den Gryffindors. Crabbe und Goyle schienen nur zu existieren, um Malfoys Befehle auszuführen. Beide waren breit gebaut und muskulös; Crabbe war der Größere von beiden und hatte einen Haarschnitt wie eine Puddingschüssel und einen sehr dicken Hals; Goyle hatte kurzes, stoppliges Haar und lange Gorillaarme.
»Schaut, schaut, wen haben wir denn da«, sagte Malfoy in seinem üblichen trägen, schnarrenden Tonfall und riss die Abteiltür auf. »Potty und das Wiesel.«
Crabbe und Goyle kicherten wie Kobolde.
»Hab gehört, dein Vater ist diesen Sommer endlich zu etwas Gold gekommen, Weasley«, sagte Malfoy. »Ist deine Mutter an dem Schock gestorben?«
Ron stand so schnell auf, dass er Krummbeins Korb zu Boden stieß. Professor Lupin ließ einen Schnarcher vernehmen.
»Wer ist das denn?«, fragte Malfoy, als er Lupin bemerkte, und trat instinktiv einen Schritt zurück.
»Ein neuer Lehrer«, sagte Harry, der ebenfalls aufgestanden war, um Ron im Falle eines Falles im Zaum zu halten. »Was wolltest du gerade sagen, Malfoy?«
Malfoys blasse Augen verengten sich; er war nicht der Dummkopf, der vor der Nase eines Lehrers Streit anfangen würde.
»Los, kommt«, murmelte er widerwillig Crabbe und Goyle zu und sie verschwanden.
Harry und Ron setzten sich wieder; Ron rieb sich die Handknöchel.
»Dieses Jahr lass ich mir von Malfoy nichts mehr bieten«, sagte er zornig, »und das meine ich ernst. Wenn er noch einen Witz über meine Familie macht, pack ich ihn am Kopf und –«
Ron fuchtelte heftig mit den Armen herum.
»Ron«, zischte Hermine und deutete auf Professor Lupin, »sei vorsichtig –«
Doch Professor Lupin schlief seelenruhig.
Der Zug fuhr weiter nach Norden und der Regen wurde stärker; die Fenster hatten ein undurchdringliches, schimmerndes Grau angenommen, das sich allmählich verdunkelte, bis schließlich die Laternen in den Gängen und über den Gepäcknetzen aufflackerten. Der Zug ratterte dahin, der Regen trommelte gegen die Fenster, der Wind heulte, doch Professor Lupin schlief weiter.
»Wir müssen doch bald da sein«, sagte Ron und lehnte sich an Professor Lupin vorbei zum inzwischen fast schwarzen Fenster.
Und wie zur Bestätigung seiner Worte begann der Zug langsamer zu werden.
»Endlich«, sagte Ron, stand auf und ging mit einem vorsichtigen Blick auf Professor Lupins Beine zum Fenster, um hinauszusehen. »Ich verhungere noch. Was ich jetzt brauche, ist das Festessen …«
Hermine sah auf die Uhr. »Eigentlich können wir noch nicht da sein«, sagte sie.
»Und warum halten wir dann?«
Der Zug bremste allmählich ab. Nun, da der Lärm der Kolben sich abschwächte, schlugen Wind und Regen lauter denn je gegen die Fenster.
Harry, der an der Tür saß, erhob sich und warf einen Blick auf den Gang. Entlang des ganzen Wagens lugten neugierige Köpfe aus den Abteilen.
Mit einem Ruck kam der Zug zum Stillstand und fernes Poltern und Krachen sagte ihnen, dass Koffer aus den Gepäcknetzen gefallen waren. Dann, ohne jede Vorwarnung, erloschen alle Lampen und sie waren jäh in schwarze Dunkelheit gehüllt.
»Was ist da los?«, ertönte Rons Stimme hinter Harry.
»Autsch!«, keuchte Hermine. »Ron, das war mein Fuß!«
Harry tastete sich zurück zu seinem Sitz.
»Glaubst du, wir haben eine Panne?«
»Keine Ahnung …«
Es gab ein quietschendes Geräusch und Harry sah die verschwommene schwarze Gestalt Rons übers Fenster wischen, um hinauszuschauen.
»Da draußen bewegt sich was«, sagte Ron, »ich glaube, es steigen Leute ein …«
Plötzlich ging die Abteiltür auf, jemand stieß schmerzhaft gegen Harrys Beine und stürzte zu Boden.
»Verzeihung, wisst ihr, was da los ist? Autsch, tut mir leid –«
»Hallo, Neville«, sagte Harry. Er tastete in der Dunkelheit umher und zog Neville an seinem Umhang auf die Beine.
»Harry? Bist du das? Was ist eigentlich los?«
»Keine Ahnung – setz dich –«
Darauf folgte ein lautes Fauchen und ein Schmerzensschrei; Neville hatte versucht sich auf Krummbein niederzulassen.
»Ich geh jetzt nach vorn und frag den Zugführer, was hier vor sich geht«, ließ Hermine vernehmen. Harry spürte sie an sich vorbeigehen, hörte die Tür aufgleiten und dann einen dumpfen Schlag und zwei laute Aufschreie.
»Wer ist das?«
»Wer ist das?«
»Ginny?«
»Hermine?«
»Was tust du hier?«
»Ich suche Ron.«
»Komm rein und setz dich hin.«
»Nicht hier!«, sagte Harry rasch. »Ich bin hier!«
»Autsch!«, sagte Neville.
»Ruhe!«, sagte plötzlich eine heisere Stimme.
Professor Lupin schien endlich aufgewacht zu sein. Harry konnte hören, dass sich in seiner Ecke etwas regte. Keiner von ihnen sagte ein Wort.
Sie hörten ein leises Knistern, und ein flackerndes Licht erleuchtete das Abteil. Professor Lupin schien eine Hand voll Flammen zu tragen. Sie beleuchteten sein müdes graues Gesicht, doch seine Augen glänzten wachsam und voll Argwohn.
»Bleibt, wo ihr seid«, sagte er mit seiner heiseren Stimme und erhob sich langsam, die Hand mit den Flammen vor sich ausgestreckt.
Doch die Tür glitt auf, bevor Lupin sie erreichte.
Am Eingang, erhellt von den flackernden Flammen in Lupins Hand, stand eine vermummte Gestalt, die bis zur Decke ragte. Das Gesicht war unter einer Kapuze vollständig verborgen. Harrys Blick schoss nach unten, und was er da sah, ließ seinen Magen zusammenkrampfen. Eine Hand lugte unter dem Umhang hervor und es war eine glitzernd graue, schleimige, verschorfte Hand, wie etwas Totes, das im Wasser verwest war …
Doch er sah sie nur für den Bruchteil einer Sekunde. Als ob das Wesen unter dem Umhang Harrys Blick gespürt hätte, zog es die Hand rasch unter die Falten des schwarzen Umhangs zurück.
Und dann holte das Kapuzenwesen, was immer es war, lange und tief rasselnd Atem, als ob es versuchte, mehr als nur Luft aus seiner Umgebung zu saugen.
Eine bittere Kälte legte sich über sie. Harry spürte seinen Atem in der Brust stocken. Die Kälte drang ihm unter die Haut. Sie drang in seine Brust, ins Innere seines Herzens …
Harrys Augäpfel drehten sich nach innen. Er konnte nichts mehr sehen. Die Kälte ertränkte ihn. In seinen Ohren rauschte es, wie von Wasser. Etwas zog ihn in die Tiefe, das Rauschen wurde lauter …
Und dann, aus weiter Ferne, hörte er Schreie, schreckliche, grauenerfüllte, flehende Schreie – er wollte helfen, wer auch immer es war, er versuchte die Arme zu bewegen, doch er konnte nicht – ein dichter weißer Nebel wirbelte um ihn auf, drang in sein Inneres –
»Harry! Harry! Alles in Ordnung?«
Jemand gab ihm eine Ohrfeige.
»W-was?«
Harry öffnete die Augen; über ihm brannten Lampen, und der Fußboden vibrierte – die Lichter waren angegangen und der Hogwarts-Express fuhr wieder. Offenbar war er von seinem Sitz auf den Boden geglitten. Ron und Hermine knieten neben ihm, und über ihnen sah er Neville und Professor Lupin, die ihn gespannt musterten. Harry war speiübel; als er die Hand hob, um seine Brille zurechtzurücken, spürte er kalten Schweiß auf seinem Gesicht.
Ron und Hermine hievten ihn zurück auf seinen Platz.
»Geht’s wieder?«, fragte Ron nervös.
»Ja«, sagte Harry und warf rasch einen Blick zur Tür. Die vermummte Kreatur war verschwunden. »Was ist passiert? Wo ist dieses – dieses Wesen? Wer hat geschrien?«
»Kein Mensch hat geschrien«, sagte Ron, jetzt noch nervöser.
Harry sah sich in dem hell erleuchteten Abteil um. Ginny und Neville, beide ganz blass, erwiderten seinen Blick.
»Aber ich hab Schreie gehört.«
Ein lautes Knacken ließ sie alle zusammenfahren. Professor Lupin brach einen gewaltigen Riegel Schokolade in Stücke.
»Hier«, sagte er zu Harry und reichte ihm ein besonders großes Stück. »Iss. Dann geht’s dir besser.«
Harry nahm die Schokolade, aß sie jedoch nicht.
»Was war das für ein Wesen?«, fragte er Lupin.
»Ein Dementor«, sagte Lupin, während er die Schokolade an die andern verteilte. »Einer der Dementoren von Askaban.«
Alle starrten ihn an. Professor Lupin knüllte das leere Schokoladenpapier zusammen und steckte es in die Tasche.
»Iss«, sagte er noch einmal. »Das hilft. Entschuldigt mich, ich muss mit dem Lokführer sprechen –«
Er ging an Harry vorbei und verschwand im Gang.
»Bist du sicher, dass du in Ordnung bist, Harry?«, sagte Hermine und musterte ihn besorgt.
»Ich begreif es nicht … was ist passiert?«, fragte Harry und wischte sich erneut den Schweiß von der Stirn.
»Nun – dieses Wesen – dieser Dementor – stand da und hat sich umgesehen – wenigstens nehm ich an, dass er es tat, ich konnte sein Gesicht nicht sehen – und du, du –«
»Ich dachte, du hättest so eine Art Anfall«, sagte Ron, dem der Schreck immer noch im Gesicht stand. »Du bist irgendwie steif geworden und von deinem Sitz gefallen und hast angefangen zu zucken.«
»Und Professor Lupin ist über dich gestiegen, hat sich vor dem Dementor aufgestellt und den Zauberstab gezückt«, sagte Hermine. »Und dann hat er gesagt: ›Keiner von uns hier versteckt Sirius Black unter seinem Umhang. Geh.‹ Aber der Dementor hat sich nicht gerührt. Dann hat Lupin etwas gemurmelt und etwas Silbernes ist aus seinem Zauberstab auf den Dementor gerichtet geschossen und der hat sich umgedreht und ist auf so merkwürdige Art davongeglitten.«
»Es war schrecklich«, sagte Neville mit noch höherer Stimme als sonst. »Hast du gemerkt, wie kalt es wurde, als er reinkam?«
»Ich hab mich so komisch gefühlt«, sagte Ron und zog beklommen die Schultern hoch. »Als ob ich nie mehr froh sein würde …«
Ginny, die in ihrer Ecke zusammengekauert saß und fast so schlecht aussah, wie Harry sich fühlte, ließ einen leisen Schluchzer vernehmen; Hermine ging zu ihr und legte ihr tröstend den Arm um die Schultern.
»Aber ist denn keiner von euch – vom Sitz gefallen?«, fragte Harry verlegen.
»Nein«, sagte Ron und sah Harry erneut beunruhigt an. »Aber Ginny hat wie verrückt gezittert …«
Harry begriff nicht. Er fühlte sich schwach und wackelig; als ob er sich von einem schweren Grippeanfall erholen müsste; auch spürte er einen Anflug von Scham. Warum hatte es ausgerechnet ihn so fürchterlich erwischt und keinen von den andern?
Professor Lupin kam zurück. Er trat ein, stockte, sah sich um und sagte dann mit dem Anflug eines Lächelns:
»Ich hab die Schokolade nicht vergiftet, glaub mir …«
Harry biss ein Stück ab, und zu seiner großen Überraschung breitete sich plötzlich Wärme bis in seine Fingerspitzen und Zehen aus.
»In zehn Minuten sind wir in Hogwarts«, sagte Professor Lupin. »Wie geht’s dir, Harry?«
Harry fragte nicht, woher Professor Lupin seinen Namen kannte.
»Gut«, nuschelte er verlegen.
Sie sprachen nicht viel während der verbleibenden Reise. Endlich hielt der Zug am Bahnhof von Hogwarts. Unter großem Durcheinander drängelten alle nach draußen; Eulen heulten, Katzen miauten und Nevilles Kröte quakte laut unter seinem Hut hervor. Auf dem kleinen Bahnsteig war es bitterkalt; in eisigen Böen prasselte der Regen nieder.
»Erstklässler hier lang«, rief eine vertraute Stimme. Harry, Ron und Hermine wandten sich um und sahen den riesenhaften Umriss Hagrids am anderen Ende des Bahnsteigs, der die verängstigt aussehenden neuen Schüler zu sich winkte, um dann, wie es der Brauch war, mit ihnen über den See zu fahren.
»Alles klar, ihr drei?«, rief Hagrid über die Köpfe der Menge hinweg. Sie winkten ihm zu, hatten jedoch keine Gelegenheit, mit ihm zu sprechen, weil die Menschenmasse sie in die andere Richtung schob. Harry, Ron und Hermine folgten den anderen Schülern den Bahnsteig entlang und hinaus auf einen holprigen, schlammigen Fahrweg, wo mindestens hundert Kutschen auf sie warteten. Als sie eingestiegen waren und den Wagenschlag geschlossen hatten, setzte sich die Kutsche wie von allein in Bewegung und reihte sich rumpelnd und schaukelnd in die Prozession ein. Sie werden von unsichtbaren Pferden gezogen, überlegte Harry.
In der Kutsche roch es leicht nach Moder und Stroh. Seit der Schokolade fühlte sich Harry besser, doch immer noch schwach. Ron und Hermine warfen ihm ständig Blicke von der Seite her zu, als ob sie fürchteten, er könne erneut in Ohnmacht fallen.
Als die Kutsche auf ein reich verziertes, zweiflügliges Eisentor zuratterte, das zu beiden Seiten von steinernen Säulen mit geflügelten Ebern an der Spitze flankiert war, sah Harry zwei weitere riesige, vermummte Dementoren, die unter den Ebern Wache standen. Eine kalte Welle aus Übelkeit drohte ihn erneut zu ertränken; er lehnte sich zurück in seinen harten Sitz und schloss die Augen, bis sie das Tor passiert hatten. Auf dem langen, ansteigenden Weg hoch zum Schloss wurde die Kutsche allmählich schneller; Hermine streckte den Kopf aus dem kleinen Fenster und sah zu, wie die vielen Zinnen und Türme näher kamen. Endlich machte die Kutsche schaukelnd Halt und Hermine und Ron stiegen aus.
Als Harry die Stufen hinabkletterte, drang ein träges, schadenfrohes Schnarren an sein Ohr.
»Du bist in Ohnmacht gefallen, Potter? Sagt Longbottom die Wahrheit? Du bist tatsächlich ohnmächtig geworden?«
Malfoy stieß Hermine mit dem Ellbogen beiseite und stellte sich Harry auf den steinernen Stufen hoch zum Schloss in den Weg. Sein Gesicht war voll Häme und seine blassen Augen glitzerten tückisch.
»Hau ab, Malfoy«, sagte Ron mit zusammengebissenen Zähnen.
»Bist du auch ohnmächtig geworden, Weasley?«, sagte Malfoy laut. »Hat der schreckliche alte Dementor dir auch Angst eingejagt, Weasley?«
»Gibt es hier ein Problem?«, sagte eine sanfte Stimme. Professor Lupin war gerade aus der nachfolgenden Kutsche gestiegen.
Malfoy warf Professor Lupin einen überheblichen Blick zu und ließ die Augen über die Flicken auf seinem Umhang und den zerbeulten Koffer wandern. Mit leisem Spott in der Stimme sagte er:
»O nein – ähm – Professor«, dann grinste er Crabbe und Goyle zu und stolzierte den beiden voran die Stufen zum Schloss hoch.
Hermine stupste Ron in den Rücken, um ihn anzutreiben, und die drei schlossen sich den Scharen der andern Schüler an, die zum Schloss hinaufgingen und durch das mächtige Eichenportal in die geräumige, von flackernden Fackeln erleuchtete Eingangshalle strömten, von der aus eine herrliche marmorne Treppe in die oberen Stockwerke führte.
Zu ihrer Rechten öffnete sich die Tür zur Großen Halle; Harry folgte den Schülern, die hineinströmten, doch kaum hatte er einen Blick auf die verzauberte Decke geworfen, die heute Abend schwarz und bewölkt war, da rief eine Stimme:
»Potter! Granger! Ich will Sie beide sprechen!«
Harry und Hermine wandten sich überrascht um. Professor McGonagall, die Lehrerin für Verwandlung und Leiterin des Hauses Gryffindor, hatte sie über die Köpfe der Menge hinweg gerufen. Sie war eine Hexe mit strenger Miene; das Haar hatte sie zu einem festen Knoten gebunden und ihre scharfen Augen wurden von quadratischen Brillengläsern umrahmt. Harry kämpfte sich mit unguter Vorahnung zu ihr durch; Professor McGonagall hatte ihre eigene Art, ihm das Gefühl zu geben, irgendetwas falsch gemacht zu haben.
»Kein Grund, so besorgt auszusehen. Ich will nur, dass ihr auf ein Wort in mein Büro kommt«, sagte sie. »Sie gehen weiter, Weasley.«
Ron starrte ihnen nach, während Professor McGonagall Harry und Hermine von der schnatternden Menge fortführte, sie die Marmortreppe hoch- und einen Korridor entlangbugsierte.
Sobald sie in ihrem Büro waren, einem kleinen Raum mit einem großen, behaglichen Feuer, wies Professor McGonagall Harry und Hermine an, sich zu setzen. Sie selbst ließ sich hinter ihren Schreibtisch nieder und begann ohne Umschweife:
»Professor Lupin hat eine Eule vorausgeschickt, um mich zu benachrichtigen, dass Sie im Zug erkrankt sind, Potter.«
Bevor Harry antworten konnte, klopfte es sanft an der Tür und Madam Pomfrey, die Krankenschwester, kam hereingewuselt.
Harry spürte, wie er rot anlief. Schlimm genug, dass er ohnmächtig geworden war, oder was es auch gewesen sein mag, nun machten sie auch noch alle so viel Aufhebens davon.
»Mir geht’s gut«, sagte er. »Ich brauche nichts.«
»Oh, du bist es?«, sagte Madam Pomfrey. Sie achtete nicht auf seine Worte, beugte sich über ihn und musterte ihn mit scharfem Blick. »Ich nehme an, du hast wieder was Gefährliches angestellt?«
»Es war ein Dementor, Poppy«, sagte Professor McGonagall.
Sie tauschten düstere Blicke aus und Madam Pomfrey schnalzte missbilligend mit der Zunge.
»Dementoren um die Schule herum aufstellen«, murmelte sie und strich Harrys Haare zurück, um ihm die Stirn zu fühlen, »da wird er nicht der Erste sein, der zusammenbricht. Ja, er ist ganz unterkühlt. Fürchterliche Ungeheuer sind das, und wenn man bedenkt, wie sie auf Leute wirken, die ohnehin schon zart besaitet sind.«
»Ich bin nicht zart besaitet!«, sagte Harry beleidigt.
»Natürlich nicht«, sagte Madam Pomfrey geistesabwesend und fühlte ihm den Puls.
»Was braucht er?«, sagte Professor McGonagall forsch. »Bettruhe? Sollte er die Nacht vielleicht im Krankenflügel verbringen?«
»Mir geht’s gut!«, sagte Harry und sprang auf. Die Vorstellung, was Draco Malfoy sagen würde, wenn er in den Krankenflügel müsste, war die reine Folter.
»Nun, zumindest sollte er ein wenig Schokolade bekommen«, sagte Madam Pomfrey, die jetzt versuchte, in Harrys Augen zu spähen.
»Ich hatte schon welche«, sagte Harry. »Professor Lupin hat mir ein Stück gegeben. Er hat sie an uns alle verteilt.«
»Hat er, wirklich?«, sagte Madam Pomfrey anerkennend. »Also haben wir endlich einen Lehrer in Verteidigung gegen die dunklen Künste, der seine Gegenmittel beherrscht?«
»Sind Sie sicher, dass Sie sich wohl fühlen, Potter?«, fragte Professor McGonagall in scharfem Ton.
»Ja«, sagte Harry.
»Sehr schön. Warten Sie bitte draußen, während ich kurz mit Miss Granger über ihren Stundenplan spreche, dann können wir zusammen nach unten gehen.«
Harry ging hinaus in den Gang, zusammen mit Madam Pomfrey, die leise murmelnd in den Krankenflügel zurückkehrte. Er musste nur wenige Minuten warten; als Hermine aus der Tür trat, schien sie sehr froh über etwas zu sein. Professor McGonagall folgte ihr und die drei stiegen die Marmortreppe hinunter in die Große Halle.
Die Halle war ein Meer aus schwarzen Spitzhüten; die langen Tische der vier Häuser waren voll besetzt mit Schülern, deren Gesichter beim Licht Tausender schwebender Kerzen erglühten. Professor Flitwick, ein winziger Zauberer mit einem Schopf weißen Haars, trug gerade einen alten Hut und einen vierbeinigen Stuhl aus der Halle.
»Schade«, sagte Hermine, »wir haben die Auswahl versäumt!«
Die neuen Schüler in Hogwarts wurden auf die Häuser verteilt (Gryffindor, Ravenclaw, Hufflepuff und Slytherin). Dazu diente der Sprechende Hut, den sie aufsetzten und der daraufhin laut das Haus verkündete, zu dem sie am besten passten. Professor McGonagall schritt auf ihren Platz am Lehrertisch zu und Harry und Hermine gingen so unauffällig wie möglich in die andere Richtung zum Tisch der Gryffindors. Ihre Mitschüler wandten sich nach ihnen um, während sie an der rückwärtigen Wand der Halle entlanggingen, und ein paar deuteten auf Harry. Hatte sich die Geschichte von seinem Ohnmachtsanfall vor dem Dementor so rasch herumgesprochen?
Harry und Hermine setzten sich neben Ron, der ihnen Plätze freigehalten hatte.
»Was sollte der ganze Aufstand?«, murmelte er Harry zu.
Harry begann flüsternd zu erklären, doch in diesem Augenblick erhob sich der Schulleiter und Harry verstummte.
Professor Dumbledore, obwohl sehr alt, erweckte immer den Eindruck von ungeheurer Kraft. Er hatte fast meterlanges silbernes Haar und einen ebenso langen Bart, halbmondförmige Brillengläser und eine scharf gekrümmte Nase. Oft hieß es, er sei der größte Zauberer seiner Zeit, doch das war nicht der Grund, weshalb Harry ihn schätzte. Man konnte einfach nicht umhin, Albus Dumbledore zu vertrauen, und während Harry beobachtete, wie Dumbledore die Schüler reihum strahlend anlächelte, fühlte er sich zum ersten Mal, seit der Dementor das Zugabteil betreten hatte, richtig entspannt.
»Willkommen!«, sagte Dumbledore und das Kerzenlicht schimmerte auf seinem Bart. »Willkommen zu einem neuen Jahr in Hogwarts! Ich habe euch allen einige Dinge mitzuteilen, und da etwas sehr Ernstes darunter ist, halte ich es für das Beste, wenn ich gleich damit herausrücke, denn nach unserem herrlichen Festmahl werdet ihr sicher ein wenig bedröppelt sein …«
Dumbledore räusperte sich und fuhr fort:
»Wie ihr mitbekommen habt, ist der Hogwarts-Express durchsucht worden, und ihr wisst inzwischen, dass unsere Schule gegenwärtig einige der Dementoren von Askaban beherbergt, die im Auftrag des Zaubereiministeriums hier sind.«
Er hielt inne und Harry fiel ein, dass Mr Weasley gesagt hatte, auch Dumbledore sei nicht glücklich darüber, dass die Dementoren die Schule bewachten.
»Sie sind an allen Eingängen zum Gelände postiert«, fuhr Dumbledore fort, »und ich muss euch klar sagen, dass niemand ohne Erlaubnis die Schule verlassen darf, während sie hier sind. Dementoren dürfen nicht mit Tricks oder Verkleidungen zum Narren gehalten werden – nicht einmal mit Tarnumhängen«, fügte er mild lächelnd hinzu, und Harry und Ron warfen sich verstohlene Blicke zu. »Es liegt nicht in der Natur eines Dementors, Bitten oder Ausreden zu verstehen. Ich mahne daher jeden Einzelnen von euch: Gebt ihnen keinen Grund, euch Leid zuzufügen. Ich erwarte von unseren Vertrauensschülern und von unserem neuen Schulsprecherpaar, dass sie dafür sorgen, dass kein Schüler und keine Schülerin den Dementoren in die Quere kommt«, sagte Dumbledore.
Percy, der einige Stühle von Harry entfernt saß, warf sich erneut in die Brust und blickte Achtung heischend in die Runde. Dumbledore legte eine Pause ein; er ließ die Augen mit ernster Miene durch den Saal wandern; niemand bewegte sich oder machte auch nur das kleinste Geräusch.
»Und nun zu etwas Angenehmerem«, fuhr er fort. »Ich freue mich, dieses Jahr zwei neue Lehrer in unseren Reihen begrüßen zu können.
Zunächst Professor Lupin, der sich freundlicherweise bereit erklärt hat, die Stelle des Lehrers für Verteidigung gegen die dunklen Künste zu übernehmen.«
Es gab vereinzelten, wenig begeisterten Beifall. Nur jene, die mit Professor Lupin im Zugabteil gesessen hatten, und dazu gehörte Harry, klatschten wild in die Hände. Professor Lupin sah neben all den andern Lehrern in ihren besten Umhängen besonders schäbig aus.
»Schau dir Snape an!«, zischte Ron Harry ins Ohr.
Professor Snape, der Lehrer für Zaubertränke, starrte quer über den Tisch auf Professor Lupin. Es war kein Geheimnis, dass Snape eigentlich dessen Stelle haben wollte, doch selbst Harry, der Snape nicht leiden konnte, war bestürzt über den Ausdruck, der über sein schmales, fahles Gesicht zuckte; es war mehr als Wut; es war blanker Abscheu. Harry kannte diesen Ausdruck nur zu gut; es war derselbe Blick, mit dem Snape jedes Mal Harry ansah.
»Zu unserer zweiten Neuernennung«, fuhr Dumbledore fort, während der halbherzige Applaus für Professor Lupin erstarb. »Nun, es tut mir leid, euch sagen zu müssen, dass Professor Kesselbrand, unser Lehrer für die Pflege magischer Geschöpfe, Ende letzten Jahres in den Ruhestand getreten ist, um sich noch ein wenig seiner verbliebenen Gliedmaßen erfreuen zu können. Jedoch bin ich froh sagen zu können, dass sein Platz von keinem anderen als Rubeus Hagrid eingenommen wird, der sich bereit erklärt hat, diese Lehrtätigkeit zusätzlich zu seinen Pflichten als Wildhüter zu übernehmen.«
Harry, Ron und Hermine starrten sich verdutzt an. Dann stimmten auch sie in den Beifall ein, der besonders am Tisch der Gryffindors tumultartige Züge annahm; Harry lehnte sich vor, um Hagrid sehen zu können, der rubinrot angelaufen war und auf seine gewaltigen Pranken hinunterstarrte, das breite Grinsen im Gestrüpp seines schwarzen Bartes verborgen.
»Das hätten wir doch erraten können!«, brüllte Ron und hämmerte auf den Tisch, »wer sonst würde uns ein beißendes Buch auf die Liste setzen?«
Harry, Ron und Hermine hörten als Letzte zu klatschen auf, und als Professor Dumbledore wieder zu sprechen begann, sahen sie, wie Hagrid sich am Tischtuch die Augen wischte.
»Nun, ich denke, das ist alles, was zu erwähnen wäre«, sagte Dumbledore. »Beginnen wir mit dem Festmahl!«
Die goldenen Teller und Becher vor ihnen füllten sich plötzlich mit Speisen und Getränken. Harry, mit einem Mal hungrig wie ein Tier, tat sich von allem, was er mit Händen erreichen konnte, etwas auf und begann zu essen.
Es war ein herrliches Mahl; die Halle war erfüllt von Stimmen, Gelächter und vom Geklirr der Messer und Gabeln. Doch Harry, Ron und Hermine wollten schnell fertig werden, um mit Hagrid sprechen zu können. Sie wussten, wie viel es ihm bedeutete, zum Lehrer ernannt worden zu sein. Hagrid war kein vollständig ausgebildeter Zauberer; er war im dritten Schuljahr von Hogwarts verwiesen worden, wegen eines Verbrechens, das er nicht begangen hatte; erst Harry, Ron und Hermine hatten letztes Jahr seinen guten Namen wiederhergestellt.
Endlich, als die letzten Krümel Kürbistorte von den goldenen Tellern verschwunden waren, verkündete Dumbledore, es sei nun für alle an der Zeit, ins Bett zu gehen, und das war ihre Chance.
»Herzlichen Glückwunsch, Hagrid«, kreischte Hermine, als sie zum Lehrertisch gelangten.
»Allen Dank euch dreien«, sagte Hagrid zu ihnen aufblickend und wischte sich das glänzende Gesicht mit der Serviette ab. »Kann’s einfach nicht glauben … großartiger Mann, Dumbledore … kam schnurstracks rüber zu meiner Hütte, nachdem Professor Kesselbrand gesagt hatte, er hätte genug … das hab ich mir immer gewünscht …«
Überwältigt vor Rührung vergrub er das Gesicht in der Serviette, und Professor McGonagall scheuchte sie davon.
Harry, Ron und Hermine schlossen sich den Gryffindors an, die die Treppe emporströmten, und gingen, inzwischen recht müde, die Korridore entlang und noch mehr Treppen empor, bis sie zum versteckten Eingang des Gryffindor-Turms kamen. Das große Bildnis einer fetten Dame in einem rosa Kleid fragte sie: »Passwort?«
»Ich komm schon, ich komm schon!«, rief Percy am anderen Ende der Schülerschlange. »Das neue Passwort ist Fortuna Major!«
»O nein«, sagte Neville Longbottom traurig. Es fiel ihm immer schwer, sich Passwörter zu merken.
Sie kletterten durch das Porträtloch und durchquerten den Gemeinschaftsraum, und schließlich nahmen Jungen und Mädchen verschiedene Treppen nach oben; Harry stieg die Wendeltreppe hoch und dachte einzig daran, wie froh er war, zurück zu sein; sie kamen in den vertrauten, runden Schlafsaal mit ihren fünf Himmelbetten, und als Harry sich umsah, hatte er das Gefühl, endlich wieder zu Hause zu sein.
Teeblätter und Krallen
Als Harry, Ron und Hermine am nächsten Morgen zum Frühstück in die Große Halle kamen, fiel ihnen zuallererst Draco Malfoy auf, der eine große Schar Slytherins mit einer offenbar sehr komischen Geschichte unterhielt. Während sie vorbeigingen, gab Malfoy eine drollige Vorstellung von einem Ohnmachtsanfall zum Besten und heimste dafür johlendes Gelächter ein.
»Achte nicht auf ihn«, sagte Hermine, die dicht hinter Harry ging, »ignorier ihn einfach, er ist es nicht wert …«
»He, Potter!«, kreischte Pansy Parkinson, ein Slytherin-Mädchen mit einem Gesicht wie ein Mops, »Potter! Die Dementoren kommen, Potter! Uuuuhuuuh!«
Harry ließ sich auf einen Stuhl am Tisch der Gryffindors fallen, neben George Weasley.
»Die neuen Stundenpläne für die Drittklässler«, sagte George und reichte die Blätter weiter. »Was ist los mit dir, Harry?«
»Malfoy«, sagte Ron, der sich ebenfalls zu George gesetzt hatte und zornig zum Tisch der Slytherins hinüberstarrte.
George blickte gerade noch rechtzeitig auf, um zu sehen, wie Malfoy schon wieder so tat, als würde er vor Schreck in Ohnmacht fallen.
»Dieses kleine Großmaul«, sagte er gelassen. »Gestern Abend, als die Dementoren in unserem Wagen waren, war er nicht so dreist. Kam in unser Abteil gerannt, weißt du noch, Fred?«
»Hat sich fast nass gemacht«, sagte Fred mit einem verächtlichen Blick zu Malfoy hinüber.
»Mir war auch nicht besonders wohl«, sagte George. »Richtige Ungeheuer, diese Dementoren …«
»Lassen dir die Eingeweide gefrieren«, sagte Fred.
»Immerhin seid ihr nicht ohnmächtig geworden, oder?«, sagte Harry mit matter Stimme.
»Vergiss es, Harry«, sagte George aufmunternd. »Fred, weißt du noch, wie Dad mal nach Askaban musste? Und er meinte, das sei der schlimmste Ort, an dem er je gewesen sei, er kam ganz schwach und zittrig zurück … Diese Dementoren saugen das Glück ab, wo sie auch sind. Die meisten Gefangenen dort werden verrückt.«
»Wollen mal sehen, wie gut gelaunt Malfoy nach unserem ersten Quidditch-Spiel noch aus der Wäsche guckt«, sagte Fred. »Gryffindor gegen Slytherin, das erste Spiel der Saison, so war’s doch?«
Das einzige Mal, dass Harry und Malfoy sich in einem Quidditch-Spiel gegenübergestanden hatten, hatte Malfoy eindeutig den Kürzeren gezogen. Harry, dem jetzt ein wenig besser zumute war, tat sich Würstchen und gegrillte Tomaten auf.
Hermine war in ihren neuen Stundenplan vertieft.
»Ach gut, wir fangen heute mit ein paar neuen Fächern an«, sagte sie glücklich.
»Hermine«, sagte Ron, der ihr stirnrunzelnd über die Schulter sah, »da haben sie dir einen verkorksten Stundenplan gegeben. Schau mal – du hast ungefähr zehn Fächer am Tag. Dazu hast du überhaupt nicht die Zeit.«
»Das schaff ich schon. Ich hab alles mit Professor McGonagall abgesprochen.«
»Aber hör mal«, sagte Ron lachend, »was ist mit heute Morgen? Neun Uhr Wahrsagen. Und darunter, auch neun Uhr, Muggelkunde. Und sieh mal an« – Ron beugte sich mit ungläubiger Miene tiefer über den Stundenplan – »darunter Arithmantik, auch um neun. Ich weiß ja, dass du gut in der Schule bist, Hermine, aber niemand ist so gut. Wie willst du denn in drei Klassenzimmern auf einmal sein?«
»Stell dich nicht so bescheuert an«, sagte Hermine barsch. »Natürlich bin ich nicht in drei Klassenräumen auf einmal.«
»Und wie –«
»Gib mir mal die Marmelade«, sagte Hermine.
»Aber –«
»O Ron, was kümmert es dich, wenn mein Stundenplan ein bisschen voll ist?«, fauchte ihn Hermine an. »Ich hab dir doch gesagt, dass ich alles mit Professor McGonagall geklärt habe.«
In diesem Augenblick betrat Hagrid die Große Halle. Er trug seinen langen Maulwurffell-Umhang und gedankenversunken ließ er einen toten Iltis von einer seiner Pranken baumeln. Auf dem Weg zum Lehrertisch hielt er bei den dreien inne.
»Alles klar bei euch?«, sagte er gut gelaunt. »Ihr sitzt in meiner allerersten Stunde! Gleich nach dem Mittagessen! Bin seit fünf auf den Beinen, um alles vorzubereiten … hoffe, es gefällt euch … ich und Lehrer … nicht zu fassen …«
Er sah sie breit grinsend an und ging dann, munter mit dem Iltis wedelnd, weiter zum Lehrertisch.
»Was er wohl vorbereitet hat?«, sagte Ron mit leichter Anspannung in der Stimme.
Die Schüler brachen jetzt zur ersten Unterrichtsstunde auf und die Halle leerte sich zusehends. Ron warf einen Blick auf seinen Stundenplan.
»Wir sollten gehen, sieh mal, Wahrsagen ist oben auf dem Nordturm, da hoch brauchen wir mindestens zehn Minuten …«
Hastig beendeten sie ihr Frühstück, verabschiedeten sich von Fred und George und machten sich auf den Weg zum Ausgang. Als sie am Tisch der Slytherins vorbeigingen, tat Malfoy noch einmal so, als würde er in Ohnmacht fallen. Johlendes Gelächter folgte Harry in die Eingangshalle.
Der Weg durch das Schloss zum Nordturm war lang. Zwei Jahre in Hogwarts hatten nicht gereicht, um alle Ecken und Enden des Schlosses kennen zu lernen, und sie waren noch nie im Nordturm gewesen.
»Es – muss – doch – eine – Abkürzung – geben«, keuchte Ron, während sie die siebte lange Treppe emporstiegen. Oben gelangten sie auf einen unbekannten Flur, wo es nichts gab außer einem großen Gemälde an der steinernen Wand, das nichts als ein Stück Grasland zeigte.
»Ich glaube, hier geht’s lang«, sagte Hermine und spähte in den leeren Gang zu ihrer Rechten.
»Das kann nicht sein«, sagte Ron. »Das ist Süden, sieh mal, vom Fenster aus sieht man den See –«
Harry betrachtete das Gemälde. Ein fettes, scheckiges Pony war eben auf die Wiese gehoppelt und fing unbekümmert an zu grasen. Für Harry war es nichts Neues mehr, dass die Abgebildeten auf den Gemälden von Hogwarts ihre Bilderrahmen verließen und sich gegenseitig Besuche abstatteten, doch er sah immer gerne zu. Einen Augenblick später kam ein untersetzter, vierschrötiger Ritter mit Rüstung in das Bild geklappert. Den Grasflecken auf seinen metallenen Knien nach zu schließen, war er soeben gestürzt.
»Sieh an!«, rief er, als er Harry, Ron und Hermine erblickte, »was sind das für Schurken, die in meine Ländereien eindringen! Gekommen, um euch über meinen Sturz lustig zu machen? Zieht eure Waffen, ihr Spitzbuben, ihr Hunde!«
Verdutzt beobachteten sie, wie der kleine Ritter sein Schwert aus der Scheide zog und wild damit herumfuchtelte, wobei er zornig umherhopste. Doch das Schwert war zu lang für ihn; ein besonders heftiger Schwung brachte ihn aus dem Gleichgewicht und er flog mit dem Gesicht ins Gras.
»Haben Sie sich was getan?«, fragte Harry und trat näher an das Bild heran.
»Zurück, gemeiner Aufschneider! Zurück, du Strolch!«
Wieder packte der Ritter sein Schwert, diesmal, um sich aufzurappeln, doch die Klinge sank tief in die Erde, und obwohl er mit aller Kraft zog, blieb sie stecken. Schließlich musste er sich wieder ins Gras sinken lassen und das Visier hochschieben, um sich das schweißnasse Gesicht zu wischen.
»Hören Sie«, sagte Harry eilig, um die Erschöpfung des Ritters auszunutzen, »wir suchen den Nordturm. Kennen Sie vielleicht den Weg?«
»Eine Aufgabe!« Der Zorn des Ritters schien im Nu wie weggeblasen. Klappernd rappelte er sich hoch und rief: »Kommt, folgt mir, werte Freunde, und wir werden unser Ziel finden oder aber tapfer kämpfend untergehen!«
Noch einmal zog er am Schwert, doch ohne Erfolg, schließlich versuchte er das dicke Pony zu besteigen, was wiederum misslang, dann rief er:
»Zu Fuß denn, werte Herren und edle Dame! Auf! Auf!«
Und laut klappernd rannte er los in die linke Seite des Rahmens und verschwand.
Sie liefen dem Klappern seiner Rüstung nach den Korridor entlang. Hie und da erhaschten sie einen Blick auf ihn, wenn er durch ein Bild vor ihnen huschte.
»Seid kühnen Herzens, das Schlimmste kommt noch!«, rief der Ritter, und sie sahen ihn vor einer Gruppe aufgeschreckter Damen in Reifröcken erscheinen, deren Bild an der Wand einer schmalen Wendeltreppe hing.
Laut keuchend stiegen Harry, Ron und Hermine durch die engen Windungen der Treppe nach oben, und endlich, als ihnen schon schwindelig war, hörten sie über sich Stimmengemurmel und wussten, dass sie das Klassenzimmer erreicht hatten.
»Lebt wohl!«, rief der Ritter und steckte seinen Kopf in ein Gemälde mit finster dreinblickenden Mönchen. »Lebt wohl, meine Mitstreiter! Braucht ihr jemals ein edles Herz und stählerne Nerven, dann ruft Sir Cadogan!«
»Klar, machen wir«, murmelte Ron, und der Ritter verschwand, »– wenn wir je einen Narren brauchen.«
Sie nahmen die letzten Stufen hinauf zu einem kleinen Treppenabsatz, wo die meisten anderen schon versammelt waren. Es gab keine Türen, doch Ron stieß Harry in die Rippen und deutete auf die Decke, wo eine runde Falltür mit einem Messingschild eingelassen war.
»Sybill Trelawney, Lehrerin für Wahrsagen«, las Harry. »Wie sollen wir denn da hochkommen?«
Wie zur Antwort auf diese Frage öffnete sich plötzlich die Falltür und eine silberne Leiter schwebte herunter bis vor Harrys Füße. Alle verstummten.
»Nach dir«, sagte Ron grinsend und Harry kletterte als Erster die Leiter hoch.
Er gelangte in das seltsamste Klassenzimmer, das er je gesehen hatte. Eigentlich sah es gar nicht aus wie ein Klassenzimmer, eher wie eine Mischung aus einer Dachkammer und einem altmodischen Teeladen. Es war vollgepfropft mit gut zwanzig kleinen runden Tischen, umgeben von Chintz-Sesseln und üppigen Sitzpolstern. Alles war in scharlachrotes Dämmerlicht getaucht; die Vorhänge an den Fenstern waren zugezogen und über die vielen Lampen waren dunkelrote Seidentücher geworfen. Es war stickig warm; das Feuer unter dem überladenen Kaminsims erhitzte einen großen Kupferkessel und verbreitete einen schweren, leicht übelkeiterregenden Parfümduft. Die Regale entlang der runden Wände waren überladen mit staubigen Federn, Kerzenstümpfen, Stapeln zerknitterter Spielkarten, zahllosen silbern glitzernden Kristallkugeln und einer enormen Vielfalt an Teetassen.
Ron tauchte an Harrys Seite auf und der Rest der Klasse versammelte sich um die beiden; alle flüsterten.
»Wo steckt sie?«, fragte Ron.
Plötzlich drang eine Stimme aus dem Schatten, eine sanfte, rauchige Stimme.
»Willkommen«, sagte sie. »Wie schön, euch endlich in der materiellen Welt zu sehen.«
Harry kam sie auf den ersten Blick wie ein großes, glänzendes Insekt vor. Professor Trelawney trat ins Licht des Feuers. Sie war mager; die riesigen Brillengläser vergrößerten ihre Augen um ein Vielfaches; um den Körper hatte sie einen schleierartigen, glitzernden Schal geschlungen. Unzählige Kettchen und Perlenschnüre hingen um ihren spindeldürren Hals, und ihre Arme und Hände waren mit Spangen und Ringen verziert.
»Setzt euch, meine Kinder«, sagte sie, und die Klasse ließ sich schüchtern und steif auf den Sesseln und Sitzpolstern nieder. Harry, Ron und Hermine setzten sich zusammen an einen der runden Tische.
»Willkommen zum Wahrsagen«, sagte Professor Trelawney, die sich in einen geflügelten Sessel am Feuer gleiten ließ. »Mein Name ist Professor Trelawney. Ihr werdet mich wohl noch nie gesehen haben. Ich finde, dass der allzu häufige Abstieg hinunter in das hektische Getriebe der Schule mein Inneres Auge trübt.«
Niemand sagte etwas zu dieser erstaunlichen Erklärung. Professor Trelawney zupfte bedächtig ihren Schal zurecht und fuhr fort. »Nun, ihr habt euch also für das Studium des Wahrsagens entschieden, für die schwierigste aller magischen Künste. Doch ich muss euch gleich zu Beginn warnen: Wenn ihr nicht im Besitz des Inneren Auges seid, gibt es nur wenig, was ich euch lehren kann. Bücher führen uns auf diesem Felde nicht allzu weit …«
Bei diesen Worten warfen Ron und Harry grinsend einen kurzen Seitenblick auf Hermine, die ganz bestürzt schien ob der Neuigkeit, dass Bücher in diesem Fach nicht viel helfen würden.
»Viele Hexen und Zauberer, so begabt sie auch sein mögen, wenn es um lautes Brimborium und ekligen Gestank und plötzliches Verschwindenlassen geht, sind dennoch unfähig, in die verschleierten Geheimnisse der Zukunft einzudringen«, fuhr Professor Trelawney fort und ihre riesengroßen funkelnden Augen wanderten von einem nervösen Gesicht zum andern. »Dies ist eine Gabe, die nur wenigen gewährt ist. Du, Junge –«, sagte sie plötzlich zu Neville, der beinahe von seinem Sitzpolster fiel, »– geht es deiner Großmutter gut?«
»Ich glaub schon«, sagte Neville zitternd.
»An deiner Stelle wäre ich mir nicht so sicher«, sagte Professor Trelawney und das Licht des Feuers schimmerte auf ihren langen, smaragdbesetzten Ohrgehängen wider. Neville schluckte schwer. Gelassen sprach Professor Trelawney weiter:
»In diesem Jahr lernen wir die Anfangsgründe des Wahrsagens kennen. Im ersten Trimester deuten wir Teeblätter. Im zweiten behandeln wir das Handlesen. Übrigens, meine Liebe«, und sie wandte sich plötzlich an Parvati Patil, »hüte dich vor einem rothaarigen Mann.«
Parvati warf Ron, der hinter ihr saß, einen verdutzten Blick zu und rutschte mit ihrem Stuhl von ihm weg.
»Im Sommertrimester«, fuhr Professor Trelawney fort, »werden wir uns der Kristallkugel zuwenden – wenn wir bis dahin mit den Feuer-Omen fertig sind. Denn leider wird der Unterricht im Februar durch eine schwere Grippewelle unterbrochen werden. Ich selbst werde meine Stimme verlieren. Und um Ostern herum wird einer der hier Versammelten für immer von uns gehen.«
Ein sehr gespanntes Schweigen trat auf diese Ankündigung hin ein, doch Professor Trelawney schien es nicht zu bemerken.
»Würde es dir etwas ausmachen«, sagte sie zu Lavender Brown, die ihr am nächsten saß und auf ihrem Platz zusammenschrumpfte, »mir die größte silberne Teekanne zu reichen?«
Lavender, ganz erleichtert, stand auf, nahm eine riesige Teekanne vom Regal und stellte sie auf den Tisch vor Professor Trelawney.
»Ich danke dir, meine Liebe. Ach übrigens, dieses Ereignis, vor dem du dich fürchtest – es wird am Freitag, dem sechzehnten Oktober geschehen.«
Lavender zitterte.
»Nun bitte ich euch, zu zweit zusammenzugehen. Nehmt euch eine Teetasse vom Regal dort drüben, kommt dann zu mir und lasst sie füllen, dann setzt euch und trinkt; trinkt, bis nur noch der Bodensatz übrig ist. Schwenkt die Tasse dreimal mit der linken Hand, stülpt sie auf die Untertasse, wartet, bis der restliche Tee abgelaufen ist, und gebt sie dann eurem Partner zum Lesen. Ihr könnt die Muster anhand der Seiten fünf und sechs in Entnebelung der Zukunft sicher leicht deuten. Ich werde an die Tische kommen und euch ein wenig helfen. Oh, und, mein Lieber –«, sie packte Neville, der gerade aufstehen wollte, am Arm, »wenn du die erste Tasse zerbrochen hast, wärst du dann so nett, eine mit blauem Muster zu nehmen? Ich hänge ziemlich an den rosafarbenen.«
Und kaum hatte Neville das Regal mit den Teetassen erreicht, als auch schon das Klirren zerbrechenden Porzellans zu hören war. Professor Trelawney huschte mit Schippe und Besen zu ihm hinüber und sagte: »Jetzt eine von den blauen, mein Lieber, wenn es dir nichts ausmacht … ich danke dir …«
Harry und Ron ließen sich die Teetassen füllen und gingen zurück an ihren Tisch, wo sie den brühend heißen Tee so rasch wie möglich tranken. Sie schwenkten die verbliebenen Teeblätter, wie Professor Trelawney gesagt hatte, dann ließen sie den Tee ablaufen und tauschten die Tassen.
»Dann leg mal los«, sagte Ron, während sie ihre Bücher auf den Seiten fünf und sechs aufschlugen, »was kannst du bei mir sehen?«
»Eine Menge nasses braunes Zeugs«, sagte Harry. Der schwer parfümierte Rauch im Zimmer machte ihn schläfrig und ließ sein Denken erlahmen.
»Erweitert euren Horizont, meine Lieben, und erlaubt euren Augen, über den schnöden Alltag hinauszusehen!«, rief Professor Trelawney durch die Düsternis.
Harry gab sich einen Ruck.
»Hier, du hast so ein schiefes Kreuz …«, sagte er, das Buch zu Rate ziehend. »Das bedeutet, dir stehen ›Prüfungen und Leiden‹ bevor – tut mir leid für dich – aber das hier sieht aus wie eine Sonne … wart mal … das bedeutet ›großes Glück‹. Also wirst du leiden, aber sehr glücklich sein …«
»Du solltest mal dein Inneres Auge untersuchen lassen, wenn du mich fragst«, sagte Ron und beide mussten sich das Lachen verkneifen, denn Professor Trelawney schaute gerade in ihre Richtung.
»Ich bin dran …« Ron lugte in Harrys Tasse, die Stirn vor Anstrengung gerunzelt. »Da ist eine Blase, sieht aus wie ein Hut – eine Melone«, sagte er. »Vielleicht arbeitest du mal für das Zaubereiministerium …«
Er drehte die Tasse in der Hand.
»Aber so sieht es eher wie eine Eichel aus … was ist das denn?« Er überflog die Seiten von Entnebelung der Zukunft. »›Ein unerwarteter Goldgewinn‹. Toll, du kannst mir was leihen … und da ist noch was.« Wieder drehte er die Tasse. »Sieht aus wie ein Tier … ja, wenn das sein Kopf wäre … sieht aus wie ein Nilpferd … nein, ein Schaf …«
Professor Trelawney wirbelte herum, als Harry schnaubend auflachte.
»Lass mich das sehen, mein Lieber«, sagte sie vorwurfsvoll zu Ron, schwebte herüber und schnappte ihm Harrys Tasse aus der Hand. Alle verstummten und sahen zu.
Professor Trelawney starrte auf die Blätter und drehte sie dabei gegen den Uhrzeigersinn.
»Der Falke … mein Lieber, du hast einen Todfeind.«
»Aber das wissen doch alle«, flüsterte Hermine so laut, dass jeder es hörte. Professor Trelawney starrte sie an.
»Ja, ist doch wahr«, sagte Hermine. »Alle kennen die Geschichte von Harry und Du-weißt-schon-wem.«
Harry und Ron starrten sie mit einer Mischung aus Verblüffung und Bewunderung an. Nie zuvor hatten sie Hermine so zu einem Lehrer sprechen hören. Professor Trelawney zog es vor, nicht zu antworten. Wieder senkte sie ihre riesigen Augen auf Harrys Tasse und drehte sie weiter in den Händen.
»Der Schlagstock … ein Angriff. Meine Güte, das ist keine schöne Tasse…«
»Ich dachte, das sei eine Melone«, sagte Ron verdruckst.
»Der Schädel … da wartet Gefahr auf dich, mein Lieber …«
Alle starrten wie gebannt auf Professor Trelawney, die die Tasse noch einmal drehte, den Atem anhielt und dann aufschrie.
Wieder klirrte zerbrechendes Porzellan; Neville hatte seine zweite Tasse fallen gelassen. Professor Trelawney sank in einen freien Lehnstuhl, die glitzernde Hand ans Herz gepresst und die Augen geschlossen.
»Mein lieber Junge … mein armer lieber Junge … nein … besser, wenn ich es nicht sage … nein … fragt mich nicht …«
»Was ist los, Professor?«, fragte Dean Thomas sofort. Alle waren aufgesprungen, scharten sich langsam um Harrys und Rons Tisch und drängelten sich um Professor Trelawneys Sessel, um gute Sicht auf Harrys Tasse zu haben.
»Mein Lieber«, sagte Professor Trelawney und ihre Augen weiteten sich dramatisch, »du hast den Grimm.«
»Den was?«, sagte Harry.
Er sah, dass er nicht der Einzige war, der nicht begriff; Dean Thomas sah ihn schulterzuckend an und Lavender Brown machte eine ratlose Miene, doch fast alle andern klatschten entsetzt die Hände vor den Mund.
»Den Grimm, mein Lieber, den Grimm!«, rief Professor Trelawney, die schockiert schien, weil Harry es nicht begriffen hatte. »Der riesige Gespensterhund, der in Kirchhöfen umherspukt! Mein lieber Junge, das ist ein Omen – das schlimmste Omen – des Todes!«
Harrys Magen krampfte sich zusammen. Dieser Hund auf dem Umschlag von Omen des Todes bei Flourish & Blotts – der Hund im Schatten des Magnolienrings … auch Lavender Brown schlug jetzt die Hände vor den Mund. Alle sahen Harry an; alle außer Hermine, die aufgestanden und hinter den Sessel von Professor Trelawney getreten war.
»Mir kommt das nicht wie ein Grimm vor«, sagte sie gleichmütig.
Professor Trelawney musterte Hermine mit wachsender Abneigung.
»Verzeih mir, dass ich es dir sage, meine Liebe, aber ich nehme sehr wenig Aura um dich herum wahr. Sehr wenig Empfänglichkeit für die Schwingungen der Zukunft.«
Seamus Finnigan neigte den Kopf mal auf die eine, mal auf die andere Seite.
»Wenn man so macht, sieht’s aus wie ein Grimm«, sagte er, die Augen fast geschlossen, »aber so gesehen ist es eher ein Esel«, sagte er, den Kopf nach links neigend.
»Wann habt ihr endlich rausgefunden, ob ich sterbe oder nicht!«, rief Harry, sogar zu seiner eigenen Überraschung. Daraufhin wollte ihn offenbar keiner mehr ansehen.
»Ich denke, wir werden den Unterricht für heute beenden«, sagte Professor Trelawney mit ihrer rauchigsten Stimme. »Ja … bitte räumt eure Sachen auf …«
Schweigend brachte die Klasse die Teetassen zu Professor Trelawney zurück, packte die Bücher ein und schloss die Taschen. Selbst Ron mied Harrys Blick.
»Bis zum nächsten Mal«, sagte Professor Trelawney matt, »möge das Glück mit euch sein. Ach, und, mein Lieber –«, sie deutete auf Neville, »du wirst das nächste Mal zu spät kommen, also arbeite besonders fleißig, damit du den Stoff aufholst.«
Harry, Ron und Hermine kletterten schweigend Professor Trelawneys Leiter und die enge Wendeltreppe hinunter und machten sich auf den Weg zur Verwandlungsstunde bei Professor McGonagall. Sie brauchten so lange, um ihr Klassenzimmer zu finden, dass sie, obwohl sie früh aus Wahrsagen gekommen waren, fast zu spät kamen.
Harry entschied sich für einen Platz ganz hinten, weil er sich fühlte, als würde ihn ein sehr heller Scheinwerfer anstrahlen; die anderen in der Klasse warfen ihm unablässig flüchtige Blicke zu, als ob er jeden Moment tot umfallen würde. Er hörte kaum, was Professor McGonagall ihnen über Animagi erzählte (Zauberer, die sich nach Belieben in Tiere verwandeln konnten), und sah nicht einmal hin, als sie sich vor ihren Augen in eine getigerte Katze mit Brillenringen um die Augen verwandelte.
»Sagt mal, was ist denn heute in euch gefahren?«, sagte Professor McGonagall, verwandelte sich mit einem leisen Plopp in sich selbst zurück und musterte sie reihum. »Nicht dass es mir was ausmachen würde, aber das ist die erste meiner Verwandlungen, bei der ich keinen Beifall von der Klasse bekomme.«
Alle Köpfe wandten sich wieder Harry zu, doch niemand sagte ein Wort. Dann hob Hermine die Hand.
»Bitte, Professor, wir haben eben unsere erste Stunde Wahrsagen gehabt und wir haben Teeblätter gedeutet und –«
»Aah, natürlich«, sagte Professor McGonagall, nun plötzlich die Stirn runzelnd. »Sie brauchen mir gar nichts weiter zu erklären, Miss Granger. Und, wer von Ihnen wird dieses Jahr sterben?«
Alle starrten sie an.
»Ich«, sagte Harry schließlich.
»Verstehe«, sagte Professor McGonagall und fixierte Harry mit ihren perlschimmernden Augen. »Dann sollten Sie wissen, Potter, dass Sybill Trelawney, seit sie an dieser Schule ist, Jahr für Jahr den Tod eines Schülers vorausgesagt hat. Keiner davon ist bislang gestorben. Todesomen zu sehen ist ihre bevorzugte Art, eine neue Klasse willkommen zu heißen. Ich spreche eigentlich nie schlecht über Kollegen, aber …«
Professor McGonagall verstummte mit aufgeblähten Nasenflügeln. Etwas ruhiger fuhr sie fort.
»Wahrsagen ist einer der ungenauesten Zweige der Magie. Ich möchte Ihnen nicht verheimlichen, dass ich mich nicht weiter damit abgebe. Wahre Seher sind sehr selten, und Professor Trelawney –«
Wieder verstummte sie und sagte dann in nüchternem Ton:
»Sie scheinen mir bei bester Gesundheit zu sein, Potter, also werden Sie mir verzeihen, wenn ich Ihnen trotz allem Hausaufgaben gebe. Wenn Sie sterben, brauchen Sie die Arbeit nicht abzugeben, das versichere ich Ihnen.«
Hermine lachte. Harry fühlte sich etwas wohler. Fern vom roten Dämmerlicht und den benebelnden Düften in Professor Trelawneys Klassenzimmer wurde ihm nicht so schnell vor einem Klumpen Teeblätter angst und bange. Jedoch nicht alle waren überzeugt; Ron sah immer noch besorgt aus und Lavender flüsterte: »Aber was ist mit Nevilles Tasse?«
Nach der Verwandlungsstunde schlossen sie sich der vielköpfigen Schar an, die lachend und schwatzend zum Mittagessen in die Große Halle strömte.
»Kopf hoch, Ron«, sagte Hermine und schob ihm einen Teller Fleischeintopf zu. »Du hast doch gehört, was Professor McGonagall gesagt hat.«
Ron schöpfte sich Eintopf auf den Teller und nahm den Löffel in die Hand, begann jedoch nicht zu essen.
»Harry«, sagte er mit leiser und ernster Stimme, »du hast doch nicht etwa zufällig irgendwo einen großen schwarzen Hund gesehen?«
»Doch, hab ich«, sagte Harry. »In der Nacht, als ich von den Dursleys abgehauen bin.«
Rons Löffel fiel klappernd auf den Teller.
»Wahrscheinlich ein streunender Köter«, sagte Hermine gelassen.
Ron sah Hermine an, als wäre sie verrückt geworden.
»Hermine, wenn Harry einen Grimm sieht, dann ist das – dann ist das schlecht«, sagte er. »Mein – mein Onkel Bilius hat mal einen gesehen und – und vierundzwanzig Stunden später ist er gestorben!«
»Zufall«, sagte Hermine schnippisch und schenkte sich Kürbissaft nach.
»Du weißt doch nicht, wovon du redest!«, sagte Ron und Zorn stieg ihm ins Gesicht. »Grimme erschrecken die meisten Zauberer zu Tode!«
»Da hast du es«, sagte Hermine in überlegenem Ton. »Sie sehen den Grimm und sterben vor Angst. Der Grimm ist kein Omen, er ist die Todesursache! Und Harry ist noch unter uns, weil er nicht so bescheuert ist, einen zu sehen und dann zu denken, schön und gut, geb ich also besser den Löffel ab!«
Ron starrte Hermine sprachlos an. Sie öffnete ihre Tasche, zog ihr neues Arithmantikbuch heraus, schlug es auf und lehnte es gegen den Saftkrug.
»Mir kommt Wahrsagen recht neblig vor«, sagte sie, während sie nach der richtigen Seite suchte, »’ne Menge Rumgerätsel, wenn ihr mich fragt.«
»An diesem Grimm auf dem Teller war nichts Nebliges!«, sagte Ron erhitzt.
»Du warst dir noch nicht so sicher, als du Harry gesagt hast, es sei ein Schaf«, sagte Hermine kühl.
»Professor Trelawney hat gesagt, du hast nicht die richtige Aura! Zur Abwechslung bist du mal ’ne richtige Lusche in einem Fach und das gefällt dir nicht!«
Er hatte einen empfindlichen Nerv getroffen. Hermine klatschte ihr Arithmantikbuch so hart auf den Tisch, dass überall Fleisch- und Karottenstückchen umherflogen.
»Wenn gut sein in Wahrsagen heißt, dass ich so tun muss, als würde ich Todesomen in einem Haufen Teeblätter erkennen, dann weiß ich nicht, ob ich das Zeug überhaupt lernen soll! Dieser Unterricht war im Vergleich zu meiner Arithmantikstunde einfach haarsträubender Unfug!«
Sie packte ihre Tasche und schritt stolz von dannen.
Stirnrunzelnd sah ihr Ron nach.
»Wovon redet sie eigentlich?«, sagte er zu Harry. »Sie war doch noch gar nicht in Arithmantik.«
Harry war froh, nach dem Mittagessen nach draußen zu kommen. Der Regen von gestern hatte sich verzogen; der Himmel war klar und blassgrau; das feuchte Gras unter ihren Füßen federte, als sie zu ihrer ersten Stunde Pflege magischer Geschöpfe gingen.
Ron und Hermine schwiegen sich an. Harry ging ebenfalls schweigend neben ihnen her, über den sanft abfallenden Rasen hinüber zu Hagrids Hütte am Rande des Verbotenen Waldes. Erst als er drei nur zu bekannte Rücken vor sich sah, wurde ihm klar, dass sie zusammen mit den Slytherins Unterricht hatten. Malfoy redete lebhaft auf Crabbe und Goyle ein, die gackernd lachten. Harry ahnte wohl, worüber sie sprachen.
Hagrid wartete an der Tür seiner Hütte auf die Klasse. Da stand er in seinem Umhang aus Maulwurffell, Fang, den Saurüden, an den Fersen, und schien kaum erwarten zu können, endlich anzufangen.
»Kommt, bewegt euch!«, rief er den näher kommenden Schülern zu. »Hab ’ne kleine Überraschung für euch! Wird ’ne tolle Stunde! Sind alle da? Schön, dann folgt mir!«
Einen quälenden Moment lang dachte Harry, Hagrid würde sie in den Wald führen; dort hatte Harry genug Schreckliches erlebt, um für den Rest des Lebens die Nase voll zu haben. Doch Hagrid ging um einen Ausläufer des Waldes herum und fünf Minuten später standen sie am Rand einer Art Pferdekoppel. Sie war leer.
»Stellt euch dort drüben am Zaun auf!«, rief er. »Sehr schön – passt auf, dass alle etwas sehen können – und jetzt schlagt erst mal eure Bücher auf –«
»Wie denn?«, ertönte das kalte Schnarren Malfoys.
»Was denn?«, sagte Hagrid.
»Wie sollen wir unsere Bücher öffnen?«, sagte Malfoy. Er nahm sein Monsterbuch der Monster heraus, das er mit einem langen Seil zugebunden hatte. Auch die anderen zogen ihre Bücher hervor; manche, wie Harry, hatten es mit einem Gürtel zugeschnürt; andere hatten sie in enge Taschen gestopft oder sie mit großen Wäscheklammern gezähmt.
»Hat denn … hat denn kein Einziger sein Buch öffnen können?«, fragte Hagrid ganz verdattert.
Die Schüler schüttelten die Köpfe.
»Ihr müsst sie streicheln«, sagte Hagrid, als wäre es ganz selbstverständlich. »Seht mal –«
Er nahm Hermines Buch und riss das Zauberband herunter. Das Buch versuchte zu beißen, doch Hagrid fuhr mit seinem riesigen Zeigefinger an seinem Rücken entlang und das Buch fing an zu zittern, klappte auf und blieb ruhig in seiner Hand liegen.
»Oh, wie dumm wir doch alle waren!«, höhnte Malfoy. »Wir hätten sie streicheln sollen! Da hätten wir doch von allein draufkommen können!«
»Ich – ich dachte, sie sind ganz lustige Dinger«, sagte Hagrid unsicher zu Hermine.
»Oh – total lustig!«, sagte Malfoy. »Unglaublich witzig, uns Bücher zu geben, die uns die Hände abreißen wollen!«
»Halt den Mund, Malfoy«, sagte Harry leise. Hagrid wirkte bedrückt und Harry wollte, dass seine erste Stunde ein Erfolg würde.
»Na denn«, sagte Hagrid, der den Faden verloren zu haben schien, »also – ihr habt jetzt eure Bücher – und – jetzt braucht ihr die magischen Tiere. Ja. Also geh ich sie mal holen. Wartet mal …«
Er ging in Richtung Wald davon und verschwand.
»Mein Gott, diese Schule geht noch vor die Hunde«, sagte Malfoy laut. »Dieser Hornochse gibt auch noch Unterricht, mein Vater kriegt ’nen Anfall, wenn ich ihm das erzähle.«
»Halt den Mund, Malfoy«, sagte Harry noch einmal.
»Pass auf, Potter, hinter dir steht ein Dementor!«
»Uuuuuuh!«, kreischte Lavender Brown und deutete auf die andere Seite der Koppel.
Ein Dutzend der wunderlichsten Kreaturen, die Harry je gesehen hatte, trotteten auf sie zu. Sie hatten die Körper, Hinterbeine und Schwänze von Pferden, doch die Vorderbeine, Flügel und Köpfe waren die riesiger Adler mit grausamen, stahlfarbenen Schnäbeln und großen, leuchtend orange Augen. Die Krallen an ihren Vorderbeinen waren lang wie Hände und sahen todbringend aus. Jedes der Tierwesen hatte einen dicken Lederkragen um den Hals, an dem eine lange Kette befestigt war, und alle Ketten liefen in den Pranken Hagrids zusammen, der hinter den Wesen in die Koppel gelaufen kam.
»Uuiii, hoch da!«, brüllte er mit den Ketten klirrend und trieb die Tierwesen an die Stelle des Zauns, wo die Klasse stand. Alle wichen ein wenig zurück, als Hagrid näher kam und die Geschöpfe an den Zaun band.
»Hippogreife«, donnerte Hagrid glückselig und winkte ihnen zu. »Herrlich, nicht wahr?«
Harry sah durchaus, was Hagrid meinte. Wenn man einmal den ersten Schreck angesichts einer Kreatur überwunden hatte, die halb Pferd, halb Vogel war, lernte man den Anblick der Hippogreife zu schätzen, deren schimmerndes Gefieder allmählich in Fell überging. Sie waren alle von ganz unterschiedlicher Farbe: sturmgrau, bronze, rostrot, schimmernd kastanienbraun und tintenschwarz.
Hagrid rieb sich die Hände und strahlte in die Runde. »So«, sagte er, »wollt ihr nicht ein wenig näher kommen?«
Keiner schien sich darum zu reißen. Harry, Ron und Hermine jedoch näherten sich vorsichtig dem Zaun.
»Nun, als Erstes müsst ihr wissen, dass Hippogreife stolz sind«, sagte Hagrid. »Sind leicht beleidigt, diese Hippogreife. Beleidigt nie keinen, denn das könnte eure letzte Tat gewesen sein.«
Malfoy, Crabbe und Goyle hörten nicht zu; sie unterhielten sich gedämpft und Harry hatte das unangenehme Gefühl, dass sie ausheckten, wie sie den Unterricht am besten stören konnten.
»Ihr müsst immer abwarten, bis der Hippogreif den ersten Schritt macht«, fuhr Hagrid fort. »Das ist höflich, versteht ihr? Ihr geht auf ihn zu und verbeugt euch und wartet. Wenn er sich auch verbeugt, dürft ihr ihn berühren. Wenn er’s nicht tut, dann macht euch schleunigst davon, denn diese Krallen tun weh.
Also, wer will als Erster?«
Die meisten wichen noch weiter zurück. Auch Harry, Ron und Hermine war nicht wohl zumute. Die Hippogreife warfen ihre grimmigen Köpfe in die Luft und spannten ihre mächtigen Flügel; offenbar konnten sie es nicht leiden, angebunden zu sein.
»Keiner?«, sagte Hagrid mit flehendem Blick.
»Ich mach’s«, sagte Harry.
Hinter sich hörte er ein lautes Aufatmen, und Lavender und Parvati flüsterten: »Ooooo nein, Harry, denk an deine Teeblätter!«
Harry achtete nicht auf sie. Er kletterte über den Zaun der Koppel.
»Mutiger Junge, Harry!«, polterte Hagrid. »Gut, schauen wir mal, wie du mit Seidenschnabel zurechtkommst.«
Er löste eine der Ketten, zog den grauen Hippogreif von seinen Artgenossen fort und befreite ihn von seinem Lederkragen. Die Klasse auf der anderen Seite des Zauns schien den Atem anzuhalten. Malfoys Augen waren gehässig verengt.
»Ruhig jetzt, Harry«, sagte Hagrid leise. »Du blickst ihm in die Augen, und versuch jetzt, nicht zu blinzeln … Hippogreife trauen dir nicht, wenn du zu viel blinzelst …«
Sofort wurden Harrys Augen feucht, doch er hielt sie offen. Seidenschnabel hatte seinen großen, scharf geschnittenen Kopf zur Seite geneigt und starrte Harry mit einem grimmigen orangefarbenen Auge an.
»Sehr gut, Harry«, sagte Hagrid. »Sehr gut, Harry … und jetzt verbeug dich …«
Harry hatte keine große Lust, Seidenschnabel seinen Nacken preiszugeben, doch er tat wie ihm geheißen. Er verneigte sich kurz und sah dann auf.
Der Hippogreif starrte ihn immer noch herablassend an. Er rührte sich nicht.
»Ah«, sagte Hagrid beunruhigt. »Na gut, zieh dich zurück, Harry, und ganz vorsichtig –«
Doch zu Harrys gewaltiger Überraschung knickte der Hippogreif plötzlich seine geschuppten Vorderknie ein und neigte unmissverständlich den Kopf.
»Gut gemacht, Harry!«, sagte Hagrid ganz begeistert, »schön, du kannst ihn anfassen! Tätschel seinen Schnabel, nur zu!«
Harry hätte sich zur Belohnung lieber das Ende der Vorstellung gewünscht, doch er ging langsam auf den Hippogreif zu und streckte die Hand nach ihm aus. Er tätschelte ein wenig den Schnabel und der Hippogreif schloss entspannt die Augen, als würde es ihm gefallen.
Die ganze Klasse, außer Malfoy, Crabbe und Goyle, die äußerst missvergnügt wirkten, brach in stürmischen Beifall aus.
»Jetzt weiter, Harry«, sagte Hagrid, »ich schätze, er lässt dich reiten!«
Damit allerdings hatte Harry nicht gerechnet. Er konnte auf einem Besen durch die Lüfte fliegen; doch er war sich nicht sicher, ob ein Hippogreif nicht etwas ganz anderes war.
»Steig auf, gleich hinter den Flügelansatz«, sagte Hagrid, »und pass auf, dass du keine Federn rausziehst, das mag er gar nicht …«
Harry setzte den Fuß auf den Flügel des Hippogreifs und schwang sich auf seinen Rücken. Seidenschnabel erhob sich. Harry wusste nicht recht, wo er sich festhalten sollte; alles vor ihm war voller Federn.
»Dann mal los!«, polterte Hagrid und klatschte dem Hippogreif auf den Hintern.
Ohne Vorwarnung spannte das Geschöpf seine vier Meter langen Flügel zu beiden Seiten von Harry aus; der hatte gerade noch Zeit, die Arme um seinen Hals zu schlingen, dann schoss er in die Höhe. Es war nicht zu vergleichen mit einem Besen, und Harry wusste, was er lieber fliegen wollte; die Flügel des Hippogreifs schlugen heftig aus, gerieten unter seine Beine und drohten ihn abzuwerfen; die schimmernden Federn rutschten ihm durch die Finger, doch er wagte nicht, sie fester zu packen; dies war nicht das sanfte Gleiten seines Nimbus Zweitausend; das Hinterteil des Hippogreifs hob und senkte sich mit jedem Flügelschlag und Harry wippte vor und zurück.
Seidenschnabel flog ihn einmal um die Koppel herum; dann steuerte er auf die Erde zu; es war dieser steile Sinkflug, vor dem Harry Angst hatte; er lehnte sich zurück, als der glatte Hals sich nach unten beugte, und hatte das Gefühl, über den Schnabel abzurutschen. Dann gab es einen schmerzhaften Aufprall, als die vier schlecht zusammenpassenden Füße auf dem Boden aufschlugen; er konnte sich gerade eben noch festhalten und richtete sich wieder auf.
»Gut gemacht, Harry!«, rief Hagrid, und alle außer Malfoy, Crabbe und Goyle brachen in Jubel aus. »Gut, wer will als Nächster?«
Ermutigt durch Harrys Erfolg kletterte auch der Rest der Klasse vorsichtig in die Koppel. Hagrid löste die Hippogreife nacheinander von ihren Ketten, und bald waren auf der ganzen Koppel Schüler verteilt, die sich nervös verbeugten. Neville stolperte immer wieder rückwärts davon, denn sein Hippogreif wollte einfach nicht in die Knie gehen. Ron und Hermine übten unter den Augen von Harry mit einem kastanienbraunen Tier.
Malfoy, Crabbe und Goyle hatten sich Seidenschnabel vorgenommen. Er hatte sich vor Malfoy verbeugt, der ihm jetzt mit verächtlichem Blick den Schnabel tätschelte.
»Das ist doch kinderleicht«, schnarrte Malfoy so laut, dass Harry es hören konnte, »hab ich doch gleich gewusst, wenn Potter es schafft … ich wette, du bist überhaupt nicht gefährlich, oder?«, sagte er zu dem Hippogreif, »oder doch, du großes hässliches Scheusal?«
Man sah nur ein stählernes Blitzen der Krallen; von Malfoy kam ein durchdringender Schrei und schon war Hagrid zur Stelle. Er zwängte den Lederkragen über den Hals von Seidenschnabel, der zu dem eingerollt im Gras liegenden Malfoy hindrängte. Blutflecken erschienen auf seinem Umhang und wurden langsam größer.
»Ich sterbe!«, schrie Malfoy und Panik machte sich breit. »Ich sterbe, seht her! Es hat mich umgebracht!«
»Du stirbst nicht!«, sagte Hagrid mit todbleichem Gesicht. »Helft mir mal, ich muss ihn hier rausbringen –«
Hermine lief zum Tor und öffnete es, während Hagrid Malfoy mühelos von der Erde hob. Als Hagrid vorbeiging, bemerkte Harry eine lange, klaffende Wunde an Malfoys Arm; Blut besprenkelte das Gras, während Hagrid mit seiner Last den Hang zum Schloss hochrannte.
Ratlos und verängstigt folgte ihm die Klasse. Die Slytherins schimpften lauthals über Hagrid.
»Sie sollten ihn sofort rauswerfen!«, sagte Pansy Parkinson mit Tränen in den Augen.
»Malfoy war doch selber schuld«, herrschte Dean Thomas sie an. Crabbe und Goyle spielten drohend mit den Muskeln.
Sie stiegen die steinerne Treppe zur menschenleeren Eingangshalle empor.
»Ich schau nach, wie es ihm geht!«, sagte Pansy und die Blicke der Übrigen folgten ihr die marmorne Treppe hoch. Die Slytherins, immer noch über Hagrid schimpfend, zogen sich in ihren Gemeinschaftsraum unten in den Kerkern zurück; Harry, Ron und Hermine gingen die Treppen hoch zum Turm der Gryffindors.
»Glaubst du, er wird wieder gesund?«, sagte Hermine nervös.
»Natürlich, Madam Pomfrey kann Wunden in ein paar Sekunden heilen«, sagte Harry, dem die Krankenschwester schon viel schlimmere Verletzungen mit Zauberkräften geheilt hatte.
»Das war eine ziemlich üble Geschichte, ausgerechnet in Hagrids erster Unterrichtsstunde, meint ihr nicht?«, sagte Ron besorgt. »Ich wette, Malfoy wird ihm die Hölle heiß machen …«
Sie waren unter den Ersten, die zum Abendessen in die Große Halle kamen, weil sie hofften, Hagrid zu treffen. Doch er kam nicht.
»Sie werden ihn doch nicht entlassen?«, sagte Hermine besorgt und rührte ihren Steak-und-Nieren-Pudding nicht an.
»Das sollen sie bloß nicht wagen«, sagte Ron, der ebenfalls nichts runterbrachte.
Harry beobachtete den Tisch der Slytherins. Crabbe und Goyle und eine Menge andere Schüler saßen dort, die Köpfe zusammengesteckt, und redeten fieberhaft aufeinander ein. Harry war sich sicher, sie würden ihre eigene Geschichte zusammenbrauen, wie es zu Malfoys Verletzung gekommen war.
»Immerhin kann man nicht behaupten, der erste Schultag sei langweilig gewesen«, sagte Ron mit düsterer Miene.
Nach dem Essen gingen sie nach oben in den belebten Gemeinschaftsraum der Gryffindors und versuchten ihre Hausaufgaben für Professor McGonagall zu machen, doch alle drei unterbrachen ständig die Arbeit und spähten aus dem Turmfenster.
»Bei Hagrid drüben brennt Licht«, sagte Harry plötzlich.
Ron sah auf die Uhr.
»Wenn wir uns beeilen, können wir ihn besuchen, es ist immer noch recht früh …«
»Ich weiß nicht«, sagte Hermine bedächtig und Harry fing ihren Blick auf.
»Ich darf sehr wohl über das Schulgelände gehen«, sagte er entschieden. »Sirius Black ist noch nicht an den Dementoren vorbeigekommen, oder?«
Also räumten sie ihre Sachen zusammen und kletterten durch das Porträtloch, froh, auf dem Weg zum Schlossportal niemanden zu treffen, denn ganz sicher waren sie sich ihrer Sache nicht.
Das Gras war immer noch nass und wirkte im Dämmerlicht fast schwarz. Vor Hagrids Hütte angelangt, klopften sie, und eine Stimme knurrte: »Herein.«
Hagrid saß in Hemdsärmeln an seinem polierten Holztisch; sein Saurüde Fang hatte den Kopf in seinen Schoß gelegt. Ein Blick genügte, um zu erkennen, dass Hagrid einiges getrunken hatte; vor ihm stand ein Zinnhumpen, fast so groß wie ein Eimer, und er schien Schwierigkeiten zu haben, sie klar zu sehen.
»Vermute mal, ’s is ’n Rekord«, sagte er mit belegter Stimme, als er sie erkannt hatte. »Ha’m wohl noch kein’ Lehrer gehabt, der nur ’nen Tag lang dabei war.«
»Du bist doch nicht entlassen!«, rief Hermine und hielt den Atem an.
»Noch nich«, sagte Hagrid bedrückt und nahm einen gewaltigen Schluck von was auch immer aus seinem Humpen. »Aber ’s iss nur ’ne Frage der Sseit, nach der Ssache mit Maf-foy …«
Sie setzten sich. »Wie geht’s ihm denn?«, fragte Ron, »war doch nichts Ernstes, oder?«
»Ma’m Pomfrey hat ihn so gut sie konnte zusamm’geflickt«, sagte Hagrid dumpf, »aber er ssagt, er leide immer noch Todesqualen … alles in Bandagen … stöhnt die ganze Zeit …«
»Er tut doch nur so«, sagte Harry ohne Umschweife. »Madam Pomfrey kann alles heilen. Letztes Jahr hat sie die Hälfte meiner Knochen nachwachsen lassen. Dass Malfoy die Sache jetzt ausnutzt, war ja klar.«
»Der Schulbeirat is unnerichtet worden, natürlich«, sagte Hagrid niedergeschlagen. »Die meinen, ich wär zu groß eingestiegen. Hätte die Hippogreife für später aufheben sollen … lieber mit Flubberwürmern oder so was anfangen sollen … dachte nur, es wär ’ne gute erste Stunde für euch … alles mein Fehler …«
»Es ist alles Malfoys Fehler, Hagrid«, sagte Hermine mit ernster Stimme.
»Wir sind Zeugen«, sagte Harry. »Du hast gesagt, Hippogreife werden böse, wenn man sie beleidigt. Es ist Malfoys Problem, wenn er nicht hören wollte. Wir sagen Dumbledore, was wirklich passiert ist.«
»Ja, mach dir keine Sorgen, Hagrid, wir holen dich da raus«, sagte Ron.
Tränen kullerten aus den runzligen Winkeln um Hagrids käferschwarze Augen. Er packte Harry und Ron und umarmte sie, dass ihre Knochen krachten.
»Ich glaube, du hast genug getrunken«, sagte Hermine streng. Sie nahm den Humpen vom Tisch, ging nach draußen und schüttete ihn aus.
»Aaarh, vielleicht hat sie Recht«, sagte Hagrid und ließ Harry und Ron los, die beide zurückstolperten und sich die Rippen rieben. Hagrid hievte sich aus dem Stuhl und schwankte nach draußen zu Hermine. Sie hörten einen lauten Platscher.
»Was hat er getan?«, fragte Harry nervös, als Hermine mit dem leeren Humpen hereinkam.
»Den Kopf ins Wasserfass getaucht«, sagte Hermine und räumte den Humpen beiseite.
Hagrid kam zurück, das Haar und der Bart klitschnass, und wischte sich das Wasser aus den Augen.
»Jetzt geht’s besser«, sagte er, schüttelte den Kopf wie ein Hund und spritzte sie alle nass. »Hört mal, das war gut, dass ihr mich besucht habt, ich bin wirklich –«
Hagrid verstummte jäh und starrte Harry an, als hätte er erst jetzt erkannt, wen er vor sich hatte.
»Was glaubst du eigentlich, was du hier zu suchen hast?«, brüllte er so plötzlich los, dass sie einen Luftsprung machten. »Du stromerst hier nicht rum, wenn es dunkel ist, Harry! Und ihr beiden! Ihr lasst ihn auch noch gehen!«
Hagrid war mit einem Schritt bei Harry, packte ihn am Arm und schleifte ihn zur Tür.
»Kommt schon!«, sagte Hagrid zornig, »ich bring euch alle drei hoch zur Schule, und lasst euch ja nicht mehr bei mir blicken, wenn es dunkel ist. Das bin ich nicht wert!«
Der Irrwicht im Schrank
Malfoy erschien erst wieder am Donnerstagmorgen im Unterricht, als die Slytherins und Gryffindors schon die Hälfte der Zaubertrankdoppelstunde hinter sich hatten. Den rechten Arm verbunden und in einer Schlinge, stolzierte er in den Kerker, gerade so, dachte Harry, als wäre er der einzig überlebende Held einer furchtbaren Schlacht.
»Wie geht’s, Draco?«, fragte Pansy Parkinson und grinste albern. »Tut’s noch sehr weh?«
»Jaah«, sagte Malfoy mit der Miene des tapferen Kämpfers. Doch Harry sah, wie er Crabbe und Goyle zuzwinkerte, als Pansy den Blick abwandte.
»Setzen Sie sich, setzen Sie sich«, sagte Professor Snape gleichmütig.
Harry und Ron sahen sich missmutig an; wenn sie zu spät gekommen wären, hätte Snape nicht »Setzen Sie sich« gesagt, er hätte sie nachsitzen lassen. Doch Snape ließ Malfoy im Unterricht immer alles durchgehen; Snape war der Leiter des Hauses Slytherin und ließ die andern spüren, wer seine Lieblingsschüler waren.
Heute war ein neuer Zaubertrank dran, eine Schrumpflösung. Malfoy stellte seinen Kessel neben Harry und Ron auf, so dass sie ihre Zutaten auf demselben Tisch vorbereiten mussten.
»Professor«, rief Malfoy, »Professor, ich brauche Hilfe beim Zerschneiden dieser Gänseblümchenwurzeln, weil mein Arm –«
»Weasley, du schneidest die Wurzeln für Malfoy«, antwortete Snape, ohne aufzusehen.
Ron schoss die Röte ins Gesicht.
»Dein Arm ist vollkommen in Ordnung«, zischte er Malfoy zu.
Malfoy sah ihn hämisch an.
»Weasley, du hast gehört, was Professor Snape gesagt hat, schneid mir die Wurzeln.«
Ron packte sein Messer, zog Malfoys Wurzeln zu sich herüber und begann sie grob zu zerkleinern, so dass die Stücke alle verschieden groß wurden.
»Professor«, sagte Malfoy gedehnt, »Weasley verhackstückt meine Wurzeln, Sir.«
Snape trat an ihren Tisch, beugte seine Hakennase über die Wurzeln und lächelte Ron durch seine langen, fettigen schwarzen Haare hindurch Unheil verkündend an.
»Du nimmst Malfoys Wurzeln, Weasley, und gibst ihm deine.«
»Aber Sir!«
Ron hatte die letzte Viertelstunde damit verbracht, seine Wurzeln sorgfältig in gleich große Stücke zu schneiden.
»Sofort«, sagte Snape in seinem bedrohlichsten Tonfall.
Ron schob seine eigenen, schön geschnittenen Wurzeln hinüber zu Malfoy und griff dann wieder nach dem Messer.
»Und, Sir, diese Schrumpelfeige muss mir auch jemand schälen«, sagte Malfoy und konnte ein gemeines Lachen kaum unterdrücken.
»Potter, du kannst Malfoys Schrumpelfeige schälen«, sagte Snape mit jenem hasserfüllten Blick, mit dem er Harry immer bedachte.
Harry nahm Malfoys Schrumpelfeige, und Ron versuchte die Wurzelstücke zurechtzuschneiden, die er jetzt benutzen musste. Harry schälte die Schrumpelfeige so schnell er konnte und warf sie ohne ein Wort quer über den Tisch. Malfoy grinste noch hämischer über das ganze Gesicht.
»Euren Kumpel Hagrid mal wieder gesehen?«, fragte er mit gedämpfter Stimme.
»Das geht dich nichts an«, sagte Ron, unwirsch und ohne aufzublicken.
»Ich fürchte, er wird nicht mehr lange Lehrer sein«, sagte Malfoy mit gespieltem Bedauern. »Mein Vater ist nicht gerade erfreut über meine Verletzung –«
»Red nur weiter, Malfoy, und ich verpass dir gleich ’ne richtige Wunde«, blaffte ihn Ron an.
»– er hat sich bei den Schulbeiräten beschwert. Und beim Zaubereiministerium. Vater hat gute Beziehungen, müsst ihr wissen. Und eine bleibende Verletzung wie diese –«, er ließ einen langen, falschen Seufzer hören, »– wer weiß, ob mein Arm je wieder richtig gesund wird?«
»Also deshalb spielst du dieses Theater«, sagte Harry und köpfte, weil seine Hand vor Zorn zitterte, versehentlich eine tote Raupe. »Damit sie Hagrid rauswerfen.«
»Nun«, sagte Malfoy und senkte die Stimme zu einem Flüstern, »nicht nur, Potter. Es bringt auch noch andere Vorteile. Weasley, schneid mir die Raupen.«
Ein paar Kessel weiter war Neville in Schwierigkeiten. Der Zaubertrankunterricht endete für ihn jedes Mal in einer Katastrophe; noch schlechter war er in keinem Fach und seine große Angst vor Professor Snape machte alles noch zehnmal schlimmer. Sein Zaubertrank, der eigentlich von leuchtend giftgrüner Farbe sein sollte, war –
»Orange, Longbottom«, sagte Snape, schöpfte ein wenig Flüssigkeit ab und ließ sie in den Kessel zurückplätschern, damit alle es sehen konnten. »Orange. Sag mir, Junge, geht eigentlich überhaupt etwas in deinen dicken Schädel rein? Hast du nicht gehört, wie ich ganz deutlich gesagt habe, nur eine Rattenmilz zugeben? Hab ich nicht klar gesagt, ein Spritzer Blutegelsaft genügt? Was soll ich tun, damit du es kapierst, Longbottom?«
Neville war rosa angelaufen und fing an zu zittern. Es schien, als würde er gleich losheulen.
»Bitte, Sir«, sagte Hermine, »bitte, ich könnte Neville helfen, es in Ordnung zu bringen –«
»Ich erinnere mich nicht, Sie gebeten zu haben, hier die Wichtigtuerin zu spielen, Miss Granger«, sagte Snape kalt und Hermine lief so rosa an wie Neville. »Longbottom, am Ende der Stunde werden wir ein paar Tropfen dieses Tranks an deine Kröte verfüttern und zusehen, was passiert. Vielleicht machst du es dann endlich richtig.«
Snape ging weiter und ließ Neville atemlos vor Angst sitzen.
»Hilf mir!«, stöhnte er Hermine zu.
»Hallo, Harry«, sagte Seamus Finnigan und beugte sich über den Tisch, um sich Harrys Messingwaage zu borgen, »hast du schon gehört? Heute Morgen im Tagespropheten – sie glauben, Sirius Black sei gesehen worden.«
»Wo?«, kam es von Harry und Ron wie aus einem Munde. Gegenüber am Tisch sah Malfoy hoch und lauschte aufmerksam.
»Nicht allzu weit von hier«, sagte Seamus aufgeregt. »Eine Muggel hat ihn gesehen. Natürlich hatte sie im Grunde keine Ahnung. Die Muggel glauben doch, er sei ein gewöhnlicher Verbrecher, oder? Jedenfalls hat sie den Notruf gewählt. Aber als die Leute vom Zaubereiministerium auftauchten, war er verschwunden.«
»Nicht allzu weit von hier …«, wiederholte Ron und blickte Harry viel sagend an. Er wandte sich um und bemerkte, dass Malfoy sie scharf beobachtete. »Was ist los, Malfoy? Soll ich dir noch was schälen?«
Doch Malfoys Augen leuchteten bösartig und waren fest auf Harry gerichtet. Er lehnte sich über den Tisch.
»Glaubst du, du könntest Black alleine fangen, Potter?«
»Ja, sicher«, sagte Harry lässig.
Malfoys schmaler Mund bog sich zu einem gemeinen Lächeln.
»Ich an deiner Stelle«, sagte er leise, »hätte schon längst was unternommen. Ich würde nicht in der Schule bleiben wie ein braver Junge, sondern draußen nach ihm suchen.«
»Wovon redest du eigentlich, Malfoy«, sagte Ron grob.
»Weißt du es nicht, Potter?«, flüsterte Malfoy und seine blassen Augen verengten sich.
»Was denn?«
Malfoy ließ ein leises, hämisches Lachen vernehmen.
»Vielleicht willst du deinen Hals nicht riskieren«, sagte er. »Willst es lieber den Dementoren überlassen, oder? Aber ich an deiner Stelle wollte Rache. Ich würde ihn selbst jagen.«
»Wovon redest du denn?«, sagte Harry zornig, doch in diesem Moment rief Snape:
»Ihr solltet inzwischen alle Zutaten reingemischt haben, dieser Trank muss eine Weile köcheln, bevor er getrunken werden kann, also räumt auf, während er ein wenig blubbert, und dann testen wir das Gebräu von Longbottom …«
Crabbe und Goyle lachten laut auf, und Neville, der seinen Trank fieberhaft umrührte, brach der Schweiß aus. Damit Snape nichts mitbekam, murmelte ihm Hermine aus dem Mundwinkel zu, was er machen sollte. Harry und Ron räumten ihre übrig gebliebenen Zutaten weg und gingen zum Steinbecken in der Ecke, um sich die Hände und die Schöpflöffel zu waschen.
»Was will Malfoy eigentlich sagen?«, murmelte Harry Ron zu und hielt die Hände unter den eisigen Strahl, der aus dem Mund des Wasserspeiers schoss. »Warum sollte ich mich an Black rächen wollen? Er hat mir nichts getan – bisher jedenfalls.«
»Er redet doch Unsinn«, sagte Ron wütend, »und will nur, dass du eine Dummheit machst …«
Das Ende der Stunde nahte, und Snape schritt hinüber zu Neville, der eingeschüchtert neben seinem Kessel hockte.
»Alle hierher im Kreis aufstellen«, sagte Snape und seine schwarzen Augen glitzerten. »Seht euch an, was mit Longbottoms Kröte passiert. Wenn er es geschafft hat, eine Schrumpflösung zustande zu bringen, wird sie zu einer Kaulquappe zusammenschrumpfen. Wenn er, woran ich nicht zweifle, die Sache vermasselt hat, könnte seine Kröte vergiftet werden.«
Die Gryffindors sahen beklommen zu. Die Slytherins schienen ganz aufgeregt. Snape hob Trevor, die Kröte, mit der linken Hand hoch und tauchte einen kleinen Löffel in Nevilles Zaubertrank, der inzwischen grün war. Er ließ ein paar Tropfen in Trevors Kehle rinnen.
Ein Moment gespannten Schweigens trat ein und Trevor schluckte; dann gab es ein leises »Plopp« und Trevor, die Kaulquappe, wand sich in Snapes Handfläche.
Die Gryffindors brachen in Beifall aus. Snape, der sauer dreinsah, zog eine kleine Flasche aus der Tasche seines Umhangs, träufelte ein paar Tropfen auf Trevor und plötzlich war sie wieder eine ausgewachsene Kröte.
»Fünf Punkte Abzug für Gryffindor«, sagte Snape und das Lachen gefror auf ihren Gesichtern. »Ich hab Ihnen gesagt, Miss Granger, Sie sollen ihm nicht helfen. Der Unterricht ist beendet.«
Harry, Ron und Hermine stiegen die Stufen zur Eingangshalle hoch. Harry dachte immer noch über Malfoys Worte nach, während Ron wütend über Snape herzog.
»Fünf Punkte Abzug für uns, weil der Zaubertrank in Ordnung war! Warum hast du nicht gelogen, Hermine? Du hättest sagen sollen, dass Neville alles allein gemacht hat!«
Hermine antwortete nicht. Ron wandte sich um.
»Wo ist sie?«
Auch Harry drehte sich um. Sie waren jetzt oben und ließen die andern vorbeigehen, die in die Große Halle zum Mittagessen strömten.
»Sie war doch eben noch hinter uns«, sagte Ron stirnrunzelnd.
Malfoy ging an ihnen vorbei, in die Mitte genommen von Crabbe und Goyle. Er sah Harry spöttisch an und verschwand.
»Da ist sie ja«, sagte Harry.
Hermine kam ein wenig keuchend die Stufen hochgerannt; mit der einen Hand hielt sie die Tasche, mit der anderen schien sie etwas unter ihrem Umhang festzuklammern.
»Wie hast du das gemacht?«, fragte Ron.
»Was?«, sagte Hermine und trat neben sie.
»Du warst direkt hinter uns, im nächsten Moment warst du wieder ganz unten an der Treppe.«
»Wie?« Hermine sah leicht verwirrt aus. »Ach, ich hatte was vergessen und musste zurück. O nein –«
An Hermines Tasche war eine Naht aufgeplatzt. Harry wunderte das nicht; sie war proppenvoll mit mindestens einem Dutzend großer schwerer Bücher.
»Warum trägst du die alle mit dir rum?«, fragte Ron.
»Du weißt doch, wie viele Fächer ich habe«, sagte Hermine außer Atem. »Kannst du die vielleicht mal halten?«
»Aber –« Ron musterte die Umschläge der Bücher, die sie ihm gereicht hatte. »Diese Fächer hast du heute gar nicht. Nur heute Nachmittag noch Verteidigung gegen die dunklen Künste.«
»Ach ja«, sagte Hermine nebenbei; dennoch packte sie alle Bücher in ihre Tasche. »Hoffentlich gibt’s was Gutes zum Essen, ich sterbe vor Hunger«, fügte sie hinzu und schritt davon in Richtung Große Halle.
»Hast du nicht auch das Gefühl, dass Hermine uns was verheimlicht?«, fragte Ron Harry.
Professor Lupin war nicht da, als sie zu seiner ersten Stunde Verteidigung gegen die dunklen Künste kamen. Sie setzten sich, packten ihre Bücher, Federkiele und Pergamentblätter aus und unterhielten sich angeregt, bis er schließlich hereinkam. Lupin lächelte verschwommen und legte seine schmuddelige alte Aktentasche auf das Lehrerpult. Er sah noch immer so schäbig aus, wie sie ihn kennen gelernt hatten, jedoch gesünder als im Zug, so als hätte er inzwischen ein paar anständige Mahlzeiten gehabt.
»Schönen Tag«, sagte er. »Würdet ihr bitte all eure Bücher wieder einpacken. Heute haben wir eine praktische Lektion. Ihr braucht nur eure Zauberstäbe.«
Ein paar neugierige Blicke wurden ausgetauscht, während sie die Bücher wegpackten. Sie hatten noch nie praktischen Unterricht in Verteidigung gegen die dunklen Künste gehabt, abgesehen von der unvergesslichen Stunde im letzten Jahr, als ihr damaliger Lehrer einen Käfig voller Wichtel mitgebracht und sie losgelassen hatte.
»Alles klar«, sagte Professor Lupin, als alle bereit waren. »Dann folgt mir bitte.«
Ratlos, aber gespannt standen sie auf und folgten Professor Lupin aus dem Klassenzimmer. Er führte sie durch den verlassenen Korridor, und als sie um die Ecke bogen, sahen sie als Erstes Peeves, den Poltergeist. Kopfüber in der Luft schwebend stopfte er das nächstbeste Schlüsselloch mit Kaugummi voll.
Peeves sah nicht auf, bis Professor Lupin nur noch einen Meter entfernt war, dann wackelte er mit den Füßen, an denen er gekringelte Zehen hatte, und begann zu singen.
»Lusche Lusche Lupin«, sang er, »Lusche Lusche Lupin, Lusche Lusche Lupin –«
Grob und unbeherrschbar war Peeves zwar fast immer, doch immerhin zeigte er den Lehrern gegenüber meist ein wenig Respekt. Sie blickten rasch auf zu Professor Lupin, neugierig, wie er damit umgehen würde; zu ihrer Überraschung war ihm das Lächeln nicht vergangen.
»Wenn ich Sie wäre, Peeves, würde ich diesen Kaugummi aus dem Schlüsselloch holen«, sagte er vergnügt. »Mr Filch wird sonst nicht in der Lage sein, zu seinen Besen zu gelangen.«
Filch war der Hausmeister von Hogwarts, ein übel gelaunter, gescheiterter Zauberer, der einen ewigen Krieg gegen die Schüler und auch gegen Peeves führte. Doch Peeves achtete nicht auf Professor Lupins Worte, außer dass er laut und Speichel sprühend schnaubte.
Professor Lupin seufzte leise und zückte seinen Zauberstab.
»Das ist ein nützlicher kleiner Zauber«, sagte er zur Klasse gewandt. »Bitte, seht genau hin.«
Er hob den Zauberstab auf Schulterhöhe, sagte »Waddiwasi!«, und richtete ihn auf Peeves.
Mit der Kraft einer Gewehrkugel schoss der Kaugummi aus dem Schlüsselloch und geradewegs hinein in Peeves’ linkes Nasenloch; er wirbelte herum und schwebte prustend und fluchend davon.
»Toll, Sir!«, sagte Dean Thomas verblüfft.
»Danke, Dean«, sagte Professor Lupin und steckte seinen Zauberstab weg. »Gehen wir weiter?«
Sie machten sich wieder auf den Weg. Die Klasse warf Professor Lupin zunehmend respektvolle Blicke zu. Er führte sie einen weiteren Gang entlang und hielt vor dem Lehrerzimmer an.
»Hinein, bitte«, sagte Professor Lupin, öffnete die Tür und trat beiseite.
Das Lehrerzimmer, ein langer, holzgetäfelter Raum voll alter, nicht zusammenpassender Stühle, war leer, jedenfalls fast. Professor Snape saß in einem niedrigen Sessel; er blickte auf, als einer nach dem andern hereinkam. Seine Augen glitzerten und um seinen Mund spielte ein gehässiges Grinsen. Als Professor Lupin eintrat und die Tür hinter sich schließen wollte, sagte Snape:
»Lassen Sie auf, Lupin. Das möchte ich lieber nicht mit ansehen.«
Er erhob sich und schritt mit wehendem schwarzem Umhang an der Klasse vorbei. An der Tür drehte er sich auf den Fersen um und sagte: »Vermutlich hat keiner Sie gewarnt, Lupin, aber in dieser Klasse ist Neville Longbottom. Ich kann Ihnen nur raten, ihm nichts Schwieriges aufzugeben. Außer wenn Miss Granger ihm Anweisungen ins Ohr zischt.«
Neville wurde scharlachrot. Harry starrte Snape zornig an; schlimm genug, dass er Neville in seinem eigenen Unterricht drangsalierte, und jetzt tat er es auch noch vor einem anderen Lehrer.
Professor Lupin zog die Augenbrauen hoch.
»Ich hatte gehofft, Neville würde mir beim ersten Schritt des Unternehmens behilflich sein«, sagte er, »und ich bin mir sicher, er wird es auf bewundernswerte Weise schaffen.«
Nevilles Gesicht lief, soweit dies möglich war, noch röter an. Snapes Lippen kräuselten sich, doch er ging hinaus und schlug die Tür zu.
»Nun denn«, sagte Professor Lupin und winkte die Klasse zum anderen Ende des Zimmers, wo nichts war außer einem alten Schrank, in dem die Lehrer ihre Ersatzumhänge aufbewahrten. Als Professor Lupin vor den Schrank trat, fing der plötzlich an heftig zu ruckeln und krachte gegen die Wand.
»Kein Grund zur Beunruhigung«, sagte Professor Lupin gelassen, denn ein paar Schüler waren erschrocken zurückgewichen. »In diesem Schrank steckt ein Irrwicht.«
Die meisten schienen nicht recht glauben zu wollen, dass dies wirklich kein Grund zur Beunruhigung sei. Neville warf Professor Lupin einen grauenerfüllten Blick zu und Seamus Finnigan starrte wie gebannt auf den ruckelnden Türknopf.
»Irrwichte mögen dunkle, enge Räume«, sagte Professor Lupin. »Schränke, den Spalt unter Betten, die Schränke unter Spülen – ich hab sogar mal einen getroffen, der es sich in einer Standuhr gemütlich gemacht hatte. Dieser hier ist gestern Nachmittag eingezogen, und ich habe den Schulleiter gefragt, ob die Kollegen ihn meiner dritten Klasse zum Üben überlassen könnten.
Nun, die erste Frage, die wir uns stellen müssen, lautet: Was ist ein Irrwicht?«
Hermine hob die Hand.
»Es ist ein Gestaltwandler«, sagte sie. »Er kann die Gestalt dessen annehmen, wovor wir, wie er spürt, am meisten Angst haben.«
»Das hätte ich selber nicht besser ausdrücken können«, sagte Professor Lupin, und Hermine strahlte. »Der Irrwicht sitzt also in der Dunkelheit herum und hat noch keine Gestalt angenommen. Er weiß noch nicht, was der Person auf der anderen Seite der Tür Angst macht. Keiner weiß, wie ein Irrwicht aussieht, wenn er allein ist, doch wenn wir ihn herauslassen, wird er sich sofort in das verwandeln, was wir am meisten fürchten.
Und das heißt«, fuhr Professor Lupin fort, ohne Nevilles leises entsetztes Keuchen zu beachten, »dass wir von Anfang an gewaltig im Vorteil sind. Kannst du dir denken, warum, Harry?«
Eine Antwort zu versuchen, während Hermine neben ihm auf den Fußballen auf- und abhüpfte und die Hand in die Luft streckte, war ziemlich lästig, doch Harry hatte einen Einfall.
»Ähm – weil wir so viele sind und er nicht weiß, welche Gestalt er annehmen soll?«
»Genau«, sagte Professor Lupin und Hermine ließ ein wenig enttäuscht die Hand sinken. »Man sollte nie allein sein, wenn man es mit einem Irrwicht aufnehmen will. Das bringt ihn durcheinander. Was soll er denn werden, eine kopflose Leiche oder eine Fleisch fressende Schnecke? Ich hab mal einen Irrwicht gesehen, der diesen Fehler gemacht hat – wollte zwei Leute auf einmal erschrecken und hat sich in eine halbe Schnecke verwandelt. Einfach lächerlich.
Der Zauber, der einen Irrwicht vertreibt, ist einfach, aber er verlangt geistige Anstrengung. Was einem Irrwicht wirklich den Garaus macht, ist nämlich Gelächter. Ihr müsst versuchen ihn zu zwingen, eine Gestalt anzunehmen, die ihr komisch findet.
Wir üben den Zauber erst mal ohne Zauberstab. Nach mir, bitte … Riddikulus!«
»Riddikulus!«, sagte die Klasse wie aus einem Mund.
»Gut«, sagte Professor Lupin. »Sehr gut. Aber das war leider nur der leichte Teil. Denn das Wort allein genügt nicht. Und jetzt bist du dran, Neville.«
Der Schrank fing wieder an zu zittern, allerdings nicht so heftig wie Neville, der einige Schritte vortrat, als ob es zum Galgen ginge.
»Schön, Neville«, sagte Professor Lupin. »Das Wichtigste zuerst: Was, würdest du sagen, ist es, das dir am meisten auf der Welt Angst macht?«
Nevilles Lippen bewegten sich, doch kein Wort kam heraus.
»Verzeihung, Neville, ich hab dich nicht verstanden«, sagte Professor Lupin gut gelaunt.
Neville sah sich mit panischem Blick um, als ob er jemanden bitten wollte, ihm zu helfen, dann sagte er, kaum vernehmlich flüsternd:
»Professor Snape.«
Fast alle lachten. Selbst Neville grinste peinlich verlegen. Professor Lupin jedoch war nachdenklich geworden.
»Professor Snape … hmmm … Neville, stimmt es, dass du bei deiner Großmutter lebst?«
»Ähm – ja«, sagte Neville nervös. »Aber ich will nicht, dass der Irrwicht sich in sie verwandelt.«
»Nein, nein, du verstehst mich falsch«, sagte Professor Lupin und lächelte jetzt. »Ich frage mich – könntest du uns sagen, was für Kleider deine Großmutter normalerweise trägt?«
Neville wirkte verdutzt, doch er antwortete:
»Na ja … immer denselben Hut. Einen hohen mit einem ausgestopften Geier drauf. Und ein langes Kleid … meist grün … und manchmal einen Schal aus Fuchsfell.«
»Und eine Handtasche?«, half Professor Lupin nach.
»Eine große rote«, sagte Neville.
»Sehr schön«, sagte Professor Lupin. »Kannst du dir diese Kleidung ganz genau vorstellen, Neville? Kannst du sie vor deinem geistigen Auge sehen?«
»Ja«, sagte Neville unsicher, sich offensichtlich fragend, was als Nächstes kommen würde.
»Wenn der Irrwicht aus diesem Schrank fährt und dich sieht, Neville, wird er die Gestalt von Professor Snape annehmen«, sagte Lupin. »Und du hebst deinen Zauberstab – so – und rufst ›Riddikulus‹ – und denkst ganz fest an die Kleider deiner Großmutter. Wenn alles gut geht, wird Professor Irrwicht Snape gezwungen sein, mit diesem Geierhut, dem grünen Kleid und der großen roten Handtasche aufzutreten.«
Die Klasse lachte laut auf. Der Schrank zitterte noch heftiger.
»Wenn Neville es gut macht, wird der Irrwicht seine Aufmerksamkeit danach wahrscheinlich uns zuwenden, und zwar einem nach dem andern«, sagte Professor Lupin. »Ich möchte, dass ihr alle mal kurz überlegt, was euch am meisten Angst macht, und euch vorstellt, wie man es zwingen kann, komisch auszusehen …«
Im Zimmer wurde es still. Harry dachte nach … wovor hatte er am meisten Angst?
Als Erstes fiel ihm Lord Voldemort ein – ein Voldemort, der seine alte Kraft wiedererlangt hätte. Doch bevor er auch nur angefangen hatte, einen möglichen Gegenangriff auf einen Irrwicht-Voldemort zu planen, drang ein schrecklicher Gedanke in sein Bewusstsein …
Eine verwesende, glibbrig schimmernde Hand, die unter einen schwarzen Umhang zurückgleitet … ein unsichtbarer Mund, der mit lang anhaltendem Rasseln Luft einzieht … dann Kälte, so durchdringend, als ob er ertrinken würde …
Harry schauderte und sah sich um in der Hoffnung, dass niemand es bemerkt hatte. Viele um ihn her hatten die Augen fest geschlossen. Ron murmelte vor sich hin, etwas wie »nimm ihr die Beine weg«. Harry wusste ziemlich sicher, an was Ron dachte. Die größte Angst hatte er vor Spinnen.
»Seid ihr bereit?«, fragte Professor Lupin.
Harry spürte, wie ihm Angst die Kehle zuschnürte. Er war noch nicht bereit. Wie sollte er denn einen Dementor weniger schrecklich aussehen lassen? Doch um Zeit bitten wollte er nicht; alle andern nickten und rollten die Ärmel hoch.
»Neville, wir gehen ein paar Schritte zurück«, sagte Professor Lupin. »Dann hast du freie Bahn, klar? Ich rufe dann den Nächsten auf … alle zurücktreten jetzt, damit Neville richtig zielen kann.«
Sie gingen zurück und lehnten sich gegen die Wand; Neville stand jetzt allein vor dem Schrank. Er sah blass und verängstigt aus, doch er hatte die Ärmel seines Umhangs hochgekrempelt und hielt seinen Zauberstab bereit.
»Ich zähle bis drei, Neville«, sagte Professor Lupin und deutete mit seinem Zauberstab auf den Türknopf des Schranks. »Eins – zwei – drei – jetzt!«
Sterne stoben aus der Spitze von Professor Lupins Zauberstab und trafen den Türknopf. Die Schranktüren flogen auf. Hakennasig und drohend trat Professor Snape heraus und richtete seine blitzenden Augen auf Neville.
Neville wich zurück, den Zauberstab erhoben, und bewegte stumm den Mund. Snape griff in seinen Umhang und ging drohend auf ihn zu.
»R – r – riddikulus!«, quiekte Neville.
Es gab einen Knall, ähnlich dem Knall einer Peitsche. Snape stolperte; er trug jetzt ein langes, spitzenbesetztes Kleid, einen turmhohen Hut, auf dessen Spitze ein mottenzerfressener Geier saß, und an seinem Handgelenk schlenkerte eine enorme rote Handtasche.
Dröhnendes Gelächter brach aus; der Irrwicht erstarrte, heillos verwirrt, und Professor Lupin rief:
»Parvati! Du bist dran!«
Parvati trat mit entschlossener Miene nach vorne. Drohend wandte sich Snape ihr zu. Wieder knallte es, und wo er gestanden hatte, erschien eine blutbefleckte, bandagierte Mumie; ihr augenloses Antlitz Parvati zugewandt, begann sie träge schlurfend auf das Mädchen zuzugehen und hob die Arme.
»Riddikulus!«, schrie Parvati.
Am Fuß der Mumie löste sich eine Bandage; die Mumie verhedderte sich und fiel mit dem Gesicht auf den Boden; der Kopf rollte davon.
»Seamus!«, rief Professor Lupin.
Seamus schoss an Parvati vorbei.
Knall! Wo die Mumie gewesen war, stand eine Frau mit schwarzem Haar, das bis zum Boden reichte, und einem grünlichen, skelettartigen Gesicht – eine Todesfee. Sie machte den Mund weit auf und ein Klang wie nicht von dieser Welt erfüllte den Raum, ein lang gezogener, wehklagender Schrei, der Harry die Haare zu Berge stehen ließ.
»Riddikulus!«, rief Seamus.
Die Todesfee machte ein rasselndes Geräusch und griff sich an die Kehle; sie hatte ihre Stimme verloren.
Knall! Die Todesfee verwandelte sich in eine Ratte, die im Kreis herumrasend ihrem eigenen Schwanz nachjagte, und dann – knall! – verwandelte sie sich in eine Klapperschlange, die sich wand und kringelte, bis sie – knall! – zu einem blutigen Augapfel wurde.
»Er ist durcheinander!«, rief Lupin, »bald haben wir’s geschafft! Dean!«
Dean trat rasch nach vorne.
Krach! Der Augapfel wurde zu einer abgeschnittenen Hand; wie ein Krebs kroch sie über den Boden.
»Riddikulus!«, rief Dean.
Es gab ein schnappendes Geräusch und die Hand war in einer Mausefalle gefangen.
»Glänzend! Ron, du bist dran!«
Ron stürzte nach vorne.
Knall!
Nicht wenige schrien. Eine riesige Spinne, zwei Meter hoch und haarig, krabbelte auf Ron zu und klickte bedrohlich mit ihren Greifzangen. Einen Moment lang hatte Harry den Eindruck, Ron sei erstarrt. Dann –
»Riddikulus!«, bellte Ron und die Beine der Spinne verschwanden; sie kullerte über den Boden; Lavender Brown kreischte und lief aus dem Weg und die Spinne blieb vor Harrys Füßen liegen. Schon hob er seinen Zauberstab, doch –
»Halt!«, rief Professor Lupin plötzlich und sprang vor.
Knall!
Die beinlose Spinne war verschwunden. Einen Moment schauten sich alle aufgeregt um, wo sie abgeblieben war. Dann sahen sie eine silbern glitzernde weiße Kugel vor Lupin in der Luft hängen. »Riddikulus!«, sagte er fast lässig.
Knall!
Der Irrwicht landete als Kakerlak auf dem Boden. »Los jetzt, Neville, mach ihn alle!«, sagte Lupin. Knall! Snape war wieder da. Diesmal stürzte Neville mit entschlossener Miene auf ihn zu.
»Riddikulus!«, rief er und für den Bruchteil einer Sekunde sahen sie Snape noch einmal im Spitzenkleid, bis Neville ein lautes, prustendes »Ha!« ausstieß und der Irrwicht explodierte, in tausend kleine Rauchwölkchen auseinanderstob und verschwand.
»Hervorragend!«, rief Professor Lupin, und die Klasse fing begeistert an zu klatschen. »Sehr schön, Neville. Ihr alle habt eure Sache sehr gut gemacht … lasst mich kurz überlegen … fünf Punkte für Gryffindor bekommt jeder, der es mit dem Irrwicht aufgenommen hat – zehn für Neville, weil er zweimal dran war … und jeweils fünf für Hermine und Harry.«
»Aber ich hab doch nichts gemacht«, sagte Harry.
»Du und Hermine habt meine Fragen zu Beginn des Unterrichts richtig beantwortet, Harry«, sagte Lupin gelassen. »Ihr wart alle sehr gut, es war eine hervorragende Stunde. Als Hausaufgabe lest bitte das Kapitel über Irrwichte und schreibt mir eine Zusammenfassung … bis nächsten Montag. Das ist alles.«
Aufgeregt schnatternd verließ die Klasse das Lehrerzimmer. Harry jedoch hatte ein ungutes Gefühl. Professor Lupin hatte ihn entschlossen daran gehindert, es mit dem Irrwicht aufzunehmen. Warum? Weil er gesehen hatte, wie Harry im Zug ohnmächtig geworden war, und glaubte, er könne nicht viel verkraften? Hatte er befürchtet, Harry würde wieder zusammenbrechen?
Doch von den andern schien keinem etwas aufgefallen zu sein.
»Habt ihr gesehen, wie ich es dieser Todesfee gezeigt hab?«, rief Seamus.
»Und die Hand!«, sagte Dean und fuchtelte mit seiner eigenen herum.
»Und Snape mit diesem Hut!«
»Und meine Mumie!«
»Ich frag mich, warum Professor Lupin Angst vor Kristallkugeln hat«, sagte Lavender nachdenklich.
»Das war die beste Stunde in Verteidigung gegen die dunklen Künste, die wir je hatten, oder?«, sagte Ron begeistert, während sie zu ihrem Klassenzimmer gingen, um ihre Taschen zu holen.
»Er scheint ein sehr guter Lehrer zu sein«, sagte Hermine anerkennend. »Aber ich wünschte, ich wäre auch mal drangekommen mit diesem Irrwicht.«
»Was wäre er für dich gewesen?«, sagte Ron glucksend. »Eine Hausaufgabe, für die du nur neun von zehn möglichen Punkten bekommen hättest?«
Die Flucht der fetten Dame
Im Handumdrehen war Verteidigung gegen die dunklen Künste das Lieblingsfach aller Schüler geworden. Nur Draco Malfoy und seine Clique von den Slytherins ließen sich gehässig über Professor Lupin aus.
»Schaut euch doch mal seine Umhänge an«, sagte Malfoy unüberhörbar flüsternd, wenn Professor Lupin vorbeiging. »Der zieht sich ja an wie unser alter Hauself.«
Doch niemand sonst kümmerte es, dass Professor Lupin geflickte und ausgefranste Umhänge trug. Die weiteren Unterrichtsstunden bei ihm waren nicht weniger spannend als die erste. Nach den Irrwichten lernten sie die Rotkappen kennen, fiese kleine koboldartige Kreaturen, die überall dort herumlungerten, wo Blut vergossen worden war: Sie versteckten sich in den Kerkern von Schlössern und in den Sprenglöchern verlassener Schlachtfelder und verprügelten alle, die sich dorthin verirrten. Nach den Rotkappen kamen die Kappas, grausige Wasserbewohner, die wie schuppige Affen aussahen und Hände mit Schwimmhäuten hatten, die es nur danach juckte, diejenigen zu erwürgen, die in ihren Tümpeln umherwateten.
Harry wäre glücklich gewesen, wenn es ihm in den anderen Fächern ebenso gut gefallen hätte. Am schlimmsten war der Zaubertrankunterricht. Snape war dieser Tage ausgesprochen rachsüchtig gelaunt und der Grund dafür war kein Geheimnis. Die Geschichte von dem Irrwicht, der Snapes Gestalt angenommen hatte und von Neville in die Sachen seiner Großmutter gesteckt worden war, hatte sich wie ein Lauffeuer im Schloss verbreitet. Snape fand das offenbar nicht komisch. Seine Augen blitzten drohend bei jeder Erwähnung von Professor Lupin, und Neville drangsalierte er schlimmer denn je.
Harry empfand auch wachsenden Abscheu vor den Stunden, die er im stickigen Turmzimmer von Professor Trelawney mit der Deutung von schrägen Figuren und Symbolen zubrachte, dabei musste er auch noch versuchen, sich nicht von Professor Trelawneys Tränen rühren zu lassen, die ihr jedes Mal in die riesigen Augen traten, wenn sie Harry ansah. Professor Trelawney konnte er einfach nicht leiden, während viele andere ihr Hochachtung oder gar Verehrung entgegenbrachten. Parvati Patil und Lavender Brown stürmten jetzt in der Mittagspause regelmäßig hoch in den Turm und kamen immer mit einem überlegenen Gesichtsausdruck zurück, der einem lästig werden konnte, gerade so, als ob sie Dinge wüssten, von denen die andern keine Ahnung hatten. Außerdem sprachen sie nur noch mit gedämpfter Stimme zu Harry, als würde er schon auf dem Totenbett liegen.
Pflege magischer Geschöpfe mochte keiner mehr; nach der dramatischen ersten Stunde war der Unterricht todlangweilig geworden. Hagrid schien sein Selbstvertrauen verloren zu haben. Stunde um Stunde verbrachten sie jetzt damit, Flubberwürmer zu pflegen, die zu den fadesten Geschöpfen überhaupt zählen mussten.
»Warum sollte sich überhaupt jemand die Mühe machen, sich um sie zu kümmern?«, sagte Ron nach einer weiteren Stunde, in der sie klein gehackte Salatblätter in die schleimigen Kehlen der Flubberwürmer gestopft hatten.
Anfang Oktober jedoch fand Harry etwas, das ihn beschäftigte und ihm so viel Spaß machte, dass er den staubtrockenen Unterricht vergaß. Die Quidditch-Saison sollte bald beginnen und Oliver Wood, der Kapitän des Gryffindor-Teams, rief sie eines Donnerstags zusammen, um die Taktik für die kommende Spielzeit zu erörtern.
Eine Quidditch-Mannschaft besteht aus sieben Spielern: aus drei Jägern, deren Aufgabe es ist, den Quaffel (einen roten, fußballgroßen Ball) durch die in fünfzehn Meter Höhe auf Stangen an beiden Seiten des Spielfelds angebrachten Ringe zu werfen; zwei Treibern, die mit schweren Schlägern ausgestattet sind, um die Klatscher abzuwehren (zwei schwere schwarze Bälle, die durch die Luft sausen und die Spieler angreifen); einem Hüter, der die Tore verteidigt, und dem Sucher, der die schwierigste Aufgabe hat, nämlich den Goldenen Schnatz zu fangen, einen winzigen geflügelten Ball von der Größe einer Walnuss, dessen Fang das Spiel beendet und dem Team des Suchers hundertfünfzig Punkte extra einbringt.
Oliver Wood war ein stämmiger Siebzehnjähriger, inzwischen im siebten und letzten Schuljahr in Hogwarts. An jenem Donnerstagabend im kalten Umkleideraum draußen am Spielfeldrand, als er vor die anderen sechs Spieler seines Teams trat, war eine Spur von Verzweiflung aus seiner Stimme herauszuhören:
»Das ist unsere letzte Chance – meine letzte Chance –, den Quidditch-Pokal zu gewinnen«, erklärte er, während er vor dem Team auf und ab schritt. »Ende des Jahres gehe ich von der Schule. Noch eine Gelegenheit kriege ich nicht.
Gryffindor hat jetzt seit sieben Jahren nicht mehr gewonnen. Gut und schön, wir hatten tatsächlich schlimmes Pech – Verletzungen, und dann ist das Turnier letztes Jahr auch noch abgeblasen worden …« Wood schluckte, als ob ihm die Erinnerung immer noch wie ein Kloß im Hals steckte. »Aber wir wissen auch, dass wir das verdammt – noch – mal – beste – Team – der – Schule sind«, sagte er. Dabei schlug er mit der rechten Faust in die linke Handfläche und in seinen Augen erschien wieder das alte, manische Glimmen.
»Wir haben drei erstklassige Jägerinnen.«
Wood deutete auf Alicia Spinnet, Angelina Johnson und Katie Bell.
»Wir haben zwei unschlagbare Treiber.«
»Hör auf, Oliver, du machst uns ganz verlegen«, sagten Fred und George und taten so, als würden sie sich schämen.
»Und wir haben einen Sucher, der noch jedes Spiel für uns gewonnen hat!«, donnerte Wood und starrte Harry mit einer Art grimmigem Stolz an. »Und mich«, fügte er noch hinzu, als wäre es ihm gerade eingefallen.
»Du bist auch ganz toll, Oliver«, sagte George.
»Als Hüter ein Ass«, sagte Fred.
»Die Sache ist die«, fuhr Oliver fort und fing wieder an, auf und ab zu schreiten, »der Quidditch-Pokal hätte in den letzten beiden Jahren unseren Namen tragen müssen. Seit Harry dabei ist, denke ich immer, wir hätten das Ding eigentlich schon in der Tasche. Aber wir haben’s nicht geschafft, und jetzt haben wir die letzte Chance, endlich unseren Namen auf diesem Pokal zu sehen …«
Wood schien so niedergeschlagen, dass selbst Fred und George ihn mitleidig ansahen.
»Oliver, das ist unser Jahr«, sagte Fred.
»Diesmal packen wir’s, Oliver!«, sagte Angelina.
»Ganz klar«, sagte Harry.
Voll Entschlossenheit begannen sie zu trainieren, drei Abende die Woche. Allmählich wurde es kälter und regnerischer und es wurde immer früher dunkel, doch weder Schlamm, Wind noch Regen konnten Harry aus dem wunderbaren Traum reißen, endlich einmal den riesigen silbernen Quidditch-Pokal zu gewinnen.
Eines Abends nach dem Training kehrte Harry steif gefroren, doch höchst zufrieden mit dem Training ins Schloss zurück. Im Gemeinschaftsraum der Gryffindors herrschte ein aufgeregtes Summen.
»Was ist denn hier los?«, fragte er Ron und Hermine, die in zwei der besten Sessel am Kamin saßen und an ihren Sternkarten für Astronomie arbeiteten.
»Das erste Wochenende in Hogsmeade«, sagte Ron und deutete auf den Zettel, der am ramponierten alten Notizbrett aufgetaucht war. »Ende Oktober, an Halloween.«
»Klasse«, sagte Fred, der Harry durch das Porträtloch gefolgt war, »ich muss zu Zonko, meine Stinkkügelchen sind fast alle.«
Harry ließ sich in den Sessel neben Ron fallen; sein Hochgefühl versandete rasch. Hermine schien seine Gedanken lesen zu können.
»Das nächste Mal kannst du dann sicher mitkommen, Harry«, sagte sie. »Sie werden Black bestimmt bald fassen, er wurde ja schon gesehen.«
»Black ist nicht so bescheuert, in Hogsmeade Ärger zu machen«, sagte Ron. »Frag doch McGonagall, ob du dieses eine Mal mitkommen kannst, wer weiß, wann wir wieder dürfen –«
»Ron!«, sagte Hermine, »Harry soll in der Schule bleiben.«
»Er kann doch nicht der einzige Drittklässler sein, der nicht mitdarf«, sagte Ron. »Frag McGonagall, mach schon, Harry.«
»Ja, vielleicht hast du Recht«, sagte Harry nachdenklich.
Hermine öffnete den Mund, um zu widersprechen, doch in diesem Moment sprang Krummbein auf ihren Schoß. Eine große tote Spinne hing ihm aus dem Maul.
»Muss er die denn ausgerechnet vor unseren Augen fressen?«, sagte Ron missmutig.
»Kluger Krummbein, hast du die ganz alleine gefangen?«, sagte Hermine.
Gemächlich zerkaute Krummbein die Spinne, die gelben Augen frech auf Ron gerichtet.
»Pass bloß auf, dass er bei dir bleibt«, sagte Ron gereizt und wandte sich wieder seiner Sternkarte zu. »Krätze schläft in meiner Tasche.«
Harry gähnte. Am liebsten wäre er schlafen gegangen, doch auch er musste seine Sternkarte noch zu Ende zeichnen. Er zog seine Tasche heran, holte Papier, Tinte und Feder heraus und begann zu arbeiten.
»Du kannst meine abzeichnen, wenn du willst«, sagte Ron, beschriftete schwungvoll den letzten Stern und schob die Karte Harry zu.
Hermine, die nichts von Abschreiben hielt, schürzte die Lippen, sagte jedoch nichts. Krummbein starrte immer noch unverwandt auf Ron und ließ die Spitze seines buschigen Schwanzes zucken. Dann, ohne Warnung, sprang er los.
»He!«, brüllte Ron und packte seine Tasche, doch Krummbein hatte schon vier krallenbestückte Pfoten darin versenkt und zog und zerrte wie verrückt.
»Hau ab, du blödes Vieh!«
Ron wollte seine Tasche in Sicherheit bringen, doch der Kater hielt sie fauchend, hauend und kratzend fest.
»Ron, tu ihm bloß nicht weh!«, kreischte Hermine; der ganze Gemeinschaftsraum sah zu; Ron wirbelte die Tasche im Kreis herum, doch Krummbein ließ nicht locker, und jetzt kam Krätze oben herausgeflogen.
»Fangt diesen Kater ein!«, schrie Ron, als Krummbein die Überreste der Tasche liegen ließ, über den Tisch sprang und dem panisch davonrasenden Krätze nachjagte.
George Weasley machte einen Hechtsprung, doch er verfehlte Krummbein knapp; Krätze huschte durch zwanzig Paar Beine und verschwand unter einer alten Kommode; Krummbein kam schlitternd zum Halt, legte den Kopf auf den Boden und haute zornig mit den Tatzen unter die Kommode.
Ron und Hermine rannten herbei; Hermine packte Krummbein am Bauch und hob ihn hoch; Ron warf sich auf den Boden und zog Krätze mit großer Mühe am Schwanz hervor.
»Schau ihn dir an!«, sagte er wütend zu Hermine und ließ Krätze vor ihrem Gesicht baumeln. »Er ist doch nur noch Haut und Knochen! Halt ihm bloß diesen Kater vom Leib!«
»Krummbein weiß doch nicht, dass man das nicht tut!«, sagte Hermine mit zitternder Stimme. »Alle Katzen jagen Ratten, Ron!«
»Aber an deinem Tier ist irgendwas Komisches!«, sagte Ron, während er versuchte, den vor Aufregung bebenden Krätze zurück in seine Tasche zu komplimentieren. »Er hat gehört, dass ich gesagt habe, Krätze sei in meiner Tasche!«
»Ach, das ist doch Unsinn«, sagte Hermine ungehalten. »Krummbein kann ihn riechen, Ron, oder wie sonst, glaubst du –«
»Dieser Kater hat es auf Krätze abgesehen!«, sagte Ron und würdigte das Publikum im Raum keines Blickes, das allmählich zu kichern begann. »Und Krätze war zuerst hier und er ist krank!«
Ron marschierte durch das Gemeinschaftszimmer und verschwand auf der Treppe hoch zum Jungenschlafsaal.
Am nächsten Tag war Ron immer noch schlecht auf Hermine zu sprechen. In Kräuterkunde sagte er kaum ein Wort zu ihr, obwohl er, Harry und Hermine gemeinsam an einer Knallschote arbeiteten.
»Wie geht’s Krätze?«, fragte Hermine behutsam, während sie fette rosa Schoten von den Pflanzen pflückten und die glänzenden Bohnen in einen Holztrog warfen.
»Hat sich unter meinem Bett versteckt und zittert immer noch am ganzen Leib«, sagte Ron unwirsch und verfehlte den Trog, so dass die Bohnen über den Boden des Gewächshauses kullerten.
»Vorsicht, Weasley, Vorsicht!«, rief Professor Sprout, als die Bohnen vor ihren Augen jäh aufblühten.
Als Nächstes hatten sie Verwandlung. Harry hatte beschlossen, Professor McGonagall nach dem Unterricht zu fragen, ob er mit nach Hogsmeade dürfe. Er reihte sich in die Warteschlange vor dem Klassenzimmer ein und überlegte, wie er es am besten sagen konnte. Doch ein kleiner Aufruhr vorn an der Tür lenkte ihn ab.
Lavender Brown schien zu weinen. Parvati hatte den Arm um sie gelegt und sprach mit Seamus Finnigan und Dean Thomas, die sehr ernst wirkten.
»Was ist los, Lavender?«, fragte Hermine beunruhigt, als sie mit Harry und Ron hinzukam.
»Sie hat heute Morgen einen Brief von zu Hause bekommen«, flüsterte Parvati. »Es geht um Binky, ihr Kaninchen. Ein Fuchs hat es getötet.«
»Oh«, sagte Hermine, »tut mir leid, Lavender.«
»Ich hätte es wissen sollen!«, sagte Lavender mit tragischer Miene. »Weißt du, welcher Tag heute ist?«
»Ähm.«
»Der sechzehnte Oktober! ›Das Ereignis, vor dem du dich fürchtest, es wird am sechzehnten Oktober geschehen!‹ Erinnerst du dich? Sie hatte Recht, sie hatte Recht!«
Die ganze Klasse versammelte sich jetzt um Lavender. Seamus schüttelte mit ernster Miene den Kopf. Hermine zögerte, dann sagte sie:
»Du … du hattest Angst, Binky würde von einem Fuchs getötet?«
»Nun ja, nicht unbedingt von einem Fuchs«, sagte Lavender und blickte mit tränenüberströmten Wangen zu Hermine hoch, »aber ich hab natürlich Angst gehabt, dass es stirbt, oder?«
»Oh«, sagte Hermine. Sie verstummte kurz. Dann –
»War Binky ein altes Kaninchen?«
»N…nein!«, schluchzte Lavender, »es … es war noch ganz klein!«
Parvati drückte Lavender noch fester an sich.
»Aber warum hattest du dann Angst, es würde sterben?«, fragte Hermine.
Parvati starrte sie wütend an.
»Nun ja, seht euch die Sache mal vernünftig an«, sagte Hermine und wandte sich den Umstehenden zu. »Erstens ist Binky gar nicht mal heute gestorben, Lavender hat heute nur die Nachricht bekommen –«
Lavender fing laut an zu jammern, doch Hermine fuhr fort: »– und sie kann auch gar keine Angst davor gehabt haben, denn es war doch offensichtlich ein Schock für sie –«
»Mach dir nichts aus dem, was Hermine sagt, Lavender«, sagte Ron laut, »sie schert sich nicht groß um die Haustiere anderer Leute.«
Es war ein Glück, dass Professor McGonagall in diesem Augenblick die Klassenzimmertür aufschloss; Hermine und Ron sahen sich an, als wollten sie gleich aufeinander losstürzen, und drinnen im Zimmer setzten sie sich zu beiden Seiten Harrys und sprachen die ganze Stunde kein Wort miteinander.
Harry wusste immer noch nicht recht, was er Professor McGonagall sagen würde, als es schon wieder läutete, doch sie war es, die das Thema Hogsmeade zuerst ansprach.
»Einen Moment noch bitte!«, rief sie, als alle aufstehen wollten. »Als Ihre Hauslehrerin bitte ich Sie, mir die Zustimmungserklärungen für den Besuch in Hogsmeade noch vor Halloween auszuhändigen. Ohne diese Erklärung dürfen Sie nicht mitkommen, also nicht vergessen!«
Neville hob die Hand.
»Bitte, Professor, ich – ich glaube, ich hab meine verloren –«
»Ihre Großmutter hat sie direkt an mich geschickt, Longbottom«, sagte Professor McGonagall. »Sie schien es für sicherer zu halten. Gut, das ist alles, Sie können gehen.«
»Frag sie jetzt«, zischte Ron Harry zu.
»Oh, aber –«, warf Hermine ein.
»Los jetzt, Harry«, drängte Ron.
Harry wartete, bis die andern draußen waren, dann ging er, hibbelig, wie er war, hinüber zu Professor McGonagalls Pult.
»Ja, Potter?«
Harry holte tief Atem.
»Professor, meine Tante und mein Onkel – ähm – haben vergessen, das Formblatt zu unterschreiben«, sagte er.
Professor McGonagall sah ihn über ihre viereckigen Brillengläser hinweg an, sagte jedoch nichts.
»Also – ähm – meinen Sie, es wäre möglich – das heißt, ist es in Ordnung, wenn ich – wenn ich mitkomme nach Hogsmeade?«
Professor McGonagall senkte den Blick und begann die Papiere auf ihrem Pult zusammenzuräumen.
»Ich fürchte, nein, Potter«, sagte sie. »Sie haben gehört, was ich gesagt habe. Keine Erlaubnis, kein Besuch im Dorf. So lautet die Regel.«
»Aber – Professor, mein Onkel und meine Tante – Sie wissen, es sind Muggel, sie verstehen im Grunde nichts von – von diesen Formblättern und überhaupt von Hogwarts«, sagte Harry, während Ron ihn mit heftigem Kopfnicken anfeuerte. »Wenn Sie sagen würden, ich kann mitgehen –«
»Aber das sage ich nicht«, sagte Professor McGonagall, stand auf und verstaute ihre säuberlich gestapelten Papiere in einer Schublade. »Auf dem Formblatt heißt es klar und deutlich, dass Eltern oder Vormund die Erlaubnis geben müssen.« Sie sah ihn mit einem seltsamen Gesichtsausdruck an. War es Mitleid? »Tut mir leid, Potter, aber das ist mein letztes Wort. Sie beeilen sich besser oder Sie kommen zu spät zur nächsten Stunde.«
Da war nichts zu machen. Ron erfand eine Menge unschmeichelhafter Namen für Professor McGonagall, was Hermine ausgesprochen ärgerte. Sie setzte einen »Umso besser«-Gesichtsausdruck auf, der Ron wiederum noch zorniger machte, und Harry musste es ertragen, dass sich alle andern in der Klasse laut und voller Vorfreude darüber unterhielten, was sie in Hogsmeade als Erstes tun würden.
»Du hast immer noch das Fest«, sagte Ron, um Harry aufzumuntern. »Du weißt doch, das Festessen am Abend von Halloween.«
»Jaah«, sagte Harry trübselig, »großartig.«
Das Festessen an Halloween war immer gut, doch es würde noch viel besser schmecken, wenn er an diesem Abend zusammen mit den andern aus Hogsmeade zurückkehren würde. Keiner konnte ihn trösten. Dean Thomas, der gut mit der Feder umgehen konnte, bot ihm an, Onkel Vernons Unterschrift auf dem Formblatt zu fälschen, doch da Harry Professor McGonagall bereits gesagt hatte, dass Onkel Vernon nicht unterschrieben hatte, nutzte das auch nichts. Ron schlug selbst nicht ganz überzeugt vor, den Tarnumhang zu nehmen, doch Hermine wollte nichts davon hören und erinnerte Ron daran, dass Dumbledore ihnen gesagt hatte, die Dementoren könnten sehen, wer darunter sei. Von Percy schließlich kamen wohl die am wenigsten tröstenden Trostworte.
»Sie machen immer diesen Aufstand wegen Hogsmeade, aber glaub mir, Harry, so toll ist es auch wieder nicht«, sagte er ernsthaft. »Gut und schön, der Süßigkeitenladen ist ziemlich gut, und Zonkos Scherzartikelladen ist schlichtweg gefährlich, und ja, die Heulende Hütte lohnt immer einen Besuch, aber abgesehen davon, Harry, entgeht dir nichts.«
Am Morgen von Halloween wachte Harry mit den andern auf und ging hinunter zum Frühstück. Er fühlte sich ganz elend, tat aber sein Bestes, um das zu verbergen.
»Wir bringen dir eine Menge Süßigkeiten aus dem Honigtopf mit«, sagte Hermine und sah ihn mit tiefem Mitgefühl an.
»Ja, ganze Wagenladungen«, sagte Ron. Er und Hermine hatten angesichts von Harrys Verzweiflung endlich ihren Streit wegen Krummbein vergessen.
»Macht euch keine Sorgen um mich«, sagte Harry in bemüht lässigem Ton, »wir treffen uns dann beim Essen. Viel Spaß.«
Er begleitete sie zur Eingangshalle, wo Filch, der Hausmeister, am Portal stand und die Namen auf einer langen Liste abhakte, wobei er misstrauisch jedes Gesicht musterte und aufpasste, dass keiner sich hinausschlich, der nicht mitdurfte.
»Du bleibst hier, Potter?«, rief Malfoy, der mit Crabbe und Goyle in der Schlange stand. »Hast Bammel vor den Dementoren draußen?«
Harry überhörte ihn und machte sich auf den einsamen Weg die Marmortreppe hoch und die verlassenen Korridore entlang zurück in den Turm der Gryffindors.
Die fette Dame schreckte aus ihrem Nickerchen hoch. »Passwort?«, fragte sie.
»Fortuna Major«, sagte Harry gelangweilt.
Das Porträt klappte zur Seite und er kletterte durch das Loch in den Gemeinschaftsraum. Er war voller schnatternder Erst- und Zweitklässler und ein paar älterer Schüler, die Hogsmeade offenbar so häufig besucht hatten, dass es ihnen nichts mehr zu bieten hatte.
»Harry! Harry! Hallo, Harry!«
Das war Colin Creevey, ein Zweitklässler, der immer ganz ehrfürchtig bei Harrys Anblick wurde und nie eine Gelegenheit ausließ, ihn anzusprechen.
»Gehst du nicht nach Hogsmeade, Harry? Warum nicht? Hallo –«, Colin sah sich begeistert nach seinen Freunden um, »du kannst dich zu uns setzen, wenn du willst, Harry!«
»Ähm – nein danke, Colin«, sagte Harry, der nicht in der Stimmung war, einen Haufen Leute auf seine Stirnnarbe glotzen zu lassen, »ich muss in die Bücherei und was arbeiten.«
Danach blieb ihm nichts anderes übrig, als umzukehren und wieder durch das Porträtloch zu steigen.
»Wozu hast du mich eigentlich aufgeweckt?«, rief ihm die fette Dame unwirsch hinterher.
Harry schlurfte lustlos in Richtung Bücherei, doch auf halbem Weg besann er sich anders; ihm war nicht nach Arbeit zumute. Er machte kehrt und plötzlich sah er sich Filch gegenüber, der wohl gerade die letzten Ausflügler nach Hogsmeade aus dem Schloss gelassen hatte.
»Was treibst du?«, raunzte Filch misstrauisch.
»Nichts«, sagte Harry wahrheitsgemäß.
»Nichts«, fauchte Filch und sein Unterkiefer vibrierte Unheil verkündend. »Fabelhafte Ausrede! Schleichst alleine hier rum, warum bist du denn nicht in Hogsmeade und kaufst Stinkbomben und Rülpspulver und Pfeifende Würmer wie deine frechen kleinen Freunde?«
Harry zuckte die Schultern.
»Also zurück jetzt in deinen Gemeinschaftsraum, wo du hingehörst!«, bellte Filch ihn an und wartete mit zornigem Blick, bis Harry außer Sicht war.
Doch Harry ging nicht zurück in den Gemeinschaftsraum; mit der vagen Absicht, Hedwig in der Eulerei zu besuchen, stieg er eine Treppe hoch und lief den Korridor entlang. Plötzlich hörte er eine Stimme aus einem der Räume: »Harry?«
Harry ging rasch zurück, um zu sehen, wer es war, und traf auf Professor Lupin, der sich aus seiner Bürotür beugte.
»Was treibst du denn?«, fragte Lupin, allerdings in ganz anderem Ton als Filch. »Wo sind Ron und Hermine?«
»Hogsmeade«, sagte Harry bemüht beiläufig.
»Ah«, sagte Lupin. Er musterte Harry einen Moment lang. »Warum kommst du nicht rein? Gerade wurde ein Grindeloh für unsere nächste Stunde geliefert.«
»Ein was?«, fragte Harry.
Er folgte Lupin in sein Büro. In der Ecke stand ein sehr großes Aquarium. Eine übelgrüne Kreatur mit spitzen kleinen Hörnern presste das Gesicht ans Glas, schnitt Grimassen und spreizte seine langen, spindeldürren Finger.
»Wasserdämon«, sagte Lupin und musterte den Grindeloh nachdenklich. »Wir sollten keine großen Schwierigkeiten mit ihm haben, nicht nach den Kappas. Der Trick dabei ist, dass man seinen Griff brechen muss. Siehst du die ungewöhnlich langen Finger? Stark, aber sehr zerbrechlich.«
Der Grindeloh bleckte seine grünen Zähne und vergrub sich dann in einem Büschel Schlingpflanzen in der Ecke.
»Tasse Tee?«, sagte Lupin und sah sich nach dem Kessel um. »Ich wollte mir gerade eine machen.«
»Ja, danke«, sagte Harry verlegen.
Lupin tippte mit seinem Zauberstab gegen den Kessel und sofort zischte ein Dampfstrahl aus seinem Schnabel.
»Setz dich«, sagte Lupin und hob den Deckel von einer staubigen Blechdose. »Ich hab leider nur Teebeutel – aber du hast ohnehin genug von Teeblättern, denk ich mal?«
Harry sah ihn an. Lupin zwinkerte mit den Augen.
»Woher wissen Sie das?«, fragte Harry.
»Professor McGonagall hat es mir erzählt«, sagte Lupin und reichte Harry eine leicht angeschrammte Teetasse. »Du machst dir doch nicht etwa Sorgen?«
»Nein«, sagte Harry.
Einen Moment lang dachte er daran, Lupin von dem Hund zu erzählen, den er im Magnolienring gesehen hatte, doch dann verwarf er den Gedanken. Lupin sollte ihn nicht für einen Feigling halten, da er ohnehin schon zu glauben schien, dass Harry es nicht mit einem Irrwicht aufnehmen konnte.
Was in Harry vorging, schien sich auf seinem Gesicht verraten zu haben, denn Lupin sagte:
»Hast du ein Problem, Harry?«
»Nein«, log Harry. Er trank einen Schluck Tee und sah hinüber zum Grindeloh, der ihm mit der Faust drohte. »Doch«, sagte er plötzlich und stellte seinen Tee auf Lupins Schreibtisch. »Erinnern Sie sich noch an den Tag, an dem wir gegen den Irrwicht gekämpft haben?«
»Ja«, sagte Lupin langsam.
»Warum haben Sie mich nicht rangelassen?«, entfuhr es Harry.
Lupin zog die Augenbrauen hoch.
»Ich dachte, das liegt auf der Hand, Harry«, sagte er überrascht.
Harry war verdutzt, denn er hatte erwartet, Lupin würde alles bestreiten.
»Warum?«, fragte er noch einmal.
»Nun«, sagte Lupin und runzelte die Stirn, »ich dachte, wenn der Irrwicht auf dich losgeht, würde er die Gestalt von Lord Voldemort annehmen.«
Harry starrte ihn an. Diese Antwort hätte er zuletzt erwartet und Lupin hatte auch noch Voldemorts Namen ausgesprochen. Der Einzige, den Harry jemals diesen Namen laut hatte aussprechen hören, war (abgesehen von ihm selbst) Professor Dumbledore.
»Offenbar lag ich da falsch«, sagte Lupin und sah Harry immer noch stirnrunzelnd an. »Aber ich hielt es nicht für angebracht, dass Lord Voldemort im Lehrerzimmer in Erscheinung tritt. Ich dachte, die Schüler würden in Panik geraten.«
»Ich habe an Voldemort gedacht«, sagte Harry aufrichtig. »Ich … ich dachte an einen von diesen Dementoren.«
»Verstehe«, sagte Lupin nachdenklich. »Nun, nun … ich bin beeindruckt.« Er lächelte ein wenig beim Anblick der verdutzten Miene Harrys. »Das heißt, wovor du am meisten Angst hast – ist die Angst. Sehr weise, Harry.«
Harry wusste nicht, was er dazu sagen sollte, und nahm noch einen Schluck Tee.
»Du hast also gedacht, ich würde dich nicht für fähig halten, gegen einen Irrwicht zu kämpfen?«, forschte Lupin nach.
»Ja«, sagte Harry. Plötzlich fühlte er sich viel besser. »Professor Lupin, Sie kennen diese Dementoren …«
Ein Klopfen an der Tür unterbrach ihn.
»Herein«, rief Lupin.
Die Tür ging auf und Snape trat ein. Er trug einen Becher, aus dem es ein wenig rauchte; beim Anblick von Harry erstarrte er und seine Augen verengten sich.
»Ah, Severus«, sagte Lupin lächelnd. »Vielen Dank. Könnten Sie es hier auf den Schreibtisch stellen?«
Snape stellte den dampfenden Becher ab und sah dabei abwechselnd Harry und Lupin an.
»Ich hab Harry gerade meinen Grindeloh gezeigt«, sagte Lupin freundlich und deutete auf das Aquarium.
»Faszinierend«, sagte Snape, ohne hinzusehen. »Sie sollten es gleich trinken, Lupin.«
»Ja, ja, mach ich«, sagte Lupin.
»Ich habe einen ganzen Kessel voll gebraut«, fuhr Snape fort. »Falls Sie noch mehr brauchen.«
»Ich werde morgen wohl noch was zu mir nehmen. Vielen Dank, Severus.«
»Keine Ursache«, sagte Snape, doch in seinem Blick lag etwas, das Harry nicht mochte. Mit steifer Miene und wachsamen Augen ging er hinaus.
Harry musterte den Becher neugierig. Lupin lächelte.
»Professor Snape war so freundlich, mir einen Trank zu brauen«, sagte er. »Ich selbst bin kein großer Braumeister und dieser Trank hier ist besonders schwierig.« Er nahm den Becher und schnüffelte daran. »Schade, dass Zucker das Zeug wirkungslos macht«, fuhr er fort, schlürfte an dem Gebräu und schauderte.
»Warum –?«, begann Harry. Lupin sah ihn an und beantwortete die unvollendete Frage.
»Ich hab mich in letzter Zeit ein wenig angegriffen gefühlt«, sagte er. »Dieser Trank ist das Einzige, was hilft. Ich habe großes Glück, mit Professor Snape zusammenzuarbeiten; es gibt nicht viele Zauberer, die ihn herstellen können.«
Professor Lupin nahm noch einen Schlürfer und Harry spürte plötzlich den verzweifelten Drang, ihm den Becher aus der Hand zu schlagen.
»Professor Snape ist sehr an den dunklen Künsten interessiert«, sprudelte es aus ihm heraus.
»Wirklich?«, sagte Lupin. Er nahm einen Schluck und schien Harrys Bemerkung kaum zu beachten.
»Manche glauben –«, Harry zögerte und plauderte dann rücksichtslos weiter, »manche glauben, er würde alles tun, um Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste zu werden.«
Lupin trank den Becher bis zur Neige aus und zog eine Grimasse.
»Ekliges Zeug«, sagte er. »Nun, Harry, ich werde wohl noch ein wenig arbeiten müssen. Wir sehen uns dann beim Festessen.«
»Gut«, sagte Harry und stellte seine Teetasse ab.
Aus dem leeren Becher dampfte es immer noch.
»Hier, bitte sehr«, sagte Ron. »Wir haben mitgebracht, so viel wir tragen konnten.«
Ein Schauer leuchtend bunter Süßigkeiten ergoss sich in Harrys Schoß. Es dämmerte, und Ron und Hermine waren soeben im Gemeinschaftsraum aufgetaucht, mit rosa Gesichtern vom kalten Wind und mit Mienen, als ob sie die schönste Zeit ihres Lebens gehabt hätten.
»Danke«, sagte Harry und hob eine Tüte winziger schwarzer Pfefferkobolde hoch. »Wie ist es in Hogsmeade? Wo seid ihr gewesen?«
So, wie es sich anhörte: überall. Bei Derwisch und Banges, dem Laden für Zauberei-Ausstattung, in Zonkos Scherzartikelladen, in den Drei Besen, um dampfende Becher heißes Butterbier zu trinken, und das war noch längst nicht alles.
»Das Postamt, Harry! Gut zweihundert Eulen, alle auf Stangen, alle durch verschiedene Farben gekennzeichnet, je nachdem, wie schnell der Brief ankommen soll!«
»Im Honigtopf gibt es einen neuen Sirup, sie haben Kostproben verteilt, hier ist ein wenig, sieh mal –«
»Wir glauben, wir haben einen Oger gesehen, in den Drei Besen treibt sich wirklich einiges herum –«
»Am liebsten hätten wir dir ein wenig Butterbier mitgebracht, das wärmt richtig durch –«
»Und was hast du getrieben?«, fragte Hermine mit besorgter Miene. »Hast du ein wenig gearbeitet?«
»Nein«, sagte Harry. »Lupin hat mir in seinem Büro eine Tasse Tee gemacht. Und dann ist Snape reingekommen …«
Er erzählte ihnen alles von Snapes Gebräu. Ron sackte der Unterkiefer herab.
»Lupin hat es getrunken?«, hauchte er. »Ist er verrückt?«
Hermine sah auf die Uhr.
»Wir sollten jetzt nach unten gehen, das Fest beginnt nämlich in fünf Minuten …« Sie kletterten eilends durch das Porträtloch und schlossen sich der Menge an. Unterwegs sprachen sie weiter über Snape.
»Aber wenn er – wisst ihr –«, Hermine senkte die Stimme und sah sich nervös um, »wenn er wirklich versucht hat, Lupin – Lupin zu vergiften –, dann hätte er es nicht vor Harry getan.«
»Ja, vielleicht«, sagte Harry, als sie in die Eingangshalle kamen und auf die Große Halle zugingen. Sie war mit Aberhunderten von kerzengefüllten Kürbissen geschmückt, mit einer Wolke flatternder Fledermäuse und flammend orangeroten Spruchbändern, die sanft über den stürmischen Himmel schwebten wie leuchtende Wasserschlangen.
Das Essen war köstlich; selbst Ron und Hermine, die noch zum Bersten vollgestopft waren mit den Süßigkeiten aus dem Honigtopf, schafften es, sich von allem noch ein zweites Mal aufzutun. Harry warf ständig Blicke hinüber zum Lehrertisch. Professor Lupin sah fröhlich aus und so munter wie gewöhnlich, während er angeregt mit Professor Flitwick plauderte, dem kleinen Lehrer für Zauberkunst. Harry ließ die Augen am Tisch entlangwandern zu dem Platz, an dem Snape saß. War es Einbildung oder flackerten Snapes Augen ungewöhnlich oft zu Lupin hinüber?
Das Festessen endete mit einer kleinen Schau der Hogwarts-Geister. Sie ploppten aus den Wänden und Tischen und schwebten eine Weile im Formationsflug durch die Halle; dann hatte der Fast Kopflose Nick, der Geist von Gryffindor, einen großen Erfolg mit der Neuaufführung seiner eigenen verpatzten Enthauptung.
Der Abend war so erfreulich gewesen, dass nicht einmal Malfoy Harry die gute Laune verderben konnte, als er beim Hinausgehen über die Köpfe der Menge hinweg rief: »Liebe Grüße von den Dementoren, Potter!«
Harry, Ron und Hermine folgten den anderen Gryffindors auf dem vertrauten Weg hoch in ihren Turm, doch als sie den Gang erreichten, an dessen Ende das Porträt der fetten Dame hing, gerieten sie in einen Stau.
»Warum gehen sie denn nicht rein?«, fragte Ron verwundert.
Harry spähte über die Köpfe hinweg. Das Gemälde schien vor dem Loch zu hängen.
»Lasst mich bitte durch«, ertönte Percys Stimme und mit gewichtiger Miene wuselte er durch die Menge. »Warum steht ihr hier rum? Ihr könnt doch nicht alle das Passwort vergessen haben – entschuldigt mal bitte, ich bin der Schulsprecher –«
Und dann verstummte die Schar, die vorne Stehenden zuerst, und ein Schaudern breitete sich den Gang entlang aus. Sie hörten Percy mit einem Mal in scharfem Ton sagen: »Jemand muss Professor Dumbledore holen, schnell.«
Köpfe wandten sich um; wer ganz hinten stand, stellte sich auf die Zehenspitzen.
»Was ist denn los?«, fragte Ginny, die soeben dazustieß.
Kurz darauf erschien Professor Dumbledore und eilte zum Porträt; die Gryffindors drängten sich zusammen, um ihn durchzulassen, und Harry, Ron und Hermine schoben sich weiter vor, um zu sehen, was los war.
»Oh, mein …« Hermine packte Harrys Arm.
Die fette Dame war aus ihrem Gemälde verschwunden und das Bild mit solcher Wut zerschlitzt worden, dass Leinwandfetzen auf dem Boden herumlagen; ganze Stücke waren weggerissen.
Dumbledore warf einen raschen Blick auf das ruinierte Gemälde und wandte sich dann mit verdüsterten Augen um; jetzt kamen die Professoren McGonagall, Lupin und Snape auf ihn zugerannt.
»Wir müssen sie suchen«, sagte Dumbledore. »Professor McGonagall, bitte gehen Sie sofort zu Mr Filch und sagen ihm, er soll jedes Gemälde im Schloss nach der fetten Dame absuchen.«
»Da werdet ihr kein Glück haben!«, sagte eine glucksende Stimme.
Es war Peeves, der Poltergeist, der über ihre Köpfe hinweghopste und, wie immer angesichts von Zerstörung oder Unruhe, ganz ausgelassen schien.
»Was meinst du damit, Peeves?«, sagte Dumbledore ruhig und Peeves’ Grinsen fror ein. Bei Dumbledore wagte er keine Mätzchen. Stattdessen legte er sich einen schleimigen Tonfall zu, der nicht besser war als sein Glucksen.
»Sie geniert sich, Herr Oberschulleiter. Will nicht gesehen werden. Sieht fürchterlich aus. Hab sie durch das Landschaftsgemälde oben im vierten Stock rennen sehen, Sir, sie hat sich hinter den Bäumen versteckt. Hat etwas Schreckliches gerufen«, sagte er glücklich. »Armes Ding«, fügte er nicht ganz überzeugend hinzu.
»Hat sie gesagt, wer es war?«, fragte Dumbledore leise.
»O ja, Herr Professor Doktor Dumbledore«, sagte Peeves mit der Miene dessen, der eine große Bombe unter dem Arm trägt. »Er wurde sehr zornig, als sie ihn nicht einlassen wollte, verstehen Sie.« Peeves knickte in der Mitte durch und grinste Dumbledore durch seine Beine hindurch an. »Übles Temperament hat er, dieser Sirius Black.«
Bittere Niederlage
Professor Dumbledore schickte alle Gryffindors zurück in die Große Halle, und zehn Minuten später stießen auch die Haufen verwirrter Schüler aus Hufflepuff, Ravenclaw und Slytherin hinzu.
»Ich werde zusammen mit den anderen Lehrern das Schloss gründlich durchsuchen«, erklärte ihnen Professor Dumbledore, während die Professoren McGonagall und Flitwick alle Türen zur Halle schlossen. »Ich fürchte, zu eurer eigenen Sicherheit müsst ihr die heutige Nacht hier verbringen. Ich bitte die Vertrauensschüler, an den Eingängen zur Halle Wache zu stehen, und übergebe den Schulsprechern die Verantwortung. Jeder Zwischenfall ist mir sofort mitzuteilen«, fügte er an den ungeheuer stolz und gewichtig dreinschauenden Percy gewandt hinzu. »Schicken Sie einen der Geister zu mir.«
Auf dem Weg zum Ausgang blieb Professor Dumbledore noch einmal stehen.
»Ach ja, Sie brauchen …«
Mit einem lässigen Schlenker seines Zauberstabs flogen die langen Tische in die Ecken der Halle und stellten sich aufrecht gegen die Wände; ein weiterer Schlenker und der Fußboden war bedeckt mit Hunderten von knuddligen, purpurroten Schlafsäcken.
»Schlaft gut!«, sagte Professor Dumbledore und schloss die Tür hinter sich.
In der Halle hob sogleich ein aufgeregtes Gesumme an; die Gryffindors erzählten den andern, was gerade passiert war.
»Alle in die Schlafsäcke!«, rief Percy. »Los, macht schon, kein Getuschel mehr! In zehn Minuten geht das Licht aus!«
»Kommt«, sagte Ron zu Harry und Hermine; sie nahmen sich drei Schlafsäcke und zogen sie hinüber in eine Ecke.
»Glaubt ihr, Black ist immer noch im Schloss?«, flüsterte Hermine beklommen.
»Dumbledore jedenfalls glaubt es«, sagte Ron.
»Ein Glück, dass er sich den heutigen Abend ausgesucht hat«, sagte Hermine. Mit allem, was sie anhatten, stiegen sie in die Schlafsäcke und wandten sich auf die Ellbogen gestützt einander zu. »Gerade heute Abend waren wir nicht im Turm …«
»Ich glaube, er weiß gar nicht mehr, welchen Tag wir eigentlich haben, wo er doch ständig auf der Flucht ist«, sagte Ron. »Ihm war nicht klar, dass heute Halloween ist. Sonst wäre er hier reingeplatzt.«
Hermine schauderte.
Um sie her erklang immer wieder die eine Frage: »Wie ist er hereingekommen?«
»Vielleicht weiß er, wie man appariert«, sagte ein Ravenclaw in der Nähe. »Einfach aus dem Nichts auftaucht, wisst ihr.«
»Hat sich wahrscheinlich verkleidet«, sagte ein Fünftklässler aus Hufflepuff.
»Er könnte reingeflogen sein«, schlug Dean Thomas vor.
»Also ehrlich mal«, sagte Hermine entrüstet zu Harry und Ron, »bin ich denn die Einzige, die Eine Geschichte von Hogwarts gelesen hat?«
»Kann schon sein«, sagte Ron. »Wieso?«
»Weil das Schloss nicht allein durch Mauern geschützt ist, wie ihr eigentlich wissen solltet«, sagte Hermine. »Es ist mit allen möglichen Zauberbannen und Flüchen umgeben, damit niemand heimlich reinkommt. Hier kann man nicht einfach reinapparieren. Und die Tarnung, mit der man diese Dementoren täuschen kann, möcht ich gern mal sehen. Die bewachen doch jeden Eingang auf dem Gelände. Die hätten ihn auch reinfliegen sehen. Und Filch kennt alle Geheimgänge. Auch die werden sie bewachen …«
»Wir löschen jetzt die Lichter!«, rief Percy. »Alle in die Schlafsäcke und kein Getuschel mehr!«
Gleich darauf gingen die Kerzen aus. Das einzige Licht kam jetzt noch von den silbern schimmernden Geistern, die umherschwebten und in ernstem Ton mit den Vertrauensschülern sprachen, und von der verzauberten Decke, die wie der Himmel draußen von Sternen übersät war. Dies und das Geflüster, das immer noch die Halle erfüllte, gab Harry das Gefühl, bei einer leichten Brise unter freiem Himmel zu schlafen.
Stündlich erschien ein Lehrer, um nachzusehen, ob alles ruhig war. Gegen drei Uhr morgens, als viele Schüler endlich eingeschlafen waren, kam Professor Dumbledore herein. Harry beobachtete, wie er nach Percy suchte, der zwischen den Schlafsäcken umherstreifte und alle tadelte, die sich noch unterhielten. Percy war nicht weit von Harry, Ron und Hermine entfernt; jetzt hörten sie Dumbledore näher kommen und taten schleunigst so, als würden sie schlafen.
»Irgendeine Spur von ihm, Professor?«, flüsterte Percy.
»Nein. Alles in Ordnung hier?«
»Alles unter Kontrolle, Sir.«
»Gut. Es hat keinen Zweck, sie jetzt aufzuscheuchen. Für das Porträtloch oben bei den Gryffindors habe ich vorübergehend einen anderen Wächter gefunden. Morgen können sie wieder nach oben.«
»Und die fette Dame, Sir?«
»Versteckt sich oben im zweiten Stock auf einer Landkarte von Argyllshire. Sie hat sich offenbar geweigert, Black ohne Passwort einzulassen, deshalb hat er sie attackiert. Sie ist immer noch ziemlich durcheinander, aber sobald sie sich beruhigt hat, werde ich Filch anweisen, sie zu restaurieren.«
Harry hörte, wie die Tür zur Halle quietschend aufging und jemand eintrat.
»Direktor?« Das war Snape. Harry hielt den Atem an und lauschte angestrengt. »Wir haben den gesamten dritten Stock durchsucht. Keine Spur von ihm. Und Filch war in den Kerkern; dort ist er auch nicht.«
»Was ist mit dem Astronomieturm? Das Zimmer von Professor Trelawney? Die Eulerei?«
»Alles durchsucht …«
»Na gut, Severus. Ich hatte ohnehin nicht erwartet, dass Black lange bleibt.«
»Haben Sie eine Idee, wie er hereingekommen ist?«, fragte Snape.
Harry hob sachte den Kopf vom Arm, um auch mit dem anderen Ohr hören zu können.
»Einige, Severus, und eine unsinniger als die andere.«
Harry öffnete einen winzigen Schlitzbreit die Augen und spähte zu den dreien empor; Dumbledore kehrte ihm den Rücken zu, doch er konnte Percys atemlos gespannte Miene und Snapes zornerfülltes Profil sehen.
»Sie erinnern sich an das Gespräch, das wir hatten, Direktor, kurz vor – ähm – Beginn des Schuljahres?«, sagte Snape durch zusammengepresste Lippen, als ob er Percy aus dem Gespräch ausschließen wollte.
»In der Tat, Severus«, sagte Dumbledore und etwas Warnendes lag in seiner Stimme.
»Es scheint – fast unmöglich – dass Black ohne Hilfe aus dem Schloss hereingekommen ist. Ich habe damals wegen dieser Stellenbesetzung meine Vorbehalte zum Ausdruck gebracht –«
»Ich glaube nicht, dass auch nur ein Einziger hier im Schloss Black geholfen hat«, sagte Dumbledore, und sein Tonfall zeigte unmissverständlich, dass er das Thema für abgeschlossen hielt, so dass Snape nicht antwortete. »Ich muss runter zu den Dementoren«, sagte Dumbledore. »Ich sagte, ich würde ihnen berichten, wenn die Suche beendet ist.«
»Wollten die nicht helfen, Sir?«, sagte Percy.
»O doch«, sagte Dumbledore kühl. »Aber solange ich hier Schulleiter bin, kommt kein Dementor über die Schwelle dieses Schlosses.«
Percy schien ein wenig verdutzt. Rasch und leise ging Dumbledore hinaus. Snape stand einen Moment schweigend da und blickte dem Schulleiter mit einem Ausdruck tiefen Widerwillens nach, dann verließ auch er die Halle.
Harry linste aus den Augenwinkeln zu Ron und Hermine hinüber. Beide lagen mit offenen Augen da und in ihnen spiegelte sich das Sternengewölbe.
»Worum ging es da eigentlich?«, hauchte Ron.
Während der nächsten Tage sprachen sie in der Schule über nichts anderes. Immer abstruser wurden die Theorien darüber, wie Sirius Black in das Schloss eingedrungen sein könnte. Hannah Abbott von den Hufflepuffs erzählte in der nächsten Stunde Kräuterkunde jedem, der es hören wollte, dass Black sich in einen blühenden Busch verwandeln könne.
Das zerschlitzte Gemälde der fetten Dame war von der Wand genommen und durch das Porträt Sir Cadogans und seines fetten grauen Ponys ersetzt worden. Damit war niemand so recht zufrieden. Sir Cadogan forderte sie ständig zu Duellen heraus oder dachte sich lächerlich komplizierte Passwörter aus, die er mindestens zweimal am Tag änderte.
»Der ist doch komplett verrückt«, sagte Seamus Finnigan wütend zu Percy. »Können wir keinen anderen kriegen?«
»Keines von den anderen Bildern wollte den Job haben«, sagte Percy. »Angst wegen der Geschichte mit der fetten Dame. Sir Cadogan war der Einzige, der mutig genug war und sich freiwillig meldete.«
Sir Cadogan jedoch war Harrys geringste Sorge. Man bewachte ihn jetzt auf Schritt und Tritt. Lehrer begleiteten ihn unter irgendwelchen Vorwänden durch die Korridore, und Percy (auf Anweisung seiner Mutter, wie Harry argwöhnte) folgte ihm überallhin wie ein äußerst wichtigtuerischer Wachhund. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, bestellte Professor McGonagall Harry mit einem derart düsteren Gesichtsausdruck in ihr Büro, dass er glaubte, jemand wäre gestorben.
»Es hat keinen Zweck, es Ihnen länger zu verheimlichen, Potter«, sagte sie in sehr ernstem Ton. »Ich weiß, das wird ein Schock für Sie sein, aber Sirius Black –«
»Ich weiß, dass er hinter mir her ist«, sagte Harry genervt. »Ich habe mitbekommen, wie sich Rons Eltern darüber unterhalten haben. Mr Weasley arbeitet für das Zaubereiministerium.«
Professor McGonagall schien es die Sprache verschlagen zu haben. Sie starrte Harry eine ganze Weile an, dann sagte sie:
»Ich verstehe! Gut, wenn das so ist, Potter, werden Sie einsehen, warum ich es nicht für gut halte, wenn Sie abends Quidditch trainieren – draußen auf dem Spielfeld, nur mit den anderen aus dem Team, das ist ziemlich gefährlich, Potter –«
»Am Samstag haben wir unser erstes Spiel!«, sagte Harry empört. »Ich muss trainieren, Professor!«
Professor McGonagall musterte ihn nachdenklich. Harry wusste, dass ihr die Zukunft des Gryffindor-Teams keineswegs gleichgültig war; schließlich war sie es gewesen, die ihn als Sucher vorgeschlagen hatte. Er wartete mit angehaltenem Atem.
»Hm …« Professor McGonagall stand auf und blickte aus dem Fenster hinüber zum Spielfeld, das durch den Regen hindurch gerade noch zu sehen war. »Nun … soll mich der Teufel holen, ich will, dass wir endlich mal den Pokal gewinnen … und trotzdem, Potter … mir wäre wohler, wenn ein Lehrer dabei wäre. Ich werde Madam Hooch bitten, Ihr Training zu beaufsichtigen.«
Das erste Quidditch-Spiel rückte näher und das Wetter wurde immer schlechter. Das Team der Gryffindors ließ sich nicht entmutigen und trainierte unter den Augen von Madam Hooch härter denn je. Dann, während ihres letzten Trainings vor dem Spiel am Samstag, überbrachte Oliver Wood seinem Team eine unerfreuliche Nachricht.
»Wir spielen nicht gegen die Slytherins!«, verkündete er wütend. »Flint war eben bei mir. Wir spielen gegen die Hufflepuffs.«
»Warum?«, riefen alle im Chor.
»Flint redet sich darauf raus, dass ihr Sucher immer noch am Arm verletzt ist«, sagte Wood mit knirschenden Zähnen. »Aber es ist doch klar, warum sie es tun. Wollen nicht bei diesem Wetter spielen, weil sie denken, es würde ihre Chancen mindern …«
Den ganzen Tag hatte es heftig gestürmt und geregnet und ein fernes Donnerrollen unterlegte Woods Worte.
»Malfoys Arm ist vollkommen gesund!«, sagte Harry zornig. »Er schauspielert doch nur!«
»Das weiß ich auch, aber wir können es nicht beweisen«, sagte Wood erbittert. »Und wir haben jetzt alle diese Spielzüge geübt, weil wir angenommen haben, wir würden gegen die Slytherins spielen, und jetzt kommen die Hufflepuffs mit ihrer ganz anderen Spielweise. Sie haben einen neuen Kapitän und Sucher, Cedric Diggory –«
Angelina, Alicia und Katie fingen plötzlich an zu kichern.
»Was ist denn?«, sagte Wood und runzelte die Stirn über dieses alberne Benehmen.
»Das ist doch dieser große, gut aussehende Junge!?«, sagte Angelina.
»Stark und schweigsam«, sagte Katie und wieder fingen sie an zu kieksen.
»Der ist nur schweigsam, weil er zu doof ist, um zwei Wörter zu verknüpfen«, sagte Fred unwirsch. »Ich weiß nicht, wieso du dir Sorgen machst, Oliver, die Hufflepuffs stecken wir doch in die Tasche. Beim letzten Spiel gegen die hat Harry den Schnatz in gerade mal fünf Minuten gefangen, weißt du noch?«
»Das waren damals ganz andere Bedingungen!«, rief Wood mit leicht hervorquellenden Augen. »Diggory hat ein ziemlich starkes Team auf die Beine gestellt. Er ist ein sehr guter Sucher! Ich hatte ja schon befürchtet, dass ihr es zu leicht nehmt! Wir dürfen uns nicht zurücklehnen! Wir müssen unsere Kräfte zusammenhalten! Die Slytherins wollen uns auf dem falschen Fuß erwischen! Wir müssen gewinnen!«
»Schon gut, Oliver!«, sagte Fred eine Spur beunruhigt. »Wir nehmen die Hufflepuffs sehr ernst. Im Ernst.«
Am Tag vor dem Spiel wurde der Wind zu einem heulenden Sturm und es goss wie aus Kübeln. Drinnen auf den Korridoren und in den Klassenzimmern war es so dunkel, dass zusätzliche Fackeln und Laternen angezündet werden mussten. Das Team der Slytherins stolzierte blasiert daher, Malfoy vorneweg.
»Ach, wenn es meinem Arm nur ein wenig besser ginge«, seufzte er, während die Regenböen gegen die Fenster trommelten.
Harry konnte an nichts anderes denken als an das Spiel am nächsten Tag. Oliver Wood rannte in jeder Pause zu ihm und gab ihm Tipps. Beim dritten Mal redete Wood so lange auf ihn ein, bis Harry erschrocken feststellte, dass er schon zehn Minuten zu spät war für Verteidigung gegen die dunklen Künste. Er rannte los und Wood rief ihm nach:
»Diggory bricht sehr schnell seitlich aus, Harry, also versuchst du es am besten mit einem Looping –«
Harry schlitterte bis vor die Klassenzimmertür, öffnete sie und huschte hinein.
»Entschuldigen Sie, dass ich zu spät komme, Professor Lupin, ich –«
Doch es war nicht Professor Lupin, der da am Lehrerpult saß und ihn ansah; es war Snape.
»Diese Unterrichtsstunde hat vor zehn Minuten begonnen, Potter, und ich denke, wir ziehen Gryffindor zehn Punkte ab. Setz dich.«
Doch Harry rührte sich nicht.
»Wo ist Professor Lupin?«, fragte er.
»Er sagt, er fühle sich heute zu krank, um zu unterrichten«, sagte Snape mit einem schiefen Lächeln. »Hab ich nicht gesagt, du sollst dich setzen?«
Doch Harry rührte sich nicht vom Fleck.
»Was hat er denn?«
Snapes schwarze Augen glitzerten.
»Nichts Lebensbedrohliches«, sagte er mit einem Blick, als wünschte er ebendies sehnlichst herbei. »Noch einmal fünf Punkte Abzug für Gryffindor, und wenn ich dich noch einmal auffordern muss, dich zu setzen, werden’s fünfzig.«
Langsam ging Harry zu seinem Platz und setzte sich. Snape blickte in die Runde.
»Wie ich gerade sagte, bevor Potter uns unterbrach, hat Professor Lupin keine Notizen über den Stoff hinterlassen, den Sie bisher behandelt haben –«
»Bitte, Sir, wir haben Irrwichte behandelt, Rotkappen, Kappas und Grindelohs«, sprudelte Hermine los, »und wir wollten gerade mit –«
»Schweigen Sie«, sagte Snape mit kalter Stimme. »Ich habe nicht um Aufklärung gebeten. Mir ist nur Professor Lupins Misswirtschaft aufgestoßen.«
»Er ist der beste Lehrer in Verteidigung gegen die dunklen Künste, den wir je hatten«, sagte Dean Thomas wagemutig und murmelnd stimmte ihm der Rest der Klasse zu. Snape sah jetzt bedrohlicher aus denn je.
»Sie sind leicht zufrieden zu stellen. Lupin überfordert Sie ja kaum – ich selbst gehe davon aus, dass schon Erstklässler mit Rotkappen und Grindelohs fertig werden. Heute behandeln wir –«
Harry sah ihn das Lehrbuch durchblättern, bis zum letzten Kapitel, von dem er wissen musste, dass sie es noch nicht behandelt haben konnten.
»– Werwölfe«, sagte Snape.
»Aber, Sir«, sagte Hermine, die sich offenbar nicht im Zaum halten konnte, »wir sollten jetzt noch nicht die Werwölfe behandeln, eigentlich wollten wir mit Hinkepanks anfangen –«
»Miss Granger«, sagte Snape mit eisiger Gelassenheit. »Ich war davon ausgegangen, dass ich den Unterricht halte und nicht Sie. Und nun schlagen Sie alle die Seite dreihundertundvierundneunzig auf.« Wieder blickte er in die Runde. »Alle, habe ich gesagt! Und zwar sofort!«
Unter vielen verbitterten Seitenblicken und trotzigem Gemurmel schlugen sie ihre Bücher auf.
»Wer von Ihnen kann mir sagen, wie man einen Werwolf von einem richtigen Wolf unterscheidet?«, fragte Snape.
Alle saßen sie reglos und schweigend da; alle außer Hermine, deren Hand wie so oft nach oben geschnellt war.
»Keiner?«, sagte Snape, ohne Hermine eines Blickes zu würdigen. Wieder setzte er sein schiefes Lächeln auf. »Wollen Sie mir sagen, dass Professor Lupin Ihnen nicht einmal den einfachen Unterschied zwischen –«
»Wir haben Ihnen doch gesagt«, platzte mit einem Mal Parvati los, »dass wir noch nicht bei den Werwölfen waren, wir sind immer noch auf –«
»Ruhe!«, bellte Snape. »Schön, schön, schön, ich hätte nie gedacht, dass ich einmal auf eine dritte Klasse stoßen würde, die nicht mal einen Werwolf erkennt, wenn sie einem gegenübersteht. Ich werde Professor Dumbledore ausdrücklich davon in Kenntnis setzen, wie weit sie hinterher sind …«
»Bitte, Sir«, sagte Hermine, die Hand immer noch nach oben gestreckt, »der Werwolf ist vom echten Wolf durch mehrere kleine Merkmale zu unterscheiden. Die Schnauze des Werwolfs –«
»Das ist das zweite Mal, dass Sie einfach reinreden, Miss Granger«, sagte Snape kühl. »Noch einmal fünf Punkte Abzug für Gryffindor, weil Sie eine unerträgliche Alleswisserin sind.«
Hermine wurde puterrot, ließ die Hand sinken und starrte mit wässrigen Augen zu Boden. Wie sehr sie alle Snape hassten, erwies sich jetzt, als die ganze Klasse ihn mit zornfunkelnden Augen anstarrte, obwohl jeder von ihnen Hermine irgendwann einmal eine Alleswisserin genannt hatte, und Ron, der Hermine mindestens zweimal die Woche so nannte, sagte laut:
»Sie haben uns eine Frage gestellt und sie weiß die Antwort! Warum fragen Sie eigentlich, wenn Sie es doch nicht wissen wollen?«
Noch während Ron sprach, erkannte die Klasse, dass er zu weit gegangen war. Snape ging langsam auf Ron zu und ringsum hielten sie den Atem an.
»Strafarbeit, Weasley«, sagte Snape mit öliger Stimme, das Gesicht ganz nahe an dem Rons. »Und wenn ich noch einmal höre, dass Sie meine Unterrichtsweise kritisieren, dann wird Ihnen das wirklich leidtun.«
Während der restlichen Stunde machte keiner einen Mucks. Sie saßen da und schrieben das Kapitel über die Werwölfe aus dem Schulbuch ab, während Snape an den Pultreihen entlang Streife ging und die Arbeiten prüfte, die sie bei Professor Lupin geschrieben hatten.
»Ganz schlecht erklärt … das ist nicht richtig, der Kappa kommt häufiger in der Mongolei vor … Professor Lupin hat dafür acht von zehn Punkten gegeben? Bei mir hätten Sie keine drei bekommen …«
Als es endlich läutete, hielt Snape sie zurück.
»Sie schreiben einen Aufsatz über die Frage, wie man einen Werwolf erkennt und tötet. Ich will bis Montagmorgen zwei Rollen Pergament darüber sehen. Wird Zeit, dass einer die Klasse in den Griff kriegt. Weasley, Sie bleiben noch, wir müssen über Ihre Strafarbeit sprechen.«
Harry und Hermine gingen mit den andern hinaus und warteten, bis sie außer Hörweite waren, dann brachen sie in wüste Beschimpfungen über Snape aus.
»Snape hat sich noch nie dermaßen ausgelassen über unsere anderen Lehrer in Verteidigung gegen die dunklen Künste, auch wenn er die Stelle gerne haben wollte«, sagte Harry zu Hermine. »Warum hat er es auf Lupin abgesehen? Glaubst du, das liegt alles an diesem Irrwicht?«
»Ich weiß nicht«, sagte Hermine nachdenklich. »Aber ich hoffe wirklich, dass es Professor Lupin bald besser geht …«
Fünf Minuten später holte Ron sie ein und er schäumte vor Wut.
»Wisst ihr, was dieser –« (er gebrauchte einen Namen für Snape, auf den hin Hermine »Ron!« rief) »– mir aufgehalst hat? Ich muss die Bettpfannen im Krankenflügel putzen! Ohne Zaubern!« Er atmete schwer und ballte die Fäuste. »Hätte sich Black doch nur in Snapes Büro versteckt! Er hätte ihn für uns erledigen können!«
Am nächsten Morgen wachte Harry ungewöhnlich früh auf, so früh, dass es noch dunkel war. Einen Moment lang glaubte er, das Heulen des Windes hätte ihn aufgeweckt, dann spürte er eine kalte Brise auf seinem Nacken und setzte sich jäh kerzengerade auf – Peeves, der Poltergeist, war ganz nahe an ihm vorbeigeschwebt und hatte ihm heftig ins Ohr gepustet.
»Was soll das denn?«, zischte Harry wütend.
Peeves blies die Backen auf, pustete kräftig und schwebte rücklings und gackernd aus dem Schlafsaal hinaus.
Harry tastete nach seinem Wecker und sah auf das Zifferblatt. Es war halb fünf. Er verfluchte Peeves, drehte sich um und versuchte wieder einzuschlafen, doch nun, da er wach lag, konnte er den rollenden Donner über seinem Kopf, das Rütteln des Windes an den Fenstern und das ferne Ächzen der Bäume im Verbotenen Wald nicht überhören. In ein paar Stunden würde er draußen auf dem Quidditch-Feld sein und gegen dieses Unwetter ankämpfen. Schließlich gab er die Hoffnung auf, wieder einzuschlafen, stieg aus dem Bett, zog sich an, griff nach seinem Nimbus Zweitausend und ging leise aus dem Schlafsaal.
Als Harry die Tür öffnete, streifte etwas sein Bein. Er bückte sich und bekam gerade noch Krummbeins Schwanzende zu fassen. Er zog ihn nach draußen.
»Weißt du, ich fürchte, Ron hat Recht mit dem, was er über dich sagt«, erklärte Harry Krummbein argwöhnisch. »Hier gibt es genug Mäuse, also geh und jag sie. Los, zieh ab«, fügte er hinzu und schubste Krummbein mit dem Fuß die Wendeltreppe hinunter, »und lass Krätze in Ruhe.«
Unten im Gemeinschaftsraum war das Tosen des Sturms noch lauter zu hören. Harry machte sich keine Illusionen. Sie würden das Spiel nicht absagen. Wegen solcher Kleinigkeiten wie Gewitterstürmen wurden die Quidditch-Partien nicht verschoben. Dennoch war ihm etwas beklommen zumute. Wood hatte ihm im Vorbeigehen Cedric Diggory gezeigt; er war ein Fünftklässler und viel größer als Harry. Sucher waren normalerweise leicht und flink, doch Diggorys Gewicht war bei diesem Wetter von Vorteil, weil ihn der Sturm nicht so leicht vom Kurs blasen würde.
Harry vertrieb sich die Stunden bis zur Dämmerung vor dem Kamin; hin und wieder stand er auf und verscheuchte Krummbein, der schon wieder die Treppe zum Jungenschlafsaal emporschleichen wollte. Endlich war es Zeit fürs Frühstück und Harry kletterte durch das Porträtloch.
»Stelle dich und kämpfe, du räudiger Köter!«, rief Sir Cadogan.
»Ach, halt den Mund«, gähnte Harry zurück.
Über einer großen Schüssel Haferbrei erwachten seine Lebensgeister, und als er mit dem Toast anfing, tauchte auch der Rest des Teams auf.
»Das wird ein beinhartes Ding«, sagte Wood, der keinen Bissen anrührte.
»Hör auf, dir Sorgen zu machen, Oliver«, beschwichtigte ihn Alicia, »das bisschen Regen macht uns doch nichts aus.«
Doch es war deutlich mehr als ein bisschen Regen. Quidditch war so beliebt, dass wie immer die ganze Schule auf den Beinen war, um das Spiel zu sehen, allerdings mussten sie mit eingezogenen Köpfen und gegen den Wind ankämpfend über den Rasen hinunter zum Spielfeld rennen, und der Sturm riss ihnen die Schirme aus den Händen. Kurz bevor Harry den Umkleideraum betrat, sah er, wie Malfoy, Crabbe und Goyle auf dem Weg zum Stadion unter einem riesigen Schirm hervor lachend auf ihn deuteten.
Rasch zogen sie sich ihre scharlachroten Umhänge über und warteten auf Woods übliche Aufmunterungsrede vor dem Spiel. Doch diesmal fiel sie aus. Mehrmals setzte er zum Sprechen an, brachte aber nur ein merkwürdig würgendes Geräusch hervor, schüttelte dann hoffnungslos den Kopf und winkte sie hinaus.
Der Wind war so stark, dass sie, als sie aufs Spielfeld liefen, zur Seite wegstolperten. Die Menge mochte johlen und kreischen, sie konnten es durch die immer neuen Wellen des Donners nicht hören. Der Regen klatschte gegen Harrys Brille. Wie zum Teufel sollte er den Schnatz in diesem Mistwetter erkennen?
Die Hufflepuffs mit ihren kanariengelben Umhängen kamen von der anderen Seite des Feldes. Die Kapitäne traten aufeinander zu und schüttelten sich die Hände; Diggory lächelte Wood an, doch Wood sah jetzt aus, als hätte er Kiefersperre, und nickte nur. Harry sah, wie Madam Hoochs Mund die Worte »Besteigt die Besen« formte; er zog den rechten Fuß mit einem schmatzenden Geräusch aus dem Schlamm und schwang sich auf seinen Nimbus Zweitausend. Madam Hooch setzte die Pfeife an die Lippen und blies; der schrille Pfiff schien aus weiter Ferne zu kommen – und los ging es.
Harry stieg schnell in die Höhe, doch sein Nimbus schlingerte ein wenig im Wind. Er hielt ihn mit aller Kraft gerade, spähte durch den Regen und machte dann eine Kehrtwende.
In weniger als fünf Minuten war er nass bis auf die Haut und halb erfroren. Seine Mitspieler konnte er kaum erkennen, geschweige denn den winzigen Schnatz. Er flog das Spielfeld auf und ab, vorbei an verschwommenen roten und gelben Gestalten, ohne einen blassen Schimmer, was in diesem Spiel eigentlich so vor sich ging. Den Stadionsprecher konnte er bei diesem Wind nicht hören. Die Menge unten hatte sich unter einem Meer von Umhängen und zerfetzten Schirmen versteckt. Zweimal hätte Harry ein Klatscher fast vom Besen gerissen; wegen der Regentropfen auf seiner Brille war alles so verschwommen, dass er sie nicht hatte kommen sehen.
Harry verlor das Zeitgefühl. Es wurde immer schwieriger, den Besen gerade zu halten. Der Himmel verdunkelte sich, als ob die Nacht beschlossen hätte, früher hereinzubrechen. Zweimal stieß er um ein Haar mit einem anderen Spieler zusammen, ohne zu wissen, ob es ein Mitspieler oder ein Gegner war; alle waren jetzt so nass und der Regen war so dicht, dass er sie kaum auseinanderhalten konnte …
Mit dem ersten Gewitterblitz kam auch der Pfiff von Madam Hoochs Pfeife; Harry konnte durch den dichten Regen gerade noch den Umriss Woods ausmachen, der ihn gestikulierend zu Boden wies. Das ganze Team setzte spritzend im Schlamm auf.
»Ich hab um Auszeit gebeten!«, brüllte Wood seinem Team entgegen. »Kommt, hier runter –«
Sie drängten sich am Spielfeldrand unter einem großen Schirm zusammen; Harry nahm die Brille ab und wischte sie hastig am Umhang ab.
»Wie steht’s eigentlich?«
»Wir haben fünfzig Punkte Vorsprung«, sagte Wood, »aber wenn wir nicht bald den Schnatz fangen, spielen wir bis in die Nacht hinein.«
»Mit der hier hab ich keine Chance«, keuchte Harry und schlenkerte mit seiner Brille durch die Luft.
Genau in diesem Augenblick tauchte Hermine an seiner Seite auf, sie hielt sich den Umhang über den Kopf und aus unerfindlichen Gründen strahlte sie.
»Ich hab da ’ne Idee, Harry! Gib mir mal deine Brille, schnell!«
Er reichte sie ihr und das Team sah verdutzt zu, wie Hermine mit ihrem Zauberstab dagegen tippte und »Impervius!« rief.
»Bitte sehr!«, sagte sie und gab sie Harry zurück. »Jetzt stößt sie das Wasser ab!«
Wood sah Hermine an, als wollte er sie auf der Stelle küssen.
»Genial!«, rief er ihr mit heiserer Stimme nach, während sie in der Menge verschwand. »Gut, Leute, packen wir’s!«
Hermines Zauber wirkte. Harry war immer noch benommen vor Kälte und patschnass, doch er konnte etwas sehen. Voll frischer Zuversicht peitschte er mit dem Besen durch die Böen und spähte in allen Himmelsrichtungen nach dem Schnatz, wobei er hier einem Klatscher auswich und dort unter dem heransausenden Diggory hindurchtauchte …
Er sah einen vergabelten Blitz, dem auf der Stelle ein weiterer Donnerschlag folgte. Das wurde immer gefährlicher. Harry musste den Schnatz möglichst bald fangen.
Er wendete und wollte zur Mitte des Feldes zurückfliegen, doch in diesem Moment erleuchtete ein weiterer Lichtblitz die Tribünen, und Harry sah etwas, das ihn vollkommen in Bann schlug – die Kontur eines riesigen, zottigen schwarzen Hundes, klar umrissen gegen den Himmel. Reglos saß er in der obersten leeren Sitzreihe.
Der Besenstiel entglitt Harrys klammen Händen und sein Nimbus sackte ein paar Meter ab. Er schüttelte sich die nassen Haare aus dem Gesicht und schaute noch einmal hinüber auf die Ränge. Der Hund war verschwunden.
»Harry!«, ertönte Woods entsetzter Schrei von den Torpfosten der Gryffindors, »Harry, hinter dir!«
Harry blickte sich entsetzt um. Cedric Diggory kam über das Spielfeld geschossen und in den Regenschnüren zwischen ihnen schimmerte etwas Kleines und Goldenes –
In jäher Panik duckte sich Harry über den Besenstiel und raste dem Schnatz entgegen.
»Mach schon!«, knurrte er seinen Nimbus an, während ihm der Regen ins Gesicht peitschte, »schneller!«
Doch nun geschah etwas Seltsames. Eine gespenstische Stille senkte sich über das Stadion. Der Wind ließ zwar kein bisschen nach, doch er vergaß zu heulen. Es war, als ob jemand den Ton abgedreht hätte, als ob Harry plötzlich taub geworden wäre – was ging hier vor?
Und dann überkam ihn eine fürchterlich vertraute Welle aus Kälte, drang in ihn ein, gerade als ihm eine Bewegung unten auf dem Feld auffiel …
Zeit zum Nachdenken blieb nicht mehr, schon wandte er die Augen vom Schnatz ab und blickte in die Tiefe.
Mindestens hundert Dementoren, die vermummten Gesichter ihm zugewandt, standen dort unter ihm. Es war, als würde eiskaltes Wasser in seiner Brust aufsteigen und ihm die Eingeweide abtöten. Und dann hörte er es wieder … jemand schrie, schrie im Innern seines Kopfes … eine Frau …
»Nicht Harry, nicht Harry, bitte nicht Harry!«
»Geh zur Seite, du dummes Mädchen … geh weg jetzt …«
»Nicht Harry, bitte nicht, nimm mich, töte mich an seiner Stelle –«
Betäubender, wirbelnder weißer Nebel füllte Harrys Kopf … was tat er da? Warum flog er? Er musste ihr helfen … sie würde sterben … sie wurde umgebracht …
Er fiel, fiel durch den eisigen Nebel.
»Nicht Harry! Bitte … verschone ihn … verschone ihn …«
Eine schrille Stimme lachte, die Frau schrie, und Harry schwanden die Sinne.
»Ein Glück, dass der Boden so durchweicht war.«
»Ich dachte, er ist tot.«
»Und nicht mal die Brille ist hin.«
Harry konnte Geflüster hören, doch er verstand überhaupt nichts. Er hatte keine Ahnung, wo er war oder wie er hierhergekommen war oder was er davor getan hatte. Alles, was er wusste, war, dass ihm sämtliche Glieder wehtaten, als wäre er verprügelt worden.
»Das war das Fürchterlichste, das ich je im Leben gesehen habe.«
Fürchterlich … das Fürchterlichste … vermummte schwarze Gestalten … Kälte … Schreie …
Harrys Augen klappten auf. Er lag im Krankenflügel. Das Quidditch-Team der Gryffindors, von oben bis unten mit Schlamm bespritzt, war um sein Bett versammelt. Auch Ron und Hermine waren da und sahen aus, als kämen sie gerade aus einem Schwimmbecken.
»Harry!«, sagte Fred, der unter all dem Schlamm käsebleich aussah, »wie geht’s dir?«
Es war, als würde Harrys Gedächtnis schnell vorgespult. Die Blitze – der Grimm – der Schnatz – und die Dementoren –
»Was ist passiert?«, fragte er und setzte sich so plötzlich auf, dass sie die Münder aufrissen.
»Du bist abgestürzt«, sagte Fred. »Müssen wohl – ungefähr – fünfzehn Meter gewesen sein.«
»Wir dachten, du seist tot«, sagte Alicia, die es am ganzen Leib schüttelte.
Von Hermine kam ein leises Schluchzen. Das Weiße ihrer Augen war blutunterlaufen.
»Aber das Spiel«, sagte Harry. »Was ist damit? Wird es wiederholt?«
Keiner sagte ein Wort. Die schreckliche Wahrheit drang in Harry ein wie ein Stein.
»Wir haben – verloren?«
»Diggory hat den Schnatz gefangen«, sagte George. »Kurz nach deinem Absturz. Er hatte nicht gesehen, was passiert war. Als er sich umsah und dich auf dem Boden liegen sah, wollte er seinen Fang für ungültig erklären und ein Wiederholungsspiel ansetzen lassen. Aber im Grunde haben sie verdient gewonnen … selbst Wood gibt es zu.«
»Wo ist Wood?«, fragte Harry, dem plötzlich auffiel, dass er fehlte.
»Noch unter der Dusche«, sagte Fred. »Wir glauben, er versucht sich zu ertränken.«
Harry legte das Gesicht auf die Knie und raufte sich die Haare. Fred packte ihn an der Schulter und schüttelte ihn grob.
»Komm schon, Harry, du hast doch sonst immer den Schnatz geschnappt.«
»Einmal musste er dir ja durch die Lappen gehen«, sagte George.
»Noch ist nicht aller Tage Abend«, sagte Fred. »Wir haben hundert Punkte verloren, na und? Wenn Hufflepuff gegen Ravenclaw verliert und wir Ravenclaw und Slytherin schlagen –«
»Hufflepuff muss mit mindestens zweihundert Punkten Rückstand verlieren«, sagte George.
»Aber wenn sie Ravenclaw schlagen –«
»Unmöglich, Ravenclaw ist zu gut. Aber wenn Slytherin gegen Hufflepuff verliert …«
»Das hängt alles vom Punktekonto ab – jedenfalls braucht es immer hundert Punkte Rückstand –«
Harry lag da und sagte kein Wort. Sie hatten verloren – zum ersten Mal hatte er ein Quidditch-Spiel verloren.
Nach gut zehn Minuten kam Madam Pomfrey herein und wies sie an, ihn jetzt in Ruhe zu lassen.
»Wir kommen später wieder«, versicherte Fred. »Mach dich nicht selber fertig, Harry, du bist immer noch der beste Sucher, den wir je hatten.«
Das Team marschierte hinaus und ließ nur eine Schlammspur zurück. Mit missbilligendem Blick schloss Madam Pomfrey die Tür hinter ihnen. Ron und Hermine traten näher an Harrys Bett.
»Dumbledore war wirklich wütend«, sagte Hermine mit bebender Stimme. »So hab ich ihn noch nie erlebt. Während du fielst, rannte er aufs Spielfeld und wedelte mit seinem Zauberstab, und irgendwie wurdest du langsamer, bevor du aufgeschlagen bist. Dann hat er mit dem Zauberstab zu den Dementoren hinübergefuchtelt und silbernes Zeugs gegen sie abgeschossen. Sie sind sofort abgehauen … er war stinksauer, weil sie ins Stadion gekommen sind, wir haben ihn schimpfen gehört –«
»Dann hat er dich auf eine Trage gezaubert«, sagte Ron, »und ist mit dir neben sich schwebend hoch zur Schule gegangen. Alle dachten, du seist …«
Seine Stimme erstarb, doch Harry hörte ohnehin kaum zu. Er dachte darüber nach, was die Dementoren ihm angetan hatten … er dachte an die Schreie. Er blickte auf und Ron und Hermine sahen ihn so gespannt an, dass er sich rasch überlegte, was er sagen könnte.
»Hat jemand meinen Nimbus mitgenommen?«
Ron und Hermine warfen sich einen kurzen Blick zu.
»Ähm –«
»Was?«, sagte Harry und sah sie abwechselnd an.
»Nun ja … als du abgestürzt bist, wurde er weggeweht«, sagte Hermine zögernd.
»Und?«
»Und er ist – gegen – o Harry – gegen die Peitschende Weide gekracht.«
Harrys Inneres verkrampfte sich. Die Peitschende Weide war ein sehr jähzorniger Baum mitten auf dem Schlossgelände.
»Und?«, sagte er und vor der Antwort war ihm ganz bange.
»Tja, du kennst ja die Peitschende Weide«, sagte Ron. »Sie – ähm – mag nicht gern belästigt werden.«
»Professor Flitwick hat ihn geholt, kurz bevor du wieder zu dir gekommen bist«, sagte Hermine kaum vernehmlich.
Zögernd langte sie nach einer Tasche zu ihren Füßen, stellte sie auf den Kopf und schüttelte ein Dutzend zersplitterte Holzstücke und angeknackstes Reisig auf das Bett, die letzten Überreste von Harrys treuem, am Ende geschlagenem Besen.
Die Karte des Rumtreibers
Madam Pomfrey bestand darauf, Harry übers Wochenende im Krankenflügel zu behalten. Er widersprach nicht und klagte auch nicht, doch sie durfte nichts von den kläglichen Überbleibseln seines Nimbus Zweitausend fortwerfen. Das war albern, und er wusste es, denn der Nimbus war nicht mehr zu retten, und doch konnte er einfach nicht anders: Er hatte das Gefühl, einen guten Freund verloren zu haben.
Der Strom der Besucher riss nicht ab, und alle kamen, um ihn aufzumuntern. Hagrid schickte ihm einen Strauß Ohrwurmblumen, die wie gelbe Kohlköpfe aussahen, und Ginny Weasley, puterrot angelaufen, tauchte mit einer selbst gebastelten Genesungskarte auf, die mit schriller Stimme zu singen begann, wenn Harry sie nicht unter einer schweren Obstschale zum Schweigen brachte. Das Team der Gryffindors tauchte am Sonntagmorgen wieder auf und diesmal war auch Wood dabei. Er mache Harry nicht den geringsten Vorwurf, sagte er mit merkwürdig hohler, lebloser Stimme. Ron und Hermine wichen nur nachts von Harrys Bett. Doch was sie auch sagten oder taten, sie konnten Harry nicht aufheitern, denn sie wussten nur die Hälfte von dem, was ihn wirklich beunruhigte.
Keinem hatte er von dem Grimm erzählt, nicht einmal Ron und Hermine, denn er wusste, dass Ron panisch und Hermine spöttisch reagieren würde. Tatsache blieb jedoch, dass er jetzt schon zweimal erschienen war, und beiden Erscheinungen waren lebensgefährliche Unfälle gefolgt. Beim ersten Mal war er beinahe vom Fahrenden Ritter überrollt worden; beim zweiten Mal war er von seinem Besen fünfzehn Meter in die Tiefe gestürzt. Würde der Grimm ihn jagen, bis er wirklich starb? Sollte er für den Rest seines Lebens unentwegt nach dem Untier Ausschau halten?
Und dann waren da noch die Dementoren. Immer wenn Harry an sie dachte, wurde ihm schlecht und er fühlte sich gedemütigt. Alle sagten, die Dementoren seien schrecklich, aber kein anderer brach jedes Mal bei ihrem Anblick zusammen … und niemand sonst hörte im Kopf den Widerhall der Schreie seiner sterbenden Eltern …
Denn Harry wusste jetzt, wessen Stimme es war, die er gehört hatte. Er hatte sich ihre Worte wiederholt, immer und immer wieder in den nächtlichen Stunden im Krankenflügel, in denen er wach lag und auf die hellen Streifen starrte, die das Mondlicht an die Decke warf. Wenn sich die Dementoren näherten, hörte er die letzten Momente im Leben seiner Mutter, ihre Versuche, ihn, Harry, vor Lord Voldemort zu schützen, und Lord Voldemorts Gelächter, bevor er sie ermordete … Harry döste ein und schreckte immer wieder hoch, sank in Träume voll feuchtkalter, verrotteter Hände und grauenerfüllten Flehens, er schreckte auf und kam nicht von der Stimme seiner Mutter los und wollte sie sich immer wieder in Erinnerung rufen.
Es war eine Erleichterung, am Montag ins lärmende Getriebe der Schule zurückzukehren, wo er gezwungen war, an andere Dinge zu denken, selbst wenn er Draco Malfoys Hänseleien über sich ergehen lassen musste. Malfoy war ganz entzückt vor Schadenfreude über die Niederlage der Gryffindors. Endlich hatte er sich die Bandagen abgenommen und er feierte diesen Anlass, indem er Harrys Sturz vom Besen beschwingt nachspielte. Zudem verbrachte er einen Großteil ihrer nächsten Zaubertrankstunden mit Auftritten als Dementor im Kerker. Ron verlor schließlich die Nerven und warf ein großes, glitschiges Krokodilherz auf Malfoy, das ihn im Gesicht traf; daraufhin zog Snape den Gryffindors fünfzig Punkte ab.
»Wenn Snape wieder Verteidigung gegen die dunklen Künste gibt, melde ich mich krank«, sagte Ron nach dem Mittagessen auf dem Weg zu Professor Lupins Klassenzimmer. »Sieh erst mal nach, wer drin ist, Hermine.«
Hermine öffnete die Tür einen Spaltbreit und spähte hinein.
»Du kannst kommen!«
Professor Lupin war wieder da. Deutlich mitgenommen sah er aus. Sein alter Umhang hing ihm noch schlaffer um die Schultern als sonst und er hatte dunkle Schatten unter den Augen; dennoch lächelte er sie an, als sie ihre Plätze einnahmen, und die ganze Klasse brach sofort in einen Sturm von Beschwerden über Snapes Verhalten während Lupins Krankheit aus.
»Das ist nicht fair, er macht nur Vertretung, warum muss er uns Hausaufgaben aufgeben?«
»Wir wissen doch nichts über Werwölfe –«
»– zwei Rollen Pergament!«
»Habt ihr Professor Snape gesagt, dass wir Werwölfe noch nicht behandelt haben?«, fragte Lupin in die Runde und runzelte leicht die Stirn.
Das Gebrabbel brach wieder los.
»Ja, aber er sagte, wir seien weit zurück –«
»– er wollte nichts davon hören –«
»– zwei Rollen Pergament!«
Professor Lupin lächelte angesichts der Entrüstung auf den Gesichtern.
»Macht euch keine Sorgen, ich spreche mit Professor Snape. Den Aufsatz müsst ihr nicht schreiben.«
»O nein«, sagte Hermine enttäuscht. »Meiner ist schon fertig!«
Sie hatten eine recht vergnügliche Stunde. Professor Lupin hatte einen Glaskasten mit einem Hinkepank mitgebracht, einem kleinen einbeinigen Geschöpf, das aussah, als bestünde es aus Rauchschwaden und wäre recht schwächlich und harmlos.
»Der Hinkepank lockt Reisende in die Sümpfe«, sagte Professor Lupin und die Klasse schrieb eifrig mit. »Seht ihr die Laterne, die er in der Hand hat? Er hüpft voraus – die Leute folgen dem Licht – und dann –«
Der Hinkepank machte ein fürchterlich quietschendes Geräusch am Glas.
Als es läutete, packten alle ihre Sachen ein und gingen zur Tür, auch Harry, doch –
»Wart einen Moment, Harry«, rief Lupin, »ich möchte kurz mit dir sprechen.«
Harry kam zurück und sah Professor Lupin zu, wie er den Glaskasten des Hinkepanks mit einem Tuch abdeckte.
»Ich hab von dem Spiel gehört«, sagte Lupin, wandte sich zum Pult um und steckte die Bücher in seine Mappe, »und es tut mir leid wegen deines Besens. Gibt es eine Möglichkeit, ihn zu reparieren?«
»Nein«, sagte Harry. »Der Baum hat ihn zu Kleinholz verarbeitet.«
Lupin seufzte.
»Sie haben die Peitschende Weide in dem Jahr gepflanzt, als ich nach Hogwarts kam. Wir haben damals aus Jux versucht ihr so nah wie möglich zu kommen und den Stamm zu berühren. Schließlich hat ein Junge namens Davey Gudgeon fast ein Auge verloren und wir durften dann nicht mehr in ihre Nähe. Und kein Besen hätte da eine Chance.«
»Haben Sie auch von den Dementoren gehört?«, überwand sich Harry zu fragen.
Lupin warf ihm einen raschen Blick zu.
»Ja, hab ich. Ich glaube, keiner von uns hat Professor Dumbledore jemals so wütend gesehen. Sie sind schon seit einiger Zeit ungehalten … verärgert, weil er sich weigert, sie auf das Gelände zu lassen … ich vermute, dass du ihretwegen abgestürzt bist?«
»Ja«, sagte Harry. Er zögerte, und dann brach die Frage, die ihm auf der Zunge lag, unwillkürlich aus ihm heraus. »Warum? Warum bin ich so anfällig für sie? Bin ich schlicht und einfach –?«
»Es hat nichts mit Schwäche zu tun«, sagte Professor Lupin scharf, als ob er Harrys Gedanken lesen könnte. »Die Dementoren greifen dich stärker an als die andern, weil es schreckliche Ereignisse in deiner Vergangenheit gibt, die die andern nicht erlebt haben.«
Ein Strahl der Wintersonne fiel ins Klassenzimmer und beleuchtete Lupins graue Haare und die Furchen auf seinem jungen Gesicht.
»Dementoren gehören zu den übelsten Kreaturen, die auf der Erde wandeln. Sie verseuchen die dunkelsten, schmutzigsten Orte, sie frohlocken inmitten von Zerfall und Verzweiflung, sie saugen Frieden, Hoffnung und Glück aus der Luft um sie her. Selbst die Muggel spüren ihre Nähe, auch wenn sie die Dementoren nicht sehen können. Kommst du einem Dementor zu nahe, saugt er jedes gute Gefühl, jede glückliche Erinnerung aus dir heraus. Wenn er kann, nährt sich der Dementor so lange von dir, bis du nichts weiter bist als er selbst – seelenlos und böse. Und dir bleiben nur die schlimmsten Erfahrungen deines Lebens. Und das Schlimmste, was dir passiert ist, Harry, würde jeden anderen ebenfalls vom Besen hauen. Du brauchst dich dessen nicht zu schämen.«
»Wenn sie mir nahe kommen –«, Harry starrte mit zugeschnürter Kehle auf Lupins Pult, »kann ich hören, wie Voldemort meine Mutter ermordet.«
Lupin machte eine jähe Bewegung mit dem rechten Arm, als wollte er Harry an der Schulter packen, doch er besann sich. Einen Augenblick schwiegen beide, dann –
»Warum mussten sie ausgerechnet zum Spiel kommen?«, sagte Harry verbittert.
»Sie werden langsam hungrig«, sagte Lupin kühl und verschloss mit einem Klicken seine Mappe. »Dumbledore will sie nicht in die Schule lassen, also sind ihre Vorräte an menschlicher Beute aufgebraucht … Ich vermute mal, sie konnten der großen Menschenmenge um das Quidditch-Feld nicht widerstehen. All die Aufregung … die aufgepeitschten Gefühle … so stellen sie sich ein Festessen vor.«
»Askaban muss schrecklich sein«, murmelte Harry.
Lupin nickte grimmig.
»Die Festung ist auf einer kleinen Insel gebaut, weit draußen im Meer, doch sie brauchen keine Mauern und kein Wasser, um die Gefangenen an der Flucht zu hindern, nicht, wenn sie alle in ihren Köpfen gefangen sind, unfähig, einen zuversichtlichen Gedanken zu fassen. Die meisten werden nach ein paar Wochen verrückt.«
»Aber Sirius Black ist ihnen entkommen«, sagte Harry langsam. »Er ist geflohen.«
Lupins Mappe glitt vom Tisch; er musste rasch zugreifen, um sie aufzufangen.
»Ja«, sagte er und richtete sich auf. »Black muss einen Weg gefunden haben, wie man sie besiegt. Ich hätte nicht gedacht, dass es möglich wäre … Dementoren, heißt es, berauben einen Zauberer seiner Kräfte, wenn er ihnen zu lange ausgeliefert ist …«
»Sie haben es doch geschafft, dass dieser Dementor im Zug geflohen ist«, sagte Harry plötzlich.
»Es gibt – gewisse Verteidigungskünste, die man einsetzen kann«, sagte Lupin. »Aber es war nur ein Dementor im Zug. Je mehr da sind, desto schwieriger wird es, ihnen Widerstand zu leisten.«
»Was denn für Verteidigungskünste?«, fragte Harry sofort. »Können Sie mir die beibringen?«
»Ich möchte nicht so tun, als wäre ich ein Fachmann für den Kampf gegen Dementoren, Harry … ganz im Gegenteil …«
»Aber wenn die Dementoren auch zum nächsten Quidditch-Spiel kommen – muss ich gegen sie kämpfen können –«
Lupin sah in Harrys entschlossenes Gesicht, zögerte einen Moment und sagte dann: »Also … gut. Ich versuche dir zu helfen. Aber ich fürchte, du musst dich bis nach den Weihnachtsferien gedulden. Bis dahin hab ich noch eine Menge zu tun. Das war eine recht unpassende Zeit, um krank zu werden.«
Das Versprechen Lupins, ihn in die Kunst der Verteidigung gegen die Dementoren einzuweihen, die Hoffnung, den Tod seiner Mutter nie mehr mit anhören zu müssen, und die Tatsache, dass Ravenclaw die Hufflepuffs im Quidditch-Match Ende November einfach plattmachte – all dies hob Harrys Stimmung beträchtlich. Die Gryffindors waren noch nicht ganz aus dem Rennen, aber eine weitere Niederlage konnten sie sich nicht leisten. Wood gewann seine fieberhafte Tatkraft wieder zurück und trimmte seine Leute härter denn je in den eisigen Regenschauern, die bis in den Dezember hinein anhielten. Harry sah weit und breit keine Spur von einem Dementor. Dumbledores Wut schien sie auf ihren Posten an den Eingängen zu halten.
Zwei Wochen vor den Weihnachtsferien nahm der Himmel plötzlich ein blendend helles, opalenes Weiß an und das schlammige Gelände war eines Morgens in glitzernden Frost gehüllt. Im Schloss herrschte schon ein wenig vorweihnachtliche Stimmung. Professor Flitwick, der Lehrer für Zauberkunst, hatte sein Klassenzimmer bereits mit schimmernden Lichtern geschmückt, die sich als echte, flatternde Feen herausstellten. Gut gelaunt sprachen sie in den Klassen darüber, was sie alles in den Ferien vorhatten. Ron und Hermine hatten beschlossen, in Hogwarts zu bleiben. Ron behauptete, er könne es keine zwei Wochen mit Percy aushalten, und Hermine meinte, sie wolle unbedingt mal ganz in Ruhe in der Bibliothek arbeiten, doch Harry ließ sich nicht täuschen: Sie blieben da, um ihm Gesellschaft zu leisten, und er war sehr dankbar dafür.
Alle freuten sich auf den nächsten Ausflug nach Hogsmeade am letzten Wochenende vor den Ferien – alle außer Harry.
»Wir können dort für Weihnachten einkaufen!«, sagte Hermine, »Mum und Dad werden ganz begeistert sein von dieser Zahnweiß-Pfefferminzlakritze aus dem Honigtopf!«
Harry fand sich damit ab, der Einzige aus der dritten Klasse zu sein, der nicht mitkam, borgte sich von Wood das Heft Rennbesen im Test und beschloss, sich über die verschiedenen Bauweisen der Besen kundig zu machen. Beim Training flog er jetzt einen der Schulbesen, einen alten, ziemlich langsamen und kippeligen Shooting Star; was er brauchte, war ein neuer Besen.
Am Samstagmorgen verabschiedeten sich Ron und Hermine von Harry und machten sich, eingemummelt in Mäntel und Schals, nach Hogsmeade auf. Harry stieg allein die Marmortreppe hoch und ging die Korridore entlang zurück zum Turm der Gryffindors. Draußen hatte es angefangen zu schneien und im Schloss herrschte tiefe Stille.
»Psst – Harry!«
Auf halbem Weg durch den Korridor im dritten Stock wandte er sich um und sah Fred und George, die hinter der Statue einer buckligen, einäugigen Hexe hervorlugten.
»Was macht ihr denn da?«, sagte Harry verdutzt. »Wieso geht ihr nicht mit nach Hogsmeade?«
»Wir wollen dich noch ein wenig in festliche Laune versetzen, bevor wir gehen«, sagte Fred und zwinkerte geheimnistuerisch. »Komm hier rein …«
Er nickte zu einem leeren Klassenzimmer links von der einäugigen Statue hinüber. Harry folgte Fred und George hinein. George schloss leise die Tür und wandte sich dann mit strahlendem Gesicht Harry zu.
»Hier ist schon mal ein Weihnachtsgeschenk für dich, Harry«, sagte er.
Schwungvoll zog Fred etwas aus seinem Mantel und legte es auf das Pult vor ihnen. Es war ein großes, quadratisches, heftig mitgenommenes Blatt Pergament. Kein Wort stand darauf. Harry vermutete, es sei einer ihrer Scherze, und starrte das Pergament an.
»Was soll das sein?«
»Das, Harry, ist das Geheimnis unseres Erfolgs«, sagte George und strich liebevoll über das Pergament.
»Wir bringen es kaum übers Herz, uns davon zu trennen«, sagte Fred, »aber gestern Abend haben wir beschlossen, dass du es dringender brauchst als wir.«
»Außerdem kennen wir es auswendig«, sagte George. »Wir vererben es dir. Eigentlich brauchen wir es auch nicht mehr.«
»Und was soll ich mit diesem Fetzen anfangen?«, fragte Harry.
»Diesem Fetzen!«, wiederholte Fred und schloss die Augen mit einer Grimasse, als ob Harry ihn tödlich beleidigt hätte. »Erklär es ihm, George.«
»Also … als wir in der ersten Klasse waren, Harry – jung, sorglos und unschuldig –«
Harry schnaubte. Dass Fred und George jemals unschuldig gewesen waren, bezweifelte er stark.
»– na ja, jedenfalls unschuldiger, als wir jetzt sind – auf jeden Fall bekamen wir damals wegen einer Kleinigkeit Ärger mit Filch.«
»Wir haben eine Stinkbombe im Korridor platzen lassen und aus irgendeinem Grund hat ihn das geärgert –«
»Also hat er uns in sein Büro geschleift und kam gleich mit den üblichen Drohungen –«
»– Strafarbeit –«
»– Bauchaufschlitzen –«
»– und ganz zufällig fiel uns an einem seiner Schränke eine Schublade ins Auge mit der Aufschrift Beschlagnahmt und gemeingefährlich.«
»Versteh schon –«, sagte Harry und fing an zu grinsen.
»Na, was hättest du getan?«, sagte Fred. »George hat ihn mit noch einer Stinkbombe abgelenkt, ich hab die Schublade aufgerissen und – das hier rausgeholt.«
»Ist nicht so schlecht, wie es klingt«, sagte George. »Wir glauben nicht, dass Filch jemals rausgefunden hat, wie man damit umgeht. Er hat wahrscheinlich geahnt, was es war, oder er hätte es nicht beschlagnahmt.«
»Und ihr wisst, wie man damit umgeht?«
»O ja«, sagte Fred feixend. »Dieses kleine hübsche Pergamentchen hat uns mehr beigebracht als alle Lehrer dieser Schule zusammen.«
»Ihr verarscht mich doch«, sagte Harry und sah das zerfranste alte Pergamentstück an.
»Aach – wir doch nicht«, sagte George.
Er zog seinen Zauberstab hervor, berührte sanft das Pergament und sagte: »Ich schwöre feierlich, dass ich ein Tunichtgut bin.«
Und sofort begannen sich von dem Punkt, den George berührt hatte, dünne Tintenlinien wie ein Spinnennetz auszubreiten. Sie liefen zusammen, überkreuzten sich und wucherten in die Ecken des Pergaments; dann erblühten Wörter auf dem Blatt, in großer, grüner, verschnörkelter Schrift, die verkündeten:
DIE HOCHWOHLGEBORENEN HERREN MOONY, WURMSCHWANZ, TATZE UND KRONE
HILFSMITTEL FÜR DEN MAGISCHEN TUNICHTGUT GMBH
PRÄSENTIEREN STOLZ
DIE KARTE DES RUMTREIBERS
Es war eine Karte, die jede Einzelheit von Hogwarts und des Schlossgeländes zeigte. Doch wirklich erstaunlich waren die kleinen Tintenpunkte, die sich darauf bewegten, jeder mit einem Namen in winziger Schrift versehen. Verblüfft beugte sich Harry über die Karte. Ein beschrifteter Punkt oben links zeigte, dass Professor Dumbledore in seinem Büro auf und ab ging; Mrs Norris, die Katze des Hausmeisters, trieb sich im zweiten Stock herum, und Peeves, der Poltergeist, hüpfte gerade im Pokalzimmer auf und ab. Harrys Augen wanderten die vertrauten Korridore entlang und plötzlich fiel ihm noch etwas Merkwürdiges auf.
Diese Karte zeigte eine Reihe von Durchgängen, die er nie betreten hatte. Und viele davon führten offenbar –
»– geradewegs nach Hogsmeade«, sagte Fred und fuhr mit dem Finger eine der Linien entlang. »Insgesamt sieben Geheimgänge. Filch kennt diese vier –«, er zeigte sie Harry, »– aber wir sind sicher die Einzigen, die diese hier kennen. Den hinter dem Spiegel im vierten Stock kannst du vergessen. Wir haben ihn letzten Winter benutzt, aber er ist eingebrochen – völlig unbegehbar. Und wir glauben nicht, dass irgendjemand schon mal diesen hier benutzt hat, weil die Peitschende Weide direkt darüber eingepflanzt ist. Aber der hier, der führt direkt in den Keller vom Honigtopf. Wir haben ihn etliche Male benutzt. Und wie du vielleicht bemerkt hast, ist der Eingang gleich vor diesem Zimmer, durch den Buckel dieser einäugigen Alten.«
»Moony, Wurmschwanz, Tatze und Krone«, seufzte George und strich sanft über die Namen der Hersteller. »Wir verdanken ihnen ja so viel.«
»Edle Männer, die unermüdlich daran arbeiteten, einer neuen Generation von Gesetzesbrechern auf die Beine zu helfen«, sagte Fred feierlich.
»Schön«, sagte George jetzt aufgeräumt, »vergiss nicht, sie zu löschen, wenn du sie benutzt hast –«
»– sonst kann jeder sie lesen«, warnte Fred.
»Tipp sie einfach noch mal an und sag: ›Unheil angerichtet!‹ Dann wird sie wieder weiß.«
»Nun denn, junger Harry«, sagte Fred und sah dabei Percy unheimlich ähnlich, »ich hoffe, du benimmst dich.«
»Wir sehen uns im Honigtopf«, sagte George augenzwinkernd.
Zufrieden grinsend gingen die beiden hinaus.
Harry blieb stehen und starrte die wundersame Karte an. Er beobachtete, wie der winzige Tintenpunkt von Mrs Norris nach links wanderte und dann innehielt und etwas auf dem Boden beschnüffelte. Wenn Filch das wirklich nicht wusste … dann würde er gar nicht an den Dementoren vorbeimüssen …
Doch während er noch völlig begeistert dastand, quoll etwas aus seinem Gedächtnis hoch, das er einst von Mr Weasley gehört hatte.
Trau nie etwas, das selbst denken kann, wenn du nicht sehen kannst, wo es sein Hirn hat.
Diese Karte war einer jener gefährlichen magischen Gegenstände, vor denen ihn Mr Weasley gewarnt hatte … Hilfsmittel für den Magischen Tunichtgut GmbH … Was soll’s, dachte Harry, ich brauch sie ja nur, um nach Hogsmeade zu kommen, ich will doch niemanden beklauen oder angreifen … und Fred und George benutzen sie seit Jahren und es ist nichts Schlimmes passiert …
Harry fuhr mit dem Finger auf der Karte über den Geheimgang, der in den Honigtopf führte.
Dann, ganz plötzlich, als ob er einem Befehl folgte, rollte er die Karte zusammen, steckte sie ein und eilte zur Tür. Er öffnete sie einen Spaltbreit. Draußen war niemand. Vorsichtig huschte er aus dem Zimmer und versteckte sich hinter der Statue der einäugigen Hexe.
Wie musste er es anstellen? Er zog die Karte heraus und stellte verdutzt fest, dass eine neue kleine Tintengestalt darauf erschienen war, beschriftet mit »Harry Potter«.
Diese Figur befand sich genau da, wo Harry selbst stand, etwa in der Mitte des Korridors im dritten Stock. Harry sah ihr gespannt zu. Sein kleines Tintenselbst schien die Hexe mit seinem winzigen Zauberstab zu beklopfen. Rasch zog Harry seinen richtigen Zauberstab heraus und stupste gegen die Statue. Nichts geschah. Erneut blickte er auf die Karte. Eine noch winzigere Sprechblase war neben seiner Gestalt erschienen. Darin stand das Wort ›Dissendium‹.
»Dissendium!«, flüsterte Harry und stupste noch einmal gegen die steinerne Hexe.
Auf einmal öffnete sich der Buckel der Statue, weit genug, um einen schlanken Menschen einzulassen. Harry sah sich rasch im Korridor um, dann verstaute er die Karte, zog sich hoch, steckte den Oberkörper in das Loch und stieß sich ab.
Eine ganze Weile glitt er eine Art steinerne Rutschbahn hinunter und landete schließlich auf kaltem und feuchtem Erdboden. Er stand auf und sah sich um. Es war stockdunkel. Er hob seinen Zauberstab und murmelte »Lumos!«. Das Licht zeigte, dass er einen sehr engen, niedrigen und lehmigen Tunnel vor sich hatte. Er zog die Karte heraus, tippte mit der Spitze des Zauberstabs dagegen und murmelte »Unheil angerichtet!«. Sofort wurde die Karte blank. Er rollte sie sorgfältig zusammen, steckte sie in den Umhang und machte sich dann mit heftig pochendem Herzen, begeistert und besorgt zugleich, auf den Weg.
Der Tunnel, dessen eng verschlungenen Windungen er folgte, erinnerte Harry unweigerlich an den Bau eines Riesenhasen. Er lief schnell und stolperte hin und wieder auf dem holprigen Boden. Den Zauberstab hielt er vor sich ausgestreckt.
Der Tunnel wollte kein Ende nehmen, doch der Gedanke an den Honigtopf machte Harry Beine. Nach einer Stunde, so kam es ihm vor, begann der Tunnel anzusteigen. Keuchend, mit heißem Gesicht und kalten Füßen spurtete Harry nach oben.
Zehn Minuten später stand er am Fuß einer abgenutzten steinernen Treppe, die sich oben im Dunkeln verlor. Ganz sachte, um ja keinen Lärm zu machen, nahm Harry Stufe für Stufe. Hundert Stufen, zweihundert Stufen, irgendwann hörte er auf zu zählen und sah nur noch auf seine Schuhe … dann, ohne Vorwarnung, stieß er gegen etwas Hartes.
Es schien eine Falltür zu sein. Harry blieb stehen, rieb sich den Kopf und lauschte. Von der anderen Seite der Falltür war nichts zu hören. Ganz langsam drückte er sie einen Spaltbreit nach oben und spähte hinaus.
Er war in einem Keller voller Holzkisten und Kartons. Harry kletterte hinauf und schloss die Falltür – sie fügte sich so vollkommen in den staubigen Boden ein, dass sie nicht mehr zu sehen war. Nun schlich er langsam zur Holztreppe, die nach oben führte. Jetzt konnte er eindeutig Stimmen hören, und ganz deutlich auch das Läuten einer Glocke und das Auf- und Zugehen einer Tür.
Während er sich noch überlegte, was er tun sollte, hörte er plötzlich eine andere Tür aufgehen, viel näher bei ihm; jemand war auf dem Weg nach unten.
»Und bring noch ’ne Kiste Gummischnecken mit, die haben uns fast den Laden ausgeräumt –«, sagte eine Frauenstimme.
Ein Paar Füße kam die Treppe herunter. Harry hechtete hinter einen riesigen Karton und wartete, bis die Schritte sich entfernt hatten. Er hörte, wie der Mann Kisten an die gegenüberliegende Wand schob. Noch eine solche Gelegenheit würde er wohl nicht bekommen –
Rasch und leise huschte Harry aus seinem Versteck und kletterte die Stufen hoch; ein kurzer Blick zurück zeigte ihm einen mächtigen Rücken und einen glänzenden Glatzkopf, tief über eine Kiste gebeugt. Harry erreichte die Tür am oberen Treppenabsatz, glitt hindurch und sah sich plötzlich hinter der Ladentheke des Honigtopfs – er duckte sich, kroch zur Seite weg und richtete sich dann auf.
Im Honigtopf drängten sich so viele Schüler aus Hogwarts, dass keiner besondere Notiz von Harry nahm. Er schob sich zwischen ihnen durch, sah sich um und unterdrückte ein Lachen bei dem Gedanken, was für ein Schweinchengesicht Dudley machen würde, wenn er sehen könnte, wo Harry jetzt war.
Bis zur Decke reichten die Regale mit den verführerischsten Leckereien, die man sich vorstellen konnte: sahnige Nugatriegel, rosa schimmerndes Kokosnusseis, fette, honigfarbene Karamellbonbons; Hunderte verschiedene Sorten Schokolade, fein säuberlich aneinandergereiht; ein großes Fass mit Bohnen jeder Geschmacksrichtung und ein weiteres mit zischenden Wissbies, den Brausekugeln, die einen vom Boden rissen, wie Ron erzählt hatte. Entlang einer anderen Wand stapelten sich Süßigkeiten mit »Spezialeffekt« – Druhbels Bester Blaskaugummi (der ein Zimmer mit glockenblumenfarbenen Blasen füllte, die tagelang nicht platzen wollten), die merkwürdig splittrige Zahnweiß-Pfefferminzlakritze, winzig kleine Pfefferkobolde (»heiz deinen Freunden mal richtig ein!«), Eismäuse (»dir klappern die Zähne und du quiekst!«), Pfefferminzpralinen in der Form von Kröten (»hüpfen dir vorbildgetreu in den Magen!«), zerbrechliche, aus Zucker gedrehte Federhalter und explodierende Bonbons.
Harry drängte sich durch eine Schar Sechstklässler und sah am anderen Ende des Ladens ein Schild hängen (»Ein ganz anderer Geschmack«). Darunter standen Ron und Hermine und untersuchten eine Schale Lutscher mit Blutgeschmack. Harry schlich sich unbemerkt von hinten an.
»Urrgh, nee, die will Harry bestimmt nicht, die sind sicher für Vampire«, sagte Hermine.
»Und was ist mit denen hier?«, fragte Ron und hielt ihr einen Krug mit getrockneten Kakerlaken unter die Nase.
»Ganz sicher nicht«, sagte Harry.
Fast hätte Ron den Krug fallen lassen.
»Harry!«, kreischte Hermine. »Was machst du denn hier? Wie … wie bist du –?«
»Aber hallo!«, sagte Ron ganz und gar beeindruckt, »du hast gelernt, wie man appariert!«
»Natürlich nicht«, sagte Harry. Er dämpfte die Stimme, damit keiner von den Sechstklässlern ihn hören konnte, und erzählte ihnen alles über die Karte des Rumtreibers.
»Wieso haben Fred und George sie mir nie gegeben!«, sagte Ron empört. »Ich bin schließlich ihr Bruder!«
»Aber Harry wird sie nicht behalten!«, sagte Hermine, als wäre dies eine lächerliche Vorstellung. »Er wird die Karte Professor McGonagall übergeben, stimmt doch, Harry?«
»Nein, das werd ich nicht!«, sagte Harry.
»Bist du verrückt geworden?«, sagte Ron und stierte Hermine wütend an. »So was Tolles einfach abgeben?«
»Wenn ich sie abgebe«, sagte Harry, »muss ich sagen, wo ich sie herhabe! Dann erfährt Filch, dass Fred und George sie geklaut haben!«
»Aber was ist mit Sirius Black?«, zischte Hermine. »Er könnte einen dieser Geheimgänge auf der Karte benutzen, um ins Schloss zu kommen! Das müssen die Lehrer doch erfahren!«
»Durch einen Geheimgang kann er nicht rein«, sagte Harry rasch. »Nach der Karte gibt es sieben geheime Tunnel, richtig? Und Fred und George schätzen, dass Filch vier davon schon kennt. Und die anderen drei – einer davon ist eingebrochen, da kann niemand mehr durch. Einer hat die Peitschende Weide über dem Ausgang, also kann keiner raus. Und der, durch den ich gerade gekommen bin – nun ja – es ist wirklich schwierig, den Eingang in diesem Keller zu finden – außer er wüsste, dass er dort ist –«
Harry zögerte. Was, wenn Black tatsächlich wusste, dass der Geheimgang dort war? Ron jedoch räusperte sich viel sagend und deutete auf ein Amtsblatt, das innen auf die Tür des Süßigkeitenladens geklebt war.
Anordnung des Zaubereiministeriums
Die Kunden seien darauf hingewiesen, dass bis auf weiteres jeden Abend nach Sonnenuntergang Dementoren auf den Straßen von Hogsmeade Streife gehen werden. Diese Maßnahme wurde getroffen, um die Sicherheit der Bewohner von Hogsmeade zu gewährleisten, und wird aufgehoben, sobald Sirius Black wieder gefangen ist. Wir möchten Ihnen daher raten, Ihre Einkäufe rechtzeitig vor Einbruch der Nacht zu erledigen.
Frohe Weihnachten!
»Siehst du?«, sagte Ron leise. »Möcht mal sehen, wie Black es anstellen will, im Honigtopf einzubrechen, wenn es hier im Dorf von Dementoren nur so wimmelt. Und außerdem würden die Besitzer des Honigtopfs sicher hören, wenn jemand einbricht, oder? Sie wohnen ja direkt über dem Laden!«
»Ja, aber – aber –« Hermine suchte offenbar angestrengt nach einem weiteren Haar in der Suppe. »Überleg mal, Harry sollte trotzdem nicht nach Hogsmeade gehen, weil er doch keine Genehmigung hat! Wenn jemand das rausfindet, kriegt er Riesenärger! Und noch ist es nicht dunkel – was, wenn Sirius Black heute auftaucht? Jetzt?«
»Würd mich wundern, wenn er Harry bei dem Wetter erkennen könnte«, sagte Ron und nickte hinüber zu den Sprossenfenstern, durch die dichtes Schneetreiben zu sehen war. »Komm schon, Hermine, es ist Weihnachten, gönn Harry doch eine kleine Pause.«
Hermine biss sich auf die Lippe, sie wirkte sehr besorgt.
»Willst du mich etwa verpetzen?«, fragte Harry grinsend.
»Oh – natürlich nicht – aber ehrlich gesagt, Harry –«
»Hast du die zischenden Wissbies gesehen, Harry?«, sagte Ron, packte ihn am Arm und führte ihn hinüber zu dem Fass. »Und die Gummischnecken? Und die Säuredrops? Als ich sieben war, hat mir Fred einen geschenkt, und er hat mir ein Loch durch die Zunge gebrannt, ich weiß noch, wie ihn Mum mit dem Besen vermöbelt hat.« Ron starrte gedankenversunken in die Schachtel mit den Säuredrops. »Meinst du, Fred wird von den getrockneten Kakerlaken probieren, wenn ich ihm sage, es seien Erdnüsse?«
Als Ron und Hermine all ihre Süßigkeiten bezahlt hatten, verließen sie den Honigtopf und stürzten sich nach draußen in den Schneesturm.
In Hogsmeade sah es aus wie auf einer Weihnachtskarte: die kleinen strohgedeckten Dorfhäuser und Läden lagen unter einer Hülle pulvrigen Schnees; an den Türen hingen Stechpalmenkränze und durch die Bäume schlangen sich Kordeln mit Zauberkerzen.
Harry bibberte; im Gegensatz zu den anderen beiden hatte er keinen Mantel an. Sie gingen die Straße entlang, die Köpfe gegen den Wind geneigt, und Ron und Hermine riefen durch ihre Schals:
»Das ist die Post –«
»Dort oben ist Zonko –«
»Wir könnten raufgehen zur Heulenden Hütte –«
»Wisst ihr was«, sagte Ron zähneklappernd, »wir könnten doch auf ein Butterbier in die Drei Besen gehen!«
Harry war unbedingt dafür; der Wind blies heftig und er hatte eiskalte Hände. Sie überquerten die Straße und ein paar Minuten später betraten sie das winzige Wirtshaus.
Es war gesteckt voll, laut, warm und verräuchert. Eine recht wohlproportionierte Frau mit hübschem Gesicht kümmerte sich gerade um einen Haufen grobschlächtiger Hexenmeister an der Bar.
»Das ist Madam Rosmerta«, sagte Ron. »Ich hol uns was zu trinken, ja?«, fügte er hinzu und errötete kaum merklich.
Harry und Hermine schlugen sich in die hintere Ecke durch, wo ein Tisch zwischen dem Fenster und einem schönen Weihnachtsbaum stand, der neben dem Kamin war. Ron kam nach fünf Minuten mit drei dampfenden Krügen Butterbier zu ihnen.
»Frohe Weihnachten!«, sagte er glücklich und erhob seinen Krug.
Harry trank mit mächtigen Schlucken. Das war das Leckerste, was er je getrunken hatte, und es schien ihn von innen bis in die letzte Pore zu erwärmen.
Ein jäher Windstoß zerzauste ihm das Haar. Die Tür der Drei Besen war aufgegangen. Harry blickte über den Rand seines Krugs hinweg und verschluckte sich.
Die Professoren McGonagall und Flitwick hatten soeben unter Schneeflockengestöber den Pub betreten, und kurz darauf folgte ihnen Hagrid, ganz in ein Gespräch vertieft mit einem pummeligen Mann mit limonengrüner Melone und Nadelstreifenumhang – Cornelius Fudge, der Minister für Zauberei.
Ron und Hermine hatten keine Sekunde gezögert, die Hände auf Harrys Kopf gelegt und ihn vom Stuhl weg unter den Tisch gedrückt. Mit Butterbier bekleckert klammerte er den leeren Krug an sich und lugte unter dem Tisch hervor nach den Füßen der Lehrer und des Ministers, die zur Bar gingen, einen Moment stehen blieben und dann direkt auf ihn zukamen.
Über ihm flüsterte Hermine »Mobiliarbus!«.
Der Weihnachtsbaum neben ihrem Tisch erhob sich eine Handbreit vom Boden, schwebte zur Seite und landete mit einem sanften Rascheln direkt vor ihrem Tisch. So versteckt, spähte Harry durch die dichten unteren Zweige. Vier mal vier Stuhlbeine am Nebentisch wurden über den Boden gerückt, dann hörte er, wie sich die Lehrer und der Minister unter Ächzen und Seufzen niederließen.
Jetzt näherte sich ein weiteres Paar Füße in funkelnd türkisblauen Stöckelschuhen, und er hörte die Stimme einer Frau.
»Ein kleines Goldlackwasser –«
»Das ist für mich«, antwortete Professor McGonagalls Stimme.
»Vier Halbe heißen Met.«
»Danke, Rosmerta«, sagte Hagrid.
»Kirschsirup und Soda mit Eis und Schirmchen –«
»Mmm!«, sagte Professor Flitwick und leckte sich die Lippen.
»Dann ist der Johannisbeer-Rum für Sie, Minister.«
»Danke, Rosmerta, meine Liebe«, sagte Fudge. »Schön, Sie mal wiederzusehen. Wollen Sie sich nicht setzen und einen Schluck mit uns trinken …«
»Oh, vielen Dank, Minister.«
Harry sah, wie die glitzernden Pumps sich entfernten und wieder zurückkamen. Das Herz pochte ihm schmerzhaft in der Kehle. Warum hatte er nicht daran gedacht, dass dies auch das letzte Wochenende für die Lehrer war? Und wie lange würden sie hier sitzen bleiben? Er brauchte Zeit, um sich wieder in den Honigtopf zu schleichen, wenn er heute Abend noch in die Schule zurückwollte … Hermines Bein neben ihm zuckte nervös.
»Nun, was bringt Sie ausgerechnet in dieses Nest hier, Minister?« Das war Madam Rosmertas Stimme.
Harry sah, wie sich der Unterleib des Ministers auf dem Stuhl nach links und rechts wand, als ob er sich vergewissern wollte, dass keiner mithörte. Dann sagte er mit gedämpfter Stimme:
»Wer sonst, meine Liebe, als Sirius Black? Sie haben sicher gehört, was an Halloween oben in der Schule passiert ist?«
»Gerüchteweise«, gab Madam Rosmerta zu.
»Haben Sie es im ganzen Pub herumerzählt, Hagrid?«, sagte Professor McGonagall ungehalten.
»Glauben Sie, dass Black immer noch in der Gegend ist, Minister?«, flüsterte Madam Rosmerta.
»Da bin ich mir sicher«, sagte Fudge knapp.
»Sie wissen doch, dass die Dementoren meinen Pub zweimal durchsucht haben?«, sagte Madam Rosmerta mit einem Anflug von Ärger in der Stimme. »Haben mir alle Kunden verschreckt … gar nicht gut fürs Geschäft, Minister.«
»Rosmerta, meine Liebe, ich mag diese Gestalten genauso wenig wie Sie«, sagte Fudge peinlich berührt. »Das ist eine unerlässliche Vorsichtsmaßnahme … lästig, aber was soll man machen … hab gerade ein paar von ihnen gesprochen. Sie sind wütend auf Dumbledore – er will sie nicht aufs Schulgelände lassen.«
»Das kann ich nur unterstützen«, sagte Professor McGonagall scharf. »Wie sollen wir denn unterrichten, wenn diese Horrorgestalten um uns herumschweben?«
»Hört, hört«, quiekte der kleine Professor Flitwick, dessen Füße eine Handbreit über dem Boden baumelten.
»Wie auch immer«, sagte Fudge zögernd, »sie sind hier, um Sie alle vor etwas viel Schlimmerem zu schützen … wir wissen alle, wozu Black fähig ist …«
»Ehrlich gesagt, ich kann es immer noch nicht fassen«, sagte Madam Rosmerta nachdenklich. »Alle möglichen Leute sind damals auf die Dunkle Seite übergelaufen, aber ich hätte nie gedacht, dass Sirius Black … ich meine, ich kannte ihn als Jungen in Hogwarts. Wenn Sie mir damals gesagt hätten, was aus ihm werden wird, hätte ich gesagt, Sie haben ein paar Met über den Durst getrunken.«
»Sie kennen noch nicht mal die Hälfte der Geschichte«, sagte Fudge grummelig. »Von seiner schlimmsten Tat weiß kaum jemand.«
»Von welcher Tat?«, fragte Madam Rosmerta neugierig. »Schlimmer als der Mord an all diesen Menschen, meinen Sie?«
»Allerdings«, sagte Fudge.
»Das kann ich nicht glauben. Was könnte denn schlimmer sein?«
»Sie sagen, Sie kennen ihn aus seiner Zeit in Hogwarts, Rosmerta«, murmelte Professor McGonagall. »Wissen Sie noch, wer sein bester Freund war?«
»Natürlich«, sagte Madam Rosmerta und lachte kurz auf. »Hingen zusammen wie siamesische Zwillinge, nicht wahr? Ich weiß nicht mehr, wie oft sie hier bei mir waren – ooh, sie haben mich immer zum Lachen gebracht. Waren ein richtiges Duett, Sirius Black und James Potter!«
Harrys Krug fiel laut klirrend zu Boden. Ron versetzte ihm einen Stoß.
»Genau«, sagte Professor McGonagall. »Black und Potter. Anführer ihrer kleinen Bande. Beide sehr aufgeweckt, natürlich – ungewöhnlich klug, wenn Sie mich fragen – doch solche zwei Unheilstifter hatten wir wohl auch noch nie –«
»Na, ich weiß nicht«, gluckste Hagrid, »Fred und George Weasley hätten ihnen ganz schön Konkurrenz gemacht.«
»Man hätte meinen können, Black und Potter wären Brüder«, flötete Professor Flitwick. »Unzertrennlich!«
»Natürlich waren sie das«, sagte Fudge. »Potter hat Black mehr vertraut als allen seinen anderen Freunden. Und das hat sich nicht geändert, als sie von der Schule gingen. Black war Trauzeuge, als James und Lily heirateten. Dann baten sie ihn, Harrys Pate zu werden. Davon hat Harry natürlich keine Ahnung. Sie können sich vorstellen, wie ihn der Gedanke quälen würde.«
»Weil es sich eines Tages herausstellte, dass Black auf der Seite von Du-weißt-schon-wem stand?«, flüsterte Madam Rosmerta.
»Schlimmer noch, meine Liebe …« Fudge senkte die Stimme und fuhr mit einem gedämpften Brummen fort. »Nur wenige kennen die Tatsache, dass die Potters wussten, dass Du-weißt-schon-wer hinter ihnen her war. Dumbledore, der natürlich unermüdlich gegen Du-weißt-schon-wen arbeitete, hatte eine Reihe nützlicher Spione. Einer von ihnen hat ihm den Tipp gegeben und er hat sofort James und Lily gewarnt. Er riet ihnen, sich zu verstecken. Nun war es natürlich nicht so einfach, sich vor Du-weißt-schon-wem zu verstecken. Dumbledore hat ihnen gesagt, sie sollten am besten den Fidelius-Zauber anwenden.«
»Wie geht der?«, fragte Madam Rosmerta, atemlos vor Anspannung. Professor Flitwick räusperte sich.
»Ein äußerst komplizierter Zauber«, sagte er quiekend, »bei dem es darum geht, ein Geheimnis auf magische Weise im Innern einer lebenden Seele zu verbergen. Die Information wird in der gewählten Person, dem Geheimniswahrer, versteckt und ist fortan unauffindbar – außer natürlich, der Wahrer des Geheimnisses beschließt, es zu verraten. Solange sich der Geheimniswahrer weigerte zu sprechen, hätte Du-weißt-schon-wer das Dorf, in dem Lily und James lebten, jahrelang durchsuchen können, ohne sie zu finden, nicht einmal, wenn er die Nase gegen ihr Wohnzimmerfenster gedrückt hätte!«
»Also war Sirius Black der Geheimniswahrer?«, flüsterte Madam Rosmerta.
»Natürlich«, sagte Professor McGonagall. »James Potter hat Dumbledore erzählt, dass Black eher sterben würde, als zu sagen, wo sie steckten, dass Black selbst vorhatte sich zu verstecken … und dennoch machte sich Dumbledore weiterhin Sorgen. Ich weiß noch, wie er anbot, selbst der Geheimniswahrer für Potter zu werden.«
»Hat er Black verdächtigt?«, hauchte Madam Rosmerta.
»Er war sich sicher, dass jemand, der den Potters nahestand, Du-weißt-schon-wen über ihre Schritte informiert hatte«, sagte McGonagall bedrückt. »Tatsächlich hatte er schon länger den Verdacht gehegt, dass jemand auf unserer Seite zum Verräter geworden war und Du-weißt-schon-wem eine Menge Informationen weitergab.«
»Aber James Potter beharrte darauf, Black zu nehmen?«
»Ja, allerdings«, sagte Fudge mit schwerer Stimme. »Und dann, kaum eine Woche nachdem der Fidelius-Zauber ausgesprochen worden war –«
»– hat ihn Black verraten?«, keuchte Madam Rosmerta.
»Ja, so war es. Black hatte seine Rolle als Doppelagent satt, er war bereit, offen seine Unterstützung für Du-weißt-schon-wen zu erklären, und er scheint dies für den Tag von Potters Tod geplant zu haben. Doch wie wir alle wissen, fand Du-weißt-schon-wer in dem kleinen Harry Potter einen Gegner, der ihn zu Fall brachte. Seiner Kräfte beraubt und fürchterlich angeschlagen, machte er sich auf die Flucht. Und so steckte Black in einer sehr üblen Lage. Sein Meister war in ebenjenem Moment gestürzt, da er, Black, seine Karten als Verräter offen auf den Tisch gelegt hatte. Er hatte keine andere Wahl, als ebenfalls zu fliehen –«
»Dreckiger, stinkender Wechselbalg!«, rief Hagrid so laut, dass das halbe Wirtshaus verstummte.
»Schhh!«, sagte Professor McGonagall.
»Ich hab ihn getroffen!«, sagte Hagrid. »Ich muss der Letzte gewesen sein, der ihn gesehen hat, bevor er all diese Leute umgebracht hat! Ich war es, der Harry Potter aus Lilys und James’ Haus gerettet hat, nachdem sie getötet wurden! Hab ihn nur noch aus den Ruinen holen können, das arme kleine Ding, mit einem großen Riss auf der Stirn, und beide Eltern tot … und dann erscheint plötzlich Sirius Black auf diesem fliegenden Motorrad, das er damals hatte. Keine Ahnung, was er dort suchte. Ich wusste nicht, dass er der Geheimniswahrer von Lily und James war. Ich dachte, er hat wohl von dem Überfall gehört und will nachsehen, ob er helfen kann. Ganz bleich war er und gezittert hat er. Und wisst ihr, was ich gemacht hab? Ich hab den mörderischen Verräter auch noch getröstet!«, polterte Hagrid.
»Hagrid, bitte!«, sagte Professor McGonagall, »schreien Sie nicht so rum!«
»Wie sollte ich wissen, dass er nicht wegen Lily und James so von der Rolle war? Dem ging es nur um Du-weißt-schon-wen! Und er sagt mir noch: ›Gib Harry mir, Hagrid, ich bin sein Pate, ich kümmere mich um ihn –‹ Ha! Aber ich hatte meine Anweisungen von Dumbledore, und ›nein, Black‹ hab ich gesagt, ›Dumbledore will, dass Harry zu seinen Verwandten kommt‹. Wir haben uns gestritten, aber am Ende hat er nachgegeben. ›Nimm mein Motorrad‹, hat er gesagt, ›und bring Harry dorthin, ich brauch es nicht mehr.‹
Ich hätte wissen müssen, dass da irgendwas faul war. Er war ganz vernarrt in sein Motorrad. Weshalb hat er es mir gegeben? Warum hat er es nicht mehr gebraucht? Tatsache war, es war zu auffällig. Dumbledore wusste, dass er der Geheimniswahrer von Potter war. Black wusste, dass er in dieser Nacht schleunigst verschwinden musste, es war nur eine Frage von Stunden, bis das Ministerium ihm auf den Fersen sein würde.
Aber was, wenn ich ihm Harry gegeben hätte, eh? Ich wette, er hätte ihn draußen über dem Meer vom Motorrad geworfen. Der Sohn seines besten Freundes! Aber wenn ein Zauberer auf die Dunkle Seite überwechselt, gibt es nichts und niemanden, der ihm noch was wert ist …«
Auf Hagrids Geschichte folgte ein langes Schweigen. Dann sagte Madam Rosmerta mit einiger Genugtuung in der Stimme:
»Aber er hat es nicht geschafft zu verschwinden, oder? Das Zaubereiministerium hat ihn am nächsten Tag erwischt!«
»Ach, wenn es so gewesen wäre«, sagte Fudge erbittert. »Es waren nicht wir, die ihn gefunden haben, es war der kleine Peter Pettigrew – auch einer von Potters Freunden. Sicher war er außer sich vor Trauer und wusste, dass Black Potters Geheimnis bewahrt hat, und so hat er auf eigene Faust nach Black gesucht.«
»Pettigrew … dieser dicke kleine Junge, der ihnen in Hogwarts immer hinterhergeschlichen ist?«, fragte Madam Rosmerta.
»Hat Black und Potter wie Helden verehrt«, sagte Professor McGonagall. »Spielte allerdings nie in derselben Liga mit ihnen, was die Begabung angeht. Ich hab ihn öfter etwas scharf angefahren. Sie können sich vorstellen, wie ich – wie ich das heute bedaure …« Sie hörte sich an, als hätte sie plötzlich einen Schnupfen.
»Nimm’s dir nicht so zu Herzen, Minerva«, sagte Fudge aufmunternd. »Pettigrew ist als Held gestorben. Die Augenzeugen – natürlich waren es Muggel, wir haben ihre Erinnerungen später gelöscht –, sie haben uns berichtet, dass Pettigrew Black in die Enge getrieben hatte. Sie sagten, er habe geschluchzt. ›Lily und James, Sirius! Wie konntest du das tun!‹ Und dann hat er nach seinem Zauberstab gegriffen. Nun, natürlich war Black schneller. Hat Pettigrew in Stücke gerissen …«
Professor McGonagall schnäuzte sich und sagte mit belegter Stimme:
»Dummer Junge … einfältiger Junge … er war beim Duellieren immer ein hoffnungsloser Fall … hätte es dem Ministerium überlassen sollen …«
»Ich sag euch«, knurrte Hagrid, »wenn ich Black vor Pettigrew in die Hände gekriegt hätte, ich hätte nicht lange mit dem Zauberstab gefackelt – ich hätte ihm – jedes – Glied – einzeln – vom Körper gerissen.«
»Sie wissen doch nicht, wovon Sie reden, Hagrid«, sagte Fudge scharf. »Keiner außer den dafür geschulten Eingreifzauberern von der Magischen Polizeibrigade hätte eine Chance gegen Black gehabt, als er in die Enge getrieben war. Ich war damals als stellvertretender Minister für Zauberkatastrophen einer der Ersten am Tatort, nachdem Black all diese Menschen ermordet hatte. Ich – ich werde den Anblick nie vergessen. Ich träume heute noch manchmal davon. Ein Krater mitten in der Straße, so tief, dass die Kanalrohre in der Erde aufgerissen waren. Überall Leichen. Schreiende Muggel. Und Black stand da und hat gelacht, vor ihm die Überreste von Pettigrew … ein blutgetränkter Umhang und ein paar – ein paar Fetzen –«
Fudge brach ab. Harry hörte, wie fünf Nasen geschnäuzt wurden.
»Nun, jetzt wissen Sie Bescheid, Rosmerta«, sagte Fudge dumpf. »Black wurde von zwanzig Leuten der Magischen Polizeibrigade abgeführt und Pettigrew hat den Merlin-Orden erhalten, erster Klasse, was wohl seine Mutter ein wenig getröstet hat. Black saß seit diesem Tag in Askaban.«
Madam Rosmerta stieß einen lang gezogenen Seufzer aus.
»Stimmt es, dass er verrückt ist, Minister?«
»Ich wünschte, ich könnte das behaupten«, sagte Fudge bedächtig. »Was ich sicher weiß, ist, dass ihn die Niederlage seines Meisters für einige Zeit aus der Bahn geworfen hat. Der Mord an Pettigrew und all den Muggeln war die Tat eines in die Enge getriebenen und verzweifelten Mannes – grausam … sinnlos. Aber bei meiner letzten Inspektion in Askaban habe ich Black getroffen. Wissen Sie, die meisten Gefangenen dort sitzen im Dunkeln und murmeln vor sich hin, sie haben den Verstand verloren … aber ich war erschrocken, wie normal Black schien. Er hat ganz vernünftig mit mir gesprochen. Es war unheimlich. Man hätte meinen können, er langweile sich nur – hat mich ganz gelassen gefragt, ob ich meine Zeitung ausgelesen hätte, er würde nämlich gern das Kreuzworträtsel lösen. Ja, ich war erstaunt, wie wenig Wirkung die Dementoren auf ihn zu haben schienen – und er war einer der am schärfsten bewachten Gefangenen, müssen Sie wissen. Tag und Nacht standen sie vor seiner Zelle.«
»Aber was, glauben Sie, hat er jetzt nach seiner Flucht vor?«, fragte Madam Rosmerta. »Meine Güte, Minister, er will sich doch nicht etwa wieder Du-weißt-schon-wem anschließen?«
»Ich würde sagen, das – ähm – ist möglicherweise Blacks Absicht«, sagte Fudge ausweichend. »Aber wir hoffen, dass wir ihn schon bald fassen werden. Ich muss sagen, Du-weißt-schon-wer allein und ohne Freunde ist das eine … aber gewinnt er seinen ergebensten Gefolgsmann zurück, dann schaudert mir bei dem Gedanken, wie schnell er wieder an die Macht gelangen könnte …«
Es gab ein leises Klingen. Jemand hatte sein Glas auf dem Tisch abgestellt.
»Wissen Sie, Cornelius, wenn Sie mit dem Direktor zu Abend essen, sollten wir jetzt besser zurück ins Schloss«, sagte Professor McGonagall.
Ein Fußpaar nach dem anderen kam in Bewegung; Umhangsäume schwangen an Harrys Augen vorbei und Madam Rosmertas glitzernde Stöckelschuhe verschwanden hinter der Bar. Die Tür zu den Drei Besen öffnete sich, erneut wirbelten Schneeflocken herein und die Lehrer verschwanden.
»Harry?«
Die Gesichter von Ron und Hermine erschienen unter der Tischkante. Sie starrten Harry an und brachten kein Wort heraus.
Der Feuerblitz
Harry wusste nicht genau, wie er es geschafft hatte, in den Keller des Honigtopfes, dann durch den Tunnel und wieder zurück ins Schloss zu gelangen. Jedenfalls kam es ihm vor, als hätte er den Rückweg im Nu zurückgelegt, und er hatte nicht so recht darauf geachtet, was er eigentlich tat, denn in seinem Kopf schwirrten noch die Worte des Gesprächs, das er soeben mit angehört hatte.
Warum hatte es ihm keiner gesagt? Dumbledore, Hagrid, Mr Weasley, Cornelius Fudge … warum hatte keiner je erwähnt, dass Harrys Eltern gestorben waren, weil ihr bester Freund sie verraten hatte?
Ron und Hermine warfen Harry während des Abendessens ständig nervöse Blicke zu, doch über das Gehörte zu sprechen trauten sie sich nicht, weil Percy ganz in der Nähe saß. Als sie nach oben gingen, stellten sie fest, dass Fred und George in einem Anfall von Vorfreude auf die Ferien ein halbes Dutzend Stinkbomben in den dicht besetzten Gemeinschaftsraum geworfen hatten. Harry wollte vermeiden, dass Fred und George neugierig fragten, ob er nach Hogsmeade durchgekommen war. Er stahl sich hoch in den leeren Schlafsaal und ging geradewegs auf seine Kommode zu. Er räumte die Bücher beiseite und fand rasch, wonach er suchte – das in Leder gebundene Fotoalbum, das ihm Hagrid vor zwei Jahren geschenkt hatte, voller Zauberfotos seiner Mutter und seines Vaters. Er setzte sich aufs Bett, zog die Vorhänge zu und blätterte suchend die Seiten durch, bis …
Bei einem Bild von der Hochzeit seiner Eltern hielt er inne. Da stand sein Vater mit dem widerborstigen, in alle Himmelsrichtungen abstehenden tiefschwarzen Haar, das Harry geerbt hatte, und winkte ihm strahlend zu. Und da war seine Mutter, Arm in Arm mit seinem Vater, und sie schwebte fast vor Glück. Und da … das musste er sein. Der Trauzeuge seiner Eltern … Harry hatte noch nie einen Gedanken an ihn verschwendet.
Wenn er nicht gewusst hätte, dass es Black war, wäre er anhand dieses alten Fotos nie darauf gekommen. Sein Gesicht war nicht eingesunken und wächsern, sondern hübsch, und er lachte herzlich. Arbeitete er schon damals, als dieses Bild aufgenommen wurde, für Voldemort? Plante er bereits den Tod der beiden Menschen an seiner Seite? War ihm klar, dass ihm zwölf Jahre in Askaban bevorstanden, zwölf Jahre, die ihn bis zur Unkenntlichkeit entstellen würden?
Aber die Dementoren können ihm nichts anhaben, dachte Harry und starrte in das hübsche, lachende Gesicht. Er hört ja schließlich nicht meine Mutter schreien, wenn sie in die Nähe kommen –
Harry klappte das Album zu, beugte sich über das Bett und stellte es zurück in seine Kommode. Er legte den Umhang und die Brille ab und stieg ins Bett, doch zuvor überzeugte er sich davon, dass die Vorhänge zugezogen waren und ihn verbargen.
Die Schlafsaaltür ging auf.
»Harry?«, sagte Ron unsicher.
Doch Harry rührte sich nicht und tat, als ob er schliefe. Er hörte, wie Ron wieder hinausging, und drehte sich dann auf den Rücken, die Augen weit geöffnet.
Ein Hass, wie er ihn noch nie gespürt hatte, durchströmte Harry wie Gift. Er sah Black vor sich, wie er ihn in der Dunkelheit auslachte, als ob jemand das Bild aus dem Album über seine Augen gelegt hätte. Und als ob ihm jemand einen Filmausschnitt zeigte, sah er, wie Sirius Black Peter Pettigrew (der Neville Longbottom ähnelte) in tausend Stücke sprengte. Er hörte (auch wenn er keine Ahnung hatte, wie Blacks Stimme klingen mochte) ein leises, begeistertes Murmeln. »Es ist geschehen, mein Meister … die Potters haben mich zu ihrem Geheimniswahrer gemacht …« Und dann erklang eine andere Stimme, schrill lachend, und es war dieses Lachen, das Harry durch den Kopf ging, wenn die Dementoren näher kamen …
»Harry, du – du siehst schrecklich aus.«
Harry hatte erst in der Morgendämmerung Schlaf gefunden. Als er schließlich aufwachte, war der Schlafsaal verlassen; er zog sich an und stieg die Wendeltreppe hinunter in den Gemeinschaftsraum, wo nur Ron saß, der eine Pfefferminzkröte aß und sich den Bauch rieb, und Hermine, die ihre Hausaufgaben über drei Tische ausgebreitet hatte.
»Wo sind sie denn alle?«, fragte Harry.
»Nach Hause! Heute ist der erste Ferientag, weißt du nicht mehr?«, sagte Ron und musterte Harry mit scharfem Blick. »Bald gibt’s Mittagessen, ich wollte eben nach oben gehen und dich wecken.«
Harry ließ sich in einen Sessel am Feuer fallen. Draußen vor den Fenstern fiel immer noch Schnee. Krummbein lag vor dem Kamin ausgestreckt wie ein großer rostroter Teppichvorleger.
»Du siehst wirklich nicht gut aus«, sagte Hermine und sah ihn besorgt an.
»Mir geht’s gut«, sagte Harry.
»Hör zu, Harry«, sagte Hermine und tauschte einen Blick mit Ron, »du musst wirklich ziemlich durcheinander sein wegen gestern. Aber du darfst auf keinen Fall eine Dummheit begehen.«
»Was denn zum Beispiel?«, sagte Harry.
»Zum Beispiel Black jagen«, sagte Ron scharf.
Harry war sonnenklar, dass sie dieses Gespräch geübt hatten, während er geschlafen hatte. Er sagte nichts.
»Das wirst du nicht tun, oder, Harry?«, sagte Hermine.
»Weil Black es nicht wert ist, dass du seinetwegen stirbst«, sagte Ron.
Harry sah sie an. Sie schienen überhaupt nichts zu begreifen.
»Wisst ihr, was ich jedes Mal, wenn ein Dementor in meine Nähe kommt, sehe und höre?« Ron und Hermine schüttelten die Köpfe und warteten gespannt. »Ich kann hören, wie meine Mutter schreit und Voldemort anfleht. Und wenn ihr eure Mutter so hättet schreien hören, kurz bevor sie umgebracht wurde, dann würdet ihr es nicht so schnell vergessen. Und wenn ihr herausgefunden hättet, dass jemand, der angeblich ihr Freund war, sie verraten und ihr Voldemort auf den Hals gehetzt hätte –«
»Aber daran kannst du doch nichts ändern!«, sagte Hermine, die sehr mitgenommen aussah. »Die Dementoren werden Black fangen und ihn nach Askaban zurückbringen – geschieht ihm recht!«
»Ihr habt gehört, was Fudge gesagt hat. Askaban setzt Black nicht dermaßen zu wie normalen Menschen. Für ihn ist die Strafe nicht so schlimm wie für andere.«
»Also, was willst du damit sagen?«, sagte Ron angespannt. »Willst du etwa – Black umbringen, Harry?«
»Red keinen Unsinn«, sagte Hermine mit einem Anflug von Panik in der Stimme. »Harry will niemanden umbringen, oder, Harry?«
Wieder antwortete Harry nicht. Er wusste nicht, was er tun wollte. Er wusste nur, dass er die Vorstellung, nichts zu unternehmen, während Black in Freiheit war, fast nicht ertragen konnte.
»Malfoy weiß es«, sagte er plötzlich. »Wisst ihr noch, was er in Zaubertränke gesagt hat? ›Ich an deiner Stelle würde ihn selbst jagen … ich wollte Rache.‹«
»Willst du etwa auf Malfoys Rat hören statt auf unseren?«, sagte Ron zornig. »Hör zu … Weißt du, was Pettigrews Mutter bekommen hat, nachdem Black ihn erledigt hatte? Dad hat es mir erzählt – den Merlin-Orden, erster Klasse, und einen Finger ihres Sohnes in einer Schachtel. Das war das größte Stück von ihm, das sie finden konnten. Black ist wahnsinnig, Harry, und er ist gefährlich –«
»Malfoys Vater muss es ihm erzählt haben«, sagte Harry, ohne auf Ron zu achten.
»Er war im engsten Kreis um Voldemort –«
»Nenn ihn gefälligst Du-weißt-schon-wer«, warf Ron unwirsch ein.
»– also wussten die Malfoys offensichtlich, dass Black für Voldemort arbeitete –«
»– und Malfoy würde es liebend gern sehen, wenn du auch in eine Million Stücke zerfetzt wirst, wie Pettigrew! Begreif doch, Malfoy wartet doch nur darauf, dass du dich umbringen lässt, bevor er im Quidditch gegen dich spielen muss.«
»Harry, bitte«, sagte Hermine und in ihren Augen glitzerten jetzt Tränen, »bitte sei vernünftig. Black hat etwas Schreckliches, etwas Abscheuliches getan, aber bring dich nicht selbst in Gefahr, das will Black doch gerade … o Harry, du würdest Black doch direkt in die Hände spielen, wenn du nach ihm suchen würdest. Deine Mum und dein Dad würden nicht wollen, dass er dir etwas antut, oder? Sie würden nie und nimmer wollen, dass du ihn suchst!«
»Ich werde nie wissen, was sie gewollt hätten, denn dank Black habe ich nie mit ihnen gesprochen«, sagte Harry barsch.
Stille trat ein. Krummbein reckte sich genüsslich und fuhr seine Krallen aus. In Rons Tasche zitterte es.
»Sieh mal«, sagte Ron, offenbar auf der Suche nach einem anderen Thema, »wir haben Ferien! Bald ist Weihnachten! Lass uns – lass uns runtergehen und bei Hagrid reinschauen, wir haben ihn schon seit Ewigkeiten nicht mehr besucht.«
»Nein!«, warf Hermine rasch ein, »Harry darf das Schloss nicht verlassen, Ron –«
»Ja, lasst uns gehen«, sagte Harry und richtete sich auf, »dann kann ich ihn fragen, wieso er Black immer ausgelassen hat, als er mir alles über meine Eltern erzählte.«
Schon wieder wegen Sirius Black zu streiten war natürlich nicht Rons Absicht gewesen.
»Oder wir könnten eine Partie Schach spielen«, sagte er hastig, »oder Koboldstein, Percy hat ein Spiel dagelassen –«
»Nein, wir besuchen Hagrid«, sagte Harry bestimmt.
So holten sie ihre Umhänge aus den Schlafsälen, kletterten durch das Porträtloch (»Stellt euch und kämpft, ihr gelbbäuchigen Bastarde«), stiegen ins verlassene Schloss hinunter und traten durch die Eichenportale hinaus ins Freie.
Langsam schlurften sie über den Rasen und zogen einen flachen Graben im glitzernden Pulverschnee; ihre Socken und Umhangsäume waren durchnässt und mit Eiskrusten übersät. Der Verbotene Wald kam ihnen vor, als wäre er verzaubert, alle Bäume glänzten silbern und Hagrids Hütte sah aus wie ein Stück glacierter Kuchen.
Ron klopfte, doch es kam keine Antwort.
»Er ist doch nicht etwa draußen?«, sagte Hermine, die unter ihrem Umhang bibberte.
Doch Ron presste bereits ein Ohr an die Tür.
»Da ist so ein komisches Geräusch«, sagte er. »Hört mal – ist das vielleicht Fang?«
Auch Harry und Hermine legten die Ohren an die Tür. Von drinnen hörten sie ein leises, bebendes Stöhnen.
»Meint ihr, wir sollten besser jemanden holen?«, sagte Ron nervös.
»Hagrid!«, rief Harry und hämmerte gegen die Tür. »Hagrid, bist du da?«
Sie hörten schwere Schritte, dann ging quietschend die Tür auf. Hagrid stand vor ihnen mit roten und verschwollenen Augen; Tränen liefen an seiner Lederweste herunter.
»Ihr habt also doch davon gehört!«, polterte er und warf sich jählings Harry um den Hals.
Bei Hagrid, der mindestens doppelt so groß war wie ein normaler Mensch, war dies nicht zum Lachen. Schon knickte Harry unter Hagrids Last ein. Ron und Hermine kamen zu seiner Rettung, packten Hagrid an den Armen und hievten ihn mit Harrys Hilfe zurück in die Hütte. Hagrid ließ es zu, dass sie ihn zu einem Stuhl bugsierten. Er sackte über dem Tisch zusammen und fing haltlos an zu schluchzen; sein Gesicht glitzerte von Tränen, die auf seinen krausen Bart tropften.
»Hagrid, was ist denn los?«, fragte Hermine vollkommen baff.
Erst jetzt bemerkte Harry einen amtlich wirkenden Brief aufgefaltet auf dem Tisch liegen.
»Was ist das, Hagrid?«
Hagrid begann noch heftiger zu schluchzen, doch er schob Harry den Brief zu. Der hob ihn hoch und las vor:
Sehr geehrter Mr Hagrid,
im Zuge unserer Untersuchung des Angriffs eines Hippogreifs auf einen Schüler in Ihrem Unterricht vertrauen wir der Versicherung Professor Dumbledores, dass Sie für den bedauerlichen Zwischenfall keine Verantwortung tragen.
»Na also, Hagrid, ist doch gut!«, sagte Ron und klatschte Hagrid auf die Schulter. Doch Hagrid schluchzte nur und mit seiner Riesenpranke gestikulierend bedeutete er Harry, den Brief weiterzulesen.
Allerdings müssen wir unsere Besorgnis über den fraglichen Hippogreif zum Ausdruck bringen. Wir haben beschlossen, die offizielle Beschwerde von Mr Lucius Malfoy zu unterstützen, und übergeben die Angelegenheit daher dem Ausschuss für die Beseitigung gefährlicher Geschöpfe. Die Anhörung findet am 20. April statt und wir bitten Sie, sich an diesem Tag mit Ihrem Hippogreif in den Amtsräumen des Ausschusses in London einzufinden. In der Zwischenzeit muss der Hippogreif von den anderen Tieren abgesondert und angebunden werden.
Mit kollegialen Grüßen …
Es folgte eine Liste der Schulbeiräte.
»Oh«, sagte Ron. »Aber du hast gesagt, Seidenschnabel ist kein schlechter Hippogreif, Hagrid. Ich wette, er kommt davon –«
»Du kennst diese Widerlinge in diesem Ausschuss nicht!«, würgte Hagrid hervor und wischte sich das Gesicht mit dem Ärmel. »Die haben’s auf interessante Geschöpfe abgesehen!«
Ein plötzliches Geräusch von hinten ließ Harry, Ron und Hermine herumfahren. Seidenschnabel, der Hippogreif, lag in einer Ecke der Hütte und hackte auf etwas herum, aus dem Blut über den ganzen Boden sickerte.
»Ich konnte ihn doch nicht angebunden draußen im Schnee lassen«, schluchzte Hagrid. »Ganz alleine! Und an Weihnachten!«
Harry, Ron und Hermine sahen sich an. Sie hatten mit Hagrid nie ernsthaft über die »interessanten Geschöpfe« gesprochen, wie er sie nannte, während andere Leute von »schrecklichen Monstern« sprachen. Andererseits schien von Seidenschnabel keine besondere Gefahr auszugehen. Und wenn sie an Hagrids andere Monster dachten, wirkte er sogar ganz niedlich.
»Du musst dir eine gute und starke Verteidigung einfallen lassen, Hagrid«, sagte Hermine, während sie sich setzte und die Hand auf Hagrids massigen Unterarm legte. »Ich bin sicher, du kannst beweisen, dass Seidenschnabel ganz harmlos ist.«
»Das macht auch kein’ Unterschied«, jammerte Hagrid. »Diese Teufel vom Beseitigungsausschuss, die hat Lucius Malfoy doch alle in der Tasche! Haben Angst vor ihm! Und wenn ich bei der Anhörung verliere, wird Seidenschnabel –«
Hagrid fuhr flink mit dem Finger über seinen Hals, dann brach er in lautes Wehklagen aus und ließ seinen Kopf auf die Arme fallen.
»Was ist mit Dumbledore, Hagrid?«, sagte Harry.
»Der hat schon viel zu viel für mich getan«, stöhnte Hagrid. »Hat genug Scherereien, muss diese Dementoren vom Schloss fernhalten, und dazu kommt noch Sirius Black, der hier rumschleicht –«
Ron und Hermine warfen Harry einen raschen Blick zu, als ob sie erwarteten, er würde Hagrid ausschelten, weil er ihm nicht die Wahrheit über Black gesagt hatte. Doch Harry brachte es nicht über sich, nicht jetzt, da er Hagrid so bedrückt und verängstigt vor sich sah.
»Hör zu, Hagrid«, sagte er, »Hermine hat Recht. Du darfst nicht aufgeben, du brauchst nur eine gute Verteidigung. Du kannst uns als Zeugen aufrufen –«
»Ich bin mir fast sicher, dass ich mal von einem Rechtsstreit wegen einer Hippogreif-Quälerei gelesen habe«, sagte Hermine nachdenklich, »und der Hippogreif ist davongekommen. Ich schlag’s für dich nach, Hagrid, und seh mir an, was da genau passiert ist.«
Hagrid heulte nur noch lauter. Harry und Hermine wandten sich Hilfe suchend an Ron.
»Ähm – soll ich ’ne Tasse Tee machen?«
Harry starrte ihn an.
»Das tut meine Mum auch immer, wenn jemand durcheinander ist«, murmelte Ron schulterzuckend.
Endlich, nachdem sie Hagrid noch viele Male ihre Hilfe versprochen hatten und er eine dampfende Tasse Tee vor sich hatte, schnäuzte er sich mit einem tischtuchgroßen Taschentuch und sagte:
»Ihr habt Recht, ich kann hier nicht einfach in Grund und Boden versinken. Muss mich zusammenreißen …«
Fang, der Saurüde, kroch schüchtern unter dem Tisch hervor und legte den Kopf auf Hagrids Knie.
»War in letzter Zeit einfach nicht mehr der Alte«, sagte Hagrid und streichelte Fang mit einer Hand und wischte sich das Gesicht mit der andern. »Mach mir Sorgen wegen Seidenschnabel und dass keiner meinen Unterricht mag –«
»Wir finden ihn gut!«, log Hermine sofort.
»Ja, ist wirklich toll!«, sagte Ron und kreuzte dabei die Finger unter dem Tisch. »Ähm – wie geht’s den Flubberwürmern?«
»Tot«, sagte Hagrid düster. »Zu viel Salat.«
»O nein!«, sagte Ron mit zuckenden Lippen.
»Und bei diesen Dementoren wird mir ganz übel, könnt ihr glauben«, sagte Hagrid unter jähem Schaudern. »Muss jedes Mal an denen vorbei, wenn ich in den Drei Besen einen trinken will. Als ob ich wieder in Askaban wäre –«
Er verfiel in Schweigen und nahm nur noch hin und wieder einen Schluck Tee. Harry, Ron und Hermine starrten ihn atemlos gespannt an. Nie hatte er ihnen von seiner kurzen Haft in Askaban erzählt. Nach einer Weile sagte Hermine schüchtern:
»Ist es schlimm dort, Hagrid?«
»Du hast ja keine Ahnung«, sagte Hagrid leise. »Hab noch nie so was erlebt. Dachte, ich würde verrückt. Ständig ging mir fürchterliches Zeugs durch den Kopf … der Tag, an dem sie mich aus Hogwarts rausgeworfen haben … der Tag, an dem mein Dad gestorben ist … der Tag, an dem ich Norbert gehen lassen musste …«
Seine Augen füllten sich mit Tränen. Norbert war das Drachenbaby, das Hagrid einst beim Kartenspiel gewonnen hatte.
»Du weißt nach ’ner Zeit nicht mehr, wer du bist. Und du weißt nicht mehr, warum du überhaupt noch leben sollst. Ich hab immer gehofft, ich würd einfach im Schlaf sterben … als sie mich rausgelassen haben, war es, als wär ich neugeboren, alles kam wieder auf mich eingeströmt, es war das schönste Gefühl der Welt. Aber ich sag euch, die Dementoren waren gar nicht begeistert davon, dass sie mich gehen lassen mussten.«
»Aber du warst unschuldig!«, sagte Hermine.
Hagrid schnaubte.
»Glaubt ihr, das spielt für die ’ne Rolle? Ist ihnen schnurzegal. Solange ein paar Hundert Menschen dort um sie her festsitzen und sie ihnen alles Glück aussaugen können, schert es sie keinen Deut, wer schuldig ist und wer nicht.«
Hagrid verstummte einen Moment und starrte in seinen Tee. Dann sagte er leise:
»Dachte, ich lass Seidenschnabel einfach frei … vielleicht krieg ich ihn dazu, fortzufliegen … Aber wie erklärst du einem Hippogreif, dass er sich verstecken muss? Und – und ich hab Angst, das Gesetz zu brechen …« Er sah sie an und wieder rannen Tränen über seine Wangen. »Ich will nie mehr zurück nach Askaban.«
Der Besuch bei Hagrid war zwar nicht gerade lustig gewesen, doch er hatte die Wirkung, die Ron und Hermine erhofft hatten. Obwohl Harry Black keineswegs vergessen hatte, konnte er nicht ständig über Rache nachbrüten, wenn er Hagrid in seiner Sache gegen den Ausschuss für die Beseitigung gefährlicher Geschöpfe helfen wollte. Am nächsten Tag gingen er, Ron und Hermine in die Bibliothek und kehrten mit den Armen voller Bücher in den leeren Gemeinschaftsraum zurück. Vielleicht stand etwas Hilfreiches für die Verteidigung Seidenschnabels drin. Alle drei setzten sich vor das prasselnde Feuer und blätterten langsam durch die Seiten der verstaubten Bände über berühmte Fälle wild gewordener Biester. Nur gelegentlich wechselten sie ein paar Worte, wenn sie auf etwas Wichtiges stießen.
»Hier ist was … im Jahr 1722 gab es einen Fall … aber der Hippogreif wurde verurteilt – urrgh, schaut mal, was sie mit ihm gemacht haben, das ist ja abscheulich –«
»Das hilft uns vielleicht weiter, seht mal – im Jahr 1296 hat ein Mantikor jemanden zerfleischt und sie haben ihn freigelassen – oh – nein, das war nur, weil sie alle zu viel Angst hatten und keiner sich in seine Nähe traute …«
Unterdessen war das Schloss wie immer herrlich weihnachtlich geschmückt worden, auch wenn kaum Schüler dageblieben waren, die sich darüber freuen konnten. Dicke Büschel aus Stechpalmenzweigen und Misteln zogen sich die Korridore entlang, aus den Rüstungen leuchteten geheimnisvolle Lichter und in der Großen Halle prangten die üblichen zwölf Weihnachtsbäume, an denen goldene Sterne glitzerten. Ein überwältigender und leckerer Geruch aus den Küchen wehte durch die Korridore und am Weihnachtsabend war er so stark geworden, dass selbst Krätze die Nase aus Rons schützender Tasche herausstreckte und hoffnungsvoll schnupperte.
Am Weihnachtsmorgen weckte Ron Harry, indem er ihm ein Kissen an den Kopf warf.
»Hallo! Geschenke!«
Harry tastete nach seiner Brille und setzte sie auf, dann schaute er durch das Halbdunkel zum Bettende, wo ein kleiner Haufen Päckchen lag. Ron war schon dabei, das Papier von seinen Geschenken zu reißen.
»Noch ein Pulli von Mum … wieder kastanienbraun … sieh nach, ob du auch einen hast.«
Harry hatte. Mrs Weasley hatte ihm einen scharlachroten Pulli geschickt, den Gryffindor-Löwen auf die Brust gestickt, zusammen mit einem Dutzend selbst gebackener Weihnachtspasteten, einem Stück Weihnachtskuchen und einer Schachtel Nusskrokant. Als er all diese Sachen beiseiteschob, sah er ein langes, schmales Paket darunter liegen.
»Was ist das?«, fragte Ron, der mit einem frisch ausgepackten Paar kastanienbrauner Socken in der Hand zu ihm herübersah.
»Keine Ahnung …«
Harry riss das Päckchen auf und erstarrte mit offenem Mund, als ein prächtiger schimmernder Besen auf seine Bettdecke rollte. Ron ließ die Socken fallen und sprang vom Bett, um sich die Sache näher anzusehen.
»Ich fass es nicht«, sagte er mit rauer Stimme.
Es war ein Feuerblitz, der gleiche wie der Traumbesen, den sich Harry Tag für Tag in der Winkelgasse angesehen hatte. Der Stiel glänzte, als er ihn hochhielt. Er spürte ihn vibrieren und ließ ihn los; er blieb mitten in der Luft schweben, ohne Halt, auf genau der richtigen Höhe, um ihn besteigen zu können. Harrys Augen wanderten von der goldenen Seriennummer an der Spitze des Stiels hinüber zu den vollkommen glatten, stromlinienförmig gestutzten Birkenzweigen, die den Schweif bildeten.
»Wer hat dir den geschickt?«, fragte Ron mit andächtiger Stimme.
»Schau nach, ob irgendwo eine Karte rumliegt«, sagte Harry.
Ron zerriss die Verpackung des Feuerblitzes.
»Nichts! Meine Güte, wer sollte denn so viel Gold für dich ausgeben?«
»Nun«, sagte Harry völlig verdutzt, »ich wette jedenfalls, dass es nicht die Dursleys waren.«
»Ich wette, es war Dumbledore«, sagte Ron, der jetzt Runde um Runde um den Feuerblitz drehte und jeden herrlichen Zentimeter genüsslich betrachtete. »Er hat dir auch den Tarnumhang anonym geschickt …«
»Der gehörte allerdings meinem Dad«, sagte Harry. »Dumbledore hat ihn nur an mich weitergegeben. Er würde nicht Hunderte von Galleonen für mich ausgeben. Das kann er einfach nicht machen, seinen Schülern solche Sachen schenken –«
»Deshalb sagt er ja nicht, dass es von ihm ist!«, sagte Ron, »damit so ’n Dödel wie Malfoy nicht sagen kann, er würde dich bevorzugen. Hei, Harry –«, Ron lachte schallend auf, »Malfoy! Warte, bis er dich auf dem Besen sieht! Dem wird speiübel werden! Dieser Besen ist nach internationalem Standard gebaut, sag ich dir!«
»Ich kann’s einfach nicht glauben«, murmelte Harry und fuhr mit der Hand über den Feuerblitz, während Ron auf Harrys Bett sank und sich dumm und dusselig lachte beim Gedanken an Malfoy. »Wer –?«
»Ich weiß«, sagte Ron und gab sich einen Ruck. »Ich weiß, wer es sein könnte – Lupin!«
»Was?«, sagte Harry und fing jetzt selbst an zu lachen. »Lupin? Hör mal, wenn der so viel Gold hätte, könnte er sich doch einen neuen Umhang zulegen.«
»Ja, schon, aber er mag dich«, sagte Ron. »Und er war nicht da, als dein Nimbus zu Bruch ging, und hat vielleicht davon gehört und beschlossen, dir in der Winkelgasse den Besen zu –«
»Was meinst du damit, er war nicht da?«, sagte Harry. »Er war krank, als wir dieses Spiel hatten.«
»Jedenfalls war er nicht im Krankenflügel«, sagte Ron. »Ich war nämlich da und hab die Bettpfannen geputzt, du weißt doch, diese Strafarbeit von Snape?«
Harry sah Ron stirnrunzelnd an.
»Ich glaub nicht, dass Lupin sich so etwas leisten kann.«
»Worüber lacht ihr beide denn?«
Hermine war in ihrem Morgenmantel und mit Krummbein auf dem Arm hereingekommen. Der Kater schien über sein Halsband aus Lametta nicht gerade erfreut und schaute grantig aus den Augen.
»Bring ihn bloß nicht hier rein!«, sagte Ron, wühlte rasch in den Untiefen seines Bettes nach Krätze und verstaute ihn in seiner Schlafanzugjacke. Doch Hermine achtete nicht auf ihn. Sie ließ Krummbein auf das leere Bett von Seamus fallen und starrte mit offenem Mund auf den Feuerblitz.
»O Harry! Wer hat dir den denn geschenkt?«
»Keine Ahnung«, sagte Harry. »War keine Karte oder so was dabei.«
Zu seiner großen Verwunderung schien Hermine von dieser Mitteilung weder besonders überrascht noch begeistert. Im Gegenteil, sie zog eine Schnute und biss sich auf die Lippen.
»Was ist los mit dir?«, fragte Ron.
»Ich weiß nicht«, sagte sie langsam, »aber es ist ein wenig merkwürdig, oder? Das ist doch angeblich ein ziemlich guter Besen, oder?«
Ron seufzte ungehalten.
»Das ist der beste Besen, den es gibt, Hermine«, sagte er.
»Also muss er ziemlich teuer gewesen sein …«
»Hat wahrscheinlich mehr gekostet als alle Besen der Slytherins zusammen«, sagte Ron ausgelassen.
»Na also … wer würde Harry etwas so Teures schicken und nicht einmal seinen Namen verraten?«, sagte Hermine.
»Wen kümmert das?«, sagte Ron ungeduldig. »Hör mal, Harry, kann ich ihn kurz ausfliegen?«
»Ich glaube nicht, dass einer von euch gerade jetzt mit diesem Besen fliegen sollte!«, sagte Hermine schrill.
Harry und Ron starrten sie an.
»Was, glaubst du, soll Harry damit anfangen – den Boden fegen?«, sagte Ron.
Doch bevor Hermine antworten konnte, sprang Krummbein von Seamus’ Bett herüber und warf sich mit ausgefahrenen Krallen auf Rons Brust.
»Schmeiß – das – Biest – hier – raus!«, brüllte Ron, während Krummbein seinen Schlafanzug zerfetzte und Krätze einen verzweifelten Fluchtversuch über seine Schultern unternahm. Ron packte Krätze am Schwanz und trat mit dem Fuß nach Krummbein, jedoch vergeblich, denn er traf nur den Koffer am Fuß von Harrys Bett. Der Koffer kippte um und Ron hopste jaulend vor Schmerz auf einem Fuß durch das Zimmer.
Plötzlich sträubte sich Krummbeins Fell. Ein schrilles, blechernes Pfeifen erfüllte den Raum. Das Taschenspickoskop war aus Onkel Vernons alten Socken gekullert und lag jetzt surrend und blitzend auf dem Boden.
»Das hab ich ganz vergessen!«, sagte Harry, bückte sich und hob das Spickoskop auf. »Diese Socken trag ich möglichst nie …«
Das Spickoskop surrte und pfiff in seiner Hand. Krummbein starrte es fauchend an.
Ron saß auf Harrys Bett und rieb sich den Zeh. »Den Kater bringst du jetzt besser raus, Hermine«, sagte er wütend. »Kannst du dieses Ding nicht abstellen?«, fügte er an Harry gewandt hinzu, während Hermine mit Krummbein, dessen gelbe Augen immer noch heimtückisch auf Ron gerichtet waren, mit erhobenem Haupt hinausmarschierte.
Harry stopfte das Spickoskop zurück in die Socken und warf es in seinen Koffer. Alles, was man jetzt noch hören konnte, waren Rons gestöhnte Schmerzens- und Wutbekundungen. Krätze rollte sich in Rons Händen ein. Harry hatte die Ratte schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen, und er war unangenehm überrascht, dass sie, einst so fett, jetzt ganz abgemagert war; auch schienen ihr ganze Büschel Fell ausgefallen zu sein.
»Sieht nicht besonders gesund aus, oder?«, sagte Harry.
»Das ist die Aufregung!«, sagte Ron. »Wenn dieser blöde Riesenmuff ihn nur in Ruhe lassen würde, ging’s ihm besser!«
Doch Harry, der noch wusste, dass die Frau in der Magischen Menagerie gesagt hatte, Ratten lebten nur drei Jahre, beschlich die ungute Ahnung, dass Krätze, wenn er nicht bald mit Kräften aufwartete, die er bisher verborgen hatte, das Ende seines Lebens erreicht hatte. Und trotz Rons ständiger Beschwerden, dass Krätze langweilig und nutzlos sei, war er sicher, dass Ron sehr traurig sein würde, wenn Krätze tot wäre.
Weihnachtlicher Geist war an diesem Morgen im Gemeinschaftsraum der Gryffindors gewiss nicht übermäßig zu spüren. Hermine hatte Krummbein in ihrem Schlafsaal eingeschlossen, war jedoch sauer auf Ron, weil er nach ihm getreten hatte. Ron rauchte immer noch vor Zorn wegen Krummbeins neuerlichem Versuch, Krätze zu verspeisen. Harry gab die Hoffnung auf, er könnte die beiden dazu bringen, sich wieder zu versöhnen, und wandte sich dem Feuerblitz zu, den er mit in den Gemeinschaftsraum genommen hatte. Aus irgendeinem Grund schien sich Hermine auch darüber zu ärgern; sie sagte nichts, warf jedoch ständig missmutige Blicke auf den Besen, als ob auch er ihren Kater bekrittelt hätte.
Zum Mittagessen gingen sie hinunter in die Große Halle. Die Tische der vier Häuser waren erneut an die Wände gerückt worden und ein einziger Tisch, gedeckt für zwölf, stand in der Mitte. Die Professoren Dumbledore, McGonagall, Snape, Sprout und Flitwick saßen da, zusammen mit Filch, dem Hausmeister, der seine übliche braune Jacke abgelegt hatte und einen sehr alten und recht mottenzerfressen aussehenden Frack trug. Es waren nur noch drei andere Schüler da, zwei äußerst aufgeregt wirkende Erstklässler und ein schmollgesichtiger Fünftklässler von den Slytherins.
»Fröhliche Weihnachten!«, sagte Dumbledore, als Harry, Ron und Hermine auf den Tisch zukamen. »Da wir so wenige sind, schien es mir albern, die Haustische zu nehmen … setzt euch, setzt euch!«
Harry, Ron und Hermine setzten sich nebeneinander an das eine Ende des Tisches.
»Knallbonbons!«, sagte Dumbledore begeistert und bot Snape die Verschnürung eines großen silbernen Bonbons an. Snape packte es zögernd und zog daran. Laut wie ein Pistolenknall flog das Knallbonbon auseinander und es erschien ein großer spitzer Hexenhut, auf dem ein ausgestopfter Geier saß.
Harry, dem die Geschichte mit dem Irrwicht einfiel, fing Rons Blick auf und beide grinsten; Snape presste die Lippen zusammen und schob den Hut zu Dumbledore hinüber, der ihn sofort anstelle seines Zaubererhuts aufsetzte.
»Haut rein!«, wies er die Tischgesellschaft an und strahlte in die Runde.
Während sich Harry Bratkartoffeln auftat, öffneten sich erneut die Türen der Großen Halle. Es war Professor Trelawney, die wie auf Rädern zu ihnen herübergeglitten kam. Zur festlichen Gelegenheit hatte sie ein grünes, silbern besticktes Kleid angezogen, das sie mehr denn je wie eine glitzernde, übergroße Libelle aussehen ließ.
»Sybill, das ist ja eine angenehme Überraschung!«, sagte Dumbledore und erhob sich.
»Ich habe in die Kristallkugel geschaut, Direktor«, sagte Professor Trelawney mit ihrer rauchigsten, unirdischsten Stimme, »und zu meiner Verwunderung sah ich, wie ich mein einsames Mahl stehen ließ und mich Ihnen anschloss. Sollte ich denn die Winke des Schicksals missachten? Auf der Stelle verließ ich meinen Turm und ich bitte Sie inständig, die Verspätung zu entschuldigen …«
»Aber gewiss, gewiss«, sagte Dumbledore mit funkelnden Augen. »Lassen Sie mich einen Stuhl für Sie zeichnen –«
Und tatsächlich zeichnete er mit dem Zauberstab einen Stuhl in die Luft, der sich ein paar Sekunden drehte und dann mit einem dumpfen Knall zwischen die Professoren Snape und McGonagall fiel. Professor Trelawney jedoch setzte sich nicht; ihre riesigen Augen waren am Tisch entlanggewandert und plötzlich stieß sie einen gedämpften Schrei aus.
»Ich wage es nicht, Direktor! Wenn ich mich dazusetze, sind wir dreizehn! Nichts bringt mehr Unglück! Vergessen Sie nie, wenn dreizehn bei Tisch sitzen, wird der Erste, der sich erhebt, sterben!«
»Das werden wir riskieren, Sybill«, sagte Professor McGonagall ungeduldig. »Bitte setzen Sie sich, der Truthahn wird langsam kalt.«
Professor Trelawney zögerte, dann ließ sie sich auf den leeren Stuhl nieder, mit geschlossenen Augen und zusammengepresstem Mund, als ob sie fürchtete, ein Gewitterblitz würde auf dem Tisch einschlagen. Professor McGonagall rührte mit einem großen Löffel in einer Terrine.
»Kutteln, Sybill?«
Professor Trelawney achtete nicht auf sie. Sie öffnete die Augen und blickte erneut in die Runde.
»Aber wo ist der liebe Professor Lupin?«
»Ich fürchte, der arme Kerl ist schon wieder krank«, sagte Dumbledore und bedeutete mit einer Handbewegung, dass sich nun alle bedienen sollten. »Großes Pech, dass es ausgerechnet an Weihnachten passiert.«
»Aber Sie haben das doch sicher gewusst, Sybill?«, sagte Professor McGonagall mit hochgezogenen Augenbrauen.
Professor Trelawney schenkte Professor McGonagall einen sehr kühlen Blick.
»Natürlich wusste ich es, Minerva«, sagte sie leise. »Aber man geht nicht mit der Tatsache hausieren, dass man allwissend ist. Häufig tue ich so, als ob ich nicht im Besitz des Inneren Auges wäre, um andere nicht nervös zu machen.«
»Das erklärt eine ganze Menge«, sagte Professor McGonagall säuerlich.
Professor Trelawneys Stimme war plötzlich um einiges weniger rauchig.
»Wenn du es also unbedingt wissen musst, Minerva, ich habe gesehen, dass Professor Lupin nicht lange bei uns bleiben wird. Er selbst scheint zu wissen, dass seine Zeit knapp bemessen ist. Er ist buchstäblich geflohen, als ich ihm anbot, für ihn in die Kristallkugel zu schauen –«
»Nicht zu fassen«, sagte Professor McGonagall trocken.
»Ich glaube nicht, dass Professor Lupin in unmittelbarer Gefahr ist«, sagte Dumbledore fröhlich, doch mit leisem Nachdruck, was das Gespräch der beiden Lehrerinnen beendete. »Severus, Sie haben ihm doch noch einmal diesen Trank gebraut?«
»Ja, Direktor«, sagte Snape.
»Gut«, sagte Dumbledore. »Dann sollte er im Nu wieder auf den Beinen sein … Derek, hast du schon von diesen Grillwürstchen gekostet? Sie sind köstlich.«
Der Junge aus der ersten Klasse, so direkt von Dumbledore angesprochen, errötete bis zu den Haarspitzen und griff mit zitternden Händen nach der Platte mit den Würstchen.
Professor Trelawney verhielt sich die nächsten zwei Stunden bis zum Ende des Weihnachtsmahles fast normal. Zum Platzen voll und mit den Hüten aus den Knallbonbons auf den Köpfen erhoben sich Harry und Ron als Erste von der Tafel. Und da kreischte sie laut auf.
»Meine Lieben! Wer von euch ist zuerst aufgestanden? Wer?«
»Keine Ahnung«, sagte Ron und sah Harry verlegen an.
»Ich denke nicht, dass es eine Rolle spielt«, sagte Professor McGonagall kühl, »außer wenn ein Verrückter mit einer Axt draußen vor der Tür wartet, um den Ersten zu meucheln, der in die Eingangshalle kommt.«
Selbst Ron lachte. Professor Trelawney sah höchst pikiert aus.
»Kommst du?«, sagte Harry zu Hermine.
»Nein«, murmelte Hermine, »ich möchte noch kurz mit Professor McGonagall sprechen.«
»Fragt wahrscheinlich, ob sie noch mehr Unterricht nehmen kann«, gähnte Ron, als sie in die Eingangshalle traten, in der weit und breit kein verrückter Axtmörder zu sehen war.
Am Porträtloch angelangt, stellten sie fest, dass Sir Cadogan eine Weihnachtsparty mit ein paar Mönchen, einigen ehemaligen Schulleitern von Hogwarts und seinem fetten Pony feierte. Er schob sein Visier hoch und prostete ihnen mit einem Krug Met zu.
»Fröhliche – hicks – Weihnachten! Passwort?«
»Fieser Hund.«
»Und Sie auch, Sir!«, dröhnte Sir Cadogan, als das Gemälde zur Seite schwang und sie einließ.
Harry ging gleich hoch in den Schlafsaal, holte den Feuerblitz und das Besenpflege-Set, das ihm Hermine zum Geburtstag geschenkt hatte, brachte sie herunter und suchte dann nach etwas, was er am Feuerblitz ausbessern konnte. Allerdings gab es keine verbogenen Zweige, die man abschnippeln konnte, und der Stiel glänzte so, dass es unsinnig schien, ihn zu polieren. Er und Ron bewunderten ihn einfach aus allen Richtungen, bis sich das Porträtloch öffnete und Hermine hereinkam, begleitet von Professor McGonagall.
Obwohl Professor McGonagall die Leiterin des Hauses Gryffindor war, hatte Harry sie bisher nur einmal im Gemeinschaftsraum gesehen, und das wegen einer sehr ernsten Ankündigung. Die beiden Jungen, die noch immer den Feuerblitz in Händen hielten, starrten ihre Lehrerin an. Hermine ging um sie herum, setzte sich, griff sich das nächste Buch und verbarg ihr Gesicht dahinter.
»Das ist er also, nicht wahr?«, sagte Professor McGonagall umstandslos, ging hinüber zum Kamin und musterte den Feuerblitz. »Miss Granger hat mir soeben mitgeteilt, dass man Ihnen einen Besen geschickt hat, Potter.«
Harry und Ron wandten sich zu Hermine um. Sie konnten sehen, wie ihre Stirn über dem Buch, das sie falsch herum hielt, rot anlief.
»Darf ich mal?«, sagte Professor McGonagall, wartete jedoch nicht auf eine Antwort und zog ihnen den Feuerblitz stracks aus den Händen. Sie untersuchte ihn sorgfältig vom Stiel bis zu den Zweigspitzen. »Hmm. Und keine Notiz dazu, Potter? Keine Karte? Keine Mitteilung irgendwelcher Art?«
»Nein«, sagte Harry schlicht.
»Verstehe …«, sagte Professor McGonagall. »Nun, ich fürchte, ich werde ihn beschlagnahmen müssen, Potter.«
»W…wie bitte?«, sagte Harry und rappelte sich hoch. »Warum?«
»Er muss auf Zauberflüche überprüft werden«, sagte Professor McGonagall. »Ich bin natürlich keine Fachfrau, aber ich bin sicher, Madam Hooch und Professor Flitwick werden ihn auseinandernehmen.«
»Ihn auseinandernehmen?«, wiederholte Ron, als ob Professor McGonagall verrückt geworden wäre.
»Es dürfte nicht mehr als ein paar Wochen dauern«, sagte Professor McGonagall. »Sie bekommen ihn zurück, wenn wir sicher sind, dass er nicht verhext ist.«
»Der ist völlig in Ordnung!«, sagte Harry mit leichtem Zittern in der Stimme. »Ehrlich, Professor –«
»Das können Sie nicht wissen, Potter«, sagte Professor McGonagall recht freundlich, »jedenfalls nicht, bis Sie ihn geflogen haben, und ich fürchte, das kommt nicht in Frage, bis wir sicher sind, dass damit kein Hokuspokus getrieben wurde. Ich werde Sie auf dem Laufenden halten.«
Professor McGonagall machte auf dem Absatz kehrt und trug den Feuerblitz aus dem Porträtloch, das sich hinter ihr schloss. Harry stand da und starrte ihr nach, die Dose mit der Hochglanzpolitur immer noch in der Hand. Ron jedoch machte sich über Hermine her.
»Wieso rennst du eigentlich zu McGonagall?«
Hermine warf ihr Buch beiseite. Sie war immer noch rosa im Gesicht, doch sie stand auf und sah Ron verteidigungslustig ins Gesicht.
»Weil ich dachte – und Professor McGonagall stimmt mir zu –, dass es vielleicht Sirius Black war, der Harry den Besen geschickt hat!«
Der Patronus
Hermine hatte es gut gemeint, das wusste Harry, und dennoch war er wütend auf sie. Ein paar Stunden lang hatte er den besten Besen der Welt besessen, und jetzt, weil sie sich eingemischt hatte, würde er ihn vielleicht nie mehr wiedersehen. Er war sich inzwischen sicher, dass mit dem Feuerblitz alles in Ordnung war, doch wie würde er aussehen, wenn sie ihn erst einmal übergründlich auf alle möglichen bösen Zauber untersucht hatten?
Auch Ron war wütend auf Hermine. Wenn man ihn fragte, so war die Zerlegung eines brandneuen Feuerblitzes nichts anderes als kriminelle Sachbeschädigung. Hermine blieb fest davon überzeugt, nur zu Harrys Wohl gehandelt zu haben, und erschien immer seltener im Gemeinschaftsraum. Harry und Ron vermuteten, dass sie in der Bibliothek Zuflucht gesucht hatte, und versuchten erst gar nicht, sie zurückzuholen. Letztendlich waren sie froh, als kurz nach Neujahr die anderen Schüler zurückkehrten und es im Turm der Gryffindors wieder laut und wild zuging.
Am Abend vor dem ersten Unterrichtstag nahm Wood Harry beiseite.
»Schöne Weihnachten gehabt?« Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er mit gedämpfter Stimme fort: »Ich hab in den Ferien ein wenig nachgedacht, Harry. Über das letzte Spiel, du weißt. Wenn die Dementoren auch zum nächsten kommen … ich meine … wir können es uns nicht leisten, dass – nun ja –«
Wood brach mit verlegenem Blick ab.
»Ich unternehm schon was dagegen«, sagte Harry rasch. »Professor Lupin hat versprochen, mir Unterricht zu geben, wie ich mir die Dementoren vom Leib halten kann. Wir wollten eigentlich diese Woche anfangen, er meinte, nach Weihnachten hätte er Zeit.«
»Ah«, sagte Wood und seine Miene hellte sich auf, »gut, wenn das so ist – ich wollte dich als Sucher keinesfalls verlieren, Harry. Und hast du schon einen neuen Besen bestellt?«
»Nein«, sagte Harry.
»Wie bitte? Du beeilst dich besser – mit diesem Shooting Star brauchst du gegen Ravenclaw gar nicht erst anzutreten.«
»Er hat zu Weihnachten einen Feuerblitz bekommen«, sagte Ron.
»Einen Feuerblitz? Nein! Im Ernst? Einen – einen echten Feuerblitz?«
»Freu dich nicht zu früh, Oliver«, sagte Harry mit düsterer Miene. »Ich hab ihn nicht mehr. Sie haben ihn beschlagnahmt.« Und er erklärte ihm, dass der Feuerblitz gerade auf böse Zauber untersucht wurde.
»Böse Zauber? Warum sollte er denn verhext sein?«
»Sirius Black«, sagte Harry matt. »Er ist angeblich hinter mir her. Daher vermutet McGonagall, dass er mir den Feuerblitz geschickt hat.«
Die Neuigkeit, dass ein berüchtigter Mörder hinter seinem Sucher her war, kümmerte Wood nicht im Geringsten.
»Aber Black hätte keinen Feuerblitz kaufen können!«, sagte er. »Er ist auf der Flucht! Das ganze Land sucht nach ihm! Wie könnte er dann mir nichts, dir nichts in den Quidditch-Laden spazieren und einen Besen kaufen?«
»Das frag ich mich auch«, sagte Harry, »aber McGonagall will ihn trotzdem zerlegen lassen –«
Wood erbleichte.
»Ich werd mit ihr reden, Harry«, versprach er. »Ich werd sie schon zur Vernunft bringen … ein Feuerblitz … ein echter Feuerblitz für unser Team … sie will doch genauso wie wir, dass Gryffindor gewinnt … ich werd sie zur Vernunft bringen … ein Feuerblitz …«
Am nächsten Tag war wieder Schule. Das Letzte, worauf sie an diesem rauen Januarmorgen Lust hatten, waren zwei Stunden draußen auf den Ländereien. Um sie aufzumuntern, hatte Hagrid ein großes Feuer mit Salamandern vorbereitet, und mit viel Eifer sammelten sie trockenes Holz, damit das Feuer so richtig prasselte, während die Flammen liebenden Salamander über die weiß glühenden und zerfallenden Holzscheite huschten. Die erste Stunde Wahrsagen im neuen Jahr war weit weniger lustig; Professor Trelawney lehrte sie die Handlesekunst und eröffnete Harry ohne Umschweife, er habe die kürzesten Lebenslinien, die sie je gesehen habe.
Wirklich gespannt war Harry auf Verteidigung gegen die dunklen Künste. Nach seinem Gespräch mit Wood wollte er so bald wie möglich anfangen zu lernen, wie er die Dementoren bekämpfen konnte.
»Ah ja«, sagte Lupin, als Harry ihn am Schluss der Stunde an sein Versprechen erinnerte. »Überlegen wir mal … wie wär’s mit Donnerstagabend um acht Uhr? Das Klassenzimmer für Geschichte der Zauberei wird groß genug sein … Ich muss genau überlegen, wie wir die Sache anpacken … zum Üben können wir schließlich keinen waschechten Dementor ins Schloss holen …«
»Sieht immer noch krank aus, oder?«, sagte Ron, während sie den Korridor entlang zum Abendessen gingen. »Was, glaubst du, ist mit ihm los?«
Von hinten kam ein lautes, ungeduldiges »Tssss«. Es war Hermine, die zu Füßen einer Rüstung gesessen und ihre Tasche neu gepackt hatte. Die war so vollgestopft mit Büchern, dass sie nicht mehr zugehen wollte.
»Und was hast du an uns herumzumäkeln?«, sagte Ron gereizt.
»Nichts«, sagte Hermine ein wenig herablassend und schulterte ihre Tasche.
»Doch, hast du«, sagte Ron. »Ich hab mich nur gefragt, was mit Lupin los ist, und du –«
»Tja, ist das nicht offensichtlich?«, sagte Hermine mit einem überlegenen Blick, der Ron fast zur Weißglut trieb.
»Wenn du es uns nicht sagen willst, dann lass es doch bleiben«, fauchte Ron.
»Schön«, sagte Hermine hochnäsig und stolzierte majestätisch davon.
»Sie weiß es auch nicht«, sagte Ron und starrte ihr wütend nach. »Sie will uns nur dazu bringen, wieder mit ihr zu reden.«
Am Donnerstagabend um acht Uhr verließ Harry den Gryffindor-Turm und machte sich auf den Weg zum Klassenzimmer für Geschichte. Es war dunkel und leer, als er ankam, doch er zündete die Lampen mit seinem Zauberstab an und musste nur fünf Minuten warten, bis Professor Lupin erschien. Er trug eine große Kiste, die er auf Professor Binns’ Schreibtisch hievte.
»Was ist das?«, fragte Harry.
»Noch ein Irrwicht«, sagte Lupin und zog seinen Umhang aus. »Seit Dienstag schon durchkämme ich das Schloss und glücklicherweise lauerte der noch in Mr Filchs Aktenschrank. Besser können wir einen echten Dementor nicht nachahmen. Der Irrwicht wird sich in einen Dementor verwandeln, wenn er dich sieht, und dann können wir mit ihm üben. Ich kann ihn in meinem Büro aufbewahren, wenn wir ihn nicht benutzen, unter meinem Schreibtisch ist ein Schränkchen, da wird er sich wohl fühlen.«
»Gut«, sagte Harry und mühte sich so zu klingen, als wäre er ganz locker und einfach froh, dass Lupin einen so guten Ersatz für einen echten Dementor gefunden hatte.
»Also denn …« Professor Lupin hatte seinen Zauberstab gezückt und bedeutete Harry, es ihm nachzutun. »Der Zauberspruch, den ich dir jetzt beibringen will, ist schon höhere Magie, Harry – er geht weit über Zaubergrad-Niveau hinaus. Es ist der Patronus-Zauber.«
»Wie funktioniert er?«, sagte Harry nervös.
»Nun, wenn er gut gelingt, beschwört er einen Patronus herauf«, sagte Lupin, »und das ist eine Art Gegen-Dementor – ein Schutzherr, der als Schild zwischen dich und den Dementor tritt.«
Harry überkam die jähe Vorstellung, er würde sich hinter einer Hagrid-großen Gestalt mit einem riesigen Schlagstock zusammenkauern. Professor Lupin fuhr fort:
»Der Patronus ist wie eine gute Kraft, ein Abbild ebenjener Dinge, von denen sich der Dementor nährt – Hoffnung, Glück, der Wunsch zu überleben –, doch er kann keine Verzweiflung erleben wie wirkliche Menschen, und so kann ihm der Dementor nichts anhaben. Aber ich muss dich warnen, Harry, der Zauber könnte noch zu schwer für dich sein. Viele gut ausgebildete Zauberer haben damit Probleme.«
»Wie sieht ein Patronus aus?«, fragte Harry neugierig.
»Jeder Zauberer erschafft seinen ganz eigenen.«
»Und wie beschwört man ihn herauf?«
»Mit einer Zauberformel, die nur wirkt, wenn du dich mit aller Kraft auf eine einzige, sehr glückliche Erinnerung konzentrierst.«
Harry stöberte in seinem Gedächtnis nach einem glücklichen Erlebnis. Natürlich kam nichts, was er bei den Dursleys erlebt hatte, dafür in Frage. Schließlich entschied er sich für den Moment, als er zum ersten Mal auf einem Besen geflogen war.
»Gut«, sagte er und versuchte sich das wundervolle, strömende Gefühl in seinem Bauch so klar wie möglich in Erinnerung zu rufen.
»Die Beschwörungsformel lautet –«, Lupin räusperte sich, »expecto patronum.«
»Expecto patronum«, wisperte Harry, »expecto patronum.«
»Denkst du ganz fest an dein glückliches Erlebnis?«
»Oh – ja –«, sagte Harry und lenkte seine Gedanken rasch zurück zu jenem ersten Besenflug. »Expecto patrono – nein, patronum – Quatsch, expecto patronum, expecto patronum –«
Plötzlich zischte etwas aus der Spitze seines Zauberstabs; es sah aus wie ein Strahl silbrigen Gases.
»Haben Sie das gesehen?«, sagte Harry aufgeregt, »da ist was passiert!«
»Sehr gut«, sagte Lupin lächelnd. »Na dann – bist du bereit, es an einem Dementor auszuprobieren?«
»Ja«, sagte Harry und umklammerte fest seinen Zauberstab. Er trat in die Mitte des Klassenzimmers. Er versuchte weiter fest an den Besenflug zu denken, doch jetzt drang ihm etwas anderes ins Bewusstsein … womöglich würde er gleich wieder seine Mutter hören … doch er durfte nicht daran denken, denn dann würde er sie tatsächlich wieder hören, und das wollte er nicht … oder doch?
Lupin packte den Deckel der Kiste und zog ihn hoch.
Langsam schwebte ein Dementor daraus hervor; sein vermummtes Gesicht war Harry zugewandt; mit einer glitzernden, schorfüberzogenen Hand drückte er sich den Mantel an den Leib. Die Lampen im Klassenzimmer flackerten und erloschen. Der Dementor trat aus der Kiste und schwebte tief und rasselnd atmend auf Harry zu. Eine Welle stechender Kälte brach über ihn herein –
»Expecto patronum!«, schrie Harry. »Expecto patronum! Expecto –«
Doch das Klassenzimmer und der Dementor verschwammen vor seinen Augen … Wieder fiel Harry durch dichten weißen Nebel, und die Stimme seiner Mutter, lauter denn je, hallte in seinem Kopf wider –
»Nicht Harry! Nicht Harry! Bitte – ich tu alles –«
»Geh beiseite – geh beiseite, Mädchen –«
»Harry!«
Jäh erwachte Harry wieder zum Leben. Er lag ausgestreckt auf dem Fußboden. Die Lampen im Klassenzimmer brannten wieder. Er musste nicht erst fragen, was passiert war.
»Tut mir leid«, murmelte er und setzte sich auf. Kalter Schweiß rann ihm hinter der Brille herab.
»Geht’s dir gut?«, fragte Lupin.
»Ja …« Harry zog sich an einem Pult hoch und lehnte sich dagegen.
»Hier –« Lupin reichte ihm einen Schokoladenfrosch. »Iss das, bevor wir es noch mal versuchen. Ich hab nicht erwartet, dass du es beim ersten Mal schaffst, im Gegenteil, das hätte mich sehr überrascht.«
»Es wird schlimmer«, murmelte Harry und biss dem Frosch den Kopf ab. »Diesmal hab ich sie noch lauter gehört – und ihn – Voldemort –«
Lupin sah noch blasser aus als sonst.
»Harry, wenn du nicht weitermachen willst, verstehe ich das nur allzu gut –«
»Ich will!«, sagte Harry wild entschlossen und stopfte sich den Rest des Schokofrosches in den Mund. »Ich muss doch! Was ist, wenn die Dementoren bei unserem Spiel gegen Ravenclaw auftauchen? Ich darf keinesfalls wieder abstürzen. Wenn wir dieses Spiel verlieren, können wir den Quidditch-Pokal vergessen!«
»Na schön …«, sagte Lupin. »Vielleicht nimmst du eine andere Erinnerung, ein glückliches Erlebnis, würde ich sagen, auf das du dich konzentrierst … Das letzte war offenbar nicht stark genug …«
Harry dachte angestrengt nach und fand schließlich eine neue Erinnerung: Als er letztes Jahr die Hausmeisterschaft gewonnen hatte, war er sicher überaus glücklich gewesen. Wieder umklammerte er den Zauberstab und nahm seinen Platz in der Mitte des Klassenzimmers ein.
»Bereit?«, fragte Lupin und packte den Deckel der Kiste.
»Bereit«, sagte Harry und versuchte angestrengt, seinen Kopf mit glücklichen Gedanken an den Sieg von Gryffindor zu füllen und nicht mit düsteren an das, was geschehen würde, wenn sich die Kiste öffnete.
»Los!«, sagte Lupin und hob den Deckel. Wieder wurde es eiskalt und dunkel im Zimmer. Der Dementor glitt tief atmend auf ihn zu; eine verweste Hand langte nach Harry –
»Expecto patronum«, rief Harry, »expecto patronum! Expecto pat–«
Weißer Nebel erstickte ihm die Sinne … große, verschwommene Gestalten bewegten sich um ihn her … dann hörte er eine neue Stimme, die Stimme eines Mannes, der schrie, von Angst überwältigt –
»Lily, nimm Harry und lauf! Er ist es! Schnell fort, ich halte ihn auf –«
Jemand stolperte hastig aus einem Zimmer – krachend zerbarst eine Tür – ein schrilles Auflachen –
»Harry! Harry … komm zu dir …«
Lupin gab Harry eine saftige Ohrfeige. Diesmal dauerte es eine Weile, bis Harry begriff, warum er auf einem staubigen Fußboden lag.
»Ich hab meinen Dad gehört«, nuschelte er. »Das ist das erste Mal, dass ich ihn gehört hab – er wollte es ganz allein mit Voldemort aufnehmen, damit meine Mutter fliehen konnte …« Plötzlich spürte Harry Tränen auf seinem Gesicht, die sich mit dem Schweiß vermischten. Rasch senkte er den Kopf, als wolle er sich den Schuh binden, und wischte sich das Gesicht an seinem Umhang trocken.
»Du hast James gehört?«, sagte Lupin mit merkwürdig fremd klingender Stimme.
»Ja …« Harry hatte sich inzwischen die Tränen abgewischt und sah zu ihm auf. »Warum – Sie haben meinen Vater doch nicht etwa gekannt?«
»Offen gesagt – ja, das hab ich«, sagte Lupin. »Wir waren Freunde in Hogwarts. Hör zu, Harry – vielleicht sollten wir es für heute Abend dabei belassen. Dieser Zauber ist unglaublich schwierig … ich hätte nicht vorschlagen sollen, dass du all das auf dich nimmst …«
»Nein!«, sagte Harry und richtete sich auf. »Ich will noch einen Versuch! Ich hab einfach noch nicht an mein glücklichstes Erlebnis gedacht, daran liegt’s … warten Sie …«
Er zermarterte sich den Kopf. Ein wirklich, wirklich glückliches Erlebnis … eines, das er in einen guten, starken Patronus verwandeln konnte …
Der Augenblick, in dem er erfahren hatte, dass er ein Zauberer war und die Dursleys verlassen und nach Hogwarts gehen würde! Wenn das keine glückliche Erinnerung war, dann wusste er auch nicht weiter … Er dachte ganz fest daran, wie er sich gefühlt hatte, als ihm klar wurde, dass er den Ligusterweg verlassen würde, stand auf und stellte sich erneut vor die Kiste.
»Fertig?«, fragte Lupin mit einem Gesichtsausdruck, als tue er etwas gegen besseres Wissen. »Denkst du ganz fest an dein Erlebnis? Also dann – los!«
Zum dritten Mal hob er den Deckel von der Kiste und der Dementor stieg heraus; im Zimmer wurde es kalt und dunkel –
»Expecto patronum!«, polterte Harry, »expecto patronum! Expecto patronum!«
Wieder begann das Schreien in Harrys Kopf – nur klang es diesmal, als dringe es aus einem schlecht eingestellten Radio – leiser und lauter und dann wieder leiser – und Harry konnte den Dementor immer noch sehen – er blieb stehen – und dann rauschte ein mächtiger silberner Schatten aus der Spitze von Harrys Zauberstab und blieb zwischen ihm und dem Dementor schweben, und obwohl Harrys Beine sich ganz wabblig anfühlten, stand er immer noch aufrecht – auch wenn er nicht sicher war, wie lange noch –
»Riddikulus«, donnerte Lupin und sprang vor.
Unter lautem Krachen verschwand Harrys nebliger Patronus mitsamt dem Dementor; Harry sank auf einen Stuhl, er war so erschöpft und seine Beine zitterten, als wäre er gerade eine Meile gerannt. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Professor Lupin den Irrwicht mit dem Zauberstab in die Kiste zurücktrieb; er hatte sich wieder in eine Silberkugel verwandelt.
»Glänzend!«, sagte Lupin und kam mit großen Schritten auf Harry zu. »Hervorragend, Harry! Das war schon mal ein guter Anfang!«
»Können wir es noch mal probieren? Nur noch einmal?«
»Nicht jetzt«, sagte Lupin bestimmt. »Du hast erst mal genug für einen Abend. Hier –«
Er reichte Harry einen großen Riegel der besten Schokolade aus dem Honigtopf.
»Iss sie auf, oder Madam Pomfrey saugt mir das Blut aus den Adern. Nächste Woche wieder, selbe Zeit?«
»Okay«, sagte Harry und biss ein Stück Schokolade ab. Sein Blick folgte Lupin, der die Lampen löschte, die beim Verschwinden des Dementors wieder aufgeflackert waren. Dann kam ihm ein Gedanke.
»Professor Lupin?«, sagte er. »Wenn Sie meinen Dad kannten, müssen Sie auch Sirius Black gekannt haben.«
Lupin wandte sich blitzschnell um.
»Wie kommst du darauf?«, sagte er in schneidendem Ton.
»Einfach so – ich weiß nur, dass auch Black und mein Vater in Hogwarts befreundet waren …«
Lupins Gesicht entspannte sich.
»Ja, ich kannte ihn«, sagte er kurz angebunden. »Oder jedenfalls glaubte ich es. Du gehst jetzt besser, Harry, es wird langsam spät.«
Harry ging hinaus, lief den Korridor entlang und bog um die Ecke, dann versteckte er sich rasch hinter einer Rüstung und ließ sich auf ihren Sockel sinken, um seine Schokolade aufzuessen. Hätte ich Black bloß nicht erwähnt, dachte er, denn Lupin war offensichtlich nicht erpicht auf das Thema. Dann wanderten seine Gedanken zurück zu seiner Mutter und seinem Vater …
Er fühlte sich ausgelaugt und merkwürdig leer, obwohl er den Bauch voller Schokolade hatte. So schrecklich es war, dass die letzten Momente im Leben seiner Eltern noch einmal in seinem Kopf abliefen, es war doch das erste Mal, seit er ein kleines Kind gewesen war, dass er ihre Stimmen gehört hatte. Doch er würde es nie schaffen, einen richtigen Patronus heraufzubeschwören, wenn er insgeheim seine Eltern wieder hören wollte …
»Sie sind tot«, sagte er streng zu sich selbst. »Sie sind tot und dem Echo ihrer Stimmen zu lauschen bringt sie nicht wieder zurück. Du reißt dich besser zusammen, wenn du den Quidditch-Pokal gewinnen willst.«
Er stand auf, stopfte sich das letzte Stück Schokolade in den Mund und kehrte zurück in den Turm der Gryffindors.
Eine Woche nach Ende der Ferien spielte Ravenclaw gegen Slytherin. Slytherin gewann, wenn auch knapp. Wood zufolge war das gut für die Gryffindors, die den zweiten Platz erobern würden, wenn auch sie Ravenclaw besiegten. Also setzte er gleich fünf Trainingsstunden die Woche an. Harry ließ sich weiterhin von Lupin in die Kunst der Verteidigung gegen die Dementoren einweihen, was ihn allein schon mehr schlauchte als sechs Quidditch-Stunden zusammen, und hatte jetzt nur noch einen Abend in der Woche für seine gesamten Hausaufgaben. Dennoch stand ihm die Anspannung nicht so ins Gesicht geschrieben wie Hermine, deren immenses Arbeitspensum ihr allmählich doch sichtlich zusetzte. Ausnahmslos jeden Abend sah man sie in einer Ecke des Gemeinschaftsraums, wo sie gleich mehrere Tische beanspruchte mit ihren Büchern, Arithmantiktabellen, Runenwörterbüchern, Querschnittzeichnungen von Muggeln, die schwere Lasten hoben, und mit stapelweise Ordnern für ihre ausführlichen Notizen. Kaum einmal sprach sie mit jemandem und jedes Mal fauchte sie unwirsch, wenn man sie unterbrach.
»Wie schafft sie das bloß?«, murmelte Ron eines Abends Harry zu, der gerade einen kniffligen Aufsatz über nicht nachweisbare Gifte für Snape fertig schrieb. Harry blickte auf. Hermine war hinter einem wackligen Bücherstapel kaum zu sehen.
»Was denn?«
»Den ganzen Unterricht!«, sagte Ron. »Ich hab gehört, wie sie heute Morgen mit Professor Vektor gesprochen hat, dieser Arithmantikhexe. Sie haben sich über die gestrige Stunde ausgelassen, aber Hermine kann nicht dort gewesen sein, sie war doch mit uns in Pflege magischer Geschöpfe! Und Ernie McMillan hat mir gesagt, sie habe in Muggelkunde noch kein einziges Mal gefehlt, aber die überschneidet sich doch mit Wahrsagen und da war sie auch immer dabei!«
Harry hatte im Moment nicht die Zeit, über das Geheimnis von Hermines unmöglichem Stundenplan zu rätseln; er musste unbedingt mit Snapes Aufsatz weiterkommen. Zwei Sekunden später jedoch unterbrach ihn wieder jemand und diesmal war es Wood.
»Schlechte Nachrichten, Harry. Ich war eben bei Professor McGonagall wegen des Feuerblitzes. Sie – ähm – hat mich ziemlich angepflaumt. Ich wisse wohl nicht recht, was wirklich wichtig ist. Dachte wahrscheinlich, mir wäre es wichtiger, den Pokal zu gewinnen, als dass du am Leben bleibst. Nur weil ich ihr gesagt hab, es sei mir egal, wenn es dich vom Besen schlägt, solange du vorher den Schnatz gefangen hast.« Wood schüttelte ungläubig den Kopf. »Ehrlich, wie die mich angeschrien hat … als ob ich irgendwas Schreckliches gesagt hätte … Dann hab ich sie gefragt, wie lange sie ihn noch behalten will …« Er schnitt eine Grimasse und ahmte Professor McGonagalls strenge Stimme nach. »›So lange wie nötig, Wood‹ … ich schätze, du solltest lieber einen neuen Besen bestellen. Auf der Rückseite von Rennbesen im Test ist ein Bestellschein … du könntest dir einen Nimbus Zweitausendeins besorgen, wie Malfoy einen hat.«
»Ich kaufe nichts, was Malfoy für gut hält«, sagte Harry schlicht.
Unmerklich, ohne dass sich das bitterkalte Wetter änderte, glitt der Januar in den Februar über. Das Spiel gegen Ravenclaw rückte immer näher, doch Harry hatte immer noch keinen neuen Besen bestellt. Nach jeder Verwandlungsstunde fragte er jetzt Professor McGonagall nach dem Feuerblitz, und Ron stand ihm hoffnungsvoll zur Seite, während Hermine mit abgewandtem Gesicht vorbeirauschte.
»Nein, Potter, Sie können ihn noch nicht zurückhaben«, erklärte ihm Professor McGonagall beim zwölften Mal, noch bevor er den Mund geöffnet hatte. »Wir haben ihn auf die meisten üblichen Flüche geprüft, doch Professor Flitwick glaubt, in dem Besen könnte ein Schleuderfluch stecken. Ich werde es Ihnen schon sagen, wenn wir damit fertig sind. Und nun hören Sie bitte auf, mich ständig mit ein und derselben Frage zu löchern.«
Um alles noch schlimmer zu machen, lief es mit Harrys Unterricht gegen die Dementoren bei weitem nicht so gut, wie er gehofft hatte. Nach einigen Stunden schaffte er es, eine verschwommene silberne Schattengestalt zu erzeugen, wenn der Irrwicht-Dementor auf ihn zukam, doch sein Patronus war zu schwach, um ihn zu verjagen. Der Dementor schwebte nur auf der Stelle, wie eine halb durchsichtige Wolke, und saugte die Kräfte aus Harry heraus, die er doch brauchte, um ihn in Schach zu halten. Harry war wütend auf sich selbst und fühlte sich schuldig, weil er sich wünschte, die Stimmen seiner Eltern immer wieder zu hören.
»Du erwartest zu viel von dir«, sagte Professor Lupin ernst, als sie schon in der vierten Woche waren. »Für einen dreizehnjährigen Zauberer ist selbst ein verschwommener Patronus eine große Leistung. Und du wirst nicht mehr ohnmächtig, musst du bedenken.«
»Ich dachte, ein Patronus würde – die Dementoren niederschlagen oder so was«, sagte Harry entmutigt. »Sie verschwinden lassen –«
»Der richtige Patronus tut das«, sagte Lupin. »Aber du hast in kurzer Zeit schon eine Menge geschafft. Wenn die Dementoren bei eurem nächsten Quidditch-Spiel einen Auftritt einlegen, kannst du sie so lange in Schach halten, bis du wieder auf dem Boden bist.«
»Sie sagten, es sei schwieriger, wenn viele da sind«, sagte Harry.
»Ich hab volles Vertrauen zu dir«, sagte Lupin lächelnd. »Hier – du hast dir was zu trinken verdient – etwas aus den Drei Besen, das kennst du sicher noch nicht –«
Er zog zwei Flaschen aus seiner Mappe.
»Butterbier!«, sagte Harry unbedacht. »Ja, das Zeug mag ich wirklich!«
Lupin hob eine Augenbraue.
»Oh – Ron und Hermine haben mir was aus Hogsmeade mitgebracht«, log Harry rasch.
»Verstehe«, sagte Lupin, auch wenn er immer noch ein wenig misstrauisch aussah. »Nun – trinken wir auf einen Sieg der Gryffindors gegen die Ravenclaws! Wobei ich als Lehrer natürlich nicht parteiisch sein darf –«, fügte er hastig hinzu.
Schweigend tranken sie das Butterbier, bis Harry etwas ansprach, über das er schon länger nachgedacht hatte.
»Was steckt unter der Kapuze dieser Dementoren?«
Professor Lupin ließ nachdenklich seine Flasche sinken.
»Hmmm … tja, die Einzigen, die es wirklich wissen, können es uns nicht mehr erzählen. Der Dementor nimmt seine Kapuze nur ab, um seine letzte und schlimmste Waffe einzusetzen.«
»Welche ist das?«
»Sie nennen es den Kuss des Dementors«, sagte Lupin mit einem leicht gequälten Lächeln. »Das tun sie denen an, die sie vollkommen zerstören wollen. Ich vermute, es ist eine Art Mund unter der Kapuze, sie pressen ihre Kiefer auf den Mund des Opfers und – saugen ihm die Seele aus.«
Harry spuckte unwillkürlich ein wenig Butterbier.
»Was – sie töten –?«
»O nein«, sagte Lupin. »Viel schlimmer als das. Du kannst ohne deine Seele existieren, weißt du, solange dein Gehirn und dein Herz noch arbeiten. Aber du wirst kein Selbstgefühl mehr haben, keine Erinnerungen, kein … nichts. Es gibt keine Chance, sich davon zu erholen. Du fristest nur dein elendes Dasein. Als leere Hülle. Und deine Seele hast du verloren … für immer.«
Lupin nahm einen Schluck Butterbier, dann fuhr er fort:
»Das ist das Schicksal, das Sirius Black erwartet. Es stand heute Morgen im Tagespropheten. Das Ministerium hat den Dementoren die Erlaubnis erteilt, dieses Urteil an ihm zu vollstrecken, sollten sie ihn finden.«
Harry war einen Augenblick lang stumm, bedrückt von der Vorstellung, jemandem würde die Seele durch den Mund ausgesogen. Doch dann dachte er an Black.
»Er verdient es«, sagte er unvermittelt.
»Glaubst du?«, antwortete Lupin mit tonloser Stimme. »Glaubst du wirklich, irgendjemand verdient das?«
»Ja«, sagte Harry widerspenstig. »Für … für bestimmte Taten …«
Am liebsten hätte er Lupin von dem Gespräch erzählt, das er in den Drei Besen belauscht hatte, über Black, der seine Eltern verraten hatte, doch dann hätte er zugeben müssen, dass er ohne Erlaubnis nach Hogsmeade gegangen war, und er wusste, dass Lupin nicht sonderlich davon angetan sein würde. Also trank er sein Butterbier aus, bedankte sich bei Lupin und verließ das Klassenzimmer.
Fast bereute er, gefragt zu haben, was unter der Kapuze eines Dementors steckte. Die Antwort war so entsetzlich gewesen und er war so in die unangenehme Vorstellung versunken, wie es sich wohl anfühlen würde, wenn einem die Seele ausgesogen wird, dass er auf halbem Weg die Treppe hoch beinahe mit Professor McGonagall zusammengestoßen wäre.
»Machen Sie die Augen auf, Potter!«
»Verzeihung, Professor –«
»Ich war gerade oben, um Sie zu suchen. Nun, hier ist er: Wir haben alles Erdenkliche unternommen und er scheint völlig in Ordnung zu sein – Sie müssen irgendwo einen sehr guten Freund haben, Potter –«
Harry klappte der Mund auf. Sie hielt ihm seinen Feuerblitz entgegen und er sah so herrlich aus wie zuvor.
»Kann ich ihn zurückhaben?«, sagte Harry mit matter Stimme. »Im Ernst?«
»Im Ernst«, sagte Professor McGonagall und lächelte noch dazu. »Ich würde sagen, Sie sollten vor dem Spiel am Samstag noch ein wenig Gespür für ihn bekommen. Und, Potter – Sie werden doch gewinnen, nicht wahr? Sonst sind wir das achte Jahr in Folge ohne Pokalsieg, wie Professor Snape mir erst gestern Abend freundlicherweise in Erinnerung rief …«
Sprachlos trug Harry den Feuerblitz nach oben in den Gryffindor-Turm. Als er um eine Ecke bog, sah er den von Ohr zu Ohr grinsenden Ron auf sich zurennen.
»Sie hat ihn dir gegeben? Klasse! Hör mal, kann ich ihn mal ausprobieren? Morgen?«
»Jaah … natürlich …«, sagte Harry. Seit einem Monat war ihm nicht mehr so leicht ums Herz gewesen. »Weißt du was – wir sollten uns mit Hermine wieder vertragen … sie wollte ja nur helfen …«
»Ja, schon gut«, sagte Ron. »Sie ist im Gemeinschaftsraum und arbeitet – zur Abwechslung mal –«
Sie bogen in den Korridor zum Gryffindor-Turm ein und sahen an dessen Ende Neville Longbottom flehentlich mit Sir Cadogan verhandeln, der ihn offenbar nicht einlassen wollte.
»Ich hab sie mir doch aufgeschrieben!«, sagte Neville, den Tränen nahe. »Aber ich muss den Zettel irgendwie verlegt haben!«
»Eine tolle Ausrede!«, brüllte Sir Cadogan. Dann erkannte er Harry und Ron: »Einen guten Abend, die edlen jungen Freischützen! Kommt und legt diesen Taugenichts in Ketten, er ist gewillt, sich Eingang zu meinen Gemächern zu erzwingen!«
»Ach, halt den Mund«, sagte Ron. Sie standen jetzt neben Neville.
»Ich hab die Passwörter verloren!«, erklärte Neville verzweifelt. »Ich hab ihn dazu überredet, mir zu sagen, welche Passwörter er diese Woche benutzen will, weil er sie ja dauernd ändert, und jetzt weiß ich nicht mehr, wo ich den Zettel hingelegt hab!«
»Metzengerstein«, sagte Harry, und Sir Cadogan, offenbar furchtbar enttäuscht, klappte widerwillig zur Seite und ließ sie ein. Jähes, erregtes Gemurmel hob an, alle Köpfe wandten sich ihnen zu und schon war Harry umgeben von einer Traube Schüler, die alle begeistert auf den Feuerblitz deuteten.
»Wo hast du den her, Harry?«
»Kann ich ihn mal fliegen?«
»Hast du ihn schon ausprobiert, Harry?«
»Ravenclaw hat jetzt keine Chance mehr, die haben doch alle noch diesen Sauberwisch Sieben!«
»Kann ich ihn nur mal halten, Harry?«
Gut zehn Minuten lang ging der Feuerblitz von Hand zu Hand und zog bewundernde Blicke von allen Seiten auf sich, dann zerstreute sich die Schar, und Harry und Ron hatten freie Sicht auf Hermine, die Einzige, die nicht herbeigeeilt war. Da saß sie, über ihre Arbeit gebeugt, und mied sorgfältig ihre Blicke. Harry und Ron gingen langsam auf ihren Tisch zu und endlich sah sie auf.
»Ich hab ihn wieder«, sagte Harry grinsend und hob den Feuerblitz in die Höhe.
»Siehst du, Hermine? Er war doch nicht verhext!«, sagte Ron.
»Ja – hätte aber sein können!«, sagte Hermine. »Immerhin wisst ihr jetzt endlich, dass er sicher ist!«
»Ja, stimmt schon«, sagte Harry. »Ich bring ihn besser nach oben –«
»Ich nehm ihn mit!«, sagte Ron eifrig, »ich muss Krätze das Rattentonikum geben.«
Er nahm den Feuerblitz und trug ihn, als ob er aus Glas wäre, die Treppe hoch zu den Schlafräumen der Jungen.
»Kann ich mich mal kurz setzen?«, fragte Harry.
»Von mir aus«, sagte Hermine und räumte einen großen Stapel Pergament von einem Stuhl.
Harry musterte das Durcheinander auf dem Tisch, den langen Arithmantikaufsatz, auf dem die Tinte noch glitzerte, den noch längeren Aufsatz für Muggelkunde (»Warum brauchen Muggel elektrischen Strom?«) und die Runenübersetzung, über der Hermine gerade brütete.
»Wie schaffst du das eigentlich alles?«, fragte Harry.
»Ach na ja, weißt du, ich arbeite eben viel«, sagte Hermine. Jetzt, aus der Nähe, fiel Harry auf, dass sie fast so müde aussah wie Lupin.
»Warum lässt du nicht einfach ein paar Fächer sausen?«, fragte Harry, während sie zwischen den Papieren nach ihrem Runenwörterbuch stöberte.
»Das kann ich einfach nicht!«, sagte Hermine und sah ihn ganz empört an.
»Arithmantik sieht furchtbar schwierig aus«, sagte Harry und hob eine sehr komplizierte Zahlentabelle hoch.
»O nein, es ist toll!«, sagte Hermine ernst. »Es ist mein Lieblingsfach! Es ist –«
Doch Harry erfuhr nie, was genau denn so toll an Arithmantik sein sollte. Genau in diesem Moment hallte ein erstickter Schrei im Treppenhaus zum Jungenschlafsaal wider. Der ganze Gemeinschaftsraum verstummte und alle sahen starr vor Schreck zum Eingang. Dann hörten sie rasche Schritte, die lauter und lauter wurden – und schließlich, mit einem Sprung, erschien Ron. Er schleifte ein Bettlaken hinter sich her.
»Sieh dir das an!«, brüllte er und kam mit großen Schritten auf Hermines Tisch zu. »Sieh dir das an!«, rief er noch einmal und schüttelte das Tuch vor ihr aus.
»Ron, was zum –?«
»Krätze! Sieh’s dir an! Krätze!«
Hermine wich vor Ron zurück, das Gesicht völlig verstört. Harry musterte das Laken in Rons Hand. Etwas Rotes war darauf. Etwas, das unheimlich ähnlich aussah wie –
»Blut!«, schrie Ron in die schreckerfüllte Stille. »Er ist fort! Und weißt du, was auf dem Boden lag?«
»N…nein«, sagte Hermine mit zittriger Stimme.
Ron warf etwas auf Hermines Runenübersetzung. Hermine und Harry beugten sich vor. Auf den merkwürdigen, spitzen Schriftzeichen lagen ein paar lange, rostrote Katzenhaare.
Gryffindor gegen Ravenclaw
Die Freundschaft zwischen Ron und Hermine schien zerstört. So wütend waren sie aufeinander, dass Harry sich nicht vorstellen konnte, wie sie sich jemals wieder versöhnen sollten.
Ron war wütend, weil Hermine die wiederholten Versuche Krummbeins, Krätze zu verspeisen, nicht ernst genommen hatte. Sie hatte sich nicht darum geschert, ihn scharf im Auge zu behalten, und tat immer noch so, als wäre Krummbein völlig unschuldig. Ron solle doch mal unter allen Betten nachsehen, schlug sie vor. Und außerdem, behauptete sie wütend, habe Ron keinen Beweis, dass Krummbein Krätze gefressen habe, die rostroten Haare seien vielleicht schon seit Weihnachten auf dem Bettlaken und überhaupt habe Ron Vorurteile gegen ihren Kater, seit Krummbein in der Magischen Menagerie auf seinem Kopf gelandet sei.
Harry war sich sicher, dass Krummbein Krätze gefressen hatte, und als er Hermine erklären wollte, dass alle Tatsachen in diese Richtung deuteten, riss ihr der Geduldsfaden auch bei Harry.
»Schön und gut, du schlägst dich auf Rons Seite, ich wusste es!«, sagte sie schrill. »Erst der Feuerblitz, jetzt Krätze, an allem bin ich schuld, oder? Lass mich bloß in Ruhe, Harry, ich hab ’ne Menge Arbeit zu erledigen!«
Ron war der Verlust seiner Ratte tatsächlich sehr nahegegangen.
»Komm schon, Ron, immer hast du gesagt, Krätze sei so langweilig«, wollte ihn Fred aufmuntern. »Und er war doch schon ewig nicht mehr richtig auf den Beinen, er ist langsam dahingestorben. War wohl ohnehin besser für ihn, wenn es schnell ging – in einem Schluck –, und gespürt hat er wahrscheinlich auch nichts.«
»Fred!«, rief Ginny empört.
»Er hat doch nur noch gefressen und geschlafen, Ron, das hast du doch selbst gesagt«, warf George ein.
»Einmal hat er Goyle für uns gebissen!«, sagte Ron wehmütig. »Weißt du noch, Harry?«
»Ja, stimmt«, antwortete Harry.
»Seine größte Stunde«, sagte Fred, schaffte es jedoch nicht, eine ernste Miene zu behalten. »Angesichts der Narbe auf Goyles Finger werden wir immer voller Ehrfurcht an ihn denken. – Ach, komm schon, Ron, geh runter nach Hogsmeade und kauf dir eine neue Ratte, was hilft dein Jammern?«
Harry unternahm einen allerletzten Versuch, Ron aufzumuntern, und überredete ihn, zum letzten Training der Gryffindors vor dem Spiel gegen Ravenclaw mitzukommen. Anschließend könne er noch ein wenig mit dem Feuerblitz herumfliegen. Das schien Ron tatsächlich einen Moment lang von seinem Kummer über Krätze abzulenken (»Prima! Kann ich auch ein paar Tore schießen?«), und so machten sie sich gemeinsam auf den Weg zum Quidditch-Feld.
Madam Hooch, die weiterhin das Training der Gryffindors beaufsichtigte und Harry ganz besonders, war ebenso beeindruckt vom Feuerblitz wie alle andern, die ihn gesehen hatten. Vor dem Start nahm sie ihn in die Hände und begutachtete ihn mit erfahrenem Blick.
»Seht mal, wie schön er im Gleichgewicht ist! Wenn die Nimbus-Serie einen Fehler hat, dann ist es ein klein wenig Schlagseite zum Schweif hin – nach ein paar Jahren kommen sie meist ziemlich schräg daher. Den Stiel haben sie auch neu entwickelt, er ist ein wenig schlanker als bei den Sauberwischs und erinnert mich an den alten Silberpfeil – ein Jammer, dass sie den nicht mehr herstellen, auf dem hab ich fliegen gelernt, ein wirklich solider Besen …«
Auf diese Art fuhr sie noch eine ganze Weile fort, bis Wood sie unterbrach.
»Ähm – Madam Hooch? Könnte Harry den Feuerblitz jetzt zurückhaben? Wir müssen doch trainieren …«
»Oh – natürlich – hier ist er, Potter«, sagte Madam Hooch. »Ich setz mich mit Weasley dort drüben hin …«
Madam Hooch und Ron verließen das Spielfeld und kletterten auf die Ränge, während sich das Gryffindor-Team um Wood scharte, der ihnen die letzten Anweisungen für das morgige Spiel gab.
»Harry, ich hab eben erfahren, wer bei den Ravenclaws als Sucher spielt. Es ist Cho Chang, eine Viertklässlerin, und sie ist ziemlich gut … eigentlich hatte ich gehofft, sie würde noch nicht wieder fit sein, sie hatte ein paar Verletzungsprobleme …« Woods Miene verfinsterte sich vor Missbehagen über Cho Changs Genesung, dann fuhr er fort: »Andererseits fliegt sie einen Komet Zwei-Sechzig, der wird neben dem Feuerblitz wie ein Witz aussehen.« Er warf Harrys Besen einen Blick voll fiebriger Bewunderung zu. »Okay, Leute, los geht’s –«
Und endlich bestieg Harry seinen Feuerblitz und stieß sich vom Boden ab.
Es war besser, als er sich hätte träumen lassen. Der Feuerblitz ging bei der leichtesten Berührung in die Kurve, er schien eher seinen Gedanken als seiner Hand zu folgen; so schnell raste er über das Spielfeld, dass Harry das Stadion nur noch als grünen und grauen Schleier wahrnahm; er ließ ihn so scharf wenden, dass Alicia Spinnet aufschrie, dann ging er in einen vollkommen sicheren Sturzflug, streifte das Gras unten mit den Schuhspitzen und stieg dann wieder zehn, zwanzig, dreißig Meter hoch in die Lüfte –
»Harry, ich lass den Schnatz raus!«, rief Wood.
Harry wendete und verfolgte einen Klatscher auf die Torstangen zu; er ließ ihn ohne weiteres hinter sich, sah den Schnatz hinter Wood hervorschnellen und hatte ihn schon nach zehn Sekunden sicher in Händen.
Das Team jubelte wie verrückt. Harry ließ den Schnatz wieder los, gab ihm eine Minute Vorsprung, dann jagte er ihm nach, wobei er sich zwischen den andern hindurchschlängelte; er sah ihn nahe Katie Bells Knie lauern, drehte lässig einen Looping um sie herum und fing den Schnatz erneut ein.
So gut hatten sie noch nie trainiert; das Team, durch den Feuerblitz in seiner Mitte angespornt, übte die schwierigsten Spielzüge fehlerlos, und als sie alle wieder gelandet waren, hatte Wood kein Wort der Kritik anzubringen, was, wie George Weasley verkündete, noch nie geschehen war.
»Ich kann mir nicht vorstellen, was uns jetzt noch aufhalten soll!«, sagte Wood. »Außer – Harry, du hast dein Problem mit diesen Dementoren doch jetzt im Griff, oder?«
»Jaah«, sagte Harry und dachte an seinen schwächlichen Patronus, den er sich viel stärker wünschte.
»Die Dementoren werden nicht wieder aufkreuzen, Oliver, Dumbledore würde völlig durchdrehen«, sagte Fred zuversichtlich.
»Nun, das können wir nur hoffen«, sagte Wood. »Jedenfalls – das war gute Arbeit von euch allen. Gehen wir zurück in den Turm … wollen heute mal früh ins Bett –«
»Ich bleib noch eine Weile draußen, Oliver, Ron will den Feuerblitz mal kurz ausprobieren«, sagte Harry, und während die andern sich auf den Weg zu den Umkleidekabinen machten, ging Harry hinüber zu Ron, der schon über die Absperrungen gesprungen war und ihm entgegenlief. Madam Hooch war auf ihrem Sitz eingeschlafen.
»Da hast du ihn«, sagte Harry und reichte Ron den Feuerblitz.
Ron schwang sich mit hingebungsvoller Miene auf den Besen und schwirrte hoch in den dunkler werdenden Himmel. Harry ging am Spielfeldrand entlang und beobachtete ihn, und als Madam Hooch jäh aufschreckte, war die Nacht schon hereingebrochen. Sie tadelte die beiden, weil sie sie nicht geweckt hatten, und schickte sie ungehalten zurück ins Schloss.
Harry schulterte den Feuerblitz und verließ mit Ron das dunkle Stadion. Sie sprachen über die herrlich sanften Bewegungen des Feuerblitzes, seine irre Beschleunigung und seine haarnadelengen Drehungen. Auf halbem Weg zum Schloss wandte Harry den Blick nach links und sah etwas, das sein Herz fast zum Stillstand brachte – ein Augenpaar leuchtete in der Dunkelheit herüber.
Harry blieb wie angefroren stehen, das Herz pochte ihm gegen die Rippen.
»Was ist los?«, fragte Ron.
Harry deutete mit dem Finger in die Dunkelheit. Ron zückte den Zauberstab und murmelte »Lumos!«.
Ein Lichtstrahl fiel über das Gras, traf den Stamm eines Baumes und erhellte seine Äste; dort, zwischen den knospenden Zweigen, kauerte Krummbein.
»Runter vom Baum!«, brüllte Ron. Er bückte sich und packte einen Stein, doch schon war Krummbein unter heftigem Schlagen seines langen rostbraunen Schwanzes verschwunden.
»Siehst du?«, sagte Ron aufgebracht und ließ den Stein fallen. »Sie lässt es immer noch zu, dass er sich rumtreibt, wo er will – wahrscheinlich verdaut er gerade Krätze gewürzt mit ein paar Vögeln –«
Harry blieb stumm. Erleichterung durchströmte ihn und er atmete tief durch; einen Augenblick lang war er sicher gewesen, dass diese Augen dem Grimm gehörten. Sie gingen weiter. Nach seinem kurzen Panikanfall genierte sich Harry ein wenig und sprach kein Wort mit Ron – und nicht ein einziges Mal sah er sich um, bis sie die hell erleuchtete Eingangshalle des Schlosses erreicht hatten.
Am nächsten Morgen ging Harry zusammen mit den anderen Jungen im Schlafsaal, die wohl alle meinten, der Feuerblitz verdiene eine Ehrengarde, hinunter zum Frühstück. Als er die Große Halle betrat, wandten sich aller Augen dem Feuerblitz zu und aufgeregtes Getuschel hob an. Harry sah mit immenser Genugtuung, dass das Team der Slytherins wie vom Donner gerührt dasaß.
»Hast du sein Gesicht gesehen?«, sagte Ron schadenfroh und blickte über die Schulter zu Malfoy hinüber. »Er kann es nicht fassen! Das ist klasse!«
Selbst Wood badete in dem Glanz, den der Feuerblitz auch auf ihn warf.
»Hier drauf mit dem Besen, Harry«, sagte er und legte den Feuerblitz mitten auf den Tisch, wobei er sorgsam darauf achtete, dass auch ja der Name zu lesen war. Bald kam einer nach dem andern von den Tischen der Ravenclaws und Hufflepuffs herüber, um ihn genauer zu betrachten. Auch Cedric Diggory kam zum Tisch, um Harry zu gratulieren, weil er einen so tollen Ersatz für seinen Nimbus bekommen hatte, und Percys Freundin von den Ravenclaws, Penelope Clearwater, fragte, ob sie den Feuerblitz einmal anfassen dürfe.
»Na, na, Penny, keine Sabotage!«, sagte Percy gut gelaunt, während ihre Augen über den Feuerblitz glitten. »Penelope und ich haben gewettet«, erklärte er dem Team. »Zehn Galleonen auf das Ergebnis des Spiels!«
Penelope legte den Feuerblitz zurück auf den Tisch, dankte Harry und kehrte zu den Ravenclaws zurück.
»Harry – sieh bloß zu, dass du gewinnst«, flüsterte Percy eindringlich. »Ich hab keine zehn Galleonen. Ja, ich komme, Penny!« Und er wuselte hinüber, um sich mit ihr ein Stück Toast zu teilen.
»Bist du auch sicher, dass du mit diesem Besen umgehen kannst, Potter?«, sagte eine kalte, affektierte Stimme.
Draco Malfoy, mit Crabbe und Goyle im Schlepptau, war herübergekommen, um sich die Sache näher anzusehen.
»Ja, ich denk schon«, sagte Harry beiläufig.
»Hat ’ne Menge Schnickschnack eingebaut, oder?«, sagte Malfoy mit bösartig glitzernden Augen. »Nur Pech, dass er nicht gleich mit Fallschirm geliefert wird – falls du einem Dementor zu nahe kommst.«
Crabbe und Goyle kicherten.
»Schade, dass du keinen Ersatzarm anschrauben kannst, Malfoy«, sagte Harry, »der könnte den Schnatz für dich fangen.«
Die Gryffindors lachten laut auf. Malfoys blasse Augen verengten sich und er stakste davon. Sie beobachteten, wie er sich zu den anderen Spielern von Slytherin setzte, die jetzt die Köpfe zusammensteckten und Malfoy ganz gewiss fragten, ob Harrys Besen wirklich ein Feuerblitz sei.
Um Viertel vor elf brachen die Gryffindors zu den Umkleideräumen auf. Das Wetter war um Welten besser als bei ihrem Spiel gegen Hufflepuff. Es war ein klarer, kühler Tag mit einer sanften Brise; diesmal würde Harry keine Schwierigkeiten haben, etwas zu sehen, und so nervös er auch war, zusehends spürte er die Begeisterung, die nur ein Quidditch-Spiel mit sich brachte. Sie hörten die anderen Schüler drüben ins Stadion einziehen. Harry legte den schwarzen Schulumhang ab, zog den Zauberstab aus der Tasche und steckte ihn in das T-Shirt, das er unter seinem Quidditch-Umhang tragen wollte. Er würde ihn hoffentlich nicht brauchen. Plötzlich fragte er sich, ob Professor Lupin in der Menge war und ihm zusah.
»Du weißt, was wir tun müssen«, sagte Wood, als sie schon auf dem Sprung nach draußen waren. »Wenn wir dieses Spiel verlieren, können wir endgültig einpacken. Flieg – flieg einfach wie gestern im Training und wir schaukeln das Ding!«
Unter tosendem Applaus marschierten sie hinaus auf das Spielfeld. Das Team der Ravenclaws, ganz in Blau, hatte sich bereits in der Mitte aufgestellt. Ihre Sucherin, Cho Chang, war das einzige Mädchen im Team. Sie war um fast einen Kopf kleiner als Harry, und trotz seiner Nervosität stellte er fest, dass sie besonders hübsch war. Sie lächelte Harry zu, während sich die Teams, die Gesichter einander zugewandt, hinter ihren Kapitänen aufstellten, und Harry war ein wenig schwummrig in der Magengegend, was jedoch, wie er glaubte, nichts mit seinen angespannten Nerven zu tun hatte.
»Wood, Davies, begrüßt euch«, sagte Madam Hooch beschwingt, und Wood und der Kapitän der Ravenclaws schüttelten sich die Hände.
»Besteigt eure Besen … auf meinen Pfiff geht’s los … drei – zwei – eins –«
Harry stieß sich ab und der Feuerblitz rauschte schneller in die Höhe als jeder andere Besen; er jagte um das Stadion herum und begann nach dem Schnatz Ausschau zu halten, dabei lauschte er immer den Worten des Freundes der Weasley-Zwillinge, Lee Jordan, der den Spielkommentar sprach.
»Jetzt sind sie oben, und die große Sensation dieses Spiels ist der Feuerblitz, den Harry Potter für die Gryffindors fliegt. Rennbesen im Test zufolge werden die Nationalmannschaften bei der diesjährigen Weltmeisterschaft allesamt den Feuerblitz fliegen –«
»Jordan, wären Sie wohl so freundlich uns zu sagen, wie das Spiel verläuft?«, unterbrach ihn Professor McGonagalls Stimme.
»Da haben Sie vollkommen Recht, Professor – ich wollte nur ein wenig Hintergrundwissen vermitteln – übrigens hat der Feuerblitz eine eingebaute automatische Bremse und –«
»Jordan!«
»Schon gut, schon gut, Gryffindor im Ballbesitz, Katie Bell auf dem Weg zum Tor …«
Harry zog in der Gegenrichtung an Katie vorbei auf der Suche nach einem goldenen Schimmer und bemerkte, dass Cho Chang knapp hinter ihm herflog. Zweifellos war sie eine gute Fliegerin – ständig flog sie ihm in die Quere und zwang ihn, die Richtung zu wechseln.
»Zeig ihr, wie du beschleunigen kannst, Harry!«, rief Fred, der einem Klatscher nachjagte, der es auf Alicia abgesehen hatte, und an ihm vorbeizischte.
Harry brachte den Feuerblitz auf Touren, drehte ein paar Runden um die Torstangen, und Cho fiel zurück. Gerade als es Katie gelang, das erste Tor zu erzielen, und die Gryffindor-Kurve unten im Stadion anfing verrückt zu spielen, gerade da sah er ihn – der Schnatz flitzte eine Handbreit über dem Boden an einer der Absperrungen entlang.
Harry ging in den Sturzflug; Cho entging das nicht und sie stürzte ihm nach – Harry wurde immer schneller, unglaubliche Freude durchflutete ihn; Sturzflüge waren seine Spezialität, jetzt war er nur noch drei Meter entfernt –
Ein Klatscher, von einem Treiber der Ravenclaws geschlagen, kam aus dem Nichts angeschossen; Harry machte einen jähen Schlenker und kam um Haaresbreite an ihm vorbei, und in diesen wenigen entscheidenden Sekunden verschwand der Schnatz.
Es folgte ein lang gezogenes enttäuschtes »Oooooh« der Gryffindor-Fans, doch viel Applaus der Ravenclaw-Kurve für ihren Treiber. George Weasley ließ Dampf ab und schmetterte den zweiten Klatscher gegen diesen Missetäter der anderen Seite, der sich mitten in der Luft auf den Rücken drehen musste, um dem Ball zu entgehen.
»Gryffindor führt mit achtzig zu null Punkten, und schaut euch an, wie dieser Feuerblitz losgeht! Potter macht ihm jetzt wirklich die Hölle heiß, jetzt geht er scharf in die Kurve und Changs Komet kann da einfach nicht mithalten, die Gleichgewichtsautomatik des Feuerblitzes ist wirklich erstaunlich bei diesen langen –«
»Jordan! Werden Sie dafür bezahlt, um für Feuerblitze Reklame zu machen? Bleiben Sie beim Spiel!«
Die Ravenclaws holten jetzt auf; sie hatten drei Tore erzielt und Gryffindor lag nur noch mit fünfzig Punkten vorn – wenn Cho den Schnatz vor Harry fing, würden sie gewinnen. Harry ließ sich tiefer sinken, entging knapp einem Zusammenstoß mit einem Jäger der Ravenclaws und suchte fiebereifrig das Spielfeld ab – ein goldener Schimmer, ein Flattern winziger Flügel – der Schnatz umschwirrte eine Torstange der Gryffindors –
Harry beschleunigte, die Augen auf den goldenen Fleck gerichtet – doch schon war Cho aus dem Nichts aufgetaucht und blockierte ihm die Bahn –
»Harry, du kannst doch jetzt nicht den Kavalier spielen!«, polterte Wood, als Harry sich in die Kurve legte, um einen Zusammenprall zu vermeiden. »Hau sie wenn nötig runter von ihrem Besen!«
Harry wandte sich um und erblickte Cho; sie grinste. Wieder war der Schnatz verschwunden. Harry zog den Feuerblitz nach oben und war rasch zehn Meter über dem Spiel. Aus den Augenwinkeln sah er, dass Cho ihn hartnäckig verfolgte … sie hatte offenbar beschlossen, ihn im Auge zu behalten, anstatt den Schnatz zu suchen … na schön … wenn sie sich auf seine Fährte setzen wollte, musste sie auch die Folgen tragen …
Wieder stürzte er sich in die Tiefe, und Cho, die glaubte, er habe den Schnatz gesichtet, versuchte ihm zu folgen; scharf riss sich Harry aus dem Sturzflug heraus und sie trudelte weiter in die Tiefe; wieder raste er schnell wie eine Gewehrkugel in die Höhe und dann sah er ihn zum dritten Mal – der Schnatz glitzerte hoch über dem Feld drüben auf der Seite der Ravenclaws.
Er legte los; viele Meter weiter unten tat es ihm Cho nach. Jetzt würde er gewinnen, jede Sekunde kam er näher auf den Schnatz zu – dann –
»Oh!«, schrie Cho und deutete mit dem Arm nach unten.
Harry ließ sich ablenken und sah hinunter.
Drei Dementoren, drei große, schwarze, kapuzentragende Dementoren, sahen zu ihm hoch.
Er überlegte erst gar nicht. Er steckte die Hand in den Kragen seines Umhangs, zückte den Zauberstab und brüllte:
»Expecto patronum!«
Etwas Silbrigweißes, etwas Riesiges brach aus der Spitze seines Zauberstabes hervor. Er wusste, dass es direkt auf die Dementoren zuschoss, doch er wartete nicht, um zu sehen, was passierte; mit immer noch wundersam klarem Kopf sah er nach vorne – er war fast da – er streckte die Hand aus, die immer noch den Zauberstab hielt, und schaffte es eben noch, die Faust über dem kleinen, widerspenstig flatternden Schnatz zu schließen.
Madam Hoochs Pfiff ertönte, Harry drehte sich in der Luft und sah sechs scharlachrote Schleier auf sich zurasen, und schon schlangen die andern Spieler so heftig die Arme um ihn, dass sie ihn fast vom Besen zerrten. Von tief unten drangen die Begeisterungsstürme der Gryffindors im Publikum herauf.
»Gut gemacht, mein Junge!«, rief Wood immer wieder. Alicia, Angelina und Katie hatten Harry inzwischen allesamt geküsst, Fred hielt ihn so fest umklammert, dass Harry fürchtete, er würde ihm den Kopf abreißen. In heillosem Durcheinander schaffte das Team gerade noch die Landung. Er stieg vom Besen und sah jetzt eine schnatternde Schar von Gryffindors auf das Spielfeld rennen, Ron vorneweg. Bevor er sich retten konnte, war er schon von einer jubelnden Menge eingeschlossen.
»Ja!«, rief Ron und riss Harrys Arm in die Luft. »Ja! Ja!«
»Gut gemacht, Harry!«, sagte Percy vergnügt. »Zehn Galleonen für mich! Ich muss Penelope suchen, entschuldige mich kurz –«
»Feine Sache, Harry!«, brüllte Seamus Finnigan.
»Klasse, verdammt noch mal!«, rief Hagrid mit strahlendem Gesicht über die Köpfe der wogenden Menschenmenge hinweg.
»Dein Patronus war nicht von schlechten Eltern«, flüsterte jemand in Harrys Ohr.
Harry wandte sich um und erkannte Professor Lupin, der erschüttert und erfreut zugleich wirkte.
»Die Dementoren haben mir gar nichts ausgemacht!«, sagte Harry aufgeregt. »Ich hab gar nichts gespürt!«
»Das – ähm – liegt daran, dass sie gar keine Dementoren waren«, sagte Professor Lupin. »Komm und sieh dir das an –«
Er führte Harry aus der Menge heraus, bis sie den Spielfeldrand sehen konnten.
»Du hast Mr Malfoy einen hübschen Schreck eingejagt«, sagte Lupin.
Harry stand mit offenem Mund da. In einem verknäuelten Haufen auf dem Boden lagen Malfoy, Crabbe, Goyle und Marcus Flint, der Teamkapitän der Slytherins, und mühten sich verzweifelt, sich aus ihren langen, schwarzen Kapuzenumhängen zu befreien. Offenbar hatte Malfoy auf Goyles Schultern gestanden. Jemand hatte sich über ihnen aufgebaut und schaute mit furchtbar wütendem Blick auf sie hinab – Professor McGonagall.
»Ein verabscheuungswürdiger Trick!«, rief sie. »Ein mieser und feiger Versuch, den Sucher der Gryffindors zu behindern. Strafarbeiten für Sie alle, und fünfzig Punkte Abzug für Slytherin! Ich werde mit Professor Dumbledore über diese Sache sprechen, machen Sie sich keine falschen Vorstellungen! Ah, da kommt er ja schon!«
Wenn irgendetwas den Sieg der Gryffindors endgültig besiegelte, dann dies. Ron, der sich zu Harry durchgekämpft hatte, krümmte sich vor Lachen, während sie Malfoy zusahen, wie er sich aus seinem Umhang, in dem immer noch Goyles Kopf steckte, freizustrampeln versuchte.
»Komm mit, Harry!«, sagte George, der sich ebenfalls durchgedrängelt hatte. »Fete ist angesagt! Jetzt gleich im Gemeinschaftsraum!«
»Gut!«, sagte Harry, der sich seit Ewigkeiten nicht mehr so glücklich gefühlt hatte. Er ging mit den anderen Spielern, immer noch in den scharlachroten Umhängen, voran, aus dem Stadion hinaus und zurück ins Schloss.
Es war, als hätten sie den Quidditch-Pokal schon gewonnen. Den ganzen Tag tobte die Fete und weit hinein in die Nacht. Fred und George Weasley verschwanden für ein paar Stunden und kehrten mit Massen von Butterbier, Kürbislimo und Süßigkeiten aus dem Honigtopf zurück.
»Wie habt ihr das geschafft?«, kreischte Angelina Johnson, während George anfing, Pfefferminzkröten in die Menge zu werfen.
»Mit ein wenig Hilfe von Moony, Wurmschwanz, Tatze und Krone«, murmelte Fred Harry ins Ohr.
Nur eine nahm nicht an den Festlichkeiten teil. Hermine, es war nicht zu fassen, saß tatsächlich in einer Ecke und versuchte einen Riesenschinken mit dem Titel Häusliches Leben und gesellschaftliche Sitten britischer Muggel zu lesen. Harry löste sich von dem Tisch, an dem Fred und George gerade mit Butterbierflaschen jonglierten, und ging zu ihr hinüber.
»Warst du wenigstens beim Spiel?«, fragte er sie.
»Natürlich«, sagte Hermine, ohne aufzusehen, mit merkwürdig hoher Stimme. »Und ich bin sehr froh, dass wir gewonnen haben, und du warst wirklich gut, aber ich muss das hier bis Montag gelesen haben.«
»Komm schon, Hermine, iss doch wenigstens etwas«, sagte Harry, blickte hinüber zu Ron und fragte sich, ob der so gut gelaunt war, dass er das Kriegsbeil begraben würde.
»Ich kann nicht, Harry, ich muss noch vierhundertzweiundzwanzig Seiten lesen!«, sagte Hermine und klang jetzt ein wenig überdreht. »Außerdem …«, sie warf einen Blick zu Ron hinüber, »er will ja nicht, dass ich mitmache.«
Daran gab es keinen Zweifel, denn Ron wählte ebendiesen Moment, um zu verkünden:
»Wenn Krätze nicht vor kurzem gefressen worden wäre, hätte er ein paar von diesen Zuckerwattefliegen haben können, die mochte er so gerne –«
Hermine brach in Tränen aus. Bevor Harry etwas sagen oder tun konnte, hatte sie den dicken Wälzer unter den Arm geklemmt, war schluchzend zur Mädchentreppe gerannt und verschwunden.
»Kannst du sie nicht wenigstens ein Mal in Ruhe lassen?«, fragte Harry Ron mit leiser Stimme.
»Nein«, sagte Ron stur. »Wenn sie wenigstens so tun würde, als ob es ihr leidtäte – aber Hermine gibt nie zu, dass sie im Unrecht ist. Sie tut immer noch so, als ob Krätze einfach in Urlaub gefahren wäre oder so was.«
Die Party der Gryffindors fand erst ein Ende, als Professor McGonagall um ein Uhr morgens in schottengemustertem Morgenmantel und Haarnetz auftauchte und sie, ohne Widerspruch zuzulassen, ins Bett schickte. Während Harry und Ron die Treppe zum Schlafsaal hochstiegen, redeten sie immer noch über das Spiel. Endlich, ganz erschöpft, kletterte Harry ins Bett, zog die Vorhänge ringsum zu, um einen Mondstrahl draußen zu halten, legte sich in die Kissen und spürte, wie er fast im selben Moment in den Schlaf entschwebte …
Er hatte einen sehr seltsamen Traum. Mit dem Feuerblitz auf der Schulter durchstreifte er einen Wald auf der Spur einer silbrig weißen Gestalt. Sie huschte vor ihm durch die Bäume und er sah sie nur hin und wieder zwischen den Blättern auftauchen. Er wollte sie unbedingt einholen, doch je schneller er ging, desto schneller floh auch seine Beute. Harry fing an zu rennen und jetzt konnte er galoppierende Hufe vor sich hören – er stieß durch dichtes Blattwerk hinaus auf eine Lichtung und –
»AAAAAAAAAAAAAARRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHH! NEIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIN!«
Harry erwachte so plötzlich, als hätte ihm jemand ins Gesicht geschlagen. Völlig verwirrt tastete er in der Dunkelheit nach den Vorhängen – er hörte Bewegungen um sich her und von der anderen Seite des Saals kam Seamus Finnigans Stimme:
»Was ist denn los?«
Harry glaubte, die Schlafsaaltür zugehen zu hören. Endlich fand er den Spalt in den Vorhängen, er riss sie auf und im selben Augenblick machte Dean Thomas seine Lampe an.
Die Vorhänge von Rons Bett waren an einer Seite zerrissen. Ron saß kerzengerade im Bett mit einem Ausdruck sprachlosen Entsetzens auf dem Gesicht.
»Black! Sirius Black! Mit einem Messer!«
»Was?«
»Hier! Gerade eben! Hat die Vorhänge aufgeschlitzt! Hat mich aufgeweckt!«
»Bist du sicher, dass du nicht geträumt hast, Ron?«, sagte Dean.
»Sieh dir die Vorhänge an! Ich sag dir, er war hier!«
Alle kletterten aus ihren Betten; Harry war als Erster an der Tür und sie rannten die Treppe hinunter. Türen flogen hinter ihnen auf, verschlafene Stimmen riefen ihnen nach –
»Wer hat geschrien?«
»Was macht ihr da?«
Das Glimmen des sterbenden Feuers im Kamin erleuchtete den Gemeinschaftsraum, in dem noch die Überbleibsel ihrer Party verstreut lagen. Er war menschenleer.
»Bist du sicher, dass es kein Traum war, Ron?«
»Ich sag dir, ich hab ihn gesehen!«
»Was soll denn dieser Lärm?«
»Professor McGonagall hat uns doch gesagt, wir sollen ins Bett gehen!«
Ein paar Mädchen waren ihre Treppe heruntergekommen, während sie sich die Morgenmäntel anzogen und gähnten. Auch mehrere Jungen tauchten jetzt auf.
»Gute Idee, machen wir weiter?«, fragte Fred Weasley strahlend.
»Alle zurück in die Betten!«, sagte Percy, der jetzt hereingerannt kam und sich beim Sprechen sein Schulsprecher-Abzeichen an den Schlafanzug heftete.
»Percy – Sirius Black!«, sagte Ron bestürzt. »In unserem Schlafsaal! Mit einem Messer! Hat mich geweckt!«
Im Gemeinschaftsraum wurde es totenstill.
»Unsinn!«, sagte Percy, wenngleich verdutzt. »Du hast zu viel gegessen, Ron – davon hat man Alpträume –«
»Ich sag dir doch –«
»Jetzt aber wirklich, genug ist genug!«
Professor McGonagall war auch wieder da. Sie schlug das Porträt hinter sich zu, trat in den Gemeinschaftsraum und blickte wütend in die Runde.
»Ich bin ja froh, dass Gryffindor das Spiel gewonnen hat, aber Ihr Betragen wird allmählich lächerlich. Percy, ich hätte mehr von Ihnen erwartet!«
»Ich habe das natürlich nicht erlaubt, Professor!«, sagte Percy empört. »Ich hab sie alle ins Bett zurückgeschickt. Mein Bruder Ron hier hatte einen Alptraum –«
»Es war kein Alptraum!«, rief Ron. »Professor, ich bin aufgewacht und da stand Sirius Black über mir mit einem Messer in der Hand!«
Professor McGonagall starrte ihn an.
»Machen Sie sich nicht lächerlich, Weasley, wie hätte er denn durch das Porträtloch kommen sollen?«
»Fragen Sie doch den!«, sagte Ron und wies mit zitterndem Zeigefinger auf die Rückseite von Sir Cadogans Gemälde. »Fragen Sie ihn, ob er –«
Mit einem übellaunigen Blick auf Ron stieß Professor McGonagall das Porträt zur Seite und ging hinaus. Die ganze Schar lauschte mit angehaltenem Atem.
»Sir Cadogan, haben Sie soeben einen Mann in den Gryffindor-Turm gelassen?«
»Gewiss, verehrte Dame!«, rief Sir Cadogan.
Ein bestürztes Schweigen trat ein, im Gemeinschaftsraum wie draußen vor dem Porträtloch.
»Sie – Sie haben ihn eingelassen?«, kreischte Professor McGonagall. »Aber – aber das Passwort!«
»Er hat sie gehabt!«, sagte Sir Cadogan stolz. »Hatte alle von der ganzen Woche, Mylady! Hat sie von einem kleinen Zettel abgelesen!«
Professor McGonagall kletterte zurück durch das Porträtloch und wandte sich der sprachlosen Menge zu. Sie war weiß wie Kreide.
»Wer von Ihnen«, sagte sie mit zitternder Stimme, »welcher unsägliche Dummkopf hat die Passwörter von dieser Woche aufgeschrieben und sie herumliegen lassen?«
Zunächst herrschte vollkommene Stille und dann, zuerst kaum vernehmlich, hörte man ein schrecklich verängstigtes Quieken und Fiepen. Neville Longbottom, vom Kopf bis zu den flaumigen Pantoffeln zitternd, hob langsam die Hand.
Snapes Groll
Keiner im Turm der Gryffindors schlief in dieser Nacht. Sie wussten, dass das Schloss erneut durchsucht wurde, und das ganze Haus wartete im Gemeinschaftsraum auf die Nachricht, ob sie Black endlich gefasst hätten. Im Morgengrauen kehrte Professor McGonagall zurück und sagte ihnen, dass er wieder entkommen war.
Wo immer sie am nächsten Tag hinkamen, überall fielen ihnen die scharfen Sicherheitsvorkehrungen auf; Professor Flitwick brachte dem Schlossportal anhand eines großen Bildes bei, Sirius Black zu erkennen; Filch wuselte die Korridore entlang und gipste alles zu, was er finden konnte, von kleinen Rissen in der Wand bis zu Mauselöchern. Sir Cadogan hatten sie gefeuert. Sein Porträt hing wieder auf dem verlassenen Korridor im siebten Stock und die fette Dame war wieder an ihrem Platz. Man hatte sie zwar fachmännisch restauriert, doch immer noch war sie höchst nervös. Ihrer Rückkehr hatte sie nur unter der Bedingung zugestimmt, dass man ihr zusätzlichen Schutz bot. Und so wurde zu ihrer Bewachung eine Truppe bärbeißiger Sicherheitstrolle angeheuert. Diese bedrohlich wirkenden Gestalten, die jetzt auf dem Korridor Streife gingen, unterhielten sich mittels Grunzlauten und verglichen zum Zeitvertreib die Größe ihrer Schlagkeulen.
Harry fiel auf, dass die Statue der einäugigen Hexe im dritten Stock unbewacht blieb und auch ihr Buckel nicht zugegipst wurde. Offenbar hatten Fred und George Recht, wenn sie glaubten, sie – und inzwischen auch Harry, Ron und Hermine – wären die Einzigen, die von dem Einstieg zum Geheimgang wussten.
»Meinst du, wir sollten es melden?«, fragte Harry Ron.
»Wir wissen, dass er nicht durch den Honigtopf hereinkommt«, sagte Ron ohne Zögern. »Wir hätten es doch gehört, wenn dort eingebrochen worden wäre.«
Harry war froh, dass Ron so dachte. Wenn Filch auch noch die einäugige Hexe zugipste, würde er nie wieder nach Hogsmeade kommen.
Ron war über Nacht zur Berühmtheit geworden. Zum ersten Mal in seinem Leben schenkten ihm die anderen Schüler mehr Aufmerksamkeit als Harry und offensichtlich genoss er diese Erfahrung. Zwar steckten ihm die nächtlichen Ereignisse immer noch in den Knochen, doch eifrig schilderte er jedem, der es hören wollte, was geschehen war, und sparte dabei nicht mit Einzelheiten.
»… also, mitten im Schlaf hör ich plötzlich dieses Geräusch, als ob etwas zerreißt, und ich denke, ich träum, versteht ihr? Aber dann spüre ich diesen Luftzug … Ich wache auf und der Vorhang auf der einen Bettseite ist runtergerissen … ich drehe mich um … und da steht er über mir … wie ein Skelett mit langen dreckigen Haaren … er hält ein Messer in der Hand, mindestens dreißig Zentimeter lang – und er starrt mich an und ich starre zurück und dann schreie ich und er haut ab.
Warum eigentlich?«, fragte er an Harry gewandt, während sich die Mädchen aus der zweiten Klasse, die seiner unheimlichen Geschichte gelauscht hatten, tuschelnd entfernten. »Warum ist er abgehauen?«
Auch Harry hatte sich diese Frage gestellt. Warum hatte Black, nachdem er erkannt hatte, dass er das falsche Bett erwischt hatte, Ron nicht zum Schweigen gebracht, um dann zum nächsten Bett zu gehen? Black hatte vor zwölf Jahren bewiesen, dass es ihm nichts ausmachte, unschuldige Menschen zu töten, und diesmal hatte er es mit fünf unbewaffneten Jungen zu tun gehabt, von denen vier schliefen.
»Er muss gewusst haben, dass es für ihn schwierig würde, aus dem Schloss zu fliehen, nachdem du geschrien und die Leute aufgeweckt hast«, sagte Harry nachdenklich. »Er hätte das ganze Haus umbringen müssen, wenn er durch das Porträtloch zurückwollte … und dann hätte er es mit den Lehrern zu tun bekommen …«
Neville war in Schimpf und Schande gefallen. Professor McGonagall war so wütend auf ihn, dass sie ihm jeden weiteren Besuch in Hogsmeade verboten, ihm eine Strafarbeit aufgehalst und jedem untersagt hatte, ihm das Passwort zum Turm zu sagen. Der arme Neville musste nun jeden Abend draußen vor dem Gemeinschaftsraum warten, wo ihn die Sicherheitstrolle misstrauisch beäugten, bis jemand kam, der ihn einließ. Keine dieser Strafen jedoch kam der nahe, die seine Großmutter für ihn in petto hatte. Zwei Tage nach Blacks Einbruch schickte sie ihm das Übelste, das ein Hogwarts-Schüler zum Frühstück auf den Tisch bekommen konnte – einen Heuler.
Die Schuleulen schwebten wie jeden Morgen mit der Post in die Große Halle. Neville verschluckte sich, als eine große Schleiereule mit einem scharlachroten Umschlag im Schnabel vor ihm landete. Harry und Ron, die gegenübersaßen, erkannten sofort, dass in diesem Brief ein Heuler steckte – ein Jahr zuvor hatte Ron einen von seiner Mutter bekommen.
»Hau lieber ab, Neville«, riet ihm Ron.
Neville ließ sich das nicht zweimal sagen. Er packte den Umschlag, hielt ihn mit ausgestrecktem Arm von sich wie eine Bombe und rannte aus der Halle, ein Anblick, bei dem der Tisch der Slytherins in tosendes Gelächter ausbrach. Sie hörten den Heuler in der Eingangshalle losgehen – die Stimme von Nevilles Großmutter, magisch verstärkt auf das Hundertfache ihrer üblichen Lautstärke, schrie und tobte, welche Schande er über die ganze Familie gebracht habe.
Harry empfand ein so tiefes Mitleid mit Neville, dass er zunächst gar nicht bemerkte, dass auch er einen Brief bekommen hatte. Hedwig beanspruchte jetzt seine Aufmerksamkeit und pickte ihm schmerzhaft aufs Handgelenk.
»Autsch! Ach – danke, Hedwig –«
Während Hedwig sich ein wenig an Nevilles Cornflakes gütlich tat, riss Harry den Umschlag auf und entfaltete den Brief:
Lieber Harry, lieber Ron,
wie wär’s mit einer Tasse Tee heute Nachmittag gegen sechs? Ich hol euch vom Schloss ab. Wartet in der Eingangshalle auf mich. Ihr dürft nicht alleine rausgehen.
Beste Grüße,
Hagrid
»Er will wahrscheinlich alles über Black hören!«, sagte Ron.
Und so verließen Harry und Ron an diesem Nachmittag um sechs den Turm der Gryffindors, gingen schleunigst an den Sicherheitstrollen vorbei und stiegen hinunter in die Eingangshalle.
Hagrid wartete bereits auf sie.
»Ich weiß, Hagrid!«, sagte Ron. »Du willst sicher wissen, was Samstagnacht passiert ist?«
»Das weiß ich schon alles«, sagte Hagrid, öffnete das Portal und geleitete sie nach draußen.
»Ach so«, sagte Ron ein wenig enttäuscht.
Das Erste, was sie sahen, als sie in Hagrids Hütte traten, war Seidenschnabel. Die gewaltigen Flügel an den Körper geschmiegt hatte er sich der Länge nach auf Hagrids Flickenvorleger ausgestreckt und verspeiste genüsslich einen großen Teller toter Frettchen. Harry wandte die Augen von diesem unschönen Anblick ab und sah jetzt einen kolossalen Anzug aus braunem Fellhaar und eine fürchterliche gelborange Krawatte an der Tür von Hagrids Kleiderschrank hängen.
»Wozu brauchst du diese Klamotten?«, fragte Harry.
»Für den Prozess gegen Seidenschnabel vor dem Ausschuss für die Beseitigung gefährlicher Geschöpfe«, sagte Hagrid. »Diesen Freitag. Wir fahren zusammen runter nach London. Ich hab zwei Betten im Fahrenden Ritter gebucht …«
Harry überkamen plötzlich peinliche Gewissensbisse. Dass Seidenschnabel bald der Prozess drohte, hatte er völlig vergessen, und nach Rons verlegener Miene zu schließen war es ihm nicht anders ergangen. Zudem hatten sie ihr Versprechen vergessen, Hagrid bei der Vorbereitung für Seidenschnabels Verteidigung zu helfen: Der Feuerblitz hatte es schlichtweg aus ihren Köpfen gelöscht.
Hagrid schenkte ihnen Tee ein und bot ihnen einen Teller Rosinenbrötchen an, doch sie lehnten dankend ab; Hagrids Kochkünste hatten sie noch gut in Erinnerung.
»Ich hab was mit euch zu besprechen«, sagte Hagrid und setzte sich mit einer für ihn ungewöhnlich ernsten Miene zwischen die beiden.
»Was denn?«, wollte Harry wissen.
»Hermine«, sagte Hagrid.
»Was ist mit ihr?«, fragte Ron.
»Geht ihr ziemlich elend, muss ich euch sagen. Sie hat mich seit Weihnachten oft besucht. Hat sich einsam gefühlt. Erst habt ihr wegen dem Feuerblitz nicht mit ihr geredet, jetzt ist es, weil ihr Kater –«
»– Krätze gefressen hat!«, warf Ron zornig ein.
»So sind sie eben, die Kater«, fuhr Hagrid unbeirrt fort. »Sie hat ziemlich oft geheult, sag ich euch. Hat’s im Moment nicht leicht. Hat sich mehr aufgehalst, als sie verkraften kann, wenn ihr mich fragt, diese ganze Lernerei tut ihr nicht gut. Hat aber trotzdem Zeit gefunden, mir mit Seidenschnabel zu helfen, alle Achtung … und hat einiges rausgefunden, was ich wirklich gut gebrauchen kann … schätze mal, er hat jetzt ’ne reelle Chance …«
»Hagrid, wir hätten dir auch helfen sollen – tut uns leid –«, begann Harry peinlich berührt.
»Ich will euch doch nichts vorwerfen«, sagte Hagrid und tat Harrys Entschuldigung mit einer Handbewegung ab. »Du hast weiß Gott genug zu tun gehabt, Harry, ich hab dich Tag und Nacht Quidditch trainieren sehen – aber ich muss euch sagen, ich hätte gedacht, euch wär ein Freund mehr wert als Besen und Ratten. Das ist alles.«
Harry und Ron tauschten betretene Blicke.
»Sie war ganz durcheinander, unsere Hermine, als Black dich fast erstochen hat, Ron. Sie hat das Herz am richtigen Fleck und ihr zwei redet nicht mal mit ihr –«
»Wenn dieser Kater verschwindet, red ich wieder mit ihr!«, sagte Ron zornig, »aber sie hängt immer noch an dem Vieh! Ein richtiges Raubtier, und sie will kein Wort gegen ihn hören!«
»Ach weißt du, die Menschen stellen sich manchmal ein wenig dumm, wenn’s um ihre Haustiere geht«, sagte Hagrid weise. Hinter ihnen spuckte Seidenschnabel ein paar Frettchenknochen auf Hagrids Kissen.
Den Rest der Zeit sprachen sie über Quidditch und die inzwischen besseren Chancen Gryffindors, den Pokal zu gewinnen. Um neun brachte Hagrid sie zurück ins Schloss.
Im Gemeinschaftsraum drängte sich eine große Schülertraube um das Mitteilungsbrett.
»Nächstes Wochenende geht’s wieder mal nach Hogsmeade!«, sagte Ron, der den Hals gereckt und über ihre Köpfe gespäht hatte, um den neuen Zettel zu lesen. »Was meinst du?«, fügte er mit gedämpfter Stimme an Harry gewandt hinzu, während sie sich setzten.
»Na ja, Filch hat sich um den Geheimgang zum Honigtopf nicht gekümmert …«, sagte Harry noch leiser.
»Harry!«, sprach eine Stimme in sein rechtes Ohr. Harry zuckte zusammen und wandte sich um. Am Tisch hinter ihnen saß Hermine und räumte eine Lücke in der Wand aus Büchern frei, die sie bisher verborgen hatte.
»Harry, wenn du noch einmal nach Hogsmeade gehst … erzähl ich Professor McGonagall von dieser Karte!«, flüsterte Hermine.
»Hörst du jemanden reden, Harry?«, knurrte Ron, ohne Hermine anzusehen.
»Ron, wie kannst du ihn auch noch anstacheln? Nach dem, was Sirius Black dir fast angetan hätte! Ich mein’s ernst, ich geh zu –«
»Jetzt treibst du es noch so weit, dass sie Harry von der Schule werfen!«, zischte Ron wütend. »Hast du dieses Jahr noch nicht genug Schaden angerichtet?«
Hermine öffnete den Mund, um zu antworten, doch mit einem leisen Fauchen sprang ihr Krummbein auf den Schoß. Hermine warf Ron einen besorgten Blick zu, dessen Gesicht jetzt einen merkwürdigen Ausdruck annahm. Sie packte Krummbein und ging rasch in Richtung Mädchenschlafsäle davon.
»Also, wie steht’s?«, sagte Ron zu Harry, als wären sie gar nicht unterbrochen worden. »Komm schon, das letzte Mal, als du in Hogsmeade warst, hast du doch gar nichts gesehen. Du bist noch nicht mal bei Zonko gewesen!«
Harry vergewisserte sich, dass Hermine außer Hörweite war.
»Gut«, sagte er. »Aber diesmal nehm ich den Tarnumhang.«
Am Samstagmorgen packte Harry seinen Tarnumhang in die Schultasche, ließ die Karte des Rumtreibers in die Hosentasche gleiten und ging mit den andern hinunter zum Frühstück. Hermine sah von der anderen Seite des Tisches immer wieder misstrauisch herüber, doch er mied ihren Blick und sorgte dafür, dass sie ihn draußen in der Eingangshalle die Marmortreppe hochsteigen sah, während sich alle andern am Portal versammelten.
»Tschau!«, rief Harry Ron nach. »Wir sehen uns, wenn ihr zurück seid!«
Ron grinste und zwinkerte.
Harry rannte hoch in den dritten Stock und zog die Karte hervor. Er kauerte sich hinter der einäugigen Hexe auf den Boden und breitete sie aus. Ein kleiner Punkt bewegte sich in seine Richtung. Harry verfolgte ihn gespannt. In winziger Schrift neben dem Punkt stand »Neville Longbottom«.
Rasch zückte Harry den Zauberstab, murmelte »Dissendium« und schob seine Schultasche in die Statue, doch bevor er selbst hineinklettern konnte, kam Neville um die Ecke.
»Harry! Ich hab ganz vergessen, dass du ja auch nicht nach Hogsmeade darfst!«
»Hallo, Neville«, sagte Harry. Schnell ging er ein paar Schritte weg von der Statue und stopfte die Karte in die Hosentasche. »Irgendwelche Pläne?«
»Nee«, sagte Neville schulterzuckend. »Hast du Lust auf ’ne Partie Zauberschnippschnapp?«
»Ähm – nicht jetzt – ich wollte eben in die Bibliothek und diesen Vampiraufsatz für Lupin schreiben –«
»Ich komm mit!«, sagte Neville strahlend. »Ich hab noch gar nicht damit angefangen!«
»Ähm – wart mal – ja, hab ich ganz vergessen, ich hab ihn gestern Abend fertig geschrieben!«
»Toll, dann kannst du mir ja helfen!«, sagte Neville und sein Blick flehte um Beistand. »Das mit dem Knoblauch kapier ich überhaupt nicht – müssen die den essen oder was –«
Unter leisem Keuchen erstarb Nevilles Stimme. Sein Blick fiel an Harry vorbei auf den Korridor.
Es war Snape. Neville ging rasch hinter Harry in Deckung.
»Und was macht ihr beide hier?«, sagte Snape, baute sich vor ihnen auf und sah sie abwechselnd an. »Ein ungewöhnlicher Treffpunkt –«
Harry überkam gewaltige Unruhe, als Snapes flackernder Blick über die Türen zu beiden Seiten des Ganges huschte und dann an der einäugigen Hexe hängen blieb.
»Das – das ist nicht unser Treffpunkt«, sagte Harry. »Wir haben uns – einfach zufällig getroffen.«
»Tatsächlich?«, sagte Snape. »Du hast die Gewohnheit, an ausgefallenen Orten aufzutauchen, Potter, und das meist aus ganz bestimmten Gründen … Ich schlage vor, ihr zwei geht schleunigst zurück in euren Turm, dahin, wo ihr hingehört.«
Harry und Neville gingen ohne ein weiteres Wort davon. Bevor sie um die Ecke bogen, wandte sich Harry noch einmal um. Snape strich mit der Hand über den Kopf der einäugigen Hexe und untersuchte sie genau.
Bei der fetten Dame angelangt, schaffte es Harry, Neville abzuschütteln, indem er ihm das Passwort sagte und vorschützte, seinen Vampiraufsatz in der Bibliothek vergessen zu haben. Er rannte davon. Außer Sicht der Sicherheitstrolle zog er die Karte hervor und versenkte sich in den Plan des Schlosses.
Der Korridor im dritten Stock schien wie ausgestorben. Harry suchte die Karte sorgfältig ab und stellte mit Erleichterung fest, dass der kleine Punkt namens »Severus Snape« inzwischen wieder in seinem Büro war.
Er rannte zurück zur einäugigen Hexe, öffnete ihren Buckel, schlüpfte hinein und schlitterte hinunter zu seiner Tasche am Ende der steinernen Rutsche. Er löschte die Karte des Rumtreibers und spurtete los.
Harry, unter dem Tarnumhang vollkommen verborgen, trat ins Sonnenlicht vor dem Honigtopf und klopfte Ron auf den Rücken.
»Ich bin’s«, murmelte er.
»Wo hast du so lange gesteckt?«, zischte Ron.
»Snape ist herumgeschlichen …«
Sie machten sich auf den Weg die Hauptstraße entlang.
»Wo bist du?«, murmelte Ron immer wieder aus den Mundwinkeln. »Bist du noch da? Ein komisches Gefühl ist das …«
Sie gingen zum Postamt. Ron tat so, als wolle er wissen, wie viel eine Eule zu Bill nach Ägypten koste, damit sich Harry in Ruhe umsehen konnte. Die Eulen, mindestens dreihundert Tiere, saßen auf Stangen und fiepten ihm leise zu; alles war vertreten, von den großen Uhus bis zu den Käuzchen (»Zustellung nur innerorts«), die so winzig waren, dass sie in Harrys Hand Platz gehabt hätten.
Dann besuchten sie Zonko, wo sich so viele Schüler drängelten, dass Harry sorgfältig aufpassen musste, niemandem auf die Zehen zu treten und eine Panik auszulösen. Hier gab es Scherz- und Juxartikel, die selbst Freds und Georges wildeste Träume verblassen ließen; Harry flüsterte Ron zu, was er tun sollte, und reichte ihm unter seinem Umhang ein paar Goldmünzen. Sie verließen Zonko mit stark erleichterten Geldbeuteln, doch die Taschen berstend voll mit Stinkbomben, Schluckaufdrops, Froschlaichseife und mit je einer nasebeißenden Teetasse.
Es war ein schöner Tag mit einer leichten Brise, und keiner von beiden hatte Lust, sich irgendwo reinzusetzen. Also schlenderten sie an den Drei Besen vorbei und einen Hügel hinauf. Dort oben, ein wenig abseits vom Dorf, stand das verspukteste Haus in ganz Britannien, die Heulende Hütte. Mit ihren brettervernagelten Fenstern und dem morastigen, überwucherten Garten war sie selbst bei Tageslicht ein wenig schaurig.
»Sogar die Geister von Hogwarts machen einen Bogen um die Hütte«, sagte Ron, während sie über den Zaun gelehnt zu ihr hochsahen. »Ich hab den Fast Kopflosen Nick gefragt … er meinte, hier hätte eine ziemlich raue Bande gelebt. Keiner kommt da rein. Fred und George haben’s natürlich versucht, aber alle Eingänge sind versiegelt …«
Harry, von der Klettertour erhitzt, überlegte gerade, ob er den Umhang nicht eine Weile ablegen sollte, als sie Stimmen in der Nähe hörten. Jemand stieg auf der anderen Seite des Hügels zur Hütte empor; Sekunden später war Malfoy zu erkennen, dicht gefolgt von Crabbe und Goyle. Malfoy sprach.
»… ich erwarte jede Minute eine Eule von meinem Vater. Er musste zum Prozess, um ihnen von meinem Arm zu berichten … dass ich ihn drei Monate lang nicht gebrauchen konnte …«
Crabbe und Goyle glucksten.
»Ich wünschte, ich könnte dabei sein, wenn sich dieser zottige Volltrottel zu verteidigen sucht … ›Der tut nichts Böses, ehrlich –‹ … dieser Hippogreif ist so gut wie tot –«
Da fiel Malfoys Blick auf Ron. Sein blasses Gesicht verzog sich zu einem bösartigen Grinsen.
»Was machst du denn hier, Weasley?«
Malfoy sah an Ron vorbei zu dem baufälligen Haus.
»Vermute mal, du würdest am liebsten hier wohnen, nicht wahr, Weasley? Träumst davon, ein eigenes Schlafzimmer zu haben? Hab gehört, bei dir zu Hause schlafen sie alle in einem Zimmer – stimmt das?«
Harry packte Ron von hinten am Umhang, damit der sich nicht auf Malfoy stürzte.
»Überlass ihn mir«, zischte er Ron ins Ohr.
Die Gelegenheit war einfach zu gut. Leise schlich sich Harry hinter Malfoy, Crabbe und Goyle, bückte sich und grub eine große Hand voll Schlamm aus dem Fußweg.
»Wir reden gerade über deinen Freund Hagrid«, sagte Malfoy zu Ron. »Was er wohl dem Ausschuss für die Beseitigung gefährlicher Geschöpfe erzählt? Glaubst du, er fängt an zu heulen, wenn sie seinem Hippogreif –«
Klatsch.
Malfoys Kopf ruckte nach vorn, als ihn der Schlamm von hinten traf; an seinem silberblonden Haar tropfte der Modder herunter.
»Was zum –?«
Ron bekam wabblige Knie vor Lachen und musste sich am Zaun festhalten. Malfoy, Crabbe und Goyle torkelten im Kreis herum und stierten fassungslos in die Gegend. Mühselig wischte sich Malfoy den Dreck aus den Haaren.
»Was war das? Wer war das?«
»Spukt ganz schön hier oben«, sagte Ron, als würde er übers Wetter reden.
Crabbe und Goyle bekamen es offenbar mit der Angst zu tun. Gegen Gespenster konnten sie mit ihren überquellenden Muskelpaketen nichts ausrichten. Malfoy stierte mit irrem Blick in die menschenleere Gegend.
Harry schlich den Fußweg entlang bis zu einer besonders dreckigen Pfütze und griff sich beherzt eine Hand voll übel riechenden grünlichen Schlicks.
Flatsch.
Diesmal bekamen Crabbe und Goyle ihren Anteil. Goyle tapste wütend umher und wischte sich verzweifelt den Schlick aus den kleinen dumpfen Augen.
»Es kommt von da drüben!«, sagte Malfoy und zeigte auf eine Stelle etwa zwei Meter links von Harry, während er sich immer noch das Gesicht wischte.
Crabbe stolperte los, die langen Arme ausgestreckt wie ein Zombie. Harry duckte sich seitlich weg, hob einen Ast vom Boden und schleuderte ihn auf Crabbes Rücken. Crabbe hob vor Schreck vom Boden ab und drehte eine Pirouette in der Luft; Harry krümmte sich vor stummem Lachen. Da Ron der Einzige war, den Crabbe sehen konnte, ging er auf ihn los, doch Harry stellte ihm ein Bein – und Crabbes riesiger Plattfuß verhedderte sich im Saum von Harrys Umhang. Harry spürte ein mächtiges Zerren, dann wurde der Tarnumhang von seinem Gesicht gerissen.
Für den Bruchteil einer Sekunde starrte ihn Malfoy an.
»AAAARH!«, brüllte er und deutete auf Harrys Kopf. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und rannte mit halsbrecherischer Geschwindigkeit den Hügel hinunter, Crabbe und Goyle auf den Fersen.
Harry zog sich den Umhang wieder über den Kopf, doch nun war es passiert.
»Harry!«, sagte Ron, stolperte in seine Richtung und starrte hoffnungslos auf die Stelle, wo Harry verschwunden war, »du haust besser ab! Wenn Malfoy das erzählt – du musst zurück ins Schloss, aber schnell –«
»Bis später«, sagte Harry, und ohne ein weiteres Wort zu verlieren, rannte er den Fußweg hinunter nach Hogsmeade.
Würde Malfoy seinen eigenen Augen trauen? Würde irgendjemand Malfoy Glauben schenken? Keiner wusste von dem Tarnumhang – keiner außer Dumbledore. Harry drehte sich der Magen – wenn Malfoy die Geschichte erzählte, würde Dumbledore genau wissen, was passiert war –
Zurück in den Honigtopf, die Kellertreppe hinunter, über den steinernen Fußboden, durch die Falltür – Harry zog den Umhang aus, klemmte ihn unter den Arm und rannte, ohne nachzudenken, den Geheimgang entlang – Malfoy würde vor ihm zurück sein – wie lange würde er brauchen, um einen Lehrer zu finden? Er keuchte und spürte ein heftiges Stechen in der Seite, doch er rannte atemlos weiter, bis er die steinerne Rutsche erreichte. Er würde den Umhang hier lassen müssen, er wäre ein zu großer Verlust, falls Malfoy ihn bei einem Lehrer anschwärzen würde – er versteckte ihn in einer dunklen Ecke und kletterte so schnell er konnte die Rutsche hoch. Immer wieder glitten seine schwitzigen Hände an den Seiten ab. Er gelangte ins Innere des Hexenbuckels, tippte mit dem Zauberstab dagegen, streckte den Kopf ins Freie und kletterte hinaus; der Buckel schloss sich, und gerade als Harry hinter der Statue hervorgesprungen war, hörte er schnelle Schritte näher kommen.
Es war Snape. Rasch und mit wehendem schwarzem Umhang ging er auf Harry zu und baute sich vor ihm auf.
»So«, sagte er.
Unterdrückte Siegesgewissheit spiegelte sich in seinem Gesicht. Harry mühte sich wie ein Unschuldslamm auszusehen, doch er war sich bewusst, dass sein Gesicht verschwitzt war und seine Hände voller Erde klebten, und er steckte sie rasch in die Taschen.
»Mitkommen, Potter«, sagte Snape.
Harry folgte ihm die Treppe hinunter. Unterwegs versuchte er die Hände an der Innenseite seines Umhangs sauber zu wischen, ohne dass Snape es bemerkte. Sie gingen die Treppen zu den Kerkern hinunter und betraten Snapes Büro.
Hier war Harry schon einmal gewesen und auch damals hatte er in einem ziemlichen Schlamassel gesteckt. Seither hatte Snape noch ein paar weitere fürchterliche Schleimungetüme erworben, allesamt in Glasgefäßen auf Regalen hinter seinem Schreibtisch ausgestellt. Sie glitzerten im Licht des Feuers und hellten die bedrohliche Stimmung nicht gerade auf.
»Setzen«, sagte Snape.
Harry setzte sich. Snape jedoch blieb stehen.
»Mr Malfoy war eben bei mir und hat mir eine merkwürdige Geschichte erzählt, Potter«, sagte Snape.
Harry sagte nichts.
»Er sei oben bei der Heulenden Hütte gewesen und habe dort zufällig Weasley getroffen – der offenbar allein war.«
Harry schwieg.
»Mr Malfoy behauptet, er habe sich mit Weasley unterhalten, als ihn eine ziemliche Hand voll Schlamm in den Nacken getroffen habe. Wie, glaubst du, konnte das geschehen?«
Harry versuchte, milde überrascht zu wirken. »Ich weiß nicht, Professor.«
Snapes Blick bohrte sich in Harrys Augen. Es war genau wie bei einem Hippogreif, den man anstarren musste, und Harry versuchte angestrengt nicht zu blinzeln.
»Daraufhin hatte Mr Malfoy eine ungewöhnliche Erscheinung. Hast du eine Ahnung, was es gewesen sein könnte?«
»Nein«, sagte Harry und versuchte jetzt arglos-neugierig zu klingen.
»Es war dein Kopf, Potter. Und er schwebte in der Luft.«
Ein langes Schweigen trat ein.
»Vielleicht sollte er mal rüber zu Madam Pomfrey«, sagte Harry, »wenn er solche Dinge sieht –«
»Was hatte dein Kopf in Hogsmeade zu suchen, Potter?«, sagte Snape leise. »Dein Kopf ist in Hogsmeade verboten. Kein Teil deines Körpers darf dort sein.«
»Das weiß ich«, sagte Harry und mühte sich, auf seinem Gesicht weder Schuld noch Angst zu zeigen. »Klingt ganz so, als hätte Malfoy Halluzin…«
»Malfoy hat keine Halluzinationen«, schnarrte Snape. Er beugte sich hinunter und legte die Hände auf Harrys Armlehnen, so dass ihre Gesichter keine Handbreit voneinander entfernt waren. »Wenn dein Kopf in Hogsmeade war, dann war auch der Rest von dir dort.«
»Ich war oben in unserem Turm«, sagte Harry, »wie Sie gesagt –«
»Kann das jemand bestätigen?«
Harry antwortete nicht. Snapes schmaler Mund kräuselte sich zu einem fürchterlichen Lächeln.
»Soso«, sagte er und richtete sich auf. »Alle Welt, vom Zaubereiminister abwärts, bemüht sich, den berühmten Harry Potter vor Sirius Black zu schützen. Doch der berühmte Harry Potter folgt seinem eigenen Gesetz. Sollen sich die gewöhnlichen Leute um seine Sicherheit sorgen! Der berühmte Harry Potter geht, wohin er will, ohne an die Folgen zu denken.«
Harry schwieg beharrlich. Snape wollte ihn doch nur triezen und ihm die Wahrheit entlocken. Den Gefallen würde er ihm nicht tun. Snape hatte keinen Beweis – noch nicht.
»Du bist deinem Vater ganz erstaunlich ähnlich, Potter«, sagte Snape plötzlich mit glitzernden Augen. »Auch er war über die Maßen arrogant. Ein gewisses Talent auf dem Quidditch-Feld ließ ihn glauben, er stehe über uns anderen. Ist mit Freunden und Bewunderern herumstolziert … ihr seid euch geradezu unheimlich ähnlich.«
»Mein Dad ist nicht herumstolziert«, platzte es aus Harry heraus. »Und ich auch nicht.«
»Und dein Vater hat auch nicht viel von Regeln gehalten«, fuhr Snape fort; sein schmales Gesicht war voll Heimtücke. »Regeln waren für die Normalsterblichen da, nicht für die Pokalsieger im Quidditch. Das war ihm so zu Kopf gestiegen –«
»Schweigen Sie!«
Plötzlich war Harry auf den Beinen. Ein Zorn, wie er ihn seit dem letzten Abend im Ligusterweg nicht mehr gespürt hatte, durchströmte ihn. Es war ihm gleich, dass sich Snapes Gesicht versteinert hatte und seine schwarzen Augen gefährlich blitzten.
»Was hast du eben gesagt, Potter?«
»Sie sollen aufhören, über meinen Vater zu reden!«, rief Harry. »Ich weiß die Wahrheit, okay? Er hat Ihnen das Leben gerettet. Dumbledore hat es mir gesagt! Sie wären nicht einmal hier ohne meinen Dad!«
Snapes fahle Haut hatte die Farbe saurer Milch angenommen.
»Und hat dir der Schulleiter auch von den Umständen berichtet, unter denen dein Vater mir das Leben gerettet hat?«, flüsterte er. »Oder glaubte er, die Einzelheiten seien zu unerfreulich für die Ohren des geschätzten jungen Potter?«
Harry biss sich auf die Lippen. Er wusste nicht, was geschehen war, wollte es aber nicht zugeben – doch Snape schien die Wahrheit zu erraten.
»Es wäre mir überhaupt nicht recht, wenn du mit einer falschen Vorstellung von deinem Vater herumläufst, Potter«, und ein schreckliches Grinsen verzerrte sein Gesicht. »Hast du dir vielleicht eine glorreiche Heldentat vorgestellt? Dann muss ich dich enttäuschen – dein ach so wunderbarer Vater und seine Freunde spielten mir einen höchst amüsanten Streich, der mich umgebracht hätte, wenn dein Vater nicht im letzten Augenblick kalte Füße bekommen hätte. Das hatte überhaupt nichts mit Mut zu tun. Er rettete sein Leben ebenso wie meines. Wenn ihr Scherz gelungen wäre, hätte man sie von der Schule geworfen.«
Snape bleckte seine unregelmäßigen gelblichen Zähne.
»Leer deine Taschen aus, Potter!«, blaffte er ihn plötzlich an.
Harry rührte sich nicht. In seinen Ohren hämmerte es.
»Leer die Taschen aus oder wir gehen sofort zum Schulleiter! Zieh sie raus, Potter!«
Kalt vor Angst zog Harry langsam die Tüte mit Scherzartikeln von Zonko und die Karte des Rumtreibers hervor.
Snape griff sich Zonkos Tüte.
»Ron hat sie mir geschenkt«, sagte Harry und flehte zum Himmel, er würde Ron noch warnen können, bevor Snape ihn sah. »Er – hat sie letztes Mal aus Hogsmeade mitgebracht –«
»Ach ja? Und du trägst sie seither ständig mit dir herum? Wie ungemein rührend … und was ist das hier?«
Snape hielt die Karte in Händen. Harry versuchte mit aller Kraft, gleichmütig dreinzuschauen.
»Nur so ’n Stück Pergament«, sagte er achselzuckend.
Snape drehte es hin und her, ohne den Blick von Harry zu wenden.
»Du brauchst doch sicher kein so altes Stück Pergament?«, sagte er. »Warum – werfen wir es nicht einfach weg?«
Seine Hand näherte sich dem Feuer.
»Nein!«, sagte Harry rasch.
»Ach?«, sagte Snape mit zitternden Nasenflügeln. »Noch ein wohl behütetes Geschenk von Mr Weasley? Oder – ist es etwas ganz anderes? Ein Brief vielleicht, mit unsichtbarer Tinte? Oder – die Anleitung, wie man nach Hogsmeade kommt, ohne an den Dementoren vorbeizumüssen?«
Harry blinzelte. Snapes Augen glühten.
»Das werden wir gleich haben …«, murmelte er, zückte seinen Zauberstab und breitete die Karte auf dem Schreibtisch aus. »Enthülle dein Geheimnis!«, sagte er und berührte das Pergament mit dem Zauberstab.
Nichts geschah. Harry ballte die Hände zu Fäusten, um seine zitternden Finger zu verbergen.
»Zeige dich!«, sagte Snape und versetzte der Karte einen scharfen Hieb.
Sie blieb leer. Harry atmete tief durch, um sich zu beruhigen.
»Professor Severus Snape, Oberlehrer an dieser Schule, befiehlt dir, das Wissen, das du verbirgst, preiszugeben!«, sagte Snape und schlug die Karte mit dem Zauberstab.
Wie von unsichtbarer Hand erschienen Wörter auf der glatten Oberfläche der Karte.
»Mr Moony erweist Professor Snape die Ehre und bittet ihn, seine erstaunlich lange Nase aus den Angelegenheiten anderer Leute herauszuhalten.«
Snape erstarrte. Auch Harry starrte wie vom Donner gerührt auf die Schrift. Doch die Karte ließ es nicht dabei bewenden. Unter der ersten Mitteilung erschien ein neuer Satz.
»Mr Krone kann Mr Moony nur beipflichten und möchte hinzufügen, dass Professor Snape ein hässlicher Schaumschläger ist.«
Das wäre alles recht komisch, dachte Harry, wenn die Lage nicht so ernst wäre. Und es kam noch schlimmer …
»Mr Tatze wünscht sein Befremden kundzutun, dass ein solcher Dummkopf jemals Professor wurde.«
Harry schloss die Augen vor Entsetzen. Als er sie wieder öffnete, hatte die Karte schon ihr letztes Wort geschrieben.
»Mr Wurmschwanz wünscht Professor Snape einen schönen Tag und rät dem Schleimbeutel, sich die Haare zu waschen.«
Harry wartete auf den großen Knall.
»Schön …«, sagte Snape gedämpft. »Wir werden der Sache auf den Grund gehen …«
Er ging hinüber zum Feuer, nahm eine Faust voll glitzerndem Puder aus einem Fässchen auf dem Kaminsims und warf es in die Flammen.
»Lupin!«, rief Snape ins Feuer. »Ich muss Sie kurz sprechen!«
Harry starrte verblüfft ins Feuer. Eine große Gestalt erschien darin und drehte sich rasend schnell um sich selbst. Sekunden später stieg Professor Lupin aus dem Kamin und klopfte sich Asche von seinem schäbigen Umhang.
»Sie haben gerufen, Snape?«, sagte Lupin milde.
»Allerdings«, sagte Snape mit zornverzerrtem Gesicht und ging zurück zum Schreibtisch. »Ich habe eben Potter aufgefordert, seine Taschen zu leeren. Dies hier hatte er bei sich.«
Snape deutete auf das Pergament, auf dem immer noch die Worte der Herren Moony, Wurmschwanz, Tatze und Krone schimmerten. Lupins Gesicht wirkte plötzlich merkwürdig verschlossen.
»Nun?«, sagte Snape.
Lupin starrte immer noch auf die Karte. Harry hatte den Eindruck, dass er sehr rasch nachdachte.
»Nun?«, sagte Snape erneut. »Dieses Pergament steckt offensichtlich voll schwarzer Magie. Das ist angeblich Ihr Fachgebiet, Lupin. Wo, glauben Sie, hat Potter so etwas her?«
Lupin sah auf und warf Harry einen flüchtigen Blick zu. Misch dich bloß nicht ein, schien er zu bedeuten.
»Voll schwarzer Magie?«, wiederholte er sanft. »Glauben Sie wirklich, Snape? Mir kommt es nur wie ein Stück Pergament vor, das jeden beleidigt, der es liest. Kindisch, aber doch nicht gefährlich? Ich denke, Harry hat es aus dem Scherzartikelladen –«
»Tatsächlich?«, sagte Snape. Sein Kiefer mahlte vor Zorn. »Sie glauben, ein Juxladen würde ihm so etwas verkaufen? Halten Sie es nicht für wahrscheinlicher, dass er es direkt von den Herstellern hat?«
Harry begriff nicht, was Snape meinte. Lupin scheinbar auch nicht.
»Sie meinen, von Mr Wurmschwanz oder einem der andern?«, fragte er. »Harry, kennst du einen von diesen Männern?«
»Nein«, sagte Harry rasch.
»Sehen Sie, Severus?«, sagte Lupin und wandte sich erneut Snape zu. »Mir kommt es vor wie etwas, das es bei Zonko zu kaufen gibt –«
Wie gerufen kam Ron ins Büro gestürmt und konnte, völlig außer Atem, nur knapp vor Snapes Schreibtisch abbremsen. Er hatte die Hand auf die offenbar stechende Brust gepresst und versuchte etwas zu sagen.
»Ich – habe – Harry – diese – Sachen – geschenkt«, würgte er hervor. »Hab sie … bei Zonko gekauft … schon – ewig – lange – her …«
»Gut!«, sagte Lupin, klatschte in die Hände und blickte gut gelaunt in die Runde, »das scheint mir die Sache zu klären! Severus, das hier nehme ich an mich, einverstanden?« Er faltete die Karte zusammen und steckte sie in den Umhang. »Harry, Ron, ihr kommt mit mir auf ein Wort über den Vampiraufsatz – entschuldigen Sie uns bitte, Severus –«
Sie gingen hinaus und Harry wagte es nicht, einen Blick auf Snape zu werfen. Ohne ein einziges Wort zu wechseln, gingen die drei den ganzen Weg zurück zur Eingangshalle. Dann wandte sich Harry an Lupin.
»Professor, ich –«
»Ich möchte jetzt keine Erklärungen hören«, sagte Lupin kurz angebunden. Er sah sich in der leeren Eingangshalle um und dämpfte die Stimme. »Zufällig weiß ich, dass Mr Filch diese Karte vor vielen Jahren beschlagnahmt hat.« Harry und Ron rissen erstaunt die Augen auf. »Ja, ich weiß, dass es eine Karte ist«, fuhr er fort. »Ich möchte nicht wissen, wie sie in deinen Besitz gelangt ist. Allerdings bin ich erstaunt, dass du sie nicht an mich weitergegeben hast. Besonders nach dem, was beim letzten Mal geschehen ist, als ein Schüler Informationen über das Schloss herumliegen ließ. Und ich kann sie dir nicht mehr zurückgeben, Harry.«
Harry hatte nichts anderes erwartet und war auf die Erklärung so gespannt, dass er gar nicht erst widersprach.
»Warum glaubt Snape eigentlich, dass ich sie von den Herstellern habe?«
»Weil …«, Lupin zögerte, »weil die Hersteller der Karte dich aus der Schule locken wollten. Das hätten sie höchst unterhaltsam gefunden.«
»Sie kennen sie?«, fragte Harry beeindruckt.
»Oberflächlich«, sagte Lupin knapp. Er sah Harry ernster an als je zuvor.
»Glaub nicht, dass ich noch einmal für dich in die Bresche springe, Harry. Ich kann dich nicht dazu zwingen, Sirius Black ernster zu nehmen. Aber ich hätte geglaubt, dass die Dinge, die du hörst, wenn die Dementoren in die Nähe kommen, dich stärker beeindruckt hätten. Deine Eltern haben ihr Leben für deines geopfert, Harry. Das ist keine schöne Art, ihnen zu danken – ihr Opfer für eine Tüte magischer Scherzartikel zu verspielen.«
Er ging davon und ließ Harry stehen, und Harry fühlte sich schlechter als je in Snapes Büro. Langsam stieg er mit Ron die Marmortreppe hoch. Als sie an der einäugigen Hexe vorbeikamen, fiel ihm der Tarnumhang ein – er war immer noch dort unten, doch er wagte es nicht, ihn zu holen.
»Es ist meine Schuld«, sagte Ron aus heiterem Himmel. »Ich hab dich angestiftet mitzukommen. Lupin hat Recht, es war dumm, wir hätten es nicht tun dürfen –«
Er verstummte; sie waren jetzt in dem Korridor, in dem die Sicherheitstrolle auf und ab marschierten, und Hermine kam auf sie zu. Nach einem Blick in ihr Gesicht war sich Harry sicher, dass sie gehört hatte, was passiert war. Sein Herz verkrampfte sich – hatte sie es Professor McGonagall erzählt?
Sie hielt vor ihnen an. »Na, willst du deine Schadenfreude genießen?«, sagte Ron gehässig. »Oder hast du uns gerade verpetzt?«
»Nein«, sagte Hermine. Sie hielt einen Brief in der Hand und ihre Lippen zitterten. »Ich dachte nur, ihr solltet es erfahren … Hagrid hat den Prozess verloren. Sie werden Seidenschnabel hinrichten.«
Das Finale
»Er – er hat mir das geschickt«, sagte Hermine und hielt einen Brief in die Höhe.
Harry nahm das feuchte Pergament. Riesige Tränen hatten die Tinte an manchen Stellen so sehr verschwimmen lassen, dass der Brief schwer zu lesen war.
Liebe Hermine,
wir haben verloren. Ich darf ihn nach Hogwarts zurückbringen. Der Tag der Hinrichtung steht noch nicht fest.
London hat Schnäbelchen gefallen.
All deine Hilfe für uns werde ich nie vergessen.
Hagrid
»Das können sie nicht machen«, sagte Harry. »Das dürfen sie nicht. Seidenschnabel ist nicht gefährlich.«
»Malfoys Vater hat den Ausschuss eingeschüchtert«, sagte Hermine und wischte sich die Augen. »Ihr wisst doch, wie er ist. Das ist eine Bande tattriger alter Dummköpfe und sie hatten Angst. Allerdings gibt es wie immer eine Berufungsverhandlung. Aber ich mache mir keine Hoffnungen … ändern wird sich nichts.«
»O doch«, sagte Ron grimmig. »Diesmal bist du nicht alleine, Hermine, ich werde dir helfen.«
»O Ron!« Sie warf ihre Arme um seinen Hals und schluchzte verzweifelt. Ron, vollkommen erschrocken, tätschelte scheu ihren Kopf. Schließlich ließ sie ihn los.
»Ron, es tut mir wirklich ganz furchtbar leid wegen Krätze …«, schluchzte sie.
»Ach – ähm – es war schon eine alte Ratte«, sagte Ron, offenbar ausgesprochen erleichtert, dass sie wieder auf eigenen Beinen stand. »Und nicht besonders nützlich. Wer weiß, vielleicht kaufen mir Mum und Dad jetzt eine Eule.«
Seit Blacks zweitem Einbruch waren scharfe Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden und die drei konnten Hagrid abends nicht mehr besuchen. Die einzige Gelegenheit, mit ihm zu reden, ergab sich in Pflege magischer Geschöpfe.
Der Schock des Urteils schien ihm immer noch in den Knochen zu stecken.
»’s ist alles meine Schuld. Hab einfach das Maul nicht aufgebracht. Die sitzen alle vor mir in ihren schwarzen Umhängen und ich lass ständig meine Zettel fallen und vergess alles, was du für mich aufgeschrieben hast, Hermine. Und dann steht auch noch Lucius Malfoy auf und sagt seinen Teil und der Ausschuss hat genau das gemacht, was er wollte …«
»Du hast immer noch die Berufung!«, sagte Ron grimmig. »Gib ja nicht auf, wir lassen uns was einfallen!«
Nach dem Unterricht gingen sie zusammen zurück zum Schloss. In einiger Entfernung auf dem ansteigenden Weg sahen sie Malfoy mit Crabbe und Goyle, der sich immer wieder unter hämischem Gelächter zu ihnen umdrehte.
»Nützt doch alles nichts, Ron«, sagte Hagrid traurig, als sie die Schlosstreppe erreicht hatten. »Lucius Malfoy hat diesen Ausschuss in der Tasche. Ich kann nur noch dafür sorgen, dass es Seidenschnäbelchen für den Rest seiner Tage richtig gut geht. Das schulde ich ihm …«
Hagrid drehte sich um, vergrub das Gesicht in sein Taschentuch und kehrte rasch zu seiner Hütte zurück.
»Guckt mal, wie der flennt!«
Malfoy, Crabbe und Goyle hatten hinter dem Schlossportal gestanden und gelauscht.
»Hast du jemals so was Erbärmliches erlebt?«, sagte Malfoy. »Und der soll unser Lehrer sein!«
Harry und Ron gingen zornig ein paar Schritte auf Malfoy zu, doch Hermine war schneller – klatsch.
Mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, gab sie Malfoy ein paar gepfefferte Ohrfeigen. Malfoy zitterten die Beine. Harry, Ron, Crabbe und Goyle standen mit aufgerissenen Mündern da und wieder hob Hermine die Hand.
»Wag es nicht noch einmal, Hagrid erbärmlich zu nennen, du Mistkerl – du Schuft –«
»Hermine!«, sagte Ron zaghaft und versuchte ihre Hand, die noch einmal ausholte, festzuhalten.
»Lass mich los, Ron!«
Hermine zückte ihren Zauberstab. Malfoy wich zurück. Crabbe und Goyle suchten in heilloser Verwirrung seinen Blick.
»Kommt«, murmelte Malfoy und im Nu waren alle drei im Eingang zu den Kerkern verschwunden.
»Hermine!«, sagte Ron noch einmal, verdutzt und beeindruckt zugleich.
»Harry, sieh bloß zu, dass du ihn im Quidditch-Finale schlägst«, sagte Hermine schrill. »Du musst einfach, ich kann es einfach nicht ertragen, wenn Slytherin gewinnt!«
»Zauberkunst hat schon angefangen«, sagte Ron, der Hermine immer noch glubschäugig anstarrte. »Wir müssen uns beeilen.«
Sie rannten die Marmortreppe zu Professor Flitwicks Klassenzimmer hoch und traten ein.
»Ihr kommt zu spät, Jungs!«, tadelte sie Professor Flitwick. »Schnell die Zauberstäbe raus, wir üben heute Aufmunterungszaubern, tut euch bitte paarweise zusammen –«
Harry und Ron eilten zu einem Tisch ganz hinten und öffneten die Mappen. Ron blickte über die Schulter.
»Wo ist Hermine abgeblieben?«
Auch Harry sah sich um. Hermine war nicht mit ins Klassenzimmer gekommen, doch Harry wusste genau, dass sie neben ihm gewesen war, als er die Tür geöffnet hatte.
»Ist ja seltsam«, sagte Harry und starrte Ron an. »Vielleicht – vielleicht ist sie aufs Klo gegangen?«
Doch Hermine tauchte in dieser Stunde nicht mehr auf.
»Einen Aufmunterungszauber hätte sie auch gut brauchen können«, sagte Ron, während sie über das ganze Gesicht grinsend zum Mittagessen gingen – der Zauber hatte ihnen ein Gefühl tiefer Zufriedenheit verschafft.
Auch beim Essen fehlte Hermine. Als sie ihren Apfelkuchen verspeist hatten, ließ die Wirkung des Aufmunterungszaubers langsam nach und Harry und Ron beschlich allmählich Unruhe.
»Glaubst du, Malfoy hat ihr was getan?«, sagte Ron besorgt, während sie zum Gryffindor-Turm hinaufrannten.
Sie kamen an den Sicherheitstrollen vorbei, sagten der fetten Dame das Passwort (»Amontillado«) und kletterten durch das Porträtloch in den Gemeinschaftsraum.
Hermine saß an einem Tisch, den Kopf auf ein aufgeschlagenes Arithmantikbuch gelegt, und schlief wie ein Murmeltier. Sie setzten sich neben sie. Harry stupste sie an.
Hermine schreckte hoch und sah sich um. »W…was ist?«, sagte sie verwirrt. »Müssen wir gehen? W…was haben wir jetzt?«
»Wahrsagen, aber erst in zwanzig Minuten«, sagte Harry. »Hermine, warum warst du nicht in Zauberkunst?«
»Was? O nein!«, kreischte Hermine, »ich hab Zauberkunst ganz vergessen!«
»Und wie konnte dir das passieren?«, fragte Harry. »Du warst doch noch bei uns, als wir vor dem Klassenzimmer standen!«
»Ich kann’s nicht fassen!«, klagte Hermine. »War Professor Flitwick sauer? Ach, es war Malfoy, an den hab ich gedacht und völlig den Faden verloren!«
»Weißt du was, Hermine?«, sagte Ron und sah auf den riesigen Arithmantikband, den sie als Kissen benutzt hatte. »Ich glaube, du drehst langsam durch. Du hast dir einfach zu viel vorgenommen.«
»Nein, tu ich nicht!«, sagte Hermine, strich sich die Haare aus den Augen und suchte mit verzweifeltem Blick nach ihrer Mappe. »Ich hab nur einen Fehler gemacht, das ist alles! Ich sollte am besten zu Professor Flitwick gehen und mich entschuldigen … Bis später in Wahrsagen!«
Sie trafen Hermine zwanzig Minuten später am Fuß der Leiter zu Professor Trelawneys Turmzimmer wieder. Sie sah äußerst mitgenommen aus.
»Ich kann einfach nicht fassen, dass ich die Aufmunterungszauber verpasst habe! Und ich wette, die kommen in der Prüfung dran, Professor Flitwick hat so was angedeutet!«
Nacheinander kletterten sie die Leiter zum dämmrigen, stickigen Turmzimmer hoch. Auf jedem der kleinen Tische stand eine Kristallkugel voll perlweißem Nebel. Harry, Ron und Hermine setzten sich zusammen an einen wackligen Tisch.
»Ich dachte, Kristallkugeln kommen erst im nächsten Trimester dran«, murmelte Ron und vergewisserte sich mit misstrauischem Blick, dass Professor Trelawney nicht in der Nähe stand.
»Beklag dich lieber nicht, das heißt immerhin, dass wir mit Handlesen fertig sind«, zischelte ihm Harry zu. »Das hat mich ganz krank gemacht, wenn die bei jedem Blick auf meine Hände fast in Ohnmacht gefallen ist.«
»Einen schönen Tag wünsche ich euch!«, sagte die vertraute rauchige Stimme und mit gewohnt dramatischer Geste trat Professor Trelawney aus den Schatten heraus. Parvati und Lavender, die Gesichter vom milchigen Glimmen ihrer Kristallkugel erleuchtet, zitterten vor Begeisterung.
»Ich habe beschlossen, ein wenig früher als geplant mit der Kristallkugel zu beginnen«, sagte Professor Trelawney, setzte sich mit dem Rücken zum Feuer und blickte in die Runde. »Die Schicksalsgöttin teilt mir mit, dass die Prüfung im Juni sich ganz um die Kugel drehen wird, und ich will mich bemühen, euch genug Erfahrung zu vermitteln.«
Hermine schnaubte.
»Hört euch das an, ›die Schicksalsgöttin teilt mir mit‹! Wer bestimmt denn die Prüfungsaufgaben? Sie selbst! Eine wahrhaft erstaunliche Weissagung!« Hermine mühte sich nicht einmal, die Stimme zu dämpfen.
Sie konnten nicht erkennen, ob Professor Trelawney sie gehört hatte, denn ihr Gesicht war im Dunkeln verborgen. Jedenfalls fuhr sie fort, als wäre nichts gewesen.
»Das Lesen in Kristallkugeln ist eine besonders raffinierte Kunst«, sagte sie träumerisch. »Ich erwarte nicht, dass ihr schon beim ersten Mal Sehen könnt, wenn ihr in die unendlichen Tiefen der Kugel schaut. Wir üben zunächst einmal, wie wir unser bewusstes Denken und die äußeren Augen entspannen.« Ron begann jetzt haltlos zu kichern und musste sich die Faust in den Mund stecken, um seinen Lachanfall zu ersticken. »Damit reinigen wir das Innere Auge und das Überbewusstsein. Wenn wir Glück haben, werden ein paar von euch vielleicht am Ende der Stunde Sehen können.«
Und so ging es los. Harry zumindest kam sich ziemlich dämlich vor, während er in die Kugel stierte und angestrengt versuchte nichts zu denken, wo ihm doch ständig »das ist Blödsinn« durch den Kopf ging. Dass Ron immer wieder in ersticktes Glucksen ausbrach und Hermine genervt aufseufzte, war auch nicht hilfreich.
»Schon was gesehen?«, fragte Harry nach einer halben Stunde stummen Kristallkugelstarrens die beiden andern.
»Ja, da auf dem Tisch ist ein Brandfleck«, sagte Ron und deutete darauf. »Jemand hat seine Kerze umgestoßen.«
»Das ist doch komplette Zeitverschwendung«, fauchte Hermine. »Ich könnte inzwischen was Nützliches üben. Zum Beispiel Aufmunterungszaubern nachholen –«
Professor Trelawney raschelte vorbei.
»Möchte jemand, dass ich ihm helfe, die Schattengestalten in seiner Kugel zu deuten?«, murmelte sie unter dem Klimpern ihrer Armreife.
»Ich brauch keine Hilfe«, flüsterte Ron. »Ist doch klar, was das bedeutet. Heute Nacht wird’s ziemlich neblig.«
Harry und Hermine wieherten los.
»Ich möchte doch bitten!«, sagte Professor Trelawney und alle Köpfe wandten sich zu ihnen um. Parvati und Lavender waren schockiert. »Ihr stört die Reinheit der Schwingungen!« Sie trat an ihren Tisch und spähte in die Kristallkugel. Harry sank das Herz in die Hose. Er war sich sicher, was kommen würde –
»Hier ist etwas!«, flüsterte Professor Trelawney und berührte mit der Nasenspitze fast die Kugel, so dass sich ihr Gesicht in beiden riesigen Brillengläsern spiegelte. »Etwas bewegt sich … aber was ist es?«
Harry hätte alles, was er besaß, mitsamt dem Feuerblitz, darauf gewettet, dass dieses Etwas nichts Gutes verhieß. Und tatsächlich –
»Mein Lieber …«, raunte Professor Trelawney und blickte zu Harry auf. »Es ist hier, deutlicher als je zuvor … meine Güte, es schleicht auf dich zu und kommt immer näher … der Gr…«
»Ach zum Teufel damit!«, sagte Hermine laut. »Nicht schon wieder dieser lächerliche Grimm!«
Professor Trelawneys riesige Augen richteten sich auf Hermines Gesicht. Parvati flüsterte Lavender etwas ins Ohr und sie starrten Hermine empört an. Professor Trelawney richtete sich auf und musterte Hermine mit unverhohlenem Zorn.
»Ich muss leider sagen, meine Liebe, bei Ihnen war mir auf den ersten Blick klar, dass Sie nicht die Begabung besitzen, welche die noble Kunst des Wahrsagens verlangt. Tatsächlich kann ich mich an keine einzige Schülerin erinnern, deren Geist so hoffnungslos irdischen Dingen zugewandt war.«
Für einen Moment trat Schweigen ein. Dann –
»Schön!«, sagte Hermine plötzlich, stand auf und stopfte Entnebelung der Zukunft in die Schulmappe. »Schön!«, sagte sie noch einmal und warf sich die Mappe über die Schulter, wobei sie fast Ron vom Stuhl fegte. »Ich geb’s auf! Ich gehe!«
Und zur Verblüffung der ganzen Klasse stapfte Hermine hinüber zur Falltür, öffnete sie mit einem Fußtritt, kletterte die Leiter hinunter und verschwand.
Die andern brauchten ein paar Minuten, um zu begreifen, was vorgefallen war. Professor Trelawney schien den Grimm völlig vergessen zu haben. Sie wandte sich abrupt von Harry und Ron ab und zog schwer atmend den hauchdünnen Schal fester um den Hals.
»Ooooooh!«, sagte Lavender plötzlich und alle schreckten auf. »Oooooh, Professor Trelawney, mir ist was eingefallen! Sie haben sie gehen sehen, nicht wahr? Wissen Sie noch, Professor? ›Um Ostern wird einer von uns für immer von uns gehen!‹ Das haben Sie schon vor einer Ewigkeit gesagt, Professor!«
Professor Trelawney schenkte ihr ein munteres Lächeln.
»Ja, meine Liebe, ich wusste in der Tat, dass Miss Granger uns verlassen würde. Aber man hofft doch immer, die Zeichen falsch gedeutet zu haben … das Innere Auge kann eine Last sein, weißt du …«
Lavender und Parvati schienen tief beeindruckt und rückten zusammen, damit sich Professor Trelawney an ihren Tisch setzen konnte.
»Hermine schafft sie heute alle«, murmelte Ron mit ehrfurchtsvoller Miene Harry zu.
»Jaah …«
Harry starrte in die Kristallkugel, sah jedoch nichts als Wirbel aus weißem Nebel. Hatte Professor Trelawney wirklich schon wieder den Grimm gesehen? Würde er ihn sehen? Was er jetzt gar nicht brauchen konnte, war noch ein lebensgefährlicher Unfall, jetzt, wo das Quidditch-Finale immer näher rückte.
Die Osterferien waren nicht gerade erholsam. Noch nie hatten die Drittklässler so viele Hausaufgaben zu erledigen gehabt. Neville Longbottom schien einem Nervenzusammenbruch nahe und er war nicht der Einzige.
»Und das nennen sie Ferien!«, polterte Seamus Finnigan eines Nachmittags im Gemeinschaftsraum. »Bis zu den Prüfungen ist doch noch ewig Zeit, also was wollen sie eigentlich?«
Doch so viel wie Hermine hatte keiner zu tun. Selbst ohne Wahrsagen hatte sie mehr Fächer als alle andern. Meist war sie abends die Letzte, die den Gemeinschaftsraum verließ, und am nächsten Morgen die Erste, die in der Bibliothek saß; sie hatte dunkle Ringe unter den Augen wie Lupin und schien ständig den Tränen nahe.
Ron hatte die Verantwortung für Seidenschnabels Berufungsverhandlung übernommen. Wenn er nicht für sich arbeitete, brütete er über mächtigen Wälzern wie Handbuch der Hippogreif-Psychologie und Tollheit oder Tollwut? Die Übergriffe von Hippogreifen. Er war so sehr in das Problem vertieft, dass er sogar vergaß, gemein zu Krummbein zu sein.
Harry unterdessen musste seine Hausaufgaben neben dem täglichen Quidditch-Training erledigen, ganz zu schweigen von den endlosen Gesprächen mit Wood über die Spieltaktik. Die Begegnung Gryffindor gegen Slytherin war für den ersten Samstag nach den Osterferien angesetzt. Slytherin führte im Turnier mit genau zweihundert Punkten. Das bedeutete, wie Wood den Spielern unablässig einschärfte, dass ihr Sieg noch höher ausfallen musste, wenn sie den Pokal gewinnen wollten. Und es hieß auch, dass die Last dieser Aufgabe weitgehend auf Harry ruhte, denn der Schnatz brachte hundertfünfzig Punkte.
»Also darfst du ihn erst fangen, wenn wir mit mehr als fünfzig Punkten führen«, erklärte ihm Wood tagein, tagaus. »Nur wenn wir mit über fünfzig Punkten vorn liegen, Harry, oder wir gewinnen zwar das Spiel, verlieren aber den Pokal. Das hast du doch begriffen? Du darfst den Schnatz erst fangen, wenn wir –«
»Ich weiß, Oliver!«, fauchte Harry.
Sämtliche Gryffindors hatten nichts anderes mehr im Kopf als das kommende Spiel. Ihr Haus hatte den Quidditch-Pokal nicht mehr gewonnen, seit der legendäre Charlie Weasley (Rons zweitältester Bruder) als Sucher gespielt hatte. Doch Harry fragte sich, ob auch nur einer von ihnen, Wood eingeschlossen, sich so nach dem Sieg sehnte wie er. Die Feindschaft zwischen Harry und Malfoy hatte ihren Höhepunkt erreicht. Malfoy rauchte immer noch vor Zorn wegen der einseitigen Schlammschlacht in Hogsmeade und war noch zorniger darüber, dass Harry der Strafe irgendwie entgangen war. Harry hatte Malfoys Versuch nicht vergessen, ihm bei der Partie gegen Ravenclaw ganz übel mitzuspielen, doch es war die Sache mit Seidenschnabel, die ihn so wild entschlossen machte, Malfoy vor den Augen der ganzen Schule zu demütigen.
Keiner konnte sich erinnern, jemals in so geladener Atmosphäre einem Spiel entgegengefiebert zu haben. Am Ende der Ferien erreichte die Spannung zwischen den beiden Teams und ihren Häusern ihren knisternden Höhepunkt. In den Korridoren brachen kleinere Rangeleien aus, und es kam schließlich zu einem hässlichen Zwischenfall, in dessen Folge ein Viertklässler der Gryffindors und ein Sechstklässler der Slytherins im Krankenflügel landeten, weil ihnen kräftige Lauchpflanzen aus den Ohren wucherten.
Harry hatte es in dieser Zeit besonders schwer. Er konnte nicht in den Unterricht gehen, ohne dass ihm ein Slytherin irgendwo auf den Gängen ein Bein stellte; wo er auch war, Crabbe und Goyle tauchten überall auf und trollten sich mit enttäuschten Mienen, wenn sie sahen, dass er von Schülern umringt war. Wood hatte die Gryffindors gebeten, Harry überallhin zu begleiten, falls die Slytherins versuchen sollten, ihn schon im Vorfeld lahmzulegen. Begeistert widmete sich das ganze Haus dieser Aufgabe, und Harry war es von nun an unmöglich, rechtzeitig zum Unterricht zu kommen, da er ständig von einer dicken, schnatternden Menschentraube umgeben war. Harry sorgte sich weniger um seine Sicherheit als um die des Feuerblitzes. Wenn er ihn nicht flog, schloss er ihn in seinen Koffer ein, und häufig flitzte er in den Pausen nach oben in den Turm, um nachzusehen, ob er noch da war.
Am Vorabend des Spiels ging im Gemeinschaftsraum nichts mehr seinen gewohnten Gang. Selbst Hermine hatte ihre Bücher beiseitegelegt.
»Ich kann nicht arbeiten, ich kann mich einfach nicht konzentrieren«, sagte sie nervös.
Es herrschte ziemlicher Lärm. Fred und George Weasley linderten die Anspannung auf ihre Weise und gebärdeten sich lauter und ausgelassener als sonst. Oliver Wood hatte sich über ein Modell des Quidditch-Feldes in der Ecke gebeugt, schob kleine Figuren mit seinem Zauberstab hin und her und murmelte vor sich hin. Angelina, Alicia und Katie lachten über die Witzeleien von Fred und George. Harry saß mit Ron und Hermine etwas abseits vom Geschehen und versuchte nicht an den nächsten Tag zu denken, denn immer wenn er es tat, bekam er das fürchterliche Gefühl, etwas sehr Großes wolle unbedingt aus seinem Magen heraus.
»Du schaffst das«, sagte Hermine, sah dabei jedoch ausgesprochen besorgt aus.
»Du hast einen Feuerblitz!«, sagte Ron.
»Jaah …«, sagte Harry und sein Magen verkrampfte sich.
Zu seiner Erleichterung richtete sich Wood plötzlich auf und rief:
»Leute! Ins Bett!«
Harry schlief schlecht. Erst träumte ihm, er habe verschlafen und Wood rufe »Wo steckst du? Statt deiner mussten wir Neville nehmen!«. Dann träumte er, Malfoy und das ganze Slytherin-Team würden mit fliegenden Drachen zum Spiel kommen. Er flog mit halsbrecherischer Geschwindigkeit und versuchte den Flammenstößen zu entgehen, die Malfoys Streitdrache ausspie, und dann fiel ihm ein, dass er seinen Feuerblitz vergessen hatte. Er stürzte in die Tiefe und fuhr erschrocken aus dem Schlaf.
Es dauerte ein paar Sekunden, bis Harry einfiel, dass das Spiel noch gar nicht angefangen hatte, dass er wohlbehalten im Bett lag und dass es den Slytherins sicher verboten würde, auf Drachen zu spielen. Er hatte schrecklichen Durst. So leise er konnte, stieg er aus dem Himmelbett und goss sich aus der silbernen Kanne am Fenster ein wenig Wasser ein.
Still und ruhig lag das Schlossgelände im Mondlicht. Kein Windhauch kräuselte die Baumspitzen des Verbotenen Waldes; so reglos, wie die Peitschende Weide dastand, wirkte sie ganz unschuldig. Für das Spiel morgen herrschten die besten Bedingungen.
Harry stellte den Becher ab und wollte gerade zurück ins Bett, als ihm etwas ins Auge fiel. Ein Tier schlich über den silbern glitzernden Rasen.
Harry huschte zum Nachttisch, setzte sich die Brille auf und rannte zurück zum Fenster. Bloß nicht wieder der Grimm – nicht jetzt – nicht kurz vor dem Spiel –
Er starrte hinaus auf das Gelände und suchte es hektisch mit den Augen ab. Und da war es wieder. Es schlich sich jetzt am Waldrand entlang … der Grimm war es jedenfalls nicht … es war eine Katze … Harry erkannte jetzt den buschigen Schwanz und umklammerte erleichtert den Fenstersims. Es war doch bloß Krummbein …
Aber war es nur Krummbein? Harry presste die Nase gegen das Fensterglas und spähte mit zusammengekniffenen Augen hinunter. Krummbein war offenbar stehen geblieben. Im Schatten der Bäume bewegte sich noch etwas anderes, da war sich Harry sicher.
Und schon tauchte es auf – ein riesiger, zottiger schwarzer Hund trottete über den Rasen, Krummbein an seiner Seite. Harry riss den Mund auf. Was sollte das bedeuten? Wenn selbst Krummbein den Hund sehen konnte, wie konnte er dann ein Vorbote des Todes für Harry sein?
»Ron!«, zischte Harry. »Ron! Wach auf!«
»Was’n los?«
»Ich will wissen, was du da unten siehst!«
»’s’ doch völlig dunkel, Harry«, murmelte Ron dumpf, »was ist los mit dir?«
»Dort unten –«
Rasch blickte Harry wieder aus dem Fenster.
Krummbein und der Hund waren verschwunden. Harry kletterte auf den Fenstersims, um steil hinab in den Schatten des Schlosses sehen zu können, doch vergeblich. Wo waren sie abgeblieben?
Ein lauter Schnarcher sagte ihm, dass Ron wieder eingeschlafen war.
Tosender Beifall empfing Harry und die anderen Gryffindor-Spieler am nächsten Morgen in der Halle. Harry konnte ein Grinsen nicht unterdrücken, als er sah, dass sie auch an den Tischen der Ravenclaws und Hufflepuffs klatschten. Die Slytherins zischten laut, als sie vorbeigingen. Harrys Augen entging nicht, dass Malfoy noch blasser war als sonst.
Wood war beim Frühstück damit beschäftigt, sein Team zum Essen zu ermuntern, während er selbst keinen Bissen anrührte. Dann, bevor die andern fertig waren, scheuchte er sie hinaus aufs Spielfeld, damit sie sich schon ein wenig umsehen konnten. Als sie die Große Halle verließen, gab es wieder Beifall von fast allen Seiten.
»Viel Glück, Harry!«, rief Cho Chang. Harry spürte, wie er rot anlief.
»Okay – praktisch kein Wind – die Sonne ist ein bisschen hell, das könnte deine Sicht stören, also pass auf – der Boden ist recht hart, gut, dann können wir uns schnell abstoßen –«
Wood schritt das Feld ab und warf seinen Leuten immer wieder aufmerksame Blicke zu. Schließlich sahen sie, wie in der Ferne das Schlossportal aufging, und bald ergoss sich die ganze Schülerschar über den Rasen.
»Umkleidekabinen«, sagte Wood steif.
Keiner verlor ein Wort, während sie in ihre scharlachroten Umhänge schlüpften. Harry fragte sich, ob es ihnen auch so erging wie ihm; er hatte das Gefühl, als hätte er etwas fürchterlich Wuseliges zum Frühstück verspeist. Kaum eine Minute schien ihm vergangen, als Wood schon sagte:
»Gut, es ist Zeit, gehen wir –«
Sie marschierten hinaus aufs Spielfeld und eine Flutwelle aus Lärm brandete ihnen entgegen. Drei Viertel der Zuschauer trugen scharlachrote Bandschleifen, schwangen scharlachrote Fahnen mit dem Gryffindor-Löwen oder hielten Spruchbänder in die Höhe. »SIEG FÜR GRYFFINDOR« und »LÖWEN FÜR DEN CUP« hieß es da. Hinter den Torstangen der Slytherins jedoch saßen zweihundert Zuschauer ganz in Grün; die silberne Schlange der Slytherins glitzerte auf ihren Fahnen, und Professor Snape, ebenfalls grün gewandet, saß in der ersten Reihe und lächelte grimmig.
»Und hier kommen die Gryffindors!«, rief Lee Jordan, der wie immer das Spiel kommentierte. »Potter, Bell, Johnson, Spinnet, Weasley, Weasley und Wood. Weithin anerkannt als das beste Team, das Hogwarts seit einigen Jahren hervorgebracht hat –«
Lees Bemerkung ging in einer Welle von Buhrufen der Slytherins unter.
»Und hier ist das Team der Slytherins, geführt von Kapitän Flint. Er hat einige Änderungen in der Aufstellung vorgenommen und scheint jetzt weniger auf Können als auf Kraft zu setzen –«
Wieder buhte die Kurve der Slytherins. Harry jedoch kam es so vor, als hätte Lee durchaus Recht. Malfoy war eindeutig der Kleinste im Team der Slytherins, die anderen waren riesig.
»Begrüßt euch, Kapitäne!«, sagte Madam Hooch.
Flint und Wood traten aufeinander zu und packten sich an den Händen, so fest, als wollten sie sich die Finger brechen.
»Besteigt eure Besen!«, sagte Madam Hooch. »Drei … zwei … eins …«
Der gellende Pfiff ging im Raunen der Menge unter und die vierzehn Besen stiegen in die Luft. Harry wehte das Haar aus der Stirn; jetzt, da er begeistert flog, war er nicht mehr nervös; er blickte sich um und sah, dass Malfoy ihm folgte. Er beschleunigte scharf und machte sich auf die Suche nach dem Schnatz.
»Und jetzt ist Gryffindor im Ballbesitz, Alicia Spinnet mit dem Quaffel, sie fliegt direkt auf die Torstangen der Slytherins zu, sieht gut aus, Alicia! Aaarh, nein – Quaffel abgefangen von Warrington, Warrington von den Slytherins rast jetzt in die Gegenrichtung – autsch! – George Weasley hat da schön mit dem Klatscher gearbeitet, Warrington lässt den Quaffel fallen, er wird gefangen von – Johnson, Gryffindor wieder in Ballbesitz, komm schon, Angelina – hübscher Schlenker um Montague – duck dich, Angelina, da kommt ein Klatscher! – Sie macht das Tor! Zehn zu null für Gryffindor!«
Angelina stieß mit der Faust in die Luft und flog über die Tribünen hinweg; das scharlachrote Meer in der Tiefe tobte vor Begeisterung –
»Autsch!«
Marcus Flint stieß mit ihr zusammen und Angelina schleuderte es fast vom Besen.
»’tschuldigung«, sagte Flint, als die Menge unten zu buhen anfing. »Tut mir leid, hab sie nicht gesehen!«
Doch schon hatte ihn Fred Weasley mit seinem Schläger auf den Hinterkopf gehauen – Flints Nase knallte gegen den Besenstiel und fing an zu bluten.
»Das reicht jetzt!«, sagte Madam Hooch und rauschte dazwischen. »Strafstoß für Gryffindor wegen einer willkürlichen Attacke auf ihre Jägerin! Strafstoß für Slytherin wegen mutwilliger Verletzung ihres Jägers!«
»Das ist doch Unsinn, Miss!«, heulte Fred, doch Madam Hooch blies in ihre Pfeife und Alicia flog nach vorne, um den Strafstoß auszuführen.
»Alicia, du machst es!«, schrie Lee in die Stille hinein, die sich über die Menge gesenkt hatte. »Ja! Sie hat den Torhüter geschlagen! Zwanzig zu null für Gryffindor!«
Harry riss den Feuerblitz scharf herum und sah Flint, der immer noch heftig aus der Nase blutete, nach vorne fliegen, um den Strafstoß für Slytherin auszuführen. Wood schwebte mit zusammengebissenen Zähnen vor den Torstangen der Gryffindors.
»Natürlich ist Wood ein exzellenter Torhüter!«, verkündete Lee Jordan dem Publikum, während Flint auf Madam Hoochs Pfiff wartete. »Klasse! Sehr schwer den Ball vorbeizukriegen – wirklich ganz schwer – Jaaa! Ich kann’s nicht glauben! Er hat ihn gehalten!«
Erleichtert flog Harry davon und hielt wieder Ausschau nach dem Schnatz, lauschte dabei allerdings jedem Wort von Lee. Entscheidend war, dass er Malfoy vom Schnatz fernhielt, bis Gryffindor mit mehr als fünfzig Punkten führte –
»Gryffindor wieder im Ballbesitz, nein, Slytherin – nein! – wieder Gryffindor und diesmal mit Katie Bell, Katie Bell für Gryffindor mit dem Quaffel, sie rauscht das Spielfeld hoch – das war Absicht!«
Montague, ein Jäger der Slytherins, war Katie in die Quere geflogen, und statt den Quaffel zu schnappen, hatte er sie am Kopf gepackt. Katie drehte ein paar Saltos und schaffte es, auf dem Besen zu bleiben, ließ jedoch den Quaffel fallen.
Wieder ertönte Madam Hoochs Pfiff. Sie flog hinüber zu Montague und begann laut mit ihm zu schimpfen. Kurze Zeit später hatte Katie einen weiteren Strafstoß gegen den Hüter der Slytherins verwandelt.
»Dreißig zu null! Was sagt ihr jetzt, ihr dreckigen, falsch spielenden –«
»Jordan, wenn Sie das Spiel nicht unparteiisch kommentieren können, dann –!«
»Ich sag nur die Wahrheit, Professor!«
Harry überkam jetzt eine fiebrige Erregung. Er hatte den Schnatz gesehen – unten am Fuß eines Torpfostens der Gryffindors schimmerte er – doch er durfte ihn noch nicht fangen – und wenn Malfoy ihn sah –
Harry tat so, als wäre er plötzlich auf etwas aufmerksam geworden, riss seinen Feuerblitz herum und raste auf das Tor der Slytherins zu – und es klappte. Malfoy jagte ihm nach und glaubte offensichtlich, Harry hätte den Schnatz dort gesehen …
Wuuuusch.
Einer der Klatscher, geschlagen von Derrick, dem riesenhaften Treiber der Slytherins, rauschte an Harrys rechtem Ohr vorbei. Und im nächsten Moment –
Wuuuusch.
Der zweite Klatscher hatte Harrys Ellbogen gestreift. Der andere Treiber, Bole, hatte auf ihn angelegt.
Harry sah sie kurz aus den Augenwinkeln: Bole und Derrick kamen zangengleich mit erhobenen Schlägern auf ihn zugerast –
In letzter Sekunde riss er den Feuerblitz in die Höhe, und Bole und Derrick krachten mit einem hässlichen Geräusch zusammen.
»Hahaaaa!«, tobte Lee Jordan, während die beiden Treiber der Slytherins, die Hände an den Köpfen, voneinander wegschlingerten, »so ein Pech, Jungs! Da müsst ihr früher aufstehen, wenn ihr einen Feuerblitz schlagen wollt! Und wieder Gryffindor mit Johnson in Quaffelbesitz – Flint neben ihr – stich ihm ins Auge, Angelina! – war nur ’n Scherz, Professor, war nur ’n Scherz – o nein – Flint ist jetzt dran, Flint rast auf die Torstangen der Gryffindors zu – komm schon, Wood, halt –!«
Doch Flint hatte getroffen; in der Slytherin-Kurve brach Jubel aus und Lee begann so übel zu fluchen, dass Professor McGonagall Anstalten machte, ihm das magische Megafon zu entreißen.
»Tut mir leid, Professor, Entschuldigung! Wird nicht wieder vorkommen! Also, Gryffindor in Führung, dreißig zu zehn, und Gryffindor in Ballbesitz –«
Das wurde allmählich die schmutzigste Partie, die Harry je erlebt hatte. Wütend, weil Gryffindor so früh in Führung gegangen war, war den Slytherins rasch jedes Mittel recht, um sich den Quaffel zu sichern. Bole versetzte Alicia einen Hieb mit dem Schläger und versuchte sich damit rauszureden, er habe geglaubt, sie wäre ein Klatscher. George Weasley stieß Bole zur Vergeltung mit dem Ellbogen ins Gesicht. Madam Hooch sprach beiden Teams Strafstöße zu und Wood schaffte noch einmal eine Glanzparade – schließlich stand es vierzig zu zehn für Gryffindor.
Der Schnatz war längst wieder verschwunden. Malfoy hielt sich weiterhin an Harry, der flog über den andern dahin und hielt Ausschau nach dem kleinen Ball – denn sobald Gryffindor fünfzig Punkte vorne lag –
Jetzt hatte Katie getroffen. Fünfzig zu zehn. Fred und George Weasley surrten mit erhobenen Schlägern um sie herum, damit kein Slytherin auf den Gedanken kam, sich zu rächen. Bole und Derrick nutzten das aus, um beide Klatscher gegen Wood zu schmettern; sie trafen ihn kurz nacheinander in die Magengegend, und Wood, vollkommen groggy, kippte zur Seite weg und konnte sich gerade noch an seinen Besen klammern.
Madam Hooch war außer sich.
»Ihr sollt den Torhüter nicht angreifen, außer wenn der Quaffel im Torraum ist!«, schrie sie Bole und Derrick an. »Strafstoß für Gryffindor!«
Und Angelina verwandelte. Sechzig zu zehn. Sekunden später schmetterte Fred Weasley einen Klatscher gegen Warrington und schlug ihm den Quaffel aus den Händen; Alicia packte ihn und trieb ihn ins Tor der Slytherins – siebzig zu zehn.
Die Gryffindor-Fans unten auf den Rängen schrien sich heiser – Gryffindor lag mit sechzig Punkten vorne, und wenn Harry den Schnatz jetzt fing, hatten sie den Pokal gewonnen. Harry spürte fast körperlich, wie Hunderte von Augen ihm folgten, während er um das Feld herumsauste, hoch über den andern Spielern, nur mit Malfoy auf den Fersen.
Und dann sah er ihn. Sechs Meter über ihm glitzerte der Schnatz.
Harry verlangte jetzt alles von seinem Feuerblitz; der Wind rauschte ihm in den Ohren; er streckte die Hand aus, doch plötzlich wurde der Besen langsamer –
Entsetzt drehte er sich um. Malfoy hatte sich nach vorne geworfen, den Schweif des Feuerblitzes gepackt und zerrte ihn zurück.
»Du –«
Harry war so zornig, dass er Malfoy geschlagen hätte, wenn er nur an ihn herangekommen wäre – Malfoy keuchte vor Anstrengung und hielt sich verbissen fest, doch seine Augen funkelten bösartig. Er hatte geschafft, was er wollte – der Schnatz war erneut verschwunden.
»Strafstoß! Strafstoß für Gryffindor! Ein so übles Foulspiel hab ich noch nie erlebt!«, kreischte Madam Hooch und schoss in die Höhe, während sich Malfoy auf seinen Nimbus Zweitausendeins zurückgleiten ließ.
»Du betrügerisches Schwein!«, heulte Lee Jordan ins Megafon und huschte vorsorglich außer Reichweite von Professor McGonagall, »du dreckiges, fieses A–«
Doch Professor McGonagall scherte sich nicht darum, Lee einen Rüffel zu erteilen. Wütend schüttelte sie die Fäuste in Richtung Malfoy, der Hut fiel ihr vom Kopf und sie schrie vor Zorn.
Alicia übernahm den Strafstoß, doch sie war so zornig, dass sie ein paar Meter danebenschoss. Die Gryffindors wurden zunehmend nervös und die Slytherins, entzückt über Malfoys Foul an Harry, schwangen sich zu Glanzleistungen auf.
»Slytherin im Spiel, Slytherin auf dem Weg zum Tor – Montague trifft.« Lee stöhnte auf. »Siebzig zu zwanzig für Gryffindor …«
Harry flog jetzt so dicht neben Malfoy, dass sich ihre Knie berührten. Er würde ihn nicht noch einmal in die Nähe des Schnatzes lassen …
»Lass das, Potter!«, rief Malfoy gereizt, als er einen Wendeversuch unternahm und Harry ihn abblockte.
»Angelina Johnson holt den Quaffel für Gryffindor, mach schon, Angelina, mach schon!«
Harry drehte sich um. Alle Slytherin-Spieler außer Malfoy flogen auf Angelina zu, selbst der Torhüter – sie wollten sie abblocken –
Harry riss den Feuerblitz herum, bückte sich so tief, dass er flach auf dem Besenstiel lag, und legte los. Wie eine Kugel schoss er auf die Slytherins zu.
»Aaaaarrh!«
Sie stoben auseinander, als sie den Feuerblitz auf sich zurasen sahen; Angelina hatte freie Bahn –
»Sie trifft! Toor! Toor! Gryffindor führt jetzt achtzig zu zwanzig –«
Harry, der fast kopfüber in die Ränge getrudelt wäre, bremste mitten in der Luft ab, machte kehrt und schoss zurück in die Mitte des Feldes.
Und dann sah er etwas, das ihm das Herz stillstehen ließ. Malfoy im Sturzflug, und Siegesgewissheit auf dem Gesicht – dort unten, wenige Meter über dem Gras, ein kleiner, golden schimmernder Fleck –
Harry peitschte den Feuerblitz in die Tiefe, doch Malfoy hatte einen gewaltigen Vorsprung –
»Los! Los! Los!«, drängte Harry seinen Besen – sie kamen Malfoy jetzt näher – Harry legte sich flach auf den Besenstiel und entkam damit einem Klatscher von Bole – jetzt war er an Malfoys Fersen – er war gleichauf –
Harry warf sich nach vorn, nahm beide Hände vom Besen – stieß Malfoys Arm beiseite und –
»Ja!«
Harry riss den Besen aus dem Sturzflug, die Hand mit dem Schnatz in der Luft, und das Stadion explodierte. Er zischte über die Menge hinweg, ein merkwürdiges Klingen in den Ohren, und hielt den goldenen Ball fest umklammert, der mit seinen Flügelchen hoffnungslos gegen seine Finger schlug.
Dann raste Wood auf ihn zu, halb geblendet von Tränen; er packte Harry am Arm und ließ sich hemmungslos schluchzend gegen seine Schulter sinken. Fred und George klopften ihm auf den Rücken, dass es richtig wehtat; dann hörte er Angelina, Alicia und Katie rufen: »Wir haben den Pokal! Wir haben den Pokal!« Die vielen Arme zu einem einzigen Knäuel verschlungen, sank das Gryffindor-Team unter heiseren Schreien zurück zur Erde.
Welle um Welle scharlachroter Anhänger ergoss sich über die Absperrungen aufs Feld. Hände regneten auf ihre Rücken herunter. Harry nahm verschwommen wahr, wie der Lärm anschwoll und die Körper auf ihn eindrangen. Dann waren er und die anderen Spieler auf den Schultern der Menge. Jetzt, da er wieder etwas sehen konnte, erkannte er Hagrid, bepflastert mit scharlachroten Bandschleifen – »Du hast sie geschlagen, Harry, du hast sie geschlagen! Wart nur, bis ich es Seidenschnabel erzählt hab!« Percy sprang wie verrückt in die Luft und hatte jede würdevolle Zurückhaltung abgelegt. Professor McGonagall schluchzte noch herzergreifender als selbst Wood und wischte sich mit einer betttuchgroßen Gryffindor-Fahne die Augen. Und dort kämpften sich Ron und Hermine zu ihm durch. Sie brachten kein Wort heraus. Sie strahlten nur, während Harry zu den Rängen getragen wurde, wo Dumbledore mit dem mächtigen Quidditch-Pokal auf sie wartete.
Wäre doch nur ein Dementor unterwegs gewesen … Als der schluchzende Wood den Pokal an Harry weiterreichte, hatte er das Gefühl, jetzt könnte er den besten Patronus der Welt hervorbringen.
Professor Trelawneys Vorhersage
Mindestens eine Woche lang schwelgte Harry im Glück. Selbst das Wetter schien ihren Pokalsieg zu feiern. Der Juni brach an, die Wolken verzogen sich und es wurde schwül, und alle hatten nur noch Lust, über die Wiesen zu schlendern und sich mit ein paar Krügen eiskalten Kürbissafts ins Gras zu fläzen. Hin und wieder konnte man vielleicht eine Partie Koboldstein spielen oder dem Riesenkraken zusehen, wie er traumverloren durch den See kraulte.
Doch es ging nicht – die Prüfungen standen bevor, und anstatt draußen zu faulenzen, mussten die Schüler im Schloss bleiben und sich die Hirne zermartern, während durch die offenen Fenster verlockend die sommerlichen Lüfte hereinwehten. Selbst Fred und George Weasley hatte man arbeiten sehen; bald würden sie den ersten ZAG (Zauberergrad) schaffen. Percy bereitete sich auf den UTZ (Unheimlich Toller Zauberer) vor, den höchsten Abschluss, den Hogwarts zu bieten hatte. Da Percy sich beim Zaubereiministerium bewerben wollte, brauchte er die besten Noten. Er wurde zusehends fuchsiger und brummte jedem schwere Strafen auf, der die abendliche Ruhe im Gemeinschaftsraum störte. Nur eine Schülerin hatte noch mehr Bammel vor den Prüfungen, und das war Hermine.
Harry und Ron hatten es längst aufgegeben, sie zu fragen, wie sie es schaffte, mehrere Fächer gleichzeitig zu belegen, doch als sie ihre Liste mit den Prüfungsterminen sahen, konnten sie sich nicht mehr zurückhalten. In der ersten Spalte hieß es:
Montag
9 Uhr Arithmantik
9 Uhr Verwandlung
Mittagessen
13 Uhr Zauberkunst
13 Uhr Alte Runen
»Hermine?«, sagte Ron behutsam, weil sie in den vergangenen Tagen gern explodierte, wenn man sie unterbrach. »Ähm – bist du sicher, dass du diese Prüfungszeiten richtig abgeschrieben hast?«
»Was?«, fauchte Hermine, nahm ihren Plan zur Hand und warf einen Blick darauf. »Ja, stimmt doch alles.«
»Hat es irgendeinen Sinn, dich zu fragen, wie du in zwei Prüfungen zugleich sitzen willst?«, fragte Harry.
»Nein«, sagte Hermine knapp. »Hat einer von euch mein Nummerologie und Grammatica rumliegen sehen?«
»Ach ja, ich wollte im Bett noch ein wenig lesen und hab’s mir ausgeliehen«, sagte Ron, wenn auch recht leise. Hermine kramte unter ihren vielen Pergamentstapeln nach dem Buch. In diesem Moment raschelte es am Fenster und Hedwig flatterte mit einer Nachricht im Schnabel herein.
»Von Hagrid«, sagte Harry und riss den Umschlag auf. »Die Berufungsverhandlung von Seidenschnabel – findet am sechsten Juni statt.«
»Das ist doch unser letzter Prüfungstag«, sagte Hermine, während sie immer noch nach ihrem Arithmantikbuch stöberte.
»Sie kommen dafür eigens hierher«, sagte Harry und las weiter aus dem Brief vor, »jemand vom Zaubereiministerium und … und ein Henker.«
Hermine blickte verdutzt auf.
»Sie bringen den Henker mit zur Berufung! Das klingt doch, als hätten sie schon alles entschieden!«
»Ja, allerdings«, sagte Harry langsam.
»Das können sie nicht machen!«, heulte Ron, »ich hab Ewigkeiten gebraucht, um für Hagrid diese Wälzer durchzuarbeiten, das können sie nicht einfach abtun!«
Doch Harry hatte das schreckliche Gefühl, dass der Ausschuss für die Beseitigung gefährlicher Geschöpfe die Sache bereits entschieden hatte, ganz so, wie Mr Malfoy es wollte. Draco, seit dem Triumph der Gryffindors im Quidditch auffallend kleinlaut, schien in den folgenden Tagen wieder ganz das alte Großmaul zu werden. Nach hämischen Bemerkungen zu schließen, die Harry mithörte, war sich Malfoy sicher, dass Seidenschnabel hingerichtet würde, und er war offenbar höchst zufrieden mit sich, weil er selbst alles angezettelt hatte. Bei solchen Gelegenheiten konnte sich Harry nur mit Mühe davon abhalten, es Hermine nachzutun und Malfoy ein paar Ohrfeigen zu verpassen. Und das Schlimmste war, dass sie weder Zeit noch Gelegenheit hatten, Hagrid zu besuchen, denn die strengen neuen Sicherheitsregeln waren nicht aufgehoben worden, und Harry traute sich nicht, seinen Tarnumhang aus dem Geheimgang unter der einäugigen Hexe zu holen.
Die Prüfungswoche begann, und eine unnatürliche Stille breitete sich im Schloss aus. Montag um die Mittagszeit kamen die Drittklässler aus Verwandlung. Ausgelaugt und mit bleichen Gesichtern verglichen sie ihre Ergebnisse und klagten, wie schwer die Aufgaben diesmal gewesen seien. Zum Beispiel mussten sie eine Teekanne in eine Schildkröte verwandeln. Hermine nervte sie alle, weil sie sich darüber aufregte, dass ihre Landschildkröte eher wie eine Wasserschildkröte ausgesehen habe, was die kleinste Sorge der anderen gewesen war.
»Meine hatte den Schnabel der Teekanne als Schwanz, ein Alptraum war das …«
»Sollten die Schildkröten eigentlich Dampf auspusten?«
»Meine hatte diese chinesische Porzellanmalerei auf dem Schild, glaubt ihr, sie ziehen mir dafür Punkte ab?«
Dann, nach einem hastigen Mittagessen, ging es gleich wieder nach oben zur Prüfung in Zauberkunst. Hermine hatte Recht gehabt; Professor Flitwick prüfte sie tatsächlich in Aufmunterungszaubern. Harry, nervös, wie er war, trieb es ein wenig zu weit. Ron, sein Partner, fing aufgedreht an zu lachen und konnte sich nicht mehr einkriegen, so dass man ihn schließlich zum Abkühlen in ein ruhiges Zimmer bringen musste, bevor er selbst den Zauber vorführen konnte. Nach dem Abendessen kehrten sie rasch zurück in ihren Gemeinschaftsraum, nicht etwa, um sich zu entspannen, sondern um für Pflege magischer Geschöpfe, Zaubertränke und Astronomie zu büffeln.
Hagrid nahm die Prüfung am nächsten Morgen mit ausgesprochen besorgter Miene ab; mit dem Herzen schien er ganz woanders zu sein. Er hatte für die Klasse einen großen Zuber frischer Flubberwürmer vorbereitet und erklärte ihnen, wenn sie die Prüfung bestehen wollten, müssten die Würmer nach einer Stunde immer noch am Leben sein. Da Flubberwürmer am besten gediehen, wenn man sie vollkommen in Ruhe ließ, war das die leichteste Prüfung ihres Lebens, und zudem hatten Harry, Ron und Hermine genug Zeit, um mit Hagrid zu sprechen.
»Schnäbelchen ist ein wenig trübselig«, berichtete Hagrid, der sich tief gebückt hatte und so tat, als schaue er nach, ob Harrys Flubberwurm noch lebte. »Ist jetzt schon so lange eingesperrt. Aber was soll man machen … übermorgen wissen wir’s – so oder so –«
Am selben Nachmittag hatten sie Zaubertränke und das war schlichtweg eine Katastrophe. Harry konnte tun, was er wollte, er schaffte es einfach nicht, sein Verwirrungs-Elixier einzudicken. Snape beobachtete ihn mit heimtückischem Vergnügen, und bevor er weiterging, machte er einen Kringel auf sein Blatt, der verdächtig wie eine Null aussah.
Um Mitternacht war Astronomie dran, oben auf dem höchsten Turm; Geschichte der Zauberei war Mittwochmorgen, und Harry kritzelte alles hin, was Florean Fortescue ihm je über die mittelalterliche Hexenverfolgung erzählt hatte, während er sich in diesem stickigen Klassenzimmer nichts sehnlicher wünschte, als einen Becher von Fortescues Schoko-Nuss-Eis vor sich stehen zu haben. Mittwochnachmittag war die Prüfung in Kräuterkunde, in den Gewächshäusern unter der glühend heißen Sonne; dann ging es mit sonnenverbrannten Nacken sofort zurück in den Gemeinschaftsraum, wo sie sehnsüchtig schon an den morgigen Nachmittag dachten, wenn alles vorbei sein würde.
Die vorletzte Prüfung am Donnerstagmorgen war Verteidigung gegen die dunklen Künste. Professor Lupin hatte die ungewöhnlichste Aufgabe von allen vorbereitet, eine Art Hindernisrennen draußen in der Sonne. Sie mussten durch einen tiefen Tümpel stapfen, in dem ein Grindeloh lauerte, eine Reihe von Erdlöchern voller Rotkappen überqueren, durch ein sumpfiges Feld waten und dabei die irreführenden Wegangaben eines Hinkepanks missachten, und schließlich in einen alten Schrankkoffer klettern und sich mit einem neuen Irrwicht herumschlagen.
»Hervorragend, Harry«, murmelte Lupin, als Harry grinsend aus dem Koffer stieg. »Volle Punktzahl.«
Mit freudig geröteten Wangen blieb Harry noch eine Weile, um Ron und Hermine zuzusehen. Ron kam gut voran, bis er auf den Hinkepank traf, der es schaffte, ihn so zu verwirren, dass er hüfthoch im Morast versank. Hermine gelang alles tadellos, bis sie zum Koffer mit dem Irrwicht kam. Nach einer Minute im Innern platzte sie schreiend heraus.
»Hermine!«, sagte Lupin verblüfft, »was ist denn los?«
»P…Professor McGonagall!«, stammelte Hermine und deutete auf den Koffer. »S-sie sagt, ich sei überall durchgerasselt!« Es dauerte eine Weile, bis Hermine sich wieder gefangen hatte. Unterwegs zurück zum Schloss kicherte Ron immer noch ein wenig über ihren Irrwicht, doch angesichts dessen, was sie oben am Portal erwartete, kam es nicht zum Streit.
Dort stand Cornelius Fudge, leicht schwitzend in seinem Nadelstreifenumhang, und spähte über das Land. Er stutzte, als er Harry erkannte.
»Hallo, Harry!«, sagte er. »Du kommst von einer Prüfung, nicht wahr? Hast es bald geschafft?«
»Ja«, sagte Harry. Hermine und Ron, die noch nie mit dem Zaubereiminister gesprochen hatten, hielten sich verlegen im Hintergrund.
»Schöner Tag«, sagte Fudge und ließ die Augen über den See wandern. »Ein Jammer, wirklich ein Jammer …«
Er seufzte tief und sah zu Harry hinunter.
»Ich bin wegen einer unangenehmen Aufgabe hier, Harry. Der Ausschuss für die Beseitigung gefährlicher Geschöpfe braucht einen Zeugen für die Hinrichtung eines verrückten Hippogreifs. Da ich ohnehin in Hogwarts vorbeischauen musste, um mich in Sachen Black umzutun, wurde ich gebeten einzuspringen.«
»Soll das heißen, die Berufungsverhandlung ist schon vorbei?«, warf Ron ein und trat einen Schritt vor.
»Nein, nein, sie ist für heute Nachmittag angesetzt«, sagte Fudge und sah Ron neugierig an.
»Dann werden Sie ja vielleicht gar keine Hinrichtung bezeugen müssen!«, sagte Ron beherzt. »Der Hippogreif könnte ja freigesprochen werden!«
Bevor Fudge antworten konnte, traten hinter ihm zwei Zauberer durch das Schlossportal. Der eine war so steinalt, dass er vor ihren Augen zu verwittern schien, der andere war groß und rüstig und hatte einen dünnen schwarzen Schnurrbart. Harry vermutete, dass sie zum Ausschuss für die Beseitigung gefährlicher Geschöpfe gehörten, denn der steinalte Zauberer spähte hinüber zu Hagrids Hütte und sagte mit dünner Stimme:
»Meine Güte, ich werd langsam zu alt für diese Geschichten … es ist doch um zwei, nicht wahr, Fudge?«
Der Mann mit dem schwarzen Schnurrbart nestelte an seinem Gürtel; Harry sah näher hin und erkannte jetzt, dass er mit seinem breiten Daumen an der schimmernden Klinge eines Beils entlangfuhr. Ron öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch Hermine stieß ihm heftig in die Rippen und nickte mit dem Kopf zum Eingang.
»Warum hast du mich aufgehalten?«, sagte Ron wütend, als sie zum Mittagessen in die Große Halle traten. »Hast du die beiden gesehen? Die haben ja schon das Beil bereit! Das ist doch nicht fair!«
»Ron, dein Dad arbeitet im Ministerium, da kannst du doch nicht so mit seinem Chef reden!«, sagte Hermine, doch auch sie schien ganz aufgebracht. »Wenn Hagrid diesmal die Nerven behält und seine Sache richtig vertritt, können sie Seidenschnabel auf keinen Fall töten …«
Doch Harry war klar, dass Hermine nicht wirklich an ihre eigenen Worte glaubte. Die andern Schüler um sie herum schwatzten und lachten und freuten sich auf den Nachmittag, wenn alles vorbei sein würde, doch Harry, Ron und Hermine waren sehr besorgt wegen Hagrid und Seidenschnabel und hatten keine Lust, sich dem Getümmel anzuschließen.
Harry und Ron hatten ihre letzte Prüfung in Wahrsagen, Hermine in Muggelkunde. Sie gingen zusammen die Marmortreppe hoch, oben verabschiedete sie sich und Harry und Ron stiegen weiter bis in den siebten Stock, wo schon einige aus ihrer Klasse auf der Wendeltreppe zu Professor Trelawneys Zimmer saßen und sich in letzter Minute noch abfragten.
Die beiden setzten sich zu Neville. »Sie will uns alle einzeln drannehmen«, erklärte er. Auf seinem Schoß lag Entnebelung der Zukunft, das Kapitel über Kristallkugeln aufgeschlagen. »Hat einer von euch jemals irgendwas in einer Kristallkugel gesehen?«, fragte er bekümmert.
»Nee«, sagte Ron beiläufig. Immer wieder sah er auf die Uhr; Harry wusste, dass er die Minuten bis zum Beginn von Seidenschnabels Verhandlung zählte.
Die Warteschlange vor dem Klassenzimmer wurde nur allmählich kürzer. Jeden, der die silberne Leiter herabstieg, löcherten sie mit gezischelten Fragen:
»Was wollte sie wissen? War es schwer?«
Doch keiner mochte etwas sagen.
»Sie meint, sie wisse aus der Kristallkugel, dass mir was Furchtbares passieren wird, wenn ich es verrate!«, quiekte Neville, als er die Leiter zu Harry und Ron herunterkletterte, die unten warteten.
»Das macht sie geschickt«, schnaubte Ron. »Weißt du, allmählich glaube ich, dass Hermine Recht hatte« (er wies mit dem Daumen auf die Falltür über ihnen), »sie ist nichts weiter als ’ne olle Schwindlerin.«
»Stimmt«, sagte Harry und sah jetzt selbst auf die Uhr. Inzwischen war es zwei. »Wenn sie sich nur beeilen würde …«
Parvati kam glühend vor Stolz die Leiter herunter.
»Sie sagt, ich hätte alles, was eine wahre Seherin braucht«, verkündete sie Harry und Ron. »Ich hab ja so viel gesehen … also, viel Glück!«
Und sie kletterte die Wendeltreppe hinunter, wo Lavender auf sie wartete.
»Ronald Weasley«, sagte die vertraute rauchige Stimme über ihren Köpfen. Ron zog eine Grimasse, kletterte die silberne Leiter hoch und verschwand. Jetzt war nur noch Harry übrig. Er setzte sich mit dem Rücken an der Wand auf den Boden und lauschte dem Summen einer Fliege am sonnendurchfluteten Fenster. In Gedanken war er drüben am Waldrand bei Hagrid.
Endlich, nach zwanzig Minuten, erschienen Rons große Füße auf der Leiter.
»Wie ist es gelaufen?«, fragte Harry und stand auf.
»Bescheuert«, sagte Ron. »Hab überhaupt nichts gesehen, also hab ich was erfunden. Glaub aber nicht, dass sie richtig überzeugt war …«
»Wir treffen uns im Gemeinschaftsraum«, murmelte Harry und schon rief Professor Trelawney »Harry Potter!«.
Im Turmzimmer war es stickiger denn je; die Vorhänge waren zugezogen, das Feuer loderte und die süßlichen Dünste ließen Harry husten. Er stolperte durch das Gewirr von Stühlen und Tischen hinüber zu Professor Trelawney, die vor einer großen Kristallkugel saß.
»Guten Tag, mein Lieber«, sagte sie sanft. »Wenn Sie so nett wären, in die Kugel zu schauen … lassen Sie sich ruhig Zeit … und dann sagen Sie mir, was Sie sehen …«
Harry beugte sich über die Kristallkugel und starrte hinein, mit aller Kraft suchte er nach etwas anderem als dem weißen Nebelgewaber, doch nichts geschah.
»Nun?«, hakte Professor Trelawney sachte nach. »Was sehen Sie?«
Die Hitze überwältigte ihn, und der parfümierte Rauch, der vom Feuer herüberwaberte, stach ihm in die Nase. Er dachte an Ron und beschloss, es ihm gleichzutun.
»Ähm –«, sagte Harry, »eine dunkle Gestalt … äh …«
»Wem ähnelt sie?«, flüsterte Professor Trelawney. »Denken Sie mal nach …«
Harry ließ die Gedanken schweifen und sie landeten bei Seidenschnabel.
»Einem Hippogreif«, sagte er entschieden.
»Tatsächlich!«, flüsterte Professor Trelawney und kritzelte eifrig Notizen auf das Blatt Pergament auf ihren Knien.
»Mein Lieber, gewiss sehen Sie, wie dieser Streit des armen Hagrid mit dem Zaubereiministerium ausgeht! Sehen Sie genauer hin … hat der Hippogreif denn noch … seinen Kopf?«
»Ja«, sagte Harry nachdrücklich.
»Sind Sie sicher?«, drängte ihn Professor Trelawney. »Sind Sie ganz sicher, mein Lieber? Sehen Sie nicht vielleicht doch, wie er sich auf der Erde windet und eine dunkle Gestalt über ihm die Axt erhebt?«
»Nein!«, sagte Harry und allmählich wurde ihm schlecht.
»Kein Blut? Kein weinender Hagrid?«
»Nein!«, sagte Harry noch einmal und wünschte sich nichts sehnlicher, als endlich aus diesem stickigen Zimmer zu entkommen. »Er sieht gut aus, er – fliegt davon …«
Professor Trelawney seufzte.
»Nun, mein Lieber, ich denke, wir belassen es dabei … ein wenig enttäuschend … aber sicher haben Sie Ihr Bestes getan.«
Erleichtert stand Harry auf, griff nach seiner Tasche und wandte sich zum Gehen, doch plötzlich ertönte eine laute, rüde Stimme hinter ihm.
»Es wird heute Nacht geschehen.«
Harry wirbelte herum. Professor Trelawney war in ihrem Lehnstuhl erstarrt, mit schielendem Blick und offenem Mund.
»W-wie bitte?«, sagte Harry.
Doch Professor Trelawney schien ihn nicht zu hören. Ihre Augen fingen an zu kullern. Harry packte die Angst. Sie sah aus, als würde sie gleich einen Anfall kriegen. Er überlegte, ob er in den Krankenflügel laufen sollte, zögerte – und dann sprach Professor Trelawney erneut, mit derselben rüden Stimme, ganz ungewohnt aus ihrem Mund:
»Der Schwarze Lord ist einsam, von Freunden und Anhängern verlassen. Sein Knecht lag zwölf Jahre in Ketten. Heute Nacht, vor der zwölften Stunde, wird der Knecht die Ketten abwerfen und sich auf den Weg zu seinem Meister machen. Mit seiner Hilfe wird der Schwarze Lord erneut die Macht ergreifen und schrecklicher herrschen denn je. Heute Nacht … vor der zwölften Stunde … wird der Knecht sich auf den Weg machen … zurück zu seinem Meister …«
Professor Trelawneys Kopf sackte auf die Brust. Sie machte ein grunzendes Geräusch. Dann, ganz plötzlich, zuckte ihr Kopf in die Höhe.
»Tut mir ja so leid, mein Junge«, sagte sie traumverloren, »die Hitze, Sie wissen … ich muss kurz eingedöst sein …«
Harry starrte sie unverwandt an.
»Stimmt irgendwas nicht, mein Lieber?«
»Sie – Sie haben mir eben gesagt, dass – der Schwarze Lord wiederkommen wird … dass sein Knecht zu ihm zurückkehrt …«
Professor Trelawney schien aufrichtig perplex.
»Der Schwarze Lord? Er, dessen Name nicht genannt werden darf? Mein lieber Junge, darüber macht man keine Witze … wiederkommen, also hören Sie mal –«
»Aber Sie haben es eben gesagt! Sie sagten, der Schwarze Lord –«
»Ich glaube, auch Sie sind kurz weggedöst, mein Lieber!«, sagte Professor Trelawney. »Ich würde mir natürlich nie anmaßen, etwas so Unsinniges vorauszusagen!«
Gedankenversunken stieg Harry die Leiter und die Wendeltreppe hinunter … Hatte er eine echte Vorhersage von Professor Trelawney gehört? Oder wollte sie die Prüfung nur nach ihrem Geschmack beschließen, mit etwas, das mächtig Eindruck hinterließ?
Fünf Minuten später, als er an den Sicherheitstrollen vor dem Gryffindor-Turm vorbeihastete, klangen ihm ihre Worte noch immer in den Ohren. Viele kamen ihm entgegen, lachend und scherzend und befreit, auf dem Weg hinaus vors Schloss, um sich ein wenig in die Sonne zu legen; als er durch das Porträtloch in den Gemeinschaftsraum stieg, war fast keiner mehr da. Drüben in einer Ecke allerdings hockten Ron und Hermine.
»Professor Trelawney«, keuchte Harry, »hat mir eben gesagt –«
Doch beim Anblick ihrer Gesichter stockte ihm die Stimme.
»Seidenschnabel hat verloren«, sagte Ron erschöpft. »Das hier kam gerade von Hagrid.«
Diesmal war Hagrids Nachricht trocken, keine Träne hatte das Blatt benetzt, doch seine Hand hatte offenbar dermaßen gezittert, dass die Notiz kaum leserlich war.
Berufung verloren. Sie richten ihn bei Sonnenuntergang hin. Ihr könnt nichts mehr tun. Kommt nicht runter. Ich will nicht, dass ihr es mit anseht.
Hagrid
»Wir müssen hin«, sagte Harry sofort. »Wir können ihn nicht alleine rumhocken und auf den Henker warten lassen!«
»Sonnenuntergang«, sagte Ron und starrte mit glasigem Blick aus dem Fenster. »Das erlauben sie uns nie … und dir schon gar nicht, Harry …«
Harry ließ den Kopf in die Hände sinken und überlegte.
»Wenn wir nur den Tarnumhang hätten …«
»Wo ist er?«, fragte Hermine.
Harry erklärte ihr, dass er ihn im Geheimgang unter der einäugigen Hexe versteckt hatte.
»… wenn Snape mich noch mal in dieser Ecke trifft, sitz ich wirklich in der Patsche«, schloss er.
»Das stimmt«, sagte Hermine und stand auf. »Wenn er dich sieht … wie geht dieser Hexenbuckel noch mal auf?«
»Du – tippst dagegen und sagst ›Dissendium‹«, erklärte ihr Harry, »aber –«
Hermine wartete nicht, bis er ausgeredet hatte; mit großen Schritten durchquerte sie das Zimmer, klappte das Bild der fetten Dame zur Seite und verschwand.
»Sie geht doch nicht etwa hin und holt den Umhang?«, sagte Ron und starrte ihr mit offenem Mund nach.
Genau das tat Hermine. Eine Viertelstunde später kam sie zurück, mit dem sorgfältig gefalteten silbrigen Tarnumhang unter ihrem eigenen Umhang verborgen.
»Hermine, ich weiß nicht, was seit neuestem in dich gefahren ist!«, sagte Ron verdutzt. »Erst vermöbelst du Malfoy, dann marschierst du bei Professor Trelawney einfach aus dem Unterricht –«
Offensichtlich fühlte Hermine sich geschmeichelt.
Wie alle andern gingen sie zum Abendessen, doch sie kehrten danach nicht in den Turm zurück. Harry hatte den Umhang unter seinem eigenen versteckt; er musste die Arme verschränkt halten, um das Bündel zu verbergen. Sie huschten in eine leere Kammer neben der Eingangshalle und lauschten, bis sie sicher waren, dass keiner mehr draußen war. Ein letztes Pärchen eilte durch die Halle und eine Tür knallte zu. Hermine streckte den Kopf durch den Türspalt.
»Gut«, flüsterte sie, »keiner mehr da – unter den Umhang –«
Eng aneinandergeschmiegt, damit sie alle unter den Tarnumhang passten, durchquerten sie auf Zehenspitzen die Große Halle und stiegen die steinernen Stufen zum Schlossgelände hinunter. Schon versank die Sonne hinter dem Verbotenen Wald und tauchte die Baumspitzen in Gold.
Vor Hagrids Hütte angelangt, klopften sie. Er brauchte eine Weile, um sich zu rühren, dann trat er vor die Tür und schaute sich fahlgesichtig und zitternd nach seinem Besucher um.
»Wir sind’s«, zischte Harry. »Wir tragen den Tarnumhang. Lass uns rein, dann können wir ihn ablegen.«
»Ihr hättet nicht kommen sollen!«, flüsterte Hagrid, trat aber zurück und sie gingen hinein. Rasch schloss Hagrid die Tür und Harry zog den Umhang herunter.
Hagrid weinte nicht und er warf sich auch keinem von ihnen um den Hals. Er sah aus wie jemand, der nicht weiß, wo er ist oder was er tun soll. Diese Hilflosigkeit war noch schlimmer mit anzusehen als Tränen.
»Wollt ihr ’n Tee?«, sagte er. Mit zitternden Pranken langte er nach dem Kessel.
»Wo ist Seidenschnabel, Hagrid?«, fragte Hermine zögernd.
»Ich – ich hab ihn rausgebracht«, sagte Hagrid und bekleckerte beim Auffüllen des Milchkrugs den ganzen Tisch. »Er ist hinter meinem Kürbisbeet an der Leine. Dachte, er sollte noch mal die Bäume sehen und – und ein wenig frische Luft schnappen – bevor –«
Hagrids Hand zitterte so heftig, dass ihm der Milchkrug entglitt und auf dem Boden zerschellte.
»Ich mach das schon, Hagrid«, sagte Hermine rasch und beeilte sich, den Milchsee aufzuwischen.
»Da ist noch einer im Schrank«, sagte Hagrid. Er setzte sich und wischte sich mit dem Ärmel die Stirn. Harry warf Ron einen Blick zu, den dieser mit hoffnungsleeren Augen erwiderte.
»Kann man denn gar nichts mehr machen, Hagrid?«, fragte Harry jetzt wild entschlossen und setzte sich neben ihn. »Dumbledore –«
»Er hat’s doch versucht«, sagte Hagrid. »Aber er hat nicht die Macht, das Urteil zu ändern. Er hat den Leuten vom Ausschuss erklärt, dass Seidenschnabel in Ordnung ist, aber die haben doch Angst … ihr kennt Lucius Malfoy … der hat sie bedroht, vermut ich mal … und der Henker, Macnair, ist ein alter Kumpel von Malfoy … aber es wird schnell und sauber gehen … und ich werd bei ihm sein …«
Hagrid schluckte. Sein Blick huschte durch die Hütte, als suchte er verzweifelt nach einem Fetzen Hoffnung oder Trost.
»Dumbledore will auch dabei sein, wenn es … wenn es passiert. Hat mir heute Morgen geschrieben. Er will … will bei mir sein. Großartiger Mensch, Dumbledore …«
Hermine, die in Hagrids Schrank nach einem anderen Milchkrug gesucht hatte, ließ einen leisen, rasch erstickten Schluchzer hören. Mit dem Krug in der Hand richtete sie sich auf.
»Wir bleiben bei dir, Hagrid«, begann sie und kämpfte mit den Tränen, doch Hagrid schüttelte seinen zottigen Kopf.
»Ihr müsst zurück ins Schloss. Ich hab euch doch gesagt, ich will nicht, dass ihr zuseht. Und ihr solltet ohnehin nicht hier unten sein … wenn Fudge und Dumbledore euch hier finden, Harry, dann kriegt ihr gewaltigen Ärger.«
Stumme Tränen rannen nun an Hermines Wangen hinunter, doch sie werkelte am Teekessel herum, um sie vor Hagrid zu verbergen. Dann langte sie nach der Milchflasche, um die Kanne zu füllen – und stieß einen spitzen Schrei aus.
»Ron! Ich – das gibt’s doch nicht – es ist Krätze!«
Ron starrte sie mit aufgerissenem Mund an.
»Was redest du da?«
Hermine trug die Milchkanne hinüber zum Tisch und stellte sie auf den Kopf. Mit einem panischen Quieken und verzweifelt mit den Beinchen krabbelnd, um wieder in die Kanne zu kommen, kam Krätze auf den Tisch gekullert.
»Krätze!«, sagte Ron entgeistert. »Krätze, was machst du denn hier?«
Er packte die widerspenstige Ratte und hielt sie ins Licht. Krätze sah schrecklich aus. Er war dünner als je, dicke Haarbüschel waren ihm ausgefallen und hatten große kahle Stellen hinterlassen. Er wand sich in Rons Hand, als ob er verzweifelt das Weite suchte.
»Ist schon gut, Krätze!«, sagte Ron. »Keine Katzen! Keiner hier will dir was antun!«
Plötzlich stand Hagrid auf und spähte durch das Fenster. Sein wettergegerbtes Gesicht hatte die Farbe von Pergament angenommen.
»Sie kommen …«
Harry, Ron und Hermine wirbelten herum. In der Ferne sahen sie ein paar Männer die Schlosstreppe herunterkommen. Voran ging Albus Dumbledore, dessen silberner Bart in der untergehenden Sonne schimmerte. Ihm nach trottete Cornelius Fudge. Dann folgten das tattrige alte Ausschussmitglied und Macnair, der Henker.
»Ihr müsst gehen«, sagte Hagrid. Er zitterte am ganzen Leib. »Sie dürfen euch hier nicht finden … verschwindet jetzt, schnell …«
Ron stopfte Krätze in seine Tasche und Hermine nahm den Umhang hoch.
»Ich lass euch hinten raus«, sagte Hagrid.
Sie folgten ihm durch die Tür in seinen Garten. Harry kam alles seltsam unwirklich vor, und das umso mehr, als er ein paar Meter entfernt Seidenschnabel sah, den Hagrid an einen Zaun hinter seinem Kürbisbeet gebunden hatte. Seidenschnabel schien zu wissen, dass etwas geschehen würde. Er warf den Kopf hin und her und scharrte nervös auf der Erde.
»Ist schon gut, Schnäbelchen«, sagte Hagrid leise. »Es ist alles gut …« Er wandte sich den dreien zu. »Geht jetzt«, sagte er, »sputet euch.«
Doch sie rührten sich nicht.
»Hagrid, wir können nicht einfach –«
»Wir sagen ihnen, was wirklich passiert ist –«
»Sie dürfen ihn nicht umbringen –«
»Geht«, sagte Hagrid grimmig. »Ist schon alles schlimm genug, da müsst ihr nicht auch noch Ärger kriegen!«
Sie hatten keine Wahl. Als Hermine den Umhang über Harry und Ron warf, hörten sie Stimmen vor der Hütte. Hagrid sah auf die Stelle, wo sie eben verschwunden waren.
»Geht schnell«, sagte er heiser, »und lauscht nicht …«
Jemand klopfte an seine Tür und er ging rasch in die Hütte.
Langsam, wie in grauenerfüllter Trance, schlichen sich Harry, Ron und Hermine leise um Hagrids Hütte herum. Als sie auf der anderen Seite waren, fiel die Vordertür mit einem scharfen Knall ins Schloss.
»Beeilen wir uns, bitte«, flüsterte Hermine. »Ich kann das nicht sehen, ich kann es nicht ertragen …«
Sie gingen den Rasenhang zum Schloss hoch. Die Sonne versank jetzt schnell am Horizont; der Himmel hatte ein klares, mit purpurnen Schleiern durchzogenes Grau angenommen, doch im Westen glühte es rubinrot.
Ron blieb wie angewurzelt stehen.
»O bitte, Ron«, sagte Hermine.
»Es ist Krätze – gibt einfach keine Ruhe –«
Ron hatte sich gebückt und versuchte Krätze in der Tasche zu halten, doch die Ratte hatte rasende Angst gepackt; mit irrem Quieken, sich windend und kratzend, versuchte sie die Zähne in Rons Hand zu versenken.
»Krätze, ich bin’s, Ron, du Dummkopf«, zischte Ron.
Hinter ihnen ging eine Tür auf und sie hörten Männerstimmen.
»O Ron, bitte, gehn wir weiter, sie tun’s jetzt!«, keuchte Hermine.
»Gut – Krätze, bleib hier –«
Sie gingen weiter; Harry und Hermine versuchten, nicht auf die Stimmen hinter ihnen zu hören. Wieder erstarrte Ron.
»Ich kann sie nicht mehr festhalten – Krätze, halt’s Maul, die hören uns doch –«
Die Ratte quiekte spitz, doch nicht laut genug, um die Geräusche zu überdecken, die von Hagrids Garten herüberwehten. Zunächst gab es ein Gewirr undeutlicher Männerstimmen, dann trat Stille ein, und dann, ohne Warnung, hörten sie das unmissverständliche Surren und den dumpfen Aufschlag einer Axt.
Hermine wankte.
»Sie haben es wirklich getan!«, flüsterte sie Harry zu. »Ich k…kann’s nicht fassen – sie haben’s getan!«
Kater, Ratte, Hund
Harry war so entsetzt, dass er keinen Gedanken mehr fassen konnte. Gelähmt vor Schreck standen sie unter dem Tarnumhang. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne tauchten das Land und die langen Schatten der Bäume in blutrotes Licht. Dann hörten sie ein wildes Heulen.
»Hagrid«, murmelte Harry. Unwillkürlich machte er kehrt, doch Ron und Hermine packten ihn an den Armen.
»Wir können jetzt nicht zu ihm«, sagte Ron, das Gesicht weiß wie Papier. »Wenn sie rauskriegen, dass wir ihn besucht haben, wird alles noch viel schlimmer für ihn …«
Hermine atmete flach und unregelmäßig.
»Wie … wie konnten sie nur?«, würgte sie hervor. »Wie konnten sie das tun?«
»Gehen wir«, sagte Ron mit klappernden Zähnen.
Sie gingen weiter und achteten unter dem Tarnumhang sorgfältig auf ihre Schritte, um sich nicht zu verraten. Das Tageslicht erstarb rasch. Als sie freies Gelände erreicht hatten, legte sich die Dunkelheit wie ein Fluch über sie.
»Gib Ruhe, Krätze«, zischte Ron und presste die Hand auf die Brusttasche. Die Ratte strampelte und kratzte verzweifelt. Ron blieb plötzlich stehen und versuchte Krätze tiefer in die Tasche zu zwängen. »Was ist los mit dir, du dumme Ratte? Ruhe jetzt – autsch! Er hat mich gebissen!«
»Sei leise, Ron!«, flüsterte Hermine eindringlich. »Fudge wird sicher gleich kommen –«
»Er – will – einfach – nicht – dableiben –«
Krätze hatte offensichtlich Höllenangst. Er sträubte sich mit aller Kraft und versuchte aus Rons Griff zu entkommen.
»Was ist eigentlich los mit ihm –?«
Doch Harry hatte es schon gesehen – etwas schlich auf sie zu, den Körper an den Boden geschmiegt, die weit aufgerissenen gelben Augen gespenstisch in der Dunkelheit glimmend – Krummbein. Ob er sie sehen konnte oder nur Krätzes Quieken folgte, wusste Harry nicht zu sagen.
»Krummbein!«, stöhnte Hermine, »nein, Krummbein, hau ab!«
Doch der Kater kam näher.
»Krätze – nein!«
Zu spät – die Ratte entglitt Rons Fingern, fiel zu Boden und raschelte davon. Mit einem gewaltigen Sprung setzte ihr Krummbein nach, und bevor Harry oder Hermine auch nur die Hand rühren konnte, warf Ron den Tarnumhang ab und rannte ihnen hinterher in die Dunkelheit.
»Ron!«, stöhnte Hermine.
Harry und Hermine sahen sich kurz an, dann stürzten auch sie los; richtig rennen konnten sie nicht unter dem Tarnumhang, und so warfen sie ihn ab und ließen ihn hinter sich herflattern wie eine Fahne. Vor sich hörten sie das schnelle Getrommel von Rons Füßen und wie er Krummbein nachschrie.
»Lass ihn in Ruhe – hau ab – Krätze, komm hierher –«
Es gab einen dumpfen Aufschlag.
»Hab ich dich! Hau ab, du stinkender Kater –«
Fast wären Harry und Hermine über Ron gestolpert. Er lag rücklings auf dem Boden, doch Krätze war wieder in seiner Tasche; mit beiden Händen drückte er fest auf die zitternde Beule.
»Ron – komm jetzt – zurück unter den Umhang –«, keuchte Hermine. »Dumbledore – und der Minister – sie kommen sicher gleich hier lang –«
Doch bevor sie sich wieder tarnen konnten, ja bevor sie wieder zu Atem kamen, hörten sie das leise Trommeln riesiger Pfoten … etwas kam aus der Dunkelheit auf sie zugesprungen – ein riesiger, fahläugiger, rabenschwarzer Hund.
Harry griff nach dem Zauberstab, doch zu spät – der Hund hatte einen gewaltigen Sprung gemacht und stieß mit den Vorderpfoten gegen Harrys Brust; unter einem Wirbel von Haaren stürzte er zu Boden; er spürte den heißen Atem des Hundes über sich, sah seine fingerlangen Zähne –
Doch die Schnellkraft seines Sprungs ließ den Hund über Harry hinwegrollen; Harry hatte das Gefühl, sämtliche Rippen wären ihm gebrochen; ganz benommen wollte er sich aufrichten, doch er hörte, wie sich der Hund knurrend zu einem neuen Angriff bereit machte.
Ron war inzwischen auf den Beinen. Als der Hund wieder auf sie zusprang, stieß Ron Harry beiseite; die Kiefer des Hundes klammerten sich um Rons ausgestreckten Arm; Harry warf sich auf ihn und packte eine Hand voll Fellhaare, doch das Untier zerrte Ron mit sich fort, so mühelos, als wäre er eine Stoffpuppe –
Dann, aus dem Nichts, schlug Harry etwas so heftig ins Gesicht, dass er wieder den Boden unter den Füßen verlor. Auch Hermine schrie vor Schmerz und er hörte sie stürzen.
Harry tastete nach seinem Zauberstab, und als er blinzelte, tropfte ihm Blut aus den Augen –
»Lumos!«, flüsterte er.
Das Licht des Zauberstabs fiel auf den dicken Stamm eines Baumes; sie hatten Krätze in den Schatten der Peitschenden Weide verfolgt, deren Zweige ächzten, als herrsche Sturm, peitschend schlugen sie aus und verwehrten ihnen jeden weiteren Schritt auf sie zu.
Und dort, unten am Fuß des Baumstamms, war der Hund. Er zerrte Ron fort, hinein in eine große Erdspalte zwischen den Wurzeln – Ron wehrte sich verzweifelt, doch schon war sein Kopf verschwunden –
»Ron!«, rief Harry und versuchte ihm zu folgen, doch ein kräftiger Zweig peitschte ihm todbringend entgegen und er musste zurückweichen.
Jetzt war nur noch Rons Bein zu sehen, mit dem er sich an einer Wurzel festgehakt hatte, um nicht weiter in die Tiefe gezerrt zu werden – doch ein fürchterliches Knacken durchschnitt die Luft wie ein Gewehrschuss; Rons Bein war gebrochen und schon war sein Fuß verschwunden.
»Harry – wir müssen Hilfe holen –«, keuchte Hermine; auch sie blutete; die Peitschende Weide hatte ihr die Schulter aufgerissen.
»Nein! Dieser Köter ist groß genug, um ihn zu fressen, wir haben nicht die Zeit –«
»Harry – ohne Hilfe kommen wir nie durch –«
Wieder schlug ein Ast nach ihnen aus, die kleinen Zweige geballt wie Fäuste.
»Wenn dieser Köter dort reinkommt, dann kommen wir auch rein«, keuchte Harry. Immer wieder wollte er unter den Baum vorstoßen, doch er kam keinen Schritt näher an die Wurzeln, ohne sich den Hieben seiner Zweige auszusetzen.
»Oh, Hilfe, Hilfe«, flüsterte Hermine verzweifelt und tänzelte ratlos auf der Stelle, »bitte …«
Pfeilschnell schoss Krummbein an ihnen vorbei. Wie eine Schlange wich er den Hieben der Weide aus und setzte dann die Vorderpfote auf einen Knoten am Baumstamm.
Sofort erstarrte der ganze Baum, als wäre er zu Stein geworden. Kein Zweig rührte sich, kein Blatt zitterte.
»Krummbein!«, flüsterte Hermine argwöhnisch. Sie klammerte sich so fest an Harrys Arm, dass es wehtat. »Woher wusste er das –?«
»Er ist mit diesem Hund befreundet«, sagte Harry grimmig. »Ich hab sie zusammen gesehen. Komm – und halt deinen Zauberstab bereit –«
Im Handumdrehen waren sie beim Baumstamm, doch bevor sie den Spalt zwischen den Wurzeln erreicht hatten, war Krummbein schon hineingesprungen. Sie sahen nur noch seinen Schwanz, kräftig wie eine Flaschenbürste, vor ihnen herschlenkern. Harry folgte ihm; mit dem Kopf voran krabbelte er hinein, glitt einen Erdhang hinunter und landete auf dem Boden eines sehr niedrigen Tunnels. Ein paar Meter vor ihm blitzten Krummbeins Augen im Licht seines Zauberstabs. Sekunden später kam Hermine runtergeschlittert und landete neben ihm.
»Wo ist Ron?«, flüsterte sie ängstlich.
»Da lang«, sagte Harry und folgte Krummbein mit gebeugtem Rücken.
»Wohin führt dieser Tunnel?«, keuchte Hermine hinter ihm.
»Ich weiß nicht … er ist auf der Karte des Rumtreibers eingezeichnet, aber Fred und George glauben, hier sei noch keiner reingekommen … die Karte zeigte nicht, wo er endet, aber es sah so aus, als würde er nach Hogsmeade führen …«
Tief gebückt liefen sie, so schnell sie konnten; immer wieder erhaschten sie einen Blick auf Krummbeins Schwanz. Der Geheimgang schien nicht enden zu wollen; er kam Harry so lang vor wie der zum Honigtopf. Er dachte nur noch an Ron und stellte sich vor, was der Riesenhund mit ihm anstellen konnte … er rannte weiter, die Hände fast auf dem Boden, erschöpft um Luft ringend …
Endlich begann der Tunnel anzusteigen; kurz darauf ging es in eine Biegung und Krummbein war verschwunden. Doch jetzt konnte Harry einen schwachen Lichtfleck erkennen, der durch eine kleine Öffnung fiel.
Die beiden hielten inne und rangen nach Atem, dann drangen sie weiter vor. Sie hoben ihre Zauberstäbe, um zu sehen, was hinter der Öffnung lag.
Es war ein Zimmer, wüst und staubig. Die Tapeten schälten sich von den Wänden; der ganze Fußboden war mit Flecken bedeckt; alle Möbel waren kaputt, als ob sie jemand zertrümmert hätte. Die Fenster waren mit Brettern vernagelt.
Harry warf Hermine einen Blick zu. Sie schien verängstigt, nickte aber.
Harry zog sich nach oben aus dem Loch und schaute sich um. Niemand war in diesem Raum, doch zur Rechten stand eine Tür offen, die in einen düsteren Flur führte. Plötzlich packte Hermine Harrys Arm. Ihre aufgerissenen Augen wanderten über die vernagelten Fenster.
»Harry«, flüsterte sie, »ich glaub, wir sind in der Heulenden Hütte.«
Harry sah sich um. Sein Blick fiel auf einen Stuhl neben ihnen. Holzstücke waren rausgerissen worden; ein Stuhlbein war abgerissen.
»Das waren keine Gespenster«, sagte er langsam.
In diesem Augenblick knarrte es über ihren Köpfen. Im oberen Stockwerk hatte sich etwas bewegt. Sie blickten zur Decke. Hermine hatte sich so fest an Harrys Arm geklammert, dass seine Finger taub wurden. Er hob die Augenbrauen und sah sie an; sie nickte ihm zu und ließ ihn los.
So leise sie konnten, schlichen sie hinaus in den Flur und die morsche Treppe hoch. Eine dicke Staubschicht lag überall, nur auf den Stufen hatte etwas Schweres, das nach oben geschleift worden war, einen breiten, blanken Streifen hinterlassen.
Oben gelangten sie in einen dunklen Korridor.
»Nox«, flüsterten sie wie aus einem Mund und die Lichter an den Spitzen ihrer Zauberstäbe erloschen. Nur eine Tür stand offen. Als sie sich herantasteten, hörten sie, wie sich etwas dahinter bewegte; ein leises Stöhnen und dann ein tiefes, lautes Schnurren. Sie wechselten einen letzten Blick und ein letztes Kopfnicken.
Harry umklammerte den Zauberstab und hob ihn hoch, dann trat er die Tür auf.
Auf einem prächtigen Himmelbett mit verstaubten Vorhängen fläzte sich Krummbein, der bei Harrys Anblick laut zu schnurren begann. Neben dem Bett auf dem Fußboden lag Ron, die Hände um ein Bein geklammert, das in merkwürdigem Winkel abstand.
Harry und Hermine stürzten zu ihm hin.
»Ron – was ist los mit dir?«
»Wo ist der Hund?«
»Kein Hund«, stöhnte Ron und biss vor Schmerz die Zähne zusammen. »Harry, das ist eine Falle!«
»Was?«
»Er ist der Hund … er ist ein Animagus …«
Ron starrte über Harrys Schulter. Harry wirbelte herum.
Der Mann im Schatten ließ die Tür ins Schloss fallen.
Das schmutzige verfilzte Haar reichte ihm bis zu den Ellbogen. Wenn aus den tiefen, dunklen Höhlen in seinem Gesicht keine Augen geleuchtet hätten, hätte er auch eine Leiche sein können. Die wächserne Haut war so fest über die Knochen gespannt, dass sein Kopf wie ein Totenschädel aussah. Ein Grinsen offenbarte die gelben Zähne. Es war Sirius Black.
»Expelliarmus!«, krächzte er und richtete Rons Zauberstab auf sie.
Harry und Hermine riss es die Zauberstäbe aus den Händen, sie wirbelten durch die Luft und Black fing sie auf. Dann kam er einen Schritt näher. Seine Augen waren unverwandt auf Harry gerichtet.
»Ich wusste, dass du kommen würdest, um deinem Freund zu helfen«, sagte er heiser. Seine Stimme klang, als hätte er sie schon lange nicht mehr gebraucht. »Dein Vater hätte dasselbe für mich getan. Mutig von dir, nicht erst einen Lehrer zu holen. Ich bin dir dankbar … es wird alles viel leichter machen …«
Die höhnische Bemerkung über seinen Vater klang in Harrys Ohren nach, als ob Black ihn angeschrien hätte. Brennender Hass loderte in seiner Brust hoch und ließ für Angst keinen Platz. Zum ersten Mal in seinem Leben wollte er den Zauberstab nicht zurückhaben, um sich zu verteidigen, sondern um anzugreifen … zu töten. Ohne zu wissen, was er tat, wollte er losstürzen, doch neben ihm gab es eine rasche Bewegung und zwei Paar Hände packten ihn und hielten ihn zurück – »Nein, Harry!«, flüsterte Hermine, die Augen schreckensstarr; Ron jedoch sprach zu Black.
»Wenn Sie Harry töten wollen, dann müssen Sie uns auch töten!«, sagte er grimmig, doch die Anstrengung, aufrecht zu stehen, trieb ihm den letzten Rest Farbe aus dem Gesicht und er schwankte ein wenig.
In Blacks schattigen Augen flackerte etwas auf.
»Leg dich hin«, sagte er leise zu Ron. »Du schadest deinem Bein nur noch mehr.«
»Haben Sie mich gehört?«, sagte Ron schwach, doch er klammerte sich an Harry, um nicht zu fallen. »Sie müssen uns alle drei umbringen!«
»Es wird heute Nacht nur einen Mord geben«, sagte Black und sein Grinsen wurde breiter.
»Warum das denn?«, fauchte Harry und versuchte sich dem Griff von Ron und Hermine zu entwinden. »Das letzte Mal hat’s Sie doch auch nicht gekümmert, oder? All diese Muggel abzuschlachten, um an Pettigrew zu kommen, hat Ihnen nichts ausgemacht … was ist los, haben sie Sie weich gekriegt in Askaban?«
»Harry!«, wimmerte Hermine. »Sei still!«
»Er hat meine Mum und meinen Dad umgebracht!«, brüllte Harry. Mit einem heftigen Ruck befreite er sich von Hermine und Ron und stürzte sich Black entgegen.
Harry hatte alle Zauberei vergessen – er hatte vergessen, dass er klein und mager und dreizehn war, Black dagegen ein großer, ausgewachsener Mann. Harry wusste nur, dass er Black Schmerz zufügen wollte, so viel wie möglich, und dass es ihm gleich war, wenn Black ihm ebenfalls wehtat.
Vielleicht war Black einen Augenblick zu verdutzt, weil Harry etwas so Dummes tat, jedenfalls hob er die Zauberstäbe nicht rechtzeitig – Harry packte Blacks ausgezehrtes Handgelenk und schob die Zauberstäbe von sich weg; mit der anderen Hand schlug er gegen Blacks Schläfe, dass ihm die Knöchel schmerzten, und beide krachten gegen die Wand.
Hermine schrie auf; Ron brüllte; aus den Zauberstäben in Blacks Hand schossen blendende Lichtblitze, und ein Funkenstrahl verfehlte Harrys Kopf um Haaresbreite; Harry spürte, wie Black den ausgemergelten Arm, den Harry umklammert hielt, verzweifelt losreißen wollte, doch er umklammerte ihn noch fester und schlug mit der anderen Hand wie von Sinnen auf Black ein.
Doch Blacks freie Hand hatte den Weg zu Harrys Gurgel gefunden.
»Nein«, zischte er, »ich hab zu lange gewartet.«
Seine Hand zog sich zu, Harry würgte, die Brille hing ihm schief auf der Nase.
Dann schoss Hermines Fuß wie aus dem Nichts hervor; ächzend vor Schmerz ließ Black Harry los; Ron hatte sich auf Blacks Zauberstabhand geworfen und Harry hörte leises Geklapper.
Er kämpfte sich aus dem Körperknäuel frei und sah seinen Zauberstab über den Boden rollen; er hechtete hinüber, doch –
»Aaarh!«
Krummbein hatte sich ins Getümmel geworfen; die Klauen beider Vorderpfoten gruben sich tief in Harrys Arm; Harry schüttelte ihn ab, doch Krummbein schoss jetzt zu Harrys Zauberstab.
»Nein, das tust du nicht!«, brüllte Harry und versetzte Krummbein einen Fußtritt, der ihn fauchend in die Ecke fliegen ließ; Harry schnappte sich den Zauberstab und wandte sich um.
»Aus dem Weg!«, rief er Ron und Hermine zu.
Sie ließen es sich nicht zweimal sagen. Hermine sprang japsend beiseite und warf sich mit blutenden Lippen auf ihren und Rons Zauberstab. Ron kroch hinüber zum Bett und brach röchelnd darauf zusammen. Sein weißes Gesicht war grün angelaufen und mit beiden Händen umklammerte er das gebrochene Bein.
Black lag ausgestreckt an der Wand. Seine flache Brust hob und senkte sich rasch, während er mit den Augen Harry folgte, der langsam auf ihn zuging, den Zauberstab direkt auf Blacks Herz gerichtet.
»Wirst du mich töten, Harry?«, flüsterte er.
Harry blieb über ihm stehen, den Zauberstab unverwandt auf Blacks Brust gerichtet, und sah zu ihm hinab. Ein bläulicher Bluterguss zog sich um sein linkes Auge, und seine Nase blutete.
»Sie haben meine Eltern getötet«, sagte Harry mit leichtem Zittern in der Stimme, doch die Hand mit dem Zauberstab war vollkommen ruhig.
Black starrte aus seinen eingesunkenen Augen zu ihm hoch.
»Ich leugne es nicht«, sagte er ganz ruhig. »Aber wenn du die ganze Geschichte kennen würdest –«
»Die ganze Geschichte?«, wiederholte Harry mit einem zornigen Pochen in den Ohren. »Sie haben meine Eltern an Voldemort verraten, das ist alles, was ich wissen muss!«
»Du musst mir zuhören«, sagte Black und ein flehender Ton lag jetzt in seiner Stimme. »Du wirst es bereuen, wenn du nicht … du verstehst nicht.«
»Ich verstehe einiges mehr, als Sie glauben«, sagte Harry mit einem heftigen Beben in der Stimme. »Sie haben sie ja nie gehört, oder? Meine Mum … wie sie versucht hat, mich vor Voldemort zu retten … und Sie haben es getan … Sie waren es …«
Bevor einer von ihnen noch ein Wort sagen konnte, huschte etwas Rostbraunes an Harry vorbei; und schon war Krummbein auf Blacks Brust gesprungen und hatte sich genau auf Blacks Herzen zusammengerollt. Black blinzelte und sah den Kater an.
»Scher dich bloß weg«, murmelte Black und versuchte Krummbein wegzuschieben.
Doch Krummbein versenkte die Krallen in Blacks Umhang und rührte sich nicht. Der Kater wandte sein hässliches, eingedelltes Gesicht Harry zu und sah mit seinen großen gelben Augen zu ihm hoch. Hinter sich hörte er Hermine trocken schluchzen.
Harry starrte auf Black und Krummbein und umklammerte den Zauberstab noch fester. Was machte es schon, wenn er auch den Kater tötete. Er war mit Black verbündet … wenn er bereit war zu sterben, weil er Black schützen wollte, ging Harry das nichts an … wenn Black ihn retten wollte, zeigte das nur, dass er sich mehr um Krummbein scherte als um Harrys Eltern …
Harry hob den Zauberstab. Die Zeit war gekommen. Dies war der Augenblick, Vater und Mutter zu rächen. Er würde Black töten. Er musste Black töten. Dies war seine Chance …
Und die Sekunden zogen sich in die Länge, und immer noch stand Harry wie angewurzelt da, den Zauberstab umklammert. Black, mit Krummbein auf der Brust, starrte zu ihm hoch. Vom Bett her hörte er Rons rasselndes Atmen, Hermine war ganz still.
Und dann hörte er ein neues Geräusch –
Gedämpfte Schritte drangen durch den Fußboden; jemand kam die Treppe herab.
»Wir sind hier oben!«, rief Hermine plötzlich. »Wir sind hier oben – Sirius Black – schnell!«
Black zuckte so heftig zusammen, dass Krummbein fast von seiner Brust gerutscht wäre; Harry umklammerte krampfhaft seinen Zauberstab – tu’s jetzt!, sagte eine Stimme in seinem Kopf – doch die Schritte polterten die Treppe herauf und Harry hatte immer noch nicht gehandelt.
Die Tür krachte unter einem Schauer roter Funken auf und Harry wirbelte herum. Professor Lupin kam in das Zimmer gestürzt, das Gesicht blutleer, den Zauberstab drohend erhoben. Seine Augen flackerten hinüber zu Ron, der auf dem Bett lag, zu Hermine, die an der Tür kauerte, und zu Harry, der dastand und Black mit dem Zauberstab bedrohte, und dann zu Black selbst, zusammengekrümmt und blutend zu Harrys Füßen.
»Expelliarmus!«, rief Lupin.
Abermals flog Harry der Zauberstab aus der Hand, und auch Hermine verlor die beiden, die sie gehalten hatte. Geschickt fing Lupin sie auf, dann trat er näher und starrte Black an, auf dessen Brust noch immer Krummbein schützend lag.
Harry stand da und fühlte sich plötzlich vollkommen leer. Er hatte es nicht getan. Er hatte nicht den Mumm dazu gehabt. Sie würden Black den Dementoren aushändigen.
Dann sprach Lupin und seine Stimme war zum Zerreißen gespannt.
»Wo ist er, Sirius?«
Harry blickte Lupin überrascht an. Er verstand nicht, was er meinte. Wo war wer? Er schaute erneut auf Black.
Blacks Gesicht war vollkommen ausdruckslos. Ein paar Sekunden lang regte er sich überhaupt nicht. Dann, ganz langsam, hob er die leere Hand und deutete auf Ron. Verblüfft wandte sich Harry zu Ron um, der ebenfalls völlig verdutzt schien.
»Aber dann …«, murmelte Lupin und starrte Black so durchdringend an, als wolle er seine Gedanken lesen, »warum hat er sich dann nie offenbart? Außer« – und Lupin riss plötzlich die Augen auf, als würde er hinter Black noch etwas sehen, etwas, das keiner von den anderen sehen konnte – »außer, er war es … wenn ihr getauscht habt … ohne es mir zu sagen?«
Ganz langsam, die eingesunkenen Augen starr auf Lupins Gesicht gerichtet, nickte Black mit dem Kopf.
»Professor«, setzte Harry an, »was –?«
Doch er kam mit seiner Frage nie zu Ende, denn was er sah, würgte ihm die Stimme ab. Lupin ließ den Zauberstab sinken und sah Black unverwandt an. Und schon sprang er an Blacks Seite, packte ihn bei der Hand, zog ihn hoch, so dass Krummbein zu Boden fiel, und umarmte Black wie einen Bruder.
Harry hatte das Gefühl, als hätte es ihm den Magen umgedreht.
»Ich glaub’s nicht!«, schrie Hermine.
Lupin löste sich von Black und wandte sich ihr zu. Sie hatte sich aufgerichtet und deutete mit zornflackerndem Blick auf Lupin. »Sie – Sie –«
»Hermine –«
»– Sie und er!«
»Hermine, beruhige dich –«
»Ich hab’s niemandem erzählt!«, kreischte Hermine, »ich hab es für Sie vertuscht –«
»Hermine, hör mir bitte zu!«, rief Lupin, »ich kann’s dir erklären –«
Harry schüttelte es am ganzen Leib, doch nicht aus Angst. Eine neue Welle von Zorn überschwemmte ihn.
»Ich habe Ihnen vertraut«, rief er Lupin zu, seiner Stimme nicht mehr Herr, »und die ganze Zeit waren Sie sein Freund –«
»Du irrst dich«, sagte Lupin, »ich war in den letzten zwölf Jahren nicht Sirius’ Freund, aber ich bin es jetzt – lass es mich erklären …«
»Nein!«, schrie Hermine, »Harry, trau ihm nicht, er hat Black geholfen, ins Schloss zu kommen, er will auch dich tot sehen – er ist ein Werwolf!«
Eine unheimliche Stille trat ein. Aller Augen waren jetzt auf Lupin gerichtet, der erstaunlich ruhig wirkte, wenn auch ziemlich bleich.
»Nicht ganz so gut wie sonst, Hermine«, sagte er. »Nur einen von drei Punkten, fürchte ich. Ich habe Sirius nicht geholfen, ins Schloss zu kommen, und ich will gewiss nicht, dass Harry stirbt …« Ein merkwürdiges Zittern huschte ihm übers Gesicht. »Doch will ich nicht bestreiten, dass ich ein Werwolf bin.«
Ron unternahm einen vergeblichen Versuch, sich aufzurichten, sackte jedoch vor Schmerz wimmernd zurück aufs Bett. Lupin ging mit besorgtem Blick zu ihm hinüber, doch Ron japste:
»Weg von mir, Werwolf!«
Lupin blieb wie angewurzelt stehen. Dann wandte er sich mit offensichtlicher Mühe Hermine zu und sagte:
»Seit wann weißt du es?«
»Schon ’ne Ewigkeit«, flüsterte Hermine. »Seit ich den Aufsatz für Professor Snape geschrieben habe …«
»Er wird sich freuen«, sagte Lupin kühl. »Er hat euch den Aufsatz schreiben lassen in der Hoffnung, jemand würde erkennen, was meine Symptome bedeuten … Hast du auf der Mondtabelle nachgesehen und festgestellt, dass ich bei Vollmond immer krank war? Oder ist dir aufgefallen, dass der Irrwicht sich in einen Mond verwandelte, als er mich sah?«
»Beides«, sagte Hermine leise.
Lupin lachte gequält.
»Du bist die schlauste Hexe deines Alters, die ich je getroffen habe, Hermine.«
»Bin ich nicht«, flüsterte Hermine, »wenn ich ein wenig schlauer gewesen wäre, hätte ich allen gesagt, was Sie sind!«
»Aber das wissen sie schon«, sagte Lupin. »Zumindest die Lehrer.«
»Dumbledore hat Sie eingestellt, obwohl er wusste, dass Sie ein Werwolf sind?«, schnaubte Ron mit aufgerissenen Augen. »Ist er wahnsinnig?«
»Einige Lehrer dachten das auch«, sagte Lupin. »Es war ein schweres Stück Arbeit, gewisse Lehrer davon zu überzeugen, dass man mir vertrauen kann –«
»Und da hat er sich geirrt!«, rief Harry. »Sie haben ihm die ganze Zeit geholfen!« Er deutete auf Black, der zum Bett hinübergegangen und darauf zusammengesunken war, eine zitternde Hand aufs Gesicht gepresst. Krummbein sprang zu ihm hoch und kroch schnurrend auf seinen Schoß. Ron rückte von beiden weg und zog sein Bein nach.
»Ich habe Sirius nicht geholfen«, sagte Lupin. »Wenn ihr mir eine Chance gebt, dann erkläre ich es. Hier –«
Er nahm die Zauberstäbe von Harry, Ron und Hermine und warf sie ihren Besitzern zu; verdutzt fing Harry den seinen auf.
»Also gut«, sagte Lupin und steckte den eigenen Zauberstab in den Gürtel. »Ihr seid bewaffnet, wir nicht. Hört ihr mir jetzt zu?«
Harry wusste nicht, was er davon halten sollte. War das eine List?
»Wenn Sie ihm nicht geholfen haben«, sagte er mit zornigem Blick auf Black, »woher wussten Sie dann, dass er hier war?«
»Die Karte«, sagte Lupin, »die Karte des Rumtreibers. Ich war in meinem Büro und hab auf ihr nachgesehen.«
»Sie wissen, wie man mit ihr umgeht?«, sagte Harry misstrauisch.
»Natürlich weiß ich, wie man mit ihr umgeht«, sagte Lupin und wedelte ungeduldig mit der Hand. »Ich hab daran mitgeschrieben. Ich bin Moony – das war mein Spitzname bei den Freunden in der Schule.«
»Sie haben –?«
»Wichtig ist jetzt nur, dass ich die Karte heute Abend sorgfältig zu Rate gezogen habe, weil ich ahnte, dass ihr drei euch vielleicht aus dem Schloss stehlt, um Hagrid zu besuchen, bevor der Hippogreif hingerichtet wird. Und ich hatte Recht, nicht wahr?«
Er schritt jetzt im Zimmer auf und ab und sah sie abwechselnd an. Seine Schritte wirbelten kleine Staubwölkchen auf.
»Du hast sicher den Umhang deines Vaters getragen, Harry –«
»Woher wissen Sie von dem Umhang?«
»Ich sah James so oft darunter verschwinden …«, sagte Lupin und fuchtelte erneut ungeduldig mit der Hand. »Der Witz dabei ist, selbst wenn du den Tarnumhang trägst, erscheinst du auf der Karte des Rumtreibers. Jedenfalls sah ich euch über das Gelände gehen und Hagrids Hütte betreten. Zwanzig Minuten später seid ihr herausgekommen und habt euch auf den Rückweg gemacht. Doch jetzt war noch ein anderer dabei.«
»Wie bitte?«, sagte Harry. »Nein, wir waren zu dritt!«
»Ich wollte meinen Augen nicht trauen«, sagte Lupin, der immer noch auf und ab ging und Harrys Einwurf nicht beachtete. »Ich dachte, mit der Karte würde etwas nicht stimmen. Wie konnte er bei euch sein?«
»K…keiner war bei uns!«, sagte Harry.
»Und dann hab ich noch einen Punkt gesehen, der sich rasch auf euch zubewegte, mit dem Namen Sirius Black … Ich sah, wie er mit euch zusammenstieß und wie er zwei von euch unter die Peitschende Weide zerrte –«
»Einen!«, sagte Ron zornig.
»Nein, Ron«, sagte Lupin. »Zwei von euch.«
Er war stehen geblieben und ließ die Augen über Ron gleiten.
»Könnte ich mir mal deine Ratte ansehen?«, sagte er gelassen.
»Was?«, sagte Ron. »Was hat Krätze mit alldem denn zu tun?«
»Alles«, sagte Lupin. »Kann ich sie sehen, bitte?«
Ron zögerte, dann steckte er die Hand in den Umhang und zerrte Krätze hervor, der verzweifelt um sich schlug. Fast wäre er entkommen, hätte Ron ihn nicht gerade noch an seinem langen kahlen Schwanz erwischt. Krummbein hatte den Kopf gehoben und fauchte.
Lupin trat auf Ron zu. Er schien den Atem anzuhalten, während er Krätze aufmerksam musterte.
»Was?«, fragte Ron erneut und drückte Krätze mit angsterfülltem Blick an die Brust. »Was hat meine Ratte mit alldem zu tun?«
»Das ist keine Ratte«, krächzte auf einmal Sirius Black.
»Was soll das heißen – natürlich ist das eine Ratte –«
»Nein, ist es nicht«, sagte Lupin ruhig. »Es ist ein Zauberer.«
»Ein Animagus«, sagte Black, »mit Namen Peter Pettigrew.«
Vier Freunde
Es dauerte eine Weile, bis sie diese aberwitzige Behauptung verdaut hatten. Dann sprach Ron aus, was Harry dachte.
»Sie sind verrückt, alle beide.«
»Lächerlich!«, sagte Hermine matt.
»Peter Pettigrew ist tot!«, sagte Harry. »Er hat ihn vor zwölf Jahren umgebracht!«
Er deutete auf Black, dessen Gesicht krampfartig zuckte.
»Das wollte ich«, knurrte er und bleckte seine gelben Zähne, »doch der kleine Peter hat mir ein Schnippchen geschlagen … aber diesmal passiert mir das nicht mehr!«
Urplötzlich sprang Black auf, schleuderte Krummbein zu Boden und warf sich auf Krätze; Ron schrie vor Schmerz, denn Black landete mit aller Wucht auf seinem gebrochenen Bein.
»Sirius, NEIN!«, rief Lupin, stürzte sich auf Black und zerrte ihn von Ron fort. »Warte! So einfach geht das nicht – sie müssen es verstehen – wir müssen es ihnen erklären –«
»Erklären können wir’s hinterher!«, fauchte Black und versuchte Lupin abzuschütteln, die eine Hand immer noch in die Luft gestreckt und nach Krätze greifend, der quiekend wie ein Schweinchen zu fliehen versuchte und dabei Rons Gesicht und Hals zerkratzte.
»Sie – haben – ein – Recht – alles – zu – erfahren!«, keuchte Lupin vor Anstrengung, Black zu bändigen. »Ron hat ihn als Haustier gehalten! Einiges an dieser Geschichte ist selbst mir schleierhaft! Und Harry – du schuldest Harry die Wahrheit, Sirius!«
Black erlahmte, doch aus seinen Augenhöhlen heraus fixierte er weiterhin Krätze, der sich unter Rons zerbissenen, zerkratzten und blutenden Händen an dessen Körper gekrallt hatte. »Nun gut«, sagte Black, ohne den Blick von der Ratte zu wenden. »Sag ihnen alles, was du willst. Aber mach schnell, Remus. Ich will endlich den Mord begehen, für den ich eingesperrt wurde …«
»Vollkommen durchgeknallt, und zwar ihr beide«, sagte Ron mit bebender Stimme und wandte sich Hilfe suchend an Harry und Hermine. »Jetzt hab ich die Nase voll. Ich hau ab.« Er versuchte sich auf sein gesundes Bein zu stellen, doch Lupin hob erneut seinen Zauberstab und richtete ihn auf Krätze.
»Du lässt mich jetzt mal ausreden, Ron«, sagte er leise. »Und halt Peter schön fest, während du zuhörst.«
»Das ist nicht Peter, das ist Krätze!«, rief Ron und versuchte, die Ratte wieder in seine Vordertasche zu zwängen, doch Krätze wehrte sich so verzweifelt, dass Ron ins Schwanken geriet und das Gleichgewicht verlor; Harry fing ihn auf und schob ihn zurück aufs Bett. Dann wandte er sich, ohne Black zu beachten, an Lupin.
»Es gab Zeugen, die Pettigrew sterben sahen«, sagte er. »Eine ganze Straße voller Leute …«
»Sie haben nicht das gesehen, was sie zu sehen glaubten!«, brauste Black zornig auf, ohne die Augen von dem in Rons Händen zappelnden Krätze zu wenden.
»Alle dachten, Sirius hätte Peter umgebracht«, sagte Lupin und nickte. »Ich selbst hab es geglaubt – bis ich heute Abend die Karte sah. Denn die Karte des Rumtreibers lügt nie … Peter lebt noch. Ron hält ihn in den Händen, Harry.«
Harry sah zu Ron hinunter, ihre Blicke trafen sich, und es brauchte keine Worte, um zu erkennen, dass Ron genauso dachte wie er: Black und Lupin waren durchgeknallt. Ihre Geschichte ergab überhaupt keinen Sinn. Wie konnte Krätze denn Peter Pettigrew sein? Askaban musste Black also doch aus der Bahn geworfen haben – doch warum machte Lupin den Unsinn mit? Jetzt meldete sich Hermine, mit zitternder, bemüht ruhiger Stimme, als wollte sie Professor Lupin zwingen, wieder vernünftig zu reden.
»Aber Professor Lupin … Krätze kann nicht Pettigrew sein … das kann einfach nicht stimmen, das wissen Sie …«
»Warum kann es nicht stimmen?«, sagte Lupin ruhig, als wären sie im Unterricht und Hermine wäre beim Experimentieren mit Grindelohs ein kleines Problem aufgefallen.
»Weil … es bekannt wäre, wenn Peter Pettigrew ein Animagus gewesen wäre. Wir haben Animagi bei Professor McGonagall im Unterricht durchgenommen. Und für meine Hausaufgaben hab ich nachgeforscht – das Ministerium kontrolliert alle Hexen und Zauberer, die Tiere wurden; es gibt eine Liste, auf der verzeichnet ist, wer zu welchem Tier wurde, mit ihren Merkmalen und allem … Ich hab mit Hilfe von Professor McGonagall in dieser Liste nachgeschaut, es gab dieses Jahrhundert nur sieben Animagi, und Pettigrews Name war nicht dabei –«
Harry hatte kaum Zeit, im Stillen Hermine dafür zu bewundern, wie viel Mühe sie auch diesmal in ihre Hausaufgaben gesteckt hatte, denn Lupin fing an zu lachen.
»Du hast wieder mal Recht, Hermine!«, sagte er. »Aber das Ministerium hat nie erfahren, dass sich einst drei nicht gemeldete Animagi in Hogwarts rumtrieben!«
»Wenn du ihnen die ganze Geschichte erzählen willst, Remus, dann beeil dich mal«, knurrte Black, der immer noch jede verzweifelte Bewegung Krätzes beobachtete. »Ich habe zwölf Jahre gewartet, ich werde nicht viel länger warten.«
»Na gut … aber du musst mir helfen, Sirius«, sagte Lupin. »Ich weiß nur, wie’s angefangen hat …«
Lupin brach ab. Hinter ihnen hatte es laut geknarrt. Die Schlafzimmertür war von allein aufgegangen. Alle fünf starrten auf die Tür. Dann ging Lupin hinüber und spähte auf den Korridor hinaus.
»Keiner da …«
»Hier spukt es!«, sagte Ron.
»Keineswegs«, sagte Lupin und sah immer noch ratlos zur Tür. »In der Heulenden Hütte hat es nie gespukt … das Schreien und Heulen, das die Leute im Dorf hörten, das stammte von mir.«
Er wischte sich das angegraute Haar aus den Augen, dachte einen Moment lang nach und sagte dann:
»Alles fing damit an – dass ich ein Werwolf wurde. All das hätte nicht passieren können, wenn ich nicht gebissen worden wäre … und wenn ich nicht so töricht gewesen wäre …«
Er wirkte ernst und müde. Ron wollte etwas einwerfen, doch Hermine sagte: »Schhh!« Sie sah Lupin sehr gespannt an.
»Ich war noch ein ganz kleiner Junge, als ich gebissen wurde. Meine Eltern haben alles versucht, aber damals gab es noch keine Arznei dagegen. Der Trank, den Professor Snape für mich gebraut hat, ist eine ganz neue Entdeckung. Er schützt mich, müsst ihr wissen. Wenn ich ihn in der Woche vor Vollmond einnehme, behalte ich den Verstand, während ich mich verwandle … ich kann mich dann in meinem Büro einrollen, als harmloser Wolf, und warten, bis der Mond wieder abnimmt.
Bevor jedoch der Wolfsbann-Trank entdeckt wurde, verwandelte ich mich einmal im Monat in ein ausgewachsenes Ungeheuer. Es schien unmöglich, mich nach Hogwarts zu schicken. Die anderen Eltern würden ihre Kinder sicher nicht dieser Gefahr aussetzen wollen.
Doch dann wurde Dumbledore Schulleiter, und er hatte Verständnis. Solange wir bestimmte Vorkehrungen träfen, sagte er, gäbe es keinen Grund, warum ich nicht zur Schule kommen sollte …« Lupin seufzte und sah Harry in die Augen. »Ich hab dir schon vor Monaten erzählt, dass die Peitschende Weide in dem Jahr gepflanzt wurde, als ich nach Hogwarts kam. Die Wahrheit ist, dass sie gepflanzt wurde, weil ich nach Hogwarts kam. Dieses Haus –«, Lupin sah sich traurig im Zimmer um, »– der Tunnel, der hierherführt – sie wurden für mich gebaut. Einmal im Monat hat man mich aus dem Schloss geschmuggelt, in dieses Haus, wo ich mich verwandeln konnte. Den Baum pflanzten sie am Eingang des Tunnels, damit niemand mir folgen konnte, wenn ich gefährlich war.«
Harry hatte keine Ahnung, wo diese Geschichte hinführen sollte, und dennoch lauschte er hingerissen. Außer Lupins Stimme war nur noch Krätzes ängstliches Quieken zu hören.
»Meine Verwandlungen in jener Zeit waren … waren fürchterlich. Es ist sehr schmerzhaft, sich in einen Werwolf zu verwandeln. Ich war fernab von Menschen, die ich beißen konnte, also biss und kratzte ich mich selbst. Die Dorfbewohner hörten den Lärm und die Schreie und glaubten, es seien besonders wüste Gespenster. Dumbledore schürte diese Gerüchte … selbst heute, da im Haus seit Jahren Ruhe herrscht, wagen sich die Leute nicht in seine Nähe …
Doch abgesehen von meinen Verwandlungen war ich so glücklich wie nie im Leben. Zum ersten Mal hatte ich Freunde, drei großartige Freunde. Sirius Black … Peter Pettigrew … und natürlich deinen Vater, Harry. James Potter.
Meinen drei Freunden konnte natürlich nicht entgehen, dass ich einmal im Monat verschwand. Ich ließ mir alle möglichen Geschichten einfallen. Meine Mutter sei krank und ich müsse sie zu Hause besuchen … Ich hatte fürchterliche Angst, sie würden mich verlassen, wenn sie herausfänden, was in mir steckte. Doch wie du, Hermine, fanden sie natürlich die Wahrheit heraus …
Und sie ließen mich nicht im Stich. Im Gegenteil, sie taten etwas für mich, das meine Verwandlungen nicht nur erträglich machte, sondern zur schönsten Zeit meines Lebens. Sie wurden Animagi.«
»Mein Dad auch?«, sagte Harry erstaunt.
»Ja, allerdings«, sagte Lupin. »Sie brauchten fast drei Jahre, um herauszufinden, wie man es anstellt. Dein Vater und Sirius hier waren die klügsten Schüler in Hogwarts und das war ein Glück, denn die Verwandlung in einen Animagus kann fürchterlich schiefgehen. Das ist ein Grund, weshalb das Ministerium alle, die es versuchen, scharf im Auge behält. Peter hätte es ohne die Hilfe von James und Sirius nicht geschafft. Doch dann, in unserem fünften Jahr in Hogwarts, schafften sie es. Sie konnten sich willentlich in verschiedene Tiere verwandeln.«
»Aber wie konnten sie Ihnen damit helfen?«, fragte Hermine verwirrt.
»Als Menschen konnten sie mir nicht Gesellschaft leisten, also taten sie es als Tiere«, sagte Lupin. »Ein Werwolf ist nur für Menschen gefährlich. Jeden Monat schlichen sie sich unter James’ Tarnumhang aus dem Schloss. Sie verwandelten sich … Peter, als der Kleinste, konnte unter den peitschenden Weidenzweigen hindurchschlüpfen und den Knoten berühren, der sie erstarren lässt. Dann schlitterten sie hinunter in den Tunnel und kamen zu mir ins Haus. Unter ihrem Einfluss war ich weniger gefährlich. Mein Körper war immer noch der eines Wolfes, doch wenn ich mit ihnen zusammen war, fühlte ich mich eher wie ein Mensch.«
»Beeil dich, Remus«, knurrte Black, der Krätze noch immer mit einem fürchterlichen Hunger im Blick ansah.
»Ich komm schon zum Punkt, Sirius, nur die Ruhe … Gut, jedenfalls taten sich nun, da wir uns alle verwandeln konnten, die spannendsten Möglichkeiten vor unseren Augen auf. Bald verließen wir die Heulende Hütte und streiften nachts über das Schlossgelände. Sirius und James verwandelten sich in so große Tiere, dass sie einen Werwolf mühelos in Schach halten konnten. Ich glaube nicht, dass je ein Hogwarts-Schüler mehr über das Schloss und die Ländereien herausgefunden hat als wir. Und so beschlossen wir, die Karte des Rumtreibers zu schreiben und sie mit unseren Spitznamen zu unterzeichnen. Sirius ist Tatze. Peter ist Wurmschwanz. James war Krone.«
»Was für ein Tier …?«, wollte Harry wissen, doch Hermine unterbrach ihn.
»Das war immer noch sehr gefährlich! Mit einem Werwolf in der Dunkelheit umherzulaufen. Was, wenn Sie den andern entwischt wären und jemanden gebissen hätten?«
»Der Gedanke daran lässt mich noch heute nicht los«, sagte Lupin bedrückt. »Und viele Male wäre es um ein Haar passiert. Hinterher haben wir darüber gelacht. Wir waren jung, unbesonnen – wir dachten, mit unserem Scharfsinn könnten wir alles machen. Natürlich fühlte ich mich manchmal schuldig, weil ich Dumbledores Vertrauen missbraucht hatte … er hatte mich in Hogwarts aufgenommen, jeder andere Schulleiter hätte mich abgelehnt, und er hatte keine Ahnung, dass ich die Regeln, die er festgelegt hatte, um mich und andere zu schützen, verletzte. Er hat nie erfahren, dass ich drei Mitschüler dazu verleitet hatte, Animagi zu werden, was verboten war. Doch ich habe es immer wieder geschafft, meine Schuldgefühle zu verdrängen, wenn ich den Plan für unser Abenteuer im nächsten Monat ausheckte. Und darin hab ich mich nicht geändert …«
Lupins Gesicht verhärtete sich, Selbsthass lag nun in seiner Stimme. »Das ganze Jahr über habe ich mich mit dem Gedanken gequält, ob ich Dumbledore nicht sagen sollte, dass Sirius ein Animagus ist. Doch ich hab es nicht getan. Warum? Weil ich zu feige war. Denn dann hätte ich zugeben müssen, dass ich damals als Schüler sein Vertrauen missbraucht hatte, zugeben müssen, dass ich auch andere dazu angestiftet hatte … und dass Dumbledore mir vertraut, bedeutet mir unendlich viel. Er hat mich als Junge nach Hogwarts geleitet, er hat mir eine Stelle verschafft, während ich doch mein ganzes Erwachsenenleben über von allen gemieden wurde und nie eine Arbeit finden konnte, weil ich nun einmal so bin. Deshalb habe ich mir selbst eingeredet, Sirius würde mit Hilfe schwarzer Magie, die er von Voldemort gelernt hat, in die Schule eindringen können, habe mir eingeredet, es hätte nichts damit zu tun, dass er ein Animagus ist … deshalb hatte Snape in gewisser Weise immer Recht mit dem, was er von mir hielt.«
»Snape?«, sagte Black barsch und wandte nun zum ersten Mal seit etlichen Minuten den Blick von Krätze ab und Lupin zu. »Was hat Snape damit zu tun?«
»Er ist hier, Sirius«, sagte Lupin mit schwerer Stimme. »Auch er unterrichtet hier.« Er blickte zu Harry, Ron und Hermine auf.
»Professor Snape war mit uns auf der Schule. Er sträubte sich erbittert dagegen, dass ich die Stelle als Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste bekam. Er hat Dumbledore das ganze Jahr über immer wieder versichert, er dürfe mir nicht vertrauen. Er hat seine Gründe … ihr müsst wissen, Sirius hat ihm damals einen Streich gespielt, der ihn fast umgebracht hätte, und ich war dabei –«
Black grunzte hämisch.
»Geschah ihm recht«, krächzte er. »Hat rumgeschnüffelt und wollte rausfinden, was wir vorhatten … er wollte doch nur, dass wir von der Schule fliegen …«
»Snape war sehr erpicht darauf zu erfahren, wohin ich jeden Monat verschwand. Wir waren im selben Jahrgang, wisst ihr, und wir – ähm – mochten uns nicht besonders. Vor allem gegen James hegte er eine Abneigung. Er war wohl neidisch, weil James im Quidditch so begabt war … Jedenfalls hatte Snape mich eines Abends, kurz vor Vollmond, mit Madam Pomfrey übers Gelände gehen sehen, die mich immer zur Peitschenden Weide führte. Sirius hielt es für eine – ähm – lustige Idee, Snape zu sagen, er müsse nur den Knoten an der Peitschenden Weide mit einem langen Stecken berühren und dann könne er mir folgen. Nun, natürlich hat Snape es probiert – und wenn er bis zu diesem Haus gekommen wäre, dann hätte er es mit einem ausgewachsenen Werwolf zu tun bekommen –, doch dein Vater, der hörte, was Sirius getan hatte, lief Snape hinterher und schleifte ihn zurück, unter großer Gefahr für sein eigenes Leben … Allerdings hat Snape noch einen Blick auf mich erhascht, wie ich am Ende des Tunnels verschwand. Dumbledore hat ihm verboten, es irgendjemandem zu sagen, doch von da an wusste er, dass ich …«
»Und aus diesem Grund kann Snape Sie nicht leiden?«, sagte Harry langsam. »Weil er dachte, Sie hätten von Sirius’ Scherz gewusst?«
»So ist es«, sagte eine kalte Stimme an der Wand hinter Lupin.
Severus Snape riss sich den Tarnumhang vom Leib. Sein Zauberstab wies drohend auf Lupin.
Lord Voldemorts Knecht
Hermine schrie. Black sprang auf. Harry war, als hätte er einen schweren elektrischen Schlag bekommen.
»Den habe ich unter der Peitschenden Weide gefunden«, sagte Snape und warf den Tarnumhang beiseite, ohne den Zauberstab auch nur kurz von Lupins Brust abzuwenden. »Recht nützlich, Potter, ich danke …«
Snape wirkte leicht erschöpft, doch auf seinem Gesicht spiegelte sich ein Ausdruck des Triumphs. »Sie fragen sich vielleicht, woher ich wusste, dass Sie hier sind?«, sagte er mit glitzernden Augen. »Ich war eben in Ihrem Büro, Lupin. Sie haben heute Abend vergessen, Ihren Trank zu nehmen, also wollte ich einen Becher vorbeibringen. Und das war ein Glück … Glück für mich, würde ich sagen. Auf Ihrem Tisch lag eine gewisse Karte. Ein Blick darauf verriet mir alles, was ich wissen musste. Ich sah Sie durch den Tunnel laufen und verschwinden.«
»Severus –«, warf Lupin ein, doch Snape ließ sich nicht unterbrechen.
»Ich habe den Schulleiter immer wieder gewarnt, dass Sie Ihrem alten Freund Black dabei helfen, in die Schule zu kommen, Lupin, und hier ist der Beweis. Doch nicht einmal ich habe mir träumen lassen, dass Sie die Nerven hätten, diese alte Hütte als Versteck zu benutzen –«
»Severus, Sie machen einen Fehler«, sagte Lupin eindringlich. »Sie haben nicht alles gehört – ich kann es erklären – Sirius ist nicht hier, um Harry zu töten –«
»Zwei weitere Gefangene für Askaban heute Nacht«, sagte Snape und seine Augen glühten jetzt wie die eines Besessenen. »Bin gespannt, wie Dumbledore das alles aufnimmt … er war vollkommen überzeugt, dass Sie harmlos seien, Lupin … ein zahmer Werwolf –«
»Sie Dummkopf«, sagte Lupin leise. »Ist der Groll über einen Schülerstreich Grund genug, einen Unschuldigen nach Askaban zu bringen?«
Knall – dünne Seile schossen aus der Spitze von Snapes Zauberstab und schlängelten sich um Lupins Mund, Handgelenke und Fersen; er verlor das Gleichgewicht und stürzte zu Boden, wo er liegen blieb, ohne einen Finger rühren zu können. Black sprang vom Bett auf und wollte sich mit einem wütenden Schrei auf Snape stürzen, doch Snape richtete den Zauberstab genau zwischen seine Augen.
»Gib mir einen Grund«, flüsterte er. »Gib mir nur einen Grund, es zu tun, und ich schwöre, ich werde es tun.«
Black erstarrte. Es war unmöglich zu sagen, welches Gesicht hasserfüllter war.
Harry stand da wie gelähmt und wusste nicht, was er tun oder wem er glauben sollte. Er drehte sich zu Ron und Hermine um. Ron sah genauso verwirrt aus wie er und kämpfte immer noch mit Krätze. Hermine machte einen unsicheren Schritt auf Snape zu und sagte mit matter Stimme:
»Professor Snape, es … es würde nichts schaden zu hören, was sie zu sagen haben, o-oder?«
»Miss Granger, auf Sie wartet bereits der Schulverweis«, bellte Snape. »Sie, Potter und Weasley haben alle Regeln gebrochen und befinden sich in Gesellschaft eines verurteilten Mörders und eines Werwolfs. Auch wenn es das erste Mal in Ihrem Leben sein sollte, halten Sie den Mund.«
»Aber wenn – wenn es einen Irrtum gab –«
»Sei still, du dumme Göre!«, schrie Snape und sah plötzlich ziemlich gestört aus. »Red nicht über Dinge, die du nicht verstehst!« Ein paar Funken prasselten aus der Spitze seines Zauberstabs, der immer noch auf Blacks Gesicht gerichtet war. Hermine verstummte.
»Rache ist zuckersüß«, hauchte Snape Black zu. »Wie sehr habe ich gehofft, dich als Erster in die Finger zu kriegen …«
»Und jetzt bist du wieder der Dumme, Severus«, sagte Black gelassen. »Wenn dieser Junge seine Ratte ins Schloss bringen kann«, er nickte mit dem Kopf hinüber zu Ron, »komme ich ohne Federlesen mit …«
»Ins Schloss?«, sagte Snape salbungsvoll. »Ich glaube nicht, dass wir so weit gehen müssen. Sobald wir draußen vor der Weide sind, rufe ich die Dementoren. Sie werden hocherfreut sein, dich zu sehen, Black … so entzückt, dass sie dir sicher einen kleinen Kuss geben wollen …«
Das bisschen Farbe auf Blacks Gesicht verschwand.
»D…du musst mich anhören«, krächzte er. »Die Ratte – schau dir die Ratte an –«
Doch ein irres Flackern, wie Harry es noch nie gesehen hatte, trat jetzt in Snapes Augen. Offenbar hatte er das Reich der Vernunft verlassen.
»Kommt mit, allesamt«, sagte er. Er schnippte mit den Fingern und die Enden der Seile, die Lupin fesselten, flogen ihm in die Hände. »Ich ziehe den Werwolf. Vielleicht haben die Dementoren auch ein Küsschen für ihn übrig.«
Bevor Harry wusste, was er tat, hatte er mit drei Schritten das Zimmer durchquert und sich vor der Tür aufgebaut.
»Aus dem Weg, Potter, du hast schon mehr als genug Ärger«, schnarrte Snape. »Wenn ich nicht hergekommen wäre und deine Haut gerettet hätte –«
»Professor Lupin hätte mich dieses Jahr schon hundert Mal umbringen können«, sagte Harry. »Ich war oft mit ihm allein, er gab mir Unterricht gegen die Dementoren. Wenn er Black helfen wollte, warum hat er mich nicht schon längst erledigt?«
»Woher soll ich wissen, was im Hirn eines Werwolfs vor sich geht?«, zischte Snape. »Aus dem Weg, Potter.«
»Sie sind jämmerlich!«, rief Harry. »Nur weil Sie in der Schule zum Narren gehalten wurden, wollen Sie jetzt nicht mal zuhören!«
»Ruhe! So spricht man nicht mit mir!«, kreischte Snape und wirkte mehr denn je wie ein Irrer. »Wie der Vater, so der Sohn, Potter! Gerade habe ich dir den Hals gerettet, du solltest mir auf den Knien dafür danken! Wär dir recht geschehen, wenn er dich umgebracht hätte! Du wärst gestorben wie dein Vater, zu hochmütig, um zu glauben, er hätte sich in Black getäuscht – geh jetzt aus dem Weg, oder ich räum dich fort – aus dem Weg, Potter!«
Harry entschied sich im Bruchteil einer Sekunde. Bevor Snape auch nur einen Schritt auf ihn zugehen konnte, hatte er den Zauberstab erhoben.
»Expelliarmus!«, rief er – allerdings war seine Stimme nicht die einzige. Es gab einen Knall, der fast die Tür aus den Angeln gehoben hätte; Snape riss es von den Füßen, er krachte gegen die Wand und rutschte an ihr herunter zu Boden. Unter seinem Haarschopf sickerte ein kleines rotes Rinnsal hervor. Er war ohnmächtig.
Harry wandte sich um. Ron und Hermine hatten im selben Augenblick beschlossen, Snape zu entwaffnen. Snapes Zauberstab war durch die Luft geflogen und neben Krummbein auf dem Bett gelandet.
»Das hättest du nicht tun sollen«, sagte Black zu Harry gewandt. »Du hättest ihn mir überlassen sollen …«
Harry mied Blacks Augen. Er war sich auch jetzt noch nicht sicher, das Richtige getan zu haben.
»Wir haben einen Lehrer angegriffen … wir haben einen Lehrer angegriffen …«, wimmerte Hermine und starrte mit angsterfüllten Augen auf den leblosen Snape. »Oh, wir kriegen gewaltigen Ärger.«
Lupin kämpfte mit seinen Fesseln. Black bückte sich rasch und befreite ihn. Lupin richtete sich auf und rieb sich die Arme, wo das Seil ihm ins Fleisch geschnitten hatte.
»Danke, Harry«, sagte er.
»Ich sag immer noch nicht, dass ich Ihnen glaube«, erwiderte Harry.
»Dann ist es an der Zeit, dass wir es dir beweisen«, sagte Black. »Du, Junge – gib mir Peter. Sofort.«
Ron drückte Krätze noch fester an die Brust.
»Hören Sie auf damit«, sagte er mit schwacher Stimme. »Wollen Sie sagen, Sie sind aus Askaban geflohen, nur um Krätze in die Hände zu kriegen? Das ist doch …« Er sah Hilfe suchend zu Harry und Hermine auf. »Gut, sagen wir, Pettigrew konnte sich in eine Ratte verwandeln – es gibt Millionen von Ratten – wie soll er wissen, hinter welcher er her ist, wenn er in Askaban sitzt?«
»Wenn ich’s mir überlege, Sirius, dann ist das eine berechtigte Frage«, sagte Lupin und wandte sich mit leichtem Stirnrunzeln Black zu. »Wie hast du eigentlich rausgefunden, wo er steckte?«
Black schob eine seiner klauenartigen Hände in den Umhang, zog ein zerknülltes Stück Papier hervor, strich es glatt und hielt es für die anderen hoch.
Es war das Foto von Ron und seiner Familie, das im vorigen Sommer im Tagespropheten erschienen war, und da, auf Rons Schulter, saß Krätze.
»Wie hast du das in die Finger bekommen?«, fragte Lupin wie vom Donner gerührt.
»Fudge«, sagte Black. »Letztes Jahr, bei seinem Kontrollbesuch in Askaban, gab er mir seine Zeitung. Und da war Peter, auf der Titelseite … auf der Schulter dieses Jungen … ich hab ihn sofort erkannt … wie oft hatte ich gesehen, wie er sich verwandelte. Und darunter hieß es, der Junge würde bald wieder nach Hogwarts zurückkehren … wo Harry war …«
»Mein Gott«, sagte Lupin leise und starrte abwechselnd Krätze und das Zeitungsfoto an. »Die Vorderpfote …«
»Was soll damit sein?«, sagte Ron widerwillig.
»Ihr fehlt ein Zeh«, sagte Black.
»Natürlich«, seufzte Lupin, »so einfach … so gerissen … er hat ihn selbst abgehackt?«
»Kurz bevor er sich verwandelte«, sagte Black. »Als ich ihn gestellt hatte, schrie er, dass die ganze Straße es hörte, ich hätte Lily und James verraten. Dann, bevor ich meinen Fluch sprechen konnte, hat er mit dem Zauberstab hinter dem Rücken die ganze Straße in die Luft gejagt und alle im Umkreis von zehn Metern getötet – und schließlich ist er mit den anderen Ratten im Kanalloch verschwunden …«
»Hast du es nie gehört, Ron?«, sagte Lupin. »Das größte Stück, das sie von Peter gefunden haben, war sein Finger.«
»Ach was, Krätze ist wahrscheinlich mit einer anderen Ratte aneinandergeraten. Er ist schon ewig in meiner Familie.«
»Zwölf Jahre, um genau zu sein«, sagte Lupin. »Hast du dich nie gewundert, warum er so lange lebt?«
»Wir … wir haben uns gut um ihn gekümmert!«, sagte Ron.
»Sieht im Moment allerdings nicht sonderlich gesund aus, oder?«, sagte Lupin. »Ich vermute, er verliert Gewicht, seit er gehört hat, dass Sirius wieder auf freiem Fuß ist …«
»Er hatte Angst vor diesem verrückten Kater!«, sagte Ron und nickte zu Krummbein hinüber, der immer noch schnurrend auf dem Bett lag.
Doch das stimmte nicht, fiel Harry plötzlich ein … Krätze hatte schon krank ausgesehen, bevor er auf Krummbein traf … schon seit Rons Rückkehr aus Ägypten … seit Black geflohen war …
»Dieser Kater ist nicht verrückt«, sagte Black mit heiserer Stimme. Er streckte seine knochige Hand aus und streichelte Krummbeins wuschligen Kopf. »Er ist der klügste Kater, den ich kenne. Er hat Peter sofort durchschaut. Und als er mich traf, war ihm auch klar, dass ich kein Hund war. Es dauerte eine Weile, bis er mir vertraute … schließlich schaffte ich es, ihm mitzuteilen, hinter wem ich her war, und er half mir …«
»Was wollen Sie damit sagen?«, wisperte Hermine.
»Er wollte mir Peter bringen, aber es gelang nicht … also hat er die Passwörter für den Gryffindor-Turm für mich gestohlen … ich glaube, er hat sie vom Nachttisch eines Jungen stibitzt …«
Harry kam es vor, als würde sein Denken unter der Last dessen, was er da hörte, ermatten. Es war absurd … und dennoch …
»Doch Peter bekam Wind davon und floh …«, krächzte Black. »Dieser Kater – Krummbein nennst du ihn? – hat mir gesagt, dass Peter Blut auf dem Laken hinterlassen hat … ich denke, er hat sich selbst gebissen … nun ja, seinen eigenen Tod vorzutäuschen hat schon einmal geklappt …«
Diese Worte rissen Harry aus seiner Trance.
»Und warum hat er seinen Tod vorgetäuscht?«, fragte er aufgebracht. »Weil er wusste, Sie würden ihn töten, wie Sie meine Eltern getötet haben!«
»Nein«, sagte Lupin, »Harry –«
»Und jetzt sind Sie gekommen, um ihn endgültig zu erledigen!«
»Ja, allerdings«, sagte Black und warf Krätze einen bösen Blick zu.
»Dann hätte ich Snape freie Hand lassen sollen!«, rief Harry.
»Harry«, warf Lupin ein, »begreifst du nicht? Die ganze Zeit dachten wir, Sirius hätte deine Eltern verraten und Peter hätte ihn gejagt und gestellt. Doch es war andersrum. Peter hat deine Mutter und deinen Vater verraten – und Sirius hat Peter gejagt –«
»Das ist nicht wahr!«, rief Harry, »er war ihr Geheimniswahrer! Er hat es gesagt, bevor Sie kamen, er hat gesagt, dass er sie getötet hat!«
Er deutete auf Black, der nachdenklich den Kopf schüttelte; seine eingesunkenen Augen glänzten plötzlich.
»Harry … es war praktisch meine Schuld«, krächzte er. »Ich habe Lily und James im letzten Moment dazu überredet, Peter an meiner statt als Geheimniswahrer zu nehmen … ich bin schuld, ich weiß es … in der Nacht, als sie starben … war ich Peter besuchen gegangen, doch er war nicht in seinem Versteck und es sah nicht nach einem Kampf aus … mir war nicht wohl in meiner Haut … ich hatte Angst … ich bin sofort zu deinen Eltern … und als ich ihr zerstörtes Haus und ihre Leichen sah … war mir klar, was Peter getan haben musste … was ich getan hatte …«
Die Stimme versagte ihm. Er wandte sich ab.
»Genug davon«, sagte Lupin und etwas Stählernes lag in seiner Stimme, wie Harry es von ihm nicht kannte. »Es gibt nur einen sicheren Weg, um zu beweisen, was wirklich geschehen ist. Ron, gib mir diese Ratte.«
»Was werden Sie tun, wenn ich sie Ihnen gebe?«, fragte Ron angespannt.
»Ihn zwingen, sich zu zeigen«, sagte Lupin. »Wenn das wirklich eine Ratte ist, tut es ihr nicht weh.«
Ron zögerte und streckte die Hand mit Krätze aus. Lupin packte die Ratte. Krätze begann verzweifelt zu quieken und wehrte sich beißend und kratzend gegen Lupins Griff.
»Bereit, Sirius?«, sagte Lupin.
Schon hatte Black Snapes Zauberstab vom Bett genommen. Er trat auf Lupin und die sich windende Ratte zu, und seine feuchten Augen schienen plötzlich in ihren Höhlen zu brennen.
»Zusammen?«, sagte er leise.
»Ich denke schon«, sagte Lupin und packte Krätze fest mit der einen, den Zauberstab mit der andern Hand. »Ich zähle bis drei. Eins – zwei – DREI!«
Blauweiße Blitze knisterten aus beiden Zauberstäben hervor; einen Moment blieb Krätze in der Luft schweben, die kleine schwarze Gestalt krampfartig zuckend – Ron schrie auf – dann fiel die Ratte zu Boden; ein weiterer blendend heller Lichtstrahl und dann –
Es war, als sähen sie im Zeitraffer, wie ein Baum wächst. Vom Fußboden wucherte ein Kopf empor, dann ein Körper, aus dem Glieder sprossen, und schon stand da, wo Krätze gelegen hatte, sich krümmend und händeringend – ein Mann. Krummbein drüben auf dem Bett fauchte und knurrte mit gesträubten Rückenhaaren.
Es war ein sehr kleiner Mann, kaum größer als Harry und Hermine. Um einen großen kahlen Kreis auf dem Kopf fand sich noch ein wenig dünnes, farbloses Haar. Er machte den schmächtigen Eindruck eines pummeligen Mannes, der in kurzer Zeit viel Gewicht verloren hatte. Seine Haut wirkte schmuddlig, fast wie Krätzes Fell, und seine spitze Nase und die sehr kleinen, wässrigen Augen erinnerten an eine Ratte. Er blickte hechelnd in die Runde. Harry bemerkte, wie sein Blick rasch zur Tür huschte.
»Ach, hallo, Peter«, sagte Lupin freundlich, als wäre es nichts Ungewöhnliches, dass sich Ratten in seinem Umkreis als alte Schulfreunde entpuppten. »Lange nicht gesehen.«
»S-Sirius … R-Remus …« Selbst Pettigrew quiekte. Wieder huschten seine Augen zur Tür. »Meine Freunde … meine alten Freunde …«
Black hob den Zauberstab, doch Lupin packte ihn am Armgelenk und sah ihn warnend an, dann wandte er sich, betont lässig und einladend, erneut Pettigrew zu.
»Wir hatten eine kleine Unterhaltung, Peter, über die Nacht, als Lily und James starben. Du hast vielleicht die Einzelheiten verpasst, während du dort auf dem Bett herumgequiekt hast.«
»Remus«, keuchte Pettigrew, und Harry sah, wie Schweißperlen auf sein teigiges Gesicht traten, »du glaubst ihm doch nicht etwa … er hat versucht mich umzubringen, Remus …«
»Das wissen wir«, sagte Lupin, jetzt eine Spur kühler. »Peter, ich möchte ein oder zwei kleine Fragen mit dir klären, wenn du so –«
»Und jetzt ist er hier, um es noch einmal zu versuchen!«, quiekte Pettigrew plötzlich und deutete auf Black. Harry sah, dass er seinen Mittelfinger benutzte, weil der Zeigefinger fehlte. »Er hat Lily und James umgebracht und jetzt wird er auch mich töten … du musst mir helfen, Remus …«
Blacks Gesicht ähnelte jetzt mehr denn je einem Totenschädel und er starrte Pettigrew mit seinen unergründlichen Augen an.
»Keiner hier wird versuchen dich zu töten, bevor wir ein paar Dinge geklärt haben«, sagte Lupin.
»Geklärt?«, kreischte Pettigrew und sah sich mit flehendem Blick um; die Augen huschten über die brettervernagelten Fenster und dann erneut über die einzige Tür. »Ich wusste, dass er mich jagen würde! Ich wusste, dass er mir auf den Fersen war! Darauf habe ich zwölf Jahre gewartet!«
»Du wusstest, dass Sirius aus Askaban fliehen würde?«, sagte Lupin stirnrunzelnd. »Obwohl es bisher noch keiner geschafft hatte?«
»Er hat dunkle Kräfte, von denen unsereiner nur träumen kann!«, rief Pettigrew schrill. »Wie sonst ist er dort rausgekommen? Ich vermute, Du-weißt-schon-wer hat ihm ein paar Kniffe beigebracht!«
Black fing an zu lachen, ein schauriges, freudloses Lachen, das den ganzen Raum erfüllte.
»Voldemort – und mir Kniffe beibringen?«, sagte er.
Pettigrew zuckte zusammen, als hätte Black ihm einen Peitschenschlag versetzt.
»Was denn – Angst vor dem Namen deines alten Meisters?«, sagte Black. »Ich versteh dich wohl, Peter. Seine Leute sind nicht besonders gut auf dich zu sprechen, nicht wahr?«
»Ich weiß nicht, was du meinst, Sirius«, wisperte Pettigrew und sein Atem ging schneller. Sein Gesicht glitzerte jetzt von Schweiß.
»Vor mir jedenfalls hast du dich nicht zwölf Jahre lang versteckt«, sagte Black. »Du hast dich vor Voldemorts alten Anhängern versteckt. Ich hab in Askaban gewisse Dinge gehört, Peter … sie glauben alle, du wärst tot, denn sonst müsstest du ihnen Rede und Antwort stehen … ich hab sie im Schlaf schreien gehört. Klang, als ob sie glaubten, der Verräter hätte sie selbst verraten. Voldemort ging auf deinen Wink hin zu den Potters … und das war auch sein eigenes Ende. Aber nicht alle Anhänger Voldemorts landeten in Askaban, oder? Es treibt sich immer noch eine Menge herum und wartet, bis es wieder an der Zeit ist. Alle tun so, als hätten sie eingesehen, dass sie sich geirrt hätten … wenn sie je Wind davon bekommen, dass du noch lebst, Peter –«
»Weiß nicht … wovon du redest …«, sagte Pettigrew erneut und schriller denn je. Er wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht und sah zu Lupin hoch. »Remus, du glaubst doch nicht etwa – diesem Irren –«
»Ich muss zugeben, Peter, es fällt mir schwer zu begreifen, warum ein Unschuldiger zwölf Jahre als Ratte leben sollte«, sagte Lupin gleichmütig.
»Unschuldig, aber voller Angst!«, quiekte Pettigrew. »Wenn Voldemorts Anhänger hinter mir her sind, dann doch nur, weil ich einen ihrer besten Männer nach Askaban gebracht habe – den Spion, Sirius Black!«
Blacks Gesicht verzerrte sich.
»Wie kannst du es wagen«, knurrte er und klang plötzlich wie der bärengroße Hund, der er gewesen war. »Ich, ein Spion für Voldemort? Wann bin ich je um Leute herumscharwenzelt, die stärker und mächtiger waren als ich? Aber du, Peter – ich werde nie begreifen, warum ich nicht gleich gesehen habe, dass du ein Spion bist. Du mochtest immer große Freunde, die für dich nach dem Rechten sahen, nicht wahr? Erst waren wir es … ich und Remus … und James …«
Pettigrew trocknete sich erneut das Gesicht; er rang jetzt beinahe nach Luft.
»Ich, ein Spion … du musst den Verstand verloren haben … niemals … weiß nicht, wie du so etwas sagen kannst –«
»Lily und James machten dich nur zum Geheimniswahrer, weil ich es vorgeschlagen hatte«, zischte Black, so giftig, dass Pettigrew einen Schritt zurücktrat. »Ich dachte, es wäre ein perfekter Plan … ein Bluff … Voldemort würde gewiss hinter mir her sein, er würde sich nie träumen lassen, dass sie ein schwaches, unbegabtes Kerlchen wie dich nehmen … das muss der größte Augenblick deines elenden Lebens gewesen sein, als du Voldemort eröffnet hast, du könntest ihm die Potters ausliefern.«
Pettigrew murmelte geistesabwesend; Harry fing Worte auf wie »weit hergeholt« und »verrückt«, doch er achtete eher auf Pettigrews aschfarbenes Gesicht und auf seine Augen, die immer wieder über die Fenster und zur Tür huschten.
»Professor Lupin?«, sagte Hermine schüchtern. »Kann … kann ich auch etwas sagen?«
»Natürlich, Hermine«, sagte Lupin höflich.
»Nun – Krätze – ich meine, dieser – dieser Mann – er hat drei Jahre lang in Harrys Schlafsaal geschlafen. Wenn er für Du-weißt-schon-wen arbeitet, wie kommt es dann, dass er niemals versucht hat, Harry etwas anzutun?«
»Ganz genau!«, sagte Pettigrew schrill und deutete mit seiner verstümmelten Hand auf Hermine. »Ich danke dir! Siehst du, Remus? Ich hab Harry nie auch nur ein Haar gekrümmt! Warum sollte ich auch?«
»Das will ich dir erklären«, sagte Black. »Weil du nie etwas für irgendjemanden getan hast, ohne zu wissen, was dabei für dich herausspringt. Voldemort versteckt sich seit zwölf Jahren, es heißt, er sei halb tot. Du wolltest unter Dumbledores Nase doch keinen Mord begehen für einen Zauberer, der nur noch ein Wrack ist und all seine Macht verloren hat? Du musst ganz sicher sein, dass er der größte Quälgeist auf dem Spielplatz ist, bevor du zu ihm zurückkehrst. Warum sonst hast du eine Zaubererfamilie gesucht, die dich aufnimmt? Mit einem Ohr hast du auf die neuesten Nachrichten gelauscht, nicht wahr, Peter? Nur für den Fall, dass dein alter Beschützer seine Kraft wiedergewinnen würde und du gefahrlos zurückkehren könntest …«
Pettigrew bewegte den Mund, blieb jedoch stumm. Es schien ihm die Sprache verschlagen zu haben.
»Ähm – Mr Black – Sirius?«, sagte Hermine ängstlich.
Bei diesen Worten zuckte Black zusammen und starrte Hermine an, als hätte er längst vergessen, wie es war, höflich angesprochen zu werden.
»Darf ich Sie fragen, wie – wie Sie aus Askaban fliehen konnten ohne schwarze Magie?«
»Danke!«, keuchte Pettigrew und nickte ihr begeistert zu, »genau das, was ich –«
Doch Lupin brachte ihn mit einem Blick zum Schweigen. Black sah Hermine stirnrunzelnd an, schien sich aber nicht über sie zu ärgern. Offenbar dachte er über seine Antwort nach.
»Ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe«, sagte er langsam. »Ich glaube, ich habe nur deshalb nicht den Verstand verloren, weil ich unschuldig war. Das war kein glücklicher Gedanke, also konnten ihn die Dementoren auch nicht aus mir heraussaugen … aber er bewahrte mich davor, verrückt zu werden. Ich wusste immer, wer ich war … das half mir, meine Kräfte zu bewahren … und als dann alles … zu viel wurde … konnte ich mich in meiner Zelle verwandeln … und ein Hund werden. Dementoren können nichts sehen, musst du wissen …« Er schluckte. »Sie stellen den Menschen nach, indem sie ihre Gefühle erspüren … sie merkten, dass meine Gefühle weniger – weniger menschlich, einfacher waren, wenn ich ein Hund war … aber sie dachten natürlich, ich würde den Verstand verlieren wie alle andern dort drin, es kümmerte sie nicht. Doch ich war schwach, sehr schwach, und ich hatte keine Hoffnung, ich könnte sie mir ohne Zauberstab jemals vom Leib halten …
Doch dann sah ich Peter auf diesem Bild … er war also mit Harry in Hogwarts … in bester Lage, um handeln zu können, falls ihm zu Ohren gelangen sollte, dass die Dunkle Seite wieder an die Macht kam …«
Pettigrew schüttelte den Kopf und bewegte stumm die Lippen, starrte jedoch unverwandt Black an, als wäre er hypnotisiert.
»… bereit, in dem Moment zuzuschlagen, da er sich seiner Verbündeten sicher war … und ihnen den letzten der Potters auszuliefern. Wenn er ihnen Harry brachte, wer würde es dann noch wagen zu behaupten, er hätte Lord Voldemort verraten? Sie würden ihn in Ehren wieder aufnehmen …
Du siehst also, ich musste etwas tun. Ich war der Einzige, der wusste, dass Peter noch lebte …«
Harry fiel ein, was Mr Weasley seiner Frau erzählt hatte: »Die Wachen sagen, er habe im Schlaf geredet … immer dieselben Worte … ›Er ist in Hogwarts‹.«
»Es war, als hätte jemand ein Feuer in meinem Kopf entfacht«, fuhr Black fort, »und die Dementoren konnten es nicht ersticken … es war kein Glücksgefühl … ich war wie besessen … doch das gab mir Kraft und klärte meine Gedanken. Nun, eines Nachts, als sie meine Tür öffneten, um mir das Essen zu bringen, huschte ich flink als Hund an ihnen vorbei … es ist so viel schwieriger für sie, die Gefühle von Tieren zu erspüren, das verwirrt sie … ich war dünn, ganz abgemagert … so konnte ich durch die Gitter schlüpfen … als Hund schwamm ich hinüber zum Festland … Ich schlug mich nach Norden durch und drang als Hund auf das Gelände von Hogwarts ein … Seither lebe ich im Wald … natürlich komme ich raus, um mir die Quidditch-Spiele anzusehen … Harry, du fliegst wie einst dein Vater …«
Er blickte Harry an und diesmal sah Harry nicht weg.
»Glaub mir«, krächzte Black. »Glaub mir, Harry. Ich habe James und Lily niemals verraten. Ich wäre lieber gestorben, als das zu tun.«
Und endlich glaubte ihm Harry. Er nickte mit zugeschnürter Kehle.
»Nein!«
Pettigrew war auf die Knie gefallen, als wäre Harrys Nicken sein Todesurteil gewesen. Er rutschte auf den Knien herum, die Hände vor sich verschränkt, wie zu Kreuze kriechend.
»Sirius – ich bin’s … Peter … dein Freund … du wirst doch nicht …«
Black stieß mit dem Fuß nach ihm und Pettigrew zuckte zurück.
»Ich hab schon genug Dreck auf dem Umhang, ohne dass du ihn berührst«, sagte Black.
Pettigrew wandte sich Lupin zu. »Remus!«, quiekte er und krümmte sich flehend vor ihm. »Du glaubst das doch nicht … hätte Sirius dir nicht gesagt, dass sie den Plan geändert hatten?«
»Nicht, wenn er glaubte, ich wäre der Spion, Peter«, sagte Lupin. »Ich vermute, deshalb hast du es mir nicht gesagt, Sirius?«, sagte er ungerührt über Pettigrews Kopf hinweg.
»Verzeih mir, Remus«, sagte Black.
»Keine Ursache, Tatze, alter Freund«, sagte Lupin und krempelte sich die Ärmel hoch. »Und du, vergibst auch du mir, dass ich dich für den Spion gehalten habe?«
»Natürlich«, sagte Black und ein kurzes Grinsen huschte über sein ausgemergeltes Gesicht. Auch er begann die Ärmel hochzurollen. »Sollen wir ihn gemeinsam töten?«
»Ja, ich denke schon«, sagte Lupin grimmig.
»Das könnt ihr nicht tun … das werdet ihr nicht …«, keuchte Pettigrew. Und dann warf er sich herum und blickte Ron an.
»Ron … war ich nicht immer ein guter Freund … ein gutes Haustier? Du lässt doch nicht zu, dass sie mich töten, Ron … du bist auf meiner Seite, nicht wahr?«
Doch Ron starrte Pettigrew mit größtem Ekel an.
»Ich hab dich in meinem Bett schlafen lassen!«, sagte er.
»Lieber Junge … gutes Herrchen …«, Pettigrew kroch auf Ron zu, »das lässt du nicht zu … ich war deine Ratte … ich war ein gutes Haustier …«
»Wenn du als Ratte besser warst denn als Mensch, ist das kein Grund zu prahlen, Peter«, herrschte ihn Black an. Ron zerrte das gebrochene Bein aus der Reichweite Pettigrews und der Schmerz ließ ihn noch blasser werden. Pettigrew drehte sich auf den Knien herum, rutschte zu Hermine hinüber und packte den Saum ihres Umhangs.
»Süßes Mädchen … kluges Mädchen … du … du lässt es nicht zu … hilf mir …«
Hermine riss den Umhang aus Pettigrews klammernden Händen und wich mit entsetztem Gesicht an die Wand zurück.
Pettigrew, immer noch auf den Knien, zitterte am ganzen Leib. Langsam drehte er den Kopf Harry zu.
»Harry … Harry … du siehst genau wie dein Vater aus … wie aus dem Gesicht geschnitten …«
»Wie kannst du es wagen, Harry anzusprechen?«, donnerte Black. »Wie kannst du es wagen, ihn anzusehen? Wie kannst du es wagen, vor ihm über James zu sprechen?«
»Harry«, flüsterte Pettigrew und warf sich mit ausgestreckten Händen vor ihm zu Boden. »Harry, James hätte nicht gewollt, dass sie mich töten … James hätte verstanden, Harry … er hätte mir Gnade erwiesen …«
Black und Lupin traten rasch vor, packten Pettigrew an den Schultern und warfen ihn auf den Rücken. Da lag er, zuckend vor Angst, und starrte zu ihnen hoch.
»Du hast Lily und James an Voldemort verkauft«, sagte Black und auch er zitterte jetzt.
»Leugnest du das?«
Pettigrew brach in Tränen aus. Er bot einen furchtbaren Anblick, wie ein großes, fast kahlköpfiges Baby, das auf dem Boden kauerte.
»Sirius, Sirius, was hätte ich tun können? Der Dunkle Lord … du hast keine Ahnung … er besitzt Waffen, von denen du keine Ahnung hast … ich hatte Angst, Sirius, ich war nie mutig wie du und Remus und James. Ich habe es nicht gewollt … Er, dessen Name nicht genannt werden darf, hat mich dazu gezwungen –«
»Lüg nicht!«, bellte Black. »Du hast Lily und James schon ein Jahr, bevor sie starben, ausgespitzelt! Du warst sein Spion!«
»Er – er hat überall die Macht übernommen!«, keuchte Pettigrew. »W-was sollte es nützen, sich ihm zu verweigern?«
»Was sollte es nützen, gegen den übelsten Zauberer zu kämpfen, der je gelebt hat?«, sagte Black und furchtbarer Zorn stand ihm im Gesicht. »Nur unschuldiges Leben hätte man retten können, Peter!«
»Du verstehst das nicht!«, wimmerte Pettigrew, »er hätte mich getötet, Sirius!«
»Dann hättest du sterben sollen!«, donnerte Black. »Lieber sterben, als deine Freunde zu verraten, wie wir es auch für dich getan hätten!«
Black und Lupin standen Schulter an Schulter, die Zauberstäbe erhoben.
»Dir hätte eins klar sein sollen«, sagte Lupin leise. »Wenn Voldemort dich nicht getötet hätte, dann hätten wir es getan. Adieu, Peter.«
Hermine schlug die Hände vors Gesicht und drehte sich der Wand zu.
»NEIN!«, rief Harry. Rasch trat er vor und stellte sich den Zauberstäben entgegen. »Sie sollen ihn nicht töten«, sagte er und atmete ruckartig. »Tun Sie es nicht.«
Black und Lupin waren verblüfft.
»Harry, diese fiese Kanaille ist der Grund, weshalb du keine Eltern mehr hast«, schnarrte Black. »Dieses sich windende Stück Dreck hätte auch dich, ohne mit der Wimper zu zucken, sterben lassen. Du hast ihn gehört. Seine eigene stinkende Haut war ihm mehr wert als deine ganze Familie.«
»Ich weiß«, keuchte Harry. »Wir bringen ihn hoch ins Schloss. Wir übergeben ihn den Dementoren … er soll nach Askaban … aber töten Sie ihn nicht.«
»Harry!«, seufzte Pettigrew und warf die Arme um Harrys Knie, »du – ich danke dir – das ist mehr, als ich verdiene – danke –«
»Lass mich los«, fauchte Harry und schüttelte angewidert Pettigrews Hände ab. »Das tue ich nicht für dich. Ich tue es, weil mein Vater sicher nicht gewollt hätte, dass seine besten Freunde zu Mördern werden – nur wegen dir.«
Niemand regte sich oder machte ein Geräusch, außer Pettigrew, der pfeifend atmete und die Arme um die Brust klammerte. Black und Lupin sahen sich an. Dann, wie von einer Hand, ließen sie die Zauberstäbe sinken.
»Du bist der Einzige, der das Recht hat, dies zu entscheiden, Harry«, sagte Black. »Aber bedenke … bedenke, was er getan hat …«
»Er soll nach Askaban«, wiederholte Harry, »wenn jemand es verdient, dort zu sitzen, dann er …«
Hinter sich hörte er immer noch Pettigrews pfeifendes Atmen.
»Also gut«, sagte Lupin. »Geh beiseite, Harry.«
Harry zögerte.
»Ich werde ihn fesseln«, sagte Lupin, »das ist alles, ich schwör’s dir.«
Harry trat aus dem Weg. Dünne Schnüre schossen jetzt aus Lupins Zauberstab und kurz darauf wälzte sich Pettigrew gefesselt und geknebelt auf dem Boden.
»Aber wenn du dich verwandelst, Peter«, knurrte Black, den Zauberstab auf Pettigrew gerichtet, »werden wir dich doch töten. Bist du einverstanden, Harry?«
Harry blickte die erbärmliche Gestalt auf dem Boden an und nickte; Pettigrew entging es nicht.
»Gut«, sagte Lupin, auf einmal geschäftsmäßig. »Ron, ich kann Knochen nicht halb so gut heilen wie Madam Pomfrey, also ist es das Beste, wenn wir dein Bein einfach schienen, bis wir dich in den Krankenflügel bringen können.«
Rasch ging er zu Ron hinüber, bückte sich, schlug mit dem Zauberstab sachte gegen sein Bein und murmelte »Ferula«. Eine Binde rollte sich an Rons Bein hoch und schnürte es an einer Schiene fest. Lupin half ihm auf; Ron trat behutsam auf, ohne vor Schmerz zu ächzen.
»Schon besser«, sagte er, »danke.«
»Was ist mit Professor Snape?«, sagte Hermine betreten und sah auf die verkrümmte Gestalt hinunter.
Lupin beugte sich über Snape und fühlte ihm den Puls. »Er hat nichts Ernstes«, sagte er. »Ihr wart nur ein wenig – ähm – übereifrig. Immer noch ohnmächtig. Vielleicht ist es das Beste, wenn wir ihn erst drüben im Schloss wieder aufpäppeln. Wir können ihn so mitnehmen …«
Er murmelte »Mobilcorpus«. Wie an unsichtbaren Fäden, die sich um Snapes Armgelenke, Hals und Knie gewickelt hatten, wurde er hochgezogen, bis er aufrecht stand. Der Kopf baumelte immer noch beklemmend hin und her wie der einer Kasperlepuppe, und die Füße schwebten ein paar Zentimeter über dem Boden. Lupin hob den Tarnumhang auf und verstaute ihn in seiner Tasche.
»Und zwei von uns sollten sich an das hier ketten«, sagte Black und stieß Pettigrew mit den Zehenspitzen an. »Nur um sicherzugehen.«
»Das mache ich«, sagte Lupin.
»Und ich«, sagte Ron mit bitterer Miene und humpelte herbei.
Black beschwor schwere Handschellen aus dem Nichts herauf; bald stand Pettigrew wieder auf den Beinen, den linken Arm an Lupins rechten und den rechten Arm an Rons linken gekettet. Ron machte ein steifes Gesicht. Krätzes wahre Gestalt schien er als persönliche Beleidigung zu empfinden. Krummbein sprang leichtfüßig vom Bett und führte sie hinaus, den Flaschenbürstenschwanz beschwingt in die Höhe gestreckt.
Der Kuss des Dementors
Es war schon eine sehr merkwürdige Prozession, an der Harry da teilnahm. Krummbein trippelte voraus die Treppe hinunter. Dann kamen Lupin, Pettigrew und Ron, die aussahen, als wollten sie bei einem Dreibeinwettlauf antreten. Ihnen folgte Professor Snape, der, senkrecht schwebend und mit den Füßen gegen die Stufen schlagend, einen unheimlichen Anblick bot. In der Schwebe hielt ihn sein eigener Zauberstab, den Black auf Snapes Rücken gerichtet hielt. Harry und Hermine bildeten den Schluss.
In den Tunnel einzusteigen war schwierig. Lupin, Pettigrew und Ron mussten sich zur Seite drehen, um es zu schaffen; Lupin hielt Pettigrew weiterhin mit dem Zauberstab in Schach. Harry beobachtete, wie sie, aneinandergekettet, den Tunnel entlangstolperten. Krummbein ging munter voran. Black, mit Harry im Gefolge, ließ Snape vor sich herschweben, dessen leblos baumelnder Kopf immer wieder gegen die niedrige Tunneldecke schlug. Harry hatte den Eindruck, dass sich Black nicht darum scherte.
»Du weißt, was das bedeutet?«, sagte Black zu Harry gewandt, »Pettigrew auszuhändigen?«
»Dann sind Sie frei«, sagte Harry.
»Ja …«, sagte Black. »Aber ich bin auch – ich weiß nicht, ob man es dir je gesagt hat – ich bin dein Pate.«
»Ja, ich weiß«, sagte Harry.
»Nun … deine Eltern wollten, dass ich dein Vormund werde«, sagte Black steif, »falls ihnen irgendwas geschehen sollte …«
Harry wartete. Meinte Black wirklich das, was Harry glaubte, dass er meinte?
»Ich verstehe natürlich, wenn du bei deiner Tante und deinem Onkel bleiben willst«, sagte Black. »Aber … nun … denk darüber nach. Sobald mein guter Name wiederhergestellt ist … wenn du ein … ein neues Zuhause willst …«
In Harrys Magen startete ein kleines Feuerwerk.
»Wie – bei Ihnen wohnen?«, sagte Harry und stieß mit dem Kopf versehentlich gegen ein Stück Fels, das aus der Tunneldecke ragte. »Die Dursleys verlassen?«
»Natürlich, es war mir schon klar, dass du nicht willst«, sagte Black rasch. »Ich verstehe, ich dachte nur, ich –«
»Du bist wohl verrückt«, sagte Harry und seine Stimme krächzte längst genauso wie die von Black. »Natürlich will ich von den Dursleys weg! Hast du ein Haus? Wann kann ich einziehen?«
Black wandte sich um und sah ihn an; Snapes Kopf scheuerte über die Decke, doch Black schien es nicht zu kümmern.
»Du willst?«, sagte er. »Im Ernst?«
»Ja, im Ernst!«, sagte Harry.
Blacks ausgemergeltes Gesicht verzog sich zum ersten wirklichen Lächeln, das Harry bei ihm gesehen hatte. Es hatte eine verblüffende Wirkung: als ob ein zehn Jahre jüngerer Mensch hinter der ausgemergelten Maske zum Vorschein käme. Für einen kurzen Moment war er ganz deutlich jener lachende Mann bei der Hochzeit von Harrys Eltern.
Sie sprachen kein Wort mehr, bis sie das Ende des Tunnels erreicht hatten. Krummbein schoss pfeilschnell voran nach oben; offenbar hatte er bereits die Pfoten auf den Knoten am Baumstamm gesetzt, denn Lupin, Pettigrew und Ron kletterten nach oben, ohne dass von den tödlichen Peitschenhieben der Weide etwas zu hören war.
Black führte Snape am Zauberstab hoch und durch das Erdloch, dann trat er zur Seite und ließ Harry und Hermine vorbei. Endlich waren sie alle draußen.
Über die Ländereien war die Nacht hereingebrochen, das einzige Licht kam von den fernen Fenstern des Schlosses. Schweigend machten sie sich auf den Weg. Pettigrew atmete immer noch pfeifend und ließ gelegentlich ein Wimmern hören. In Harrys Kopf überschlugen sich die Gedanken. Er würde die Dursleys verlassen. Er würde bei Sirius Black wohnen, dem besten Freund seiner Eltern … ihm war ein wenig schwindlig … was würden die Dursleys sagen, wenn er ihnen verkündete, er würde zu dem Gefangenen ziehen, den sie im Fernsehen gesehen hatten?
»Keine falsche Bewegung, Peter«, sagte Lupin vor ihnen in drohendem Ton. Den Zauberstab hielt er immer noch auf Pettigrews Brust gerichtet.
Schweigend zogen sie weiter und allmählich wurden die Lichter des Schlosses größer. Snape schwebte immer noch als unheimliche Gestalt vor Black her, sein Kinn schlug auf die Brust. Und dann –
Am Himmel tat sich ein Loch in den Wolken auf. Plötzlich warfen sie dunkle Schatten aufs Gras. Der Mond tauchte sie in sein Licht.
Snape prallte mit Lupin, Pettigrew und Ron zusammen, die wie angewurzelt stehen geblieben waren. Black erstarrte. Er streckte den Arm aus, um Harry und Hermine zurückzuhalten.
Harry konnte Lupins Umrisse sehen. Er war steif geworden. Dann begannen seine Arme und Beine heftig zu zittern.
»O nein –«, japste Hermine. »Er hat heute Abend seinen Trank nicht genommen! Er ist gefährlich!«
»Rennt los«, flüsterte Black. »Rennt, und zwar schnell.«
Doch Harry konnte nicht einfach losrennen. Ron war an Pettigrew und Lupin gekettet. Er sprang vor, doch Black packte ihn um die Brust und warf ihn zurück.
»Überlass das mir – lauf!«
Ein schauriges Knurren. Lupins Kopf zog sich in die Länge, dann der Körper. Die Schultern schrumpften. Ganz deutlich sah man Haare aus Gesicht und Händen sprießen, und die Hände ballten sich zu klauenartigen Pfoten – Krummbein standen die Haare zu Berge, er wich zurück –
Während der Werwolf sich aufbäumte und sein langes Maul aufriss, verschwand Black von Harrys Seite. Auch er hatte sich verwandelt – der gewaltige, bärengleiche Hund sprang mit einem mächtigen Satz vor – als der Werwolf sich von seiner Fessel befreit hatte, packte ihn der Hund am Nacken und zerrte ihn fort, weg von Ron und Pettigrew. Ineinander verbissen lagen sie da und zerfetzten sich mit ihren Krallen das Fell –
Harry erstarrte, gebannt von dem Anblick, und sah und hörte nichts außer den kämpfenden Tieren. Erst Hermines Schrei riss ihn aus seiner Trance –
Pettigrew hatte sich auf Lupins Zauberstab im Gras geworfen. Ron, ohnehin wacklig auf seinem bandagierten Bein, wurde umgerissen. Es gab einen Knall, einen Lichtblitz – und Ron regte sich nicht mehr. Ein weiterer Knall – Krummbein wirbelte durch die Luft, flog ins Gras und blieb eingekringelt liegen.
»Expelliarmus!«, schrie Harry und richtete den Zauberstab gegen Pettigrew; Lupins Zauberstab flog in den Nachthimmel und verschwand. »Bleib, wo du bist!«, rief Harry und stürzte los.
Doch zu spät. Pettigrew hatte sich verwandelt. Harry sah, wie der kahle Rattenschwanz mühelos durch die Fessel an Rons ausgestrecktem Arm glitt, und dann raschelte etwas im Gras davon.
Hinter sich hörte er ein Heulen und ein donnerndes Grollen; Harry wandte sich um und sah, wie der Werwolf die Flucht ergriff; mit langen Sprüngen setzte er auf den Wald zu –
»Sirius, er ist fort, Pettigrew hat sich verwandelt!«, rief Harry.
Black blutete; am Maul und auf dem Rücken hatte er tiefe Risse, doch bei Harrys Worten rappelte er sich hoch und kurz darauf jagte er über das Gelände, bis das Trommeln der Pfoten langsam leiser wurde und erstarb.
Harry und Hermine rannten hinüber zu Ron.
»Was hat er ihm getan?«, flüsterte Hermine. Rons Augen waren nur halb geschlossen, der Mund stand offen. Er lebte noch, das war sicher, sie konnten ihn atmen hören, doch er schien sie nicht zu erkennen.
»Ich weiß nicht …«
Verzweifelt blickte sich Harry um. Black und Lupin waren verschwunden … jetzt hatten sie niemanden mehr außer Snape, der immer noch bewusstlos über dem Boden schwebte.
»Wir gehen besser hoch zum Schloss und holen Hilfe«, sagte Harry. Er wischte sich die Haare aus den Augen und versuchte klar zu denken. »Komm mit –«
Doch dann drang ein Jaulen und Wimmern aus der Dunkelheit herüber; ein Hund, der Qualen litt …
»Sirius«, murmelte Harry und starrte in die Nacht hinein.
Einen Moment lang zögerte er, doch im Augenblick konnten sie nichts für Ron tun, und wie es sich anhörte, war Black in Schwierigkeiten –
Harry rannte los und Hermine setzte ihm nach. Das Jaulen schien vom Ufer des Sees her zu kommen. Sie hetzten darauf zu, und mitten im Lauf spürte Harry die Wand aus Kälte, ohne zu erkennen, was sie zu bedeuten hatte.
Plötzlich verstummte das Jaulen. Am Seeufer angelangt, sahen sie, warum – Sirius hatte sich in einen Mann zurückverwandelt; er kauerte auf allen vieren, die Hände über dem Kopf verschränkt.
»Neiiiiin«, stöhnte er, »neiiiin … bitte …«
Und dann sah Harry die Dementoren. Mindestens hundert Gestalten schoben sich wie eine schwarze Masse um den See herum auf sie zu. Er wirbelte herum und schon durchdrang die vertraute eisige Kälte seine Eingeweide, und Nebel nahm ihm die Sicht; noch mehr Gestalten erschienen von beiden Seiten aus der Dunkelheit; sie wurden eingekreist …
»Hermine, denk an ein glückliches Erlebnis!«, rief Harry und hob den Zauberstab. Er blinzelte verzweifelt, um etwas sehen zu können, und schüttelte den Kopf, um das leise Schreien in seinen Ohren loszuwerden, das allmählich lauter wurde –
Ich werde bei meinem Paten leben und nie mehr bei den Dursleys.
Er zwang sich an Black zu denken und nur an Black und begann seinen Singsang:
»Expecto patronum! Expecto patronum!«
Black schauderte, kippte zur Seite und blieb reglos und fahl wie der Tod auf der Erde liegen.
Er wird wieder gesund werden. Ich werde bei ihm leben.
»Expecto patronum! Hermine, hilf mir! Expecto patronum!«
»Expecto –«, flüsterte Hermine, »expecto – expecto –«
Doch sie schaffte es nicht. Die Dementoren schlossen den Kreis und waren jetzt nur noch drei Meter von ihnen entfernt. Sie bildeten einen undurchdringlichen Ring um Harry und Hermine und zogen ihn immer enger …
»Expecto patronum!«, rief Harry und versuchte das Schreien in seinen Ohren zu übertönen. »Expecto patronum!«
Ein dünner silberner Faden schoss aus seinem Zauberstab und blieb wie ein Nebelschleier vor ihm schweben. Im selben Moment spürte Harry, wie Hermine neben ihm zusammenbrach. Er war allein … vollkommen allein.
»Expecto – expecto patronum –«
Harry spürte, wie er mit den Knien ins kalte Gras fiel. Nebel waberte um ihn auf. Er zermarterte sich das Hirn mit dem einen Gedanken – Sirius war unschuldig – unschuldig – es wird uns gut gehen – ich werde bei ihm leben –
»Expecto patronum!«, keuchte er.
Im schwachen Licht seines gestaltlosen Patronus sah er, wie ein Dementor innehielt, ganz nahe bei ihm. Er konnte nicht durch das silbrige Licht dringen, das Harry heraufbeschworen hatte. Eine tote, schleimige Hand glitt unter dem Mantel hervor. Sie machte eine Geste, als wolle sie den Patronus beiseitefegen.
»Nein – nein –«, keuchte Harry. »Er ist unschuldig … expecto – expecto patronum –«
Er spürte, wie sie ihn beobachteten, ihr rasselnder Atem kam ihm vor wie ein wütender Sturm. Dieser Dementor schien es auf ihn abgesehen zu haben. Er hob die verrotteten Hände – und zog die Kapuze vom Gesicht.
Dort, wo die Augen hätten sein sollen, war nur dünne, schorfige Haut, die sich glatt über die leeren Höhlen spannte. Doch er hatte einen Mund … einen tiefen, unförmigen Schlund, und sein Atmen klang wie ein Todesröcheln. Lähmendes Grauen überkam Harry, er konnte sich weder rühren noch sprechen. Sein Patronus flackerte auf und erstarb.
Weißer Nebel blendete ihn. Er musste kämpfen … expecto patronum … er konnte nichts mehr sehen … und in der Ferne hörte er das vertraute Schreien … expecto patronum … er tastete im Nebel nach Sirius und fand seinen Arm … er würde nicht zulassen, dass sie ihn fortnahmen …
Doch ein paar kräftige, nasskalte Hände klammerten sich plötzlich um Harrys Hals. Der Dementor drückte ihm das Kinn nach oben … Harry spürte seinen Atem … sie wollten ihn zuerst erledigen … er roch den widerlichen Atem … seine Mutter schrie in seinen Ohren … das würde das Letzte sein, was er hörte –
Und dann, durch den Nebel, der ihn ertränkte, glaubte er ein silbernes Licht zu sehen, das heller und heller wurde … er spürte, wie er aufs Gras fiel –
Das Gesicht im Gras, zu schwach, um sich zu rühren, zitternd vor Übelkeit, öffnete er die Augen. Blendend helles Licht fiel auf das Gras um ihn her – das Schreien hatte aufgehört, die Kälte wich … Etwas trieb die Dementoren davon … es kreiste um ihn und Black und Hermine … die Dementoren schwebten fort … die Luft erwärmte sich …
Mit allerletzter Kraft hob Harry den Kopf noch ein wenig höher und sah inmitten des Lichts ein Tier, das über den See davongaloppierte … mit schweißgetrübten Augen versuchte Harry zu erkennen, was es war … es war hell wie ein Einhorn … Harry, verzweifelt gegen die Ohnmacht ankämpfend, sah, wie es drüben am anderen Ufer ankam und sich aufbäumte. So hell war das Wesen, dass er noch sehen konnte, wie jemand es herzlich begrüßte … die Hand hob und es tätschelte … jemand, der ihm seltsam bekannt vorkam … doch das konnte nicht sein …
Harry begriff nicht. Er konnte nicht mehr denken. Die letzten Kräfte schwanden ihm und sein Kopf schlug zu Boden. Er war ohnmächtig.
Hermines Geheimnis
»Fürchterliche Geschichte … schrecklich … Wunder, dass alle noch leben … so was hab ich noch nie gehört … Heiliger Strohsack, ein Glück, dass Sie da waren, Snape …«
»Danke, Minister.«
»Merlin-Orden, zweiter Klasse, würde ich sagen. Erster Klasse, wenn ich’s deichseln kann!«
»Herzlichen Dank, Minister.«
»Sieht ja übel aus, der Schnitt, den Sie da im Gesicht haben … das war sicher Black?«
»Keineswegs, Minister, es waren Potter, Weasley und Granger, Minister …«
»Nein!«
»Black hatte sie verhext, war mir auf der Stelle klar. Ein Verwirrungszauber, so wie die sich aufführten. Glaubten offenbar, er sei doch unschuldig. Sie waren für ihre Taten nicht verantwortlich. Allerdings wäre Black fast entkommen, weil sie sich eingemischt haben … glaubten wohl, sie könnten ihn auf eigene Faust fangen. Man hat ihnen bisher einfach viel zu viel durchgehen lassen … ich fürchte, das ist ihnen zu Kopfe gestiegen … und natürlich hat der Schulleiter immer größtes Nachsehen mit Potter.«
»Nun ja, Snape … Sie wissen, Harry Potter … wir haben da alle einen schwachen Punkt, wenn es um ihn geht.«
»Gleichwohl, Minister – tut es ihm gut, wenn er immer wieder mit allem davonkommt? Ich persönlich bemühe mich, ihn wie jeden anderen Schüler auch zu behandeln. Und jeder andere Schüler würde – allermindestens – für einige Zeit ausgeschlossen, wenn er seine Freunde derart in Gefahr gebracht hätte. Bedenken Sie, Minister, gegen alle Schulregeln – und nach allem, was wir zu seinem Schutz getan haben – außerhalb der Schule angetroffen, spätabends, in Gesellschaft eines Werwolfs und eines Mörders – und außerdem habe ich Grund zu der Annahme, dass er auch unrechtmäßig in Hogsmeade war –«
»Gut und schön … wir werden sehen, Snape, wir werden sehen … der Junge hat zweifellos eine Dummheit begangen …«
Harry lag mit geschlossenen Augen da und lauschte. Ihm war sterbenselend zumute. Die Worte schienen nur langsam von seinen Ohren in sein Hirn zu dringen und er verstand sie kaum … seine Glieder fühlten sich an wie mit Blei gefüllt; die Augenlider waren zu schwer, um sie zu öffnen … er wollte hier auf diesem bequemen Bett für alle Ewigkeit liegen bleiben …
»Was mich am meisten erstaunt, ist das Verhalten der Dementoren … Sie haben wirklich keine Ahnung, weshalb sie zurückgewichen sind, Snape?«
»Nein, Minister … als ich zu mir kam, nahmen sie gerade wieder ihre Posten an den Toren ein …«
»Unglaublich. Aber Black und Harry und das Mädchen waren –«
»Alle bewusstlos, als ich zu ihnen gelangte. Ich habe Black natürlich sofort gefesselt und geknebelt, Tragen heraufbeschworen und sie gleich ins Schloss gebracht.«
Eine Pause trat ein. Harrys Denken schien ein wenig schneller zu werden und damit wuchs auch ein nagendes Gefühl in der Tiefe seines Magens …
Er öffnete die Augen.
Alles war ein wenig verschwommen. Jemand hatte ihm die Brille abgenommen. Er lag im dunklen Krankensaal. Ganz am Ende des Saals konnte er Madam Pomfrey erkennen, die mit dem Rücken zu ihm stand und sich über ein Bett beugte. Harry kniff die Augen zusammen. Neben Madam Pomfreys Arm lugte Rons roter Haarschopf hervor.
Harry wandte den Kopf auf die andere Seite. Im Bett neben ihm lag Hermine. Ihr Bett lag im Mondlicht. Auch sie hatte die Augen geöffnet und schien starr vor Angst. Als sie sah, dass Harry wach war, legte sie einen Finger auf die Lippen und deutete auf den Eingang. Die Tür war offen und vom Korridor drangen die Stimmen von Cornelius Fudge und Snape herein.
Jetzt hastete Madam Pomfrey auf Harrys Bett zu. Er wandte sich um. Sie hatte den größten Schokoladeriegel in Händen, den er je gesehen hatte. Er sah aus wie ein Pflasterstein.
»Aha, du bist wach!«, begrüßte sie ihn forsch. Sie legte den Schokoriegel auf Harrys Nachttisch und schlug mit einem Hämmerchen Stücke herunter.
»Wie geht’s Ron?«, fragten Harry und Hermine wie aus einem Mund.
»Er wird’s überleben«, sagte Madam Pomfrey mit bitterer Miene. »Und ihr beiden … ihr bleibt hier, bis ich überzeugt bin, dass – Potter, was fällt dir eigentlich ein?«
Harry hatte sich aufgerichtet, die Brille auf die Nase gesetzt und den Zauberstab gepackt.
»Ich muss den Schulleiter sprechen«, sagte er.
»Potter«, sagte Madam Pomfrey besänftigend, »es ist alles gut. Sie haben Black. Er ist oben eingeschlossen. Die Dementoren werden ihn jeden Moment küssen –«
»WAS?«
Harry sprang aus dem Bett; Hermine folgte ihm. Doch draußen im Gang hatten sie seinen Schrei gehört; einen Moment später betraten Cornelius Fudge und Snape den Krankensaal.
»Harry, Harry, was soll das denn?«, sagte Fudge aufgebracht. »Du solltest im Bett bleiben – hat er seine Schokolade bekommen?«, fragte er besorgt Madam Pomfrey.
»Minister, bitte hören Sie!«, sagte Harry, »Sirius Black ist unschuldig! Peter Pettigrew hat seinen eigenen Tod nur vorgetäuscht! Wir haben ihn heute Nacht gesehen! Sie dürfen nicht zulassen, dass die Dementoren diese Sache mit Sirius anstellen, er ist –«
Doch Fudge schüttelte sanft lächelnd den Kopf.
»Harry, Harry, du bist völlig durcheinander, du hast Fürchterliches durchlitten, leg dich jetzt wieder hin, wir haben alles im Griff …«
»Haben Sie nicht!«, schrie Harry, »Sie haben den falschen Mann!«
»Minister, bitte hören Sie«, sagte Hermine, sie trat rasch an Harrys Seite und sah Fudge flehend an. »Ich hab ihn auch gesehen, es war Rons Ratte, er ist ein Animagus, Pettigrew, meine ich, und –«
»Sehen Sie, Minister?«, sagte Snape. »Völlig übergeschnappt, alle beide … Black hat ganze Arbeit geleistet …«
»Wir sind nicht übergeschnappt!«, donnerte Harry.
»Minister! Professor!«, sagte Madam Pomfrey empört, »ich muss darauf bestehen, dass Sie gehen, Potter ist mein Patient und Sie dürfen ihn nicht aufregen!«
»Ich bin nicht aufgeregt, ich versuche nur zu sagen, was passiert ist!«, sagte Harry zornig. »Wenn Sie nur zuhören würden –«
Doch Madam Pomfrey stopfte ihm blitzschnell ein großes Stück Schokolade in den Mund; Harry verschluckte sich und sie nutzte die Gelegenheit, um ihn mit sanfter Gewalt aufs Bett zu schubsen.
»Nun, ich bitte Sie, Minister, diese Kinder brauchen Pflege – bitte gehen Sie.«
Die Tür ging auf und herein kam Dumbledore. Harry würgte seinen Mund voll Schokolade mühsam hinunter und stand wieder auf.
»Professor Dumbledore, Sirius Black –«
»Um Himmels willen!«, sagte Madam Pomfrey erzürnt, »ist das hier der Krankenflügel oder was? Direktor, ich muss –«
»Verzeihung, Poppy, aber ich muss kurz mit Mr Potter und Miss Granger sprechen«, sagte Dumbledore gelassen. »Ich habe eben mit Sirius Black geredet –«
»Ich nehme an, er hat Ihnen dasselbe Märchen erzählt, das er Potter ins Hirn gepflanzt hat?«, fauchte Snape. »Etwas von einer Ratte und dass Pettigrew noch am Leben sei.«
»Das ist tatsächlich Blacks Darstellung«, sagte Dumbledore und sah Snape durch seine Halbmondbrille scharf an.
»Und meine Aussage zählt überhaupt nicht?«, schnarrte Snape. »Peter Pettigrew war nicht in der Heulenden Hütte, und draußen auf den Ländereien war keine Spur von ihm zu sehen.«
»Sie waren doch bewusstlos, Professor!«, sagte Hermine entschieden. »Sie kamen zu spät, um zu hören –«
»Miss Granger, hüten Sie Ihre Zunge!«
»Aber, aber, Snape«, sagte Fudge aufgeschreckt, »die junge Dame ist ein wenig durcheinander, da müssen wir nachsichtig sein.«
»Ich möchte mit Harry und Hermine unter sechs Augen sprechen«, warf Dumbledore plötzlich ein. »Cornelius, Severus, Poppy – bitte lassen Sie uns allein.«
»Aber Direktor«, prustete Madam Pomfrey, »sie brauchen Pflege, sie brauchen Ruhe –«
»Es duldet keinen Aufschub«, sagte Dumbledore. »Ich muss darauf bestehen.«
Madam Pomfrey schürzte die Lippen, ging mit steifen Schritten hinüber zu ihrem Büro am Ende des Krankensaals und schlug die Tür hinter sich zu. Fudge warf einen Blick auf die große goldene Taschenuhr, die an seiner Weste baumelte.
»Die Dementoren müssten inzwischen da sein«, sagte er. »Ich werde sie in Empfang nehmen. Wir sehen uns dann oben, Dumbledore.«
Er ging zur Tür und hielt sie für Snape auf, doch Snape rührte sich nicht.
»Sie glauben doch nicht etwa auch nur ein Wort von Blacks Geschichte?«, flüsterte Snape und starrte Dumbledore an.
»Ich würde jetzt gern Harry und Hermine allein sprechen«, wiederholte Dumbledore.
Snape trat einen Schritt auf Dumbledore zu.
»Sirius Black hat schon im Alter von sechzehn Jahren bewiesen, dass er zum Mord fähig ist«, wisperte er. »Sie haben das nicht vergessen, Direktor? Sie haben nicht vergessen, dass er einst mich umbringen wollte?«
»Mein Gedächtnis hat nicht gelitten, Severus«, erwiderte Dumbledore knapp.
Snape drehte sich auf dem Absatz um und marschierte durch die Tür, die Fudge immer noch für ihn aufhielt. Als sie verschwunden waren, wandte sich Dumbledore Harry und Hermine zu. Beide sprudelten gleichzeitig los.
»Professor, Black sagt die Wahrheit – wir haben Pettigrew gesehen –«
»– er konnte entkommen, als Professor Lupin sich in einen Werwolf verwandelte –«
»– er ist eine Ratte –«
»– Pettigrews Vorderpfote, einen Finger, meine ich, er hat ihn abgeschnitten –«
»– Pettigrew hat Ron angegriffen, es war nicht Sirius –«
Doch Dumbledore hob die Hand, um die Flut von Erklärungen aufzuhalten.
»Ihr seid jetzt mit Zuhören dran, und bitte unterbrecht mich nicht, weil wir sehr wenig Zeit haben«, sagte er ruhig. »Es gibt nicht die Spur eines Beweises für Blacks Geschichte, ich habe nur euer Wort – und das Wort zweier dreizehnjähriger Zauberer wird niemanden überzeugen. Eine Straße voller Augenzeugen hat geschworen, dass Sirius Pettigrew ermordet hat. Ich selbst habe im Ministerium ausgesagt, dass Sirius Potters Geheimniswahrer war.«
»Professor Lupin kann es Ihnen erklären –«, sagte Harry ungeduldig.
»Professor Lupin steckt gegenwärtig tief im Wald und kann keinem Menschen irgendetwas erklären. Wenn er wieder ein Mensch ist, wird es zu spät sein, Sirius wird tot sein, schlimmer als tot. Ich muss hinzufügen, dass die meisten von uns einem Werwolf dermaßen misstrauen, dass sein Zeugnis wenig Gewicht haben wird – und die Tatsache, dass er und Sirius alte Freunde sind –«
»Aber –«
»Hör mir zu, Harry. Es ist zu spät, verstehst du? Du musst einsehen, dass Professor Snapes Darstellung der Ereignisse viel überzeugender ist als eure.«
»Er hasst Sirius«, sagte Hermine verzweifelt. »Und alles nur, weil ihm Sirius einen dummen Streich gespielt hat –«
»Sirius hat sich nicht gerade wie ein Unschuldiger benommen. Er hat die fette Dame angegriffen – dann ist er mit einem Messer in den Gryffindor-Turm eingedrungen – jedenfalls haben wir ohne Pettigrew, tot oder lebendig, keine Chance, Sirius die Strafe zu ersparen.«
»Aber Sie glauben uns.«
»Ja, das tue ich«, sagte Dumbledore leise. »Doch es steht nicht in meiner Macht, andere Menschen die Wahrheit sehen zu lassen oder den Zaubereiminister in die Schranken zu weisen …«
Harry blickte stumm zu Dumbledore hoch und hatte plötzlich das Gefühl, der Boden unter ihm würde wegbrechen. Er hatte sich an den Gedanken gewöhnt, dass dieser Mann alles richten konnte. Er hatte erwartet, dass Dumbledore eine verblüffende Lösung aus dem Hut zaubern würde. Aber nein, ihre letzte Hoffnung war zunichte.
»Was wir brauchen«, sagte Dumbledore langsam und seine hellblauen Augen wanderten von Harry zu Hermine, »ist mehr Zeit.«
»Aber –«, setzte Hermine an. Und dann bekam sie ganz runde Augen. »OH!«
»Und jetzt passt auf«, sagte Dumbledore sehr leise und deutlich. »Sirius ist in Professor Flitwicks Büro im siebten Stock eingeschlossen. Dreizehntes Fenster rechts vom Westturm. Wenn alles gut geht, werdet ihr heute Nacht mehr als ein unschuldiges Leben retten können. Doch vergesst Folgendes nicht, ihr beiden. Niemand darf euch sehen. Miss Granger, Sie kennen das Gesetz – Sie wissen, was auf dem Spiel steht … niemand – darf – euch – sehen.«
Harry hatte keine Ahnung, was vor sich ging. Dumbledore war bereits an der Tür, als er sich noch einmal umdrehte.
»Ich werde euch einschließen. Es ist –«, er sah auf die Uhr, »fünf Minuten vor zwölf. Hermine, drei Drehungen sollten genügen. Viel Glück.«
»Viel Glück?«, wiederholte Harry, als sich die Tür hinter Dumbledore schloss. »Drei Drehungen? Was redet er da? Was sollen wir tun?«
Doch Hermine fingerte am Kragen ihres Umhangs und zog eine sehr lange, sehr feingliedrige Goldkette hervor.
»Harry, komm her«, sagte sie eindringlich. »Schnell!«
Völlig verdattert trat Harry zu ihr. Sie hielt die Kette in die Höhe. Harry sah ein winziges, funkelndes Stundenglas daran hängen.
»Hier –«
Sie warf die Kette auch um seinen Hals.
»Bereit?«, sagte sie atemlos.
»Was haben wir vor?«, fragte Harry völlig ratlos.
Hermine drehte das Stundenglas dreimal im Kreis.
Der dunkle Krankensaal löste sich auf. Harry hatte das Gefühl, schnell, rasend schnell rückwärts zu fliegen. Eine Flut von Farben und verschwommenen Gestalten raste an ihm vorbei, in seinen Ohren hämmerte es, er versuchte zu rufen, konnte aber seine eigene Stimme nicht hören –
Und dann spürte er wieder festen Boden unter den Füßen und um ihn her nahm alles wieder klare Gestalt an –
Er stand neben Hermine in der menschenleeren Eingangshalle. Goldenes Sonnenlicht ergoss sich durch das offene Portal über den steingefliesten Boden. Die Kette des Stundenglases schnitt ihm in den Hals. Verwirrt wandte er sich Hermine zu.
»Hermine, was –?«
»Hier rein!« Hermine packte ihn am Arm und zog ihn quer durch die Halle zu einem Besenschrank; sie öffnete ihn, schubste Harry hinein in das Durcheinander von Eimern und Wischlappen, dann zog sie die Tür hinter ihnen zu.
»Was – wie – Hermine, was ist passiert?«
»Wir haben eine kleine Zeitreise gemacht«, flüsterte Hermine und befreite Harry in der Dunkelheit von der Kette. »Drei Stunden in die Vergangenheit …«
Harry tastete nach seinem Bein und zwickte es kräftig. Es tat richtig weh, also war er offenbar nicht mitten in einem haarsträubenden Traum.
»Aber –«
»Schh! Hör mal! Da kommt jemand! Ich glaube – ich glaube, das könnten wir sein!«
Hermine drückte ein Ohr an die Schranktür.
»Schritte durch die Halle … ja, ich glaube, das sind wir auf dem Weg zu Hagrid!«
»Willst du mir sagen«, wisperte Harry, »dass wir hier in diesem Schrank sind und gleichzeitig auch da draußen?«
»Ja«, sagte Hermine, das Ohr immer noch an die Schranktür gepresst. »Ich bin sicher, dass wir es sind … klingt nicht nach mehr als drei Leuten … und wir gehen langsam, weil wir unter dem Tarnumhang stecken –«
Sie verstummte und lauschte gespannt.
»Wir gehen die Treppe runter …«
Hermine setzte sich auf einen umgestülpten Eimer. Die Anspannung stand ihr ins Gesicht geschrieben, doch Harry musste unbedingt ein paar Fragen stellen.
»Wo hast du dieses Ding, dieses Stundenglas her?«
»Es heißt Zeitumkehrer«, flüsterte Hermine, »und ich hab’s am ersten Tag nach den Ferien von Professor McGonagall bekommen. Ich habe es das ganze Jahr über benutzt, damit ich all meine Fächer besuchen konnte. Professor McGonagall ließ mich schwören, dass ich es niemandem sage. Sie musste alle möglichen Briefe an das Zaubereiministerium schreiben, damit ich einen kriegen konnte. Sie musste ihnen sagen, dass ich eine vorbildliche Schülerin bin und dass ich es niemals für irgendetwas anderes als meine Schulausbildung benutzen würde … ich hab den Zeitumkehrer gedreht, damit ich die Stunden noch einmal erlebe, und deshalb habe ich mehrere Fächer gleichzeitig belegen können, verstehst du jetzt? Aber …
Harry, ich weiß nicht, was Dumbledore meint, was wir tun sollen. Warum hat er gesagt, wir sollen drei Stunden zurückgehen? Wie soll das Sirius nützen?«
Harry starrte in ihr sorgenvolles Gesicht.
»Etwas muss um diese Zeit passiert sein, etwas, das wir ändern sollen«, sagte er langsam. »Was ist passiert? Vor drei Stunden gingen wir hinunter zu Hagrid …«
»Das ist jetzt vor drei Stunden und wir gehen gerade hinunter zu Hagrid«, sagte Hermine, »wir haben uns eben gehen hören …«
Harry runzelte die Stirn; er hatte das Gefühl, vor Anstrengung sein ganzes Hirn zu verknoten.
»Dumbledore hat eben gesagt – eben gesagt, dass wir mehr als ein unschuldiges Leben retten könnten …« Und dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. »Hermine, wir retten Seidenschnabel!«
»Aber – wie helfen wir damit Sirius?«
»Dumbledore – er hat uns gerade erklärt, wo das Fenster ist – das Fenster von Flitwicks Büro! Wo sie Sirius eingeschlossen haben! Wir müssen mit Seidenschnabel zum Fenster fliegen und Sirius retten! Sirius kann mit Seidenschnabel fliehen – sie können zusammen entkommen!«
Harry sah Hermines Gesicht nur undeutlich, doch sie schien entsetzt zu sein.
»Wenn wir das schaffen, ohne gesehen zu werden, wäre das ein Wunder!«
»Wir müssen es einfach versuchen, oder?«, sagte Harry. Er stand auf und legte ein Ohr an die Tür.
»Hört sich nicht an, als ob jemand da wäre … komm, gehen wir …«
Harry drückte die Schranktür auf. Die Eingangshalle war menschenleer. So schnell sie konnten, huschten sie aus dem Schrank und die steinernen Stufen hinunter. Schon zogen sich die Schatten in die Länge und wieder waren die Baumspitzen des Verbotenen Waldes in Gold getaucht.
Hermine warf einen Blick zurück. »Hoffentlich sieht uns keiner vom Fenster aus«, ziepte sie.
»Lass uns rennen«, sagte Harry entschlossen. »Und zwar hinüber zum Wald, einverstanden? Dann verstecken wir uns am besten hinter einem Baum und halten Ausschau.«
»Gut, aber hinter den Gewächshäusern lang!«, keuchte Hermine. »Und möglichst weit weg von Hagrids Tür, oder wir sehen uns. Wir sind schon fast bei seiner Hütte!«
Harry, dem immer noch nicht klar war, was sie meinte, lief los und Hermine folgte ihm auf den Fersen. Sie rannten durch die Gemüsegärten hinüber zu den Gewächshäusern, verpusteten sich in deren Schutz ein wenig und rannten dann so schnell sie konnten weiter. Sie schlugen einen Bogen um die Peitschende Weide und gelangten schließlich zum schützenden Waldrand …
Im Schatten der Bäume verborgen, wandte Harry sich um; Sekunden später stand Hermine neben ihm und schnappte nach Luft.
»Gut«, japste sie, »wir müssen zu Hagrid hinüberschleichen … halt dich versteckt, Harry …«
Leise und dicht am Waldrand staksten sie im Unterholz voran. Dann, ganz in der Nähe von Hagrids Hütte, hörten sie, wie es an der Tür klopfte. Sie versteckten sich rasch hinter dem dicken Stamm einer Eiche und spähten an beiden Seiten hervor. Hagrid erschien in der Tür, zitternd und bleich, und sah sich stirnrunzelnd um. Dann hörte Harry seine eigene Stimme.
»Wir sind’s. Wir tragen den Tarnumhang. Lass uns rein, dann können wir ihn ablegen.«
»Ihr hättet nicht kommen sollen!«, flüsterte Hagrid. Er trat zurück, ließ sie ein und schloss rasch die Tür.
»Das ist das Verrückteste, was wir je getan haben«, sagte Harry begeistert.
»Gehen wir ein Stück weiter«, flüsterte Hermine. »Wir müssen näher an Seidenschnabel heran!«
Sie krauchten zwischen den Bäumen durch, bis sie den Hippogreif sahen, der gereizt an seiner Leine zerrte, die Hagrid am Zaun um sein Kürbisbeet befestigt hatte.
»Jetzt?«, flüsterte Harry.
»Nein!«, sagte Hermine. »Wenn wir ihn jetzt stehlen, werden die Leute vom Ausschuss denken, Hagrid hätte ihn befreit! Wir müssen warten, bis sie sehen, dass er draußen angebunden ist!«
»Dann haben wir gerade mal sechzig Sekunden«, sagte Harry. Allmählich kam ihm das Unternehmen unmöglich vor.
In diesem Moment drang aus Hagrids Hütte das Geräusch von zerbrechendem Porzellan.
»Jetzt hat er gerade den Milchkrug zerlegt«, flüsterte Hermine. »Gleich werde ich Krätze finden –«
Und tatsächlich hörten sie ein paar Minuten später ihren überraschten Aufschrei.
»Hermine«, sagte Harry plötzlich, »wie wär’s, wenn wir – einfach reinrennen und uns Pettigrew schnappen –«
»Nein!«, flüsterte Hermine erschrocken. »Begreifst du nicht? Wir brechen gerade eines der wichtigsten Zaubereigesetze! Niemand darf die Vergangenheit verändern, absolut niemand! Du hast Dumbledore gehört: wenn wir gesehen werden –«
»Nur wir selbst und Hagrid würden uns sehen!«
»Harry, was, glaubst du, würdest du tun, wenn du dich selbst in Hagrids Hütte reinplatzen siehst?«, sagte Hermine.
»Ich – ich würde glauben, ich sei verrückt geworden«, sagte Harry, »oder vermuten, dass jemand schwarze Magie mit mir treibt –«
»Genau! Du würdest es nicht verstehen, du würdest dich vielleicht sogar selbst angreifen! Verstehst du nicht? Professor McGonagall hat mir erzählt, was für schreckliche Dinge schon geschehen sind, wenn Zauberer an der Vergangenheit herumgepfuscht haben … viele von ihnen haben im Durcheinander ihr vergangenes oder künftiges Selbst getötet!«
»Schon gut!«, sagte Harry, »war nur ’ne Idee, ich dachte –«
Doch Hermine stieß ihn in die Rippen und deutete hinüber zum Schloss. Harry schob den Kopf ein wenig vor, um das Portal in der Ferne sehen zu können. Dumbledore, Fudge, das alte Ausschussmitglied und Macnair, der Henker, kamen die Treppe herunter.
»Wir kommen jetzt gleich raus!«, wisperte Hermine.
Und tatsächlich öffnete sich Augenblicke später Hagrids Tür und Harry sah sich selbst, Ron und Hermine zusammen mit Hagrid herauskommen. Es war zweifellos das befremdlichste Erlebnis, das er je gehabt hatte: hinter einem Baum zu stehen und sich selbst dort drüben im Kürbisbeet zu beobachten.
»Ist schon gut, Schnäbelchen, es ist alles gut …«, sagte Hagrid. Dann wandte er sich Harry, Ron und Hermine zu.
»Geht jetzt. Sputet euch.«
»Hagrid, wir können nicht einfach –«
»Wir sagen ihnen, was wirklich passiert ist –«
»Sie dürfen ihn nicht umbringen –«
»Geht! Ist schon alles schlimm genug, da müsst ihr nicht auch noch Ärger kriegen!«
Harry sah, wie Hermine im Kürbisbeet den Umhang über ihn und Ron warf.
»Geht schnell. Und lauscht nicht …«
Vorne an Hagrids Tür klopfte es. Henker und Zeugen waren da. Hagrid wandte sich um und ging zurück in die Hütte. Die Hintertür ließ er offen. Harry sah, wie sich das Gras um die Hütte fleckweise plättete, und hörte, wie sich drei Paar Füße entfernten. Er, Ron und Hermine waren gegangen … doch der Harry und die Hermine, die sich hinter den Bäumen versteckt hatten, konnten jetzt durch die offene Hintertür hören, was in der Hütte vor sich ging.
»Wo ist das Biest?«, sagte die kalte Stimme Macnairs.
»Drau…draußen«, krächzte Hagrid.
Harry zog rasch den Kopf zurück, als Macnair an Hagrids Fenster auftauchte und zu Seidenschnabel hinaussah. Dann hörten sie Fudge.
»Wir – ähm – müssen dir den offiziellen Hinrichtungsbefehl verlesen, Hagrid, ich mach’s kurz. Und dann musst du ihn unterschreiben und Macnair auch. Macnair, hören Sie zu, das ist Vorschrift.«
Macnairs Gesicht verschwand vom Fenster. Jetzt oder nie.
»Warte hier«, flüsterte Harry. »Ich mach das.«
Fudge fing wieder an zu sprechen und Harry schnellte hinter seinem Baum hervor, sprang über den Zaun des Kürbisbeetes und lief auf Seidenschnabel zu.
»Der Ausschuss für die Beseitigung gefährlicher Geschöpfe hat beschlossen, den Hippogreif Seidenschnabel, im Weiteren der Verurteilte genannt, am sechsten Juni bei Sonnenuntergang hinzurichten –«
Und wieder starrte Harry, darauf bedacht, nicht zu blinzeln, in Seidenschnabels grimmiges orangefarbenes Auge und verbeugte sich. Seidenschnabel sank auf die schuppigen Knie und richtete sich wieder auf. Harry nahm die Leine, die den Hippogreif an den Zaun band, und versuchte den Knoten zu lösen.
»… verurteilt zum Tode durch Enthauptung, auszuführen durch den vom Ausschuss ernannten Henker, Walden Macnair …«
»Komm mit, Seidenschnabel«, zischte Harry, »komm mit, wir helfen dir. Leise … leise …«
»… und schriftlich von ihm zu bestätigen. Hagrid, du unterschreibst hier …«
Harry zerrte nach Leibeskräften an dem Seil, doch Seidenschnabel hatte sich mit den Vorderbeinen eingegraben.
»Nun, bringen wir’s hinter uns«, sagte die dünne Stimme des alten Ausschussmitglieds in Hagrids Hütte. »Hagrid, vielleicht wäre es besser, wenn Sie drinbleiben würden –«
»Nein – ich – ich will bei ihm sein … ich will nicht, dass er allein ist –«
Das Geräusch von Schritten drang aus der Hütte.
»Seidenschnabel, beweg endlich deinen Hintern!«, flehte Harry.
Er zog noch heftiger am Seil um Seidenschnabels Hals. Der Hippogreif raschelte verärgert mit den Flügeln und bewegte sich allmählich. Noch waren sie einige Meter vom Wald entfernt und von Hagrids Hintertür aus deutlich zu sehen.
»Einen Moment noch bitte, Macnair«, erklang Dumbledores Stimme. »Auch Sie müssen hier unterschreiben.« Die Schritte verstummten. Harry warf sich ins Seil. Seidenschnabel schnappte mit dem Schnabel und ließ sich herab, ein wenig schneller zu gehen.
Hermines weißes Gesicht lugte hinter einem Baum hervor.
»Harry, schnell!«, zischte sie.
Noch immer konnte Harry Dumbledore in der Hütte sprechen hören. Noch einmal ruckte er an dem Seil. Seidenschnabel verfiel in einen widerwilligen Trott. Sie erreichten die Bäume.
»Schnell! Schnell!«, stöhnte Hermine und sprang hinter ihrem Baum hervor. Auch sie packte jetzt das Seil und zog wie verrückt daran, um Seidenschnabel ein wenig Beine zu machen. Harry blickte über die Schulter; jetzt waren sie außer Sicht; sie konnten Hagrids Garten nicht mehr sehen.
»Halt!«, hauchte er Hermine zu. »Sie könnten uns noch hören –«
Krachend schlug Hagrids Hintertür auf. Harry, Hermine und Seidenschnabel machten keinen Mucks; selbst der Hippogreif schien gespannt zu lauschen.
Stille … dann –
»Wo ist er?«, sagte die dünne Stimme des Alten. »Wo ist das Biest?«
»Es war hier angebunden!«, sagte der Henker wutentbrannt. »Ich hab’s mit eigenen Augen gesehen! Genau hier!«
»Höchst erstaunlich«, sagte Dumbledore mit einem Glucksen in der Stimme.
»Schnäbelchen!«, rief Hagrid heiser.
Es gab ein surrendes Geräusch und dann folgte das Krachen einer Axt. Der Henker schien sie vor Wut in den Zaun geschlagen zu haben. Und dann kam Hagrids Heulen und diesmal konnten sie Hagrids Worte durch sein Schluchzen hören.
»Fort! Fort! Glück für Schnäbelchen, es ist fort! Muss sich losgerissen haben! Kluger Junge, Schnäbelchen!«
Seidenschnabel begann am Seil zu zerren; offenbar wollte er zu Hagrid zurück. Harry und Hermine gruben die Fersen in den Waldboden und warfen sich ins Seil, um ihn aufzuhalten.
»Jemand hat ihn losgebunden!«, raunzte der Henker. »Wir sollten das Gelände absuchen und den Wald.«
»Macnair, und wenn Seidenschnabel wirklich gestohlen wurde, glauben Sie, der Dieb hätte ihn zu Fuß fortgebracht?«, sagte Dumbledore und seine Stimme klang recht vergnügt. »Suchen Sie den Himmel ab, wenn Sie wollen … Hagrid, ich könnte eine Tasse Tee vertragen. Oder einen großen Schnaps.«
»O n-natürlich, Professor«, sagte Hagrid, offenbar erschöpft vor Glück, »kommen Sie rein, kommen Sie …«
Hermine und Harry lauschten mit gespitzten Ohren. Sie hörten Schritte, das leise Fluchen des Henkers, die Tür fiel ins Schloss und dann herrschte Stille.
»Was jetzt?«, flüsterte Harry und sah sich um.
»Wir müssen uns hier drin verstecken«, sagte Hermine, die ziemlich mitgenommen aussah. »Wir müssen erst einmal warten, bis sie wieder im Schloss sind. Und dann, bis es ungefährlich ist, mit Seidenschnabel zum Fenster von Sirius fliegen. Er wird erst in ein paar Stunden dort sein … Mensch, das wird schwierig werden …«
Nervös blickte sie über die Schulter ins Dunkel des Waldes. Die Sonne ging jetzt unter.
Harry dachte scharf nach. »Wir können nicht hierbleiben«, sagte er. »Wir müssen die Peitschende Weide sehen können, sonst wissen wir nicht, was geschieht.«
»Gut«, sagte Hermine und klammerte die Hand noch fester um Seidenschnabels Leine. »Aber wir dürfen uns nicht blicken lassen, Harry, denk dran …«
Während sie am Waldrand entlangschlichen, senkte sich die Dunkelheit wie ein schwarzes Tuch über sie. Schließlich versteckten sie sich hinter einer Gruppe von Bäumen, von der aus sie die Peitschende Weide erkennen konnten.
»Da ist Ron!«, sagte Harry plötzlich.
Eine dunkle Gestalt hetzte über das Gras und ihre Rufe hallten durch die stille Nachtluft.
»Lass ihn in Ruhe – hau ab – Krätze, komm hierher –«
Und dann tauchten wie aus dem Nichts zwei weitere Gestalten auf. Harry beobachtete, wie er selbst und Hermine Ron hinterherjagten, der jetzt ins Gras hechtete.
»Hab ich dich! Hau ab, du stinkender Kater –«
»Da ist Sirius!«, sagte Harry. Der riesige Hund war zwischen den Wurzeln der Weide hervorgesprungen, sie sahen, wie der schwarze Umriss Harry zu Boden stieß und Ron packte …
»Sieht von hier noch schlimmer aus, nicht wahr?«, sagte Harry und beobachtete, wie der Hund Ron zwischen die Wurzeln zerrte. »Autsch – der Baum hat mir gerade eine verpasst – und jetzt kriegst du auch eine gewischt – das ist unheimlich –«
Die Peitschende Weide ächzte und schlug mit den unteren Zweigen aus; sie sahen sich selbst dabei zu, wie sie immer wieder versuchten den Baum zu überlisten und an den Stamm zu gelangen. Und dann erstarrte der Baum.
»Jetzt hat Krummbein den Knoten gedrückt«, sagte Hermine.
»Und los geht’s …«, murmelte Harry. »Wir sind schon drin.«
Kaum waren sie verschwunden, regte sich der Baum wieder. Sekunden später hörten sie ganz in der Nähe Schritte. Dumbledore, Macnair, Fudge und das alte Ausschussmitglied waren auf dem Rückweg ins Schloss.
»Gleich nachdem wir runter in den Tunnel sind!«, sagte Hermine. »Wenn Dumbledore doch bloß mitgekommen wäre …«
»Macnair und Fudge wären dann auch gekommen«, sagte Harry bitter. »Und Fudge hätte Macnair auf der Stelle befohlen, Sirius umzubringen, darauf kannst du Gift nehmen …«
Sie sahen den vier Männern nach, die jetzt die Schlosstreppe hochstiegen und verschwanden. Ein paar Minuten herrschte Stille. Dann –
»Dort kommt Lupin!«, sagte Harry, und sie sahen seine Gestalt die Steinstufen hinunterspringen und auf die Weide zurennen. Harry sah zum Himmel. Der Mond war völlig hinter den Wolken verschwunden.
Sie sahen, wie Lupin einen abgebrochenen Zweig aus dem Gras hob und den Knoten am Baumstamm anstupste. Der Baum hörte auf, um sich zu schlagen, und auch Lupin verschwand im Erdloch zwischen den Wurzeln.
»Wenn er nur den Tarnumhang mitgenommen hätte«, sagte Harry. »Der liegt da einfach rum …«
Er drehte sich zu Hermine um.
»Wenn ich kurz rüberrenne und ihn hole, kann ihn Snape nicht mitnehmen und –«
»Harry, niemand darf uns sehen!«
»Wie kannst du das ertragen?«, erwiderte er aufgebracht. »Einfach nur rumzustehen und alles geschehen zu lassen?« Er zögerte. »Ich schnapp mir den Umhang!«
»Harry, nein!«
Hermine packte Harry am Kragen, und keinen Moment zu früh. In diesem Augenblick hörten sie, wie jemand laut anfing zu singen. Es war Hagrid. Leicht schwankend war er auf dem Weg zum Schloss, schmetterte ein Liedchen und fuchtelte mit einer großen Flasche in der Hand durch die Luft.
»Siehst du?«, flüsterte Hermine. »Siehst du, was passiert wäre? Wir müssen versteckt bleiben! Nein, Seidenschnabel!«
Der Hippogreif machte erneut hektische Anstalten, zu Hagrid zu laufen. Auch Harry packte ihn jetzt wieder an der Leine und hielt ihn mühsam zurück. Sie sahen Hagrid nach, wie er angeheitert in Schlangenlinien den Weg zum Schloss entlangging und schließlich verschwand. Seidenschnabel erlahmte und ließ traurig den Kopf sinken.
Kaum zwei Minuten später flog das Schlossportal erneut auf und Snape kam heraus. Mit großen Schritten kam er auf die Weide zu.
Vor der Weide hielt er inne und blickte sich um. Harry ballte die Fäuste. Snape langte nach dem Tarnumhang im Gras und hob ihn hoch.
»Lass deine dreckigen Finger davon«, knurrte Harry hinter vorgehaltener Hand.
»Schhh!«
Snape nahm den Ast, den schon Lupin benutzt hatte, um den Baum zu lähmen, stupste gegen den Knoten und verschwand dann unter dem Tarnumhang.
»Das war’s«, sagte Hermine leise. »Wir sind alle da unten. Und jetzt müssen wir warten, bis wir wieder rauskommen …«
Sie nahm das Ende von Seidenschnabels Leine und wickelte es fest um den nächsten Baum, dann setzte sie sich auf den trockenen Boden und schlang die Arme um die Knie.
»Harry, eins verstehe ich nicht … warum haben die Dementoren Sirius nicht gekriegt? Ich weiß noch, wie sie kamen, und dann bin ich wohl ohnmächtig geworden … es waren so viele …«
Auch Harry setzte sich ins Gras. Er schilderte Hermine, was er gesehen hatte; der Dementor hatte bereits seinen Schlund auf Harrys Mund gesenkt, als ein großes silbernes Etwas über den See galoppiert kam und die Dementoren zum Rückzug trieb.
Als Harry fertig war, stand Hermines Mund halb offen.
»Aber was war das?«
»Wenn es die Dementoren vertrieben hat, dann kann es nur eins gewesen sein«, sagte Harry. »Ein richtiger Patronus. Ein mächtiger.«
»Aber wer hat ihn heraufbeschworen?«
Harry antwortete nicht. Er dachte an die Gestalt, die er auf der anderen Seite des Sees gesehen hatte. Er wusste schon, an wen er dabei dachte … aber wie konnte das nur möglich sein?
»Hast du nicht gesehen, wie er aussah?«, fragte Hermine begierig. »War es einer der Lehrer?«
»Nein«, sagte Harry. »Es war kein Lehrer.«
»Aber es muss ein sehr mächtiger Zauberer gewesen sein, wenn er all diese Dementoren verjagen konnte … wenn der Patronus so leuchtete, hat er ihn nicht beschienen? Konntest du nicht sehen –?«
»Doch, ich hab ihn gesehen«, sagte Harry langsam. »Aber … vielleicht hab ich’s mir nur eingebildet … ich konnte nicht klar denken … gleich danach bin ich ohnmächtig geworden …«
»Wer, glaubst du, war es?«
»Ich glaube –«, Harry schluckte. Er wusste, wie seltsam dies klingen würde. »Ich glaube, es war mein Vater.«
Harry blickte auf und sah, dass Hermine den Mund weit aufgerissen hatte. Sie starrte ihn mit einer Mischung aus Entsetzen und Mitleid an.
»Harry, dein Dad ist – nun ja – tot«, sagte sie leise.
»Das weiß ich«, sagte Harry rasch.
»Glaubst du, es war ein Geist?«
»Ich weiß nicht … nein … er schien aus Fleisch und Blut …«
»Aber dann –«
»Vielleicht hab ich mir alles nur eingebildet«, sagte Harry. »Aber … was ich gesehen habe … sah wie Dad aus … ich hab Fotos von ihm …«
Hermine sah ihn immer noch an, als machte sie sich Sorgen um seinen Verstand.
»Ich weiß, das klingt verrückt«, sagte Harry mit tonloser Stimme. Er sah sich nach dem Hippogreif um, der gerade den Schnabel in die Erde bohrte und offenbar nach Würmern suchte. Aber im Grunde sah er Seidenschnabel gar nicht an.
Er dachte über seinen Vater nach und über dessen drei älteste Freunde … Moony, Wurmschwanz, Tatze und Krone … waren sie alle vier heute Nacht auf dem Gelände? Wurmschwanz war diesen Abend wieder aufgetaucht, wo doch alle gedacht hatten, er sei tot … war es denn unmöglich, dass sein Vater dasselbe getan hatte? Hatte er drüben am anderen Ufer wirklich jemanden gesehen? Die Gestalt war zu weit weg und zu verschwommen … doch einen Moment lang war er sich sicher gewesen, bevor er ohnmächtig wurde …
Eine leichte Brise ließ die Blätter über ihnen rascheln. Hinter den Wolken, die über den Himmel zogen, kam der Mond zum Vorschein und verschwand wieder. Hermine saß da, unverwandt auf die Weide blickend, und wartete.
Und dann, endlich, nach über einer Stunde …
»Da kommen wir!«, flüsterte Hermine. Auch Seidenschnabel hob den Kopf. Sie sahen Lupin, Ron und Pettigrew mühsam aus dem Erdloch klettern, gefolgt von dem bewusstlosen Snape, der merkwürdig senkrecht dahinschwebte. Schließlich kamen Harry, Hermine und Black. Sie alle machten sich auf den Weg zum Schloss.
Harrys Herz begann sehr schnell zu pochen. Er sah zum Himmel. Jeden Moment würde diese Wolke weiterziehen und der Mond würde zum Vorschein kommen …
»Harry«, murmelte Hermine, als ob sie genau wüsste, was er dachte, »wir müssen hierbleiben. Wir dürfen nicht gesehen werden. Wir können nichts tun …«
»Also lassen wir Pettigrew einfach wieder entkommen …«, sagte Harry leise.
»Wie willst du denn in der Dunkelheit eine Ratte finden?«, fauchte Hermine. »Wir können nichts tun! Wir sind zurückgekommen, um Sirius zu helfen, und wir sollten jetzt nichts anderes tun!«
»Ist ja gut!«
Der Mond trat hinter der Wolke hervor. Sie sahen, wie die kleinen Figuren auf dem Gras innehielten. Dann bewegte sich etwas.
»Das ist Lupin«, flüsterte Hermine, »er verwandelt sich.«
»Hermine!«, sagte Harry plötzlich, »wir müssen fort von hier!«
»Das geht nicht, ich erklär dir doch ständig –«
»– dass wir uns nicht einmischen sollen! Ja doch, aber Lupin wird in den Wald rennen, direkt auf uns zu!«
Hermine riss die Augen auf.
»Schnell!«, stöhnte sie und sprang zu Seidenschnabel, um ihn loszubinden. »Schnell! Wo sollen wir denn hin? Wo sollen wir uns verstecken, die Dementoren werden jeden Moment kommen!«
»Zurück zu Hagrid!«, sagte Harry. »Die Hütte ist leer – komm schon!«
Sie rannten, so schnell sie konnten, und Seidenschnabel setzte in langen Sprüngen hinter ihnen her. Schon hörten sie den Werwolf hinter sich heulen …
Sie konnten die Hütte jetzt sehen; Harry rutschte zur Tür, stieß sie auf und Hermine und Seidenschnabel flitzten an ihm vorbei. Harry stürzte ihnen nach und verriegelte die Tür. Fang, der Saurüde, kläffte laut.
»Schhh, Fang, wir sind’s!«, sagte Hermine. Rasch ging sie hinüber und kraulte Fang besänftigend die Ohren. »Das war wirklich knapp!«, sagte sie.
»Jaah …«
Harry sah aus dem Fenster. Von hier aus war kaum noch etwas zu sehen. Seidenschnabel schien überglücklich, wieder zu Hause zu sein. Er legte sich vor den Kamin, faltete zufrieden die Flügel und wollte offenbar ein kleines Nickerchen einlegen.
»Ich glaube, ich geh am besten wieder nach draußen«, sagte Harry langsam. »Ich kann von hier aus nicht sehen, was passiert, und wir müssen doch wissen, wann es Zeit ist –«
Hermine sah ihn argwöhnisch an.
»Ich werd mich ganz bestimmt nicht einmischen«, sagte Harry rasch. »Aber wenn wir nicht sehen, was passiert, wie sollen wir dann wissen, wann es Zeit ist, Sirius zu retten?«
»Von mir aus … ich warte hier mit Seidenschnabel … aber sei vorsichtig, Harry – da draußen ist ein Werwolf – und die Dementoren!«
Harry ging hinaus und schlich um die Hütte herum. Aus der Ferne hörte er schwache Schreie. Die Dementoren kreisten jetzt Sirius ein … er und Hermine würden jeden Augenblick zu ihm laufen …
Harry schaute hinüber zum See und sein Herz führte eine Art Trommelwirbel in seiner Brust auf … wer immer auch den Patronus geschickt hatte, würde jeden Moment auftauchen …
Für den Bruchteil einer Sekunde stand er unentschlossen vor Hagrids Tür. Keiner darf dich sehen. Doch er wollte nicht gesehen werden. Er wollte sehen … er musste es unbedingt wissen …
Und da waren die Dementoren. Sie kamen aus der Dunkelheit, aus allen Richtungen, und glitten am Ufer des Sees entlang … sie entfernten sich von Harry, schwebten hinüber zum anderen Ufer … er würde ihnen nicht zu nahe kommen …
Harry rannte los. Er dachte nur noch an seinen Vater … wenn er es war … wenn er es wirklich war … er musste es wissen, er musste es herausfinden …
Der See kam näher und näher, doch niemand war zu sehen. Am anderen Ufer konnte er dünne Silberschleier erkennen – seine eigenen Versuche, einen Patronus zu schaffen.
Harry versteckte sich hinter einem Busch am Wasser und schaute verzweifelt durch das Blattwerk. Das silberne Glimmen am anderen Ufer erlosch mit einem Mal. Erregung packte ihn und Furcht – jeden Augenblick –
»Komm jetzt!«, murmelte er und spähte umher, »wo bist du? Dad, komm bitte –«
Doch keiner kam. Harry hob den Kopf und sah hinüber. Die Dementoren hatten einen Ring gebildet. Einer von ihnen nahm die Kapuze ab. Es war höchste Zeit, dass der Retter erschien – doch diesmal kam keiner zu Hilfe –
Und dann traf es ihn wie ein Schlag – er begriff. Er hatte nicht seinen Vater gesehen – sondern sich selbst –
Harry stürzte hinter dem Busch hervor und zückte den Zauberstab.
»Expecto patronum!«, rief er.
Und aus der Spitze seines Zauberstabs brach etwas hervor, keine unförmige Nebelwolke, sondern ein schönes, blendend helles, silbernes Tier – er kniff die Augen zusammen und versuchte zu erkennen, was es war – es sah aus wie ein Pferd – es galoppierte lautlos davon, über die schwarze Oberfläche des Sees; Harry sah, wie es den Kopf senkte und mit den Hinterbeinen gegen den Schwarm der Dementoren ausschlug … jetzt galoppierte es im Kreis um die schwarzen Gestalten am Boden, und die Dementoren wichen zurück, zerstreuten sich, verloren sich in der Dunkelheit … und waren verschwunden.
Der Patronus wandte sich um. Das Tier galoppierte über den stillen See zurück. Es war kein Pferd. Es war auch kein Einhorn. Es war ein Hirsch. Er leuchtete so hell wie der Mond am Himmel … er kehrte zu ihm zurück …
Am Ufer hielt er inne. Seine Hufe hinterließen keine Spur im weichen Boden. Er starrte Harry mit seinen großen silbernen Augen an. Langsam neigte er den Kopf mit dem schweren Geweih. Und Harry erkannte …
»Krone«, flüsterte er.
Doch als er das Geschöpf mit zitternden Fingern berühren wollte, verschwand es.
Harry blieb mit ausgestreckter Hand stehen. Dann – und schon wollte ihm das Herz zerspringen – hörte er hinter sich Hufgetrappel. Er wirbelte herum und sah Hermine auf ihn zuspringen, Seidenschnabel im Schlepptau.
»Was hast du getan?«, sagte sie und schäumte vor Wut. »Du wolltest doch nur Ausschau halten!«
»Ich hab gerade unser aller Leben gerettet …«, sagte Harry. »Komm – hinter diesen Busch – ich erklär’s dir.«
Er schilderte, was geschehen war, und Hermine lauschte abermals mit offenem Mund.
»Hat dich jemand gesehen?«
»Ja, hast du denn nicht zugehört? Ich hab mich gesehen, doch ich dachte, ich wäre mein Vater! Es ist gut jetzt!«
»Harry, ich kann’s nicht glauben … du hast einen Patronus heraufbeschworen, der all diese Dementoren verjagt hat! Das ist sehr weit fortgeschrittene Zauberei …«
»Ich wusste, dass ich es diesmal schaffen würde«, sagte Harry, »weil ich es schon einmal geschafft hatte … red ich Unsinn?«
»Ich weiß nicht – Harry, da drüben ist Snape!«
Sie lugten hinter dem Busch hervor auf die andere Seite. Snape war zu sich gekommen. Er zauberte Tragen herbei und hievte die leblosen Gestalten von Harry, Hermine und Black hoch. Eine vierte Trage, zweifellos mit Ron, schwebte bereits neben ihm. Dann, mit ausgestrecktem Zauberstab, ließ er sie zum Schloss emporschweben.
»Gut, bald ist es so weit«, sagte Hermine angespannt und warf einen Blick auf ihre Uhr. »Wir haben eine Dreiviertelstunde, bis Dumbledore die Tür zum Krankenflügel abschließt. Wir müssen Sirius retten und im Krankensaal zurück sein, bevor jemand merkt, dass wir fehlen …«
Beim Warten sahen sie den Wolken zu, die sich im See spiegelten, während der Busch vor ihnen in der Brise wisperte. Seidenschnabel langweilte sich und stocherte wieder nach Würmern.
»Meinst du, er ist schon dort oben?«, sagte Harry und sah auf die Uhr. Er sah hoch zum Schloss und zählte die Fenster rechts vom Westturm ab.
»Schau!«, flüsterte Hermine. »Wer ist das? Da kommt jemand aus dem Schloss!«
Harry spähte durch die Nacht. Der Mann eilte über das Gelände auf einen der Eingänge zu. Etwas Metallenes schimmerte an seinem Gürtel.
»Macnair!«, sagte Harry. »Der Henker! Er holt die Dementoren! Wir müssen los, Hermine!«
Hermine legte die Hände auf Seidenschnabels Rücken und Harry half ihr, sich aufzuschwingen. Dann stellte er den Fuß auf einen niedrigen Ast und kletterte selbst hoch. Er zog Seidenschnabel die Leine um den Hals und befestigte sie wie Zügel oben am Kummet.
»Fertig?«, flüsterte er Hermine hinter ihm zu. »Du hältst dich am besten an mir fest –«
Mit den Fersen stieß er Seidenschnabel sanft in die Seiten.
Seidenschnabel erhob sich mühelos hoch in den dunklen Himmel. Harry presste die Knie gegen seine Flanken und spürte, wie sich die großen Flügel neben ihnen kraftvoll spannten. Hermine klammerte sich fest um Harrys Hüfte; er konnte sie murmeln hören, »O nein – das ist nichts für mich – o nein, das ist wirklich nichts für mich –«.
Harry trieb Seidenschnabel zur Eile. Sie schwebten leise hinauf zu den oberen Stockwerken des Schlosses … Harry zog die Leine heftig nach links und Seidenschnabel folgte ihm. Harry versuchte die vorbeifliegenden Fenster zu zählen –
»Oha!«, sagte er und riss mit aller Kraft an der Leine.
Seidenschnabel flog langsamer und dann blieben sie in der Luft stehen, wenn man davon absah, dass sie auf und ab hüpften, weil Seidenschnabel mit den Flügeln schlagen musste, um oben zu bleiben.
»Er ist da!«, sagte Harry, der Sirius gesehen hatte, als sie vor seinem Fenster auftauchten. Er streckte die Hand mit dem Zauberstab aus und konnte beim nächsten Flügelschlag gegen das Glas schlagen.
Black blickte auf. Harry sah, wie ihm die Kinnlade herunterfiel. Black sprang vom Stuhl, stürzte zum Fenster und wollte es öffnen, doch es war verschlossen.
»Zurücktreten!«, rief ihm Hermine zu. Mit der linken Hand klammerte sie sich an Harrys Umhang fest, mit der rechten zückte sie den Zauberstab.
»Alohomora!«
Das Fenster sprang auf.
»Wie … wie?«, fragte Black erschöpft und starrte den Hippogreif an.
»Steig auf. Wir haben keine Zeit zu verlieren«, sagte Harry und packte Seidenschnabel fest an der einen Seite seines schlanken Halses, um ihn ruhig zu halten. »Du musst fliehen – die Dementoren kommen – Macnair holt sie.«
Black hielt sich an beiden Seiten des Fensters fest und zog Kopf und Schultern ins Freie. Ein Glück, dass er so mager war. In Sekundenschnelle gelang es ihm, ein Bein über Seidenschnabels Rücken zu schwingen und sich hinter Hermine auf den Hippogreif zu ziehen.
»Gut gemacht, Seidenschnabel, und jetzt hoch –«, sagte Harry und schlackerte mit der Leine. »Hoch zum Turm – mach schon!«
Mit einem Schlag seiner mächtigen Flügel rauschten sie davon, hoch bis zur Spitze des Westturms. Seidenschnabel landete hufklappernd auf den Zinnen und Harry und Hermine ließen sich sofort heruntergleiten.
»Sirius, du verschwindest am besten, schnell«, keuchte Harry. »Sie werden jeden Moment in Flitwicks Büro kommen und sehen, dass du fort bist.«
Seidenschnabel scharrte auf dem Boden und warf seinen scharfen Kopf hin und her.
»Was ist mit dem anderen Jungen passiert? Mit Ron?«, drängte Sirius.
»Er wird sich wieder erholen – ist immer noch außer Gefecht, aber Madam Pomfrey sagt, sie wird ihn schon wieder hinkriegen – schnell – flieh –«
Doch Black starrte Harry unverwandt an.
»Wie kann ich dir jemals danken –«
»Flieh!«, riefen Harry und Hermine aus einem Mund.
Black warf Seidenschnabel herum und sah in den offenen Himmel.
»Wir sehen uns wieder«, sagte er. »Du bist – ganz der Sohn deines Vaters, Harry …«
Er drückte die Fersen in Seidenschnabels Seiten; Harry und Hermine sprangen zurück und die gewaltigen Flügel hoben sich von neuem … der Hippogreif stieg in den Nachthimmel … Harry sah ihnen nach, wie sie kleiner und kleiner wurden … dann schob sich eine Wolke vor den Mond … fort waren sie.
Noch einmal Eulenpost
»Harry!«
Hermine zupfte ihn am Ärmel und starrte auf die Uhr. »Wir haben genau zehn Minuten, um in den Krankenflügel runterzukommen, bevor Dumbledore die Tür schließt – und keiner darf uns sehen!«
»Okay«, sagte Harry und wandte sich widerwillig vom Nachthimmel ab, »gehen wir …«
Sie schlüpften durch die Turmtür und stiegen eine schmale Wendeltreppe hinunter. Unten angekommen, hörten sie Stimmen. Sie pressten sich gegen die Wand und lauschten. Die Stimmen klangen nach Fudge und Snape, die rasch den Korridor entlanggingen, in dem Harry und Hermine standen.
»… hoffe nur, Dumbledore macht keine Scherereien«, sagte Snape. »Der Kuss wird doch sofort ausgeführt?«
»Sobald Macnair mit den Dementoren zurückkommt. Diese ganze Affäre mit Black war äußerst peinlich. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr ich mich darauf freue, dem Tagespropheten mitteilen zu können, dass wir ihn endlich gefasst haben … die werden mit Ihnen sprechen wollen, Snape … und sobald der junge Harry wieder bei Verstand ist, möchte er den Zeitungsleuten sicher genau erzählen, wie Sie ihn gerettet haben …«
Harry biss die Zähne zusammen. Fudge und Snape gingen jetzt an ihrem Versteck vorbei und er erhaschte einen Blick auf Snapes grinsendes Gesicht. Ihre Schritte wurden leiser und erstarben. Um sicherzugehen, warteten Harry und Hermine noch einige Sekunden, dann rannten sie in die andere Richtung: eine Treppe hinunter, noch eine, durch einen Korridor – und dann hörten sie vor sich ein gackerndes Lachen.
»Peeves!«, zischte Harry und packte Hermine am Handgelenk, »da rein!«
Gerade noch rechtzeitig stürzten sie in ein leeres Klassenzimmer zur Linken. Peeves hüpfte in bester Laune den Korridor entlang und schien sich vor Lachen nicht mehr einzukriegen.
»Oh, ist der abscheulich«, wisperte Hermine, das Ohr an der Tür. »Ich wette, er ist ganz aus dem Häuschen, weil die Dementoren Sirius erledigen wollen …« Sie sah auf die Uhr. »Noch drei Minuten, Harry!«
Sie warteten, bis Peeves’ schadenfroher Singsang in der Ferne verstummt war, dann glitten sie aus dem Zimmer und rannten erneut los.
»Hermine – was passiert – wenn wir nicht reinkommen – bevor Dumbledore die Tür schließt?«, hechelte Harry.
»Daran will ich gar nicht denken!«, stöhnte Hermine und sah wieder auf die Uhr. »Eine Minute noch!«
Sie waren im Korridor zum Krankenflügel angelangt. »Gut – ich kann Dumbledore hören«, sagte Hermine angespannt. »Komm, Harry!«
Sie schlichen den Gang entlang. Die Tür öffnete sich. Dumbledores Rücken erschien.
»Ich werde euch einschließen«, hörten sie ihn sagen. »Es ist fünf Minuten vor zwölf. Hermine, drei Drehungen sollten genügen. Viel Glück.«
Dumbledore trat heraus, schloss die Tür und nahm seinen Zauberstab, um sie magisch zu verschließen. Von Panik gepackt stürzten Harry und Hermine auf ihn zu. Dumbledore sah auf und ein breites Lächeln erschien unter seinem langen silbernen Schnurrbart. »Nun?«, fragte er leise.
»Wir haben’s geschafft!«, sagte Harry atemlos. »Sirius ist geflohen, auf dem Rücken von Seidenschnabel …«
Dumbledore strahlte.
»Gut gemacht. Ich glaube –«, er lauschte aufmerksam an der Tür zum Krankensaal. »Ja, ich glaube, auch ihr seid fort – geht rein – ich schließe euch ein –«
Harry und Hermine schlüpften durch die Tür. Der Saal war fast leer, nur Ron lag immer noch reglos im letzten Bett. Die Tür klickte ins Schloss und Harry und Hermine krochen in ihre Betten zurück. Hermine steckte den Zeitumkehrer unter ihren Umhang. Und schon kam Madam Pomfrey aus ihrem Büro gewuselt.
»Hab ich den Direktor gehen hören? Darf ich jetzt nach meinen Patienten schauen?«
Sie hatte ausgesprochen schlechte Laune. Harry und Hermine hielten es für das Beste, ihr stumm die Schokolade abzunehmen. Madam Pomfrey stand neben ihnen und passte auf, dass sie ihre Medizin auch aßen. Doch Harry konnte kaum schlucken. Er und Hermine warteten, lauschten, ihre Nerven lagen blank … Und dann, als sie beide das vierte Stück Schokolade hinunterwürgten, hörten sie aus der Ferne, irgendwo über ihnen, ein zorniges Grollen …
»Was war das?«, fragte Madam Pomfrey aufgeschreckt.
Jetzt konnten sie wütende Stimmen hören, die immer lauter wurden. Madam Pomfrey starrte zur Tür.
»Also wirklich – sie wecken alle auf! Was bilden die sich eigentlich ein?«
Harry versuchte zu verstehen, was die Stimmen sagten. Sie kamen näher –
»Er muss disappariert sein, Severus, wir hätten jemanden bei ihm lassen sollen – wenn das rauskommt –«
»Von wegen disappariert!«, brüllte Snape, jetzt ganz in der Nähe. »Man kann in diesem Schloss weder apparieren noch disapparieren! Das – hat – etwas – mit – Potter – zu – tun!«
»Severus, seien Sie vernünftig – Harry war doch eingeschlossen –«
Krach.
Die Tür zum Krankensaal flog auf.
Fudge, Snape und Dumbledore kamen herein. Einzig Dumbledore sah gelassen aus. Tatsächlich sah er fast aus, als würde er sich amüsieren. Fudge schien verärgert. Doch Snape war außer sich.
»Raus mit der Sprache, Potter!«, bellte er. »Was hast du getan!«
»Professor Snape!«, kreischte Madam Pomfrey. »Benehmen Sie sich!«
»Snape, seien Sie vernünftig«, sagte Fudge, »diese Tür war verschlossen, das haben wir eben festgestellt –«
»Die beiden haben ihm geholfen zu fliehen, ich weiß es!«, heulte Snape und deutete auf Harry und Hermine. Sein Gesicht war zu einer Grimasse verzerrt und Spucke sprühte ihm aus dem Mund.
»Beruhigen Sie sich, Mann!«, bellte jetzt Fudge. »Sie reden Unsinn!«
»Sie kennen Potter nicht!«, kreischte Snape. »Er hat es getan, ich weiß es genau!«
»Nun ist es aber gut, Severus«, sagte Dumbledore. »Denken Sie mal darüber nach, was Sie sagen. Diese Tür war verschlossen, seit ich vor zehn Minuten hier raus bin. Madam Pomfrey, haben diese Schüler ihre Betten verlassen?«
»Natürlich nicht!«, sagte Madam Pomfrey entrüstet. »Ich war bei ihnen, seit Sie gegangen waren!«
»Nun, da haben Sie’s, Severus«, sagte Dumbledore sanft. »Wenn Sie nicht behaupten wollen, dass Harry und Hermine an zwei Orten zugleich sein können, sehe ich nicht, warum wir sie noch länger stören sollten.«
Snape brodelte immer noch vor Zorn und sein Blick wanderte von Fudge, der von Snapes Gebaren zutiefst schockiert schien, zu Dumbledore, dessen Augen hinter den Brillengläsern funkelten. Snape wirbelte herum und stürmte mit wehendem Umhang aus dem Krankensaal.
»Der Mann scheint recht durcheinander zu sein«, sagte Fudge und starrte ihm nach. »Ich würde ihn im Auge behalten, wenn ich Sie wäre, Dumbledore.«
»Oh, er ist nicht durcheinander«, sagte Dumbledore gelassen. »Er hat nur eben gerade eine schwere Enttäuschung erlitten.«
»Da ist er nicht der Einzige!«, seufzte Fudge. »Ich seh schon die Schlagzeile im Tagespropheten! Wir hatten Black schon dingfest gemacht und er ist uns wieder entwischt! Jetzt muss nur noch ans Licht kommen, dass dieser Hippogreif auch entkommen ist, und ich bin das Gespött der Leute! Nun … ich verschwinde jetzt besser und benachrichtige das Ministerium …«
»Und die Dementoren?«, sagte Dumbledore. »Sie werden von der Schule abgezogen, oder etwa nicht?«
»O doch, sie müssen gehen«, sagte Fudge und fuhr sich zerstreut mit den Fingern durch die Haare. »Hätte mir nie träumen lassen, dass sie versuchen würden, einem unschuldigen Kind ihren Kuss zu verpassen … völlig außer Kontrolle … nein, ich lass sie heute Abend noch nach Askaban verfrachten … vielleicht sollten wir über Drachen am Schuleingang nachdenken …«
»Da wäre Hagrid gleich dabei«, sagte Dumbledore und lächelte Harry und Hermine zu.
Als er und Fudge den Schlafsaal verlassen hatten, flitzte Madam Pomfrey gleich zur Tür und schloss ab. Zornig vor sich hin murmelnd eilte sie zurück in ihr Büro.
Ein leises Stöhnen drang vom anderen Ende des Saals herüber. Ron war aufgewacht. Er setzte sich auf, rieb sich den Kopf und sah sich um.
»Was … was ist passiert?«, ächzte er. »Harry? Warum sind wir hier? Wo ist Sirius? Wo ist Lupin? Was ist eigentlich los?«
Harry und Hermine sahen sich an.
»Erklär du mal«, sagte Harry und nahm sich noch ein wenig Schokolade.
Als Harry, Ron und Hermine am nächsten Tag um die Mittagszeit den Krankenflügel verließen, fanden sie ein fast menschenleeres Schloss vor. Bei der drückenden Hitze und da die Prüfungen zu Ende waren, genossen sie alle ausgiebig einen neuen Ausflug nach Hogsmeade. Weder Ron noch Hermine hatten große Lust dazu, und so wanderten sie mit Harry über die Ländereien und unterhielten sich über die erstaunlichen Ereignisse der vergangenen Nacht. Wo Sirius und Seidenschnabel inzwischen wohl waren?
Sie ließen sich am Seeufer nieder und beobachteten den Riesenkraken, der mit seinen Greifarmen faul im Wasser planschte. Harry verlor den Gesprächsfaden, als er hinüber auf die andere Seite sah. Vom anderen Ufer her war der Hirsch letzte Nacht auf ihn zugaloppiert …
Ein Schatten fiel über sie, und als sie aufblickten, stand ein recht trübäugiger Hagrid hinter ihnen. Er wischte sich mit einem seiner tischtuchgroßen Taschentücher den Schweiß vom Gesicht und strahlte sie an.
»Ich weiß, ich sollte nicht so guter Laune sein, nach dem, was gestern Nacht passiert ist«, sagte er. »Wo doch Black schon wieder geflohen ist – aber wisst ihr was?«
»Was?«, sagten sie und setzten neugierige Mienen auf.
»Schnäbelchen! Er ist entkommen! Er ist frei! Hab die ganze Nacht gefeiert!«
»Das ist ja toll!«, sagte Hermine und warf Ron, der kaum das Lachen unterdrücken konnte, einen vorwurfsvollen Blick zu.
»Jaah … muss ihn wohl nicht richtig festgebunden haben«, sagte Hagrid und ließ den Blick glückselig über das Land schweifen. »Hab mir heute Morgen allerdings doch Sorgen gemacht, Leute … dachte, er wäre irgendwo da draußen vielleicht Professor Lupin über den Weg gelaufen, aber Lupin sagt, er hätte gestern Nacht überhaupt nichts gefressen …«
»Wie bitte?«, sagte Harry rasch.
»Hol mich der Teufel, habt ihr’s noch nicht gehört?«, fragte Hagrid und sein Lächeln verblasste ein wenig. Obwohl niemand in der Nähe war, senkte er die Stimme. »Ähm – Snape hat es heute Morgen den Slytherins gesagt … dachte, ihr wüsstet es inzwischen … Professor Lupin ist nämlich ein Werwolf. Und er hat sich letzte Nacht auf den Ländereien rumgetrieben … er packt jetzt natürlich seine Sachen.«
»Er packt?«, sagte Harry erschrocken. »Warum?«
»Tja, er muss gehen, nicht wahr?«, sagte Hagrid und schien überrascht, dass Harry auch noch fragen konnte. »Hat gleich heute Morgen gekündigt. Sagt, er könne es nicht riskieren, dass es noch einmal passiert.«
Harry rappelte sich hoch.
»Ich geh zu ihm«, sagte er zu Ron und Hermine gewandt.
»Aber wenn er gekündigt hat –«
»– klingt nicht so, als könnten wir noch was tun –«
»Ist mir egal. Ich will trotzdem mit ihm reden. Wir treffen uns dann hier.«
Lupins Bürotür stand offen. Er war mit Packen fast fertig. Der leere Glasbehälter des Grindelohs stand neben seinem zerbeulten alten Koffer, in dem nicht mehr viel Platz war. Lupin beugte sich über etwas auf seinem Schreibtisch und sah erst auf, als Harry an die Tür klopfte.
»Ich hab dich kommen sehen«, sagte Lupin lächelnd. Er deutete auf das Pergament, über dem er gebrütet hatte. Es war die Karte des Rumtreibers.
»Ich hab eben Hagrid gesehen«, sagte Harry. »Und er meinte, Sie hätten gekündigt. Das stimmt doch nicht, oder?«
»Ich fürchte, doch«, sagte Lupin. Er fing jetzt an, die Schreibtischschubladen herauszuziehen und sie zu leeren.
»Warum?«, sagte Harry. »Das Zaubereiministerium glaubt doch nicht, dass Sie Sirius geholfen haben, oder?«
Lupin ging zur Tür und schloss sie.
»Nein. Professor Dumbledore konnte Fudge davon überzeugen, dass ich versucht habe, euch das Leben zu retten.« Er seufzte. »Das hat das Fass für Severus zum Überlaufen gebracht. Ich glaube, es hat ihn schwer getroffen, dass er den Merlin-Orden nun doch nicht bekommt. Also hat er heute Morgen beim Frühstück – ähm – versehentlich ausgeplaudert, dass ich ein Werwolf bin.«
»Sie gehen doch nicht etwa deswegen!«, sagte Harry.
Lupin lächelte gequält.
»Morgen um diese Zeit trudeln die Eulen von den Eltern ein … sie werden keinen Werwolf als Lehrer ihrer Kinder haben wollen, Harry. Und nach dem, was letzte Nacht passiert ist, kann ich sie verstehen. Ich hätte jeden von euch beißen können … das darf nie mehr vorkommen.«
»Sie sind der beste Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste, den wir je hatten!«, sagte Harry. »Bleiben Sie!«
Lupin schüttelte den Kopf und schwieg. Er räumte die nächste Schublade aus. Dann, während Harry noch nach einem guten Grund suchte, um ihn zum Bleiben zu bewegen, sagte Lupin:
»Nach dem, was der Schulleiter mir heute Morgen erzählt hat, hast du letzte Nacht einige Leben gerettet, Harry. Wenn ich dieses Jahr auf etwas stolz sein kann, dann darauf, wie viel du gelernt hast … erzähl mir von deinem Patronus.«
»Woher wissen Sie das?«
»Was sonst hätte die Dementoren vertreiben können?«
Harry schilderte Lupin, was geschehen war. Am Ende lächelte Lupin.
»Ja, dein Vater hat sich immer in einen Hirsch verwandelt«, sagte er. »Du hast richtig geraten … darum haben wir ihn Krone genannt.«
Lupin warf die letzten Bücher in den Koffer, schloss die Schubladen und wandte sich Harry zu.
»Hier – das hab ich letzte Nacht aus der Heulenden Hütte geholt«, sagte er und gab Harry den Tarnumhang zurück. »Und …«, er zögerte, dann streckte er ihm auch die Karte des Rumtreibers entgegen. »Ich bin nicht mehr dein Lehrer, also fühle ich mich auch nicht unwohl dabei, wenn ich sie dir zurückgebe. Ich kann sie nicht gebrauchen und ich bin sicher, du, Ron und Hermine werdet sie noch nützlich finden.«
Grinsend nahm Harry die Karte entgegen.
»Sie haben gesagt, Moony, Wurmschwanz, Tatze und Krone hätten mich aus der Schule locken wollen … sie hätten das lustig gefunden.«
»Das hätten wir auch getan«, sagte Lupin und bückte sich, um den Koffer zu schließen. »Ich will dir nicht verhehlen, dass James mächtig enttäuscht gewesen wäre, wenn sein Sohn nie einen der Geheimgänge aus dem Schloss gefunden hätte.«
Jemand klopfte. Harry stopfte die Karte und den Tarnumhang hastig in die Tasche.
Es war Professor Dumbledore. Er schien nicht überrascht, Harry vorzufinden.
»Ihre Kutsche wartet vorne am Tor, Remus«, sagte er.
»Vielen Dank, Direktor.«
Lupin hob seinen alten Koffer und den leeren Grindeloh-Kasten hoch.
»Also – auf Wiedersehen, Harry«, sagte er lächelnd. »Es hat richtig Spaß gemacht, dein Lehrer zu sein. Ich bin sicher, wir sehen uns eines Tages wieder. Direktor, Sie müssen mich nicht hinausbegleiten, ich schaff das schon …«
Harry hatte den Eindruck, als wolle Lupin so schnell wie möglich fort.
»Dann auf Wiedersehen, Remus«, sagte Dumbledore trocken. Lupin nahm den Glaskasten unter den Arm und schüttelte Dumbledore die Hand. Dann, mit einem letzten Kopfnicken für Harry und dem Anflug eines Lächelns, ging Lupin hinaus.
Harry setzte sich auf Lupins Stuhl und starrte trübselig zu Boden. Er hörte die Tür ins Schloss fallen und sah auf. Dumbledore war noch da.
»Warum so niedergeschlagen, Harry?«, fragte er sanft. »Nach der letzten Nacht solltest du sehr stolz auf dich sein.«
»Ich hab doch nichts ausrichten können«, sagte Harry erbittert. »Pettigrew ist entkommen.«
»Nichts ausrichten?«, sagte Dumbledore leise. »Du hast etwas Entscheidendes geschafft, Harry. Du hast dazu beigetragen, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Du hast einen Unschuldigen vor einem schrecklichen Schicksal bewahrt.«
Schrecklich. Etwas regte sich in Harrys Gedächtnis. Größer und schrecklicher denn je … Die Vorhersage von Professor Trelawney!
»Professor Dumbledore – gestern, als ich meine Prüfung in Wahrsagen hatte, ist Professor Trelawney plötzlich – sehr merkwürdig geworden.«
»Tatsächlich?«, sagte Dumbledore. »Ähm – merkwürdiger als sonst, meinst du?«
»Ja … ihre Stimme war plötzlich ganz tief und ihre Augen kullerten und sie sagte … sie sagte, Voldemorts Knecht würde sich auf den Weg machen und noch vor Mitternacht zu ihm zurückkehren … der Knecht würde ihm helfen, wieder an die Macht zu kommen.« Harry blickte zu Dumbledore auf. »Und dann wurde sie sozusagen wieder normal und sie konnte sich an nichts mehr erinnern. War das – war das eine echte Vorhersage?«
Dumbledore schien milde beeindruckt.
»Weißt du, Harry, ich glaube, das könnte sein«, sagte er nachdenklich. »Wer hätte das gedacht? Damit steigt die Zahl ihrer wahren Vorhersagen auf zwei. Ich sollte ihr eine Gehaltserhöhung anbieten …«
»Aber –«, Harry sah ihn entgeistert an. Wie konnte Dumbledore das nur so leicht nehmen?
»Aber – ich habe Sirius und Professor Lupin davon abgehalten, Pettigrew zu töten! Dann ist es meine Schuld, wenn Voldemort zurückkommt!«
»Keineswegs«, sagte Dumbledore gelassen. »Hat die Erfahrung mit dem Zeitumkehrer dich nichts gelehrt, Harry? Die Folgen unserer Handlungen sind immer so verwickelt, so vielfältig, dass die Vorhersage der Zukunft ein äußerst schwieriges Geschäft ist … Professor Trelawney, die Gute, ist der lebende Beweis dafür … du hast etwas sehr Achtenswertes getan, als du Pettigrews Leben gerettet hast.«
»Aber wenn er Voldemort hilft, an die Macht zu kommen –!«
»Pettigrew verdankt dir sein Leben. Du hast Voldemort einen Gehilfen geschickt, der in deiner Schuld steht … wenn ein Zauberer das Leben eines anderen Zauberers rettet, entsteht ein gewisses Band zwischen ihnen … und ich müsste mich schwer irren, wenn Voldemort einen Knecht will, der in Harry Potters Schuld steht.«
»Ich will nichts mit Pettigrew zu tun haben!«, sagte Harry. »Er hat meine Eltern verraten!«
»Das ist ganz tiefe, undurchdringliche Magie, Harry. Aber glaub mir … der Tag mag kommen, an dem du sehr froh sein wirst, Pettigrew den Tod erspart zu haben.«
Harry konnte sich nicht vorstellen, wann das sein sollte. Dumbledore schien zu ahnen, was er dachte.
»Ich kannte deinen Vater sehr gut, Harry, sowohl in Hogwarts als auch später«, sagte er leise. »Auch er hätte Pettigrew das Leben gerettet, da bin ich sicher.«
Harry sah zu ihm auf. Dumbledore würde nicht lachen – ihm konnte er es sagen …
»Letzte Nacht … ich dachte, es wäre mein Dad, der den Patronus heraufbeschworen hat. Als ich mich selbst am anderen Ufer gesehen habe … dachte ich, ich würde ihn sehen.«
»Ein solches Versehen passiert leicht«, sagte Dumbledore sanft. »Es ist sicher nichts Neues für dich, aber du siehst James verblüffend ähnlich. Nur deine Augen … die Augen hast du von deiner Mutter.«
Harry schüttelte den Kopf.
»Das war dumm von mir, zu denken, es wäre mein Dad«, murmelte er. »Ich weiß doch, dass er tot ist.«
»Glaubst du, die Toten, die wir liebten, verlassen uns je ganz? Glaubst du, es ist Zufall, dass wir uns in der größten Not am deutlichsten an sie erinnern? Du weißt, er lebt in dir weiter, Harry, und zeigt sich am deutlichsten, wenn du fest an ihn denkst. Wie sonst konntest du gerade diesen Patronus erschaffen? Krone ist letzte Nacht zurückgekehrt.«
Harry brauchte eine Weile, um Dumbledores Worte zu begreifen.
»Sirius hat mir letzte Nacht erzählt, wie sie Animagi wurden«, sagte Dumbledore lächelnd. »Eine ungeheure Leistung – und nicht zuletzt, dass sie es vor mir geheim gehalten haben. Und dann fiel mir ein, welch ungewöhnliche Gestalt dein Patronus annahm, als er Mr Malfoy beim Quidditch-Spiel gegen Ravenclaw so zusetzte. Weißt du, Harry, in gewisser Weise hast du deinen Vater letzte Nacht wiedergesehen … du hast ihn in dir selbst gefunden.«
Dumbledore ging hinaus und überließ Harry seinen arg verwirrten Gedanken.
Keiner in Hogwarts kannte jetzt die Wahrheit über das Geschehen in der Nacht, als Sirius, Seidenschnabel und Pettigrew verschwanden, außer Harry, Ron, Hermine und Dumbledore. Das Schuljahr ging nun rasch dem Ende zu und Harry hörte die unterschiedlichsten Theorien über das, was wirklich geschehen war. Doch keine kam der Wahrheit nahe.
Malfoy war wütend wegen Seidenschnabel. Er war überzeugt, Hagrid sei es irgendwie gelungen, den Hippogreif in Sicherheit zu bringen, und er schien außer sich vor Zorn, dass ein Wildhüter ihm und seinem Vater ein Schnippchen geschlagen hatte. Percy Weasley unterdessen hatte einiges zur Flucht von Sirius zu sagen.
»Wenn ich es schaffe, ins Ministerium zu kommen, werde ich denen mal erklären, wie man in der Zaubererwelt Recht und Ordnung durchsetzt!«, erklärte er dem einzigen Menschen, der zuhören wollte – seiner Freundin Penelope.
Das Wetter war herrlich, alle waren bestens gelaunt, Harry wusste, dass sie das fast Unmögliche geschafft und Sirius zur Freiheit verholfen hatten – und doch hatte er dem Ende eines Schuljahres noch nie so niedergeschlagen entgegengesehen.
Offensichtlich war er nicht der Einzige, der es schade fand, dass Professor Lupin gegangen war. Alle, die bei ihm Verteidigung gegen die dunklen Künste gehabt hatten, waren über seine Kündigung bestürzt.
»Ich frag mich, wen sie uns nächstes Jahr vorsetzen«, sagte Seamus Finnigan mit düsterer Miene.
»Vielleicht einen Vampir«, meinte Dean Thomas hoffnungsvoll.
Nicht allein der Abschied von Professor Lupin bedrückte Harry. Ständig musste er an Professor Trelawneys Vorhersage denken. Er fragte sich immer wieder, wo Pettigrew jetzt wohl steckte, ob er bereits Zuflucht bei Voldemort gefunden hatte. Doch was Harry die Laune besonders vermieste, war die Aussicht, zu den Dursleys zurückzukehren. Gut eine halbe Stunde lang, eine herrliche halbe Stunde lang hatte er geglaubt, er würde von nun an bei Sirius leben … beim besten Freund seiner Eltern … das wäre fast so gut gewesen, wie seinen Vater zurückzubekommen. Keine Nachricht von Sirius war natürlich eine gute Nachricht, denn das hieß, er hatte sich verstecken können. Und doch war Harry einfach elend zumute, wenn er an das Zuhause dachte, das er hätte haben können.
Am letzten Schultag bekamen sie die Prüfungsergebnisse. Harry, Ron und Hermine hatten es in jedem Fach geschafft. Harry war verblüfft, dass er in Zaubertränke nicht durchgefallen war. Er hatte den dunklen Verdacht, dass Dumbledore eingegriffen und Snape daran gehindert hatte, ihn absichtlich durchrasseln zu lassen. Wie Snape sich ihm gegenüber in der letzten Woche verhalten hatte, war äußerst beunruhigend. Harry hätte es nicht für möglich gehalten, dass Snape sich noch mehr in seine Abneigung gegen ihn hineinsteigern würde, doch genauso war es. Jedes Mal, wenn er Harry ansah, zuckte es Unheil verkündend um seinen schmalen Mund und er dehnte andauernd seine Finger, als ob er danach gierte, sie ganz fest um Harrys Hals zu legen.
Percy hatte seinen UTZ geschafft, Fred und George um Haaresbreite eine Hand voll ZAGs. Die Gryffindors unterdessen hatten, vor allem dank der Aufsehen erregenden Leistung im Quidditch-Cup, das dritte Jahr in Folge die Hausmeisterschaft gewonnen. So war die Halle beim Abschlussfest ganz in Scharlachrot und Gold geschmückt und am Tisch der Gryffindors ging es bei der Feier natürlich am lautesten zu. Selbst Harry schaffte es, die Rückreise zu den Dursleys, die am nächsten Tag anstand, zu vergessen, und er feierte, redete und lachte mit den andern.
Als der Hogwarts-Express am nächsten Morgen aus dem Bahnhof fuhr, konnte Hermine mit einer erstaunlichen Neuigkeit für Harry und Ron aufwarten.
»Heute Morgen kurz vor dem Frühstück habe ich mit Professor McGonagall gesprochen. Ich habe beschlossen, Muggelkunde sausen zu lassen.«
»Aber du hast doch die Prüfung mit dreihundertundzwanzig Prozent geschafft!«, sagte Ron.
»Ich weiß«, seufzte Hermine, »aber noch ein Jahr wie dieses halte ich nicht aus. Dieser Zeitumkehrer hat mich ganz verrückt gemacht. Ich hab ihn zurückgegeben. Ohne Muggelkunde und Wahrsagen hab ich endlich wieder einen ganz gewöhnlichen Stundenplan.«
»Ich kann immer noch nicht fassen, dass du uns nichts davon gesagt hast«, grollte Ron. »Wo wir doch angeblich deine Freunde sind.«
»Ich habe versprochen, es niemandem zu sagen«, sagte Hermine streng. Sie wandte sich Harry zu, der aus dem Fenster sah, wie Hogwarts hinter einem Berg verschwand. Zwei ganze Monate, bis er es wiedersehen würde …
»Aach, Kopf hoch, Harry!«, sagte Hermine besorgt.
»Mir geht’s gut«, sagte Harry rasch. »Ich denk nur an die Ferien.«
»Ja, daran hab ich auch gedacht«, sagte Ron. »Harry, du musst uns besuchen kommen. Ich red erst mal mit Mum und Dad und dann ruf ich dich an. Ich weiß jetzt, wie man ein Feleton benutzt –«
»Ein Telefon, Ron«, sagte Hermine. »Ehrlich mal, du solltest nächstes Jahr Muggelkunde belegen …«
Ron überging das.
»In diesem Sommer ist die Weltmeisterschaft im Quidditch! Wie wär’s, Harry? Komm ein paar Wochen zu uns und wir gehen hin! Dad kriegt meist Karten übers Büro.«
Der Vorschlag verfehlte seine Wirkung nicht und heiterte Harry kräftig auf.
»Jaah … ich wette, die Dursleys sind froh, wenn sie mich los sind … besonders nach dem, was ich mit Tante Magda angestellt hab …«
Um einiges besser gelaunt spielte Harry mit Ron und Hermine ein paar Partien Zauberschnippschnapp, und als die Hexe mit dem Teewagen an die Tür kam, kaufte er sich ein recht üppiges Mittagessen, allerdings nichts mit Schokolade drin.
Doch spät am Nachmittag dann erschien etwas, das ihn richtig glücklich machte …
»Harry«, sagte Hermine plötzlich. Sie sah an ihm vorbei aus dem Fenster. »Was ist das eigentlich da draußen?«
Harry wandte sich um. Etwas Kleines und Graues hüpfte vor dem Fenster auf und ab. Er stand auf, um es besser sehen zu können, und erkannte eine winzige Eule, mit einem Brief im Schnabel, der viel zu groß für sie war. So klein war die Eule, dass sie heftig am Trudeln war und im Fahrtwind des Zuges immer wieder gegen die Scheibe klatschte. Schnell zog Harry das Fenster herunter, streckte den Arm hinaus und fing sie ein. Sie fühlte sich an wie ein sehr flaumiger Schnatz. Vorsichtig holte er sie ins Abteil. Die Eule ließ ihren Brief auf Harrys Sitz fallen und begann im Abteil herumzuflattern, offenbar hochzufrieden, dass sie ihre Aufgabe geschafft hatte. Hedwig, mit würdevoller Miene, klapperte missbilligend mit dem Schnabel. Krummbein erwachte aus dem Schlaf, setzte sich auf und folgte der Eule mit seinen großen gelben Augen. Ron, dem das nicht entging, fing die Eule ein und barg sie in der Hand.
Harry nahm den Brief hoch. Er trug seinen Namen. Er riss den Umschlag auf und rief:
»Von Sirius!«
»Was?«, sagten Ron und Hermine begeistert. »Lies ihn laut vor!«
Lieber Harry,
ich hoffe, dieser Brief erreicht dich, bevor du zu Onkel und Tante kommst. Ich weiß nicht, ob sie an Eulenpost gewöhnt sind.
Seidenschnabel und ich haben ein Versteck gefunden. Ich sag dir nicht, wo es ist, falls diese Eule in die falschen Hände gerät. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie zuverlässig sie ist, aber sie ist die beste, die ich finden konnte, und sie schien ganz scharf auf diesen Job.
Ich glaube, die Dementoren suchen immer noch nach mir, doch hier werden sie mich bestimmt nicht finden. Ich werde mich demnächst irgendwo ein paar Muggeln zeigen, weit weg von Hogwarts, so dass sie die Sicherheitsvorkehrungen im Schloss aufheben können.
Es gibt noch etwas, das ich dir bei unserem kurzen Zusammentreffen nicht erzählen konnte. Ich war es, der dir den Feuerblitz geschickt hat –
»Ha!«, sagte Hermine triumphierend. »Siehst du! Ich hab’s dir doch gesagt!«
»Ja, aber er hatte ihn nicht verhext, oder?«, sagte Ron. »Autsch!«
Die winzige Eule, die inzwischen glücklich in seiner Hand fiepte, hatte ihm in den Finger gepickt und es offenbar zärtlich gemeint.
Krummbein brachte für mich die Bestellung zur Eulenpost. Ich habe deinen Namen verwendet, aber geschrieben, dass sie das Gold aus dem Gringotts-Verlies Nummer siebenhundertelf nehmen sollten – das mir gehört. Bitte betrachte den Feuerblitz als dreizehn Geburtstagsgeschenke auf einmal von deinem Paten.
Ich möchte mich auch dafür entschuldigen, dass ich dir im letzten Jahr offenbar so viel Angst bereitet habe, und zwar in der Nacht, als du das Haus deines Onkels verlassen hattest. Ich wollte nur kurz einen Blick auf dich werfen, bevor ich mich auf die Reise nach Norden begab, aber ich glaube, mein Anblick hat dir einen Schock verpasst.
Ich habe noch etwas für dich beigelegt, von dem ich glaube, dass es dein nächstes Jahr in Hogwarts vergnüglicher machen wird.
Wenn du mich je brauchst, schicke mir eine Nachricht. Deine Eule wird mich finden.
Ich schreibe dir bald wieder,
Sirius
Harry sah sofort im Umschlag nach. Darin war noch ein Stück Pergament. Er las es rasch durch und fühlte sich plötzlich so warm und zufrieden, als ob er eine Flasche heißes Butterbier in einem Zug getrunken hätte.
Ich, Sirius Black, Harry Potters Pate, erteile ihm hiermit die Erlaubnis, an den Wochenenden nach Hogsmeade zu gehen.
»Das wird Dumbledore genügen!«, sagte Harry glücklich. Er kehrte zu Sirius’ Brief zurück.
»Wartet, da ist noch ein PS …«
Vielleicht will dein Freund Ron diese Eule behalten, immerhin ist es meine Schuld, dass er keine Ratte mehr hat.
Ron machte große Augen. Die Winzeule fiepte immer noch aufgeregt.
»Sie behalten?«, sagte er unsicher. Einen Moment lang musterte er die Eule scharf und dann, zu Harrys und Hermines Verblüffung, hielt er sie Krummbein zum Beschnüffeln unter die Nase.
»Was schätzt du?«, fragte Ron den Kater. »Eindeutig ’ne Eule?«
Krummbein schnurrte.
»Das genügt mir«, sagte Ron glücklich. »Sie gehört mir.«
Harry las den Brief von Sirius immer wieder Wort für Wort durch, bis sie im Bahnhof King’s Cross einfuhren. Er hatte ihn immer noch fest umklammert, als sie zu dritt durch die Absperrung von Gleis neundreiviertel in die Muggelwelt traten. Harry sah Onkel Vernon auf den ersten Blick. Er hatte sich in einigem Abstand von Mr und Mrs Weasley aufgestellt und äugte misstrauisch herüber, und als Mrs Weasley Harry zur Begrüßung herzlich umarmte, schienen seine schlimmsten Vermutungen über sie bestätigt.
»Ich ruf dich wegen der Weltmeisterschaft an!«, rief Ron Harry nach. Harry winkte Ron und Hermine zum Abschied und schob dann den Gepäckwagen mit seinem Koffer und Hedwigs Käfig hinüber zu Onkel Vernon, der ihn auf die übliche Weise begrüßte.
»Was ist das denn?«, raunzte er und starrte auf den Umschlag, den Harry immer noch in der Hand hielt. »Wenn das wieder so ein Formular ist, das ich unterschreiben soll, dann kannst du es dir –«
»Ist es nicht«, sagte Harry vergnügt. »Das ist ein Brief von meinem Paten.«
»Paten?«, prustete Onkel Vernon. »Du hast doch keinen Paten!«
»Hab ich doch«, sagte Harry strahlend. »Er war der beste Freund von Mum und Dad. Er ist ein verurteilter Mörder, aber er ist aus dem Zauberergefängnis ausgebrochen und auf der Flucht. Er möchte aber trotzdem gern in Verbindung mit mir bleiben … will wissen, was es so Neues gibt … und ob’s mir auch gut geht …«
Breit grinsend angesichts des entsetzten Onkels Vernon schob Harry die ratternde Karre mit Hedwig vor sich her zum Ausgang. Es sah ganz danach aus, als sollte dieser Sommer viel besser werden als der letzte.
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Harry Potter und der Stein der Weisen
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Originaltitel: Harry Potter and the Goblet of Fire
Aus dem Englischen von Klaus Fritz
Umschlagbild: Sabine Wilharm
Umschlaggestaltung: Doris K. Künster
Diese Digitale Edition wurde 2012 zum ersten Mal von Pottermore Limited veröffentlicht
Deutsche Printausgabe erschienen im Carlsen Verlag GmbH
Originalcopyright © J.K. Rowling 2000
Copyright für die Deutsche Ausgabe © Carlsen Verlag GmbH 2000
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ISBN 978-1-78110-058-5
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INHALT
Das Haus der Riddles
Die Narbe
Die Einladung
Zurück zum Fuchsbau
Weasleys Zauberhafte Zauberscherze
Der Portschlüssel
Bagman und Crouch
Die Quidditch-Weltmeisterschaft
Das Dunkle Mal
Wirbel im Ministerium
Im Hogwarts-Express
Das Trimagische Turnier
Mad-Eye Moody
Die Unverzeihlichen Flüche
Beauxbatons und Durmstrang
Der Feuerkelch
Die vier Champions
Die Eichung der Zauberstäbe
Der Ungarische Hornschwanz
Die erste Aufgabe
Die Hauselfen-Befreiungsfront
Die unerwartete Aufgabe
Der Weihnachtsball
Rita Kimmkorns Riesenknüller
Das Ei und das Auge
Die zweite Aufgabe
Tatzes Rückkehr
Mr Crouchs Wahn
Der Traum
Das Denkarium
Die dritte Aufgabe
Fleisch, Blut und Knochen
Die Todesser
Priori Incantatem
Veritaserum
Die Wege trennen sich
Der Anfang
Das Haus der Riddles
In Little Hangleton nannten sie es immer noch das »Riddle-Haus«, obwohl die Familie Riddle schon seit vielen Jahren nicht mehr dort wohnte. Das Haus stand auf einem Hügel mit Blick über das Dorf, einige Fenster waren mit Brettern vernagelt, das Dach war löchrig, und der Efeu rankte sich ungezügelt an den Mauern entlang. Das einst schöne Anwesen der Riddles, das mit Abstand großzügigste und beeindruckendste Haus im ganzen Umkreis, war nun feucht, heruntergekommen und menschenleer.
In Little Hangleton waren sich alle einig: Das Haus war ihnen »nicht geheuer«. Ein halbes Jahrhundert zuvor war hier etwas Merkwürdiges, etwas Entsetzliches geschehen, über das die Älteren im Dorf immer noch zu munkeln pflegten, wenn es sonst wenig zu klatschen und zu tratschen gab. Sie hatten die Geschichte so oft aufgewärmt und an so vielen Stellen weitergestrickt, dass keiner mehr so recht wusste, was nun in Wahrheit geschehen war. Doch wer auch immer die Geschichte erzählte, sie begann unweigerlich am selben Ort: Vor fünfzig Jahren – damals führten die Riddles noch einen stattlichen Haushalt – war ein Hausmädchen bei Anbruch eines schönen Sommermorgens in den Salon getreten und hatte alle drei Riddles tot vorgefunden.
Schreiend war das Mädchen den Hügel hinab ins Dorf gestürzt und hatte die halbe Einwohnerschaft aus dem Schlaf gerissen.
»Da oben liegen sie mit offenen Augen! Eiskalt! Und haben noch ihre Abendgarderobe an!«
Die Polizei wurde gerufen und in ganz Little Hangleton breitete sich eine Mischung aus ängstlicher Neugier und kaum verhohlener Erregung aus. Niemand gab sich sonderliche Mühe, so zu tun, als wäre er besonders traurig über den Tod der Riddles, denn sie waren ausgesprochen unbeliebt gewesen. Mr und Mrs Riddle, die älteren Herrschaften, galten als reich, hochnäsig und grob, und ihr erwachsener Sohn Tom hatte sie darin noch übertroffen. Die Menschen im Dorf wollten einzig und allein wissen, wer der Mörder war – denn natürlich fielen drei offenbar gesunde Menschen nicht eines Abends einfach tot um.
Im Gehängten Mann, dem Dorfpub, ging es an diesem Abend hoch her; alles, was Beine hatte, war gekommen, um über die Morde zu spekulieren. Und es hatte sich gelohnt, die heimischen Kaminfeuer zu verlassen, denn plötzlich tauchte die Köchin der Riddles in ihrer Mitte auf und verkündete dem schlagartig verstummten Publikum mit dramatischer Geste, ein Mann namens Frank Bryce sei gerade verhaftet worden.
»Frank!«, riefen einige Gäste. »Unmöglich!«
Frank Bryce war der Gärtner der Riddles. Er lebte allein in einer heruntergekommenen Hütte auf dem Anwesen der Riddles. Frank war mit einem stocksteifen Bein und einem großen Abscheu vor Menschenansammlungen und Lärm aus dem Krieg zurückgekehrt und hatte seither immer für die Riddles gearbeitet.
An der Theke gab es jetzt Gedrängel, denn man wollte die Köchin nicht auf dem Trockenen sitzen lassen und Genaueres von ihr hören.
»Mir ist er immer schräg vorgekommen«, verkündete sie nach dem vierten Glas Sherry den begierig lauschenden Dörflern. »Irgendwie unfreundlich. Ich hab ihm mal ’ne Tasse Tee angeboten, aber das hat mir gereicht. Der wollte nichts mit anderen zu tun haben, das hat man gleich gemerkt.«
»Nun ja«, sagte eine Frau an der Bar, »der Krieg war ’ne harte Zeit für Frank, er mag eben gern seine Ruhe. Das ist noch lange kein Grund –«
»Wer sonst hatte denn einen Schlüssel für die Hintertür?«, fauchte die Köchin zurück. »In der Gärtnerhütte hing immer ein Zweitschlüssel, das hab ich selbst gesehen! Gestern Nacht hat jedenfalls keiner die Tür aufgebrochen! Und die Fenster wurden auch nicht eingeschlagen! Frank musste bloß ins Herrenhaus schleichen, während wir alle schliefen …!«
Die Dörfler wechselten viel sagende Blicke.
»Ich hab mir immer schon gedacht, der hat den bösen Blick, sag ich euch«, brummte ein Mann an der Bar.
»Der Krieg hat ’nen komischen Kauz aus ihm gemacht«, sagte der Wirt.
»Hab doch immer gesagt, ich will Frank lieber nicht in die Quere kommen, stimmt’s, Dot?«, sagte eine aufgeregte Frau in der Ecke.
»Übles Temperament«, erwiderte Dot und nickte eifrig. »Ich hab ihn schon als Kind gekannt …«
Am nächsten Morgen zweifelte kaum noch jemand in Little Hangleton daran, dass Frank Bryce die Riddles ermordet hatte. Doch drüben im benachbarten Städtchen Great Hangleton, im dunklen und schäbigen Polizeirevier, behauptete Frank hartnäckig, er sei unschuldig. Der einzige Mensch, den er an jenem Tag, als die Riddles getötet wurden, in der Nähe ihres Hauses gesehen hatte, war ein Junge im Teenageralter, ein Fremder mit dunklen Haaren und blassem Gesicht. Im Dorf jedoch hatte kein Mensch diesen Jungen gesehen, und die Polizisten waren sich ziemlich sicher, dass Frank ihn erfunden hatte.
Schließlich, als es für Frank schon bitterernst aussah, traf der Untersuchungsbericht über die Leichen der Riddles ein, und mit einem Schlag änderte sich alles.
Die Polizisten hatten noch nie einen so merkwürdigen Befund gelesen. Ein Ärzteteam hatte die Leichen untersucht und war zu dem Schluss gekommen, dass keiner der Riddles vergiftet, erstochen, erschossen, erwürgt, erstickt oder (soweit sie dies sagen konnten) überhaupt verletzt worden war. Tatsächlich, so hieß es in dem Bericht mit deutlicher Verblüffung weiter, schienen die Riddles alle bei bester Gesundheit zu sein – abgesehen von der Tatsache, dass sie alle tot waren. Allerdings vermerkten die Ärzte (als ob sie entschlossen gewesen wären, etwas Merkwürdiges an den Leichen zu finden), dass allen Toten das Entsetzen ins Gesicht geschrieben stand – doch einer der ratlosen Polizisten bemerkte dazu nur: Wer hat je von drei Menschen gehört, die zu Tode geängstigt wurden?
Da ein Mord an den Riddles nicht zu beweisen war, musste die Polizei Frank laufen lassen. Die Riddles wurden auf dem Friedhof von Little Hangleton bestattet und noch eine ganze Zeit lang wurden die Gräber immer wieder von Neugierigen besucht. Dass Frank Bryce in sein Haus auf dem Anwesen der Riddles zurückkehrte, überraschte dann alle, und es gab viel Gemunkel.
»Wenn ihr mich fragt, dann hat er sie umgebracht, ist mir doch egal, was die Polizei sagt«, verkündete Dot im Gehängten Mann. »Und wenn nur ein Funken Anstand in ihm steckte, dann würde er hier abhauen, wo ihm doch klar ist, dass er uns nichts vormachen kann.«
Doch Frank zog nicht weg. Er blieb, um den Garten für die nächste Familie, die ins Riddle-Haus einzog, zu besorgen, und dann auch für die übernächste – denn keine Familie blieb lange dort wohnen. Vielleicht hatte es etwas mit Frank zu tun, dass jeder neue Besitzer behauptete, dieses Haus verbreite eine düstere Stimmung. Und als keiner mehr dort wohnte, begann das Haus zu verfallen.
Der reiche Mann, dem das Riddle-Haus inzwischen gehörte, lebte nicht hier und nutzte es auch nicht; im Dorf hieß es, er würde es aus »steuerlichen Gründen« unterhalten, doch keiner wusste so recht, was das heißen sollte. Der reiche Besitzer entlohnte Frank jedoch regelmäßig für seine Arbeit im Garten. Frank war jetzt fast siebenundsiebzig, er war auf einem Ohr taub, und sein schlimmes Bein war noch steifer geworden, doch bei schönem Wetter konnte man ihn in den Blumenbeeten harken und schnippeln sehen, auch wenn ihm das Unkraut allmählich die Beine hochkroch.
Doch Unkraut war nicht das Einzige, womit Frank sich herumärgern musste. Jungs aus dem Dorf kamen öfter herauf und warfen Steine durch die Fenster des Riddle-Hauses. Sie fuhren mit ihren Fahrrädern über den Rasen, den Frank so mühsam hegte und pflegte. Und wenn sie übermütig wurden, brachen sie auch schon mal ins Haus ein. Sie wussten, dass der alte Frank sich mit Leib und Seele dem ganzen Anwesen verschrieben hatte, und sie lachten ihn aus, wenn er durch den Garten humpelte, mit seinem Stock fuchtelte und sie krächzend beschimpfte. Frank wiederum glaubte, die Jungen würden ihn belästigen, weil sie ihn, wie ihre Eltern und Großeltern, für einen Mörder hielten. So dachte sich Frank nichts weiter, als er in einer Augustnacht erwachte und oben am alten Haus etwas recht Merkwürdiges sah. Die Jungs, so glaubte Frank, waren eben noch einen Schritt weitergegangen, um ihn zu zermürben.
Geweckt hatte ihn sein schlimmes Bein; mit dem Alter waren die Schmerzen noch stärker geworden. Er stand auf und humpelte nach unten in die Küche, um seine Wärmflasche aufzufüllen, mit der er seinem steifen Knie ein wenig Linderung verschaffen konnte. Er stand am Waschbecken und füllte den Kessel, als sein Blick zum Herrenhaus hochwanderte. In den oberen Fenstern glommen Lichter. Frank war nicht sonderlich überrascht. Die Jungs waren wieder mal ins Haus eingebrochen, und nach dem flackernden Licht zu schließen, hatten sie ein Feuer entfacht.
Frank hatte kein Telefon, und der Polizei vertraute er ohnehin nicht mehr, seit sie ihn nach dem Tod der Riddles zum Verhör mitgenommen hatten. Er ließ den Kessel stehen, hastete, so rasch sein schlimmes Bein es ihm erlaubte, nach oben und brauchte nicht lange, um sich anzuziehen und in die Küche zurückzukehren. Er griff nach einem rostigen alten Schlüssel am Türhaken, packte seinen Stock und machte sich auf in die Nacht.
Die Tür des Riddle-Hauses war offenbar nicht aufgebrochen worden und auch die Fensterscheiben waren noch ganz. Frank humpelte um das Haus herum zu einem Eingang, der fast völlig von Efeu verborgen war, zog den alten Schlüssel aus der Tasche, steckte ihn ins Schloss und öffnete lautlos die Tür.
Sie führte ihn in eine große, gewölbeartige Küche. Frank hatte sie seit Jahren nicht mehr betreten; zwar war es stockdunkel, doch er wusste noch, wo die Tür zum Flur lag. Er tastete sich an der Wand lang, modriger Geruch stieg ihm in die Nase, und er spitzte die Ohren, um ja keine Schritte oder Stimmen von oben zu überhören. Er gelangte in den Flur, wo es dank der großen Sprossenfenster zu beiden Seiten der Haustür ein wenig heller war, und betrat die Treppe. Er konnte von Glück reden, denn die dicke Staubschicht auf den Steinstufen erstickte die Geräusche seiner Schritte und seines Stocks.
Oben auf dem Treppenabsatz wandte sich Frank nach rechts und sah sofort, wo die Eindringlinge steckten: Ganz am Ende des Ganges stand eine Tür offen, ein flackerndes Licht fiel durch den Spalt und warf einen langen goldenen Streifen auf den schwarzen Fußboden. Frank umklammerte mit aller Kraft seinen Stock und schlich näher heran. Kurz vor der Tür konnte er ein schmales Stück von dem Zimmer dahinter einsehen.
Jetzt erkannte er, dass das Feuer im Kamin entfacht worden war. Das überraschte ihn. Er blieb stehen und lauschte angestrengt, denn drinnen begann ein Mann zu sprechen; seine Stimme klang schüchtern und ängstlich.
»Es ist noch ein Rest in der Flasche, Herr, wenn Ihr noch hungrig seid.«
»Später«, sagte eine zweite Stimme. Auch sie war die eines Mannes – doch klang sie merkwürdig hoch und kalt wie ein jäher eisiger Windstoß. Etwas an dieser Stimme ließ die spärlichen Haare auf Franks Nacken zu Berge stehen. »Rück mich näher ans Feuer, Wurmschwanz.«
Frank wandte sein rechtes Ohr zur Tür hin, um mehr zu verstehen. Er hörte das Klirren einer Flasche, die auf etwas Hartem abgestellt wurde, und dann das dumpfe Kratzen eines schweren Stuhls, der über den Boden gezogen wurde. Frank erhaschte einen kurzen Blick auf einen kleinen Mann, der mit dem Rücken zu ihm den Stuhl zum Kamin schob. Er trug einen langen schwarzen Umhang und hatte einen kahlen Fleck am Hinterkopf. Dann war er nicht mehr zu sehen.
»Wo ist Nagini?«, sagte die kalte Stimme.
»Ich – ich weiß nicht, Herr«, sagte die erste Stimme nervös. »Ich glaube, sie erkundet das Haus …«
»Du wirst sie melken, bevor wir uns zurückziehen, Wurmschwanz«, sagte die zweite Stimme. »Ich brauche heute Abend Nahrung. Die Reise hat mich sehr erschöpft.«
Mit gerunzelter Stirn neigte Frank sein gutes Ohr noch ein wenig näher Richtung Tür und lauschte gebannt. Ein kurzes Schweigen trat ein und dann sprach erneut der Mann namens Wurmschwanz.
»Herr, darf ich fragen, wie lange wir hierbleiben werden?«
»Eine Woche«, sagte die kalte Stimme. »Vielleicht länger. Hier lässt es sich einigermaßen aushalten und mit dem Plan können wir noch nicht fortfahren. Es wäre eine Dummheit, wenn wir loslegten, bevor die Quidditch-Weltmeisterschaft zu Ende ist.«
Frank steckte sich einen knochigen Finger ins Ohr und fing an zu quirlen. Er hatte das Wort »Quidditch« gehört, zweifellos, weil sich so viel Ohrenschmalz angesammelt hatte, denn »Quidditch« war überhaupt kein Wort.
»Die … die Quidditch-Weltmeisterschaft, Herr?«, fragte Wurmschwanz. (Frank bohrte den Finger noch energischer ins Ohr.) »Verzeiht mir, aber – ich verstehe nicht – warum sollten wir warten, bis die Quidditch-Weltmeisterschaft vorbei ist?«
»Weil zu ebendieser Stunde Zauberer aus aller Herren Länder ins Land strömen, du Dummkopf, und alle Kleinkrämer aus dem Zaubereiministerium ausgeschwärmt sind, um nach ungewöhnlichen Vorkommnissen Ausschau zu halten und jeden doppelt und dreifach zu überprüfen. Die haben nur noch eins im Kopf, nämlich sicherzugehen, dass die Muggel von allem nichts mitkriegen. Deshalb warten wir ab.«
Frank gab es auf, sein Ohr zu putzen. Er hatte klar und deutlich die Wörter »Zaubereiministerium«, »Zauberer« und »Muggel« gehört. Natürlich bedeuteten all diese Ausdrücke etwas Geheimes, und Frank fielen nur zwei Sorten von Leuten ein, die eine Geheimsprache gebrauchten – Spione und Verbrecher. Frank umklammerte seinen Stock noch fester und spitzte die Ohren.
»Eure Lordschaft ist also immer noch entschlossen?«, sagte Wurmschwanz leise.
»Natürlich bin ich entschlossen, Wurmschwanz.« In der kalten Stimme war jetzt eine leise Drohung zu spüren.
Eine kurze Stille trat ein – und dann sprach Wurmschwanz. Die Worte stolperten ihm hastig aus dem Mund, als ob er sich zwingen müsste, sie auszusprechen, bevor ihn der Mut verließ.
»Es könnte auch ohne Harry Potter gehen, Herr.« Wieder trat Schweigen ein, es hielt ein wenig länger an, und dann –
»Ohne Harry Potter?«, hauchte die zweite Stimme kaum vernehmlich. »Ich verstehe …«
»Herr, ich sage dies nicht aus Sorge um den Jungen!«, sagte Wurmschwanz mit hoher, quiekender Stimme. »Der Junge bedeutet mir nichts, überhaupt nichts! Nur, wenn wir einen anderen Zauberer oder eine Hexe nehmen – irgendjemanden –, könnten wir die Sache sehr viel schneller erledigen! Wenn Ihr mir erlauben würdet, Euch für kurze Zeit zu verlassen – Ihr wisst, dass ich mich ganz wirksam tarnen kann –, dann könnte ich in zwei Tagen mit einer geeigneten Person zurück sein –«
»Ich könnte einen anderen Zauberer nehmen«, sagte die zweite Stimme leise, »das ist wahr …«
»Es wäre das Beste, Herr«, sagte Wurmschwanz und klang dabei ausgesprochen erleichtert. »Harry Potter in die Hände zu bekommen wäre so schwierig, er ist sehr gut geschützt –«
»Und deshalb meldest du dich freiwillig und willst mir einen Ersatz besorgen? Merkwürdig … vielleicht ist dir die Aufgabe, mich zu pflegen, lästig geworden, Wurmschwanz? Kann dieser Vorschlag, den Plan aufzugeben, denn etwas anderes sein als der Versuch, mich im Stich zu lassen?«
»Herr! Ich … ich habe nicht den Wunsch, Euch zu verlassen, keineswegs –«
»Belüg mich nicht!«, zischte die zweite Stimme. »Mir entgeht nichts, Wurmschwanz! Du bereust, dass du überhaupt zu mir zurückgekommen bist. Bei mir wird dir übel. Ich sehe dich zusammenzucken, wenn du mich ansiehst, ich spüre, wie es dich schaudert, wenn du mich berührst …«
»Nein! Meine Hingabe für Eure Lordschaft –«
»Deine Hingabe ist nichts weiter als Feigheit. Du wärst nicht hier, wenn du eine andere Zuflucht hättest. Wie soll ich ohne dich überleben, wenn du mich alle paar Stunden füttern musst? Wer soll Nagini melken?«
»Aber Ihr scheint mir deutlich kräftiger geworden, Herr –«
»Lügner«, keuchte die zweite Stimme. »Ich bin nicht kräftiger geworden, und ein paar Tage auf mich allein gestellt würden reichen, um mich des wenigen an Kraft zu berauben, die ich unter deiner tölpelhaften Pflege gewonnen habe. Schweig!«
Wurmschwanz, der zusammenhanglose Worte hervorgesprudelt hatte, verstummte sofort. Ein paar Sekunden lang konnte Frank nichts weiter als das Knistern des Feuers hören. Dann sprach der zweite Mann erneut, mit einem Flüstern, das fast ein Zischen war.
»Ich habe meine Gründe, den Jungen zu verwenden, wie ich dir schon erklärt habe, und ich werde keinen anderen nehmen. Dreizehn Jahre habe ich gewartet. Ein paar Monate mehr schaden da auch nicht. Was den Schutz angeht, mit dem der Junge umgeben ist, so glaube ich, dass mein Plan funktionieren wird. Alles, was ich brauche, ist ein wenig Mut deinerseits, Wurmschwanz – und diesen Mut wirst du aufbringen, wenn du nicht das ganze Ausmaß von Lord Voldemorts Zorn spüren willst –«
»Herr, hört mich an!«, sagte Wurmschwanz und Panik lag jetzt in seiner Stimme. »Während unserer Reise bin ich den Plan immer wieder durchgegangen – Bertha Jorkins’ Verschwinden wird nicht lange unbemerkt bleiben, Herr, und wenn wir fortfahren, falls ich also tatsächlich den Fluch –«
»Falls?«, flüsterte die zweite Stimme. »Falls du den Plan befolgst, Wurmschwanz, braucht das Ministerium nie zu erfahren, dass noch jemand verschwunden ist. Du wirst es in aller Stille und ohne Aufsehen erledigen; ich wünschte nur, ich könnte es selbst tun, doch in meinem jetzigen Zustand … komm schon, Wurmschwanz, ein Hindernis musst du noch beseitigen, und unser Weg zu Harry Potter ist frei. Ich verlange ja nicht, dass du es alleine machst. Bis dahin wird mein treuer Diener wieder zu uns gestoßen sein –«
»Ich bin Euer treuer Diener«, sagte Wurmschwanz, mit kaum vernehmlichem Trotz in der Stimme.
»Wurmschwanz, ich brauche jemanden mit Verstand, jemanden, der immer unerschütterlich zu mir gestanden hat, und du erfüllst diese Forderungen leider nicht.«
»Ich habe Euch gefunden«, sagte Wurmschwanz und nun war die Widerspenstigkeit in seiner Stimme deutlich zu hören. »Ich war es, der Euch gefunden hat. Ich habe Euch zu Bertha Jorkins gebracht.«
»Das stimmt.« Der zweite Mann klang belustigt. »Ein brillanter Zug, den ich von dir nie erwartet hätte, Wurmschwanz – allerdings, um der Wahrheit die Ehre zu geben, du wusstest doch nicht, wie nützlich sie sein würde, als du sie gefangen hast, nicht wahr?«
»Ich … ich dachte, sie könnte nützlich sein, Herr –«
»Lügner«, sagte die zweite Stimme nun mit unverhohlen grausamer Häme. »Allerdings bestreite ich nicht, dass ihr Wissen unschätzbar war. Ohne es hätte ich nie unseren Plan auf die Beine stellen können und dafür wirst du belohnt werden, Wurmschwanz. Ich werde dir erlauben, eine wichtige Aufgabe für mich zu erledigen, für die viele meiner Anhänger die rechte Hand geben würden …«
»W-wirklich, Herr? Was –?« Wieder schwang Angst in Wurmschwanz’ Stimme mit.
»Aah, Wurmschwanz, du willst doch nicht, dass ich dir die Überraschung verderbe? Dein Auftritt kommt ganz am Schluss … aber ich verspreche dir, du wirst die Ehre haben, genauso nützlich zu sein wie Bertha Jorkins.«
»Ihr … Ihr …« Wurmschwanz klang plötzlich heiser, als wäre sein Mund völlig ausgetrocknet. »Ihr … werdet … auch mich töten?«
»Wurmschwanz, Wurmschwanz«, sagte die kalte Stimme schmeichlerisch, »warum sollte ich dich töten? Ich habe Bertha getötet, weil ich musste. Nachdem ich sie ausgehorcht hatte, taugte sie zu nichts mehr, sie war überflüssig. Jedenfalls wären peinliche Fragen gestellt worden, wenn sie zurück ins Ministerium gegangen wäre und verkündet hätte, sie hätte im Urlaub dich getroffen. Zauberer, die angeblich tot sind, tun gut daran, unterwegs nicht in irgendwelchen Spelunken Hexen aus dem Zaubereiministerium zu treffen …«
Wurmschwanz murmelte etwas, so leise, dass Frank es nicht verstand, doch der zweite Mann fing an zu lachen – ein gänzlich freudloses Lachen, kalt wie seine Stimme.
»Wir hätten ihr Gedächtnis ummodeln können? Ein mächtiger Zauberer kann einen Gedächtniszauber brechen, wie ich ja selbst bei ihrem Verhör bewiesen habe. Wenn wir das Wissen nicht nutzten, das ich ihr abgepresst habe, würden wir doch ihr Gedächtnis beleidigen, Wurmschwanz.«
Draußen im Korridor fiel Frank plötzlich auf, dass seine Hand, mit der er den Stock umklammerte, schweißnass und glitschig war. Der Mann mit der kalten Stimme hatte eine Frau getötet. Er sprach darüber ohne jede Reue – es belustigte ihn. Er war gefährlich – ein Wahnsinniger. Und er plante noch mehr Morde – dieser Junge, Harry Potter, wer immer er war – er war in Gefahr –
Frank wusste, was er zu tun hatte. Jetzt oder nie, es war höchste Zeit, die Polizei zu rufen. Er würde aus dem Haus schleichen und sich schnurstracks auf den Weg zur Telefonzelle im Dorf machen … doch die kalte Stimme sprach erneut, und Frank blieb, wo er war, starr wie ein Eiszapfen, und lauschte mit aller Kraft.
»Ein Fluch noch … mein treuer Diener in Hogwarts … Harry Potter ist so gut wie mein, Wurmschwanz. Es ist beschlossen. Kein Streit mehr. Doch still … ich glaube, ich höre Nagini …«
Und die Stimme des zweiten Mannes veränderte sich. Er gab nun Laute von sich, wie Frank sie noch nie gehört hatte; er zischte und fauchte, ohne Luft zu holen. Er muss eine Art Krampf oder Anfall haben, dachte Frank.
Und dann hörte er, wie sich hinter ihm im dunklen Korridor etwas bewegte. Er drehte sich um und erstarrte vor Schreck.
Über den dunklen Boden des Korridors glitt etwas auf ihn zu, und als es sich dem Lichtstreifen des Feuers näherte, erkannte er mit einem Schauder des Entsetzens, dass es eine gigantische, gut vier Meter lange Schlange war. Versteinert vor Angst starrte Frank auf das Tier, das sich in weit ausladenden Wellenlinien durch den dicken Staub auf dem Boden bewegte und immer näher kam – was sollte er tun? Flüchten konnte er nur in das Zimmer, wo die beiden Männer saßen und einen Mord ausheckten, doch wenn er stehen blieb, würde ihn die Schlange gewiss töten –
Doch bevor er sich entschieden hatte, war die Schlange gleichauf, und dann, unglaubliches Wunder, glitt sie an ihm vorbei; sie folgte den fauchenden und zischenden Lauten jener kalten Stimme hinter der Tür, und in Sekundenschnelle war die Spitze ihres rautengemusterten Schwanzes durch den Türspalt verschwunden.
Auf Franks Stirn standen Schweißperlen und seine Hand am Stock zitterte. Drinnen im Zimmer zischte die kalte Stimme weiter, und Frank kam ein merkwürdiger Gedanke in den Sinn, ein unmöglicher Gedanke … Dieser Mann kann mit Schlangen sprechen.
Frank begriff nicht, was geschah. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als mit seiner heißen Wärmflasche behaglich im Bett zu liegen. Das Problem war nur, dass seine Beine keine Anstalten machten, sich zu bewegen. Am ganzen Körper zitternd stand er da und versuchte seine Glieder zu beherrschen, als die kalte Stimme plötzlich wieder Englisch sprach.
»Nagini hat interessante Neuigkeiten, Wurmschwanz«, sagte sie.
»T-tatsächlich, Herr?«, sagte Wurmschwanz.
»In der Tat, ja«, sagte die Stimme. »Nagini zufolge steht draußen gleich vor der Tür ein alter Muggel und hört jedes Wort mit, das wir sprechen.«
Frank hatte keine Chance, sich zu verstecken. Er hörte Schritte, dann wurde die Tür zum Zimmer weit aufgestoßen.
Ein kleiner Mann mit schütterem grauem Haar, spitzer Nase und wässrigen Augen stellte sich vor Frank auf, mit einer Mischung aus Angst und Misstrauen in den Augen.
»Bitte ihn doch herein, Wurmschwanz. Wo bleiben deine Manieren?«
Die kalte Stimme kam von dem alten Lehnstuhl am Feuer her, doch Frank konnte nicht sehen, wer da sprach. Die Schlange hingegen hatte sich, wie die grausige Karikatur eines Schoßhündchens, auf dem verrotteten Kaminvorleger eingekringelt.
Wurmschwanz winkte Frank mit einer kleinen Verbeugung ins Zimmer. Frank steckte die Angst zwar immer noch in den Knochen, doch er umklammerte erneut seinen Stock und humpelte über die Schwelle.
Das Feuer war die einzige Lichtquelle im Zimmer; es warf lange, spinnengleiche Schatten an die Wände. Frank starrte auf den Rücken des Lehnstuhls; der Mann darauf schien noch kleiner zu sein als sein Diener, denn Frank konnte nicht einmal seinen Hinterkopf sehen.
»Du hast also alles mitgehört, Muggel?«, sagte die kalte Stimme.
»Warum nennen Sie mich so?«, sagte Frank widerspenstig, denn nun, da er in diesem Zimmer war, nun, da es an der Zeit war zu handeln, fühlte er sich mutiger; schon im Krieg war es so gewesen.
»Ich nenne dich einen Muggel«, sagte die Stimme kühl. »Das bedeutet, dass du kein Zauberer bist.«
»Ich weiß nicht, was Sie mit Zauberer meinen«, sagte Frank mit allmählich festerer Stimme. »Alles, was ich weiß, ist, dass ich heute Nacht was gehört hab, das sicher die Polizei interessieren wird. Sie haben einen Mord begangen und planen noch mehr Morde! Und ich sag Ihnen noch was«, fügte er in einer plötzlichen Eingebung hinzu, »meine Frau weiß, dass ich hier oben bin, und wenn ich nicht zurückkomme –«
»Du hast keine Frau«, sagte die kalte Stimme völlig ungerührt. »Keiner weiß, dass du hier bist. Du hast niemandem etwas gesagt. Belüge Lord Voldemort nicht, Muggel, denn er weiß … er weiß immer …«
»Stimmt das?«, sagte Frank barsch. »Lord, tatsächlich? Nun, ich halte nicht viel von Ihren Manieren, Sie Lord, Sie. Warum drehen Sie sich nicht um und schauen mir ins Gesicht wie ein Mann?«
»Ich bin kein Mann, Muggel«, sagte die kalte Stimme, die sich kaum über das Knistern des Feuers erhob. »Ich bin viel, viel mehr als ein Mann. Allerdings … warum nicht? Ich werde dir ins Gesicht sehen … Wurmschwanz, komm her und drehe meinen Stuhl um.«
Vom Diener her kam ein Wimmern.
»Du hast mich gehört, Wurmschwanz.«
Langsam, mit einer schrecklichen Grimasse, als wäre ihm nichts mehr zuwider, als sich seinem Herrn und der vor dem Kamin zusammengerollten Schlange zu nähern, ging der kleine Mann auf den Stuhl zu und begann ihn zu drehen. Die Stuhlbeine streiften leicht den Kaminvorleger und die Schlange hob ihren hässlichen dreieckigen Kopf und zischte leise.
Und dann war der Stuhl auf Frank gerichtet, und er sah, was dort saß. Sein Stock fiel klappernd zu Boden. Er öffnete den Mund und stieß einen Schrei aus. Er schrie so laut, dass er die Worte, die das Etwas auf dem Stuhl sprach, als es seinen Zauberstab erhob, nicht hören konnte. Ein grüner Lichtblitz, ein Brausen, und Frank Bryce brach zusammen. Noch bevor er aufschlug, war er tot.
Dreihundert Kilometer entfernt fuhr der Junge namens Harry Potter erschrocken aus dem Schlaf.
Für Peter Rowling,
in Erinnerung an Mr Ridley,
und für Susan Sladden,
die Harry aus dem Schrank half
INHALT
Das Haus der Riddles
Die Narbe
Die Einladung
Zurück zum Fuchsbau
Weasleys Zauberhafte Zauberscherze
Der Portschlüssel
Bagman und Crouch
Die Quidditch-Weltmeisterschaft
Das Dunkle Mal
Wirbel im Ministerium
Im Hogwarts-Express
Das Trimagische Turnier
Mad-Eye Moody
Die Unverzeihlichen Flüche
Beauxbatons und Durmstrang
Der Feuerkelch
Die vier Champions
Die Eichung der Zauberstäbe
Der Ungarische Hornschwanz
Die erste Aufgabe
Die Hauselfen-Befreiungsfront
Die unerwartete Aufgabe
Der Weihnachtsball
Rita Kimmkorns Riesenknüller
Das Ei und das Auge
Die zweite Aufgabe
Tatzes Rückkehr
Mr Crouchs Wahn
Der Traum
Das Denkarium
Die dritte Aufgabe
Fleisch, Blut und Knochen
Die Todesser
Priori Incantatem
Veritaserum
Die Wege trennen sich
Der Anfang
Das Haus der Riddles
In Little Hangleton nannten sie es immer noch das »Riddle-Haus«, obwohl die Familie Riddle schon seit vielen Jahren nicht mehr dort wohnte. Das Haus stand auf einem Hügel mit Blick über das Dorf, einige Fenster waren mit Brettern vernagelt, das Dach war löchrig, und der Efeu rankte sich ungezügelt an den Mauern entlang. Das einst schöne Anwesen der Riddles, das mit Abstand großzügigste und beeindruckendste Haus im ganzen Umkreis, war nun feucht, heruntergekommen und menschenleer.
In Little Hangleton waren sich alle einig: Das Haus war ihnen »nicht geheuer«. Ein halbes Jahrhundert zuvor war hier etwas Merkwürdiges, etwas Entsetzliches geschehen, über das die Älteren im Dorf immer noch zu munkeln pflegten, wenn es sonst wenig zu klatschen und zu tratschen gab. Sie hatten die Geschichte so oft aufgewärmt und an so vielen Stellen weitergestrickt, dass keiner mehr so recht wusste, was nun in Wahrheit geschehen war. Doch wer auch immer die Geschichte erzählte, sie begann unweigerlich am selben Ort: Vor fünfzig Jahren – damals führten die Riddles noch einen stattlichen Haushalt – war ein Hausmädchen bei Anbruch eines schönen Sommermorgens in den Salon getreten und hatte alle drei Riddles tot vorgefunden.
Schreiend war das Mädchen den Hügel hinab ins Dorf gestürzt und hatte die halbe Einwohnerschaft aus dem Schlaf gerissen.
»Da oben liegen sie mit offenen Augen! Eiskalt! Und haben noch ihre Abendgarderobe an!«
Die Polizei wurde gerufen und in ganz Little Hangleton breitete sich eine Mischung aus ängstlicher Neugier und kaum verhohlener Erregung aus. Niemand gab sich sonderliche Mühe, so zu tun, als wäre er besonders traurig über den Tod der Riddles, denn sie waren ausgesprochen unbeliebt gewesen. Mr und Mrs Riddle, die älteren Herrschaften, galten als reich, hochnäsig und grob, und ihr erwachsener Sohn Tom hatte sie darin noch übertroffen. Die Menschen im Dorf wollten einzig und allein wissen, wer der Mörder war – denn natürlich fielen drei offenbar gesunde Menschen nicht eines Abends einfach tot um.
Im Gehängten Mann, dem Dorfpub, ging es an diesem Abend hoch her; alles, was Beine hatte, war gekommen, um über die Morde zu spekulieren. Und es hatte sich gelohnt, die heimischen Kaminfeuer zu verlassen, denn plötzlich tauchte die Köchin der Riddles in ihrer Mitte auf und verkündete dem schlagartig verstummten Publikum mit dramatischer Geste, ein Mann namens Frank Bryce sei gerade verhaftet worden.
»Frank!«, riefen einige Gäste. »Unmöglich!«
Frank Bryce war der Gärtner der Riddles. Er lebte allein in einer heruntergekommenen Hütte auf dem Anwesen der Riddles. Frank war mit einem stocksteifen Bein und einem großen Abscheu vor Menschenansammlungen und Lärm aus dem Krieg zurückgekehrt und hatte seither immer für die Riddles gearbeitet.
An der Theke gab es jetzt Gedrängel, denn man wollte die Köchin nicht auf dem Trockenen sitzen lassen und Genaueres von ihr hören.
»Mir ist er immer schräg vorgekommen«, verkündete sie nach dem vierten Glas Sherry den begierig lauschenden Dörflern. »Irgendwie unfreundlich. Ich hab ihm mal ’ne Tasse Tee angeboten, aber das hat mir gereicht. Der wollte nichts mit anderen zu tun haben, das hat man gleich gemerkt.«
»Nun ja«, sagte eine Frau an der Bar, »der Krieg war ’ne harte Zeit für Frank, er mag eben gern seine Ruhe. Das ist noch lange kein Grund –«
»Wer sonst hatte denn einen Schlüssel für die Hintertür?«, fauchte die Köchin zurück. »In der Gärtnerhütte hing immer ein Zweitschlüssel, das hab ich selbst gesehen! Gestern Nacht hat jedenfalls keiner die Tür aufgebrochen! Und die Fenster wurden auch nicht eingeschlagen! Frank musste bloß ins Herrenhaus schleichen, während wir alle schliefen …!«
Die Dörfler wechselten viel sagende Blicke.
»Ich hab mir immer schon gedacht, der hat den bösen Blick, sag ich euch«, brummte ein Mann an der Bar.
»Der Krieg hat ’nen komischen Kauz aus ihm gemacht«, sagte der Wirt.
»Hab doch immer gesagt, ich will Frank lieber nicht in die Quere kommen, stimmt’s, Dot?«, sagte eine aufgeregte Frau in der Ecke.
»Übles Temperament«, erwiderte Dot und nickte eifrig. »Ich hab ihn schon als Kind gekannt …«
Am nächsten Morgen zweifelte kaum noch jemand in Little Hangleton daran, dass Frank Bryce die Riddles ermordet hatte. Doch drüben im benachbarten Städtchen Great Hangleton, im dunklen und schäbigen Polizeirevier, behauptete Frank hartnäckig, er sei unschuldig. Der einzige Mensch, den er an jenem Tag, als die Riddles getötet wurden, in der Nähe ihres Hauses gesehen hatte, war ein Junge im Teenageralter, ein Fremder mit dunklen Haaren und blassem Gesicht. Im Dorf jedoch hatte kein Mensch diesen Jungen gesehen, und die Polizisten waren sich ziemlich sicher, dass Frank ihn erfunden hatte.
Schließlich, als es für Frank schon bitterernst aussah, traf der Untersuchungsbericht über die Leichen der Riddles ein, und mit einem Schlag änderte sich alles.
Die Polizisten hatten noch nie einen so merkwürdigen Befund gelesen. Ein Ärzteteam hatte die Leichen untersucht und war zu dem Schluss gekommen, dass keiner der Riddles vergiftet, erstochen, erschossen, erwürgt, erstickt oder (soweit sie dies sagen konnten) überhaupt verletzt worden war. Tatsächlich, so hieß es in dem Bericht mit deutlicher Verblüffung weiter, schienen die Riddles alle bei bester Gesundheit zu sein – abgesehen von der Tatsache, dass sie alle tot waren. Allerdings vermerkten die Ärzte (als ob sie entschlossen gewesen wären, etwas Merkwürdiges an den Leichen zu finden), dass allen Toten das Entsetzen ins Gesicht geschrieben stand – doch einer der ratlosen Polizisten bemerkte dazu nur: Wer hat je von drei Menschen gehört, die zu Tode geängstigt wurden?
Da ein Mord an den Riddles nicht zu beweisen war, musste die Polizei Frank laufen lassen. Die Riddles wurden auf dem Friedhof von Little Hangleton bestattet und noch eine ganze Zeit lang wurden die Gräber immer wieder von Neugierigen besucht. Dass Frank Bryce in sein Haus auf dem Anwesen der Riddles zurückkehrte, überraschte dann alle, und es gab viel Gemunkel.
»Wenn ihr mich fragt, dann hat er sie umgebracht, ist mir doch egal, was die Polizei sagt«, verkündete Dot im Gehängten Mann. »Und wenn nur ein Funken Anstand in ihm steckte, dann würde er hier abhauen, wo ihm doch klar ist, dass er uns nichts vormachen kann.«
Doch Frank zog nicht weg. Er blieb, um den Garten für die nächste Familie, die ins Riddle-Haus einzog, zu besorgen, und dann auch für die übernächste – denn keine Familie blieb lange dort wohnen. Vielleicht hatte es etwas mit Frank zu tun, dass jeder neue Besitzer behauptete, dieses Haus verbreite eine düstere Stimmung. Und als keiner mehr dort wohnte, begann das Haus zu verfallen.
Der reiche Mann, dem das Riddle-Haus inzwischen gehörte, lebte nicht hier und nutzte es auch nicht; im Dorf hieß es, er würde es aus »steuerlichen Gründen« unterhalten, doch keiner wusste so recht, was das heißen sollte. Der reiche Besitzer entlohnte Frank jedoch regelmäßig für seine Arbeit im Garten. Frank war jetzt fast siebenundsiebzig, er war auf einem Ohr taub, und sein schlimmes Bein war noch steifer geworden, doch bei schönem Wetter konnte man ihn in den Blumenbeeten harken und schnippeln sehen, auch wenn ihm das Unkraut allmählich die Beine hochkroch.
Doch Unkraut war nicht das Einzige, womit Frank sich herumärgern musste. Jungs aus dem Dorf kamen öfter herauf und warfen Steine durch die Fenster des Riddle-Hauses. Sie fuhren mit ihren Fahrrädern über den Rasen, den Frank so mühsam hegte und pflegte. Und wenn sie übermütig wurden, brachen sie auch schon mal ins Haus ein. Sie wussten, dass der alte Frank sich mit Leib und Seele dem ganzen Anwesen verschrieben hatte, und sie lachten ihn aus, wenn er durch den Garten humpelte, mit seinem Stock fuchtelte und sie krächzend beschimpfte. Frank wiederum glaubte, die Jungen würden ihn belästigen, weil sie ihn, wie ihre Eltern und Großeltern, für einen Mörder hielten. So dachte sich Frank nichts weiter, als er in einer Augustnacht erwachte und oben am alten Haus etwas recht Merkwürdiges sah. Die Jungs, so glaubte Frank, waren eben noch einen Schritt weitergegangen, um ihn zu zermürben.
Geweckt hatte ihn sein schlimmes Bein; mit dem Alter waren die Schmerzen noch stärker geworden. Er stand auf und humpelte nach unten in die Küche, um seine Wärmflasche aufzufüllen, mit der er seinem steifen Knie ein wenig Linderung verschaffen konnte. Er stand am Waschbecken und füllte den Kessel, als sein Blick zum Herrenhaus hochwanderte. In den oberen Fenstern glommen Lichter. Frank war nicht sonderlich überrascht. Die Jungs waren wieder mal ins Haus eingebrochen, und nach dem flackernden Licht zu schließen, hatten sie ein Feuer entfacht.
Frank hatte kein Telefon, und der Polizei vertraute er ohnehin nicht mehr, seit sie ihn nach dem Tod der Riddles zum Verhör mitgenommen hatten. Er ließ den Kessel stehen, hastete, so rasch sein schlimmes Bein es ihm erlaubte, nach oben und brauchte nicht lange, um sich anzuziehen und in die Küche zurückzukehren. Er griff nach einem rostigen alten Schlüssel am Türhaken, packte seinen Stock und machte sich auf in die Nacht.
Die Tür des Riddle-Hauses war offenbar nicht aufgebrochen worden und auch die Fensterscheiben waren noch ganz. Frank humpelte um das Haus herum zu einem Eingang, der fast völlig von Efeu verborgen war, zog den alten Schlüssel aus der Tasche, steckte ihn ins Schloss und öffnete lautlos die Tür.
Sie führte ihn in eine große, gewölbeartige Küche. Frank hatte sie seit Jahren nicht mehr betreten; zwar war es stockdunkel, doch er wusste noch, wo die Tür zum Flur lag. Er tastete sich an der Wand lang, modriger Geruch stieg ihm in die Nase, und er spitzte die Ohren, um ja keine Schritte oder Stimmen von oben zu überhören. Er gelangte in den Flur, wo es dank der großen Sprossenfenster zu beiden Seiten der Haustür ein wenig heller war, und betrat die Treppe. Er konnte von Glück reden, denn die dicke Staubschicht auf den Steinstufen erstickte die Geräusche seiner Schritte und seines Stocks.
Oben auf dem Treppenabsatz wandte sich Frank nach rechts und sah sofort, wo die Eindringlinge steckten: Ganz am Ende des Ganges stand eine Tür offen, ein flackerndes Licht fiel durch den Spalt und warf einen langen goldenen Streifen auf den schwarzen Fußboden. Frank umklammerte mit aller Kraft seinen Stock und schlich näher heran. Kurz vor der Tür konnte er ein schmales Stück von dem Zimmer dahinter einsehen.
Jetzt erkannte er, dass das Feuer im Kamin entfacht worden war. Das überraschte ihn. Er blieb stehen und lauschte angestrengt, denn drinnen begann ein Mann zu sprechen; seine Stimme klang schüchtern und ängstlich.
»Es ist noch ein Rest in der Flasche, Herr, wenn Ihr noch hungrig seid.«
»Später«, sagte eine zweite Stimme. Auch sie war die eines Mannes – doch klang sie merkwürdig hoch und kalt wie ein jäher eisiger Windstoß. Etwas an dieser Stimme ließ die spärlichen Haare auf Franks Nacken zu Berge stehen. »Rück mich näher ans Feuer, Wurmschwanz.«
Frank wandte sein rechtes Ohr zur Tür hin, um mehr zu verstehen. Er hörte das Klirren einer Flasche, die auf etwas Hartem abgestellt wurde, und dann das dumpfe Kratzen eines schweren Stuhls, der über den Boden gezogen wurde. Frank erhaschte einen kurzen Blick auf einen kleinen Mann, der mit dem Rücken zu ihm den Stuhl zum Kamin schob. Er trug einen langen schwarzen Umhang und hatte einen kahlen Fleck am Hinterkopf. Dann war er nicht mehr zu sehen.
»Wo ist Nagini?«, sagte die kalte Stimme.
»Ich – ich weiß nicht, Herr«, sagte die erste Stimme nervös. »Ich glaube, sie erkundet das Haus …«
»Du wirst sie melken, bevor wir uns zurückziehen, Wurmschwanz«, sagte die zweite Stimme. »Ich brauche heute Abend Nahrung. Die Reise hat mich sehr erschöpft.«
Mit gerunzelter Stirn neigte Frank sein gutes Ohr noch ein wenig näher Richtung Tür und lauschte gebannt. Ein kurzes Schweigen trat ein und dann sprach erneut der Mann namens Wurmschwanz.
»Herr, darf ich fragen, wie lange wir hierbleiben werden?«
»Eine Woche«, sagte die kalte Stimme. »Vielleicht länger. Hier lässt es sich einigermaßen aushalten und mit dem Plan können wir noch nicht fortfahren. Es wäre eine Dummheit, wenn wir loslegten, bevor die Quidditch-Weltmeisterschaft zu Ende ist.«
Frank steckte sich einen knochigen Finger ins Ohr und fing an zu quirlen. Er hatte das Wort »Quidditch« gehört, zweifellos, weil sich so viel Ohrenschmalz angesammelt hatte, denn »Quidditch« war überhaupt kein Wort.
»Die … die Quidditch-Weltmeisterschaft, Herr?«, fragte Wurmschwanz. (Frank bohrte den Finger noch energischer ins Ohr.) »Verzeiht mir, aber – ich verstehe nicht – warum sollten wir warten, bis die Quidditch-Weltmeisterschaft vorbei ist?«
»Weil zu ebendieser Stunde Zauberer aus aller Herren Länder ins Land strömen, du Dummkopf, und alle Kleinkrämer aus dem Zaubereiministerium ausgeschwärmt sind, um nach ungewöhnlichen Vorkommnissen Ausschau zu halten und jeden doppelt und dreifach zu überprüfen. Die haben nur noch eins im Kopf, nämlich sicherzugehen, dass die Muggel von allem nichts mitkriegen. Deshalb warten wir ab.«
Frank gab es auf, sein Ohr zu putzen. Er hatte klar und deutlich die Wörter »Zaubereiministerium«, »Zauberer« und »Muggel« gehört. Natürlich bedeuteten all diese Ausdrücke etwas Geheimes, und Frank fielen nur zwei Sorten von Leuten ein, die eine Geheimsprache gebrauchten – Spione und Verbrecher. Frank umklammerte seinen Stock noch fester und spitzte die Ohren.
»Eure Lordschaft ist also immer noch entschlossen?«, sagte Wurmschwanz leise.
»Natürlich bin ich entschlossen, Wurmschwanz.« In der kalten Stimme war jetzt eine leise Drohung zu spüren.
Eine kurze Stille trat ein – und dann sprach Wurmschwanz. Die Worte stolperten ihm hastig aus dem Mund, als ob er sich zwingen müsste, sie auszusprechen, bevor ihn der Mut verließ.
»Es könnte auch ohne Harry Potter gehen, Herr.« Wieder trat Schweigen ein, es hielt ein wenig länger an, und dann –
»Ohne Harry Potter?«, hauchte die zweite Stimme kaum vernehmlich. »Ich verstehe …«
»Herr, ich sage dies nicht aus Sorge um den Jungen!«, sagte Wurmschwanz mit hoher, quiekender Stimme. »Der Junge bedeutet mir nichts, überhaupt nichts! Nur, wenn wir einen anderen Zauberer oder eine Hexe nehmen – irgendjemanden –, könnten wir die Sache sehr viel schneller erledigen! Wenn Ihr mir erlauben würdet, Euch für kurze Zeit zu verlassen – Ihr wisst, dass ich mich ganz wirksam tarnen kann –, dann könnte ich in zwei Tagen mit einer geeigneten Person zurück sein –«
»Ich könnte einen anderen Zauberer nehmen«, sagte die zweite Stimme leise, »das ist wahr …«
»Es wäre das Beste, Herr«, sagte Wurmschwanz und klang dabei ausgesprochen erleichtert. »Harry Potter in die Hände zu bekommen wäre so schwierig, er ist sehr gut geschützt –«
»Und deshalb meldest du dich freiwillig und willst mir einen Ersatz besorgen? Merkwürdig … vielleicht ist dir die Aufgabe, mich zu pflegen, lästig geworden, Wurmschwanz? Kann dieser Vorschlag, den Plan aufzugeben, denn etwas anderes sein als der Versuch, mich im Stich zu lassen?«
»Herr! Ich … ich habe nicht den Wunsch, Euch zu verlassen, keineswegs –«
»Belüg mich nicht!«, zischte die zweite Stimme. »Mir entgeht nichts, Wurmschwanz! Du bereust, dass du überhaupt zu mir zurückgekommen bist. Bei mir wird dir übel. Ich sehe dich zusammenzucken, wenn du mich ansiehst, ich spüre, wie es dich schaudert, wenn du mich berührst …«
»Nein! Meine Hingabe für Eure Lordschaft –«
»Deine Hingabe ist nichts weiter als Feigheit. Du wärst nicht hier, wenn du eine andere Zuflucht hättest. Wie soll ich ohne dich überleben, wenn du mich alle paar Stunden füttern musst? Wer soll Nagini melken?«
»Aber Ihr scheint mir deutlich kräftiger geworden, Herr –«
»Lügner«, keuchte die zweite Stimme. »Ich bin nicht kräftiger geworden, und ein paar Tage auf mich allein gestellt würden reichen, um mich des wenigen an Kraft zu berauben, die ich unter deiner tölpelhaften Pflege gewonnen habe. Schweig!«
Wurmschwanz, der zusammenhanglose Worte hervorgesprudelt hatte, verstummte sofort. Ein paar Sekunden lang konnte Frank nichts weiter als das Knistern des Feuers hören. Dann sprach der zweite Mann erneut, mit einem Flüstern, das fast ein Zischen war.
»Ich habe meine Gründe, den Jungen zu verwenden, wie ich dir schon erklärt habe, und ich werde keinen anderen nehmen. Dreizehn Jahre habe ich gewartet. Ein paar Monate mehr schaden da auch nicht. Was den Schutz angeht, mit dem der Junge umgeben ist, so glaube ich, dass mein Plan funktionieren wird. Alles, was ich brauche, ist ein wenig Mut deinerseits, Wurmschwanz – und diesen Mut wirst du aufbringen, wenn du nicht das ganze Ausmaß von Lord Voldemorts Zorn spüren willst –«
»Herr, hört mich an!«, sagte Wurmschwanz und Panik lag jetzt in seiner Stimme. »Während unserer Reise bin ich den Plan immer wieder durchgegangen – Bertha Jorkins’ Verschwinden wird nicht lange unbemerkt bleiben, Herr, und wenn wir fortfahren, falls ich also tatsächlich den Fluch –«
»Falls?«, flüsterte die zweite Stimme. »Falls du den Plan befolgst, Wurmschwanz, braucht das Ministerium nie zu erfahren, dass noch jemand verschwunden ist. Du wirst es in aller Stille und ohne Aufsehen erledigen; ich wünschte nur, ich könnte es selbst tun, doch in meinem jetzigen Zustand … komm schon, Wurmschwanz, ein Hindernis musst du noch beseitigen, und unser Weg zu Harry Potter ist frei. Ich verlange ja nicht, dass du es alleine machst. Bis dahin wird mein treuer Diener wieder zu uns gestoßen sein –«
»Ich bin Euer treuer Diener«, sagte Wurmschwanz, mit kaum vernehmlichem Trotz in der Stimme.
»Wurmschwanz, ich brauche jemanden mit Verstand, jemanden, der immer unerschütterlich zu mir gestanden hat, und du erfüllst diese Forderungen leider nicht.«
»Ich habe Euch gefunden«, sagte Wurmschwanz und nun war die Widerspenstigkeit in seiner Stimme deutlich zu hören. »Ich war es, der Euch gefunden hat. Ich habe Euch zu Bertha Jorkins gebracht.«
»Das stimmt.« Der zweite Mann klang belustigt. »Ein brillanter Zug, den ich von dir nie erwartet hätte, Wurmschwanz – allerdings, um der Wahrheit die Ehre zu geben, du wusstest doch nicht, wie nützlich sie sein würde, als du sie gefangen hast, nicht wahr?«
»Ich … ich dachte, sie könnte nützlich sein, Herr –«
»Lügner«, sagte die zweite Stimme nun mit unverhohlen grausamer Häme. »Allerdings bestreite ich nicht, dass ihr Wissen unschätzbar war. Ohne es hätte ich nie unseren Plan auf die Beine stellen können und dafür wirst du belohnt werden, Wurmschwanz. Ich werde dir erlauben, eine wichtige Aufgabe für mich zu erledigen, für die viele meiner Anhänger die rechte Hand geben würden …«
»W-wirklich, Herr? Was –?« Wieder schwang Angst in Wurmschwanz’ Stimme mit.
»Aah, Wurmschwanz, du willst doch nicht, dass ich dir die Überraschung verderbe? Dein Auftritt kommt ganz am Schluss … aber ich verspreche dir, du wirst die Ehre haben, genauso nützlich zu sein wie Bertha Jorkins.«
»Ihr … Ihr …« Wurmschwanz klang plötzlich heiser, als wäre sein Mund völlig ausgetrocknet. »Ihr … werdet … auch mich töten?«
»Wurmschwanz, Wurmschwanz«, sagte die kalte Stimme schmeichlerisch, »warum sollte ich dich töten? Ich habe Bertha getötet, weil ich musste. Nachdem ich sie ausgehorcht hatte, taugte sie zu nichts mehr, sie war überflüssig. Jedenfalls wären peinliche Fragen gestellt worden, wenn sie zurück ins Ministerium gegangen wäre und verkündet hätte, sie hätte im Urlaub dich getroffen. Zauberer, die angeblich tot sind, tun gut daran, unterwegs nicht in irgendwelchen Spelunken Hexen aus dem Zaubereiministerium zu treffen …«
Wurmschwanz murmelte etwas, so leise, dass Frank es nicht verstand, doch der zweite Mann fing an zu lachen – ein gänzlich freudloses Lachen, kalt wie seine Stimme.
»Wir hätten ihr Gedächtnis ummodeln können? Ein mächtiger Zauberer kann einen Gedächtniszauber brechen, wie ich ja selbst bei ihrem Verhör bewiesen habe. Wenn wir das Wissen nicht nutzten, das ich ihr abgepresst habe, würden wir doch ihr Gedächtnis beleidigen, Wurmschwanz.«
Draußen im Korridor fiel Frank plötzlich auf, dass seine Hand, mit der er den Stock umklammerte, schweißnass und glitschig war. Der Mann mit der kalten Stimme hatte eine Frau getötet. Er sprach darüber ohne jede Reue – es belustigte ihn. Er war gefährlich – ein Wahnsinniger. Und er plante noch mehr Morde – dieser Junge, Harry Potter, wer immer er war – er war in Gefahr –
Frank wusste, was er zu tun hatte. Jetzt oder nie, es war höchste Zeit, die Polizei zu rufen. Er würde aus dem Haus schleichen und sich schnurstracks auf den Weg zur Telefonzelle im Dorf machen … doch die kalte Stimme sprach erneut, und Frank blieb, wo er war, starr wie ein Eiszapfen, und lauschte mit aller Kraft.
»Ein Fluch noch … mein treuer Diener in Hogwarts … Harry Potter ist so gut wie mein, Wurmschwanz. Es ist beschlossen. Kein Streit mehr. Doch still … ich glaube, ich höre Nagini …«
Und die Stimme des zweiten Mannes veränderte sich. Er gab nun Laute von sich, wie Frank sie noch nie gehört hatte; er zischte und fauchte, ohne Luft zu holen. Er muss eine Art Krampf oder Anfall haben, dachte Frank.
Und dann hörte er, wie sich hinter ihm im dunklen Korridor etwas bewegte. Er drehte sich um und erstarrte vor Schreck.
Über den dunklen Boden des Korridors glitt etwas auf ihn zu, und als es sich dem Lichtstreifen des Feuers näherte, erkannte er mit einem Schauder des Entsetzens, dass es eine gigantische, gut vier Meter lange Schlange war. Versteinert vor Angst starrte Frank auf das Tier, das sich in weit ausladenden Wellenlinien durch den dicken Staub auf dem Boden bewegte und immer näher kam – was sollte er tun? Flüchten konnte er nur in das Zimmer, wo die beiden Männer saßen und einen Mord ausheckten, doch wenn er stehen blieb, würde ihn die Schlange gewiss töten –
Doch bevor er sich entschieden hatte, war die Schlange gleichauf, und dann, unglaubliches Wunder, glitt sie an ihm vorbei; sie folgte den fauchenden und zischenden Lauten jener kalten Stimme hinter der Tür, und in Sekundenschnelle war die Spitze ihres rautengemusterten Schwanzes durch den Türspalt verschwunden.
Auf Franks Stirn standen Schweißperlen und seine Hand am Stock zitterte. Drinnen im Zimmer zischte die kalte Stimme weiter, und Frank kam ein merkwürdiger Gedanke in den Sinn, ein unmöglicher Gedanke … Dieser Mann kann mit Schlangen sprechen.
Frank begriff nicht, was geschah. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als mit seiner heißen Wärmflasche behaglich im Bett zu liegen. Das Problem war nur, dass seine Beine keine Anstalten machten, sich zu bewegen. Am ganzen Körper zitternd stand er da und versuchte seine Glieder zu beherrschen, als die kalte Stimme plötzlich wieder Englisch sprach.
»Nagini hat interessante Neuigkeiten, Wurmschwanz«, sagte sie.
»T-tatsächlich, Herr?«, sagte Wurmschwanz.
»In der Tat, ja«, sagte die Stimme. »Nagini zufolge steht draußen gleich vor der Tür ein alter Muggel und hört jedes Wort mit, das wir sprechen.«
Frank hatte keine Chance, sich zu verstecken. Er hörte Schritte, dann wurde die Tür zum Zimmer weit aufgestoßen.
Ein kleiner Mann mit schütterem grauem Haar, spitzer Nase und wässrigen Augen stellte sich vor Frank auf, mit einer Mischung aus Angst und Misstrauen in den Augen.
»Bitte ihn doch herein, Wurmschwanz. Wo bleiben deine Manieren?«
Die kalte Stimme kam von dem alten Lehnstuhl am Feuer her, doch Frank konnte nicht sehen, wer da sprach. Die Schlange hingegen hatte sich, wie die grausige Karikatur eines Schoßhündchens, auf dem verrotteten Kaminvorleger eingekringelt.
Wurmschwanz winkte Frank mit einer kleinen Verbeugung ins Zimmer. Frank steckte die Angst zwar immer noch in den Knochen, doch er umklammerte erneut seinen Stock und humpelte über die Schwelle.
Das Feuer war die einzige Lichtquelle im Zimmer; es warf lange, spinnengleiche Schatten an die Wände. Frank starrte auf den Rücken des Lehnstuhls; der Mann darauf schien noch kleiner zu sein als sein Diener, denn Frank konnte nicht einmal seinen Hinterkopf sehen.
»Du hast also alles mitgehört, Muggel?«, sagte die kalte Stimme.
»Warum nennen Sie mich so?«, sagte Frank widerspenstig, denn nun, da er in diesem Zimmer war, nun, da es an der Zeit war zu handeln, fühlte er sich mutiger; schon im Krieg war es so gewesen.
»Ich nenne dich einen Muggel«, sagte die Stimme kühl. »Das bedeutet, dass du kein Zauberer bist.«
»Ich weiß nicht, was Sie mit Zauberer meinen«, sagte Frank mit allmählich festerer Stimme. »Alles, was ich weiß, ist, dass ich heute Nacht was gehört hab, das sicher die Polizei interessieren wird. Sie haben einen Mord begangen und planen noch mehr Morde! Und ich sag Ihnen noch was«, fügte er in einer plötzlichen Eingebung hinzu, »meine Frau weiß, dass ich hier oben bin, und wenn ich nicht zurückkomme –«
»Du hast keine Frau«, sagte die kalte Stimme völlig ungerührt. »Keiner weiß, dass du hier bist. Du hast niemandem etwas gesagt. Belüge Lord Voldemort nicht, Muggel, denn er weiß … er weiß immer …«
»Stimmt das?«, sagte Frank barsch. »Lord, tatsächlich? Nun, ich halte nicht viel von Ihren Manieren, Sie Lord, Sie. Warum drehen Sie sich nicht um und schauen mir ins Gesicht wie ein Mann?«
»Ich bin kein Mann, Muggel«, sagte die kalte Stimme, die sich kaum über das Knistern des Feuers erhob. »Ich bin viel, viel mehr als ein Mann. Allerdings … warum nicht? Ich werde dir ins Gesicht sehen … Wurmschwanz, komm her und drehe meinen Stuhl um.«
Vom Diener her kam ein Wimmern.
»Du hast mich gehört, Wurmschwanz.«
Langsam, mit einer schrecklichen Grimasse, als wäre ihm nichts mehr zuwider, als sich seinem Herrn und der vor dem Kamin zusammengerollten Schlange zu nähern, ging der kleine Mann auf den Stuhl zu und begann ihn zu drehen. Die Stuhlbeine streiften leicht den Kaminvorleger und die Schlange hob ihren hässlichen dreieckigen Kopf und zischte leise.
Und dann war der Stuhl auf Frank gerichtet, und er sah, was dort saß. Sein Stock fiel klappernd zu Boden. Er öffnete den Mund und stieß einen Schrei aus. Er schrie so laut, dass er die Worte, die das Etwas auf dem Stuhl sprach, als es seinen Zauberstab erhob, nicht hören konnte. Ein grüner Lichtblitz, ein Brausen, und Frank Bryce brach zusammen. Noch bevor er aufschlug, war er tot.
Dreihundert Kilometer entfernt fuhr der Junge namens Harry Potter erschrocken aus dem Schlaf.
Die Narbe
Harry lag flach auf dem Rücken und atmete schwer, als ob er gerannt wäre. Mit aufs Gesicht gepressten Händen war er aus einem fiebrigen Traum erwacht. Die alte Narbe auf seiner Stirn, die aussah wie ein Blitz, brannte unter seinen Fingern, als ob ihm jemand einen weiß glühenden Draht auf die Stirn drücken würde.
Er richtete sich auf, die eine Hand immer noch auf der Narbe, mit der anderen im Dunkeln nach seiner Brille auf dem Nachttisch tastend. Jetzt sah er sein Zimmer klarer. Es lag in dem schwachen, dunstig-orangeroten Licht, das die Straßenlaterne von draußen durch die Vorhänge warf.
Harry fuhr noch einmal mit den Fingern über die Narbe. Sie tat immer noch weh. Er knipste die Lampe auf dem Nachttisch an, stieg aus dem Bett, durchquerte das Zimmer, öffnete seinen Schrank und blinzelte in den Spiegel an der Innenseite der Tür. Ein hagerer Junge von vierzehn Jahren schaute zurück, dessen hellgrüne Augen unter dem zerzausten schwarzen Haar leicht verwirrt dreinblickten. Er besah sich die Blitznarbe im Spiegelbild etwas näher. Sie sah aus wie immer.
Harry versuchte sich zu erinnern, was er geträumt hatte. Es war ihm so wirklich vorgekommen … zwei Personen waren in dem Traum erschienen, die er kannte, und dann noch eine dritte, die er noch nie gesehen hatte … er sammelte mit aller Kraft seine Gedanken, runzelte die Stirn und dachte nach …
Das verschwommene Bild eines abgedunkelten Zimmers kam ihm in den Sinn … eine Schlange hatte auf einem Kaminvorleger gelegen … ein kleiner Mann namens Peter, Spitzname Wurmschwanz … und eine kalte, hohe Stimme … die Stimme Lord Voldemorts. Beim bloßen Gedanken an ihn fühlte sich Harry, als würde ihm ein Eiswürfel in den Magen gleiten …
Er drückte die Augen zu und versuchte sich zu erinnern, wie Voldemort ausgesehen hatte, doch er schaffte es nicht … Harry wusste nur eines. In dem Augenblick, da Voldemorts Stuhl herumgedreht wurde und er, Harry, gesehen hatte, was auf ihm saß, hatte ihn das Entsetzen gepackt und aus dem Schlaf gerissen … oder war es der Schmerz seiner Narbe gewesen?
Und wer war der alte Mann? Denn ganz sicher war ein alter Mann dabei gewesen; Harry hatte beobachtet, wie er zusammengebrochen war. – Alles drehte sich; Harry legte das Gesicht in die Hände, um sein Zimmer nicht mehr zu sehen, und versuchte das Bild des matt erleuchteten Raumes festzuhalten, doch es war, als ob er Wasser in hohlen Händen halten wollte; die Einzelheiten versickerten umso schneller, je angestrengter er versuchte, sie festzuhalten … Voldemort und Wurmschwanz hatten über jemanden gesprochen, den sie getötet hatten, doch Harry konnte sich nicht mehr an den Namen erinnern … und sie hatten sich verschworen, noch jemanden zu töten … ihn …
Harry hob den Kopf, öffnete die Augen und blickte in seinem Zimmer umher, als ob er erwartete, etwas Ungewöhnliches zu sehen. Tatsächlich waren außergewöhnlich viele ungewöhnliche Dinge in diesem Zimmer. Ein großer hölzerner Koffer stand mit geöffnetem Deckel am Fuß seines Bettes, und darin lagen ein Kessel, ein Besen, schwarze Umhänge und verschiedene Bücher mit Zaubersprüchen. Pergamentrollen waren über dem Schreibtisch verstreut, soweit der Platz nicht von dem großen leeren Käfig beansprucht wurde, in dem seine Schneeeule Hedwig für gewöhnlich hockte. Auf dem Boden neben seinem Bett lag ein aufgeschlagenes Buch; letzte Nacht hatte er vor dem Einschlafen darin gelesen. Alle Bilder in diesem Buch bewegten sich. Männer in leuchtend orangeroten Umhängen kamen auf Besen fliegend näher und verschwanden dann wieder, wobei sie sich einen roten Ball zuwarfen.
Harry ging hinüber zu dem Buch, hob es auf und sah zu, wie einer der Zauberer ein sagenhaftes Tor machte, indem er den Ball durch einen in zwanzig Meter Höhe angebrachten Ring beförderte. Dann schlug er das Buch zu. Selbst Quidditch – nach Harrys Ansicht der beste Sport der Welt – konnte ihn jetzt nicht ablenken. Er legte Fliegen mit den Cannons auf seinen Nachttisch, ging hinüber zum Fenster, zog die Vorhänge zurück und beobachtete die Straße vor dem Haus.
Der Ligusterweg sah genauso aus, wie eine achtbare Vorstadtstraße in den frühen Morgenstunden eines Samstags aussehen musste. Alle Vorhänge waren zugezogen. Soweit Harry sehen konnte, war kein Lebewesen in der Nähe, nicht einmal eine Katze.
Und doch … und doch … Rastlos ging Harry zurück zum Bett, setzte sich und fuhr erneut mit dem Finger über die Narbe. Es war nicht der Schmerz, der ihn beschäftigte; Harry hatte seine Erfahrungen mit Schmerzen und Verletzungen. Einmal hatte er alle Knochen seines rechten Armes verloren und man hatte sie über Nacht unter Qualen wieder wachsen lassen. Derselbe Arm war nicht viel später von einem ellenlangen Giftzahn durchstochen worden. Erst letztes Jahr war Harry von einem fliegenden Besen aus etwa fünfzehn Meter Höhe in die Tiefe gestürzt. Er war an haarsträubende Unfälle und Verletzungen gewöhnt; sie waren nicht zu vermeiden, wenn man nach Hogwarts ging, auf die Schule für Zauberei und Hexerei, und wenn man Ärger wie magisch anzog.
Nein, Harry beunruhigte etwas anderes. Als seine Narbe das letzte Mal geschmerzt hatte, war Voldemort in der Nähe gewesen … doch Voldemort konnte nicht hier sein, nicht jetzt … die Vorstellung, Voldemort würde im Ligusterweg auf ihn lauern, war unsinnig, völlig abwegig …
Harry lauschte angestrengt in die Stille hinein. Erwartete er nicht doch das Knarren einer Treppe, das Rascheln eines Umhangs? Und dann zuckte er leise zusammen, als er seinen Cousin Dudley im Zimmer nebenan markerschütternd aufschnarchen hörte.
Harry schüttelte sich in Gedanken; das war doch albern; niemand war im Haus außer ihm, Onkel Vernon, Tante Petunia und Dudley, sie schliefen natürlich alle noch, sie träumten ungestört und litten keine Schmerzen.
So mochte Harry die Dursleys am liebsten: wenn sie schliefen; denn tagsüber waren sie Harry nicht besonders zugetan, um es höflich auszudrücken. Onkel Vernon, Tante Petunia und Dudley waren Harrys einzige lebende Angehörige. Sie waren Muggel (nichtmagische Menschen), die Magie in jedweder Form hassten und verachteten, was bedeutete, dass Harry in ihrem Haus ungefähr so willkommen war wie der Hausschwamm. In den letzten drei Jahren war Harry viele Monate in Hogwarts gewesen, doch anderen Leuten hatten sie vorgemacht, er stecke im St.-Brutus-Sicherheitszentrum für unheilbar kriminelle Jungen. Sie wussten ganz genau, dass Harry, als minderjähriger Zauberer, außerhalb von Hogwarts nicht zaubern durfte, waren aber schnell dabei, ihm für alles, was bei ihnen schieflief, die Schuld zu geben. Harry hatte ihnen nie sein Herz ausschütten oder ihnen sein Leben in der Zaubererwelt schildern können. Die bloße Vorstellung, zu ihnen zu gehen, wenn sie aufwachten, und von seiner schmerzenden Narbe und von seinen Befürchtungen wegen Voldemort zu erzählen, war geradezu lachhaft.
Und doch war Voldemort der eigentliche Grund, warum Harry überhaupt zu den Dursleys gekommen war. Ohne Voldemort hätte Harry nicht die Blitznarbe auf seiner Stirn. Ohne Voldemort hätte Harry noch seine Eltern …
Harry war ein Jahr alt gewesen in jener Nacht, als Voldemort – der mächtigste schwarze Magier seit einem Jahrhundert, ein Zauberer, der elf Jahre lang stets seine Macht gemehrt hatte – in ihr Haus gekommen war und seinen Vater und seine Mutter getötet hatte. Daraufhin hatte Voldemort seinen Zauberstab gegen Harry gerichtet; er hatte den Fluch ausgesprochen, mit dem er viele gestandene Hexen und Zauberer auf seinem unaufhaltsamen Weg nach oben beseitigt hatte – doch unfasslicherweise hatte der Fluch bei ihm nicht gewirkt. Statt den kleinen Jungen zu töten, war der Fluch auf Voldemort zurückgefallen. Harry hatte überlebt und nur eine blitzförmige Narbe auf der Stirn zurückbehalten, und Voldemort war auf etwas zusammengeschrumpft, das kaum noch Leben in sich hatte. Seiner Zauberkräfte beraubt, das Leben in ihm fast erloschen, war Voldemort geflohen; die Schreckensherrschaft, unter der die geheime Gemeinschaft der Hexen und Zauberer so lange gelebt hatte, war zusammengebrochen. Voldemorts Anhänger hatten sich zerstreut und Harry Potter war berühmt geworden.
Mit einem gewaltigen Schreck hatte Harry an seinem elften Geburtstag herausgefunden, dass er ein Zauberer war; und die Entdeckung, dass sein Name in der verborgenen Zaubererwelt allbekannt war, beunruhigte ihn noch mehr. Bei seiner Ankunft in Hogwarts musste er feststellen, dass sich überall, wo er auftauchte, die Köpfe wandten und Getuschel ihm auf Schritt und Tritt folgte. Doch inzwischen hatte er sich daran gewöhnt: Ende des Sommers würde er sein viertes Schuljahr in Hogwarts beginnen und er zählte bereits die Tage bis dahin.
Doch noch waren es zwei Wochen bis zu seiner Rückkehr nach Hogwarts. Er sah sich noch einmal ratlos in seinem Zimmer um, und sein Blick blieb an den Geburtstagskarten hängen, die seine beiden besten Freunde ihm Ende Juli geschickt hatten. Was würden sie sagen, wenn er ihnen schriebe und von seiner schmerzenden Narbe berichtete?
Schon hallte Hermine Grangers Stimme in seinem Kopf wider, schrill und voller Panik:
»Deine Narbe tut weh? Harry, damit ist nicht zu spaßen … Schreib an Professor Dumbledore! Und ich werd auf der Stelle in ›Magische Hauskrankheiten und Gebrechen‹ nachsehen … Vielleicht steht da was über Fluchnarben drin …«
Ja, das würde Hermine raten: Geh sofort zum Schulleiter von Hogwarts und schlag vorher am besten noch in einem Buch nach. Harry blickte durch das Fenster auf den mit königsblauen Schleiern überzogenen Morgenhimmel. Er hatte große Zweifel, ob ein Buch ihm jetzt helfen würde. Soweit er wusste, war er der einzige Mensch, der einen Fluch wie den Voldemorts überlebt hatte; deshalb war es höchst unwahrscheinlich, dass er seine Leiden in Magische Hauskrankheiten und Gebrechen wiederfinden würde. Und was den Schulleiter anging, so hatte Harry keine Ahnung, wo Dumbledore in den Sommerferien hinfuhr. Einen Moment lang belustigte ihn die Vorstellung, dass Dumbledore mit seinem langen Silberbart, dem langen Zaubererumhang und dem Spitzhut irgendwo an einem Strand lag und sich Sonnenöl auf die lange Adlernase rieb. Allerdings, wo immer Dumbledore auch war, Hedwig würde ihn sicher finden; Harrys Eule hatte es bisher noch immer geschafft, ihre Briefe zu überbringen, sogar ohne Adresse. Doch was sollte er schreiben?
Lieber Professor Dumbledore, Verzeihung, dass ich Sie belästige, doch heute Morgen hat meine Narbe wehgetan. Mit freundlichen Grüßen – Harry Potter
Selbst in seinem Kopf klangen diese Worte albern.
So versuchte er sich vorzustellen, was Ron, sein anderer bester Freund, sagen würde, und schon tauchten vor Harrys Augen Rons lange Nase und sein sommersprossiges Gesicht mit nachdenklicher Miene auf.
»Deine Narbe tut weh? Aber … aber Du-weißt-schon-wer kann doch gar nicht in deiner Nähe sein, oder? Im Ernst … das würdest du doch merken? Er würde wieder versuchen dich zu erledigen, meinst du nicht? Ich weiß nicht, Harry, vielleicht zwicken Fluchnarben immer ein wenig … ich frag mal Dad …«
Mr Weasley war ein voll ausgebildeter Zauberer, der in der Abteilung gegen den Missbrauch von Muggelartefakten im Zaubereiministerium arbeitete, doch soviel Harry wusste, war er in Sachen Flüche nicht einschlägig bewandert. Jedenfalls behagte Harry die Vorstellung nicht, die ganze Familie Weasley würde erfahren, dass er, Harry, schon wegen ein paar Wehwehchen nervös wurde. Mrs Weasley würde einen noch größeren Aufstand machen als Hermine, und Fred und George, Rons sechzehnjährige Zwillingsbrüder, dachten womöglich noch, Harry würde die Nerven verlieren. Die Weasleys waren für Harry die tollste Familie der Welt; er hatte die Hoffnung, dass sie ihn schon bald zu sich einluden (Ron hatte etwas von der Quidditch-Weltmeisterschaft erwähnt), und irgendwie wollte er nicht, dass sein Aufenthalt mit besorgten Nachfragen zu seiner Narbe gestört wurde.
Harry massierte seine Stirn mit den Handknöcheln. Was er wirklich wollte (und er schämte sich beinahe, es sich selbst einzugestehen), war so etwas wie eine Mutter oder einen Vater: ein erwachsener Zauberer, dessen Rat er erfragen konnte, ohne sich blöd vorzukommen, jemand, der ihn gern hatte und der Erfahrung hatte mit schwarzer Magie …
Und dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Es war so einfach und so offensichtlich, dass er kaum fassen konnte, wie lange er gebraucht hatte – Sirius.
Harry sprang vom Bett, stürzte durchs Zimmer und setzte sich an seinen Schreibtisch; er zog ein Blatt Pergament zu sich her, füllte seine Adlerfeder mit Tinte und schrieb: Lieber Sirius, hielt inne und überlegte, wie er sein Problem am besten ausdrücken konnte. Warum, so wunderte er sich immer noch, hatte er nicht sofort an Sirius gedacht? Doch wenn er genauer überlegte, war es vielleicht gar nicht so merkwürdig – schließlich hatte er erst vor zwei Monaten herausgefunden, dass Sirius sein Pate war.
Es gab einen einfachen Grund, warum Sirius bis dahin in Harrys Leben überhaupt nicht aufgetaucht war – Sirius hatte in Askaban gesteckt, dem schrecklichen Zauberergefängnis, das von Dementoren genannten Wesen bewacht wurde, blinden, Seelen saugenden Finsterlingen, die dann nach Hogwarts gekommen waren, um den entflohenen Sirius zu suchen. Doch Sirius war unschuldig – die Morde, für die er verurteilt worden war, hatte Wurmschwanz begangen, Voldemorts Helfer, den jetzt fast alle für tot hielten. Harry, Ron und Hermine wussten es jedoch besser; letztes Jahr waren sie Wurmschwanz von Angesicht zu Angesicht begegnet, doch nur Professor Dumbledore hatte ihnen diese Geschichte abgenommen.
Eine wunderbare Stunde lang hatte Harry geglaubt, endlich die Dursleys verlassen zu können, denn Sirius hatte ihm ein Zuhause angeboten, sobald sein Name rein gewaschen war. Doch diese Chance war ihm wieder geraubt worden – Wurmschwanz war entkommen, bevor sie ihn zum Zaubereiministerium hatten bringen können, und Sirius musste fliehen, um sein Leben zu retten. Harry hatte ihm geholfen, auf dem Rücken eines Hippogreifs namens Seidenschnabel zu entkommen, und seither war Sirius auf der Flucht. Der Gedanke an ein Zuhause, das Harry vielleicht gewonnen hätte, wenn Wurmschwanz nicht entkommen wäre, hatte ihn den ganzen Sommer über nicht losgelassen. Mit der Vorstellung im Kopf, den Dursleys um ein Haar für immer entkommen zu sein, war es Harry besonders schwergefallen, zu ihnen zurückzukehren.
Und doch hatte Sirius Harry in manchem geholfen, auch wenn er nicht bei ihm sein konnte. Dank Sirius hatte Harry jetzt all seine Schulsachen bei sich im Zimmer. Die Dursleys hatten ihm das noch nie zuvor erlaubt; sie hatten immer gewollt, dass es Harry so elend wie möglich ginge, und zugleich Angst vor seinen Fähigkeiten gehabt, deshalb hatten sie seinen Schulkoffer bisher im Schrank unter der Treppe eingeschlossen. Doch ihre Haltung hatte sich geändert, als sie herausgefunden hatten, dass Harrys Pate ein gefährlicher Mörder war – Harry hatte bequemerweise vergessen ihnen zu sagen, dass Sirius unschuldig war.
Harry hatte zwei Briefe von Sirius erhalten, seit er wieder im Ligusterweg wohnte. Nicht Eulen hatten sie überbracht (wie es unter Zauberern üblich war), sondern große, hellbunte tropische Vögel. Hedwig hatte diese glamourösen Eindringlinge gar nicht gemocht; nur äußerst widerwillig erlaubte sie ihnen, aus ihrem Wassernapf zu trinken, bevor sie wieder davonflogen. Harry jedoch mochte die Vögel; sie erinnerten ihn an Palmen und weißen Sand, und er hoffte, Sirius, wo immer er war (was er in seinen Briefen nie verriet, falls sie abgefangen wurden), würde es sich gut gehen lassen. Harry konnte es sich kaum vorstellen, dass die Dementoren unter der strahlenden Sonne lange überleben würden; vielleicht war Sirius deshalb nach Süden gegangen. Seine beiden Briefe, unter dem äußerst nützlichen losen Dielenbrett unter Harrys Bett versteckt, klangen recht fröhlich, und er hatte Harry jedes Mal aufgefordert, ihm zu schreiben, falls er ihn brauchen sollte. Nun, jetzt brauchte er ihn wirklich …
Das kalte graue Licht, das den Sonnenaufgang ankündigte, drang allmählich ins Zimmer und Harrys Lampe schien zu verblassen. Schließlich, als die Sonne aufgegangen war und die Wände seines Zimmers in Gold getaucht hatte, als Geräusche aus Onkel Vernons und Tante Petunias Zimmer zu hören waren, räumte Harry die zerknitterten Pergamente von seinem Schreibtisch und las den fertigen Brief noch einmal durch.
Lieber Sirius,
danke für deinen letzten Brief, dieser Vogel war so riesig, dass er es kaum durch mein Fenster geschafft hat.
Hier geht es zu wie immer. Mit Dudleys Diät läuft es nicht besonders gut. Meine Tante hat ihn gestern erwischt, wie er Doughnuts in sein Zimmer schmuggelte. Sie haben gedroht, ihm das Taschengeld zu kürzen, wenn er das noch mal macht, und daraufhin ist er furchtbar wütend geworden und hat seine Playstation aus dem Fenster geworfen. Das ist eine Art Computer, auf dem man spielen kann. Ziemlich dumm von ihm, wenn du mich fragst, denn jetzt hat er nicht mal Giga-Gemetzel Teil III, um sich abzulenken.
Mir geht’s ganz gut, vor allem weil die Dursleys schreckliche Angst haben, du könntest hier auftauchen und, wenn ich dich darum bitte, sie alle in Fledermäuse verwandeln.
Aber heute Morgen ist etwas Merkwürdiges passiert. Meine Narbe hat wieder wehgetan. Das letzte Mal hat sie geschmerzt, weil Voldemort in Hogwarts war. Aber ich glaube nicht, dass er irgendwo in meiner Nähe sein kann, oder? Weißt du, ob Fluchnarben manchmal noch nach Jahren wehtun?
Ich schick dir diesen Brief mit Hedwig, sobald sie zurückkommt, im Augenblick ist sie jagen. Grüß Seidenschnabel von mir.
Harry
Ja, dachte Harry, das kann ich so lassen. Von seinem Traum wollte er lieber nichts erwähnen, sonst dachte Sirius womöglich noch, er sei mit den Nerven völlig am Ende. Er faltete das Pergament zusammen und legte den Brief an den Tischrand, bereit für Hedwig, wenn sie zurückkam. Dann stand er auf, streckte sich und öffnete noch einmal den Schrank. Ohne einen Blick auf sein Spiegelbild zu werfen, zog er sich an und ging hinunter zum Frühstück.
Die Einladung
Die drei Dursleys saßen bereits am Tisch, aber keiner von ihnen blickte auf, als Harry in die Küche kam und sich dazusetzte. Onkel Vernons breites rotes Gesicht war hinter der morgendlichen Tagespost versteckt, und Tante Petunia, die Lippen über ihren Pferdezähnen gespitzt, viertelte eine Grapefruit.
Dudley saß mit zornigem Schmollmund da und schien noch mehr Platz einzunehmen als sonst. Und das sollte schon etwas heißen, denn er beanspruchte immer eine ganze Seite des quadratischen Tisches für sich. Als Tante Petunia mit einem zittrigen »Bitte sehr, Diddyschatz« ein ungezuckertes Viertel der Grapefruit auf Dudleys Teller legte, warf er ihr einen finsteren Blick zu. Sein Leben hatte eine höchst unerfreuliche Wendung genommen, seit er mit dem Jahreszeugnis in die Sommerferien gekommen war.
Wie üblich hatten Onkel Vernon und Tante Petunia viele Ausreden für seine schlechten Noten gefunden; Tante Petunia pflegte felsenfest zu behaupten, Dudley sei ein hoch begabter Junge, nur leider würden die Lehrer ihn einfach nicht verstehen. Onkel Vernon hingegen versicherte, er wolle ohnehin keinen kleinen streberhaften Weichling haben. Auch den im Zeugnis erhobenen Vorwurf, Dudley würde andere Schüler schikanieren, taten sie ab – »Er ist nun mal ein kleiner Rabauke, doch er würde keiner Fliege was zuleide tun!«, sagte Tante Petunia mit Tränen in den Augen.
Allerdings fanden sich am Ende des Schreibens einige sorgsam gewählte Bemerkungen der Schulkrankenschwester, die nicht einmal Onkel Vernon und Tante Petunia wegerklären konnten. Wie sehr Tante Petunia auch jammerte, Dudley habe eben große Knochen und bestehe ansonsten doch aus Babyspeck, er sei ein Junge, der noch wachse und viel zu essen brauche – es blieb dabei, dass die Schulausstatter keine Knickerbocker mehr führten, die ihm noch passten. Der Schulkrankenschwester war nicht entgangen, was Tante Petunia – die so scharfe Augen hatte, wenn es darum ging, Fingerabdrücke auf ihren schimmernden Möbeln zu entdecken und das Kommen und Gehen der Nachbarn zu beobachten – einfach nicht sehen wollte: dass Dudley keineswegs Extraportionen zu essen brauchte, sondern ungefähr Größe und Gewicht eines jungen Killerwals erreicht hatte.
Und so kam es, dass nach vielen Streitereien und Wutanfällen, die Harrys Zimmerboden erschütterten, und nach vielen Tränen Tante Petunias der neue Speiseplan eingeführt wurde. Sie heftete den Diätzettel, den die Schulkrankenschwester aus Smeltings geschickt hatte, an den Kühlschrank, räumte sämtliche Lieblingsleckereien Dudleys aus – klebrige Softdrinks und Kuchen, Schokoriegel und Hamburger – und füllte ihn stattdessen mit Obst und Gemüse und all jenen Dingen, die Onkel Vernon als »Kaninchenfutter« bezeichnete. Um Dudley die Sache ein wenig schmackhafter zu machen, bestand Tante Petunia darauf, dass auch der Rest der Familie Diät hielt. So reichte sie Harry jetzt ebenfalls ein Viertel Grapefruit. Harry entging nicht, dass es viel kleiner war als Dudleys Stück. Tante Petunia schien zu glauben, um Dudley bei Laune zu halten, müsse sie zumindest dafür sorgen, dass er wenigstens mehr zu essen bekam als Harry.
Doch Tante Petunia wusste nicht, was unter dem losen Dielenbrett oben in Harrys Zimmer versteckt war. Sie hatte keine Ahnung, dass Harry sich keineswegs an die Diät hielt. Kaum hatte er Wind davon bekommen, dass er den Sommer über von Karotten würde leben müssen, hatte Harry Hedwig mit einem Hilferuf zu seinen Freunden geschickt, und sie hatten diese Herausforderung glänzend bewältigt. Von Hermine hatte Hedwig eine große Schachtel zuckerfreier Knabbereien zurückgebracht (Hermines Eltern waren Zahnärzte). Hagrid, der Wildhüter von Hogwarts, war mit einem Beutel voll selbst gebackener Felsenkekse in die Bresche gesprungen (Harry hatte sie noch nicht angerührt; Hagrids Backkünste kannte er zur Genüge). Mrs Weasley jedoch hatte die Familieneule Errol mit einem riesigen Früchtekuchen und verschiedenen Pasteten zu Harry geschickt. Der arme, schon etwas altersschwache Errol hatte ganze fünf Tage gebraucht, um sich von dem Flug zu erholen. Und schließlich hatte Harry an seinem Geburtstag (den die Dursleys glatt übergangen hatten) vier köstliche Geburtstagskuchen erhalten, je einen von Ron, Hermine, Hagrid und Sirius. Harry hatte immer noch zwei davon übrig, und so begann er in der Vorfreude auf ein herzhaftes Frühstück oben im Zimmer klaglos seine Grapefruit zu essen.
Onkel Vernon legte die Zeitung zur Seite, schnaubte tief durch und besah sich sein eigenes Stück Grapefruit.
»Das ist alles?«, sagte er ungnädig zu Tante Petunia.
Tante Petunia warf ihm einen strengen Blick zu und nickte mit gespitztem Mund hinüber zu Dudley, der sein Grapefruit-Viertel bereits aufgegessen hatte und nun Harrys Stück mit einem sehr sauren Ausdruck in den kleinen Schweinsäuglein ins Visier nahm.
Onkel Vernon ließ einen tiefen Seufzer vernehmen, der seinen ausladenden, buschigen Schnurrbart erzittern ließ, und nahm den Löffel zur Hand.
Jemand läutete an der Tür. Onkel Vernon wuchtete sich hoch und ging hinaus in den Flur. Während sich Tante Petunia am Teekessel zu schaffen machte, stibitzte Dudley blitzschnell Onkel Vernons restliche Grapefruit.
Harry hörte Stimmen an der Haustür, ein Lachen und eine barsche Entgegnung Onkel Vernons. Dann fiel die Tür ins Schloss und vom Flur kam das Geräusch zerreißenden Papiers.
Tante Petunia stellte die Teekanne auf den Tisch und sah sich verdutzt nach Onkel Vernon um; sie musste nicht lange warten, denn kurz darauf erschien er mit zornrotem Gesicht.
»Du«, blaffte er Harry an. »Ins Wohnzimmer. Sofort.«
Verdutzt und ohne die geringste Ahnung, was zum Teufel er diesmal wieder verbrochen haben sollte, erhob sich Harry und folgte Onkel Vernon ins Zimmer nebenan. Onkel Vernon schlug die Tür hinter ihnen zu.
»So«, sagte er, marschierte hinüber zum Kamin, wandte sich um und fixierte Harry, als wolle er ihn auf der Stelle verhaften. »So.«
Harry hätte am liebsten »Na was denn« gesagt, doch er wollte Onkel Vernons Gemütsverfassung so früh am Morgen lieber nicht auf die Probe stellen, da sie durch Mangel an Nahrung ohnehin stark belastet war. So versuchte er, ein wenig verwirrt auszusehen.
»Das hier ist gerade angekommen«, sagte Onkel Vernon. Er fuchtelte mit einem Blatt purpurroten Schreibpapiers in Harrys Richtung. »Ein Brief. Betrifft dich.«
Harry war nun tatsächlich verdutzt. Wer sollte seinetwegen an Onkel Vernon schreiben? Wen kannte er, der Briefe mit der normalen Post schickte?
Onkel Vernon starrte Harry zornig an, dann hob er den Brief und begann laut vorzulesen.
Liebe Mr und Mrs Dursley,
wir wurden einander nie vorgestellt, doch ich bin sicher, Sie haben von Harry eine Menge über meinen Sohn Ron gehört. Wie Harry Ihnen vielleicht gesagt hat, findet nächsten Montagabend das Finale der Quidditch-Weltmeisterschaft statt, und mein Mann Arthur hat es soeben geschafft, über seine Beziehungen zur Abteilung für Magische Spiele und Sportarten noch ein paar Karten zu besorgen.
Ich hoffe doch, dass Sie uns gestatten, Harry mit zum Spiel zu nehmen, denn ein solches Ereignis darf man sich keinesfalls entgehen lassen; England ist zum ersten Mal seit dreißig Jahren wieder Gastgeberland und Karten sind kaum noch zu bekommen. Natürlich würden wir uns freuen, wenn Harry für die restlichen Sommerferien bei uns bleiben könnte. Wir werden ihn dann zum Zug begleiten, der ihn zurück in die Schule bringt.
Am besten schickt Harry uns Ihre Antwort auf dem üblichen Wege, denn der Muggelbriefträger hat bei uns noch nie etwas eingeworfen, und ich bin mir nicht mal sicher, ob er weiß, wo unser Haus ist.
In der Hoffnung, Harry bald zu sehen,
und mit freundlichen Grüßen
Molly Weasley
PS: Ich hoffe doch, wir haben genug Marken draufgeklebt.
Onkel Vernon verstummte, schob die Hand in die Brusttasche und zog noch etwas hervor.
»Sieh dir das an«, knurrte er.
Er hob den Umschlag hoch, in dem Mrs Weasleys Brief gekommen war. Harry musste sich einen Lachanfall verkneifen. Der Umschlag war über und über mit Briefmarken beklebt, mit Ausnahme eines kleinen Quadrats auf der Vorderseite, in das Mrs Weasley in Winzschrift die Adresse der Dursleys hineingekritzelt hatte.
»Na also, hat doch gereicht mit den Briefmarken«, sagte Harry, ganz so, als ob Mrs Weasleys Fehler jedem unterlaufen könnte. Onkel Vernons Augen blitzten.
»Der Briefträger war sehr interessiert«, sagte er mit zusammengebissenen Zähnen. »Wollte unbedingt wissen, wo dieser Brief herkommt. Deshalb hat er auch geläutet. Hielt es offenbar für komisch.«
Harry sagte nichts. Andere Menschen mochten nicht verstehen, warum Onkel Vernon einen solchen Aufstand wegen ein paar überzähliger Briefmarken machte, doch Harry lebte nun lange genug bei den Dursleys, um zu wissen, wie gereizt sie auf alles reagierten, was auch nur ein wenig neben der Spur lag. Ihre schlimmste Befürchtung war, jemand könnte herausfinden, dass sie (wie entfernt auch immer) mit Leuten wie Mrs Weasley in Verbindung standen.
Onkel Vernon starrte Harry immer noch zornfunkelnd an, während Harry versuchte eine arglose Miene aufzusetzen. Wenn er jetzt nichts Dummes tat oder sagte, dann stand ihm vielleicht die tollste Zeit seines Lebens bevor. Er wartete darauf, dass Onkel Vernon den Mund aufmachte, doch Onkel Vernon starrte ihn nur unverwandt an. Harry beschloss, die Stille zu durchbrechen.
»Und – darf ich gehen?«, sagte er.
Ein flüchtiges Zucken huschte über Onkel Vernons breites, puterrotes Gesicht. Der Schnurrbart sträubte sich. Harry glaubte zu wissen, was hinter dem Schnurrbart vor sich ging: ein erbitterter Kampf zwischen zwei der stärksten Antriebe Onkel Vernons. Wenn er Harry erlaubte zu gehen, würde er ihn glücklich machen, und dagegen hatte Onkel Vernon sich seit dreizehn Jahren gewehrt. Wenn Harry jedoch für den Rest der Ferien zu den Weasleys verschwand, war er ihn zwei Wochen früher los, als er gehofft hatte, und Onkel Vernon konnte es nicht ausstehen, wenn Harry im Haus war. Offenbar um sich ein wenig Zeit zum Nachdenken zu verschaffen, betrachtete er noch einmal Mrs Weasleys Brief.
»Wer ist diese Frau?«, fragte er und starrte voller Abscheu auf die Unterschrift.
»Du hast sie schon mal gesehen«, sagte Harry. »Sie ist die Mutter meines Freundes Ron, sie hat ihn zu Ferienbeginn vom Hog–, vom Schulzug abgeholt.«
Fast hätte er »Hogwarts-Express« gesagt und damit Onkel Vernon sicher zur Weißglut gereizt. Im Haus der Dursleys wurde der Name von Harrys Schule niemals laut ausgesprochen.
Onkel Vernon verzog sein riesiges Gesicht zu einer Grimasse, als ob er versuchte sich an etwas sehr Unangenehmes zu erinnern.
»So ein plumper Typ von Frau?«, knurrte er schließlich. »Und ’ne Menge Kinder mit roten Haaren?«
Harry runzelte die Stirn. Es war schon ein starkes Stück von Onkel Vernon, jemanden »plump« zu nennen, wo doch sein eigener Sohn Dudley es endlich geschafft hatte, womit er seit dem Alter von drei Jahren gedroht hatte, nämlich breiter als lang zu werden.
Onkel Vernon überflog abermals den Brief.
»Quidditch«, murmelte er in seinen Schnurrbart. »Quidditch – was ist das für ein Blödsinn?«
Harry spürte zum zweiten Mal einen Anflug von Ärger.
»Das ist eine Sportart«, sagte er knapp. »Wird auf Besen–«
»Schon gut, schon gut!«, rief Onkel Vernon. Harry sah mit einiger Befriedigung einen Anflug von Panik auf Onkel Vernons Gesicht. Offenbar würden seine Nerven dem Klang des Wortes »Besenstiele« in seinem Wohnzimmer nicht standhalten. Er flüchtete sich wieder in den Brief. Harry sah, wie seine Lippen die Worte »Ihre Antwort auf dem üblichen Wege schicken« formten. Sein Blick verfinsterte sich.
»Was heißt ›auf dem üblichen Wege‹?«, fauchte er.
»Üblich für uns«, sagte Harry, und bevor sein Onkel ihn aufhalten konnte, fügte er hinzu: »Du weißt ja, Eulenpost. Das ist so üblich unter Zauberern.«
Onkel Vernon sah so empört aus, als hätte Harry gerade ein abscheuliches Schimpfwort ausgesprochen. Zitternd vor Zorn warf er einen nervösen Blick durchs Fenster, als fürchtete er, einer der Nachbarn hätte das Ohr an die Scheibe gedrückt.
»Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du diese Abartigkeit unter meinem Dach nicht erwähnen sollst?«, zischte er, das Gesicht von der Farbe einer reifen Pflaume. »Da stehst du, in den Kleidern, die Tante Petunia und ich in deine undankbaren Hände gelegt haben –«
»Erst nachdem Dudley sie abgetragen hatte«, sagte Harry kühl, und tatsächlich trug er ein Sweatshirt, bei dem er die Ärmel fünfmal zurückschlagen musste, um überhaupt seine Hände gebrauchen zu können, und das ihm bis über die Knie seiner sackbauchigen Jeans schlotterte.
»So sprichst du nicht mit mir!«, sagte Onkel Vernon bebend vor Wut.
Doch diesmal gab Harry nicht klein bei. Vorbei war die Zeit, da er gezwungen wurde, jede einzelne der bescheuerten Vorschriften der Dursleys zu befolgen. Er hielt sich nicht an Dudleys Diät, und er würde es nicht hinnehmen, dass Onkel Vernon ihm verbot, zur Quidditch-Weltmeisterschaft zu gehen, jedenfalls nicht, solange er sich wehren konnte.
Harry holte tief Luft, um sich zu beruhigen, dann sagte er: »Gut, ich darf nicht zur Weltmeisterschaft. Kann ich jetzt gehen? Ich muss noch meinen Brief an Sirius fertig schreiben. Du weißt ja – mein Pate.«
Er hatte es getan. Er hatte die magischen Worte ausgesprochen. Nun beobachtete er, wie das Purpurrot fleckweise aus Onkel Vernons Gesicht wich, so dass es aussah wie ein schlecht gemischtes Johannisbeereis.
»Du – du schreibst ihm, ja?«, sagte Onkel Vernon mit angestrengt ruhiger Stimme – doch Harry hatte bemerkt, wie sich die Pupillen seiner kleinen Augen in jäher Angst zusammenzogen.
»Jaah – sicher«, sagte Harry beiläufig. »Er hat schon lange nichts mehr von mir gehört, und, nun ja, wenn er ungeduldig wird, könnte er auf falsche Gedanken kommen.«
Er hielt inne, um die Wirkung seiner Worte zu genießen. Fast konnte er die Rädchen hinter Onkel Vernons dichtem, schwarzem, fein säuberlich gescheiteltem Haar arbeiten sehen. Wenn er Harry davon abhielt, Sirius zu schreiben, würde Sirius denken, Harry würde schlecht behandelt. Wenn er Harry verbot, zur Weltmeisterschaft zu gehen, würde Harry Sirius davon berichten, und dann wäre Sirius überzeugt, dass Harry schlecht behandelt wurde. Onkel Vernon konnte nur eines tun. Als wäre das große Schnurrbartgesicht durchsichtig, sah Harry, wie die Schlussfolgerung in Onkel Vernons Schädel einrastete. Harry unterdrückte ein Grinsen und mühte sich, eine Unschuldsmiene aufzusetzen. Und dann –
»Na schön, von mir aus. Du kannst zu diesem blödsinnigen – zu diesem idiotischen – dieser komischen Weltmeisterschaft gehen. Aber du schreibst diesen – diesen Weasleys, sie sollen dich abholen. Ich hab keine Zeit, dich in der Gegend rumzufahren und irgendwo abzuladen. Und du kannst die restlichen Sommerferien bei denen bleiben. Und du kannst deinem – deinem Patenonkel … sag ihm … sag ihm, dass du gehen darfst.«
»Einverstanden«, sagte Harry strahlend.
Er wandte sich um und ging zur Wohnzimmertür, während er gegen die Lust ankämpfte, jauchzend in die Luft zu springen. Er durfte fort … zu den Weasleys, zur Quidditch-Weltmeisterschaft!
Draußen im Flur prallte er fast mit Dudley zusammen, der hinter der Tür gelauert hatte, natürlich in der Hoffnung, belauschen zu können, wie Harry zur Schnecke gemacht wurde. Erschrocken sah er das breite Grinsen auf Harrys Gesicht.
»Das war ein tolles Frühstück, findest du nicht?«, sagte Harry. »Ich fühl mich so richtig satt, du auch?«
Harry lachte über die verdutzte Miene Dudleys, nahm drei Stufen auf einmal nach oben und stürzte in sein Zimmer.
Als Erstes fiel ihm auf, dass Hedwig zurück war. Sie saß in ihrem Käfig, starrte Harry mit ihren riesigen Bernsteinaugen an und klapperte mit dem Schnabel, wie sie es tat, wenn sie sich über etwas ärgerte. Worüber, wurde ihm im nächsten Moment klar.
»Autsch!«
Etwas wie ein kleiner, grauer, gefiederter Tennisball knallte gegen Harrys Schläfe. Harry rieb sich wütend den Kopf und sah sich nach dem Missetäter um. Eine winzige Eule, klein genug, um in eine hohle Hand zu passen, flatterte aufgeregt im Zimmer umher wie ein angezündeter Knallfrosch. Erst jetzt bemerkte Harry, dass sie ihm einen Brief vor die Füße geworfen hatte. Er bückte sich, erkannte Rons Handschrift und riss den Umschlag auf. Drin war ein hastig bekritzelter Zettel.
Harry – DAD HAT DIE KARTEN – Irland gegen Bulgarien, Montagabend. Mum schreibt an die Muggel und fragt, ob du zu uns kommen darfst. Vielleicht haben sie den Brief schon, ich weiß nicht, wie schnell die Muggelpost ist. Dachte, ich schick das hier lieber mit Pig.
Harry stutzte bei dem Wort »Pig« und sah zu der kleinen Eule hoch, die um den Lampenschirm herumschwirrte. Er hatte noch nie etwas gesehen, das weniger Ähnlichkeit mit einem Schwein hatte. Vielleicht hatte er Rons Gekritzel nicht richtig gelesen. Er las weiter.
Wir holen dich ab, ob die Muggel wollen oder nicht, damit du die Weltmeisterschaft nicht versäumst, nur denken Mum und Dad, es sei besser, wenn wir so tun, als ob wir sie erst um Erlaubnis fragten. Wenn sie ja sagen, schick Pig sofort mit deiner Antwort zurück, und wir holen dich am Sonntagnachmittag um fünf Uhr ab. Wenn sie nein sagen, schick Pig sofort zurück, und wir holen dich trotzdem am Sonntagnachmittag um fünf ab. Hermine kommt heute zu uns. Percy hat angefangen zu arbeiten – in der Abteilung für Internationale Magische Zusammenarbeit. Sag kein Wort über andere Länder, solange du hier bist, wenn du dich nicht zu Tode langweilen willst.
Bis bald – Ron
»Beruhige dich!«, sagte Harry zu der kleinen Eule, die jetzt seinen Kopf umkreiste und wie verrückt zwitscherte. Vor Stolz, vermutete Harry, weil sie den Brief dem Richtigen überbracht hatte. »Komm her, du musst jetzt meine Antwort zurückbringen!«
Die Eule ließ sich flatternd auf Hedwigs Käfig nieder. Hedwig sah mit kühlem Blick zu ihr auf, als wollte sie sagen: Komm mir ja nicht näher.
Harry nahm seine Adlerfeder und ein frisches Blatt Pergament zur Hand und schrieb:
Ron, alles in Ordnung, die Muggel sagen, ich darf gehen. Bis morgen um fünf. Kann es kaum erwarten.
Harry
Er faltete das Blatt klitzeklein zusammen und band es mühsam an dem winzigen Bein der Eule fest, die voll Aufregung hin und her flatterte. Kaum war die Nachricht sicher befestigt, machte sich die Eule davon. Sie schwirrte aus dem Fenster und verschwand.
Harry wandte sich Hedwig zu.
»Fühlst du dich fit für eine lange Reise?«, fragte er.
Hedwig ließ ein vornehmes Tröten hören.
»Könntest du das hier zu Sirius bringen?«, sagte er und hob seinen Brief hoch.
»Wart mal … ich muss ihn nur kurz zu Ende schreiben.«
Er entfaltete das Pergament noch einmal und setzte hastig einen Nachsatz hinzu.
Falls du Verbindung mit mir aufnehmen willst, ich bin für den Rest der Ferien bei meinem Freund Ron Weasley. Sein Dad hat uns Karten für die Quidditch-Weltmeisterschaft besorgt!
Den fertigen Brief band er an Hedwigs Bein; sie hielt ungewöhnlich still, als wäre sie entschlossen, ihm zu zeigen, wie eine echte Posteule sich benehmen sollte.
»Ich bin bei Ron, wenn du zurückkommst, ja?«, erklärte ihr Harry.
Sie kniff zutraulich in seinen Finger, spannte dann mit einem leisen Rascheln ihre mächtigen Flügel und schwebte durchs offene Fenster davon.
Harry sah ihr nach, bis sie verschwunden war, kroch dann unter sein Bett, riss das lose Dielenbrett hoch und holte ein großes Stück Geburtstagskuchen hervor. Auf dem Boden sitzend und essend genoss er in vollen Zügen das Glücksgefühl, das ihn durchströmte. Er hatte Kuchen und Dudley hatte nichts als Grapefruit; es war ein strahlender Sommertag, morgen würde er aus dem Ligusterweg verschwinden, seine Narbe fühlte sich wieder völlig normal an und er würde die Quidditch-Weltmeisterschaft sehen. In diesem Moment war es schwer, sich wegen irgendetwas Sorgen zu machen – und sei es Lord Voldemort.
Zurück zum Fuchsbau
Am nächsten Tag um zwölf hatte Harry seinen Koffer gepackt, mit den Schulsachen und allem anderen, was er wie seinen Augapfel hütete – dem Tarnumhang, den er von seinem Vater geerbt, dem Besen, den ihm Sirius geschenkt hatte, und der magischen Karte von Hogwarts, die ihm Fred und George Weasley letztes Jahr überlassen hatten. Er hatte alles, was noch zu essen übrig war, aus dem Versteck unter dem losen Dielenbrett geholt, noch einmal alle Ecken und Winkel seines Zimmers nach vergessenen Zauberbüchern oder Schreibfedern abgesucht und den Kalender von der Wand genommen, auf dem er immer gerne die Tage bis zur Rückkehr nach Hogwarts am ersten September durchgestrichen hatte.
Im Ligusterweg Nummer vier herrschte Hochspannung. Die bevorstehende Ankunft gleich mehrerer Zauberer machte die Dursleys reizbar und nervös. Onkel Vernon hätte fast der Schlag getroffen, als er von Harry erfuhr, dass die Weasleys am nächsten Nachmittag um fünf kommen würden.
»Du hast diesen Leuten hoffentlich geschrieben, sie sollen sich anständig anziehen«, knurrte er. »Ich hab ja gesehen, was für Klamotten dieses Pack trägt, mit dem du dich abgibst. Die sollten wenigstens so höflich sein und sich richtig einkleiden, basta.«
Harry schwante Unheil. Er hatte Mr oder Mrs Weasley kaum einmal in Sachen gesehen, welche die Dursleys als »anständig« bezeichnen würden. Ihre Kinder mochten während der Ferien Muggelsachen tragen, doch Mr und Mrs Weasley trugen meist lange Umhänge in mehr oder weniger zerschlissenem Zustand. Harry scherte sich nicht darum, was die Nachbarn denken würden, doch er fürchtete, die Dursleys könnten grob zu den Weasleys sein, wenn sie bei ihnen aufkreuzten wie ihr Wirklichkeit gewordener Alptraum von einer Zaubererfamilie.
Onkel Vernon trug seinen besten Anzug. Manche hätten dies als eine schöne Geste verstanden, doch Harry wusste, dass Onkel Vernon nur Eindruck schinden und die Weasleys einschüchtern wollte. Dudley hingegen wirkte ein wenig gestutzt. Nicht etwa, weil die Diät endlich Wirkung gezeigt hätte, sondern weil ihn die Angst umtrieb. Dudley hatte bei seiner letzten Begegnung mit einem ausgewachsenen Zauberer einen geringelten Schweineschwanz verpasst bekommen, der aus dem Hosenboden hervorlugte, und Tante Petunia und Onkel Vernon hatten ihn für teures Geld in einer Londoner Privatklinik entfernen lassen müssen. Daher war es nicht sonderlich überraschend, dass Dudley sich ständig mit der Hand über den Hintern fuhr und an den Wänden entlang von einem Zimmer ins andere rutschte, um dem Feind ja keine Zielscheibe zu bieten.
Das Mittagessen war eine recht stumme Angelegenheit. Dudley protestierte nicht einmal gegen das, was auf den Tisch kam (Hüttenkäse mit geraspeltem Sellerie). Tante Petunia aß überhaupt nichts. Sie hatte die Arme verschränkt und die Lippen geschürzt und schien auf ihrer Zunge herumzukauen, als ob sie die wilde Schimpfkanonade, die sie Harry gern entgegenschleudern wollte, mühsam hinunterwürgte.
»Sie kommen natürlich mit dem Auto?«, blaffte Onkel Vernon über den Tisch hinweg.
»Hmh«, sagte Harry.
Daran hatte er nicht gedacht. Wie eigentlich wollten die Weasleys ihn abholen? Ein Auto hatten sie nicht mehr; ihr alter Ford Anglia war gerade auf Jagd im Verbotenen Wald von Hogwarts. Doch Mr Weasley hatte sich letztes Jahr einen Wagen des Zaubereiministeriums geliehen; vielleicht tat er dies auch heute?
»Ich glaub schon«, sagte Harry.
Onkel Vernon schnaubte in seinen Schnurrbart. Normalerweise hätte er gefragt, was für ein Auto Mr Weasley fuhr; andere Männer pflegte er danach zu beurteilen, wie groß und teuer ihre Autos waren. Doch Harry bezweifelte, dass Onkel Vernon sich mit Mr Weasley anfreunden könnte, selbst wenn dieser mit einem Ferrari vorfahren würde.
Harry verbrachte fast den ganzen Nachmittag in seinem Zimmer; er konnte es nicht mit ansehen, wie Tante Petunia alle paar Sekunden durch die Stores spähte, als ob das Radio vor einem entlaufenen Rhinozeros gewarnt hätte. Um Viertel vor fünf schließlich ging Harry nach unten ins Wohnzimmer.
Tante Petunia zupfte zwanghaft die Kissen zurecht. Onkel Vernon gab vor, die Zeitung zu lesen, doch seine Winzaugen bewegten sich nicht, und Harry wusste, dass er mit gespitzten Ohren auf das Geräusch eines ankommenden Autos wartete. Dudley hatte sich in einem Sessel vergraben, die schweinsfleischigen Hände fest um den Hintern geschlungen. Harry konnte die Spannung nicht ertragen; er ging hinaus und setzte sich auf den Treppenabsatz im Flur, den Blick auf die Uhr gerichtet und das Herz erwartungsvoll und hibbelig pochend.
Doch fünf Uhr kam und ging. Onkel Vernon, der in seinem Anzug leicht schwitzte, öffnete die Haustür, spähte die Straße hinauf und hinunter und zog rasch den Kopf wieder herein.
»Sie kommen zu spät!«, raunzte er Harry an.
»Das weiß ich«, sagte Harry. »Vielleicht – ähm – stecken sie im Stau oder so.«
Zehn nach fünf … dann Viertel nach fünf … Harry wurde allmählich selbst unruhig. Um halb sechs hörte er Onkel Vernon und Tante Petunia im Wohnzimmer angespannt tuscheln.
»Keinerlei Rücksichtnahme.«
»Wir hätten ja verabredet sein können.«
»Vielleicht glauben sie, wir laden sie zum Abendessen ein, wenn sie zu spät kommen.«
»Nun, das werden wir sicherlich nicht tun«, sagte Onkel Vernon und Harry hörte ihn aufstehen und im Wohnzimmer auf und ab schreiten. »Sie nehmen den Jungen und verschwinden, keine Zeit für Nettigkeiten. Wenn sie überhaupt kommen. Haben vermutlich den Tag verwechselt. Diese Sorte Leute hält natürlich nichts von Pünktlichkeit. Entweder das oder sie fahren irgendeine Schrottlaube und haben eine P–«
AAAAAARRRRHH!
Harry sprang auf. Durch die Tür drang der Lärm dreier in Panik durchs Zimmer rasender Dursleys. Und schon kam Dudley mit angsterfülltem Blick in den Flur gestürzt.
»Was ist passiert?«, sagte Harry. »Was ist denn los?«
Doch Dudley schien es die Sprache verschlagen zu haben. Die Hände immer noch auf den Hintern gepresst watschelte er, so schnell er konnte, in die Küche. Harry rannte ins Wohnzimmer.
Lautes Klopfen und Kratzen drang aus dem mit Brettern vernagelten Kamin der Dursleys, an dessen Frontseite sie ein Feuerimitat angebracht hatten.
»Was ist das denn?«, keuchte Tante Petunia, die mit dem Rücken zur Wand stand und entsetzt auf den Kamin starrte. »Was ist das, Vernon?«
Doch keine Sekunde später fand die Frage ihre Antwort. Aus dem verbarrikadierten Kamin drangen Stimmen.
»Autsch! Fred, nein – zurück, zurück, irgendwas stimmt hier nicht – sag George, er soll nicht – AUTSCH! George, nein, hier ist es zu eng, geh schnell zurück und sag Ron –«
»Vielleicht kann Harry uns hören, Dad – vielleicht kann er uns hier rauslassen –«
Jemand hämmerte laut auf die Bretterverschalung hinter dem elektrischen Feuer.
»Harry? Harry, kannst du uns hören?«
Die Dursleys schlichen auf Harry zu wie ein Paar hungriger Wölfe.
»Was soll das denn?«, knurrte Onkel Vernon. »Was geht hier vor?«
»Sie haben versucht mit Flohpulver herzukommen«, sagte Harry und würgte ein Lachen hinunter. »Sie können per Feuer reisen – aber ihr habt den Kamin blockiert – einen Moment –«
Er trat auf den Kamin zu und rief durch die Bretter: »Mr Weasley? Können Sie mich hören?«
Das Klopfen hörte auf. Drinnen im Kamin sagte jemand: »Schhh!«
»Mr Weasley, ich bin’s, Harry … der Kamin ist zugenagelt. Da können Sie nicht rauskommen.«
»Verflucht!«, ertönte Mr Weasleys Stimme. »Weshalb, um Himmels willen, haben die den Kamin vernagelt?«
»Sie haben sich ein elektrisches Kaminfeuer angeschafft«, erklärte Harry.
»Wirklich?«, sagte Mr Weasley begeistert. »Ecklektisch, sagst du? Mit einem Stecker? Meine Güte, das muss ich sehen … lass mich mal nachdenken … autsch, Ron!«
Rons Stimme mischte sich nun unter die anderen.
»Was treiben wir hier? Ist was schiefgegangen?«
»Wie kommst du denn darauf, Ron«, sagte Fred mit sarkastischem Unterton. »Nein, genau hier wollten wir hin.«
»Jaah, wir amüsieren uns prächtig«, sagte George, dessen Stimme so dumpf klang, als wäre sein Gesicht gegen die Mauer gepresst.
»Jungs, Jungs …«, nuschelte Mr Weasley. »Ich versuch rauszufinden, was wir tun könnten … ja … da bleibt mir nichts anderes übrig … Harry, geh bitte ein paar Schritte zurück.«
Harry wich zum Sofa zurück. Onkel Vernon jedoch trat ein paar Schritte vor.
»Warten Sie einen Augenblick!«, brüllte er in Richtung Kamin. »Was genau wollen Sie tun –?«
PENG.
Der Bretterverschlag explodierte, das elektrische Feuer flog durchs Zimmer, und Mr Weasley, Fred, George und Ron wurden in einer Wolke aus Schutt und Holzspänen aus dem Kamin geschleudert. Tante Petunia stieß einen spitzen Schrei aus und fiel rücklings über das Kaffeetischchen; Onkel Vernon fing sie auf, bevor sie auf dem Boden aufschlug, und starrte dann mit offenem Mund die Weasleys an, die allesamt rote Haare hatten, auch Fred und George, die bis auf die letzte Sommersprosse genau gleich aussahen.
»Schon besser«, keuchte Mr Weasley, klopfte sich den Staub von seinem langen grünen Umhang und rückte seine Brille zurecht. »Aaah – Sie müssen Harrys Tante und Onkel sein!«
Groß, schlank und mit schütterem Haar, ging er auf Onkel Vernon zu, die Hand ausgestreckt, doch Onkel Vernon wich ein paar Schritte zurück und zog Tante Petunia mit sich. Er brachte kein Wort heraus. Sein bester Anzug war mit weißem Staub bedeckt, der sich auch in Haar und Schnurrbart festgesetzt hatte, und er sah aus, als ob er soeben um dreißig Jahre gealtert wäre.
»Ähm – ja – verzeihen Sie das hier«, sagte Mr Weasley, ließ die Hand sinken und sah über die Schulter zum zerfetzten Kamin. »Alles meine Schuld, ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass wir am anderen Ende nicht rauskommen würden. Ich hab Ihren Kamin ans Flohnetzwerk angeschlossen, müssen Sie wissen – nur für einen Nachmittag allerdings, damit wir Harry abholen können. Muggelkamine sollten eigentlich nicht angeschlossen werden – aber ich hab einen nützlichen Bekannten im Flohregulierungsrat, der hat das für mich gedeichselt. Ich kann die Sache im Nu wieder in Ordnung bringen, keine Sorge. Ich mache ein Feuer und schick die Jungs zurück, anschließend repariere ich Ihren Kamin und disappariere selbst.«
Harry hätte wetten können, dass die Dursleys kein einziges Wort davon verstanden hatten. Wie vom Donner gerührt starrten sie immer noch Mr Weasley an. Tante Petunia rappelte sich wieder hoch und versteckte sich hinter Onkel Vernon.
»Hallo, Harry!«, sagte Mr Weasley strahlend. »Deinen Koffer hast du bereit?«
»Er ist oben«, grinste Harry zurück.
»Wir holen ihn«, warf Fred ein. Harry zuzwinkernd gingen er und George nach draußen. Sie wussten, wo Harrys Zimmer war, da sie ihn einst mitten in der Nacht daraus gerettet hatten. Harry hatte den Verdacht, Fred und George hätten gerne einen Blick auf Dudley erhascht; Harry hatte eine Menge über ihn erzählt.
»Nun«, sagte Mr Weasley, leicht mit den Armen schwingend und nach Worten suchend, um die peinliche Stille zu durchbrechen. »Sehr – ähem – hübsche Wohnung haben Sie hier.«
Weil das ansonsten makellose Wohnzimmer mit Staub und Schutt übersät war, nahmen die Dursleys dieses Kompliment nicht besonders gut auf. Onkel Vernons Gesicht lief erneut purpurrot an und Tante Petunia begann wieder auf ihrer Zunge zu kauen. Allerdings schienen sie zu verängstigt, um tatsächlich etwas zu sagen.
Mr Weasley sah sich um. Er hatte einen Narren an allem gefressen, was die Muggel so besaßen. Harry sah, wie es ihn juckte, den Fernseher und den Videorekorder in Augenschein zu nehmen.
»Die laufen mit Eckelzitrität, nicht wahr?«, sagte er mit Kennermiene. »Ah ja, ich sehe die Stecker. Ich sammle Stecker«, fügte er zu Onkel Vernon gewandt hinzu. »Und Batterien. Hab eine sehr große Sammlung Batterien. Meine Frau hält mich für verrückt, aber was soll man machen.«
Onkel Vernon hielt Mr Weasley offensichtlich ebenfalls für verrückt. Er glitt kaum wahrnehmbar nach rechts, wobei er Tante Petunia verdeckte, als glaubte er, Mr Weasley könnte sich plötzlich wie wild auf sie stürzen.
Dudley tauchte plötzlich wieder im Zimmer auf. Das Rumpeln von Harrys Koffer auf der Treppe hatte ihn offenbar aus der Küche vertrieben. Er rutschte an der Wand lang, starrte mit angsterfülltem Blick auf Mr Weasley und versuchte sich hinter seinen Eltern zu verstecken. Leider war Onkel Vernons Rücken zwar breit genug, um die knochendürre Tante Petunia zu verdecken, doch für Dudley reichte es bei weitem nicht.
»Ah, das ist dein Cousin, Harry?«, sagte Mr Weasley in einem erneuten tapferen Anlauf, Konversation zu machen.
»Jep«, sagte Harry, »das ist Dudley.«
Er und Ron wechselten Blicke und sahen dann rasch woandershin; der Versuchung, laut loszuprusten, konnten sie nur mit allergrößter Mühe widerstehen. Dudley umklammerte immer noch seinen Hintern, als hätte er Angst, er könne ihm abfallen. Mr Weasley jedoch schien wegen Dudleys eigenartigem Benehmen aufrichtig besorgt. Tatsächlich hörte Harry aus Mr Weasleys Tonfall heraus, dass er glaubte, Dudley sei verrückt, genau wie die Dursleys dachten, Mr Weasley sei es, allerdings verspürte Mr Weasley keine Angst, sondern aufrichtiges Mitleid.
»Genießt du die Ferien, Dudley?«, sagte er freundlich.
Dudley wimmerte. Harry sah, wie sich seine Hände noch fester um das massige Hinterteil klammerten.
Fred und George kamen mit Harrys Schulkoffer im Schlepptau herein. Sie sahen sich um und erblickten Dudley. Auch an ihrem boshaften Grinsen, das sich nun auf ihren Gesichtern zeigte, waren sie nicht zu unterscheiden.
»Ah, schön«, sagte Mr Weasley. »Wir machen uns jetzt am besten aus dem Staub.«
Er schob die Ärmel seines Umhangs hoch und zückte den Zauberstab. Harry sah die Dursleys im Gleichschritt zur Wand zurückweichen.
»Incendio!«, sagte Mr Weasley und richtete den Zauberstab auf das Sprengloch in der Wand.
Sofort schossen Flammen aus der Feuerstelle und begannen so munter zu knistern, als ob sie schon seit Stunden geflackert hätten. Mr Weasley nahm einen kleinen Schnürbeutel aus der Tasche, knüpfte ihn auf, nahm eine Prise Pulver heraus und warf es in die Flammen, die sich sofort smaragdgrün färbten und prasselnd in die Höhe schossen.
»Und los geht’s, Fred«, sagte Mr Weasley.
»Komme«, sagte Fred. »O nein – wart mal –«
Ein Beutel Süßigkeiten war aus Freds Tasche gefallen und der Inhalt kullerte über den ganzen Fußboden – große, fette Toffeebohnen in buntem Einwickelpapier.
Fred rutschte auf den Knien umher und stopfte sie zurück in die Tasche, dann winkte er den Dursleys fröhlich zum Abschied, ging zum Kamin und trat mit den Worten »zum Fuchsbau!« mitten ins Feuer. Von Tante Petunia kam ein leises, schauderndes Keuchen. Ein Rauschen war zu hören und Fred verschwand.
»Du bist dran, George«, sagte Mr Weasley, »du und der Koffer.«
Harry half George den Koffer in die Flammen zu tragen und ihn aufrecht zu stellen, damit er ihn besser halten konnte. Dann, unter abermaligem Rauschen, rief George »zum Fuchsbau!« und verschwand ebenfalls.
»Ron, du bist dran«, sagte Mr Weasley.
»Bis dann«, sagte Ron strahlend zu den Dursleys. Mit einem breiten Grinsen für Harry trat er ins Feuer, rief »zum Fuchsbau!« und verschwand.
Jetzt waren nur noch Harry und Mr Weasley übrig.
»Na dann … auf Wiedersehen«, sagte Harry zu den Dursleys.
Sie sagten kein Wort. Harry ging aufs Feuer zu, doch gerade als er den Rand des Kamins erreicht hatte, streckte Mr Weasley die Hand aus und hielt ihn zurück. Erstaunt sah er die Dursleys an.
»Harry hat Ihnen auf Wiedersehen gesagt«, sagte er. »Haben Sie ihn nicht gehört?«
»Ist schon gut«, murmelte Harry Mr Weasley zu. »Ehrlich gesagt, mir ist es egal.«
Doch Mr Weasley zog die Hand nicht von Harrys Schulter.
»Sie sehen Ihren Neffen erst nächsten Sommer wieder«, sagte er mild entrüstet zu Onkel Vernon. »Sicher wollen Sie ihm auf Wiedersehen sagen?«
In Onkel Vernons Gesicht arbeitete es unter Hochdruck. Die Vorstellung, ein Mann, der gerade seine halbe Wohnzimmerwand gesprengt hatte, bringe ihm Manieren bei, schien ihm heftige Qualen zu bereiten.
Doch Mr Weasley hatte den Zauberstab immer noch in der Hand, und Onkel Vernons kleine Augen huschten zu ihm hinüber, bevor er ein gequältes »Wiedersehen« hervorbrachte.
»Bis dann«, sagte Harry und setzte einen Fuß in die grünen Flammen; sie fühlten sich angenehm an wie ein warmer Hauch. In diesem Augenblick jedoch ertönte ein fürchterliches Würgen hinter ihm und Tante Petunia begann zu schreien.
Harry wirbelte herum. Dudley stand nicht mehr hinter seinen Eltern. Er kniete neben dem Kaffeetischchen und würgte und kaute an einem ellenlangen rötlichen und schleimigen Ding, das ihm aus dem Mund quoll. Eine verdutzte Sekunde später sah Harry, dass das ellenlange Ding Dudleys Zunge war – und dass ein grellbuntes Toffee-Papier vor ihm auf dem Boden lag.
Tante Petunia warf sich neben Dudley zu Boden, packte die Spitze seiner geschwollenen Zunge und versuchte sie aus Dudleys Mund zu ziehen; natürlich schrie und würgte und spuckte Dudley jetzt noch heftiger und versuchte sie abzuwehren. Onkel Vernon bellte ein paar Worte und fuchtelte mit den Armen, so dass Mr Weasley laut rufen musste, um sich Gehör zu verschaffen.
»Keine Sorge, ich kann ihm helfen!«, rief er und ging mit ausgestrecktem Zauberstab auf Dudley zu, doch Tante Petunia begann noch lauter zu kreischen und warf sich auf Dudley, um ihn vor Mr Weasley zu schützen.
»Nein, so was!«, sagte Mr Weasley verzweifelt. »Das lässt sich ganz einfach erklären – es war die Toffeebohne – mein Sohn Fred – ein richtiger Scherzbold – aber es ist nur ein Schwellwürgzauber – hoffe ich wenigstens – bitte, ich bring ihn wieder auf die Beine –«
Doch die Dursleys ließen sich davon keineswegs beruhigen. In wachsender Panik packte Tante Petunia unter hysterischem Schluchzen Dudleys Zunge, wie wild entschlossen, sie herauszureißen. Dudley schien durch das, was seine Mutter und seine Zunge ihm antaten, dem Ersticken nahe, und Onkel Vernon, der die Fassung völlig verloren hatte, packte eine Porzellanfigur vom Beistelltisch und schleuderte sie mit aller Kraft gegen Mr Weasley. Der duckte sich, und das Schmuckstück zersplitterte in dem Sprengloch, das vom Kamin übrig war.
»Nun aber wirklich!«, sagte Mr Weasley zornig und fuchtelte mit seinem Zauberstab. »Ich will ja nur helfen!«
Wie ein verletztes Nilpferd trompetend packte Onkel Vernon eine weitere Nippesfigur.
»Harry, geh! Verschwinde!«, rief Mr Weasley, den Zauberstab auf Mr Dursley gerichtet. »Ich erledige das schon!«
Harry wollte sich den Spaß eigentlich nicht entgehen lassen, doch Onkel Vernons zweites Schmuckstück surrte nur knapp an seinem linken Ohr vorbei, und daraufhin schien es ihm das Beste, die Sache Mr Weasley zu überlassen. Er trat ins Feuer, warf einen Blick über die Schulter und sagte: »Zum Fuchsbau!«; nur noch verschwommen nahm er wahr, dass Mr Weasley mit Hilfe des Zauberstabs eine dritte Porzellanfigur aus Onkel Vernons Hand fliegen ließ, dass Tante Petunia immer noch schreiend auf Dudley lag und Dudleys Zunge aus dem Mund hing wie ein großer schleimiger Python. Doch schon begann Harry sich rasend schnell um sich selbst zu drehen und das Wohnzimmer der Dursleys verschwand in den jäh aufzüngelnden Flammen.
Weasleys Zauberhafte Zauberscherze
Harry, die Arme fest an sich gepresst, rotierte so rasend schnell um sich selbst, dass er nur ab und zu verschwommen einen Kamin vorbeifliegen sah. Allmählich wurde ihm übel und er schloss die Augen. Endlich spürte er den Wirbel nachlassen, er streckte die Hände aus und konnte sich gerade noch festhalten, sonst wäre er vor dem Küchenkamin der Weasleys auf die Nase geklatscht.
»Hat er angebissen?«, fragte Fred gespannt und reichte Harry die Hand, um ihm auf die Beine zu helfen.
»Jaah«, sagte Harry und richtete sich auf. »Was war das denn?«
»Würgzungen-Toffee«, strahlte Fred. »Haben George und ich selber erfunden, und den ganzen Sommer schon suchen wir jemanden, an dem wir es ausprobieren könnten …«
In der kleinen Küche brach schallendes Gelächter aus; Harry schaute sich um und sah Ron und George an dem polierten Holztisch sitzen, zusammen mit zwei anderen Rothaarigen, die Harry noch nie gesehen hatte. Doch wusste er sofort, wer sie waren: Bill und Charlie, die beiden ältesten Weasley-Brüder.
»Wie geht’s, Harry?«, sagte der eine, der ihm am nächsten saß, und streckte seine große Hand aus. Als Harry sie schüttelte, spürte er Schwielen und Blasen an den Fingern. Das musste Charlie sein, der in Rumänien lebte und mit Drachen arbeitete. Charlie war ähnlich gebaut wie die Zwillinge, kleiner und stämmiger als Percy und Ron, die beide groß und schlaksig waren. Sein gutmütiges Gesicht war breit und wettergegerbt und die vielen Sommersprossen ließen es noch gebräunter wirken. Auf einem seiner muskulösen Arme war ein großes, schimmerndes Brandmal zu sehen.
Auch Bill erhob sich jetzt mit einem Lächeln und schüttelte Harry die Hand. Bills Aussehen überraschte ihn einigermaßen. Harry, der wusste, dass er für die Zaubererbank Gringotts arbeitete und Schulsprecher in Hogwarts gewesen war, hatte sich Bill immer als einen älteren Doppelgänger von Percy vorgestellt: peinlich genau darauf bedacht, die Vorschriften einzuhalten, und mit Genuss dabei, die anderen herumzukommandieren. Tatsächlich jedoch war Bill – und es gab kein besseres Wort dafür – einfach cool. Er war hoch gewachsen und hatte sein langes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Er trug einen Ohrring, an dem etwas baumelte, das aussah wie der Giftzahn einer Schlange. Seine Kleidung hätte gut in ein Rockkonzert gepasst, nur dass seine Schuhe, wie Harry auffiel, nicht aus Leder, sondern aus Drachenhaut waren.
Bevor jemand ein weiteres Wort sagen konnte, ertönte ein Plopp und Mr Weasley erschien wie aus dem Nichts an Georges Seite. Harry hatte ihn noch nie so zornig erlebt.
»Das war überhaupt nicht komisch, Fred!«, brüllte er. »Was zum Teufel hast du dem Muggeljungen gegeben?«
»Ich hab ihm gar nichts gegeben«, sagte Fred mit gemeinem Grinsen. »Ich hab nur was fallen lassen … ist doch sein Problem, wenn er es aufhebt und isst, ich hab ihm jedenfalls nichts angeboten.«
»Du hast es absichtlich fallen lassen!«, polterte Mr Weasley. »Du wusstest, dass er es aufessen würde, du wusstest, dass er auf Diät war –«
»Und? Wie lang ist seine Zunge denn geworden?«, fragte George begierig.
»Sie war über einen Meter lang, als die Eltern mir endlich erlaubt haben, sie schrumpfen zu lassen!«
Harry und die Weasleys brachen erneut in Gelächter aus.
»Das ist nicht lustig!«, rief Mr Weasley. »Solches Verhalten beschädigt die Zauberer-Muggel-Beziehungen aufs Schwerste! Mein halbes Leben hab ich gegen die Misshandlung von Muggeln gekämpft und da kommen meine eigenen Söhne –«
»Wir haben es ihm nicht deshalb gegeben, weil er ein Muggel ist!«, sagte Fred entrüstet.
»Nein, wir haben es ihm verpasst, weil er ein tyrannisches Riesenschwein ist«, sagte George. »Stimmt doch, Harry?«
»Ja, das stimmt, Mr Weasley«, sagte Harry ernst.
»Darum geht es hier nicht!«, tobte Mr Weasley. »Wartet nur, bis ich es eurer Mutter erzähle –«
»Bis du mir was erzählst?«, fragte eine Stimme hinter ihnen.
Mrs Weasley stand in der Küche. Sie war eine kleine, rundliche Frau mit einem sehr freundlichen Gesicht, doch jetzt lag ihre Stirn in misstrauischen Falten.
»Ach, hallo, Harry, mein Lieber«, sagte sie lächelnd, als sie ihn entdeckt hatte, dann wandte sie sich sofort mit blitzenden Augen ihrem Mann zu. »Arthur, erklär mir, was hier los ist.«
Mr Weasley zögerte. Harry spürte, dass er zwar ziemlich wütend auf Fred und George war, doch Mrs Weasley hatte er eigentlich nichts von der ganzen Geschichte erzählen wollen. In der eintretenden Stille musterte Mr Weasley nervös seine Frau. Dann erschienen hinter Mrs Weasley zwei Mädchen in der Küchentür. Die eine, mit sehr buschigem braunem Haar und recht großen Vorderzähnen, war Harrys und Rons beste Freundin, Hermine Granger. Die andere, klein und rothaarig, war Rons jüngere Schwester Ginny. Beide lächelten Harry zu, Harry grinste zurück und Ginny lief scharlachrot an – sie hatte einen Narren an ihm gefressen, seit er zum ersten Mal den Fuchsbau besucht hatte.
»Sag mir, was los ist, Arthur«, wiederholte Mrs Weasley mit bedrohlichem Unterton in der Stimme.
»Ach nichts, Molly«, murmelte Mr Weasley. »Fred und George haben nur – aber ich hab schon mit ihnen geschimpft –«
»Was haben sie diesmal wieder ausgefressen?«, fragte Mrs Weasley. »Wenn es irgendwas mit Weasleys Zauberhaften Zauberscherzen zu tun hat –«
»Warum zeigst du Harry nicht, wo er schlafen kann, Ron?«, sagte Hermine von der Tür her.
»Er weiß, wo er schläft«, sagte Ron. »In meinem Zimmer, da hat er auch letztes Mal –«
»Wir können zusammen hochgehen«, sagte Hermine überdeutlich.
»Oh«, sagte Ron, bei dem der Groschen endlich gefallen war, »gute Idee.«
»Ja, wir kommen auch mit«, sagte George –
»Ihr bleibt, wo ihr seid!«, fauchte Mrs Weasley.
Harry und Ron verdrückten sich aus der Küche und machten sich gemeinsam mit Hermine und Ginny auf den Weg durch den engen Flur und die klapprige Treppe empor, die im Zickzack durch das ganze Haus bis hoch zu den Dachkammern führte.
»Was bedeutet Weasleys Zauberhafte Zauberscherze?«, fragte Harry, während sie die Stufen erklommen.
Ron und Ginny lachten, Hermine jedoch blieb stumm.
»Mum hat beim Putzen in Freds und Georges Zimmer einen Stapel Bestellformulare gefunden«, sagte Ron gedämpft. »Ellenlange Preislisten für das Zeug, das sie erfunden haben. Scherzartikel, du kennst das ja. Falsche Zauberstäbe und Süßigkeiten mit eingebauter Überraschung, ’ne ganze Menge davon. Einfach genial, ich hätte nie gedacht, dass sie so erfinderisch sind …«
»Schon seit langem hören wir es aus ihrem Zimmer ständig knallen«, sagte Ginny, »aber wir wären nie darauf gekommen, dass sie dieses Zeug wie am Fließband herstellen. Wir dachten, sie stehen einfach auf Krach.«
»Nur, das meiste davon – na ja, eigentlich alles – war ein wenig gefährlich«, sagte Ron, »und dann, musst du wissen, wollten sie es auch noch in Hogwarts verkaufen. Da ist Mum an die Decke gegangen. Sie hat ihnen verboten, an den Sachen weiterzubasteln, und hat alle Bestellformulare verbrannt … Sie ist ohnehin sauer auf die beiden. Sie haben nicht so viele ZAGs gekriegt, wie sie erwartet hat.«
ZAGs waren Zauberergrade, die die fünfzehnjährigen Schüler bei den Prüfungen erwarben.
»Und dann hat es diesen Riesenkrach gegeben«, sagte Ginny, »weil Mum will, dass die beiden sich im Zaubereiministerium bewerben, wo Dad arbeitet, aber sie meinten, sie wollten eigentlich nur einen Scherzartikelladen aufmachen.«
In diesem Moment öffnete sich eine Tür auf dem zweiten Treppenabsatz und ein sehr genervt aussehendes Gesicht mit Hornbrille lugte hervor.
»Hallo, Percy«, sagte Harry.
»Ach, hallo, Harry«, sagte Percy. »Ich wollte nur wissen, wer so viel Lärm macht. Ich versuche hier drin zu arbeiten, musst du wissen – ich muss fürs Büro noch einen Bericht schreiben –, und es ist ziemlich schwer, sich zu konzentrieren, wenn ständig Leute die Treppe rauf- und runterpoltern.«
»Wir poltern nicht«, sagte Ron verärgert. »Wir gehen. Verzeihung, wenn wir die streng geheime Arbeit des Zaubereiministeriums gestört haben.«
»Woran arbeitest du denn?«, sagte Harry.
»An einem Bericht für die Abteilung für Internationale Magische Zusammenarbeit«, sagte Percy und reckte das Kinn. »Wir versuchen die Kesseldicken endlich zu vereinheitlichen. Manche von diesen ausländischen Importkesseln sind doch eine Spur zu dünn – die Tropfrate steigt jährlich um drei Prozent –«
»Dieser Bericht wird die Welt verändern«, sagte Ron. »Kommt sicher auf die Titelseite des Tagespropheten, dieses Kesseltropfen.«
Percys Gesicht nahm einen Hauch Rosa an.
»Mach du nur deine Witze, Ron«, sagte er entrüstet, »aber wenn wir nicht eine internationale Regelung durchsetzen, wird der Markt eines Tages womöglich von dünnbödigen Billigprodukten überschwemmt, die eine ernste Gefahr für –«
»Ja, ja, ist schon gut«, sagte Ron und betrat die nächste Treppe. Percy knallte seine Zimmertür hinter sich zu. Während Harry, Hermine und Ginny drei weitere Treppen hinter Ron herstiegen, hallten Rufe aus der Küche zu ihnen hoch. Sie klangen, als hätte Mr Weasley seiner Frau von den Toffeebohnen erzählt.
Das Zimmer unter dem Dach des Hauses, wo Ron schlief, sah nicht viel anders aus als bei Harrys letztem Besuch, dieselben Spieler auf den Postern von Rons Lieblingsteam, den Chudley Cannons, wirbelten und winkten von den Wänden und von der schrägen Decke, und das Aquarium auf der Fensterbank, in dem damals noch Froschlaich gewesen war, beherbergte nun einen riesigen Frosch. Rons alte Ratte, Krätze, war nicht mehr da, stattdessen die winzige graue Eule, die Rons Brief zu Harry in den Ligusterweg geflogen hatte. Sie hüpfte in einem kleinen Käfig auf und ab und zwitscherte wie verrückt.
»Schnauze, Pig«, sagte Ron und drängte sich zwischen zwei der vier Betten hindurch, die in das Zimmer gequetscht worden waren. »Fred und George schlafen auch hier, weil Bill und Charlie ihr Zimmer bekommen haben«, erklärte er Harry. »Percy behält sein Zimmer für sich alleine, weil er ja arbeiten muss.«
»Ähm – warum nennst du diese Eule Pig?«, fragte Harry.
»Weil Ron doof ist«, warf Ginny ein. »Sein richtiger Name ist nämlich Pigwidgeon.«
»Ja, und das ist überhaupt kein doofer Name«, sagte Ron trocken. »Ginny hat ihm den Namen gegeben«, erklärte er Harry. »Sie findet ihn süß. Und ich wollte ihn noch ändern, aber es war zu spät, er hörte auf überhaupt nichts anderes mehr. Also heißt er jetzt eben Pig. Ich muss ihn hier oben behalten, weil er Errol und Hermes ständig ärgert. Mich übrigens auch, kann ich dir sagen.«
Pigwidgeon flatterte glücklich in seinem Käfig umher und schrie schrill. Harry kannte Ron gut genug, um ihn nicht ernst zu nehmen. Über seine alte Ratte Krätze hatte er sich ständig beklagt, doch als Hermines Kater, Krummbein, ihn vermeintlich gefressen hatte, war er untröstlich gewesen.
»Wo ist Krummbein?«, fragte Harry nun Hermine.
»Draußen im Garten, glaub ich«, sagte sie. »Er hat noch nie einen Gnomen gesehen und jagt sie wie die Mäuse.«
»Percy gefällt die Arbeit, nicht wahr?«, sagte Harry, setzte sich auf eins der Betten und sah den Chudley Cannons zu, wie sie auf den Postern an der Decke erschienen und wieder davonsausten.
»Gefallen?«, sagte Ron mit verdüsterter Miene. »Ich glaube, er würde gar nicht mehr nach Hause kommen, wenn Dad es nicht verlangen würde. Er ist wie besessen. Frag ihn ja nicht nach seinem Chef. ›Mr Crouch sagt dieses, Mr Crouch sagt jenes … wie ich immer zu Mr Crouch sage … Mr Crouch ist der Meinung … Mr Crouch hat mich beauftragt …‹ Bald geben sie noch ihre Verlobung bekannt.«
»Hast du einen schönen Sommer verbracht, Harry?«, fragte Hermine. »Und sind die Fresspakete auch angekommen?«
»Ja, vielen Dank«, sagte Harry. »Diese Kuchen haben mir das Leben gerettet.«
»Und hast du was von –?«, setzte Ron an, doch Hermines Blick ließ ihn verstummen. Harry wusste, dass er nach Sirius fragen wollte. Ron und Hermine hatten bei Sirius’ Flucht tatkräftig mitgeholfen und waren jetzt beinahe ebenso um seinen Paten besorgt wie er. Allerdings war es nicht gut, wenn Ginny alles hörte. Keiner außer ihnen und Professor Dumbledore wusste, wie Sirius entkommen war, und keiner glaubte an seine Unschuld.
»Sie haben aufgehört zu streiten«, sagte Hermine, um den peinlichen Moment zu überbrücken, denn Ginnys Blick wanderte neugierig von Ron zu Harry. »Sollen wir runtergehen und deiner Mum mit dem Abendessen helfen?«
»Ja, von mir aus«, sagte Ron. Alle vier verließen Rons Zimmer und stiegen nach unten in die Küche, wo sie Mrs Weasley allein und äußerst schlecht gelaunt vorfanden.
»Wir essen draußen im Garten«, sagte sie, als die vier eintraten. »Hier drin haben wir einfach keinen Platz für elf Leute. Könntet ihr die Teller raustragen, Mädchen? Bill und Charlie decken die Tische. Ihr beide nehmt bitte Messer und Gabeln«, sagte sie zu Ron und Harry und richtete ihren Zauberstab unversehens ein wenig zu energisch auf einen Haufen Kartoffeln im Waschbecken, die daraufhin so schnell aus ihren Pellen flutschten, dass sie gegen Wände und Decke klatschten.
»Ach, um Himmels willen«, seufzte sie und richtete ihren Zauberstab jetzt auf eine Kehrschaufel, die von der Wand hüpfte, über den Boden tänzelte und die Kartoffeln aufschaufelte. »Diese beiden!«, stieß sie zornig hervor, während sie Töpfe und Pfannen aus dem Schrank holte, und Harry war klar, dass sie Fred und George meinte. »Ich weiß nicht, was aus denen mal werden soll, ehrlich gesagt. Keinen Ehrgeiz, wollen anderen nur möglichst viel Ärger bereiten …«
Sie ließ einen großen Kupfertopf auf den Küchentisch knallen und begann mit dem Zauberstab darin herumzurühren, bis sich eine cremige Sauce aus der Spitze in den Topf ergoss.
»Es ist ja nicht so, dass sie keinen Grips hätten«, fuhr sie gereizt fort, trug den Topf hinüber zum Herd und entzündete diesen mit einem Stupser ihres Zauberstabs. »Sie verschwenden ihn einfach, und wenn sie sich nicht bald zusammenreißen, kriegen sie wirklich Probleme. Hogwarts hat mir mehr Eulen ihretwegen geschickt als wegen aller anderen zusammen. Wenn sie so weitermachen, landen sie noch vor dem Ausschuss gegen den Missbrauch der Magie.«
Mrs Weasley tippte mit dem Zauberstab gegen die Besteckschublade, die prompt aufsprang. Ein paar Messer flogen heraus, so dass Harry und Ron sich rasch ducken mussten, surrten quer durch die Küche und begannen die Kartoffeln in Scheiben zu schneiden, die die Kehrschaufel soeben wieder ins Waschbecken befördert hatte.
»Ich weiß nicht, was wir bei den beiden falsch gemacht haben«, sagte Mrs Weasley, legte ihren Zauberstab beiseite und begann noch mehr Töpfe hervorzukramen. »Das geht nun schon seit Jahren so, immer wieder was Neues, und sie wollen einfach nicht zuhören – o nein, nicht schon wieder!«
Sie hatte ihren Zauberstab vom Tisch genommen und er hatte sich unter lautem Quieken in eine riesige Gummimaus verwandelt.
»Schon wieder einer von ihren falschen Zauberstäben!«, rief sie. »Wie oft hab ich den beiden schon gesagt, sie sollen sie nicht herumliegen lassen!«
Sie griff nach ihrem richtigen Zauberstab, drehte sich um und musste feststellen, dass die Sauce auf dem Herd zu kokeln begonnen hatte.
»Komm mit«, sagte Ron hastig zu Harry und kramte eine Hand voll Besteck aus der Schublade, »wir gehen nach draußen und helfen Bill und Charlie.«
Sie ließen Mrs Weasley allein und gingen durch die Hintertür hinaus auf den Hof.
Sie waren nur ein paar Schritte gegangen, als Hermines säbelbeiniger rötlicher Kater Krummbein aus dem Garten gesaust kam, den Schwanz wie eine Flaschenbürste schnurgerade in die Luft gestreckt, auf der Jagd nach etwas, das aussah wie eine erdige Kartoffel auf Beinen. Das kaum armlange Wesen ließ seine verhornten kleinen Füße eifrig tapsen, hoppelte quer über den Hof und stürzte sich kopfüber in einen der Gummistiefel, die an der Tür lagen. Harry konnte den Gnomen wie irre giggeln hören, während Krummbein eine Pfote in den Stiefel steckte und nach ihm aushieb. Unterdessen begann es von der anderen Seite des Hauses her laut zu lärmen. Was den Krach verursachte, erkannten sie erst, als sie in den Garten kamen und sahen, dass Bill und Charlie mit gezückten Zauberstäben zwei arg ramponierte alte Tische hoch über dem Rasen fliegen und gegeneinanderknallen ließen, um den des Gegners zum Absturz zu bringen. Fred und George feuerten sie an; Ginny lachte, und Hermine stand an der Ecke und trat von einem Bein aufs andere, offenbar hin- und hergerissen zwischen Vergnügen und schlechtem Gewissen.
Bills Tisch knallte laut gegen den Charlies und schlug ihm ein Bein weg.
Oben am Haus klapperte etwas, und sie sahen, wie Percy aus einem Fenster im zweiten Stock lugte.
»Hört auf damit!«, bellte er.
»Verzeihung, Perce«, sagte Bill grinsend. »Wie steht’s mit den Kesselböden?«
»Ganz übel«, sagte Percy verdrießlich und schlug das Fenster zu. Kichernd ließen Bill und Charlie die Tische im sicheren Gleitflug auf dem Gras landen, dann fügte Bill mit einem Schnippen des Zauberstabs das fehlende Bein wieder an und deckte die Tische von Zauberhand.
Um sieben Uhr ächzten die Tische unter der Last von Töpfen und Tellern, die gefüllt waren mit Mrs Weasleys herrlichen Gerichten, und die neun Weasleys, Harry und Hermine setzten sich und begannen unter dem klaren, tiefblauen Himmel zu essen. Für jemanden, der sich den ganzen Sommer von zunehmend muffiger werdendem Kuchen ernährt hatte, war dies das Paradies, und Harry hörte anfangs lieber zu, als zu reden, da er sich an Hühnchen-und-Schinken-Pastete, Salzkartoffeln und Salat gütlich tat.
Am anderen Ende des Tisches erzählte Percy seinem Vater alles über seinen Kesselboden-Bericht.
»Ich hab Mr Crouch gesagt, am Dienstag bin ich fertig«, erklärte Percy mit Nachdruck. »Das ist ein wenig früher, als er erwartet hat, aber ich bin eben immer eine Nasenlänge voraus. Ich glaube, er wird mir dankbar sein, dass ich es in so kurzer Zeit geschafft habe. Immerhin ist bei uns in der Abteilung gerade die Hölle los, bei den ganzen Vorbereitungen für die Weltmeisterschaft. Wir bekommen einfach nicht die notwendige Unterstützung von der Abteilung für Magische Spiele und Sportarten. Ludo Bagman –«
»Ich mag Ludo«, sagte Mr Weasley sachte. »Er hat uns nämlich die guten Plätze für das Endspiel besorgt. Hab ihm einen kleinen Gefallen getan: Sein Bruder, Otto, hatte sich ein kleines Problem eingehandelt – einen Rasenmäher mit übernatürlichen Kräften – und ich hab die Sache geradegebogen.«
»Oh, Bagman, ganz nett, natürlich«, sagte Percy geringschätzig, »aber wie er jemals Abteilungsleiter werden konnte … wenn ich ihn mit Mr Crouch vergleiche! Ich kann mir bei Mr Crouch einfach nicht vorstellen, dass er einen Mitarbeiter seiner Abteilung verliert und nicht versucht herauszufinden, was mit ihm passiert ist. Ist dir klar, dass Bertha Jorkins jetzt schon seit über einem Monat vermisst wird? Die Frau, die nach Albanien in den Urlaub fuhr und nicht zurückkam?«
»Ja, ich hab Ludo nach ihr gefragt«, sagte Mr Weasley stirnrunzelnd. »Er meint, Bertha sei schon öfter vermisst worden – obwohl ich zugeben muss, wenn es jemand aus meiner Abteilung wäre, würde ich mir Sorgen machen …«
»Bertha ist ein hoffnungsloser Fall, gewiss«, sagte Percy. »Wie ich höre, wurde sie seit Jahren von Abteilung zu Abteilung geschoben und richtete mehr Schaden als Nutzen an … und trotzdem, Bagman sollte versuchen sie zu finden. Mr Crouch interessiert sich persönlich dafür – sie hat früher bei uns gearbeitet, weißt du, und ich glaube, Mr Crouch war ganz angetan von ihr – aber Bagman lacht immer nur und sagt, sie hätte wahrscheinlich die Landkarte falsch gelesen und sei in Australien statt in Albanien gelandet. Allerdings«, Percy ließ einen gewichtigen Seufzer hören und nahm einen ausgiebigen Schluck vom Holunderblütenwein, »wir haben in der Abteilung für Internationale Magische Zusammenarbeit genug am Hals und können nicht auch noch Leute aus anderen Abteilungen suchen. Du weißt ja, nach der Weltmeisterschaft müssen wir ein weiteres Großereignis organisieren.«
Er räusperte sich viel sagend und blickte hinüber zum anderen Ende des Tisches, wo Harry, Ron und Hermine saßen. »Du weißt schon, wovon ich rede, Vater.« Er hob leicht die Stimme. »Diese Topsecret-Geschichte.«
Ron rollte mit den Augen und murmelte zu Harry und Hermine gewandt: »Seit er angefangen hat zu arbeiten, will er uns dazu bringen zu fragen, was das für ein Ereignis ist. Wahrscheinlich eine Ausstellung für dickwandige Kessel.«
In der Mitte der Tafel stritt Mrs Weasley mit Bill über seinen Ohrring, den er offenbar erst seit kurzem trug.
»… mit einem fürchterlichen Riesenzahn dran, wirklich, Bill, was sagen sie in der Bank?«
»Mum, keiner in der Bank schert sich einen Pfifferling darum, wie ich mich anziehe, solange ich genug Schätze reinbringe«, sagte Bill geduldig.
»Und dein Haar sieht allmählich aus, mein Lieber«, sagte Mrs Weasley und befingerte liebevoll ihren Zauberstab. »Ich wünschte, du würdest mich mal kurz da ranlassen …«
»Mir gefällt es so«, sagte Ginny, die neben Bill saß. »Du bist so altmodisch, Mum. Außerdem ist es nicht halb so lang wie das von Professor Dumbledore …«
Neben Mrs Weasley unterhielten sich Fred, George und Charlie angeregt über die Weltmeisterschaft.
»Ich tippe auf Irland«, mampfte Charlie mit einem Mund voll Kartoffeln. »Die haben Peru im Halbfinale plattgemacht.«
»Aber Bulgarien hat Viktor Krum«, sagte Fred.
»Krum ist gerade mal ein brauchbarer Spieler, Irland hat sieben«, sagte Charlie schroff. »Wär schön gewesen, wenn England es geschafft hätte. Aber das war peinlich, wirklich sehr peinlich.«
»Was war denn?«, fragte Harry wissbegierig und ärgerte sich mehr denn je, dass er nichts von der Zaubererwelt erfuhr, solange er im Ligusterweg steckte. Harry war ein leidenschaftlicher Quidditch-Spieler. Seit seinem ersten Jahr in Hogwarts machte er den Sucher für das Team seines Hauses, Gryffindor, und er besaß einen der besten Rennbesen der Welt, einen Feuerblitz.
»Sind gegen Transsilvanien untergegangen, dreihundertneunzig zu zehn«, sagte Charlie trübselig. »War grausam mit anzusehen. Und Wales hat gegen Uganda verloren, und Luxemburg hat Schottland abgeschlachtet.«
Mr Weasley beschwor Kerzen herauf, denn im Garten wurde es allmählich dunkel. Es gab Nachtisch (selbst gemachtes Erdbeereis), und als sie aufgegessen hatten, flatterten Motten tief über den Tisch und der Duft von Gräsern und Geißblatt erfüllte die warme Luft. Harry sah ein paar Gnomen nach, die mit irrem Lachen durch die Rosenbüsche rasten, dicht gefolgt von Krummbein, und fühlte sich so richtig satt und zufrieden mit der Welt.
Ron ließ den Blick über den Tisch schweifen, um sicherzugehen, dass die anderen sich alle eifrig unterhielten, dann sagte er sehr leise zu Harry: »Wie steht’s – hast du in letzter Zeit was von Sirius gehört?«
Hermine wandte den Kopf und hörte gespannt zu.
»Jaah«, sagte Harry gedämpft, »zweimal. Er hört sich gut an. Ich hab ihm vorgestern geschrieben. Vielleicht antwortet er noch, während ich hier bin.«
Plötzlich fiel ihm wieder ein, aus welchem Grund er an Sirius geschrieben hatte, und einen Moment lang wollte er Ron und Hermine erzählen, dass seine Narbe wieder schmerzte, und von dem Traum berichten, der ihn aufgeweckt hatte … doch im Grunde wollte er sie jetzt nicht beunruhigen, nicht wenn er selbst sich so glücklich und zufrieden fühlte.
»Schon so spät!«, sagte Mrs Weasley plötzlich mit einem Blick auf ihre Armbanduhr. »Ihr solltet schon längst im Bett sein, die ganze Bande, ihr müsst morgen in aller Frühe aufstehen, damit ihr zum Endspiel kommt. Harry, wenn du mir die Liste mit deinen Schulsachen rauslegst, besorge ich sie dir morgen in der Winkelgasse, ich muss sowieso hin. Nach der Weltmeisterschaft ist vielleicht keine Zeit mehr, das letzte Mal hat das Endspiel fünf Tage gedauert.«
»Uff – diesmal hoffentlich auch!«, sagte Harry ganz begeistert.
»Nun, ich persönlich kann darauf verzichten«, sagte Percy scheinheilig. »Mich schaudert, wenn ich daran denke, wie mein Eingangskorb aussähe, wenn ich fünf Tage nicht ins Büro ginge.«
»Ja, vielleicht würde wieder jemand Drachenmist reinwerfen, Perce?«, sagte Fred.
»Das war eine Düngerprobe aus Norwegen!«, sagte Percy und lief puterrot an. »Nichts Persönliches!«
»War es doch«, flüsterte Fred Harry zu, als sie sich erhoben. »Wir haben sie geschickt.«
Der Portschlüssel
Harry schien es, als hätte er sich kaum schlafen gelegt, da kam auch schon Mrs Weasley in Rons Zimmer und rüttelte ihn wach.
»Zeit, aufzustehen, mein lieber Harry«, flüsterte sie und ging weiter, um Ron zu wecken.
Harry tastete nach seiner Brille, setzte sie auf und sah sich um. Draußen war es noch dunkel. Ron, den seine Mutter gerade geweckt hatte, murmelte unverständliche Worte. Am Fußende seines Bettes sah Harry zwei große, zerzauste Gestalten aus einem Gewirr von Laken auftauchen.
»Sch-schon Sseit?«, sagte Fred mit verschlafener Stimme.
Zu müde, um viele Worte zu wechseln, zogen sie sich rasch an und stiegen unter Gähnen und Ächzen hinunter in die Küche.
Mrs Weasley stand am Herd und rührte in einem großen Topf, Mr Weasley saß am Tisch und blätterte einen Stapel großer Pergamentkarten durch. Er sah auf, als die Jungen eintraten, und breitete die Arme aus, damit sie seine Kleidung begutachten konnten. Er trug so etwas wie einen Pullunder und eine steinalte Jeans, die, ein wenig zu groß für ihn, mit einem breiten Ledergürtel festgeschnürt war.
»Was haltet ihr davon?«, fragte er erwartungsvoll. »Wir sollen doch inkognito reisen – sehe ich aus wie ein Muggel, Harry?«
»Hmmh«, grinste Harry, »sehr gut.«
»Wo sind denn Bill und Charlie und Per-Per-Percy?«, sagte George und konnte ein abgrundtiefes Gähnen nicht unterdrücken.
»Ach ja, die wollen apparieren«, sagte Mrs Weasley, wuchtete den großen Topf auf den Tisch und schöpfte Haferbrei in die Schalen. »So können sie noch ein wenig ausschlafen.«
Harry wusste, dass Apparieren sehr schwierig war; es bedeutete, von einem Ort zu verschwinden und fast sofort an anderer Stelle wieder aufzutauchen.
»Die pennen also noch?«, grummelte Fred und zog eine Haferbreischale zu sich her. »Warum können wir nicht auch apparieren?«
»Weil ihr noch nicht alt genug seid und die Prüfung noch nicht abgelegt habt«, fauchte Mrs Weasley. »Und wo sind eigentlich die Mädchen?«
Sie ging hinaus, und die anderen hörten, wie sie die Treppe hochstieg.
»Fürs Apparieren ist eine Prüfung nötig?«, fragte Harry.
»O ja«, sagte Mr Weasley und steckte die Karten sorgfältig in die hintere Tasche seiner Jeans. »Die Abteilung für Magischen Personenverkehr musste vor kurzem einem Pärchen Bußgeld aufbrummen, weil die beiden ohne Erlaubnis appariert sind. Apparieren ist nicht einfach, und wenn man es nicht richtig macht, kann es üble Folgen haben. Das besagte Pärchen hat es doch tatsächlich geschafft, sich zu zersplintern.«
Alle am Tisch außer Harry zuckten zusammen.
»Ähm – zersplintern?«, sagte Harry.
»Sie haben je die Hälfte von sich zurückgelassen«, sagte Mr Weasley, während er Unmengen Sirup über seinen Haferbrei kippte. »Da saßen sie natürlich ganz schön in der Klemme. Konnten weder vor noch zurück. Sie mussten auf das Magische Unfallumkehr-Kommando warten, das sie dann rausgeholt hat. Hieß ’ne Menge Papierkram für mich, kann ich euch sagen, wegen all der Muggel, die über ihre zurückgelassenen Körperteile gestolpert sind …«
Harry überkam die jähe Vorstellung von zwei Beinen und einem Augapfel, die auf dem Bürgersteig des Ligusterwegs herumlagen.
»Haben sie es überstanden?«, fragte er bestürzt.
»O ja«, sagte Mr Weasley gelassen. »Aber ’ne saftige Geldbuße hat es gesetzt, und ich glaube nicht, dass sie es so schnell wieder versuchen. Mit dem Apparieren ist nicht zu spaßen. Es gibt genug erwachsene Zauberer, die dankend darauf verzichten. Nehmen lieber einen Besen – langsamer, aber sicherer.«
»Aber Bill und Charlie und Percy beherrschen es?«
»Charlie musste die Prüfung zweimal machen«, sagte Fred grinsend. »Das erste Mal ist er durchgefallen. Apparierte acht Kilometer weiter südlich, als er eigentlich wollte, direkt auf dem Kopf von so ’ner armen Oma, die gerade beim Einkaufen war, wisst ihr noch?«
»Tja nun, beim zweiten Mal hat er es jedenfalls geschafft«, sagte Mrs Weasley, die unter herzhaftem Gekicher zurück in die Küche kam.
»Percy hat seine Prüfung erst vor zwei Wochen bestanden«, sagte George. »Seither appariert er jeden Morgen nach hier unten, nur um zu beweisen, dass er es beherrscht.«
Vom Flur her waren Schritte zu hören und Hermine und Ginny kamen in die Küche. Sie sahen blass und verschlafen aus.
»Warum müssen wir so früh aufstehen?«, sagte Ginny, rieb sich die Augen und setzte sich an den Tisch.
»Wir haben einen kleinen Fußmarsch vor uns«, sagte Mr Weasley.
»Fußmarsch?«, sagte Harry. »Wie bitte, gehen wir etwa zu Fuß zur Weltmeisterschaft?«
»Nein, nein, das ist zu weit weg«, sagte Mr Weasley lächelnd. »Wir müssen nur ein kurzes Stück zu Fuß gehen. Es ist nämlich sehr schwierig, eine große Zahl von Zauberern an einem Ort zu versammeln, ohne dass es den Muggeln auffällt. Wir müssen ohnehin immer vorsichtig sein, und bei einem Riesenereignis wie der Quidditch-Weltmeisterschaft –«
»George!«, sagte Mrs Weasley scharf und alle schraken zusammen.
»Was ist?«, sagte George in einem Unschuldston, der keinen täuschte.
»Was hast du da in der Tasche?«
»Nichts!«
»Lüg nicht!«
Mrs Weasley richtete den Zauberstab auf Georges Tasche und sagte »Accio!«.
Mehrere kleine, bunte Gegenstände schossen daraus hervor; George versuchte sie einzufangen, sie entwischten ihm jedoch und flogen geradewegs in die ausgestreckte Hand seiner Mutter.
»Wir haben euch doch gesagt, ihr sollt sie unschädlich machen!«, rief Mrs Weasley zornig und hielt offenbar einige weitere Würgzungen-Toffees hoch. »Schafft das Zeug fort, haben wir gesagt! Leert eure Taschen, aber dalli, und zwar beide!«
Es war peinlich mit anzusehen; die Zwillinge hatten offenbar beabsichtigt, möglichst viele Toffeebohnen aus dem Haus zu schmuggeln, und erst mit Hilfe ihres Sammelzaubers schaffte es Mrs Weasley, aller habhaft zu werden.
»Accio! Accio! Accio!«, rief sie, und die Toffeebohnen flogen von überall her auf sie zu, etwa aus dem Futter von Georges Jacke und aus den Aufschlägen von Freds Jeans.
»Wir haben ein halbes Jahr gebraucht, um sie zu entwickeln!«, schrie Fred seine Mutter an, als sie die Toffees wegwarf.
»Ach, ist ja ’ne tolle Art, ein halbes Jahr zu verbringen!«, kreischte sie. »Kein Wunder, dass ihr nicht mehr ZAGs geschafft habt!«
Alles in allem herrschte bei ihrem Aufbruch keine besonders fröhliche Stimmung. Mrs Weasley schaute immer noch finster, als sie ihren Gatten auf die Wange küsste, wenn auch längst nicht so finster wie die Zwillinge, die ihre Rucksäcke schulterten und ohne ein Abschiedswort für sie hinausgingen.
»Dann viel Vergnügen«, sagte Mrs Weasley, »und benehmt euch«, rief sie den Zwillingen nach, die ihr jedoch stur den Rücken kehrten. »Ich schicke Bill, Charlie und Percy gegen Mittag nach«, sagte Mrs Weasley an ihren Mann gewandt, dann gingen er, Harry, Ron, Hermine und Ginny hinaus und folgten Fred und George über den Hof.
Es war recht kühl und der Mond stand noch am Himmel. Nur ein grünlicher Schleier am östlichen Horizont kündigte den kommenden Tag an. Harry dachte an die Tausende von Zauberern, die alle zur Quidditch-Weltmeisterschaft kommen wollten, und beschleunigte seine Schritte, bis er Mr Weasley eingeholt hatte.
»Wie schaffen sie es eigentlich alle, dorthin zu kommen, ohne dass die Muggel es merken?«, fragte er.
»Das war ein gewaltiger Organisationsaufwand«, seufzte Mr Weasley. »Das Problem ist, dass etwa hunderttausend Zauberer zur Quidditch-Weltmeisterschaft kommen und wir einfach kein magisches Gelände haben, das groß genug wäre, um sie alle aufzunehmen. Es gibt Orte, zu denen die Muggel nicht vordringen können, doch stell dir vor, du versuchst hunderttausend Zauberer in der Winkelgasse oder auf dem Bahnsteig neundreiviertel unterzubringen. Deshalb mussten wir ein hübsches, einsames Moor ausfindig machen und möglichst viel Muggelabwehr einrichten. Das ganze Ministerium war monatelang damit beschäftigt. Zunächst mal müssen wir natürlich die Ankunft staffeln. Leute mit billigeren Karten müssen zwei Wochen vor der Zeit kommen. Einige von ihnen kommen mit den Verkehrsmitteln der Muggel, doch allzu viele dürfen natürlich auch nicht ihre Busse und Züge verstopfen – vergiss nicht, dass Zauberer aus der ganzen Welt kommen. Manche apparieren natürlich, aber wir müssen sichere Plätze einrichten, wo sie fern von den Muggeln auftauchen können. Ich glaube, sie haben einen geeigneten Wald gefunden, den sie als Apparierplatz nutzen. Für alle, die nicht apparieren wollen oder können, verwenden wir Portschlüssel. Das sind Gegenstände, mit denen man Zauberer zu einem vereinbarten Zeitpunkt von einem Punkt zum anderen bringen kann. Wenn nötig, auch große Gruppen. Zweihundert Portschlüssel wurden an günstig gelegenen Orten in ganz Großbritannien abgelegt, und der für uns nächste liegt oben auf einem Hügel, dem Wieselkopf, und dort gehen wir jetzt hin.«
Mr Weasley deutete in die Ferne, wo sich eine große schwarze Masse über dem Dorf Ottery St. Catchpole erhob.
»Was ist das, ein Portschlüssel?«, fragte Harry wissbegierig.
»Nun, das kann alles Mögliche sein«, sagte Mr Weasley. »Unscheinbare Dinge natürlich, so dass die Muggel sie nicht einfach aufheben und mit ihnen spielen … Sachen, die sie für bloßen Abfall halten …«
Sie stapften den dunklen, feuchten Weg zum Dorf entlang und nur ihre Schritte störten die Stille. Während sie durch das Dorf gingen, erhellte sich der schwarze Himmel allmählich und nahm ein dunkles Blau an. Harrys Hände und Füße waren eiskalt. Mr Weasley blickte immer wieder auf die Uhr.
Keuchend und ohne viele Worte stiegen sie den Wieselkopf hoch, stolperten hin und wieder in ein verstecktes Kaninchenloch oder rutschten auf dicken schwarzen Grashöckern aus. Jeder Atemzug brannte Harry in der Brust, und seine Beine wollten gerade einknicken, als er endlich ein ebenes Stück Erde betrat.
»Puuuhhh«, schnaufte Mr Weasley, nahm die Brille ab und wischte die Gläser an seinem Pullunder trocken. »Immerhin, wir liegen gut in der Zeit – wir haben noch zehn Minuten …«
Hermine kam als Letzte über den Hügelkamm, die Hände mit schmerzverzerrter Miene in die Seite gepresst.
»Jetzt fehlt uns nur noch der Portschlüssel«, sagte Mr Weasley, setzte die Brille wieder auf und ließ den Blick suchend über die Erde schweifen. »Er wird nicht groß sein … ihr könnt mir helfen …«
Sie verteilten sich über der Hügelkuppe, hatten jedoch erst ein paar Minuten gesucht, als ein Ruf die Stille durchbrach.
»Hier, Arthur! Hierher, alter Junge, wir haben ihn!«
»Amos!«, sagte Mr Weasley und ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Rasch schritt er hinüber zu dem Mann, der gerufen hatte. Die anderen folgten ihm.
Mr Weasley schüttelte die Hand eines Zauberers mit wettergegerbtem Gesicht und braunem Stoppelbart, der einen verschimmelten alten Stiefel in der anderen Hand hielt.
»Darf ich vorstellen, Amos Diggory«, sagte Mr Weasley. »Arbeitet in der Abteilung zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe. Und ich glaube, ihr kennt seinen Sohn Cedric?«
Cedric Diggory war ein außergewöhnlich hübscher Junge um die siebzehn Jahre. Er war Kapitän und Sucher des Quidditch-Teams der Hufflepuffs in Hogwarts.
»Hallo«, sagte Cedric und blickte in die Runde.
Alle antworteten »Hallo«, außer Fred und George, die nur nickten. Sie hatten Cedric nie ganz verziehen, dass er ihr Gryffindor-Team im ersten Quidditch-Spiel des letzten Jahres geschlagen hatte.
»War ’n langer Fußmarsch, Arthur?«, fragte Cedrics Vater.
»Nicht allzu schlimm«, sagte Mr Weasley. »Wir wohnen nicht weit von hier, auf der anderen Seite des Dorfes dort unten. Und ihr?«
»Wir mussten um zwei aufstehen, nicht wahr, Ced? Ich kann dir sagen, ich bin froh, wenn er seine Prüfung im Apparieren hinter sich hat. Na ja … ich will mich nicht beklagen … die Quidditch-Weltmeisterschaft, die würd ich nicht für einen Sack voll Galleonen verpassen wollen – und die Karten kosten ungefähr so viel. Dabei bin ich noch günstig weggekommen …« Amos Diggory wandte sich mit wohlwollendem Blick den drei Weasley-Jungen, Harry, Hermine und Ginny zu. »Alle von dir, Arthur?«
»O nein, nur die Rotschöpfe«, sagte Mr Weasley und deutete auf seine Kinder. »Das ist Hermine, eine Freundin von Ron – und Harry, auch ein Freund –«
»Beim Barte von Merlin«, sagte Amos Diggory und seine Augen weiteten sich. »Harry? Harry Potter?«
»Aahm – ja«, sagte Harry.
Harry kannte es schon zur Genüge, dass Leute, die ihn zum ersten Mal trafen, ihn neugierig anstarrten, dass ihr Blick sofort zu der Blitznarbe auf seiner Stirn huschte, doch noch immer fühlte er sich unwohl dabei.
»Ced hat natürlich von dir gesprochen«, sagte Amos Diggory. »Hat mir alles von dem Spiel letztes Jahr gegen euch erzählt … Ich hab ihm gesagt – Ced, das kannst du mal deinen Enkeln erzählen, hab ich gesagt … du hast Harry Potter geschlagen!«
Harry wusste nicht, was er darauf antworten sollte, und schwieg. Fred und George sahen schon wieder missvergnügt drein. Cedric schien ein wenig verlegen.
»Harry ist von seinem Besen gefallen, Dad«, nuschelte er. »Ich hab dir doch gesagt … es war ein Unfall …«
»Ja, aber du bist nicht runtergefallen, nicht wahr?«, dröhnte Amos quietschvergnügt. »Immer so bescheiden, unser Ced, immer ein Ehrenmann … aber der Beste auf dem Platz hat gewonnen, sicher würde Harry das auch sagen, nicht wahr, Harry? Der eine fällt von seinem Besen, der andere bleibt oben, du musst kein Genie sein, um rauszufinden, wer der bessere Flieger ist!«
»Wir müssen bald los«, warf Mr Weasley rasch ein und zog seine Uhr aus der Tasche. »Weißt du, ob wir noch auf jemanden warten müssen, Amos?«
»Nein, die Lovegoods sind schon seit ’ner Woche da und die Fawcetts haben keine Karten bekommen«, sagte Mr Diggory. »Hier in der Gegend wohnt sonst niemand mehr von uns, oder?«
»Nicht, dass ich wüsste«, sagte Mr Weasley. »Ja, wir haben noch eine Minute … machen wir uns bereit …«
Er wandte sich Harry und Hermine zu. »Ihr müsst den Portschlüssel nur berühren, das ist alles, ein Finger reicht –«
Von ihren klobigen Rucksäcken ein wenig behindert traten sie auf den alten Stiefel zu, den Amos Diggory in die Höhe hielt.
Alle neun standen in einem engen Kreis zusammen, als eine kalte Brise über die Hügelkuppe blies. Keiner sprach. Harry fiel plötzlich ein, wie gespenstisch sie für einen Muggel aussehen würden, der zufällig hier auftauchte … neun Menschen, darunter zwei erwachsene Männer, die im Halbdunkel diesen vergammelten alten Gummistiefel berührten und warteten …
»Drei …«, murmelte Mr Weasley mit einem Auge auf der Uhr, »zwei … eins …«
Es passierte sofort: Harry hatte das Gefühl, als ob er an einem Haken direkt hinter seinem Nabel plötzlich mit unwiderstehlicher Gewalt nach vorne gerissen würde. Er hatte den Boden unter den Füßen verloren; er spürte, dass Ron und Hermine Seite an Seite mit ihm flogen und ihre Schultern gegen die seinen schlugen; durch wütende Böen und wirbelnde Farbspiralen rasten sie dahin; sein Zeigefinger klebte an dem Stiefel, als zöge er ihn magnetisch an, und dann –
Harry prallte mit den Füßen auf festen Grund; Ron stolperte und stürzte über Harry; der Portschlüssel schlug mit einem lauten dumpfen Geräusch neben seinem Kopf ein.
Harry blickte auf. Mr Weasley, Mr Diggory und Cedric standen auf den Beinen, sahen jedoch arg zerzaust aus; alle anderen lagen auf der Erde.
»Sieben nach fünf vom Wieselkopf«, sagte eine Stimme.
Bagman und Crouch
Harry befreite sich aus Rons Umklammerung und richtete sich auf. Sie waren auf einem nebelverhangenen Moor gelandet. Vor ihnen standen zwei müde und missmutig dreinblickende Zauberer, der eine mit einer großen goldenen Uhr in der Hand, der andere mit einer dicken Pergamentrolle und einer Feder. Beide waren wie Muggel gekleidet, allerdings recht ungewöhnlich; der Mann mit der Uhr trug einen Tweed-Anzug mit kniehohen Galoschen, sein Kollege einen Kilt und einen Poncho.
»Morgen, Basil«, sagte Mr Weasley, hob den Stiefel auf und reichte ihn dem Zauberer im Kilt, der ihn in eine große Kiste mit gebrauchten Portschlüsseln warf; Harry konnte eine alte Zeitung erkennen, leere Getränkedosen und einen durchlöcherten Fußball.
»Ach, hallo, Arthur«, sagte Basil matt. »Nicht im Dienst, was? Manche sind fein raus … wir sind schon die ganze Nacht hier … ihr geht jetzt am besten aus dem Weg, wir erwarten um fünf Uhr fünfzehn eine große Gruppe aus dem Schwarzwald. Augenblick mal, ich suche euch Plätze raus … Weasley … Weasley …« Er zog seine Pergamentliste zu Rate. »Gut vierhundert Meter zu Fuß von hier, das erste Feld, auf das ihr stoßt. Der Platzaufseher heißt Mr Roberts. Diggory … zweites Feld … fragen Sie nach Mr Payne.«
»Danke, Basil«, sagte Mr Weasley und winkte den anderen, ihm zu folgen.
Sie machten sich auf den Weg durch das einsame Moor, ohne dass sie durch den dichten Nebel allzu viel sehen konnten. Nach etwa zwanzig Minuten tauchte ein kleines steinernes Haus aus dem Nebel auf. Neben dem Haus sahen sie ein Tor, und dahinter konnten sie die geisterhaften Umrisse Hunderter und Aberhunderter von Zelten erkennen, deren Reihen sich über ein sanft ansteigendes Feld bis zu einem dunklen Wald am Horizont emporzogen. Sie verabschiedeten sich von den Diggorys und gingen auf das Tor neben dem Haus zu.
Ein Mann stand am Torweg und spähte hinüber zu den Zelten. Harry war auf den ersten Blick klar, dass dies der einzige echte Muggel weit und breit war. Er hörte ihre Schritte, wandte sich um und musterte sie.
»Morgen!«, sagte Mr Weasley munter.
»Morgen!«, sagte der Muggel.
»Sie müssen Mr Roberts sein.«
»Genau der bin ich«, sagte Mr Roberts. »Und wer sind Sie?«
»Weasley – zwei Zelte, vor ein paar Tagen gebucht.«
»Alles klar«, sagte Mr Roberts und zog eine an die Tür geheftete Liste zu Rate. »Sie haben einen Platz dort oben am Wald. Nur eine Nacht?«
»Nur eine«, sagte Mr Weasley.
»Dann zahlen Sie sofort?«, fragte Mr Roberts.
»Aah – sofort – natürlich –«, sagte Mr Weasley. Er entfernte sich ein paar Schritte von dem Haus und winkte Harry zu sich her. »Du musst mir helfen, Harry«, murmelte er, zog eine Rolle Muggelgeld aus der Tasche und fächerte die Scheine auf. »Das hier ist ein – ein – Zehner? Ah ja, jetzt seh ich die kleine Zahl dadrauf … dann ist das ein Fünfer?«
»Nein, ein Zwanziger«, berichtigte ihn Harry mit gedämpfter Stimme. Ihm war peinlich bewusst, dass Mr Roberts mit gespitzten Ohren jedes ihrer Worte aufzuschnappen versuchte.
»Ah ja, dann macht das also … ich kenn mich mit diesen kleinen Papierfetzen einfach nicht aus …«
»Sind Sie Ausländer?«, fragte Mr Roberts, als Mr Weasley mit dem richtigen Betrag zurückkam.
»Ausländer?«, wiederholte Mr Weasley verdutzt.
»Sie sind nicht der Erste hier, der Probleme mit dem Geld hat«, sagte Mr Roberts und musterte Mr Weasley scharf. »Erst vor zehn Minuten haben zwei versucht, mich mit Goldmünzen zu bezahlen, die so groß waren wie Radkappen.«
»Was Sie nicht sagen!«, antwortete Mr Weasley zerstreut.
Mr Roberts stöberte in einer Blechdose nach Wechselgeld.
»Noch nie so voll gewesen hier«, sagte er plötzlich und ließ den Blick erneut über das neblige Feld schweifen. »Hunderte Vorausbuchungen. Normalerweise tauchen die Leute hier einfach auf …«
»Stimmt das so?«, fragte Mr Weasley und streckte die Hand nach seinem Wechselgeld aus, doch Mr Roberts gab es ihm nicht.
»Tjaah«, sagte er nachdenklich. »Leute von überall her. ’ne Menge Ausländer. Und nicht nur Ausländer. Spinner, sag ich Ihnen. Da ist so ein Kerl, der in ’nem Kilt und ’nem Poncho rumspaziert.«
»Darf er das nicht?«, fragte Mr Weasley beunruhigt.
»Kommt mir vor wie … weiß nicht … wie ’ne Art Versammlung«, sagte Mr Roberts. »Die scheinen sich alle zu kennen. Vielleicht ’ne Riesenparty.«
In diesem Moment erschien ein Zauberer in Knickerbockern aus dem Nichts neben Mr Roberts’ Haustür.
»Amnesia!«, rief er schrill und richtete den Zauberstab gegen Mr Roberts.
Mr Roberts fing auf der Stelle an zu schielen, seine Stirn glättete sich und ein Ausdruck träumerischen Gleichmuts trat auf sein Gesicht. Wie Harry wusste, sah so ein Mensch aus, dessen Gedächtnis gerade verändert wurde.
»Eine Karte des Campingplatzes für Sie«, sagte Mr Roberts in aller Gelassenheit zu Mr Weasley. »Und Ihr Wechselgeld.«
»Vielen Dank«, sagte Mr Weasley.
Der Zauberer in den Knickerbockern begleitete sie zum Tor des Zeltplatzes. Er sah erschöpft aus; sein stoppeliges Kinn schimmerte bläulich, und dunkelrote Schatten lagen unter seinen Augen. Sobald Mr Roberts sie nicht mehr hören konnte, murmelte er Mr Weasley zu: »Hatte eine Menge Ärger mit ihm. Braucht zehnmal am Tag einen Gedächtniszauber, damit er bei Laune bleibt. Und Ludo Bagman rührt keinen Finger. Schlendert herum, hält den Leuten Vorträge über Klatscher und Quaffel und schert sich nicht im Geringsten um die Muggelabwehr. Meine Nerven, bin ich froh, wenn das hier vorbei ist. Bis später, Arthur.«
Er disapparierte.
»Ich dachte, Mr Bagman sei Chef der Abteilung für Magische Spiele und Sportarten?«, sagte Ginny mit überraschter Miene. »Er sollte doch wissen, dass man in der Nähe von Muggeln nicht über Klatscher reden darf, oder?«
»Das sollte er«, antwortete Mr Weasley lächelnd und führte sie durch das Tor auf den Zeltplatz, »aber Ludo war schon immer ein wenig … nun ja … lax in Sicherheitsfragen. Aber einen Chef für die Sportabteilung, der mit mehr Begeisterung dabei ist, gibt es einfach nicht. Er selbst hat Quidditch für England gespielt, musst du wissen. Und er war der beste Treiber, den die Wimbourner Wespen je hatten.«
Sie wanderten die langen Zeltreihen entlang über das nebelverhangene Feld. Die meisten Zelte sahen ganz gewöhnlich aus; ihre Besitzer hatten sie offenbar ganz nach Muggelart gestalten wollen, hin und wieder jedoch ein wenig danebengegriffen und sie mit Kaminen, Klingelzügen oder Wetterfahnen ausstaffiert. Allerdings gab es hie und da ein Zelt, das so offensichtlich magisch war, dass Harry sich nicht über Mr Roberts’ Misstrauen wunderte. Auf halbem Weg die Anhöhe hinauf stand ein extravagantes Zelt aus gestreifter Seide, das mit seinen am Eingang angepflockten Pfauen wie ein kleiner Palast wirkte. Ein wenig weiter kamen sie an einem Zelt vorbei, das drei Stockwerke und mehrere Türmchen hatte; und kurz dahinter stand ein Zelt mit angehängtem Vorgarten, komplett mit Vogelbad, Sonnenuhr und Brunnen.
»Immer dasselbe«, sagte Mr Weasley lächelnd, »wir können es einfach nicht lassen, ein wenig zu prahlen, wenn wir zusammenkommen. Aha, wir sind da, seht, das ist unser Platz.«
Sie waren oben am Waldrand angelangt und hier fanden sie ihren Platz; auf einem kleinen, in die Erde gesteckten Schild stand »Weezly« geschrieben.
»Was Besseres hätten wir nicht kriegen können!«, sagte Mr Weasley glücklich. »Das Spielfeld liegt auf der anderen Seite dieses Waldes, näher geht’s nicht.« Er ließ den Rucksack zur Erde gleiten. »Hört mal«, sagte er aufgeregt, »eigentlich ist keine Zauberei erlaubt, wenn wir in so großer Zahl auf Muggelland sind. Wir bauen diese Zelte von Hand auf! Sollte nicht allzu schwer sein. Die Muggel tun es ständig … Harry, schau dir das mal an, was meinst du, wo wir anfangen sollen?«
Harry hatte noch nie gezeltet; die Dursleys hatten ihn in all den Jahren nicht in den Urlaub mitgenommen und ihn lieber bei Mrs Figg, einer alten Nachbarin, abgeladen. Doch gemeinsam mit Hermine fand er heraus, wo die meisten der Stangen und Heringe hingehörten, und obwohl Mr Weasley eher hinderlich denn hilfreich war, weil er richtig aus dem Häuschen geriet, als er den Holzhammer benutzen durfte, hatten sie schließlich ein Paar abgenutzte Zweimannzelte vor sich stehen.
Sie traten einige Schritte zurück, um ihrer Hände Werk zu bewundern. Keiner, der diese Zelte ansah, würde auf den Gedanken kommen, sie gehörten Zauberern, überlegte Harry, doch das Problem war, dass sie mit Bill, Charlie und Percy zu zehnt sein würden. Auch Hermine schien sich zu wundern; sie warf Harry einen fragenden Blick zu, während Mr Weasley auf allen vieren ins erste Zelt kroch.
»Wird ein bisschen eng hier«, rief er nach draußen, »aber ich glaube, wir passen alle rein. Kommt und schaut.«
Harry bückte sich, kroch durch die Zeltluke und riss den Mund auf. Er befand sich in einer altmodisch möblierten Wohnung mit drei Zimmern, samt Bad und Küche. Seltsamerweise war die Wohnung genauso eingerichtet wie die von Mrs Figg; die bunt zusammengewürfelten Sessel waren mit Häkeldeckchen drapiert und es roch stark nach Katze.
»Macht nichts, es ist ja nicht für lange«, sagte Mr Weasley, rieb seine kahle Stelle mit dem Taschentuch und musterte die vier Bettkojen im Schlafzimmer. »Ich hab mir das Zelt von Mr Perkins aus dem Büro geliehen. Er zeltet nur noch selten, der Arme, seit er Hexenschuss hat.«
Er griff nach dem staubigen Kessel und spähte hinein. »Wir brauchen Wasser …«
»Auf der Karte, die uns der Muggel gegeben hat, ist ein Wasserhahn eingezeichnet«, sagte Ron, der Harry ins Innere des Zeltes gefolgt war und von dessen erstaunlicher Geräumigkeit überhaupt nicht beeindruckt schien. »Auf der anderen Seite des Zeltplatzes.«
»Schön, wie wär’s also, wenn du, Harry und Hermine uns ein wenig Wasser holt –«, Mr Weasley reichte ihnen den Kessel und ein paar Töpfe, »– und wir anderen besorgen im Wald ein bisschen Feuerholz.«
»Aber wir haben doch einen Ofen«, sagte Ron, »warum können wir nicht einfach –«
»Muggelabwehr, Ron!«, sagte Mr Weasley und sein Gesicht glänzte voller Vorfreude. »Wenn echte Muggel campen, kochen sie an Feuern unter freiem Himmel, das hab ich selbst gesehen!«
Nach einem kurzen Besuch im Mädchenzelt, das ein wenig kleiner als das der Jungen war, allerdings nicht nach Katze roch, machten sich Harry, Ron und Hermine mit Kessel und Töpfen auf den Weg über den Zeltplatz.
Die Sonne war aufgegangen und der Nebel lichtete sich, und nun konnten sie die Zeltstadt sehen, die sich in alle Himmelsrichtungen erstreckte. Gemächlich schlenderten sie durch die Zeltreihen und sahen sich neugierig um. Allmählich dämmerte es Harry, wie viele Hexen und Zauberer es auf der ganzen Welt geben musste; an die in den anderen Ländern hatte er bisher kaum gedacht.
Nach und nach erwachten ihre Mitcamper. Als Erste regten sich die Familien mit kleinen Kindern; Harry hatte noch nie so junge Hexen und Zauberer gesehen. Ein kleiner Junge, nicht älter als zwei, kauerte vor einem pyramidenförmigen Zelt, hielt einen Zauberstab in der Hand und stocherte munter nach einer Schnecke im Gras, die langsam auf die Größe einer Salami anschwoll. Als sie neben dem Kleinen standen, kam seine Mutter aus dem Zelt gestürmt.
»Wie oft soll ich es dir noch sagen, Kevin? Rühr – Daddys – Zauberstab – nicht – an – uuhhtsch!«
Die Riesenschnecke war geplatzt, nachdem die Mutter auf sie getreten war. In der ruhigen Morgenluft hörten sie noch lange ihr Geschimpfe, vermischt mit den Rufen des Kleinen – »Du Schnecke puttmacht, Schnecke puttmacht!«
Ein Stück weiter sahen sie zwei kleine Hexen, kaum älter als Kevin, auf Spielzeugbesen reiten, die sie gerade hoch genug trugen, um ihre Füße über den taunassen Rasen gleiten zu lassen. Schon hatte ein Ministeriumszauberer die Kinder ins Visier genommen; als er an Harry, Ron und Hermine vorbeihastete, hörten sie ihn gereizt murmeln: »Am helllichten Tag! Die Eltern schlafen wohl bis in die Puppen –«
Hie und da erschienen erwachsene Zauberer und Hexen vor ihren Zelten und begannen ihr Frühstück zu bereiten. Manche sahen sich verstohlen um und beschworen dann Feuer mit ihren Zauberstäben herauf, andere versuchten es zweifelnden Blickes mit Streichhölzern. Drei afrikanische Zauberer saßen auf der Erde und waren in ein ernstes Gespräch vertieft, alle trugen lange weiße Umhänge und rösteten offenbar einen Hasen über einem purpurroten Feuer. Eine Gruppe amerikanischer Hexen mittleren Alters saß glücklich schwatzend unter einem Sternenbanner mit der Aufschrift Hexeninstitut von Salem. Im Vorbeigehen fing Harry Gesprächsfetzen in fremden Sprachen auf, die aus den Zelten drangen, und obwohl er kein einziges Wort verstand, war die Vorfreude am Tonfall zu spüren.
»Ähm – stimmt was nicht mit meinen Augen, oder ist hier alles grün geworden?«, sagte Ron.
Es lag nicht an Rons Augen. Sie waren zwischen ein paar Zelte geraten, die alle dicht mit Klee bedeckt waren, so als wären kleine, merkwürdig geformte Hügel aus der Erde gewachsen. Wo die Zeltluken geöffnet waren, konnten sie das eine oder andere grinsende Gesicht im Innern erkennen. Dann rief jemand hinter ihnen ihre Namen.
»Harry! Ron! Hermine!«
Es war Seamus Finnigan aus dem Gryffindor-Haus von Hogwarts, der jetzt mit ihnen in die vierte Klasse kam. Er saß vor einem kleebedeckten Zelt neben einer rotblonden Frau, offenbar seiner Mutter, und seinem besten Freund Dean Thomas, ebenfalls aus Gryffindor.
»Gefällt euch die Dekoration?«, fragte Seamus grinsend, als Harry, Ron und Hermine näher getreten waren und sie begrüßt hatten. »Das Ministerium ist nicht sonderlich begeistert.«
»Aach, warum sollten wir unsere Farben nicht zeigen?«, sagte Mrs Finnigan. »Ihr solltet sehen, was die Bulgaren alles an ihren Zelten hängen haben. Ihr seid natürlich für Irland?«, setzte sie hinzu und musterte Harry, Ron und Hermine scharf.
Sie versicherten ihr hoch und heilig, sie seien Irland-Fans, dann brachen sie wieder auf. »Als ob wir was anderes sagen würden, wenn wir von einem Haufen Iren umgeben sind«, meinte Ron nebenbei.
»Was die Bulgaren wohl an ihren Zelten hängen haben?«, fragte Hermine.
»Gehen wir hin und schauen nach«, sagte Harry und deutete auf eine große Gruppe Zelte ein Stück weiter oben, wo die bulgarische Flagge weiß, grün und rot in der Brise flatterte.
Die Zelte hier waren nicht mit Pflanzen geschmückt, doch an jedem einzelnen hing das gleiche Poster, ein Poster von einem sehr bärbeißigen Gesicht mit dichten schwarzen Augenbrauen. Natürlich bewegte sich das Gesicht, doch es schaute finster drein und die Augen blinzelten nur.
»Krum«, sagte Ron leise.
»Was?«, sagte Hermine.
»Krum!«, sagte Ron. »Viktor Krum, der bulgarische Sucher!«
»Sieht ziemlich mürrisch aus«, sagte Hermine und ließ ihren Blick über die vielen Krums schweifen, die böse blinzelnd auf sie herabsahen.
»Ziemlich mürrisch?« Ron schaute gen Himmel. »Wen kümmert es, wie er aussieht? Er ist phantastisch. Und noch ganz jung. Erst achtzehn, glaub ich. Er ist ein Genie, wartet nur, heute Abend seht ihr’s selbst.«
Beim Wasserhahn an einer Ecke des Zeltplatzes hatte sich bereits eine kleine Schlange gebildet. Harry, Ron und Hermine reihten sich hinter zwei Männern ein, die erhitzt miteinander stritten. Der eine war ein steinalter Zauberer in einem langen Nachthemd mit Blümchenmuster. Der andere war offensichtlich ein Ministeriumszauberer; er hielt eine Nadelstreifenhose in Händen und war so entnervt, dass er fast weinte.
»Zieh sie doch an, Archie, ich bitte dich, so kannst du doch nicht rumlaufen, der Muggel am Tor wird schon ziemlich misstrauisch –«
»Das hab ich in einem Muggelladen gekauft«, sagte der alte Zauberer stur. »Muggel tragen so was auch.«
»Muggelfrauen, Archie, nicht die -männer, die tragen so was«, sagte der Ministeriumszauberer und fuchtelte mit der Nadelstreifenhose vor Archies Nase herum.
»Die zieh ich nicht an«, sagte der alte Archie entrüstet. »Ich mag ’n frisches Lüftchen untenrum, danke.«
Ein Kicheranfall packte Hermine und schüttelte sie so heftig, dass sie sich aus der Schlange wegducken musste und erst wieder zurückkehrte, als Archie sein Wasser geholt hatte und verschwunden war.
Etwas gemächlicher, da sie Wasser schleppten, machten sie sich auf den Rückweg durch das Zeltlager. Hie und da sahen sie weitere bekannte Gesichter: andere Hogwarts-Schüler mit ihren Familien. Oliver Wood, der frühere Kapitän von Harrys Quidditch-Team, der sein letztes Jahr in Hogwarts hinter sich hatte, zog Harry hinüber zum Zelt seiner Eltern, um ihn vorzustellen, und erzählte ihm aufgeregt, dass er gerade von Eintracht Pfützensee als Reservespieler verpflichtet worden war. Als Nächstes wurden sie lauthals von Ernie Macmillan begrüßt, einem Viertklässler aus Hufflepuff, und ein paar Schritte weiter sahen sie Cho Chang, ein sehr hübsches Mädchen, das im Ravenclaw-Team Sucherin spielte. Sie winkte und lächelte Harry zu, der beim Zurückwinken eine Menge Wasser über seine Hose schüttete. Vor allem, um Ron das Grinsen zu verleiden, deutete er auf eine Gruppe Teenager, die er noch nie gesehen hatte.
»Was sind das wohl für Leute?«, sagte er. »Sie gehen nicht nach Hogwarts, oder?«
»Ich glaub, die gehen auf irgendeine ausländische Schule«, sagte Ron. »Ich weiß jedenfalls, dass es noch andere Schulen gibt, hab aber noch nie jemanden davon kennen gelernt. Bill hatte eine Brieffreundin auf einer Schule in Brasilien … das ist schon ewig lange her … und er wollte mal als Austauschschüler dorthin, aber Mum und Dad konnten es sich nicht leisten. Seine Brieffreundin war schwer sauer, als er absagte, und hat ihm einen verhexten Hut geschickt, der seine Ohren schrumpeln ließ.«
Harry lachte, verschwieg jedoch, wie spannend er es fand, dass es noch andere Zaubererschulen gab. Nun, da er so viele Länder auf dem Zeltplatz vertreten sah, kam er sich etwas dumm vor, nie daran gedacht zu haben, dass Hogwarts nicht die einzige Schule sein konnte. Er warf Hermine einen Seitenblick zu, doch sie schien von der Neuigkeit keineswegs überrascht zu sein. Sicher hatte sie in irgendeinem Buch etwas über andere Zaubererschulen gelesen.
»Ihr habt ja ewig gebraucht«, sagte George, als sie endlich wieder bei den Weasley-Zelten anlangten.
»Haben ein paar Bekannte getroffen«, sagte Ron und stellte seinen Wassertopf ab. »Und ihr habt immer noch kein Feuer gemacht?«
»Dad treibt so seine Späße mit den Streichhölzern«, sagte Fred.
Mr Weasley gelang es nicht, ein Feuer zu entfachen, doch an Versuchen ließ er es nicht mangeln. Der Boden zu seinen Füßen war übersät mit zersplitterten Streichhölzern, doch Mr Weasley schien mit kindlichem Vergnügen bei der Sache zu sein.
»Uuuhps!«, stieß er aus, als er es schaffte, ein Streichholz zu entzünden, und vor Überraschung ließ er es prompt fallen.
»Lassen Sie mich mal, Mr Weasley«, sagte Hermine freundlich, nahm ihm die Zündholzschachtel aus der Hand und zeigte ihm, wie man es richtig machte.
Schließlich brannte das Feuer, auch wenn es noch mindestens eine Stunde dauerte, bis es groß genug war, um darauf etwas zu kochen. Beim Warten gab es jedoch eine Menge zu sehen. Ihr Zelt schien gleich an einem Fußweg zum Spielfeld zu liegen, und Leute aus dem Ministerium schritten hastig hin und her und grüßten Mr Weasley im Vorbeigehen höflich. Mr Weasley spielte unterdessen den Laufkommentator, vor allem für Harry und Hermine; seine eigenen Kinder wussten genug über das Ministerium und waren nicht übermäßig interessiert.
»Das war Knutbert Mockridge, Chef des Kobold-Verbindungsbüros … hier kommt Wilbert Gimpel von der Arbeitsgruppe für Experimentelles Zaubern, diese Hörner hat er jetzt schon seit einiger Zeit … Hallo, Arnie … Arnold Friedlich … ein Vergissmich – so nennen wir die Leute vom Magischen Unfallumkehr-Kommando – und das sind Bode und Croaker … sie sind Unsägliche …«
»Bitte was?«
»Von der Mysteriumsabteilung, alles streng geheim, keine Ahnung, was die so treiben …«
Endlich brannte das Feuer richtig, und sie hatten gerade begonnen, Eier und Würste zu braten, als Bill, Charlie und Percy zwischen den Bäumen hervorkamen und ans Zelt traten.
»Eben mal kurz appariert, Dad«, sagte Percy unüberhörbar. »Aah, Mittagessen, trifft sich gut!«
Sie hatten ihre Teller mit Eiern und Würsten schon halb geleert, als Mr Weasley plötzlich aufsprang und lächelnd einem Mann winkte, der auf sie zugeschritten kam. »Aha!«, sagte Mr Weasley. »Der Mann der Stunde! Ludo!«
Ludo Bagman war mit Abstand der auffälligste von allen Zauberern, die Harry bisher gesehen hatte, er ließ selbst den alten Archie mit seinem geblümten Nachthemd blass aussehen. Er trug einen langen Quidditch-Umhang mit breiten hellgelben und schwarzen Querstreifen. Das riesige Bild einer Wespe prangte auf seiner Brust. Er machte den Eindruck eines kräftig gebauten Mannes, der ein wenig aus dem Leim gegangen war; der Umhang spannte über seinem dicken Bauch, den er in seiner Zeit als Quidditch-Spieler für England gewiss noch nicht gehabt hatte. Ludos Nase war gebrochen (vermutlich von einem verirrten Klatscher, dachte Harry), doch seine runden blauen Augen, sein kurzes blondes Haar und sein rosiges Gesicht ließen ihn aussehen wie einen zu groß gewachsenen Schuljungen.
»Ahoi!«, rief Bagman munter. Er schritt einher, als hätte er Federn unter den Sohlen, und war offensichtlich in einem höchst euphorischen Zustand. »Arthur, altes Haus«, keuchte er, als er vor dem Lagerfeuer stand, »was für ein Tag! Was für ein Tag! Schöneres Wetter hätten wir uns nicht wünschen können! Heute Nacht bleibt’s klar … und bei den Vorbereitungen läuft fast alles wie am Schnürchen … weiß gar nicht, was ich groß tun soll!«
Hinter ihm eilten ein paar ausgezehrt wirkende Ministeriumszauberer vorbei und deuteten in die Ferne, wo violette Funken zehn Meter in die Höhe stoben und auf eine Art magisches Feuer schließen ließen.
Percy sprang sofort auf die Beine und streckte die Hand aus. Offensichtlich hinderte ihn seine Missbilligung der Art und Weise, wie Ludo Bagman seine Abteilung leitete, nicht daran, bei ihm Eindruck schinden zu wollen.
»Ah – ja«, sagte Mr Weasley grinsend, »das ist mein Sohn Percy, er hat gerade im Ministerium angefangen – und das ist Fred – nein, George, tut mir leid – das ist Fred – Bill, Charlie, Ron – meine Tochter Ginny – und Rons Freunde Hermine Granger und Harry Potter.«
Bagman stutzte bei Harrys Namen fast unmerklich, und seine Augen huschten, wie Harry es schon kannte, über die Narbe auf seiner Stirn.
»Darf ich vorstellen«, fuhr Mr Weasley fort, »Ludo Bagman, ihr wisst ja, wer er ist, ihm haben wir die guten Plätze zu verdanken –«
Bagman strahlte und winkte ab, als handele es sich um eine Selbstverständlichkeit.
»Kleine Wette ums Spiel gefällig, Arthur?«, sagte er beflissen und klimperte mit einer offenbar großen Menge Goldmünzen in den Taschen seines gelbschwarzen Umhangs. »Roddy Pontner ist schon dabei, hat auf Bulgarien gesetzt – hab ihm hübsche Quoten angeboten, wenn ich bedenke, dass die drei irischen Spitzen die stärksten sind, die ich seit Jahren gesehen habe – und die kleine Agatha Timms hat die Hälfte ihrer Aalfarm auf ein wochenlanges Spiel gesetzt.«
»Aach … lass mal gut sein«, sagte Mr Weasley. »Wie wär’s mit … sagen wir, einer Galleone auf den Sieg von Irland?«
»Eine Galleone?« Ludo Bagman wirkte ein wenig enttäuscht, fasste sich jedoch rasch wieder. »Sehr schön, sehr schön … will noch jemand setzen?«
»Sie sind noch ein wenig jung fürs Wetten«, sagte Mr Weasley. »Molly würde das gar nicht gern –«
»Wir wetten siebenunddreißig Galleonen, fünfzehn Sickel, drei Knuts«, sagte Fred, der auf die Schnelle all sein Geld mit dem von George zusammengeworfen hatte, »dass Irland gewinnt – aber Viktor Krum den Schnatz fängt. Oh, und wir legen noch einen Juxzauberstab drauf.«
»Ihr wollt doch Mr Bagman nicht mit solchem Krempel belästigen –«, zischte Percy, doch Bagman schien offenbar nicht zu denken, der Zauberstab sei Krempel; im Gegenteil, sein jungenhaftes Gesicht strahlte vor Begeisterung, als er ihn aus Freds Hand nahm, und als der Zauberstab ein lautes Gackern hören ließ und sich in ein Gummihuhn verwandelte, brüllte Bagman vor Lachen.
»Hervorragend! So ’nen tollen Juxstab hab ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen! Für den würd ich fünf Galleonen hinlegen!«
Percy erstarrte, bestürzt und entrüstet.
»Jungs«, nuschelte Mr Weasley, »ich will nicht, dass ihr wettet … das sind eure ganzen Ersparnisse … eure Mutter –«
»Sei kein Spielverderber, Arthur!«, dröhnte Ludo Bagman und klimperte erregt mit seinem Tascheninhalt. »Sie sind alt genug, um zu wissen, was sie wollen! Ihr glaubt, Irland gewinnt, aber Krum fängt den Schnatz? Nie und nimmer, Jungs, nie und nimmer … Ich biete euch ’ne sagenhafte Quote dafür … und noch fünf Galleonen für den Juxzauberstab dazu, nicht wahr …«
Mr Weasley sah hilflos zu, wie Ludo Bagman ein Notizbuch und eine Feder zückte und die Namen der Zwillinge notierte.
»Alles klar«, sagte George, nahm den Pergamentzettel von Bagman entgegen und steckte ihn sorgfältig ein.
Glänzend gelaunt wandte sich Bagman nun wieder Mr Weasley zu. »Hast du vielleicht etwas zu trinken für mich? Ich bin auf der Suche nach Barty Crouch. Mein bulgarischer Partner macht Schwierigkeiten, und ich versteh kein Wort von dem, was er sagt. Barty kann das sicher regeln. Er spricht ungefähr hundertfünfzig Sprachen.«
»Mr Crouch?«, sagte Percy, und mit einem Schlag belebte sich seine missbilligende Miene und er hechelte geradezu vor Aufregung. »Er spricht über zweihundert Sprachen! Nixisch und Beamtenchinesisch und Troll …«
»Jeder kann Troll«, sagte Fred geringschätzig, »man muss nur fuchteln und grunzen.«
Percy warf Fred einen äußerst gehässigen Blick zu und stocherte energisch im Feuer, um das Wasser im Kessel wieder zum Kochen zu bringen.
»Was Neues von Bertha Jorkins, Ludo?«, fragte Mr Weasley, als Bagman sich auf dem Gras neben ihnen niederließ.
»Keine Spur«, sagte Bagman unbeschwert. »Aber die wird schon wieder auftauchen. Arme alte Bertha … Gedächtnis wie ein undichter Kessel und null Orientierungssinn. Hat sich verflogen, da wette ich mit dir. Irgendwann im Oktober spaziert sie wieder ins Büro und denkt, es sei immer noch Juli.«
»Meinst du nicht, es wäre an der Zeit, jemanden nach ihr suchen zu lassen?«, mahnte Mr Weasley vorsichtig, während Percy Bagman den Tee reichte.
»Barty Crouch redet auch immer davon«, sagte Bagman und seine runden Augen weiteten sich in Unschuldsmanier, »aber im Augenblick können wir wirklich keinen entbehren. Oh – wenn man vom Teufel spricht! Barty!«
Ein Zauberer war gerade an ihrem Lagerfeuer appariert, und er hätte keinen größeren Gegensatz zu Ludo Bagman bilden können, der sich in seinem alten Wespenumhang im Gras fläzte. Barty Crouch war ein steif aufgerichteter älterer Herr in einem tadellos sitzenden Anzug mit Krawatte. Der Scheitel seines kurzen grauen Haares war fast unnatürlich gerade, und sein schmaler Oberlippenbart sah aus, als würde er ihn mit dem Lineal stutzen. Seine Schuhe waren auf Hochglanz poliert. Harry war sofort klar, warum Percy ihn vergötterte. Percy glaubte fest an die strenge Einhaltung von Vorschriften, und Mr Crouch hatte die Vorschrift, Muggelkleidung anzuziehen, so gründlich befolgt, dass er als Filialleiter einer Bank hätte durchgehen können. Harry war sich nicht sicher, ob selbst Onkel Vernon ihn durchschaut hätte.
»Setz dich ein wenig zu mir, Barty«, sagte Ludo strahlend und strich über das Gras.
»Nein danke, Ludo«, sagte Crouch und eine Spur Ungeduld lag in seiner Stimme. »Ich hab dich überall gesucht. Die Bulgaren bestehen darauf, dass wir noch zwölf Sitze in der oberen Loge anbringen.«
»Darauf sind die also aus?«, sagte Bagman. »Ich dachte, der Typ wollte sich ’ne Pinzette ausleihen. Ziemlich starker Akzent.«
»Mr Crouch!«, sagte Percy atemlos und versank in eine Art halbe Verbeugung, bei der er wirkte wie ein Buckliger. »Möchten Sie vielleicht eine Tasse Tee?«
»Oh«, sagte Mr Crouch und warf Percy einen milde überraschten Blick zu. »Ja – sehr aufmerksam, Weatherby.«
Fred und George prusteten in ihre Tassen. Percy, ganz rosa um die Ohren, machte sich eifrig am Kessel zu schaffen.
»Ach, und Sie würde ich auch gern kurz sprechen, Arthur«, sagte Mr Crouch und ließ seine scharfen Augen auf Mr Weasley ruhen. »Ali Bashir ist auf dem Kriegspfad. Er will ein Wörtchen mit Ihnen reden wegen Ihres Einfuhrverbots für fliegende Teppiche.«
Mr Weasley tat einen tiefen Seufzer. »Deswegen habe ich ihm doch schon vor einer Woche eine Eule geschickt. Ich hab’s ihm einmal gesagt, ich hab’s ihm hundertmal gesagt: Teppiche gelten gemäß der Liste Verbotener Verhexbarer Gegenstände als Muggelartefakte, aber er will einfach nicht hören.«
»Da könnten Sie Recht haben«, sagte Mr Crouch und nahm eine Tasse Tee von Percy entgegen. »Er will diese Teppiche hier unbedingt einführen.«
»Nun ja, in Großbritannien werden sie die Besen nie verdrängen, oder?«, sagte Bagman.
»Ali glaubt, es gibt eine Marktnische für ein Familienfahrzeug«, sagte Mr Crouch. »Ich weiß noch, mein Vater hatte einen alten Perser, auf dem zwölf Personen Platz hatten – aber das war natürlich vor dem Verbot von Teppichen.«
Er sprach, als ob er niemanden darüber im Zweifel lassen wollte, dass all seine Vorfahren das Gesetz strikt befolgt hatten.
»Wie geht’s sonst, Barty, viel zu tun?«, sagte Bagman gelassen.
»Ziemlich«, sagte Mr Crouch trocken. »Portschlüssel auf fünf Kontinente zu verteilen ist keine Kleinigkeit, Ludo.«
»Ich denke, dann sind Sie beide froh, wenn das hier vorbei ist?«, sagte Mr Weasley.
Ludo Bagman wirkte schockiert. »Froh! Ich weiß nicht, wann ich mehr Spaß hatte … immerhin, es ist ja nicht so, dass wir uns auf nichts anderes freuen könnten, oder, Barty? He? Bleibt noch viel zu organisieren, nicht wahr?«
Mr Crouch sah Bagman mit hochgezogenen Brauen an. »Wir haben uns doch geeinigt, nichts zu sagen, bevor nicht alle Einzelheiten –«
»Aah, Einzelheiten!«, sagte Bagman und verscheuchte das Wort mit einer Handbewegung wie einen Mückenschwarm. »Sie haben unterschrieben, oder? Sie haben zugestimmt? Ich wette mit dir, diese Kinder hier werden es ohnehin bald erfahren. Immerhin findet es in Hogwarts statt –«
»Ludo, wir müssen zu den Bulgaren, das weißt du doch«, sagte Mr Crouch, um Bagman abzuwürgen. »Danke für den Tee, Weatherby.«
Er schob seine unberührte Tasse Percy zu und wartete darauf, dass Ludo sich erhob. Bagman rappelte sich hoch, schluckte den Rest Tee und ließ das Gold in seinen Taschen fröhlich klimpern.
»Wir sehen uns später!«, sagte er in die Runde. »Ihr seid bei mir oben in der Ehrenloge – ich kommentiere das Spiel!« Er winkte, Barty Crouch nickte knapp und die beiden disapparierten.
»Was soll denn in Hogwarts stattfinden, Dad?«, fragte Fred auf der Stelle. »Worüber haben die gesprochen?«
»Das wirst du noch früh genug erfahren«, sagte Mr Weasley lächelnd.
»Es handelt sich so lange um eine geheime Information, bis das Ministerium beschließt, sie freizugeben«, sagte Percy steif. »Mr Crouch hatte vollkommen Recht, sie nicht preiszugeben.«
»Aaach, halt’s Maul, Weatherby«, sagte Fred.
Der Nachmittag verging, und allmählich stieg die Spannung und breitete sich wie eine Wolke über dem Zeltplatz aus. Als es dämmerte, schien selbst die stille Sommerluft vor Vorfreude zu vibrieren, und als sich die Dunkelheit wie ein Vorhang über Tausende von wartenden Zauberern legte, fiel aller falsche Anschein in sich zusammen: Das Ministerium beugte sich dem Unvermeidlichen und wehrte sich nicht mehr gegen die sich offensichtlich in Windeseile ausbreitende Magie.
An allen Ecken und Enden des Zeltplatzes apparierten Verkäufer mit Körben und Karren voll außergewöhnlicher Waren. Es gab leuchtende Rosetten – grün für Irland, rot für Bulgarien –, welche in kreischendem Ton die Namen der Spieler ausriefen, grüne Spitzhüte, die mit tanzenden Kleeblättern geschmückt waren, bulgarische Schals, mit wirklich brüllenden Löwen verziert, Flaggen aus beiden Ländern, die ihre Nationalhymnen spielten, wenn man mit ihnen wedelte; kleine Modelle von Feuerblitzen, die tatsächlich flogen, und Sammelfiguren von berühmten Spielern, die einem mit stolzgeschwellter Brust über die Hand spazierten.
»Dafür hab ich den ganzen Sommer über mein Taschengeld gespart«, sagte Ron zu Harry gewandt, während sie mit Hermine durch die Reihen der Verkäufer schlenderten und Andenken kauften. Zwar kaufte sich Ron einen Hut mit tanzenden Kleeblättern und eine große grüne Rosette, doch auch eine kleine Nachbildung von Viktor Krum, dem bulgarischen Sucher. Der Mini-Krum ging auf Rons Hand hin und her und warf finstere Blicke auf die grüne Rosette über ihm.
»Irre, schau dir die an!«, sagte Harry und rannte hinüber zu einem Marktkarren, auf dem stapelweise Messingferngläser lagen, die allerdings mit vielerlei merkwürdigen Knöpfen und Zifferblättern versehen waren.
»Omnigläser«, sagte der Verkaufsmagier beflissen. »Man kann das Gesehene wiederholen … alles verlangsamen … und sie zeigen dir einen Kurzkommentar zu allen Spielzügen, wenn du ihn brauchst. Schnäppchenpreis – zehn Galleonen das Stück.«
»Hätt ich nur nicht den Kram hier gekauft«, maulte Ron, deutete auf seinen Hut mit dem tanzenden Klee und betrachtete dabei sehnsüchtig die Omnigläser.
»Drei Stück«, sagte Harry entschlossen zu dem Zauberer.
»Nein – das ist doch nicht nötig«, sagte Ron und lief rot an. Er war immer ein wenig empfindlich, wenn es darum ging, dass Harry, der ein kleines Vermögen von seinen Eltern geerbt hatte, viel mehr Geld hatte als er.
»Dafür kriegst du nichts zu Weihnachten«, antwortete Harry und drückte Ron und Hermine je ein Omniglas in die Hände. »Und das zehn Jahre lang.«
»Ist mir recht«, sagte Ron grinsend.
»Oooh, danke, Harry«, sagte Hermine. »Und ich besorg uns ein paar Programme, seht mal –«
Mit beträchtlich leichteren Geldbeuteln gingen sie zurück zu den Zelten. Auch Bill, Charlie und Ginny hatten grüne Rosetten vorzuzeigen und Mr Weasley trug eine irische Flagge. Fred und George hatten keine Souvenirs, da sie ihr ganzes Geld Bagman gegeben hatten.
Dann drang von irgendwo jenseits des Waldes ein tiefer, dröhnender Gong zu ihnen herüber, und plötzlich flammten auf den Bäumen grüne und rote Laternen auf und tauchten den Weg zum Spielfeld in ihr Licht.
»Es ist so weit!«, sagte Mr Weasley, genauso begeistert wie alle anderen. »Kommt, wir gehen!«
Die Quidditch-Weltmeisterschaft
Ihre neu erworbenen Schätze an sich geklammert folgten sie Mr Weasley den laternenbeschienenen Weg entlang in den Wald. Dem Lärm nach zu schließen, waren Tausende auf den Beinen, sie hörten ihr Lachen und Rufen und gelegentlich wehte Gesang an ihre Ohren. Die fiebrige Erregung war höchst ansteckend; Harry konnte nicht aufhören zu grinsen. Zwanzig Minuten lang gingen sie durch den Wald, laut redend und scherzend, bis sie endlich auf der anderen Seite zwischen den Bäumen hervortraten und sich im Schatten eines gigantischen Stadions fanden. Obwohl Harry nur einen kleinen Teil der riesigen goldenen Mauer sah, die das Spielfeld einfasste, war ihm klar, dass ins Innere des Stadions bequem zehn Kathedralen gepasst hätten.
»Hunderttausend Plätze«, sagte Mr Weasley, als er Harrys schwer beeindruckte Miene sah. »Eine Spezialistengruppe von fünfhundert Ministeriumsleuten hat das ganze Jahr über daran gearbeitet. Auf jedem Quadratzentimeter ein Muggelabwehrzauber. Jedes Mal, wenn Muggel im letzten Jahr auch nur hier in die Nähe kamen, fielen ihnen plötzlich dringende Verabredungen ein und sie mussten schleunigst fort … besser für sie«, setzte er heiter hinzu und führte sie zum nächstgelegenen Eingang, an dem sich schon ein Schwarm lärmender Zauberer und Hexen versammelt hatte.
»Erstklassige Plätze!«, sagte die Ministeriumshexe am Eingang, als sie ihre Karten kontrollierte. »Ehrenloge! Gleich die Treppe rauf, Arthur, bis es nicht mehr höher geht.«
Die Treppen ins Stadion waren mit Läufern in sattem Purpurrot ausgelegt. Sie stiegen mit den anderen aus dem Schwarm der Wartenden nach oben, die sich jedoch allmählich mal rechts, mal links in den Türen zu den Tribünen verloren. Mr Weasley und die Seinen gingen weiter, bis sie schließlich das Ende der Treppe erreichten und in eine kleine Loge traten. Sie bildete den höchsten Punkt des Stadions und lag genau in der Mitte zwischen den goldenen Torstangen. Etwa zwanzig rotgoldene Stühle waren hier in zwei Reihen aufgestellt, und Harry, der den Weasleys in die erste Reihe folgte, sah hinunter auf ein Schauspiel, wie er es noch nie erlebt hatte.
Hunderttausend Hexen und Zauberer nahmen ihre Plätze auf den Sitzen ein, die sich Reihe um Reihe entlang des ovalen Spielfelds emporrankten. Die Szene war in ein geheimnisvolles goldenes Licht getaucht, das aus dem Stadion selbst zu kommen schien. Von hoch oben, wo sie saßen, schien das Feld glatt und weich wie Samt. An den Enden des Feldes standen je drei Pfosten, auf denen in zwanzig Meter Höhe die Torringe angebracht waren; ihnen direkt gegenüber, fast auf Harrys Augenhöhe, befand sich eine gigantische schwarze Tafel. Goldene Schriftzeichen huschten über sie hinweg, als würde die Hand eines unsichtbaren Riesen darüberkrakeln und die Schrift dann wieder abwischen; Harry sah eine Weile zu und stellte fest, dass die Tafel Werbesprüche über das Stadion blitzen ließ.
Die Schmeißfliege: Ein Besen für die ganze Familie – sicher, zuverlässig und mit eingebautem Diebstahlschutz-Summer … Mrs Skowers Allzweck-Magische-Sauerei-Entferner: Kein Fleck, kein Schreck! … Besenknechts Sonntagsstaat – Zaubermode – London, Paris, Hogsmeade …
Harry wandte sich mit Mühe von der Tafel ab, um nachzusehen, wer mit ihnen zusammen in der Loge saß. Noch war niemand da, nur ein winziges Geschöpf hockte auf dem zweitletzten Platz am Ende der hinteren Reihe. Das Wesen, mit so kurzen Beinen, dass sie steif aus dem Sitzpolster ragten, trug ein Geschirrtuch wie eine Toga um den Körper geschlungen und hatte das Gesicht in den Händen verborgen. Doch diese langen, fledermausähnlichen Ohren kamen ihm merkwürdig bekannt vor …
»Dobby?«, sagte Harry ungläubig.
Das kleine Wesen sah auf und spreizte die Finger, durch die hindurch Harry riesige braune Augen und eine Nase von genau der Form und der Größe einer Tomate erkennen konnte. Es war nicht Dobby – es war allerdings unverkennbar ein Hauself, wie Harrys Freund Dobby es gewesen war. Harry hatte Dobby aus den Händen seiner Besitzer, der Familie Malfoy, befreit.
»Haben Sie mich gerade Dobby genannt, Sir?«, piepste der Elf neugierig zwischen den Fingern hindurch. Seine Stimme war noch höher als die Dobbys, ein leises, zittriges Piepsen, und Harry vermutete – auch wenn es bei Hauselfen schwer zu sagen war –, dass er diesmal wohl eine Elfe vor sich hatte. Auch Ron und Hermine drehten sich jetzt neugierig um. Zwar hatten sie von Harry viel über Dobby gehört, doch gesehen hatten sie ihn noch nie. Selbst Mr Weasley wandte sich interessiert um.
»Verzeihung«, sagte Harry, »ich habe dich eben mit jemand verwechselt, den ich kenne.«
»Aber kennen tu ich Dobby auch, Sir!«, piepste die Elfe. Sie hielt die Hände vors Gesicht, als würde das Licht sie blenden, obwohl die Ehrenloge nur schwach erleuchtet war. »Mein Name ist Winky, Sir – und Sie, Sir –«, ihre dunkelbraunen Augen verweilten auf Harrys Narbe und weiteten sich zur Größe von Platztellern, »Sie müssen Harry Potter sein!«
»Ja, der bin ich«, sagte Harry.
»Aber Dobby spricht immer und immer von Ihnen, Sir!«, sagte sie und ließ von Ehrfurcht ergriffen die Hände sinken.
»Wie geht es ihm?«, fragte Harry. »Wie bekommt ihm die Freiheit?«
»Aaah, Sir«, sagte Winky kopfschüttelnd, »aah, Sir, bei aller Wertschätzung, Sir, aber ’s ist nicht sicher, ob Sie Dobby einen Gefallen getan haben, Sir, als Sie ihn befreit haben.«
»Warum?«, sagte Harry bestürzt. »Was fehlt ihm denn?«
»Die Freiheit steigt Dobby zu Kopf, Sir«, sagte Winky traurig. »Hat zu hohe Ansprüche, Sir. Findet keine Stelle, Sir.«
»Warum nicht?«, fragte Harry.
Winky senkte die Stimme um eine halbe Oktave und flüsterte: »Er will für seine Arbeit bezahlt werden, Sir.«
»Bezahlt?«, sagte Harry verdutzt. »Warum – warum sollte er nicht bezahlt werden?«
Winky schien diese Vorstellung geradezu Entsetzen einzujagen, und ihre Finger schlossen sich wieder, so dass ihr Gesicht nun halb verborgen war.
»Hauselfen werden nicht bezahlt, Sir!«, sagte sie mit ersticktem Piepsen. »Nein, nein, nein. Ich sag zu Dobby, sag ich, such dir ’ne nette Familie und bleib dort, Dobby. Will jetzt auf einmal das süße Leben genießen, Sir, und das bekommt einem Hauselfen nicht gut. Du treibst dich überall rum, Dobby, sag ich, und am Ende wirst du noch ins Amt zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe zitiert, wie ein dahergelaufener Kobold.«
»Nun, es wird allmählich Zeit, dass er ein wenig Spaß hat«, sagte Harry.
»Hauselfen sollten keinen Spaß haben, Harry Potter«, stieß Winky energisch hinter der Hand hervor. »Hauselfen tun, was man ihnen befiehlt. So weit oben mag ich gar nicht sitzen, Harry Potter –«, sie warf einen Blick zur Brüstung der Loge und würgte, »– aber mein Meister schickt mich zur Ehrenloge, und ich gehe, Sir.«
»Warum hat er dich hier hochgeschickt, wenn er weiß, dass dir die Höhe nicht bekommt?«, sagte Harry stirnrunzelnd.
»Meister – Meister will, dass ich ihm einen Platz besetze, Harry Potter, er hat so viel zu tun«, sagte Winky und nickte zu dem freien Platz neben sich. »Winky würde am liebsten wieder im Zelt vom Meister sein, Harry Potter, aber Winky tut, was man ihr befiehlt, Winky ist eine gute Hauselfe.«
Sie warf einen weiteren furchtsamen Blick zur Brüstung und verbarg dann erneut ihre Augen. Harry wandte sich den anderen zu.
»Das ist also eine Hauselfe?«, murmelte Ron. »Komische Kreaturen, oder?«
»Dobby war noch komischer«, sagte Harry trocken.
Ron zog sein Omniglas hervor und spähte hinunter in die Menge auf der anderen Seite des Stadions.
»Abgefahren!«, rief er und drehte am Wiederholungsknopf. »Ich kann diesen Opa da unten noch einmal in der Nase bohren lassen … und noch einmal … und noch einmal …«
Hermine blätterte unterdessen eifrig durch ihr samtgebundenes, mit Troddeln geschmücktes Programmheft.
»›Vor dem Spiel zeigen die Mannschaftsmaskottchen ihr Können‹«, las sie laut.
»Das lohnt sich immer«, sagte Mr Weasley. »Die Nationalmannschaften bringen nämlich Geschöpfe aus ihren Ländern mit, die vor dem Spiel eine kleine Show einlegen.«
Im Lauf der nächsten halben Stunde füllte sich die Loge allmählich. Mr Weasley war ständig damit beschäftigt, offenbar sehr wichtigen Zauberern die Hand zu schütteln. Auch Percy sprang jedes Mal auf, so dass es schien, als versuchte er, sich auf einen Igel zu setzen. Als Cornelius Fudge, der Zaubereiminister persönlich, hereintrat, verbeugte sich Percy so tief, dass seine Brille zu Boden fiel und zerbrach. Höchst verlegen reparierte er sie mit dem Zauberstab; danach blieb er sitzen und warf Harry, den Cornelius Fudge wie einen alten Freund begrüßte, neidische Blicke zu. Die beiden kannten sich, und Fudge schüttelte Harry väterlich die Hand, fragte, wie es ihm gehe, und stellte ihm die Zauberer in seiner Begleitung vor.
»Harry Potter, wissen Sie«, verkündete er lauthals dem bulgarischen Minister, der einen prächtigen goldbestickten Umhang aus schwarzem Samt trug und kein Wort Englisch zu verstehen schien. »Harry Potter … Oh, nun aber, Sie wissen doch, wer er ist … der Junge, der Du-weißt-schon-wen überlebte … gewiss kennen Sie ihn –«
Plötzlich bemerkte der bulgarische Zauberer Harrys Narbe und deutete unter lautem Geschnatter mit dem Finger auf sie.
»Wusste doch, wir schaffen es«, sagte Fudge entnervt zu Harry gewandt. »Ich bin kein großes Sprachgenie, für so etwas brauch ich Barty Crouch. Aah, seine Hauselfe besetzt ihm einen Platz … war auch nötig, diese bulgarischen Mistkerle haben versucht, sich die besten Plätze allesamt unter den Nagel zu reißen … ah, und hier kommt Lucius!«
Harry, Ron und Hermine wirbelten herum. Zu den drei noch freien Plätzen in der zweiten Reihe direkt hinter Mr Weasley drängten sich die alten Besitzer von Dobby, dem Hauselfen – Lucius Malfoy, sein Sohn Draco und eine Frau, die, wie Harry vermutete, Dracos Mutter sein musste.
Harry und Draco Malfoy waren seit ihrer ersten Reise nach Hogwarts verfeindet. Draco, ein blasser Junge mit spitzem Gesicht und weißblondem Haar, hatte große Ähnlichkeit mit seinem Vater. Auch seine Mutter war blond; groß und schlank, wie sie war, wäre sie hübsch gewesen, wenn sie nicht ein Gesicht gemacht hätte, als hätte sie einen üblen Geruch in der Nase.
»Ah, Fudge«, sagte Mr Malfoy und streckte dem Zaubereiminister die Hand entgegen. »Wie geht’s? Ich glaube, meine Frau Narzissa kennen Sie noch nicht? Und unseren Sohn, Draco?«
»Angenehm, angenehm«, sagte Fudge lächelnd und verbeugte sich vor Mrs Malfoy. »Darf ich Ihnen Mr Oblansk vorstellen – Obalonsk – Mr – nun ja, er ist der bulgarische Zaubereiminister, und er versteht ohnehin kein Wort von dem, was ich sage, also egal. Und mal sehen, wer noch – Sie kennen Arthur Weasley, nehme ich an?«
Einen Moment lang herrschte äußerste Spannung. Mr Weasley und Malfoy musterten sich gegenseitig, und Harry stand noch lebhaft vor Augen, was passiert war, als sie sich das letzte Mal begegnet waren; es war in der Buchhandlung Flourish & Blotts gewesen, und die beiden hatten sich am Ende geprügelt. Mr Malfoys kalte graue Augen schweiften über Mr Weasley und dann die Sitzreihe entlang.
»Meine Güte, Arthur«, sagte er leise. »Was mussten Sie denn verkaufen, um Plätze in der Ehrenloge zu bekommen? Ihr Haus hätte sicher nicht genug gebracht?«
Fudge, der nicht zugehört hatte, sagte: »Lucius hat soeben eine sehr großzügige Spende für das St.-Mungo-Hospital für Magische Krankheiten und Verletzungen gegeben, Arthur. Er ist mein Gast heute.«
»Wie – wie schön«, sagte Mr Weasley mit angespanntem Lächeln.
Mr Malfoys Augen waren zu Hermine zurückgekehrt, die leicht rosa anlief, doch seinem Blick entschlossen standhielt. Harry wusste genau, warum Mr Malfoy die Lippen schürzte. Die Malfoys brüsteten sich damit, Reinblüter zu sein; das hieß, sie hielten jeden, der von Muggeln abstammte, wie zum Beispiel Hermine, für zweitklassig. Unter den Augen des Zaubereiministers jedoch wagte Mr Malfoy es nicht, etwas zu sagen. Er nickte Mr Weasley herablassend zu und ging weiter die Reihe entlang zu seinem Platz. Draco warf Harry, Ron und Hermine einen verächtlichen Blick zu und ließ sich zwischen Mutter und Vater nieder.
»Schleimiges Pack«, murmelte Ron und die drei Freunde wandten sich wieder dem Spielfeld zu. In diesem Augenblick platzte Ludo Bagman in die Loge.
»Alle bereit?«, rief er und sein rundes Gesicht strahlte wie ein großer, erhitzter Edamer. »Minister – sind Sie bereit?«
»Von mir aus können Sie loslegen«, sagte Fudge gut gelaunt.
Ludo zückte seinen Zauberstab, richtete ihn gegen die eigene Kehle und sagte: »Sonorus!« Dann erhob er die Stimme über die Wolke aus Lärm, die das ausverkaufte Stadion erfüllte; seine Stimme hallte über dem Publikum wider und dröhnte in jede Ritze der Tribünen: »Meine Damen und Herren … willkommen! Willkommen zum Endspiel der vierhundertundzweiundzwanzigsten Quidditch-Weltmeisterschaft!«
Die Zuschauer kreischten und klatschten. Tausende von Flaggen wehten, und die vielstimmig und falsch gesungenen Nationalhymnen steigerten den Trubel noch. Auf der riesigen Tafel gegenüber wurde der letzte Werbespruch gelöscht (Bertie Botts Bohnen aller Geschmacksrichtungen – Russisch Roulette für Ihre Zunge!), und nun erschien in flammender Schrift: BULGARIEN: NULL, IRLAND: NULL.
»Und jetzt möchte ich Ihnen ohne weiteres Brimborium unsere Gäste vorstellen … die bulgarischen Mannschaftsmaskottchen!«
Die rechte Kurve des Stadions, ein einziger scharlachroter Block, gab dröhnend und juchzend seine Freude kund.
»Was die wohl mitgebracht haben?«, sagte Mr Weasley und beugte sich über die Brüstung. »Aaah!« Auf einmal riss er sich die Brille von der Nase und putzte sie eilends an seinem Pullunder. »Veela!«
»Was sind Veel–?«
Hundert Veela glitten nun hinaus über das Spielfeld und beantworteten Harrys Frage. Veela waren Frauen … die schönsten Frauen, die Harry je gesehen hatte … nur dass sie nicht – das war unmöglich … wirkliche Menschen sein konnten. Harry versuchte einen Moment lang mit wirrem Kopf zu enträtseln, was sie denn sonst sein konnten; was konnte ihre Haut so mondhell schimmern lassen, was konnte ihr weißgoldenes Haar so wehen lassen, wo es doch windstill war … doch dann setzte die Musik ein, und Harry war es gleich, ob sie menschlich waren oder nicht – in Wahrheit war ihm nun alles egal.
Die Veela hatten zu tanzen begonnen, und in Harrys Kopf, von allem Störenden leer gefegt, herrschte die reine Seligkeit. Das einzig Wichtige auf der Welt war, dass er unverwandt die Veela betrachtete, denn wenn sie aufhörten zu tanzen, würden schreckliche Dinge geschehen …
Und während die Veela immer schneller tanzten, begannen wilde, unausgegorene Gedanken durch Harrys benommenen Kopf zu jagen. Er wollte etwas sehr Beeindruckendes tun, und zwar auf der Stelle. Von der Loge aus ins Stadion springen schien ihm eine gute Idee … doch würde es genügen?
»Harry, was zum Teufel tust du da?«, hörte er Hermines Stimme von ganz, ganz fern.
Die Musik verstummte. Harry blinzelte. Er stand aufrecht, mit einem Bein auf der Brüstung der Loge. Neben ihm war Ron in einer Haltung erstarrt, als ob er gleich von einem Sprungbrett hüpfen wollte.
Wütende Rufe erfüllten das Stadion. Die Menge wollte noch mehr von den Veela sehen. Und Harry erst recht; natürlich war er für Bulgarien, und er fragte sich verschwommen, warum eine große grüne Rosette an seine Brust gepinnt war. Ron unterdessen zerpfriemelte geistesabwesend die Kleeblätter auf seinem Hut. Mr Weasley beugte sich mit einem milden Lächeln zu Ron hinüber und zog ihm den Hut aus den Händen.
»Den brauchst du sicher noch«, sagte er, »sobald Irland seinen Auftritt hat.«
»Huh?«, sagte Ron und starrte mit offenem Mund die Veela an, die sich nun an einer Seite des Spielfelds aufgestellt hatten.
Hermine ließ ein lautes »Tss, tss« hören. Sie hob den Arm und zog Harry zurück auf seinen Platz. »Also wirklich!«, sagte sie.
»Und nun«, dröhnte Ludo Bagmans Stimme erneut, »heben Sie bitte alle Ihre Zauberstäbe in die Luft … für die Maskottchen der irischen Nationalmannschaft!«
In diesem Augenblick schien ein großer grüngoldener Komet ins Stadion zu rauschen. Er drehte eine Runde und teilte sich dann in zwei kleinere Kometen, die jeweils auf eine Torseite des Spielfelds zusausten. Ein Regenbogen spannte sich plötzlich über das Spielfeld und verband die beiden Lichtkugeln. Die Menge rief »Oooh« und »Aaah«, wie bei einem Feuerwerk. Nun verblasste der Regenbogen, die Lichtkugeln flogen aufeinander zu, verschmolzen und bildeten ein großes schimmerndes Kleeblatt, das in den Himmel stieg und über die Tribünen hinwegschwirrte. Eine Art goldener Regen schien sich daraus zu ergießen –
»Klasse!«, rief Ron, als das Kleeblatt über ihre Köpfe rauschte und schwere Goldmünzen auf sie herunterregnen ließ, die über Köpfe und Sitze kullerten. Harry spähte in die Höhe und erkannte, dass das Kleeblatt in Wahrheit aus Tausenden kleiner Männchen mit roten Westen bestand, von denen jedes eine winzige goldene oder grüne Laterne hielt.
»Leprechans – irische Kobolde!«, rief Mr Weasley durch den tosenden Beifall der Menge, in der viele noch immer hektisch unter ihren Sitzen und in den Gängen nach den Goldmünzen stöberten.
»Bitte sehr«, rief Ron glücklich und drückte Harry eine Faust voll Goldmünzen in die Hand. »Für das Omniglas! Jetzt musst du mir doch ein Weihnachtsgeschenk kaufen, Harry!«
Das große Kleeblatt löste sich auf, die Leprechans schwebten hinunter auf das Feld und ließen sich mit gekreuzten Beinen gegenüber den Veela nieder, um sich das Spiel anzusehen.
»Und jetzt, meine Damen und Herren, ein herzliches Willkommen für – die bulgarische Quidditch-Nationalmannschaft! Ich sage nur – Dimitrow!«
Eine in Scharlachrot gekleidete Gestalt auf einem Besen, die so schnell flog, dass sie nur verschwommen zu sehen war, schoss aus einer Luke weit unten hinaus aufs Spielfeld, und wilder Applaus der bulgarischen Anhänger brandete auf.
»Iwanowa!«
Eine scharlachrot gewandete Spielerin sauste ins Stadion.
»Zograf! Lewski! Vulkanow! Volkow! Uuuuuund – Krum!«
»Das ist er, das ist er!«, rief Ron und folgte Krum mit seinem Omniglas; rasch stellte Harry sein eigenes Glas scharf.
Viktor Krum war schlank, dunkelhaarig und fahlgesichtig, hatte eine lange krumme Nase und dichte schwarze Augenbrauen. Er sah aus wie ein übergroßer Raubvogel. Es war kaum zu glauben, dass er erst achtzehn war.
»Und jetzt, begrüßen Sie bitte herzlich – die irische Quidditch-Nationalmannschaft!«, rief Bagman. »Ich stelle vor – Connolly! Ryan! Troy! Mullet! Moran! Quigley! Uuuuund – Lynch!«
Sieben nur verschwommen wahrzunehmende grüne Gestalten rasten auf das Spielfeld; Harry drehte einen kleinen Knopf an dem Omniglas und verlangsamte, was sich vor ihm abspielte, so dass er das Wort »Feuerblitz« auf dem Besen jedes Spielers erkennen konnte, die ihre Namenszüge in Silber auf den Rücken gestickt trugen.
»Und hier, aus dem fernen Ägypten, unser Schiedsrichter, der hoch angesehene Vorstandszauberer des Internationalen Quidditchverbandes, Hassan Mostafa!«
Ein kleiner, hagerer Zauberer, vollkommen kahlköpfig, doch mit einem Schnurrbart, der dem Onkel Vernons Konkurrenz gemacht hätte, in einem nichts als goldenen, zum Stadion passenden Umhang, schritt aufs Spielfeld hinaus. Eine silberne Pfeife ragte unter seinem Schnurrbart hervor und er trug eine große Holzkiste unter dem einen, seinen Besen unter dem anderen Arm. Harry drehte den Geschwindigkeitsknopf an seinem Glas zurück auf »normal« und sah gespannt zu, wie Mostafa seinen Besen bestieg und die Kiste mit dem Fuß aufklappte – vier Bälle schossen in die Luft: der scharlachrote Quaffel, die beiden schwarzen Klatscher und (Harry sah ihn nur einen kurzen Moment lang, denn er verschwand rasend schnell) den winzigen, geflügelten Goldenen Schnatz. Mit einem gellenden Pfiff rauschte Mostafa den Bällen nach in die Höhe.
»Looooooos geht’s!«, schrie Bagman. »Mullet am Ball! Troy! Moran! Dimitrow! Wieder Mullet! Troy! Lewski! Moran!«
Es war ein Quidditch-Spiel, wie Harry es noch nie gesehen hatte. Er drückte das Omniglas so fest an die Augen, dass ihm die Brillenfassung in die Nasenwurzel schnitt. Die Spieler waren unglaublich schnell – die Jäger warfen sich den Quaffel so rasch zu, dass Bagman nur Zeit blieb, ihre Namen zu nennen. Harry stellte den Knopf an der rechten Seite des Omniglases auf »langsam« und sah sofort alles in Zeitlupe. Purpurn glitzernde Buchstaben glitten nun über die Linsen, während das Toben der Menge gegen seine Trommelfelle pochte.
»Falkenkopf-Angriff«, las er, während die drei irischen Jäger dicht nebeneinander dahinschwebten. Troy in der Mitte, ein wenig vor Mullet und Moran, im Angriff auf die Bulgaren. »Porskoff-Täuschung« flammte als Nächstes auf, als Troy so tat, als wolle er mit dem Quaffel in die Höhe schießen und damit die bulgarische Jägerin Iwanowa ablenken, dann jedoch den Quaffel auf Moran fallen ließ. Einer der bulgarischen Treiber, Volkow, hieb knallhart mit seinem kleinen Schläger gegen einen vorbeifliegenden Klatscher und trieb ihn auf Morans Flugbahn. Moran duckte sich, um dem Klatscher auszuweichen, und ließ den Quaffel fallen; Lewski, der unter ihr herflog, fing ihn auf –
»Troy trifft!«, donnerte Bagman, und das Stadion erzitterte unter dem rasenden Applaus und den Jubelschreien. »Zehn zu null für Irland!«
»Was?«, rief Harry und sah mit seinem Omniglas verwirrt umher. »Aber Lewski hat doch den Quaffel!«
»Harry, wenn du nicht in normaler Geschwindigkeit zuschaust, kriegst du nichts mit!«, rief Hermine, die mit schlackernden Armen umhertanzte, während Troy eine Ehrenrunde um das Stadion drehte. Rasch blickte Harry über den Rand seines Omniglases und sah, dass die Leprechans, die am Spielfeldrand gesessen hatten, alle aufgesprungen waren und jetzt erneut das große, glitzernde Kleeblatt bildeten. Von der anderen Seite des Feldes her sahen ihnen die Veela schmollend zu.
Schon wurde weitergespielt, und Harry, der sich über sich selbst ärgerte, drehte den Geschwindigkeitsknopf auf »normal« zurück.
Harry wusste genug über Quidditch, um zu erkennen, dass die irischen Jäger erste Sahne waren. Das Team fügte sich nahtlos zusammen, und angesichts ihres Stellungsspiels konnte man meinen, sie könnten gegenseitig ihre Gedanken lesen; die Rosette auf Harrys Brust piepste ständig ihre Namen: »Troy – Mullet – Moran!« Innerhalb von zehn Minuten traf Irland noch zweimal und baute seine Führung auf dreißig zu null aus, was bei den grün gekleideten Fans eine wahre Springflut aus Jubelschreien und Händeklatschen auslöste.
Das Spiel wurde noch schneller, doch auch härter. Volkow und Vulkanow, die bulgarischen Treiber, schmetterten die Klatscher mit aller Kraft gegen die irischen Jäger und waren schon im Begriff, deren beste Züge zu vereiteln; zweimal waren sie gezwungen, sich zu zerstreuen, und dann gelang es Iwanowa schließlich, die irischen Reihen zu durchbrechen, dem Hüter Ryan auszuweichen und das erste Tor für Bulgarien zu schießen.
»Finger in die Ohren!«, bellte Mr Weasley, als die Veela ihren Freudentanz begannen. Harry drückte auch noch die Augen zu; er wollte einen klaren Kopf für das Spiel behalten. Nach ein paar Sekunden wagte er einen Blick auf das Spielfeld. Die Veela hatten aufgehört zu tanzen und Bulgarien war wieder im Besitz des Quaffels.
»Dimitrow! Lewski! Dimitrow! Iwanowa – oho, kann ich da nur sagen!«, donnerte Bagman.
Hunderttausend Zauberer und Hexen stöhnten auf, als die beiden Sucher Krum und Lynch von oben mitten durch die Reihe der Jäger stürzten, so schnell, dass es aussah, als wären sie ohne Fallschirme aus dem Flugzeug gesprungen. Harry folgte ihrem Sturzflug mit seinem Omniglas und versuchte den Schnatz zu erspähen –
»Die knallen noch auf die Erde!«, kreischte Hermine neben Harry.
Sie hatte beinahe Recht – in der allerletzten Sekunde zog sich Viktor Krum aus dem Sturzflug und schwirrte spiralförmig in die Höhe. Lynch jedoch krachte mit einem dumpfen Aufschlag, der im ganzen Stadion zu hören war, auf das Feld. Ein markerschütterndes Stöhnen stieg aus den irischen Reihen auf.
»Idiot!«, ächzte Mr Weasley. »Krum hat geblufft!«
»Auszeit!«, rief Bagman. »Die Medimagier laufen aufs Spielfeld, um Aidan Lynch zu verarzten!«
»Er ist schon okay, ist nur reingerasselt!«, sagte Charlie beruhigend zu Ginny, die mit schreckensstarrem Blick über der Brüstung hing. »Genau das, was Krum wollte, natürlich …«
Hastig drückte Harry die Wiederholungs- und die Kommentar-Taste an seinem Omniglas, drehte am Geschwindigkeitsknopf und hielt sich das Glas wieder vor die Augen.
Er sah noch einmal in Zeitlupe Krum und Lynch im Sturzflug. »Wronski-Bluff – gefährliche Falle für den Sucher«, sagte die leuchtende Purpurschrift auf der Linse. Er sah Krums in höchster Konzentration verzerrtes Gesicht, als er sich im letzten Moment aus dem Sturzflug herauszog, während Lynch die Platte machte, und er begriff – Krum hatte den Schnatz überhaupt nicht gesehen, er wollte nur, dass Lynch ihm auf den Leim ging. So hatte Harry noch nie jemanden fliegen sehen; fast schien es, als benutzte Krum gar keinen Besen; er bewegte sich so behände durch die Luft, als ob er nichts zum Fliegen brauchte und schwerelos wäre. Harry stellte sein Omniglas wieder auf »normal« und die Schärfe auf Krum ein. Hoch über Lynch, den die Medimagier gerade mit einem Becher Zaubertrank aufpäppelten, drehte er seine Kreise. Harry beobachtete Krums Gesicht noch genauer und konnte sehen, wie seine dunklen Augen über den Boden in dreißig Meter Tiefe huschten. Er nutzte die Zeit, bis Lynch wieder auf dem Besen war, um in aller Ruhe nach dem Schnatz zu suchen.
Endlich kam Lynch unter lauten Jubelschreien der grün gekleideten Anhänger wieder auf die Beine, bestieg seinen Feuerblitz und stieß sich vom Boden ab. Seine Auferstehung schien Irland frischen Mut zu geben. Als Mostafa seine Pfeife trillern ließ, legten die Jäger los, mit einer Gewandtheit, die alles in den Schatten stellte, was Harry je gesehen hatte.
Nach fünfzehn Minuten schnellen und furiosen Spiels war Irland mit zehn weiteren Toren davongezogen. Die Iren führten jetzt mit hundertdreißig zu zehn Punkten und das Spiel wurde allmählich härter.
Als Mullet wieder einmal in Richtung Tor schoss, den Quaffel fest unter den Arm geklemmt, flog der bulgarische Hüter Zograf hinaus, um sie abzublocken. Was immer auch geschah, es war so rasch vorbei, dass Harry nichts mitbekam, doch ein Wutschrei von den irischen Zuschauern und Mostafas langer, schriller Pfiff machten ihm klar, dass ein Foul passiert war.
»Und Mostafa knüpft sich den bulgarischen Hüter vor wegen Schrammens – übermäßiger Einsatz der Ellbogen!«, teilte Bagman dem aufgeheizten Publikum mit. »Und ja – es gibt einen Freiwurf für Irland!«
Die Leprechans, die wie ein Schwarm glitzernder Hornissen wütend in die Luft gestiegen waren, als Mullet gefoult wurde, flitzten zusammen und bildeten die Wörter: »HA HA HA!« Die Veela auf der anderen Seite des Feldes sprangen hoch, warfen zornig das Haar in den Nacken und begannen wieder zu tanzen.
Wie auf Zuruf steckten sich die Weasley-Jungen und Harry sofort die Finger in die Ohren, doch Hermine, der die Veela schnuppe waren, zupfte einen Augenblick später an Harrys Ärmel. Er wandte sich um und sie zog ihm ungeduldig die Finger aus den Ohren.
»Sieh dir mal den Schiedsrichter an!«, sagte sie kichernd.
Harry sah hinunter aufs Feld. Hassan Mostafa war direkt vor den tanzenden Veela gelandet und gebärdete sich tatsächlich sehr merkwürdig. Erregt ließ er seine Muskeln spielen und strich sich über den Schnurrbart.
»Nun aber, so geht das nicht!«, sagte Ludo Bagman, klang dabei jedoch höchst belustigt. »Jemand muss den Schiedsrichter ohrfeigen, bitte!«
Ein Medimagier, der selbst die Finger in den Ohren hatte, kam über das Feld gerannt und kickte Mostafa scharf gegen das Schienbein. Mostafa schien wieder zu sich zu kommen; Harry, das Omniglas auf der Nase, erkannte, dass er äußerst verlegen dreinsah und die Veela anschrie, die aufgehört hatten zu tanzen und rebellisch gestikulierten.
»Und wenn ich mich nicht sehr irre, versucht Mostafa tatsächlich, die bulgarischen Mannschaftsmaskottchen vom Platz zu schicken!«, ertönte Bagmans Stimme. »Nun, so etwas haben wir noch nie gesehen … oh, das könnte ganz böse enden …«
In der Tat: Die bulgarischen Treiber Volkow und Vulkanow landeten zu beiden Seiten Mostafas und begannen erzürnt mit ihm zu streiten; sie gestikulierten in Richtung der Leprechans, die inzwischen die Wörter »HEE HEE HEE« bildeten. Mostafa jedoch ließ sich von den Argumenten der Bulgaren nicht beeindrucken; er stieß mit dem Finger in die Luft, eine deutliche Anweisung für die Bulgaren, sich wieder davonzumachen, und als sie sich weigerten, ließ er zwei kurze gellende Pfiffe ertönen.
»Zwei Freiwürfe für Irland!«, rief Bagman und die bulgarischen Zuschauer heulten vor Wut. »Und Volkow und Vulkanow sollten jetzt lieber wieder ihre Besen besteigen … ja … da fliegen sie wieder … und Troy holt den Quaffel …«
Im Stadion brodelte es jetzt, und die Spieler kämpften so erbittert, wie sie es noch nie erlebt hatten. Die Treiber auf beiden Seiten ließen keine Gnade walten: Vor allem Volkow und Vulkanow schwangen so heftig ihre Stöcke, als wäre es ihnen gleich, ob Mensch oder Klatscher getroffen wurde. Dimitrow schoss direkt auf Moran zu, die den Quaffel hatte, und schlug sie fast von ihrem Besen.
»Foul!«, röhrten die irischen Fans mit einer Stimme und erhoben sich zu einer riesigen grünen Welle.
»Foul!«, echote Ludo Bagmans magisch kraftvoll verstärkte Stimme. »Dimitrow rempelt Moran – stößt absichtlich mit ihr zusammen – und das gibt einen weiteren Freiwurf – ja, da kommt der Pfiff!«
Die Leprechans waren erneut in die Höhe geschossen, und diesmal bildeten sie eine riesige Hand, die eine sehr wüste Geste zu den Veela hin machte. Bei diesem Anblick verloren die Veela die Beherrschung. Sie stürzten über das Feld und bewarfen die Leprechans mit, wie es schien, Händen voll Feuer. Harry, der das ganze Geschehen durch sein Omniglas beobachtete, stellte fest, dass die Veela nun überhaupt nicht mehr schön aussahen. Im Gegenteil, ihre Gesichter waren in die Länge gezogen zu scharfen Vogelköpfen mit grausamen Schnäbeln, und nun brachen auch noch lange, schuppige Flügel aus ihren Schultern hervor.
»Und deshalb, Jungs«, rief Mr Weasley durch den aufbrausenden Lärm der Menge, »solltet ihr nie allein nach Schönheit gehen!«
Ministeriumszauberer strömten nun auf das Feld, um die Veela und die Leprechans zu trennen, doch mit wenig Erfolg; unterdessen war die offene Schlacht auf dem Feld nichts gegen das, was in der Luft vor sich ging. Harry, das Omniglas an die Augen gepresst, konnte dem Geschehen kaum folgen, denn der Quaffel wechselte den Besitzer mit der Geschwindigkeit einer Gewehrkugel –
»Lewski – Dimitrow – Moran – Troy – Mullet – Iwanowa – wieder Moran – Moran – Moran macht ihn rein!«
Doch der Jubel der irischen Fans ging fast unter in den Schreien der Veela, den Explosionen aus den Zauberstäben der Ministeriumsmagier und den wütenden Rufen der Bulgaren. Das Spiel ging sofort weiter; Lewski hatte jetzt den Quaffel, dann Dimitrow –
Der irische Treiber Quigley hieb mit aller Kraft gegen einen vorbeifliegenden Klatscher, und Krum, der sich nicht rechtzeitig geduckt hatte, wurde mit voller Wucht ins Gesicht getroffen.
Ein ohrenbetäubendes Stöhnen stieg von der Menge unten herauf; Krums Nase schien platt, überall war Blut, doch Hassan Mostafa pfiff nicht. Er war gerade abgelenkt, und Harry konnte ihm deshalb keinen Vorwurf machen; eine Veela hatte ihm einen Feuerball entgegengeschleudert und seinen Besenschweif in Flammen gesetzt.
Jemand muss doch sehen, dass Krum verletzt ist, dachte Harry; eigentlich war er für Irland, doch Krum war der aufregendste Spieler auf dem Feld. Ron ging es offenbar genauso.
»Auszeit! Nun macht schon, er kann doch nicht spielen, so wie er aussieht –«
»Schau dir Lynch an!«, rief Harry.
Der irische Sucher war plötzlich in den Sturzflug gegangen, und Harry war sich ziemlich sicher, dass dies kein Wronski-Bluff war, hier ging es um den Sieg …
»Er hat den Schnatz gesehen!«, rief Harry. »Er hat ihn gesehen! Sieh mal, wie er loslegt!«
Die Hälfte des Publikums schien erkannt zu haben, was geschah; die irischen Anhänger erhoben sich in einer einzigen großen grünen Woge und feuerten ihren Sucher an … doch Krum war ihm auf den Fersen. Wie er sehen konnte, wo er hinflog, war Harry schleierhaft; hinter ihm spritzte Blut durch die Luft, doch jetzt holte er Lynch ein, und wieder stürzten sich die beiden in die Tiefe –
»Die krachen noch aufs Feld!«, kreischte Hermine.
»Tun sie nicht!«, polterte Ron.
»Lynch schon!«, rief Harry.
Und er hatte Recht – zum zweiten Mal schlug Lynch mit enormer Wucht auf die Erde und sofort trampelte eine Meute wütender Veela über ihn hinweg.
»Der Schnatz, wo ist der Schnatz?«, brüllte ein paar Plätze weiter Charlie.
»Er hat ihn – Krum hat ihn – das Spiel ist aus!«, rief Harry.
Krum, dessen roter Umhang vor Blut glänzte, stieg elegant in die Höhe, mit ausgestreckter Faust, in der es golden schimmerte.
Die Anzeigetafel ließ BULGARIEN: EINHUNDERTSECHZIG; IRLAND: EINHUNDERTSIEBZIG in die Menge leuchten, die offenbar noch nicht begriffen hatte, was geschehen war. Dann, ganz allmählich, als würde ein Jumbojet zum Start anlaufen, begannen die irischen Fans immer lauter zu poltern und die Spannung löste sich in Freudenschreien auf.
»Irland gewinnt!«, rief Bagman, der offenbar wie die Iren vom plötzlichen Ende des Spiels überrascht worden war. »Krum holt den Schnatz – aber Irland gewinnt – mein Gott, ich glaube, keiner von uns hätte das erwartet!«
»Warum zum Teufel hat er den Schnatz gefangen?«, brüllte Ron, der vor Freude in die Luft sprang und mit den Händen über dem Kopf Beifall klatschte. »Dieser Idiot hat das Spiel beendet, als Irland hundertsechzig Punkte Vorsprung hatte!«
»Er wusste, dass sie nie aufholen würden«, rief ihm Harry, ebenfalls laut klatschend, durch den Lärm hindurch zu. »Die irischen Jäger waren einfach zu gut … er wollte das Spiel beenden, wie es ihm passte, das ist alles …«
»Er war sehr tapfer, nicht wahr?«, sagte Hermine und beugte sich über die Brüstung, um Krum landen zu sehen. Ein Schwarm von Medimagiern blies die immer noch ineinander verbissenen Leprechans und Veela beiseite und bahnte sich einen Weg zu Krum. »Er sieht fürchterlich zermatscht aus …«
Harry hob erneut das Omniglas an die Augen. Es war schwer auszumachen, was dort unten geschah, weil die Leprechans ganz verrückt über das ganze Spielfeld sausten, doch eben noch konnte er Krum zwischen den Medimagiern erkennen. Verdrießlicher denn je, wollte er es partout nicht zulassen, dass sie ihn flickten. Seine Mannschaftskameraden standen kopfschüttelnd und niedergeschlagen um ihn herum; nicht weit davon entfernt tanzten die irischen Spieler schadenfroh unter einem Regen aus Gold, den ihre Maskottchen niedergehen ließen. Flaggen wehten im ganzen Stadion, aus allen Himmelsrichtungen dudelte die irische Nationalhymne; die Veela schrumpften jetzt wieder zu ihrer üblichen, schönen Gestalt, doch sahen sie nun bedrückt und elend aus.
»Jaha, wir habe mutige gekämpft«, sagte eine traurige Stimme hinter Harry. Er drehte sich um; es war der bulgarische Zaubereiminister.
»Sie sprechen ja Englisch!«, sagte Fudge empört. »Und ich hab den ganzen Tag lang den Kasper für Sie gemacht!«
»Jaha, es ware jedefalls serr lustik«, sagte der bulgarische Minister achselzuckend.
»Und während die irischen Spieler, begleitet von ihren Maskottchen, eine Ehrenrunde drehen, wird der Quidditch-Weltmeisterschaftspokal in die Ehrenloge gebracht«, donnerte Bagman.
Harry wurde jäh von einem gleißend weißen Licht geblendet; die Ehrenloge lag in magischer Helle da, so dass unten auf den Tribünen alle sehen konnten, was geschah. Er blinzelte zum Eingang hin und sah zwei keuchende Zauberer einen riesigen goldenen Pokal in die Loge tragen und ihn Cornelius Fudge aushändigen. Fudge schien immer noch sauer, weil er den ganzen Tag sinnloserweise die Zeichensprache verwendet hatte.
»Bitte einen ganz herzlichen Beifall für die edlen Verlierer – Bulgarien!«, rief Bagman.
Und die Treppe hoch in die Loge kamen die sieben geschlagenen bulgarischen Spieler. Die Menge klatschte anerkennend Beifall; Harry sah Tausende von Omnigläsern zur Loge herüberblitzen und -blinken.
Einer nach dem anderen gingen die Bulgaren durch die Sitzreihen, und Bagman rief laut den Namen eines jeden Spielers, während sie ihrem Minister und dann Fudge die Hand schüttelten. Krum, der Letzte in der Schlange, sah völlig geplättet aus. Zwei Veilchen blühten prächtig auf seinem blutunterlaufenen Gesicht. Immer noch hielt er den Schnatz in der Hand. Harry fiel auf, dass er sich auf festem Grund weit unsicherer bewegte als in der Luft. Er watschelte ein wenig und ließ unverkennbar die Schultern hängen. Doch als Krums Name ausgerufen wurde, schenkte ihm das ganze Stadion ein tosendes, ohrenzerfetzendes Brüllen.
Und dann kam das irische Team. Moran und Connolly stützten Aidan Lynch; seit dem zweiten Sturz schien er ein wenig weggetreten und die Augen sahen merkwürdigerweise in verschiedene Richtungen. Doch grinste er glücklich, als Troy und Quigley den Pokal in die Höhe hoben und die Menge unten donnernd ihre Anerkennung kundtat. Harrys Hände waren vom vielen Klatschen schon taub.
Endlich, als das irische Team die Loge verlassen hatte und eine weitere Besenrunde durch das Stadion drehte (Aidan Lynch machte den Sozius bei Connolly, die Arme fest um dessen Bauch geschlungen und immer noch leicht verwirrt grinsend) – nun endlich richtete Bagman den Zauberstab auf seine Kehle und murmelte: »Quietus.«
»Darüber wird man noch in vielen Jahren reden«, sagte er heiser, »eine wirklich unerwartete Wendung war das … schade, dass es nicht länger gedauert hat … ah ja … ja, ich schulde euch … wie viel?«
Fred und George waren soeben über die Rückenlehnen ihrer Sitze gestolpert und standen nun breit grinsend und mit ausgestreckten Händen vor Ludo Bagman.
Das Dunkle Mal
»Sagt bloß kein Wort zu eurer Mutter, dass ihr gewettet habt«, schärfte Mr Weasley Fred und George ein, während sie langsam die mit einem purpurnen Läufer bespannte Treppe hinabstiegen.
»Mach dir keine Sorgen, Dad«, sagte Fred mit hinterlistigem Grinsen, »wir haben mit dem Geld was Großes vor und wollen nicht, dass es beschlagnahmt wird.«
Mr Weasley schien einen Augenblick lang nach diesen großen Plänen fragen zu wollen, nach kurzer Überlegung jedoch zu beschließen, es lieber nicht so genau wissen zu wollen.
Bald schwammen sie mit in den Scharen von Hexen und Zauberern, die aus dem Stadion hinausquollen, zurück zu den Zeltplätzen. Sie gingen den laternenbeschienenen Weg entlang, den sie gekommen waren; mit der nächtlichen Brise waberten heisere Gesänge an ihre Ohren, und immer wieder schwirrten irische Kobolde giggelnd und Laternen schwingend über ihre Köpfe hinweg. Als sie endlich zu ihren Zelten gelangten, hatte niemand Lust, schlafen zu gehen, und da um sie herum ohnehin noch lautes Treiben herrschte, erlaubte ihnen Mr Weasley vor dem Schlafengehen noch eine letzte Tasse Kakao. Es dauerte nicht lange und sie stritten sich ausgelassen über das Spiel; Mr Weasley und Charlie gerieten sich wegen der Rempelei in die Haare, und erst als Ginny an dem kleinen Tisch plötzlich wegnickte und die heiße Schokolade über den Boden verschüttete, gebot Mr Weasley den wortgewaltigen Spieldiskussionen Einhalt und schickte alle zu Bett. Hermine und Ginny gingen ins Zelt nebenan und Harry und die übrigen Weasleys schlüpften in ihre Pyjamas und kletterten in die Schlafkojen. Von der anderen Seite des Zeltplatzes wehte immer noch Gesang herüber und gelegentlich war ein laut in der Nacht widerhallender Knall zu hören.
»Meine Güte, bin ich froh, dass ich nicht im Dienst bin«, murmelte Mr Weasley schläfrig. »Ich kann mir was Schöneres vorstellen, als dort rüberzugehen und den Iren zu sagen, sie sollen aufhören zu feiern.«
Harry, der in der Koje über Ron lag, starrte die Zeltdecke an, durch die hin und wieder die Laterne eines vorbeifliegenden Kobolds schimmerte. Noch einmal führte er sich Krums tollste Spielzüge vor Augen. Es juckte ihn, auf seinen eigenen Feuerblitz zu steigen und den Wronski-Bluff selbst auszuprobieren … irgendwie hatte es Oliver Wood mit all seinen kurvenreichen Schaubildern nie richtig geschafft zu zeigen, wie dieser Zug aussehen musste … Harry sah sich selbst in einen Umhang gehüllt, der seinen Namen auf dem Rücken trug, und stellte sich das Gefühl vor, eine hunderttausendköpfige Menge brüllen zu hören, während Ludo Bagmans Stimme durch das Stadion hallte: »Und hier kommt … Potter!«
Harry konnte später nicht sagen, ob er eingenickt war oder nicht – seine lebhaften Vorstellungen, wie Krum fliegen zu können, mochten durchaus zu ausgewachsenen Träumen geworden sein –, er wusste nur, dass er plötzlich Mr Weasley rufen hörte.
»Steht auf! Ron – Harry – schnell, steht auf, es ist dringend!«
Harry setzte sich rasch auf und stieß mit dem Kopf gegen die Zeltdecke.
»Was ’n los?«, sagte er.
Er ahnte dunkel, dass etwas nicht stimmte. Die Geräusche im Zeltlager hatten sich verändert. Die Gesänge waren verstummt. Er konnte Schreie hören und hastiges Fußgetrappel.
Er rutschte aus seiner Koje, griff nach seinen Kleidern, doch Mr Weasley, der eine Jeans über den Pyjama gezogen hatte, hielt ihn auf: »Keine Zeit, Harry – wirf nur rasch eine Jacke über und geh raus – schnell!«
Harry tat wie ihm geheißen und krabbelte dicht gefolgt von Ron aus dem Zelt.
Im Licht der noch brennenden Feuer sah er Leute in den Wald rennen, offenbar auf der Flucht vor etwas, das über das Feld auf sie zukam, etwas, das merkwürdige Lichtblitze schleuderte und lärmte wie Gewehrfeuer. Lautes Gejohle, dröhnendes Lachen und die Schreie von Betrunkenen wehten zu ihnen her; dann flammte jäh ein starkes grünes Licht auf und erhellte das Geschehen.
Eine Gruppe von Zauberern, dicht aneinandergedrängt und mit zum Himmel gereckten Zauberstäben, marschierte langsam über das Feld. Harry spähte zu ihnen hinüber … sie schienen keine Gesichter zu haben … dann erkannte er, dass sie Kapuzen über die Köpfe gezogen und ihre Gesichter maskiert hatten. Hoch über ihnen, mitten in der Luft schwebend, sah er vier verzweifelt strampelnde, grotesk verzerrte Gestalten. Es kam ihm vor, als wären die maskierten Zauberer auf dem Feld Puppenspieler und die Menschen über ihnen Marionetten an unsichtbaren Fäden, die von den Zauberstäben aus in die Höhe stiegen. Zwei der Gestalten waren sehr klein.
Andere Zauberer schlossen sich der marschierenden Gruppe an, johlend und mit den Zauberstäben nach oben zu den schwebenden Körpern deutend. Die Menge schwoll an, Zelte auf dem Weg wurden umgerissen und niedergetrampelt. Hin und wieder beobachtete Harry, wie einer der Marschierer mit dem Zauberstab ein Zelt aus dem Weg blies. Einige fingen Feuer. Das Schreien wurde lauter.
Flammen, die aus einem Zelt schlugen, beleuchteten plötzlich die in der Höhe schwebenden Menschen, und Harry erkannte einen von ihnen – es war Mr Roberts, der Aufseher des Zeltlagers. Die anderen drei sahen aus, als könnten sie seine Frau und seine Kinder sein. Einer der Vermummten ließ Mrs Roberts kopfüber kippen; ihr Nachthemd rutschte herunter und enthüllte ihre bauschigen Schlüpfer; unter dem höhnischen Kreischen und Johlen der Menge am Boden versuchte sie verzweifelt, ihre Blöße zu bedecken.
»Das ist widerlich«, murmelte Ron und beobachtete, wie das kleinste Muggelkind zwanzig Meter über der Erde wie ein Kreisel zu wirbeln begann, das Köpfchen wehrlos von der einen auf die andere Schulter schlagend. »Das ist wirklich widerlich …«
Hermine und Ginny, die sich hastig Mäntel über ihre Nachthemden zogen, kamen auf sie zugerannt, dicht gefolgt von Mr Weasley. In diesem Moment kamen Bill, Charlie und Percy aus dem Jungenzelt, angezogen, mit hochgerollten Ärmeln und gezückten Zauberstäben.
»Wir helfen den Ministeriumsleuten«, rief Mr Weasley durch den Lärm und rollte nun ebenfalls die Ärmel hoch. »Und ihr – verschwindet in den Wald und bleibt zusammen. Ich hol euch wieder, wenn wir mit diesem Schlamassel fertig sind.«
Schon liefen Bill, Charlie und Percy den näher kommenden Marschierern entgegen; Mr Weasley eilte ihnen nach. Aus allen Himmelsrichtungen rannten die Zauberer des Ministeriums auf die Quelle des Aufruhrs zu. Immer näher kam der Haufen, über dem die Familie Roberts in der Luft schwebte.
»Schnell«, sagte Fred, packte Ginny am Arm und zog sie zum Wald. Harry, Ron, Hermine und George folgten ihnen. Als sie unter den Bäumen angelangt waren, blickten sie zurück. Die Schar unter der Familie Roberts war weiter angeschwollen; sie konnten erkennen, wie die Ministeriumszauberer zu den Vermummten vorzudringen versuchten, doch offenbar hatten sie größte Schwierigkeiten. Es schien, als fürchteten sie, ein Zauberspruch von ihnen würde die Roberts-Familie zu Boden stürzen lassen.
Die bunten Laternen am Weg zum Stadion waren erloschen. Dunkle Gestalten stolperten zwischen den Bäumen herum; Kinder weinten; angsterfüllte Rufe und panische Schreie waberten durch die kalte Nachtluft. Harry spürte, wie er von Leuten, deren Gesichter er nicht sehen konnte, herumgeschubst wurde. Dann schrie Ron vor Schmerz auf.
»Was ist passiert?«, sagte Hermine erschrocken und blieb so plötzlich stehen, dass Harry gegen sie prallte. »Ron, wo bist du? Oh, ist das bescheuert – Lumos!«
Sie ließ ihren Zauberstab aufleuchten und richtete den dünnen Lichtstrahl auf den Weg. Ron lag, alle viere von sich gestreckt, auf dem Boden.
»Bin über eine Baumwurzel gestolpert«, sagte er wütend und rappelte sich auf.
»Mit solchen Riesenfüßen ist das auch kein Wunder«, sagte eine gedehnte Stimme hinter ihnen.
Harry, Ron und Hermine wirbelten herum. Draco Malfoy stand ein wenig entfernt von ihnen an einen Baum gelehnt, allein und in vollkommen entspannter Haltung. Offenbar hatte er das Geschehen auf dem Zeltplatz mit verschränkten Armen durch eine Lücke in den Bäumen hindurch beobachtet.
Ron schleuderte Malfoy etwas entgegen, das er, wie Harry wusste, vor Mrs Weasley nie zu sagen gewagt hätte.
»Zügle dein Mundwerk, Weasley«, sagte Malfoy mit einem Glitzern in den fahlen Augen. »Solltet ihr jetzt nicht besser verschwinden? Ihr wollt doch nicht, dass man die hier sieht, oder?«
Er nickte zu Hermine hinüber, und in diesem Moment hörten sie vom Zeltplatz her einen Knall wie von einer Bombe, und für einen Augenblick erhellte ein grüner Lichtblitz die Bäume um sie her.
»Was soll das denn heißen«, sagte Hermine herausfordernd.
»Die sind hinter Muggeln her, Granger«, sagte Malfoy. »Willst du vielleicht mitten in der Luft dein Höschen vorzeigen … sie kommen in diese Richtung, und das wär doch für uns alle ein Riesenspaß.«
»Hermine ist eine Hexe«, knurrte Harry.
»Wie du meinst, Potter«, sagte Malfoy heimtückisch grinsend. »Wenn du glaubst, die könnten eine Schlammblüterin nicht erkennen, dann bleibt, wo ihr seid.«
»Pass auf, was du sagst!«, rief Ron. Alle Beteiligten wussten, dass »Schlammblüter« ein sehr verletzender Ausdruck für eine Hexe oder einen Zauberer mit Muggeleltern war.
»Lass ihn reden, Ron«, warf Hermine ein und packte Ron, der einen Schritt auf Malfoy zutrat, beschwichtigend am Arm.
Von jenseits der Bäume hörten sie einen Knall, der lauter war als alles Bisherige. Einige im Umkreis schrien auf.
Malfoy kicherte leise. »Ihr kriegt es leicht mit der Angst zu tun, oder? Bestimmt hat Daddy gesagt, ihr sollt euch alle verstecken? Was hat er vor – will er die Muggel retten?«
»Wo sind deine Eltern?«, sagte Harry nun schon zorniger. »Dort drüben, nicht wahr, und zwar maskiert?«
Immer noch lächelnd wandte Malfoy das Gesicht Harry zu. »Nun, selbst wenn es so wäre, Potter, würde ich es doch nicht ausgerechnet dir erzählen?«
»Ach, lasst ihn«, sagte Hermine mit einem ekelerfüllten Blick auf Malfoy, »gehen wir lieber die anderen suchen.«
»Und versteck besser deinen großen buschigen Kopf, Granger«, höhnte Malfoy.
»Lasst ihn doch«, wiederholte Hermine und zerrte Harry und Ron auf den Weg zurück.
»Ich wette mit euch, dass sein Dad einer von diesen maskierten Banditen ist«, sagte Ron empört.
»Mit ein wenig Glück wird das Ministerium ihn kriegen!«, sagte Hermine erhitzt. »Nein, ich fass es nicht, wo stecken denn die anderen?«
Auf dem Weg herrschte ein großes Gedränge. Menschen warfen nervöse Blicke zum Treiben auf dem Zeltplatz, doch von Fred, George und Ginny war weit und breit keine Spur.
Ein Stück weiter trafen sie auf einen Schwarm Teenager, die sich lautstark und aufgeregt über etwas stritten. Als sie Harry, Ron und Hermine sahen, wandte sich ein Mädchen mit dichtem Lockenhaar um und sagte schnell: »Où est Madame Maxime? Nous l’avons perdue –«
»Ähm – was?«, sagte Ron.
»Oh …«, das Mädchen, das gesprochen hatte, kehrte ihm den Rücken zu, und als sie weitergingen, hörten sie deutlich, wie sie »Ogwarts« sagte.
»Beauxbatons«, murmelte Hermine.
»Wie bitte?«, sagte Harry.
»Das müssen Beauxbatons sein«, sagte Hermine. »Ihr wisst doch … Beauxbatons, Akademie für Zauberei … Ich hab davon im Handbuch der europäischen Magierausbildung gelesen.«
»Oh … ja … natürlich«, sagte Harry.
»Fred und George können nicht so weit gekommen sein«, sagte Ron, zückte den Zauberstab und ließ den Lichtstrahl neben dem Hermines den Pfad entlangwandern. Harry grub in der Jackentasche nach seinem Zauberstab – doch er fand nur das Omniglas.
»Aah, nein, so ein Mist … ich hab meinen Zauberstab verloren!«
»Machst du Witze?«
Ron und Hermine hoben ihre Zauberstäbe, um das spärliche Licht besser auf dem Boden zu verteilen; Harry suchte überall, wo er gestanden hatte, doch sein Zauberstab war nirgends zu sehen.
»Vielleicht hast du ihn im Zelt gelassen«, sagte Ron.
»Vielleicht ist er dir aus der Tasche gefallen, als wir gerannt sind?«, überlegte Hermine beklommen.
»Jaah«, sagte Harry, »vielleicht …«
Normalerweise trug er seinen Zauberstab immer bei sich, wenn er in der Zaubererwelt war, und nun, da er inmitten dieses brenzligen Geschehens ohne ihn dastand, fühlte er sich ziemlich schutzlos.
Ein Geraschel ließ sie alle zusammenzucken. Winky, die Hauselfe, strampelte mühsam aus einem dichten Buschgeflecht am Wegrand hervor. Sie bewegte sich äußerst merkwürdig, offenbar fiel es ihr sehr schwer zu gehen; es war, als ob etwas Unsichtbares sie festhalten würde.
»Böse Zauberer sind überall!«, piepste sie verwirrt, während sie sich nach vorn beugte und mit aller Kraft zu laufen versuchte. »Leute oben – hoch oben in der Luft! Winky macht sich besser aus dem Staub!«
Und sie verschwand zwischen den Bäumen auf der anderen Seite des Weges, keuchend und piepsend gegen die Kraft ankämpfend, die sie zurückhielt.
»Was ist denn mit der los?«, sagte Ron und sah Winky neugierig nach. »Warum kann sie nicht richtig laufen?«
»Wahrscheinlich hat sie nicht gefragt, ob sie sich verstecken darf«, sagte Harry. Er dachte an Dobby: Jedes Mal, wenn er versucht hatte etwas zu tun, was die Malfoys nicht mochten, spürte er den unwiderstehlichen Drang, sich selbst zu verprügeln.
»Ihr wisst ja, mit den Hauselfen springen sie ganz übel um!«, sagte Hermine entrüstet. »Das ist Sklaverei, nichts anderes! Dieser Mr Crouch hat sie gezwungen, auf die höchste Tribüne zu steigen, wo sie doch furchtbare Angst hatte, und er hat sie verhext, so dass sie nicht einmal wegrennen kann, wenn sie anfangen die Zelte niederzutrampeln! Warum unternimmt eigentlich niemand was dagegen?«
»Was willst du, die Elfen sind doch glücklich, oder etwa nicht?«, sagte Ron. »Du hast doch vorhin beim Spiel die gute alte Winky gehört … ›Hauselfen sollen keinen Spaß haben‹ … herumkommandiert werden ist doch genau das, was sie mag …«
»Es sind solche Leute wie du, Ron«, platzte Hermine aufgebracht los, »die morsche und ungerechte Ordnungen auch noch stützen, nur weil ihr zu lasch seid, um …«
Wieder knallte es laut vom Waldrand her.
»Lasst uns lieber weitergehen!«, sagte Ron, und Harry bemerkte, wie er Hermine einen nervösen Blick zuwarf. Vielleicht war etwas dran an dem, was Malfoy gesagt hatte; vielleicht war Hermine tatsächlich in größerer Gefahr als er und Ron. Während Harry immer noch seine Taschen durchwühlte, obwohl er wusste, dass sein Zauberstab nicht da war, machten sie sich wieder auf die Beine.
Immer tiefer in den Wald hinein folgten sie dem dunklen Weg, ständig Ausschau haltend nach Fred, George und Ginny. Sie kamen an einer Gruppe Kobolde vorbei, die kichernd einen Sack Gold begutachteten, den sie zweifellos bei einer Wette gewonnen hatten, und die von dem Aufruhr auf dem Zeltplatz völlig unberührt schienen. Noch ein Stück weiter sahen sie einen Fleck silbrigen Lichts, und als sie durch die Bäume spähten, sahen sie drei große, schöne Veela auf einer Lichtung stehen, umringt von einer laut schnatternden Schar Zauberer.
»Ich mach ungefähr hundert Sack Galleonen im Jahr«, rief einer von ihnen. »Ich bin ein Drachentöter beim Kommando für die Beseitigung Gefährlicher Geschöpfe.«
»Nein, red keinen Stuss«, rief sein Freund, »du bist Tellerwäscher im Tropfenden Kessel … aber ich bin ein Vampirjäger, ich hab schon an die neunzig Stück erlegt –«
Ein dritter junger Zauberer, dessen Pickel selbst in dem schwachen, silbrigen Licht der Veela zu erkennen waren, meldete sich nun zu Wort: »Ich werde demnächst zum jüngsten Zaubereiminister aller Zeiten ernannt, wisst ihr.«
Harry schnaubte vor Lachen. Er erkannte den pickligen Zauberer; sein Name war Stan Shunpike, und er war in Wirklichkeit Schaffner im Fahrenden Ritter, einem dreistöckigen Bus.
Er wandte sich um und wollte Ron davon erzählen, doch Rons Gesichtszüge waren merkwürdig schlaff geworden, und schon fing er an zu rufen: »Wisst ihr schon, dass ich einen Besen erfunden habe, mit dem man zum Jupiter fliegen kann?«
»Also wirklich!«, sagte Hermine von neuem, und sie und Harry packten Ron fest an den Armen, zerrten ihn herum und zogen mit ihm davon. Allmählich erstarb das Geschnatter der Veela-Verehrer und nun waren sie im Herzen des Waldes. Um sie her war es fast still, sie waren nun offenbar ganz allein.
Harry blickte sich um. »Ich schätze, wir können einfach hier warten, hier hören wir jeden, auch wenn er noch meilenweit entfernt ist.«
Kaum hatte er den Mund zugemacht, als hinter einem Baum direkt vor ihrer Nase Ludo Bagman auftauchte.
Selbst in dem schwachen Licht der beiden Zauberstäbe konnte Harry erkennen, dass Ludos Erscheinung sich deutlich gewandelt hatte. Er wirkte nun nicht mehr schwungvoll und rosig und auch sein Schritt federte nicht mehr. Er sah käseweiß und angespannt aus.
»Wer da?«, sagte er und versuchte blinzelnd ihre Gesichter zu erkennen. »Was treibt ihr hier ganz alleine mitten im Wald?«
Sie sahen sich überrascht an.
»Nun – es gibt eine Art Aufruhr«, sagte Ron.
Bagman starrte ihn an. »Was?«
»Auf dem Zeltplatz … einige Leute haben sich eine Muggelfamilie geschnappt …«
Bagman fluchte laut. »Verdammtes Pack!«, sagte er, offenbar recht beunruhigt. Und ohne ein weiteres Wort zu sagen, disapparierte er mit einem leisen Plopp.
»Nicht gerade auf dem Laufenden, Mr Bagman, oder?«, sagte Hermine stirnrunzelnd.
»Immerhin war er mal ein großer Treiber«, sagte Ron und führte sie den Pfad entlang zu einer kleinen Lichtung, wo er sich auf einem Fleck trockenen Grases unter einen Baum setzte. »Die Wimbourner Wespen haben dreimal in Folge die Meisterschaft gewonnen, als er bei ihnen gespielt hat.«
Er holte die kleine Nachbildung von Krum aus der Tasche, setzte sie auf die Erde und sah ihr eine Weile beim Herumgehen zu. Wie der echte Krum watschelte das Modell ein wenig und ließ die Schultern hängen, und auf seinen Spreizfüßen war es bei weitem nicht so beeindruckend wie auf dem Besen. Harry lauschte auf Geräusche, die vom Zeltplatz herüberwehten. Es schien alles ruhig, vielleicht war der Aufruhr vorüber.
»Ich hoffe, den anderen geht es gut«, sagte Hermine nach einer Weile.
»Wird schon«, sagte Ron.
»Stell dir vor, dein Dad nimmt Lucius Malfoy fest«, sagte Harry, ließ sich neben Ron nieder und beobachtete, wie die kleine Krum-Figur über die heruntergefallenen Blätter schlurfte. »Er hat ja immer gesagt, er würde ihm gerne etwas nachweisen können.«
»Dann würde dem ollen Draco das blöde Grinsen vergehen«, sagte Ron.
»Mir tun diese armen Muggel leid«, sagte Hermine nervös. »Was ist, wenn sie es nicht schaffen, sie sicher herunterzuholen?«
»Das werden sie schon«, sagte Ron beruhigend, »irgendwie schaffen sie es.«
»Verrückt ist es schon, so etwas zu tun, wenn das ganze Zaubereiministerium hier draußen auf den Beinen ist!«, sagte Hermine. »Meinen die vielleicht, sie kommen einfach so davon? Glaubt ihr, sie haben sich betrunken, oder sind sie nur –«
Doch jäh brach sie ab und blickte über die Schulter. Auch Harry und Ron wandten sich um. Es klang, als ob jemand auf ihre Lichtung zustolperte. Gebannt lauschten sie auf die unregelmäßigen Schritte hinter den Bäumen. Doch die Schritte hielten plötzlich inne.
»Hallo?«, rief Harry.
Stille. Harry stand auf und spähte durch die Bäume. Es war zu dunkel, um weit sehen zu können, doch er spürte deutlich, dass dort in der Dunkelheit jemand stand.
»Wer ist da?«, rief er.
Und dann, ohne Vorwarnung, zerriss eine Stimme die Stille, wie er sie hier im Wald noch nicht gehört hatte; doch es war kein panischer Schrei, sondern etwas, das wie ein Zauberspruch klang.
»Morsmordre!«
Und etwas Riesiges, grün und glitzernd, brach aus den Schatten hervor, die Harrys Augen hatten durchdringen wollen; es stieg über die Baumspitzen hinaus und hoch an den Himmel.
»Was zum –?«, keuchte Ron, sprang auf die Beine und starrte auf das Etwas, das dort oben erschienen war.
Einen Augenblick lang dachte Harry, die irischen Kobolde hätten sich zu einer neuen Gestalt zusammengefügt. Dann erkannte er, dass es ein riesiger Totenkopf war, der, wie es schien, aus smaragdgrünen Sternen bestand. Und aus der Mundhöhle des Schädels quoll, wie eine Zunge, eine Schlange hervor. Sie sahen zu, wie der Schädel immer höher stieg, in grünlichen Dunst getaucht, doch strahlend hell, auf den schwarzen Himmel geprägt wie ein neues Gestirn.
Plötzlich war der Wald um sie her ein Meer von Schreien. Harry wusste nur, dass der einzige Grund dafür das plötzliche Erscheinen des Totenschädels sein konnte, der nun so hoch gestiegen war, dass er den ganzen Wald erleuchtete wie ein grauenhaftes Neonschild. Er suchte in der Dunkelheit nach dem Beschwörer des Schädels, doch er sah niemanden.
»Wer ist da?«, rief er noch einmal.
»Harry, komm, wir hauen ab!« Hermine hatte ihn hinten an der Jacke gepackt und zerrte ihn rücklings fort.
»Was ist los?«, fragte Harry und sah bestürzt in ihr weißes, verängstigtes Gesicht.
»Es ist das Dunkle Mal, Harry!«, keuchte Hermine und zerrte ihn mit aller Kraft fort. »Das Zeichen von Du-weißt-schon-wem!«
»Voldemorts –?«
»Harry, komm schon!«
Harry wandte sich jetzt um – Ron packte hastig seinen kleinen Krum ein – und die drei machten sich auf den Weg über die Lichtung – doch nach nur wenigen hastigen Schritten verriet ihnen ein leises Plopp nach dem anderen, dass zwanzig Zauberer aus dem Nichts aufgetaucht waren und sie umzingelten.
Harry wirbelte herum und im Bruchteil einer Sekunde erkannte er eines: Jeder dieser Zauberer hatte seinen Zauberstab gezückt, und die Zauberstäbe waren auf ihn, Ron und Hermine gerichtet. Ohne weiter nachzudenken, schrie er: »Deckung!«, packte die anderen beiden und riss sie zu Boden.
»Stupor!«, donnerten zwanzig Stimmen – es gab ein blendendes Blitzgeprassel, und Harry spürte, wie sich das Haar auf seinem Kopf kräuselte, als ob ein kräftiger Wind über die Lichtung fegte. Er hob den Kopf nur wenige Zentimeter und sah rote Feuerstöße aus den Stäben der Zauberer über sie hinwegflammen, sich kreuzen, von Baumstämmen abprallen und sich in der Dunkelheit verlieren –
»Aufhören!«, schrie eine Stimme, die er kannte. »Stopp! Das ist mein Sohn!«
Der Wind, der Harrys Haar zerzaust hatte, legte sich. Er hob den Kopf ein wenig höher. Der Zauberer vor ihm hatte seinen Stab gesenkt. Harry setzte sich auf und sah Mr Weasley mit entsetztem Gesicht auf sie zugehen.
»Ron – Harry –«, seine Stimme zitterte, »– Hermine – seid ihr verletzt?«
»Aus dem Weg, Arthur«, herrschte ihn eine kalte Stimme an.
Es war Mr Crouch. Er und die anderen Ministeriumszauberer zogen den Kreis um sie enger. Harry stand auf, um sich ihnen entgegenzustellen. Mr Crouchs Gesicht war wutverzerrt.
»Wer von Ihnen hat es getan?«, bellte er, und seine scharfen Augen blitzten zwischen ihnen hin und her. »Wer von Ihnen hat das Dunkle Mal heraufbeschworen?«
»Das waren wir nicht!«, sagte Harry und deutete mit der Hand hoch zum Schädel.
»Wir haben überhaupt nichts getan!«, sagte Ron, rieb sich den Ellbogen und sah entrüstet seinen Vater an. »Warum habt ihr uns angegriffen?«
»Lügen Sie nicht, Sir!«, rief Mr Crouch. Sein Zauberstab war immer noch direkt auf Ron gerichtet und seine Augen quollen hervor – so wirkte er leicht übergeschnappt. »Sie sind am Tatort entdeckt worden!«
»Barty«, flüsterte eine Hexe in einem langen wollenen Morgenrock, »das sind doch noch Kinder, Barty, die wären doch nie in der Lage –«
»Wo kam denn das Mal her, ihr drei?«, warf Mr Weasley rasch ein.
»Von da drüben«, sagte Hermine zitternd und deutete auf die dunkle Stelle, wo die Stimme hergekommen war, »da war jemand hinter den Bäumen … er hat laut gesprochen – eine Beschwörung –«
»Oh, stand also da drüben, nicht wahr?«, sagte Mr Crouch und wandte seine hervorquellenden Augen Hermine zu; dass er ihr nicht glaubte, stand ihm im Gesicht geschrieben. »Hat eine Beschwörung gesprochen, soso? Sie scheinen sehr gut zu wissen, wie das Mal aufgerufen wird, Fräulein –«
Doch keiner der Ministeriumszauberer außer Mr Crouch schien es überhaupt für denkbar zu halten, dass Harry, Ron oder Hermine den Schädel heraufbeschworen hatte; im Gegenteil, bei Hermines Worten hoben sie alle wieder ihre Zauberstäbe, spähten durch die Nacht und richteten sie auf die besagte Stelle.
»Zu spät«, sagte die Hexe in dem wollenen Morgenrock kopfschüttelnd. »Die sind bestimmt schon disappariert.«
»Da bin ich anderer Meinung«, sagte ein Zauberer mit stoppligem braunem Bart. Es war Amos Diggory, Cedrics Vater. »Unsere Schocker sind doch direkt durch diese Bäume geflogen … vielleicht haben wir sie sogar erwischt …«
»Sei vorsichtig, Amos!«, warnten einige Umstehende, als Mr Diggory die Schultern straffte, den Zauberstab ausstreckte und die Lichtung überquerte. Die Hände an den Mund gepresst sah Hermine ihn in den Schatten verschwinden.
Sekunden später hörten sie Mr Diggory rufen.
»Ja! Wir haben sie! Hier ist jemand! Bewusstlos! Es ist – aber – du meine Güte …«
»Sie haben jemanden?«, rief Mr Crouch mit zweifelndem Unterton. »Wen? Wer ist es?«
Sie hörten Zweige knacken und Blätter rascheln und dann die knirschenden Schritte Mr Diggorys, der wieder zwischen den Bäumen auftauchte. Er trug eine kleine, schlaffe Gestalt in den Armen. Harry erkannte sofort das Geschirrtuch. Es war Winky.
Mr Crouch schien zu Eis gefroren, als ihm Mr Diggory die Elfe vor die Füße legte. Die anderen Ministeriumszauberer starrten allesamt Mr Crouch an. Ein paar Sekunden lang blieb er wie gebannt stehen, die lodernden Augen auf die am Boden liegende Winky gerichtet.
»Das – kann – nicht – sein«, stieß er abgehackt hervor. »Nein –«
Plötzlich ging er schnell um Mr Diggory herum und marschierte auf die Stelle zu, wo dieser Winky gefunden hatte.
»Hat keinen Zweck, Mr Crouch«, rief ihm Mr Diggory nach. »Mehr sind nicht da.«
Doch Mr Crouch schien ihm nicht glauben zu wollen. Sie konnten ihn blätterraschelnd zwischen den Büschen umhersuchen hören.
»Ziemlich peinlich«, sagte Mr Diggory verbissen und sah hinunter auf die reglose Gestalt Winkys. »Barty Crouchs Hauselfe … schon ein starkes Stück …«
»Reg dich ab, Amos«, sagte Mr Weasley leise, »du glaubst doch nicht allen Ernstes, dass es die Elfe war? Das Dunkle Mal ist das Zeichen eines Zauberers. Dazu ist ein Zauberstab nötig.«
»Tja«, sagte Mr Diggory, »sie hatte einen Zauberstab.«
»Wie bitte?«, sagte Mr Weasley.
»Hier, schau.« Mr Diggory hob den Zauberstab und zeigte ihn Mr Weasley. »Hatte ihn in der Hand. Da hätten wir also schon mal einen Verstoß gegen Artikel drei des Gesetzes zum Gebrauch des Zauberstabs: Kein nichtmenschliches Wesen darf einen Zauberstab tragen oder gebrauchen.«
In diesem Augenblick gab es ein erneutes Plopp und Ludo Bagman apparierte direkt neben Mr Weasley. Erschöpft und verwirrt drehte er sich im Kreis und stierte zu dem smaragdgrünen Schädel hoch.
»Das Dunkle Mal!«, keuchte er und hätte um ein Haar Winky zertrampelt. Mit fragender Miene wandte er sich an seine Kollegen. »Wer war das? Habt ihr sie? Barty! Was geht hier vor?«
Mr Crouch war mit leeren Händen zurückgekehrt. Sein Gesicht war immer noch gespenstisch weiß und seine Hände und sein Oberlippenbärtchen zuckten.
»Wo warst du, Barty?«, sagte Bagman. »Warum warst du nicht beim Spiel? Deine Elfe hat dir doch einen Platz besetzt – würgende Wasserspeier!« Bagmans Blick war auf Winky zu Crouchs Füßen gefallen. »Was ist denn mit der passiert?«
»Ich hatte vorhin zu tun, Ludo«, antwortete ihm Mr Crouch, der immer noch zerfahren redete und die Lippen kaum bewegte. »Und meine Elfe wurde betäubt.«
»Betäubt? Von euch hier, soll das heißen? Aber warum –?«
Plötzlich dämmerte es auf Bagmans rundem, glänzendem Gesicht; er blickte hoch zu dem Schädel, hinab auf Winky und fixierte dann Mr Crouch.
»Nein!«, sagte er. »Winky? Hat das Dunkle Mal heraufbeschworen? Die weiß doch nie und nimmer, wie das geht! Und erst einmal brauchte sie einen Zauberstab!«
»Sie hatte einen«, sagte Mr Diggory. »Als ich sie fand, hatte sie einen in der Hand, Ludo. Wenn Sie einverstanden sind, Mr Crouch, sollten wir hören, was sie selbst dazu zu sagen hat.«
Crouch ließ nicht erkennen, ob er Mr Diggory überhaupt verstanden hatte, doch Mr Diggory schien sein Schweigen für Zustimmung zu halten. Er hob seinen eigenen Zauberstab, richtete ihn auf Winky und sagte: »Rennervate!«
Winky regte sich ein wenig. Ihre großen braunen Augen öffneten sich und sie blinzelte ein paarmal recht verwirrt. Unter den stummen Blicken der Zauberer setzte sie sich zitternd auf den Hintern. Dann bemerkte sie Mr Diggorys Füße und sah langsam und bebend zu ihm auf; noch langsamer schließlich hob sie ihren Kopf zum Himmel. Harry sah den Schädel zweifach in ihren Augen gespiegelt. Sie keuchte, ließ den Blick verstört über die Lichtung voller Zauberer huschen und brach dann in angsterfülltes Schluchzen aus.
»Elfe!«, sagte Mr Diggory barsch. »Weißt du, wer ich bin? Ich bin ein Mitglied der Abteilung zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe!«
Winky, in kurzen Stößen atmend, begann nun mit dem Oberkörper hin und her zu wippen. Sie erinnerte Harry deutlich an Dobby in seinen Momenten ängstlichen Ungehorsams.
»Wie du siehst, Elfe, wurde hier vor kurzem das Dunkle Mal heraufbeschworen«, sagte Mr Diggory. »Und du wurdest wenig später entdeckt, direkt darunter! Eine Erklärung, wenn ich bitten darf!«
»Ich – ich – ich hab nichts getan, Sir!«, keuchte Winky. »Ich weiß doch nicht, wie, Sir!«
»Du wurdest mit einem Zauberstab in der Hand gefunden!«, blaffte Mr Diggory sie an und fuchtelte mit dem Stab vor ihrem Gesicht herum. Und als das grüne Licht, das die Lichtung vom Schädel am Himmel her erfüllte, auf den Zauberstab fiel, traf Harry fast der Schlag.
»Hee – das ist meiner!«, sagte er.
Alle auf der Lichtung starrten ihn an.
»Wie bitte?«, sagte Mr Diggory ungläubig.
»Das ist mein Zauberstab!«, sagte Harry. »Ich hab ihn verloren!«
»Du hast ihn verloren?«, wiederholte Mr Diggory zweifelnd. »Ist das ein Geständnis? Du hast ihn fortgeworfen, nachdem du das Dunkle Mal heraufbeschworen hattest?«
»Amos, bedenk doch, mit wem du sprichst«, sagte Mr Weasley erzürnt. »Glaubst du vielleicht, Harry Potter würde das Dunkle Mal heraufbeschwören?«
»Hmmh – natürlich nicht«, murmelte Mr Diggory. »Verzeihung … hab mich gehen lassen …«
»Ich hab ihn ohnehin nicht dort drüben fallen lassen«, sagte Harry und wies mit dem Daumen hinüber zu den Bäumen unter dem Schädel. »Ich hab ihn schon vermisst, gleich nachdem wir im Wald waren.«
»Nun gut«, sagte Mr Diggory und wandte sich mit kalten Augen erneut an Winky, die zu seinen Füßen kauerte. »Du hast also diesen Zauberstab gefunden, Elfe? Und du hast ihn aufgehoben und dachtest, du könntest ein paar Späße damit treiben, nicht wahr?«
»Ich hab keinen Zauber damit gemacht, Sir!«, piepste Winky und Tränen kullerten jetzt an ihrer eingedellten Kugelnase herunter. »Ich hab … ich hab … ich hab ihn nur aufgehoben, Sir! Ich hab nicht das Dunkle Mal gemacht, Sir, ich weiß nicht, wie!«
»Sie war es nicht!«, sagte Hermine. Vor all diesen Ministeriumszauberern zu sprechen schien sie nervös zu machen, doch sie ließ sich nicht beirren. »Winky hat eine leise Piepsstimme, und die Stimme, die wir bei der Beschwörung gehört haben, war viel tiefer!« Sie wandte sich Hilfe suchend an Harry und Ron. »Sie klang nicht wie Winky, oder?«
»Nein«, sagte Harry und schüttelte den Kopf. »Die Stimme klang bestimmt nicht nach der Elfe.«
»Ja, es war eine menschliche Stimme«, sagte Ron.
»Nun, wir werden ja gleich sehen«, knurrte Mr Diggory mit unbeeindruckter Miene. »Es gibt eine einfache Möglichkeit, den letzten Zauber eines Zauberstabs festzustellen, wusstest du das, Elfe?«
Winky zitterte und schüttelte verzweifelt und ohrenschlackernd den Kopf. Mr Diggory hob erneut seinen Zauberstab und berührte mit ihm die Spitze von Harrys Zauberstab.
»Prior Incantato!«, rief er mit donnernder Stimme.
Harry hörte Hermine vor Entsetzen aufkeuchen, als ein gewaltiger Schädel mit Schlangenzunge genau dort hervorbrach, wo sich die Spitzen der beiden Stäbe berührten, doch diesmal war es nur ein Schatten des grünen Schädels hoch über ihnen, der aussah, als bestünde er aus dichtem grauem Rauch: der Geist eines Zaubers.
»Deletrius!«, rief Mr Diggory und der Schädel aus Rauch verpuffte zu einem Wölkchen.
»So«, sagte Mr Diggory, als hätte er einen grausamen Sieg errungen, und sah hinab auf Winky, die immer noch am ganzen Leib bebte.
»Ich hab’s nicht getan!«, piepste sie und rollte entsetzt mit den Augen. »Ich weiß nicht, ich weiß nicht, ich weiß nicht, wie! Ich bin doch eine gute Elfe, ich mache nichts mit dem Zauberstab, ich weiß nicht, wie!«
»Du bist auf frischer Tat ertappt worden, Elfe!«, polterte Mr Diggory. »Ertappt mit dem Tatwerkzeug, dem Zauberstab, in der Hand!«
»Amos«, sagte Mr Weasley laut, »überleg doch mal … herzlich wenig Zauberer wissen, wie man diesen Zauber ausübt … wo sollte sie das gelernt haben?«
»Womöglich will Amos behaupten«, sagte Mr Crouch mit kalter Wut in jeder Silbe, »dass ich meinen Dienstboten regelmäßig beibringe, das Dunkle Mal zu beschwören?«
Ein zutiefst peinliches Schweigen trat ein.
Amos Diggory schien entsetzt. »Mr Crouch … nein … nein, keineswegs …«
»Und Sie hätten um ein Haar ausgerechnet die zwei Personen auf dieser Lichtung beschuldigt, die gewiss am wenigsten mit dem Dunklen Mal zu tun haben wollen!«, bellte Mr Crouch. »Harry Potter – und mich! Ich nehme an, Sie kennen die Geschichte des Jungen, Amos?«
»Natürlich – jeder kennt sie –«, murmelte Mr Diggory und schien sich in seiner Haut höchst unwohl zu fühlen.
»Und ich denke, Sie wissen bestimmt auch noch, wie oft ich in meiner langen Laufbahn bewiesen habe, dass ich die dunklen Künste und jene, die sie ausüben, hasse und verachte?«, rief Mr Crouch und erneut quollen ihm die Augen aus den Höhlen.
»Mr Crouch – ich – ich habe nie auch nur eine Andeutung gemacht, dass Sie irgendetwas damit zu tun hätten!«, murmelte Amos Diggory unter seinem braunen Stoppelbart errötend.
»Wenn Sie meine Elfe beschuldigen, dann beschuldigen Sie mich, Diggory!«, rief Mr Crouch. »Wo sonst soll sie gelernt haben, das Mal zu beschwören?«
»Sie – sie könnte es überall mitgekriegt haben –«
»Genau, Amos«, sagte Mr Weasley. »Sie hätte es überall mitkriegen können … Winky?«, sagte er freundlich und wandte sich der Elfe zu, doch sie zuckte zusammen, als ob auch er sie angeschrien hätte. »Wo genau hast du Harrys Zauberstab gefunden?«
Winky zwirbelte so hartnäckig an der Spitze ihres Geschirrtuchs, dass es zwischen ihren Fingern ausfranste.
»Ich – ich hab ihn gefunden – gefunden dort, Sir …«, flüsterte sie, »dort … unter den Bäumen, Sir …«
»Siehst du, Amos«, sagte Mr Weasley. »Wer immer das Mal heraufbeschworen hat, könnte sofort danach verschwunden sein und Harrys Zauberstab zurückgelassen haben. Ein gerissener Schachzug, nicht den eigenen Zauberstab zu nehmen, der ihn hätte verraten können. Und Winky hier hatte das Pech, nur Augenblicke später auf den Zauberstab zu stoßen und ihn aufzuheben.«
»Aber dann wäre sie nur ein paar Meter vom wirklichen Schurken entfernt gewesen!«, sagte Mr Diggory ungeduldig. »Elfe? Hast du jemanden gesehen?«
Winky schüttelte es am ganzen Leib. Ihre Riesenaugen flackerten von Mr Diggory zu Ludo Bagman und weiter zu Mr Crouch.
Dann würgte sie hervor: »Ich hab niemanden gesehen, Sir … niemanden nicht …«
»Amos«, sagte Mr Crouch schroff. »Natürlich würden Sie Winky normalerweise zum Verhör ins Büro mitnehmen. Ich bitte Sie jedoch, mir zu gestatten, selbst mit ihr abzurechnen.«
Mr Diggory schien von diesem Vorschlag nicht besonders angetan, doch Harry war klar, dass Mr Crouch ein so hohes Tier im Ministerium war, dass er nicht wagte, den Vorschlag abzulehnen.
»Sie können sicher sein, dass sie bestraft wird«, fügte Mr Crouch kühl hinzu.
»M-M-Meister …«, stammelte Winky und sah mit tränenverquollenen Augen zu Mr Crouch auf. »M-M-Meister, b-b-bitte …«
Mr Crouch starrte sie an, seine Züge schienen noch schärfer, jede Falte auf seinem Gesicht tiefer geworden zu sein. In seinem Blick lag kein Erbarmen.
»Winky hat sich heute Nacht auf eine Weise benommen, die ich nicht für möglich gehalten hätte«, sagte er langsam. »Ich habe sie angewiesen, im Zelt zu bleiben. Ich habe sie angewiesen, dort zu bleiben, während ich unterwegs war, um dem Aufruhr Einhalt zu gebieten. Und ich stelle fest, dass sie mir nicht gehorcht hat. Das bedeutet Kleidung.«
»Nein!«, kreischte Winky und warf sich zu Mr Crouchs Füßen auf die Erde. »Nein, Meister! Nicht Kleidung, nicht Kleidung!«
Harry wusste, dass die einzige Möglichkeit, einen Hauselfen in die Freiheit zu entlassen, darin bestand, ihm richtige Kleider zu schenken. Es war ein Jammer, mit anzusehen, wie Winky, das Geschirrtuch fest umklammernd, Tränen über Mr Crouchs Schuhe vergoss.
»Sie hatte doch Angst!«, stieß Hermine zornig hervor und starrte Mr Crouch verächtlich an. »Ihre Elfe hat Höhenangst und diese maskierten Zauberer ließen Leute in der Luft schweben! Sie können ihr nicht vorwerfen, dass sie das Weite suchen wollte!«
Mr Crouch schüttelte die Elfe ab, trat einen Schritt zurück und musterte sie, als ob sie etwas Schmutziges und Ekliges wäre, das seine polierten Schuhe besudle.
»Ich kann keine Hauselfe gebrauchen, die mir nicht gehorcht«, sagte er kalt und sah zu Hermine auf. »Ich kann keine Dienerin gebrauchen, die vergisst, was sie ihrem Meister und seinem Ruf schuldig ist.«
Winky weinte so heftig, dass ihr Schluchzen auf der ganzen Lichtung widerhallte.
Ein sehr unangenehmes Schweigen trat ein, das von Mr Weasley mit leisen Worten beendet wurde: »Nun, ich denke, ich nehme die Meinen zurück zum Zelt, wenn keiner etwas dagegen hat. Amos, dieser Zauberstab hat uns alles gesagt, was er kann – könnte Harry ihn bitte wieder zurückhaben –«
Mr Diggory reichte Harry den Zauberstab und Harry ließ ihn in die Tasche gleiten.
»Na, dann kommt, ihr drei«, sagte Mr Weasley leise. Doch Hermine schien keinen Schritt gehen zu wollen; ihr Blick ruhte immer noch auf der schluchzenden Elfe. »Hermine!«, sagte Mr Weasley etwas eindringlicher. Sie wandte sich um und folgte Harry und Ron über die Lichtung und hinein in den Wald.
»Was geschieht mit Winky?«, fragte Hermine, sobald sie die Lichtung hinter sich gelassen hatten.
»Ich weiß es nicht«, sagte Mr Weasley.
»Unglaublich, wie sie behandelt wird!«, sagte Hermine zornig. »Mr Diggory nennt sie die ganze Zeit ›Elfe‹ … und erst Mr Crouch! Er weiß, dass sie es nicht getan hat, und trotzdem wirft er sie raus! Es war ihm doch gleich, dass sie furchtbare Angst hatte und ganz aus der Fassung war – als ob sie nicht mal ein Mensch wäre!«
»Nun ja, ist sie auch nicht«, sagte Ron.
Hermine sah ihn wutentbrannt an. »Das heißt noch lange nicht, dass sie keine Gefühle hat, Ron, es ist abscheulich, wie –«
»Hermine, du hast ja Recht«, warf Mr Weasley rasch ein und winkte sie weiter, »aber jetzt ist nicht die Zeit, über Elfenrechte zu diskutieren. Ich möchte so rasch wie möglich zum Zelt zurück. Was ist mit den anderen passiert?«
»Wir haben sie in der Dunkelheit verloren«, sagte Ron. »Dad, warum regen sich denn alle so furchtbar über diesen Schädel da oben auf?«
»Das erkläre ich dir, wenn wir wieder im Zelt sind«, sagte Mr Weasley angespannt.
Doch am Waldrand wurden sie aufgehalten.
Eine große Schar verängstigt aussehender Hexen und Zauberer hatte sich dort versammelt, und als sie Mr Weasley näher kommen sahen, hasteten ihm viele entgegen. »Was geht dort drin vor?« – »Wer hat das Mal heraufbeschworen?« – »Arthur – doch nicht etwa – er selbst?«
»Natürlich nicht«, sagte Mr Weasley ungehalten. »Wer es war, wissen wir nicht, und er ist verschwunden. Und jetzt entschuldigt mich bitte, ich will schlafen gehen.«
Er bahnte Harry, Ron und Hermine einen Weg durch die Menge und schließlich gelangten sie zum Zeltplatz. Ruhe war eingekehrt; von den maskierten Zauberern war nichts mehr zu sehen, doch noch immer qualmten ein paar abgebrannte Zelte.
Charlie streckte den Kopf aus dem Jungenzelt.
»Dad, was ist los?«, rief er durch die Dunkelheit. »Fred, George und Ginny sind hier, ihnen ist nichts passiert, aber die anderen –«
»Die hab ich mitgebracht«, sagte Mr Weasley, bückte sich und schlüpfte ins Zelt. Harry, Ron und Hermine folgten ihm.
Bill saß an dem kleinen Küchentisch und drückte sich ein Leintuch auf den Arm, der stark blutete. Charlie hatte einen langen Riss im Hemd und Percy konnte eine blutige Nase vorzeigen. Fred, George und Ginny schienen nicht verletzt, jedoch arg mitgenommen.
»Hast du ihn gekriegt, Dad?«, sagte Bill scharf. »Den, der das Mal heraufbeschworen hat?«
»Nein«, sagte Mr Weasley. »Wir haben Barty Crouchs Elfe mit Harrys Zauberstab in der Hand gefunden, aber das sagt uns noch lange nicht, wer wirklich das Mal heraufbeschworen hat.«
»Was?«, sagten Bill, Charlie und Percy wie aus einem Mund.
»Harrys Zauberstab?«, sagte Fred.
»Mr Crouchs Elfe?«, sagte Percy wie vom Donner gerührt.
Mit ein paar ergänzenden Worten von Harry, Ron und Hermine schilderte Mr Weasley, was im Wald geschehen war. Als er geendet hatte, warf sich Percy entrüstet in die Brust.
»Natürlich hat Mr Crouch vollkommen Recht, eine solche Elfe davonzujagen!«, sagte er. »Läuft einfach davon, wo er ihr doch ausdrücklich gesagt hat … blamiert ihn vor dem ganzen Ministerium … wie hätte das denn ausgesehen, wenn man sie vor der Abteilung zur Führung und Aufsicht …«
»Sie hat nichts getan – sie war nur zur falschen Zeit am falschen Ort«, fauchte Hermine den völlig perplexen Percy an. Hermine war immer recht gut mit Percy ausgekommen – im Grunde besser als die anderen.
»Hermine, ein Zauberer in Mr Crouchs Position kann sich keine Hauselfe leisten, die mit einem Zauberstab Amok läuft!«, sagte Percy mit gewichtiger Miene, nachdem er sich gefasst hatte.
»Sie ist nicht Amok gelaufen!«, rief Hermine. »Sie hat ihn nur von der Erde aufgelesen!«
»Hört mal, kann mir jemand erklären, was es mit diesem Schädel auf sich hat?«, sagte Ron ungeduldig. »Er hat doch keinem was getan … warum dann dieser ganze Aufstand?«
»Ich hab dir doch erklärt, es ist das Symbol von Du-weißt-schon-wem, Ron«, sagte Hermine, bevor irgendjemand sonst antworten konnte. »Hab ich in Aufstieg und Fall der dunklen Künste gelesen.«
»Und der Schädel wurde dreizehn Jahre lang nicht gesehen«, sagte Mr Weasley leise. »Natürlich hat er die Leute in Angst und Schrecken versetzt … es war ja fast, als würden sie Du-weißt-schon-wen wiedersehen.«
»Ich versteh’s trotzdem nicht«, sagte Ron stirnrunzelnd. »Ich meine … es ist nur ein Zeichen am Himmel …«
»Ron, Du-weißt-schon-wer und seine Anhänger haben das Dunkle Mal immer dann aufsteigen lassen, wenn sie gemordet haben«, sagte Mr Weasley. »Du hast ja keine Ahnung … welches Grauen es auslöste. Stell dir vor, du kommst nach Hause und findest das Dunkle Mal über deinem Haus schweben und du weißt genau, was du drinnen vorfinden wirst …« Mr Weasley zuckte. »Das Schlimmste … das Allerschlimmste …«
Eine kurze Stille trat ein.
Schließlich nahm Bill seinen Verband ab, um sich seine Wunde am Arm anzusehen, und sagte: »Jedenfalls hat uns der Schädel heute Nacht nicht geholfen, wer immer ihn heraufbeschworen hat. Die Todesser hat er sofort in panische Angst versetzt. Sie sind alle disappariert, bevor wir nahe genug dran waren, um auch nur einem von ihnen die Maske abzureißen. Wenigstens konnten wir die Familie Roberts noch auffangen, bevor sie auf der Erde aufschlugen. Im Moment werden ihre Gedächtnisse verändert.«
»Todesser?«, sagte Harry. »Was sind Todesser?«
»So nannten sich die Anhänger von Du-weißt-schon-wem«, sagte Bill. »Ich glaube, heute Nacht haben sich die versprengten Überreste dieser Leute wieder zusammengefunden – die zumindest, die es geschafft haben, sich vor Askaban zu retten.«
»Wir können nicht beweisen, dass sie es waren, Bill«, sagte Mr Weasley. »Obwohl du wahrscheinlich Recht hast«, fügte er erbittert hinzu.
»Ja, darauf wette ich«, sagte Ron plötzlich. »Dad, wir haben Draco Malfoy im Wald getroffen, und er hat durchblicken lassen, dass sein Vater einer dieser Hirnis mit den Masken war! Und wir wissen alle, dass die Malfoys mit Du-weißt-schon-wem unter einer Decke steckten!«
»Aber das waren doch Anhänger Voldemorts –«, warf Harry ein. Die anderen zuckten zusammen – wie die meisten in der Zaubererwelt vermieden es die Weasleys, Voldemort beim Namen zu nennen. »Verzeihung«, sagte Harry rasch. »Warum eigentlich sollten diese Anhänger von Du-weißt-schon-wem Muggel in der Luft schweben lassen? Was war denn der Sinn des Ganzen?«
»Der Sinn?«, sagte Mr Weasley mit einem hohlen Lachen. »Harry, das verstehen diese Leute unter Spaß. Die Hälfte der Morde an Muggeln in der Zeit, als Du-weißt-schon-wer an der Macht war, wurden aus reinem Vergnügen begangen. Ich nehme an, sie hatten am Abend einiges getrunken und konnten dann einfach der Lust nicht widerstehen, uns daran zu erinnern, dass viele von ihnen immer noch auf freiem Fuß sind. Für die war es ein nettes kleines Wiedersehensfest«, schloss er angewidert.
»Aber wenn sie wirklich Todesser waren, warum sind sie dann disappariert, als sie das Dunkle Mal sahen?«, sagte Ron. »Eigentlich hätten sie sich doch freuen müssen, oder?«
»Ron, benutz doch mal deinen Grips«, sagte Bill. »Wenn sie wirklich Todesser waren, dann haben sie alles darangesetzt, nicht nach Askaban zu kommen, als Du-weißt-schon-wer die Macht verlor, und alle möglichen Lügengeschichten aufgetischt, von wegen er hätte sie gezwungen, Menschen zu töten und zu foltern. Ich wette, sie haben noch mehr Angst als wir anderen, dass er zurückkommt. Als er die Macht verloren hatte, bestritten sie doch, dass sie jemals wirklich etwas mit ihm zu tun hatten, und lebten weiter, als ob nichts gewesen wäre … Ich schätze, er wäre nicht besonders angetan von ihnen, oder?«
»Also … wer immer das Dunkle Mal heraufbeschworen hat …«, sagte Hermine langsam, »hatte er das Ziel, die Todesser anzufeuern oder ihnen Angst einzujagen und sie zu verscheuchen?«
»Wir können das auch nicht besser beurteilen als du, Hermine«, sagte Mr Weasley. »Ich kann dir nur eines sagen … einzig und allein die Todesser wussten, wie man es heraufbeschwor. Ich wäre sehr überrascht, wenn dahinter nicht ein früherer Todesser stecken würde, auch wenn er es jetzt nicht mehr ist … Übrigens, es ist sehr spät, und wenn eure Mutter erfährt, was passiert ist, wird sie keine ruhige Minute mehr haben. Wir brauchen jetzt noch ein paar Stunden Schlaf und dann versuchen wir einen der ersten Portschlüssel von hier weg zu kriegen.«
Harry legte sich mit schwirrendem Kopf in die Koje. Er wusste, dass er sich eigentlich erschöpft fühlen sollte – es war fast drei Uhr morgens –, doch er fühlte sich hellwach – und voll dunkler Ahnungen.
Vor drei Tagen – es schien viel länger her zu sein, doch es waren nur drei Tage – war er mit brennenden Schmerzen auf der Stirn aufgewacht. Und heute Nacht war zum ersten Mal seit dreizehn Jahren Lord Voldemorts Zeichen am Himmel erschienen. Was sollten diese Dinge bedeuten?
Er dachte an den Brief, den er noch vom Ligusterweg aus an Sirius geschrieben hatte. Hatte Sirius ihn schon erhalten? Würde er bald antworten? Harry lag da und starrte auf die Zeltplane, doch keine Träumereien vom Fliegen wiegten ihn nun in den Schlaf, und erst lange nachdem Charlies Schnarchen das Zelt erzittern ließ, döste Harry endlich ein.
Wirbel im Ministerium
Sie hatten nur wenige Stunden geschlafen, als Mr Weasley sie weckte. Die Zelte verpackten sich an diesem Morgen von allein und hastig verließen sie den Campingplatz. Mr Roberts stand am Tor bei seinem Haus. Er sah sie mit einem seltsamen, leicht abwesenden Blick an und nuschelte zum Abschied »Fröhliche Weihnachten«.
»Er wird schon wieder«, sagte Mr Weasley gedämpft, während sie über das Moor gingen. »Bei solchen Gedächtnisveränderungen kommt es manchmal vor, dass die Leute für kurze Zeit etwas verwirrt sind … und diesmal war es sicher ein schweres Stück Arbeit, bei dem, was er erlebt hat …«
Schon von weitem hörten sie hektisches Stimmengewirr, und als sie zu der Stelle kamen, wo die Portschlüssel lagen, sahen sie eine große Schar Hexen und Zauberer, die Basil, den Hüter der Portschlüssel, bedrängten und lautstark den nächstmöglichen Transport verlangten. Mr Weasley sprach ein paar eindringliche Worte mit Basil, dann reihten sie sich in die Schlange ein und erwischten tatsächlich noch vor Sonnenaufgang einen alten Gummireifen zurück zum Wieselkopf. In der Morgendämmerung wanderten sie über Ottery St. Catchpole zum Fuchsbau zurück, recht schweigsam, denn sie waren erschöpft und dachten sehnsüchtig an das Frühstück. Als sie um eine Biegung gingen und der Fuchsbau in Sicht kam, hallte ihnen auf dem feuchten Weg ein Schrei entgegen.
»Oh, Gott sei Dank, Gott sei Dank!«
Mrs Weasley, die offensichtlich vor dem Haus auf sie gewartet hatte, kam, die Pantoffeln noch an den Füßen, auf sie zugerannt, mit bleichem, angespanntem Gesicht und einem zusammengeknüllten Tagespropheten in der Hand. »Arthur – ich hab mir ja solche Sorgen gemacht – fürchterliche Sorgen –«
Sie warf Mr Weasley die Arme um den Hals und der Tagesprophet fiel aus ihrer erschlafften Hand. Harry sah zu Boden und las die Schlagzeile: Szenen des Grauens bei der Quidditch-Weltmeisterschaft, dazu ein funkelndes Schwarzweißbild des Dunklen Mals über den Baumspitzen.
»Ihr seid alle wohlauf«, murmelte Mrs Weasley ein wenig abwesend, ließ Mr Weasley los und sah sie mit geröteten Augen an, »ihr lebt noch … o meine Jungs …«
Und zur Überraschung aller zog sie Fred und George an sich und herzte sie so heftig, dass ihre Köpfe gegeneinanderschlugen.
»Autsch! Mum – du erwürgst uns noch –«
»Ich hab mit euch geschimpft, bevor ihr fort seid!«, sagte Mrs Weasley und begann zu schluchzen. »Daran musste ich die ganze Zeit denken! Was wäre gewesen, wenn Du-weißt-schon-wer euch gekriegt hätte, und das Letzte, was ich euch gesagt hätte, wäre gewesen, dass ihr nicht genug ZAGs geschafft habt? O Fred … o George …«
»Nun ist aber gut, Molly, wir sind alle kerngesund«, sagte Mr Weasley beschwichtigend, zog sie sachte von den Zwillingen weg und führte sie zum Haus. »Bill«, fügte er in gedämpftem Ton hinzu, »heb doch bitte die Zeitung auf, mal sehen, was sie schreiben …«
Schließlich saßen sie alle eng aneinandergedrängt in der kleinen Küche. Hermine kochte Mrs Weasley eine Tasse sehr starken Tee, in die Mr Weasley unbedingt noch einen Schuss Ogdens Alten Feuerwhisky kippen wollte, und Bill reichte seinem Vater die Zeitung. Mr Weasley überflog die Titelseite, Percy las über seine Schulter gebeugt mit.
»Ich hab’s doch gewusst«, sagte Mr Weasley mit schwerer Stimme.
»Ministerium versagt … Täter nicht gefasst … laxe Sicherheitsvorkehrungen … unkontrolliertes Treiben schwarzer Magier … Schande für das Land …
Wer hat das geschrieben? Ach … natürlich … Rita Kimmkorn …«
»Diese Frau hat es aufs Zaubereiministerium abgesehen!«, erzürnte sich Percy. »Letzte Woche schrieb sie, wir würden mit unseren Haarspaltereien über Kesselbodendicke nur Zeit verschwenden, wo wir doch Vampire erlegen sollten! Als ob in Paragraph zwölf der Richtlinien für die Behandlung nichtmagischer Teilmenschen nicht ausdrücklich festgelegt wäre, dass –«
»Tu uns ’nen Gefallen, Perce«, sagte Bill gähnend, »und halt die Klappe.«
»Mich erwähnt sie auch«, sagte Mr Weasley, und die Augen hinter seiner Brille weiteten sich, als er den Schluss des Berichts im Tagespropheten las.
»Wo?«, prustete Mrs Weasley und verschluckte sich an ihrem Tee mit Whisky. »Wenn ich das gesehen hätte, hätte ich gewusst, dass du am Leben bist!«
»Nicht namentlich«, sagte Mr Weasley. »Hört mal zu:
Sollten sich die zu Tode geängstigten Zauberer und Hexen, die am Waldrand atemlos auf Nachrichten warteten, beruhigende Worte vom Zaubereiministerium erhofft haben, dann wurden sie zutiefst enttäuscht. Ein Vertreter des Ministeriums erschien einige Zeit nach dem Aufstieg des Dunklen Mals und ließ verlauten, niemand sei verletzt worden, weigerte sich jedoch, weitere Informationen zu geben. Ob diese Stellungnahme ausreichen wird, um die Gerüchte zu zerstreuen, wonach eine Stunde später mehrere Leichen aus dem Wald getragen wurden, bleibt abzuwarten.
Nicht zu fassen«, sagte Mr Weasley empört und reichte die Zeitung an Percy weiter. »Niemand wurde verletzt, was sollte ich sonst sagen? ›Gerüchte, wonach mehrere Leichen aus dem Wald getragen wurden …‹, tja, jetzt, wo sie das geschrieben hat, wird es natürlich Gerüchte geben.«
Er seufzte tief. »Molly, ich muss wohl gleich ins Büro, da muss doch einiges klargestellt werden, damit sich die Gemüter wieder beruhigen.«
»Ich komme mit, Vater«, sagte Percy mit schwellender Brust. »Mr Crouch wird sicher alle verfügbaren Kräfte benötigen. Und ich kann ihm meinen Kesselbericht persönlich übergeben.« Er wuselte aus der Küche.
Mrs Weasley schien völlig aus dem Häuschen. »Arthur, du bist im Urlaub! Das hat doch nichts mit deiner Abteilung zu tun, die können das sicher ohne dich regeln?«
»Ich muss gehen, Molly«, sagte Mr Weasley, »ich hab alles nur noch schlimmer gemacht. Ich zieh nur kurz meinen Umhang an und dann bin ich weg …«
Harry saß wie auf glühenden Kohlen. »Mrs Weasley«, warf er ein, »Hedwig ist nicht zufällig mit einem Brief für mich gekommen?«
»Hedwig, mein Lieber?«, sagte Mrs Weasley zerstreut. »Nein … nein, es ist überhaupt keine Post gekommen.«
Ron und Hermine sahen Harry neugierig an.
Er warf beiden einen viel sagenden Blick zu und fragte: »Was dagegen, wenn ich nach oben gehe und mein Zeug bei dir abstelle, Ron?«
»Ahm … ich glaub, ich geh mit«, sagte Ron sofort. »Hermine?«
»Ja«, sagte sie rasch, und die drei marschierten aus der Küche und die Treppe hoch.
»Was ist los, Harry?«, sagte Ron, kaum hatten sie die Tür zur Dachkammer hinter sich geschlossen.
»Da ist noch etwas, das ich euch nicht erzählt habe«, sagte Harry. »Als ich am Samstagmorgen aufgewacht bin, tat meine Narbe wieder weh.«
Ron und Hermine reagierten darauf fast genauso, wie Harry es sich in seinem Zimmer im Ligusterweg vorgestellt hatte. Hermine stockte der Atem, und sie begann Harry sofort Ratschläge zu erteilen, nannte das eine oder andere Grundlagenwerk und die verschiedensten Namen, von Albus Dumbledore bis zu Madam Pomfrey, der Krankenschwester von Hogwarts. Ron hingegen schien einfach der Schlag getroffen zu haben. »Aber – er war doch nicht da, oder? Du-weißt-schon-wer? Ich meine – letztes Mal, als deine Narbe wehtat, war er doch in Hogwarts, oder?«
»Ich bin sicher, dass er nicht im Ligusterweg war«, sagte Harry. »Aber ich hab von ihm geträumt … und von Peter … ihr wisst schon, Wurmschwanz. Ich kann mich nicht mehr an alles erinnern, aber sie haben sich verschworen … jemanden zu töten.«
Einen Moment lang hatte ihm das Wörtchen »mich« auf der Zunge gelegen, doch er brachte es nicht über sich, Hermine mit noch entsetzterer Miene zu sehen.
»Es war doch bloß ein Traum«, sagte Ron aufmunternd. »Nur ein Alptraum.«
»Jaah, ich weiß nicht recht …«, sagte Harry und wandte den Blick nach draußen, wo sich der Himmel langsam erhellte. »Es ist doch komisch, oder? … meine Narbe tut weh und drei Tage später sind die Todesser auf dem Marsch und Voldemorts Zeichen steht am Himmel.«
»Sag – seinen – Namen – nicht!«, zischte Ron mit zusammengebissenen Zähnen.
»Und wisst ihr noch, was Professor Trelawney gesagt hat?«, fuhr Harry fort, ohne auf Ron einzugehen. »Ende letzten Jahres?«
Professor Trelawney war ihre Lehrerin für Wahrsagen in Hogwarts.
Hermines Entsetzen wich einem hämischen Schnauben. »O Harry, du wirst doch nicht auf irgendetwas hören, was diese alte Schwindlerin sagt?«
»Du warst damals nicht dabei«, sagte Harry. »Du hast sie nicht gehört. Beim letzten Mal war es anders. Ich hab dir doch gesagt, sie ist in eine Trance gefallen – eine echte. Und sie sagte, der Dunkle Lord würde wieder an die Macht gelangen ›… und schrecklicher herrschen denn je …‹, er würde es mit Hilfe seines Dieners schaffen … und in derselben Nacht noch ist Wurmschwanz geflohen.«
Sie schwiegen; Ron fummelte zerstreut an einem Loch in seiner Chudley-Cannons-Tagesdecke.
»Warum hast du gefragt, ob Hedwig gekommen sei, Harry?«, fragte Hermine. »Erwartest du einen Brief?«
»Ich habe Sirius von meiner Narbe erzählt«, sagte Harry achselzuckend. »Ich warte auf seine Antwort.«
»Gute Idee!«, sagte Ron und seine Miene hellte sich auf. »Ich wette, Sirius weiß, was du tun kannst.«
»Ich hatte ja gehofft, er würde rasch antworten«, sagte Harry.
»Aber wer weiß, wo er steckt … er kann in Afrika sein oder sonst wo«, sagte Hermine nachdenklich. »Für eine solche Reise braucht Hedwig schon mehr als ein paar Tage.«
»Ja, ich weiß«, sagte Harry, doch als er nach draußen auf den hedwiglosen Himmel sah, da spürte er eine bleierne Schwere im Magen.
»Los, komm, wir spielen ’ne Partie Quidditch im Obstgarten, Harry«, sagte Ron. »Komm schon – drei gegen drei, Bill und Charlie und Fred und George spielen alle – du kannst den Wronski-Bluff ausprobieren …«
»Ron«, sagte Hermine in ihrem Sei-doch-mal-vernünftig-Tonfall, »Harry will im Augenblick nicht Quidditch spielen … er macht sich Sorgen und er ist müde … und wir alle brauchen jetzt Schlaf …«
»Doch, ich will jetzt Quidditch spielen«, sagte Harry plötzlich. »Wartet, ich hol nur eben schnell mal meinen Feuerblitz.«
Hermine ging hinaus, etwas murmelnd, das deutlich nach »Jungs« klang.
Mr Weasley und Percy waren in der folgenden Woche kaum zu Hause. Beide gingen frühmorgens, bevor die anderen aufstanden, und kamen erst lange nach dem Abendessen wieder zurück.
»Im Büro herrscht praktisch Krieg«, verkündete Percy mit gewichtiger Miene am Sonntagabend vor ihrer Rückkehr nach Hogwarts. »Ich spiele schon die ganze Woche Feuerwehr. Die Leute schicken uns einen Heuler nach dem anderen, und wenn man einen Heuler nicht auf der Stelle öffnet, explodiert er. Mein Schreibtisch ist voller Brandflecken und von meinem besten Federkiel ist nur noch ein Häufchen Asche übrig.«
»Warum schicken sie denn Heuler?«, fragte Ginny, die auf dem Flickenteppich vor dem Wohnzimmerkamin saß und ihr aus dem Leim gegangenes Exemplar von Tausend Zauberkräuter und -pilze mit Zauberband klebte.
»Sie beschweren sich über Sicherheitsmängel bei der Weltmeisterschaft«, sagte Percy. »Wollen Schadenersatz für ihr zerstörtes Eigentum. Mundungus Fletcher beantragt Entschädigung für ein Zwölf-Zimmer-Zelt mit eingebautem Whirlpool. Aber solche Späßchen treibt er nicht mit mir. Zufällig weiß ich genau, dass er unter einem an Holzpflöcke genagelten Umhang geschlafen hat.«
Mrs Weasley warf einen Blick auf die Standuhr in der Ecke. Harry mochte diese Uhr. Sie war vollkommen nutzlos, wenn man wissen wollte, wie spät es war, doch ansonsten sehr auskunftsfreudig. Sie hatte neun goldene Zeiger und auf jedem war der Name eines Mitglieds der Weasley-Familie eingraviert. Auf dem Zifferblatt waren keine Ziffern, vielmehr stand hier, wo das jeweilige Familienmitglied gerade steckte. »Zu Hause«, »Schule« und »Arbeit« hieß es da, doch auch »Verirrt«, »Krankenhaus«, »Gefängnis«, und dort, wo sich auf einer gewöhnlichen Uhr die Ziffer Zwölf befindet, stand »Tödliche Gefahr«. Acht Zeiger deuteten gerade auf »Zu Hause«, doch der längste Zeiger, der von Mr Weasley, wies immer noch auf »Arbeit«. Mrs Weasley seufzte. »Euer Vater musste seit den Tagen von Du-weißt-schon-wem nicht mehr an den Wochenenden ins Büro«, sagte sie. »Sie nehmen ihn zu hart ran. Sein Abendessen wird ungenießbar, wenn er nicht bald nach Hause kommt.«
»Vater hat das Gefühl, dass er seinen Fehler bei der Meisterschaft wiedergutmachen muss«, sagte Percy. »Um ehrlich zu sein, es war ein klein wenig dumm von ihm, eine öffentliche Stellungnahme abzugeben, ohne sie zuvor mit seinem Vorgesetzten abzusprechen –«
Mrs Weasley ging sofort an die Decke. »Jetzt gibst du auch noch deinem Vater die Schuld für das, was diese Kimmkorn-Ziege geschrieben hat!«, rief sie.
»Wenn Dad gar nichts gesagt hätte, dann hätte die olle Rita geschrieben, es sei eine Schande, dass sich niemand aus dem Ministerium zu einer Äußerung bereitgefunden hätte«, sagte Bill, der mit Ron Schach spielte. »Rita Kimmkorn lässt ohnehin an niemandem ein gutes Haar. Wisst ihr noch, einmal hat sie alle Fluchbrecher von Gringotts interviewt und mich einen ›langhaarigen Bruder Leichtfuß‹ genannt?«
»Ehrlich gesagt, dein Haar ist tatsächlich ein bisschen lang, Schatz«, sagte Mrs Weasley sanft. »Wenn du mich nur mal kurz –«
»Nein, Mum.«
Regen peitschte gegen das Wohnzimmerfenster. Hermine war ins Lehrbuch der Zaubersprüche, Band 4, vertieft, das Mrs Weasley für sie, Harry und Ron in der Winkelgasse besorgt hatte. Charlie stopfte einen feuersicheren Kopfschützer. Harry hatte das Besenpflege-Set, das ihm Hermine zum dreizehnten Geburtstag geschenkt hatte, zu seinen Füßen liegen und polierte seinen Feuerblitz. Fred und George saßen hinten in der Ecke, unterhielten sich flüsternd und beugten sich mit gezückten Federkielen über ein Blatt Pergament.
»Was heckt ihr beiden da wieder aus?«, sagte Mrs Weasley streng und sah ihre Zwillinge scharf an.
»Hausaufgaben«, murmelte Fred.
»Mach keine Witze, ihr habt doch noch Ferien«, sagte Mrs Weasley.
»Ja, wir sind ein wenig spät dran«, sagte George.
»Ihr setzt nicht zufällig ein neues Bestellformular auf, oder?«, sagte Mrs Weasley misstrauisch. »Ihr denkt nicht etwa daran, Weasleys Zauberhafte Zauberscherze wieder auf die Beine zu stellen?«
»Ich bitte dich, Mum«, sagte Fred und blickte mit einem gequälten Gesichtsausdruck zu ihr auf. »Wenn der Hogwarts-Express morgen entgleisen würde und George und ich sterben würden, wie würdest du dich bei dem Gedanken fühlen, dass das Letzte, was wir von dir gehört haben, unbegründete Anschuldigungen waren?«
Alle lachten, selbst Mrs Weasley.
»Da kommt euer Vater!«, sagte sie plötzlich mit einem Blick zur Uhr.
Mr Weasleys Zeiger war auf einmal von »Arbeit« auf »unterwegs« gesprungen; eine Sekunde später dann rastete er klappernd auf »Zu Hause« ein, wo die anderen Zeiger schon standen, und schon hörten sie Mr Weasley aus der Küche rufen.
»Ich komme, Arthur!«, antwortete Mrs Weasley und eilte davon.
Augenblicke später kam Mr Weasley mit dem Abendessen auf einem Tablett ins warme Wohnzimmer. Er sah vollkommen erschöpft aus.
»Tja, jetzt haben wir die Bescherung«, sagte er zu Mrs Weasley und ließ sich in einen Sessel am Feuer fallen. Nicht gerade begeistert stocherte er in seinem verschrumpelten Blumenkohl. »Rita Kimmkorn hat die ganze Woche bei uns im Ministerium rumgeschnüffelt und nach weiteren Skandalgeschichten gesucht. Jetzt ist sie auf die Sache mit der guten Bertha gestoßen, die vermisst wird, und morgen ist das sicher der Aufmacher im Tagespropheten. Ich hab Bagman doch gesagt, er hätte schon längst jemanden auf ihre Spur setzen sollen.«
»Mr Crouch sagt das schon seit Wochen«, warf Percy rasch ein.
»Crouch hat nun wirklich Dusel, dass Rita noch nicht von der Geschichte mit Winky erfahren hat«, sagte Mr Weasley verärgert. »Seine Hauselfe wird mit dem Zauberstab, der das Dunkle Mal heraufbeschworen hat, ertappt – das gäbe Schlagzeilen für eine Woche.«
»Ich dachte, wir wären uns einig, dass diese Elfe zwar verantwortungslos gehandelt, aber das Dunkle Mal tatsächlich nicht heraufbeschworen hat?«, bemerkte Percy steif.
»Wenn du mich fragst, dann kann Mr Crouch froh sein, dass keiner beim Tagespropheten weiß, wie übel er mit Hauselfen umspringt!«, sagte Hermine zornig.
»Hör mal zu, Hermine!«, sagte Percy. »Ein hochrangiger Ministerialbeamter wie Mr Crouch verdient unerschütterlichen Gehorsam von seinen Bediensteten –«
»Seiner Sklavin, meinst du wohl!«, sagte Hermine mit schriller Stimme. »Denn er bezahlt Winky doch nicht, oder?«
»Ich denke, ihr geht jetzt alle nach oben und schaut nach, ob ihr beim Packen nichts vergessen habt!«, unterbrach Mrs Weasley den Streit. »Nun los, und zwar alle …«
Harry räumte sein Besenpflege-Set zusammen, schulterte den Feuerblitz und ging mit Ron nach oben. Unter dem Dach war der Regen noch lauter zu hören, begleitet vom lauten Pfeifen und Stöhnen des Windes und nicht zu vergessen vom gelegentlichen Aufheulen des Ghuls, der unter dem Dachfirst hauste. Pigwidgeon begann zwitschernd in seinem Käfig herumzuflattern, als sie eintraten. Der Anblick der halb gepackten Koffer schien ihn vor Aufregung rasend zu machen.
»Wirf ihm ein paar Eulenkekse rein«, sagte Ron und warf Harry eine Tüte zu, »vielleicht stopft ihm das den Schnabel.«
Harry steckte ein paar Eulenkekse durch die Käfigstangen und wandte sich dann wieder seinem Koffer zu, neben dem der immer noch leere Käfig von Hedwig stand.
»Sie ist schon über eine Woche weg«, sagte Harry und betrachtete Hedwigs verlassene Vogelstange. »Ron, du glaubst doch nicht, dass sie Sirius erwischt haben, oder?«
»Nein, das hätte doch im Tagespropheten gestanden«, entgegnete Ron. »Das Ministerium hätte sicher zeigen wollen, dass ihnen zumindest ein Fang gelungen ist.«
»Jaah, schon möglich …«
»Sieh mal, hier sind die Sachen, die dir Mum aus der Winkelgasse mitgebracht hat. Und außerdem hat sie noch etwas Geld aus deinem Verlies geholt … und all deine Socken gewaschen.«
Er lüpfte einen Stapel Pakete auf Harrys Feldbett und legte den Geldbeutel und einen Haufen Socken daneben. Harry machte sich ans Auspacken. Außer dem Lehrbuch der Zaubersprüche, Band 4, von Miranda Habicht waren da noch eine Hand voll neuer Federkiele, ein Dutzend Pergamentrollen und Nachfüllpackungen für seinen Zaubertrankkasten – Löwenfischgräten und Belladonna-Essenz waren in letzter Zeit knapp geworden. Gerade stopfte er Unterwäsche in seinen Kessel, als Ron hinter ihm ein lautes »Uääh« vernehmen ließ.
»Was soll das denn sein?«
Er hielt etwas in die Höhe, das aussah wie ein langes, kastanienbraunes Samtkleid. Es hatte einen verschlissenen Rüschenkragen und dazu passende Spitzensäume an den Ärmeln.
Es klopfte und Mrs Weasley trat mit einem Arm voll frisch gewaschener Hogwarts-Umhänge ein.
»Bitte sehr«, sagte sie und verteilte sie zwischen den beiden. »Und jetzt passt auf, dass ihr sie richtig einpackt, damit sie nicht knittern.«
»Mum, du hast mir Ginnys neues Kleid gegeben«, sagte Ron und hielt seiner Mutter das Samtkleid hin.
»Wie kommst du darauf?«, sagte Mrs Weasley. »Das ist für dich. Dein Festumhang.«
»Mein was?«, sagte Ron wie vom Donner gerührt.
»Dein Festumhang!«, wiederholte Mrs Weasley. »Auf der Schulliste heißt es, ihr braucht dieses Jahr einen Umhang … für festliche Anlässe.«
»Du machst Witze«, sagte Ron ungläubig. »Das Teil zieh ich nie und nimmer an.«
»Alle tragen so was, Ron!«, sagte Mrs Weasley verdrossen. »Die sehen nun mal so aus! Dein Vater hat welche für schicke Partys!«
»Bevor ich so was anziehe, geh ich lieber splitternackt«, sagte Ron verbissen.
»Stell dich nicht so an«, sagte Mrs Weasley, »du brauchst unbedingt einen Festumhang, das steht auf der Liste! Für Harry hab ich auch einen … zeig ihn mal, Harry …«
Mit leise bebender Hand öffnete Harry das letzte Paket auf seinem Feldbett. Es war jedoch nicht so übel, wie er befürchtet hatte; sein Festumhang hatte keine Rüschen; tatsächlich sah er ungefähr so aus wie seine Schulumhänge, nur war er nicht schwarz, sondern flaschengrün.
»Ich dachte, der bringt deine Augenfarbe gut zur Geltung, mein Lieber«, sagte Mrs Weasley vergnügt.
»Na also, der ist in Ordnung!«, sagte Ron und musterte zornig Harrys Umhang. »Warum hab ich nicht auch so einen gekriegt?«
»Weil … na ja, ich musste deinen im Secondhandladen besorgen, und da hatten sie nicht so viel Auswahl«, sagte Mrs Weasley errötend.
Harry starrte auf seine Füße. Liebend gern hätte er all sein Geld im Gringotts-Verlies mit den Weasleys geteilt, doch er wusste, sie würden es niemals annehmen.
»Den zieh ich nicht an«, sagte Ron hartnäckig. »Nie und nimmer.«
»Schön«, fauchte Mrs Weasley. »Dann geh nackt. Und Harry, pass auf, dass du ein Foto von ihm machst. Damit ich mal was zu lachen hab, meine Güte aber auch.«
Sie ging hinaus und schlug die Tür hinter sich zu. Vom Fenster her kam ein merkwürdiges Spotzen und Keuchen. Pigwidgeon würgte an einem Eulenkeks, der zu groß für seinen Hals war.
»Warum hab ich eigentlich immer nur Schrott?«, sagte Ron zornig und ging hinüber, um Pigwidgeons Schnabel zu entrümpeln.
Im Hogwarts-Express
Düstere Stimmung lag in der Luft, als Harry am nächsten Morgen erwachte, denn die Sommerferien waren nun endgültig vorbei. Der Regen klatschte noch immer schwer gegen die Scheiben, während er in Jeans und Sweatshirt schlüpfte – die Umhänge wollten sie erst im Hogwarts-Express anziehen. Er machte sich mit Ron, Fred und George auf den Weg nach unten zum Frühstück und hatte gerade den Treppenabsatz im ersten Stock erreicht, als Mrs Weasley mit gequälter Miene am Fuß der Treppe erschien.
»Arthur!«, rief sie durchs Treppenhaus. »Arthur! Dringende Nachricht vom Ministerium!«
Mr Weasley erschien, den Umhang verkehrt herum an, polterte an Harry vorbei, der sich an die Wand drücken musste, und verschwand unten in der Küche. Als sie kurz danach hinzukamen, fanden sie Mrs Weasley aufgeregt in den Schubladen des Geschirrschranks wühlen – »Hier hatte ich doch irgendwo ’ne Feder liegen!« –, während sich Mr Weasley über das Feuer gebeugt mit jemandem unterhielt –
Harry schloss die Augen und öffnete sie wieder, denn er war sich nicht sicher, ob er richtig sah.
Inmitten der Flammen saß ein großes bärtiges Ei, und dieses Ei war Amos Diggory. Das Ei redete hastig auf Mr Weasley ein, ohne sich von den umherstiebenden Funken und den um seine Ohren züngelnden Flammen auch nur im Geringsten stören zu lassen.
»… Muggelnachbarn haben Lärm und Schreie gehört und deshalb diese, wie heißen sie noch mal – Blitzisten gerufen. Arthur, du musst da unbedingt hin!«
»Hier, bitte!«, keuchte Mrs Weasley und drückte ihrem Mann ein Blatt Pergament, ein Fläschchen Tinte und eine zerzauste Feder in die Hand.
»– wir können wirklich von Glück reden, dass ich davon gehört hab«, sagte Mr Diggorys Kopf. »Ich musste heute recht früh ins Büro, um ein paar Eulen wegzuschicken, und da hab ich all diese Leute von Missbrauch der Magie losfliegen sehen – wenn Rita Kimmkorn Wind davon kriegt, Arthur –«
»Was hat Mad-Eye denn nun genau gesehen?«, fragte Mr Weasley, schraubte das Tintenfläschchen auf und füllte seine Feder, um sich Notizen zu machen.
Mr Diggory rollte mit den Augen. »Jemand habe sich in seinem Hof rumgetrieben, sagte er. Er sei auf sein Haus zugeschlichen, doch seine Mülleimer hätten sich auf ihn gestürzt.«
»Was haben die Mülleimer gemacht?«, fragte Mr Weasley eifrig kritzelnd.
»Einen Höllenlärm und den ganzen Müll durch die Gegend gepfeffert, soviel ich weiß«, sagte Mr Diggory. »Als dann die Blitzisten auftauchten, ist offenbar immer noch einer umhergetorkelt –«
Mr Weasley stöhnte auf. »Und was ist mit dem Eindringling?«
»Arthur, du kennst doch Mad-Eye«, sagte Mr Diggorys Kopf unter erneutem Augenrollen. »Jemand, der sich mitten in der Nacht in seinen Hof schleicht? Wahrscheinlich läuft irgendwo eine zu Tode erschreckte Katze herum, dekoriert mit Kartoffelschalen. Aber sobald Mad-Eye den Leuten von der Missbrauchsbekämpfung in die Hände fällt, ist er erledigt – denk mal an seine Vorstrafen – wir müssen ihm irgendeine Kleinigkeit anhängen, etwas aus deiner Abteilung – was kriegt man für explodierende Mülleimer?«
»Eine Verwarnung wär drin«, sagte Mr Weasley stirnrunzelnd und schrieb immer noch hastig. »Mad-Eye hat seinen Zauberstab nicht benutzt? Er selbst hat niemanden angegriffen?«
»Ich wette, er ist aus dem Bett gesprungen und hat angefangen, alles zu verhexen, was er vom Fenster aus erreichen konnte«, sagte Mr Diggory, »aber die werden Schwierigkeiten haben, das zu beweisen; Verletzte gibt es nämlich nicht.«
»Gut, ich muss los«, sagte Mr Weasley, stopfte das Pergament mit den Notizen in die Tasche und huschte aus der Küche.
Mr Diggorys Kopf wandte sich Mrs Weasley zu.
»Tut mir leid, Molly«, sagte er etwas ruhiger, »dass ich euch heute so früh stören musste … aber Arthur ist nun mal der Einzige, der Mad-Eye da raushauen kann, und Mad-Eye sollte heute eigentlich seine neue Stelle antreten. Warum er ausgerechnet letzte Nacht …«
»Schon gut, Amos«, sagte Mrs Weasley. »Magst du nicht ein wenig Toast mit Butter, bevor du gehst?«
»O danke, da sag ich nicht nein.«
Mrs Weasley nahm ein Stück gebutterten Toast von einem Stapel auf dem Küchentisch, steckte es in die Feuerzange und schob es Mr Diggory in den Mund.
»Manke«, schmatzte Mr Diggory und verschwand mit einem leisen Plopp.
Harry hörte, wie sich Mr Weasley hastig von Bill, Charlie, Percy und den Mädchen verabschiedete. Fünf Minuten später tauchte er wieder in der Küche auf, sich hastig kämmend, den Umhang jedoch richtig herum an.
»Ich muss mich beeilen – ein gutes Schuljahr wünsch ich euch, Jungs«, rief er Harry, Ron und den Zwillingen zu, warf sich einen weiteren Umhang über die Schulter und machte Anstalten zu disapparieren. »Molly, macht es dir was aus, die Kinder nach King’s Cross zu bringen?«
»Ist schon gut«, sagte Mrs Weasley. »Kümmere du dich um Mad-Eye, wir kommen schon klar.«
Kaum war Mr Weasley verschwunden, traten Bill und Charlie in die Küche. »Hat hier jemand was von Mad-Eye gesagt?«, fragte Bill. »Was hat er jetzt schon wieder ausgefressen?«
»Er behauptet, jemand habe versucht, letzte Nacht in sein Haus einzubrechen«, sagte Mrs Weasley.
»Mad-Eye Moody?«, sagte George nachdenklich, während er seinen Toast mit Marmelade bestrich. »Ist das nicht dieser durchgeknallte –«
»Dein Vater hält sehr viel von Mad-Eye Moody«, unterbrach ihn Mrs Weasley steif.
»Jaah, nun, Dad sammelt auch Stecker, oder?«, sagte Fred leise, als Mrs Weasley hinausging. »Seelenverwandtschaft …«
»Moody war zu seiner Zeit ein großer Zauberer«, sagte Bill.
»Er ist doch ein alter Freund von Dumbledore?«, meinte Charlie.
»Auch Dumbledore ist ja nicht gerade das, was man normal nennen würde«, sagte Fred. »Sicher, er ist ein Genie und alles …«
»Wer ist denn nun Mad-Eye?«, fragte Harry.
»Früher hat er fürs Ministerium gearbeitet, heute ist er im Ruhestand«, sagte Charlie. »Ich hab ihn mal getroffen, als Dad mich zur Arbeit mitnahm. Er war ein Auror – einer der besten … ein Jäger schwarzer Magier«, fügte er mit einem Blick auf den fragend dreinblickenden Harry hinzu. »Zu seiner Zeit hat er praktisch die Hälfte der Zellen in Askaban gefüllt. Hat sich dabei allerdings eine Menge Feinde gemacht … vor allem die Familien von Leuten, die er gefangen hat … und wie ich höre, hat ihn auf seine alten Tage noch der Verfolgungswahn gepackt. Traut keinem mehr über den Weg. Sieht an jeder Ecke schwarze Magier.«
Bill und Charlie kamen überein, die anderen nach King’s Cross zu begleiten und sich dort zu verabschieden. Percy jedoch entschuldigte sich wortreich, weil er unbedingt zur Arbeit müsse.
»Ich kann es einfach nicht verantworten, noch länger freizunehmen«, verkündete er. »Mr Crouch verlässt sich inzwischen ganz und gar auf mich.«
»Ja, und weißt du was, Percy?«, sagte George mit ernster Miene. »Ich denke, bald wird er sogar deinen Namen kennen.«
Mrs Weasley hatte sich ans Telefon im Dorfpostamt gewagt und drei gewöhnliche Muggeltaxis bestellt, die sie nach London fahren sollten.
»Arthur hat versucht Wagen aus dem Ministerium zu besorgen«, flüsterte Mrs Weasley Harry zu, als sie auf dem regennassen Hof standen und zusahen, wie die Taxifahrer sechs schwere Hogwarts-Schrankkoffer in ihre Autos luden. »Aber sie konnten keinen erübrigen … meine Güte, die sehen nicht gerade fröhlich aus, oder?«
Harry mochte Mrs Weasley ungern sagen, dass Muggel taxifahrer selten überdrehte Eulen transportierten, und Pigwidgeon machte einen trommelfellzerfetzenden Lärm. Auch war es nicht besonders hilfreich, dass Freds Koffer aufsprang und überraschend eine Anzahl Dr. Filibusters nass zündender, hitzefreier Feuerwerksknaller losging. Woraufhin der Fahrer, dem Krummbein in Panik auch noch die Krallen in die Waden schlug, vor Schreck und Schmerz laut aufschrie.
Mitsamt ihren Koffern auf die Rückbänke der Taxis gequetscht, hatten sie eine unbequeme Fahrt. Krummbein brauchte eine ganze Weile, um sich von den Knallern zu erholen, und als sie endlich London erreichten, waren Harry, Ron und Hermine furchtbar zerkratzt. Erleichtert aufatmend stiegen sie vor King’s Cross aus, auch wenn es jetzt aus Kübeln goss und sie pitschnass wurden, als sie ihre Koffer über die belebte Straße in den Bahnhof trugen.
Harry fand es inzwischen recht einfach, auf Gleis neundreiviertel zu gelangen. Man musste nur ganz lässig durch die scheinbar solide Absperrung zwischen den Gleisen neun und zehn gehen. Das einzig Schwierige war, möglichst nicht aufzufallen, damit die Muggel nicht misstrauisch wurden.
Heute gingen sie in Gruppen; Harry, Ron und Hermine (die Auffälligsten, da sie Pigwidgeon und Krummbein bei sich hatten) waren als Erste dran; kaum hatten sie sich ganz entspannt und munter schwatzend gegen die Absperrung gelehnt, als sie auch schon seitlich hindurchglitten … und Gleis neundreiviertel vor ihren Augen auftauchte.
Der Hogwarts-Express mit seiner scharlachrot leuchtenden Dampflok stand schon bereit, und im Nebel der Dampfschwaden, die aus dem Schornstein zischten, wirkten die vielen Hogwarts-Schüler und ihre Eltern auf dem Bahnsteig wie dahingleitende Schatten. Pigwidgeon erwiderte die vielstimmigen Eulenschreie, die durch den Nebel drangen, mit besonders lautem und schrillem Gelärme. Harry, Ron und Hermine machten sich auf die Suche nach Sitzplätzen und konnten ihr Gepäck auch bald in einem Abteil ungefähr in der Mitte des Zuges verstauen. Dann sprangen sie noch einmal auf den Bahnsteig, um Mrs Weasley, Bill und Charlie auf Wiedersehen zu sagen.
»Vielleicht seht ihr mich schneller wieder, als ihr denkt«, grinste Charlie, während er Ginny zum Abschied umarmte.
»Warum?«, fragte Fred neugierig.
»Ihr werdet ja sehen«, sagte Charlie. »Aber sagt bloß Percy nicht, dass ich was erwähnt hab … es ist ja ›eine geheime Information, bis das Ministerium beschließt, sie freizugeben‹.«
»Ja, ich wünschte, ich könnte dieses Jahr noch mal in Hogwarts sein«, sagte Bill, der mit den Händen in den Taschen dastand und beinahe neidisch den Zug betrachtete.
»Warum?«, fragte George ungeduldig.
»Ihr werdet jedenfalls ein spannendes Jahr erleben«, sagte Bill augenzwinkernd. »Vielleicht nehm ich mir sogar mal frei, um es mir selbst kurz anzuschauen …«
»Was denn?«, fragte Ron.
Doch in diesem Moment hörten sie einen gellenden Pfiff und Mrs Weasley schubste sie zur Waggontür.
Sie stiegen ein, schlossen die Tür und lehnten sich aus dem Fenster. »Danke, dass wir bei Ihnen wohnen durften«, sagte Hermine.
»Ja, danke für alles«, sagte Harry.
»Es war mir ein Vergnügen, meine Lieben«, entgegnete Mrs Weasley. »Ich würde euch ja gerne zu Weihnachten einladen, aber … nun, ich denke, ihr wollt sicher alle in Hogwarts bleiben, wo doch so viel los sein wird …«
»Mum!«, sagte Ron gereizt. »Nun sagt uns schon, worum es geht!«
»Das werdet ihr wohl heute Abend erfahren«, sagte Mrs Weasley lächelnd. »Es wird sicher ganz spannend – ihr wisst ja nicht, wie froh ich bin, dass sie die Regeln geändert haben –«
»Welche Regeln?«, kam es von Harry, Ron, Fred und George wie aus einem Munde.
»Ich bin sicher, Professor Dumbledore wird euch sagen … nun, benehmt euch, verstanden? Verstanden, Fred? Und du, George?«
Doch jetzt begannen die Kolben laut zu zischen und der Zug setzte sich in Bewegung.
»Sag uns, was in Hogwarts passieren soll!«, schrie Fred aus dem Fenster, doch Mrs Weasley, Bill und Charlie entfernten sich rasch. »Welche Regeln haben sie denn geändert?«
Aber Mrs Weasley lächelte nur und winkte. Noch bevor der Zug um die Kurve gebogen war, war sie mit Bill und Charlie disappariert.
Harry, Ron und Hermine gingen zurück in ihr Abteil. Dichter Regen klatschte gegen das Fenster und draußen war kaum etwas zu sehen. Ron öffnete seinen Koffer, zog seinen kastanienbraunen Festumhang hervor und warf ihn über Pigwidgeons Käfig, um sein Geschrei zu dämpfen.
»Bagman wollte uns verraten, was in Hogwarts passiert«, grummelte er und setzte sich neben Harry. »Bei der Weltmeisterschaft, weißt du noch? Aber meine Mutter, meine eigene Mutter will es mir nicht sagen. Ich frag mich, was –«
»Schhh!«, flüsterte Hermine plötzlich, drückte einen Finger auf die Lippen und deutete auf das Nachbarabteil. Harry und Ron lauschten und hörten durch die offene Tür eine vertraute schnarrende Stimme.
»… Vater hat tatsächlich überlegt, ob er mich nach Durmstrang schicken soll und nicht nach Hogwarts. Er kennt nämlich den Schulleiter dort. Tja, ihr wisst ja, was er über Dumbledore denkt – der Kerl ist ein unglaublicher Liebhaber von Schlammblütern –, und Durmstrang nimmt solches Gesindel gar nicht erst auf. Aber Mutter wollte nicht, dass ich so weit weg in die Schule gehe. Vater sagt, in Durmstrang haben sie eine viel vernünftigere Einstellung zu den dunklen Künsten als in Hogwarts. Durmstrang-Schüler lernen sie sogar und uns bringen sie nur diesen Verteidigungskram bei …«
Hermine stand auf, ging auf Zehenspitzen zur Abteiltür und schob sie zu; Malfoy war jetzt nicht mehr zu hören.
»Also denkt er, Durmstrang hätte besser zu ihm gepasst«, sagte sie wütend. »Ich wünschte, er wäre tatsächlich dorthin gegangen, dann müssten wir uns nicht mit ihm rumschlagen.«
»Durmstrang ist auch eine Zaubererschule?«, fragte Harry.
»Ja«, sagte Hermine naserümpfend, »und sie hat einen fürchterlichen Ruf. Dem Handbuch der europäischen Magierausbildung zufolge legen sie dort großen Wert auf die dunklen Künste.«
»Ich glaub, ich hab schon davon gehört«, sagte Ron verschwommen. »Wo ist sie? In welchem Land?«
»Tja, das weiß keiner, ist doch klar«, sagte Hermine und hob die Augenbrauen.
»Hmm – wieso?«, fragte Harry.
»Es gibt von jeher viel Rivalität zwischen den Zaubererschulen. Durmstrang und Beauxbatons ziehen es vor, sich zu verbergen, damit niemand ihre Geheimnisse stehlen kann«, sagte Hermine, als sei dies das Natürlichste von der Welt.
»Hör auf«, sagte Ron und fing an zu lachen. »Durmstrang muss ungefähr so groß sein wie Hogwarts, und wie willst du denn so ein irre großes Schloss verstecken?«
»Aber Hogwarts ist auch versteckt«, entgegnete Hermine überrascht, »jeder weiß es … nun ja, jeder, der die Geschichte von Hogwarts gelesen hat.«
»Also nur du«, sagte Ron. »Dann erklär mir mal – wie versteckt man ein Schloss wie Hogwarts?«
»Es ist verhext«, sagte Hermine. »Wenn die Muggel es anschauen, dann sehen sie nur eine vermoderte alte Ruine mit einem Schild über dem Eingang, auf dem steht: ACHTUNG, KEIN ZUTRITT, EINSTURZGEFAHR.«
»Und Durmstrang sieht dann für Außenstehende auch aus wie eine Ruine?«
»Vielleicht«, sagte Hermine achselzuckend, »oder es hat Muggelabwehrzauber an den Mauern, wie das Weltmeisterschaftsstadion. Und damit fremde Zauberer es nicht finden, haben sie es sicher unortbar gemacht –«
»Wie bitte?«
»Nun, man kann ein Gebäude so verzaubern, dass es auf einer Karte nicht zu orten ist, oder?«
»Ähm – wenn du meinst«, sagte Harry.
»Aber ich glaube, Durmstrang muss irgendwo im hohen Norden sein«, sagte Hermine nachdenklich. »Wo es ganz kalt ist – bei denen gehören nämlich Pelzumhänge zur Schuluniform.«
»Aah, denkt doch mal an die Möglichkeiten«, sagte Ron träumerisch. »Es wäre so einfach gewesen, Malfoy von einem Gletscher zu stoßen und die Sache wie einen Unfall aussehen zu lassen … jammerschade, dass seine Mutter ihn mag …«
Weiter nach Norden fuhr der Zug und der Regen wurde immer stärker. Der Himmel war dunkel und die Fenster waren beschlagen und deshalb gingen bereits gegen Mittag die Lampen an. Der Karren mit Speisen und Getränken kam den Gang entlanggerattert und Harry kaufte einen großen Stapel Kesselkuchen für alle.
Einige ihrer Freunde schauten im Laufe des Nachmittags bei ihnen vorbei, darunter Seamus Finnigan, Dean Thomas und Neville Longbottom, ein rundgesichtiger Junge, der von seiner Großmutter, einer stattlichen Hexe, erzogen worden und für seine Vergesslichkeit berüchtigt war. Seamus trug immer noch seine Irland-Rosette. Ihr Zauber schien nun ein wenig nachzulassen; zwar piepste sie noch »Troy! Mullet! Moran!«, doch es klang recht schwachbrüstig und erschöpft. Nach einer guten halben Stunde hatte Hermine das endlose Quidditch-Gerede satt, sie vergrub sich in das Lehrbuch der Zaubersprüche, Band 4, und versuchte sich einen Sammelzauber beizubringen.
Neville lauschte neiderfüllt, wie die anderen das Endspiel noch einmal Zug um Zug durchsprachen.
»Oma wollte nicht hingehen«, sagte er niedergeschlagen. »Und hat mir keine Karte gekauft. Klingt aber toll, was ihr erzählt.«
»War es auch«, sagte Ron. »Schau dir das an, Neville …«
Er stöberte in seinem Koffer auf der Gepäckablage und zog die kleine Nachbildung von Viktor Krum hervor.
»Wahnsinn«, sagte Neville neidisch, als Ron Krum einen kleinen Klaps auf die dicke Hand gab.
»Wir haben ihn ganz aus der Nähe gesehen«, sagte Ron. »Wir waren in der Ehrenloge.«
»Zum ersten und letzten Mal in deinem Leben, Weasley.«
Draco Malfoy war in der Tür erschienen. Hinter ihm standen Crabbe und Goyle, seine fiesen bulligen Kumpels, die beide im Sommer offenbar um mehr als einen Kopf gewachsen waren. Wie es schien, hatten sie das Gespräch durch die Abteiltür, die Dean und Seamus offen gelassen hatten, belauscht.
»Ich erinnere mich nicht, dich eingeladen zu haben, Malfoy«, sagte Harry kühl.
»Hör mal, Weasley … was ist das denn?«, sagte Malfoy und deutete auf Pigwidgeons Käfig. Ein Ärmel von Rons Festumhang, der darüberhing, schwang im Fahrtrhythmus des Zuges hin und her, so dass der vergammelte Spitzenbesatz gut zur Geltung kam.
Ron wollte den Umhang rasch verschwinden lassen, doch Malfoy war schneller; er packte den Ärmel und zog ihn an sich.
»Seht euch das an!«, rief er ganz entzückt und hob Rons Festumhang hoch, damit Crabbe und Goyle ihn begutachten konnten. »Weasley, du hast doch nicht etwa die Absicht, den wirklich zu tragen? Immerhin – um 1890 herum war es sicher der letzte Schrei …«
»Friss Mist, Malfoy!«, sagte Ron, und sein Gesicht hatte, als er ihn Malfoy entriss, längst die Farbe des Umhangs angenommen. Malfoy wieherte hämisch und Crabbe und Goyle glotzten blöde.
»Aha … du willst dich also bewerben, Weasley? Willst den Namen deiner Familie mit ein wenig Ruhm bekleckern? Geld ist auch im Spiel, du weißt ja … könntest dir ein paar anständige Umhänge leisten, wenn du gewinnen würdest …«
»Wovon redest du eigentlich?«, fuhr ihn Ron an.
»Machst du mit?«, wiederholte Malfoy. »Du, Potter, auf jeden Fall, schätze ich. Du lässt doch keine Gelegenheit aus, um den Angeber zu markieren, oder?«
»Entweder du erklärst, wovon du redest, oder du verschwindest, Malfoy«, sagte Hermine gereizt über den Rand ihres Lehrbuchs der Zaubersprüche, Band 4.
Ein hämisches Grinsen breitete sich auf Malfoys Gesicht aus.
»Erzähl mir bloß nicht, dass du keine Ahnung hast, Weasley«, höhnte er genüsslich. »Du hast einen Vater und einen Bruder im Ministerium und du weißt es nicht mal? Hör mal, mein Vater hat es mir schon vor einer Ewigkeit erzählt … hat es von Cornelius Fudge erfahren. So ist es eben, Vater hat immer mit den Topleuten im Ministerium zu tun … vielleicht ist deiner ein zu kleines Licht und darf es überhaupt nicht wissen, Weasley … tja … wenn er in der Nähe ist, reden sie wahrscheinlich nicht über wichtige Dinge …«
Malfoy lachte laut auf, nickte Crabbe und Goyle zu, und die drei verschwanden.
Ron erhob sich und knallte die Schiebetür des Abteils so wütend zu, dass die Scheibe zu Bruch ging.
»Ron!«, sagte Hermine vorwurfsvoll, zückte ihren Zauberstab und murmelte »Reparo!«; die Scherben flogen zu einer Scheibe zusammen, die sich wieder in die Tür einfügte.
»Das Aas … tut so, als ob er alles wüsste und wir nicht …«, knurrte Ron. »›Vater hat immer mit den Topleuten im Ministerium zu tun.‹ … Mein Dad hätte sich jederzeit befördern lassen können … ihm gefällt eben die Arbeit, die er jetzt macht …«
»Natürlich, das wissen wir«, sagte Hermine beschwichtigend. »Lass dich doch nicht von Malfoy ärgern, Ron –«
»Er! Und mich ärgern! Schwachsinn!«, sagte Ron, packte einen der noch übrig gebliebenen Kesselkuchen und zerdrückte ihn zu Matsch.
Rons schlechte Laune hielt die restliche Fahrt über an. Er sprach nicht viel, als sie ihre Umhänge anzogen, und blickte immer noch finster, als der Hogwarts-Express endlich bremste und schließlich in pechschwarzer Dunkelheit am Bahnhof von Hogsmeade Halt machte.
Kaum waren die Waggontüren aufgegangen, hörten sie über sich ein Donnergrollen. Hermine wickelte Krummbein in ihren Umhang und Ron ließ seinen Festumhang über Pigwidgeons Käfig hängen. Mit gesenkten Köpfen, nur hin und wieder nach vorne blinzelnd, kämpften sie sich durch den Wolkenbruch. Es regnete so heftig, als würden Eimer um Eimer eiskalten Wassers über ihren Köpfen ausgeschüttet.
»Hallo, Hagrid!«, rief Harry; am Ende des Bahnsteigs hatte er eine hünenhafte Gestalt erspäht.
»Alles klar, Harry?«, brüllte Hagrid und winkte ihnen zu. »Sehn uns beim Festessen, falls wir vorher nicht absaufen!«
Wie es der Brauch war, fuhren die neuen Schüler mit Booten über den See hinüber nach Hogwarts.
»Uuuuuh, bei diesem Wetter hätt ich keine Lust, über den See zu fahren«, sagte Hermine und schüttelte sich ausgiebig. Inmitten der Schülerschar gelangten sie nur mühsam über den Bahnsteig und nach draußen vor den Bahnhof, wo bereits hundert pferdelose Kutschen auf sie warteten. Harry, Ron, Hermine und Neville stiegen erleichtert in einen der Wagen, die Tür schlug zu und wenige Augenblicke später setzte sich die lange Kutschenprozession mit einem kräftigen Ruck in Bewegung. Ratternd und Wasser zu allen Seiten verspritzend fuhren sie den Weg zum Schloss Hogwarts empor.
Das Trimagische Turnier
Die Kutschen rollten durch das von geflügelten Steinebern bewachte Schlosstor und kamen jetzt gefährlich ins Schlingern, denn aus dem Wind war ein Sturm geworden. Harry hatte den Kopf ans Fenster gelehnt und sah Hogwarts mit seinen vielen erleuchteten Fenstern, die verschwommen durch den dichten Regenschleier schimmerten, allmählich näher kommen. Blitze jagten sich am Himmel, als ihr Wagen an der steinernen Treppe anhielt, die zu dem großen Eichenportal hinaufführte. Ihre Mitschüler, die vor ihnen angekommen waren, stürmten bereits die Stufen zum Schloss empor; auch Harry, Ron, Hermine und Neville sprangen aus ihrer Kutsche und hasteten die Treppe hoch, und erst als sie endlich in der gewölbten, fackelbeleuchteten Eingangshalle mit ihrer beeindruckenden Marmortreppe standen, sahen sie auf.
»Oje«, sagte Ron, schüttelte den Kopf und spritzte Wasser auf die Umstehenden, »wenn das so weitergeht, läuft der See noch über. Ich bin pitsch… – AAARRH!«
Ein großer, roter, mit Wasser gefüllter Ballon war von der Decke herab auf Rons Kopf gefallen und geplatzt. Durchnässt und prustend stolperte Ron zur Seite und rempelte Harry an, und genau in diesem Moment fiel die zweite Bombe – sie verfehlte nur knapp Hermine, platzte vor Harrys Füßen, und eine Welle eiskalten Wassers ergoss sich über seine Turnschuhe und durchweichte seine Socken. Die Umstehenden flohen kreischend und sich gegenseitig schubsend aus der Schusslinie – Harry hob den Kopf und erkannte, sieben Meter über ihnen schwebend, Peeves, den Poltergeist, einen kleinen Mann mit glockenförmigem Hut und orangeroter Fliege, der sie jetzt, das breite, heimtückische Gesicht vor Anspannung verzogen, erneut aufs Korn nahm.
»Peeves!«, rief eine zornige Stimme. »Peeves, kommen Sie runter, und zwar sofort!«
Professor McGonagall, die stellvertretende Direktorin und Leiterin des Hauses Gryffindor, kam aus der Großen Halle gestürmt, rutschte jedoch auf dem nassen Steinboden aus und konnte sich nur vor einem Sturz bewahren, indem sie sich an Hermines Hals festklammerte.
»Autsch – Verzeihung, Miss Granger –«
»Macht nichts, Professor!«, würgte Hermine und rieb sich die Kehle.
»Peeves, runter jetzt, sofort!«, bellte Professor McGonagall, rückte ihren Spitzhut zurecht und starrte durch ihre quadratischen Brillengläser zornig zur Decke.
»Tu doch gar nichts«, gackerte Peeves und warf mit großem Schwung eine Wasserbombe gegen eine Gruppe von Fünftklässlerinnen, die schreiend in die Große Halle wegtauchten. »Sind doch eh schon nass, oder? Die kleinen Racker! Uuuiiiiiii!« Und mit einer weiteren Bombe nahm er ein paar Zweitklässler aufs Korn, die gerade angekommen waren.
»Ich rufe den Schulleiter!«, rief Professor McGonagall. »Ich warne Sie, Peeves –«
Peeves streckte ihr die Zunge heraus, warf seine letzte Wasserbombe hoch in die Luft und rauschte unter irrem Kichern über die Marmortreppe hinweg davon.
»Also weiter jetzt«, sagte Professor McGonagall mit einer gewissen Schärfe in der Stimme zu der durchnässten Menge. »In die Große Halle, Beeilung!«
Ron wischte sich das tropfnasse Haar unter wütendem Gemurmel aus dem Gesicht, und die drei schlitterten und rutschten durch die Eingangshalle und wandten sich dann nach rechts zur Flügeltür.
Wie immer zum Fest der Neuen war die Große Halle herrlich geschmückt. Im Licht unzähliger Kerzen, die über den Tischen schwebten, schimmerten goldene Teller und Kelche. An den vier langen Haustischen saßen dicht an dicht eifrig schwatzende Schüler; etwas erhöht an der Stirnseite der Halle saßen die Lehrer, den Schülern zugewandt, entlang einer fünften Tafel. Hier in der Großen Halle war es warm. Harry, Ron und Hermine gingen an den Slytherins, den Ravenclaws und den Hufflepuffs vorbei und setzten sich zu den Gryffindors auf der anderen Seite der Halle, neben den Fast Kopflosen Nick, das Gespenst von Gryffindor. Perlweiß und halb durchsichtig, trug Nick heute Abend sein übliches Wams, diesmal mit einer ungewöhnlich breiten Halskrause, die zum einen besonders festlich aussehen sollte und zum anderen dafür sorgte, dass sein Kopf auf dem fast durchtrennten Hals nicht über Gebühr eierte.
»Guten Abend«, sagte er und strahlte sie an.
»Schön wär’s«, sagte Harry. Er zog seine Turnschuhe aus und schüttete das Wasser aus. »Hoffentlich beeilen sie sich bei der Auswahl. Ich verhungere gleich.«
Zu Beginn jedes Schuljahres wurden die Neuen auf die vier Häuser von Hogwarts verteilt, doch durch eine unglückliche Fügung der Umstände war Harry seit seinem eigenen ersten Tag nie mehr bei einer Auswahl dabei gewesen. Im Grunde freute er sich darauf.
In diesem Moment rief jemand weiter oben am Tisch ganz aufgeregt und atemlos: »Hallo, Harry!«
Es war Colin Creevey, ein Drittklässler, für den Harry eine Art Held war.
»Hallo, Colin«, sagte Harry verhalten.
»Harry, rat mal, was heute los ist? Rat mal, Harry! Heute fängt mein Bruder an! Mein Bruder Dennis!«
»Hmmh – ist ja toll«, sagte Harry.
»Er ist furchtbar aufgeregt!«, rief Colin und hopste auf seinem Stuhl hin und her. »Ich hoffe, er kommt nach Gryffindor! Drück ihm die Daumen, ja, Harry?«
»Ähm – ja, mach ich!«, sagte Harry und wandte sich wieder Hermine, Ron und dem Fast Kopflosen Nick zu. »Geschwister kommen normalerweise zusammen in ein Haus, stimmt doch?«, fragte er. Er dachte an die Weasleys, die alle sieben nach Gryffindor gekommen waren.
»O nein, nicht unbedingt«, sagte Hermine. »Parvati Patils Zwillingsschwester ist in Ravenclaw und die beiden sind nicht zu unterscheiden. Da würdest du doch denken, sie gehörten auch hier zusammen, oder?«
Harry sah hoch zum Lehrertisch. Mehr Stühle als sonst schienen leer zu sein. Hagrid kämpfte sich natürlich immer noch mit den Erstklässlern über den See; Professor McGonagall überwachte vermutlich das Aufwischen in der Eingangshalle, doch da war noch ein leerer Stuhl, und er kam nicht darauf, wer noch fehlen könnte.
»Wo ist der neue Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste?«, fragte Hermine, die ebenfalls zum Lehrertisch hochsah.
Sie hatten noch nie einen Lehrer in diesem Fach gehabt, der länger als ein Schuljahr geblieben war. Harrys mit Abstand liebster Lehrer war Professor Lupin gewesen, der letztes Jahr aufgegeben hatte. Er ließ den Blick am Lehrertisch entlangwandern. Eindeutig kein neues Gesicht.
»Vielleicht haben sie keinen gekriegt!«, sagte Hermine mit besorgter Miene.
Noch einmal musterte Harry alle, die dort oben saßen. Der winzig kleine Professor Flitwick, Lehrer für Zauberkunst, saß auf einem großen Stapel Kissen neben Professor Sprout, der Lehrerin für Kräuterkunde, deren Hut schräg auf ihrem grauen Flatterhaar saß. Sie sprach gerade mit Professor Sinistra vom Fach Astronomie. Zur anderen Seite von Professor Sinistra saß der fahlgesichtige, fetthaarige Lehrer für Zaubertränke, Snape – den Harry am wenigsten von allen in Hogwarts ausstehen konnte. Harrys Hass auf Snape wurde nur von Snapes Hass auf Harry übertroffen, ein Hass, der sich letztes Jahr wohl noch gesteigert hatte, als Harry Sirius geholfen hatte, direkt unter Snapes übergroßer Nase zu entkommen – Snape und Sirius waren seit ihrer eigenen Schulzeit miteinander verfeindet.
Auf Snapes anderer Seite war ein leerer Stuhl, der sicher Professor McGonagall gehörte. Daneben, in der Mitte des Tisches, saß Professor Dumbledore, der Schulleiter. Sein wehendes Silberhaar und sein üppiger Bart schimmerten im Kerzenlicht und sein herrlicher dunkelgrüner Umhang war über und über mit Sternen und Monden bestickt. Professor Dumbledores Kinn ruhte auf den zusammengelegten Spitzen seiner langen dünnen Finger und er blickte offenbar gedankenversunken durch die Halbmondgläser seiner Brille hoch zur Decke. Auch Harry warf einen Blick zur Decke. Sie war verzaubert und sah aus wie der Himmel draußen, den er noch nie so sturmzerzaust gesehen hatte. Schwarze und purpurne Wolken wirbelten über den Himmel, und als es draußen einen erneuten Donnerschlag gab, erhellte ihn für einige Sekunden ein weit verästelter Blitz.
»Mensch, beeilt euch«, stöhnte Ron. »Ich könnte einen Hippogreif verspeisen.« Er hatte kaum den Mund zugemacht, da öffneten sich die Flügeltüren der Großen Halle. Alle verstummten. Professor McGonagall erschien an der Spitze einer langen Reihe von Erstklässlern und führte sie an die Stirnseite der Halle. Harry, Ron und Hermine waren zwar ziemlich nass, doch das war nichts gegen die Neuen. Sie schienen nicht über den See gefahren, sondern geschwommen zu sein. Alle zitterten vor Kälte und Aufregung, als sie am Lehrertisch entlanggingen und sich in einer Reihe vor den älteren Schülern aufstellten – alle, nur der Kleinste von ihnen nicht, ein Junge mit mausfarbenem Haar, der, wie Harry erkannte, in Hagrids Maulwurfmantel gewickelt war. Der viel zu große Mantel wirkte, als wäre der Junge in eine schwarze Pelzmarkise gehüllt. Sein kleines Gesicht lugte aus dem Kragen hervor und zeigte, dass er vor Aufregung fast Qualen litt. Als er sich bei seinen verängstigt umherblickenden Mitschülern eingereiht hatte, fing er Colin Creeveys Blick auf, reckte beide Daumen in die Höhe und formte mit den Lippen die Worte: »Ich bin in den See gefallen!« Darüber war er offensichtlich entzückt.
Professor McGonagall kam mit einem dreibeinigen Stuhl in der Hand und stellte ihn vor den Neuen ab. Auf dem Stuhl lag ein steinalter, schmutziger, geflickter Zaubererhut. Die Neuen starrten ihn an. Und alle anderen auch. Einen Moment lang herrschte Schweigen. Dann öffnete sich ein Riss gleich über der Krempe, ein Mund bildete sich, und der Hut begann zu singen:
Eintausend Jahr und mehr ist’s her,
seit mich genäht ein Schneiderer.
Da lebten vier Zaubrer wohl angesehn;
ihre Namen werden nie vergehn.
Von wilder Heide der kühne Gryffindor,
die schöne Ravenclaw die tiefe Schlucht erkor.
Die gute Hufflepuff aus sanftem Tal,
der schlaue Slytherin aus Sümpfen fahl.
Sie teilten einen Wunsch und Traum,
einen kühnen Plan, ihr glaubt es kaum –
junge Zauberer gut zu erziehn,
das war von Hogwarts der Beginn.
Es waren unserer Gründer vier,
die schufen diese Häuser hier
und jeder schätzte eine andere Tugend
bei der von ihm belehrten Jugend.
Die Mutigsten zog Gryffindor
bei weitem allen andern vor;
für Ravenclaw die Klügsten waren
alleine wert der Lehrerqualen.
Und jedem, der da eifrig lernte,
bescherte Hufflepuff reiche Ernte.
Bei Slytherin der Ehrgeiz nur
stillte den Machttrieb seiner Natur.
Es ist vor langer Zeit gewesen,
da konnten sie noch selbst verlesen,
doch was sollte später dann geschehen,
denn sie würden ja nicht ewig leben.
’s war Gryffindor, des Rates gewiss,
der mich sogleich vom Kopfe riss.
Die Gründer sollten mir verleihn
von ihrem Grips ’nen Teil ganz klein.
So kann ich jetzt, an ihrer statt,
sagen, wer wohin zu gehen hat.
Nun setzt mich rasch auf eure Schöpfe,
damit ich euch dann vor mir knöpfe.
Falsch gewählt hab ich noch nie,
weil ich in eure Herzen seh.
Nun wollen wir nicht weiter rechten,
ich sag, wohin ihr passt am besten.
Der Sprechende Hut verstummte und in der Großen Halle brandete Beifall auf.
»Das ist doch nicht das Lied, das er damals für uns gesungen hat«, sagte Harry und klatschte ebenfalls.
»Er singt jedes Jahr ein neues«, sagte Ron. »Muss ein ziemlich langweiliges Leben sein für diesen Hut, meint ihr nicht? Sicher verbringt er das ganze Jahr damit, ein neues Lied zu dichten.«
Professor McGonagall entrollte ein langes Pergament.
»Wenn ich euren Namen rufe, zieht ihr den Hut über den Kopf und setzt euch auf den Stuhl«, erklärte sie den Neuen. »Wenn der Hut euer Haus ausruft, geht ihr zum richtigen Tisch und setzt euch dorthin.
Ackerley, Stewart!«
Ein Junge, sichtlich am ganzen Leib zitternd, trat vor, nahm den Sprechenden Hut in die Hand, setzte ihn auf und ließ sich auf dem Stuhl nieder.
»Ravenclaw!«, rief der Hut.
Stewart Ackerley nahm den Hut ab und hastete zu einem Platz am Tisch der Ravenclaws, die ihn begeistert klatschend empfingen. Harry erhaschte einen kurzen Blick auf Cho, die Sucherin der Ravenclaws, die Stewart Ackerley herzlich begrüßte. Einen flüchtigen Moment lang hatte er das merkwürdige Gefühl, sich ebenfalls zu den Ravenclaws setzen zu wollen.
»Baddock, Malcolm!«
»Slytherin!«
Am Tisch auf der anderen Seite der Halle brach Jubel aus; Harry konnte Malfoy klatschen sehen, als Baddock sich den Slytherins anschloss. Harry fragte sich, ob Baddock wusste, dass das Haus Slytherin mehr schwarze Hexen und Magier hervorgebracht hatte als alle anderen Häuser. Fred und George pfiffen Malcolm Baddock aus, als er sich setzte.
»Branstone, Eleanor!«
»Hufflepuff!«
»Cauldwell, Owen!«
»Hufflepuff!«
»Creevey, Dennis!«
Der winzige Dennis Creevey trat über Hagrids Maulwurfmantel stolpernd vor, und in genau diesem Moment glitt Hagrid selbst durch eine Tür hinter dem Lehrertisch in die Halle. Hagrid, etwa doppelt so groß wie ein normal gewachsener Mann und mindestens dreimal so breit, sah mit seinem langen, wilden und zerzausten schwarzen Haar und seinem Bart ein wenig beängstigend aus – ein falscher Eindruck, wie Harry, Ron und Hermine wussten, denn Hagrid war von ausgesprochen freundlichem Gemüt. Er zwinkerte ihnen zu, setzte sich ans Ende des Lehrertisches und sah Dennis Creevey zu, der jetzt den Sprechenden Hut aufsetzte. Der Riss über der Krempe öffnete sich weit –
»Gryffindor!«, rief der Hut.
Hagrid stimmte in den Applaus der Gryffindors ein, und Dennis, übers ganze Gesicht strahlend, nahm den Hut ab, legte ihn auf den Stuhl und rannte zum Gryffindor-Tisch, wo sein Bruder ihn empfing.
»Colin, ich bin in den See gefallen!«, kreischte er und hopste auf einen freien Platz. »Es war toll! Und da war etwas im Wasser, das hat mich gepackt und ins Boot zurückgeworfen!«
»Cool!«, sagte Colin, nicht minder begeistert. »Das war sicher der Riesenkrake, Dennis!«
»Irre!«, sagte Dennis, als wäre es die Erfüllung der sehnlichsten Träume, in einen sturmgepeitschten, unergründlichen See zu fallen und von einem gewaltigen Seemonster wieder herausgefischt zu werden.
»Dennis! Dennis! Siehst du den Jungen dort drüben? Den mit dem schwarzen Haar und der Brille? Siehst du ihn? Weißt du, wer das ist, Dennis?«
Harry wandte den Kopf zur Seite und starrte angestrengt hinüber zum Sprechenden Hut, der gerade Emma Dobbs’ Haus ausrief.
So ging es weiter mit der Aufteilung der Schüler; Jungen und Mädchen, alle mit mehr oder weniger ängstlichen Gesichtern, traten der Reihe nach vor den dreibeinigen Stuhl, und die Schlange der Wartenden war schon um einiges kürzer, als Professor McGonagall zum Buchstaben L kam.
»Aah, beeilt euch«, sagte Ron und massierte sich den Bauch.
»Ich bitte dich, Ron, die Auswahl ist viel wichtiger als das Essen«, sagte der Fast Kopflose Nick, als »Madley, Laura« gerade zu einer Hufflepuff ernannt wurde.
»Natürlich, wenn man schon tot ist«, knurrte Ron.
»Ich hoffe inständig, dass die neuen Gryffindors erste Sahne sind«, sagte der Fast Kopflose Nick, während er »McDonald, Natalie« beklatschte, die jetzt zum Gryffindor-Tisch kam. »Wir wollen doch unsere Siegesserie fortsetzen, nicht wahr?«
Gryffindor hatte die Hausmeisterschaft die letzten drei Jahre in Folge gewonnen.
»Pritchard, Graham!«
»Slytherin!«
»Quirke, Orla!«
»Ravenclaw!«
Und endlich, nach »Whitby, Kevin!« (»Hufflepuff!«), verstummte der Sprechende Hut. Professor McGonagall nahm Hut und Stuhl hoch und trug sie davon.
»Wird allmählich Zeit«, sagte Ron, packte Messer und Gabel und blickte erwartungsvoll auf seinen goldenen Teller.
Professor Dumbledore hatte sich erhoben. Lächelnd sah er in die Runde und breitete die Arme zu einer Geste des Willkommens aus.
»Ich habe euch nur zwei Worte zu sagen«, verkündete er und seine tiefe Stimme hallte von den Wänden wider. »Haut rein.«
»Hört, hört!«, sagten Harry und Ron laut, und schon füllten sich die leeren Schüsseln unter ihren Augen von Zauberhand mit Speisen.
Der Fast Kopflose Nick sah traurig zu, wie Harry, Ron und Hermine ihre Teller beluden.
»Mmmh, schom bescher«, sagte Ron, den Mund voll Kartoffelbrei.
»Ihr habt Glück, dass es heute Abend überhaupt ein Festessen gibt«, sagte der Fast Kopflose Nick. »Vorhin gab’s nämlich Ärger in der Küche.«
»Warum? Wa’n paschiert?«, schmatzte Harry mit einem mächtigen Stück Steak im Mund.
»Peeves, natürlich«, sagte der Fast Kopflose Nick und schüttelte den Kopf, der dabei gefährlich ins Trudeln geriet. Er zog seine Halskrause ein wenig höher. »Der übliche Streit, ihr wisst schon. Wollte beim Essen dabei sein – und das kommt überhaupt nicht in Frage, ihr kennt ihn ja, ungehobelter Kerl, er kann keinen Teller mit Essen sehen, ohne ihn durch die Gegend zu werfen. Wir haben Geisterrat gehalten – der Fette Mönch wollte ihm unbedingt eine Chance geben –, aber der Blutige Baron war strikt dagegen, völlig zu Recht, wenn ihr mich fragt.«
Der Blutige Baron war der Geist von Slytherin, ein ausgemergeltes und stummes Gespenst, das mit silbrigen Blutflecken bespritzt war. Als Einziger in Hogwarts hatte er Peeves wirklich im Griff.
»Ja, wir haben mitgekriegt, dass Peeves aus irgendeinem Grund völlig von der Rolle war«, sagte Ron stirnrunzelnd. »Also, was hat er in der Küche angestellt?«
»Ooch, das Übliche«, sagte der Fast Kopflose Nick achselzuckend. »Verwüstung und Chaos. Überall lagen Töpfe und Pfannen herum. Die ganze Küche schwamm in Suppe. Hat die Hauselfen fast zu Tode erschreckt –«
Klong. Hermine hatte ihren goldenen Trinkbecher umgestoßen. Der Kürbissaft breitete sich unaufhaltsam über das Tischtuch aus und ließ ein paar Meter weißen Linnens orangerot anlaufen, doch Hermine war das schnuppe.
»Hier gibt es Hauselfen?«, sagte sie und sah den Fast Kopflosen Nick starr vor Entsetzen an. »Hier in Hogwarts?«
»Natürlich«, sagte der Fast Kopflose Nick, völlig überrascht von der Wirkung seiner Worte. »Mehr als in jedem anderen Hause Britanniens, glaube ich. Über hundert.«
»Ich hab noch nie welche gesehen!«, sagte Hermine.
»Natürlich nicht, sie verlassen tagsüber kaum die Küche«, sagte der Fast Kopflose Nick. »Nachts kommen sie raus, um ein wenig sauber zu machen … nach den Feuern zu schauen und so weiter … außerdem soll man sie ja auch gar nicht sehen. Zeichnet es nicht gerade einen guten Hauselfen aus, dass man ihn überhaupt nicht bemerkt?«
Hermine starrte ihn an.
»Aber sie werden doch bezahlt?«, fragte sie. »Sie kriegen Urlaub, oder nicht? Und – sie sind krankenversichert und bekommen eine Rente?«
Der Fast Kopflose Nick gluckste so heftig, dass ihm die Halskrause herunterrutschte. Sein Kopf fiel zur Seite und blieb baumelnd an dem Fingerbreit Gespensterhaut und Muskelfaser hängen, der ihn noch mit dem Hals verband.
»Krankenversicherung und Rente?«, sagte er, setzte seinen Kopf zurück auf den Hals und befestigte ihn wieder mit der Krause. »Hauselfen wollen sich nicht krankschreiben lassen und auch nicht in Rente gehen!«
Hermine warf einen Blick auf ihr kaum berührtes Essen, legte Messer und Gabel auf den Teller und schob ihn von sich weg.
»Ey, ’ör mal, ’Ermine«, sagte Ron und besprühte Harry versehentlich mit Stückchen seines Yorkshire-Puddings. »Uuhps – Verzeihung, ’Arry –« Er schluckte den Bissen hinunter. »Selbst wenn du dich zu Tode hungerst, kriegen sie kein Recht auf Krankmeldung!«
»Sklavenarbeit«, sagte Hermine und atmete schwer durch die Nase. »Das steckt hinter diesem Abendessen. Sklavenarbeit.«
Und sie weigerte sich, einen weiteren Bissen zu sich zu nehmen.
Noch immer trommelte der Regen hart gegen die hohen, dunklen Fenster. Wieder ließ ein Donnergrollen die Scheiben klirren, am sturmgepeitschten Himmel blitzte es, und die goldenen Teller erstrahlten kurz, während die Reste des ersten Ganges verschwanden und sofort der Nachtisch erschien.
»Siruptorte, Hermine!«, sagte Ron und fächelte mit der Hand den Duft der Torte zu ihr hinüber. »Rosinenpudding, sieh mal! Und Schokoladenkuchen!«
Doch Hermine versetzte ihm einen Blick, der dem Professor McGonagalls in nichts nachstand, und Ron gab klein bei.
Als auch der Nachtisch verschlungen war, die letzten Krümel von den Tellern gefegt und diese wieder blitzblank waren, erhob sich noch einmal Albus Dumbledore. Das Gesumme und Geschnatter, das die Große Halle erfüllte, verstummte jäh, und nur noch das Heulen des Windes und das Trommeln des Regens waren zu hören.
»So!«, sagte Dumbledore und lächelte in die Runde. »Nun, da wir alle gefüttert und gewässert sind« (»Hmfff!«, machte Hermine), »muss ich noch mal um eure Aufmerksamkeit bitten und euch einige Dinge mitteilen.
Mr Filch, der Hausmeister, hat mich gebeten, euch zu sagen, dass die Liste der verbotenen Gegenstände in den Mauern des Schlosses für dieses Jahr erweitert wurde und nun auch Jaulende Jo-Jos, Fangzähnige Frisbees und Bissige Bumerangs enthält. Die vollständige Liste zählt, soviel ich weiß, etwa vierhundertundsiebenunddreißig Gegenstände auf und kann in Mr Filchs Büro eingesehen werden, falls jemand sie zu Rate ziehen will.«
Dumbledores Mundwinkel zuckten.
»Wie immer«, fuhr er fort, »möchte ich euch daran erinnern, dass der Wald auf dem Schlossgelände für Schüler verboten ist, wie auch das Dorf Hogsmeade für alle Schüler der ersten und zweiten Klasse.
Ich habe zudem die schmerzliche Pflicht, euch mitzuteilen, dass der Quidditch-Wettbewerb zwischen den Häusern dieses Jahr nicht stattfinden wird.«
»Was?«, keuchte Harry. Er sah sich nach Fred und George um, seinen Mitspielern im Quidditch-Team. Sie waren offenbar zu entsetzt, um einen Ton hervorzubringen, und von ihren Lippen war nur ein stummes Flehen in Richtung Dumbledore abzulesen.
»Der Grund ist eine Veranstaltung, die im Oktober beginnt«, fuhr Dumbledore fort, »und den Lehrern das ganze restliche Schuljahr viel Zeit und Kraft abverlangen wird – doch ich bin sicher, ihr werdet alle viel Spaß dabei haben. Mit größtem Vergnügen möchte ich ankündigen, dass dieses Jahr in Hogwarts –«
Doch in diesem Moment gab es ein ohrenbetäubendes Donnergrollen und die Flügeltüren der Großen Halle schlugen krachend auf.
Ein Mann, auf einen langen Stock gestützt und in einen schwarzen Reiseumhang gehüllt, stand am Eingang. Jeder Kopf in der Großen Halle wirbelte zu dem Fremden herum, den ein spinnbeiniger Blitz am Himmel jäh ins Licht tauchte. Er nahm seine Kappe ab, befreite mit einem Kopfschütteln seine lange, grauweiße Haarmähne und wandte seine Schritte dem Lehrertisch zu.
Ein dumpfes Klonk wummerte bei jedem zweiten Schritt durch die Große Halle. Er bestieg das Podium, wandte sich nach rechts und humpelte auf Dumbledore zu. Erneut schoss ein Blitz über den Himmel. Hermine hielt den Atem an.
Der Blitz hatte ihnen das Gesicht des Mannes als scharfes Relief gezeigt, und es war ein Gesicht, wie Harry noch nie eines gesehen hatte. Es wirkte, als wäre es aus einem Stück verwitterten Holzes geschnitzt, von jemandem, der nur eine ganz dunkle Ahnung von einem menschlichen Gesicht hatte und nicht allzu kunstfertig mit dem Beitel umgehen konnte. Jeder Zentimeter seiner Haut schien vernarbt zu sein. Der Mund war eine klaffende Wunde, die sich schräg über das Gesicht zog, und ein großes Stück der Nase fehlte. Doch es waren die Augen des Mannes, die einem wirklich Angst einjagten.
Das eine war eine kleine, dunkle Perle. Das andere war groß, rund wie eine Münze und von einem leuchtend stählernen Blau. Das blaue Auge bewegte sich unablässig, ohne Lidschlag, rollte nach oben, nach unten, zur Seite, ganz unabhängig vom normalen Auge – und dann drehte es sich ganz nach hinten und blickte in den Kopf des Mannes hinein, so dass sie nur noch das Weiße des Augapfels sehen konnten.
Der Fremde trat nun vor Dumbledore. Er streckte die Hand aus, die genauso schwer vernarbt war wie sein Gesicht, Dumbledore schüttelte sie und murmelte ein paar Worte, die Harry nicht verstand. Er schien den Fremden nach etwas zu fragen, der jetzt ohne ein Lächeln den Kopf schüttelte und mit gedämpfter Stimme antwortete. Dumbledore nickte und bot dem Mann den leeren Platz neben sich an.
Der Fremde setzte sich, warf die grauweißen Haare aus dem Gesicht, zog einen Teller Würste zu sich her, hob sie zum Rest seiner Nase hoch und beschnüffelte sie. Dann zog er ein kleines Messer aus der Tasche, spießte damit eine Wurst auf und begann zu essen. Sein normales Auge ruhte auf den Würsten, doch das blaue Auge huschte immer noch ruhelos in seiner Höhle umher und musterte die Halle und die Schüler.
»Ich möchte euch euren neuen Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste vorstellen«, sagte Dumbledore strahlend in das Schweigen hinein. »Professor Moody.«
Normalerweise wurden neue Lehrer mit Beifall begrüßt, doch kein Lehrer und auch kein Schüler rührte die Hand, mit Ausnahme von Dumbledore und Hagrid. Beide klatschten, doch in der Stille klang es kläglich, und sie hörten schnell wieder auf. Alle anderen schienen so gebannt von Moodys außergewöhnlicher Erscheinung, dass sie ihn nur anstarren konnten.
»Moody?«, wisperte Harry Ron zu. »Mad-Eye Moody? Dem dein Dad heute Morgen zu Hilfe gekommen ist?«
»Das muss er sein«, sagte Ron mit leiser, beeindruckter Stimme.
»Was ist denn mit dem los?«, flüsterte Hermine. »Was ist mit seinem Gesicht passiert?«
»Keine Ahnung«, flüsterte Ron, der Moody immer noch fasziniert anstarrte.
Moody schien sein wenig überschwänglicher Empfang nicht im Mindesten zu stören. Ohne den Krug mit Kürbissaft vor sich zu beachten, steckte er die Hand abermals in seinen Reiseumhang, zog einen Flachmann heraus und nahm einen kräftigen Schluck. Als er den Arm hob, um zu trinken, verrutschte sein Umhang ein wenig, und Harry sah unter dem Tisch einige Zentimeter seines geschnitzten Holzbeines, das in einem Klauenfuß endete. Dumbledore räusperte sich erneut.
»Wie ich eben erwähnte«, sagte er und lächelte dem Meer von Schülern zu, die immer noch gebannt Mad-Eye Moody anstarrten, »werden wir in den kommenden Monaten die Ehre haben, Gastgeber einer sehr spannenden Veranstaltung zu sein, eines Ereignisses, das seit über einem Jahrhundert nicht mehr stattgefunden hat. Mit allergrößtem Vergnügen teile ich euch mit, dass dieses Jahr in Hogwarts das Trimagische Turnier stattfinden wird.«
»Sie machen Witze!«, sagte Fred Weasley laut.
Die Spannung, welche die Halle seit Moodys Ankunft erfüllt hatte, entlud sich mit einem Schlag. Fast alle lachten und Dumbledore gluckste zufrieden.
»Ich mache keine Witze, Mr Weasley«, sagte er, »obwohl, da fällt mir ein, im Sommer habe ich einen köstlichen Witz gehört; ein Troll, eine Vettel und ein irischer Kobold gehen zusammen in die Kneipe –«
Professor McGonagall räusperte sich vernehmlich.
»Ähm – aber vielleicht ein andermal … nein …«, sagte Dumbledore. »Wo war ich stehen geblieben? Ah ja, das Trimagische Turnier … nun, einige von euch werden nicht wissen, worum es bei diesem Turnier geht, und ich hoffe, dass die anderen mir verzeihen, wenn ich es kurz erkläre, sie können ja inzwischen weghören.
Das Trimagische Turnier fand erstmals vor etwa siebenhundert Jahren statt, als freundschaftlicher Wettstreit zwischen den drei größten europäischen Zaubererschulen – Hogwarts, Beauxbatons und Durmstrang. Jede Schule wählte einen Champion aus, der sie vertrat, und diese drei mussten im Wettbewerb drei magische Aufgaben lösen. Die Schulen wechselten sich alle fünf Jahre als Gastgeber des Turniers ab, und alle fanden, dies sei der beste Weg, persönliche Bande zwischen jungen Hexen und Magiern verschiedener Länder zu knüpfen – bis allerdings die Todesrate so stark zunahm, dass das Turnier eingestellt wurde.«
»Todesrate?«, flüsterte Hermine mit alarmierter Miene. Doch ihre Beklemmung schien von der Mehrheit der Schüler in der Halle nicht geteilt zu werden; viele von ihnen tuschelten aufgeregt miteinander, und auch Harry wartete gespannt darauf, mehr über das Turnier zu hören, und hatte keine Lust, sich über Hunderte von Jahren zurückliegende Todesfälle Gedanken zu machen.
»Es gab im Laufe der Jahrhunderte mehrere Versuche, das Turnier wieder einzuführen«, fuhr Dumbledore fort, »doch keiner davon war sehr erfolgreich. Nun allerdings haben unsere Abteilungen für Internationale Magische Zusammenarbeit und für Magische Spiele und Sportarten beschlossen, dass die Zeit reif ist für einen neuen Versuch. Den ganzen Sommer über haben wir uns alle Mühe gegeben, dafür zu sorgen, dass diesmal kein Champion in tödliche Gefahr geraten kann.
Die Schulleiter von Beauxbatons und Durmstrang werden mit ihren Kandidaten engerer Wahl im Oktober hier eintreffen und die Ausscheidung für die drei Champions wird an Halloween stattfinden. Ein unparteiischer Richter wird entscheiden, welche Schüler geeignet sind, im Trimagischen Turnier für den Ruhm ihrer Schule anzutreten und das ausgesetzte Preisgeld von tausend Galleonen zu gewinnen.«
»Ich mach mit!«, zischte Fred Weasley, so dass es alle am Tisch hörten, und er strahlte schon begeistert bei der Vorstellung, so viel Ruhm und Reichtum ernten zu können. Er war offenbar nicht der Einzige, der sich bereits als Hogwarts-Champion sah. An jedem Haustisch sah Harry Schüler, die entweder traumverloren Dumbledore anstarrten oder fieberhaft mit ihren Nachbarn flüsterten. Doch dann erhob Dumbledore erneut die Stimme und die Halle verstummte.
»Zwar weiß ich, wie begierig ihr alle darauf seid, den Trimagischen Pokal für Hogwarts zu holen«, sagte er, »doch die Leiter der teilnehmenden Schulen haben gemeinsam mit dem Zaubereiministerium beschlossen, in diesem Jahr eine Altersbegrenzung für die Bewerber festzusetzen. Nur Schüler, die volljährig sind – das heißt siebzehn Jahre oder älter –, erhalten die Erlaubnis, sich am Wettbewerb zu beteiligen. Dies ist ein Schritt« – und Dumbledore sprach ein wenig lauter, denn bei diesen Worten hatten einige Schüler empört aufgeschrien und die Weasley-Zwillinge schienen plötzlich mächtig zornig zu sein – »dies ist ein Schritt, den wir für notwendig halten, denn die Turnieraufgaben sind schwierig und trotz aller Vorkehrungen nur unter Gefahr zu lösen, und es ist höchst unwahrscheinlich, dass Schüler unterhalb der sechsten Klassenstufe damit zurechtkommen. Ich persönlich werde dafür sorgen, dass kein minderjähriger Schüler unseren unparteiischen Schiedsrichter hinters Licht führt, um Hogwarts-Champion zu werden.« Seine hellblauen Augen huschten zwinkernd über Freds und Georges rebellische Mienen. »Ich bitte euch daher, eure Zeit nicht mit einer Bewerbung zu verschwenden, wenn ihr noch nicht siebzehn seid.
Die Abordnungen aus Beauxbatons und Durmstrang werden im Oktober eintreffen und den größten Teil des Jahres bei uns bleiben. Ich weiß, dass ihr unsere ausländischen Gäste mit größter Herzlichkeit empfangen und den Hogwarts-Champion mit Leib und Seele unterstützen werdet, sobald er oder sie ausgewählt ist. Und nun ist es spät, und ich weiß, wie wichtig es ist, dass ihr alle wach und ausgeruht seid, wenn ihr morgen in die Klassen geht. Schlafenszeit! Husch, husch!«
Dumbledore setzte sich und begann mit Mad-Eye Moody zu sprechen. Unter lautem Stuhlbeinscharren und Tischerücken erhoben sich die Schüler und schwärmten auf die Flügeltüren der Eingangshalle zu.
»Das können sie nicht machen!«, sagte George Weasley, der sich dem Strom zur Tür nicht angeschlossen hatte, sondern nur dastand und zornfunkelnd zu Dumbledore hochstarrte. »Im April werden wir siebzehn, warum dürfen wir es nicht probieren?«
»Ich trete jedenfalls an, daran werden die mich nicht hindern«, sagte Fred verbissen und starrte ebenfalls mit finsterer Miene in Richtung Dumbledore. »Der Champion darf sicher alles Mögliche anstellen, was wir sonst nie tun dürfen. Und tausend Galleonen Preisgeld!«
»Jaah!«, sagte Ron mit abwesendem Blick. »Jaah, tausend Galleonen …«
»Kommt jetzt«, sagte Hermine, »sonst sind wir noch die Letzten hier.«
Harry, Ron, Hermine, Fred und George machten sich auf den Weg hinaus in die Eingangshalle, und Fred und George überlegten laut, wie Dumbledore es schaffen könnte, die unter Siebzehnjährigen vom Turnier fernzuhalten.
»Wer ist dieser unparteiische Richter, der über die Champions entscheidet?«, fragte Harry.
»Keine Ahnung«, sagte Fred, »aber den müssen wir auf jeden Fall austricksen. Ich denke mal, ein paar Tropfen Alterungstrank werden genügen, George …«
»Aber Dumbledore weiß doch, dass ihr nicht alt genug seid«, sagte Ron.
»Schon, aber er entscheidet ja nicht, wer Champion wird, oder?«, sagte Fred mit hinterlistigem Lächeln. »Ich glaube, sobald dieser Richter weiß, wer mitkämpfen will, wählt er von jeder Schule den Besten aus, ohne dass er groß aufs Alter achtet. Dumbledore will doch nur verhindern, dass wir uns bewerben.«
»Aber es sind schon Leute dabei umgekommen!«, sagte Hermine mit besorgter Stimme, während sie durch eine hinter einem Wandvorhang verborgene Tür gingen und dann eine schmale Treppe erklommen.
»Tjaah«, sagte Fred lässig, »aber das ist doch schon ewig her. Und außerdem, wo bleibt der Spaß, wenn nicht ein bisschen Prickeln dabei ist? Hey, Ron, wie wär’s, wenn wir Dumbledore reinlegen? Hast du Lust mitzumachen?«
»Was meinst du?«, fragte Ron Harry. »Mitmachen wäre cool, oder? Aber ich glaube, die brauchen jemand Älteren … weiß nicht, ob wir schon genug gelernt haben …«
»Ich jedenfalls nicht«, ertönte Nevilles verzagte Stimme hinter Fred und George. »Aber Oma würde sicher wollen, dass ich mitmache, immer redet sie davon, dass ich die Familienehre verteidigen soll. Ich muss nur – uuuhps …«
Nevilles Fuß war geradewegs durch eine Stufe in der Mitte der Treppe gesunken. Von diesen Trickstufen gab es viele in Hogwarts; die meisten der älteren Schüler übersprangen sie bereits im Schlaf, doch Neville war berüchtigt für sein schwaches Gedächtnis. Harry und Ron packten ihn unter den Achseln und zogen ihn hoch, unter dem Kreischen und Klappern und pfeifenden Lachen einer Rüstung oben am Treppenabsatz.
»Klappe«, sagte Ron und knallte der Rüstung im Vorbeigehen das Visier zu. Schließlich gelangten sie zum Eingang des Gryffindor-Turms, der hinter dem großen Porträt einer fetten Dame in einem rosa Seidenkleid verborgen war.
»Passwort?«, sagte sie, als sie näher kamen.
»Quatsch«, sagte George, »hat mir der Vertrauensschüler unten verraten.«
Das Gemälde klappte zur Seite und gab ein Loch in der Wand frei, durch das sie kletterten. Ein knisterndes Feuer wärmte den runden Gemeinschaftsraum, der voller Tische und weicher Sessel war. Hermine warf den ausgelassen tanzenden Flammen einen düsteren Blick zu, und Harry hörte sie deutlich »Sklavenarbeit« murmeln, bevor sie ihnen gute Nacht wünschte und durch die Tür zum Mädchenschlafraum verschwand.
Harry, Ron und Neville kletterten die letzte Treppe hoch, die sich spiralförmig nach oben wand, und gelangten schließlich in ihren eigenen Schlafsaal in der Turmspitze. Fünf Himmelbetten mit scharlachroten Vorhängen standen an den Wänden und davor lagen bereits ihre Schulkoffer. Dean und Seamus machten sich schon zum Schlafen fertig; Seamus hatte seine Irland-Rosette an das Kopfbrett des Bettes gepinnt und Dean hatte mit Reißzwecken ein Poster von Viktor Krum über seinem Nachttisch befestigt. Sein altes Poster der Mannschaft von West Ham hing gleich daneben.
»Verrückt«, seufzte Ron und schüttelte den Kopf angesichts der völlig unbeweglichen Fußballspieler.
Harry, Ron und Neville schlüpften in ihre Pyjamas und legten sich hin. Irgendjemand – zweifellos ein Hauself – hatte Wärmflaschen unter ihre Decken gesteckt, und so konnten sie höchst behaglich dem Wüten des Sturmes um das Schloss lauschen.
»Könnte schon sein, dass ich mitmache, weißt du«, sagte Ron schlaftrunken in die Dunkelheit, »wenn Fred und George herausfinden, wie … das Turnier … man weiß nie, oder?«
»Hast wohl Recht …«, murmelte Harry und rollte sich auf die Seite. Vor seinem geistigen Auge spielte sich Wunderbares ab … er hatte den unparteiischen Richter glauben gemacht, er sei siebzehn … er war Champion von Hogwarts geworden … er stand draußen auf dem Gelände, die Arme in Siegerpose erhoben, und alle, alle aus seiner Schule klatschten und kreischten … er hatte gerade das Trimagische Turnier gewonnen … und aus der verschwommenen Menge hob sich deutlich Chos Gesicht hervor, das ihn bewundernd anstrahlte …
Harry grinste in sein Kissen hinein, für diesmal äußerst froh, dass Ron nicht sehen konnte, was er sah.
Mad-Eye Moody
Am nächsten Morgen hatte sich der Sturm gelegt, doch die Decke der Großen Halle war immer noch dunkel verhangen und schwere, zinngraue Wolken wirbelten über den Himmel. Harry, Ron und Hermine saßen beim Frühstück und begutachteten ihre neuen Stundenpläne. Ein paar Plätze weiter fachsimpelten Fred, George und Lee Jordan eifrig über magische Alterungsmittel und diskutierten ihre Chancen, sich trotz allem ins Trimagische Turnier zu schmuggeln.
»Gar nicht übel, heute … wir sind den ganzen Vormittag draußen«, sagte Ron und fuhr mit dem Finger über seinen Stundenplan, »Kräuterkunde mit den Hufflepuffs und Pflege magischer Geschöpfe … verflucht, immer noch mit diesen Slytherins …«
»Heute Nachmittag dann ’ne ganze Doppelstunde Wahrsagen«, ächzte Harry und ließ den Kopf hängen. Einmal abgesehen vom Zaubertrankunterricht mochte er Wahrsagen am wenigsten. Professor Trelawney sagte andauernd seinen Tod voraus, was Harry äußerst lästig fand.
»Du hättest den Krempel hinschmeißen sollen, genau wie ich«, sagte Hermine frisch und munter und butterte sich ein Stück Toast. »Dann könntest du was Vernünftiges lernen wie zum Beispiel Arithmantik.«
»Du isst ja wieder«, sagte Ron und sah zu, wie Hermine ihren Buttertoast großzügig mit Marmelade belud.
»Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es bessere Wege gibt, für die Elfenrechte einzutreten«, sagte Hermine und reckte das Kinn.
»Sicher … und außerdem hattest du Hunger«, erwiderte Ron grinsend.
Über ihren Köpfen hörten sie plötzlich lautes Geraschel; an die hundert Eulen kamen mit der morgendlichen Post in den Krallen durch die offenen Fenster geflogen. Harry sah instinktiv auf, doch in dem dichten braunen und grauen Eulengeflatter konnte er keine weiße Feder erkennen. Die Eulen zogen Kreise über den Tischen, auf der Suche nach den Schülern, für die ihre Briefe und Päckchen bestimmt waren. Ein großer Waldkauz stürzte hinunter zu Neville Longbottom und warf ihm ein Paket in den Schoß – Neville vergaß beim Packen fast immer irgendwas. Drüben auf der anderen Seite der Halle ließ sich Draco Malfoys Uhu auf seiner Schulter nieder, offenbar mit dem üblichen Nachschub an Süßigkeiten und Kuchen von zu Hause. Harry versuchte, nicht auf das flaue Gefühl der Enttäuschung in seinem Magen zu achten, und wandte sich wieder seinem Haferbrei zu. War Hedwig womöglich etwas passiert und hatte Sirius seinen Brief gar nicht erhalten?
Während sie auf dem sumpfigen Weg zwischen den Gemüsebeeten hinüber zum Gewächshaus drei gingen, ließen Harry die Sorgen nicht los. Doch dann lenkte ihn Professor Sprout ab, die der Klasse die hässlichsten Pflanzen zeigte, die Harry je gesehen hatte. Tatsächlich ähnelten sie weniger Pflanzen als dicken schwarzen Riesenschnecken, die, sich leicht krümmend und windend, senkrecht aus dem Boden ragten. An den Stängeln hatten sie einige große, glänzende Geschwülste, die offenbar mit Flüssigkeit gefüllt waren.
»Bubotubler«, erklärte ihnen Professor Sprout putzmunter. »Die müssen ausgequetscht werden. Dann sammelt ihr den Eiter –«
»Den was?«, sagte Seamus Finnigan angewidert.
»Den Eiter, Finnigan, den Eiter«, sagte Professor Sprout, »und er ist äußerst wertvoll, also verschüttet ihn nicht. Ihr sammelt also den Eiter, und zwar in diesen Flaschen. Zieht eure Drachenhauthandschuhe über, dieser Bubotubler-Eiter kann, wenn er unverdünnt ist, die lustigsten Dinge mit der Haut anstellen.«
Die Bubotubler auszupressen war eine eklige und doch eigenartig befriedigende Arbeit. Aus jeder Geschwulst, die sie ausdrückten, quoll eine große Menge gelblich grüner Flüssigkeit, die stark nach Benzin roch. Sie fingen sie in Flaschen auf, wie Professor Sprout gesagt hatte, und am Ende der Stunde hatten sie einige Liter beisammen.
»Madam Pomfrey wird ganz entzückt sein«, sagte Professor Sprout und stöpselte die letzte Flasche mit einem Korken zu. »Ein hervorragendes Mittel gegen die hartnäckigeren Formen der Akne, dieser Bubotubler-Eiter. Sollte einige von euch, die ihre Pickel loswerden wollen, von Verzweiflungstaten abhalten.«
»Wie die arme Eloise Midgeon«, sagte Hannah Abbott, eine Hufflepuff, mit schüchterner Stimme. »Sie hat versucht ihre Pickel wegzufluchen.«
»Dummes Mädchen«, sagte Professor Sprout kopfschüttelnd. »Aber Madam Pomfrey hat ihr die Nase dann wieder ordentlich anwachsen lassen.«
Vom Schloss jenseits der regennassen Wiesen wehte eindringliches Glockengeläut herüber und verkündete das Ende der Stunde. Die Schüler trennten sich; die Hufflepuffs stiegen die Steintreppe zum Verwandlungsunterricht hoch, die Gryffindors gingen in die andere Richtung, den sanft abfallenden Rasen hinunter zu Hagrids kleiner Holzhütte am Rand des Verbotenen Waldes.
Hagrid erwartete sie bereits an der Tür, die eine Hand am Halsband seines riesigen schwarzen Saurüden Fang. Um ihn herum lagen mehrere offene Holzkisten, und der winselnde Fang, offenbar ganz scharf darauf, ihren Inhalt genauer in Augenschein zu nehmen, zog und zerrte an seinem Halsband. Als sie näher kamen, drang ein merkwürdiges Rasseln an ihre Ohren, offenbar durchsetzt mit kleineren Explosionen.
»Moin!«, sagte Hagrid und grinste Harry, Ron und Hermine an. »Wir warten besser auf die Slytherins, die wollen das sicher nicht verpassen, die Knallrümpfigen Kröter!«
»Wie bitte?«, sagte Ron.
Hagrid deutete auf die Kisten.
»Uuärrh!«, würgte Lavender Brown hervor und sprang einen Schritt zurück.
»Uuärrh« war aus Harrys Sicht eine ziemlich treffende Beschreibung der Knallrümpfigen Kröter. Sie sahen aus wie missgestaltete, schalenlose Hummer, scheußlich fahl und schleimig, mit Beinen, die an allen möglichen und unmöglichen Stellen aus dem Körper ragten, während Köpfe nicht zu erkennen waren. In jeder Kiste lagen etwa hundert dieser Geschöpfe, jedes um die fünfzehn Zentimeter lang, sie krabbelten blind durcheinander und stießen gegen die Kistenwände. Ein sehr starker Gestank nach verfaultem Fisch ging von ihnen aus. Hin und wieder stoben Funken aus dem Rumpf eines der Kröter und schleuderten ihn mit einem leisen ffhhht ein paar Zentimeter weiter.
»Frisch ausgebrütet«, sagte Hagrid stolz, »jetzt könnt ihr sie selbst großziehn! Dachte, wir machen so was wie ’n Projekt draus!«
»Und warum eigentlich sollen wir die großziehen?«, sagte eine kalte Stimme. Die Slytherins waren angekommen. Wer sprach, war Draco Malfoy. Crabbe und Goyle taten glucksend ihren Beifall für seine Worte kund.
Die Frage schien Hagrid in Verlegenheit zu stürzen.
»Ich meine, wozu sind die denn nütze?«, fragte Malfoy. »Was ist der Witz dabei?«
Hagrid öffnete den Mund, offenbar angestrengt nachdenkend; ein paar Sekunden herrschte Schweigen, dann sagte er barsch: »In’ner nächsten Stunde, Malfoy. Heut füttert ihr sie nur. Probiert doch mal ’n paar verschiedene Sachen aus – ich hab sie noch nie gehabt, weiß nich, was sie lecker finden – hab Ameiseneier und Froschlebern und ’n Stück Ringelnatter – nehmt einfach von allem etwas.«
»Erst Eiter und jetzt das hier«, murrte Seamus.
Einzig und allein ihre tiefe Zuneigung zu Hagrid brachte Harry, Ron und Hermine dazu, glitschige Froschlebern in die Hände zu nehmen und sie in die Kisten gleiten zu lassen, um die Knallrümpfigen Kröter zum Essen zu verführen. Harry konnte den Verdacht nicht unterdrücken, dass das Ganze vollkommen sinnlos war, denn die Knallrümpfigen Kröter schienen keine Mäuler zu haben.
»Autsch!«, schrie Dean Thomas nach etwa zehn Minuten. »Mich hat’s erwischt!«
Hagrid eilte mit besorgtem Blick zu ihm hinüber.
»Sein Rumpf ist explodiert!«, sagte Dean säuerlich und zeigte Hagrid eine Brandblase an seiner Hand.
»Hmh, ja, kann passieren, wenn sie losknallen«, nickte Hagrid.
»Uuärrh!«, kam es erneut von Lavender Brown. »Uuärrh, Hagrid, was ist das für ein spitzes Ding auf dem da?«
»Hmh, ja, ’n paar von denen ham Stacheln«, sagte Hagrid begeistert (Lavender zog rasch die Hand aus der Kiste). »Ich glaub, das sind die Männchen … die Weibchen haben so was wie ’n Saugnapf am Bauch … ich glaub, das könnte zum Blutsaugen sein.«
»Schön, jetzt weiß ich, warum wir sie unbedingt hätscheln sollten«, sagte Malfoy trocken. »Wer will nicht ein Haustier, das brennen, stechen und Blut saugen zugleich kann?«
»Nur weil sie nicht hübsch sind, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht nützlich sind«, stieß Hermine hervor. »Drachenblut hat sagenhafte magische Wirkungen, aber einen Drachen als Haustier willst du trotzdem nicht, oder?«
Harry und Ron grinsten Hagrid zu, der hinter seinem buschigen Bart flüchtig zurücklächelte. Hagrid hätte nur zu gerne einen Drachen als Haustier gehalten, wie Harry, Ron und Hermine sehr genau wussten – er hatte in ihrem ersten Jahr für kurze Zeit einen Drachen gehabt, einen angriffslustigen Norwegischen Stachelbuckel namens Norbert. Hagrid liebte einfach Monster – je tödlicher, desto besser.
»Na, wenigstens sind diese Kröter klein«, sagte Ron eine Stunde später auf dem Weg zum Mittagessen ins Schloss.
»Das sind sie jetzt noch«, sagte Hermine verärgert, »aber sobald Hagrid rausgefunden hat, was sie fressen, werden sie sicher zwei Meter lang.«
»Na und, das macht doch nichts, wenn sie am Ende die Seekrankheit oder so was heilen können!«, sagte Ron und grinste sie schlaumeierisch an.
»Du weißt ganz genau, dass ich das nur gesagt habe, um Malfoy abzuwürgen«, sagte Hermine. »In Wahrheit denke ich, dass er Recht hat. Das Beste wäre, die alle totzutreten, bevor sie anfangen, über uns herzufallen.«
Sie setzten sich an den Gryffindor-Tisch und taten sich Lammkoteletts mit Kartoffeln auf. Hermine begann so schnell zu essen, dass Harry und Ron sie mit offenem Mund anstarrten.
»Ähem – ist das dein neuer Feldzug für die Elfenrechte?«, sagte Ron. »Dass du futterst bis zum Erbrechen?«
»Nein«, sagte Hermine so würdevoll, wie es mit einem Mund voll Rosenkohl gerade noch ging, »ich will nur schnell in die Bibliothek kommen.«
»Wie bitte?«, sagte Ron ungläubig. »Hermine – wir sind gerade mal den ersten Tag hier! Wir haben noch nicht mal Hausaufgaben!«
Hermine zuckte die Achseln und spachtelte munter weiter, als hätte sie seit Tagen nichts gegessen. Dann sprang sie auf, sagte: »Bis zum Abendessen!«, und entschwand in höchster Eile.
Als die Glocke zum Nachmittagsunterricht läutete, machten sich Harry und Ron auf den Weg zum Nordturm. Am oberen Ende einer engen und schmalen Wendeltreppe führte eine silberne Trittleiter an die Decke und zu einer runden Falltür, hinter der Professor Trelawney lebte.
Nachdem sie die Trittleiter erklommen hatten, drang ihnen ein vertrauter süßlicher Parfümduft vom Feuer her in die Nasen. Wie immer waren alle Vorhänge zugezogen; die vielen mit Seidentüchern und Schals drapierten Lampen tauchten das Zimmer in ein mattes rötliches Licht. Harry und Ron schlängelten sich durch das dichte Gewirr bereits besetzter Chintz-Stühle und Sitzpolster und ließen sich an einem kleinen runden Tisch nieder.
»Guten Tag.« Die rauchige Stimme Professor Trelawneys ertönte direkt hinter Harry und ließ ihn zusammenzucken.
Professor Trelawney, eine sehr dünne Frau mit riesiger Brille, die ihre Augen über die Maßen groß erscheinen ließ, musterte Harry von oben herab, mit jener tragischen Miene, die sie bei seinem Anblick immer aufsetzte. Im Licht des Feuers glitzerte die übliche Menge an Perlen, Kettchen und Ringen an Hals, Armen und Fingern.
»Du bist in Sorge, mein Lieber«, sagte sie mit trauerschwerer Stimme zu Harry. »Mein inneres Auge sieht durch dein mutiges Antlitz hindurch auf die geplagte Seele in dir. Und ich muss dir leider sagen, dass deine Sorgen nicht völlig grundlos sind. Ich sehe leider, leider schwere Zeiten auf dich zukommen … die schwersten … ich fürchte, wovor dir graut, wird tatsächlich eintreten … und schneller vielleicht, als du denkst …«
Sie senkte ihre Stimme und flüsterte jetzt beinahe. Ron sah Harry an und rollte mit den Augen, doch Harry blickte mit steinerner Miene zurück.
Professor Trelawney schwebte an ihnen vorbei und setzte sich, der Klasse zugewandt, in einen großen Ohrensessel am Feuer. Lavender Brown und Parvati Patil, die Professor Trelawney zutiefst bewunderten, saßen auf Polstern zu ihren Füßen.
»Meine Lieben, es ist an der Zeit, dass wir uns den Sternen zuwenden«, sagte sie. »Den Bewegungen der Planeten und den geheimnisvollen Botschaften, die sie nur jenen entbergen, welche die Schritte des Sternentanzes zu deuten wissen. Das Schicksal der Menschen kann mit Hilfe der Planetenstrahlen entziffert werden, die sich kreuzen …«
Doch Harrys Gedanken waren abgeschweift. Das parfümierte Feuer machte ihn immer schläfrig und ein wenig bedröppelt, und Professor Trelawneys weitschweifige Reden über die Wahrsagerei schlugen ihn nie so richtig in Bann – obwohl er unweigerlich daran denken musste, was sie ihm eben gesagt hatte. »Ich fürchte, wovor dir graut, wird tatsächlich eintreten …«
Doch Hermine hatte Recht, dachte Harry ärgerlich, Professor Trelawney war tatsächlich eine alte Schwindlerin. Im Moment hatte er vor nichts Angst … nun ja, wenn er von den Befürchtungen absah, dass Sirius gefangen war … doch was wusste Professor Trelawney? Er war schon lange zu dem Schluss gekommen, dass sie als Wahrsagerin im Grunde nur so lange herumrätselte, bis sie einen Treffer landete, und dies dann noch mit Geheimnistuerei garnierte.
Eine Ausnahme war natürlich jenes letzte Treffen am Ende des vorigen Schuljahrs gewesen, als sie vorausgesagt hatte, dass Voldemort wieder an die Macht gelangen würde … Dumbledore selbst, dem Harry ihre Trance beschrieben hatte, hatte gemeint, sie sei wohl nicht gespielt gewesen …
»Harry!«, murmelte Ron.
»Was denn?«
Harry sah sich um; die ganze Klasse starrte ihn an und er setzte sich kerzengerade hin. Fast wäre er eingedöst, versunken in der Wärme und verloren in seinen Gedanken.
»Ich sagte soeben, mein Lieber, dass du offenbar unter dem unheilvollen Einfluss des Saturns geboren bist«, sagte Professor Trelawney mit einem Hauch von Widerwillen in der Stimme, weil Harry offensichtlich nicht an ihren Lippen gehangen hatte.
»Geboren unter – Verzeihung, wem bitte?«, fragte Harry.
»Saturn, mein Lieber, dem Planeten Saturn!«, sagte Professor Trelawney und klang nun, da ihn diese Neuigkeit nicht vom Stuhl riss, offenkundig verärgert. »Ich sagte, Saturn war sicher in einer machtvollen Position am Himmel zur Stunde deiner Geburt … dein dunkles Haar … deine mäßige Statur … tragische Verluste schon so früh im Leben … ich denke, ich liege richtig, wenn ich sage, mein Lieber, dass du mitten im Winter geboren bist?«
»Nein«, sagte Harry, »ich bin im Juli geboren.«
Ron konnte gerade noch ein Lachen abwürgen, das zu einem trockenen Hüsteln gerann.
Eine halbe Stunde später saßen sie vor komplizierten kreisrunden Karten, auf denen sie die Position der Planeten im Augenblick ihrer Geburt einzeichnen sollten. Es war ein stinklangweiliges Geschäft, denn ständig mussten sie irgendwelche Tabellen zu Rate ziehen und Winkel berechnen.
»Ich habe hier zwei Neptune«, sagte Harry nach einer Weile und besah sich stirnrunzelnd sein Pergamentblatt, »das kann nicht stimmen, oder?«
»Aaaah«, sagte Ron, Professor Trelawneys geheimnisvoll waberndes Flüstern nachahmend, »wenn zwei Neptune am Himmel erscheinen, ist dies ein sicheres Zeichen, dass ein Zwerg mit Brille geboren wird, Harry …«
Seamus und Dean, die am Nebentisch arbeiteten, wieherten laut, wenn auch nicht laut genug, um das aufgeregte Kreischen Lavender Browns zu übertönen – »O Professor, sehen Sie! Ich glaube, ich habe einen aspektlosen Planeten! Uuuuh, welcher ist das, Professor?«
»Der Uranus, meine Liebe«, sagte Professor Trelawney mit einem Blick auf die Karte.
»Kann ich deinen Uranus auch mal sehen, Lavender?«, fragte Ron.
Unglücklicherweise hörte ihn Professor Trelawney, und vielleicht war dies der Grund, dass sie ihnen am Ende der Stunde so viele Hausaufgaben gab.
»Eine genaue Untersuchung der Frage, auf welche Weise die Planetenbewegungen des kommenden Monats euch betreffen werden, mit Verweis auf eure persönliche Karte«, fauchte sie und klang dabei eher nach Professor McGonagall als nach ihrem üblichen windig-duftigen Selbst.
»Abgabe ist nächsten Montag, und keine Ausreden!«
»Biestige alte Fledermaus«, sagte Ron erbittert, als sie sich in die Scharen einreihten, die die Treppen hinunter in die Große Halle zum Abendessen strömten. »Das wird uns das ganze Wochenende kosten, sag ich dir …«
»’ne Menge Hausaufgaben?«, strahlte Hermine, die sie gerade eingeholt hatte. »Professor Vektor hat uns jedenfalls überhaupt keine gegeben!«
»Ist ja ganz toll von Professor Vektor«, sagte Ron missgelaunt.
Sie gelangten in die Eingangshalle, wo sich schon eine lange Schlange für das Abendessen gebildet hatte. Sie hatten sich gerade angestellt, als hinter ihnen eine laute Stimme ertönte.
»Weasley! Hey, Weasley!«
Harry, Ron und Hermine wandten sich um. Hinter ihnen standen Malfoy, Crabbe und Goyle und schienen sich prächtig über etwas zu amüsieren.
»Was gibt’s?«, sagte Ron schroff.
»Dein Dad steht in der Zeitung, Weasley!«, sagte Malfoy und wedelte mit einem Tagespropheten. »Hör dir das an!«, verkündete er so laut, dass es alle in der brechend vollen Eingangshalle hören konnten.
Weitere Pannen im Zaubereiministerium
Es scheint, als sei die Pannenserie im Zaubereiministerium noch längst nicht zu Ende, schreibt unsere Sonderkorrespondentin Rita Kimmkorn. Das Ministerium, erst jüngst heftiger Kritik ausgesetzt wegen der mangelhaften Kontrolle der Besucher während der Quidditch-Weltmeisterschaft und immer noch nicht in der Lage, das Verschwinden einer seiner Hexen zu erklären, wurde gestern in neue Verlegenheit gestürzt durch das merkwürdige Gebaren von Arnold Weasley vom Amt gegen den Missbrauch von Muggelartefakten.
Malfoy blickte auf.
»Stell dir vor, die haben nicht mal seinen Namen richtig geschrieben, Weasley, als ob er eine komplette Null wäre«, krähte er.
Die ganze Eingangshalle hörte jetzt zu. Malfoy glättete genüsslich das Blatt und las weiter:
Arnold Weasley, der vor zwei Jahren wegen des Besitzes eines fliegenden Autos angezeigt wurde, war gestern in eine Rangelei mit mehreren Gesetzeshütern der Muggel (»Polizisten«) verwickelt. Der Grund waren einige höchst angriffslustige Mülleimer. Mr Weasley war offenbar »Mad-Eye« Moody zu Hilfe geeilt, einem in die Jahre gekommenen Ex-Auroren, den das Ministerium in den Ruhestand versetzt hatte, als er den Unterschied zwischen einem Händedruck und einem Mordversuch nicht mehr zu erkennen vermochte. Es wird niemanden überraschen, dass Mr Weasley bei seiner Ankunft in Mr Moodys schwer bewachtem Haus feststellte, dass Mr Moody wieder einmal falschen Alarm geschlagen hatte. Mr Weasley war gezwungen, mehrere Gedächtnisse zu verändern, bevor er vor den Polizisten flüchten konnte, weigerte sich jedoch, auf die Frage des Tagespropheten zu antworten, warum er das Ministerium in ein so würdeloses und möglicherweise peinliches Geschehen verwickelt hatte.
»Und hier ist ein Bild, Weasley!«, sagte Malfoy, schlug das Blatt um und hob die Zeitung in die Höhe. »Ein Bild deiner Eltern vor ihrem Haus – wenn man das überhaupt Haus nennen kann! Deine Mutter könnte auch ein paar Pfunde weniger vertragen!«
Ron schüttelte es vor Zorn. Alle starrten ihn an.
»Verpiss dich, Malfoy«, sagte Harry. »Wir gehen, Ron …«
»Ach ja, du warst doch im Sommer zu Besuch bei denen, oder, Potter?«, höhnte Malfoy. »Also sag mal, ist seine Mutter wirklich so fett oder sieht es auf dem Bild nur so aus?«
»Und was ist mit deiner Mutter, Malfoy?«, zischte Harry – er und Hermine hatten Ron hinten am Umhang gepackt, damit er sich nicht auf Malfoy stürzte – »Warum macht sie ständig ein Gesicht, als ob sie Mist unter der Nase hätte? Hat sie immer schon so ausgesehen, oder ist es erst, seit es dich gibt?«
Malfoys bleiches Gesicht lief leicht rosa an. »Wag es bloß nicht, meine Mutter zu beleidigen, Potter.«
»Dann halt dein dreckiges Maul«, sagte Harry und wandte sich ab.
PENG!
Einige schrien auf – Harry fühlte etwas glühend Heißes an seinem Gesicht vorbeisirren – blitzschnell langte er in die Tasche nach seinem Zauberstab, doch bevor er ihn auch nur berührt hatte, hörte er ein zweites lautes PENG und ein Krachen, das die Eingangshalle erschütterte.
»O nein, das machst du nicht, Freundchen!«
Harry wirbelte herum. Professor Moody hinkte die Marmortreppe hinunter. Er hatte den Zauberstab gezückt und deutete unverwandt auf ein strahlend weißes Frettchen, das zitternd auf dem steingepflasterten Boden lag, genau dort, wo Malfoy gestanden hatte.
In der Eingangshalle herrschte schreckerfüllte Stille. Keiner außer Moody rührte auch nur einen Finger. Moody wandte sich um und sah Harry an – zumindest sein normales Auge sah Harry an; das andere war in seinen Kopf hineingedreht.
»Hat er dich erwischt?«, sagte Moody leise knirschend.
»Nein«, sagte Harry, »ging daneben.«
»Lass es liegen!«, bellte Moody.
»Was denn?«, fragte Harry verdutzt.
»Nicht du – er!«, knurrte Moody und warf die Hand kurz über die Schulter in Richtung Crabbe, der sich zu dem weißen Frettchen hinuntergebeugt hatte und jetzt erstarrte. Offenbar war Moodys rollendes Auge magisch und konnte auch aus seinem Hinterkopf hinaussehen.
Moody hinkte jetzt auf Crabbe, Goyle und das Frettchen zu, das ein verängstigtes Kreischen hören ließ und in Richtung Kerker davonflitzte.
»Hiergeblieben!«, donnerte Moody und richtete den Zauberstab erneut auf das Frettchen – es flog drei Meter hoch in die Luft, klatschte wieder auf den Boden und schnellte dann erneut in die Höhe.
»Ich mag Leute, die angreifen, wenn ihnen der Gegner den Rücken zukehrt, überhaupt nicht«, knurrte Moody, während er das vor Schmerz kreischende Frettchen immer höher in die Luft schleuderte. »Widerlich, feige, gemein ist das …«
Das Frettchen flog wehrlos strampelnd und mit dem Schwanz schlackernd durch die Luft.
»Tu – das – nie – wieder –«, sagte Moody, und bei jedem Wort schlug das Frettchen auf den Steinboden und schleuderte wieder empor.
»Professor Moody!«, ertönte eine entsetzte Stimme.
Professor McGonagall kam mit den Armen voller Bücher die Marmortreppe herunter.
»Hallo, Professor McGonagall«, sagte Moody gelassen und ließ das Frettchen noch höher schleudern.
»Was … was tun Sie da?«, fragte Professor McGonagall und verfolgte mit den Augen das Auf und Ab des Frettchens.
»Unterrichten«, sagte Moody.
»Unter…, Moody, ist das ein Schüler?«, kreischte Professor McGonagall und die Bücher fielen ihr aus den Armen.
»Jep«, sagte Moody.
»Nein!«, schrie Professor McGonagall; sie rannte die letzten Stufen hinunter und zog ihren Zauberstab; mit einem lauten Knall erschien Draco Malfoy, in sich zusammengesunken auf dem Boden liegend, das glattseidene Blondhaar über sein leuchtend rosarotes Gesicht gebreitet. Wimmernd rappelte er sich wieder hoch.
»Moody, wir setzen Verwandlungen niemals zur Bestrafung ein!«, sagte Professor McGonagall ermattet. »Das hat Ihnen Professor Dumbledore doch sicher gesagt?«
»Hat er vielleicht mal erwähnt, ja«, sagte Moody und kratzte sich ungerührt am Kinn, »aber ich dachte, ein kurzer Schock, der richtig wehtut –«
»Wir geben Nachsitzen, Moody! Oder sprechen mit dem Leiter des Hauses, dem der Missetäter angehört!«
»Das werd ich schon noch tun«, sagte Moody und starrte Malfoy mit größter Abneigung an.
Malfoy, dessen blasse Augen immer noch vor Schmerz und Scham tränten, sah voller Hass zu Moody auf und murmelte etwas, aus dem die Wörter »mein Vater« herauszuhören waren.
»Ach ja?«, sagte Moody leise und humpelte ein paar Schritte vor, wobei das dumpfe Klonk seines Holzbeins von den Wänden widerhallte. »Gut, ich kenn deinen Vater schon sehr lange, Junge … sag ihm, dass Moody seinen Sohn jetzt scharf im Auge behält … sag ihm das von mir … und dein Hauslehrer ist sicher Snape?«
»Ja«, grollte Malfoy.
»Noch ein alter Freund«, knurrte Moody. »Ich freu mich schon die ganze Zeit auf ein Pläuschchen mit dem alten Snape … komm mit, du …« Er packte Malfoy am Oberarm und schleifte ihn in Richtung Kerker fort.
Professor McGonagall starrte ihnen einen Augenblick lang mit bangem Blick nach, dann ließ sie mit einem Schwung ihres Zauberstabs die auf dem Boden liegenden Bücher zurück in ihre Arme flattern.
»Im Augenblick will ich kein Wort von euch hören«, flüsterte Ron Harry und Hermine zu, als sie sich ein paar Minuten später an den Gryffindor-Tisch setzten, inmitten von aufgeregtem Getuschel über das eben Geschehene.
»Warum nicht?«, fragte Hermine überrascht.
»Weil ich das für immer in mein Gedächtnis einbrennen will«, sagte Ron mit geschlossenen Augen und einem Ausdruck von ungetrübter Glückseligkeit auf dem Gesicht. »Draco Malfoy, das sagenhafte hopsende Frettchen …«
Hermine und Harry lachten und Hermine tat allen dreien Rinderschmorbratenscheiben auf die Teller.
»Dabei hätte er Malfoy ernsthaft verletzen können«, sagte sie. »Eigentlich war es gut, dass Professor McGonagall eingeschritten ist –«
»Hermine«, sagte Ron zornig und öffnete die Augen wieder. »Du zerstörst gerade den schönsten Moment meines Lebens!«
Hermine murmelte etwas Unwirsches und begann schon wieder mit unglaublicher Geschwindigkeit zu essen.
»Erklär mir ja nicht, du willst heute Abend wieder in die Bibliothek?«, sagte Harry mit prüfendem Blick.
»Allerdings«, mampfte Hermine. »’ne Menge zu tun.«
»Aber du hast uns doch gesagt, Professor Vektor –«
»Es geht nicht um Hausaufgaben«, sagte sie. Fünf Minuten später hatte sie ihren Teller leer geputzt und war verschwunden.
Kaum war sie weg, als Fred Weasley auch schon ihren Platz einnahm.
»Moody!«, sagte er. »Wie cool ist er?«
»Ultracool«, sagte George und setzte sich Fred gegenüber.
»Supercool«, sagte der beste Freund der Zwillinge, Lee Jordan, und rutschte auf den Stuhl neben George. »Wir hatten ihn heute Nachmittag«, erklärte er Harry und Ron.
»Und wie war’s?«, sagte Harry neugierig.
Fred, George und Lee tauschten bedeutungsschwere Blicke.
»So ’ne Stunde hab ich noch nie erlebt«, sagte Fred.
»Er weiß es, Mann«, sagte Lee.
»Weiß was?«, fragte Ron und beugte sich vor.
»Weiß, wie es ist, dort draußen zu sein und es zu tun«, sagte George eindringlich.
»Was zu tun?«, fragte Harry.
»Gegen die schwarzen Magier zu kämpfen«, sagte Fred.
»Er hat alles erlebt«, sagte George.
»Irre«, sagte Lee.
Ron stöberte in seiner Tasche nach dem Stundenplan.
»Wir haben ihn erst am Donnerstag!«, sagte er enttäuscht.
Die Unverzeihlichen Flüche
Die nächsten beiden Tage vergingen ohne größere Zwischenfälle, abgesehen davon, dass Neville in Zaubertränke bereits seinen sechsten Kessel zum Schmelzen brachte. Professor Snape, der im Sommer offenbar neue Höhen der Rachsucht erklommen hatte, ließ ihn nachsitzen, und von dieser Stunde, in der er einen Bottich gehörnter Kröten hatte ausnehmen müssen, kehrte Neville als komplettes Nervenbündel zurück.
»Dir ist doch klar, warum Snape derart übellaunig ist, oder?«, sagte Ron zu Harry, während sie Hermine zusahen, die Neville gerade einen Putzzauber beibrachte, damit er die Kröteninnereien unter seinen Fingernägeln loswurde.
»Jaah«, sagte Harry. »Moody.«
Es war kein Geheimnis, dass Snape in Wahrheit selbst Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste sein wollte, und jetzt hatte er es auch im vierten Jahr nicht geschafft. Snape hatte keinen ihrer bisherigen Lehrer in diesem Fach ausstehen können und daraus auch keinen Hehl gemacht – doch merkwürdigerweise schien er gegen Mad-Eye Moody lieber keine offene Abneigung zeigen zu wollen. Im Gegenteil, immer wenn Harry die beiden zusammen sah – beim Essen oder wenn sie sich auf dem Gang begegneten –, hatte er den deutlichen Eindruck, dass Snape Moodys Blick auswich, ob nun dem magischen oder dem normalen Auge.
»Ich glaube, Snape hat ein wenig Schiss vor ihm«, sagte Harry nachdenklich.
»Stell dir vor, Moody würde Snape in eine gehörnte Kröte verwandeln«, sagte Ron mit verklärtem Blick, »und würde ihn zwischen den Mauern seines Kerkers hin und her klatschen lassen …«
Die Viertklässler von Gryffindor waren so gespannt auf Moodys erste Stunde, dass sie am Donnerstag nach dem Mittagessen viel zu früh vor dem Klassenzimmer erschienen und davor Schlange standen.
Wer fehlte, war Hermine, die schließlich erst in letzter Sekunde auftauchte.
»War in der –«
»– Bibliothek«, ergänzte Harry. »Komm schnell, die besten Plätze sind gleich weg.«
Sie stürzten sich auf drei Stühle direkt vor dem Lehrertisch, nahmen Die dunklen Kräfte – Eine Anleitung zur Selbstverteidigung heraus und warteten ungewöhnlich leise auf das Kommende. Es dauerte gar nicht lange, dann hörten sie dumpfe, pochende Schritte den Gang entlanghallen, und schon kam Moody, unheimlich und Furcht erregend, wie er war, zur Tür herein. Den hölzernen Klauenfuß konnten sie eben noch unter seinem Umhang hervorlugen sehen.
»Die könnt ihr wieder wegstecken«, knurrte er, humpelte zu seinem Tisch und setzte sich, »diese Bücher. Die braucht ihr nicht.«
Sie räumten die Bücher wieder in ihre Taschen und Ron wirkte aufgeregt.
Moody zog eine Liste hervor, schüttelte seine lange grauweiße Haarmähne aus dem zerfurchten und vernarbten Gesicht und begann ihre Namen aufzurufen, wobei sein normales Auge langsam die Liste entlangwanderte, während das magische Auge umherhuschte und jeden Schüler, der sich meldete, scharf ansah.
»Gut denn«, sagte er, nachdem er den Letzten aufgerufen hatte. »Ich habe hier einen Bericht von Professor Lupin über den Wissensstand der Klasse. Sieht aus, als hättet ihr eine recht gründliche Ausbildung im Umgang mit schwarzen Kreaturen – ihr habt Irrwichte, Rotkappen, Hinkepanks, Grindelohs, Kappas und Werwölfe durchgenommen, stimmt das?«
Allseits zustimmendes Murmeln.
»Aber ihr liegt zurück – weit zurück – im Umgang mit Flüchen«, sagte Moody. »Daher will ich euch mal ausführlich beibringen, was Zauberer sich gegenseitig antun können. Ich habe ein Jahr, um euch zu lehren, wie man mit den dunklen –«
»Was, Sie bleiben nicht länger?«, platzte Ron heraus.
Moodys magisches Auge flutschte herum und starrte Ron an; Ron schien aufs Äußerste gespannt, doch einen Moment später breitete sich ein Lächeln auf Moodys Gesicht aus – was Harry noch nie bei ihm gesehen hatte. Sein vernarbtes Gesicht erschien dadurch nur noch zerfurchter und verzerrter, und dennoch war es eine Erleichterung zu sehen, dass er auch zu so etwas Freundlichem wie einem Lächeln fähig war. Ron wirkte, als wäre ihm ein Stein vom Herzen gefallen.
»Du bist doch Arthur Weasleys Sohn, he?«, sagte Moody. »Dein Vater hat mich vor ein paar Tagen aus einer ganz üblen Klemme rausgeholt … ja, ich bleibe nur dieses eine Jahr hier. Und das auch nur, um Dumbledore einen Gefallen zu tun … ein Jahr, und dann kehre ich wieder in den Frieden meines Ruhestands zurück.«
Er lachte rau und schlug die knochigen Hände zusammen.
»Also, legen wir gleich los. Flüche. Es gibt sie in vielen Stärken und Gestalten. Dem Zaubereiministerium zufolge soll ich euch Gegenflüche lehren und es dabei belassen. Eigentlich darf ich euch die verbotenen schwarzen Flüche erst zeigen, wenn ihr in der sechsten Klasse seid. Vorher seid ihr angeblich noch zu jung, um damit fertig zu werden. Aber Professor Dumbledore hält mehr von eurem Nervenkostüm, er denkt, ihr schafft es, und ich sage, je früher ihr wisst, wogegen ihr antretet, desto besser. Wie sollt ihr euch denn gegen etwas verteidigen, was ihr nie gesehen habt? Ein Zauberer, der euch mit einem verbotenen Fluch verhext, wird euch nicht sagen, was er vorhat. Er wird euch dabei ins Gesicht lächeln. Ihr müsst darauf vorbereitet sein. Ihr müsst wachsam sein und ständig auf der Hut. Das sollten Sie lassen, während ich rede, Miss Brown.«
Lavender zuckte zusammen und wurde knallrot. Sie hatte Parvati unter dem Tisch ihr fertiges Horoskop gezeigt. Offenbar konnte Moodys magisches Auge auch durch eine Holzplatte sehen, nicht nur durch seinen Hinterkopf.
»Also … weiß jemand von euch, welche Flüche vom Zaubereigesetz mit den schwersten Strafen belegt werden?«
Ein paar hoben vorsichtig die Hände, darunter auch Ron und Hermine. Moody deutete auf Ron, doch sein magisches Auge fixierte immer noch Lavender.
»Ähm«, sagte Ron zögernd, »mein Dad hat mir von einem erzählt … heißt er Imperius-Fluch oder so?«
»Ah ja«, sagte Moody anerkennend. »Den kennt dein Vater natürlich. Hat dem Ministerium schon mal heftiges Kopfzerbrechen bereitet, dieser Imperius-Fluch.«
Moody stellte sich schwer atmend auf seine ungleichen Füße, öffnete die Schublade seines Tisches und nahm ein Einmachglas heraus. Drei große schwarze Spinnen krabbelten darin herum. Harry spürte, wie Ron neben ihm leicht zurückwich – Ron verabscheute Spinnen.
Moody langte in das Glas, fing eine Spinne ein und legte sie auf seinen Handballen, so dass alle sie sehen konnten.
Dann richtete er seinen Zauberstab auf sie und murmelte: »Imperio!«
Die Spinne schwang sich an einem dünnen Faden von Moodys Hand und begann hin- und herzuschwingen wie an einem Trapez. Sie streckte die Beine aus, legte einen Salto rückwärts ein, riss den Faden durch, landete auf dem Tisch und begann im Kreis Rad zu schlagen. Moody schwang seinen Zauberstab, und die Spinne stellte sich auf zwei Hinterbeine und legte, wie es aussah, einen Stepptanz hin.
Alle lachten – alle außer Moody.
»Lustig, nicht wahr?«, knurrte er. »Würdet ihr es auch lustig finden, wenn ich das mit euch machen würde?«
Das Lachen erstarb mit einem Schlag.
»Vollkommene Unterwerfung«, sagte Moody leise, während die Spinne sich zusammenrollte und über den Tisch kugelte. »Ich könnte sie dazu bringen, aus dem Fenster zu hüpfen, sich zu ersäufen, sich in einen von euren offenen Mündern zu stürzen …«
Ron erschauderte unwillkürlich.
»Vor einigen Jahren gab es eine Menge Hexen und Zauberer, die vom Imperius-Fluch beherrscht waren«, sagte Moody, und Harry wusste, dass er über die Tage sprach, in denen Voldemort auf dem Höhepunkt seiner Macht war.
»War keine leichte Aufgabe fürs Ministerium herauszufinden, wer unterworfen war und wer aus seinem freien Willen heraus handelte.
Der Imperius-Fluch kann bekämpft werden, und ich werde euch beibringen, wie. Doch das verlangt wirkliche Charakterstärke und nicht alle besitzen die. Passt lieber auf, dass ihr nicht zum Opfer dieses Fluchs werdet. IMMER WACHSAM!«, bellte er und alle zuckten zusammen.
Moody hob die Purzelbäume schlagende Spinne hoch und warf sie wieder in das Glas. »Weiß noch jemand einen? Einen verbotenen Fluch?«
Hermines Hand schoss erneut in die Höhe und auch, zu Harrys gelinder Überraschung, die Nevilles. Der einzige Unterricht, in dem Neville freiwillig etwas zum Besten gab, war Kräuterkunde, mit Abstand sein stärkstes Fach. Neville schien von seinem eigenen Wagemut überrascht.
»Ja?«, sagte Moody, und sein magisches Auge machte eine halbe Drehung und fixierte Neville.
»Es gibt noch den … den Cruciatus-Fluch«, sagte Neville leise, aber deutlich.
Moody sah Neville sehr aufmerksam an, diesmal mit beiden Augen.
»Dein Name ist Longbottom?«, sagte er, und sein magisches Auge stieß nach unten, um noch einmal die Liste zu prüfen.
Neville nickte nervös, doch Moody fragte nicht weiter nach. Er wandte sich wieder der Klasse zu, steckte die Hand in das Glas, zog die nächste Spinne heraus und legte sie auf den Tisch, wo sie reglos stehen blieb, offenbar starr vor Angst.
»Der Cruciatus-Fluch«, sagte Moody. »Die muss ein wenig größer werden, damit ihr euch eine Vorstellung davon machen könnt.« Er richtete den Zauberstab auf die Spinne. »Engorgio!«
Die Spinne schwoll an. Sie war jetzt größer als eine Tarantel. Alle falsche Gelassenheit fiel von Ron ab, und er schob seinen Stuhl, so weit er konnte, von Moodys Tisch weg.
Moody hob erneut seinen Zauberstab und richtete ihn gegen die Spinne, dann murmelte er: »Crucio!«
Sofort falteten sich die Beine der Spinne über ihrem Körper zusammen; sie rollte auf den Rücken und begann unter fürchterlichen Krämpfen hin und her zu wippen. Sie gab keinen Laut von sich, doch Harry wusste, wenn sie eine Stimme gehabt hätte, dann hätte sie geschrien. Moody zog seinen Zauberstab nicht zurück und die Spinne begann jetzt noch heftiger zu zittern und zu zucken –
»Aufhören!«, kreischte Hermine.
Harry wandte sich zu ihr um. Hermines Blick galt nicht der Spinne, sondern Neville, und Harry sah jetzt, dass Neville die Hände an die Tischplatte geklammert hatte, die Knöchel weiß, die weit aufgerissenen Augen von Grauen erfüllt.
Moody hob den Zauberstab. Die Beine der Spinne erschlafften, doch sie hörte nicht auf zu zucken.
»Reducio«, murmelte Moody und die Spinne schrumpfte wieder auf ihre normale Größe zusammen. Er steckte sie zurück in das Glas.
»Schmerz«, sagte Moody leise. »Man braucht keine Daumenschrauben oder Messer, um jemanden zu foltern, wenn man den Cruciatus-Fluch beherrscht … auch dieser war einst sehr beliebt. Schön … kennt jemand noch einen?«
Harry sah sich um. Den Gesichtern seiner Mitschüler nach zu schließen, fragten sie sich alle, was mit der letzten Spinne geschehen würde. Hermines Hand zitterte leicht, als sie sich zum dritten Mal meldete.
»Ja?«, sagte Moody und sah sie an.
»Avada Kedavra«, flüsterte Hermine.
Einige Schüler, darunter auch Ron, wandten sich voll Unbehagen zu ihr um.
»Aah«, sagte Moody und ein weiteres leises Lächeln ließ seinen schräg sitzenden Mund zucken. »Ja, der letzte und schlimmste. Avada Kedavra … der tödliche Fluch.«
Er steckte die Hand in das Glas, und als wüsste sie, was ihr bevorstand, krabbelte die dritte Spinne panisch auf dem Boden herum und versuchte Moodys Fingern zu entkommen, doch er schnappte sie und legte sie auf den Tisch, wo sie verzweifelt hin und her lief.
Moody hob den Zauberstab und Harry spürte das jähe Kribbeln einer bösen Vorahnung.
»Avada Kedavra«, donnerte Moody.
Ein gleißend heller grüner Lichtstrahl, ein scharfes Sirren, als ob ein mächtiges, unsichtbares Etwas durch die Luft raste – und im selben Augenblick kullerte die Spinne auf den Rücken, unverletzt, doch offensichtlich tot. Einige Mädchen stießen erstickte Schreie aus; Ron hatte sich nach hinten geworfen und wäre fast vom Stuhl gefallen, als die Spinne auf ihn zurollte.
Moody wischte die tote Spinne vom Tisch.
»Nicht nett«, sagte er gelassen. »Nicht angenehm. Und es gibt keinen Gegenfluch. Man kann ihn nicht abwehren. Wir kennen bislang nur einen Menschen, der ihn überlebt hat, und der sitzt hier vor mir.«
Harry spürte, wie er rot anlief, als Moodys Augen (diesmal beide) in die seinen blickten. Auch die Blicke aller anderen spürte er im Nacken. Harry starrte die leere Tafel an, als ob sie besonders spannend wäre, doch im Grunde sah er sie gar nicht …
So also waren seine Eltern gestorben … genau wie diese Spinne. Waren auch sie ohne die Spur einer Verletzung geblieben? Hatten sie einfach nur den grünen Lichtstrahl gesehen und das Sirren des rasenden Todes gehört, bevor ihr Leben ausgelöscht wurde?
Seit drei Jahren schon stellte sich Harry den Tod seiner Eltern immer wieder vor, seit er herausgefunden hatte, dass sie ermordet worden waren, und wusste, was in jener Nacht geschehen war: dass Wurmschwanz das Versteck seiner Eltern an Voldemort verraten hatte, der sie daraufhin in dem Haus aufgespürt hatte. Dass Voldemort zuerst Harrys Vater getötet hatte. Dass James Potter versucht hatte, ihn aufzuhalten, und seiner Frau zugerufen hatte, Harry an sich zu reißen und zu fliehen … doch Voldemort war auf Lily Potter zugegangen und hatte ihr befohlen, beiseitezutreten, damit er Harry töten konnte … sie hatte ihn angefleht, sie an Harrys statt zu töten, hatte sich geweigert, Harry preiszugeben … und so hatte Voldemort auch sie ermordet und dann den Zauberstab gegen Harry gerichtet …
Harry kannte diese Einzelheiten, weil er die Stimmen seiner Eltern gehört hatte, als er letztes Jahr gegen die Dementoren kämpfte – denn dies war die schreckliche Gabe der Dementoren: Sie zwangen ihre Opfer, die schlimmsten Erinnerungen ihres Lebens noch einmal zu durchleiden und wehrlos in ihrer Verzweiflung zu ertrinken …
Moody begann erneut zu sprechen, doch für Harry klang es wie aus weiter Ferne. Mit äußerster Kraft riss er sich in die Gegenwart zurück, um Moodys Worten zu lauschen.
»Avada Kedavra ist ein Fluch, hinter dem ein mächtiges Stück Magie stehen muss – ihr könntet hier und jetzt eure Zauberstäbe hervorholen, sie auf mich richten und die Worte sagen, und ich würde mir vermutlich nicht mal eine blutige Nase holen. Aber das spielt keine Rolle. Ich bin nicht hier, um euch beizubringen, wie der Fluch funktioniert.
Wenn es keinen Gegenzauber gibt, warum zeige ich euch dann den Fluch? Weil ihr ihn kennen müsst! Ihr müsst das Schlimmste mit eigenen Augen gesehen haben. Ihr wollt euch doch nicht in eine Lage bringen, in der ihr es mit ihm zu tun bekommt. IMMER WACHSAM!«, polterte er und wieder zuckte die ganze Klasse zusammen.
»Nun … diese drei Flüche – Avada Kedavra, Imperius und Cruciatus – nennen wir die Unverzeihlichen Flüche. Wer auch nur einen von ihnen gegen einen Mitmenschen richtet, handelt sich einen lebenslangen Aufenthalt in Askaban ein. Dagegen steht ihr. Den Kampf gegen diese Flüche muss ich euch beibringen. Ihr müsst euch vorbereiten. Ihr müsst euch wappnen. Doch vor allem müsst ihr lernen, in eurer Wachsamkeit niemals nachzulassen. Holt eure Federn raus … und schreibt mit …«
Den Rest der Stunde verbrachten sie damit, sich zu jedem der Unverzeihlichen Flüche Notizen zu machen. Keiner sprach, bis es läutete – doch als Moody sie entlassen hatte und sie draußen vor dem Klassenzimmer standen, brach ein Schwall von Worten aus ihnen heraus. Die meisten redeten mit ängstlicher Stimme über die Flüche – »Hast du gesehen, wie sie gezuckt hat?« – »… und dann hat er sie getötet – einfach so!«
Sie sprachen über die Stunde, fand Harry, als ob sie eine atemberaubende Show gewesen wäre, doch er hatte sie nicht besonders unterhaltsam gefunden – und wie es schien, auch Hermine nicht.
»Beeilt euch«, sagte sie in angespanntem Ton zu Harry und Ron.
»Nicht schon wieder die blöde Bibliothek?«, sagte Ron.
»Nein«, sagte Hermine schroff und deutete in einen Seitengang. »Neville.«
Neville stand allein in der Mitte des Ganges und starrte auf die steinerne Wand gegenüber – mit denselben weit aufgerissenen, grauenerfüllten Augen wie vorhin, als Moody den Cruciatus-Fluch gezeigt hatte.
»Neville?«, sagte Hermine mit sanfter Stimme.
Neville wandte sich um.
»Oh, hallo«, sagte er mit ungewöhnlich hoher Stimme. »Interessante Stunde, nicht wahr? Bin gespannt, was es zu essen gibt, ich … ich verhungere gleich, du auch?«
»Neville, geht’s dir gut?«, fragte Hermine.
»O ja, mir geht’s blendend«, plapperte Neville immer noch mit unnatürlich hoher Stimme. »Sehr interessant, das Abendessen – der Unterricht, meine ich – was gibt’s zu essen?«
Ron warf Harry einen verdutzten Blick zu.
»Neville … was –?«
Doch ein merkwürdig dumpfes Pochen ertönte hinter ihnen, sie wandten sich um und sahen Professor Moody auf sie zuhinken. Alle vier verstummten und sahen ihn beklommen an, doch so leise und sanft wie jetzt hatten sie ihn noch nicht knurren gehört.
»Ist schon gut, Kleiner«, sagte er zu Neville. »Willst du nicht kurz mit mir hoch ins Büro kommen? Keine Sorge … wir trinken zusammen ein Tässchen Tee …«
Die Aussicht auf eine Tasse Tee mit Moody schien Neville noch mehr Angst einzujagen. Er blieb stumm und rührte sich nicht vom Fleck.
Moody ließ sein magisches Auge auf Harry ruhen. »Dir geht’s gut, nicht wahr, Potter?«
»Ja«, sagte Harry, fast herausfordernd.
Moodys blaues Auge zitterte leicht in seiner Höhle, während er Harry mit prüfendem Blick ansah.
»Du musst es erfahren«, sagte er schließlich. »Es kommt dir vielleicht hart vor, aber du musst es erfahren. Hat keinen Sinn, sich was vorzumachen … nun denn … komm mit, Longbottom, ich hab da ein paar Bücher, die dich interessieren werden.«
Neville warf den drei Freunden einen flehenden Blick zu, doch sie sagten kein Wort, und so hatte er keine Wahl, als sich, eine von Moodys knochigen Händen auf der Schulter, mit sanfter Gewalt fortführen zu lassen.
»Was sollte das jetzt wieder?«, sagte Ron, als Neville und Moody um die Ecke verschwunden waren.
»Keine Ahnung«, sagte Hermine mit nachdenklicher Miene.
»Bestimmt ’ne Lektion für uns, oder?«, sagte Ron zu Harry auf dem Weg zur Großen Halle. »Fred und George hatten Recht, siehst du? Er kennt sich wirklich aus, dieser Moody. Wie er Avada Kedavra gebracht hat und diese Spinne dann tot umgefallen ist, so einfach den Löffel abgegeben hat –«
Doch Ron verstummte, als er den Ausdruck auf Harrys Gesicht sah, und sprach erst wieder, als sie in die Große Halle gelangten, wo er vorschlug, am Abend schon mal mit den Voraussagen für Professor Trelawney anzufangen, da sie sicher Stunden dafür brauchen würden.
Hermine hielt sich aus dem Gespräch zwischen Harry und Ron heraus, putzte in aller Hast ihren Teller leer und stürzte dann wieder in Richtung Bibliothek davon. Harry und Ron schlenderten zurück in den Gryffindor-Turm, und Harry, der beim Essen an nichts anderes gedacht hatte, sprach jetzt selbst die Sache mit den Unverzeihlichen Flüchen an.
»Würden Moody und Dumbledore nicht Schwierigkeiten mit dem Ministerium kriegen, wenn die erfahren, dass wir die Flüche gesehen haben?«, fragte Harry, als sie auf die fette Dame zugingen.
»Jaah, ziemlich sicher«, sagte Ron. »Aber Dumbledore hat immer seinen eigenen Kopf durchgesetzt, und Moody hat, glaube ich, schon seit Jahren Schwierigkeiten mit denen. Greift erst an und stellt dann Fragen – denk nur an seine Mülleimer. Quatsch.«
Die fette Dame klappte zur Seite und gab das Eingangsloch frei, und sie kletterten in den Gemeinschaftsraum der Gryffindors, der heute Abend überfüllt und lärmig war.
»Also, wie wär’s mit dem Wahrsagekram?«, sagte Harry.
»Muss wohl sein«, stöhnte Ron.
Sie gingen hoch in den Schlafsaal, um ihre Bücher und Karten zu holen, und fanden dort Neville allein auf dem Bett sitzend und lesend. Er sah um einiges ruhiger aus als nach Moodys Unterricht, wenn auch noch nicht ganz beisammen. Seine Augen waren noch ziemlich rot.
»Geht’s dir gut, Neville?«, fragte Harry.
»Ja, ja«, sagte Neville, »mir geht’s gut, danke. Ich lese gerade dieses Buch, das mir Professor Moody geliehen hat …«
Er hielt das Buch hoch: Magische Wasserpflanzen des Mittelmeeres und ihre Wirkungen.
»Professor Sprout hat nämlich Professor Moody erzählt, dass ich in Kräuterkunde wirklich gut bin«, sagte Neville. In seiner Stimme lag ein Hauch von Stolz, den Harry bei ihm kaum einmal wahrgenommen hatte. »Er dachte, dieses Buch würde mir gefallen.«
Neville zu sagen, was Professor Sprout berichtet hatte, war eine sehr taktvolle Art, ihn aufzumuntern, fand Harry, denn Neville bekam sehr selten zu hören, dass er in irgendetwas gut sei. Auf diese Weise hätte es auch Professor Lupin versucht.
Harry und Ron nahmen ihre Exemplare von Entnebelung der Zukunft mit nach unten, suchten sich einen freien Tisch und machten sich an ihre Vorhersagen für den kommenden Monat. Eine Stunde später war ihr Tisch zwar übersät mit Pergamentblättern voll Zahlen und Symbolen, und Harrys Kopf war vernebelt, als wäre er gefüllt mit den Ausdünstungen von Professor Trelawneys Feuer, doch eigentlich waren sie kaum vorangekommen.
»Ich hab keinen Schimmer, was dieses Zeug hier bedeuten soll«, sagte er und starrte auf eine lange Liste mit Zahlen und Formeln.
»Weißt du was«, sagte Ron, dem die Haare zu Berge standen, weil er vor Ärger ständig mit den Fingern durch seinen Schopf fuhr, »ich glaube, wir probieren es mal wieder mit unserer alten Wahrsagekrücke.«
»Wie bitte – das Ganze erfinden?«
»Ja«, sagte Ron, wischte das Gewirr bekritzelter Pergamente vom Tisch, stippte seine Feder ins Tintenfass und begann zu schreiben.
»Am nächsten Montag«, sagte er eifrig kritzelnd, »werd ich wahrscheinlich einen Schnupfen kriegen, und zwar weil Mars und Jupiter ganz ungünstig zueinander stehen.« Er sah zu Harry auf. »Du kennst sie doch – misch ’ne hübsche Portion Elend rein, und sie leckt es dir aus der Hand.«
»Stimmt«, sagte Harry, knüllte seinen ersten Versuch zusammen und warf den Pergamentball über die Köpfe einiger schnatternder Erstklässler hinweg ins Feuer. »Gut … am Montag gerate ich in Gefahr – ähm –, mich zu verbrennen.«
»Da kannst du Gift drauf nehmen«, sagte Ron mit finsterem Blick, »am Montag sehen wir die Kröter wieder. Schön, am Dienstag werd ich dann … ähm …«
»Etwas verlieren, das dir lieb und teuer ist«, sagte Harry, der auf der Suche nach Anregungen durch Entnebelung der Zukunft blätterte.
»Gute Idee«, sagte Ron und schrieb sie auf. »Wegen … ähm … Merkur. Wie wär’s, wenn dir jemand, den du für einen Freund gehalten hast, ein Messer in den Rücken stößt?«
»Jaah … cool …«, sagte Harry und ließ die Feder kratzen, »weil … Venus im zwölften Haus steht.«
»Und am Mittwoch, glaub ich, krieg ich bei einer Prügelei was auf die Nase.«
»Aaah, eigentlich wollte ich mich prügeln. Gut, dann verlier ich eine Wette.«
»Ja, du wettest, dass ich die Prügelei gewinne …«
So strickten sie noch eine Stunde weiter an ihren Vorhersagen (die immer tragischer wurden), während die anderen allmählich schlafen gingen.
Krummbein kam zu ihnen herübergeschlenzt, sprang leichtfüßig auf einen leeren Stuhl und starrte Harry mit unergründlichen Augen an, ganz so, wie Hermine schauen würde, wenn sie gewusst hätte, dass sie ihre Hausaufgaben nicht ordentlich erledigten.
Harry ließ den Blick durch das Zimmer schweifen und versuchte sich ein Unglück einfallen zu lassen, das er noch nicht aufgebraucht hatte, da sah er Fred und George an der Wand gegenüber sitzen, die Köpfe zusammengesteckt und mit gezückten Federn über einem Pergament brütend. Man sah die beiden nur ganz selten in einer Ecke versteckt und stumm bei der Arbeit; meist liebten sie den Trubel und waren dann auch der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Wie sie da gemeinsam an ihrem Pergament arbeiteten, hatten sie etwas Geheimnistuerisches an sich, und Harry fiel ein, dass sie schon im Fuchsbau zusammengesessen und etwas geschrieben hatten. Damals hatte er gedacht, es ginge um ein neues Bestellformular für Weasleys Zauberhafte Zauberscherze, doch diesmal sah es nicht danach aus, denn sonst hätten sie gewiss Lee Jordan an dem Spaß beteiligt. Er fragte sich, ob es etwas mit dem Versuch zu tun hatte, am Trimagischen Turnier teilzunehmen.
Harry sah jetzt, wie George den Kopf schüttelte, mit seiner Feder etwas durchstrich und mit ganz leiser Stimme, die dennoch durch den fast leeren Raum herüberwehte, zu Fred sagte: »Nein – das klingt, als würden wir ihn beschuldigen. Wir müssen vorsichtig sein …«
Dann sah George auf und bemerkte, dass Harry sie beobachtete. Harry grinste und wandte sich rasch wieder seinen Vorhersagen zu – er wollte nicht, dass George dachte, er würde lauschen. Kurz danach rollten die Zwillinge ihr Pergament zusammen, sagten gute Nacht und gingen zu Bett.
Die beiden waren gerade zehn Minuten fort, als das Porträtloch aufging und Hermine in den Gemeinschaftsraum kletterte, in der einen Hand ein Blatt Pergament und in der anderen ein Kästchen mit schepperndem Inhalt.
Krummbein machte einen Buckel und schnurrte.
»Hallo«, sagte sie, »ich bin gerade fertig geworden!«
»Ich auch!«, sagte Ron ausgelassen und warf seine Feder hin.
Hermine setzte sich, legte ihre Sachen auf einen leeren Sessel und zog das Blatt mit Rons Voraussagen zu sich her.
»Wird kein besonders guter Monat für dich, oder?«, sagte sie mit schrägem Lächeln, während Krummbein es sich auf ihrem Schoß gemütlich machte.
»Tjaah, wenigstens bin ich vorgewarnt«, gähnte Ron.
»Sieht aus, als ob du zweimal ertrinkst«, sagte Hermine.
»Ach nein, wirklich?«, sagte Ron und warf einen Blick auf seine Vorhersagen. »Dann ändere ich das eine lieber in Zertrampeltwerden von einem wild gewordenen Hippogreif.«
»Meinst du nicht, jeder merkt, dass ihr alles erfunden habt?«, fragte Hermine.
»Wie kannst du nur so etwas sagen!«, rief Ron mit gespielter Entrüstung. »Wir haben hier geschuftet wie die Hauselfen!«
Hermine hob die Brauen.
»Ist doch nur so ’ne Redewendung«, sagte Ron hastig.
Auch Harry legte jetzt seine Feder weg, nachdem er zum guten Schluss seinen Tod durch Enthauptung vorausgesagt hatte.
»Was ist dadrin?«, fragte er und deutete auf das Kästchen.
»So ’n Zufall, dass du fragst«, sagte Hermine und warf Ron einen garstigen Blick zu. Sie hob den Deckel des Kästchens ab.
Darin lagen etwa fünfzig Anstecker in verschiedenen Farben, doch alle mit derselben Aufschrift: B.ELFE.R.
»Belfer?«, sagte Harry, nahm einen Anstecker und betrachtete ihn. »Was ist das?«
»Nicht Belfer«, sagte Hermine höchst ungehalten. »Es heißt B-ELFE-R, Bund für ELFEnRechte.«
»Nie davon gehört«, sagte Ron.
»Natürlich nicht«, fauchte Hermine, »ich hab ihn eben erst gegründet.«
»Ach ja?«, sagte Ron milde überrascht. »Wie viele Mitglieder hat er?«
»Na ja – wenn ihr mitmacht – drei«, sagte Hermine.
»Und du glaubst im Ernst, wir wollen mit Ansteckern rumlaufen, auf denen ›Belfer‹ steht?«
»B-ELFE-R!«, zürnte Hermine. »Zuerst hatte ich ›Stoppt die schändliche Misshandlung unserer magischen Mitgeschöpfe – Bewegung zur Stärkung der Elfenrechte‹, aber das hat nicht draufgepasst. Dafür ist es jetzt der Titel unseres Manifests.«
Sie wedelte mit dem Pergament unter ihren Nasen. »Ich hab in der Bibliothek gründlich nachgeforscht. Die Elfenversklavung reicht schon Jahrhunderte zurück. Ich kann einfach nicht fassen, dass bisher niemand was dagegen unternommen hat.«
»Hermine – nun hör mal gut zu«, sagte Ron laut. »Sie. Mögen. Es. Sie mögen es, versklavt zu sein!«
»Unser kurzfristiges Ziel«, sagte Hermine, noch lauter sogar als Ron und scheinbar ohne ein Wort gehört zu haben, »ist die Durchsetzung fairer Löhne und Arbeitsbedingungen. Zu unseren langfristigen Zielen gehört die Änderung des Gesetzes über den Nichtgebrauch von Zauberstäben und der Versuch, eine Elfe in die Abteilung zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe zu bringen, denn dort sind sie skandalös schlecht vertreten.«
»Und wie stellen wir das an?«, fragte Harry.
»Zuerst mal werben wir Mitglieder an«, sagte Hermine munter. »Ich dachte an zwei Sickel für die Mitgliedschaft – dafür gibt es einen Anstecker – und mit dem Erlös können wir unsere Flugblattkampagne bezahlen. Du bist der Schatzmeister, Ron – oben hab ich für dich eine Sammelbüchse –, und Harry, du bist der Sekretär, also wär’s am besten, wenn du alles mitschreibst, was ich jetzt sage, um unser erstes Treffen festzuhalten.«
Eine Pause trat ein, in der Hermine die beiden anstrahlte und Harry nur dasaß, hin- und hergerissen zwischen Ärger über Hermine und Belustigung über Rons Miene. Nicht Ron brach das Schweigen, der ohnehin aussah, als hätte es ihm zeitweilig die Sprache verschlagen, sondern ein leises tok, tok am Fenster. Harry spähte durch den inzwischen leeren Gemeinschaftsraum und sah eine ins Mondlicht getauchte Schneeeule auf dem Fenstersims hocken.
»Hedwig!«, rief er, sprang aus dem Sessel, stürmte hinüber und riss das Fenster auf.
Hedwig flog herein, schwebte durch den Raum und ließ sich auf dem Tisch mit Harrys Vorhersagen nieder.
»Wird langsam Zeit!«, sagte Harry und rannte ihr nach.
»Sie hat eine Antwort!«, sagte Ron aufgeregt und deutete auf das schmuddelige Stück Pergament, das an Hedwigs Bein gebunden war. Hastig knüpfte Harry das Pergament los und setzte sich, um es zu lesen, woraufhin Hedwig ihm aufs Knie flatterte und leise schuhuhte.
»Was schreibt er?«, fragte Hermine atemlos.
Der Brief war sehr kurz und sah aus, als wäre er in großer Hast hingekritzelt worden. Harry las ihn laut vor:
Harry,
ich fliege sofort nach Norden. Diese Neuigkeit über deine Narbe ist nur das letzte Glied in einer Kette merkwürdiger Gerüchte, die mir hier zu Ohren gekommen sind. Wenn sie wieder anfängt zu schmerzen, geh unverzüglich zu Dumbledore – es heißt, er habe Mad-Eye aus dem Ruhestand zurückgeholt, was bedeutet, dass wenigstens er, wenn auch sonst keiner, die Zeichen liest.
Ich melde mich bald. Meine besten Wünsche an Ron und Hermine. Halt die Augen offen, Harry.
Sirius
Harry sah zu Ron und Hermine auf, die ihn mit großen Augen anstarrten.
»Er fliegt nach Norden?«, flüsterte Hermine. »Er kommt zurück?«
»Was sind das für Zeichen, die Dumbledore liest?«, fragte Ron vollkommen perplex. »Harry, was ist los mit dir?«
Harry hatte sich gerade mit der Faust gegen die Stirn geschlagen und Hedwig aus seinem Schoß geworfen.
»Ich hätt’s ihm nicht sagen sollen!«, rief er wütend.
»Wovon redest du eigentlich?«, sagte Ron verdutzt.
»Jetzt denkt er, er muss zurückkommen!«, sagte Harry und donnerte seine Faust so heftig auf den Tisch, dass Hedwig auf Rons Stuhllehne flatterte und entrüstet schrie. »Zurückkommen, weil er glaubt, ich sei in Schwierigkeiten! Aber mir geht’s doch gut! Und für dich hab ich nichts«, fauchte er Hedwig an, die erwartungsvoll mit dem Schnabel klackerte, »da musst du schon hoch in die Eulerei, wenn du was zu fressen willst.«
Hedwig warf ihm einen zutiefst beleidigten Blick zu, erwischte ihn mit ausgebreitetem Flügel unsanft am Kopf und flog zum offenen Fenster hinaus.
»Harry –«, setzte Hermine beschwichtigend an.
»Ich geh schlafen«, sagte Harry barsch. »Bis morgen früh dann.«
Oben im Schlafsaal zog er seinen Pyjama an und legte sich ins Himmelbett, doch er spürte nicht die geringste Müdigkeit.
Wenn Sirius zurückkäme und gefasst würde, wäre es seine, Harrys, Schuld. Warum hatte er nicht den Mund gehalten? Ein paar Sekunden Schmerz und er musste gleich losjammern … hätte er nur kühlen Kopf bewahrt und alles für sich behalten …
Kurze Zeit später hörte er Ron in den Schlafsaal kommen, doch er sprach ihn nicht an. Lange lag Harry wach und starrte auf den dunklen Baldachin über seinem Bett. Im Schlafsaal herrschte vollkommene Stille, und wäre Harry nicht so tief in Gedanken versunken gewesen, wäre ihm aufgefallen, dass Neville nicht wie üblich schnarchte und er daher nicht der Einzige war, der keinen Schlaf fand.
Beauxbatons und Durmstrang
Als hätte Harrys Kopf im Schlaf unermüdlich gearbeitet, erwachte er früh am nächsten Morgen mit einem glasklaren Plan im Sinn. Er stand auf, zog sich im blassen Dämmerlicht an und ging dann, ohne Ron zu wecken, hinunter in den verlassenen Gemeinschaftsraum. Er nahm ein Blatt Pergament vom Tisch, auf dem noch seine Hausaufgaben für Wahrsagen lagen, und schrieb den folgenden Brief:
Lieber Sirius,
ich glaube, ich habe mir nur eingebildet, dass meine Narbe wehtat, ich war noch ziemlich verpennt, als ich dir diesen Brief schrieb. Es hat keinen Zweck, dass du zurückkommst, hier ist alles in Ordnung. Mach dir keine Sorgen um mich, mein Kopf fühlt sich ganz normal an.
Harry
Dann kletterte er aus dem Porträtloch, stieg die Treppen des noch im Schlaf liegenden Schlosses hoch (nur ganz kurz von Peeves aufgehalten, der ihm in einem Korridor im vierten Stock eine große Vase über den Kopf stülpen wollte), bis er schließlich in die Eulerei in der Spitze des Westturms gelangte. Die Eulerei war ein kreisrunder Raum mit steinernen Wänden, und da die Fenster keine Scheiben hatten, war er recht kalt und zugig. Der strohbedeckte Boden war übersät mit Eulenmist und ausgewürgten Knochen von Mäusen und Maulwürfen. Hunderte von Eulen jeder erdenklichen Art hockten hier auf den Stangen, die sich bis hoch zum Turmgebälk zogen, und fast alle schliefen, auch wenn hie und da ein rundes Bernsteinauge Harry mit scharfem Blick folgte. Jetzt sah er auch Hedwig behaglich zwischen einer Schleiereule und einem Waldkauz schlafen, und er ging hastig zu ihr hinüber, wobei er fast auf dem mit Vogelkot übersäten Boden ausgerutscht wäre. Es dauerte eine Weile, bis er sie dazu bringen konnte, aufzuwachen und ihn überhaupt anzusehen, denn zunächst trippelte sie auf ihrer Stange umher und zeigte ihm nur den Schwanz. Offensichtlich war sie immer noch gekränkt wegen seiner undankbaren Art am Abend zuvor. Am Ende schaffte es Harry dann doch, sie zu überzeugen, indem er laut überlegte, dass sie wohl zu müde sei und er Ron bitten würde, ihm Pigwidgeon zu leihen; daraufhin streckte sie ein Bein aus und ließ ihn den Brief daran festbinden.
»Du findest ihn, nicht wahr?«, sagte Harry und streichelte ihr übers Gefieder, während er sie auf dem Arm zu einer der Mauerluken trug. »Bevor die Dementoren ihn finden.«
Sie kniff ihm in den Finger, vielleicht ein wenig kräftiger als sonst, schuhuhte jedoch leise, als wollte sie ihn trotz allem beruhigen. Dann breitete sie ihre Flügel aus und flatterte in den Sonnenaufgang hinein. Harry sah ihr mit dem schon vertrauten flauen Gefühl im Magen nach, bis sie verschwunden war. Er war sich so sicher gewesen, dass Sirius’ Antwort seine Sorgen lindern und nicht noch steigern würde.
»Das war eine Lüge, Harry«, sagte Hermine in scharfem Ton beim Frühstück, als er ihr und Ron von seinem Brief erzählt hatte. »Du hast dir nicht bloß eingebildet, dass deine Narbe wehtat, das weißt du genau.«
»Na und?«, sagte Harry. »Meinetwegen soll er jedenfalls nicht wieder in Askaban landen.«
»Lass stecken«, fuhr Ron Hermine an, als sie den Mund öffnete, um noch ein wenig weiterzustreiten; und ausnahmsweise folgte ihm Hermine und verstummte.
Während der nächsten Wochen mühte sich Harry nach Kräften, sich keine Sorgen über Sirius zu machen. Gewiss, er konnte es einfach nicht lassen, mit bangem Gefühl aufzusehen, wenn am Morgen die Posteulen ankamen, noch konnte er verhindern, dass spät am Abend, bevor er einschlief, grauenhafte Bilder an seinem inneren Auge vorbeizogen, Bilder von Sirius, wie er in irgendeiner dunklen Londoner Straße von Dementoren in die Enge getrieben wurde. Doch ansonsten gab er sich Mühe, nicht an seinen Paten zu denken. Könnte er doch nur Quidditch spielen, um sich abzulenken; nichts hätte seinem aufgewühlten Gemüt so gutgetan wie eine harte, fetzige Trainingsstunde. Andererseits war der Unterricht jetzt so anspruchsvoll und schwierig wie nie zuvor, besonders in Verteidigung gegen die dunklen Künste.
Zu ihrer Überraschung hatte Professor Moody angekündigt, dass er jeden Einzelnen von ihnen mit dem Imperius-Fluch belegen würde, um dessen Macht zu zeigen und zu prüfen, ob sie sich gegen seine Wirkungen zur Wehr setzen konnten.
»Aber, Sie sagten doch, er sei verboten, Professor«, sagte Hermine verunsichert, als Moody mit einem Schwung seines Zauberstabs die Tische fortrücken ließ und sich einen großen freien Platz in der Mitte des Raumes verschaffte. »Sie sagten – ihn gegen einen anderen Menschen einzusetzen, sei –«
»Dumbledore will, dass ich euch beibringe, wie es sich anfühlt«, sagte Moody, und sein magisches Auge schwamm zu Hermine hin und fixierte sie mit schaurigem Blick, ohne ein einziges Mal zu blinzeln. »Wenn du es lieber auf die harte Tour lernen willst – wenn dich jemand damit überrascht und dich vollkommen unterwirft –, mir soll es recht sein. Du bist entschuldigt. Da geht’s raus.«
Er wies mit seinem knochigen Finger zur Tür. Hermine lief rosa an und murmelte etwas von wegen, das hätte sie so nicht gemeint. Harry und Ron grinsten sich zu. Sie wussten, dass Hermine lieber Bubotubler-Eiter schlürfen würde, als eine so wichtige Unterrichtsstunde zu verpassen.
Moody ließ sie der Reihe nach vortreten und belegte sie mit dem Imperius-Fluch. Harry beobachtete, wie seine Mitschüler unter Moodys Einfluss die erstaunlichsten Dinge vollführten. Dean Thomas hüpfte dreimal im Kreis durchs Zimmer und sang dabei die Nationalhymne. Lavender Brown ahmte ein Eichhörnchen nach. Neville zeigte eine Reihe ganz verblüffender Gymnastikübungen, bei denen er ansonsten sicher zusammengeklappt wäre. Nicht einer von ihnen schien fähig zu sein, den Fluch abzuwehren, und alle erholten sich erst, als Moody ihn wieder aufhob.
»Potter«, knurrte Moody, »du bist dran.«
Harry trat vor in die Mitte des Klassenzimmers, wo Moody Platz geschaffen hatte. Moody hob den Zauberstab, richtete ihn auf Harry und sagte: »Imperio.« Es war ein höchst wundersames Gefühl. Harry glaubte zu schweben, jeder Gedanke, alle Sorgen, die ihn umtrieben, waren wie von sanfter Hand weggewischt, und zurück blieb nur ein vages, unergründliches Glücksgefühl. Da stand er, unendlich entspannt, nur leise ahnend, dass alle ihn ansahen. Und dann hörte er Mad-Eye Moodys Stimme in einer fernen Kammer seines leeren Kopfes widerhallen: »Spring auf den Tisch … spring auf den Tisch …« Harry ging folgsam in die Knie und setzte zum Sprung an.
»Spring auf den Tisch …«
Warum eigentlich?
Eine andere Stimme, weit hinten in seinem Kopf, war erwacht. »Wär doch ziemlich bescheuert, das zu tun«, sagte die Stimme.
»Spring auf den Tisch …«
»Nein, das werd ich lieber nicht tun, danke«, sagte die andere Stimme, ein wenig fester … »Nein, ich will nicht wirklich …«
»Spring! Sofort.«
Was Harry als Nächstes spürte, war ein heftiger Schmerz. Er war gesprungen und hatte zugleich versucht sich davon abzuhalten – woraufhin er mit dem Kopf auf den Tisch geschlagen war, ihn umgeworfen hatte und sich, nach dem Gefühl in seinen Beinen zu schließen, auch noch beide Kniescheiben zertrümmert hatte.
»Nun, das war doch schon mal was!«, hörte er Moodys knurrende Stimme, und plötzlich spürte Harry, wie das leere, hallende Gefühl in seinem Kopf verschwand. Er erinnerte sich genau daran, was passiert war, und der Schmerz in seinen Knien schien sich noch zu verdoppeln.
»Schaut euch das an, ihr Rasselbande … Potter hat gekämpft! Er hat gegen den Fluch angekämpft und ihn verdammt noch mal fast gebrochen! Wir versuchen’s noch mal, Potter, und die anderen passen gut auf – schaut ihm in die Augen, da seht ihr’s – sehr gut, Potter, wirklich sehr gut! Die werden Schwierigkeiten haben, dich zu unterwerfen!«
»So, wie er redet«, murmelte Harry, als er eine Stunde später aus dem Klassenzimmer humpelte (Moody hatte darauf bestanden, Harry viermal in Folge an seine Grenzen gehen zu lassen, bis er schließlich den Fluch vollkommen abschütteln konnte), »so, wie er redet, sollte man meinen, wir könnten jeden Augenblick angegriffen werden.«
»Ja, ich weiß«, sagte Ron, der immer noch bei jedem zweiten Schritt hüpfte. Er hatte viel mehr Probleme mit dem Fluch gehabt als Harry, doch Moody versicherte ihm, die Wirkung würde bis zum Mittagessen abklingen. »Wenn wir schon beim Verfolgungswahn sind …«, Ron sah nervös über die Schulter, ob Moody auch ja außer Hörweite war, und fuhr fort: »Kein Wunder, dass sie im Ministerium froh waren, ihn loszuwerden. Hast du gehört, wie er Seamus erzählt hat, was er mit dieser Hexe angestellt hat, die am ersten April hinter seinem Rücken ›Buuh‹ gerufen hat? Und wann sollen wir denn alles über den Widerstand gegen den Imperius-Fluch nachlesen, wenn wir ohnehin so viel zu tun haben?«
Allen Viertklässlern war aufgefallen, dass sie dieses Jahr eine ganze Menge mehr arbeiten mussten. Professor McGonagall erklärte ihnen auch, warum, als die Klasse in Verwandlung mit besonders lautem Stöhnen und Ächzen auf eine neue Ladung Hausaufgaben reagiert hatte.
»Für Sie beginnt jetzt eine besonders wichtige Zeit in Ihrer Ausbildung als Zauberer!«, verkündete sie und die Augen hinter ihren quadratischen Brillengläsern glitzerten gefährlich. »Ihre Prüfungen für die ZAGs stehen bevor –«
»Wir kriegen die ZAGs doch erst im fünften Jahr!«, sagte Dean Thomas entrüstet.
»Das mag sein, Thomas, aber glauben Sie mir, Sie brauchen alle Vorbereitung, die Sie bekommen können! Miss Granger ist bis heute die Einzige in der Klasse, die es schafft, einen Igel in ein gewöhnliches Nadelkissen zu verwandeln. Ich darf Sie daran erinnern, Thomas, dass Ihr Kissen sich immer noch vor Angst zusammenrollt, wenn sich jemand mit einer Nadel nähert!«
Hermine war wieder einmal rosa angelaufen und schien sich zu bemühen, nicht allzu geschmeichelt auszusehen.
Harry und Ron amüsierten sich köstlich, als Professor Trelawney in der nächsten Wahrsagestunde verkündete, sie hätten für ihre Vorhersagen Spitzennoten bekommen. Sie las ausgiebig aus ihren Arbeiten vor und lobte sie für ihren unerschrockenen Blick auf die Schrecken, die ihnen ins Haus standen – weniger erfreut waren sie jedoch, als Professor Trelawney ihnen aufgab, das Gleiche noch einmal für den übernächsten Monat zu machen; allmählich gingen den beiden die Ideen aus.
Unterdessen ließ sie Professor Binns, der Geist, der Geschichte der Zauberei lehrte, jede Woche einen Aufsatz über die Kobold-Aufstände im achtzehnten Jahrhundert schreiben. Professor Snape zwang sie, Gegengifte zu erforschen. Das nahmen sie sehr ernst, denn er deutete an, er könnte ja einen von ihnen noch vor Weihnachten vergiften, um festzustellen, ob das Gegengift wirke. Professor Flitwick verlangte von ihnen, zur Vorbereitung auf den Unterricht über Aufrufe- und Sammelzauber noch drei weitere Bücher nebenher zu lesen.
Selbst Hagrid bürdete ihnen zusätzliche Lasten auf. Die Knallrümpfigen Kröter wuchsen erstaunlich schnell, wenn man bedachte, dass noch keiner herausgefunden hatte, was sie fraßen. Hagrid war es eine Wonne, und er schlug »im Rahmen ihres Projekts« vor, sie sollten doch jeden zweiten Abend zu seiner Hütte herunterkommen, um die Kröter zu beobachten und sich Notizen über ihr eigenartiges Verhalten zu machen.
»Ich jedenfalls nicht«, sagte Draco Malfoy lustlos, nachdem Hagrid ihnen diesen Vorschlag mit der Miene eines Weihnachtsmannes gemacht hatte, der ein besonders großes Päckchen aus dem Sack zieht. »Ich seh im Unterricht genug von diesen widerlichen Dingern, danke.«
Hagrids Lächeln erstarb.
»Du tust, was man dir sagt«, knurrte er, »oder ich nehm mir mal ein Beispiel an Professor Moody … hab gehört, du gibst ’n niedliches Frettchen ab, Malfoy.«
Die Gryffindors lachten schallend. Malfoy errötete vor Zorn, doch offenbar war die Erinnerung an die Bestrafung durch Moody immer noch schmerzhaft genug, um ihm den Mund zu versiegeln. Harry, Ron und Hermine kehrten nach dem Unterricht bestens gelaunt in das Schloss zurück; zu erleben, wie Hagrid Malfoy in die Schranken wies, war eine Genugtuung gewesen, vor allem, da Malfoy sich im letzten Jahr nach Kräften bemüht hatte, Hagrid aus der Schule werfen zu lassen.
In der Eingangshalle gerieten sie in ein dichtes Gewühle von Mitschülern, die sich alle um ein großes Schild drängelten, das am Fuß der Marmortreppe aufgestellt worden war. Ron, der Längste der drei, lugte auf Zehenspitzen stehend über die Köpfe hinweg und las den anderen beiden vor, was auf dem Schild stand.
Trimagisches Turnier
Die Abordnungen aus Beauxbatons und Durmstrang kommen am Freitag, den 30. Oktober, um sechs Uhr nachmittags an. Der Unterricht endet eine halbe Stunde früher.
»Toll!«, sagte Harry. »In der letzten Stunde am Freitag haben wir Zaubertränke! Dann hat Snape wenigstens keine Zeit mehr, uns alle zu vergiften!«
Die Schüler werden gebeten, Taschen und Bücher in die Schlafräume zu bringen und sich vor dem Schloss zu versammeln, um unsere Gäste vor dem Willkommensfest zu begrüßen.
»Nur noch eine Woche!«, sagte Ernie Macmillan von den Hufflepuffs, der mit glänzenden Augen aus der Menge auftauchte. »Ob Cedric das schon weiß? Ich glaub, ich geh und sag’s ihm …«
»Cedric?«, sagte Ron mit ahnungslosem Gesicht, als Ernie davonrannte.
»Diggory«, sagte Harry. »Er wird sicher am Turnier teilnehmen.«
»Dieser Idiot soll Hogwarts-Champion werden?«, sagte Ron, während sie sich durch die plappernde Menge zur Treppe schoben.
»Er ist kein Idiot, du kannst ihn nur nicht ausstehen, weil er Gryffindor im Quidditch geschlagen hat«, sagte Hermine. »Ich hab gehört, er sei richtig gut im Unterricht – und er ist Vertrauensschüler.«
Sie sprach, als ob die Angelegenheit damit erledigt wäre.
»Du magst ihn doch nur, weil er hübsch ist«, sagte Ron spöttisch.
»Entschuldige mal, ich mag niemanden, nur weil er hübsch ist!«, sagte Hermine entrüstet.
Ron ließ ein falsches Hüsteln hören, das merkwürdigerweise wie »Lockhart!« klang.
Das Schild in der Eingangshalle hatte erstaunliche Wirkung auf die Bewohner des Schlosses. In der folgenden Woche schien es, gleich, wo Harry hinkam, nur ein Thema zu geben: das Trimagische Turnier. Gerüchte flogen von Schüler zu Schüler wie ansteckende Bazillen: Wer würde für Hogwarts ins Rennen gehen, welche Turnieraufgaben warteten auf ihn oder sie, waren die Schüler von Beauxbatons und Durmstrang anders als die von Hogwarts? Harry bemerkte auch, dass im Schloss besonders gründlich geputzt wurde. Mehrere rußüberzogene Gemälde wurden geschrubbt, zum großen Missvergnügen der Abgebildeten, die in ihren Rahmen kauerten und zusammenzuckten, wenn sie ihre frisch gewaschenen rosa Gesichter berührten. Die Rüstungen glänzten auf einmal und quietschten nicht bei jeder Bewegung, und Argus Filch, der Hausmeister, bekam jedes Mal, wenn jemand vergaß, sich die Schuhe abzuputzen, einen derartigen Wutanfall, dass zwei Mädchen aus der ersten Klasse vor Angst Schreikrämpfe bekamen. Auch die Mitglieder des Lehrkörpers schienen merkwürdig angespannt.
»Longbottom, seien Sie so nett und zeigen Sie den Leuten von Durmstrang ja nicht, dass Sie nicht einmal einen einfachen Verwandlungszauber beherrschen!«, blaffte Professor McGonagall Neville am Ende einer besonders schwierigen Stunde an, während deren er versehentlich seine eigenen Ohren auf einen Kaktus verpflanzt hatte.
Als sie am Morgen des dreißigsten Oktober zum Frühstück hinuntergingen, stellten sie fest, dass die Große Halle über Nacht geschmückt worden war. Riesige seidene Banner hingen an den Wänden, eines für jedes Hogwarts-Haus – ein goldener Löwe auf rotem Grund für Gryffindor, ein bronzener Adler auf Blau für Ravenclaw, ein schwarzer Dachs auf Gelb für Hufflepuff und eine silberne Schlange auf grünem Grund für Slytherin. Hinter dem Lehrertisch prangte auf dem größten Banner das Wappen von Hogwarts: Löwe, Adler, Dachs und Schlange um den großen Buchstaben »H«.
Harry, Ron und Hermine sahen schon vom Eingang aus Fred und George am Gryffindor-Tisch sitzen. Wieder einmal saßen sie abseits von den anderen und unterhielten sich flüsternd. Ron ging den anderen voraus auf sie zu.
»Es ist ein Reinfall, zugegeben«, sagte George mit trübseliger Miene zu Fred. »Aber wenn er nicht persönlich mit uns sprechen will, müssen wir ihm doch den Brief schicken. Oder wir drücken ihn ihm in die Hand, er kann uns ja nicht ewig aus dem Weg gehen.«
»Wer geht euch aus dem Weg?«, fragte Ron und setzte sich zu ihnen.
»Ich wünschte, du«, sagte Fred, verärgert über die Unterbrechung.
»Was ist ein Reinfall?«, fragte Ron George.
»’nen naseweisen Kerl wie dich als Bruder zu haben«, sagte George.
»Habt ihr beide schon irgendwelche Ideen, was ihr beim Trimagischen Turnier anfangen wollt?«, fragte Harry. »Habt ihr darüber nachgedacht, ob ihr doch noch teilnehmt?«
»Ich hab McGonagall gefragt, wie die Champions ausgewählt werden, aber sie hat nichts verraten«, sagte George erbittert. »Sie meinte nur, ich solle den Mund halten und endlich meinen Waschbären verwandeln.«
»Was das wohl für Aufgaben sein werden?«, sagte Ron nachdenklich. »Harry, ich wette, wir könnten es schaffen, mit gefährlichen Dingen kennen wir uns doch aus …«
»Aber Schiedsrichter haben euch dabei noch nicht zugesehen, oder?«, bemerkte Fred. »McGonagall sagt, die Champions kriegen Punkte, je nachdem, wie gut sie die Aufgaben erledigt haben.«
»Wer sind die Schiedsrichter?«, fragte Harry.
»Jedenfalls sind die Leiter der teilnehmenden Schulen immer mit in der Jury«, sagte Hermine und alle drehten sich erstaunt zu ihr um. »Das weiß ich, weil alle drei beim Turnier von 1792 verletzt wurden, als ein Basilisk, den die Champions eigentlich fangen sollten, einen Wutausbruch bekam.«
Es entging ihr nicht, dass alle sie ansahen, und da niemand außer ihr all die Bücher gelesen hatte, sagte sie wie üblich etwas hochnäsig: »Steht alles in der Geschichte von Hogwarts. Natürlich ist dieses Werk nicht ganz zuverlässig. Eine umgeschriebene Geschichte von Hogwarts wäre zutreffender. Oder Eine höchst einseitige und zensierte Geschichte von Hogwarts, welche die hässlicheren Seiten der Schule übertüncht.«
»Worauf willst du raus?«, sagte Ron, während Harry zu wissen glaubte, was jetzt kam.
»Hauselfen!«, sagte Hermine laut und bestätigte Harrys Ahnung. »Nicht ein einziges Mal auf über tausend Seiten erwähnt die Geschichte von Hogwarts, dass wir alle bei der Unterdrückung von hundert Sklaven mitwirken!«
Kopfschüttelnd machte sich Harry über sein Rührei her. Die mangelnde Begeisterung, die er und Ron zeigten, hatte Hermines Eifer, mit dem sie Gerechtigkeit für die Hauselfen erkämpfen wollte, nicht im Mindesten gedämpft. Gewiss, sie beide hatten zwei Sickel für den B.ELFE.R-Anstecker bezahlt, doch nur, um sie zu beschwichtigen. Ihr Geld hatte jedoch nichts genutzt, Hermine war eher noch eifriger geworden und hatte Harry und Ron seither ständig in den Ohren gelegen. Zunächst einmal sollten sie ihre Anstecker auch tragen, dann sollten sie auch andere dazu überreden, und zudem hatte Hermine es sich zur Gewohnheit gemacht, jeden Abend im Gemeinschaftsraum der Gryffindors umherzutingeln, ihre Mitschüler in die Enge zu treiben und mit der Sammelbüchse unter ihren Nasen zu klappern.
»Ihr wisst doch genau, dass eure Bettwäsche gewechselt, eure Feuer angezündet, eure Klassenzimmer geputzt und eure Mahlzeiten gekocht werden von einer Gruppe magischer Geschöpfe, die unbezahlt und versklavt sind?«, pflegte sie mit wütendem Blick zu sagen.
Manche, wie Neville, hatten bezahlt, nur damit Hermine sie nicht mehr finster ansah. Einige schienen oberflächlich interessiert an dem, was sie zu sagen hatte, zögerten jedoch, tatkräftiger für die Bewegung zu arbeiten. Viele hielten das Ganze für einen Scherz.
Ron ließ den Blick zur Decke schweifen, die sie alle in herbstliches Sonnenlicht tauchte, und Fred wandte sich mit enormem Interesse seinem Schinken zu (die Zwillinge hatten sich geweigert, einen B.ELFE.R-Anstecker zu kaufen). George jedoch beugte sich zu Hermine hinüber.
»Hör mal zu, Hermine, bist du jemals unten in den Küchen gewesen?«
»Nein, natürlich nicht«, erwiderte Hermine schroff, »ich glaube kaum, dass Schüler dort unten was –«
»Aber wir beide schon«, sagte George und deutete auf Fred, »und zwar öfters, um Essen zu klauen. Wir haben sie getroffen, und ich sag dir, sie sind glücklich. Sie glauben, sie haben die besten Jobs der Welt –«
»Weil sie ungebildet sind und eine Gehirnwäsche verpasst bekamen!«, unterbrach ihn Hermine erhitzt, doch ihre nächsten Worte gingen in dem plötzlichen Rauschen über ihren Köpfen unter, das die Ankunft der Posteulen verkündete. Harry blickte auf und sah Hedwig auf sich zuschweben. Hermine verstummte jäh; sie und Ron verfolgten mit bangem Blick, wie Hedwig sich auf Harrys Schulter niederließ, ihre Flügel einzog und ermattet das Bein ausstreckte.
Harry zog Sirius’ Antwort von Hedwigs Bein und bot ihr die Speckschwarten seines Schinkens an, die sie dankbar auffraß. Dann, nachdem er sich mit einem Blick zu Fred und George vergewissert hatte, dass sie erneut im Gespräch über das Trimagische Turnier vertieft waren, las Harry Ron und Hermine im Flüsterton Sirius’ Brief vor.
Netter Versuch, Harry,
ich bin wieder im Land und gut versteckt. Ich möchte, dass du mich über alles, was in Hogwarts vor sich geht, per Brief auf dem Laufenden hältst. Nimm nicht mehr Hedwig, wechsle ständig die Eulen und mach dir keine Sorgen um mich, pass nur auf dich selbst auf. Vergiss nicht, was ich über deine Narbe gesagt habe.
Sirius
»Warum sollst du ständig die Eulen wechseln?«, fragte Ron mit gedämpfter Stimme.
»Hedwig zieht zu viel Aufmerksamkeit auf sich«, erwiderte Hermine sofort. »Sie fällt auf. Eine Schneeeule, die ständig zu seinem Versteck fliegt … sie ist jedenfalls kein einheimischer Vogel, verstehst du?«
Harry rollte den Brief zusammen und steckte ihn in den Umhang. Ihm war nicht ganz klar, ob er sich jetzt mehr oder weniger Sorgen machen sollte. Dass Sirius es geschafft hatte, zurückzukommen, ohne gefasst zu werden, war immerhin etwas. Außerdem konnte er nicht leugnen, dass es ihn beruhigte, Sirius in seiner Nähe zu wissen; wenigstens würde er jetzt nicht mehr so lange auf eine Antwort warten müssen, wenn er ihm schrieb.
»Danke, Hedwig«, sagte er und streichelte sie. Sie schuhuhte schläfrig, tauchte den Schnabel kurz in seinen Becher mit Orangensaft und flatterte davon, offensichtlich mit dem dringenden Bedürfnis, sich in der Eulerei so richtig auszuschlafen.
An diesem Tag lag eine angenehm erwartungsvolle Stimmung in der Luft. Im Unterricht passte niemand so recht auf, vielmehr waren alle gespannt auf die abendliche Ankunft der Delegationen aus Beauxbatons und Durmstrang; selbst Zaubertränke war erträglicher als sonst, denn der Unterricht war eine halbe Stunde kürzer. Als es dann früh läutete, rannten Harry, Ron und Hermine nach oben in den Gryffindor-Turm, legten ihre Taschen und Bücher ab, wie man sie geheißen hatte, zogen ihre warmen Umhänge an und eilten dann wieder hinunter in die Eingangshalle.
Die Hauslehrer wiesen ihre Schüler an, sich in Reihen aufzustellen.
»Weasley, richten Sie Ihren Hut gerade«, herrschte Professor McGonagall Ron an. »Miss Patil, nehmen Sie dieses lächerliche Ding da aus den Haaren.«
Parvati sah sie finster an und zog eine große Schmetterlingsspange von ihrer Zopfspitze.
»Folgen Sie mir, bitte«, sagte Professor McGonagall, »die Erstklässler vornean … und kein Gedrängel …«
Sie gingen im Gänsemarsch die Vortreppe hinunter und reihten sich vor dem Schloss auf. Es war ein kalter, klarer Abend; die Dämmerung brach an, und der Mond, blass und durchsichtig wirkend, war bereits über dem Verbotenen Wald aufgegangen. Harry, der zwischen Ron und Hermine in der vierten Reihe stand, sah, wie es Dennis Creevey vorn bei den Erstklässlern vor gespannter Erwartung geradezu schüttelte.
»Fast sechs«, sagte Ron mit einem Blick auf seine Uhr und spähte dann ungeduldig die Auffahrt hinunter, die nach vorn zum Schlosstor führte. »Wie, glaubst du, werden sie kommen? Mit dem Zug?«
»Wohl kaum«, sagte Hermine.
»Wie dann? Auf Besen?«, überlegte Harry und blickte hoch zum sternbedeckten Himmel.
»Glaub ich auch nicht … wenn sie von so weit her kommen …«
»Mit einem Portschlüssel?«, rätselte Ron. »Oder sie könnten apparieren – vielleicht dürfen die das dort, wo sie herkommen, auch wenn sie noch nicht siebzehn sind.«
»Du kannst nicht aufs Gelände von Hogwarts apparieren, wie oft soll ich dir das noch sagen?«, flüsterte Hermine unwirsch.
Aufgeregt suchten sie die Ländereien des Schlosses ab, über die jetzt die Nacht hereinbrach, doch nichts rührte sich; alles war friedlich, still und eigentlich wie immer. Harry wurde allmählich kalt. Wenn sie sich nur beeilen würden … vielleicht bereiteten die ausländischen Schüler einen dramatischen Auftritt vor … ihm fiel ein, was Mr Weasley im Zeltlager vor der Quidditch-Weltmeisterschaft gesagt hatte – »Immer dasselbe, wir können es einfach nicht lassen, ein wenig zu prahlen, wenn wir zusammenkommen …«
Und dann rief Dumbledore aus der hinteren Reihe, wo er mit den anderen Lehrern stand – »Aha! Wenn ich mich nicht sehr täusche, nähert sich die Delegation aus Beauxbatons!«
»Wo?«, fragten viele Schüler begierig und blickten alle in verschiedene Richtungen.
»Dort!«, schrie ein Sechstklässler und deutete hinüber zum Wald.
Etwas Großes, viel größer als ein Besen – oder auch hundert Besen –, kam in sanften Wellen über den tiefblauen Himmel auf das Schloss zugeflogen.
»Ein Drache!«, kreischte eine Erstklässlerin und geriet völlig aus dem Häuschen.
»Blödsinn … es ist ein fliegendes Haus!«, sagte Dennis Creevey.
Dennis war mit seiner Vermutung schon näher dran … Als die gigantische schwarze Gestalt über die Baumspitzen des Verbotenen Waldes strich und ins Licht der Schlossfenster glitt, sahen sie, dass es eine riesige pastellblaue Kutsche war, groß wie ein stattliches Haus, die auf sie zurauschte, durch die Lüfte gezogen von einem Dutzend geflügelter Pferde, allesamt Palominos, jedoch so groß wie Elefanten.
Die ersten drei Schülerreihen wichen zurück, als die Kutsche sich neigte und mit ungeheurer Geschwindigkeit zum Landen ansetzte – dann, mit einem alles erschütternden Krachen, das Neville rückwärts auf den Fuß eines Slytherin-Fünftklässlers springen ließ, schlugen die Pferdehufe, größer als Teller, auf festem Grund auf. Eine Sekunde später landete auch die Kutsche und federte auf ihren riesigen Rädern auf und ab, während die goldenen Pferde ihre riesigen Köpfe zurückwarfen und mit ihren großen feuerroten Augen rollten.
Harry konnte gerade noch erkennen, dass auf der Kutschentür ein Wappen prangte (zwei gekreuzte goldene Zauberstäbe, aus denen jeweils drei Funken stoben), als auch schon die Tür aufging.
Ein Junge in blassblauem Umhang sprang aus der Kutsche, bückte sich, machte sich einen Moment lang auf dem Kutschboden zu schaffen, zog dann eine ausklappbare goldene Treppe heraus und sprang respektvoll einen Schritt zurück. Harry sah einen hochhackigen, schimmernd schwarzen Schuh aus der Kutsche auftauchen – ein Schuh von der Größe eines Kinderschlittens –, dem sogleich die größte Frau folgte, die er je gesehen hatte. Das erklärte natürlich die Größe der Kutsche und der Pferde. Einigen Umstehenden stockte der Atem.
Harry hatte bisher nur einen Menschen gesehen, der so groß war wie diese Frau, und das war Hagrid; er war sich nicht sicher, ob Hagrid auch nur um einen Zentimeter größer war. Doch irgendwie – vielleicht nur, weil er an Hagrid gewöhnt war – schien diese Frau (die sich jetzt am Fuß der Treppe zu der mit aufgerissenen Augen wartenden Menge umsah) von noch unnatürlicherer Größe zu sein. Als sie in das Licht trat, das aus der Eingangshalle flutete, zeigte sich, dass sie ein hübsches, olivfarbenes Gesicht hatte, große, schwarze, feucht schimmernde Augen und eine schnabelähnliche Nase. Ihr Haar war im Nacken zu einem glänzenden Knoten zusammengebunden. Sie war von Kopf bis Fuß in schwarzen Satin gekleidet und an ihrem Hals und ihren dicken Händen glitzerten viele prächtige Opale.
Dumbledore fing an zu klatschen; ihm folgend brachen auch die Schüler in Applaus aus, und viele stellten sich auf die Zehenspitzen, um diese Frau besser sehen zu können.
Die Anspannung in ihrem Gesicht wich einem dankbaren Lächeln und sie schritt auf Dumbledore zu und streckte ihm ihre funkelnde Hand entgegen. Dumbledore, der selbst nicht gerade klein war, musste sich kaum bücken, um sie zu küssen.
»Meine liebe Madame Maxime«, sagte er. »Willkommen in Hogwarts.«
»Dumbly-dorr«, sagte Madame Maxime mit tiefer Stimme. »Isch ’offe, Sie befinden sisch wohl?«
»In exzellenter Verfassung, danke, Madame«, sagte Dumbledore.
»Meine Schüler«, sagte Madame Maxime und wies mit ihrer riesigen Hand lässig nach hinten.
Harry, der wie gebannt auf Madame Maxime gestarrt hatte, sah jetzt, dass etwa ein Dutzend Jungen und Mädchen – offenbar alle ältere Teenager – aus der Kutsche geklettert waren und sich nun hinter Madame Maxime aufstellten. Sie bibberten, was angesichts ihrer feinseidenen Umhänge nicht überraschte. Einen Reiseumhang trug keiner von ihnen, ein paar jedoch hatten Tücher und Schals um die Köpfe geschlungen. Nach dem, was Harry von ihren Gesichtern erkennen konnte (sie standen im mächtigen Schatten Madame Maximes), sahen sie mit bangem Blick hinauf nach Hogwarts.
»Ist Karkaroff schon angekommen?«, fragte Madame Maxime.
»Er sollte jeden Moment eintreffen«, sagte Dumbledore. »Möchten Sie vielleicht hier warten und ihn begrüßen oder würden Sie lieber hineingehen und sich ein wenig aufwärmen?«
»Aufwärmen, würde isch sagen«, sagte Madame Maxime. »Aber die ’ferde –«
»Unser Lehrer für die Pflege magischer Geschöpfe wird sich mit Vergnügen um sie kümmern«, sagte Dumbledore, »sobald er sich von einem kleinen Notfall lösen kann, der sich bei einem seiner – ähm – anderen Schützlinge eingestellt hat.«
»Kröter«, murmelte Ron Harry ins Ohr und fing an zu grinsen.
»Meine Rosse verlangen – ahm – eine ’arte ’and«, sagte Madame Maxime mit einer Miene, als bezweifelte sie, dass der zuständige Lehrer in Hogwarts der richtige Mann dafür sei. »Sie sind serr stark …«
»Ich versichere Ihnen, dass Hagrid dieser Aufgabe vollkommen gewachsen ist«, sagte Dumbledore lächelnd.
»Serr gutt«, sagte Madame Maxime mit einer leichten Verbeugung, »würden Sie bitte diesem ’Agrid mitteilen, dass die ’ferde nur Single Malt Whisky saufen?«
»Dafür wird selbstverständlich gesorgt, Madame«, sagte Dumbledore ebenfalls mit einer Verbeugung.
»Kommt«, sagte Madame Maxime gebieterisch zu ihren Schülern, und das versammelte Hogwarts teilte sich, um ihr und ihrem Gefolge einen Weg die steinerne Treppe hinauf zu öffnen.
»Wie groß, glaubt ihr, werden die Pferde von Durmstrang sein?«, sagte Seamus Finnigan, der sich um Lavender und Parvati herumbeugte und Harry und Ron ansah.
»Tja, wenn sie noch größer sind als die hier, kann selbst Hagrid sie nicht mehr im Zaum halten«, sagte Harry. »Womöglich haben ihn die Kröter inzwischen schon verspeist. Was dahinten wohl los ist?«
»Vielleicht sind sie abgehauen«, sagte Ron hoffnungsvoll.
»Sag bloß nicht so was«, sagte Hermine schaudernd. »Stell dir vor, dieses Gekröse krabbelt auf den Ländereien rum …«
Sie standen jetzt bibbernd da und warteten auf die Ankunft der Schüler aus Durmstrang. Die meisten ließen die Blicke hoffnungsvoll über den Himmel schweifen. Ein paar Minuten lang wurde die Stille nur durch das Schnauben und Stampfen von Madame Maximes Pferden unterbrochen. Doch dann – »Kannst du was hören?«, sagte Ron plötzlich.
Harry lauschte; ein lautes, ganz und gar unvertrautes, schauriges Geräusch kam aus der Dunkelheit; ein gedämpftes Pochen und ein Saugen, als ob ein riesiger Staubsauger ein Flussbett entlangrauschte …
»Der See!«, rief Lee Jordan und deutete hinüber aufs Wasser. »Seht euch den See an!«
Dort, wo sie standen, oben auf der begrünten Anhöhe mit Blick über die Ländereien, konnten sie die glatte schwarze Wasseroberfläche gut sehen – nur dass diese Oberfläche plötzlich nicht mehr glatt war. Tief unten in der Mitte des Sees musste sich etwas regen; große Blasen drangen nach oben, Wellen spülten über die sumpfigen Uferbänke – und dann bildete sich mitten im See ein gewaltiger Strudel, als wäre soeben ein riesiger Stöpsel aus dem Seegrund gezogen worden …
Etwas wie ein langer schwarzer Pfahl begann nun langsam aus dem Herzen des Strudels emporzusteigen … und dann sah Harry die Takelage …
»Es ist ein Mast!«, sagte er zu Ron und Hermine.
Langsam und majestätisch erhob sich das Schiff aus dem Wasser und schimmerte im Mondlicht. Es hatte etwas merkwürdig Gerippehaftes an sich, als wäre es ein geborgenes Wrack, und die trüben, verschwommenen Lichter, die aus seinen Bullaugen schimmerten, sahen aus wie Geisteraugen.
Endlich, mit einem gewaltigen Schmatzen und Schwappen, tauchte das Schiff zur Gänze auf, tänzelte über das aufgewühlte Wasser und glitt auf das Ufer zu. Augenblicke später hörten sie einen Anker ins flache Wasser klatschen und den dumpfen Schlag einer Planke, die auf das Ufer niedergelassen wurde.
Nun gingen Leute von Bord; ihre Umrisse waren vor den Lichtern der Bullaugen zu sehen. Sie alle, fiel Harry auf, schienen ungefähr die Statur von Crabbe und Goyle zu haben … doch dann, als sie den Hang herauf näher kamen und das Licht der Eingangshalle auf sie fiel, sah er, dass ihre Gestalten deshalb so massig wirkten, weil sie Mäntel aus einer Art zottigem, verfilztem Pelz trugen. Doch der Mann, der sie hoch zum Schloss führte, trug einen ganz anderen Pelz: seidig und silbern wie sein Haar.
»Dumbledore!«, rief er mit Inbrunst, als er die Anhöhe erreicht hatte, »wie geht’s Ihnen, altes Haus, wie geht’s?«
»Glänzend, danke, Professor Karkaroff«, erwiderte Dumbledore.
Karkaroff hatte eine sonore, ölige Stimme; als er in das Licht trat, das aus dem Schlossportal fiel, sahen sie, dass er groß und schlank war wie Dumbledore, doch sein weißes Haar war kurz und sein Spitzbart (der in einem kleinen Gekräusel endete) konnte sein fliehendes Kinn nicht ganz verbergen. Er ging auf Dumbledore zu und streckte ihm beide Hände entgegen.
»Das gute alte Hogwarts«, sagte er und sah lächelnd hoch zum Schloss; seine Zähne waren ziemlich gelb und Harry fiel auf, dass sein Lächeln sich nicht auf seine Augen erstreckte, deren Blick kalt und scharf blieb. »Wie schön, wieder hier zu sein, wie schön … Viktor, komm rein in die Wärme … Sie haben nichts dagegen, Dumbledore? Viktor hat einen leichten Schnupfen …«
Karkaroff winkte einem seiner Schüler. Als der Junge vorbeiging, erhaschte Harry einen Blick auf eine markante Adlernase und dichte schwarze Brauen. Er brauchte nicht erst Ron, der ihm einen Schlag auf den Arm versetzte, oder das Zischen in seinem Ohr, um dieses Profil zu erkennen.
»Harry – das ist Krum!«
Der Feuerkelch
»Nicht zu fassen!«, sagte Ron völlig entgeistert. Sie reihten sich jetzt mit den anderen Hogwarts-Schülern hinter den Durmstrangs ein und folgten ihnen die Treppe hoch zum Schloss. »Krum, Harry! Viktor Krum!«
»Um Himmels willen, Ron, er ist doch nur ein Quidditch-Spieler«, sagte Hermine.
»Nur ein Quidditch-Spieler?« Ron sah sie an, als hätte er sich verhört. »Hermine – er ist einer der besten Sucher der Welt! Ich hatte keine Ahnung, dass er noch zur Schule geht!«
Auf dem Weg durch die Eingangshalle hinüber zur Großen Halle sah Harry, wie Lee Jordan immer wieder in die Luft sprang, um wenigstens einen Blick auf Viktor Krum zu erhaschen. Einige Mädchen aus der sechsten Klasse stöberten unterdessen hektisch in ihren Taschen – »O nein, bin ich bescheuert, ich hab nicht mal ’ne Feder mit …« – »Glaubst du, er schreibt mir mit Lippenstift ein Autogramm auf den Hut?«
»Also wirklich«, sagte Hermine naserümpfend, als sie an den Mädchen vorbeigingen, die sich jetzt wegen des Lippenstifts kabbelten.
»Ich jedenfalls hol mir auch ein Autogramm, wenn’s geht«, sagte Ron, »du hast nicht zufällig ’ne Feder dabei, Harry?«
»Nö, die sind oben in meiner Tasche«, erwiderte Harry.
Sie gingen hinüber zum Gryffindor-Tisch. Ron setzte sich mit Bedacht so hin, dass er den Eingang im Auge behalten konnte, da Krum und seine Mitschüler aus Durmstrang immer noch an der Tür standen, offenbar nicht sicher, wo sie Platz nehmen sollten. Die Schüler aus Beauxbatons hatten sich an den Ravenclaw-Tisch gesetzt und sahen sich verdrießlich in der Großen Halle um. Drei von ihnen hatten auch jetzt noch Schals und Tücher um die Köpfe geschlungen.
»So kalt ist es doch auch wieder nicht«, sagte Hermine und warf ihnen einen gereizten Blick zu. »Warum haben sie keine dicken Umhänge mitgebracht?«
»Hierher! Kommt und setzt euch hierher!«, zischte Ron. »Hierher! Hermine, rück auf und mach Platz –«
»Was?«
»Zu spät«, sagte Ron enttäuscht.
Viktor Krum und seine Mitschüler aus Durmstrang hatten sich am Slytherin-Tisch niedergelassen. Harry sah Malfoy, Crabbe und Goyle in die Runde feixen. Jetzt beugte sich Malfoy vor und sprach Krum an.
»Jaah, recht so, schleim dich nur bei ihm ein, Malfoy«, höhnte Ron. »Aber ich wette, Krum durchschaut ihn sofort … der hat doch ständig Leute, die um ihn rumscharwenzeln … wo, glaubst du, schlafen die eigentlich? Wir könnten ihm einen Platz in unserem Schlafsaal anbieten, Harry … mir würd’s nichts ausmachen, ihm mein Bett zu geben, ich könnte auf einem Feldbett pennen.«
Hermine schnaubte.
»Sie sehen um einiges glücklicher aus als die anderen aus Beauxbatons«, sagte Harry.
Die Durmstrangs zogen ihre schweren Pelze aus und sahen mit interessierten Mienen zum Sternengewölbe hoch; einige nahmen die goldenen Teller und Schalen in die Hände und musterten sie offenbar recht beeindruckt.
Oben am Lehrertisch trug Filch, der Hausmeister, zusätzliche Stühle herbei. Zu dieser festlichen Gelegenheit trug er seinen muffigen alten Frack. Überrascht stellte Harry fest, dass er vier Stühle dazustellte, je zwei zur Linken und zur Rechten Dumbledores.
»Aber es sind doch nur zwei Leute dazugekommen«, sagte Harry. »Warum bringt Filch dann vier Stühle? Wer kommt denn noch?«
»Hmh?«, mümmelte Ron. Noch immer starrte er voll Begeisterung auf Krum.
Als alle Schüler hereingekommen waren und ihre Plätze gefunden hatten, traten die Lehrer ein, gingen in einer Reihe hoch zu ihrem Tisch und setzten sich. Den Schluss bildeten Professor Dumbledore, Professor Karkaroff und Madame Maxime. Die Gäste aus Beauxbatons sprangen auf, sobald sie ihre Schulleiterin sahen. Einige Hogwarts-Schüler lachten. Den Beauxbatons schien es jedoch keineswegs peinlich, und sie nahmen ihre Plätze erst wieder ein, als sich Madame Maxime links von Dumbledore niedergelassen hatte. Dumbledore jedoch blieb stehen und die Große Halle verstummte.
»Guten Abend, meine Damen und Herren, Geister und – vor allem – Gäste«, sagte Dumbledore, sah in die Runde und strahlte die ausländischen Schüler an. »Ich habe das große Vergnügen, Sie alle in Hogwarts willkommen zu heißen. Ich bin sicher, dass Sie eine angenehme und vergnügliche Zeit an unserer Schule verbringen werden.«
Eines der Mädchen aus Beauxbatons, das immer noch einen Schal um den Kopf geschlungen hatte, lachte unverhohlen spöttisch.
»Keiner zwingt dich, hier zu sein!«, zischelte Hermine und warf ihr einen zornfunkelnden Blick zu.
»Das Turnier wird nach dem Festessen offiziell eröffnet«, sagte Dumbledore. »Nun lade ich alle ein, zu essen, zu trinken und sich wie zu Hause zu fühlen!« Er setzte sich, und Harry sah, wie Karkaroff sich sofort zu ihm neigte und ihn in ein Gespräch verwickelte.
Die Schüsseln und Teller vor ihnen füllten sich wie immer mit Speisen. Die Hauselfen in der Küche schienen alle Register ihres Könnens gezogen zu haben; noch nie hatte Harry so viele verschiedene Gerichte vor sich gesehen, darunter auch einige, die ganz eindeutig aus fremden Ländern stammten.
»Was ist das denn?«, sagte Ron und deutete auf eine große Schüssel mit einer Art Muscheleintopf, die neben einer mächtigen Beefsteak-und-Nieren-Pastete stand.
»Bouillabaisse«, sagte Hermine.
»Gesundheit«, sagte Ron.
»Es ist ein französisches Gericht«, sagte Hermine. »Ich hab es vorletzten Sommer in den Ferien gegessen, schmeckt ganz gut.«
»Das glaub ich dir aufs Wort«, sagte Ron und tat sich eine Portion Blutwurst auf.
In der Großen Halle schien viel mehr los zu sein als sonst, obwohl kaum zwanzig Gastschüler hier waren; vielleicht entstand der Eindruck, weil ihre farbigen Schuluniformen sich so auffällig von den schwarzen Umhängen der Hogwarts-Schüler unterschieden. Nun, da die Durmstrangs ihre Pelze abgelegt hatten, zeigte sich, dass sie Umhänge in sattem Blutrot trugen.
Hagrid kam zwanzig Minuten nach Beginn des Festessens durch eine Tür hinter dem Lehrertisch gehuscht. Er glitt auf seinen Platz am Ende der Tafel und winkte Harry, Ron und Hermine mit einer dick bandagierten Hand zu.
»Die Kröter gedeihen, Hagrid?«, rief Harry.
»Prächtig«, erwiderte Hagrid glücklich.
»Tja, da kannst du Gift drauf nehmen«, sagte Ron leise. »Sieht ganz so aus, als hätten sie endlich rausgefunden, was sie fressen mögen. Hagrids Finger.«
In diesem Augenblick sagte eine Stimme: »Versei’ung, möchten Sie noch von dieser Bouillabaisse essen?«
Es war das Mädchen von Beauxbatons, das während Dumbledores Rede gelacht hatte. Sie hatte nun doch ihren Schal abgelegt. Ihr langer, silbrig blonder Haarschopf fiel ihr fast bis zur Taille. Sie hatte große, dunkelblaue Augen und ebenmäßige, makellos weiße Zähne.
Ron lief purpurrot an. Er starrte zu ihr hoch, öffnete den Mund, um zu antworten, doch er brachte nur ein schwächliches Gegurgel heraus.
»Nein, bitte sehr«, sagte Harry und schob dem Mädchen die Schüssel hin.
»Sie sind damit fertig?«
»Jaah«, hauchte Ron. »Jaah, wirklich ganz hervorragend.«
Sie nahm die Schüssel und trug sie umsichtig hinüber zum Ravenclaw-Tisch. Ron glotzte dem Mädchen nach, als hätte er noch nie eines gesehen. Harry fing an zu lachen, was Ron offenbar zur Besinnung brachte.
»Sie ist eine Veela!«, stieß er mit heiserer Stimme hervor.
»Natürlich nicht!«, sagte Hermine bissig. »Ich seh sonst keinen, der sie wie ein Idiot anglubscht!«
Doch damit hatte sie nicht ganz Recht. Als das Mädchen die Halle durchquerte, wandten sich viele Jungenköpfe nach ihr um, und einigen schien es ganz wie Ron die Sprache zu verschlagen.
»Ich sag euch, das ist kein normales Mädchen!«, sagte Ron und lehnte sich zur Seite, damit er sie im Blick behalten konnte. »So was findest du in Hogwarts nicht!«
»Findest du wohl«, sagte Harry unwillkürlich. Zufällig saß Cho Chang nur ein paar Plätze von dem Mädchen mit dem Silberhaar entfernt.
»Wenn ihr beide eure Augen wieder eingesetzt habt«, sagte Hermine schroff, »dann schaut mal, wer gerade gekommen ist.«
Sie deutete hoch zum Lehrertisch. Die beiden vorhin noch leeren Plätze waren nun besetzt. Zur anderen Seite von Professor Karkaroff saß Ludo Bagman und neben Madame Maxime saß Percys Chef, Mr Crouch.
»Was tun die denn hier?«, fragte Harry überrascht.
»Sie haben doch das Trimagische Turnier organisiert«, sagte Hermine. »Ich vermute mal, sie wollten bei der Eröffnung dabei sein.«
Der Nachtisch kam, und auch hier waren, wie ihnen auffiel, eine Reihe unbekannter Speisen dabei. Ron nahm eine Art blassweißen Käse näher in Augenschein, dann schob er ihn ein wenig zur Seite, damit er vom Ravenclaw-Tisch aus gut zu sehen war. Das Mädchen, das wie eine Veela aussah, schien jedoch genug gegessen zu haben und kam nicht herüber, um den Nachtisch zu holen.
Sobald die goldenen Teller leer geputzt waren, erhob sich Dumbledore von neuem. Die Halle war nun von angenehmer Spannung erfüllt. Harry fragte sich, was wohl kommen würde, und spürte ein leises, erwartungsvolles Kribbeln. Weiter unten am Tisch beugten sich Fred und George vor und spähten mit größter Konzentration zu Dumbledore hinüber.
»Der Augenblick ist gekommen«, sagte Dumbledore und lächelte in das Meer der ihm zugewandten Gesichter. »Das Trimagische Turnier kann nun beginnen. Ich möchte einige erläuternde Worte sagen, bevor wir die Truhe hereinbringen –«
»Die was?«, murmelte Harry.
Ron zuckte die Achseln.
»– nur um unser diesjähriges Verfahren zu erklären. Doch jenen, die sie noch nicht kennen, möchte ich zunächst Mr Bartemius Crouch vorstellen, Leiter der Abteilung für Internationale Magische Zusammenarbeit« – hier und da hob sich ein Händepaar zu höflichem Applaus – »und Mr Ludo Bagman, den Leiter der Abteilung für Magische Spiele und Sportarten.«
Für Bagman gab es deutlich mehr Beifall als für Crouch, vielleicht weil er als Quidditch-Treiber berühmt war oder einfach deshalb, weil er so viel sympathischer wirkte. Er bedankte sich mit freundlichem Winken.
Bartemius Crouch jedoch lächelte nicht, noch hob er die Hand, als er vorgestellt wurde. Harry, der ihn in seinem tadellosen Anzug von der Quidditch-Weltmeisterschaft her in Erinnerung hatte, fand, dass ihm ein Zaubererumhang nicht so richtig stand. Sein Oberlippenbärtchen und der strenge Scheitel wirkten neben Dumbledores langem weißem Haar und Bart ganz unpassend.
»Mr Bagman und Mr Crouch haben in den vergangenen Monaten unermüdlich für die Vorbereitung des Trimagischen Turniers gearbeitet«, fuhr Dumbledore fort, »und sie werden neben mir, Professor Karkaroff und Madame Maxime die Jury bilden, die über die Leistungen der Champions befindet.«
Bei der Erwähnung der Champions schien das Publikum plötzlich aufzumerken.
Dumbledore war offenbar nicht entgangen, dass mit einem Schlag Stille eingetreten war, denn mit einem Lächeln sagte er: »Wenn ich bitten darf, Mr Filch, die Truhe.«
Filch, der bisher in einer dunklen Ecke der Halle herumgestanden hatte, trat auf Dumbledore zu, in den Händen eine große, mit Juwelen besetzte Holztruhe. Sie wirkte ungeheuer alt. Die Schüler begannen aufgeregt und neugierig zu murmeln und zu tuscheln; Dennis Creevey stellte sich tatsächlich auf seinen Stuhl, um alles sehen zu können, doch da er so klein war, ragte sein Kopf kaum über die der anderen hinaus.
»Mr Crouch und Mr Bagman haben die Aufgaben, die die Champions dieses Jahr lösen müssen, bereits geprüft«, sagte Dumbledore, während Filch die Truhe vorsichtig auf den Tisch stellte, »und sie haben die notwendigen Vorbereitungen für diese Herausforderungen getroffen. Wir haben drei Aufgaben über das ganze Schuljahr verteilt, die das Können der Champions auf unterschiedliche Weise auf die Probe stellen … ihr magisches Können – ihre Kühnheit – ihre Fähigkeit zum logischen Denken – und natürlich ihre Gewandtheit im Umgang mit Gefahren.«
Bei den letzten Worten legte sich wieder Stille über die Halle, so vollkommen, als würden alle auf einmal den Atem anhalten.
»Wie ihr wisst, kämpfen im Turnier drei Champions gegeneinander«, fuhr Dumbledore gelassen fort, »von jeder teilnehmenden Schule einer. Wir werden benoten, wie gut sie die einzelnen Aufgaben lösen, und der Champion mit der höchsten Punktzahl nach drei Aufgaben gewinnt den Trimagischen Pokal. Ein unparteiischer Richter wird die Champions auswählen … der Feuerkelch.«
Dumbledore zog seinen Zauberstab und schlug dreimal sachte auf den Deckel der Truhe. Langsam und knarrend öffnete er sich. Dumbledore steckte die Hand hinein und zog einen großen, grob geschnitzten Holzkelch heraus. Er selbst war nicht weiter bemerkenswert, doch er war bis an den Rand gefüllt mit tänzelnden blauweißen Flammen.
Dumbledore schloss die Truhe und stellte den Kelch vorsichtig auf den Deckel, wo ihn alle sehen konnten.
»Jeder, der sich als Champion bewerben will, muss seinen Namen und seine Schule in klarer Schrift auf einen Pergamentzettel schreiben und ihn in den Kelch werfen«, sagte Dumbledore. »Wer mitmachen will, hat vierundzwanzig Stunden Zeit, um seinen Namen einzuwerfen. Morgen Nacht, an Halloween, wird der Kelch die Namen jener drei preisgeben, die nach seinem Urteil die würdigsten Vertreter ihrer Schulen sind. Der Kelch wird noch heute Abend in der Eingangshalle aufgestellt, wo er für alle, die teilnehmen wollen, frei zugänglich ist.
Um sicherzustellen, dass keine minderjährigen Schüler der Versuchung erliegen«, ergänzte Dumbledore, »werde ich eine Alterslinie um den Feuerkelch ziehen, sobald er in der Eingangshalle aufgestellt ist. Niemand unter siebzehn wird diese Linie überschreiten können.
Schließlich möchte ich allen, die teilnehmen wollen, eindringlich nahelegen, mit ihrer Entscheidung nicht leichtfertig umzugehen. Sobald der Feuerkelch einen Champion bestimmt hat, wird er oder sie das Turnier bis zum Ende durchstehen müssen. Wenn ihr euren Namen in den Kelch werft, schließt ihr einen bindenden magischen Vertrag. Wenn ihr einmal Champion seid, könnt ihr euch nicht plötzlich anders besinnen. Überlegt daher genau, ob ihr von ganzem Herzen zum Spiel bereit seid, bevor ihr euren Zettel in den Kelch werft. Nun, denke ich, ist es Zeit, schlafen zu gehen. Gute Nacht euch allen.«
»Eine Alterslinie!«, sagte Fred Weasley mit glänzenden Augen, während sie die Halle in Richtung Tür durchquerten. »Die kann man doch sicher mit einem Alterungstrank austricksen? Und wenn dein Name einmal in diesem Kelch ist, hast du gut lachen – er kann doch nicht wissen, ob wir siebzehn sind oder nicht!«
»Aber ich glaube nicht, dass jemand unter siebzehn eine Chance hat«, sagte Hermine, »wir haben einfach noch nicht genug gelernt …«
»Du kannst nur von dir reden«, sagte George unwirsch. »Aber du, Harry, du probierst es doch sicher?«
Harry dachte kurz an Dumbledores Mahnung, niemand unter siebzehn dürfe seinen Namen einwerfen, doch dann überkam ihn erneut die herrliche Vorstellung, er selbst würde das Trimagische Turnier gewinnen … er fragte sich, wie sauer Dumbledore sein würde, wenn jemand unter siebzehn tatsächlich eine Möglichkeit fand, über die Alterslinie zu kommen …
»Wo ist er?«, sagte Ron, der bisher kein Wort mitbekommen hatte, weil er andauernd nach Krum Ausschau gehalten hatte. »Dumbledore hat nicht gesagt, wo die Durmstrangs schlafen, oder?«
Die Antwort auf diese Frage ließ nicht lange auf sich warten. Als sie am Tisch der Slytherins vorbeigingen, kam Karkaroff gerade zu seinen Schülern herübergehastet.
»Zurück zum Schiff, Leute«, sagte er. »Viktor, wie fühlst du dich? Hast du genug gegessen? Soll ich dir ein Glas Glühwein aus der Küche bringen lassen?«
Harry sah, wie Krum den Kopf schüttelte, während er sich den Pelz überzog.
»Professor, ich hätte gerrn etwas Vein«, sagte ein anderer Durmstrang-Junge hoffnungsvoll.
»Dich habe ich nicht gefragt, Poliakoff«, herrschte ihn Karkaroff an und von seiner warmen väterlichen Art war plötzlich nichts mehr zu spüren. »Ich sehe, du hast wieder deinen ganzen Umhang mit Essen bekleckert, das ist ja widerlich –«
Karkaroff wandte sich um, ging seinen Schülern voran zur Tür und erreichte sie genau im selben Moment wie Harry, Ron und Hermine. Harry blieb stehen, um ihm den Vortritt zu lassen.
»Danke«, sagte Karkaroff gleichgültig und warf ihm im Vorbeirauschen einen Blick zu.
Und dann erstarrte Karkaroff. Er wandte sich zu Harry um und sah ihn an, als würde er seinen Augen nicht trauen. Hinter ihrem Direktor stauten sich die Schüler aus Durmstrang. Karkaroffs Blick wanderte langsam hoch zu Harrys Stirn und blieb an seiner Narbe hängen. Auch die Durmstrangs musterten Harry neugierig. Aus den Augenwinkeln nahm Harry wahr, wie es einigen von ihnen allmählich dämmerte. Der Junge mit der bekleckerten Robe kniff dem Mädchen neben ihm in den Arm und deutete unverhohlen auf Harrys Stirn.
»Ja, das ist Harry Potter«, knurrte eine Stimme hinter ihnen.
Professor Karkaroff wirbelte herum. Hinter ihm stand Mad-Eye Moody, schwer auf seinen Stock gestützt; sein magisches Auge starrte den Durmstrang-Direktor finster und unverwandt an.
Harry sah, wie die Farbe aus Karkaroffs Gesicht wich und es zu einer zorn- und angsterfüllten Grimasse wurde.
»Sie!«, sagte er und starrte Moody an, als wäre er nicht sicher, ihn wirklich zu sehen.
»Ich«, sagte Moody grimmig. »Und wenn Sie Potter nichts zu sagen haben, Karkaroff, dann gehen Sie bitte schön weiter. Sie blockieren die Tür.«
Das stimmte; die halbe Halle wartete schon hinter ihnen, und die Schüler lugten auf Zehenspitzen stehend zur Tür, um den Grund für den Stau auszumachen.
Ohne ein weiteres Wort winkte Professor Karkaroff seinen Schülern und führte sie davon. Moody sah ihm nach, das magische Auge unbewegt auf seinen Rücken gerichtet und mit einem Ausdruck lodernden Abscheus auf dem entstellten Gesicht.
Da der nächste Tag ein Samstag war, gingen die meisten Schüler spät zum Frühstück. Harry, Ron und Hermine jedoch waren nicht die Einzigen, die früher als sonst am Wochenende aufstanden. Als sie in die Eingangshalle hinunterkamen, sahen sie etwa zwanzig ihrer Mitschüler, einige noch an ihrem Toast kauend, im Kreis um den Feuerkelch herumstehen. Er war in der Mitte der Halle aufgestellt, auf dem Stuhl, der sonst immer den Sprechenden Hut trug. Auf dem Boden zog sich eine schmale goldene Linie in gut drei Meter Abstand um den Kelch herum.
»Hat schon jemand seinen Namenszettel eingeworfen?«, fragte Ron neugierig ein Mädchen aus der dritten Klasse.
»Der ganze Haufen aus Durmstrang«, erwiderte sie. »Aber aus Hogwarts hab ich noch keinen gesehen.«
»Ich wette, ein paar von uns haben ihre Zettel letzte Nacht eingeworfen, als wir alle schon im Bett waren«, sagte Harry. »Jedenfalls hätte ich es so gemacht … hätte keine Lust darauf gehabt, dass alle zusehen. Was wäre zum Beispiel, wenn der Kelch dich gleich wieder ausspucken würde?«
Hinter ihm hörte er Gelächter. Er wandte sich um und sah Fred, George und Lee Jordan die Treppe herunterstürmen, alle drei offenbar in größter Aufregung.
»Das war’s«, flüsterte Fred mit Siegermiene Harry, Ron und Hermine zu. »Wir haben ihn geschluckt.«
»Wen denn?«, fragte Ron.
»Den Alterungstrank, ihr Dumpfbeutel«, sagte Fred.
»Jeder einen Tropfen«, sagte George und rieb sich feixend die Hände. »Wir müssen ja nur ein paar Monate älter werden.«
»Wenn einer von uns gewinnt, teilen wir die tausend Galleonen zwischen uns auf«, sagte Lee mit breitem Grinsen.
»Ich an eurer Stelle wär mir nicht so sicher, dass es klappt«, warnte Hermine. »Dumbledore hat das sicher schon bedacht.«
Fred, George und Lee würdigten sie keines Blickes.
»Fertig?«, sagte Fred zitternd vor Aufregung zu den anderen beiden. »Also dann – ich geh voraus –«
Harry sah gespannt zu, wie Fred einen Pergamentfetzen aus der Tasche zog, auf dem »Fred Weasley – Hogwarts« stand. Er trat genau bis an die Linie und stand da wie ein Taucher, der zu einem Sprung aus zwanzig Meter Höhe ansetzt. Dann, aller Augen in der Halle auf sich gerichtet, holte er tief Luft und trat über die Linie.
Für den Bruchteil einer Sekunde dachte Harry, Fred hätte es geschafft – George jedenfalls war sich dessen sicher, denn mit einem Triumphschrei sprang er Fred nach –, doch schon war ein lautes Zischen zu hören, und die Zwillinge flogen aus dem goldenen Kreis, als wären sie von einem unsichtbaren Kugelstoßer hinausgeschleudert worden. Sie schlugen schwer auf dem kalten Steinboden auf, drei Meter vom Kreis entfernt, und um alles noch schlimmer zu machen, ertönte ein lauter Knall und aus den Gesichtern der beiden sprossen lange, weiße und vollkommen gleich aussehende Bärte.
Ihre Mitschüler brüllten vor Lachen, und selbst Fred und George stimmten mit ein, sobald sie sich aufgerappelt und ihre Bärte ausgiebig begutachtet hatten.
»Ich habe euch gewarnt«, sagte eine tiefe, vergnügte Stimme, und alle wandten sich zu Professor Dumbledore um, der aus der Großen Halle kam. Er musterte Fred und George augenzwinkernd. »Ich schlage vor, ihr beide geht hoch zu Madam Pomfrey. Sie kümmert sich bereits um Miss Fawcett von Ravenclaw und Mr Summers von Hufflepuff, die ebenfalls auf die Idee kamen, sich ein wenig älter zu machen. Allerdings muss ich sagen, dass ihre Bärte bei weitem nicht so schön geworden sind wie eure.«
Fred und George machten sich auf den Weg in den Krankenflügel, begleitet von Lee, der sich vor Lachen kaum auf den Beinen halten konnte, während Harry, Ron und Hermine kichernd zum Frühstück gingen.
Die Große Halle war am Morgen umgestaltet worden. Da Halloween war, flatterte eine Wolke echter Fledermäuse an der verzauberten Decke umher, und aus den Ecken heraus schielten und grinsten Hunderte ausgeschnitzter Kürbisse. Harry führte sie hinüber zu Dean und Seamus, die sich darüber unterhielten, welche volljährigen Hogwarts-Schüler sich wohl bewerben würden.
»Hier geht das Gerücht um, Warrington sei früh aufgestanden und habe seinen Namen eingeworfen«, berichtete Dean. »Dieser große Kerl von Slytherin, der aussieht wie ein Faultier.«
Harry, der Quidditch gegen Warrington gespielt hatte, schüttelte angewidert den Kopf. »Bloß keinen Slytherin-Champion!«
»Und alle Hufflepuffs reden von Diggory«, sagte Seamus verächtlich. »Aber ich hätte nicht gedacht, dass er sein gutes Aussehen riskieren würde.«
»Hört mal!«, sagte Hermine plötzlich.
Aus der Eingangshalle drang Jubelgeschrei herein. Sie wirbelten auf ihren Stühlen herum und sahen Angelina Johnson, ein wenig verlegen grinsend, durch die Tür kommen. Angelina war ein großes schwarzes Mädchen, das Jägerin für das Gryffindor-Team spielte; sie kam zu ihnen herüber, setzte sich und sagte: »Tja, ich hab’s getan. Ich hab gerade meinen Namen eingeworfen!«
»Du machst Witze!«, sagte Ron, sah jedoch beeindruckt aus.
»Du bist also schon siebzehn?«, fragte Harry.
»Was fragst du noch? Siehst du ’nen Bart bei ihr oder was?«, sagte Ron.
»Ich hatte letzte Woche Geburtstag«, sagte Angelina.
»Mensch, bin ich froh, dass jemand aus Gryffindor teilnimmt«, sagte Hermine. »Ich drück dir die Daumen, dass du gewinnst, Angelina!«
»Danke, Hermine«, sagte Angelina und lächelte ihr zu.
»Ja, besser du als dieser Schönling Diggory«, sagte Seamus, woraufhin einige vorbeigehende Hufflepuffs ihn finster ansahen.
»Und was fangen wir mit dem Rest des Tages an?«, fragte Ron, als sie nach dem Frühstück die Große Halle verließen.
»Wir haben Hagrid noch gar nicht besucht«, sagte Harry.
»Gut«, sagte Ron, »solange er uns nicht bittet, den Krötern ein paar Finger zu opfern.«
Auf Hermines Gesicht breitete sich plötzlich helle Begeisterung aus. »Da fällt mir ein – ich hab Hagrid noch nicht gefragt, ob er bei B.ELFE.R mitmachen will!«, strahlte sie. »Wartet auf mich, bitte, ich renn nur mal kurz hoch und hol die Anstecker!«
»Was ist bloß in sie gefahren?«, sagte Ron halb verzweifelt, während Hermine die Marmortreppe hochstürmte.
»Hey, Ron«, sagte Harry plötzlich. »Da ist deine Freundin …«
Die Schüler aus Beauxbatons, unter ihnen das Veela-Mädchen, kamen gerade von draußen herein. Die Schar, die sich um den Feuerkelch versammelt hatte, wich zurück und machte ihnen unter neugierigen Blicken Platz.
Madame Maxime, die zuletzt hereingekommen war, wies ihre Schützlinge an, sich in einer Reihe aufzustellen. Dann traten die Beauxbatons nacheinander über die Linie und warfen ihre Pergamentzettel in die blauweißen Flammen. Kurz bevor sie im Feuer verschwanden, flammte der Namenszug rot auf und stob Funken aus.
»Was, glaubst du, geschieht mit denen, die nicht ausgewählt werden?«, murmelte Ron Harry zu, als das Veela-Mädchen sein Pergament in den Feuerkelch warf. »Meinst du, sie gehen zurück in ihre Schule, oder bleiben sie hier und sehen sich das Turnier an?«
»Weiß nicht«, sagte Harry. »Sie bleiben hier, nehm ich mal an … Madame Maxime jedenfalls ist doch Schiedsrichterin, oder?«
Als alle Beauxbatons ihre Namen eingeworfen hatten, führte Madame Maxime sie wieder hinaus ins Freie.
»Wo schlafen die wohl?«, fragte Ron, bewegte sich auf den Ausgang zu und starrte ihnen nach.
Ein lautes Scheppern hinter ihnen kündigte Hermine an, die mit ihrem Kästchen voll B.ELFE.R-Ansteckern zurückkehrte.
»Na schön, beeilen wir uns«, sagte Ron und rannte die steinerne Vortreppe hinunter, den Blick unverwandt auf dem Rücken des Veela-Mädchens, das in Madame Maximes Gefolge den Rasen schon halb überquert hatte.
Als sie sich Hagrids Hütte am Rande des Verbotenen Waldes näherten, löste sich auch das Rätsel, wo die Beauxbatons schliefen. Die gigantische graublaue Kutsche, in der sie angekommen waren, war keine zweihundert Meter von Hagrids Hütte entfernt abgestellt, und die Schüler stiegen gerade wieder hinein. Die elefantösen fliegenden Pferde, die die Kutsche gezogen hatten, grasten nebenan auf einer eilends umzäunten Koppel. Harry klopfte an Hagrids Tür und sofort antwortete Fang mit freudigem Kläffen.
»Wird allmählich Zeit!«, sagte Hagrid, als er die Tür aufriss und sah, wer gekommen war. »Dachte, ihr Rasselbande hättet vergessen, wo ich wohne!«
»Wir hatten irre viel zu tun, Hag–«, begann Hermine, doch als sie Hagrid sah, verschlug es ihr die Sprache.
Hagrid trug seinen allerbesten (und ganz fürchterlichen) haarigen braunen Anzug und eine gelb-orange karierte Krawatte. Doch das war noch nicht das Schlimmste; er hatte offenbar versucht, seine Haarpracht zu zähmen, und zwar, wie es schien, mit einer gewaltigen Menge Schmierfett. Es fiel nun in zwei glitschigen Bündeln herunter – vielleicht hatte er es mit einem Pferdeschwanz versucht, wie Bill einen hatte, doch festgestellt, dass er zu viel Haare besaß. Dieser neue Aufzug stand Hagrid gar nicht gut. Einen Moment lang betrachtete ihn Hermine mit großen Augen, dann kam sie offenbar zu dem Schluss, lieber nichts sagen zu wollen, und fragte nur: »Ähm – wo sind die Kröter?«
»Draußen beim Kürbisbeet«, sagte Hagrid vergnügt. »Die nehm’n allmählich richtig zu, müssen inzwischen mindestens ’n Meter lang sein. Das Problem ist nur, sie haben angefangen sich gegenseitig umzubringen.«
»Ach was, wirklich?«, sagte Hermine und warf Ron einen strengen Blick zu, der die ganze Zeit auf Hagrids neue Frisur geglotzt hatte und gerade den Mund aufmachte, um eine Bemerkung loszuwerden.
»Jaah«, sagte Hagrid traurig. »Ist schon wieder gut jetzt, ich hab sie in verschiedene Kisten gesperrt. Hab noch ungefähr zwanzig.«
»Na, was für ein Glück«, sagte Ron. Hagrid entging der spöttische Unterton.
Seine Hütte bestand aus einem einzigen Raum, in dessen einer Ecke ein gigantisches Bett mit einer Flickendecke stand. Ein ähnlich gewaltiger Tisch und Stühle standen vor dem Feuer, unter der Wolke aus geräucherten Schinken und toten Vögeln, die von der Decke hingen. Sie setzten sich an den Tisch, während Hagrid Tee kochte, und bald waren sie von neuem in ein Gespräch über das Trimagische Turnier vertieft. Hagrid schien nicht weniger begeistert zu sein als sie.
»Wartet’s ab«, sagte er grinsend. »Wartet nur ab. Ihr werdet Dinge sehen, die habt ihr noch nie gesehn. Erste Aufgabe … aah, aber ich darf’s ja nicht sagen.«
»Nur weiter, Hagrid!«, drängten ihn Harry, Ron und Hermine, doch er schüttelte nur den Kopf und grinste.
»Will euch ja nich die Spannung vermiesen«, sagte er. »Aber ’s wird ’n Höllenspaß, sag ich euch. Diese Schämpions werden’s ganz schön schwer haben. Hätt nie gedacht, dass ich je ein Trimagisches Turnier sehen würd!«
Sie blieben schließlich zum Essen, auch wenn sie nicht gerade herzhaft zulangten – Hagrid tischte seinen eigenen Worten zufolge Rinderbraten auf, doch nachdem Hermine eine große Kralle aus ihrem Stück gezogen hatte, verging den dreien ein wenig der Appetit. Sie machten sich stattdessen einen Spaß daraus, Hagrid die Aufgaben des Trimagischen Turniers zu entlocken, und überlegten wild hin und her, welche Bewerber es wohl zum Champion schaffen würden und ob Fred und George inzwischen schon bartlos waren.
Gegen Nachmittag setzte leichter Regen ein; behaglich saßen sie am Feuer, lauschten dem sanften Getrommel am Fenster und sahen Hagrid zu, wie er seine Socken stopfte und mit Hermine über die Hauselfen stritt – sie hatte ihm nämlich die Anstecker gezeigt, doch er weigerte sich strikt, bei B.ELFE.R mitzumachen.
»Da tät man ihnen keinen Gefallen mit, Hermine«, sagte er mit ernster Miene und fädelte einen dicken gelben Garnfaden in eine massige Knochennadel ein. »’s liegt in ihrer Natur, sich um Menschen zu kümmern, das mögen sie, verstehst du? Du würdest sie unglücklich machen, wenn du ihnen die Arbeit nimmst, und wenn du sie bezahlst, sind sie beleidigt.«
»Aber Harry hat Dobby befreit und der war überglücklich!«, sagte Hermine. »Außerdem haben wir gehört, dass er jetzt für seine Arbeit Lohn verlangt!«
»Ja nu, Spinner gibt’s überall. Ich sag ja nich, dass es nich den einen oder andern Elf gibt, der sich befreien lässt, aber die meisten kriegst du nicht dazu – nö, da ist nichts zu machen, Hermine.«
Hermine war ziemlich sauer und steckte ihr Kästchen zurück in die Umhangtasche.
Gegen halb sechs wurde es dunkel, und Harry, Ron und Hermine fanden es an der Zeit, zum Halloween-Fest hoch ins Schloss zu gehen – zumal da heute Abend verkündet wurde, wer die Schul-Champions sein sollten.
»Ich komm mit«, sagte Hagrid und legte sein Nähzeug weg. »’ne Sekunde noch.«
Hagrid stand auf, ging hinüber zur Kommode neben seinem Bett und begann nach etwas zu suchen. Sie achteten nicht sonderlich auf ihn, bis ein wahrhaft fürchterlicher Geruch in ihre Nasen drang.
»Hagrid, was ist das denn?«, hüstelte Ron.
»Hmh?«, sagte Hagrid und wandte sich mit einer großen Flasche in der Hand um. »Mögt ihr’s nicht?«
»Ist das Rasierwasser?«, sagte Hermine mit halb erstickter Stimme.
»Ähm – Kölnischwasser«, murmelte Hagrid. Er lief rot an. »Vielleicht ’n bisschen viel«, sagte er unsicher. »Ich mach’s wieder ab, wartet kurz …«
Er stapfte aus der Hütte, und sie sahen, wie er sich am Wassertrog vor dem Fenster ungestüm wusch.
»Kölnischwasser?«, sagte Hermine verdutzt. »Hagrid?«
»Und was ist mit dem Haar und dem Anzug?«, setzte Harry viel sagend hinzu.
»Seht mal!«, sagte Ron plötzlich und deutete aus dem Fenster.
Hagrid hatte sich aufgerichtet und wandte sich um. Wenn er vorher rot geworden war, dann war dies nichts im Vergleich zu dem, was ihm jetzt passierte. Harry, Ron und Hermine waren so leise wie möglich aufgestanden, damit Hagrid sie nicht bemerkte, und sahen jetzt, durchs Fenster spähend, Madame Maxime und ihre Schüler aus der Kutsche steigen, offenbar ebenfalls auf dem Weg zum Fest. Sie konnten nicht hören, was Hagrid zu Madame Maxime sagte, doch sein Blick hatte sich verschleiert, und sein Gesicht hatte einen Ausdruck der Verzückung angenommen, wie Harry ihn bei Hagrid nur einmal beobachtet hatte – als er den Babydrachen Norbert betrachtet hatte.
»Er geht mit ihr zusammen hoch zum Schloss!«, sagte Hermine entrüstet. »Ich dachte, wir sollten auf ihn warten!«
Hagrid warf nicht einmal einen kurzen Blick zurück zur Hütte, sondern stapfte an Madame Maximes Seite die Anhöhe zum Schloss hoch, in ihrem Gefolge die Schüler von Beauxbatons, die im Laufschritt gingen, um mithalten zu können.
»Er steht auf sie!«, sagte Ron ungläubig. »Na ja, wenn sie dann noch Kinder kriegen, stellen sie einen Weltrekord auf – ich wette, ein Baby von denen würde über ’ne Tonne wiegen.«
Sie verließen die Hütte und schlossen die Tür. Draußen war es schon überraschend dunkel. Sie wickelten sich fest in ihre Umhänge und machten sich auf den Weg hoch zum Schloss.
»Uuh, schaut mal, da sind die anderen!«, flüsterte Hermine.
Die Durmstrangs kamen vom See her zum Schloss hoch. Viktor Krum ging an der Seite Karkaroffs, die anderen trotteten hinter ihnen her. Ron verfolgte Krum mit aufgeregten Blicken, doch Krum erreichte das Portal ein wenig vor Harry, Ron und Hermine und betrat, ohne sich noch einmal umzuschauen, das Schloss.
In der kerzenerleuchteten Großen Halle gab es schon fast keine freien Stühle mehr. Der Feuerkelch hatte einen anderen Platz bekommen; er stand jetzt vor Dumbledores leerem Stuhl am Lehrertisch. Fred und George – von ihren Bärten befreit – schienen ihre Enttäuschung ziemlich gut verkraftet zu haben.
»Ich hoffe, es wird Angelina«, sagte Fred, als Harry, Ron und Hermine sich setzten.
»Ich auch!«, sagte Hermine. »Na, wir werden es ja gleich erfahren!«
Das Halloween-Festessen schien viel länger zu dauern als üblich. Vielleicht weil es sein zweites Festmahl in zwei Tagen war, konnte Harry sich nicht mehr so heftig für die raffiniert zubereiteten Speisen begeistern. Wie alle anderen in der Halle – jedenfalls angesichts der ungeduldigen Mienen, des allgemeinen Gezappels, der sich ständig reckenden Hälse und neugierigen Blicke, ob Dumbledore endlich aufgegessen hatte –, wie alle anderen wollte Harry nur, dass sich die Teller leerten, und dann endlich hören, wer Champion geworden war.
Endlich kehrten die goldenen Teller in ihren ursprünglichen makellosen Zustand zurück; der Lärm in der Halle schwoll rasch an und erstarb dann wieder, kaum dass Dumbledore aufgestanden war. Professor Karkaroff und Madame Maxime zu seinen Seiten wirkten nicht weniger gespannt und erwartungsvoll als alle anderen. Ludo Bagman strahlte und zwinkerte dieser und jener Schülerin zu. Mr Crouch jedoch schien recht wenig interessiert, ja fast gelangweilt.
»Nun, der Kelch ist gleich bereit, seine Entscheidung zu fällen«, sagte Dumbledore. »Ich schätze, er braucht noch eine Minute. Wenn die Namen der Champions ausgerufen werden, bitte ich sie, hier aufs Podium zu kommen und am Lehrertisch vorbei in diese Kammer dort zu gehen –«, er deutete auf die Tür hinter dem Lehrertisch, »– wo sie dann ihre ersten Anweisungen erhalten.«
Er zückte den Zauberstab und schwang ihn ausladend durch die Luft; sofort erloschen alle Kerzen, nur in den geschnitzten Kürbissen flackerten sie noch, so dass nun alles im Halbdunkel lag. Der Feuerkelch leuchtete jetzt heller als alles andere in der Halle, das gleißende, blauweiß funkelnde Licht der Flammen stach sogar ein wenig in die Augen. Alle starrten auf den Kelch und warteten … hie und da blickte jemand auf die Uhr …
»Gleich geht’s los«, flüsterte Lee Jordan zwei Plätze neben Harry.
Die Flammen im Kelch färbten sich plötzlich wieder rot. Funken sprühten aus der Glut. Im nächsten Augenblick schoss eine Flammenzunge in die Luft, ein verkohltes Stück Pergament flatterte heraus – und die ganze Halle hielt den Atem an.
Dumbledore fing das Pergament auf und hielt es mit gestrecktem Arm von sich, damit er es im Licht des Feuers lesen konnte, das nun wieder blauweiß war.
»Der Champion für Durmstrang«, las er mit klarer und kräftiger Stimme, »ist Viktor Krum.«
»Keine Überraschung!«, rief Ron, während Beifall und Jubel durch die Halle wogten. Harry sah Viktor Krum vom Slytherin-Tisch aufstehen und zu Dumbledore hochschlurfen; er wandte sich nach rechts, ging am Lehrertisch vorbei und verschwand durch die Tür in der Kammer dahinter.
»Bravo, Viktor!«, polterte Karkaroff so laut, dass er den Beifall übertönte. »Wusste doch, du hast es in den Knochen!«
Das Plappern und Schnattern erstarb. Nun richteten sich alle Augen wieder auf den Kelch, dessen Flammen sich sogleich wieder rot färbten. Ein zweites Pergament flog, hochgeschleudert von der Hitze, aus der Glut.
»Champion für Beauxbatons«, sagte Dumbledore, »ist Fleur Delacour!«
»Das ist sie, Ron!«, rief Harry, als das Mädchen, das einer Veela so ähnlich sah, sich anmutig erhob, seinen silbrig blonden Haarschopf zurückwarf und zwischen den Tischen der Ravenclaws und Hufflepuffs hindurchglitt.
»Oh, schau mal, die sind alle enttäuscht«, rief Hermine durch den Lärm und nickte zu den anderen Beauxbatons hinüber. »Enttäuscht« war ein wenig untertrieben, fand Harry. Zwei der Mädchen, die es nicht geschafft hatten, zerflossen in Tränen und vergruben schluchzend die Köpfe in den Händen.
Als auch Fleur Delacour in der Kammer verschwunden war, legte sich erneut Stille über die Halle, doch diesmal war es eine Stille, die so starr vor Anspannung war, dass man sie fast schmecken konnte. Jetzt kam der Name des Hogwarts-Champions …
Und das Feuer des Kelches färbte sich wiederum rot; Funken sprühten aus der Glut; eine Flamme züngelte hoch und aus ihrer Spitze zog Dumbledore das dritte Stück Pergament.
»Der Hogwarts-Champion«, rief er, »ist Cedric Diggory!«
»Nein!«, sagte Ron laut, doch keiner außer Harry hörte ihn; der Tumult am Nachbartisch war zu gewaltig. Ausnahmslos alle Hufflepuffs waren aufgesprungen, schrien und stampften mit den Füßen, während Cedric mit breitem Grinsen an ihnen vorbei auf die Kammer hinter dem Lehrertisch zuging. Tatsächlich hielt der Beifall für Cedric so lange an, dass Dumbledore einige Zeit brauchte, um sich wieder Gehör zu verschaffen.
»Bestens!«, rief Dumbledore glücklich, als der Aufruhr sich endlich legte.
»Schön, wir haben nun drei Champions. Ich bin sicher, ich kann mich darauf verlassen, dass ihr alle, auch die nicht ausgewählten Schüler aus Beauxbatons und Durmstrang, euren Champion mit äußerster Kraft unterstützt. Indem ihr euren Champion anfeuert, könnt ihr durchaus dazu beitragen –«
Doch Dumbledore verstummte plötzlich, und es entging keinem, was ihn ablenkte.
Das Feuer des Kelches hatte sich abermals rot verfärbt. Funken sprühten daraus hervor. Eine lange Flamme schoss jäh in die Höhe und mit sich trug sie wiederum ein Pergament. Wie in Trance, so schien es, streckte Dumbledore seinen langen Arm aus und griff nach dem Blatt. Er hielt es von sich und las stumm den Namen, der darauf geschrieben stand. Eine lange Pause trat ein, während deren Dumbledore auf das Blatt in seiner Hand starrte und alle anderen Dumbledore anstarrten. Und dann räusperte sich Dumbledore und las laut –
»Harry Potter.«
Die vier Champions
Harry saß da und wusste genau, dass jedes Augenpaar in der Großen Halle auf ihn gerichtet war. Er war geschockt. Er war gelähmt. Er musste träumen. Er hatte nicht richtig gehört.
Niemand klatschte. Plötzlich kam ein Summen wie von einem Schwarm wütender Bienen in der Halle auf und wurde immer lauter; einige standen auf, um Harry besser sehen zu können, wie er da vollkommen starr auf seinem Platz hockte.
Oben am Lehrertisch war Professor McGonagall aufgestanden und an Ludo Bagman und Professor Karkaroff vorbei zu Professor Dumbledore gerauscht, der ihr mit leichtem Stirnrunzeln das Ohr zuneigte, während sie ihm dringlich etwas zuflüsterte.
Harry wandte sich zu Ron und Hermine um; hinter ihnen saßen die anderen Gryffindors in langer Reihe an der Tafel und starrten ihn mit offenen Mündern an.
»Ich hab meinen Namen nicht eingeworfen«, sagte Harry fassungslos. »Das wisst ihr doch.«
Die beiden sahen ihn nicht minder fassungslos an.
Am Lehrertisch nickte Professor Dumbledore seiner Kollegin zu und stand dann auf.
»Harry Potter!«, rief er. »Harry! Nach oben, wenn ich bitten darf!«
»Geh schon«, flüsterte Hermine und versetzte Harry einen kleinen Schubs.
Harry stand auf, verhedderte sich im Saum seines Umhangs und geriet kurz ins Stolpern. Der Weg zwischen den Tischen der Gryffindors und Hufflepuffs hindurch kam ihm vor wie ein ungeheuer langer Marsch; der Lehrertisch wollte und wollte nicht näher kommen, und ihm war, als würden ihm die vielen hundert Augen wie Suchscheinwerfer Schritt für Schritt folgen. Das Summen schwoll weiter an. Dann endlich, es musste eine Stunde vergangen sein, stand er vor Dumbledore und jetzt spürte er die Blicke sämtlicher Lehrer auf sich gerichtet.
»Nun … durch die Tür, Harry«, sagte Dumbledore. Er lächelte nicht.
Harry ging am Lehrertisch entlang. Ganz am Ende saß Hagrid. Er zwinkerte Harry nicht zu, winkte auch nicht und hob auch nicht wie sonst immer die Hand zum Gruß. Er sah vollkommen verdattert aus und starrte, wie all die anderen auch, den vorbeigehenden Harry an. Harry ging durch die Tür und befand sich nun in einem kleineren Raum, an dessen Wänden Gemälde von Hexen und Zauberern hingen. Ein stattliches Feuer prasselte hinten im Kamin.
Kaum war er eingetreten, wandten sich ihm die Gesichter auf den Gemälden zu. Eine verhutzelte Hexe huschte aus ihrem Bilderrahmen, tauchte im nächsten, bei einem Zauberer mit Walrossschnurrbart, wieder auf und begann ihm ins Ohr zu flüstern.
Viktor Krum, Cedric Diggory und Fleur Delacour standen am Kamin. Vor dem flackernden Feuer wirkten ihre Profile ungewöhnlich beeindruckend. Krum, ein wenig abseits von den anderen, lehnte in sich versunken an der Kamineinfassung. Cedric hatte die Hände auf dem Rücken verschränkt und stierte ins Feuer. Fleur Delacour wandte sich um, als Harry eintrat, und warf mit einer raschen Kopfbewegung ihr langes üppiges Silberhaar in den Nacken.
»Was ist los?«, sagte sie. »Sollen wir zurück in die ’alle?«
Sie dachte, Harry sei mit einer Nachricht gekommen. Harry wusste nicht, wie er erklären sollte, was soeben geschehen war. Er stand einfach da und sah die drei Champions an. Jetzt auf einmal fiel ihm auf, wie groß sie alle waren. Hinter sich hörte er hastige Schritte, dann trat Ludo Bagman ein. Er packte Harry am Arm und zog ihn vorwärts.
»Unglaublich!«, murmelte er und drückte Harrys Arm. »Absolut unglaublich! Meine Herren … meine Dame«, ergänzte er und ging auf die anderen am Kamin zu. »Darf ich Ihnen – so unfasslich es klingen mag – den vierten Champion unseres Turniers vorstellen?«
Viktor Krum richtete sich auf. Er sah Harry scharf an und sein mürrisches Gesicht verdüsterte sich noch mehr. Cedric schien verwirrt. Sein Blick wanderte von Bagman zu Harry und wieder zurück, als wäre er sich sicher, dass er Bagman soeben missverstanden hatte. Fleur Delacour jedoch warf ihr Haar in den Nacken und sagte lächelnd: »Oh, sehr lustiger Wids, Miester Bagman.«
»Witz?«, echote Bagman verdutzt. »Nein, nein, keineswegs! Der Feuerkelch hat gerade Harrys Namen ausgegeben!«
Krums dichte schwarze Brauen zogen sich unmerklich zusammen. Cedric schien noch immer um Fassung zu ringen.
Fleur runzelte die Stirn. »Aber offensischtlisch ist das ein Fehler«, sagte sie verächtlich in Richtung Bagman. »Är kann nischt teilnehmen. Är ist zu jung.«
»Nun ja … es ist höchst erstaunlich«, sagte Bagman. Er rieb sich das glatte Kinn und lächelte zu Harry hinunter. »Doch wie Sie wissen, wurde die Altersbegrenzung erst dieses Jahr eingeführt, als zusätzliche Sicherheitsvorkehrung. Und da der Kelch seinen Namen ausgegeben hat … es ist nun einmal so weit gekommen, und ich denke, dann darf man sich nicht drücken … es steht in den Regeln, er ist verpflichtet … Harry muss ganz einfach tun, was in seinen Kräften –«
Die Tür hinter ihm ging auf und eine größere Gruppe kam herein: Professor Dumbledore, dicht gefolgt von Mr Crouch, Professor Karkaroff, Madame Maxime, Professor McGonagall und Professor Snape. Harry hörte das Gesumme seiner Mitschüler hereindringen, bis Professor McGonagall die Tür schloss.
»Madame Maxime!«, rief Fleur und ging mit großen Schritten hinüber zu ihrer Lehrerin. »Man sagt, dass dieser kleine Junge ’ier ebenfalls teilnehmen soll!«
Irgendwo unter seiner Benommenheit und Ratlosigkeit spürte Harry einen zornigen Stich. Kleiner Junge?
Madame Maxime richtete sich zu ihrer stattlichen Größe auf. Mit ihrem schönen Kopf streifte sie den kerzenbesetzten Kronleuchter, und ihre mächtige, in schwarzen Satin gehüllte Brust hob sich.
»Was ’at das zu bedeuten, Dumbly-dorr?«, sagte sie in gebieterischem Ton.
»Das würde auch ich gerne wissen, Dumbledore«, sagte Professor Karkaroff. Er hatte ein stählernes Lächeln aufgesetzt und seine blauen Augen wirkten wie Eissplitter. »Zwei Champions für Hogwarts? Mir jedenfalls hat keiner gesagt, dass für die gastgebende Schule zwei Champions antreten dürfen – oder habe ich die Regeln nicht sorgfältig genug gelesen?« Er lachte kurz und gehässig auf.
»C’est impossible«, sagte Madame Maxime, deren gewaltige Hände mit ihren vielen herrlichen Opalen auf Fleurs Schulter ruhten. »’Ogwarts kann keine zwei Champions ’aben. Das ist ’öchst ungerescht.«
»Wir hatten darauf vertraut, dass ihre Alterslinie jüngere Bewerber fernhalten würde, Dumbledore«, sagte Karkaroff noch immer stählern lächelnd, während seine Augen noch kälter wurden. »Denn sonst hätten wir natürlich eine größere Auswahl an Kandidaten aus unseren Schulen mitgebracht.«
»Dafür trägt einzig und allein Potter die Schuld, Karkaroff«, sagte Snape leise. Seine schwarzen Augen glühten heimtückisch. »Stellen Sie Dumbledore nicht an den Pranger, nur weil Potter so entschlossen ist, die Regeln zu brechen. Seit er an dieser Schule ist, übertritt er ständig Grenzen –«
»Danke, Severus«, sagte Dumbledore mit fester Stimme, und Snape verstummte, auch wenn seine Augen immer noch gehässig durch den Vorhang fettigen schwarzen Haares schimmerten.
Professor Dumbledore sah zu Harry hinunter, der ihm geradewegs in die Augen hinter den Halbmondgläsern schaute und versuchte, ihren Ausdruck zu entschlüsseln.
»Hast du den Zettel mit deinem Namen in den Feuerkelch geworfen, Harry?«, fragte Dumbledore ruhig.
»Nein«, sagte Harry. Er wusste, dass ihn alle scharf beobachteten. Snape ließ aus dem Hintergrund ein leises, unwilliges und ungläubiges Schnauben hören.
»Hast du einen älteren Schüler gebeten, deinen Namen für dich in den Feuerkelch zu werfen?«, fragte Professor Dumbledore, ohne auf Snape zu achten.
»Nein«, sagte Harry nachdrücklich.
»Aah, aber natürlisch lügt er!«, rief Madame Maxime.
Snape schürzte die Lippen und schüttelte den Kopf.
»Er wäre nicht über die Alterslinie gekommen«, sagte Professor McGonagall schneidend. »Ich bin sicher, wir stimmen alle darin überein –«
»Dumbly-dorr muss einen Fehler bei der Linie gemacht ’aben«, sagte Madame Maxime achselzuckend.
»Das ist natürlich möglich«, entgegnete Dumbledore höflich.
»Dumbledore, Sie wissen genau, dass Sie keinen Fehler gemacht haben!«, sagte Professor McGonagall aufgebracht. »Nun aber wirklich, was für ein Unsinn! Harry hätte die Linie nicht selbst übertreten können, und wenn Professor Dumbledore ihm glaubt, dass er keinen älteren Mitschüler dazu angestiftet hat, dann möchte ich doch hoffen, dass Sie alle damit zufrieden sind!«
Sie warf Professor Snape einen sehr zornigen Blick zu.
»Mr Crouch … Mr Bagman«, sagte Karkaroff nun mit salbungsvoller Stimme, »Sie sind unsere – ähm – unparteiischen Richter. Sie stimmen sicher mit mir überein, dass es sich hier um eine offene Regelverletzung handelt?«
Bagman wischte sich mit dem Taschentuch über das runde, jungenhafte Gesicht und sah Mr Crouch an, der außerhalb des Feuerscheins stand, das Gesicht halb im Schatten verborgen. Er sah ein wenig schaurig aus, das Halbdunkel machte ihn viel älter und verlieh ihm ein fast totenkopfartiges Aussehen. Er sprach jedoch in seinem üblichen barschen Ton. »Wir müssen die Regeln befolgen, und in den Regeln heißt es klar, dass die Schüler, deren Namen der Feuerkelch ausgibt, verpflichtet sind, am Turnier teilzunehmen.«
»Tja, Barty kennt das Regelwerk praktisch auswendig«, strahlte Bagman und wandte sich wieder Karkaroff und Madame Maxime zu, als ob die Sache damit entschieden wäre.
»Ich bestehe darauf, noch einmal die Namen meiner übrigen Schüler einzuwerfen«, sagte Karkaroff. Der salbungsvolle Ton und das Lächeln waren von ihm abgefallen. Dafür hatte sein Gesicht einen ungemein hässlichen Ausdruck angenommen. »Sie werden den Feuerkelch noch einmal aufstellen, und wir werfen weitere Namen ein, bis jede Schule zwei Champions hat. Das ist nur fair, Dumbledore.«
»Aber Karkaroff, das wird nicht möglich sein«, sagte Bagman. »Der Feuerkelch ist soeben erloschen – er wird sich erst wieder zu Beginn des nächsten Turniers entzünden –«
»– an dem Durmstrang ganz sicher nicht teilnehmen wird!«, warf Karkaroff zornig ein. »Nach all unseren Treffen und gemeinsamen Absprachen hätte ich nicht erwartet, dass so etwas passieren könnte! Ich behalte mir vor, Hogwarts sofort zu verlassen!«
»Leere Drohung, Karkaroff«, knurrte eine Stimme an der Tür. »Sie können Ihren Champion jetzt nicht im Stich lassen. Er muss kämpfen. Sie alle müssen kämpfen. Es ist ein bindender magischer Vertrag, wie Dumbledore gesagt hat. Das passt Ihnen doch, oder?«
Moody war gerade hereingekommen. Er hinkte auf das Feuer zu und jedes Mal, wenn er den rechten Fuß aufsetzte, gab es ein lautes Klonk.
»Das soll mir passen?«, sagte Karkaroff. »Ich fürchte, ich verstehe Sie nicht, Moody.«
Harry spürte, dass er eigentlich verächtlich klingen wollte, als wären Moodys Worte eine Entgegnung überhaupt nicht wert, doch seine Hände verrieten ihn; er hatte sie zu Fäusten geballt.
»Nicht?«, sagte Moody leise. »Es ist ganz einfach, Karkaroff. Jemand hat Potters Namen in den Kelch geworfen, und dieser Jemand wusste genau, dass Harry teilnehmen muss, wenn der Kelch ihn erwählt.«
»Offensischtlisch jemand, der wollte, dass ’Ogwarts zwei Chancen bekommt!«, sagte Madame Maxime.
»Sie haben vollkommen Recht, Madame Maxime«, sagte Karkaroff und verneigte sich vor ihr. »Ich werde Beschwerde beim Zaubereiministerium sowie bei der Internationalen Zauberervereinigung einreichen –«
»Wenn hier jemand Grund hat, sich zu beschweren, dann ist es Potter«, knurrte Moody, »aber … komisch … von ihm höre ich kein Wort …«
»Warum sollte er sisch beschweren?«, platzte Fleur Delacour los und stampfte mit dem Fuß auf. »Er ’at die Chance teilzunehmen, nischt wahr? Wir anderen ’aben wochenlang darauf ge’offt! Die Ehre für unsere Schulen! Eintausend Galleonen Preisgeld – für diese Chance würden viele sogar sterben!«
»Vielleicht hofft jemand, dass Potter tatsächlich dafür stirbt«, sagte Moody mit kaum noch merklichem Knurren.
Diesen Worten folgte ein äußerst gespanntes Schweigen.
Ludo Bagman trippelte nervös hin und her und entgegnete beklommen: »Moody, altes Haus … was sagen Sie denn da!«
»Wir alle wissen, dass Professor Moody den Morgen für verschwendet hält, wenn er nicht vor dem Mittagessen sechs Mordverschwörungen gegen sich aufdeckt«, sagte Karkaroff laut. »Offenbar bringt er jetzt auch seinen Schülern die Angst vor einem Attentat bei. Ein merkwürdiger Zug bei einem Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste, Dumbledore, aber Sie hatten bestimmt Ihre Gründe, ihn kommen zu lassen.«
»Ich bilde mir Dinge ein, tatsächlich?«, knurrte Moody. »Ich sehe schon Gespenster, oder? Es war eine fähige Hexe oder ein Zauberer, der den Namen dieses Jungen in den Kelch geworfen hat …«
»Aah, wo sind die Beweise dafür?«, sagte Madame Maxime und ihre riesigen Hände ruderten durch die Luft.
»Hier wurde ein kraftvoller magischer Gegenstand ausgetrickst!«, sagte Moody. »Ein ungewöhnlich starker Verwechslungszauber war nötig, damit dieser Kelch vergisst, dass nur drei Schulen am Turnier teilnehmen … Ich vermute, dass Potters Name für eine vierte Schule eingeworfen wurde, denn dann galt er als deren einziger Kandidat …«
»Sie scheinen ja ausgiebig darüber nachgedacht zu haben, Moody«, entgegnete Karkaroff kühl, »und das ist natürlich eine ausgefuchste Theorie – allerdings ist mir zu Ohren gekommen, dass Sie jüngst die fixe Idee hatten, eines Ihrer Geburtstagsgeschenke sei ein raffiniert getarntes Basiliskenei. Sie schleuderten es deshalb gegen die Wand und mussten dann leider erkennen, dass es nur ein Reisewecker war. Sie müssen daher verstehen, dass wir Sie nicht ganz ernst nehmen können …«
»Ich denke an gewisse Leute, die harmlose Veranstaltungen für ihre Zwecke ins Gegenteil verkehren«, entgegnete Moody in drohendem Tonfall. »Wie Sie eigentlich wissen sollten, Karkaroff, ist es meine Aufgabe, mich in das Denken schwarzer Magier einzufühlen …«
»Alastor!«, sagte Dumbledore mahnend. Harry wunderte sich einen Moment lang, wen er damit meinte, doch dann wurde ihm klar, dass »Mad-Eye« wohl kaum Moodys richtiger Vorname sein konnte. Moody verstummte, beobachtete Karkaroff jedoch immer noch voll Genugtuung – und Karkaroffs Gesicht glühte.
»Wir wissen nicht, wie wir in diese Lage geraten sind«, sagte Dumbledore in die Runde. »Ich denke jedoch, wir haben keine andere Wahl, als das Beste daraus zu machen. Sowohl Cedric als auch Harry wurden zu Teilnehmern des Turniers bestimmt. Daher werden sie auch …«
»Ah, aber Dumbly-dorr –«
»Meine liebe Madame Maxime, wenn Sie einen anderen Vorschlag haben, wäre ich erfreut, ihn zu hören.«
Dumbledore wartete, doch Madame Maxime schwieg und sah ihn nur zornfunkelnd an. Und sie war nicht die Einzige. Auch Snape sah wütend aus; Karkaroff schien vor Zorn zu kochen. Bagman jedoch machte den Eindruck, als sei er vor Begeisterung ganz aus dem Häuschen.
»Nun, wie steht’s, legen wir los?«, sagte er, rieb sich die Hände und lächelte in die Runde. »Wir müssen unseren Champions doch sagen, um was es geht. Barty, ich erteile dir das Wort.«
Mr Crouch schien aus tiefer Nachdenklichkeit zu erwachen.
»Ja«, sagte er langsam, »die Anweisungen. Ja … die erste Aufgabe …«
Er trat ins Licht des Feuers. Von nahem, fand Harry, sah er krank aus. Dunkle Schatten lagen unter seinen Augen, und seine runzlige Haut wirkte, ganz anders als bei der Weltmeisterschaft, dünn und papieren.
»Die erste Aufgabe dient dazu, Ihren Mut auf die Probe zu stellen«, verkündete er Harry, Cedric, Fleur und Krum, »und deshalb sagen wir Ihnen nicht, um was es geht. Kühnheit angesichts der überraschenden Gefahr ist ein sehr wichtiger Charakterzug von Zauberern … sehr wichtig …
Die erste Aufgabe werden wir Ihnen am vierundzwanzigsten November stellen, vor all Ihren Mitschülern und den Schiedsrichtern.
Den Champions ist es nicht gestattet, von ihren Lehrern Hilfe irgendwelcher Art zu erbitten oder anzunehmen, damit sie die Aufgaben lösen können. Sie werden sich der ersten Herausforderung nur mit ihrem Zauberstab bewaffnet stellen müssen. Wenn die erste bewältigt ist, erhalten sie Auskunft über die zweite Aufgabe. Da das Turnier äußerste Kraft und viel Zeit verlangt, sind die Champions von den Jahresabschlussprüfungen freigestellt.«
Mr Crouch wandte sich an Dumbledore. »Ich glaube, das ist alles, Albus?«
»Ich denke auch«, sagte Dumbledore und sah Mr Crouch ein wenig besorgt an. »Sind Sie sicher, dass Sie heute Nacht nicht in Hogwarts bleiben wollen, Barty?«
»Ja, Dumbledore, ich muss zurück ins Ministerium«, sagte Mr Crouch. »Wir haben im Moment eine schwierige und arbeitsreiche Zeit … ich habe dem jungen Weatherby die Verantwortung überlassen, solange ich weg bin … sehr eifrig … ein wenig übereifrig, um die Wahrheit zu sagen …«
»Bevor Sie gehen, schauen Sie doch auf ein Gläschen bei mir vorbei?«, sagte Dumbledore.
»Jetzt komm schon, Barty, ich bleibe auch hier!«, sagte Bagman ausgelassen. »Hier in Hogwarts spielt jetzt die Musik, das ist doch viel spannender als das Büroleben!«
»Das glaube ich nicht, Ludo«, sagte Crouch mit einem Anflug seiner früheren Ungeduld.
»Professor Karkaroff – Madame Maxime – noch einen Schlummertrunk?«, fragte Dumbledore.
Doch Madame Maxime hatte bereits ihren Arm um Fleurs Schultern gelegt und führte sie rasch hinaus. Harry hörte, wie sie sich draußen in der Halle sehr schnell auf Französisch unterhielten. Karkaroff winkte Krum zu, und auch sie gingen hinaus, allerdings schweigend.
»Harry, Cedric, ich schlage vor, ihr geht jetzt nach oben«, sagte Dumbledore und lächelte beiden zu. »Ich bin sicher, die Gryffindors und Hufflepuffs warten nur darauf, mit euch zu feiern, und es wäre jammerschade, sie dieses trefflichen Vorwandes zu berauben, eine Menge Müll und Lärm zu machen.«
Harry warf Cedric einen Blick zu, Cedric nickte, und sie gingen zusammen hinaus.
Die Große Halle lag jetzt verlassen da; die Kerzen waren heruntergebrannt und das schartige und flackernde Grinsen der Kürbisse hatte etwas Unheimliches angenommen.
»So ist das also«, sagte Cedric mit einem halben Lächeln. »Wir spielen schon wieder gegeneinander!«
»Sieht so aus«, sagte Harry. Etwas Besseres fiel ihm einfach nicht ein. In seinem Kopf schien alles durcheinandergewirbelt zu sein, als hätte ihn jemand kräftig geschüttelt.
»Dann … verrat mir mal eines …«, sagte Cedric in der Eingangshalle, die jetzt, da der Feuerkelch verschwunden war, nur noch im Licht der Fackeln dalag. »Wie hast du deinen Namen da reingebracht?«
»Hab ich nicht«, sagte Harry und sah zu ihm hoch. »Ich hab ihn nicht eingeworfen. Ich sag die Wahrheit.«
»Ah … na gut«, sagte Cedric. Harry wusste, dass er ihm nicht glaubte. »Na ja … wir sehen uns.«
Cedric nahm nicht die Marmortreppe, sondern ging rechts an ihr vorbei auf eine Tür zu. Harry blieb stehen und lauschte, wie Cedric eine steinerne Treppe hinunterstieg, dann ging er langsam die Marmortreppe hoch.
Würde irgendjemand außer Ron und Hermine ihm glauben, oder würden sie alle denken, er selbst hätte seinen Namenszettel in den Kelch geworfen? Doch wie konnte jemand so etwas glauben, wo doch seine Konkurrenten drei Jahre länger Zaubern gelernt hatten – und zudem musste er nicht nur diese Aufgaben bewältigen, die so richtig nach Gefahr rochen, sondern es würden auch noch Hunderte von Menschen dabei sein und ihm zusehen. Ja, er hatte daran gedacht … er hatte mit dem Gedanken gespielt … er hatte davon geträumt … doch im Grunde war es ein Witz gewesen, der keine Folgen haben sollte … er hatte nie und nimmer ernsthaft vorgehabt teilzunehmen …
Doch jemand anderes hatte es getan … jemand wollte, dass er am Turnier teilnahm, und hatte dafür gesorgt, dass sein Name ins Spiel gebracht wurde. Warum? Um ihm einen Gefallen zu tun? Das konnte er kaum glauben …
Um zu sehen, wie er sich zum Narren machte? In diesem Fall würde der Wunsch wohl in Erfüllung gehen …
Doch um ihn sterben zu sehen? Litt Moody nur wieder an seinem üblichen Verfolgungswahn? War es nicht möglich, dass jemand seinen Namen in den Kelch geworfen hatte, um sich einen Scherz zu erlauben, um ihn zu triezen? Wollte wirklich jemand, dass er starb?
Diese Frage konnte Harry sofort beantworten. Ja, jemand wollte ihn tot sehen, jemand wünschte ihm den Tod, seit er ein Jahr alt gewesen war … Lord Voldemort. Doch wie hätte es Voldemort bewerkstelligen sollen, seinen Namen in den Feuerkelch zu werfen? Voldemort war angeblich weit weg, in einem fernen Land, und versteckte sich, einsam und allein … entkräftet und machtlos …
Doch in jenem Traum, aus dem er mit schmerzender Narbe hochgeschreckt war, war Voldemort nicht allein gewesen … er hatte mit Wurmschwanz gesprochen … und mit ihm den Mord an Harry ausgeheckt …
Harry erschrak, denn er stand plötzlich vor der fetten Dame. Er hatte kaum wahrgenommen, wohin ihn seine Füße trugen. Eine Überraschung war auch, dass sie nicht allein in ihrem Rahmen war. Die verhutzelte Hexe, die in das Gemälde ihres Nachbarn huschte, als er vorhin in den kleinen Raum gekommen war, saß nun mit blasierter Miene neben der fetten Dame. Sie musste durch jedes Bild entlang der sieben Treppen gehastet sein, nur um vor ihm hier anzukommen. Die Hexe und die fette Dame sahen ihn höchst interessiert von oben herab an.
»Schön, schön, schön«, sagte die fette Dame. »Violet hat mir soeben alles erzählt. Wer ist nun also gerade zum Schul-Champion bestimmt worden?«
»Quatsch«, sagte Harry dumpf.
»Das ist es ganz sicher nicht«, sagte die Hutzelhexe entrüstet.
»Nein, nein, Vi, es ist das Passwort«, beschwichtigte sie die fette Dame und schwang an ihren Angeln hängend zur Seite, um Harry einzulassen.
Der Lärmschwall, der durch das Porträtloch an Harrys Ohren drang, riss ihn beinahe von den Füßen. Dann wusste er nur noch, dass ein Dutzend Händepaare ihn in den Gemeinschaftsraum zerrte, wo ganz Gryffindor schreiend, klatschend und pfeifend auf ihn wartete.
»Du hättest uns was sagen sollen!«, brüllte Fred halb verärgert, doch auch schwer beeindruckt.
»Wie hast du es geschafft, ohne dass dir ein Bart gewachsen ist? Genial!«, polterte George.
»Hab ich nicht«, sagte Harry. »Ich weiß nicht, wie –«
Doch Angelina hatte sich nun seiner angenommen. »Tja, wenn nicht ich, dann wenigstens ein anderer Gryffindor –«
»Jetzt kannst du es Diggory für das letzte Quidditch-Spiel heimzahlen!«, kreischte Katie Bell, ebenfalls eine Gryffindor-Jägerin.
»Wir haben was zu essen, Harry, komm, hau rein –«
»Ich hab keinen Hunger, wirklich, ich hab beim Fest genug gegessen –«
Doch niemand wollte hören, dass er keinen Hunger hatte; niemand wollte hören, dass nicht er selbst seinen Namen in den Feuerkelch geworfen hatte; nicht ein Einziger von ihnen schien zu merken, dass er überhaupt nicht in Feierstimmung war … Lee Jordan hatte irgendwo ein Gryffindor-Banner ausgegraben, und er ließ sich nicht davon abbringen, es wie eine Toga um Harry zu wickeln. Kein Entkommen für Harry; wann immer er versuchte sich zur Schlafsaaltreppe zu verdrücken, schloss sich die Schar um ihn und drängte ihm noch ein Butterbier auf, drückte ihm Kartoffelchips und Erdnüsse in die Hände … alle wollten sie wissen, wie er es geschafft hatte, Dumbledores Alterslinie auszutricksen und seinen Namenszettel in den Kelch zu werfen …
»Ich war’s nicht«, sagte er immer und immer wieder. »Ich weiß nicht, was passiert ist.«
Doch er hätte genauso gut den Mund halten können, so wenig hörten sie ihm zu.
»Ich bin müde!«, brüllte er schließlich, nach fast einer halben Stunde. »Nein, im Ernst, George, ich geh zu Bett –«
Er wünschte sich nichts sehnlicher, als mit Ron und Hermine zu sprechen und wieder ein wenig zu sich zu kommen, aber keiner von beiden schien hier zu sein. Noch einmal rief er, dass er Schlaf brauche, und trat fast die kleinen Creevey-Brüder platt, die ihm am Fuß der Treppe auflauerten. Doch dann gelang es ihm, alle abzuschütteln, und er hastete, so schnell er konnte, die Treppe hoch zum Schlafsaal.
Zu seiner großen Erleichterung fand er Ron noch angezogen auf dem Bett im sonst leeren Schlafsaal liegen. Dieser hob den Kopf, als Harry die Tür hinter sich schloss.
»Wo warst du?«, fragte Harry.
»Ach, hallooh«, sagte Ron.
Er grinste, doch es war ein sehr merkwürdiges, gezwungenes Grinsen. Harry wurde plötzlich klar, dass er immer noch das scharlachrote Gryffindor-Banner trug, das Lee ihm umgebunden hatte. Rasch wollte er es losschnüren, doch es war sehr fest verknotet. Ron lag reglos auf dem Bett und sah Harry zu, wie er verzweifelt versuchte das Tuch loszuwerden.
»Na denn«, sagte er, als sich Harry endlich von dem Banner befreit und es in eine Ecke gepfeffert hatte. »Gratuliere.«
»Was soll das denn heißen, gratuliere?«, sagte Harry und sah Ron finster an. Etwas stimmte offensichtlich nicht mit Rons Lächeln; es war eher eine Grimasse.
»Na ja … keiner sonst ist über die Alterslinie gekommen«, sagte Ron. »Nicht mal Fred und George. Wie hast du’s gemacht – mit dem Tarnumhang?«
»Mit dem Tarnumhang wäre ich nicht über diese Linie gekommen«, sagte Harry langsam.
»Na gut«, sagte Ron. »Ich dachte nur, du hättest es mir sagen können, wenn es der Umhang gewesen wäre … da hätten wir immerhin beide druntergepasst, oder? Aber du hast was anderes gefunden?«
»Hör zu«, sagte Harry, »ich hab meinen Namen nicht in diesen Kelch geworfen. Jemand anderes muss es getan haben.«
Ron hob die Brauen. »Warum sollte jemand das tun?«
»Weiß ich nicht«, sagte Harry. Er hatte das Gefühl, es würde auf peinliche Art schaurig klingen, wenn er sagen würde, »um mich zu töten«.
Ron zog die Augenbrauen so weit hoch, dass sie unter seinen Haaren zu verschwinden schienen.
»Es ist schon in Ordnung, mir jedenfalls kannst du die Wahrheit erzählen«, sagte er. »Wenn du nicht willst, dass es alle erfahren, schön, aber ich weiß nicht, warum du auch noch anfängst zu lügen, du hast ja nicht einmal Ärger gekriegt, oder? Diese Freundin der fetten Dame, Violet, hat uns schon alles erzählt. Dumbledore lässt dich teilnehmen. Tausend Galleonen Preisgeld, aber hallo. Und von den Prüfungen bist du auch befreit …«
»Ich hab meinen Namen nicht in diesen Kelch geworfen!«, sagte Harry mit einem Anflug von Ärger.
»Jaah, schon gut«, erwiderte Ron und klang dabei genauso ungläubig wie Cedric. »Aber du hast doch heute Morgen gesagt, du hättest es in der Nacht getan, damit dich keiner sieht … ich bin nicht blöd, weißt du.«
»Aber den Blödmann spielst du ziemlich gut«, blaffte ihn Harry an.
»Jaah?«, sagte Ron, und jetzt war keine Spur eines Grinsens, ob echt oder falsch, auf seinem Gesicht. »Du willst jetzt sicher schlafen, Harry, ich denke, du musst morgen früh raus, für einen Fototermin oder so was.«
Ron zog die Vorhänge seines Himmelbetts zu, und Harry stand an der Tür und starrte auf den dunkelroten Stoff, der nun einen der wenigen Menschen verbarg, von denen er überzeugt gewesen war, dass sie ihm glauben würden.
Die Eichung der Zauberstäbe
Als Harry am Sonntagmorgen erwachte, wusste er zunächst nicht, warum er sich so besorgt und niedergeschlagen fühlte. Dann überkam ihn die Erinnerung an den Abend zuvor. Er setzte sich auf und riss die Bettvorhänge zur Seite, um auf der Stelle mit Ron zu sprechen, denn Ron musste ihm jetzt einfach glauben – doch dann sah er, dass Rons Bett leer war; offenbar war er schon unten beim Frühstück.
Harry zog sich an und stieg die Wendeltreppe in den Gemeinschaftsraum hinunter. Kaum war er eingetreten, fingen seine Mitschüler, die schon gefrühstückt hatten, erneut an zu klatschen. Die Aussicht, in die Große Halle zu gehen und dort den anderen Gryffindors zu begegnen, die ihn ebenfalls wie einen Helden feiern würden, war nicht besonders verlockend; doch sollte er hierbleiben und sich von den Creevey-Brüdern in die Zange nehmen lassen, die ihn begeistert zu sich herüberwinkten? Entschlossen ging er zum Porträtloch, kletterte hinaus und sah sich plötzlich Hermine gegenüber.
»Hallo«, sagte sie. In der Hand hatte sie ein paar in Servietten gewickelte Toastbrote. »Das hier ist für dich … hast du vielleicht Lust auf einen Spaziergang?«
»Gute Idee«, sagte Harry dankbar.
Sie gingen hinunter, durchquerten rasch die Eingangshalle, gingen hinaus und schlenderten über den Rasen zum See hinüber, wo das am Ufer vertäute Schiff der Durmstrangs sich schwarz im Wasser spiegelte. Es war ein kalter Morgen, und während sie im Gehen ihre Brote aßen, schilderte Harry ganz genau, was am Abend zuvor, nachdem er den Gryffindor-Tisch verlassen hatte, geschehen war. Als er merkte, dass Hermine ihm seine Geschichte ohne weitere Nachfragen glaubte, fiel ihm ein schwerer Stein vom Herzen.
»Hör mal, natürlich war mir klar, dass du dich nicht selbst ins Spiel gebracht hast«, sagte sie, nachdem er ihr geschildert hatte, was in dem Raum hinter dem Lehrertisch geschehen war. »Du hättest dein Gesicht sehen sollen, als Dumbledore deinen Namen ausgerufen hat! Die Frage ist nur, wer hat den Zettel wirklich eingeworfen? Denn Moody hat Recht, Harry … ich glaube nicht, dass es ein Schüler getan hat … keiner von uns hätte es geschafft, den Kelch zu täuschen oder über Dumbledores Linie –«
»Hast du Ron gesehen?«, warf Harry ein.
Hermine zögerte.
»Ähm … ja … er war beim Frühstück«, sagte sie.
»Glaubt er immer noch, dass ich meinen Namenszettel selbst eingeworfen habe?«
»Hmh … nein, ich denke nicht … eigentlich nicht«, sagte Hermine verlegen.
»Was soll das heißen, eigentlich nicht?«
»Oh, Harry, ist das nicht klar?«, sagte Hermine verzweifelt. »Er ist neidisch!«
»Neidisch?«, sagte Harry ungläubig. »Neidisch auf was? Will er sich vielleicht vor der ganzen Schule zum Deppen machen?«
»Sieh mal«, sagte Hermine geduldig, »immer bist du es, der alle Aufmerksamkeit bekommt, das weißt du doch. Natürlich, du kannst nichts dafür«, fügte sie rasch hinzu, denn Harry riss empört den Mund auf. »Mir ist klar, du legst es nicht darauf an … aber – na ja – Ron hat so viele Brüder, mit denen er sich zu Hause messen muss, und du bist sein bester Freund und bist richtig berühmt – wenn Leute auf dich zukommen, wird er immer beiseitegedrängt, und er steckt es weg und sagt nie ein Wort, aber ich glaube, das war ihm nun doch zu viel …«
»Großartig«, sagte Harry erbittert. »Wirklich großartig. Richte ihm von mir aus, dass ich jederzeit mit ihm tausche. Du kannst ihm ja sagen, er darf es gerne mal selbst ausprobieren … wo ich auch hinkomme, ständig glotzen mir die Leute auf die Stirn …«
»Ich richte ihm gar nichts aus«, sagte Hermine kurz angebunden. »Sag es ihm selbst, nur so könnt ihr die Sache zwischen euch klären.«
»Ich lauf ihm doch nicht nach und helf ihm, erwachsen zu werden!«, sagte Harry so laut, dass einige Eulen in einem nahen Baum erschrocken aufflatterten. »Vielleicht glaubt er mir erst dann, dass ich es nicht zum Spaß mache, wenn ich mir den Hals breche oder –«
»Das ist nicht komisch«, sagte Hermine leise. »Das ist überhaupt nicht komisch.« Sie schien zutiefst beunruhigt. »Harry, ich habe nachgedacht – du weißt, was wir tun müssen, sobald wir wieder im Schloss sind?«
»Allerdings, Ron einen saftigen Tritt in den –«
»An Sirius schreiben. Du musst ihm sagen, was passiert ist. Er hat dich gebeten, ihn über alles, was in Hogwarts geschieht, auf dem Laufenden zu halten … mir kommt es vor, als hätte er beinahe erwartet, dass so etwas passiert. Hier, ich hab ein Blatt Pergament und eine Feder mitgebracht –«
»Nun beruhige dich doch«, sagte Harry und sah sich um, ob jemand lauschte, doch außer ihnen war niemand hier draußen. »Er ist wieder ins Land gekommen, nur weil meine Narbe geziept hat. Wahrscheinlich kommt er gleich mit Riesenkaracho ins Schloss gerauscht, wenn ich ihm sage, dass mich jemand ins Trimagische Turnier geschmuggelt hat –«
»Das würde er sicher von dir erfahren wollen«, sagte Hermine beharrlich. »Und er wird es ohnehin rausfinden –«
»Wie?«
»Harry, das wird doch kein Geheimnis bleiben«, sagte Hermine mit großem Ernst. »Dieses Turnier ist berühmt, und du bist berühmt, ich wäre wirklich überrascht, wenn der Tagesprophet nichts darüber bringen würde, dass du teilnimmst … du stehst doch schon in jedem zweiten Buch über Du-weißt-schon-wen … und Sirius würde es lieber von dir selbst erfahren, da bin ich mir sicher.«
»Schon gut, ich schreib ihm«, sagte Harry und warf sein letztes Stück Toast in den See. Sie warteten eine Weile und beobachteten, wie es zunächst auf dem Wasser trieb, bis ein mächtiger Greifarm aus der Tiefe heraufstieß und es mit sich hinunterriss. Dann kehrten sie zum Schloss zurück.
»Wessen Eule soll ich denn losschicken?«, sagte Harry, als sie die Treppen hochstiegen. »Er hat doch geschrieben, ich solle Hedwig nicht mehr nehmen.«
»Frag doch Ron, ob er dir nicht –«
»Ich frag Ron gar nichts«, sagte Harry lustlos.
»Dann leih dir eine von den Schuleulen, die sind für alle da«, sagte Hermine.
Sie stiegen hoch in die Eulerei. Hermine reichte Harry ein Stück Pergament, eine Feder und ein Tintenfass, dann schlenderte sie an den langen Reihen von Sitzstangen entlang und betrachtete die vielen verschiedenen Eulen, während Harry sich an die Wand setzte und seinen Brief schrieb.
Lieber Sirius,
du hast mir geschrieben, ich solle dich über das, was in Hogwarts passiert, auf dem Laufenden halten, also los geht’s: Ich weiß nicht, ob du es schon gehört hast, jedenfalls findet dieses Jahr das Trimagische Turnier statt und am Samstagabend wurde ich zum vierten Champion gewählt. Ich weiß nicht, wer meinen Namen in den Feuerkelch geworfen hat, ich jedenfalls war es nicht. Der andere Hogwarts-Champion ist Cedric Diggory von den Hufflepuffs.
An dieser Stelle hielt er inne und überlegte. Es drängte ihn, über seine Angst zu schreiben, die seit letzter Nacht wie ein riesiger Knoten in seiner Brust saß, doch ihm fiel nicht ein, wie er dies in Worte fassen sollte, und so tauchte er die Feder wieder ins Tintenfass und schrieb nur:
Ich hoffe, dir geht es gut und Seidenschnabel auch.
Harry
»Fertig«, sagte er zu Hermine, stand auf und klopfte sich das Stroh vom Umhang. Sofort kam Hedwig auf seine Schulter geflattert und streckte ein Bein aus.
»Ich kann dich nicht nehmen«, erklärte ihr Harry und sah sich nach den Schuleulen um. »Ich muss eine von deinen Kolleginnen schicken …«
Hedwig stieß einen lauten Schrei aus und flatterte so abrupt los, dass ihre Krallen in seine Schulter schnitten. Während Harry seinen Brief an das Bein einer großen Schleiereule band, kehrte sie ihm beharrlich den Rücken zu. Als die Schleiereule dann losgeflogen war, streckte Harry die Hand aus, um Hedwig zu streicheln, doch sie klackerte nur zornig mit dem Schnabel und flatterte ins Dachgerüst davon.
»Erst Ron und dann auch noch du«, sagte Harry wütend. »Ich kann doch nichts dafür.«
Harry hatte die leise Hoffnung gehegt, es würde ihm besser gehen, sobald alle sich an den Gedanken gewöhnt hatten, dass er Champion war, doch der Tag darauf zeigte ihm, wie falsch er damit lag. Er konnte den anderen Mitschülern nicht länger aus dem Weg gehen, da er jetzt wieder Unterricht hatte – und es war klar, dass die Schüler der anderen Häuser, genau wie die Gryffindors, dachten, er hätte sich selbst für das Turnier beworben. Im Gegensatz zu den Gryffindors jedoch schienen sie nicht beeindruckt.
Die Hufflepuffs, die normalerweise glänzend mit ihnen auskamen, zeigten sich erstaunlich abweisend gegen alle Gryffindors. Eine Stunde Kräuterkunde reichte, um ihnen das klarzumachen. Es war offensichtlich, dass die Hufflepuffs dachten, Harry hätte ihrem Champion die Schau gestohlen; vielleicht setzte sich dieser Gedanke bei ihnen umso stärker fest, als die Hufflepuffs bislang nur wenig Ruhm geerntet hatten und Cedric, der einst Gryffindor im Quidditch geschlagen hatte, einer der wenigen war, die je Lorbeeren für das Haus geholt hatten. Ernie Macmillan und Justin Finch-Fletchley, mit denen Harry sich sonst gut verstand, redeten nicht mehr mit ihm, obwohl sie am selben Setzkasten standen und Springende Knollen umtopften. Dafür lachten sie spöttisch, als sich eine der Springenden Knollen Harrys Griff entwand und ihm knallhart ins Gesicht schlug. Auch Ron sprach nicht mehr mit Harry. Hermine saß zwischen ihnen und machte sehr gezwungene Konversation. Doch während beide ihr ganz wie immer antworteten, vermieden sie es, sich gegenseitig in die Augen zu sehen. Harry hatte das Gefühl, sogar Professor Sprout sei nicht gut auf ihn zu sprechen – schließlich war sie die Leiterin des Hauses Hufflepuff.
Unter gewöhnlichen Umständen hätte er sich darauf gefreut, Hagrid zu treffen, doch Pflege magischer Geschöpfe hieß auch, dass sie auf die Slytherins trafen – das erste Mal seit seiner Wahl zum Champion hatte er wieder mit ihnen zu tun.
Wie abzusehen kam Malfoy mit jenem hämischen Grinsen, das bereits mit ihm verwachsen war, auf Hagrids Hütte zu.
»Aaah, seht her, Jungs, der Champion persönlich«, sagte er zu Crabbe und Goyle, sobald sie nah genug waren, dass Harry ihn hören konnte. »Habt ihr eure Autogrammbücher dabei? Dann holt euch besser gleich eine Unterschrift, ich bin mir nicht sicher, ob er noch lange unter uns weilt … die Hälfte der Turnier-Champions ist umgekommen … wie lange, glaubst du, hältst du es aus, Potter? Zehn Minuten in der ersten Runde, schätze ich.«
Crabbe und Goyle johlten kriecherisch, doch Malfoy verstummte plötzlich, denn Hagrid kam hinter seiner Hütte hervor, in den Armen einen wackligen Stapel Holzkisten, die jeweils einen prächtig gediehenen Knallrümpfigen Kröter enthielten. Zum Entsetzen der Klasse verkündete Hagrid, der Grund, warum die Kröter sich gegenseitig umbrächten, sei ganz einfach zu viel angestaute Energie, und die Therapie bestehe darin, dass sich jeder von ihnen einen Kröter nehme, eine Leine an ihm befestige und einen kleinen Spaziergang mit ihm mache. Das einzig Gute an Hagrids Ausführungen war, dass sie Malfoy auf andere Gedanken brachten.
»Diese Viecher spazieren führen?«, sagte er angewidert und starrte in eine der Kisten. »Und wo genau sollen wir die Leine befestigen? Um den Stachel, den Knallrumpf oder den Saugnapf?«
»Um die Mitte«, sagte Hagrid und machte es sogleich vor. »Ähm – vielleicht zieht ihr eure Drachenhauthandschuhe über, nur so zur Vorsicht, nich. Harry – komm doch mal her und hilf mir mit diesem Großen da …«
In Wahrheit wollte Hagrid ein wenig abseits von der Klasse ein Wort mit Harry wechseln.
Er wartete, bis die anderen mit ihren Krötern losmarschiert waren, dann wandte er sich Harry zu und sagte mit ernster Miene: »Also – du kämpfst mit, Harry. Im Turnier. Schul-Schämpion.«
»Einer der Champions«, berichtigte ihn Harry.
Hagrids käferschwarze Augen sahen sehr beunruhigt unter seinen wilden Brauen hervor. »Keine Ahnung, wer dich da reingebracht hat, Harry?«
»Du glaubst mir also, dass ich es nicht war?«, sagte Harry und konnte kaum verbergen, wie unendlich dankbar er für Hagrids Worte war.
»Natürlich«, grummelte Hagrid. »Du sagst, du warst es nich, und ich glaub dir – und Dumbledore glaubt dir nämlich auch.«
»Wenn ich nur wüsste, wer es wirklich war«, sagte Harry erbittert.
Sie sahen hinüber auf den Rasen; Harrys Mitschüler hatten sich weit über das Gelände verteilt und alle hatten enorme Schwierigkeiten mit den Krötern. Sie waren inzwischen über einen Meter lang und hatten gewaltige Kräfte entwickelt. Auch waren sie nicht mehr schalen- und farblos, sondern hatten eine Art dicken, gräulich glänzenden Panzer ausgebildet. Sie sahen aus wie eine Kreuzung zwischen einem Riesenskorpion und einer langen Krabbe – doch Köpfe oder Augen waren immer noch nicht zu erkennen. Wegen ihrer ungeheuren Kräfte waren sie kaum noch zu bändigen.
»Sieht ganz danach aus, als hätten sie Spaß dabei, oder?«, sagte Hagrid munter. Harry nahm an, dass er die Kröter meinte, denn seine Mitschüler hatten mit Sicherheit keinen Spaß; hin und wieder explodierte einer der Kröterrümpfe mit einem erschreckend lauten Knall, und das Geschöpf schleuderte ein paar Meter nach vorn. Nicht wenige Schüler rutschten, die Leine in der Hand, bäuchlings über den Rasen und versuchten verzweifelt, wieder auf die Beine zu kommen.
»Ach, ich weiß nicht, Harry«, seufzte Hagrid plötzlich und sah ihn mit besorgter Miene an. »Schul-Schämpion … dir scheint auch alles in den Schoß zu fallen, oder?«
Harry antwortete nicht. Ja, alles schien ihm in den Schoß zu fallen … das war ungefähr das, was Hermine bei ihrem Spaziergang um den See gesagt hatte, und das war ihr zufolge der Grund, warum Ron nicht mehr mit ihm sprach.
Die nächsten Tage gehörten zu den schlimmsten, die Harry in Hogwarts je erlebt hatte. Ganz ähnlich war es ihm schon einmal während jener Monate im zweiten Schuljahr ergangen, als fast alle in Hogwarts ihn verdächtigt hatten, seine Mitschüler anzugreifen. Doch damals hatte Ron auf seiner Seite gestanden. Harry hatte das Gefühl, wenn Ron nur wieder sein Freund wäre, könnte er das Verhalten der anderen leichter ertragen, doch auf keinen Fall wollte er versuchen, wieder mit Ron zu sprechen, wenn Ron selbst es nicht wollte. So blieb er einsam und bekam die Abneigung der anderen täglich zu spüren.
Die Hufflepuffs konnte er verstehen, auch wenn er es nicht gut fand, wie sie sich aufführten; immerhin hatten sie ihren eigenen Champion, den sie unterstützen mussten. Von den Slytherins erwartete er ohnehin nichts anderes als fiese Beleidigungen – dort war er seit langem verhasst, da er bei den Gryffindors oft tatkräftig mitgeholfen hatte, die Slytherins zu besiegen, sowohl im Quidditch als auch im Schulwettkampf der Häuser. Doch er hatte darauf gesetzt, dass wenigstens die Ravenclaws sich dazu durchringen würden, ihn ebenso eifrig zu unterstützen wie Cedric. Und darin hatte er sich geirrt. Die meisten Ravenclaws schienen zu glauben, er sei nur darauf aus, noch mehr Ruhm zu ernten, und habe deshalb dem Kelch seinen Namen untergeschoben.
Hinzu kam, dass Cedric einen viel besser aussehenden Champion hergab als Harry. Cedric war mit seiner geraden Nase, seinem dunklen Haar und seinen grauen Augen ungewöhnlich hübsch, und es war schwer zu sagen, wer dieser Tage mehr Aufmerksamkeit bekam, Cedric oder Viktor Krum. Tatsächlich beobachtete Harry eines Tages beim Mittagessen dieselben Mädchen aus der sechsten Klasse, die so scharf auf Krums Autogramm gewesen waren, wie sie Cedric anflehten, seinen Namenszug auf ihre Schultaschen zu schreiben.
Unterdessen wartete er immer noch auf eine Antwort von Sirius. Hedwig weigerte sich, auch nur in seine Nähe zu kommen, Professor Trelawney sagte seinen Tod mit noch größerer Bestimmtheit als sonst voraus, und bei Professor Flitwick war er so schlecht im Aufrufezaubern, dass er noch eine Extraportion Hausaufgaben bekam – als Einziger, abgesehen von Neville.
»Im Grunde ist es gar nicht so schwer«, versuchte ihn Hermine aufzumuntern, als sie nach Flitwicks Unterricht hinausgingen – während der ganzen Stunde hatte sie irgendwelche Gegenstände durchs Zimmer und in ihre Hände fliegen lassen, als wäre sie ein merkwürdiger Magnet für Tafelschwämme, Papierkörbe und Lunaskope. »Du hast dich einfach nicht richtig konzentriert –«
»Und warum wohl?«, sagte Harry niedergeschlagen. Und in diesem Augenblick ging Cedric Diggory vorbei, umringt von einer Schar geziert lächelnder Mädchen, die Harry ansahen, als ob er ein besonders großer Knallrümpfiger Kröter wäre. »Na ja – ist doch egal, oder? Ich kann mich ja auf heute Nachmittag freuen, Doppelstunde Zaubertränke …«
Die Doppelstunde Zaubertränke war immer ein schreckliches Erlebnis, doch jetzt war es die reine Folter. Anderthalb Stunden lang mit Snape und den Slytherins in einen Kerker gesperrt zu sein, die alle entschlossen schienen, Harry so schwer wie möglich zu bestrafen, weil er es gewagt hatte, Schul-Champion zu werden, das war so ziemlich das Unangenehmste, was Harry sich vorstellen konnte. Einen Freitag hatte er schon durchgestanden, mit Hermine an seiner Seite, die ihm ständig »Scher dich nicht drum, lass sie reden« zumurmelte, und er wusste nicht, warum es ihm heute besser ergehen sollte.
Als er nach dem Mittagessen mit Hermine vor Snapes Kerker ankam, warteten die Slytherins bereits an der Tür, und ausnahmslos alle trugen große Anstecker an den Umhängen. Einen überdrehten Moment lang dachte Harry, es seien B.ELFE.R-Anstecker – dann sah er, dass alle dieselbe Aufschrift in roten Leuchtbuchstaben trugen, die durch das Dämmerlicht des Kellergangs strahlten:
Ich bin für CEDRIC DIGGORY –
den WAHREN Hogwarts-Champion!
»Gefällt’s dir, Potter?«, sagte Malfoy laut, als Harry näher trat. »Und das ist nicht alles – sieh mal!«
Er drückte mit dem Finger auf den Anstecker, die Schrift verschwand und dann erschienen leuchtend grüne Lettern:
POTTER STINKT
Die Slytherins brüllten vor Lachen. Nun drückten auch die anderen auf ihre Anstecker und schließlich leuchtete im ganzen Umkreis die Botschaft POTTER STINKT. Harry spürte, wie Hitze in ihm aufwallte und in Hals und Gesicht stieg.
»Unglaublich witzig«, sagte Hermine trocken zu Pansy Parkinson und ihrer Bande Slytherin-Mädchen, die sich besonders amüsierten, »wirklich sehr einfallsreich.«
Ron stand mit Dean und Seamus an der Wand. Er lachte nicht, doch er sprang Harry auch nicht bei.
»Willst du einen, Granger?«, sagte Malfoy und hielt ihr einen Anstecker hin. »Ich hab sie kistenweise. Aber berühr bloß nicht meine Hand. Ich hab sie gerade gewaschen, und ich will nicht, dass eine Schlammblüterin sie einschleimt.«
Es war, als ob der Zorn, den Harry nun seit Tagen mit sich herumtrug, einen Damm in seiner Brust durchbrach. Er hatte seinen Zauberstab in der Hand, bevor er recht wusste, was er tat. Einige Umstehende stürzten sofort in den Kellergang davon.
»Harry!«, warnte ihn Hermine.
»Jetzt mach schon, Potter«, sagte Malfoy leise und zog ebenfalls seinen Zauberstab. »Moody ist nicht hier, um dich auf den Schoß zu nehmen – tu’s doch, wenn du den Mumm dazu hast –«
Den Bruchteil einer Sekunde lang sahen sie sich in die Augen, und dann, in genau demselben Moment, griffen sie an.
»Furnunculus!«, rief Harry.
»Densaugeo!«, schrie Malfoy.
Lichtblitze schossen aus beiden Zauberstäben, trafen sich in der Luft und schleuderten sich aus der Bahn – Harrys Blitzstrahl traf Goyle im Gesicht, der Malfoys traf Hermine. Goyle jaulte auf und schlug die Hände auf seine Nase, wo große, hässliche Blasen aufquollen – Hermine, panisch wimmernd, presste die Hände auf den Mund.
»Hermine!« Ron stürmte herbei, um zu sehen, was ihr passiert war.
Harry wandte sich um und sah, wie Ron Hermines Hände von ihrem Gesicht zog. Es war kein schöner Anblick. Hermines Vorderzähne – ohnehin schon überdurchschnittlich lang – wuchsen mit alarmierender Geschwindigkeit; mehr und mehr nahm sie das Aussehen eines Bibers an und ihre Zähne wuchsen weiter, über ihre Unterlippe hinaus, auf ihr Kinn zu – in ihrer Panik tastete sie danach und schrie von Grauen gepackt auf.
»Was soll dieser Krach hier?«, sagte eine leise, eiskalte Stimme. Snape war gekommen.
Die Slytherins redeten laut durcheinander, um ihre Sicht der Dinge loszuwerden. Snape deutete mit einem langen gelben Finger auf Malfoy und sagte: »Erkläre.«
»Potter hat mich angegriffen, Sir –«
»Wir haben uns gleichzeitig angegriffen!«, rief Harry.
»– und er hat Goyle getroffen – sehen Sie –«
Snape musterte Goyles Gesicht, das nun nach etwas aussah, das in ein Buch über Giftpilze gehörte.
»Krankenflügel, Goyle«, sagte Snape ruhig.
»Malfoy hat Hermine getroffen!«, sagte Ron. »Sehen Sie!«
Er zwang Hermine, Snape ihre Zähne zu zeigen – sie tat ihr Bestes, um sie mit den Händen zu verbergen, was jedoch schwierig war, denn jetzt waren sie schon an ihrem Kragen vorbeigewachsen. Pansy Parkinson und die anderen Slytherin-Mädchen krümmten sich hinter Snapes Rücken lautlos vor Lachen und deuteten mit den Fingern auf Hermine.
Snape sah Hermine kalt an, dann sagte er: »Ich sehe keinen Unterschied.«
Hermine ließ ein Wimmern hören; ihre Augen füllten sich mit Tränen, sie drehte sich auf den Fersen um und rannte, rannte in den Kellergang hinein und verschwand.
Vielleicht war es ein Glück, dass Harry und Ron gleichzeitig begannen Snape anzuschreien; ein Glück, dass ihr Geschrei an den steinernen Kellerwänden widerhallte, denn aus dem lauten Stimmengewirr konnte Snape nicht genau heraushören, als was sie ihn alles beschimpften. Das Wesentliche allerdings bekam er mit.
»Schauen wir mal«, sagte er, ölig wie noch nie. »Fünfzig Punkte Abzug für Gryffindor und Nachsitzen für Potter und Weasley. Jetzt aber rein oder ihr bleibt eine Woche im Keller.«
In Harrys Ohren rauschte es. So ungerecht war das alles, dass er Snape am liebsten in tausend schleimige Stücke zerflucht hätte. Er ging an Snape vorbei und an Rons Seite in den hinteren Teil des Kerkers, wo er seine Tasche auf einen Tisch knallte. Auch Ron bebte vor Zorn – einen Moment lang hatte Harry das Gefühl, alles sei wieder wie früher, doch dann wandte sich Ron ab, ließ ihn allein am Tisch zurück und setzte sich zu Dean und Seamus. Vorn in der ersten Reihe drehte Malfoy Snape den Rücken zu, grinste und drückte auf seinen Anstecker. POTTER STINKT flammte durch den Kerker.
Harry saß da und starrte Snape an, der zu reden begonnen hatte, und er stellte sich vor, dass Snape schreckliche Dinge zustießen … wenn er nur wüsste, wie dieser Cruciatus-Fluch funktionierte … er würde Snape flach auf den Rücken legen wie diese Spinne und zucken und zappeln lassen …
»Gegengifte!«, sagte Snape und sah sie mit bedrohlich funkelnden kalten schwarzen Augen an. »Ihr solltet inzwischen eure Rezepte vorbereitet haben. Ihr werdet jetzt mit aller Sorgfalt eure Tinkturen zubereiten, und dann werden wir jemanden aussuchen, an dem wir eine davon ausprobieren …«
Snape suchte Harrys Blick, und Harry wusste genau, was ihm bevorstand. Snape würde ihn vergiften. Harry sah sich schon seinen Kessel packen, nach vorn spurten und ihn über Snapes fettigen Kopf stülpen –
Und dann riss ihn ein Klopfen an der Tür aus den Gedanken.
Es war Colin Creevey; er streckte den Kopf durch den Türspalt, strahlte in Harrys Richtung und ging nach vorn zu Snapes Tisch.
»Ja?«, sagte Snape schroff.
»Bitte, Sir, ich soll Harry Potter nach oben bringen.«
Snape sah an seiner Hakennase entlang hinunter auf Colin, dem das Lächeln auf dem begeisterten Gesicht sofort gefror.
»Potter hat hier noch eine Stunde Zaubertränke abzusitzen«, sagte Snape kalt. »Er wird nach oben kommen, wenn der Unterricht zu Ende ist.«
Colin lief rosa an.
»Sir – Sir, Mr Bagman will ihn sprechen«, sagte er aufgeregt. »Alle Champions müssen kommen, ich glaube, sie wollen Fotos von ihnen machen …«
Harry hätte alles gegeben, was er besaß, wenn Colin nur nicht die letzten Worte ausgesprochen hätte. Aus den Augenwinkeln sah er zu Ron hinüber, doch Ron starrte verbissen an die Decke.
»Von mir aus«, fauchte Snape. »Potter, lass deine Sachen hier, du kommst so schnell wie möglich zurück, ich will dein Gegengift testen.«
»Bitte, Sir, er muss seine Sachen mitnehmen«, piepste Colin. »Alle Champions –«
»Schon gut!«, blaffte Snape. »Potter, nimm deine Tasche und verschwinde hier!«
Harry warf sich die Tasche über die Schulter, stand auf und ging eilig auf die Tür zu. Als er zwischen den Tischen der Slytherins hindurchging, blinkte ihn von allen Seiten POTTER STINKT an.
»Ist das nicht toll, Harry?«, sagte Colin, kaum hatte Harry die Kerkertür hinter sich geschlossen. »Oder, Harry? Dass du Champion bist!«
»Ja, echt toll«, sagte Harry matt, während sie die Stufen zur Eingangshalle hochgingen. »Wozu brauchen sie Fotos, Colin?«
»Für den Tagespropheten, glaub ich!«
»Großartig«, sagte Harry lahm. »Genau das, was mir fehlt. Noch mehr Rummel.«
»Viel Glück!«, sagte Colin, als sie vor dem Raum standen. Harry klopfte und trat ein.
Es war ein recht kleines Klassenzimmer; die meisten Tische waren nach hinten an die Wand gerückt worden, um in der Mitte viel Platz zu schaffen; drei Tische jedoch waren längs der Tafel aufgestellt und mit einem langen samtenen Tuch bedeckt. Fünf Stühle standen hinter diesen Tischen und auf einem davon saß Ludo Bagman und unterhielt sich mit einer Hexe in magentarotem Umhang. Harry hatte sie noch nie gesehen. Viktor Krum stand wie immer missgelaunt in einer Ecke und sprach mit niemandem. Cedric und Fleur unterhielten sich. Fleur sah um einiges glücklicher aus, als Harry sie bisher gesehen hatte; immer wieder, wenn sie den Kopf zurückwarf, leuchtete ihr langes Silberhaar im Licht auf. Ein dickbauchiger Mann mit einer großen schwarzen Kamera in der Hand, aus der es ein wenig rauchte, beobachtete Fleur aus den Augenwinkeln.
Bagman, der plötzlich bemerkt hatte, dass Harry eingetreten war, sprang auf und kam beschwingt auf ihn zu. »Aah, da ist er ja! Unser Champion Nummer vier! Komm herein, Harry, immer rein mit dir … keine Sorge, es geht nur um die Eichung der Zauberstäbe, die anderen Schiedsrichter werden gleich da sein –«
»Eichung der Zauberstäbe?«, fragte Harry nervös.
»Wir müssen prüfen, ob eure Zauberstäbe in Ordnung sind und keine Probleme machen, da sie doch die wichtigsten Werkzeuge für die kommenden Aufgaben sind«, sagte Bagman. »Der Fachmann ist gerade oben bei Dumbledore. Und dann gibt es noch einen kleinen Fototermin. Darf ich vorstellen, Rita Kimmkorn«, fügte er hinzu und wies auf die Hexe mit dem magentaroten Umhang, »sie schreibt für den Tagespropheten einen kleinen Artikel über das Turnier …«
»Vielleicht nicht ganz so klein, Ludo«, sagte Rita Kimmkorn, die Augen auf Harry gerichtet.
Sie hatte eine kunstvolle und auffällig steife Lockenfrisur, die überhaupt nicht zu ihrem schwerkiefrigen Gesicht passen wollte, und trug eine juwelenbesetzte Brille. Ihre dicken Finger, die den Griff einer Krokodillederhandtasche umklammerten, endeten in fünf Zentimeter langen, karmesinrot lackierten Fingernägeln.
»Wäre es vielleicht möglich, dass ich rasch ein Wort mit Harry wechsle, bevor wir anfangen?«, fragte sie Bagman, ohne den Blick von Harry abzuwenden. »Der jüngste Champion, Sie wissen schon … damit das Ganze ein wenig Pep kriegt?«
»Natürlich!«, rief Bagman. »Das heißt – wenn Harry keine Einwände hat?«
»Ähm –«, sagte Harry.
»Wunderbar«, sagte Rita Kimmkorn, und schon hatten ihre knallroten Krallenfinger Harry überraschend fest am Oberarm gepackt. Sie bugsierte ihn hinaus auf den Gang und öffnete eine Tür nebenan.
»Dort drin ist es doch viel zu laut für uns«, sagte sie. »Sehen wir mal … ah ja, hier ist es nett und gemütlich.«
Es war ein Besenschrank. Harry starrte sie an.
»Komm mit, mein Lieber – so ist es recht – wunderbar«, sagte Rita Kimmkorn, ließ sich vorsichtig auf einem umgekippten Eimer nieder, drückte Harry hinunter auf einen Pappkarton und schloss die Tür. Es war stockdunkel. »Wollen mal sehen …«
Sie ließ ihre Krokodillederhandtasche aufschnappen und zog eine Hand voll Kerzen heraus, die sie mit einem Schlenker ihres Zauberstabs entzündete und in der Luft schweben ließ, so dass sie sehen konnten, was sie taten.
»Du hast doch nichts dagegen, Harry, wenn ich eine Flotte-Schreibe-Feder benutze? Dann kann ich in aller Ruhe mit dir reden …«
»Eine was?«
Rita Kimmkorns Lächeln wurde immer breiter. Harry zählte drei Goldzähne. Sie steckte die Hand erneut in die Krokodilledertasche und zog eine lange giftgrüne Feder und eine Rolle Pergament hervor, die sie auf einer Lattenkiste mit Mrs Skowers Allzweck-Magische-Sauerei-Entferner zwischen sich und Harry ausrollte. Sie nahm die Spitze der grünen Feder in den Mund, saugte kurz mit offensichtlichem Genuss daran, dann stellte sie die Feder senkrecht auf das Pergament, wo sie zitternd auf der Spitze stehen blieb.
»Probe … mein Name ist Rita Kimmkorn, Reporterin des Tagespropheten.«
Harry sah rasch hinunter auf die Feder. Kaum hatte Rita Kimmkorn den Mund zugemacht, begann die grüne Feder schwungvoll über das Pergament zu fliegen:
Die attraktive Blondine Rita Kimmkorn (43), deren feurige Feder manch einen aufgeblähten Ruf durchlöchert hat –
»Wunderbar«, sagte Rita Kimmkorn erneut, riss das beschriebene Stück Pergament ab, zerknüllte es und steckte es in ihre Handtasche. Dann beugte sie sich zu Harry hinüber und sagte: »Nun, Harry … warum hast du dich entschlossen, am Trimagischen Turnier teilzunehmen?«
»Ähm –«, sagte Harry, doch die Feder lenkte ihn ab. Obwohl er gar nichts sagte, flitzte sie über das Pergament und hinterließ als Spur einen frischen Satz:
Eine hässliche Narbe, Erinnerung an seine tragische Vergangenheit, entstellt den ansonsten durchaus reizenden Harry Potter, dessen Augen –
»Achte nicht auf die Feder, Harry«, sagte Rita Kimmkorn gebieterisch. Zögernd sah Harry zu ihr auf. »Nun – warum hast du beschlossen, am Turnier teilzunehmen, Harry?«
»Das hab ich nicht«, sagte Harry. »Ich weiß nicht, wie mein Name in den Feuerkelch geraten ist. Ich hab ihn jedenfalls nicht eingeworfen.«
Rita Kimmkorn hob eine mit kräftigem Stift nachgezogene Augenbraue. »Komm schon, Harry, du brauchst keine Angst zu haben, dass du Schwierigkeiten bekommst. Wir wissen alle, dass du dich eigentlich gar nicht hättest bewerben dürfen. Aber mach dir darüber keine Gedanken. Unsere Leser stehen auf Rebellen.«
»Aber ich habe mich wirklich nicht beworben«, wiederholte Harry. »Ich weiß nicht, wer –«
»Welches Gefühl hast du, wenn du an die kommenden Aufgaben denkst?«, fragte Rita Kimmkorn. »Bist du aufgeregt? Nervös?«
»Im Grunde hab ich noch nicht darüber nachgedacht … jaah, nervös vielleicht schon«, sagte Harry. Sein Magen verkrampfte sich schmerzhaft, während er sprach.
»Es sind schon Champions gestorben!«, sagte Rita Kimmkorn munter. »Hast du überhaupt schon daran gedacht?«
»Na ja … sie sagen, es sei dieses Jahr viel sicherer«, sagte Harry.
Die Feder sauste über das Pergament zwischen ihnen, vor und zurück, als würde sie Schlittschuh laufen.
»Natürlich hast du dem Tod schon einmal ins Angesicht geblickt, nicht?«, sagte Rita Kimmkorn und musterte ihn scharf. »Wie, würdest du sagen, hat dich das persönlich betroffen gemacht?«
»Ähm«, sagte Harry noch einmal.
»Glaubst du, dass dich das Trauma deiner Kindheit dazu führt, dich immer von neuem beweisen zu wollen? Deinem Namen alle Ehre zu machen? Bist du vielleicht der Versuchung erlegen, am Trimagischen Turnier teilzunehmen, weil –«
»Ich hab mich nicht beworben!«, sagte Harry und spürte, wie Zorn in ihm hochkochte.
»Kannst du dich überhaupt an deine Eltern erinnern?«, fragte Rita Kimmkorn, ohne auf ihn einzugehen.
»Nein«, sagte Harry.
»Wie, glaubst du, würden deine Eltern sich fühlen, wenn sie wüssten, dass du am Trimagischen Turnier teilnimmst? Stolz? Besorgt? Wütend?«
Jetzt ging sie Harry entschieden auf die Nerven. Woher um Himmels willen sollte er wissen, wie sich seine Eltern fühlen würden, wenn sie noch lebten? Er spürte, dass ihn Rita Kimmkorn scharf beobachtete. Er runzelte die Stirn, mied ihren Blick und sah hinunter auf das, was die Feder gerade geschrieben hatte:
Tränen erfüllen diese verblüffend grünen Augen, sobald unser Gespräch sich den Eltern zuwendet, an die er sich kaum noch erinnern kann.
»Ich habe KEINE Tränen in den Augen!«, sagte Harry laut.
Bevor Rita Kimmkorn ein Wort sagen konnte, ging die Tür des Besenschranks auf. Harry drehte sich um und blinzelte gegen das helle Licht. Draußen stand Albus Dumbledore und sah hinunter auf sie beide, wie sie da im Besenschrank eingepfercht saßen.
»Dumbledore!«, rief Rita Kimmkorn, allem Anschein nach höchst erfreut – doch Harry bemerkte, dass Feder und Pergament auf einmal von der Kiste mit dem Magische-Sauerei-Entferner verschwunden waren und Ritas Klauenfinger den Verschluss ihrer Krokodilledertasche hastig zuklicken ließen. »Wie geht es Ihnen?«, sagte sie, stand auf und streckte Dumbledore eine ihrer großen, männlichen Hände entgegen. »Ich hoffe, Sie haben im Sommer meinen Artikel über die Konferenz der Internationalen Zauberervereinigung gelesen?«
»Bezaubernd gehässig«, sagte Dumbledore mit funkelnden Augen. »Besonders gefallen hat mir Ihre Beschreibung meiner Person als eines in die Jahre gekommenen, altmodischen Narren.«
Rita Kimmkorn schien es nicht im Entferntesten peinlich zu sein. »Ich wollte eigentlich nur sagen, dass manche Ihrer Vorstellungen ein wenig veraltet sind, Dumbledore, und dass viele Zauberer, die man so auf der Straße trifft –«
»Mit Vergnügen würde ich mir die Gründe für diese Gemeinheit anhören, Rita«, sagte Dumbledore lächelnd und verbeugte sich höflich, »aber ich fürchte, wir müssen diese Dinge auf später verschieben. Die Eichung beginnt gleich, und wir können nicht anfangen, solange einer der Champions in einem Besenschrank versteckt ist.«
Erleichtert, endlich von Rita Kimmkorn loszukommen, ging Harry eilig zurück in das Klassenzimmer. Die anderen Champions hatten inzwischen auf Stühlen in der Nähe der Tür Platz genommen und er setzte sich rasch neben Cedric. Drüben an den samtbedeckten Tischen saßen jetzt vier der fünf Richter – Professor Karkaroff, Madame Maxime, Mr Crouch und Ludo Bagman. Rita Kimmkorn ließ sich in einer Ecke nieder; Harry sah, wie sie das Pergament hastig wieder aus der Tasche holte, es auf ihren Knien ausbreitete, an der Spitze der Flotte-Schreibe-Feder nuckelte und sie dann auf das Pergament stellte.
»Darf ich Ihnen Mr Ollivander vorstellen?«, wandte sich Dumbledore an die Champions, als er seinen Platz am Schiedsrichtertisch einnahm. »Er wird Ihre Zauberstäbe prüfen, um sicherzustellen, dass sie vor dem Turnier in gutem Zustand sind.«
Harry wandte den Blick und zuckte überrascht zusammen, als er einen alten Zauberer mit großen, blassen Augen schweigend am Fenster stehen sah. Er hatte Mr Ollivander schon einmal getroffen – er war der Zauberstabmacher aus der Winkelgasse, bei dem Harry vor über drei Jahren seinen Zauberstab gekauft hatte.
»Mademoiselle Delacour, dürfen wir Sie als Erste nach vorn bitten?«, sagte Mr Ollivander und schritt auf den freien Platz in der Mitte des Zimmers zu.
Fleur Delacour schwebte hinüber zu Mr Ollivander und reichte ihm ihren Zauberstab.
»Hmmm …«, sagte er.
Er wirbelte den Zauberstab durch die Finger wie einen Taktstock und ein paar rosa und goldene Funken sprühten aus seiner Spitze hervor. Dann hob er ihn dicht an die Augen und untersuchte ihn sorgfältig.
»Ja«, sagte er leise, »neuneinhalb Zoll … unbiegsam … Rosenholz … und er enthält … meine Güte …«
»Ein ’aar vom Kopf einer Veela«, sagte Fleur. »Eine meiner Großmütter.«
Also war Fleur doch eine Art Veela, dachte Harry und nahm sich fest vor, es gleich nachher Ron zu erzählen … dann fiel ihm ein, dass Ron ja nicht mehr mit ihm sprach.
»Ja«, sagte Mr Ollivander, »ja, ich persönlich habe natürlich nie Veela-Haare verwendet. Ich finde, das ergibt doch recht eigenwillige Zauberstäbe … nun, für jeden gibt’s den richtigen, und wenn er zu Ihnen passt …«
Mr Ollivander fuhr mit dem Finger über den Zauberstab, offenbar auf der Suche nach Kratzern oder Höckern; dann murmelte er »Orchideus!« und ein Strauß Blumen brach aus der Stabspitze hervor.
»Sehr schön, sehr schön, zum Arbeiten völlig geeignet«, sagte Mr Ollivander, bündelte die Blumen zu einem Strauß und überreichte ihn Fleur zusammen mit ihrem Zauberstab. »Mr Diggory, Sie sind dran.«
Fleur schwebte zu ihrem Platz zurück, nicht ohne Cedric im Vorbeigehen ein Lächeln zu schenken.
»Ah, das ist einer von mir, nicht wahr?«, sagte Mr Ollivander mit deutlich größerer Begeisterung, als ihm Cedric den Zauberstab reichte. »Ja, ich erinnere mich noch gut daran. Er enthält ein einziges Schwanzhaar eines besonders gut gewachsenen männlichen Einhorns … muss an die siebzehn Handbreit hoch gewesen sein; hat mich mit seinem Horn fast noch aufgespießt, nachdem ich an seinem Schwanz gezupft hatte. Zwölfeinviertel Zoll … Esche … federt ganz hübsch. Ist ja in bestem Zustand … du pflegst ihn regelmäßig?«
»Hab ihn gestern Abend noch poliert«, sagte Cedric grinsend.
Harry sah auf seinen eigenen Zauberstab hinab. Überall waren Fingerabdrücke zu sehen. Er hob den Saum seines Umhangs vom Knie, ballte ihn zusammen und versuchte den Zauberstab möglichst unauffällig zu putzen. Einige Goldfunken schossen aus seiner Spitze hervor. Fleur Delacour versetzte ihm einen recht mitleidigen Blick und daraufhin ließ er es bleiben.
Mr Ollivander ließ einen Strom silberner Rauchringe aus der Spitze von Cedrics Zauberstab durchs Zimmer schweben, erklärte sich zufrieden und sagte dann: »Mr Krum, wenn ich bitten darf.«
Viktor Krum stand auf und schlurfte plattfüßig und mit hängenden Schultern zu Mr Ollivander hinüber. Er riss seinen Zauberstab hervor, steckte die Hände in die Taschen und wartete mit finsterem Blick.
»Hmm«, sagte Mr Ollivander, »das ist doch einer von Gregorowitsch, wenn ich mich nicht irre? Ein guter Zauberstabmacher, auch wenn mir die Gestaltung nicht immer ganz … allerdings …«
Er hob den Zauberstab an die Augen und drehte ihn einige Male mit prüfendem Blick.
»Ja … Weißbuche und Drachenherzfaser?«, sagte er dann plötzlich und Krum nickte. »Doch um einiges dicker, als man ihn sonst zu sehen bekommt … recht steif … zehneinviertel Zoll … Avis!«
Der Weißbuchenstab knallte wie ein Gewehr, und ein paar kleine Vögel flogen zwitschernd aus seiner Spitze hervor und durch das offene Fenster hinauf in den wolkenverhangenen Himmel.
»Gut«, sagte Mr Ollivander und gab Krum den Zauberstab zurück. »Jetzt bleibt nur noch … Mr Potter.«
Harry stand auf und ging an Krum vorbei zu Mr Ollivander. Er reichte ihm seinen Zauberstab.
»Aaaah, ja«, sagte Mr Ollivander und seine blassen Augen begannen plötzlich zu leuchten. »Ja, ja, ja. Wie gut ich mich noch erinnere.«
Auch Harry erinnerte sich noch. Er sah es vor sich, als wäre es gestern gewesen …
Vor vier Sommern, an seinem elften Geburtstag, war er zusammen mit Hagrid in Mr Ollivanders Laden gekommen, um einen Zauberstab zu kaufen. Mr Ollivander hatte seine Maße genommen und ihm dann einige Zauberstäbe zum Ausprobieren gegeben. Harry hatte, wie es ihm vorkam, jeden einzelnen Zauberstab im Laden geschwungen, bis er endlich den gefunden hatte, der zu ihm passte – dieser hier, der aus dem Holz einer Stechpalme gefertigt war, elf Zoll lang war und eine einzige Feder vom Schwanz eines Phönix enthielt. Mr Ollivander war sehr überrascht gewesen, dass Harry so gut zu diesem Zauberstab passte. »Sehr seltsam«, hatte er gesagt, »… seltsam«, und erst als Harry fragte, was denn so seltsam sei, hatte Mr Ollivander erklärt, dass die Phönixfeder vom selben Vogel stammte, von dem auch die Feder des Zauberstabs von Lord Voldemort kam.
Harry hatte dieses Wissen nie mit jemandem geteilt. Ihm gefiel sein Zauberstab sehr gut, und was ihn anging, war seine Beziehung zu Lord Voldemorts Zauberstab etwas, für das er nichts konnte – genauso, wie er nichts für seine Verwandtschaft mit Tante Petunia konnte. Allerdings hoffte er inständig, dass Mr Ollivander nicht gleich allen verkünden würde, was es mit dem Zauberstab auf sich hatte. Er hatte das komische Gefühl, Rita Kimmkorns Flotte-Schreibe-Feder würde sich dann vor Begeisterung geradezu selbst zerfleddern.
Mr Ollivander wendete für Harrys Zauberstab viel mehr Zeit auf als für die anderen. Schließlich jedoch ließ er eine Weinfontäne daraus hervorsprudeln und gab ihn Harry mit der Bemerkung zurück, er sei immer noch in tadellosem Zustand.
»Ich danke allen«, sagte Dumbledore am Richtertisch und erhob sich. »Sie können jetzt wieder in den Unterricht zurück – oder vielleicht wäre es besser, wenn Sie gleich runter zum Essen gehen, da es ohnehin bald Zeit ist –«
Harry, der das Gefühl hatte, dass heute wenigstens einmal etwas gut gelaufen war, erhob sich und wollte gerade hinausgehen, als der Mann mit der schwarzen Kamera aufsprang und sich räusperte.
»Fotos, Dumbledore, Fotos!«, rief Bagman aufgeregt. »Alle Richter und Champions. Was halten Sie davon, Rita?«
»Ähm – ja, erst das Gruppenfoto«, sagte Rita Kimmkorn, den Blick erneut auf Harry gerichtet. »Und dann vielleicht ein paar Einzelaufnahmen.«
Die Aufnahmen kosteten viel Zeit. Madame Maxime, wo immer sie auch stand, stellte alle anderen in den Schatten, und der Fotograf bekam sie nicht ganz aufs Bild, weil er beim Zurückgehen hinten an die Wand stieß; schließlich musste sie sich setzen, während sich die anderen um sie herum aufstellten; Karkaroff wickelte ständig seinen Spitzbart um die Finger, um ihm einen zusätzlichen Kringel zu verpassen; Krum, von dem Harry gedacht hatte, er müsse an solche Auftritte gewöhnt sein, drückte sich halb verdeckt im Hintergrund herum. Der Fotograf schien vor allem erpicht darauf, Fleur im Vordergrund zu haben, doch Rita Kimmkorn rannte ständig herbei und zerrte Harry nach vorn, damit er besser ins Bild kam. Dann bestand sie auf Einzelfotos aller Champions. Und endlich konnten sie gehen.
Harry ging hinunter zum Mittagessen. Hermine war nicht da – er nahm an, dass sie immer noch im Krankenflügel war und sich die Zähne wieder in Ordnung bringen ließ. Er aß für sich allein am Tischende, dann kehrte er zum Gryffindor-Turm zurück, in Gedanken bei all den zusätzlichen Arbeiten, die er für die Aufrufezauber erledigen musste. Oben im Schlafsaal stieß er auf Ron.
»Du hast eine Eule«, sagte Ron brüsk, sobald Harry hereinkam. Er deutete auf Harrys Kissen. Dort wartete die Schleiereule der Schule auf ihn.
»Oh – gut«, sagte Harry.
»Und wir müssen morgen Abend nachsitzen, in Snapes Kerker«, sagte Ron.
Dann ging er hinaus, ohne Harry auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen. Einen Moment lang wollte Harry ihm nachlaufen – er war sich nicht sicher, ob er mit ihm reden oder ihm eine reinhauen sollte, beides schien seine Reize zu haben –, doch der Drang, Sirius’ Antwort zu lesen, war zu stark. Harry ging hinüber zu der Schleiereule, nahm ihr den Brief vom Bein und rollte ihn auf.
Harry,
ich kann in einem Brief nicht alles sagen, was ich möchte, es ist zu riskant, falls die Eule abgefangen wird – wir müssen unter vier Augen miteinander reden. Kannst du dafür sorgen, dass du am 22. November um ein Uhr morgens allein am Kamin im Gryffindor-Turm bist?
Ich weiß besser als alle anderen, dass du auf dich selbst aufpassen kannst, und solange Dumbledore und Moody in deiner Nähe sind, glaube ich nicht, dass dir einer was antun kann. Doch genau darauf scheint sich jemand mit allen Mitteln vorzubereiten. Dich ins Turnier zu schmuggeln, und dazu noch unter Dumbledores Nase, muss sehr gefährlich gewesen sein.
Sei auf der Hut, Harry. Ich möchte weiterhin über alles Ungewöhnliche unterrichtet werden. Lass mir wegen des 22. November so rasch wie möglich eine Nachricht zukommen.
Sirius
Der Ungarische Hornschwanz
Die Aussicht, bald mit Sirius sprechen zu können, war alles, was Harry während der nächsten zwei Wochen bei Laune hielt, es war der einzige helle Fleck an einem Horizont, der so dunkel war wie noch nie. Den Schock, plötzlich Schul-Champion zu sein, hatte er inzwischen halbwegs verkraftet, doch allmählich kroch die Angst vor dem Kommenden in ihm hoch. Der Tag der ersten Aufgabe rückte immer näher; er hatte das Gefühl, ein widerliches Monster würde auf ihn zukrauchen und ihm den Weg versperren. Wie ihm jetzt die Nerven flatterten, war überhaupt nicht mit dem zu vergleichen, was er vor irgendeinem Quidditch-Spiel durchgemacht hatte, nicht einmal vor seinem letzten gegen die Slytherins, bei dem es um den Pokal gegangen war. Harry fiel es schwer, überhaupt an die Zukunft zu denken, er hatte das Gefühl, sein ganzes Leben wäre geradewegs auf diese erste Aufgabe zugelaufen und würde mit ihr auch enden …
Wie er sich eingestand, hatte er keine Ahnung, wie Sirius ihn eigentlich aufmuntern sollte, da er doch vor Hunderten von Zuschauern einen unbekannten, schwierigen und gefährlichen Zauber bewältigen musste, doch der bloße Anblick eines freundlichen Gesichts war immerhin schon etwas. Harry antwortete Sirius, er würde zur vorgeschlagenen Zeit am Kamin des Gemeinschaftsraums sein, und er überlegte mit Hermine lange hin und her, wie sie es anstellen könnten, in dieser Nacht etwaige Trödler zu vertreiben. Wenn alles andere schiefgehen sollte, würden sie es mit einem Sack voll Stinkbomben versuchen, doch sie hofften, das würde ihnen erspart bleiben – Filch würde sie bei lebendigem Leibe häuten.
Unterdessen wurde das Leben in den Mauern des Schlosses noch schwerer für Harry, denn Rita Kimmkorn hatte ihren Bericht über das Trimagische Turnier veröffentlicht, und wie sich herausstellte, war es weniger ein Bericht über das Turnier als eine in grellen Farben gemalte Lebensgeschichte Harrys. Ein Foto von Harry nahm einen großen Teil der Titelseite ein; der Artikel (fortgesetzt auf den Seiten zwei, sechs und sieben) drehte sich einzig und allein um Harry, die Namen der Champions von Beauxbatons und Durmstrang (alle falsch geschrieben) waren in die letzte Zeile gequetscht worden und Cedric wurde überhaupt nicht erwähnt.
Der Artikel war vor zehn Tagen erschienen, und noch immer brannte Harry vor Scham der Magen, wenn er daran dachte. Rita Kimmkorn zufolge hatte er dies und das und jenes gesagt, doch er konnte sich nicht erinnern, solche Worte jemals im Leben gebraucht zu haben, und schon gar nicht in diesem Besenschrank.
»Ich glaube, es sind meine Eltern, die mir Kraft geben, ich weiß, sie würden sehr stolz auf mich sein, wenn sie mich jetzt sehen könnten … ja, nachts weine ich manchmal noch, wenn ich an sie denke, ich schäme mich nicht, das zuzugeben … Ich weiß, dass mir im Turnier nichts zustoßen kann, denn sie wachen über mich …«
Doch Rita Kimmkorn hatte nicht nur seine »Ähms« in lange, Übelkeit erregende Sätze verwandelt, sie hatte auch andere über ihn ausgefragt:
Harry hat in Hogwarts endlich die Liebe gefunden. Sein enger Freund, Colin Creevey, berichtet, dass Harry fast ständig in Begleitung Hermine Grangers zu sehen ist, eines umwerfend hübschen muggelstämmigen Mädchens, das wie Harry zu den besten Schülern des Internats gehört.
Kaum war der Artikel erschienen, musste es Harry über sich ergehen lassen, dass seine Mitschüler – vor allem Slytherins – lauthals Sätze daraus vorlasen, wenn er an ihnen vorbeiging, und dazu noch ihre hämischen Kommentare abgaben.
»Willst vielleicht ’n Taschentuch, Harry, falls du in Verwandlung zu heulen anfängst?«
»Seit wann bist du einer der Spitzenschüler des Internats, Potter? Oder soll das eine Schule sein, die du zusammen mit Longbottom gegründet hast?«
»Hallo – Harry!«, rief jemand im Korridor.
»Ja, ist schon gut«, schrie Harry plötzlich zu seiner eigenen Überraschung und wirbelte herum. Er hatte es jetzt satt. »Ich hab mir gerade die Augen ausgeheult wegen meiner toten Mama und will jetzt gleich noch ein wenig weiterweinen …«
»Nein – ich meinte doch nur – du hast deine Feder verloren.«
Es war Cho. Harry spürte, wie er rot anlief.
»Oh – danke – tut mir leid«, nuschelte er und hob die Feder auf.
»Hmmh … und viel Glück am Dienstag«, sagte sie. »Ich drück dir die Daumen, dass es gut geht.«
Und Harry stand ziemlich bedröppelt da.
Auch Hermine war nicht zu kurz gekommen und hatte einiges an Gemeinheiten schlucken müssen, doch noch war es nicht so weit, dass sie völlig unbeteiligte Zuschauer anschrie; Harry bewunderte sie in Wahrheit zutiefst für ihre Art, mit der schwierigen Situation umzugehen.
»Umwerfend hübsch? Die?«, hatte Pansy Parkinson gekreischt, als sie Hermine nach dem Erscheinen von Rita Kimmkorns Artikel zum ersten Mal begegnet war. »Im Vergleich zu was denn – einem Eichhörnchen?«
»Einfach nicht beachten«, sagte Hermine kühl, reckte das Kinn und stapfte an den giggelnden Slytherin-Mädchen vorbei, als wäre sie taub für deren Worte. »Ist doch schnuppe, Harry.«
Doch Harry war es nicht schnuppe. Ron hatte kein Wort mehr mit ihm geredet, seit er ihm gesagt hatte, wann sie bei Snape nachsitzen mussten. Harry hatte schon halb gehofft, dass sie in den zwei Stunden, in denen sie in Snapes Keller Rattenhirne einpökeln mussten, ihren Streit aus der Welt schaffen würden, doch an diesem Tag war Ritas Artikel erschienen, und er schien Rons Glaube bestärkt zu haben, dass Harry all die Aufmerksamkeit so richtig genoss.
Hermine war wütend auf sie beide; sie ging vom einen zum anderen und versuchte sie zu zwingen, wieder miteinander zu reden, doch Harry wollte nicht nachgeben: Er würde erst dann wieder mit Ron reden, wenn Ron zugab, dass Harry seinen Namenszettel nicht in den Feuerkelch geworfen hatte, und sich dafür entschuldigte, dass er ihn einen Lügner genannt hatte.
»Ich hab ja nicht damit angefangen«, sagte Harry eisern. »Das ist sein Problem.«
»Du vermisst ihn doch!«, sagte Hermine ungeduldig. »Und ich weiß, dass er dich vermisst –«
»Ich und ihn vermissen?«, sagte Harry. »Ich vermisse ihn überhaupt nicht …«
Doch das war schlicht gelogen. Harry mochte Hermine sehr, doch mit Ron war es einfach anders. Mit Hermine statt Ron als bestem Freund gab es viel weniger zu lachen und sie saßen viel länger in der Bibliothek herum. Harry beherrschte die Aufrufezauber immer noch nicht, etwas in ihm schien sich sogar dagegen zu sperren, und Hermine beteuerte unablässig, die Anleitungen in den Büchern würden ihm bestimmt helfen. So verbrachten sie fast die ganzen Mittagspausen damit, in der Bibliothek über Wälzern zu brüten.
Auch Viktor Krum war auffällig oft in der Bibliothek, und Harry fragte sich, was er im Sinn hatte. Lernte er oder suchte er nach einem Buch, das ihm bei der ersten Aufgabe helfen würde? Hermine beklagte sich häufig, wenn Krum da war – nicht etwa, weil er sie je gestört hätte, sondern weil immer wieder Scharen kichernder Mädchen auftauchten und ihn hinter Bücherregalen versteckt beobachteten, und Hermine fand den ganzen Rummel einfach lästig.
»Er sieht nicht mal gut aus!«, zischelte sie und warf Krums Profil einen finsteren Blick zu. »Sie stehen doch nur auf ihn, weil er berühmt ist! Sie würden ihn doch keines Blickes würdigen, wenn er nicht diesen Wanzki-Stuss beherrschen würde –«
»Wronski-Bluff«, sagte Harry zähneknirschend. Ganz abgesehen davon, dass er Wert darauf legte, sorgfältig mit Quidditch-Begriffen umzugehen, gab ihm auch der Gedanke einen Stich, was für ein Gesicht Ron wohl machen würde, wenn er Hermine vom Wanzki-Stuss reden hörte.
Es ist merkwürdig, doch wenn man schreckliche Angst vor etwas hat und alles dafür geben würde, den Lauf der Zeit zu verlangsamen, hat dieses Etwas die lästige Gewohnheit, noch schneller zu kommen. Die Tage bis zur ersten Aufgabe glitten dahin, als ob sich jemand an den Uhren zu schaffen gemacht hätte und diese jetzt doppelt so schnell liefen. Wohin er auch ging, Harry ließ das Gefühl kaum beherrschter Panik nicht los, es begleitete ihn genauso hartnäckig wie der Spott über den Artikel im Tagespropheten.
An dem Samstag vor der ersten Aufgabe durften alle Schüler ab der dritten Klasse das Dorf Hogsmeade besuchen. Hermine erklärte Harry, es würde ihm guttun, für eine Weile aus dem Schloss zu kommen, und Harry ließ sich nicht lange bitten.
»Aber was ist mit Ron?«, sagte er. »Willst du nicht mit ihm gehen?«
»Oh … na ja …« Hermine lief rosa an. »Ich dachte, wir könnten uns mit ihm in den Drei Besen treffen …«
»Nein«, sagte Harry nur.
»Ach, Harry, das ist doch bescheuert –«
»Ich komm mit, aber mit Ron treffe ich mich nicht, und ich trage meinen Tarnumhang.«
»Na gut, von mir aus …«, fauchte Hermine, »aber ich kann es nicht ausstehen, mit dir zu reden, wenn du in diesem Umhang steckst, wo ich doch nie weiß, ob ich dich jetzt ansehe oder nicht.«
Also zog Harry im Schlafsaal seinen Tarnumhang an, ging wieder nach unten und machte sich zusammen mit Hermine auf den Weg nach Hogsmeade.
Unter diesem Umhang fühlte sich Harry wunderbar frei; er beobachtete, wie die anderen Schüler an ihnen vorbei ins Dorf gingen, die meisten mit CEDRIC DIGGORY-Ansteckern auf der Brust, doch zur Abwechslung musste er sich keine hämischen Bemerkungen anhören und niemand las aus diesem fürchterlichen Artikel vor.
»Mich starren die Leute jetzt ständig an«, sagte Hermine missgelaunt, als sie aus dem Honigtopf kamen und sich über die großen sahnegefüllten Schokoriegel hermachten. »Sie glauben, ich führe Selbstgespräche.«
»Dann beweg eben deine Lippen nicht.«
»Hör mal zu, ich bitte dich, nimm doch für eine Weile diesen Umhang ab. Hier belästigt dich doch keiner.«
»Ach ja?«, sagte Harry. »Dann dreh dich mal um.«
Rita Kimmkorn und ihr Freund, der Fotograf, hatten gerade den Pub Drei Besen verlassen. In ein gedämpftes Gespräch vertieft, gingen sie direkt an Hermine vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Harry drückte sich an die Hausmauer des Honigtopfes, denn er sah es schon kommen, dass ihm Rita Kimmkorn mit ihrer Krokodilledertasche eins überzog.
Als sie vorbei waren, sagte Harry: »Sie hat sich hier im Dorf ein Zimmer genommen. Ich wette, sie sieht sich das Turnier an.«
Noch während er sprach, durchflutete die Angst seinen Magen wie ein Strom heißer Lava. Er sagte Hermine kein Wort davon; sie hatten kaum darüber gesprochen, was in der ersten Aufgabe wohl auf ihn zukommen würde; er hatte den Eindruck, dass sie nicht darüber nachdenken wollte.
»Sie ist weg«, sagte Hermine und spähte durch Harry hindurch zum Ende der Hauptstraße. »Wie wär’s, wenn wir in den Drei Besen ein Butterbier trinken? Es ist doch ziemlich frisch hier draußen, oder? Und du musst ja nicht mit Ron reden!«, fügte sie, sein Schweigen richtig deutend, verärgert hinzu.
Die Drei Besen waren brechend voll, vor allem mit Hogwarts-Schülern, die ihren freien Nachmittag feierten, doch auch mit einer Vielfalt von magischen Menschen, wie sie Harry anderswo kaum zu Gesicht bekam. Da Hogsmeade das einzige nur von Zauberern und Hexen bewohnte Dorf in Großbritannien war, vermutete Harry, dass es eine Art Zuflucht war für Geschöpfe wie die Sabberhexen, die sich nicht so geschickt tarnen konnten wie Zauberer.
Es war gar nicht einfach, sich mit dem Tarnumhang durch die Menge zu bewegen, denn wenn man zufällig jemandem auf die Füße trat, führte dies meist zu peinlichen Fragen. Harry schlängelte sich vorsichtig zu einem freien Tisch in der Ecke durch, während Hermine an der Theke etwas zu trinken holte. Auf dem Weg nach hinten sah Harry Ron an einem Tisch mit Fred, George und Lee Jordan sitzen. Er hatte große Lust, Ron einen deftigen Klaps auf den Hinterkopf zu versetzen, ließ es dann aber doch lieber sein. Endlich schaffte er es zu seinem Tisch und setzte sich.
Hermine kam einen Augenblick später und schob ihm unauffällig ein Butterbier unter den Tarnumhang.
»Die halten mich sicher für bescheuert, hier ganz allein rumzusitzen«, murmelte sie. »Ein Glück, dass ich was zum Arbeiten mitgebracht habe.«
Sie zog ein Notizbuch heraus, in dem sie eine Liste der B.ELFE.R-Mitglieder führte. Harry sah seinen und Rons Namen ganz oben auf der sehr kurzen Liste stehen. Es schien so furchtbar lange her zu sein, dass er mit Ron zusammen an den Prophezeiungen gebastelt hatte, bis dann Hermine aufgetaucht war und sie zu Sekretär und Schatzmeister ernannt hatte.
»Weißt du, vielleicht sollte ich einfach mal versuchen, ein paar von den Dorfleuten für B.ELFE.R zu gewinnen«, sagte Hermine nachdenklich und sah sich im Pub um.
»Ja, schon gut«, sagte Harry. Er trank einen Schluck Butterbier unter seinem Tarnumhang. »Hermine, wann gibst du diesen Belfer-Kram endlich auf?«
»Wenn die Hauselfen anständige Löhne und Arbeitsbedingungen haben!«, zischelte sie zurück. »Allmählich glaube ich, es ist an der Zeit, etwas Handfestes zu unternehmen. Weißt du zufällig, wie man in die Schulküche kommt?«
»Keine Ahnung, frag doch Fred und George«, sagte Harry.
Hermine verfiel in nachdenkliches Schweigen; Harry trank sein Butterbier und beobachtete die Leute im Pub. Alle wirkten gut gelaunt und entspannt. Ernie Macmillan und Hannah Abbott, beide mit CEDRIC DIGGORY-Ansteckern auf den Umhängen, tauschten an einem Nachbartisch Schokofrosch-Karten. Drüben an der Tür sah er Cho und eine größere Schar ihrer Freunde aus Ravenclaw. Einen CEDRIC DIGGORY-Anstecker trug sie allerdings nicht … und das munterte Harry ein wenig auf …
Was hätte er nicht alles gegeben, um zu ihnen zu gehören, die da saßen und lachten und sich unterhielten und keine größeren Sorgen kannten als die Erledigung ihrer Hausaufgaben! Er stellte sich vor, wie er sich hier fühlen würde, wenn der Feuerkelch nicht seinen Namen ausgespuckt hätte. Zunächst einmal würde er keinen Tarnumhang tragen. Ron würde bei ihm sitzen. Alle drei würden sie wahrscheinlich ganz ausgelassen darüber nachdenken, welche Aufgabe die Schul-Champions am Dienstag unter Todesgefahr zu lösen haben würden. Wie er sich darauf freuen würde, ihnen zuzusehen … ungefährdet irgendwo hinten auf den Rängen zu sitzen und Cedric anzufeuern …
Er fragte sich, wie sich die anderen Champions fühlten. Jedes Mal, wenn er Cedric in letzter Zeit gesehen hatte, war er von Bewunderern umringt gewesen und hatte zwar nervös, aber auch freudig erregt ausgesehen. Fleur Delacour hatte Harry hin und wieder kurz im Vorbeigehen gesehen; sie wirkte so wie immer, hochmütig und nicht die Spur nervös. Und Krum saß die ganze Zeit in der Bibliothek und brütete über irgendwelchen Büchern.
Harry dachte an Sirius und der festgezurrte Knoten in seiner Brust schien sich ein wenig zu lockern. In gut zwölf Stunden würde er mit ihm sprechen können, denn heute Nacht wollten sie sich am Kamin des Gemeinschaftsraums treffen – vorausgesetzt, dass nichts schiefging, wo doch in letzter Zeit alles schiefgegangen war …
»Sieh mal, da ist Hagrid!«, sagte Hermine.
Hagrids gewaltiger zottiger Hinterkopf – die beiden Zöpfe hatte er dankenswerterweise wieder aufgelöst – tauchte über der Menge auf. Harry fragte sich, warum er ihn nicht gleich gesehen hatte, da Hagrid so groß war; doch als er vorsichtig aufstand, sah er, dass Hagrid sich hinuntergebeugt und mit Professor Moody gesprochen hatte. Hagrid hatte seinen üblichen mächtigen Humpen vor sich, doch Moody trank aus seinem Flachmann. Madam Rosmerta, die hübsche Wirtin, schien davon nicht viel zu halten; als sie die Gläser von den umstehenden Tischen einsammelte, warf sie Moody einen scheelen Blick zu. Vielleicht dachte sie, Moody würde ihren heißen Met verschmähen, doch Harry wusste es besser. Moody hatte ihnen in der letzten Stunde Verteidigung gegen die dunklen Künste erzählt, dass er es vorzog, sich sein Essen und seine Getränke immer selbst zu bereiten, da es für einen schwarzen Magier so einfach war, einen unbewachten Becher zu vergiften. Harry sah jetzt, wie Hagrid und Moody Anstalten machten zu gehen. Er winkte ihnen, dann fiel ihm ein, dass Hagrid ihn ja gar nicht sehen konnte. Moody jedoch hielt inne, das magische Auge auf die Ecke gerichtet, in der Harry stand. Er stupste Hagrid ins Kreuz (seine Schulter konnte er ja nicht erreichen), murmelte etwas und die beiden kamen durch den Pub auf Harrys und Hermines Tisch zu.
»Alles klar, Hermine?«, sagte Hagrid laut.
»Hallo«, sagte Hermine und lächelte ihn an.
Moody hinkte um den Tisch herum und beugte sich vor; Harry dachte, er würde das B.ELFE.R-Notizbuch lesen, bis Moody murmelte: »Hübscher Umhang, Potter.«
Harry starrte ihn verdutzt an. Moodys Nase mit dem großen fehlenden Stück war im Abstand von einigen Zentimetern besonders eindrucksvoll. Moody grinste.
»Kann Ihr Auge – ich meine, können Sie –?«
»Ja, ich kann durch Tarnumhänge sehen«, sagte Moody gedämpft. »Und das war schon einige Male recht nützlich, kann ich dir sagen.«
Auch Hagrid strahlte zu Harry hinunter. Harry wusste, dass Hagrid ihn nicht sehen konnte, doch Moody hatte ihm offenbar erzählt, dass er hier saß. Hagrid beugte sich jetzt über den Tisch, tat so, als würde auch er das B.ELFE.R-Notizbuch lesen, und flüsterte dann so leise, dass nur Harry ihn hören konnte: »Harry, komm heut um Mitternacht runter zu meiner Hütte. Trag diesen Umhang.«
Dann richtete er sich auf und sagte laut: »War nett, dich zu sehen, Hermine«, zwinkerte und ging davon. Moody folgte ihm.
»Warum will er, dass ich ihn um Mitternacht treffe?«, fragte Harry vollkommen überrascht.
»Keine Ahnung, was er vorhat«, sagte Hermine ebenfalls verdutzt. »Und ich weiß auch nicht, ob du gehen solltest, Harry …« Sie sah sich nervös um und zischte: »Denn dann verpasst du vielleicht Sirius.«
Sie hatte Recht. Hagrid um Mitternacht zu treffen hieß, dass es für die Zusammenkunft mit Sirius ganz schön knapp wurde; Hermine schlug vor, sie sollten Hedwig schicken, um Hagrid abzusagen – immer vorausgesetzt, sie würde sich dazu herablassen –, doch Harry hielt es für besser, Hagrid kurz anzuhören und dann rasch wieder zu verschwinden. Er war sehr neugierig, was es sein könnte; noch nie hatte Hagrid ihn gebeten, so spät noch zu kommen.
Um halb zwölf nachts zog Harry, der verkündet hatte, er wolle heute früh schlafen gehen, den Tarnumhang erneut an, ging hinunter und schlich sich durch den Gemeinschaftsraum. Es waren durchaus noch einige Mitschüler da. Die Creevey-Brüder hatten es geschafft, einen Stapel »Ich bin für CEDRIC DIGGORY«-Anstecker in die Finger zu bekommen, und versuchten sie jetzt zu verhexen, damit es stattdessen »Ich bin für HARRY POTTER« hieß. Bislang jedoch war es ihnen nur gelungen, die erste Aufschrift zu löschen, so dass jetzt nur noch POTTER STINKT angezeigt wurde. Harry drückte sich an ihnen vorbei zum Porträtloch und wartete, die Augen auf die Uhr gerichtet, gut eine Minute. Dann öffnete Hermine von der anderen Seite die fette Dame, wie sie es abgemacht hatten. Er glitt mit einem geflüsterten »Danke!« an ihr vorbei und machte sich auf den Weg durch das Schloss.
Draußen auf den Ländereien war es stockfinster. Harry lief über das Gras auf die Lichter von Hagrids Hütte zu. Auch die riesige Beauxbatons-Kutsche war hell erleuchtet; Harry konnte Madame Maxime drinnen reden hören, als er an Hagrids Tür klopfte.
»Bist du das, Harry?«, flüsterte Hagrid, öffnete die Tür und spähte umher.
»Ja«, sagte Harry, huschte hinein und zog sich den Umhang vom Kopf. »Was gibt’s?«
»Will dir nur was zeigen«, sagte Hagrid.
Hagrid machte einen ungeheuer aufgeregten Eindruck. Er trug eine Blume im Knopfloch, die einer übergroßen Artischocke ähnelte. Es schien, als würde er inzwischen auf Schmierfett verzichten, doch er hatte offensichtlich versucht sich zu kämmen – ein paar abgebrochene Kammzähne waren in die Haare verknotet.
»Um was geht es denn?«, sagte Harry lustlos und fragte sich, ob die Kröter vielleicht Eier gelegt hatten oder ob Hagrid es wieder einmal geschafft hatte, einem Wildfremden in der Kneipe einen dreiköpfigen Riesenhund abzukaufen.
»Sei leise, versteck dich unter deinem Umhang und komm mit«, sagte Hagrid. »Fang lassen wir hier, dem wird es nicht gefallen …«
»Hör mal, Hagrid, ich kann nicht lange bleiben … ich muss um ein Uhr wieder im Schloss oben sein –«
Doch Hagrid hörte nicht zu; er öffnete die Hüttentür und marschierte hinaus in die Dunkelheit. Harry beeilte sich, mit ihm Schritt zu halten, und stellte überrascht fest, dass Hagrid ihn zur Kutsche der Beauxbatons führte.
»Hagrid, was –?«
»Schhh!«, machte Hagrid und klopfte dreimal gegen die Tür mit den gekreuzten goldenen Zauberstäben.
Madame Maxime öffnete. Sie hatte einen Seidenschal um ihre massigen Schultern geschlungen und lächelte, als sie Hagrid sah. »Aa, ’Agrid … ist es schon Sseit?«
»Bong-soar«, sagte Hagrid und strahlte sie an, dann reichte er ihr die Hand und half ihr die goldenen Stufen hinunter.
Madame Maxime schloss die Tür hinter sich, Hagrid bot ihr den Arm an und sie machten sich auf den Weg um die Koppel mit Madame Maximes geflügelten Riesenpferden. Harry, vollkommen perplex, musste rennen, um Schritt zu halten. Hatte Hagrid ihm nur Madame Maxime zeigen wollen? Er konnte sie doch jederzeit sehen … sie war ja nicht gerade schwer zu verfehlen …
Doch offenbar hatte Hagrid Madame Maxime ebenfalls zu diesem Ausflug eingeladen, denn nach einer Weile sagte sie neckisch: »Wo führen Sie misch denn ’in, ’Agrid?«
»Verrat ich nicht«, sagte Hagrid ruppig. »Wird Ihnen gefallen, das kann ich versprechen. Aber – sagen Sie keinem was davon, ja? Denn eigentlich dürfen Sie es gar nicht sehen.«
»Natürlisch nischt«, sagte Madame Maxime und klimperte mit ihren langen schwarzen Wimpern.
Und sie gingen weiter. Harry ärgerte sich immer mehr, dass er überhaupt hinter den beiden hertrabte, und sah ständig auf die Uhr. Hagrid musste irgendetwas Hirnrissiges vorhaben und deshalb würde er vielleicht auch noch Sirius verpassen. Wenn sie nicht bald da waren, würde er einfach kehrtmachen und ins Schloss zurücklaufen. Hagrid konnte dann seinen Mondscheinspaziergang mit Madame Maxime alleine genießen …
Doch dann – sie waren schon so weit am Wald entlanggelaufen, dass Schloss und See nicht mehr zu sehen waren – hörte Harry etwas. In einiger Entfernung von ihnen riefen und schrien Männer durcheinander … dann hörte er ein markerschütterndes, trommelfellzerfetzendes Brüllen …
Hagrid führte Madame Maxime um eine dichte Baumgruppe herum und blieb stehen. Harry hastete ihnen nach und stellte sich neben sie. Für den Bruchteil einer Sekunde meinte er einige große Erntefeuer zu erkennen und Männer, die um sie herumrannten – doch dann klappte ihm der Mund auf.
Drachen.
In einem mit schweren Holzplanken umgrenzten Gehege standen vier ausgewachsene, gewaltige, bösartig aussehende Drachen brüllend und schnaubend auf den Hinterbeinen – aus ihren weit aufgerissenen, mit Fangzähnen gespickten Mäulern, fünfzehn Meter hoch auf den gereckten Hälsen, schossen lange Stichflammen in die Nacht. Da war ein silbrig blauer Drache mit langen, spitzen Hörnern, der fauchend nach den Zauberern am Boden schnappte; ein glattschuppiger grüner Drache schlängelte und wand sich mit aller Kraft und schlug mit dem Schwanz wild um sich; ein roter Drache mit einem merkwürdigen Kranz aus scharfen Goldzacken um das Gesicht spie pilzförmige Feuerwolken in die Luft, und ganz in der Nähe stand ein gigantischer schwarzer Drache, der viel mehr als die anderen einer Riesenechse ähnelte.
Mindestens dreißig Zauberer, sieben oder acht für jeden Drachen, versuchten sie zu bändigen, sie zogen und rissen an Ketten, die an schweren Lederriemen um Hälse und Beine der Drachen befestigt waren. Wie in Trance hob Harry den Kopf und sah hoch über sich die Augen des schwarzen Drachen mit senkrecht stehenden Katzenpupillen aus ihren Höhlen quellen, rasend vor Angst oder Wut, Harry wusste es nicht … das Heulen und Kreischen und Brüllen des Drachen war grauenhaft anzuhören …
»Bleib ja dahinten stehen, Hagrid!«, rief ein Zauberer am Gehege und zerrte an der Kette in seiner Hand. »Sie können im Umkreis von sieben Metern Feuer speien! Und ich hab gesehen, wie dieser Hornschwanz es doppelt so weit geschafft hat!«
»Sind sie nicht schön?«, sagte Hagrid leise.
»So kommen wir nicht weiter!«, rief ein anderer Zauberer. »Schockzauber, ich zähle bis drei!«
Harry sah, wie die Drachenwärter ihre Zauberstäbe zogen.
»Stupor!«, riefen alle wie aus einem Mund, und die Schockzauber rasten durch die Dunkelheit wie die Feuerschweife von Raketen und schlugen Funken stiebend gegen die Schuppenpanzer der Drachen –
Harry sah, wie der Drache in ihrer Nähe auf seinen Hinterbeinen ins Wanken geriet; jäh riss er seinen Rachen zu einem stummen Heulen auf; seine Nüstern waren plötzlich erloschen, auch wenn sie noch rauchten. Dann, ganz langsam, kippte er hintenüber, und mehrere Tonnen sehniges, schuppiges schwarzes Drachenfleisch krachten mit einem Rums zu Boden, der, wie Harry geschworen hätte, die Bäume hinter ihm erzittern ließ.
Die Drachenwärter senkten ihre Zauberstäbe und gingen auf ihre niedergestreckten Schützlinge zu, jeder so groß wie ein kleiner Hügel. Hastig zogen sie die Ketten enger und banden sie an eisernen Stangen fest, die sie mit ihren Zauberstäben tief in die Erde trieben.
»Woll’n wir näher rangehn?«, fragte Hagrid Madame Maxime mit begeisterter Miene. Die beiden gingen vor bis zur Einfriedung und Harry folgte ihnen. Der Zauberer, der Hagrid ermahnt hatte, nicht näher zu kommen, wandte sich um und erst jetzt erkannte ihn Harry – es war Charlie Weasley.
»Wie geht’s, Hagrid?«, keuchte er und kam auf ein paar Worte herüber. »Jetzt müssten sie sich langsam beruhigt haben – wir hatten ihnen für den Weg hierher ein Schlafelixier verpasst und dachten, es wäre besser für sie, wenn sie nachts und in aller Ruhe aufwachen – aber wie du gesehen hast, waren sie nicht glücklich, überhaupt nicht glücklich –«
»Welche Arten hast du denn hier, Charlie?«, fragte Hagrid und starrte den in der Nähe liegenden Drachen – es war der schwarze – mit beinahe ehrfürchtiger Miene an. Die Augen des Drachen waren nur noch einen Schlitz breit offen. Unter seinem runzligen schwarzen Augenlid konnte Harry einen gelb glühenden Streifen sehen.
»Das ist ein Ungarischer Hornschwanz«, sagte Charlie. »Dort drüben ist ein Gemeiner Walisischer Grünling, der kleine da – dieser blaugraue – ist ein Schwedischer Kurzschnäuzler und der rote dort ist ein Chinesischer Feuerball.«
Charlie wandte sich um; Madame Maxime hatte sich entfernt und schlenderte, die betäubt daliegenden Drachen musternd, an der Einfriedung des Geheges entlang.
»Ich wusste nicht, dass du sie mitbringen würdest, Hagrid«, sagte Charlie stirnrunzelnd. »Die Champions sollen nicht wissen, was sie erwartet – sie erzählt es sicher ihrer Schülerin, oder?«
»Dachte mir nur, sie würd sie gern sehen«, sagte Hagrid achselzuckend, ohne jedoch seinen träumerischen Blick von den Drachen abzuwenden.
»Wirklich ’ne romantische Verabredung, Hagrid«, sagte Charlie kopfschüttelnd.
»Vier …«, sagte Hagrid, »also einen für jeden Champion? Was müssen sie tun – gegen sie kämpfen?«
»Nur an ihnen vorbeikommen, glaub ich«, sagte Charlie. »Wir sind dabei, falls es ernst werden sollte, und halten die Feuerlöschzauber ständig bereit. Sie wollten brütende Weibchen haben, ich weiß nicht, warum … aber ich sag dir, wer es mit dem Hornschwanz zu tun kriegt, der ist nicht zu beneiden. Bösartiges Vieh. Sein Hinterteil ist genauso gefährlich wie die Schnauze, sieh nur.«
Charlie deutete auf das Hinterteil des Hornschwanzes, und Harry konnte erkennen, dass der Schwanz des Drachen über und über mit bronzenen Stacheln gespickt war.
In diesem Moment wankten fünf von Charlies Wärterkollegen auf den Hornschwanz zu, die zwischen sich ein Tuch aufgespannt hielten, auf dem ein Gelege aus mächtigen granitgrauen Eiern lag. Sie legten die Eier vorsichtig an den Bauch des Hornschwanzes. Hagrid stöhnte sehnsuchtsvoll auf.
»Ich hab sie zählen lassen, Hagrid«, sagte Charlie streng. »Wie geht’s eigentlich Harry?«
»Gut«, sagte Hagrid. Seine Augen ruhten immer noch auf den Eiern.
»Ich hoffe nur, es geht ihm auch noch gut, nachdem er sich mit dieser Meute hier herumgeschlagen hat«, sagte Charlie grimmig und ließ den Blick über die Drachenkoppel schweifen. »Ich hab mich nicht mal getraut, Mum zu sagen, was er bei der ersten Aufgabe tun muss, sie kriegt ohnehin Zustände, wenn sie an ihn denkt …« Charlie ahmte jetzt die besorgte Stimme seiner Mutter nach. »›Wie konnten sie es nur zulassen, dass er an diesem Turnier teilnimmt, er ist noch viel zu jung! Ich dachte, sie wären davor sicher, es gab doch eine Altersbegrenzung!‹ Nachdem sie diesen Artikel über ihn im Tagespropheten gelesen hatte, war sie vollkommen aufgelöst. ›Er weint immer noch wegen seiner Eltern! Oh, der Arme, wenn ich das gewusst hätte!‹«
Harry hatte jetzt genug gesehen. Hagrid hatte immerhin vier leibhaftige Drachen und Madame Maxime, denen er seine Aufmerksamkeit schenken konnte, und so würde er Harry sicher nicht vermissen. Er drehte sich geräuschlos um und machte sich auf den Rückweg zum Schloss.
Er wusste nicht, ob er froh sein sollte, gesehen zu haben, was auf ihn zukam. Vielleicht war es besser so. Den ersten Schreck hatte er schon überstanden. Wenn er die Drachen am Dienstag zum ersten Mal gesehen hätte, dann wäre er womöglich vor aller Augen ohnmächtig geworden … vielleicht jedoch würde ihm das ohnehin passieren … er würde mit seinem Zauberstab bewaffnet – der jetzt, wenn er daran dachte, nur ein dünnes Stück Holz war – gegen einen fünfzehn Meter hohen, schuppigen, stachelbewehrten, Feuer speienden Drachen antreten. Und er musste an ihm vorbeikommen. Unter den Augen aller. Wie?
Harry ging am Waldrand entlang und beschleunigte jetzt seine Schritte; er hatte nur noch fünfzehn Minuten, um zum Kamin zu gelangen und mit Sirius zu sprechen. Und er konnte sich nicht erinnern, sich jemals so danach gesehnt zu haben, mit jemandem zu reden – und dann stieß er urplötzlich gegen etwas Festes und fiel rücklings auf die Erde.
Seine Brille war verrutscht und er zog den Tarnumhang fest um sich. Dann hörte er, ganz nahe, eine Stimme: »Autsch! Wer da!«
Harry prüfte hastig, ob ihn der Tarnumhang ganz verhüllte, blieb reglos liegen und sah hinauf zu dem schwarzen Umriss des Zauberers, mit dem er soeben zusammengestoßen war. Er erkannte den Spitzbart … es war Karkaroff.
»Wer ist da?«, sagte Karkaroff erneut argwöhnisch und spähte in der Dunkelheit umher. Harry rührte sich nicht und gab keine Antwort. Nach ungefähr einer Minute schien Karkaroff zu dem Schluss gekommen zu sein, dass er mit irgendeinem Tier zusammengestoßen war; er sah auf Hüfthöhe um sich her, als ob er erwartete, einen Hund zu sehen. Dann schlich er zurück in den Schutz der Bäume und stahl sich weiter zum Drachengehege vor.
Langsam und umsichtig stand Harry auf und ging dann, so schnell er konnte, ohne allzu viel Geräusche zu machen, weiter in Richtung Schloss.
Harry wusste genau, was Karkaroff im Schilde führte. Er hatte sich von seinem Schiff geschlichen und wollte auskundschaften, worin die erste Aufgabe bestand. Vielleicht hatte er sogar Hagrid und Madame Maxime zusammen am Wald entlanggehen sehen – sie waren ja auch von weitem kaum zu übersehen … und nun musste Karkaroff nur ihren Stimmen folgen, dann würde auch er, wie schon Madame Maxime, genau wissen, was die Champions erwartete. So, wie es jetzt aussah, würde Cedric am Dienstag der Einzige sein, der nicht wusste, was auf ihn zukam.
Harry erreichte das Schloss, glitt durchs Portal und stieg die Marmortreppe hoch; er atmete schwer, doch er wagte es nicht, ein wenig langsamer zu gehen … er hatte nur noch fünf Minuten, um nach oben zum Kamin zu kommen …
»Quatsch!«, keuchte er vor der fetten Dame, die in ihrem Bild vor dem Porträtloch döste.
»Wenn du meinst«, murmelte sie schläfrig, und ohne die Augen zu öffnen, ließ sie das Bild zur Seite schwingen und gab den Weg frei. Harry kletterte hinein. Der Gemeinschaftsraum war menschenleer, und da es hier wie immer roch, hatte Hermine offenbar keine Stinkbomben werfen müssen, um ihm und Sirius ein Gespräch unter vier Augen zu ermöglichen.
Harry zog sich den Tarnumhang vom Kopf und warf sich in einen Sessel vor dem Feuer. Der Raum lag im Halbdunkel; nur die Flammen gaben ein wenig Licht. Auf einem Tisch in der Nähe glommen die Lettern der Anstecker. Doch jetzt war etwas anderes zu lesen. POTTER STINKT WIRKLICH. Harry sah wieder ins Feuer und zuckte zusammen.
Sirius’ Kopf saß mitten in den Flammen. Wenn Harry nicht vor einiger Zeit bei den Weasleys Mr Diggory in genau derselben Haltung gesehen hätte, dann wäre er zu Tode erschrocken. Stattdessen breitete sich auf seinem Gesicht das erste Lächeln seit Tagen aus, er rappelte sich aus dem Sessel und kauerte sich am Kamin nieder. »Sirius – wie geht’s dir?«
Sirius sah anders aus, als Harry ihn in Erinnerung hatte. Als sie sich verabschiedet hatten, war sein Gesicht noch ausgemergelt und hohlwangig gewesen, umwachsen von einer langen verfilzten Haarmähne – doch nun war sein Haar kurz und sauber, sein Gesicht voller, und er sah jünger aus, viel eher wie auf dem einzigen Foto, das Harry von ihm besaß und das bei der Hochzeit der Potters aufgenommen worden war.
»Wie’s mir geht, ist nicht so wichtig, wie geht’s dir?«, sagte Sirius ernst.
»Mir geht’s –« Einen Moment lang versuchte Harry »gut« zu sagen. Doch er schaffte es nicht. Bevor er recht wusste, wie ihm geschah, hatte er mehr geredet als während der ganzen letzten Tage zusammen – er erzählte, wie er gegen seinen Willen ins Turnier gelangt war, dass Rita Kimmkorn im Tagespropheten Lügen über ihn verbreitet hatte, dass er keinen Flur entlanggehen konnte, ohne sich hämische Bemerkungen anhören zu müssen – und er redete über Ron, über Ron, der ihm nicht glaubte, der eifersüchtig war … »Und gerade vorhin hat Hagrid mir gezeigt, was sie in der ersten Runde bringen, nämlich Drachen, Sirius, und jetzt bin ich erledigt«, schloss er verzweifelt.
Sirius sah ihn voller Sorge an, mit Augen, die noch nicht ganz den Ausdruck verloren hatten, den ihnen Askaban eingebrannt hatte – diesen abgestumpften und gehetzten Blick. Er hatte Harry ohne Unterbrechung reden lassen, bis dieser erschöpft war, doch jetzt sagte er: »Mit Drachen werden wir schon fertig, Harry, aber dazu gleich – ich kann nicht lange bleiben … ich bin in ein Zaubererhaus eingebrochen, um den Kamin zu benutzen, aber die können jeden Augenblick zurückkommen. Ich muss dich vor jemandem warnen.«
»Vor wem denn?«, fragte Harry, und auch der letzte Rest seiner Zuversicht begann zu schwinden … was konnte denn noch Schlimmeres kommen als die Drachen?
»Karkaroff«, sagte Sirius. »Harry, er war ein Todesser. Du weißt, was Todesser sind?«
»Ja – was – war mit ihm?«
»Er wurde gefasst, er war mit mir in Askaban, doch sie haben ihn freigelassen. Ich wette, das ist der Grund, warum Dumbledore dieses Jahr einen Auroren in Hogwarts haben wollte – damit er ihn im Auge behält. Es war Moody, der Karkaroff damals gefasst hat. Er hat ihn überhaupt erst nach Askaban gebracht.«
»Karkaroff wurde freigelassen?«, sagte Harry langsam – sein Gehirn schien Mühe zu haben, auch noch diese erschreckende Neuigkeit aufzunehmen. »Warum haben sie ihn freigelassen?«
»Er hat mit dem Zaubereiministerium ein Geschäft gemacht«, sagte Sirius erbittert. »Er sagte, er hätte seine Irrtümer eingesehen, und dann nannte er Namen … hat statt seiner eine Menge anderer Leute nach Askaban gebracht … dort drin ist er nicht gerade beliebt, kann ich dir sagen. Und seit er draußen ist, hat er, soweit ich weiß, jedem Schüler, den er in seiner Schule ausbildet, die dunklen Künste beigebracht. Also nimm dich auch vor dem Durmstrang-Champion in Acht.«
»Gut«, sagte Harry nachdenklich. »Aber … willst du damit sagen, dass Karkaroff meinen Namen in den Kelch geworfen hat? Denn dann wäre er ein wirklich guter Schauspieler. Er schien doch so wütend darüber zu sein. Er wollte mich überhaupt nicht im Turnier haben.«
»Wir wissen, dass er ein guter Schauspieler ist«, sagte Sirius, »denn er hat immerhin das Zaubereiministerium davon überzeugt, er könne freigelassen werden, oder? Harry, ich habe in letzter Zeit den Tagespropheten verfolgt –«
»Du und der Rest der Welt«, sagte Harry erbittert.
»– und wenn ich den Bericht von dieser Kimmkorn letzten Monat zwischen den Zeilen lese, dann wird mir klar, dass Moody in der Nacht, bevor er in Hogwarts antrat, angegriffen wurde. Ja, ich weiß, sie behauptet, es sei wieder mal falscher Alarm gewesen«, setzte Sirius hastig hinzu, da Harry schon den Mund aufmachte, »aber ich kann das nicht so recht glauben. Ich denke, dass jemand versucht hat, ihn daran zu hindern, nach Hogwarts zu kommen. Jemand muss gewusst haben, dass es viel schwieriger sein würde, etwas zu erledigen, wenn Moody in der Nähe ist. Und keiner wird sich ernsthaft um den Vorfall kümmern, weil Mad-Eye im Lauf der Zeit schlicht ein wenig zu viele Eindringlinge gehört haben will. Doch das heißt nicht, dass er eine wirkliche Gefahr nicht mehr wittern kann. Moody war immerhin der beste Auror, den das Ministerium je hatte.«
»Also … was willst du damit sagen«, erwiderte Harry langsam. »Dass Karkaroff mich umbringen will? Aber – warum?«
Sirius zögerte.
»Mir sind einige sehr merkwürdige Dinge zu Ohren gekommen«, sagte er nachdenklich. »Die Todesser scheinen in letzter Zeit ein wenig umtriebiger geworden zu sein. Bei der Quidditch-Weltmeisterschaft sind sie offen aufgetreten. Jemand hat das Dunkle Mal an den Himmel beschworen … und außerdem – hast du von dieser Ministeriumshexe gehört, die vermisst wird?«
»Bertha Jorkins?«, fragte Harry.
»Genau … sie ist in Albanien verschwunden, und ausgerechnet dort soll sich, wenn man den Gerüchten glaubt, Voldemort in letzter Zeit aufgehalten haben … und Bertha muss gewusst haben, dass das Trimagische Turnier geplant war.«
»Ja, aber … es ist doch unwahrscheinlich, dass sie Voldemort einfach so über den Weg gelaufen ist, oder?«
»Hör zu, ich kannte Bertha Jorkins«, sagte Sirius grimmig. »Sie war damals mit uns zusammen in Hogwarts, ein paar Klassen über mir und deinem Dad. Und sie war schlichtweg doof. Furchtbar neugierig, aber von Grips keine Spur. Keine gute Mischung, Harry. Ich würde sagen, es wäre ein Leichtes, sie in die Falle zu locken.«
»Also … hätte Voldemort von dem Turnier erfahren können?«, sagte Harry. »Ist es das, was du mir sagen willst? Du denkst, Karkaroff könnte auf seinen Befehl hin hier sein?«
»Ich bin mir nicht sicher«, entgegnete Sirius zögernd. »Ich weiß es einfach nicht … Karkaroff kommt mir nicht vor wie der Typ, der zu Voldemort zurückkehrt, wenn er sich nicht sicher ist, dass Voldemort mächtig genug ist, um ihn zu schützen. Aber wer auch immer deinen Namen in diesen Kelch geworfen hat, er hatte einen guten Grund. Und ich werde den Gedanken nicht los, dass das Turnier eine glänzende Möglichkeit bietet, dich anzugreifen und es wie einen Unfall aussehen zu lassen.«
»Sieht wie ein wirklich guter Plan aus, bei dem, was mir jetzt bevorsteht«, sagte Harry trübselig. »Sie müssen nur die Hände in den Schoß legen und die Drachen erledigen den Rest.«
»Genau – die Drachen«, sagte Sirius, plötzlich sehr in Eile. »Es gibt eine Möglichkeit, Harry. Versuch es bloß nicht mit einem Schockzauber – Drachen sind zu stark und als magische Wesen viel zu mächtig, um von einem einzigen Schocker ausgeschaltet zu werden. Um einen Drachen zu erledigen, braucht es mindestens ein halbes Dutzend Zauberer –«
»Tja, das weiß ich, ich hab’s gerade gesehen«, meinte Harry.
»Aber du kannst es ganz alleine schaffen«, sagte Sirius. »Es gibt eine Möglichkeit mit nur einem einfachen Zauber. Und zwar –«
Doch Harry hob die Hand, damit er verstummte, und sein Herz pochte plötzlich, als wolle es platzen. Er hörte Schritte die Wendeltreppe hinter sich herunterkommen.
»Geh!«, zischte er Sirius zu. »Geh! Da kommt jemand!«
Harry rappelte sich hoch und stellte sich aufrecht vor das Feuer – wenn jemand Sirius’ Gesicht in den Mauern von Hogwarts sah, dann gäbe es einen unglaublichen Aufruhr – das Ministerium würde alarmiert – sie würden ihn ins Gebet nehmen und fragen, wo Sirius stecke –
Harry hörte ein leises Plopp im Feuer hinter seinem Rücken und wusste, dass Sirius verschwunden war. Er fasste die letzten Stufen der Wendeltreppe ins Auge – wer hatte beschlossen, um ein Uhr nachts noch einen kleinen Spaziergang zu machen, und hinderte Sirius daran, ihm zu sagen, wie er an einem Drachen vorbeikam?
Es war Ron. In seinem kastanienbraunen Pyjama mit Paisleymuster. Er erstarrte, als er Harry drüben am Kamin sah, und blickte sich um.
»Mit wem hast du gesprochen?«, fragte er.
»Was geht dich das an?«, raunzte Harry. »Was hast du eigentlich mitten in der Nacht hier unten zu suchen?«
»Ich hab mich nur gefragt, wo du –« Ron brach schulterzuckend ab. »Nichts. Ich geh wieder ins Bett.«
»Wolltest einfach mal rumschnüffeln, oder?«, rief Harry. Er wusste, dass Ron keine Ahnung hatte, wen er da verscheucht hatte, wusste auch, dass er es nicht absichtlich getan hatte, doch es war ihm egal – in diesem Augenblick hasste er alles an Ron, bis hinunter zu dem Stück nackten Schienbeins, das sich unter dem Saum seiner Schlafanzughose zeigte.
»O Verzeihung«, sagte Ron und sein Gesicht wurde zornrot. »Hätte wissen müssen, dass du nicht gestört werden willst. Ich lass dich jetzt in aller Ruhe für dein nächstes Interview üben.«
Harry packte einen der POTTER STINKT WIRKLICH-Anstecker, die auf dem Tisch lagen, und schleuderte ihn mit aller Kraft durchs Zimmer. Das Blech traf Rons Stirn und fiel scheppernd zu Boden.
»Na bitte«, sagte Harry. »Das kannst du am Dienstag tragen. Wenn du Glück hast, gibt es sogar eine Narbe … das ist es doch, was du willst, oder?« Er marschierte durchs Zimmer auf die Treppe zu; halb rechnete er damit, dass Ron ihn aufhalten würde, er wäre sogar froh gewesen, wenn Ron sich mit ihm geprügelt hätte. Doch Ron stand einfach da in seinem Hochwasserpyjama und rührte sich nicht. Harry stürmte nach oben und lag noch lange kochend vor Zorn im Bett. Er hörte nicht einmal, dass Ron hereinkam.
Die erste Aufgabe
Harry war am Sonntagmorgen beim Anziehen so zerstreut, dass es eine Weile dauerte, bis ihm auffiel, dass er seinen Zauberhut statt einer Socke über den Fuß ziehen wollte. Endlich waren alle Kleidungsstücke am richtigen Platz, und er eilte los, um Hermine zu suchen. Er fand sie in der Großen Halle am Gryffindor-Tisch, wo sie mit Ginny frühstückte. Harry, dem gar nicht nach Essen zumute war, wartete, bis Hermine ihren letzten Löffel Haferschleim geschluckt hatte, dann schleppte er sie sofort hinaus auf die Ländereien. Bei einem langen Spaziergang um den See erzählte er ihr alles über die Drachen und sein Gespräch mit Sirius.
Hermine beunruhigten zwar Sirius’ Warnungen vor Karkaroff, doch fand sie, die Drachen seien das drängendere Problem.
»Wir müssen unbedingt alles daransetzen, dass du den Dienstag überlebst«, sagte sie verzweifelt, »und dann können wir uns über Karkaroff Gedanken machen.«
Dreimal umrundeten sie den See und überlegten angestrengt, wie es möglich sein sollte, mit Hilfe eines einfachen Zaubers einen Drachen zu bändigen. Doch es fiel ihnen nichts ein und schließlich suchten sie die Lösung in der Bibliothek. Harry zog jedes Buch über Drachen aus den Regalen, das er finden konnte, dann nahmen sie sich gemeinsam den großen Bücherstapel vor.
»Krallenschneiden mit Zauberkraft … Behandlung von Schuppenflechte … bringt nichts, das ist eher was für Spinner wie Hagrid, die diese Viecher auch noch aufpäppeln wollen …«
»›Drachen sind äußerst schwer zu erlegen aufgrund der uralten magischen Kräfte, mit denen ihre dicken Häute durchdrungen sind, und nur die mächtigsten Zauber können sie brechen …‹ Aber Sirius hat gesagt, ein ganz simpler Zauber würde genügen …«
»Versuchen wir es eben mit einfachen Zauberbüchern«, sagte Harry und pfefferte Wenn Männer Drachen zu sehr lieben beiseite.
Er kam mit einem Stapel Zauberbücher zum Tisch zurück, legte sie ab und begann eins nach dem anderen durchzublättern. Hermine saß an seinen Ellbogen gedrängt und flüsterte ihm unablässig zu. »Gut, es gibt Verwandlungszauber … aber wozu sind die nütze? Außer du verwandelst seine Fangzähne in Weingummis oder so was, das würde ihn ein wenig kuscheliger machen … das Problem ist nur, wie es in dem anderen Buch stand, es gibt nicht viel, was durch diese Drachenhaut dringt … ich würde sagen, verwandle ihn, aber bei etwas so Großem hast du eigentlich keine Chance, ich glaube, nicht mal Professor McGonagall … oder wie wär’s, wenn du einen Zauber auf dich selbst anwendest? Um dir zusätzliche Kräfte zu verschaffen? Aber das sind jedenfalls keine einfachen Zauber, und außerdem haben wir sie noch nicht im Unterricht gehabt, ich weiß das zufällig, weil ich schon mal ein paar ZAG-Übungsblätter durchgearbeitet hab …«
»Hermine«, sagte Harry zähneknirschend, »würdest du bitte für einen Moment den Mund halten? Ich versuch mich zu konzentrieren.«
Doch alles, was passierte, als Hermine verstummte, war, dass in Harrys Kopf ein monotones Summen anhob, das ihm einfach keine Chance ließ, genau nachzudenken. Hoffnungslos starrte er auf das Stichwortverzeichnis von Zaubern für Dummies: Da war zum Beispiel Sofortskalpieren … aber Drachen hatten keine Haare … Pfefferatem … das würde die Feuerkraft eines Drachen wahrscheinlich noch steigern … Hornzunge … genau, was er brauchte – dem Biest noch eine Waffe geben …
»O nein, da ist er schon wieder! Warum kann er nicht auf seinem blöden Schiff lesen?«, sagte Hermine gereizt, denn Viktor Krum schlurfte herein, warf ihnen einen verdrießlichen Blick zu und ließ sich mit einem Stapel Bücher hinten in einer Ecke nieder. »Komm, Harry, wir gehen nach oben in den Gemeinschaftsraum … sein Fanclub wird gleich hier sein und sich begeiern …«
Und tatsächlich, als sie die Bibliothek verließen, kam ihnen eine Horde Mädchen auf Zehenspitzen entgegen, von denen eines einen Bulgarien-Schal um die Hüfte geschlungen hatte.
Harry tat in dieser Nacht kaum ein Auge zu. Als er am Montagmorgen erwachte, dachte er zum ersten Mal und ernsthaft daran, einfach abzuhauen. Doch als er beim Frühstück den Blick durch die Große Halle wandern ließ und sich ausmalte, was dies bedeuten würde, wurde ihm klar, dass er das Schloss nicht verlassen konnte. Hogwarts war der einzige Ort, an dem er jemals glücklich gewesen war … natürlich, er musste wohl auch bei seinen Eltern glücklich gewesen sein, doch daran konnte er sich nicht mehr erinnern.
Trotz allem war es gut, das sichere Gefühl zu haben, viel lieber hier zu sein und sich einem Drachen entgegenzustellen, als sich im Ligusterweg mit Dudley herumzuschlagen; dieser Gedanke beruhigte ihn ein wenig. Er aß mit Mühe seinen Schinken auf (mit dem Schlucken hatte er Schwierigkeiten), und als er dann mit Hermine aufstand, sah er Cedric Diggory den Hufflepuff-Tisch verlassen.
Cedric wusste noch nichts von den Drachen … er war der einzige Champion, der keine Ahnung hatte, denn sicher hatten Madame Maxime und Karkaroff es ihren Schützlingen Fleur und Krum gesagt …
»Hermine, wir sehen uns dann im Gewächshaus«, sagte Harry, der Cedric mit den Augen gefolgt war und dann seinen Entschluss gefasst hatte. »Geh schon mal vor, ich komm dann nach.«
»Harry, du kommst zu spät, es läutet gleich –«
»Ich komm dann nach, okay?«
Harry hatte eben den Fuß der Marmortreppe erreicht, als Cedric schon oben angekommen war. Er war mit seinen Freunden aus der sechsten Klasse unterwegs, vor denen Harry nicht mit ihm reden wollte. Sie gehörten zu den Leuten, die ihm jedes Mal, wenn er in ihre Nähe gekommen war, Rita Kimmkorns Artikel um die Ohren gehauen hatten. Er folgte ihnen in einigem Abstand, bis er feststellte, dass sie zu dem Klassenzimmer gingen, in dem sie Zauberkunst hatten. Das brachte ihn auf eine Idee. Er blieb in einiger Entfernung von ihnen stehen, zog den Zauberstab und zielte sorgfältig.
»Diffindo!«
Cedrics Tasche riss auf, Pergamentblätter, Federn und Bücher fielen zu Boden und ein paar Tintenfässer zerbrachen.
»Ich mach das schon, danke«, sagte Cedric genervt, als seine Freunde sich bückten, um ihm zu helfen. »Geht schon mal vor und sagt Flitwick, dass ich nachkomme …«
Genau darauf hatte Harry gewartet. Er steckte den Zauberstab wieder ein, wartete, bis Cedrics Freunde in ihr Klassenzimmer gegangen waren, und rannte dann den Gang entlang, in dem jetzt außer ihm und Cedric keiner mehr war.
»Hallo«, sagte Cedric und hob sein mit Tinte bespritztes Lehrbuch der Verwandlung für Fortgeschrittene auf. »Meine Tasche ist gerade kaputtgegangen … brandneu, stell dir vor …«
»Cedric«, sagte Harry, »in der ersten Aufgabe kommen Drachen.«
»Wie bitte?«, sagte Cedric und sah auf.
»Drachen«, sagte Harry hastig, denn er befürchtete, Professor Flitwick könnte herauskommen, um nachzusehen, wo Cedric abgeblieben war. »Sie haben vier, für jeden von uns einen, und wir müssen an ihnen vorbeikommen.«
Cedric starrte ihn an. Harry sah ein wenig von jener Furcht, die er selbst seit Samstagnacht spürte, in Cedrics grauen Augen aufflackern.
»Bist du dir ganz sicher?«, fragte Cedric mit gedämpfter Stimme.
»Todsicher«, sagte Harry. »Ich hab sie gesehen.«
»Aber wie hast du das rausgekriegt? Wir dürfen es doch nicht wissen …«
»Ist doch egal«, sagte Harry rasch – Hagrid würde Schwierigkeiten bekommen, wenn er die Wahrheit erzählte. »Aber ich bin nicht der Einzige, der davon weiß. Fleur und Krum werden es inzwischen auch wissen – Maxime und Karkaroff haben die Drachen auch gesehen.«
Cedric richtete sich auf, die Arme voll tintenverschmierter Federn, Pergamentblätter und Bücher, die aufgerissene Tasche baumelte von seiner Schulter. Er starrte Harry an und ein verwirrter, beinahe misstrauischer Ausdruck trat in seine Augen.
»Warum sagst du mir das?«, fragte er.
Harry sah ihn ungläubig an. Er war sich sicher, dass Cedric nicht gefragt hätte, wenn er die Drachen selbst gesehen hätte. Harry hätte es selbst seinem schlimmsten Feind nicht gegönnt, unvorbereitet diesen Drachen zu begegnen – na ja, vielleicht Malfoy oder Snape …
»Es ist einfach … fair, oder?«, sagte er. »Jetzt wissen wir es alle … wir haben die gleichen Chancen.«
Cedric stand immer noch da und sah ihn mit einer Spur Misstrauen an, als Harry hinter sich ein vertrautes Pochen hörte. Er wandte sich um und sah Mad-Eye Moody aus einem der umliegenden Klassenzimmer kommen.
»Komm mit, Potter«, knurrte er. »Diggory, du kannst gehen.«
Harry starrte Mad-Eye Moody gespannt an. Hatte er sie zufällig belauscht?
»Ähm – Professor, ich sollte eigentlich in Kräuterkunde –«
»Vergiss das mal, Potter. In mein Büro, bitte …«
Harry folgte ihm voll dunkler Vorahnungen. Was, wenn Moody wissen wollte, wie er von den Drachen erfahren hatte? Würde Moody zu Dumbledore gehen und Hagrid auffliegen lassen, oder würde er Harry nur in ein Frettchen verwandeln? Es wäre vielleicht einfacher, an einem Drachen vorbeizukommen, wenn er ein Frettchen war, überlegte Harry dumpf, er war dann kleiner und aus einer Höhe von fünfzehn Metern viel schwerer zu erkennen …
Er folgte Moody ins Büro. Moody schloss die Tür hinter ihnen und wandte sich dann Harry zu, das magische Auge und auch das normale scharf auf ihn gerichtet.
»Was du da gerade getan hast, war sehr anständig von dir, Potter«, sagte Moody leise.
Harry wusste nicht, was er sagen sollte; er hatte alles erwartet, nur das nicht.
»Setz dich«, sagte Moody, Harry setzte sich und sah sich um.
In diesem Büro hatte er schon die zwei Vorgänger Moodys erlebt. In Professor Lockharts Tagen waren die Wände mit strahlenden, zwinkernden Bildern von Professor Lockhart persönlich gepflastert gewesen. Zu Zeiten Lupins war man hier eher auf ein neues Exemplar eines faszinierenden schwarzen Geschöpfes gestoßen, das er für sie beschafft hatte, damit sie es im Unterricht untersuchen konnten. Nun jedoch war das Büro vollgestopft mit einer Reihe äußerst merkwürdiger Gegenstände, die Moody, wie Harry vermutete, in seiner Zeit als Auror benutzt haben musste.
Auf dem Schreibtisch stand etwas, das wie ein kaputter großer gläserner Kreisel aussah; Harry erkannte sofort, dass es ein Spickoskop war, weil er selbst eins besaß, wenn auch ein viel kleineres. Auf einem Tisch in der Ecke stand etwas, das aussah wie eine extra verschnörkelte goldene Zimmerantenne. Das Ding summte leise. An der Wand gegenüber von Harry hing eine Art Spiegel, doch er spiegelte nichts. Schattenhafte Gestalten bewegten sich darin, keine davon war klar zu sehen.
»Gefallen dir meine Antiobskuranten?«, sagte Moody und beobachtete Harry scharf.
»Was ist das denn?«, fragte Harry und deutete auf die verschnörkelte Fernsehantenne.
»Geheimnis-Detektor. Vibriert, wenn er Heimlichkeiten und Lügen entdeckt … hier ist er natürlich nutzlos, zu starke Überlagerungen, überall im Schloss erzählen sie ständig Lügenmärchen, warum sie ihre Hausaufgaben nicht geschafft haben. Das Ding summt ununterbrochen, seit ich hier bin. Und mein Spickoskop musste ich abstellen, weil es einfach nicht aufhören wollte zu pfeifen. Es ist hyperempfindlich und kriegt alles mit, was in einer Meile Umkreis passiert. Natürlich könnte es auch mehr als Kinderkram aufspüren«, fügte er knurrig hinzu.
»Und wozu ist der Spiegel?«
»Das ist mein Feindglas. Siehst du sie da draußen miesepetrig rumhängen? Ich bin erst wirklich in Schwierigkeiten, wenn ich das Weiße in ihren Augen sehe. Dann öffne ich meinen Koffer.«
Er lachte kurz und knirschend, dann deutete er auf einen großen Koffer unter dem Fenster. Er hatte sieben Schlüssellöcher in einer Reihe. Harry überlegte, was wohl drin sein könnte, bis ihn Moodys nächste Frage plötzlich aus seinen Gedanken riss. »Soso … hast also die Sache mit den Drachen rausgefunden?«
Harry zögerte. Genau davor hatte er sich gefürchtet – doch er hatte Cedric nicht gesagt und würde es bestimmt auch Moody nicht verraten, dass Hagrid die Regeln gebrochen hatte.
»Ist schon gut«, sagte Moody, setzte sich und streckte grunzend sein Holzbein aus. »Schummeln ist beim Trimagischen Turnier alte Tradition.«
»Ich hab nicht geschummelt«, sagte Harry scharf. »Es war – so was wie ein Zufall, dass ich es erfahren habe.«
Moody grinste. »Ich hab dir keinen Vorwurf gemacht, Junge. Ich hab Dumbledore von Anfang an gesagt, er könne von mir aus noch so edel gesinnt sein, aber der alte Karkaroff und Maxime würden sicher mit gezinkten Karten spielen. Die werden ihren Champions inzwischen alles gesagt haben, was sie wissen. Die wollen gewinnen. Sie wollen Dumbledore schlagen. Sie möchten beweisen, dass er auch nur ein Mensch ist.«
Moody lachte kurz und schroff, und sein magisches Auge schwamm so schnell umher, dass Harry vom Zusehen fast schwindelig wurde.
»Also … hast du schon irgendeine Idee, wie du um deinen Drachen herumkommen kannst?«, fragte Moody.
»Nein«, sagte Harry.
»Nun, ich werd’s dir nicht sagen«, brummte Moody. »Ich will ja niemanden begünstigen. Ich geb dir nur ein paar gute, allgemeine Ratschläge. Und der erste ist: Setz auf deine Stärken.«
»Ich hab keine«, platzte es aus Harry heraus, bevor er richtig überlegt hatte.
»Entschuldige mal«, knurrte Moody, »wenn ich sage, du hast Stärken, dann hast du auch welche. Denk nach. Worin bist du am besten?«
Harry versuchte seine Gedanken zu sammeln. Ja, worin war er am besten? Nun, das war im Grunde einfach –
»Quidditch«, flüsterte er dumpf, »aber das hilft mir ja auch n…«
»Stimmt«, sagte Moody und sah ihn mit seinem magischen Auge, das er kaum bewegte, durchdringend an. »Du bist ein verdammt guter Flieger, wie ich höre.«
»Jaah, aber …«, Harry starrte ihn an. »Ich darf keinen Besen benutzen, ich hab nur meinen Zauberstab –«
»Mein zweiter allgemeiner Ratschlag«, unterbrach ihn Moody mit erhobener Stimme, »verwende einen schlichten kleinen Zauber, mit dem du bekommst, was du brauchst.«
Harry sah ihn mit großen Augen an. Was meinte er damit?
»Komm schon, Junge …«, flüsterte Moody. »Zähl zwei und zwei zusammen … so schwierig ist es nicht …«
Und der Groschen fiel. Am besten war er im Fliegen. Er musste in der Luft an dem Drachen vorbeikommen. Dafür brauchte er seinen Feuerblitz. Und für seinen Feuerblitz brauchte er –
»Hermine«, flüsterte Harry, nachdem er drei Minuten später ins Gewächshaus gestürmt war und Professor Sprout im Vorbeigehen rasch eine Entschuldigung zugemurmelt hatte. »Hermine, ich brauche deine Hilfe.«
»Was glaubst du eigentlich, worüber ich die ganze Zeit nachdenke?«, flüsterte sie mit großen, sorgenvollen Augen über den zitternden Ginsterbusch hinweg, den sie gerade beschnitt.
»Hermine, ich muss den Aufrufezauber richtig beherrschen, und zwar bis morgen Nachmittag.«
Also übten sie. Sie gingen nicht zum Mittagessen, sondern in ein freies Klassenzimmer, wo Harry mühsam versuchte, verschiedene Gegenstände durch den Raum auf sich zufliegen zu lassen. Noch immer hatte er damit Schwierigkeiten. Jedes Mal verloren die Bücher und Federkiele auf halbem Weg die Lust und fielen wie Steine zu Boden.
»Konzentrier dich, Harry, konzentrier dich …«
»Was glaubst du eigentlich, was ich hier mache?«, sagte Harry zornig. »Mir schwirrt ständig ein ätzender Riesendrache im Kopf rum, ich weiß auch nicht, wieso … gut, noch mal …«
Er wollte Wahrsagen schwänzen, um weiterzuüben, doch Hermine weigerte sich strikt, Arithmantik sausen zu lassen, und ohne Hermine hatte es keinen Sinn. So musste er über eine Stunde lang Professor Trelawney über sich ergehen lassen, die die meiste Zeit damit verbrachte, ihnen zu erklären, dass die gegenwärtige Position des Mars in Konstellation zu der des Saturns zur Folge habe, dass im Juli geborene Menschen in großer Gefahr seien, eines plötzlichen und gewaltsamen Todes zu sterben.
»Schön, warum nicht«, rief Harry, dem der Geduldsfaden riss, »wenigstens zieht es sich dann nicht so ewig hin, ich will nicht lange leiden.«
Ron sah einen Moment lang aus, als wolle er lachen; es war sicher das erste Mal seit Tagen, dass er Harry in die Augen sah, doch Harry war immer noch so sauer auf ihn, dass es ihn nicht rührte. Während der restlichen Stunde versuchte er mit dem Zauberstab unter dem Tisch kleine Gegenstände zu sich heranzuziehen. Er schaffte es auch tatsächlich, eine Fliege direkt in seine Hand summen zu lassen, doch er war sich nicht ganz sicher, ob das seiner Stärke im Aufrufezaubern zu verdanken war – oder ob die Fliege einfach nur dumm war.
Nach Wahrsagen würgte er ein wenig vom Mittagessen hinunter, dann warf er sich und Hermine den Tarnumhang über, damit sie vor den Blicken der Lehrer sicher waren, und sie kehrten in das leere Klassenzimmer zurück. Bis nach Mitternacht übten sie weiter und wären sogar noch länger geblieben, wenn Peeves nicht aufgetaucht wäre. Peeves verstand Harry absichtlich falsch, nämlich so, als wolle Harry nichts lieber, als mit Gegenständen beworfen zu werden, und so machte er sich einen Spaß daraus, Stühle durchs Zimmer zu schleudern. Harry und Hermine ergriffen die Flucht, bevor der Lärm Filch auf den Plan rief, und liefen zurück in den Gemeinschaftsraum, der nun glücklicherweise leer war.
Um zwei Uhr morgens stand Harry am Kamin, inmitten eines Haufens von Büchern, Federn, umgestürzten Stühlen, einem alten Koboldsteinspiel und Nevilles Kröte Trevor. Erst in der letzten Stunde hatte er den Dreh rausgekriegt.
»Schon besser, Harry, das wird schon«, sagte Hermine erschöpft, aber zufrieden.
»Tja, jetzt wissen wir, was du das nächste Mal tun musst, wenn ich einen Zauber nicht beherrsche«, sagte Harry und warf Hermine ein Runenwörterbuch zu, um den Aufrufezauber ein letztes Mal zu proben. »Du setzt mir einen Drachen vor die Nase. Fertig …« Noch einmal hob er den Zauberstab: »Accio Wörterbuch!«
Der schwere Wälzer flog aus Hermines Hand, flatterte durchs Zimmer und landete in Harrys Armen.
»Harry, ich glaube, du hast es raus!«, sagte Hermine erleichtert.
»Morgen jedenfalls muss es klappen«, sagte Harry. »Der Feuerblitz ist dann viel weiter weg als die Sachen hier, nämlich im Schloss, und ich bin draußen auf dem Gelände.«
»Das spielt keine Rolle«, sagte Hermine zuversichtlich. »Wenn du dich wirklich ganz fest darauf konzentrierst, dann kommt er. Wir gehen jetzt lieber noch ein wenig schlafen … du wirst es brauchen.«
Harry hatte an diesem Abend so angestrengt versucht, den Aufrufezauber zu lernen, dass seine blinde Panik ein wenig nachgelassen hatte. Am nächsten Morgen überkam sie ihn jedoch wieder mit ganzer Wucht. In der Schule herrschte eine sehr gespannte und aufgeregte Atmosphäre. Der Unterricht sollte um die Mittagszeit enden, damit alle Schüler die Möglichkeit hatten, hinunter zum Drachengehege zu gehen – doch wussten sie natürlich noch nicht, was sie dort erwartete.
Harry fühlte sich merkwürdig fern von allen Menschen um ihn herum, ob sie ihm nun viel Glück wünschten oder ihm im Vorbeigehen nur zuzischten: »Wir bringen dir dann ’ne Packung Taschentücher, Potter.« Seine Nervosität hatte sich so breitgemacht, dass er fürchtete, schlicht und einfach den Kopf zu verlieren, wenn sie ihn zum Drachen hinausführen wollten und er dann auch noch versuchen würde, alles in seiner Umgebung zu verhexen.
Die Zeit verging auf ganz eigenartige Weise. Große Klumpen auf einmal brachen von ihr ab; im einen Moment ließ er sich zur ersten Stunde, Geschichte der Zauberei, nieder, und im nächsten schon zum Mittagessen … und dann (wo war der Morgen geblieben? Die letzten drachenfreien Stunden?) kam Professor McGonagall in der Großen Halle zu ihm herübergeeilt.
»Potter, die Champions müssen jetzt hinaus aufs Gelände. Sie müssen sich für die erste Aufgabe bereitmachen.«
»Gut«, sagte Harry und stand auf. Seine Gabel fiel klirrend auf den Teller.
»Viel Glück, Harry«, flüsterte Hermine. »Du schaffst es schon!«
»Ja«, sagte Harry mit einer Stimme, die er von sich gar nicht kannte.
Er ging mit Professor McGonagall hinaus. Auch sie schien nicht mehr sie selbst zu sein; tatsächlich sah sie fast so besorgt aus wie Hermine. Sie ging mit ihm die Steintreppe hinunter, hinaus in den kalten Novembernachmittag, und legte ihm die Hand auf die Schulter.
»Nur jetzt nicht die Nerven verlieren«, sagte sie, »einfach kühlen Kopf bewahren … wir haben Zauberer, die bereitstehen und eingreifen, wenn die Sache außer Kontrolle gerät … Hauptsache, Sie geben Ihr Bestes, dann wird keiner schlecht von Ihnen denken … alles in Ordnung?«
»Ja«, hörte sich Harry sagen. »Mir geht’s gut.«
Sie führte ihn am Waldrand entlang auf das Drachengehege zu, doch als sie die dichte Baumgruppe erreichten, von der aus er die Drachen gesehen hatte, stellte Harry fest, dass nun ein Zelt, das zu ihrer Seite hin geöffnet war, die Sicht versperrte.
»Dort müssen Sie mit den anderen Champions rein«, sagte Professor McGonagall mit recht zittriger Stimme, »und warten, bis Sie dran sind, Potter. Mr Bagman erwartet Sie … er wird das … das Verfahren erklären … viel Glück.«
»Danke«, sagte Harry mit tonloser, weit entfernter Stimme. Sie verließ ihn am Zelteingang und Harry trat ein.
Auf einem Holzschemel in der Ecke saß Fleur Delacour. Sie wirkte nicht annähernd so gefasst wie sonst, eher bleich und eingeschüchtert. Viktor Krum blickte noch miesepetriger drein als sonst, und Harry überlegte, ob dies seine Art war, Nerven zu zeigen. Cedric schritt im Zelt auf und ab und lächelte ihm kurz zu, und als Harry zurücklächelte, spürte er, dass sich seine Gesichtsmuskeln arg anstrengen mussten, ganz als ob sie vergessen hätten, wie Lächeln ging.
»Harry! Ach schön!«, sagte Bagman vergnügt und wandte sich ihm zu. »Komm rein, komm rein und fühl dich wie zu Hause.«
Bagman sah unter all den blassgesichtigen Champions fast aus wie eine etwas zu knallig geratene Comicfigur. Heute trug er wieder seinen alten Wespenumhang.
»Schön, jetzt, da wir alle hier sind, ist es Zeit, euch aufzuklären!«, strahlte Bagman. »Wenn sich alle Zuschauer eingefunden haben, werde ich euch der Reihe nach diesen Beutel reichen«, er hielt ein kleines, purpurnes Seidensäckchen hoch und schüttelte es, »aus dem ihr jeweils ein kleines Modell dessen, mit dem ihr es zu tun bekommt, herauszieht. Es gibt verschiedene – ähm – Arten, versteht ihr. Und ich muss euch auch noch etwas anderes sagen … hmh, ja … eure Aufgabe ist es, das goldene Ei zu holen!«
Harry sah sich um. Cedric hatte kurz genickt, um zu zeigen, dass er Bagmans Worte verstanden hatte, und ging jetzt wieder im Zelt auf und ab; er schien ein wenig grün angelaufen zu sein. Fleur Delacour und Krum hatten überhaupt nicht reagiert. Vielleicht fürchteten sie, sich übergeben zu müssen, wenn sie den Mund aufmachten; so jedenfalls fühlte sich Harry. Doch sie hatten sich wenigstens freiwillig für dieses Turnier gemeldet …
Nur wenige Minuten waren vergangen, als sie auch schon Hunderte und Aberhunderte von Füßen am Zelt vorbeitrampeln hörten, mit ihren aufgeregt redenden, lachenden, Witze reißenden Besitzern … Harry fühlte sich der Menge so fremd, als würde es sich dabei um eine andere Gattung von Lebewesen handeln. Und dann – Harry kam es vor, als ob nur eine Sekunde vergangen wäre – öffnete Bagman den Bund seines purpurnen Seidensäckchens.
»Ladies first«, sagte er und hielt das Säckchen Fleur Delacour hin.
Sie steckte ihre zitternde Hand hinein und zog ein winziges, aber tadelloses Modell eines Drachen heraus – des Walisischen Grünlings. Er trug die Nummer »2« um den Hals. Und da Fleur nicht die Spur überrascht schien, wusste Harry nun, dass er Recht gehabt hatte: Madame Maxime hatte ihr erzählt, was kommen würde.
Dasselbe galt für Krum. Er zog den scharlachroten Chinesischen Feuerball. Der kleine Drache trug die Nummer »3« um den Hals. Krum zuckte nicht einmal mit der Wimper und starrte weiter stur zu Boden.
Cedric steckte die Hand in das Säckchen und zog den blaugrauen Schwedischen Kurzschnäuzler heraus, der die »1« um den Hals trug. Harry wusste, welcher noch übrig war, steckte die Hand in den Seidenbeutel und zog den Ungarischen Hornschwanz, die Nummer »4«, heraus. Er spannte die Flügel, als Harry ihn betrachtete, und zeigte seine winzigen Fangzähne.
»Schön, das war’s!«, sagte Bagman. »Mit den Drachen, die ihr gezogen habt, bekommt ihr es jetzt zu tun, und die Nummern geben an, in welcher Reihenfolge ihr antretet. Alles klar? Gut. Ich muss euch gleich allein lassen, weil ich das Turnier kommentieren werde. Mr Diggory, Sie sind als Erster dran, wenn Sie eine Pfeife hören, gehen Sie einfach hinaus ins Gehege, verstanden? Ach … Harry … könnte ich kurz mit dir sprechen? Draußen?«
»Ähm … ja«, sagte Harry tonlos, stand auf und ging mit Bagman aus dem Zelt, der ihn einige Schritte fort bis unter die Bäume führte und ihn dann mit väterlicher Miene ansah.
»Fühlst du dich wohl, Harry? Kann ich dir irgendwas besorgen?«
»Was?«, sagte Harry. »Ich – nein, nichts.«
»Hast du einen Plan?«, sagte Bagman und senkte verschwörerisch die Stimme. »Mir macht es nämlich nichts aus, dir ein paar Tipps zu geben, nur wenn du willst, versteht sich.« Dann fuhr er mit noch leiserer Stimme fort: »Hör mal, du bist der Außenseiter hier, Harry … wenn ich dir irgendwie helfen kann …«
»Nein«, sagte Harry rasch, und er wusste genau, dass er unhöflich klang, »nein – ich – ich hab schon entschieden, was ich tun will, danke.«
»Niemand würde es erfahren, Harry«, sagte Bagman augenzwinkernd.
»Nein, mir geht’s gut«, sagte Harry und fragte sich gleichzeitig, warum er den Leuten das ständig erzählte und ob er sich jemals schlechter gefühlt hatte. »Ich hab mir einen Plan gemacht, ich –«
Von irgendwoher kam ein Pfiff.
»Meine Güte, ich muss mich beeilen!«, sagte Bagman erschrocken und rannte davon.
Harry ging zum Zelt zurück und sah, wie Cedric, inzwischen noch grüner im Gesicht, herauskam. Harry wollte ihm im Vorbeigehen Glück wünschen, doch alles, was aus seinem Mund kam, war ein heiseres Gurgeln.
Harry ging hinein zu Fleur und Krum. Sekunden später hörten sie den Aufschrei der Menge. Cedric hatte also das Gehege betreten und stand nun dem lebendigen Vorbild seines Modells von Angesicht zu Angesicht gegenüber … Nur dazusitzen und zu lauschen war schlimmer, als Harry es sich je hätte vorstellen können. Die Menge kreischte … schrie … stöhnte wie ein einziges vielköpfiges Wesen, während Cedric was auch immer unternahm, um an dem Schwedischen Kurzschnäuzler vorbeizukommen. Krum stierte immer noch zu Boden. Fleur tat es nun Cedric gleich und schritt unablässig im Kreis durch das Zelt. Und Bagmans Kommentar machte alles noch viel, viel schlimmer … furchtbare Bilder nahmen in Harrys Kopf Gestalt an, während er lauschte: »Oooh, da hat er ihn knapp verfehlt, ganz knapp … Er geht ja volles Risiko, der Junge! … clevere Finte – schade, dass es nichts genutzt hat!«
Und dann, nach ungefähr fünfzehn Minuten, hörte Harry das ohrenbetäubende Brüllen, das nur eines bedeuten konnte: Cedric war an seinem Drachen vorbeigekommen und hatte das goldene Ei geholt.
»Wirklich sehr gut!«, rief Bagman. »Und nun die Noten der Jury!«
Doch er las die Noten nicht laut vor; Harry vermutete, dass die Richter sie für das Publikum hochhielten.
»Einer ist durch, drei haben wir noch!«, rief Bagman und wieder gellte der Pfiff. »Miss Delacour, bitte!«
Fleur zitterte am ganzen Leib, und als sie mit erhobenem Kopf, den Zauberstab fest umklammert, aus dem Zelt ging, spürte Harry sogar ein wenig mehr Herzlichkeit für sie als bisher. Er und Krum saßen sich jetzt allein gegenüber und vermieden es sorgfältig, sich in die Augen zu schauen.
Die ganze Geschichte ging von vorn los … »Oh, ich bin mir nicht sicher, ob das klug war!«, konnten sie Bagman schadenfroh rufen hören. »Oh … beinahe! Jetzt aber Vorsicht … du meine Güte, ich dachte schon, sie wäre erledigt!«
Zehn Minuten später hörte Harry, wie die Menge erneut in Beifall ausbrach. Auch Fleur musste es geschafft haben. Eine Pause, während deren Fleurs Noten gezeigt wurden … noch mehr Beifall … und dann, zum dritten Mal, der Pfiff.
»Und hier kommt Mr Krum!«, rief Bagman. Krum schlurfte hinaus und ließ Harry allein zurück.
Er spürte jetzt seinen Körper viel stärker als sonst; er war sich deutlich bewusst, dass sein Herz rasend pochte und seine Finger vor Angst zitterten … doch zugleich schien er außerhalb seiner selbst zu stehen, die Wände des Zeltes zu sehen und die Menge zu hören, wie aus ganz, ganz weiter Ferne …
»Sehr gewagt!«, rief Bagman, und Harry hörte, wie der Chinesische Feuerball einen grauenhaften, kreischenden Schrei ausstieß und die Menge auf einen Schlag den Atem anhielt. »Er hat ganz schön Nerven, muss man sagen – und – ja, er hat das Ei!«
Beifall durchzitterte die kalte Luft wie das Geräusch zerbrechenden Glases; Krum hatte es geschafft – jeden Augenblick war Harry selbst dran.
Er stand auf und nahm verschwommen wahr, dass seine Beine aus Gummi zu bestehen schienen. Er wartete. Und dann hörte er den Pfiff. Als er hinausging, überschwemmte ihn die Panik wie eine eiskalte Welle. Er ging an den Bäumen vorbei und durch eine Öffnung in der Umfriedung.
Er sah alles vor sich wie in einem grellbunten Traum. Viele hundert Gesichter sahen von den Tribünen, die sie inzwischen herbeigezaubert hatten, auf ihn herab. Und da war das Hornschwanz-Weibchen, am anderen Ende der Koppel, gedrungen über ihrem Gelege kauernd, die Flügel halb eingezogen, die bösartigen gelben Augen auf ihn gerichtet – eine monströse, schuppige schwarze Echse, die mit ihrem dornenbesetzten Schwanz auf den Boden peitschte und meterlange Furchen in die Erde schlug. Die Zuschauer machten einigen Lärm, doch ob sie ihn anfeuerten oder ausbuhten, es war Harry nun gleich. Jetzt war es an der Zeit zu tun, was er tun musste … ausschließlich und mit aller Kraft an das zu denken, was seine einzige Chance war … Er hob den Zauberstab.
»Accio Feuerblitz!«, rief er.
Er wartete, und jede Faser seines Körpers hoffte, flehte … vielleicht war es misslungen … vielleicht kam er nicht … er sah alles wie durch eine schimmernde, durchsichtige Mauer, durch einen Hitzeschleier, der das Gehege und die Hunderte von Gesichtern um ihn her merkwürdig verschwimmen ließ …
Und dann hörte er ihn. Hinter ihm rauschte er durch die Luft. Harry drehte sich um und sah den Feuerblitz am Waldrand entlang auf ihn zuschwirren, er schoss in das Gehege und kam in Hüfthöhe neben ihm zum Halt, bereit, von Harry bestiegen zu werden. Die Menge tobte jetzt … Bagman rief irgendetwas … doch es erreichte Harrys Ohren nicht … Zuhören war unwichtig …
Er schwang ein Bein über den Besen und stieß sich vom Boden ab. Und eine Sekunde später geschah etwas Wundersames …
Als er in die Höhe schoss, als der Wind durch sein Haar blies und die Gesichter der Menge zu bloßen fleischfarbenen Stecknadelköpfen wurden und der Hornschwanz auf die Größe eines Hundes schrumpfte, da wurde ihm klar, dass er nicht nur den Erdboden hinter sich gelassen hatte, sondern auch seine Angst … er war wieder da, wo er hingehörte …
Dies hier war nur ein Quidditch-Spiel, ganz einfach … nur noch ein Quidditch-Spiel, und der Hornschwanz war nichts weiter als eine dieser gemeinen gegnerischen Mannschaften …
Er spähte hinunter auf das Gelege und sah das goldene Ei, das sich schimmernd von den zementfarbenen Eiern abhob, geborgen zwischen den Vorderbeinen des Drachen. »Gut«, sagte sich Harry, »Ablenkungstaktik … los geht’s …«
Er schoss senkrecht Richtung Erde. Der Kopf des Hornschwanzes folgte ihm; er wusste, was der Drache tun würde, und riss sich im letzten Augenblick aus dem Sturzflug; ein Feuerstoß hatte die Luft verbrannt, genau dort, wo er gewesen wäre … doch Harry war es gleich … das war nichts anderes, als einem Klatscher auszuweichen …
»Meine Güte, der kann fliegen!«, rief Bagman durch das Kreischen und Seufzen der Menge. »Sehen Sie das, Mr Krum?«
Harry zog sich wie auf einer weiten Spirale nach oben; der Hornschwanz folgte ihm mit den Augen, sein Kopf rotierte auf dem langen Hals – wenn er das durchhielt, würde es dem Drachen ganz schön schwindelig werden –, doch sollte er es besser nicht zu weit treiben, sonst würde das Biest wieder Feuer speien.
Harry stürzte sich genau in dem Moment in die Tiefe, als der Hornschwanz das Maul aufriss, doch diesmal hatte er weniger Glück – er entging zwar den Flammen, doch der Schwanz peitschte nach ihm, und als er seitlich ausbrach, streifte ein langer Dorn seine Schulter und zerfetzte seinen Umhang.
Er spürte einen stechenden Schmerz, er hörte die Schreie und das Stöhnen der Menge, doch der Riss schien nicht besonders tief zu sein … er schwirrte über dem Rücken des Hornschwanzes herum, und da fiel ihm etwas ein …
Der Hornschwanz schien offenbar nicht fliegen zu wollen, das Drachenweibchen sorgte sich zu sehr um seine Brut. Es zuckte zwar und wand sich, spannte die Flügel und rollte sie wieder ein und verfolgte Harry unablässig mit den Furcht erregenden gelben Augen, doch hatte es Angst, sich zu weit von seinen Eiern zu entfernen … aber genau dazu musste er den Drachen unbedingt bringen, oder er würde nie an das Gelege herankommen … der Witz war, es ganz vorsichtig, ganz allmählich zu tun …
Er flog vor dem Kopf des Drachen hin und her, weit genug entfernt, damit er kein Feuer spie, um ihn zu verjagen, doch immer noch als dräuende Gefahr, die er nicht aus den Augen lassen durfte. Den Kopf hin- und herschwenkend verfolgte er ihn mit den Augen, beobachtete ihn aus seinen senkrechten Pupillen, die Fangzähne gebleckt …
Er stieg höher. Der Drache reckte den Hals, bis es nicht mehr ging, und noch immer schwenkte er den Kopf hin und her wie eine Schlange vor ihrem Beschwörer …
Harry stieg noch ein paar Meter höher und der Drache brüllte wütend auf. Für ihn war er wie eine Fliege, eine Fliege, die er in rasendem Zorn totklatschen wollte; wieder schlug er mit dem Schwanz aus, doch jetzt konnte er ihn nicht mehr erreichen … er spie einen Feuerball nach Harry, doch Harry wich ihm aus … das Maul öffnete sich weit …
»Komm schon«, zischte Harry und drehte Kreise über dem Drachenkopf, um ihn noch weiter zu reizen, »komm nur, schnapp mich doch … steh auf, mach schon …«
Und dann bäumte sich der Drache auf, spannte endlich seine großen schwarzen ledrigen Flügel, lang wie die eines kleinen Flugzeugs – und Harry stürzte sich hinab. Bevor der Drache wusste, was Harry getan hatte oder wohin er verschwunden war, raste Harry, so schnell er konnte, auf die Erde und auf die Eier zu, die jetzt nicht mehr von den klauenbesetzten Pranken beschützt waren – er nahm die Hände vom Feuerblitz – und packte das goldene Ei –
Und mit einem gewaltigen Spurt floh er, raste über die Tribünen hinweg, das schwere Ei sicher unter den unverletzten Arm geklemmt. Und in diesem Augenblick schien jemand die Lautstärke hochgedreht zu haben – zum ersten Mal wurde ihm klar bewusst, welchen Lärm die Zuschauer machten, die so laut wie die irischen Anhänger bei der Weltmeisterschaft schrien und klatschten –
»Schaut euch das an!«, rief Bagman. »Da schaut euch das mal an! Unser jüngster Champion hat sein Ei am schnellsten geholt! Damit stehen die Chancen für Mr Potter nun ganz anders!«
Harry sah die Drachenwärter herbeilaufen, um den Hornschwanz zu beruhigen, und drüben, am Eingang des Geheges, fanden sich eilends Professor McGonagall, Professor Moody und Hagrid ein, um ihn zu empfangen; alle winkten ihm zu, und schon von weitem sah er sie lächeln. Er flog über die Tribünen hinweg zurück, das Toben der Menge pochte in seinen Ohren, und er landete weich auf der Erde. Seit Wochen war ihm nicht mehr so leicht ums Herz gewesen … er hatte die erste Aufgabe geschafft, er hatte überlebt …
»Das war wirklich eine Glanzleistung, Potter!«, rief Professor McGonagall, als er von seinem Feuerblitz stieg – und aus ihrem Munde war dies ein wahrhaft unerhörtes Lob. Er sah, dass ihre Hand zitterte, als sie auf seine Schulter deutete. »Sie müssen erst einmal zu Madam Pomfrey, bevor die Richter Ihre Punktzahl bekannt geben … dort drüben, sie musste auch schon Diggory zusammenflicken …«
»Du hast’s gepackt, Harry!«, sagte Hagrid heiser. »Du hast es gepackt! Und sogar gegen das Hornschwanz-Weibchen. Charlie meinte, die sei die Schlimmste –«
»Danke, Hagrid«, sagte Harry laut, damit Hagrid nicht weiterplapperte und verriet, dass er ihm die Drachen zuvor gezeigt hatte.
Auch Professor Moody sah sehr zufrieden aus; das magische Auge tanzte in seiner Höhle.
»Schlicht und einfach, das war der Trick dabei, Potter«, knurrte er.
»Nun aber los, Potter, zum Erste-Hilfe-Zelt, wenn ich bitten darf …«, sagte Professor McGonagall.
Immer noch keuchend verließ Harry das Gehege und sah jetzt Madam Pomfrey, die mit besorgtem Blick am Eingang des zweiten Zeltes stand.
»Drachen!«, sagte sie angewidert und zog Harry ins Zelt. Es war in kleine Räume abgeteilt; er konnte Cedrics Schatten an der Stoffwand sehen, doch er schien nicht schwer verletzt; zumindest saß er aufrecht. Madam Pomfrey untersuchte Harrys Schulter und ließ ihrem Ärger freien Lauf. »Letztes Jahr Dementoren, dieses Jahr Drachen, was werden sie nächstes Jahr in diese Schule schleppen? Da hast du noch mal Glück gehabt … die Wunde ist nicht tief … aber bevor ich sie verheilen lasse, muss ich sie reinigen …«
Sie säuberte den Riss mit einem Tropfen purpurroter Flüssigkeit, die rauchte und auf der Haut brannte, doch dann gab sie ihm mit dem Zauberstab einen Klaps auf die Schulter, und er spürte, wie die Wunde in Sekundenschnelle heilte.
»Schön, und jetzt bleib eine Minute ruhig sitzen – bleib sitzen! Dann kannst du gehen und dir deine Punkte abholen.«
Sie wuselte hinaus, und er hörte, wie sie nebenan sagte: »Wie geht’s uns jetzt, Diggory?«
Harry wollte nicht ruhig sitzen bleiben; noch rauschte es zu sehr in seinen Adern. Er stand auf, um nachzusehen, was draußen los war, doch bevor er den Zelteingang erreicht hatte, waren zwei von draußen hereingestürzt – Hermine, dicht gefolgt von Ron.
»Harry, du warst einfach klasse!«, jubilierte Hermine. Dort, wo sie sich vor Angst die Finger ins Gesicht gekrallt hatte, waren die Spuren ihrer Fingernägel zu sehen. »Du warst einfach unglaublich! Wirklich unglaublich!«
Doch Harrys Blick galt Ron, der ganz weiß im Gesicht war und Harry anstarrte, als wäre er ein Gespenst.
»Harry«, sagte er ernst, »wer immer deinen Namen in diesen Kelch geworfen hat – ich – ich wette, die wollten dich erledigen!«
Es war, als ob die letzten Wochen nie gewesen wären – als ob Harry Ron zum ersten Mal sehen würde, nachdem er Champion geworden war.
»Hast es kapiert, oder?«, sagte Harry kühl. »Hast ja lange genug gebraucht.«
Hermine stand zwischen den beiden und blickte ganz hibbelig von einem zum anderen. Ron, unsicher geworden, öffnete den Mund. Harry wusste, dass er sich entschuldigen wollte, und plötzlich hatte er das Gefühl, er müsse es gar nicht hören.
»Ist schon gut«, sagte er, bevor Ron ein Wort herausbrachte. »Vergiss es.«
»Nein«, sagte Ron, »ich hätte nicht –«
»Vergiss es«, sagte Harry.
Ron grinste ihn nervös an und Harry grinste zurück.
Hermine brach in Tränen aus.
»Da gibt’s doch nichts zu weinen«, sagte Harry verwirrt.
»Ihr beiden seid so doof!«, schrie sie und stampfte mit dem Fuß auf. Tränen fielen auf ihren Umhang. Dann, bevor einer von ihnen sie daran hindern konnte, umarmte sie beide und rauschte, nun erst richtig heulend, davon.
»Vollkommen übergeschnappt«, sagte Ron kopfschüttelnd. »Harry, komm mit, gleich gibt es deine Punkte …«
Harry, der es vor einer Stunde noch nicht für möglich gehalten hätte, dass er jetzt vor Glück schwebte, nahm das goldene Ei und den Feuerblitz und schlüpfte mit Ron, der wie ein Wasserfall redete, aus dem Zelt.
»Du warst übrigens der Beste, und zwar konkurrenzlos. Cedric hat ein merkwürdiges Ding gedreht und einen Felsbrocken auf dem Boden verwandelt … und zwar in einen Hund … damit der Drache auf den Hund statt auf ihn losging. Na ja, als Verwandlungsstück war das ziemlich cool, und es hat auch irgendwie geklappt, weil er das Ei gekriegt hat, aber verbrannt hat er sich auch – der Drache hat es sich nämlich zwischendurch anders überlegt und wollte lieber Cedric als den Labrador grillen, er ist gerade noch entkommen. Und diese Fleur hat es mit einem Zauber versucht, ich glaub, sie wollte ihn in Trance versetzen – schön, das hat auch geklappt, er ist ganz schläfrig geworden, aber dann hat er angefangen zu schnarchen und eine große Stichflamme ist ihm aus der Schnauze geschossen und ihr Rock hat Feuer gefangen – sie hat ihn mit Wasser aus ihrem Zauberstab gelöscht. Und Krum – du wirst es nicht glauben, aber er ist nicht mal auf die Idee gekommen zu fliegen! Trotzdem war er nach dir sicher der Zweitbeste. Er hat ihm einen Fluch mitten ins Auge geschossen. Pech war nur, dass der Drache vor Schmerz anfing herumzutrampeln und die Hälfte der echten Eier zerquetscht hat – dafür haben sie ihm Punkte abgezogen, denn sie durften ja nicht beschädigt werden.«
Sie erreichten den Rand des Geheges und Ron legte eine kleine Pause ein. Nun, da sie den Hornschwanz fortgebracht hatten, konnte Harry sehen, wo die fünf Richter saßen – gegenüber auf der anderen Seite, auf einem Podium mit goldbespannten Stühlen.
»Jeder kann höchstens zehn Punkte vergeben«, sagte Ron, und Harry spähte über das Feld und sah den ersten Richter – Madame Maxime – den Zauberstab heben. Ein langer Silberfaden flog aus der Spitze hervor und verschlängelte sich zu einer großen Acht.
»Nicht schlecht!«, rief Ron und das Publikum klatschte. »Ich vermute, sie hat dir wegen deiner Schulter Punkte abgezogen.«
Mr Crouch war der Nächste. Er ließ die Ziffer Neun in die Luft schießen.
»Sieht gut aus!«, rief Ron und klatschte Harry auf den Rücken.
Jetzt kam Dumbledore. Auch er ließ eine Neun erstehen. Die Menge jubelte noch lauter.
Ludo Bagman – eine Zehn.
»Zehn?«, sagte Harry ungläubig. »Aber … ich wurde verletzt … worauf hat der es abgesehen?«
»Harry, jetzt beklag dich nicht!«, rief Ron begeistert.
Und nun erhob Karkaroff seinen Zauberstab. Er zögerte einen Moment, und dann schoss auch aus seinem Zauberstab eine Ziffer – Vier.
»Wie bitte?«, brüllte Ron zornig. »Vier? Du lausiger parteiischer Schleimbeutel, du hast Krum eine Zehn gegeben!«
Doch Harry war es egal, und es wäre ihm auch egal gewesen, wenn Karkaroff ihm null Punkte gegeben hätte; dass Ron sich für ihn so entrüstete, war ihm hundert Punkte wert. Davon sagte er Ron natürlich nichts, doch als er sich umwandte und aus dem Gehege ging, war ihm das Herz leichter als eine Feder. Und es war nicht nur Ron … die dort im Publikum jubelten, waren nicht nur Gryffindors. Als es darauf ankam, als sie gesehen hatten, was ihm bevorstand, waren die meisten seiner Mitschüler auf seiner Seite gewesen, wie zuvor auf Cedrics … die Slytherins kümmerten ihn nicht – was immer sie ihm noch vorwerfen würden, es würde an ihm abprallen.
»Du bist auf dem ersten Platz, Harry, zusammen mit Krum!«, sagte Charlie Weasley, der ihnen nachgerannt kam, als sie sich auf den Weg zur Schule machten. »Hör mal, ich muss mich beeilen, weil ich Mum unbedingt eine Eule schicken muss, ich hab ihr geschworen, alles haarklein zu beschreiben – aber das war unglaublich! Ach ja – und ich soll dir ausrichten, dass du noch ein paar Minuten hierbleiben sollst … Bagman will mit dir sprechen, im Champions-Zelt.«
Ron wollte warten, und Harry ging ins Zelt, das ihm jetzt ganz anders, freundlich und einladend, vorkam.
Er dachte daran, wie er sich gefühlt hatte, während er den Hornschwanz austrickste, und dann an die lange Wartezeit, bis es so weit gewesen war … kein Vergleich, das Warten war unendlich viel schlimmer gewesen. Fleur, Cedric und Krum kamen ebenfalls herein.
Eine Seite von Cedrics Gesicht war mit einer dicken orangeroten Paste bestrichen, die wohl seine Verbrennung heilen sollte. Er grinste Harry zu, als er ihn sah. »Gut gemacht, Harry.«
»Du auch«, sagte Harry und grinste ebenfalls.
»Ihr alle habt’s gut gemacht!«, sagte Ludo Bagman, der ins Zelt gestürmt kam und so vergnügt aussah, als ob er selbst gerade an einem Drachen vorbeigekommen wäre. »Ich wollte nur kurz mit euch sprechen. Vor der nächsten Runde habt ihr eine schöne lange Pause. Sie wird am vierundzwanzigsten Februar um halb zehn morgens stattfinden – aber für die Zwischenzeit geben wir euch was zum Knobeln! Wenn ihr euch diese goldenen Eier in euren Händen anschaut, dann seht ihr, dass sie sich öffnen lassen … seht ihr die kleinen Scharniere? Im Ei steckt ein Rätsel, das ihr lösen müsst – es wird euch verraten, worin die zweite Aufgabe besteht und wie ihr euch darauf vorbereiten könnt. Alles klar? Keine Fragen? Nun, dann marsch zurück in die Schule!«
Harry verließ das Zelt und ging mit Ron am Waldrand entlang zurück. Sie unterhielten sich während des ganzen Wegs; Harry wollte genauer wissen, wie es den anderen Champions ergangen war. Dann, als sie die dichte Baumgruppe umrundeten, hinter der Harry die Drachen erstmals hatte brüllen hören, sprang hinter ihnen eine Hexe zwischen den Bäumen hervor.
Es war Rita Kimmkorn. Heute trug sie einen giftgrünen Umhang; die Flotte-Schreibe-Feder in ihrer Hand passte tadellos dazu.
»Gratuliere, Harry!«, sagte sie und strahlte die beiden an. »Dürfte ich euch auf ein Wort unterbrechen? Harry, wie war es für dich, gegen den Drachen zu kämpfen? Was hältst du vom Urteil der Schiedsrichter?«
»Ja, Sie dürfen uns auf ein Wort unterbrechen«, sagte Harry wütend. »Tschüss!«
Und zusammen mit Ron ging er davon.
Die Hauselfen-Befreiungsfront
Harry, Ron und Hermine gingen an diesem Abend hoch in die Eulerei, um nach Pigwidgeon zu suchen, den sie mit einem Brief zu Sirius schicken wollten. Harry hatte ihm geschrieben, dass er unverletzt an dem Drachen vorbeigekommen war. Auf dem Weg nach oben erzählte er Ron alles, was Sirius ihm über Karkaroff gesagt hatte. Ron erschrak zuerst, als er hörte, dass Karkaroff ein Todesser gewesen war, doch als sie die Eulerei betraten, sagte er, sie hätten ihn von Anfang an verdächtigen sollen.
»Das passt doch alles zusammen«, sagte er. »Weißt du noch, was Malfoy im Zug gesagt hat? Dass sein Dad mit Karkaroff befreundet sei? Jetzt wissen wir, wo sie sich kennen gelernt haben. Wahrscheinlich sind sie bei der Weltmeisterschaft zusammen in diesen Masken rumgelaufen … aber ich sag dir eines, Harry, wenn es tatsächlich Karkaroff war, der deinen Namenszettel in den Kelch geworfen hat, wird er sich jetzt ziemlich dumm vorkommen. Es hat doch nicht geklappt, oder? Du hast nur einen Kratzer abgekriegt! Komm, gib her, ich mach schon –«
Pigwidgeon war so aus dem Häuschen, weil er einen Brief zustellen durfte, dass er ununterbrochen kreischend um Harrys Kopf herumflog. Ron schnappte ihn mitten im Flug und hielt ihn fest, während ihm Harry den Brief ans Bein band.
»Die anderen Aufgaben können doch unmöglich so gefährlich sein, oder?«, fuhr Ron fort, während er Pigwidgeon zum Fenster trug. »Weißt du was? Ich glaube sogar, du könntest dieses Turnier gewinnen, und das meine ich ernst.«
Das sagte Ron nur, um sein unmögliches Verhalten in den letzten Wochen wiedergutzumachen, fand Harry, und trotzdem hörte er es gerne. Hermine jedoch lehnte sich gegen eine Mauer, verschränkte die Arme und sah Ron finster an.
»Harry hat einen langen Weg vor sich, bis er dieses Turnier abschließen kann«, sagte sie ernst. »Wenn das die erste Aufgabe war, möchte ich lieber nicht daran denken, was das nächste Mal drankommt.«
»Immer ein aufmunterndes Wort auf den Lippen, nicht wahr, Hermine?«, sagte Ron. »Du und Professor Trelawney, ihr solltet euch mal zusammensetzen.«
Er schleuderte den kleinen Kauz aus dem Fenster. Pigwidgeon sackte erst einmal vier Meter in die Tiefe, bis er sich fangen und in die Höhe steigen konnte; der Brief an seinem Bein war viel länger und schwerer als sonst; Harry hatte es nicht lassen können, Sirius jedes einzelne Flugmanöver zu beschreiben, mit dem er den Hornschwanz umkreist, gereizt und ausgetrickst hatte.
Sie warteten, bis Pigwidgeon in der Dunkelheit verschwunden war, dann sagte Ron: »Hör zu, Harry, unten gibt’s ’ne Überraschungsparty für dich – Fred und George haben inzwischen bestimmt genug zu futtern aus der Küche geklaut.«
Und tatsächlich, als sie den Gemeinschaftsraum der Gryffindors betraten, jubelten und klatschten ihre Mitschüler, dass die Wände wackelten. Sämtliche Tische und Fensterbänke trugen Berge von Kuchen und Krüge voll Kürbissaft und Butterbier; Lee Jordan hatte ein paar von Dr. Filibusters famosen hitzefreien und nass zündenden Knallern losgelassen, so dass sie vor Funken und Sternennebel kaum noch etwas sehen konnten; Dean Thomas, der im Zeichnen ganz gut war, hatte ein paar eindrucksvolle neue Banner entworfen. Meist war Harry darauf zu sehen, wie er den Kopf des Hornschwanzes umschwirrte, hin und wieder auch Cedric mit seinem brennenden Haarschopf.
Harry nahm sich etwas zu essen und setzte sich zu Ron und Hermine; er hatte beinahe vergessen, wie es war, richtig hungrig zu sein. Er konnte es immer noch nicht begreifen, dass er sich so glücklich fühlte; Ron war wieder an seiner Seite, er hatte die erste Aufgabe geschafft und die nächste kam ja erst in drei Monaten dran.
»Uff, ist das Ding schwer«, sagte Lee Jordan, der das goldene Ei, das Harry auf den Tisch gelegt hatte, hochhob und in den Händen wog. »Mach es auf, Harry, na los! Lass uns einfach mal nachschauen, was drin ist!«
»Er soll das Rätsel doch ganz allein lösen«, warf Hermine rasch ein. »Das steht in den Turnierregeln …«
»Ich sollte auch allein rausfinden, wie ich am Drachen vorbeikomme«, murmelte Harry so leise, dass nur sie ihn hören konnte, worauf sie recht schuldbewusst grinste.
»Ja, los, Harry, mach es auf!«, riefen einige der Umstehenden.
Lee reichte Harry das Ei, Harry steckte die Fingernägel in die Rille, die sich um den Bauch des Eis zog, und öffnete es.
Das Ei war hohl und ganz leer – doch kaum hatte Harry es aufgeklappt, drang ihnen ein grässlich lautes und kreischendes Gejammer in die Ohren. Harry hatte nur einmal etwas Ähnliches gehört, nämlich das Geisterorchester auf der Todestagsfeier des Fast Kopflosen Nick, als alle Mann hoch die Musiksäge gespielt hatten.
»Mach’s zu!«, brüllte Fred, die Hände an die Ohren gepresst.
»Was war das?«, fragte Seamus Finnigan und starrte das Ei an, als Harry es wieder zugeklappt hatte. »Klang ja wie eine Banshee … vielleicht musst du das nächste Mal an einer von diesen Todesfeen vorbeikommen, Harry!«
»Es klang wie jemand, der gefoltert wird«, sagte Neville, der käsebleich geworden war und sein Wurstbrötchen fallen gelassen hatte. »Du musst gegen den Cruciatus-Fluch kämpfen!«
»Red keinen Stuss, Neville, der ist doch verboten«, sagte George. »Den Cruciatus-Fluch lassen sie bestimmt nicht auf die Champions los. Ich dachte, es klang eher ein wenig, als würde Percy singen … vielleicht musst du ihn angreifen, während er unter der Dusche steht, Harry.«
»Willst du ein Stück Biskuittorte, Hermine?«, fragte Fred.
Hermine beäugte misstrauisch den Teller, den er ihr anbot. Fred grinste.
»Ist schon gut«, sagte er. »Ich hab nichts daran gedreht. Bei den Eierkremschnitten musst du aufpassen –«
Neville, der sich gerade einen Bissen Eierkremschnitte genehmigt hatte, würgte und spuckte ihn aus.
Fred lachte. »War nur ’n Witz, Neville …«
Hermine nahm sich ein Stück Biskuittorte.
»Hast du die ganzen Sachen aus der Küche, Fred?«, fragte sie.
»Jep«, sagte Fred und grinste. Dann ahmte er mit hoher, piepsender Stimme einen Hauselfen nach. »›Alles, was Sie wünschen, Sir, alles, was Sie wünschen!‹ Die sind ja so unglaublich hilfsbereit … die würden dir einen gegrillten Ochsen bringen, wenn du sagst, du könntest ’ne Kleinigkeit vertragen.«
»Und wie kommst du da rein?«, fragte Hermine in unschuldig beiläufigem Tonfall.
»Ganz einfach«, sagte Fred, »hinter einem Gemälde mit einer Obstschale ist eine Geheimtür. Du kitzelst einfach die Birne, sie kichert und –« Er brach ab und sah sie misstrauisch an. »Warum?«
»Nur so«, sagte Hermine rasch.
»Willst du diese Hauselfen etwa in den Streik führen?«, sagte George. »Gibst du diesen Flugblattkram auf und versuchst jetzt, sie zur Rebellion anzustacheln?«
Einige der Umstehenden gackerten. Hermine antwortete nicht.
»Hetz sie bloß nicht auf und sag ihnen, sie hätten ein Recht auf Kleidung und Bezahlung!«, warnte Fred. »Das hält sie nur vom Kochen ab!«
In diesem Augenblick sorgte Neville für eine kleine Ablenkung, indem er sich in einen Kanarienvogel verwandelte.
»O Verzeihung, Neville!«, rief Fred durch das allgemeine Gelächter. »Hab ich doch glatt vergessen – es war doch die Eierkrem, die wir verhext haben –«
Es dauerte jedoch nur eine Minute, dann verlor Neville seine Federn, und als die letzte ausgefallen war, erschien er wieder gesund und munter und stimmte sogar selbst in das Gelächter ein.
»Kanarienkremschnitten!«, verkündete Fred laut der aufgeregten Schülerschar. »Haben George und ich erfunden – sieben Sickel das Stück, ein echtes Schnäppchen!«
Es war fast ein Uhr morgens, als Harry schließlich mit Ron, Neville, Seamus und Dean in den Schlafsaal hochstieg. Bevor er zu Bett ging, legte er das kleine Modell des Ungarischen Hornschwanzes auf seinen Nachttisch, wo es gähnte, sich einkringelte und die Augen schloss. Wirklich, dachte Harry, als er die Vorhänge um sein Bett zuzog, Hagrid hatte irgendwie Recht … eigentlich sind sie ganz in Ordnung, diese Drachen …
Der Dezemberanfang brachte Stürme und Graupelschauer nach Hogwarts. Zwar war das Schloss im Winter zugig wie immer, doch Harry dachte mit Erleichterung an die Feuer in den Kaminen und an die dicken Mauern, wenn er draußen am See wieder einmal am Schiff der Durmstrangs vorbeikam, das in den Windböen taumelte und dessen schwarze Segel sich gegen den dunklen Himmel bauschten. Auch im Beauxbatons-Wohnwagen musste es ziemlich kalt sein. Wie ihm auffiel, versorgte Hagrid Madame Maximes Pferde großzügig mit ihrem Lieblingsgetränk, Single Malt Whisky, und die Dämpfe, die vom Trog in einer Ecke ihrer Koppel herüberwehten, reichten aus, um die ganze Pflege-magischer-Geschöpfe-Klasse beschwipst zu machen. Das war nicht besonders hilfreich, denn sie päppelten immer noch diese grässlichen Kröter auf und dafür brauchten sie einen klaren Kopf.
»Ich weiß nicht, ob sie ’nen Winterschlaf halten«, verkündete Hagrid in der nächsten Stunde der bibbernden Klasse im windigen Kürbisbeet. »Dachte, wir probieren mal aus, ob sie ’n Nickerchen mögen … Legen wir sie doch einfach mal in diese Kisten hier …«
Inzwischen waren nur noch zehn Kröter übrig; offenbar war ihnen die Lust, sich gegenseitig umzubringen, durch die sportliche Betätigung nicht ausgetrieben worden. Die Viecher waren nun schon fast zwei Meter lang. Ihr dicker grauer Panzer, ihre kräftigen, flinken Beine, ihre Funken sprühenden Rümpfe, ihre Stacheln und Saugnäpfe – das alles machte die Kröter zu den widerlichsten Kreaturen, die Harry je gesehen hatte. Die Klasse besah sich missmutig die riesigen Kisten, die Hagrid herausgebracht und allesamt mit Kissen und flaumigen Decken ausgepolstert hatte.
»Wir führen sie einfach da rein«, sagte Hagrid, »und machen die Deckel zu, dann sehen wir ja, was passiert.«
Doch die Kröter, so viel wurde ihnen klar, hielten keinen Winterschlaf und schätzten es nicht, in die kissengepolsterten Kisten gezwängt und dann eingenagelt zu werden. Kurze Zeit später marodierten die Kröter im Kürbisfeld, das mit den schwelenden Bruchstücken ihrer Kisten übersät war, und Hagrid rief: »Keine Panik jetzt, immer mit der Ruhe!« Der größte Teil der Klasse – Malfoy, Crabbe und Goyle als Erste – war durch die Hintertür in Hagrids Hütte geflohen und hatte sich verbarrikadiert; Harry, Ron und Hermine jedoch gehörten zu jenen, die draußen blieben und versuchten Hagrid zu helfen. Gemeinsam schafften sie es, neun Kröter zu überwältigen und festzubinden, wenn auch um den Preis zahlreicher Brandblasen und Schnitte; am Ende war nur noch ein Kröter übrig.
»Jetzt erschreckt ihn bloß nicht!«, schrie Hagrid, als Ron und Harry ihre Zauberstäbe nahmen und den Kröter, der, den zitternden Stachel über den Rücken gebogen, auf sie zukrabbelte, mit einer spotzenden Funkenwolke beschossen. »Versucht einfach, die Leine um seinen Stachel zu schlingen, damit er die anderen nicht verletzt!«
»Ja natürlich, das wäre ganz furchtbar!«, schrie Ron zornig, während er und Harry gegen die Wand von Hagrids Hütte zurückwichen und sich den Kröter mit ihren Funken sprühenden Zauberstäben vom Leib hielten.
»Schön, schön, schön … das scheint ja richtig Spaß zu machen.«
Rita Kimmkorn lehnte lässig an Hagrids Gartenzaun und begutachtete den Kampf. Heute trug sie einen schweren magentaroten Mantel mit einem purpurroten Pelzkragen; die Krokodillederhandtasche baumelte an ihrem Arm. Hagrid warf sich auf den Rücken des Kröters, der Harry und Ron zu Leibe rückte, und drückte ihn platt; eine Stichflamme schoss aus seinem Rumpf und versengte die Kürbispflanzen im Umkreis.
»Wer sind Sie?«, fragte Hagrid an Rita Kimmkorn gewandt, während er eine Seilschlinge um den Stachel des Kröters warf und sie festzurrte.
»Rita Kimmkorn, Reporterin für den Tagespropheten«, erwiderte Rita und strahlte ihn an. Ihre Goldzähne blitzten.
»Mir ist doch, als hätte Dumbledore gesagt, Sie hätten in der Schule nichts mehr verloren?«, sagte Hagrid und legte die Stirn in Falten. Er stand auf und zog den leicht lädierten Kröter hinüber zu seinen Artgenossen.
Rita tat, als hätte sie seine Worte nicht gehört.
»Wie heißen diese faszinierenden Geschöpfe eigentlich?«, fragte sie und strahlte ihn noch breiter an.
»Knallrümpfige Kröter«, brummte Hagrid.
»Wirklich?«, sagte Rita, scheinbar brennend interessiert. »Ich hab noch nie von ihnen gehört … woher kommen die denn?«
Harry sah, wie Hagrid unter seinem wilden schwarzen Bart dunkelrot anlief, und das Herz sank ihm in die Hose. Genau, wo zum Teufel hatte Hagrid die Kröter her?
Hermine, die sich Ähnliches zu fragen schien, warf rasch ein: »Sie sind sehr interessant, oder? Oder, Harry?«
»Was? O ja … autsch … interessant«, sagte Harry, nachdem sie ihm auf den Fuß getreten war.
Rita Kimmkorn wandte sich zu ihnen um. »Ah, du bist hier, Harry!«, sagte sie. »Also gefällt dir Pflege magischer Geschöpfe? Eins deiner Lieblingsfächer?«
»Ja«, sagte Harry wacker. Hagrid strahlte ihn an.
»Wunderbar«, sagte Rita. »Wirklich wunderbar. Unterrichten Sie schon lange?«, fügte sie zu Hagrid gewandt hinzu.
Harry bemerkte, wie sie den Blick schweifen ließ – über Dean (der eine unschöne Schnittwunde an der Wange hatte), Lavender (deren Umhang stark versengt war), Seamus (der mehrere verbrannte Finger leckte) und dann hinüber zum Hüttenfenster, wo der große Rest der Klasse sich die Nasen an der Scheibe platt drückte und wartete, bis die Luft rein war.
»Das is’ erst mein zweites Jahr«, sagte Hagrid.
»Wunderbar … wären Sie vielleicht bereit, mir ein Interview zu geben? Ein wenig von Ihren Erfahrungen mit magischen Geschöpfen zu erzählen? Der Tagesprophet hat jeden Mittwoch eine Heimtierseite, wie Sie sicher wissen. Wir könnten was über diese – ähm – Knallsüchtigen Tröter bringen.«
»Knallrümpfige Kröter«, sagte Hagrid beflissen. »Ähm – ja, warum nicht?«
Harry schwante gar nichts Gutes, doch er konnte sich Hagrid nicht bemerkbar machen, ohne dass es Rita Kimmkorn mitbekam, und so musste er schweigend zusehen, wie Hagrid und Rita sich für Ende der Woche zu einem richtig ausführlichen Interview in den Drei Besen verabredeten. Dann läutete oben im Schloss die Glocke und verkündete das Ende der Stunde.
»Gut denn, auf Wiedersehen, Harry!«, rief ihm Rita Kimmkorn vergnügt zu, als er sich mit Ron und Hermine auf den Weg machte. »Bis Freitagabend dann, Hagrid!«
»Sie wird ihm die Worte im Mund umdrehen«, sagte Harry mit gedämpfter Stimme.
»Hoffentlich hat er diese Kröter nicht unrechtmäßig eingeführt oder so etwas«, sagte Hermine missvergnügt. Ihre Blicke trafen sich – genau das sah Hagrid nämlich ähnlich.
»Hagrid hat doch schon eine Menge Ärger gehabt und Dumbledore hat ihn nie rausgeworfen«, beschwichtigte Ron die beiden. »Das Schlimmste, was ihm passieren kann, ist, dass er die Kröter loswerden muss. Verzeihung … hab ich gesagt, das Schlimmste? Ich meine, das Beste.«
Harry und Hermine lachten und gingen ein wenig besser gelaunt zum Mittagessen.
An diesem Nachmittag machte Harry die Doppelstunde Wahrsagen ausgesprochen Spaß; noch immer ging es um Himmelskarten und Prophezeiungen, doch nun, da er und Ron wieder Freunde waren, fanden sie die ganze Sache erneut recht komisch. Professor Trelawney, die so zufrieden mit den beiden gewesen war, als sie ihre eigenen grauenhaften Tode vorausgesagt hatten, wurde zunehmend gereizter, als Harry und Ron während ihrer Ausführungen über die verschiedenen Möglichkeiten, wie Pluto das tägliche Leben stören konnte, ununterbrochen kicherten.
»Ich würde doch meinen«, flüsterte sie geheimnisvoll, ohne jedoch ihren Ärger verbergen zu können, »dass einige von uns« – und sie sah Harry viel sagend an – »vielleicht ein wenig nachdenklicher wären, wenn sie gesehen hätten, was ich gestern Nacht bei meiner Suche in der Kristallkugel entdeckt habe. Als ich gestern so dasaß, völlig versunken in meine Strickarbeit, überwältigte mich plötzlich der Drang, die Kugel zu Rate zu ziehen. Ich erhob mich, ich ließ mich vor ihr nieder und ich spähte in ihre kristallinen Tiefen … und wer, glaubt ihr, starrte mich da an?«
»Eine hässliche alte Fledermaus mit übergroßer Brille?«, flüsterte Ron.
Harry mühte sich, seine Unschuldsmiene zu bewahren.
»Der Tod, meine Lieben.«
Parvati und Lavender schlugen mit entsetzten Blicken die Hände vor den Mund.
»Ja«, sagte Professor Trelawney und nickte eindringlich, »er kommt immer näher, er zieht Kreise wie ein Geier, immer tiefer … immer tiefer über dem Schloss …«
Sie starrte Harry, der unverhohlen und herzhaft gähnte, durchdringend an.
»Es wäre ein wenig eindrucksvoller, wenn sie es nicht schon ungefähr achtzigmal gesagt hätte«, meinte er, als sie im Treppenhaus unter Professor Trelawneys Zimmer endlich wieder frische Luft schnappen konnten. »Aber wenn ich jedes Mal, wenn sie es sagte, tot umgefallen wäre, dann wäre ich ein medizinisches Wunder.«
»Du wärst sozusagen ein ganz hochprozentiger Geist«, gluckste Ron, als sie dem Blutigen Baron begegneten, der sie mit aufgerissenen, bösen Augen ansah. »Wenigstens haben wir keine Hausaufgaben. Ich hoffe, Professor Vektor hat Hermine eine Menge aufgehalst, ich genieße es, nichts zu tun, während sie arbeitet …«
Doch Hermine war weder beim Abendessen noch in der Bibliothek, wo sie später nach ihr suchten. Der Einzige hier war Viktor Krum. Ron und Harry trieben sich eine Weile hinter den Bücherregalen herum und beobachteten Krum, wobei sie sich flüsternd darüber unterhielten, ob Ron ihn vielleicht um ein Autogramm bitten sollte – doch dann entdeckte Ron, dass sechs oder sieben Mädchen hinter der nächsten Regalreihe lauerten und genau dasselbe beratschlagten, und seine Begeisterung für die Idee schwand.
Sie gingen zurück in den Gryffindor-Turm. »Wo sie wohl steckt?«, fragte Ron.
»Keine Ahnung … Quatsch.«
Doch die fette Dame war kaum zur Seite geklappt, als hektisches Fußgetrappel hinter ihnen Hermines Ankunft verkündete.
»Harry!«, keuchte sie und bremste schlitternd vor ihnen ab (die fette Dame sah sie mit Stirnrunzeln von oben herab an). »Harry, du musst mitkommen – du musst unbedingt mitkommen, da passiert etwas absolut Unglaubliches – bitte!«
Sie packte Harry am Arm und versuchte ihn mit sich zu zerren.
»Was ist denn los?«, fragte Harry.
»Ich zeig’s dir, wenn wir da sind – komm schon, schnell –«
Harry wandte sich zu Ron um, doch Ron schien neugierig geworden zu sein.
»Na gut«, sagte Harry und ging mit Hermine den Gang entlang zurück, während Ron sich beeilte, mit ihnen Schritt zu halten.
»Oh, keine Ursache!«, rief ihnen die fette Dame entrüstet nach. »Ihr braucht euch doch nicht zu entschuldigen, nur weil ihr mich gestört habt! Ich hänge hier einfach weiter rum, sperrangelweit offen, bis ihr wiederkommt, einverstanden?«
»Ja, danke«, rief Ron über die Schulter zurück.
»Hermine, wo gehen wir hin?«, fragte Ron, als Hermine die beiden durch sechs Stockwerke geführt hatte und nun über die Marmortreppe hinunter in die Eingangshalle wollte.
»Das seht ihr gleich, nur Geduld!«, sagte Hermine aufgeregt.
Sie wandte sich am Fuß der Treppe nach links und hastete zu der Tür, durch die Cedric Diggory an jenem Abend gegangen war, als der Feuerkelch seinen und Harrys Namen ausgeworfen hatte. Durch diese Tür ging Harry zum ersten Mal. Sie folgten Hermine eine steinerne Treppenflucht in die Tiefe, doch anstatt in einen düsteren unterirdischen Gang zu gelangen wie den, der zu Snapes Kerker führte, fanden sie sich in einem breiten steinernen Korridor wieder, der von Fackeln hell erleuchtet und mit heiteren Gemälden geschmückt war, die vorwiegend Essbares zeigten.
»Oh, wart mal …«, sagte Harry zögernd auf halbem Weg den Korridor entlang. »Wart doch kurz, Hermine …«
»Was ist?« Sie wandte sich zu ihm um und er sah, dass die Spannung ihr ins Gesicht geschrieben stand.
»Ich weiß, was du vorhast«, sagte Harry.
Er knuffte Ron in die Seite und deutete auf das Gemälde direkt hinter Hermine. Es zeigte eine ausladende silberne Obstschale.
»Hermine!«, sagte Ron, bei dem der Groschen gefallen war. »Du willst uns wieder in diesen Belfer-Kram verwickeln!«
»Nein, nein, will ich nicht!«, entgegnete sie hastig. »Und es heißt nicht Belfer, Ron –«
»Dann hast du den Namen geändert?«, sagte Ron und sah sie stirnrunzelnd an. »Was sind wir denn jetzt, vielleicht die Hauselfen-Befreiungsfront? Ich platze doch nicht in diese Küche rein und versuche sie vom Arbeiten abzuhalten, nicht mit mir –«
»Das verlange ich auch gar nicht!«, sagte Hermine ungeduldig. »Ich bin erst vorhin hier runtergekommen, um mit ihnen zu reden, und wen hab ich da getroffen – oh, komm schon, Harry, das musst du sehen!«
Sie packte ihn erneut am Arm, zog ihn vor das Bild mit der riesigen Obstschale, streckte ihren Zeigefinger aus und kitzelte die prächtige grüne Birne. Sie begann sich zu winden, fing an zu kichern und verwandelte sich plötzlich in einen großen grünen Türgriff. Hermine ergriff ihn, zog die Tür auf und stieß Harry mit einem unsanften Schlag in den Rücken hinein.
Harry erhaschte nur einen kurzen Eindruck des weitläufigen, hohen Gewölbes, das so groß war wie die Große Halle darüber, mit seinen Stapeln schimmernder Kupfertöpfe und Messingpfannen an den steinernen Wänden und seinem mächtigen, mit Ziegelsteinen eingefassten Herd am anderen Ende – da wuselte etwas Kleines aus der Mitte des Raums auf ihn zu und piepste: »Harry Potter, Sir! Harry Potter!«
Und schon im nächsten Moment schnappte er nach Luft, denn der piepsende Elf hatte den Kopf in seiner Magengrube versenkt und herzte ihn so stürmisch, dass Harry fürchtete, sich die Rippen zu brechen.
»D-Dobby?«, japste Harry.
»Es ist Dobby, Sir, er ist es!«, piepste die Stimme in seiner Nabelgegend. »Dobby hat so fest gehofft, Harry Potter wiederzusehen, Sir, und Harry Potter ist gekommen, um ihn zu besuchen, Sir!«
Dobby ließ ihn los, trat ein paar Schritte zurück und strahlte Harry von unten herauf an. Aus seinen riesigen grünen, tennisballförmigen Augen quollen Tränen des Glücks. Er sah fast genauso aus, wie Harry ihn in Erinnerung hatte: die bleistiftdünne Nase, die fledermausähnlichen Ohren, die langen Finger und Füße – nur war er diesmal ganz anders angezogen.
Als Dobby für die Malfoys gearbeitet hatte, hatte er immer denselben schmutzigen alten Kissenüberzug getragen. Nun jedoch trug er die merkwürdigste Auswahl an Kleidern, die Harry je gesehen hatte; es war ihm sogar gelungen, sich noch schlechter anzuziehen als die Zauberer bei der Weltmeisterschaft. Er trug einen Teewärmer als Hut, an den er ein paar leuchtende Sticker gepinnt hatte; auf der nackten Brust trug er eine Krawatte mit Hufeisenmuster, darunter so etwas wie eine kurze Kinderfußballhose und zwei verschiedenfarbige Socken. Eine davon, fiel Harry auf, war jene, die er sich einst selbst ausgezogen hatte, um Mr Malfoy zu überlisten, der sie Dobby weitergab und ihn damit befreite. Die andere war rosa-orange gestreift.
»Dobby, was tust du hier?«, sagte Harry verblüfft.
»Dobby ist gekommen, um in Hogwarts zu arbeiten, Harry Potter, Sir!«, quiekte Dobby aufgeregt. »Professor Dumbledore hat Dobby und Winky Arbeit gegeben, Sir!«
»Winky?«, sagte Harry. »Ist sie auch hier?«
»Ja, Sir, ja!«, sagte Dobby, packte Harrys Hand und zog ihn weiter in die Mitte der Küche, wo vier lange Holztische standen. Jeder dieser Tische, fiel Harry auf, stand genau unter den vier Haustischen in der Großen Halle. Im Augenblick waren keine Speisen zu sehen, das Abendessen war beendet, doch er vermutete, dass die Tische noch vor einer Stunde voller Teller gewesen waren, die dann durch die Decke zu ihren Gegenstücken hinaufgeschickt wurden.
Mindestens hundert kleine Elfen standen in der Küche herum, sie strahlten und verbeugten sich und machten Knickse, als Dobby Harry an ihnen vorbeiführte. Sie alle trugen dieselbe Uniform: ein Geschirrtuch, das mit dem Hogwarts-Wappen bedruckt und wie bei Winky als Toga gewickelt war. Dobby hielt vor dem backsteinernen Herd an und streckte die Hand aus.
»Winky, Sir!«, sagte er.
Winky saß auf einem Stuhl am Herd. Offensichtlich hatte sie im Gegensatz zu Dobby ihre Kleider nicht blindlings zusammengeworfen. Sie trug einen hübschen kleinen Rock und eine Bluse und passend dazu einen blauen Hut, der Löcher für ihre großen Ohren hatte. Während allerdings jedes Stück von Dobbys merkwürdiger Kleidersammlung so sauber und gut gepflegt war, dass es brandneu wirkte, achtete Winky offensichtlich überhaupt nicht auf ihre Sachen. Ihre Bluse war voller Suppenflecken und ihr Rock hatte ein Brandloch.
»Hallo, Winky«, sagte Harry.
Winkys Lippen zitterten. Dann brach sie in Tränen aus, die in rascher Folge aus ihren großen braunen Augen quollen und ihre Bluse benetzten, genau wie damals bei der Weltmeisterschaft.
»O du liebe Güte«, sagte Hermine. Sie und Ron waren Harry und Dobby in die Küche hineingefolgt. »Winky, bitte nicht weinen, bitte nicht …«
Doch Winky schluchzte nun noch heftiger. Dobby jedoch strahlte zu Harry empor.
»Möchte Harry Potter eine Tasse Tee?«, quiekte er laut über Winkys Schluchzen hinweg.
»Ähm – ja, danke«, sagte Harry.
Im selben Augenblick trippelten sechs Hauselfen mit einem großen Silbertablett auf ihn zu, das beladen war mit einer Teekanne und Tassen für Harry, Ron und Hermine, einem Milchkrug und einem großen Teller mit Keksen.
»Guter Service!«, sagte Ron beeindruckt. Hermine sah ihn streng an, doch die Elfen schienen geschmeichelt; sie verbeugten sich tief und zogen sich dann zurück.
»Wie lange bist du schon hier, Dobby?«, fragte Harry, während Dobby den Tee ausschenkte.
»Seit einer Woche, Harry Potter, Sir!«, sagte Dobby glücklich. »Dobby ist zu Professor Dumbledore gegangen, Sir. Wissen Sie, Sir, es ist sehr schwierig für einen Hauselfen, der entlassen wurde, eine neue Stellung zu finden, Sir, wirklich sehr schwierig –«
Bei diesen Worten heulte Winky noch lauter, aus ihrer gequetschten Tomatennase tropfte es nur so auf ihre Bluse, doch sie mühte sich nicht, die Flut einzudämmen.
»Dobby ist zwei lange Jahre durch das Land gereist, Sir, und hat versucht Arbeit zu finden«, quiekte Dobby. »Aber Dobby hat keine Arbeit gefunden, Sir, weil Dobby jetzt bezahlt werden will!«
Die Hauselfen in der ganzen Küche, die interessiert zugesehen und gelauscht hatten, schauten bei diesen Worten betreten zu Boden, als ob Dobby etwas Unanständiges und Peinliches gesagt hätte.
Hermine jedoch sagte: »Gut für dich, Dobby!«
»Vielen Dank, Miss!«, sagte Dobby und grinste sie zähnebleckend an. »Aber die meisten Zauberer wollen keinen Hauselfen, der bezahlt werden möchte, Miss. ›Das gehört sich nicht für Hauselfen‹, sagen sie dann und sie schlagen die Tür vor Dobbys Nase zu! Dobby mag arbeiten, aber er will auch was zum Anziehen und er will Lohn für seine Arbeit, Harry Potter … Dobby ist gerne frei!«
Die Hauselfen von Hogwarts hatten inzwischen begonnen, vor Dobby zurückzuweichen, als ob er eine ansteckende Krankheit hätte. Winky jedoch blieb, wo sie war, begann aber noch lauter zu weinen.
»Und dann, Harry Potter, geht Dobby Winky besuchen und findet heraus, dass Winky auch freigekommen ist, Sir!«, sagte Dobby vergnügt.
Bei diesen Worten warf sich Winky kopfüber vom Stuhl, knallte mit dem Gesicht auf den steingepflasterten Boden, trommelte mit ihren Fäustchen darauf ein und schrie sich das Elend aus dem Leib. Hermine kniete schnell neben ihr nieder und versuchte sie zu trösten, doch was sie auch sagte, es half nicht im Mindesten.
Dobby übertönte mit schriller Stimme Winkys Schreie und fuhr mit seiner Geschichte fort. »Und dann hatte Dobby die Idee, Harry Potter, Sir! ›Warum gehen Dobby und Winky nicht zusammen auf Arbeitssuche?‹, sagt Dobby. ›Wo gibt es denn genug Arbeit für zwei Hauselfen?‹, sagt Winky. Und Dobby überlegt und da fällt es ihm ein, Sir! Hogwarts! Also gehen Dobby und Winky zu Professor Dumbledore, Sir, und Professor Dumbledore hat uns genommen!«
Dobby strahlte übers ganze Gesicht und wieder traten Glückstränen in seine Augen.
»Und Professor Dumbledore sagt, er will Dobby bezahlen, Sir, wenn Dobby Lohn will! Und so ist Dobby ein freier Elf, Sir, und Dobby bekommt eine Galleone die Woche und einen freien Tag im Monat!«
»Das ist nicht gerade viel!«, rief Hermine entrüstet vom Fußboden hoch, während Winky immer noch schrie und mit den Fäusten trommelte.
»Professor Dumbledore hat Dobby zehn Galleonen die Woche angeboten und freie Wochenenden«, sagte Dobby, den plötzlich ein leiser Schauder überkam, als ob die Aussicht auf so viel Muße und Reichtum erschreckend wäre, »aber Dobby hat ihn runtergehandelt, Miss … Dobby mag die Freiheit, Miss, aber er will nicht zu viel, Miss, er mag lieber arbeiten.«
»Wie viel bezahlt Professor Dumbledore dir, Winky?«, fragte Hermine freundlich.
Wenn sie geglaubt hatte, dies würde Winky aufmuntern, hatte sie sich schwer geirrt. Winky hörte auf zu heulen, doch als sie sich aufsetzte, starrte sie Hermine mit wässrigen braunen Augen finster an, das ganze Gesicht klitschnass und plötzlich hell erzürnt.
»Winky ist eine Elfe in Schande, aber Winky wird nicht bezahlt!«, quiekte sie. »So tief ist Winky nicht gesunken! Winky schämt sich richtig, frei zu sein!«
»Du schämst dich?«, sagte Hermine verdutzt. »Aber – Winky, nun hör mal! Wer sich schämen sollte, ist Mr Crouch, nicht du! Du hast nichts Falsches getan, er hat sich dir gegenüber fürchterlich benommen –«
Doch bei diesen Worten klatschte Winky die Hände auf die Löcher in ihrem Hut und hielt sich die Ohren zu, um dann zu kreischen: »Sie dürfen nicht meinen Meister beleidigen, Miss! Sie beleidigen nicht Mr Crouch! Mr Crouch ist ein guter Zauberer, Miss! Mr Crouch hatte Recht, die böse Winky fortzujagen!«
»Winky hat noch ein wenig Schwierigkeiten, sich zurechtzufinden, Harry Potter«, quiekte Dobby vertraulich. »Winky vergisst, dass sie nicht mehr an Mr Crouch gefesselt ist; sie darf jetzt alles sagen, was sie denkt, aber sie will es nicht.«
»Dürfen Hauselfen also nicht frei über ihre Meister reden?«, fragte Harry.
»O nein, Sir, nein«, sagte Dobby plötzlich mit ernster Miene. »Das steht uns als Sklaven nicht zu, Sir. Wir bewahren ihre Geheimnisse und brechen nie unser Schweigen, Sir, wir halten die Ehre der Familie aufrecht und wir sprechen nie schlecht von ihr – auch wenn Professor Dumbledore Dobby gesagt hat, das sei ihm nicht so wichtig. Professor Dumbledore hat gesagt, wir dürfen freimütig –«
Dobby schien plötzlich nervös und winkte Harry näher. Harry beugte sich zu ihm hinunter.
»Er hat gesagt«, flüsterte Dobby, »wenn wir wollen, dürfen wir ihn einen – einen bekloppten alten Kauz nennen, Sir!«
Dobby ließ ein ängstliches Kichern hören.
»Aber Dobby will nicht, Harry Potter«, sagte er jetzt wieder lauter und schüttelte den Kopf, dass ihm die Ohren schlackerten. »Dobby hat Professor Dumbledore sehr gern, Sir, und er ist stolz, seine Geheimnisse zu bewahren.«
»Aber über die Malfoys kannst du jetzt sagen, was du willst?«, fragte Harry grinsend.
Ein Anflug von Furcht trat in Dobbys riesige Augen.
»Dobby – Dobby könnte«, sagte er zweifelnd. Er reckte seine kleinen Schultern. »Dobby könnte Harry Potter sagen, seine alten Meister waren – waren – böse schwarze Magier!«
Dobby stand einen Moment lang am ganzen Leib zitternd da, zu Tode erschrocken über seine eigene Kühnheit – dann rannte er hinüber zum nächsten Tisch und begann seinen Kopf schnell und heftig gegen das Tischbein zu schlagen. »Böser Dobby! Böser Dobby!«
Harry packte Dobby an der Krawattenschlaufe und zerrte ihn vom Tisch weg.
»Danke, Harry Potter, danke«, japste Dobby und rieb sich den Kopf.
»Du brauchst nur noch ein wenig Übung«, sagte Harry.
»Übung!«, piepste Winky zornig. »Du, du solltest dich schämen vor dir selbst, Dobby, so über deine Meister zu reden!«
»Sie sind nicht mehr meine Meister!«, sagte Dobby trotzig. »Dobby schert sich nicht mehr darum, was sie denken!«
»Du bist ein böser Elf, Dobby!«, stöhnte Winky und wieder rannen ihr die Tränen übers Gesicht. »Mein armer Mr Crouch, was macht er nur ohne Winky? Er braucht mich, er braucht meine Hilfe! Ich hab mein ganzes Leben lang für die Familie Crouch gesorgt, und meine Mutter vor mir und meine Großmutter vor ihr … oh, was würden sie nur sagen, wenn sie wüssten, dass Winky frei ist? Oh, welche Schande, welche Schande!« Sie vergrub das Gesicht in ihren Rock und heulte erneut los.
»Winky«, sagte Hermine eindringlich. »Ich bin ziemlich sicher, dass Mr Crouch auch ohne dich sehr gut zurechtkommt. Wir haben ihn gesehen, weißt du –«
»Sie haben meinen Meister gesehen?«, hauchte Winky, hob das tränenverschmierte Gesicht aus ihrem Rock und glubschte Hermine an. »Sie haben ihn gesehen, hier in Hogwarts?«
»Ja«, sagte Hermine. »Er und Mr Bagman sind Richter im Trimagischen Turnier.«
»Mr Bagman ist auch da?«, piepste Winky, und zu Harrys großer Überraschung (und nach ihren Gesichtern zu schließen ging es Ron und Hermine genauso) sah sie plötzlich wieder zornig aus. »Mr Bagman ist ein böser Zauberer! Ein sehr böser Zauberer! Mein Meister mag ihn gar nicht, o nein, überhaupt nicht!«
»Bagman – soll böse sein?«, sagte Harry.
»O ja«, sagte Winky und nickte eifrig mit dem Kopf. »Mein Meister hat Winky ein paar Dinge erzählt! Aber Winky verrät es nicht … Winky bewahrt die Geheimnisse ihres Meisters …«
Wieder brach sie in Tränen aus und schluchzte erstickt in ihren Rock. »Armer Meister, armer Meister, keine Winky mehr da, um ihm zu helfen!«
Sie brachten aus Winky kein vernünftiges Wort mehr heraus. Sie überließen sie ihren Tränen, tranken ihren Tee und unterhielten sich mit Dobby, der glücklich über sein Leben als freier Elf plauderte und ihnen erzählte, was er alles mit seinem ersten Geld anfangen wollte.
»Dobby kauft als Erstes einen Pullover, Harry Potter!«, sagte er ausgelassen und deutete auf seine nackte Brust.
»Ich mach dir ’nen Vorschlag, Dobby«, sagte Ron, der den Elfen offenbar richtig ins Herz geschlossen hatte, »ich schenk dir den Pulli, den mir meine Mutter zu Weihnachten strickt, ich bekomme immer einen von ihr. Du hast doch nichts gegen Kastanienbraun?«
Dobby war entzückt.
»Für dich müssen wir ihn vielleicht ein wenig einlaufen lassen«, erklärte Ron, »aber zusammen mit deinem Teewärmer steht er dir sicher gut.«
Als sie Anstalten machten zu gehen, scharten sich plötzlich viele der Küchenelfen um sie und boten ihnen Leckereien zum Mitnehmen an. Hermine lehnte ab, mit peinlich berührtem Blick auf die sich verbeugenden und knicksenden Elfen, doch Harry und Ron stopften ihre Taschen mit Kremschnitten und Pasteten voll.
»Vielen Dank«, sagte Harry zu den Elfen, die sich allesamt an der Tür versammelt hatten, um gute Nacht zu sagen. »Bis bald, Dobby!«
»Harry Potter … darf Dobby Sie mal besuchen kommen, Sir?«, fragte Dobby schüchtern.
»Natürlich darfst du«, sagte Harry und Dobby strahlte.
»Wisst ihr was?«, sagte Ron, als sie die Küche verlassen hatten und die Treppe hoch zurück in die Eingangshalle stiegen. »All die Jahre war ich ganz beeindruckt von Fred und George, wie sie ständig Essen aus der Küche geklaut haben – tja, es ist ja nicht besonders schwierig, oder? Die werfen es einem ja nach!«
»Ich glaube, das ist das Beste, was diesen Elfen passieren konnte«, sagte Hermine und betrat als Erste die Marmortreppe nach oben. »Dass Dobby hierherkam, um zu arbeiten, meine ich. Die anderen Elfen werden sehen, wie glücklich er in Freiheit ist, und allmählich wird ihnen dämmern, dass sie auch frei sein wollen!«
»Hoffentlich sehen sie sich Winky nicht allzu genau an«, sagte Harry.
»Ach, die wird sich schon wieder fangen«, entgegnete Hermine, klang jedoch ein wenig unsicher. »Sobald sie den Schock überwunden und sich an Hogwarts gewöhnt hat, wird sie sehen, wie viel besser es ihr geht ohne diesen Widerling von Crouch.«
»Sie scheint ihn ja zu lieben«, mampfte Ron (er hatte gerade in eine Kremschnitte gebissen).
»Hält aber nicht viel von Bagman, oder?«, sagte Harry. »Ich frag mich, was Crouch zu Hause so über ihn erzählt hat.«
»Wahrscheinlich, dass er kein besonders guter Abteilungsleiter ist«, sagte Hermine, »und ehrlich gesagt … da ist was dran, meint ihr nicht?«
»Ich würde trotzdem lieber für ihn als für den ollen Crouch arbeiten«, sagte Ron. »Ludo Bagman hat wenigstens Sinn für Humor.«
»Lass das bloß nicht Percy hören«, sagte Hermine milde lächelnd.
»Natürlich, Percy würde für keinen arbeiten wollen, der Sinn für Humor hat«, sagte Ron und machte sich über ein Schoko-Eclair her. »Percy würde einen Witz nicht mal erkennen, wenn er nackt und mit Dobbys Teewärmer auf dem Kopf vor ihm herumtanzen würde.«
Die unerwartete Aufgabe
»Potter! Weasley! Werden Sie wohl zuhören?«
Professor McGonagalls gereizte Stimme knallte wie ein Peitschenhieb durch den Verwandlungsunterricht am Donnerstag. Harry und Ron zuckten zusammen und sahen auf.
Die Stunde war fast zu Ende; sie hatten ihre Sachen zusammengeräumt, und die Perlhühner, die sie in Meerschweinchen verwandelt hatten, steckten nun in einem großen Käfig auf Professor McGonagalls Schreibtisch (Nevilles Meerschweinchen hatte allerdings noch Federn); auch ihre Hausaufgaben hatten sie von der Tafel abgeschrieben (»Erläutern Sie anhand von Beispielen, wie der Verwandlungszauber aussehen muss, wenn Sie zwischen verschiedenen Tiergattungen wechseln wollen«). Jeden Moment musste es läuten, und Harry und Ron, die sich hinten in der letzten Reihe einen Schwertkampf mit Freds und Georges Juxzauberstäben geliefert hatten, blinzelten jetzt verdutzt; Ron hielt einen blechernen Papagei, Harry einen Gummikabeljau in der Hand.
»Nun, Potter und Weasley waren so nett, uns zu zeigen, wie erwachsen sie schon sind«, sagte Professor McGonagall und warf den beiden einen zornigen Blick zu.
Der Kopf von Harrys Kabeljau – den Rons Papagei soeben mit dem Schnabel glatt abgetrennt hatte – kullerte geräuschlos zu Boden.
»Ich habe eine Ankündigung für Sie alle. Der Weihnachtsball rückt näher – er gehört traditionell zum Trimagischen Turnier und bietet uns die Gelegenheit, unsere ausländischen Gäste ein wenig näher kennen zu lernen. An diesem Ball dürfen alle ab der vierten Klasse teilnehmen – doch wenn Sie möchten, dürfen Sie auch einen jüngeren Mitschüler einladen –«
Lavender Brown brach in schrilles Giggeln aus. Parvati Patil stieß ihr unsanft in die Rippen, doch auch ihrem Gesicht war die unendliche Mühe anzusehen, mit der sie einen Kicheranfall bekämpfte. Beide wandten sich zu Harry um. Professor McGonagall achtete nicht auf sie, was Harry als ausgesprochen unfair empfand, wo sie doch soeben ihn und Ron gerüffelt hatte.
»Sie werden Ihre Festumhänge tragen«, fuhr Professor McGonagall fort, »und der Ball wird am ersten Weihnachtsfeiertag um acht Uhr abends in der Großen Halle beginnen und um Mitternacht enden. Nun denn –«
Professor McGonagall blickte bedächtig in die Runde.
»Der Weihnachtsball gibt uns allen natürlich die Gelegenheit, uns – ähm – ein wenig lockerer zu geben«, sagte sie mit missbilligendem Unterton.
Lavender giggelte noch heftiger und presste die Hand auf den Mund, um den Anfall zu ersticken. Diesmal begriff Harry, was denn so komisch sein sollte: Professor McGonagall, das Haar zu einem festen Knoten gebunden, sah aus, als hätte sie sich noch nie locker gegeben.
»Aber das heißt NICHT«, fuhr sie fort, »dass wir die Benimmregeln lockern, denen ein Hogwarts-Schüler zu folgen hat. Ich wäre höchst unangenehm berührt, sollte ein Gryffindor-Schüler ganz Hogwarts auf irgendeine Weise in Verruf bringen.«
Es läutete, und wie immer gab es ein kleines Durcheinander, denn alle packten ihre Taschen, warfen sie über die Schultern und stürmten los.
»Potter – ich möchte gerne ein Wort mit Ihnen reden«, rief Professor McGonagall durch den Trubel.
Harry, der annahm, dass es um den kopflosen Gummikabeljau ging, trottete in trister Stimmung nach vorn zum Lehrertisch.
Professor McGonagall wartete, bis die anderen verschwunden waren, dann sagte sie: »Potter, die Champions und ihre Partner –«
»Welche Partner?«, fragte Harry.
Professor McGonagall sah ihn argwöhnisch an, als ob er sich über sie lustig machen wollte.
»Ihre Partner für den Weihnachtsball, Potter«, sagte sie kühl. »Ihre Tanzpartner.«
Harrys Eingeweide schienen sich einzurollen und zusammenzuschrumpfen. »Tanzpartner?« Er spürte, wie er rot anlief. »Ich tanze nicht«, sagte er rasch.
»O doch, das tun Sie«, sagte Professor McGonagall verärgert. »Wenn ich es Ihnen sage. Der Tradition gemäß eröffnen die Champions und ihre Partner den Ball.«
Harry hatte plötzlich ein Bild von sich vor Augen, in Frack und Zylinder, begleitet von einem Mädchen in einem Rüschenkleid, wie es Tante Petunia immer zu Onkel Vernons Betriebsfeiern trug.
»Ich tanze nicht«, sagte er.
»Es ist so Tradition«, sagte Professor McGonagall entschieden. »Sie sind Hogwarts-Champion, und Sie werden tun, was man von Ihnen als Vertreter Ihrer Schule erwartet. Also sorgen Sie dafür, dass Sie eine Partnerin haben, Potter.«
»Aber – ich kann nicht –«
»Sie haben gehört, was ich gesagt habe, Potter«, sagte Professor McGonagall und es klang unmissverständlich nach dem Ende des Gesprächs.
Eine Woche zuvor noch hätte Harry gesagt, eine Partnerin für einen Tanzabend zu finden wäre ein Kinderspiel im Vergleich zum Kampf gegen einen Ungarischen Hornschwanz. Doch nun, da er diesen Kampf bestanden hatte und vor der Aufgabe stand, ein Mädchen zum Ball zu bitten, hatte er das Gefühl, er würde es lieber noch einmal mit dem Hornschwanz aufnehmen.
Harry hatte noch nie erlebt, dass sich so viele seiner Mitschüler auf der Liste derer eintrugen, die über Weihnachten in Hogwarts bleiben wollten; er selbst blieb natürlich immer in der Schule, denn die einzige andere Möglichkeit war ja, dass er in den Ligusterweg zurückkehrte. Doch während er in den letzten Jahren fast allein im Schloss geblieben war, schien es nun, als wollten alle Schüler ab der vierten Klasse dableiben und als hätten sie nur noch den Ball im Kopf – zumindest die Mädchen, und es war ganz erstaunlich, wie viele Mädchen auf einmal Hogwarts bevölkerten; bisher war ihm das noch nicht so richtig aufgefallen. Mädchen, die in den Gängen kicherten und tuschelten, Mädchen, die lachten und kreischten, wenn Jungen an ihnen vorbeigingen, Mädchen, die ganz aufgeregt Zettel verglichen, auf denen stand, was sie am Weihnachtsabend tragen wollten …
»Warum müssen die sich immer in Rudeln bewegen?«, fragte Harry Ron, als ein gutes Dutzend Mädchen, giggelnd und Harry anstarrend, an ihnen vorbeiging. »Wie soll man da mal eine allein treffen, um sie zu fragen?«
»Wie wär’s, wenn du eine mit dem Lasso fängst?«, schlug Ron vor. »Hast du schon ’ne Ahnung, wen du fragen willst?«
Harry gab keine Antwort. Er wusste ganz genau, wen er gern fragen würde, aber den Mumm dafür aufzubringen war gar nicht so einfach … Cho war ein Jahr älter als er; sie war sehr hübsch; sie war eine sehr gute Quidditch-Spielerin und sie war auch sehr beliebt.
Ron schien zu wissen, was in Harrys Kopf vor sich ging.
»Hör zu, du wirst sicher keine Schwierigkeiten haben. Du bist ein Champion. Du hast gerade den Ungarischen Hornschwanz geschlagen. Ich wette, sie stehen Schlange, um mit dir zu diesem Ball zu gehen.«
Aus Achtung vor ihrer gerade erst wieder eingerenkten Freundschaft hatte Ron die Bitterkeit aus seiner Stimme bis auf eine winzige Spur verbannt. Und außerdem zeigte sich, wie Harry verblüfft feststellte, dass er Recht hatte. Ein lockiges Hufflepuff-Mädchen aus der dritten Klasse, mit dem Harry noch nie ein Wort gesprochen hatte, fragte ihn schon am nächsten Tag, ob er nicht mit ihr zum Ball gehen wolle. Harry war so verdutzt, dass er nein sagte, bevor er ernsthaft nachgedacht hatte. Das Mädchen ging mit ziemlich verletzter Miene davon und Harry musste während der ganzen Geschichtsstunde Deans, Seamus’ und Rons Spötteleien über sich ergehen lassen. Am nächsten Tag fragten ihn noch zwei Mädchen, eine Zweitklässlerin und (zu seinem Entsetzen) eine Fünftklässlerin, die den Eindruck machte, als würde sie ihn zu Boden strecken, wenn er ablehnte.
»Sah aber ziemlich gut aus«, sagte Ron offenherzig, nachdem er sich von seinem Lachanfall erholt hatte.
»Sie war über einen Kopf größer als ich«, sagte Harry, immer noch genervt. »Stell dir vor, wie ich aussähe, wenn ich versuchen würde mit ihr zu tanzen.«
Hermines Worte über Krum gingen ihm immer wieder durch den Kopf. »Sie stehen ja nur auf ihn, weil er berühmt ist!« Harry bezweifelte stark, dass eines der Mädchen, die ihn gefragt hatten, auch dann mit ihm zum Ball gehen wollte, wenn er nicht der Schul-Champion wäre. Dann fragte er sich, ob ihn das stören würde, wenn Cho ihn bitten würde.
Alles in allem musste sich Harry eingestehen, dass es ihm trotz der peinigenden Aussicht, den Ball eröffnen zu müssen, wieder besser ging, seit er die erste Aufgabe geschafft hatte. Wenn er durch das Schloss lief, musste er sich kaum noch Spötteleien anhören, und er vermutete, dass vor allem Cedric dahintersteckte – Harry ahnte vage, dass Cedric, weil er ihm für seine Drachenwarnung dankbar war, den Hufflepuffs gesagt hatte, sie sollten ihn in Ruhe lassen. Auch kam es ihm vor, als würde er immer weniger »Ich bin für CEDRIC DIGGORY«-Anstecker zu sehen bekommen. Draco Malfoy zitierte natürlich immer noch bei jeder möglichen Gelegenheit lautstark Rita Kimmkorns Artikel, doch er erntete immer spärlichere Lacher – und wie um Harrys Laune noch zu verbessern, erschien auch kein Artikel über Hagrid im Tagespropheten.
»Die fand magische Geschöpfe wohl nicht so spannend, kann ich dir nur sagen«, erklärte Hagrid, als Harry, Ron und Hermine ihn in der letzten Stunde Pflege magischer Geschöpfe vor Weihnachten fragten, wie sein Interview mit Rita Kimmkorn gelaufen war. Zu ihrer gewaltigen Erleichterung ersparte ihnen Hagrid jetzt den direkten Umgang mit den Krötern, und so hockten sie heute nur hinten im Schutz des Hüttendachs an einem Klapptisch und bereiteten ein frisches Menü zu, mit dem sie die Kröter in Versuchung führen wollten.
»Sie wollte, dass ich über dich rede, Harry«, fuhr Hagrid mit gedämpfter Stimme fort. »Na ja, ich hab ihr gesagt, wir sind Freunde, seit ich dich von den Dursleys weggeholt hab. ›Und in vier Jahren mussten Sie nie ein Donnerwetter veranstalten?‹, hat sie gesagt. ›Er hat Sie im Unterricht nie auf die Schippe genommen?‹ – ›Nee‹, hab ich gesagt, und da war sie überhaupt nich zufrieden. Hätte fast gedacht, sie wollte, dass ich sage, du bist ’n furchtbarer Kerl, Harry!«
»Natürlich wollte sie das«, sagte Harry, warf Drachenleberstücke in eine große Blechschüssel und nahm sein Messer zur Hand, um noch eine weitere Leber zu schneiden. »Sie kann nicht die ganze Zeit schreiben, was für ein tragischer kleiner Held ich bin, das wird doch langweilig.«
»Sie will eben hinter die Kulissen sehen, Hagrid«, sagte Ron weise und pellte ein weiteres Salamanderei. »Du hättest sagen sollen, Harry ist ein verrückter Unruhestifter!«
»Das ist er aber nicht!«, sagte Hagrid und schien aufrichtig schockiert.
»Sie hätte Snape interviewen sollen«, sagte Harry grimmig. »Er wird bestimmt jederzeit über mich auspacken. ›Seit er an dieser Schule ist, übertritt er ständig Grenzen …‹«
»Das hat er gesagt, ne?«, sagte Hagrid unter dem Gelächter von Ron und Hermine. »Tja, du hast vielleicht ’n paar Regeln strapaziert, Harry, aber im Grunde bist du ’n anständiger Kerl, oder?«
»Schon gut, Hagrid«, sagte Harry grinsend.
»Kommst du eigentlich zu diesem komischen Ball an Weihnachten, Hagrid?«, fragte Ron.
»Dachte, ich könnt mal vorbeischauen, ja«, sagte Hagrid brummig. »Könnt ganz lustig werden, denk ich mal. Du eröffnest den Ball, nicht wahr, Harry? Wen nimmst du mit?«
»Hab noch keine«, sagte Harry und merkte, wie er schon wieder rot anlief.
Hagrid drang nicht weiter in ihn ein.
In der letzten Woche vor den Weihnachtsferien ging es immer turbulenter zu. Durch das ganze Schloss schwirrten Gerüchte über den Weihnachtsball, doch Harry glaubte nicht die Hälfte davon – zum Beispiel hieß es, Dumbledore hätte bei Madam Rosmerta achthundert Fässer Honigwein gekauft. Es schien jedoch zu stimmen, dass er die Schwestern des Schicksals gebucht hatte. Wer genau diese Schwestern waren, wusste Harry nicht, da er nie eines dieser Zauberradios besessen hatte, doch aus der wilden Begeisterung jener, die mit den Klängen des Magischen Rundfunks (MRF) aufgewachsen waren, schloss er, dass sie eine sehr berühmte Musikgruppe sein mussten.
Einige Lehrer, etwa der kleine Professor Flitwick, gaben es ganz auf, sie zu unterrichten, da sie mit den Gedanken doch ständig woanders waren; in seiner Stunde am Mittwoch durften sie spielen, und er selbst saß die meiste Zeit bei Harry und sprach mit ihm über seinen tadellos gelungenen Aufrufezauber bei der ersten Turnierrunde. Andere Lehrer waren nicht so großzügig. Nichts würde zum Beispiel Professor Binns davon abhalten, seine Aufzeichnungen über die Kobold-Aufstände durchzuwälzen – da Binns sich nicht einmal durch seinen eigenen Tod vom Unterricht hatte abhalten lassen, vermuteten sie, dass eine Kleinigkeit wie Weihnachten ihn auch nicht aus der Bahn werfen würde. Es war erstaunlich, wie es Binns gelang, selbst die blutigen und bösartigen Zeiten der Kobold-Unruhen so langweilig klingen zu lassen wie Percys Kesselgutachten. Auch die Professoren McGonagall und Moody hielten sie bis zur letzten Minute des Unterrichts auf Trab, und Snape dachte natürlich genauso wenig daran, sie im Unterricht spielen zu lassen, wie Harry zu adoptieren. Er starrte gehässig in die Runde und teilte ihnen mit, dass er sie in der letzten Stunde zum Thema Gegengifte prüfen würde.
»So ein Fiesling«, sagte Ron erbittert, als sie an diesem Abend im Gemeinschaftsraum der Gryffindors saßen. »Am allerletzten Tag kommt er uns noch mit einem Test. Ruiniert die letzte Woche mit einer Unmenge Büffelei.«
»Mmm … du überanstrengst dich auch nicht gerade, oder?«, sagte Hermine und schaute ihn über den Rand ihrer Zaubertranknotizen hinweg an. Ron war damit beschäftigt, ein Kartenschloss aus seinem Zauberschnippschnapppacken zu bauen – und mit diesen Karten war es viel prickelnder als mit Muggelkarten, weil das Ganze ja jederzeit in die Luft fliegen konnte.
»Es ist Weihnachten, Hermine«, sagte Harry träge; er fläzte sich in einem Sessel am Feuer und las jetzt zum zehnten Mal Fliegen mit den Cannons.
Hermine versetzte auch ihm einen strengen Blick. »Ich hätte gedacht, du tust was Nützliches, Harry, wenn du schon deine Gegengifte nicht lernen willst!«
»Was zum Beispiel?«, fragte Harry und sah zu, wie Joey Jenkins von den Cannons einen Klatscher gegen einen Jäger der Ballycastle Bats knallte.
»Dieses Ei!«, zischte Hermine.
»Nun ist aber gut, Hermine, ich hab doch noch Zeit bis zum vierundzwanzigsten Februar«, sagte Harry.
Er hatte das goldene Ei oben in seinen Koffer gelegt und es seit der Siegesfete nach der ersten Runde nicht mehr geöffnet. Schließlich musste er erst in zweieinhalb Monaten wissen, was es mit diesem kreischenden Gejammer auf sich hatte.
»Aber vielleicht brauchst du Wochen, um es rauszufinden!«, sagte Hermine. »Dann stehst du wirklich da wie ein Idiot, wenn alle anderen die nächste Aufgabe schon kennen und du nicht!«
»Lass ihn in Ruhe, Hermine, er hat sich eine kleine Pause verdient«, sagte Ron. Er stellte die letzten zwei Karten auf die Spitze seines Turms und das ganze Kartenhaus explodierte und versengte ihm die Augenbrauen.
»Siehst ja hübsch aus, Ron … passt sicher gut zu deinem Festumhang.«
Es waren Fred und George. Sie setzten sich an den Tisch zu Harry, Ron und Hermine, während Ron mit den Fingern den Brandschaden in seinem Gesicht betastete.
»Ron, können wir uns Pigwidgeon ausleihen?«, fragte George.
»Nein, er ist mit einem Brief unterwegs«, sagte Ron. »Warum?«
»Weil George ihn zum Ball einladen will«, sagte Fred trocken.
»Weil wir einen Brief verschicken wollen, du Riesenrindvieh«, setzte George hinzu.
»An wen schreibt ihr da eigentlich die ganze Zeit?«, fragte Ron.
»Steck deine Nase nicht in unsere Angelegenheiten oder ich verbrenn sie dir auch noch«, sagte Fred und fuchtelte bedrohlich mit dem Zauberstab. »Wie steht’s … habt ihr schon eure Mädchen für den Ball?«
»Nee«, sagte Ron.
»Tja, ihr solltet euch besser beeilen, sonst sind die besten weg«, sagte Fred.
»Und mit wem gehst du?«, fragte Ron.
»Angelina«, sagte Fred wie aus der Pistole geschossen und ohne eine Spur Verlegenheit.
»Wie bitte?«, sagte Ron verdutzt. »Hast du sie schon gefragt?«
»Gut, dass du’s sagst«, meinte Fred. Er wandte den Kopf und rief durch den Gemeinschaftsraum: »Hey! Angelina!«
Angelina, die sich am Kamin mit Alicia Spinnet unterhalten hatte, sah zu ihm herüber.
»Was gibt’s?«, rief sie.
»Willst du mit mir zum Ball gehen?«
Angelina musterte Fred einen Augenblick lang abschätzend.
»Na gut«, sagte sie und wandte sich dann verhalten grinsend wieder Alicia und ihrer Unterhaltung zu.
»Na bitte«, sagte Fred zu Harry und Ron, »nichts leichter als das.«
Er stand auf und gähnte: »Dann nehmen wir eben ’ne Schuleule. George, komm mit …«
Sie gingen hinaus. Ron ließ jetzt seine Augenbrauen in Ruhe und sah über die schwelende Ruine seines Kartenhauses hinweg Harry an.
»Wir sollten tatsächlich was unternehmen … einfach jemanden fragen. Er hat Recht. Wir wollen ja schließlich nicht mit einem Paar Trollinnen aufkreuzen.«
Hermine prustete entrüstet los. »Einem Paar … was bitte?«
»Na ja – du weißt schon«, sagte Ron achselzuckend. »Ich würd lieber allein gehen als zum Beispiel mit – Eloise Midgen.«
»Mit ihren Pickeln ist es in letzter Zeit viel besser geworden – und sie ist wirklich nett!«
»Ihre Nase ist verrutscht«, sagte Ron.
»Oh, verstehe«, köchelte Hermine. »Kurz und gut, du nimmst das bestaussehende Mädchen, das mit dir gehen will, selbst wenn sie ganz unausstehlich ist?«
»Ähm – ja, so ungefähr«, sagte Ron.
»Ich geh schlafen«, fauchte Hermine und rauschte ohne ein weiteres Wort zur Mädchentreppe davon.
Die Lehrerschaft von Hogwarts, ganz offensichtlich von dem Wunsch beseelt, die Gäste aus Beauxbatons und Durmstrang zu beeindrucken, schien entschlossen, die Schule dieses Weihnachten von ihrer besten Seite zu präsentieren. Sie wurde nun festlich geschmückt, und Harry musste feststellen, dass er das Schloss noch nie in so verblüffendem Gewand gesehen hatte. An den Geländern der Marmortreppe hingen ewige Eiszapfen; die üblichen zwölf Christbäume in der Großen Halle waren mit allem Erdenklichen geschmückt, von leuchtenden Stechpalmenbeeren bis zu echten, schuhuhenden Goldeulen; die Rüstungen waren allesamt verhext und sangen Weihnachtslieder, wenn man an ihnen vorbeiging. Es war schon beeindruckend, einen leeren Helm, der die Hälfte des Textes vergessen hatte, »Ihr Kinderlein, kommet« singen zu hören. Filch, der Hausmeister, musste wiederholt Peeves aus den Rüstungen zerren, wo er sich gerne versteckte und die Lücken in den Liedern mit selbst gebastelten und allesamt sehr unanständigen Reimen füllte.
Harry hatte Cho noch immer nicht gefragt, ob sie mit ihm zum Ball gehen wollte. Er und Ron wurden allmählich nervös, doch Harry meinte, Ron würde ohne Partnerin bei weitem nicht so dumm dastehen wie er; immerhin sollten Harry und die anderen Champions den Ball eröffnen.
»Es gibt ja immer noch die Maulende Myrte«, sagte er trübselig, in Gedanken bei dem Geist, der im Mädchenklo im zweiten Stock spukte.
»Harry – wir müssen die Zähne zusammenbeißen und es einfach tun«, sagte Ron am Freitagmorgen in einem Ton, als ob es darum ginge, eine uneinnehmbare Festung zu stürmen. »Wenn wir uns heute Abend im Gemeinschaftsraum treffen, haben wir beide eine Partnerin – abgemacht?«
»Ähm – einverstanden«, sagte Harry.
Doch jedes Mal, wenn er Cho an diesem Tag sah – in der Pause und dann beim Mittagessen und später wieder auf dem Weg zu Geschichte der Zauberei –, war sie von einer Traube Freundinnen umgeben. Ging sie denn nie irgendwo allein hin? Sollte er vielleicht warten und dann auf sie losstürmen, wenn sie aufs Klo ging? Aber nein – selbst aufs Klo schien sie mit einem Geleitzug aus vier oder fünf Mädchen zu gehen. Doch wenn er es nicht bald tat, würde ihm sicher ein anderer zuvorkommen.
Er konnte bei Snapes Gegengiftprüfung kaum einen vernünftigen Gedanken fassen, vergaß dann auch die wichtigste Zutat – einen Bezoar – und bekam prompt eine miserable Note. Doch es war ihm egal; er war ausschließlich damit beschäftigt, seinen Mumm für das zusammenzukratzen, was er gleich vorhatte. Als es läutete, packte er seine Tasche und hastete zur Kerkertür.
»Wir sehen uns beim Abendessen«, rief er Ron und Hermine zu und sprintete die Treppe hoch.
Er musste Cho doch nur um ein Wort unter vier Augen bitten, das war alles … auf der Suche nach ihr hastete er durch die rappelvollen Gänge, und dann (immerhin früher als erwartet) fand er sie, als sie gerade aus Verteidigung gegen die dunklen Künste kam.
»Ähm – Cho? Könnte ich dich kurz sprechen?«
Kichern sollte verboten werden, dachte Harry zornig, als alle Mädchen um Cho herum damit anfingen. Sie allerdings nicht. Sie sagte »gut« und folgte ihm außer Hörweite ihrer Klassenkameradinnen.
Harry wandte sich zu ihr um, und sein Magen tat einen merkwürdigen Hüpfer, als ob er beim Treppabgehen eine Stufe verpasst hätte.
»Ähm«, sagte er.
Er konnte sie nicht fragen. Er konnte es einfach nicht. Doch er musste. Cho stand da und sah ihn verwirrt an.
Die Worte kamen heraus, bevor Harry seine Zunge richtig um sie geschlungen hatte.
»Willuballmimir?«
»Wie bitte?«, sagte Cho.
»Willst du – willst du mit mir zum Ball gehen?«, sagte Harry.
Warum musste er jetzt rot werden? Warum?
»Oh!«, sagte Cho und auch sie wurde rot. »Oh, Harry, tut mir wirklich leid«, und sie sah tatsächlich danach aus. »Ich bin schon mit jemand anderem verabredet.«
»Oh«, sagte Harry.
Es war doch komisch; noch vor einem Augenblick hatten sich seine Eingeweide gewunden wie ein Haufen Schlangen, doch plötzlich schien er überhaupt keine Eingeweide mehr zu haben.
»Oh, schon gut«, sagte er, »kein Problem.«
»Tut mir wirklich leid«, sagte sie noch mal.
»Schon gut«, sagte Harry.
Sie standen da und sahen sich an, dann sagte Cho: »Nun –«
»Ja«, sagte Harry.
»Gut, bis dann«, sagte Cho, immer noch ziemlich rot, und ging davon.
Dann, bevor er wusste, was er tat, rief Harry ihr nach: »Mit wem gehst du denn?«
»Oh – mit Cedric«, sagte sie. »Cedric Diggory.«
»Oh, verstehe«, sagte Harry.
Seine Eingeweide waren wieder da. Allerdings fühlten sie sich jetzt an, als wären sie zwischenzeitlich mit Blei gefüllt worden.
Das Abendessen hatte Harry völlig vergessen und langsam stieg er die Treppen zum Gryffindor-Turm hoch. Chos Stimme klang ihm bei jedem Schritt in den Ohren. ›Cedric – Cedric Diggory.‹ In letzter Zeit hatte er eigentlich begonnen, Cedric zu mögen – und war schon bereit gewesen zu vergessen, dass er ihn einmal im Quidditch geschlagen hatte und dass er hübsch war und beliebt und der Lieblingschampion von fast allen. Doch nun war ihm plötzlich klar, dass Cedric ein nichtsnutziger Schönling war, dessen gesammelter Grips nicht mal einen Eierbecher füllte.
»Lichterfee«, sagte er dumpf zu der fetten Dame – das Passwort war tags zuvor geändert worden.
»Ja, in der Tat, mein Lieber!«, trällerte sie, zupfte ihr neues Lametta-Haarband zurecht und schwang beiseite, um ihn einzulassen.
Harry trat in den Gemeinschaftsraum und sah sich um. Zu seiner Überraschung sah er Ron mit aschgrauem Gesicht an einem Tisch weit hinten sitzen. Bei ihm saß Ginny, die offenbar mit leiser, tröstender Stimme auf ihn einredete.
»Was gibt’s, Ron?«, sagte Harry und setzte sich dazu.
Ron hob den Kopf und sah Harry mit einem Ausdruck blinden Entsetzens an. »Warum hab ich das nur getan?«, stieß er wütend hervor. »Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist!«
»Was denn?«, sagte Harry.
»Er – ähm – er hat eben Fleur Delacour gefragt, ob sie mit ihm zum Ball gehen will«, sagte Ginny. Sie sah aus, als würde sie ein Lächeln unterdrücken, tätschelte jedoch weiterhin mitfühlend Rons Arm.
»Du hast was?«, sagte Harry.
»Ich weiß nicht, was mich da geritten hat!«, keuchte Ron. »Was war mit mir los? Da waren Leute – überall – ich muss verrückt geworden sein – und alle haben zugesehen! Es war in der Eingangshalle, sie stand da und unterhielt sich mit Diggory, und ich bin nur so an ihr vorbeigegangen – da hat es mich irgendwie gepackt – und ich hab sie gefragt!«
Ron stöhnte und schlug die Hände vors Gesicht. Er sprach weiter, doch seine Worte waren kaum zu verstehen. »Sie hat mich angeschaut, als wär ich eine Meeresschnecke oder so was. Hat nicht geantwortet. Und dann – ich weiß nicht –, dann bin ich wohl wieder zu mir gekommen und bin abgehauen.«
»Sie hat was von einer Veela«, sagte Harry. »Du hattest Recht – ihre Großmutter war eine. Es war nicht dein Fehler, ich wette, du bist in dem Moment an ihr vorbeigegangen, als sie Diggory mit ihrem unheimlichen Charme besprühte, und du hast was davon abbekommen – aber das hat ihr nichts genützt. Er geht mit Cho Chang.«
Ron sah auf.
»Ich hab sie eben noch gefragt, ob sie mit mir kommen will«, sagte Harry traurig, »und sie hat es mir erzählt.«
Ginny hatte plötzlich aufgehört zu lächeln.
»Das ist doch verrückt«, sagte Ron, »jetzt sind wir die Einzigen, die niemanden haben – na ja, außer Neville. Hey – rat mal, wen er gefragt hat! Hermine!«
»Wie bitte?« Harry war durch diese verblüffende Neuigkeit ganz von den eigenen Sorgen abgelenkt.
»Ja, stimmt!«, sagte Ron und fing an zu lachen, was ihm wieder ein wenig Farbe ins Gesicht trieb. »Er hat es mir nach Zaubertränke gesagt! Sie sei ja immer so nett zu ihm gewesen, hätte ihm bei den Hausaufgaben geholfen und alles – aber sie hätte gesagt, sie sei schon verabredet. Ha! Denkste! Sie wollte nur nicht mit Neville … na ja, ich meine, wer will das schon?«
»Hört auf!«, sagte Ginny gereizt. »Lacht nicht –«
In diesem Augenblick kletterte Hermine durch das Porträtloch.
»Warum wart ihr beide nicht beim Abendessen?«, fragte sie und kam an ihren Tisch.
»Weil – seid still, ihr beiden –, weil sie gerade eben Körbe von zwei Mädchen gekriegt haben!«, antwortete Ginny.
Das ließ Harry und Ron verstummen.
»Wie nett von dir, Ginny«, sagte Ron säuerlich.
»Alle gut Aussehenden sind schon weg, Ron?«, sagte Hermine schnippisch. »Eloise Midgeon sieht allmählich immer hübscher aus, oder? Nun, ich bin sicher, irgendwo findet ihr irgendeine, die euch haben will.«
Doch Ron starrte Hermine an, als würde er sie plötzlich in einem ganz anderen Licht sehen. »Hermine, Neville hat Recht – du bist tatsächlich ein Mädchen …«
»Oh, gut beobachtet«, sagte sie bissig.
»Nun ja – du kannst mit einem von uns gehen!«
»Nein, kann ich nicht«, fauchte Hermine.
»Ach, nun hab dich nicht so«, sagte Ron ungeduldig, »wir brauchen Partnerinnen, wie stehen wir denn da, wenn wir keine haben, alle anderen haben welche …«
»Ich kann nicht mit euch gehen«, sagte Hermine errötend, »weil ich schon jemanden habe.«
»Nein, hast du nicht!«, entgegnete Ron. »Das hast du nur gesagt, um Neville loszuwerden!«
»Aach, wie genau du das weißt!«, sagte Hermine und ihre Augen blitzten gefährlich. »Nur weil ihr drei Jahre gebraucht habt, Ron, heißt das noch lange nicht, dass kein anderer bemerkt hat, dass ich ein Mädchen bin!«
Ron starrte sie an. Dann begann er wieder zu grinsen.
»Schon gut, schon gut, wir wissen, dass du ein Mädchen bist«, sagte er. »Ist es jetzt gut? Kommst du nun mit oder nicht?«
»Ich hab’s dir doch gesagt!«, fauchte Hermine zornig. »Ich geh mit einem anderen!«
Und sie stürmte in Richtung Mädchenschlafsaal davon.
Ron sah ihr nach. »Sie lügt«, sagte er matt.
»Tut sie nicht«, flüsterte Ginny.
»Und wer soll es denn sein?«, fragte Ron scharf.
»Das erzähl ich dir nicht, es ist ihre Angelegenheit«, sagte Ginny.
»Na schön«, sagte Ron, der höchst missgelaunt aussah, »das wird mir allmählich zu dumm. Ginny, du kannst mit Harry gehen, und ich werd einfach –«
»Das geht nicht«, sagte Ginny und nun lief auch sie scharlachrot an. »Ich gehe mit – mit Neville. Er hat mich gefragt, als Hermine nein gesagt hat, und ich dachte … wisst ihr … ich würde sonst nicht mitkommen können, ich bin doch noch nicht in der vierten Klasse.« Sie sah ganz elend aus. »Ich glaub, ich geh mal runter zum Abendessen«, sagte sie, stand mit hängendem Kopf auf und kletterte durch das Porträtloch.
Ron sah Harry mit hervorquellenden Augen an.
»Was ist bloß in die beiden gefahren?«, fragte er.
Doch Harry hatte gerade Parvati und Lavender durch das Porträtloch hereinkommen sehen. Die Zeit war reif für einen Befreiungsschlag.
»Warte hier«, sagte er zu Ron, stand auf und ging geradewegs auf Parvati zu.
»Parvati? Möchtest du nicht mit mir zum Ball kommen?«
Parvati überkam ein Kicherkrampf. Harry wartete mit in der Tasche gekreuzten Fingern, bis sie sich beruhigt hatte.
»Ja, eigentlich schon«, sagte sie endlich und wurde feuerrot.
»Danke«, sagte Harry erleichtert. »Lavender – möchtest du mit Ron gehen?«
»Sie geht schon mit Seamus«, sagte Parvati und die beiden fingen noch heftiger an zu kichern.
Harry seufzte.
»Wisst ihr vielleicht ein Mädchen, das mit Ron gehen würde?«, sagte er mit gedämpfter Stimme, damit Ron nichts hörte.
»Was ist mit Hermine Granger?«, sagte Parvati.
»Sie hat schon jemanden.«
Parvati schien verblüfft.
»Oooooh – wen?«, fragte sie spitz.
Harry zuckte die Achseln. »Keine Ahnung. Also, was ist mit Ron?«
»Na ja …«, sagte Parvati langsam, »ich glaube, meine Schwester würde vielleicht … Padma, weißt du … in Ravenclaw. Ich frag sie, wenn du möchtest.«
»Ja, das wär klasse«, sagte Harry. »Und sag mir Bescheid, ja?«
Er ging mit dem Gefühl zu Ron zurück, so viel Mühe wäre dieser Ball doch nicht wert. Hoffentlich saß Padma Patils Nase genau in der Mitte.
Der Weihnachtsball
Zwar hatten die Viertklässler eine Unmenge Hausaufgaben mit in die Ferien bekommen, doch während der ersten freien Tage hatte Harry einfach keine Lust zu arbeiten und ließ es sich in den Vorweihnachtstagen, wie alle anderen auch, möglichst gut gehen. Im Gryffindor-Turm sah man kaum weniger Schüler als während der Unterrichtszeit, und es schien sogar ein wenig enger geworden zu sein, denn die Dagebliebenen machten viel mehr Radau als sonst. Fred und George hatten mit ihren Kanarienkremschnitten einen großen Erfolg gelandet, und während der ersten Ferientage passierte es andauernd, dass einem der Schüler plötzlich ein Federkleid wuchs. Doch es dauerte nicht lange, bis die Gryffindors alles, was ihnen zu essen angeboten wurde, mit äußerster Vorsicht genossen, denn es konnte ja Kanarienkrem drin sein, und George teilte Harry ganz im Vertrauen mit, dass sie mit einer Neuentwicklung beschäftigt waren. Harry nahm sich fest vor, von Fred und George in Zukunft nicht einmal mehr einen Kartoffelchip anzunehmen. Dudley und sein Würgzungen-Toffee hatte er nämlich noch in guter Erinnerung.
Dichter Schnee fiel auf das Schloss und die Ländereien. Die blassblaue Beauxbatons-Kutsche sah neben dem glasierten Lebkuchenhäuschen, in das sich Hagrids Hütte verwandelt hatte, wie ein großer, in Eiswasser getauchter Kürbis aus, und auch die Bullaugen des Durmstrang-Schiffes waren vereist, die Masten und Leinen kristallweiß gepudert. Die Hauselfen unten in der Küche übertrafen sich selbst mit einer Folge reichhaltiger, wärmender Eintöpfe und pikanter Nachspeisen, und nur Fleur Delacour schien immer etwas zu finden, über das sie sich beschweren konnte.
»Es ist zu schwer, dieses Essen in ’Ogwarts«, hörten sie Fleur eines Abends murren, als sie hinter ihr die Große Halle verließen. (Ron ging geduckt hinter Harry, damit sie ihn ja nicht sehen konnte.) »Isch werde nischt in mein Abendkleid passen!«
»Ooooh, was für eine Tragödie«, feixte Hermine, während Fleur nach draußen ging. »Ganz schön eingebildet, unsere Mademoiselle.«
»Hermine – mit wem gehst du zum Ball?«, fragte Ron.
Fortwährend plagte er sie mit dieser Frage, in der Hoffnung, sie einmal zu überrumpeln und eine Antwort aus ihr rauszuschütteln. Hermine hob jedoch nur die Brauen und meinte: »Ich sag es dir nicht, sonst machst du dich nur über mich lustig.«
»Machst du Witze, Weasley?«, tönte Malfoy hinter ihnen. »Du willst mir doch nicht erzählen, jemand habe das hier zum Ball eingeladen? Doch nicht das Schlammblut mit den langen Hauern?«
Harry und Ron wirbelten herum, doch Hermine blickte über Malfoys Schulter, winkte und rief: »Hallo, Professor Moody!«
Malfoy erbleichte, sprang erschrocken einen Schritt zurück und sah sich hektisch um, doch Moody saß immer noch am Lehrertisch und verspeiste den Rest seines Eintopfs.
»Was für ein verschrecktes kleines Frettchen du doch bist, Malfoy«, höhnte Hermine und schritt laut lachend mit Ron und Harry auf die Marmortreppe zu.
»Hermine«, sagte Ron und sah sie plötzlich stirnrunzelnd von der Seite her an, »deine Zähne …«
»Was ist damit?«, fragte sie.
»Na ja, sie sind anders … fällt mir gerade auf …«
»Natürlich – hast du geglaubt, ich behalte diese Beißer, die mir Malfoy verpasst hat?«
»Nein, ich meine, sie sehen auch anders aus, als sie waren, bevor er dich mit diesem Fluch belegt hat … sie sind alle … regelmäßig und – nicht mehr zu groß.«
Hermine lächelte auf einmal hinterlistig und auch Harry fiel es jetzt auf: Es war ein ganz anderes Lächeln, als er es von ihr kannte.
»Das war so … ich bin nach oben gegangen zu Madam Pomfrey, um die Zähne schrumpfen zu lassen, und sie hat mir einen Spiegel vors Gesicht gehalten und gemeint, ich solle Halt sagen, wenn sie wieder so sind wie früher. Und ich hab sie einfach … ein wenig weiterzaubern lassen.« Hermines Lächeln war noch eine Spur breiter geworden. »Mum und Dad wird das gar nicht gefallen. Ich hab ewig lang versucht sie zu überreden, dass ich sie schrumpfen lassen darf, aber sie wollten unbedingt, dass ich meine Klammer weiter trage. Du weißt doch, sie sind Zahnärzte, sie halten einfach nichts davon, wenn Zähne und Zauberei – ach, sieh mal! Pigwidgeon ist wieder da!«
Rons winziger Steinkauz saß mit einer Pergamentrolle am Bein auf dem eiszapfenschweren Treppengeländer und zwitscherte wie verrückt. Im Vorbeigehen deuteten ein paar Schüler auf ihn und lachten und eine Gruppe Drittklässlerinnen blieb stehen. »Oh, schaut euch mal diese Winzeule an! Ist sie nicht niedlich?«
»Dummes kleines fedriges Biest!«, zischte Ron, nahm ein paar Stufen auf einmal nach oben, packte Pigwidgeon und schloss ihn in die Faust. »Das nächste Mal bringst du den Brief gleich zum Empfänger! Ohne zu trödeln und dich wichtig zu machen!«
Pigwidgeon quetschte den Kopf aus Rons Faust hervor und schuhuhte vergnügt. Die Drittklässlerinnen machten erschrockene Mienen.
»Verschwindet!«, fauchte Ron sie an und fuchtelte mit der Faust, und Pigwidgeon schuhuhte noch ausgelassener, als er so rasch durch die Luft geschleudert wurde. »Hier – nimm du das, Harry«, fügte Ron gedämpft hinzu und die Drittklässlerinnen trotteten mit empörten Blicken davon. Ron zog Sirius’ Antwortbrief vorsichtig von Pigwidgeons Bein, Harry steckte ihn in die Tasche, und sie hasteten nach oben in den Gryffindor-Turm, um den Brief zu lesen.
Im Gemeinschaftsraum waren alle immer noch so sehr damit beschäftigt, Feriendampf abzulassen, dass keiner groß darauf achtete, was um ihn her vor sich ging. Die drei setzten sich ein wenig abseits von den anderen an ein fast schon zugeschneites Fenster und Harry las vor:
Lieber Harry,
meinen Glückwunsch, dass du an diesem Hornschwanz vorbeigekommen bist. Wer auch immer deinen Namen in den Kelch geworfen hat, wird jetzt nicht sonderlich glücklich sein! Ich wollte dir eigentlich einen Bindehautentzündungs-Fluch vorschlagen, da die Augen die schwächste Stelle eines Drachen sind –
»Genau das, was Krum gemacht hat!«, flüsterte Hermine.
– aber deine List war besser, Hut ab.
Jetzt ruh dich aber nicht auf deinen Lorbeeren aus, Harry. Du hast erst eine Aufgabe geschafft; wer immer dich ins Turnier gebracht hat, wird noch genug Gelegenheit haben, dir etwas anzutun. Halt die Augen offen – besonders wenn der, von dem wir gesprochen haben, in der Nähe ist – und achte vor allem darauf, dir keinen Ärger einzuhandeln.
Schreib mir wieder; ich möchte auch weiterhin von allen ungewöhnlichen Vorkommnissen erfahren.
Sirius
»Er hört sich genauso an wie Moody«, sagte Harry leise und steckte den Brief zurück in den Umhang. »›Immer wachsam!‹ Man könnte meinen, ich laufe blind in der Gegend herum und krache ständig gegen Wände …«
»Aber er hat Recht, Harry«, sagte Hermine, »du hast tatsächlich noch zwei Aufgaben vor dir. Du solltest dir dieses Ei wirklich mal genauer ansehen und allmählich herausfinden, was es zu bedeuten hat …«
»Hermine, er hat noch Ewigkeiten Zeit!«, fauchte Ron. »Lust auf ’ne Partie Schach, Harry?«
»Ja, schon gut, schon gut«, brummte Harry. Dann sah er den Ausdruck auf Hermines Gesicht und sagte: »Und wie bitte soll ich mich konzentrieren bei diesem Lärm? Bei dem Radau, den die Meute hier macht, kann ich das Ei ja nicht mal hören.«
»Wenn du meinst«, seufzte sie, ließ sich in ihren Sessel zurücksinken und sah den beiden beim Schachspiel zu, das Ron mit einem tollen Schachmatt beendete, bei dem ein paar todesmutige Bauern und ein sehr brutaler Läufer die Hauptrollen spielten.
Am Weihnachtsmorgen erwachte Harry ganz plötzlich. Verwundert, was ihn aus dem Schlaf gerissen hatte, öffnete er die Augen. Ein Wesen starrte ihn mit riesigen, grünen Telleraugen aus der Dunkelheit heraus an, und es war ihm so nahe, dass es fast seine Nasenspitze berührte.
»Dobby!«, rief Harry und krabbelte so hastig weg von dem Elfen, dass er fast aus dem Bett fiel. »Was soll denn das?«
»Dobby bittet um Verzeihung, Sir!«, quiekte Dobby verschüchtert, presste die langen Finger auf den Mund und trampelte rückwärts über die Decke. »Dobby will Harry Potter nur frohe Weihnachten wünschen und ihm ein Geschenk bringen, Sir! Harry Potter hat gesagt, Dobby könne ihn mal besuchen, Sir!«
»Ist schon gut«, sagte Harry, noch immer ein wenig kurzatmig, während sein Herzschlag sich wieder beruhigt hatte. »Das nächste Mal – stups mich meinetwegen, aber beug dich bloß nicht so über mein Gesicht wie vorhin …«
Harry zog die Vorhänge des Himmelbetts zurück, nahm die Brille vom Nachttisch und setzte sie auf. Sein Schrei hatte Ron, Seamus, Dean und Neville geweckt. Alle blinzelten mit verquollenen Augen und zerzausten Haaren zwischen ihren Vorhängen hindurch.
»Hat dich jemand angegriffen, Harry?«, fragte Seamus schläfrig.
»Nein, es ist nur Dobby«, murmelte Harry. »Du kannst weiterschlafen.«
»Nöh … Geschenke!«, sagte Seamus, dem jetzt ein Berg von Päckchen am Fußende seines Bettes aufgefallen war. Auch Ron, Dean und Neville fanden, da sie nun schon einmal wach waren, könnten sie sich ja auch gleich ans Geschenkeauspacken machen. Harry wandte sich wieder Dobby zu, der jetzt hibbelig an Harrys Bett stand und immer noch schuldbewusst dreinsah, weil er ihn erschreckt hatte. An der Schlaufe seines Teewärmers baumelte eine Christbaumkugel.
»Darf Dobby Harry Potter sein Geschenk geben?«, quiekte er schüchtern.
»Natürlich«, sagte Harry. »Ähm … ich hab auch was für dich.«
Das war eine Lüge; er hatte überhaupt nichts für Dobby gekauft, dennoch öffnete er rasch seinen Koffer und zog ein besonders schlabberiges verknäultes Paar Socken heraus. Sie waren seine ältesten und widerlichsten, von senfgelber Farbe, und hatten einst Onkel Vernon gehört. Besonders schlabberig waren sie, weil Harry sie nun schon seit einem Jahr über sein Spickoskop zog. Er nahm das Spickoskop heraus, reichte Dobby die Socken und sagte: »Tut mir ja leid, hab vergessen sie zu verpacken …«
Doch Dobby war maßlos entzückt.
»Socken sind Dobbys liebste, liebste Kleidungsstücke, Sir!«, sagte er, riss sich seine zwei verschiedenfarbigen von den Füßen und zog Onkel Vernons Socken an.
»Ich hab sieben jetzt, Sir … aber Sir …«, sagte er und seine Augen weiteten sich nun, da er die Socken, so weit es ging, hochgezogen hatte, und sie reichten bis zum Saum seiner Shorts, »im Laden haben sie einen Fehler gemacht und Harry Potter zwei gleiche Socken gegeben!«
»O nein, Harry, wie konnte dir das nur passieren!«, sagte Ron und grinste von seinem mit Packpapierknäueln übersäten Bett herüber. »Ich mach dir ’n Vorschlag, Dobby – bitte – nimm diese beiden, dann kannst du sie richtig mischen. Und hier ist dein Pulli.«
Er warf Dobby ein Paar frisch ausgepackte violette Socken zu sowie den selbst gestrickten Pulli, den ihm seine Mutter geschickt hatte.
Dobby war vor Freude vollkommen aus dem Häuschen. »Sir, das ist sehr lieb von Ihnen!«, quiekte er und wieder standen Tränen in seinen Augen. Er machte eine tiefe Verbeugung vor Ron. »Dobby wusste schon, dass Sir ein großer Zauberer sein muss, denn er ist Harry Potters bester Freund, aber Dobby wusste nicht, dass er auch so großmütig, so edel, so selbstlos …«
»Es sind doch nur Socken«, sagte Ron, der um die Ohren herum leicht rosa angelaufen war, aber gleichwohl ziemlich geschmeichelt aussah. »Irre, Harry –« Er hatte soeben Harrys Geschenk ausgewickelt, einen Hut in den Farben der Chudley Cannons. »Cool!« Er stülpte ihn über den Kopf, wo er sich fürchterlich mit seinem roten Haar biss.
Dobby reichte Harry jetzt ein kleines Päckchen, und heraus kamen – Socken.
»Dobby hat sie selbst gestrickt, Sir!«, sagte der Elf glücklich. »Er hat die Wolle von seinem Lohn gekauft, Sir!«
Die linke Socke hatte ein Besenmuster auf Hellrot, die rechte Socke war grün mit Schnatzmuster.
»Die sind … wirklich … ja, vielen Dank, Dobby«, sagte Harry und zog sie an, was wiederum Glückstränen aus Dobbys Augen rollen ließ.
»Dobby muss jetzt gehen, Sir, in der Küche kochen wir schon das Weihnachtsessen!«, sagte Dobby, winkte Ron und den anderen zum Abschied zu und trippelte aus dem Schlafsaal.
Harrys andere Geschenke waren doch etwas brauchbarer als Dobbys ungleiches Sockenpaar – ausgenommen natürlich das der Dursleys, das aus einem einzigen Papiertaschentuch bestand, ein Rekord an Gemeinheit.
Harry vermutete, dass auch sie das Würgzungen-Toffee nicht vergessen hatten. Hermine hatte Harry ein Buch geschenkt, Quidditch-Mannschaften Großbritanniens und Irlands; von Ron bekam er eine prall gefüllte Tüte Stinkbomben, von Sirius ein praktisches Taschenmesser mit vielfältigem Zubehör, um jedes Schloss und jeden Knoten zu öffnen; und Hagrid schenkte ihm eine Riesenschachtel Süßigkeiten mit all seinen Lieblingsleckereien – Bertie Botts Bohnen jeder Geschmacksrichtung, Schokofrösche, Bubbels Bester Blaskaugummi und zischende Zauberdrops. Natürlich war wie immer Mrs Weasleys Päckchen mit dem neuesten Pulli angekommen (grün mit aufgesticktem Drachen – Harry vermutete, dass Charlie ihr alles über den Hornschwanz erzählt hatte) und einer Unmenge selbst gemachter Pasteten.
Harry und Ron trafen sich im Gemeinschaftsraum mit Hermine und gingen hinunter zum Frühstück. Danach verbrachten sie fast den ganzen Morgen im Gryffindor-Turm, wo sich alle mit ihren Geschenken amüsierten, dann kehrten sie zu einem herrlichen Mittagessen in die Große Halle zurück, bei dem es mindestens hundert Truthähne und Plumpuddings und bergeweise Kribbels Zauberkräcker gab.
Am Nachmittag gingen sie hinaus aufs Schlossgelände; der Schnee war noch unberührt, nur die Durmstrangs und Beauxbatons hatten auf ihren Wegen zum Schloss tiefe Gräben in der Schneedecke hinterlassen. Hermine schaute bei der Schneeballschlacht, die sich Ron und Harry gegen die beiden anderen Weasleys lieferten, lieber nur zu und verkündete dann gegen fünf, sie wolle jetzt nach oben gehen und sich auf den Ball vorbereiten.
»Wie bitte, du brauchst drei Stunden?«, fragte Ron und sah sie verdutzt an, was er prompt büßen musste, denn ein großer Schneeball von George traf ihn hart am Ohr. »Mit wem gehst du eigentlich?«, rief er Hermine nach, doch sie winkte nur von der Steintreppe her und verschwand im Schloss.
Heute gab es keinen Weihnachtstee, da zum Ball ein Festmahl gehörte, und um sieben Uhr, als sie ohnehin kaum noch etwas sehen konnten, gaben sie ihre Schneeballschlacht auf und stapften zurück in den Gemeinschaftsraum.
Die fette Dame saß mit ihrer Freundin Violet aus dem Erdgeschoss beisammen, beide schon ziemlich beschwipst, was bei den leeren Schnapspralinen-Schachteln, die über den Boden verstreut lagen, nicht weiter verwunderlich war.
»Fichterleen, so isses!«, kiekste sie auf das Passwort hin und schwang zur Seite, um sie einzulassen.
Harry, Ron, Seamus, Dean und Neville zogen oben im Schlafsaal ihre Festumhänge an und guckten dabei allesamt recht verlegen aus der Wäsche, doch keiner litt solche Qualen wie Ron, der sich im hohen Spiegel in der Ecke entsetzt anstarrte. Es ließ sich einfach nicht leugnen, dass sein Umhang peinliche Ähnlichkeit mit einem Kleid hatte. In einem verzweifelten Versuch, es mehr nach Männermode aussehen zu lassen, machte er sich mit einem Abtrennzauber über Rüschenkragen und Spitzensäume her. Es gelang ihm auch halbwegs, denn zumindest war der Umhang jetzt rüschenfrei, doch auf dem Weg nach unten war dann doch deutlich zu sehen, dass Kragen und Ärmelsäume fürchterlich ausgefranst waren.
»Ich begreif immer noch nicht, wie ihr zwei die beiden bestaussehenden Mädchen der ganzen Klassenstufe abkriegen konntet«, grummelte Dean.
»Tierischer Magnetismus«, sagte Ron mit düsterer Miene und zog wieder mal einen losen Faden aus dem Ärmelsaum.
Der Gemeinschaftsraum bot einen ganz ungewöhnlichen Anblick: Es war heute nicht das übliche schwarze Gewusel, sondern er war voller Schüler, die in den verschiedensten Farben gekleidet waren. Parvati erwartete Harry am Fuß der Treppe. Mit ihrem knallrosa Umhang, dem mit goldenen Strähnen durchflochtenen langen schwarzen Zopf und den goldenen Armspangen, die an ihren Handgelenken schimmerten, sah sie unbestreitbar hübsch aus. Harry stellte erleichtert fest, dass sie nicht giggelte.
»Du – ähm – siehst nett aus«, sagte er verlegen.
»Danke«, erwiderte sie. »Padma erwartet dich in der Eingangshalle«, fügte sie zu Ron gewandt hinzu.
»Gut«, sagte Ron und sah sich um. »Wo steckt Hermine?«
Parvati zuckte die Achseln. »Wie steht’s, Harry, wollen wir gehen?«
»Einverstanden«, sagte Harry und wäre doch am liebsten im Gemeinschaftsraum geblieben. Fred zwinkerte Harry auf dem Weg zum Porträtloch zu.
Auch in der Eingangshalle wimmelte es von Leuten, die sich gegenseitig auf die Füße traten und warteten, dass es endlich acht Uhr wurde und die Flügeltüren zur Großen Halle aufgingen. Wer mit einem Partner aus einem anderen Haus verabredet war, drängte sich mit verzweifelt suchendem Blick durch die Menge. Parvati fand ihre Schwester Padma und führte sie hinüber zu Harry und Ron.
»Hallo«, sagte Padma, die in ihrem helltürkisen Umhang nicht weniger hübsch aussah als Parvati. Allerdings schien sie nicht übermäßig begeistert, Ron als Partner zu haben. Als sie ihn von Kopf bis Fuß musterte, blieben ihre dunklen Augen an dem ausgefransten Kragen und den Ärmeln seines Festumhangs haften.
»Hallo«, sagte Ron, sah sie jedoch überhaupt nicht an, sondern ließ den Blick hastig durch die Menge schweifen. »O nein …«
Er ging in die Knie, um sich hinter Harrys Rücken zu verstecken, denn in diesem Augenblick schwebte Fleur Delacour vorbei, begleitet vom Quidditch-Kapitän der Ravenclaws, Roger Davies. In ihrem silbergrauen Satinumhang sah Fleur einfach umwerfend aus. Als sie verschwunden waren, richtete sich Ron wieder auf und lugte über die Köpfe der Menge hinweg.
»Wo steckt bloß Hermine?«, fragte er zum wiederholten Mal.
Eine Gruppe Slytherins kam die Treppe von ihrem Gemeinschaftsraum unten in den Kerkern herauf. Malfoy führte sie an; er trug einen Festumhang aus schwarzem Satin mit einem Stehkragen, und Harry fand, dass er aussah wie ein Priester. An Malfoys Arm klammerte sich Pansy Parkinson in einem stark berüschten blassrosa Umhang. Crabbe und Goyle trugen beide Grün; sie ähnelten moosbewachsenen Geröllblöcken, und wie Harry befriedigt feststellte, war es keinem von beiden gelungen, eine Partnerin zu finden.
Das Eichenportal öffnete sich und alle wandten sich um. Die Schüler aus Durmstrang betraten die Halle, angeführt von Professor Karkaroff. Mit an der Spitze ging Krum, begleitet von einem hübschen Mädchen in blauem Umhang, das Harry nicht kannte. Er spähte über ihre Köpfe hinweg und sah, dass sie draußen direkt vor dem Schloss ein Stück Rasen in eine Art Grotte voller Lichterfeen verwandelt hatten – Hunderte von echten Feen saßen dort in Rosenbüschen oder flatterten über einem steinernen Weihnachtsmann mit Rentier.
Jetzt ertönte Professor McGonagalls kräftige Stimme: »Die Champions hierher, bitte!«
Parvati, die übers ganze Gesicht strahlte, rückte ihre Ketten und Spangen zurecht; »bis gleich«, sagten sie zu Ron und Padma. Die schwatzende Menge teilte sich vor ihnen und sie gingen nach vorn. Professor McGonagall, die einen Festumhang aus rotem Schottentuch trug und einen ziemlich hässlichen Distelkranz auf die Krempe ihres Huts gelegt hatte, wies sie an, rechts von der Tür zu warten, während die anderen schon hineingingen und sich auf ihre Plätze setzten; erst dann sollten sie in einem feierlichen Zug die Große Halle durchqueren. Fleur Delacour und Roger Davies stellten sich gleich neben der Tür auf; Davies schien von seinem Glück, Fleur als Partnerin abbekommen zu haben, so überwältigt, dass er kaum den Blick von ihr wenden konnte. Auch Cedric und Cho standen in Harrys Nähe; er sah anderswohin, damit er nicht mit ihnen sprechen musste. So fiel sein Blick auf das Mädchen neben Krum. Und der Mund klappte ihm auf.
Es war Hermine.
Aber sie sah überhaupt nicht aus wie Hermine. Offenbar hatte sie etwas mit ihrem Haar angestellt; es war nicht mehr buschig, sondern geschmeidig und glänzend und verschlang sich in ihrem Nacken zu einem eleganten Knoten. Sie trug einen Umhang aus fließendem, immergrün-blauem Stoff und sie bewegte sich auch irgendwie anders; doch vielleicht nur deshalb, weil die zwei Dutzend Bücher fehlten, die sie auf dem Rücken mit sich zu schleppen pflegte. Außerdem lächelte sie – ziemlich nervös, und nun fiel deutlich auf, dass ihre Vorderzähne geschrumpft waren. Harry begriff nicht, warum er es nicht schon längst bemerkt hatte.
»Hallo, Harry!«, sagte sie. »Hallo, Parvati!«
Parvati starrte Hermine mit wenig schmeichelhaftem Unglauben an. Und sie war nicht die Einzige; als sich die Türen der Großen Halle öffneten, stakste Krums Fanclub aus der Bibliothek vorbei und warf Hermine Blicke voll abgrundtiefer Verachtung zu. Pansy Parkinson, an Malfoys Arm, lief mit offenem Mund an ihr vorbei, und selbst Malfoy schien um eine Beleidigung verlegen, die er ihr an den Kopf werfen konnte. Ron jedoch lief schnurstracks an Hermine vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen.
Sobald drinnen alle ihre Plätze gefunden hatten, wies Professor McGonagall die Champions an, sich zu zweit mit Partner oder Partnerin zusammenzutun und ihr der Reihe nach zu folgen. Unter allgemeinem Beifall betraten sie die Große Halle und machten sich auf den Weg hinauf zu einem großen runden Tisch auf dem Podium, wo die Richter saßen.
Die Wände der Halle waren mit funkelnden Eiskristallen geschmückt und Hunderte von Girlanden aus Mistelzweigen und Efeu überwucherten die gestirnte schwarze Decke. Die Haustische waren verschwunden; an ihrer Stelle fanden sich gut hundert kleinere Tische mit Lampen, an denen jeweils ein Dutzend Schüler saßen.
Harry achtete vor allem darauf, nicht zu stolpern. Parvati schien sich blendend zu amüsieren; sie sah strahlend in die Menge und bugsierte Harry so energisch herum, dass er sich vorkam wie ein dressiertes Hündchen, das sie Kunststücke aufführen lassen wollte. Als er sich dem runden Tisch näherte, erhaschte er einen kurzen Blick auf Ron und Padma. Rons Augen verengten sich zu Schlitzen, als Hermine an ihm vorbeiging. Padma schien ein wenig zu schmollen.
Vom Podiumstisch aus lächelte Dumbledore den Champions glücklich entgegen. Karkaroffs Miene hingegen ähnelte der von Ron, als er Krum und Hermine näher kommen sah. Ludo Bagman, heute Abend in hellpurpurnem Umhang mit großen gelben Sternen, klatschte nicht weniger begeistert als die Schüler unten; auch Madame Maxime, die ihre übliche Uniform aus schwarzem Satin gegen ein fließendes Gewand aus lavendelfarbener Seide eingetauscht hatte, klatschte ihnen höflich zu. Harry fiel plötzlich auf, dass Mr Crouch nicht da war. Auf dem fünften Platz saß Percy Weasley.
Als die Champions und ihre Partner den Tisch erreichten, zog Percy den leeren Stuhl neben sich vor und sah Harry eindringlich an. Harry folgte dem Wink und setzte sich neben Percy, der einen brandneuen marineblauen Umhang trug und eine ungeheuer blasierte Miene aufgesetzt hatte.
»Ich bin befördert worden«, sagte Percy, bevor Harry überhaupt fragen konnte, und nach seinem Ton zu schließen, hätte er genauso gut zum Herrscher des Universums gewählt worden sein können. »Ich bin jetzt Mr Crouchs persönlicher Assistent und als sein Vertreter hier.«
»Warum kann er nicht selbst kommen?«, fragte Harry. Er freute sich nicht gerade darauf, während des ganzen Abendessens über Kesselböden belehrt zu werden.
»Ich muss leider sagen, dass Mr Crouch sich nicht wohl befindet, überhaupt nicht wohl. Seit der Weltmeisterschaft ist er etwas leidend. Das wundert einen natürlich nicht – Überarbeitung. Er ist nicht mehr der Jüngste – selbstverständlich immer noch brillant, immer noch ein großartiger Kopf. Doch die Weltmeisterschaft war ein Fiasko für das ganze Ministerium, und dann hat das Fehlverhalten seiner Hauselfe, Blinky oder wie sie hieß, Mr Crouch auch noch persönlich schwer getroffen. Natürlich hat er sie sofort danach verstoßen, aber – nun ja, wie gesagt, er kommt schon zurecht, braucht jedoch Hilfe im Haushalt, und ich fürchte, seit sie fort ist, hat er es zu Hause doch deutlich schwerer. Und dann mussten wir auch noch das Turnier organisieren und die Folgen der Weltmeisterschaft bewältigen – diese unverschämte Kimmkorn ist überall rumgeschwirrt –, nein, der arme Mann hat nun seine wohlverdienten ruhigen Weihnachten. Jedenfalls weiß er, da ist jemand, auf den er sich verlassen kann und der ihn vertritt, und darüber bin ich einfach froh.«
Harry lag die Frage auf der Zunge, ob Mr Crouch schon aufgehört hatte, Percy »Weatherby« zu nennen, doch er widerstand der Versuchung.
Noch war auf den schimmernden Goldtellern kein Essen, doch alle hatten kleine Speisekarten vor sich liegen. Unsicher nahm Harry seine Karte in die Hand und sah sich um – Bedienungen waren nicht in Sicht. Dumbledore jedoch studierte aufmerksam seine Karte, dann sagte er klar und deutlich zu seinem Teller: »Schweinekoteletts!«
Und Schweinekoteletts erschienen. Die anderen am Tisch begriffen und bestellten ebenfalls bei ihren Tellern. Harry wandte den Kopf zu Hermine, um zu sehen, wie sie sich bei dieser neuen und komplizierten Weise, zu Abend zu essen, fühlen mochte – gewiss bedeutete dies viel zusätzliche Plackerei für die Hauselfen? –, doch endlich einmal schien Hermine nicht an B.ELFE.R zu denken. Sie war in ein Gespräch mit Viktor Krum vertieft und nahm offenbar kaum wahr, was sie überhaupt aß.
Mit einem Mal fiel Harry auf, dass er Krum bisher noch gar nicht wirklich hatte reden hören, doch jetzt sprach er ausgiebig, und dazu noch sehr begeistert.
»Wir habe auch eine Schloss, nicht so groß wie diese hier und auch nicht so bequem, möchte ich meine«, erklärte er Hermine. »Wir habe nur vier Stockwerke und die Feuer brenne nur für magische Swecke. Aber wir habe viele größere Land als ihr, aber in Winter wir habe wenig Licht und wir habe nichts davon. Doch in Sommer fliege wir jede Tag, über die Seen und die Berge –«
»Nun aber, Viktor!«, sagte Karkaroff mit einem Lachen und einem kalten Blick. »Bloß nicht alles verraten, sonst wird unsere reizende Freundin gleich ganz genau wissen, wo wir zu finden sind!«
Dumbledore lächelte und seine Augen funkelten. »Igor, all die Geheimniskrämerei … man könnte fast meinen, Sie wollten gar keinen Besuch haben.«
»Wissen Sie, Dumbledore«, sagte Karkaroff und zeigte seine gelben Zähne in ihrer ganzen Pracht, »wir schützen doch alle unser eigenes Reich, nicht wahr? Bewachen wir nicht eifersüchtig die Tempel der Gelehrsamkeit, die uns anvertraut sind? Sind wir nicht zu Recht stolz darauf, dass nur wir alleine die Geheimnisse unserer Schulen kennen und sie auch schützen?«
»Oh, nie im Traum würde ich mir einbilden, alle Geheimnisse von Hogwarts zu kennen, Igor«, sagte Dumbledore freundlich. »Erst heute Morgen zum Beispiel habe ich auf dem Weg zur Toilette die falsche Tür geöffnet und fand mich plötzlich in einem herrlich gestalteten Raum, den ich noch nie zuvor gesehen hatte und der eine ganz erstaunliche Sammlung von Nachttöpfen enthielt. Als ich dann später zurückkam, um mir die Sache näher anzusehen, war der Raum verschwunden. Aber ich muss die Augen nach ihm offen halten. Vielleicht ist er nur um halb sechs Uhr morgens zugänglich. Oder er erscheint nur bei Viertelmond – oder wenn der Suchende eine außergewöhnlich volle Blase hat.«
Harry prustete in seinen Gulaschteller. Percy runzelte die Stirn, doch Harry hätte schwören können, dass Dumbledore ihm ganz kurz zugezwinkert hatte.
Unterdessen äußerte sich Fleur Delacour gegenüber Roger Davies ausgesprochen abfällig über das weihnachtlich geschmückte Hogwarts.
»Das ist nischts«, sagte sie geringschätzig und ließ den Blick über die funkelnden Wände der Großen Halle schweifen. »Im Palast von Beauxbatons ’aben wir an Weihnachten Eisskulpturen überall im Speisesaal. Sie schmelsen natürlisch nischt … sie sind wie riesige Statuen aus Diamant und glitsern dursch den ganzen Saal. Und das Essen ist einfach superb. Und wir ’aben Chöre aus Waldnymphen, die uns beim Essen mit ihren Gesängen begleiten. Wir ’aben keine solsche ’ässlischen Rüstungen in den ’allen, und wenn ein Poltergeist je in Beauxbatons eindringen würde, dann würden wir ihn – sakk – einfach rauswerfen.« Sie klatschte unwirsch mit der Hand auf den Tisch.
Roger Davies hing mit glasigem Blick an ihren Lippen und verfehlte mit der Gabel andauernd seinen Mund. Harry hatte den Eindruck, dass Davies zu sehr damit beschäftigt war, sie anzustarren, als dass er auch nur ein Wort von ihr verstanden hätte.
»Vollkommen richtig«, sagte er eilig und schlug nun selbst mit der Hand auf den Tisch. »Zack und weg. Genau.«
Harry ließ den Blick durch die Halle wandern. Hagrid saß an einem der anderen Lehrertische; er hatte wieder einmal seinen fürchterlichen Braunhaar-Anzug an und spähte hinauf zum Podiumstisch. Harry bemerkte, wie er jemandem kurz zuwinkte, folgte seinem Blick und sah Madame Maxime, deren Opale im Kerzenlicht glitzerten, zurückwinken.
Hermine war gerade dabei, Krum zu belehren, wie ihr Name richtig ausgesprochen wurde; andauernd nannte er sie »Erminne«.
»Her – mie – ne«, sagte sie langsam und deutlich.
»Her – minne.«
»Wird schon«, sagte sie, fing Harrys Blick auf und grinste.
Als sie aufgegessen hatten, erhob sich Dumbledore und bat die Schüler ebenfalls aufzustehen. Dann, mit einem Schlenker seines Zauberstabs, bewegten sich die Tische fort und reihten sich an den Wänden auf, so dass in der Mitte viel Platz war. Dann beschwor er an der rechten Wand eine Bühne herauf. Er stattete sie mit einem Schlagzeug, mehreren Gitarren, einer Laute, einem Cello und einigen Dudelsäcken aus.
Unter wild begeistertem Klatschen stürmten die Schwestern des Schicksals die Bühne; alle hatten sie besonders wilde Mähnen und waren in schwarze Umhänge gekleidet, die kunstvoll zerrissen und aufgeschlitzt waren. Sie nahmen ihre Instrumente auf, und Harry, der sie so gespannt beobachtet hatte, dass er fast vergessen hatte, was auf ihn zukam, erkannte plötzlich, dass die Lampen auf den Tischen ringsum ausgegangen waren und sich die anderen Champions und ihre Partner erhoben.
»Komm mit!«, zischte Parvati. »Wir sollen doch tanzen!«
Harry verhedderte sich beim Aufstehen in seinem Festumhang. Die Schwestern des Schicksals stimmten eine langsame, traurige Melodie an; Harry, ganz darauf bedacht, ja niemanden anzusehen, schritt auf die hell erleuchtete Tanzfläche (aus den Augenwinkeln sah er, dass Seamus und Dean ihm zuwinkten und kicherten), und schon hatte Parvati ihn an den Händen gefasst, legte eine um ihre Hüfte und hielt die andere fest in der eigenen.
Könnte schlimmer sein, dachte Harry und drehte sich langsam auf der Stelle (Parvati führte). Er sah stur über die Köpfe des Publikums hinweg, und schon bald waren viele Mitschüler auf die Tanzfläche gekommen, so dass die Champions nicht mehr im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit standen. Neville und Ginny tanzten ganz in der Nähe – er konnte Ginny immer wieder das Gesicht verziehen sehen, wenn ihr Neville auf die Füße tappte –, während Dumbledore mit Madame Maxime einen Walzer hinlegte. Sie war so viel größer als er, dass die Spitze seines Hutes gerade mal ihr Kinn kitzelte; sie jedoch bewegte sich für eine so große Frau ausgesprochen graziös. Mad-Eye Moody tanzte einen äußerst unbeholfenen Twostepp mit Professor Sinistra, die immer wieder nervös seinem Holzbein auswich.
»Hübsche Socken, Potter«, knurrte Moody im Vorbeitanzen und starrte mit dem magischen Auge durch Harrys Umhang hindurch.
»Oh – ja, Dobby, der Hauself, hat sie für mich gestrickt«, erwiderte Harry grinsend.
»Er ist ja so gruslig!«, flüsterte Parvati, als Moody davongeklonkt war. »So ein Auge gehört verboten!«
Der Dudelsack gab einen letzten zittrigen Ton von sich und Harry hörte es mit Erleichterung. Die Schwestern des Schicksals beendeten ihr Stück, Beifall brauste auf und Harry ließ Parvati sofort los. »Wollen wir uns nicht setzen?«
»Och, aber – das hier ist wirklich gut!«, sagte Parvati, als die Schwestern mit dem nächsten, viel schnelleren Lied begannen.
»Nein, nicht mein Fall«, log Harry und führte sie von der Tanzfläche – vorbei an Fred und Angelina, die so ausgelassen tanzten, dass die Leute um sie her ängstlich zurückwichen, um sich nicht zu verletzen – und hinüber zum Tisch, wo Ron und Padma saßen.
»Wie läuft’s?«, fragte Harry Ron, setzte sich und öffnete eine Flasche Butterbier.
Ron gab keine Antwort. Er starrte finster zu Hermine und Krum hinüber, die ganz in der Nähe tanzten. Padma hatte die Arme verschränkt und die Beine übereinandergeschlagen und wippte mit dem Fuß im Takt der Musik. Hin und wieder versetzte sie Ron, der sie völlig ignorierte, einen beleidigten Blick.
Parvati setzte sich neben Harry, kreuzte ebenfalls Arme und Beine und wurde nach wenigen Minuten von einem Jungen aus Beauxbatons zum Tanz aufgefordert.
»Du erlaubst doch, Harry?«, sagte Parvati.
»Wie bitte?«, sagte Harry, der gedankenversunken Cho und Cedric beobachtete.
»Oh, schon gut«, fauchte Parvati und ging mit dem Jungen aus Beauxbatons davon. Am Ende des Stücks kehrte sie nicht zurück.
Dafür kam Hermine zum Tisch und setzte sich auf Parvatis leeren Stuhl. Das Tanzen hatte ihr einen Hauch Rosa ins Gesicht getrieben.
»Hallo«, sagte Harry.
Ron sagte kein Wort.
»Heiß hier drin, nicht wahr?«, sagte Hermine und fächelte sich mit der Hand Luft zu. »Viktor holt uns eben was zu trinken.«
Ron warf ihr einen vernichtenden Blick zu.
»Viktor?«, sagte er. »Darfst du ihn noch nicht Vicky nennen?«
Hermine sah ihn verdutzt an.
»Was ist los mit dir?«, fragte sie.
»Wenn du das nicht weißt«, fauchte Ron, »dann sag ich’s dir auch nicht.«
Hermine starrte erst ihn an, dann Harry, der die Achseln zuckte. »Ron, was –?«
»Er ist aus Durmstrang!«, zischte Ron. »Er kämpft gegen Harry! Gegen Hogwarts! Du – du –« Ron suchte offenbar nach Worten, die stark genug waren für Hermines Verbrechen, »du verbrüderst dich mit dem Feind, das ist es!«
Hermine klappte der Mund auf.
»Du hast sie doch nicht mehr alle!«, erwiderte sie nach kurzer Besinnung. »Mit dem Feind! Jetzt mach aber mal halblang – wer war denn so aufgeregt, als Krum hier ankam? Wer wollte unbedingt ein Autogramm von ihm? Wer hat ein Krum-Püppchen oben im Schlafsaal?«
Ron zog es vor, darauf nicht einzugehen. »Ich nehm an, er hat dich gefragt, ob du mit ihm zum Ball gehen willst, als ihr oben in der Bibliothek alleine wart?«
»Ja, allerdings«, sagte Hermine und die rosa Flecken auf ihren Wangen glühten nun. »Na und?«
»Und wie ist es passiert – hast wohl versucht, ihn auf Belfer heiß zu machen?«
»Nein, hab ich nicht! Wenn du’s wirklich wissen willst – er sagte, er wäre jeden Tag in die Bibliothek gekommen, um mal mit mir zu sprechen, und dann hätte er immer den Mut verloren!«
Hermine hatte sehr schnell gesprochen und wurde jetzt so knallrosa wie Parvatis Umhang.
»Ja – schön, das hat er dir erzählt«, sagte Ron gehässig.
»Und was soll das wieder heißen?«
»Ist doch klar, oder? Er ist der Schüler von Karkaroff. Er weiß, mit wem du so oft zusammen bist … er versucht doch nur, näher an Harry heranzukommen – einiges über ihn zu erfahren – oder ihm so nahe zu kommen, dass er ihn verhexen kann –«
Hermine sah aus, als hätte Ron ihr eine Ohrfeige verpasst. Sie antwortete mit zitternder Stimme. »Nur um das zu klären, er hat mir nicht eine einzige Frage zu Harry gestellt, nicht eine –«
Mit Lichtgeschwindigkeit wechselte Ron die Spur. »Dann hofft er, dass du ihm hilfst, sein Eierrätsel zu lösen! Sicher habt ihr bei diesen traulichen kleinen Bibliothekstreffen die Köpfe zusammengesteckt –«
»Ich würde ihm nie und nimmer helfen, das Eierrätsel zu lösen!«, sagte Hermine empört. »Niemals. Wie kannst du nur so etwas sagen – ich will, dass Harry das Turnier gewinnt. Das weißt du doch, Harry, oder?«
»Komische Art, das zu zeigen«, höhnte Ron.
»Der Sinn dieses ganzen Turniers soll es doch sein, Zauberer aus anderen Ländern kennen zu lernen und Freundschaften zu schließen!«, sagte Hermine schrill.
»Nein, Blödsinn!«, rief Ron. »Es geht allein ums Gewinnen!«
Einige Leute schauten nun zu ihnen rüber.
»Ron«, sagte Harry leise, »mir macht es nichts aus, dass Hermine mit Krum gekommen ist –«
Doch Ron ignorierte auch Harry.
»Warum läufst du Vicky nicht nach, er sucht dich sicher schon«, sagte er.
»Und nenn ihn nicht Vicky!« Hermine sprang auf, stürmte auf die Tanzfläche und verschwand in der Menge.
Ron sah ihr mit einer Mischung aus Zorn und Genugtuung nach.
»Bittest du mich heute Abend eigentlich mal zum Tanz?«, fragte ihn Padma.
»Nein«, sagte Ron, der immer noch finster Hermine nachschaute.
»Schön«, zischte Padma, erhob sich und ging hinüber zu Parvati und dem Jungen aus Beauxbatons, der so schnell einen seiner Freunde auftrieb, dass Harry geschworen hätte, das sei nur mit einem Aufrufezauber möglich gewesen.
»Wo ist Her-minne?«, sagte eine Stimme.
Krum war soeben mit zwei Butterbieren in den Händen an ihren Tisch getreten.
»Keine Ahnung«, sagte Ron mit steifer Miene und blickte zu ihm hoch. »Hast sie verloren, was?«
Krum sah schon wieder mürrisch drein.
»Gutt, wenn ihr sie seht, sagt ihr, ich hab was zu trinke«, sagte er und schlurfte davon.
»Hast dich mit Viktor Krum angefreundet, Ron?«
Percy war herbeigewuselt, rieb sich die Hände und machte eine ungemein wichtige Miene. »Ganz exzellent! Genau darum geht es nämlich – internationale magische Zusammenarbeit!«
Zu Harrys Ärger nahm Percy prompt Padmas verlassenen Platz ein. Der Tisch auf dem Podium war jetzt leer; Professor Dumbledore tanzte mit Professor Sprout; Ludo Bagman mit Professor McGonagall; Madame Maxime und Hagrid walzten eine breite Schneise durch die Tanzenden, und Karkaroff war spurlos verschwunden. In der nächsten Musikpause gab es wieder allseits Beifall, und Harry sah, wie Ludo Bagman Professor McGonagall die Hand küsste und sich durch die Menge zu seinem Platz zurückschlängelte. In diesem Augenblick sprachen ihn Fred und George an.
»Was glauben die eigentlich, was sie da tun, belästigen auch noch hochrangige Ministeriumsvertreter!«, zischte Percy und beäugte Fred und George argwöhnisch. »So was von respektlos.«
Ludo Bagman wimmelte Fred und George jedoch ziemlich schnell ab, entdeckte Harry, winkte und kam zu ihrem Tisch herüber.
»Ich hoffe, meine Brüder haben Sie nicht belästigt, Mr Bagman?«, sagte Percy beflissen.
»Wie bitte? O nein, überhaupt nicht!«, sagte Bagman. »Nein, sie haben mir nur ein wenig mehr über ihre falschen Zauberstäbe erzählt. Ob ich nicht einen Rat wüsste, wie sie zu vermarkten wären. Ich hab versprochen, sie mit ein paar Geschäftsfreunden von mir in Zonkos Zauberscherzladen bekannt zu machen …«
Percy schien keineswegs begeistert, und Harry hätte wetten können, dass er es Mrs Weasley verraten würde, sobald er heimkam. Offenbar hatten Fred und George in letzter Zeit recht ehrgeizige Pläne entwickelt, wenn sie jetzt schon vorhatten, ihre Zauberstäbe zu verkaufen.
Bagman öffnete den Mund, um Harry etwas zu fragen, doch Percy unterbrach ihn. »Wie, finden Sie, läuft das Turnier, Mr Bagman? Unsere Abteilung jedenfalls ist recht zufrieden – natürlich war diese kleine Panne mit dem Feuerkelch« – er warf Harry einen Blick zu – »ein wenig bedauerlich, doch bisher scheint doch alles glatt zu laufen, meinen Sie nicht auch?«
»O ja«, sagte Bagman vergnügt, »war alles ein Riesenspaß. Wie geht’s dem guten Barty? Ein Jammer, dass er nicht kommen konnte.«
»Oh, ich bin sicher, Mr Crouch wird im Nu wieder auf den Beinen sein«, sagte Percy mit wichtiger Miene, »doch bis dahin bin ich natürlich gern bereit, für ihn einzuspringen. Selbstverständlich geht es nicht darum, sich auf Bällen rumzutreiben« – er lachte überheblich – »o nein, ganz im Gegenteil. Ich muss mich ja um alles kümmern, was während seiner Abwesenheit so anfällt – Sie haben doch gehört, dass man Ali Bashir festgesetzt hat, weil er eine Sendung fliegender Teppiche ins Land schmuggeln wollte? Und dann versuchen wir die Transsilvanier davon zu überzeugen, endlich das Internationale Duellverbotsabkommen zu unterzeichnen. Zu Jahresbeginn hab ich ein Treffen mit ihrem Abteilungsleiter für magische Zusammenarbeit –«
»Lass uns kurz mal frische Luft schnappen«, murmelte Ron Harry zu, »damit wir Percy loswerden …«
Unter dem Vorwand, Getränke holen zu gehen, standen sie auf und drängelten sich an der Tanzfläche entlang hinaus in die Eingangshalle. Das Portal stand offen, und die flatternden Lichterfeen im Rosengarten zwinkerten und funkelten, als sie die Vortreppe hinuntergingen. Unten ging es auf von Büschen eingefassten Pfaden weiter, die sich in kunstvollen Windungen an großen steinernen Statuen entlang dahinschlängelten. Harry konnte Wasser plätschern hören und es klang wie ein Brunnen. Sie folgten einem der gewundenen, von Rosenbüschen bestandenen Wege, waren allerdings noch nicht weit gekommen, als sie eine unangenehm vertraute Stimme hörten.
»… verstehe nicht, was es da noch zu reden gibt, Igor.«
»Severus, du kannst nicht so tun, als würde das nicht passieren!« Karkaroffs Stimme klang besorgt und gedämpft, als wollte er auf keinen Fall belauscht werden. »Das wird doch schon seit Monaten immer deutlicher, ich mach mir allmählich ernsthaft Sorgen, das muss ich zugeben –«
»Dann flieh«, entgegnete Snape barsch. »Flieh, ich werde eine Ausrede für dich finden. Ich jedoch bleibe in Hogwarts.«
Snape und Karkaroff bogen um eine Hecke. Snape hatte seinen Zauberstab gezückt und zerfledderte mit äußerst miesepetriger Miene die Rosenbüsche am Wegrand in tausend Stücke. Aus den Büschen drangen Schreie und dunkle Schatten stürzten hervor.
»Zehn Punkte Abzug für Hufflepuff, Fawcett!«, raunzte Snape ein Mädchen an, das an ihm vorbeirannte. »Und auch zehn Punkte minus für Ravenclaw, Stebbins!«, als ein Junge ihr nachstürmte. »Und was tut ihr zwei hier?«, fügte er hinzu, als er Harry und Ron ein Stück vor sich auf dem Pfad erkannte.
Karkaroff, fiel Harry auf, schien bei ihrem Anblick beinahe die Fassung zu verlieren. Seine Hand fuhr nervös zum Spitzbart und er zwirbelte ihn um den Finger.
»Wir gehen spazieren«, antwortete Ron knapp. »Nicht verboten, oder?«
»Dann geht gefälligst schnell weiter!«, raunzte Snape und rauschte mit gebauschtem schwarzem Umhang an ihnen vorbei. Karkaroff folgte ihm hastig. Harry und Ron gingen weiter den Pfad entlang.
»Wovor fürchtet sich Karkaroff wohl?«, murmelte Ron.
»Und seit wann duzen sich er und Snape?«, sagte Harry langsam.
Sie waren jetzt bei einem großen steinernen Rentier angelangt, über dem sie die hohen Fontänen eines Springbrunnens funkeln sahen. Auf einer Steinbank waren die schattenhaften Umrisse zweier riesiger Menschen zu erkennen und offenbar sahen sie im Mondlicht dem Tanz der Fontänen zu.
Dann hörte Harry Hagrid sprechen.
»Ich hab Sie nur einmal ansehn brauchen, da wusst ich’s«, sagte er mit seltsam rauer Stimme.
Harry und Ron erstarrten. Das klang irgendwie nicht danach, als sollten sie dazwischenplatzen … Harry blickte sich um und sah Fleur Delacour und Roger Davies ganz in der Nähe, halb verdeckt in einem Rosenbusch. Er tippte Ron auf die Schulter und nickte zu den beiden hinüber, um ihm zu bedeuten, dass sie auf diesem Weg leicht unbemerkt entkommen konnten (denn Fleur und Davies kamen Harry sehr beschäftigt vor). Doch Rons Augen weiteten sich vor Schreck beim Anblick von Fleur, er schüttelte heftig den Kopf und zog Harry tief in die Schatten hinter dem Rentier.
»Was ’aben Sie gewusst, ’Agrid?«, sagte Madame Maxime mit einem deutlichen Schnurren in ihrer leisen Stimme.
Hier wollte Harry ganz bestimmt nicht zuhören; er wusste, Hagrid wäre es peinlich, in dieser Situation belauscht zu werden (ihm selbst würde es sicher so gehen) – und wenn es möglich gewesen wäre, hätte Harry sich Finger in die Ohren gesteckt und laut gesummt, doch das ging nun wirklich nicht. Stattdessen versuchte er sich für einen Käfer zu begeistern, der über den Rücken des steinernen Rentiers krabbelte, doch er war einfach nicht interessant genug, um Hagrids nächste Worte untergehen zu lassen.
»Ich wusst es gleich … Sie sind wie ich … war’s die Mutter oder der Vater?«
»Isch – isch weiß nischt, was Sie meinen, ’Agrid …«
»Bei mir war’s die Mutter«, sagte Hagrid leise. »Sie war eine der Letzten in Britannien. Natürlich kann ich mich nich mehr gut an sie erinnern … sie ist fortgegangen. Als ich ungefähr drei war. War nich so der mütterliche Typ. Tja … liegt eben nich in ihrer Natur, nich. Keine Ahnung, was aus ihr geworden ist … vielleicht ist sie gestorben …«
Madame Maxime sagte kein Wort. Harry konnte der Verlockung nicht widerstehen, wandte den Blick von dem Käfer ab und spähte mit gespitzten Ohren über das Geweih des Rentiers zu den beiden hinüber … noch nie hatte er Hagrid über seine Kindheit sprechen gehört.
»Dass sie fortging, hat meinem Dad das Herz gebrochen. Winziger kleiner Kerl, mein Dad. Als ich sechs war, konnte ich ihn hochheben und ihn auf den Küchenschrank setzen, wenn er mich geärgert hat. Dann hat er immer gelacht …« Hagrids tiefe Stimme brach ab. Madame Maxime lauschte ihm reglos, ihr Blick schien auf den silbrigen Fontänen zu ruhen. »Dad hat mich großgezogen … aber dann ist er natürlich gestorben, gerade als ich in die Schule gekommen bin. Danach musste ich mich mehr schlecht als recht selbst durchschlagen. Dumbledore hat mir wirklich geholfen. War sehr freundlich zu mir, muss ich sagen …«
Hagrid zog ein großes, gepunktetes seidenes Taschentuch hervor und schnäuzte sich markerschütternd. »Tja … wie auch immer … das war’s von mir. Und wie steht’s mit Ihnen? Von wem haben Sie’s?«
Doch Madame Maxime war plötzlich aufgestanden.
»Mir ist kalt«, sagte sie. Doch so kalt es hier draußen auch immer war, es war nicht annähernd so eisig wie ihre Stimme. »Isch möschte wieder reinge’en.«
»Was?«, sagte Hagrid verdutzt. »Nein, gehen Sie nicht! Ich – ich hab noch nie eine andere getroffen!«
»Eine andere was denn genau?«, fragte Madame Maxime kalt.
Harry hätte Hagrid am liebsten gesagt, er solle jetzt bloß den Mund halten. Da stand er im Schatten verborgen, biss die Zähne zusammen und hoffte auf das Unmögliche – doch es hatte keinen Zweck.
»Eine zweite Halbriesin natürlich«, sagte Hagrid.
»Wie können Sie es wagen!«, kreischte Madame Maxime. Ihre Stimme gellte wie ein Nebelhorn durch die friedliche Nacht; Harry hörte, wie Fleur und Roger hinter ihm aus ihrem Rosenbusch stürzten. »Man ’at misch nie im Leben dermaßen beleidigt! ’albriese? Moi? Isch ’abe – isch ’abe große Knochen!«
Sie stürmte davon; große, vielfarbene Feenschwärme flatterten auf, als sie sich wütend durch die Büsche schlug. Hagrid saß immer noch auf der Bank und starrte ihr nach. Es war viel zu dunkel, um sein Gesicht sehen zu können. Dann, nach etwa einer Minute, stand er auf und schritt davon, nicht zurück zum Schloss, sondern hinaus auf das dunkle Land und hinüber zu seiner Hütte.
»Komm«, sagte Harry sehr leise zu Ron. »Gehen wir …«
Doch Ron rührte sich nicht.
»Was ist los?«, fragte Harry und sah ihn an.
Ron wandte sich mit todernster Miene Harry zu.
»Hast du das gewusst?«, wisperte er. »Dass Hagrid ein Halbriese ist?«
»Nein«, sagte Harry achselzuckend. »Na und?«
Ron sah ihn an, und Harry wusste sofort, dass er wieder einmal seine Unwissenheit über die Zaubererwelt kundgetan hatte. Er war bei den Dursleys aufgewachsen, und daher war vieles, was die Zauberer für selbstverständlich hielten, überraschend neu für Harry. Im Laufe seiner Schulzeit hatte er immer weniger von diesen Schnitzern begangen, nun jedoch spürte er, dass die meisten Zauberer nicht »na und?« sagen würden, wenn sie herausfänden, dass einer ihrer Freunde ein Halbriese war.
»Ich erklär’s dir drin«, sagte Ron leise. »Komm mit …«
Fleur und Roger Davies waren verschwunden, vermutlich weiter ins Buschwerk hinein, wo sie ungestört sein konnten. Harry und Ron kehrten in die Große Halle zurück. Parvati und Padma saßen nun an einem Tisch im Hintergrund, umgeben von einer ganzen Traube von Beauxbatons-Jungen, und Hermine tanzte schon wieder mit Krum. Harry und Ron setzten sich an einen Tisch in sicherer Entfernung von der Tanzfläche.
»Also?«, bohrte Harry nach. »Was soll denn schon sein mit den Riesen?«
»Also, sie sind … sie sind …«, Ron rang nach Worten, »nicht besonders nett«, endete er lahm.
»Wen stört das?«, sagte Harry. »Hagrid ist doch völlig in Ordnung!«
»Das weiß ich auch, aber … verdammt noch mal, kein Wunder, dass er den Mund hält«, sagte Ron kopfschüttelnd. »Ich dachte immer, er sei als Kind in einen vermasselten Schwellzauber reingestolpert oder etwas in der Art. Hatte keine Lust, darüber zu sprechen …«
»Aber was ist denn schon dabei, wenn seine Mutter eine Riesin ist?«, fragte Harry.
»Na ja … keiner, der ihn kennt, wird sich darum scheren, weil wir wissen, dass er nicht gefährlich ist«, sagte Ron langsam. »Aber … Harry, die Riesen sind nun einmal bösartig. Wie Hagrid selbst gesagt hat, es liegt in ihrer Natur, sie sind wie Trolle … sie mögen einfach töten, das weiß jeder. Aber in Großbritannien gibt es keine mehr.«
»Was ist mit ihnen passiert?«
»Sie waren ohnehin am Aussterben und dann haben die Auroren viele von ihnen umgebracht. In anderen Ländern soll es aber noch Riesen geben … sie leben meist versteckt in den Bergen …«
»Ich weiß nicht, wen die Maxime eigentlich täuschen will«, sagte Harry und sah hinüber zu ihr, die allein und mit sehr betrübter Miene am Richtertisch saß. »Wenn Hagrid ein Halbriese ist, dann ist sie es eindeutig auch. Von wegen große Knochen … das Einzige, was größere Knochen hat als sie, ist ein Dinosaurier.«
Harry und Ron verbrachten den restlichen Ballabend damit, in einer Ecke zu sitzen und über Riesen zu fachsimpeln; keiner von beiden hatte Lust zu tanzen. Harry mied möglichst jeden Blick auf Cho und Cedric, und wenn er sie dann doch sah, hätte er am liebsten gegen das Tischbein getreten.
Als die Schwestern des Schicksals um Mitternacht zu spielen aufhörten, bekamen sie von allen noch eine letzte Runde Applaus, dann tröpfelten die Gäste allmählich hinaus in die Eingangshalle. Viele sagten, am liebsten hätten sie weitergefeiert, doch Harry war es nur recht, dass er endlich zu Bett gehen konnte; was ihn anging, war der Abend nicht besonders lustig gewesen.
Draußen in der Eingangshalle sahen Harry und Ron, wie Hermine Krum, der auf dem Weg zurück zum Durmstrang-Schiff war, gute Nacht wünschte. Sie versetzte Ron einen sehr kühlen Blick und rauschte ohne ein Wort an ihm vorbei und die Marmortreppe hoch. Harry und Ron folgten ihr, doch auf halber Treppe hörte Harry, wie ihn jemand rief.
»Hey – Harry!«
Es war Cedric Diggory. Harry sah, dass Cho unten in der Halle auf ihn wartete.
»Ja?«, sagte Harry kurz und Cedric kam zu ihm hochgestürmt.
Er sah ganz so aus, als wollte er vor Ron lieber nicht den Mund aufmachen. Ron zuckte die Achseln, schaute genervt und ging weiter die Treppe hinauf.
»Hör mal …«, sagte Cedric mit gedämpfter Stimme, als Ron verschwunden war. »Ich schulde dir ’nen Gefallen für diese Drachengeschichte. Was ist mit deinem goldenen Ei? Jammert es auch, wenn du es aufmachst?«
»Ja«, sagte Harry.
»Nun … nimm ein Bad, verstanden?«
»Was?«
»Nimm ein Bad und – ähm – nimm das Ei mit und – hmh – denk im heißen Wasser einfach mal drüber nach. Das wird dir helfen … glaub mir.«
Harry starrte ihn an.
»Und noch was«, sagte Cedric. »Nimm das Badezimmer der Vertrauensschüler. Im fünften Stock, vierte Tür links von dieser Statue von Boris dem Bekloppten. Das Passwort ist Pinienfrisch. Muss mich jetzt sputen – will ihr noch gute Nacht sagen –«
Er grinste Harry zu und stürzte hastig zum Fuß der Treppe hinunter, wo Cho auf ihn wartete.
Harry stieg allein hoch in den Gryffindor-Turm. Das war ein äußerst merkwürdiger Ratschlag. Warum sollte ihm ein Bad helfen, herauszufinden, was es mit diesem kreischenden Ei auf sich hatte? Wollte Cedric ihn verulken? Versuchte er, Harry wie einen Dummkopf dastehen zu lassen, um bei Cho noch besser abzuschneiden?
Die fette Dame und ihre Freundin Vi dösten in ihrem Bild über dem Porträtloch. Harry musste »Lichterfeen!« schreien, damit sie endlich aufwachten, und dann waren sie auch noch höchst verärgert. Er kletterte in den Gemeinschaftsraum und geriet mitten in einen heißen Streit zwischen Ron und Hermine. Sie standen drei Meter voneinander entfernt und brüllten sich mit scharlachroten Gesichtern an.
»Na schön, wenn du es nicht leiden kannst, dann weißt du ja, was du zu tun hast, oder?«, schrie Hermine; ihr Haar löste sich allmählich aus dem eleganten Knoten und ihr Gesicht war wutverzerrt.
»Ach ja?«, schrie Ron zurück. »Was denn bitte?«
»Wenn das nächste Mal ein Ball ist, dann frag mich doch gleich, und nicht als letzte Rettung!«
Ron mümmelte stumme Worte wie ein Goldfisch und Hermine wandte sich auf dem Absatz um und stürmte die Treppe hoch in ihren Schlafsaal.
Ron schien wie vom Blitz getroffen. »Pff«, prustete er, »tss – das zeigt doch, dass sie überhaupt nicht begriffen hat, worum es ging –«
Harry sagte nichts dazu. Es gefiel ihm einfach zu gut, wieder mit Ron reden zu können, als dass er ihm seine Meinung hätte sagen können – doch er konnte den Gedanken nicht abschütteln, dass Hermine viel besser als Ron begriffen hatte, worum es ging.
Rita Kimmkorns Riesenknüller
Am zweiten Weihnachtstag standen alle spät auf. Im Gemeinschaftsraum der Gryffindors war es so ruhig wie schon lange nicht mehr und viel Gegähne durchzog die lahmen Unterhaltungen. Hermine hatte nun wieder buschiges Haar; Harry gestand sie, dass sie vor dem Ball Riesenmengen Seidenglatts Haargel genommen hatte, »aber für jeden Tag wär mir das entschieden zu viel Aufwand«, sagte sie nüchtern und kraulte Krummbein hinter den Ohren.
Ron und Hermine schienen stillschweigend übereingekommen zu sein, ihren Streit zu begraben. Sie gingen betont freundlich miteinander um, allerdings merkwürdig steif. Ron und Harry warteten nicht lange, bis sie Hermine von dem Gespräch zwischen Madame Maxime und Hagrid erzählten, das sie belauscht hatten. Doch Hermine schien die Neuigkeit, dass Hagrid ein Halbriese war, nicht annähernd so schockierend zu finden wie Ron.
»Nun ja, ich hab’s mir schon gedacht«, sagte sie achselzuckend. »Ich wusste, dass er kein ausgewachsener Riese sein kann, denn die sind ja um die sieben Meter groß. Aber ehrlich gesagt, was soll diese ganze Aufregung um die Riesen. Sie können doch nicht alle schrecklich sein … gegen die Werwölfe gibt es genau dieselben Vorurteile … die Leute sind einfach viel zu engstirnig!«
Ron sah aus, als ob er ihr am liebsten höhnisch über den Mund gefahren wäre, doch vielleicht wollte er nicht schon wieder Streit anfangen, denn er beschränkte sich darauf, ungläubig den Kopf zu schütteln, als Hermine gerade woanders hinsah.
Es wurde allmählich Zeit, an die Hausaufgaben zu denken, die sie in der ersten Ferienwoche vernachlässigt hatten. Jetzt, da Weihnachten vorbei war, schienen alle ein wenig matt und lahm – alle außer Harry, der (wieder mal) ziemlich nervös wurde.
Das Problem war, dass der vierundzwanzigste Februar mit Weihnachten im Rücken viel näher gekommen zu sein schien, und noch immer hatte er nichts unternommen, um das Rätsel des goldenen Eis zu lösen. So fing er an, das Ei jedes Mal, wenn er in den Schlafsaal ging, aus dem Koffer zu holen, es zu öffnen und ihm aufmerksam zu lauschen, immer in der Hoffnung, es würde ihm endlich ein Licht aufgehen. Er zermarterte sich den Kopf darüber, woran ihn der Lärm erinnerte, aber einmal abgesehen von dreißig Musiksägen hatte er so etwas noch nie gehört. Er schloss das Ei, schüttelte es energisch und öffnete es wieder, um zu hören, ob sich der Ton verändert hatte, doch nein. Er versuchte, gegen das Wehklagen anbrüllend, dem Ei Fragen zu stellen, doch nichts geschah. Er warf das Ei sogar durch den Saal, doch es brachte nichts, und eigentlich hatte er auch nicht daran geglaubt.
Harry hatte den Hinweis von Cedric nicht vergessen, aber da er im Augenblick nicht allzu freundschaftliche Gefühle für Cedric hegte, wollte er möglichst ohne seine Hilfe auskommen. Und wenn Cedric ihm wirklich einen heißen Tipp hätte geben wollen, dann hätte er mehr mit der Sprache rausrücken müssen. Er selbst hatte Cedric genau gesagt, was bei der ersten Aufgabe drankam, aber Cedrics Vorstellung von einem fairen Tausch war wohl, ihm zu sagen, er solle ein Bad nehmen. Nein, solche Krücken brauchte er nicht – und schon gar nicht von jemandem, der mit Cho Händchen haltend durch die Schule spazierte. Und so kam der erste Tag nach den Ferien, Harry ging wie immer beladen mit Büchern, Pergamenten und Federn zum Unterricht, doch das Ei lag ihm so schwer im Magen, als ob er es ständig mit sich herumtragen würde.
Noch immer lag hoher Schnee, und die Fenster des Gewächshauses waren so dicht beschlagen, dass sie in Kräuterkunde nicht einmal nach draußen sehen konnten. Bei so einem Wetter freute sich niemand auf Pflege magischer Geschöpfe, obwohl Ron meinte, die Kröter würden ihnen sicher ganz schön einheizen, denn entweder würden sie hinter ihnen herjagen, oder sie würden so stark explodieren, dass Hagrids Hütte Feuer fing.
Drüben vor der Hütte sahen sie jedoch nur eine ältere Hexe mit kurz geschorenem grauem Haar und einem energisch spitzen Kinn vor der Tür stehen.
»Nun beeilt euch mal, es hat schon vor fünf Minuten geläutet«, blaffte sie die Klasse an, die durch den Schnee auf sie zustapfte.
»Wer sind Sie?«, fragte Ron und starrte sie an. »Wo ist Hagrid?«
»Mein Name ist Professor Raue-Pritsche«, sagte sie barsch, »ich bin eure Vertretung in Pflege magischer Geschöpfe.«
»Wo ist Hagrid?«, wiederholte Harry laut.
»Er fühlt sich nicht wohl«, sagte Professor Raue-Pritsche knapp.
Leises, unangenehmes Lachen drang an Harrys Ohren. Er wandte sich um; Draco Malfoy und die anderen Slytherins waren hinzugestoßen. Ihnen allen stand die Schadenfreude ins Gesicht geschrieben, und keiner schien überrascht, Professor Raue-Pritsche hier zu sehen.
»Hier lang, bitte«, sagte Professor Raue-Pritsche und ging mit schnellen Schritten an der Koppel entlang, auf der die riesigen Beauxbatons-Pferde zitterten.
Harry, Ron und Hermine folgten ihr und warfen hin und wieder Blicke über die Schulter zu Hagrids Hütte. Alle Vorhänge waren zugezogen. War Hagrid dort drin, krank und allein?
»Was fehlt Hagrid denn?«, fragte Harry und beeilte sich, mit Professor Raue-Pritsche Schritt zu halten.
»Das geht dich nichts an«, sagte sie, als hielte sie ihn für einen naseweisen Bengel.
»Tut es allerdings«, sagte Harry gereizt. »Was ist los mit ihm?«
Professor Raue-Pritsche tat so, als ob sie ihn nicht hören würde. Sie führte sie an der Koppel vorbei, wo sich die Beauxbatons-Pferde jetzt zum Schutz gegen die Kälte aneinandergeschmiegt hatten, und auf einen Baum am Waldrand zu. An den Baum gebunden war ein großes, schönes Einhorn. Viele Mädchen »uuuhten« bei diesem Anblick.
»Oooh, ist es nicht wunderschön?«, flüsterte Lavender Brown. »Wie hat sie es gefangen? Das soll ja unglaublich schwer sein!«
Das Einhorn war so gleißend weiß, dass der Schnee um es herum grau schien. Es stampfte nervös mit seinen goldenen Hufen und warf seinen gehörnten Kopf zurück.
»Jungen zurückbleiben!«, bellte Professor Raue-Pritsche und ihr ausgestreckter Arm traf Harry hart an der Brust. »Sie ziehen die Hand einer Frau vor, diese Einhörner. Mädchen nach vorn, und vorsichtig annähern. Kommt schon, ganz locker bleiben …«
Sie ging mit den Mädchen langsam auf das Einhorn zu, während die Jungen am Koppelzaun stehen blieben und zusahen.
Sobald Professor Raue-Pritsche außer Hörweite war, drehte sich Harry zu Ron um. »Was, meinst du, ist los mit ihm? Hat ihn vielleicht ein Kröter –?«
»Oh, er wurde nicht angegriffen, Potter, wenn du das meinst«, sagte Malfoy leise. »Nein, er schämt sich nur zu sehr, sein großes hässliches Gesicht zu zeigen.«
»Was meinst du damit?«, fragte Harry scharf.
Malfoy steckte die Hand in den Umhang und zog eine zusammengefaltete Zeitungsseite heraus.
»Hier, lies«, sagte er. »Tut mir ja unendlich leid, dass du es erfahren musst, Potter …«
Er grinste höhnisch, während Harry ihm das Zeitungsblatt aus der Hand riss, es auffaltete und zusammen mit Ron, Seamus, Dean und Neville, die ihm über die Schulter lugten, durchlas. Es war ein Artikel mit einem Bild von Hagrid, auf dem er äußerst verschlagen aussah.
Dumbledores Riesenfehler
Albus Dumbledore, der exzentrische Direktor von Hogwarts, der Schule für Zauberei und Hexerei, hat sich noch nie gescheut, Stellen mit umstrittenen Personen zu besetzen. Im September dieses Jahres stellte er Alastor »Mad-Eye« Moody ein, den berüchtigten, schockzauberfreudigen Ex-Auroren, und zwar als Lehrer zur Verteidigung gegen die dunklen Künste. Diese Entscheidung hat im Zaubereiministerium einiges Kopfschütteln ausgelöst, da Moody durchaus bekannt dafür ist, dass er gewohnheitsmäßig jeden angreift, der in seinem Umkreis auch nur eine plötzliche Bewegung macht. Mad-Eye Moody jedoch kommt einem ganz vernünftig und freundlich vor, wenn man ihn mit dem Halbmenschen vergleicht, den Dumbledore Pflege magischer Geschöpfe unterrichten lässt.
Rubeus Hagrid, der zugibt, dass er in seinem dritten Schuljahr von Hogwarts geflogen ist, hat seither die Stelle eines Wildhüters an der Schule inne, eine Arbeit, die ihm Dumbledore besorgt hat. Letztes Jahr allerdings hat Hagrid seinen unheilvollen Einfluss auf Dumbledore dazu eingesetzt, sich zusätzlich die Stelle eines Lehrers für die Pflege magischer Geschöpfe unter den Nagel zu reißen, ohne Rücksicht auf viele besser ausgebildete Kandidaten.
Hagrid, ein beängstigend großer und wild aussehender Mann, nutzt seitdem seine neu gewonnene Autorität, um die ihm anvertrauten Schüler mit einer Reihe grauenhafter Kreaturen in Angst und Schrecken zu versetzen. Während Dumbledore beide Augen zudrückte, hat Hagrid in einigen seiner Unterrichtsstunden, die viele als »sehr beängstigend« beschreiben, dafür gesorgt, dass mehrere Schüler schwer verletzt wurden.
»Ich wurde von einem Hippogreif angegriffen und mein Freund Vincent Crabbe ist von einem Flubberwurm ganz schlimm gebissen worden«, berichtet der Viertklässler Draco Malfoy. »Wir alle hassen Hagrid, aber wir haben zu viel Angst, um etwas zu sagen.«
Hagrid hat freilich nicht die Absicht, seine Einschüchterungskampagne zu beenden. Im Gespräch mit einer Reporterin des Tagespropheten gab er letzten Monat zu, dass er Geschöpfe gezüchtet habe, die er »Knallrümpfige Kröter« nennt, eine höchst gefährliche Kreuzung zwischen Mantikor und Feuerkrabbe. Die Züchtung neuer Kreuzungen magischer Geschöpfe steht natürlich unter der strengen Kontrolle der Abteilung zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe. Hagrid jedoch scheint sich über solch kleinliche Beschränkungen erhaben zu fühlen.
»Es hat mir einfach Spaß gemacht«, sagte er, um dann hastig das Thema zu wechseln.
Als ob dies nicht genug wäre, hat der Tagesprophet inzwischen Beweise dafür gefunden, dass Hagrid kein – wie er immer vorgab – reinblütiger Zauberer ist. Er ist in Wahrheit nicht einmal ganz Mensch. Seine Mutter, so können wir jetzt exklusiv berichten, ist keine andere als die Riesin Fridwulfa, deren Aufenthalt gegenwärtig unbekannt ist.
Blutrünstig und gewalttätig, wie sie sind, brachten sich die Riesen im Laufe des vergangenen Jahrhunderts durch Kriege untereinander selbst an den Rand des Aussterbens. Die wenigen, die übrig geblieben waren, schlossen sich den Reihen von Du-weißt-schon-wem an und verübten während seiner Schreckensherrschaft einige der bestialischsten Massenmorde an Muggeln. Zwar wurden viele Riesen, die Du-weißt-schon-wem dienten, von Auroren im Kampf gegen die dunklen Kräfte getötet, doch Fridwulfa entkam. Es ist möglich, dass sie Zuflucht in einem der Riesen-Dörfer gefunden hat, die es in Bergregionen anderer Länder noch immer gibt. Nach seinem Gebaren als Lehrer für die Pflege magischer Geschöpfe zu schließen, hat Fridwulfas Sohn jedoch offensichtlich ihr gewalttätiges Wesen geerbt.
Eine makabre Seite dieser Geschichte ist nun, dass Hagrid, wie zu hören ist, eine enge Freundschaft zu dem Jungen aufgebaut hat, der den Sturz des Unnennbaren herbeiführte – und damit Hagrids Mutter und die übrig gebliebenen Anhänger des Unnennbaren in den Untergrund getrieben hat. Vielleicht kennt Harry Potter die unangenehme Wahrheit über seinen großen Freund gar nicht – doch Albus Dumbledore hat gewiss die Pflicht, dafür zu sorgen, dass Harry Potter und seine Mitschüler vor den Gefahren, die ihnen beim Umgang mit Halbriesen drohen, gewarnt werden.
Rita Kimmkorn
Als Harry zu Ende gelesen hatte, blickte er zu Ron auf, dessen Mund offen stand.
»Wie hat sie das rausgefunden?«, wisperte er.
Das war es allerdings nicht, was Harry umtrieb.
»Was soll das heißen, ›Wir alle hassen Hagrid‹?«, blaffte er Malfoy an. »Was soll der Mist, von wegen der hier« – und er deutete auf Crabbe – »hätte einen üblen Biss von einem Flubberwurm abbekommen? Die haben doch nicht mal Zähne!«
Crabbe kicherte, offenbar höchst zufrieden mit sich.
»Tja, ich vermute mal, das wird die Lehrerlaufbahn dieses Idioten beenden«, sagte Malfoy mit fiebrigen Augen. »Halbriese … und ich hab doch tatsächlich geglaubt, er hätte als Kind ’ne ganze Flasche Skele-Wachs ausgetrunken … die Mamis und Papis werden das überhaupt nicht gerne hören … Sie werden Angst bekommen, dass er ihre Kleinen frisst, har, har …«
»Du –«
»Hört ihr da drüben eigentlich zu?«
Professor Raue-Pritsches Stimme wehte zu den Jungen herüber. Die Mädchen standen eng um das Einhorn gedrängt und streichelten es. Harry war so zornig, dass die Seite aus dem Tagespropheten in seiner Hand zitterte, als er sich umdrehte und mit leerem Blick hinüber zu dem Einhorn starrte, dessen magische Eigenschaften Professor Raue-Pritsche jetzt mit lauter Stimme aufzählte, damit auch die Jungen etwas mitbekamen.
»Ich kann nur hoffen, dass diese Frau bleibt!«, sagte Parvati Patil nach dem Ende der Stunde, als sie zum Mittagessen ins Schloss zurückgingen. »Genau so hab ich mir Pflege magischer Geschöpfe immer vorgestellt … richtige Tiere wie dieses Einhorn, keine Monster …«
»Und was ist mit Hagrid?«, sagte Harry wütend, als sie die Treppe hochgingen.
»Was soll mit ihm sein?«, sagte Parvati mit harter Stimme. »Er kann doch immer noch den Wildhüter machen, oder?«
Seit dem Ball war Parvati gegenüber Harry ziemlich kühl. Ihm war klar, dass er ihr vielleicht ein wenig mehr Aufmerksamkeit hätte schenken sollen, doch sie schien sich trotz allem gut amüsiert zu haben. Jedenfalls erzählte sie allen, die es hören wollten, dass sie sich für den nächsten Wochenendausflug nach Hogsmeade mit dem Jungen von Beauxbatons verabredet hatte.
»Das war nun wirklich mal eine gute Unterrichtsstunde«, sagte Hermine, als sie die Große Halle betraten. »Ich hätte nicht mal die Hälfte von dem gewusst, was uns Professor Raue-Pritsche über Ein–«
»Schau dir das an!«, knurrte Harry und hielt ihr den Artikel des Tagespropheten unter die Nase.
Hermine ging beim Lesen langsam der Mund auf. Sie reagierte genau wie Ron. »Wie hat diese fürchterliche Kimmkorn das rausbekommen? Du glaubst doch nicht, Hagrid selbst hat es ihr erzählt?«
»Nein«, sagte Harry, ging voraus zum Gryffindor-Tisch und ließ sich zornig auf einen Stuhl fallen. »Er hat es doch nicht mal uns erzählt, oder? Ich schätze, sie war sauer, weil er ihr keine Horrorgeschichten über mich erzählt hat, und hat dann rumgeschnüffelt, um es ihm heimzuzahlen.«
»Vielleicht hat sie gehört, wie er es am Ballabend Madame Maxime erzählt hat«, sagte Hermine leise.
»Dann hätten wir sie draußen im Garten sehen müssen!«, sagte Ron. »Außerdem darf sie sich in der Schule ja gar nicht mehr blicken lassen, Hagrid meinte, Dumbledore hätte ihr Hausverbot erteilt …«
»Vielleicht hat sie einen Tarnumhang«, sagte Harry und schöpfte sich so wütend Hühnerfrikassee auf den Teller, dass er es nach allen Seiten verspritzte.
»Das sieht ihr ähnlich, sich in Büschen zu verstecken und Leute zu belauschen.«
»Wie du und Ron, willst du sagen«, entgegnete Hermine.
»Wir wollten ihn ja gar nicht belauschen!«, sagte Ron entrüstet. »Wir hatten keine andere Wahl! Der Trottel plaudert über seine Riesenmutter, wo ihn doch jeder hätte hören können!«
»Wir müssen zu ihm und sehen, wie es ihm geht«, sagte Harry. »Heute Abend, nach Wahrsagen. Ihm sagen, dass wir ihn wiederhaben wollen … Du willst ihn doch auch wieder?«, fragte er mit wütendem Blick zu Hermine gewandt.
»Ich – nun ja, ich will nicht so tun, als wär es keine schöne Abwechslung gewesen, mal eine richtige Stunde Pflege magischer Geschöpfe –« Unter Harrys wütendem Blick gab sie jedoch klein bei und setzte rasch hinzu: »– aber natürlich will ich Hagrid wiederhaben!«
Und so gingen die drei nach dem Abendessen noch einmal aus dem Schloss und über den gefrorenen Abhang hinunter zu Hagrids Hütte. Sie klopften und Fang antwortete mit freudigem Gebelle.
»Hagrid, wir sind’s!«, rief Harry und trommelte gegen die Tür. »Mach auf!«
Er gab keine Antwort. Sie hörten Fang an der Tür kratzen und winseln, doch Hagrid machte nicht auf. Zehn Minuten lang hämmerten sie gegen die Tür; Ron ging sogar um die Ecke und klopfte an ein Fenster, aber nichts rührte sich.
»Warum will er uns nicht sehen?«, fragte Hermine, als sie schließlich aufgegeben hatten und zurück zum Schloss gingen. »Er denkt doch nicht etwa, es würde uns was ausmachen, dass er ein Halbriese ist?«
Doch es hatte ganz den Anschein, als würde es Hagrid selbst etwas ausmachen. Die ganze Woche war keine Spur von ihm zu sehen. Er erschien nicht zum Essen am Lehrertisch, er ging offenbar auch nicht seinen Pflichten als Wildhüter auf den Ländereien nach, und Pflege magischer Geschöpfe hatten sie auch weiterhin bei Professor Raue-Pritsche. Malfoy feixte bei jeder sich bietenden Gelegenheit.
»Sehnst dich wohl nach deinem Mischlingskumpel?«, wisperte er ständig Harry zu, wenn ein Lehrer in der Nähe war, um vor Harrys Vergeltung sicher zu sein. »Sehnst dich nach dem Elefantenmenschen?«
Mitte Januar war wieder ein Besuch in Hogsmeade angesagt. Hermine war sehr überrascht, dass Harry mitkommen wollte.
»Ich dachte eigentlich, du würdest die Gelegenheit vernünftig nutzen, wo es doch im Gemeinschaftsraum ausnahmsweise mal ruhig ist«, sagte sie. »Du musst dich endlich um dieses Ei kümmern.«
»Oh, ich – ich glaub, ich weiß schon ziemlich genau, um was es geht«, log Harry.
»Ach wirklich?«, sagte Hermine, offensichtlich beeindruckt. »Nicht schlecht!«
Harrys Eingeweide verkrampften sich schuldbewusst, doch er achtete nicht auf sie. Schließlich hatte er immer noch fünf Wochen, um die Sache mit dem Ei zu klären, und das reichte doch ewig … und wenn er nach Hogsmeade ging, würde er vielleicht zufällig Hagrid treffen und könnte ihn zur Rückkehr bewegen.
Am Samstag verließ er mit Ron und Hermine das Schloss und sie machten sich auf den Weg durch die nasskalten Wiesen hinüber zum Tor. Als sie am Durmstrang-Schiff vorbeikamen, das immer noch am Seeufer vertäut lag, sahen sie Viktor Krum mit nichts als einer Badehose bekleidet an Deck kommen. Er war sehr hager, doch offenbar viel zäher, als er aussah, denn er stieg auf die Reling des Schiffes, streckte die Arme vor und sprang kopfüber in den See.
»Er muss verrückt sein!«, sagte Harry und sah gebannt zu, wie Krums dunkler Schopf mitten im See wieder auftauchte. »Das Wasser muss eiskalt sein, wir haben doch Januar!«
»Da, wo er herkommt, ist es viel kälter«, sagte Hermine. »Ich schätze, für ihn fühlt es sich ziemlich warm an.«
»Jaah, aber da ist auch noch der Riesenkrake«, sagte Ron. Er klang nicht besorgt – wenn man genau hinhörte, klang er hoffnungsvoll. Hermine entging dieser Unterton nicht und sie runzelte die Stirn.
»Er ist wirklich nett, weißt du«, sagte sie. »Überhaupt nicht so, wie du denkst, nur weil er aus Durmstrang kommt. Hier gefällt es ihm viel besser, hat er mir gesagt.«
Ron sagte nichts. Seit dem Ball hatte er Viktor Krum nicht mehr erwähnt. Harry hatte jedoch am zweiten Feiertag unter seinem Bett einen kleinen Arm gefunden, der sehr danach aussah, als wäre er von einer kleinen Modellfigur mit bulgarischem Quidditch-Umhang abgerissen worden.
Harry hielt den ganzen Weg die matschige Hauptstraße entlang Ausschau nach einem Zeichen von Hagrid, und als er sich vergewissert hatte, dass Hagrid in keinem der Läden war, schlug er vor, einen kleinen Abstecher in die Drei Besen zu machen.
Der Pub war wie immer gut besucht, doch er brauchte den Blick nur kurz über die Tische schweifen zu lassen, um festzustellen, dass Hagrid nicht da war. Harry wurde schwer ums Herz und er ging mit Ron und Hermine zur Bar und bestellte bei Madam Rosmerta drei Butterbier. Trübselig ging ihm durch den Kopf, dass er vielleicht besser im Schloss geblieben wäre und dem Wehklagen des Eis gelauscht hätte.
»Geht der eigentlich nie ins Büro?«, flüsterte Hermine plötzlich. »Seht mal!«
Sie deutete auf den Spiegel hinter der Bar und im Spiegelbild sah Harry Ludo Bagman mit einer Schar Kobolde in einer dunklen Ecke sitzen. Bagman redete schnell und leise auf die Kobolde ein, die alle die Arme verschränkt hatten und recht bedrohlich aussahen.
Tatsächlich merkwürdig, dachte Harry, dass Bagman hier in den Drei Besen saß, an einem Wochenende ohne Turnier, wo er als Richter nicht benötigt wurde. Er beobachtete Bagman im Spiegel. Wieder wirkte er angespannt, nicht weniger als damals im nächtlichen Wald, bevor das Dunkle Mal erschienen war. Doch in diesem Moment warf Bagman einen Blick zur Bar, erkannte Harry und stand auf.
»Bin gleich wieder da, einen Moment nur!«, hörte ihn Harry barsch zu den Kobolden sagen, dann hastete Bagman durch den Pub auf Harry zu, nun wieder jungenhaft grinsend.
»Harry!«, sagte er. »Wie geht’s dir? Hatte gehofft, dich zu treffen! Läuft alles gut?«
»Ja, danke«, sagte Harry.
»Könnte ich dich vielleicht kurz unter vier Augen sprechen, Harry?«, drängte Bagman. »Ihr zwei würdet uns doch kurz mal allein lassen, nicht wahr?«
»Ähm – okay«, sagte Ron, und er und Hermine gingen davon, um einen freien Tisch zu suchen.
Bagman führte Harry ganz ans Ende der Bar, so weit wie möglich weg von Madam Rosmerta.
»Ich dachte, ich könnte dir noch mal zu deiner glänzenden Leistung gegen diesen Hornschwanz gratulieren, Harry«, sagte Bagman. »Wirklich hervorragend.«
»Danke«, sagte Harry, doch er wusste, das konnte nicht alles sein, was Bagman sagen wollte, denn er hätte ihm auch vor Ron und Hermine gratulieren können. Bagman schien es jedoch nicht allzu eilig zu haben, mit der Sprache rauszurücken. Harry bemerkte, wie er im Spiegel zu den Kobolden hinübersah, die ihn und Harry mit ihren dunklen, schrägen Augen beobachteten.
»Ein Alptraum, sag ich dir«, murmelte Bagman Harry zu, als er bemerkt hatte, dass auch Harry die Kobolde beobachtete. »Ihr Englisch ist nicht allzu gut … als ob ich mich wieder mit diesen Bulgaren bei der Weltmeisterschaft rumschlagen müsste … aber die haben wenigstens eine Zeichensprache benutzt, die ein normaler Mensch entziffern kann. Diese Bande da quasselt ständig in Koboldogack … und ich kenne nur ein Wort in Koboldogack. Bladwack. Das bedeutet ›Spitzhacke‹. Sag ich natürlich nicht, sonst meinen die noch, ich würde sie bedrohen.« Er lachte kurz und dröhnend auf.
»Was wollen die?«, fragte Harry, dem auffiel, dass die Kobolde Bagman immer noch scharf im Visier hatten.
»Ähm – nun ja …«, sagte Bagman und schien plötzlich nervös geworden. »Sie … ähm … sie suchen nach Barty Crouch.«
»Und warum ausgerechnet hier?«, sagte Harry. »Er ist doch in London im Ministerium?«
»Ähm … ehrlich gesagt, ich hab keine Ahnung, wo er steckt«, sagte Bagman. »Er hat gewissermaßen … aufgehört zu arbeiten. Taucht schon seit einigen Wochen nicht mehr auf. Der junge Percy, sein Assistent, behauptet, er sei krank. Offenbar hat er vor kurzem per Eulenpost Anweisungen geschickt. Aber das bleibt doch unter uns, Harry? Rita Kimmkorn schnüffelt nämlich immer noch überall rum, und ich wette, sie bläst Bartys Krankheit zu irgendeiner üblen Geschichte auf. Dann heißt es wahrscheinlich noch, er werde vermisst, wie Bertha Jorkins.«
»Haben Sie etwas von Bertha Jorkins gehört?«, fragte Harry.
»Nein«, sagte Bagman und wieder schien er angespannt. »Ich hab natürlich ein paar Leute auf die Suche geschickt …« (Wurde allmählich auch Zeit, dachte Harry), »doch das ist alles sehr merkwürdig. Wir wissen jetzt, dass sie in Albanien angekommen ist, weil sie dort ihren Cousin zweiten Grades getroffen hat. Und dann hat sie das Haus ihres Cousins in Richtung Süden verlassen, um eine Tante zu besuchen … aber unterwegs ist sie offenbar spurlos verschwunden. Verdammt, wenn ich nur wüsste, wo sie steckt … sie scheint jedenfalls nicht der Typ zu sein, der einfach durchbrennt … aber was soll’s … was reden wir hier überhaupt von Kobolden und Bertha Jorkins? Ich wollte dich was ganz anderes fragen« – er senkte die Stimme – »wie kommst du mit dem goldenen Ei voran?«
»Ähm … nicht schlecht«, schwindelte Harry.
Bagman schien zu wissen, dass er nicht die Wahrheit sagte.
»Hör zu, Harry«, sagte er (immer noch mit gedämpfter Stimme), »ich komme mir bei dieser ganzen Sache ziemlich schlecht vor … du bist einfach ins Turnier reingerasselt, du hast dich nicht freiwillig gemeldet … und wenn« (er sprach jetzt so leise, dass Harry ihm das Ohr zuneigen musste, um ihn zu verstehen) »… wenn ich dir irgendwie helfen kann … ein kleiner Tipp, wo’s langgehen könnte … weißt du, irgendwie mag ich dich … und wie du an diesem Drachen vorbeigekommen bist … Also, du brauchst nur ein Wort zu sagen.«
Harry blickte auf und sah in Bagmans rundes, rosiges Gesicht und die geweiteten, babyblauen Augen.
»Wir sollen doch das Rätsel allein lösen, oder?«, sagte er, darauf bedacht, lässig zu klingen und nicht so, als ob er den Chef der Abteilung für Magische Spiele beschuldigen würde, die Regeln zu brechen.
»Ja, schon richtig«, sagte Bagman ungeduldig, »aber – nun stell dich nicht so an, Harry, wir wollen doch alle einen Sieger aus Hogwarts, oder?«
»Haben Sie Cedric auch Hilfe angeboten?«, fragte Harry.
Auf Bagmans glattem Gesicht erschienen sehr feine Runzeln.
»Nein, hab ich nicht«, sagte er. »Ich – nun, wie gesagt, ich mag dich inzwischen ganz gern. Dachte eben, ich könnte dir ein wenig unter die Arme …«
»Nett von Ihnen«, sagte Harry, »aber ich glaube, ich hab dieses Eierrätsel fast gelöst … brauch vielleicht nur noch ein paar Tage.«
Er war sich nicht ganz sicher, warum er Bagmans Hilfe ablehnte, er wusste nur, dass er Bagman eigentlich gar nicht kannte, und wenn er seine Hilfe annehmen würde, hätte er viel eher das Gefühl, er würde mogeln, als wenn er Ron, Hermine oder Sirius um Rat fragte.
Bagman sah fast beleidigt aus, aber er konnte nichts weiter sagen, weil in diesem Augenblick Fred und George auftauchten.
»Hallo, Mr Bagman«, sagte Fred und lächelte breit. »Dürfen wir Sie zu einem Drink einladen?«
»Ähm … nein«, sagte Bagman mit einem letzten, enttäuschten Blick auf Harry, »nein danke, Jungs …«
Fred und George schienen nicht weniger enttäuscht als Mr Bagman, der Harry musterte, als hätte er ihn ganz übel im Stich gelassen.
»Jetzt muss ich mich aber sputen«, sagte er. »War schön, euch zu sehen. Viel Glück, Harry.«
Er eilte hinaus. Die Kobolde rutschten von ihren Stühlen und folgten ihm vor die Tür. Harry ging hinüber zu Ron und Hermine.
»Was wollte er?«, fragte Ron, kaum hatte Harry sich gesetzt.
»Er hat mir Hilfe für das goldene Ei angeboten«, antwortete Harry.
»Das darf er eigentlich nicht!«, sagte Hermine schockiert. »Er ist einer der Richter! Und außerdem hast du es doch schon gelöst, oder?«
»Ähemm … fast«, sagte Harry.
»Ich glaube nicht, dass Dumbledore erfreut wäre, wenn er wüsste, dass Bagman dich zum Mogeln anstiften will!«, sagte Hermine mit einem noch immer zutiefst missbilligenden Blick. »Ich hoffe, er versucht auch Cedric zu helfen!«
»Tut er nicht. Ich hab ihn gefragt«, sagte Harry.
»Wen kümmert es, ob Diggory Hilfe kriegt?«, meinte Ron. Harry gab ihm stillschweigend Recht.
»Diese Kobolde sahen nicht gerade freundlich aus«, sagte Hermine und nippte an ihrem Butterbier. »Was hatten die hier verloren?«
»Bagman behauptet, sie suchen nach Crouch«, entgegnete Harry. »Er ist immer noch krank. Erscheint nicht zur Arbeit.«
»Vielleicht ist Percy dabei, ihn zu vergiften«, sagte Ron. »Denkt wahrscheinlich, wenn Crouch abnippelt, wird er zum Chef der Abteilung für Internationale Magische Zusammenarbeit ernannt.«
Hermine versetzte Ron einen Darüber-macht-man-keine-Witze-Blick und sagte: »Merkwürdig, Kobolde, die nach Mr Crouch suchen … normalerweise haben sie mit der Abteilung zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe zu tun.«
»Crouch beherrscht übrigens eine Menge verschiedener Sprachen«, sagte Harry. »Vielleicht brauchen sie einen Übersetzer.«
»Jetzt sorgst du dich auch noch um die süßen kleinen Kobolde, nicht wahr?«, fragte Ron Hermine. »Willst du vielleicht so was wie BLÖK gründen? Befreit die Lümmelhaften Öden Kobolde?«
»Ha, ha, ha«, lachte Hermine trocken. »Kobolde brauchen keinen Schutz. Habt ihr nicht gehört, was uns Professor Binns über die Kobold-Aufstände erzählt hat?«
»Nein«, sagten Harry und Ron wie aus einem Munde.
»Sie sind durchaus fähig, es mit Zauberern aufzunehmen«, sagte Hermine und nippte an ihrem Butterbier. »Sie sind ziemlich klug. Ganz anders als die Hauselfen, die nie für ihre Sache eingetreten sind.«
»O nein«, sagte Ron und blickte zur Tür.
Rita Kimmkorn war gerade eingetreten. Heute trug sie einen bananengelben Umhang; ihre langen Fingernägel waren knallrosa lackiert, und begleitet wurde sie von ihrem dickbauchigen Fotografen. Sie holten Getränke an der Bar, dann drängten sie sich durch die Menge, und zwar, wie Harry, Ron und Hermine mit finsteren Blicken feststellten, zu einem Tisch in ihrer Nähe. Rita Kimmkorn redete sehr schnell und offenbar voller Genugtuung.
»… schien nicht besonders scharf darauf, mit uns zu reden, oder, Bozo? Was glaubst du, warum? Und was tut er eigentlich mit einer Bande Kobolde im Schlepptau? Zeigt ihnen die Sehenswürdigkeiten … was für ein Blödsinn … er war immer schon ein schlechter Lügner. Denkst du, da ist was im Busch? Sollen wir vielleicht ein wenig Staub aufwirbeln? In Ungnade gefallener Ex-Chef der Sportabteilung, Ludo Bagman … packender Satzanfang, Bozo – wir brauchen nur noch ’ne Story, die dazu passt –«
»Wieder mal dabei, jemandes Leben zu ruinieren?«, fragte Harry laut.
Einige Köpfe wandten sich um. Rita Kimmkorns Augen hinter der juwelenbesetzten Brille weiteten sich, als sie erkannte, wer gesprochen hatte.
»Harry!«, rief sie und setzte ein strahlendes Lächeln auf. »Wie wunderbar! Willst du dich nicht zu uns –?«
»Ich würde nicht mal mit einem Dreimeterbesen in Ihre Nähe kommen«, sagte Harry erhitzt. »Warum haben Sie das Hagrid angetan?«
Rita Kimmkorn hob ihre stark nachgezogenen Brauen.
»Unsere Leser haben das Recht, die Wahrheit zu erfahren, Harry, ich tue nur meine –«
»Wen schert es, dass er ein Halbriese ist?«, rief Harry. »Er ist völlig in Ordnung!«
Der ganze Pub war verstummt. Madam Rosmerta stand hinter der Bar und starrte herüber, ohne zu merken, dass der Krug, den sie mit Met füllte, schon überlief.
Rita Kimmkorns Lächeln flackerte kaum merklich, doch sie festigte es sofort wieder; sie ließ ihre Krokodillederhandtasche aufschnappen, zog ihre Flotte-Schreibe-Feder heraus und sagte: »Wie wär’s mit einem Interview über Hagrid, wie du ihn kennst, Harry? Der Mann hinter den Muskeln? Eure doch sehr verwunderliche Freundschaft und die Gründe, die dahinterstecken. Würdest du ihn als Vaterersatz bezeichnen?«
Hermine stand abrupt auf und umklammerte das Butterbierglas, als wäre es eine Granate.
»Sie entsetzliche Frau«, sagte sie zähneknirschend, »Ihnen ist alles gleich, nicht wahr, Hauptsache, Sie haben eine Story und jeder kann dafür den Kopf hinhalten, nicht wahr? Selbst Ludo Bagman –«
»Setz dich, du dummes kleines Gör, und red nicht über Dinge, von denen du nichts verstehst«, sagte Rita Kimmkorn kühl und musterte Hermine mit einem harten Ausdruck in den Augen. »Ich weiß Dinge über Ludo Bagman, die dir die Haare zu Berge stehen ließen … Nicht dass das nötig wäre –«, fügte sie mit einem Blick auf Hermines buschigen Haarschopf hinzu.
»Gehen wir«, sagte Hermine. »Kommt, Harry – Ron …«
Sie gingen zur Tür; viele Gäste starrten ihnen nach und Harry warf von der Tür her einen Blick zurück. Rita Kimmkorns Flotte-Schreibe-Feder war nicht mehr zu halten; sie flog wie besessen über ein Blatt Pergament auf dem Tisch, vor und zurück, vor und zurück.
»Dich nimmt sie als Nächste aufs Korn, Hermine«, sagte Ron mit leiser, besorgter Stimme, während sie rasch die Straße hinuntergingen.
»Lasst sie nur machen!«, sagte Hermine schrill; sie zitterte vor Wut. »Ich werd’s ihr schon zeigen! ’ne dumme Göre bin ich also? Oh, das werd ich ihr heimzahlen, erst Harry, dann Hagrid …«
»Du willst doch nicht etwa Rita Kimmkorn in die Quere schießen«, sagte Ron nervös. »Ich mein es ernst, Hermine, dann wird sie irgendwas über dich ausgraben –«
»Meine Eltern lesen den Tagespropheten nicht, mich bringt sie nicht zum Kuschen!«, sagte Hermine und schritt so energisch aus, dass Harry und Ron Mühe hatten, ihr zu folgen. Das letzte Mal, dass Harry sie so wütend gesehen hatte, hatte sie Draco Malfoy ein paar saftige Ohrfeigen verpasst. »Und Hagrid kommt jetzt aus seinem Versteck! Er hätte sich von so einer niederträchtigen Kreatur nie und nimmer einschüchtern lassen dürfen! Kommt mit!«
Sie rannte ihnen voran den ganzen Weg zurück, durch das von geflügelten Ebern flankierte Tor und über das Schlossgelände zu Hagrids Hütte.
Die Vorhänge waren immer noch zugezogen, und als sie näher kamen, hörten sie Fang kläffen.
»Hagrid!«, rief Hermine und pochte gegen die Tür. »Hagrid, jetzt reicht’s aber! Wir wissen, dass du dadrin bist! Es kümmert doch keinen, dass deine Mum eine Riesin war, Hagrid! Du kannst doch nicht zulassen, dass diese miese Kimmkorn dir das antut! Hagrid, komm jetzt raus, sei doch nicht so –«
Die Tür ging auf. Hermine sagte: »Wird auch Z–!«, doch jäh brach sie ab, denn nicht Hagrid sah ihr ins Gesicht, sondern Albus Dumbledore.
»Guten Tag«, sagte er freundlich und lächelte auf sie herab.
»Wir – ähem – wir wollten eigentlich Hagrid besuchen«, sagte Hermine nun etwas kleinlaut.
»Ja, so viel hab ich verstanden«, sagte Dumbledore mit funkelnden Augen. »Wollt ihr nicht reinkommen?«
»Oh – ähm – gut«, sagte Hermine.
Die drei betraten die Hütte; sofort stürzte sich Fang wie verrückt bellend auf Harry und versuchte ihm die Ohren zu lecken. Harry wimmelte ihn ab und sah sich um.
Hagrid saß an seinem Tisch, auf dem zwei große Becher Tee standen. Er sah ungeheuer elend aus. Sein Gesicht war fleckig, die Augen waren geschwollen, und was sein Haar anging, so hatte er es jetzt ins andere Extrem getrieben; es war nicht im Mindesten gezähmt, sondern sah aus wie eine Perücke aus verknoteter Drahtwolle.
»Hallo, Hagrid«, sagte Harry.
Hagrid sah auf.
»’lo«, sagte er mit sehr heiserer Stimme.
»Noch ein wenig Tee, nehm ich an«, sagte Dumbledore, schloss die Tür hinter den dreien, zückte den Zauberstab und ließ ihn kurz im Kreis wirbeln; mitten in der Luft erschien ein sich drehendes Tablett, mit Teetassen und einem Teller voller Kekse. Dumbledore zauberte das Tablett auf den Tisch und alle setzten sich. Ein kurzes Schweigen trat ein, dann sagte Dumbledore: »Hast du zufällig verstanden, was Miss Granger da gerufen hat, Hagrid?«
Hermines Wangen verfärbten sich, doch Dumbledore lächelte sie an und fuhr fort: »Hermine, Harry und Ron wollen offenbar immer noch etwas mit dir zu tun haben, wenn man bedenkt, dass sie fast die Tür eingeschlagen hätten.«
»Natürlich wollen wir das!«, sagte Harry und sah Hagrid eindringlich an. »Du glaubst doch nicht etwa, dass irgendetwas von dieser Kimmkorn-Kuh – Verzeihung, Professor«, fügte er rasch hinzu und sah Dumbledore an.
»Ich bin vorübergehend taub und hab keine Ahnung, was du gesagt hast, Harry«, sagte Dumbledore, drehte Däumchen und starrte an die Decke.
»Ähm – gut«, sagte Harry verlegen. »Ich wollte nur sagen – Hagrid, wie konntest du nur glauben, wir würden uns darum scheren, was diese – Person – über dich geschrieben hat?«
Zwei dicke Tränen traten aus Hagrids käferschwarzen Augen und kullerten langsam in seinen wirren Bart.
»Das ist der lebendige Beweis dessen, was ich dir gesagt habe, Hagrid«, sagte Dumbledore und starrte vorsorglich immer noch zur Decke. »Ich hab dir die Briefe von zahllosen Eltern gezeigt, die dich noch aus ihrer eigenen Schulzeit kennen und mir unmissverständlich schreiben, sollte ich dich feuern, dann hätten sie ein Wörtchen mit mir zu reden –«
»Nich alle«, sagte Hagrid heiser. »Nich alle woll’n, dass ich bleib.«
»Ich bitte dich, Hagrid, wenn du von allen geliebt werden willst, dann, fürchte ich, musst du sehr lange in dieser Hütte hocken bleiben«, sagte Dumbledore und schaute Hagrid nun streng über den Rand seiner Halbmondgläser hinweg an. »Seit ich Direktor bin, ist noch keine Woche vergangen, in der ich nicht mindestens eine Eule bekommen habe mit einer Beschwerde über meine Art, diese Schule zu leiten. Aber was soll ich machen? Mich in meinem Studierzimmer verbarrikadieren und mich weigern, mit irgendjemandem zu reden?«
»Sie – Sie sind ja auch kein Halbriese!«, krächzte Hagrid.
»Hagrid, sieh dir doch mal meine Verwandten an!«, sagte Harry aufgebracht. »Schau dir die Dursleys an!«
»Eine hervorragende Idee«, sagte Professor Dumbledore. »Mein eigener Bruder, Aberforth, wurde wegen Ausübung unpassender Zauberstücke an einer Ziege verklagt. Es stand in allen Zeitungen, aber meinst du, Aberforth hätte sich versteckt? Von wegen! Er hielt die Ohren steif und ging seinen Geschäften nach, als wäre nichts gewesen! Natürlich bin ich mir nicht ganz sicher, ob er lesen kann, daher mag es nicht nur Tapferkeit gewesen sein …«
»Komm zurück und unterrichte wieder, Hagrid«, sagte Hermine leise, »bitte komm zurück, wir vermissen dich sehr.«
Hagrid schluckte schwer. Noch mehr Tränen kullerten ihm aus den Augen, liefen die Wangen hinunter und verschwanden in dem wirren Bart.
Dumbledore erhob sich.
»Ich weigere mich, deine Kündigung anzunehmen, Hagrid, und erwarte dich am Montag wieder zur Arbeit«, sagte er. »Du frühstückst um halb neun mit mir in der Großen Halle. Und keine Widerrede. Schönen Nachmittag euch allen noch.«
Dumbledore verließ die Hütte, nicht ohne vorher noch kurz Fangs Ohren gekrault zu haben. Als die Tür hinter ihm zugegangen war, begann Hagrid in seine mülleimerdeckelgroßen Hände zu schluchzen. Hermine tätschelte ihm den Arm, und endlich hob Hagrid den Kopf, sah sie mit brennend roten Augen an und sagte: »Großartiger Mann, Dumbledore … großartiger Mann …«
»Ja, das ist er«, sagte Ron. »Kann ich einen von diesen Keksen haben, Hagrid?«
»Schlag zu«, sagte Hagrid und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. »Aahr, ’türlich hat er Recht – ihr habt alle Recht … war dumm von mir … mein alter Dad hätt sich geschämt für mich …« Wieder rollten Tränen über seine Wangen, doch jetzt wischte er sie energisch weg und sagte: »Hab euch noch nich mal ’n Bild von meinem alten Dad gezeigt, nich? Hier …«
Hagrid stand auf, ging hinüber zu seiner Kommode, öffnete eine Schublade und zog ein Bild von einem kleinen Zauberer heraus, der Hagrids runzlige schwarze Augen hatte und mit strahlendem Gesicht auf Hagrids Schulter saß. Hagrid war nach dem Apfelbaum neben ihm zu schließen gut zweieinhalb Meter groß, doch sein Gesicht war bartlos, jung, rund und glatt – er wirkte kaum älter als elf Jahre.
»Das war, kurz nachdem sie mich in Hogwarts aufgenommen ham«, krächzte Hagrid. »Dad war so was von froh … dachte, ich wär vielleicht kein Zauberer, wisst ihr, weil meine Mum … na, wie auch immer. ’türlich war ich nie der große Magier, stimmt schon … aber wenigstens hat er nich erlebt, wie sie mich rausgeworfen haben. Ist nämlich schon in meinem zweiten Schuljahr gestorben …
Dumbledore war der Einzige, der sich nach dem Tod von meinem Dad für mich eingesetzt hat. Hat mir diese Wildhüterstelle besorgt … vertraut einfach Leuten, ist doch wahr. Gibt ihnen noch ’ne zweite Schangse … ganz anders als die anderen Schulleiter, wisst ihr. Er nimmt jeden auf in Hogwarts, wenn er nur begabt ist. Weiß, dass was Gutes aus den Leuten werden kann, auch wenn ihre Familien … wie sagt man … nicht so respektierlich war’n. Aber manche verstehn das einfach nich. ’s gibt welche, die halten dir das immer wieder vor … manche von unserem Schlag tun sogar so, als hätten sie nur große Knochen, statt den Mund aufzumachen und zu sagen – ich bin, was ich bin, und ich schäm mich nich dafür. ›Schäm dich nie‹, hat mein alter Dad immer gesagt, ›’s gibt immer welche, die’s dir vorwerfen, aber mit denen brauchst du dich gar nich abzugeben.‹ Und er hat Recht gehabt. Ich war ’n Idiot. Mit der geb ich mich nich mehr ab, das versprech ich euch. Große Knochen … erzählt mir was von wegen große Knochen.«
Harry, Ron und Hermine warfen sich nervöse Blicke zu; Harry wäre eher mit fünfzig Knallrümpfigen Krötern spazieren gegangen, als Hagrid zu gestehen, dass er ihn bei seiner Unterhaltung mit Madame Maxime belauscht hatte, doch Hagrid redete weiter, offenbar nicht ahnend, was er ausgeplaudert hatte.
»Weißt du was, Harry?«, sagte er und sah mit leuchtenden Augen vom Foto seines Vaters auf. »Als ich dich kenn gelernt hab, hast du mich ein bisschen an mich selbst erinnert. Mum und Dad nicht mehr da, und du hattest das Gefühl, dass du gar nicht nach Hogwarts passt, weißt du noch? Warst nicht sicher, ob du es überhaupt schaffst … und nu schau dich mal an, Harry! Schul-Schämpion!«
Sein Blick verweilte einen Moment lang auf Harry, dann sagte er tiefernst: »Weißt du, was ich wirklich gut finden würd, Harry? Ich fänd’s wirklich gut, wenn du gewinnst, sag ich dir. Dann hättest du’s allen gezeigt … du brauchst nicht reinblütig zu sein, um es zu schaffen. Du brauchst dich nicht zu schämen, weil du so bist, wie du bist. Dann würden sie sehen, dass es Dumbledore ist, der Recht hat und alle aufnimmt, wenn sie nur zaubern können. Wie steht’s eigentlich mit dem Ei, Harry?«
»Großartig«, sagte Harry. »Wirklich großartig.«
Auf Hagrids verweintem Gesicht brach sich ein breites, feuchtes Lächeln Bahn. »Gut gemacht, Junge … Du zeigst es denen, Harry, du zeigst es denen. Schlägst sie alle.«
Hagrid anzulügen war nicht ganz dasselbe, wie irgendjemanden anzulügen. Später am Nachmittag, als Harry mit Ron und Hermine zum Schloss zurückging, konnte er das Bild von Hagrids bartumwuchertem Gesicht nicht aus seinen Gedanken verbannen, das so glücklich ausgesehen hatte bei der Vorstellung, Harry würde das Turnier gewinnen. Das rätselhafte Ei lastete an diesem Abend schwer auf Harrys Gewissen, und als er im Bett lag, hatte er seinen Entschluss schon gefasst – es war an der Zeit, seinen Stolz zu vergessen und herauszufinden, ob Cedrics rätselhafter Hinweis irgendetwas taugte.
Das Ei und das Auge
Da Harry keine Ahnung hatte, wie lange er baden musste, um das Geheimnis des goldenen Eis zu lüften, beschloss er, nachts zu gehen, wenn er sich so viel Zeit nehmen konnte, wie er brauchte. Es widerstrebte ihm zwar, einem weiteren Ratschlag von Cedric zu folgen, doch er entschied sich, das Bad der Vertrauensschüler zu benutzen. Nur wenige durften dort rein und so würde er eher ungestört bleiben.
Harry plante seine Unternehmung mit Sorgfalt, denn schon einmal hatte ihn Filch, der Hausmeister, mitten in der Nacht aufgegriffen, als er sich verbotenerweise im Schloss herumgetrieben hatte, und er hatte nicht das Bedürfnis, dies noch einmal zu erleben. Natürlich würde der Tarnumhang entscheidend sein, und als zusätzliche Vorkehrung wollte er die Karte des Rumtreibers mitnehmen, die neben dem Umhang das nützlichste Werkzeug fürs Regelbrechen war, das Harry besaß. Die Karte zeigte ganz Hogwarts, auch die vielen Abkürzungen und Geheimgänge, und vor allem zeigte sie die Leute im Schloss als winzige, beschriftete Punkte, die sich durch die Gänge bewegten, so dass Harry gewarnt sein würde, wenn sich jemand dem Badezimmer näherte.
Donnerstagnacht stahl sich Harry hoch in den Schlafsaal, warf sich den Tarnumhang über, schlich nach unten und wartete, wie in jener Nacht, als Hagrid ihn zu den Drachen geführt hatte, bis sich das Porträtloch öffnete. Diesmal war es Ron, mit dem er sich abgesprochen hatte; er stand auf der anderen Seite des Porträtlochs, sagte der fetten Dame das Passwort (»Bananeneis«), stieg in den Gemeinschaftsraum, murmelte Harry »viel Glück« zu, und Harry schlüpfte hinaus.
Heute Nacht fiel es ihm schwer, sich mit dem Tarnumhang zu bewegen, denn er trug das schwere Ei unter dem einen Arm und hielt sich mit dem anderen die Karte vor die Augen. Die mondbeschienenen Gänge waren jedoch ausgestorben und still, und indem Harry gelegentlich anhielt und die Karte vorsorglich prüfte, gelang es ihm, unliebsame Begegnungen zu vermeiden. Als er die Statue von Boris dem Bekloppten erreichte, einem ratlos in die Gegend schauenden Zauberer mit Handschuhen, bei denen er links und rechts verwechselt hatte, sah er die richtige Tür, neigte sich zu ihr und murmelte das Passwort »Pinienfrisch«, wie Cedric ihm gesagt hatte.
Knarrend öffnete sich die Tür. Harry glitt hinein, schob den Riegel vor, zog den Tarnumhang vom Kopf und sah sich um.
Sein erster Eindruck war, dass es sich durchaus lohnen würde, Vertrauensschüler zu werden, nur um dieses Badezimmer benutzen zu dürfen. Ein stattlicher kerzenbestückter Kronleuchter tauchte das Bad in sein warmes Licht. Es war ganz aus Marmor, auch das in der Mitte des Raums eingelassene rechteckige Becken, das eher wie ein leerer Swimmingpool aussah. Rund hundert goldene Wasserhähne ragten aus den Seitenwänden des Beckens und in jedem Drehknopf war ein andersfarbener Juwel eingelassen. Auch ein Sprungbrett gab es hier. An den Fenstern hingen lange, weiße Leinenvorhänge; in einer Ecke fand sich ein großer Stapel flaumig weicher weißer Badetücher und an der Wand hing ein einzelnes, goldgerahmtes Gemälde. Darauf war eine blonde Meerjungfrau zu sehen, die tief schlafend auf einem Felsen lag und deren langes Haar bei jedem Schnarcher über ihr Gesicht flatterte.
Harry legte seinen Umhang, das Ei und die Karte auf den Boden und ging, sich umsehend, auf das Becken zu, wobei seine Schritte von den Wänden widerhallten. Gewiss, dieses Bad war herrlich – und er hatte große Lust, ein paar von diesen Wasserhähnen auszuprobieren –, doch nun, da er hier war, kam ihm der unangenehme Gedanke, dass Cedric ihn vielleicht auf den Arm genommen hatte. Wie um alles in der Welt sollte ihm dieses Bad helfen, das Geheimnis des Eis zu lösen? Trotz allem legte er eines der flaumigen Tücher an den Rand des swimmingpoolgroßen Beckens, legte den Umhang, die Karte und das Ei dazu, kniete sich nieder und drehte ein paar Wasserhähne auf.
Sofort war ihm klar, dass jeder Wasserstrahl eine andere Sorte Schaumbad enthielt, aber es war Schaumbad, wie Harry es noch nie erlebt hatte. Aus einem Hahn blubberten rosa und blaue Blasen von Fußballgröße, aus einem anderen quoll eisweißer Schaum, so dicht und fest, dass Harry sicher war, er würde ihn über das Wasser tragen; aus einem dritten Hahn sprühten schwer parfümierte purpurne Wolken, die über dem Wasser schweben blieben. Harry drehte eine Weile nach Lust und Laune an den Hähnen, und besonders einer gefiel ihm, dessen Strahl auf der Wasseroberfläche abprallte und in großen Bogen darüber hinweghüpfte. Als das tiefe Becken mit heißem Wasser, feinem Schaum und mächtigen Blasen gefüllt war (was bei seiner Größe doch schnell gegangen war), drehte Harry alle Hähne zu, zog Morgenrock, Pyjama und Badeschlappen aus und ließ sich ins Wasser gleiten.
Es war so tief, dass seine Füße kaum den Boden berührten, und so schwamm er tatsächlich ein paar Runden, dann lehnte er sich an den Beckenrand, planschte ein wenig im Wasser und nahm das Ei unter die Lupe. So toll es auch war, im heißen und schaumigen Wasser durch wabernde bunte Dampfwolken zu schwimmen, es hatte ihn kein Geistesblitz getroffen noch war ihm plötzlich etwas wie Schuppen von den Augen gefallen.
Harry streckte die Arme aus, hob das Ei mit nassen Händen hoch und öffnete es. Das klagende, kreischende Lärmen erfüllte das Bad und hallte zitternd von den Marmorwänden wider, doch es klang so unbegreiflich wie immer, und im Gewirr der Echos vielleicht noch rätselhafter. Aus Sorge, der Lärm könnte Filch auf den Plan rufen, wie es Cedric vielleicht sogar beabsichtigt hatte, ließ er das Ei wieder zuschnappen – und dann schrak er so heftig zusammen, dass er das Ei fallen ließ. Scheppernd rollte es über den Marmorboden davon. Jemand sprach.
»Ich würde es einfach mal ins Wasser legen, wenn ich du wäre.«
Harry hatte vor Schreck eine beträchtliche Menge Seifenblasen geschluckt. Prustend richtete er sich auf und sah den Geist eines sehr verdrossen aussehenden Mädchens mit übergeschlagenen Beinen auf einem der Wasserhähne sitzen. Es war die Maulende Myrte, die man normalerweise im Abflussrohr eines Klos drei Stockwerke weiter unten schluchzen hören konnte.
»Myrte!«, sagte Harry empört. »Ich – ich hab überhaupt nichts an!«
Der Schaum war so dicht, dass es kaum eine Rolle spielte, aber er hatte das unangenehme Gefühl, dass Myrte ihn aus einem der Hähne heraus beobachtet hatte, schon seit er hereingekommen war.
»Ich hab die Augen geschlossen, als du reinkamst«, sagte sie und blinzelte ihn durch ihre dicken Brillengläser an. »Du hast mich schon ewig nicht mehr besucht.«
»Jaah … nun …«, sagte Harry und ging ein wenig in die Knie, nur um vollkommen sicher zu sein, dass Myrte nichts als seinen Kopf sehen konnte, »ich darf doch eigentlich gar nicht in dein Klo. Es ist doch nur für Mädchen.«
»Früher hat dich das nicht gestört«, schmollte Myrte. »Früher bist du ständig gekommen.«
Das stimmte, allerdings nur, weil Harry, Ron und Hermine festgestellt hatten, dass Myrtes kaputtes Klo der beste Platz war, um insgeheim einen Vielsaft-Trank zu brauen – einen verbotenen Zaubertrank, der Harry und Ron für eine Stunde in lebende Abbilder von Crabbe und Goyle verwandelt hatte, als die sie sich dann in den Gemeinschaftsraum der Slytherins schmuggeln konnten.
»Ich hab Ärger gekriegt, weil ich dort rein bin«, sagte Harry, was nur die halbe Wahrheit war; nur Percy hatte ihn einmal erwischt, wie er aus Myrtes Klo kam. »Danach dachte ich, ich lass es lieber bleiben.«
»Oh … verstehe …«, sagte Myrte und fingerte mit grämlicher Miene an einem Pickel an ihrem Kinn herum. »Ja … wie auch immer … ich würde das Ei mal ins Wasser legen. Das hat Cedric Diggory nämlich getan.«
»Hast du den auch schon bespitzelt?«, sagte Harry entrüstet. »Was treibst du hier eigentlich – schleichst dich abends einfach rein und siehst zu, wie die Vertrauensschüler baden?«
»Manchmal«, sagte Myrte verschmitzt, »aber bisher bin ich noch nie aus dem Versteck gekommen, um mit jemandem zu sprechen.«
»Das ehrt mich aber«, sagte Harry mit finsterer Miene. »Halt dir jetzt bloß die Augen zu!«
Er vergewisserte sich, dass Myrte ihre Brille gut verdeckt hatte, bevor er sich aus dem Wasser zog, das Badetuch fest um sich wickelte und dann das Ei holen ging.
Sobald er wieder im Wasser war, spähte Myrte durch ihre Finger hindurch und sagte: »Nun mach schon … öffne es unter Wasser.«
Harry drückte das Ei unter die schaumige Wasseroberfläche und öffnete es … und diesmal war kein Klagen zu hören. Ein gegurgeltes Lied ertönte, ein Lied, dessen Text er durch das Wasser nicht verstehen konnte.
»Du musst mit dem Kopf untertauchen«, sagte Myrte, die es offensichtlich zutiefst genoss, ihn herumkommandieren zu können. »Mach schon!«
Harry holte tief Atem und tauchte unter – und jetzt, da er auf dem marmornen Boden des schaumgefüllten Bades saß, hörte er einen Chor schauriger Stimmen, der aus dem offenen Ei in seinen Händen heraus ein Lied für ihn sang:
Komm, such, wo unsere Stimmen klingen,
denn über dem Wasser können wir nicht singen.
Und während du suchst, überlege jenes:
Wir nahmen, wonach du dich schmerzlich sehnest.
In einer Stunde musst du es finden
und es uns dann auch wieder entwinden.
Doch brauchst du länger, fehlt dir das Glück,
zu spät, ’s ist fort und kommt nicht zurück.
Harry ließ sich nach oben treiben, stieß mit dem Kopf durch die Seifenblasen und schüttelte sich das Haar aus dem Gesicht.
»Hast du es gehört?«, fragte Myrte.
»Ja … ›Komm, such, wo unsere Stimmen klingen …‹ Und wenn ich mich bitten lasse? … Warte, ich muss es noch mal hören …« Wieder tauchte er unter. Harry musste sich das Unterwasserlied noch dreimal anhören, bis er es endlich auswendig konnte; dann dachte er eine Weile im Wasser planschend angestrengt nach, während Myrte dasaß und ihn beobachtete.
»Ich muss wohl nach Leuten Ausschau halten, die ihre Stimmen über dem Wasser nicht benutzen können …«, sagte er langsam. »Hmh … wer könnte das sein?«
»Bist einer von den Langsamen, nicht?«
Er hatte die Maulende Myrte noch nie so gut gelaunt gesehen, außer an dem Tag, als sich Hermine mit einer Dosis Vielsaft-Trank ein haariges Gesicht und einen Katzenschwanz verpasst hatte.
Harry sah sich nachdenklich im Badezimmer um … wenn die Stimmen nur unter Wasser zu hören waren, dann mussten es Wassergeschöpfe sein. Er stellte seine Überlegung Myrte vor, die ihn nur geziert anlächelte.
»Tja, das hat Diggory auch gedacht«, sagte sie. »Da lag er und hat ewig lang mit sich selbst gesprochen. Kam einfach nicht zum Schluss … fast alle Seifenblasen waren weg …«
»Unter Wasser …«, sagte Harry langsam. »Myrte … was lebt eigentlich im See, außer dem Riesenkraken?«
»Oh, dies und das«, sagte sie. »Manchmal komm ich dort runter … es geht einfach nicht anders, wenn jemand überraschend mein Klo spült …«
Harry versuchte sich lieber nicht vorzustellen, wie es war, wenn die Maulende Myrte mit dem Inhalt eines Klos durch ein Rohr in den See rauschte, und sagte: »Hat denn etwas dort im See eine menschliche Stimme? Wart mal –«
Sein Blick war auf das Bild der schnarchenden Nixe an der Wand gefallen. »Myrte, dort drin leben doch nicht etwa Wassermenschen?«
»Ooh, sehr gut«, sagte sie und ihre dicken Brillengläser funkelten. »Diggory hat viel länger gebraucht! Und die dort war sogar wach« – Myrte zuckte mit dem Kopf angewidert in Richtung Nixe – »und hat gekichert und sich rausgeputzt und mit ihrer Flosse gespielt …«
»Das ist es!«, sagte Harry aufgeregt. »Die zweite Aufgabe ist, die Wassermenschen im See aufzusuchen und … und …«
Doch plötzlich wurde ihm klar, was er eben gesagt hatte, und die Freude über seine Entdeckung wurde aus ihm herausgesogen, als ob jemand einen Stöpsel aus seinem Magen gezogen hätte. Er war kein sehr guter Schwimmer; viel geübt hatte er nie. Dudley hatte, als er noch kleiner war, Unterricht bekommen, doch Tante Petunia und Onkel Vernon hatten sich nie darum gekümmert, dass Harry schwimmen lernte, zweifellos in der Hoffnung, Harry würde eines Tages ersaufen. Ein paar Längen dieses Beckens, schön und gut, doch dieser See war sehr groß und sehr tief … und die Wassermenschen lebten sicher auf dem Grund des Sees …
»Myrte«, sagte Harry langsam, »wie soll ich dort unten atmen?«
Bei diesen Worten füllten sich Myrtes Augen plötzlich mit Tränen. »Wie taktlos von dir!«, murrte sie und stöberte in ihrem Umhang nach einem Taschentuch.
»Was ist taktlos?«, fragte Harry verwirrt.
»Vor mir vom Atmen zu sprechen!«, sagte sie schrill und ihre Stimme hallte laut im Badezimmer wider. »Wo ich doch … schon so lange … nicht mehr … kann …« Sie vergrub das Gesicht in ihrem Taschentuch und schniefte laut.
Harry fiel ein, wie empfindlich Myrte schon immer gewesen war, weil sie tot war, doch kein anderer Geist, den er kannte, machte ein solches Drama daraus.
»Verzeihung«, sagte er ungeduldig. »Ich hab’s nicht so gemeint – ist mir ganz entfallen …«
»O ja, es ist so leicht, Myrtes Tod zu vergessen«, schluchzte Myrte und sah ihn mit verquollenen Augen an. »Keiner hat mich vermisst, selbst als ich noch am Leben war. Stundenlang haben sie gebraucht, um meine Leiche zu finden – ich weiß es noch, ich saß ja da und hab auf sie gewartet. Olive Hornby kam in mein Klo – ›Steckst du schon wieder hier drin und schmollst, Myrte?‹, hat sie gesagt. ›Professor Dippet hat mich nämlich gebeten, nach dir zu suchen –‹ Und dann hat sie meine Leiche gesehen … ooooh, das hat sie bis an ihr Lebensende nicht vergessen, dafür hab ich schon gesorgt … ich bin ihr nämlich ständig gefolgt und hab sie dran erinnert, ich weiß noch, bei der Hochzeit ihres Bruders –«
Doch Harry hörte ihr nicht zu; er dachte wieder über das Lied der Wassermenschen nach. »Wir nahmen, wonach du dich schmerzlich sehnest.« Das klang ganz danach, als würden sie ihm etwas stehlen, etwas, das er zurückholen musste. Was sollte das sein?
»– und dann ist sie natürlich vors Zaubereiministerium gezogen, damit ich ihr nicht mehr nachspuke, deshalb musste ich wieder hierherkommen und in meinem Klo leben.«
»Gut«, sagte Harry verschwommen. »Schön, ich bin jetzt viel weiter als vorher … schließ doch noch mal die Augen, ich komm raus.«
Er holte das Ei vom Beckenboden herauf, kletterte heraus, trocknete sich ab und zog Pyjama und Morgenrock an.
»Kommst du mich mal wieder in meinem Klo besuchen?«, fragte die Maulende Myrte mit trauriger Stimme, als Harry den Tarnumhang aufhob.
»Ähm … ich versuch’s«, sagte Harry, obwohl er im Stillen dachte, er würde nur dann noch einmal in Myrtes Klo vorbeischauen, wenn alle anderen Klos im Schloss verstopft wären. »Bis dann, Myrte … danke für deine Hilfe.«
»Adieu, adieu«, sagte sie schwermütig, und als sich Harry den Tarnumhang wieder anzog, sah er, wie sie in einem der Wasserhähne verschwand.
Draußen im dunklen Korridor warf Harry einen Blick auf die Karte des Rumtreibers, um zu prüfen, ob die Luft noch rein war. Ja, die Punkte für Filch und Mrs Norris waren immer noch eindeutig in seinem Büro … niemand außer Peeves schien sich zu bewegen, der ein Stockwerk über Harry im Pokalzimmer auf- und abhüpfte … schon war er den ersten Schritt zurück in den Gryffindor-Turm gegangen, als ihm etwas anderes ins Auge fiel … etwas äußerst Merkwürdiges.
Peeves war nicht der Einzige, der sich bewegte. Ein anderer Punkt flitzte in einem Zimmer in der linken unteren Ecke umher – in Snapes Büro. Doch der Punkt war nicht mit »Severus Snape« beschriftet … es war Bartemius Crouch.
Harry starrte auf den Punkt. Mr Crouch war doch angeblich zu krank, um zur Arbeit oder zum Weihnachtsball zu kommen – also warum hatte er sich um ein Uhr morgens in Hogwarts eingeschlichen? Harry sah gespannt zu, wie der Punkt sich unablässig im Zimmer auf und ab bewegte und nur hie und da kurz innehielt …
Harry zögerte, überlegte … und dann gewann seine Neugier die Oberhand. Er drehte sich um und lief in die andere Richtung, bis zur nächsten Treppe. Er würde schon herausfinden, was Crouch hier zu suchen hatte.
Harry ging, so leise er konnte, treppab, dennoch wandten sich die Köpfe in manchen Gemälden beim Knarzen eines Dielenbrettes oder bei dem Rascheln seines Pyjamas neugierig um. Er schlich den Korridor einen Stock tiefer entlang, schob auf halbem Weg einen Wandteppich zur Seite und ging eine schmalere Treppe hinunter, eine Abkürzung, die ihn gleich zwei Stockwerke tiefer bringen würde. Immer wieder warf er einen Blick auf die Karte und wunderte sich … es schien einfach nicht zu diesem korrekten, gesetzestreuen Charakter von Mr Crouch zu passen, so spät in der Nacht in einem fremden Büro herumzuschnüffeln …
Und dann, auf halber Treppe, als er nicht mehr auf seine Schritte achtete und ganz in Gedanken über das seltsame Gebaren von Mr Crouch vertieft war, sank Harrys Bein plötzlich geradewegs durch die Trickstufe, die Neville dauernd zu überspringen vergaß. Er begann unbeholfen zu schwanken, und das goldene Ei, noch feucht vom Badewasser, glitt ihm aus dem Arm. Er ließ sich nach vorn fallen, um es aufzufangen, doch zu spät; das Ei kullerte die lange Treppe hinunter und ließ auf jeder Stufe einen Schlag wie von einer Basstrommel hören. Der Tarnumhang rutschte ihm vom Kopf und Harry konnte ihn gerade noch packen, da flatterte ihm die Karte des Rumtreibers aus der Hand und segelte sechs Stufen hinunter, wo er sie, bis übers Knie in die Stufe versunken, nicht erreichen konnte.
Das goldene Ei kullerte durch den Wandteppich am Fuß der Treppe, sprang im Korridor unten auf und begann mit seinem lauten Wehklagen. Harry zog den Zauberstab und mühte sich verzweifelt, die Karte des Rumtreibers zu berühren und sie zu löschen, doch er konnte sie nicht erreichen.
Er zog sich den Umhang wieder über den Kopf, richtete sich auf und lauschte angestrengt, die Augen vor Angst zu Schlitzen verengt – und es dauerte nur einen Augenblick –
»PEEVES!«
Das war unmissverständlich der Jagdruf von Filch, dem Hausmeister. Harry konnte deutlich seine hastig schlurfenden Schritte näher und näher kommen und seine keuchende Stimme vor Wut schrill werden hören.
»Was soll dieser Höllenlärm? Du weckst noch das ganze Schloss! Ich krieg dich, Peeves, ich krieg dich, du wirst … und was ist das?«
Filch war offenbar stehen geblieben; es gab ein Klingen von Metall auf Metall und das Wehklagen erstarb. Filch hatte das Ei aufgehoben und es geschlossen. Harry stand reglos da, das eine Bein immer noch fest in der magischen Stufe verklemmt, und lauschte gebannt. Jeden Moment würde Filch den Gobelin zur Seite ziehen und nach Peeves Ausschau halten … und da würde kein Peeves sein … doch wenn er die Treppe hochstieg, würde er die Karte des Rumtreibers entdecken … und diese Karte würde, mit oder ohne Tarnumhang, »Harry Potter« genau da anzeigen, wo er stand.
»Ei?«, sagte Filch leise am Fuß der Treppe. »Meine Süße!« – offenbar war Mrs Norris bei ihm – »Das ist ein Trimagischer Schlüssel! Er gehört einem Schul-Champion!«
Harry wurde schlecht; sein Herz hämmerte rasend schnell –
»PEEVES!«, donnerte Filch voll Schadenfreude. »Du hast gestohlen!«
Er riss den Wandteppich unten zur Seite, und Harry sah sein fürchterliches pausbackiges Gesicht und die hervorquellenden fahlen Augen, die die dunkle und (für Filch) völlig ausgestorbene Treppe hochstarrten.
»Versteckst dich, was?«, sagte er leise. »Ich werd dich schon kriegen, Peeves … du hast doch tatsächlich einen Trimagischen Schlüssel gestohlen, Peeves … dafür wird dich Dumbledore endlich rausschmeißen, du mieser kleiner Dieb von Poltergeist …«
Filch stieg die ersten Stufen hoch, dicht gefolgt von seiner dürren, staubfarbenen Katze. Mrs Norris’ lampenartige Augen, die denen ihres Herrn so sehr ähnelten, hatten geradewegs Harry ins Visier genommen. Schon einmal hatte er sich fragen müssen, ob der Tarnumhang auch bei Katzen wirkte … sein Magen verkrampfte sich vor Anspannung, während er Filch in seinem alten Flanellmorgenmantel immer näher kommen sah – verzweifelt mühte er sich, sein eingeklemmtes Bein zu befreien, doch es sank nur noch ein paar weitere Zentimeter ein – und Filch musste nun jede Sekunde die Karte entdecken oder direkt in ihn hineinlaufen –
»Filch? Was ist hier los?«
Filch hielt ein paar Stufen unterhalb von Harry inne und wandte sich um. Am Fuß der Treppe stand der Einzige, der Harrys Lage nur noch verschlimmern konnte – Snape. Er trug ein langes graues Nachthemd und schien vor Zorn zu rasen.
»Es ist Peeves, Professor«, wisperte Filch bösartig. »Er hat dieses Ei die Treppe runtergeworfen.«
Rasch nahm Snape die Stufen bis hinauf zu Filch. Harry biss die Zähne zusammen, überzeugt, dass sein laut pochendes Herz ihn jede Sekunde verraten musste …
»Peeves?«, sagte Snape leise und starrte das Ei in Filchs Hand an. »Aber Peeves konnte nicht in mein Büro …«
»Dieses Ei war in Ihrem Büro, Professor?«
»Natürlich nicht«, fuhr ihn Snape an, »ich hab Gepolter und Gejammer gehört –«
»Ja, Professor, das war das Ei –«
»– und wollte kurz nachsehen, was los ist –«
»Peeves hat es runtergeworfen, Professor –«
»– und als ich an meinem Büro vorbeikam, sah ich, dass die Fackeln brannten und eine Schranktür offen stand! Jemand hat es durchsucht!«
»Aber Peeves konnte nicht –«
»Das weiß ich auch, Filch!«, bellte Snape. »Ich versiegle mein Büro mit einem Fluch, den nur ein Zauberer brechen kann!« Snape sah die Treppe hoch, durch Harry hindurch, und dann hinunter auf den Korridor. »Ich möchte, dass Sie mir bei der Suche nach dem Eindringling helfen, Filch.«
»Ich – ja, Professor – aber –«
Filch blickte sehnsüchtig die Treppe hoch, und Harry entging nicht, dass er nur widerwillig die Chance sausen ließ, Peeves in die Enge zu treiben. Geh, flehte ihn Harry stumm an, geh mit Snape … geh … Mrs Norris lugte hinter Filchs Beinen hervor … Harry hatte den deutlichen Eindruck, dass sie ihn riechen konnte … warum nur hatte er das Bad mit so viel Duftschaum gefüllt?
»Die Sache ist die, Professor«, sagte Filch mit wehleidiger Stimme, »diesmal wird der Direktor auf mich hören müssen, Peeves hat einen Schüler bestohlen, das wäre meine Chance, ihn ein für alle Mal aus dem Schloss werfen zu lassen –«
»Filch, dieser vermaledeite Poltergeist ist mir verdammt noch mal völlig egal, ich muss mich um mein Büro –«
Klonk. Klonk. Klonk.
Snape verstummte mit einem Schlag. Er und Filch spähten hinunter zum Fuß der Treppe. Harry sah Mad-Eye Moody humpelnd in der schmalen Lücke zwischen ihren Köpfen auftauchen. Moody trug seinen alten Reiseumhang über dem Nachthemd und stützte sich wie immer auf seinen Stock.
»Was haben wir denn hier, ’ne Pyjama-Party?«, knurrte er die Treppe hoch.
»Professor Snape und ich haben Lärm gehört, Professor«, antwortete Filch überstürzt. »Peeves, der Poltergeist, hat mal wieder Sachen durch die Gegend geworfen – und dann hat Professor Snape entdeckt, dass jemand in sein Büro eingeb–«
»Mund halten!«, zischte Snape.
Moody trat einen weiteren Schritt auf die Treppe zu. Harry sah, wie sein magisches Auge über Snape wanderte und dann, er war sich sicher, auf ihm ruhen blieb.
Harrys Herz tat einen ganz fürchterlichen Schlag: Moody konnte durch Tarnumhänge sehen … für ihn allein offenbarte sich die ganze Seltsamkeit dieses Schauspiels auf der Treppe … Snape im Nachthemd, Filch mit dem Ei unter dem Arm, und er, Harry, über ihnen in eine Stufe eingeklemmt. Moodys schräg klaffende Wunde von Mund öffnete sich überrascht. Einige Sekunden lang starrten sich er und Harry an. Dann machte Moody den Mund zu und ließ sein blaues Auge zu Snape wandern.
»Hab ich richtig gehört, Snape?«, fragte er langsam. »Jemand ist in Ihr Büro eingebrochen?«
»Das ist unwichtig«, sagte Snape kalt.
»Im Gegenteil«, knurrte Moody, »es ist sehr wichtig. Wer sollte denn in Ihr Büro einbrechen wollen?«
»Ein Schüler, würde ich vermuten«, sagte Snape. Harry konnte eine Ader auf Snapes fettiger Stirn fürchterlich zucken sehen. »Das ist schon öfter vorgekommen. Zaubertrankzutaten sind aus meinem persönlichen Vorratsschrank verschwunden … Schüler, die verbotene Mixturen ausprobieren, mit Sicherheit …«
»Die waren also auf Trankzutaten aus?«, fragte Moody. »Sie verstecken nicht zufällig etwas in Ihrem Büro?«
Harry sah von der Seite, wie Snapes fahles Gesicht hässlich ziegelrot anlief und die Ader auf seiner Stirn noch schneller pulste.
»Sie wissen, dass ich nichts verstecke, Moody«, sagte er mit leiser und drohender Stimme, »da Sie mein Büro ja selbst recht gründlich durchsucht haben.«
Moodys Gesicht verzog sich zu einem Lächeln. »Das Vorrecht des Auroren, Snape. Dumbledore meinte, ich solle ein Auge auf –«
»Dumbledore vertraut mir«, sagte Snape zähneknirschend. »Ich weigere mich zu glauben, dass er Sie angewiesen hat, mein Büro zu durchsuchen!«
»Natürlich traut Dumbledore Ihnen«, knurrte Moody. »Verliert nie den Glauben an das Gute im Zauberer, nicht wahr? Gibt jedem ’ne zweite Chance. Ich aber – ich sage, es gibt Flecken, die gehen nicht mehr raus, Snape. Flecken, die nie mehr rausgehen, Sie wissen, wovon ich rede?«
Snape tat plötzlich etwas sehr Seltsames. Er packte seinen linken Unterarm krampfartig mit der rechten Hand, als ob er heftig schmerzen würde.
Moody lachte. »Gehen Sie wieder schlafen, Snape.«
»Sie sind nicht befugt, mich herumzukommandieren!«, zischte Snape und ließ seinen Arm los, als würde er sich über sich selbst ärgern. »Ich habe genauso das Recht wie Sie, nach Einbruch der Dunkelheit in dieser Schule Wache zu gehen!«
»Dann wachen Sie woanders«, sagte Moody, doch in seiner Stimme lag etwas sehr Bedrohliches. »Ich freu mich darauf, Sie eines Nachts in einem dunklen Korridor zu treffen … übrigens, Sie haben was verloren …«
Mit einem stummen Schrei des Entsetzens sah Harry, wie Moody auf die Karte des Rumtreibers deutete, die noch immer sechs Stufen unter ihm lag. Snape und Filch wandten die Köpfe. Und in diesem Augenblick ließ Harry alle Vorsicht fahren; er hob unter seinem Tarnumhang die Arme, winkte verzweifelt, um Moodys Blick auf sich zu ziehen, und formte mit den Lippen die Worte: »Das ist meine! Meine!«
Schon hatte Snape, dem die dämmernde Erkenntnis als fürchterliche Grimasse ins Gesicht geschrieben stand, die Hand nach der Karte ausgestreckt –
»Accio Pergament!«
Die Karte flog hoch, raschelte durch Snapes ausgestreckte Finger und flatterte die Stufen hinunter direkt in Moodys Hand.
»Mein Fehler«, sagte Moody gelassen. »Die gehört mir – muss sie vorhin fallen gelassen haben –«
Doch Snapes schwarze Augen blitzten vom Ei in Filchs Armen hinüber zur Karte in Moodys Hand, und Harry war klar, dass er zwei und zwei zusammenzählte, wie nur Snape es konnte …
»Potter«, flüsterte er.
»Wie bitte?«, sagte Moody gleichmütig, faltete die Karte zusammen und steckte sie ein.
»Potter!«, raunzte Snape, und tatsächlich wandte er den Kopf und starrte genau auf die Stelle, wo Harry stand, als ob er ihn plötzlich sehen könnte. »Dieses Ei gehört Potter. Dieses Pergament gehört auch Potter. Ich hab es schon einmal gesehen, ich erkenne es wieder. Potter ist hier! Potter, in seinem Tarnumhang!«
Snape streckte die Hände aus wie ein Blinder und begann die Stufen hinaufzusteigen; Harry hätte schwören können, dass seine übergroßen Nüstern sich weiteten und er versuchte, Harry zu erschnüffeln – in der Falle festsitzend beugte sich Harry nach hinten, um Snapes Fingerspitzen zu entgehen, doch er musste ihn jeden Moment –
»Da gibt’s nichts zu suchen, Snape!«, bellte Moody. »Aber ich werde umgehend dem Schulleiter berichten, wie schnell Sie an Harry Potter gedacht haben!«
»Was soll das heißen?«, raunzte Snape und wandte den Kopf, die ausgestreckten Hände immer noch Zentimeter von Harrys Brust entfernt, zu Moody um.
»Das soll heißen, dass Dumbledore sehr erpicht darauf ist zu erfahren, wer es auf den Jungen abgesehen hat!«, sagte Moody und hinkte noch einen Schritt näher zum Fuß der Treppe. »Und das gilt auch für mich, Snape, da bin ich sehr neugierig.« Das Fackellicht flackerte über sein zerstörtes Gesicht, so dass die Narben und die Stelle, an der ein Stück seiner Nase fehlte, noch tiefer und dunkler wirkten.
Snape sah auf Moody hinunter und Harry konnte sein Gesicht nicht sehen. Einen Moment lang herrschte vollkommene Stille, niemand rührte sich oder sprach. Dann ließ Snape langsam die Hände sinken.
»Ich dachte nur«, sagte Snape mit gezwungen ruhiger Stimme, »wenn Potter sich schon wieder zu nachtschlafender Zeit im Schloss rumtreibt … das ist eine bedauerliche Angewohnheit von ihm … dann sollte man ihm Einhalt gebieten. Zu – zu seiner eigenen Sicherheit.«
»Ah, verstehe«, sagte Moody leise. »Ihnen liegt nur Potters Wohl am Herzen.«
Stille trat ein. Snape und Moody sahen sich immer noch an. Mrs Norris ließ ein lautes Miauen hören und spähte immer noch hinter Filchs Beinen hervor, auf der Suche nach der Quelle des Schaumbaddufts.
»Ich werd mich jetzt wohl wieder hinlegen«, sagte Snape barsch.
»Die beste Idee, die Sie heute Nacht hatten«, sagte Moody. »Filch, wenn Sie mir jetzt bitte dieses Ei geben –«
»Nein!«, sagte Filch und umklammerte das Ei, als wäre es sein erstgeborener Sohn. »Professor Moody, das ist der Beweis für Peeves’ Verrat!«
»Es ist das Eigentum des Champions, dem er es gestohlen hat!«, sagte Moody. »Geben Sie es mir, sofort.«
Snape rauschte die Treppe hinunter und lief ohne ein Wort an Moody vorbei. Filch schnalzte Mrs Norris zu, die noch ein paar Sekunden lang unverwandt Harry anstarrte, sich dann umdrehte und ihrem Herrn folgte. Harry, der immer noch schnell atmete, hörte, wie Snape sich auf dem Korridor entfernte; Filch übergab Moody das Ei und verschwand nun ebenfalls, wobei er Mrs Norris zumurmelte: »Macht nichts, meine Süße … wir sehen Dumbledore morgen früh … dann sagen wir ihm schon, was Peeves angestellt hat …«
Eine Tür fiel zu. Harry stand jetzt alleine auf der Treppe und sah hinunter zu Moody, der seinen Stock auf die erste Stufe stellte und begann, unter großer Mühsal und mit einem dumpfen Klonk auf jeder Stufe die Treppe zu ihm hochzusteigen.
»Das war knapp, Potter«, murmelte er.
»Jaah … ich – ähm … danke«, sagte Harry matt.
»Was hat es damit auf sich?«, sagte Moody, zog die Karte des Rumtreibers aus der Tasche und entfaltete sie.
»Karte von Hogwarts«, sagte Harry und hoffte, Moody würde ihn endlich aus seiner Treppenstufe ziehen; das Bein tat ihm inzwischen richtig weh.
»Beim Barte des Merlin«, hauchte Moody, sein magisches Auge schien angesichts der Karte völlig verrückt zu spielen. »Das … das ist ja ’ne sagenhafte Karte, Potter!«
»Jaah, sie ist … recht nützlich«, sagte Harry. Ihm tränten allmählich die Augen vor Schmerz. »Ähm – Professor Moody, vielleicht könnten Sie mir kurz helfen –?«
»Was? Oh! Ja … ja natürlich …«
Moody umklammerte Harrys Arme und zog ihn nach oben; Harrys Bein löste sich aus der Trickstufe und er setzte es auf die Stufe darüber.
Moody starrte immer noch auf die Karte. »Potter …«, sagte er langsam, »du hast nicht zufällig gesehen, wer in Snapes Büro eingebrochen ist? Auf dieser Karte, meine ich?«
»Ähm … ja, hab ich …«, gab Harry zu. »Es war Mr Crouch.«
Moodys magisches Auge huschte prüfend über die Karte. Plötzlich schien er alarmiert.
»Crouch?«, fragte er. »Bist du – bist du dir sicher, Potter?«
»Absolut«, sagte Harry.
»Jedenfalls ist er nicht mehr da«, sagte Moody, dessen Augen beständig über die Karte flogen. »Crouch … das ist sehr – sehr interessant …«
Fast eine Minute lang schwieg er und starrte nur auf die Karte. Harry war klar, dass ihm diese Neuigkeit etwas gesagt hatte, und wollte sehnlichst wissen, was es war. Er überlegte, ob er es wagen sollte zu fragen. Moody jagte ihm ein wenig Angst ein … doch Moody hatte ihm gerade geholfen, einer Menge Ärger aus dem Weg zu gehen.
»Ähm … Professor Moody … warum, glauben Sie, wollte sich Mr Crouch in Snapes Büro umsehen?«
Moodys magisches Auge löste sich von der Karte und fixierte nun zitternd Harry. Es war ein durchdringender Blick, und Harry hatte den Eindruck, dass Moody ihn taxierte, nicht sicher, ob er antworten sollte oder nicht, oder wie viel er ihm erzählen sollte.
»Lass es mich so sagen, Potter«, murmelte Moody endlich, »es heißt, der alte Mad-Eye sei ganz besessen davon, schwarze Magier zu fassen … aber Mad-Eye ist nichts – nichts – im Vergleich zu Barty Crouch.«
Erneut starrte er auf die Karte. Harry brannte darauf, mehr zu erfahren.
»Professor Moody«, sagte er noch einmal. »Glauben Sie, könnte dies damit zu tun haben … dass Mr Crouch vielleicht denkt, es sei irgendwas im Busch …«
»Zum Beispiel?«, fragte Moody scharf.
Harry überlegte, wie viel er zu sagen wagen sollte. Moody sollte nicht auf den Gedanken kommen, dass er eine Quelle außerhalb von Hogwarts hatte; das würde womöglich zu peinlichen Fragen über Sirius führen.
»Ich weiß nicht«, murmelte Harry, »in letzter Zeit sind ein paar merkwürdige Sachen passiert. Es stand ja im Tagespropheten … das Dunkle Mal bei der Weltmeisterschaft und die Todesser und alles …«
Die beiden so verschiedenen Augen Moodys weiteten sich.
»Du bist ein schlauer Junge, Potter«, sagte er. Sein magisches Auge wanderte nun wieder zur Karte des Rumtreibers. »So was könnte tatsächlich in Crouchs Kopf vor sich gehen«, sagte er langsam. »Sehr gut möglich … in letzter Zeit sind einige seltsame Gerüchte umhergeschwirrt – mit tatkräftiger Unterstützung von Rita Kimmkorn natürlich. Das macht einige Leute nervös, vermute ich.« Ein grimmiges Lächeln zerrte an seinem schrägen Mund. »Oh, wenn es eins gibt, das ich hasse«, murmelte er, mehr zu sich selbst als zu Harry gewandt, und sein magisches Auge fixierte die linke untere Ecke der Karte, »dann ist es ein Todesser, der entkommen ist und frei herumläuft …«
Harry starrte ihn an. Konnte Moody tatsächlich das meinen, was Harry vermutete?
»Und jetzt möchte ich dir eine Frage stellen, Potter«, sagte Moody nun wieder in nüchternem Ton.
Harry wurde schwer ums Herz; er hatte schon darauf gewartet. Moody würde ihn fragen, woher er die Karte, diesen recht zweifelhaften magischen Gegenstand, eigentlich hatte – und die Geschichte, wie sie ihm in die Hände gefallen war, würde nicht nur ihn belasten, sondern seinen eigenen Vater, Fred und George Weasley sowie Professor Lupin, ihren letzten Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste. Moody wedelte mit der Karte vor Harrys Nase herum und Harry machte sich auf das Schlimmste gefasst –
»Kann ich mir die ausleihen?«
»Oh!«, sagte Harry. Er hatte viel Freude an seiner Karte, doch andererseits war er ungeheuer erleichtert, dass Moody nicht fragte, wo er sie herhatte, und zweifellos schuldete er ihm auch einen Gefallen. »Ja, klar.«
»Guter Junge«, knurrte Moody. »Die kann ich wirklich gut gebrauchen … das ist vielleicht genau das, wonach ich gesucht habe … schön, nun aber ins Bett, Potter, komm mit …«
Sie stiegen zusammen die Treppe hoch, und auch im Gehen untersuchte Moody die Karte wie einen Schatz, von dem er nicht zu träumen gewagt hatte. Schweigend gingen sie bis zur Tür von Moodys Büro, wo er stehen blieb und zu Harry hinuntersah. »Hast du jemals daran gedacht, ein Auror zu werden, Potter?«
»Nein«, sagte Harry völlig perplex.
»Dann überleg’s dir doch mal«, sagte Moody, nickte mit dem Kopf und musterte Harry nachdenklich. »Ja, allerdings … und übrigens … ich vermute mal, du bist mit diesem Ei heute Nacht nicht einfach so spazieren gegangen?«
»Ähm – nein«, sagte Harry grinsend. »Ich hab das Rätsel gelöst.«
Moody sah ihn zwinkernd an und wieder spielte sein magisches Auge verrückt. »Gibt nichts Besseres als einen kleinen Mondscheinspaziergang, um auf Ideen zu kommen, Potter … wir sehen uns morgen früh …« Er betrat sein Büro, den Blick schon wieder auf der Karte des Rumtreibers, und schloss die Tür hinter sich.
Langsam ging Harry zurück in den Gryffindor-Turm, ganz in Gedanken an Snape und Crouch versunken, und rätselte, was das alles zu bedeuten hatte … Warum schützte Crouch vor, krank zu sein, wenn er es dann doch schaffte, nach Hogwarts zu kommen? Und was, vermutete er, sei in Snapes Büro versteckt?
Dann hatte Moody auch noch vorgeschlagen, er, Harry, sollte Auror werden! Interessanter Vorschlag … doch als Harry zehn Minuten später Ei und Tarnumhang sicher in seinem Koffer verstaut hatte und leise in sein Bett stieg, kam ihm doch noch der Gedanke, dass er zunächst mal sehen wollte, wie vernarbt die anderen Auroren waren, bevor er sich für diesen Beruf entschied.
Die zweite Aufgabe
»Du hast doch gesagt, du hättest das Eierrätsel schon gelöst!«, entrüstete sich Hermine.
»Sprich doch leiser!«, erwiderte Harry ärgerlich. »Ich muss es nur noch ein wenig – ausfeilen, verstehst du?«
Sie hatten sich im Zauberkunstunterricht zu dritt an einen Tisch in der hinteren Reihe gesetzt. Heute war das Gegenteil des Aufrufezaubers dran – der Verscheuchezauber. Professor Flitwick, wohl wissend, was für hässliche Unfälle passieren konnten, wenn ständig irgendwelche Gegenstände durch das Zimmer flogen, hatte jedem Schüler einen Stapel Kissen zum Üben gegeben. Der Gedanke dahinter war, dass niemand verletzt würde, wenn die Kissen ihr Ziel verfehlten. Als Idee sehr gut, taugte er in der Praxis nicht allzu viel. Neville peilte so schlecht, dass er versehentlich viel Schwereres durch die Luft fliegen ließ – zum Beispiel Professor Flitwick.
»Vergiss doch einfach mal für ’ne Weile dieses Ei!«, zischte Harry, während Professor Flitwick mit einem Ausdruck stummen Leidens auf dem Gesicht an ihnen vorbeischwebte und auf einem großen Schrank landete. »Ich will dir doch nur diese Geschichte von Snape und Moody erzählen …«
Dieser Unterricht bot die beste Deckung für ein vertrauliches Gespräch, da all ihre Mitschüler viel zu viel Spaß hatten, um groß auf die drei zu achten. Harry erzählte nun schon seit einer halben Stunde in geflüsterten Fortsetzungen von seinen Abenteuern in der vorigen Nacht.
»Snape sagte, auch Moody hätte sein Büro durchsucht?«, wisperte Ron, die Augen vor Neugier flackernd, während er gleichzeitig mit einem Schwung des Zauberstabs ein Kissen fortjagte (es sauste durch die Luft und schlug Parvati den Hut vom Kopf). »Was glaubst du … ist Moody hier in der Schule, um nicht nur Karkaroff, sondern auch Snape im Auge zu behalten?«
»Keine Ahnung, ob Dumbledore ihn darum gebeten hat, auf jeden Fall tut er genau das«, sagte Harry und wedelte achtlos mit dem Zauberstab, woraufhin sein Kissen eine verkorkste Bauchlandung auf dem Boden hinlegte. »Moody meinte, Dumbledore behalte Snape nur hier, weil er ihm eine zweite Chance oder so was geben will …«
»Was?«, sagte Ron und riss die Augen auf. Sein nächstes Kissen trudelte hoch in die Luft, prallte gegen den Kronleuchter und schlug klatschend auf Professor Flitwicks Tisch auf. »Harry … vielleicht glaubt Moody, Snape habe deinen Namen in den Feuerkelch geworfen!«
»Ach, Ron«, sagte Hermine und schüttelte ungläubig den Kopf. »Wir haben schon einmal gedacht, Snape wolle Harry umbringen, und dann stellte sich raus, dass er ihm das Leben gerettet hat, weißt du noch?«
Sie verscheuchte ein Kissen, es flog quer durchs Zimmer und landete in der Kiste, genau da, wo es sollte. Harry sah Hermine nachdenklich an … es stimmte, Snape hatte ihm einmal das Leben gerettet, doch das Merkwürdige war, dass Snape ihn entschieden hasste, genauso wie er Harrys Vater gehasst hatte, als sie zusammen auf der Schule waren. Snape bereitete es Genuss, Harry Punkte abzuziehen, und er ließ gewiss nie eine Gelegenheit aus, ihm Strafen zu verpassen oder sogar vorzuschlagen, er solle von der Schule verwiesen werden.
»Mir ist egal, was Moody sagt«, fuhr Hermine fort, »Dumbledore ist nicht dumm. Er hatte Recht, Hagrid und Professor Lupin zu vertrauen, auch wenn eine Menge Leute ihnen keine Arbeit gegeben hätten. Warum sollte er sich dann in Snape täuschen, selbst wenn Snape ein wenig –«
»– bösartig ist«, ergänzte Ron schlagartig. »Nun hör mal, Hermine, warum sollte dann ein Schwarzmagierfänger sein Büro durchsuchen?«
»Warum hat Mr Crouch so getan, als sei er krank?«, fragte Hermine, ohne auf Ron einzugehen. »Schon ein wenig komisch, oder, dass er es nicht schafft, zum Weihnachtsball zu kommen, aber mitten in der Nacht hier rumschleichen kann, wie es ihm passt?«
»Du kannst Crouch einfach nicht leiden, und zwar wegen dieser Winky, seiner Elfe«, sagte Ron und ließ ein Kissen gegen das Fenster klatschen.
»Und du hast dir in den Kopf gesetzt, dass Snape irgendwas ausheckt«, sagte Hermine und ließ ihr Kissen tadellos in die Kiste fliegen.
»Ich will nur wissen, was Snape mit seiner ersten Chance angefangen hat, wenn das jetzt seine zweite ist«, sagte Harry grimmig, und zu seiner größten Überraschung flog sein Kissen schnurgerade durchs Zimmer und landete auf dem Hermines.
Harry folgte dem Wunsch von Sirius, über alle merkwürdigen Geschehnisse in Hogwarts unterrichtet zu werden, und schickte ihm noch in dieser Nacht einen Brief per Waldkauz, in dem er ihm alles über Mr Crouchs Einbruch in Snapes Büro und Moodys und Snapes Zusammenstoß berichtete. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit ernsthaft dem dringendsten Problem zu, vor dem er stand: Wie sollte er am vierundzwanzigsten Februar eine Stunde lang unter Wasser überleben?
Ron gefiel die Idee ganz gut, noch einmal den Aufrufezauber zu benutzen – Harry hatte ihm erklärt, dass es in der Muggelwelt Atmungsgeräte gab, und Ron wollte partout nicht einsehen, warum Harry nicht ein solches Gerät aus der nächsten Muggelstadt zu sich rufen sollte. Hermine machte diesen Plan zunichte, indem sie verkündete, dass Harry wohl kaum innerhalb der gesetzten Zeit von einer Stunde lernen würde, mit einer Taucherlunge umzugehen, und selbst dann würde er sofort disqualifiziert, weil er den Internationalen Kodex zur Geheimhaltung der Magie gebrochen hätte. Es war einfach unsinnig zu hoffen, dass kein Muggel eine Taucherlunge bemerken würde, die über das Land auf Hogwarts zuflog.
»Die beste Lösung wäre natürlich, wenn du dich in ein U-Boot oder so was verwandeln könntest«, sagte sie. »Wenn wir nur schon Verwandlung für Menschen gehabt hätten! Aber ich glaub nicht, dass wir vor der sechsten Klasse damit anfangen, und es kann ganz übel ausgehen, wenn du nicht genau weißt, was du tust …«
»Allerdings, ich hab keine Lust, mit einem Sehrohr im Kopf durch die Gegend zu laufen«, sagte Harry. »Vielleicht sollte ich einfach jemanden direkt vor Moodys Augen angreifen, dann erledigt er es sicher für mich …«
»Er lässt dich nicht selbst wählen, in was er dich verwandelt«, entgegnete Hermine nüchtern. »Nein, ich denke, die beste Möglichkeit wäre irgendein Zauber.«
Und so vergrub Harry sich abermals in der Bibliothek, auf der Suche nach einem Zauber, der ihm helfen würde, ohne Sauerstoff zu überleben, auch wenn er allmählich das Gefühl hatte, für den Rest seines Lebens von den staubigen Bänden genug zu haben. Doch obwohl die drei ihre Mittagspausen, die Abende und die Wochenenden mit der Suche verbrachten – und obwohl Harry Professor McGonagall um eine Bescheinigung bat, damit er auch die Verbotene Abteilung benutzen durfte, und sogar die reizbare, geierartige Bibliothekarin Madam Pince um Hilfe fragte –, sie fanden trotz allem nichts, was es Harry ermöglicht hätte, eine Stunde unter Wasser zu verbringen und danach seine Geschichte auch noch erzählen zu können.
Anflüge von Panik, wie Harry sie schon kannte, begannen ihn nun wieder zu quälen, und wieder einmal fiel es ihm schwer, im Unterricht seine Gedanken beisammenzuhalten. Der See, der für Harry immer wie selbstverständlich zum Schlossgelände gehört hatte, zog fortwährend seinen Blick an, wenn er in der Nähe eines Klassenzimmerfensters saß, diese große, eisengraue Masse kalten Wassers, dessen dunkle und eisige Tiefen ihm allmählich so fern schienen wie der Mond.
Genau wie damals, bevor er es mit dem Hornschwanz aufnehmen musste, glitt die Zeit davon, als ob jemand die Uhren verhext hätte und sie jetzt besonders schnell liefen. Noch eine Woche war es bis zum vierundzwanzigsten Februar (also immer noch Zeit) … dann waren es fünf Tage (wurde nun allmählich Zeit, dass er etwas fand) … noch drei Tage (bitte lass mich was finden … bitte).
Noch zwei Tage, und Harry verlor wieder einmal den Appetit. Das einzig Gute beim Frühstück am Montag war die Rückkehr des Waldkauzes, den er Sirius geschickt hatte. Er nahm ihm das Pergament vom Bein, glättete es und hatte den kürzesten Brief vor Augen, den Sirius ihm je geschrieben hatte.
Schick mir das Datum des nächsten Hogsmeade-Wochenendes eulenwendend zurück.
Harry drehte das Pergament um, denn vielleicht stand ja etwas auf der Rückseite, doch sie war leer.
»Übernächstes Wochenende«, flüsterte Hermine, die über Harrys Schulter mitgelesen hatte. »Hier, nimm meine Feder und schick die Eule sofort zurück.«
Harry kritzelte das Datum auf die Rückseite von Sirius’ Brief, band ihn wieder an das Bein des Waldkauzes und sah zu, wie der Vogel zum Rückflug ansetzte. Was hatte er erwartet? Einen Ratschlag, wie er unter Wasser überleben konnte? Er war so erpicht darauf gewesen, Sirius alles über Snape und Moody zu erzählen, dass er völlig vergessen hatte, das Eierrätsel zu erwähnen.
»Weshalb will er denn wissen, wann wir das nächste Mal in Hogsmeade sind?«, fragte Ron.
»Keine Ahnung«, sagte Harry dumpf. Das kurze Glücksgefühl angesichts des Waldkauzes war schon wieder verflogen. »Beeil dich … wir haben Pflege magischer Geschöpfe.«
Ob Hagrid sie nun für die Knallrümpfigen Kröter entschädigen wollte, oder weil nur noch zwei davon übrig waren, oder weil er beweisen wollte, dass er alles konnte, was Professor Raue-Pritsche konnte – Harry wusste es nicht, doch seit Hagrid wieder arbeitete, hatte er den Unterricht über Einhörner fortgesetzt. Es stellte sich heraus, dass Hagrid genauso viel über Einhörner wusste wie über Monster, aber es war klar, dass ihn die Einhörner ein wenig enttäuschten, da sie ja keine Giftzähne hatten.
Er hatte es geschafft, zwei Einhorn-Fohlen zu fangen. Im Gegensatz zu ausgewachsenen Einhörnern waren sie von Kopf bis Schwanz von reiner goldener Farbe. Parvati und Lavender waren ganz hingerissen von diesem Anblick, und selbst Pansy Parkinson hatte Mühe zu verbergen, wie sehr sie die Tiere mochte.
»Leichter zu erkennen als die Alten«, erklärte Hagrid der Klasse. »Sie wer’n silbern, wenn sie etwa zwei Jahre alt sind, und mit vier Jahren wächst ihnen das Horn. Erst wenn sie ausgewachsen sind, mit etwa sieben, wer’n sie ganz weiß. Als Babys sind sie ’n wenig zutraulicher … haben nicht so viel gegen Jungs … nur zu, ein wenig näher ran, ihr könnt sie streicheln, wenn ihr wollt … gebt ihnen ’n paar von diesen Zuckerstückchen … Alles in Ordnung mit dir?«, murmelte Hagrid und zog Harry ein wenig beiseite, während die meisten anderen um die Baby-Einhörner herumschwärmten.
»Jaah«, sagte Harry.
»Bloß ’n bisschen nervös, nich?«, sagte Hagrid.
»Bisschen«, murmelte Harry.
»Harry«, sagte Hagrid und gab ihm mit seiner massigen Hand einen solchen Klaps auf die Schulter, dass Harrys Knie unter der Wucht einknickten, »ich hab mir ja Sorgen gemacht, bevor ich gesehn hab, wie du’s mit diesem Hornschwanz aufgenommen hast, aber jetzt weiß ich, du schaffst alles, was du dir in ’n Kopf setzt. Ich mach mir jedenfalls keine Gedanken mehr drüber. Du kriegst das schon hin. Dein Rätsel hast du doch schon gelöst, nich?«
Harry nickte, doch noch während er dies tat, überkam ihn ein verrückter Drang zu gestehen, dass er keine Ahnung hatte, wie er eine Stunde lang am Grund des Sees überleben sollte. Er sah zu Hagrid auf – vielleicht hatte er schon ein paarmal in den See steigen müssen, weil er sich um dessen Geschöpfe kümmern musste? Schließlich pflegte er auch alle anderen Wesen der Ländereien –
»Du gewinnst«, knurrte Hagrid und klatschte erneut mit solcher Wucht auf Harrys Schulter, dass er buchstäblich ein paar Zentimeter in den sumpfigen Boden sank. »Das weiß ich. Hab ich im Gespür. Du gewinnst, Harry.«
Harry brachte es einfach nicht über sich, das glückliche, zuversichtliche Lächeln auf Hagrids Gesicht auszulöschen. Er zwang sich ebenfalls zu einem Lächeln, trat scheinbar ganz interessiert zu den jungen Einhörnern und begann, seinen Mitschülern gleich, sie zu streicheln.
Am Abend vor der zweiten Aufgabe fühlte sich Harry in einem Alptraum gefangen. Selbst wenn er wie durch ein Wunder einen brauchbaren Zauber fand, so war ihm doch vollkommen klar, dass es ungeheuer schwer sein würde, ihn über Nacht noch zu erlernen. Wie hatte er es so weit kommen lassen können? Warum hatte er sich nicht früher an das Eierrätsel gesetzt? Wieso war er im Unterricht so oft mit den Gedanken woanders gewesen – was, wenn ein Lehrer einmal zufällig erwähnt hätte, wie man unter Wasser atmen konnte?
Während draußen die Sonne unterging, saßen Harry, Ron und Hermine in der Bibliothek, voreinander durch mächtige Stapel Zauberbücher verborgen, und blätterten fieberhaft Seite um Seite um. Harry zuckte jedes Mal heftig zusammen, wenn er das Wort »Wasser« auf einer Buchseite sah, doch meist hieß es da nur: »Man nehme einen Liter Wasser, ein halbes Pfund geschnittene Alraunenblätter und einen Molch …«
»Ich glaub, es geht einfach nicht«, hörte er Rons matte Stimme von der anderen Seite des Tisches her. »Nichts zu finden. Nichts. Was am ehesten noch ginge, wäre dieser Dreh, um Pfützen und Tümpel auszutrocknen, dieser Dürrezauber, aber der ist nie und nimmer mächtig genug, um diesen See trockenzulegen.«
»Es muss doch etwas geben«, murmelte Hermine und zog eine Kerze näher zu sich heran. Das Brüten über Alte und vergessene Hexereien und Zaubereien in dieser winzigen Schrift hatte ihre Augen so ermüdet, dass sie mit der Nasenspitze fast die Seiten berührte. »Sie würden doch nie eine Aufgabe stellen, die nicht zu lösen ist.«
»Haben sie aber«, sagte Ron. »Harry, du gehst morgen einfach runter zum See, steckst deinen Kopf ins Wasser und rufst nach den Wassermenschen, sie sollen dir bitte schön das zurückgeben, was sie dir gestohlen haben, und einfach rauswerfen. Mehr kannst du schlicht nicht machen, Alter.«
»Es gibt eine Möglichkeit!«, sagte Hermine. »Es muss doch eine geben!« Dass sich in der Bibliothek nichts Brauchbares finden ließ, schien sie als persönliche Beleidigung aufzufassen; nie zuvor hatten sie die Bücher im Stich gelassen.
»Ich weiß, was ich hätte tun sollen«, sagte Harry, der die Wange auf Scharfe Tricks für scharfe Typen gelegt hatte. »Ich hätte mir beibringen sollen, ein Animagus zu werden, so wie Sirius.«
»Genau, dann hättest du dich jederzeit in einen Goldfisch verwandeln können!«, sagte Ron.
»Oder einen Frosch«, gähnte Harry. Er war erschöpft.
»Es dauert Jahre, bis man ein Animagus wird, und dann musst du dich auch noch anmelden und so weiter«, sagte Hermine unwirsch. Sie hatte inzwischen das Stichwortverzeichnis von Tausend knifflige Zauberrätsel überflogen. »Wisst ihr das nicht mehr, Professor McGonagall hat es uns doch gesagt … du musst dich dann beim Amt gegen den Missbrauch der Magie eintragen lassen … welches Tier du wirst und deine besonderen Kennzeichen, damit du keinen Unsinn anstellst …«
»War doch nur ’n Witz, Hermine«, sagte Harry müde. »Ich weiß, ich habe keine Chance, mich bis morgen Abend in einen Frosch zu verwandeln …«
»Ach, das bringt doch überhaupt nichts«, sagte Hermine und klappte Tausend knifflige Zauberrätsel zu. »Wer um Himmels willen möchte schon, dass seine Nasenhaare als Ringellöckchen wachsen?«
»Fänd ich nicht schlecht«, ertönte Fred Weasleys Stimme. »Könnte man mal drüber reden, oder?«
Harry, Ron und Hermine sahen auf. Fred und George waren gerade hinter einem Bücherregal hervorgetreten.
»Was treibt ihr zwei denn hier?«, fragte Ron.
»Wir suchen euch«, sagte George. »McGonagall will dich sprechen, Ron. Und dich auch, Hermine.«
»Warum?«, fragte Hermine verdutzt.
»Keine Ahnung … jedenfalls sah sie ziemlich angespannt aus«, sagte Fred.
»Wir sollen euch zu ihr ins Büro runterbringen«, sagte George.
Ron und Hermine starrten Harry an, dem sich der Magen zusammenzog. Wollte Professor McGonagall den beiden eine Strafpredigt halten? Vielleicht war ihr aufgefallen, wie viel sie ihm halfen, wo er doch allein herausfinden sollte, wie die Aufgabe zu lösen war?
»Wir treffen uns dann im Gemeinschaftsraum«, sagte Hermine und erhob sich zusammen mit Ron – beide schienen ziemlich beunruhigt. »Und bring möglichst viele von diesen Büchern mit, ja?«
»Gut«, sagte Harry bedrückt.
Um Punkt acht löschte Madam Pince alle Lampen und scheuchte Harry aus der Bibliothek. Er nahm so viele Bücher mit, wie er tragen konnte, und schwankte mit seiner Last zurück in den Gemeinschaftsraum der Gryffindors, wo er sich einen Tisch beiseitezog und seine Suche fortsetzte. In Magische Mätzchen für tumbe Zauberer war nichts … und auch nicht im Führer durch die mittelalterliche Hexenkunst … nicht ein Wort über Unterwasserausflüge in Eine Anthologie der Zauberei des achtzehnten Jahrhunderts oder in Grausige Wesen der Tiefe und auch nicht in Kräfte Ihres Innern, von denen Sie nie wussten, und was Sie jetzt damit anfangen.
Krummbein krabbelte auf Harrys Schoß und kuschelte sich sonor schnurrend darin ein. Allmählich wurde es um Harry herum leer. Manche wünschten ihm viel Glück für den nächsten Morgen und klangen dabei so fröhlich und zuversichtlich wie Hagrid. Offenbar waren sie alle überzeugt, er würde, wie schon bei der ersten Aufgabe, erneut einen verblüffenden Auftritt hinlegen. Harry konnte ihnen nicht antworten, er hatte das Gefühl, ein Golfball stecke ihm in der Kehle, und so nickte er nur. Um zehn vor Mitternacht war er mit Krummbein allein im Raum. Er hatte alle mitgebrachten Bücher durchstöbert und Ron und Hermine waren noch immer nicht zurück. Es ist aus, sagte er sich. Du schaffst es nicht. Du musst eben morgen früh runter zum See und es den Richtern ganz klar sagen …
Er sah sich schon gestehen, dass er die Aufgabe nicht lösen konnte. Er stellte sich Bagmans rundäugige Überraschung vor, Karkaroffs zufriedenes, gelbzähniges Lächeln. Er hörte beinahe schon, wie Fleur Delacour sagte: »Isch ’ab es gewusst, er ist doch nur ein kleiner Junge.« Er sah Malfoy mit seinem POTTER STINKT-Anstecker vor dem Publikum herumtänzeln, sah Hagrids enttäuschtes, ungläubiges Gesicht …
Harry stand urplötzlich auf, und da er ganz vergessen hatte, dass Krummbein auf seinem Schoß lag, landete der Kater auf dem Boden. Er fauchte zornig, versetzte Harry einen angewiderten Blick und stolzierte mit hoch aufgerichtetem Flaschenbürstenschwanz davon. Doch Harry stürmte bereits die Wendeltreppe zum Schlafsaal hoch … er wollte sich den Tarnumhang schnappen und in die Bibliothek zurückkehren, und dort würde er die ganze Nacht bleiben, wenn es sein musste …
»Lumos«, flüsterte Harry fünfzehn Minuten später, als er die Tür zur Bibliothek öffnete.
Mit leuchtender Zauberstabspitze schlich er an den Regalen entlang und zog Bücher heraus – noch mehr Bücher über Hexerei und Zauberei, Bücher über Wassermenschen und Wassermonster, Bücher über berühmte Hexen und Zauberer, über magische Erfindungen, Bücher über einfach alles, in denen vielleicht auch nur beiläufig erwähnt war, wie man unter Wasser überleben konnte. Er trug den Stapel hinüber zu einem Tisch und machte sich an die Arbeit. Im schmalen Lichtstrahl seines Zauberstabs blätterte er Seite um Seite um, hin und wieder sah er auf die Uhr …
Ein Uhr … zwei Uhr … um sich anzuspornen, blieb ihm nur, sich selbst einzureden: Im nächsten Buch … im nächsten … im nächsten …
Die Nixe auf dem Gemälde im Badezimmer der Vertrauensschüler lachte und lachte. Harry trieb wie ein Korken auf dem schaumigen Wasser um ihren Fels, während sie den Feuerblitz über seinem Kopf ausgestreckt hielt.
»Komm und hol ihn dir!«, giggelte sie hämisch. »Los, spring schon!«
»Ich kann nicht«, keuchte Harry, schnappte nach dem Feuerblitz und strampelte verzweifelt, um nicht unterzugehen. »Gib ihn her!«
Doch sie stieß ihm nur die Besenspitze schmerzhaft in die Seite und lachte ihn aus.
»Das tut weh – lass das sein – autsch –«
»Harry Potter muss aufwachen, Sir!«
»Hör auf mich zu stupsen –«
»Dobby muss Harry Potter stupsen, Sir, er muss aufwachen!«
Harry öffnete die Augen. Er war immer noch in der Bibliothek; der Tarnumhang war ihm im Schlaf vom Kopf gerutscht und er lag mit der Wange auf dem Großen Selbsthilfebuch für Zauberer. Er setzte sich auf, rückte seine Brille zurecht und blinzelte ins helle Tageslicht.
»Harry Potter muss sich beeilen!«, quiekte Dobby. »Die zweite Runde beginnt in zehn Minuten, und Harry Potter –«
»Zehn Minuten?«, krächzte Harry. »Zehn – zehn Minuten?«
Er blickte auf seine Uhr. Dobby hatte Recht. Es war zwanzig nach neun. Ein großes schweres Gewicht schien ihm durch die Brust in den Magen zu fallen.
»Beeilung, Harry Potter!«, quiekte Dobby und zupfte ihn am Ärmel. »Sie sollten längst unten am See bei den anderen Champions sein, Sir!«
»Es ist zu spät, Dobby«, sagte Harry mit hoffnungsloser Stimme. »Ich werde nicht antreten, ich weiß nicht, wie –«
»Harry Potter wird diese Aufgabe lösen!«, quiekte der Elf. »Dobby wusste, dass Harry nicht das richtige Buch gefunden hat, also hat Dobby es für ihn getan!«
»Was?«, sagte Harry. »Aber du weißt doch gar nicht, was in der zweiten Aufgabe drankommt –«
»Dobby weiß es sehr wohl, Sir! Harry Potter muss in den See hinein und seinen Wheezy finden –«
»Meinen was finden?«
»– und seinen Wheezy von den Wassermenschen zurückholen!«
»Was ist ein Wheezy?«
»Ihren Wheezy, Sir, Ihren Wheezy – Wheezy, der Dobby seinen Pulli geschenkt hat!«
Dobby zupfte an dem geschrumpften kastanienbraunen Pulli, den er jetzt über seinen Shorts trug.
»Was?«, keuchte Harry. »Sie haben … sie haben Ron?«
»Das, was Harry Potter am meisten vermissen wird, Sir!«, quiekte Dobby. »Und nach einer Stunde –«
»›– fehlt dir das Glück‹«, zitierte Harry und sah den Elfen an, »›zu spät, ’s ist fort und kommt nicht zurück.‹ Dobby – was muss ich tun?«
»Sie müssen essen, Sir!«, quiekte der Elf, steckte die Hand in die Tasche seiner Shorts und zog etwas heraus, das aussah wie eine Kugel aus schmierigen, graugrünen Rattenschwänzen. »Kurz bevor Sie in den See gehen, Sir – Kiemenkraut!«
»Was bewirkt das?«, fragte Harry und starrte die Krautkugel an.
»Es macht, dass Harry Potter unter Wasser atmen kann, Sir!«
»Dobby«, sagte Harry gehetzt, »hör zu – bist du dir sicher?«
Er konnte nicht ganz vergessen, dass er das letzte Mal, als Dobby versucht hatte, ihm zu »helfen«, am Ende ohne Knochen in seinem rechten Arm im Krankenflügel gelandet war.
»Dobby ist sich ganz, ganz sicher, Sir!«, sagte der Elf mit ernster Miene. »Dobby hört dies und das, Sir, er ist ein Hauself, er geht im ganzen Schloss herum und macht Feuer und wischt die Böden, Dobby hat Professor McGonagall und Professor Moody im Lehrerzimmer gehört, wie sie über die nächste Aufgabe gesprochen haben … Dobby kann nicht zulassen, dass Harry Potter seinen Wheezy verliert!«
Harrys Zweifel schwanden. Er sprang auf und riss sich den Tarnumhang herunter, stopfte ihn in seine Schultasche, packte die Kiemenkraut-Kugel und steckte sie in seinen Umhang, dann hetzte er mit Dobby auf den Fersen aus der Bibliothek.
»Dobby muss zurück in die Küche, Sir!«, quiekte Dobby, als sie in den Korridor stürzten. »Man wird Dobby vermissen – viel Glück, Harry Potter, Sir, viel Glück!«
»Bis später dann, Dobby!«, rief Harry, sprintete den Korridor entlang und nahm drei Stufen auf einmal die Treppen hinunter.
In der Eingangshalle traf er auf ein paar Nachzügler aus der Großen Halle, die durch das Eichenportal hinausgingen, um sich die zweite Runde anzusehen. Mit aufgerissenen Augen sahen sie Harry vorbeiflitzen, die steinerne Treppe hinunterrasen und, beinahe Colin und Dennis Creevey umrempelnd, hinaus aufs Gelände und in den sonnigen, kalten Tag spurten. Während er den grasbewachsenen Abhang hinunterjagte, sah er, dass die Tribünen, die im November das Drachengehege umgeben hatten, am anderen Ufer aufgebaut waren und sich im See darunter spiegelten; eine Sitzreihe über der anderen war bis auf den letzten Platz besetzt. Das aufgeregte Geschnatter und Getuschel der Menge hallte als merkwürdiges Summen über das Wasser, während Harry, inzwischen völlig außer Atem, am Ufer entlang auf die Richter zurannte, die wieder an einem golddrapierten Tisch direkt am Wasser saßen. Cedric, Fleur und Krum standen neben dem Richtertisch und sahen ihm entgegen.
»Ich … ich bin … da …«, keuchte Harry, bremste schlitternd ab und bespritzte Fleur versehentlich mit Uferschlamm.
»Wo hast du gesteckt?«, sagte eine herrische, missbilligende Stimme. »Wir haben schon gewartet!«
Harry wandte sich um. Percy Weasley saß am Richtertisch – Mr Crouch war wieder einmal nicht erschienen.
»Schon gut, Percy!«, sagte Ludo Bagman, der ungeheuer erleichtert schien, Harry zu sehen. »Lassen Sie ihn doch erst mal Luft holen!«
Dumbledore lächelte Harry zu, doch Karkaroff und Madame Maxime schienen keineswegs erfreut, ihn zu sehen – nach ihren Mienen zu schließen hatten sie offenbar geglaubt, er würde nicht mehr auftauchen.
Harry stützte die Hände auf die Knie und rang nach Luft; er hatte solches Seitenstechen, dass es ihm vorkam, als hätte er ein Messer zwischen den Rippen. Aber er hatte nicht die Zeit, es ausklingen zu lassen; Ludo Bagman trat nun zwischen die Champions und stellte sie in drei Meter Abstand am Ufer entlang auf. Harry stand ganz am Ende der Reihe, neben Krum, der eine Badehose trug und seinen Zauberstab bereithielt.
»Alles klar, Harry?«, wisperte Bagman und zog Harry ein paar Schritte weiter von Krum fort. »Du weißt, wie du es anstellst?«
»Ja«, keuchte Harry und massierte sich die Rippen.
Bagman kniff ihm kurz in die Schulter und kehrte zum Richtertisch zurück; er richtete den Zauberstab, wie schon bei der Weltmeisterschaft, auf seine Kehle, sagte »Sonorus!« und ließ seine Stimme über das Wasser hinüber zu den Tribünen dröhnen.
»Es ist so weit, unsere Champions sind bereit für die nächste Aufgabe, die auf meinen Pfiff hin beginnt. Sie haben genau eine Stunde, um das zurückzuholen, was ihnen genommen wurde. Ich zähle also bis drei. Eins … zwei … drei!«
Der Pfiff hallte in der kalten, windstillen Luft schrill wider; auf den Tribünen brach Jubel und Beifall los; ohne sich darum zu kümmern, was die anderen Champions taten, zog Harry Schuhe und Socken aus, zog die Hand voll Kiemenkraut aus der Tasche, stopfte sich die Kugel in den Mund und watete hinaus in den See.
Das Wasser war so kalt, dass die Haut auf seinen Beinen brannte, als würde er durch ein Feuer und nicht durch eisiges Wasser gehen. Sein durchweichter Umhang hing ihm immer schwerer von den Schultern, während er tiefer hineinwatete. Das Wasser stand ihm über den Knien und seine rasch ertaubenden Füße rutschten über Schlick und flache, glitschige Steine. Er kaute das Kiemenkraut, so kraftvoll und schnell er konnte; es fühlte sich unangenehm schleimig und gummiartig an wie die Greifarme eines Tintenfischs. Hüfthoch im eisigen Wasser hielt er inne, schluckte und wartete darauf, dass etwas passierte.
Er konnte Gelächter aus dem Publikum hören und wusste, dass er bescheuert aussehen musste, wie er da im See herumtapste ohne auch nur ein Anzeichen für magische Kräfte. Was noch trocken an ihm war, war Gänsehaut, und bis zur Brust im kalten Wasser stehend blies nun auch noch eine grausame Brise durch sein Haar, und es begann ihn vor Kälte heftig zu schütteln. Er mied den Blick hinüber zu den Tribünen; das Gelächter wurde lauter und die Slytherins begannen zu buhen und zu höhnen …
Dann, ganz plötzlich, fühlte sich Harry, als würde ihm ein unsichtbares Kissen auf Mund und Nase gedrückt. Er versuchte Luft zu holen, doch es drehte sich alles in seinem Kopf; seine Lungen waren leer und er spürte plötzlich einen stechenden Schmerz zu beiden Seiten seines Halses –
Harry klammerte die Hände um den Hals und spürte zwei große, gelippte Schlitze gleich unter den Ohren, die in der kalten Luft flatterten … er hatte Kiemen. Ohne weiter nachzudenken, tat er das Einzige, was Sinn hatte – er warf sich bäuchlings ins Wasser.
Der erste Zug eisigen Wassers kam ihm vor wie das lebensrettende Atemholen. Der Wirbel in seinem Kopf legte sich; er nahm einen weiteren kräftigen Zug Wasser und spürte, wie es sanft durch seine Kiemen floss und Sauerstoff in sein Gehirn schickte. Er streckte die Hände vor sich aus und betrachtete sie. Unter Wasser wirkten sie gespenstisch grün und zwischen den Fingern hatten sich Schwimmhäutchen gebildet. Er neigte den Kopf nach unten und musterte seine nackten Füße – sie waren länger geworden, und auch zwischen seinen Zehen waren nun Schwimmhäutchen; es sah aus, als wären ihm Flossen gewachsen.
Das Wasser schien ihm nun auch nicht mehr eisig … im Gegenteil, er fühlte sich angenehm kühl und sehr leicht. Harry machte noch einen Schwimmzug und freute sich, wie schnell und weit seine Flossenfüße ihn durchs Wasser trieben, freute sich, wie klar er jetzt sehen konnte und dass er nicht mehr zu blinzeln brauchte. Bald war er so weit in den See hineingeschwommen, dass er den Grund nicht mehr sehen konnte. Er senkte den Kopf und stieß sich hinunter in die Tiefen.
Stille drückte auf seine Ohren, während er über eine fremde, dunkle, neblige Landschaft schwebte. Er hatte nur drei Meter Sicht, und während er rasch durchs Wasser glitt, tauchten plötzlich immer neue Landschaften aus der Dunkelheit auf: Wälder aus wimmelndem schwarzem Tang, weite, mit matt schimmernden Steinen übersäte Schlickebenen. Tiefer hinunter schwamm er, und weit hinaus in die Mitte des Sees, mit aufgerissenen Augen durch das schauerlich graue Licht starrend, auf die Schatten um ihn her, die er nicht durchdringen konnte.
Kleine Fische flitzten an ihm vorbei wie Silberpfeile. Das eine oder andere Mal glaubte er etwas Großes vor sich zu erkennen, doch wenn er näher kam, entdeckte er, dass es nur ein dicker, geschwärzter Baumstamm war oder ein dichtes Tanggeflecht. Von den anderen Champions, von Wassermenschen, von Ron war keine Spur zu entdecken – und glücklicherweise auch nicht von dem Riesenkraken.
Hellgrüner Tang erstreckte sich vor ihm, so weit sein Blick reichte, halbmeterhoch, wie eine wild verwucherte Wiese. Harry spähte, ohne zu blinzeln, in die Tiefen und versuchte in dem düsteren Licht Gestalten zu erkennen … und dann, ohne Vorwarnung, packte ihn etwas am Knöchel.
Harry wirbelte herum und sah einen Grindeloh, einen kleinen, gehörnten Wasserdämon, den Kopf aus dem Tang strecken, die langen Finger fest um Harrys Bein geklammert und die spitzen Vorderzähne gebleckt – rasch steckte Harry seine mit Schwimmhäutchen bewachsene Hand in die Tasche und tastete nach seinem Zauberstab – aber bis er ihn in den Fingern hatte, waren zwei weitere Grindelohs aus dem Tang aufgetaucht, hatten sich an seinem Umhang festgeklammert und versuchten ihn in die Tiefe zu ziehen.
»Relaschio!«, rief Harry, doch kein Laut kam aus seinem Mund … nur eine große Blase, und sein Zauberstab schoss auch keinen Funkenstrom gegen die Grindelohs, sondern einen Strahl offenbar kochend heißen Wassers, denn da, wo er sie traf, flammten rote Flecken auf ihrer grünen Haut auf. Harry entwand sein Bein dem Griff der Grindelohs und schwamm, so schnell er konnte, davon; hin und wieder jagte er einen weiteren heißen Wasserstrahl blindlings über die Schultern, denn ihm war, als ob ein Grindeloh noch immer nach seinem Fuß schnappte. Dann stieß er heftig nach hinten aus, und endlich spürte er, wie sein Fuß einen gehörnten Schädel traf, und als er einen Blick zurückwarf, sah er den benommenen Grindeloh mit schielendem Blick davontreiben, während seine Mitdämonen wütend die Faust gegen ihn reckten und sich in ihren Tang zurücksinken ließen.
Harry ging es nun ein wenig langsamer an, steckte den Zauberstab in den Umhang und blickte lauschend umher, während er einen großen Kreis im Wasser schwamm. Die Stille lastete nun noch schwerer auf seinen Trommelfellen. Er wusste, dass er tief unten im See sein musste, doch nichts außer dem wimmelnden Tang bewegte sich.
»Wie kommst du so voran?«
Harry war einem Herzanfall nahe. Er wirbelte herum und sah die Maulende Myrte im nebligen Licht vor sich schwimmen und ihn durch ihre dicke Perlmuttbrille anstarren.
»Myrte!«, versuchte Harry zu rufen, doch wiederum kam nichts als eine große Blase aus seinem Mund. Doch der Maulenden Myrte gelang es zu kichern.
»Vielleicht probierst du es mal dort drüben!«, sagte sie und deutete ins Trübe. »Ich komm nicht mit … ich mag sie nicht besonders, sie jagen mich immer, wenn ich ihnen zu nahe komme …«
Harry bedankte sich mit nach oben gerecktem Daumen und schwamm erneut los, darauf bedacht, etwas höher über dem Tang zu bleiben, um den Grindelohs, die vielleicht noch auf ihn lauerten, zu entgehen.
Er schwamm, wie es ihm vorkam, mindestens zwanzig Minuten lang. Weite Ebenen schwarzen Schlamms, von seinen Flossen trüb aufgewirbelt, zogen unter ihm hinweg. Dann endlich hörte er einen Fetzen jenes Wassermenschenliedes, das er nicht mehr vergessen würde:
»In einer Stunde musst du es finden
und es uns dann auch wieder entwinden …«
Nach ein paar raschen Zügen sah Harry vor sich einen großen Fels aus dem trüben Wasser auftauchen. Auf den Stein waren Wassermenschen gemalt; sie trugen Speere und waren offenbar auf der Jagd nach Riesenkraken. Harry schwamm weiter, am Fels vorbei, und folgte dem Wassermenschenlied.
»… die Zeit ist halb um, so zaudre nicht,
sonst sieht, was du suchst, nie mehr das Licht.«
Aus der Dunkelheit ragten plötzlich einige primitive und mit Algen bewachsene steinerne Behausungen ins trübe Licht. Durch die dunklen Fenster sah Harry hie und da ein paar Gesichter … Gesichter, die nicht entfernt der Nixe auf jenem Badezimmergemälde ähnelten …
Die Wassermenschen hatten gräuliche Haut und langes, wildes, dunkelgrünes Haar. Ihre Augen waren gelb, wie ihre splittrigen Zähne, und sie trugen dicke Kieselschnüre um den Hals. Mit scheelen Blicken verfolgten sie grinsend, wie Harry vorbeischwamm; einige wenige kamen aus ihren Höhlen, um ihn besser betrachten zu können; sie trugen Speere in den Händen und durchpeitschten das Wasser mit ihren kräftigen silbernen Schwanzflossen.
Harry schwamm rasch weiter, spähte umher und sah bald noch weitere Behausungen auftauchen; um manche davon waren Tanggärten angelegt, und vor einer Tür, an einem Pfahl angeleint, sah er sogar einen Hausgrindeloh. Von allen Seiten erschienen jetzt Wassermenschen und betrachteten ihn neugierig, deuteten auf seine Flossenhände und Kiemen und tuschelten hinter vorgehaltenen Händen miteinander. Schnell bog Harry um einen Felsen, doch dahinter tat sich ein sonderbares Schauspiel vor ihm auf. Eine ganze Schar Wassermenschen schwebte vor einer Häuserreihe, die eine Art Dorfplatz bildete, nur dass dieser Platz unter Wasser errichtet war. Ein Wassermenschenchor in der Mitte des Platzes sang jenes Lied, das die Champions anlocken sollte, und hinter dem Chor ragte eine Statue auf: ein gigantischer Wassermensch, mit groben Schlägen aus einem mächtigen Geröllblock gehauen. An die Schwanzflosse des steinernen Wassermenschen waren vier Menschen gefesselt.
Ron hatten sie zwischen Hermine und Cho Chang angebunden. Mit dabei war auch ein Mädchen, das nicht älter als acht schien. Die silbrige Haarwolke, die um es her im Wasser schwebte, ließ Harry sicher sein, dass es Fleur Delacours Schwester war. Alle vier schienen in einen sehr tiefen Schlaf versunken. Die Köpfe hingen schlaff herunter und Ströme feiner Blasen quollen aus ihren Mündern.
Harry schwamm mit raschen Zügen auf die Geiseln zu, in der Furcht, dass die Wassermenschen ihre Speere senken und gegen ihn schleudern würden, doch nichts geschah. Die Gefangenen waren mit dicken, glibberigen und sehr zähen Tangschlingen an die Statue gefesselt. Einen kurzen Augenblick lang dachte er an das Messer, das ihm Sirius zu Weihnachten geschenkt hatte – aber es lag sicher verwahrt und völlig nutzlos in seinem Koffer im Schloss.
Er sah sich um. Viele der Wassermenschen, die ihn und die vier Geiseln umkreisten, trugen Speere. Er schwamm auf einen über zwei Meter großen Wassermann mit langem grünem Bart und einer Halskette aus Haifischzähnen zu und versuchte ihm grimassierend und fuchtelnd verständlich zu machen, dass er sich seinen Speer ausleihen wolle. Der Wassermann lachte und schüttelte den Kopf. »Wir helfen nicht«, sagte er mit knirschender und krächzender Stimme.
»Nun mach schon!«, sagte Harry wütend (doch nur Blasen kamen aus seinem Mund) und versuchte dem Wassermann den Speer zu entwinden, doch er riss ihn an sich, schüttelte wieder den Kopf und lachte.
Harry wirbelte herum und blickte umher. Etwas Scharfes … irgendetwas … Auf dem Boden des Sees lagen Steine verstreut. Er schwamm hinab, holte sich einen besonders scharf gezackten Stein und kehrte zu der Statue zurück. Dann begann er auf die Taue einzuhacken, mit denen Ron gefesselt war, und nach einigen Minuten harter Arbeit rissen sie. Ron blieb bewusstlos ein paar Zentimeter über dem Seegrund schweben und dümpelte langsam dahin.
Harry sah sich um. Von den anderen Champions war keine Spur zu sehen. Worauf warteten sie? Warum beeilten sie sich nicht? Er wandte sich nun Hermine zu, hob den gezackten Stein und begann auch auf ihre Fesseln einzuhacken –
Doch schon packten ihn mehrere Paar starker grauer Hände. Ein halbes Dutzend Wassermänner schüttelten die grünhaarigen Köpfe und zogen ihn lachend von Hermine fort.
»Du nimmst deine eigene Geisel«, sagte einer der Wassermänner. »Lass die anderen hier …«
»Unmöglich!«, wollte Harry aufgebracht schreien – doch seinem Mund entwichen nur drei große Blasen.
»Deine Aufgabe ist es, deinen Freund zurückzuholen … lass die anderen hier …«
»Mit ihr bin ich auch befreundet!«, rief Harry und gestikulierte zu Hermine hinüber, wobei ihm eine riesige silberne Blase geräuschlos aus dem Mund trat. »Und die anderen sollen auch nicht sterben!«
Chos Kopf lag auf Hermines Schulter; das kleine silberhaarige Mädchen war gespenstisch grün und fahl. Harry mühte sich verzweifelt, die Wassermänner abzuschütteln, doch sie lachten nur noch lauter und hielten ihn fest. Harry blickte hektisch um sich. Wo blieben die anderen Champions? Hatte er noch Zeit, Ron nach oben zu bringen und dann zurückzukommen, um Hermine und die anderen zu holen? Würde er sie dann wiederfinden? Er sah auf die Uhr, um zu prüfen, wie viel Zeit ihm noch blieb – aber sie war stehen geblieben. Nun jedoch deuteten die Wassermänner um ihn her auf etwas über seinem Kopf. Harry blickte auf und sah Cedric auf sich zuschwimmen. Sein Kopf steckte in einer mächtigen Blase, die seine Züge merkwürdig weitete und spannte.
»Hab mich verirrt!«, formte er mit den Lippen, die Augen voller Panik. »Fleur und Krum kommen gleich!«
Harry fiel ein Stein vom Herzen, und er beobachtete, wie Cedric ein Messer aus der Tasche zog und Chos Fesseln durchschnitt. Er zog sie in die Höhe und verschwand mit ihr.
Harry sah sich angespannt um. Wo blieben Fleur und Krum? Die Zeit wurde allmählich knapp und dem Lied zufolge waren die Geiseln nach einer Stunde verloren …
Die Wassermenschen kreischten erregt. Jene, die Harry festhielten, lockerten ihren Griff und schauten über die Schultern. Auch Harry wandte sich um und sah etwas Monströses durch das Wasser furchen: ein menschlicher Körper in Badehosen mit dem Kopf eines Hais … es war Krum. Er schien sich selbst verwandelt zu haben – allerdings nicht besonders gut.
Der Hai-Mann schwamm geradewegs auf Hermine zu und begann an ihren Fesseln zu reißen und zu beißen: Das Problem war nur, dass Krums neue Zähne wenig dazu geeignet waren, etwas Kleineres als einen Delphin zu zerbeißen, und Harry sah es schon kommen, dass Krum, wenn er nicht vorsichtig war, Hermine in zwei Teile reißen würde. Er schoss auf ihn zu, schlug ihm hart auf die Schulter und hielt den gezackten Stein in die Höhe. Krum packte den Stein und begann Hermine freizuhacken. Nach Sekunden schon war es ihm gelungen; er schlang den Arm um Hermines Taille und schwamm ohne einen Blick zurück davon.
Was jetzt?, dachte Harry verzweifelt. Wenn er nur sicher wüsste, dass Fleur auf dem Weg war … noch war nichts von ihr zu sehen. Es blieb ihm nichts anderes übrig …
Er holte den Stein vom Grund, den Krum hatte fallen lassen, doch die Wassermänner kamen näher, bildeten nun einen Kreis um Ron und das kleine Mädchen und schüttelten die Köpfe.
Harry zog seinen Zauberstab. »Aus dem Weg!«
Nur Blasen sprudelten ihm aus dem Mund, aber er war sich sicher, dass die Wassermänner ihn verstanden hatten, denn plötzlich hörten sie auf zu lachen. Mit ihren gelblichen Augen blickten sie gebannt und verängstigt auf Harrys Zauberstab. Harry war allein und sie waren viele, doch nach ihren Mienen zu schließen konnten sie genauso wenig zaubern wie der Riesenkrake.
»Ich zähle bis drei!«, rief Harry; ein langer Strom aus Blasen quoll aus seinem Mund, doch er hielt drei Finger in die Höhe, damit sie die Botschaft auch sicher verstanden. »Eins …« (er zog einen Finger ein) – »zwei …« (er zog den zweiten Finger ein) –
Sie wichen zurück. Harry schoss auf das kleine Mädchen zu und hieb mit dem Stein auf das Tau ein, mit dem es an die Statue gefesselt war; und endlich war auch sie befreit. Er schlang den Arm um die Taille des Mädchens, packte Ron hinten am Umhang und stieß mit seinen Beinen durchs Wasser.
Er kam nur langsam und mühsam voran. Seine Schwimmhände konnte er nicht mehr benutzen, um sich anzutreiben; er ruderte verzweifelt mit seinen Beinen, doch Ron und Fleurs Schwester waren wie Säcke voll Kartoffeln, die ihn hinabzogen … er wandte das Gesicht nach oben, obwohl das Wasser über ihm noch dunkel war und er wusste, dass er noch tief unten sein musste …
Auch Wassermenschen stiegen mit ihm hoch. Sie schlängelten völlig mühelos um ihn herum und beobachteten, wie er sich durch das Wasser kämpfte … würden sie ihn zurück in die Tiefe ziehen, wenn die Zeit um war? Fraßen sie vielleicht sogar Menschen? Harrys Beine verkrampften sich vor Anstrengung; seine Schultern schmerzten furchtbar unter der Last Rons und des Mädchens, die sie nach oben ziehen mussten …
Das Luftholen war nun unerträglich schwer geworden. Wieder spürte er Schmerzen an beiden Seiten seines Halses … jetzt wurde ihm auch bewusst, dass sein Mund voll Wasser war … aber die Dunkelheit war jetzt nicht mehr so undurchdringlich … über sich konnte er das Tageslicht sehen …
Er stieß mit den Beinen kräftig nach unten und entdeckte, dass er wieder ganz normale Füße hatte … Wasser drang ihm durch den Mund in die Lungen … er fühlte sich schwindlig und benommen, doch er wusste, dass nur drei Meter über ihm Licht und Luft waren … er musste es bis oben schaffen … er musste einfach …
Harry ruderte so verzweifelt mit seinen Beinen, dass es sich anfühlte, als würden seine Muskeln vor Empörung schreien; sogar sein Kopf schien voll Wasser, er konnte nicht atmen, er brauchte Sauerstoff, er musste weitermachen, er durfte nicht aufhören –
Und dann spürte er, wie sein Kopf durch die Wasseroberfläche stieß; wunderbare, kalte, klare Luft stach ihm ins nasse Gesicht; er sog sie in mächtigen Zügen ein, und es schien ihm, als hätte er in seinem Leben noch nie richtig geatmet. Keuchend zog er Ron und das kleine Mädchen hoch an die Luft. Überall um ihn her tauchten wilde, grün behaarte Köpfe aus dem Wasser und lächelten ihm zu.
Die Menge auf der Tribüne machte einigen Lärm; alle waren aufgesprungen und riefen und schrien; Harry hatte den Eindruck, dass sie Ron und das Mädchen für tot hielten, doch sie irrten sich … beide hatten die Augen geöffnet; das Mädchen sah ängstlich und verwirrt aus und Ron spuckte nur einen großen Wasserstrahl aus, blinzelte im hellen Licht, wandte sich Harry zu und sagte: »Nass, oder?« Dann erkannte er Fleurs Schwester. »Warum hast du die mitgebracht?«
»Fleur ist nicht gekommen. Ich konnte sie nicht da unten lassen«, keuchte Harry.
»Harry, du Trottel!«, sagte Ron, »du hast dieses Lied doch nicht etwa ernst genommen? Dumbledore hätte doch keinen von uns im Stich gelassen!«
»Aber in dem Lied heißt es –«
»Nur damit ihr auch ja innerhalb der Zeit wieder zurückkommt!«, sagte Ron. »Ich hoffe, du hast da unten nicht deine Zeit verplempert und den Helden gespielt!«
Harry kam sich dumm vor und war zugleich verärgert. Ron hatte gut reden; er hatte ja geschlafen, er hatte nicht erlebt, wie schaurig es dort unten im See gewesen war, umkreist von speertragenden Wassermännern, die durchaus zum Töten bereit schienen.
»Komm her«, sagte er schroff, »hilf mir mit dem Mädchen, ich glaub nicht, dass sie allzu gut schwimmen kann.«
Sie zogen Fleurs Schwester durch das Wasser, hinüber zum Ufer, wo die Richter standen und sie beobachteten. Begleitet wurden sie von einer Art Ehrengarde aus zwanzig Wassermenschen, die ihre fürchterlich kreischigen Lieder sangen.
Harry sah, wie Madam Pomfrey um Hermine, Krum, Cedric und Cho herumwirbelte, die allesamt in dicke Decken eingewickelt waren. Dumbledore und Ludo Bagman standen da und strahlten Harry und Ron entgegen, die jetzt auf das Ufer zuschwammen, doch Percy, der sehr blass und merkwürdig jünger aussah als sonst, kam ins Wasser gepatscht, um sie zu begrüßen.
Unterdessen versuchte Madame Maxime Fleur zu bändigen, die vollkommen aufgelöst schien und sich mit Zähnen und Klauen kämpfend zurück ins Wasser stürzen wollte.
»Gabrielle! Gabrielle! Lebt sie noch! Ist sie verletzt?«
»Ihr geht’s gut!«, wollte Harry ihr zurufen, doch er war so erschöpft, dass er kaum sprechen und schon gar nicht laut rufen konnte.
Percy schnappte sich Ron und zerrte ihn ans Ufer (»Hau ab, Percy, mir geht’s gut!«); Dumbledore und Bagman zogen Harry auf die Beine; Fleur hatte sich Madame Maximes Griff entwunden und umarmte ihre Schwester.
»Es waren die Grindelohs … sie ’aben misch angegriffen … oh, Gabrielle, isch dachte schon … isch dachte …«
»Komm hierher zu mir, Junge«, sagte Madam Pomfrey; sie packte Harry am Arm, zog ihn hinüber zu Hermine und den anderen, wickelte ihn so fest in eine Decke, dass er sich vorkam wie in einer Zwangsjacke, und flößte ihm resolut einen Löffel sehr heißen Zaubertranks ein. Dampf stob ihm aus den Ohren.
»Gut gemacht, Harry!«, rief Hermine. »Du hast es geschafft, du hast es ganz allein rausgefunden!«
»Na ja –«, sagte Harry. Er hätte ihr gerne von Dobby erzählt, doch soeben war ihm aufgefallen, dass Karkaroff ihn beobachtete. Er war der einzige Richter, der den Tisch nicht verlassen hatte; der einzige Richter, der nicht erfreut und erleichtert schien, dass Harry, Ron und Fleurs Schwester wohlbehalten zurück waren. »Ja, stimmt schon«, sagte Harry und hob ein wenig die Stimme, damit Karkaroff ihn hören konnte.
»Du hast eine Wasserkäfer in deine Haar, Erminne«, sagte Krum.
Harry hatte den Eindruck, dass Krum versuchte, ihre Aufmerksamkeit wiederzugewinnen, vielleicht um sie daran zu erinnern, dass er sie gerade aus dem See gerettet hatte, doch Hermine wischte den Wasserkäfer unwirsch weg und sagte: »Aber du hast die Zeit weit überschritten, Harry … hast du so lange gebraucht, um uns zu finden?«
»Nein … gefunden hatte ich euch schon lange …«
Harry kam sich allmählich ziemlich belämmert vor. Nun, wieder auf dem Trockenen, war er sich sicher, dass Dumbledore keine Geisel hätte sterben lassen, nur weil ihr Champion nicht zu ihr durchkam. Warum hatte er sich nicht einfach Ron geschnappt und war verschwunden? Er wäre der Erste gewesen … Cedric und Krum hatten keine Zeit damit verschwendet, sich um irgendjemanden zu kümmern; sie hatten das Wasserlied nicht ernst genommen …
Dumbledore kauerte am Ufer, vertieft in ein Gespräch mit einem Wassermenschen, offenbar der Anführerin, einer besonders wild und grimmig aussehenden Nixe. Dumbledore machte genau jene Geräusche, die die Wassermenschen von sich gaben, wenn sie an der Oberfläche waren; offensichtlich konnte er Meerisch sprechen. Schließlich richtete er sich auf, wandte sich seinen Richterkollegen zu und sagte: »Ich denke, wir sollten uns beraten, bevor wir die Noten vergeben.«
Die Richter scharten sich eng zusammen. Madam Pomfrey ging hinüber, um Ron aus Percys Klammergriff zu lösen; sie führte ihn zu Harry und den anderen, gab ihm eine Decke und ein wenig Aufpäppel-Trank, dann ging sie Fleur und ihre Schwester holen. Fleur hatte viele Schnittwunden auf Gesicht und Armen, und ihr Umhang war zerfetzt, doch es schien sie nicht zu kümmern, und sie gestattete Madam Pomfrey nicht einmal, die Wunden zu reinigen.
»Kümmern Sie sisch um Gabrielle«, sagte sie und wandte sich Harry zu. »Du ’ast sie gerettet«, keuchte sie. »Obwohl sie nischt deine Geisel war.«
»Ja-ah«, sagte Harry, der inzwischen zutiefst bereute, nicht alle drei Mädchen in Fesseln an der Statue gelassen zu haben.
Fleur bückte sich, küsste Harry zweimal auf jede Wange (er spürte sein Gesicht brennen, und es hätte ihn nicht überrascht, wenn ihm schon wieder Dampf aus den Ohren gestoben wäre), dann sagte sie zu Ron: »Und auch du – du ’ast ge’olfen –«
»Ja-ah«, sagte Ron und die größte Hoffnung stand ihm ins Gesicht geschrieben, »ja – ein wenig –«
Fleur stürzte sich nun auch auf ihn und gab ihm einen Kuss. Hermine machte ein zorniges Gesicht, doch in diesem Augenblick dröhnte Ludo Bagmans magisch verstärkte Stimme neben ihnen hinaus auf den See, sie zuckten zusammen und die Menge auf der Tribüne wurde ganz still.
»Meine Damen und Herren, wir haben unsere Entscheidung getroffen. Seehäuptlingin Murcus hat uns genau geschildert, was auf dem Grund des Sees geschehen ist, und wir haben daher beschlossen, die Champions bei fünfzig möglichen Punkten wie folgt zu benoten …
Miss Fleur Delacour hat zwar gezeigt, dass sie hervorragend mit dem Kopfblasenzauber umgehen kann, doch sie wurde von Grindelohs angegriffen, als sie sich ihrem Ziel näherte, und hat es nicht geschafft, ihre Geisel zu befreien. Wir erteilen ihr fünfundzwanzig Punkte.«
Applaus von der Tribüne.
»Isch ’ab eigentlisch keinen verdient«, krächzte Fleur und schüttelte ihren herrlichen Kopf.
»Mr Cedric Diggory, der ebenfalls den Kopfblasenzauber verwendet hat, kam als Erster mit seiner Geisel zurück, allerdings eine Minute nach der gesetzten Zeit von einer Stunde.« Gewaltiger Jubel von den Hufflepuffs im Publikum; Harry sah, wie Cho Cedric einen glühenden Blick schenkte. »Deshalb geben wir ihm siebenundvierzig Punkte.«
Harry wurde schwer ums Herz. Wenn Cedric die Zeit überschritten hatte, was war dann erst mit ihm?
»Mr Viktor Krum hat eine unvollständige Verwandlung benutzt, die dennoch sehr wirksam war, und ist als Zweiter mit seiner Geisel zurückgekehrt. Wir geben ihm vierzig Punkte.«
Karkaroff klatschte besonders laut und mit überlegenem Mienenspiel.
»Mr Harry Potter hat mit bester Wirkung Kiemenkraut genommen«, fuhr Bagman fort. »Er kehrte als Letzter zurück und weit über dem Zeitlimit von einer Stunde. Wie uns die Seehäuptlingin allerdings mitteilt, hat Mr Potter die Geiseln als Erster erreicht, und die Verspätung bei seiner Rückkehr war seiner Entschlossenheit geschuldet, alle Geiseln, nicht nur die seine, in Sicherheit zu bringen.«
Ron und Hermine warfen Harry halb aufgebrachte, halb mitleidige Blicke zu.
»Die Mehrzahl der Richter« – und an dieser Stelle versetzte Bagman Karkaroff einen sehr gehässigen Blick – »sind der Überzeugung, dass dies moralisches Rückgrat beweist und mit der vollen Punktzahl belohnt werden sollte. Dennoch … Mr Potters Ergebnis lautet fünfundvierzig Punkte.«
Harrys Magen sprang ihm in die Kehle – jetzt war er mit Cedric zusammen auf dem ersten Platz. Ron und Hermine, völlig überrascht, sahen Harry mit großen Augen an, dann lachten sie und begannen wie die anderen wild zu klatschen.
»Da hast du es, Harry!«, rief Ron durch den Trubel. »Du warst überhaupt nicht blöde – du hast moralisches Rückgrat bewiesen!«
Auch Fleur klatschte begeistert, während Krum überhaupt nicht glücklich schien. Wieder versuchte er, Hermine in ein Gespräch zu verwickeln, doch sie war zu sehr damit beschäftigt, Harry zu bejubeln, um hinzuhören.
»Die dritte und letzte Runde des Turniers findet am vierundzwanzigsten Juni bei Einbruch der Dunkelheit statt«, fuhr Bagman fort. »Wir werden den Champions genau einen Monat vorher mitteilen, was auf sie zukommt. Dank an alle für die Unterstützung ihrer Champions.«
Es ist vorbei, dachte Harry benommen, und schon bugsierte Madam Pomfrey die Champions und ihre Geiseln zurück ins Schloss, wo sie trockene Kleider anziehen sollten … Es war vorbei, er war durchgekommen … er musste sich jetzt bis zum vierundzwanzigsten Juni um gar nichts mehr sorgen …
Das nächste Mal, wenn ich nach Hogsmeade komme, so beschloss er, als er die Steinstufen zum Schloss hochging, das nächste Mal kaufe ich Dobby für jeden Tag des Jahres ein Paar Socken.
Tatzes Rückkehr
Der ganze Trubel nach der zweiten Runde, als alle unbedingt hören wollten, was denn genau auf dem Grund des Sees geschehen war, hatte vor allem ein Gutes: Ron stand wenigstens einmal gemeinsam mit Harry im Rampenlicht. Harry fiel auf, dass Ron seine Geschichte jedes Mal ein wenig anders erzählte. Die erste Darstellung schien durchaus noch der Wahrheit zu entsprechen; sie stimmte jedenfalls mit dem überein, was Hermine berichtete: Dumbledore hatte in Professor McGonagalls Büro die Geiseln in einen Zauberschlaf versetzt, nachdem er ihnen versichert hatte, ihnen würde nichts geschehen und sie würden erst wieder aufwachen, wenn sie aufgetaucht seien. Eine Woche später jedoch erzählte Ron die nervenzerfetzende Geschichte einer Entführung, bei der er allein gegen fünfzig schwer bewaffnete Wassermenschen gekämpft habe, die ihn erst hätten zusammenschlagen müssen, um ihn fesseln zu können.
»Aber ich hatte meinen Zauberstab im Ärmel versteckt«, beteuerte er Padma Patil, die nun, da Ron so viel Beachtung fand, offenbar viel schärfer auf ihn war und jedes Mal, wenn sie ihm im Korridor begegnete, unter großem Hallo unbedingt mit ihm sprechen wollte. »Diese Wasseridioten hätt ich jederzeit erledigen können.«
»Und wie bitte hättest du das angestellt, wolltest du sie vielleicht anschnarchen?«, giftete Hermine. Sie hatte sich viele Sticheleien anhören müssen, weil sie es war, die Viktor Krum am meisten vermisste, und war in ziemlich gereizter Stimmung.
Ron wurde rot um die Ohren und kehrte von Stund an zu der Geschichte mit dem Zauberschlaf zurück.
Anfang März wurde das Wetter trockener, aber wenn sie draußen auf dem Land waren, röteten ihnen furchtbare Winde die Hände und Gesichter. Ihre Briefe kamen verspätet an, denn die Stürme bliesen die Eulen aus ihren Flugbahnen. Der Waldkauz, den Harry Sirius mit dem Datum des Hogsmeade-Wochenendes geschickt hatte, tauchte eines Freitagmorgens beim Frühstück auf, und die Hälfte seiner Federn war in die falsche Richtung gebürstet; kaum hatte Harry Sirius’ Antwort von seinem Bein gerissen, flatterte er wieder davon, offensichtlich aus Furcht, er würde gleich wieder in die Lüfte geschickt.
Sirius’ Brief war fast so kurz wie sein voriger.
Komm Samstagnachmittag um zwei zu dem Gatter an der Straße, die aus Hogsmeade herausführt (an Derwisch und Banges vorbei). Bring so viel Essbares mit, wie du tragen kannst.
»Er ist doch nicht etwa wieder in Hogsmeade?«, sagte Ron ungläubig.
»Sieht ganz danach aus«, meinte Hermine.
»Das kann er doch nicht machen«, sagte Harry mit angespannter Stimme. »Wenn sie ihn fassen …«
»Bis hierher ist er jedenfalls durchgekommen«, sagte Ron. »Und in diesem Kaff wird sich jetzt wohl kein Dementor mehr rumtreiben.«
Nachdenklich faltete Harry den Brief zusammen. Wenn er ehrlich zu sich war, wollte er Sirius wirklich gern wiedersehen. In die letzte Doppelstunde an diesem Nachmittag – Zaubertränke – ging er jedenfalls viel besser gelaunt als sonst, wenn er die Treppen zu den Kerkern hinunterstieg.
Malfoy, Crabbe und Goyle standen vor der Klassenzimmertür und hatten die Köpfe mit einigen Slytherin-Mädchen aus Pansy Parkinsons Bande zusammengesteckt. Sie kicherten ausgelassen über etwas, das Harry nicht sehen konnte. Als die drei näher kamen, lugte Pansys aufgeregtes Mopsgesicht hinter Goyles breitem Rücken hervor.
»Da sind sie ja, da sind sie!«, giggelte sie und die Slytherin-Traube stob auseinander. Harry sah, dass Pansy eine Illustrierte in der Hand hielt – die Hexenwoche. Das bewegte Titelbild zeigte eine lockenhaarige Hexe, die zähneblitzend lächelte und mit dem Zauberstab auf einen großen Biskuitkuchen deutete.
»Da steht was drin, das dich sicher interessieren wird, Granger!«, rief Pansy und warf die Illustrierte Hermine zu, die sie verdutzt auffing. In diesem Augenblick öffnete sich die Kerkertür und Snape winkte sie herein.
Harry, Ron und Hermine gingen wie immer schnurstracks auf einen Tisch ganz hinten zu. Sobald Snape ihnen den Rücken gekehrt hatte, um die Zutaten des heutigen Tranks an die Tafel zu schreiben, blätterte Hermine unter dem Tisch hastig das Heft durch. Im mittleren Teil fand sie schließlich, wonach sie suchten. Harry und Ron beugten sich tiefer über die Seiten. Ein Farbfoto von Harry prangte über einem kurzen Artikel mit der Überschrift
Harry Potters stummes Herzeleid
Ein Junge wie kein anderer, könnte man meinen – doch auch ein Junge, der die ganz gewöhnlichen Qualen des Heranwachsenden durchleidet. Seit dem tragischen Ableben seiner Eltern der Liebe beraubt, glaubte der vierzehnjährige Harry Potter, endlich Trost bei seiner festen Freundin in Hogwarts, der muggelstämmigen Hermine Granger, gefunden zu haben. Doch er ahnte nicht, dass seine Seele in diesem ohnehin von persönlichen Verlusten geprägten Leben bald erneut einen schweren Schlag erleiden würde.
Miss Granger, ein äußerlich unscheinbares, aber ehrgeiziges Mädchen, hegt offenbar eine Vorliebe für berühmte Zauberer, die Harry allein nicht befriedigen kann. Seit Viktor Krum, der bulgarische Sucher und Held der letzten Quidditch-Weltmeisterschaft, in Hogwarts weilt, spielt Miss Granger mit den Gefühlen beider Jungen. Krum, der von der tückischen Miss Granger offensichtlich hingerissen ist, hat sie bereits eingeladen, ihn während der Sommerferien in Bulgarien zu besuchen, und versichert, er habe »solche Gefühle noch für kein anderes Mädchen empfunden«.
Allerdings sind es womöglich gar nicht die zweifelhaften natürlichen Reize Miss Grangers, denen diese beiden unglücklichen Jungen verfallen sind.
»Die ist echt hässlich«, meint Pansy Parkinson, eine hübsche und lebhafte Viertklässlerin, »aber dass sie einen Liebestrank zusammenbraut, traue ich ihr durchaus zu, sie hat ja ziemlich viel Grips. Ich bin sicher, damit schafft sie es.«
Natürlich sind Liebestränke in Hogwarts verboten und zweifellos sollte Albus Dumbledore diesen Behauptungen nachgehen. In der Zwischenzeit können alle, die sich um das Wohl Harry Potters sorgen, nur hoffen, dass er sein Herz das nächste Mal einer würdigeren Kandidatin schenkt.
Rita Kimmkorn
»Ich hab’s dir doch gesagt!«, zischelte Ron Hermine zu, die mit offenem Mund das Blatt anstarrte. »Ich hab dir doch gesagt, du sollst diese Rita Kimmkorn nicht ärgern! Jetzt hat sie dich auf dem Kieker und macht aus dir so eine – eine Lebedame!«
Hermines verblüffte Miene löste sich in schnaubendes Gelächter auf. »Lebedame?«, wiederholte sie, wandte sich Ron zu und zitterte verhalten kichernd.
»So nennt es jedenfalls meine Mum«, murmelte Ron und wieder lief er um die Ohren herum rot an.
»Wenn das alles ist, was Rita zustande bringt, dann wird sie allmählich langweilig«, sagte Hermine und warf die Hexenwoche immer noch kichernd auf den leeren Stuhl neben sich. »Das ist doch nichts als ein Haufen Müll.«
Sie sah hinüber zu den Slytherins, die gespannt beobachteten, ob es ihnen gelungen war, sie und Harry mit dem Artikel zu ärgern. Hermine schenkte ihnen ein herablassendes Lächeln und einen lässigen Wink mit der Hand, dann packten die drei die Zutaten aus, die sie für ihren Gripsschärfungs-Trank brauchten.
»Eins ist schon komisch daran«, sagte Hermine zehn Minuten später und hielt die Mörserkeule über eine Schale Skarabäuskäfer. »Wie hat Rita Kimmkorn das nur rausgefunden …?«
»Was rausgefunden?«, fragte Ron sofort. »Du hast doch nicht etwa Liebestränke gebraut?«
»Sei doch nicht albern«, zischte Hermine und begann ihre Käfer zu zerstampfen. »Nein, es ist nur … wie hat sie erfahren, dass Viktor mich eingeladen hat, ihn im Sommer zu besuchen?« Hermine lief bei diesen Worten scharlachrot an und vermied entschieden Rons Blick.
»Was?« Ron ließ seinen Stößel mit einem lauten Klonk fallen.
»Er hat mich gefragt, gleich nachdem er mich aus dem See gezogen hatte«, murmelte Hermine. »Nachdem er seinen Haikopf losgeworden ist. Madam Pomfrey hat uns Decken gegeben, dann hat er mich von den Richtern weggezogen, damit sie nichts mitbekamen, und gefragt, ob ich im Sommer schon was vorhätte und ob ich nicht Lust hätte –«
»Und was hast du geantwortet?«, warf Ron ein und hämmerte, die Augen unverwandt auf Hermine gerichtet, gut eine Handbreit von der Schale entfernt mit dem Stößel auf den Tisch.
»Und er hat wirklich gesagt, dass er noch nie solche Gefühle für jemanden empfunden hätte«, fuhr Hermine fort und wurde so rot, dass Harry die Hitze, die in ihr aufstieg, fast spüren konnte. »Aber wie könnte Rita Kimmkorn uns belauscht haben? Sie war nicht da … oder doch? Vielleicht hat sie einen Tarnumhang und hat sich aufs Gelände geschlichen, um sich die zweite Runde anzusehen …«
»Und was hast du geantwortet?«, wiederholte Ron und hieb mit dem Stößel so heftig auf den Tisch, dass eine Delle im Holz zurückblieb.
»Mich hat nur interessiert, ob es dir und Harry gut geht und –«
»So faszinierend Ihr gesellschaftliches Leben zweifellos ist, Miss Granger«, sagte eine eisige Stimme direkt hinter ihnen, »ich muss Sie doch ermahnen, es nicht im Unterricht zu erörtern. Zehn Punkte Abzug für Gryffindor.«
Snape war zu ihrem Tisch herübergeglitten, während sie gesprochen hatten. Die ganze Klasse drehte nun die Köpfe um; Malfoy nutzte die Gelegenheit und ließ POTTER STINKT durch den Kerker zu Harry hinüberblitzen.
»Ah … und man liest auch noch Heftchen unter dem Tisch?«, setzte Snape hinzu und schnappte sich die Hexenwoche. »Noch einmal zehn Punkte Abzug für Gryffindor … oh, verstehe …« Snapes schwarze Augen glitzerten, als sein Blick auf Rita Kimmkorns Artikel fiel. »Potter muss natürlich erfahren, was die Presse über ihn schreibt …«
Der Kerker erzitterte unter dem Gelächter der Slytherins und ein unangenehmes Lächeln kräuselte Snapes dünne Lippen. Harry trieb es die Zornesröte ins Gesicht, als Snape auch noch begann, den Artikel laut vorzulesen.
»Harry Potters stummes Herzeleid … meine Güte, Potter, was hast du nun wieder für ein Wehwehchen? Ein Junge wie kein anderer, könnte man meinen …«
Harrys Gesicht brannte. Snape legte am Ende jedes Satzes eine kleine Pause ein, um den Slytherins einen ausgiebigen Lacher zu gönnen. Von Snape vorgelesen, klang der Artikel noch zehnmal schlimmer.
»… können alle, die sich um das Wohl Harry Potters sorgen, nur hoffen, dass er sein Herz das nächste Mal einer würdigeren Kandidatin schenkt. Wie unglaublich rührend«, höhnte Snape und rollte das Heft unter dem anhaltenden Gelächter der Slytherins zusammen. »Es ist wohl am besten, wenn ich euch drei voneinander trenne, damit ihr euch Gedanken über Zaubertränke statt über euer Liebesleben macht. Weasley, du bleibst hier. Miss Granger, dort rüber, neben Miss Parkinson. Potter, an den Tisch vor meinem Pult. Beweg dich. Sofort.«
Harry warf die Zutaten und die Schultasche wütend in seinen Kessel und zog ihn nach vorn zu dem freien Tisch. Snape folgte ihm, setzte sich an das Pult und sah zu, wie Harry seine Sachen aus dem Kessel packte. Entschlossen, Snape keines Blickes zu würdigen, begann Harry erneut seine Skarabäuskäfer zu zerstampfen, und jeder einzelne davon, so stellte er sich vor, hatte Snapes Gesicht.
»Dieser ganze Presserummel scheint deinen ohnehin schon übergroßen Kopf noch mehr aufgeblasen zu haben, Potter«, sagte Snape leise, sobald der Rest der Klasse sich wieder beruhigt hatte.
Harry antwortete nicht. Er wusste, dass Snape ihn provozieren wollte; das kannte er bereits von ihm. Zweifellos war er darauf aus, einen Grund zu finden, um Gryffindor noch vor Ende der Stunde satte fünfzig Punkte abzuziehen.
»Du leidest vielleicht unter der Wahnvorstellung, dass die ganze Zaubererwelt von dir beeindruckt ist«, fuhr Snape so leise fort, dass ihn niemand sonst hören konnte (Harry hieb weiter auf seine Skarabäuskäfer ein, obwohl er sie bereits zu einem ganz feinen Pulver zerstampft hatte), »aber mir ist es völlig gleich, wie oft dein Bild in der Zeitung erscheint. Für mich, Potter, bist du nichts als ein ungezogener kleiner Bengel, der Vorschriften für unter seiner Würde hält.«
Harry schüttete die zerstäubten Käfer in seinen Kessel und begann seine Ingwerwurzeln klein zu schneiden. Ihm bebten die Hände vor Wut, aber er hielt den Blick gesenkt, als könne er nicht hören, was Snape sagte.
»Also lass dir das eine Warnung sein, Potter«, fuhr Snape noch leiser und bedrohlicher klingend fort, »winzige Berühmtheit oder nicht – wenn ich dich noch einmal dabei erwische, wie du in mein Büro einbrichst –«
»Ich war nicht mal in der Nähe Ihres Büros!«, entgegnete Harry zornig und vergaß dabei völlig seine vorgeschützte Taubheit.
»Lüg mich nicht an!«, zischte Snape und seine unergründlichen schwarzen Augen bohrten sich in die Harrys. »Baumschlangenhaut. Kiemenkraut. Beide stammen aus meinen persönlichen Vorräten, und ich weiß, wer sie gestohlen hat.«
Harry hielt Snapes Blick stand, entschlossen, nicht zu blinzeln oder schuldbewusst auszusehen. In Wahrheit hatte er Snape weder das eine noch das andere gestohlen. Hermine hatte die Baumschlangenhaut in ihrem zweiten Schuljahr geklaut – die hatten sie für den Vielsaft-Trank gebraucht –, und damals hatte Snape Harry zwar verdächtigt, doch er hatte es nie beweisen können. Und das Kiemenkraut hatte natürlich Dobby gestohlen.
»Ich weiß nicht, wovon Sie reden«, log Harry kühl.
»Du bist im Schloss umhergeschlichen in der Nacht, als bei mir eingebrochen wurde!«, zischte Snape. »Mach mir nichts vor, Potter! Schön, Mad-Eye hat sich vielleicht deinem Fanclub angeschlossen, ich aber werde diese Umtriebe nicht dulden! Wenn du dich noch einmal in mein Büro schleichst, Potter, dann bezahlst du dafür!«
»In Ordnung«, sagte Harry gelassen und wandte sich wieder seinen Ingwerwurzeln zu, »ich denk dran, wenn ich je den Drang verspüren sollte, da reinzugehen.«
Snapes Augen blitzten. Er steckte die Hand ins Innere seines schwarzen Umhangs. Einen verwirrten Moment lang dachte Harry, Snape würde seinen Zauberstab ziehen und ihm einen Fluch auf den Hals jagen – doch dann sah er, dass Snape eine kleine Kristallflasche mit einer vollkommen klaren Flüssigkeit herauszog. Harry starrte das Fläschchen an.
»Weißt du, was das ist, Potter?«, fragte Snape und wieder glitzerten seine Augen gefährlich.
»Nein«, entgegnete Harry, diesmal völlig aufrichtig.
»Das ist ein Veritaserum – ein Wahrheitselixier, das so mächtig ist, dass drei Tropfen genügen, damit du vor der ganzen Klasse deine tiefsten Geheimnisse ausplauderst«, sagte Snape mit tückischer Miene. »Allerdings unterliegt der Gebrauch dieses Elixiers sehr strengen Richtlinien des Ministeriums. Doch wenn du dich nicht vorsiehst, könnte es passieren, dass meine Hand versehentlich –«, er schüttelte lässig das Kristallfläschchen, »– über deinem abendlichen Kürbissaft ausrutscht. Und dann, Potter … dann wird sich erweisen, ob du in meinem Büro warst oder nicht.«
Harry sagte kein Wort. Er nahm das Messer zur Hand, wandte sich wieder den Ingwerwurzeln zu und begann sie in Scheiben zu schneiden. Die Sache mit dem Wahrheitselixier hörte sich überhaupt nicht gut an, und er würde es Snape durchaus zutrauen, ihm ein paar Tropfen unterzujubeln. Er unterdrückte ein Schaudern bei dem Gedanken, was ihm dann aus dem Mund sprudeln würde … ganz abgesehen davon, dass dann auch einige andere Ärger bekommen würden – vor allem Hermine und Dobby – und dann waren da all die anderen Geschichten, die er geheim hielt … zum Beispiel, dass er Verbindung zu Sirius hatte … und – seine Eingeweide verknäulten sich – was er für Cho empfand … Er schüttete nun auch die Ingwerwurzeln in den Kessel und fragte sich, ob er sich an Moody ein Beispiel nehmen und nur noch aus seiner persönlichen Taschenflasche trinken sollte.
An der Kerkertür klopfte es.
»Herein«, sagte Snape mit seiner gewöhnlichen Stimme.
Die Tür ging auf und die Klasse wandte die Köpfe. Professor Karkaroff trat ein. Unter aller Augen ging er auf Snapes Tisch zu. Er wirkte aufgewühlt und wickelte schon wieder seinen Ziegenbart um den Finger.
»Ich muss Sie sprechen«, sagte Karkaroff unvermittelt, als er vor Snape stand. Er öffnete kaum den Mund, offenbar entschlossen, niemand außer Snape solle ihn hören, und wirkte dabei wie ein schlechter Bauchredner. Harry wandte die Augen nicht von den Ingwerwurzeln und spitzte die Ohren.
»Ich spreche nach dem Unterricht mit Ihnen, Karkaroff –«, murmelte Snape, doch Karkaroff unterbrach ihn.
»Ich will jetzt mit dir sprechen; von hier kannst du nicht einfach verschwinden, Severus. Du bist mir die letzte Zeit dauernd aus dem Weg gegangen.«
»Nach der Stunde«, zischte Snape.
Wie um zu prüfen, ob er genug Gürteltiergalle eingegossen hatte, hielt Harry einen Messbecher in die Höhe und warf bei dieser Gelegenheit einen Seitenblick auf die beiden. Karkaroff schien äußerst beunruhigt, Snape dagegen wütend.
Karkaroff vertrat sich für den Rest der Doppelstunde die Beine hinter Snapes Rücken. Er schien ihn unbedingt daran hindern zu wollen, am Ende der Stunde einfach zu entwischen. Harry, ganz neugierig darauf, was Karkaroff sagen wollte, stieß zwei Minuten vor dem Läuten absichtlich seine Flasche Gürteltiergalle um, ein guter Grund, sie anschließend hinter seinen Kessel gebückt aufzuwischen, während der Rest der Klasse lärmend hinausging.
»Was ist denn so dringend?«, hörte er Snape zischen.
»Das hier«, sagte Karkaroff, und Harry sah, als er über den Rand seines Kessels lugte, wie Karkaroff den linken Ärmel seines Umhangs hochzog und Snape etwas auf der Innenseite seines Unterarms zeigte.
»Nun?«, sagte Karkaroff, immer noch bemüht, nicht die Lippen zu bewegen. »Siehst du? Es war noch nie so deutlich, noch nie seit –«
»Weg damit!«, raunzte Snape und ließ die schwarzen Augen durch das Klassenzimmer schweifen.
»Aber du musst doch bemerkt haben –«, setzte Karkaroff mit erregter Stimme an.
»Wir können später darüber sprechen, Karkaroff!«, bellte Snape. »Potter! Was machst du hier?«
»Ich wische meine Gürteltiergalle auf, Professor«, sagte Harry mit argloser Stimme, richtete sich auf und zeigte Snape den nassen Lumpen in seiner Hand.
Karkaroff drehte sich auf dem Absatz um und marschierte hinaus, offenbar verschreckt und wütend zugleich. Mit dem maßlos aufgebrachten Snape wollte Harry auf keinen Fall allein bleiben; er stopfte seine Bücher und Zutaten in die Tasche und machte sich überstürzt davon, um Ron und Hermine zu erzählen, was er soeben gehört hatte.
Am nächsten Tag gingen sie um die Mittagszeit aus dem Schloss, hinaus in das noch schwache silberne Sonnenlicht. So mild war es in diesem Jahr noch nicht gewesen, und als sie in Hogsmeade angekommen waren, hatten sie längst ihre Umhänge ausgezogen und über die Schultern geworfen. Das Essen, das sie für Sirius mitbringen sollten, trug Harry in der Tasche mit sich; sie hatten ein Dutzend Hühnerbeine, einen Laib Brot und eine Flasche Kürbissaft vom Mittagstisch geklaut.
Sie gingen in den Besenknecht, um ein Geschenk für Dobby zu kaufen, und machten sich einen Spaß daraus, die schrillsten Socken auszusuchen, darunter auch welche, die mit blitzenden Gold- und Silbersternen geschmückt waren, und solche, die laut schrien, wenn sie zu stinkig wurden. Um halb zwei dann machten sie sich auf den Weg die Hauptstraße entlang, an Derwisch und Banges vorbei zum Dorf hinaus.
In diese Richtung war Harry noch nie gegangen. Die gewundene Straße führte sie hinaus in die wilde Landschaft um Hogsmeade. Hier gab es nur noch vereinzelte Landhäuser mit großen Gärten; die Straße führte zunächst auf den Berg zu, in dessen Schatten Hogsmeade lag. Dann machte sie eine Biegung und sie konnten am Ende der Straße ein Gatter sehen. Dort wartete, die Vorderpfoten auf der obersten Stange, ein sehr großer, zottiger schwarzer Hund, der einen Packen Zeitungen im Maul trug und ihnen sehr bekannt vorkam …
»Hallo, Sirius«, sagte Harry, als sie ihn erreicht hatten.
Der schwarze Hund schnüffelte begierig an Harrys Tasche, wedelte kurz mit dem Schwanz, drehte sich dann um und trottete über das struppige Grasland davon, das bis zum felsigen Fuß des Berges anstieg. Die drei kletterten über das Gatter und folgten ihm.
Sirius führte sie bis zum Fuß des Berges, wo der Boden mit Geröllblöcken und Steinen übersät war. Mit seinen vier Hundebeinen kam er leicht voran; bei Harry, Ron und Hermine dauerte es nicht lange, bis sie außer Puste waren. Doch sie folgten Sirius weiter; nun ging es steil den Berg hoch. Die Gurte von Harrys Tasche schnitten ihm in die Schultern, und alle drei gerieten unter der Sonne ins Schwitzen, während sie eine halbe Stunde lang Sirius’ wedelndem Schwanz folgten und einen gewundenen und steinigen Pfad emporkletterten.
Dann war es so weit. Sirius verschwand plötzlich, und als sie die Stelle erreichten, wo sie ihn zuletzt gesehen hatten, standen sie vor einem schmalen Spalt im Fels. Sie drängten sich hindurch und standen in einer kühlen, schwach erleuchteten Höhle. Im hinteren Teil der Höhle, angeleint an einen großen Stein, stand Seidenschnabel, der Hippogreif, halb graues Pferd, halb Adler. Seine wilden, orange Augen blitzten auf, als er sie erkannte. Alle drei verbeugten sich tief vor ihm, und nachdem er sie einen Moment lang gemustert hatte wie ein Gebieter, knickte er die schuppigen Vorderbeine ein und erlaubte es Hermine, rasch hinüberzugehen und seinen fedrigen Hals zu streicheln. Harry jedoch sah gebannt auf den schwarzen Hund, der sich gerade in seinen Paten verwandelte.
Sirius trug einen zerlumpten grauen Umhang; er hatte ihn schon getragen, als er aus Askaban geflohen war. Seit er mit Harry im Kamin gesprochen hatte, war sein schwarzes Haar länger geworden und nun wieder verfilzt und zerzaust. Er sah abgemagert aus.
»Hühnchen!«, sagte er mit rauer Stimme, nachdem er die alten Tagespropheten aus dem Mund genommen und zu Boden geworfen hatte.
Harry öffnete seine Tasche und reichte Sirius das Bündel mit Hühnerbeinen und Brot.
»Danke«, sagte Sirius, wickelte es auf, packte einen Schlegel, setzte sich auf den Höhlenboden und riss mit den Zähnen ein großes Stück Fleisch ab. »Hab die letzte Zeit meist von Ratten gelebt. Darf in Hogsmeade nicht zu viel Essen stehlen; die würden sonst auf mich aufmerksam werden.«
Er grinste zu Harry hoch, doch Harry grinste nur widerwillig zurück.
»Was treibst du hier, Sirius?«, fragte er.
»Ich erfülle meine Pflicht als Pate«, antwortete Sirius und nagte hundemäßig an dem Hühnerknochen herum. »Mach dir keine Sorgen um mich, für die Leute bin ich nur ein liebenswerter kleiner Streuner.«
Noch immer grinste er, doch als er Harrys besorgte Miene sah, sagte er mit ernster Stimme: »Ich will in der Nähe sein, für alle Fälle. Dein letzter Brief … sagen wir einfach, allmählich ist was faul. Immer wenn jemand die Zeitung wegwirft, schnappe ich sie mir, und wie es aussieht, bin ich mittlerweile nicht mehr der Einzige, der sich Sorgen macht.«
Er nickte zu den zwei vergilbenden Tagespropheten auf dem Höhlenboden hinüber. Ron bückte sich danach und schlug eine Zeitung auf.
Harry sah jedoch unverwandt Sirius an. »Was ist, wenn sie dich erkennen? Was ist, wenn sie dich fangen?«
»Ihr drei und Dumbledore seid die Einzigen hier in der Gegend, die wissen, dass ich ein Animagus bin«, sagte Sirius achselzuckend und wandte sich wieder mit mächtigem Appetit seinem Hühnerbein zu.
Ron stieß Harry in die Rippen und reichte ihm die Tagespropheten. Es waren zwei Ausgaben; die erste trug die Schlagzeile: Mysteriöse Erkrankung von Bartemius Crouch, die zweite: Ministeriumshexe noch immer vermisst – Zaubereiminister erklärt den Fall zur Chefsache.
Harry überflog den Artikel über Crouch. Auf einigen Sätzen blieb sein Blick hängen:
… ist seit November nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen worden … sein Haus scheint leer zu stehen … St.-Mungo-Hospital für Magische Krankheiten und Verletzungen lehnt jede Stellungnahme ab … das Ministerium will Gerüchte über eine schwere Erkrankung nicht bestätigen …
»Das klingt ja, als würde er im Sterben liegen«, sagte Harry langsam. »Aber so krank kann er nicht sein, wenn er es geschafft hat, hier hochzukommen …«
»Mein Bruder ist Crouchs persönlicher Assistent«, sagte Ron zu Sirius gewandt. »Er behauptet, Crouch sei einfach überarbeitet.«
»Er hat wirklich ziemlich krank ausgesehen, als ich ihn das letzte Mal aus der Nähe gesehen hab«, sagte Harry. »An dem Abend, als der Kelch meinen Namen ausgegeben hat …«
»Ist doch nur die wohlverdiente Strafe dafür, dass er Winky entlassen hat«, sagte Hermine kühl. Sie streichelte Seidenschnabel, während dieser knirschend einen Hühnerknochen zermalmte. »Ich wette, er bereut es inzwischen – und spürt mal am eigenen Leib, wie es ist, wenn sie nicht da ist und ihn betüttelt.«
»Hermine hat sich wegen dieser Hauselfen in irgendwas reingesteigert«, murmelte Ron Sirius zu, wobei er Hermine einen finsteren Blick zuwarf.
Sirius jedoch schien aufzumerken. »Crouch hat seine Hauselfe rausgeworfen?«
»Ja, bei der Quidditch-Weltmeisterschaft«, sagte Harry und erzählte hastig vom Erscheinen des Dunklen Mals, von Winky, die mit Harrys Zauberstab in der Hand aufgefunden wurde, und von Mr Crouchs großem Zorn deswegen.
Als Harry geendet hatte, war Sirius wieder auf den Beinen und schritt die Höhle auf und ab. »Wie war das noch mal?«, sagte er nach einer Weile und wedelte mit einem Hühnerbein. »Ihr habt die Elfe zunächst in der Ehrenloge gesehen. Sie hat für Mr Crouch einen Platz besetzt?«
»Richtig«, sagten Harry, Ron und Hermine wie aus einem Mund.
»Aber Mr Crouch ist zu dem Spiel gar nicht aufgetaucht?«
»Nein«, sagte Harry. »Später meinte er, er sei zu beschäftigt gewesen.«
Ohne ein Wort zu sagen, schritt Sirius an der Höhlenwand entlang. Dann wandte er sich Harry zu: »Hast du nachgesehen, ob dein Zauberstab noch in der Tasche war, als du die Ehrenloge verlassen hast?«
»Ähm …« Harry dachte angestrengt nach. »Nein«, sagte er schließlich. »Bis wir in den Wald kamen, hab ich ihn ja nicht gebraucht. Und als ich dann die Hand in die Tasche steckte, fand ich nur mein Omniglas.« Er sah Sirius mit großen Augen an. »Willst du etwa sagen, wer immer dieses Mal beschworen hat, der hat auch in der Ehrenloge meinen Zauberstab gestohlen?«
»Schon möglich«, erwiderte Sirius.
»Winky hat diesen Zauberstab nicht gestohlen!«, sagte Hermine schrill.
»Die Elfe war ja nicht alleine in der Ehrenloge«, sagte Sirius stirnrunzelnd und war schon wieder dabei, in der Höhle auf und ab zu schreiten. »Wer saß sonst noch hinter dir?«
»Eine Menge Leute«, sagte Harry. »Ein paar bulgarische Minister … Cornelius Fudge … die Malfoys …«
»Die Malfoys!«, rief Ron plötzlich so laut, dass seine Stimme an den Höhlenwänden widerhallte und Seidenschnabel nervös seinen Kopf zurückwarf. »Ich wette, es war Lucius Malfoy!«
»Sonst noch jemand?«, sagte Sirius.
»Nein, niemand«, sagte Harry.
»Doch, noch jemand, und zwar Ludo Bagman«, erinnerte ihn Hermine.
»Ach ja …«
»Ich weiß nichts über Bagman, außer dass er früher Treiber bei den Wimbourner Wespen war«, sagte Sirius und ging immer noch auf und ab. »Was ist er für ein Mann?«
»Er ist schon in Ordnung«, sagte Harry. »Er bietet mir andauernd seine Hilfe für das Trimagische Turnier an.«
»Ach, tut er das?«, sagte Sirius und legte die Stirn in noch tiefere Falten. »Ich frag mich, warum eigentlich?«
»Er meint, er könne mich ganz gut leiden«, sagte Harry.
»Hmmh«, brummte Sirius nachdenklich.
»Wir haben ihn im Wald gesehen, kurz bevor das Dunkle Mal erschienen ist«, sagte Hermine. »Wisst ihr noch?«, wandte sie sich fragend an Harry und Ron.
»Ja, aber er ist doch nicht im Wald geblieben«, sagte Ron. »Kaum hatten wir ihm von dem Aufruhr erzählt, ist er Richtung Zeltplatz verschwunden.«
»Woher willst du das wissen?«, warf Hermine ein. »Woher willst du wissen, wohin er disappariert ist?«
»Nun hör aber auf«, entgegnete Ron verwundert, »willst du etwa sagen, du hältst es für möglich, dass Ludo Bagman das Dunkle Mal heraufbeschworen hat?«
»Jedenfalls ist es ihm eher zuzutrauen als Winky«, sagte Hermine stur.
»Hab’s dir ja gesagt«, wandte sich Ron mit viel sagendem Blick an Sirius, »sie hat sich da in was reingesteigert wegen dieser Haus–«
Doch Sirius hob die Hand, um Ron Schweigen zu gebieten. »Als das Dunkle Mal am Himmel war und die Elfe mit Harrys Zauberstab entdeckt wurde, was hat Crouch da getan?«
»Er ging ins Gebüsch, um noch einmal nachzusehen«, sagte Harry, »aber er hat niemanden gefunden.«
»Natürlich«, murmelte Sirius auf und ab gehend, »natürlich wollte er es unbedingt jemand anderem an den Hals hängen, wo doch seine Elfe beschuldigt wurde … und dann hat er sie rausgeworfen?«
»Ja«, regte sich Hermine auf. »Er hat sie rausgeworfen, nur weil sie nicht im Zelt geblieben ist und sich hat niedertrampeln lassen –«
»Hermine, nun hör doch mal auf mit dieser Elfe!«, sagte Ron.
Doch Sirius schüttelte den Kopf. »Sie hat Crouch besser durchschaut als du, Ron. Wenn du wissen willst, wie ein Mensch ist, dann sieh dir genau an, wie er seine Untergebenen behandelt, nicht die Gleichrangigen.«
Er fuhr sich mit der Hand über das stoppelige Gesicht, offenbar angestrengt nachdenkend. »Dieser Barty Crouch lässt sich so selten blicken … da befiehlt er eigens seiner Hauselfe, ihm einen Platz bei der Quidditch-Weltmeisterschaft zu besetzen, und dann kommt er nicht mal, um sich das Spiel anzusehen. Er trägt mit viel Mühe dazu bei, dass das Trimagische Turnier wieder stattfinden kann, und dann erscheint er auch dazu nicht … das sieht Crouch gar nicht ähnlich. Wenn er vor dieser ganzen Geschichte auch nur einen Tag wegen Krankheit freigenommen hat, dann verspeise ich Seidenschnabel.«
»Du kennst Crouch also?«, fragte Harry.
Sirius’ Miene verdüsterte sich. Plötzlich sah er so bedrohlich aus wie in der Nacht, als Harry ihn zum ersten Mal gesehen hatte, in jener Nacht, als er noch geglaubt hatte, Sirius wäre ein Mörder.
»Oh, natürlich kenne ich Crouch«, sagte er leise. »Er war es, der den Befehl gab, mich nach Askaban zu bringen – ohne Gerichtsverhandlung.«
»Was?«, sagten Ron und Hermine im selben Moment.
»Du machst Witze!«, sagte Harry.
»Nein, überhaupt nicht«, sagte Sirius und biss ein großes Stück Hühnchen ab. »Crouch war früher Chef der Abteilung für Magische Strafverfolgung, habt ihr das nicht gewusst?«
Die drei schüttelten die Köpfe.
»Er war als nächster Zaubereiminister im Gespräch«, sagte Sirius. »Ein großartiger Zauberer, dieser Barty Crouch, mit starken magischen Kräften und machthungrig – übrigens nie ein Anhänger Voldemorts«, setzte er hinzu und beantwortete damit die Frage, die in Harrys Gesicht geschrieben stand. »Nein, Barty Crouch hat sich immer klar und deutlich gegen die dunkle Seite gewandt. Allerdings wurden mit der Zeit viele Leute, die gegen die dunkle Seite kämpften … nun, das würdet ihr nicht verstehen … ihr seid noch zu jung …«
»Das hat mein Dad bei der Weltmeisterschaft auch gesagt«, erwiderte Ron mit einer Spur Ärger in der Stimme. »Warum stellst du uns denn nicht mal auf die Probe?«
Ein Grinsen blitzte über Sirius’ hageres Gesicht. »Gut, ich versuch’s mal …«
Er schritt davon in den hinteren Teil der Höhle, kehrte wieder zurück und sagte: »Stellt euch vor, Voldemort ist gerade sehr mächtig. Ihr wisst nicht, wer seine Anhänger sind, ihr wisst nicht, wer für ihn arbeitet und wer nicht; ihr wisst, dass er sich Menschen untertan machen kann, die dann schreckliche Dinge tun, ohne dass sie sich selbst Einhalt gebieten können. Ihr habt Angst um euer eigenes Leben, um eure Familie, eure Freunde. Jede Woche gibt es Meldungen von neuen Morden, von Verschwundenen, von Folter … im Zaubereiministerium herrscht völliges Durcheinander, sie wissen nicht, was sie tun sollen, sie versuchen, alles vor den Muggeln zu verbergen, doch unterdessen sterben auch Muggel. Allenthalben herrscht Schrecken … Angst … Chaos … so war es damals.
Solche Zeiten bringen bei manchen Menschen das Beste zum Vorschein, bei anderen das Schlimmste. Crouchs Grundsätze mögen zu Anfang gut gewesen sein – ich weiß es nicht. Er stieg im Ministerium rasch auf und begann harte Maßnahmen gegen Voldemorts Anhänger zu befehlen. Den Auroren erteilte er weitgehende Machtbefugnisse – zum Beispiel die Erlaubnis zu töten, statt Gefangene zu machen. Und ich war nicht der Einzige, den sie ohne Prozess sofort den Dementoren ausgeliefert haben. Crouch hat Gewalt mit Gewalt bekämpft und den Einsatz der Unverzeihlichen Flüche gegen Verdächtige erlaubt. Ich würde sagen, er wurde so gefühllos und grausam wie viele von der dunklen Seite. Er hatte natürlich seine Anhänger – eine Menge Leute dachten, er würde die Probleme richtig anpacken, und viele Hexen und Zauberer waren von der Vorstellung ganz begeistert, er könnte Zaubereiminister werden. Als Voldemort verschwand, sah es so aus, als wäre es nur noch eine Frage der Zeit, bis Crouch den Ministerposten übernehmen würde. Doch dann geschah etwas Peinliches …« Sirius lächelte grimmig. »Crouchs eigener Sohn wurde zusammen mit einer Gruppe von Todessern gefasst, die es dank ihrer Lügenmärchen geschafft hatten, dass man sie aus Askaban entlassen hatte. Offenbar versuchten sie damals, Voldemort zu finden und ihn an die Macht zurückzubringen.«
»Crouchs Sohn wurde gefasst?«, keuchte Hermine.
»Ja«, sagte Sirius, warf Seidenschnabel einen Hühnerknochen zu, ließ sich rasch wieder auf dem Boden neben dem Brotlaib nieder und brach ihn entzwei. »Hässlicher kleiner Schock für den guten Barty, könnte ich mir vorstellen. Hätte vielleicht hin und wieder früher aus dem Büro gehen und ein wenig mehr Zeit zu Hause bei seiner Familie verbringen sollen … dann hätte er seinen eigenen Sohn kennen gelernt.«
Er begann große Stücke Brot zu verschlingen.
»War sein Sohn tatsächlich ein Todesser?«, fragte Harry.
»Keine Ahnung«, sagte Sirius und stopfte sich weiter Brot in den Mund. »Ich selbst war bereits in Askaban, als sie ihn eingeliefert haben. Das meiste hab ich erst erfahren, seit ich raus bin. Der Junge wurde jedenfalls in Begleitung von Leuten geschnappt, die, da wette ich mein Leben drum, Todesser waren – aber er hätte natürlich auch zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort sein können, genau wie die Hauselfe.«
»Hat Crouch versucht, seinen Sohn da rauszuhauen?«, flüsterte Hermine.
Sirius ließ ein Lachen hören, das eher wie ein Bellen klang. »Crouch und seinen Sohn raushauen? Ich dachte, du hättest ihn durchschaut, Hermine? Alles, was seinen Ruf zu gefährden drohte, musste beseitigt werden, er hatte sein ganzes Leben dem Ziel gewidmet, Zaubereiminister zu werden. Du hast doch gesehen, wie er eine treue Hauselfe rausgeworfen hat, weil sie mit dem Dunklen Mal in Verbindung gebracht wurde – das zeigt dir doch, wie er ist? Crouchs väterliche Zuneigung ging nur so weit, dass er dafür sorgte, dass seinem Sohn der Prozess gemacht wurde, und nach allem, was man hört, war dieser Prozess nicht viel mehr als eine gute Gelegenheit für Crouch, zu zeigen, wie sehr er seinen Sohn hasste … danach schickte er ihn direkt nach Askaban.«
»Er hat seinen eigenen Sohn den Dementoren ausgeliefert?«, fragte Harry leise.
»Ja, allerdings«, sagte Sirius und wirkte nun keineswegs mehr amüsiert. »Ich hab gesehen, wie ihn die Dementoren reinbrachten, ich hab sie durch die Gitter meiner Zellentür genau beobachtet. Er konnte nicht älter als neunzehn gewesen sein. Sie steckten ihn in eine Zelle in der Nähe von meiner. Als es Nacht wurde, schrie er nach seiner Mutter. Nach ein paar Tagen allerdings wurde er ruhiger … irgendwann sind sie alle verstummt … nur hin und wieder schrien sie im Schlaf …«
Für kurze Zeit war die Abgestumpftheit in Sirius’ Blick deutlich wie nie zu sehen, so als hätten sich Stahltüren hinter seinen Augen geschlossen.
»Also ist er immer noch in Askaban?«, sagte Harry.
»Nein«, sagte Sirius matt. »Nein, er ist nicht mehr dort. Er starb, ungefähr ein Jahr nachdem sie ihn eingeliefert hatten.«
»Er ist gestorben?«
»Er war nicht der Einzige«, sagte Sirius bitter. »Die meisten dort drin werden wahnsinnig und viele hören schließlich einfach auf zu essen. Sie verlieren ihren Lebenswillen. Man wusste immer, wann einer sterben würde, denn die Dementoren spürten es und wurden erregt. Dieser Junge sah schon recht kränklich aus, als er eingeliefert wurde. Da Crouch ein wichtiger Mann im Ministerium war, durften er und seine Frau ihn am Totenbett besuchen. Das war das letzte Mal, dass ich Barty Crouch gesehen hab; er musste seine Frau praktisch an meiner Zelle vorbeitragen. Offenbar ist sie dann auch gestorben, kurz danach. Verzweiflung. Sie ist dahingesiecht, genau wie ihr Junge. Crouch hat die Leiche seines Sohnes nicht einmal abgeholt. Die Dementoren haben ihn draußen vor der Festung begraben, ich hab sie dabei beobachtet.«
Sirius warf das Brotstück, das er gerade zum Mund gehoben hatte, beiseite, setzte die Flasche Kürbissaft an die Lippen und leerte sie in schnellen Zügen.
»Der alte Crouch hat also alles verloren, genau in dem Augenblick, da er glaubte, es endlich geschafft zu haben«, fuhr er fort und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. »Da ist er ein Held, drauf und dran, Zaubereiminister zu werden … kurz darauf stirbt sein Sohn, stirbt seine Frau, der gute Name gerät in Verruf, und wie ich seit meiner Flucht gehört habe, hat auch seine Beliebtheit rapide abgenommen. Als der Junge schließlich tot war, empfanden die Leute ein wenig mehr Mitgefühl für ihn und fingen an zu fragen, wie ein junger Bursche aus einer angesehenen Familie auf solche Abwege geraten konnte. Man zog den Schluss, dass sich sein Vater nie sonderlich um ihn gekümmert hatte. So konnte Cornelius Fudge den Chefposten erobern und Crouch hat man in die Abteilung für Internationale Magische Zusammenarbeit abgeschoben.«
Ein langes Schweigen trat ein. Harry rief sich in Erinnerung, wie Crouchs Augen hervorgequollen waren, als er auf seine ungehorsame Hauselfe hinabgesehen hatte. Das musste der Grund sein, weshalb Crouch so überzogen streng reagiert hatte, nachdem sie Winky im Wald unter dem Dunklen Mal gefunden hatten. Der Vorfall hatte ihn an seinen Sohn erinnert, an den alten Skandal und seinen Gesichtsverlust im Ministerium.
»Moody behauptet, Crouch sei davon besessen, schwarze Magier zu fangen«, bemerkte Harry.
»Ja, wie ich höre, ist es bei ihm fast ein Wahn geworden«, sagte Sirius. »Wenn du mich fragst, glaubt er immer noch, er könnte seine frühere Beliebtheit bei den Leuten zurückgewinnen, wenn er nur wieder einen Todesser fängt.«
»Und er hat sich in Hogwarts eingeschlichen und Snapes Büro durchsucht!«, sagte Ron und versetzte Hermine einen triumphierenden Blick.
»Ja, und das ergibt überhaupt keinen Sinn«, entgegnete Sirius.
»Tut es sehr wohl!«, sagte Ron aufgeregt.
Doch Sirius schüttelte den Kopf. »Hör zu, wenn Crouch Snape nachspüren will, warum kommt er dann nicht als Richter zum Turnier? Das wäre doch die beste Begründung dafür, Hogwarts regelmäßige Besuche abzustatten und ihn im Auge zu behalten.«
»Dann glaubst du auch, dass Snape irgendwas ausheckt?«, fragte Harry, doch Hermine redete dazwischen.
»Hör mal, egal, was du sagst, Dumbledore jedenfalls vertraut Snape –«
»Nun lass das doch, Hermine«, sagte Ron ungeduldig. »Natürlich weiß ich, dass Dumbledore ein brillanter Kopf ist und so weiter, aber das heißt nicht, dass ein wirklich gerissener schwarzer Magier ihn nicht täuschen könnte –«
»Und warum hat dann Snape Harry im ersten Schuljahr das Leben gerettet? Warum hat er ihn nicht einfach sterben lassen?«
»Keine Ahnung – vielleicht dachte er, Dumbledore würde ihn rauswerfen –«
»Was meinst du, Sirius?«, sagte Harry laut. Ron und Hermine hörten auf sich zu kabbeln und lauschten.
»Bei dem, was ihr beide sagt, ist wohl jeweils was Wahres dran«, sagte Sirius und sah Ron und Hermine nachdenklich an. »Seit ich rausgefunden habe, dass Snape hier unterrichtet, frage ich mich, warum Dumbledore ihn eingestellt hat. Die dunklen Künste haben Snape immer schon fasziniert, in der Schule wusste das jeder. Ein schleimiger, öliger, fetthaariger Bengel war er«, fügte Sirius hinzu, und Harry und Ron grinsten sich an. »Als Snape in die Schule kam, beherrschte er mehr Flüche als die Hälfte der Schüler im siebten Jahr, und er gehörte zu einer Bande von Slytherins, die sich später fast alle als Todesser erwiesen.«
Sirius hielt die Finger in die Höhe und begann Namen abzuzählen. »Rosier und Wilkes – beide wurden ein Jahr vor Voldemorts Sturz von Auroren getötet. Die Lestranges – ein Ehepaar – sitzen in Askaban. Avery – wie ich höre, hat er sich aus der Schlinge gezogen, indem er behauptete, er habe unter dem Einfluss des Imperius-Fluchs gehandelt – er ist noch auf freiem Fuß. Doch soweit ich weiß, wurde Snape nie beschuldigt, ein Todesser zu sein – aber das heißt natürlich nicht viel. Viele von ihnen wurden nie gefasst. Und Snape ist sicher klug und gerissen genug, nicht in irgendwelche Schwierigkeiten hineinzutappen.«
»Snape kennt Karkaroff ziemlich gut, aber das will er unter der Decke halten«, sagte Ron.
»Jaah, du hättest Snapes Gesicht sehen sollen, als er gestern in Zaubertränke aufgetaucht ist!«, fügte Harry rasch hinzu. »Karkaroff wollte mit Snape reden, er behauptete, Snape sei ihm aus dem Weg gegangen. Er sah jedenfalls ziemlich panisch aus. Dann hat er Snape etwas auf seinem Arm gezeigt, aber ich konnte nicht sehen, was es war.«
»Er hat Snape etwas auf seinem Arm gezeigt?«, fragte Sirius offensichtlich verblüfft. Nachdenklich fuhr er sich mit den Fingern durch sein verschmutztes Haar, dann zuckte er die Achseln. »Ich hab keine Ahnung, was das bedeuten soll … aber wenn Karkaroff aufrichtig besorgt ist und er zu Snape geht, um sich Rat zu holen …«
Sirius starrte auf die Höhlenwand, dann zog er eine verdrießliche Grimasse. »Es bleibt dabei, Dumbledore vertraut Snape, und ich weiß, dass Dumbledore noch vertraut, wo andere längst misstrauisch sind, aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass er Snape in Hogwarts unterrichten ließe, wenn Snape je für Voldemort gearbeitet hätte.«
»Warum sind Moody und Crouch dann so scharf darauf, Snapes Büro zu durchsuchen?«, bohrte Ron nach.
»Na ja«, sagte Sirius bedächtig, »ich würde es Mad-Eye durchaus zutrauen, dass er sämtliche Lehrerbüros durchsucht hat, als er nach Hogwarts kam. Er nimmt die Verteidigung gegen die dunklen Künste schon sehr ernst, der gute Moody. Ich bin mir nicht mal sicher, ob er überhaupt jemandem vertraut, und nach allem, was er erlebt hat, wundert mich das nicht. Eins halte ich Moody jedoch zugute, er hat nie getötet, wenn es sich vermeiden ließ. Hat die Leute immer lebend abgeliefert. Er war hart, aber er hat nie die Mittel der Todesser angewandt. Crouch jedoch … ist ein anderer Typ … ist er wirklich krank? Wenn das stimmt, warum hat er sich dann aufgerafft und sich in Snapes Büro geschleppt? Und wenn nicht … was hat er vor? Was war denn so wichtig, dass er bei der Weltmeisterschaft nicht in die Ehrenloge kommen konnte? Was hat er getrieben, während er als Richter beim Turnier gebraucht wurde?«
Sirius, den Blick immer noch starr auf die Höhlenwand gerichtet, verfiel in Schweigen. Seidenschnabel scharrte auf dem steinigen Boden nach Knochen, die er vielleicht übersehen hatte.
Schließlich blickte Sirius zu Ron auf. »Du sagst, dein Bruder ist Crouchs persönlicher Assistent? Vielleicht könntest du ihn fragen, ob er Crouch in letzter Zeit gesehen hat?«
»Ich kann’s versuchen«, sagte Ron mit zweifelnder Miene. »Sollte aber möglichst nicht so klingen, als würde ich vermuten, Crouch würde irgendein faules Ei ausbrüten. Percy liegt Crouch zu Füßen.«
»Und wenn du schon dabei bist, könntest du versuchen herauszufinden, ob sie irgendeine Spur von Bertha Jorkins gefunden haben«, setzte Sirius hinzu und deutete auf die andere Ausgabe des Tagespropheten.
»Bagman hat mir gesagt, dass sie immer noch im Dunkeln tappen«, sagte Harry.
»Ja, er wird in diesem Artikel hier zitiert«, sagte Sirius mit einem Kopfnicken zur Zeitung hin. »Lästert über Berthas schlechtes Gedächtnis. Vielleicht hat sie sich seit damals verändert, aber die Bertha, die ich kannte, war überhaupt nicht vergesslich – ganz im Gegenteil. Sie war kein großes Licht, aber sie hatte ein glänzendes Gedächtnis für Klatsch und Tratsch. Hat sich damals regelmäßig in große Schwierigkeiten gebracht, weil sie nie wusste, wann es besser war, den Mund zu halten. Ich könnte mir vorstellen, dass sie für das Zaubereiministerium eine ziemliche Belastung war … vielleicht hat sich Bagman deshalb so lange nicht darum geschert, sie suchen zu lassen …«
Sirius ließ einen mächtigen Seufzer hören und rieb sich die dunkel umringten Augen. »Wie spät ist es?«
Harry sah auf die Uhr, dann fiel ihm ein, dass sie nicht mehr ging, seit sie eine Stunde unter Wasser gewesen war.
»Es ist halb vier«, sagte Hermine.
»Ihr geht jetzt am besten zurück in die Schule«, sagte Sirius und erhob sich. »Und hört mal …«, er sah Harry besonders eindringlich an – »ich will nicht, dass ihr aus der Schule schleicht, um mich zu besuchen, verstanden? Schickt mir einfach Nachrichten hier hoch. Ich will weiterhin von allen merkwürdigen Vorfällen erfahren. Aber ihr solltet Hogwarts nicht ohne Erlaubnis verlassen, das wäre die beste Gelegenheit für jemanden, euch anzugreifen.«
»Bisher hat keiner versucht mich anzugreifen, außer einem Drachen und einer Hand voll Grindelohs«, sagte Harry.
Doch Sirius sah ihn stirnrunzelnd an. »Das hat nichts zu sagen … ich werd erst aufatmen können, wenn dieses Turnier vorbei ist, und das ist erst im Juni. Und übrigens, wenn ihr unter euch über mich redet, dann nennt mich Schnuffel, ja?«
Er reichte Harry das leere Serviettenbündel und die Flasche und ging nach hinten, um sich mit einem Tätscheln von Seidenschnabel zu verabschieden. »Ich lauf mit euch bis zum Dorfrand«, sagte Sirius, »mal sehen, ob ich noch ’ne Zeitung abstauben kann.«
Bevor sie die Höhle verließen, verwandelte er sich in den großen schwarzen Hund, und sie stiegen mit ihm zusammen den Berghang hinunter, durchquerten das geröllübersäte Grasland und erreichten schließlich das Gatter. Hier ließ er sich von jedem kurz den Kopf kraulen, dann rannte er, einen Bogen um die Ausläufer des Dorfes einschlagend, davon.
Harry, Ron und Hermine machten sich auf den Weg zurück nach Hogsmeade und hoch nach Hogwarts.
»Ich frag mich, ob Percy all diese Geschichten über Crouch kennt«, sagte Ron, während sie den Torweg zum Schloss entlanggingen. »Aber vielleicht ist es ihm völlig egal … er würde Crouch dann womöglich nur noch mehr bewundern. Ja, Percy ist vernarrt in Vorschriften. Er würde einfach sagen, Crouch habe sich geweigert, sie für seinen eigenen Sohn zu brechen.«
»Percy würde nie jemanden aus seiner eigenen Familie den Dementoren ausliefern«, sagte Hermine streng.
»Ich weiß nicht recht«, sagte Ron. »Wenn er glaubte, wir würden seiner Karriere im Weg stehen … Percy ist richtig ehrgeizig, weißt du …«
Sie gingen die steinernen Stufen zur Eingangshalle hoch, wo ihnen schon die köstlichen Düfte aus der Großen Halle entgegenwehten.
»Armer alter Schnuffel«, sagte Ron genüsslich einatmend. »Er muss dich wirklich mögen, Harry … stell dir vor, du müsstest von Ratten leben.«
Mr Crouchs Wahn
Harry, Ron und Hermine stiegen nach dem Frühstück am Sonntagmorgen hoch in die Eulerei. Wie von Sirius vorgeschlagen, hatten sie einen Brief an Percy dabei, in dem sie ihn fragten, ob er in letzter Zeit Mr Crouch gesehen habe. Weil Hedwig schon lange keinen Auftrag mehr bekommen hatte, gaben sie ihr den Brief mit. Vom Eulereifenster aus beobachteten sie, wie Hedwig davonflog, dann gingen sie hinunter in die Küche, um Dobby die neuen Socken zu schenken.
Die Hauselfen begrüßten sie mit freudigem Hallo, sie verbeugten sich, machten Knickse und wuselten dann gleich wieder davon, um Tee zu kochen. Dobby war hin und weg von seinem Geschenk.
»Harry Potter ist viel zu gut zu Dobby!«, quiekte er und wischte sich große Tränen aus seinen gewaltigen Augen.
»Du hast mir mit diesem Kiemenkraut das Leben gerettet, Dobby, und das meine ich ernst«, sagte Harry.
»Habt ihr vielleicht noch ein Eclair übrig?«, sagte Ron zu den strahlenden und sich verbeugenden Hauselfen.
»Du hast doch eben erst gefrühstückt!«, entrüstete sich Hermine, doch schon schwebte, getragen von vier Elfen, eine große silberne Platte mit Eclairs auf sie zu.
»Wir brauchen auch noch was zu futtern für Schnuffel«, murmelte Harry.
»Gute Idee«, sagte Ron. »Dann hat Pig wenigstens was zu tun. Habt ihr vielleicht noch was zum Mitnehmen für uns?«, sagte er zu den umstehenden Hauselfen, und wieder verneigten sie sich erfreut und eilten davon.
»Dobby, wo steckt Winky?«, sagte Hermine und sah sich in der Küche um.
»Winky ist dort drüben beim Herd, Miss«, sagte Dobby leise und ließ ein wenig die Ohren hängen.
»Meine Güte«, sagte Hermine, als sie Winky erkannte.
Auch Harry sah hinüber zum Herd. Winky saß auf demselben Stuhl wie letztes Mal, doch sie war so heruntergekommen und schmutzig, dass sie vor den rauchgeschwärzten Ziegelsteinen nicht auf den ersten Blick zu erkennen war. Ihre Kleider waren zerlumpt und vollgekleckert. Sie umklammerte eine Flasche Butterbier und stierte, ein wenig auf ihrem Stuhl schwankend, unverwandt ins Feuer. Und in diesem Moment packte sie ein offenbar heftiger Schluckauf.
»Winky ist inzwischen bei sechs Flaschen am Tag«, wisperte Dobby Harry zu.
»Na ja, das Zeug ist nicht besonders stark«, sagte Harry.
Aber Dobby schüttelte den Kopf. »Für einen Hauselfen ist es stark, Sir.«
Winky hickste erneut. Die Elfen, die die Eclairs gebracht hatten und jetzt wieder an die Arbeit zurückkehrten, versetzten ihr missbilligende Blicke.
»Winky hat Sehnsucht, Harry Potter«, flüsterte Dobby traurig. »Winky will nach Hause. Winky glaubt immer noch, dass Mr Crouch ihr Meister ist, Sir, und Dobby kann sagen, was er will, sie wird nie Professor Dumbledore als ihren neuen Meister annehmen.«
»Hey, Winky«, sagte Harry, dem plötzlich eine Idee gekommen war. Er ging hinüber und beugte sich zu ihr hinunter. »Du weißt nicht zufällig, wie es Mr Crouch geht? Er lässt sich nämlich als Richter beim Trimagischen Turnier nicht blicken.«
Winkys Augen flackerten. Ihre riesigen Pupillen stellten sich auf Harry scharf. Sie schwankte noch ein wenig, dann lallte sie: »M-Meister kommt – hicks – nicht mehr?«
»Nein«, sagte Harry, »wir haben ihn seit der ersten Runde nicht mehr gesehen. Der Tagesprophet schreibt, er sei krank.«
Winky schwankte ein wenig heftiger und sah Harry mit trüben Augen an. »Meister – hicks – krank?«
Ihre Unterlippe begann zu zittern.
»Aber wir sind nicht sicher, ob das stimmt«, sagte Hermine rasch.
»Meister braucht seine – hicks – Winky!«, wimmerte die Elfe. »Meister kann nicht – hicks – alles – hicks – allein schaffen …«
»Andere Leute schaffen es sehr wohl, ihre Hausarbeit selbst zu erledigen, Winky«, belehrte sie Hermine.
»Winky – hicks – macht nicht nur – hicks – Hausarbeit für Mr Crouch!«, piepste Winky entrüstet, begann nun gefährlich zu schwanken und verschüttete Butterbier über ihre ohnehin schon sehr fleckige Bluse. »Meister – hicks – vertraut Winky – hicks – das Wichtigste – hicks – das Geheimste an –«
»Was denn?«, sagte Harry.
Doch Winky schüttelte ganz energisch den Kopf und bespritzte sich erneut mit Butterbier.
»Winky bewahrt – hicks – die Geheimnisse ihres Meisters«, sagte sie trotzig und sah jetzt unter halsbrecherischem Schwanken und mit finster gekreuztem Blick zu Harry hoch. »Du – hicks – du willst spionieren, du.«
»So darf Winky nicht zu Harry Potter sprechen!«, sagte Dobby erzürnt. »Harry Potter ist edel und tapfer und Harry Potter spioniert nicht!«
»Er will – hicks – das ganz geheime Geheimnis – hicks – meines Meisters – hicks – ausspionieren – hicks – Winky ist eine gute Hauselfe – hicks – Winky ist stumm wie ein Fisch – hicks – wenn jemand kommt und – hicks – stöbert und schnüffelt – hicks –« Winkys Augenlider klappten plötzlich zu, sie glitt von ihrem Stuhl herunter, blieb vor dem Herd liegen und begann laut zu schnarchen. Die leere Flasche Butterbier rollte über den steingefliesten Boden davon.
Ein halbes Dutzend Hauselfen kam mit angewiderten Blicken herbeigeeilt. Einer hob die Flasche auf, die anderen deckten Winky mit einem großen karierten Tischtuch zu und stopften es fest unter ihren Körper, so dass sie nicht mehr zu sehen war.
»Verzeihung bitte, dass Sie so etwas mit ansehen mussten, Sirs und Miss!«, quiekte einer der Elfen und schüttelte mit tief beschämter Miene den Kopf. »Wir hoffen, dass Sie uns nicht nach Winky beurteilen, Sirs und Miss!«
»Sie ist unglücklich!«, sagte Hermine aufgebracht. »Warum deckt ihr sie einfach zu und versucht nicht mal, sie aufzumuntern?«
»Ich bitte um Verzeihung, Miss«, piepste der Hauself mit einer tiefen Verbeugung, »aber Hauselfen haben kein Recht, unglücklich zu sein, wenn Arbeit zu tun ist und ihre Meister bedient werden müssen.«
»Oh, um Himmels willen!«, sagte Hermine wütend. »Hört mir mal gut zu, ihr alle! Ihr habt genauso gut das Recht wie Zauberer, unglücklich zu sein! Ihr habt ein Recht auf Bezahlung und Urlaub und richtige Kleidung, ihr müsst nicht alles tun, was man euch sagt – schaut euch Dobby an!«
»Miss, bitte halten Sie Dobby da raus«, murmelte Dobby mit ängstlicher Miene. Das fröhliche Lächeln war von den Gesichtern der Hauselfen ringsum verschwunden. Plötzlich sahen sie Hermine an, als wäre sie verrückt und gefährlich.
»Hier ist noch viel mehr zu essen!«, quiekte eine Elfe an Harrys Ellbogen und stemmte ihm ein Dutzend Kuchenstücke, ein paar Äpfel und Birnen und einen großen Schinken in die Arme. »Auf Wiedersehen!«
Die Hauselfen scharten sich jetzt dicht um Harry, Ron und Hermine, drückten ihnen viele kleine Hände ins Kreuz und begannen sie aus der Küche zu schubsen.
»Danke für die Socken, Harry Potter!«, rief Dobby niedergeschlagen vom Herd herüber, wo er neben der in das zerschlissene Tischtuch gewickelten Winky stand.
»Hättest du nicht wenigstens einmal den Mund halten können, Hermine?«, sagte Ron zornig, als die Küchentür hinter ihnen zugeschlagen war. »Die wollen uns sicher nie wieder hier unten sehen! Wir hätten vielleicht noch mehr über Crouch aus Winky rauskitzeln können!«
»Oh, als ob dich das kümmern würde!«, feixte Hermine. »Du kommst doch nur wegen des Essens hier runter!«
Den Rest des Tages herrschte eine eigentümlich gereizte Stimmung. Harry war es so leid, dass sich Ron und Hermine bei den Hausaufgaben im Gemeinschaftsraum ständig angifteten, dass er an diesem Abend allein mit Sirius’ Esspaket in die Eulerei hochstieg.
Pigwidgeon war viel zu klein, um einen ganzen Schinken allein den Berg hochfliegen zu können, deshalb verpflichtete Harry zusätzlich noch zwei Kreischeulen der Schule. Als das sehr merkwürdige Trio mit dem großen Paket unter sich in die Dämmerung hineingeflogen war, lehnte sich Harry aus dem Fenster und ließ den Blick über das Land schweifen, über die dunklen, rauschenden Baumspitzen des Verbotenen Waldes und die sich im Wind kräuselnden Segel des Schiffs von Durmstrang. Ein Uhu flog durch den Rauchfaden, der sich aus Hagrids Kamin emporkringelte; er segelte auf das Schloss zu, um die Eulerei herum und verschwand. Harry schaute hinunter und sah Hagrid vor seiner Hütte mit kräftigen Schlägen der Hacke ein Stück Erde umgraben; offenbar wollte er ein neues Gemüsebeet anlegen. Jetzt konnte er beobachten, wie Madame Maxime aus ihrer Kutsche stieg und zu Hagrid hinüberging. Es sah so aus, als wollte sie ihn in ein Gespräch verwickeln. Hagrid stützte sich auf seine Hacke, schien jedoch nicht erpicht, sich länger mit ihr zu unterhalten, denn Madame Maxime kehrte nach kurzer Zeit zu ihrer Kutsche zurück.
Harry hatte keine Lust, in den Gryffindor-Turm zu gehen und zu hören, wie sich Ron und Hermine gegenseitig anfauchten, und so sah er Hagrid eine Weile beim Umgraben zu, bis ihn die Dunkelheit verschluckte und die Eulen ringsum allmählich erwachten und an Harry vorbei in die Nacht flatterten.
Beim Frühstück am nächsten Tag war die schlechte Laune von Ron und Hermine endgültig verflogen, und Rons düstere Prophezeiung, die Hauselfen würden jetzt nur noch miserables Essen an den Gryffindor-Tisch schicken, weil Hermine sie gekränkt hatte, erwies sich als falsch; Schinken, Eier und Räucherhering waren genauso gut wie immer.
Als die Eulen kamen, sah Hermine auf, offenbar erwartete sie Post.
»Percy wird noch keine Zeit gehabt haben zu antworten«, sagte Ron. »Wir haben Hedwig doch erst gestern losgeschickt.«
»Nein, das ist es nicht«, sagte Hermine. »Ich hab den Tagespropheten abonniert, weil es mir langsam stinkt, dass wir alles von den Slytherins erfahren müssen.«
»Gute Idee!«, sagte Harry und sah nun ebenfalls hoch zu den Eulen. »Hey, Hermine, ich glaub, du hast Glück –«
Ein Steinkauz segelte auf Hermine zu.
»Der hat aber keine Zeitung«, sagte sie mit enttäuschter Miene. »Er –«
Doch zu ihrer Verblüffung landete der Steinkauz vor ihrem Teller, dicht gefolgt von vier Schleiereulen, einer Sumpfohreule und einem Waldkauz.
»Wie viele Abos hast du eigentlich bestellt?«, fragte Harry und griff nach Hermines Becher, bevor er von der flügelschlagenden Eulenschar umgeworfen wurde, die alle auf Hermine zudrängelten, weil jede ihren Brief als Erste abliefern wollte.
»Was um Himmels willen –?«, sagte Hermine, nahm dem Steinkauz den Brief ab, öffnete ihn und begann zu lesen. »Was soll das denn!«, stieß sie hervor und lief rot an.
»Was ist?«, fragte Ron.
»Das ist – nein, wie lächerlich –«, sie klatschte Harry den Brief in die Hand, der nun sah, dass er nicht handgeschrieben, sondern mit ausgeschnittenen Buchstaben, offenbar aus dem Tagespropheten, zusammengeklebt war.
Du bist ein BösEs MädchEN, HaRRy PottEr verDienT eine BesserE.
VerSchwinde daHin wo du herKommst mUggel.
»Die sind alle so!«, sagte Hermine verzweifelt und öffnete einen Brief nach dem anderen. »›Du hast Harry Potter nicht verdient …‹ – ›Dich sollte man in Froschlaich kochen …‹ Autsch!«
Sie hatte den letzten Brief geöffnet, und gelblich grüne Flüssigkeit, die stark nach Benzin roch, spritzte ihr über die Hände, auf denen sofort große gelbe Blasen aufquollen.
»Unverdünnter Bubotubler-Eiter!«, sagte Ron, hob mit spitzen Fingern den Umschlag auf und roch daran.
»Au!«, wimmerte Hermine, und ihre Augen füllten sich mit Tränen, während sie versuchte, den Eiter mit einer Serviette von ihren Händen zu wischen, doch ihre Finger waren nun so dicht mit schmerzhaften Geschwülsten bedeckt, dass es aussah, als trage sie ein Paar dicke, ausgebeulte Handschuhe.
»Du gehst am besten in den Krankenflügel«, sagte Harry, während die Eulen um Hermine eine nach der anderen davonflogen, »wir sagen dann Professor Sprout, wo du abgeblieben bist …«
»Ich hab sie gewarnt!«, sagte Ron, als Hermine, die Hände schützend unter dem Umhang versteckt, aus der Großen Halle eilte. »Ich hab ihr gesagt, sie soll Rita Kimmkorn nicht ärgern! Sieh dir den hier an …« Er nahm einen der Briefe, die Hermine zurückgelassen hatte, und las ihn vor: »›In der Hexenwoche hab ich gelesen, was für ein falsches Spiel du mit Harry Potter treibst, und dieser Junge hat es doch schwer genug gehabt, und ich werde dir mit der nächsten Post einen Fluch schicken, sobald ich einen Umschlag finde, der groß genug ist.‹ Zum Teufel, sie sollte gut auf sich aufpassen.«
Hermine erschien nicht zu Kräuterkunde. Als Harry und Ron das Gewächshaus verließen und sich auf den Weg zu Pflege magischer Geschöpfe machten, sahen sie Malfoy, Crabbe und Goyle die Steintreppe vor dem Schloss herunterkommen. Hinter ihnen wisperte und giggelte Pansy Parkinson mit ihrer Bande Slytherin-Mädchen. Als Pansy Harry erkannte, rief sie: »Potter, hast du dich von deiner Liebsten getrennt? Warum war sie denn beim Frühstück so durch den Wind?«
Harry würdigte sie keines Blickes; er wollte ihr nicht auch noch die Genugtuung gönnen zu erfahren, wie viel Ärger der Artikel in der Hexenwoche verursacht hatte.
Hagrid, der ihnen in der letzten Stunde verkündet hatte, dass sie mit den Einhörnern fertig seien, erwartete sie vor der Hütte mit einer neuen Sammlung offener Kisten zu seinen Füßen. Harrys Laune verschlechterte sich beim Anblick der Kisten noch mehr – das war doch nicht etwa eine frische Kröterbrut? Doch als er nahe genug war, konnte er in den Kisten flaumige schwarze Geschöpfe mit langen Schnauzen erkennen. Ihre Vorderpfoten waren eigentümlich flach, wie Spaten, und als sie zu der Schülerschar hochblinzelten, wirkten sie ob all dieser Aufmerksamkeit milde verdutzt.
»Das sind Niffler«, verkündete Hagrid, als sich die Klasse im Kreis aufgestellt hatte. »Man findet sie meist unten in Bergwerksstollen. Sie stehn auf Glitzerzeug … da seht ihr’s schon.«
Ein Niffler war plötzlich hochgeschnellt, umklammerte Pansy Parkinsons Arm und versuchte ihr die Uhr vom Handgelenk zu beißen. Kreischend stolperte sie ein paar Schritte zurück.
»Nützliche kleine Schatzsucher«, sagte Hagrid glücklich. »Dachte, wir machen uns heut ’nen lustigen Vormittag mit denen. Seht ihr das dort drüben?« Er deutete auf das große Stück frisch umgegrabener Erde, auf dem ihn Harry vom Eulereifenster aus hatte arbeiten sehen. »Ich hab dort ’n paar Goldmünzen vergraben. Wessen Niffler nachher die meisten Goldmünzen ausgräbt, kriegt von mir ’nen Preis. Ihr müsst nur eure Wertsachen ablegen, dann sucht ihr euch ’nen Niffler aus und macht euch bereit, sie loszulassen.«
Harry nahm seine Uhr ab, die er nur noch aus Gewohnheit trug, und steckte sie in die Tasche. Dann hob er einen Niffler aus der Kiste. Der Niffler steckte seine lange Schnauze in Harrys Ohr und schnüffelte begeistert. Ein wirklich kuscheliges Geschöpf.
»Wartet mal«, sagte Hagrid und sah hinunter in die Kiste, »da ist noch ’n Niffler übrig … wer fehlt hier? Wo ist Hermine?«
»Sie muss sich verarzten lassen«, sagte Ron.
»Erklären wir dir später«, murmelte Harry; Pansy Parkinson hatte die Ohren gespitzt.
So viel Spaß hatten sie in Pflege magischer Geschöpfe mit Abstand noch nicht gehabt. Die Niffler tauchten in das Stück Erde ein und wieder daraus auf, als ob es ein Teich wäre, dann trippelte jeder zu dem Schüler zurück, der ihn losgelassen hatte, und spuckte ihm Gold in die Hände. Rons Niffler war besonders tüchtig; bald hatte er seinen ganzen Schoß mit Goldmünzen gefüllt.
»Kann man die auch als Haustiere kaufen, Hagrid?«, meinte er begeistert, während der Niffler sich schon wieder in die Erde stürzte und Rons Umhang mit Dreck bespritzte.
»Da wär deine Mum aber nich so glücklich, Ron«, grinste Hagrid, »die bringen ganze Häuser zum Einsturz, diese Niffler. Ich schätze, sie haben jetzt fast alle«, fügte er hinzu und ging um das Stück Erde herum, während die Niffler eifrig weitertauchten. »Ich hab doch nur hundert Münzen vergraben. Oh, da bist du ja, Hermine!«
Hermine kam über den Rasen auf sie zu. Ihre Hände waren rundum bandagiert und sie sah elend aus. Pansy Parkinson beobachtete sie mit glänzenden Knopfaugen.
»Gut, schauen wir mal, wie ihr abgeschnitten habt!«, sagte Hagrid. »Zählt eure Münzen! Und es hat keinen Zweck zu stehlen, Goyle«, fügte er hinzu, die käferschwarzen Augen zu Schlitzen verengt. »Das ist Leprechan-Gold. Löst sich nach ’n paar Stunden auf.«
Mit mürrisch verzogenem Mund leerte Goyle seine Taschen. Wie sich herausstellte, war Rons Niffler der tüchtigste gewesen, und Hagrid überreichte ihm als Preis einen Riesenriegel Schokolade aus dem Honigtopf. Glockengeläut wehte über das Land und rief sie zum Mittagessen; Harry, Ron und Hermine blieben noch kurz da, um Hagrid zu helfen, die Niffler in die Kisten zu stecken, während der Rest der Klasse zum Schloss ging. Harry fiel auf, dass Madame Maxime sie von ihrem Kutschenfenster aus beobachtete.
»Was hast du mit deinen Händen gemacht, Hermine?«, fragte Hagrid besorgt.
Hermine erzählte ihm von der Hasspost, die sie am Morgen bekommen hatte, und von dem Umschlag voller Bubotubler-Eiter.
»Aaach, mach dir keine Sorgen«, sagte Hagrid und sah sie freundlich lächelnd an. »Nach dem, was diese Rita Kimmkorn über meine Mutter geschrieben hat, hab ich auch ’n paar von diesen Briefen gekriegt. ›Du bist ein Monster und man sollte dich erlegen.‹ – ›Deine Mutter hat unschuldige Menschen getötet, und wenn du nur einen Funken Anstand hättest, würdest du in den See springen.‹«
»Nein!«, rief Hermine entsetzt.
»Ja«, bestätigte Hagrid und trug die Niffler-Kisten hinüber zur Hüttenwand. »Sind doch nur Spinner, Hermine. Wenn du noch mehr von diesen Briefen kriegst, mach sie bloß nicht auf. Wirf sie einfach ins Feuer.«
»Da hast du mal eine wirklich gute Unterrichtsstunde verpasst«, meinte Harry auf dem Rückweg zu Hermine gewandt. »Sind doch toll, diese Niffler, oder, Ron?«
Ron jedoch stierte mit finsterem Blick auf die Schokolade, die Hagrid ihm geschenkt hatte. Aus irgendeinem Grund schien er schwer sauer zu sein.
»Was ist los?«, sagte Harry. »Stimmt was nicht mit der Schokolade?«
»Nein«, sagte Ron brüsk. »Warum hast du mir nichts von dem Gold erzählt?«
»Welchem Gold?«, fragte Harry.
»Von dem Gold, das ich dir bei der Quidditch-Weltmeisterschaft gegeben hab«, sagte Ron. »Dem Leprechan-Gold für mein Omniglas. In der Ehrenloge. Warum hast du mir nicht gesagt, dass es sich aufgelöst hat?«
Harry musste einen Augenblick nachdenken, bis er begriff, wovon Ron eigentlich redete.
»Oh …«, sagte er, als er sich endlich erinnerte. »Keine Ahnung … hab gar nicht bemerkt, dass es verschwunden ist. Ich hab mir eher Sorgen um meinen Zauberstab gemacht, verstehst du?«
Sie stiegen die Treppe zum Schloss hoch und gingen in die Große Halle zum Mittagessen.
»Muss schön sein«, sagte Ron unvermittelt, als sie sich gesetzt hatten und ihre Teller mit Roastbeef und Yorkshire-Pudding beluden. »So viel Geld zu haben, dass du nicht einmal merkst, wenn eine Tasche voll Galleonen einfach verschwindet.«
»Hör zu, ich hatte in dieser Nacht andere Dinge im Kopf!«, sagte Harry ungeduldig. »Wir alle, weißt du noch?«
»Ich wusste nicht, dass sich Leprechan-Gold auflöst«, murmelte Ron. »Ich dachte, ich hätte bezahlt, was ich dir geschuldet hab. Du hättest mir diesen Chudley-Cannons-Hut nicht zu Weihnachten schenken sollen.«
»Vergiss es, ja?«, sagte Harry.
Ron spießte mit der Gabel eine Bratkartoffel auf und starrte sie missmutig an. Dann sagte er: »Ich hasse es, arm zu sein.«
Harry und Hermine sahen sich an. Sie wussten beide nicht recht, was sie darauf sagen sollten.
»Alles Unsinn«, sagte Ron und starrte immer noch seine Kartoffel an. »Ich mach Fred und George jedenfalls keinen Vorwurf, weil sie versuchen, nebenher ein wenig Geld zu verdienen. Wenn ich’s nur selbst könnte. Wenn ich nur einen Niffler hätte.«
»Schön, dann wissen wir ja, was wir dir das nächste Mal zu Weihnachten schenken«, sagte Hermine mit einem breiten Lächeln. Doch als Ron weiterhin eine triste Miene machte, fügte sie hinzu: »Komm schon, Ron, dir geht’s nicht schlecht. Wenigstens sind deine Finger nicht voller Eiter.« Hermine hatte einige Schwierigkeiten, mit Messer und Gabel zu hantieren, da ihre Finger stocksteif und geschwollen waren. »Ich hasse diese Kimmkorn-Tante!«, brach es zornig aus ihr hervor. »Das zahl ich ihr heim, und wenn es das Letzte ist, was ich tue!«
Auch in der Woche darauf bekam Hermine immer wieder Hasspost. Zwar befolgte sie Hagrids Ratschlag und öffnete sie nicht mehr, doch einige der Hermine-Hasser schickten ihr Heuler, die am Gryffindor-Tisch explodierten und sie, für alle hörbar, mit schrillen Beschimpfungen überhäuften. Selbst wer nicht die Hexenwoche las, erfuhr jetzt alles über die angebliche Dreiecksgeschichte Harry–Krum–Hermine. Harry war schon völlig entnervt, weil er den Leuten ständig erklären musste, dass er mit Hermine nur befreundet war und nichts weiter.
»Glaub mir, das wird sich legen«, versicherte er Hermine, »wenn wir einfach drüber hinweggehen … was sie das letzte Mal über mich geschrieben hat, fanden die Leute mit der Zeit auch langweilig –«
»Ich will aber wissen, wie sie vertrauliche Gespräche belauschen kann, wo sie doch angeblich Hausverbot hat!«, fauchte Hermine zornig.
Nach der nächsten Stunde Verteidigung gegen die dunklen Künste blieb sie noch kurz im Klassenzimmer zurück, um Professor Moody etwas zu fragen. Die anderen machten, dass sie wegkamen; Moody hatte sie in Zauberabwehr so scharf geprüft, dass viele von ihnen an kleinen Rissen und Stichen auf ihren Armen nuckelten. Harry litt unter einem so schweren Fall von Ohrenzucken, dass er die Hände gegen die Ohren pressen musste, als er nach draußen ging.
»Also, Rita benutzt jedenfalls keinen Tarnumhang!«, keuchte Hermine fünf Minuten später, als sie Harry und Ron am Fuß der Marmortreppe eingeholt und Harrys Hand von einem zuckenden Ohr weggezogen hatte. »Moody sagt, er habe sie bei der zweiten Runde nirgendwo in der Nähe des Richtertischs gesehen und auch nirgendwo am See!«
»Hermine, hat es noch irgendeinen Sinn, dir zu sagen, dass du die Sache endlich aufgeben sollst?«, sagte Ron.
»Nein!«, sagte Hermine stur. »Ich will wissen, wie sie mich und Viktor belauscht hat! Und wie sie von Hagrids Mutter erfahren hat!«
»Vielleicht hat sie dich verwanzt«, sagte Harry.
»Verwanzt?«, sagte Ron verdutzt. »Wie meinst du … Flöhe auf sie angesetzt oder so was?«
Harry begann ihm etwas von versteckten Mikrofonen und Tonbändern zu erzählen.
Ron fand es ungeheuer spannend, doch Hermine unterbrach sie. »Wollt ihr beide denn nie Eine Geschichte von Hogwarts lesen?«
»Wozu denn?«, erwiderte Ron. »Du kennst das Buch doch auswendig, wir müssen dich nur fragen.«
»All die Sachen, die die Muggel als Ersatz für Zauberei benutzen – Elektrizität und Computer und Radar und so weiter –, die spielen in der Nähe von Hogwarts alle verrückt, es liegt einfach zu viel Magie in der Luft. Nein, Rita gebraucht einen Zauber, um uns abzuhören, sie muss … wenn ich nur rausfinden könnte, was es ist … und wehe, es ist gesetzwidrig, dann werd ich sie …«
»Haben wir denn sonst keine Sorgen?«, fragte Ron. »Müssen wir auch noch einen Rachefeldzug gegen Rita Kimmkorn starten?«
»Dich hab ich doch gar nicht um Hilfe gebeten!«, fauchte Hermine. »Ich mach es allein!«
Ohne einen Blick zurück stolzierte sie die Marmortreppe hoch. Harry war sich ziemlich sicher, dass sie in die Bibliothek ging.
»Wetten, sie kommt mit einer Schachtel ›Ich hasse Rita Kimmkorn‹-Anstecker wieder?«, sagte Ron.
Hermine bat Harry und Ron tatsächlich nicht um Hilfe für ihren Rachefeldzug gegen Rita Kimmkorn, wofür sie beide dankbar waren, denn in den Wochen vor den Osterferien stöhnten sie immer lauter unter einem wachsenden Berg von Arbeit. Harry bewunderte unverhohlen, wie Hermine sich über magische Abhörverfahren kundig machen konnte und dann auch noch alles andere nebenher erledigte. Er hatte allein mit den Hausaufgaben mehr als genug zu tun, auch wenn er nie vergaß, regelmäßig Esspakete hoch zu Sirius in die Berghöhle zu schicken; seit dem letzten Sommer hatte er nicht vergessen, wie es war, ständig hungrig zu sein. Er steckte Zettel für Sirius dazu, auf denen er schrieb, dass nichts Ungewöhnliches passiert sei und dass sie immer noch auf Antwort von Percy warteten.
Hedwig kam erst am Ende der Osterferien zurück. Percys Brief lag in einem Päckchen mit Ostereiern, die Mrs Weasley geschickt hatte. Die für Harry und Ron waren groß wie Dracheneier und gefüllt mit hausgemachter Karamellkrem. Hermines Ei hingegen war nicht größer als das eines Hühnchens. Ihre Züge erschlafften, als sie es sah.
»Deine Mum liest nicht zufällig die Hexenwoche, Ron?«, fragte sie leise.
»Doch«, sagte Ron mit dem Mund voll Karamellkrem. »Aber nur wegen der Rezepte.«
Hermine betrachtete traurig ihr kleines Ei.
»Willst du nicht wissen, was Percy geschrieben hat?«, fragte Harry eilig. Percys Brief war knapp und in gereiztem Ton gehalten.
Wie ich dem Tagespropheten andauernd mitteile, gönnt sich Mr Crouch eine wohlverdiente Ruhepause. Er schickt mir regelmäßig Eulen mit seinen Anweisungen. Nein, ich habe ihn tatsächlich nicht gesehen, aber ich denke, man wird mir zutrauen, dass ich die Handschrift meines eigenen Vorgesetzten kenne. Im Moment habe ich zu viel zu tun, um auch noch diese lächerlichen Gerüchte aus der Welt schaffen zu können. Bitte belästigt mich nicht mehr, außer wenn etwas Wichtiges anliegt. Frohe Ostern.
Wenn es nach Ostern auf den Sommer zuging, begann Harry normalerweise hart für das letzte Quidditch-Spiel der Saison zu trainieren. Dieses Jahr jedoch musste er sich auf die dritte und letzte Aufgabe des Trimagischen Turniers vorbereiten, doch er wusste immer noch nicht, was da auf ihn zukam. Endlich, in der letzten Maiwoche, nahm ihn Professor McGonagall nach Verwandlung kurz beiseite.
»Sie gehen heute Abend um neun hinunter zum Quidditch-Feld, Potter«, verkündete sie ihm. »Dort wird Mr Bagman allen Champions die dritte Aufgabe erläutern.«
Und so ließ Harry um halb neun Ron und Hermine im Gryffindor-Turm zurück und ging nach unten. Er durchquerte gerade die Eingangshalle, als Cedric vom Gemeinschaftsraum der Hufflepuffs hochkam.
»Was, schätzt du, kommt diesmal dran?«, fragte er Harry, während sie zusammen die Steintreppe hinunter- und in die bewölkte Nacht hinausgingen. »Fleur quasselt ständig von unterirdischen Gängen und glaubt, wir müssten einen Schatz finden.«
»Das wär ja gar nicht so übel«, sagte Harry, denn dann könnte er einfach Hagrid um einen Niffler bitten, der die Arbeit für ihn erledigen würde.
Sie liefen den Rasenabhang zum Quidditch-Stadion hinunter und nahmen einen schmalen Durchgang zwischen den Tribünen hinaus aufs Feld.
»Was haben sie damit angestellt?«, sagte Cedric entrüstet und blieb wie angewurzelt stehen.
Das Quidditch-Feld war keine ebene Rasenfläche mehr. Es sah aus, als hätte jemand lange, niedrige Mauern darübergezogen, die sich kreuz und quer und in engen Windungen über das ganze Feld erstreckten.
»Das sind Hecken!«, sagte Harry und beugte sich vor, um eine der Pflanzen unter die Lupe zu nehmen.
»Hallo, ihr da!«, rief eine fröhliche Stimme.
Ludo Bagman stand mit Krum und Fleur in der Mitte des Feldes. Harry und Cedric kletterten über die Hecken zu ihnen hinüber. Fleur strahlte Harry entgegen. Seit er ihre Schwester aus dem See gezogen hatte, war sie ihm gegenüber völlig verändert.
»Nun, was haltet ihr davon?«, sagte Bagman launig, als Harry und Cedric über die letzte Hecke gestiegen und bei den dreien angelangt waren. »Die wachsen doch ganz hübsch? Noch einen Monat und Hagrid hat sie sieben Meter hochgezogen. Und macht euch keine Sorgen«, fügte er grinsend hinzu, als er die nicht allzu glücklichen Mienen Harrys und Cedrics sah, »ihr bekommt euer Quidditch-Feld genauso wieder, wie es war, wenn die letzte Runde vorbei ist! Nun, ihr könnt sicher erraten, was wir hier wachsen lassen?«
Einen Moment lang schwiegen alle. Dann –
»Irrgarten«, knurrte Krum.
»Richtig!«, sagte Bagman. »Einen Irrgarten. Die dritte Aufgabe ist wirklich einfach. Der Trimagische Pokal wird in der Mitte des Labyrinths aufgestellt. Der erste Champion, der ihn berührt, erhält die volle Punktzahl.«
»Wir müssen nur dursch den Irrgarten kommen?«, fragte Fleur.
»Für Hindernisse garantieren wir«, sagte Bagman ausgelassen und wiegte sich auf den Fußballen. »Hagrid wird uns eine Reihe von Kreaturen zur Verfügung stellen … dann gibt es Zauber, die gebrochen werden müssen … alles, was wir so haben, ihr wisst ja. Die Champions, die nach Punkten führen, werden als Erste in den Irrgarten starten können.« Bagman grinste Harry und Cedric an. »Dann kommt Mr Krum … und nach ihm Fleur Delacour. Aber ihr alle habt ’ne faire Chance, ihr müsst euch nur wacker an den Hindernissen vorbeikämpfen. Wird doch Spaß machen, meint ihr nicht?«
Harry, der nur zu gut wusste, was für Kreaturen Hagrid für ein solches Ereignis wohl herbeischaffen würde, war sich überhaupt nicht sicher, wo hier der Spaß stecken sollte. Doch wie die anderen Champions nickte er höflich.
»Sehr schön … wenn ihr jetzt keine Fragen mehr habt, gehen wir nach oben ins Schloss, es ist doch ein wenig frisch hier …«
Sie schlängelten sich aus dem noch wachsenden Irrgarten und Bagman schloss mit raschen Schritten zu Harry auf. Harry ahnte schon, dass Bagman ihm gleich wieder seine Hilfe anbieten würde, doch in diesem Moment tippte ihm Krum auf die Schulter.
»Könnt ich eine Wort mit dir sprecken?«
»Ja, natürlich«, sagte Harry ziemlich überrascht.
»Gehen wir zusammen ein wenig?«
»Klar«, sagte Harry neugierig.
Bagman schien leicht irritiert. »Ich warte auf dich, Harry, oder nicht?«
»Nein, ist schon gut, Mr Bagman«, sagte Harry und unterdrückte ein Lächeln, »ich denke, ich finde das Schloss schon allein, danke.«
Harry und Krum verließen zusammen das Stadion, aber Krum wandte seine Schritte nicht hinüber zum Durmstrang-Schiff. Vielmehr ging er auf den Wald zu.
»Warum gehen wir hier lang?«, fragte Harry, als sie an Hagrids Hütte und der erleuchteten Beauxbatons-Kutsche vorbeikamen.
»Will nicht, dass uns jemand hört«, sagte Krum knapp.
Als sie endlich, nicht weit von der Koppel der Beauxbatons-Pferde, ein abgeschiedenes Fleckchen Land erreicht hatten, blieb Krum im Schatten der Bäume stehen und sah Harry ins Gesicht.
»Ich will wissen«, sagte er mit finsterem Blick, »was zwischen dir und Her-minne ist.«
Harry, der wegen Krums Geheimnistuerei schon etwas Ernsteres erwartet hatte, starrte verblüfft zu ihm hoch.
»Nichts«, sagte er. Doch Krum sah ihn weiter böse an, und Harry, dem noch einmal schlagartig bewusst wurde, wie groß Krum war, ließ sich zu ein paar mehr Worten herbei. »Wir sind befreundet. Wir gehen nicht zusammen, wie du meinst. Diese Kimmkorn hat das alles nur erfunden.«
»Her-minne sprickt sehr oft von dir«, sagte Krum und sah Harry misstrauisch an.
»Ja, selbstverständlich«, sagte Harry, »immerhin sind wir Freunde.«
Er konnte es nicht fassen, dieses Gespräch mit Viktor Krum, dem berühmten internationalen Quidditch-Spieler. Es war, als ob der achtzehnjährige Krum glaubte, er, Harry, sei ihm ebenbürtig – sei ein echter Rivale –
»Ihr habt nie … ihr seid nie …«
»Nein«, sagte Harry sehr bestimmt.
Krum sah ein wenig zufriedener aus. Er blickte Harry ein paar Sekunden lang unverwandt an, dann sagte er: »Du fliegst serr gutt. Ich hab dich gesehn bei erste Aufgabe.«
»Danke«, sagte Harry mit einem breiten Lächeln und fühlte sich mit einem Mal viel größer. »Ich hab dich bei der Quidditch-Weltmeisterschaft gesehen. Dein Wronski-Bluff, ich muss schon sagen –«
Doch hinter Krum, zwischen den Bäumen, bewegte sich etwas, und Harry, der am eigenen Leib erfahren hatte, was in diesem Wald alles auf einen lauern konnte, packte Krum instinktiv am Arm und zog ihn beiseite.
»Was ist los?«
Harry schüttelte den Kopf und spähte durch die Bäume hinüber zu der Stelle, wo er etwas gesehen hatte. Er schob die Hand in den Umhang und griff nach seinem Zauberstab.
In diesem Augenblick stolperte ein Mann hinter einer hohen Eiche hervor. Einen Moment lang kam er Harry fremd vor … dann erkannte er Mr Crouch. Er sah aus, als wäre er seit Tagen unterwegs. An den Knien war sein Umhang zerrissen und blutig; sein Gesicht war zerkratzt; er war unrasiert und aschgrau vor Erschöpfung. Sein sonst immer geschniegeltes Haar und sein Schnurrbart hatten Wasser und Schere dringend nötig. Mr Crouchs merkwürdige äußere Erscheinung war jedoch nichts im Vergleich zu seinem Gebaren. Murmelnd und gestikulierend schien er mit jemandem zu sprechen, den nur er allein sehen konnte. Er erinnerte Harry lebhaft an einen alten Landstreicher, den er einmal gesehen hatte, als er mit den Dursleys einkaufen gegangen war. Auch dieser Mann hatte sich wild fuchtelnd mit einem Luftgespinst unterhalten; Tante Petunia hatte Dudley an der Hand genommen und ihn über die Straße gezogen, um nicht an ihm vorbeigehen zu müssen; danach hatte Onkel Vernon der Familie einen langen Sermon darüber gehalten, was er am liebsten mit Bettlern und Vagabunden anstellen würde.
»Warr er nicht ein Richter?«, sagte Krum und starrte Mr Crouch mit großen Augen an. »Ist er nicht aus eure Ministerium?«
Harry nickte, zögerte einen Moment lang, dann trat er langsam auf Mr Crouch zu, der ihn nicht ansah, sondern weiter mit einem Baum in der Nähe sprach:
»… und wenn Sie das erledigt haben, Weatherby, schicken Sie eine Eule zu Dumbledore und bestätigen Sie ihm die Zahl der Durmstrang-Schüler, die am Turnier teilnehmen, Karkaroff hat soeben mitgeteilt, dass es zwölf sein werden …«
»Mr Crouch?«, sagte Harry behutsam.
»… und schicken Sie eine weitere Eule an Madame Maxime, denn vielleicht möchte sie die Zahl der Schüler, die sie mitbringt, aufstocken, da jetzt Karkaroff ein rundes Dutzend veranschlagt … tun Sie das, Weatherby, hören Sie? Hören Sie? Hören …« Mr Crouchs Augen quollen hervor. Da stand er, den Blick auf den Baum gerichtet, und murmelte stumm zu ihm hin. Dann stolperte er seitlich weg und fiel auf die Knie.
»Mr Crouch?«, sagte Harry laut. »Was ist mit Ihnen?«
Crouchs Augen rollten in ihren Höhlen. Harry sah sich nach Krum um, der ihm zwischen die Bäume gefolgt war und mit alarmiertem Blick auf Mr Crouch hinuntersah.
»Was fehlt ihm denn?«
»Keine Ahnung«, murmelte Harry. »Hör zu, du gehst am besten jemanden holen –«
»Dumbledore!«, keuchte Mr Crouch. Er streckte die Hand aus, packte Harrys Umhang und zog ihn zu sich her, aber seine Augen stierten immer noch über Harrys Kopf hinweg. »Ich muss … Dumbledore … sprechen …«
»Gut«, sagte Harry, »wenn Sie aufstehen würden, Mr Crouch, dann können wir hoch zum –«
»Ich hab … Dummheit … gemacht«, hauchte Mr Crouch. Er machte den Eindruck eines vollkommen Wahnsinnigen. Seine Augen rollten und traten hervor und ein Rinnsal aus Speichel lief ihm über das Kinn. »Muss es … Dumbledore … sagen.«
»Stehen Sie auf, Mr Crouch«, sagte Harry laut und deutlich. »Stehen Sie auf, ich bringe Sie zu Dumbledore!«
Mr Crouchs Blick kippte in Harrys Richtung.
»Wer … du?«, wisperte er.
»Ich bin ein Schüler aus dem Schloss«, sagte Harry und sah sich Hilfe suchend nach Krum um, doch Krum, offenbar höchst nervös, hielt sich im Schatten.
»Du bist nicht … seiner?«, flüsterte Crouch und der Unterkiefer fiel ihm herab.
»Nein«, sagte Harry ohne die geringste Ahnung, wovon Crouch überhaupt redete.
»Dumbledores?«
»Ja, stimmt«, sagte Harry.
Crouch zog ihn näher an sein Gesicht; Harry versuchte Crouchs Klammergriff an seinem Umhang zu lockern, doch er war zu kräftig.
»Warne … Dumbledore …«
»Ich hole Dumbledore, wenn Sie mich loslassen«, sagte Harry. »Lassen Sie mich einfach los, Mr Crouch, und ich hole ihn …«
»Danke, Weatherby, und wenn Sie das erledigt haben, hätte ich gerne eine Tasse Tee. Meine Frau und mein Sohn werden in Kürze eintreffen und heute Abend gehen wir mit Mr und Mrs Fudge ins Konzert.« Crouch sprach nun wieder eifrig mit einem Baum und schien Harrys Anwesenheit völlig vergessen zu haben, was Harry so bestürzte, dass er gar nicht merkte, dass Crouch ihn losgelassen hatte. »Ja, mein Sohn hat jüngst zwölf ZAGs erworben, äußerst zufrieden stellend, ja, danke Ihnen, ja, wirklich sehr stolz. Nun, wenn Sie mir bitte das Schreiben des andorranischen Zaubereiministers bringen würden, ich denke, ich habe noch Zeit, eine Antwort aufzusetzen …«
»Du bleibst hier bei ihm!«, sagte Harry zu Krum gewandt. »Ich hole Dumbledore, das geht schneller, weil ich weiß, wo sein Büro ist –«
»Er ist wahnsinnig«, sagte Krum mit zweifelnder Stimme und starrte hinunter auf Crouch, der immer noch den Baum anplapperte, offenbar überzeugt, er sei Percy.
»Pass kurz auf ihn auf«, sagte Harry und hatte sich schon halb erhoben, doch das schien einen erneuten plötzlichen Wandel in Mr Crouchs Gedanken auszulösen; er schlang den Arm fest um Harrys Knie und zog ihn wieder zu Boden.
»Lass … mich … nicht allein!«, flüsterte er und wieder traten ihm die Augen aus den Höhlen. »Ich … bin entkommen … muss es Dumbledore … sagen … warnen … meine Schuld … alles meine Schuld … Bertha … tot … alles meine Schuld … mein Sohn … meine Schuld … sag Dumbledore … Harry Potter … der Dunkle Lord … stärker … Harry Potter …«
»Ich hol Dumbledore, wenn Sie mich loslassen, Mr Crouch!« Er sah sich wütend nach Krum um. »Hilf mir doch endlich!«
Krum trat mit äußerst widerwilliger Miene näher und hockte sich neben Mr Crouch auf die Erde.
»Pass einfach auf, dass er hier liegen bleibt«, sagte Harry und befreite sich aus Mr Crouchs Umklammerung. »Ich komm gleich mit Dumbledore zurück.«
»Beeil dich, ja!?«, rief Krum ihm vom Waldrand aus nach, als Harry losspurtete und über das dunkle Schlossgelände davonjagte. Kein Mensch war zu sehen; Bagman, Cedric und Fleur waren verschwunden. Harry rannte die Steintreppe hoch, durch das eichene Portal und über die Marmortreppe nach oben in den zweiten Stock.
Fünf Minuten später stürzte er auf einen steinernen Wasserspeier in der Mitte eines verlassenen Korridors zu.
»Zitronenbrause!«, japste er ihm entgegen.
Dies war das Passwort für die verborgene Treppe zu Dumbledores Büro – zumindest hatte es vor zwei Jahren noch so gelautet. Doch offenbar war das Passwort geändert worden, denn der steinerne Wasserspeier erwachte nicht zum Leben und sprang auch nicht zur Seite, sondern stand nur steinern da und sah Harry feindselig an.
»Beweg dich!«, schrie ihn Harry an. »Mach schon!«
Doch in Hogwarts hatte sich noch nie etwas bewegt, nur weil er es angeschrien hatte; er wusste, dass es nichts nützte. Er spähte nach links und rechts den dunklen Korridor entlang. Vielleicht war Dumbledore im Lehrerzimmer? Er begann, so schnell er konnte, auf die Treppe zuzurennen –
»POTTER!«
Harry geriet ins Schlittern, blieb stehen und drehte sich um.
Aus einem verborgenen Treppenaufgang hinter dem steinernen Wasserspeier war Snape herausgekommen. Während sich die Öffnung in der Wand hinter ihm schloss, winkte er Harry zu sich her. »Was tust du hier, Potter?«
»Ich muss Professor Dumbledore sprechen!«, sagte Harry, rannte auf Snape zu und bremste rutschend vor ihm ab. »Es geht um Mr Crouch … ich hab ihn gerade entdeckt … er ist im Wald … er fragt nach –«
»Was soll dieser Unsinn?«, sagte Snape mit glitzernden schwarzen Augen. »Wovon redest du überhaupt?«
»Mr Crouch!«, rief Harry. »Aus dem Ministerium! Er ist krank oder so was – er ist im Wald, er will Dumbledore sehen! Geben Sie mir doch das Passwort nach oben –«
»Der Direktor ist beschäftigt, Potter«, sagte Snape und sein dünner Mund kräuselte sich zu einem gehässigen Lächeln.
»Ich muss es Dumbledore sagen!«, schrie Harry.
»Hast du mich nicht verstanden, Potter?«
Harry spürte, dass Snape es in tiefen Zügen genoss, Harry in all seiner Panik genau das zu verweigern, was er brauchte.
»Hören Sie«, sagte Harry zornig, »Crouch geht es nicht gut – er – ist nicht richtig beisammen – er will – vor etwas warnen –«
Die steinerne Wand hinter Snape teilte sich. In der Öffnung stand Dumbledore in seinem langen grünen Umhang und mit belustigt neugieriger Miene.
»Gibt es ein Problem?«, sagte er und sah abwechselnd Harry und Snape an.
»Professor!«, sagte Harry und duckte sich an Snape vorbei, bevor dieser den Mund aufmachen konnte. »Mr Crouch ist hier – unten im Wald, er will mit Ihnen sprechen!«
Harry hätte erwartet, dass Dumbledore erst einmal Fragen stellen würde, doch zu seiner Erleichterung tat er nichts dergleichen. »Bring mich dorthin«, sagte er prompt und rauschte hinter Harry den Korridor entlang, während Snape am Wasserspeier stehen blieb und einen bislang unerreicht garstigen Anblick bot.
»Was hat Mr Crouch gesagt, Harry?«, fragte Dumbledore, während sie hastig die Marmortreppe hinunterstiegen.
»Er meinte, er wolle Sie warnen … er habe etwas Schreckliches getan … hat was von seinem Sohn gesagt … und Bertha Jorkins … und – und Voldemort … etwas von wegen Voldemort würde stärker werden …«
»Tatsächlich«, sagte Dumbledore und beschleunigte seine Schritte hinaus in die rabenschwarze Nacht.
»Er benimmt sich ganz merkwürdig«, sagte Harry, als er an Dumbledores Seite dahinhastete. »Er weiß offenbar nicht, wo er ist. Ständig redet er, als ob er glauben würde, Percy Weasley sei bei ihm, und dann macht er plötzlich einen Gedankensprung und sagt, er müsse Sie sehen … Ich hab Viktor Krum bei ihm gelassen.«
»Ach ja?«, sagte Dumbledore scharf und schritt nun noch zügiger voran, so dass Harry rennen musste, um Schritt zu halten. »Weißt du, ob sonst noch jemand Mr Crouch gesehen hat?«
»Nein«, sagte Harry. »Krum und ich haben uns unterhalten, Mr Bagman hatte uns gerade die dritte Aufgabe erklärt, wir sind hinter den anderen zurückgeblieben, und dann haben wir Mr Crouch aus dem Wald kommen sehen –«
»Wo sind sie?«, sagte Dumbledore, als die Beauxbatons-Kutsche aus der Dunkelheit auftauchte.
»Dort drüben«, sagte Harry und lief jetzt Dumbledore voraus den Weg durch die Bäume entlang. Er konnte Crouchs Stimme nicht mehr hören, doch er wusste, wo er hinwollte; es war nicht weit von der Beauxbatons-Kutsche entfernt gewesen … irgendwo hier …
»Viktor?«, rief Harry.
Keine Antwort.
»Sie waren hier«, sagte Harry zu Dumbledore. »Sie waren ganz bestimmt irgendwo hier …«
»Lumos«, sagte Dumbledore. Aus seinem Zauberstab fiel ein Lichtstrahl und er hob ihn in die Höhe.
Der dünne Strahl wanderte über die schwarzen Baumstämme und erhellte den Waldboden. Und dann fiel er auf ein Paar Füße.
Harry und Dumbledore stürzten darauf zu. Krum lag alle viere von sich gestreckt auf dem Waldboden. Offenbar war er bewusstlos. Von Mr Crouch war keine Spur zu sehen. Dumbledore beugte sich über Krum und hob sachte eines seiner Augenlider an.
»Schockzauber«, sagte er leise. Seine Halbmondgläser glitzerten im Licht des Zauberstabs, während er den Boden zwischen den umstehenden Bäumen absuchte.
»Soll ich jemanden holen gehen?«, sagte Harry. »Madam Pomfrey?«
»Nein«, sagte Dumbledore rasch. »Bleib hier.«
Er hob den Zauberstab hoch und richtete ihn mit ausgestrecktem Arm auf Hagrids Hütte. Harry sah, wie etwas Silbernes aus der Spitze hervorschoss und wie ein Geistervogel zwischen den Bäumen hindurchflog. Dann beugte sich Dumbledore erneut über Krum, richtete den Zauberstab auf ihn und murmelte: »Rennervate.«
Krum öffnete die Augen. Er wirkte benommen. Als er Dumbledore erkannte, versuchte er sich aufzurichten, doch Dumbledore legte ihm die Hand auf die Schulter und bedeutete ihm, ruhig liegen zu bleiben.
»Er hat mich angegriffen!«, murmelte Krum und fuhr mit der Hand zur Stirn. »Der alte Irre hat mich angegriffen! Ich habe nur nachsehe wollen, wo Potter steckt, und da hat er mich von hinte angegriffen!«
»Bleib noch einen Moment ruhig liegen«, sagte Dumbledore.
Das Geräusch donnernder Schritte drang zu ihnen herüber und Hagrid trat mit Fang auf den Fersen in den Lichtschein. Er trug seine Armbrust.
»Professor Dumbledore!«, sagte er und seine Augen weiteten sich. »Harry – was zum –?«
»Hagrid, ich möchte, dass du Professor Karkaroff holen gehst«, sagte Dumbledore. »Sein Schüler wurde angegriffen. Und danach alarmiere bitte Professor Moody –«
»Nicht nötig, Dumbledore«, ertönte ein heiseres Knurren, »ich bin schon da.« Auf den Stock gestützt und mit leuchtendem Zauberstab hinkte Moody auf sie zu.
»Verfluchtes Bein«, sagte er aufgebracht. »Wär sonst schneller hier gewesen … was ist passiert? Snape sagte was von wegen Mr Crouch –«
»Crouch?«, sagte Hagrid verdutzt.
»Karkaroff, bitte, Hagrid!«, sagte Dumbledore scharf.
»O ja … ’türlich, Professor …«, sagte Hagrid, machte kehrt und verschwand mit Fang im Schlepptau in der Dunkelheit.
»Ich weiß nicht, wo Barty Crouch steckt«, sagte Dumbledore zu Moody gewandt, »aber wir müssen ihn unbedingt finden.«
»Bin schon unterwegs«, knurrte Moody, hob seinen Zauberstab und humpelte in den Wald hinein davon.
Weder Harry noch Dumbledore sprachen ein Wort, bis unmissverständlich zu hören war, dass Hagrid und Fang zurückkehrten. Ihnen nach hastete Karkaroff. Er trug seinen silbrig-seidenen Pelzmantel und wirkte bleich und erregt.
»Was hat das zu bedeuten?«, rief er, als er Krum am Boden liegen und Dumbledore und Harry neben ihm knien sah. »Was geht hier vor?«
»Ich wurde angegriffen!«, sagte Krum, setzte sich jetzt auf und rieb sich die Stirn. »Mr Crouch oder wie diese Mann heißt –«
»Crouch hat dich angegriffen? Crouch hat dich angegriffen? Der Trimagische Richter?«
»Igor«, setzte Dumbledore an, doch Karkaroff hatte sich aufgerichtet und krallte, offenbar rasend vor Zorn, die Finger in seinen Pelz.
»Verrat!«, brüllte er und deutete auf Dumbledore. »Es ist eine Verschwörung! Sie und Ihr Zaubereiminister haben mich unter fadenscheinigen Vorwänden hierhergelockt, Dumbledore! Dies ist kein fairer Wettkampf! Zuerst schmuggeln Sie Potter in das Turnier, obwohl er zu jung ist! Nun versucht einer Ihrer Kumpane im Ministerium, meinen Champion zu erledigen! Ich wittere Betrug und Bestechung in dieser ganzen Angelegenheit, und Sie, Dumbledore, Sie mit Ihrem Gerede über engere internationale Zaubererbeziehungen, über den Wiederaufbau alter Partnerschaften, über das Begraben alter Konflikte – hier ist, was ich von Ihnen halte!«
Karkaroff spuckte Dumbledore vor die Füße. Mit einer blitzschnellen Bewegung packte Hagrid Karkaroff am Pelzkragen, hob ihn in die Luft und schmetterte ihn gegen einen nahen Baum.
»Entschuldige dich«, fauchte Hagrid, die massige Faust an Karkaroffs Kehle, der mit baumelnden Füßen in der Luft hing und nach Atem rang.
»Hagrid, hör auf!«, rief Dumbledore mit blitzenden Augen.
Hagrid zog die Hand zurück, mit der er Karkaroff gegen den Baum gedrückt hatte, und Karkaroff rutschte am Baumstamm hinunter und sackte am Wurzelansatz zu einem Häufchen zusammen; ein paar Zweige und Blätter regneten ihm auf den Kopf.
»Sei bitte so freundlich und begleite Harry hoch zum Schloss, Hagrid«, sagte Dumbledore scharf.
Schwer atmend versetzte Hagrid Karkaroff einen drohenden Blick. »Vielleicht sollte ich besser hierbleiben, Direktor …«
»Du bringst Harry zurück in die Schule, Hagrid«, wiederholte Dumbledore barsch. »Bring ihn gleich hoch in den Gryffindor-Turm. Und, Harry – ich möchte, dass du dort oben bleibst. Alles, was dir so zu tun einfällt – vielleicht die eine oder andere Eule fortzuschicken –, kann bis morgen warten, hast du mich verstanden?«
»Ähm – ja«, sagte Harry und starrte ihn an. Woher wusste Dumbledore, dass er genau in diesem Moment daran gedacht hatte, Pigwidgeon sofort zu Sirius zu schicken, um ihm zu berichten, was geschehen war?
»Ich lass Fang bei Ihnen, Direktor«, sagte Hagrid und starrte weiterhin drohend Karkaroff an, der noch immer am Fuß des Baumes zusammengesunken lag, verknäuelt in seinen Pelz und die Baumwurzeln.
»Hiergeblieben, Fang. Komm mit, Harry.«
Sie marschierten schweigend an der Beauxbatons-Kutsche vorbei hinauf zum Schloss.
»Wie kann der das wagen«, knurrte Hagrid, als sie am See entlanggingen. »Wie kann der es wagen, Dumbledore zu beschuldigen. Als ob Dumbledore so was tun würde. Als ob Dumbledore ausgerechnet dich im Turnier haben wollte. Was für Sorgen er sich macht! Ich weiß nich, wann ich Dumbledore je so besorgt gesehen hab wie in letzter Zeit. Und du!«, sagte Hagrid plötzlich mit zorniger Stimme zu Harry, der verdutzt zu ihm aufsah. »Was hast du da unten zu suchen mit diesem krummen Krum? Er ist aus Durmstrang, Harry! Hätte dir gleich da unten ’nen Zauber verpassen können! Haste denn nichts gelernt bei Moody! Wenn ich mir vorstell, dass er dich allein da runtergelockt hat –«
»Krum ist schon in Ordnung!«, sagte Harry, als sie die Stufen zur Eingangshalle hochstiegen. »Er hat nicht versucht, mir einen Zauber aufzuhalsen, er wollte nur über Hermine sprechen –«
»Mit der werd ich auch noch ’n Wörtchen reden, da kannst du Gift drauf nehmen«, sagte Hagrid und stapfte grimmig die Stufen empor. »Je weniger ihr drei mit diesen Ausländern zu tun habt, desto besser für euch. Da kann man doch keinem von trauen.«
»Mit Madame Maxime bist du aber ganz gut ausgekommen«, sagte Harry gereizt.
»Hör mir bloß auf mit der!«, sagte Hagrid und einen Moment lang sah er durchaus bedrohlich aus. »Der’n Masche kenn ich jetzt! Will sich nur wieder bei mir einschmeicheln und aus mir rauskitzeln, was in der dritten Aufgabe drankommt. Ha! Trau bloß keinem von denen!«
Hagrid war so schlechter Laune, dass Harry ganz froh war, sich vor der fetten Dame von ihm verabschieden zu können. Er kletterte durch das Porträtloch in den Gemeinschaftsraum und eilte gleich auf die Ecke zu, in der Ron und Hermine saßen, um ihnen alles zu erzählen.
Der Traum
»Es gibt nur zwei Möglichkeiten«, sagte Hermine und rieb sich die Stirn. »Entweder hat Mr Crouch Viktor angegriffen oder jemand anderer hat beide aus dem Hinterhalt überfallen.«
»Es war sicher Crouch selbst«, warf Ron ein. »Darum war er verschwunden, als Harry und Dumbledore hinzukamen. Hat sich schnell aus dem Staub gemacht.«
»Das glaub ich nicht«, entgegnete Harry kopfschüttelnd. »Mir kam er tatsächlich schwach vor – sah nicht so aus, als hätte er disapparieren können.«
»Man kann auf dem Hogwarts-Gelände nicht disapparieren, wie oft soll ich euch das denn noch erklären?«, sagte Hermine.
»Okay … und wie wär’s mit meiner Theorie«, sagte Ron erhitzt. »Krum hat Crouch angegriffen – nein, lass mich ausreden – und sich dann selbst einen Schockzauber verpasst!«
»Und Mr Crouch hat sich in Luft aufgelöst, ja?«, entgegnete Hermine kühl.
»Ähm, jaah …«
Der Tag brach an. Harry, Ron und Hermine hatten sich in aller Frühe aus ihren Schlafsälen geschlichen und waren in die Eulerei hochgehastet, um Sirius eine Nachricht zu schicken. Nun standen sie oben am Fenster und sahen hinaus auf das nebelverhangene Land. Alle drei waren blass und hatten geschwollene Augen, weil sie noch bis spät in die Nacht hinein über die Sache mit Mr Crouch gesprochen hatten.
»Lass uns das Ganze noch mal durchgehen, Harry«, sagte Hermine. »Was genau hat er gesagt?«
»Ich hab’s dir doch schon erzählt, es war viel wirres Zeugs darunter«, erwiderte Harry. »Er wollte Dumbledore vor etwas warnen. Jedenfalls hat er von Bertha Jorkins gesprochen und schien sie für tot zu halten. Immer wieder hat er gesagt, es sei seine Schuld gewesen … und seinen Sohn hat er auch erwähnt.«
»Ja, das war allerdings wirklich seine Schuld«, sagte Hermine gereizt.
»Er war vollkommen durcheinander«, fuhr Harry fort. »Mir kam’s immer wieder so vor, als glaube er, seine Frau und sein Sohn seien noch am Leben, und dauernd hat er mit Percy geredet und ihm irgendwelche Anweisungen für die Arbeit erteilt.«
»Und … was hat er noch mal über Du-weißt-schon-wen gesagt?«, fragte Ron argwöhnisch.
»Hab ich doch schon gesagt«, erwiderte Harry matt. »Er sei stärker geworden.«
Stille trat ein.
Dann meldete sich Ron zu Wort, doch sein zuversichtlicher Tonfall klang nicht ganz echt: »Aber du sagst doch selbst, dass er völlig durcheinander war, und die halbe Zeit hat er wahrscheinlich nur rumgesponnen …«
»Er klang am klarsten, als er von Voldemort gesprochen hat«, sagte Harry, ohne auf Rons erschrockenes Zucken zu achten. »Sonst ist es ihm recht schwergefallen, seine Gedanken auf die Reihe zu bringen, aber bei Voldemort schien er zu wissen, wovon er redete und was er wollte. Er sagte immer wieder, er wolle Dumbledore sehen.«
Harry wandte sich vom Fenster ab und spähte hoch ins Dachgebälk. Die Hälfte der vielen Vogelstangen war leer; dann und wann kam eine Eule mit einer Maus im Schnabel von der nächtlichen Jagd durch eines der Fenster gesegelt.
»Wenn Snape mich nur nicht aufgehalten hätte«, sagte Harry erbittert, »dann wären wir vielleicht noch rechtzeitig gekommen. ›Der Direktor ist beschäftigt, Potter … was soll dieser Unsinn, Potter?‹ Warum konnte er nicht einfach verduften?«
»Vielleicht wollte er gar nicht, dass du dorthin zurückgehst!«, sagte Ron hastig. »Vielleicht – wart mal kurz – wie schnell, glaubst du, hätte er in den Wald kommen können? Denkst du, er hätte es vor dir und Dumbledore geschafft?«
»Nur dann, wenn er sich in eine Fledermaus verwandeln konnte«, sagte Harry.
»Das würd ich ihm glatt zutrauen«, brummte Ron.
»Wir müssen zu Professor Moody«, schlug Hermine vor, »und ihn fragen, ob er Mr Crouch gefunden hat.«
»Wenn er die Karte des Rumtreibers mithatte, war es sicher einfach«, sagte Harry.
»Oder Crouch war schon außerhalb des Geländes«, sagte Ron, »weil sie ja nur bis zur Grenze –«
»Schhh!«, machte Hermine plötzlich.
Jemand stieg die Treppe zur Eulerei hoch. Harry konnte zwei streitende Stimmen hören, die immer näher kamen.
»– das ist Erpressung, sag ich dir, das kann uns ’ne Menge Ärger einbringen –«
»– wir haben es lange genug auf die nette Tour versucht, wird allmählich Zeit, dass wir die harte Gangart einschlagen, tut er ja auch. Es wäre ihm sicher unangenehm, wenn man im Zaubereiministerium erfährt, was er getan hat –«
»Ich sag dir, wenn du das schreibst, ist es Erpressung!«
»Jaah, und ausgerechnet du wirst dich beklagen, wenn ’ne hübsche Summe dabei rausspringt?«
Die Eulereitür schlug auf. Fred und George traten über die Schwelle und blieben beim Anblick von Harry, Ron und Hermine wie angewurzelt stehen.
»Was macht ihr denn hier?«, fragten Ron und Fred gleichzeitig.
»Post verschicken«, antworteten Harry und George wie auf Kommando.
»Wie, so früh?«, sagten Hermine und Fred.
Fred grinste. »Schön – wir fragen euch nicht, was ihr hier zu suchen habt, wenn ihr uns nicht fragt, was wir hier treiben«, sagte er.
Er hielt einen versiegelten Umschlag in der Hand. Harry warf einen Blick darauf, doch Fred, ob zufällig oder absichtlich, verschob die Hand, so dass der Namenszug nicht mehr zu lesen war.
»Lasst euch von uns nicht aufhalten«, sagte er und deutete mit einer übertriebenen Verbeugung zur Tür.
Ron rührte sich nicht vom Fleck. »Wen wollt ihr erpressen?«, fragte er.
Das Grinsen auf Freds Gesicht erstarb. George warf Fred einen kurzen Blick zu, dann lächelte er Ron an.
»Mach dich nicht lächerlich, ich hab nur Witze gemacht«, sagte er gelassen.
»Klang aber gar nicht danach«, sagte Ron.
Fred und George wechselten einen Blick.
Dann sagte Fred barsch: »Ich hab’s dir doch schon mal gesagt, Ron, steck deine Nase nicht da rein, wenn du sie hübsch findest, so wie sie ist. Weiß zwar nicht, warum das so sein sollte, aber …«
»Es ist auch meine Angelegenheit, wenn ihr jemanden erpresst«, sagte Ron. »George hat Recht, ihr könntet ernsthaft Ärger kriegen.«
»Ich hab dir doch gesagt, dass ich einen Witz gemacht hab«, entgegnete George. Er ging auf Fred zu, nahm ihm den Brief aus der Hand und band ihn an das Bein der nächstbesten Schleiereule. »Du klingst allmählich wie unser lieber älterer Bruder, muss ich sagen. Mach so weiter, und sie ernennen dich noch zum Vertrauensschüler.«
»Was für ein Blödsinn«, sagte Ron entrüstet.
George trug die Schleiereule hinüber zum Fenster und ließ sie davonflattern. Dann wandte er sich grinsend zu Ron um. »Na dann hör auf, den Leuten vorzuschreiben, was sie tun sollen. Bis später.«
Die beiden verschwanden. Harry, Ron und Hermine starrten sich verdutzt an.
»Ihr glaubt doch nicht, dass sie etwas von alldem mitbekommen haben?«, flüsterte Hermine. »Von Crouch und so weiter?«
»Nein«, sagte Harry. »Wenn es etwas so Ernstes wäre, dann würden sie es jemandem sagen. Zumindest Dumbledore.«
Ron jedoch schien sich in seiner Haut nicht recht wohl zu fühlen.
»Was ist los mit dir?«, fragte Hermine.
»Na ja …«, setzte Ron an, »ich bin mir da nicht so sicher. Sie … sie sind in letzter Zeit ganz scharf darauf, Geld zu machen, das ist mir aufgefallen, als ich öfter mit ihnen rumgehangen habe – als – ihr wisst schon –«
»Als wir nicht miteinander redeten«, beendete Harry den Satz für ihn. »Sicher, aber Erpressung …«
»Sie haben sich diese Sache mit dem Zauberscherzladen in den Kopf gesetzt«, sagte Ron. »Ich dachte zuerst, sie wollten damit nur Mum ärgern, aber sie meinen es ernst, sie wollen einen Laden aufmachen. Sie haben nur noch ein Jahr in Hogwarts, ständig reden sie davon, es sei an der Zeit, über die Zukunft nachzudenken, und dass Dad ihnen nicht helfen könne und dass sie Gold brauchten, um überhaupt anfangen zu können.«
Jetzt schien sich Hermine unbehaglich zu fühlen. »Schon, aber … sie würden nichts Ungesetzliches tun, oder doch?«
»Oder doch?«, wiederholte Ron mit skeptischer Miene. »Keine Ahnung … jedenfalls haben sie keine großen Probleme damit, Regeln zu verletzen.«
»Ja, aber hier geht’s um das Gesetz«, sagte Hermine mit besorgtem Blick. »Und nicht um eine alberne Vorschrift in der Hausordnung … bei Erpressung kommen sie mit Nachsitzen nicht davon! Ron … vielleicht solltest du es Percy sagen …«
»Bist du verrückt?«, entgegnete Ron. »Percy? Er würde wahrscheinlich einen auf Crouch machen und sie einbuchten lassen!« Er starrte zum Fenster hinaus, durch das die Eule von Fred und George verschwunden war, dann sagte er: »Kommt, lasst uns was frühstücken.«
»Glaubt ihr, es ist noch zu früh, um zu Professor Moody zu gehen?«, fragte Hermine, während sie die Wendeltreppe hinunterstiegen.
»Ja«, sagte Harry. »Wenn wir ihn im Morgengrauen wecken, wird er wahrscheinlich glauben, wir wollten ihn im Schlaf angreifen, und dann sprengt er uns glattweg durch die Tür. Warten wir lieber bis zur großen Pause.«
Geschichte der Zauberei war lange nicht mehr so furchtbar zäh dahingeflossen. Harry sah andauernd auf Rons Uhr, da er seine eigene nun doch weggeworfen hatte, aber Rons ging so langsam, dass er gewettet hätte, auch die sei kaputt. Alle drei waren dermaßen müde, dass sie am liebsten die Köpfe auf den Tisch gelegt und geschlafen hätten; selbst Hermine machte sich ausnahmsweise keine Notizen, sondern saß da, den Kopf auf die Hände gestützt, und sah Professor Binns mit trüben Augen an.
Als es endlich läutete, hasteten sie hinaus in den Gang und hinüber zum Klassenraum, in dem sie Verteidigung gegen die dunklen Künste hatten; Moody kam gerade aus der Tür. Er sah so müde aus, wie sie sich fühlten. Das Lid seines normalen Auges hing schlaff herab und verlieh seinem Gesicht einen noch schieferen Ausdruck als sonst.
»Professor Moody?«, rief Harry und sie drängelten sich durch die Scharen auf dem Korridor zu ihm hinüber.
»Hallo, Potter«, knurrte Moody. Sein magisches Auge folgte ein paar vorbeigehenden Erstklässlern, die verängstigt ihre Schritte beschleunigten; es kippte zurück ins Innere seines Kopfes und beobachtete, wie sie um die Ecke verschwanden, bevor er wieder ein Wort sagte. »Kommt hier rein.«
Er trat zur Seite, ließ sie in sein leeres Klassenzimmer treten, hinkte ihnen nach und schloss die Tür.
»Haben Sie ihn gefunden?«, fragte Harry ohne Umschweife. »Mr Crouch?«
»Nein«, sagte Moody. Er humpelte hinüber zu seinem Tisch, setzte sich, streckte leise grunzend das Holzbein aus und zog seinen Flachmann hervor.
»Haben Sie die Karte benutzt?«, sagte Harry.
»Natürlich«, entgegnete Moody und genehmigte sich einen Schluck aus der Flasche. »Hab mir ein Beispiel an dir genommen, Potter. Hab sie aus meinem Büro in den Wald gerufen. Auf der Karte war er jedenfalls nicht.«
»Also ist er tatsächlich disappariert?«, fragte Ron.
»Du kannst auf dem Gelände nicht disapparieren, Ron!«, entgegnete Hermine. »Es gibt andere Wege, auf denen er hätte verschwinden können, nicht wahr, Professor Moody?«
Moodys magisches Auge blieb leicht zitternd auf Hermine ruhen.
»Du bist auch so eine, die mal über eine Laufbahn als Auror nachdenken sollte«, erklärte er. »Tickst genau richtig dafür, Granger.«
Hermine lief vor Stolz rosarot an.
»Jedenfalls war er nicht unsichtbar«, sagte Harry. »Die Karte zeigt auch Unsichtbare. Also muss er das Gelände verlassen haben.«
»Aber aus eigener Kraft?«, sagte Hermine eifrig. »Oder weil ihn jemand gezwungen hat?«
»Ja, jemand hätte – hätte ihn auf einen Besen zerren und mit ihm fortfliegen können, oder?«, sagte Ron hastig und sah Moody hoffnungsvoll an, ganz als ob auch er hören wollte, dass er das Zeug zum Auroren habe.
»Auch eine Entführung können wir nicht ausschließen«, brummte Moody.
»Und?«, fragte Ron, »vermuten Sie, dass er irgendwo in Hogsmeade ist?«
»Könnte überall sein«, sagte Moody kopfschüttelnd. »Sicher wissen wir nur, dass er nicht hier ist.«
Er gähnte so ausgiebig, dass sich seine Narben spannten und sein schräger Mund einige Zahnlücken offenbarte.
Dann sagte er: »Nun, Dumbledore meint zwar, ihr drei spielt gern Detektive, aber für Crouch könnt ihr nichts tun. Das Ministerium wird inzwischen nach ihm suchen, Dumbledore hat sie unterrichtet. Potter, du musst jetzt über die dritte Aufgabe nachdenken.«
»Wie bitte?«, sagte Harry. »Ach ja …«
Er hatte keinen einzigen Gedanken an den Irrgarten verschwendet, seit er ihn letzte Nacht mit Krum verlassen hatte.
»Sollte dir diesmal wirklich liegen«, sagte Moody, sah zu Harry auf und kratzte sein vernarbtes und stoppliges Kinn. »Dumbledore meint jedenfalls, dass du schon einschlägig bewandert bist. Hast im ersten Schuljahr ein paar Hindernisse auf dem Weg zum Stein der Weisen abgeräumt, nicht wahr?«
»Wir haben ihm dabei geholfen«, warf Ron hastig ein. »Ich und Hermine haben ihm geholfen.«
Moody grinste. »Schön, wenn ihr ihm auch helft, sich auf diese Runde vorzubereiten, dann würd’s mich sehr überraschen, wenn er nicht gewinnt«, sagte er. »Und bis dahin … immer wachsam, Potter. Immer wachsam.« Er nahm noch einen kräftigen Zug aus seinem Flachmann und ließ sein magisches Auge zum Fenster hinüberschwenken. Von seinem Platz aus war die oberste Spiere des Durmstrang-Schiffes zu sehen.
»Ihr beide« – sein normales Auge musterte Ron und Hermine – »ihr passt auf Potter auf, klar? Ich behalt zwar im Auge, was hier so vorgeht, aber trotzdem … man kann nie genug Augen offen haben.«
Sirius schickte ihre Eule schon am nächsten Morgen zurück. Sie flatterte vor Harry auf den Tisch, genau in dem Moment, als ein Waldkauz mit einem Tagespropheten im Schnabel vor Hermine landete. Sie nahm ihm die Zeitung ab, überflog die ersten Seiten, sagte: »Ha! Sie hat nichts von Crouch erfahren!«, und beugte sich dann zu Ron und Harry hinüber, die lasen, was Sirius über die mysteriösen Ereignisse der vorletzten Nacht zu sagen hatte.
Harry – wie konntest du dich darauf einlassen, mit Viktor Krum in den Wald zu gehen? Schwöre mir bitte eulenwendend, dass du mit niemandem mehr nachts spazieren gehst. In Hogwarts ist jemand, der höchst gefährlich ist. Für mich ist offensichtlich, dass sie nicht wollten, dass Crouch mit Dumbledore spricht, und sie waren vermutlich nur ein paar Meter von dir entfernt in der Dunkelheit. Sie hätten dich umbringen können.
Dein Name ist nicht zufällig in den Feuerkelch geraten. Wenn dich jemand angreifen will, dann hat er jetzt seine letzte Chance. Bleib immer in der Nähe von Ron und Hermine, verlass abends nicht mehr den Gryffindor-Turm und wappne dich für die dritte Aufgabe. Übe Schockzaubern und Entwaffnen. Ein paar Hexereien können auch nicht schaden. In dieser Crouch-Sache kannst du nichts tun. Halt dich bedeckt und pass auf dich auf. Ich erwarte deinen Brief mit dem Versprechen, dass du dich nicht wieder draußen rumtreibst. Sirius
»Ausgerechnet er will mir was erzählen von wegen draußen rumtreiben?«, entrüstete sich Harry mild, faltete Sirius’ Brief zusammen und steckte ihn in den Umhang. »Nach all dem, was er selbst damals in der Schule getrieben hat!«
»Er macht sich Sorgen um dich!«, sagte Hermine scharf. »Genau wie Moody und Hagrid! Also hör auf ihn!«
»Das ganze Jahr über hat keiner versucht, mich anzugreifen«, sagte Harry. »Niemand hat mir auch nur ein Haar gekrümmt –«
»Außer, dass jemand deinen Namen in den Feuerkelch geworfen hat«, unterbrach ihn Hermine. »Und der oder die müssen das aus einem bestimmten Grund getan haben, Harry. Schnuffel hat Recht. Vielleicht haben sie nur abgewartet. Vielleicht ist es genau diese Runde, bei der sie dich kriegen wollen.«
»Pass auf«, sagte Harry ungeduldig, »nehmen wir an, Schnuffel hat Recht und jemand hat Krum einen Schocker verpasst und Crouch entführt. Gut, dann wären sie doch irgendwo hinter den Bäumen um uns her gewesen? Aber sie haben gewartet, bis ich fort war, und dann erst angegriffen. Also sieht’s nicht danach aus, als ob sie es auf mich abgesehen hätten!«
»Sie hätten es nicht nach einem Unfall aussehen lassen können, wenn sie dich im Wald ermordet hätten!«, entgegnete Hermine. »Aber wenn du während einer Turnierrunde stirbst –«
»Aber Krum haben sie doch einfach angegriffen«, sagte Harry. »Warum haben sie mich dann nicht auch gleich weggeputzt? Sie hätten es zum Beispiel so aussehen lassen können, als ob Krum und ich uns duelliert hätten.«
»Harry, ich versteh’s ja auch nicht«, sagte Hermine verzweifelt. »Ich weiß nur, dass eine Menge merkwürdiger Dinge passieren, und mir gefällt das überhaupt nicht … Moody hat Recht – Schnuffel hat Recht – du musst endlich für die dritte Runde trainieren, und zwar sofort. Und vergiss ja nicht, Schnuffel zu antworten und ihm zu versprechen, dass du dich nicht mehr alleine rumtreibst.«
Das Schlossgelände draußen wirkte immer dann ungeheuer verlockend auf Harry, wenn er nicht rauskonnte. Während der nächsten Tage verbrachte er seine ganze Freizeit entweder in der Bibliothek, wo er zusammen mit Hermine und Ron nach brauchbaren Zaubern suchte, oder in leeren Klassenzimmern, in die sie sich schlichen, um in Ruhe zu üben. Harry nahm sich vor allem den Schockzauber vor, den er noch nie angewandt hatte. Das Problem war nur, dass Ron und Hermine dafür gewisse Opfer bringen mussten.
»Können wir nicht Mrs Norris kidnappen?«, schlug Ron am Montag in der Mittagspause vor, als er mitten im Zauberkunstklassenzimmer flach auf dem Rücken lag, soeben zum fünften Mal in Folge von Harry geschockt und wiederbelebt. »Schocken wir doch die mal zur Abwechslung. Oder du könntest Dobby nehmen, Harry, ich wette, er würde alles tun, um dir zu helfen. Ich will mich ja nicht beklagen oder so« – er stand ächzend auf und rieb sich den Hintern – »aber mir tut schon alles weh …«
»Wenn du auch andauernd neben die Kissen fällst!«, sagte Hermine unwirsch und warf die Kissen, die sie schon für den Verscheuchezauber benutzt hatten, auf einen Haufen. »Versuch doch einfach mal gerade nach hinten zu fallen!«
»Wenn du geschockt bist, geht das nicht mehr, Hermine!«, sagte Ron wütend. »Warum probierst du es nicht selbst?«
»Ach weißt du, ich glaube, Harry hat es jetzt ohnehin raus«, erwiderte Hermine hastig. »Und wegen Entwaffnung müssen wir uns keine Sorgen machen, das kann er ja schon ewig … ich denke, heute Abend sollten wir mit ein paar von diesen Hexereien anfangen.«
Sie überflog die Liste, die sie in der Bibliothek aufgestellt hatten.
»Der hier gefällt mir«, sagte sie, »dieser Lähmfluch. Soll alles verlangsamen, was dich angreifen will, Harry. Mit dem fangen wir an.«
Die Glocke läutete. Eilends stopften sie die Kissen in Flitwicks Schrank zurück und schlüpften aus dem Klassenzimmer.
»Wir sehen uns beim Abendessen!«, sagte Hermine und machte sich auf den Weg zu Arithmantik, während Harry und Ron zu Wahrsagen in den Nordturm gingen. Durch die hohen Fenster fielen breite Streifen gleißend goldenen Sonnenlichts auf den Gang. Der Himmel war von einem leuchtenden, wie in Email gemalten Blau.
»In Trelawneys Zimmer wird’s kochend heiß sein, die macht ihr Feuer doch nie aus«, sagte Ron, als sie die Treppe zur silbernen Leiter und zur Falltür hochgingen.
Er hatte völlig Recht. In dem matt erleuchteten Zimmer herrschte brütende Hitze. Und die schwer parfümierten Rauchschwaden aus dem Kamin machten alles noch unerträglicher. Harry wurde ganz schwummrig im Kopf und er ging hinüber zu einem der verhängten Fenster. Als Professor Trelawney ihren Schal von einer Lampe abwickelte und gerade nicht hinsah, öffnete er das Fenster einen Spaltbreit und ließ sich dann in einen Chintz-Sessel sinken. Eine sanfte Brise umspielte jetzt sein Gesicht. Es war unendlich angenehm.
»Meine Lieben«, sagte Professor Trelawney, setzte sich in ihren geflügelten Lehnstuhl vor die Klasse und sah sie reihum mit ihren merkwürdig vergrößerten Augen an, »wir haben unsere Arbeiten zur planetarischen Weissagung fast abgeschlossen. Heute jedoch bietet sich eine exzellente Gelegenheit, die Wirkungen des Mars zu studieren, denn gegenwärtig steht er in höchst interessanter Konstellation. Wenn ihr bitte alle hierher schauen würdet, ich dämpfe das Licht …«
Sie schwang ihren Zauberstab und die Lampen erloschen. Das Feuer war jetzt die einzige Lichtquelle. Professor Trelawney bückte sich, langte unter ihren Stuhl und hob ein kleines, unter einer Glaskuppel geborgenes Modell des Sonnensystems hoch. Es war ein schönes Stück; um die neun Planeten drehten sich schimmernde Monde, beschienen von der feurigen Sonne, und alle wurden von unsichtbarer Hand unter dem Glas gehalten. Harry sah träge hin, während Professor Trelawney erklärte, in welch faszinierendem Winkel Mars jetzt zu Neptun stehe. Die schwer parfümierten Schwaden waberten über ihn hinweg und die Brise vom Fenster her kühlte ein wenig sein Gesicht. Irgendwo hinter dem Vorhang hörte er ein Insekt leise summen. Seine Lider wurden schwer …
Er flog jetzt auf dem Rücken eines Uhus, schwebte am klaren blauen Himmel auf ein altes, mit Efeu überwuchertes Haus hoch oben auf einem Hügel zu. Jetzt neigten sie sich in die Tiefe, und der Wind blies Harry angenehm ins Gesicht, bis sie ein dunkles, kaputtes Fenster im oberen Stockwerk erreichten und hineinflogen. Nun ging es einen düsteren Korridor entlang, zu einem Zimmer ganz am Ende … durch die Tür, hinein in das dunkle Zimmer, dessen Fenster mit Brettern vernagelt waren …
Harry war vom Rücken des Uhus gestiegen … er sah ihm nach, wie er durch das Zimmer flatterte, auf einen Stuhl, dessen Rückenlehne ihm zugekehrt war … auf dem Boden neben dem Lehnstuhl waren zwei dunkle Gestalten zu sehen … beide bewegten sich …
Die eine war eine riesige Schlange … die andere war ein Mann … ein kleiner Mann mit schütterem Haar, wässrigen Augen und spitzer Nase … er keuchte und schluchzte auf dem Kaminvorleger …
»Du hast Glück gehabt, Wurmschwanz«, sagte eine kalte, hohe Stimme aus den Tiefen des Lehnstuhls, auf dem die Eule gelandet war. »Wirklich viel Glück. Dein dummer Fehler hat nicht alles ruiniert. Er ist tot.«
»Herr!«, keuchte der Mann auf dem Boden. »Herr, ich bin … ich bin hocherfreut … und bedaure das sehr …«
»Nagini«, sagte die kalte Stimme, »du hast heute kein Glück. Ich werde dir Wurmschwanz doch nicht zum Fraß vorwerfen … aber reg dich nicht auf, bleib ruhig … es gibt ja immer noch Harry Potter …«
Die Schlange zischelte. Harry konnte ihre Zunge flattern sehen.
»Na, Wurmschwanz«, sagte die kalte Stimme, »vielleicht noch eine kleine Erinnerung, warum ich nicht noch einen Fehler deinerseits hinnehmen werde …«
»Herr … nein … ich bitte Euch …«
Aus der Kuhle des Lehnstuhls tauchte die Spitze eines Zauberstabs auf. Sie richtete sich auf Wurmschwanz. »Crucio«, sagte die kalte Stimme.
Wurmschwanz schrie, schrie, als ob jeder Nerv seines Körpers brennen würde, das Schreien erfüllte Harrys Ohren, und die Narbe auf seiner Stirn entflammte vor rasendem Schmerz; auch Harry schrie jetzt laut … Voldemort würde ihn hören, würde wissen, dass er da war …
»Harry! Harry!«
Harry öffnete die Augen. Er lag, die Hände aufs Gesicht gepresst, auf dem Boden von Professor Trelawneys Zimmer. Seine Narbe brannte immer noch so fürchterlich, dass ihm die Augen tränten. Der Schmerz war kein Phantom gewesen. Die ganze Klasse stand um ihn herum und Ron kniete mit entsetztem Gesicht neben ihm.
»Alles in Ordnung mit dir?«, fragte er.
»Natürlich nicht!«, sagte Professor Trelawney mit überaus erregter Miene. Ihre großen Augen schwebten lauernd über Harry. »Was war es, Potter? Eine Vorahnung? Eine Erscheinung? Was haben Sie gesehen?«
»Nichts«, log Harry. Er setzte sich auf. Sein Körper bebte. Er konnte nicht anders, er musste sich einfach umdrehen und in die Schatten hinter sich spähen; Voldemorts Stimme hatte sich so nah angehört …
»Sie hatten die Hand auf Ihre Narbe gepresst!«, sagte Professor Trelawney. »Sie haben sich auf dem Boden gewälzt, mit der Hand auf der Narbe! Kommen Sie schon, Potter, ich habe Erfahrung mit solchen Dingen!«
Harry sah zu ihr auf.
»Ich glaube, ich muss in den Krankenflügel«, sagte er. »Üble Kopfschmerzen.«
»Mein Lieber, Sie wurden ohne Zweifel durch die außerordentlich klarsichtigen Schwingungen meines Zimmers stimuliert!«, sagte Professor Trelawney. »Wenn Sie jetzt gehen, verlieren Sie vielleicht die Möglichkeit, weiter denn je in die Zukunft zu sehen –«
»Ich möchte nichts weiter sehen als ein Kopfschmerzmittel«, sagte Harry.
Er stand auf. Die Klasse wich zurück. Alle sahen erschüttert aus.
»Bis später dann«, murmelte Harry Ron zu, nahm seine Tasche und ging auf die Falltür zu, ohne auf Professor Trelawney zu achten, die ein fürchterlich enttäuschtes Gesicht machte, ganz als ob ihr ein richtiger Leckerbissen durch die Lappen gegangen wäre.
Als Harry jedoch unten am Fuß der Leiter ankam, wandte er seine Schritte nicht zum Krankenflügel. Er hatte keinen Moment vorgehabt, dort hinzugehen. Sirius hatte ihm gesagt, was er tun solle, wenn seine Narbe wieder zu schmerzen anfing, und Harry wollte seinem Ratschlag folgen: Er würde geradewegs in Dumbledores Büro gehen. Während er durch die Flure lief, überlegte er, was er soeben im Traum gesehen hatte … er war ebenso klar und deutlich gewesen wie jener Traum, der ihn im Ligusterweg aus dem Schlaf gerissen hatte … noch einmal führte er sich die Einzelheiten vor Augen, um sich später gut daran erinnern zu können … er hatte gehört, wie Voldemort Wurmschwanz beschuldigte, einen dummen Fehler gemacht zu haben … doch der Uhu hatte gute Nachrichten gebracht, der Fehler war ausgemerzt, jemand war tot … deshalb sollte Wurmschwanz nicht an die Schlange verfüttert werden … statt seiner würde er, Harry, ihr zum Fraß vorgeworfen …
Gedankenversunken war Harry an dem steinernen Wasserspeier, der den Eingang zu Dumbledores Büro bewachte, einfach vorbeigegangen. Er blinzelte, sah sich um, erkannte, wo er war, lief zurück und blieb vor dem Wasserspeier stehen. Dann fiel ihm ein, dass er das Passwort ja gar nicht kannte.
»Zitronenbrause?« Ein Versuch konnte ja nicht schaden.
Der Wasserspeier rührte sich nicht.
»Okay«, sagte Harry und starrte ihn an. »Birnenbrandpraline. Ähm – Lakritzzauberstab. Zischende Zauberdrops. Bubbels Bester Blaskaugummi. Bertie Botts Bohnen jeder Geschmacksrichtung … o nein, die mag er doch nicht, oder? … Nun komm schon, mach einfach auf!«, sagte er wütend. »Ich muss ihn unbedingt sprechen, es ist dringend.«
Der Wasserspeier ließ sich nicht erweichen.
Harry stieß mit dem Fuß dagegen, doch dafür bekam er nichts als einen höllischen Schmerz im großen Zeh.
»Schokofrosch!«, schrie er zornig, auf einem Bein hüpfend. »Zuckerfederkiel! Kakerlakenschwarm!«
Der Wasserspeier erwachte zum Leben und sprang zur Seite. Harry blinzelte. »Kakerlakenschwarm?«, sagte er verdutzt. »War doch nur ’n Scherz …«
Er hastete durch den Spalt in der Wand, der sich lautlos hinter ihm schloss, betrat eine steinerne Wendeltreppe, die sich langsam nach oben drehte und ihn vor eine polierte Eichentür mit einem bronzenen Türklopfer brachte. Aus dem Büro drangen Stimmen. Er sprang von der Treppe, zögerte einen Moment und lauschte.
»Dumbledore, ich fürchte, ich kann den Zusammenhang überhaupt nicht erkennen!« Es war die Stimme des Zaubereiministers Cornelius Fudge.
»Ludo meint, Bertha wäre es durchaus zuzutrauen, dass sie sich verirrt. Zugegeben, wir hatten gehofft, sie zwischenzeitlich zu finden, und dennoch haben wir keinen Beweis für irgendein faules Spiel, Dumbledore, nicht den geringsten. Von wegen, ihr Verschwinden hinge mit dem von Barty Crouch zusammen!«
»Und was, glauben Sie, ist mit Barty Crouch passiert, Minister?«, ertönte Moodys knurrende Stimme.
»Ich sehe da zwei Möglichkeiten, Alastor«, sagte Fudge. »Entweder ist Crouch, wenn man seine persönliche Geschichte bedenkt, jetzt vollkommen übergeschnappt – hat sich geistig umnachtet vom Acker gemacht und treibt sich irgendwo rum –«
»In diesem Fall hat er sich sehr schnell vom Acker gemacht, Cornelius«, sagte Dumbledore ruhig.
»Oder aber – nun …« Fudge klang verlegen. »Ich will nicht urteilen, bevor ich nicht die Stelle gesehen habe, an der er gefunden wurde, aber Sie sagen, es war nicht weit von der Beauxbatons-Kutsche? Dumbledore, wissen Sie, was diese Frau ist?«
»Ich halte sie für eine sehr fähige Schulleiterin – und eine exzellente Tänzerin«, sagte Dumbledore leise.
»Dumbledore, nun kommen Sie!«, sagte Fudge aufgebracht. »Meinen Sie nicht, Sie sehen sie wegen Hagrid durch eine rosarote Brille? Die erweisen sich nicht alle als harmlos – wenn Sie Hagrid überhaupt als harmlos bezeichnen können, mit seinem ganzen Monsterfimmel –«
»Ich verdächtige Madame Maxime genauso wenig wie Hagrid«, sagte Dumbledore weiterhin gelassen. »Ich denke, es ist möglich, dass Sie da Vorurteile haben, Cornelius.«
»Können wir diese Diskussion nun vielleicht beenden?«, knurrte Moody.
»Ja, ja, gehen wir also runter aufs Gelände«, sagte Fudge ungeduldig.
»Nein, das meinte ich nicht«, sagte Moody, »ich wollte nur bemerken, dass Potter Sie sprechen will, Dumbledore. Er steht vor der Tür.«
Das Denkarium
Die Bürotür öffnete sich.
»Hallo, Potter«, sagte Moody. »Na, dann komm mal rein.«
Harry trat ein. Schon einmal war er in Dumbledores Büro gewesen; es war ein schönes, kreisrundes Zimmer, ringsum behangen mit Bildern ehemaliger Schulleiter, Männer und Frauen, allesamt mit sanft wogender Brust tief schlafend.
Cornelius Fudge stand neben Dumbledores Schreibtisch, er trug den üblichen Nadelstreifenumhang und hielt seinen limonengrünen Bowler in der Hand.
»Harry!«, sagte Fudge und trat mit einladender Geste auf ihn zu. »Wie geht es dir?«
»Gut«, log Harry.
»Wir sprachen eben über die Nacht, in der Mr Crouch auf dem Schlossgelände aufgetaucht ist«, sagte Fudge. »Du hast ihn doch entdeckt?«
»Ja«, sagte Harry. Dann beschloss er, es sei zwecklos, so zu tun, als ob er ihr Gespräch nicht mitgehört hatte, und fügte hinzu: »Aber Madame Maxime habe ich nirgends gesehen, und für sie wäre es sicher nicht so einfach gewesen, sich zu verstecken?«
Hinter Fudges Rücken lächelte ihm Dumbledore mit funkelnden Augen zu.
»Nun, wie dem auch sei«, meinte Fudge mit verlegener Miene, »wir wollten eben aufbrechen und uns die Stelle mal ansehen, Harry, wenn du uns bitte entschuldigen würdest … vielleicht gehst du einfach in den Unterricht zurück –«
»Ich wollte mit Ihnen sprechen, Professor«, wandte sich Harry rasch zu Dumbledore, der ihm einen kurzen, forschenden Blick zuwarf.
»Warte hier auf mich, Harry«, sagte er. »Unsere kleine Expedition wird nicht lange dauern.«
Wortlos gingen sie an ihm vorbei aus dem Zimmer und schlossen die Tür. Nach gut einer Minute erstarb das Klopfen von Moodys Holzbein unten im Korridor. Harry sah sich um.
»Hallo, Fawkes«, sagte er.
Fawkes, Professor Dumbledores Phönix, hockte auf seiner goldenen Stange neben der Tür. Der Vogel von der Größe eines Schwans, mit herrlich scharlachrotem und goldenem Gefieder, raschelte mit seinem langen Schweif und blinzelte Harry freundlich an.
Harry setzte sich auf einen Stuhl vor Dumbledores Schreibtisch. Einige Minuten lang hockte er da, sah den ehemaligen Schulleitern beim Schlummern zu, dachte über das eben Gehörte nach und betastete mit dem Finger seine Narbe. Sie schmerzte jetzt nicht mehr.
Hier in diesem Büro, mit der Aussicht, Dumbledore gleich von dem Traum erzählen zu können, fühlte Harry sich schon viel ruhiger. Er ließ den Blick über die Wand hinter dem Schreibtisch wandern. Der Sprechende Hut, zerschlissen und geflickt, lag auf einem Wandbord. Neben ihm stand eine Glasvitrine mit einem prachtvollen silbernen Schwert, in dessen Griff große Rubine eingelassen waren, und Harry erkannte, dass es das Schwert war, das er selbst im zweiten Jahr aus dem Sprechenden Hut gezogen hatte. Einst hatte es Godric Gryffindor gehört, dem Begründer des Hauses, zu dem Harry gehörte. Er ließ den Blick darauf ruhen und erinnerte sich gerade lebhaft, wie es ihm damals, als er schon alle Hoffnung aufgegeben hatte, zu Hilfe gekommen war, da bemerkte er einen silbrig schimmernden Lichtfleck, der auf dem Glas der Vitrine tanzte. Er wandte den Kopf und sah, dass aus einem schwarzen Schrank, dessen Tür nicht ganz geschlossen war, ein schmaler Streifen Licht herausfiel. Harry zögerte, warf Fawkes einen Blick zu, stand auf, ging hinüber und zog die Schranktür auf.
Im Schrank stand eine flache steinerne Schale mit merkwürdigen Gravuren entlang des Rands; Runen und Symbole, die Harry nicht entziffern konnte. Das silbrige Licht kam aus dem Inneren der Schale und stammte von etwas, das Harry noch nie gesehen hatte. Er konnte nicht erkennen, ob die Substanz eine Flüssigkeit oder ein Gas war. Sie war hell, silbrig weiß, und bewegte sich unablässig; ihre Oberfläche kräuselte sich wie Wasser, über das ein Wind streicht, dann wiederum teilte sie sich auf in sanft wirbelnde Wolken. Es war wie flüssiges Licht oder wie Wind, der greifbare Gestalt angenommen hatte – Harry war ratlos.
Er wollte die Substanz berühren, herausfinden, wie sie sich anfühlte, doch nach fast vier Jahren Erfahrung mit der magischen Welt wusste er, dass es sehr dumm wäre, einfach die Hand in eine Schale mit einer unbekannten Substanz zu tauchen. Daher zog er den Zauberstab aus dem Umhang, ließ den Blick nervös durch das Büro huschen, wandte sich erneut der Schale zu und rührte ihren Inhalt ganz kurz mit der Spitze des Zauberstabs um. An der Oberfläche der silbrigen Substanz begann es sehr schnell zu wirbeln.
Harry beugte sich tiefer über die Schale und steckte mit dem Kopf bereits mitten im Schrank. Die silbrige Substanz war durchsichtig geworden; sie wirkte wie Glas. Er sah von oben in sie hinein und erwartete den steinernen Boden der Schale zu sehen – doch stattdessen erblickte er unter der Oberfläche der geheimnisvollen Substanz einen riesigen Raum, in den er wie durch ein rundes Fenster in der Decke hinuntersehen konnte.
Der Raum war schwach erleuchtet; vielleicht war er sogar unterirdisch, denn es gab keine Fenster, nur Fackeln an den Mauern, wie er sie schon von Hogwarts kannte. Er bückte sich noch tiefer, so dass seine Nase nur noch wenige Zentimeter von der glasigen Substanz entfernt war, und nun sah er, dass an den Wänden entlang Sitzbänke errichtet waren, die sich stufenweise nach oben zogen und bis auf den letzten Platz besetzt waren mit Hexen und Zauberern. Genau in der Mitte des Raumes stand ein leerer Stuhl. Etwas an diesem Stuhl erweckte eine dunkle Vorahnung in ihm. An den Armlehnen hingen Ketten, als ob man die dort Sitzenden an den Stuhl zu fesseln pflegte. Wo befand sich dieser Ort? Sicher nicht in Hogwarts; einen solchen Raum hatte er im Schloss noch nicht gesehen. Zudem gab es in diesem geheimnisvollen Saal nur Erwachsene, und Harry wusste, dass es nicht annähernd so viele Lehrer in Hogwarts gab. Sie scheinen auf etwas zu warten, überlegte er; zwar konnte er von oben nur auf ihre Spitzhüte sehen, doch sie alle blickten offenbar in eine Richtung und sprachen nicht miteinander.
Da die Schale rund war und der Raum, den Harry beobachtete, quadratisch, konnte er nicht erkennen, was in den Ecken passierte. Doch er wollte noch mehr sehen und neigte den Kopf noch tiefer …
Seine Nasenspitze berührte die seltsame Substanz, in die er geblickt hatte. Dumbledores Büro tat einen übermächtigen Ruck – Harry warf es nach vorn und er stürzte kopfüber in die Substanz der Schale –
Doch sein Kopf schlug nicht auf dem steinernen Boden auf. Er fiel durch etwas Eiskaltes und Schwarzes; es war, als würde er in einen dunklen Mahlstrom gesogen –
Und plötzlich saß er auf einer Bank an der Mauer des Raumes in der Schale, einer Bank hoch über den anderen. Er blickte zur steinernen Decke auf und erwartete, dort das runde Fenster zu sehen, durch das er eben gespäht hatte, doch da war nichts als dunkler, fester Stein.
Schwer und schnell atmend blickte sich Harry um. Keine einzige Hexe, kein Zauberer in diesem Raum achtete auf ihn (und es waren mindestens zweihundert von ihnen da). Niemand schien bemerkt zu haben, dass ein vierzehnjähriger Junge soeben von der Decke herunter in ihre Mitte gefallen war. Harry wandte sich dem Zauberer zu, der neben ihm auf der Bank saß, und stieß vor Überraschung einen lauten Schrei aus, der in dem stillen Raum widerhallte.
Ihm zur Seite saß Albus Dumbledore.
»Professor!«, sagte Harry mit einer Art ersticktem Flüstern. »Verzeihung – das war keine Absicht – ich wollte mir nur diese Schale in Ihrem Schrank ansehen – ich – wo sind wir?«
Doch Dumbledore rührte sich nicht und sagte kein Wort. Er achtete überhaupt nicht auf Harry. Wie alle anderen Zauberer auf den Bänken schaute er in die gegenüberliegende Ecke des Raumes, wo eine Tür war.
Harry starrte Dumbledore verdutzt an, ließ den Blick über die schweigend und gespannt wartende Menge schweifen und wandte sich erneut Dumbledore zu. Und dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen …
Schon einmal hatte Harry sich an einem Ort befunden, an dem ihn niemand sehen oder hören konnte. Damals war er durch die Blätter eines verzauberten Taschenkalenders gefallen, mitten hinein in das Gedächtnis eines Anderen … und wenn er sich nicht sehr irrte, war etwas Ähnliches auch jetzt geschehen …
Harry hob die rechte Hand, zögerte kurz und wedelte dann energisch vor Dumbledores Gesicht hin und her. Dumbledore rührte sich nicht, zuckte nicht einmal mit der Wimper. Damit war für Harry die Sache klar. Dumbledore würde ihn nicht einfach wie Luft behandeln. Er war im Innern eines Gedächtnisses und dies war nicht der Dumbledore der Gegenwart. Doch allzu lange konnte es nicht her sein … der Dumbledore, der jetzt neben ihm saß, hatte silbernes Haar, genau wie der heutige Dumbledore. Doch was war dies für ein Ort? Worauf warteten all diese Zauberer?
Harry sah sich jetzt etwas aufmerksamer um. Es war, wie er von oben aus schon vermutet hatte, fast sicher ein unterirdischer Raum – eine Art Kerker, befand er. Der Ort hatte etwas Düsteres, ja Bedrohliches an sich; an den Wänden hingen keine Bilder, es gab überhaupt keinen Schmuck; nur diese dicht geschlossenen Bankreihen, die sich an den Wänden des Raums emporzogen, so dass alle Zuschauer ungehinderten Blick auf den Stuhl mit den Ketten an den Armlehnen hatten.
Harry überlegte noch, wozu dieser Raum dienen sollte, als er Schritte hörte. Die Tür in der Ecke des Kerkers öffnete sich und drei Gestalten traten ein – genau gesagt ein Mann, flankiert von zwei Dementoren.
Harrys Eingeweide gefroren. Die Dementoren, große Gestalten mit Kapuzen, die ihre Gesichter verhüllten, glitten langsam auf den Stuhl in der Mitte zu. Sie hatten mit ihren verwesenden und modrigen Händen die Arme des Mannes gepackt. Der Mann in ihrer Mitte machte den Eindruck, als würde er gleich ohnmächtig werden, und Harry konnte es durchaus nachfühlen … er wusste, dass ihm die Dementoren im Innern eines Gedächtnisses nichts anhaben konnten, doch er erinnerte sich nur zu gut an ihre Kräfte. Ein leises Schaudern lief durch die Zuschauerreihen, während die Dementoren den Mann zu dem Kettenstuhl führten und dann hinausglitten. Die Tür schwang hinter ihnen zu.
Harry sah hinunter auf den Mann, der jetzt auf dem Stuhl saß, und erkannte Karkaroff.
Im Gegensatz zu Dumbledore sah Karkaroff hier viel jünger aus; Haare und Ziegenbart waren schwarz. Er hatte keinen glattseidenen Pelz an, sondern einen dünnen und schäbigen Umhang. Er zitterte am ganzen Leib. Noch während ihn Harry beobachtete, erglühten die Ketten an den Armlehnen plötzlich golden, schlangen sich an seinen Armen hoch und zurrten sie fest.
»Igor Karkaroff«, sagte eine barsche Stimme links von Harry. Harry wandte sich um und sah, wie sich in der Mitte seiner Sitzbank Mr Crouch erhob. Crouchs Haar war dunkel, sein Gesicht hatte viel weniger Falten, er wirkte kräftig und wachsam. »Sie wurden aus Askaban hierhergebracht, um vor dem Zaubereiministerium auszusagen. Sie gaben uns zu verstehen, dass Sie wichtige Informationen für uns hätten.«
Karkaroff, fest an den Stuhl gebunden, richtete sich, so gut er konnte, auf.
»Das habe ich, Sir«, sagte er, und obwohl seine Stimme ängstlich klang, hörte Harry den vertrauten öligen Ton heraus. »Ich möchte dem Ministerium dienlich sein. Ich will helfen. Ich – ich weiß, dass das Ministerium versucht – auch noch die letzten Anhänger des Dunklen Lords zu stellen. Ich werde alles tun, um dabei zu helfen …«
Von den Bänken kam Gemurmel. Einige der Zauberer und Hexen musterten Karkaroff gespannt, andere offen misstrauisch. Dann hörte Harry von der anderen Seite Dumbledores her ganz deutlich eine vertraute knurrende Stimme: »Dreck.«
Harry beugte sich vor und wandte den Kopf. Dort, rechts neben Dumbledore, saß Mad-Eye Moody – mit einem gewaltigen Unterschied zu dem Moody, den er kannte. Dieser Moody hatte kein magisches Auge, sondern zwei normale. Beide sahen hinab auf Karkaroff, und beide waren, von glühendem Abscheu erfüllt, zu Schlitzen verengt.
»Crouch wird ihn laufen lassen«, flüsterte er Dumbledore zu. »Hat sich auf einen Tauschhandel mit ihm eingelassen. Sechs Monate hab ich gebraucht, bis ich ihn endlich in die Finger bekommen hab, und Crouch lässt ihn einfach laufen, wenn er genug neue Namen von ihm kriegt. Nehmen wir seine Informationen, würd ich sagen, und werfen ihn gleich wieder den Dementoren vor.«
Aus Dumbledores langer Adlernase kam ein leises, missbilligendes Schnauben.
»Ach ja, hab ich ganz vergessen … du magst ja diese Dementoren nicht, Albus?«, sagte Moody mit maskenhaftem Lächeln.
»Nein«, sagte Dumbledore leise, »ich fürchte, nein. Ich war schon immer der Meinung, das Ministerium sollte mit diesen Kreaturen nicht gemeinsame Sache machen …«
»Aber bei Dreckskerlen wie diesem hier …«, sagte Moody leise.
»Sie sagen, Sie hätten Namen für uns, Karkaroff«, meldete sich jetzt wieder Mr Crouch. »Bitte, wir hören.«
»Sie müssen verstehen«, sagte Karkaroff hastig, »dass Er, dessen Name nicht genannt werden darf, immer unter strengster Geheimhaltung gearbeitet hat … er zog es vor, dass wir – das heißt seine Anhänger – und ich bedaure heute zutiefst, dass ich mich je zu ihnen zählte –«
»Raus mit der Sprache«, höhnte Moody.
»– wir wussten nie die Namen all unserer Gefährten – nur er wusste genau, wer alles dazugehörte –«
»Ein durchaus kluger Schachzug, nicht wahr, Karkaroff, damit ein Kerl wie du sie nicht alle verpfeifen kann«, murmelte Moody.
»Und doch behaupten Sie, Sie hätten ein paar Namen für uns?«, sagte Mr Crouch.
»Ja – das habe ich«, erwiderte Karkaroff atemlos. »Und das waren, beachten Sie, wichtige Gefolgsleute. Leute, die ich mit eigenen Augen seinen Willen habe ausführen sehen. Ich gebe diese Namen preis zum Zeichen, dass ich ihm ganz und gar abschwöre und so tief bereue, dass ich kaum –«
»Diese Namen lauten?«, sagte Mr Crouch scharf.
Karkaroff holte tief Luft.
»Einer war Antonin Dolohow«, sagte er. »Ich – ich sah ihn unzählige Muggel foltern und – und Gegner des Dunklen Lords.«
»Und hast ihm dabei geholfen«, brummte Moody.
»Wir haben Dolohow bereits gefasst«, sagte Crouch. »Er wurde kurz nach Ihnen aufgegriffen.«
»Tatsächlich?«, sagte Karkaroff und seine Augen weiteten sich. »Es – es freut mich, dies zu hören.«
Doch er sah nicht danach aus. Harry spürte, dass diese Neuigkeit Karkaroff einen schweren Schlag versetzt hatte. Einer seiner Namen war wertlos geworden.
»Weitere Namen?«, fragte Crouch kalt.
»Natürlich, ja … da war Rosier«, sagte Karkaroff hastig. »Evan Rosier.«
»Rosier ist tot«, sagte Crouch. »Auch er wurde kurz nach Ihnen gefasst. Er zog es vor zu kämpfen, statt ruhig mitzukommen, und wurde im Kampf getötet.«
»Hat dabei aber noch ein Stück von mir mitgenommen«, flüsterte Moody.
Harry wandte sich zu ihm um und sah, wie er Dumbledore das große Loch in seiner Nase zeigte.
»Das – das hat er auch verdient!«, sagte Karkaroff mit einem deutlichen Anflug von Panik in der Stimme. Harry sah, dass er sich allmählich Sorgen machte, ob überhaupt eine seiner Informationen dem Ministerium nützen würde. Karkaroffs Augen huschten zur Tür an der Ecke, hinter der zweifellos noch die Dementoren lauerten.
»Weitere Namen?«, sagte Crouch.
»Ja!«, stieß Karkaroff hervor. »Da war Travers – er half mit, die McKinnons zu ermorden! Mulciber – er war auf den Imperius-Fluch spezialisiert und hat zahllose Leute gezwungen, schreckliche Dinge zu tun! Rookwood, ein Spion, hat dem Unnennbaren nützliche Informationen aus dem inneren Kreis des Ministeriums geliefert!«
Harry spürte, dass Karkaroff diesmal auf eine Goldader gestoßen war. Die Zuschauer fingen an zu tuscheln.
»Rookwood?«, fragte Mr Crouch mit einem Kopfnicken zu einer vor ihm sitzenden Hexe, die auf ihr Pergamentblatt zu kritzeln begann. »Augustus Rookwood von der Mysteriumsabteilung?«
»Ja, genau der«, sagte Karkaroff beflissen. »Ich glaube, er nutzte ein Netz gut platzierter Zauberer innerhalb wie außerhalb des Ministeriums, um wichtige Informationen zu sammeln –«
»Aber Travers und Mulciber haben wir«, sagte Mr Crouch. »Nun gut, Karkaroff, wenn das alles ist, werden Sie nach Askaban zurückgebracht, während wir entscheiden –«
»Noch nicht!«, schrie Karkaroff in heller Verzweiflung. »Warten Sie, ich habe noch mehr!«
Harry sah ihn im Licht der Fackeln schwitzen, die weiße Haut scharf abgehoben gegen das Schwarz von Haar und Bart.
»Snape!«, rief er. »Severus Snape!«
»Snape wurde vor diesem Rat bereits entlastet«, sagte Crouch kühl. »Albus Dumbledore hat sich für ihn verbürgt.«
»Nein!«, rief Karkaroff und zerrte an den Ketten, die ihn an den Stuhl fesselten. »Ich versichere Ihnen, Severus Snape ist ein Todesser!«
Dumbledore hatte sich erhoben. »Ich habe in dieser Angelegenheit bereits ausgesagt«, erklärte er ruhig. »Severus Snape war in der Tat ein Todesser, doch er hat sich schon vor Lord Voldemorts Sturz wieder unseren Reihen angeschlossen und als Spion für uns gearbeitet, unter größter Gefahr für sein eigenes Leben. Er ist heute genauso wenig ein Todesser, wie ich es bin.«
Harry wandte den Kopf Mad-Eye Moody zu. Da saß er, hinter Dumbledores Rücken, und machte ein Gesicht, in dem tiefe Zweifel geschrieben standen.
»Nun gut, Karkaroff«, sagte Crouch kühl, »Sie waren hilfreich. Ich werde Ihren Fall noch einmal prüfen. In der Zwischenzeit werden Sie nach Askaban verbracht …«
Mr Crouchs Stimme erstarb. Harry sah sich um; der Kerker löste sich auf, als wäre er aus Rauch; alles verblasste, er konnte nur noch seinen eigenen Körper sehen, alles andere waren wirbelnde Schatten …
Und dann kehrte der Kerker zurück. Harry saß auf einem anderen Platz; noch immer auf der höchsten Bank, doch jetzt links von Mr Crouch. Die Stimmung war ganz anders; entspannt, fast fröhlich. Die hier versammelten Hexen und Zauberer unterhielten sich miteinander, als wären sie bei einer Sportveranstaltung. Harrys Blick blieb an einer Hexe auf halber Höhe gegenüber hängen. Sie hatte kurzes blondes Haar, trug einen magentaroten Umhang und nuckelte an der Spitze eines giftgrünen Federkiels. Es war, unverkennbar, die jüngere Rita Kimmkorn. Harry sah sich um; wieder saß Dumbledore neben ihm, diesmal in einem anderen Umhang. Mr Crouch wirkte müder, auch irgendwie grimmiger und hagerer … Harry begriff. Es war eine andere Erinnerung, ein anderer Tag … ein anderer Prozess.
Die Tür in der Ecke öffnete sich und Ludo Bagman schritt herein.
Dies war jedoch nicht der ein wenig aus dem Leim gegangene Ludo Bagman, sondern ein Bagman, der offensichtlich auf der Höhe seiner Kraft als Quidditch-Spieler war. Seine Nase war noch nicht gebrochen; er war groß, schlank und muskulös. Bagman wirkte nervös, als er sich auf den Kettenstuhl setzte, doch der Stuhl fesselte ihn nicht wie zuvor Karkaroff, und Bagman, dadurch vielleicht ermutigt, ließ den Blick über die Zuschauermenge schweifen, winkte einigen von ihnen und schaffte sogar den Anflug eines Lächelns.
»Ludo Bagman, Sie sind hier vor dem Rat für das Magische Gesetz, um sich zu Anschuldigungen im Zusammenhang mit den Umtrieben von Todessern zu äußern«, sagte Mr Crouch. »Wir haben gehört, was gegen Sie vorliegt, und kommen nun zum Urteil. Haben Sie Ihrer Aussage noch etwas hinzuzufügen, bevor wir das Urteil verkünden?«
Harry traute seinen Ohren nicht. Ludo Bagman, ein Todesser?
»Nur«, sagte Bagman verlegen lächelnd, »nur – dass mir klar ist, dass ich ein ziemlicher Dummkopf war –«
Einige Zauberer und Hexen auf den umliegenden Plätzen lächelten nachsichtig. Mr Crouch schien ihre Gefühle nicht zu teilen. Er starrte mit einem Ausdruck größter Abneigung und Strenge auf Ludo Bagman hinunter.
»Da sagst du mal ein wahres Wort, Bursche.« Jemand hinter Harry hatte das in trockenem Ton Dumbledore zugemurmelt. Harry drehte sich um, und wieder war es Moody, der da auf der Bank saß. »Wenn ich nicht gewusst hätte, dass er noch nie ’ne große Leuchte war, hätt ich gesagt, dass diese Klatscher sein Hirn dauerhaft in Mitleidenschaft gezogen haben …«
»Ludo Bagman, Sie wurden dabei ertappt, wie Sie Informationen an die Gefolgsleute Lord Voldemorts weitergaben«, sagte Mr Crouch. »Dafür beantrage ich eine Haftstrafe in Askaban von nicht weniger als –«
Doch von den Bänken im Umkreis kam ein zorniger Aufschrei. Einige der Hexen und Zauberer, die an der Mauer saßen, standen auf, sahen Mr Crouch kopfschüttelnd an und drohten sogar mit Fäusten.
»Aber ich hab Ihnen doch schon gesagt, ich hatte keine Ahnung!«, rief Bagman mit ernster Miene über das Getuschel der Menge hinweg. »Überhaupt keine! Der alte Rookwood war ein Freund meines Dads … ich hätte mir nie träumen lassen, dass er mit Du-weißt-schon-wem unter einer Decke steckte! Ich dachte, ich würde Informationen für unsere Seite sammeln. Und Rookwood hat ständig davon geredet, er wolle mir später eine Stelle im Ministerium besorgen … wenn meine Quidditch-Karriere beendet ist, wissen Sie … ich meine, ich kann mich doch nicht für den Rest meiner Tage von Klatschern beballern lassen, oder?«
Einige Zuschauer kicherten verhalten.
»Ich lasse darüber abstimmen«, sagte Mr Crouch kalt. Er wandte sich an eine Gruppe, die an der rechten Seite des Verlieses saß. »Ich bitte die Jury um Handzeichen … wer ist für eine Haftstrafe …?«
Harry wandte den Blick nach rechts. Keine einzige Hand hob sich. Viele Hexen und Zauberer ringsum begannen zu klatschen. Eine der Hexen aus der Jury erhob sich.
»Ja?«, bellte Crouch.
»Wir möchten die Gelegenheit nutzen und Mr Bagman zu seiner glänzenden Leistung für England im Quidditch-Spiel gegen die Türkei letzten Samstag gratulieren«, sagte die Hexe atemlos.
Mr Crouch schien wütend. Donnernder Beifall erschütterte den Kerker. Bagman stand auf und verbeugte sich mit strahlendem Lächeln.
»Ungeheuerlich«, fauchte Mr Crouch Dumbledore zu und setzte sich, während Bagman hinausging. »Rookwood wollte ihm tatsächlich eine Stelle bei uns besorgen … der Tag, an dem Ludo Bagman kommt, wird ein sehr trauriger Tag für das Ministerium sein …«
Und wieder löste sich der Kerker auf. Nach einer Weile festigte er sich und Harry sah sich um. Er und Dumbledore saßen immer noch neben Mr Crouch, doch die Stimmung konnte nicht gegensätzlicher sein. Es herrschte vollkommene Stille, unterbrochen einzig vom trockenen Schluchzen einer verhärmten und abgemagerten Hexe, die neben Mr Crouch saß. Mit zitternden Händen presste sie ein Taschentuch an die Lippen. Harry sah zu Mr Crouch auf, der noch hagerer und grauer als zuvor wirkte. Auf seiner Schläfe zuckte ein Nerv.
»Bringt sie rein«, sagte er und seine Stimme hallte in dem stillen Kerker wider.
Die Tür in der Ecke öffnete sich. Diesmal kamen sechs Dementoren herein, die vier Menschen mit sich führten. Harry fiel auf, dass die Zuschauer sich umdrehten und Mr Crouch verstohlene Blicke zuwarfen. Einige flüsterten jetzt miteinander.
Die Dementoren führten die vier in die Mitte des Kerkers, wo für jeden ein Stuhl mit kettenbewehrten Armlehnen bereitstand. Einer der Gefangenen war ein untersetzter Mann, der mit leerem Blick zu Mr Crouch hochstarrte; ein anderer, schlanker und fahriger wirkend, ließ den Blick über die Menge huschen; eine Frau mit dichtem, glänzend schwarzem Haar und dunkel umschatteten Augen saß auf ihrem Kettenstuhl, als wäre er ein Thron; und schließlich war da ein Junge, noch keine zwanzig Jahre alt, dessen Miene buchstäblich versteinert war. Zitternd saß er da, Strähnen von strohblondem Haar im sommersprossigen, milchig weißen Gesicht. Die schmächtige kleine Hexe neben Crouch begann auf ihrem Platz vor- und zurückzuwippen und in ihr Taschentuch zu wimmern.
Crouch stand auf. Er sah auf die vier vor ihm hinunter und in seinem Gesicht stand der blanke Hass.
»Sie wurden hierher vor den Rat für das Magische Gesetz gebracht«, sagte er mit klarer Stimme, »damit wir Sie für ein Verbrechen verurteilen, so abscheulich …«
»Vater«, sagte der Junge mit dem strohblonden Haar. »Vater … bitte …«
»– so abscheulich, wie wir es in den Mauern dieses Gerichts selten zu Ohren bekommen …«, sagte Crouch mit erhobener Stimme, die die seines Sohnes erstickte. »Wir haben gehört, welche Beweise gegen Sie vorliegen. Sie sind angeklagt, einen Auroren – Frank Longbottom – überwältigt und ihn dem Cruciatus-Fluch unterworfen zu haben, weil Sie glaubten, er kenne den Aufenthaltsort Ihres geflohenen Herrn, dessen Name nicht genannt werden darf –«
»Vater, ich war es nicht!«, schrie der Junge in Ketten. »Ich war es nicht, ich schwöre es, Vater, schick mich nicht zu den Dementoren zurück –«
»Sie sind weiterhin angeklagt«, bellte Mr Crouch, »den Cruciatus-Fluch gegen Frank Longbottoms Frau gerichtet zu haben, weil er selbst nichts preisgegeben hatte. Sie hatten die Absicht, Ihm, dessen Name nicht genannt werden darf, wieder an die Macht zu verhelfen und die Welt erneut mit Gewalt zu überziehen, wie Sie es vermutlich schon taten, als er noch stark war –«
»Mutter!«, schrie der Junge, und die verhärmte kleine Hexe neben Crouch begann zu schluchzen und heftig mit dem Oberkörper zu wippen. »Mutter, sag ihm, er soll aufhören, Mutter, ich hab es nicht getan, ich war es nicht!«
»Ich fordere nun die Mitglieder der Jury auf«, rief Mr Crouch, »die Hand zu heben, wenn sie mit mir der Meinung sind, dass für diese Verbrechen eine lebenslängliche Strafe in Askaban angemessen ist.«
Die Hexen und Zauberer an der rechten Seite des Kerkers hoben einstimmig die Hände. Die Zuschauer auf den Bänken begannen zu klatschen, wie sie es schon für Bagman getan hatten, doch diesmal waren ihre Gesichter erfüllt von zorniger Genugtuung. Wieder begann der Junge zu schreien.
»Nein! Mutter, nein! Ich hab es nicht getan, ich war nicht dabei, ich wusste es nicht! Schick mich nicht dorthin, lass es nicht zu!«
Die Dementoren glitten herein. Die drei Mitangeklagten des Jungen erhoben sich schweigend von ihren Stühlen; die Frau mit den schweren, dunklen Augenlidern sah zu Crouch auf und rief: »Der Dunkle Lord wird wiederkommen, Crouch! Begrab uns ruhig in Askaban, wir werden warten! Er wird wieder aufsteigen und uns von dort erlösen, er wird uns fürstlicher belohnen als alle seine anderen Anhänger! Wir allein waren ihm treu! Wir allein haben versucht, ihn zu finden!«
Der Junge allerdings versuchte die Dementoren abzuwehren, doch Harry sah, wie ihre kalte, Leben aussaugende Kraft ihn allmählich erlahmen ließ. Die Menge jubelte, manche Zuschauer waren aufgesprungen, und während die Frau rasch aus dem Kerker gegangen war, wehrte sich der Junge immer noch verbissen.
»Ich bin dein Sohn!«, schrie er zu Crouch hoch. »Ich bin dein Sohn!«
»Du bist nicht mein Sohn!«, bellte Crouch und seine Augen traten plötzlich hervor. »Ich habe keinen Sohn!«
Die verhärmte Hexe neben ihm schluchzte laut auf und brach auf ihrem Platz zusammen. Sie war ohnmächtig. Crouch schien es nicht bemerkt zu haben.
»Bringt sie fort!«, donnerte Crouch den Dementoren entgegen und Speicheltropfen flogen ihm aus dem Mund. »Bringt sie fort und lasst sie dort verrotten!«
»Vater! Vater, ich war nicht dabei! Nein! Nein! Vater, bitte!«
»Ich denke, Harry, es ist Zeit, in mein Büro zurückzukehren«, sagte eine ruhige Stimme in Harrys Ohr.
Harry zuckte zusammen. Er wandte sich zur einen Seite um. Dann zur anderen Seite.
Zu seiner Rechten saß ein Albus Dumbledore, der beobachtete, wie die Dementoren Crouchs Sohn mit sich fortzerrten – und zu seiner Linken saß ein Albus Dumbledore, der ihm direkt in die Augen sah.
»Komm mit«, sagte dieser Dumbledore und schob die Hand unter Harrys Ellbogen. Harry hatte das Gefühl, in die Luft zu steigen; der Kerker um ihn her löste sich auf; einen Moment lang herrschte vollkommene Schwärze, dann kam es ihm vor, als hätte er einen Salto in Zeitlupe gemacht, und er landete plötzlich glatt auf den Füßen, mitten in Dumbledores Büro, im gleißenden Licht der Sonne, die durch die Fenster schien. Sein Blick fiel auf die steinerne Schale im Schrank und neben ihm stand Albus Dumbledore.
»Professor«, keuchte Harry, »ich weiß, ich hätte nicht – ich wollte eigentlich nicht – die Schranktür war sozusagen offen und –«
»Ich verstehe vollkommen«, sagte Dumbledore. Er hob die Schale hoch, trug sie zu seinem Schreibtisch, stellte sie auf die polierte Tischplatte und setzte sich auf seinen Stuhl. Mit einer Handbewegung forderte er Harry auf, ihm gegenüber Platz zu nehmen.
Harry setzte sich, ohne die steinerne Schale aus den Augen zu lassen. Ihr Inhalt war jetzt wieder silbrig weiß und begann unter seinem Blick zu wirbeln und sich zu kräuseln.
»Was ist das?«, fragte Harry zitternd.
»Das? Man nennt es ein Denkarium«, sagte Dumbledore. »Mir kommt es manchmal so vor, und sicher kennst du das Gefühl, dass mein Kopf einfach mit zu vielen Gedanken und Erinnerungen vollgestopft ist.«
»Ähm«, sagte Harry, der nicht aufrichtig sagen konnte, dass er sich je so gefühlt hätte.
»Dann ist es an der Zeit für mich«, sagte Dumbledore und deutete auf die Steinschale, »das Denkarium zu benutzen. Man saugt einfach die überschüssigen Gedanken aus seinem Kopf, versenkt sie in der Schale und schaut sie sich je nach Laune wieder an. Es wird dann leichter, Muster und Verknüpfungen zu erkennen, wenn sie in dieser Gestalt aufbewahrt sind, verstehst du.«
»Sie meinen … dieses Zeug hier, das sind Ihre Gedanken?«, fragte Harry und starrte auf die wirbelnde weiße Substanz in der Schale.
»Natürlich«, sagte Dumbledore. »Ich zeig’s dir.«
Er zog den Zauberstab aus dem Umhang und legte dessen Spitze an seinen silbernen Haarschopf nahe der Schläfe. Als er den Zauberstab wegzog, schienen seine Haare daran zu kleben – doch dann sah Harry, dass es in Wahrheit ein glitzernder Faden ebenjener merkwürdigen, silbrig weißen Substanz im Denkarium war. Dumbledore fügte seinen frischen Gedanken der Schale hinzu und Harry sah verblüfft sein eigenes Gesicht auf der Oberfläche der Substanz schwimmen.
Dumbledore legte seine schlanken Hände zu beiden Seiten auf die Schale und versetzte ihr einen kleinen Dreh, ein wenig wie ein Goldgräber, der in seinem Sieb nach Goldklümpchen sucht … und Harry sah, wie sein Gesicht ganz sanft in das von Snape überging, der den Mund öffnete und zur Decke sprach, mit leise widerhallender Stimme. »Es kommt zurück … das von Karkaroff auch … stärker und deutlicher denn je …«
»Ein Zusammenhang, auf den ich auch ohne Hilfe hätte kommen können«, seufzte Dumbledore, »aber sei’s drum.« Er sah Harry über seine Halbmondgläser hinweg an, der wiederum mit offenem Mund Snapes Gesicht anstarrte, das immer noch in der Schale umherwirbelte. »Ich hatte das Denkarium gerade benutzt, als Mr Fudge zu unserer Besprechung eintraf, und es dann recht hastig weggestellt. Zweifellos habe ich die Schranktür nicht richtig zugemacht. Kein Wunder, dass es dann deine Aufmerksamkeit angezogen hat.«
»Tut mir leid«, murmelte Harry.
Dumbledore schüttelte den Kopf.
»Neugier ist keine Sünde«, sagte er. »Aber wir sollten sie mit Umsicht walten lassen … ja, in der Tat …«
Die Stirn in sanfte Falten gelegt, rührte er mit der Spitze seines Zauberstabs die Gedanken in der Schale ein wenig durch. Nicht lange, und eine Gestalt erhob sich daraus, die eines plumpen, missmutig blickenden Mädchens um die sechzehn. Die Füße noch in der Schale, begann sie sich langsam zu drehen. Von Harry oder Professor Dumbledore nahm sie keinerlei Notiz. Nun sprach sie, und ihre Stimme hallte wie die Snapes im Raum wider, als ob sie aus der Tiefe eines steinernen Beckens dringen würde. »Er hat mich verhext, Professor Dumbledore, und ich wollte ihn doch nur ein wenig ärgern, Sir, ich hab doch nur gesagt, ich hätte ihn letzten Donnerstag gesehen, wie er mit Florence hinter den Gewächshäusern geknutscht hat …«
»Aber warum, Bertha«, sagte Dumbledore traurig und sah zu dem sich still um sich selbst drehenden Mädchen hoch, »warum musstest du ihm überhaupt nachschleichen?«
»Bertha?«, flüsterte Harry und sah zu ihr auf. »Ist das – war das Bertha Jorkins?«
»Ja«, sagte Dumbledore und rührte noch einmal durch die Gedanken in der Schale; Bertha versank in ihnen und sie wurden erneut silbern und undurchsichtig. »Das war die Bertha, wie sie mir als Schülerin in Erinnerung ist.«
Das Silberlicht aus dem Denkarium erhellte Dumbledores Gesicht, und plötzlich fiel Harry auf, wie alt er aussah. Er wusste natürlich, dass Dumbledore allmählich in die Jahre kam, doch irgendwie hatte er sich ihn nie als alten Mann vorgestellt.
»Nun, Harry«, sagte Dumbledore leise. »Bevor du dich in meinen Gedanken verloren hast, wolltest du mir etwas sagen.«
»Ja«, sagte Harry. »Professor – ich war vorhin in Wahrsagen und – ähm – bin da eingeschlafen.«
Er zögerte, unsicher, ob Dumbledore ihn tadeln würde, doch Dumbledore sagte nur: »Durchaus verständlich. Erzähl weiter.«
»Ich hatte einen Traum«, sagte Harry. »Einen Traum von Lord Voldemort. Er hat Wurmschwanz gefoltert … Sie kennen Wurmschwanz –«
»Ja, allerdings«, antwortete Dumbledore rasch. »Bitte fahr fort.«
»Eine Eule hatte Voldemort einen Brief überbracht. Er sagte etwas von wegen, Wurmschwanz’ Fehler sei ausgemerzt. Jemand sei tot. Und er würde Wurmschwanz nicht der Schlange zum Fraß vorwerfen – da war eine Schlange neben seinem Stuhl. Er sagte – er sagte, er würde mich an seiner Stelle an die Schlange verfüttern. Dann hat er Wurmschwanz den Cruciatus-Fluch aufgehalst – und meine Narbe hat plötzlich geschmerzt. Das hat mich aufgeweckt, es tat so übel weh.«
Dumbledore sah ihn wortlos an.
»Hmmh – das ist alles«, sagte Harry.
»Verstehe«, sagte Dumbledore leise. »Verstehe. Nun, hat deine Narbe noch öfter wehgetan, außer jetzt und letztem Sommer?«
»Nein, ich – woher wissen Sie, dass sie mich letzten Sommer geweckt hat?«, fragte Harry verblüfft.
»Du bist nicht der Einzige, dem Sirius Briefe schreibt«, sagte Dumbledore. »Auch ich stehe mit ihm in Verbindung, seit er letztes Jahr Hogwarts verlassen hat. Ich war es, der die Berghöhle als sichersten Ort für ihn vorgeschlagen hat.«
Dumbledore stand auf und begann hinter seinem Schreibtisch auf und ab zu gehen. Hin und wieder berührte er mit der Spitze des Zauberstabs seine Schläfe, zog einen silbrig leuchtenden Gedanken heraus und fügte ihn dem Denkarium hinzu. Die Gedanken in der Schale begannen so schnell zu wirbeln, dass Harry nichts klar erkennen konnte; es war nur noch ein Strudel verschwommener Farben.
»Professor?«, sagte er nach ein paar Minuten.
Dumbledore blieb stehen und sah Harry an.
»Entschuldige bitte«, murmelte er leise. Er setzte sich wieder an seinen Schreibtisch.
»Wissen – wissen Sie, warum meine Narbe schmerzt?«
Dumbledore sah Harry einen Moment durchdringend an, dann sagte er: »Ich habe eine Theorie, nicht mehr … Ich bin der Auffassung, deine Narbe schmerzt sowohl, wenn Lord Voldemort in deiner Nähe ist, als auch, wenn ihn eine besonders starke Woge des Hasses überkommt.«
»Aber … warum?«
»Weil du und er durch den Fluch, der gescheitert ist, miteinander verbunden seid«, sagte Dumbledore. »Das ist keine gewöhnliche Narbe.«
»Also glauben Sie … dieser Traum … ist es wirklich geschehen?«
»Durchaus möglich«, sagte Dumbledore. »Ich würde sagen – wahrscheinlich. Harry – hast du Voldemort gesehen?«
»Nein«, sagte Harry. »Nur die Stuhllehne. Aber – da wäre doch gar nichts zu sehen, oder? Ich meine, er hat doch keinen Körper? Aber … aber wie sonst hätte er dann den Zauberstab halten können?«, sagte Harry langsam.
»Ja, wie sonst?«, murmelte Dumbledore. »Wie sonst …«
Eine ganze Weile sagten weder Dumbledore noch Harry ein Wort. Dumbledore starrte auf die Wand gegenüber, legte hin und wieder seinen Zauberstab an die Schläfe und fügte dem Denkarium einen weiteren silbrig glänzenden Gedanken hinzu.
»Professor«, sagte Harry schließlich, »glauben Sie, dass er stärker wird?«
»Voldemort?«, fragte Dumbledore und sah Harry über das Denkarium hinweg an. Es war der typische, durchdringende Blick, mit dem ihn Dumbledore schon einige Male angesehen hatte und bei dem Harry immer das Gefühl hatte, er würde ihn auf eine Weise durchschauen, wie es selbst Moodys magisches Auge nicht vermochte. »Noch einmal, Harry, ich kann dir nur sagen, was ich vermute.«
Dumbledore seufzte erneut und sah jetzt älter und müder aus denn je.
»Während der Jahre, in denen Voldemorts Macht immer größer wurde«, sagte er, »sind immer wieder Menschen verschwunden. Bertha Jorkins ist dort spurlos verschwunden, wo Voldemort mit Sicherheit zum letzten Mal war. Auch Mr Crouch ist verschwunden … und das auch noch auf unserem Gelände. Und jemand Drittes ist verschwunden, ein Fall, den das Ministerium, wie ich leider sagen muss, für unwichtig hält, denn es geht um einen Muggel. Sein Name war Frank Bryce, er lebte in dem Dorf, in dem Voldemorts Vater aufwuchs, und er wurde seit August letzten Jahres nicht mehr gesehen. Du siehst, ich lese die Muggelzeitungen, im Gegensatz zu den meisten unserer Freunde im Ministerium.«
Dumbledore sah Harry mit sehr ernster Miene an. »Diese Fälle von verschwundenen Personen scheinen miteinander in Verbindung zu stehen. Das Ministerium ist da anderer Meinung – wie du vielleicht gehört hast, als du draußen vor dem Büro gewartet hast.«
Harry nickte. Wieder verfielen beide in Schweigen und Dumbledore zog sich gelegentlich einen Gedanken aus dem Kopf. Harry hatte das Gefühl, es sei Zeit für ihn zu gehen, doch seine Neugier hielt ihn auf dem Stuhl.
»Professor?«, sagte er erneut.
»Ja, Harry?«, sagte Dumbledore.
»Ähm … könnte ich Sie etwas zu dieser … dieser Gerichtsverhandlung fragen, bei der ich war … im Denkarium?«
»Ja, du könntest«, erwiderte Dumbledore mit träger Stimme. »Ich war oft im Gericht, aber manche Prozesse sind mir viel deutlicher in Erinnerung als andere … besonders jetzt …«
»Sie wissen – Sie wissen, in welchem Prozess Sie mich gefunden haben? Dem mit Crouchs Sohn? Wurde da über Nevilles Eltern gesprochen …?«
Dumbledore versetzte Harry einen sehr scharfen Blick.
»Hat Neville dir nie gesagt, warum er bei seiner Großmutter aufgewachsen ist?«, sagte er.
Harry schüttelte den Kopf und fragte sich im gleichen Moment, warum er Neville in den ganzen vier Jahren, die er ihn nun kannte, nie gefragt hatte.
»Ja, es ging um Nevilles Eltern«, sagte Dumbledore. »Sein Vater, Frank Longbottom, war ein Auror wie Professor Moody. Er und seine Frau wurden gefoltert, wie du gehört hast, um ihnen abzupressen, wo sich Voldemort nach seinem Sturz aufhielt.«
»Also sind sie tot?«, sagte Harry leise.
»Nein«, erwiderte Dumbledore, und seine Stimme war erfüllt von einer Bitterkeit, wie sie Harry von ihm nicht kannte. »Sie sind geistig zerrüttet. Beide sind im St.-Mungo-Hospital für Magische Krankheiten und Verletzungen. Ich glaube, Neville besucht sie immer während der Ferien zusammen mit seiner Großmutter. Sie erkennen ihn nicht.«
Harry erstarrte vor Entsetzen. Er hatte keine Ahnung gehabt … in den ganzen vier Jahren hatte er Neville nicht einmal danach gefragt …
»Die Longbottoms waren sehr beliebt«, sagte Dumbledore. »Die Angriffe gegen sie kamen erst nach dem Sturz Voldemorts, als alle dachten, sie wären sicher. Diese Attacken haben eine Welle des Zorns ausgelöst, wie ich sie noch nie erlebt hatte. Das Ministerium stand unter großem Druck, die Täter zu fassen. Leider waren die Aussagen der Longbottoms – angesichts ihres Zustands – nicht besonders zuverlässig.«
»Dann war Mr Crouchs Sohn vielleicht tatsächlich nicht dabei?«, fragte Harry langsam.
Dumbledore schüttelte den Kopf. »Was das betrifft, habe ich keine Ahnung.«
Harry verstummte und betrachtete eine Weile die wirbelnde Substanz im Denkarium. Da waren noch zwei Fragen, die ihm auf der Zunge brannten … doch sie drehten sich um die Schuld Lebender …
»Ähm«, sagte er, »Mr Bagman …«
»… wurde seither nie mehr irgendwelcher schwarzer Umtriebe beschuldigt«, antwortete Dumbledore leise.
»Gut«, sagte Harry eilig und starrte erneut auf den Wirbel im Denkarium, der sich jetzt verlangsamt hatte, da Dumbledore keine Gedanken mehr hinzufügte. »Und … ähm … und …«
Doch das Denkarium schien die Frage an seiner statt zu stellen. Snapes Gesicht schwamm erneut auf der Oberfläche. Dumbledore sah darauf hinab und dann hoch zu Harry.
»Und auch Professor Snape nicht«, sagte er.
Harry sah in Dumbledores hellblaue Augen, und das, was ihm wirklich auf der Zunge lag, sprudelte aus seinem Mund, bevor er wusste, was geschah. »Was, Professor, hat Sie davon überzeugt, dass er kein Anhänger Voldemorts mehr ist?«
Dumbledore hielt Harrys Blick für einige Sekunden, dann sagte er: »Das, Harry, ist eine Angelegenheit zwischen Professor Snape und mir.«
Harry wusste, dass das Gespräch zu Ende war; Dumbledore schien zwar nicht verärgert, doch es war etwas Abschließendes in seinem Tonfall, das Harry sagte, dass es Zeit war zu gehen. Er stand auf und auch Dumbledore erhob sich.
»Harry«, sagte er, als Harry die Tür erreicht hatte. »Bitte sprich mit niemand anderem über Nevilles Eltern. Er hat das Recht, es den Leuten selbst zu sagen, sobald er dazu bereit ist.«
»Ja, Professor«, sagte Harry und wandte sich zum Gehen.
»Und –«
Harry blickte zurück.
Dumbledore stand über das Denkarium gebeugt, und sein Gesicht, von unten durch die silbrigen Lichtstrahlen erhellt, wirkte nun noch älter. Er sah Harry einen Moment lang an, dann sagte er: »Viel Glück bei der dritten Aufgabe.«
Die dritte Aufgabe
»Sogar Dumbledore glaubt, dass Du-weißt-schon-wer stärker wird?«, flüsterte Ron.
Alles, was Harry im Denkarium gesehen, beinahe alles, was ihm Dumbledore gesagt und schließlich gezeigt hatte, hatte er inzwischen Ron und Hermine erzählt – und kaum war er aus Dumbledores Büro gekommen, hatte er auch Sirius eine Eule geschickt. Die drei saßen an diesem Abend wieder einmal bis tief in die Nacht im Gemeinschaftsraum und gingen alles noch einmal durch, bis Harry der Kopf zu schwirren begann und er verstand, was Dumbledore gemeint hatte, als er sagte, ein Kopf könne so überfüllt sein, dass es eine Erleichterung wäre, die Gedanken einfach abzusaugen.
Ron starrte ins Kaminfeuer. Harry glaubte ihn leicht zittern zu sehen, obwohl es ein warmer Abend war.
»Und er vertraut Snape?«, fragte Ron. »Er vertraut Snape tatsächlich, obwohl er weiß, dass er ein Todesser war?«
»Ja«, erwiderte Harry.
Hermine hatte seit zehn Minuten kein Wort mehr gesagt. Sie saß da, die Stirn auf die Hände gestützt, und starrte auf ihre Knie. Auch sie sieht aus, als könnte sie ein Denkarium ganz gut gebrauchen, dachte Harry.
»Rita Kimmkorn«, murmelte sie schließlich vor sich hin.
»Wie kannst du dich ausgerechnet jetzt über die aufregen?«, sagte Ron verdutzt.
»Ich reg mich nicht über sie auf«, sagte Hermine zu ihren Knien. »Ich überleg nur … wisst ihr noch, was sie mir in den Drei Besen gesagt hat? ›Ich weiß Dinge über Ludo Bagman, da würden dir die Haare zu Berge stehen.‹ Jetzt wissen wir, was sie gemeint hat, oder? Sie hat damals über seinen Prozess berichtet, sie weiß, dass er Informationen an die Todesser weitergegeben hat. Und Winky auch … erinnert euch … ›Mr Bagman ist ein böser Zauberer.‹ Mr Crouch hat es sicher rasend gemacht, dass Bagman davonkam, und hat dann zu Hause von ihm gesprochen.«
»Stimmt schon, aber Bagman hat die Informationen doch nicht absichtlich weitergegeben?«
Hermine zuckte die Achseln.
»Und Fudge vermutet, Madame Maxime hätte Crouch angegriffen?«, sagte Ron und wandte sich erneut Harry zu.
»Ja«, entgegnete Harry, »aber das sagt er nur, weil Crouch in der Nähe der Beauxbatons-Kutsche verschwunden ist.«
»An sie haben wir noch gar nicht gedacht«, sagte Ron langsam. »Überlegt mal, sie hat eindeutig Riesen-Blut und will es nicht zugeben –«
»Natürlich nicht«, erwiderte Hermine scharf und hob den Kopf. »Sieh dir doch an, was Hagrid passiert ist, als Rita rausfand, wer seine Mutter ist. Und überleg mal, wie schnell Fudge Madame Maxime verdächtigt, nur weil sie etwas von einer Riesin hat. Wer braucht diese Vorurteile? Wahrscheinlich würd ich selbst behaupten, ich hätte große Knochen, wenn ich wüsste, was ich mir einhandle, wenn ich die Wahrheit sage.«
Hermine sah auf die Uhr.
»Wir haben noch nicht trainiert!«, setzte sie erschrocken hinzu. »Wir wollten doch den Lähmzauber üben! Morgen müssen wir aber wirklich ran! Ins Bett, Harry, du brauchst deinen Schlaf.«
Harry und Ron gingen langsam nach oben in den Schlafsaal. Während Harry seinen Pyjama anzog, warf er einen Blick hinüber zu Nevilles Bett. Wie Dumbledore versprochen, hatte er Ron und Hermine nichts von Nevilles Eltern erzählt. Er nahm die Brille ab und stieg ins Bett. Während er dalag, fragte er sich, wie er sich fühlen würde, wenn seine Eltern noch lebten, ihn jedoch nicht erkennen könnten. Er erntete häufig Mitgefühl von Fremden, weil er eine Waise war, doch während er Nevilles Schnarchen lauschte, überlegte er, dass Neville dieses Mitgefühl eher verdient hätte als er. Wie er so dalag in der Dunkelheit, spürte er plötzlich Zorn und Hass in sich aufsteigen gegen jene, die Mr und Mrs Longbottom gefoltert hatten … er erinnerte sich, wie die Menge gejubelt hatte, als Crouchs Sohn und seine Gefährten von den Dementoren aus dem Gericht gezerrt wurden … er konnte es ihnen nachfühlen … und dann erinnerte er sich an das milchig weiße Gesicht des schreienden Jungen, und mit jähem Schreck fiel ihm ein, dass dieser Junge ein Jahr später gestorben war …
Es war Voldemort, dachte Harry und starrte durch die Dunkelheit auf den Baldachin seines Bettes; hinter alldem steckte Voldemort … er war es, der diese Familien auseinandergerissen hatte, er war es, der all diese Leben zerstört hatte …
Ron und Hermine hätten eigentlich für ihre Prüfungen lernen sollen – die letzten standen am Tag der dritten Runde an –, doch den größten Teil ihrer Kräfte verwandten sie darauf, Harry bei der Vorbereitung für die letzte Aufgabe zu helfen.
»Mach dir deswegen keine Gedanken«, sagte Hermine brüsk, als Harry sie darauf ansprach und meinte, er könne durchaus mal eine Weile für sich allein üben. »Wenigstens kriegen wir dann Spitzennoten in Verteidigung gegen die dunklen Künste, im Unterricht hätten wir nie so viel über diese Hexereien rausgefunden.«
»Gutes Training für später, wenn wir mal alle Auroren sind«, sagte Ron begeistert und erprobte den Lähmzauber an einer Wespe, die ins Zimmer gesummt war und nun mitten in der Luft erstarrte.
In den ersten Junitagen breitete sich erneut eine gespannte und erregte Stimmung im Schloss aus. Alle freuten sich auf die dritte Runde, die eine Woche vor Ende des Schuljahrs stattfinden würde. Harry übte in jedem freien Augenblick magische Verwünschungen. Vor dieser dritten Runde fühlte er sich zuversichtlicher als vor den ersten beiden Aufgaben. Zwar würde sie mit Sicherheit gefährlich und schwierig sein, doch Moody hatte Recht: Harry hatte es schon einige Male zuvor mit monströsen Geschöpfen und verzauberten Hindernissen aufgenommen, und diesmal war er zumindest vorgewarnt und hatte eine Chance, sich für das Kommende zu wappnen.
Professor McGonagall war es leid, die drei andauernd in den Fluren üben zu sehen, und erlaubte es Harry, über die Mittagszeit das leere Verwandlungs-Klassenzimmer zu benutzen. Harry hatte den Lähmzauber bald im Griff, ein Fluch, der Angreifer behinderte und erlahmen ließ, außerdem den Reduktor-Fluch, mit dem er feste Gegenstände aus dem Weg schießen konnte, und schließlich, eine nützliche Entdeckung Hermines, den Vier-Punkte-Zauber, der seinen Zauberstab nach Norden ausrichtete und es ihm ermöglichen würde zu prüfen, ob er im Irrgarten in die richtige Richtung ging. Einige Schwierigkeiten hatte er jedoch immer noch mit dem Schild-Zauber. Er sollte vorübergehend eine unsichtbare Mauer um ihn hochziehen, die schwächere Flüche abprallen ließ; Hermine schaffte es, die Mauer mit einem gut gezielten Wabbelbein-Fluch bersten zu lassen. Zehn Minuten lang eierte Harry durchs Zimmer, bis sie endlich einen Gegenfluch nachgeschlagen hatte.
»Läuft trotzdem ganz gut bei dir«, ermutigte ihn Hermine, blickte auf ihre Liste und strich die Zauber durch, die sie schon gelernt hatten. »Ein paar von denen sind sicher ganz nützlich.«
»Kommt und seht euch das an«, sagte Ron vom Fenster her. Er schaute hinunter aufs Gelände. »Was treibt Malfoy denn da?«
Harry und Hermine traten zu Ron und sahen hinunter. Malfoy, Crabbe und Goyle standen unten im Schatten eines Baumes. Crabbe und Goyle schienen nach etwas Ausschau zu halten; beide feixten. Malfoy hielt seine Hand vor den Mund und sprach hinein.
»Sieht aus, als würde er ein Walkie-Talkie benutzen«, sagte Harry neugierig.
»Unmöglich«, entgegnete Hermine, »ich hab dir doch gesagt, diese Dinger funktionieren in und um Hogwarts nicht. Nun komm schon, Harry«, fügte sie ungeduldig hinzu, wandte sich vom Fenster ab und ging zurück in die Mitte des Zimmers, »probieren wir mal diesen Schild-Zauber.«
Sirius schickte inzwischen täglich eine Eule. Wie Hermine schien er seine Kräfte ganz darauf verwenden zu wollen, Harry heil durch die letzte Runde zu bringen, alles andere konnte warten. In jedem Brief ermahnte er Harry, alles, was außerhalb der Mauern von Hogwarts vor sich gehe, brauche ihn nicht zu beschäftigen, und schon gar nicht liege es in seiner Macht, diese Dinge zu beeinflussen. Er schrieb Harry:
Wenn Voldemort wirklich wieder stärker wird, dann ist es mir am wichtigsten, für deine Sicherheit zu sorgen. Er kann nicht hoffen, dich in die Hände zu kriegen, während du unter Dumbledores Schutz stehst, und dennoch, riskiere nichts: Konzentriere dich darauf, sicher durch dieses Labyrinth zu kommen, dann erst können wir unsere Aufmerksamkeit anderen Dingen zuwenden.
Der vierundzwanzigste Juni rückte immer näher, und Harrys Nerven spannten sich allmählich, doch sie flatterten nicht so schlimm wie vor der ersten und zweiten Aufgabe. Zum einen hatte er das gute Gefühl, diesmal wirklich alles in seinen Kräften Stehende getan zu haben, um sich auf die Aufgabe vorzubereiten. Zum anderen war dies die letzte Hürde, und wie gut oder schlecht er auch immer abschneiden mochte, das Turnier würde endlich vorbei sein, und das allein schon war eine gewaltige Erleichterung.
Am Morgen der dritten Runde war das Frühstück am Gryffindor-Tisch eine recht lärmige Angelegenheit. Die Posteulen erschienen und brachten Harry eine Karte mit den besten Wünschen von Sirius. Es war nur ein Stück Pergament, zusammengefaltet und mit einer schlammigen Hundepfote gestempelt, doch Harry freute sich gleichwohl darüber. Eine Schleiereule ließ sich vor Hermine nieder, wie üblich mit der morgendlichen Ausgabe des Tagespropheten. Hermine entrollte die Zeitung, warf einen Blick auf die Titelseite und spritzte einen Mund voll Kürbissaft darüber.
»Was ist los?«, fragten Harry und Ron gleichzeitig und starrten sie an.
»Nichts«, sagte Hermine rasch und versuchte das Blatt unter ihren Umhang zu stecken, doch Ron schnappte es ihr aus den Fingern.
Er starrte auf die Schlagzeile und sagte: »Nicht zu fassen. Ausgerechnet heute. Diese blöde Kuh.«
»Wie?«, sagte Harry. »Schon wieder Rita Kimmkorn?«
»Nein«, entgegnete Ron und genau wie Hermine wollte er die Zeitung verschwinden lassen.
»Es geht um mich, ja?«, sagte Harry.
»Nein«, sagte Ron in keineswegs überzeugendem Ton.
Doch bevor Harry energisch verlangen konnte, das Blatt zu sehen, rief Draco Malfoy vom Slytherin-Tisch her durch die Große Halle:
»Hey, Potter! Potter! Wie geht’s deinem Kopf? Noch alle Tassen im Schrank? Oder gehst du gleich auf uns los wie ein Berserker?«
Auch Malfoy hielt einen Tagespropheten in Händen. Die Slytherins am ganzen Tisch begannen zu kichern und wandten die Köpfe, um zu sehen, wie Harry reagieren würde.
»Lass mich sehen«, sagte Harry zu Ron. »Gib her.«
Höchst widerwillig reichte ihm Ron die Zeitung. Harry drehte sie um und blickte in sein eigenes Bild, und darüber las er die Schlagzeile:
Harry Potter »gestört und gefährlich«
Der Junge, der den Unnennbaren besiegte, ist labil und möglicherweise gefährlich. Beunruhigende Tatsachen über Harry Potters seltsames Verhalten sind jetzt ans Licht gekommen, und sie wecken Zweifel, ob er geeignet ist, an einem kräftezehrenden Wettkampf wie dem Trimagischen Turnier teilzunehmen oder auch nur die Hogwarts-Schule zu besuchen.
Wie der Tagesprophet heute exklusiv enthüllen kann, bricht Potter in der Schule des Öfteren zusammen und klagt häufig über Schmerzen, die ihm seine Stirnnarbe bereitet (Überbleibsel des Fluches, mit dem Du-weißt-schon-wer versuchte ihn zu töten). Letzten Montag, mitten im Wahrsageunterricht, wurde Ihr Tagesprophet-Reporter Zeuge, wie Potter aus dem Klassenzimmer stürzte und behauptete, er habe so heftige Narbenschmerzen, dass er nicht weiter am Unterricht teilnehmen könne.
Topspezialisten am St.-Mungo-Hospital für Magische Krankheiten und Verletzungen halten es für durchaus möglich, dass Potters Gehirn durch den Angriff des Unnennbaren nachhaltig geschädigt wurde und dass seine Behauptung, die Narbe schmerze noch immer, Ausdruck einer tief sitzenden Störung ist.
»Gut möglich, dass er alles vortäuscht«, meint ein Spezialist, »es könnte ein Schrei nach Zuwendung sein.«
Der Tagesprophet hat jedoch alarmierende Fakten über Harry Potter ans Licht gebracht, die Albus Dumbledore, Schulleiter von Hogwarts, vor der Zaubereröffentlichkeit sorgfältig verborgen hat.
»Potter beherrscht Parsel«, enthüllt Draco Malfoy, ein Viertklässler in Hogwarts. »Vor ein paar Jahren gab es viele Angriffe auf Schüler, und die meisten vermuteten Potter dahinter, nachdem sie gesehen hatten, wie er in einem Duellierklub die Nerven verlor und eine Schlange auf einen anderen Jungen hetzte. Aber es wurde alles vertuscht. Außerdem hat er sich auch noch mit Werwölfen und Riesen angefreundet. Wir glauben, dass er für ein bisschen Macht alles tun würde.«
Parsel, die Fähigkeit, mit Schlangen zu sprechen, wurde lange als eine dunkle Kunst betrachtet. Tatsächlich ist der berühmteste Parselmund unserer Zeit kein anderer als Du-weißt-schon-wer persönlich. Ein Mitglied der Liga zur Verteidigung gegen die dunkle Kraft, das ungenannt bleiben will, stellte fest, jeder Zauberer, der Parsel spreche, solle seiner Meinung nach »einmal gründlich durchleuchtet werden. Ich persönlich würde jedem mit größtem Misstrauen begegnen, der mit Schlangen sprechen kann, denn diese Tiere werden oft bei den schlimmsten schwarzmagischen Praktiken eingesetzt und wurden im Laufe der Jahrhunderte immer wieder mit Schurken in Verbindung gebracht«. Desgleichen gelte für alle, »welche die Nähe solch heimtückischer Kreaturen wie Werwölfe und Riesen suchten, dass sie sich offensichtlich an der Gewalt ergötzen«.
Albus Dumbledore sollte unbedingt darüber nachdenken, ob ein solcher Junge am Trimagischen Turnier teilnehmen darf. Manche befürchten, Potter könnte sein Heil in den dunklen Künsten suchen, um das Turnier zu gewinnen, dessen dritte Runde heute Abend stattfindet.
Von unserer Sonderkorrespondentin Rita Kimmkorn
»Sieht aus, als hätt ich’s mir mit ihr verscherzt«, sagte Harry gelassen und faltete die Zeitung zusammen.
Malfoy, Crabbe und Goyle saßen lachend drüben am Slytherin-Tisch, zeigten ihm den Vogel, zogen abstruse Fratzen und ließen ihre Zungen flattern wie Schlangen.
»Woher wusste sie, dass deine Narbe in Wahrsagen wehtat?«, fragte Ron. »Sie konnte unmöglich dabei gewesen sein, sie kann es unmöglich selbst gehört haben –«
»Das Fenster war offen«, sagte Harry. »Ich hab’s aufgemacht, um frische Luft zu kriegen.«
»Du warst hoch oben im Nordturm!«, meinte Hermine. »Deine Stimme hätte nie bis ganz nach unten wehen können!«
»Na, du bist doch diejenige, die magische Methoden der Verwanzung erforscht!«, sagte Harry. »Sag mir doch, wie sie es geschafft hat!«
»Ich hab’s ja versucht!«, sagte Hermine. »Aber ich … aber …«
Ein seltsam träumerischer Ausdruck trat plötzlich auf Hermines Gesicht. Sie hob langsam die Hand und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar.
»Alles in Ordnung mit dir?«, sagte Ron und sah sie stirnrunzelnd an.
»Ja«, hauchte Hermine. Wieder strich sie sich mit den Fingern durchs Haar, dann hielt sie die Hand an die Wange, als würde sie in ein unsichtbares Handy sprechen. Harry und Ron sahen sich mit großen Augen an.
»Ich hab ’ne Idee«, sagte Hermine ins Leere starrend. »Ich glaub, ich weiß es … denn dann hätte es keiner gesehen … nicht mal Moody … und sie hätte auf den Fenstersims kommen können … aber das darf sie nicht … das ist eindeutig verboten … ich glaub, wir haben sie! Gebt mir ’ne Sekunde in der Bibliothek – nur um sicherzugehen!«
Und schon packte Hermine ihre Schultasche und stürzte aus der Großen Halle.
»Hey!«, rief ihr Ron nach. »In zehn Minuten haben wir Geschichtsprüfung! Unglaublich«, sagte er dann zu Harry gewandt, »sie muss diese Kimmkorn wirklich hassen, wenn sie’s riskiert, den Anfang einer Prüfung zu verpassen. Was machst du eigentlich gleich bei Binns – wieder mal die ganze Zeit lesen?«
Harry, der von den Prüfungen entbunden war, hatte bisher Stunde um Stunde in der hinteren Reihe gesessen und nach neuen Hexereien für die dritte Aufgabe gesucht.
»Denk schon«, sagte Harry; doch in diesem Augenblick kam Professor McGonagall am Gryffindor-Tisch entlang auf ihn zugeschritten.
»Potter, die Champions finden sich nach dem Frühstück im Raum hinter der Halle ein«, sagte sie.
»Aber das Turnier ist doch erst heute Abend!«, sagte Harry, und vor Schreck, er hätte sich in der Zeit geirrt, bekleckerte er sich mit Rührei.
»Das weiß ich wohl, Potter«, sagte sie. »Die Familien der Champions sind eingeladen, bei der dritten Runde zuzuschauen. Eine sehr gute Gelegenheit für Sie, sie zu begrüßen.«
Sie entfernte sich. Harry sah ihr mit offenem Mund nach.
»Sie glaubt doch nicht etwa, dass die Dursleys hier auftauchen?«, fragte er Ron verdutzt.
»Keine Ahnung«, sagte Ron. »Harry, ich muss mich beeilen, sonst komm ich zu spät zu Binns. Bis dann.«
Harry aß sein Frühstück auf, während sich die Große Halle allmählich leerte. Er sah, wie Fleur Delacour am Ravenclaw-Tisch aufstand und sich Cedric anschloss, der auf die Tür zum Nebenraum zuging und eintrat. Auch Krum schlurfte kurze Zeit später dort hinein. Harry blieb, wo er war. Er hatte überhaupt keine Lust, in die Kammer zu gehen. Er hatte keine Eltern – jedenfalls keine Familie, die hier aufkreuzen und zusehen würde, wie er sein Leben riskierte. Doch gerade als er aufstehen wollte und überlegte, in die Bibliothek zu gehen und auf die Schnelle noch ein paar Hexereien zu büffeln, öffnete sich die Tür des Nebenraums und Cedric streckte den Kopf heraus.
»Harry, komm schon, sie warten auf dich!«
Vollkommen perplex stand Harry auf. Die Dursleys konnten doch nicht etwa da sein? Er durchquerte die Halle und öffnete die Tür zur Kammer.
Cedric und seine Eltern standen gleich bei der Tür. Viktor Krum stand drüben in einer Ecke und unterhielt sich in schnellem Bulgarisch mit seinen Eltern. Er hatte die Hakennase seines Vaters geerbt. Auf der anderen Seite parlierte Fleur mit ihrer Mutter. Fleurs kleine Schwester Gabrielle hielt sich an der Hand der Mutter fest. Sie winkte Harry und er winkte zurück. Dann fiel sein Blick auf Mrs Weasley und Bill, die vor dem Kamin standen und ihn anstrahlten.
»Überraschung!«, trällerte Mrs Weasley aufgeregt, als Harry breit lächelnd zu ihnen trat. »Dachten, wir könnten kommen und dir zusehen, Harry!« Sie beugte sich zu ihm hinunter und küsste ihn auf die Wange.
»Alles okay mit dir?«, fragte Bill und schüttelte Harry grinsend die Hand.
»Charlie wollte auch kommen, aber er hat nicht freigekriegt. Er meinte, du hättest gegen diesen Hornschwanz einen unglaublichen Kampf hingelegt.«
Fleur Delacour, fiel Harry auf, musterte Bill über die Schulter ihrer Mutter mit unverhohlenem Interesse. Harry war sofort klar, dass sie überhaupt nichts gegen lange Haare oder Ohrringe mit Giftzähnen einzuwenden hatte.
»Das ist wirklich nett von euch«, murmelte Harry Mrs Weasley zu. »Ich dachte schon – die Dursleys –«
»Hmm«, sagte Mrs Weasley und spitzte die Lippen. Sie hatte sich vor Harry mit Kritik an den Dursleys immer zurückgehalten, doch ihre Augen blitzten jedes Mal auf, wenn er sie erwähnte.
»Toll, wieder mal hier zu sein«, sagte Bill und sah sich in der Kammer um. (Violet, die Freundin der fetten Dame, zwinkerte ihm aus ihrem Rahmen heraus zu.) »Hab Hogwarts seit fünf Jahren nicht mehr gesehen. Gibt es eigentlich noch dieses Gemälde von dem verrückten Ritter, Sir Cadogan?«
»Aber klar«, sagte Harry, der im letzten Jahr Bekanntschaft mit Sir Cadogan gemacht hatte.
»Und die fette Dame?«, fragte Bill.
»Die war schon zu meiner Zeit hier«, sagte Mrs Weasley. »Eines Nachts, ich bin um vier Uhr heimgekommen, hat sie mir eine solche Gardinenpredigt gehalten –«
»Was hattest du um vier Uhr morgens draußen zu suchen?« Bill schaute seine Mutter erstaunt an.
Mrs Weasley lächelte und ihre Augen funkelten.
»Dein Vater und ich hatten einen kleinen Nachtspaziergang unternommen«, sagte sie. »Ihn hat dann Apollyon Pringle erwischt – damals der Hausmeister – und die Narben hat dein Vater praktisch immer noch.«
»Hättest du Lust, uns ein wenig durchs Schloss zu führen, Harry?«, sagte Bill.
»Ja, gern«, erwiderte Harry und sie wandten sich zum Gehen.
Amos Diggory blickte auf, als sie an ihm vorbeikamen. »Na, da bist du ja«, sagte er und sah Harry abschätzig an. »Wette, du fühlst dich nicht mehr ganz so wie ’n toller Hecht, jetzt, wo Cedric dich eingeholt hat?«
»Was?«, fragte Harry.
»Hör nicht auf ihn«, sagte Cedric mit leiser Stimme zu Harry und sah seinen Vater stirnrunzelnd an. »Er ist sauer, seit er diesen Kimmkorn-Artikel übers Turnier gelesen hat – du weißt doch, wo sie so tat, als wärst du der einzige Hogwarts-Champion.«
»Hat sich aber nicht die Mühe gemacht, das bei ihr richtigzustellen, oder?«, sagte Amos Diggory so laut, dass Harry, der mit Mrs Weasley und Bill zur Tür hinausging, es nicht überhören konnte. »Was soll’s … du wirst es ihm zeigen, Ced. Hast ihn doch schon mal geschlagen!«
»Rita Kimmkorn tut alles, was sie kann, um Ärger zu provozieren, Amos!«, sagte Mrs Weasley aufgebracht. »Das müsstest du eigentlich wissen, wo du doch im Ministerium arbeitest!«
Mr Diggory öffnete entrüstet den Mund, doch seine Frau legte ihm die Hand auf den Arm und er zuckte nur die Schultern und wandte sich ab.
Harry genoss es an diesem Morgen, mit Bill und Mrs Weasley über das Schlossgelände zu flanieren und ihnen die Beauxbatons-Kutsche und das Durmstrang-Schiff zu zeigen. Mrs Weasley war ganz begeistert von der Peitschenden Weide, die erst nach ihrer Schulzeit gepflanzt worden war, und schwelgte in Erinnerungen an Hagrids Vorgänger als Wildhüter, einen Mann namens Ogg.
»Wie geht’s Percy?«, fragte Harry beim Gang um die Gewächshäuser.
»Nicht gut«, sagte Bill.
»Er regt sich furchtbar auf«, sagte Mrs Weasley mit gedämpfter Stimme und sah sich argwöhnisch um. »Das Ministerium will Mr Crouchs Verschwinden vertraulich behandeln, aber Percy haben sie wegen der Anweisungen, die Mr Crouch geschickt hat, hart ins Gebet genommen. Sieht so aus, als hielten sie es für möglich, dass jemand seine Handschrift gefälscht hat. Percy steht ziemlich unter Druck. Heute Abend darf er nicht für Mr Crouch als fünfter Richter einspringen. Cornelius Fudge wird dabei sein.«
Sie kehrten zum Mittagessen ins Schloss zurück.
»Mum – Bill!«, sagte Ron vollkommen verdutzt, als er zum Gryffindor-Tisch kam. »Was macht ihr denn hier?«
»Wir schauen Harry bei der letzten Aufgabe zu!«, strahlte Mrs Weasley. »Und ich muss sagen, es ist zur Abwechslung mal ganz schön, nicht selbst kochen zu müssen. Wie war deine Prüfung?«
»Oh … es ging«, sagte Ron. »Mir sind nicht alle Namen von diesen Koboldrebellen eingefallen, also hab ich ein paar erfunden. Wird schon werden.« Mrs Weasley sah ihn spitz an, doch er tat sich eine Blätterteigpastete auf und fuhr fort: »Die heißen doch alle Bodrod der Bärtige oder Urg der Unsaubere oder so, war jedenfalls nicht schwierig.«
Auch Fred, George und Ginny kamen und setzten sich dazu, und Harry machte die Unterhaltung so viel Spaß, dass er sich beinahe fühlte, als wäre er wieder im Fuchsbau; er vergaß völlig, sich über die abendliche Aufgabe Sorgen zu machen, und erst als Hermine auftauchte, nachdem die anderen schon halb aufgegessen hatten, fiel ihm wieder ein, dass sie ja einen Geistesblitz gehabt hatte, mit dem sie das Rätsel um Rita Kimmkorn lösen wollte.
»Erzählst du uns jetzt –?«
Hermine warf Mrs Weasley einen Blick zu und schüttelte warnend den Kopf.
»Hallo, Hermine«, sagte Mrs Weasley, viel steifer, als es sonst ihre Art war.
»Hallo«, sagte Hermine und ihr Lächeln erstarb angesichts des kühlen Ausdrucks auf Mrs Weasleys Gesicht.
Harry sah die beiden abwechselnd an, dann sagte er: »Mrs Weasley, Sie glauben doch nicht etwa diesen Mist, den Rita Kimmkorn in der Hexenwoche geschrieben hat? Hermine und ich haben nämlich nichts miteinander.«
»Oh!«, sagte Mrs Weasley. »Nein – natürlich nicht!«
Und danach verhielt sie sich Hermine gegenüber um einiges herzlicher.
Harry, Bill und Mrs Weasley vertrieben sich den Nachmittag mit einem langen Spaziergang ums Schloss und kehrten erst zum abendlichen Festessen in die Große Halle zurück. Auch Ludo Bagman und Cornelius Fudge waren inzwischen eingetroffen und saßen am Lehrertisch. Bagman war offenbar in aufgeräumter Stimmung, doch Cornelius Fudge, der neben Madame Maxime saß, machte eine ernste Miene und sprach kein Wort. Madame Maxime, deren Augen Harry gerötet vorkamen, konzentrierte sich auf ihren Teller. Von der anderen Seite des Tisches warf Hagrid ihr immer wieder einen Blick zu. Es gab mehr Gänge als sonst, doch Harry, der sich allmählich wieder ausgesprochen nervös fühlte, aß nur wenig. Als das Blau der verzauberten Hallendecke einem dunklen Purpur wich, erhob sich Dumbledore, und Stille senkte sich über die Halle.
»Meine Damen und Herren, noch fünf Minuten, und ich werde Sie bitten, sich auf den Weg zum Quidditch-Feld zu begeben, zur dritten und letzten Aufgabe des Trimagischen Turniers. Die Champions folgen bitte jetzt schon Mr Bagman hinunter zum Stadion.«
Harry stand auf. Die Gryffindors tischauf, tischab klatschten ihm Beifall; die Weasleys und Hermine wünschten ihm viel Glück, und gemeinsam mit Cedric, Fleur und Krum verließ er die Große Halle.
»Wie steht’s mit dir, Harry?«, fragte Bagman, während sie draußen die Steintreppe hinunterstiegen. »Traust du es dir zu?«
»Ich fühl mich ganz okay«, sagte Harry. Das stimmte auch halbwegs; er war nervös, doch er ging im Kopf noch einmal alle Hexereien und Zauberflüche durch, die er geübt hatte, und da er feststellte, dass er nichts vergessen hatte, war er recht zuversichtlich gestimmt.
Sie betraten das Quidditch-Feld, das inzwischen nicht mehr wiederzuerkennen war. Eine sieben Meter hohe Hecke war um das ganze Spielfeld herum gewachsen. Direkt vor ihnen lag eine Öffnung; der Eingang zu dem weitläufigen Irrgarten. Der Weg hinein verlor sich in beklemmender Dunkelheit.
Fünf Minuten später füllten sich die Ränge; die Luft war erfüllt vom aufgeregten Stimmengewirr ihrer Mitschüler und von dem Getrappel Hunderter von Füßen. Der Himmel hatte ein tiefes, klares Blau angenommen und jetzt erschienen auch die ersten Sterne. Hagrid, Professor Moody, Professor McGonagall und Professor Flitwick kamen ins Stadion und gingen auf Bagman und die Champions zu. Sie trugen große, leuchtend rote Sterne an den Hüten, nur Hagrids Stern prangte auf dem Rücken seiner Maulwurffell-Weste.
»Wir werden um den Irrgarten herum Wache gehen«, sagte Professor McGonagall zu den Champions. »Wenn Sie in Schwierigkeiten stecken und gerettet werden wollen, sprühen Sie rote Funken in die Luft, und einer von uns wird Sie da rausholen, haben Sie verstanden?«
Die Champions nickten.
»Na dann mal los!«, sagte Bagman und strahlte die Labyrinthpatrouille an.
»Viel Glück, Harry«, flüsterte Hagrid, und die vier Lehrer trennten sich und gingen davon, um ihre Posten im Umkreis des Irrgartens einzunehmen.
Bagman richtete den Zauberstab auf seine Kehle, murmelte »Sonorus«, und seine magisch verstärkte Stimme hallte auf den Tribünen wider.
»Meine Damen und Herren, gleich beginnt die dritte und letzte Runde des Trimagischen Turniers! Zu Ihrer Erinnerung noch einmal der gegenwärtige Punktestand! Mit jeweils fünfundachtzig Punkten zusammen auf dem ersten Platz – Mr Cedric Diggory und Mr Harry Potter, beide von der Hogwarts-Schule!« Jubelschreie und Applaus ließen einige Vögel aus dem Verbotenen Wald in den abendlichen Himmel flattern. »Auf dem zweiten Platz, mit achtzig Punkten – Mr Viktor Krum vom Durmstrang-Institut!« Ebenfalls Applaus. »Und auf dem dritten Platz – Miss Fleur Delacour von der Beauxbatons-Akademie!«
Harry konnte gerade noch erkennen, wie Mrs Weasley, Bill, Ron und Hermine auf halber Höhe der Tribüne Fleur höflich Beifall spendeten. Er winkte zu ihnen hoch und sie winkten mit strahlenden Gesichtern zurück.
»Nun … auf meinen Pfiff, Harry und Cedric!«, sagte Bagman. »Drei – zwei – eins –«
Er blies kurz und kräftig in seine Trillerpfeife und Harry und Cedric liefen in den Irrgarten hinein.
Die hoch aufragenden Hecken warfen schwarze Schatten über den Weg, und war es nun, weil sie so hoch und dicht gewachsen oder weil sie verzaubert waren, jedenfalls erstarb der Lärm der Menge, kaum hatten sie den Irrgarten betreten. Harry kam es fast so vor, als wäre er wieder unter Wasser. Er zog seinen Zauberstab, murmelte »Lumos« und hörte, wie Cedric dicht hinter ihm das Gleiche tat.
Nach gut vierzig Metern gelangten sie zu einer Gabelung. Sie sahen sich an. »Bis später«, sagte Harry und wandte sich nach links, während Cedric den rechten Weg nahm.
Harry hörte Bagman zum zweiten Mal pfeifen. Nun hatte Krum den Irrgarten betreten. Harry beschleunigte seine Schritte. Der Weg, den er gewählt hatte, schien völlig ausgestorben. Er wandte sich nach rechts, hastete weiter und hielt den Zauberstab hoch über seinem Kopf, um so weit wie möglich sehen zu können. Noch immer war nichts Bedrohliches zu entdecken.
In der Ferne gellte zum dritten Mal Bagmans Pfeife. Jetzt waren alle Champions im Irrgarten.
Harry warf immer wieder einen Blick zurück. Das altbekannte Gefühl, beobachtet zu werden, hatte erneut von ihm Besitz ergriffen. Der Himmel hoch oben färbte sich allmählich königsblau und mit jeder Minute wurde es dunkler im Irrgarten. Er stieß auf eine zweite Gabelung.
»Weise mir die Richtung«, flüsterte er seinem Zauberstab zu und legte ihn auf seine flache Hand.
Der Zauberstab drehte sich einmal im Kreis und wies dann mit der Spitze nach rechts in die undurchdringliche Hecke. Da war also Norden, und Harry wusste, dass er nach Nordwesten gehen musste, um die Mitte des Irrgartens zu erreichen. Das Beste war, den linken Abzweig zu nehmen und so bald wie möglich wieder nach rechts zu gehen.
Auch dieser Weg lag wie ausgestorben da, und als Harry einer Biegung nach rechts gefolgt war, fand er den Weg wiederum frei. Er wusste nicht, warum, aber das Fehlen von Hindernissen ließ seine Nerven flattern. Er hätte inzwischen doch sicher auf irgendetwas stoßen müssen? Es war, als ob der Irrgarten ihn verführen wollte, sich in einem falschen Gefühl der Sicherheit zu wiegen. Dann hörte er, wie sich direkt hinter ihm etwas bewegte. Er streckte den Zauberstab aus, doch es war Cedric, der gerade von rechts her aus einem Pfad gestürzt kam. Er sah schwer mitgenommen aus. Ein Ärmel seines Umhangs rauchte.
»Hagrids Knallrümpfige Kröter!«, fauchte er. »Die sind riesig geworden – hätten mich fast umgebracht!«
Kopfschüttelnd tauchte er in die Dunkelheit eines anderen Pfades ein. Auch Harry war an einer Begegnung mit den Krötern überhaupt nicht interessiert und er hastete davon. Dann, nach einer Biegung –
Ein Dementor glitt auf ihn zu. Vier Meter groß, das Gesicht von der Kapuze verborgen, die verwesenden, schorfigen Hände ausgestreckt, drang er vor, blindlings den Weg zu Harry erspürend. Harry konnte seinen rasselnden Atem hören; klamme Kälte kroch ihm über die Haut, doch er wusste, was er zu tun hatte …
Er stellte sich das glücklichste Ereignis vor, das ihm einfiel, und konzentrierte sich mit aller Kraft auf die Vorstellung, aus dem Irrgarten zu kommen und mit Ron und Hermine zu feiern. Zugleich hob er den Zauberstab und schrie: »Expecto patronum!«
Ein silberner Hirsch brach aus der Spitze seines Zauberstabs hervor und galoppierte auf den Dementor zu, der überstürzt zurückwich und über den Saum seines Umhangs stolperte … Harry hatte einen Dementor noch nie stolpern sehen.
»Wart mal!«, rief er und drang im Schutz seines silbrigen Patronus vor, »du bist ein Irrwicht! Riddikulus!«
Es gab einen lauten Knall und der Gestaltwechsler verpuffte zu einem Rauchwölkchen. Der silbrige Hirsch verschwamm und löste sich auf. Harry wünschte, er wäre geblieben, einen Gefährten hätte er gut gebrauchen können … doch er ging, so schnell und leise er konnte, weiter, lauschte angestrengt und hielt den Zauberstab hoch über sich.
Links … rechts … wieder links … zweimal stand er vor der Heckenwand einer Sackgasse. Wieder holte er sich Rat beim Vier-Punkte-Zauber und stellte fest, dass er zu weit nach Osten gegangen war. Er drehte um, nahm eine Biegung nach rechts und sah einen merkwürdigen goldenen Nebelschleier vor sich schweben.
Harry näherte sich vorsichtig, die Spitze des Zauberstabs auf den Nebel gerichtet. Mit Sicherheit war er verwunschen. Vielleicht konnte er ihn ja aus dem Weg blasen.
»Reductio!«, sagte er.
Der Fluch schoss geradewegs durch den Nebel, ohne den kleinsten Wirbel zu hinterlassen. Das hätte er eigentlich wissen müssen, überlegte er; der Reduktor-Fluch wirkte nur bei festen Gegenständen. Was würde geschehen, wenn er durch den Nebel liefe? Sollte er es darauf ankommen lassen oder lieber kehrtmachen?
Er zögerte noch, als ein Schrei die Stille durchbrach.
»Fleur?«, rief Harry.
Wieder Stille. Er spähte umher. Was war ihr zugestoßen? Ihr Schrei schien von vorn gekommen zu sein. Er holte tief Luft und stürzte sich in den verwunschenen Nebel.
Die Welt kippte auf den Kopf. Harry hing vom Erdboden herab, mit gesträubten Haaren, die Brille von der Nase baumelnd, drauf und dran, in die unendliche Tiefe des Himmels zu stürzen. Er drückte sich die Brille auf die Nase. Starr vor Schreck hing er da, und es fühlte sich ganz so an, als wären seine Schuhsohlen an das Gras geklebt, das nun zur irdenen Decke geworden war. Unter ihm erstreckte sich die endlose Weite des dunklen, sternfunkelnden Himmels. Er fürchtete, wenn er auch nur einen Fuß bewegte, würde er für immer von der Erde fallen.
Denk nach, sagte er sich und alles Blut rauschte ihm in den Kopf, denk … Doch keiner der Zauber, die er geübt hatte, taugte dazu, eine solche Verkehrung von Himmel und Erde zu bekämpfen. Sollte er es wagen, einen Fuß zu bewegen? Das Blut pochte ihm in den Ohren. Er hatte nur zwei Möglichkeiten – es doch versuchen und sich bewegen oder rote Funken sprühen; die Lehrer würden ihn retten und dann war das Turnier für ihn gelaufen.
Er schloss die Augen, weil er den endlosen Raum unter sich nicht sehen wollte, und zog seinen rechten Fuß mit aller Kraft vom Gras weg.
Sofort kippte die Welt wieder ins Lot. Harry fiel mit den Knien auf den wunderbar festen Boden. Einige Augenblicke war er gelähmt vor Schreck. Er atmete tief durch, um sich zu beruhigen, dann stand er auf und rannte weiter, hinaus aus dem goldenen Nebel, der ihn, als er einen Blick über die Schulter warf, im Mondlicht unschuldig anglitzerte.
An einer Wegkreuzung blieb er stehen und sah sich nach einem Zeichen von Fleur um. Er war sich sicher, dass sie es gewesen war, die geschrien hatte. Was war ihr begegnet? War sie verletzt? Rote Funken waren nirgends zu sehen – hatte sie sich nun aus der Gefahr befreit oder saß sie in der Falle und konnte ihren Zauberstab nicht erreichen? Mit einem Gefühl wachsenden Unbehagens nahm Harry den rechten Abzweig … doch zugleich wurde er den Gedanken nicht los, dass ein Champion raus war …
Der Pokal musste jetzt irgendwo in der Nähe sein und offenbar war Fleur nicht mehr im Rennen. War er nicht doch ziemlich weit gekommen? Was, wenn er es tatsächlich schaffte zu gewinnen? Zum ersten Mal, seit er überraschend Champion geworden war, sah er sich selbst, ganz flüchtig, wie er vor der ganzen Schule den Trimagischen Pokal in die Höhe hielt.
Die nächsten zehn Minuten traf er auf nichts, außer auf die Heckenmauern von Sackgassen. Zweimal nahm er dieselbe falsche Abzweigung. Schließlich fand er eine neue Strecke, auf der er entlangtrabte, wobei der zittrige Lichtstrahl aus dem Zauberstab seinen Schatten in grotesken Gestalten über die Heckenwände huschen ließ. Wieder bog er um eine Ecke – und stand vor einem Knallrümpfigen Kröter.
Cedric hatte Recht – er war tatsächlich gigantisch. Über drei Meter lang, sah er am ehesten aus wie ein Riesenskorpion. Der lange Stachel war drohend über den Rücken gebogen. Der dicke Panzer schimmerte im Licht des Zauberstabs, den Harry auf ihn gerichtet hatte.
»Stupor!«
Der Fluch schlug gegen den Panzer des Kröters und prallte zurück; Harry duckte sich gerade noch rechtzeitig, doch schon roch es nach verbranntem Haar; der Fluch hatte ihm den Schopf versengt. Der Kröter ließ einen Feuerstoß aus seinem Rumpf knallen, der auf Harry zuschleuderte.
»Impedimenta!«, rief Harry. Wieder traf der Fluch den Panzer des Kröters und prallte schräg weg; Harry stolperte ein paar Schritte rückwärts und fiel rücklings zu Boden. »IMPEDIMENTA!«
Nur noch Zentimeter von Harry entfernt erstarrte der Kröter – Harry hatte es geschafft, ihn in den panzerlosen, fleischigen Bauch zu treffen. Keuchend stemmte er sich von dem Vieh weg und rannte, so schnell er konnte, in die andere Richtung – der Lähmzauber hielt nicht lange vor, der Kröter würde jeden Augenblick seine Beine wieder benutzen können.
Er nahm einen Weg nach links und stieß auf eine Heckenmauer, nach rechts, und wieder war es eine Sackgasse; mit hämmerndem Herzen zwang er sich stehen zu bleiben, ließ erneut den Vier-Punkte-Zauber sprechen, machte kehrt und wählte einen Pfad in nordwestliche Richtung.
Auf diesem neuen Weg war er ein paar Minuten lang gegangen, als er etwas auf dem parallel verlaufenden Pfad hörte, das ihn erstarren ließ.
»Was tust du da?«, hörte er Cedric schreien. »Was zum Teufel machst du da?«
Und dann hörte er Krums Stimme.
»Crucio!«
Die Luft war erfüllt von Cedrics Schreien. Entsetzt rannte Harry los, auf der Suche nach einer Lücke hinüber zu Cedric. Da er keine fand, versuchte er es noch einmal mit dem Reduktor-Fluch. Er war nicht sonderlich wirksam, doch er brannte ein kleines Loch in die Hecke; Harry steckte seinen Fuß hinein und stieß gegen das dichte Gestrüpp aus Zweigen und Dornen, bis er endlich zur anderen Seite durchgebrochen war; er zwängte sich durch das Loch, wobei ihm die Dornen den Umhang zerrissen. Nach rechts blickend sah er Cedric zuckend und zappelnd auf dem Boden liegen. Über ihm stand Krum.
Harry rappelte sich hoch und richtete seinen Zauberstab auf Krum, genau in dem Moment, da dieser aufblickte. Krum wirbelte herum und rannte davon.
»Stupor!«, rief Harry.
Der Fluch traf Krum in den Rücken; er erstarrte mitten im Lauf, fiel mit dem Gesicht ins Gras und blieb reglos liegen. Harry stürzte auf Cedric zu. Er zuckte nicht mehr und lag nur noch keuchend, mit den Händen auf dem Gesicht da.
»Bist du verletzt?«, fragte Harry hastig und packte Cedric am Arm.
»Nein«, keuchte Cedric. »Nein … ich glaub’s einfach nicht … er hat sich hinter meinem Rücken angeschlichen … ich hab ihn gehört, hab mich umgedreht, und da hatte er schon den Zauberstab auf mich gerichtet …«
Cedric stand auf. Er zitterte immer noch. Die beiden sahen hinunter auf Krum.
»Ich kann’s einfach nicht fassen … ich dachte, er wäre in Ordnung«, sagte Harry mit starrem Blick auf Krum.
»Ich auch«, sagte Cedric.
»Hast du vorhin Fleur schreien gehört?«, fragte Harry.
»Ja«, sagte Cedric. »Glaubst du, Krum hat auch sie überfallen?«
»Ich weiß nicht«, sagte Harry langsam.
»Sollen wir ihn hierlassen?«, murmelte Cedric.
»Nein«, sagte Harry. »Ich schätze, wir sollten rote Funken versprühen. Dann kommt jemand und holt ihn … andernfalls frisst ihn wahrscheinlich ein Kröter.«
»Verdient hätt er’s ja«, murmelte Cedric, dennoch hob er den Zauberstab und ließ einen Schauer roter Funken in die Luft sprühen, die hoch über Krum schweben blieben und die Stelle markierten, wo er lag.
Harry und Cedric standen einen Moment lang in der Dunkelheit und sahen sich um. Dann sagte Cedric: »Tja … ich glaub, wir sollten besser weitergehen …«
»Wie?«, sagte Harry. »Ach … ja … stimmt …«
Es war ein merkwürdiger Moment. Er und Cedric waren gegen Krum für kurze Zeit verbündet gewesen – und nun fiel ihnen beiden wieder ein, dass sie eigentlich Gegner waren. Schweigend gingen sie den dunklen Pfad entlang, dann wandte sich Harry nach links und Cedric nach rechts. Seine Schritte erstarben bald in der Ferne.
Harry ging weiter und vergewisserte sich gelegentlich mit dem Vier-Punkte-Zauber, dass er die richtige Richtung eingeschlagen hatte. Nun würde der Kampf zwischen ihm und Cedric entschieden. Der Wunsch, den Pokal als Erster zu erreichen, brannte nun stärker denn je in ihm, doch noch immer konnte er nicht fassen, was er Krum soeben hatte tun sehen. Einen Unverzeihlichen Fluch gegen einen Mitmenschen zu richten hieß, sich eine lebenslange Strafe in Askaban einzuhandeln, das hatte Moody ihnen erklärt. Das konnte Krum der Trimagische Pokal doch wohl nicht wert sein … Harry beschleunigte seine Schritte.
Immer wieder geriet er in Sackgassen, doch weil es um ihn zunehmend dunkel wurde, war er sich sicher, dem Herzen des Irrgartens ganz nahe zu sein. Dann, einen geraden Weg entlanggehend, sah er erneut, wie sich etwas bewegte, und der Strahl seines Zauberstabs traf ein erstaunliches Geschöpf, wie er es nur von einem Bild im Monsterbuch der Monster kannte. Es war eine Sphinx. Sie hatte den Körper eines übergroßen Löwen, mächtige, klauenbewehrte Tatzen und einen langen, gelblichen Schwanz, der in einem braunen Haarbüschel endete. Der Kopf jedoch war der einer Frau. Harry trat näher, und sie wandte den Kopf und ließ ihre langen Mandelaugen auf ihm ruhen. Er hob seinen Zauberstab, zögerte jedoch. Sie duckte sich nicht, als wolle sie zum Sprung ansetzen, sondern trottete quer über den Pfad und versperrte ihm so den Weg.
Dann sprach sie mit tiefer, heiserer Stimme: »Du bist deinem Ziel sehr nahe. Der schnellste Weg führt an mir vorbei.«
»Also … würdest du mich bitte vorbeilassen?«, sagte Harry und wusste doch schon die Antwort darauf.
»Nein«, sagte sie und trottete weiter hin und her. »Erst wenn du mein Rätsel gelöst hast. Antworte richtig beim ersten Versuch – und ich lass dich vorbei. Antworte falsch – und ich werde angreifen. Schweig – und ich werde dich unversehrt zurückweichen lassen.«
Harrys Magen versuchte es mit einem Salto. Das war eigentlich etwas für Hermine, nicht für ihn. Er wog seine Chancen ab. Wenn das Rätsel zu schwer war, konnte er immer noch schweigen, sich unverletzt zurückziehen und einen anderen Weg in die Mitte des Irrgartens suchen.
»Gut«, sagte er. »Kann ich das Rätsel hören?«
Die Sphinx ließ sich mitten auf dem Weg auf die Hinterbeine nieder und sprach:
»Erst denk an den Menschen, der immer lügt,
der Geheimnisse sucht und damit betrügt.
Doch um das Ganze nicht zu verwässern,
nimm von dem Wort nur die ersten drei Lettern.
Nun denk an das Doppelte des Gewinns,
den Anfang von nichts und die Mitte des Sinns.
Und schließlich ein Laut, ein Wörtchen nicht ganz,
das du auch jetzt von dir selbst hören kannst.
Nun füg sie zusammen, denn dann wirst du wissen,
welches Geschöpf du niemals willst küssen.«
Harry starrte sie mit offenem Mund an.
»Könnte ich es noch mal hören … ein wenig langsamer?«, fragte er zaghaft.
Sie blinzelte ihn an, lächelte und wiederholte das Gedicht.
»Wenn ich alles löse, bekomm ich am Schluss den Namen eines Geschöpfs, das ich niemals küssen will?«
Sie lächelte nur ihr geheimnisvolles Lächeln. Harry deutete es als »Ja«. Er überlegte hin und her. Es gab eine Menge Tiere, die er nicht küssen wollte; als Erstes fiel ihm ein Knallrümpfiger Kröter ein, aber irgendetwas ließ ihn ahnen, dass dies nicht die Lösung war. Er musste es versuchen und die einzelnen Teile des Rätsels lösen …
»Ein Mensch, der immer lügt«, murmelte Harry und starrte die Sphinx an, »der Geheimnisse sucht … ähm … vielleicht ein Agent. Ne, wart mal! Ein Spion? Und nur die ersten drei Buchstaben? Ich komm darauf zurück … könntest du mir bitte noch einmal das nächste Rätsel aufsagen?«
Sie wiederholte den zweiten Teil des Gedichts.
»Das Doppelte des Gewinns«, murmelte Harry. »Hmh … keine Ahnung … der Anfang von nichts … ne … könnt ich den letzten Teil noch mal hören?«
Sie sagte ihm die letzten vier Verse auf.
»Ein Laut, ein Wörtchen nicht ganz, das du auch jetzt von dir selbst hören kannst«, sagte Harry. »Hmm … ne, das müsste … ne … wart mal – ›ne‹! ›Ne‹ ist ein Laut!«
Die Sphinx lächelte ihn an.
»Spi … ähm … ne«, sagte Harry, den Weg auf und ab schreitend. »Ein Geschöpf, das ich nicht küssen möchte … eine Spinne!«
Die Sphinx schenkte ihm ein breites Lächeln. Sie erhob sich, streckte die Vorderbeine aus und wich dann zur Seite, um ihn vorbeizulassen.
»Danke!«, sagte Harry und hastete weiter, noch immer verblüfft von seiner Glanzleistung.
Er musste jetzt ganz nah dran sein, das war sicher … sein Zauberstab sagte ihm, dass er genau auf Kurs war; wenn er jetzt nicht auf irgendetwas allzu Schreckliches stieß, dann hatte er durchaus eine Chance …
Vor ihm gabelte sich der Weg erneut. »Weise mir die Richtung!«, flüsterte er seinem Zauberstab zu, und der Stab wirbelte herum und deutete mit der Spitze auf den rechten Abzweig. Er stürzte sich hinein und jetzt sah er vor sich ein Licht.
Keine hundert Meter entfernt, auf einem Sockel, schimmerte ihm der Trimagische Pokal entgegen. Harry hatte gerade zum Spurt angesetzt, als eine dunkle Gestalt vor ihm auf den Weg sprang.
Cedric würde als Erster da sein. Cedric rannte, so schnell er konnte, auf den Pokal zu, und Harry wusste, er würde ihn nicht mehr einholen können, Cedric war viel größer als er und hatte längere Beine –
Dann sah er, über einer Hecke links von ihm, etwas ungeheuer Großes, das sich rasch auf einem Pfad bewegte, der den ihrigen kreuzte, und Cedric, der nur noch den Pokal im Auge hatte, würde blindlings in dieses Ungeheuer hineinlaufen –
»Cedric!«, brüllte Harry. »Pass auf – da links!«
Cedric wandte gerade noch rechtzeitig den Kopf. Er hechtete an dem Wesen vorbei und konnte einen Zusammenprall vermeiden, doch in seiner Hast stolperte er. Harry sah, wie ihm der Zauberstab wegflog und er stürzte, und nun erschien eine gigantische Spinne auf dem Weg und richtete sich drohend über Cedric auf.
»Stupor!«, schrie Harry; der Fluch traf den riesigen, haarigen Körper der Spinne, doch er hätte sie genauso gut mit einem Stein bewerfen können, so wenig richtete er aus; die Spinne zuckte, drehte sich blitzschnell um und ging nun auf Harry los.
»Stupor! Impedimenta! Stupor!«
Doch es nützte alles nichts – die Spinne war entweder zu groß oder so magisch, dass Flüche sie nur noch rasender machten – einen schrecklichen Augenblick lang sah Harry acht glimmende schwarze Augen und rasiermesserscharfe Greifscheren, dann war sie über ihm.
Sie zwängte ihn zwischen ihre Vorderbeine und hob ihn hoch; in verzweifelter Anstrengung schlug er mit den Füßen um sich; doch er stieß mit dem Bein gegen eine Greifschere, und ein unerträglicher, schneidender Schmerz durchdrang ihn – er hörte noch, wie auch Cedric »Stupor!« rief, doch sein Fluch richtete nicht mehr aus als der Harrys – die Spinne öffnete erneut ihre Greifzangen; Harry hob den Zauberstab und rief: »Expelliarmus!«
Der Entwaffnungszauber wirkte – die Spinne ließ ihn los, doch das hieß, dass er vier Meter tief auf sein schon verletztes Bein fiel und es unter sich begrub. Ohne weiter zu überlegen, zielte er nach oben auf den Bauch der Spinne, wie schon bei dem Kröter, und rief »Stupor!« – im selben Augenblick wie Cedric.
Die beiden Flüche bewirkten zusammen, was mit einem allein nicht zu schaffen war – die Spinne knickte seitlich ein und rollte auf den Rücken, walzte dabei eine Hecke nieder und versperrte den Weg mit einem Gewirr haariger Beine.
»Harry!«, hörte er Cedric rufen. »Bist du verletzt? Ist das Vieh auf dich gefallen?«
»Nein«, japste Harry. Er besah sich sein Bein. Es blutete heftig. Sein zerfetzter Umhang war mit einem zähen, klebrigen Sekret verschmiert. Er versuchte aufzustehen, doch sein Bein zitterte fürchterlich und wollte seine Last nicht tragen. Nach Luft schnappend lehnte er sich gegen die Hecke und sah sich um.
Cedric stand keine paar Meter vom Trimagischen Pokal entfernt, der hinter ihm schimmerte.
»Nun nimm ihn schon«, keuchte Harry. »Los, beeil dich, nimm ihn. Du stehst doch davor.«
Doch Cedric rührte sich nicht. Er stand nur da und musterte Harry. Dann drehte er sich um und sah den Pokal an. Im goldenen Licht der Trophäe konnte Harry den sehnsüchtigen Ausdruck in Cedrics Gesicht erkennen. Er drehte sich wieder zu Harry um, der sich inzwischen an die Hecke klammerte, um nicht einzuknicken.
Cedric holte tief Luft. »Nimm du ihn. Du solltest gewinnen. Du hast mir hier drin zweimal den Hals gerettet.«
»Darum geht es hier aber nicht«, sagte Harry. Er spürte Zorn in sich hochkochen; die Wunde an seinem Bein schmerzte, und alle Knochen im Leib taten ihm weh von dem Versuch, sich der Spinne zu entwinden. Und nach all dieser Mühsal war ihm Cedric auch noch zuvorgekommen, wie schon bei Cho, die er als Erster zum Ball gebeten hatte. »Wer den Pokal zuerst erreicht, kriegt die Punkte. Und das bist du. Ich kann nur sagen, dass ich mit meinem Bein jedenfalls kein Wettrennen gewinnen kann.«
Cedric ging ein paar Schritte weg vom Pokal auf die gelähmte Spinne zu und schüttelte den Kopf.
»Nein«, sagte er.
»Hör auf, so verdammt edelmütig zu sein«, sagte Harry gereizt. »Nimm ihn einfach, dann kommen wir endlich hier raus.«
Cedric sah stumm zu, wie Harry sich verzweifelt an der Hecke festklammerte, um nicht hinzufallen.
»Du hast mir von den Drachen erzählt«, sagte Cedric. »Ich wär schon in der ersten Runde untergegangen, wenn du mir nicht gesagt hättest, was drankommt.«
»Da hat mir auch jemand geholfen«, fauchte Harry und mühte sich, sein blutüberströmtes Bein mit dem Umhang abzuwischen. »Du hast mir bei diesem Ei geholfen – wir sind quitt.«
»Bei diesem Ei hat mir zuallererst jemand geholfen«, sagte Cedric.
»Trotzdem sind wir quitt«, sagte Harry und versuchte behutsam sein Bein zu belasten; es zitterte heftig, als er damit auftrat; beim Sturz von der Spinne hatte er sich den Knöchel verstaucht.
»Du hättest für die zweite Aufgabe mehr Punkte bekommen sollen«, sagte Cedric störrisch. »Du bist da unten geblieben und wolltest alle Geiseln mitnehmen. Das hätte ich auch tun sollen.«
»Ich war der Einzige, der so blöd war, dieses Lied ernst zu nehmen!«, sagte Harry erbittert. »Jetzt nimm schon diesen Pokal!«
»Nein«, sagte Cedric.
Er stieg über das Gewirr der Spinnenbeine herüber zu Harry, der ihn sprachlos anstarrte. Cedric meinte es ernst. Er verzichtete auf eine Ruhmestat, wie sie seit Jahrhunderten keinem aus dem Haus Hufflepuff mehr gelungen war.
»Geh schon«, sagte Cedric. Er sah aus, als würde ihn dies alle Entschlusskraft kosten, die er aufbringen konnte, doch mit seiner festen Miene und den verschränkten Armen wirkte er unerschütterlich.
Harry ließ den Blick von Cedric zum Pokal wandern. Einen schimmernden Moment lang sah er sich, den Pokal in Händen, aus dem Irrgarten auftauchen. Er sah sich den Trimagischen Pokal in die Höhe halten, hörte das Toben der Menge, sah Chos leuchtendes Gesicht, voll Bewunderung ihm zugewandt, sah es deutlicher als je zuvor … und dann verblasste das Bild und er starrte nur noch in Cedrics abgeschattetes, stures Gesicht.
»Wir beide«, sagte Harry.
»Was?«
»Wir nehmen ihn gleichzeitig. Dann ist es trotzdem ein Sieg für Hogwarts. Wir teilen ihn uns.«
Cedric starrte Harry an. Seine Arme lösten sich aus der Verschränkung. »Das – das meinst du ernst?«
»Ja«, sagte Harry. »Ja … wir haben uns gegenseitig geholfen, oder nicht? Wir sind beide so weit gekommen. Dann nehmen wir ihn eben gemeinsam.«
Einen Moment lang sah Cedric aus, als wolle er seinen Ohren nicht trauen; doch dann trat ein breites Lächeln auf sein Gesicht.
»Einverstanden«, sagte er. »Komm mit.«
Er packte Harry unter der Achsel und half ihm, auf den Sockel mit dem Pokal zuzuhumpeln. Als sie davorstanden, hielt jeder die Hand über einen der schimmernden Henkel des Pokals.
»Bei drei, ja?«, sagte Harry. »Eins – zwei – drei –«
Beide packten zu.
Im selben Moment spürte Harry irgendwo hinter seinem Nabel ein Reißen. Er verlor den Boden unter den Füßen. Er konnte seinen Griff um den Trimagischen Pokal nicht lockern, der ihn mit sich riss und Cedric an seiner Seite, hinein in einen zornig wirbelnden Sturm aus Farben.
Fleisch, Blut und Knochen
Harry spürte, wie seine Füße auf die Erde schlugen; sein verletztes Bein knickte ein und er stürzte zu Boden; endlich konnte er seine Hand vom Trimagischen Pokal lösen. Er hob den Kopf.
»Wo sind wir?«, fragte er.
Cedric schüttelte den Kopf. Er stand auf und zog Harry auf die Beine. Sie blickten sich um.
Hier mussten sie fern von Hogwarts sein; offenbar waren sie viele, vielleicht sogar Hunderte von Kilometern gereist, denn selbst die Berge der Umgebung von Hogwarts waren nicht mehr zu sehen. Sie standen stattdessen auf einem dunklen, überwucherten Friedhof; hinter einer großen Eibe zur Rechten war der schwarze Umriss einer kleinen Kirche zu erkennen. Zur Linken ragte ein Hügel auf. Harry konnte eben noch die Umrisse eines stattlichen alten Hauses hoch oben auf der Kuppe erkennen.
Cedric warf einen Blick auf den Trimagischen Pokal am Boden und sah dann zu Harry auf.
»Hat dir jemand gesagt, dass der Pokal ein Portschlüssel ist?«, fragte er.
»Ne«, sagte Harry. Er ließ die Augen über den Friedhof wandern. Es war vollkommen still hier und ein wenig unheimlich. »Soll das hier vielleicht zur Aufgabe gehören?«
»Keine Ahnung«, antwortete Cedric. Er klang leicht nervös. »Zauberstäbe raus, meinst du nicht?«
»Ja«, sagte Harry, froh, dass Cedric den Vorschlag gemacht hatte und nicht er.
Sie zogen ihre Zauberstäbe. Harry schaute umher. Wieder einmal hatte er das merkwürdige Gefühl, beobachtet zu werden.
»Da kommt jemand«, sagte er plötzlich.
Angestrengt durch die Dunkelheit spähend, sahen sie eine Gestalt, die zwischen den Gräbern hindurch geradewegs auf sie zukam. Harry konnte ihr Gesicht nicht erkennen; doch nach dem Gang und der Haltung der Arme zu schließen, musste die Gestalt etwas mit sich tragen. Wer immer es war, er war klein und hatte die Kapuze des Umhangs tief über den Kopf gezogen, um das Gesicht zu verbergen. Die Gestalt war nun schon deutlicher zu erkennen und kam immer noch näher – und jetzt erkannte Harry, dass das, was die Gestalt in den Armen trug, wie ein Baby aussah … oder war es nur ein zusammengerollter Umhang?
Harry ließ den Zauberstab sinken und sah Cedric aus den Augenwinkeln an.
Cedric versetzte ihm einen kurzen, ratlosen Blick. Dann wandten sie sich wieder der näher kommenden Gestalt zu.
Sie blieb neben einem übermannshohen marmornen Grabstein stehen, nur zwei Meter von ihnen entfernt. Eine Sekunde lang sahen sich Harry, Cedric und die kleine Gestalt an.
Und dann, ohne Vorwarnung, loderte Harrys Narbe vor Schmerz auf. Eine solche Höllenqual hatte er noch nie durchlitten; der Zauberstab glitt Harry aus den Fingern und er schlug die Hände vors Gesicht; seine Knie gaben nach, er stürzte zu Boden, schwarze Nacht umhüllte ihn, und sein Kopf schien im nächsten Augenblick platzen zu wollen.
Von weit oben hörte er eine hohe, kalte Stimme: »Töte den Überflüssigen.«
Harry hörte ein Sirren, und eine zweite Stimme kreischte in die Nacht: »Avada Kedavra!«
Ein gleißender Strahl grünen Lichts drang durch Harrys Augenlider und er hörte etwas Schweres neben sich zu Boden stürzen; der Schmerz seiner Narbe wurde so unerträglich, dass er würgen musste, und dann ließ er nach; es graute ihm vor dem, was er gleich sehen würde, und er öffnete seine schmerzenden Augen.
Cedric lag neben ihm auf der Erde, Arme und Beine von sich gestreckt. Er war tot.
Eine Sekunde, die eine Ewigkeit umfasste, starrte Harry in Cedrics Gesicht, in seine offenen grauen Augen, leer und ausdruckslos wie die Fenster eines verlassenen Hauses, auf Cedrics wie in leichter Überraschung geöffneten Mund. Und dann, noch bevor Harry richtig aufgenommen hatte, was er da sah, bevor er mehr fühlen konnte als dumpfes Erstaunen, spürte er, wie er auf die Beine gezogen wurde.
Der kleine Mann mit dem Kapuzenumhang hatte sein Stoffbündel auf die Erde gelegt, seinen Zauberstab erstrahlen lassen und schleifte Harry jetzt auf den marmornen Grabstein zu. Im flackernden Licht des Zauberstabs sah Harry den Namen auf dem Stein, dann wurde er herumgezerrt und mit dem Rücken gegen den Stein geschmettert.
TOM RIDDLE
Der Mann im Kapuzenmantel beschwor Seile herauf, die Harry vom Hals bis zu den Fußgelenken an den Grabstein zurrten. Harry hörte flache, schnelle Atemzüge aus der Tiefe der Kapuze; er zerrte und zog an seinen Fesseln, und der Mann schlug ihn – schlug ihn mit einer Hand, an der ein Finger fehlte. Jetzt wusste Harry, wer sich unter der Kapuze verbarg. Es war Wurmschwanz.
»Du!«, keuchte er.
Doch Wurmschwanz, der nun mit dem Heraufbeschwören der Seile fertig war, antwortete nicht; er war damit beschäftigt, zu prüfen, ob die Seile straff genug saßen. Mit fahrig zitternden Fingern betastete er die Knoten. Als er sich vergewissert hatte, dass Harry so straff an den Grabstein gefesselt war, dass er sich nicht mehr rühren konnte, zog er ein Stück schwarzen Stoffes aus dem Umhang und stopfte es grob in Harrys Mund; dann, ohne ein Wort zu sagen, wandte er sich ab und eilte davon. Harry brachte keinen Laut hervor, noch konnte er sehen, wo Wurmschwanz hingegangen war; er konnte den Kopf nicht drehen und hinter den Grabstein blicken; er sah nur, was direkt vor ihm war.
Sechs Meter von ihm entfernt lag Cedrics Leiche. Nicht weit dahinter leuchtete der Trimagische Pokal im Sternenlicht. Harrys Zauberstab lag auf der Erde zu seinen Füßen. Das Umhangbündel, das Harry für ein Baby gehalten hatte, lag ganz in der Nähe, am Fuß des Grabes. Etwas regte sich darin, gereizt und ungeduldig, wie es schien. Noch während Harry es beobachtete, jagte erneut der brennende Schmerz durch seine Narbe … und plötzlich wusste er: Er wollte nicht sehen, was in diesem Umhang war … er wollte nicht, dass sich das Bündel öffnete …
Zu seinen Füßen raschelte es. Er blickte hinunter und sah eine riesige Schlange durch das Gras gleiten und einen Kreis um den Grabstein ziehen, an den er gefesselt war. Wieder drang Wurmschwanz’ hastiges, pfeifendes Atmen an seine Ohren. Es klang, als würde er etwas Schweres über den Boden schleifen. Er tauchte in Harrys Gesichtskreis auf, und nun sah Harry, dass er einen Kessel an den Fuß des Grabes schob. Er schien mit etwas wie Wasser gefüllt zu sein – Harry konnte es schwappen hören – und war größer als irgendein Kessel, den Harry je benutzt hatte; ein ausladender steinerner Bauch, so groß, dass ein Mann darin sitzen konnte.
Das Etwas in dem Umhangbündel regte sich nun heftiger, als wollte es sich daraus befreien. Wurmschwanz machte sich jetzt mit dem Zauberstab am Fuß des Kessels zu schaffen. Plötzlich züngelten knisternde Flammen vom Kesselboden her auf. Die große Schlange glitt in die Dunkelheit davon.
Die Flüssigkeit im Kessel schien rasch heiß zu werden. An der Oberfläche begann es zu brodeln, und prasselnde Funken stoben in die Höhe, als ob sie in Flammen stünde. Dichter Dampf wallte auf und ließ Wurmschwanz’ über das Feuer gebeugte Gestalt verschwimmen. Das Etwas unter dem Umhang schien erregt zu zappeln. Und wieder hörte Harry die hohe, kalte Stimme.
»Beeil dich!«
Das Wasser leuchtete im Licht der Funken, als wäre die ganze Oberfläche mit Diamanten gesprenkelt.
»Es ist bereit, Meister.«
»Nun …«, sagte die kalte Stimme.
Wurmschwanz bückte sich nach dem Bündel auf der Erde und begann es aufzuwickeln, enthüllte, was in ihm verborgen war. Harry stieß einen Schrei aus, der in dem Stofffetzen in seinem Mund erstickte.
Es war, als hätte Wurmschwanz einen Stein umgedreht; etwas Hässliches, Schleimiges und Blindes war zum Vorschein gekommen – doch schlimmer noch, hundertmal schlimmer. Was Wurmschwanz mit sich getragen hatte, hatte die Gestalt eines zusammengekauerten menschlichen Kindes, allerdings hatte er noch nie etwas gesehen, das einem Kind so wenig ähnelte. Es hatte keine Haare und seine Haut schien geschuppt und von einem dunklen, schrundigen Rotschwarz. Die Arme und Beine waren dünn und zerbrechlich, und das Gesicht – kein lebendes Kind hatte je so ein Gesicht gehabt – war flach und schlangengleich, mit rot schimmernden Augen.
Das Wesen schien fast gänzlich hilflos; es hob seine dürren Arme, schlang sie um Wurmschwanz’ Hals, und Wurmschwanz hob es hoch. Dabei rutschte ihm die Kapuze vom Kopf, und Harry sah im Licht des Feuers den Ausdruck des Abscheus in seinem schlaffen, bleichen Gesicht, als er das Geschöpf zum Kesselrand trug. Einen Moment lang sah Harry das böse, flache Gesicht des Wesens im Licht der Funken, die über dem Zaubertrank tanzten. Und dann tauchte Wurmschwanz das Geschöpf in den Kessel ein; ein Zischen, und es versank; Harry hörte den zerbrechlichen Körper leise und dumpf auf dem Kesselboden aufschlagen.
Wenn es doch ersaufen würde, dachte Harry, und seine Narbe brannte fast unerträglich, bitte … wenn es doch ersaufen würde …
Wurmschwanz sprach. Seine Stimme bebte, die Angst schien ihn um den Verstand zu bringen. Er hob den Zauberstab, schloss die Augen und sprach in die Nacht hinein: »Knochen des Vaters, unwissentlich gegeben, du wirst deinen Sohn erneuern!«
Die Grabplatte unter Harrys Füßen knackte. Von Grauen erfüllt sah Harry, wie ein schmaler Staubwirbel auf Wurmschwanz’ Befehl hin aus dem Grab aufstieg und dann sanft in den Kessel fiel. Die diamantene Oberfläche des Wassers teilte sich unter scharfem Zischen; Funken stoben kreuz und quer aus dem Kessel und nahmen ein lebhaftes, giftig wirkendes Blau an.
Und jetzt konnte er Wurmschwanz wimmern hören. Er zog einen langen, silbern schimmernden Dolch aus seinem Mantel. Seine Stimme war ein abgehacktes, vor Angst versteinertes Schluchzen. »Fleisch – des Dieners – w-willentlich gegeben – du wirst – deinen Meister – wiederbeleben.«
Er streckte die rechte Hand aus – die Hand mit dem fehlenden Finger. Er packte den Dolch fest mit der Linken und schwang ihn nach oben.
Harry wurde erst in letzter Sekunde klar, was Wurmschwanz da tat – er schloss die Augen, so fest er konnte, doch den Schrei, der die nächtliche Stille zerriss, musste er hören, und er durchstach Harry, als ob der Dolch in ihn eingedrungen wäre. Er hörte etwas zu Boden fallen, hörte das angstgequälte Keuchen von Wurmschwanz, dann ein Brechreiz erregendes Platschen von etwas, das in den Kessel fiel. Harry konnte es nicht ertragen hinzusehen … doch das Gebräu hatte ein brennendes Rot angenommen, so hell, dass es durch Harrys geschlossene Augenlider leuchtete …
Wurmschwanz keuchte und stöhnte unter seinen Qualen. Erst als Harry seinen angsterfüllten Atem auf seinem Gesicht spürte, wurde ihm jäh bewusst, dass er direkt vor ihm stand.
»B-Blut des Feindes – mit Gewalt genommen – du wirst – deinen Gegner wieder erstarken lassen.«
Harry konnte nichts tun, um es zu verhindern, die Seile waren zu straff um ihn gespannt … er blickte hinunter, sträubte sich verzweifelt gegen die Fesseln, und dann sah er den silbernen Dolch in Wurmschwanz’ verbliebener Hand zittern. Er spürte, wie sich die Spitze durch die Beuge seines rechten Armes bohrte und Blut den Ärmel seines zerrissenen Umhangs hinabsickerte. Wurmschwanz, vor Schmerz immer noch keuchend, stöberte in seiner Tasche nach einer Phiole und hielt sie unter Harrys Wunde; ein dünnes Blutrinnsal tröpfelte in das Glas.
Mit Harrys Blut stolperte Wurmschwanz zurück zum Kessel. Er schüttete es hinein. Sofort nahm das Gebräu im Kessel ein blendend helles Weiß an. Nun, da er seine Arbeit getan hatte, fiel Wurmschwanz neben dem Kessel auf die Knie, sackte zur Seite und blieb auf der Erde liegen, keuchend und schluchzend, und verbarg den blutenden Armstumpf unter seinem Körper.
Der Kessel brodelte und versprühte seine diamantenen Funken so blendend hell, dass alles andere in samtene Dunkelheit getaucht wurde. Nichts geschah …
Lass es ertrunken sein, dachte Harry, lass es misslungen sein …
Und dann, ganz plötzlich, erlosch das Funkengestiebe über dem Kessel. Weißer Dampf quoll in dicken Schwaden aus dem Kessel und tauchte alles vor Harry in weißes Nichts, so dass er weder Wurmschwanz noch Cedric noch sonst etwas sehen konnte, nur den Dampf, der in der Luft hing … es ist fehlgeschlagen, dachte er … es ist ertrunken … bitte … bitte, lass es tot sein …
Doch dann – und eine eisige Woge des Grauens überkam ihn –, dann sah er durch den Nebel hindurch, wie der dunkle Umriss eines Mannes, groß und dürr wie ein Skelett, langsam aus dem Innern des Kessels aufstieg.
»Meinen Umhang«, sagte die hohe, kalte Stimme hinter der Nebelwand, und Wurmschwanz, schluchzend und wimmernd, den verstümmelten Arm noch immer schützend an den Leib gepresst, stolperte hinüber und griff nach dem schwarzen Umhang auf der Erde, richtete sich auf, streckte seine verbliebene Hand aus und zog den Umhang über die Schultern seines Gebieters.
Der dürre Mann stieg langsam aus dem Kessel und starrte Harry an … und Harry starrte zurück in dieses Gesicht, das ihn drei Jahre lang in seinen Alpträumen verfolgt hatte. Weißer als ein Schädel, mit weiten, scharlachrot lodernden Augen und einer Nase, die so platt war wie die einer Schlange, mit Schlitzen als Nüstern …
Lord Voldemort war wiedererstanden.
Die Todesser
Voldemort wandte die Augen von Harry ab und begann seinen Körper zu untersuchen. Seine Hände waren wie große, bleiche Spinnen; mit den langen Fingern streichelte er seine Brust, die Arme, das Gesicht; die roten Pupillen, katzengleich zu Schlitzen verengt, glommen noch heller durch die Nacht. Er hob die Hände hoch und krümmte mit verzückt triumphierendem Blick die Finger. Von Wurmschwanz, der zuckend und blutend am Boden lag, nahm er nicht die geringste Notiz, noch von der großen Schlange, die herbeigeglitten war und erneut ihren zischelnden Kreis um Harry zog. Voldemort schob eine der unnatürlich langfingrigen Hände tief in die Tasche und zog einen Zauberstab hervor. Auch ihn streichelte er sanft; und dann richtete er ihn auf Wurmschwanz, der in die Höhe gerissen und gegen den Grabstein geschleudert wurde, an den Harry gefesselt war; Wurmschwanz fiel zurück auf die Erde und blieb zusammengekrümmt und weinend am Fuß des Grabsteins liegen. Voldemort wandte seine scharlachroten Augen wieder Harry zu und ließ sein hohes, kaltes, freudloses Lachen hören.
Wurmschwanz’ Umhang glänzte vor Blut; er hatte seinen Armstumpf darin eingewickelt. »Herr …«, würgte er hervor, »Herr … Ihr habt versprochen … Ihr habt versprochen …«
»Streck deinen Arm aus«, sagte Voldemort träge.
»Oh, Herr … ich danke Euch, Herr …«
Er schob den blutigen Stumpf unter seinem Körper hervor, doch Voldemort lachte nur. »Den anderen Arm, Wurmschwanz.«
»Herr, bitte … bitte …«
Voldemort bückte sich und zog Wurmschwanz’ linken Arm unter ihm hervor; dann schob er den Ärmel des Umhangs über Wurmschwanz’ Ellbogen, und Harry konnte jetzt etwas auf der Haut des Unterarms erkennen, das aussah wie eine brennend rote Tätowierung – ein Totenschädel, aus dessen Mund eine Schlange drang –, das Zeichen, das bei der Quidditch-Weltmeisterschaft am Himmel erschienen war: das Dunkle Mal. Voldemort untersuchte es sorgfältig, ohne auf Wurmschwanz’ krampfartiges Schluchzen zu achten.
»Es ist wieder da«, sagte er leise, »sie werden es alle bemerkt haben … und jetzt werden wir sehen … jetzt werden wir erfahren …«
Er drückte seinen langen weißen Zeigefinger auf das Brandmal an Wurmschwanz’ Arm.
Erneut loderte ein brennender Schmerz durch Harrys Stirnnarbe und Wurmschwanz stieß einen markerschütternden Schrei aus. Voldemort löste den Finger von Wurmschwanz’ Mal, und Harry sah, dass es sich pechschwarz verfärbt hatte.
Mit einem Ausdruck grausamer Genugtuung richtete sich Voldemort auf, warf den Kopf zurück und blickte auf dem dunklen Friedhof umher.
»Wie viele werden wohl den Mut haben zurückzukehren, wenn sie es spüren?«, flüsterte er, die glimmenden roten Augen auf die Sterne gerichtet. »Und wie viele werden dumm genug sein, nicht zu kommen?«
Er begann vor Harry und Wurmschwanz auf und ab zu schreiten, während er mit den Augen wachsam den Friedhof absuchte. Nach etwa einer Minute sah er auf Harry hinab und ein grausames Lächeln spielte über sein schlangenartiges Gesicht.
»Harry Potter, du stehst auf den sterblichen Überresten meines Vaters«, zischte er leise. »Ein Muggel und ein Tor … deiner lieben Mutter sehr ähnlich. Doch beide waren sie von Nutzen, nicht wahr? Deine Mutter starb, um dich, ihr Kind, zu schützen … und ich tötete meinen Vater, doch sieh nur, wie nützlich er sich noch im Tod erwiesen hat …«
Erneut lachte Voldemort auf. Er schritt auf und ab, wachsame Blicke über den Friedhof werfend, und die Schlange zog ihre Kreise im Gras.
»Siehst du das Haus dort oben auf dem Hügel, Potter? Dort lebte mein Vater. Meine Mutter, eine Hexe, die hier in diesem Dorf lebte, verliebte sich in ihn. Doch er verließ sie, als sie ihm sagte, was sie war … er mochte keine Zauberei, mein Vater …
Er ließ sie im Stich und kehrte zu seinen Muggeleltern zurück, noch bevor ich überhaupt geboren war, Potter, und sie starb bei meiner Geburt, so dass man mich in einem Waisenhaus der Muggel großzog … doch ich schwor mir, ihn zu finden … ich rächte mich an ihm, an diesem Dummkopf, der mir seinen Namen gab … Tom Riddle …«
Noch immer schritt er auf und ab und die roten Augen huschten von Grab zu Grab.
»Höre, wie ich noch einmal die Geschichte meiner Familie durchlebe …«, sagte er leise. »Aber ich werde nicht noch rührselig werden … Doch sieh, Harry! Meine wahre Familie kehrt zurück …«
Plötzlich war die Luft erfüllt vom Rascheln und Rauschen vieler Umhänge. Zwischen den Gräbern, hinter der Eibe, tief in den Schatten, apparierten Zauberer. Alle waren maskiert und trugen Kapuzen. Und einer nach dem anderen kam auf sie zu … langsam, vorsichtig, als würden sie ihren Augen kaum trauen. Voldemort stand schweigend da und erwartete sie. Dann sank einer der Todesser auf die Knie, rutschte auf Voldemort zu und küsste den Saum seines schwarzen Umhangs.
»Herr … Herr …«, murmelte er.
Die Todesser hinter ihm taten es ihm nach; einer nach dem anderen näherte sich Voldemort auf Knien und küsste ihm den Umhang, wich dann zurück und erhob sich. Alle zusammen bildeten sie einen stummen Kreis um Tom Riddles Grab, um Harry, Voldemort und den schluchzenden und zuckenden Haufen, der Wurmschwanz war. Doch sie ließen Lücken im Kreis, als warteten sie auf noch Kommende. Voldemort jedoch schien keinen mehr zu erwarten. Er sah reihum in die maskierten Gesichter, und obwohl es windstill war, schien ein Rascheln durch den Kreis zu laufen, als ob er zitterte.
»Willkommen, Todesser«, sagte Voldemort leise. »Dreizehn Jahre … dreizehn Jahre seit unserer letzten Zusammenkunft … so sind wir denn noch immer vereint unter dem Dunklen Mal! Oder nicht?«
Er reckte sein schreckliches Gesicht in die Luft und schnüffelte und seine schlitzartigen Nüstern weiteten sich.
»Ich rieche Schuld«, sagte er. »Der Gestank von Schuld liegt in der Luft.«
Erneut lief ein Schaudern durch den Kreis, als ob jeder der Versammelten sich danach sehnte, doch es nicht wagte, vor ihm zurückzuweichen.
»Ich sehe euch hier versammelt, gesund und unversehrt, auf der Höhe eurer Zauberkraft – welch promptes Erscheinen! –, und ich frage mich … warum ist diese Bande von Zauberern ihrem Herrn, dem sie ewige Treue geschworen hatte, nie zu Hilfe geeilt?«
Keiner sprach. Keiner rührte sich außer Wurmschwanz, der schluchzend über seinen Arm gebeugt auf der Erde lag.
»Und ich antworte mir selbst«, flüsterte Voldemort. »Sie müssen geglaubt haben, ich sei gebrochen, sie glaubten, ich sei vernichtet. Sie schlichen sich wieder unter meine Feinde und verkündeten, sie seien unschuldig, sie hätten nichts gewusst, sie seien meinem Zauber unterworfen gewesen …
Und dann frage ich mich, weshalb nur konnten sie glauben, ich würde nicht wiedererstehen? Sie, die die Schritte kannten, die ich vor langer Zeit tat, um mich vor dem endgültigen Tod zu schützen? Sie, die mit eigenen Augen gesehen haben, wie weit meine Macht reichte in jener Zeit, da ich mächtiger war als jeder lebende Zauberer?
Und ich sage mir, vielleicht glaubten sie, eine noch größere Macht könne existieren, eine, die selbst Lord Voldemort besiegen könne … vielleicht huldigen sie nun einem anderen … vielleicht diesem Fürsprecher der Gewöhnlichen, der Schlammblüter und Muggel, Albus Dumbledore.«
Bei der Erwähnung von Dumbledores Namen lief ein nervöses Zittern durch den Kreis, einige begannen zu murmeln und schüttelten den Kopf.
Voldemort achtete nicht auf sie. »Es ist eine Enttäuschung für mich … ich bekenne, dass ich enttäuscht bin …«
Plötzlich brach einer der Männer aus dem Kreis aus und stürzte nach vorn. Am ganzen Leib zitternd brach er zu Voldemorts Füßen zusammen.
»Herr!«, kreischte er. »Herr, vergebt mir! Vergebt uns allen!«
Voldemort fing an zu lachen. Er richtete seinen Zauberstab auf ihn. »Crucio!« Der Todesser auf der Erde krümmte sich und schrie; Harry war sich sicher, dass der Lärm zu den Häusern in der Umgebung dringen würde … ruft die Polizei, dachte er verzweifelt … wen auch immer … tut irgendwas …
Voldemort hob den Zauberstab. Der gequälte Todesser lag ausgestreckt und nach Luft ringend auf der Erde.
»Steh auf, Avery«, sagte Voldemort leise. »Steh auf. Du bittest um Vergebung? Ich vergebe nicht. Ich vergesse nicht. Dreizehn lange Jahre … ich will dreizehn Jahre zurückbezahlt haben, bevor ich dir vergebe. Wurmschwanz hier hat bereits einen Teil seiner Schuld beglichen, nicht wahr, Wurmschwanz?«
Er sah auf Wurmschwanz hinab, der weiterschluchzte.
»Du bist zu mir zurückgekehrt, nicht aus Treue, sondern aus Angst vor deinen alten Freunden. Du verdienst diesen Schmerz, Wurmschwanz. Das weißt du doch?«
»Ja, Herr«, stöhnte Wurmschwanz, »bitte, Herr, bitte …«
»Doch hast du geholfen, mir meinen Körper wiederzugeben«, sagte Voldemort mit kaltem Blick auf den schluchzenden Wurmschwanz am Boden. »So wertlos und verräterisch du auch bist, du hast mir geholfen … und Lord Voldemort belohnt seine Helfer …«
Voldemort hob den Zauberstab und ließ ihn durch die Luft wirbeln. Es schien, als würde die Spitze eine leuchtende Schliere aus geschmolzenem Silber hinter sich lassen. Einen Moment lang noch formlos, verschlang sie sich und nahm dann Gestalt an, die schimmernde Nachbildung einer menschlichen Hand, hell wie das Mondlicht. Sie flog zur Erde und fügte sich an Wurmschwanz’ blutendes Handgelenk an.
Wurmschwanz hörte schlagartig auf zu schluchzen. Rasselnd und stockend atmend hob er den Kopf und starrte ungläubig seine silberne Hand an, die sich jetzt nahtlos mit seinem Arm verbunden hatte, so dass es schien, als würde er einen silbern leuchtenden Handschuh tragen. Er krümmte die schimmernden Finger, dann hob er zitternd einen kleinen Zweig von der Erde und zerrieb ihn zu Holzmehl.
»Herr«, flüsterte er. »Herr … sie ist wunderbar … ich danke Euch … ich danke Euch …«
Er rutschte auf den Knien vor und küsste den Saum von Voldemorts Umhang.
»Auf dass du nie mehr wanken mögest in deiner Treue, Wurmschwanz«, sagte Voldemort.
»Nein, Herr … niemals, Herr …«
Wurmschwanz erhob sich und nahm seinen Platz in dem Kreis ein, den Blick unablässig auf seine kräftige neue Hand gerichtet, das Gesicht noch tränenverschmiert. Voldemort näherte sich jetzt dem Mann rechts neben Wurmschwanz.
»Lucius, mein aalglatter Freund«, flüsterte er und blieb vor ihm stehen. »Wie ich höre, hast du die alten Bräuche nicht aufgegeben, auch wenn du der Welt ein Achtung heischendes Gesicht zeigst. Du bist immer noch der Erste, wenn es darum geht, die Muggel ein wenig zu quälen? Doch hast du nie versucht, mich zu finden, Lucius … deine Großtaten bei der Quidditch-Weltmeisterschaft waren vergnüglich, zugestanden … doch hättest du deine Kräfte nicht besser darauf verwandt, deinen Herrn zu finden und ihm zu helfen?«
»Herr, ich war immer bereit«, drang Lucius Malfoys Stimme hastig unter der Kapuze hervor. »Hätte es irgendein Zeichen von Euch gegeben, irgendein Geflüster, wo Ihr seid, ich wäre sofort an Eurer Seite gewesen, nichts hätte mich aufhalten können –«
»Und doch flohst du vor meinem Dunklen Mal, als ein treuer Todesser es letzten Sommer gen Himmel schickte?«, sagte Voldemort träge und Malfoy verstummte schlagartig. »Ja, ich weiß alles darüber, Lucius … du hast mich sehr enttäuscht … in Zukunft erwarte ich treuere Gefolgschaft.«
»Natürlich, Herr, natürlich … Ihr seid gnädig, ich danke Euch …«
Voldemort ging ein paar Schritte weiter, hielt dann inne und schaute auf den leeren Platz – breit genug für zwei –, der Malfoy und den nächsten Mann trennte.
»Die Lestranges sollten hier stehen«, sagte Voldemort leise. »Sie sind lebendig begraben in Askaban. Sie waren mir treu. Sie gingen lieber nach Askaban, als mir abzuschwören … wenn wir die Mauern von Askaban sprengen, werden wir die Lestranges ehren, wie sie es nie zu träumen wagten. Die Dementoren werden sich uns anschließen … sie sind unsere natürlichen Verbündeten … wir werden die Riesen aus der Verbannung zurückrufen … ich werde all meine hingebungsvollen Diener wieder um mich scharen, und auch ein Heer von Kreaturen, das alle fürchten werden …«
Er schritt weiter. An einigen Todessern ging er schweigend vorbei, vor anderen blieb er stehen und sprach sie an.
»Macnair … wie mir Wurmschwanz mitteilt, vernichtest du jetzt gefährliche Biester im Dienst des Ministeriums? Du wirst bald bessere Opfer bekommen, Macnair. Lord Voldemort wird dafür sorgen …«
»Ich danke Euch, Herr … danke …«, murmelte Macnair.
»Und hier –«, Voldemort trat auf die beiden größten der vermummten Gestalten zu, »hier haben wir Crabbe … diesmal wirst du dich besser bewähren, nicht wahr, Crabbe? Auch du, Goyle?«
Beide verneigten sich linkisch und murmelten dumpfe Worte.
»Ja, Herr …«
»Das werden wir, Herr …«
»Dasselbe gilt für dich, Nott«, sagte Voldemort leise, als er an einer gedrungenen Gestalt in Goyles Schatten vorbeiging.
»Herr, ich werfe mich vor Euch in den Staub, ich bin Euer demütigster –«
»Das reicht«, sagte Voldemort.
Er kam zur größten Lücke zwischen den Gestalten und suchte sie mit seinen leeren roten Augen ab, als könne er dort jemanden stehen sehen.
»Und hier haben wir sechs fehlende Todesser … drei, getötet in meinen Diensten. Einer, zu feige, um zurückzukehren … er wird dafür bezahlen. Einer, von dem ich glaube, dass er mich für immer verlassen hat … dafür wird er natürlich sterben … und einer, der mein treuester Diener blieb und bereits jetzt wieder in meinem Dienst steht.«
Ein Rascheln lief durch den Kreis der Todesser; Harry sah, wie sie sich durch die Augenschlitze ihrer Masken verstohlene Blicke zuwarfen.
»Er ist in Hogwarts, dieser treue Diener, und seinen Mühen ist es zu verdanken, dass unser junger Freund heute Abend hier sein kann … Ja«, sagte Voldemort, und sein lippenloser Mund kräuselte sich zu einem Grinsen, während alle Augen des Kreises in Harrys Richtung blitzten. »Harry Potter war so freundlich, zu meiner Wiedergeburtsfeier zu kommen. Man könnte sogar so weit gehen und ihn als meinen Ehrengast bezeichnen.«
Alle schwiegen. Schließlich trat der Todesser rechts von Wurmschwanz ein paar Schritte vor und durch die Maske drang die Stimme von Lucius Malfoy.
»Herr, wir flehen Euch an … wir bitten Euch inständig … zu erklären, wie Ihr dieses … dieses Wunder vollbracht habt … wie Ihr es geschafft habt, zu uns zurückzukehren …«
»Aah, welch eine Geschichte, Lucius«, sagte Voldemort. »Und sie beginnt – und endet – mit unserem Freund hier.«
Er kam mit lässigen Schritten auf Harry zu und trat an seine Seite, und aller Augen im Rund richteten sich auf sie. Die Schlange zog weiter ihren Kreis.
»Ihr wisst natürlich, dass sie diesen Jungen als mein Schicksal bezeichnet haben?«, sagte Voldemort leise, die roten Augen auf Harry gerichtet, dessen Narbe so rasend zu brennen begann, dass er vor Qual fast geschrien hätte.
»Ihr alle wisst, dass ich in der Nacht, da ich meine Macht und meinen Körper verlor, versucht hatte, ihn zu töten. Seine Mutter starb, weil sie ihn retten wollte – und schützte ihn damit unwissentlich auf eine Weise, die ich, zugegeben, nicht vorausgesehen hatte … ich konnte den Jungen nicht berühren …«
Voldemort hob einen seiner langen weißen Finger und führte ihn ganz nahe an Harrys Wange heran. »Seine Mutter hat die Spuren ihres Opfers auf ihm hinterlassen … das ist uralte Magie, ich hätte es wissen sollen, wie dumm von mir, dies zu übersehen … doch nun ist es gleich. Ich kann ihn jetzt berühren.«
Harry spürte, wie ihn die Spitze des langen weißen Fingers berührte, und dachte, sein Kopf müsse bersten vor Schmerz.
Voldemort lachte ihm leise ins Ohr, dann nahm er den Finger weg und fuhr an die Todesser gewandt fort: »Ich hatte mich verschätzt, meine Freunde, zugegeben. Das törichte Opfer dieser Frau hat meinen Fluch abprallen lassen und er ist auf mich zurückgefallen. Aaah … Schmerz, unvorstellbarer Schmerz, meine Freunde; nichts hätte mich dagegen wappnen können. Ich wurde aus meinem Körper gerissen, ich war weniger als ein Geist, weniger als das kläglichste Gespenst … und doch, ich lebte. Was ich war – nicht einmal ich selbst weiß es … Ich, der ich weiter als alle anderen gegangen bin auf dem Weg, der zur Unsterblichkeit führt. Ihr kennt mein Ziel – den Tod zu besiegen. Und nun wurde ich geprüft, und es schien, als wäre das eine oder andere meiner Experimente gelungen … denn ich war nicht getötet worden, obwohl der Fluch dies hätte bewirken müssen. Dennoch war ich so kraftlos wie die schwächste lebende Kreatur und der Mittel beraubt, mir selbst zu helfen … denn ich hatte keinen Körper, und jeder Zauber, der mir hätte helfen können, verlangte einen Zauberstab …
Ich weiß nur noch, dass ich mich schlaflos, endlos, Sekunde um Sekunde dazu zwang, nur zu existieren … ich ließ mich in einem fernen Land nieder, in einem Wald, und ich wartete … gewiss würde einer meiner getreuen Todesser auf die Suche nach mir gehen … einer würde kommen und den Zauber über mich sprechen, den ich nicht sprechen konnte, und mir meinen Körper zurückgeben … doch ich wartete vergeblich …«
Erneut lief ein Schauder durch den Kreis der lauschenden Todesser.
Voldemort wartete, bis die Stille eine fürchterliche Spannung angenommen hatte, dann fuhr er fort: »Nur ein Vermögen war mir geblieben. Ich konnte mich der Körper anderer bemächtigen. Doch ich wagte es nicht, dort hinzugehen, wo sich viele Menschen aufhielten, denn ich wusste, dass die Auroren immer noch in fremde Länder ausschwärmten und mich suchten. Manchmal bewohnte ich Tiere – Schlangen mochte ich natürlich besonders –, doch erging es mir in ihnen kaum besser denn als bloßer Geist, da ihre Körper nicht dazu geeignet waren, Zauber auszuführen … und dass ich von ihnen Besitz ergriffen hatte, verkürzte ihr Leben; keines davon lebte lang …
Dann … vor vier Jahren … schien meine Rückkehr greifbar nahe zu sein. Ein Zauberer – jung, töricht und leichtgläubig – lief mir in dem Wald, in dem ich hauste, über den Weg. Oh, er schien genau die Chance zu bieten, von der ich geträumt hatte … denn er war ein Lehrer an Dumbledores Schule … es war ein Leichtes, ihn meinem Willen zu unterwerfen … er brachte mich zurück in dieses Land, und nach einiger Zeit nahm ich von seinem Körper Besitz, um ihn streng zu überwachen, wenn er meine Befehle ausführte. Doch mein Plan scheiterte. Es gelang mir nicht, den Stein der Weisen zu stehlen. Ich sollte mir nicht das ewige Leben sichern können. Mein Vorhaben wurde durchkreuzt … abermals durchkreuzt von Harry Potter …«
Wieder trat Stille ein; nichts regte sich, nicht einmal die Blätter der Eibe. Die Todesser standen vollkommen reglos da, die glitzernden Augen unter ihren Masken wie gebannt auf Voldemort und Harry gerichtet.
»Der Diener starb, als ich seinen Körper verließ, und ich blieb so schwach wie zuvor«, fuhr Voldemort fort. »Ich kehrte in mein fernes Versteck zurück, und ich will euch nicht verhehlen, dass ich damals fürchtete, meine Kräfte für immer verloren zu haben … ja, dies war meine dunkelste Stunde … ich konnte nicht hoffen, dass mir jemals wieder ein Zauberer begegnen würde, von dem ich Besitz ergreifen konnte … und ich hatte nun die Hoffnung aufgegeben, dass irgendeiner der Todesser sich darum kümmerte, was aus mir geworden war …«
Einige der maskierten Zauberer regten sich voll Unbehagen, doch Voldemort achtete nicht auf sie.
»Und dann, es ist noch kein Jahr her, als ich die Hoffnung fast aufgegeben hatte, geschah es endlich … ein Diener kehrte zu mir zurück: Wurmschwanz hier, der seinen eigenen Tod vorgetäuscht hatte, um einer Strafe zu entgehen, wurde aus seinem Versteck getrieben von jenen, die er einst zu seinen Freunden gezählt hatte, und er beschloss zu seinem Herrn zurückzukehren. Er suchte mich in dem Land, wo ich mich, wie das Gerücht schon lange ging, versteckt hatte … wobei ihm natürlich die Ratten, die er unterwegs traf, tatkräftig halfen. Wurmschwanz hat eine seltsame Neigung zu Ratten, nicht wahr, Wurmschwanz? Seine schmutzigen kleinen Freunde erzählten ihm, es gebe einen Ort, tief in einem Wald Albaniens, den sie mieden, wo kleine Tiere wie sie selbst den Tod gefunden hatten durch einen dunklen Schatten, der von ihnen Besitz ergriff …
Doch seine Reise zu mir verlief nicht so glatt, oder, Wurmschwanz? Denn eines Nachts, am Rande des Waldes, in dem er hoffte mich zu finden, betrat er, Dummkopf, der er war, mit knurrendem Magen ein Gasthaus, um etwas zu essen … und dort traf er ausgerechnet Bertha Jorkins, eine Hexe aus dem Zaubereiministerium!
Nun seht, wie das Schicksal Lord Voldemort begünstigt. Dies hätte durchaus das Ende von Wurmschwanz bedeuten können und meiner letzten Hoffnung, wieder zu erstarken. Doch Wurmschwanz – und hier bewies er eine Geistesgegenwart, die ich ihm nie zugetraut hätte – überredete Bertha Jorkins, ihn auf einem nächtlichen Spaziergang zu begleiten. Er überwältigte sie … er brachte sie zu mir. Und Bertha Jorkins, die alles hätte ruinieren können, erwies sich vielmehr als ein Geschenk, das ich mir nie erträumt hätte … denn sie wurde für mich – mit ein klein wenig Nachhilfe – eine wahre Goldgrube an nützlichem Wissen.
Sie sagte mir, dass in diesem Jahr das Trimagische Turnier in Hogwarts stattfinden würde. Sie kenne einen treuen Todesser, der bereit wäre, mir zu helfen, wenn ich nur Verbindung mit ihm aufnehmen könnte. Sie erzählte mir vieles … doch die Mittel, die ich gebrauchte, um den Gedächtniszauber, dem sie unterlag, zu brechen, waren sehr drastisch, und als ich ihr alle nützlichen Informationen abgepresst hatte, waren ihr Körper und ihr Geist unrettbar beschädigt. Sie hatte nun ihren Zweck erfüllt. Ich konnte nicht von ihr Besitz ergreifen. Ich beseitigte sie.«
Voldemort lächelte sein schreckliches Lächeln, seine roten Augen waren leer und mitleidlos.
»Wurmschwanz’ Körper war natürlich ebenfalls nicht geeignet, in Besitz genommen zu werden, da alle ihn für tot hielten und er zu viel Aufmerksamkeit erregen würde, wenn man ihn sähe. Jedoch war er der körperlich gesunde Diener, den ich brauchte, und obzwar ein schlechter Zauberer, doch in der Lage, meine Anweisungen auszuführen, die mir einen elementaren, ganz schwachen eigenen Körper verschaffen sollten, einen Körper, den ich bewohnen konnte, während ich auf die entscheidenden Zutaten für meine wahre Wiedergeburt wartete … ein oder zwei Zauber, die ich selbst erfunden habe … ein wenig Hilfe von meiner lieben Nagini« – Voldemorts rote Augen senkten sich auf die sich ständig im Kreis windende Schlange – »ein Elixier, gebraut aus Einhornblut und dem Schlangengift, das Nagini mir gab … bald gewann ich eine fast menschliche Gestalt zurück und war kräftig genug, um zu reisen.
Ich konnte nicht mehr hoffen, des Steins der Weisen habhaft zu werden, denn ich wusste, dass Dumbledore dafür gesorgt hatte, dass er zerstört wurde. Doch mir sollte zunächst einmal das sterbliche Leben genügen, bevor ich mich auf die Jagd nach dem unsterblichen begab. Ich wollte mich beschränken … ich wollte mich mit meinem alten Körper abfinden, und meiner alten Kraft.
Damit dies gelingen würde – dieses alte Kunststück schwarzer Magie, dies Elixier, das mich heute wiederbelebt hat –, brauchte ich drei machtvolle Zutaten. Nun, eine davon war bereits zur Hand, nicht wahr, Wurmschwanz? Fleisch, dargeboten von einem Diener …
Knochen von meinem Vater bedeutete natürlich, dass wir hierherkommen mussten, wo er begraben war. Doch das Blut eines Feindes … Wurmschwanz wollte, dass ich irgendeinen Zauberer nehme, nicht wahr, Wurmschwanz? Irgendeinen Zauberer, der mich hasste … wie es noch immer so viele tun. Doch ich kannte jenen, den ich brauchte, wenn ich wieder aufsteigen wollte, mächtiger werden wollte als vor meinem Sturz. Ich wollte Harry Potters Blut. Ich wollte das Blut dessen, der mich vor dreizehn Jahren meiner Macht beraubt hatte, denn dann würde jener dauerhafte Schutz, den ihm seine Mutter geschenkt hatte, auch in meinen Adern fließen …
Doch wie an Harry Potter herankommen? Denn er war besser geschützt, als er selbst wohl wusste, geschützt auf vielerlei Weise, wie es Dumbledore vor langer Zeit schon geplant hatte, als ihm die Pflicht zufiel, für die Zukunft des Jungen zu sorgen. Dumbledore rief einen alten Zauber auf, um den Jungen zu schützen, solange er in der Obhut seiner Verwandten ist. Nicht einmal ich kann ihm dort etwas anhaben … dann, natürlich, gab es die Quidditch-Weltmeisterschaft … ich glaubte, sein Schutz wäre dort, fern von seinen Verwandten und Dumbledore, schwächer, doch ich war noch nicht stark genug, um eine Entführung aus der Mitte einer Horde von Ministeriumszauberern wagen zu können. Und danach würde der Junge nach Hogwarts zurückkehren, wo er sich von morgens bis nachts unter der krummen Nase dieses Muggel liebenden Narren befindet. Wie konnte ich seiner habhaft werden?
Nun … natürlich indem ich nutzte, was Bertha Jorkins mir gesagt hatte. Ich musste meinen getreuen Todesser, postiert in Hogwarts, in Dienst nehmen und dafür sorgen, dass der Name des Jungen in den Feuerkelch geworfen wurde. Mein Todesser musste gewährleisten, dass der Junge das Turnier gewann – dass er als Erster den Trimagischen Pokal berührte – den Pokal, den mein Todesser in einen Portschlüssel verwandelt hatte. Der Portschlüssel würde ihn hierherbringen, wo Dumbledore ihm nicht mehr helfen, wo er ihn nicht mehr schützen könnte, hierher in meine wartenden Arme. Und hier ist er … der Junge, von dem ihr alle glaubtet, er wäre mein Untergang gewesen …«
Voldemort trat langsam vor und wandte das Gesicht Harry zu. Er hob den Zauberstab. »Crucio!«
Es war ein Schmerz, der alles übertraf, was Harry je erlitten hatte; seine Knochen standen buchstäblich in Flammen; sein Kopf, fürchtete er, würde jeden Moment entlang der Narbe aufplatzen; die Augen überschlugen sich in seinem Kopf, er wollte, dass es aufhörte … ohnmächtig werden … sterben …
Und dann war es vorbei. Er hing matt in den Seilen, die ihn an den Grabstein von Voldemorts Vater fesselten, und sah durch eine Art Nebel hoch in jene hellroten Augen. Das Gelächter der Todesser dröhnte durch die Nacht.
»Ihr seht, denke ich, wie töricht es war zu glauben, dass dieser Junge jemals stärker sein könnte als ich«, sagte Voldemort. »Doch ich möchte nicht, dass sich ein Irrtum in euren Köpfen festsetzt. Harry Potter entkam mir durch eine für ihn glückliche Fügung. Und ich werde nun meine Macht beweisen, indem ich ihn töte, hier und jetzt, vor euch allen, nun, da kein Dumbledore da ist, um ihm zu helfen, und keine Mutter, um für ihn zu sterben. Ich werde ihm seine Chance geben. Ich werde ihm erlauben zu kämpfen, und ihr werdet später keinen Zweifel haben, wer von uns der Stärkere war. Nur noch ein wenig Geduld, Nagini«, flüsterte er, und die Schlange glitt durchs Gras davon, hinüber zu den Todessern, die dastanden und zusahen.
»Nun löse seine Fesseln, Wurmschwanz, und gib ihm seinen Zauberstab zurück.«
Priori Incantatem
Wurmschwanz kam auf Harry zu, der sich hastig mühte, auf die Beine zu kommen, bevor die Fesseln fielen. Wurmschwanz hob seine neue silberne Hand, zog den Knebel aus Harrys Mund und schnitt dann mit einem Hieb die Seile entzwei, die Harry an den Grabstein fesselten.
Den Bruchteil einer Sekunde lang mochte Harry überlegt haben, ob er nicht einfach losrennen sollte, doch nun, da er wieder auf dem überwucherten Grab stand, zitterte sein verletztes Bein unter der Last seines Körpers, und die Todesser rückten zusammen und zogen ihren Kreis um ihn und Voldemort enger, sie schlossen auch die Lücken, die sie vorhin noch offen gelassen hatten. Wurmschwanz verließ den Kreis und ging hinüber zu der Stelle, wo der tote Cedric lag; er kehrte mit Harrys Zauberstab zurück und drückte ihn Harry, ohne ihn anzusehen, grob in die Hand. Dann nahm er seinen Platz im Kreis der lauernden Todesser ein.
»Man hat dir das Duellieren beigebracht, Harry Potter?«, sagte Voldemort leise und seine Augen schimmerten rot in der Dunkelheit.
Bei diesen Worten erinnerte sich Harry, als wäre es in einem früheren Leben gewesen, an den Duellierklub in Hogwarts, den er vor zwei Jahren für kurze Zeit besucht hatte … alles, was er dort gelernt hatte, war der Entwaffnungszauber, Expelliarmus … und selbst wenn es ihm gelingen sollte, Voldemort den Zauberstab zu entreißen, was würde es ihm nützen, wo er doch von Todessern umringt und dreißigfach unterlegen war? Nie hatte er etwas gelernt, das ihm in einer solchen Lage helfen konnte. Er wusste, dass ihm genau das bevorstand, wovor ihn Moody immer gewarnt hatte … der unabwehrbare Fluch Avada Kedavra – und Voldemort hatte Recht – diesmal war seine Mutter nicht da, um für ihn sterben zu können … er war völlig schutzlos …
»Wir verneigen uns voreinander, Harry«, sagte Voldemort und neigte sich leicht vor, das Schlangengesicht jedoch aufgerichtet und Harry zugewandt. »Komm, die Gepflogenheiten müssen beachtet werden … Dumbledore würde sicher wollen, dass du Manieren zeigst … verneige dich vor dem Tod, Harry …«
Die Todesser lachten. Voldemorts lippenloser Mund lächelte. Harry verneigte sich nicht. Er würde nicht zum Spielball Voldemorts werden, bevor Voldemort ihn tötete … diese Genugtuung wollte er ihm nicht verschaffen …
»Ich sagte, verneige dich«, sagte Voldemort und hob den Zauberstab – und Harry spürte, wie sich sein Rückgrat krümmte, als ob eine riesige unsichtbare Hand ihn gnadenlos zur Erde drückte, und jetzt lachten die Todesser noch lauter.
»Sehr gut«, flüsterte Voldemort und senkte den Zauberstab; der Druck auf Harrys Rücken ließ nach. »Jetzt tritt mir entgegen wie ein Mann … aufrecht und stolz, so wie dein Vater starb …
Und nun – duellieren wir uns.«
Voldemort hob den Zauberstab, und bevor Harry etwas tun konnte, um sich zu verteidigen, bevor er sich auch nur rühren konnte, hatte ihn der Cruciatus-Fluch erneut niedergeworfen. Der Schmerz war so stark, so allumfassend, dass er vergaß, wo er war … weiß glühende Messer durchbohrten jeden Zentimeter seiner Haut, sein Kopf würde vor Schmerz gleich platzen; er schrie lauter, als er je im Leben geschrien hatte –
Und dann hörte es auf. Harry drehte sich zur Seite und rappelte sich auf; es schüttelte ihn so heftig wie Wurmschwanz, als er sich die Hand abgeschnitten hatte; er stolperte zur Seite, hinein in die Mauer der lauernden Todesser, und sie stießen ihn weg, zurück zu Voldemort.
»Eine kleine Pause«, sagte Voldemort und seine schlitzartigen Nüstern weiteten sich vor Erregung, »eine kleine Pause … das tat weh, nicht, Harry? Du willst nicht, dass ich das noch mal tue, oder?«
Harry antwortete nicht. Er würde sterben wie Cedric, diese erbarmungslosen roten Augen sagten es ihm … er würde sterben, und es gab nichts, was er dagegen tun konnte … doch er würde nicht mitspielen. Er würde Voldemort nicht gehorchen … er würde nicht um sein Leben betteln …
»Ich hab dich gefragt, ob ich das noch einmal tun soll«, sagte Voldemort leise. »Antworte mir! Imperio!«
Und Harry hatte zum dritten Mal in seinem Leben das Gefühl, alle Gedanken würden aus seinem Kopf gefegt … ah, es war eine Wonne, nicht mehr denken zu müssen, es war, als ob er schwebte, träumte … »antworte einfach ›nein‹ … sag doch ›nein‹, sag einfach ›nein‹ …«
»Ich will nicht«, sagte eine stärkere Stimme in seinem Hinterkopf, »ich werde nicht antworten …«
»Sag einfach ›nein‹ …«
»Ich will es nicht, ich will es nicht sagen …«
»Sag einfach ›nein‹ …«
»DAS WERDE ICH NICHT!«
Und diese Worte platzten aus Harrys Mund; sie hallten auf dem Friedhof wider, und er wurde aus seinem Traum gerissen, als hätte ihn jemand mit kaltem Wasser bespritzt – zurück strömten die Schmerzen, die der Cruciatus-Fluch auf seinem ganzen Körper hinterlassen hatte – zurück strömte das Wissen, wo er war und wem er gegenüberstand …
»Du willst nicht?«, sagte Voldemort leise und die Todesser lachten diesmal nicht. »Du willst nicht ›nein‹ sagen? Harry, Gehorsam ist eine Tugend, die ich dir beibringen muss, bevor du stirbst … wie wär’s mit einer weiteren kleinen Kostprobe Schmerz?«
Voldemort hob den Zauberstab, aber diesmal war Harry bereit; reflexartig, wie er es sich beim Quidditch antrainiert hatte, warf er sich seitlich zu Boden und rollte hinter den Grabstein von Voldemorts Vater; im selben Augenblick krachte der Fluch gegen den Grabstein.
»Wir spielen hier nicht Verstecken, Harry«, sagte Voldemort leise, und die kalte Stimme näherte sich, während die Todesser erneut auflachten. »Du kannst dich nicht vor mir verstecken. Heißt das, du bist des Duellierens müde? Heißt das, du ziehst es vor, dass ich es auf der Stelle beende? Komm vor, Harry … komm vor und spiel mit … es wird schnell gehen … vielleicht sogar schmerzlos … ich kann es nicht wissen … ich bin nie gestorben …«
Harry kauerte hinter dem Grabstein und wusste, dass das Ende gekommen war. Alle Hoffnung war verloren … niemand würde ihm helfen können. Und während er lauschte, wie Voldemort immer näher kam, war er sich, weit jenseits von Angst oder Vernunft, in einem sicher – er wollte hier nicht sterben wie ein Kind, das Versteck spielte; er wollte nicht zu Voldemorts Füßen kniend sterben … er würde aufrecht sterben wie sein Vater, und er würde im Sterben versuchen, sich zu verteidigen, selbst wenn es aussichtslos war …
Noch bevor Voldemort mit seinem Schlangengesicht um den Grabstein schauen konnte, war Harry aufgestanden … er packte mit fester Hand seinen Zauberstab, hielt ihn vor sich und warf sich vor den Grabstein, Voldemort entgegen.
Voldemort war bereit. Harry rief: »Expelliarmus!«, Voldemort schrie: »Avada Kedavra!«
Ein grüner Lichtblitz schoss aus Voldemorts Zauberstab, und im selben Augenblick knallte ein roter Lichtblitz aus Harrys Zauberstab – sie trafen sich in der Luft – und plötzlich begann Harrys Zauberstab zu vibrieren, als stünde er unter elektrischer Spannung; seine Hand hatte sich eisern um den Stab geklammert; er hätte nicht loslassen können, auch wenn er gewollt hätte – und jetzt verband ein dünner Lichtstrahl die beiden Zauberstäbe, weder rot noch grün, sondern hell und sattgolden – und Harry, der dem Strahl mit verblüfftem Blick folgte, sah, dass auch Voldemorts lange bleiche Finger einen zitternden und bebenden Zauberstab umklammerten.
Und dann geschah etwas, auf das ihn nichts hätte vorbereiten können: Harry spürte, wie er den Boden unter den Füßen verlor. Etwas hob ihn in die Luft, und Voldemort genauso, während ihre Zauberstäbe durch den schimmernden Faden aus goldenem Licht verbunden blieben. Sie schwebten weg von dem Grabstein und sanken dann wieder zu Boden, auf ein gräberloses, ebenes Stück Erde … Die Todesser riefen und schrien durcheinander und flehten Voldemort an, ihnen Befehle zu erteilen; jetzt kamen sie zu ihnen, die Schlange glitt ihnen nach, und sie bildeten erneut einen Kreis um Harry und Voldemort, und einige zückten den Zauberstab –
Der goldene Faden, der Harry und Voldemort verband, faserte sich jetzt auf: Zwar blieben die Zauberstäbe verbunden, doch tausend neue Lichtfäden entstanden und wölbten sich über Harry und Voldemort, schossen kreuz und quer über sie, bis sie unter einem goldenen, kuppelförmigen Netz eingeschlossen waren, einem Käfig aus Licht, jenseits dessen die Todesser, deren Schreie nun merkwürdig erstickt klangen, wie Schakale im Kreis herumhuschten …
»Tut nichts!«, kreischte Voldemort den Todessern zu, und Harry sah, wie sich seine roten Augen beim Anblick dessen, was um ihn her geschah, verblüfft weiteten, sah, wie er sich mühte, den Lichtfaden zu zerreißen, der immer noch seinen und Harrys Zauberstab verband; Harry packte den Zauberstab noch fester, umklammerte ihn nun mit beiden Händen, und der goldene Faden blieb unversehrt. »Tut nichts ohne meinen Befehl!«, schrie Voldemort den Todessern zu.
Und dann erfüllte ein überirdisch schöner Klang die Luft … er drang aus jedem Faden des Lichtgewebes über ihnen und ließ die Luft um Harry und Voldemort erzittern. Es war ein Klang, den Harry wiedererkannte, obwohl er ihn erst einmal im Leben gehört hatte … es war der Gesang des Phönix …
Für Harry war er die reine Hoffnung … das Schönste, das Willkommenste, das er je gehört hatte … er hatte das Gefühl, der Gesang sei nicht nur um ihn her, sondern in ihm … es war der Klang, den er mit Dumbledore verband, und es war fast, als würde ein Freund ihm ins Ohr sprechen …
»Löse die Verbindung nicht.«
Ich weiß, antwortete Harry der Musik, ich weiß, ich darf es nicht geschehen lassen … doch kaum hatte er es gedacht, wurde es viel schwerer, sein Zauberstab zitterte viel stärker als zuvor … und nun veränderte sich der Strahl zwischen ihm und Voldemort … es war, als ob große Lichtperlen an dem Faden zwischen den beiden Zauberstäben entlangglitten – Harry spürte den Zauberstab in seiner Hand erneut heftig zittern, während die Lichtperlen langsam und stetig auf ihn zuglitten … die Kraft des Lichtstrahls war nun gegen ihn gerichtet und ging von Voldemort aus, und Harry spürte, wie sein Zauberstab zornig bebte …
Die vordere Lichtperle kam der Spitze seines Zauberstabs immer näher, das Holz zwischen seinen Fingern wurde so heiß, dass er fürchtete, es würde entflammen. Je näher die Lichtperle kam, desto heftiger bebte Harrys Zauberstab; gewiss würde der Zauberstab die Berührung mit der Perle nicht überstehen; er fühlte sich an, als würde er im nächsten Moment zwischen seinen Fingern zerbersten –
Mit jeder Faser seines Gehirns konzentrierte er sich darauf, die Perle zu Voldemort zurückzudrängen, die Ohren erfüllt vom Gesang des Phönix, die Augen lodernd, gebannt auf die Perle blickend … und langsam, ganz langsam, kamen die Perlen zitternd zum Stillstand, und dann, ebenso langsam, begannen sie in die andere Richtung zu gleiten … und es war Voldemorts Zauberstab, der nun gefährlich zitterte … und es war Voldemort, dem das Erstaunen, ja, die Angst in den Augen stand …
Eine der Lichtperlen zitterte jetzt nur Zentimeter vor Voldemorts Zauberstab. Harry wusste nicht, warum er es tat, wusste nicht, was er damit erreichen könnte … doch er dachte mit allerletzter Kraft nur noch daran, dass er diese Lichtperle zurückzwingen musste, hinein in Voldemorts Zauberstab … und langsam … sehr langsam … schwebte sie an dem goldenen Faden entlang … erbebte einen Moment lang … und dann berührte sie Voldemorts Zauberstab …
Im selben Augenblick drangen laut hallende Schmerzensschreie daraus hervor … und dann – Voldemorts rote Augen weiteten sich vor Schreck – flog eine Hand aus dickem Rauch aus der Spitze heraus und verschwand – der Geist der Hand, die er für Wurmschwanz erschaffen hatte … wieder Schmerzensschreie … und dann erblühte etwas viel Größeres aus der Spitze von Voldemorts Zauberstab, ein großes, graues Etwas, das aussah, als wäre es aus greifbar dickem Rauch … es war ein Kopf … nun eine Brust und Arme … der Oberkörper von Cedric.
Dieses eine Mal hätte Harry vor Schreck fast seinen Zauberstab losgelassen, doch instinktiv umklammerte er ihn weiter, und der goldene Lichtfaden blieb erhalten, während nun der rauchgraue Geist von Cedric Diggory (war es denn ein Geist? Er wirkte greifbar fest) zur Gänze aus Voldemorts Zauberstab drang, als ob er sich aus einem sehr engen Tunnel herauszwängte … und der Schatten von Cedric richtete sich auf, sah an dem goldenen Lichtfaden entlang und sprach:
»Halte aus, Harry.«
Seine Stimme hallte von fern her. Harry sah zu Voldemort … dessen rote Augen vor Schreck immer noch geweitet waren … was hier geschah, hatte er genauso wenig erwartet wie Harry … und nun hörte Harry, stark gedämpft, die angsterfüllten Rufe der Todesser, die lauernd um den Rand des goldenen Käfigs schlichen …
Wieder drangen Schmerzensschreie aus dem Zauberstab … und dann quoll erneut etwas aus der Spitze hervor … der dichte Schatten eines zweiten Kopfes, rasch gefolgt von Armen und Oberkörper … ein alter Mann, den Harry einmal im Traum gesehen hatte, stieß sich jetzt heraus, genau wie Cedric es getan hatte … und sein Geist oder sein Schatten oder was immer es war, fiel neben den Cedrics, erhob sich und musterte auf seinen Gehstock gestützt Harry und Voldemort und das goldene Netz und die verbundenen Zauberstäbe …
»Er ist also ein echter Zauberer?«, sagte der alte Mann, die Augen auf Voldemort gerichtet. »Hat mich getötet, der hier … kämpfe gegen ihn, Junge …«
Doch schon tauchte ein weiterer Kopf auf … und dieser Kopf, grau wie eine Plastik aus Rauch, war der einer Frau … Harry, dem jetzt beide Arme zitterten vor Anstrengung, den Zauberstab ruhig zu halten, sah, wie sie den anderen gleich zu Boden fiel, sich aufrichtete und umherblickte …
Der Schatten Bertha Jorkins’ bestaunte mit großen Augen den Kampf, der sich vor ihr abspielte.
»Lass jetzt bloß nicht los!«, schrie sie, und auch ihre Stimme hallte, wie die Cedrics, wie von fern her. »Er darf dich nicht kriegen, Harry – lass nicht los!«
Sie und die anderen beiden schattenhaften Gestalten begannen an der Innenwand des goldenen Netzes entlangzuschreiten, während die Todesser auf der anderen Seite umherhuschten … und Voldemorts tote Opfer flüsterten, während sie die Duellanten umkreisten, flüsterten ermutigende Worte für Harry und zischten Voldemort Worte zu, die Harry nicht verstand.
Und wieder erschien ein Kopf an der Spitze von Voldemorts Zauberstab … und Harry wusste auf den ersten Blick, wer es sein würde … er wusste es, als hätte er es von dem Moment an erwartet, als Cedric dort erschienen war … er wusste es, denn die Frau, die jetzt erschien, war die, an die er an diesem Abend öfter als an jede andere gedacht hatte …
Der rauchige Schatten einer jungen Frau mit langem Haar fiel zu Boden, wie vor ihm Bertha, richtete sich auf und sah Harry an … und Harry, dessen Arme jetzt unbändig zitterten, erwiderte den Blick und sah in das geisterhafte Gesicht seiner Mutter.
»Dein Vater kommt …«, sagte sie leise. »Er will dich sehen … es wird gut gehen … halt durch …«
Und er kam … erst sein Kopf, dann sein Körper … groß und mit zerzaustem Haar wie Harry, die rauchig schattenhafte Gestalt James Potters erblühte aus der Spitze von Voldemorts Zauberstab, fiel zu Boden und richtete sich auf wie seine Frau. Er ging auf Harry zu, sah auf ihn hinab und sprach mit derselben fernen, hallenden Stimme wie die anderen, doch leise, so dass Voldemort es nicht hören konnte, dessen Gesicht nun, da seine Opfer um ihn herumstreiften, vor Angst wild zuckte …
»Wenn die Verbindung abbricht, werden wir nur noch wenige Augenblicke bleiben können … doch wir werden dir Zeit verschaffen … du musst den Portschlüssel erreichen, er wird dich nach Hogwarts zurückbringen … verstehst du mich, Harry?«
»Ja«, keuchte Harry; er mühte sich verzweifelt, den Zauberstab festzuhalten, der ihm jetzt durch die Finger rutschte und zu entgleiten drohte.
»Harry …«, flüsterte die Gestalt Cedrics, »bitte nimm meinen toten Körper mit zurück. Bring meine Leiche zurück zu meinen Eltern …«
»Das werde ich«, sagte Harry, und sein Gesicht verzerrte sich vor Anstrengung, den Zauberstab zu halten.
»Tu es jetzt«, flüsterte die Stimme seines Vaters. »Mach dich bereit … tu es jetzt …«
»JETZT!«, schrie Harry; ich hätte ohnehin keine Sekunde länger durchhalten können, dachte er – und mit allerletzter Kraft zog er seinen Zauberstab in die Höhe und der goldene Faden riss; der Lichtkäfig löste sich auf, der Gesang des Phönix erstarb – doch die schattenhaften Gestalten der Opfer Voldemorts verschwanden nicht – sie gingen im Kreis auf Voldemort zu und schirmten Harry vor seinem Blick ab –
Und Harry rannte, wie er nie in seinem Leben gerannt war, warf zwei vor Schreck erstarrte Todesser um, lief im Zickzack zwischen den Gräbern hindurch, spürte schon, wie ihre Flüche ihm nachjagten, hörte, wie sie gegen Grabsteine prallten – er wich Flüchen und Gräbern aus, stürzte auf Cedrics Körper zu, den Schmerz in seinem Bein nicht mehr spürend, sein ganzes Sein auf das konzentriert, was er tun musste –
»Schockt ihn!«, hörte er Voldemort schreien.
Noch drei Meter von Cedric entfernt tauchte Harry hinter einem Marmorengel ab, um den Blitzen aus rotem Licht zu entgehen, und sah, wie die Spitze des marmornen Flügels unter dem Aufprall der Flüche absplitterte. Er packte seinen Zauberstab noch fester und hechtete hinter dem Engel hervor – »Impedimenta!«, brüllte er und fuchtelte mit dem Zauberstab über die Schulter, den ihm folgenden Todessern entgegen.
Er hörte einen erstickten Schrei und glaubte, wenigstens einen von ihnen erwischt zu haben, doch er hatte keine Zeit, sich umzudrehen und nachzusehen; er sprang über den Pokal, hörte es hinter sich erneut prasseln und knallen und zog den Kopf ein; wieder flogen Lichtblitze über ihn hinweg, er ließ sich fallen, streckte die Hand aus und packte Cedrics Arm –
»Beiseite! Ich werde ihn töten! Er gehört mir!«, kreischte Voldemort.
Harrys Hand umschloss Cedrics Handgelenk; ein Grabstein stand zwischen ihm und Voldemort, doch mit sich tragen konnte er Cedric nicht, und der Pokal war außer Reichweite –
Voldemorts rote Augen flammten in der Dunkelheit auf. Harry sah, wie sich sein Mund zu einem Grinsen verzerrte, sah, wie er den Zauberstab hob.
»Accio!«, rief Harry und deutete auf den Trimagischen Pokal.
Der Pokal flog hoch in die Luft und sirrte auf ihn zu – Harry packte ihn am Henkel –
Er hörte Voldemorts Wutschrei im selben Moment, da er das Reißen hinter seinem Nabel spürte, und er wusste, dass der Portschlüssel seine Arbeit tat – er flog mit ihm davon in einen Strudel aus Wind und Farben, und Cedric war bei ihm … sie kehrten zurück …
Veritaserum
Harry schlug bäuchlings auf, sein Gesicht drückte sich ins Gras; dessen Geruch stieg ihm in die Nase. Er hatte die Augen geschlossen gehalten, während der Portschlüssel ihn getragen hatte, und tat es auch weiterhin. Er rührte sich nicht. Alle Luft schien aus ihm herausgepresst zu sein; der Kopf schwirrte ihm so heftig, als schwankte die Erde unter ihm wie das Deck eines Schiffes. Um den Schwindel zu lindern, umklammerte er das, was er in Händen hielt, noch fester – den glatten, kalten Henkel des Trimagischen Pokals und Cedrics leblosen Körper. Wenn er sie loslassen würde, so fürchtete er, würde er sofort wieder in die Dunkelheit hinabsinken, die vom Rand seines Bewusstseins her auf ihn zukroch. Schock und Erschöpfung hielten ihn am Boden, er atmete den Geruch des Grases ein und wartete … wartete darauf, dass jemand etwas unternahm … dass etwas geschah … und die ganze Zeit über spürte er noch dumpf die Narbe auf seiner Stirn brennen …
Eine Springflut aus ohrenbetäubendem Lärm verwirrte und betäubte ihn, überall waren Stimmen, Fußgetrappel, Schreie … er blieb, wo er war, die Nase ins Gras gedrückt, als wäre dies ein Alptraum, der vorübergehen würde …
Ein Paar Hände packte ihn grob und drehte ihn um.
»Harry! Harry!«
Er öffnete die Augen.
Er sah den sternübersäten Himmel und Albus Dumbledore, der sich über ihn gebeugt hatte. Die dunklen Schatten einer vielköpfigen Menge schoben und drängten sich auf sie zu; Harry spürte im Nacken, wie die Erde unter ihrem Fußgetrappel erzitterte.
Er war am Rand des Irrgartens gelandet. Über sich sah er die Tribünen in die Höhe ragen, die menschlichen Gestalten, die sich auf ihnen bewegten, die Sterne am Himmel.
Harry ließ den Pokal los, doch Cedric klammerte er umso fester an sich. Er hob seine freie Hand und packte Dumbledore, dessen Gesicht vor seinen Augen immer wieder verschwamm, am Handgelenk.
»Er ist zurück«, flüsterte Harry. »Er ist zurück. Voldemort.«
»Was sagst du da? Was ist geschehen?«
Das Gesicht von Cornelius Fudge erschien verkehrt herum über Harry; es war weiß, starr vor Entsetzen.
»Mein Gott – Diggory!«, flüsterte er. »Dumbledore – er ist tot!«
Jemand wiederholte die Worte, die Schattengestalten, die auf sie zudrängten, keuchten sie den Umstehenden zu … und andere schließlich schrien – kreischten – die Worte in die Nacht hinaus – »Er ist tot! Er ist tot!« – »Cedric Diggory! Tot!«
»Lass ihn los, Harry«, hörte er Fudges Stimme sagen, und er spürte Finger, die versuchten, seine Hand von Cedrics leblosem Körper zu lösen, doch Harry ließ ihn nicht los.
Dumbledores Gesicht, noch immer verschwommen wie hinter einem Dunstschleier, kam jetzt näher. »Harry, du kannst ihm jetzt nicht mehr helfen. Es ist vorbei. Lass los.«
»Er wollte, dass ich ihn zurückbringe«, murmelte Harry – es schien ihm wichtig, dies zu erklären. »Er hat mich gebeten, ihn zu seinen Eltern zurückzubringen …«
»Das ist schon richtig, Harry … nun lass einfach los …«
Dumbledore bückte sich zu ihm hinunter, und mit einer für einen so alten und dünnen Mann erstaunlichen Kraft hob er Harry vom Boden und stellte ihn auf die Füße. Harry wankte. In seinem Kopf hämmerte es. Sein verletztes Bein wollte ihn nicht mehr tragen. Die Umstehenden rempelten sich an, drängten mit dunklen Mienen auf ihn zu – »Was ist passiert?« – »Was fehlt ihm?«
»Diggory ist tot!«
»Er muss in den Krankenflügel!«, verkündete Fudge laut. »Er ist krank, er ist verletzt – Dumbledore, Diggorys Eltern, sie sind hier, sie sind auf der Tribüne …«
»Ich nehme Harry mit, Dumbledore, ich nehm ihn schon –«
»Nein, es wäre besser –«
»Dumbledore, dort läuft Amos Diggory … er kommt hier rüber … meinen Sie nicht, Sie sollten es ihm sagen … bevor er ihn sieht –?«
»Harry, bleib hier –«
Mädchen schrien, schluchzten hysterisch … die Szenerie vor Harrys Augen begann merkwürdig zu flackern …
»Ist schon gut, Junge, ich bin bei dir … komm mit … Krankenflügel …«
»Nein, Dumbledore hat gesagt, ich soll bleiben«, nuschelte Harry, und in seiner Stirnnarbe hämmerte es so stark, dass er sich gleich übergeben würde; noch trüber wurde es ihm jetzt vor Augen.
»Du musst dich hinlegen … komm jetzt mit …«
Eine Gestalt, größer und stärker als Harry, zog ihn halb, trug ihn halb durch die verängstigte Menge; Harry hörte die Leute keuchen, schreien und rufen, während der Mann, der ihn stützte, sich einen Weg durch das Gedränge bahnte und ihn hinüber zum Schloss führte, über den Rasen, vorbei am See und am Schiff der Durmstrangs; Harry hörte nichts als das schwere Atmen des Mannes, der ihm gehen half.
»Was ist passiert, Harry?«, fragte der Mann schließlich, während er Harry die Steintreppe hinauftrug. Klonk. Klonk. Klonk. Es war Mad-Eye Moody.
»Pokal war ’n Portschlüssel«, sagte Harry, als sie die Eingangshalle durchquerten. »Hat mich und Cedric auf einen Friedhof gebracht … und da war Voldemort … Lord Voldemort …«
Klonk. Klonk. Klonk. Die Marmortreppe hoch …
»Der Dunkle Lord war da? Was ist dann passiert?«
»Cedric getötet … sie haben Cedric getötet …«
»Und dann?«
Klonk. Klonk. Klonk. Den Korridor entlang …
»Hat ein Elixier gebraut … hat seinen Körper wieder …«
»Der Dunkle Lord hat seinen Körper wieder? Er ist zurückgekehrt?«
»Und die Todesser kamen … und dann haben wir uns duelliert …«
»Du hast dich mit dem Dunklen Lord duelliert?«
»Bin davongekommen … mein Zauberstab … hat was Komisches gemacht … ich hab Mum und Dad gesehen … sie kamen aus seinem Zauberstab …«
»Hier rein, Harry … hier rein, und dann setz dich … es geht dir gleich besser … trink das hier …«
Harry hörte einen Schlüssel in einem Schloss scharren und spürte, wie ihm eine Tasse in die Hände gedrückt wurde.
»Trink das … dann geht’s dir besser … komm schon, Harry, ich muss ganz genau wissen, was passiert ist …«
Moody flößte ihm das Getränk ein; Harry hustete, etwas mit pfefferartigem Geschmack brannte ihm in der Kehle. Moodys Büro nahm nun klarere Umrisse an, und auch Moody selbst … er wirkte so weiß wie schon Fudge, und beide Augen waren starr und ohne Lidschlag auf Harry gerichtet.
»Voldemort ist zurückgekehrt, Harry? Bist du dir sicher? Wie hat er es geschafft?«
»Er hat etwas aus dem Grab seines Vaters genommen und etwas von Wurmschwanz – und von mir«, sagte Harry. Sein Kopf war jetzt klarer; seine Narbe schmerzte nicht mehr so stark; er konnte Moodys Gesicht deutlicher sehen, obwohl es im Büro dunkel war. Vom fernen Quidditch-Feld her hörte er immer noch Rufe und Schreie.
»Was hat der Dunkle Lord von dir genommen?«, fragte Moody.
»Blut«, sagte Harry und hob den Arm. Wo Wurmschwanz’ Dolch den Ärmel aufgeschlitzt hatte, war jetzt ein großer Riss.
Moody atmete mit lang anhaltendem, leisem Zischen aus. »Und die Todesser? Sind auch sie zurückgekehrt?«
»Ja«, sagte Harry. »Ungeheuer viele …«
»Wie hat er sie behandelt?«, fragte Moody leise. »Hat er ihnen verziehen?«
Doch jetzt fiel es Harry plötzlich wieder ein. Er hätte es Dumbledore sagen sollen, er hätte es ihm doch gleich sagen müssen – »In Hogwarts ist ein Todesser! Ein Todesser ist hier – er hat meinen Namen in den Feuerkelch getan, er hat dafür gesorgt, dass ich bis zum Schluss durchgehalten hab –«
Harry wollte aufstehen, doch Moody drückte ihn auf den Stuhl zurück.
»Ich weiß, wer dieser Todesser ist«, sagte er leise.
»Karkaroff?«, sagte Harry wild umherblickend. »Wo ist er? Haben Sie ihn gefasst? Ist er eingesperrt?«
»Karkaroff?«, sagte Moody mit einem seltsamen Lachen. »Karkaroff ist heute Abend geflohen, als er das Dunkle Mal auf seinem Arm brennen spürte. Er hat zu viele treue Anhänger des Dunklen Lords verraten und will ihm lieber nicht begegnen … aber er wird wohl nicht weit kommen. Der Dunkle Lord hat Mittel und Wege, seine Feinde aufzuspüren.«
»Karkaroff ist fort? Er ist geflohen? Aber dann – dann hat er meinen Namen nicht in den Kelch geworfen?«
»Nein«, sagte Moody langsam. »Nein, er war es nicht. Ich habe es getan.«
Harry hörte es, doch er konnte es nicht glauben.
»Nein, das haben Sie nicht«, sagte er. »Nein, Sie waren es nicht … das können Sie nicht getan haben …«
»Ich versichere dir, ich habe es getan«, sagte Moody, und sein magisches Auge schwang herum und blieb auf der Tür ruhen, und Harry wusste, er vergewisserte sich, dass niemand draußen stand. Zugleich zückte Moody seinen Zauberstab und richtete ihn auf Harry.
»Er hat ihnen also verziehen?«, sagte er. »Den Todessern, die nicht bestraft wurden? Die Askaban entkommen sind?«
»Was?«, sagte Harry.
Er blickte auf den Zauberstab, den Moody auf ihn gerichtet hielt. Das war ein schlechter Scherz, unmöglich konnte es anders sein.
»Ich hab dich gefragt«, sagte Moody leise, »ob er diesem Abschaum verziehen hat, der nicht einmal versucht hat, ihn zu finden. Diesen verräterischen Feiglingen, die für ihn nicht einmal Askaban auf sich nehmen wollten. Diesen treulosen, wertlosen Dreckskerlen, die mutig genug waren, bei der Quidditch-Weltmeisterschaft maskiert durch die Gegend zu laufen, aber beim Anblick des Dunklen Mals, das ich an den Himmel schoss, schleunigst geflohen sind.«
»Sie haben … was reden Sie da …?«
»Ich hab’s dir gesagt, Harry … ich hab’s dir gesagt. Wenn es jemanden gibt, den ich mehr als alle anderen hasse, dann ist es ein Todesser, der davongekommen ist. Sie haben sich von meinem Herrn abgekehrt, als er sie am nötigsten brauchte. Ich hatte erwartet, dass er sie bestraft. Ich hatte erwartet, dass er sie foltert. Sag mir, dass er sie gequält hat, Harry …«
Plötzlich erschien ein irres Lächeln auf Moodys Gesicht. »Sag mir, dass er ihnen verkündet hat, dass ich allein ihm treu geblieben bin … dass ich bereit war, alles zu riskieren, um ihm den zu bringen, den er vor allen anderen wollte … dich.«
»Sie haben doch nicht … Sie – Sie können nicht sein …«
»Wer hat deinen Namen in den Feuerkelch geworfen, als Teilnehmer für eine andere Schule? Das war ich. Wer hat jedem Angst und Schrecken eingejagt, der dir womöglich etwas antun konnte oder dich daran gehindert hätte, das Turnier zu gewinnen? Das war ich. Wer hat Hagrid angestiftet, dir die Drachen zu zeigen? Das war ich. Wer hat dir geholfen herauszufinden, auf welche Weise du den Drachen schlagen kannst? Das war ich.«
Moodys magisches Auge hatte sich nun von der Tür abgewandt. Es ruhte auf Harry. Sein schiefer Mund grinste schräger denn je. »Es war nicht einfach, Harry, dich durch diese Aufgaben zu führen, ohne Misstrauen zu wecken. Ich musste höllisch schlau sein, damit unter deinem Erfolg nicht meine Handschrift durchschimmerte. Dumbledore wäre schnell argwöhnisch geworden, wenn du die Aufgaben zu leicht gemeistert hättest. Ich musste unbedingt erreichen, dass du in den Irrgarten kamst, am besten mit einem ordentlichen Vorsprung – dann, das wusste ich, hatte ich eine Chance, die anderen Champions loszuwerden und dir freie Bahn zu verschaffen. Aber ich musste auch noch gegen deine Dummheit ankämpfen. Die zweite Aufgabe … da dachte ich schon, wir würden scheitern. Ich behielt dich im Auge, Potter. Ich wusste, du hattest dieses Eierrätsel nicht gelöst, also musste ich dir einen weiteren Hinweis liefern –«
»Das haben Sie nicht«, sagte Harry mit heiserer Stimme. »Cedric hat mich auf die Spur gebracht –«
»Wer hat Cedric gesagt, er solle das Ei unter Wasser öffnen? Das war ich. Ich war mir ziemlich sicher, dass er dieses Wissen mit dir teilen würde. Anständige Leute sind so einfach hinters Licht zu führen, Potter. Ich war mir sicher, Cedric würde sich wegen der Drachen bei dir revanchieren wollen, und das hat er auch getan. Doch selbst dann noch, Potter, selbst dann noch wärst du um Haaresbreite gescheitert. Ich habe dich ständig beobachtet … all die Stunden, die du in der Bibliothek verbracht hast. Hast du nicht bemerkt, dass das Buch, das du brauchtest, die ganze Zeit über in deinem Schlafsaal war? Ich hab es früh genug dorthin verpflanzt, ich hab es diesem Longbottom gegeben, erinnerst du dich? Magische Wasserpflanzen des Mittelmeers und ihre Wirkungen. Das hätte dir alles Nötige über das Kiemenkraut verraten. Ich hätte erwartet, dass du die halbe Welt um Hilfe fragst. Longbottom hätte es dir sofort sagen können. Aber das hast du nicht … das hast du nicht … du hast einen stolzen, unabhängigen Zug an dir, mit dem du fast alles ruiniert hättest.
Was also konnte ich tun? Dich mit Wissen aus einer anderen unverdächtigen Quelle füttern. Du hast mir beim Weihnachtsball gesagt, ein Hauself namens Dobby hätte dir etwas geschenkt. Ich rief den Elfen ins Lehrerzimmer, er solle ein paar Umhänge zum Waschen abholen. Als er da war, begann ich ein lautes Gespräch mit Professor McGonagall über die Geiseln und ob Potter wohl darauf kommen würde, Kiemenkraut zu benutzen. Und dein kleiner Elfen-freund ist schnurstracks zu Snapes Vorratsschrank gelaufen und dann eilends zu dir …«
Moodys Zauberstab war immer noch drohend auf Harrys Herz gerichtet. Über seiner Schulter bewegten sich nebelhafte Gestalten im Feindglas an der Wand. »Du warst so lange in diesem See, Potter, dass ich schon dachte, du wärst ertrunken. Doch zum Glück hat Dumbledore deine Dummheit mit Edelmut verwechselt und dir viele Punkte dafür verpasst. Da konnte ich wieder aufatmen.
In diesem Irrgarten heute Abend hast du es natürlich viel einfacher gehabt als vorgesehen«, fuhr Moody fort. »Ich ging außen herum Wache und beobachtete euch durch die äußeren Hecken. So konnte ich dir viele Hindernisse aus dem Weg fluchen. Als dann Fleur Delacour vorbeikam, verpasste ich ihr einen Schocker. Krum jagte ich den Imperius-Fluch auf den Hals, damit er Diggory erledigt und dir den Weg zum Pokal freiräumt.«
Harry starrte Moody ins Gesicht. Er begriff einfach nicht, wie das möglich war … Dumbledores Freund, der berühmte Auror … der Mann, der so viele Todesser gefangen hatte … es ergab keinen Sinn … überhaupt keinen Sinn … Die nebelhaften Gestalten im Feindglas nahmen schärfere Umrisse an und waren nun deutlicher zu unterscheiden. Über Moodys Schulter blickend konnte Harry drei Personen ausmachen, die immer näher kamen. Doch Moody achtete nicht auf sie. Sein magisches Auge ruhte auf Harry.
»Der Dunkle Lord hat es nicht geschafft, dich zu töten, Potter, und er hat sich so sehr danach gesehnt«, flüsterte Moody. »Stell dir vor, wie er mich belohnen wird, wenn er erfährt, dass ich es für ihn getan habe. Zuerst liefere ich ihm Harry Potter aus – du warst es nämlich, den er unbedingt brauchte, um wieder zu Kräften zu kommen – und dann töte ich ihn auch noch für ihn. Er wird mich ehren, höher als alle anderen Todesser. Von all seinen Gefolgsleuten wird er mich am höchsten schätzen … ich werde ihm näher sein als ein Sohn …«
Moodys normales Auge quoll hervor, das magische Auge blieb auf Harry ruhen. Die Tür war verriegelt, und Harry wusste, dass er niemals schnell genug an seinen Zauberstab herankommen würde …
»Der Dunkle Lord und ich«, sagte Moody, und wie er über Harry aufragte und schräg grinsend auf ihn hinabstarrte, nahm sein Gesicht die Züge abgrundtiefen Wahnsinns an, »der Dunkle Lord und ich haben viel miteinander gemein. So hatten wir beide sehr enttäuschende Väter … wirklich sehr enttäuschend. Wir beide litten unter der Schmach, nach diesen Vätern benannt zu werden. Und wir beide hatten auch das Vergnügen … das ungeheure Vergnügen … unsere Väter zu töten, um den weiteren Aufstieg des Schwarzen Ordens zu sichern!«
»Sie sind wahnsinnig«, sagte Harry – und es brach aus ihm hervor – »Sie sind wahnsinnig!«
»Wahnsinnig bin ich?«, sagte Moody mit unkontrolliert anschwellender Stimme. »Wir werden ja sehen! Wir werden sehen, wer wahnsinnig ist, nun, da der Dunkle Lord zurückgekehrt ist, mit mir an seiner Seite! Er ist zurück, Harry Potter, du hast ihn nicht besiegt – und nun – besiege ich dich!«
Moody hob den Zauberstab, öffnete den Mund, Harry schob rasch die Hand in den Umhang –
»Stupor!« Ein blendend roter Lichtblitz flammte durchs Zimmer und unter lautem Splittern und Krachen zerbarst die Tür von Moodys Büro –
Moody schmetterte es rücklings auf den Fußboden. Harry, der immer noch auf die Stelle starrte, wo Moodys Gesicht gewesen war, sah jetzt, dass ihm aus dem Feindglas heraus Albus Dumbledore, Professor Snape und Professor McGonagall entgegenblickten. Er wandte sich um und sah die drei im Türrahmen stehen, Dumbledore mit ausgestrecktem Zauberstab an der Spitze.
In diesem Augenblick verstand Harry zum ersten Mal wirklich, warum es hieß, Dumbledore sei der einzige Zauberer, den Voldemort je gefürchtet habe. Der Ausdruck auf Dumbledores Gesicht, als er auf die bewusstlose Gestalt Mad-Eye Moodys hinabblickte, war schrecklicher, als Harry es sich je hätte vorstellen können. Kein gütiges Lächeln war zu sehen, kein Funkeln in den Augen hinter der Brille. In jeder Furche seines alten Gesichts stand die kalte Wut geschrieben; die Macht, die von Dumbledore ausging, war körperlich zu spüren, als strahlte er sengende Hitze ab.
Er trat ins Büro, schob einen Fuß unter den wie leblos daliegenden Moody und stieß ihn auf den Rücken, so dass sein Gesicht zu sehen war. Snape folgte ihm und blickte in das Feindglas, wo er sein eigenes Antlitz sehen konnte, das finster ins Zimmer spähte.
Professor McGonagall ging geradewegs auf Harry zu.
»Kommen Sie mit, Potter«, flüsterte sie. Die schmale Linie ihres Mundes zuckte, als würde sie gleich losweinen. »Kommen Sie mit … Krankenflügel …«
»Nein«, sagte Dumbledore scharf.
»Dumbledore, er sollte – schauen Sie ihn doch an – er hat heute Abend genug durchgemacht –«
»Er bleibt hier, Minerva, weil er verstehen muss«, sagte Dumbledore knapp. »Verstehen ist der erste Schritt, um etwas anzunehmen, und nur wenn er es angenommen hat, kann er sich erholen. Er muss wissen, wer ihm diese Qualen auferlegt hat, die er heute durchlitten hat, und warum.«
»Moody«, sagte Harry. Noch immer konnte er es nicht glauben. »Wie kann es denn Moody gewesen sein?«
»Dies ist nicht Alastor Moody«, sagte Dumbledore leise. »Du hast Alastor Moody nie kennen gelernt. Der wahre Moody hätte dich nicht aus meiner Nähe verschleppt, nach allem, was heute Abend geschehen ist. In dem Moment, da er dich mitnahm, ging mir ein Licht auf – und ich bin ihm gefolgt.«
Dumbledore beugte sich über den erschlafft daliegenden Moody und schob die Hand in seinen Umhang. Er zog Moodys Flachmann und ein Schlüsselbund hervor. Dann wandte er sich an Professor McGonagall und Snape.
»Severus, bitte besorgen Sie mir das stärkste Wahrheitselixier, das Sie haben, und dann gehen Sie hinunter in die Küche und bringen eine Hauselfe namens Winky hier hoch. Minerva, seien Sie so freundlich und gehen Sie hinunter zu Hagrids Haus, wo Sie einen großen schwarzen Hund im Kürbisbeet sitzen sehen werden. Bringen Sie den Hund hoch in mein Büro, sagen Sie ihm, ich werde in Kürze bei ihm sein, und dann kommen Sie zurück.«
Snape oder McGonagall mochten diese Anweisungen merkwürdig finden, sie verbargen ihre Verwunderung jedenfalls gut. Sie wandten sich unverzüglich um und verließen das Büro. Dumbledore ging hinüber zu dem großen Koffer mit den sieben Schlössern, steckte den ersten Schlüssel in eines der Schlüssellöcher und öffnete den Deckel. Der Koffer enthielt einen Haufen Zauberbücher. Dumbledore schloss den Deckel, steckte den zweiten Schlüssel ins zweite Loch und öffnete den Koffer erneut. Die Zauberbücher waren verschwunden; diesmal kamen eine Reihe kaputter Spickoskope zum Vorschein, ein paar Pergamentblätter und Federkiele und etwas, das ganz nach einem silbrig schimmernden Tarnumhang aussah. Harry sah verdutzt zu, wie Dumbledore den dritten, vierten, fünften und sechsten Schlüssel in die zugehö-rigen Schlösser steckte, den Koffer jedes Mal erneut öffnete und immer etwas anderes zum Vorschein brachte. Dann steckte er den siebten Schlüssel ins Schloss, schlug den Deckel auf, und Harry schrie auf vor Verblüffung.
Er sah hinunter in eine Art Grube, einen unterirdischen Raum, und dort, drei Meter tief unten, offenbar tief schlafend, dürr und ausgemergelt, lag der wahre Mad-Eye Moody. Sein Holzbein war verschwunden, die Augenhöhle, in der sich das magische Auge hätte befinden sollen, wirkte leer unter dem eingefallenen Lid, und ganze Büschel seines grauweißen Haars fehlten. Halb gelähmt vor Schreck musterte Harry abwechselnd den schlafenden Moody im Koffer und den ohnmächtigen Moody auf dem Fußboden.
Dumbledore kletterte in den Koffer, ließ sich in die Grube hinabfallen und landete leichtfüßig auf dem Boden neben dem schlafenden Moody. Er beugte sich über ihn.
»Unter Schockzauber – und in der Gewalt des Imperius-Fluchs – sehr schwach«, sagte er. »Natürlich musste er ihn am Leben halten. Harry, wirf mir den Mantel dieses Doppelgängers herunter, Alastor fühlt sich eiskalt an. Madam Pomfrey wird sich um ihn kümmern müssen, aber er scheint nicht unmittelbar in Gefahr zu sein.«
Harry tat, wie ihm geheißen; Dumbledore deckte Moody mit dem Mantel zu und kletterte aus dem Koffer. Dann griff er nach dem Flachmann, schraubte den Deckel auf und kippte die Flasche um. Eine dicke, klebrige Flüssigkeit ergoss sich auf den Fußboden.
»Vielsaft-Trank, Harry«, sagte Dumbledore. »Du siehst, wie einfach es war, und zugleich genial. Denn Moody trinkt tatsächlich immer nur aus seinem Flachmann, dafür ist er bekannt. Der Doppelgänger musste den echten Moody natürlich in der Nähe behalten, damit er den Trank nach-brauen konnte. Du siehst ja sein Haar …«
Dumbledore blickte hinunter auf den Moody im Koffer. »Der Doppelgänger hat das ganze Jahr über immer wieder etwas davon abgeschnitten, du siehst, wo die Büschel fehlen. Aber ich würde vermuten, bei all der Aufregung heute Abend hat unser falscher Moody womöglich vergessen, den Trank so regelmäßig wie nötig zu schlucken … stündlich … und zur vollen Stunde … wir werden sehen.«
Dumbledore zog den Stuhl unter dem Schreibtisch hervor und setzte sich, die Augen auf den bewusstlosen Moody auf dem Boden gerichtet. Auch Harry starrte ihn an. Minutenlang sprachen sie kein Wort …
Dann begann sich das Gesicht des Mannes auf dem Boden vor Harrys Augen zu verändern. Die Narben verschwanden, die Haut glättete sich; die verstümmelte Nase heilte aus und begann zu schrumpfen. Die lange Mähne weißgrauen Haares zog sich in die Kopfhaut zurück und nahm die Farbe von Stroh an. Plötzlich und mit einem lauten Klonk fiel das Holzbein vom Körper ab und an seiner Stelle wuchs ein normales Bein unter dem Umhang hervor; und schon war auch der magische Augapfel aus dem Gesicht des Mannes gehüpft und ein echtes Auge war an seine Stelle getreten; das magische Auge kullerte wild kreiselnd über den Fußboden davon.
Harry sah einen Mann vor sich liegen, mit bleicher Haut, einigen Sommersprossen und einem Schopf hellen Haares. Er wusste, wer dies war. Er hatte den Mann in Dumbledores Denkarium gesehen, hatte beobachtet, wie die Dementoren ihn aus dem Gerichtssaal geführt hatten, während er sich noch verzweifelt bemüht hatte, Mr Crouch davon zu überzeugen, dass er unschuldig sei … jetzt lagen dunkle Schatten um seine Augen und er sah viel älter aus …
Draußen auf dem Korridor ertönten hastige Schritte. Snape kam zurück, mit Winky auf den Fersen. Professor McGonagall folgte ihnen einen Augenblick später.
»Crouch!«, sagte Snape und blieb wie angewurzelt im Türrahmen stehen. »Barty Crouch!«
»Du meine Güte«, sagte Professor McGonagall, und auch sie erstarrte und sah hinunter zu dem Mann auf dem Fußboden.
Winky, schmutzig und zerzaust, lugte hinter Snapes Beinen hervor. Ihr Mund öffnete sich weit und sie stieß einen spitzen Schrei aus. »Meister Barty, Meister Barty, was machen Sie denn hier?«
Sie stürzte vor und warf sich auf die Brust des jungen Mannes. »Ihr habt ihn totgemacht! Ihr habt ihn totgemacht. Ihr habt den Sohn vom Meister totgemacht!«
»Er ist nur geschockt, Winky«, sagte Dumbledore. »Bitte tritt zur Seite. Severus, haben Sie das Elixier?«
Snape reichte Dumbledore ein Glasfläschchen mit einer vollkommen klaren Flüssigkeit: das Veritaserum, mit dem er Harry im Unterricht gedroht hatte. Dumbledore stand auf, beugte sich über den Mann auf dem Boden, schleifte ihn hinüber zur Wand unter dem Feindglas, aus dem heraus die Spiegelbilder von Dumbledore, Snape und McGonagall immer noch finster auf sie alle herabsahen, und lehnte ihn mit dem Rücken aufrecht an die Mauer. Winky blieb zitternd, das Gesicht in den Händen, auf ihren Knien sitzen. Dumbledore zwängte den Mund des Mannes auf und träufelte ihm drei Tropfen ein. Dann richtete er den Zauberstab auf die Brust des Mannes und sagte: »Rennervate.« Crouchs Sohn öffnete die Augen. Sein Gesicht war schlaff und sein Blick war leer. Dumbledore kniete sich vor ihm nieder, so dass ihre Gesichter auf gleicher Höhe waren.
»Können Sie mich hören?«, fragte Dumbledore ruhig.
Die Lider des Mannes zuckten.
»Ja«, murmelte er.
»Ich möchte, dass Sie uns erzählen, wie Sie hierhergekommen sind«, sagte Dumbledore leise. »Wie sind Sie aus Askaban entkommen?«
Crouch holte tief und bebend Luft, dann begann er mit matter, ausdrucksloser Stimme zu sprechen. »Meine Mutter hat mich gerettet. Sie wusste, dass sie todkrank war. Sie hat meinen Vater überredet, ihr einen letzten Wunsch zu erfüllen und mich zu retten. Er liebte sie, wie er mich nie geliebt hatte. Er willigte ein. Sie kamen mich besuchen. Sie gaben mir einen Schluck Vielsaft-Trank, der ein Haar meiner Mutter enthielt. Sie nahm einen Schluck Vielsaft-Trank mit einem Haar von mir. Und so nahmen wir die Gestalt des jeweils anderen an.«
Die zitternde Winky schüttelte den Kopf. »Reden Sie nicht weiter, Meister Barty, reden Sie nicht weiter, Sie machen Ihrem Vater noch Ärger!«
Doch Crouch holte erneut tief Luft und fuhr mit derselben matten Stimme fort: »Die Dementoren sind blind. Sie spürten, wie ein gesunder und ein sterbender Mensch in die Mauern von Askaban kamen. Und sie spürten, dass ein gesunder und ein sterbender Mensch Askaban wieder verließen. Mein Vater schmuggelte mich hinaus, ich hatte die Gestalt meiner Mutter angenommen für den Fall, dass uns ein Gefangener durch die Gitter seiner Zellentür beobachtete.
Meine Mutter starb kurz danach in Askaban. Sie achtete sorgfältig darauf, bis zum Ende regelmäßig den Vielsaft-Trank einzunehmen. Sie wurde unter meinem Namen und in meiner Gestalt begraben. Alle glaubten, sie sei ich.«
Die Lider des Mannes zuckten.
»Und was tat Ihr Vater mit Ihnen, als er Sie bei sich zu Hause hatte?«, fragte Dumbledore leise.
»Er tat so, als wäre meine Mutter gestorben. Ein stilles Begräbnis im kleinsten Kreis. Das Grab ist leer. Die Hauselfe hatte mich wieder aufgepäppelt. Dann musste mein Vater mich verstecken. Er musste mich überwachen. Er musste mich mit einigen Flüchen belegen, um mich gefügig zu machen. Als ich meine Kräfte wiedergewonnen hatte, dachte ich nur noch daran, meinen Herrn zu suchen … und wieder in seine Dienste zu treten.«
»Wie hat Ihr Vater Sie gefügig gemacht?«, fragte Dumbledore weiter.
»Mit dem Imperius-Fluch«, sagte Crouch. »Ich stand unter der Herrschaft meines Vaters. Er zwang mich, Tag und Nacht einen Tarnumhang zu tragen. Ich war immer mit der Hauselfe zusammen. Sie war meine Wärterin und meine Pflegerin. Sie hatte Mitleid mit mir. Sie überredete meinen Vater, mir hin und wieder etwas Gutes zu tun. Als Belohnung für mein gutes Betragen.«
»Meister Barty, Meister Barty«, schluchzte die Hauselfe durch ihre Hände. »Sie dürfen es denen nie nicht sagen, wir kriegen Ärger …«
»Hat irgendjemand einmal entdeckt, dass Sie noch am Leben waren?«, fragte Dumbledore leise. »Wusste es jemand, außer Ihrem Vater und der Hauselfe?«
»Ja«, sagte Crouch und wieder zuckten seine Augenlider. »Eine Hexe im Büro meines Vaters. Bertha Jorkins. Sie kam eines Tages mit Papieren zu uns, die mein Vater unterschreiben sollte. Er war nicht zu Hause. Winky ließ sie eintreten und kam dann zu mir in die Küche zurück. Aber Bertha Jorkins hörte, dass Winky mit mir redete. Sie war gekommen, um nachzuforschen. Sie hörte genug, um zu erraten, wer sich unter dem Tarnumhang verbarg. Dann kam mein Vater heim. Sie sagte ihm freimütig, was sie entdeckt hatte. Er belegte sie mit einem sehr starken Gedächtniszauber, damit sie es vergaß. Der Zauber war zu stark. Mein Vater glaubte, er habe ihr Gedächtnis auf Dauer geschädigt.«
»Warum kommt sie auch und schnüffelt bei meinem Meister rum?«, schluchzte Winky. »Warum lässt sie uns nicht in Ruhe?«
»Erzählen Sie mir, was sich bei der Quidditch-Weltmeisterschaft abgespielt hat«, sagte Dumbledore.
»Winky hatte meinen Vater dazu überredet«, sagte Crouch, weiterhin mit gleichförmiger Stimme. »Dazu hatte sie Monate gebraucht. Ich hatte das Haus jahrelang nicht verlassen. Quidditch hatte ich immer geliebt. ›Lassen Sie ihn gehen‹, sagte sie. ›Er ist ja unter dem Tarnumhang. Er kann doch zusehen. Lassen Sie ihn doch einmal frische Luft schnappen.‹ Sie sagte, meine Mutter hätte es so gewollt. Meine Mutter sei gestorben, um mir die Freiheit zu schenken. Sie habe mich nicht gerettet, damit ich für den Rest meines Lebens eingesperrt bleiben müsste. Schließlich sagte er ja.
Alles war sorgfältig geplant. Mein Vater führte mich und Winky schon früh am Morgen nach oben in die Ehrenloge. Winky sollte sagen, sie würde einen Platz für meinen Vater besetzen. Ich sollte neben ihr sitzen, unsichtbar. Wir sollten warten, bis alle fort waren, und dann das Stadion verlassen. Keiner würde es je erfahren.
Aber Winky wusste nicht, dass ich allmählich stärker wurde. Ich begann gegen den Imperius-Fluch meines Vaters anzukämpfen. Es gab Zeiten, in denen ich fast wieder der Alte war. Manchmal spürte ich, dass ich mich seiner Herrschaft vollkommen entzogen hatte. Und so war es auch dort, in der Ehrenloge. Es war, als würde ich aus einem tiefen Schlaf erwachen. Ich fand mich draußen in der Öffentlichkeit, es war mitten im Spiel, und ich sah einen Zauberstab aus der Tasche eines Jungen vor mir ragen. Seit der Zeit vor Askaban hatte ich keinen Zauberstab mehr in die Hand nehmen dürfen. Ich stahl ihn. Winky hat es nicht mitbekommen. Winky hat Höhenangst. Sie hatte ihr Gesicht verborgen.«
»Meister Barty, böser Junge!«, wisperte Winky und Tränen sickerten durch ihre Finger.
»Sie haben also den Zauberstab genommen«, sagte Dumbledore, »und was haben Sie damit gemacht?«
»Wir gingen zurück in unser Zelt«, sagte Crouch. »Dann hörten wir sie. Wir hörten die Todesser. Jene, die nie in Askaban saßen. Jene, die nie für meinen Herrn gelitten haben. Sie hatten sich von ihm abgewandt. Sie waren nicht versklavt, wie ich es war. Sie waren frei, ihn zu suchen, doch sie taten es nicht. Sie trieben nur ihre Späße mit den Muggeln. Ihr Geschrei weckte mich. Mein Kopf war seit Jahren nicht mehr so klar gewesen. Ich war zornig. Ich hatte den Zauberstab. Ich wollte sie angreifen, weil sie meinem Herrn untreu waren. Mein Vater war aus dem Zelt gegangen, um die Muggel zu befreien. Winky bekam Angst, als sie mich so zornig sah. Sie benutzte ihre eigene Art von Zauber, um mich an sie zu fesseln. Sie zog mich aus dem Zelt, hinein in den Wald, weg von den Todessern. Ich versuchte sie aufzuhalten. Ich wollte zurück zum Zeltplatz. Ich wollte diesen Todessern zeigen, was Treue zum Dunklen Lord bedeutet, und sie für ihre Treulosigkeit bestrafen. Ich nahm den gestohlenen Zauberstab und brannte das Dunkle Mal an den Himmel.
Dann kamen die Ministeriumszauberer. Sie schossen durch den Wald. Einer der Schockzauber kam durch die Bäume geflogen, unter denen Winky und ich standen. Das Band, das uns verknüpfte, zerriss. Wir beide wurden geschockt. Als sie Winky entdeckt hatten, wusste mein Vater, dass ich in der Nähe sein musste. Er durchstöberte das Gebüsch, in dem man Winky gefunden hatte, und ertastete mich, der ich dort lag. Er wartete, bis die anderen Ministeriumsleute den Wald verlassen hatten. Dann belegte er mich erneut mit dem Imperius-Fluch und nahm mich mit nach Hause. Er verstieß Winky. Sie hatte ihn enttäuscht. Sie hatte es zugelassen, dass ich mir einen Zauberstab verschaffte. Sie hatte mich beinahe entkommen lassen.«
Winky stieß einen verzweifelten Klageschrei aus.
»Nun waren nur noch Vater und ich da, allein in unserem Haus. Und dann … und dann …« Crouch wiegte seinen Kopf hin und her und das Grinsen eines Irren breitete sich auf seinem Gesicht aus. »Dann kam mein Meister, um mich zu holen.
Er kam eines Nachts, sehr spät, in unser Haus, in den Armen seines Dieners Wurmschwanz. Mein Meister hatte herausgefunden, dass ich noch am Leben war. Er hatte Bertha Jorkins in Albanien entführt. Er hatte sie gefoltert. Sie berichtete ihm eine Menge. Sie erzählte ihm vom Trimagischen Turnier. Sie sagte ihm, der alte Auror Moody werde bald in Hogwarts unterrichten. Er folterte sie, bis er durch den Gedächtniszauber brach, mit dem mein Vater sie belegt hatte. Sie sagte ihm, ich sei aus Askaban entkommen. Mein Vater halte mich gefangen, damit ich mich nicht auf die Suche nach meinem Herrn machen könne. Und so erfuhr mein Herr, dass ich immer noch sein treuer Diener war – vielleicht der treueste von allen. Mein Herr entwarf einen Plan, der auf dem Wissen beruhte, das er Bertha abgepresst hatte. Er brauchte mich. Er kam gegen Mitternacht zu unserem Haus. Mein Vater öffnete die Tür.«
Das Lächeln auf Crouchs Gesicht wurde noch breiter, als würde er sich an die schönste Begebenheit seines Lebens erinnern. Winkys angsterfüllte braune Augen lugten zwischen ihren Fingern hindurch. Sie schien zu entsetzt, um sprechen zu können.
»Es ging sehr schnell. Mein Herr unterwarf meinen Vater mit dem Imperius-Fluch. Nun war es mein Vater, der gefangen war und gehorchen musste. Mein Herr zwang ihn, wie üblich seiner Arbeit nachzugehen, so zu tun, als wäre nichts geschehen. Und ich wurde befreit. Ich erwachte. Ich war wieder ich selbst, ich lebte, wie ich seit Jahren nicht mehr gelebt hatte.«
»Und was hat Lord Voldemort von Ihnen verlangt?«, wollte Dumbledore wissen.
»Er fragte mich, ob ich bereit sei, alles für ihn aufs Spiel zu setzen. Ich war bereit. Es war mein Traum, mein höchstes Ziel, ihm zu dienen, mich ihm zu beweisen. Er sagte, er müsse einen treuen Diener nach Hogwarts einschleusen. Einen Diener, der Harry Potter ganz unauffällig durch das Trimagische Turnier geleiten sollte. Einen Diener, der Harry Potter bewachen sollte. Der dafür sorgen müsse, dass er den Trimagischen Pokal erreicht. Der den Pokal in einen Portschlüssel verwandelt, welcher den Ersten, der ihn berührt, zu meinem Herrn bringen würde. Doch zuerst –«
»Brauchten Sie Alastor Moody«, unterbrach ihn Dumbledore. In seinen blauen Augen loderte es, doch seine Stimme blieb ruhig.
»Das waren Wurmschwanz und ich. Wir hatten den Vielsaft-Trank schon vorbereitet. Wir reisten zu seinem Haus. Moody wehrte sich mit Zähnen und Klauen. Es gab ein Durcheinander. Wir schafften es gerade noch rechtzeitig, ihn zu bändigen. Wir zwängten ihn in ein Fach seines eigenen magischen Koffers. Nahmen ein paar von seinen Haaren und fügten sie dem Gebräu hinzu. Ich trank davon und wurde Moodys Doppelgänger. Ich nahm ihm das Bein und das Auge. Ich war bereit, Arthur Weasley entgegenzutreten, als er kam, um das Gedächtnis der Muggel zu bearbeiten, die Lärm gehört hatten. Ich ließ die Mülleimer im ganzen Hof herumrollen. Ich sagte Arthur Weasley, ich hätte Eindringlinge auf meinem Hof gehört, und ihretwegen seien auch die Mülleimer losgegangen. Dann packte ich Moodys Kleider und Antiobskuranten zusammen, legte sie zu Moody in den Koffer und machte mich auf den Weg nach Hogwarts. Ich hielt ihn am Leben, dem Imperius-Fluch unterworfen. Ich wollte ihn noch ausfragen können. Wollte von seiner Vergangenheit erfahren, seine Gewohnheiten erlernen, damit ich sogar Dumbledore täuschen konnte. Ich brauchte auch sein Haar, um den Vielsaft-Trank zu brauen. Die anderen Zutaten waren einfach zu beschaffen. Die Baumschlangenhaut stahl ich aus dem Kerker. Als der Lehrer für Zaubertränke mich in seinem Büro ertappte, sagte ich, ich hätte Anweisung, es zu durchsuchen.«
»Und was wurde aus Wurmschwanz, nachdem Sie Moody angegriffen hatten?«, fragte Dumbledore.
»Wurmschwanz kehrte ins Haus meines Vaters zurück, um für meinen Herrn zu sorgen und meinen Vater zu bewachen.«
»Aber Ihr Vater ist entkommen«, sagte Dumbledore.
»Ja. Nach einer Weile begann er gegen den Imperius-Fluch anzukämpfen, genau wie ich es getan hatte. Es gab Zeiten, in denen er wusste, was vor sich ging. Mein Herr befand, es wäre nicht mehr sicher, wenn mein Vater das Haus verließe. Stattdessen zwang er ihn, Briefe an das Ministerium zu schreiben. Er gebot ihm zu schreiben, er sei krank. Aber Wurmschwanz vernachlässigte seine Pflichten. Er war nicht wachsam genug. Mein Vater entkam. Mein Herr vermutete, dass er sich nach Hogwarts durchschlagen würde. Mein Vater würde Dumbledore alles sagen, ihm alles gestehen. Er würde zugeben, dass er mich aus Askaban herausgeschmuggelt hatte.
Mein Herr benachrichtigte mich von der Flucht meines Vaters. Er wies mich an, ihn um jeden Preis aufzuhalten. So wartete ich und hielt Ausschau. Ich benutzte die Karte, die ich Harry Potter abgenommen hatte. Die Karte, die fast alles ruiniert hätte.«
»Karte?«, warf Dumbledore ein. »Welche Karte denn?«
»Potters Karte von Hogwarts. Potter hatte mich darauf gesehen. Er sah mich, als ich eines Nachts weitere Zutaten aus Snapes Büro stahl. Er dachte, ich wäre mein Vater, da wir denselben Vornamen tragen. Noch in dieser Nacht nahm ich Potter die Karte ab. Ich sagte ihm, mein Vater hasse schwarze Magier. Potter glaubte, mein Vater sei hinter Snape her.
Eine Woche lang wartete ich darauf, dass mein Vater in Hogwarts ankam. Endlich, eines Abends, zeigte mir die Karte, dass er das Gelände betreten hatte. Ich warf mir den Tarnumhang über und ging hinunter, um ihn zu stellen. Er lief am Waldrand entlang. Dann kamen Potter und Krum. Ich wartete. Ich konnte Potter nichts antun, mein Herr brauchte ihn. Potter rannte davon, um Dumbledore zu holen. Ich schockte Krum. Ich tötete meinen Vater.«
»Neeiiiin!«, jammerte Winky. »Meister Barty, Meister Barty, was sagen Sie da?«
»Sie töteten Ihren Vater«, sagte Dumbledore immer noch mit ruhiger Stimme. »Was haben Sie mit der Leiche getan?«
»Ich trug sie in den Wald. Bedeckte sie mit dem Tarnumhang. Ich hatte die Karte bei mir. Ich verfolgte, wie Potter ins Schloss rannte. Er traf auf Snape. Dumbledore kam hinzu. Ich sah, dass Potter Dumbledore aus dem Schloss mitbrachte. Ich verließ den Wald, schlug einen Bogen und ließ sie vorbeigehen, dann kam ich hinzu. Ich sagte Dumbledore, Snape hätte mir gesagt, wohin ich gehen solle.
Dumbledore gab mir den Auftrag, nach meinem Vater zu suchen. Ich ging zurück zur Leiche meines Vaters. Beobachtete die Karte. Als alle fort waren, verwandelte ich die Leiche meines Vaters. Er wurde ein Knochen … ich zog den Tarnumhang über und begrub den Knochen in der frisch umgegrabenen Erde vor Hagrids Hütte.«
Vollkommene Stille trat ein, durchbrochen nur von Winkys Schluchzern.
Dann sagte Dumbledore: »Und heute Abend …«
»Vor dem Abendessen erbot ich mich, den Trimagischen Pokal in den Irrgarten zu tragen«, wisperte Barty Crouch. »Verwandelte ihn in einen Portschlüssel. Der Plan meines Meisters gelang. Er ist wieder an die Macht gekommen, und er wird mich ehren, wie es ein Zauberer nie zu träumen wagte.«
Das irrsinnige Lächeln erhellte noch einmal seine Züge, dann sank ihm unter dem Wehklagen und Schluchzen Winkys der Kopf auf die Schulter.
Die Wege trennen sich
Dumbledore stand auf. Einen Moment lang sah er mit angewidertem Gesicht auf Barty Crouch hinunter. Dann hob er den Zauberstab. Seile flogen aus der Spitze des Stabs hervor, schlangen sich um Barty Crouch und fesselten ihn straff.
Er wandte sich an Professor McGonagall. »Minerva, würden Sie bitte Crouch bewachen, während ich Harry nach oben bringe?«
»Natürlich«, sagte Professor McGonagall. Ihr schien ein wenig übel zu sein, als hätte sie gerade gesehen, wie sich jemand erbrach. Doch als sie den Zauberstab herauszog und ihn auf Barty Crouch richtete, war ihre Hand vollkommen ruhig.
»Severus«, sagte Dumbledore zu Snape gewandt, »weisen Sie bitte Madam Pomfrey an, nach unten zu kommen. Wir müssen Alastor Moody in den Krankenflügel schaffen. Dann gehen Sie hinunter aufs Gelände, suchen Cornelius Fudge und bringen ihn ebenfalls hoch in dieses Büro. Zweifellos wird er Crouch persönlich verhören wollen. Sagen Sie ihm, er kann mich in einer halben Stunde im Krankenflügel finden, falls er mich braucht.«
Snape nickte stumm und rauschte hinaus.
»Harry?«, sagte Dumbledore freundlich.
Harry stand auf und geriet erneut ins Wanken; der Schmerz in seinem Bein, den er, während er Crouch zugehört hatte, überhaupt nicht mehr wahrgenommen hatte, kehrte jetzt mit aller Macht zurück. Er merkte auch, dass er am ganzen Leib zitterte. Dumbledore nahm ihn am Arm und half ihm hinaus auf den dunklen Korridor.
»Ich möchte, dass du zunächst einmal mit in mein Büro kommst«, flüsterte er, während sie über den Gang liefen. »Sirius erwartet uns dort.«
Harry nickte. Eine Art Benommenheit und das Gefühl, dies alles sei ganz unwirklich, hatten von ihm Besitz ergriffen, doch es kümmerte ihn nicht; er war sogar froh darüber. Er wollte nicht über irgendetwas nachdenken müssen, das passiert war, seit er den Trimagischen Pokal zum ersten Mal berührt hatte. Er wollte sich nicht in die Erinnerungen vertiefen, die frisch und scharf wie Fotos ständig an seinem geistigen Auge vorbeizogen. Mad-Eye Moody in diesem großen Koffer. Wurmschwanz, auf der Erde kauernd, schützend über seinen Armstumpf gebeugt. Voldemort, der dem dampfenden Kessel entstieg. Cedric … tot … Cedric, der ihn bat, ihn zu seinen Eltern zurückzubringen …
»Professor«, murmelte Harry, »wo sind Mr und Mrs Diggory?«
»Sie sind bei Professor Sprout«, sagte Dumbledore. Seine Stimme, die während der Befragung von Barty Crouch so ruhig gewesen war, zitterte jetzt erstmals ein wenig. »Sie ist die Leiterin von Cedrics Haus und sie kannte ihn am besten.«
Sie hatten den steinernen Wasserspeier erreicht. Dumbledore nannte das Passwort, der Wasserspeier sprang beiseite, und Harry folgte Dumbledore die Wendeltreppe hoch bis vor die Eichentür. Dumbledore stieß sie auf.
Drinnen stand Sirius. Sein Gesicht war weiß und ausgemergelt, wie damals, als er Askaban entkommen war. Er brauchte nur einen Moment, um das Zimmer zu durchqueren. »Harry, wie geht es dir? Ich wusste es – ich wusste, so etwas würde – was ist geschehen?«
Mit zitternden Händen half er Harry auf einen Stuhl vor dem Schreibtisch.
»Was ist geschehen?«, fragt er nun drängender.
Dumbledore begann ihm alles zu berichten, was Barty Crouch gesagt hatte. Harry hörte nur mit halbem Ohr zu. Er war so müde und jeder Knochen im Leib tat ihm weh, dass er nichts weiter wollte, als hier zu sitzen, ungestört, Stunde um Stunde, bis er einschlief und nicht mehr denken und fühlen musste.
Er hörte ein leises Flügelschlagen. Fawkes, der Phönix, hatte seine Vogelstange verlassen, war durchs Büro geflogen und hatte sich auf Harrys Knie niedergelassen.
»’lo, Fawkes«, sagte Harry leise. Er streichelte das wunderschöne scharlachrote und goldene Federkleid des Phönix. Fawkes blinzelte ihn freundlich an. Etwas Tröstliches ging von diesem warmen Vogelleib aus.
Dumbledore hatte aufgehört zu sprechen. Er setzte sich hinter seinen Schreibtisch, Harry gegenüber. Er sah Harry an, doch Harry mied seinen Blick. Dumbledore würde ihn befragen. Dann würde er alles noch einmal durchleben müssen.
»Ich muss wissen, was geschehen ist, nachdem du den Portschlüssel im Irrgarten berührt hattest, Harry«, sagte Dumbledore.
»Können wir das nicht auf morgen verschieben, Dumbledore?«, fragte Sirius schroff. Er hatte eine Hand auf Harrys Schulter gelegt. »Lass ihn die Nacht darüber schlafen. Lass ihn ausruhen.«
Harry spürte eine jähe Anwandlung von Dankbarkeit für Sirius, doch Dumbledore achtete nicht auf dessen Worte. Er beugte sich zu Harry vor. Widerwillig hob Harry den Kopf und sah in diese blauen Augen.
»Wenn ich glaubte, ich könnte dir helfen«, sagte Dumbledore sanft, »indem ich dich in einen Zauberschlaf versetze und es dir erlaube, den Zeitpunkt zu verschieben, an dem du daran denken musst, was heute Abend geschehen ist – dann würde ich es tun. Aber ich weiß, es hilft nicht. Den Schmerz für eine Weile zu betäuben heißt nur, dass er noch schlimmer ist, wenn du ihn schließlich doch spürst. Du hast mehr Tapferkeit bewiesen, als ich je von dir hätte erwarten können. Ich bitte dich, deinen Mut noch einmal zu beweisen. Ich bitte dich, uns zu schildern, was geschehen ist.«
Der Phönix gab einen leisen, tremolierenden Ton von sich. Der Ton schwebte durch die Luft, und Harry hatte das Gefühl, ein Tropfen heißer Flüssigkeit wäre ihm die Kehle hinunter in den Magen geflossen und wärmte und kräftigte ihn.
Er holte tief Luft und begann zu erzählen. Beim Sprechen stiegen Bilder all dessen, was an diesem Abend geschehen war, vor seinen Augen auf; er sah die funkelnde Oberfläche des Elixiers, das Voldemort wiederbelebt hatte; er sah die Todesser zwischen den Gräbern im Umkreis apparieren; und er sah Cedrics Leiche auf der Erde neben dem Pokal liegen.
Das eine oder andere Mal machte Sirius, dessen Hand immer noch auf Harrys Schulter ruhte, ein Geräusch, als wolle er etwas sagen, doch Dumbledore hob die Hand und ließ ihn verstummen, und Harry war froh darüber, denn nun, da er einmal angefangen hatte, war es einfacher, ohne Unterbrechung weiterzuerzählen. Er fühlte sich sogar erleichtert; fast war es, als würde etwas Giftiges aus ihm herausgesogen; es kostete ihn alle Willensstärke weiterzureden, doch er spürte, am Ende würde er sich besser fühlen.
Als Harry jedoch berichtete, wie Wurmschwanz ihm den Arm mit einem Dolch aufgeritzt hatte, stieß Sirius einen entsetzten Schrei aus, und Dumbledore sprang so schnell auf, dass Harry zusammenzuckte. Er kam um den Schreibtisch herum und bat Harry, den Arm auszustrecken. Harry zeigte den beiden die Stelle, an der sein Umhang aufgeschlitzt war, und den Schnitt in der Haut darunter.
»Er sagte, mein Blut würde ihn stärker machen als das Blut irgendeines anderen«, berichtete Harry. »Er sagte, der Schutz, den – den meine Mutter mir hinterlassen hat – er würde ihn nun auch besitzen. Und er hatte Recht – er konnte mich anfassen, ohne sich zu verletzen, er hat mein Gesicht berührt.«
Einen flüchtigen Moment lang glaubte Harry, etwas wie Triumph in Dumbledores Augen aufglimmen zu sehen. Doch im nächsten Augenblick war er sich gewiss, dass er sich das nur eingebildet hatte, denn als Dumbledore zu seinem Stuhl hinter dem Schreibtisch zurückgekehrt war, wirkte er erneut ungewohnt alt und müde.
»Nun denn«, sagte er und setzte sich. »Voldemort hat dieses eigentümliche Hindernis überwunden. Fahr bitte fort, Harry.«
Harry erzählte weiter; er schilderte, wie Voldemort dem Kessel entstiegen war, und alles, was er von Voldemorts Rede an die Todesser noch im Kopf hatte. Dann berichtete er, dass Wurmschwanz ihm die Fesseln gelöst und den Zauberstab zurückgegeben und Voldemort ihn zum Duell aufgefordert hatte. Doch als es dann daranging zu erzählen, wie der goldene Lichtstrahl die beiden Zauberstäbe verbunden hatte, schnürte es ihm die Kehle zu. Er versuchte weiterzureden, doch die Erinnerungen an das, was aus Voldemorts Zauberstab gedrungen war, überfluteten sein Denken. Ganz deutlich sah er vor sich, wie Cedric erschien, der alte Mann, Bertha Jorkins … seine Mutter … sein Vater …
Er war froh, dass Sirius die Stille durchbrach.
»Die Zauberstäbe verbanden sich miteinander?«, sagte er und ließ den Blick von Harry zu Dumbledore wandern. »Warum?«
Harry sah zu Dumbledore auf, dessen Gesichtszüge starr geworden waren.
»Priori Incantatem«, murmelte er.
Seine Augen blickten unverwandt in die Harrys, und fast war es, als verbänden sie sich plötzlich durch einen unsichtbaren Strahl des Verstehens.
»Der Fluchumkehr-Effekt?«, fragte Sirius scharf.
»Genau«, sagte Dumbledore. »Harrys und Voldemorts Zauberstäbe sind im Kern gleich. Jeder enthält eine Feder vom Schweif desselben Phönix. Von diesem Phönix, um es klar zu sagen«, fügte er hinzu und deutete auf den rotgoldenen Vogel, der friedlich auf Harrys Knie kauerte.
»Die Feder meines Zauberstabs stammt von Fawkes?«, fragte Harry verblüfft.
»Ja«, sagte Dumbledore. »Sobald du vor vier Jahren den Laden verlassen hattest, schrieb mir Mr Ollivander, du hättest den zweiten Zauberstab gekauft.«
»Und was geschieht, wenn ein Zauberstab auf seinen Bruder trifft?«, fragte Sirius.
»Gegeneinander wirken sie nicht wie sonst«, sagte Dumbledore. »Wenn die Besitzer jedoch ihre Zauberstäbe zwingen, gegeneinander zu kämpfen … dann kommt es zu einer sehr seltenen Erscheinung.
Einer der Zauberstäbe zwingt den anderen, die Flüche, die er ausgeübt hat, noch einmal gleichsam auszuspeien – und zwar in umgekehrter Reihenfolge. Den letzten Fluch zuerst … und dann die anderen, die ihm vorausgingen …«
Er sah Harry fragend an und Harry nickte.
»Das heißt«, fuhr Dumbledore langsam und mit unverwandtem Blick auf Harry fort, »Cedric muss in irgendeiner Gestalt wieder erschienen sein.«
Harry nickte erneut.
»Diggory ist also ins Leben zurückgekehrt?«, sagte Sirius scharf.
»Kein Zauber kann die Toten wiedererwecken«, sagte Dumbledore mit belegter Stimme. »Alles, was geschehen konnte, war eine Art Echo des Vergangenen. Ein Schatten des lebenden Cedric muss aus dem Zauberstab ausgetreten sein … stimmt das, Harry?«
»Er hat zu mir gesprochen«, sagte Harry. Plötzlich zitterte er wieder. »Der … der Geist von Cedric oder was es war, hat gesprochen.«
»Ein Echo«, sagte Dumbledore, »das Cedrics Erscheinung und Wesen in sich barg. Ich vermute, es sind noch mehr derartige Gestalten erschienen … frühere Opfer von Voldemorts Zauberstab …«
»Ein alter Mann«, sagte Harry und immer noch war ihm die Kehle wie zugeschnürt. »Bertha Jorkins. Und …«
»Deine Eltern?«, sagte Dumbledore leise.
»Ja«, sagte Harry.
Sirius’ Finger klammerten sich in diesem Moment so fest in Harrys Schulter, dass es wehtat.
»Die letzten Morde des Zauberstabs«, sagte Dumbledore kopfnickend. »In umgekehrter Reihenfolge. Natürlich wären noch mehr erschienen, wenn du die Verbindung gehalten hättest. Nun gut, Harry, diese Echos, diese Schatten … was taten sie?«
Harry erzählte, dass die Gestalten aus dem Zauberstab am Rand des goldenen Netzes entlang Wache gegangen waren, dass Voldemort offensichtlich Angst vor ihnen gehabt hatte, dass der Schatten seines Vaters ihm gesagt hatte, was er tun solle, und Cedric seine letzte Bitte ausgesprochen hatte.
An diesem Punkt angelangt, konnte Harry nicht mehr weitersprechen. Er wandte sich zu Sirius um, der das Gesicht in den Händen verborgen hatte. Dann bemerkte Harry plötzlich, dass Fawkes nicht mehr auf seinem Schoß saß. Der Phönix war zu Boden geflattert. Er schmiegte seinen schönen Kopf an Harrys verletztes Bein, und dicke, perlene Tränen fielen aus seinen Augen auf die Wunde vom Kampf mit der Spinne. Der Schmerz ließ nach. Die Haut heilte zu. Sein Bein war wieder gesund.
»Ich muss es noch einmal wiederholen«, sagte Dumbledore, während der Phönix in die Luft stieg und sich wieder auf der Stange neben der Tür niederließ. »Du hast heute Abend mehr Tapferkeit bewiesen, als ich je von dir hätte erwarten können, Harry. Du hast die gleiche Tapferkeit bewiesen wie jene, die im Kampf gegen Voldemort auf dem Höhepunkt seiner Macht gestorben sind. Du hast die Last eines erwachsenen Zauberers geschultert und bewiesen, dass du sie tragen kannst – und nun hast du uns auch alles gegeben, was wir zu Recht von dir erwarten konnten. Wir gehen jetzt zusammen in den Krankenflügel. Ich möchte nicht, dass du heute Nacht in den Schlafsaal gehst. Ein Schlaftrunk, ein wenig Ruhe … Sirius, würdest du gerne bei ihm bleiben?«
Sirius nickte und stand auf. Er verwandelte sich in den großen schwarzen Hund zurück, verließ mit Harry und Dumbledore das Büro und begleitete sie eine Treppenflucht hinunter in den Krankenflügel.
Als Dumbledore die Tür aufstieß, sah Harry, dass sich Mrs Weasley, Bill, Ron und Hermine um die zermürbt wirkende Madam Pomfrey geschart hatten. Offenbar bestürmten sie sie mit Fragen, wo Harry stecke und was ihm passiert sei.
Sie alle wirbelten herum, als Harry, Dumbledore und der schwarze Hund eintraten, und Mrs Weasley stieß einen erstickten Schrei aus. »Harry! O Harry!«
Sie wollte schon auf ihn loshasten, doch Dumbledore trat zwischen die beiden.
»Molly«, sagte er und hob die Hand, »bitte hören Sie mir einen Augenblick zu. Harry hat heute Abend Schreckliches durchlitten. Und er musste es eben für mich noch einmal in allen Einzelheiten schildern. Was er jetzt braucht, ist Schlaf, Ruhe und Frieden. Wenn er möchte, dass ihr alle bei ihm bleibt«, fügte er mit Blick auf Ron, Hermine und Bill hinzu, »dann tut es. Aber ich will, dass ihr ihm erst Fragen stellt, wenn er bereit ist zu reden, und gewiss nicht mehr heute Abend.«
Mrs Weasley nickte. Sie war schneeweiß.
Sie wandte sich Ron, Hermine und Bill zu und zischte, als würden sie einen Höllenlärm machen: »Habt ihr nicht gehört? Er braucht Ruhe!«
»Direktor«, sagte Madam Pomfrey mit starrem Blick auf den großen schwarzen Hund, »darf ich fragen, was –?«
»Dieser Hund wird eine Weile bei Harry bleiben«, sagte Dumbledore knapp. »Ich versichere Ihnen, er ist sehr gut erzogen. Harry – ich warte so lange, bis du im Bett bist.«
Harry empfand Dumbledore gegenüber ein unaussprechliches Gefühl der Dankbarkeit, weil er die anderen gebeten hatte, ihm keine Fragen zu stellen. Gewiss, er wollte sie um sich haben, doch die Vorstellung, alles noch einmal erklären, alles noch einmal durchleben zu müssen, war einfach unerträglich.
»Ich komme noch einmal zurück, Harry, sobald ich mit Fudge gesprochen habe«, sagte Dumbledore. »Morgen werde ich ein Wort an alle Schüler von Hogwarts richten, und bis dahin möchte ich, dass du hierbleibst.« Er ging hinaus.
Madam Pomfrey führte Harry zu einem in der Nähe stehenden Bett, und dabei erhaschte er einen Blick auf den wahren Moody, der reglos in einem Bett am anderen Ende des Saals lag. Sein Holzbein und sein magisches Auge lagen auf dem Nachttisch.
»Wie geht es ihm?«, fragte Harry.
»Er wird schon wieder zu Kräften kommen«, sagte Madam Pomfrey, reichte Harry einen Pyjama und zog einen Wandschirm um sein Bett. Er entkleidete sich, zog den Pyjama an und legte sich hin. Ron, Hermine, Bill, Mrs Weasley und der schwarze Hund kamen um den Wandschirm herum und setzten sich auf Stühle zu beiden Seiten seines Bettes. Ron und Hermine sahen ihn fast argwöhnisch an, als hätten sie Angst vor ihm.
»Mir geht’s schon besser«, sagte er. »Bin nur müde.«
Mrs Weasley strich völlig überflüssigerweise die Bettdecke glatt und ihre Augen füllten sich mit Tränen.
Madam Pomfrey, die hinüber in ihr Büro gewackelt war, kam mit einem Kelch und einer kleinen Flasche mit einem purpurnen Trank zurück.
»Das musst du ganz austrinken, Harry«, sagte sie. »Es ist ein Trank für einen traumlosen Schlaf.«
Harry ergriff den Kelch und nahm ein paar Schlucke. Sofort wurde ihm schläfrig zumute. Alles um ihn her versank in Nebel; die Lampen im Krankensaal schienen ihm durch den Wandschirm um sein Bett freundlich zuzublinken; ihm war, als würde er immer tiefer in die Wärme des Federbettes sinken. Bevor er das Elixier ganz ausgetrunken hatte, bevor er noch ein Wort sagen konnte, hatte ihn die Erschöpfung in den Schlaf gleiten lassen.
Harry wachte auf, und ihm war so behaglich, er war so schlaftrunken, dass er die Augen nicht öffnete und lieber in den Schlaf zurücksinken wollte. Der Saal war immer noch schwach beleuchtet; er war sich sicher, dass es noch Nacht war, und hatte den Eindruck, nicht lange geschlafen zu haben.
Dann hörte er Geflüster um sich her.
»Die wecken ihn noch auf, wenn sie nicht endlich still sind!«
»Was gibt es denn da zu schreien? Es kann doch nicht schon wieder was passiert sein!«
Schlaftrunken öffnete Harry die Augen. Jemand hatte ihm die Brille abgenommen. Er konnte die verschwommenen Gestalten von Mrs Weasley und Bill neben sich erkennen. Mrs Weasley hatte sich erhoben.
»Das ist die Stimme von Fudge«, wisperte sie. »Und das ist Minerva McGonagall, nicht wahr? Aber worüber streiten die sich?«
Jetzt konnte auch Harry es hören: aufgebrachte Stimmen und das Geräusch von Schritten, die sich dem Krankensaal näherten.
»Bedauerlich zwar, gleichwohl, Minerva –«, sagte Cornelius Fudge laut.
»Sie hätten es niemals ins Schloss bringen dürfen!«, rief Professor McGonagall. »Wenn Dumbledore das erfährt –«
Harry hörte, wie die Tür zum Krankensaal aufschlug. Bill hatte den Wandschirm beiseitegeschoben, und alle, die um Harrys Bett saßen, starrten jetzt zur Tür. Harry setzte sich unbemerkt auf und nahm seine Brille vom Nachttisch.
Fudge kam zügig durch den Saal geschritten. Die Professoren McGonagall und Snape folgten ihm auf den Fersen.
»Wo ist Dumbledore?«, fragte Fudge Mrs Weasley.
»Er ist nicht hier«, antwortete Mrs Weasley erzürnt. »Dies ist ein Krankensaal, Minister, denken Sie nicht, es wäre besser –«
Doch jetzt ging die Tür auf und Dumbledore kam herein-gerauscht.
»Was ist passiert?«, fragte er in scharfem Ton und blickte abwechselnd Fudge und Professor McGonagall an. »Warum stören Sie die Ruhe? Minerva, ich bin überrascht, Sie hier zu sehen – ich hatte Sie gebeten, Barty Crouch zu bewachen –«
»Es ist nicht mehr nötig, ihn zu bewachen, Dumbledore!«, entgegnete sie schrill. »Dafür hat der Minister gesorgt!«
Harry hatte Professor McGonagall noch nie so außer sich gesehen. Flammend rote Flecken traten auf ihre Wangen, sie ballte die Hände zu Fäusten und bebte vor Zorn.
»Als wir Mr Fudge mitteilten, wir hätten den Todesser gefangen, der für die Geschehnisse dieser Nacht verantwortlich war«, sagte Snape in gedämpftem Ton, »da glaubte er offenbar, seine eigene Sicherheit sei gefährdet. Er bestand darauf, einen Dementor zu rufen, der ihn zum Schloss begleitete. Er brachte ihn mit in das Büro, in dem Barty Crouch –«
»Ich hatte ihm laut und deutlich gesagt, dass Sie nicht damit einverstanden seien, Dumbledore!«, brauste Professor McGonagall auf. »Ich hatte ihm gesagt, Sie würden es niemals erlauben, dass Dementoren das Schloss betreten, aber –«
»Meine Verehrteste!«, dröhnte Fudge, der ebenfalls zorniger wirkte, als Harry ihn je erlebt hatte. »Als Zaubereiminister steht mir allein die Entscheidung zu, ob ich jemanden zu meinem Schutz mitbringe, wenn ich einen möglicherweise gefährlichen –«
Doch Professor McGonagalls Stimme ließ die von Fudge untergehen. »Kaum hatte dieses – dieses Etwas das Büro betreten«, schrie sie und deutete am ganzen Leib bebend auf Fudge, »da stürzte es sich auf Crouch und – und –«
Harry spürte, wie ihm die Eingeweide gefroren, während Professor McGonagall nach Worten rang, um zu beschreiben, was geschehen war. Seinetwegen brauchte sie ihren Satz jedenfalls nicht zu beenden. Ihm war klar, was der Dementor getan haben musste. Er hatte Barty Crouch einen tödlichen Kuss gegeben. Er hatte ihm die Seele durch den Mund ausgesogen. Crouch erging es jetzt schlimmer, als wenn er gestorben wäre.
»Nach allem, was wir wissen, ist er sicher kein großer Verlust!«, polterte Fudge. »Offenbar war er für mehrere Morde verantwortlich!«
»Aber jetzt kann er nicht mehr aussagen, Cornelius«, sagte Dumbledore. Er sah Fudge scharf an, als könne er ihn zum ersten Mal klar erkennen. »Er kann uns jetzt nicht mehr sagen, warum er diese Menschen getötet hat.«
»Warum er sie getötet hat? Da braucht man doch nicht lange zu rätseln!«, polterte Fudge. »Er war ein durchgeknallter Irrer! Laut Minerva und Severus glaubte er offenbar, er hätte das alles auf Anweisung von Du-weißt-schon-wem getan!«
»Lord Voldemort hat ihm tatsächlich Anweisungen erteilt, Cornelius«, sagte Dumbledore. »All diese Morde geschahen im Zuge eines Plans, Voldemort seine alten Kräfte zurückzugeben. Dieses Vorhaben ist gelungen. Voldemort hat seinen Körper wieder.«
Fudge sah aus, als hätte ihm soeben jemand einen Faustschlag verpasst. Benommen und mit glasigem Blick stierte er Dumbledore an, als könne er einfach nicht glauben, was er gerade gehört hatte.
»Du-weißt-schon-wer … ist zurück?«, stammelte er schließlich und starrte Dumbledore unverwandt an. »Lächerlich. Nun hören Sie, Dumbledore …«
»Wie Minerva und Severus Ihnen zweifellos gesagt haben«, entgegnete Dumbledore, »hat Crouch vor uns ein Geständnis abgelegt. Unter dem Einfluss von Veritaserum schilderte er uns, wie er aus Askaban herausgeschmuggelt wurde und wie Voldemort – der über Bertha Jorkins von Crouchs Fortleben erfahren hatte – kam, um ihn aus den Händen seines Vaters zu befreien, und ihn dann einsetzte, um Harry in die Fänge zu bekommen. Und dieser Plan ist gelungen, muss ich Ihnen sagen. Crouch hat Voldemort geholfen zurückzukehren.«
»Hören Sie, Dumbledore«, sagte Fudge und zu Harrys Erstaunen regte sich ein mildes Lächeln auf seinem Gesicht, »Sie – Sie können das doch nicht im Ernst glauben. Du-weißt-schon-wer – ist zurück? Kommen Sie, kommen Sie … gewiss, Crouch selbst hat womöglich geglaubt, er würde auf Befehl des Unnennbaren handeln – aber das Wort eines solchen Verrückten auch für bare Münze zu nehmen, Dumbledore …«
»Als Harry vor einigen Stunden den Trimagischen Pokal berührte, hat er ihn direkt zu Voldemort transportiert«, fuhr Dumbledore unbeeindruckt fort. »Er hat die Wiedergeburt Lord Voldemorts mit eigenen Augen gesehen. Ich erkläre Ihnen alles, wenn Sie in mein Büro hochkommen.«
Dumbledore wandte sich Harry zu und sah, dass er wach war, doch dann schüttelte er den Kopf und sagte: »Ich fürchte, ich kann es Ihnen nicht gestatten, Harry heute Nacht noch zu befragen.«
Fudges eigenartiges Lächeln blieb auf seinem Gesicht haften.
Auch er warf einen Blick zu Harry hinüber, dann wandte er sich wieder an Dumbledore: »Sie sind – ähm – bereit, Harrys Wort in dieser Sache zu glauben, nicht wahr, Dumbledore?«
Für kurze Zeit trat Stille ein, doch dann meldete sich Sirius. Zähnefletschend und mit gesträubten Rückenhaaren begann er Fudge anzuknurren.
»Natürlich glaube ich Harry«, sagte Dumbledore. In seinen Augen loderte es. »Ich habe Crouchs Geständnis gehört und Harrys Schilderung dessen, was geschah, nachdem er den Trimagischen Pokal berührt hatte; die beiden Geschichten passen zusammen und erklären alles, was seit Bertha Jorkins’ Verschwinden letzten Sommer passiert ist.«
Das merkwürdige Lächeln auf Fudges Gesicht wollte nicht verschwinden. Erneut versetzte er Harry einen Blick, bevor er antwortete: »Sie sind bereit zu glauben, dass Lord Voldemort zurückgekehrt ist, aufgrund der Aussage eines irren Mörders und eines Jungen, der … nun …«
Wieder blickte Fudge zu Harry hinüber und plötzlich begriff Harry.
»Sie haben Rita Kimmkorn gelesen, Mr Fudge«, sagte er leise.
Ron, Hermine, Mrs Weasley und Bill zuckten zusammen. Keiner von ihnen hatte bemerkt, dass Harry wach war.
Fudge errötete leicht, doch ein sturer, widerwilliger Zug trat nun auf sein Gesicht.
»Und wenn schon«, sagte er mit Blick auf Dumbledore. »Was, wenn ich herausgefunden habe, dass Sie gewisse Tatsachen über den Jungen unter der Decke halten? Ein Parselmund, ja? Und ständig irgendwelche merkwürdigen Anfälle –«
»Ich nehme an, Sie meinen die Narbenschmerzen Harrys?«, entgegnete Dumbledore kühl.
»Sie geben also zu, dass er Schmerzen hat?«, sagte Fudge rasch. »Kopfschmerzen? Alpträume? Womöglich auch – Halluzinationen?«
»Hören Sie, Cornelius«, sagte Dumbledore und tat einen Schritt auf Fudge zu; wieder schien er jene unbestimmbare Aura der Macht auszustrahlen, die Harry gespürt hatte, nachdem Dumbledore den jungen Crouch in den Schockschlaf versetzt hatte. »Harry ist so gesund wie Sie und ich. Diese Narbe auf seiner Stirn hat ihm nicht den Verstand verwirrt. Ich vermute, sie schmerzt, wenn Lord Voldemort in der Nähe ist oder sich besonders mordlustig fühlt.«
Fudge war einen halben Schritt vor Dumbledore zurückgewichen, doch er wirkte nicht minder stur. »Sie werden mir verzeihen, Dumbledore, aber ich habe noch nie von einer Fluchnarbe gehört, die als Alarmglocke gewirkt hat …«
»Hören Sie doch, ich habe gesehen, dass Voldemort zurückkam!«, rief Harry. Wieder versuchte er aus dem Bett zu steigen, doch Mrs Weasley hielt ihn mit sanfter Gewalt zurück. »Ich habe die Todesser gesehen! Ich kann Ihnen die Namen nennen! Lucius Malfoy –«
Snape machte eine jähe Bewegung, doch als Harry ihn ansah, huschten Snapes Augen zurück zu Fudge.
»Malfoy wurde entlastet!«, sagte Fudge sichtlich entrüstet. »Eine hoch angesehene Familie – Spenden für wohltätige Zwecke –«
»Macnair!«, fuhr Harry fort.
»Ebenfalls entlastet! Arbeitet jetzt für das Ministerium!«
»Avery – Nott – Crabbe – Goyle –«
»Du wiederholst nur die Namen jener, die vor dreizehn Jahren von der Anklage, Todesser zu sein, freigesprochen wurden!«, sagte Fudge zornig. »Du hättest diese Namen in alten Berichten über die Prozesse finden können! Um Himmels willen, Dumbledore – Ende letzten Jahres hat der Junge auch ständig irgendeine wahnwitzige Geschichte zum Besten gegeben – seine Fabeln werden allmählich immer dreister, und Sie schlucken sie immer noch – der Junge kann mit Schlangen sprechen, Dumbledore, und Sie halten ihn dennoch für glaubwürdig?«
»Sie Dummkopf!«, schrie Professor McGonagall. »Cedric Diggory! Mr Crouch! Diese Morde sind nicht die zufälligen Taten eines Verrückten!«
»Ich sehe keinen Beweis für das Gegenteil!«, rief Fudge nicht weniger zornig und mit scharlachrot angelaufenem Gesicht. »Mir scheint, als wären Sie alle entschlossen, eine Panik auszulösen, die all das ins Wanken bringen soll, was wir in den letzten dreizehn Jahren aufgebaut haben!«
Harry konnte nicht glauben, was er da hörte. Er hatte Fudge immer für einen liebenswürdigen Kerl gehalten, ein wenig aufbrausend, ein bisschen wichtigtuerisch, doch im Grunde gutmütig. Doch nun stand ein kleiner zorniger Zauberer vor ihm, der sich schlichtweg weigerte, dem drohenden Zusammenbruch seiner gemütlichen und wohl geordneten Welt ins Auge zu sehen – der nicht glauben wollte, dass Voldemort wieder zu Kräften gekommen war.
»Voldemort ist zurück«, wiederholte Dumbledore. »Wenn Sie diese Tatsache unverzüglich zur Kenntnis nähmen, Fudge, und die notwendigen Schritte einleiteten, könnten wir die Lage immer noch meistern. Der erste und wichtigste Schritt ist, Askaban der Kontrolle der Dementoren zu entziehen –«
»Lächerlich!«, rief Fudge erneut. »Die Dementoren abziehen! Man würde mich aus dem Amt werfen, wenn ich so etwas vorschlagen würde! Viele von uns können nachts doch nur deshalb ruhig schlafen, weil sie wissen, dass die Dementoren in Askaban Wache halten!«
»Wir anderen schlafen nicht so ruhig, Cornelius«, entgegnete Dumbledore, »denn wir wissen, dass Sie die gefährlichsten Anhänger Lord Voldemorts unter die Obhut von Kreaturen gestellt haben, die sich ihm anschließen werden, sobald er sie dazu auffordert! Die Dementoren werden Ihnen nicht treu bleiben, Fudge! Voldemort kann diesen Kreaturen mehr Bewegungsfreiheit für ihre Kräfte und Gelüste bieten als Sie! Sobald er die Dementoren für sich gewonnen und seine alten Anhänger um sich geschart hat, werden Sie die größte Mühe haben, ihn auf seinem Eroberungsfeldzug zurück zu ebenjener Macht aufzuhalten, die er zuletzt vor dreizehn Jahren innegehabt hat!«
Fudge öffnete und schloss den Mund, als gäbe es keine Worte, die seinem Zorn Ausdruck verleihen könnten.
»Der zweite Schritt, den Sie tun müssen – und zwar sofort«, drängte Dumbledore weiter, »bestünde darin, Gesandte zu den Riesen zu schicken.«
»Gesandte zu den Riesen?«, kreischte Fudge, der nun offenbar seine Sprache wiedergefunden hatte. »Was soll dieser Irrsinn?«
»Bieten Sie ihnen die Hand der Freundschaft an, und zwar jetzt, bevor es zu spät ist«, sagte Dumbledore, »oder Voldemort wird ihnen wie damals einreden, er sei der einzige Zauberer, der ihnen ihre Rechte und Freiheiten geben würde!«
»Sie – Sie können das doch nicht ernst meinen?«, keuchte Fudge kopfschüttelnd und wich ein paar Schritte weiter vor Dumbledore zurück. »Wenn die magische Gemeinschaft davon Wind bekommt, dass ich auf die Riesen zugehe – die Leute hassen sie, Dumbledore – Ende meiner Karriere –«
»Sie sind mit Blindheit geschlagen«, sagte Dumbledore mit erhobener Stimme und glühenden Augen, und die Aura der Macht, die ihn umgab, war nun fast greifbar. »Geblendet durch Ihren Ehrgeiz, Cornelius! Wie immer legen Sie zu viel Wert auf die so genannte Reinheit des Blutes! Sie sehen einfach nicht, dass es nicht darauf ankommt, als was jemand geboren ist, sondern darauf, was aus ihm wird! Ihr Dementor hat soeben den letzten Spross einer unserer ältesten rein-blütigen Familien zerstört – und sehen Sie doch, was er willentlich aus seinem Leben gemacht hat! Ich sage es Ihnen noch einmal – tun Sie, was ich Ihnen vorgeschlagen habe, und in Ihrem Ministerium und draußen in der Zaubererwelt wird man Sie als einen unserer kühnsten und größten Zaubereiminister in Erinnerung behalten. Legen Sie die Hände in den Schoß – dann werden Sie in die Geschichte eingehen als der Mann, der beiseitetrat und Voldemort eine zweite Möglichkeit bot, die Welt zu vernichten, die wir wieder aufzubauen versuchten!«
»Verrückt«, flüsterte Fudge und wich weiter zurück. »Wahnsinnig …«
Und dann trat Stille ein. Madam Pomfrey stand erstarrt, die Hände auf den Mund gepresst, am Fußende von Harrys Bett. Mrs Weasley war immer noch über Harry gebeugt und hatte die Hand auf seine Schulter gelegt, um ihn zu beschwichtigen. Bill, Ron und Hermine starrten Fudge an.
»Wenn Ihr Wille, die Augen zu verschließen, Sie so weit bringt, Cornelius«, sagte Dumbledore, »dann trennen sich nun unsere Wege. Sie müssen tun, was Sie für richtig halten. Und ich – ich werde tun, was ich für richtig halte.«
In Dumbledores Stimme lag nicht die Spur einer Drohung; was er sagte, klang eher wie eine Feststellung, doch Fudge brauste auf, als wäre Dumbledore mit dem Zauberstab auf ihn losgegangen.
»Jetzt reicht es aber, Dumbledore«, sagte er und fuchtelte drohend mit dem Zeigefinger, »ich habe Ihnen immer freie Hand gelassen. Ich hatte eine Menge Hochachtung vor Ihnen. Ich war vielleicht mit einigen Ihrer Entscheidungen nicht einverstanden, doch ich habe den Mund gehalten. So ohne weiteres hätte kein anderer Ihnen erlaubt, Werwölfe einzustellen oder Hagrid zu behalten oder selbst zu entscheiden, was Sie Ihren Schülern beibringen, ohne Rücksprache mit dem Ministerium. Doch wenn Sie jetzt gegen mich arbeiten wollen –«
»Der Einzige, gegen den ich zu arbeiten gedenke«, entgegnete Dumbledore, »ist Lord Voldemort. Wenn Sie gegen ihn sind, Cornelius, dann bleiben wir auf derselben Seite.«
Offenbar fiel Fudge darauf keine Antwort ein. Er wippte eine Weile auf seinen kleinen Füßen und drehte den Bowler in den Händen.
Als er schließlich den Mund aufmachte, lag etwas Flehendes in seiner Stimme: »Er kann nicht zurück sein, Dumbledore, das ist unmöglich …«
Snape trat vor, ging an Dumbledore vorbei und krempelte seinen linken Ärmel hoch. Er streckte seinen Unterarm aus und zeigte ihn dem zurückschreckenden Fudge.
»Hier, sehen Sie«, sagte Snape barsch. »Hier. Das Dunkle Mal. Es ist nicht mehr so deutlich, wie es vor gut einer Stunde war, als es schwarz glühte, aber Sie können es noch immer sehen. Der Dunkle Lord hatte jedem Todesser dieses Zeichen eingebrannt. Es diente uns als Erkennungszeichen, und er benutzte es auch, um uns zu sich zu rufen. Wenn er das Mal irgendeines Todessers berührte, mussten wir sofort an seiner Seite apparieren. Dieses Zeichen hier ist das ganze Jahr über deutlicher geworden. Wie auch das von Karkaroff. Warum, glauben Sie, ist Karkaroff heute Nacht geflohen? Wir beide spürten das Mal brennen. Wir beide wussten, dass er zurückgekehrt war. Karkaroff fürchtet die Rache des Dunklen Lords. Er hat zu viele seiner Gefolgsleute verraten und weiß, dass sie ihn nicht mit offenen Armen empfangen werden.«
Fudge wich jetzt auch vor Snape zurück. Er schüttelte den Kopf. Offenbar hatte er kein Wort dessen, was Snape gesagt hatte, wirklich aufgenommen. Er starrte sichtlich angewidert das hässliche Mal auf Snapes Arm an, dann sah er zu Dumbledore hoch und flüsterte: »Ich weiß nicht, worauf Sie und Ihre Lehrer es angelegt haben, Dumbledore, aber ich habe genug gehört. Meinen Worten habe ich nichts mehr hinzuzufügen. Morgen werde ich Verbindung mit Ihnen aufnehmen, Dumbledore, und mit Ihnen über die künftige Führung dieser Schule sprechen. Ich muss zurück ins Ministerium.«
Er war schon fast an der Tür, als er innehielt. Er wandte sich um, kam wieder durch den Saal geschritten und blieb vor Harrys Bett stehen.
»Dein Gewinn«, sagte er knapp, zog einen großen Goldbeutel aus der Tasche und ließ ihn auf Harrys Nachttisch fallen. »Eintausend Galleonen. Eine feierliche Preisverleihung war vorgesehen, aber unter diesen Umständen …«
Er drückte sich den Bowler auf den Kopf, marschierte hinaus und schlug die Tür hinter sich zu. Sobald er verschwunden war, wandte sich Dumbledore der Gruppe um Harrys Bett zu.
»Es gibt einiges zu tun«, sagte er. »Molly … ich glaube wohl zu Recht, dass ich auf Sie und Arthur zählen kann?«
»Natürlich können Sie das«, sagte Mrs Weasley. Sie war kreidebleich, wirkte jedoch entschlossen. »Er weiß, was Fudge für einer ist. Weil Arthur so viel für die Muggel übrig hat, legen sie ihm im Ministerium seit Jahren schon Steine in den Weg. Fudge meint, es fehle ihm an Zaubererstolz.«
»Dann muss ich Arthur eine Botschaft schicken«, sagte Dumbledore. »Alle, die wir von der Wahrheit überzeugen können, müssen sofort benachrichtigt werden, und Arthur hat den richtigen Posten, um mit den Leuten im Ministerium Verbindung aufzunehmen, die nicht so kurzsichtig sind wie Cornelius.«
»Ich gehe zu Dad«, sagte Bill und stand auf. »Und zwar sofort.«
»Bestens«, sagte Dumbledore. »Sagen Sie ihm, was geschehen ist. Sagen Sie, ich werde bald direkt mit ihm Kontakt aufnehmen. Er muss allerdings verschwiegen sein. Wenn Fudge denkt, ich würde mich im Ministerium einmischen –«
»Überlassen Sie das mir«, sagte Bill.
Er gab Harry einen Klaps auf die Schulter, küsste seine Mutter auf die Wange, zog den Umhang über und ging mit raschen Schritten hinaus.
»Minerva«, sagte Dumbledore und wandte sich an Professor McGonagall, »ich möchte, dass Hagrid so schnell wie möglich in meinem Büro erscheint. Und auch – sofern sie einverstanden ist – Madame Maxime.«
Professor McGonagall nickte und ging, ohne ein Wort zu verlieren, hinaus.
»Poppy«, sagte er zu Madam Pomfrey, »seien Sie so nett und gehen Sie hinunter in Professor Moodys Büro, wo Sie, wie ich vermute, eine recht aufgelöste Hauselfe namens Winky finden. Tun Sie für die Elfe, was in Ihren Kräften steht, und geleiten Sie sie dann zurück in die Küche. Ich denke, Dobby wird uns den Gefallen tun und sich um sie kümmern.«
»Ja – natürlich«, sagte Madam Pomfrey verdutzt und auch sie ging hinaus.
Dumbledore vergewisserte sich, dass die Tür geschlossen war und Madam Pomfreys Schritte sich entfernt hatten, dann erst hob er erneut die Stimme.
»Und nun«, sagte er, »ist es an der Zeit, dass zwei der hier Anwesenden sich gegenseitig als das anerkennen, was sie sind. Sirius … bitte nimm deine gewöhnliche Gestalt an.«
Der große schwarze Hund sah zu Dumbledore auf, dann verwandelte er sich in Sekundenschnelle in einen ausgewachsenen Mann.
Mrs Weasley schrie auf und sprang vom Bett zurück.
»Sirius Black!«, kreischte sie und deutete mit dem Finger auf ihn.
»Mum, beruhige dich!«, rief Ron. »Es ist alles in Ordnung!«
Snape hatte nicht geschrien und war auch nicht zurückgewichen, aber auf seinem Gesicht war eine Mischung aus Zorn und Entsetzen zu sehen.
»Der!«, raunzte er und starrte Sirius an, dem nicht weniger Abscheu im Gesicht geschrieben stand. »Was tut der hier!«
»Er ist meiner Einladung gefolgt«, sagte Dumbledore und sah die beiden abwechselnd an, »wie auch Sie, Severus. Ich vertraue euch beiden. Es ist an der Zeit, dass ihr die alten Streitigkeiten begrabt und euch gegenseitig vertraut.«
Harry fand, dass Dumbledore fast ein Wunder verlangte. Sirius und Snape beäugten sich mit allergrößtem Abscheu.
»Fürs Erste«, sagte Dumbledore mit einer Spur Ungeduld in der Stimme, »gebe ich mich auch mit dem Verzicht auf offene Feindseligkeiten zufrieden. Ihr werdet euch jetzt die Hände reichen. Ihr seid jetzt auf derselben Seite. Die Zeit ist knapp, und wenn die wenigen von uns, die die Wahrheit kennen, nicht zusammenhalten, gibt es für keinen von uns Hoffnung.«
Ganz langsam – doch immer noch mit bösen Blicken, als ob jeder dem anderen das Schlimmste an den Hals wünschte – bewegten Sirius und Snape die Hände aufeinander zu und überwanden sich zu einem Händedruck. Äußerst rasch ließen sie wieder los.
»Das wird fürs Erste genügen«, sagte Dumbledore und trat erneut zwischen sie. »Nun habe ich Aufträge für euch beide. Fudges Haltung, wiewohl nicht unerwartet, ändert alles. Sirius, ich muss dich bitten, sofort abzureisen. Du musst Remus Lupin, Arabella Figg und Mundungus Fletcher alarmieren – die alten Kämpfer. Tauch eine Weile bei Lupin unter, ich werde dort Verbindung mit dir aufnehmen.«
»Aber –«, sagte Harry.
Er wollte nicht, dass Sirius ging. Er mochte sich nicht schon wieder so schnell von ihm trennen.
»Wir werden uns sehr bald wiedersehen«, sagte Sirius zu Harry gewandt. »Das versprech ich dir. Aber ich muss tun, was in meinen Kräften steht, das verstehst du doch?«
»Jaah«, sagte Harry. »Jaah … natürlich.«
Sirius nahm kurz seine Hand, nickte Dumbledore zu, verwandelte sich wieder in den schwarzen Hund und rannte durch den Saal zur Tür, deren Klinke er mit der Pfote hinunterdrückte. Dann war er verschwunden.
»Severus«, sagte Dumbledore an Snape gewandt, »Sie wissen, was ich von Ihnen verlangen muss. Wenn Sie willens sind … wenn Sie bereit sind …«
»Das bin ich«, sagte Snape.
Er sah ein wenig bleicher aus als sonst und seine kalten schwarzen Augen glitzerten eigenartig.
»Viel Glück«, sagte Dumbledore. Mit einem Anflug von Besorgnis auf dem Gesicht sah er Snape nach, der ohne ein weiteres Wort Sirius hinaus zur Tür folgte.
Es vergingen einige Minuten, bis Dumbledore wieder sprach.
»Ich muss nach unten«, sagte er endlich. »Ich muss mit den Diggorys reden. Harry – nimm den Rest deines Schlaftranks. Wir treffen uns alle später.«
Dumbledore verschwand und Harry ließ sich in die Kissen zurücksinken. Hermine, Ron und Mrs Weasley sahen ihn an. Lange Zeit sprach niemand ein Wort.
»Du musst den Rest deines Tranks nehmen, Harry«, sagte Mrs Weasley schließlich. Als sie nach der Flasche und dem Kelch langte, stieß sie mit der Hand an den Goldbeutel auf dem Nachttisch. »Du brauchst jetzt einen schönen langen Schlaf. Versuch mal eine Zeit lang an etwas anderes zu denken … denk daran, was du dir mit deinem Gewinn kaufen kannst!«
»Ich will dieses Gold nicht«, sagte Harry mit ausdrucksloser Stimme. »Nehmen Sie es. Oder irgendwer. Ich hätte es nicht gewinnen dürfen. Es stand eigentlich Cedric zu.«
Das, wogegen er immer wieder angekämpft hatte, seit er aus dem Irrgarten aufgetaucht war, drohte ihn nun zu überwältigen. An seinen inneren Augenwinkeln spürte er ein Stechen und Brennen. Blinzelnd starrte er zur Decke hoch.
»Es war nicht deine Schuld, Harry«, flüsterte Mrs Weasley sanft.
»Ich sagte ihm, dass wir den Pokal zusammen nehmen sollten«, sagte Harry.
Nun war das Brennen auch in seiner Kehle. Er wünschte sich, Ron würde wegsehen.
Mrs Weasley stellte den Trank zurück auf den Nachttisch, beugte sich über Harry und nahm ihn in die Arme. Er konnte sich nicht erinnern, jemals so umarmt worden zu sein, umarmt wie von einer Mutter. Nun, da ihn Mrs Weasley so fest hielt, schien all das, was er gesehen hatte, mit Macht auf ihn einzudringen. Das Gesicht seiner Mutter, die Stimme seines Vaters, der Anblick Cedrics, tot auf der Erde liegend, all das begann nun in seinem Kopf zu wirbeln, bis er es kaum noch ertragen konnte und sein Gesicht verzerrte wider den Verzweiflungsschrei, der sich aus ihm herauskämpfte.
Es tat einen lauten Schlag und Mrs Weasley richtete sich erschrocken auf. Hermine stand am Fenster. Sie hielt etwas in der geschlossenen Hand.
»Verzeihung«, flüsterte sie.
»Dein Trank, Harry«, sagte Mrs Weasley rasch und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen.
Harry nahm ihn in einem Zug. Die Wirkung trat augenblicklich ein. Schwere, mächtige Wellen traumlosen Schlafes brachen sich über ihm, er fiel zurück in die Kissen und dachte an nichts mehr.
Der Anfang
Im Rückblick stellte Harry fest, dass er sich auch einen Monat später kaum an die Tage erinnern konnte, die auf diese Nacht folgten. Vielleicht hatte er nach allem, was er durchgemacht hatte, einfach nichts mehr aufnehmen können. Und die wenigen Erinnerungen, die er hatte, waren sehr bittere. Das Schlimmste war wohl das Treffen mit den Diggorys am nächsten Morgen gewesen.
Sie gaben ihm keine Schuld für das, was geschehen war; im Gegenteil, beide dankten ihm, dass er ihren toten Sohn zurückgebracht hatte. Mr Diggory schluchzte während des Gesprächs immer wieder auf, während Mrs Diggory ihrer Trauer offenbar nicht einmal mehr mit Tränen Ausdruck verleihen konnte.
»Dann hat er nicht lange gelitten«, sagte sie, nachdem Harry geschildert hatte, wie Cedric gestorben war. »Und überleg mal, Amos, er starb in dem Moment, als er das Turnier gewonnen hatte. Er muss glücklich gewesen sein.«
Als die beiden sich schon erhoben hatten, wandte sich Mrs Diggory noch einmal Harry zu. »Pass jetzt gut auf dich auf«, sagte sie.
Harry nahm den Beutel mit Gold vom Nachttisch.
»Nehmen Sie das«, murmelte er. »Cedric hätte es verdient, er war vor mir da, nehmen Sie es –«
Doch Mrs Diggory wich hastig zurück. »O nein, es ist deins, mein Junge, wir könnten es nicht … behalt du es.«
Am Abend noch kehrte Harry in den Gryffindor-Turm zurück. Hermine und Ron hatten ihm erzählt, dass Dumbledore beim Frühstück ein paar Worte an alle Schüler gerichtet hatte. Er hatte sie nur um eines gebeten, nämlich Harry in Ruhe zu lassen und ihn nicht mit Fragen darüber zu löchern, was im Irrgarten geschehen war. Auf den Korridoren, so fiel ihm auf, gingen ihm die meisten seiner Mitschüler aus dem Weg und mieden seinen Blick. Manche flüsterten hinter vorgehaltener Hand miteinander, wenn er vorbeiging. Sicher schenkten viele von ihnen Rita Kimmkorns Behauptungen Glauben, er sei gestört und womöglich auch gefährlich. Vielleicht machten sie sich auch ihren eigenen Reim darauf, wie Cedric gestorben war. Harry scherte sich wenig darum. Ohnehin war er am liebsten mit Ron und Hermine zusammen, und dann redeten sie über andere Dinge, oder die beiden ließen ihn schweigend dabeisitzen, während sie Schach spielten. Er hatte das Gefühl, sie alle drei waren zu einem stillschweigenden Einverständnis gelangt; sie warteten jeder für sich auf einen Hinweis, ein Wort darüber, was außerhalb von Hogwarts vor sich ging – und es war sinnlos, lange hin und her zu überlegen, was in nächster Zeit geschehen würde, solange sie nichts Genaues erfuhren. Nur einmal streiften sie das Thema, als Ron Harry von einem Treffen Mrs Weasleys mit Dumbledore vor ihrer Heimreise erzählte.
»Sie wollte ihn fragen, ob du diesen Sommer gleich zu uns kommen könntest«, erklärte Ron. »Aber Dumbledore möchte, dass du zu den Dursleys zurückgehst, wenigstens für die erste Zeit.«
»Warum?«, fragte Harry.
»Sie meinte, Dumbledore hätte seine Gründe«, sagte Ron und schüttelte mit düsterer Miene den Kopf. »Bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als ihm zu vertrauen.«
Der Einzige außer Ron und Hermine, mit dem Harry sich überhaupt in der Lage fühlte zu sprechen, war Hagrid. Da es keinen Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste mehr gab, hatten sie in diesen Stunden frei. Am Donnerstagnachmittag nutzten sie die Gelegenheit und gingen hinunter, um ihn in seiner Hütte zu besuchen. Es war ein heller, sonniger Tag; Fang kam aus der offenen Tür gejagt und nahm sie bellend und wie verrückt mit dem Schwanz wedelnd in Empfang.
»Wer da?«, rief Hagrid und kam zur Tür. »Harry!«
Mit großen Schritten kam er ihnen entgegen, drückte Harry mit einem Arm an sich, zerzauste sich mit der anderen Hand das Haar noch mehr und sagte: »Lässt dich endlich wieder blicken, Kumpel. Schön, dich zu sehn.«
Sie betraten die Hütte. Auf dem Holztisch vor dem Kamin standen ein paar eimergroße Tassen und Teller.
»Hab mit Olympe ’n Tässchen Tee getrunken«, sagte Hagrid. »Ist eben gegangen.«
»Mit wem?«, fragte Ron verwundert.
»Madame Maxime natürlich!«, sagte Hagrid.
»Habt euch wohl wieder versöhnt, ihr beiden?«, sagte Ron.
»Keine Ahnung, was du meinst«, sagte Hagrid lässig und holte frische Tassen aus dem Geschirrschrank. Als er Tee gekocht und ihnen einen Teller teigiger Kekse angeboten hatte, lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und nahm Harry mit seinen käferschwarzen Augen scharf unter die Lupe.
»Alles in Ordnung mit dir?«, fragte er ruppig.
»Jaah«, sagte Harry.
»Nein, ist es nicht«, sagte Hagrid. »Natürlich nicht. Aber wird schon.«
Harry schwieg.
»Wusste, dass er eines Tages zurückkommt«, sagte Hagrid und alle drei sahen erschrocken zu ihm auf. »Wusste es seit Jahren, Harry. Wusste, dass er irgendwo da draußen war und gewartet hat, bis seine Zeit kam. Musste passieren. Und jetzt ist es passiert und wir müssen damit klarkommen. Wir werden kämpfen. Vielleicht können wir ihn stoppen, bevor er richtig Fuß fasst. Das jedenfalls hat Dumbledore vor. Großartiger Mann, Dumbledore. Solange wir ihn haben, mach ich mir nicht allzu viel Sorgen.«
Hagrid sah die ungläubigen Mienen der drei und hob seine buschigen Augenbrauen.
»Hat kein Zweck, dazuhocken und sich Sorgen zu machen«, sagte er. »Was kommen muss, wird kommen, und wenn es da ist, nehmen wir den Kampf auf. Dumbledore hat mir gesagt, was du getan hast, Harry.«
Hagrid schwoll die Brust, während er Harry ansah. »Du hast so viel getan, wie dein Vater getan hätte, und das ist das größte Lob, das ich für dich hab.«
Harry lächelte. Es war das erste Mal seit Tagen, dass er lächelte.
»Worum hat dich Dumbledore gebeten, Hagrid?«, fragte er. »Er hat Professor McGonagall geschickt, um dich und Madame Maxime zu sich zu holen … noch in der Nacht.«
»Hatte ’nen kleinen Auftrag für mich übern Sommer«, sagte Hagrid. »Ist aber geheim. Darf nich drüber reden, nich mal mit euch Rasselbande. Olympe – für euch Madame Maxime – kommt vielleicht mit. Denk eigentlich schon. Glaub, ich hab sie überredet.«
»Hat es mit Voldemort zu tun?«
Hagrid zuckte beim Klang dieses Namens zusammen.
»Könnt sein«, wich er aus. »Aber … wie wär’s, wenn wir zusammen den letzten Kröter besuchen? War nur ’n Witz – nur ’n Witz!«, setzte er beim Anblick ihrer Gesichter hastig hinzu.
Am Abend vor der Rückreise in den Ligusterweg packte Harry oben im Schlafsaal schweren Herzens seinen Koffer. Ihm graute vor dem Abschiedsessen, das sonst immer ein richtiges Fest war, bei dem der Sieger des Hauswettbewerbs ausgerufen wurde. Seit er aus dem Krankenflügel entlassen war, hatte er, um den neugierigen Blicken seiner Mitschüler zu entgehen, einen Bogen um die Große Halle gemacht, wenn sie voll besetzt war, und lieber dann gegessen, wenn kaum noch jemand da war.
Als Harry, Ron und Hermine die Halle betraten, fiel den dreien als Erstes auf, dass sie nicht wie sonst festlich geschmückt war. Normalerweise prangte die Halle beim Abschiedsessen in den Farben des siegreichen Hauses. Heute Abend jedoch hingen schwarze Tücher an der Wand hinter dem Lehrertisch. Harry wusste, dass dies zu Ehren Cedrics geschehen war.
Der wirkliche Mad-Eye Moody saß am Lehrertisch, mitsamt Holzbein und magischem Auge. Äußerst schreckhaft zuckte er jedes Mal zusammen, wenn ihn jemand ansprach. Harry konnte es ihm nicht verdenken; Moodys Angst vor Angriffen war nach der zehnmonatigen Gefangenschaft in seinem eigenen Koffer natürlich noch gewachsen. Professor Karkaroffs Stuhl war leer. Als Harry sich zu den anderen Gryffindors setzte, fragte er sich, wo Karkaroff jetzt wohl steckte; hatte ihn Voldemort vielleicht schon aufgespürt?
Madame Maxime war noch da. Sie saß neben Hagrid und unterhielt sich leise mit ihm. Ein paar Plätze weiter, neben Professor McGonagall, saß Snape. Ihre Blicke trafen sich kurz. Snapes Miene war schwer zu entziffern. Er wirkte so verbittert und abweisend wie eh und je. Harry beobachtete ihn noch lange, nachdem Snape wieder weggeschaut hatte.
Was genau hatte Snape auf Dumbledores Anweisung hin in der Nacht getan, als Voldemort zurückkam? Und warum … warum … war Dumbledore so überzeugt, dass Snape auf seiner Seite war? Er war ihr Spion gewesen, Dumbledore hatte es im Denkarium gesagt. Snape hatte sich als Spion gegen Voldemort gewandt, »unter größter Gefahr für sein eigenes Leben«. Hatte er erneut einen solchen Auftrag übernommen? Hatte er vielleicht schon Verbindung mit den Todessern aufgenommen? Hatte er so getan, als wäre er nie wirklich zu Dumbledore übergelaufen und hätte wie Voldemort selbst nur den richtigen Augenblick abgewartet?
Am Lehrertisch erhob sich Professor Dumbledore und beendete Harrys Grübeleien. In der Großen Halle, wo es ohnehin schon viel leiser war als sonst beim Abschiedsessen, wurde es sehr still.
»Wieder einmal«, sagte Dumbledore und sah in die Gesichter rundum, »wieder einmal geht ein Jahr zu Ende.«
Er hielt inne und sein Blick fiel auf den Tisch der Hufflepuffs. Bevor er aufgestanden war, hatte dort die gedrückteste Stimmung geherrscht, und dort sah man auch die blassesten und traurigsten Gesichter in der Halle.
»Es gibt viel, was ich euch heute Abend sagen möchte«, fuhr Dumbledore fort, »doch will ich zuerst daran erinnern, dass wir einen großartigen Menschen verloren haben, der hier unter uns sitzen und das Essen mit uns genießen sollte.« Er wies zu den Hufflepuffs hinüber. »Ich möchte euch bitten, aufzustehen und die Gläser zu Ehren Cedric Diggorys zu erheben.«
Sie taten es, ohne Ausnahme; Stuhlbeine kratzten über den Boden, als alle aufstanden und ihre Kelche erhoben, und eine Stimme, laut und tief wie fernes Donnerrollen, erklang in der Halle: »Cedric Diggory.«
Durch eine Lücke in der Menge erhaschte Harry einen Blick auf Cho. Stumme Tränen rannen ihr übers Gesicht. Sie setzten sich wieder und Harry senkte den Blick auf den Tisch.
»Cedric war ein Mensch, der viele der Tugenden, welche das Haus Hufflepuff auszeichnen, in sich vereinte«, fuhr Dumbledore fort. »Er war ein guter und treuer Freund, ein fleißiger Schüler, ein Mensch, der das Fairplay schätzte. Sein Tod hat euch alle berührt, ob ihr ihn gut kanntet oder nicht. Deshalb glaube ich, dass ihr das Recht habt, genau zu erfahren, wie es dazu kam.«
Harry hob den Kopf und starrte Dumbledore an.
»Cedric Diggory wurde von Lord Voldemort ermordet.«
Ein panisches Flüstern erhob sich in der Großen Halle. Viele starrten Dumbledore ungläubig, ja entsetzt an. Er schien jedoch vollkommen ruhig und wartete geduldig, bis sich das Gemurmel wieder gelegt hatte.
»Das Zaubereiministerium wünscht nicht«, erklärte Dumbledore, »dass ich euch dies sage. Vielleicht werden manche eurer Eltern entsetzt darüber sein – entweder weil sie nicht glauben wollen, dass Lord Voldemort zurückgekehrt ist, oder weil sie meinen, ich sollte es euch nicht sagen, weil ihr noch zu jung seid. Es ist jedoch meine Überzeugung, dass die Wahrheit immer der Lüge vorzuziehen ist und dass jeder Versuch, so zu tun, als wäre Cedric durch einen Unfall gestorben oder durch einen eigenen Fehler, eine Beleidigung seines Andenkens ist.«
Bestürzt und verängstigt war nun jedes Gesicht in der Halle Dumbledore zugewandt … fast jedes. Drüben am Slytherin-Tisch sah Harry Draco Malfoy mit Crabbe und Goyle flüstern. Ein heißer, Brechreiz erregender Wut-schwall stieg ihm die Kehle hoch. Er zwang sich, den Blick erneut auf Dumbledore zu richten.
»Und noch jemand muss im Zusammenhang mit Cedrics Tod erwähnt werden«, sagte Dumbledore. »Ich spreche natürlich von Harry Potter.«
Eine Welle durchlief die Halle, es waren die Köpfe, die sich zu Harry umdrehten, um sich dann rasch wieder Dumbledore zuzuwenden.
»Harry Potter ist es gelungen, Lord Voldemort zu entkommen«, sagte Dumbledore. »Er hat sein Leben aufs Spiel gesetzt, um den toten Cedric nach Hogwarts zurückzubringen. Er hat Tapferkeit in jeder Hinsicht bewiesen, wie sie bislang nur wenige Zauberer im Angesicht von Lord Voldemort gezeigt haben, und dafür ehre ich ihn.«
Dumbledore wandte sich mit ernstem Gesicht Harry zu und hob erneut seinen Trinkkelch. Fast alle taten es ihm nach. Sie murmelten seinen Namen, wie zuvor den Cedrics, und tranken auf sein Wohl. Durch eine Lücke in der Menge sah Harry jedoch, dass Malfoy, Crabbe, Goyle und viele andere Slytherins trotzig sitzen geblieben waren und ihre Kelche nicht angerührt hatten. Dumbledore, der schließlich kein magisches Auge hatte, konnte sie nicht sehen.
Sie nahmen ihre Plätze wieder ein und Dumbledore fuhr fort: »Ziel des Trimagischen Turniers war es, das gegenseitige Verständnis unter den Magiern verschiedener Länder zu fördern. Im Lichte dessen, was geschehen ist – der Rückkehr Lord Voldemorts –, sind partnerschaftliche Bande wichtiger denn je.«
Dumbledore sah zu Madame Maxime und Hagrid hinüber, zu Fleur Delacour und ihren Mitschülern aus Beauxbatons und zu Viktor Krum und den Durmstrangs am Tisch der Slytherins. Krum, so stellte Harry fest, wirkte argwöhnisch, fast verängstigt, als fürchtete er, Dumbledore würde gleich etwas sehr Harsches sagen.
»Jeder Gast in der Halle«, sagte Dumbledore und sein Blick verweilte auf den Durmstrang-Schülern, »sollte er oder sie uns wieder einmal besuchen wollen, ist hier jederzeit willkommen. Ich sage es euch noch einmal – angesichts der Rückkehr Lord Voldemorts sind wir so stark, wie wir einig, und so schwach, wie wir gespalten sind.
Lord Voldemort besitzt ein großes Talent, Zwietracht und Feindseligkeit zu verbreiten. Dem können wir nur entgegentreten, wenn wir ein nicht minder starkes Band der Freundschaft und des Vertrauens knüpfen. Unterschiede in Lebensweise und Sprache werden uns nicht im Geringsten stören, wenn unsere Ziele die gleichen sind und wir den anderen mit offenen Herzen begegnen.
Es ist meine Überzeugung – und noch nie habe ich so sehr gehofft, mich zu irren –, dass auf uns alle dunkle und schwere Zeiten zukommen. Manche von euch hier haben bereits spürbar unter der Hand Lord Voldemorts gelitten. Viele eurer Familien wurden entzweigerissen. Vor einer Woche wurde ein Schüler aus unserer Mitte genommen.
Denkt an Cedric. Erinnert euch an ihn, wenn einmal die Zeit kommt, da ihr euch entscheiden müsst zwischen dem, was richtig ist, und dem, was bequem ist. Denkt daran, was einem Jungen, der gut und freundlich und mutig war, geschah, nur weil er Lord Voldemort in die Quere kam. Erinnert euch an Cedric Diggory.«
Harrys Koffer war gepackt, obenauf thronte Hedwig in ihrem Käfig.
Zusammen mit den anderen Viertklässlern warteten Harry, Ron und Hermine in der überfüllten Eingangshalle auf die Kutschen, die sie zum Bahnhof Hogsmeade bringen sollten. Wieder war es ein herrlicher Sommertag. Wenn er am Abend ankam, überlegte Harry, würde es heiß sein im Ligusterweg, die Gärten üppig grün, die Blumenbeete ein Rausch von Farben. Doch der Gedanke machte ihm überhaupt keine Freude.
»’Arry!«
Er wandte sich um. Fleur Delacour kam die Steintreppe zum Schloss hochgerannt. Hinter ihr, in weiter Entfernung, konnte er erkennen, wie Hagrid Madame Maxime behilflich war, zwei ihrer Riesenpferde anzuschirren. Die Beauxbatons-Kutsche würde bald in die Lüfte steigen.
»Wir se’en uns wieder, ’offe isch«, sagte Fleur, als sie vor ihm stand und ihm die Hand darbot. »Isch ’offe, isch bekomme einen Job ’ier, damit isch mein Englisch aufbessern kann.«
»Es ist doch schon sehr gut«, sagte Ron mit merkwürdig erstickter Stimme.
Fleur schenkte ihm ein Lächeln; Hermine blickte finster drein.
»Auf Wiedersehen, ’Arry«, sagte Fleur und wandte sich zum Gehen. »Es war mir ein Vergnügen, disch kennen zu lernen!«
Harrys Laune konnte einfach nicht anders, als sich ein wenig zu bessern; er sah Fleur nach, wie sie mit wehendem Haar ins Sonnenlicht tauchte und zu Madame Maxime hinübereilte.
»Wie kommen eigentlich die Durmstrangs zurück?«, fragte Ron. »Glaubst du, die können dieses Schiff ohne Karkaroff steuern?«
»Karkaroff hat nicht gesteuert«, sagte eine ruppige Stimme. »Er lag die ganze Zeit in seine Kabine und hat uns die Arbeit mache lasse.« Krum war gekommen, um sich von Hermine zu verabschieden. »Kann ich kurz mit dir sprecke?«, fragte er.
»Oh … ja … natürlich«, sagte Hermine, offensichtlich ein wenig geschmeichelt, und verschwand mit Krum in der Menge.
»Beeil dich aber!«, rief ihr Ron nach. »Die Kutschen sind bestimmt gleich da!«
Allerdings ließ er Harry nach den Kutschen Ausschau halten und reckte minutenlang den Kopf über die Menge, um zu sehen, was Krum und Hermine wohl miteinander trieben. Sie kehrten jedoch bald zurück. Ron starrte Hermine an, doch ihre Miene blieb unbewegt.
»Ich mochte Diggory«, sagte Krum unvermittelt zu Harry. »Er war immer höflich zu mir. Immer. Obwohl ich aus Durmstrang kam – mit Karkaroff«, fügte er mit finsterem Blick hinzu.
»Habt ihr schon einen neuen Schulleiter?«, fragte Harry.
Krum zuckte die Achseln. Wie schon Fleur bot er ihnen die Hand an und verabschiedete sich erst von Harry, dann von Ron.
Ron sah ganz danach aus, als würde er unter Qualen mit sich selbst ringen. Schon hatte sich Krum ein paar Schritte entfernt, als es aus ihm herausplatzte: »Kann ich ein Autogramm von dir haben?«
Hermine wandte sich ab und sah mit einem Lächeln zu, wie die pferdelosen Kutschen die Zufahrt heraufrollten, während Krum, überrascht zwar, doch nicht ohne Genugtuung, für Ron seinen Namen auf einen Fetzen Pergament schrieb.
Das Wetter auf ihrer Rückreise nach King’s Cross war um Welten besser als bei ihrer Fahrt nach Hogwarts im vorigen September. Keine einzige Wolke war am Himmel zu sehen. Harry, Ron und Hermine hatten es geschafft, ein Abteil für sich zu ergattern. Pigwidgeon war wieder einmal unter Rons Festumhang verborgen, damit er nicht endlos schuhuhte; Hedwig hatte den Kopf unter einen Flügel gesteckt und war am Dösen, und Krummbein hatte sich auf einem freien Sitz eingekringelt und sah wie ein großes, rötlich gelbes Pelzkissen aus. Während der Zug sie schnell nach Süden trug, unterhielten sich die drei so ausgiebig und freimütig wie seit einer Woche nicht mehr. Harry hatte das Gefühl, Dumbledores Worte beim Abschiedsessen hätten etwas in ihm gelöst. Es war keine solche Qual mehr, darüber zu reden, was geschehen war. Sie überlegten hin und her, was Dumbledore wohl gerade unternahm, um Voldemorts Marsch aufzuhalten, und verstummten erst, als der Imbisswagen kam.
Als Hermine mit ihrem Essen ins Abteil zurückkehrte und ihren Geldbeutel wieder in die Schultasche steckte, zog sie eine Ausgabe des Tagespropheten heraus, die sie mitgenommen hatte.
Harry warf einen Blick darauf, nicht sicher, ob er wirklich wissen wollte, was sie wohl geschrieben hatten, doch Hermine folgte seinem Blick und sagte leise: »Da steht nichts drin. Du kannst selber nachsehen, aber sie bringen überhaupt nichts. Ich hab jeden Tag geschaut. Nur eine kleine Meldung am Tag nach der dritten Runde, dass du das Turnier gewonnen hättest. Cedric haben sie nicht einmal erwähnt. Nichts von der ganzen Geschichte. Wenn du mich fragst, zwingt Fudge sie dazu, Stillschweigen zu bewahren.«
»Der wird doch Rita nie zum Schweigen bringen«, sagte Harry. »Nicht, wenn es um eine solche Geschichte geht.«
»Oh, Rita hat seit der dritten Runde nichts mehr geschrieben«, sagte Hermine in merkwürdig verhaltenem Ton. »Es ist nämlich so«, fügte sie mit leisem Zittern in der Stimme hinzu, »dass Rita Kimmkorn eine ganze Weile lang gar nichts mehr schreiben wird. Außer sie will, dass ich über sie auspacke.«
»Wovon redest du überhaupt?«, sagte Ron.
»Ich hab rausgefunden, wie sie unsere privaten Gespräche belauscht hat, obwohl sie eigentlich nicht aufs Schlossgelände durfte«, kam es hastig aus Hermines Mund.
Harry hatte den Eindruck, dass Hermine ihnen das schon tagelang unbedingt hatte erzählen wollen, es sich aber wegen all der anderen Geschehnisse verkniffen hatte.
»Und wie hat sie es angestellt?«, fragte Harry rasch.
»Wie hast du es rausgefunden?«, setzte Ron hinzu und starrte sie an.
»Na ja, eigentlich warst du es, der mich auf die Idee gebracht hat, Harry«, sagte sie.
»Tatsächlich?«, entgegnete Harry verdutzt. »Wie denn?«
»Wanzen«, sagte Hermine ausgelassen.
»Aber du hast doch gesagt, sie funktionieren nicht –«
»O nein, keine elektronischen Wanzen«, sagte Hermine. »Nein, wisst ihr … Rita Kimmkorn« – in Hermines Stimme zitterte verhaltener Triumph – »ist ein nicht gemeldeter Animagus. Sie kann sich –«, Hermine zog ein kleines versiegeltes Einmachglas aus ihrer Tasche, »– in einen Käfer verwandeln.«
»Du machst Witze«, sagte Ron. »Du hast doch nicht … sie ist nicht etwa …«
»O doch, genau das ist sie«, juchzte Hermine und fuchtelte mit dem Glas vor ihren Augen herum.
Drin waren ein paar Zweige und Blätter und ein großer, fetter Käfer.
»Das ist doch nie und nimmer – du willst uns auf den Arm nehmen –«, flüsterte Ron und hob das Glas an die Augen.
»Nein, will ich nicht«, strahlte Hermine. »Ich hab sie auf der Fensterbank im Krankensaal gefangen. Schaut euch den Käfer genau an, dann seht ihr, die Muster auf ihrem Fühler sind genau die gleichen wie auf dieser bescheuerten Brille, die sie immer trägt.«
Harry nahm den Käfer unter die Lupe und stellte fest, dass sie vollkommen Recht hatte. Und jetzt fiel ihm auch etwas ein. »An dem Abend, als wir hörten, wie Hagrid Madame Maxime von seiner Mutter erzählte – da war ein Käfer auf dieser Statue!«
»Genau«, sagte Hermine. »Und Viktor hat einen Käfer aus meinen Haaren gezogen, nachdem wir am See miteinander gesprochen hatten. Und wenn ich mich nicht gewaltig irre, hockte Rita Kimmkorn genau an dem Tag bei Wahrsagen auf dem Fenstersims, als deine Narbe geschmerzt hat. Das ganze Jahr über ist sie auf der Suche nach irgendwelchen Geschichten herumgeschwirrt.«
»Als wir Malfoy unter diesem Baum gesehen haben …«, sagte Ron langsam.
»Er hat mit ihr gesprochen, sie war auf seiner Hand«, sagte Hermine. »Natürlich hat er es gewusst. So hat sie all diese netten kleinen Interviews mit den Slytherins bekommen. Denen war egal, dass sie etwas Ungesetzliches tat, solange sie ihr diese fürchterlichen Geschichten über uns und Hagrid verbraten konnten.«
Hermine nahm das Glas aus Rons Hand und sah lächelnd zu, wie der Käfer zornig gegen das Glas brummte.
»Ich hab ihr gesagt, ich lass sie raus, wenn wir in London sind«, sagte sie. »Das Glas hab ich unzerbrechlich gehext, deshalb kann sie sich nicht verwandeln. Und ich hab ihr gesagt, sie solle ihre flotte Feder ein Jahr lang stecken lassen. Mal sehen, ob sie von dieser Gewohnheit runterkommt, schreckliche Lügen über die Leute zu verbreiten.«
Erhaben lächelnd steckte Hermine das Glas zurück in ihre Schultasche.
Die Abteiltür glitt auf.
»Oberschlau, Granger«, sagte Draco Malfoy.
Crabbe und Goyle standen hinter ihm. Alle drei sahen selbstzufriedener, arroganter und bedrohlicher aus, als Harry sie je erlebt hatte.
»Schön«, sagte Malfoy langsam, tat einen Schritt ins Abteil und sah sie mit hämisch gekräuselten Lippen an. »Ihr habt eine erbärmliche Reporterin gefangen, und Potter ist wieder mal Dumbledores Liebling. Ganz toll.«
Sein Grinsen verbreiterte sich. Crabbe und Goyle standen da und schielten.
»Wollt euch ein wenig ablenken, oder?«, sagte Malfoy leise und sah alle drei abwechselnd an. »Versucht so zu tun, als ob es nicht passiert wäre?«
»Raus hier«, sagte Harry.
Er war nicht mehr in Malfoys Nähe gewesen, seit er beobachtet hatte, wie er während Dumbledores Rede mit Crabbe und Goyle getuschelt hatte. Ihm war, als klingelte ihm etwas in den Ohren. Unter dem Umhang packte er seinen Zauberstab.
»Du hast dich für die Verlierer entschieden, Potter! Ich hab dich gewarnt! Ich hab dir gesagt, du solltest besser darauf achten, mit wem du dich abgibst. Erinnerst du dich? Als wir uns im Zug trafen, auf der ersten Fahrt nach Hogwarts? Ich hab dir gesagt, du sollst dich nicht mit so einem Pack abgeben!« Sein Kopf zuckte in Richtung Ron und Hermine. »Zu spät, Potter! Die verschwinden zuerst, jetzt, wo der Dunkle Lord zurück ist! Schlammblüter und Muggelfreunde als Erste! Na ja – als Zweite – Diggory war der Er–«
Es war, als würde eine Kiste Feuerwerkskracher im Abteil explodieren. Geblendet von gleißenden Flüchen aus allen Richtungen, betäubt von einer Serie lauter Schläge, sah Harry blinzelnd zu Boden.
Malfoy, Crabbe und Goyle lagen bewusstlos da, halb auf dem Gang, halb im Abteil. Harry, Ron und Hermine waren aufgesprungen, und alle drei hatten sie verschiedene Flüche losgelassen. Und sie waren nicht die Einzigen.
»Dachten, wir schauen mal nach, was diese drei so vorhaben«, sagte Fred lässig und stieg über Goyle hinweg ins Abteil. Er hatte den Zauberstab gezückt, wie auch George, der mit großer Umsicht auf Malfoy trat, als er Fred folgte.
»Interessante Wirkung«, sagte George und sah auf Crabbe hinunter. »Wer hat den Furnunculus-Fluch genommen?«
»Ich«, sagte Harry.
»Seltsam«, schmunzelte George. »Ich hab Wabbelbein genommen. Sieht aus, als sollte man die beiden nicht mischen. Dem sprießen ja kleine Tentakel aus dem Gesicht. Und hört mal, wir wollen sie nicht hier drinlassen, die passen doch nicht zum Ambiente.«
Ron, Harry und George kickten, schoben und wälzten Malfoy, Crabbe und Goyle – der Fluchwirrwarr hatte ihrem Teint gar nicht gutgetan – hinaus auf den Gang, kehrten zurück ins Abteil und schoben die Tür zu.
»Jemand Lust auf Zauberschnippschnapp?«, fragte Fred und zog einen Packen Spielkarten aus der Tasche.
Sie waren mitten im fünften Spiel, als Harry beschloss, die beiden zu fragen.
»Wie steht’s, George, rückst du endlich mit der Sprache raus?«, sagte er. »Wen habt ihr erpresst?«
»Ooh«, sagte George finster. »Das.«
»Vergiss es«, sagte Fred und schüttelte ungeduldig den Kopf. »Es war nichts Wichtiges. Vielleicht später mal.«
»Wir haben’s ohnehin aufgegeben«, sagte George achselzuckend.
Doch Harry, Ron und Hermine ließen nicht locker und endlich meinte Fred: »Schon gut, schon gut, wenn ihr’s unbedingt wissen wollt … es war Ludo Bagman.«
»Bagman?«, sagte Harry scharf. »Willst du sagen, er hatte mit –«
»Nöh«, sagte George mit umwölkter Miene. »Damit hatte er nichts zu tun. Ist ’n Dummbeutel. Hätte nicht den Grips dazu gehabt.«
»Na und, um was ging’s dann?«, fragte Ron.
Fred zögerte, dann sagte er: »Ihr wisst doch noch, dass wir bei ihm eine Wette platziert hatten, bei der Quidditch-Weltmeisterschaft? Dass Irland gewinnen, aber Krum den Schnatz fangen würde?«
»Jaah«, sagten Harry und Ron langsam.
»Na ja, der Schlaumeier hat uns mit dem Leprechan-Gold bezahlt, das diese irischen Maskottchen vor dem Spiel runterregnen ließen.«
»Und?«
»Und?«, sagte Fred ungeduldig. »Es hat sich natürlich aufgelöst! Am nächsten Morgen war es weg!«
»Aber – das muss doch ein Versehen gewesen sein?«, warf Hermine ein.
George lachte bitter. »Ja, das haben wir zuerst auch geglaubt. Wir dachten, wenn wir ihm einfach schreiben, dass er einen Fehler gemacht hat, würde er die Kohle rausrücken. Aber denkste. Hat unseren Brief einfach ignoriert. In Hogwarts dann haben wir andauernd versucht mit ihm zu reden, aber er hat immer irgendeine Ausrede gefunden, um uns zu entwischen.«
»Schließlich ist er ziemlich fies geworden«, sagte Fred. »Meinte, wir seien zu jung zum Spielen und er würde uns überhaupt nichts geben.«
»Also haben wir unser Geld eben zurückverlangt«, sagte George mit finsterem Blick.
»Er hat doch nicht etwa abgelehnt!«, keuchte Hermine.
»Volltreffer«, sagte Fred.
»Aber das waren eure ganzen Ersparnisse!«, rief Ron.
»Wem sagst du das«, erwiderte George. »Natürlich haben wir irgendwann rausgefunden, was eigentlich los war. Auch Lee Jordans Vater hatte einige Schwierigkeiten, sein Geld von Bagman zu kriegen. Wie sich rausgestellt hat, hat er großen Ärger mit den Kobolden. Hat sich Unmengen Gold von ihnen geliehen. Eine Bande von denen ist ihm nach der Weltmeisterschaft im Wald auf die Pelle gerückt und hat ihm alles Gold abgenommen, das er bei sich hatte, und es war immer noch nicht genug, um die Schulden zu begleichen. Dann sind sie ihm bis nach Hogwarts gefolgt, um ihn im Auge zu behalten. Er hat alles beim Glücksspiel verloren. Kann keine zwei Galleonen mehr zusammenkratzen. Und wisst ihr, wie der Idiot die Kobolde bezahlen wollte?«
»Wie?«, sagte Harry.
»Er hat auf dich gewettet, Alter«, sagte Fred. »Hat ’nen großen Betrag darauf gesetzt, dass du das Turnier gewinnst. Und die Kobolde haben dagegengehalten.«
»Darum also wollte er mir ständig gewinnen helfen!«, sagte Harry. »Aber – ich hab doch gewonnen. Also kann er euch das Gold zurückzahlen!«
»Von wegen«, sagte George kopfschüttelnd. »Die Kobolde spielen genauso ’n dreckiges Spiel wie er. Die sagen jetzt, du hättest dir den ersten Platz mit Diggory geteilt, und Bagman hat ja gewettet, dass du allein gewinnst. Also musste Bagman abhauen. Und das hat er gleich nach der dritten Runde getan.«
George seufzte tief und begann die Karten neu auszuteilen.
Die restliche Reise war ein wahres Vergnügen; Harry wünschte sich sogar, sie würde den ganzen Sommer dauern, ohne dass sie je in King’s Cross ankämen … doch wie er dieses Jahr auf die harte Tour hatte lernen müssen, verlangsamt sich der Lauf der Zeit nicht, wenn etwas Unangenehmes auf einen zukommt, und allzu schnell war es so weit und der Hogwarts-Express lief auf Gleis neundreiviertel ein. Wie üblich machte sich beim Aussteigen ein lärmiges Durcheinander auf den Gängen breit. Ron und Hermine kämpften sich mit ihren schweren Koffern an Malfoy, Crabbe und Goyle vorbei.
Harry jedoch blieb sitzen. »Fred – George – einen Moment noch.«
Die Zwillinge kamen zurück. Harry öffnete den Koffer und holte seinen Trimagischen Gewinn hervor.
»Für euch«, sagte er und drückte George den Goldbeutel in die Hand.
»Wie bitte?« Fred war völlig perplex.
»Für euch«, wiederholte Harry bestimmt. »Ich will es nicht.«
»Du bist verrückt geworden«, sagte George und versuchte den Beutel Harry wieder aufzudrängen.
»Nein, bin ich nicht«, sagte Harry. »Nehmt das Gold und macht euch ans Erfinden. Es ist für den Scherzladen.«
»Er ist tatsächlich verrückt geworden«, sagte Fred mit beinahe furchtsamer Stimme.
»Hört zu«, sagte Harry entschlossen. »Wenn ihr’s nicht nehmt, werf ich’s in den Gully. Ich will es nicht und ich brauch es nicht. Aber ich könnte ein paar Lacher vertragen. Wir alle könnten ein paar Lacher vertragen. Und ich hab da so ’ne Ahnung, dass wir sie bald mehr als sonst brauchen werden.«
»Harry«, sagte George matt und wog den Geldsack in den Händen, »dadrin müssen mindestens tausend Galleonen sein.«
»Jaah«, grinste Harry. »Überlegt mal, wie viel Kanarienkrem das gibt.«
Die Zwillinge starrten ihn an.
»Aber sagt eurer Mum nicht, woher ihr es habt … obwohl, wenn man’s bedenkt, sie ist jetzt sicher nicht mehr so scharf darauf, dass ihr im Ministerium anfangt …«
»Harry«, setzte Fred an, doch Harry zückte seinen Zauberstab.
»Passt auf«, sagte er kurz angebunden, »nehmt es oder ich jag euch einen Fluch auf den Hals. Ich kenn inzwischen ein paar gute. Aber tut mir einen Gefallen, ja? Kauft Ron einen anderen Festumhang und sagt, er sei von euch.«
Er verließ das Abteil, bevor sie den Mund aufmachen konnten, und stieg über Malfoy, Crabbe und Goyle hinweg, die immer noch mit Fluchmalen überwuchert auf dem Gang lagen.
Onkel Vernon wartete auf der anderen Seite der Absperrung. Mrs Weasley stand ganz in seiner Nähe. Sie kam Harry entgegen, umarmte ihn herzlich und flüsterte ihm ins Ohr: »Ich glaube, Dumbledore lässt dich später im Sommer zu uns kommen. Lass was von dir hören, Harry.«
»Bis dann, Harry«, sagte Ron und gab ihm einen Klaps auf den Rücken.
»Ciao, Harry!«, sagte Hermine und tat etwas, das sie noch nie getan hatte: Sie küsste ihn auf die Wange.
»Harry – danke«, murmelte George, und Fred an seiner Seite nickte eifrig.
Harry zwinkerte ihnen zu, wandte sich zu Onkel Vernon um und folgte ihm schweigend aus dem Bahnhof. Noch hat es keinen Sinn, sich Sorgen zu machen, dachte er, als er hinten in den Wagen der Dursleys stieg. Wie Hagrid gesagt hatte, was kommen musste, würde kommen … und wenn es da war, würde er den Kampf aufnehmen müssen.
Alles über Harry Potter:
Harry Potter und der Stein der Weisen
Harry Potter und die Kammer des Schreckens
Harry Potter und der Gefangene von Askaban
Harry Potter und der Feuerkelch
Harry Potter und der Orden des Phönix
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HARRY POTTER
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Aus dem Englischen
von Klaus Fritz
Originaltitel: Harry Potter and the Order of the Phoenix
Aus dem Englischen von Klaus Fritz
Umschlagbild: Sabine Wilharm
Umschlaggestaltung: Doris K. Künster
Diese Digitale Edition wurde 2012 zum ersten Mal von Pottermore Limited veröffentlicht
Deutsche Printausgabe erschienen im Carlsen Verlag GmbH
Originalcopyright © J.K. Rowling 2003
Copyright für die Deutsche Ausgabe © Carlsen Verlag GmbH 2003
Harry Potter characters, names and related indicia are trademarks of and © Warner Bros. Ent.
ISBN 978-1-78110-059-2
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von J.K. Rowling
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die meine Welt verzaubern
INHALT
Dudley umnachtet
Eulen über Eulen
Die Vorhut
Grimmauldplatz Nummer zwölf
Der Orden des Phönix
Das fürnehme und gar alte Haus der Blacks
Das Zaubereiministerium
Die Anhörung
Mrs Weasleys Wehklage
Luna Lovegood
Das neue Lied des Sprechenden Huts
Professor Umbridge
Strafarbeit bei Dolores
Percy und Tatze
Die Großinquisitorin von Hogwarts
Im Eberkopf
Ausbildungserlass Nummer vierundzwanzig
Dumbledores Armee
Der Löwe und die Schlange
Hagrids Geschichte
Das Auge der Schlange
St.-Mungo-Hospital für Magische Krankheiten und Verletzungen
Weihnachten auf der geschlossenen Station
Okklumentik
Der Käfer in der Klemme
Gesehen – unvorhergesehen
Der Zentaur und die Petze
Snapes schlimmste Erinnerung
Berufsberatung
Grawp
ZAGs
Aus dem Feuer
Kampf und Flucht
Die Mysteriumsabteilung
Jenseits des Schleiers
Der Einzige, den er je fürchtete
Die verlorene Prophezeiung
Der zweite Krieg beginnt
Dudley umnachtet
Der bislang heißeste Tag des Sommers neigte sich dem Ende zu und eine schläfrige Stille lag über den großen wuchtigen Häusern des Ligusterwegs. Autos, die normalerweise glänzten, standen staubig in den Einfahrten, und Rasenflächen, die einst smaragdgrün waren, lagen verdorrt und gelbstichig da – wegen der Dürre war es verboten worden, sie mit Gartenschläuchen zu wässern. Die Bewohner des Ligusterwegs, die sich nun nicht mehr wie üblich mit Autowaschen und Rasenmähen die Zeit vertreiben konnten, hatten sich in die Schatten ihrer kühlen Häuser zurückgezogen und die Fenster weit aufgestoßen in der Hoffnung, eine vermeintliche Brise hereinzulocken. Der einzige Mensch, der noch draußen war, ein Teenager, lag in einem Blumenbeet vor Nummer vier flach auf dem Rücken.
Es war ein schlaksiger, schwarzhaariger Junge mit Brille, der ausgezehrt und leicht ungesund wirkte wie jemand, der in kurzer Zeit recht schnell gewachsen war. Seine Jeans war dreckig und zerrissen, sein T-Shirt ausgeleiert und verblichen, und die Sohlen seiner Turnschuhe schälten sich vom Oberleder. Harry Potters Äußeres machte ihn nicht lieb Kind bei den Nachbarn, jener Sorte von Menschen, die meinten, Schmuddeligkeit gehöre gesetzlich bestraft, doch da er sich an diesem Abend hinter einem großen Hortensienbusch versteckt hatte, war er für Passanten gänzlich unsichtbar. Tatsächlich konnten ihn nur Onkel Vernon und Tante Petunia sehen, falls sie die Köpfe aus dem Wohnzimmerfenster streckten und senkrecht nach unten ins Blumenbeet schauten.
Alles in allem, dachte Harry, konnte man ihm zu seiner Idee, sich hier zu verstecken, nur gratulieren. Vielleicht war es nicht sonderlich bequem, wie er da auf der heißen, harten Erde lag, doch immerhin stierte ihn niemand finster an und knirschte so laut mit den Zähnen, dass er die Nachrichten nicht hören konnte, oder warf ihm gehässige Fragen an den Kopf, wie es noch jedes Mal geschehen war, wenn er versucht hatte, sich ins Wohnzimmer zu setzen und mit Tante und Onkel fernzusehen.
Als wäre Harrys Gedanke durchs offene Fenster geflattert, fing Vernon Dursley, sein Onkel, plötzlich an zu reden.
»Bin froh, dass der Bursche nicht mehr versucht, sich hier breit zu machen. Übrigens, wo steckt er eigentlich?«
»Ich weiß es nicht«, sagte Tante Petunia beiläufig. »Nicht im Haus jedenfalls.«
Onkel Vernon grunzte.
»Die Nachrichten gucken …«, höhnte er. »Möchte wissen, was er wirklich im Schilde führt. Ein normaler Junge pfeift doch drauf, was in den Nachrichten kommt – Dudley hat keine Ahnung, was in der Welt passiert. Bin mir nicht mal sicher, ob er weiß, wer der Premierminister ist! Jedenfalls sieht’s nicht so aus, als käme irgendwas über seine Sippschaft in unseren Nachrichten –«
»Vernon, schhh!«, sagte Tante Petunia. »Das Fenster steht offen!«
»Oh – ja – Verzeihung, Liebling.«
Die Dursleys verstummten. Harry lauschte einem Werbesong für Obst-und-Kleie-Frühstücksflocken, während er Mrs Figg, eine schrullige alte Dame aus dem nahen Glyzinenweg, langsam vorbeitappen sah. Sie blickte finster drein und murmelte vor sich hin. Harry war sehr froh, dass er hinter dem Busch versteckt lag, weil Mrs Figg ihn seit kurzem jedes Mal, wenn sie ihn auf der Straße traf, zu sich nach Hause zum Tee einlud. Sie war um die Ecke gebogen und verschwunden, als Onkel Vernons Stimme erneut aus dem Fenster schwebte.
»Duddy ist zum Tee eingeladen?«
»Bei den Polkissens«, sagte Tante Petunia liebevoll. »Er hat so viele kleine Freunde, beliebt, wie er ist …«
Mit Mühe verkniff sich Harry ein Schnauben. Die Dursleys waren wirklich erstaunlich dumm, wenn es um ihren Sohn Dudley ging. All seine fadenscheinigen Lügen, er wäre jeden Abend der Sommerferien bei einem anderen Typen aus seiner Gang zum Tee, hatten sie geschluckt. Harry wusste genau, dass Dudley nirgends zum Tee war; er und seine Gang verbrachten jeden Abend damit, den Spielplatz im Park zu demolieren, an Straßenecken zu rauchen und Steine auf vorbeikommende Autos und Kinder zu werfen. Harry hatte sie während seiner abendlichen Streifzüge durch Little Whinging dabei beobachtet; er hatte den größten Teil der Ferien damit verbracht, durch die Straßen zu ziehen und unterwegs Zeitungen aus den Mülleimern zu klauben.
Als die ersten Töne der Melodie für die Sieben-Uhr-Nachrichten an Harrys Ohr drangen, drehte sich ihm der Magen um. Vielleicht heute Abend – nachdem er einen Monat gewartet hatte –, vielleicht war es heute so weit.
»Während der Streik der spanischen Gepäckabfertiger in die zweite Woche geht, sitzen so viele Urlauber wie noch nie auf den Flughäfen fest –«
»Denen würde ich eine lebenslange Siesta verpassen, wenn du mich fragst«, knurrte Onkel Vernon, kaum dass der Sprecher den Satz vollendet hatte, und doch: Draußen im Blumenbeet schien sich Harrys Magen wieder zu entspannen. Wenn irgendetwas passiert wäre, dann hätten sie es sicher als Erstes in den Nachrichten gebracht; Tod und Zerstörung waren wichtiger als gestrandete Urlauber.
Er atmete lange und ruhig aus und blickte in den strahlend blauen Himmel. Diesen Sommer war es Tag für Tag das Gleiche gewesen: die Spannung, die Erwartung, die zeitweilige Erleichterung und dann erneut die wachsende Spannung … und stets drängender die Frage, warum noch nichts passiert war.
Er lauschte weiter, nur für den Fall, dass es einen kleinen Hinweis gab, dessen ganze Bedeutung den Muggeln entging – ein rätselhaftes Verschwinden vielleicht, oder ein merkwürdiger Unfall … aber dem Streik der Gepäckabfertiger folgte eine Meldung über die Dürre im Südosten Englands (»Hoffentlich hört der nebenan zu!«, bellte Onkel Vernon. »Der mit seinen Sprinklern, die er um drei Uhr morgens anstellt!«), dann über einen Hubschrauber, der beinahe über einem Feld in Surrey abgestürzt war, schließlich über die Scheidung einer prominenten Schauspielerin von ihrem prominenten Mann (»Als ob wir an deren schmutzigen Affären interessiert wären«, naserümpfte Tante Petunia, die diesen Fall in jeder Illustrierten, die ihr unter die knochigen Finger kam, gebannt verfolgte).
Harry schloss die Augen vor dem jetzt flammenden Abendhimmel, während der Sprecher sagte: »– und schließlich hat Wally der Wellensittich sich etwas Neues einfallen lassen, wie er sich diesen Sommer abkühlen kann. Wally, der auf den Five Feathers in Barnsley lebt, hat Wasserski gelernt! Mary Dorkins hat sich dort für Sie umgeschaut.«
Harry öffnete die Augen. Wenn sie schon bei Wasserski fahrenden Wellensittichen waren, würde nichts Hörenswertes mehr kommen. Er drehte sich vorsichtig auf den Bauch und stemmte sich auf Knie und Ellbogen, um unter dem Fenster wegzukriechen.
Er hatte sich gerade mal fünf Zentimeter bewegt, als mehrere Dinge in sehr rascher Folge passierten.
Ein lauter, widerhallender Knall zerriss die schläfrige Stille wie ein Pistolenschuss; eine Katze sauste unter einem geparkten Wagen hervor und stob davon; ein spitzer Schrei, ein gellender Fluch und das Geräusch von zerbrechendem Porzellan drangen aus dem Wohnzimmer der Dursleys. Als sei dies das Signal, auf das Harry gewartet hatte, schnellte er hoch und zog einen dünnen hölzernen Zauberstab aus seinem Jeansbund wie ein Schwert aus der Scheide – doch bevor er sich ganz aufrichten konnte, krachte er mit der Schädeldecke gegen das offene Fenster der Dursleys. Es rumste und Tante Petunia kreischte noch lauter.
Harry hatte das Gefühl, als wäre sein Kopf entzweigespalten. Schwankend, mit tränenden Augen, versuchte er den Blick auf die Straße zu richten, um die Quelle des Lärms auszumachen, doch kaum hatte er sich stolpernd erhoben, langten zwei große, purpurrote Hände durchs offene Fenster und schlossen sich fest um seine Kehle.
»Tu – das – Ding – weg!«, schnarrte Onkel Vernon in Harrys Ohr. »Sofort! Bevor – es – jemand – sieht!«
»Lass – mich – los!«, keuchte Harry. Einige Sekunden lang rangen sie miteinander. Harry, der mit der rechten Hand den erhobenen Zauberstab fest umklammerte, zog mit der linken an den Wurstfingern seines Onkels; dann, in dem Moment, als der Schmerz an Harrys Schädeldecke besonders fies pochte, japste Onkel Vernon plötzlich und ließ Harry los, als ob er einen elektrischen Schlag bekommen hätte. Eine unsichtbare Kraft schien durch seinen Neffen pulsiert zu sein, so dass er ihn unmöglich weiter festhalten konnte.
Keuchend fiel Harry bäuchlings über den Hortensienbusch, richtete sich auf und spähte umher. Was den lauten Knall verursacht haben könnte, war nicht im Entferntesten zu erkennen, aber inzwischen lugten Gesichter aus einigen Fenstern in der Nachbarschaft. Harry steckte hastig seinen Zauberstab in die Jeans und versuchte, eine Unschuldsmiene aufzusetzen.
»Wunderbarer Abend!«, rief Onkel Vernon und winkte Mrs Nummer sieben von gegenüber zu, die durch ihre Netzvorhänge böse herüberfunkelte. »Haben Sie eben diesen Auspuffknall gehört? Hat Petunia und mir einen schönen Schreck eingejagt!«
Er grinste unentwegt auf schreckliche, besessene Art umher, bis all die neugierigen Nachbarn von ihren Fenstern verschwunden waren, dann winkte er Harry zu sich heran, und aus dem Grinsen wurde eine wutentbrannte Grimasse.
Harry trat ein paar Schritte näher und achtete darauf, kurz vor dem Punkt Halt zu machen, an dem Onkel Vernons ausgestreckte Hände ihn wieder würgen konnten.
»Was zum Teufel soll das, Bursche?«, fragte Onkel Vernon mit heiserer, vor Wut zitternder Stimme.
»Was soll was?«, sagte Harry kühl. Er blickte unablässig links und rechts die Straße entlang, immer noch in der Hoffnung herauszufinden, von wem der Knall stammte.
»Einen Lärm machen, als ginge eine Pistole los, und das direkt vor unserem –«
»Den Lärm hab ich nicht gemacht«, sagte Harry entschieden.
Neben Onkel Vernons breitem, puterrotem Gesicht tauchte jetzt Tante Petunias schmales Pferdegesicht auf. Sie war aschgrau.
»Warum hast du unter unserem Fenster herumgelungert?«
»Ja – ja, gute Frage, Petunia! Was hast du unter unserem Fenster getrieben, Bursche?«
»Die Nachrichten gehört«, sagte Harry mit resignierter Stimme.
Tante und Onkel tauschten empörte Blicke.
»Die Nachrichten gehört! Schon wieder?«
»Na ja, es gibt doch jeden Tag neue, oder?«, sagte Harry.
»Spiel mir hier nicht den Neunmalklugen, Bursche! Ich will wissen, was du wirklich im Schilde führst – und hör mir bloß auf mit diesem Quatsch von wegen die Nachrichten hören! Du weißt genau, dass deine Sippschaft –«
»Vorsicht, Vernon!«, hauchte Tante Petunia, und Onkel Vernon senkte die Stimme, bis Harry ihn kaum noch hören konnte – »dass deine Sippschaft nicht in unsere Nachrichten kommt!«
»Das meinst du wohl«, sagte Harry.
Die Dursleys glotzten ihn ein paar Sekunden an, dann schimpfte Tante Petunia: »Du bist ein gemeiner kleiner Lügner. Was treiben denn all diese –«, auch sie senkte die Stimme, so dass Harry das nächste Wort von ihren Lippen ablesen musste, »– Eulen hier, wenn sie dir keine Nachrichten bringen?«
»Aha!«, flüsterte Onkel Vernon triumphierend. »Jetzt lass dir dazu mal eine Ausrede einfallen, Bursche! Als ob wir nicht wüssten, dass du deine ganzen Nachrichten von diesen ekelhaften Vögeln bekommst!«
Harry zögerte einen Moment. Es kostete ihn einige Überwindung, diesmal die Wahrheit zu sagen, obwohl Onkel und Tante unmöglich wissen konnten, wie schlimm es für ihn war, sie einzugestehen.
»Die Eulen … bringen mir keine Nachrichten«, antwortete er tonlos.
»Das glaub ich nicht«, sagte Tante Petunia sofort.
»Und ich auch nicht«, bestätigte Onkel Vernon.
»Wir wissen, dass du irgendein krummes Ding vorhast«, sagte Tante Petunia.
»Wir sind schließlich nicht blöde, verstehst du«, sagte Onkel Vernon.
»Na, das ist ja mal ’ne Neuigkeit«, erwiderte Harry mit anschwellendem Zorn, und bevor die Dursleys ihn zurückrufen konnten, wirbelte er herum, lief über den Rasen, sprang über die niedrige Gartenmauer und ging mit großen Schritten die Straße entlang davon.
Das gab Ärger, so viel war sicher. Er würde Onkel und Tante später Rede und Antwort stehen und für seine Frechheit bezahlen müssen, doch fürs Erste war ihm das ziemlich schnuppe; er hatte viel dringendere Angelegenheiten im Kopf.
Harry war sich sicher, dass der Knall von jemandem herrührte, der appariert oder disappariert war. Es war genau das Geräusch, das Dobby der Hauself machte, wenn er ins Blaue hinein verschwand. Konnte Dobby denn hier im Ligusterweg sein? Folgte ihm Dobby vielleicht genau in diesem Moment? Bei diesem Gedanken schnellte er herum und spähte zurück, doch der Ligusterweg schien vollkommen ausgestorben, und Harry war sicher, dass Dobby nicht wusste, wie man sich unsichtbar machte.
Er ging weiter und achtete dabei kaum auf den Weg, den er einschlug, denn er hatte diese Straßen in letzter Zeit so oft durchstreift, dass ihn seine Füße wie von allein zu seinen Lieblingsplätzen trugen. Alle paar Schritte warf er einen Blick über die Schulter. Ein magisches Wesen hatte sich in seiner Nähe aufgehalten, als er zwischen Tante Petunias sterbenden Begonien gelegen hatte, das war sicher. Warum hatte es ihn nicht angesprochen, warum hatte es keine Verbindung aufgenommen, warum versteckte es sich jetzt?
Und dann, als seine Enttäuschung ihren Höhepunkt erreicht hatte, schwand plötzlich diese Gewissheit.
Vielleicht war es doch kein magisches Geräusch gewesen. Vielleicht wartete er nur so verzweifelt auf das kleinste Zeichen aus einer Welt, in die er gehörte, dass er bei ganz gewöhnlichen Geräuschen einfach überreagierte. Konnte er sicher sein, dass der Lärm nicht daher rührte, dass in einem Nachbarhaus etwas zu Bruch gegangen war?
Harry hatte ein dumpfes, flaues Gefühl im Magen, und unversehens überfiel ihn wieder die Hoffnungslosigkeit, die ihn den ganzen Sommer über geplagt hatte.
Morgen früh um fünf würde der Wecker ihn aus dem Schlaf reißen, damit er die Eule bezahlen konnte, die ihm den Tagespropheten brachte – aber hatte es noch einen Zweck, ihn weiter zu beziehen? Harry schaute dieser Tage nur kurz auf die Titelseite und warf ihn dann beiseite; wenn diese Trottel von der Zeitung endlich erkannt hatten, dass Voldemort zurück war, würde das Schlagzeilen machen, und nur solche Nachrichten scherten Harry.
Zwar kamen, wenn er Glück hatte, auch Eulen mit Briefen von seinen besten Freunden Ron und Hermine, aber all seine Erwartungen, dass ihre Briefe Neuigkeiten für ihn enthalten würden, waren schon lange zunichte.
Wir können nicht viel über Du-weißt-schon-was sagen, verstehst du … Man hat uns gesagt, dass wir nichts Wichtiges schreiben dürfen, falls unsere Briefe in die falschen Hände gelangen … Wir sind ziemlich beschäftigt, aber ich kann dir hier nichts Genaues schreiben … Es geht einiges ab, wir erzählen dir alles, wenn wir dich treffen …
Aber wann würden sie ihn treffen? Niemand schien sich groß um einen festen Termin zu kümmern. Ich denke, wir besuchen dich ziemlich bald, hatte Hermine auf seine Geburtstagskarte geschrieben, aber wie bald war bald? Soviel Harry aus den vagen Hinweisen in ihren Briefen schließen konnte, waren Hermine und Ron am selben Ort, vermutlich im Haus von Rons Eltern. Er konnte es kaum ertragen, daran zu denken, wie die beiden im Fuchsbau ihren Spaß hatten, während er im Ligusterweg festsaß. Tatsächlich war er so sauer auf sie, dass er die beiden Schachteln mit Schokolade aus dem Honigtopf, die sie ihm zum Geburtstag geschickt hatten, ungeöffnet weggeworfen hatte. Später hatte er es bereut, nach dem welken Salat, den Tante Petunia am selben Abend noch zum Essen aufgetischt hatte.
Womit waren Ron und Hermine eigentlich so beschäftigt? Und warum war er, Harry, nicht beschäftigt? Hatte er nicht bewiesen, dass er mit viel mehr fertig werden konnte als sie? Hatten sie alle vergessen, was er getan hatte? War es nicht er gewesen, der diesen Friedhof betreten und gesehen hatte, wie Cedric ermordet wurde, und der an diesen Grabstein gefesselt wurde und fast umgebracht worden wäre?
Denk nicht drüber nach, ermahnte sich Harry streng und zum hundertsten Mal in diesem Sommer. Schlimm genug, dass er den Friedhof in seinen Alpträumen immer wieder besuchte, da brauchte er in seinen wachen Momenten nicht auch noch darüber nachzubrüten.
Er bog um eine Ecke und war nun auf dem Magnolienring; auf halbem Weg die Straße entlang kam er an der schmalen Gasse vorbei, die an einer Garage entlangführte und in der er zum ersten Mal seinen Paten gesehen hatte. Sirius zumindest schien zu verstehen, wie Harry sich fühlte. Zugegeben, seine Briefe enthielten ebenso wenig handfeste Neuigkeiten wie die von Ron und Hermine, aber wenigstens schrieb er ihm zur Vorsicht mahnende und tröstende Worte statt quälender Andeutungen: Ich weiß, das muss frustrierend für dich sein … Halt die Ohren steif, dann wird schon alles gut gehen … Sei vorsichtig und tu nichts Unbesonnenes …
Immerhin, dachte Harry, während er den Magnolienring überquerte, in die Magnolienstraße einbog und auf den nun schon im Dunkeln liegenden Park mit dem Spielplatz zuging, immerhin hatte er (im Wesentlichen) befolgt, was Sirius ihm geraten hatte. Zumindest hatte er der Versuchung widerstanden, den Koffer an seinen Besen zu binden und sich auf eigene Faust auf die Reise zum Fuchsbau zu machen. Im Grunde hatte er sich sehr gut verhalten, wenn er überlegte, wie enttäuscht und zornig er darüber war, so lange im Ligusterweg festzusitzen, wo er nichts weiter unternehmen konnte, als sich in Blumenbeeten zu verstecken, in der Hoffnung, einen Hinweis darauf zu erlauschen, was Lord Voldemort gerade machte. Dennoch wurmte es ihn, dass ihn ausgerechnet ein Mann vor Unbesonnenheiten warnte, der zwölf Jahre im Zauberergefängnis von Askaban gesessen hatte, der entkommen war, daraufhin den Mord begehen wollte, für den man ihn ursprünglich verurteilt hatte, und schließlich mit einem gestohlenen Hippogreif geflohen war.
Harry schwang sich über das geschlossene Parktor und überquerte den verdorrten Rasen. Der Park war so menschenleer wie die Straßen in der Nachbarschaft. Er erreichte die Schaukeln und ließ sich auf einer davon nieder, der letzten, die Dudley und seine Freunde noch nicht demoliert hatten, schlang einen Arm um die Kette und starrte trübsinnig auf die Erde. Im Blumenbeet der Dursleys würde er sich nicht mehr verstecken können. Morgen musste er sich etwas Neues einfallen lassen, wie er die Nachrichten hören konnte. Bis dahin hatte er nichts, auf das er sich freuen konnte, nur eine weitere unruhige, sorgenvoll durchwälzte Nacht, denn selbst wenn er von Alpträumen um Cedric verschont blieb, plagten ihn schreckliche Träume von langen schwarzen Korridoren, die alle an Mauern und verschlossenen Türen endeten, was, wie er vermutete, etwas zu tun hatte mit dem Gefühl, in der Falle zu sitzen, das ihn am Tage quälte. Seine alte Stirnnarbe ziepte oft unangenehm, aber Ron oder Hermine oder Sirius, da machte er sich nichts vor, würden dies nicht mehr sonderlich spannend finden. Früher hatten ihn die Narbenschmerzen gewarnt, wenn Voldemort wieder stärker wurde, doch nun, da Voldemort zurückgekehrt war, würden seine Freunde ihm wohl nur zu verstehen geben, dass es sie nicht überraschte, wenn die Narbe ständig gereizt war … kein Grund zur Sorge … Schnee von gestern …
Das Gefühl, wie ungerecht das alles war, staute sich in ihm auf, und er hätte am liebsten vor Wut geschrien. Wenn er nicht gewesen wäre, hätte überhaupt niemand erfahren, dass Voldemort zurück war! Und zur Belohnung saß er vier geschlagene Wochen lang in Little Whinging, völlig abgeschnitten von der magischen Welt, dazu verurteilt, zwischen welken Begonien zu kauern, nur um Neuigkeiten über Wasserski fahrende Wellensittiche zu hören. Wie konnte Dumbledore ihn nur einfach so vergessen? Wieso hatten Ron und Hermine sich getroffen, ohne ihn einzuladen? Wie lange noch musste er sich von Sirius sagen lassen, er solle die Ohren steif halten und ein braver Junge sein; oder der Versuchung widerstehen, an den blöden Tagespropheten zu schreiben und denen klarzumachen, dass Voldemort zurückgekehrt war? Solch wilde Gedanken wirbelten durch Harrys Kopf, und seine Eingeweide verknoteten sich vor Zorn, während eine schwüle, samtene Nacht sich über ihn senkte, in der die Luft schwer war vom Geruch warmen, trockenen Grases und einzig das leise Rauschen des Verkehrs auf der Straße hinter den Parkgittern zu hören war.
Er wusste nicht, wie lange er auf der Schaukel gesessen hatte, als das Geräusch von Stimmen seine Grübeleien unterbrach und er aufblickte. Die Laternen der angrenzenden Straßen spendeten dunstiges Licht, stark genug, um die Umrisse einer Gruppe von Leuten hervortreten zu lassen, die auf dem Weg durch den Park waren. Einer von ihnen sang ein lautes und wüstes Lied. Die anderen lachten. Ein leises Ticken kam von mehreren teuren Rennrädern, die sie mit sich schoben.
Harry wusste, wer diese Leute waren. Die Gestalt vorne war unverkennbar sein Cousin Dudley Dursley auf dem Weg nach Hause, begleitet von seiner treuen Gang.
Dudley hatte so gewaltige Maße wie eh und je, doch ein Jahr strenger Diät und die Entdeckung eines neuen Talents hatten seine Statur deutlich verändert. Wie Onkel Vernon allen, die es hören wollten, entzückt erzählte, war Dudley vor kurzem bei den Schulmeisterschaften im Südosten der Boxchampion im Juniorenschwergewicht geworden. »Der edle Sport«, wie Onkel Vernon ihn nannte, hatte aus Dudley eine noch furchterregendere Gestalt gemacht, als er es zu Harrys Grundschulzeit gewesen war, wo er als Dudleys erster Punchingball hatte herhalten müssen. Harry hatte nicht die geringste Angst mehr vor seinem Cousin, doch wollte er trotzdem nicht glauben, dass ein Dudley, der lernte, noch härter und gezielter zuzuschlagen, ein Grund zum Feiern sein sollte. In der ganzen Nachbarschaft hatten die Kinder fürchterliche Angst vor ihm – sogar mehr noch als vor »diesem Potter-Jungen«, der, wie man sie gewarnt hatte, ein abgebrühter Hooligan war und ins St.-Brutus-Sicherheitszentrum für unheilbar kriminelle Jungen ging.
Harry beobachtete, wie die dunklen Gestalten den Rasen überquerten, und fragte sich, wen sie heute Abend verprügelt hatten. Schaut euch um, fuhr es Harry unwillkürlich durch den Kopf, während er ihnen mit den Augen folgte. Kommt schon … schaut euch um … ich sitze hier ganz allein … kommt und zeigt’s mir …
Wenn Dudleys Freunde ihn hier sitzen sähen, würden sie sicher geradewegs auf ihn losgehen, und was würde Dudley dann tun? Vor seiner Gang wollte er gewiss nicht das Gesicht verlieren, aber er würde schreckliche Angst haben, Harry zu provozieren … wie herrlich es wäre, Dudley so hin- und hergerissen zu sehen, ihn zu reizen, zu beobachten, wie er die Kraft nicht aufbrachte, ihm etwas entgegenzusetzen … und falls einer der anderen versuchte, Harry zu schlagen, war er vorbereitet – er hatte seinen Zauberstab. Sollten sie doch kommen … liebend gern würde er ein wenig von seinem Frust an den Jungen auslassen, die sein Leben einst zur Hölle gemacht hatten.
Aber sie drehten sich nicht um, sie sahen ihn nicht, hatten fast schon das Gitter erreicht. Harry bezwang den Impuls, ihnen nachzurufen … eine Schlägerei anzuzetteln, war nicht klug … er durfte seine magischen Kräfte nicht einsetzen … er würde wieder einmal den Rauswurf riskieren.
Die Stimmen von Dudleys Gang erstarben; die Jungen waren außer Sicht, auf dem Weg die Magnolienstraße entlang.
Da siehst du’s mal, Sirius, dachte Harry dumpf. Nichts Unbesonnenes. Hab die Ohren steifgehalten. Genau das Gegenteil von dem, was du getan hättest.
Er hüpfte von der Schaukel und streckte sich. Tante Petunia und Onkel Vernon schienen der Meinung, wann auch immer Dudley auftauchte, sei die richtige Zeit, um nach Hause zu kommen, und alles danach sei viel zu spät. Onkel Vernon hatte gedroht, Harry im Schuppen einzusperren, wenn er je wieder nach Dudley heimkam, und so unterdrückte Harry ein Gähnen und machte sich mit immer noch finsterer Miene auf den Weg zum Parktor.
Die Magnolienstraße war wie der Ligusterweg gesäumt von großen, wuchtigen Häusern mit tadellos manikürten Rasenstücken, alle von dicken, vierschrötigen Eigenheimbesitzern gemäht, die sehr saubere Autos ähnlich dem von Onkel Vernon fuhren. Harry war Little Whinging am Abend lieber, wenn die gardinenbewehrten Fenster juwelenhelle Farbflecke in die Dunkelheit tupften und er nicht Gefahr lief, missbilligendes Murmeln über seine »Sträflingserscheinung« zu hören, wenn er an den Hausbesitzern vorbeikam. Er ging rasch, so dass auf halber Strecke durch die Magnolienstraße Dudleys Gang wieder in Sicht kam; sie verabschiedeten sich an der Einmündung zum Magnolienring. Harry trat in den Schatten eines großen Fliederbusches und wartete.
»… hat gequiekt wie ’ne Sau, was?«, sagte Malcolm unter dem schallenden Gelächter der anderen.
»Hübscher rechter Haken, Big D«, sagte Piers.
»Morgen selbe Zeit?«, sagte Dudley.
»Dann bei mir, meine Eltern gehen aus«, sagte Gordon.
»Also bis dann«, sagte Dudley.
»Tschüss, Dud!«
»Wir sehn uns, Big D!«
Harry blieb noch stehen, bis der Rest der Gang weitergelaufen war. Als ihre Stimmen wieder leiser geworden waren, bog er um die Ecke in den Magnolienring, und da er sehr rasch ging, kam er bald in Rufweite zu Dudley, der selbstzufrieden einherschlenderte und melodielos vor sich hin summte.
»Hey, Big D!«
Dudley drehte sich um.
»Oh«, grunzte er. »Du bist’s.«
»Seit wann bist du eigentlich ›Big D‹?«, sagte Harry.
»Klappe«, raunzte Dudley und wandte sich ab.
»Cooler Name«, sagte Harry grinsend und holte seinen Cousin ein. »Aber für mich wirst du immer der ›putzige Duddywutz‹ sein.«
»KLAPPE, hab ich gesagt!«, blaffte Dudley, die schinkengleichen Hände zu Fäusten geballt.
»Wissen die Jungs nicht, dass deine Mami dich so nennt?«
»Halt die Fresse.«
»Du sagst ihr doch auch nicht, dass sie die Fresse halten soll. Was ist mit ›Mausebär‹ und ›süßer Duddymatz‹, darf ich dich auch so nennen?«
Dudley sagte nichts. Die Anstrengung, sich zu zwingen, Harry nicht zu schlagen, schien all seine Selbstbeherrschung zu erfordern.
»Und wen hast du heute Abend verprügelt?«, fragte Harry und sein Grinsen schwand. »Wieder einen Zehnjährigen? Vorgestern hast du’s Mark Evans besorgt, das weiß ich –«
»Er hat’s nicht anders gewollt«, schnarrte Dudley.
»Ach ja?«
»Ist frech geworden.«
»Jaah? Hat er gesagt, du siehst aus wie ein Schwein, dem man beigebracht hat, auf den Hinterbeinen zu laufen? Das ist aber nicht frech, das ist die Wahrheit.«
An Dudleys Kinnlade zuckte ein Muskel. Er war wütend und Harry sah es mit enormer Genugtuung; ihm war, als würde er allen Ärger an seinem Cousin auslassen, dem Einzigen, der dafür herhalten konnte.
Sie bogen nach rechts in die Abkürzung zwischen Magnolienring und Glyzinenweg ein, in die schmale Gasse, wo Harry Sirius zum ersten Mal gesehen hatte. Sie war menschenleer und dunkler als die Straßen, die sie verband, denn es gab keine Laternen. Garagenwände auf der einen, ein hoher Zaun auf der anderen Seite dämpften das Geräusch ihrer Schritte.
»Kommst dir wohl mächtig stark vor mit dem Ding, das du rumträgst, stimmt’s?«, sagte Dudley nach einigen Sekunden.
»Welchem Ding?«
»Diesem – diesem Ding, das du versteckt hältst.«
Harry grinste erneut.
»Nicht so doof, wie du aussiehst, was, Dud? Aber wenn du’s wärst, glaub ich, könntest du nicht gleichzeitig gehen und reden.«
Harry zog seinen Zauberstab. Er sah, wie Dudley ihn scheel beäugte.
»Das darfst du nicht«, sagte Dudley prompt. »Ich weiß es. Die werfen dich aus dieser Beklopptenschule, auf die du gehst.«
»Woher willst du wissen, dass sie die Vorschriften nicht geändert haben, Big D?«
»Haben sie nicht«, sagte Dudley, obwohl er dabei nicht vollkommen überzeugt klang.
Harry lachte leise.
»Du hast doch Schiss, es ohne dieses Ding mit mir aufzunehmen, oder?«, fauchte Dudley.
»Und du brauchst vier Kumpel hinter dir, bevor du einen Zehnjährigen verprügeln kannst. Dieser Boxtitel übrigens, mit dem du dauernd angibst – wie alt war dein Gegner? Sieben? Acht?«
»Er war sechzehn, wenn du’s genau wissen willst«, fauchte Dudley, »und als ich mit dem fertig war, lag er noch zwanzig Minuten halb tot rum, und der war doppelt so schwer wie du. Wart nur, bis ich Dad erzähle, dass du dieses Ding rausgezogen hast –«
»Jetzt rennst du zu Daddy, was? Hat sein Putzi-Putzi-Boxchampion Angst vor Harrys bösem Zauberstab?«
»Nachts bist du nicht so mutig, stimmt’s?«, höhnte Dudley.
»Es ist Nacht, Duddymatz. So nennt man es nämlich, wenn es überall dunkel wird wie jetzt.«
»Ich mein, wenn du im Bett bist!«, fauchte Dudley.
Er war stehen geblieben. Auch Harry blieb stehen und starrte seinen Cousin an.
Soweit er Dudleys breites Gesicht erkennen konnte, hatte er eine merkwürdig triumphierende Miene aufgesetzt.
»Was soll das heißen, ich bin nicht mutig, wenn ich im Bett bin?«, sagte Harry völlig verdutzt. »Wovor soll ich Angst haben, vor Kissen vielleicht?«
»Ich hab dich gestern Nacht gehört«, sagte Dudley atemlos. »Hast im Schlaf geredet. Gejammert.«
»Was soll das heißen?«, sagte Harry erneut, doch mit einem kalten, flauen Gefühl im Magen. Gestern Nacht hatte er in seinen Träumen wieder den Friedhof besucht.
Dudley lachte harsch und bellend auf und nahm eine spitze, wimmernde Stimme an.
»›Lass Cedric leben! Lass Cedric leben!‹ Wer ist Cedric – dein Freund?«
»Ich – du lügst«, sagte Harry unwillkürlich. Doch sein Mund war trocken geworden. Dudley log nicht, das wusste er – wie sonst konnte er von Cedric erfahren haben?
»›Dad! Hilf mir, Dad! Er wird mich umbringen, Dad! Uuh huu!‹«
»Hör auf«, sagte Harry leise. »Hör auf, Dudley, ich warne dich!«
»›Komm und hilf mir, Dad! Mum, komm und hilf mir! Er hat Cedric getötet! Dad, hilf mir! Er wird mich –‹ Nimm das Ding runter!«
Dudley wich an die Mauer der Gasse zurück. Harry richtete den Zauberstab direkt auf Dudleys Herz. Er konnte vierzehn Jahre Hass auf Dudley in seinen Adern hämmern spüren – was würde er nicht dafür geben, jetzt zuzuschlagen, Dudley so gründlich durchzuhexen, dass er wie ein Insekt nach Hause krabbeln musste, stumm und blind geschlagen, mit ausgestreckten Fühlerchen …
»Fang nie wieder davon an«, fauchte Harry. »Hast du mich verstanden?«
»Halt das Ding woandershin!«
»Ich hab gesagt, hast du mich verstanden?«
»Halt es woandershin!«
»HAST DU MICH VERSTANDEN?«
»TU DAS DING WEG –«
Dudley keuchte, eigenartig schaudernd, als wäre er in Eiswasser getaucht worden.
Etwas war mit der Nacht geschehen. Der sternübersäte indigoblaue Nachthimmel war plötzlich pechschwarz und lichtlos – die Sterne, der Mond, die dunstigen Straßenlichter zu beiden Enden der Gasse waren verschwunden. Das ferne Rauschen der Autos und das Flüstern der Bäume waren verstummt. Der milde Abend war plötzlich stechend und beißend kalt. Sie waren von völliger, undurchdringlicher, stiller Dunkelheit umgeben, als hätte ein Riese einen dicken, eiskalten Mantel über die ganze Gasse geworfen, der ihnen jegliche Sicht nahm.
Für den Bruchteil einer Sekunde dachte Harry, er hätte versehentlich gezaubert, obwohl er das Verlangen mit aller Kraft unterdrückt hatte – dann zog sein Verstand mit seinen Sinnen gleich – er hatte nicht die Macht, die Sterne zum Erlöschen zu bringen. Er drehte den Kopf hin und her und versuchte, etwas zu erkennen, doch die Dunkelheit drückte auf seine Augen wie ein schwereloser Schleier.
Dudleys angsterfüllte Stimme drang in Harrys Ohr.
»W-was machst du d-da? Hö-hör auf d-damit!«
»Ich mach gar nichts! Sei still und beweg dich nicht!«
»Ich k-kann nichts sehen! Ich b-bin blind! Ich –«
»Still, hab ich gesagt!«
Harry stand stocksteif da und wandte seine blinden Augen nach links und nach rechts. Die Kälte war so heftig, dass er am ganzen Leib zitterte; eine Gänsehaut kroch ihm über die Arme, und seine Nackenhaare sträubten sich – er riss die Augen auf, so weit er konnte, und starrte leer und blind umher.
Es war unmöglich … sie konnten nicht hier sein … nicht in Little Whinging … er lauschte angestrengt … er würde sie hören, bevor er sie sah …
»Ich s-sag’s Dad!«, wimmerte Dudley. »W-wo bist du? Was machst d-du da –?«
»Hältst du endlich die Klappe?«, zischte Harry. »Ich versuch was zu hö–«
Doch er verstummte. Er hatte genau das gehört, wovor es ihn gegraust hatte.
Außer ihnen war da noch etwas in dieser Gasse, etwas, das lange, heisere, rasselnde Atemzüge tat. Harry, der zitternd in der eisigen Luft stand, spürte, wie ihn eine grauenhafte Angst durchfuhr.
»L-lass das sein! H-hör auf damit! Ich h-hau dich, ich schwör’s!«
»Dudley, halt die –«
WUMM.
Eine Faust traf Harry seitlich am Kopf und riss ihn von den Füßen. Kleine weiße Lichter tauchten vor seinen Augen auf. Zum zweiten Mal in einer Stunde hatte Harry das Gefühl, sein Kopf wäre mittendurch gespalten; im nächsten Moment schlug er hart auf dem Boden auf und der Zauberstab flog ihm aus der Hand.
»Du Schwachkopf, Dudley!«, schrie Harry. Tränen schossen ihm in die Augen vor Schmerz, während er sich auf Hände und Knie hochrappelte und hektisch in der schwarzen Dunkelheit umhertastete. Er hörte Dudley davonstolpern, gegen den Zaun stoßen, taumeln.
»DUDLEY, KOMM ZURÜCK! DU LÄUFST GENAU DRAUF ZU!«
Ein fürchterlicher, quietschender Schrei war zu hören und Dudleys Schritte hielten inne. Im selben Moment spürte Harry eine kriechende Kälte hinter sich, die nur eines bedeuten konnte. Da war mehr als einer.
»DUDLEY, MACH NICHT DEN MUND AUF! WAS IMMER DU TUST, MACH NICHT DEN MUND AUF! Zauberstab!«, murmelte Harry hektisch, seine Hände huschten über den Boden wie Spinnen. »Wo ist – Zauberstab – komm schon – lumos!«
Er sprach das Zauberwort unwillkürlich aus, so verzweifelt brauchte er Licht, das ihm bei der Suche half – und zu seiner ungläubigen Erleichterung flammte nicht weit von seiner rechten Hand entfernt Licht auf – die Spitze des Zauberstabs leuchtete. Harry klaubte ihn auf, rappelte sich hoch und blickte hinter sich.
Ihm drehte sich der Magen um.
Eine mächtige Gestalt, in einen Kapuzenumhang gehüllt, unter dem weder Füße noch Gesicht zu erkennen waren, glitt sanft über den Boden schwebend auf ihn zu und sog die Nacht in sich ein.
Harry stolperte zurück und hob den Zauberstab.
»Expecto patronum!«
Ein silbriger Dunstfaden schoss aus der Spitze des Zauberstabs, und der Dementor wurde langsamer, doch der Zauber hatte nicht richtig gewirkt. Der Dementor neigte sich zu Harry hinunter, und Harry wich, über seine eigenen Füße strauchelnd, weiter zurück, während Panik ihm das Gehirn vernebelte – konzentrier dich –
Ein graues, schleimiges, schorfiges Paar Hände glitt aus dem Umhang des Dementors hervor und langte nach ihm. Ein Rauschen erfüllte Harrys Ohren.
»Expecto patronum!«
Seine Stimme klang matt und fern. Wieder schwebte ein Faden silbrigen Rauchs, schwächer als der letzte, aus dem Zauberstab – er konnte es nicht mehr, der Zauber gelang ihm nicht.
In seinem Kopf erklang ein Lachen, ein schrilles, überdrehtes Lachen … er konnte den widerlichen, todeskalten Atem des Dementors riechen, der seine Lungen füllte, ihn ertränkte – denken … an etwas Glückliches …
Doch es war kein Glück in ihm … die eisigen Finger des Dementors schlossen sich um seine Kehle – das schrille Lachen wurde immer lauter, eine Stimme sprach in seinem Kopf: »Verneige dich vor dem Tod, Harry … er mag sogar schmerzlos sein … ich kann es nicht wissen … ich bin nie gestorben …«
Er würde Ron und Hermine nie mehr sehen –
Und während er nach Atem rang, traten ihre Gesichter jäh und klar in sein Bewusstsein.
»EXPECTO PATRONUM!«
Ein gewaltiger silberner Hirsch brach aus der Spitze von Harrys Zauberstab hervor; seine Geweihenden trafen den Dementor dort, wo das Herz hätte sein sollen; er wurde zurückgestoßen, schwerelos wie die Dunkelheit, und als der Hirsch zum Angriff ansetzte, huschte der Dementor, fledermausgleich, geschlagen davon.
»DORTHIN!«, rief Harry dem Hirsch zu. Er wirbelte herum und rannte, den leuchtenden Stab erhoben, die Gasse entlang. »DUDLEY? DUDLEY!«
Er hatte kaum ein Dutzend Schritte getan, da war er schon bei ihm: Dudley lag zusammengerollt auf dem Boden, die Arme aufs Gesicht gedrückt. Ein zweiter Dementor kauerte dicht über ihm, umklammerte mit schleimigen Händen Dudleys Handgelenke, zog sie langsam, fast liebevoll auseinander und senkte seine Kapuze auf Dudleys Gesicht, als wollte er ihn küssen.
»PACK IHN!«, brüllte Harry, und mit rauschendem, donnerndem Lärm kam der silberne Hirsch, den er heraufbeschworen hatte, an ihm vorbeigaloppiert. Das augenlose Gesicht des Dementors war nur noch Zentimeter von Dudleys Gesicht entfernt, als das silberne Geweih ihn erfasste; das Wesen wurde in die Luft geschleudert, und wie sein Gefährte huschte es davon und verschmolz mit der Dunkelheit; der Hirsch lief in kurzem Galopp zum Ende der Gasse und löste sich in silbrigen Dunst auf.
Mond, Sterne und Straßenlaternen erwachten wieder zum Leben. Eine warme Brise strich durch die Gasse. Bäume raschelten in den benachbarten Gärten und das alltägliche Geräusch von Autos auf dem Magnolienring erfüllte wieder die Luft.
Harry stand vollkommen reglos da, mit vibrierenden Sinnen, und gewöhnte sich an die jäh zurückgekehrte Normalität. Nicht lange, dann wurde ihm bewusst, dass sein T-Shirt an ihm klebte; er war schweißnass.
Er konnte nicht glauben, was eben geschehen war. Dementoren hier, in Little Whinging.
Dudley lag eingerollt auf dem Boden, wimmernd und zitternd. Harry beugte sich zu ihm hinunter, um zu sehen, ob er die Kraft hatte aufzustehen, doch dann hörte er laute, rennende Schritte hinter sich. Instinktiv hob er erneut den Zauberstab und wirbelte auf den Fersen herum, bereit, wem auch immer entgegenzutreten.
Mrs Figg, ihre schrullige alte Nachbarin, kam, schwer atmend, in Sicht. Ihr grau meliertes Haar löste sich aus dem Haarnetz, ein klackerndes Einkaufsnetz schwang an ihrem Handgelenk und ihre Füße steckten mehr schlecht als recht in ihren schottengemusterten Puschen. Harry wollte seinen Zauberstab rasch verschwinden lassen, aber –
»Nicht wegstecken, du dummer Junge!«, kreischte sie. »Was, wenn noch mehr von denen in der Gegend sind? Oh, dieser Mundungus Fletcher, den bring ich um!«
Für Neil, Jessica und David,
die meine Welt verzaubern
INHALT
Dudley umnachtet
Eulen über Eulen
Die Vorhut
Grimmauldplatz Nummer zwölf
Der Orden des Phönix
Das fürnehme und gar alte Haus der Blacks
Das Zaubereiministerium
Die Anhörung
Mrs Weasleys Wehklage
Luna Lovegood
Das neue Lied des Sprechenden Huts
Professor Umbridge
Strafarbeit bei Dolores
Percy und Tatze
Die Großinquisitorin von Hogwarts
Im Eberkopf
Ausbildungserlass Nummer vierundzwanzig
Dumbledores Armee
Der Löwe und die Schlange
Hagrids Geschichte
Das Auge der Schlange
St.-Mungo-Hospital für Magische Krankheiten und Verletzungen
Weihnachten auf der geschlossenen Station
Okklumentik
Der Käfer in der Klemme
Gesehen – unvorhergesehen
Der Zentaur und die Petze
Snapes schlimmste Erinnerung
Berufsberatung
Grawp
ZAGs
Aus dem Feuer
Kampf und Flucht
Die Mysteriumsabteilung
Jenseits des Schleiers
Der Einzige, den er je fürchtete
Die verlorene Prophezeiung
Der zweite Krieg beginnt
Dudley umnachtet
Der bislang heißeste Tag des Sommers neigte sich dem Ende zu und eine schläfrige Stille lag über den großen wuchtigen Häusern des Ligusterwegs. Autos, die normalerweise glänzten, standen staubig in den Einfahrten, und Rasenflächen, die einst smaragdgrün waren, lagen verdorrt und gelbstichig da – wegen der Dürre war es verboten worden, sie mit Gartenschläuchen zu wässern. Die Bewohner des Ligusterwegs, die sich nun nicht mehr wie üblich mit Autowaschen und Rasenmähen die Zeit vertreiben konnten, hatten sich in die Schatten ihrer kühlen Häuser zurückgezogen und die Fenster weit aufgestoßen in der Hoffnung, eine vermeintliche Brise hereinzulocken. Der einzige Mensch, der noch draußen war, ein Teenager, lag in einem Blumenbeet vor Nummer vier flach auf dem Rücken.
Es war ein schlaksiger, schwarzhaariger Junge mit Brille, der ausgezehrt und leicht ungesund wirkte wie jemand, der in kurzer Zeit recht schnell gewachsen war. Seine Jeans war dreckig und zerrissen, sein T-Shirt ausgeleiert und verblichen, und die Sohlen seiner Turnschuhe schälten sich vom Oberleder. Harry Potters Äußeres machte ihn nicht lieb Kind bei den Nachbarn, jener Sorte von Menschen, die meinten, Schmuddeligkeit gehöre gesetzlich bestraft, doch da er sich an diesem Abend hinter einem großen Hortensienbusch versteckt hatte, war er für Passanten gänzlich unsichtbar. Tatsächlich konnten ihn nur Onkel Vernon und Tante Petunia sehen, falls sie die Köpfe aus dem Wohnzimmerfenster streckten und senkrecht nach unten ins Blumenbeet schauten.
Alles in allem, dachte Harry, konnte man ihm zu seiner Idee, sich hier zu verstecken, nur gratulieren. Vielleicht war es nicht sonderlich bequem, wie er da auf der heißen, harten Erde lag, doch immerhin stierte ihn niemand finster an und knirschte so laut mit den Zähnen, dass er die Nachrichten nicht hören konnte, oder warf ihm gehässige Fragen an den Kopf, wie es noch jedes Mal geschehen war, wenn er versucht hatte, sich ins Wohnzimmer zu setzen und mit Tante und Onkel fernzusehen.
Als wäre Harrys Gedanke durchs offene Fenster geflattert, fing Vernon Dursley, sein Onkel, plötzlich an zu reden.
»Bin froh, dass der Bursche nicht mehr versucht, sich hier breit zu machen. Übrigens, wo steckt er eigentlich?«
»Ich weiß es nicht«, sagte Tante Petunia beiläufig. »Nicht im Haus jedenfalls.«
Onkel Vernon grunzte.
»Die Nachrichten gucken …«, höhnte er. »Möchte wissen, was er wirklich im Schilde führt. Ein normaler Junge pfeift doch drauf, was in den Nachrichten kommt – Dudley hat keine Ahnung, was in der Welt passiert. Bin mir nicht mal sicher, ob er weiß, wer der Premierminister ist! Jedenfalls sieht’s nicht so aus, als käme irgendwas über seine Sippschaft in unseren Nachrichten –«
»Vernon, schhh!«, sagte Tante Petunia. »Das Fenster steht offen!«
»Oh – ja – Verzeihung, Liebling.«
Die Dursleys verstummten. Harry lauschte einem Werbesong für Obst-und-Kleie-Frühstücksflocken, während er Mrs Figg, eine schrullige alte Dame aus dem nahen Glyzinenweg, langsam vorbeitappen sah. Sie blickte finster drein und murmelte vor sich hin. Harry war sehr froh, dass er hinter dem Busch versteckt lag, weil Mrs Figg ihn seit kurzem jedes Mal, wenn sie ihn auf der Straße traf, zu sich nach Hause zum Tee einlud. Sie war um die Ecke gebogen und verschwunden, als Onkel Vernons Stimme erneut aus dem Fenster schwebte.
»Duddy ist zum Tee eingeladen?«
»Bei den Polkissens«, sagte Tante Petunia liebevoll. »Er hat so viele kleine Freunde, beliebt, wie er ist …«
Mit Mühe verkniff sich Harry ein Schnauben. Die Dursleys waren wirklich erstaunlich dumm, wenn es um ihren Sohn Dudley ging. All seine fadenscheinigen Lügen, er wäre jeden Abend der Sommerferien bei einem anderen Typen aus seiner Gang zum Tee, hatten sie geschluckt. Harry wusste genau, dass Dudley nirgends zum Tee war; er und seine Gang verbrachten jeden Abend damit, den Spielplatz im Park zu demolieren, an Straßenecken zu rauchen und Steine auf vorbeikommende Autos und Kinder zu werfen. Harry hatte sie während seiner abendlichen Streifzüge durch Little Whinging dabei beobachtet; er hatte den größten Teil der Ferien damit verbracht, durch die Straßen zu ziehen und unterwegs Zeitungen aus den Mülleimern zu klauben.
Als die ersten Töne der Melodie für die Sieben-Uhr-Nachrichten an Harrys Ohr drangen, drehte sich ihm der Magen um. Vielleicht heute Abend – nachdem er einen Monat gewartet hatte –, vielleicht war es heute so weit.
»Während der Streik der spanischen Gepäckabfertiger in die zweite Woche geht, sitzen so viele Urlauber wie noch nie auf den Flughäfen fest –«
»Denen würde ich eine lebenslange Siesta verpassen, wenn du mich fragst«, knurrte Onkel Vernon, kaum dass der Sprecher den Satz vollendet hatte, und doch: Draußen im Blumenbeet schien sich Harrys Magen wieder zu entspannen. Wenn irgendetwas passiert wäre, dann hätten sie es sicher als Erstes in den Nachrichten gebracht; Tod und Zerstörung waren wichtiger als gestrandete Urlauber.
Er atmete lange und ruhig aus und blickte in den strahlend blauen Himmel. Diesen Sommer war es Tag für Tag das Gleiche gewesen: die Spannung, die Erwartung, die zeitweilige Erleichterung und dann erneut die wachsende Spannung … und stets drängender die Frage, warum noch nichts passiert war.
Er lauschte weiter, nur für den Fall, dass es einen kleinen Hinweis gab, dessen ganze Bedeutung den Muggeln entging – ein rätselhaftes Verschwinden vielleicht, oder ein merkwürdiger Unfall … aber dem Streik der Gepäckabfertiger folgte eine Meldung über die Dürre im Südosten Englands (»Hoffentlich hört der nebenan zu!«, bellte Onkel Vernon. »Der mit seinen Sprinklern, die er um drei Uhr morgens anstellt!«), dann über einen Hubschrauber, der beinahe über einem Feld in Surrey abgestürzt war, schließlich über die Scheidung einer prominenten Schauspielerin von ihrem prominenten Mann (»Als ob wir an deren schmutzigen Affären interessiert wären«, naserümpfte Tante Petunia, die diesen Fall in jeder Illustrierten, die ihr unter die knochigen Finger kam, gebannt verfolgte).
Harry schloss die Augen vor dem jetzt flammenden Abendhimmel, während der Sprecher sagte: »– und schließlich hat Wally der Wellensittich sich etwas Neues einfallen lassen, wie er sich diesen Sommer abkühlen kann. Wally, der auf den Five Feathers in Barnsley lebt, hat Wasserski gelernt! Mary Dorkins hat sich dort für Sie umgeschaut.«
Harry öffnete die Augen. Wenn sie schon bei Wasserski fahrenden Wellensittichen waren, würde nichts Hörenswertes mehr kommen. Er drehte sich vorsichtig auf den Bauch und stemmte sich auf Knie und Ellbogen, um unter dem Fenster wegzukriechen.
Er hatte sich gerade mal fünf Zentimeter bewegt, als mehrere Dinge in sehr rascher Folge passierten.
Ein lauter, widerhallender Knall zerriss die schläfrige Stille wie ein Pistolenschuss; eine Katze sauste unter einem geparkten Wagen hervor und stob davon; ein spitzer Schrei, ein gellender Fluch und das Geräusch von zerbrechendem Porzellan drangen aus dem Wohnzimmer der Dursleys. Als sei dies das Signal, auf das Harry gewartet hatte, schnellte er hoch und zog einen dünnen hölzernen Zauberstab aus seinem Jeansbund wie ein Schwert aus der Scheide – doch bevor er sich ganz aufrichten konnte, krachte er mit der Schädeldecke gegen das offene Fenster der Dursleys. Es rumste und Tante Petunia kreischte noch lauter.
Harry hatte das Gefühl, als wäre sein Kopf entzweigespalten. Schwankend, mit tränenden Augen, versuchte er den Blick auf die Straße zu richten, um die Quelle des Lärms auszumachen, doch kaum hatte er sich stolpernd erhoben, langten zwei große, purpurrote Hände durchs offene Fenster und schlossen sich fest um seine Kehle.
»Tu – das – Ding – weg!«, schnarrte Onkel Vernon in Harrys Ohr. »Sofort! Bevor – es – jemand – sieht!«
»Lass – mich – los!«, keuchte Harry. Einige Sekunden lang rangen sie miteinander. Harry, der mit der rechten Hand den erhobenen Zauberstab fest umklammerte, zog mit der linken an den Wurstfingern seines Onkels; dann, in dem Moment, als der Schmerz an Harrys Schädeldecke besonders fies pochte, japste Onkel Vernon plötzlich und ließ Harry los, als ob er einen elektrischen Schlag bekommen hätte. Eine unsichtbare Kraft schien durch seinen Neffen pulsiert zu sein, so dass er ihn unmöglich weiter festhalten konnte.
Keuchend fiel Harry bäuchlings über den Hortensienbusch, richtete sich auf und spähte umher. Was den lauten Knall verursacht haben könnte, war nicht im Entferntesten zu erkennen, aber inzwischen lugten Gesichter aus einigen Fenstern in der Nachbarschaft. Harry steckte hastig seinen Zauberstab in die Jeans und versuchte, eine Unschuldsmiene aufzusetzen.
»Wunderbarer Abend!«, rief Onkel Vernon und winkte Mrs Nummer sieben von gegenüber zu, die durch ihre Netzvorhänge böse herüberfunkelte. »Haben Sie eben diesen Auspuffknall gehört? Hat Petunia und mir einen schönen Schreck eingejagt!«
Er grinste unentwegt auf schreckliche, besessene Art umher, bis all die neugierigen Nachbarn von ihren Fenstern verschwunden waren, dann winkte er Harry zu sich heran, und aus dem Grinsen wurde eine wutentbrannte Grimasse.
Harry trat ein paar Schritte näher und achtete darauf, kurz vor dem Punkt Halt zu machen, an dem Onkel Vernons ausgestreckte Hände ihn wieder würgen konnten.
»Was zum Teufel soll das, Bursche?«, fragte Onkel Vernon mit heiserer, vor Wut zitternder Stimme.
»Was soll was?«, sagte Harry kühl. Er blickte unablässig links und rechts die Straße entlang, immer noch in der Hoffnung herauszufinden, von wem der Knall stammte.
»Einen Lärm machen, als ginge eine Pistole los, und das direkt vor unserem –«
»Den Lärm hab ich nicht gemacht«, sagte Harry entschieden.
Neben Onkel Vernons breitem, puterrotem Gesicht tauchte jetzt Tante Petunias schmales Pferdegesicht auf. Sie war aschgrau.
»Warum hast du unter unserem Fenster herumgelungert?«
»Ja – ja, gute Frage, Petunia! Was hast du unter unserem Fenster getrieben, Bursche?«
»Die Nachrichten gehört«, sagte Harry mit resignierter Stimme.
Tante und Onkel tauschten empörte Blicke.
»Die Nachrichten gehört! Schon wieder?«
»Na ja, es gibt doch jeden Tag neue, oder?«, sagte Harry.
»Spiel mir hier nicht den Neunmalklugen, Bursche! Ich will wissen, was du wirklich im Schilde führst – und hör mir bloß auf mit diesem Quatsch von wegen die Nachrichten hören! Du weißt genau, dass deine Sippschaft –«
»Vorsicht, Vernon!«, hauchte Tante Petunia, und Onkel Vernon senkte die Stimme, bis Harry ihn kaum noch hören konnte – »dass deine Sippschaft nicht in unsere Nachrichten kommt!«
»Das meinst du wohl«, sagte Harry.
Die Dursleys glotzten ihn ein paar Sekunden an, dann schimpfte Tante Petunia: »Du bist ein gemeiner kleiner Lügner. Was treiben denn all diese –«, auch sie senkte die Stimme, so dass Harry das nächste Wort von ihren Lippen ablesen musste, »– Eulen hier, wenn sie dir keine Nachrichten bringen?«
»Aha!«, flüsterte Onkel Vernon triumphierend. »Jetzt lass dir dazu mal eine Ausrede einfallen, Bursche! Als ob wir nicht wüssten, dass du deine ganzen Nachrichten von diesen ekelhaften Vögeln bekommst!«
Harry zögerte einen Moment. Es kostete ihn einige Überwindung, diesmal die Wahrheit zu sagen, obwohl Onkel und Tante unmöglich wissen konnten, wie schlimm es für ihn war, sie einzugestehen.
»Die Eulen … bringen mir keine Nachrichten«, antwortete er tonlos.
»Das glaub ich nicht«, sagte Tante Petunia sofort.
»Und ich auch nicht«, bestätigte Onkel Vernon.
»Wir wissen, dass du irgendein krummes Ding vorhast«, sagte Tante Petunia.
»Wir sind schließlich nicht blöde, verstehst du«, sagte Onkel Vernon.
»Na, das ist ja mal ’ne Neuigkeit«, erwiderte Harry mit anschwellendem Zorn, und bevor die Dursleys ihn zurückrufen konnten, wirbelte er herum, lief über den Rasen, sprang über die niedrige Gartenmauer und ging mit großen Schritten die Straße entlang davon.
Das gab Ärger, so viel war sicher. Er würde Onkel und Tante später Rede und Antwort stehen und für seine Frechheit bezahlen müssen, doch fürs Erste war ihm das ziemlich schnuppe; er hatte viel dringendere Angelegenheiten im Kopf.
Harry war sich sicher, dass der Knall von jemandem herrührte, der appariert oder disappariert war. Es war genau das Geräusch, das Dobby der Hauself machte, wenn er ins Blaue hinein verschwand. Konnte Dobby denn hier im Ligusterweg sein? Folgte ihm Dobby vielleicht genau in diesem Moment? Bei diesem Gedanken schnellte er herum und spähte zurück, doch der Ligusterweg schien vollkommen ausgestorben, und Harry war sicher, dass Dobby nicht wusste, wie man sich unsichtbar machte.
Er ging weiter und achtete dabei kaum auf den Weg, den er einschlug, denn er hatte diese Straßen in letzter Zeit so oft durchstreift, dass ihn seine Füße wie von allein zu seinen Lieblingsplätzen trugen. Alle paar Schritte warf er einen Blick über die Schulter. Ein magisches Wesen hatte sich in seiner Nähe aufgehalten, als er zwischen Tante Petunias sterbenden Begonien gelegen hatte, das war sicher. Warum hatte es ihn nicht angesprochen, warum hatte es keine Verbindung aufgenommen, warum versteckte es sich jetzt?
Und dann, als seine Enttäuschung ihren Höhepunkt erreicht hatte, schwand plötzlich diese Gewissheit.
Vielleicht war es doch kein magisches Geräusch gewesen. Vielleicht wartete er nur so verzweifelt auf das kleinste Zeichen aus einer Welt, in die er gehörte, dass er bei ganz gewöhnlichen Geräuschen einfach überreagierte. Konnte er sicher sein, dass der Lärm nicht daher rührte, dass in einem Nachbarhaus etwas zu Bruch gegangen war?
Harry hatte ein dumpfes, flaues Gefühl im Magen, und unversehens überfiel ihn wieder die Hoffnungslosigkeit, die ihn den ganzen Sommer über geplagt hatte.
Morgen früh um fünf würde der Wecker ihn aus dem Schlaf reißen, damit er die Eule bezahlen konnte, die ihm den Tagespropheten brachte – aber hatte es noch einen Zweck, ihn weiter zu beziehen? Harry schaute dieser Tage nur kurz auf die Titelseite und warf ihn dann beiseite; wenn diese Trottel von der Zeitung endlich erkannt hatten, dass Voldemort zurück war, würde das Schlagzeilen machen, und nur solche Nachrichten scherten Harry.
Zwar kamen, wenn er Glück hatte, auch Eulen mit Briefen von seinen besten Freunden Ron und Hermine, aber all seine Erwartungen, dass ihre Briefe Neuigkeiten für ihn enthalten würden, waren schon lange zunichte.
Wir können nicht viel über Du-weißt-schon-was sagen, verstehst du … Man hat uns gesagt, dass wir nichts Wichtiges schreiben dürfen, falls unsere Briefe in die falschen Hände gelangen … Wir sind ziemlich beschäftigt, aber ich kann dir hier nichts Genaues schreiben … Es geht einiges ab, wir erzählen dir alles, wenn wir dich treffen …
Aber wann würden sie ihn treffen? Niemand schien sich groß um einen festen Termin zu kümmern. Ich denke, wir besuchen dich ziemlich bald, hatte Hermine auf seine Geburtstagskarte geschrieben, aber wie bald war bald? Soviel Harry aus den vagen Hinweisen in ihren Briefen schließen konnte, waren Hermine und Ron am selben Ort, vermutlich im Haus von Rons Eltern. Er konnte es kaum ertragen, daran zu denken, wie die beiden im Fuchsbau ihren Spaß hatten, während er im Ligusterweg festsaß. Tatsächlich war er so sauer auf sie, dass er die beiden Schachteln mit Schokolade aus dem Honigtopf, die sie ihm zum Geburtstag geschickt hatten, ungeöffnet weggeworfen hatte. Später hatte er es bereut, nach dem welken Salat, den Tante Petunia am selben Abend noch zum Essen aufgetischt hatte.
Womit waren Ron und Hermine eigentlich so beschäftigt? Und warum war er, Harry, nicht beschäftigt? Hatte er nicht bewiesen, dass er mit viel mehr fertig werden konnte als sie? Hatten sie alle vergessen, was er getan hatte? War es nicht er gewesen, der diesen Friedhof betreten und gesehen hatte, wie Cedric ermordet wurde, und der an diesen Grabstein gefesselt wurde und fast umgebracht worden wäre?
Denk nicht drüber nach, ermahnte sich Harry streng und zum hundertsten Mal in diesem Sommer. Schlimm genug, dass er den Friedhof in seinen Alpträumen immer wieder besuchte, da brauchte er in seinen wachen Momenten nicht auch noch darüber nachzubrüten.
Er bog um eine Ecke und war nun auf dem Magnolienring; auf halbem Weg die Straße entlang kam er an der schmalen Gasse vorbei, die an einer Garage entlangführte und in der er zum ersten Mal seinen Paten gesehen hatte. Sirius zumindest schien zu verstehen, wie Harry sich fühlte. Zugegeben, seine Briefe enthielten ebenso wenig handfeste Neuigkeiten wie die von Ron und Hermine, aber wenigstens schrieb er ihm zur Vorsicht mahnende und tröstende Worte statt quälender Andeutungen: Ich weiß, das muss frustrierend für dich sein … Halt die Ohren steif, dann wird schon alles gut gehen … Sei vorsichtig und tu nichts Unbesonnenes …
Immerhin, dachte Harry, während er den Magnolienring überquerte, in die Magnolienstraße einbog und auf den nun schon im Dunkeln liegenden Park mit dem Spielplatz zuging, immerhin hatte er (im Wesentlichen) befolgt, was Sirius ihm geraten hatte. Zumindest hatte er der Versuchung widerstanden, den Koffer an seinen Besen zu binden und sich auf eigene Faust auf die Reise zum Fuchsbau zu machen. Im Grunde hatte er sich sehr gut verhalten, wenn er überlegte, wie enttäuscht und zornig er darüber war, so lange im Ligusterweg festzusitzen, wo er nichts weiter unternehmen konnte, als sich in Blumenbeeten zu verstecken, in der Hoffnung, einen Hinweis darauf zu erlauschen, was Lord Voldemort gerade machte. Dennoch wurmte es ihn, dass ihn ausgerechnet ein Mann vor Unbesonnenheiten warnte, der zwölf Jahre im Zauberergefängnis von Askaban gesessen hatte, der entkommen war, daraufhin den Mord begehen wollte, für den man ihn ursprünglich verurteilt hatte, und schließlich mit einem gestohlenen Hippogreif geflohen war.
Harry schwang sich über das geschlossene Parktor und überquerte den verdorrten Rasen. Der Park war so menschenleer wie die Straßen in der Nachbarschaft. Er erreichte die Schaukeln und ließ sich auf einer davon nieder, der letzten, die Dudley und seine Freunde noch nicht demoliert hatten, schlang einen Arm um die Kette und starrte trübsinnig auf die Erde. Im Blumenbeet der Dursleys würde er sich nicht mehr verstecken können. Morgen musste er sich etwas Neues einfallen lassen, wie er die Nachrichten hören konnte. Bis dahin hatte er nichts, auf das er sich freuen konnte, nur eine weitere unruhige, sorgenvoll durchwälzte Nacht, denn selbst wenn er von Alpträumen um Cedric verschont blieb, plagten ihn schreckliche Träume von langen schwarzen Korridoren, die alle an Mauern und verschlossenen Türen endeten, was, wie er vermutete, etwas zu tun hatte mit dem Gefühl, in der Falle zu sitzen, das ihn am Tage quälte. Seine alte Stirnnarbe ziepte oft unangenehm, aber Ron oder Hermine oder Sirius, da machte er sich nichts vor, würden dies nicht mehr sonderlich spannend finden. Früher hatten ihn die Narbenschmerzen gewarnt, wenn Voldemort wieder stärker wurde, doch nun, da Voldemort zurückgekehrt war, würden seine Freunde ihm wohl nur zu verstehen geben, dass es sie nicht überraschte, wenn die Narbe ständig gereizt war … kein Grund zur Sorge … Schnee von gestern …
Das Gefühl, wie ungerecht das alles war, staute sich in ihm auf, und er hätte am liebsten vor Wut geschrien. Wenn er nicht gewesen wäre, hätte überhaupt niemand erfahren, dass Voldemort zurück war! Und zur Belohnung saß er vier geschlagene Wochen lang in Little Whinging, völlig abgeschnitten von der magischen Welt, dazu verurteilt, zwischen welken Begonien zu kauern, nur um Neuigkeiten über Wasserski fahrende Wellensittiche zu hören. Wie konnte Dumbledore ihn nur einfach so vergessen? Wieso hatten Ron und Hermine sich getroffen, ohne ihn einzuladen? Wie lange noch musste er sich von Sirius sagen lassen, er solle die Ohren steif halten und ein braver Junge sein; oder der Versuchung widerstehen, an den blöden Tagespropheten zu schreiben und denen klarzumachen, dass Voldemort zurückgekehrt war? Solch wilde Gedanken wirbelten durch Harrys Kopf, und seine Eingeweide verknoteten sich vor Zorn, während eine schwüle, samtene Nacht sich über ihn senkte, in der die Luft schwer war vom Geruch warmen, trockenen Grases und einzig das leise Rauschen des Verkehrs auf der Straße hinter den Parkgittern zu hören war.
Er wusste nicht, wie lange er auf der Schaukel gesessen hatte, als das Geräusch von Stimmen seine Grübeleien unterbrach und er aufblickte. Die Laternen der angrenzenden Straßen spendeten dunstiges Licht, stark genug, um die Umrisse einer Gruppe von Leuten hervortreten zu lassen, die auf dem Weg durch den Park waren. Einer von ihnen sang ein lautes und wüstes Lied. Die anderen lachten. Ein leises Ticken kam von mehreren teuren Rennrädern, die sie mit sich schoben.
Harry wusste, wer diese Leute waren. Die Gestalt vorne war unverkennbar sein Cousin Dudley Dursley auf dem Weg nach Hause, begleitet von seiner treuen Gang.
Dudley hatte so gewaltige Maße wie eh und je, doch ein Jahr strenger Diät und die Entdeckung eines neuen Talents hatten seine Statur deutlich verändert. Wie Onkel Vernon allen, die es hören wollten, entzückt erzählte, war Dudley vor kurzem bei den Schulmeisterschaften im Südosten der Boxchampion im Juniorenschwergewicht geworden. »Der edle Sport«, wie Onkel Vernon ihn nannte, hatte aus Dudley eine noch furchterregendere Gestalt gemacht, als er es zu Harrys Grundschulzeit gewesen war, wo er als Dudleys erster Punchingball hatte herhalten müssen. Harry hatte nicht die geringste Angst mehr vor seinem Cousin, doch wollte er trotzdem nicht glauben, dass ein Dudley, der lernte, noch härter und gezielter zuzuschlagen, ein Grund zum Feiern sein sollte. In der ganzen Nachbarschaft hatten die Kinder fürchterliche Angst vor ihm – sogar mehr noch als vor »diesem Potter-Jungen«, der, wie man sie gewarnt hatte, ein abgebrühter Hooligan war und ins St.-Brutus-Sicherheitszentrum für unheilbar kriminelle Jungen ging.
Harry beobachtete, wie die dunklen Gestalten den Rasen überquerten, und fragte sich, wen sie heute Abend verprügelt hatten. Schaut euch um, fuhr es Harry unwillkürlich durch den Kopf, während er ihnen mit den Augen folgte. Kommt schon … schaut euch um … ich sitze hier ganz allein … kommt und zeigt’s mir …
Wenn Dudleys Freunde ihn hier sitzen sähen, würden sie sicher geradewegs auf ihn losgehen, und was würde Dudley dann tun? Vor seiner Gang wollte er gewiss nicht das Gesicht verlieren, aber er würde schreckliche Angst haben, Harry zu provozieren … wie herrlich es wäre, Dudley so hin- und hergerissen zu sehen, ihn zu reizen, zu beobachten, wie er die Kraft nicht aufbrachte, ihm etwas entgegenzusetzen … und falls einer der anderen versuchte, Harry zu schlagen, war er vorbereitet – er hatte seinen Zauberstab. Sollten sie doch kommen … liebend gern würde er ein wenig von seinem Frust an den Jungen auslassen, die sein Leben einst zur Hölle gemacht hatten.
Aber sie drehten sich nicht um, sie sahen ihn nicht, hatten fast schon das Gitter erreicht. Harry bezwang den Impuls, ihnen nachzurufen … eine Schlägerei anzuzetteln, war nicht klug … er durfte seine magischen Kräfte nicht einsetzen … er würde wieder einmal den Rauswurf riskieren.
Die Stimmen von Dudleys Gang erstarben; die Jungen waren außer Sicht, auf dem Weg die Magnolienstraße entlang.
Da siehst du’s mal, Sirius, dachte Harry dumpf. Nichts Unbesonnenes. Hab die Ohren steifgehalten. Genau das Gegenteil von dem, was du getan hättest.
Er hüpfte von der Schaukel und streckte sich. Tante Petunia und Onkel Vernon schienen der Meinung, wann auch immer Dudley auftauchte, sei die richtige Zeit, um nach Hause zu kommen, und alles danach sei viel zu spät. Onkel Vernon hatte gedroht, Harry im Schuppen einzusperren, wenn er je wieder nach Dudley heimkam, und so unterdrückte Harry ein Gähnen und machte sich mit immer noch finsterer Miene auf den Weg zum Parktor.
Die Magnolienstraße war wie der Ligusterweg gesäumt von großen, wuchtigen Häusern mit tadellos manikürten Rasenstücken, alle von dicken, vierschrötigen Eigenheimbesitzern gemäht, die sehr saubere Autos ähnlich dem von Onkel Vernon fuhren. Harry war Little Whinging am Abend lieber, wenn die gardinenbewehrten Fenster juwelenhelle Farbflecke in die Dunkelheit tupften und er nicht Gefahr lief, missbilligendes Murmeln über seine »Sträflingserscheinung« zu hören, wenn er an den Hausbesitzern vorbeikam. Er ging rasch, so dass auf halber Strecke durch die Magnolienstraße Dudleys Gang wieder in Sicht kam; sie verabschiedeten sich an der Einmündung zum Magnolienring. Harry trat in den Schatten eines großen Fliederbusches und wartete.
»… hat gequiekt wie ’ne Sau, was?«, sagte Malcolm unter dem schallenden Gelächter der anderen.
»Hübscher rechter Haken, Big D«, sagte Piers.
»Morgen selbe Zeit?«, sagte Dudley.
»Dann bei mir, meine Eltern gehen aus«, sagte Gordon.
»Also bis dann«, sagte Dudley.
»Tschüss, Dud!«
»Wir sehn uns, Big D!«
Harry blieb noch stehen, bis der Rest der Gang weitergelaufen war. Als ihre Stimmen wieder leiser geworden waren, bog er um die Ecke in den Magnolienring, und da er sehr rasch ging, kam er bald in Rufweite zu Dudley, der selbstzufrieden einherschlenderte und melodielos vor sich hin summte.
»Hey, Big D!«
Dudley drehte sich um.
»Oh«, grunzte er. »Du bist’s.«
»Seit wann bist du eigentlich ›Big D‹?«, sagte Harry.
»Klappe«, raunzte Dudley und wandte sich ab.
»Cooler Name«, sagte Harry grinsend und holte seinen Cousin ein. »Aber für mich wirst du immer der ›putzige Duddywutz‹ sein.«
»KLAPPE, hab ich gesagt!«, blaffte Dudley, die schinkengleichen Hände zu Fäusten geballt.
»Wissen die Jungs nicht, dass deine Mami dich so nennt?«
»Halt die Fresse.«
»Du sagst ihr doch auch nicht, dass sie die Fresse halten soll. Was ist mit ›Mausebär‹ und ›süßer Duddymatz‹, darf ich dich auch so nennen?«
Dudley sagte nichts. Die Anstrengung, sich zu zwingen, Harry nicht zu schlagen, schien all seine Selbstbeherrschung zu erfordern.
»Und wen hast du heute Abend verprügelt?«, fragte Harry und sein Grinsen schwand. »Wieder einen Zehnjährigen? Vorgestern hast du’s Mark Evans besorgt, das weiß ich –«
»Er hat’s nicht anders gewollt«, schnarrte Dudley.
»Ach ja?«
»Ist frech geworden.«
»Jaah? Hat er gesagt, du siehst aus wie ein Schwein, dem man beigebracht hat, auf den Hinterbeinen zu laufen? Das ist aber nicht frech, das ist die Wahrheit.«
An Dudleys Kinnlade zuckte ein Muskel. Er war wütend und Harry sah es mit enormer Genugtuung; ihm war, als würde er allen Ärger an seinem Cousin auslassen, dem Einzigen, der dafür herhalten konnte.
Sie bogen nach rechts in die Abkürzung zwischen Magnolienring und Glyzinenweg ein, in die schmale Gasse, wo Harry Sirius zum ersten Mal gesehen hatte. Sie war menschenleer und dunkler als die Straßen, die sie verband, denn es gab keine Laternen. Garagenwände auf der einen, ein hoher Zaun auf der anderen Seite dämpften das Geräusch ihrer Schritte.
»Kommst dir wohl mächtig stark vor mit dem Ding, das du rumträgst, stimmt’s?«, sagte Dudley nach einigen Sekunden.
»Welchem Ding?«
»Diesem – diesem Ding, das du versteckt hältst.«
Harry grinste erneut.
»Nicht so doof, wie du aussiehst, was, Dud? Aber wenn du’s wärst, glaub ich, könntest du nicht gleichzeitig gehen und reden.«
Harry zog seinen Zauberstab. Er sah, wie Dudley ihn scheel beäugte.
»Das darfst du nicht«, sagte Dudley prompt. »Ich weiß es. Die werfen dich aus dieser Beklopptenschule, auf die du gehst.«
»Woher willst du wissen, dass sie die Vorschriften nicht geändert haben, Big D?«
»Haben sie nicht«, sagte Dudley, obwohl er dabei nicht vollkommen überzeugt klang.
Harry lachte leise.
»Du hast doch Schiss, es ohne dieses Ding mit mir aufzunehmen, oder?«, fauchte Dudley.
»Und du brauchst vier Kumpel hinter dir, bevor du einen Zehnjährigen verprügeln kannst. Dieser Boxtitel übrigens, mit dem du dauernd angibst – wie alt war dein Gegner? Sieben? Acht?«
»Er war sechzehn, wenn du’s genau wissen willst«, fauchte Dudley, »und als ich mit dem fertig war, lag er noch zwanzig Minuten halb tot rum, und der war doppelt so schwer wie du. Wart nur, bis ich Dad erzähle, dass du dieses Ding rausgezogen hast –«
»Jetzt rennst du zu Daddy, was? Hat sein Putzi-Putzi-Boxchampion Angst vor Harrys bösem Zauberstab?«
»Nachts bist du nicht so mutig, stimmt’s?«, höhnte Dudley.
»Es ist Nacht, Duddymatz. So nennt man es nämlich, wenn es überall dunkel wird wie jetzt.«
»Ich mein, wenn du im Bett bist!«, fauchte Dudley.
Er war stehen geblieben. Auch Harry blieb stehen und starrte seinen Cousin an.
Soweit er Dudleys breites Gesicht erkennen konnte, hatte er eine merkwürdig triumphierende Miene aufgesetzt.
»Was soll das heißen, ich bin nicht mutig, wenn ich im Bett bin?«, sagte Harry völlig verdutzt. »Wovor soll ich Angst haben, vor Kissen vielleicht?«
»Ich hab dich gestern Nacht gehört«, sagte Dudley atemlos. »Hast im Schlaf geredet. Gejammert.«
»Was soll das heißen?«, sagte Harry erneut, doch mit einem kalten, flauen Gefühl im Magen. Gestern Nacht hatte er in seinen Träumen wieder den Friedhof besucht.
Dudley lachte harsch und bellend auf und nahm eine spitze, wimmernde Stimme an.
»›Lass Cedric leben! Lass Cedric leben!‹ Wer ist Cedric – dein Freund?«
»Ich – du lügst«, sagte Harry unwillkürlich. Doch sein Mund war trocken geworden. Dudley log nicht, das wusste er – wie sonst konnte er von Cedric erfahren haben?
»›Dad! Hilf mir, Dad! Er wird mich umbringen, Dad! Uuh huu!‹«
»Hör auf«, sagte Harry leise. »Hör auf, Dudley, ich warne dich!«
»›Komm und hilf mir, Dad! Mum, komm und hilf mir! Er hat Cedric getötet! Dad, hilf mir! Er wird mich –‹ Nimm das Ding runter!«
Dudley wich an die Mauer der Gasse zurück. Harry richtete den Zauberstab direkt auf Dudleys Herz. Er konnte vierzehn Jahre Hass auf Dudley in seinen Adern hämmern spüren – was würde er nicht dafür geben, jetzt zuzuschlagen, Dudley so gründlich durchzuhexen, dass er wie ein Insekt nach Hause krabbeln musste, stumm und blind geschlagen, mit ausgestreckten Fühlerchen …
»Fang nie wieder davon an«, fauchte Harry. »Hast du mich verstanden?«
»Halt das Ding woandershin!«
»Ich hab gesagt, hast du mich verstanden?«
»Halt es woandershin!«
»HAST DU MICH VERSTANDEN?«
»TU DAS DING WEG –«
Dudley keuchte, eigenartig schaudernd, als wäre er in Eiswasser getaucht worden.
Etwas war mit der Nacht geschehen. Der sternübersäte indigoblaue Nachthimmel war plötzlich pechschwarz und lichtlos – die Sterne, der Mond, die dunstigen Straßenlichter zu beiden Enden der Gasse waren verschwunden. Das ferne Rauschen der Autos und das Flüstern der Bäume waren verstummt. Der milde Abend war plötzlich stechend und beißend kalt. Sie waren von völliger, undurchdringlicher, stiller Dunkelheit umgeben, als hätte ein Riese einen dicken, eiskalten Mantel über die ganze Gasse geworfen, der ihnen jegliche Sicht nahm.
Für den Bruchteil einer Sekunde dachte Harry, er hätte versehentlich gezaubert, obwohl er das Verlangen mit aller Kraft unterdrückt hatte – dann zog sein Verstand mit seinen Sinnen gleich – er hatte nicht die Macht, die Sterne zum Erlöschen zu bringen. Er drehte den Kopf hin und her und versuchte, etwas zu erkennen, doch die Dunkelheit drückte auf seine Augen wie ein schwereloser Schleier.
Dudleys angsterfüllte Stimme drang in Harrys Ohr.
»W-was machst du d-da? Hö-hör auf d-damit!«
»Ich mach gar nichts! Sei still und beweg dich nicht!«
»Ich k-kann nichts sehen! Ich b-bin blind! Ich –«
»Still, hab ich gesagt!«
Harry stand stocksteif da und wandte seine blinden Augen nach links und nach rechts. Die Kälte war so heftig, dass er am ganzen Leib zitterte; eine Gänsehaut kroch ihm über die Arme, und seine Nackenhaare sträubten sich – er riss die Augen auf, so weit er konnte, und starrte leer und blind umher.
Es war unmöglich … sie konnten nicht hier sein … nicht in Little Whinging … er lauschte angestrengt … er würde sie hören, bevor er sie sah …
»Ich s-sag’s Dad!«, wimmerte Dudley. »W-wo bist du? Was machst d-du da –?«
»Hältst du endlich die Klappe?«, zischte Harry. »Ich versuch was zu hö–«
Doch er verstummte. Er hatte genau das gehört, wovor es ihn gegraust hatte.
Außer ihnen war da noch etwas in dieser Gasse, etwas, das lange, heisere, rasselnde Atemzüge tat. Harry, der zitternd in der eisigen Luft stand, spürte, wie ihn eine grauenhafte Angst durchfuhr.
»L-lass das sein! H-hör auf damit! Ich h-hau dich, ich schwör’s!«
»Dudley, halt die –«
WUMM.
Eine Faust traf Harry seitlich am Kopf und riss ihn von den Füßen. Kleine weiße Lichter tauchten vor seinen Augen auf. Zum zweiten Mal in einer Stunde hatte Harry das Gefühl, sein Kopf wäre mittendurch gespalten; im nächsten Moment schlug er hart auf dem Boden auf und der Zauberstab flog ihm aus der Hand.
»Du Schwachkopf, Dudley!«, schrie Harry. Tränen schossen ihm in die Augen vor Schmerz, während er sich auf Hände und Knie hochrappelte und hektisch in der schwarzen Dunkelheit umhertastete. Er hörte Dudley davonstolpern, gegen den Zaun stoßen, taumeln.
»DUDLEY, KOMM ZURÜCK! DU LÄUFST GENAU DRAUF ZU!«
Ein fürchterlicher, quietschender Schrei war zu hören und Dudleys Schritte hielten inne. Im selben Moment spürte Harry eine kriechende Kälte hinter sich, die nur eines bedeuten konnte. Da war mehr als einer.
»DUDLEY, MACH NICHT DEN MUND AUF! WAS IMMER DU TUST, MACH NICHT DEN MUND AUF! Zauberstab!«, murmelte Harry hektisch, seine Hände huschten über den Boden wie Spinnen. »Wo ist – Zauberstab – komm schon – lumos!«
Er sprach das Zauberwort unwillkürlich aus, so verzweifelt brauchte er Licht, das ihm bei der Suche half – und zu seiner ungläubigen Erleichterung flammte nicht weit von seiner rechten Hand entfernt Licht auf – die Spitze des Zauberstabs leuchtete. Harry klaubte ihn auf, rappelte sich hoch und blickte hinter sich.
Ihm drehte sich der Magen um.
Eine mächtige Gestalt, in einen Kapuzenumhang gehüllt, unter dem weder Füße noch Gesicht zu erkennen waren, glitt sanft über den Boden schwebend auf ihn zu und sog die Nacht in sich ein.
Harry stolperte zurück und hob den Zauberstab.
»Expecto patronum!«
Ein silbriger Dunstfaden schoss aus der Spitze des Zauberstabs, und der Dementor wurde langsamer, doch der Zauber hatte nicht richtig gewirkt. Der Dementor neigte sich zu Harry hinunter, und Harry wich, über seine eigenen Füße strauchelnd, weiter zurück, während Panik ihm das Gehirn vernebelte – konzentrier dich –
Ein graues, schleimiges, schorfiges Paar Hände glitt aus dem Umhang des Dementors hervor und langte nach ihm. Ein Rauschen erfüllte Harrys Ohren.
»Expecto patronum!«
Seine Stimme klang matt und fern. Wieder schwebte ein Faden silbrigen Rauchs, schwächer als der letzte, aus dem Zauberstab – er konnte es nicht mehr, der Zauber gelang ihm nicht.
In seinem Kopf erklang ein Lachen, ein schrilles, überdrehtes Lachen … er konnte den widerlichen, todeskalten Atem des Dementors riechen, der seine Lungen füllte, ihn ertränkte – denken … an etwas Glückliches …
Doch es war kein Glück in ihm … die eisigen Finger des Dementors schlossen sich um seine Kehle – das schrille Lachen wurde immer lauter, eine Stimme sprach in seinem Kopf: »Verneige dich vor dem Tod, Harry … er mag sogar schmerzlos sein … ich kann es nicht wissen … ich bin nie gestorben …«
Er würde Ron und Hermine nie mehr sehen –
Und während er nach Atem rang, traten ihre Gesichter jäh und klar in sein Bewusstsein.
»EXPECTO PATRONUM!«
Ein gewaltiger silberner Hirsch brach aus der Spitze von Harrys Zauberstab hervor; seine Geweihenden trafen den Dementor dort, wo das Herz hätte sein sollen; er wurde zurückgestoßen, schwerelos wie die Dunkelheit, und als der Hirsch zum Angriff ansetzte, huschte der Dementor, fledermausgleich, geschlagen davon.
»DORTHIN!«, rief Harry dem Hirsch zu. Er wirbelte herum und rannte, den leuchtenden Stab erhoben, die Gasse entlang. »DUDLEY? DUDLEY!«
Er hatte kaum ein Dutzend Schritte getan, da war er schon bei ihm: Dudley lag zusammengerollt auf dem Boden, die Arme aufs Gesicht gedrückt. Ein zweiter Dementor kauerte dicht über ihm, umklammerte mit schleimigen Händen Dudleys Handgelenke, zog sie langsam, fast liebevoll auseinander und senkte seine Kapuze auf Dudleys Gesicht, als wollte er ihn küssen.
»PACK IHN!«, brüllte Harry, und mit rauschendem, donnerndem Lärm kam der silberne Hirsch, den er heraufbeschworen hatte, an ihm vorbeigaloppiert. Das augenlose Gesicht des Dementors war nur noch Zentimeter von Dudleys Gesicht entfernt, als das silberne Geweih ihn erfasste; das Wesen wurde in die Luft geschleudert, und wie sein Gefährte huschte es davon und verschmolz mit der Dunkelheit; der Hirsch lief in kurzem Galopp zum Ende der Gasse und löste sich in silbrigen Dunst auf.
Mond, Sterne und Straßenlaternen erwachten wieder zum Leben. Eine warme Brise strich durch die Gasse. Bäume raschelten in den benachbarten Gärten und das alltägliche Geräusch von Autos auf dem Magnolienring erfüllte wieder die Luft.
Harry stand vollkommen reglos da, mit vibrierenden Sinnen, und gewöhnte sich an die jäh zurückgekehrte Normalität. Nicht lange, dann wurde ihm bewusst, dass sein T-Shirt an ihm klebte; er war schweißnass.
Er konnte nicht glauben, was eben geschehen war. Dementoren hier, in Little Whinging.
Dudley lag eingerollt auf dem Boden, wimmernd und zitternd. Harry beugte sich zu ihm hinunter, um zu sehen, ob er die Kraft hatte aufzustehen, doch dann hörte er laute, rennende Schritte hinter sich. Instinktiv hob er erneut den Zauberstab und wirbelte auf den Fersen herum, bereit, wem auch immer entgegenzutreten.
Mrs Figg, ihre schrullige alte Nachbarin, kam, schwer atmend, in Sicht. Ihr grau meliertes Haar löste sich aus dem Haarnetz, ein klackerndes Einkaufsnetz schwang an ihrem Handgelenk und ihre Füße steckten mehr schlecht als recht in ihren schottengemusterten Puschen. Harry wollte seinen Zauberstab rasch verschwinden lassen, aber –
»Nicht wegstecken, du dummer Junge!«, kreischte sie. »Was, wenn noch mehr von denen in der Gegend sind? Oh, dieser Mundungus Fletcher, den bring ich um!«
Eulen über Eulen
»Was?«, sagte Harry verblüfft.
»Er ist fort!«, sagte Mrs Figg händeringend. »Er ist fort, weil er sich mit jemand treffen wollte wegen ein paar Kesseln, die von einem Besen hinten runtergefallen sind! Wenn du jetzt gehst, hab ich zu ihm gesagt, zieh ich dir bei lebendigem Leib die Haut ab, und jetzt haben wir’s! Dementoren! Ein Glück nur, dass ich Mr Tibbles auf den Fall angesetzt habe! Aber was stehen wir hier noch rum! Beeilung, du musst zurück ins Haus! Oh, das wird Ärger geben! Ich bring ihn um!«
»Aber –« Die Tatsache, dass diese schrullige, katzenvernarrte alte Nachbarin wusste, was Dementoren waren, versetzte Harry einen kaum minder großen Schock als die zwei leibhaftigen Exemplare, denen er eben in der Gasse begegnet war. »Sie sind – Sie sind eine Hexe?«
»Ich bin eine Squib, wie Mundungus sehr genau weiß, und wie um alles in der Welt sollte ich dir also helfen, die Dementoren zu vertreiben? Er hat dich vollkommen ohne Bewachung gelassen, obwohl ich ihn gewarnt hab –«
»Dieser Mundungus ist mir gefolgt? Ach so – der war das! Er ist vor meinem Haus disappariert!«
»Ja, ja, ja, aber glücklicherweise hab ich Mr Tibbles unter einem Auto postiert, nur für alle Fälle, und Mr Tibbles kam und hat mich gewarnt, aber bis ich dann bei euch war, warst du verschwunden – und jetzt – oh, was wird bloß Dumbledore dazu sagen? Du!«, kreischte sie Dudley an, der immer noch rücklings in der Gasse lag. »Heb deinen fetten Hintern, aber schnell!«
»Sie kennen Dumbledore?«, sagte Harry und starrte sie an.
»Natürlich kenn ich Dumbledore, wer kennt Dumbledore nicht? Aber nun komm schon – ich bin dir keine Hilfe, wenn sie zurückkommen, ich hab in meinem ganzen Leben noch nicht mal einen Teebeutel verwandelt.«
Sie bückte sich, packte einen von Dudleys massigen Armen mit ihren schrumpligen Händen und zerrte daran.
»Steh auf, du nutzloser Kloß, steh auf!«
Aber Dudley konnte oder wollte sich nicht rühren. Er blieb am Boden liegen, zitternd und aschfahl, den Mund fest zugepresst.
»Ich mach das schon.« Harry nahm Dudleys Arm und zog an ihm. Unter gewaltiger Mühe schaffte er es, ihn auf die Beine zu hieven. Dudley schien drauf und dran, ohnmächtig zu werden. Seine kleinen Augen rollten in ihren Höhlen und Schweiß perlte ihm übers Gesicht; sobald Harry ihn losließ, fing er bedrohlich an zu wanken.
»Beeilt euch!«, drängelte Mrs Figg aufgeregt.
Harry legte sich einen von Dudleys massigen Armen über die Schulter und schleifte ihn, unter dem Gewicht leicht einknickend, zur Straße. Mrs Figg wackelte vor ihnen her und spähte ängstlich um die Ecke.
»Behalt den Zauberstab in der Hand«, ermahnte sie Harry, als sie den Glyzinenweg betraten. »Das Geheimhaltungsstatut kannst du vergessen, man wird uns sowieso die Hölle heiß machen, jetzt müssen wir in den bitteren Kürbis beißen. Von wegen Vernunftgemäße Beschränkung der Zauberei Minderjähriger … das war genau das, was Dumbledore befürchtet hat – was ist das am Ende der Straße? Oh, es ist nur Mr Prentice … nicht den Zauberstab wegstecken, Junge, hab ich dir nicht gesagt, dass ich zu nichts nütze bin?«
Es war nicht leicht, den Zauberstab gerade zu halten und zugleich Dudley mitzuschleppen. Harry versetzte seinem Cousin einen ungeduldigen Stoß in die Rippen, aber Dudley schien alle Lust verloren zu haben, sich eigenständig zu bewegen. Er hing wie ein Sack über Harrys Schulter und seine großen Füße schleiften über den Boden.
»Warum haben Sie mir nicht gesagt, dass Sie eine Squib sind, Mrs Figg?«, fragte Harry und keuchte vor Anstrengung, Schritt um Schritt weiterzugehen. »Ich hab Sie doch so oft zu Hause besucht – warum haben Sie nie was gesagt?«
»Anweisung von Dumbledore. Ich sollte ein Auge auf dich haben, aber nichts sagen, du warst noch zu jung. Tut mir leid, dass ich dir das Leben so schwer gemacht hab, Harry, aber die Dursleys hätten dich nie zu mir gehen lassen, wenn sie geglaubt hätten, es würde dir Freude machen. Es war nicht leicht, musst du wissen … aber du meine Güte«, sagte sie mit tragischer Miene und rang erneut die Hände, »wenn Dumbledore davon erfährt – wie konnte Mundungus denn nur weggehen, er sollte doch bis Mitternacht im Dienst sein – wo steckt er? Wie soll ich Dumbledore mitteilen, was passiert ist? Ich kann nicht apparieren.«
»Ich hab eine Eule, die können Sie sich ausleihen.« Harry stöhnte und fragte sich, ob sein Rückgrat unter Dudleys Last brechen würde.
»Harry, du verstehst nicht! Dumbledore wird so schnell wie möglich handeln müssen, das Ministerium hat seine eigenen Methoden, um Minderjährigenzauberei festzustellen, die werden’s jetzt schon wissen, das kannst du mir glauben.«
»Aber ich hab mir die Dementoren vom Hals geschafft, ohne Zauberei ging das nicht – die machen sich doch sicher mehr darüber Sorgen, was diese Dementoren überhaupt im Glyzinenweg rumzuschweben hatten?«
»Oh, mein Lieber, ich wünschte, das wäre so, aber ich fürchte – MUNDUNGUS FLETCHER, ICH BRING DICH UM!«
Es gab einen lauten Knall, und ein starker Schnapsgestank, vermischt mit schalem Tabakgeruch, lag plötzlich in der Luft, als ein untersetzter, unrasierter Mann in zerschlissenem Mantel vor ihnen Gestalt annahm. Er hatte kurze Säbelbeine, langes, widerspenstiges rotbraunes Haar und blutunterlaufene Augen mit schlaffen Tränensäcken, die ihm den traurigen Ausdruck eines Dackels verliehen. Er hielt ein silbriges Bündel in der Hand, das Harry sofort als Tarnumhang erkannte.
»Wa’n los, Figgy?«, sagte er und starrte abwechselnd Mrs Figg, Harry und Dudley an. »Nix mehr mit Undercover und so?«
»Ich steck dich gleich undercover!«, schrie Mrs Figg. »Dementoren, du nichtsnutziger, drückebergerischer Tagedieb!«
»Dementoren?«, wiederholte Mundungus verdattert. »Dementoren, hier?«
»Ja, hier, du wertloser Haufen Fledermausmist!«, kreischte Mrs Figg. »Dementoren, die den Jungen angreifen, den du bewachen sollst!«
»Meine Fresse«, sagte Mundungus matt und blickte von Mrs Figg zu Harry und wieder zurück. »Meine Fresse, ich –«
»Und du bist unterwegs, geklaute Kessel kaufen! Hab ich dir nicht gesagt, du sollst hierbleiben? Oder was?«
»Ich – na ja, ich –« Mundungus schien es äußerst unwohl in seiner Haut zu sein. »Es – es war die Gelegenheit für ’n richtiges Schnäppchen, weißt du –«
Mrs Figg hob den Arm mit dem daran baumelnden Einkaufsnetz und pfefferte es Mundungus um Gesicht und Nacken; nach dem Klackern zu schließen, war es voller Katzenfutter.
»Autsch – lass mich – lass mich, du verrückte alte Fledermaus! Jemand muss es Dumbledore sagen!«
»Ja – aller-dings!«, schrie Mrs Figg und schleuderte das Netz mit dem Katzenfutter gegen alles, was sie von Mundungus erwischen konnte. »Und – das – machst – am – besten – du – und – du – kannst – ihm – auch – gleich – sagen – warum – du – nicht – da – warst – und – ihm – geholfen – hast!«
»Pass auf dein Haarnetz auf!«, rief Mundungus, duckte sich und hielt die Arme über den Kopf. »Ich geh ja schon, ich geh ja schon!«
Und mit einem zweiten lauten Knall verschwand er.
»Ich hoffe nur, Dumbledore bringt ihn um!«, sagte Mrs Figg wütend. »Nun komm schon, Harry, worauf wartest du?«
Harry beschloss, seine verbleibende Puste nicht damit zu verschwenden, ihr zu erklären, dass er unter Dudleys Last kaum gehen konnte. Er hievte den halb ohnmächtigen Dudley ein Stück höher und wankte weiter.
»Ich bring dich bis zur Tür«, sagte Mrs Figg, als sie in den Ligusterweg einbogen. »Nur für den Fall, dass noch mehr von denen in der Gegend sind … o meine Güte, was für eine Katastrophe … und du hast sie ganz allein abwehren müssen … und Dumbledore hat gesagt, wir sollen dich um jeden Preis am Zaubern hindern … nun ja, zu spät zum Jammern, das Kind ist schon in den Kessel gefallen … aber der Wichtel ist jetzt auf dem Dach.«
»Also«, keuchte Harry, »hat Dumbledore … mich … beschatten lassen?«
»Natürlich«, sagte Mrs Figg ungeduldig. »Hast du geglaubt, er lässt dich alleine rumstromern, nach dem, was im Juni passiert ist? Mein Gott, Junge, die haben mir gesagt, du hättest Grips … da sind wir … geh rein und bleib drin«, sagte sie, als sie Nummer vier erreichten. »Ich denke, jemand wird sich recht bald bei dir melden.«
»Was machen Sie jetzt?«, fragte Harry rasch.
»Ich geh gleich heim«, sagte Mrs Figg, spähte die dunkle Straße entlang und schauderte. »Ich muss auf weitere Anweisungen warten. Bleib ja im Haus. Gute Nacht.«
»Warten Sie, noch einen Moment! Ich will wissen –«
Aber Mrs Figg war schon mit schlappenden Puschen und klackerndem Netz davongetrottet.
»Warten Sie!«, rief ihr Harry nach. Er hatte tausend Fragen an jeden, der in Verbindung mit Dumbledore stand, doch Sekunden später hatte die Dunkelheit Mrs Figg verschluckt. Missmutig rückte Harry Dudley auf seiner Schulter zurecht und machte sich auf den langwierigen, schmerzhaften Weg durch den Vorgarten von Nummer vier.
Im Flur brannte Licht. Harry steckte den Zauberstab in den Hosenbund seiner Jeans, läutete und sah, wie Tante Petunias Umriss größer und größer wurde, merkwürdig verzerrt durch das geriffelte Glas der Haustür.
»Diddy! Wird auch langsam Zeit, ich hab mir schon große – große – Diddy, was ist mit dir?«
Harry beobachtete Dudley aus den Augenwinkeln und tauchte gerade noch rechtzeitig unter seinem Arm weg. Dudley schwankte einen Moment lang, das Gesicht blassgrün … dann öffnete er den Mund und erbrach sich mitten über die Türmatte.
»DIDDY! Diddy, was ist los mit dir? Vernon? VERNON!«
Harrys Onkel kam aus dem Wohnzimmer gestampft, und wie immer, wenn er aufgeregt war, flatterte sein Walross-Schnurrbart in alle Richtungen. Er stürmte vor und half Tante Petunia, den knieweichen Dudley über die Schwelle zu bugsieren, ohne in die Pfütze aus Erbrochenem zu treten.
»Er ist krank, Vernon!«
»Was ist los mit dir, mein Sohn? Was ist passiert? Hat Mrs Polkiss dir was Ausländisches zum Tee serviert?«
»Warum bist du völlig verdreckt, Liebling? Hast du auf dem Boden gelegen?«
»Hör mal – du bist doch nicht überfallen worden, oder, mein Sohn?«
Tante Petunia kreischte.
»Ruf die Polizei, Vernon! Ruf die Polizei! Diddy, Schatz, sag’s Mami! Was haben sie dir angetan?«
In dem ganzen Tumult hatte offenbar niemand Notiz von Harry genommen und ihm war das gerade recht. Er schaffte es, ins Haus zu schlüpfen, kurz bevor Onkel Vernon die Tür zuschlug, und während die Dursleys ihre lärmende Prozession durch den Flur zur Küche unternahmen, stahl sich Harry vorsichtig und leise zur Treppe.
»Wer war das, mein Sohn? Nenn uns die Namen. Keine Sorge, wir kriegen sie.«
»Schhh! Er will uns was sagen, Vernon! Was ist es, Diddy? Sag’s Mami!«
Harry hatte den Fuß auf die unterste Stufe gesetzt, als Dudley seine Stimme wiederfand.
»Der da.«
Harry erstarrte – den Fuß auf der Treppe, das Gesicht verzerrt – und machte sich auf eine Explosion gefasst.
»BURSCHE! KOMM HER!«
Zornig und zugleich voller Angst nahm Harry langsam den Fuß von der Treppe, drehte sich um und folgte den Dursleys.
Die peinlich saubere Küche hatte nach der Dunkelheit draußen einen seltsam unwirklichen Glanz. Tante Petunia setzte Dudley auf einen Stuhl; noch immer wirkte er sehr grün und klamm. Onkel Vernon stand am Abtropfbrett und funkelte Harry mit kleinen, zu Schlitzen verengten Augen an.
»Was hast du meinem Sohn getan?«, knurrte er drohend.
»Nichts«, sagte Harry und wusste genau, dass Onkel Vernon ihm nicht glauben würde.
»Was hat er dir getan, Diddy?«, sagte Tante Petunia mit zitternder Stimme, während sie Dudley Erbrochenes vorn von seiner Lederjacke wischte. »War es – war es Du-weißt-schon-was, Liebling? Hat er – sein Ding benutzt?«
Dudley nickte langsam und schlotterte.
»Hab ich nicht!«, sagte Harry scharf, während Tante Petunia eine Wehklage anstimmte und Onkel Vernon die Fäuste reckte. »Ich hab ihm nichts getan, ich war’s nicht, es war –«
Doch just in diesem Moment segelte eine Schreieule durch das Küchenfenster herein. Sie verfehlte Onkel Vernons Haarspitzen knapp, schwebte durch die Küche, ließ einen großen Pergamentumschlag, den sie im Schnabel trug, zu Harrys Füßen fallen, legte eine elegante Kurve hin, wobei sie mit den Flügelspitzen sacht den Kühlschrank streifte, sauste wieder hinaus und entschwand über dem Garten.
»EULEN!«, bellte Onkel Vernon, und die schwer mitgenommene Ader an seiner Schläfe pulsierte zornig, während er das Küchenfenster zuschlug. »SCHON WIEDER EULEN! ICH DULDE KEINE EULEN MEHR IN MEINEM HAUS!«
Doch Harry, dem das Herz irgendwo in der Gegend des Adamsapfels pochte, riss bereits den Umschlag auf und zog den Brief heraus.
Sehr geehrter Mr Potter,
wir haben Information erhalten, wonach Sie den Patronus-Zauber heute Abend um dreiundzwanzig Minuten nach neun in einem Muggelwohngebiet und in Gegenwart eines Muggels ausgeführt haben.
Die Schwere dieser Verletzung des Erlasses zur Vernunftgemäßen Beschränkung der Zauberei Minderjähriger hat zu Ihrem Verweis von der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei geführt. Beauftragte des Ministeriums werden Sie unverzüglich an Ihrem Wohnort aufsuchen, um Ihren Zauberstab zu zerstören.
Da Sie bereits eine offizielle Verwarnung aufgrund eines früheren Vergehens gemäß Abschnitt 13 des Geheimhaltungsabkommens der Internationalen Zauberervereinigung erhalten haben, bedauern wir Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihre Anwesenheit bei einer disziplinarischen Anhörung im Zaubereiministerium am zwölften August um neun Uhr verlangt ist.
In der Hoffnung, dass Sie wohlauf sind,
mit freundlichen Grüßen
Mafalda Hopfkirch
Abteilung für unbefugte Zauberei
Zaubereiministerium
Harry las den Brief zweimal durch. Nur verschwommen nahm er wahr, dass Onkel Vernon und Tante Petunia redeten. In seinem Kopf war alles eisig und taub. Eine Tatsache hatte sich in sein Bewusstsein gebohrt wie ein lähmender Pfeil. Sie hatten ihn von Hogwarts verwiesen. Alles war zu Ende. Er würde nie zurückkehren.
Er blickte zu den Dursleys hoch. Onkel Vernon, purpurrot im Gesicht, die Fäuste immer noch gereckt, schrie andauernd; Tante Petunia hatte die Arme um Dudley gelegt, der von neuem würgte.
Harrys zeitweilig betäubtes Gehirn schien wieder zu erwachen. Beauftragte des Ministeriums werden Sie unverzüglich an Ihrem Wohnort aufsuchen, um Ihren Zauberstab zu zerstören. Da gab es nur eines. Er musste fliehen – und zwar sofort. Wohin, wusste Harry nicht, doch so viel war sicher: Ob er in Hogwarts war oder nicht, seinen Zauberstab brauchte er. Fast traumwandlerisch zog er ihn heraus und wandte sich zum Gehen.
»Wo willst du hin?«, rief Onkel Vernon. Als Harry nicht antwortete, stampfte er durch die Küche und versperrte die Tür zum Flur. »Ich bin noch nicht fertig mit dir, Bursche!«
»Geh mir aus dem Weg«, sagte Harry leise.
»Du bleibst hier und erklärst, wie mein Sohn –«
»Wenn du nicht aus dem Weg gehst, verhex ich dich«, sagte Harry und hob den Zauberstab.
»Darauf fall ich nicht rein!«, schnarrte Onkel Vernon. »Ich weiß, dass du ihn nicht außerhalb dieser Beklopptenanstalt benutzen darfst, die ihr Schule nennt!«
»Die Beklopptenanstalt hat mich rausgeschmissen«, sagte Harry. »Also kann ich tun, was ich will. Du hast drei Sekunden. Eins – zwei –«
Ein schallender KNALL erfüllte die Küche. Tante Petunia kreischte, Onkel Vernon schrie und duckte sich, und zum dritten Mal an diesem Abend suchte Harry nach dem Ursprung eines Lärms, den er nicht verursacht hatte. Er sah ihn sofort: Eine Schleiereule saß draußen auf dem Küchenfenstersims, benommen und zerzaust, da sie eben gegen das geschlossene Fenster gekracht war.
Harry stürmte durch die Küche, ohne auf Onkel Vernons ängstlichen »EULEN!«-Schrei zu achten, und riss das Fenster auf. Die Eule streckte ihr Bein vor, an das eine kleine Pergamentrolle gebunden war, schüttelte die Federn und flog davon, kaum dass Harry den Brief geborgen hatte. Mit zitternden Händen entrollte er die zweite Botschaft, die sehr hastig und verkleckst in schwarzer Tinte geschrieben war.
Harry –
Dumbledore ist eben im Ministerium eingetroffen und versucht, alles wieder ins Lot zu bringen. VERLASS DAS HAUS VON TANTE UNDONKEL NICHT. GEBRAUCH KEINEN ZAUBER MEHR. GIB DEINEN ZAUBERSTAB NICHT AB.
Arthur Weasley
Dumbledore versuchte alles wieder ins Lot zu bringen … was sollte das heißen? Hatte Dumbledore Macht genug, das Zaubereiministerium zum Rückzug zu zwingen? Gab es also eine Chance, dass er doch nach Hogwarts zurückdurfte? Ein kleiner Hoffnungsfunke flammte in Harrys Brust auf, gleich wieder erstickt von Panik – wie sollte er sich weigern, seinen Zauberstab abzugeben, ohne einen Zauber zu gebrauchen? Er würde sich mit den Ministeriumsleuten duellieren müssen, und wenn er das tat, konnte er von Glück reden, wenn sie ihn nicht nach Askaban steckten, vom Rauswurf ganz zu schweigen.
Seine Gedanken rasten … er konnte fliehen und dabei Gefahr laufen, vom Ministerium geschnappt zu werden, oder aber bleiben und warten, bis sie ihn hier kriegten. Dann lieber fliehen, aber er wusste, dass Mr Weasley nur sein Bestes am Herzen lag … und schließlich hatte Dumbledore schon viel Schlimmeres wieder eingerenkt.
»Na gut«, sagte Harry. »Ich hab’s mir anders überlegt. Ich bleibe.«
Schwungvoll setzte er sich auf einen Stuhl am Küchentisch und sah Dudley und Tante Petunia geradeheraus an. Den Dursleys schien es angesichts dieses plötzlichen Sinneswandels die Sprache verschlagen zu haben. Tante Petunia linste verzweifelt zu Onkel Vernon hinüber. Die Ader an seiner roten Schläfe pochte heftiger denn je.
»Wo kommen all die verdammten Eulen her?«, knurrte er.
»Die erste war aus dem Zaubereiministerium, die kam mit dem Rauswurf«, sagte Harry gelassen. Er spitzte die Ohren, um etwaige Geräusche draußen zu hören. Vielleicht waren ja die Ministeriumsleute im Anmarsch, und es war einfacher und weniger lärmträchtig, Onkel Vernons Fragen zu beantworten, als ihn erneut in brüllende Rage zu versetzen. »Die zweite war vom Vater meines Freundes Ron, der im Ministerium arbeitet.«
»Zaubereiministerium?«, brüllte Onkel Vernon. »Leute wie ihr in der Regierung? Oh, das erklärt alles, alles, kein Wunder, dass das Land vor die Hunde geht.«
Da Harry nicht antwortete, starrte ihn Onkel Vernon funkelnd vor Zorn an, bevor er wieder losspuckte: »Und wieso haben sie dich rausgeworfen?«
»Weil ich gezaubert hab.«
»AHA!«, röhrte Onkel Vernon und schlug mit der Faust auf den Kühlschrank. Die Tür sprang auf und einige von Dudleys fettreduzierten Snacks kullerten heraus und barsten auf dem Boden.
»Also gibst du es zu! Was hast du Dudley angetan?«
»Nichts«, sagte Harry, nicht mehr ganz so gelassen. »Das war ich nicht –«
»Doch«, murmelte Dudley unerwartet. Onkel Vernon und Tante Petunia wedelten sofort aufgeregt mit den Händen, um Harry zum Schweigen zu bringen, und beugten sich tief über Dudley.
»Weiter, mein Sohn«, sagte Onkel Vernon, »was hat er getan?«
»Sag’s uns, Liebling«, flüsterte Tante Petunia.
»Seinen Zauberstab auf mich gerichtet«, murmelte Dudley.
»Jaah, stimmt, aber ich hab ihn nicht benutzt –«, begann Harry zornig, doch –
»MAUL HALTEN!«, donnerten Onkel Vernon und Tante Petunia im Chor.
»Weiter, Sohn«, wiederholte Onkel Vernon mit wild flatterndem Schnurrbart.
»Alles ist dunkel geworden«, sagte Dudley heiser und erschauderte. »Alles dunkel. Und dann h-hab ich … Dinge gehört. In m-meinem Kopf.«
Onkel Vernon und Tante Petunia tauschten von äußerstem Entsetzen erfüllte Blicke. Wenn es etwas gab, das sie am meisten verabscheuten, dann war es die Magie – direkt gefolgt von den Nachbarn, die beim verbotenen Rasensprengen trickreicher waren als sie. Aber auch Leute, die Stimmen hörten, waren eindeutig unter den Top Ten der Missliebigkeiten. Offensichtlich glaubten sie, Dudley würde den Verstand verlieren.
»Was für Dinge hast du gehört, Schätzchen?«, hauchte Tante Petunia, ganz weiß im Gesicht und mit Tränen in den Augen.
Doch Dudley schien es nicht sagen zu können. Wieder schauderte er und schüttelte seinen großen Blondkopf. Trotz des Gefühls von dumpfem Grauen, das sich seit Ankunft der ersten Eule über Harry gelegt hatte, spürte er eine gewisse Neugier. Dementoren zwangen einen Menschen, die schlimmsten Momente seines Lebens noch einmal zu durchleben. Was hatte wohl ein verzogener und verhätschelter Quälgeist wie Dudley hören müssen?
»Weshalb bist du hingefallen, Sohn?«, fragte Onkel Vernon mit unnatürlich leiser Stimme, als ob er am Bett eines sehr kranken Menschen sprechen würde.
»Ge-gestolpert«, sagte Dudley zittrig. »Und dann –«
Er fuhr sich mit der Hand an die massige Brust. Harry begriff. Dudley erinnerte sich an die klamme Kälte, die einem die Lunge durchdrang, während die Dementoren Hoffnung und Glück aus einem heraussogen.
»Schrecklich«, krächzte Dudley. »Kalt. Total kalt.«
»Okay«, sagte Onkel Vernon mit gezwungen ruhiger Stimme, während Tante Petunia ängstlich die Hand auf Dudleys Stirn legte, um zu fühlen, ob er Fieber hatte. »Was ist dann passiert, Duddy?«
»Mir war … mir war … als ob … als ob … als ob …«
»Als ob du nie mehr glücklich sein würdest«, half Harry tonlos nach.
»Ja«, flüsterte Dudley unentwegt zitternd.
»So!«, sagte Onkel Vernon, die Stimme zu voller und beträchtlicher Lautstärke erhoben, und richtete sich auf. »Du hast meinen Sohn mit irgendeinem verrückten Fluch belegt, damit er Stimmen hörte und glaubte, er sei – zum Elend verdammt oder so was, stimmt’s?«
»Wie oft muss ich es dir noch erklären?«, sagte Harry und mit der Wut schwoll auch seine Stimme an. »Ich war es nicht! Es war ein Paar Dementoren!«
»Ein Paar – was für ’n Quatsch?«
»De – men – to – ren«, sagte Harry langsam und deutlich. »Zwei davon.«
»Und was zum Teufel noch mal sind Dementoren?«
»Die bewachen Askaban, das Zauberergefängnis«, sagte Tante Petunia.
Zwei Sekunden dröhnender Stille traten auf diese Worte hin ein, dann schlug Tante Petunia die Hand vor den Mund, als ob ihr ein abscheuliches Schimpfwort entfahren wäre. Onkel Vernon glotzte sie an. Harry drehte sich alles im Kopf. Mrs Figg, na gut – aber Tante Petunia?
»Woher weißt du das?«, fragte er verblüfft.
Tante Petunia schien über sich selbst haltlos entsetzt. Sie äugte in ängstlicher Abbitte zu Onkel Vernon hinüber, dann ließ sie die Hand ein wenig sinken und entblößte ihre Pferdezähne.
»Ich hab – diesen schlimmen Jungen – vor Jahren gehört – wie er ihr – davon erzählt hat«, sagte sie stoßweise.
»Wenn du meine Mum und meinen Dad meinst, warum nennst du sie nicht beim Namen?«, sagte Harry laut, doch Tante Petunia achtete nicht auf ihn. Sie schien fürchterlich durcheinander zu sein.
Harry war entgeistert. Vor Jahren hatte Tante Petunia einmal einen Gefühlsausbruch gehabt und geschrien, dass Harrys Mutter eine Missgeburt gewesen sei, doch seither hatte er sie nie wieder ihre Schwester erwähnen hören. Dass sie diesen Wissensfetzen über die magische Welt so lange in Erinnerung behalten hatte, verblüffte ihn, wo sie doch sonst immer nach Kräften so tat, als existierte diese Welt überhaupt nicht.
Onkel Vernon öffnete den Mund, schloss ihn wieder, öffnete ihn erneut, schloss ihn, und dann, indem er sich offenbar mühselig daran erinnerte, wie man spricht, öffnete er ihn ein drittes Mal und krächzte: »Also – die – ähm – gibt’s – ähm – wirklich, ja, diese – ähm – Demen-wiewardas?«
Tante Petunia nickte.
Onkel Vernon sah abwechselnd Tante Petunia und Dudley und Harry an, als hoffte er, jemand würde »April, April!« rufen. Da es niemand tat, öffnete er wieder den Mund, doch das Ringen um weitere Worte wurde ihm erspart durch die Ankunft der dritten Eule an diesem Abend. Sie schoss wie eine gefiederte Kanonenkugel durch das immer noch offene Fenster, landete klackernd auf dem Küchentisch und ließ alle Dursleys vor Schreck zusammenfahren. Harry zog einen zweiten amtlich wirkenden Umschlag aus dem Schnabel der Eule und riss ihn auf, während die Eule in die Nacht entschwebte.
»Mir reicht’s mit diesen – ekligen – Eulen«, murmelte Onkel Vernon verstört, stampfte hinüber zum Fenster und schlug es wieder zu.
Sehr geehrter Mr Potter,
in Bezug auf unseren Brief vor annähernd zweiundzwanzig Minuten hat das Zaubereiministerium seine Entscheidung, Ihren Zauberstab unverzüglich zu zerstören, aufgehoben. Es ist Ihnen gestattet, den Zauberstab bis zu Ihrer disziplinarischen Anhörung am zwölften August zu behalten, bei der eine offizielle Entscheidung getroffen werden wird.
Infolge der Konsultationen mit dem Leiter der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei hat das Ministerium sich einverstanden erklärt, über die Frage Ihres Schulverweises ebenfalls zu besagtem Termin zu entscheiden. Bis zum Abschluss des schwebenden Untersuchungsverfahrens sollten Sie sich daher als von der Schule suspendiert betrachten.
Mit den besten Wünschen und freundlichen Grüßen
Mafalda Hopfkirch
Abteilung für unbefugte Zauberei
Zaubereiministerium
Harry las diesen Brief dreimal in rascher Folge durch. Dass er noch nicht endgültig von der Schule verwiesen war, erleichterte ihn, und der quälende Knoten in seiner Brust löste sich ein wenig, doch seine Befürchtungen waren keineswegs gebannt. Alles schien von dieser Anhörung am zwölften August abzuhängen.
»Nun?«, sagte Onkel Vernon und holte Harry wieder in seine Umgebung zurück. »Was jetzt? Haben sie dich zu irgendwas verurteilt? Gibt’s bei eurer Sippschaft eigentlich die Todesstrafe?«, fügte er hoffnungsvoll hinzu.
»Ich muss zu einer Anhörung«, sagte Harry.
»Und da verurteilen sie dich?«
»Ich nehm an.«
»Dann kann ich ja noch hoffen«, sagte Onkel Vernon gehässig.
»Tja, wenn das alles ist«, sagte Harry und stand auf. Er wünschte sich verzweifelt, endlich alleine zu sein, nachzudenken, vielleicht einen Brief an Ron, Hermine oder Sirius zu schicken.
»NEIN, DAS IST VERDAMMT NOCH MAL NICHT ALLES!«, blökte Onkel Vernon. »SETZ DICH WIEDER HIN!«
»Was noch?«, fragte Harry unwirsch.
»DUDLEY!«, dröhnte Onkel Vernon. »Ich will genau wissen, was mit meinem Sohn passiert ist!«
»SCHÖN!«, schrie Harry, und in seiner Wut schossen rote und goldene Funken aus der Spitze des Zauberstabs, den er immer noch umklammert hielt. Alle drei Dursleys zuckten mit ängstlichem Blick zurück.
»Dudley und ich waren in der Gasse zwischen Magnolienring und Glyzinenweg«, sagte Harry schnell, er konnte nur mühsam seine Gereiztheit zügeln. »Dudley hat geglaubt, er kann frech werden, ich hab den Zauberstab gezogen, ihn aber nicht benutzt. Dann sind die zwei Dementoren aufgetaucht –«
»Aber was SIND denn Dementöre?«, fragte Onkel Vernon fuchsig. »Was MACHEN die?«
»Ich hab’s dir doch gesagt – die saugen alles Glück aus dir raus«, sagte Harry, »und wenn sie es schaffen, dann küssen sie dich –«
»Küssen mich?«, sagte Onkel Vernon mit leicht vorquellenden Augen. »Küssen mich?«
»Das nennt man so, wenn sie dir die Seele aus dem Mund saugen.«
Tante Petunia stieß einen leisen Schrei aus.
»Seine Seele? Die haben doch nicht seine – er hat doch noch –«
Sie packte Dudley an den Schultern und schüttelte ihn, wie um zu prüfen, ob sie seine Seele innen drin scheppern hören konnte.
»Natürlich haben sie seine Seele nicht gekriegt, das würdest du merken«, sagte Harry genervt.
»Du hast sie fortgejagt, ja, mein Sohn?«, sagte Onkel Vernon laut, mit der Miene eines Mannes, der versucht das Gespräch auf eine Ebene zurückzuholen, auf der er mitreden kann. »Hast denen hübsch eingeschenkt, links, rechts, wie immer?«
»Einem Dementor kann man nicht links, rechts einschenken«, sagte Harry mit zusammengebissenen Zähnen.
»Und warum ist er dann in Ordnung?«, brauste Onkel Vernon auf. »Warum ist er dann nicht völlig leer?«
»Weil ich den Patronus –«
WUUSCH. Klackernd, mit Flügelgeflatter und einem kleinen Staubschauer kam eine vierte Eule aus dem Küchenkamin geschossen.
»UM GOTTES WILLEN!«, röhrte Onkel Vernon und zog große Haarbüschel aus seinem Schnurrbart, wozu er sich seit langem nicht mehr hatte hinreißen lassen. »ICH WILL HIER KEINE EULEN HABEN, ICH WERDE DAS NICHT ZULASSEN, SAG ICH DIR!«
Aber Harry zog schon eine Pergamentrolle vom Bein der Eule. Er war so überzeugt, dass dieser Brief von Dumbledore sein musste und alles erklärte – die Dementoren, Mrs Figg, was das Ministerium vorhatte, wie er, Dumbledore, alles wieder ins Lot bringen wollte –, dass er zum ersten Mal im Leben enttäuscht war, Sirius’ Handschrift zu sehen. Er hörte nicht auf Onkel Vernons andauerndes Geschimpfe über Eulen, kniff stattdessen, weil die bislang letzte Eule gerade wieder den Schornstein hoch entfleuchte, die Augen vor einer weiteren Staubwolke zu schmalen Schlitzen zusammen und las Sirius’ Nachricht:
Arthur hat mir eben erzählt, was passiert ist. Was immer du tust, verlass auf keinen Fall mehr das Haus.
Harry hielt das für eine so unpassende Antwort auf alles, was heute Abend geschehen war, dass er das Pergamentblatt umdrehte und nach dem Rest des Briefes suchte, doch da stand nichts weiter.
Und jetzt stieg erneut die Wut in ihm hoch. Konnte nicht irgendjemand »gut gemacht« sagen, wo er doch zwei Dementoren eigenhändig in die Flucht geschlagen hatte? Mr Weasley und Sirius taten gerade so, als ob er sich danebenbenommen hätte und sie nur noch abwarteten, bis sie klären konnten, wie viel Schaden er angerichtet hatte, ehe sie ihn zurechtstutzten.
»… Dieser Käfig – ich meine – dieses Haus ist kein Eulenkäfig. Damit muss Schluss sein, Bursche, endgültig –«
»Ich kann die Eulen nicht aufhalten«, fauchte Harry und zerknüllte Sirius’ Brief in der Faust.
»Ich will die Wahrheit wissen über das, was heute Abend passiert ist!«, bellte Onkel Vernon. »Wenn das Dementöre waren, die Dudley wehgetan haben, warum bist du dann rausgeschmissen worden? Du hast Du-weißt-schon-was gemacht, du hast es selbst zugegeben!«
Harry tat einen tiefen, beruhigenden Atemzug. Sein Kopf begann wieder zu schmerzen. Er wollte nichts sehnlicher als aus der Küche verschwinden, weg von den Dursleys.
»Ich hab den Patronus-Zauber eingesetzt, um die Dementoren loszuwerden«, sagte er und zwang sich ruhig zu bleiben. »Das ist das Einzige, was gegen die wirkt.«
»Aber was hatten diese Demontöre überhaupt in Little Whinging zu suchen?«, sagte Onkel Vernon empört.
»Kann ich dir nicht sagen«, sagte Harry matt. »Keine Ahnung.«
Die gleißenden Lichtleisten ließen seinen Kopf dröhnen. Allmählich ebbte seine Wut ab. Er fühlte sich ausgelaugt und erschöpft. Die Dursleys starrten ihn an.
»Wegen dir«, sagte Onkel Vernon auftrumpfend. »Das hat was mit dir zu tun, Bursche, ich weiß es. Weshalb sollten die sonst hier auftauchen? Weshalb sollten die sonst in diese Gasse kommen? Du musst der einzige – der einzige –« Offensichtlich brachte er es nicht über sich, »Zauberer« zu sagen. »Der einzige Du-weißt-schon-was meilenweit sein.«
»Ich weiß nicht, warum die hier waren.«
Doch bei Onkel Vernons Worten begann Harrys erschöpftes Gehirn wieder zu arbeiten. Weshalb waren die Dementoren nach Little Whinging gekommen? Konnte es wirklich Zufall sein, dass sie in der Gasse aufgetaucht waren, in der Harry unterwegs war? Hatte jemand sie geschickt? Hatte das Zaubereiministerium die Kontrolle über die Dementoren verloren? Hatten sie Askaban verlassen und sich Voldemort angeschlossen, wie es Dumbledore vorausgesagt hatte?
»Diese Demontöre bewachen irgend so ein Spinnergefängnis?«, fragte Onkel Vernon nachdenklich, als dümpele er in Harrys Gedankenstrom.
»Ja«, sagte Harry.
Wenn ihm nur der Kopf nicht mehr wehtun würde, wenn er doch nur aus der Küche und auf sein dunkles Zimmer gehen und nachdenken könnte …
»Oho! Die sind gekommen, um dich zu verhaften!«, sagte Onkel Vernon mit der siegessicheren Miene eines Mannes, der zu einem unanfechtbaren Schluss gelangt ist. »Das ist es, stimmt’s, Bursche? Du bist auf der Flucht vor dem Gesetz!«
»Natürlich nicht«, erwiderte Harry und schüttelte den Kopf, wie um eine Fliege zu verscheuchen, während sich seine Gedanken überschlugen.
»Warum dann –?«
»Er muss sie geschickt haben«, sagte Harry leise, mehr zu sich selbst als zu Onkel Vernon.
»Was soll das heißen? Wer muss sie geschickt haben?«
»Lord Voldemort«, sagte Harry.
Dumpf bemerkte er, wie seltsam es war, dass die Dursleys, die zuckten, zitterten und zeterten, wenn sie nur Worte wie »Zauberer«, »Magie« oder »Zauberstab« hörten, den Namen des bösesten Zauberers aller Zeiten ohne das leiseste Schaudern ertragen konnten.
»Lord – wart mal«, sagte Onkel Vernon mit angespannter Miene und in seinen Schweinsäuglein begann es zu dämmern. »Den Namen hab ich schon mal gehört … das war doch derjenige, der –«
»Meine Eltern umgebracht hat, ja«, sagte Harry.
»Aber der ist weg«, entgegnete Onkel Vernon ungeduldig und ohne das geringste Zeichen, dass der Mord an Harrys Eltern vielleicht ein schmerzliches Thema sein könnte. »Dieser riesenhafte Kerl hat es gesagt. Er ist weg.«
»Er ist zurück«, sagte Harry mit schwerer Stimme.
Es kam ihm unwirklich vor, wie er da in Tante Petunias klinisch sauberer Küche stand, neben dem Premium-Kühlschrank und dem Breitbildfernseher, und sich mit Onkel Vernon gelassen über Lord Voldemort unterhielt. Mit der Ankunft der Dementoren in Little Whinging schien die große, unsichtbare Mauer durchbrochen worden zu sein, welche die gnadenlos nichtmagische Welt des Ligusterwegs und die Welt jenseits von ihr getrennt hatte. Harrys zwei Leben hatten sich gleichsam verschmolzen und alles war auf den Kopf gestellt; die Dursleys fragten nach Einzelheiten über die magische Welt und Mrs Figg kannte Albus Dumbledore; Dementoren schwirrten in Little Whinging umher und er selbst würde vielleicht nie mehr nach Hogwarts zurückkehren. In Harrys Kopf pochte es noch schmerzhafter.
»Zurück?«, flüsterte Tante Petunia.
Sie sah Harry an, wie sie ihn noch nie angesehen hatte. Und schlagartig, zum ersten Mal in seinem Leben, wurde Harry voll und ganz bewusst, dass Tante Petunia die Schwester seiner Mutter war. Er hätte nicht sagen können, warum ihn das in diesem Augenblick traf wie ein heftiger Schlag. Er wusste nur, dass er nicht der einzige Mensch in der Küche war, der eine leise Ahnung davon hatte, was es bedeuten könnte, dass Lord Voldemort zurück war. Tante Petunia hatte ihn noch nie im Leben auf diese Weise angesehen. Ihre großen, blassen Augen (denen der Schwester so unähnlich) waren nicht in Abneigung oder Zorn verengt, sie waren geweitet und angsterfüllt. Die Fassade, die Tante Petunia während all der Zeit mit Harry wild entschlossen aufrechterhalten hatte – wonach es keine Magie und keine andere Welt als die gab, die sie mit Onkel Vernon bewohnte –, diese Fassade war offenbar zusammengebrochen.
»Ja«, sagte Harry jetzt direkt an Tante Petunia gewandt. »Er ist vor einem Monat zurückgekehrt. Ich hab ihn gesehen.«
Ihre Hände suchten Dudleys massige, lederbewehrte Schultern und klammerten sich daran fest.
»Wart mal«, sagte Onkel Vernon und blickte abwechselnd seine Frau und Harry an, durch das unerhörte Verständnis, das zwischen den beiden erwacht war, offenbar völlig verdattert und konfus. »Wart mal. Dieser Lord Waldimord ist zurück, sagst du.«
»Ja.«
»Der deine Eltern umgebracht hat.«
»Ja.«
»Und jetzt jagt er dir Demontoren auf den Hals?«
»Sieht so aus«, sagte Harry.
»Verstehe«, sagte Onkel Vernon, blickte von seiner bleichen Frau zu Harry und zog sich die Hosen zurecht. Er schien anzuschwellen, sein großes, purpurrotes Gesicht schien vor Harrys Augen immer breiter zu werden. »Nun, damit ist der Fall klar«, sagte er, und sein Hemd spannte sich, während er sich aufplusterte. »Du kannst aus diesem Haus verschwinden, Bursche!«
»Was?«, sagte Harry.
»Du hast mich gehört – RAUS!«, bellte Onkel Vernon und selbst Tante Petunia und Dudley schraken zusammen. »RAUS! RAUS! Das hätt ich schon vor Jahren tun sollen! Eulen betrachten mein Haus als Erholungsheim, Nachspeisen explodieren, das halbe Wohnzimmer wird demoliert, Dudleys Schwanz, Magda hüpft an der Decke rum und dieser fliegende Ford Anglia – RAUS! RAUS! Das reicht jetzt! Du kannst verschwinden! Du wirst nicht hierbleiben, wenn irgendein Irrer hinter dir her ist, du wirst meine Frau und meinen Sohn nicht gefährden und du wirst uns keine Scherereien machen. Wenn du den gleichen Weg gehst wie deine nutzlosen Eltern, dann soll’s mir recht sein! RAUS!«
Harry stand da wie angewurzelt. Die Briefe vom Ministerium, von Mr Weasley und Sirius steckten zerknüllt in seiner linken Hand. Was immer du tust, verlass auf keinen Fall mehr das Haus. VERLASS DAS HAUS VON TANTE UND ONKEL NICHT.
»Du hast mich verstanden!«, sagte Onkel Vernon und beugte sich vor, bis sein feistes purpurrotes Gesicht dem von Harry so nahe kam, dass er tatsächlich Spucketröpfchen auf der Haut spürte. »Auf geht’s! Vor ’ner halben Stunde warst du noch ganz wild drauf, abzuhauen! Nur zu! Raus hier, und setz nie wieder einen Fuß auf unsere Türschwelle! Keine Ahnung, warum wir dich überhaupt aufgenommen haben. Magda hatte Recht, du hättest ins Waisenhaus gehört. Wir waren verflucht noch mal zu nachgiebig, haben nicht an uns gedacht, meinten, wir könnten’s aus dir rausquetschen, meinten, wir könnten einen normalen Jungen aus dir machen, aber du warst von Anfang an verdorben, und ich hab die Schnauze voll – Eulen!«
Die fünfte Eule stieß den Kamin herab, so schnell, dass sie erst einmal auf den Boden krachte, bevor sie mit einem lauten Schrei wieder in die Luft flatterte. Harry hob die Hand, um den Brief zu schnappen, der in einem scharlachroten Umschlag steckte, doch er schwebte direkt über seinen Kopf hinweg und auf Tante Petunia zu, die aufschrie, die Arme übers Gesicht hielt und sich wegduckte. Die Eule ließ den roten Umschlag auf ihren Kopf fallen, machte kehrt und flog geradewegs den Kamin wieder hoch.
Harry stürzte vor, um den Brief aufzuheben, doch Tante Petunia war schneller.
»Du kannst ihn aufmachen, wenn du willst«, sagte Harry, »aber ich hör trotzdem, was drinsteht. Das ist ein Heuler.«
»Lass ihn los, Petunia«, donnerte Onkel Vernon. »Rühr ihn nicht an, er könnte gefährlich sein!«
»Er ist an mich adressiert«, sagte Tante Petunia mit zitternder Stimme. »Er ist an mich adressiert, Vernon, sieh nur! Mrs Petunia Dursley, Die Küche, Ligusterweg Nummer vier –«
Sie hielt den Atem an, starr vor Entsetzen. Der rote Umschlag hatte zu kokeln begonnen.
»Mach ihn auf!«, drängte Harry. »Bring’s hinter dich. Es passiert sowieso.«
»Nein.«
Tante Petunias Hand zitterte. Sie blickte wild in der Küche umher, als ob sie nach einem Fluchtweg suchte, doch zu spät – der Umschlag ging in Flammen auf. Tante Petunia kreischte und ließ ihn fallen.
Eine schreckliche Stimme, die aus dem brennenden Brief auf dem Tisch drang, erfüllte die Küche und hallte in dem engen Raum wider.
»Denk an meinen letzten, Petunia.«
Tante Petunia schien am Rande der Ohnmacht. Sie sank, das Gesicht in den Händen, auf den Stuhl neben Dudley. In der Stille verschmorten die Überreste des Umschlags zu Asche.
»Was ist das?«, sagte Onkel Vernon heiser. »Was – was soll das – Petunia?«
Tante Petunia schwieg. Dudley starrte stumpfsinnig und mit offenem Mund seine Mutter an. Die Stille schraubte sich ins Unerträgliche. Völlig entgeistert und mit zum Bersten hämmerndem Kopf beobachtete Harry seine Tante.
»Petunia, Liebling?«, sagte Onkel Vernon ängstlich. »P-Petunia?«
Sie hob den Kopf. Sie zitterte noch immer. Sie schluckte.
»Der Junge – der Junge muss hierbleiben, Vernon«, sagte sie matt.
»W-was?«
»Er bleibt«, sagte sie. Sie sah Harry nicht an. Sie stand auf.
»Er … aber Petunia …«
»Wenn wir ihn rauswerfen, reden die Nachbarn«, sagte sie. Rasch gewann sie ihre übliche forsche, bissige Art zurück, auch wenn sie immer noch sehr blass war. »Die werden peinliche Fragen stellen und wissen wollen, wo er hin ist. Wir müssen ihn behalten.«
Onkel Vernon entwich die Luft wie einem alten Reifen.
»Aber Petunia – Liebling –«
Tante Petunia achtete nicht auf ihn. Sie wandte sich an Harry.
»Du bleibst in deinem Zimmer«, sagte sie. »Du verlässt das Haus nicht. Jetzt geh zu Bett.«
Harry rührte sich nicht.
»Von wem war dieser Heuler?«
»Stell keine Fragen«, schnappte Tante Petunia.
»Hast du Verbindung zu Zauberern?«
»Ich hab dir doch gesagt, du sollst zu Bett gehen!«
»Was sollte das heißen? Denk an meinen letzten – was?«
»Geh zu Bett!«
»Wieso –?«
»DU HAST GEHÖRT, WAS DEINE TANTE GESAGT HAT, JETZT GEH ZU BETT!«
Die Vorhut
Ich bin gerade von Dementoren angegriffen worden und werde vielleicht von Hogwarts verwiesen. Ich will wissen, was vor sich geht und wann ich hier rauskomme.
Harry schrieb diese Worte auf drei verschiedene Pergamentblätter, sobald er den Schreibtisch in seinem dunklen Zimmer erreicht hatte. Er adressierte das erste Blatt an Sirius, das zweite an Ron und das dritte an Hermine. Hedwig, seine Eule, war draußen auf Jagd; ihr Käfig stand leer auf dem Tisch. Harry ging im Zimmer auf und ab und wartete auf ihre Rückkehr, mit hämmerndem Kopf, das Gehirn zu wach zum Schlafen, obwohl ihm die Augen tränten und brannten vor Müdigkeit. Sein Rücken tat weh von der Anstrengung, Dudley nach Haus zu schleppen, und die zwei Beulen am Kopf, wo das Fenster und Dudleys Faust ihn getroffen hatten, pochten schmerzhaft.
Immer wieder ging er im Zimmer auf und ab, zornig und enttäuscht, knirschte mit den Zähnen, ballte die Fäuste und warf jedes Mal, wenn er am Fenster vorbeikam, wütende Blicke hinaus auf den leeren, sternübersäten Himmel. Dementoren waren hinter ihm her, Mrs Figg und Mundungus Fletcher beschatteten ihn heimlich, dann ein vorläufiges Schulverbot für Hogwarts und eine Anhörung im Zaubereiministerium – und immer noch sagte ihm keiner, was eigentlich los war.
Und worum, worum war es bei diesem Heuler gegangen? Wessen Stimme war so grausig, so bedrohlich durch die Küche gehallt?
Warum saß er immer noch ohne Neuigkeiten hier fest? Warum behandelten ihn alle wie ein ungezogenes Kind? Gebrauch keinen Zauber mehr, bleib im Haus …
Im Vorbeigehen trat er gegen seinen Schulkoffer, was jedoch keineswegs seinen Zorn linderte, es ging ihm nur noch schlechter, weil ihm neben all den anderen Schmerzen in seinem Körper jetzt auch noch ein heftiges Stechen im Zeh zu schaffen machte.
Gerade war er am Fenster vorbeigehumpelt, da schwebte Hedwig, leise mit den Flügeln raschelnd, wie ein kleines Gespenst herein.
»Wird auch Zeit«, fauchte Harry, als sie sanft auf ihrem Käfig landete. »Leg den weg, ich hab Arbeit für dich!«
Hedwigs große, runde Bernsteinaugen starrten ihn vorwurfsvoll über den toten Frosch in ihrem Schnabel hinweg an.
»Komm her«, sagte Harry, nahm die drei kleinen Pergamentrollen und einen Lederriemen und schnürte die Rollen an ihrem schuppigen Bein fest. »Bring die sofort zu Sirius, Ron und Hermine, und komm nicht ohne gute, ausführliche Antworten zurück. Hack auf ihnen rum, wenn nötig, bis sie ordentlich lange Antworten geschrieben haben. Verstanden?«
Hedwig, immer noch den Frosch im Schnabel, stieß einen erstickten Schrei aus.
»Na dann los«, sagte Harry.
Sie flog auf der Stelle davon. Kaum war sie verschwunden, ließ sich Harry, ohne sich auszuziehen, aufs Bett fallen und starrte hoch an die dunkle Decke. Elend, wie ihm ohnehin schon zumute war, fühlte er sich jetzt auch noch schuldig, dass er gemein zu Hedwig gewesen war; sie war die einzige Freundin, die er im Ligusterweg Nummer vier hatte. Er wollte es wiedergutmachen, wenn sie mit den Antworten von Sirius, Ron und Hermine zurückkam.
Sie mussten unbedingt schnellstens antworten; einen Dementorenangriff konnten sie unmöglich ignorieren. Wahrscheinlich würde er morgen aufwachen und drei dicke Briefe voller Mitgefühl und Pläne für einen sofortigen Umzug in den Fuchsbau vorfinden. Und bei dieser tröstlichen Vorstellung wogte der Schlaf über ihn hin und ertränkte alle weiteren Gedanken.
Doch Hedwig kehrte am nächsten Morgen nicht zurück. Harry verbrachte den Tag in seinem Zimmer und verließ es nur, um ins Bad zu gehen. Dreimal schob Tante Petunia an diesem Tag Essen durch die Katzenklappe, die Onkel Vernon drei Sommer zuvor angebracht hatte. Jedes Mal wenn Harry sie kommen hörte, machte er den Versuch, von ihr etwas über den Heuler zu erfahren, aber er hätte genauso gut den Türknauf befragen können, so viel Auskunft bekam er. Ansonsten hielten sich die Dursleys völlig seinem Zimmer fern. Harry wiederum hielt es für sinnlos, ihnen seine Gesellschaft aufzuzwingen. Noch ein Streit würde nichts bewirken und ihn womöglich so in Rage versetzen, dass er schon wieder rechtswidrige Zauber gebrauchte.
So ging es ganze drei Tage lang. Mal war Harry von einer rastlosen Energie durchdrungen, die es ihm unmöglich machte, sich mit etwas zu beschäftigen, die ihn durchs Zimmer trieb, voll Wut auf die ganze Bagage, die sich nicht um ihn scherte und ihn jetzt in seinem Elend schmoren ließ; dann wieder erfasste ihn eine so ausweglose Trägheit, dass er eine geschlagene Stunde auf dem Bett liegen konnte, benebelt ins Leere starrend und gepeinigt von Angst vor der Anhörung im Ministerium.
Was, wenn sie ihn verurteilten? Was, wenn sie ihn tatsächlich rauswarfen und seinen Zauberstab entzweibrachen? Was sollte er dann machen, wohin sollte er gehen? Jetzt, da er die andere Welt kannte, die Welt, in die er wirklich gehörte, konnte er nicht einfach so bei den Dursleys weiterleben. Konnte er vielleicht in Sirius’ Haus ziehen, wie Sirius es ihm vor einem Jahr vorgeschlagen hatte, bevor ihn das Ministerium zur Flucht gezwungen hatte? Würde man Harry gestatten, dort allein zu leben, obwohl er doch immer noch minderjährig war? Oder würde man bald für ihn entscheiden, wohin er zu gehen hätte? War seine Verletzung des Internationalen Geheimhaltungsabkommens so schwer gewesen, dass er in einer Zelle in Askaban landen würde? Immer wenn er daran dachte, glitt Harry unwillkürlich vom Bett und ging erneut im Zimmer auf und ab.
Es war die vierte Nacht, seit Hedwig fort war, Harry lag wieder einmal stumpf und teilnahmslos auf dem Bett und starrte erschöpft und mit vollkommen leerem Kopf an die Decke, als sein Onkel ins Zimmer trat. Harry drehte sich langsam zu ihm um. Onkel Vernon trug seinen besten Anzug und eine mächtig blasierte Miene.
»Wir gehen aus«, sagte er.
»Wie bitte?«
»Wir – das heißt deine Tante, Dudley und ich – wir gehen aus.«
»Schön«, sagte Harry dumpf und sah wieder zur Decke.
»Du bleibst in deinem Zimmer, während wir weg sind.«
»Okay.«
»Du rührst den Fernseher, die Stereoanlage und auch keine anderen Sachen von uns an.«
»Gut.«
»Du stiehlst kein Essen aus dem Kühlschrank.«
»Okay.«
»Ich schließe deine Tür ab.«
»Tu das.«
Onkel Vernon, offenbar argwöhnisch, weil Harry sich nicht wehrte, warf ihm einen bösen Blick zu, dann stampfte er aus dem Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Harry hörte, wie sich der Schlüssel im Schloss drehte und Onkel Vernon schweren Schrittes die Treppe hinunterging. Ein paar Minuten später hörte er Autotüren knallen, einen Motor aufbrummen und das unverwechselbare Geräusch eines Autos, das aus der Einfahrt brauste.
Dass die Dursleys wegfuhren, kümmerte Harry nicht sonderlich. Ihm war es gleichgültig, ob sie zu Hause waren oder nicht. Er brachte nicht einmal die Kraft auf, vom Bett aufzustehen und das Licht anzumachen. Im Zimmer wurde es allmählich dunkel, und er lag da und lauschte den nächtlichen Geräuschen, die durchs Fenster wehten, das er immer offen ließ in der sehnlichen Hoffnung, Hedwig würde endlich zurückkehren.
Das leere Haus knarzte um ihn her. Die Rohre gurgelten. Harry lag wie betäubt da, in Trübsal versunken, und dachte an nichts.
Dann, ganz deutlich, hörte er unten in der Küche ein Klirren.
Schlagartig saß er kerzengerade im Bett und lauschte angestrengt. Die Dursleys konnten noch nicht zurück sein, es war viel zu früh und außerdem hatte er ihren Wagen nicht gehört.
Für einige Sekunden trat Stille ein, dann vernahm er Stimmen.
Einbrecher, dachte er und glitt vom Bett – doch eine Sekunde später schoss ihm durch den Kopf, dass Einbrecher leise reden würden, und wer immer sich in der Küche herumtrieb, machte sich offenbar darüber keine Gedanken.
Er griff nach seinem Zauberstab auf dem Nachttisch, fixierte reglos die Zimmertür und lauschte, so gut er konnte. Im nächsten Moment zuckte er zusammen, als das Schloss laut klickte und seine Tür aufschwang.
Harry blieb starr stehen, spähte durch die offene Tür auf den dunklen oberen Treppenabsatz und horchte angespannt nach weiteren Geräuschen, doch er hörte nichts. Nach kurzem Zögern huschte er geräuschlos aus dem Zimmer zur Treppe hinaus.
Das Herz sprang ihm bis an die Kehle. Unten, im düsteren Flur, standen Leute. Die Straßenbeleuchtung, die durch die Glastür schimmerte, ließ nur ihre Umrisse erkennen; acht oder neun waren es, und soweit er sehen konnte, blickten alle zu ihm hoch.
»Den Zauberstab runter, Junge, bevor du jemandem das Auge ausstichst«, sagte eine dunkle, knurrende Stimme.
Harrys Herz fing wild an zu klopfen. Er kannte diese Stimme, aber den Zauberstab ließ er nicht sinken.
»Professor Moody?«, sagte er unsicher.
»Den ›Professor‹ lass mal stecken«, knurrte die Stimme, »bin nie groß zum Unterrichten gekommen, oder? Nun aber runter hier, wir wollen dich richtig sehen.«
Harry ließ den Zauberstab ein wenig sinken, hielt ihn aber weiter fest umklammert und rührte sich auch nicht. Er hatte allen Grund, misstrauisch zu sein. Vor gar nicht allzu langer Zeit hatte er neun Monate in der vermeintlichen Gesellschaft von Mad-Eye Moody verbracht, um schließlich festzustellen, dass es überhaupt nicht Moody gewesen war, sondern ein Doppelgänger; ein Doppelgänger überdies, der Harry hatte töten wollen, bevor er enttarnt wurde. Doch ehe Harry wusste, was er als Nächstes tun sollte, schwebte eine zweite, ein wenig heisere Stimme treppauf.
»Schon in Ordnung, Harry. Wir sind hier, um dich abzuholen.«
Harrys Herz machte einen Satz. Auch diese Stimme kannte er, obwohl er sie seit über einem Jahr nicht mehr gehört hatte.
»P-Professor Lupin?«, sagte er ungläubig. »Sind Sie das?«
»Warum stehen wir alle im Dunkeln rum?«, sagte eine dritte Stimme, diesmal eine gänzlich unvertraute, die einer Frau. »Lumos.«
Die Spitze eines Zauberstabs flammte auf und tauchte den Flur in magisches Licht. Harry blinzelte. Die Leute unten standen dicht beieinander am Fuß der Treppe und spähten gebannt zu ihm hoch, manche reckten den Kopf, um ihn besser zu sehen.
Remus Lupin stand ihm am nächsten. Er sah immer noch recht jung aus, wirkte aber müde und angeschlagen; seit Harry sich das letzte Mal von ihm verabschiedet hatte, hatte er noch mehr graue Haare bekommen, sein Umhang hatte einige zusätzliche Flicken und war schäbiger denn je. Dennoch lächelte er Harry breit an, und Harry versuchte, so erschrocken er auch war, das Lächeln zu erwidern.
»Oooh, er sieht genau so aus, wie ich ihn mir vorgestellt hab«, sagte die Hexe, die den leuchtenden Zauberstab emporhielt. Sie schien die Jüngste dort unten zu sein und hatte ein blasses, herzförmiges Gesicht, dunkle, funkelnde Augen und kurzes Stachelhaar in wildem Violett. »Schön, dich zu sehen, Harry!«
»Ja, jetzt versteh ich, was du meinst, Remus«, sagte ein kahlköpfiger schwarzer Zauberer, der ganz hinten stand – er hatte eine tiefe, bedächtige Stimme und trug einen goldenen Ring im Ohr – »er sieht genau wie James aus.«
»Nur die Augen nicht«, sagte ein silberhaariger Zauberer mit pfeifender Stimme. »Lilys Augen.«
Mad-Eye Moody hatte langes grau meliertes Haar und an seiner Nase fehlte ein großes Stück; mit seinen ungleichen Augen schielte er Harry argwöhnisch an. Das eine Auge war klein, dunkel und perlschimmernd, das andere groß, rund und strahlend blau – es war das magische Auge, das durch Wände, Türen und in Moodys eigenen Kopf hineinsehen konnte.
»Bist du ganz sicher, dass er’s ist, Lupin?«, knurrte er. »Wär doch ’ne schöne Bescherung, wenn wir ’nen Todesser mitbringen würden, der seine Gestalt angenommen hat. Wir sollten ihn was fragen, das nur der echte Potter wissen kann. Oder hat jemand zufällig Veritaserum dabei?«
»Harry, welche Gestalt nimmt dein Patronus an?«, fragte Lupin.
»Die von einem Hirsch«, sagte Harry nervös.
»Er ist es, Mad-Eye«, sagte Lupin.
Während er deutlich spürte, dass er immer noch von allen angestarrt wurde, stieg Harry die Treppe hinunter und schob unterwegs den Zauberstab in die hintere Tasche seiner Jeans.
»Steck den Zauberstab nicht da rein, Junge«, donnerte Moody. »Was, wenn er losgeht? Gab schon bessere Zauberer als dich, die ’ne Pobacke verloren haben, sag ich dir!«
»Wen kennst du, der ’ne Pobacke verloren hat?«, fragte die Frau mit den violetten Haaren neugierig.
»Tut jetzt nichts zur Sache, der Zauberstab gehört jedenfalls nicht in die Hosentasche!«, knurrte Mad-Eye. »Die einfachsten Sicherheitsregeln, und keinen kümmert’s heutzutage mehr.« Er stampfte zur Küche hinüber. »Und das hab ich auch gesehen«, setzte er säuerlich hinzu, als die Frau die Augen verdrehte.
Lupin trat vor und schüttelte Harry die Hand.
»Wie geht’s dir?«, fragte er und musterte ihn aufmerksam.
»G-gut …«
Harry konnte kaum glauben, dass dies wirklich geschah. Vier Wochen lang nichts, nicht die kleinste Andeutung eines Plans, ihn aus dem Ligusterweg zu holen, und plötzlich stand da eine ganze Horde Zauberer völlig gelassen bei ihm im Haus, als wäre das alles schon lange so verabredet gewesen. Er musterte die Leute um Lupin flüchtig; sie starrten ihn immer noch begierig an. Ihm wurde peinlich bewusst, dass er seit vier Tagen seine Haare nicht mehr gekämmt hatte.
»Ich – ihr habt wirklich Glück, dass die Dursleys nicht da sind …«, murmelte er.
»Glück, ha!«, sagte die Frau mit den violetten Haaren. »Weggelockt hab ich sie. Hab ihnen per Muggelpost einen Brief geschickt, in dem ihnen mitgeteilt wurde, dass sie in der Endauswahl im Wettbewerb um den bestgepflegten Kleinstadtrasen Englands sind. Sie sind gerade auf dem Weg zur Preisverleihung … oder glauben das wenigstens.«
Harry sah undeutlich Onkel Vernons Gesicht vor sich, in dem Moment, da diesem klar wurde, dass es keinen Wettbewerb um den bestgepflegten Kleinstadtrasen Englands gab.
»Wir gehen weg von hier, ja?«, fragte er. »Bald?«
»Jeden Moment«, sagte Lupin, »wir warten nur noch auf das Okay.«
»Wo gehen wir hin? Zum Fuchsbau?«, fragte Harry hoffnungsvoll.
»Nein, nicht zum Fuchsbau«, sagte Lupin und wies Harry in Richtung Küche; die kleine Schar Zauberer, die Harry noch immer neugierig beäugte, folgte ihnen. »Zu riskant. Wir haben das Hauptquartier an einem unaufspürbaren Ort aufgeschlagen. Das hat uns einige Zeit gekostet …«
Mad-Eye Moody hockte inzwischen am Küchentisch und trank mit kräftigen Schlucken aus einem Flachmann, rollte sein Auge in alle Richtungen und begutachtete die vielen arbeitssparenden Gerätschaften der Dursleys.
»Das ist Alastor Moody, Harry«, sagte Lupin und wies auf Moody.
»Ja, weiß ich«, sagte Harry unangenehm berührt. Es mutete ihn seltsam an, jemandem vorgestellt zu werden, den er ein Jahr lang zu kennen geglaubt hatte.
»Und das ist Nymphadora –«
»Nenn mich nicht Nymphadora, Remus«, sagte die junge Hexe schaudernd, »nur Tonks.«
»Nymphadora Tonks, die lieber nur bei ihrem Nachnamen genannt sein will«, schloss Lupin.
»Das wär dir auch lieber, wenn deine Närrin von Mutter dich Nymphadora getauft hätte«, murmelte Tonks.
»Und das ist Kingsley Shacklebolt.« Er deutete auf den großen schwarzen Zauberer, der sich verbeugte. »Elphias Doge.« Der Zauberer mit der pfeifenden Stimme nickte. »Dädalus Diggel –«
»Wir kennen uns schon«, quiekte der quirlige Diggel und der violette Zylinder fiel ihm vom Kopf.
»Emmeline Vance.« Eine stämmig wirkende Hexe mit smaragdgrünem Schal verneigte sich. »Sturgis Podmore.« Ein Zauberer mit kantigem Unterkiefer und dichtem strohblondem Haar zwinkerte. »Und Hestia Jones.« Eine schwarzhaarige Hexe mit rosa Wangen, die neben dem Toaster stand, winkte herüber.
Harry nickte allen, wie sie der Reihe nach vorgestellt wurden, verlegen zu. Er wünschte, sie würden jemand anderen ansehen – ihm war zumute, als wäre er plötzlich auf eine Bühne geschoben worden. Außerdem fragte er sich, warum so viele von ihnen hier waren.
»Es haben sich überraschend viele freiwillig gemeldet, um dich abzuholen«, sagte Lupin, als hätte er Harrys Gedanken gelesen; seine Mundwinkel zuckten leicht.
»Tja, je mehr, desto besser«, sagte Moody finster. »Wir sind deine Leibgarde, Potter.«
»Wir warten nur noch auf das Signal, dass es sicher ist, aufzubrechen«, sagte Lupin und warf einen Blick aus dem Küchenfenster. »Wir haben noch etwa fünfzehn Minuten.«
»Sehr reinlich, nicht wahr, diese Muggel?«, sagte die Hexe namens Tonks, die sich mit großem Interesse in der Küche umsah. »Mein Dad ist ein Muggelstämmiger und er ist ’ne richtige alte Pottsau. Ist wohl ganz unterschiedlich, genau wie bei Zauberern?«
»Ähm – ja«, sagte Harry. »Hören Sie –«, er wandte sich wieder an Lupin, »was ist eigentlich los, mir hat keiner was gesagt, was macht Vol–?«
Ein paar Hexen und Zauberer stießen merkwürdige Zischgeräusche aus; Dädalus Diggel fiel wieder der Zylinder herunter und Moody knurrte: »Sei still!«
»Was?«, sagte Harry.
»Hier wird nichts beredet, das ist zu riskant«, sagte Moody und drehte sein normales Auge Harry zu. Sein magisches Auge war auf die Decke gerichtet. »Verfluchtes Ding«, fügte er zornig hinzu und fuhr mit der Hand an das Auge, »bleibt dauernd stecken – seit dieser Schweinehund es getragen hat.«
Und mit einem widerlichen Glucksgeräusch, ganz ähnlich dem eines Stöpsels, der aus dem Waschbecken gezogen wird, quetschte er sein Auge heraus.
»Mad-Eye, du weißt, dass das eklig ist, ja?«, sagte Tonks nachsichtig.
»Hol mir doch mal ein Glas Wasser, Harry«, verlangte Moody.
Harry ging hinüber zum Geschirrspüler, nahm ein sauberes Glas heraus und füllte es am Küchenbecken mit Wasser, immer noch neugierig beobachtet von der Zaubererschar. Ihr dauerndes Starren ging ihm allmählich auf die Nerven.
»Danke«, sagte Moody, als Harry ihm das Glas reichte. Er ließ den magischen Augapfel ins Wasser fallen und stupste ihn auf und ab; das Auge wirbelte umher und starrte sie alle der Reihe nach an. »Auf der Rückreise will ich dreihundertsechzig Grad Sicht haben.«
»Wie kommen wir hin – wohin auch immer?«, fragte Harry.
»Besen«, sagte Lupin. »Geht nicht anders. Du bist zu jung zum Apparieren, die werden das Flohnetzwerk überwachen, und wir wären lebensmüde, wenn wir einen nicht genehmigten Portschlüssel aufbauen würden.«
»Remus meint, du kannst gut fliegen«, sagte Kingsley Shacklebolt mit seiner tiefen Stimme.
»Blendend«, warf Lupin ein und sah auf die Uhr. »Jedenfalls gehst du jetzt besser und packst deine Sachen, Harry, wir wollen startbereit sein, wenn das Signal kommt.«
»Ich komm mit und helf dir«, sagte Tonks und strahlte.
Sie folgte Harry hinaus auf den Flur und die Treppe hoch und sah sich neugierig und interessiert um.
»Komisches Haus«, sagte sie. »Ein bisschen zu sauber, wenn du mich fragst. Bisschen unnatürlich. Oh, das ist besser«, fügte sie hinzu, als sie Harrys Zimmer betraten und er das Licht anmachte.
Sein Zimmer war tatsächlich viel unordentlicher als das übrige Haus. Vier Tage war er schlecht gelaunt eingesperrt gewesen und hatte sich nicht die Mühe gemacht aufzuräumen. Die meisten Bücher, die er besaß, lagen auf dem Boden verstreut, überall dort, wo er versucht hatte, sich mit einem nach dem anderen abzulenken, und sie dann beiseitegeworfen hatte; Hedwigs Käfig fing an zu müffeln und musste geputzt werden; sein Koffer lag offen da und um ihn herum ein Sammelsurium von Muggelklamotten und Zaubererumhängen, die er auf den Boden geschmissen hatte.
Harry fing an, seine Bücher aufzulesen und sie hastig in den Koffer zu werfen. Tonks hielt am offenen Schrank inne und betrachtete sich kritisch im Spiegel an der Innenseite der Tür.
»Ehrlich gesagt, ich glaub nicht, dass Violett wirklich zu mir passt«, sagte sie nachdenklich und zupfte an einem Büschel Stachelhaar. »Findest du nicht, ich seh damit ’n bisschen ungesund aus?«
»Ähm –«, sagte Harry und blickte über den Rand von Quidditch-Mannschaften Britanniens und Irlands zu ihr hoch.
»Ja, eindeutig«, sagte Tonks bestimmt. Sie kniff die Augen mit angestrengter Miene zusammen, als versuchte sie sich mühsam an etwas zu erinnern. Eine Sekunde später war ihr Haar bonbonrosa.
»Wie haben Sie das gemacht?«, fragte Harry und starrte sie mit offenem Mund an, während sie die Augen wieder öffnete.
»Ich bin ein Metamorphmagus«, sagte sie, warf einen Blick zurück auf ihr Spiegelbild und drehte den Kopf so, dass sie ihr Haar von allen Seiten sehen konnte. »Das heißt, ich kann meine Erscheinung allein mit meinem Willen verändern«, fügte sie hinzu, als sie Harrys verdutzte Miene im Spiegel hinter sich bemerkte. »Bin schon so geboren. Bei der Aurorenschulung habe ich Spitzennoten in Tarnung und Maskierung gekriegt, ohne dass ich überhaupt dafür gelernt hab, das war toll.«
»Sie sind ein Auror?«, fragte Harry beeindruckt. Ein Jäger schwarzer Magier zu werden war bisher das Einzige, was er sich für die Zeit nach Hogwarts vorgestellt hatte.
»Jaah«, sagte Tonks stolz. »Kingsley auch, er ist allerdings ein wenig ranghöher als ich. Ich hab erst vor einem Jahr den Abschluss gemacht. Bin in Verheimlichen und Aufspüren fast durchgerasselt. Ich bin so was von schusselig. Hast du gehört, wie ich den Teller runtergeschmissen hab, als wir unten ankamen?«
»Metamorphmagus – kann man das lernen?«, fragte Harry und richtete sich auf, das Kofferpacken hatte er schon völlig vergessen.
Tonks gluckste.
»Wette, du würdest diese Narbe gelegentlich gern mal verstecken, was?«
Ihr Blick fiel auf die blitzförmige Narbe auf Harrys Stirn.
»Stimmt schon«, murmelte Harry und wandte sich ab. Er mochte es nicht, wenn die Leute seine Narbe anstarrten.
»Na ja, du wirst es auf die harte Tour lernen müssen, fürchte ich«, sagte Tonks. »Metamorphmagi sind ziemlich selten, sie werden als solche geboren und nicht dazu ausgebildet. Die meisten von uns brauchen ihren Zauberstab oder Zaubertränke, um ihre Erscheinung zu ändern. Aber wir müssen uns beeilen, Harry, wir sollten eigentlich packen«, fügte sie mit schuldbewusster Miene hinzu und ließ den Blick über das Sammelsurium am Boden schweifen.
»Oh – ja«, sagte Harry und griff hastig nach ein paar Büchern.
»Blödsinn, es geht viel schneller, wenn ich – packe!«, rief Tonks und schwenkte ihren Zauberstab mit einer ausladenden, schwebenden Bewegung über den Boden.
Bücher, Kleider, Teleskop und Waage schossen in die Luft und flogen in den Koffer, durcheinander wie Kraut und Rüben.
»Das ist nicht besonders ordentlich«, sagte Tonks, ging hinüber und blickte hinab auf das Durcheinander im Koffer. »Meine Mutter hat den Dreh raus, wie sich die Klamotten tipptopp von alleine ordnen – die bringt sogar die Socken dazu, sich selbst zu falten – aber ich hab nie rausgekriegt, wie sie’s schafft – muss irgendwie locker aus dem Handgelenk kommen –« Hoffnungsvoll schnippte sie mit ihrem Zauberstab.
Einer von Harrys Socken schwänzelte schwächlich und flappte dann wieder auf den kunterbunten Haufen im Koffer zurück.
»Na gut«, sagte Tonks und schlug den Kofferdeckel zu, »wenigstens ist alles drin. Der da könnte auch ein wenig Reinemachen vertragen.« Sie richtete den Zauberstab auf Hedwigs Käfig. »Ratzeputz.« Ein paar Federn und ein wenig Mist verschwanden. »Na, immerhin ein bisschen besser – ich hab mich mit diesen Haushaltszaubern nie richtig anfreunden können. Schön – hast du alles? Kessel? Besen? Aber hallo – ein Feuerblitz?«
Ihre Augen weiteten sich, als ihr Blick auf den Besen in Harrys rechter Hand fiel. Er war sein ganzer Stolz, ein Geschenk von Sirius, ein Besen von internationalem Standard.
»Und ich flieg immer noch einen Komet Zwei-Sechzig«, sagte Tonks neidisch. »Na ja … Zauberstab noch in der Jeans? Beide Pobacken noch dran? Okay, gehen wir. Locomotor Koffer.«
Harrys Koffer hob sich einige Zentimeter in die Luft. Tonks trug Hedwigs Käfig in der Linken, in der Rechten hielt sie den Zauberstab wie einen Taktstock und ließ den Koffer voraus durch das Zimmer und zur Tür hinaus schweben. Harry trug seinen Besen und folgte ihr die Treppe hinunter.
In der Küche hatte Moody inzwischen sein Auge wieder eingesetzt, und nach der Reinigung rotierte es so schnell, dass Harry vom Zusehen schlecht wurde. Kingsley Shacklebolt und Sturgis Podmore untersuchten die Mikrowelle, und Hestia Jones lachte über einen Kartoffelschäler, auf den sie beim Stöbern in den Schubladen gestoßen war. Lupin versiegelte einen an die Dursleys adressierten Brief.
»Bestens«, sagte Lupin und blickte auf, als Tonks und Harry eintraten. »Wir haben noch ungefähr eine Minute, denke ich. Vielleicht sollten wir raus in den Garten, damit wir bereit sind. Harry, ich lass einen Brief an Tante und Onkel hier, damit sie sich keine Sorgen –«
»Tun die sowieso nicht«, sagte Harry.
»– dass du in Sicherheit bist –«
»Das deprimiert sie nur.«
»– und dass du sie nächsten Sommer wieder besuchst.«
»Muss das sein?«
Lupin lächelte, antwortete aber nicht.
»Komm her, Junge«, sagte Moody ruppig und winkte Harry mit dem Zauberstab zu sich. »Ich muss dich desillusionieren.«
»Sie müssen was?«, sagte Harry nervös.
»Desillusionierungszauber«, sagte Moody und hob den Zauberstab. »Lupin meint, du hast einen Tarnumhang, aber der flattert weg, während wir fliegen; das hier verbirgt dich besser. Los geht’s –«
Er klopfte ihm hart auf den Kopf, und Harry hatte das komische Gefühl, als hätte Moody gerade ein Ei darauf aufgeschlagen; von dort, wo der Zauberstab ihn getroffen hatte, schienen kalte Tropfen seinen Körper hinunterzurinnen.
»Der kam gut, Mad-Eye«, sagte Tonks anerkennend und starrte auf Harrys Brustkorb.
Harry blickte an seinem Körper hinab, oder vielmehr an seinem ehemaligen Körper, denn er sah nicht mehr aus wie der seine. Er war nicht unsichtbar; er hatte schlicht und einfach die gleiche Farbe und Maserung wie der Küchenschrank hinter ihm angenommen. Er schien ein menschliches Chamäleon geworden zu sein.
»Komm«, sagte Moody und entriegelte die Hintertür mit seinem Zauberstab.
Sie traten alle nach draußen auf Onkel Vernons wunderschön gepflegten Rasen.
»Klare Nacht«, brummte Moody und suchte den Himmel mit seinem magischen Auge ab. »Ein paar mehr Wolken als Deckung wär’n nicht schlecht gewesen. Jetzt hör mal«, blaffte er Harry an, »wir fliegen in enger Formation. Tonks fliegt direkt vor dir, bleib dicht an ihrem Schweif. Lupin deckt dich von unten. Ich bin hinter dir. Die andern umkreisen uns. Wir bleiben um jeden Preis zusammen, verstanden? Wenn einer von uns getötet wird –«
»Kann das passieren?«, fragte Harry besorgt, doch Moody überhörte ihn.
»– fliegen die andern weiter, stoppen nicht, bleiben in Formation. Wenn sie uns alle ausknipsen und du überlebst, Harry, steht die Nachhut bereit und übernimmt; flieg weiter Richtung Osten, dort werden sie dich in Empfang nehmen.«
»Nur nicht so gut gelaunt, Mad-Eye, er wird noch denken, wir nehmen das nicht ernst«, sagte Tonks, während sie Harrys Koffer und Hedwigs Käfig in einem Geschirr festzurrte, das an ihrem Besen hing.
»Ich erklär dem Jungen nur den Plan«, grollte Moody. »Unser Job ist es, ihn sicher im Hauptquartier abzuliefern, und wenn wir bei dem Unternehmen sterben –«
»Niemand wird sterben«, sagte Kingsley Shacklebolt mit seiner tiefen, beruhigenden Stimme.
»Rauf auf die Besen, das ist das erste Signal!«, sagte Lupin scharf und deutete auf den Himmel.
Hoch, hoch über ihnen war ein roter Funkenschauer zwischen den Sternen aufgeflackert. Harry erkannte sofort, dass es Zauberstabfunken waren. Er schwang das rechte Bein über den Feuerblitz, packte ihn entschlossen am Stiel und spürte ihn ganz leicht vibrieren, als wäre er ebenso wild darauf wie Harry, wieder in der Luft zu sein.
»Zweites Signal, los geht’s!«, sagte Lupin laut, als erneut hoch über ihnen Funken explodierten, diesmal waren es grüne.
Harry stieß sich kräftig vom Boden ab. Die kühle Nachtluft rauschte ihm durchs Haar, die ordentlichen quadratischen Gärten des Ligusterwegs sanken in die Tiefe und schrumpften rasch zu einem Flickenteppich aus dunklen Grün- und Schwarztönen, und jeder Gedanke an die Anhörung im Ministerium war weggewischt, als ob der Fahrtwind ihn aus seinem Kopf geblasen hätte. Ihm war, als würde sein Herz vor Freude explodieren; er flog wieder, flog weg vom Ligusterweg, wie er es sich den ganzen Sommer über erträumt hatte, er war auf dem Weg nach Hause … für ein paar glückselige Momente schienen all seine Probleme nichtig geworden, bedeutungslos in diesem weiten, sternübersäten Himmel.
»Scharf links, scharf links, da schaut ein Muggel hoch!«, rief Moody hinter ihm. Tonks riss den Besen herum, und Harry folgte ihr, seinen Koffer im Blick, der unter ihrem Besen heftig hin und her schaukelte. »Wir müssen höher … noch ’ne Viertelmeile!«
Harrys Augen wurden feucht vor Kälte, als sie nach oben schnellten; in der Tiefe konnte er nun nichts mehr erkennen außer den winzigen Stecknadellichtern der Autoscheinwerfer und Straßenlaternen. Zwei dieser winzigen Lichter gehörten vielleicht zu Onkel Vernons Wagen … die Dursleys waren jetzt wohl auf der Rückfahrt zu ihrem leeren Haus, wütend wegen des angeblichen Rasenwettbewerbs … und Harry lachte laut bei diesem Gedanken, auch wenn seine Stimme erstickt wurde vom Flattern der Umhänge, vom Knarren der Gurte, die seinen Koffer und den Käfig hielten, und vom Pfeifen des Windes in seinen Ohren, während sie durch die Luft schossen. Seit einem Monat hatte er sich nicht mehr so lebendig gefühlt und auch nicht so glücklich.
»Südlich halten!«, rief Mad-Eye. »Stadt voraus!«
Sie schwenkten nach rechts, um nicht direkt über das glitzernde Spinnennetz aus Lichtern in der Tiefe zu fliegen.
»Nach Südosten und höher steigen, da ist eine niedrige Wolke voraus, in der wir verschwinden können!«, rief Moody.
»Wir fliegen nicht durch Wolken!«, rief Tonks erbost. »Da werden wir pitschnass, Mad-Eye!«
Harry war erleichtert, das zu hören; seine Hände am Stiel des Feuerblitzes wurden allmählich taub. Hätte er nur daran gedacht, einen Mantel anzuziehen; er fing an zu zittern.
Immer wieder änderten sie nach Mad-Eyes Anweisungen ihren Kurs. Harry kniff im eisigen Windzug, der ihm allmählich auch in den Ohren schmerzte, die Augen zu. Nur einmal, erinnerte er sich, war ihm auf dem Besen so kalt gewesen, während des Quidditch-Spiels gegen Hufflepuff in seinem dritten Jahr, als es gestürmt hatte. Seine Bewacher um ihn her kreisten unablässig wie riesige Raubvögel. Harry verlor allmählich jegliches Zeitgefühl. Er fragte sich, wie lange sie geflogen waren, es musste mindestens eine Stunde gewesen sein.
»Nach Südwest drehen!«, rief Moody. »Wir wollen die Autobahn umgehen!«
Harry war jetzt so durchgefroren, dass er sehnsüchtig an die behaglichen, trockenen Innenräume der Autos dachte, die unten dahinströmten, und dann, noch sehnsüchtiger, an das Reisen mit Flohpulver; es war vielleicht unbequem, in Kaminen umherzuwirbeln, aber in den Flammen war es wenigstens warm … Kingsley Shacklebolt schwirrte um ihn herum, sein kahler Schädel und der Ohrring schimmerten schwach im Mondlicht … jetzt war Emmeline Vance zu seiner Rechten, sie hielt den Zauberstab erhoben und wandte den Kopf nach rechts und links … dann flog auch sie über ihn hinweg und Sturgis Podmore nahm ihre Position ein.
»Wir sollten ein Stück zurückfliegen, nur um sicherzugehen, dass wir nicht verfolgt werden!«, rief Moody.
»BIST DU VERRÜCKT, MAD-EYE?«, schrie Tonks von der Spitze her. »Wir sind allesamt an den Besen festgefroren! Wenn wir andauernd vom Kurs abweichen, brauchen wir noch ’ne Woche! Außerdem sind wir jetzt fast da!«
»Zeit zum Landeanflug!«, ertönte Lupins Stimme. »Halt dich an Tonks, Harry!«
Harry folgte Tonks in die Tiefe. Sie flogen auf die größte Ansammlung von Lichtern zu, die er je gesehen hatte, eine riesige, unter ihm ausgebreitete, kreuz und quer verlaufende Masse aus glitzernden Gittern und Linien, gesprenkelt mit Flecken aus tiefstem Schwarz. Tiefer und tiefer sanken sie, bis Harry einzelne Scheinwerfer und Straßenlaternen, Kamine und Fernsehantennen sehen konnte. Es verlangte ihn heftig, wieder auf dem Boden zu sein, doch war er sich sicher, dass jemand ihn vom Besen loseisen musste.
»Na endlich!«, rief Tonks und ein paar Sekunden später war sie gelandet.
Harry setzte gleich hinter ihr auf einem ungepflegten Flecken Gras in der Mitte eines kleinen Platzes auf. Tonks schnallte bereits seinen Koffer los. Zitternd blickte Harry sich um. Die schmutzigen Fassaden der Häuser rundum wirkten nicht gerade einladend; manche hatten zerbrochene Fensterscheiben, die im Licht der Straßenlaternen stumpf schimmerten, von vielen Türen blätterte die Farbe und neben etlichen Vortreppen lagen Abfallhaufen.
»Wo sind wir?«, fragte Harry, doch Lupin sagte leise: »Moment noch.«
Moody stöberte in seinem Mantel, seine knorrigen Hände waren klamm vor Kälte.
»Hab es«, murmelte er, hob etwas empor, das aussah wie ein silbernes Feuerzeug, und ließ es klicken.
Mit einem Plopp ging die nächstgelegene Straßenlaterne aus. Wieder klickte er mit dem Entleuchter; eine weitere Laterne erlosch; er klickte weiter, bis alle Lampen am Platz gelöscht waren und das einzig verbliebene Licht aus Fenstern mit zugezogenen Vorhängen und von der Mondsichel am Himmel stammte.
»Hab ich mir von Dumbledore geborgt«, knurrte Moody und steckte den Ausschalter ein. »Damit wir keine Probleme mit Muggeln haben, die vielleicht aus dem Fenster gucken, kapiert? Jetzt kommt, rasch.«
Er nahm Harry am Arm und führte ihn von dem Grasfleck weg, über die Straße und auf den Gehweg; Lupin und Tonks, die zwischen sich Harrys Koffer trugen, folgten ihnen, und der Rest der Leibgarde flankierte sie, die Zauberstäbe im Anschlag.
Das dumpfe Wummern einer Musikanlage drang aus dem oberen Fenster des nächsten Hauses. Beißender Gestank nach faulendem Abfall stieg aus den überquellenden Mülleimern gleich hinter dem kaputten Tor.
»Hier«, murmelte Moody, hielt Harrys desillusionierter Hand ein Pergamentblatt entgegen und beleuchtete die Schrift mit der entflammten Spitze seines Zauberstabs. »Rasch lesen und einprägen.«
Harry blickte auf das Blatt. Die enge Handschrift kam ihm vage bekannt vor. Die Worte lauteten:
Das Hauptquartier des Phönixordens befindet sich am Grimmauldplatz Nummer zwölf, London.
Grimmauldplatz Nummer zwölf
»Was ist der Phönixor–?«, fing Harry an.
»Nicht hier, Junge!«, knurrte Moody. »Warte, bis wir drin sind!«
Er riss Harry das Pergament aus der Hand und setzte es mit der Spitze seines Zauberstabs in Brand. Während es in Flammen aufging, kringelte es sich ein und schwebte zu Boden. Harry drehte sich wieder zur Häuserfront um. Sie standen vor Nummer elf; er blickte nach links und sah Nummer zehn; zur Rechten allerdings war Nummer dreizehn.
»Aber wo ist –?«
»Denk an das, was du dir gerade eingeprägt hast«, sagte Lupin leise.
Harry ließ sich Wort für Wort durch den Kopf gehen, und kaum war er zu Grimmauldplatz Nummer zwölf gelangt, erschien aus dem Nichts zwischen Nummer elf und Nummer dreizehn eine ramponierte Tür, rasch gefolgt von dreckigen Mauern und schmierigen Fenstern. Es war, als hätte sich ein zusätzliches Haus aufgeblasen und die beiden Häuser an seinen Seiten weggeschoben. Harry starrte es mit offenem Mund an. Die Musik in Nummer elf wummerte weiter. Offenbar hatten die Muggel dort drin überhaupt nichts mitbekommen.
»Los, beeil dich«, knurrte Moody und stupste Harry in den Rücken.
Harry stieg die abgenutzten Steinstufen hinauf und starrte auf die Tür, die eben Gestalt angenommen hatte. Ihr schwarzer Anstrich war verblichen und zerkratzt. Der silberne Türklopfer hatte die Form einer gewundenen Schlange. Ein Schlüsselloch oder einen Briefkasten gab es nicht.
Lupin zückte seinen Zauberstab und pochte einmal gegen die Tür. Harry hörte viele laute, metallische Klickgeräusche und etwas, das wie das Rasseln einer Kette klang. Knarrend öffnete sich die Tür.
»Schnell da rein, Harry«, flüsterte Lupin, »aber geh drinnen nicht weit und rühr nichts an.«
Harry trat über die Schwelle in die fast vollkommene Dunkelheit der Eingangshalle. Er konnte Feuchtigkeit, Staub und einen süßlichen Modergeruch wahrnehmen; ihm war, als befände er sich in einem zerfallenen Gebäude. Harry blickte über die Schulter und sah seine Begleiter nacheinander hereinkommen, Lupin und Tonks trugen seinen Koffer und Hedwigs Käfig. Moody stand oben auf der Vortreppe und ließ die Lichtbälle frei, die der Ausschalter den Straßenlaternen gestohlen hatte; sie flogen zu ihren Glühbirnen zurück und schon lag wieder das orange Schimmern über dem Platz. Moody humpelte herein, schloss die Tür und die Dunkelheit in der Halle war nun vollkommen.
»Hier –«
Er klopfte Harry mit dem Zauberstab fest auf den Kopf; diesmal hatte Harry das Gefühl, als würde etwas Heißes seinen Rücken hinabtröpfeln, und er wusste, dass der Desillusionierungszauber nun aufgehoben war.
»Niemand rührt sich, bis ich uns ein wenig Licht hier drin verschafft hab«, flüsterte Moody.
Die verhaltenen Stimmen der anderen gaben Harry ein seltsames Gefühl dunkler Vorahnung; es war, als hätten sie eben das Haus eines Sterbenden betreten. Er hörte ein leises Zischen, dann entflammten altmodische Gaslaternen unter spotzenden Geräuschen entlang den Wänden. Sie warfen ein flackerndes, spärliches Licht über die sich abschälenden Tapeten und den verschlissenen Teppich einer langen, düsteren Eingangshalle, an deren Decke ein von Spinnweben überzogener Kronleuchter glomm und an deren Wänden schiefe, altersgeschwärzte Porträts hingen. Harry hörte hinter der Fußleiste etwas davonrascheln. Der Kronleuchter und auch der Kandelaber auf einem wackligen Tisch in der Nähe hatten die Gestalt von Schlangen.
Hastige Schritte waren zu hören, und Rons Mutter, Mrs Weasley, erschien in einer Tür am anderen Ende der Halle. Sie eilte auf sie zu und hieß sie strahlend willkommen, und doch fiel Harry auf, dass sie merklich dünner und blasser geworden war, seitdem er sie das letzte Mal gesehen hatte.
»Oh, Harry, wie schön, dich zu sehen!«, flüsterte sie und zog ihn in eine Umarmung, die ihm fast die Rippen brach, bevor sie ihn auf Armeslänge von sich hielt und ihn kritisch musterte. »Du siehst schmal aus; wir müssen dich ein wenig aufpäppeln, aber ich fürchte, du musst ein bisschen warten, bis es Abendessen gibt.«
An die Zaubererschar hinter ihm gewandt, flüsterte sie eindringlich: »Er ist gerade angekommen, die Versammlung hat begonnen.«
Die Zauberer in Harrys Rücken tuschelten neugierig und aufgeregt und eilten einer nach dem anderen an ihm vorbei auf die Tür zu, durch die Mrs Weasley eben gekommen war. Harry wollte gerade Lupin folgen, als Mrs Weasley ihn zurückhielt.
»Nein, Harry, die Versammlung ist nur für Mitglieder des Ordens. Ron und Hermine sind oben, du kannst mit ihnen gemeinsam warten, bis die Versammlung zu Ende ist, dann gibt es Abendessen. Und sei leise, wenn du in der Halle bist«, fügte sie eindringlich hinzu.
»Warum?«
»Ich will nicht, dass jemand aufwacht.«
»Was haben Sie –?«
»Erklär ich dir später, ich muss mich beeilen, weil ich auch zur Versammlung muss – ich zeig dir nur rasch, wo du schläfst.«
Sie legte einen Finger an die Lippen und führte Harry auf Zehenspitzen an einem Paar langer, mottenzerfressener Vorhänge vorbei, hinter denen Harry eine weitere Tür vermutete, und nachdem sie einen großen Schirmständer umrundet hatten, der aussah, als wäre er aus einem abgetrennten Trollbein gefertigt, stiegen sie die dunkle Treppe empor, vorbei an einer Reihe von Schrumpfköpfen, die auf Tafeln an der Wand befestigt waren. Bei näherem Hinsehen stellte Harry fest, dass es die Köpfe von Hauselfen waren. Alle hatten die gleiche, ziemlich schnauzenähnliche Nase.
Mit jeder neuen Stufe wuchs Harrys Verwirrung. Was um alles in der Welt taten sie in einem Haus, das aussah, als würde es dem schwärzesten aller Magier gehören?
»Mrs Weasley, warum –?«
»Ron und Hermine werden dir alles erklären, mein Lieber, ich muss mich wirklich sputen«, flüsterte Mrs Weasley zerstreut. »Hier –«, sie hatten den zweiten Treppenabsatz erreicht, »– die rechte Tür ist deine. Ich ruf dich, wenn wir fertig sind.«
Und sie eilte die Treppe wieder hinunter.
Harry überquerte den schäbigen Treppenabsatz, drehte den Knauf an der Schlafzimmertür, der wie ein Schlangenkopf geformt war, und öffnete die Tür.
Er erhaschte einen kurzen Blick auf ein hohes, düsteres Zimmer mit zwei Betten; dann hörte er ein lautes Zwitschern, gefolgt von einem noch lauteren Schrei, und schließlich raubte ihm eine Riesenmenge sehr buschiger Haare vollkommen die Sicht. Hermine hatte sich auf ihn gestürzt und ihn so heftig umarmt, dass es ihn fast zu Boden geworfen hätte, während Rons kleine Eule, Pigwidgeon, fortwährend aufgeregt um ihre Köpfe flatterte.
»HARRY! Ron, er ist da, Harry ist da! Wir haben dich nicht kommen hören! Oh, wie geht es dir? Alles in Ordnung mit dir? Warst du sauer auf uns? Bestimmt, unsere Briefe waren nutzlos – aber wir konnten dir nichts erzählen. Dumbledore hat uns schwören lassen, dass wir schweigen, oh, wir haben dir so viel zu erzählen, und du musst uns auch einiges erzählen – die Dementoren! Als wir das erfahren haben – und von dieser Anhörung im Ministerium – das ist einfach empörend, ich hab alles nachgeschlagen, die können dich nicht rauswerfen, das können sie einfach nicht, es gibt im Erlass zur Vernunftgemäßen Beschränkung der Zauberei Minderjähriger nämlich eine Ausnahmeregelung für den Fall lebensbedrohlicher Situationen –«
»Lass ihn doch mal zu Puste kommen, Hermine«, sagte Ron grinsend und schloss die Tür hinter Harry. Er schien in dem Monat, in dem sie getrennt gewesen waren, um einige Zentimeter gewachsen zu sein und wirkte noch größer und schlaksiger, aber die lange Nase, das leuchtend rote Haar und die Sommersprossen waren unverändert.
Hermine strahlte unentwegt und ließ von Harry ab, doch bevor sie noch ein weiteres Wort sagen konnte, war ein leises Rauschen zu hören, und etwas Weißes schoss von einem dunklen Schrank herab und landete sanft auf Harrys Schulter.
»Hedwig!«
Die Schneeeule klackerte mit dem Schnabel und knabberte zärtlich an seinem Ohr, während Harry ihr das Gefieder streichelte.
»Die war vielleicht seltsam drauf«, sagte Ron. »Hat uns bald totgepickt, als sie deine letzten Briefe gebracht hat, sieh dir das mal an –«
Er hielt Harry den Zeigefinger seiner rechten Hand hin, der einen halb verheilten, aber offenbar tiefen Schnitt aufwies.
»Oh«, sagte Harry. »Das tut mir leid, aber ich wollte Antworten haben, versteht ihr –«
»Die wollten wir dir auch geben, Mann«, sagte Ron. »Hermine wär fast ausgetickt, dauernd hat sie gesagt, du würdest ’ne Dummheit machen, wenn du dort ganz allein festsitzt ohne Neuigkeiten, aber Dumbledore hat uns –«
»– schwören lassen, dass ihr mir nichts erzählt«, ergänzte Harry. »Ja, das hat Hermine schon gesagt.«
Die warme Glut, die in ihm aufgeflammt war beim Anblick seiner beiden besten Freunde, verlosch in etwas Eisigem, das ihm durch den Magen strömte. Mit einem Mal – nachdem er sich einen geschlagenen Monat lang danach gesehnt hatte, sie zu treffen – hatte er das Gefühl, es wäre ihm lieber, Ron und Hermine würden ihn allein lassen.
Eine gespannte Stille trat ein, während deren Harry Hedwig geistesabwesend streichelte und die beiden anderen nicht ansah.
»Er glaubte wohl, das wär das Beste«, sagte Hermine ziemlich atemlos. »Dumbledore, meine ich.«
»Ach so«, sagte Harry. Ihm fiel auf, dass auch ihre Hände Spuren von Hedwigs Schnabel trugen, und er merkte, dass es ihm überhaupt nicht leidtat.
»Ich glaub, er dachte, du wärst bei den Muggeln am sichersten aufgehoben –«, fing Ron an.
»Jaah?«, sagte Harry und hob die Augenbrauen. »Ist einer von euch diesen Sommer vielleicht von Dementoren angegriffen worden?«
»Na ja, nein – aber darum hat er dich ja ständig durch Leute vom Orden des Phönix beschatten lassen –«
Harry spürte, wie seine Eingeweide einen mächtigen Satz machten, als ob er gerade eine Stufe treppab verpasst hätte. Also hatten alle gewusst, dass er beschattet wurde, nur er nicht.
»Hat aber nicht besonders gut geklappt, oder?«, erwiderte Harry und hatte äußerste Mühe, seiner Stimme einen ruhigen Klang zu geben. »Hab mir dann doch selbst helfen müssen, was?«
»Er war so wütend«, sagte Hermine mit beinah ehrfürchtiger Stimme. »Dumbledore. Wir haben ihn gesehen. Als er rausfand, dass Mundungus vor dem Ende seiner Schicht verschwunden war. Er hat einem Angst eingejagt.«
»Was soll’s, ich bin froh, dass er abgehauen ist«, sagte Harry kühl. »Wenn nicht, hätte ich nicht gezaubert und Dumbledore hätte mich vermutlich den ganzen Sommer über im Ligusterweg gelassen.«
»Machst du … machst du dir keine Sorgen wegen der Anhörung im Zaubereiministerium?«, sagte Hermine leise.
»Nein«, log Harry trotzig. Er entfernte sich ein paar Schritte von ihnen und sah sich um, während sich Hedwig zufrieden an seine Schulter schmiegte, aber dieses Zimmer konnte ihn schwerlich aufheitern. Es war feucht und dunkel. Ein leeres Stück Leinwand, in einen verschnörkelten Rahmen gespannt, war alles, was die Tristesse der Wände, von denen die Tapeten herabhingen, ein wenig auflockerte, und als Harry daran vorbeiging, glaubte er jemanden zu hören, der sich kichernd davonstahl.
»Also, warum will Dumbledore mich eigentlich unbedingt im Unklaren lassen?«, fragte Harry, immer noch bemüht, betont lässig zu sprechen. »Habt ihr – ähm – ihn zufällig mal gefragt?«
Er sah gerade noch rechtzeitig auf, um die beiden einen Blick tauschen zu sehen, der ihm sagte, dass er sich genau so aufführte, wie sie befürchtet hatten. Das besserte seine Laune keineswegs.
»Wir haben Dumbledore gesagt, wir wollten dir erzählen, was abgeht«, sagte Ron. »Ehrlich, Mann. Aber er ist im Moment total beschäftigt, wir haben ihn nur zweimal gesehen, seit wir hier sind, und er hat nicht viel Zeit gehabt, er hat uns nur schwören lassen, dir nichts Wichtiges mitzuteilen, wenn wir dir schreiben, er meinte, die Eulen würden vielleicht abgefangen.«
»Er hätte mich trotzdem auf dem Laufenden halten können, wenn er gewollt hätte«, sagte Harry knapp. »Ihr wollt mir doch nicht weismachen, dass er keine Ahnung hat, wie man Botschaften ohne Eulen verschickt.«
Hermine warf Ron einen Blick zu und sagte: »Das hab ich mir auch gedacht. Aber er wollte nicht, dass du irgendwas erfährst.«
»Vielleicht denkt er, ich sei nicht vertrauenswürdig«, meinte Harry und ließ sie nicht aus den Augen.
»Red keinen Stuss«, sagte Ron. Er wirkte tief beunruhigt.
»Oder dass ich nicht auf mich selbst aufpassen kann.«
»Natürlich denkt er so was nicht!«, entgegnete Hermine besorgt.
»Wie kommt’s dann, dass ich bei den Dursleys bleiben muss, während ihr zwei bei allem mitmachen dürft, was hier passiert?«, sagte Harry, und mit jedem Wort, das hastig aus seinem Mund stolperte, wurde seine Stimme lauter. »Wie kommt’s, dass ihr beide alles erfahren dürft, was los ist?«
»Dürfen wir nicht!«, unterbrach ihn Ron. »Mum will uns nicht mal in die Nähe der Versammlungen lassen, sie sagt, wir wären zu jung –«
Weiter kam er nicht, denn Harry fing an zu schreien.
»ALSO WART IHR NICHT BEI DEN VERSAMMLUNGEN, NA UND! ABER IHR WART HIER, STIMMT’S? IHR WART ZUSAMMEN! UND ICH, ICH STECKE EINEN MONAT LANG BEI DEN DURSLEYS FEST! UND ICH HAB MEHR GESCHAFFT, ALS IHR BEIDE JE GESCHAFFT HABT, UND DUMBLEDORE WEISS DAS – WER HAT DEN STEIN DER WEISEN GERETTET? WER HAT RIDDLE ERLEDIGT? WER HAT EUCH BEIDE VOR DEN DEMENTOREN GERETTET?«
Alle bitteren und trüben Gedanken, die Harry im letzten Monat durch den Kopf gegangen waren, sprudelten jetzt hervor: seine Enttäuschung darüber, dass man ihm keine Nachrichten geschickt hatte, die Verletzung, dass sie alle zusammen gewesen waren ohne ihn, seine Wut darüber, ohne sein Wissen beschattet worden zu sein – all die Gefühle, für die er sich halb schämte, brachen endlich aus ihm heraus. Der Lärm erschreckte Hedwig und sie flatterte wieder nach oben auf den Schrank; Pigwidgeon zwitscherte aufgebracht und kreiste noch schneller um ihre Köpfe.
»WER MUSSTE LETZTES JAHR AN DRACHEN UND SPHINXEN UND ALL DEM ANDERN EKELGETIER VORBEI? WER HAT IHN ZURÜCKKOMMEN SEHEN? WER MUSSTE VOR IHM FLIEHEN? ICH!«
Ron stand mit halb offenem Mund da, sichtlich bestürzt und vollkommen sprachlos, während Hermine den Tränen nahe schien.
»ABER WARUM SOLLTE ICH ERFAHREN, WAS VOR SICH GEHT? WARUM SOLLTE SICH IRGENDJEMAND DIE MÜHE MACHEN, MIR ZU SAGEN, WAS LOS IST?«
»Harry, wir wollten es dir sagen, wirklich –«, fing Hermine an.
»SO EILIG HATTET IHR ES WOHL NICHT, ODER IHR HÄTTET MIR EINE EULE GESCHICKT, ABER DUMBLEDORE HAT EUCH JA SCHWÖREN LASSEN –«
»Allerdings, hat er –«
»VIER WOCHEN LANG SITZE ICH IM LIGUSTERWEG FEST UND KLAUBE ZEITUNGEN AUS DEN MÜLLEIMERN, DAMIT ICH RAUSKRIEG, WAS LOS IST –«
»Wir wollten –«
»HABT EUCH WOHL GLÄNZEND AMÜSIERT, WAS, ALLE HIER ZUSAMMEN –«
»Nein, ehrlich –«
»Harry, es tut uns wirklich leid«, sagte Hermine verzweifelt und in ihren Augen glitzerten jetzt Tränen. »Du hast vollkommen Recht, Harry – ich wär auch wütend, wenn mir das passiert wär!«
Harry funkelte sie an, immer noch heftig atmend, dann wandte er sich wieder von ihnen ab und schritt im Zimmer umher. Hedwig schrie beklommen vom Schrank herunter. Eine lange Pause trat ein, in der einzig das traurige Knarren der Dielen unter Harrys Füßen zu vernehmen war.
»Was ist das eigentlich für ein Haus?«, blaffte er Ron und Hermine an.
»Das Hauptquartier des Phönixordens«, sagte Ron sofort.
»Würde mir vielleicht mal jemand erklären, was der Phönixorden –«
»Das ist eine Geheimgesellschaft«, sagte Hermine eilig. »Dumbledore leitet sie, er hat sie gegründet. Es sind dieselben Leute, die das letzte Mal gegen Du-weißt-schon-wen gekämpft haben.«
»Wer gehört dazu?«, fragte Harry und blieb, die Hände in den Taschen, stehen.
»’ne ganze Menge Leute –«
»Wir haben vielleicht zwanzig von ihnen kennen gelernt«, sagte Ron, »aber wir glauben, dass es noch mehr sind.«
Harry sah sie wütend an.
»Und?«, fragte er und wandte sich beiden abwechselnd zu.
»Ähm«, sagte Ron. »Und was?«
»Voldemort!«, sagte Harry zornig und Ron und Hermine zuckten zusammen. »Was ist los? Was hat er vor? Wo ist er? Was tun wir, um ihn aufzuhalten?«
»Wir haben’s dir doch gesagt, der Orden lässt uns nicht zu seinen Versammlungen«, sagte Hermine nervös. »Also wissen wir nichts Genaues – aber wir haben eine ungefähre Vorstellung«, ergänzte sie hastig, als sie Harrys Miene sah.
»Fred und George haben Langziehohren erfunden, weißt du«, sagte Ron. »Sind echt nützlich.«
»Langzieh–«
»–ohren, ja. Wir haben sie nur in letzter Zeit nicht mehr benutzen können, weil Mum es rausgefunden hat und einen Tobsuchtsanfall kriegte. Fred und George mussten sie verstecken, bevor Mum sie alle in den Müll werfen konnte. Aber sie waren ganz schön nützlich für uns, bis Mum merkte, was los war. Wir wissen, dass manche Leute vom Orden bekannte Todesser verfolgen und sie beobachten –«
»Andere werben noch mehr Leute für den Orden –«, sagte Hermine.
»Und manche bewachen nur irgendetwas«, sagte Ron. »Sie reden ständig über Wachdienste.«
»Nicht zufällig bei mir, oder?«, meinte Harry sarkastisch.
»Ja, doch«, sagte Ron und sah aus, als ginge ihm langsam ein Licht auf.
Harry schnaubte. Er ging wieder im Zimmer auf und ab und vermied es, Ron und Hermine anzusehen. »Und was habt ihr so getrieben, wo ihr doch nicht zu den Versammlungen durftet?«, fragte er. »Ihr habt gesagt, ihr wart beschäftigt.«
»Stimmt auch«, sagte Hermine rasch. »Wir haben dieses Haus entgiftet, es stand ewig leer und irgendwelches Getier hat hier gebrütet. Wir haben die Küche und die meisten Schlafzimmer sauber gekriegt, und ich glaub, morgen nehmen wir uns den Sal– AARGH!«
Mit zwei lauten Knalls hatten Fred und George, Rons ältere Zwillingsbrüder, aus dem Nichts heraus mitten im Zimmer Gestalt angenommen. Pigwidgeon zwitscherte noch aufgeregter und flatterte hoch zu Hedwig auf den Schrank.
»Hört auf damit!«, sagte Hermine mit matter Stimme zu den Zwillingen, die ebenso leuchtend rotes Haar hatten wie Ron, allerdings stämmiger und ein wenig kleiner waren.
»Hallo, Harry«, sagte George und strahlte ihn an. »Das können nur deine wohlklingenden Laute sein, dachten wir uns.«
»Du brauchst deine Wut nicht zurückzuhalten, Harry, nur raus damit«, sagte Fred, ebenfalls strahlend. »Vielleicht gibt’s in fünfzig Meilen Umkreis noch ein paar Leute, die dich nicht gehört haben.«
»Ihr beide habt also die Prüfung im Apparieren bestanden?«, fragte Harry mürrisch.
»Mit Auszeichnung«, sagte Fred, der etwas in der Hand hielt, das wie eine sehr lange, fleischfarbene Schnur aussah.
»Ihr hättet gerade mal ’ne halbe Minute länger gebraucht, wenn ihr die Treppe runtergegangen wärt«, sagte Ron.
»Zeit ist Galleonen wert, Brüderchen«, sagte Fred. »Jedenfalls störst du den Empfang, Harry. Langziehohren«, fügte er mit Blick auf Harrys gehobene Augenbrauen hinzu und hielt die Schnur hoch, die, wie Harry jetzt sah, bis hinaus vor die Tür reichte. »Wir versuchen zu hören, was unten los ist.«
»Seid bloß vorsichtig«, sagte Ron und starrte das Ohr an, »wenn Mum noch eins von denen sieht …«
»Das ist das Risiko wert, die haben gerade ein wichtiges Treffen«, sagte Fred.
Die Tür öffnete sich und eine lange rote Haarmähne erschien.
»Oh, hallo, Harry!«, sagte Rons jüngere Schwester Ginny fröhlich. »Mir war, als hätte ich deine Stimme gehört.«
An Fred und George gewandt, sagte sie: »Die Langziehohren könnt ihr vergessen, sie hat doch die Küchentür tatsächlich mit einem Imperturbatio-Zauber belegt.«
»Woher weißt du das?«, fragte George und sah geknickt aus.
»Tonks hat mir gesagt, wie ich’s rausfinde«, erwiderte Ginny. »Du wirfst einfach was gegen die Tür, und wenn es sie nicht berührt, ist die Tür imperturbiert. Ich hab oben vom Treppenabsatz aus Stinkbomben dagegengeworfen, und die fliegen einfach von der Tür weg, also können die Langziehohren unmöglich durch den Türschlitz.«
Fred seufzte schwer.
»Schande. Ich war wirklich mal gespannt, was der alte Snape so vorhat.«
»Snape!«, sagte Harry rasch. »Ist er da?«
»Jaah«, sagte George, schloss vorsichtig die Tür und setzte sich auf eines der Betten; Fred und Ginny taten es ihm nach. »Trägt einen Bericht vor. Top secret.«
»Mistkerl«, sagte Fred lahm.
»Er ist jetzt auf unserer Seite«, sagte Hermine vorwurfsvoll.
Ron schnaubte. »Deshalb ist er trotzdem ’n Mistkerl. Wie der uns ansieht, wenn wir ihm über den Weg laufen.«
»Bill mag ihn auch nicht«, sagte Ginny, als ob damit das letzte Wort gesprochen wäre.
Harry war sich nicht sicher, ob seine Wut schon abgeflaut war; doch sein Durst nach Neuigkeiten war stärker als sein Verlangen, wieder loszuschreien. Er ließ sich aufs Bett gegenüber sinken.
»Ist Bill hier?«, fragte er. »Ich dachte, er arbeitet in Ägypten?«
»Er hat sich auf einen Schreibtischjob beworben, damit er nach Hause kommen und für den Orden arbeiten konnte«, sagte Fred. »Er sagt, er vermisst die Gräber, aber –«, er grinste, »– man kann sich ja mit was anderem trösten.«
»Was soll das heißen?«
»Erinnerst du dich noch an die gute Fleur Delacour?«, sagte George. »Sie hat jetzt einen Job bei Gringotts, uum i’r Iienglisch su verbessern –«
»Und Bill gibt ihr ’ne Menge Privatstunden«, kicherte Fred.
»Charlie ist auch im Orden«, sagte George, »aber er ist immer noch in Rumänien. Dumbledore will, dass möglichst viele ausländische Zauberer dazugeholt werden, also versucht Charlie an seinen freien Tagen Kontakte zu knüpfen.«
»Könnte nicht Percy das tun?«, fragte Harry. Das Letzte, was er gehört hatte, war, dass der drittälteste Weasley-Bruder in der Abteilung für Internationale Magische Zusammenarbeit im Zaubereiministerium arbeitete.
Bei Harrys Worten tauschten alle Weasleys und Hermine düster bedeutungsvolle Blicke.
»Merk dir eins: Erwähne nie Percy, wenn Mum und Dad dabei sind«, erklärte ihm Ron und seine Stimme klang angespannt.
»Warum nicht?«
»Weil immer wenn Percys Name fällt, Dad zerbricht, was er gerade in der Hand hält, und Mum anfängt zu weinen«, sagte Fred.
»Es ist schrecklich«, sagte Ginny traurig.
»Ich glaub, wir haben alle die Nase voll von ihm«, sagte George mit einem ungewöhnlich hässlichen Gesichtsausdruck.
»Was ist passiert?«, fragte Harry.
»Percy und Dad hatten einen Streit«, antwortete Fred. »Ich hab Dad noch nie derart mit jemandem streiten sehen. Normalerweise ist es Mum, die schreit.«
»Es war in der ersten Woche nach Ende des Schuljahrs«, erklärte Ron. »Wir waren kurz davor, hierherzukommen und uns dem Orden anzuschließen. Da kommt Percy heim und erklärt uns, er sei befördert worden.«
»Soll das ein Witz sein?«, sagte Harry.
Obwohl er sehr wohl wusste, dass Percy höchst ehrgeizig war, hatte Harry den Eindruck, dass er auf seinem ersten Posten im Zaubereiministerium nicht sonderlich erfolgreich gewesen war. Percy war es doch tatsächlich gelungen, nicht zu bemerken, dass sein Chef von Lord Voldemort beherrscht wurde (was das Ministerium allerdings auch nicht geglaubt hatte – sie hatten alle gedacht, Mr Crouch sei verrückt geworden).
»Ja, wir waren alle überrascht«, sagte George, »weil Percy wegen Crouch eine Menge Scherereien hatte, es gab eine Untersuchung und so weiter. Es hieß, Percy hätte erkennen müssen, dass Crouch durchgeknallt war, und einen Vorgesetzten informieren müssen. Aber du kennst Percy, Crouch hatte ihm die Verantwortung übertragen, da wollte Percy sich nicht beschweren.«
»Aber warum haben sie ihn dann befördert?«
»Genau das haben wir uns auch gefragt«, sagte Ron, offenbar ganz erpicht darauf, diese normale Unterhaltung am Laufen zu halten, jetzt, da Harry mit dem Schreien aufgehört hatte. »Er kam nach Hause, furchtbar stolz auf sich – noch stolzer als sonst, wenn du dir das überhaupt vorstellen kannst –, und hat Dad erzählt, man hätte ihm eine Position in Fudges persönlichem Büro angeboten. Kein schlechter Aufstieg für jemanden, der gerade mal ein Jahr aus Hogwarts raus ist: Juniorassistent des Ministers. Er dachte wohl, Dad wäre total beeindruckt.«
»War er aber nicht«, sagte Fred grimmig.
»Warum nicht?«, fragte Harry.
»Offenbar stürmt Fudge andauernd durchs Ministerium und sorgt dafür, dass niemand den Kontakt zu Dumbledore aufrechterhält«, erklärte George.
»Der Name Dumbledore ist inzwischen ein Schimpfwort im Ministerium, musst du wissen«, sagte Fred. »Die glauben alle, er will nur Ärger machen, indem er behauptet, Du-weißt-schon-wer sei zurück.«
»Dad meinte, Fudge habe klargestellt, dass jeder, der auf Dumbledores Seite ist, seinen Schreibtisch räumen kann«, sagte George.
»Das Problem ist, Fudge verdächtigt Dad; er weiß, dass er mit Dumbledore befreundet ist, und er hat Dad immer für eine Art Spinner gehalten, weil er so muggelvernarrt ist.«
»Aber was hat das mit Percy zu tun?«, fragte Harry verwirrt.
»Warte, gleich. Dad vermutet, dass Fudge Percy nur deshalb bei sich im Büro haben will, damit er ihn dazu benutzen kann, unsere Familie auszuspionieren – und Dumbledore.«
Harry stieß einen leisen Pfiff aus.
»Ich wette, Percy war begeistert.«
Ron lachte merkwürdig hohl.
»Er ist vollkommen ausgerastet. Er sagte – na ja, er hat eine Menge fürchterliches Zeug dahergeredet. Er müsse gegen Dads miserablen Ruf ankämpfen, seit er im Ministerium sei, und dass Dad keinen Ehrgeiz hätte, und das sei der Grund, warum wir immer – du weißt schon – nie viel Geld hatten und so –«
»Wie bitte?«, sagte Harry ungläubig. Ginny machte ein Geräusch wie eine wütende Katze.
»Ich weiß«, sagte Ron mit leiser Stimme. »Und es kam noch schlimmer. Er sagte, es sei idiotisch von Dad, sich mit Dumbledore abzugeben, dass Dumbledore Riesenärger kriegen würde und Dad mit ihm untergehen würde und dass er – Percy – wisse, wem er die Treue zu halten habe, und zwar dem Ministerium. Und wenn Mum und Dad Verräter des Ministeriums werden wollten, würde er dafür sorgen, dass jeder erfährt, dass er nicht mehr zur Familie gehört. Dann hat er noch in derselben Nacht seine Sachen gepackt und ist verschwunden. Er lebt jetzt hier in London.«
Harry fluchte halblaut. Er hatte Percy immer am wenigsten von allen Brüdern Rons gemocht, aber er hätte sich nie träumen lassen, dass Percy solche Dinge zu Mr Weasley sagen würde.
»Mum war völlig durch den Wind«, sagte Ron. »Kannst dir ja vorstellen – sie hat geheult und so. Sie ist nach London gekommen und hat versucht mit Percy zu reden, aber der hat ihr die Tür vor der Nase zugeschlagen. Keine Ahnung, was er tut, wenn er Dad bei der Arbeit trifft – behandelt ihn vermutlich wie Luft.«
»Aber Percy muss doch wissen, dass Voldemort zurück ist«, sagte Harry langsam. »Er ist doch nicht dumm, er muss wissen, dass eure Eltern ohne Beweise nicht alles aufs Spiel setzen würden.«
»Jaah, nun, dann ist dein Name in dem Streit gefallen«, sagte Ron und warf Harry einen flüchtigen Blick zu. »Percy meinte, der einzige Beweis sei dein Wort und … jedenfalls … er glaube nicht, dass das ausreichend sei.«
»Percy nimmt den Tagespropheten ernst«, sagte Hermine säuerlich und alle anderen nickten.
»Was heißt das jetzt wieder?«, fragte Harry und sah sie der Reihe nach an. Alle blickten argwöhnisch zurück.
»Hast du – hast du den Tagespropheten nicht gekriegt?«, fragte Hermine nervös.
»Doch, hab ich!«, sagte Harry.
»Hast du – ähm – hast du ihn gründlich gelesen?«, fragte Hermine noch beklommener.
»Nicht jedes Wort«, sagte Harry trotzig. »Wenn sie irgendwas über Voldemort berichtet hätten, dann hätte das doch Schlagzeilen gemacht, oder?«
Beim Klang des Namens zuckten die anderen zusammen. Hermine fuhr hastig fort: »Na ja, du musst schon alles lesen, um es mitzukriegen, sie – ähm – sie erwähnen dich jede Woche ein paar Mal.«
»Aber das hätte ich doch gesehen –«
»Nicht, wenn du nur die Schlagzeilen gelesen hast, nein«, sagte Hermine und schüttelte den Kopf. »Ich rede ja gar nicht von großen Artikeln. Die lassen deinen Namen nur so nebenbei einfließen, als Dauergag sozusagen.«
»Was soll –?«
»Es ist im Grunde ziemlich fies«, sagte Hermine mit gezwungen ruhiger Stimme. »Die schlachten nur Ritas Sachen weiter aus.«
»Aber die arbeitet doch nicht mehr für die, oder?«
»O nein, sie hat ihr Versprechen gehalten – blieb ihr auch gar nichts anderes übrig«, fügte Hermine zufrieden hinzu. »Aber sie hat die Grundlage für das geschaffen, was sie jetzt versuchen.«
»Und was ist das?«, fragte Harry ungeduldig.
»Okay, du weißt, dass sie geschrieben hat, du seist völlig zusammengebrochen und hättest gesagt, deine Narbe schmerze, und so weiter?«
»Ja«, sagte Harry, der Rita Kimmkorns Storys über ihn nicht so schnell vergessen würde.
»Na ja, jetzt schreiben sie über dich, als ob du so ein Spinner wärst, der ständig Aufmerksamkeit sucht und glaubt, er sei ein großer tragischer Held oder so was«, sagte Hermine sehr schnell, als wäre es weniger unangenehm für Harry, diese Tatsachen rasch zu hören. »Dauernd lassen sie hämische Kommentare über dich einfließen. Wenn sie irgendeine aus der Luft gegriffene Story bringen, schreiben sie beispielsweise, das sei ›Harry Potter, wie wir ihn kennen und lieben‹, und wenn jemandem irgendwas Komisches zustößt, heißt es: ›Hoffen wir, dass er keine Narbe auf der Stirn kriegt, sonst verlangt man demnächst noch von uns, dass wir ihn anbeten‹ –«
»Ich will nicht, dass irgendjemand mich anbetet –«, fuhr Harry hitzig auf.
»Das weiß ich doch«, erwiderte Hermine rasch und sichtlich besorgt. »Ich weiß, Harry. Aber verstehst du, was die treiben? Die wollen dich als jemanden hinstellen, dem keiner glauben kann. Fudge steckt dahinter, jede Wette. Die wollen, dass die Zauberer von der Straße denken, du wärst nichts weiter als ein dummer Junge, eine Art Witzfigur, der lächerliche, übertriebene Geschichten erzählt, weil es ihm so gefällt, berühmt zu sein, und er die Sache am Laufen halten will.«
»Ich hab nicht verlangt – ich hab nicht gewollt – Voldemort hat meine Eltern umgebracht!«, stammelte Harry. »Ich bin berühmt geworden, weil er meine Familie ermordet hat, aber mich nicht töten konnte! Wer will dafür berühmt sein? Können die sich nicht denken, dass es mir lieber wäre, wenn das nie –«
»Das wissen wir, Harry«, sagte Ginny ernst.
»Und natürlich haben sie kein Wort darüber gebracht, dass dich die Dementoren angegriffen haben«, sagte Hermine. »Jemand hat ihnen befohlen, darüber Stillschweigen zu bewahren. Ansonsten wär das eine richtig große Story geworden – Dementoren außer Kontrolle. Die haben nicht mal berichtet, dass du das Internationale Geheimhaltungsabkommen verletzt hast. Wir dachten, das würden sie in jedem Fall bringen, es würde ja so gut zu deinem Image als dummer Angeber passen. Wir vermuten, dass sie erst mal abwarten, bis sie dich von der Schule geworfen haben, dann kommen sie ganz groß damit raus – ich meine, falls du rausgeworfen wirst, natürlich«, ergänzte sie hastig. »Das dürfen die eigentlich nicht, nicht wenn sie sich an ihre eigenen Gesetze halten, die haben nichts gegen dich in der Hand.«
Damit waren sie wieder bei der Anhörung und Harry wollte nicht darüber nachdenken. Er wollte das Thema wechseln und überlegte, wie, doch das Nachdenken wurde ihm erspart durch das Geräusch von Schritten, die treppauf kamen.
»Oh – oh.«
Fred zog kräftig am Langziehohr; wieder knallte es laut und er und George verschwanden. Sekunden später erschien Mrs Weasley an der Tür.
»Die Versammlung ist zu Ende, ihr könnt jetzt runterkommen und zu Abend essen. Harry, die können’s alle nicht erwarten, dich zu sehen. Und wer hat all die Stinkbomben vor der Küchentür liegen lassen?«
»Krummbein«, sagte Ginny, ohne rot zu werden. »Der spielt gern mit denen.«
»Oh«, sagte Mrs Weasley. »Ich dachte, es war vielleicht Kreacher, der stellt ja dauernd dummes Zeug an. Und vergesst nicht, in der Halle leise zu sein. Ginny, du hast schmutzige Hände, was hast du getrieben? Geh und wasch sie vor dem Abendessen, bitte.«
Ginny schnitt den anderen zugewandt eine Grimasse und folgte ihrer Mutter aus dem Zimmer, so dass Harry jetzt mit Ron und Hermine allein war. Beide beobachteten ihn besorgt, als fürchteten sie, nun, da die anderen alle fort waren, würde er wieder anfangen zu schreien. Wie er sie so nervös dastehen sah, schämte er sich fast ein bisschen.
»Seht mal …«, murmelte er, aber Ron schüttelte den Kopf, und Hermine sagte leise: »Wir wussten, dass du wütend sein würdest, Harry, wir machen dir wirklich keinen Vorwurf, aber du musst verstehen – wir haben versucht Dumbledore zu überzeugen –«
»Ja, weiß ich«, sagte Harry knapp.
Er suchte nach einem Thema, das nichts mit seinem Schulleiter zu tun hatte, denn allein schon bei dem Gedanken an Dumbledore spürte Harry erneut eine brennende Wut im Magen.
»Wer ist Kreacher?«, fragte er.
»Der Hauself, der hier lebt«, sagte Ron. »Knallkopf. So was wie den hab ich noch nie erlebt.«
Hermine blickte Ron finster an.
»Er ist kein Knallkopf, Ron.«
»Sein größter Wunsch ist, dass man ihm den Kopf abhackt und ihn auf eine Tafel setzt, genau wie den seiner Mutter«, sagte Ron gereizt. »Ist das normal, Hermine?«
»Nun ja – wenn er ein bisschen merkwürdig ist, dann ist das nicht seine Schuld.«
Ron wandte sich Harry zu und verdrehte die Augen.
»Hermine hat diese Belfer-Sache immer noch nicht aufgegeben.«
»Das heißt nicht Belfer!«, brauste Hermine auf. »Sondern Bund für Elfenrechte. Und nicht nur ich, auch Dumbledore sagt, wir sollten nett zu Kreacher sein.«
»Ja, ja«, sagte Ron. »Kommt, ich verhungere noch.«
Er ging voran zur Tür hinaus und bis zum Treppenabsatz, doch bevor sie hinuntersteigen konnten –
»Wartet!«, hauchte Ron und streckte einen Arm aus, damit Harry und Hermine stehen blieben. »Sie sind immer noch in der Halle, vielleicht können wir was hören.«
Alle drei lugten vorsichtig über das Geländer. Die düstere Halle unten war voller Hexen und Zauberer, darunter Harrys gesamte Leibgarde. Sie tuschelten aufgeregt miteinander. Genau in der Mitte der Schar erkannte Harry den dunklen, fetthaarigen Kopf und die markante Nase seines verhasstesten Lehrers in Hogwarts, Professor Snape. Harry beugte sich noch weiter über das Geländer. Was Snape für den Orden des Phönix unternahm, interessierte ihn sehr …
Eine dünne, fleischfarbene Schnur senkte sich vor Harrys Augen herab. Er blickte auf und sah Fred und George eine Treppe höher, die vorsichtig das Langziehohr auf den dunklen Menschenknäuel unten sinken ließen. Doch schon im nächsten Moment gingen alle in Richtung Haustür und waren außer Sicht.
»Verdammt«, hörte Harry Fred flüstern, während er das Langziehohr wieder einholte.
Sie hörten, wie sich die Haustür öffnete und wieder schloss.
»Snape bleibt nie zum Essen hier«, klärte Ron Harry mit leiser Stimme auf. »Gott sei Dank. Komm.«
»Und denk dran, in der Halle leise zu sein, Harry«, flüsterte Hermine.
Als sie an der Reihe von Hauselfenköpfen an der Wand vorbeikamen, sahen sie, wie Lupin, Mrs Weasley und Tonks die vielen Schlösser und Riegel der Haustür hinter den gerade Hinausgegangenen magisch versiegelten.
»Wir essen unten in der Küche«, flüsterte Mrs Weasley und nahm sie am Fuß der Treppe in Empfang. »Harry, mein Lieber, würdest du bitte auf Zehenspitzen durch die Halle gehen, es ist diese Tür dort –«
KNALL.
»Tonks!«, rief Mrs Weasley entsetzt und wandte sich um.
Tonks lag der Länge nach auf dem Boden. »Tut mir leid!«, jammerte sie. »Dieser bescheuerte Schirmständer, jetzt stolpere ich schon das zweite Mal über den –«
Doch ihre Worte gingen in einem fürchterlichen, ohrenbetäubenden Schrei unter, der einem das Blut in den Adern gefrieren ließ.
Die mottenzerfressenen Samtvorhänge, an denen Harry kurz zuvor vorbeigegangen war, waren auseinandergeflogen, aber hinter ihnen befand sich keine Tür. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte Harry, er würde durch ein Fenster blicken, ein Fenster, hinter dem eine alte Frau mit schwarzer Haube schrie und schrie, als ob sie gefoltert würde – dann erkannte er, dass es nichts weiter war als ein lebensgroßes Porträt, allerdings das wirklichkeitsgetreuste und abstoßendste, das er je gesehen hatte.
Die Alte sabberte und verdrehte die Augen, beim Schreien spannte sich ihre gelbliche Haut straff übers Gesicht; und nun erwachten hinter ihnen, überall in der Halle, die anderen Porträts und fingen ebenfalls zu schreien an, so dass Harry wegen des Lärms tatsächlich die Augen zukniff und sich die Hände auf die Ohren drückte.
Lupin und Mrs Weasley stürzten herbei und versuchten, die Vorhänge wieder über die Alte zu ziehen, doch sie wollten sich nicht schließen lassen, und die Frau kreischte nur noch lauter und fuchtelte mit ihren Klauenhänden, als wollte sie ihre Gesichter erwischen.
»Dreck! Abschaum! Ausgeburten von Schmutz und Niedertracht! Halbblüter, Mutanten, Missgeburten, hinfort von hier! Wie könnt ihr es wagen, das Haus meiner Väter zu besudeln –«
Tonks entschuldigte sich immer wieder, während sie das klobige, schwere Trollbein über den Fußboden schleifte; Mrs Weasley gab den Versuch auf, die Vorhänge zu schließen, eilte durch die Halle und versah alle anderen Porträts per Zauberstab mit einem Schockzauber; aus einer gegenüberliegenden Tür stürzte ein Mann mit langen schwarzen Haaren herein.
»Sei still, du elende alte Sabberhexe, sei STILL!«, donnerte er und packte den Vorhang, den Mrs Weasley losgelassen hatte.
Das Gesicht der Alten erbleichte.
»Duuuuu!«, heulte sie und beim Anblick des Mannes quollen ihre Augen hervor. »Verräter deines Blutes, Scheusal, Schande meines Fleisches!«
»Ich hab – gesagt – sei STILL!«, donnerte der Mann, und unter größter Anstrengung gelang es ihm gemeinsam mit Lupin, die Vorhänge wieder zuzuziehen.
Die Schreie der Alten erstarben und eine dröhnende Stille legte sich über die Halle.
Leicht keuchend drehte sich Harrys Pate Sirius um, wischte sich die langen schwarzen Haare aus den Augen und blickte ihn an.
»Hallo, Harry«, sagte er grimmig. »Wie ich sehe, hast du meine Mutter kennen gelernt.«
Der Orden des Phönix
»Deine –«
»Tja, meine liebe alte Mum«, sagte Sirius. »Seit einem Monat versuchen wir sie nun schon abzuhängen, aber ich fürchte, sie hat den Bildrücken mit einem Dauerklebefluch an die Wand gehext. Lass uns schnell nach unten gehen, bevor sie alle wieder aufwachen.«
»Aber was hat das Porträt deiner Mutter hier zu suchen?«, fragte Harry verdutzt, während sie durch die Tür der Eingangshalle gingen und dicht gefolgt von den anderen eine schmale Steintreppe hinabstiegen.
»Hat dir das keiner erzählt? Das war das Haus meiner Eltern«, sagte Sirius. »Aber ich bin der letzte noch lebende Black, deshalb gehört es jetzt mir. Ich hab es Dumbledore als Hauptquartier angeboten – so ziemlich das einzig Nützliche, was ich beitragen konnte.«
Harry, der sich seinen Empfang anders vorgestellt hatte, fiel auf, wie hart und bitter Sirius’ Stimme klang. Er folgte seinem Paten die Treppe hinab ins Untergeschoss und durch eine Tür, die in die Küche führte.
Sie war ein Gewölbe mit rauen Steinwänden, kaum weniger düster als die Eingangshalle. Das meiste Licht stammte von einem großen Feuer am anderen Ende des Raumes. Pfeifenrauch hing in der Luft wie Pulverdampf nach einer Schlacht, und durch den Rauchschleier ragten die bedrohlichen Umrisse schwerer eiserner Töpfe und Pfannen, die von der dunklen Decke hingen. Für die Versammlung hatte man den Raum mit Stühlen vollgestellt, und mittendrin stand ein langer Holztisch, der übersät war mit Pergamentrollen, Kelchen, leeren Weinflaschen und, wie es den Anschein hatte, einem Haufen Lumpen. Am Ende des Tisches hatten Mr Weasley und sein ältester Sohn Bill die Köpfe zusammengesteckt und redeten leise miteinander.
Mrs Weasley räusperte sich. Ihr Gatte, ein dünner, zur Glatze neigender rothaariger Mann mit Hornbrille, wandte den Kopf und sprang auf.
»Harry!«, rief Mr Weasley, eilte herbei, um ihn zu begrüßen, und schüttelte ihm lebhaft die Hand. »Schön, dich wiederzusehen!«
Über seine Schulter hinweg sah Harry, wie Bill, der sein langes Haar immer noch als Pferdeschwanz trug, hastig die Pergamentbahnen zusammenrollte, die offen auf dem Tisch lagen.
»Gute Reise gehabt, Harry?«, rief Bill und versuchte zwölf Rollen auf einmal aufzusammeln. »Mad-Eye hat dich also nicht über Grönland umgeleitet?«
»Er hat’s versucht«, sagte Tonks und ging auf Bill zu, um ihm zu helfen, wobei sie sogleich eine Kerze auf das letzte Pergamentblatt kippte. »O nein – Verzeihung –«
»Macht doch nichts«, sagte Mrs Weasley mit leicht ärgerlichem Unterton und brachte das Pergament mit einem Schwung ihres Zauberstabs wieder in Ordnung. Im Lichtblitz, den ihr Zauber verursachte, erhaschte Harry einen flüchtigen Blick auf etwas, das aussah wie der Plan eines Gebäudes.
Mrs Weasley hatte seinen Blick gesehen. Sie schnappte den Plan vom Tisch und stopfte ihn in Bills ohnehin überladene Arme.
»Solche Dinge sollten nach der Versammlung schleunigst weggeräumt werden«, fauchte sie, dann rauschte sie hinüber zu einer alten Anrichte und fing an, Teller für das Abendessen herauszuholen.
Bill zückte seinen Zauberstab, murmelte »Evanesco!«, und die Rollen verschwanden.
»Setz dich, Harry«, sagte Sirius. »Mundungus kennst du schon, oder?«
Was Harry für einen Lumpenhaufen gehalten hatte, ließ einen langen grunzenden Schnarcher hören und schreckte dann aus dem Schlaf.
»Jeman’ mein’ Namen genannt?«, murmelte Mundungus benommen. »Bin mit Sirius völlig einer Meinung …« Er schielte mit blutunterlaufenen, triefenden Augen ins Leere und hob eine sehr schmutzige Hand, als wollte er abstimmen.
Ginny kicherte.
»Die Versammlung ist zu Ende, Dung«, sagte Sirius, während sich alle um den Tisch setzten. »Harry ist hier.«
»Hä?«, sagte Mundungus und spähte durch sein verfilztes rotbraunes Haar niedergeschlagen zu Harry hinüber. »Meine Güte, is’ er. Jaah … alles in Or’nung mit dir, ’Arry?«
»Ja«, sagte Harry.
Mundungus, der Harry unentwegt anstarrte, stöberte fahrig in seinen Taschen und zog eine schmierige schwarze Pfeife hervor. Er steckte sie in den Mund, entzündete sie mit seinem Zauberstab und nahm einen tiefen Zug. Augenblicke später verhüllten ihn große wabernde Wolken grünlichen Rauchs.
»Schuld dir ’ne Enschulligung«, grunzte eine Stimme inmitten der stinkenden Wolke.
»Zum letzten Mal, Mundungus«, rief Mrs Weasley, »rauch bitte dieses Kraut nicht in der Küche, schon gar nicht kurz vor dem Essen!«
»Ah«, machte Mundungus. »Gut. Sorry, Molly.«
Die Rauchwolke verschwand, als Mundungus seine Pfeife wieder in die Tasche steckte, doch zurück blieb ein beißender Geruch nach brennenden Socken.
»Und wenn ihr noch vor Mitternacht essen wollt, könnte ich ein wenig Hilfe gebrauchen«, sagte Mrs Weasley in die Runde. »Nein, du bleibst sitzen, Harry, du hast eine lange Reise hinter dir.«
»Du musst mir nur sagen, was ich tun soll, Molly«, sagte Tonks begeistert und stürmte herbei.
Mrs Weasley zögerte. Sie sah besorgt aus.
»Ähm – nein, schon gut, Tonks, du ruhst dich auch aus, du hast heute genug getan.«
»Aber nein, ich möchte helfen!«, sagte Tonks eifrig und warf einen Stuhl um, als sie zur Anrichte stürzte, aus der Ginny gerade Besteck nahm.
Bald schnitten eine Reihe schwerer Messer ganz von alleine Fleisch und Gemüse, überwacht von Mr Weasley, während Mrs Weasley in einem Kessel rührte, der über dem Feuer hing, und die Helfer Teller, Kelche und Speisen aus der Vorratskammer holten. Harry war am Tisch sitzen geblieben wie Sirius und Mundungus, der ihn immer noch traurig anblinzelte.
»Haste seither die alte Figgy wiedergesehn?«, fragte er.
»Nein«, sagte Harry, »ich habe niemanden getroffen.«
»Hör mal, ich wär ja nich weggegangen«, sagte Mundungus, beugte sich vor und schlug einen flehenden Ton an, »aber da war dieses einmalige Geschäft –«
Harry spürte etwas an seinen Knien entlangstreichen und zuckte zusammen, doch es war nur Krummbein, Hermines säbelbeiniger orangeroter Kater, der sich schnurrend einmal um Harrys Beine schlängelte, dann auf Sirius’ Schoß hüpfte und sich dort zusammenrollte. Sirius kraulte ihn abwesend hinter den Ohren und wandte sich mit immer noch grimmiger Miene an Harry.
»Schönen Sommer gehabt bisher?«
»Nein, er war miserabel«, sagte Harry.
Zum ersten Mal huschte der Anflug eines Grinsens über Sirius’ Gesicht.
»Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, worüber du dich beschwerst.«
»Was?«, sagte Harry verdutzt.
»Mir persönlich wär ein Dementorenangriff ganz lieb gewesen. Ein tödlicher Kampf um meine Seele wär eine hübsche Unterbrechung der Langeweile gewesen. Du glaubst, dir wär’s schlecht ergangen, aber wenigstens bist du aus dem Haus gekommen und hast dir ein wenig die Beine vertreten, dir ein paar Kämpfe eingehandelt … Ich sitze seit einem Monat hier fest.«
»Wieso das?«, fragte Harry stirnrunzelnd.
»Weil das Zaubereiministerium immer noch hinter mir her ist, und Voldemort weiß inzwischen bestimmt genau Bescheid, dass ich ein Animagus bin, Wurmschwanz wird es ihm gesagt haben, also ist meine Maskierung nutzlos. Ich kann nicht viel für den Orden des Phönix tun … jedenfalls meint das Dumbledore.«
Etwas an dem leicht bedrückten Tonfall, mit dem Sirius Dumbledores Namen aussprach, sagte Harry, dass auch Sirius nicht besonders gut auf den Schulleiter zu sprechen war. Harry spürte ein jähes Gefühl der Zuneigung für seinen Paten.
»Wenigstens weißt du, was passiert ist«, sagte er aufmunternd.
»Oh, ja«, entgegnete Sirius sarkastisch. »Ich hör mir Snapes Berichte an, lass all die hämischen Andeutungen über mich ergehen, dass er dort draußen sein Leben riskiert, während ich hier auf dem Hintern sitze und es mir hübsch gemütlich mache … fragt er mich doch, wie es mit dem Putzen vorangeht –«
»Putzen?«, fragte Harry.
»Wir versuchen, dieses Haus für menschliche Bewohner herzurichten«, sagte Sirius und wies mit ausladender Geste auf die schäbige Küche. »Seit zehn Jahren hat keiner mehr hier gelebt, seit meine liebe Mutter gestorben ist, außer du zählst ihren alten Hauselfen dazu, und der ist durchgedreht – er hat hier schon eine Ewigkeit nicht mehr geputzt.«
»Sirius«, sagte Mundungus, der offenbar überhaupt nicht auf das Gespräch geachtet, sondern einen leeren Kelch sehr genau in Augenschein genommen hatte. »Is’ das echt Silber, Mann?«
»Ja«, sagte Sirius und betrachtete angewidert den Kelch. »Feinstes koboldgearbeitetes Silber, fünfzehntes Jahrhundert, geprägt mit dem Familienwappen der Blacks.«
»Das kommt dann aber weg«, murmelte Mundungus und polierte es mit dem Ärmelaufschlag.
»Fred – George – NEIN, IHR SOLLT ES TRAGEN!«, kreischte Mrs Weasley.
Harry, Sirius und Mundungus drehten sich um und tauchten blitzschnell vom Tisch weg. Ein großer Kessel voller Eintopf, ein Eisenkrug mit Butterbier und ein schweres hölzernes Brotschneidebrett mitsamt Messer flogen, von Fred und George verzaubert, durch die Luft auf sie zu. Der Eintopf schlitterte über den Tisch, kam kurz vor der Kante zum Stehen und hinterließ eine lange schwarze Brandspur auf dem Holz; der Butterbierkrug krachte auf die Platte und verspritzte seinen Inhalt; das Brotmesser rutschte vom Brett und landete, die Spitze unheilvoll im Holz zitternd, genau an der Stelle, wo Sekunden zuvor noch Sirius’ Hand gelegen hatte.
»UM HIMMELS WILLEN!«, schrie Mrs Weasley. »DAS WAR NICHT NÖTIG – JETZT REICHT’S MIR – NUR WEIL IHR JETZT MAGIE GEBRAUCHEN DÜRFT, MÜSST IHR EURE ZAUBERSTÄBE NICHT WEGEN JEDER KLEINIGKEIT RAUSHOLEN!«
»Wir wollten doch nur ein wenig Zeit sparen!«, sagte Fred und trat eilends hinzu, um das Brotmesser aus dem Tisch zu ziehen. »Sorry, Sirius, altes Haus – war keine Absicht –«
Harry und Sirius lachten; Mundungus, der rücklings vom Stuhl gefallen war, rappelte sich fluchend auf; Krummbein hatte zornig gefaucht und war unter die Anrichte geflohen, wo seine großen gelben Augen nun in der Dunkelheit glommen.
»Jungs«, sagte Mr Weasley und hievte den Eintopf in die Mitte des Tisches, »eure Mutter hat Recht, ihr solltet jetzt, da ihr volljährig seid, ein gewisses Verantwortungsgefühl an den Tag legen –«
»Keiner eurer Brüder hat solchen Ärger gemacht!«, schimpfte Mrs Weasley mit den Zwillingen und knallte einen frischen Krug Butterbier auf den Tisch, wobei nicht viel weniger verschüttet wurde als kurz zuvor. »Bill hatte nicht das Gefühl, er müsse wegen ein paar Metern gleich apparieren! Charlie hat nicht alles verhext, was ihm vor die Nase kam! Percy –«
Sie verstummte schlagartig, hielt den Atem an und blickte ängstlich zu ihrem Mann hinüber, dessen Miene plötzlich hölzern geworden war.
»Lasst uns essen«, sagte Bill rasch.
»Sieht lecker aus, Molly«, sagte Lupin, schöpfte ihr Eintopf auf einen Teller und reichte ihn über den Tisch.
Einige Minuten lang, während alle sich über das Essen hermachten, herrschte Stille, nur unterbrochen vom Klirren der Teller und Bestecke und vom Scharren der Stühle. Dann wandte sich Mrs Weasley an Sirius.
»Was ich dir noch sagen wollte, Sirius, da steckt was in diesem Schreibpult im Salon, andauernd klappert und ruckelt das. Könnte natürlich nur ein Irrwicht sein, aber ich dachte, wir sollten Alastor fragen, damit er einen Blick drauf wirft, bevor wir ihn rauslassen.«
»Wie du meinst«, antwortete Sirius gleichmütig.
»Und außerdem sind die Vorhänge dort drin voller Doxys«, fuhr Mrs Weasley fort. »Ich dachte, wir könnten die vielleicht morgen in Angriff nehmen.«
»Ich freu mich schon drauf«, sagte Sirius. Harry hörte den sarkastischen Unterton in seiner Stimme, war sich aber nicht sicher, ob dies sonst noch jemandem auffiel.
Harry gegenüber saß Tonks, die Hermine und Ginny unterhielt, indem sie zwischen zwei Bissen ihre Nase veränderte. Wie schon in Harrys Zimmer kniff sie mit angestrengter Miene die Augen zu, und ihre Nase schwoll zu einem schnabelartigen Höcker an, ähnlich dem von Snape, und schrumpfte dann wieder auf die Größe eines Champignons, wobei büschelweise Haare aus den Nasenlöchern sprossen. Offenbar handelte es sich um eine ganz normale Unterhaltungseinlage zum Abendessen, denn bald verlangten Hermine und Ginny ihre Lieblingsnasen.
»Machen Sie die Schweineschnauze, Tonks.«
Tonks tat wie geheißen, und Harry hatte, als er aufschaute, den flüchtigen Eindruck, ein weiblicher Dudley würde ihm von der anderen Tischseite her zugrinsen.
Mr Weasley, Bill und Lupin waren in ein Gespräch über Kobolde vertieft.
»Die verraten jetzt noch nichts«, sagte Bill. »Ich weiß nach wie vor nicht, ob sie glauben, dass er zurück ist, oder nicht. Natürlich ist es ihnen möglicherweise lieber, nicht Partei zu ergreifen. Sich aus der Sache rauszuhalten.«
»Ich bin sicher, die würden nie zu Du-weißt-schon-wem überlaufen«, sagte Mr Weasley kopfschüttelnd. »Auch sie hatten Verluste; erinnert ihr euch noch an diese Koboldfamilie, die er das letzte Mal ermordet hat, in der Nähe von Nottingham?«
»Ich glaube, es hängt davon ab, was man ihnen anbietet«, sagte Lupin. »Und ich rede nicht von Gold. Wenn man ihnen die Freiheiten bietet, die wir ihnen seit Jahrhunderten verwehren, kommen sie in Versuchung. Hast du noch immer kein Glück mit Ragnok gehabt, Bill?«
»Im Moment hat er von Zauberern die Nase voll«, sagte Bill, »er ist immer noch wütend wegen dieser Bagman-Geschichte und glaubt, das Ministerium hätte die Sache vertuscht, diese Kobolde haben nämlich nie ihr Gold von ihm gekriegt –«
Eine Lachsalve von der Mitte der Tafel übertönte den Rest von Bills Worten. Fred, George, Ron und Mundungus kugelten sich auf ihren Stühlen.
»… und dann«, japste Mundungus und Tränen liefen ihm übers Gesicht, »und dann, ihr glaubt’s mir nich, sacht er doch zu mir, sacht er: ›Hö’ mal, Dung, wo hast’en all die Kröten her? Weil irgend so ’n Klatscherbalg hat mir doch tatsächlich alle geklaut!‹ Und ich sach: ›Dir hamse alle Kröten geklaut, Will, was nu? Da brauchst du wieder ’n paar?‹ Und ihr glaubt’s mir nich, Leute, dieser grunzdumme Gnom – kauft seine ganzen Kröten von mir zurück, für viel mehr, als er damals gezahlt hat –«
»Ich glaube nicht, dass wir noch mehr über deine Geschäftstätigkeiten erfahren möchten, vielen Dank, Mundungus«, sagte Mrs Weasley scharf, während sich Ron, brüllend vor Lachen, bäuchlings über den Tisch warf.
»Versseihung, Molly«, sagte Mundungus rasch, wischte sich die Augen und zwinkerte Harry zu. »Aber weiß’ du, Will hatte sie ja schon von Warzen-Harris geklaut, also hab ich eigentlich gar nix Falsches gemacht.«
»Ich weiß nicht, wo du Richtig und Falsch zu unterscheiden gelernt hast, Mundungus, aber offensichtlich hast du ein paar entscheidende Lektionen verpasst«, sagte Mrs Weasley kühl.
Fred und George senkten die Gesichter in ihre Butterbierkelche; George hickste. Aus irgendeinem Grund warf Mrs Weasley Sirius einen sehr bösen Blick zu, dann stand sie auf, um zum Nachtisch einen großen Rhabarberauflauf zu holen. Harry drehte sich zu seinem Paten um.
»Molly hält nichts von Mundungus«, sagte Sirius gedämpft.
»Und wie kommt’s, dass er im Orden ist?«, sagte Harry sehr leise.
»Er ist nützlich«, murmelte Sirius. »Kennt alle Gauner – klar, er ist ja selber einer. Aber er steht auch sehr treu zu Dumbledore, weil der ihm mal aus der Patsche geholfen hat. Es lohnt sich, jemanden wie Dung dabeizuhaben, er hört Dinge, von denen wir nichts erfahren. Aber Molly glaubt, es geht zu weit, wenn man ihn einlädt, zum Essen zu bleiben. Dass er seine Pflicht hat sausen lassen, als er dich beschatten sollte, hat sie ihm nicht verziehen.«
Drei Schläge Rhabarberauflauf mit Vanillesoße später fühlte sich der Bund von Harrys Jeans unbequem eng an (was etwas heißen wollte, denn die Jeans hatte einst Dudley gehört). Als er seinen Löffel weglegte, war das Gespräch rundum ruhiger geworden: Mr Weasley lehnte sich im Stuhl zurück, er wirkte satt und entspannt; Tonks, wieder mit ihrer normalen Nase, gähnte herzhaft; und Ginny, die Krummbein unter der Anrichte hervorgelockt hatte, saß im Schneidersitz am Boden und warf ihm Butterbierkorken zum Fangen hin.
»Bald Zeit fürs Bett«, sagte Mrs Weasley gähnend.
»Noch nicht ganz, Molly«, erwiderte Sirius, schob seinen leeren Teller weg und wandte sich Harry zu. »Ehrlich gesagt, du überraschst mich. Ich hätte gedacht, sobald du hier ankommst, stellst du Fragen über Voldemort.«
Die Atmosphäre im Raum schlug derart schnell um, dass sich Harry an das Auftauchen von Dementoren erinnert fühlte. Noch vor Sekunden schläfrig und gelassen, war die Stimmung jetzt wachsam, ja gespannt. Bei der Erwähnung Voldemorts war ein kalter Schauder um den Tisch gegangen. Lupin, der gerade an seinem Wein nippen wollte, ließ den Kelch langsam und mit argwöhnischer Miene sinken.
»Hab ich doch!«, sagte Harry entrüstet. »Ich hab Ron und Hermine gefragt, aber die sagten, wir seien im Orden nicht zugelassen, also –«
»Und sie haben vollkommen Recht«, sagte Mrs Weasley. »Ihr seid zu jung.«
Sie saß stocksteif auf ihrem Stuhl, die Fäuste auf den Armlehnen geballt, und jede Spur von Schläfrigkeit war aus ihrem Gesicht verschwunden.
»Seit wann muss jemand im Orden des Phönix sein, um Fragen zu stellen?«, sagte Sirius. »Harry saß einen Monat lang in diesem Muggelhaus fest. Er hat das Recht zu erfahren, was pass–«
»Wart mal!«, warf George laut ein.
»Wieso kriegt eigentlich Harry Antworten auf seine Fragen?«, sagte Fred wütend.
»Wir versuchen seit einem Monat, dir was aus der Nase zu ziehen, und du hast uns kein einziges stinkendes Wort gesagt!«, rief George.
»Ihr seid zu jung, ihr seid nicht im Orden«, sagte Fred mit schriller Stimme, die unverkennbar nach der seiner Mutter klang. »Harry ist noch nicht mal volljährig!«
»Es ist nicht meine Schuld, dass man euch nicht gesagt hat, was der Orden unternimmt«, erklärte Sirius ruhig, »das war die Entscheidung eurer Eltern. Harry jedoch –«
»Es ist nicht deine Sache, zu entscheiden, was für Harry gut ist«, sagte Mrs Weasley scharf. Der Ausdruck ihres sonst so freundlichen Gesichts wirkte gefährlich. »Du hast nicht vergessen, was Dumbledore gesagt hat, nehm ich an?«
»Was meinst du jetzt speziell?«, fragte Sirius höflich, doch mit der Miene eines Mannes, der sich bereit zum Kampf macht.
»Dass Harry nicht mehr erfahren darf, als er wissen muss«, sagte Mrs Weasley und betonte die letzten beiden Wörter nachdrücklich.
Die Köpfe von Ron, Hermine, Fred und George wandten sich abwechselnd Sirius und Mrs Weasley zu, als würden sie einem Ballwechsel beim Tennis folgen. Ginny kniete inmitten eines Haufens herumliegender Butterbierkorken und verfolgte die Unterhaltung mit leicht geöffnetem Mund. Lupins Blick war auf Sirius geheftet.
»Ich habe nicht die Absicht, ihm mehr zu sagen, als er wissen muss, Molly«, erwiderte Sirius. »Aber als derjenige, der Voldemort zurückkommen sah« (erneut ging ein Schauder reihum), »hat er eher ein Recht als die meisten –«
»Er ist kein Mitglied des Phönixordens!«, sagte Mrs Weasley. »Er ist erst fünfzehn und –«
»Und er ist mit ebenso viel fertig geworden wie die meisten im Orden«, sagte Sirius, »und mit mehr, als manche von sich behaupten können.«
»Keiner bestreitet, was er getan hat!«, sagte Mrs Weasley mit erhobener Stimme und ihre Fäuste auf den Armlehnen bebten. »Aber er ist immer noch –«
»Er ist kein Kind mehr!«, sagte Sirius unwirsch.
»Ein Erwachsener ist er auch nicht!«, erwiderte Mrs Weasley und ihre Wangen färbten sich. »Er ist nicht James, Sirius!«
»Mir ist vollkommen klar, wer er ist, danke, Molly«, sagte Sirius kühl.
»Da bin ich mir nicht so sicher!«, sagte Mrs Weasley. »Manchmal redest du über ihn, als würdest du glauben, du hättest deinen besten Freund wieder!«
»Was soll daran falsch sein?«, fragte Harry.
»Falsch daran ist, Harry, dass du nicht dein Vater bist, wie ähnlich du ihm auch sein magst!«, sagte Mrs Weasley und sah Sirius mit bohrendem Blick an. »Du gehst noch immer zur Schule, und Erwachsene, die für dich verantwortlich sind, sollten das nicht vergessen!«
»Soll das heißen, ich bin ein verantwortungsloser Pate?«, fragte Sirius und fuhr auf.
»Das soll heißen, dass du bekannt dafür bist, unüberlegt zu handeln, Sirius, weshalb Dumbledore dich dauernd ermahnt, zu Hause zu bleiben und –«
»Dumbledores Anweisungen für mich tun hier nichts zur Sache, wenn ich bitten darf!«, sagte Sirius laut.
»Arthur!«, sagte Mrs Weasley und wandte sich ihrem Mann zu. »Arthur, sag doch was!«
Mr Weasley schwieg zunächst. Er nahm die Brille ab und putzte sie langsam an seinem Umhang, ohne seine Frau anzusehen. Erst als er sie behutsam wieder auf die Nase gesetzt hatte, antwortete er.
»Dumbledore weiß, dass die Lage sich geändert hat, Molly. Er ist dafür, dass Harry jetzt, da er sich im Hauptquartier aufhält, bis zu einem gewissen Punkt unterrichtet wird.«
»Ja, aber das heißt noch lange nicht, dass man ihn auffordert zu fragen, was immer er wissen will!«
»Ich persönlich«, sagte Lupin leise und wandte endlich den Blick von Sirius ab, während Mrs Weasley sich rasch zu ihm umdrehte, in der Hoffnung, nun endlich einen Verbündeten zu bekommen, »ich persönlich halte es für besser, wenn Harry die Tatsachen erfährt – nicht alle Tatsachen, Molly, aber er sollte einen groben Überblick bekommen – von uns, und nicht eine entstellte Variante … von anderen.«
Sein Gesichtsausdruck war freundlich, aber Harry war sich sicher, dass Lupin wusste, dass einige Langziehohren Mrs Weasleys Säuberungsaktion überlebt hatten.
»Nun«, sagte Mrs Weasley schwer atmend und sah vergeblich Hilfe suchend in die Runde, »nun … ich seh schon, ich werde überstimmt. Ich will nur eines sagen: Wenn Dumbledore nicht wollte, dass Harry zu viel erfährt, dann muss er seine Gründe dafür gehabt haben, und als jemand, dem Harrys ureigenes Wohl am Herzen liegt –«
»Er ist nicht dein Sohn«, sagte Sirius leise.
»Aber so gut wie«, sagte Mrs Weasley heftig. »Wen hat er denn sonst noch?«
»Er hat mich!«
»Ja«, sagte Mrs Weasley und ihre Lippen kräuselten sich, »die Sache ist nur die, dass es für dich recht schwierig war, sich um ihn zu kümmern, während du in Askaban eingesperrt warst, oder?«
Sirius machte Anstalten, sich zu erheben.
»Molly, du bist nicht der einzige Mensch hier am Tisch, der sich um Harry sorgt«, sagte Lupin scharf. »Sirius, setz dich hin.«
Mrs Weasleys Unterlippe bebte. Sirius sank langsam auf seinen Stuhl zurück. Er war weiß im Gesicht.
»Ich denke, Harry sollte dabei ein Wort mitreden dürfen«, fuhr Lupin fort, »er ist alt genug, um selbst zu entscheiden.«
»Ich will wissen, was inzwischen alles passiert ist«, sagte Harry sofort.
Er sah Mrs Weasley nicht an. Dass er wie ein Sohn für sie war, wie sie gesagt hatte, rührte ihn, aber von ihr bemuttert zu werden machte ihn auch ungeduldig. Sirius hatte Recht, er war kein Kind mehr.
»Also gut«, sagte Mrs Weasley mit brüchiger Stimme. »Ginny – Ron – Hermine – Fred – George – ich will, dass ihr aus der Küche verschwindet, und zwar sofort.«
Augenblicklich kam es zum Tumult.
»Wir sind volljährig!«, brüllten Fred und George im Chor.
»Wenn Harry darf, warum dann nicht ich?«, rief Ron.
»Mum, ich will das hören!«, klagte Ginny.
»NEIN!«, rief Mrs Weasley und erhob sich. Ihre Augen glänzten. »Ich verbiete euch abso–«
»Molly, Fred und George kannst du es nicht verbieten«, sagte Mr Weasley matt. »Sie sind volljährig.«
»Sie gehen immer noch zur Schule.«
»Aber dem Gesetz nach sind sie jetzt Erwachsene«, sagte Mr Weasley mit unverändert müder Stimme.
Mrs Weasley war nun scharlachrot im Gesicht.
»Ich – oh, von mir aus, Fred und George können bleiben, aber Ron –«
»Harry erzählt mir und Hermine sowieso alles, was ihr sagt!«, rief Ron aufgebracht. »Oder – oder nicht?«, fügte er unsicher hinzu und suchte Harrys Blick.
Einen kurzen Moment lang schoss Harry durch den Kopf, er könnte Ron sagen, dass er kein einziges Wort von ihm zu hören kriegen würde, damit er mal spürte, wie es war, nichts zu erfahren, und sehen konnte, wie ihm das schmeckte. Aber der gemeine Impuls verschwand, als sie sich anblickten.
»Klar werd ich das«, sagte Harry.
Ron und Hermine strahlten.
»Schön!«, rief Mrs Weasley. »Schön! Ginny – INS BETT!«
Ginny ging nicht leise. Sie konnten sie die ganze Treppe hinauf gegen ihre Mutter wüten und toben hören, und als sie die Halle erreicht hatte, verstärkten Mrs Blacks markerschütternde Schreie noch das Getöse. Lupin eilte zum Porträt hoch, um für Ruhe zu sorgen. Erst als er zurück war, die Küchentür hinter sich geschlossen und seinen Platz am Tisch wieder eingenommen hatte, begann Sirius zu sprechen.
»Gut, Harry … was willst du wissen?«
Harry holte tief Luft und stellte die Frage, die ihn seit einem Monat nicht mehr losließ.
»Wo ist Voldemort?«, sagte er, ohne darauf zu achten, dass bei dem Namen wieder alle schauderten und zusammenzuckten. »Was hat er unternommen? Ich hab versucht die Muggelnachrichten zu sehen, und es gab noch nichts, was nach ihm aussah, keine merkwürdigen Todesfälle und dergleichen.«
»Weil es bislang noch keine merkwürdigen Todesfälle gegeben hat«, sagte Sirius, »jedenfalls soweit wir wissen … und wir wissen eine ganze Menge.«
»Auf jeden Fall mehr, als er glaubt«, sagte Lupin.
»Wie kommt es, dass er aufgehört hat, Menschen zu töten?«, fragte Harry. Er wusste, dass Voldemort allein im vergangenen Jahr mehr als einmal gemordet hatte.
»Weil er keine Aufmerksamkeit auf sich lenken will«, sagte Sirius. »Das wäre gefährlich für ihn. Seine Rückkehr ist ihm nicht ganz so gelungen, wie er sich das vorgestellt hat, verstehst du. Er hat sie vermasselt.«
»Besser gesagt, du hast sie ihm vermasselt«, sagte Lupin und lächelte zufrieden.
»Wie?«, fragte Harry perplex.
»Du solltest eigentlich nicht überleben!«, sagte Sirius. »Niemand außer seinen Todessern sollte wissen, dass er zurück ist. Aber du hast überlebt und kannst es bezeugen.«
»Und der Letzte, der wegen seiner Rückkehr alarmiert werden sollte, war Dumbledore«, sagte Lupin. »Und du hast dafür gesorgt, dass es Dumbledore sofort erfahren hat.«
»Und was hat das gebracht?«, fragte Harry.
»Machst du Witze?«, entgegnete Bill ungläubig. »Dumbledore war der Einzige, vor dem Du-weißt-schon-wer jemals Angst hatte!«
»Dank dir konnte Dumbledore schon eine knappe Stunde nach Voldemorts Rückkehr den Orden des Phönix wieder einberufen«, sagte Sirius.
»Und – was hat der Orden unternommen?«, sagte Harry und blickte in die Runde.
»Wir tun alles, was wir können, um dafür zu sorgen, dass Voldemort seine Pläne nicht verwirklichen kann«, erwiderte Sirius.
»Woher wisst ihr, was er plant?«, fragte Harry rasch.
»Dumbledore hat eine ungefähre Vorstellung«, sagte Lupin, »und Dumbledores ungefähre Vorstellungen erweisen sich normalerweise als zutreffend.«
»Und was vermutet Dumbledore, dass er plant?«
»Nun, zunächst will er seine Armee wieder aufbauen«, sagte Sirius. »In alten Zeiten standen gewaltige Scharen unter seinem Befehl: Hexen und Zauberer, die er erpresst oder verhext hatte, ihm zu folgen, seine getreuen Todesser, viele verschiedene dunkle Kreaturen. Du hast gehört, dass er vorhat, die Riesen für sich zu gewinnen; nun, das wird nur eine der Gruppen sein, die er für sich einnehmen will. Mit Sicherheit wird er nicht versuchen, es nur mit einem Dutzend Todessern gegen das Zaubereiministerium aufzunehmen.«
»Also versucht ihr, ihn aufzuhalten, bevor er noch mehr Anhänger bekommt?«
»Wir tun unser Bestes«, erwiderte Lupin.
»Wie?«
»Nun, das Wichtigste ist, dass wir versuchen, möglichst viele davon zu überzeugen, dass Du-weißt-schon-wer zurückgekehrt ist, damit sie sich wappnen«, sagte Bill. »Das ist allerdings gar nicht so einfach.«
»Warum?«
»Wegen der Haltung des Ministeriums«, sagte Tonks. »Du hast Cornelius Fudge gesehen, nachdem Du-weißt-schon-wer zurückgekommen war, Harry. Nun, er hat seine Position überhaupt nicht verändert. Er weigert sich steif und fest zu glauben, dass es so ist.«
»Aber weshalb?«, fragte Harry aufgebracht. »Weshalb ist er so dumm? Wenn Dumbledore –«
»Tja, da hast du den Finger auf die Wunde gelegt«, sagte Mr Weasley mit einem gequälten Lächeln. »Dumbledore.«
»Fudge hat Angst vor ihm, verstehst du«, sagte Tonks traurig.
»Angst vor Dumbledore?«, fragte Harry ungläubig.
»Angst vor dem, was er vorhat«, erwiderte Mr Weasley. »Fudge glaubt, Dumbledore heckt eine Verschwörung aus, um ihn zu stürzen. Er glaubt, Dumbledore will Zaubereiminister werden.«
»Aber Dumbledore will doch nicht –«
»Natürlich will er nicht«, sagte Mr Weasley. »Er wollte nie das Amt des Ministers, obwohl eine Menge Leute ihn dazu gedrängt haben, als Millicent Bagnold in den Ruhestand ging. Stattdessen kam Fudge an die Macht, aber er hat nie vergessen, welch breite Unterstützung Dumbledore genoss, obwohl er sich nie um den Posten beworben hatte.«
»Tief in seinem Innern weiß Fudge, dass Dumbledore weit klüger ist als er, ein viel mächtigerer Zauberer, und in seiner frühen Amtszeit als Minister hat er Dumbledore ständig um Hilfe und Rat gebeten«, sagte Lupin. »Aber wie es scheint, hat er sich mit der Macht angefreundet und ist viel selbstsicherer geworden. Er genießt es, Zaubereiminister zu sein, und hat es geschafft, sich einzureden, dass er der Klügste ist und dass Dumbledore nur Scherereien um ihrer selbst willen heraufbeschwört.«
»Wie kann er so etwas glauben?«, sagte Harry zornig. »Wie kann er glauben, dass Dumbledore alles nur erfindet – dass ich alles erfinde?«
»Wenn das Ministerium sich eingestehen würde, dass Voldemort zurück ist, hieße das, sie hätten es mit den größten Schwierigkeiten seit fast vierzehn Jahren zu tun«, sagte Sirius bitter. »Fudge bringt es einfach nicht fertig, sich dem zu stellen. Es ist ja so viel bequemer, wenn er sich einredet, Dumbledore lüge, um seine Stellung zu untergraben.«
»Da liegt das Problem«, sagte Lupin. »Wenn das Ministerium darauf beharrt, dass es von Voldemort nichts zu befürchten gibt, ist es schwierig, die Leute davon zu überzeugen, dass er zurück ist, besonders da sie es zunächst im Grunde gar nicht glauben wollen. Zudem übt das Ministerium starken Druck auf den Tagespropheten aus, nichts von dem zu berichten, was sie Dumbledores Gerüchteküche nennen, also hat der größte Teil der Zauberergemeinschaft überhaupt keine Ahnung, dass irgendetwas geschehen ist, und das macht sie zu leichter Beute für die Todesser, wenn die den Imperius-Fluch einsetzen.«
»Aber ihr erzählt es doch den Leuten, oder nicht?«, sagte Harry und blickte reihum zu Mr Weasley, Sirius, Bill, Mundungus, Lupin und Tonks. »Ihr lasst die Leute doch wissen, dass er zurück ist?«
Sie lächelten gezwungen.
»Nun ja, alle glauben, ich sei ein verrückter Massenmörder, und das Ministerium hat einen Preis von zehntausend Galleonen auf meinen Kopf ausgesetzt. Ich kann wohl kaum durch die Straßen ziehen und Flugblätter verteilen, oder?«, sagte Sirius unruhig.
»Und ich bin bei den meisten in der Gemeinschaft kein sonderlich beliebter Dinnergast«, sagte Lupin. »Das gehört zum Berufsrisiko eines Werwolfs.«
»Tonks und Arthur würden ihre Stellen im Ministerium verlieren, wenn sie anfingen, den Mund aufzumachen«, sagte Sirius, »und es ist sehr wichtig für uns, Spione im Ministerium zu haben, weil du davon ausgehen kannst, dass Voldemort auch welche hat.«
»Immerhin haben wir es geschafft, ein paar Leute zu überzeugen«, sagte Mr Weasley. »Tonks hier, zum Beispiel – das letzte Mal war sie noch zu jung für den Orden des Phönix, und Auroren auf unserer Seite zu haben ist ein gewaltiger Vorteil – auch Kingsley Shacklebolt ist ein echter Trumpf; er ist verantwortlich für die Jagd nach Sirius, also hat er das Ministerium mit der Information gefüttert, dass Sirius in Tibet sei.«
»Aber wenn keiner von euch die Nachricht verbreitet, dass Voldemort zurück ist –«, fing Harry an.
»Wer sagt, dass keiner von uns die Nachricht verbreitet?«, sagte Sirius. »Warum, glaubst du, hat Dumbledore so viel Ärger?«
»Was soll das heißen?«, fragte Harry.
»Sie versuchen ihn unglaubwürdig zu machen«, sagte Lupin. »Hast du letzte Woche nicht den Tagespropheten gelesen? Sie haben berichtet, dass er aus dem Vorstand der Internationalen Zauberervereinigung rausgewählt wurde, weil er alt werde und nicht mehr alle Tassen im Schrank habe, aber das stimmt nicht; er wurde von Ministeriumszauberern rausgewählt, nachdem er in einer Rede Voldemorts Rückkehr verkündet hatte. Sie haben ihm das Amt des Großmeisters beim Zaubergamot entzogen – das ist das Oberste Gericht der Zauberer –, und sie reden davon, ihm auch den Merlinorden erster Klasse abzuerkennen.«
»Aber Dumbledore sagt, ihm ist egal, was sie tun, solange sie ihn nicht aus den Schokofroschkarten rausnehmen«, sagte Bill grinsend.
»Das ist nicht zum Lachen«, sagte Mr Weasley scharf. »Wenn er dem Ministerium weiterhin auf diese Weise die Stirn bietet, könnte er in Askaban landen, und das Letzte, was wir wollen, ist ein eingesperrter Dumbledore. Solange Du-weißt-schon-wer weiß, dass Dumbledore irgendwo da draußen ist und seine Absichten kennt, wird er mit Bedacht vorgehen. Wenn Dumbledore aus dem Weg ist – dann hat Du-weißt-schon-wer freie Bahn.«
»Aber wenn Voldemort versucht noch mehr Todesser zu gewinnen, muss doch rauskommen, dass er zurück ist, oder?«, fragte Harry verzweifelt.
»Voldemort marschiert nicht zu den Leuten hin und klopft an ihre Türen, Harry«, sagte Sirius. »Er überlistet, er verhext und erpresst sie. Er handelt im Geheimen, darin hat er viel Übung. Er ist sowieso nicht nur daran interessiert, Gefolgsleute zu sammeln. Er hat noch andere Pläne, Pläne, die er tatsächlich ganz ohne Aufsehen verwirklichen kann, und im Moment konzentriert er sich auf die.«
»Was sucht er denn, abgesehen von Gefolgsleuten?«, fragte Harry rasch. Er hatte den Eindruck, Sirius und Lupin einen sehr flüchtigen Blick austauschen zu sehen, bevor Sirius antwortete.
»Dinge, die er nur absolut heimlich bekommen kann.«
Da Harry weiterhin ratlos dreinsah, sagte Sirius: »Zum Beispiel eine Waffe. Etwas, das er das letzte Mal nicht hatte.«
»Als er schon einmal Macht hatte?«
»Ja.«
»Was für eine Waffe?«, sagte Harry. »Etwas Schlimmeres als den Avada Kedavra –?«
»Das reicht jetzt!«
Mrs Weasley stand im Schatten neben der Tür. Harry hatte nicht bemerkt, dass sie zurückgekehrt war, nachdem sie Ginny hochgebracht hatte. Sie hatte die Arme verschränkt und sah wütend aus.
»Ich möchte, dass ihr zu Bett geht, sofort. Und zwar alle«, fügte sie hinzu und ließ den Blick über Fred, George, Ron und Hermine wandern.
»Du kannst uns hier nicht rumkommandieren –«, begann Fred.
»Pass auf«, fauchte Mrs Weasley. Sie zitterte leicht, als sie Sirius ansah. »Ihr habt Harry eine Menge Informationen gegeben. Noch ein wenig mehr, und ihr könnt ihn auch gleich in den Orden aufnehmen.«
»Warum nicht?«, warf Harry rasch ein. »Ich werde beitreten, ich will beitreten, ich will kämpfen.«
»Nein.«
Jetzt hatte nicht Mrs Weasley, sondern Lupin gesprochen.
»Der Orden besteht nur aus volljährigen Zauberern«, sagte er. »Zauberern, die mit der Schule fertig sind«, fügte er hinzu, da Fred und George die Münder aufsperrten. »Es sind Gefahren damit verbunden, von denen ihr nichts ahnen könnt, keiner von euch … Ich glaube, Molly hat Recht, Sirius. Wir haben genug gesagt.«
Sirius hob leicht die Achseln, entgegnete aber nichts. Mrs Weasley winkte ihren Söhnen und Hermine gebieterisch zu. Einer nach dem anderen erhob sich, und Harry, der einsah, dass er verloren hatte, folgte ihnen.
Das fürnehme und gar alte Haus der Blacks
Mrs Weasley ging mit grimmiger Miene hinter ihnen die Treppe hinauf. »Ihr geht sofort zu Bett und es wird nicht mehr geredet«, befahl sie, als sie den ersten Stock erreicht hatten. »Wir haben morgen viel zu tun. Ich denke, Ginny schläft schon«, fügte sie an Hermine gewandt hinzu, »also versuch sie bitte nicht aufzuwecken.«
»Schläft schon, ja, sicher«, sagte Fred halblaut, als Hermine ihnen gute Nacht gewünscht hatte und sie einen Stock höher stiegen. »Wenn Ginny nicht noch wach ist und auf Hermine wartet, damit sie ihr alles erzählt, was sie unten gesagt haben, dann bin ich ein Flubberwurm …«
»Also, Ron, Harry«, sagte Mrs Weasley auf dem zweiten Treppenabsatz und deutete auf ihr Schlafzimmer. »Ab ins Bett mit euch.«
»Nacht«, sagten Harry und Ron zu den Zwillingen.
»Schlaft gut«, sagte Fred augenzwinkernd.
Mrs Weasley ließ die Tür hinter Harry laut ins Schloss fallen. Das Schlafzimmer wirkte noch feuchter und düsterer als beim ersten Anblick. Das leere Bild an der Wand atmete jetzt ganz langsam und tief, als würde sein unsichtbarer Bewohner schlafen. Harry zog seinen Schlafanzug an, nahm die Brille ab und stieg in sein klammes Bett, während Ron Eulenkekse auf den Schrank warf, um Hedwig und Pigwidgeon ruhig zu stimmen, die herumklackerten und nervös mit den Flügeln raschelten.
»Wir können sie nicht jede Nacht zum Jagen rauslassen«, erklärte Ron, während er seinen kastanienbraunen Pyjama anzog. »Dumbledore will nicht, dass zu viele Eulen über den Platz schwirren, das würde verdächtig aussehen, meint er. Ach ja … hab ich vergessen …«
Er ging hinüber zur Tür und verriegelte sie.
»Warum machst du das?«
»Kreacher«, sagte Ron und löschte das Licht. »In meiner ersten Nacht hier kam er um drei Uhr morgens reinspaziert. Nicht gerade angenehm, wenn du aufwachst und siehst, dass er in deinem Zimmer herumschleicht, glaub mir. Jedenfalls …«, er stieg ins Bett, legte sich unter die Decke und blickte Harry in der Dunkelheit an; Harry sah seinen Umriss im Mondlicht, das durch die schmutzige Fensterscheibe sickerte, »was hältst du davon?«
Harry brauchte Ron nicht zu fragen, was er meinte.
»Nun, das bisschen, was sie uns erzählt haben, hätten wir uns auch selber zusammenreimen können, oder?«, antwortete er und ließ sich noch einmal durch den Kopf gehen, was in der Küche gesagt worden war. »Ich meine, im Grunde haben sie nur gesagt, dass der Orden versucht, die Leute davon abzuhalten, sich Vol–«
Ron atmete zischend ein.
»–demort anzuschließen«, sagte Harry bestimmt. »Wann fängst du endlich an, seinen Namen zu benutzen? Sirius und Lupin tun’s auch.«
Ron überhörte seine letzte Bemerkung.
»Ja, du hast Recht«, sagte er, »wir haben schon fast alles gewusst, was sie uns gesagt haben, weil wir die Langziehohren benutzt haben. Das einzig Neue war –«
Knall.
»AUTSCH!«
»Sei leise, Ron, oder Mum steht gleich wieder auf der Matte.«
»Ihr zwei seid auf meinen Knien appariert!«
»Tja, im Dunkeln ist es eben schwieriger.«
Harry sah die schemenhaften Umrisse von Fred und George von Rons Bett hüpfen. Sprungfedern ächzten, und Harrys Matratze senkte sich eine Handbreit, als George sich neben seine Füße setzte.
»Ihr seid also schon beim Thema?«, fragte George neugierig.
»Bei der Waffe, von der Sirius gesprochen hat?«, sagte Harry.
»Die ihm wohl eher rausgerutscht ist«, sagte Fred, der jetzt neben Ron saß, genüsslich. »Von der haben wir mit den ollen Langziehern nichts gehört, oder?«
»Was wird das sein?«, meinte Harry.
»Kann alles Mögliche sein«, erwiderte Fred.
»Aber es kann doch nichts Schlimmeres geben als den Avada-Kedavra-Fluch, oder?«, sagte Ron. »Was ist schlimmer als der Tod?«
»Vielleicht ist es etwas, das viele Menschen auf einmal töten kann«, überlegte George.
»Vielleicht ist es eine besonders schmerzhafte Art, Leute umzubringen«, sagte Ron beklommen.
»Wenn er Schmerzen verursachen will, hat er den Cruciatus-Fluch«, entgegnete Harry, »er braucht nichts Wirksameres als den.«
Eine Pause trat ein, und Harry wusste, dass die anderen sich genau wie er fragten, welches Grauen diese Waffe verbreiten mochte.
»Und wer, glaubt ihr, besitzt sie im Augenblick?«, fragte George.
»Ich hoffe, unsere Seite«, sagte Ron und klang leicht nervös.
»Wenn ja, dann bewahrt vermutlich Dumbledore sie auf«, sagte Fred.
»Wo?«, fragte Ron rasch. »In Hogwarts?«
»Mit Sicherheit!«, sagte George. »Da hat er auch den Stein der Weisen versteckt.«
»Eine Waffe ist aber wahrscheinlich viel größer als der Stein!«, erwiderte Ron.
»Nicht unbedingt«, sagte Fred.
»Ja, Größe ist nicht unbedingt gleichbedeutend mit Kraft«, sagte George. »Schau dir nur Ginny an.«
»Was meinst du?«, sagte Harry.
»Du bist nie in den Genuss einer ihrer Flederwichtflüche gekommen, was?«
»Schhh!«, machte Fred und erhob sich halb vom Bett. »Hört mal!«
Sie verstummten. Schritte kamen die Treppe herauf.
»Mum«, sagte George, und mir nichts, dir nichts ertönte ein lauter Knall, und Harry spürte, wie das Gewicht vom Fußende seines Bettes verschwand. Ein paar Sekunden später hörten sie draußen vor der Tür den Boden knarren; offenbar lauschte Mrs Weasley, ob sie noch miteinander redeten.
Hedwig und Pigwidgeon schrien klagend. Der Fußboden knarrte erneut, und sie hörten, wie Mrs Weasley einen Stock höher ging, um bei Fred und George zu horchen.
»Sie traut uns kein bisschen, weißt du«, sagte Ron bedauernd.
Harry war sich sicher, dass er keinen Schlaf finden würde; an diesem Abend war zu viel geschehen, woran er denken musste, und er erwartete geradezu, dass er noch stundenlang daliegen und immer wieder über alles nachgrübeln würde. Er wollte sich weiter mit Ron unterhalten, aber Mrs Weasley knarrte nun wieder treppab, und als sie fort war, hörte er deutlich andere Schritte treppauf kommen … tatsächlich taperten vielbeinige Kreaturen draußen vor der Zimmertür leise auf und ab, und Hagrid, der Lehrer für die Pflege magischer Geschöpfe, sagte: »Schönheiten, nicht wahr, Harry? Dieses Schuljahr studieren wir Waffen …«, und Harry sah, dass die Geschöpfe Kanonen als Köpfe hatten und auf ihn zugerollt kamen … er duckte sich …
Das Nächste, was er wahrnahm, war, dass er zu einer warmen Kugel zusammengerollt unter seiner Bettdecke lag und Georges Stimme laut durch den Raum drang.
»Mum sagt, dass ihr aufstehen sollt, euer Frühstück ist in der Küche, und dann braucht sie euch im Salon, da sind viel mehr Doxys, als sie dachte, und sie hat ein Nest mit toten Knuddelmuffs unter dem Sofa gefunden.«
Eine halbe Stunde später traten Harry und Ron, die sich rasch angezogen und gefrühstückt hatten, in den Salon, einen langen Raum im ersten Stock mit hoher Decke und olivgrünen Wänden, an denen schmutzige Tapeten hingen. Der Teppich atmete jedes Mal, wenn man mit dem Fuß auftrat, kleine Staubwolken aus, und die langen moosgrünen Samtvorhänge summten, als wären sie voll unsichtbarer Bienenschwärme. Um diese Vorhänge herum standen Mrs Weasley, Hermine, Ginny, Fred und George. Mit dem Tuch, das sie alle über Nase und Mund gebunden hatten, sahen sie recht eigentümlich aus. Außerdem hielt jeder eine große Flasche mit schwarzer Flüssigkeit in der Hand, die oben eine Düse hatte.
»Bedeckt die Gesichter und nehmt euch ein Spray«, sagte Mrs Weasley zu Harry und Ron, kaum dass sie die beiden gesehen hatte. Sie deutete auf zwei weitere Flaschen mit schwarzer Flüssigkeit, die auf einem storchbeinigen Tisch standen. »Das ist Doxyzid. Eine so schlimme Verseuchung hab ich noch nie erlebt – was hat dieser Hauself in den letzten zehn Jahren nur gemacht –«
Hermines Gesicht war halb von einem Geschirrtuch verhüllt, doch Harry sah deutlich, wie sie Mrs Weasley einen vorwurfsvollen Blick zuwarf.
»Kreacher ist steinalt, er hat es wahrscheinlich nicht geschafft –«
»Du wärst überrascht, was Kreacher alles so schafft, wenn er wirklich will, Hermine«, sagte Sirius, der gerade hereinkam. Er trug einen blutverschmierten Sack, der offenbar tote Ratten enthielt. »Ich hab eben Seidenschnabel gefüttert«, erklärte er auf Harrys fragenden Blick hin. »Ich halte ihn oben im Schlafzimmer meiner Mutter. Also … dieses Schreibpult …«
Er ließ den Sack mit Ratten auf einen Sessel fallen, dann beugte er sich vor, um das verschlossene Schreibpult zu inspizieren, das, wie Harry jetzt erst auffiel, leicht ruckelte.
»Nun, Molly, ich bin mir ziemlich sicher, dass es ein Irrwicht ist«, sagte Sirius und spähte durchs Schlüsselloch, »aber vielleicht sollte Mad-Eye mal einen kurzen Blick drauf werfen, bevor wir ihn rauslassen – wie ich meine Mutter kenne, könnte das noch was viel Schlimmeres sein.«
»Ganz recht, Sirius«, sagte Mrs Weasley.
Sie sprachen beide in einem bedacht unbekümmerten, höflichen Ton miteinander, an dem Harry deutlich erkannte, dass sie ihren Streit vom Vorabend noch nicht vergessen hatten.
Im Erdgeschoss ertönte eine laute, klirrende Glocke, und sofort hob ein vielstimmiges Schreien und Wehklagen an, wie schon am Vorabend, als Tonks den Schirmständer umgestoßen hatte.
»Andauernd sag ich ihnen, sie sollen nicht an der Haustür läuten!«, rief Sirius verärgert und hastete hinaus. Sie hörten ihn die Treppe hinunterpoltern, während Mrs Blacks Gekeife erneut durch das Haus hallte:
»Schandflecke, schmutzige Halbblüter, Blutsverräter, Gossenkinder …«
»Schließ bitte die Tür, Harry«, sagte Mrs Weasley.
Harry nahm sich gewagt lange Zeit, um die Salontür zu schließen; er wollte hören, was unten vor sich ging. Sirius hatte es offenbar geschafft, die Vorhänge vor dem Porträt seiner Mutter zu schließen, denn das Geschrei war verstummt. Er hörte Sirius durch die Halle laufen, dann das Rasseln der Kette an der Haustür, und schließlich sagte eine tiefe Stimme, die er als die von Kingsley Shacklebolt erkannte: »Hestia hat mich gerade abgelöst, sie hat also jetzt Moodys Mantel, ich dachte, ich könnte einen Bericht für Dumbledore abgeben …«
Harry spürte Mrs Weasleys Blick im Nacken, machte bedauernd die Salontür zu und schloss sich wieder der Doxytruppe an.
Mrs Weasley stand über Gilderoy Lockharts Ratgeber für Schädlinge in Haus und Hof gebeugt, der aufgeschlagen auf dem Sofa lag, und studierte die Seite über Doxys.
»Also, hört alle mal zu, ihr müsst aufpassen, weil Doxys beißen und ihre Zähne giftig sind. Ich habe hier eine Flasche mit Gegengift, aber mir wär’s lieber, wenn es niemand bräuchte.«
Sie richtete sich auf, stellte sich breitbeinig vor die Vorhänge und winkte sie alle nach vorne.
»Auf mein Kommando fangt ihr gleich an zu sprühen«, sagte sie. »Die werden auf uns zufliegen, denke ich, aber auf den Sprays steht, ein tüchtiger Spritzer wird sie lähmen. Wenn sie sich nicht mehr rühren, werft sie einfach in diesen Eimer.«
Umsichtig trat sie den anderen aus der Schusslinie und hob ihr Spray.
»Alles klar – sprüht!«
Harry hatte gerade mal ein paar Sekunden lang gesprüht, als eine ausgewachsene Doxy aus einer Falte im Stoff hervorgeschossen kam, mit surrenden, glänzenden, käferartigen Flügeln, die kleinen nadelscharfen Zähne gebleckt, den feenartigen Körper mit dichtem schwarzem Haar bedeckt und die vier winzigen Fäustchen erzürnt geballt. Harry erwischte sie mit einer Ladung Doxyzid voll im Gesicht. Sie erstarrte in der Luft und fiel mit einem überraschend lauten Donk auf den abgetretenen Teppich. Harry hob sie auf und warf sie in den Eimer.
»Fred, was machst du da?«, sagte Mrs Weasley scharf. »Sprüh die sofort ein und wirf sie weg!«
Harry wandte sich um. Fred hielt eine zappelnde Doxy zwischen Zeigefinger und Daumen.
»Hab ich dich«, sagte er grinsend und sprühte der Doxy rasch ins Gesicht, so dass sie in Ohnmacht fiel, doch kaum hatte ihm Mrs Weasley den Rücken zugekehrt, steckte er sie augenzwinkernd in die Tasche.
»Wir wollen das Doxygift für unsere Nasch-und-Schwänz-Leckereien testen«, tuschelte George Harry zu.
Harry sprayte geschickt zwei Doxys auf einmal an, die geradewegs auf seine Nase zuflirrten, trat dann näher zu George und murmelte, ohne die Lippen zu bewegen: »Was sind Nasch-und-Schwänz-Leckereien?«
»Eine Auswahl von Süßigkeiten, die dich krank machen«, flüsterte George und behielt wachsam Mrs Weasleys Rücken im Blick. »Nicht ernstlich krank natürlich, nur krank genug, damit man dich aus dem Unterricht schickt, wenn dir danach ist. Fred und ich haben sie diesen Sommer entwickelt. Das sind zweigeteilte, farblich gekennzeichnete Süßigkeiten zum Kauen. Wenn du von den Kotzpastillen die orange Hälfte isst, wird dir schlecht. Sobald sie dich aus dem Unterricht in den Krankenflügel gescheucht haben, schluckst du die lila Hälfte –«
»›– die dich wieder vollkommen fit macht und es dir ermöglicht, der Freizeitbeschäftigung deiner Wahl nachzugehen, und das in einer Stunde, die andernfalls nutzloser Langeweile gewidmet wäre.‹ Das schreiben wir jedenfalls in den Anzeigen«, flüsterte Fred, der sich aus Mrs Weasleys Sichtfeld gestohlen hatte und jetzt ein paar verstreute Doxys vom Boden kehrte und sie zu den anderen in seine Tasche steckte. »Aber sie sind noch nicht ganz ausgereift. Im Moment haben unsere Testpersonen weiterhin gewisse Schwierigkeiten damit, lang genug mit dem Kotzen aufzuhören, um das lila Ende schlucken zu können.«
»Testpersonen?«
»Wir«, sagte Fred. »Wir nehmen sie abwechselnd. George hat die Kollapskekse gegessen – das Nasblutnugat haben wir alle beide ausprobiert –«
»Mum dachte, wir hätten uns duelliert«, sagte George.
»Ihr habt also immer noch vor, diesen Scherzartikelladen aufzumachen?«, murmelte Harry, wobei er so tat, als würde er die Düse an seinem Spray neu einrichten.
»Nun, wir haben bisher noch nicht die Gelegenheit gehabt, uns um Räumlichkeiten zu kümmern«, sagte Fred und wurde noch leiser, als Mrs Weasley sich die Stirn mit ihrem Halstuch abwischte, bevor sie wieder zum Angriff schritt, »also betreiben wir ihn im Moment noch als Versandhandel. Letzte Woche haben wir Anzeigen in den Tagespropheten gesetzt.«
»Alles dank dir, Alter«, sagte George. »Aber mach dir keine Sorgen … Mum hat keine Ahnung. Sie will den Tagespropheten nicht mehr lesen, weil er Lügen über dich und Dumbledore verbreitet.«
Harry grinste. Er hatte den Weasley-Zwillingen das Preisgeld von tausend Galleonen aufgenötigt, das er im Trimagischen Turnier gewonnen hatte, damit sie ihren Traum verwirklichen konnten, einen Laden für Zauberscherze zu eröffnen, und doch war er froh zu hören, dass Mrs Weasley nichts von seinem Beitrag zur Förderung ihres Vorhabens wusste. Einen Scherzartikelladen zu betreiben war in ihren Augen keine geeignete Berufslaufbahn für zwei ihrer Söhne.
Das Dedoxieren der Vorhänge beanspruchte fast den ganzen Vormittag. Es war nach zwölf, als Mrs Weasley endlich ihr Schutztuch abnahm, sich in einen durchhängenden Sessel sinken ließ und mit einem angewiderten Schrei wieder aufsprang, weil sie sich auf den Sack mit den toten Ratten gesetzt hatte. Die Vorhänge summten nicht mehr; schlaff und feucht vom heftigen Besprühen hingen sie da. Vor ihnen auf dem Boden stand der mit betäubten Doxys gefüllte Eimer neben einer Schüssel mit ihren schwarzen Eiern, an denen Krummbein jetzt schnüffelte und auf die Fred und George begehrliche Blicke warfen.
»Ich denke, die nehmen wir uns nach dem Mittagessen vor.« Mrs Weasley deutete auf die verstaubten Vitrinen zu beiden Seiten des Kaminsimses. Sie waren vollgestopft mit einem merkwürdigen Sammelsurium von Dingen: einer Auswahl rostiger Dolche, Klauen, einer eingerollten Schlangenhaut, einer Reihe angelaufener Silberkästen mit Inschriften in Sprachen, die Harry nicht verstand, und, am unangenehmsten von allem, einem reich verzierten Kristallflakon mit einem großen, in den Stöpsel eingelassenen Opal, der, da war sich Harry ziemlich sicher, mit Blut gefüllt war.
Die klirrende Türglocke ging erneut. Alle sahen Mrs Weasley an.
»Bleibt hier«, sagte sie entschieden und schnappte sich den Sack mit den Ratten, während Mrs Blacks Schreie erneut von unten heraufdrangen. »Ich bring euch ein paar Sandwiches hoch.«
Sie ging hinaus und schloss sorgfältig die Tür hinter sich. Sofort stürzten alle zum Fenster und lugten hinunter zur Vortreppe. Sie konnten einen zerzausten rotbraunen Haarschopf sehen und einen bedrohlich windschiefen Stapel Kessel.
»Mundungus!«, sagte Hermine. »Wozu bringt er all die Kessel mit?«
»Sucht wahrscheinlich nach einem sicheren Platz zum Aufbewahren«, sagte Harry. »Hat er das nicht an dem Abend gemacht, als er mich beschatten sollte? Kessel auf dem Schwarzmarkt besorgt?«
»Ja, stimmt!«, sagte Fred. Die Haustür ging auf; Mundungus balancierte seine Kessel durch die Tür und verschwand im Haus. »Verflucht, Mum wird das gar nicht gern sehen …«
Er und George gingen zur Tür und lauschten mit gespitzten Ohren. Mrs Blacks Geschrei hatte aufgehört.
»Mundungus unterhält sich mit Sirius und Kingsley«, murmelte Fred und runzelte angestrengt die Stirn. »Kann’s nicht richtig hören … meinst du, wir können es mit den Langziehohren riskieren?«
»Dürfte die Sache wert sein«, sagte George. »Ich kann nach oben schleichen und ein Paar holen –«
Doch genau in diesem Moment brach unten ein Radau los, der Langziehohren völlig überflüssig machte. Sie alle konnten klar vernehmen, was Mrs Weasley aus vollem Halse schrie.
»WIR SIND HIER KEIN VERSTECK FÜR DIEBESGUT!«
»Ich genieße es, wenn Mum jemand anderen anschreit«, sagte Fred mit zufriedenem Lächeln und öffnete die Tür einen Spaltbreit, damit Mrs Weasleys Stimme besser in den Raum dringen konnte. »Ist doch mal ’ne nette Abwechslung.«
»– VÖLLIG UNVERANTWORTLICH, ALS HÄTTEN WIR NICHT GENUG SORGEN, DA BRAUCHST DU NICHT AUCH NOCH GESTOHLENE KESSEL INS HAUS ZU SCHLEPPEN –«
»Diese Idioten lassen sie so richtig in Fahrt kommen«, sagte George kopfschüttelnd. »Du musst sie möglichst früh abwürgen, sonst läuft sie heiß wie eine Dampfwalze und dann geht das stundenlang so weiter. Und seit Mundungus abgehauen ist, statt dir zu folgen, Harry, ist sie ganz scharf drauf, ihn mal zur Schnecke zu machen – und Sirius’ Mama legt jetzt auch wieder los.«
Mrs Weasleys Stimme ging im erneuten Keifen und Schreien der Porträts in der Halle unter.
George wollte gerade die Tür schließen, um den Lärm zu dämpfen, als sich im letzten Moment ein Hauself hereindrängte.
Abgesehen von dem schmutzigen Lumpen, den er wie einen Lendenschurz um seinen Leib gebunden hatte, war er völlig nackt. Er sah sehr alt aus. Seine Haut schien ein paar Nummern zu groß für ihn, und obwohl er kahl war wie alle Hauselfen, sprossen Büschel weißen Haares aus seinen großen, fledermausartigen Ohren. Seine Augen waren blutunterlaufen und wässrig grau und seine große, fleischige Nase hatte deutliche Ähnlichkeit mit einer Schnauze.
Der Elf nahm überhaupt keine Notiz von Harry und den anderen. Er tat so, als könne er sie nicht sehen, und schlurfte mit buckligem Rücken langsam und verbissen quer durch den Salon, wobei er mit einer tiefen, heiseren Stimme wie der eines Ochsenfroschs unablässig vor sich hin murmelte.
»… riecht wie eine Kloake und ist ein Verbrecher noch dazu, aber sie ist auch nicht besser, gemeine alte Blutsverräterin, deren Bälger das Haus meiner Herrin beschmutzen, o meine arme Herrin, wenn sie wüsste, wenn sie wüsste, welchen Abschaum sie in ihr Haus gelassen haben, was würde sie zum alten Kreacher sagen, o welche Schande, Schlammblüter und Werwölfe und Verräter und Diebe, der arme alte Kreacher, was kann er nur tun …«
»Hallo, Kreacher«, sagte Fred mit sehr lauter Stimme und ließ die Tür zuschnappen.
Der Hauself blieb wie angewurzelt stehen, hörte auf zu murmeln und gab einen nachdrücklichen und kaum überzeugenden Überraschungslaut von sich.
»Kreacher hat den jungen Herrn nicht gesehen«, sagte er, drehte sich um und verbeugte sich vor Fred. Das Gesicht noch zum Teppich gewandt, fügte er deutlich vernehmbar hinzu: »Niederträchtiger kleiner Balg von einem Blutsverräter, der er ist.«
»Wie bitte?«, sagte George. »Den letzten Teil hab ich nicht mitgekriegt.«
»Kreacher hat nichts gesagt«, erwiderte der Elf mit einer zweiten Verbeugung vor George und fügte halblaut, aber deutlich hinzu: »… und da ist sein Zwillingsbruder, widernatürliche kleine Biester allesamt.«
Harry wusste nicht, ob er lachen sollte. Der Elf richtete sich auf, beäugte sie alle feindselig und murmelte weiter, offenbar überzeugt, dass sie ihn nicht hören konnten.
»… und da ist die Schlammblüterin, rotzfrech steht sie da, oh, wenn meine Herrin wüsste, oh, wie sie weinen würde, und da ist ein neuer Bursche, Kreacher kennt seinen Namen nicht. Was tut er hier? Kreacher weiß es nicht …«
»Das ist Harry, Kreacher«, sagte Hermine behutsam. »Harry Potter.«
Kreachers blasse Augen weiteten sich und sein Murmeln wurde noch schneller und aufgeregter.
»Das Schlammblut spricht zu Kreacher, als ob sie mit mir befreundet wäre; wenn Kreachers Herrin ihn in solcher Gesellschaft sähe, oh, was würde sie sagen –«
»Nenn sie nicht Schlammblut!«, sagten Ron und Ginny gleichzeitig und sehr zornig.
»Ist ja schon gut«, flüsterte Hermine, »er ist nicht bei Verstand, er weiß nicht, was er –«
»Lüg dir nicht in die Tasche, Hermine, er weiß genau, was er redet«, entgegnete Fred und musterte Kreacher mit großer Abneigung.
Die Augen auf Harry geheftet, murmelte Kreacher weiter.
»Ist das wahr? Ist es Harry Potter? Kreacher kann die Narbe sehen, es muss wahr sein, das ist der Junge, der den Dunklen Lord aufhielt, Kreacher fragt sich, wie er das geschafft hat –«
»Das fragen wir uns alle, Kreacher«, bemerkte Fred.
»Was willst du eigentlich?«, fragte George.
Kreachers riesige Augen zuckten zu George hinüber.
»Kreacher putzt gerade«, sagte er ausweichend.
»Wer’s glaubt«, ertönte eine Stimme hinter Harry.
Sirius war zurück; von der Tür her funkelte er den Elfen an. Der Lärm in der Halle war abgeflaut; vielleicht hatten Mrs Weasley und Mundungus ihren Streit hinunter in die Küche verlegt. Beim Anblick von Sirius machte Kreacher eine lächerlich tiefe Verbeugung und drückte seine Schnauzennase auf dem Boden platt.
»Steh aufrecht«, fuhr ihn Sirius unwirsch an. »Nun, was führst du im Schilde?«
»Kreacher putzt gerade«, wiederholte der Elf. »Kreacher lebt einzig, um dem fürnehmen Haus der Blacks zu dienen –«
»Und das wird jeden Tag schwärzer, es ist dreckig«, sagte Sirius.
»Der Herr beliebte immer schon gern zu scherzen«, sagte Kreacher, verbeugte sich erneut und fuhr halblaut fort: »Der Herr war ein gemeines, undankbares Schwein, das Herz seiner Mutter hat er gebrochen –«
»Meine Mutter hatte kein Herz, Kreacher«, fauchte Sirius. »Sie hat sich aus purer Bosheit am Leben erhalten.«
Kreacher verbeugte sich erneut, während er sprach.
»Was immer der Herr sagt«, murmelte er aufgeregt. »Der Herr ist nicht würdig, den Schlamm von den Stiefeln seiner Mutter zu wischen, o meine arme Herrin, was würde sie sagen, wenn sie sähe, dass Kreacher ihm dient, wie sie ihn hasste, welche Enttäuschung er war –«
»Ich hab dich gefragt, was du im Schilde führst«, sagte Sirius kühl. »Jedes Mal wenn du auftauchst und so tust, als würdest du putzen, schmuggelst du irgendwas in dein Zimmer, damit wir es nicht wegwerfen können.«
»Kreacher würde niemals etwas von seinem angestammten Platz im Hause seines Herrn entfernen«, sagte der Elf und fügte hastig murmelnd hinzu: »Die Herrin würde Kreacher nie vergeben, wenn der Wandteppich rausgeworfen würde, seit sieben Jahrhunderten ist er im Besitz der Familie, Kreacher muss ihn retten, Kreacher wird nicht zulassen, dass der Herr und die Blutsverräter und die Bälger ihn zerstören –«
»Hab ich’s mir doch gedacht«, sagte Sirius und warf einen verächtlichen Blick auf die Wand gegenüber. »Dem wird sie auch einen Dauerklebefluch auf den Rücken gehext haben, da hab ich keinen Zweifel, aber wenn ich den loswerden kann, wird mich nichts davon abhalten. Und nun geh, Kreacher.«
Kreacher wagte es anscheinend nicht, einen direkten Befehl zu verweigern; doch der Blick, mit dem er Sirius bedachte, als er an ihm vorbei hinausschlurfte, war voll tiefster Verachtung, und den ganzen Weg hinaus murmelte er vor sich hin.
»– kommt aus Askaban zurück und kommandiert Kreacher herum, o meine arme Herrin, was würde sie sagen, wenn sie das Haus jetzt sähe, Abschaum lebt nun hier, ihre Schätze sind hinausgeworfen, sie hat geschworen, dass er kein Sohn von ihr war, und er ist zurück, es heißt, er sei auch ein Mörder –«
»Nur weiter so, dann werd ich tatsächlich noch zum Mörder!«, sagte Sirius gereizt und schlug die Tür hinter dem Elfen zu.
»Sirius, er ist nicht bei Verstand«, flehte Hermine, »ich glaube nicht, dass ihm klar ist, dass wir ihn hören können.«
»Er war zu lange allein«, sagte Sirius, »hat verrückte Befehle vom Porträt meiner Mutter bekommen und mit sich selbst geredet, aber er war immer schon ein mieser kleiner –«
»Du könntest ihm doch einfach die Freiheit geben«, sagte Hermine hoffnungsvoll, »vielleicht –«
»Wir können ihn nicht in die Freiheit entlassen, er weiß zu viel über den Orden«, sagte Sirius kurz angebunden. »Und außerdem würde ihn der Schock umbringen. Schlag ihm doch mal vor, dieses Haus zu verlassen, und sieh dir an, wie er das aufnimmt.«
Sirius ging auf die andere Seite des Salons, wo der kostbare Teppich, den Kreacher hatte retten wollen, die ganze Wand bedeckte. Harry und die anderen folgten ihm.
Der Wandteppich machte einen uralten Eindruck; er war verblichen, und es schien, als hätten ihn an manchen Stellen Doxys angenagt. Dennoch schimmerte das goldene Garn, mit dem er bestickt war, immer noch hell genug, dass man einen stark verzweigten Familienstammbaum erkennen konnte, der (soweit Harry sagen konnte) bis ins Mittelalter zurückreichte. Große Buchstaben ganz oben auf dem Teppich ergaben die Worte:
Das fürnehme und gar alte Haus der Blacks
»Toujours pur«
»Du bist hier gar nicht drauf!«, sagte Harry, nachdem er sich die letzten Verzweigungen des Baums genau angesehen hatte.
»Da war ich mal drauf«, sagte Sirius und deutete auf ein kleines rundes, verkohltes Loch im Wandbehang, das aussah wie das Brandloch einer Zigarette. »Meine liebe alte Mutter hat mich weggesprengt, nachdem ich von zu Hause fortgelaufen war – Kreacher brabbelt die Geschichte immer gern vor sich hin.«
»Du bist von zu Hause weggelaufen?«
»Da war ich ungefähr sechzehn«, sagte Sirius. »Ich hatte genug.«
»Wo bist du hin?«, fragte Harry und starrte ihn an.
»Zu deinem Dad«, sagte Sirius. »Deine Großeltern haben sich wirklich gut verhalten; sie haben mich gleichsam als zweiten Sohn adoptiert. Ja, ich kam in den Schulferien bei deinem Dad unter, und als ich siebzehn war, besorgte ich mir was Eigenes. Mein Onkel Alphard hatte mir ein tüchtiges Sümmchen Gold hinterlassen – der wurde hier auch ausradiert, vermutlich aus diesem Grund –, von da an jedenfalls konnte ich für mich selber sorgen. Doch bei Mr und Mrs Potter war ich zum Sonntagsessen immer willkommen.«
»Aber … warum bist du …«
»Gegangen?« Sirius lächelte bitter und fuhr sich mit den Fingern durch die langen, zerzausten Haare. »Weil ich diese ganze Bagage gehasst hab: meine Eltern mit ihrem Wahn vom reinen Blut, sie waren überzeugt, ein Black zu sein hieße praktisch, königlich zu sein … meinen idiotischen Bruder, unbedarft genug, ihnen zu glauben … das ist er.«
Sirius stupste mit dem Finger ganz unten auf den Stammbaum, auf den Namen »Regulus Black«. Ein Todesdatum (etwa fünfzehn Jahre zurückliegend) folgte dem Geburtsdatum.
»Er war jünger als ich«, sagte Sirius, »und ein viel besserer Sohn, woran ich ständig erinnert wurde.«
»Aber er ist tot«, sagte Harry.
»Ja«, sagte Sirius. »Blöder Idiot … er hat sich den Todessern angeschlossen.«
»Das meinst du nicht im Ernst!«
»Ach, Harry, hast du noch nicht genug von diesem Haus gesehen, um zu wissen, zu welcher Art von Zauberern meine Familie gehörte?«, sagte Sirius gereizt.
»Waren – waren deine Eltern auch Todesser?«
»Nein, nein, aber glaub mir, sie dachten, Voldemort hätte die richtigen Vorstellungen, sie waren alle für die Säuberung der Zaubererrasse, die Muggelstämmigen sollte man loswerden und die Reinblütigen sollten das Sagen haben. Damit standen sie nicht allein; bevor Voldemort sein wahres Gesicht zeigte, gab es eine ganze Menge Leute, die glaubten, er hätte die richtigen Vorstellungen, wo es langgehen sollte … sie kriegten allerdings kalte Füße, als sie sahen, was er zu tun bereit war, um Macht zu gewinnen. Aber ich wette, meine Eltern dachten anfangs, als Regulus sich denen anschloss, er sei ein richtiger kleiner Held.«
»Hat ein Auror ihn getötet?«, fragte Harry vorsichtig.
»O nein«, sagte Sirius. »Nein, er wurde von Voldemort ermordet. Oder eher auf Voldemorts Befehl hin; ich bezweifle, dass Regulus jemals wichtig genug war, um von Voldemort persönlich umgebracht zu werden. Soviel ich nach seinem Tod herausgefunden habe, hat er bis zu einem gewissen Punkt mitgemacht, dann bekam er Panik angesichts dessen, was von ihm verlangt wurde, und versuchte wieder rauszukommen. Aber man reicht bei Voldemort nicht einfach seinen Rücktritt ein. Dienen, ein Leben lang, oder Tod.«
»Mittagessen«, ertönte Mrs Weasleys Stimme.
Sie hielt den Zauberstab vor sich in die Höhe und balancierte auf der Spitze eine riesige, mit Sandwiches und Kuchen beladene Platte. Sie war ganz rot im Gesicht und sah immer noch wütend aus. Hungrig, wie sie waren, gingen die anderen zu ihr hinüber, doch Harry blieb bei Sirius, der sich näher zu dem Wandteppich beugte.
»Ich hab mir das seit Jahren nicht mehr angesehen. Das ist Phineas Nigellus … mein Ururgroßvater, siehst du? … Der unbeliebteste Schulleiter, den Hogwarts je hatte … und Araminta Meliflua … Cousine meiner Mutter … hat einen Ministeriumserlass durchzusetzen versucht, der die Muggeljagd legalisieren sollte … und die liebe Tante Elladora … sie hat die Familientradition begründet, Hauselfen zu köpfen, wenn sie zu alt wurden, um Teetabletts zu tragen … natürlich, jedes Mal wenn die Familie jemand halbwegs Anständigen hervorbrachte, wurde er oder sie verstoßen. Wie ich sehe, ist Tonks nicht hier drauf. Vielleicht nimmt Kreacher deshalb keine Befehle von ihr entgegen – er sollte eigentlich alles tun, was ein Mitglied der Familie von ihm verlangt –«
»Du und Tonks, ihr seid verwandt?«, fragte Harry überrascht.
»Oh, ja, ihre Mutter Andromeda war meine Lieblingscousine«, sagte Sirius und musterte den Wandbehang mit prüfendem Blick. »Nein, Andromeda ist auch nicht drauf, sieh –«
Er deutete auf ein weiteres kleines rundes Brandloch zwischen zwei Namen, Bellatrix und Narzissa.
»Andromedas Schwestern sind noch da, weil sie wunderbare, respektable Reinblutehen eingegangen sind, aber Andromeda hat einen Muggelstämmigen geheiratet, Ted Tonks, also –«
Sirius machte eine Geste, als würde er den Teppich mit dem Zauberstab in die Luft jagen, und lachte säuerlich. Harry allerdings lachte nicht; er starrte gebannt auf die Namen rechts von Andromedas Brandloch. Eine gestickte goldene Doppellinie verband Narzissa Black mit Lucius Malfoy und eine einfache senkrechte Linie führte von ihren Namen zu dem Namen Draco.
»Du bist mit den Malfoys verwandt!«
»Die reinblütigen Familien sind alle miteinander verwandt!«, sagte Sirius. »Wenn du deine Söhne und Töchter nur Reinblüter heiraten lässt, ist die Auswahl sehr beschränkt; es gibt kaum noch welche von uns. Molly ist eine angeheiratete Tante von mir und Arthur ist so was wie mein Onkel zweiten Grades. Aber es hat keinen Sinn, hier nach ihnen zu suchen – wenn es je eine Bande von Blutsverrätern gab, dann waren es die Weasleys.«
Doch Harry blickte jetzt auf den Namen links von Andromedas Brandloch: Bellatrix Black, durch eine Doppellinie verbunden mit Rodolphus Lestrange.
»Lestrange …«, sagte Harry laut. Der Name rührte an etwas in seinem Gedächtnis; er kannte ihn von irgendwoher, doch momentan konnte er nicht sagen, woher, obwohl ihn bei dem Namen ein eigenartiges, kribbelndes Gefühl in seiner Magengrube beschlich.
»Sie sitzen in Askaban«, sagte Sirius schroff.
Harry blickte ihn neugierig an.
»Bellatrix und ihr Mann Rodolphus kamen zusammen mit Barty Crouch junior rein«, sagte Sirius mit unvermindert schroffer Stimme. »Rodolphus’ Bruder Rabastan war auch dabei.«
Jetzt erinnerte sich Harry. Er hatte Bellatrix Lestrange in Dumbledores Denkarium gesehen, der seltsamen Apparatur, in der Gedanken und Erinnerungen gespeichert werden konnten: eine große schwarzhaarige Frau mit schweren Augenlidern, die vor Gericht gestanden und ihre unverbrüchliche Treue zu Lord Voldemort verkündet hatte, ihren Stolz, dass sie ihn nach seinem Sturz zu finden versucht hatte, und ihre Überzeugung, dass sie eines Tages für ihre Treue belohnt werden würde.
»Du hast nie gesagt, dass sie deine –«
»Spielt es eine Rolle, dass sie meine Cousine ist?«, fragte Sirius knapp. »Für mich ist das nicht meine Familie. Sie jedenfalls gehört bestimmt nicht dazu. Ich hab sie nicht mehr gesehen, seit ich so alt war wie du, nur einmal, als sie nach Askaban kam, habe ich einen kurzen Blick auf sie geworfen. Glaubst du, ich bin stolz auf eine solche Verwandte?«
»Tut mir leid«, sagte Harry rasch, »ich hab’s nicht so gemeint – ich war nur überrascht, das ist alles –«
»Schon gut, du brauchst dich nicht zu entschuldigen«, murmelte Sirius. Die Hände tief in den Taschen, wandte er sich von dem Wandteppich ab. »Mir behagt es nicht, wieder hier zu sein«, sagte er und starrte in den Salon. »Ich hätte nie gedacht, dass ich noch einmal in diesem Haus festsitzen würde.«
Harry verstand ihn nur zu gut. Er wusste, wie er sich fühlen würde, wenn er erwachsen wäre und glaubte, dem Ligusterweg Nummer vier für immer entronnen zu sein, und dann zurückkehren und dort wieder leben müsste.
»Als Hauptquartier ist es natürlich ideal«, sagte Sirius. »Mein Vater hat, als er hier lebte, jede Sicherheitsvorkehrung ins Haus eingebaut, die die Zaubererwelt kennt. Es ist unaufspürbar, also können die Muggel nie mal eben vorbeischauen – als ob sie das je wollten –, und jetzt, da Dumbledore noch seinen Schutz hinzugefügt hat, könntest du schwerlich irgendwo ein Haus finden, das sicherer ist. Dumbledore ist der Geheimniswahrer des Ordens, weißt du – keiner kann das Hauptquartier finden, außer er erfährt von Dumbledore persönlich, wo es ist – diese Notiz, die Moody dir gestern Abend gezeigt hat, die war von Dumbledore …« Sirius lachte kurz und bellend auf. »Wenn meine Eltern sehen könnten, welchem Zweck das Haus jetzt dient … nun, das Porträt meiner Mutter wird dir eine ungefähre Vorstellung geben …«
Er blickte einen Moment lang finster vor sich hin, dann seufzte er.
»Ich hätte nichts dagegen, einfach mal rauszukommen und was Nützliches zu tun. Ich hab Dumbledore gefragt, ob ich dich zu deiner Anhörung begleiten kann – als Schnuffel natürlich –, dann könnte ich dich ein wenig moralisch unterstützen, was hältst du davon?«
Harry hatte das Gefühl, als wäre sein Magen durch den staubigen Teppich gesackt. Seit dem gestrigen Abendessen hatte er nicht mehr an die Anhörung gedacht; vor Aufregung, wieder mit den Menschen zusammen zu sein, die er am liebsten mochte, und alles, was vorging, zu erfahren, hatte er diese Geschichte vollkommen vergessen. Bei Sirius’ Worten jedoch überfiel ihn wieder das drückende Gefühl der Angst.
Er starrte Hermine und die Weasleys an, die mit Gusto ihre Sandwiches verschlangen, und überlegte, wie ihm zumute wäre, wenn sie ohne ihn nach Hogwarts zurückkehrten.
»Mach dir keine Sorgen«, sagte Sirius. Harry sah auf und merkte, dass Sirius ihn beobachtet hatte. »Ich bin mir sicher, sie sprechen dich frei, da steht tatsächlich was im Internationalen Geheimhaltungsabkommen, wonach Zaubern erlaubt ist, wenn es darum geht, das eigene Leben zu retten.«
»Aber wenn sie mich trotzdem rauswerfen«, sagte Harry leise, »kann ich dann hierher zurückkommen und bei dir leben?«
Sirius lächelte traurig.
»Wir werden sehen.«
»Diese Anhörung würde mir viel leichter fallen, wenn ich wüsste, dass ich nicht zu den Dursleys zurückmüsste«, drängte Harry.
»Die müssen ja richtig übel sein, wenn du lieber in diesem Haus wohnen würdest«, sagte Sirius düster.
»Beeilt euch, ihr beiden, sonst ist das Essen alle«, rief Mrs Weasley.
Sirius seufzte noch einmal schwer und warf einen finsteren Blick auf den Wandteppich, dann ging er mit Harry hinüber zu den anderen.
Am Nachmittag, als sie die Vitrinen leer räumten, bemühte sich Harry nach Kräften, nicht an die Anhörung zu denken. Glücklicherweise verlangte diese Arbeit viel Konzentration, da etliche der in den Schränken aufbewahrten Gegenstände ihre verstaubten Fächer offenbar überhaupt nicht gern verließen. Sirius zog sich einen üblen Biss von einer silbernen Schnupftabaksdose zu; Sekunden später bildete sich auf der Haut seiner gebissenen Hand eine unansehnliche Kruste, ähnlich einem ledrigen braunen Handschuh.
»Schon okay«, sagte er und musterte interessiert seine Hand, bevor er sachte mit seinem Zauberstab darauf klopfte und die Haut wieder normal werden ließ, »da muss Warzhautpulver drin sein.«
Er warf die Dose in den Sack für den Müll aus den Schränken; Harry sah, wie George Sekunden später seine Hand sorgfältig mit einem Tuch umwickelte, sich die Dose schnappte und sie in seiner schon mit Doxys gefüllten Tasche verschwinden ließ.
Sie fanden ein fies aussehendes silbernes Instrument, etwas wie eine vielgliedrige Pinzette, die, als Harry sie in die Hand nahm, wie eine Spinne an seinem Arm emporkrabbelte und versuchte, seine Haut zu durchstechen. Sirius packte sie und zerquetschte sie mit einem schweren Buch namens Noblesse der Natur: Eine Genealogie der Zauberei. Außerdem gab es eine Spieldose, die, wenn man sie aufgezogen hatte, eine leicht unheimliche, klingelnde Melodie hören ließ, bei der sie alle spürten, dass sie merkwürdig schwach und schläfrig wurden, bis Ginny sich ein Herz fasste und den Deckel zuschlug; ein schweres Medaillon, das keiner von ihnen öffnen konnte; eine Reihe alter Siegelstempel; schließlich, in einem verstaubten Karton, einen Merlinorden erster Klasse, verliehen an Sirius’ Großvater für »Verdienste um das Ministerium«.
»Soll heißen, er hat ihnen eine Menge Gold zukommen lassen«, sagte Sirius verächtlich und warf die Medaille in den Müllsack.
Mehrmals schlich sich Kreacher herein und wollte unter seinem Lendenschurz Gegenstände davonschmuggeln, und jedes Mal wenn sie ihn ertappten, murmelte er schreckliche Flüche. Als Sirius einen großen Goldring mit dem Wappen der Blacks seinem Griff entwand, brach Kreacher regelrecht in Zornestränen aus, und während er unterdrückt schluchzend hinausging, bedachte er Sirius mit Schimpfwörtern, die Harry noch nie zu Ohren gekommen waren.
»Der gehörte meinem Vater«, sagte Sirius und warf den Ring in den Sack. »Kreacher war ihm nicht ganz so treu ergeben wie meiner Mutter, und trotzdem hab ich ihn letzte Woche erwischt, wie er ein Paar alte Hosen meines Vaters knutschte.«
Während der nächsten Tage hielt Mrs Weasley sie eisern auf Trab. Es dauerte drei Tage, bis der Salon entgiftet war. Schließlich waren die einzigen noch unerwünschten Dinge im Raum der Wandteppich mit dem Stammbaum der Blacks, der allen Versuchen widerstand, ihn von der Wand zu entfernen, und das ruckelnde Schreibpult. Moody hatte noch nicht im Hauptquartier vorbeigesehen, deshalb waren sie nicht sicher, was drinsteckte.
Vom Salon aus zogen sie weiter in einen Speisesaal im Erdgeschoss, wo sie in der Anrichte untertassengroße Spinnen auf der Lauer fanden. (Ron verließ eilends die Stätte, um sich eine Tasse Tee zu machen, und kehrte erst nach anderthalb Stunden zurück.) Sirius warf sämtliches Porzellan, das mit dem Wappen der Blacks und ihrem Wahlspruch versehen war, unfeierlich in einen Sack, und dasselbe Schicksal traf eine Reihe alter Fotografien in angelaufenen Silberrahmen, deren Bewohner schrill kreischten, als ihr Deckglas zu Bruch ging.
Snape mochte ihre Arbeit als »Putzen« bezeichnen, doch Harry fand, sie führten eigentlich Krieg gegen das Haus, das ihnen, unterstützt und aufgehetzt von Kreacher, einen sehr hartnäckigen Kampf lieferte. Der Hauself tauchte stets auf, wo immer sie sich versammelt hatten, und sein Murmeln wurde von Mal zu Mal angriffslustiger, während er alles, dessen er habhaft werden konnte, wieder aus den Müllsäcken herauszuklauben versuchte. Sirius ging so weit, ihm mit Kleidung zu drohen, aber Kreacher starrte ihn mit wässrigen Augen an und sagte: »Der Herr muss tun, was ihm beliebt«, dann wandte er sich um und murmelte sehr laut: »Aber der Herr wird Kreacher nicht fortschicken, nein, weil Kreacher weiß, was sie vorhaben, o ja, er verschwört sich gegen den Dunklen Lord, ja, mit diesen Schlammblütern und Verrätern und dem Abschaum …«
Bei diesen Worten packte Sirius, ohne auf Hermines Proteste zu achten, Kreacher hinten am Lendenschurz und warf ihn eigenhändig aus dem Zimmer.
Die Türglocke läutete mehrmals täglich, für Sirius’ Mutter der Einsatz für neuerliches Gekreische, für Harry und die anderen die Möglichkeit, die Besucher zu belauschen. Allerdings konnten sie den kurzen Blicken und Gesprächsfetzen, die sie erhaschten, nur sehr wenig entnehmen, ehe Mrs Weasley sie auch schon wieder an ihre Aufgaben zurückbeorderte. Snape huschte noch mehrmals ein und aus, doch zu Harrys Erleichterung liefen sie sich nie über den Weg; einmal erblickte Harry auch seine Lehrerin für Verwandlung, Professor McGonagall, die in einem Muggelkleid und -mantel sehr komisch aussah, und auch sie schien zu beschäftigt, um sich lange aufzuhalten. Manchmal jedoch blieben die Besucher zum Helfen. Tonks sprang ihnen einen denkwürdigen Nachmittag lang bei, an dem sie einen mörderischen alten Ghul fanden, der in einer Toilette im oberen Stockwerk lauerte, und Lupin, der wie Sirius im Haus wohnte, es jedoch immer wieder für längere Zeit verließ, um geheime Aufträge für den Orden zu erledigen, half ihnen, eine Standuhr zu reparieren, welche die unangenehme Gewohnheit angenommen hatte, schwere Schrauben auf Vorbeigehende zu schießen. Mundungus stieg wieder ein wenig in Mrs Weasleys Achtung, indem er Ron aus einer Kollektion alter purpurner Umhänge befreite, die versucht hatten ihn zu erwürgen, als er sie aus ihrem Schrank holte.
Obwohl er immer noch schlecht schlief, immer noch von Korridoren und verschlossenen Türen träumte und seine Narbe ziepte, hatte Harry zum ersten Mal im ganzen Sommer Spaß. Solange er beschäftigt war, war er glücklich; wenn die Betriebsamkeit jedoch nachließ, wenn er nicht mehr auf der Hut war oder erschöpft im Bett lag und verschwommene Schatten über die Decke kriechen sah, kehrte der Gedanke an die drohende Anhörung im Ministerium zurück. Angst stach ihm wie Nadeln in die Eingeweide, wenn er sich fragte, was aus ihm werden sollte, falls sie ihn der Schule verwiesen. Die Vorstellung war so schrecklich, dass er sie nicht laut auszusprechen wagte, nicht einmal Ron und Hermine gegenüber, die er zwar häufig tuscheln und besorgte Blicke in seine Richtung werfen sah, die seinem Beispiel aber folgten und die Sache nicht erwähnten. Manchmal konnte er es nicht verhindern, dass in seiner Phantasie ein gesichtsloser Ministeriumsbeamter auftauchte, der seinen Zauberstab entzweibrach und ihn zu den Dursleys zurückbefahl … aber dorthin würde er nicht gehen. Das hatte er beschlossen. Er würde hierher zurückkehren, zum Grimmauldplatz, und bei Sirius leben.
Er hatte das Gefühl, ein Backstein würde ihm in den Magen fallen, als sich Mrs Weasley am Mittwoch während des Abendessens zu ihm wandte und leise sagte: »Für morgen früh hab ich dir deine besten Sachen gebügelt, Harry, und ich möchte, dass du dir heute Abend auch die Haare wäschst. Ein guter erster Eindruck kann Wunder bewirken.«
Ron, Hermine, Fred, George und Ginny verstummten allesamt und blickten zu ihm hinüber. Harry nickte und versuchte sein Kotelett weiterzuessen, aber sein Mund war so trocken geworden, dass er nicht kauen konnte.
»Wie komme ich dorthin?«, fragte er Mrs Weasley, bemüht, sorglos zu klingen.
»Arthur nimmt dich mit zur Arbeit«, antwortete Mrs Weasley sanft.
Mr Weasley lächelte Harry aufmunternd über den Tisch hinweg zu.
»Du kannst in meinem Büro warten, bis es Zeit für die Anhörung ist«, sagte er.
Harry blickte zu Sirius hinüber, doch bevor er die Frage stellen konnte, hatte Mrs Weasley sie schon beantwortet.
»Professor Dumbledore hält es für keine gute Idee, dass Sirius dich begleitet, und ich muss sagen, ich –«
»– denke, dass er völlig Recht hat«, presste Sirius zwischen den Zähnen hervor.
Mrs Weasley schürzte die Lippen.
»Wann hat Dumbledore euch das gesagt?«, fragte Harry und starrte Sirius an.
»Er kam letzte Nacht, als ihr im Bett wart«, sagte Mr Weasley.
Sirius stocherte mit der Gabel missgelaunt in einer Kartoffel. Harry senkte den Blick auf seinen Teller. Der Gedanke, dass Dumbledore unmittelbar vor seiner Anhörung im Haus gewesen war und ihn nicht zu sehen verlangt hatte, ließ seine Laune, sofern das möglich war, noch weiter sinken.
Das Zaubereiministerium
Harry erwachte am nächsten Morgen um halb sechs so jäh und endgültig, als hätte ihm jemand ins Ohr geschrien. Eine Weile lag er reglos da, während der Gedanke an die disziplinarische Anhörung in jede winzige Verästelung seines Gehirns vordrang, bis es ihm unerträglich wurde und er aus dem Bett sprang und die Brille aufsetzte. Mrs Weasley hatte seine frisch gewaschene Jeans und ein T-Shirt am Fußende des Bettes ausgebreitet und Harry schlüpfte hastig hinein. Das leere Bild an der Wand kicherte.
Ron lag mit weit geöffnetem Mund und alle viere von sich gestreckt auf dem Rücken und schlief selig. Er rührte sich nicht, als Harry das Zimmer durchquerte, auf den Treppenabsatz hinaustrat und die Tür sachte hinter sich schloss. Harry versuchte nicht daran zu denken, dass sie womöglich nicht mehr Klassenkameraden in Hogwarts waren, wenn er Ron das nächste Mal sah, und stieg leise an den Köpfen von Kreachers Vorfahren vorbei die Treppe hinab und dann weiter hinunter zur Küche.
Er hatte nicht erwartet, jemanden vorzufinden, doch als er die Tür erreichte, hörte er leises Stimmengemurmel aus der Küche dringen. Er schob die Tür auf und sah Mr und Mrs Weasley, Sirius, Lupin und Tonks dasitzen, fast als würden sie auf ihn warten. Alle waren schon angezogen, nur Mrs Weasley trug einen lila Steppmorgenrock. Kaum dass Harry eingetreten war, sprang sie auf.
»Frühstück«, sagte sie, zückte ihren Zauberstab und eilte hinüber zum Feuer.
»M-M-Morgen, Harry«, gähnte Tonks. Heute Morgen hatte sie blonde Locken. »Gut geschlafen?«
»Ja«, sagte Harry.
»Ich b-b-bin die ganze Nacht auf gewesen«, sagte sie, gähnte erneut und erschauderte. »Komm und setz dich …«
Sie zog einen Stuhl unter dem Tisch hervor und warf dabei einen benachbarten um.
»Was möchtest du, Harry?«, rief Mrs Weasley. »Haferbrei? Muffins? Räucherheringe? Speck und Eier? Toast?«
»Nur – nur Toast, danke«, sagte Harry.
Lupin warf Harry einen Blick zu, dann wandte er sich an Tonks: »Was wolltest du eben über Scrimgeour sagen?«
»Oh … jaah … nun, wir müssen ein wenig vorsichtiger sein, er stellt mir und Kingsley dauernd so komische Fragen …«
Harry war irgendwie dankbar, dass er sich nicht am Gespräch beteiligen musste. Seine Eingeweide krümmten sich. Mrs Weasley stellte ihm ein paar Scheiben Toast und Marmelade hin, und er versuchte etwas zu essen, doch ihm war, als würde er an einem Stück Teppich kauen. Mrs Weasley setzte sich neben ihn und zupfte an seinem T-Shirt herum, steckte das Etikett rein und glättete die Falten auf den Schultern. Er hätte lieber seine Ruhe gehabt.
»… und ich muss Dumbledore mitteilen, dass ich morgen keine Nachtschicht machen kann, ich bin einfach z-z-zu müde«, schloss Tonks und gähnte abermals herzhaft.
»Ich spring für dich ein«, sagte Mr Weasley. »Kein Problem für mich, ich muss ohnehin noch einen Bericht abschließen …«
Mr Weasley trug keinen Zaubererumhang, sondern Nadelstreifenhosen und eine alte Bomberjacke. Er wandte sich von Tonks zu Harry.
»Wie geht’s dir?«
Harry zuckte die Achseln.
»Bald ist das alles vorbei«, sagte Mr Weasley aufmunternd. »In ein paar Stunden bist du freigesprochen.«
Harry schwieg.
»Die Anhörung ist auf meinem Stockwerk, im Büro von Amelia Bones. Sie ist Leiterin der Abteilung für Magische Strafverfolgung und sie wird dich auch vernehmen.«
»Amelia Bones ist in Ordnung, Harry«, sagte Tonks ernst. »Sie ist fair, sie wird dich anhören.«
Harry wusste immer noch nicht, was er sagen sollte, und nickte.
»Fahr nur nicht aus der Haut«, warf Sirius unvermittelt ein. »Bleib höflich und halte dich an die Tatsachen.«
Harry nickte erneut.
»Das Gesetz ist auf deiner Seite«, sagte Lupin leise. »Sogar minderjährige Zauberer dürfen in lebensbedrohlichen Situationen Magie einsetzen.«
Etwas sehr Kaltes tröpfelte Harry den Rücken hinunter; einen Moment lang glaubte er, jemand würde ihn mit einem Desillusionierungszauber belegen, dann merkte er, dass Mrs Weasley sich mit einem nassen Kamm über seine Haare hergemacht hatte. Sie drückte ihm fest auf den Kopf.
»Bleiben die denn nie liegen?«, sagte sie verzweifelt.
Harry schüttelte den Kopf.
Mr Weasley warf einen Blick auf die Uhr und sah Harry an.
»Ich meine, wir sollten jetzt gehen«, sagte er. »Wir sind ein bisschen früh dran, aber du wartest wohl besser im Ministerium, als hier rumzuhängen.«
»Okay«, entgegnete Harry mechanisch, legte seinen Toast weg und stand auf.
»Wird schon gut gehen, Harry«, sagte Tonks und tätschelte ihm den Arm.
»Viel Glück«, sagte Lupin. »Es wird alles bestens laufen, da bin ich sicher.«
»Und wenn nicht«, sagte Sirius, »werd ich mich mal in deinem Namen um diese Amelia Bones kümmern …«
Harry lächelte matt. Mrs Weasley umarmte ihn.
»Wir drücken dir alle die Daumen«, sagte sie.
»Gut«, erwiderte Harry. »Tja … bis später dann.«
Er folgte Mr Weasley nach oben und durch die Halle. Er konnte Sirius’ Mutter hinter den Vorhängen im Schlaf murren hören. Mr Weasley entriegelte die Tür und sie traten hinaus in die kalte, graue Morgendämmerung.
»Sie gehen sonst nicht zu Fuß zur Arbeit, oder?«, fragte Harry, während sie sich zügig auf den Weg um den Platz machten.
»Nein, normalerweise appariere ich«, sagte Mr Weasley, »aber du kannst das natürlich nicht, und ich halte es für das Beste, wenn wir auf vollkommen unmagische Weise ankommen … macht einen besseren Eindruck, wenn man bedenkt, wofür man dich zur Rechenschaft ziehen will …«
Mr Weasley behielt unterwegs die Hand in der Jacke. Harry wusste, dass sie den Zauberstab umklammert hatte. Die heruntergekommenen Straßen waren fast ausgestorben, doch als sie die triste kleine U-Bahn-Station erreichten, war sie bereits voll frühmorgendlicher Pendler. Wie immer, wenn er unter Muggeln war, die ihren täglichen Geschäften nachgingen, fiel es Mr Weasley schwer, seine Begeisterung zu bändigen.
»Einfach fabelhaft«, flüsterte er und deutete auf die Fahrkartenautomaten. »Wunderbar einfallsreich.«
»Die sind außer Betrieb«, erwiderte Harry und wies auf ein Schild.
»Ja, aber trotzdem …«, sagte Mr Weasley und strahlte entzückt die Automaten an.
Sie kauften ihre Fahrkarten bei einem schläfrig wirkenden Wachmann (Harry kümmerte sich um die Bezahlung, weil Mr Weasley nicht sonderlich gut mit Muggelgeld zurechtkam), und fünf Minuten später stiegen sie in eine U-Bahn, die sie ratternd ins Zentrum von London brachte. Mr Weasley prüfte immer wieder wachsam die Karte des U-Bahn-Netzes über den Fenstern.
»Noch vier Stationen, Harry … Jetzt noch drei … Noch zwei Stationen, Harry …«
Sie stiegen an einer Station im Herzen Londons aus und wurden von einer Welle anzugtragender Männer und aktentaschenbewehrter Frauen aus dem Zug geschwemmt. Sie fuhren die Rolltreppe hoch und passierten die Drehkreuze (Mr Weasley hatte seine Freude daran, wie der Leseautomat seine Fahrkarte schluckte), und schließlich traten sie hinaus auf eine breite Straße, die von imposanten Gebäuden gesäumt und schon sehr belebt war.
»Wo sind wir?«, sagte Mr Weasley ratlos und Harrys Herz setzte einen Augenblick aus. Er dachte, sie wären trotz Mr Weasleys ständigen Blicken auf die Karte an der falschen Station ausgestiegen. Doch schon fuhr er fort: »Ah, ja … hier lang, Harry«, und führte ihn in eine Seitenstraße.
»Tut mir leid«, sagte er, »aber ich komme sonst nie mit der Bahn und aus der Muggelperspektive sieht alles ganz anders aus. Ehrlich gesagt habe ich den Besuchereingang noch nie benutzt.«
Mit der Zeit wurden die Häuser kleiner und weniger imposant, und schließlich erreichten sie eine Straße mit einigen schäbig wirkenden Bürobauten, einem Pub und einem überquellenden Müllcontainer. Harry hätte sich das Zaubereiministerium in einer beeindruckenderen Nachbarschaft vorgestellt.
»Da sind wir«, sagte Mr Weasley strahlend und wies auf eine alte rote Telefonzelle, die vor einer mit Graffiti bedeckten Mauer stand und der einige Scheiben fehlten. »Nach dir, Harry.«
Er öffnete die Tür der Telefonzelle.
Harry trat ein und fragte sich, was um alles in der Welt dies eigentlich sollte. Mr Weasley zwängte sich hinter Harry hinein und schloss die Tür. Sie konnten sich kaum rühren. Harry stand gegen das Telefon gedrückt, das schief an der Wand hing, als hätte ein Vandale versucht es herunterzureißen. Mr Weasley langte an Harry vorbei nach dem Hörer.
»Mr Weasley, ich glaube, das ist auch außer Betrieb«, sagte Harry.
»Nein, nein, das geht bestimmt«, sagte Mr Weasley, hielt sich den Hörer über den Kopf und spähte auf die Wählscheibe. »Schaun wir mal … sechs …«, er wählte die Nummer, »zwei … vier … und noch mal vier … und eine Drei …«
Die Wählscheibe surrte sanft zurück, und in der Telefonzelle ertönte eine kühle Frauenstimme, nicht aus dem Hörer in Mr Weasleys Hand, aber so laut und klar, als würde eine unsichtbare Frau direkt neben ihnen stehen.
»Willkommen im Zaubereiministerium. Bitte nennen Sie Ihren Namen und Ihr Anliegen.«
»Ähm …«, sagte Mr Weasley, offenbar unsicher, ob er in den Hörer sprechen sollte oder nicht. Er entschloss sich dazu, die Sprechmuschel ans Ohr zu halten: »Arthur Weasley, Büro gegen den Missbrauch von Muggelartefakten, ist hier als Begleitung von Harry Potter, der aufgefordert wurde, sich zu einer disziplinarischen Anhörung einzufinden …«
»Vielen Dank«, sagte die kühle Frauenstimme. »Besucher, bitte nehmen Sie die Plakette und befestigen Sie sie vorne an Ihrem Umhang.«
Es klickte und ratterte, dann sah Harry etwas aus dem Metallschacht gleiten, aus dem normalerweise die restlichen Münzen fielen. Er nahm es in die Hand: Es war eine quadratische Silberplakette mit dem Aufdruck Harry Potter, disziplinarische Anhörung. Er steckte sie an die Brust seines T-Shirts und die Frauenstimme sprach von neuem.
»Besucher des Ministeriums, Sie werden aufgefordert, sich einer Durchsuchung zu unterziehen und Ihren Zauberstab zur Registrierung am Sicherheitsschalter vorzulegen, der sich am Ende des Atriums befindet.«
Der Boden der Telefonzelle bebte. Langsam versanken sie in der Erde. Harry sah gebannt zu, wie sich der Gehweg über die Fenster der Telefonzelle zu erheben schien, bis am Ende völlige Dunkelheit über ihren Köpfen hereinbrach. Jetzt war nichts mehr zu sehen, nur ein dumpfes Knirschen war zu hören, während die Telefonzelle immer tiefer in die Erde drang. Nach etwa einer Minute, auch wenn es Harry viel länger vorkam, fiel ein Spalt goldenen Lichts auf seine Füße, wurde breiter und stieg an ihm hoch, bis er sein Gesicht traf und Harry blinzeln musste, damit seine Augen nicht tränten.
»Das Zaubereiministerium wünscht Ihnen einen angenehmen Tag«, sagte die Frauenstimme.
Die Tür der Telefonzelle sprang auf und Mr Weasley trat hinaus. Harry folgte ihm mit offenem Mund.
Sie standen am Ende einer langen und prachtvollen Halle mit einem spiegelblank polierten dunklen Holzfußboden. In die pfauenblaue Decke waren schimmernde goldene Symbole eingelassen, die sich ständig bewegten und veränderten wie auf einer riesigen himmlischen Anzeigetafel. In die mit glänzendem dunklem Holz getäfelten Seitenwände waren viele vergoldete Kamine eingebaut. Aus einem der Kamine an der linken Seite tauchte mit einem leisen Wuuusch alle paar Sekunden eine Hexe oder ein Zauberer auf. Vor den Kaminen auf der rechten Seite warteten die Abreisenden in kurzen Schlangen.
In der Mitte der Halle stand ein Brunnen. Eine Gruppe goldener Statuen, überlebensgroß, erhob sich inmitten eines runden Wasserbeckens. Die größte stellte einen vornehm wirkenden Zauberer dar, der den Zauberstab senkrecht in die Höhe reckte. Um ihn herum gruppierten sich eine schöne Hexe, ein Zentaur, ein Kobold und ein Hauself. Die drei Letzteren sahen mit ehrfürchtiger Miene zu der Hexe und dem Zauberer empor. Glitzernde Wasserstrahlen schossen aus den Spitzen ihrer Zauberstäbe und aus dem Zentaurenpfeil, aus der Spitze des Koboldhutes und aus beiden Ohren des Hauselfen, und das helle Zischeln der fallenden Wasserstrahlen vermengte sich mit dem Ploppen und Knallen der Apparierenden und den klackernden Schritten Hunderter von Hexen und Zauberern, von denen die meisten mit verdrießlichen, unausgeschlafenen Mienen auf eine Reihe goldener Portale am anderen Ende der Halle zueilten.
»Hier lang«, sagte Mr Weasley.
Sie schlossen sich der Menge an, bahnten sich ihren Weg zwischen den Ministeriumsangestellten hindurch, von denen manche wacklige Pergamentstapel trugen, andere zerbeulte Aktentaschen und wieder andere im Gehen den Tagespropheten lasen. Als sie am Brunnen vorbeikamen, sah Harry silberne Sickel und bronzene Knuts vom Beckengrund zu ihm emporglitzern. Auf einem kleinen verschmierten Schild hieß es:
ALLE EINNAHMEN AUS DEM BRUNNEN DER MAGISCHEN GESCHWISTER GEHEN ALS SPENDE AN DAS ST.-MUNGO-HOSPITAL FÜR MAGISCHE KRANKHEITEN UND VERLETZUNGEN.
Wenn sie mich nicht aus Hogwarts rausschmeißen, werf ich zehn Galleonen rein, schoss es Harry plötzlich verzweifelt durch den Kopf.
»Hier rüber, Harry«, sagte Mr Weasley, und sie traten heraus aus dem Strom der Ministeriumsangestellten, die auf die goldenen Tore zustrebten. An einem Pult zur Linken, unter einer Tafel mit der Aufschrift Sicherheit, saß ein schlecht rasierter Zauberer in pfauenblauem Umhang, der aufsah, als sie sich näherten, und seinen Tagespropheten beiseitelegte.
»Ich begleite einen Besucher«, sagte Mr Weasley und wies mit der Hand auf Harry.
»Kommen Sie her«, sagte der Zauberer gelangweilt.
Harry trat näher, und der Zauberer hielt eine lange goldene Rute in die Höhe, dünn und biegsam wie eine Autoantenne, und führte sie an Harrys Brust und Rücken auf und ab.
»Zauberstab«, brummte der Sicherheitszauberer zu Harry, legte das goldene Instrument beiseite und streckte die Hand aus.
Harry zog seinen Zauberstab hervor. Der Zauberer ließ ihn auf ein merkwürdiges Messinginstrument fallen, das an eine Waage mit nur einer Schale erinnerte. Es fing an zu vibrieren. Ein schmaler Pergamentstreifen schnellte aus einem Schlitz im Sockel hervor. Der Zauberer riss ihn ab und verlas die Aufschrift.
»Elf Zoll, Kern Phönixfeder, vier Jahre in Gebrauch. Ist das korrekt?«
»Ja«, sagte Harry nervös.
»Das hier behalte ich«, sagte der Zauberer und spießte den Pergamentstreifen auf einen kleinen Messingdorn. »Den bekommen Sie zurück«, fügte er hinzu und drückte Harry den Zauberstab in die Hand.
»Danke.«
»Einen Moment noch …«, sagte der Zauberer langsam.
Sein Blick war von der silbernen Besucherplakette auf Harrys Brust zu seiner Stirn gehuscht.
»Danke, Eric«, sagte Mr Weasley bestimmt, packte Harry an der Schulter und bugsierte ihn von dem Pult weg, wieder hinein in den Strom von Zauberern und Hexen, die durch die goldenen Portale gingen.
Von der Menge leicht geschoben, folgte Harry Mr Weasley durch eines der Portale in eine kleinere Halle, wo sich hinter goldenen schmiedeeisernen Gittern mindestens zwanzig Fahrstühle befanden. Harry und Mr Weasley gesellten sich zu der Gruppe, die an einem der Fahrstühle wartete. In ihrer Nähe stand ein großer bärtiger Zauberer mit einem großen Pappkarton, aus dem krächzende Geräusche drangen.
»Alles klar, Arthur?«, sagte der Zauberer und nickte Mr Weasley zu.
»Was hast du da, Bob?«, fragte Mr Weasley und blickte auf den Karton.
»Wir sind uns nicht sicher«, sagte der Zauberer mit ernster Miene. »Wir dachten erst, es wäre ein ganz gewöhnliches Huhn, bis es angefangen hat Feuer zu spucken. Sieht mir sehr nach einer schwer wiegenden Verletzung des Verbots experimenteller Züchtung aus.«
Unter lautem Gerassel und Geklapper sank vor ihnen ein Fahrstuhl herab; das goldene Gitter glitt beiseite und Harry und Mr Weasley stiegen mit der Schar der Wartenden ein. Harry wurde nach hinten an die Wand gedrängt. Einige Hexen und Zauberer sahen ihn neugierig an. Er starrte auf seine Füße, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, und drückte sich dabei die Haare platt. Die Gitter schlossen sich krachend, und der Lift begann mit ratternden Ketten langsam seinen Aufstieg, während die gleiche kühle Frauenstimme, die Harry in der Telefonzelle gehört hatte, erneut zu sprechen anfing.
»Siebter Stock, Abteilung für Magische Spiele und Sportarten, mit der Zentrale der Britischen und Irischen Quidditch-Liga, dem Offiziellen Koboldstein-Klub und dem Büro für Lächerliche Patente.«
Die Fahrstuhltüren öffneten sich. Harry erhaschte einen Blick auf einen schmuddelig wirkenden Korridor mit verschiedenen schief an die Wände gepinnten Postern von Quidditch-Mannschaften. Einer der Zauberer im Fahrstuhl, den Arm voller Besen, löste sich mühsam aus dem Gedrängel und verschwand auf dem Korridor. Die Türen schlossen sich, der Lift stieg ruckelnd weiter nach oben und die Frauenstimme verkündete:
»Sechster Stock, Abteilung für Magisches Transportwesen, mit der Flohnetzwerkaufsicht, dem Besenregulationskontrollamt, dem Portschlüsselbüro und dem Appariertestzentrum.«
Wieder öffneten sich die Fahrstuhltüren und vier oder fünf Hexen und Zauberer stiegen aus; gleichzeitig schwebten mehrere Papierflieger herein. Harry starrte sie an, während sie lässig über seinem Kopf umherflatterten; sie waren blassviolett, und er konnte erkennen, dass sie am Flügelrand den Stempel Zaubereiministerium trugen.
»Das sind nur Memos, die zwischen den Abteilungen ausgetauscht werden«, murmelte Mr Weasley ihm zu. »Früher haben wir Eulen eingesetzt, aber du kannst dir den Dreck nicht vorstellen … die ganzen Schreibtische voller Mist …«
Erneut ging es klappernd aufwärts, und die Memos umflatterten die Leuchte, die von der Decke des Fahrstuhls pendelte.
»Fünfter Stock, Abteilung für Internationale Magische Zusammenarbeit, mit dem Internationalen Magischen Handelsstandardausschuss, dem Internationalen Büro für Magisches Recht und der Internationalen Zauberervereinigung, britische Sektion.«
Als die Türen aufgingen, schossen zwei Memos hinaus, gefolgt von einigen Hexen und Zauberern, aber noch mehr Memos flatterten herein und umschwirrten die Lampe, so dass es über ihren Köpfen flackerte und blitzte.
»Vierter Stock, Abteilung zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe, mit der Tierwesen-, der Zauberwesen- und der Geisterbehörde, dem Koboldverbindungsbüro und dem Seuchenberatungsbüro.«
»’tschuldigung«, sagte der Zauberer mit dem Feuer speienden Huhn und verließ, gefolgt von einem kleinen Schwarm Memos, den Fahrstuhl. Die Türen schepperten wieder zu.
»Dritter Stock, Abteilung für Magische Unfälle und Katastrophen, mit dem Kommando für die Umkehr verunglückter Magie, der Vergissmich-Zentrale und dem Komitee für Muggelgerechte Entschuldigungen.«
Auf diesem Stockwerk leerte sich der Fahrstuhl, zurück blieben nur Mr Weasley, Harry und eine Hexe, die ein äußerst langes, auf den Boden hängendes Pergament las. Die verbliebenen Memos umschwirrten weiter die Lampe, während der Lift wieder nach oben ruckelte; dann öffneten sich die Türen und die Stimme machte ihre Ansage.
»Zweiter Stock, Abteilung für Magische Strafverfolgung, mit dem Büro gegen den Missbrauch der Magie, der Aurorenzentrale und dem Zaubergamot-Verwaltungsdienst.«
»Wir sind da, Harry«, sagte Mr Weasley und sie folgten der Hexe aus dem Lift in einen von Türen gesäumten Korridor. »Mein Büro ist am anderen Ende des Ganges.«
»Mr Weasley«, sagte Harry, als sie an einem Fenster vorbeikamen, durch das Sonnenlicht flutete, »wir sind doch immer noch unter der Erde?«
»Ja, allerdings«, sagte Mr Weasley. »Das hier sind verzauberte Fenster, die Zauberei-Zentralverwaltung entscheidet, was für Wetter wir Tag für Tag bekommen. Das letzte Mal, als sie eine Gehaltserhöhung durchsetzen wollten, hatten wir zwei Monate lang Wirbelstürme … Hier rüber, Harry.«
Sie bogen um eine Ecke, traten durch eine schwere eichene Flügeltür und gelangten in einen weitläufigen, unübersichtlichen Raum, der in Bürozellen unterteilt war und vor Stimmengewirr und Gelächter summte. Memos schossen wie Miniraketen in die Zellen und wieder heraus. Auf einem schief hängenden Schild an der nächstgelegenen Zelle stand: Aurorenzentrale.
Harry lugte verstohlen durch die Türöffnungen, an denen sie vorbeikamen. Die Auroren hatten die Wände ihrer Bürozellen mit allem Möglichen beklebt, mit Fahndungsbildern von Zauberern und Familienfotos der Auroren ebenso wie mit Postern ihrer Lieblingsmannschaften im Quidditch und Artikeln aus dem Tagespropheten. Ein Mann mit scharlachrotem Umhang und einem noch längeren Pferdeschwanz als Bill saß da, hatte die Füße auf den Schreibtisch gelegt und diktierte seiner Feder einen Bericht. Ein Stück weiter unterhielt sich eine Hexe mit Augenklappe über die Trennwand ihrer Zelle hinweg mit Kingsley Shacklebolt.
»Morgen, Weasley«, sagte Kingsley beiläufig, als sie näher traten. »Ich wollte Sie mal kurz sprechen, haben Sie eine Sekunde Zeit?«
»Ja, wenn es wirklich nur eine Sekunde ist«, sagte Mr Weasley. »Ich hab’s ziemlich eilig.«
Sie sprachen miteinander, als ob sie sich kaum kennen würden, und als Harry den Mund öffnete, um Kingsley hallo zu sagen, trat ihm Mr Weasley auf den Fuß. Sie folgten Kingsley den Gang entlang in die allerletzte Zelle.
Harry versetzte es einen leichten Schock; aus allen Richtungen zwinkerte ihm Sirius’ Gesicht entgegen. Zeitungsausschnitte und alte Fotos – selbst das von Sirius als Trauzeuge bei der Hochzeit der Potters – bedeckten die Wände. Der einzige siriusfreie Platz war eine Weltkarte, auf der kleine rote Stecknadeln wie Juwelen glänzten.
»Hier«, sagte Kingsley abrupt und drückte Mr Weasley ein Pergamentbündel in die Hand. »Ich brauche möglichst viele Informationen über fliegende Muggelfahrzeuge, die in den letzten zwölf Monaten gesichtet wurden. Wir wurden informiert, dass Black womöglich immer noch sein altes Motorrad benutzt.«
Kingsley zwinkerte unübersehbar zu Harry hinüber und fügte flüsternd hinzu: »Gib ihm das Magazin, das könnte ihn interessieren.« Dann sagte er wieder mit normaler Stimme: »Und lassen Sie sich nicht zu lange Zeit, Weasley, dieser verspätete Beinfeuerwaffen-Bericht hat unsere Untersuchung um einen Monat verzögert.«
»Wenn Sie meinen Bericht gelesen hätten, wüssten Sie, dass der Begriff Handfeuerwaffen lautet«, sagte Mr Weasley kühl. »Und ich fürchte, Sie müssen sich mit Informationen über Motorräder noch gedulden; wir sind im Moment vollauf beschäftigt.« Er senkte die Stimme und sagte: »Falls du dich vor sieben loseisen kannst, Molly macht Fleischbällchen.«
Er winkte Harry und führte ihn aus Kingsleys Zelle, durch eine zweite eichene Flügeltür und in einen weiteren Durchgang, wandte sich nach links, ging wiederum einen Korridor entlang und bog nach rechts in einen schwach beleuchteten und besonders schmuddeligen Flur ein, der an einer Mauer endete. Links stand eine Tür offen und gab den Blick auf einen Besenschrank frei, und an der Tür zur Rechten hing ein stumpfes Messingschild mit der Aufschrift: Missbrauch von Muggelartefakten.
Mr Weasleys schäbiges Büro wirkte noch ein wenig kleiner als der Besenschrank. Mit Müh und Not hatten zwei Schreibtische darin Platz gefunden, und weil die Wände mit überquellenden Aktenschränken vollgestellt waren, auf denen wacklige Ordnerstapel lagen, konnte man sich kaum bewegen. Was an Wandfläche noch frei war, bezeugte Mr Weasleys Leidenschaften: mehrere Autoplakate, auch eines von einem zerlegten Motor; zwei Zeichnungen von Briefkästen, die er offenbar aus Kinderbüchern für Muggel ausgeschnitten hatte; und ein Schaubild, das zeigte, wie man einen Stecker verkabelt.
In Mr Weasleys überquellendem Eingangskorb lagen ein alter Toaster, der einen jämmerlichen Schluckauf hatte, und ein Paar leerer Lederhandschuhe, die Däumchen drehten. Neben dem Eingangskorb stand ein Foto der Familie Weasley. Harry fiel auf, dass Percy offenbar aus dem Bild gelaufen war.
»Wir haben kein Fenster«, sagte Mr Weasley entschuldigend, zog seine Bomberjacke aus und hängte sie über seine Stuhllehne. »Wir haben eins beantragt, aber man glaubt offenbar, wir bräuchten keines. Setz dich, Harry, sieht aus, als wäre Perkins noch nicht da.«
Harry zwängte sich auf den Stuhl hinter Perkins’ Schreibtisch, während Mr Weasley das Pergamentbündel durchstöberte, das Kingsley Shacklebolt ihm gegeben hatte.
»Ah«, sagte er grinsend, als er aus der Mitte des Bündels ein Magazin namens Der Klitterer hervorzog, »ja …« Er blätterte es durch. »Ja, er hat Recht, Sirius wird das sicher ganz amüsant finden … o meine Güte, was ist das jetzt wieder?«
Ein Memo war soeben durch die offene Tür geflogen und hatte sich flatternd auf dem hicksenden Toaster niedergelassen. Mr Weasley entfaltete es und las laut vor:
»›Dritte wieder ausspuckende öffentliche Toilette in Bethnal Green gemeldet, bitte unverzüglich Nachforschungen anstellen.‹ Das wird allmählich lächerlich …«
»Eine wieder ausspuckende Toilette?«
»Anti-Muggel-Scherzbolde«, sagte Mr Weasley stirnrunzelnd. »Letzte Woche hatten wir zwei, eine in Wimbledon und eine in Elephant and Castle. Die Muggel drücken die Spülung, und statt dass alles verschwindet – nun, du kannst es dir vorstellen. Die Armen rufen ständig diese Pempler, so heißen die, glaub ich – du weißt schon, die Abflüsse und so reparieren.«
»Klempner?«
»Ja, genau, aber natürlich sind die fassungslos. Wer immer das auch tut, ich kann nur hoffen, dass wir sie kriegen.«
»Werden die Auroren sie fangen?«
»O nein, das wär nur Kleinkram für die Auroren, das macht die gewöhnliche Magische Strafverfolgungspatrouille – ah, Harry, das ist Perkins.«
Ein untersetzter, schüchtern wirkender alter Zauberer mit weißem Flaumhaar war gerade keuchend hereingekommen.
»Oh, Arthur!«, sagte er verzweifelt, ohne Harry anzusehen. »Dem Himmel sei Dank, ich wusste nicht, was ich tun sollte, hier auf dich warten oder nicht. Eben habe ich eine Eule zu dir nach Hause geschickt, aber sie hat dich offenbar verfehlt – vor zehn Minuten kam eine dringende Nachricht rein –«
»Die wieder ausspuckende Toilette, ich weiß Bescheid«, sagte Mr Weasley.
»Nein, nein, nicht die Toilette, es geht um die Anhörung dieses Potter-Jungen – sie haben Zeit und Ort geändert – es fängt jetzt um acht Uhr an, unten im alten Gerichtsraum zehn –«
»Unten im alten – aber sie haben mir – beim Barte des Merlin!«
Mr Weasley sah auf die Uhr, schrie auf und sprang vom Stuhl.
»Schnell, Harry, wir hätten schon vor fünf Minuten dort sein sollen!«
Perkins drückte sich gegen die Aktenschränke, als Mr Weasley, dicht gefolgt von Harry, aus dem Büro stürmte.
»Warum haben sie den Termin geändert?«, fragte Harry atemlos, während sie an den Aurorenzellen vorbeihasteten; einige streckten ihre Köpfe heraus und starrten ihnen nach. Harry war, als hätte er sein Inneres an Perkins’ Schreibtisch zurückgelassen.
»Ich hab keine Ahnung, aber dem Himmel sei Dank sind wir so früh hergekommen, eine Katastrophe, wenn du’s versäumt hättest!«
Mr Weasley kam schlitternd neben den Fahrstühlen zum Stehen und drückte ungeduldig auf den »Abwärts«-Knopf.
»MACH schon!«
Der Fahrstuhl klapperte herbei und sie stürzten hinein. Jedes Mal wenn er anhielt, fluchte Mr Weasley wütend und traktierte den Knopf für Stockwerk neun.
»Diese Gerichtsräume sind seit Jahren nicht mehr benutzt worden«, sagte Mr Weasley aufgebracht. »Ich kann mir nicht vorstellen, warum sie es dort unten machen – außer – aber nein –«
In diesem Moment betrat eine pummelige Hexe mit einem rauchenden Kelch den Fahrstuhl und Mr Weasley unterbrach sich.
»Das Atrium«, sagte die kühle Frauenstimme, die goldenen Gitter glitten beiseite und Harry erhaschte einen Blick auf den fernen Brunnen mit seinen goldenen Statuen. Die pummelige Hexe stieg aus und ein fahlhäutiger Zauberer mit ausgesprochen trauervoller Miene kam herein.
»Morgen, Arthur«, sagte er mit Grabesstimme, als der Lift weiter nach unten fuhr. »Man sieht dich nicht oft hier unten.«
»Dringende Angelegenheit, Bode«, sagte Mr Weasley, wippte auf den Fußballen hin und her und warf Harry besorgte Blicke zu.
»Ah, ja«, sagte Bode und musterte Harry mit starrem Gesicht. »Natürlich.«
Harry war kaum in der Lage, sich mit Bode zu beschäftigen, aber unter dessen unentwegtem Starren wurde ihm nicht gerade behaglicher zumute.
»Mysteriumsabteilung«, sagte die kühle Frauenstimme und beließ es dabei.
»Rasch, Harry«, sagte Mr Weasley, als die Fahrstuhltüren sich ratternd öffneten, und sie eilten einen Korridor entlang, der sich deutlich von denen in den oberen Stockwerken unterschied. Die Wände waren kahl; es gab keine Fenster und keine Türen, abgesehen von einer schlichten schwarzen ganz am Ende des Korridors. Harry glaubte, sie würden dort hineingehen, stattdessen packte ihn Mr Weasley am Arm und zog ihn nach links, wo ein Durchgang zu einer Treppe führte.
»Hier runter, hier runter«, keuchte Mr Weasley und nahm immer zwei Stufen auf einmal. »Der Fahrstuhl kommt gar nicht so weit … warum machen sie es dort unten, ich …«
Sie gelangten zum Fuß der Treppe und rannten einen weiteren Korridor entlang, der mit seinen groben Steinwänden, an denen Fackeln steckten, jenem sehr ähnelte, der zu Snapes Kerker in Hogwarts führte. Die Türen, an denen sie vorbeikamen, waren aus schwerem Holz mit eisernen Riegeln und Schlüssellöchern.
»Gerichtsraum … zehn … ich glaube … wir sind fast … ja.«
Mr Weasley hielt stolpernd vor einer schmutzigen dunklen Tür mit einem mächtigen Eisenschloss, sackte gegen die Mauer und griff sich an die stechende Brust.
»Geh weiter«, keuchte er und wies mit dem Daumen auf die Tür. »Geh da rein.«
»Kommen Sie – kommen Sie nicht mit –?«
»Nein, nein, ich bin nicht zugelassen. Viel Glück!«
Harrys Herz schlug in einem heftigen Trommelwirbel gegen seinen Adamsapfel. Er schluckte schwer, drückte den massiven eisernen Türgriff und trat in den Gerichtsraum.
Die Anhörung
Harry riss den Mund auf – er konnte nicht anders. Der große Kerker, den er betreten hatte, kam ihm schrecklich bekannt vor. Er hatte ihn nicht nur schon einmal gesehen, er war auch schon einmal hier gewesen. Dies war der Ort, den er in Dumbledores Denkarium besucht hatte, der Ort, an dem er beobachtet hatte, wie die Lestranges zu lebenslänglicher Haft in Askaban verurteilt wurden.
Die Mauern waren aus dunklem Stein, von Fackeln spärlich beleuchtet. Links und rechts von ihm erstreckten sich leere Bankreihen bis hoch hinauf, doch ihm gegenüber, auf den höchsten Bänken, waren viele schattenhafte Gestalten zu erkennen. Sie hatten leise geredet, doch als die schwere Tür hinter Harry zuschlug, trat eine unheilvolle Stille ein.
Eine kalte männliche Stimme gellte durch den Gerichtsraum.
»Du kommst zu spät.«
»Verzeihung«, sagte Harry nervös. »Ich – ich wusste nicht, dass der Termin geändert wurde.«
»Das ist nicht die Schuld des Zaubergamots«, sagte die Stimme. »Eine Eule wurde heute Morgen zu dir geschickt. Nimm deinen Platz ein.«
Harry senkte den Blick auf den Stuhl in der Mitte des Raumes, über dessen Armlehnen Ketten lagen. Er hatte gesehen, wie diese Ketten jäh zum Leben erwachten und den fesselten, der gerade zwischen ihnen saß. Mit laut widerhallenden Schritten ging er über den steinernen Boden. Als er sich behutsam auf den Stuhlrand setzte, klirrten die Ketten drohend, doch sie umschlangen ihn nicht. Ihm war ziemlich schlecht, und er blickte hinauf zu den Leuten, die auf der Bank oben saßen.
Es waren ungefähr fünfzig, und soweit er sehen konnte, trugen alle pflaumenblaue Umhänge mit einem kunstvoll gearbeiteten silbernen »Z« links auf der Brust, und alle starrten ihn von oben herab an, manche mit sehr strengen Mienen, andere mit einem Ausdruck unverhohlener Neugier.
Genau in der Mitte der vorderen Reihe saß Cornelius Fudge, der Zaubereiminister. Fudge war ein stattlicher Mann, der häufig einen limonengrünen Bowler trug, allerdings hatte er heute auf ihn verzichtet; verzichtet hatte er auch auf das nachsichtige Lächeln, das er einst zur Schau getragen hatte, wenn er mit Harry sprach. Eine breite Hexe mit eckigem Unterkiefer und ganz kurzem grauem Haar saß zu Fudges Linken; sie trug ein Monokel und wirkte abweisend. Zu Fudges Rechten saß ebenfalls eine Hexe, aber sie hatte sich so weit in der Bank zurückgelehnt, dass ihr Gesicht im Schatten lag.
»Sehr schön«, sagte Fudge. »Da der Angeklagte anwesend ist – endlich –, sollten wir beginnen. Sind Sie bereit?«, rief er zum Ende der Bank hin.
»Ja, Sir«, antwortete eine beflissene Stimme, die Harry kannte. Am äußersten Ende der vorderen Bank saß Rons Bruder Percy. Harry blickte ihn an, in der Erwartung, Percy würde irgendein Zeichen des Wiedererkennens geben, doch umsonst. Percys Augen hinter der Hornbrille waren auf sein Pergament geheftet, in seiner Hand hielt er eine Feder.
»Disziplinarische Anhörung vom zwölften August«, sagte Fudge mit schriller Stimme und sofort fing Percy an zu protokollieren, »in Sachen Verstöße gegen den Erlass zur Vernunftgemäßen Beschränkung der Zauberei Minderjähriger und gegen das Internationale Geheimhaltungsabkommen durch Harry Potter, wohnhaft Ligusterweg Nummer vier, Little Whinging, Surrey.
Es führen das Verhör: Cornelius Oswald Fudge, Zaubereiminister; Amelia Susan Bones, Leiterin der Abteilung für Magische Strafverfolgung; Dolores Jane Umbridge, Erste Untersekretärin des Ministers. Gerichtsschreiber, Percy Ignatius Weasley –«
»Zeuge der Verteidigung, Albus Percival Wulfric Brian Dumbledore«, sagte eine ruhige Stimme hinter Harry, der den Kopf so schnell herumriss, dass er sich den Hals verrenkte.
Dumbledore, mit langem mitternachtsblauem Umhang und vollkommen gelassenem Ausdruck, schritt feierlich durch den Raum. Sein langer silberner Bart und seine Haare schimmerten im Fackellicht, als er sich an Harrys Seite stellte und durch die Halbmondgläser seiner Brille, die auf halber Höhe auf seiner scharfen Hakennase ruhte, zu Fudge hochblickte.
Die Mitglieder des Zaubergamots tuschelten. Aller Augen waren jetzt auf Dumbledore gerichtet. Manche sahen verärgert aus, andere eine Spur verängstigt; zwei ältere Hexen auf der rückwärtigen Bank jedoch hoben die Hände und winkten ihm grüßend zu.
Bei Dumbledores Anblick war ein starkes Gefühl in Harrys Brust aufgestiegen, ein Kraft und Hoffnung spendendes Gefühl ähnlich dem, das ihm der Gesang des Phönix gab. Er suchte Dumbledores Blick, aber Dumbledore sah nicht in seine Richtung; er sah unentwegt auf den offensichtlich verwirrten Fudge.
»Ah«, sagte Fudge und wirkte jetzt tief beunruhigt. »Dumbledore. Ja. Sie – ähm – haben unsere – ähm – Botschaft erhalten, dass Zeit und – ähm – Ort der Anhörung geändert wurden, nehme ich also an?«
»Die muss ich verpasst haben«, sagte Dumbledore vergnügt. »Allerdings bin ich durch einen glücklichen Zufall drei Stunden zu früh im Ministerium angekommen und so ist noch mal alles gut gegangen.«
»Ja – schön – ich denke, wir brauchen noch einen Stuhl – ich – Weasley, würden Sie –«
»Nur keine Umstände, nur keine Umstände«, sagte Dumbledore freundlich; er zückte seinen Zauberstab, ließ ihn leicht aus dem Handgelenk schnippen und ein zerknautschter Chintz-Lehnstuhl erschien aus dem Nichts neben Harry. Dumbledore setzte sich, legte die Kuppen seiner langen Finger aneinander und betrachtete Fudge über sie hinweg mit einem Ausdruck höflichen Interesses. Die Mitglieder des Zaubergamots tuschelten und gestikulierten immer noch aufgeregt; erst als Fudge wieder zu sprechen begann, beruhigten sie sich.
»Ja«, sagte Fudge erneut und stöberte in seinen Unterlagen. »Nun, dann. So. Die Anklage. Ja.«
Er zog ein Stück Pergament aus dem Stapel vor ihm, holte tief Luft und las laut: »Die Anklagepunkte gegen den Beschuldigten lauten wie folgt:
Dass er wissentlich, absichtlich und in vollem Bewusstsein der Rechtswidrigkeit seiner Handlungen – obwohl er zuvor bereits eine schriftliche Verwarnung des Zaubereiministeriums wegen eines ähnlichen Vorwurfs erhalten hatte – einen Patronus-Zauber in einem Muggelwohngebiet ausgeführt hat, in Gegenwart eines Muggels, am zweiten August um dreiundzwanzig Minuten nach neun, welches einen Verstoß gegen den Erlass zur Vernunftgemäßen Beschränkung der Zauberei Minderjähriger von 1875, Abschnitt C, darstellt und ebenso gegen Abschnitt 13 des Geheimhaltungsabkommens der Internationalen Zauberervereinigung.
Du bist Harry James Potter, wohnhaft Ligusterweg Nummer vier, Little Whinging, Surrey?«, fragte Fudge und funkelte Harry über sein Pergament hinweg an.
»Ja«, sagte Harry.
»Du hast vor drei Jahren eine offizielle Verwarnung des Ministeriums wegen unrechtmäßig ausgeübter Magie erhalten, ist das richtig?«
»Ja, aber –«
»Und dennoch hast du am Abend des zweiten August einen Patronus heraufbeschworen?«, sagte Fudge.
»Ja«, sagte Harry, »aber –«
»Im Wissen, dass es dir bis zum Alter von siebzehn Jahren nicht erlaubt ist, außerhalb der Schule Zauberei zu gebrauchen?«
»Ja, aber –«
»Im Wissen, dass du dich in einer Gegend voller Muggel befandest?«
»Ja, aber –«
»Dir vollauf bewusst, dass du dich zu jenem Zeitpunkt in großer Nähe eines Muggels befandest?«
»Ja«, sagte Harry zornig, »aber ich hab ihn nur gebraucht, weil wir –«
Die Hexe mit dem Monokel schnitt ihm mit dröhnender Stimme das Wort ab. »Du hast einen ausgewachsenen Patronus zustande gebracht?«
»Ja«, sagte Harry, »weil –«
»Einen gestaltlichen Patronus?«
»Einen – was?«, sagte Harry.
»Dein Patronus hatte eine klar umrissene Form? Ich meine, er war mehr als Dampf oder Rauch?«
»Ja«, sagte Harry, ungeduldig und leicht verzweifelt zugleich, »er ist ein Hirsch, er ist immer ein Hirsch.«
»Immer?«, dröhnte Madam Bones. »Du hast also bereits vorher einen Patronus geschaffen?«
»Ja«, sagte Harry, »das mache ich schon seit über einem Jahr.«
»Und du bist fünfzehn Jahre alt?«
»Ja, und –«
»Du hast das in der Schule gelernt?«
»Ja, Professor Lupin hat es mir im dritten Jahr beigebracht, wegen der –«
»Beeindruckend«, sagte Madam Bones und starrte auf ihn herab, »ein echter Patronus in diesem Alter … wirklich sehr beeindruckend.«
Einige der Zauberer und Hexen in ihrem Umkreis fingen erneut an zu tuscheln; ein paar nickten, doch andere schüttelten stirnrunzelnd den Kopf.
»Es geht nicht darum, wie beeindruckend der Zauber war«, sagte Fudge gereizt. »Im Gegenteil, je beeindruckender, desto schlimmer, würde ich meinen, wenn man bedenkt, dass der Junge es direkt vor den Augen eines Muggels getan hat!«
Die eben noch die Stirn gerunzelt hatten, murmelten nun zustimmend, doch es war der Anblick von Percys salbungsvollem leichtem Nicken, der Harry die Zunge löste.
»Ich hab es wegen der Dementoren getan!«, sagte er laut, bevor ihm wieder jemand ins Wort fallen konnte.
Er hatte weiteres Getuschel erwartet, doch das Schweigen, das eintrat, schien irgendwie noch drückender als zuvor.
»Dementoren?«, sagte Madam Bones nach einem Augenblick, und ihre dichten Augenbrauen hoben sich, bis ihr Monokel herauszufallen drohte. »Was soll das heißen, Junge?«
»Das heißt, es waren zwei Dementoren in dieser Gasse und sie haben mich und meinen Cousin angegriffen!«
»Ah!«, machte Fudge erneut und blickte gehässig feixend in die Runde des Zaubergamots, als würde er alle auffordern, sich ebenfalls über den Witz zu amüsieren. »Ja. Ja, ich dachte mir schon, wir würden etwas Derartiges zu hören bekommen.«
»Dementoren in Little Whinging?«, sagte Madam Bones höchst überrascht. »Ich verstehe nicht –«
»Wirklich nicht, Amelia?«, sagte Fudge, unentwegt feixend. »Lassen Sie es mich erklären. Er hat es sich überlegt und ist darauf gekommen, dass Dementoren eine nette kleine Ausrede abgeben würden, wirklich sehr nett. Muggel können Dementoren nicht sehen, stimmt’s, Junge? Äußerst praktisch, äußerst praktisch … also haben wir nur dein Wort und keine Zeugen …«
»Ich lüge nicht!«, rief Harry laut über ein erneut anhebendes Tuscheln des Gerichts hinweg. »Es waren zwei, sie kamen von beiden Enden der Gasse, alles wurde dunkel und kalt und mein Cousin hat sie gespürt und ist losgelaufen …«
»Genug, genug!«, sagte Fudge mit sehr überheblichem Gesichtsausdruck. »Ich muss diese gewiss sehr gut einstudierte Geschichte leider unterbrechen –«
Dumbledore räusperte sich. Im Zaubergamot wurde es wieder still.
»Wir haben in der Tat einen Zeugen für die Gegenwart der Dementoren in jener Gasse«, sagte er, »einen außer Dudley Dursley, meine ich.«
Fudges feistes Gesicht schien zu erschlaffen, als hätte jemand die Luft herausgelassen. Er starrte einen kurzen Moment lang zu Dumbledore hinunter, dann sagte er mit der Miene eines Mannes, der sich zusammenreißt: »Wir haben keine Zeit, uns noch mehr Flunkergeschichten anzuhören, fürchte ich, Dumbledore. Ich möchte diese Sache rasch erledigen –«
»Ich mag mich irren«, sagte Dumbledore liebenswürdig, »aber dürfen nicht die Angeklagten gemäß dem Rechtekatalog des Zaubergamots Zeugen in ihrer Sache benennen? Gehört dies nicht zu den Grundsätzen der Abteilung für Magische Strafverfolgung, Madam Bones?«, fuhr er an die Hexe mit dem Monokel gewandt fort.
»Richtig«, sagte Madam Bones. »Vollkommen richtig.«
»Oh, na schön, na schön«, fauchte Fudge. »Wo ist diese Person?«
»Ich habe sie mitgebracht«, sagte Dumbledore. »Sie ist draußen vor der Tür. Soll ich –«
»Nein – Weasley, Sie gehen«, bellte Fudge Percy an, der sofort aufstand, die Steinstufen vor dem Richterpodium hinab- und an Dumbledore und Harry vorbeieilte, ohne sie auch nur einmal anzusehen.
Einen Augenblick später kam Percy wieder, gefolgt von Mrs Figg. Sie sah verängstigt aus und schrulliger denn je. Harry wäre es lieber gewesen, sie hätte ihre Puschen zu Hause gelassen.
Dumbledore stand auf, bot Mrs Figg seinen Stuhl an und beschwor einen weiteren für sich herauf.
»Vollständiger Name?«, sagte Fudge laut, als sich Mrs Figg nervös am äußeren Stuhlrand niedergelassen hatte.
»Arabella Doreen Figg«, sagte Mrs Figg mit ihrer zittrigen Stimme.
»Und wer genau sind Sie?«, fragte Fudge in gelangweilt hochmütigem Ton.
»Ich bin Bürgerin von Little Whinging und wohne ganz in der Nähe von Harry Potter«, sagte Mrs Figg.
»Wir haben hier keinen Eintrag, wonach außer Harry Potter noch eine Hexe oder ein Zauberer in Little Whinging lebt«, sagte Madam Bones sofort. »Dieses Gebiet wird stets genau überwacht, angesichts … angesichts der Vorkommnisse in der Vergangenheit.«
»Ich bin eine Squib«, sagte Mrs Figg. »Also haben Sie wohl keinen Eintrag über mich, oder?«
»Eine Squib, ja?«, sagte Fudge und fixierte sie argwöhnisch. »Wir werden das überprüfen. Hinterlassen Sie die Einzelheiten über Ihre Abstammung bei meinem Assistenten Weasley. Ach übrigens, können Squibs Dementoren sehen?«, fügte er hinzu und blickte links und rechts die Bank entlang.
»Ja, können wir!«, sagte Mrs Figg entrüstet.
Mit hochgezogenen Augenbrauen blickte Fudge wieder zu ihr hinunter. »Nun denn«, sagte er herablassend. »Wie lautet Ihre Geschichte?«
»Ich war ausgegangen, um im Eckladen am Ende des Glyzinenwegs Katzenfutter zu kaufen, das war gegen neun am Abend des zweiten August«, plapperte Mrs Figg sogleich los, als ob sie das, was sie sagte, auswendig gelernt hätte, »und da hörte ich Lärm in der Gasse zwischen Magnolienring und Glyzinenweg. Als ich mich der Einmündung dieser Gasse näherte, sah ich Dementoren rennen –«
»Rennen?«, unterbrach Madam Bones scharf. »Dementoren rennen nicht, sie schweben.«
»Genau das hab ich gemeint«, erwiderte Mrs Figg hastig und auf ihren verhutzelten Wangen erschienen rosa Flecken. »Die schwebten die Gasse entlang auf zwei Jungen zu, wie mir schien.«
»Wie sahen sie aus?«, sagte Madam Bones und kniff die Augen zusammen, so dass der Rand ihres Monokels im Fleisch verschwand.
»Nun, der eine war sehr dick und der andere eher mager –«
»Nein, nein«, sagte Madam Bones ungeduldig. »Die Dementoren … beschreiben Sie die.«
»Oh«, sagte Mrs Figg und ein leichtes Rosa kroch ihren Hals hoch. »Sie waren groß. Groß und trugen Umhänge.«
Harry wurde schrecklich flau in der Magengrube. Was immer Mrs Figg auch sagen mochte, für ihn klang es, als ob sie gerade mal ein Bild von einem Dementor gesehen hätte, und ein Bild konnte niemals vermitteln, wie diese Geschöpfe wirklich waren: ihre unheimliche Art, sich zu bewegen, nur Zentimeter über dem Boden schwebend; ihr Verwesungsgestank; ihr schreckliches Rasseln, wenn sie die Luft umher einsaugten …
In der zweiten Reihe neigte sich ein untersetzter Zauberer mit großem schwarzem Schnauzbart dicht zu seiner Nachbarin hinüber, einer Hexe mit gekräuselten Haaren, um ihr ins Ohr zu flüstern. Sie grinste und nickte.
»Groß und trugen Umhänge«, wiederholte Madam Bones kühl, während Fudge verächtlich schnaubte. »Verstehe. Noch etwas?«
»Ja«, sagte Mrs Figg. »Ich hab sie gespürt. Alles wurde kalt, und es war eine sehr warme Sommernacht, kann ich Ihnen sagen. Und ich hatte das Gefühl … als ob alles Glück aus der Welt verschwunden wäre … und mir fielen … schreckliche Dinge ein …«
Ihre Stimme zitterte und erstarb.
Madam Bones’ Augen weiteten sich eine Spur. Harry konnte rote Male unter ihrer Augenbraue erkennen, dort, wo das Monokel sich eingegraben hatte.
»Was haben die Dementoren getan?«, fragte sie und Harry spürte jähe Hoffnung aufflammen.
»Sie haben die Jungen angegriffen«, sagte Mrs Figg. Ihre Stimme klang jetzt fester und selbstsicherer und das Rosa schwand allmählich aus ihrem Gesicht. »Einer von ihnen war hingefallen. Der andere wich zurück und hat versucht den Dementor abzuwehren. Das war Harry. Er hat es zweimal versucht und es kam nur silberner Dunst. Beim dritten Versuch hat er einen Patronus hervorgebracht, der den ersten Dementor niederwarf und dann, angefeuert von Harry, den zweiten von seinem Cousin wegjagte. Und so … war es«, schloss Mrs Figg etwas lahm.
Madam Bones blickte stumm zu Mrs Figg hinab. Fudge sah sie gar nicht an, sondern wühlte in seinen Unterlagen. Schließlich hob er den Blick und sagte recht angriffslustig: »Das haben Sie also gesehen, ja?«
»So war es«, wiederholte Mrs Figg.
»Nun denn«, sagte Fudge. »Sie können gehen.«
Mrs Figg wandte sich von Fudge ab und warf Dumbledore einen ängstlichen Blick zu, dann stand sie auf und schlurfte zur Tür. Harry hörte, wie sie hinter ihr zuschlug.
»Keine sehr überzeugende Zeugin«, sagte Fudge hochmütig.
»Oh, ich weiß nicht«, sagte Madam Bones mit ihrer dröhnenden Stimme. »Die Wirkung eines Dementorenangriffs hat sie doch immerhin recht genau beschrieben. Und ich kann mir nicht vorstellen, warum sie behaupten sollte, dass sie da waren, wenn dem nicht so war.«
»Aber Dementoren sollen in einer Muggelkleinstadt umherspazieren und ganz zufällig einem Zauberer über den Weg laufen?«, schnaubte Fudge. »Die Wahrscheinlichkeit muss ja wohl sehr gering sein. Selbst Bagman hätte darauf nicht gewettet –«
»Oh, ich denke nicht, dass irgendjemand von uns glaubt, die Dementoren seien rein zufällig dort gewesen«, sagte Dumbledore gelassen.
Die Hexe, die rechts von Fudge saß und das Gesicht im Schatten hatte, rührte sich ein wenig, doch alle anderen blieben vollkommen reglos und stumm.
»Und was soll das heißen?«, fragte Fudge eisig.
»Das heißt, dass ich denke, sie wurden dort hinbefohlen«, erwiderte Dumbledore.
»Ich würde doch meinen, wenn jemand einem Paar Dementoren befohlen hätte, durch Little Whinging zu spazieren, dann hätten wir darüber einen Bericht!«, bellte Fudge.
»Nicht, wenn die Dementoren dieser Tage Befehle von jemandem außerhalb des Zaubereiministeriums annehmen«, sagte Dumbledore ruhig. »Ich habe Ihnen bereits meine Auffassung in dieser Sache dargelegt, Cornelius.«
»Allerdings, haben Sie«, sagte Fudge nachdrücklich, »und ich habe keinen Grund zu glauben, dass Ihre Ansichten etwas anderes sind als Unsinn, Dumbledore. Die Dementoren bleiben vor Ort in Askaban und tun alles, was wir ihnen gebieten.«
»Dann«, sagte Dumbledore leise, aber deutlich, »dann müssen wir uns fragen, warum jemand im Ministerium am zweiten August ein Paar Dementoren in diese Gasse befohlen hat.«
In der vollkommenen Stille, die auf diese Worte hin eintrat, beugte sich die Hexe rechts von Fudge vor, so dass Harry sie erstmals erkennen konnte.
Sieht aus wie eine große, blasse Kröte, dachte er. Sie war recht untersetzt und hatte ein großes, wabbliges Gesicht, so wenig Hals wie Onkel Vernon und einen sehr breiten, schlaffen Mund. Ihre Augen waren groß, rund und quollen leicht hervor. Die kleine schwarze Samtschleife, die auf ihrem kurzen Lockenhaarschopf saß, erinnerte ihn an eine große Fliege, die sie gleich mit einer langen klebrigen Zunge fangen würde.
»Das Gericht erteilt das Wort Dolores Jane Umbridge, Erste Untersekretärin des Ministers«, erklärte Fudge.
Die Hexe sprach mit einer zittrigen, mädchenhaft hohen Stimme, die Harry verblüffte; er hatte ein Quaken erwartet.
»Ich habe Sie gewiss missverstanden, Professor Dumbledore«, sagte sie mit einem gezierten Lächeln, das die Kälte ihrer großen, runden Augen nicht im Geringsten minderte. »Wie dumm von mir. Aber es hörte sich einen winzigen Moment lang so an, als würden Sie unterstellen, dass das Zaubereiministerium einen Angriff auf diesen Jungen befohlen hätte!«
Sie lachte auf, so silberhell, dass sich Harrys Nackenhaare sträubten. Ein paar weitere Mitglieder des Zaubergamots stimmten in ihr Lachen ein. Es hätte nicht deutlicher sein können, dass keiner von ihnen wirklich amüsiert war.
»Wenn es stimmt, dass die Dementoren nur Befehle vom Zaubereiministerium entgegennehmen, und wenn es auch stimmt, dass zwei Dementoren vor einer Woche Harry und seinen Cousin angegriffen haben, dann folgt daraus logisch, dass jemand im Ministerium die Angriffe befohlen haben könnte«, sagte Dumbledore höflich. »Natürlich könnten gerade diese Dementoren außerhalb der Kontrolle des Ministeriums gewesen sein –«
»Es gibt keine Dementoren außerhalb der Kontrolle des Ministeriums!«, fauchte Fudge, der ziegelrot geworden war.
Dumbledore neigte den Kopf zu einer leichten Verbeugung. »Dann wird das Ministerium zweifellos eine umfassende Untersuchung zu der Frage veranlassen, warum zwei Dementoren so weit von Askaban entfernt waren und warum sie ohne Genehmigung angriffen.«
»Es liegt nicht an Ihnen, zu entscheiden, was das Zaubereiministerium tut oder nicht tut, Dumbledore!«, fauchte Fudge, und sein Gesicht hatte nun einen Magentaton, auf den Onkel Vernon stolz gewesen wäre.
»Natürlich nicht«, sagte Dumbledore milde. »Ich habe lediglich meine Zuversicht zum Ausdruck gebracht, dass diese Sache nicht im Dunkeln bleiben wird.«
Er sah hinüber zu Madam Bones, die ihr Monokel zurechtgerückt hatte und seinen Blick mit leicht gerunzelter Stirn erwiderte.
»Ich möchte alle Anwesenden daran erinnern, dass das Verhalten dieser Dementoren, sollten sie in der Tat keine Gespinste der Phantasie dieses Jungen sein, nicht Gegenstand dieser Anhörung ist!«, sagte Fudge. »Wir sind hier, um Harry Potters Verstöße gegen den Erlass zur Vernunftgemäßen Beschränkung der Zauberei Minderjähriger zu untersuchen!«
»Völlig richtig«, sagte Dumbledore, »aber die Anwesenheit von Dementoren in dieser Gasse ist höchst bedeutsam. Klausel sieben dieses Erlasses stellt fest, dass unter außergewöhnlichen Umständen Magie in Anwesenheit von Muggeln eingesetzt werden darf, und zu diesen außergewöhnlichen Umständen gehören Situationen, in denen das Leben des Zauberers oder der Hexe selber oder anderer Hexen, Zauberer oder Muggel bedroht ist, die anwesend sind zu dem Zeitpunkt, da –«
»Klausel sieben ist uns bekannt, ich danke Ihnen vielmals!«, knurrte Fudge.
»Selbstverständlich«, sagte Dumbledore höflich. »Dann stimmen wir darin überein, dass die Verwendung des Patronus-Zaubers durch Harry unter besagten Umständen exakt unter die Kategorie außergewöhnlicher Umstände fällt, welche die Klausel beschreibt?«
»Wenn Dementoren anwesend waren, was ich bezweifle.«
»Sie haben es von einer Augenzeugin gehört«, warf Dumbledore ein. »Wenn Sie ihre Glaubwürdigkeit immer noch anzweifeln, rufen Sie die Zeugin zurück, befragen Sie sie erneut. Ich bin sicher, sie hätte keine Einwände.«
»Ich – das – nicht –«, tobte Fudge und fummelte fahrig in seinen Papieren. »Das geht – ich will das heute noch erledigen, Dumbledore!«
»Aber selbstverständlich würden Sie es sich nicht nehmen lassen, eine Zeugin auch mehrmals anzuhören, wenn andernfalls ein schwer wiegender Justizirrtum drohen würde«, sagte Dumbledore.
»Schwer wiegender Justizirrtum, dass ich nicht lache!«, rief Fudge mit sich überschlagender Stimme. »Haben Sie sich jemals die Mühe gemacht, all die Ammenmärchen zu zählen, die uns dieser Junge aufgetischt hat, Dumbledore, um seinen eklatanten Missbrauch der Magie außerhalb der Schule zu vertuschen? Ich nehme an, Sie haben den Schwebezauber vergessen, den er vor drei Jahren benutzt hat –«
»Das war nicht ich, das war ein Hauself!«, sagte Harry.
»SEHEN SIE?«, donnerte Fudge und gestikulierte wichtigtuerisch in Harrys Richtung. »Ein Hauself! In einem Muggelhaus! Ich bitte Sie.«
»Der fragliche Hauself steht gegenwärtig in Diensten der Hogwarts-Schule«, sagte Dumbledore. »Ich kann ihn augenblicklich herbeordern, damit er aussagt, wenn Sie dies wünschen.«
»Ich – nein – ich habe keine Zeit, mir Hauselfen anzuhören! Jedenfalls ist das nicht das Einzige – er hat seine Tante aufgeblasen, um Himmels willen!«, rief Fudge, schlug mit der Faust auf die Richterbank und warf dabei ein Tintenfass um.
»Und Sie waren nach diesem Zwischenfall so freundlich, keine Anklage zu erheben, weil Sie, wie ich annehme, verstanden, dass selbst die besten Zauberer ihre Gefühle nicht immer unter Kontrolle halten können«, sagte Dumbledore ruhig, während Fudge versuchte die Tinte von seinen Papieren zu wischen.
»Und ich habe noch nicht mal erwähnt, was er alles in der Schule treibt.«
»Aber da nun einmal das Ministerium nicht die Befugnis hat, Hogwarts-Schüler für ihr Fehlverhalten in der Schule zu bestrafen, spielt Harrys Verhalten dort für diese Anhörung keine Rolle«, sagte Dumbledore unvermindert höflich, doch nun mit einem kühlen Unterton in seinen Worten.
»Oho!«, machte Fudge. »Nicht unsere Angelegenheit, was er in der Schule treibt, ja? Glauben Sie?«
»Das Ministerium hat nicht die Macht, Schüler von Hogwarts zu verweisen, Cornelius, woran ich Sie am Abend des zweiten August erinnert habe«, sagte Dumbledore. »Es hat auch nicht das Recht, Zauberstäbe zu beschlagnahmen, ehe die Vorwürfe eindeutig bewiesen wurden; auch daran habe ich Sie am Abend des zweiten August erinnert. In Ihrer bewundernswerten Eile, dafür Sorge zu tragen, dass dem Gesetz entsprochen wird, scheinen Sie, gewiss unabsichtlich, selber einige Gesetze übersehen zu haben.«
»Gesetze lassen sich ändern«, sagte Fudge bissig.
»Natürlich«, sagte Dumbledore und neigte den Kopf. »Und Sie scheinen beachtlich viele Änderungen vorzunehmen, Cornelius. Warum ist es in den wenigen kurzen Wochen, seit ich aufgefordert wurde, den Zaubergamot zu verlassen, bereits gängige Praxis geworden, ein umfassendes Straftribunal abzuhalten wegen eines schlichten Falles von Minderjährigenzauberei!«
Manche der Zauberer über ihnen rutschten unangenehm berührt auf ihren Plätzen umher. Fudges Gesicht nahm eine noch dunklere Rotschattierung an. Die krötenartige Hexe zu seiner Rechten jedoch sah nur mit völlig ausdrucksloser Miene zu Dumbledore hinab.
»Nach meiner Kenntnis«, fuhr Dumbledore fort, »gibt es bis heute noch kein Gesetz, das besagt, es sei die Aufgabe dieses Gerichts, Harry für jedes bisschen Magie zu bestrafen, das er je ausgeübt hat. Er wurde eines bestimmten Vergehens angeklagt und hat seine Verteidigung vorgetragen. Alles, was er und ich jetzt tun können, ist, Ihr Urteil abzuwarten.«
Dumbledore legte erneut die Fingerkuppen aneinander und schwieg. Fudge funkelte ihn an, offensichtlich zornentbrannt. Harry warf Dumbledore von der Seite einen Blick zu, in der Hoffnung, ein wenig bestärkt zu werden. Er war sich keineswegs sicher, dass es ein guter Schritt von Dumbledore war, dem Zaubergamot praktisch nichts anderes zu sagen, als dass es nun an der Zeit war, eine Entscheidung zu treffen. Dumbledore schien jedoch Harrys Versuch, Blickkontakt mit ihm aufzunehmen, erneut nicht zu bemerken. Er sah unentwegt zu den Bänken hoch, wo alle Zaubergamots sich inzwischen eindringlich flüsternd berieten.
Harry blickte auf seine Füße. Sein Herz, das auf unnatürliche Größe angeschwollen schien, pochte laut unter seinen Rippen. Er hatte erwartet, dass die Anhörung länger dauern würde. Es schien ihm sehr zweifelhaft, dass er einen guten Eindruck gemacht hatte. Eigentlich hatte er gar nicht viel gesagt. Er hätte die Sache mit den Dementoren ausführlicher erklären sollen, wie er gestürzt war, wie sie ihn und Dudley fast geküsst hätten …
Zweimal blickte er hoch zu Fudge und öffnete den Mund, um zu sprechen, aber sein geschwollenes Herz drückte ihm nun die Luftröhre zu und beide Male atmete er nur tief ein und senkte den Blick wieder auf die Schuhe.
Dann verstummte das Flüstern. Harry wollte hochblicken zu den Richtern, stellte aber fest, dass es im Grunde sehr viel leichter war, weiterhin seine Schnürsenkel zu begutachten.
»Wer ist dafür, den Beschuldigten in allen Anklagepunkten freizusprechen?«, dröhnte Madam Bones’ Stimme.
Harrys Kopf zuckte hoch. Da waren Hände in der Höhe, viele Hände … mehr als die Hälfte! Rasch atmend versuchte er zu zählen, doch bevor er es geschafft hatte, fragte Madam Bones: »Und wer ist für eine Verurteilung?«
Fudge hob die Hand; ein halbes Dutzend andere folgten ihm, darunter die Hexe zu seiner Rechten, der Zauberer mit dem mächtigen Schnurrbart und die Hexe mit den Kräuselhaaren in der zweiten Reihe.
Fudge warf Blicke in die Runde mit einer Miene, als steckte ihm etwas Dickes im Hals, dann ließ er die Hand sinken. Er atmete zweimal durch und sagte mit einer Stimme, die von unterdrückter Wut verzerrt war: »Nun denn, nun denn … in allen Punkten freigesprochen.«
»Vortrefflich«, sagte Dumbledore munter, sprang auf, zog seinen Zauberstab und ließ die beiden Chintz-Lehnstühle verschwinden. »Nun, ich muss mich sputen. Einen guten Tag Ihnen allen.«
Und ohne Harry auch nur einmal anzusehen, rauschte er aus dem Kerker.
Mrs Weasleys Wehklage
Dumbledores abruptes Verschwinden kam für Harry völlig überraschend. Er blieb in dem Kettenstuhl sitzen und kämpfte mit Gefühlen von Schock und Erleichterung. Die Zaubergamots erhoben sich nun, unterhielten sich, sammelten ihre Papiere ein und packten sie weg. Harry stand auf. Niemand schien im Mindesten auf ihn zu achten, außer der krötenartigen Hexe zu Fudges Rechten, die nun zu ihm statt zu Dumbledore hinabspähte. Er beachtete sie nicht weiter und versuchte Fudges oder Madam Bones’ Blick zu treffen, weil er sie fragen wollte, ob er nun frei war und gehen durfte. Doch Fudge war offenbar fest entschlossen, keine Notiz von Harry zu nehmen, und Madam Bones war mit ihrer Aktenmappe beschäftigt, also machte er ein paar zögernde Schritte in Richtung Tür, und als niemand ihn zurückrief, ging er zügig drauflos.
Die letzten paar Meter nahm er im Laufschritt. Er riss die Tür auf und wäre fast mit Mr Weasley zusammengestoßen, der direkt davor stand und blass und besorgt wirkte.
»Dumbledore hat nicht gesagt –«
»Freigesprochen«, sagte Harry und zog die Tür hinter sich zu, »in allen Anklagepunkten!«
Mr Weasley packte Harry freudestrahlend an den Schultern.
»Harry, das ist ja wunderbar! Natürlich hätten sie dich nie schuldig sprechen können, nicht bei dieser Beweislage, und trotzdem kann ich nicht behaupten, dass ich mir keine –«
Aber Mr Weasley unterbrach sich, denn die Tür zum Gerichtsraum war soeben wieder aufgegangen. Die Zaubergamots kamen einer nach dem anderen heraus.
»Beim Barte des Merlin!«, rief Mr Weasley verblüfft und zog Harry beiseite, um sie alle vorbeizulassen. »Das gesamte Gericht hat in deiner Sache verhandelt?«
»Ich glaub schon«, sagte Harry leise.
Ein, zwei Zauberer nickten Harry im Vorbeigehen zu, und einige, darunter Madam Bones, sagten »Morgen, Arthur« zu Mr Weasley, doch die meisten wandten ihren Blick ab. Cornelius Fudge und die krötenartige Hexe gehörten zu den Letzten, die den Kerker verließen. Fudge tat, als wären Mr Weasley und Harry Luft, doch die Hexe warf Harry im Vorübergehen abermals einen fast taxierenden Blick zu. Der Letzte, der vorbeiging, war Percy. Wie Fudge ignorierte er Harry und seinen Vater vollkommen; er schritt, eine große Rolle Pergament und eine Hand voll übrig gebliebene Federn an sich gedrückt, mit steifem Rücken und gereckter Nase an ihnen vorbei. Die Falten um Mr Weasleys Mund wurden eine Spur schärfer, doch ansonsten ließ er sich nicht anmerken, dass er gerade seinen dritten Sohn gesehen hatte.
»Ich bring dich gleich wieder zurück, damit du den anderen die gute Nachricht übermitteln kannst«, sagte er und winkte Harry weiter, während Percys Absätze die Treppe zum neunten Stock hoch verschwanden. »Ich setz dich auf dem Weg zu dieser Toilette in Bethnal Green ab. Komm mit …«
»Ach, und was müssen Sie jetzt wegen dieser Toilette unternehmen?«, fragte Harry grinsend. Alles kam ihm plötzlich fünfmal lustiger vor als sonst. Allmählich drang es zu ihm durch: Er war freigesprochen, er würde nach Hogwarts zurückkehren.
»Oh, das wird ein ziemlich simpler Gegenfluch«, sagte Mr Weasley, während sie die Treppen hochstiegen, »aber die Frage ist weniger, wie man den Schaden reparieren kann, sondern eher, welche Haltung hinter diesem Vandalismus steckt, Harry. Muggel zu schikanieren mag manchen Zauberern witzig vorkommen, aber es ist Ausdruck von etwas viel Abgründigerem und Bösartigerem, und ich bin der Meinung –«
Mr Weasley brach mitten im Satz ab. Sie hatten eben den Korridor des neunten Stockwerks erreicht, und Cornelius Fudge stand nur ein paar Schritte von ihnen entfernt und unterhielt sich leise mit einem großen Mann mit glattem, blondem Haar und einem spitzen, blassen Gesicht.
Der zweite Mann drehte sich beim Geräusch ihrer Schritte um. Auch er brach mitten im Gespräch ab, und seine kalten grauen Augen verengten sich und fixierten Harrys Gesicht.
»Schön, schön, schön … Patronus Potter«, sagte Lucius Malfoy kühl.
Harry rang nach Luft, als wäre er gegen eine Mauer gelaufen. Diese kalten grauen Augen hatte er zuletzt durch Schlitze in der Kapuze eines Todessers gesehen, und die Stimme dieses Mannes hatte er zuletzt auf einem dunklen Friedhof höhnisch lachen gehört, während Lord Voldemort ihn folterte. Harry konnte nicht glauben, dass Lucius Malfoy es wagte, ihm ins Gesicht zu blicken; er konnte nicht glauben, dass er hier war, im Zaubereiministerium, und dass Cornelius Fudge mit ihm sprach, obwohl Harry Fudge doch erst vor einigen Wochen berichtet hatte, dass Malfoy ein Todesser war.
»Der Minister hat mir soeben von deinem glücklichen Entkommen berichtet, Potter«, sagte Mr Malfoy gedehnt. »Ganz erstaunlich, wie du dich immer wieder aus den schlimmsten Engpässen herauswindest … wie eine Schlange, in der Tat.«
Mr Weasley packte Harry warnend an der Schulter.
»Jaah«, sagte Harry, »ja, ich bin gut im Entkommen.«
Lucius Malfoy hob die Augen und sah Mr Weasley an.
»Und dann auch noch Arthur Weasley! Was tun Sie hier, Arthur?«
»Ich arbeite hier«, sagte Mr Weasley knapp.
»Nicht hier, oder?«, sagte Mr Malfoy, zog die Augenbrauen hoch und warf einen Blick über Mr Weasleys Schulter zur Tür. »Ich dachte, Sie wären oben im zweiten Stock … Sie beschäftigen sich doch irgendwie damit, Muggelartefakte nach Hause zu schmuggeln und sie zu verzaubern?«
»Nein«, fauchte Mr Weasley und seine Finger gruben sich nun in Harrys Schulter.
»Was tun Sie eigentlich hier?«, fragte Harry Lucius Malfoy.
»Ich denke nicht, dass Privatangelegenheiten zwischen mir und dem Minister dich irgendetwas angehen, Potter«, sagte Malfoy und strich seinen Umhang glatt. Harry hörte deutlich ein leises Klimpern, das nach einer Tasche voller Gold klang. »Im Ernst, nur weil du Dumbledores Liebling bist, kannst du von uns anderen nicht die gleiche Nachgiebigkeit erwarten … wollen wir nun nach oben in Ihr Büro gehen, Minister?«
»Gewiss«, sagte Fudge und kehrte Harry und Mr Weasley den Rücken. »Hier lang, Lucius.«
Sie schritten Seite an Seite davon und sprachen gedämpft weiter. Mr Weasley ließ Harrys Schulter erst los, als sie im Lift verschwunden waren.
»Warum hat er nicht vor Fudges Büro gewartet, wenn sie doch geschäftliche Dinge zu regeln haben?«, platzte Harry wütend los. »Was hat der hier unten zu suchen?«
»Wenn du mich fragst, wollte er runter in den Gerichtssaal schleichen«, antwortete Mr Weasley äußerst aufgebracht und warf einen Blick über die Schulter, als wollte er sich vergewissern, dass niemand mithörte. »Wollte rausfinden, ob sie dich von der Schule verweisen. Ich hinterlasse eine Nachricht für Dumbledore, wenn ich dich absetze, er sollte wissen, dass Malfoy schon wieder mit Fudge geredet hat.«
»Und was für private Geschäfte machen die eigentlich miteinander?«
»Gold, vermute ich«, sagte Mr Weasley zornig. »Malfoy spendet seit Jahren für alles Mögliche … verschafft ihm Zugang zu den richtigen Leuten … dann kann er sie um Gefälligkeiten bitten … Gesetzesvorhaben verschieben, die ihm nicht passen … oh, er hat glänzende Beziehungen, dieser Lucius Malfoy.«
Der Fahrstuhl war angekommen; er war leer bis auf einen Schwarm Memos, die um Mr Weasleys Kopf flatterten, als er den Knopf für das Atrium drückte und die Türen zuschepperten. Er verscheuchte sie nervös fuchtelnd.
»Mr Weasley«, sagte Harry langsam, »wenn Fudge Todesser wie Malfoy empfängt, wenn er sie unter vier Augen trifft, woher wissen wir, dass sie ihn nicht mit dem Imperius-Fluch belegt haben?«
»Natürlich haben wir daran auch schon gedacht, Harry«, sagte Mr Weasley leise. »Aber Dumbledore meint, dass Fudge gegenwärtig aus freien Stücken handelt – was im Übrigen, wie Dumbledore sagt, auch kein großer Trost ist. Am besten reden wir vorerst nicht weiter darüber, Harry.«
Die Türen glitten auf und sie traten hinaus in das inzwischen nahezu verlassene Atrium. Eric, der Sicherheitszauberer, hatte sich wieder hinter seinem Tagespropheten versteckt. Sie waren eben geradewegs am goldenen Brunnen vorbeigegangen, als Harry etwas einfiel.
»Warten Sie …«, sagte er zu Mr Weasley, zog seinen Geldbeutel aus der Tasche und lief zum Brunnen zurück.
Er blickte hoch in das Gesicht des stattlichen Zauberers, aber aus der Nähe kam er Harry eher schwach und dümmlich vor. Die Hexe hatte ein hohles Lächeln aufgesetzt wie eine Kandidatin bei einem Schönheitswettbewerb, und nach dem, was Harry über Kobolde und Zentauren wusste, würden sie kaum je irgendeinen Menschen derart schleimend anstarren. Nur die kriecherisch dienstbare Haltung des Hauselfen wirkte überzeugend. Harry grinste bei dem Gedanken, was Hermine wohl sagen würde, wenn sie die Statue des Elfen sehen könnte; dann stülpte er seinen Geldbeutel um und warf nicht nur zehn Galleonen, sondern alles, was drin war, ins Becken.
»Ich hab’s gewusst!«, jubelte Ron und stieß die Fäuste in die Luft. »Du kommst immer mit allem durch!«
»Sie mussten dich freisprechen«, sagte Hermine, die am Rande eines Nervenzusammenbruchs zu stehen schien, als Harry die Küche betrat, und sich nun die zittrige Hand über die Augen legte, »die hatten nichts gegen dich vorzuweisen, überhaupt nichts.«
»Ihr scheint aber trotzdem ziemlich erleichtert, obwohl euch doch klar war, dass ich da rauskommen würde«, sagte Harry lächelnd.
Mrs Weasley wischte sich mit ihrer Schürze übers Gesicht, und Fred, George und Ginny begannen eine Art Kriegstanz und sangen: »Er ist frei, er ist frei, er ist frei …«
»Das reicht jetzt! Beruhigt euch!«, rief Mr Weasley, doch auch er lächelte. »Hör mal, Sirius, Lucius Malfoy war im Ministerium –«
»Was?«, sagte Sirius scharf.
»Er ist frei, er ist frei, er ist frei …«
»Seid doch mal leise, ihr drei! Ja, wir haben ihn im neunten Stock mit Fudge reden sehen, dann gingen sie zusammen hoch in Fudges Büro. Dumbledore sollte das auch erfahren.«
»Natürlich«, meinte Sirius. »Wir sagen es ihm, mach dir keine Sorgen.«
»Ich muss mich beeilen, in Bethnal Green wartet eine spuckende Toilette auf mich. Molly, ich komm erst spät zurück, ich springe ja für Tonks ein, aber Kingsley schaut vielleicht zum Abendessen vorbei –«
»Er ist frei, er ist frei, er ist frei …«
»Nun ist es aber gut – Fred – George – Ginny!«, rief Mrs Weasley, als Mr Weasley aus der Küche ging. »Harry, mein Lieber, komm und setz dich, iss was zu Mittag, du hast doch kaum gefrühstückt.«
Ron und Hermine setzten sich ihm gegenüber. Seit Harry am Grimmauldplatz angekommen war, hatte er sie nicht so glücklich gesehen, und von neuem stieg das Schwindel erregende Gefühl der Erleichterung in ihm hoch, das durch seine Begegnung mit Lucius Malfoy einen kleinen Dämpfer erhalten hatte. Das düstere Haus kam ihm nun schlagartig wärmer und gastfreundlicher vor; selbst Kreacher, der eben seine Schnauzennase in die Küche streckte, um zu sehen, woher all der Lärm kam, erschien ihm weniger hässlich.
»Natürlich, sobald Dumbledore an deiner Seite aufgetaucht war, kam es überhaupt nicht mehr in Frage, dich zu verurteilen«, sagte Ron glücklich, während er große Berge Kartoffelbrei auf ihre Teller häufte.
»Ja, er hat die Sache für mich rumgerissen«, bestätigte Harry. Er wusste, es würde äußerst undankbar, wenn nicht gar kindisch klingen, wenn er sagte: »Hätte er doch nur mal mit mir gesprochen. Oder mich wenigstens angesehen.«
Und bei diesem Gedanken brannte die Narbe auf seiner Stirn so schmerzhaft, dass er sich mit der Hand dagegenschlug.
»Was ist los?«, fragte Hermine erschrocken.
»Narbe«, murmelte Harry. »Aber es ist nichts … passiert jetzt dauernd …«
Von den anderen hatte keiner etwas bemerkt; alle taten sich jetzt Essen auf und freuten sich diebisch über Harrys knappes Entkommen; Fred, George und Ginny sangen immer noch. Hermine wirkte ziemlich besorgt, doch bevor sie etwas sagen konnte, hatte Ron freudig bemerkt: »Ich wette, Dumbledore taucht heute Abend auf und feiert mit uns.«
»Ich glaube nicht, dass er Zeit dazu hat, Ron«, warf Mrs Weasley ein und stellte eine gewaltige Platte mit gebratenen Hähnchen vor Harry auf den Tisch. »Er ist im Moment wirklich sehr beschäftigt.«
»ER IST FREI, ER IST FREI, ER IST FREI …«
»RUHE!«, donnerte Mrs Weasley.
Während der nächsten Tage entging es Harry nicht, dass es jemanden im Haus Grimmauldplatz Nummer zwölf gab, der nicht ganz so begeistert davon war, dass Harry nach Hogwarts zurückkehrte. Sirius hatte, als er die Neuigkeit erfuhr, ziemlich überzeugend den Glücklichen gespielt, Harry die Hand gedrückt und gestrahlt wie die anderen auch. Nicht lange jedoch und er war launischer und mürrischer denn je, redete noch weniger mit allen, selbst mit Harry, und verbrachte immer mehr Zeit im Zimmer seiner Mutter, wo er sich mit Seidenschnabel einschloss.
»Fühl dich bloß nicht schuldig!«, sagte Hermine streng, nachdem Harry ihr und Ron vorsichtig seine Gefühle anvertraut hatte, während sie ein paar Tage später einen schimmeligen Schrank im dritten Stock ausschrubbten. »Du gehörst nach Hogwarts und Sirius weiß das. Er ist egoistisch, wenn du mich fragst.«
»Das ist ein bisschen hart, Hermine«, sagte Ron und versuchte mit finsterer Miene ein Stück Schimmel abzukratzen, das fest an seinem Finger klebte. »Du würdest auch nicht gern ohne Gesellschaft in diesem Haus hier festsitzen.«
»Aber er hat doch Gesellschaft!«, rief Hermine. »Hier ist das Hauptquartier des Phönixordens, oder nicht? Er hat sich nur große Hoffnungen gemacht, dass Harry bald mit ihm hier leben würde.«
»Ich glaub nicht, dass das stimmt«, erwiderte Harry und wrang sein Tuch aus. »Er hat mir nicht mal eine klare Antwort gegeben, als ich ihn danach gefragt hab.«
»Er wollte doch nur seine eigenen Hoffnungen nicht noch weiter hochschrauben«, sagte Hermine altklug. »Und er hat sich wahrscheinlich selber ein wenig schuldig gefühlt, denn ich glaube, im Grunde hat er ein bisschen gehofft, sie würden dich rauswerfen. Dann wärt ihr beide gemeinsam Verstoßene gewesen.«
»Jetzt hör auf zu spinnen!«, sagten Harry und Ron wie aus einem Mund, doch Hermine zuckte nur die Achseln.
»Wie ihr meint. Aber manchmal denke ich, Rons Mutter hat Recht, und Sirius kriegt nicht ganz auf die Reihe, ob du nun du bist oder dein Vater, Harry.«
»Willst du etwa sagen, er hat sie nicht mehr alle?«, erwiderte Harry aufgebracht.
»Nein, ich glaube nur, dass er lange Zeit sehr einsam war«, sagte Hermine schlicht.
In diesem Moment betrat Mrs Weasley das Schlafzimmer.
»Immer noch nicht fertig?«, sagte sie und steckte den Kopf in den Schrank.
»Ich dachte, du kommst, um uns zu sagen, dass wir mal Pause machen sollen«, sagte Ron bitter. »Weißt du, wie viel Schimmel wir weggemacht haben, seit wir hier sind?«
»Du wolltest den Orden unbedingt unterstützen«, sagte Mrs Weasley, »das kannst du, indem du dein Teil dazu beiträgst, dass das Hauptquartier bewohnbar wird.«
»Ich komm mir vor wie ein Hauself«, grummelte Ron.
»Aha! Wenn du jetzt begreifst, was für ein schreckliches Leben sie führen, engagierst du dich vielleicht ein bisschen mehr für B.ELFE.R!«, sagte Hermine hoffnungsvoll, als Mrs Weasley sie wieder allein ließ. »Weißt du, vielleicht wäre es gar keine so schlechte Idee, den Leuten mal richtig zu zeigen, wie furchtbar es ist, die ganze Zeit zu putzen – wir könnten mal einen gesponserten Großputz im Gemeinschaftsraum von Gryffindor organisieren, alle Erlöse an B.ELFE.R, das würde das Bewusstsein und die Kasse stärken.«
»Ich sponser dich, wenn du mit diesem Gebelfer aufhörst«, murmelte Ron ärgerlich, aber so leise, dass nur Harry ihn hören konnte.
Je näher das Ende der Ferien rückte, desto mehr schwelgte Harry in Tagträumen von Hogwarts; er konnte es nicht mehr erwarten, Hagrid wiederzusehen, Quidditch zu spielen und sogar durch die Gemüsebeete zu den Kräuterkunde-Gewächshäusern zu schlendern; wie herrlich würde es sein, endlich aus diesem staubigen, modrigen Haus herauszukommen, wo die Hälfte der Schränke immer noch verriegelt war und Kreacher einem aus dunklen Winkeln Beleidigungen hinterherkeuchte. Allerdings erwähnte Harry in Hörweite von Sirius mit Bedacht kein Wort davon.
Das Leben im Hauptquartier der Widerstandsbewegung gegen Voldemort war nicht annähernd so interessant oder aufregend, wie Harry erwartet hatte, bevor er es kennen gelernt hatte. Mitglieder des Phönixordens gingen zwar regelmäßig ein und aus, mal blieben sie zum Essen, mal nur für ein paar Minuten, in denen sie sich flüsternd besprachen, doch Mrs Weasley sorgte dafür, dass Harry und den anderen nichts zu Ohren kam (ob lang gezogen oder nicht), und niemand, nicht einmal Sirius, schien der Meinung zu sein, Harry müsste noch ein wenig mehr erfahren, als er am Abend seiner Ankunft gehört hatte.
Am allerletzten Tag der Ferien wischte Harry gerade Hedwigs Mist vom Schrank, als Ron mit ein paar Umschlägen in ihr Schlafzimmer kam.
»Die Bücherlisten sind angekommen«, sagte er und warf Harry, der auf einem Stuhl stand, einen Umschlag zu. »Wird auch Zeit, ich dachte, sie hätten’s vergessen, normalerweise kommen sie viel früher …«
Harry wischte den letzten Mist in einen Müllbeutel und schleuderte ihn über Rons Kopf hinweg in den Papierkorb in der Ecke, der ihn schluckte und laut rülpste. Dann öffnete er seinen Brief. Er enthielt zwei Pergamentblätter: das eine mit der üblichen Erinnerung, dass das Schuljahr am ersten September begann; auf dem anderen wurde ihm mitgeteilt, welche Bücher er für das kommende Jahr benötigte.
»Nur zwei neue«, sagte er und las die Liste. »Lehrbuch der Zaubersprüche, Band 5, von Miranda Habicht, und Theorie magischer Verteidigung von Wilbert Slinkhard.«
Knall.
Fred und George apparierten direkt neben Harry. Er hatte sich inzwischen so daran gewöhnt, dass er nicht mal vom Stuhl fiel.
»Wir haben uns gerade gefragt, wer das Slinkhard-Buch auf die Liste gesetzt hat«, sagte Fred beiläufig.
»Das heißt nämlich, dass Dumbledore einen neuen Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste gefunden hat«, sagte George.
»Wurde auch Zeit«, sagte Fred.
»Was soll das heißen?«, fragte Harry und sprang neben ihnen zu Boden.
»Na ja, vor ein paar Wochen haben wir mit den Langziehohren Mum und Dad abgehört«, erklärte ihm Fred, »und was wir so mitgekriegt haben, war, dass Dumbledore echte Probleme hatte, jemanden zu finden, der dieses Jahr den Job machen wollte.«
»Nicht gerade überraschend, wenn man bedenkt, was mit den letzten vieren passiert ist«, bemerkte George.
»Einer rausgeworfen, einer tot, einem wurde das Gedächtnis gelöscht und einer neun Monate lang in einen Koffer gesperrt«, sagte Harry und zählte sie an den Fingern ab. »Ja, ich versteh, was ihr meint.«
»Was hast du, Ron?«, fragte Fred.
Ron gab keine Antwort. Harry drehte sich zu ihm um. Ron stand reglos da, den Mund leicht geöffnet, und starrte auf seinen Brief aus Hogwarts.
»Was ist los?«, fragte Fred ungeduldig, trat hinter Ron und spähte ihm über die Schulter auf das Pergament.
Auch Fred klappte der Mund auf.
»Vertrauensschüler?«, sagte er und starrte ungläubig auf den Brief. »Vertrauensschüler?«
George stürzte vor, riss Ron den Umschlag aus der anderen Hand und schüttelte ihn aus. Harry sah etwas Scharlachrotes und Goldenes in Georges Hand fallen.
»Nicht möglich«, hauchte George.
»Das ist ein Irrtum«, sagte Fred, schnappte Ron den Brief weg und hielt ihn gegen das Licht, als wollte er das Wasserzeichen prüfen. »Keiner, der noch alle Tassen im Schrank hat, würde Ron zum Vertrauensschüler machen.«
Die Zwillinge wandten gleichzeitig die Köpfe und starrten Harry an.
»Wir dachten, du hättest das schon in der Tasche!«, sagte Fred in einem Ton, der klang, als hätte Harry sie irgendwie reingelegt.
»Wir dachten, Dumbledore könnte nur dich wählen!«, sagte George entrüstet.
»Wo du das Trimagische gewonnen hast und überhaupt!«, sagte Fred.
»Vermutlich haben diese ganzen verrückten Geschichten gegen ihn gesprochen«, sagte George zu Fred.
»Jaah«, sagte Fred langsam. »Ja, du hast zu viel Ärger gemacht, Mann. Na ja, wenigstens einer von euch weiß seine Prioritäten zu setzen.«
Er trat hinüber zu Harry und klopfte ihm auf die Schulter, gleichzeitig warf er Ron einen vernichtenden Blick zu.
»Vertrauensschüler … Putzi-Putzi-Ronnie, der Vertrauensschüler.«
»Ooh, Mum wird völlig durchdrehen«, stöhnte George und streckte Ron das Vertrauensschülerabzeichen entgegen, als könnte es ihn vergiften.
Ron, der immer noch kein Wort gesagt hatte, nahm das Abzeichen, musterte es kurz, dann hielt er es Harry hin, als würde er wortlos um Bestätigung bitten, dass es echt war. Harry nahm es in die Hand. Auf den Gryffindor-Löwen war ein großes »V« geprägt. Er hatte an seinem ersten Tag in Hogwarts genau ein solches Abzeichen auf Percys Brust gesehen.
Die Tür krachte auf. Hermine kam hereingestürmt, mit geröteten Wangen und wehendem Haar. In der Hand hielt sie einen Umschlag.
»Habt ihr – habt ihr –?«
Sie bemerkte das Abzeichen in Harrys Hand und stieß einen spitzen Schrei aus.
»Ich wusste es!«, rief sie erregt und wedelte mit ihrem Brief. »Ich auch, Harry, ich auch!«
»Nein«, entgegnete Harry rasch und drückte Ron das Abzeichen wieder in die Hand. »Nicht ich, Ron ist es.«
»Es – was?«
»Ron ist Vertrauensschüler, nicht ich«, sagte Harry.
»Ron?«, sagte Hermine und die Kinnlade fiel ihr herunter. »Aber … bist du sicher? Ich meine –«
Sie errötete, als Ron ihr mit trotziger Miene das Gesicht zuwandte.
»In dem Brief steht mein Name«, sagte er.
»Ich …«, erwiderte Hermine abgrundtief verwirrt. »Ich … nun … irre! Toll, Ron! Das ist wirklich –«
»Unerwartet.« George nickte.
»Nein«, sagte Hermine und wurde noch röter, »nein, ist es nicht … Ron hat ’ne Menge ge… er ist wirklich …«
Die Tür hinter ihr ging ein wenig weiter auf und Mrs Weasley kam mit einem Stapel frisch gewaschener Umhänge rücklings ins Zimmer.
»Ginny meint, die Bücherliste ist endlich gekommen«, sagte sie, blickte auf all die Umschläge ringsum, trat hinüber zum Bett und fing an, die Umhänge auf zwei Stapel zu verteilen. »Wenn ihr sie mir gebt, nehme ich sie heute Nachmittag mit rüber in die Winkelgasse und besorg euch die Bücher, während ihr packt. Ron, ich muss dir noch Schlafanzüge kaufen, die hier sind mindestens zehn Zentimeter zu kurz, nicht zu fassen, wie schnell du wächst … welche Farbe hättest du denn gern?«
»Kauf ihm doch was Rot-Goldenes, passend zu seinem Abzeichen«, sagte George und feixte.
»Passend zu was?«, fragte Mrs Weasley zerstreut, rollte ein Paar kastanienbraune Socken zusammen und legte sie auf Rons Stapel.
»Seinem Abzeichen«, sagte Fred mit einer Miene, als wolle er das Schlimmste rasch hinter sich bringen. »Seinem hübschen glänzenden neuen Vertrauensschülerabzeichen.« Es dauerte einen Moment, bis Freds Worte zu der mit den Schlafanzügen beschäftigten Mrs Weasley durchgedrungen waren.
»Seinem … aber … Ron, du bist doch nicht …?«
Ron hielt sein Abzeichen hoch.
Wie Hermine stieß auch Mrs Weasley einen spitzen Schrei aus.
»Ich kann’s nicht fassen! Ich glaub es nicht! Oh, Ron, wie wunderbar! Vertrauensschüler! Wie alle in der Familie!«
»Und was sind Fred und ich, Nachbarn von nebenan?«, sagte George beleidigt, aber seine Mutter schob ihn beiseite und schloss ihren jüngsten Sohn in die Arme.
»Wenn dein Vater das erfährt! Ron, ich bin so stolz auf dich, das sind ja wunderbare Neuigkeiten, am Ende wirst du noch Schulsprecher wie Bill und Percy, das ist der erste Schritt! Oh, dass so etwas passiert, mitten in all den schweren Zeiten! Ich find’s einfach toll, oh, Ronnie –«
Fred und George machten hinter ihrem Rücken laute Würgegeräusche, doch Mrs Weasley beachtete sie nicht; die Arme fest um Rons Hals geschlungen, küsste sie ihm das Gesicht ab, das inzwischen ein leuchtenderes Scharlachrot angenommen hatte als sein Abzeichen.
»Mum … nicht … Mum, ist ja schon gut …«, murmelte er und versuchte sich von ihr zu lösen.
Sie ließ von ihm ab. »Nun, was soll es sein?«, sagte sie atemlos. »Percy haben wir eine Eule geschenkt, aber du hast natürlich schon eine.«
»W-was meinst du?«, fragte Ron und sah drein, als würde er seinen Ohren nicht trauen.
»Dafür musst du doch eine Belohnung kriegen!«, sagte Mrs Weasley liebevoll. »Wie wär’s mit einer hübschen neuen Garnitur Festumhänge?«
»Wir haben ihm schon was in der Richtung gekauft«, sagte Fred säuerlich und sah aus, als würde er diese Großzügigkeit aufrichtig bedauern.
»Oder einen neuen Kessel, Charlies alter rostet ja durch, oder eine neue Ratte, du hast doch Krätze immer so gemocht –«
»Mum«, sagte Ron hoffnungsvoll, »kann ich einen neuen Besen haben?«
Mrs Weasleys Gesicht fiel ein wenig ein; Besen waren teuer.
»Keinen wirklich guten!«, fügte Ron hastig hinzu. »Nur – nur einen neuen – zur Abwechslung mal …«
Mrs Weasley zögerte, dann lächelte sie.
»Natürlich … nun, ich beeil mich besser, wenn ich dir noch einen Besen kaufen soll. Wir sehen uns dann alle später … der kleine Ronnie, ein Vertrauensschüler! Und vergesst nicht, eure Koffer zu packen … Vertrauensschüler … oh, ich bin ganz hibbelig!«
Sie gab Ron noch einen Kuss auf die Wange, schniefte laut und wuselte hinaus.
Fred und George tauschten Blicke.
»Es macht dir doch nichts aus, wenn wir dich nicht küssen, Ron?«, erkundigte sich Fred in gespielt besorgtem Tonfall.
»Wir könnten einen Knicks machen, wenn du magst«, sagte George.
»Ach, haltet die Klappe«, erwiderte Ron und blickte sie finster an.
»Und wenn nicht?«, sagte Fred und ein böses Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit. »Willst du uns Strafarbeiten verpassen?«
»Würd ja gern mal sehen, wie er’s versucht«, kiekste George.
»Das könnte er, seht euch vor!«, erregte sich Hermine.
Fred und George prusteten los und Ron murmelte: »Lass gut sein, Hermine.«
»In Zukunft müssen wir aber aufpassen, George«, sagte Fred und tat, als würde er zittern, »wenn die beiden hinter uns her sind …«
»Ja, sieht so aus, als wäre unsere kriminelle Karriere endlich vorbei«, sagte George kopfschüttelnd.
Und mit einem lauten Knall disapparierten die Zwillinge.
»Diese beiden!«, sagte Hermine zornig und starrte an die Decke, durch die sie Fred und George jetzt im Zimmer oben dröhnend lachen hören konnten. »Mach dir nichts draus, Ron, die sind nur eifersüchtig!«
»Das glaub ich nicht«, entgegnete Ron mit zweifelnder Miene und blickte ebenfalls zur Decke. »Die haben immer gesagt, nur Vollidioten werden Vertrauensschüler … aber immerhin«, fügte er ein wenig besser gelaunt hinzu, »haben sie auch nie einen neuen Besen gekriegt! Wenn ich nur mit Mum gehen und selbst aussuchen könnte … einen Nimbus wird sie sich nie leisten können, aber es gibt einen neuen Sauberwisch, der wär klasse … ja, ich glaub, ich geh und sag ihr, ich hätte gern den Sauberwisch, nur damit sie Bescheid weiß …«
Er flitzte aus dem Zimmer und ließ Harry und Hermine allein.
Aus irgendeinem Grund war Harry nicht danach zumute, Hermine anzusehen. Er drehte sich zum Bett um, nahm den Stapel sauberer Umhänge, den Mrs Weasley dort abgelegt hatte, und ging durchs Zimmer zu seinem Koffer.
»Harry«, sagte Hermine vorsichtig.
»Toll, Hermine«, sagte Harry, so buttrig, dass es gar nicht nach ihm klang, und immer noch, ohne sie anzusehen, fügte er hinzu: »Hervorragend. Vertrauensschülerin. Großartig.«
»Danke«, sagte Hermine. »Ähm – Harry – könnte ich mir Hedwig ausleihen, damit ich es Mum und Dad schreiben kann? Die werden sich echt freuen – immerhin, Vertrauensschülerin ist etwas, das sie verstehen können.«
»Ja klar, kein Problem«, sagte Harry, immer noch mit der buttrigen Stimme, die nicht nach seiner klang. »Nimm sie nur!«
Er beugte sich über seinen Koffer, legte die Umhänge hinein und tat so, als würde er nach etwas stöbern, während Hermine hinüber zum Schrank ging und Hedwig herunterrief. Einige Augenblicke vergingen; Harry hörte die Tür gehen, blieb aber vornübergebeugt stehen und lauschte. Alles, was er nun hören konnte, waren das leere Bild an der Wand, das erneut kicherte, und der Papierkorb in der Ecke, der den Eulenmist aushustete.
Er richtete sich auf und blickte sich um. Hermine war gegangen und Hedwig war verschwunden. Harry kehrte langsam zu seinem Bett zurück, ließ sich daraufsinken und starrte mit leerem Blick den Fuß des Schrankes an.
Er hatte völlig vergessen, dass im fünften Jahr die Vertrauensschüler ausgewählt wurden. Er hatte sich zu viele Sorgen darüber gemacht, dass er womöglich von der Schule verwiesen wurde, um einen Gedanken darauf zu verschwenden, dass bereits Abzeichen auf geflügeltem Weg zu bestimmten Leuten sein mussten. Aber wenn es ihm doch eingefallen wäre … wenn er nun doch daran gedacht hätte … was hätte er dann erwartet?
Nicht das, sagte eine leise und ehrliche Stimme in seinem Kopf.
Harry verzog das Gesicht und vergrub es in den Händen. Er konnte sich nicht selbst belügen; wenn er gewusst hätte, dass das Vertrauensschülerabzeichen unterwegs war, dann hätte er erwartet, es würde zu ihm kommen, nicht zu Ron. War er nun genauso hochmütig wie Draco Malfoy? Hielt er sich für allen anderen überlegen? Glaubte er wirklich, dass er besser war als Ron?
Nein, sagte die leise Stimme trotzig.
War das die Wahrheit?, fragte sich Harry und horchte beunruhigt in sich hinein.
Ich bin besser im Quidditch, sagte die Stimme. Aber sonst bin ich in nichts besser.
Das stimmte eindeutig, dachte Harry; im Unterricht war er nicht besser als Ron. Aber wie war es sonst? Was war mit all den Abenteuern, die er, Ron und Hermine zusammen erlebt hatten, seit sie in Hogwarts waren, und bei denen sie oft Schlimmeres als den Rauswurf riskiert hatten?
Jedenfalls waren Ron und Hermine die meiste Zeit mit mir zusammen, sagte die Stimme in Harrys Kopf.
Allerdings nicht die ganze Zeit, sagte Harry zu sich selbst. Sie haben nicht mit mir gegen Quirrell gekämpft. Sie haben es nicht mit Riddle und dem Basilisken aufgenommen. Sie haben nicht all die Dementoren verjagt in der Nacht, als Sirius geflohen ist. Sie waren nicht mit mir zusammen auf diesem Friedhof, in der Nacht, als Voldemort zurückkam …
Und wieder stieg das Gefühl in ihm hoch, schlecht behandelt zu werden, das ihn schon am Abend seiner Ankunft beschlichen hatte. Ich hab eindeutig mehr geleistet, dachte Harry entrüstet. Ich hab mehr geleistet als die beiden!
Aber vielleicht, sagte die leise Stimme klar vernehmlich, vielleicht bestimmt Dumbledore jemanden nicht deshalb zum Vertrauensschüler, weil er in eine Menge gefährliche Situationen geraten ist … vielleicht trifft er seine Wahl aus anderen Gründen … Ron muss etwas haben, das du nicht …
Harry öffnete die Augen und lugte durch seine Finger auf die Klauenfüße des Schrankes. Ihm ging durch den Kopf, was Fred gesagt hatte: »Keiner, der noch alle Tassen im Schrank hat, würde Ron zum Vertrauensschüler machen …«
Harry lachte kurz auf. Einen Moment später fand er sich selbst ekelhaft.
Ron hatte Dumbledore nicht um das Abzeichen gebeten. Ron konnte nichts dafür. Wollte er, Harry, Rons allerbester Freund, den Beleidigten spielen, nur weil er kein Abzeichen hatte, wollte er sich wie die Zwillinge über Ron lustig machen, ihm alles verderben, nun, da Ron ihm zum ersten Mal etwas voraushatte?
In diesem Moment hörte er wieder Rons Schritte auf der Treppe. Er stand auf, rückte seine Brille zurecht und setzte ein Grinsen auf, als Ron durch die Tür stürmte.
»Hab sie grade noch erwischt«, sagte er freudestrahlend. »Sie will den Sauberwisch besorgen, wenn’s geht.«
»Cool«, sagte Harry und hörte erleichtert, dass seine Stimme nicht mehr so buttrig klang. »Hör mal – Ron – toll, Mann.«
Das Lächeln schwand aus Rons Gesicht.
»Ich hätte nie gedacht, dass er mich nimmt!«, sagte er kopfschüttelnd. »Ich dachte, du wirst es!«
»Nö, ich hab zu viel Ärger gemacht«, wiederholte Harry, was schon Fred gesagt hatte.
»Jaah«, sagte Ron, »ja, wahrscheinlich … also, vielleicht sollten wir jetzt unsere Koffer packen, was?«
Es war merkwürdig, wie sich ihre Habseligkeiten seit ihrer Ankunft in alle Himmelsrichtungen verstreut hatten. Sie brauchten fast den gesamten Nachmittag, um ihre Bücher und Sachen im ganzen Haus zusammenzusuchen und sie wieder in ihren Schulkoffern zu verstauen. Harry fiel auf, dass Ron sein Vertrauensschülerabzeichen ständig mit sich herumtrug. Erst hatte er es aufs Nachttischchen gelegt, dann steckte er es in die Tasche seiner Jeans, schließlich holte er es wieder heraus und legte es auf seine gefalteten Umhänge, als wolle er prüfen, wie das Rot auf dem Schwarz wirkte. Erst als Fred und George vorbeischauten und ihm anboten, das Abzeichen mit einem Dauerklebefluch an seine Stirn zu heften, wickelte er es liebevoll in einen seiner kastanienbraunen Socken und schloss es in den Koffer.
Gegen sechs kam Mrs Weasley aus der Winkelgasse zurück, beladen mit Büchern und einem länglichen, in dickes Packpapier gewickelten Paket, das Ron ihr mit einem sehnsuchtsvollen Stöhnen abnahm.
»Du brauchst es jetzt gar nicht erst auszupacken, die anderen kommen gleich zum Abendessen, ich will euch sofort unten sehen«, sagte sie, doch kaum war sie außer Sicht, riss Ron in wilder Hektik das Paket auf und musterte mit verzückter Miene jeden Zentimeter seines neuen Besens.
Unten im Keller hatte Mrs Weasley ein scharlachrotes Spruchband über den schwer beladenen Tisch gespannt, auf dem stand:
HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH
DEN NEUEN VERTRAUENSSCHÜLERN
RON UND HERMINE
Harry hatte Mrs Weasley während der ganzen Ferien nicht in so guter Stimmung gesehen.
»Heute gibt’s kein Abendessen am Tisch, hab ich mir gedacht, sondern eine kleine Party«, verkündete sie Harry, Ron, Hermine, Fred, George und Ginny, als sie in die Küche kamen. »Dein Vater und Bill sind unterwegs, Ron. Ich hab ihnen Eulen geschickt und sie sind einfach hin und weg«, fügte sie strahlend hinzu.
Fred verdrehte die Augen.
Sirius, Lupin, Tonks und Kingsley Shacklebolt waren schon da, und gerade als Harry sich ein Butterbier eingeschenkt hatte, stapfte Mad-Eye Moody herein.
»Oh, Alastor, ich bin froh, dass du hier bist«, empfing ihn Mrs Weasley fröhlich, während Mad-Eye seinen Reisemantel ablegte. »Wir wollten dich schon ewig um einen Gefallen bitten – könntest du einen Blick in das Schreibpult im Salon werfen und uns sagen, was dort drinsteckt? Wir wollten es nicht öffnen, falls es etwas wirklich Bösartiges ist.«
»Kein Problem, Molly …«
Moodys strahlend blaues Auge schwenkte nach oben und starrte unverwandt durch die Küchendecke.
»Salon …«, knurrte er und die Pupille verengte sich. »Schreibpult in der Ecke? Ja, ich seh’s … jaah, ist ein Irrwicht … soll ich hochgehen und ihn erledigen, Molly?«
»Nein, nein, das mach ich später dann selbst«, strahlte Mrs Weasley, »du trinkst jetzt erst mal was. Wir haben übrigens eine kleine Feier …« Sie deutete auf das scharlachrote Spruchband. »Der vierte Vertrauensschüler in der Familie!«, sagte sie liebevoll und zerzauste Ron die Haare.
»Vertrauensschüler, he?«, knurrte Moody, richtete das normale Auge auf Ron und schwenkte das magische Auge, so dass es seitlich in seinen Kopf hineinstarrte. Harry hatte das äußerst unangenehme Gefühl, es würde ihn ansehen, und verzog sich zu Sirius und Lupin.
»Nun, Glückwunsch«, sagte Moody und sah Ron weiterhin mit dem normalen Auge an. »Autoritätspersonen ziehen ständig Ärger an, aber ich vermute, Dumbledore glaubt, dass du den meisten schweren Flüchen widerstehen kannst, sonst hätte er dich nicht ernannt …«
Ron schien recht verdutzt über diese Sicht der Dinge, konnte sich jedoch eine Antwort ersparen, da in diesem Moment sein Vater und sein ältester Bruder hereinkamen. Mrs Weasley war so gut gelaunt, dass sie sich nicht einmal darüber beschwerte, dass sie Mundungus mitgebracht hatten. Er trug einen langen Mantel, der an den merkwürdigsten Stellen fürchterlich ausgebeult wirkte, und lehnte das Angebot ab, ihn auszuziehen und zu Moodys Reisemantel zu hängen.
»Nun, ich denke, ein Toast wäre angebracht«, sagte Mr Weasley, als sie mit Getränken versorgt waren. Er hob seinen Kelch. »Auf Ron und Hermine, die neuen Vertrauensschüler von Gryffindor!«
Ron und Hermine strahlten, während alle auf ihr Wohl tranken und dann applaudierten.
»Ich war nie Vertrauensschülerin«, hörte Harry Tonks gut gelaunt hinter sich sagen, als alle zum Tisch gingen, um sich Essen aufzutun. Ihr Haar war heute tomatenrot und hüftlang; sie hätte Ginnys ältere Schwester sein können. »Meine Hauslehrerin meinte, mir würden gewisse notwendige Eigenschaften fehlen.«
»Wie zum Beispiel?«, fragte Ginny und nahm sich eine Backkartoffel.
»Wie die Fähigkeit, mich zu benehmen«, sagte Tonks.
Ginny lachte; Hermine sah aus, als wüsste sie nicht, ob sie lächeln sollte oder nicht, und beschied sich damit, einen besonders großen Schluck Butterbier zu nehmen, an dem sie sich verschluckte.
»Und was ist mit dir, Sirius?«, fragte Ginny, während sie Hermine auf den Rücken klopfte.
Sirius, der neben Harry stand, ließ sein bellendes Lachen hören.
»Keiner hätte mich zum Vertrauensschüler gemacht, ich hab zu viele Strafstunden mit James abgesessen. Lupin war damals der brave Junge, er hat das Abzeichen gekriegt.«
»Dumbledore hat anscheinend gehofft, ich könnte meine besten Freunde ein wenig bändigen«, sagte Lupin. »Ich muss wohl kaum sagen, dass ich jämmerlich gescheitert bin.«
Harrys Laune besserte sich schlagartig. Sein Vater war auch kein Vertrauensschüler gewesen. Auf einmal erschien ihm das Fest viel vergnüglicher; er lud sich seinen Teller voll und freute sich doppelt über alle Leute, die da waren.
Ron schwärmte jedem, der es hören wollte, von seinem neuen Besen vor. »… von null auf siebzig in zehn Sekunden, nicht schlecht, was? Wenn man bedenkt, dass es der Komet Zwei-Neunzig laut Besentest nur von null auf sechzig bringt, und zwar mit ordentlichem Rückenwind …«
Hermine legte Lupin sehr ernsthaft ihre Ansichten über Elfenrechte dar.
»Das ist doch der gleiche Unsinn wie die Ausgrenzung der Werwölfe, oder? Das kommt alles von dieser schrecklichen Neigung der Zauberer zu denken, dass sie anderen Geschöpfen überlegen sind …«
Mrs Weasley und Bill hatten ihre übliche Auseinandersetzung über Bills Haare. »… da musst du jetzt unbedingt was machen, wo du doch eigentlich so gut aussiehst, kürzer würde dir viel besser stehen, nicht wahr, Harry?«
»Oh – weiß nicht –«, sagte Harry, gelinde erschrocken, dass seine Meinung gefragt war; er stahl sich davon, hinüber zu Fred und George, die in einer Ecke die Köpfe mit Mundungus zusammengesteckt hatten.
Mundungus verstummte, als er Harry sah, aber Fred zwinkerte Harry zu und winkte ihn heran.
»Schon in Ordnung«, erklärte er Mundungus, »Harry können wir vertrauen, er ist unser Finanzier.«
»Schau mal, was Dung uns mitgebracht hat«, sagte George und streckte Harry die Hand entgegen. Sie war, wie es aussah, voll schrumpliger schwarzer Schoten. Ein leises Rasseln ging von ihnen aus, obwohl sie sich überhaupt nicht bewegten.
»Giftige Tentakelsamen«, sagte George. »Die brauchen wir für unsere Nasch-und-Schwänz-Leckereien, aber sie sind Nichtverkäufliche Substanzen der Klasse C, also hatten wir ’ne Menge Schwierigkeiten, sie zu kriegen.«
»Wie sieht’s aus, Dung, zehn Galleonen für alle?«, sagte Fred.
»Beim ganzen Ärger, den ich gehabt hab, bis ich die beisammenhatte?«, erwiderte Mundungus und seine triefenden, blutunterlaufenen Augen wurden noch größer. »Tut mir leid, Jungs, zwanzig, und keinen Knut weniger.«
»Dung macht gern Witze«, sagte Fred zu Harry gewandt.
»Ja, sein bester bisher waren sechs Sickel für einen Sack Knarlkiele«, sagte George.
»Vorsicht«, warnte sie Harry leise.
»Was denn?«, meinte Fred. »Mum ist doch nur noch am Gurren wegen Ron, unserem Vertrauensschüler, mach dir keine Sorgen.«
»Aber Moody könnte sein Auge auf euch werfen«, erklärte Harry.
Mundungus blickte nervös über die Schulter.
»Da hat er völlig Recht«, grunzte er. »Na schön, Jungs, ’nen Zehner, aber macht mal hinne.«
»Danke, Harry!«, sagte Fred entzückt, als Mundungus seine Taschen in die ausgestreckten Hände der Zwillinge geleert hatte und dann eilends in Richtung Buffet verschwunden war. »Die bringen wir am besten gleich nach oben …«
Harry sah ihnen mit leisem Unbehagen nach. Ihm war mit einem Mal eingefallen, dass Mr und Mrs Weasley sich fragen würden, wie Fred und George ihren Scherzartikelladen finanzierten, wenn sie, was unvermeidlich war, eines Tages davon erfuhren. Er hatte den Zwillingen damals seinen Gewinn aus dem Trimagischen Turnier, ohne groß nachzudenken, geschenkt, aber was, wenn das zu einem neuen Familienkrach führte und zu einer Entfremdung wie schon bei Percy? Würde Mrs Weasley Harry immer noch als eine Art Sohn betrachten, wenn sie herausfand, dass er es Fred und George ermöglicht hatte, eine Laufbahn einzuschlagen, die sie für völlig unpassend hielt?
Er stand da, wo die Zwillinge ihn verlassen hatten, nur mit einem drückenden Schuldgefühl in der Magengrube, als er seinen Namen hörte. Kingsley Shacklebolts tiefe Stimme war auch durch das allgemeine Geschnatter hindurch zu verstehen.
»… warum hat Dumbledore nicht Potter zum Vertrauensschüler gemacht?«, fragte Kingsley.
»Er wird seine Gründe gehabt haben«, antwortete Lupin.
»Aber damit hätte er ihm sein Vertrauen bewiesen. Ich an seiner Stelle jedenfalls hätte es getan«, beharrte Kingsley, »gerade weil sich der Tagesprophet alle paar Tage über ihn hermacht …«
Harry wandte sich nicht um, er wollte nicht, dass Lupin oder Kingsley merkten, dass er zugehört hatte. Obwohl er kein bisschen hungrig war, folgte er Mundungus zurück an den Tisch. Seine Freude an dem Fest war so rasch verflogen, wie sie gekommen war; am liebsten wäre er oben in seinem Bett gewesen.
Mad-Eye Moody beschnüffelte mit den Resten seiner Nase ein Hühnerbein; offensichtlich konnte er keine Spuren von Gift entdecken, denn schon riss er mit den Zähnen eine Strähne Fleisch ab.
»… der Stiel ist aus spanischer Eiche mit Anti-Fluch-Lackierung und eingebauter Vibrationskontrolle –«, erklärte Ron gerade Tonks.
Mrs Weasley gähnte herzhaft.
»Ach, ich glaub, diesen Irrwicht erledige ich noch, bevor ich ins Bett gehe … Arthur, ich will nicht, dass diese Rasselbande zu lange aufbleibt, ja? Gute Nacht, Harry, mein Lieber.«
Sie verließ die Küche. Harry stellte seinen Teller ab und überlegte, ob er ihr folgen konnte, ohne Aufsehen zu erregen.
»Alles in Ordnung mit dir, Potter?«, brummte Moody.
»Jaah, alles klar«, log Harry.
Moody nahm einen Schluck aus seinem Flachmann, während sein strahlend blaues Auge Harry von der Seite her anstarrte.
»Schau mal, ich hab was, das dich vielleicht interessieren wird«, sagte er.
Aus einer Innentasche seines Umhangs zog Moody ein sehr zerknittertes altes Zaubererfoto.
»Original der Orden des Phönix«, knurrte Moody. »Hab’s gestern Nacht gefunden, als ich nach meinem zweiten Tarnumhang gesucht hab, dieser Podmore hat ja nicht mal den Anstand, mir meinen besten zurückzubringen … dachte, die Leute würden es gern sehen.«
Harry nahm das Foto in die Hand. Eine kleine Gruppe von Menschen schaute zu ihm hoch, manche winkten, andere hoben ihre Gläser.
»Das bin ich«, sagte Moody und deutete überflüssigerweise auf sich selbst. Der Moody im Bild war nicht zu verwechseln, auch wenn sein Haar nicht ganz so grau und seine Nase heil war. »Und das neben mir ist Dumbledore, auf der anderen Seite Dädalus Diggel … das ist Marlene McKinnon, sie wurde zwei Wochen nach dieser Aufnahme umgebracht, die haben ihre ganze Familie ausgelöscht. Das sind Frank und Alice Longbottom –«
Harrys Magen, ohnehin schon flau, verkrampfte sich, als er Alice Longbottom ansah; er kannte ihr rundes, freundliches Gesicht sehr gut, obwohl er sie nie getroffen hatte, denn ihr Sohn Neville war ihr wie aus dem Gesicht geschnitten.
»– arme Teufel«, knurrte Moody. »Besser der Tod als das, was mit ihnen geschehen ist … und das ist Emmeline Vance, du hast sie schon kennen gelernt, und das hier ist natürlich Lupin … Benjy Fenwick, auch ihn hat’s erwischt, wir haben nur Stücke von ihm gefunden … rückt mal auf hier«, fügte er hinzu und stupste gegen das Bild, und die kleinen Leute im Foto rückten zur Seite, so dass, wer bisher halb verdeckt gewesen war, nach vorn kommen konnte.
»Das ist Edgar Bones … Bruder von Amelia Bones, ihn und seine Familie haben sie auch erwischt, war ein großartiger Zauberer … Sturgis Podmore, verdammt, sieht der jung aus … Caradoc Dearborn, sechs Monate später verschwunden, wir haben seine Leiche nie gefunden … Hagrid, sieht natürlich genauso aus wie immer … Elphias Doge, den hast du kennen gelernt, hatte ganz vergessen, dass er immer diesen blöden Hut trug … Gideon Prewett, fünf Todesser waren nötig, ihn und seinen Bruder Fabian zu töten, sie haben gekämpft wie Helden … weiterrücken, weiterrücken …«
Die kleinen Leute in dem Foto drängelten und schubsten ein wenig und die bislang ganz hinten Verborgenen erschienen vorn im Bild.
»Das ist Dumbledores Bruder Aberforth, das einzige Mal, dass ich ihn getroffen hab, merkwürdiger Kerl … das ist Dorcas Meadowes, Voldemort hat sie eigenhändig umgebracht … Sirius, als er noch kurze Haare hatte … und … da sind sie, ich dachte, das würd dich interessieren!«
Harry blieb das Herz stehen. Seine Mutter und sein Vater strahlten zu ihm hoch. Sie saßen zu beiden Seiten eines kleinen Mannes mit wässrigen Augen, den Harry sofort als Wurmschwanz erkannte, der den Aufenthaltsort seiner Eltern an Voldemort verraten und so ihren Tod mit herbeigeführt hatte.
»Na?«, sagte Moody.
Harry blickte in Moodys tief vernarbtes und zerfurchtes Gesicht. Offensichtlich glaubte Moody, er hätte Harry soeben eine Art Gefallen getan.
»Ja«, sagte Harry und versuchte wieder zu grinsen. »Ähm … hören Sie, mir ist gerade eingefallen, ich hab meinen Koffer noch nicht …«
Es blieb ihm erspart, sich etwas einfallen zu lassen, was er mit dem Koffer noch nicht gemacht hatte. Sirius hatte gerade gesagt: »Was hast du da, Mad-Eye?«, und Moody hatte sich ihm zugewandt. Harry durchquerte die Küche, glitt durch die Tür und die Treppe hoch, bevor ihn noch jemand zurückrufen konnte.
Er wusste nicht, warum es ein solcher Schock gewesen war. Schließlich hatte er früher schon Bilder seiner Eltern gesehen und er hatte Wurmschwanz getroffen … aber sie so plötzlich vorgesetzt zu kriegen, wenn er es am wenigsten erwartet hätte … darüber würde sich niemand freuen, dachte er zornig …
Und sie dann auch noch von all diesen anderen glücklichen Gesichtern umgeben zu sehen … von Benjy Fenwick, den sie in Stücken gefunden hatten, und Gideon Prewett, der wie ein Held gestorben war, und den Longbottoms, die durch Folter in den Wahnsinn getrieben worden waren … alle winkten sie für immer und ewig aus dem Foto, ohne zu wissen, dass sie dem Tod geweiht waren … Moody fand das vielleicht interessant … er, Harry, fand es beunruhigend …
Harry ging auf Zehenspitzen die Treppe in der Halle hoch, vorbei an den ausgestopften Elfenköpfen, froh, wieder alleine zu sein, doch als er sich dem ersten Treppenabsatz näherte, hörte er Geräusche. Im Salon schluchzte jemand.
»Hallo?«, sagte Harry.
Niemand antwortete, aber das Schluchzen hielt an. Zwei Stufen auf einmal nehmend, eilte er vollends hoch, lief über den Treppenabsatz und öffnete die Salontür.
Jemand kauerte an der dunklen Wand, den Zauberstab in der Hand, und schluchzte, dass es den ganzen Körper schüttelte. In einem Flecken Mondlicht, auf dem staubigen alten Teppich ausgestreckt, lag Ron, offensichtlich tot.
Die Luft schien aus Harrys Lungen zu entweichen; ihm war, als fiele er durch den Fußboden; sein Gehirn wurde eiskalt – Ron tot, nein, das war nicht möglich –
Aber Moment mal, das war nicht möglich – Ron war unten –
»Mrs Weasley?«, krächzte Harry.
»R-r-riddikulus!«, schluchzte Mrs Weasley und deutete mit ihrem zitternden Zauberstab auf Rons Leiche.
Knall.
Rons Leiche verwandelte sich in die Bills, rücklings und alle viere von sich gestreckt, lag er da, die Augen aufgerissen und leer. Mrs Weasley schluchzte noch heftiger.
»R-riddikulus!«, schluchzte sie erneut.
Knall.
An Bills Stelle erschien Mr Weasley, die Brille schief auf der Nase, ein Rinnsal Blut im Gesicht.
»Nein!«, stöhnte Mrs Weasley. »Nein … riddikulus! Riddikulus! RIDDIKULUS!«
Knall. Die Zwillinge tot. Knall. Percy tot. Knall. Harry tot …
»Mrs Weasley, Sie müssen hier raus!«, rief Harry und starrte auf seinen leblosen Körper am Boden. »Lassen Sie jemand anderen –«
»Was ist hier los?«
Lupin war in den Salon gestürmt, dicht gefolgt von Sirius, und Moody stapfte hinterdrein. Lupin blickte von Mrs Weasley auf den toten Harry am Boden und schien augenblicklich zu begreifen. Er zog seinen Zauberstab und sagte, sehr laut und deutlich:
»Riddikulus!«
Harrys Leiche verschwand. Über der Stelle, wo sie gelegen hatte, schwebte eine silbrige Kugel. Lupin schwang noch einmal seinen Zauberstab und die Kugel löste sich in eine Rauchwolke auf.
»Oh – oh – oh!«, jammerte Mrs Weasley, vergrub das Gesicht in den Händen und brach heftig in Tränen aus.
»Molly«, sagte Lupin mit düsterer Stimme und trat zu ihr. »Molly, nicht …«
Im nächsten Moment weinte sie sich an Lupins Schulter die Seele aus dem Leib.
»Molly, das war doch nur ein Irrwicht«, tröstete er sie und tätschelte sanft ihren Kopf. »Nur ein dummer Irrwicht …«
»Ich seh sie immer – t-t-tot!«, stöhnte Mrs Weasley an seiner Schulter. »I-i-immer noch! Ich w-w-werd davon träumen …«
Sirius starrte auf die Stelle des Teppichs, wo der Irrwicht, der sich in Harrys Körper verwandelt hatte, gelegen hatte. Moody hatte den Blick auf Harry geheftet, der es vermied, ihn anzusehen. Er hatte das komische Gefühl, dass Moodys magisches Auge ihm die ganze Zeit gefolgt war, seit er die Küche verlassen hatte.
»S-s-sag bloß nichts zu Arthur«, würgte Mrs Weasley jetzt hervor und wischte sich hektisch mit den Ärmeln die Augen. »Ich w-w-will nicht, dass er’s erfährt … wie albern …«
Lupin reichte ihr ein Taschentuch und sie putzte sich die Nase.
»Harry, tut mir furchtbar leid. Was denkst du jetzt bloß von mir?«, sagte sie zittrig. »Nicht mal mit einem Irrwicht wird sie fertig …«
»Ach was«, sagte Harry und versuchte zu lächeln.
»Ich mach mir nur s-s-solche Sorgen«, sagte sie und wieder quollen ihr Tränen aus den Augen. »Die halbe F-F-Familie ist im Orden, das wär ein W-W-Wunder, wenn wir alle heil da rauskommen würden … und P-P-Percy redet nicht mit uns … und wenn etwas Sch-Sch-Schreckliches passiert und wir haben uns n-n-nie mit ihm ausgesöhnt? Und was passiert, wenn Arthur und ich umkommen, wer w-w-wird sich um Ron und Ginny kümmern?«
»Molly, jetzt ist es aber genug«, sagte Lupin entschieden. »Es ist nicht wie beim letzten Mal. Der Orden ist besser vorbereitet, wir sind im Vorteil, wir wissen, was Voldemort plant –«
Mrs Weasley ließ bei dem Namen einen kleinen spitzen Angstschrei hören.
»Oh, Molly, nun komm, es wird langsam Zeit, dass du dich daran gewöhnst, diesen Namen zu hören – schau, ich kann nicht versprechen, dass keinem etwas geschieht, niemand kann das, aber wir sind viel besser dran als letztes Mal. Du warst damals nicht im Orden, du verstehst das nicht. Das letzte Mal waren uns die Todesser zwanzig zu eins überlegen und sie haben sich einen nach dem anderen von uns geholt …«
Harry dachte wieder an das Foto, an die strahlenden Gesichter seiner Eltern. Er wusste, dass Moody ihn immer noch beobachtete.
»Mach dir keine Sorgen wegen Percy«, warf Sirius unvermittelt ein. »Er wird schon noch zu uns stoßen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Voldemort offen auftritt; sobald er das tut, wird uns das ganze Ministerium um Verzeihung bitten. Und ich bin nicht sicher, ob ich ihre Entschuldigung annehme«, fügte er bitter hinzu.
»Und was Ron und Ginny angeht, falls du und Arthur sterben solltet«, sagte Lupin mit einem leisen Lächeln, »was glaubst du, was wir tun würden – sie verhungern lassen?«
Mrs Weasley lächelte zittrig.
»War albern von mir«, murmelte sie noch einmal und wischte sich die Augen.
Aber Harry, als er etwa zehn Minuten später die Schlafzimmertür hinter sich schloss, hielt Mrs Weasley nicht für albern. Noch immer sah er seine Eltern aus dem zerknitterten alten Foto zu ihm aufstrahlen. Sie wussten nicht, dass ihr Leben, wie das so vieler anderer in ihrem Umkreis, dem Ende zuging. Das Bild des Irrwichts, der nacheinander die Totengestalt aller Weasleys angenommen hatte, tauchte immer wieder vor ihm auf.
Ohne Vorwarnung spürte er erneut einen scharfen Schmerz in seiner Stirnnarbe und sein Magen verkrampfte sich fürchterlich.
»Schluss damit«, sagte er entschieden und rieb sich die Narbe, während der Schmerz nachließ.
»Das erste Zeichen des Wahnsinns, mit dem eigenen Kopf reden«, sagte eine hinterlistige Stimme aus dem leeren Bild an der Wand.
Harry beachtete sie nicht. Er fühlte sich so alt wie noch nie im Leben, und es kam ihm äußerst merkwürdig vor, dass er sich kaum eine Stunde zuvor noch Gedanken wegen eines Scherzartikelladens und wegen eines Vertrauensschülerabzeichens gemacht hatte.
Luna Lovegood
Harry hatte eine unruhige Nacht. Seine Eltern flochten sich durch seine Träume, ohne ein Wort zu sprechen; Mrs Weasley stand schluchzend über Kreachers Leiche gebeugt, Ron und Hermine, die Kronen trugen, beobachteten sie, und abermals sah sich Harry einen Korridor entlanggehen, der vor einer verschlossenen Tür endete. Er fuhr aus dem Schlaf hoch, seine Narbe ziepte, und er erblickte Ron vor sich, der bereits angezogen war und mit ihm sprach.
»… beeil dich lieber, Mum tickt völlig aus, sie sagt, wir verpassen den Zug …«
Im Haus herrschte Aufruhr. Aus dem, was Harry mitbekam, während er sich in Windeseile anzog, reimte er sich zusammen, dass Fred und George, um sich die Mühe des Schleppens zu ersparen, ihre Koffer behext hatten, treppab zu fliegen. Dabei waren sie gegen Ginny geknallt, die zwei Treppen tief in die Halle gestürzt war; Mrs Black und Mrs Weasley schrien beide aus Leibeskräften.
»– HÄTTE SICH SCHWER VERLETZEN KÖNNEN, IHR DUMMKÖPFE –«
»– SCHMUTZIGE HALBBLÜTER, BESUDELN DAS HAUS MEINER VÄTER –«
Harry zog gerade seine Turnschuhe an, als Hermine in heller Aufregung hereingestürmt kam. Auf ihrer Schulter schwankte Hedwig und in den Armen trug sie einen sich sträubenden Krummbein.
»Hedwig ist gerade eben von Mum und Dad zurückgekommen.« Die Eule flatterte folgsam hinüber zu ihrem Käfig und ließ sich darauf nieder. »Bist du schon fertig?«
»Fast. Wie geht’s Ginny?«, fragte Harry und setzte sich die Brille auf.
»Mrs Weasley hat sie zusammengeflickt«, sagte Hermine. »Aber jetzt besteht Mad-Eye darauf, dass wir nicht rauskönnen, solange Sturgis Podmore nicht da ist, sonst hat die Leibgarde einen Mann zu wenig.«
»Leibgarde?«, sagte Harry. »Müssen wir mit Begleitschutz nach King’s Cross?«
»Du musst mit Begleitschutz nach King’s Cross«, korrigierte ihn Hermine.
»Wieso?«, fragte Harry ärgerlich. »Ich dachte, Voldemort hält sich bedeckt, oder willst du mir erzählen, dass er demnächst hinter einer Mülltonne hervorspringt und mich allemachen will?«
»Keine Ahnung, Mad-Eye sagt das«, erwiderte Hermine zerstreut und sah auf ihre Uhr, »aber wenn wir nicht bald aufbrechen, verpassen wir den Zug garantiert …«
»KOMMT IHR ALLE JETZT BITTE SOFORT RUNTER!«, brüllte Mrs Weasley und Hermine schreckte hoch wie von der Tarantel gestochen und hastete aus dem Zimmer. Harry packte Hedwig, stopfte sie ohne viel Federlesen in den Käfig, schleifte den Koffer hinter sich her und folgte Hermine nach unten.
Mrs Blacks Porträt kreischte zornig, aber niemand machte sich die Mühe, die Vorhänge vor ihrer Nase zu schließen; all der Lärm in der Halle würde sie ohnehin wieder in Rage bringen.
»Harry, du gehst mit mir und Tonks«, rief Mrs Weasley – über die »SCHLAMMBLÜTER! ABSCHAUM! GOSSENKINDER!«-Rufe hinweg –, »lass Koffer und Eule da, Alastor kümmert sich um das Gepäck … oh, um Himmels willen, Sirius, Dumbledore hat nein gesagt!«
Ein bärenartiger schwarzer Hund war an Harrys Seite aufgetaucht und stieg über die diversen in der Halle umherstehenden Koffer hinweg, um zu Mrs Weasley zu gelangen.
»Also ehrlich …«, sagte Mrs Weasley entnervt. »Na gut, auf deine Verantwortung …«
Sie zog die Haustür auf und trat hinaus ins weiche Licht der Septembersonne. Harry und der Hund folgten ihr. Die Tür schlug hinter ihnen zu und im selben Moment waren Mrs Blacks Schreie nicht mehr zu hören.
»Wo ist Tonks?«, fragte Harry und blickte sich um, während sie die Steinstufen vor Nummer zwölf hinuntergingen, die verschwanden, sobald sie den Gehweg betreten hatten.
»Sie wartet gleich dort drüben auf uns«, sagte Mrs Weasley steif und wandte den Blick von dem schwarzen Hund ab, der neben Harry hertänzelte.
An der Straßenecke wurden sie von einer alten Frau begrüßt. Sie hatte dicht gelocktes graues Haar und trug einen lila Hut, der aussah wie eine Fleischpastete.
»So ’ne Überraschung, Harry«, sagte sie augenzwinkernd. »Wir sollten uns beeilen, nicht wahr, Molly?«, fügte sie mit einem Blick auf ihre Uhr hinzu.
»Ich weiß, ich weiß«, stöhnte Mrs Weasley und schritt noch entschiedener aus, »aber Mad-Eye wollte auf Sturgis warten … wenn Arthur uns doch nur wieder Autos aus dem Ministerium besorgt hätte … aber Fudge will ihn heutzutage nicht mal mehr ein leeres Tintenfass ausleihen lassen … wie ertragen die Muggel bloß das Reisen ohne Zauberei …«
Doch der große schwarze Hund bellte freudig auf, sprang um sie herum, schnappte nach Tauben und jagte seinen eigenen Schwanz. Harry musste lachen. Sirius hatte sehr lange im Haus festgesessen. Mrs Weasley schürzte die Lippen fast so wie Tante Petunia.
Sie brauchten zwanzig Minuten zu Fuß bis King’s Cross, und bis dahin geschah nichts Bedeutenderes, als dass Sirius, um Harry zu belustigen, ein paar Katzen erschreckte. Sobald sie im Bahnhof waren, stellten sie sich lässig an die Absperrung zwischen Gleis neun und zehn, bis die Luft rein war, dann lehnten sie sich der Reihe nach dagegen und kippten ohne weiteres auf den Bahnsteig von Gleis neundreiviertel, wo der Hogwarts-Express bereitstand und rußigen Dampf über das dichte Getümmel abreisender Schüler und deren Familien blies. Harry atmete den vertrauten Geruch ein und spürte, wie seine Lebensgeister erwachten … er kehrte tatsächlich zurück …
»Hoffentlich schaffen es die anderen noch rechtzeitig«, sagte Mrs Weasley besorgt und spähte hinter sich zu dem schmiedeeisernen Bogen, der sich über den Bahnsteig wölbte und unter dem die Neuankömmlinge erschienen.
»Hübscher Hund, Harry!«, rief ein großer Junge mit Rastalocken.
»Danke, Lee«, sagte Harry grinsend und Sirius wedelte wild mit dem Schwanz.
»Oh, gut«, sagte Mrs Weasley erleichtert, »da ist Alastor mit dem Gepäck, schau …«
Moody, mit einer tief über seine so verschiedenen Augen gezogenen Gepäckträgermütze, kam unter dem Bogen hindurchgehumpelt und schob eine Karre mit ihren Koffern vor sich her.
»Alles in Ordnung«, murmelte er Mrs Weasley und Tonks zu, »glaub nicht, dass wir verfolgt wurden …«
Sekunden später erschien Mr Weasley mit Ron und Hermine auf dem Bahnsteig. Sie hatten Moodys Gepäckkarre schon fast entladen, als Fred, George und Ginny mit Lupin auftauchten.
»Kein Ärger?«, knurrte Moody.
»Nichts«, sagte Lupin.
»Die Sache mit Sturgis melde ich trotzdem an Dumbledore«, sagte Moody. »Das ist schon das zweite Mal, dass er eine Woche lang nicht auftaucht. Wird allmählich so unzuverlässig wie Mundungus.«
»Also, passt auf euch auf«, sagte Lupin und schüttelte ihnen reihum die Hände. Zuletzt gab er Harry einen Klaps auf die Schulter. »Du auch, Harry. Sei vorsichtig.«
»Ja, den Kopf in Deckung und die Augen offen halten«, sagte Moody und schüttelte Harry ebenfalls die Hand. »Und vergesst nicht, das gilt für alle – seid vorsichtig, was ihr schreibt. Wenn ihr euch einer Sache nicht sicher seid, schreibt lieber nichts davon in einem Brief.«
»War großartig, euch alle kennen zu lernen«, sagte Tonks und umarmte Hermine und Ginny. »Ich denke, wir sehen uns bald.«
Ein Warnpfiff ertönte, und wer noch auf dem Bahnsteig war, stieg nun eilends in den Zug.
»Jetzt aber los!«, sagte Mrs Weasley zerstreut und umarmte sie alle aufs Geratewohl, wobei sie Harry gleich doppelt erwischte. »Schreibt uns … seid brav … wenn ihr was vergessen habt, schicken wir es nach … jetzt aber rein in den Zug, schnell …«
Einen kurzen Moment lang stellte sich der große schwarze Hund auf die Hinterläufe und legte die Vorderpfoten auf Harrys Schultern, aber Mrs Weasley schob Harry weiter zur Waggontür und zischte: »Um Himmels willen, benimm dich mal ein bisschen mehr wie ein Hund, Sirius!«
»Bis dann!«, rief Harry aus dem offenen Fenster, als der Zug anfuhr, und neben ihm winkten Ron, Hermine und Ginny. Die Umrisse von Tonks, Lupin, Moody und Mr und Mrs Weasley wurden rasch kleiner, aber der schwarze Hund sprang neben ihnen am Fenster her und wedelte mit dem Schwanz; verschwommene Gestalten auf dem Bahnsteig beobachteten lachend, wie er dem Zug nachjagte, dann ging es in eine Kurve und Sirius war verschwunden.
»Er hätte nicht mitkommen sollen«, sagte Hermine besorgt.
»Ach, mach dir keine Gedanken«, erwiderte Ron, »der arme Kerl hat doch seit Monaten kein Tageslicht mehr gesehen.«
»Nun«, sagte Fred und klatschte in die Hände, »wir können hier nicht den ganzen Tag rumstehen und quatschen, wir haben mit Lee geschäftliche Dinge zu besprechen. Bis später dann.« Und er und George verschwanden nach rechts den Gang entlang.
Der Zug beschleunigte noch immer, die Häuser vor dem Fenster flitzten vorbei und sie gerieten ins Schwanken.
»Wollen wir uns nicht ein Abteil suchen?«, fragte Harry.
Ron und Hermine tauschten Blicke.
»Ähm«, sagte Ron.
»Wir – ja – Ron und ich müssen ins Vertrauensschülerabteil«, sagte Hermine verlegen.
Ron mied Harrys Blick; er schien sich brennend für die Fingernägel seiner linken Hand zu interessieren.
»Oh«, sagte Harry. »Gut. Na schön.«
»Ich glaub nicht, dass wir die ganze Fahrt über dort bleiben müssen«, fügte Hermine rasch hinzu. »In unseren Briefen steht, dass wir nur Anweisungen von den beiden Schulsprechern entgegennehmen und dann von Zeit zu Zeit einen Streifzug durch die Gänge machen müssen.«
»Na schön«, wiederholte Harry. »Nun, wir – wir sehen uns dann später, vielleicht.«
»Ja, bestimmt«, sagte Ron und warf Harry flüchtig einen besorgten Blick zu. »Stinkt mir, dass ich da hinmuss, ich würd lieber – aber wir müssen – also, mir gefällt’s nicht, ich bin ja nicht Percy«, schloss er trotzig.
»Weiß ich doch«, sagte Harry und grinste. Doch als Hermine und Ron ihre Koffer mitsamt Krummbein und Pigwidgeon im Käfig in Richtung Lok davonschleiften, fühlte sich Harry merkwürdig verlassen. Noch nie war er ohne Ron im Hogwarts-Express gereist.
»Komm schon«, mahnte ihn Ginny, »wenn wir uns beeilen, können wir ihnen Plätze freihalten.«
»Stimmt«, sagte Harry und nahm Hedwigs Käfig in die eine und den Koffergriff in die andere Hand. Sie kämpften sich durch die Gänge und spähten im Vorbeigehen durch die Glastüren in die bereits voll besetzten Abteile. Harry fiel auf, dass viele seine Blicke höchst interessiert erwiderten und manche ihre Nachbarn anstießen und auf ihn deuteten. Nachdem ihm das bei fünf Abteilen in Folge passiert war, erinnerte er sich wieder, dass der Tagesprophet seinen Lesern den ganzen Sommer über berichtet hatte, was für ein lügnerischer Angeber er war. Er fragte sich betrübt, ob die Leute, die jetzt guckten und flüsterten, diese Geschichten glaubten.
Im allerletzten Waggon trafen sie Neville Longbottom, er war wie Harry jetzt im fünften Gryffindor-Jahr. Sein rundes Gesicht glänzte von der Anstrengung, den Koffer hinter sich herzuschleifen und gleichzeitig mit einer Hand seine widerspenstige Kröte Trevor festzuhalten.
»Hi, Harry«, keuchte er. »Hi, Ginny … alles voll hier … ich find keinen Platz …«
»Was soll der Unsinn?«, sagte Ginny, die sich an Neville vorbeigequetscht hatte und in das Abteil hinter ihm spähte. »Hier ist Platz, da sitzt nur Loony Lovegood drin –«
Neville nuschelte etwas von wegen, er wolle niemanden stören.
»Stell dich nicht so an«, sagte Ginny und lachte, »sie ist in Ordnung.«
Sie schob die Tür auf und zog ihren Koffer hinein. Harry und Neville folgten.
»Hi, Luna«, sagte Ginny, »ist es okay für dich, wenn wir uns hier reinsetzen?«
Das Mädchen am Fenster blickte auf. Sie hatte zotteliges, hüftlanges, schmutzig blondes Haar, sehr helle Augenbrauen und Glubschaugen, die ihr einen Ausdruck permanenten Erstaunens verliehen. Harry wusste sofort, warum Neville an diesem Abteil lieber vorbeigegangen war. Eine Aura von außerordentlicher Spleenigkeit umgab dieses Mädchen. Vielleicht war es die Tatsache, dass sie ihren Zauberstab zur sicheren Aufbewahrung hinter ihr linkes Ohr geklemmt hatte oder dass sie ein Halsband aus Butterbierkorken trug oder dass sie ihr Magazin verkehrt herum las. Ihr Blick wanderte über Neville und blieb an Harry kleben. Sie nickte.
»Danke«, sagte Ginny und lächelte sie an.
Harry und Neville verstauten die drei Koffer und Hedwigs Käfig im Gepäckregal und setzten sich. Luna beobachtete sie über ihr umgedrehtes Magazin hinweg, das Der Klitterer hieß. Sie schien nicht so oft blinzeln zu müssen wie gewöhnliche Menschen. Unablässig starrte sie Harry an, der sich auf den Platz ihr gegenüber gesetzt hatte und es jetzt bereute.
»Einen schönen Sommer verbracht, Luna?«, fragte Ginny.
»Ja«, sagte Luna verträumt, ohne die Augen von Harry abzuwenden. »Ja, war eigentlich ganz schön. Du bist Harry Potter«, fügte sie hinzu.
»Das weiß ich«, sagte Harry.
Neville gluckste. Nun wandte Luna ihre blassen Augen ihm zu. »Und ich weiß nicht, wer du bist.«
»Ich bin niemand«, sagte Neville hastig.
»Nein, bist du nicht«, sagte Ginny scharf. »Neville Longbottom – Luna Lovegood. Luna ist in meinem Jahrgang, aber in Ravenclaw.«
»Witzigkeit im Übermaß ist des Menschen größter Schatz«, sagte Luna mit Singsangstimme.
Sie hob ihr umgedrehtes Magazin so hoch, dass es ihr Gesicht verbarg, und verfiel in Schweigen. Harry und Neville sahen sich mit hochgezogenen Brauen an. Ginny verkniff sich ein Kichern.
Der Zug ratterte dahin und trug sie schnell hinaus ins offene Land. Es war ein merkwürdig unbeständiger Tag; mal war das Abteil sonnendurchflutet und im nächsten Moment schon fuhren sie unter bedrohlich grauen Wolken dahin.
»Rat mal, was ich zum Geburtstag bekommen hab«, sagte Neville.
»Noch ein Erinnermich?«, sagte Harry und dachte an die murmelartige Kugel, die Nevilles Großmutter ihm geschickt hatte in der Hoffnung, damit sein miserables Gedächtnis aufzubessern.
»Nein«, sagte Neville. »Könnt allerdings eins gebrauchen, mein altes hab ich schon vor ’ner Ewigkeit verloren … nein, schau mal …«
Während er Trevor mit der einen Hand festhielt, steckte er die andere in seine Schultasche, stöberte ein wenig darin und brachte etwas zum Vorschein, das wie ein kleiner grauer Kaktus in einem Topf aussah, nur dass er nicht mit Stacheln, sondern offenbar mit Furunkeln überzogen war.
»Mimbulus mimbeltonia«, sagte er stolz.
Harry starrte das Ding an. Es pulsierte leicht, was ihm das ziemlich grausige Aussehen eines kranken inneren Organs verlieh.
»Der ist echt total selten«, sagte Neville und strahlte. »Ich weiß nicht mal, ob sie in Hogwarts einen davon im Gewächshaus haben. Den muss ich unbedingt Professor Sprout zeigen. Mein Großonkel Algie hat ihn für mich aus Assyrien mitgebracht. Mal sehen, ob ich Ableger davon züchten kann.«
Harry wusste, dass Kräuterkunde Nevilles Lieblingsfach war, aber er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was Neville mit dieser kümmerlichen kleinen Pflanze anfangen wollte.
»Tut der – ähm – irgendwas?«, fragte er.
»’ne ganze Menge!«, rief Neville stolz. »Er hat einen irren Verteidigungsmechanismus. Hier, halt mal Trevor …«
Er ließ die Kröte in Harrys Schoß plumpsen und holte eine Schreibfeder aus seiner Schultasche. Luna Lovegoods hervorquellende Augen erschienen wieder über dem Rand ihres auf dem Kopf stehenden Magazins, um zu sehen, was Neville anstellte. Neville, die Zunge zwischen den Zähnen, hob den Mimbulus mimbeltonia auf Augenhöhe, wählte einen Punkt und versetzte dem Gewächs mit der Federspitze einen kräftigen Stich.
Aus allen Furunkeln der Pflanze spritzte eine Flüssigkeit – dicke, stinkende dunkelgrüne Strahlen. Sie trafen die Decke, die Fenster und spritzten über Luna Lovegoods Magazin; Ginny, die gerade noch rechtzeitig die Arme vors Gesicht gerissen hatte, sah nur aus, als hätte sie einen grünen Schleimhut auf. Harry jedoch, dessen Hände vollauf damit beschäftigt waren, Trevor an der Flucht zu hindern, bekam eine volle Ladung ins Gesicht. Das Zeug roch nach ranziger Jauche.
Neville, dessen Gesicht und Oberkörper ebenfalls völlig nass waren, schüttelte den Kopf, um das Gröbste aus den Augen zu kriegen.
»’tschulligung«, keuchte er. »Das hab ich noch nie ausprobiert … wusste gar nicht, dass es doch so … aber macht euch keine Sorgen, Stinksaft ist nicht giftig«, fügte er fahrig hinzu, als Harry einen Mund voll zu Boden spuckte.
Genau in diesem Moment wurde die Tür ihres Abteils aufgeschoben.
»Oh … hallo, Harry«, sagte eine nervöse Stimme. »Ähm … stör ich gerade?«
Harry wischte mit der trevorfreien Hand seine Brillengläser ab. Ein sehr hübsches Mädchen mit langen, glänzend schwarzen Haaren stand in der Tür und lächelte ihn an: Cho Chang, die Sucherin der Quidditch-Mannschaft von Ravenclaw.
»Oh … hi«, sagte Harry tonlos.
»Ähm …«, sagte Cho. »Na ja … ich wollt nur mal kurz hallo sagen … also dann tschüss.«
Sie war ziemlich rosa im Gesicht, als sie die Tür schloss und davonging. Harry sackte stöhnend auf seinen Platz zurück. Wenn Cho ihn doch nur zusammen mit ein paar sehr coolen Leuten gesehen hätte, die sich kugelten vor Lachen über einen Witz, den er gerade erzählt hatte. Stattdessen saß er hier mit Neville und Loony Lovegood, hielt eine Kröte umkrallt und triefte vor Stinksaft.
»Macht nichts«, sagte Ginny munter. »Schaut mal, das kriegen wir ganz einfach wieder weg.« Sie zog ihren Zauberstab. »Ratzeputz!«
Der Stinksaft verschwand.
»’tschulligung«, sagte Neville zum wiederholten Mal mit kleinlauter Stimme.
Ron und Hermine ließen sich fast eine Stunde lang nicht blicken und inzwischen war der Imbisswagen schon da gewesen. Harry, Ginny und Neville hatten ihre Kürbiskuchen aufgegessen und tauschten nun eifrig Schokofroschkarten, als die Abteiltür aufglitt und die beiden hereinkamen, begleitet von Krummbein und einem schrill in seinem Käfig schreienden Pigwidgeon.
»Ich verhungre noch!«, sagte Ron, verstaute Pigwidgeon neben Hedwig, schnappte sich einen Schokofrosch von Harry und ließ sich auf den Sitz neben ihm fallen. Er riss die Verpackung auf, biss dem Frosch den Kopf ab und lehnte sich mit geschlossenen Augen zurück, als hätte er einen sehr anstrengenden Morgen hinter sich.
»Also, in jedem Haus gibt es zwei Vertrauensschüler aus der fünften Klasse«, sagte Hermine, offenbar gründlich schlecht gelaunt, und setzte sich auf ihren Platz. »Jeweils ein Junge und ein Mädchen.«
»Und ratet mal, wer der Vertrauensschüler in Slytherin ist«, sagte Ron, ohne die Augen zu öffnen.
»Malfoy«, antwortete Harry sofort, er war sich gewiss, dass seine schlimmste Befürchtung bestätigt würde.
»Klar«, sagte Ron bitter, stopfte sich den Rest seines Frosches in den Mund und nahm sich noch einen.
»Und diese blöde Kuh Pansy Parkinson«, sagte Hermine böse. »Wie die Vertrauensschülerin geworden ist, obwohl sie dümmer ist als ein Troll mit Gehirntrauma …«
»Und wer ist es in Hufflepuff?«, fragte Harry.
»Ernie Macmillan und Hannah Abbott«, sagte Ron mit vollem Mund.
»Und in Ravenclaw Anthony Goldstein und Padma Patil«, sagte Hermine.
»Du bist doch mit Padma Patil zum Weihnachtsball gegangen«, sagte eine undeutliche Stimme.
Alle wandten sich Luna Lovegood zu, die über den Klitterer hinweg mit starrem Blick Ron ansah. Er schluckte seinen Schokofrosch hinunter.
»Ja, weiß ich wohl«, sagte er, offensichtlich ein wenig überrascht.
»Ihr hat’s nicht besonders gefallen«, unterrichtete ihn Luna. »Sie findet, du hast sie nicht sonderlich gut behandelt, weil du doch nicht mit ihr tanzen wolltest. Ich glaub, mir hätte das nichts ausgemacht«, fügte sie nachdenklich hinzu, »ich steh nicht so auf Tanzen.«
Sie zog sich wieder hinter ihren Klitterer zurück. Ron starrte einige Sekunden lang mit offenem Mund das Titelblatt an, dann wandte er sich Ginny zu, als könne sie ihm das irgendwie erklären, doch sie hatte sich eine Faust in den Mund gesteckt und biss sich auf die Knöchel, um ihr Kichern zu unterdrücken. Ron schüttelte nachdenklich den Kopf und blickte auf seine Uhr.
»Wir sollen hin und wieder durch die Gänge laufen«, erklärte er Harry und Neville, »und wir können Strafen erteilen, wenn sich Leute schlecht benehmen. Ich bin schon scharf drauf, Crabbe und Goyle wegen irgendwas dranzukriegen …«
»Du sollst deine Position nicht missbrauchen, Ron!«, sagte Hermine scharf.
»Ja, klar, Malfoy macht das ja auch nicht«, erwiderte Ron sarkastisch.
»Also willst du dich auf seine Ebene herablassen?«
»Nein, ich will nur sicherstellen, dass ich seine Kumpels drankriege, bevor er meine kriegt.«
»Um Himmels willen, Ron –«
»Ich lass Goyle Strafarbeiten schreiben, das macht ihn fertig, Schreiben hasst er nämlich«, sagte Ron launig. Er verzog das Gesicht, als würde er sich unter Qualen konzentrieren, grunzte mit tiefer Stimme wie Goyle und schrieb mit der Hand in die Luft. »Ich … darf … nicht … aussehen … wie … ein … Pavianpopo.«
Alle lachten, am heftigsten aber Luna Lovegood. Sie stieß einen Juchzer aus, dass Hedwig aufwachte und entrüstet mit den Flügeln schlug und Krummbein fauchend auf die Gepäckablage sprang. Luna lachte so heftig, dass ihr das Heft aus der Hand und über die Beine zu Boden rutschte.
»Das war lustig!«
Ihre hervortretenden Augen schwammen in Tränen, sie schnappte nach Luft und starrte Ron an. Völlig perplex wandte Ron sich den anderen zu, und die lachten nun über seinen Gesichtsausdruck und über das lächerlich lange Gelächter von Luna Lovegood, die vor und zurück wippte und sich die Seiten hielt.
»Willst du mich verulken?«, sagte Ron und sah sie ärgerlich an.
»Pavian…popo!«, keuchte sie und presste die Hände gegen die Rippen.
Alle sahen Luna beim Lachen zu, aber Harry, der einen Blick auf das Heft am Boden geworfen hatte, fiel plötzlich etwas auf und er bückte sich flugs danach. Verkehrt herum gehalten war es schwierig gewesen, auszumachen, wen das Bild auf der Titelseite darstellen sollte, doch jetzt sah Harry, dass es sich um eine ziemlich schlechte Karikatur von Cornelius Fudge handelte. Harry erkannte ihn nur dank des limonengrünen Bowlers. Fudge umklammerte mit der einen Hand einen Sack Gold, mit der anderen würgte er einen Kobold. Der Text zu der Karikatur lautete: Wie weit wird Fudge gehen, um sich Gringotts zu sichern?
Darunter standen die Themen von weiteren Artikeln im Magazin aufgelistet.
Korruption in der Quidditch-Liga: Wie die Tornados die Kontrolle übernehmen
Geheimnisse uralter Runen enthüllt
Sirius Black: Schurke oder Opfer?
»Kann ich da mal reinschauen?«, fragte Harry gespannt.
Luna, die immer noch Ron anstarrte und japste vor Lachen, nickte.
Harry schlug das Heft auf und überflog das Inhaltsverzeichnis. Bis zu diesem Moment hatte er das Magazin, das Kingsley Mr Weasley für Sirius mitgegeben hatte, völlig vergessen, doch es musste diese Ausgabe des Klitterers gewesen sein.
Er schlug die Seite mit dem Artikel auf und fing aufgeregt an zu lesen.
Auch dieser Text war mit einer ziemlich schlechten Karikatur bebildert; tatsächlich wäre Harry nicht darauf gekommen, dass sie Sirius darstellen sollte, wenn es nicht dabeigestanden hätte. Sirius stand mit gezücktem Zauberstab auf einem Haufen menschlicher Knochen. Die Überschrift des Artikels lautete:
SIRIUS BLACK – SO SCHWARZ, WIE ER GEMALT WIRD?
Berüchtigter Massenmörder oder unschuldiges Sangeswunder?
Diesen ersten Satz musste Harry mehrmals lesen, bis er sicher war, dass er ihn nicht missverstanden hatte. Seit wann war Sirius ein Sangeswunder?
Seit vierzehn Jahren gilt Sirius Black als verantwortlich für den Massenmord an zwölf unschuldigen Muggeln und einem Zauberer. Blacks waghalsige Flucht aus Askaban vor zwei Jahren löste die größte Fahndung aus, die das Zaubereiministerium je in die Wege geleitet hat. Niemand von uns hat jemals in Zweifel gestellt, dass er wieder gefangen genommen und den Dementoren ausgehändigt werden muss. ABER HAT ER DAS VERDIENT?
In jüngster Zeit kamen sensationelle neue Hinweise ans Licht, wonach Sirius Black die Verbrechen, für die er nach Askaban geschickt wurde, vielleicht gar nicht begangen hat. Tatsächlich, so behauptet Doris Purkiss aus Little Norton, Bärenklauweg achtzehn, war Black damals womöglich überhaupt nicht am Tatort.
»Die Leute wissen ja gar nicht, dass Sirius Black ein falscher Name ist«, sagt Mrs Purkiss. »Der Mann, den sie für Sirius Black halten, ist in Wahrheit Stubby Boardman, Lead-Sänger der beliebten Gesangsgruppe The Hobgoblins, der sich aus dem öffentlichen Leben zurückzog, nachdem ihn vor fast fünfzehn Jahren bei einem Konzert im Gemeindehaus von Little Norton eine Rübe am Ohr getroffen hatte. Ich hab ihn sofort erkannt, als ich sein Bild in der Zeitung sah. Nun kann aber Stubby unmöglich diese Verbrechen begangen haben, weil er an dem fraglichen Tag zufällig ein romantisches Candle-Light-Dinner mit mir genossen hat. Ich habe an das Zaubereiministerium geschrieben und erwarte nun jeden Tag, dass es sich bei Stubby alias Sirius umfassend entschuldigt.«
Harry hatte zu Ende gelesen und starrte ungläubig auf die Seite. Vielleicht ist es ein Witz, dachte er, vielleicht druckt das Magazin ja regelmäßig Enten. Er blätterte ein paar Seiten zurück und fand den Artikel über Fudge.
Zaubereiminister Cornelius Fudge bestritt bei seiner Wahl vor fünf Jahren, dass er irgendwelche Pläne zur Übernahme der Zaubererbank Gringotts habe. Fudge hat immer betont, er wolle mit den Wächtern unseres Goldes nichts weiter als »friedlich zusammenarbeiten«. ABER STIMMT DAS?
Dem Minister nahe stehende Quellen enthüllten kürzlich, dass Fudge vor Ehrgeiz brennt, die Goldvorräte der Kobolde unter seine Kontrolle zu bringen, und dass er nicht zögern wird, wenn nötig auch Gewalt anzuwenden.
»Das wäre übrigens nicht das erste Mal«, sagte ein Kenner des Ministeriums. »Cornelius ›Kobold-Killer‹ Fudge, so nennen ihn seine Freunde. Wenn Sie ihn hören könnten in Momenten, da er sich sicher glaubt, oh, andauernd redet er von den Kobolden, die er beseitigt hat; er ließ sie ertränken, von Gebäuden stürzen, vergiften und zu Pasteten verarbeiten …«
Harry hörte auf zu lesen. Fudge mochte viele Fehler haben, aber Harry fiel es äußerst schwer, sich vorzustellen, er könnte befohlen haben, Kobolde zu Pasteten zu verarbeiten. Er blätterte den Rest des Magazins durch. Alle paar Seiten innehaltend, las er: eine Anschuldigung, dass die Tutshill Tornados in der Quidditch-Liga durch eine Mischung aus Erpressung, illegaler Besenmanipulation und Folter den Meistertitel holen würden; ein Interview mit einem Zauberer, der behauptete, auf einem Sauberwisch Sechs zum Mond geflogen zu sein, und zum Beweis dafür einen Sack voll Mondfrösche mitgebracht hatte; und einen Artikel über uralte Runen, der zumindest erklärte, warum Luna den Klitterer verkehrt herum gelesen hatte. Dem Magazin zufolge musste man die Runen nur auf den Kopf drehen, dann gaben sie angeblich einen Zauberspruch preis, der die Ohren eines jeden Feindes in Kumquats verwandelte. Tatsächlich war die Behauptung, Sirius könnte in Wahrheit der Lead-Sänger der Hobgoblins sein, im Vergleich zu den anderen Artikeln noch durchaus vernünftig zu nennen.
»Steht da was Brauchbares drin?«, fragte Ron, als Harry das Heft zuschlug.
»Natürlich nicht«, sagte Hermine verächtlich, noch bevor Harry antworten konnte. »Der Klitterer ist totaler Mist, das weiß doch jeder.«
»Entschuldige mal«, sagte Luna; ihre Stimme hatte plötzlich den verträumten Ton verloren. »Mein Vater ist der Chefredakteur.«
»Ich – oh«, stammelte Hermine peinlich berührt. »Nun, da sind ein paar interessante … ich meine, er ist durchaus …«
»Ich möchte ihn gern zurückhaben, danke«, sagte Luna kalt, beugte sich vor und riss Harry das Heft aus der Hand. Sie überschlug es bis Seite siebenundfünfzig, drehte es entschlossen erneut auf den Kopf und verschwand dahinter, genau in dem Moment, als sich die Abteiltür zum dritten Mal öffnete.
Harry wandte den Blick zur Tür, er hatte damit gerechnet, aber das machte den Anblick Draco Malfoys, wie er da zwischen seinen Kumpeln Crabbe und Goyle stand und ihn anfeixte, nicht gerade erfreulicher.
»Was gibt’s?«, sagte Harry angriffslustig, noch bevor Malfoy den Mund aufmachen konnte.
»Benimm dich, Potter, oder ich muss dir eine Strafarbeit verpassen«, sagte Malfoy genüsslich, der das glatte blonde Haar und das spitze Kinn seines Vaters hatte. »Du siehst, dass ich im Gegensatz zu dir zum Vertrauensschüler ernannt wurde, was heißt, dass ich im Gegensatz zu dir die Befugnis habe, Strafen zu erteilen.«
»Ja«, sagte Harry, »aber du bist im Gegensatz zu mir ein Mistkerl, also raus hier und lass uns in Ruhe.«
Ron, Hermine, Ginny und Neville lachten. Malfoys Lippen kräuselten sich.
»Sag mal, wie fühlt man sich, wenn man Zweitbester nach Weasley ist, Potter?«, fragte er.
»Halt die Klappe, Malfoy«, sagte Hermine scharf.
»Da scheine ich ja einen Nerv getroffen zu haben«, sagte Malfoy grinsend. »Übrigens, sieh dich vor, Potter, weil ich dir auf den Fersen bleibe wie ein Hund, falls du aus der Reihe tanzen solltest.«
»Raus hier!«, sagte Hermine und stand auf.
Malfoy kicherte und versetzte Harry noch einen bösartigen Blick, dann ging er den Gang entlang davon und Crabbe und Goyle trampelten hinter ihm drein. Hermine knallte die Abteiltür zu und drehte sich zu Harry um. Sofort war ihm klar, dass auch sie gemerkt hatte, was Malfoy gesagt hatte, und darüber nicht minder bestürzt war.
»Lass doch noch mal ’nen Frosch springen«, sagte Ron, der offensichtlich überhaupt nichts mitbekommen hatte.
Vor Neville und Luna konnte Harry nicht offen reden. Er tauschte noch einen unruhigen Blick mit Hermine und starrte dann aus dem Fenster.
Dass Sirius mit ihm zum Bahnhof gekommen war, hatte er für einen kleinen Spaß gehalten, doch plötzlich kam es ihm leichtsinnig, wenn nicht gar gefährlich vor … Hermine hatte Recht gehabt … Sirius hätte ihn nicht begleiten sollen. Wenn nun Mr Malfoy der schwarze Hund aufgefallen war und er es Draco gesagt hatte? Wenn er nun den Schluss gezogen hatte, dass die Weasleys, Lupin, Tonks und Moody wussten, wo Sirius sich versteckt hielt? Oder hatte Malfoy nur rein zufällig die Worte »wie ein Hund« gebraucht?
Es ging immer weiter nach Norden und das Wetter blieb unbeständig. Mal benetzte halbherziger Regen die Fenster, dann wiederum hatte die Sonne einen schwachen Auftritt, bis sie erneut von Wolken verdeckt wurde. Als die Dunkelheit hereinbrach und die Lampen in den Abteilen angingen, rollte Luna den Klitterer zusammen, verstaute ihn bedächtig in ihrer Tasche und beschied sich fortan damit, ihre Mitreisenden anzustarren.
Harry hatte die Stirn ans Fenster gedrückt und versuchte einen ersten Blick auf das ferne Hogwarts zu erhaschen, doch es war eine mondlose Nacht, und das Fenster, über das sich Regenschlieren zogen, war rußig.
»Wir sollten uns schon mal umziehen«, meinte Hermine schließlich.
Sie und Ron steckten sich gewissenhaft das Vertrauensschülerabzeichen an die Brust. Harry bemerkte, wie Ron im schwarzen Fenster sein Spiegelbild prüfte.
Endlich verlangsamte der Zug seine Fahrt, und sie hörten gangauf und gangab den üblichen Tumult losbrechen, als alle überstürzt ihr Gepäck und ihre Tiere zusammensuchten und sich zum Aussteigen bereitmachten.
Weil Ron und Hermine dies beaufsichtigen sollten, verschwanden sie wieder aus dem Abteil und überließen es Harry und den anderen, sich um Krummbein und Pigwidgeon zu kümmern.
»Ich trage diese Eule, wenn du willst«, sagte Luna zu Harry und langte nach Pigwidgeon, während Neville Trevor vorsichtig in seine Innentasche steckte.
»Oh – ähm – danke«, sagte Harry, reichte ihr den Käfig und schloss den von Hedwig fester in die Arme.
Sie drängten sich aus dem Abteil, und als sie sich in die Menge auf dem Gang einreihten, spürten sie den ersten Hauch der Nachtluft auf den Gesichtern. Langsam ging es voran zu den Türen. Harry konnte die Kiefern riechen, die den Weg zum See hinunter säumten. Er trat auf den Bahnsteig, sah sich um und lauschte nach dem vertrauten Ruf: »Erstklässler hier rüber … Erstklässler …«
Aber er kam nicht. Stattdessen rief eine ganz andere Stimme, eine barsche Frauenstimme: »Erstklässler hierher in eine Reihe, bitte! Alle Erstklässler zu mir!«
Eine Laterne schwang auf Harry zu, und in ihrem Licht sah er das markante Kinn und den strengen Haarschnitt von Professor Raue-Pritsche, der Hexe, die Hagrid letztes Jahr in Pflege magischer Geschöpfe für eine Weile vertreten hatte.
»Wo ist Hagrid?«, fragte er laut.
»Ich weiß nicht«, antwortete Ginny, »aber wir sollten uns mal hier wegbewegen, wir versperren die Tür.«
»Oh, ja …«
Harry und Ginny verloren einander, als sie über den Bahnsteig und durch den Bahnhof gingen. Von der Menge hin und her geschubst, spähte Harry durch die Dunkelheit nach einem Zeichen von Hagrid; er musste hier sein, Harry hatte fest mit ihm gerechnet – darauf, Hagrid wiederzusehen, hatte er sich am meisten gefreut. Doch keine Spur von ihm.
Er kann nicht fort sein, sagte sich Harry, während er im Strom der Menge langsam durch eine enge Tür und hinaus auf die Straße drängte. Er ist bloß erkältet oder so …
Er hielt Ausschau nach Ron und Hermine, weil er wissen wollte, was sie davon hielten, dass Professor Raue-Pritsche wieder aufgetaucht war, aber von den beiden war nichts zu sehen, und so ließ er sich die dunkle, regennasse Straße vor dem Bahnhof von Hogsmeade entlangtreiben.
Hier standen die rund hundert pferdelosen Kutschen, in denen die Schüler ab der zweiten Klasse zum Schloss hochgebracht wurden. Harry warf einen kurzen Blick auf sie, wandte sich ab, um weiter nach Ron und Hermine Ausschau zu halten, stutzte und drehte sich wieder um.
Die Kutschen waren nicht mehr pferdelos. Zwischen den Deichseln standen Kreaturen. Hätte er ihnen Namen geben müssen, dann hätte er sie wohl Pferde genannt, obwohl sie auch Reptilien ähnelten. Sie waren vollkommen fleischlos, ihre schwarzen Decken klebten an ihren Skeletten, von denen jeder Knochen sichtbar war. Sie hatten drachenartige Köpfe und ihre pupillenlosen Augen waren weiß und blickten starr. Aus den Widerristen ragten Flügel – gewaltige schwarze ledrige Flügel, die aussahen, als würden sie Riesenfledermäusen gehören. Grausig und Unheil bringend wirkten die Geschöpfe, wie sie da still und ruhig in der Düsternis standen. Harry konnte nicht begreifen, warum die Kutschen von diesen schaurigen Pferden gezogen wurden, wo sie sich doch von allein bewegen konnten.
»Wo ist Pig?«, sagte Rons Stimme direkt hinter Harry.
»Diese Luna trägt ihn«, antwortete Harry und wandte sich rasch um, weil er unbedingt Ron nach Hagrid fragen wollte. »Wo, glaubst du, ist –«
»– Hagrid? Keine Ahnung«, sagte Ron mit besorgter Stimme. »Hoffentlich geht’s ihm gut …«
Nicht weit von ihnen kam Draco Malfoy daher, gefolgt von einer kleinen Schar seiner Spießgesellen, darunter Crabbe, Goyle und Pansy Parkinson. Er stieß ein paar offensichtlich verängstigte Zweitklässler aus dem Weg, damit er und seine Freunde eine Kutsche für sich allein bekamen. Sekunden später löste sich Hermine keuchend aus der Menge.
»Malfoy war dahinten absolut gemein zu einem Erstklässler. Ich melde das, ich schwör’s, jetzt hat er sein Abzeichen gerade mal drei Minuten und schon schikaniert er die Leute noch schlimmer als sonst … Wo ist Krummbein?«
»Ginny hat ihn«, sagte Harry. »Da ist sie …«
Ginny tauchte gerade aus der Menge auf, sie hielt den widerspenstigen Krummbein an sich geklammert.
»Danke«, sagte Hermine und nahm Ginny den Kater ab. »Kommt, wir nehmen uns zusammen eine Kutsche, bevor alle besetzt sind …«
»Pig fehlt noch!«, sagte Ron, aber Hermine war schon auf dem Weg zur nächsten freien Kutsche. Harry blieb mit Ron zurück.
»Was, glaubst du, sind das für Wesen?«, fragte er Ron, während die anderen Schüler an ihnen vorbeiwogten, und nickte zu den grausigen Pferden hinüber.
»Was für Wesen?«
»Diese Pferd–«
Luna erschien mit Pigwidgeons Käfig in den Armen; wie immer zwitscherte die kleine Eule aufgeregt.
»Da hast du ihn«, sagte sie. »Das ist ja ’ne süße kleine Eule, was?«
»Ähm … jaah … er ist schon in Ordnung«, sagte Ron schroff. »Also, jetzt kommt, steigen wir ein … was wolltest du sagen, Harry?«
»Ich wollte wissen, was das für Pferdewesen sind«, sagte Harry, während er, Ron und Luna auf die Kutsche zugingen, in der bereits Hermine und Ginny saßen.
»Was für Pferdewesen?«
»Diese Pferdewesen, die die Kutschen ziehen!«, sagte Harry ungeduldig. Immerhin waren sie nur etwa einen Meter vom nächsten entfernt, das sie mit leeren weißen Augen beobachtete. Ron allerdings sah Harry verdutzt an.
»Wovon redest du eigentlich?«
»Wovon ich rede – mach doch mal die Augen auf!«
Harry packte Ron am Arm und wirbelte ihn herum, so dass er von Angesicht zu Angesicht dem geflügelten Pferd gegenüberstand. Ron starrte eine Sekunde lang unverwandt hin, dann drehte er sich zu Harry um.
»Was soll ich bitte schön angucken?«
»Das – hier, zwischen den Deichseln! Vor die Kutsche gespannt! Direkt da vor deiner –«
Doch während Ron weiterhin verwirrt dreinsah, ging Harry ein merkwürdiger Gedanke durch den Kopf.
»Kannst du … kannst du sie nicht sehen?«
»Was denn sehen?«
»Kannst du nicht sehen, von wem die Kutschen gezogen werden?«
Ron sah jetzt ernstlich besorgt aus.
»Alles in Ordnung mit dir, Harry?«
»Ich … jaah …«
Harry war völlig bestürzt. Das Pferd stand zum Greifen nah vor ihm, es schimmerte unverkennbar im schwachen Licht, das aus den Bahnhofsfenstern hinter ihnen drang, und stieß aus seinen Nüstern Dampf in die kalte Nachtluft. Und doch, wenn Ron nicht flunkerte – und das wäre ein ziemlich schlechter Scherz –, konnte er nichts davon sehen.
»Steigen wir jetzt ein, oder was?«, fragte Ron verunsichert und blickte Harry an, als würde er sich Sorgen um ihn machen.
»Ja«, sagte Harry. »Ja, geh schon …«
»Alles in Ordnung«, sagte eine verträumte Stimme neben Harry, als Ron ins dunkle Kutscheninnere verschwand. »Du wirst nicht verrückt oder so. Ich kann sie auch sehen.«
»Wirklich?«, sagte Harry begierig und wandte sich zu Luna um. Er sah, dass sich die Pferde mit ihren Fledermausflügeln in ihren weiten silbrigen Augen spiegelten.
»O ja«, sagte Luna, »ich hab sie schon an meinem ersten Tag hier gesehen. Die haben die Kutschen immer gezogen. Mach dir keine Sorgen. Du bist genauso wenig verrückt wie ich.«
Mit einem matten Lächeln kletterte sie Ron hinterher in die muffige Kutsche. Harry folgte ihr nicht sonderlich beruhigt.
Das neue Lied des Sprechenden Huts
Harry mochte den anderen nicht erzählen, dass Luna und er die gleiche Halluzination hatten, wenn es denn eine war. So setzte er sich in die Kutsche, schlug die Tür hinter sich zu und sagte kein Wort mehr über die Pferde. Und dennoch sah er wie gebannt aus dem Fenster und beobachtete, wie sich ihre Silhouetten bewegten.
»Habt ihr die olle Raue-Pritsche gesehen?«, fragte Ginny. »Was hat die hier unten eigentlich zu suchen? Hagrid kann doch nicht weg sein, oder?«
»Da wär ich ganz froh drüber«, meinte Luna, »er ist kein guter Lehrer, findet ihr nicht auch?«
»Doch, ist er!«, erwiderten Harry, Ron und Ginny wütend.
Harry sah Hermine streng an. Sie räusperte sich und sagte rasch: »Ähm … doch … er ist sehr gut.«
»Nun ja, wir in Ravenclaw halten ihn für ’ne Art Witzfigur«, sagte Luna ungerührt.
»Dann ist euer Sinn für Humor eben zum Kotzen«, fauchte Ron, als die Räder unter ihnen sich knarrend in Bewegung setzten.
Luna ließ sich durch Rons Grobheit offensichtlich nicht aus der Ruhe bringen, im Gegenteil. Sie betrachtete ihn nur ein Weilchen wie eine mäßig spannende Fernsehsendung.
Die Kutschenkolonne ratterte und schwankte den Weg hoch. Als sie die hohen Steinsäulen mit den geflügelten Ebern zu beiden Seiten des Tores passierten und auf das Schulgelände fuhren, beugte sich Harry vor, um nachzusehen, ob in Hagrids Hütte am Verbotenen Wald Lichter brannten, doch auf den Ländereien herrschte vollkommene Dunkelheit. Schloss Hogwarts jedoch rückte dräuend näher: ein hoch aufragendes Massiv aus Türmen, pechschwarz gegen den dunklen Himmel, und hie und da strahlte ein Fenster feuerhell in die Nacht hinaus.
Die Kutschen hielten klirrend an der Steintreppe, die zu den Eichenportalen hinaufführte, und Harry stieg als Erster aus. Noch einmal wandte er sich um und spähte nach einem beleuchteten Fenster am Waldrand, doch aus Hagrids Hütte drang eindeutig kein Lebenszeichen. Widerwillig wandte er den Blick erneut den unheimlichen Skelettgeschöpfen zu, die ruhig und mit leeren, schimmernd weißen Augen in der kalten Nachtluft standen, denn halben Herzens hatte er gehofft, sie wären verschwunden.
Harry hatte schon einmal erlebt, dass er etwas sah, was Ron nicht sehen konnte, aber damals war es ein Spiegelbild gewesen, etwas viel Ungreifbareres als hundert sehr handfest aussehende Tierwesen, die stark genug waren, eine ganze Armada von Kutschen zu ziehen. Wenn er Luna Glauben schenken konnte, dann waren diese Tiere, wenn auch unsichtbar, immer schon da gewesen. Warum also konnte Harry sie plötzlich sehen und Ron nicht?
»Kommst du jetzt, oder was?«, sagte Ron neben ihm.
»Oh … ja«, gab Harry rasch zurück, und sie schlossen sich den Scharen an, die über die steinerne Treppe hoch ins Schloss eilten.
Die Eingangshalle stand in loderndem Fackellicht und hallte wider vom Getrappel der Schüler, die den steingefliesten Boden nach rechts überquerten, zur Flügeltür der Großen Halle hin, wo die Begrüßungsfeier stattfand.
Allmählich bevölkerten sich die vier langen Haustische unter dem sternlosen schwarzen Himmel der Großen Halle, der genau dem Himmel glich, den sie durch die hohen Fenster noch erahnen konnten. Kerzen schwebten über den Tischen und warfen ihr Licht auf die hie und da verteilten silbrigen Gespenster und auf die Gesichter der Schüler, die eifrig Neuigkeiten über ihre Sommerferien austauschten, Freunden aus anderen Häusern Grüße zuriefen und neue Haarschnitte und Umhänge mit flüchtigen Blicken bedachten. Wieder bemerkte Harry, dass manche ihre Köpfe zusammensteckten und wisperten, wenn er vorbeiging; er biss die Zähne zusammen und tat so, als ob es ihm weder auffiele noch etwas ausmachte.
Am Ravenclaw-Tisch trennte sich Luna von ihnen. Kaum hatten sie den Tisch der Gryffindors erreicht, wurde Ginny lauthals von ein paar anderen Viertklässlern begrüßt und setzte sich zu ihnen. Harry, Ron, Hermine und Neville fanden etwa in der Mitte des Tisches zusammen Platz, zwischen dem Fast Kopflosen Nick, dem Hausgespenst der Gryffindors, und Parvati Patil und Lavender Brown, die Harry allzu lebhaft und freundlich begrüßten, woraus er den sicheren Schluss zog, dass sie noch einen kurzen Augenblick zuvor über ihn geredet hatten. Allerdings gab es Wichtigeres, worüber er sich Gedanken machte: Er spähte über die Köpfe der Schülerinnen und Schüler hinweg zum Lehrertisch, der längs der Stirnseite der Halle aufgestellt war.
»Er ist nicht da.«
Auch Ron und Hermine suchten den Lehrertisch ab, obwohl es eigentlich nicht nötig war; Hagrid war so groß, dass er in jeder Gruppe sofort ins Auge fiel.
»Er kann doch nicht weg sein«, sagte Ron beklommen.
»Natürlich nicht«, sagte Harry entschieden.
»Ihr glaubt nicht, dass er … verletzt ist oder so?«, meinte Hermine bedrückt.
»Nein«, erwiderte Harry sofort.
»Aber wo ist er dann?«
Eine Pause trat ein, dann sagte Harry sehr leise, damit Neville, Parvati und Lavender es nicht hören konnten: »Vielleicht ist er noch nicht zurück. Ihr wisst schon – sein Auftrag – was er den Sommer über für Dumbledore erledigen sollte.«
»Jaah … ja, das wird’s sein«, sagte Ron und klang schon zuversichtlicher, aber Hermine biss sich auf die Lippe und ließ den Blick über den Lehrertisch wandern, als hoffte sie eine schlüssige Erklärung für Hagrids Fehlen zu finden.
»Wer ist das denn?«, sagte sie spitz und deutete zur Mitte des Lehrertisches.
Harry folgte ihren Augen. Sein Blick fiel zunächst auf Professor Dumbledore, der auf seinem goldenen hohen Lehnstuhl in der Mitte des langen Lehrertisches saß, in einem dunkelvioletten Umhang, der mit silbernen Sternen gesprenkelt war, und mit einem dazu passenden Hut. Dumbledore hatte den Kopf seiner Nachbarin zugeneigt, die ihm ins Ohr sprach. Sieht aus wie eine alte Jungfer, ging es Harry durch den Kopf: untersetzt, mit kurzen, mausgrauen Locken, in die sie einen fürchterlichen rosa Haarreif gesteckt hatte, passend zu der flaumigen rosa Strickjacke, die sie über ihrem Umhang trug. Sie wandte leicht den Kopf, um an ihrem Trinkkelch zu nippen, und erschrocken erkannte er es wieder, das fahle, krötenartige Gesicht mit den hervorquellenden Triefaugen.
»Das ist diese Umbridge!«
»Wer?«, sagte Hermine.
»Die war bei meiner Anhörung dabei, sie arbeitet für Fudge!«
»Hübsche Strickjacke«, sagte Ron grinsend.
»Sie arbeitet für Fudge!«, wiederholte Hermine stirnrunzelnd. »Was um Himmels willen hat sie dann hier zu suchen?«
»Weiß nicht …«
Hermine kniff die Augen zusammen und suchte den Lehrertisch ab.
»Nein«, murmelte sie, »nein, sicher nicht …«
Harry hatte keine Ahnung, wovon sie redete, fragte aber nicht danach; sein Augenmerk war auf Professor Raue-Pritsche gerichtet, die eben hinter dem Lehrertisch aufgetaucht war; sie drängte sich bis ganz ans Ende durch und setzte sich auf den Platz, der eigentlich Hagrids war. Also mussten die Erstklässler den See überquert haben und im Schloss angekommen sein, und tatsächlich, nach wenigen Augenblicken öffnete sich die Tür zur Eingangshalle. In einer langen Reihe kamen die verängstigt wirkenden Neulinge herein, angeführt von Professor McGonagall, die einen Stuhl trug, auf dem ein alter Zauberhut lag, arg geflickt und gestopft und mit einem breiten Riss über der ausgefransten Krempe.
Das Stimmengewirr in der Großen Halle erstarb. Die Erstklässler stellten sich vor dem Lehrertisch auf, die Gesichter den anderen Schülern zugewandt, während Professor McGonagall den Stuhl bedächtig vor sie hinstellte und dann beiseitetrat.
Die Gesichter der Neuen schimmerten bleich im Kerzenlicht. Ein kleiner Junge in der Mitte der Reihe schien zu zittern. Harry erinnerte sich flüchtig, wie schrecklich es für ihn gewesen war, dort zu stehen und auf die unbekannte Prüfung zu warten, die bestimmen sollte, zu welchem Haus er gehörte.
Die ganze Schule wartete mit angehaltenem Atem. Dann öffnete sich der Riss nahe der Hutkrempe weit wie ein Mund und der Sprechende Hut begann zu singen:
In alter Zeit, als ich noch neu,
Hogwarts am Anfang stand,
Die Gründer unsrer noblen Schule
noch einte ein enges Band.
Sie hatten ein gemeinsam’ Ziel,
Sie hatten ein Bestreben:
Die beste Zauberschule der Welt,
Und Wissen weitergeben.
»Zusammen wollen wir bau’n und lehr’n!«
Das nahmen die Freunde sich vor.
Und niemals hätten die vier geahnt,
Dass ihre Freundschaft sich verlor.
Gab es so gute Freunde noch
Wie Slytherin und Gryffindor?
Es sei denn jenes zweite Paar
Aus Hufflepuff und Ravenclaw?
Weshalb ging dann dies alles schief,
Hielt diese Freundschaft nicht?
Nun, ich war dort und ich erzähl
Die traurige Geschicht’.
Sagt Slytherin: »Wir lehr’n nur die
Mit reinstem Blut der Ahnen.«
Sagt Ravenclaw: »Wir aber lehr’n,
Wo Klugheit ist in Bahnen.«
Sagt Gryffindor: »Wir lehr’n all die,
Die Mut im Namen haben.«
Sagt Hufflepuff: »Ich nehm sie all’
Ohne Ansehen ihrer Gaben.«
Am Anfang gab es wenig Streit
Nur Unterschiede viele,
Denn jeder der vier Gründer hatte
Ein Haus für seine Ziele.
Sie holten sich, wer da gefiel;
So Slytherin nahm auf,
Wer Zauberer reinen Blutes war
Und listig obendrauf.
Und nur wer hellsten Kopfes war,
Der kam zu Ravenclaw.
Die Mutigsten und Kühnsten doch
Zum tapferen Gryffindor.
Den Rest nahm auf die Hufflepuff,
Tat allen kund ihr Wissen,
So standen die Häuser und die Gründer denn
In Freundschaft, nicht zerrissen.
In Hogwarts herrschte Friede nun
In manchen glücklichen Jahren,
Doch bald kam hässliche Zwietracht auf,
Aus Schwächen und Fehlern entfahren.
Die Häuser, die vier Säulen gleich
Einst unsre Schule getragen,
Sie sahen sich jetzt als Feinde an,
Wollten herrschen in diesen Tagen.
Nun sah es so aus, als sollte der Schule
Ein frühes Ende sein.
Durch allzu viele Duelle und Kämpfe
Und Stiche der Freunde allein.
Und schließlich brach ein Morgen an,
Da Slytherin ging hinfort.
Und obwohl der Kampf nun verloschen war,
Gab’s keinen Frieden dort.
Und nie, seit unsere Gründer vier
Gestutzt auf dreie waren,
Hat Eintracht unter den Häusern geherrscht,
Die sie doch sollten bewahren.
Nun hört gut zu dem Sprechenden Hut,
Ihr wisst, was euch beschieden:
Ich verteil euch auf die Häuser hier,
Wie’s mir bestimmt ist hienieden.
Ja, lauscht nur meinem Liede gut,
Dies Jahr werd ich weitergehen:
Zu trennen euch bin ich verdammt,
Doch könnt man’s als Fehler sehen.
Zwar muss ich meine Pflicht erfüllen
Und jeden Jahrgang teilen.
Doch wird nicht bald durch diese Tat
Das Ende uns ereilen?
Oh, seht das Verderben und deutet die Zeichen,
Die aus der Geschichte erstehen.
Denn unsere Schule ist in Gefahr,
Sie mag durch äußere Feinde vergehen.
Wir müssen uns stets in Hogwarts vereinen
Oder werden zerfallen von innen.
Ich hab’s euch gesagt, ich habe gewarnt …
Lasst die Auswahl nun beginnen.
Der Hut erstarrte wieder, Beifall brandete auf, aber zum ersten Mal, soweit sich Harry erinnern konnte, war dazwischen ein Murmeln und Wispern zu hören. Überall in der Großen Halle tuschelten Schüler mit ihren Nachbarn, und Harry, der wie alle anderen klatschte, wusste genau, worüber sie sprachen.
»Ist dieses Jahr ein bisschen abgeschweift, was?«, sagte Ron mit hochgezogenen Augenbrauen.
»Das kannst du laut sagen«, erwiderte Harry.
Der Sprechende Hut beschränkte sich normalerweise darauf, die unterschiedlichen Eigenschaften zu beschreiben, die von den vier Hogwarts-Häusern verlangt wurden, und auf seine eigene Aufgabe, die Schüler dementsprechend auf die Häuser zu verteilen. Harry konnte sich nicht erinnern, dass der Hut je versucht hätte, der Schule einen Rat zu erteilen.
»Hat er eigentlich überhaupt schon mal eine Warnung ausgesprochen?«, fragte Hermine in leicht beunruhigtem Ton.
»Ja, in der Tat«, sagte der Fast Kopflose Nick wissend und lehnte sich durch Neville zu ihr hinüber (Neville zuckte zusammen; es war nicht gerade angenehm, wenn sich ein Geist durch einen hindurchlehnte). »Der Hut hält es für seine Ehrenpflicht, die Schule geziemend zu warnen, wann immer er der Meinung ist –«
Aber Professor McGonagall, die Anstalten machte, die Liste mit den Namen der Erstklässler zu verlesen, versetzte den flüsternden Schülern einen Blick von der vernichtenden Sorte. Der Fast Kopflose Nick legte einen durchsichtigen Finger auf die Lippen und setzte sich wieder stocksteif hin, als plötzlich das Gemurmel verstummte. Professor McGonagall ließ den Blick noch einmal finster über die vier Haustische schweifen, dann senkte sie die Augen auf ihr langes Stück Pergament und rief laut den ersten Namen auf.
»Abercrombie, Euan.«
Der verängstigt wirkende Junge, der Harry schon aufgefallen war, stolperte nach vorne und setzte sich den Hut auf; einzig seine weit abstehenden Ohren verhinderten, dass er ihm sogleich auf die Schultern rutschte. Der Hut überlegte einen Moment, dann öffnete sich der Riss an der Krempe wieder und er verkündete:
»Gryffindor!«
Harry klatschte laut mit den anderen Gryffindors, während Euan Abercrombie an ihren Tisch getaumelt kam und sich setzte. Er machte den Eindruck, als würde er am liebsten im Boden versinken und nie wieder einen Blick auf sich ziehen wollen.
Allmählich dünnte die lange Reihe der Erstklässler aus. In den Pausen zwischen dem Aufrufen der Namen und den Entscheidungen des Sprechenden Huts konnte Harry Rons Magen laut rumoren hören. Schließlich wurde »Zeller, Rose« dem Haus Hufflepuff zugeteilt, Professor McGonagall nahm Hut und Stuhl und schritt mit ihnen davon, und Professor Dumbledore erhob sich.
Bei aller Bitterkeit, die Harry in der letzten Zeit gegenüber seinem Schulleiter gehegt hatte, fühlte er sich nun, da er Dumbledore vor ihnen allen stehen sah, einigermaßen besänftigt. Hagrid fehlte, dazu noch diese Drachenpferde – das alles hatte ihm das Gefühl gegeben, seine Rückkehr nach Hogwarts, die er so lange gespannt erwartet hatte, wäre voll leidiger Überraschungen, gleich Misstönen in einem vertrauten Lied. Doch nun war es endlich so, wie es sein sollte: Ihr Schulleiter erhob sich, um sie alle beim Empfangsessen zu begrüßen.
»An unsere Neuen«, sagte Dumbledore mit schallender Stimme, die Arme weit ausgebreitet und ein strahlendes Lächeln auf den Lippen, »willkommen! An unsere alten Hasen – willkommen zurück! Es gibt eine Zeit, um Reden zu halten, aber dies ist sie nicht. Haut rein!«
Es gab anerkennendes Gelächter, und Beifall brandete auf, als sich Dumbledore elegant setzte und sich den langen Bart über die Schulter warf, damit er ihm beim Essen nicht in die Quere kam – denn aus dem Nichts waren Speisen erschienen, und die fünf langen Tische ächzten unter Braten und Pasteten und Schüsseln mit Gemüse, unter Brot und Soßen und Krügen voll Kürbissaft.
»Klasse«, sagte Ron mit einem hungrigen Stöhnen, griff sich die nächstbeste Platte mit Koteletts und fing an, seinen Teller zu beladen, unter den wehmütigen Blicken des Fast Kopflosen Nick.
»Was haben Sie vorhin noch gesagt?«, fragte Hermine das Gespenst. »Von wegen, dass der Sprechende Hut Warnungen ausspricht?«
»Oh, ja«, sagte Nick, offenbar froh über einen Grund, sich von Ron abzuwenden, der inzwischen mit fast unanständiger Begeisterung Bratkartoffeln aß. »Ja, ich habe den Hut schon mehrmals Warnungen aussprechen hören, immer zu Zeiten, da er große Gefahr für die Schule spürte. Und natürlich lautete sein Rat immer gleich: Steht zusammen und seid stark von innen heraus.«
»Ui gan ein ut wischn da di schuhe ingefah isch?«, sagte Ron.
Er hatte den Mund so voll, dass Harry sich wunderte, wie er es schaffte, überhaupt einen Mucks von sich zu geben.
»Verzeihung, bitte?«, fragte der Fast Kopflose Nick höflich, während Hermine angewidert dreinsah. Ron schluckte seinen gewaltigen Bissen hinunter und sagte: »Wie kann ein Hut wissen, dass die Schule in Gefahr ist?«
»Ich habe keine Ahnung«, sagte der Fast Kopflose Nick. »Immerhin lebt er in Dumbledores Büro, also würde ich sagen, er schnappt dort dies und jenes auf.«
»Und er will, dass alle Häuser untereinander befreundet sind?«, sagte Harry und warf einen Blick hinüber zum Tisch der Slytherins, wo Draco Malfoy Hof hielt. »Darauf kann er lange warten.«
»Nun, also, du solltest dir diese Haltung nicht zu eigen machen«, sagte Nick vorwurfsvoll. »Friedliche Zusammenarbeit, das ist die Devise. Wir Gespenster pflegen freundschaftliche Bande, auch wenn wir zu unterschiedlichen Häusern gehören. Trotz der Konkurrenz zwischen Gryffindor und Slytherin würde ich nicht im Traum daran denken, Streit mit dem Blutigen Baron zu suchen.«
»Nur weil Sie schreckliche Angst vor ihm haben«, entgegnete Ron.
Der Fast Kopflose Nick schien höchst entrüstet.
»Angst? Ich hoffe doch, dass ich, Sir Nicholas de Mimsy-Porpington, mich während meines ganzen Lebens nie der Feigheit schuldig gemacht habe! Das edle Blut, das in meinen Adern fließt –«
»Welches Blut?«, fragte Ron. »Sie haben doch ganz bestimmt kein –?«
»Das ist eine Redensart!«, sagte der Fast Kopflose Nick, inzwischen so verärgert, dass sein Kopf auf seinem nicht ganz durchtrennten Hals bedrohlich zitterte. »Ich nehme an, es ist mir immer noch erlaubt, jedwede Worte zu gebrauchen, die mir belieben, selbst wenn mir die Genüsse des Essens und Trinkens versagt bleiben! Aber sei versichert, ich bin durchaus an Schüler gewöhnt, die sich über meinen Tod lustig machen!«
»Nick, er hat Sie wirklich nicht ausgelacht!«, sagte Hermine und warf Ron einen zornigen Blick zu.
Unglücklicherweise war Rons Mund schon wieder gestopft voll, und alles, was er herausbrachte, war ein »Nö isch wollschi nisch feraaschn«, was Nick offenbar nicht als angemessene Entschuldigung zu würdigen bereit war. Er erhob sich in die Luft, rückte seinen Federhut zurecht und entschwebte zum anderen Ende des Tisches, wo er sich zwischen den Creevey-Brüdern Colin und Dennis niederließ.
»Na toll, Ron«, fauchte Hermine.
»Was?«, sagte Ron entrüstet, der es endlich geschafft hatte, seinen Bissen hinunterzuschlucken. »Darf man hier nicht mal einfache Fragen stellen?«
»Ach, vergiss es«, erwiderte Hermine ärgerlich und den Rest des Essens verbrachten die beiden in gekränktem Schweigen.
Harry kannte ihr Gekabbel nur zu gut und mühte sich gar nicht erst, sie zu versöhnen; er hatte das Gefühl, seine Zeit besser zu nutzen, indem er ordentlich Steak-und-Nieren-Pastete futterte und anschließend einen großen Teller mit seiner Lieblings-Siruptorte verschlang.
Als alle Schüler mit dem Essen fertig waren und der Lärm in der Halle allmählich wieder anschwoll, erhob sich Dumbledore erneut. Die Unterhaltungen verstummten schlagartig und alle wandten sich dem Schulleiter zu. Harry fühlte sich inzwischen angenehm dösig. Sein Himmelbett wartete irgendwo da oben auf ihn, wunderbar warm und weich …
»Nun, jetzt, da wir alle ein weiteres herrliches Festessen verdauen, bitte ich für einige Momente um eure Aufmerksamkeit für die üblichen Bemerkungen zum Schuljahrsbeginn«, sagte Dumbledore. »Die Erstklässler sollten wissen, dass der Wald auf dem Schlossgelände für Schüler verboten ist – und einige unserer älteren Schüler sollten es inzwischen auch wissen.« (Harry, Ron und Hermine tauschten ein künstliches Lächeln.)
»Mr Filch, der Hausmeister, hat mich, wie er sagt, zum vierhundertzweiundsechzigsten Mal gebeten, euch daran zu erinnern, dass Zauberei zwischen den Unterrichtsstunden auf den Gängen nicht erlaubt ist, ebenso wenig wie eine Reihe anderer Dinge, die alle auf der erschöpfenden Liste nachzulesen sind, die jetzt an Mr Filchs Bürotür hängt.
Dieses Jahr haben wir zwei Veränderungen im Kollegium. Wir freuen uns sehr, Professor Raue-Pritsche erneut willkommen zu heißen, die Pflege magischer Geschöpfe unterrichten wird; wir freuen uns ebenfalls, Professor Umbridge vorstellen zu können, unsere neue Lehrerin für Verteidigung gegen die dunklen Künste.«
Es gab höflichen, wenn auch kaum begeisterten Beifall, und Harry, Ron und Hermine warfen sich leicht panische Blicke zu; Dumbledore hatte nicht gesagt, wie lange Raue-Pritsche unterrichten würde.
Dumbledore fuhr fort: »Auswahlspiele für die Quidditch-Mannschaften der Häuser finden statt am –«
Er unterbrach sich und sah Professor Umbridge fragend an. Da sie im Stehen nicht viel größer war als im Sitzen, begriff einen Moment lang niemand, warum Dumbledore aufgehört hatte zu reden, doch dann räusperte sich Professor Umbridge, »chrm, chrm«, und es war klar, dass sie aufgestanden war und die Absicht hatte, eine Rede zu halten.
Dumbledore wirkte nur einen Moment lang verdutzt, dann setzte er sich munter und sah Professor Umbridge aufmerksam an, als ob er sich nichts sehnlicher wünschte, als ihrem Vortrag zu lauschen. Andere Mitglieder des Kollegiums konnten ihre Überraschung nicht so geschickt verbergen. Professor Sprouts Augenbrauen waren in ihrem zerzausten Haar verschwunden, und Professor McGonagalls Mund war so dünnlippig, wie ihn Harry noch nie gesehen hatte. Niemals zuvor hatte ein neuer Lehrer Dumbledore unterbrochen. Viele Schüler grinsten; diese Frau wusste offensichtlich nicht, wie es in Hogwarts zuging.
»Danke, Direktor«, sagte Professor Umbridge geziert, »für diese freundlichen Willkommensworte.«
Sie hatte eine hohe, hauchzarte Kleinmädchenstimme, und Harry spürte erneut eine mächtige Woge der Abneigung, die er sich nicht erklären konnte; er wusste nur, dass er alles an ihr verabscheute, von ihrer albernen Stimme bis zu ihrer flauschigen rosa Strickjacke. Erneut ließ sie ein kleines hüstelndes Räuspern hören (chrm, chrm), dann fuhr sie fort.
»Nun, es ist wunderbar, wieder in Hogwarts zu sein, muss ich sagen!« Sie lächelte und offenbarte dabei sehr spitze Zähne. »Und solch glückliche kleine Gesichter zu mir aufblicken zu sehen!«
Harry ließ den Blick umherschweifen. Keines der Gesichter, die er sehen konnte, wirkte glücklich. Im Gegenteil, sie wirkten eher verblüfft, wie Fünfjährige angesprochen zu werden.
»Ich freue mich sehr darauf, Sie alle kennen zu lernen, und ich bin sicher, wir werden sehr gute Freunde werden!«
Die Schüler sahen sich verwundert an, manche unterdrückten kaum noch ein Grinsen.
»Meinetwegen bin ich ihre Freundin, solange ich mir diese Strickjacke nicht ausleihen muss«, wisperte Parvati Lavender zu und beide brachen in stummes Kichern aus.
Professor Umbridge räusperte sich erneut (chrm, chrm), doch als sie fortfuhr, war ihre Stimme nicht mehr ganz so zart. Sie klang weitaus geschäftsmäßiger, und ihre Worte hatten jetzt einen drögen Ton, als würde sie etwas auswendig Gelerntes vortragen.
»Das Zaubereiministerium hat der Ausbildung junger Hexen und Zauberer immer die größte Bedeutung beigemessen. Die seltenen Gaben, die Sie von Geburt an besitzen, könnten verkümmern, wenn wir sie nicht durch sorgfältige Anleitung fördern und hegen würden. Die uralten Fähigkeiten, die der Gemeinschaft der Zauberer vorbehalten sind, müssen von Generation zu Generation weitergegeben werden, wenn wir sie nicht für immer verlieren wollen. Der Schatz magischen Wissens, den unsere Vorfahren zusammengetragen haben, muss bewahrt, erweitert und vertieft werden von jenen, die zum ehrenvollen Dienst des Lehrers berufen sind.«
Hier legte Professor Umbridge eine Pause ein und machte eine kleine Verbeugung hin zu ihren Kollegen, von denen keiner sie erwiderte. Professor McGonagalls dunkle Augenbrauen hatten sich dermaßen zusammengezogen, dass sie nun eindeutig wie ein Falke wirkte, und Harry sah deutlich, wie sie mit Professor Sprout einen viel sagenden Blick tauschte. Umbridge ließ wiederum ein leises Chrm, chrm hören und fuhr mit ihrer Rede fort:
»Jeder Schulleiter, jede Schulleiterin von Hogwarts hat etwas Neues zu der schweren Aufgabe beigetragen, diese geschichtsträchtige Schule zu führen, und das ist auch gut so, denn ohne Fortschritt treten Stillstand und Verfall ein. Und doch muss dem Fortschritt um des Fortschritts willen eine Absage erteilt werden, denn häufig bedürfen unsere erprobten und bewährten Traditionen nicht des Herumstümperns. Ein Gleichgewicht also zwischen Altem und Neuem, zwischen Dauer und Wandel, zwischen Tradition und Innovation …«
Harry spürte, dass seine Aufmerksamkeit verebbte, dass sein Denken sich abwechselnd trübte und wieder schärfte. Die Stille, die stets den Raum beherrschte, wenn Dumbledore sprach, verflog, seine Mitschüler steckten flüsternd und kichernd die Köpfe zusammen. Drüben am Ravenclaw-Tisch plauderte Cho Chang angeregt mit ihren Freundinnen. Ein paar Plätze von Cho entfernt hatte Luna Lovegood erneut ihren Klitterer herausgeholt. Am Hufflepuff-Tisch indes war Ernie Macmillan einer der wenigen, die immer noch Professor Umbridge anstarrten, wenn auch mit glasigen Augen, und Harry war sicher, dass er nur so tat, als würde er zuhören, ganz bestrebt, dem neuen Vertrauensschülerabzeichen, das auf seiner Brust schimmerte, gerecht zu werden.
Professor Umbridge schien die Unruhe im Publikum nicht wahrzunehmen. Harry hatte den Eindruck, eine ausgewachsene Randale hätte direkt vor ihrer Nase losbrechen können und sie hätte ihre Rede weiter durchgezogen. Die Lehrer jedoch lauschten immer noch sehr aufmerksam, und Hermine schien jedes von Professor Umbridges Worten einzusaugen, auch wenn sie, ihrer Miene nach zu schließen, überhaupt nicht nach ihrem Geschmack waren.
»… weil manche Änderungen zum Besseren ausschlagen, während andere im Urteil der Geschichte sich als Fehlentscheidungen erweisen werden. Desgleichen werden manche alten Gewohnheiten bewahrt werden, und das ganz zu Recht, während andere, veraltet und überholt, aufgegeben werden müssen. Gehen wir also voran in eine neue Ära der Offenheit, der Effizienz und der Verantwortlichkeit, bestrebt, das zu bewahren, was bewahrenswert ist, zu vervollkommnen, was vervollkommnet werden muss, und zu säubern, wo wir Verhaltensweisen finden, die verboten gehören.«
Sie setzte sich. Dumbledore klatschte. Die Lehrer folgten seinem Beispiel, allerdings fiel Harry auf, dass einige von ihnen ihre Hände nur ein- oder zweimal zusammenschlugen und dann innehielten. Ein paar wenige Schüler schlossen sich dem Beifall an, doch die meisten, die nicht mehr als einige Worte lang zugehört hatten, waren vom Ende der Rede überrascht worden, und bevor sie ordentlich applaudieren konnten, hatte sich Dumbledore bereits wieder erhoben.
»Ich danke Ihnen vielmals, Professor Umbridge, das war eine höchst aufschlussreiche Rede«, sagte er und verbeugte sich vor ihr. »Nun, wie gesagt, die Quidditch-Auswahlspiele finden statt am …«
»Ja, das war wirklich aufschlussreich«, sagte Hermine mit gedämpfter Stimme.
»Willst du sagen, du fandest sie gut?«, fragte Ron leise und wandte sich mit trüben Augen Hermine zu. »Das war so ziemlich die langweiligste Rede, die ich je gehört habe, und ich bin immerhin mit Percy aufgewachsen.«
»Ich hab gesagt aufschlussreich, nicht gut«, sagte Hermine. »Sie hat vieles erklärt.«
»Tatsächlich?«, sagte Harry überrascht. »Mir kam’s vor wie ein Haufen Geschwafel.«
»In dem Geschwafel waren einige wichtige Hinweise versteckt«, sagte Hermine grimmig.
»Wirklich?«, sagte Ron mit ratloser Miene.
»Was ist mit: ›Dem Fortschritt um des Fortschritts willen muss eine Absage erteilt werden‹? Oder mit: ›Säubern, wo wir Verhaltensweisen finden, die verboten gehören‹?«
»Na ja, was soll das heißen?«, sagte Ron ungeduldig.
»Ich will dir erklären, was das heißt«, sagte Hermine unheilvoll. »Das heißt, das Ministerium mischt sich in Hogwarts ein.«
Ringsum begann ein großes Stühlerücken und Fußgetrappel; offenbar hatte Dumbledore die Feier aufgelöst, denn alle standen auf und machten sich bereit, die Halle zu verlassen. Hermine sprang hoch, in heller Aufregung.
»Ron, wir müssen den Erstklässlern den Weg zeigen!«
»Ach ja«, sagte Ron, der es offensichtlich vergessen hatte. »Hey – hey, ihr da! Ihr Knirpse!«
»Ron!«
»Na ja, das sind sie doch, Winzlinge …«
»Das weiß ich, aber du kannst sie nicht Knirpse nennen! – Erstklässler!«, rief Hermine gebieterisch über den Tisch hinweg. »Hier lang, bitte!«
Eine Gruppe von Neulingen ging schüchtern zwischen dem Gryffindor- und dem Hufflepuff-Tisch hindurch, alle äußerst bemüht, auf keinen Fall als Anführer dazustehen. Tatsächlich schienen sie sehr klein; Harry war sich sicher, dass er nicht so jung gewirkt hatte, als er hier angekommen war. Er grinste ihnen zu. Ein blonder Junge neben Euan Abercrombie schien vor Schreck zu erstarren; er stupste Euan an und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Euan Abercrombie war offenbar nicht minder erschrocken und warf Harry einen angsterfüllten Blick zu. Harry spürte das Grinsen von seinem Gesicht tröpfeln wie Stinksaft.
»Bis später dann«, sagte er zu Ron und Hermine und verließ allein die Große Halle, er war entschlossen, unterwegs nicht mehr auf Geflüster, Gestarre und auf ihn deutende Finger zu achten. Er blickte stur geradeaus und schlängelte sich durch die Menge in der Eingangshalle, dann eilte er die Marmortreppe hoch, nahm ein paar verborgene Abkürzungen und hatte bald das größte Gedränge hinter sich gelassen.
Es war dumm von ihm gewesen, nicht mit so etwas zu rechnen, überlegte er zornig, während er durch die viel ruhigeren Korridore in den oberen Stockwerken ging. Natürlich starrten ihn alle an; er war zwei Monate zuvor aus dem Trimagischen Irrgarten aufgetaucht, die Leiche eines Mitschülers an sich gepresst, und hatte behauptet, er habe Lord Voldemort an die Macht zurückkehren sehen. Im vergangenen Schuljahr war keine Zeit gewesen, alles zu erklären, bevor sie nach Hause gefahren waren – selbst wenn er sich imstande gefühlt hätte, der ganzen Schule einen genauen Bericht über die schrecklichen Ereignisse auf jenem Friedhof zu liefern.
Harry hatte das Ende des Korridors zum Gemeinschaftsraum der Gryffindors erreicht und blieb vor dem Porträt der fetten Dame stehen, da fiel ihm ein, dass er das neue Passwort nicht kannte.
»Ähm …«, sagte er verdrießlich und starrte zur fetten Dame hoch, die die Falten ihres rosa Seidenkleides glatt strich und seinen Blick streng erwiderte.
»Kein Passwort, kein Zutritt«, sagte sie hochmütig.
»Harry, ich weiß es!« Jemand keuchte von hinten auf ihn zu, und als er sich umwandte, sah er Neville herantraben. »Rat mal, wie es heißt! Ich kann’s mir nämlich endlich mal merken –« Er fuchtelte mit dem mickrigen Kaktus, den er ihnen im Zug gezeigt hatte. »Mimbulus mimbeltonia!«
»Richtig«, sagte die fette Dame, und ihr Porträt schwang ihnen entgegen wie eine Tür und gab den Blick auf ein rundes Loch in der Wand dahinter frei, durch das Harry und Neville jetzt kletterten.
Der Gemeinschaftsraum der Gryffindors, der unverändert gastlich wirkte, war ein behagliches rundes Turmzimmer voll zerschlissener knuddliger Sessel und wackliger alter Tische. Im Kamin prasselte ein munteres Feuer, und ein paar Schüler wärmten sich daran die Hände, bevor sie zu ihren Schlafsälen hinaufstiegen; auf der anderen Seite des Zimmers pinnten Fred und George Weasley etwas an das schwarze Brett. Harry wünschte ihnen mit einer Handbewegung gute Nacht und ging flugs auf die Tür zum Jungenschlafsaal zu; momentan war ihm nicht sonderlich nach Gesprächen zumute. Neville folgte ihm.
Dean Thomas und Seamus Finnigan waren schon im Schlafsaal und gerade dabei, Poster und Fotos an die Wände neben ihren Betten zu hängen. Sie hatten sich unterhalten, als Harry die Tür öffnete, verstummten aber jäh, kaum dass sie ihn sahen. Harry fragte sich, ob sie über ihn geredet hatten, und gleich darauf, ob er unter Verfolgungswahn litt.
»Hi«, sagte er, ging hinüber zu seinem Koffer und öffnete ihn.
»Hey, Harry«, sagte Dean, der sich gerade seinen Pyjama in den Farben von West Ham anzog. »Schöne Ferien gehabt?«
»Ging so«, murmelte Harry, da ein wahrheitsgetreuer Bericht über seine Ferien den größten Teil der Nacht in Anspruch genommen hätte und er dazu keine Lust hatte. »Und du?«
»Ja, war okay«, kicherte Dean. »Besser als bei Seamus jedenfalls, er hat’s mir gerade erzählt.«
»Warum, was ist passiert, Seamus?«, fragte Neville und stellte den Mimbulus mimbeltonia liebevoll auf sein Nachtschränkchen.
Seamus antwortete nicht gleich; zunächst sorgte er penibel dafür, dass sein Quidditch-Poster der Kenmare Kestrels auch ja gerade hing. Dann sagte er, Harry immer noch den Rücken zugekehrt: »Meine Mum wollte nicht, dass ich wieder zurückkomme.«
»Was?«, sagte Harry und hielt beim Ausziehen seines Umhangs inne.
»Sie wollte nicht, dass ich nach Hogwarts zurückkomme.«
Seamus wandte sich von seinem Poster ab und zog seinen Schlafanzug aus dem Koffer, noch immer ohne Harry anzusehen.
»Aber – wieso?«, sagte Harry erstaunt. Er wusste, dass Seamus’ Mutter eine Hexe war, deshalb konnte er nicht verstehen, warum sie sich so wie die Dursleys aufgeführt hatte.
Seamus antwortete erst, als er seinen Schlafanzug ganz zugeknöpft hatte.
»Nun ja«, sagte er in gemessenem Ton, »ich vermute … wegen dir.«
»Was soll das heißen?«, fragte Harry rasch.
Sein Herz schlug ziemlich schnell. Er hatte das vage Gefühl, als ob etwas bedrohlich auf ihn zurücken würde.
»Nun ja«, sagte Seamus wieder und mied weiterhin Harrys Blick, »sie … ähm … nun ja, es ist nicht nur wegen dir, auch wegen Dumbledore …«
»Sie glaubt dem Tagespropheten?«, sagte Harry. »Sie denkt, ich sei ein Lügner und Dumbledore ein alter Narr?«
Seamus blickte zu ihm auf.
»Ja, so ungefähr.«
Harry schwieg. Er warf seinen Zauberstab auf den Nachttisch, zog seinen Umhang aus, stopfte ihn zornig in den Koffer und schlüpfte in seinen Pyjama. Es widerte ihn an; er hatte es satt, der zu sein, der angestarrt wurde und über den man die ganze Zeit redete. Wenn nur einer von ihnen wüsste, wenn nur einer die leiseste Ahnung hätte, wie es war, wenn einem all diese Dinge passierten … Mrs Finnigan, schoss es ihm wutentbrannt durch den Kopf, diese dumme Frau, sie hatte doch keine Ahnung.
Er stieg ins Bett und wollte gerade die Vorhänge zuziehen, als Seamus sagte: »Hör mal … was ist denn jetzt in dieser Nacht passiert, als … du weißt schon, als … das mit Cedric Diggory und so?«
Seamus klang nervös und wissbegierig zugleich. Dean, der sich über seinen Koffer gebeugt hatte und einen Pantoffel herauszuklauben versuchte, wurde merkwürdig still, und Harry wusste, dass er mit gespitzten Ohren lauschte.
»Was willst du von mir?«, erwiderte Harry. »Warum liest du nicht einfach den Tagespropheten wie deine Mutter? Da steht alles drin, was du wissen musst.«
»Hör auf, meine Mutter zu beleidigen«, fauchte Seamus.
»Ich beleidige jeden, der mich einen Lügner nennt«, entgegnete Harry.
»So redest du nicht mit mir!«
»Ich red mit dir, wie es mir passt«, sagte Harry, und seine Wut kochte so schnell hoch, dass er seinen Zauberstab vom Nachttisch schnappte. »Wenn du ein Problem damit hast, dass du mit mir in einem Schlafsaal bist, dann geh und frag McGonagall, ob du umziehen kannst … dann braucht sich deine Mami keine Sorgen mehr zu machen –«
»Lass meine Mutter aus dem Spiel, Potter!«
»Was ist hier los?«
Ron stand in der Tür. Er hatte die Augen aufgerissen und sah von Harry, der auf dem Bett kniete und mit dem Zauberstab auf Seamus zielte, zu Seamus, der mit erhobenen Fäusten dastand.
»Er beleidigt meine Mutter!«, rief Seamus.
»Was?«, sagte Ron. »Das würde Harry nie tun – wir haben deine Mutter kennen gelernt, wir fanden sie ganz nett …«
»Da hat sie noch nicht jedes Wort geglaubt, das dieser stinkende Tagesprophet über mich schreibt!«, sagte Harry laut.
»Oh«, sagte Ron und allmählich begann es auf seinem sommersprossigen Gesicht zu dämmern. »Oh … verstehe.«
»Weißt du was?«, erhitzte sich Seamus und versetzte Harry einen giftigen Blick. »Er hat Recht, ich will nicht mehr in einem Schlafsaal mit ihm sein, er ist verrückt.«
»Das ist voll daneben, Seamus«, sagte Ron, dessen Ohren inzwischen rot glühten – immer ein Zeichen von Gefahr.
»Voll daneben, ja?«, rief Seamus, der im Gegensatz zu Ron bleich wurde. »Du glaubst den ganzen Käse, den er über Du-weißt-schon-wen erzählt hat, du meinst, er sagt die Wahrheit?«
»Ja, allerdings!«, sagte Ron zornig.
»Dann bist du auch verrückt«, sagte Seamus verächtlich.
»Jaah? Tja, Pech für dich, Mann, dass ich zufällig auch Vertrauensschüler bin!«, sagte Ron und stupste sich mit dem Finger auf die Brust. »Also pass auf, was du sagst, außer du willst Strafarbeiten verpasst kriegen!«
Seamus schaute ein paar Sekunden lang drein, als wären Strafarbeiten ein annehmbarer Preis dafür, sagen zu können, was ihm durch den Kopf ging; aber dann drehte er sich mit einem verächtlichen Schnauben auf dem Absatz um, hechtete ins Bett und zog die Vorhänge mit solcher Wut zu, dass sie abrissen und zu einem staubenden Haufen auf den Boden niedersanken. Ron blickte Seamus böse an, dann wandte er sich Dean und Neville zu.
»Hat noch jemand Eltern, die ein Problem mit Harry haben?«, sagte er angriffslustig.
»Meine Eltern sind Muggel, Alter«, sagte Dean achselzuckend. »Die wissen gar nichts von irgendwelchen Toten in Hogwarts, weil ich nicht so blöd bin und es ihnen auch noch erzähle.«
»Du kennst meine Mutter nicht, die quetscht alles aus jedem raus!«, fauchte ihn Seamus an. »Außerdem kriegen deine Eltern nicht den Tagespropheten. Die wissen gar nicht, dass unser Schulleiter aus dem Zaubergamot und aus der Internationalen Zauberervereinigung rausgeschmissen wurde, weil er nicht mehr alle Tassen im Schrank hat –«
»Meine Omi sagt, das ist Kokolores«, meldete sich Neville zu Wort. »Sie sagt, es ist der Tagesprophet, der den Bach runtergeht, und nicht Dumbledore. Sie hat ihr Abo gekündigt. Wir glauben Harry«, sagte er schlicht. Er stieg ins Bett, zog die Decke hoch bis ans Kinn und äugte wie eine Eule zu Seamus hinüber. »Meine Omi hat immer gesagt, Du-weißt-schon-wer wird eines Tages zurückkommen. Sie glaubt, wenn Dumbledore sagt, er ist zurück, dann ist er auch zurück.«
Harry spürte einen jähen Anflug von Dankbarkeit gegenüber Neville. Niemand sonst sagte ein Wort. Seamus holte seinen Zauberstab hervor, reparierte die Bettvorhänge und verschwand hinter ihnen. Dean legte sich ins Bett, drehte sich um und schwieg. Neville, der offenbar auch nichts weiter zu sagen hatte, betrachtete zärtlich seinen mondbeschienenen Kaktus.
Harry lehnte sich in seine Kissen zurück, während Ron am Nachbarbett damit beschäftigt war, seine Sachen zu verstauen. Der Streit mit Seamus, den er immer sehr gemocht hatte, hatte Harry erschüttert. Wie viele Leute würden ihm noch unterstellen, er würde lügen oder sei durchgeknallt?
Hatte auch Dumbledore den ganzen Sommer über so gelitten, als ihn erst der Zaubergamot, dann die Internationale Zauberervereinigung aus ihren Reihen verstoßen hatten? War es vielleicht Zorn auf Harry, der Dumbledore seit Monaten davon abhielt, mit ihm Kontakt aufzunehmen? Schließlich waren sie beide in diese Sache verstrickt; Dumbledore hatte Harry geglaubt, der ganzen Schule seine Version der Ereignisse mitgeteilt und dann der gesamten Zaubererschaft. Jeder, der Harry für einen Lügner hielt, musste auch Dumbledore für einen Lügner halten oder aber glauben, dass man Dumbledore hinters Licht geführt hatte …
Eines Tages werden sie wissen, dass wir Recht hatten, dachte Harry niedergeschlagen, als Ron ins Bett stieg und die letzte Kerze im Schlafsaal löschte. Doch er fragte sich, wie viele Angriffe ähnlich dem von Seamus er noch aushalten musste, bevor dieser Tag kam.
Professor Umbridge
Am nächsten Morgen schlüpfte Seamus in Windeseile in seine Sachen und verließ den Schlafsaal, noch bevor Harry seine Socken angezogen hatte.
»Glaubt der vielleicht, er dreht durch, wenn er zu lange mit mir in einem Zimmer steckt?«, fragte Harry laut, kaum dass Seamus’ Umhangsaum zur Tür hinausgeflattert war.
»Mach dir deswegen keine Gedanken, Harry«, murmelte Dean und schwang sich die Schultasche über die Schulter, »er ist nur …«
Doch offenbar war er nicht imstande, genau zu sagen, was mit Seamus los war, und nach einer etwas peinlichen Pause folgte er ihm hinaus.
Neville und Ron versetzten Harry einen Ist-sein-Problem-und-nicht-deins-Blick, was Harry jedoch kaum tröstete. Wie oft würde er so etwas noch ertragen müssen?
»Was ist los?«, fragte Hermine fünf Minuten später, als sie alle auf dem Weg zum Frühstück waren und sie mitten im Gemeinschaftsraum auf Harry und Ron traf. »Du siehst total – oh, um Himmels willen.«
Sie starrte auf das schwarze Brett im Gemeinschaftsraum, wo eine große neue Mitteilung hing.
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Will das Taschengeld nicht mit deinen Ausgaben Schritt halten? Willst du ein wenig Gold nebenher verdienen?
Melde dich bei Fred und George Weasley, Gryffindor-Gemeinschaftsraum, zwecks einfacher und praktisch schmerzfreier Teilzeitarbeit.
(Leider müssen wir darauf hinweisen, dass die Bewerber sämtliche Tätigkeiten auf eigene Gefahr ausüben.)
»Die haben sie doch nicht mehr alle«, entrüstete sich Hermine und holte den Aushang herunter, den Fred und George über ein Plakat gepinnt hatten, auf dem das Datum für das erste Wochenende in Hogsmeade mitgeteilt wurde, das im Oktober sein würde. »Wir müssen mit den beiden reden, Ron.«
Ron war sichtlich erschrocken.
»Wieso?«
»Weil wir Vertrauensschüler sind!«, sagte Hermine, als sie durch das Porträtloch hinausstiegen. »Es ist unsere Aufgabe, solchen Dingen Einhalt zu gebieten!«
Ron schwieg; an seiner griesgrämigen Miene erkannte Harry, dass er die Aufgabe, Fred und George daran zu hindern, genau das zu tun, wozu sie Lust hatten, für nicht gerade verlockend hielt.
»Also, was ist los mit dir, Harry?«, fuhr Hermine fort, während sie eine Treppe hinunterstiegen, die mit Porträts alter Hexen und Zauberer gesäumt war, die allesamt in Gespräche vertieft waren und nicht weiter auf sie achteten. »Du siehst aus, als wärst du wegen irgendwas richtig wütend.«
»Seamus meint, Harry lügt in dieser Sache mit Du-weißt-schon-wem«, erklärte Ron kurz und bündig, als Harry nicht antwortete.
Hermine, von der Harry erwartet hatte, dass sie sich vehement auf seine Seite schlagen würde, seufzte.
»Ja, Lavender glaubt das auch«, sagte sie düster.
»Dann hattest du sicher eine nette kleine Unterhaltung mit ihr, ob ich nun ein lügnerischer, Aufmerksamkeit suchender Schwätzer bin oder nicht?«, rief Harry.
»Nein«, entgegnete Hermine gelassen. »Ich hab ihr nur gesagt, sie solle ihr großes Schwabbelmaul halten, was dich angeht. Aber es wäre ganz nett, wenn du aufhören würdest, ständig auf uns rumzuhacken, Harry, denn falls du es noch nicht gemerkt haben solltest, Ron und ich stehen zu dir.«
Eine kurze Pause trat ein.
»Tut mir leid«, sagte Harry mit bedrückter Stimme.
»Ist schon in Ordnung«, sagte Hermine würdevoll. Dann schüttelte sie den Kopf. »Erinnert ihr euch nicht, was Dumbledore bei der letzten Jahresabschlussfeier gesagt hat?«
Harry und Ron sahen sie ratlos an und Hermine seufzte erneut.
»Über Du-weißt-schon-wen. Er sagte, er besitze ›ein großes Talent, Zwietracht und Feindseligkeit zu verbreiten. Dem können wir nur entgegentreten, wenn wir ein nicht minder starkes Band der Freundschaft und des Vertrauens knüpfen –‹.«
»Wie kannst du dich bloß an so was erinnern?«, fragte Ron und sah sie bewundernd an.
»Ich höre zu, Ron«, sagte Hermine mit einem Anflug von Schärfe.
»Tu ich doch auch, aber ich könnte dir trotzdem nicht genau sagen, was –«
»Das Entscheidende ist«, fuhr Hermine lautstark fort, »dass es Dumbledore genau um solche Fragen gegangen ist. Du-weißt-schon-wer ist gerade mal zwei Monate zurück, und schon fangen wir an, uns zu streiten. Und die Mahnung des Sprechenden Huts war die gleiche: Haltet zusammen, seid einig –«
»Und trotzdem, Harry hatte Recht gestern Abend«, entgegnete Ron. »Wenn das heißen soll, dass die Slytherins jetzt unsere Kumpels sein sollen – darauf kannst du lange warten.«
»Nun, ich glaube, es ist schade, dass wir nicht versuchen, zumindest ein wenig Einigkeit unter den Häusern zu schaffen«, erwiderte Hermine schroff.
Sie hatten den Fuß der Marmortreppe erreicht. Einige Viertklässler aus Ravenclaw durchquerten hintereinander die Eingangshalle; als sie Harry erblickten, drängten sie sich hastig zu einem Knäuel zusammen, als fürchteten sie, er könnte verstreute Nachzügler angreifen.
»Ja, wir sollten wirklich versuchen, uns mit solchen Leuten anzufreunden«, bemerkte Harry trocken.
Sie folgten den Ravenclaws in die Große Halle, wo sie unwillkürlich sofort zum Lehrertisch blickten. Professor Raue-Pritsche plauderte mit Professor Sinistra, der Astronomielehrerin, und Hagrid fiel wiederum nur durch seine Abwesenheit auf. Die verzauberte Decke über ihnen spiegelte Harrys Stimmung wider; sie war von tristem Regenwolkengrau.
»Dumbledore hat nicht mal erwähnt, wie lange diese Raue-Pritsche bleibt«, sagte er, als sie zum Gryffindor-Tisch hinübergingen.
»Vielleicht …«, sagte Hermine nachdenklich.
»Was?«, kam es von Harry und Ron gleichzeitig.
»Nun … vielleicht wollte er die Aufmerksamkeit nicht darauf lenken, dass Hagrid fehlt.«
»Was soll das heißen, Aufmerksamkeit darauf lenken?«, sagte Ron und hätte fast gelacht. »Wie sollte uns das entgehen?«
Bevor Hermine antworten konnte, war ein großes schwarzes Mädchen mit langen geflochtenen Haaren zu Harry getreten.
»Hi, Angelina.«
»Hi«, sagte sie forsch, »wie war dein Sommer?« Und ohne eine Antwort abzuwarten: »Hör mal, ich bin zum neuen Quidditch-Kapitän der Gryffindors ernannt worden.«
»Find ich gut«, sagte Harry und grinste sie an. Er vermutete, dass Angelinas Anfeuerungsreden nicht so langatmig sein würden wie die von Oliver Wood – was ganz gewiss ein Fortschritt war.
»Oliver ist ja nicht mehr da und wir brauchen einen neuen Hüter. Am Freitag um fünf sind die Auswahlspiele, und ich möchte, dass die ganze Mannschaft auf der Matte steht, klar? Dann können wir sehen, wie der Neue sich einpasst.«
»Okay«, sagte Harry.
Angelina lächelte ihn an und ging.
»Ich hab ganz vergessen, dass Wood nicht mehr da ist«, sagte Hermine zerstreut, als sie sich neben Ron setzte und einen Teller mit Toast zu sich heranzog. »Der wird wohl eine ziemliche Lücke in der Mannschaft hinterlassen?«
»Denk ich auch«, bestätigte Harry und setzte sich auf die Bank gegenüber. »Er war ein guter Hüter …«
»Trotzdem, ein bisschen frisches Blut kann nicht schaden, oder?«, meinte Ron.
Unter Flügelrauschen und Geklacker kamen Hunderte von Eulen durch die oberen Fenster gesegelt. Sie verstreuten sich über die ganze Halle, brachten ihren Besitzern Briefe und Päckchen und versprühten einen feinen Niesel auf die Frühstückenden – offenbar regnete es draußen in Strömen. Von Hedwig war keine Spur zu entdecken, was Harry jedoch kaum überraschte; der Einzige, der ihm schrieb, war Sirius, und er bezweifelte, dass Sirius ihm nach nur vierundzwanzig Stunden der Trennung schon etwas Neues zu sagen hatte. Hermine jedoch musste ihren Orangensaft rasch beiseiteschieben, um einer großen feuchten Schleiereule Platz zu machen, die einen durchweichten Tagespropheten im Schnabel trug.
»Wozu liest du den eigentlich noch?«, sagte Harry verärgert und musste an Seamus denken, während Hermine einen Knut in den Lederbeutel am Bein der Eule steckte, die gleich wieder losflog. »Mir ist das schnuppe … ein Haufen Unsinn.«
»Es ist gut, zu wissen, was der Feind denkt«, sagte Hermine finster, schlug die Zeitung auf, verschwand hinter ihr und tauchte erst wieder auf, als Harry und Ron mit dem Essen fertig waren.
»Nichts«, sagte sie nur, rollte die Zeitung zusammen und legte sie neben ihren Teller. »Nichts über dich oder Dumbledore oder sonst wen.«
Professor McGonagall ging nun am Tisch entlang und verteilte Stundenpläne.
»Schau dir mal an, was wir heute haben!«, ächzte Ron. »Zaubereigeschichte, Doppelstunde Zaubertränke, Wahrsagen und Doppelstunde Verteidigung gegen die dunklen Künste … Binns, Snape, Trelawney und diese Umbridge, alles an einem Tag! Hoffentlich kriegen Fred und George diese Nasch-und-Schwänz-Leckereien bald auf die Reihe …«
»Trügen mich denn meine Ohren?«, tönte Fred, der mit George aufgetaucht war und sich neben Harry auf die Bank quetschte. »Vertrauensschüler von Hogwarts wollen doch nicht etwa den Unterricht schwänzen?«
»Sieh dir mal an, was wir heute alles haben«, entgegnete Ron mürrisch und schob Fred den Stundenplan unter die Nase. »Das ist der übelste Montag, den ich je gesehen habe.«
»Wohl wahr, Bruderherz«, sagte Fred und überflog die Spalte. »Wenn du willst, kannst du ein bisschen Nasblutnugat kriegen, ist gerade im Angebot.«
»Warum ist es im Angebot?«, fragte Ron argwöhnisch.
»Weil du blutest und blutest, bis du zerschrumpelt bist; wir haben bisher noch kein Gegenmittel«, sagte George und tat sich einen Räucherhering auf.
»Na danke«, sagte Ron missmutig und steckte seinen Stundenplan ein, »dann geh ich doch lieber in den Unterricht.«
»Und weil wir gerade von diesen Nasch-und-Schwänz-Leckereien sprechen«, sagte Hermine und äugte Fred und George fuchsig an, »auf dem schwarzen Brett von Gryffindor dürft ihr keine Testpersonen anwerben.«
»Behauptet wer?«, fragte George mit erstaunter Miene.
»Behaupte ich«, erwiderte Hermine. »Und Ron.«
»Lass mich aus der Sache raus«, warf Ron hastig ein.
Hermine funkelte ihn böse an. Fred und George kicherten.
»Bald wirst du ganz anders reden, Hermine«, sagte Fred und schmierte sich dick Butter auf ein Fladenbrötchen. »Du fängst jetzt mit der fünften Klasse an, du wirst noch früh genug antanzen und um Nasch-und-Schwänz-Leckereien betteln.«
»Und warum sollte ich in der fünften Klasse um Nasch-und-Schwänz-Leckereien betteln?«, fragte Hermine.
»Das fünfte Jahr ist ZAG-Jahr«, sagte George.
»Na und?«
»Na, dann habt ihr bald Prüfungen, oder? Die werden euch so lange durch die Tretmühle jagen, bis ihr am Ende nur noch kriechen könnt«, sagte Fred genüsslich.
»Bei uns hatte der halbe Jahrgang vor den ZAGs seine kleineren Zusammenbrüche«, frohlockte George. »Tränen und Wutanfälle … Patricia Stimpson fiel andauernd in Ohnmacht …«
»Kenneth Towler hat überall Furunkel gekriegt, weißt du noch?«, sagte Fred erinnerungsselig.
»Weil du ihm Pustelpuder in den Schlafanzug getan hast«, sagte George.
»Ach jaah«, sagte Fred und grinste. »Hab ich ganz vergessen … manchmal verliert man einfach den Überblick, geht’s dir nicht auch so?«
»Jedenfalls ist das fünfte Jahr ein einziger Alptraum«, sagte George. »Zumindest wenn dir Prüfungsergebnisse nicht schnuppe sind. Fred und ich haben’s irgendwie geschafft, nicht schlappzumachen.«
»Ja … kann man wohl sagen, was habt ihr gekriegt, drei ZAGs pro Nase?«, sagte Ron.
»Jep«, sagte Fred unbekümmert. »Aber wir sind der Meinung, dass unsere Zukunft nicht in der Welt akademischer Leistungen liegt.«
»Wir haben uns ernsthaft überlegt, ob wir uns noch die Mühe machen sollten, für die siebte Klasse wieder herzukommen«, sagte George mit breitem Lächeln, »jetzt, da wir –«
Er verstummte nach einem warnenden Blick von Harry, der wusste, dass George fast den Trimagischen Gewinn erwähnt hätte, den er ihnen geschenkt hatte.
»– jetzt, da wir unsere ZAGs haben«, ergänzte George hastig. »Ich meine, brauchen wir dann wirklich noch den UTZ? Aber wir dachten, Mum würde es nicht verkraften, wenn wir die Schule abbrechen, nicht nachdem sich Percy als der größte Arsch der Welt erwiesen hat.«
»Aber wir werden unser letztes Jahr hier nicht vertrödeln«, sagte Fred und ließ den Blick voll Vorfreude durch die Große Halle schweifen. »Wir nutzen es für ein wenig Marktforschung, um genau herauszufinden, was der durchschnittliche Hogwarts-Schüler von einem Scherzartikelladen verlangt, dann werden wir unsere Forschungsergebnisse sorgfältig auswerten und Produkte entwickeln, die der Nachfrage entsprechen.«
»Aber wo wollt ihr das nötige Gold für euren Scherzartikelladen herkriegen?«, fragte Hermine skeptisch. »Ihr braucht doch all die Zutaten und Gerätschaften – und auch Räume, denk ich mal …«
Harry sah die Zwillinge nicht an. Sein Gesicht war heiß geworden, absichtlich ließ er seine Gabel fallen und tauchte unter den Tisch, um sie aufzuheben. Oben hörte er Fred sagen: »Stell uns keine Fragen und wir erzählen dir keine Lügen, Hermine. Komm, George, wenn wir früh da sind, können wir vor Kräuterkunde vielleicht noch ein paar Langziehohren verkaufen.«
Als Harry wieder über dem Tisch auftauchte, sah er gerade noch, wie Fred und George, jeder mit einem Stapel Toasts bepackt, von dannen zogen.
»Was sollte das heißen?«, sagte Hermine und blickte abwechselnd Harry und Ron an. »›Stell uns keine Fragen …‹ Soll das heißen, dass sie bereits das Gold zusammenhaben, um einen Scherzartikelladen aufzumachen?«
»Weißt du was, das hab ich mich auch schon gefragt«, sagte Ron mit zusammengezogenen Brauen. »Die haben mir diesen Sommer eine neue Garnitur Festumhänge gekauft, und ich hatte keine Ahnung, wo sie die Galleonen dafür herhatten …«
Harry hielt es für an der Zeit, das Gespräch aus diesen Untiefen herauszusteuern.
»Denkt ihr, es stimmt, dass es dieses Jahr richtig hart wird? Wegen der Prüfungen?«
»Oh, ja«, sagte Ron. »Muss wohl, oder? ZAGs sind wirklich wichtig, davon hängt ab, für welche Berufe du dich bewerben kannst und so. Wir haben dann auch noch Berufsberatung irgendwann später im Jahr, hat mir Bill erzählt. Dann kannst du wählen, welche UTZ-Kurse du im nächsten Jahr belegen willst.«
»Wisst ihr schon, was ihr nach Hogwarts machen wollt?«, fragte Harry die beiden anderen, als sie kurz danach die Große Halle verließen und sich auf den Weg in den Zaubereigeschichtsunterricht machten.
»Eigentlich nicht«, sagte Ron langsam. »Außer … na ja …«
Er sah ein wenig belämmert drein.
»Was?«, drängte Harry.
»Na ja, es wär cool, ein Auror zu sein«, sagte Ron beiläufig.
»Ja, das wär’s«, bestätigte Harry nachdrücklich.
»Aber die sind sozusagen die Elite«, sagte Ron. »Dazu musst du wirklich gut sein. Was ist mit dir, Hermine?«
»Ich weiß nicht«, antwortete sie. »Ich glaub, ich möchte etwas wirklich Sinnvolles machen.«
»Ein Auror tut was Sinnvolles!«, sagte Harry.
»Ja schon, aber es gibt doch auch noch andere sinnvolle Dinge«, sagte Hermine nachdenklich. »Ich meine, wenn ich B.ELFE.R weiterentwickeln könnte …«
Harry und Ron vermieden es mit Bedacht, sich anzusehen.
Geschichte der Zauberei war nach allgemeiner Übereinstimmung das langweiligste Fach, das die Zaubererschaft sich je ausgedacht hatte. Professor Binns, das Gespenst, das sie unterrichtete, hatte eine pfeifende, leiernde Stimme, die so gut wie sicher in zehn Minuten, bei schönem Wetter in fünf Minuten zu starker Schläfrigkeit führte. Er änderte seinen Unterricht nie, sondern redete ununterbrochen, während sie sich Notizen machten oder vielmehr dösig ins Leere starrten. Harry und Ron war es bisher gelungen, die Prüfungen in diesem Fach mit Ach und Krach zu bestehen, weil sie vorher Hermines Notizen abgeschrieben hatten; sie allein war offenbar imstande, der einschläfernden Macht von Binns’ Stimme zu widerstehen.
Heute durchlitten sie eine Dreiviertelstunde Geleier zum Thema Riesen-Kriege. Harry bekam in den ersten zehn Minuten gerade mal genug mit, um vage darüber nachzudenken, dass dieses Thema bei einem anderen Lehrer halbwegs interessant sein könnte, doch dann schaltete sein Gehirn ab, und er verbrachte die restlichen fünfunddreißig Minuten damit, auf einer Ecke seines Pergaments mit Ron Galgenmännchen zu spielen, während Hermine ihnen aus den Augenwinkeln empörte Blicke zuwarf.
»Wie wär’s«, fragte sie kühl, als die drei zur Pause das Klassenzimmer verließen (Binns entschwebte durch die Tafel), »wenn ich euch dieses Jahr einfach mal nicht abschreiben ließe?«
»Dann würden wir durch die ZAGs rasseln«, sagte Ron. »Wenn du dir das aufs Gewissen laden willst, Hermine …«
»Nun, ihr habt’s nicht anders verdient«, fauchte sie. »Ihr macht ja nicht mal den Versuch, ihm zuzuhören, oder?«
»Doch, wir versuchen’s«, sagte Ron. »Nur haben wir nicht deinen Grips und dein Gedächtnis oder deine Konzentration – du bist einfach schlauer als wir – musst du es uns auch noch reindrücken?«
»Aach, hör mir mit dem Unsinn auf«, sagte Hermine, und doch schien sie eine Spur besänftigt, als sie ihnen voran auf den nassen Hof trat.
Es fiel ein feiner, nebliger Niesel, so dass die Grüppchen, die sich im Hof zusammendrängten, ein wenig verschwommen wirkten. Harry, Ron und Hermine wählten eine abgeschiedene Ecke unter einem stark tropfenden Balkon, klappten die Kragen ihrer Umhänge gegen den frostigen Septemberwind hoch und unterhielten sich darüber, was Snape ihnen wohl in der ersten Stunde des Schuljahrs vorsetzen würde. Sie waren sich gerade einig geworden, dass es wahrscheinlich etwas unglaublich Schwieriges sein würde, weil er sie bestimmt nach zwei Ferienmonaten auf dem falschen Fuß erwischen wollte, da bog jemand um die Ecke und kam auf sie zu.
»Hallo, Harry!«
Es war Cho Chang und, wichtiger noch, sie war wieder allein. Das war äußerst ungewöhnlich: Cho war fast immer von einer Schar kichernder Mädchen umgeben; Harry erinnerte sich daran, was für ein Alptraum der Versuch gewesen war, sie einmal allein zu erwischen und zum Weihnachtsball zu bitten.
»Hi«, sagte Harry und spürte, wie sein Gesicht heiß wurde. Wenigstens bist du diesmal nicht voller Stinksaft, sagte er sich. Cho schien ein ganz ähnlicher Gedanke durch den Kopf zu gehen.
»Du hast das Zeug also weggekriegt?«
»Ja«, sagte Harry und versuchte zu grinsen, als wäre die Erinnerung an ihre letzte Begegnung eigentlich lustig und nicht furchtbar peinlich. »Und du, hast du … ähm … einen schönen Sommer gehabt?«
Kaum war es raus, schon bereute er es – Cedric war Chos Freund gewesen und die Erinnerung an seinen Tod würde ihre Ferien kaum weniger getrübt haben als die seinen. In ihrem Gesicht schien sich etwas zu straffen, aber sie sagte: »Oh, war schon in Ordnung, ja …«
»Ist das ein Tornados-Abzeichen?«, wollte Ron plötzlich wissen und deutete auf einen himmelblauen Sticker mit einem goldenen Doppel-T, den sich Cho an den Umhang gesteckt hatte. »Du bist doch kein Tornados-Fan, oder?«
»Doch, bin ich«, sagte Cho.
»Waren die immer schon deine Lieblingsmannschaft oder erst, seit sie demnächst Meister werden?«, sagte Ron in einem Ton, der Harry unnötig vorwurfsvoll schien.
»Ich war schon mit sechs Jahren Tornados-Fan«, sagte Cho kühl. »Ist auch egal … bis dann, Harry.«
Sie ging davon. Hermine wartete, bis Cho halb über den Hof war, dann nahm sie sich Ron zur Brust.
»Du bist derartig taktlos!«
»Was? Ich hab sie doch nur gefragt –«
»Hast du nicht gemerkt, dass sie eigentlich mit Harry reden wollte?«
»Na und? Hätt sie doch tun können. Ich hab sie nicht dran gehindert –«
»Warum in aller Welt hast du sie wegen ihrer Quidditch-Mannschaft angemacht?«
»Angemacht? Ich hab sie nicht angemacht, ich hab nur –«
»Wen schert es denn, ob sie Tornados-Fan ist?«
»Ach, hör mal, die Hälfte der Leute, die jetzt diese Abzeichen tragen, haben sie erst in der letzten Saison gekauft –«
»Na und?«
»Das heißt, das sind keine echten Fans, die springen nur auf den fahrenden Zug –«
»Es läutet«, sagte Harry teilnahmslos, denn Ron und Hermine beharkten sich so laut, dass sie die Glocke nicht hörten. Den ganzen Weg hinunter zu Snapes Kerker stritten sie sich, so dass Harry ausgiebig darüber nachgrübeln konnte, dass er zwischen Neville und Ron von Glück reden durfte, wenn er sich wenigstens mal für zwei Minuten mit Cho unterhalten konnte, ohne hinterher das Gefühl zu haben, er müsse das Land verlassen.
Und doch, überlegte er, während sie sich an der Schlange anstellten, die sich vor der Tür von Snapes Klassenzimmer bildete, und doch hatte sie beschlossen zu ihm zu kommen und mit ihm zu reden, oder? Sie war Cedrics Freundin gewesen; sie hätte Harry aus gutem Grund hassen können, da er lebend aus dem Trimagischen Irrgarten aufgetaucht war, während Cedric gestorben war, und doch sprach sie ganz freundlich mit ihm, nicht so, als würde sie ihn für verrückt halten oder für einen Lügner oder auf irgendeine schreckliche Weise verantwortlich für Cedrics Tod … ja, sie hatte sich offensichtlich entschieden zu ihm zu kommen und mit ihm zu reden, und das nun schon zum zweiten Mal in zwei Tagen … und dieser Gedanke hob Harrys Laune. Selbst das unheilvolle Knarzen, mit dem sich Snapes Kerkertür öffnete, brachte die kleine, mit Hoffnung erfüllte Blase nicht zum Platzen, die in seiner Brust anzuschwellen schien. Er folgte Ron und Hermine ins Klassenzimmer und an ihren gewohnten Tisch ganz hinten und achtete nicht weiter auf das ärgerliche Schnauben, das beide nun von sich gaben.
»Ruhe jetzt«, sagte Snape kalt und schloss die Tür hinter ihnen.
Ein Ordnungsruf war eigentlich nicht nötig; die Klasse hatte kaum die Tür zugehen hören, da war sie auch schon verstummt und alles Gezappel hatte ein Ende. Die bloße Anwesenheit Snapes reichte meist aus, um in einer Klasse für Ruhe zu sorgen.
»Bevor wir mit der heutigen Lektion beginnen«, sagte Snape, glitt hinüber zu seinem Pult und starrte in die Runde, »halte ich es für angebracht, Sie daran zu erinnern, dass Sie sich im nächsten Juni einer wichtigen Prüfung unterziehen werden, bei der Sie beweisen können, wie viel Sie über die Mischung und den Gebrauch von Zaubertränken gelernt haben. Dumm, wie ein Teil dieser Klasse zweifellos ist, erwarte ich dennoch, dass Sie wenigstens noch ein ›Annehmbar‹ bei Ihren ZAGs schaffen, andernfalls werden Sie … mein Missbehagen zu spüren bekommen.«
Sein Blick blieb diesmal an Neville hängen, der heftig schluckte.
»Nach diesem Schuljahr werden natürlich viele von Ihnen nicht mehr bei mir studieren«, fuhr Snape fort. »In meine UTZ-Zaubertrankklasse nehme ich nur die Allerbesten auf, was heißt, dass einige von Ihnen sich mit Sicherheit verabschieden werden.«
Seine Augen ruhten nun auf Harry und seine Lippen kräuselten sich. Harry blickte finster zurück und spürte ein grimmiges Vergnügen bei dem Gedanken, dass er den Zaubertrankunterricht nach dem fünften Jahr sausen lassen konnte.
»Aber bis zu diesem glücklichen Moment des Abschieds haben wir noch ein Jahr vor uns«, sagte Snape sanft, »und so rate ich Ihnen allen, ob Sie es mit UTZ versuchen wollen oder nicht, Ihre Anstrengungen darauf zu konzentrieren, das hohe Abschlussniveau zu halten, das ich inzwischen von meinen ZAG-Schülern erwarte.
Heute mischen wir ein Gebräu, das bei den Zauberergrad-Prüfungen häufig verlangt wird: den Trunk des Friedens, einen Zaubertrank, der Ängste lindert und Aufgeregtheit dämpft. Aber Vorsicht: Wenn Sie mit den Zutaten allzu sorglos umgehen, werden Sie mit Ihrem Trank einen tiefen Schlaf auslösen, aus dem manche nicht mehr erwachen werden, also achten Sie darauf, was Sie tun.« Zu Harrys Linken setzte sich Hermine mit höchst konzentrierter Miene ein wenig gerader hin. »Die Zutaten und die Zubereitung –«, Snape schnippte mit dem Zauberstab, »– stehen hier an der Tafel –« (wo sie erschienen) »– und Sie finden alles, was Sie brauchen –«, wieder schnippte er mit dem Zauberstab, »– im Zutatenschrank –« (die Tür besagten Schrankes sprang auf) »– Sie haben anderthalb Stunden … fangen Sie an.«
Genau wie Harry, Ron und Hermine vorausgesagt hatten, hätte Snape ihnen kaum einen schwierigeren, kniffligeren Zaubertrank zur Aufgabe machen können. Die Zutaten mussten genau in der richtigen Reihenfolge und Menge in den Kessel gegeben werden; die Mixtur musste exakt soundso viele Male umgerührt werden, erst im Uhrzeigersinn, dann gegen ihn; die Hitze der Flammen, auf denen sie zu sieden hatte, musste für eine bestimmte Minutenzahl auf die genau richtige Temperatur gesenkt werden, bevor die letzte Zutat beigegeben wurde.
»Ein leichter silberner Dampf sollte inzwischen von Ihrem Trank aufsteigen«, rief Snape, als sie noch zehn Minuten Zeit hatten.
Harry, dem der Schweiß ausgebrochen war, blickte sich verzweifelt im Kerker um. Seinem Kessel entwich reichlich dunkelgrauer Dampf; der von Ron spuckte grüne Funken. Seamus stocherte fieberhaft mit der Spitze seines Zauberstabs im Feuer unter seinem Kessel herum, das offenbar auszugehen drohte. Über Hermines Trank jedoch hatte sich ein schimmernder Nebel aus silbernem Dampf gebildet, und als Snape vorüberglitt, blickte er kommentarlos an seiner Hakennase vorbei darauf, was hieß, dass er nichts auszusetzen fand. Bei Harrys Kessel allerdings hielt Snape inne und begutachtete ihn mit einem Furcht erregenden Grinsen.
»Was soll das sein, Potter?«
Die Slytherins in den vorderen Reihen blickten begierig auf; sie hörten liebend gern, wie Snape Harry piesackte.
»Der Trunk des Friedens«, sagte Harry angespannt.
»Sagen Sie mal, Potter«, fragte Snape sanft, »können Sie lesen?«
Draco Malfoy lachte.
»Ja, kann ich«, sagte Harry und schloss die Finger fest um seinen Zauberstab.
»Dann lesen Sie mir die dritte Zeile der Rezeptur vor, Potter.«
Harry spähte zur Tafel; es war nicht einfach, die Rezeptur durch die bunten Dampfschwaden zu erkennen, die inzwischen den Kerker erfüllten.
»›Man füge Mondsteinpulver hinzu, rühre dreimal gegen den Uhrzeigersinn um, lasse es sieben Minuten sieden und gebe dann zwei Tropfen Nieswurzsirup bei.‹«
Das Herz sank ihm in die Hose. Er hatte keinen Nieswurzsirup beigegeben. Nachdem er seinen Trank sieben Minuten lang hatte sieden lassen, war er gleich zur vierten Zeile der Rezeptur weitergesprungen.
»Haben Sie die dritte Zeile zur Gänze befolgt, Potter?«
»Nein«, sagte Harry sehr leise.
»Wie bitte?«
»Nein«, sagte Harry lauter. »Ich habe die Nieswurz vergessen.«
»Das weiß ich, Potter, und das heißt, dieser Mischmasch ist vollkommen wertlos. Evanesco.«
Was Harry zusammengebraut hatte, verschwand; wie ein Trottel stand er neben einem leeren Kessel.
»Jene von Ihnen, die tatsächlich imstande waren, die Rezeptur zu lesen, füllen nun ein Fläschchen davon ab, beschriften es deutlich lesbar mit ihrem Namen und bringen es zur Erprobung nach vorne zu meinem Pult«, sagte Snape. »Hausaufgabe: Zwölf Zoll Pergament über die Eigenschaften von Mondstein und seine Anwendungen in der Zaubertrankbereitung, Abgabe am Donnerstag.«
Während alle ringsum ihre Fläschchen abfüllten, räumte Harry kochend vor Wut seine Sachen weg. Sein Trank war nicht übler gewesen als das Gemisch von Ron, das inzwischen einen Gestank nach faulen Eiern von sich gab; oder als das von Neville, das die Festigkeit von gerade angemischtem Zement erreicht hatte und das Neville jetzt aus seinem Kessel herausmeißeln musste; doch er, Harry, würde null Punkte für die heutige Arbeit bekommen. Er stopfte seinen Zauberstab in die Schultasche, ließ sich auf seinen Stuhl sacken und sah zu, wie sie alle mit ihren gefüllten und verkorkten Fläschchen zu Snapes Pult marschierten. Als es endlich läutete, war Harry als Erster aus dem Kerker verschwunden. Er hatte schon mit dem Essen begonnen, als Ron und Hermine in der Großen Halle zu ihm kamen. Die Decke hatte im Laufe des Morgens ein noch trüberes Grau angenommen. Regen peitschte gegen die hohen Fenster.
»Das war wirklich unfair«, sagte Hermine mitfühlend, setzte sich neben Harry und nahm sich von dem Hackfleisch-und-Kartoffel-Auflauf. »Dein Gebräu war bei weitem nicht so übel wie das von Goyle; als der sein Fläschchen damit abgefüllt hat, ist es geplatzt und das Zeug hat seinen Umhang in Brand gesetzt.«
»Was soll’s«, sagte Harry und stierte auf seinen Teller, »wann war Snape denn jemals fair zu mir?«
Keiner der beiden antwortete; alle drei wussten, dass Snape und Harry eine absolute Feindschaft gegeneinander hegten, seit Harry zum ersten Mal den Fuß über die Schwelle von Hogwarts gesetzt hatte.
»Ich hatte eigentlich gedacht, er würde dieses Jahr vielleicht ein bisschen netter sein«, sagte Hermine und klang enttäuscht. »Ich meine … ihr wisst schon …« – sie blickte sich vorsichtig um; zu beiden Seiten war ein halbes Dutzend Plätze leer und niemand ging am Tisch vorbei – »… jetzt, wo er im Orden des Phönix ist und so.«
»Unkraut vergeht nicht«, sagte Ron weise. »Jedenfalls hab ich Dumbledore immer für beknackt gehalten, weil er Snape traute. Wo ist der Beweis, dass er je wirklich aufgehört hat, für Du-weißt-schon-wen zu arbeiten?«
»Dumbledore hat wahrscheinlich eine Menge Beweise, denke ich, auch wenn er sie dir nicht mitteilt, Ron«, fauchte Hermine.
»Ach, seid still, ihr beiden«, sagte Harry nachdrücklich, als Ron den Mund öffnete, um zurückzugiften. Hermine und Ron erstarrten, sie sahen wütend und beleidigt aus. »Könnt ihr es nicht mal gut sein lassen?«, sagte Harry. »Ständig liegt ihr euch in den Haaren, das macht mich noch wahnsinnig.« Er ließ seinen Auflauf stehen, schwang sich die Schultasche über die Schulter und ließ die beiden sitzen.
Auf der Marmortreppe nahm er immer zwei Stufen zugleich nach oben, vorbei an vielen Schülern, die zum Mittagessen hasteten. Der Zorn, der eben so plötzlich in ihm aufgeflammt war, loderte noch, und das Bild von Ron und Hermine, die mit geschockten Mienen dagesessen hatten, befriedigte ihn zutiefst. Geschieht ihnen recht, dachte er, warum können die nicht mal Ruhe geben … hacken ständig aufeinander rum … das treibt doch jeden die Wände hoch …
Auf einem Treppenabsatz kam er an dem großen Gemälde von Sir Cadogan dem Ritter vorbei; Sir Cadogan zog sein Schwert und fuchtelte wild in Harrys Richtung, doch der beachtete ihn nicht.
»Komm zurück, du gemeiner Hund! Steh deinen Mann und kämpfe!«, rief Sir Cadogan mit vom Visier gedämpfter Stimme, aber Harry ging einfach weiter, und als Sir Cadogan ihm folgen wollte, indem er in ein benachbartes Bild rannte, wurde er von dessen Bewohner, einem großen und wütend aussehenden Wolfshund, zurückgescheucht.
Während der restlichen Mittagspause hockte Harry allein unter der Falltür in der Spitze des Nordturms. So stieg er nach dem Läuten als Erster die silberne Leiter hoch, die zu Sybill Trelawneys Klassenzimmer führte.
Wahrsagen war nach Zaubertränke das Fach, das Harry am wenigsten mochte, und das lag vor allem an Professor Trelawneys Angewohnheit, alle paar Unterrichtsstunden seinen vorzeitigen Tod vorauszusagen. Hager, wie sie war, und reichlich mit Tüchern und schimmernden Perlenketten ausstaffiert, erinnerte sie Harry immer an eine Art Insekt, dessen Augen von ihren Brillengläsern auf riesige Maße vergrößert wurden. Als Harry eintrat, war sie damit beschäftigt, arg lädierte, in Leder gebundene Bücher auf die storchbeinigen Tischchen zu verteilen, die in ihrem Zimmer verstreut standen. Aber die mit Tüchern bedeckten Lampen und das schwach brennende, süßlich parfümierte Feuer gaben ein so dämmriges Licht, dass sie offenbar nicht bemerkte, wie Harry sich in der Düsternis auf einen Stuhl setzte. Der Rest der Klasse tröpfelte im Lauf der nächsten fünf Minuten herein. Ron erschien in der Falltür, blickte sich bedächtig um, entdeckte Harry und ging direkt auf ihn zu, so direkt wie möglich jedenfalls, da er sich zwischen den Tischen, Stühlen und gepolsterten Sitzkissen hindurchschlängeln musste.
»Hermine und ich haben aufgehört zu streiten«, sagte er und setzte sich neben Harry.
»Gut«, brummte Harry.
»Aber Hermine sagt, sie fände es nett, wenn du aufhören würdest, deine Wut an uns auszulassen«, fügte Ron hinzu.
»Ich lass nicht –«
»Ich wollt’s dir nur ausrichten«, fuhr ihm Ron dazwischen. »Aber ich glaub, sie hat Recht. Es ist nicht unsere Schuld, wenn dich Seamus und Snape so behandeln.«
»Ich hab nie gesagt, dass –«
»Guten Tag«, sagte Professor Trelawney mit ihrer gewohnt rauchigen, verträumten Stimme. Harry verstummte, und wieder hatte er das Gefühl, sich selbst auf die Nerven zu gehen und sich zugleich ein wenig zu schämen. »Und willkommen zurück in Wahrsagen. Ich habe Ihre Schicksale während der Ferien natürlich höchst sorgfältig verfolgt, und ich freue mich zu sehen, dass Sie alle sicher nach Hogwarts zurückgekehrt sind – was ich natürlich genau gewusst habe.
Auf den Tischen vor Ihnen finden Sie je ein Exemplar des Buches Das Traumorakel von Inigo Imago. Die Traumdeutung ist eines der wichtigsten Mittel zur Weissagung der Zukunft und wird wohl auch bei Ihren ZAGs geprüft werden. Wobei ich natürlich nicht glaube, dass bestandene oder nicht bestandene Prüfungen auch nur die geringste Bedeutung hätten, wenn es um die heilige Kunst des Wahrsagens geht. Wenn Sie das Sehende Auge haben, spielen Zeugnisse und Noten keine große Rolle. Allerdings wünscht der Schulleiter, dass Sie sich einer Prüfung unterziehen, und deshalb …«
Ihre Stimme wehte zart dahin und ließ keinen Zweifel aufkommen, dass Professor Trelawney ihr Fach über solch niedere Dinge wie Prüfungen völlig erhaben wähnte.
»Schlagen Sie bitte die Einleitung auf und lesen Sie, was Imago zur Frage der Traumdeutung zu sagen hat. Dann setzen Sie sich paarweise zusammen. Deuten Sie anhand des Traumorakels gegenseitig Ihre jüngsten Träume. Nun fangen Sie an.«
Das einzig Gute, was sich über diese Stunde sagen ließ, war, dass es keine doppelte war. Als schließlich alle die Einleitung des Buches gelesen hatten, blieben kaum noch zehn Minuten für die Traumdeutung übrig. Am Tisch neben Harry und Ron hatte sich Dean mit Neville zusammengetan, der sofort umständlich einen Alptraum erklärte, in dem eine Riesenschere vorgekommen war, die den besten Hut seiner Großmutter trug; Harry und Ron sahen sich nur missmutig an.
»Ich erinnere mich nie an meine Träume«, sagte Ron. »Erzähl du einen.«
»Du musst dich doch wenigstens an einen erinnern«, drängelte Harry ungeduldig.
Seine Träume würde er keinem erzählen. Er wusste ganz genau, was sein regelmäßig wiederkehrender Alptraum mit dem Friedhof bedeutete, das mussten ihm weder Ron noch Professor Trelawney noch das blöde Traumorakel erklären.
»Na ja, letztens hab ich nachts geträumt, ich würde Quidditch spielen«, sagte Ron und verzog angestrengt das Gesicht, um sich weiter zu erinnern. »Was, glaubst du, soll das bedeuten?«
»Wahrscheinlich, dass du von einem Riesen-Marshmallow gefressen wirst oder so was«, sagte Harry und blätterte achtlos die Seiten des Traumorakels um. Träume im Orakel nachzuschlagen war eine ziemlich dröge Arbeit, und Harrys Laune besserte sich auch nicht, als Professor Trelawney ihnen die Hausaufgabe nannte, nämlich einen Monat lang ein Traumtagebuch zu führen. Als es läutete, waren er und Ron die Ersten auf der Leiter hinunter. Ron grollte vernehmlich.
»Ist dir klar, wie viele Hausaufgaben wir schon haben? Binns hat uns einen anderthalb Fuß langen Aufsatz über die Riesen-Kriege aufgehalst, Snape will einen Fuß lang über die Anwendungen von Mondstein, und jetzt auch noch einen Monat Traumtagebuch für Trelawney! Fred und George lagen gar nicht falsch mit dem ZAG-Jahr, oder? Diese Umbridge soll uns bloß nicht noch mehr …«
Als sie das Klassenzimmer für Verteidigung gegen die dunklen Künste betraten, fanden sie Professor Umbridge bereits am Lehrerpult sitzen, mit der flauschigen rosa Strickjacke vom Abend zuvor und mit der schwarzen Samtschleife auf dem Kopf. Harry fühlte sich abermals stark an eine große Fliege erinnert, die dumm genug war, auf dem Kopf einer noch größeren Kröte zu hocken.
Der Rest der Klasse kam leise herein; Professor Umbridge war eine noch unbekannte Größe, und niemand wusste, wie streng sie auf Disziplin achten würde.
»Nun, einen guten Tag!«, sagte sie, als sich endlich alle gesetzt hatten.
»Guten Tag«, grüßten einige murmelnd zurück.
»Tss, tss«, machte Professor Umbridge. »Das reicht aber nicht, oder? Ich möchte doch bitten, dass Sie ›Guten Tag, Professor Umbridge‹ antworten. Noch einmal, bitte. Guten Tag, Klasse!«
»Guten Tag, Professor Umbridge«, antworteten sie im Chor.
»Schon besser«, sagte Professor Umbridge zuckersüß. »Das war nicht allzu schwer, nicht wahr? Zauberstäbe weg und Federn raus, bitte.«
Viele in der Klasse tauschten finstere Blicke; der Anweisung »Zauberstäbe weg« war bislang noch nie eine Unterrichtsstunde gefolgt, die sie interessant gefunden hätten. Harry steckte seinen Zauberstab in die Schultasche und holte Feder, Tinte und Pergament heraus. Professor Umbridge öffnete ihre Handtasche, zog ihren Zauberstab hervor, der ungewöhnlich kurz war, und klopfte damit resolut gegen die Tafel; sofort erschienen Wörter darauf:
Verteidigung gegen die dunklen Künste Eine Rückkehr zu den Grundprinzipien
»Nun denn, Ihr Unterricht in diesem Fach war doch einigermaßen unstet und bruchstückhaft, nicht wahr?«, stellte Professor Umbridge fest und wandte sich mit ordentlich gefalteten Händen der Klasse zu. »Der ständige Wechsel der Lehrer, von denen einige offenbar keinem vom Ministerium anerkannten Lehrplan gefolgt sind, hat leider dazu geführt, dass Sie weit unter dem Niveau sind, das wir in Ihrem ZAG-Jahr erwarten würden.
Sie werden sich jedoch freuen zu erfahren, dass diese Probleme nun behoben werden sollen. Wir werden in diesem Jahr einen sorgfältig strukturierten, theoriezentrierten, vom Ministerium anerkannten Kurs durchführen. Schreiben Sie bitte Folgendes ab.«
Wieder klopfte sie gegen die Tafel; die erste Botschaft verschwand und an ihre Stelle traten die »Ziele des Kurses«.
1. Verständnis der Grundprinzipien defensiver Magie.
2. Erkennen von Situationen, in denen defensive Magie auf rechtlicher Grundlage eingesetzt werden kann.
3. Den Gebrauch defensiver Magie in einen Zusammenhang mit praktischem Nutzen stellen.
Einige Minuten lang war im Raum nur das Kratzen der Federn auf Pergament zu hören. Als alle Professor Umbridges drei Kursziele abgeschrieben hatten, fragte sie: »Haben alle ein Exemplar der Theorie magischer Verteidigung von Wilbert Slinkhard?«
Ein dumpfes zustimmendes Murmeln ging durch die Klasse.
»Ich glaube, das versuchen wir noch mal«, sagte Professor Umbridge. »Wenn ich Ihnen eine Frage stelle, möchte ich, dass Sie mit ›Ja, Professor Umbridge‹ oder ›Nein, Professor Umbridge‹ antworten. Also: Haben alle ein Exemplar der Theorie magischer Verteidigung von Wilbert Slinkhard?«
»Ja, Professor Umbridge«, schallte es durchs Klassenzimmer.
»Gut«, sagte Professor Umbridge. »Nun schlagen Sie bitte Seite fünf auf und lesen Sie ›Kapitel eins, Allgemeinheiten für Anfänger‹. Ich möchte keine Unterhaltungen hören.«
Professor Umbridge trat von der Tafel zurück, ließ sich auf dem Stuhl hinter dem Lehrerpult nieder und beobachtete sie alle mit ihren wässrigen Krötenaugen. Harry schlug Seite fünf seines Exemplars der Theorie magischer Verteidigung auf und fing an zu lesen.
Es war furchtbar langweilig, genauso schlimm wie Professor Binns zuzuhören. Er spürte, wie seine Konzentration nachließ; bald hatte er ein und dieselbe Zeile ein halbes Dutzend Mal gelesen, ohne mehr als die ersten paar Wörter verstanden zu haben. Mehrere von Schweigen erfüllte Minuten vergingen. Neben ihm drehte Ron geistesabwesend immer wieder seine Feder in den Fingern und starrte auf die gleiche Textstelle. Harry blickte nach rechts, und was er sah, überraschte ihn so, dass es ihn jäh aus seinem Tran riss. Hermine hatte ihre Theorie magischer Verteidigung nicht einmal aufgeschlagen. Mit emporgestreckter Hand starrte sie unverwandt Professor Umbridge an.
Harry konnte sich nicht erinnern, dass Hermine jemals etwas nicht gelesen hätte, was man ihr befohlen hatte, oder auch nur der Versuchung widerstanden hätte, jedes Buch zu öffnen, das ihr unter die Nase kam. Er sah sie forschend an, doch sie schüttelte nur leicht den Kopf, um ihm zu bedeuten, dass sie nicht bereit war, Fragen zu beantworten. Währenddessen starrte sie unentwegt Professor Umbridge an, die nicht minder entschlossen in die andere Richtung blickte.
Nach einigen weiteren Minuten jedoch war Harry nicht mehr der Einzige, der Hermine beobachtete. Das Kapitel, das sie hatten lesen sollen, war so langweilig, dass immer mehr Schüler sich lieber dafür entschieden, Hermine bei ihrem stummen Versuch zuzuschauen, Professor Umbridges Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, als sich weiter mit den »Allgemeinheiten für Anfänger« herumzuschlagen.
Als über die Hälfte der Klasse nicht mehr in die Bücher, sondern zu Hermine blickte, schien Professor Umbridge zu dem Schluss zu kommen, dass sie die Lage nicht länger ignorieren konnte.
»Wollten Sie eine Frage zu dem Kapitel stellen, meine Liebe?«, fragte sie Hermine, als hätte sie diese eben erst bemerkt.
»Nein, nicht zu dem Kapitel«, sagte Hermine.
»Nun, wir lesen es gerade«, sagte Professor Umbridge und zeigte ihre kleinen spitzen Zähne. »Wenn Sie andere Auskünfte wünschen, können wir das am Ende des Unterrichts erledigen.«
»Ich möchte eine Auskunft über Ihre Kursziele«, sagte Hermine.
Professor Umbridge hob die Augenbrauen.
»Und Ihr Name ist?«
»Hermine Granger«, sagte Hermine.
»Nun, Miss Granger, ich denke, die Kursziele sind vollkommen klar, wenn Sie sie sorgfältig durchlesen«, sagte Professor Umbridge mit ausgesucht liebenswürdiger Stimme.
»Nun, mir nicht«, sagte Hermine freiweg. »Da steht nichts davon, wie man defensive Zauber einsetzt.«
Eine kurze Stille trat ein, während deren viele in der Klasse die Köpfe wandten und sich stirnrunzelnd die drei Kursziele anschauten, die immer noch an der Tafel standen.
»Defensive Zauber einsetzt?«, wiederholte Professor Umbridge mit einem kurzen Lachen. »Nun aber, ich kann mir nicht vorstellen, dass in meinem Klassenzimmer eine Situation eintreten könnte, die es erforderte, dass Sie einen defensiven Zauber einsetzen, Miss Granger. Sie erwarten doch nicht ernsthaft, im Unterricht angegriffen zu werden?«
»Wir gebrauchen keine Magie?«, rief Ron laut.
»Die Schüler und Schülerinnen heben die Hand, wenn sie in meinem Unterricht zu sprechen wünschen, Mr –?«
»Weasley«, sagte Ron und streckte die Hand in die Luft.
Professor Umbridge, die nun noch breiter lächelte, wandte sich von ihm ab. Auch Harry und Hermine hoben sofort die Hände. Professor Umbridges Triefaugen verweilten für einen Moment auf Harry, bevor sie sich an Hermine wandte.
»Ja, Miss Granger? Sie wollten etwas anderes fragen?«
»Ja«, sagte Hermine. »Der springende Punkt bei Verteidigung gegen die dunklen Künste ist doch sicher, dass wir Zauber zu unserer Verteidigung üben?«
»Sind Sie eine vom Ministerium geschulte Ausbildungsexpertin, Miss Granger?«, fragte Professor Umbridge mit ihrer aufgesetzt liebenswürdigen Stimme.
»Nein, aber –«
»Nun, dann fürchte ich, Sie sind nicht qualifiziert zu entscheiden, was der ›springende Punkt‹ eines Unterrichts ist. Zauberer, die viel älter und klüger sind als Sie, haben unser neues Studienprogramm ausgearbeitet. Sie werden auf sichere, risikofreie Weise etwas über defensive Zauber lernen –«
»Was nützt denn das?«, sagte Harry laut. »Wenn wir angegriffen werden, wird das nicht –«
»Melden, Mr Potter!«, flötete Professor Umbridge.
Harry stieß die Faust in die Luft. Erneut wandte sich Professor Umbridge prompt von ihm ab, aber inzwischen hatten schon einige andere die Hände gehoben.
»Und Ihr Name ist?«, fragte Professor Umbridge Dean.
»Dean Thomas.«
»Nun, Mr Thomas?«
»Also, es ist doch, wie Harry gesagt hat, nicht?«, sagte Dean. »Wenn wir angegriffen werden, wird das nicht risikofrei sein.«
»Ich wiederhole«, erwiderte Professor Umbridge und lächelte Dean auf ziemlich nervige Weise an, »erwarten Sie, dass Sie während des Unterrichts angegriffen werden?«
»Nein, aber –«
Professor Umbridge ließ ihn nicht weiter zu Wort kommen. »Ich möchte die Art und Weise, wie diese Schule bislang geführt wurde, nicht kritisieren«, sagte sie und ein falsches Lächeln dehnte ihren breiten Mund, »aber Sie wurden in diesem Fach einigen sehr unverantwortlichen Zauberern ausgesetzt, wirklich sehr unverantwortlich – ganz zu schweigen«, sie lachte kurz und gehässig auf, »von äußerst gefährlichen Halbblütern.«
»Wenn Sie Professor Lupin meinen«, legte Dean zornig los, »er war der Beste, den wir je –«
»Melden, Mr Thomas! Wie ich schon sagte – es wurden Ihnen Zauber vorgeführt, die kompliziert, für Ihre Altersgruppe ungeeignet und potenziell tödlich sind. Man hat Sie in Angst versetzt und glauben gemacht, dass Sie praktisch jeden Tag schwarzmagischen Angriffen ausgesetzt sein könnten –«
»Nein, das ist nicht wahr«, sagte Hermine, »wir haben nur –«
»Ihre Hand ist nicht oben, Miss Granger!«
Hermine hob die Hand. Professor Umbridge wandte sich von ihr ab.
»Meines Wissens hat mein Vorgänger rechtswidrige Flüche nicht nur vor Ihnen, sondern auch noch an Ihnen ausgeführt.«
»Na ja, es hat sich ja rausgestellt, dass er wahnsinnig war, oder?«, sagte Dean hitzig. »Und trotzdem haben wir ’ne Menge gelernt.«
»Ihre Hand ist nicht oben, Mr Thomas!«, trillerte Professor Umbridge. »Nun, es ist die Auffassung des Ministeriums, dass ein theoretisches Wissen mehr als ausreichend ist, um Sie durch die Prüfungen zu bringen, und das ist es schließlich, worum es in der Schule geht. Und Ihr Name ist?«, fügte sie mit starrem Blick auf Parvati hinzu, deren Hand eben hochgeschossen war.
»Parvati Patil, und gibt es nicht einen praktischen Teil in unseren ZAG-Prüfungen in Verteidigung gegen die dunklen Künste? Sollen wir nicht zeigen, dass wir tatsächlich die Gegenflüche beherrschen und alles?«
»Wenn Sie die Theorie fleißig genug studiert haben, gibt es keinen Grund, warum Sie nicht in der Lage sein sollten, Zauber unter sorgfältig überwachten Prüfungsbedingungen auszuführen«, sagte Professor Umbridge abweisend.
»Ohne dass wir je zuvor geübt haben?«, entgegnete Parvati ungläubig. »Wollen Sie damit sagen, dass wir erst bei den Prüfungen richtig zaubern dürfen?«
»Ich wiederhole, wenn Sie die Theorie fleißig genug studiert haben –«
»Und was wird uns die Theorie in der wirklichen Welt nützen?«, sagte Harry laut, die Faust erneut in der Luft.
Professor Umbridge sah auf.
»Wir sind hier in der Schule, Mr Potter, nicht in der wirklichen Welt«, sagte sie sanft.
»Demnach sollen wir gar nicht darauf vorbereitet sein, was uns dort draußen erwartet?«
»Dort draußen erwartet Sie nichts, Mr Potter.«
»Ah ja?«, sagte Harry. Seine Wut, offenbar den ganzen Tag lang kurz vor dem Kochen, erreichte nun den Siedepunkt.
»Wer, glauben Sie denn, will Kinder wie Sie angreifen?«, fragte Professor Umbridge mit honigsüßer Stimme.
»Hm, überlegen wir mal …«, sagte Harry in gespielt nachdenklichem Ton. »Vielleicht … Lord Voldemort?«
Ron keuchte; Lavender Brown stieß einen spitzen Schrei aus; Neville rutschte seitwärts vom Stuhl. Professor Umbridge jedoch zuckte nicht mit der Wimper. Sie starrte Harry mit einem Ausdruck grimmiger Genugtuung an.
»Zehn Punkte Abzug für Gryffindor, Mr Potter.«
Die Klasse war reglos und stumm. Alle starrten entweder Umbridge oder Harry an.
»Nun, lassen Sie mich einige Dinge klar und deutlich sagen.«
Professor Umbridge stand auf und beugte sich, die kleinen Wurstfinger auf dem Pult gespreizt, zur Klasse vor.
»Man hat Ihnen gesagt, dass ein gewisser schwarzer Magier von den Toten zurückgekehrt sei –«
»Er war nicht tot«, sagte Harry zornig, »aber ja, er ist zurückgekehrt!«
»Mr-Potter-Sie-haben-Ihrem-Haus-schon-zehn-Punkte-Abzug-eingebracht-nun-machen-Sie-die-Sache-für-sich-nicht-noch-schlimmer«, sagte Professor Umbridge, ohne Luft zu holen und ohne ihn anzusehen. »Wie ich eben sagte, man hat Ihnen mitgeteilt, dass ein gewisser schwarzer Magier erneut sein Unwesen treibe. Das ist eine Lüge.«
»Das ist KEINE Lüge!«, entgegnete Harry. »Ich hab ihn gesehen, ich hab mit ihm gekämpft!«
»Nachsitzen, Mr Potter!«, sagte Professor Umbridge triumphierend. »Morgen Nachmittag. Fünf Uhr. In meinem Büro. Ich wiederhole, das ist eine Lüge. Das Zaubereiministerium versichert Ihnen, dass Sie nicht durch irgendeinen schwarzen Magier gefährdet sind. Wenn Sie sich dennoch Sorgen machen, dann kommen Sie unbedingt außerhalb der Unterrichtszeit zu mir. Wenn jemand Sie mit Flunkereien über wiedergeborene schwarze Magier in Unruhe versetzt, möchte ich davon hören. Ich bin hier, um zu helfen. Ich will nur Ihr Bestes. Und würden Sie nun bitte mit Ihrer Lektüre fortfahren. Seite fünf, ›Allgemeinheiten für Anfänger‹.«
Professor Umbridge setzte sich hinter ihr Pult. Harry jedoch stand auf. Alle starrten ihn an; Seamus wirkte halb verängstigt, halb fasziniert.
»Harry, nein!«, wisperte Hermine warnend und zerrte an seinem Ärmel, aber Harry riss seinen Arm los.
»Nun, Ihnen zufolge ist Cedric Diggory also ganz von allein tot umgefallen, ja?«, fragte er mit bebender Stimme.
Die ganze Klasse schien gleichzeitig nach Luft zu schnappen, denn keiner von ihnen, außer Ron und Hermine, hatte Harry je über das sprechen hören, was sich in der Nacht, in der Cedric gestorben war, ereignet hatte. Sie blickten begierig von Harry zu Professor Umbridge, die aufgesehen hatte und ihn ohne die Spur eines falschen Lächelns anstarrte.
»Cedric Diggorys Tod war ein tragischer Unfall«, sagte sie kalt.
»Es war Mord«, sagte Harry. Er spürte, dass er zitterte. Er hatte mit kaum jemandem darüber gesprochen, und schon gar nicht mit dreißig gebannt lauschenden Klassenkameraden. »Voldemort hat ihn getötet und Sie wissen das.«
Professor Umbridge sah ihn völlig ausdruckslos an. Einen Moment lang glaubte Harry, sie würde ihn gleich anschreien. Dann sagte sie mit der sanftesten, süßlichsten Mädchenstimme: »Kommen Sie her, Mr Potter, mein Lieber.«
Er stieß seinen Stuhl beiseite und marschierte um Ron und Hermine herum vor zum Lehrerpult. Er spürte, wie der Rest der Klasse den Atem anhielt. Er war so zornig, dass es ihm gleichgültig war, was als Nächstes passierte.
Professor Umbridge zog eine kleine rosa Pergamentrolle aus ihrer Handtasche, strich sie auf dem Pult glatt, tauchte ihre Feder in ein Tintenfass und fing an zu kritzeln, tief vornübergebeugt, so dass Harry nicht sehen konnte, was sie schrieb. Niemand sprach. Nach etwa einer Minute rollte sie das Pergament zusammen und berührte es mit ihrem Zauberstab; es versiegelte sich nahtlos, damit er es nicht öffnen konnte.
»Bringen Sie dies zu Professor McGonagall, mein Lieber«, sagte Professor Umbridge und hielt ihm die Notiz hin.
Er nahm sie ihr wortlos aus der Hand, verließ das Klassenzimmer, ohne auch nur einen Blick auf Ron und Hermine zu werfen, und schlug die Tür hinter sich zu. Er ging sehr rasch den Korridor entlang, die Notiz für McGonagall fest umklammert, bog um die Ecke und stieß geradewegs mit Peeves dem Poltergeist zusammen, einem breitmäuligen kleinen Mann, der rücklings in der Luft schwebte und mit mehreren Tintenfässern jonglierte.
»Oh, wen haben wir denn da, den kleinen Pottymatz!«, gackerte Peeves und ließ zwei Tintenfässer zu Boden fallen, die zerbrachen und die Wände bespritzten; Harry machte einen Satz rückwärts und knurrte wütend.
»Lass das, Peeves.«
»Oooh, der Knallkopf ist knarzig«, sagte Peeves, schoss mit scheelem Grinsen über Harrys Kopf hinweg und verfolgte ihn den Korridor entlang. »Was ist es diesmal, mein feines Potter-Freundchen? Hört er Stimmen? Hat er Visionen? Spricht er –«, Peeves schnaubte höchst verächtlich, »in fremden Zungen?«
»Lass mich IN RUHE, hab ich gesagt!«, schrie Harry und rannte die nächstbeste Treppe hinab, aber Peeves rutschte einfach rücklings das Geländer neben ihm herunter.
»Oh, die meisten glauben, er bellt nur, so mickrig
kommt er daher,
Doch manche sind noch netter und sagen, das Herz wär
ihm nur schwer,
Aber Peevesy weiß es besser, unser Potter, der hat sie
nicht mehr –«
»HALT’S MAUL!«
Zu seiner Linken flog eine Tür auf, und Professor McGonagall trat mit grimmiger Miene, ein wenig gehetzt wirkend, aus ihrem Büro.
»Was um alles in der Welt gibt es hier zu schreien, Potter?«, fauchte sie, während Peeves schadenfroh gackerte und entschwebte. »Warum sind Sie nicht im Unterricht?«
»Man hat mich zu Ihnen geschickt«, sagte Harry steif.
»Geschickt? Was soll das heißen, geschickt?«
Er hielt ihr die Notiz von Professor Umbridge entgegen. Professor McGonagall nahm sie ihm stirnrunzelnd ab, schlitzte sie mit einer leichten Berührung ihres Zauberstabs auf, entrollte sie und begann zu lesen. Ihre Augen hinter den viereckigen Brillengläsern huschten über Umbridges Mitteilung hin und her und mit jeder Zeile verengten sie sich mehr.
»Kommen Sie hier rein, Potter.«
Er folgte ihr ins Büro. Hinter ihm schloss sich automatisch die Tür.
»Nun?«, sagte Professor McGonagall und beugte sich zu ihm vor. »Ist das wahr?«
»Ist was wahr?«, fragte Harry, um einiges angriffslustiger, als er vorgehabt hatte. »Professor?«, fügte er in dem Versuch hinzu, höflicher zu klingen.
»Ist es wahr, dass Sie Professor Umbridge angeschrien haben?«
»Ja«, sagte Harry.
»Sie haben sie eine Lügnerin genannt?«
»Ja.«
»Sie haben ihr gesagt, Er, dessen Name nicht genannt werden darf, sei zurück?«
»Ja.«
Professor McGonagall setzte sich hinter ihren Schreibtisch und runzelte über Harry die Stirn. Dann sagte sie: »Nehmen Sie sich einen Keks, Potter.«
»Einen – was?«
»Nehmen Sie sich einen Keks«, wiederholte sie ungeduldig und wies mit der Hand zu einer Dose mit Schottenmuster auf einem der Papierstapel, die auf ihrem Schreibtisch lagen. »Und setzen Sie sich.«
Harry hatte bei einer früheren Gelegenheit schon einmal erwartet, von Professor McGonagall bestraft zu werden, und stattdessen hatte sie ihn in die Quidditch-Mannschaft von Gryffindor geholt. Er ließ sich auf einen Stuhl ihr gegenüber sinken, nahm sich einen Ingwerkeks und fühlte sich genauso verwirrt und überrascht wie damals.
Professor McGonagall legte Professor Umbridges Notiz beiseite und sah Harry sehr ernst an.
»Potter, Sie müssen vorsichtig sein.«
Harry schluckte seinen Bissen Ingwerkeks hinunter und starrte sie an. Ihr Tonfall war keineswegs so, wie er es von ihr gewohnt war; er war nicht forsch, knapp und streng; ihre Stimme war leise und besorgt und in gewisser Weise viel menschlicher als sonst.
»Schlechtes Benehmen in Dolores Umbridges Unterricht kann Sie viel mehr kosten als Hauspunkte und Nachsitzen.«
»Was meinen Sie –«
»Potter, gebrauchen Sie Ihren gesunden Menschenverstand«, fauchte Professor McGonagall und war sofort wieder ganz die Alte. »Sie wissen, wo sie herkommt, Sie müssen wissen, wem sie unterstellt ist.«
Die Glocke läutete zum Ende der Stunde. Über ihnen und rund um sie her brach das Elefantengetrampel von Hunderten umherziehenden Schülern los.
»Hier steht, sie hat Ihnen ab morgen für jeden Abend dieser Woche Nachsitzen erteilt«, sagte Professor McGonagall mit einem erneuten Blick auf Professor Umbridges Notiz.
»Jeden Abend dieser Woche!«, wiederholte Harry entsetzt. »Aber Professor, könnten Sie nicht –«
»Nein, kann ich nicht«, sagte Professor McGonagall entschieden.
»Aber –«
»Sie ist Ihre Lehrerin und hat die volle Befugnis, Ihnen Strafarbeiten zu erteilen. Sie werden morgen um fünf für die erste zu ihr ins Büro gehen. Denken Sie daran: Seien Sie vorsichtig in der Nähe von Dolores Umbridge.«
»Aber ich hab die Wahrheit gesagt!«, erwiderte Harry empört. »Voldemort ist zurück, Sie wissen es; Professor Dumbledore weiß, dass er –«
»Um Himmels willen, Potter!«, sagte Professor McGonagall und rückte wütend ihre Brille zurecht (sie war fürchterlich zusammengezuckt, als er Voldemorts Namen genannt hatte). »Glauben Sie wirklich, dass es hier um Wahrheit oder Lüge geht? Es geht darum, dass Sie Ihren Kopf in Deckung und Ihr Temperament im Zaum halten!«
Sie stand auf, mit bebenden Nasenflügeln und sehr schmalem Mund, und auch Harry erhob sich.
»Nehmen Sie sich noch einen Keks«, sagte sie unwirsch und streckte ihm die Dose entgegen.
»Nein, danke«, sagte Harry kühl.
»Seien Sie nicht albern«, fauchte sie.
Er nahm sich einen.
»Danke«, murrte er.
»Haben Sie die Rede von Dolores Umbridge bei der Begrüßungsfeier nicht gehört, Potter?«
»Doch«, sagte Harry. »Doch … sie hat gesagt … Fortschritt werde verboten oder … na ja, es bedeutete, dass … das Zaubereiministerium versucht, sich in Hogwarts einzumischen.«
Professor McGonagall sah ihm einen Moment in die Augen, dann rümpfte sie die Nase, ging um ihren Schreibtisch herum und hielt ihm die Tür auf.
»Nun, ich bin froh, dass Sie wenigstens auf Hermine Granger hören«, sagte sie und wies ihn aus ihrem Büro.
Strafarbeit bei Dolores
An diesem Abend war das Essen in der Großen Halle kein Vergnügen für Harry. Die Nachricht von seiner lautstarken Auseinandersetzung mit Umbridge hatte sich selbst für Hogwarts-Verhältnisse ungewöhnlich rasch verbreitet. Während er zwischen Ron und Hermine am Tisch saß, hörte er ringsum Geflüster. Komisch nur, dass es offenbar niemanden kümmerte, dass er mithörte, was sie über ihn zu flüstern hatten. Vielmehr hatte es ganz den Anschein, als hofften sie geradezu, er würde aus der Haut fahren und wieder anfangen zu schreien, damit sie seine Geschichte aus erster Hand hören konnten.
»Er behauptet, er hätte gesehen, wie Cedric Diggory ermordet wurde …«
»Er denkt, er hätte sich mit Du-weißt-schon-wem duelliert …«
»Ach, hör doch auf …«
»Wer soll ihm dieses Märchen denn glauben?«
»Ich bitte dich …«
»Eins versteh ich nicht«, sagte Harry mit bebender Stimme und legte Messer und Gabel weg (seine Hände zitterten so heftig, dass er sie nicht mehr ruhig halten konnte), »nämlich dass alle die Geschichte vor zwei Monaten, als Dumbledore sie ihnen erzählt hat, geglaubt haben …«
»Weißt du, Harry, da bin ich mir gar nicht so sicher«, sagte Hermine grimmig. »Ach, lass uns von hier verschwinden.«
Sie knallte Messer und Gabel auf den Tisch. Ron blickte sehnsüchtig auf seinen halb aufgegessenen Apfelkuchen, folgte aber ihrem Beispiel. Einige Schüler starrten ihnen nach, bis sie die Große Halle verlassen hatten.
»Was soll das heißen, du bist dir nicht sicher, ob sie Dumbledore geglaubt haben?«, fragte Harry Hermine, als sie den ersten Stock erreicht hatten.
»Hör mal, du begreifst nicht, was nach dieser Geschichte los war«, sagte Hermine leise. »Du bist mitten auf dem Rasen wieder aufgetaucht und hattest den toten Cedric an dich gepresst … niemand von uns hat gesehen, was im Irrgarten passiert ist … wir hatten nur Dumbledores Wort, wonach Du-weißt-schon-wer zurückgekommen war, Cedric getötet und mit dir gekämpft hatte.«
»Und das ist die Wahrheit!«, erwiderte Harry laut.
»Das weiß ich, Harry, also hörst du jetzt bitte mal auf, mich ständig anzufahren?«, sagte Hermine genervt. »Ich meine nur, dass die Wahrheit gar nicht richtig durchdringen konnte, bevor alle in die Sommerferien verschwunden sind, wo sie dann zwei Monate lang gelesen haben, was für ein Knallkopf du bist und dass Dumbledore allmählich senil wird!«
Regen trommelte gegen die Fensterscheiben, während sie durch die leeren Korridore zum Gryffindor-Turm zurückkehrten. Harry kam es vor, als hätte sein erster Tag eine ganze Woche gedauert, aber vor dem Schlafengehen hatte er immer noch einen Berg Schularbeiten zu erledigen. Ein dumpfer, hämmernder Schmerz machte sich über seinem rechten Auge bemerkbar. Als sie in den Korridor der fetten Dame einbogen, schaute er durch ein regennasses Fenster auf die dunklen Schlossgründe. In Hagrids Hütte brannte immer noch kein Licht.
»Mimbulus mimbeltonia«, sagte Hermine, noch bevor die fette Dame ihre Frage stellen konnte. Das Porträt schwang auf, gab das Loch dahinter frei, und die drei kletterten hindurch.
Der Gemeinschaftsraum war fast leer, die meisten waren noch unten beim Abendessen. Krummbein glitt von einem Sessel herunter und tapste ihnen laut schnurrend entgegen, und als Harry, Ron und Hermine ihre drei Lieblingssessel am Feuer in Beschlag nahmen, sprang er leichtfüßig auf Hermines Schoß und kringelte sich dort zu einem pelzigen orangeroten Kissen ein. Harry starrte in die Flammen. Er fühlte sich ausgelaugt und erschöpft.
»Wie konnte Dumbledore das nur zulassen?«, rief Hermine plötzlich. Harry und Ron zuckten zusammen und Krummbein sprang mit entrüstetem Blick von ihrem Schoß. Hermine schlug so wütend auf die Sessellehnen, dass Fetzen der Polsterfüllung aus den Löchern stoben. »Wie kann er es zulassen, dass diese schreckliche Frau uns unterrichtet? Und das auch noch in unserem ZAG-Jahr!«
»Na ja, wir hatten nie besonders tolle Lehrer in Verteidigung gegen die dunklen Künste, oder?«, sagte Harry. »Du weißt doch, was los ist, Hagrid hat es erzählt – keiner will die Stelle, es heißt, sie sei verhext.«
»Ja, schon, aber jemanden einzustellen, der sich tatsächlich weigert, uns zaubern zu lassen! Was bezweckt Dumbledore nur damit?«
»Und dann will sie auch noch, dass man für sie spioniert«, sagte Ron düster. »Wisst ihr noch, dass sie gesagt hat, wir sollten zu ihr kommen und es melden, wenn wir jemanden sagen hören, dass Du-weißt-schon-wer zurück sei?«
»Natürlich ist sie hier, um uns alle zu bespitzeln, das ist doch klar, warum sonst hätte Fudge gewollt, dass sie kommt?«, fauchte Hermine.
»Fangt nicht wieder an zu streiten«, sagte Harry matt, als Ron den Mund öffnete, um zurückzuschlagen. »Können wir nicht einfach … lasst uns doch einfach die Hausaufgaben machen, dann haben wir’s hinter uns …«
Sie holten ihre Schultaschen aus einer Ecke und kehrten zu den Sesseln am Feuer zurück. Inzwischen kamen die anderen vom Abendessen hoch. Harry sah nicht zum Porträtloch hin, konnte aber dennoch die Blicke spüren, die er auf sich zog.
»Sollen wir Snapes Kram zuerst erledigen?«, sagte Ron und tauchte seine Feder in die Tinte. »›Die Eigenschaften … von Mondstein … und seine Anwendungen … in der Zaubertrankbereitung‹«, murmelte er und schrieb die Worte oben auf sein Pergament. »So.« Er unterstrich die Überschrift, dann blickte er erwartungsvoll zu Hermine auf.
»Also, was sind die Eigenschaften von Mondstein und seine Anwendungen in der Zaubertrankbereitung?«
Aber Hermine hörte ihm nicht zu; sie spähte hinüber in die hintere Ecke des Raums, wo Fred, George und Lee Jordan nun inmitten eines Knäuels arglos dreinsehender Erstklässler saßen, die alle etwas kauten, das offenbar aus der großen Papiertüte in Freds Hand stammte.
»Nein, tut mir leid, jetzt sind sie zu weit gegangen«, sagte sie und stand hell erzürnt auf. »Komm mit, Ron.«
»Ich – was?«, sagte Ron, sichtlich bemüht, Zeit zu gewinnen. »Nein – hör mal, Hermine – wir können die doch nicht verpetzen, weil sie Süßigkeiten verteilen.«
»Du weißt sehr genau, dass es Stückchen von diesem Nasblutnugat sind oder – oder Kotzpastillen oder –«
»Kollapskekse?«, half Harry leise nach.
Ein Erstklässler nach dem anderen sackte ohnmächtig auf seinem Platz zusammen, wie von einem unsichtbaren Schlagholz am Kopf getroffen. Manche rutschten gleich zu Boden, andere sanken nur mit heraushängenden Zungen über die Armlehnen ihrer Sessel. Die meisten, die zusahen, lachten; Hermine jedoch straffte die Schultern und schritt geradewegs zu Fred und George hinüber, die inzwischen mit Klemmbrettern dastanden und die ohnmächtigen Erstklässler genau beobachteten. Ron stemmte sich halb hoch und blieb einen Augenblick lang unschlüssig in der Schwebe. Dann murmelte er Harry zu: »Sie hat alles im Griff«, und versank wieder so tief in seinem Sessel, wie seine schlaksige Statur es erlaubte.
»Jetzt reicht’s!«, sagte Hermine entschlossen zu Fred und George, die milde überrascht zu ihr aufblickten.
»Ja, du hast Recht«, nickte George, »offenbar stark genug, diese Dosis, nicht wahr?«
»Heute Morgen noch hab ich euch gesagt, dass ihr euer Zeug nicht an Schülern ausprobieren dürft!«
»Wir bezahlen sie!«, sagte Fred entrüstet.
»Das ist mir egal, es könnte gefährlich sein!«
»Unsinn«, sagte Fred.
»Beruhige dich, Hermine, denen geht’s gut!«, versicherte ihr Lee, während er von Erstklässler zu Erstklässler ging und ihnen lila Süßigkeiten in den offenen Mund schob.
»Ja, schau mal, jetzt kommen sie wieder zu sich«, sagte George.
Tatsächlich regten sich ein paar der Erstklässler. Manche waren offensichtlich so schockiert darüber, auf dem Boden zu liegen oder über den Sesseln zu hängen, dass sich Harry sicher war, dass Fred und George sie nicht vor der Wirkung der Süßigkeiten gewarnt hatten.
»Alles in Ordnung mit dir?«, sagte George freundlich zu einem kleinen dunkelhaarigen Mädchen, das zu seinen Füßen lag.
»Ich – ich glaub schon«, erwiderte sie zittrig.
»Hervorragend«, sagte Fred vergnügt, da riss ihm Hermine auch schon das Klemmbrett und die Tüte mit den Kollapskeksen aus den Händen.
»Es ist NICHT hervorragend!«
»Aber natürlich, schließlich leben sie doch alle«, sagte Fred erbost.
»Das könnt ihr nicht machen! Was wäre denn, wenn ihr einen von ihnen richtig krank machen würdet?«
»Wir machen sie nicht krank, wir haben alles schon an uns selbst ausprobiert. Wir prüfen nur, ob alle gleich reagieren –«
»Wenn ihr nicht damit aufhört, dann werd ich –«
»Uns Strafarbeiten aufhalsen?«, sagte Fred mit einer Das-möchte-ich-mal-sehen-Stimme.
»Uns Sätze schreiben lassen?«, rief George feixend.
Hie und da lachten Schüler, die ihnen zuschauten. Hermine richtete sich zu voller Größe auf; ihre Augen waren zu Schlitzen geworden und ihr buschiges Haar schien vor elektrischer Spannung zu knistern.
»Nein«, sagte sie mit zornbebender Stimme, »aber ich werd an eure Mutter schreiben.«
»Das würdest du nicht tun«, sagte George entsetzt und wich einen Schritt vor ihr zurück.
»O doch, das würde ich«, sagte Hermine grimmig. »Ich kann euch nicht davon abhalten, dieses blöde Zeugs selber zu schlucken, aber ihr dürft es nicht an die Erstklässler verteilen.«
Fred und George schienen wie vom Donner gerührt. Es war klar, dass Hermines Drohung aus ihrer Sicht weit unter die Gürtellinie zielte. Mit einem letzten drohenden Blick pfefferte sie Klemmbrett und Kekstüte in Freds Arme und stolzierte zurück zu ihrem Sessel am Feuer.
Ron hatte sich inzwischen so tief in seinen Sessel vergraben, dass seine Nase kaum noch über die Knie ragte.
»Danke für deine Hilfe, Ron«, bemerkte Hermine bissig.
»Bist ja ganz gut allein klargekommen«, nuschelte Ron.
Hermine starrte einige Sekunden lang auf ihr leeres Pergament. »Ach, es hat keinen Zweck«, sagte sie dann gereizt, »ich kann mich jetzt nicht konzentrieren. Ich geh zu Bett.«
Sie riss ihre Tasche auf; Harry dachte, sie würde ihre Bücher verstauen, doch stattdessen holte sie zwei unförmige wollene Gegenstände heraus, legte sie sorgfältig auf einen Tisch am Feuer, bedeckte sie mit ein paar zusammengeknüllten Pergamentfetzen und einer kaputten Schreibfeder und trat zurück, um die Wirkung zu begutachten.
»Was in Merlins Namen tust du da?«, sagte Ron und musterte sie, als würde er sich Sorgen um ihren Geisteszustand machen.
»Das sind Hüte für Hauselfen«, erwiderte sie munter und stopfte nun ihre Bücher in die Tasche. »Ich hab sie in den Sommerferien gemacht. Wenn ich nicht zaubern kann, bin ich wirklich langsam im Stricken, aber jetzt in der Schule kann ich noch viel mehr davon machen.«
»Du lässt Hüte für Hauselfen herumliegen?«, sagte Ron langsam. »Und versteckst sie zuerst unter Müll?«
»Ja«, sagte Hermine trotzig und schwang sich die Tasche auf den Rücken.
»Das ist völlig daneben«, sagte Ron wütend. »Du willst sie austricksen, damit sie die Hüte aufheben. Du befreist sie, obwohl sie vielleicht gar nicht frei sein wollen.«
»Natürlich wollen sie frei sein!«, erwiderte Hermine sofort, aber ihr Gesicht wurde rosa. »Wag es bloß nicht, diese Hüte anzurühren, Ron!«
Sie ging von dannen.
Ron wartete, bis sie durch die Tür zu den Mädchenschlafsälen verschwunden war, dann räumte er den Müll von den Wollhüten.
»Die sollten wenigstens sehen können, was sie da einsammeln«, sagte er bestimmt. »Jedenfalls …«, er rollte das Pergament zusammen, auf das er die Überschrift zu Snapes Aufsatz geschrieben hatte, »jedenfalls bringt das nichts, wenn ich jetzt hier weitermache. Ohne Hermine kann ich das nicht, ich hab keine Ahnung, was man mit Mondsteinen anstellen soll, du vielleicht?«
Harry schüttelte den Kopf, und dabei spürte er, dass der Schmerz an seiner rechten Schläfe schlimmer wurde. Er dachte an den langen Aufsatz über die Riesen-Kriege und der Schmerz versetzte ihm einen scharfen Stich. Morgen früh, das wusste er genau, würde er es bereuen, dass er heute Abend seine Schularbeiten nicht gemacht hatte, und dennoch räumte er die Bücher in die Tasche zurück.
»Ich geh auch schlafen.«
Auf dem Weg zur Tür, die zu den Schlafräumen führte, kam er an Seamus vorbei, sah ihn jedoch nicht an. Harry hatte den flüchtigen Eindruck, dass Seamus den Mund geöffnet hatte und etwas sagen wollte, aber er beschleunigte seine Schritte und erreichte die besänftigende Ruhe der steinernen Wendeltreppe, ohne eine weitere Provokation hinnehmen zu müssen.
Der nächste Tag brach genauso bleiern und regnerisch an wie der vorige. Beim Frühstück fehlte Hagrid immer noch am Lehrertisch.
»Kein Snape heute, immerhin«, sagte Ron aufmunternd.
Hermine gähnte herzhaft und schenkte sich Kaffee ein. Sie machte den Eindruck, als ob sie sich leise über etwas freuen würde, und als Ron sie fragte, weshalb sie denn so gut gelaunt sei, sagte sie nur: »Die Hüte sind weg. Sieht so aus, als wollten die Hauselfen doch die Freiheit.«
»Da wär ich mir nicht so sicher«, erwiderte Ron bissig. »Vielleicht zählen die gar nicht als Kleidung. Mir kamen sie gar nicht wie Hüte vor, eher wie wollene Blasen.«
Hermine sprach den ganzen Morgen kein Wort mit ihm.
Der Doppelstunde Zauberkunst folgte eine Doppelstunde Verwandlung. Professor Flitwick und Professor McGonagall verbrachten jeweils die erste Viertelstunde ihres Unterrichts damit, die Klasse über die Bedeutung von ZAGs zu belehren.
»Sie müssen bedenken«, quiekte der kleine Professor Flitwick, der wie immer auf einem Stapel Bücher saß, damit er über sein Pult sehen konnte, »dass diese Prüfungen Ihr künftiges Leben für viele Jahre beeinflussen können! Wenn Sie bisher noch nicht ernsthaft über Ihre Berufslaufbahn nachgedacht haben, dann ist es jetzt an der Zeit. Unterdessen, fürchte ich, werden wir fleißiger denn je arbeiten, damit Sie Ihren Fähigkeiten auch gerecht werden!«
Dann wiederholten sie über eine Stunde lang Aufrufezauber, die Professor Flitwick zufolge ganz sicher in ihren ZAG-Prüfungen drankommen würden, und er krönte die Stunde, indem er ihnen so viele Hausaufgaben wie noch nie aufbrummte.
In Verwandlung war es das Gleiche, wenn nicht noch schlimmer.
»Sie kommen durch keine ZAG-Prüfung«, sagte Professor McGonagall grimmig, »ohne ernsthafte Praxis, Übung und Studium. Ich sehe keinen Grund, warum jemand in dieser Klasse keinen ZAG in Verwandlung erlangen sollte, wenn er oder sie gründlich darauf hinarbeitet.« Neville gab ein schwaches trauriges und ungläubiges Geräusch von sich. »Ja, auch Sie, Longbottom«, sagte Professor McGonagall. »Ihre Arbeit ist nicht schlecht, nur fehlt es Ihnen an Selbstvertrauen. Nun … heute beginnen wir mit Verschwindezaubern. Diese sind leichter als Beschwörungszauber, die Sie für gewöhnlich erst auf UTZ-Niveau versuchen werden, und dennoch gehören sie zur schwierigsten Magie, die beim ZAG geprüft wird.«
Sie hatte vollkommen Recht; Harry fand die Verschwindezauber furchtbar schwierig. Am Ende der Doppelstunde hatten weder er noch Ron es geschafft, die Schnecken, an denen sie übten, verschwinden zu lassen, auch wenn Ron hoffnungsvoll meinte, seine würde schon ein wenig blasser aussehen. Hermine hingegen brachte ihre Schnecke bereits beim dritten Versuch erfolgreich zum Verschwinden, was ihr von Professor McGonagall einen Zehn-Punkte-Bonus für Gryffindor einbrachte. Sie war die Einzige, die keine Hausaufgaben bekam; alle anderen sollten den Zauber bis zum nächsten Tag üben und am kommenden Nachmittag dann bereit sein, ihn noch einmal an ihren Schnecken auszuprobieren.
Harry und Ron gerieten nun leicht in Panik wegen des Bergs an Hausaufgaben, den sie zu bewältigen hatten. Sie verbrachten die Mittagsstunde in der Bibliothek und schlugen die Anwendungen von Mondstein in der Zaubertrankbereitung nach. Hermine, immer noch sauer wegen Rons gehässiger Bemerkung über ihre Wollhüte, ließ die beiden sitzen. Als sie schließlich nachmittags in Pflege magischer Geschöpfe auftauchten, tat Harry der Kopf schon wieder weh.
Der Tag war kühl und windig geworden, und während sie den Rasenhang zu Hagrids Hütte am Rand des Verbotenen Waldes hinabgingen, spürten sie dann und wann einen Regentropfen auf den Gesichtern. Professor Raue-Pritsche erwartete die Klasse kaum zehn Meter von Hagrids Tür entfernt, vor sich einen langen Zeichentisch, der mit Zweigen bedeckt war. Als Harry und Ron bei ihr ankamen, lachte hinter ihnen jemand laut auf. Sie drehten sich um und sahen, dass Draco Malfoy auf sie zuging, umgeben von seiner üblichen Slytherin-Bande. Offensichtlich hatte er gerade etwas höchst Amüsantes zum Besten gegeben, denn Crabbe, Goyle, Pansy Parkinson und die anderen kicherten immer noch ausgelassen, während sie sich um den Zeichentisch versammelten, und der Art nach zu urteilen, wie sie andauernd zu Harry herübersahen, konnte er den Gegenstand des Witzes ohne allzu große Schwierigkeit erraten.
»Sind alle da?«, bellte Professor Raue-Pritsche, sobald alle Slytherins und Gryffindors zur Stelle waren. »Dann legen wir sofort los. Wer kann mir sagen, wie man diese Dinger hier nennt?«
Sie deutete auf den Haufen Zweige vor ihr. Hermines Hand schnellte hoch. Hinter ihrem Rücken äffte Malfoy sie nach; er schob die Vorderzähne vor und hüpfte auf und ab vor Eifer, die Frage beantworten zu dürfen. Pansy Parkinson ließ ein kreischendes Lachen hören, das jedoch gleich in einen Schrei überging, als die Zweige auf dem Tisch in die Luft sprangen und sich als kleine wichtelhafte Geschöpfe aus Holz erwiesen, mit knubbligen braunen Armen und Beinen, zwei zweigartigen Fingern am Ende jeder Hand und einem lustigen flachen, rindenähnlichen Gesicht, in dem ein Paar käferbraune Augen glitzerte.
»Oooooh!«, machten Parvati und Lavender, was Harry gründlich ärgerte. Man hätte meinen können, Hagrid hätte ihnen nie interessante Geschöpfe gezeigt; zugegeben, die Flubberwürmer waren ziemlich öde gewesen, aber die Salamander und Hippogreife waren durchaus spannend und die Knallrümpfigen Kröter vielleicht sogar ein wenig zu spannend gewesen.
»Seid bitte leise, Mädchen!«, sagte Professor Raue-Pritsche scharf und verstreute, wie es aussah, eine Hand voll braunen Reises zwischen den Zweiggeschöpfen, die sich augenblicklich auf die Nahrung stürzten. »Nun – kennt jemand den Namen dieser Kreaturen? Miss Granger?«
»Bowtruckles«, sagte Hermine. »Sie sind Baumwächter und leben normalerweise in Zauberstabbäumen.«
»Fünf Punkte für Gryffindor«, sagte Professor Raue-Pritsche. »Ja, dies sind Bowtruckles, und wie Miss Granger richtig sagt, leben sie meist in Bäumen, aus deren Holz Zauberstäbe gefertigt werden können. Weiß jemand, was sie fressen?«
»Holzläuse«, antwortete Hermine prompt, und das erklärte, warum die vermeintlichen braunen Reiskörner sich bewegten. »Aber auch Feeneier, wenn sie welche kriegen können.«
»Sehr gut, noch mal fünf Punkte für Sie. Also, wann immer Sie Blätter oder Holz von einem Baum brauchen, in dem ein Bowtruckle wohnt, ist es klug, Holzläuse als Geschenk mitzubringen, um ihn abzulenken oder zu besänftigen. Sie sehen vielleicht nicht gefährlich aus, aber wenn man sie ärgert, versuchen sie die Augen der Menschen mit ihren Fingern auszustechen. Diese sind, wie Sie sehen, messerscharf und sollten lieber nicht in die Nähe eines Augapfels gelangen. Wenn Sie nun bitte zu mir kommen und sich ein paar Holzläuse und einen Bowtruckle nehmen – ich habe genug hier, je drei von Ihnen können sich einen teilen und ihn genauer untersuchen. Bis zum Ende des Unterrichts erwarte ich von allen eine Skizze, in der sämtliche Körperteile verzeichnet sind.«
Die Klasse drängte vor und scharte sich um den Zeichentisch. Harry ging absichtlich um den Tisch herum, so dass er genau neben Professor Raue-Pritsche zu stehen kam.
»Wo ist Hagrid?«, fragte er sie, während alle anderen sich Bowtruckles aussuchten.
»Das geht Sie nichts an«, erwiderte Professor Raue-Pritsche schroff, wie schon beim letzten Mal, als Hagrid nicht zum Unterricht erschienen war. Draco Malfoy feixte über sein ganzes spitzes Gesicht, lehnte sich über Harry hinweg und packte den größten Bowtruckle.
»Vielleicht«, sagte Malfoy halblaut, so dass nur Harry ihn hören konnte, »vielleicht hat sich der dumme Riesentölpel ja was Ernstes getan.«
»Vielleicht tust du dir gleich was Ernstes, wenn du nicht die Klappe hältst«, zischte Harry aus dem Mundwinkel.
»Vielleicht hat er sich in Angelegenheiten eingemischt, denen er nicht gewachsen war, wenn du verstehst, was ich meine.«
Malfoy zog davon und grinste über die Schulter zu Harry hinüber, dem plötzlich schlecht wurde. Wusste Malfoy etwas? Schließlich war sein Vater ein Todesser; vielleicht hatte er Informationen über Hagrids Schicksal, die dem Orden noch nicht bekannt waren? Hastig lief er um den Tisch herum zurück zu Ron und Hermine, die in einiger Entfernung auf dem Gras hockten und einen Bowtruckle dazu bringen wollten, lange genug stillzuhalten, bis sie ihn gezeichnet hatten. Harry zog Pergament und Feder hervor, kauerte sich neben sie und erzählte flüsternd, was Malfoy eben gesagt hatte.
»Dumbledore würde es wissen, wenn Hagrid etwas zugestoßen wäre«, sagte Hermine sofort. »Wenn wir besorgt aussehen, spielen wir nur Malfoy in die Hände. Damit verraten wir ihm, dass wir nicht genau wissen, was eigentlich vor sich geht. Wir dürfen ihn nicht beachten, Harry. Hier, halt mal kurz den Bowtruckle, damit ich sein Gesicht zeichnen kann …«
»Ja«, drang unverkennbar Malfoys gedehnte Stimme von der nächsten Gruppe zu ihnen herüber. »Mein Vater hat erst vor ein paar Tagen mit dem Minister gesprochen, und es hört sich an, als wäre das Ministerium wirklich entschlossen, Schluss zu machen mit dem niveaulosen Unterricht in dieser Anstalt. Sollte dieser ins Kraut geschossene Schwachkopf also tatsächlich wieder auftauchen, darf er wahrscheinlich gleich seine Sachen packen.«
»AUTSCH!«
Harry hatte den Bowtruckle so fest gepackt, dass er fast zerbrach. Aus Rache hatte dieser ihm mit scharfen Fingern einen heftigen Schlag verpasst, der zwei lange, tiefe Schnitte auf Harrys Hand hinterließ. Harry ließ ihn fallen. Crabbe und Goyle, die gerade schallend darüber gelacht hatten, dass Hagrid womöglich an die Luft gesetzt werden würde, lachten noch lauter, als der Bowtruckle blitzschnell auf den Wald zustakste und das kleine Zweigmännchen rasch zwischen den Baumwurzeln verschwand. Dann läutete es von fern über die Schlossgründe. Harry rollte sein blutverschmiertes Bowtruckle-Bild zusammen und ging schnellen Schrittes, die Hand in Hermines Taschentuch gewickelt und Malfoys hämisches Gelächter noch in den Ohren, zu Kräuterkunde hinüber.
»Wenn er Hagrid noch ein einziges Mal einen Schwachkopf nennt …«, knurrte Harry wütend.
»Harry, such bloß keinen Streit mit Malfoy, vergiss nicht, er ist jetzt Vertrauensschüler, er könnte dir das Leben schwer machen …«
»Ach wirklich? Wie es wohl ist, wenn einem das Leben schwer gemacht wird?«, gab Harry trocken zurück. Ron lachte, aber Hermine runzelte die Stirn. Zusammen schlenderten sie durchs Gemüsebeet. Der Himmel schien immer noch nicht imstande zu entscheiden, ob es regnen sollte oder nicht.
»Ich möchte nichts weiter, als dass Hagrid sich beeilt und zurückkommt«, sagte Harry leise, als sie die Gewächshäuser erreichten. »Und sag ja nicht, dass diese Raue-Pritsche eine bessere Lehrerin ist«, fügte er drohend hinzu.
»Wollte ich gar nicht«, sagte Hermine ruhig.
»Weil die nie so gut sein wird wie Hagrid«, sagte Harry nachdrücklich, wobei ihm vollkommen bewusst war, dass er soeben eine beispielhafte Stunde in Pflege magischer Geschöpfe erlebt hatte, was ihn gründlich ärgerte.
Die Tür des nächsten Gewächshauses ging auf und ein paar Viertklässler schwärmten heraus, unter ihnen Ginny.
»Hi«, sagte sie fröhlich im Vorbeigehen. Wenige Augenblicke später tauchte Luna Lovegood auf und trödelte hinter dem Rest der Klasse her, einen Fleck Erde auf der Nase und das Haar zu einem Knoten hochgebunden. Als sie Harry sah, schienen ihre Glubschaugen vor Aufregung hervorzuquellen, und sie ging geradewegs auf ihn zu. Viele seiner Klassenkameraden drehten sich neugierig um. Luna holte tief Luft und sagte, ohne ihre Zeit mit einem einleitenden Hallo zu verschwenden: »Ich glaube, Er, dessen Name nicht genannt werden darf, ist zurück, und ich glaube, du hast mit ihm gekämpft und bist ihm entwischt.«
»Ähm – schön«, sagte Harry verlegen. Luna trug etwas wie ein Paar orangefarbener Radieschen als Ohrringe, was Parvati und Lavender offenbar aufgefallen war, da sie beide kichernd auf Lunas Ohrläppchen deuteten.
»Lacht ihr nur«, sagte Luna, und ihre Stimme wurde lauter, offenbar weil sie glaubte, dass Parvati und Lavender über das lachten, was sie gesagt hatte, und nicht über das, was sie trug, »aber früher haben die Leute auch geglaubt, dass es so was wie den Schlibbrigen Summlinger oder den Schrumpfhörnigen Schnarchkackler nicht gibt!«
»Da hatten sie doch Recht, oder?«, sagte Hermine unwirsch. »Es gab nie so was wie den Schlibbrigen Summlinger oder den Schrumpfhörnigen Schnarchkackler.«
Luna warf ihr einen vernichtenden Blick zu und stolzierte mit wild baumelnden Radieschen davon. Parvati und Lavender waren jetzt nicht mehr die Einzigen, die johlten vor Lachen.
»Würd’s dir was ausmachen, die einzigen Leute, die mir glauben, nicht vor den Kopf zu stoßen?«, fragte Harry Hermine auf dem Weg in den Unterricht.
»Ach, um Himmels willen, Harry, die brauchst du doch wirklich nicht«, erwiderte Hermine. »Ginny hat mir alles über sie erzählt; offenbar glaubt sie nur an etwas, solange es dafür keine Beweise gibt. Na ja, von jemandem, dessen Vater den Klitterer herausgibt, ist wohl nichts anderes zu erwarten.«
Harry fielen die unheimlichen geflügelten Pferde ein, die er am Abend seiner Ankunft gesehen hatte und von denen Luna behauptet hatte, auch sie könne sie sehen. Ihm sank ein wenig die Laune. Hatte sie gelogen? Doch bevor er länger darüber nachdenken konnte, war Ernie Macmillan zu ihm herübergekommen.
»Ich möchte, dass du weißt, Potter«, sagte er mit lauter, tragender Stimme, »dass es nicht nur Spinner sind, die dich unterstützen. Ich persönlich glaube dir hundertprozentig. Meine Familie stand immer fest hinter Dumbledore und das tue ich auch.«
»Ähm – vielen Dank, Ernie«, sagte Harry verdutzt, aber erfreut. Ernie mochte bei Gelegenheiten wie dieser hier etwas geschwollen daherreden, aber so wie es um Harrys Laune stand, wusste er die Vertrauensbekundung von jemandem, dem keine Radieschen von den Ohren baumelten, durchaus zu schätzen. Ernies Worte hatten jedenfalls das Lächeln von Lavender Browns Gesicht gewischt, und als Harry sich Ron und Hermine zuwandte, erhaschte er einen Blick auf Seamus’ Miene, die verwirrt und trotzig zugleich wirkte.
Niemand war überrascht, als Professor Sprout ihre Stunde mit einem Vortrag über die Bedeutung der ZAGs begann. Harry hätte sich gewünscht, die Lehrer würden das allesamt bleiben lassen; allmählich überkam ihn jedes Mal, wenn ihm wieder einfiel, wie viele Hausaufgaben er noch zu erledigen hatte, ein bohrendes Gefühl von Angst im Magen, das sich dramatisch verschlimmerte, als Professor Sprout ihnen am Ende der Stunde noch einen weiteren Aufsatz aufgab. Müde und stark nach Professor Sprouts Lieblingsdünger, Drachenmist, riechend, marschierten die Gryffindors wieder hoch zum Schloss, und keiner von ihnen verlor viele Worte; es war wieder ein langer Tag gewesen.
Da Harry fürchterlich hungrig war und er um fünf zum ersten Mal bei Umbridge nachsitzen musste, brachte er seine Tasche nicht erst hinauf in den Gryffindor-Turm, sondern ging gleich zum Abendessen, damit er noch etwas hinunterschlingen konnte, bevor er sich dem stellte, was sie für ihn in petto hatte. Kaum jedoch hatte er den Eingang zur Großen Halle erreicht, da rief eine laute und zornige Stimme: »Hi, Potter!«
»Was ist denn jetzt wieder los?«, murmelte er matt, wandte sich um und sah Angelina Johnson vor sich, die offenbar ziemlich wütend war.
»Ich erzähl dir gleich, was jetzt wieder los ist«, sagte sie, rückte ihm dicht auf die Pelle und bohrte ihm den Finger in die Brust. »Wie hast du es geschafft, dir für Freitag um fünf Uhr Nachsitzen einzuhandeln?«
»Was?«, sagte Harry. »Warum … ach ja, die Auswahlspiele für den Hüter!«
»Jetzt fällt’s ihm wieder ein!«, fauchte Angelina. »Hab ich dir nicht gesagt, ich will ein Auswahlspiel mit der ganzen Mannschaft und jemanden finden, der zu allen passt? Hab ich dir nicht gesagt, dass ich eigens das Quidditch-Feld gebucht hab? Und da hast du beschlossen, nicht dabei zu sein!«
»Ich hab nicht beschlossen, nicht dabei zu sein!«, sagte Harry, den die Ungerechtigkeit ihrer Worte kränkte. »Diese Umbridge hat mir Nachsitzen aufgebrummt, nur weil ich ihr die Wahrheit über Du-weißt-schon-wen gesagt habe.«
»Na, dann tanz mal gleich bei ihr an und frag sie, ob sie dich Freitag gehen lässt«, sagte Angelina wütend, »und mir ist schnuppe, wie du das anstellst. Sag ihr von mir aus, Du-weißt-schon-wer ist ein Auswuchs deiner Phantasie, aber sieh zu, dass du kommst!«
Sie stürmte davon.
»Wisst ihr was?«, sagte Harry zu Ron und Hermine, als sie die Große Halle betraten. »Wir sollten mal bei Eintracht Pfützensee nachfragen, ob Oliver Wood beim Training umgekommen ist, Angelina ist nämlich eindeutig von seinem Geist ergriffen.«
»Was meinst du, wie stehen die Chancen, dass dich Umbridge am Freitag laufen lässt?«, meinte Ron skeptisch, als sie sich an den Gryffindor-Tisch setzten.
»Unter null«, sagte Harry verdrossen, gabelte sich Lammkoteletts auf den Teller und fing an zu essen. »Aber ich werd’s trotzdem probieren. Ich biete ihr zweimal Nachsitzen zusätzlich an oder so, keine Ahnung …« Er schluckte einen Mund voll Kartoffeln hinunter und fügte hinzu: »Hoffentlich behält sie mich heute Abend nicht zu lange da. Immerhin müssen wir drei Aufsätze schreiben, Verschwindezauber für McGonagall üben, einen Gegenzauber für Flitwick austüfteln, die Bowtruckle-Zeichnung fertig machen und mit diesem bescheuerten Traumtagebuch für Trelawney anfangen.«
Ron stöhnte und sah aus irgendeinem Grund zur Decke.
»Und es sieht ganz nach Regen aus.«
»Was hat das mit unseren Hausaufgaben zu tun?«, fragte Hermine mit hochgezogenen Augenbrauen.
»Nichts«, sagte Ron schnell und seine Ohren liefen rot an.
Um fünf vor fünf verabschiedete sich Harry von den anderen beiden und machte sich auf zu Umbridges Büro im dritten Stock. Als er an ihre Tür klopfte, rief sie mit zuckersüßer Stimme »Herein«. Vorsichtig trat er ein und sah sich um.
Er kannte dieses Büro von dreien ihrer Vorgänger. Als Gilderoy Lockhart noch hier gewaltet hatte, war es mit strahlenden Porträts seiner selbst tapeziert gewesen. Als Lupin hier Lehrer gewesen war, konnte man zuweilen, wenn man bei ihm vorbeischaute, einem faszinierenden dunklen Geschöpf in einem Käfig oder Aquarium begegnen. In den Tagen des Doppelgängers von Moody hatten diverse Apparaturen und Gerätschaften hier herumgestanden, mit denen Fehlverhalten und Heimlichkeiten aufgespürt werden konnten.
Nun jedoch war das Büro nicht mehr wiederzuerkennen. Auf sämtlichen Möbeln waren Spitzendecken und Tücher drapiert. Mehrere Vasen mit Trockenblumen standen herum, jede auf ihrem Untersetzer, und an einer Wand hing eine Sammlung von Ziertellern, alle mit großen quietschbunten Kätzchen bemalt, die jeweils eine andere Schleife um den Hals trugen. Sie waren so scheußlich, dass Harry sie verdutzt anstarrte, bis Professor Umbridge zu sprechen begann.
»Guten Abend, Mr Potter.«
Harry schreckte hoch und wandte ihr den Blick zu. Er hatte sie noch gar nicht bemerkt, weil sie einen grell geblümten Umhang trug, der nur zu gut mit der Decke auf dem Schreibtisch hinter ihr harmonierte.
»’n Abend, Professor Umbridge«, sagte Harry steif.
»Nun, nehmen Sie Platz«, sagte sie und deutete auf einen kleinen Tisch mit Spitzendeckchen, vor den sie einen Stuhl mit steiler Lehne gestellt hatte. Ein leeres Pergamentblatt lag auf dem Tisch, offenbar wartete es auf ihn.
»Ähm«, sagte Harry, ohne sich zu rühren. »Professor Umbridge. Ähm – bevor wir anfangen, wollte ich – ich Sie um einen – einen Gefallen bitten.«
Ihre Glubschaugen wurden schmal.
»Ach ja?«
»Nun, ich … ich bin in der Quidditch-Mannschaft von Gryffindor und ich sollte eigentlich bei den Auswahlspielen für den neuen Hüter am Freitag um fünf dabei sein und ich wüsste – wüsste gern, ob ich das Nachsitzen an diesem Abend nicht ausfallen lassen könnte und es – und es an einem anderen Abend … nachholen …«
Lange bevor er zum Ende seines Satzes kam, wusste er, dass es keinen Zweck hatte.
»O nein!«, sagte Umbridge und lächelte so breit, dass sie aussah, als hätte sie gerade eine besonders saftige Fliege geschluckt. »O nein, nein, nein. Dies ist Ihre Strafe dafür, dass Sie böse, widerwärtige, Aufmerksamkeit heischende Geschichten verbreitet haben, Mr Potter, und Strafen können sich selbstverständlich nicht nach den Launen des Schuldigen richten. Nein, Sie werden morgen Nachmittag um fünf Uhr kommen und am Tag darauf und auch am Freitag, und Sie werden Ihre Strafarbeiten wie geplant erledigen. Ich denke, es hat eher sein Gutes, dass Ihnen einmal etwas entgeht, was Sie wirklich gerne tun wollen. Das sollte der Lektion, die ich Ihnen zu erteilen gedenke, Nachdruck verleihen.«
Harry spürte, wie ihm das Blut in den Kopf schoss, und hatte ein dumpfes Pochen in den Ohren. Er verbreitete also »böse, widerwärtige und Aufmerksamkeit heischende Geschichten«?
Sie beobachtete ihn mit leicht zur Seite geneigtem Kopf, noch immer breit lächelnd, als wüsste sie genau, was er dachte, und wartete nur darauf, ob er wieder laut werden würde. Mit Mühe wandte Harry den Blick von ihr ab, ließ seine Schultasche neben den Stuhl mit der steilen Lehne fallen und setzte sich.
»Na also«, sagte Umbridge süßlich, »wir lernen offenbar bereits, unser Temperament zu zügeln, nicht wahr? Nun, Sie werden jetzt ein paar Zeilen für mich schreiben, Mr Potter. Nein, nicht mit Ihrer Feder«, fügte sie hinzu, als Harry sich bückte und seine Tasche öffnen wollte. »Sie werden eine ganz spezielle von mir verwenden. Hier, bitte sehr.«
Sie reichte ihm eine lange, dünne schwarze Feder mit ungewöhnlich scharfer Spitze.
»Ich möchte, dass Sie schreiben: Ich soll keine Lügen erzählen«, befahl sie leise.
»Wie oft?«, fragte Harry, glaubwürdig Höflichkeit heuchelnd.
»Oh, so lange es dauert, bis die Botschaft sich einprägt«, sagte Umbridge mit ihrer süßlichen Stimme. »Fangen Sie an.«
Sie ging hinüber zu ihrem Schreibtisch, setzte sich und beugte sich über einen Stapel Pergamente, offenbar Aufsätze, die es zu benoten galt. Harry hob die scharfe schwarze Feder, dann fiel ihm auf, was fehlte.
»Sie haben mir keine Tinte gegeben«, sagte er.
»Oh, Sie werden keine Tinte brauchen«, sagte Professor Umbridge mit dem leisen Anflug eines Lachens in der Stimme.
Harry setzte die Federspitze auf das Papier und schrieb: Ich soll keine Lügen erzählen.
Er keuchte auf vor Schmerz. Die Wörter waren auf dem Pergament erschienen, offenbar mit leuchtend roter Tinte geschrieben. Zugleich waren die Wörter auf dem Rücken von Harrys rechter Hand aufgetaucht, in seine Haut geschnitten, als hätte ein Skalpell sie dort eingeritzt. Noch während er auf die schimmernde Schnittwunde starrte, verheilte die Haut, und die Stelle mit der Schrift war nun leicht gerötet, aber wieder vollkommen glatt.
Harry wandte sich zu Umbridge um. Sie beobachtete ihn, ihr breites Krötenmaul zu einem Lächeln verzerrt.
»Ja?«
»Nichts«, sagte Harry leise.
Er blickte wieder auf das Pergament, setzte die Feder von neuem auf, schrieb Ich soll keine Lügen erzählen, und zum zweiten Mal spürte er den brennenden Schmerz auf seinem Handrücken; abermals waren die Wörter in seine Haut geritzt und abermals verheilte sie innerhalb von Sekunden.
Und so ging es weiter. Wieder und wieder schrieb Harry die Wörter auf das Pergament, nicht mit Tinte, wie ihm bald klar wurde, sondern mit seinem eigenen Blut. Und wieder und wieder ritzten sich die Wörter auf seinem Handrücken ein, verheilten und erschienen erneut, sobald er die Feder aufs Pergament setzte.
Draußen vor Umbridges Fenster brach die Dunkelheit herein. Harry fragte nicht, wann er aufhören durfte. Er sah nicht einmal auf seine Uhr. Er wusste, dass sie ihn beobachtete und auf ein Zeichen von Schwäche wartete, und er würde sich nichts dergleichen anmerken lassen, selbst dann nicht, wenn er hier die ganze Nacht sitzen und mit dieser Feder seine eigene Hand aufschneiden musste …
»Kommen Sie her«, sagte sie, und es kam ihm vor, als wären Stunden vergangen.
Er stand auf. Seine Hand brannte vor Schmerz. Als er sie ansah, stellte er fest, dass der Schnitt verheilt, die Haut aber wundrot war.
»Hand«, sagte sie.
Er streckte ihr die Hand entgegen. Sie nahm sie in die ihre. Harry unterdrückte ein Schaudern, als sie ihn mit ihren dicken Stummelfingern berührte, an denen sie etliche hässliche, alte Ringe trug.
»Aber, aber, ich scheine ja noch nicht viel Eindruck gemacht zu haben«, sagte sie lächelnd. »Nun, da müssen wir es morgen Abend einfach noch mal versuchen, nicht wahr? Sie können gehen.«
Harry verließ ihr Büro, ohne ein Wort zu sagen. Die Schule war völlig ausgestorben; gewiss war es schon nach Mitternacht. Er ging langsam den Korridor entlang, und dann, als er um die Ecke gebogen und sicher war, dass sie ihn nicht hören konnte, fing er an zu rennen.
Er hatte keine Zeit gehabt, Verschwindezauber zu üben, hatte keinen einzigen Traum in sein Traumtagebuch geschrieben, den Bowtruckle nicht fertig gezeichnet und auch die Aufsätze nicht geschrieben. Am nächsten Morgen ließ er das Frühstück ausfallen, schmierte ein paar erfundene Träume für Wahrsagen in der ersten Stunde hin und stellte überrascht fest, dass Ron, der ziemlich zerzaust aussah, ihm Gesellschaft leistete.
»Wieso hast du das nicht gestern Abend gemacht?«, fragte Harry, während Ron auf der Suche nach einer Anregung hektisch im Gemeinschaftsraum umherstarrte. Ron hatte fest geschlafen, als Harry in den Schlafsaal gekommen war, und murmelte nun etwas von wegen, er hätte »andere Dinge zu tun« gehabt, beugte sich dann tief über sein Pergament und kritzelte ein paar Worte.
»Das muss reichen«, sagte er und schlug das Tagebuch zu. »Ich hab geschrieben, ich hätte geträumt, wie ich ein neues Paar Schuhe kaufte, da kann sie ja nichts Komisches draus lesen, oder?«
Eilends machten sie sich zusammen auf zum Nordturm.
»Wie war eigentlich das Nachsitzen bei Umbridge? Was musstest du machen?«
Harry zögerte einen winzigen Augenblick, dann sagte er: »Sätze schreiben.«
»Das ging ja noch, was?«, sagte Ron.
»Hm«, machte Harry.
»Hey – hab ich ganz vergessen – wird sie dich am Freitag laufen lassen?«
»Nein«, sagte Harry.
Ron stöhnte mitleidvoll.
Es war abermals ein übler Tag für Harry; er war einer der Schlechtesten in Verwandlung, weil er überhaupt keine Verschwindezauber geübt hatte. Er musste seine Mittagspause opfern, um den Bowtruckle fertig zu zeichnen, und überdies gaben ihnen die Professorinnen McGonagall, Raue-Pritsche und Sinistra noch mehr Hausaufgaben, die er an diesem Abend wegen seines zweiten Nachsitzens bei Umbridge unmöglich erledigen konnte. Zu allem Überfluss stellte ihn Angelina Johnson beim Abendessen erneut zur Rede, und als sie hörte, dass er nicht bei den Auswahlspielen für den Hüter am Freitag dabei sein konnte, erklärte sie ihm, ihm fehle die richtige Einstellung und sie erwarte von Spielern, die in der Mannschaft bleiben wollten, dass sie das Training allen anderen Verpflichtungen voranstellten.
»Ich muss nachsitzen!«, rief ihr Harry hinterher, als sie davonstolzierte. »Glaubst du vielleicht, ich stecke lieber in einem Zimmer mit dieser alten Kröte, als Quidditch zu spielen?«
»Wenigstens musst du nur Sätze schreiben«, sagte Hermine tröstend, als Harry auf die Bank zurücksank und auf seine Steak-und-Nieren-Pastete hinabblickte, die er nicht mehr besonders verlockend fand. »So schrecklich ist die Strafe nun auch wieder nicht, echt mal …«
Harry öffnete den Mund, schloss ihn wieder und nickte. Er wusste nicht genau, warum er Ron und Hermine verschwieg, was in Umbridges Zimmer wirklich geschah. Er wusste nur, dass er ihre entsetzten Gesichter nicht sehen wollte, denn dann würde ihm alles nur noch schlimmer vorkommen und damit noch schwieriger zu ertragen. Auch spürte er dunkel, dass dies eine Sache zwischen ihm und Umbridge war, ein persönlicher Kampf Wille gegen Wille, und er würde ihr nicht die Genugtuung verschaffen zu hören, dass er sich darüber beschwert hatte.
»Ich kann einfach nicht fassen, wie viel Hausaufgaben wir aufhaben«, sagte Ron niedergeschlagen.
»Tja, warum hast du nicht gestern Abend welche erledigt?«, fragte ihn Hermine. »Wo warst du eigentlich?«
»Ich war … ich hatte Lust auf ’nen Spaziergang«, sagte Ron leichthin.
Harry hatte den deutlichen Verdacht, dass er im Moment nicht der Einzige war, der etwas verheimlichte.
Das zweite Nachsitzen war ebenso schlimm wie das erste. Die Haut auf Harrys Handrücken war nun schneller gereizt und bald rot und entzündet. Harry glaubte nicht, dass sie weiterhin so zügig verheilen würde. Bald würden die Schnitte in seiner Hand eingraviert bleiben und vielleicht war Umbridge dann zufrieden. Dennoch blieb er darauf bedacht, trotz aller Schmerzen keinen Laut von sich zu geben, und von dem Augenblick an, da er das Zimmer betrat, bis zu dem Augenblick, da sie ihn, wiederum nach Mitternacht, entließ, sagte er nichts als »Guten Abend« und »Gute Nacht«.
Mit seinen Hausaufgaben allerdings war es nun zum Verzweifeln. Obwohl er völlig erschöpft in den Gryffindor-Gemeinschaftsraum zurückkam, ging er nicht zu Bett, sondern schlug seine Bücher auf und begann mit dem Mondsteinaufsatz für Snape. Als er damit fertig war, war es halb drei. Er wusste, dass der Aufsatz wenig taugte, aber es half nichts; wenn er nichts abzugeben hatte, würde er als Nächstes bei Snape Strafstunden absitzen. Dann kritzelte er Antworten auf die Fragen hin, die Professor McGonagall ihnen gestellt hatte, stoppelte etwas über den artgerechten Umgang mit Bowtruckles für Professor Raue-Pritsche zusammen und taumelte schließlich hoch in den Schlafsaal, wo er sich in seinen Kleidern auf die Bettdecke fallen ließ und sofort einschlief.
Der Donnerstag ging in einem Nebel von Müdigkeit dahin. Auch Ron war offenbar sehr müde, obwohl Harry nicht wusste, wieso. Sein drittes Nachsitzen verlief wie die beiden zuvor, nur verschwanden nach zwei Stunden die Wörter Ich soll keine Lügen erzählen nicht mehr von seinem Handrücken, sondern blieben dort eingeritzt und sonderten Blutstropfen ab. Weil das Kratzen der spitzen Feder einen Moment aussetzte, blickte Professor Umbridge auf.
»Ah«, sagte sie mit weicher Stimme und kam hinter ihrem Schreibtisch hervor, um die Hand persönlich zu untersuchen. »Gut. Das sollte Ihnen eine Lehre sein, nicht wahr? Sie können für heute Abend gehen.«
»Muss ich trotzdem morgen wiederkommen?«, sagte Harry und griff seine Schultasche mit der linken und nicht mit der brennenden rechten Hand.
»O ja«, sagte Professor Umbridge, wie stets mit einem breiten Lächeln. »Ja, ich denke, wir können die Botschaft mit der Arbeit eines weiteren Abends noch ein wenig tiefer einprägen.«
Harry hatte noch nie überlegt, ob es vielleicht einen Lehrer auf der Welt geben könnte, den er mehr hasste als Snape, aber während er zum Gryffindor-Turm zurückging, musste er zugeben, dass Snape eine ernsthafte Konkurrentin bekommen hatte. Sie ist böse, dachte er, als er die Treppe zum siebten Stock hochstieg, sie ist eine böse, gemeine, wahnsinnige alte –
»Ron?«
Er hatte den Treppenabsatz erreicht, war nach rechts gegangen und fast mit Ron zusammengeprallt, der hinter einer Statue von Lachlan dem Lulatsch lauerte und seinen Besen umklammerte. Als er Harry sah, machte er überrascht einen Satz und versuchte den neuen Sauberwisch Elf hinter seinem Rücken zu verstecken.
»Was treibst du hier?«
»Ähm – nichts. Was treibst du hier?«
Harry sah ihn stirnrunzelnd an.
»Komm schon, mir kannst du es erzählen. Warum versteckst du dich hier?«
»Ich – ich versteck mich vor Fred und George, wenn du’s unbedingt wissen willst«, sagte Ron. »Die sind eben mit ein paar Erstklässlern vorbeigekommen. Ich wette, die testen wieder Sachen an denen aus. Jetzt können sie es ja nicht mehr im Gemeinschaftsraum machen, oder? Jedenfalls nicht, wenn Hermine da ist.«
Er redete fieberhaft überstürzt.
»Aber wozu hast du deinen Besen dabei, du bist doch nicht etwa geflogen?«, fragte Harry.
»Ich – nun – na ja, okay, ich sag’s dir, aber nicht lachen, ja?«, stammelte Ron abwehrend und lief mit jeder Sekunde röter an. »Ich – ich dachte, ich könnte es mal als Gryffindor-Hüter probieren, jetzt, wo ich einen anständigen Besen habe. So. Da hast du’s. Jetzt lach schon.«
»Ich lache nicht«, sagte Harry. Ron sah ihn erstaunt an. »Glänzende Idee! Wär wirklich toll, wenn du in die Mannschaft kämst! Ich hab dich nie Hüter spielen sehen, bist du gut?«
»Ich bin nicht schlecht«, sagte Ron, der ungeheuer erleichtert über Harrys Reaktion wirkte. »Charlie, Fred und George haben mich immer den Hüter machen lassen, wenn sie in den Ferien trainiert haben.«
»Also hast du heute Abend geübt?«
»Jeden Abend seit Dienstag … aber nur für mich allein. Ich hab versucht Quaffel zu verhexen, damit sie auf mich zufliegen, aber es war nicht so einfach, und ich weiß nicht, ob es mir was bringt.« Ron wirkte nervös und beklommen. »Fred und George werden sich dumm und dämlich lachen, wenn ich bei den Auswahlspielen auftauche. Seit ich zum Vertrauensschüler ernannt wurde, nehmen die mich dauernd auf den Arm.«
»Wenn ich nur dabei sein könnte«, sagte Harry bitter, als sie sich zusammen auf den Weg zum Gemeinschaftsraum machten.
»Ja, finde ich auch – Harry, was hast du da auf der Hand?«
Harry, der sich gerade mit der freien rechten Hand an der Nase gekratzt hatte, versuchte sie ebenso erfolglos zu verstecken wie Ron zuvor seinen Sauberwisch.
»Hab mich nur geschnitten – nichts weiter – es ist –«
Aber Ron hatte Harrys Unterarm gepackt und zog Harrys Handrücken vor sein Gesicht. Eine Pause trat ein, während er auf die Wörter starrte, die in die Haut geritzt waren, dann ließ er Harry los, als würde ihm plötzlich schlecht.
»Ich dachte, du hättest gesagt, sie würde dich nur Sätze schreiben lassen?«
Harry zögerte, aber schließlich war Ron ehrlich zu ihm gewesen, und so erzählte er ihm die Wahrheit über die Stunden, die er in Umbridges Büro verbrachte.
»Die alte Hexe!«, wisperte Ron empört, als sie vor der fetten Dame ankamen, die, den Kopf an ihren Rahmen gelehnt, friedlich döste. »Die ist krank! Geh zu McGonagall und sag was!«
»Nein«, erwiderte Harry rasch. »Ich geb ihr nicht die Genugtuung zu erfahren, wie sie mir zusetzt.«
»Zusetzt? Damit darfst du sie nicht durchkommen lassen!«
»Ich weiß nicht, wie viel Macht McGonagall über sie hat«, sagte Harry.
»Dann Dumbledore, erzähl es Dumbledore!«
»Nein«, sagte Harry entschieden.
»Warum nicht?«
»Er hat genug um die Ohren«, sagte Harry, aber das war nicht der wahre Grund. Dumbledore, der doch seit Juni nicht mehr mit ihm gesprochen hatte, wollte er nicht um Hilfe bitten.
»Also, ich finde, du solltest –«, begann Ron, wurde jedoch von der fetten Dame unterbrochen, die sie schlaftrunken beobachtet hatte und jetzt herausplatzte: »Sagt ihr mir jetzt das Passwort oder muss ich die ganze Nacht wach bleiben, bis ihr euer Gespräch beendet habt?«
Der Freitag brach so düster und nass an wie die anderen Tage der Woche. Als Harry die Große Halle betrat, warf er automatisch einen Blick hinüber zum Lehrertisch, allerdings ohne ernsthaft zu hoffen, dass er Hagrid sehen würde. Schnell wandte er sich wieder drängenderen Problemen zu, etwa dem riesigen Berg an Hausaufgaben, die er noch erledigen musste, und der Aussicht auf eine weitere Strafarbeit bei Umbridge.
Zweierlei hielt Harry an diesem Tag bei Laune. Zum einen der Gedanke, dass bald Wochenende war, zum anderen, dass er von Umbridges Fenster aus, so schrecklich das letzte Nachsitzen auch sein würde, von weitem das Quidditch-Feld sehen konnte und mit ein wenig Glück vielleicht etwas von Rons Auswahlspiel mitbekommen würde. Das waren recht kärgliche Lichtblicke, gewiss, aber Harry war dankbar für alles, was seine gegenwärtig triste Stimmung aufhellen konnte. Noch nie hatte er eine so schlimme erste Woche in Hogwarts erlebt.
Um fünf Uhr nachmittags klopfte er an die Tür zu Professor Umbridges Büro, zum letzten Mal, wie er flehentlich hoffte, und wurde hereingerufen. Das leere Pergament lag auf dem Tisch mit dem Spitzendeckchen für ihn bereit, die scharfe schwarze Feder daneben.
»Sie wissen, was Sie zu tun haben, Mr Potter«, sagte Umbridge mit ihrem süßlichen Lächeln.
Harry nahm die Feder und spähte durch das Fenster. Wenn er seinen Stuhl nur ein wenig nach rechts rückte … Er tat, als wolle er den Stuhl näher zum Tisch schieben, und schaffte es: Jetzt konnte er in der Ferne die Quidditch-Spieler von Gryffindor sehen, die über dem Feld auf und ab schossen, während ein halbes Dutzend schwarzer Gestalten am Fuß der drei hohen Torstangen offenbar darauf wartete, als Hüter an die Reihe zu kommen. Es war auf diese Entfernung unmöglich, zu sagen, wer davon Ron war.
Ich soll keine Lügen erzählen, schrieb Harry. Die Schnitte auf seinem rechten Handrücken öffneten sich und begannen wieder zu bluten.
Ich soll keine Lügen erzählen. Die Schnitte vertieften sich, es stach und brannte.
Ich soll keine Lügen erzählen. Blut tröpfelte über sein Handgelenk.
Er wagte noch einen flüchtigen Blick aus dem Fenster. Wer immer es war, der gerade die Tore verteidigte, machte seine Sache ziemlich schlecht. Katie Bell traf zweimal in den paar Sekunden, die Harry sich zuzusehen traute. Er hoffte inständig, dass der Hüter nicht Ron war, und senkte die Augen wieder auf das mit Blut besprenkelte Pergament.
Ich soll keine Lügen erzählen.
Ich soll keine Lügen erzählen.
Er blickte auf, wann immer er meinte, es riskieren zu können: wenn er Umbridges Feder kratzen oder eine Schreibtischschublade aufgehen hörte. Der Dritte, der es probierte, war ziemlich gut, der Vierte war lausig, der Fünfte wich einem Klatscher ungewöhnlich gut aus, verschusselte dann aber einen leichten Quaffel. Der Himmel verdunkelte sich, und Harry bezweifelte, dass er den Sechsten und Siebten überhaupt würde sehen können.
Ich soll keine Lügen erzählen.
Ich soll keine Lügen erzählen.
Das Pergament leuchtete nun blutrot und sein Handrücken brannte. Als er wieder aufblickte, war es tiefe Nacht und er konnte das Quidditch-Feld nicht mehr sehen.
»Schauen wir mal, ob Sie die Botschaft schon verstanden haben«, tönte Umbridges weiche Stimme eine halbe Stunde später.
Sie trat auf ihn zu und langte mit ihren kurzen beringten Fingern nach seinem Arm. Und in dem Moment, als sie ihn ergriff, um die Wörter zu begutachten, die in seine Haut geschnitten waren, durchzuckte ihn ein sengender Schmerz, nicht an seinem Handrücken, sondern an seiner Narbe auf der Stirn. Im selben Augenblick hatte er eine äußerst merkwürdige Empfindung irgendwo in der Zwerchfellgegend.
Er entwand den Arm ihrem Griff, sprang auf und starrte sie an. Sie erwiderte seinen Blick und ein Lächeln verzerrte ihren breiten, schlaffen Mund.
»Ja, es tut weh, nicht wahr?«, sagte sie weich.
Er gab keine Antwort. Sein Herz schlug sehr heftig und schnell. Redete sie von seiner Hand, oder wusste sie, was er gerade an der Stirn gespürt hatte?
»Nun, ich denke, ich habe mein Anliegen deutlich gemacht, Mr Potter. Sie können gehen.«
Er griff nach seiner Schultasche und verließ den Raum, so schnell er konnte.
Bleib ruhig, sagte er sich, als er die Treppen hochsprintete. Bleib ruhig, das bedeutet nicht unbedingt das, was du denkst …
»Mimbulus mimbeltonia!«, keuchte er die fette Dame an und sie schwang wieder nach vorne.
Er wurde von donnerndem Lärm empfangen. Ron kam auf ihn zugerannt, er strahlte übers ganze Gesicht und bekleckerte sich die Brust mit Butterbier aus dem Kelch, den er in der Hand hielt.
»Harry, ich hab’s geschafft, ich bin dabei, ich bin Hüter!«
»Was? Oh – klasse!«, sagte Harry und versuchte ungezwungen zu lächeln, während sein Herz weiter raste und seine Hand pochte und blutete.
»Nimm dir ein Butterbier.« Ron drängte ihm eine Flasche auf. »Ich kann’s nicht fassen – wo ist eigentlich Hermine?«
»Sie ist dort drüben«, sagte Fred, der ebenfalls Butterbier trank, und wies auf einen Sessel am Feuer. Dort saß Hermine und döste, in der Hand ein Getränk, das bedenklich schwappte.
»Na ja, als ich es ihr gesagt habe, meinte sie, es würde sie freuen«, sagte Ron und sah ein wenig verstimmt aus.
»Lass sie schlafen«, sagte George hastig. Wenige Augenblicke später fiel Harry auf, dass einige der um sie versammelten Erstklässler eindeutig so aussahen, als hätten sie vor kurzem Nasenbluten gehabt.
»Komm mal her, Ron, lass uns schauen, ob dir Olivers alter Umhang passt«, rief Katie Bell, »wir können seinen Namen abtrennen und deinen draufnähen …«
Als Ron hinüberging, kam Angelina auf Harry zugeschritten.
»Tut mir leid, dass ich dich letztens ein bisschen schroff behandelt hab, Potter«, sagte sie ohne Umschweife. »Dieser Trainerkram ist stressig, weißt du, langsam überleg ich mir schon, ob ich nicht manchmal ein wenig ungerecht zu Wood war.« Sie musterte Ron mit einem leichten Stirnrunzeln über den Rand ihres Kelchs hinweg.
»Hör mal, ich weiß, er ist dein bester Kumpel, aber er ist nicht gerade umwerfend«, sagte sie offen heraus. »Trotzdem glaube ich, mit ein wenig Training wird noch was aus ihm. Schließlich kommt er aus einer Familie guter Quidditch-Spieler. Ich setze drauf, dass ein bisschen mehr Talent in ihm steckt, als er heute gezeigt hat, ehrlich gesagt. Vicky Frobisher und Geoffrey Hooper sind zwar heute Abend besser geflogen, aber Hooper ist ein echter Jammerlappen, dauernd stöhnt er über dies und das, und Vicky steckt in allen möglichen Vereinen. Wenn das Training sich mit dem Zauber-Klub überschneiden würde, dann würde sie lieber in den Klub gehen, hat sie selbst zugegeben. Aber egal, wir haben morgen um zwei eine Trainingsstunde, also sieh zu, dass du diesmal kommst. Und tu mir einen Gefallen und hilf Ron, so gut du kannst, okay?«
Er nickte und Angelina gesellte sich wieder zu Alicia Spinnet. Harry ging hinüber zu Hermine und setzte sich neben sie. Als er seine Tasche abstellte, schreckte sie hoch.
»Oh, Harry, du bist’s … schön für Ron, was?«, nuschelte sie. »Ich bin nur so – so – so – müde.« Sie gähnte. »Ich war bis eins auf und hab noch mehr Hüte gemacht. Total verrückt, wie die alle verschwinden!«
Und tatsächlich, jetzt, da er sich umsah, fiel Harry auf, dass überall im Raum, wo arglose Elfen sie zufällig mitnehmen könnten, Hüte versteckt waren.
»Großartig«, sagte Harry zerstreut; wenn er es nicht bald jemandem erzählte, dann platzte er noch. »Hör zu, Hermine, ich war gerade in Umbridges Büro und sie hat mich am Arm berührt …«
Hermine hörte aufmerksam zu. Als Harry geendet hatte, sagte sie langsam: »Und du machst dir Sorgen, dass Du-weißt-schon-wer sie beherrscht, wie er Quirrell beherrscht hat?«
»Na ja«, sagte Harry und senkte die Stimme, »das wäre doch möglich, oder?«
»Kann sein«, sagte Hermine, doch sie klang nicht überzeugt. »Aber ich glaube nicht, dass sie von ihm besessen ist, wie Quirrell es war, ich meine, er lebt doch jetzt wieder richtig, nicht wahr, er hat seinen eigenen Körper, er braucht keinen anderen in Besitz zu nehmen. Er könnte sie mit einem Imperius-Fluch belegt haben, denke ich …«
Harry sah einen Moment lang Fred, George und Lee Jordan dabei zu, wie sie mit leeren Butterbierflaschen jonglierten. Dann sagte Hermine: »Aber letztes Jahr hat deine Narbe geschmerzt, obwohl dich niemand berührt hat, und sagte Dumbledore da nicht, es hätte damit zu tun, was Du-weißt-schon-wer in diesen Momenten fühlte? Ich meine, vielleicht hat das überhaupt nichts mit Umbridge zu tun, vielleicht ist es nur Zufall, dass es passiert ist, während du bei ihr warst?«
»Sie ist böse«, sagte Harry entschieden. »Einfach fies.«
»Sie ist schrecklich, ja, aber … Harry, ich glaube, du solltest Dumbledore sagen, dass deine Narbe wehgetan hat.«
Es war das zweite Mal in zwei Tagen, dass er den Rat erhielt, zu Dumbledore zu gehen, und er antwortete Hermine das Gleiche wie Ron.
»Ich will ihn damit nicht belästigen. Du hast es ja eben selbst gesagt, es ist nichts Besonderes. Sie hat den ganzen Sommer über mal mehr, mal weniger wehgetan – heute Abend war es nur ein wenig schlimmer, nichts weiter –«
»Harry, ich bin mir sicher, dass Dumbledore damit belästigt werden will –«
»Tja«, rutschte es Harry raus, »das ist das Einzige an mir, das Dumbledore interessiert, nicht wahr, meine Narbe?«
»Das darfst du nicht sagen, es ist nicht wahr!«
»Ich glaub, ich schreib an Sirius und erzähl ihm davon, mal sehen, was er dazu sagt –«
»Harry, so was kannst du nicht in einen Brief schreiben!«, sagte Hermine erschrocken. »Weißt du nicht mehr, Moody hat uns gesagt, wir sollen vorsichtig sein bei dem, was wir schreiben! Wir müssen davon ausgehen, dass Eulen abgefangen werden!«
»Schon gut, schon gut, dann sag ich’s ihm eben nicht«, erwiderte Harry verärgert. Er stand auf. »Ich geh schlafen. Kannst du’s Ron ausrichten?«
»O nein«, sagte Hermine und sah erleichtert aus, »wenn du gehst, dann kann ich auch gehen, ohne unhöflich zu sein. Ich bin vollkommen erschöpft und will morgen noch ein paar Hüte stricken. Hör mal, wenn du Lust hast, kannst du mir helfen, das macht ziemlich Spaß, ich werd langsam besser, ich kann jetzt schon Muster und Bommeln und alles Mögliche.«
Harry blickte in ihr Gesicht, das vor Begeisterung glänzte, und versuchte eine Miene zu machen, als ob ihn ihr Angebot irgendwie verlocken würde.
»Ähm … nein, ich glaub, eher nicht, danke«, sagte er. »Ähm – nicht morgen, ich muss noch ’ne Menge Hausaufgaben machen …«
Er schlurfte hoch zum Jungenschlafsaal und ließ Hermine ein wenig enttäuscht zurück.
Percy und Tatze
Am nächsten Morgen erwachte Harry als Erster im Schlafsaal. Er blieb noch einen Moment liegen, sah zu, wie Staub in dem Sonnenstrahl wirbelte, der durch den Vorhangspalt seines Himmelbetts fiel, und genoss die Vorstellung, dass es Samstag war. Die erste Woche des Schuljahrs war ihm unendlich lang vorgekommen, wie eine gigantische Stunde Geschichte der Zauberei.
Offenbar war es kurz nach Tagesanbruch, denn es herrschte noch schläfrige Stille und der Sonnenstrahl wirkte taufrisch. Er zog die Vorhänge des Bettes zurück, stand auf und zog sich an. Außer dem fernen Vogelgezwitscher war nur das ruhige, tiefe Atmen seiner Schulkameraden in Gryffindor zu hören. Behutsam öffnete er seine Schultasche, zog Pergament und Schreibfeder heraus, verließ den Schlafsaal und stieg hinunter zum Gemeinschaftsraum.
Harry ging geradewegs auf seinen knuddligen alten Lieblingssessel neben dem erloschenen Feuer zu, machte es sich darin bequem, entrollte das Pergament und sah sich um. Zerknüllte Pergamentfetzen, alte Koboldsteine, leere Zutatengefäße und Süßigkeitenpapier – der ganze Abfall, der normalerweise am Ende des Tages im Gemeinschaftsraum verstreut lag, war verschwunden, außerdem sämtliche Elfenhüte von Hermine. Er fragte sich beiläufig, wie viele Elfen, ob sie es wollten oder nicht, inzwischen wohl befreit waren, entkorkte sein Tintenfass, tauchte seine Feder ein, hielt sie ein paar Zentimeter über das glatte, gelbliche Pergament und dachte angestrengt nach … aber eine gute Minute verging, und er starrte immer noch auf den leeren Kaminrost, ohne im Mindesten zu wissen, was er schreiben sollte.
Jetzt konnte er nachvollziehen, wie schwierig es für Ron und Hermine während des Sommers gewesen war, ihm Briefe zu schreiben. Wie sollte er Sirius all das berichten, was in der letzten Woche geschehen war, und all die Fragen stellen, die ihm auf den Nägeln brannten, ohne dass er möglichen Briefdieben eine Menge Informationen lieferte, die sie besser nicht bekamen?
Eine Weile saß er vollkommen reglos da und blickte in den Kamin, dann endlich fasste er einen Entschluss, tauchte die Feder erneut in das Tintenfass und setzte sie beherzt aufs Pergament.
Lieber Schnuffel,
ich hoffe, dir geht es gut, die erste Woche hier war schrecklich, ich bin wirklich froh, dass jetzt Wochenende ist.
Wir haben eine neue Lehrerin in Verteidigung gegen die dunklen Künste, Professor Umbridge. Sie ist fast so nett wie deine Mum. Ich schreibe dir, weil das, wovon ich dir letzten Sommer berichtet habe, gestern Abend wieder passiert ist, als ich bei Umbridge nachsitzen musste.
Wir alle vermissen unseren größten Freund, wir hoffen, er kommt bald zurück.
Gib mir bitte schnell Antwort.
Herzlichst
Harry
Harry las den Brief ein paar Mal durch und versuchte ihn vom Standpunkt eines Außenstehenden zu betrachten. Ein Fremder, der diesen Brief las, so befand er, konnte nicht herausfinden, worüber er da schrieb – oder wem er schrieb. Er hoffte nur, dass Sirius die Anspielung auf Hagrid aufgriff und ihm mitteilte, wann er zurückkehren würde. Harry wollte nicht direkt danach fragen, um nicht zu viel Aufmerksamkeit darauf zu lenken, was Hagrid möglicherweise während seiner Abwesenheit von Hogwarts unternahm.
Obwohl es ein sehr kurzer Brief war, hatte er doch lange dafür gebraucht; das Sonnenlicht war bis in die Mitte des Raums gekrochen, während er über dem Brief gebrütet hatte, und jetzt konnte er von oben aus den Schlafsälen fernes Getrappel hören. Er versiegelte das Pergament sorgfältig, kletterte durch das Porträtloch und machte sich auf den Weg in die Eulerei.
»Wenn ich du wäre, würde ich nicht da langgehen«, sagte der Fast Kopflose Nick und schwebte Harry, der durch den Korridor kam, aus einer Wand heraus direkt vor die Nase, so dass er kurz zusammenzuckte. »Peeves plant einen amüsanten Scherz auf Kosten der Person, die als Nächste an der Büste des Paracelsus in der Mitte dieses Korridors vorbeigeht.«
»Geht es darum, dass Paracelsus dieser Person auf den Kopf fallen soll?«, fragte Harry.
»In der Tat, witzigerweise«, sagte der Fast Kopflose Nick in gelangweiltem Ton. »Raffinesse war nie Peeves’ Stärke. Ich muss los, den Blutigen Baron suchen … vielleicht ist er in der Lage, diesem Treiben Einhalt zu gebieten … bis dann, Harry …«
»Ja, tschüss«, sagte Harry und statt nach rechts wandte er sich nach links und nahm einen längeren, aber weniger gefährlichen Weg hoch in die Eulerei. Seine Laune besserte sich unterwegs, da er aus jedem Fenster einen strahlend blauen Himmel sehen konnte; nachher hatte er noch Training, endlich ging es zurück aufs Quidditch-Feld.
Etwas streifte ihn an den Knöcheln. Er blickte hinab und sah Mrs Norris, die skelettdürre graue Katze des Hausmeisters, an sich vorbeihuschen. Einen Moment lang wandte sie ihm ihre gelben Lampenaugen zu, dann verschwand sie hinter einer Statue von Wilfried dem Wehmütigen.
»Ich mache nichts Verbotenes«, rief Harry ihr nach. Sie gebärdete sich unverkennbar wie eine Katze, die drauf und dran war, ihrem Herrchen Meldung zu erstatten, doch Harry zerbrach sich vergeblich den Kopf, warum; er hatte unzweifelhaft das Recht, an einem Samstagmorgen in die Eulerei hinaufzusteigen.
Die Sonne stand inzwischen hoch am Horizont, und als Harry die Eulerei betrat, blendete ihn das Licht, das durch die glaslosen Fenster fiel; dicke, silbrige Sonnenstrahlen durchschnitten kreuz und quer den runden Raum, in dem Hunderte von Eulen auf Dachsparren hockten, ein wenig unruhig im frühen Morgenlicht, da einige offenbar gerade vom Jagen zurückgekehrt waren. Der strohbedeckte Boden knarzte leise, als Harry über kleine Tierknochen stieg und den Hals nach Hedwig reckte.
»Da bist du ja«, sagte er, als er sie ganz oben an der gewölbten Decke erspähte. »Komm hier runter, ich hab einen Brief für dich.«
Mit einem leisen Schrei breitete sie ihre großen weißen Flügel aus und schwebte herab auf seine Schulter.
»Ich weiß, außen drauf steht Schnuffel«, erklärte er und hielt ihr den Brief hin, damit sie ihn mit dem Schnabel fasste, und ohne genau zu wissen, warum, setzte er flüsternd hinzu: »Aber er ist für Sirius, ja?«
Sie blinzelte ihn mit ihren Bernsteinaugen einmal an, was wohl hieß, dass sie verstanden hatte.
»Dann guten Flug«, sagte Harry und trug sie zu einem der Fenster; er spürte einen kurzen Druck auf dem Arm, und Hedwig flog hoch in den blendend hellen Himmel. Er sah ihr nach, bis sie zu einem winzigen schwarzen Fleck geworden war und verschwand. Dann spähte er hinüber zu Hagrids Hütte, die von diesem Fenster aus klar zu erkennen war, und da die Vorhänge zugezogen waren und aus dem Schornstein kein Rauch stieg, war ebenso klar, dass sie nicht bewohnt war.
Die Baumwipfel des Verbotenen Waldes wiegten sich in einer sanften Brise. Harry ließ den Blick auf ihnen ruhen, genoss die frische Luft auf seinem Gesicht und dachte an das Quidditch-Training … plötzlich sah er es. Ein großes, reptilienartiges geflügeltes Pferd, genau wie jene an den Hogwarts-Kutschen, mit ledrigen schwarzen Flügeln, die weit ausgespannt waren wie die eines Flugsauriers, stieg zwischen den Bäumen empor wie ein gespenstischer Riesenvogel. Im Gleitflug zog es einen weiten Kreis, dann stürzte es wieder hinab zwischen die Bäume. Das alles war so schnell gegangen, dass Harry seinen Augen nicht recht trauen wollte, und doch hämmerte sein Herz wie rasend.
Die Tür der Eulerei ging hinter ihm auf. Er zuckte zusammen, wirbelte herum und sah Cho Chang, die einen Brief und ein Päckchen in den Händen hielt.
»Hi«, sagte Harry mechanisch.
»Oh … hi«, sagte sie atemlos. »Ich hätte nicht gedacht, dass jemand so früh hier oben sein würde … Mir ist erst vor fünf Minuten eingefallen, dass meine Mum heute Geburtstag hat.« Sie hielt das Päckchen hoch.
»Klar«, sagte Harry. Sein Gehirn schien blockiert. Er wollte etwas Lustiges und Interessantes sagen, aber das Bild dieses schrecklichen geflügelten Pferdes ging ihm nicht aus dem Kopf.
»Schöner Tag heute«, sagte er und wies mit einer Handbewegung zu den Fenstern. Seine Eingeweide schienen vor Verlegenheit zu schrumpeln. Das Wetter. Er redete über das Wetter …
»Ja«, sagte Cho und sah sich nach einer passenden Eule um. »Gute Bedingungen für Quidditch. Ich war die ganze Woche über nicht draußen, und du?«
»Auch nicht«, sagte Harry.
Cho hatte eine der Schleiereulen der Schule ausgewählt. Sie lockte sie herunter auf ihren Arm, wo die Eule folgsam ein Bein ausstreckte, an dem sie das Päckchen befestigen konnte.
»Sag mal, hat Gryffindor eigentlich schon einen neuen Hüter?«, fragte sie.
»Ja«, sagte Harry. »Es ist mein Freund Ron Weasley, kennst du ihn?«
»Der Tornados-Hasser?«, sagte Cho ziemlich kühl. »Taugt er was?«
»Jaah«, sagte Harry. »Ich denk schon. Sein Auswahlspiel hab ich allerdings nicht gesehen, ich musste nachsitzen.«
Cho hob den Kopf, und das Päckchen hing mehr schlecht als recht am Bein der Eule.
»Diese Umbridge ist widerlich«, sagte sie mit leiser Stimme. »Hat dir Strafarbeiten verpasst, nur weil du die Wahrheit darüber gesagt hast, wie – wie – wie er starb. Alle haben davon gehört, die ganze Schule hat darüber geredet. Das war wirklich mutig von dir, wie du dich gegen sie gewehrt hast.«
Harrys Eingeweide bliesen sich so rasch wieder auf, dass ihm schien, als könnte er buchstäblich ein paar Zentimeter über dem mistbestreuten Boden schweben. Wen kümmerte schon ein blödes fliegendes Pferd; Cho hatte gesagt, er sei wirklich mutig gewesen. Einen Moment lang überlegte er, ob er ihr nicht rein zufällig seine aufgeschnittene Hand zeigen sollte, während er ihr half, das Päckchen ans Eulenbein zu schnüren … aber genau in dem Moment, da ihm dieser fabelhafte Gedanke kam, ging die Tür zur Eulerei abermals auf.
Filch, der Hausmeister, kam hereingeschnauft. Er hatte dunkelrote Flecken auf seinen eingefallenen, geäderten Wangen, sein Unterkiefer zitterte und sein dünnes graues Haar war zerzaust; offensichtlich war er hochgerannt. Mrs Norris folgte ihm auf dem Fuß, äugte zu den Eulen hinauf und miaute hungrig. Oben gab es ein unruhiges Flügelrascheln und eine große braune Eule klackerte drohend mit dem Schnabel.
»Aha!«, sagte Filch und machte einen plattfüßigen Schritt auf Harry zu, während seine schlaffen Wangen vor Zorn zitterten. »Mir wurde gemeldet, dass du die Absicht hast, eine umfangreiche Stinkbombenbestellung abzuschicken.«
Harry verschränkte die Arme und starrte den Hausmeister an.
»Wer hat Ihnen gesagt, ich würde Stinkbomben bestellen?«
Cho runzelte die Stirn und blickte von Harry zu Filch; die Schleiereule auf ihrem Arm, die es leid war, auf einem Bein zu stehen, ließ einen mahnenden Schrei hören, aber Cho achtete nicht auf sie.
»Ich habe meine Quellen«, zischelte Filch selbstgefällig. »Du händigst mir sofort aus, was immer du verschicken willst.«
Harry dankte dem Himmel, dass er beim Abschicken des Briefs nicht getrödelt hatte, und sagte: »Ich kann nicht, er ist weg.«
»Weg?«, sagte Filch und sein Gesicht verzerrte sich vor Zorn.
»Weg«, sagte Harry ruhig.
Filch öffnete wutentbrannt den Mund, japste einen Moment und ließ den Blick dann forschend über Harrys Umhang schweifen.
»Woher soll ich wissen, dass du ihn nicht in deiner Tasche hast?«
»Weil –«
»Ich hab gesehen, wie er ihn abgeschickt hat«, sagte Cho erzürnt.
Filch wandte sich nun drohend ihr zu.
»Du hast ihn gesehen –«
»Ja, allerdings, ich hab ihn gesehen«, erwiderte sie aufgebracht.
Einen Moment lang geschah nichts, Filch starrte Cho zornfunkelnd an, und Cho erwiderte seinen Blick nicht minder zornig, dann machte der Hausmeister kehrt und schlurfte zur Tür zurück. Die Hand auf der Klinke, hielt er inne und blickte sich zu Harry um.
»Wenn ich auch nur den Hauch einer Stinkbombe bemerke …«
Er stampfte die Treppe hinunter davon. Mrs Norris warf den Eulen einen letzten begehrlichen Blick zu und folgte ihm.
Harry und Cho sahen sich an.
»Danke«, sagte Harry.
»Kein Problem«, sagte Cho, ein bisschen rot im Gesicht, und befestigte endlich das Päckchen am anderen Bein der Schleiereule. »Du hast doch keine Stinkbomben bestellt, oder?«
»Nein«, sagte Harry.
»Dann frag ich mich, warum er das gedacht hat«, sagte sie und trug die Eule zum Fenster.
Harry zuckte die Achseln. Es kam ihm nicht weniger rätselhaft vor als ihr, doch merkwürdigerweise störte es ihn im Moment nicht sonderlich.
Sie verließen zusammen die Eulerei. Am Anfang eines Korridors, der zum Westflügel des Schlosses führte, sagte Cho: »Ich muss hier lang. Nun, wir … wir sehen uns, Harry.«
»Jaah … bis dann.«
Sie lächelte ihn an und ging. Auch Harry ging weiter, ziemlich stolz auf sich. Er hatte ein richtiges Gespräch mit ihr zustande gebracht und sich dabei nicht ein einziges Mal wie ein Trottel angestellt … Das war wirklich mutig von dir, wie du dich gegen sie gewehrt hast … Cho hatte ihn mutig genannt … sie hasste ihn nicht, weil er noch lebte … Natürlich hatte sie Cedric den Vorzug gegeben, das wusste er … aber wenn er sie noch vor Cedric wegen des Weihnachtsballs gefragt hätte, vielleicht wäre dann alles anders gekommen … Es hatte ihr offensichtlich aufrichtig leidgetan, dass sie Harry damals hatte absagen müssen …
»Morgen«, begrüßte Harry strahlend Ron und Hermine, als er sich zu ihnen an den Gryffindor-Tisch in der Großen Halle setzte.
»Weswegen strahlst du eigentlich so?«, fragte Ron und musterte Harry überrascht.
»Ähm … heute ist Quidditch«, sagte Harry vergnügt und zog eine große Platte mit Speck und Eiern zu sich heran.
»Ach … jaah …«, sagte Ron. Er legte den Toast weg, den er gerade aß, und nahm einen großen Schluck Kürbissaft. Dann sagte er: »Übrigens … hast du vielleicht Lust, mit mir zusammen ein bisschen früher rauszugehen? Nur damit ich – ähm – vor dem Training ein wenig üben kann? Dann kann ich schon mal ’n bisschen reinschnuppern, verstehst du.«
»Ja, okay«, sagte Harry.
»Hört zu, ich glaube, ihr solltet das besser bleiben lassen«, sagte Hermine ernst. »Ihr seid beide weit hinterher mit euren Hausaufgaben …«
Doch sie unterbrach sich; die morgendliche Post traf gerade ein, und wie üblich schwebte der Tagesprophet im Schnabel einer Schreieule auf sie zu, die gefährlich nahe der Zuckerdose landete und ein Bein ausstreckte. Hermine steckte einen Knut in ihren Lederbeutel, nahm die Zeitung und überflog die Titelseite mit prüfendem Blick, während die Eule wieder abflog.
»Irgendwas Interessantes?«, fragte Ron. Harry grinste, denn er wusste, wie erpicht Ron darauf war, Hermine vom Thema Hausaufgaben abzulenken.
»Nein«, seufzte sie, »nur ’ne Klatschmeldung, dass die Bassistin der Schicksalsschwestern heiratet.«
Hermine schlug die Zeitung auf und verschwand hinter ihr. Harry machte sich über eine weitere Portion Eier und Speck her. Ron starrte hinauf zu den hohen Fenstern und schien in Gedanken versunken.
»Moment mal«, sagte Hermine plötzlich. »O nein … Sirius!«
»Was ist los?«, erwiderte Harry und schnappte ihr die Zeitung so ungestüm aus der Hand, dass sie entzweiriss und er mit der einen, Hermine mit der anderen Hälfte dasaß.
»›Das Zaubereiministerium hat von einer verlässlichen Quelle den Hinweis erhalten, dass Sirius Black, berüchtigter Massenmörder … bla, bla, bla … sich gegenwärtig in London versteckt hält!‹«, las Hermine beklommen flüsternd aus ihrer Hälfte vor.
»Lucius Malfoy, da mach ich jede Wette«, sagte Harry mit leiser, erzürnter Stimme. »Er hat Sirius auf dem Bahnsteig erkannt …«
»Was?«, sagte Ron erschrocken. »Du hast nicht gesagt …«
»Schh!«, machten die anderen beiden.
»… ›Ministerium warnt die Zaubererschaft, dass Black sehr gefährlich ist … hat dreizehn Menschen getötet … ist aus Askaban ausgebrochen‹ … der übliche Plunder«, schloss Hermine, legte ihre Hälfte der Zeitung weg und sah Ron und Harry besorgt an. »Nun, jetzt kann er das Haus eben nicht mehr verlassen, das ist alles«, flüsterte sie. »Dumbledore hat ihn ja ermahnt, dass er es nicht tun soll.«
Harry blickte betrübt auf die Hälfte des Propheten, die er abgerissen hatte. Den größten Teil der Seite beanspruchte eine Anzeige für Madam Malkins Gewänder für alle Gelegenheiten, wo offenbar ein Ausverkauf stattfand.
»Hey!«, sagte er und legte das Blatt auf den Tisch, damit auch Hermine und Ron es sehen konnten. »Schaut euch das mal an!«
»Ich hab genug Umhänge«, sagte Ron.
»Nein«, entgegnete Harry. »Seht mal … diese kleine Meldung hier …«
Ron und Hermine beugten sich vor und lasen; die Meldung war kaum drei Zentimeter lang und stand ganz am Ende einer Spalte. Sie lautete:
EINDRINGLING IM MINISTERIUM
Sturgis Podmore, 38, aus Clapham, Goldregenweg zwei, ist vor dem Zaubergamot erschienen unter der Anklage, am 31. August Hausfriedensbruch und einen Einbruchsversuch im Zaubereiministerium verübt zu haben. Podmore wurde vom Ministeriums-Wachtzauberer Eric Munch festgenommen, der ihn um ein Uhr morgens bei dem Versuch ertappte, sich gewaltsam Zutritt durch eine Hochsicherheitsür zu verschaffen. Podmore, der eine Aussage zu seiner Verteidigung verweigerte, wurde in beiden Punkten für schuldig befunden und zu sechs Monaten in Askaban verurteilt.
»Sturgis Podmore?«, sagte Ron langsam. »Das ist doch der Typ, der aussieht, als hätte er ein Strohdach auf dem Kopf, oder? Er ist einer vom Ord–«
»Ron, schh!«, sagte Hermine und blickte sich verängstigt um.
»Sechs Monate in Askaban!«, flüsterte Harry entsetzt. »Nur weil er versucht hat, durch eine Tür zu kommen!«
»Sei nicht albern, das war nicht nur, weil er durch eine Tür wollte. Was um alles in der Welt hatte er um ein Uhr morgens im Zaubereiministerium zu suchen?«, hauchte Hermine.
»Glaubst du, er wollte was für den Orden erledigen?«, murmelte Ron.
»Moment mal«, sagte Harry langsam. »Sturgis sollte doch kommen und uns begleiten, erinnert ihr euch?«
Die beiden sahen ihn an.
»Ja, er sollte eigentlich zu der Leibgarde gehören, die uns nach King’s Cross begleitet hat, wisst ihr noch? Und Moody war fürchterlich sauer, weil er nicht auftauchte; also hat er wohl keinen Auftrag für sie erledigt, oder?«
»Na ja, vielleicht haben sie nicht damit gerechnet, dass er erwischt wird«, sagte Hermine.
»Das könnte ein abgekartetes Spiel sein!«, rief Ron aufgeregt. »Nein – hört zu«, fuhr er fort und senkte die Stimme dramatisch beim Anblick von Hermines drohender Miene. »Das Ministerium vermutet, dass er einer von Dumbledores Leuten ist, also – ich weiß nicht – haben sie ihn ins Ministerium gelockt, und er hat überhaupt nicht versucht, durch eine Tür zu kommen! Sie haben einfach was gedeichselt, um ihn zu kriegen!«
Eine Pause trat ein, in der Harry und Hermine darüber nachdachten. Harry hielt Rons Erklärung für weit hergeholt. Hermine jedoch schien recht beeindruckt.
»Weißt du was, es würde mich gar nicht wundern, wenn das stimmte.«
Sie faltete ihre Hälfte der Zeitung nachdenklich zusammen. Als Harry Messer und Gabel beiseitelegte, schien es, als würde sie aus einem Traum erwachen.
»Nun gut, ich glaube, wir sollten zuerst diesen Aufsatz für Sprout über selbstdüngende Sträucher erledigen, und wenn wir Glück haben, können wir mit McGonagalls Inanimatus-Aufrufezauber noch vor dem Mittagessen anfangen …«
Harry spürte einen leichten Gewissensbiss, wenn er an den Stapel Hausaufgaben dachte, der ihn oben erwartete, doch der Himmel war so klar und einladend blau und er war die ganze Woche nicht mehr auf seinem Feuerblitz gewesen …
»Ich würd sagen, das können wir heute Abend erledigen«, sagte Ron, als er und Harry mit geschulterten Besen den Rasenhang zum Quidditch-Feld hinuntergingen, obwohl ihnen Hermines unheilvolle Prophezeiungen, dass sie bei all ihren ZAGs durchfallen würden, noch in den Ohren klangen. »Und morgen ist auch noch ein Tag. Sie macht sich zu viel Arbeit mit der Arbeit, das ist ihr Problem …« Nach einer Pause fügte er in leicht besorgterem Ton hinzu: »Glaubst du, sie hat es ernst gemeint, als sie sagte, wir dürften nicht von ihr abschreiben?«
»Ja, glaub ich schon«, sagte Harry. »Trotzdem, das hier ist auch wichtig, wir müssen trainieren, wenn wir in der Quidditch-Mannschaft bleiben wollen.«
»Ja, das stimmt«, sagte Ron jetzt schon beherzter. »Und wir haben genug Zeit, um das alles zu erledigen …«
Als sie sich dem Quidditch-Feld näherten, warf Harry einen Blick nach rechts, wo die Bäume des Verbotenen Waldes düster schwankten. Nichts stieg aus ihnen auf; der Himmel war leer bis auf ein paar ferne Eulen, die den Eulenturm umflatterten. Er hatte Sorgen genug; das fliegende Pferd konnte ihm nichts anhaben; er schlug es sich aus dem Kopf.
Sie holten sich Bälle aus dem Schrank im Umkleideraum und machten sich an die Arbeit. Ron bewachte die drei hohen Torstangen, Harry spielte den Jäger und versuchte den Quaffel an Ron vorbeizukriegen. Ron machte ihm einen ziemlich guten Eindruck; er wehrte drei Viertel von Harrys Würfen aufs Tor ab, und je länger sie trainierten, desto besser spielte er. Nach ein paar Stunden kehrten sie ins Schloss zurück zum Mittagessen – bei dem Hermine ihnen eindringlich klarmachte, wie verantwortungslos sie in ihren Augen waren –, dann gingen sie zum eigentlichen Training aufs Quidditch-Feld.
Außer Angelina waren alle ihre Mannschaftskameraden bereits im Umkleideraum, als sie eintraten.
»Alles klar, Ron?«, fragte George und zwinkerte ihm zu.
»Ja«, sagte Ron, der auf dem Weg hinunter zum Feld immer stiller geworden war.
»Ist er bereit, es uns zu zeigen, der putzige Vertrauensschüler?«, sagte Fred, der mit zerzaustem Haar im Ausschnitt seines Quidditch-Umhangs auftauchte, ein leicht hämisches Grinsen auf dem Gesicht.
»Halt die Klappe«, sagte Ron mit steinerner Miene und schlüpfte zum ersten Mal in seinen Mannschaftsumhang. Er passte ihm gut, wenn man bedachte, dass er Oliver Wood gehört hatte, der um einiges breitere Schultern hatte.
»Okay, ihr alle«, sagte Angelina, die schon umgezogen aus dem Kapitänsbüro kam. »Lasst uns anfangen; Alicia und Fred, würdet ihr uns bitte den Ballkorb rausbringen. Oh, und da draußen sind ein paar Leute, die zuschauen, aber ich möchte, dass ihr sie wie Luft behandelt, klar?«
Etwas in ihrer betont lässigen Stimme brachte Harry auf den Gedanken, dass er wohl wusste, wer die ungeladenen Zuschauer waren, und tatsächlich, als sie aus dem Umkleideraum ins strahlende Sonnenlicht über dem Feld traten, brach ein Sturm von Buhrufen und Schmähungen los; er kam von der Quidditch-Mannschaft der Slytherins und diversen Zaungästen, die sich auf halber Höhe der leeren Tribünen versammelt hatten und deren Stimmen laut im Stadion widerhallten.
»Was fliegt eigentlich dieser Weasley?«, rief Malfoy verächtlich. »Warum sollte jemand einen so schimmligen alten Holzklotz mit einem Flugzauber belegen?«
Crabbe, Goyle und Pansy Parkinson japsten und kreischten vor Lachen. Ron stieg auf seinen Besen und stieß sich vom Boden ab. Harry, der ihm nachflog, konnte sehen, wie sich Rons Ohren röteten.
»Ignorier die einfach«, rief er und schloss zu Ron auf, »wir werden ja sehen, wer lacht, wenn wir erst gegen die gespielt haben …«
»Genau die Einstellung brauchen wir, Harry«, pflichtete Angelina bei, die mit dem Quaffel unter dem Arm um sie herumflog, abbremste und dann vor der Mannschaft in der Luft schweben blieb. »Okay, hört alle zu, wir fangen mit ein paar Pässen an, nur zum Aufwärmen, die ganze Mannschaft bitte –«
»Hey, Johnson, was ist das denn für ’ne Frisur?«, kreischte Pansy Parkinson von unten herauf. »Warum willst du eigentlich so aussehen, als würden dir Würmer aus dem Kopf rauskommen?«
Angelina strich sich das lange geflochtene Haar aus dem Gesicht und fuhr ruhig fort: »Also verteilt euch, dann sehen wir mal, wie’s läuft …«
Harry flog hinüber zur anderen Seite des Feldes. Ron setzte zu dem Tor gegenüber zurück. Angelina hob den Quaffel mit einer Hand, warf ihn hart zu Fred, der an George weitergab, George wiederum an Harry und Harry an Ron – und Ron ließ ihn fallen.
Die Slytherins, angeführt von Malfoy, brüllten und schrien vor Lachen. Ron schoss in die Tiefe und konnte den Quaffel noch abfangen, bevor er auf dem Boden landete, dann riss er sich unsauber aus dem Sturzflug, rutschte auf seinem Besen zur Seite und kehrte errötend auf Spielhöhe zurück. Harry sah, wie Fred und George Blicke tauschten, doch ausnahmsweise sagte keiner der beiden ein Wort, und Harry war dankbar dafür.
»Abgeben, Ron«, rief Angelina, als wäre nichts passiert.
Ron warf den Quaffel Alicia zu, die an Harry abgab, Harry wiederum an George …
»Hey, Potter, wie geht’s deiner Narbe?«, rief Malfoy. »Willst du dich nicht mal wieder hinlegen? Muss doch schon ’ne ganze Woche her sein, seit du im Krankenflügel warst, das ist doch Rekord für dich, oder?«
George gab an Angelina weiter; sie warf einen Rückpass in Richtung Harry, den er nicht erwartet hatte, doch er bekam den Quaffel gerade noch mit den Fingerspitzen zu fassen und warf ihn schnell zu Ron weiter, der danach hechtete und ihn um Zentimeter verfehlte.
»Nun komm schon, Ron«, rief ihm Angelina in barschem Ton hinterher, als er sich wieder in die Tiefe stürzte und dem Quaffel nachjagte. »Pass doch mal auf.«
Es war schwer, zu sagen, ob Rons Gesicht oder der Quaffel von einem dunkleren Scharlachrot war, als er wieder auf Spielhöhe zurückkehrte. Malfoy und seine Slytherins heulten vor Lachen.
Bei seinem dritten Versuch fing Ron den Quaffel; vielleicht warf er ihn aus Erleichterung so energisch weiter, dass er glatt durch Katies ausgestreckte Hände witschte und sie hart im Gesicht traf.
»Sorry!«, stöhnte Ron und schoss vor, um zu sehen, ob er ihr arg wehgetan hatte.
»Zurück auf deine Position, sie hat sich nichts getan!«, bellte Angelina. »Aber wenn du an deine eigenen Leute abgibst, pass bitte auf, dass du sie nicht vom Besen schmetterst, ja? Dafür haben wir die Klatscher!«
Katie blutete aus der Nase. Unten stampften die Slytherins mit den Füßen und stimmten ihr Schlachtgeschrei an. Fred und George flogen auf Katie zu.
»Hier, nimm das«, forderte Fred sie auf und reichte ihr etwas Kleines, Lilafarbenes aus seiner Tasche, »dann hört’s im Nu auf.«
»Alles klar«, rief Angelina. »Fred und George, holt jetzt eure Schläger und einen Klatscher. Ron, hoch zu den Toren. Harry, auf mein Kommando lässt du den Schnatz los. Natürlich spielen wir jetzt auf Rons Tore.«
Harry flog den Zwillingen hinterher, um den Schnatz zu holen.
»Ron stellt sich richtig bescheuert an, was?«, murmelte George, als die drei beim Ballkorb landeten, ihn öffneten und einen Klatscher und den Schnatz herausholten.
»Er ist einfach nervös«, sagte Harry. »Als ich heute Morgen mit ihm trainiert hab, war er noch ganz gut.«
»Mag sein, ich hoffe nur, er hat sein Pulver nicht zu früh verschossen«, erwiderte Fred finster.
Sie stiegen wieder auf. Als Angelina pfiff, gab Harry den Schnatz frei und Fred und George ließen den Klatscher fliegen. Von nun an bekam Harry kaum noch mit, was die anderen trieben. Es war seine Aufgabe, den kleinen goldenen, gefiederten Ball wieder einzufangen, was der Mannschaft des Suchers hundertfünfzig Punkte einbrachte und enorme Schnelligkeit und Geschicklichkeit verlangte. Er beschleunigte, wand und schlängelte sich durch die anfliegenden Jäger, die warme Herbstluft peitschte ihm ins Gesicht und die fernen Rufe der Slytherins waren nur noch ein sinnloses Rauschen in seinen Ohren … doch allzu rasch ließ ihn ein Pfiff wieder innehalten.
»Stopp – stopp – STOPP!«, schrie Angelina. »Ron – du deckst dein mittleres Tor überhaupt nicht!«
Harry blickte sich zu Ron um, der vor dem linken Torring schwebte und die anderen beiden völlig ungeschützt ließ.
»Oh … sorry …«
»Du driftest dauernd ab, wenn du den Jägern zusiehst!«, sagte Angelina. »Entweder bleibst du auf der mittleren Position, bis du dich bewegen musst, um einen Torring zu verteidigen, oder du umkreist die Tore, aber pass auf, dass du nicht langsam seitlich wegtreibst, so hast du nämlich die letzten drei Tore kassiert!«
»Sorry …«, wiederholte Ron, das Gesicht rot wie ein Leuchtfeuer vor dem strahlend blauen Himmel.
»Und du, Katie, kannst du nicht was gegen dein Nasenbluten unternehmen?«
»Es wird einfach immer schlimmer!«, sagte Katie mit schleppender Stimme und versuchte den Blutstrom mit dem Ärmel zu stoppen.
Harry warf einen Seitenblick auf Fred, der beunruhigt in seinen Taschen stöberte. Er sah, wie Fred etwas Lilafarbenes herauszog, es einen Augenblick musterte und sich dann, offenbar starr vor Entsetzen, nach Katie umsah.
»Also, versuchen wir’s noch mal«, rief Angelina. Sie achtete nicht auf die Slytherins, die inzwischen einen Schlachtgesang angestimmt hatten – Gryffindor, Flaschen vor, Gryffindor, Flaschen vor –, doch es wirkte ein wenig steif, wie sie auf dem Besen saß.
Diesmal waren sie kaum drei Minuten geflogen, als Angelinas Pfiff ertönte. Harry, der gerade in diesem Moment den Schnatz gesichtet hatte, wie er die Torstangen gegenüber umrundete, bremste bitter enttäuscht ab.
»Was ist los?«, sagte er ungeduldig zu Alicia, die ihm am nächsten war.
»Katie«, bemerkte sie knapp.
Harry drehte sich um und sah Angelina, Fred und George in größter Hast auf Katie zufliegen. Auch Harry und Alicia flogen schleunigst zu ihr hin. Offensichtlich hatte Angelina das Training gerade noch rechtzeitig abgebrochen; Katie war inzwischen kreideweiß und voller Blut.
»Sie muss in den Krankenflügel«, sagte Angelina.
»Wir bringen sie hin«, sagte Fred. »Sie – ähm – könnte irrtümlich eine Blutblasenschote geschluckt haben –«
»Nun denn, ohne Treiber und mit einem Jäger weniger hat es keinen Zweck, weiterzumachen«, sagte Angelina missmutig, als Fred und George, die Katie in die Mitte genommen hatten, zum Schloss davonflogen. »Kommt, wir gehen uns umziehen.«
Die Slytherins verfolgten sie mit ihren Schlachtgesängen, während sie sich in die Umkleideräume zurückzogen.
»Wie war das Training?«, fragte Hermine eine halbe Stunde später in recht kühlem Ton, als Harry und Ron durch das Porträtloch in den Gemeinschaftsraum der Gryffindors geklettert kamen.
»Es war –«, setzte Harry an.
»Total mies«, sagte Ron mit hohler Stimme und ließ sich in einen Sessel neben Hermine sinken. Als sie zu ihm aufblickte, schien ihre Frostigkeit zu schmelzen.
»Nun, es war halt das erste Mal«, tröstete sie ihn, »man braucht einfach Zeit, um –«
»Wer hat gesagt, dass es an mir lag?«, blaffte Ron sie an.
»Niemand«, sagte Hermine verdutzt, »ich dachte –«
»Du dachtest, ich würde ohnehin nichts bringen?«
»Nein, natürlich nicht! Sieh mal, du hast gesagt, es war mies, da hab ich einfach –«
»Ich fang mal mit den Hausaufgaben an«, sagte Ron zornig, stampfte in Richtung Treppe zu den Schlafsälen davon und verschwand. Hermine wandte sich an Harry.
»War er tatsächlich mies?«
»Nein«, sagte Harry pflichtschuldig.
Hermine hob die Augenbrauen.
»Na ja, ich denk schon, er hätte besser spielen können«, murmelte Harry, »aber es war nun mal das erste Training, wie du gesagt hast …«
Weder Harry noch Ron schienen an diesem Abend mit ihren Hausaufgaben groß voranzukommen. Ron war zu deprimiert, weil er beim Quidditch-Training einen so schlechten Auftritt gehabt hatte, das wusste Harry, und er selbst hatte Schwierigkeiten, sich den »Gryffindor, Flaschen vor«-Schlachtgesang aus dem Kopf zu schlagen.
Sie verbrachten den ganzen Sonntag im Gemeinschaftsraum, der sich bevölkerte und wieder leerte, während sie in ihren Büchern vergraben blieben. Wieder war es ein schöner klarer Tag, und die meisten anderen Gryffindors verbrachten ihn draußen auf dem Gelände und genossen den vielleicht letzten Sonnenschein des Jahres. Gegen Abend fühlte sich Harry, als hätte ihm jemand das Gehirn gegen die Schädelwand geschlagen.
»Weißt du, wir sollten vielleicht doch unter der Woche mehr Hausaufgaben erledigen«, murmelte er Ron zu, als sie endlich den langen Aufsatz über den Inanimatus-Aufrufezauber für Professor McGonagall beiseitelegten und sich lustlos an Professor Sinistras nicht minder langen und schwierigen Aufsatz über die vielen Monde des Jupiter machten.
»Jaah«, sagte Ron, rieb sich die leicht geröteten Augen und warf seinen fünften verkorksten Versuch ins Feuer neben ihnen. »Hör mal … wollen wir nicht einfach Hermine fragen, ob wir uns mal kurz anschauen dürfen, was sie geschrieben hat?«
Harry blickte zu ihr hinüber; sie saß da mit Krummbein auf dem Schoß und plauderte vergnügt mit Ginny, während zwei Stricknadeln blitzend vor ihr in der Luft tanzten und ein Paar unförmiger Elfensocken strickten.
»Nein«, sagte er bestimmt, »du weißt, sie lässt uns nicht.«
Und so arbeiteten sie weiter, während der Himmel vor den Fenstern immer dunkler wurde. Allmählich leerte sich der Gemeinschaftsraum wieder. Um halb zwölf kam Hermine gähnend zu ihnen herübergeschlendert.
»Bald fertig?«
»Nein«, gab Ron knapp zurück.
»Der größte Jupitermond ist Ganymed, nicht Callisto«, sagte sie und deutete über Rons Schulter auf eine Zeile in seinem Astronomieaufsatz, »und die Vulkane sind auf Io.«
»Danke«, fauchte Ron und strich die monierten Sätze durch.
»Tut mir leid, ich wollte nur –«
»Ja, schon gut, wenn du nur hergekommen bist, um rumzukritteln –«
»Ron –«
»Ich hab keine Zeit, mir eine Predigt anzuhören, verstehst du, Hermine, ich steck bis zum Hals hier drin –«
»Nein – sieh mal!«
Hermine deutete auf das nächste Fenster. Harry und Ron blickten hinüber. Eine hübsche Schreieule hockte auf dem Fenstersims und spähte zu Ron herein.
»Ist das nicht Hermes?«, sagte Hermine verwundert.
»Ja, ich fass es nicht!«, sagte Ron leise, schmiss seine Feder hin und sprang auf. »Warum schreibt mir denn Percy?«
Er ging hinüber zum Fenster und öffnete es; Hermes flog herein, ließ sich auf Rons Aufsatz nieder und streckte ein Bein aus, an dem ein Brief befestigt war. Ron löste den Brief, und die Eule flog sofort wieder davon und hinterließ tintene Fußabdrücke auf Rons Zeichnung des Mondes Io.
»Das ist eindeutig Percys Handschrift«, sagte Ron, sank zurück in seinen Sessel und blickte unverwandt auf die Worte, mit denen die Rolle beschriftet war: Ronald Weasley, Haus Gryffindor, Hogwarts. Er sah die beiden anderen an. »Was haltet ihr davon?«
»Mach ihn auf!«, sagte Hermine begierig und Harry nickte.
Ron entrollte das Pergament und fing an zu lesen. Mit jeder Zeile, die seine Augen auf dem Brief hinabwanderten, wurde sein Blick finsterer. Als er zu Ende gelesen hatte, wirkte er angewidert. Er hielt den Brief Harry und Hermine hin, die ihn aneinandergelehnt gemeinsam lasen:
Lieber Ron,
ich habe eben erst gehört (von keinem Geringeren als dem Zaubereiminister persönlich, der es von deiner neuen Lehrerin Professor Umbridge weiß), dass du Vertrauensschüler in Hogwarts geworden bist.
Ich war äußerst freudig überrascht, als ich diese Neuigkeit erfuhr, und muss dir zunächst meinen Glückwunsch aussprechen. Ich muss zugeben, dass ich immer befürchtete, du würdest sozusagen den »Fred-und-George«-Weg einschlagen, statt in meine Fußstapfen zu treten, mithin kannst du dir meine Gefühle vorstellen, als ich hörte, dass du Autorität nicht mehr in den Wind schlägst und beschlossen hast, echte Verantwortung zu schultern.
Aber ich will mehr als dir nur gratulieren, Ron, ich will dir einen Rat erteilen, weshalb ich diesen Brief nachts schicke und nicht mit der üblichen Morgenpost. Hoffentlich kannst du ihn fern von neugierigen Augen lesen und peinliche Fragen vermeiden.
Einer Bemerkung, die der Minister fallen ließ, als er mir berichtete, dass du nun Vertrauensschüler bist, entnehme ich, dass du immer noch häufig mit Harry Potter zusammen bist. Ich muss dir sagen, Ron, dass dich nichts so sehr in Gefahr bringt, dein Abzeichen zu verlieren, wie eine weitere Verbrüderung mit diesem Jungen. Ja, sicher überrascht es dich, dies zu hören – zweifellos wirst du sagen, dass Potter immer Dumbledores Liebling war –, doch fühle ich mich verpflichtet, dir mitzuteilen, dass Dumbledore womöglich nicht mehr lange die Leitung von Hogwarts innehaben wird und dass die Leute, auf die es ankommt, eine ganz andere – und vermutlich zutreffendere – Auffassung von Potters Verhalten haben. Ich möchte dies hier nicht weiter ausführen, aber wenn du dir morgen den Tagespropheten ansiehst, wirst du ein gutes Bild davon bekommen, woher der Wind weht – und mal sehen, ob du meine Wenigkeit wiederfindest!
Doch im Ernst, Ron, du willst sicher nicht mit der gleichen Elle gemessen werden wie Potter, das könnte von großem Schaden für deine künftigen Chancen sein, und ich rede hier auch von der Zeit nach der Schule. Da unser Vater ihn zum Gericht begleitet hat, muss dir bekannt sein, dass Potter diesen Sommer eine disziplinarische Anhörung vor dem gesamten Zaubergamot hatte und nicht allzu gut dabei wegkam. Wenn du mich fragst, wurde er aufgrund einer rein verfahrenstechnischen Einzelheit freigesprochen, und viele, mit denen ich mich unterhalten habe, sind weiterhin von seiner Schuld überzeugt.
Es mag sein, dass du Angst hast, die Bande zu Potter zu kappen – ich weiß, dass er unausgeglichen und, wie man hört, auch gewalttätig sein kann –, aber wenn du dir darüber Sorgen machst oder dir etwas anderes an Potters Verhalten aufgefallen ist, das dich beunruhigt, bitte ich dich dringend, mit Dolores Umbridge zu sprechen, einer wirklich wunderbaren Frau, die, wie ich weiß, nichts lieber täte, als dir zu helfen.
Dies führt mich zu meinem weiteren Ratschlag. Wie ich oben angedeutet habe, könnte Dumbledores Regiment in Hogwarts bald zu Ende sein. Deine Treue, Ron, sollte nicht ihm gelten, sondern der Schule und dem Ministerium. Ich bedaure es sehr, zu hören, dass Professor Umbridge bisher sehr wenig Unterstützung durch die Lehrerschaft erfährt bei ihren Anstrengungen, jene notwendigen Veränderungen in Hogwarts einzuführen, die vom Ministerium so dringend gewünscht werden (allerdings sollte ihr dies ab nächster Woche leichter fallen – noch einmal, sieh dir den morgigen Tagespropheten an!). Ich möchte nur Folgendes sagen – ein Schüler, der sich heute willens zeigt, Professor Umbridge zu helfen, könnte in ein paar Jahren gute Chancen auf das Schulsprecheramt haben!
Ich bedaure, dass ich während des Sommers nicht in der Lage war, dich öfter zu sehen. Es schmerzt mich, unsere Eltern zu kritisieren, aber ich fürchte, ich kann nicht mehr unter ihrem Dach leben, solange sie mit dem gefährlichen Klüngel um Dumbledore zu tun haben. (Wenn du einmal an Mutter schreiben solltest, könntest du ihr mitteilen, dass ein gewisser Sturgis Podmore, der ein großer Freund von Dumbledore ist, vor kurzem nach Askaban geschickt wurde wegen Hausfriedensbruch im Ministerium. Vielleicht gehen ihnen dann die Augen auf über jene Art von Kleinkriminellen, mit denen sie sich heutzutage gemeinmachen.) Ich darf mich sehr glücklich schätzen, dass ich dem Stigma einer Verbindung mit diesen Leuten entronnen bin – der Minister könnte mir gegenüber wirklich nicht großherziger sein –, und ich hoffe inständig, Ron, dass auch dich die familiären Bande nicht blind machen dafür, wie fehlgeleitet die Ansichten und Handlungen unserer Eltern sind. Ich hoffe aufrichtig, dass sie mit der Zeit erkennen, wie Unrecht sie hatten, und werde selbstverständlich bereit sein, eine umfassende Entschuldigung anzunehmen, sollte dieser Tag kommen.
Bitte denke sehr sorgfältig darüber nach, was ich gesagt habe, besonders über die Sache mit Harry Potter, und nochmals Glückwunsch, dass du Vertrauensschüler geworden bist.
Dein Bruder
Percy
Harry sah zu Ron auf.
»Nun«, sagte er und versuchte dabei zu klingen, als würde er das Ganze für einen Witz halten, »wenn du – ähm – wie heißt das?« – er sah in Percys Brief nach – »Ach ja – ›die Bande‹ zu mir ›kappen‹ willst, werd ich nicht gewalttätig, Ehrenwort.«
»Gib ihn her«, sagte Ron und streckte die Hand aus. »Er ist –«, sagte Ron ruckartig und riss Percys Brief in zwei Hälften, »der größte –«, er riss ihn in Viertel, »Mistkerl –«, er riss ihn in Achtel, »der Welt.« Er warf die Fetzen ins Feuer.
»Komm, wir müssen das erledigen, bevor es Tag wird«, sagte er forsch zu Harry und zog Professor Sinistras Aufsatz wieder zu sich heran.
Hermine blickte Ron mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck an.
»Ach, gebt sie her«, sagte sie unvermittelt.
»Was?«, sagte Ron.
»Gebt sie mir, ich seh sie durch und korrigier sie.«
»Meinst du das im Ernst?«, entgegnete Ron. »Mensch, Hermine, du bist eine Lebensretterin, was kann ich –«
»Was ihr sagen könnt, ist: ›Wir versprechen, dass wir unsere Hausaufgaben nie mehr so lange aufschieben‹«, erwiderte sie, aber sie sah belustigt drein und streckte beide Hände nach ihren Aufsätzen aus.
»Tausend Dank, Hermine«, sagte Harry müde, reichte ihr seinen Aufsatz, sank zurück in den Sessel und rieb sich die Augen.
Es war jetzt nach Mitternacht und der Gemeinschaftsraum war ausgestorben bis auf die drei und Krummbein. Zu hören war einzig Hermines Feder, die hie und da Sätze in den Aufsätzen durchstrich, und das Rascheln der Blätter, wenn sie verschiedene Angaben in den Handbüchern nachprüfte, die auf dem Tisch verstreut lagen. Harry war erschöpft. Zudem hatte er ein merkwürdiges Gefühl der Übelkeit und Leere im Magen, das nichts mit seiner Müdigkeit zu tun hatte, sehr wohl aber mit dem Brief, der sich jetzt geschwärzt inmitten des Feuers einrollte.
Er wusste, dass die Hälfte der Leute in Hogwarts ihn für seltsam, ja verrückt hielt; er wusste, dass der Tagesprophet seit Monaten höhnische Anspielungen auf ihn brachte, aber es war etwas anderes, es in Percys Worten gelesen zu haben; zu wissen, dass Percy Ron den Rat erteilte, ihn fallen zu lassen und ihn sogar bei Umbridge anzuschwärzen, machte ihm seine Lage so deutlich wie nichts zuvor. Er kannte Percy seit vier Jahren, hatte während der Sommerferien in seinem Haus gewohnt, bei den Quidditch-Weltmeisterschaften ein Zelt mit ihm geteilt, hatte letztes Jahr bei der zweiten Aufgabe des Trimagischen Turniers von ihm sogar die Bestnote bekommen, doch jetzt hielt ihn Percy für unausgeglichen und womöglich gewalttätig.
Und mit jäher Sympathie für seinen Paten musste Harry daran denken, dass Sirius wahrscheinlich der einzige Mensch war, den er kannte, der wirklich verstehen konnte, wie er sich gegenwärtig fühlte, denn Sirius war in der gleichen Lage. Fast alle in der magischen Welt hielten ihn für einen gefährlichen Mörder und einen großen Anhänger von Voldemort, und mit diesem Wissen hatte er vierzehn Jahre lang leben müssen …
Harry blinzelte. Gerade hatte er etwas im Feuer gesehen, das nicht dort sein konnte. Es war schlagartig aufgetaucht und sofort verschwunden. Nein … das konnte es nicht gewesen sein … er hatte es sich eingebildet, weil er über Sirius nachgedacht hatte …
»Okay, schreib das ins Reine«, sagte Hermine zu Ron und drückte ihm seinen Aufsatz und ein Blatt, das sie vollgeschrieben hatte, in die Hand. »Und dann füg diese Schlussfolgerung hinzu, die ich für dich verfasst habe.«
»Hermine, ehrlich, du bist der wunderbarste Mensch, den ich je getroffen hab«, sagte Ron matt, »und wenn ich je wieder grob zu dir bin –«
»– dann weiß ich, dass du wieder normal bist«, sagte Hermine. »Harry, dein Text ist in Ordnung, außer diesem Abschnitt am Ende, ich glaub, du hast Professor Sinistra missverstanden, Europa ist nicht von einer Eischicht, sondern von einer Eisschicht bedeckt – Harry?«
Harry war von seinem Stuhl hinunter auf die Knie geglitten, kauerte auf dem versengten und abgewetzten Kaminvorleger und spähte in die Flammen.
»Ähm – Harry?«, sagte Ron unsicher. »Was treibst du da unten?«
»Ich hab gerade den Kopf von Sirius im Feuer gesehen«, antwortete Harry.
Er sprach ganz ruhig; schließlich hatte er erst voriges Jahr Sirius’ Kopf im Feuer gesehen und mit ihm gesprochen. Und dennoch, er war sich nicht sicher, dass er ihn diesmal wirklich gesehen hatte … er war so rasch verschwunden …
»Sirius’ Kopf?«, wiederholte Hermine. »Du meinst, wie damals, als er während des Trimagischen Turniers mit dir reden wollte? Aber das würde er doch jetzt nicht tun, das wäre zu – Sirius!«
Sie keuchte und spähte ins Feuer; Ron ließ seine Feder fallen. Dort, inmitten der tanzenden Flammen, steckte Sirius’ Kopf, und sein langes schwarzes Haar fiel ihm um das grinsende Gesicht.
»Ich dachte schon, ihr würdet zu Bett gehen, bevor alle anderen verschwunden sind«, sagte er. »Jede Stunde hab ich nachgeschaut.«
»Du bist jede Stunde ins Feuer gehüpft?«, sagte Harry halb lachend.
»Nur für ein paar Sekunden, um nachzusehen, ob die Luft rein ist.«
»Aber was, wenn man dich gesehen hätte?«, sagte Hermine beklommen.
»Nun ja, ich glaub, ein Mädchen – eine Erstklässlerin, so wie sie aussah – könnte mich vorhin kurz gesehen haben, aber macht euch keine Sorgen«, sagte Sirius hastig, als Hermine die Hand vor den Mund schlug, »als sie noch mal hinguckte, war ich schon verschwunden, und ich wette, sie hat nur gedacht, ich sei ein komisch geformter Holzscheit oder so was.«
»Aber Sirius, du gehst da ein enormes Risiko ein –«, fing Hermine an.
»Du klingst wie Molly«, erwiderte Sirius. »Das war die einzige Möglichkeit, die mir einfiel, um Harrys Brief zu beantworten, ohne eine Verschlüsselung zu verwenden – und Verschlüsselungen können geknackt werden.«
Als er Harrys Brief erwähnte, drehten sich Hermine und Ron um und starrten Harry an.
»Du hast nicht gesagt, dass du Sirius geschrieben hast!«, sagte Hermine vorwurfsvoll.
»Hab ich vergessen«, erwiderte Harry, was vollkommen stimmte; die Begegnung mit Cho in der Eulerei hatte alles, was zuvor geschehen war, aus seinem Kopf verjagt. »Sieh mich nicht so an, Hermine, dem Brief hätte unmöglich jemand geheime Informationen entnehmen können, stimmt’s, Sirius?«
»Nein, er war sehr gut«, sagte Sirius lächelnd. »Wie auch immer, wir sollten uns besser beeilen, nur für den Fall, dass wir gestört werden – deine Narbe.«
»Was ist mit –?«, setzte Ron an, doch Hermine unterbrach ihn.
»Erzählen wir dir später, Ron. Weiter, Sirius.«
»Nun, ich weiß, es ist nicht gerade lustig, wenn sie schmerzt, aber wir glauben nicht, dass man sich deswegen wirklich Sorgen machen muss. Sie hat das ganze letzte Jahr über wehgetan, oder?«
»Ja, und Dumbledore meinte, es sei immer dann passiert, wenn Voldemort ein starkes Gefühl empfand«, sagte Harry und ignorierte wie üblich Rons und Hermines Zusammenzucken. »Vielleicht war er einfach, ich weiß nicht, furchtbar zornig an dem Abend, als ich nachsitzen musste.«
»Ja, jetzt, wo er zurück ist, wird sie wohl häufiger schmerzen«, sagte Sirius.
»Also glaubst du nicht, dass es irgendwas damit zu tun hatte, dass Umbridge mich berührt hat, als ich bei ihr nachsitzen musste?«, fragte Harry.
»Das bezweifle ich«, sagte Sirius. »Ich kenne ihren Ruf, und ich bin sicher, sie ist keine Todesserin –«
»Sie ist widerlich genug, um eine zu sein«, sagte Harry düster und Ron und Hermine nickten lebhaft.
»Ja, aber die Welt ist nicht geteilt in gute Menschen und Todesser«, sagte Sirius mit einem gequälten Lächeln. »Ich weiß, dass sie ein gemeines Biest ist – du solltest mal hören, wie Remus über sie spricht.«
»Kennt Lupin sie?«, fragte Harry rasch und erinnerte sich, dass Umbridge in ihrer ersten Stunde etwas über gefährliche Halbblüter gesagt hatte.
»Nein«, sagte Sirius, »allerdings hat sie vor zwei Jahren ein Anti-Werwolf-Gesetz ausgearbeitet, das es ihm fast unmöglich macht, eine Stelle zu bekommen.«
Harry fiel ein, dass Lupin jetzt viel schäbiger aussah, und seine Abneigung gegen Umbridge steigerte sich noch.
»Was hat sie gegen Werwölfe?«, sagte Hermine aufgebracht.
»Hat Angst vor ihnen, vermute ich«, entgegnete Sirius und lächelte angesichts ihrer entrüsteten Miene. »Offenbar hasst sie Halbmenschen; sie hat sich letztes Jahr auch dafür engagiert, Wassermenschen zusammenzutreiben und einzufangen. Stellt euch nur mal vor, wie viel Zeit und Energie bei der Verfolgung von Wassermenschen verschwendet würde, wo doch gleichzeitig kleine Lumpen wie Kreacher auf freiem Fuß sind.«
Ron lachte, aber Hermine schien verstimmt.
»Sirius!«, sagte sie vorwurfsvoll. »Ehrlich mal, wenn du dir mit Kreacher ein wenig Mühe geben würdest, dann würde er sicher auf dich zukommen. Schließlich bist du das einzige Familienmitglied, das er noch hat, und Professor Dumbledore hat gesagt –«
»Also, wie sieht der Unterricht bei Umbridge aus?«, warf Sirius dazwischen. »Bringt sie euch allen bei, Halbblüter umzubringen?«
»Nein«, sagte Harry, ohne auf Hermines beleidigte Miene zu achten, die sich in ihrer Verteidigung Kreachers überfahren fühlte. »Sie lässt uns überhaupt nicht richtig zaubern!«
»Wir lesen immer nur das blöde Schulbuch«, sagte Ron.
»Ach ja, das passt«, sagte Sirius. »Nach unseren Informationen aus dem Ministerium will Fudge nicht, dass ihr für den Kampf ausgebildet werdet.«
»Für den Kampf ausgebildet!«, wiederholte Harry ungläubig. »Was glaubt der eigentlich, was wir hier treiben, eine Art Zaubererarmee aufbauen?«
»Genau das glaubt er«, sagte Sirius, »besser gesagt, genau das befürchtet er von Dumbledore – dass er seine eigene Privatarmee aufstellt, mit der er dann das Zaubereiministerium übernehmen kann.«
Schweigen trat ein, bis Ron sagte: »Das ist das Dümmste, was ich je gehört hab, einschließlich all des Plunders, den Luna Lovegood von sich gibt.«
»Also hält man uns davon ab, Verteidigung gegen die dunklen Künste zu lernen, weil Fudge Angst hat, wir würden gegen das Ministerium zaubern?«, sagte Hermine hellauf empört.
»Ja«, sagte Sirius. »Fudge glaubt, Dumbledore wird vor nichts zurückschrecken, um an die Macht zu kommen. Tag für Tag fühlt er sich stärker von Dumbledore verfolgt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er Dumbledore unter irgendeiner zusammengeschusterten Anklage verhaften lässt.«
Das erinnerte Harry an Percys Brief.
»Weißt du, ob der Tagesprophet morgen irgendwas über Dumbledore bringt? Rons Bruder Percy glaubt das –«
»Ich weiß nicht«, sagte Sirius, »ich hab das ganze Wochenende über keinen vom Orden gesehen, die sind alle beschäftigt. Nur Kreacher und ich waren hier …«
In Sirius’ Stimme lag unverkennbar ein Hauch von Bitterkeit.
»Also hast du auch nichts Neues über Hagrid erfahren?«
»Ah …«, sagte Sirius, »nun, eigentlich sollte er inzwischen zurück sein, keiner weiß genau, was mit ihm passiert ist.« Als er ihre entsetzten Gesichter sah, fügte er rasch hinzu: »Aber Dumbledore macht sich keine Sorgen, also steigert euch nicht in was rein; ich bin sicher, Hagrid geht’s gut.«
»Aber wenn er eigentlich schon zurück sein sollte …«, sagte Hermine mit schwacher, angsterfüllter Stimme.
»Madame Maxime war bei ihm, wir stehen in Verbindung mit ihr, und sie sagt, sie seien auf der Rückreise voneinander getrennt worden – aber nichts deutet darauf hin, dass er verletzt ist oder – nun, nichts lässt vermuten, dass er nicht völlig wohlauf ist.«
Nicht überzeugt, tauschten Harry, Ron und Hermine besorgte Blicke.
»Hört mal, stellt nicht zu viele Fragen über Hagrid«, sagte Sirius eilig, »das wird nur noch mehr Aufmerksamkeit darauf lenken, dass er nicht zurück ist, und ich weiß, Dumbledore will das nicht. Hagrid ist zäh, es wird ihm schon gut gehen.« Und als auch das sie nicht aufzumuntern schien, fügte Sirius hinzu: »Wann ist eigentlich euer nächstes Wochenende in Hogsmeade? Mit dieser Hundetarnung am Bahnhof sind wir ja ganz gut durchgekommen, hab ich mir überlegt. Ich dachte, ich könnte –«
»NEIN!«, riefen Harry und Hermine laut.
»Sirius, hast du nicht den Tagespropheten gelesen?«, fragte Hermine besorgt.
»Ach, das«, sagte Sirius und grinste, »die spekulieren immer, wo ich bin, im Grunde haben sie keine Ahnung –«
»Schon, aber wir glauben, diesmal ist es anders«, sagte Harry. »Malfoy hat im Zug etwas gesagt, was uns vermuten lässt, dass er wusste, dass du es warst, und sein Vater – Lucius Malfoy, du weißt ja – war auf dem Bahnsteig, also komm auf keinen Fall hier hoch, Sirius. Wenn Malfoy dich wiedererkennt –«
»Schon gut, schon gut, ich hab’s begriffen«, sagte Sirius. Er wirkte äußerst ungehalten. »War nur ’ne Idee, dachte, du würdest mich gerne mal wieder treffen.«
»Möchte ich schon, ich will nur nicht, dass sie dich wieder nach Askaban stecken!«, sagte Harry.
Eine Pause trat ein. Sirius sah Harry aus dem Feuer heraus an, eine Falte zwischen seinen tief liegenden Augen.
»Du ähnelst deinem Vater weniger, als ich gedacht hatte«, sagte er schließlich, mit spürbarer Kühle in der Stimme. »Gerade wegen des Risikos hätte es James Spaß gemacht.«
»Sieh mal –«
»Nun, ich verschwinde besser, ich kann Kreacher die Treppe runterkommen hören«, sagte Sirius, aber Harry war sicher, dass er log. »Ich schreib dir und nenn dir einen Zeitpunkt, an dem ich es noch mal ins Feuer schaffe, ja? Wenn du das Risiko ertragen kannst?«
Ein leises Popp war zu hören, und wo Sirius’ Kopf gewesen war, loderte wieder eine Flamme.
Die Großinquisitorin von Hogwarts
Sie hatten geglaubt, Hermines Tagespropheten am nächsten Morgen gründlich durchforsten zu müssen, um den in Percys Brief erwähnten Artikel zu finden. Doch kaum hatte sich die Posteule wieder vom Milchkrug erhoben, da keuchte Hermine laut auf und strich die Zeitung glatt. Zu sehen war nun ein großes Foto von Dolores Umbridge, die breit lächelte und ihnen unter der Schlagzeile bedächtig zuzwinkerte.
MINISTERIUM STREBT AUSBILDUNGSREFORM AN DOLORES UMBRIDGE IN DAS NEU GESCHAFFENE AMT DER GROSSINQUISITORIN BERUFEN
»Umbridge – ›Großinquisitorin‹«, sagte Harry finster und sein angebissenes Stück Toast glitt ihm aus den Fingern. »Was soll das denn heißen?«
Hermine las laut vor:
»In einem überraschenden Schritt hat das Zaubereiministerium gestern Abend ein neues Gesetz verabschiedet, das ihm ein beispielloses Maß an Verfügungsgewalt über die Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei gewährt.
›Der Minister ist seit geraumer Zeit zusehends beunruhigt über die Vorgänge in Hogwarts‹, erklärte Percy Weasley, der Juniorassistent des Ministers. ›Er reagiert nun auf die kritischen Stimmen besorgter Eltern, die den Eindruck haben, dass sich die Schule in eine Richtung entwickelt, die sie nicht gutheißen.‹
Es ist nicht das erste Mal in den letzten Wochen, dass Cornelius Fudge, der Minister, mit Hilfe neuer Gesetze Verbesserungen an der Zaubererschule herbeiführt. Erst am 30. August wurde der Ausbildungserlass Nummer zweiundzwanzig verabschiedet, der für den Fall, dass der gegenwärtige Schulleiter nicht in der Lage ist, einen Kandidaten für eine Lehrerstelle vorzuweisen, gewährleistet, dass das Ministerium eine geeignete Person auswählen kann.
›Dies ist der Grund, weshalb Dolores Umbridge zum Mitglied des Lehrpersonals in Hogwarts ernannt wurde‹, sagte Weasley gestern Abend. ›Dumbledore konnte niemanden finden, deshalb hat der Minister Umbridge berufen, und natürlich war sie sofort erfolgreich –‹«
»Sie war WAS?«, sagte Harry laut.
»Wart nur ab, es geht noch weiter«, sagte Hermine verbissen.
»›– sofort erfolgreich, indem sie den Unterricht in Verteidigung gegen die dunklen Künste völlig umgekrempelt hat und dem Minister jetzt aus der unmittelbaren Praxis heraus berichten kann, was wirklich in Hogwarts vor sich geht.‹
Diesem letzten Aufgabengebiet hat das Ministerium nun mit dem Ausbildungserlass Nummer dreiundzwanzig auch formal Rechnung getragen und das neue Amt eines Großinquisitors für Hogwarts geschaffen.
›Dies ist ein spannender neuer Abschnitt im Plan des Ministers, sich dem entgegenzustemmen, was manche als sinkendes Niveau in Hogwarts bezeichnen‹, so Weasley. ›Die Inquisitorin wird die Befugnis haben, den Unterricht ihrer Kollegen zu inspizieren und sicherzustellen, dass er den Erwartungen entspricht. Professor Umbridge wurde diese Position zusätzlich zu ihrem Lehramt angeboten, und wir freuen uns mitteilen zu können, dass sie sich dazu bereit erklärt hat.‹
Die Reformschritte des Ministeriums stießen bei Eltern von Hogwarts-Schülern auf begeisterte Zustimmung.
›Mir ist viel leichter ums Herz, jetzt, da ich weiß, dass Dumbledore einer fairen und vorurteilslosen Beurteilung unterzogen wird‹, sagte Mr Lucius Malfoy, 41, gestern Abend auf seinem Landsitz in Wiltshire. ›Viele von uns, denen das wohlverstandene Interesse unserer Kinder ein echtes Anliegen ist, waren in Sorge über einige von Dumbledores launenhaften Entscheidungen während der letzten Jahre und sind nun froh zu wissen, dass das Ministerium die Lage im Auge behält.‹
Zu diesen launenhaften Entscheidungen gehören zweifellos umstrittene Stellenbesetzungen, von denen wir in dieser Zeitung bereits berichteten, darunter die Einstellung des Werwolfs Remus Lupin, des Halbriesen Rubeus Hagrid und des unter Wahnvorstellungen leidenden Ex-Auroren ›Mad-Eye‹ Moody.
Natürlich sind Gerüchte im Umlauf, wonach Albus Dumbledore, einst Ganz hohes Tier der Internationalen Zauberervereinigung und Großmeister des Zaubergamots, der Aufgabe, die angesehene Hogwarts-Schule zu leiten, nicht mehr gewachsen ist. ›Ich denke, die Ernennung eines Inquisitors ist nur der erste Schritt, um dafür Sorge zu tragen, dass Hogwarts einen Schulleiter bekommt, dem wir alle wieder unser Vertrauen schenken können‹, ließ ein Mitarbeiter des Ministeriums gestern Abend verlauten.
Die langjährigen Mitglieder des Zaubergamots, Griselda Marchbanks und Tiberius Ogden, traten aus Protest gegen die Einführung eines Inquisitorenamts für Hogwarts zurück.
›Hogwarts ist eine Schule, keine Außenstelle von Cornelius Fudges Ministerium‹, erklärte Madam Marchbanks. ›Dies ist ein weiterer empörender Versuch, Albus Dumbledores Ruf zu schädigen.‹
(Einen ausführlichen Bericht über Madam Marchbanks’ angebliche Beziehungen zu aufrührerischen Koboldgruppen finden Sie auf Seite siebzehn.)«
Hermine hatte zu Ende gelesen und blickte die anderen beiden über den Tisch hinweg an.
»Jetzt wissen wir also, wie wir diese Umbridge auf den Hals bekommen haben! Fudge hat seinen ›Ausbildungserlass‹ durchgepaukt und sie uns aufgezwungen! Und jetzt hat er ihr die Macht gegeben, die anderen Lehrer zu inspizieren!« Hermine atmete rasch, ihre Augen waren sehr hell. »Das kann ich nicht glauben. Das ist ungeheuerlich!«
»Ich weiß«, sagte Harry. Er blickte hinab auf seine rechte Hand, die auf dem Tisch zur Faust geballt war, und sah die schwache weiße Kontur der Worte, die Umbridge ihn in seine Haut zu schneiden gezwungen hatte.
Doch auf Rons Gesicht breitete sich ein Grinsen aus.
»Was ist?«, fragten Harry und Hermine gleichzeitig und starrten ihn an.
»Hey, ich bin schon mal gespannt, wie sie bei McGonagall inspizieren will«, sagte Ron fröhlich. »Umbridge wird nicht wissen, wie ihr geschieht.«
»Ja, kommt«, sagte Hermine und sprang auf, »wir müssen uns beeilen; wenn sie Binns’ Unterricht inspiziert, sollten wir nicht zu spät kommen …«
Aber Professor Umbridge inspizierte nicht ihre Zaubereigeschichtsstunde, die nicht minder dröge war als am Montag zuvor, und sie war auch nicht in Snapes Kerker, als sie zur Doppelstunde Zaubertränke kamen, wo Harry seinen Mondsteinaufsatz mit einem großen spitzen »S« in einer oberen Ecke zurückbekam.
»Ich habe Sie so benotet, als ob Sie die Arbeiten bei der ZAG-Prüfung eingereicht hätten«, sagte Snape mit einem höhnischen Grinsen, während er durch die Reihen rauschte und ihnen die Hausaufgaben zurückgab. »Das sollte Ihnen eine nüchterne Vorstellung davon geben, was Sie in der Prüfung erwartet.«
Snape war nach vorne zurückgekehrt, drehte sich um und blickte sie an.
»Das allgemeine Niveau dieser Hausarbeit war jämmerlich. Die meisten wären durchgefallen, wenn dies ihre Prüfung gewesen wäre. Beim Aufsatzthema dieser Woche geht es um die verschiedenen Sorten von Gegengiften, und ich erwarte einiges mehr an Mühe, oder ich werde anfangen, den Dummköpfen, die ein ›S‹ bekommen haben, Strafarbeiten zu erteilen.«
Er grinste, während Malfoy kicherte und gut vernehmlich flüsterte: »Jemand hat ein ›S‹ gekriegt? Ha!«
Harry bemerkte, dass Hermine aus dem Augenwinkel herüberspähte, um zu sehen, welche Note er bekommen hatte; er wollte das jedoch lieber für sich behalten und ließ seinen Mondsteinaufsatz schleunigst in die Tasche gleiten.
Harry war entschlossen, Snape keinen Grund dafür zu liefern, ihn auch in dieser Stunde schlecht zu benoten, und las jede Zeile der Rezeptur an der Tafel mindestens dreimal, bevor er sie befolgte. Sein Stärkungstrank war nicht unbedingt so klar türkisfarben wie der von Hermine, doch zumindest war er eher blau und nicht blassrot wie der von Neville, und am Ende der Stunde lieferte er, trotzig und erleichtert zugleich, eine Probeflasche davon an Snapes Pult ab.
»Nun, das war nicht so schlimm wie letzte Woche, was?«, sagte Hermine, als sie die Kerkerstufen hochstiegen und durch die Eingangshalle zum Mittagessen gingen. »Und mit den Hausaufgaben ist es auch nicht allzu schlecht gelaufen, oder?«
Als weder Ron noch Harry antworteten, hakte sie nach: »Ich meine, na gut, ich hab nicht die Spitzennote erwartet, nicht, wenn er nach ZAG-Standard benotet, aber ein ›Bestanden‹ ist vorerst ganz ermutigend, meint ihr nicht?«
Harrys Kehle entschlüpfte ein undefinierbares Geräusch.
»Natürlich kann bis zur Prüfung noch eine Menge passieren, wir haben genug Zeit, um besser zu werden, aber die Noten, die wir jetzt bekommen, sind doch schon mal eine Grundlage, oder? Darauf können wir aufbauen …«
Sie setzten sich zusammen an den Gryffindor-Tisch.
»Natürlich hätt ich es toll gefunden, wenn ich ein ›O‹ bekommen hätte –«
»Hermine«, sagte Ron scharf, »wenn du wissen willst, welche Noten wir gekriegt haben, dann frag.«
»Ich will – ich wollte nicht – nun, wenn ihr es mir sagen wollt –«
»Ich hab ein ›M‹«, sagte Ron und schöpfte sich Suppe auf seinen Teller. »Zufrieden?«
»Also, dafür muss man sich nicht schämen«, meinte Fred, der gerade mit George und Lee Jordan an den Tisch gekommen war und rechts von Harry Platz nahm. »Nichts auszusetzen an einem guten, gesunden ›M‹.«
»Aber«, sagte Hermine, »steht ›M‹ nicht für …«
»›Mies‹, ja schon«, sagte Lee Jordan. »Aber immer noch besser als ›S‹, oder? ›Schrecklich‹?«
Harry spürte, wie sein Gesicht warm wurde, und tat, als hätte er sich an einem Brötchen verschluckt. Als er aufhörte zu husten, stellte er zu seinem Leidwesen fest, dass Hermine sich immer noch beflissen über ZAG-Noten verbreitete.
»Also, die Spitzennote ist ›O‹ für ›Ohnegleichen‹«, sagte sie, »und danach kommt ›A‹ –«
»Nein, ›E‹«, korrigierte George sie, »›E‹ für ›Erwartungen übertroffen‹. Ich hab immer gedacht, Fred und ich sollten ein ›E‹ in allem kriegen, weil wir die Erwartungen schon übertroffen haben, als wir zu den Prüfungen aufgetaucht sind.«
Alle lachten, außer Hermine, die nicht lockerließ. »Also, nach ›E‹ kommt ›A‹ für ›Annehmbar‹, und das braucht man mindestens, um die Prüfung zu bestehen, richtig?«
»Ja«, sagte Fred, tunkte ein ganzes Brötchen in seine Suppe, beförderte es in den Mund und schluckte es mit einem Mal hinunter.
»Dann kommt ›M‹ für ›Mies‹« – Ron hob in Siegerpose beide Arme – »und ›S‹ für ›Schrecklich‹.«
»Und dann ›T‹«, erinnerte ihn George.
»›T‹?«, fragte Hermine bestürzt. »Noch schlechter als ›S‹? Was um Himmels willen soll ›T‹ bedeuten?«
»Troll«, sagte George prompt.
Harry lachte erneut, obwohl er nicht sicher war, ob George Witze machte. Er stellte sich vor, wie es wäre, wenn er vor Hermine verheimlichen müsste, dass er in allen ZAGs ein »T« bekommen hatte, und beschloss auf der Stelle, von nun an fleißiger zu arbeiten.
»Habt ihr schon eine Unterrichtsinspektion gehabt?«, fragte Fred.
»Nein«, sagte Hermine sofort. »Und ihr?«
»Gerade eben, vor dem Essen«, sagte George. »In Zauberkunst.«
»Wie war’s?«, fragten Harry und Hermine im Chor.
Fred zuckte die Achseln.
»Ging so. Umbridge hing nur in der Ecke rum und hat sich Notizen auf einem Klemmbrett gemacht. Ihr kennt ja Flitwick, er hat sie wie einen Gast behandelt und sich offenbar gar nicht stören lassen. Sie hat nicht viel gesagt. Hat Alicia ein paar Fragen gestellt, wie der Unterricht sonst immer sei, und Alicia hat ihr erklärt, er sei wirklich gut, und das war’s dann.«
»Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass der alte Flitwick schlechte Noten verpasst kriegt«, sagte George, »normalerweise bringt er doch alle ganz ordentlich durch die Prüfungen.«
»Wen habt ihr heut Nachmittag?«, fragte Fred Harry.
»Trelawney –«
»Ein ›T‹, wie es im Buch steht.«
»– und Umbridge persönlich.«
»Na, dann sei ein braver Junge und halt dich heut bei ihr zurück«, sagte George. »Angelina schnappt noch über, wenn du schon wieder das Quidditch-Training verpasst.«
Aber Harry musste nicht auf Verteidigung gegen die dunklen Künste warten, bis er Professor Umbridge zu Gesicht bekam. Auf seinem Platz ganz hinten im düsteren Wahrsageraum zog er gerade sein Traumtagebuch hervor, als ihm Ron den Ellbogen in die Rippen stieß. Er wandte sich um und sah Professor Umbridge aus der Falltür im Boden auftauchen. Die Klasse, die munter getratscht hatte, verstummte augenblicklich. Das plötzliche Absinken des Lärmpegels bewog Professor Trelawney, die umhergeschwebt war und das Traumorakel ausgeteilt hatte, sich umzublicken.
»Guten Tag, Professor Trelawney«, sagte Professor Umbridge mit ihrem breiten Lächeln. »Sie haben meine Benachrichtigung erhalten, hoffe ich? Mit Datum und Uhrzeit Ihrer Unterrichtsinspektion?«
Professor Trelawney nickte knapp, kehrte Professor Umbridge äußerst verstimmt den Rücken zu und fuhr fort, ihre Bücher auszuteilen. Unentwegt lächelnd, packte Professor Umbridge den nächstbesten Sessel an der Lehne und schleifte ihn vor die Klasse, eine Handbreit hinter Professor Trelawneys Platz. Dann setzte sie sich, nahm ihr Klemmbrett aus der geblümten Tasche und blickte auf in der Erwartung, dass der Unterricht beginne.
Professor Trelawney zog mit leicht bebenden Händen ihre Schals fester und musterte die Klasse durch ihre riesenhaft vergrößernden Brillengläser.
»Wir werden heute unser Studium prophetischer Träume fortsetzen«, sagte sie in einem tapferen Versuch, ihre übliche mystische Tonlage zu treffen, auch wenn ihre Stimme leicht zitterte. »Gehen Sie zu zweit zusammen, bitte, und deuten Sie mit Hilfe des Orakels die letzten nächtlichen Visionen Ihres Partners.«
Sie machte Anstalten, zu ihrem Platz zurückzuschweben, sah Professor Umbridge gleich dahinter sitzen und schwenkte prompt nach links auf Parvati und Lavender zu, die sich schon eingehend über Parvatis jüngsten Traum unterhielten.
Harry behielt Umbridge verstohlen im Auge und schlug sein Traumorakel auf. Sie machte sich bereits Notizen auf ihrem Klemmbrett. Nach ein paar Minuten erhob sie sich und heftete sich an Trelawneys Fersen, ging mit ihr durchs Klassenzimmer, lauschte ihren Gesprächen mit den Schülern und stellte selbst gelegentlich einige Fragen. Harry vergrub eilends den Kopf in seinem Buch.
»Lass dir ’nen Traum einfallen, schnell«, forderte er Ron auf, »falls die alte Kröte bei uns vorbeikommt.«
»Hab ich schon letztes Mal gemacht«, protestierte Ron, »jetzt bist du dran, erzähl mir einen.«
»Ach, keine Ahnung …«, sagte Harry verzweifelt, der sich nicht erinnern konnte, während der letzten Nächte überhaupt etwas geträumt zu haben. »Sagen wir einfach, mir träumte, ich würde … Snape in meinem Kessel ertränken. Ja, das wird reichen …«
Ron gluckste und schlug sein Traumorakel auf.
»Okay, wir müssen dein Alter zu dem Datum hinzuzählen, an dem du den Traum hattest, die Zahl der Buchstaben des Traumthemas … ist das jetzt ›ertränken‹ oder ›Kessel‹ oder ›Snape‹?«
»Ist egal, nimm einfach irgendwas«, sagte Harry und wagte einen Blick hinter sich. Professor Umbridge stand nun direkt neben Professor Trelawney und machte sich Notizen, während die Wahrsagelehrerin Neville zu seinem Traumtagebuch befragte.
»In welcher Nacht hast du das noch mal geträumt?«, fragte Ron, in Berechnungen vertieft.
»Keine Ahnung, letzte Nacht, wann du willst«, entgegnete Harry und versuchte zu erlauschen, was Umbridge zu Professor Trelawney sagte. Sie waren jetzt nur noch einen Tisch von ihm und Ron entfernt. Professor Umbridge notierte abermals etwas auf ihrem Klemmbrett und Professor Trelawney sah hochgradig verärgert aus.
»Nun«, sagte Umbridge und blickte zu Trelawney auf, »wie lange genau haben Sie diese Stelle schon inne?«
Professor Trelawney sah sie finster an, die Arme verschränkt und die Schultern hochgezogen, als wollte sie sich so gut wie möglich vor der Schmach der Inspektion schützen. Nach einer kleinen Pause, in der sie offenbar zu dem Schluss kam, dass die Frage nicht so entwürdigend war, dass sie sie zu Recht ignorieren konnte, sagte sie mit zutiefst beleidigter Stimme: »Fast sechzehn Jahre.«
»Eine beträchtliche Zeit«, sagte Professor Umbridge und machte sich eine Notiz auf ihrem Klemmbrett. »Dann war es Professor Dumbledore, der Sie eingestellt hat?«
»Das ist korrekt«, sagte Professor Trelawney knapp.
Professor Umbridge machte sich wiederum eine Notiz.
»Und Sie sind eine Ururenkelin der berühmten Seherin Cassandra Trelawney?«
»Ja«, sagte Professor Trelawney und reckte leicht den Kopf.
Wieder folgte eine Notiz auf dem Klemmbrett.
»Aber ich vermute – korrigieren Sie mich, wenn ich mich irre –, dass Sie die Erste in Ihrer Familie seit Cassandra sind, die mit dem zweiten Gesicht begabt ist?«
»Diese Dinge überspringen oft – ähm – drei Generationen«, erwiderte Professor Trelawney.
Professor Umbridges krötenartiges Lächeln wurde breiter.
»Natürlich«, sagte sie süßlich und machte sich erneut eine Notiz. »Nun, vielleicht können Sie einfach mal etwas für mich voraussagen?« Sie blickte mit fragender Miene und unentwegt lächelnd auf.
Professor Trelawney erstarrte schlagartig, als könnte sie ihren Ohren nicht trauen. »Ich habe Sie nicht verstanden«, sagte sie und griff krampfartig nach dem Schal um ihren dürren Hals.
»Ich möchte, dass Sie mir etwas voraussagen«, erklärte Professor Umbridge sehr deutlich.
Harry und Ron waren nicht die Einzigen, die jetzt hinter ihren Büchern hervor verstohlen zusahen und lauschten. Der größte Teil der Klasse blickte gebannt auf Professor Trelawney, die sich mit klimpernden Perlen und Armringen zu voller Höhe aufrichtete.
»Das innere Auge sieht nicht auf Befehl«, sagte sie entrüstet.
»Verstehe«, entgegnete Professor Umbridge sanft und machte sich eine weitere Notiz auf ihrem Klemmbrett.
»Ich – aber – aber … warten Sie!«, sagte Professor Trelawney plötzlich, bemüht, ihre übliche ätherische Stimmlage zu treffen, wiewohl die mystische Wirkung ein wenig verpuffte, da sie vor Zorn bebte. »Ich … ich glaube, ich sehe etwas … etwas, das Sie betrifft … ach, ich spüre etwas … etwas Dunkles … eine abgrundtiefe Gefahr …«
Professor Trelawney deutete mit zitterndem Finger auf Professor Umbridge, die sie, mit hochgezogenen Augenbrauen, weiter verbindlich anlächelte.
»Ich fürchte … ich fürchte, Sie sind in abgrundtiefer Gefahr!«, schloss Professor Trelawney dramatisch.
Stille trat ein. Professor Umbridges Augenbrauen waren noch immer erhoben.
»Schön«, sagte sie sanft und fing von neuem an auf ihrem Klemmbrett zu kritzeln. »Nun, wenn das alles ist, was Sie können …«
Sie wandte sich um. Professor Trelawney stand da wie angewurzelt, ihre Brust hob und senkte sich. Harry fing einen Blick von Ron auf und wusste, dass er genau das Gleiche dachte wie er: Professor Trelawney war zwar eine ausgemachte alte Schwindlerin, doch hassten sie beide Umbridge so sehr, dass ihr Mitgefühl nun entschieden Trelawney galt – allerdings nur, bis sie sich einige Sekunden später dann über sie hermachte.
»Nun?«, sagte sie und schnippte ungewöhnlich forsch mit ihren langen Fingern unter Harrys Nase herum. »Zeigen Sie mir bitte den Anfang Ihres Traumtagebuchs.«
Als sie Harrys Träume mit ihrer lautesten Stimme gedeutet hatte (wobei alle, selbst jene, bei denen es um das Essen von Haferschleim ging, offenbar einen grausigen und frühen Tod ankündigten), war sein Mitleid mit ihr schon abgeflaut. Professor Umbridge stand unterdessen ein paar Schritte entfernt und machte sich Notizen auf dem ominösen Klemmbrett. Als es läutete, stieg sie als Erste die silberne Leiter hinab, und als die Klasse zehn Minuten später zu ihr in Verteidigung gegen die dunklen Künste kam, wartete Professor Umbridge bereits auf sie.
Als sie eintraten, summte und lächelte sie vor sich hin. Während sie alle die Theorie magischer Verteidigung hervorholten, berichteten Harry und Ron Hermine, die in Arithmantik gewesen war, was in Wahrsagen genau geschehen war, doch bevor Hermine irgendwelche Fragen stellen konnte, hatte Professor Umbridge sie schon zur Ordnung ermahnt und Ruhe trat ein.
»Zauberstäbe weg«, befahl sie mit einem Lächeln, und wer so optimistisch gewesen war, ihn herauszuholen, steckte ihn jetzt traurig wieder in die Tasche. »Da wir das erste Kapitel in der letzten Stunde abgeschlossen haben, schlagen Sie nun bitte alle Seite neunzehn auf und beginnen Sie mit Kapitel zwei, ›Gängige Verteidigungstheorien und ihre Ursprünge‹. Ich möchte keine Unterhaltungen hören.«
Andauernd breit und selbstzufrieden lächelnd, setzte sie sich an ihr Pult. Die Klasse seufzte vernehmlich, als sie alle zugleich Seite neunzehn aufschlugen. Harry fragte sich dumpf, ob die Zahl der Kapitel in diesem Buch ausreichte, um ihnen für alle Stunden des Schuljahrs Lesestoff zu bieten, und wollte gerade im Inhaltsverzeichnis nachschlagen, da fiel ihm auf, dass Hermine die Hand schon wieder in der Luft hatte.
Auch Professor Umbridge hatte es bemerkt, und mehr noch, sie schien eine Strategie für einen solchen Fall entwickelt zu haben. Anstatt vorzuschützen, sie hätte Hermine nicht bemerkt, stand sie auf und ging um die erste Pultreihe herum, bis sie direkt vor Hermine stand, dann beugte sie sich hinunter und flüsterte, dass der Rest der Klasse es nicht hören konnte: »Was gibt es diesmal, Miss Granger?«
»Ich hab Kapitel zwei schon gelesen«, sagte Hermine.
»Nun, dann machen Sie weiter mit Kapitel drei.«
»Das hab ich auch gelesen. Ich hab das ganze Buch gelesen.«
Professor Umbridge zuckte kurz mit der Wimper, gewann jedoch fast augenblicklich ihre Fassung wieder.
»Nun, dann sollten Sie in der Lage sein, mir zu sagen, was Slinkhard im fünfzehnten Kapitel über Gegenflüche sagt.«
»Er sagt, Gegenflüche dürften eigentlich gar nicht so heißen«, erwiderte Hermine prompt. »›Gegenfluch‹ sei nur ein Name, den die Leute ihren Flüchen geben, damit es sich besser anhört, was sie tun.«
Professor Umbridge hob die Augenbrauen, und Harry wusste, dass sie gegen ihren Willen beeindruckt war.
»Aber ich bin anderer Ansicht«, fuhr Hermine fort.
Professor Umbridges Augenbrauen hoben sich noch ein wenig mehr und ihr Blick wurde deutlich kälter.
»Sie sind anderer Ansicht?«
»Ja, allerdings«, sagte Hermine, die im Gegensatz zu Umbridge nicht flüsterte, sondern mit klarer, vernehmlicher Stimme sprach und sich inzwischen die Aufmerksamkeit der restlichen Klasse gesichert hatte. »Mr Slinkhard mag keine Flüche, nicht wahr? Aber ich glaube, dass sie sehr nützlich sein können, wenn sie zur Verteidigung eingesetzt werden.«
»Oh, das glauben Sie also?«, sagte Professor Umbridge, die zu flüstern vergessen hatte und sich aufrichtete. »Nun, ich fürchte, es ist die Meinung von Mr Slinkhard und nicht die Ihre, die in diesem Klassenzimmer zählt, Miss Granger.«
»Aber –«, setzte Hermine an.
»Das genügt«, sagte Professor Umbridge. Sie ging nach vorne zurück und wandte sich der Klasse zu, und all ihr munteres Gehabe vom Beginn der Stunde war von ihr abgefallen. »Miss Granger, ich ziehe fünf Punkte für Haus Gryffindor ab.«
Auf diese Worte hin brach lautes Gemurmel los.
»Weswegen?«, sagte Harry zornig.
»Halt dich da raus!«, zischelte ihm Hermine eindringlich zu.
»Weil sie meinen Unterricht mit sinnlosen Unterbrechungen gestört hat«, sagte Professor Umbridge sanft. »Ich bin hier, um Sie nach einer vom Ministerium genehmigten Methode zu unterrichten, und dazu gehört nicht, dass man Schüler auffordert, ihre Meinungen zu Fragen abzugeben, von denen sie sehr wenig verstehen. Ihre früheren Lehrer in diesem Fach mögen Ihnen mehr Narrenfreiheit eingeräumt haben, aber da keiner von ihnen – vielleicht mit Ausnahme Professor Quirrells, der sich zumindest auf altersgemäße Themen beschränkt zu haben scheint – eine Inspektion des Ministeriums bestanden hätte –«
»Ja, Quirrell war ein toller Lehrer«, sagte Harry laut, »es gab nur den kleinen Nachteil, dass ihm Lord Voldemort hinten aus dem Kopf raushing.«
Dem folgte eine Stille, so laut, wie Harry es kaum je gehört hatte.
Dann –
»Ich denke, eine weitere Woche Nachsitzen würde Ihnen ganz guttun, Mr Potter«, sagte Umbridge honigsüß.
Der Schnitt auf Harrys Handrücken war kaum verheilt und am folgenden Morgen blutete er wieder. Harry beklagte sich nicht während des Nachsitzens am Abend; er war entschlossen, Umbridge nicht diese Genugtuung zu verschaffen. Wieder und wieder schrieb er Ich soll keine Lügen erzählen, und nicht ein einziger Laut entfuhr seinen Lippen, obwohl der Schnitt sich mit jedem Buchstaben vertiefte.
Das Allerschlimmste an dieser zweiten Woche täglicher Strafarbeiten war, genau wie George vorausgesagt hatte, die Reaktion von Angelina. Kaum war er am Dienstag zum Frühstück am Gryffindor-Tisch erschienen, da baute sie sich vor ihm auf und schrie so laut, dass Professor McGonagall vom Lehrertisch herab auf sie zugerauscht kam.
»Miss Johnson, wie können Sie es wagen, einen solchen Aufruhr in der Großen Halle zu veranstalten! Fünf Punkte Abzug für Gryffindor!«
»Aber Professor – er hat es doch tatsächlich geschafft, sich schon wieder Nachsitzen aufzuhalsen –«
»Was höre ich da, Potter?«, sagte Professor McGonagall scharf und wandte sich drohend Harry zu. »Nachsitzen? Bei wem?«
»Bei Professor Umbridge«, murmelte Harry und mied Professor McGonagalls glänzende Knopfaugen hinter den eckigen Brillengläsern.
»Wollen Sie mir sagen«, begann sie und senkte die Stimme, damit die Schar neugieriger Ravenclaws hinter ihnen sie nicht hören konnte, »dass Sie nach der Ermahnung, die ich Ihnen letzten Montag erteilt habe, erneut einen Wutanfall in Professor Umbridges Unterricht hatten?«
»Ja«, murmelte Harry dem Fußboden zu.
»Potter, Sie müssen sich zusammenreißen! Sie handeln sich schweren Ärger ein! Noch einmal fünf Punkte Abzug für Gryffindor!«
»Aber – was –? Professor, nein!«, sagte Harry, zornentbrannt ob dieser Ungerechtigkeit. »Ich werde schon von ihr bestraft, warum müssen Sie mir auch noch Punkte abziehen?«
»Weil Nachsitzen offenbar keinerlei Wirkung auf Sie zeigt!«, sagte Professor McGonagall bissig. »Nein, ich will kein einziges Wort der Klage hören, Potter! Und was Sie angeht, Miss Johnson, Sie werden Ihr Kampfgeschrei künftig auf das Quidditch-Feld beschränken oder Sie riskieren Ihre Stellung als Mannschaftskapitänin!«
Professor McGonagall schritt zurück zum Lehrertisch. Angelina versetzte Harry einen zutiefst angewiderten Blick und stolzierte davon, worauf er sich zornbebend auf die Bank neben Ron schwang.
»Sie hat Gryffindor Punkte abgezogen, weil ich jeden Abend meine Hand aufgeschlitzt kriege! Was soll daran bloß gerecht sein, sag’s mir!«
»Ich weiß, Mann«, sagte Ron mitfühlend und gabelte Speck auf Harrys Teller, »die ist vollkommen durch den Wind.«
Hermine jedoch raschelte nur mit den Blättern ihres Tagespropheten und sagte nichts.
»Du denkst, McGonagall hat Recht, gib’s zu!«, sagte Harry wütend zu dem Bild von Cornelius Fudge, das Hermines Gesicht verdeckte.
»Mir wär’s lieber, wenn sie dir keine Punkte abgezogen hätte, aber ich glaube, sie hat Recht, wenn sie dich ermahnt, bei Umbridge nicht aus der Haut zu fahren«, sagte Hermines Stimme, während Fudge, der offenbar irgendeine Rede hielt, auf der Titelseite energisch gestikulierte.
Harry sprach den gesamten Zauberkunstunterricht über nicht mit Hermine, doch als sie in Verwandlung kamen, vergaß er, dass er sauer auf sie war. Professor Umbridge und ihr Klemmbrett saßen in einer Ecke und ihr Anblick ließ Harrys Erinnerung an das Frühstück verblassen.
»Bestens«, wisperte Ron, als sie sich auf ihre gewohnten Plätze setzten. »Schauen wir mal, wie Umbridge kriegt, was sie verdient.«
Professor McGonagall marschierte herein, ohne sich im Geringsten anmerken zu lassen, dass sie von Professor Umbridges Anwesenheit wusste.
»Fangen wir an«, sagte sie und prompt trat Stille ein. »Mr Finnigan, seien Sie bitte so freundlich, kommen Sie nach vorne und geben Sie den andern die Hausaufgaben zurück – Miss Brown, bitte nehmen Sie diese Schachtel Mäuse – stellen Sie sich nicht so an, Mädchen, die tun Ihnen nichts – und geben Sie jedem eine –«
»Chrm, chrm«, machte Professor Umbridge, das gleiche alberne Räuspern, mit dem sie Dumbledore am ersten Abend des Schuljahrs unterbrochen hatte. Professor McGonagall beachtete sie nicht. Seamus gab Harry seinen Aufsatz zurück; Harry nahm ihn, ohne Seamus anzublicken, und sah erleichtert, dass er ein »A« geschafft hatte.
»Nun gut, hören Sie bitte genau zu – Dean Thomas, wenn Sie das noch einmal mit Ihrer Maus machen, setzt es Strafarbeiten –, die meisten von Ihnen haben inzwischen erfolgreich ihre Schnecken zum Verschwinden gebracht, und selbst jene, die noch einen gewissen Rest vom Gehäuse übrig hatten, haben den Kern des Zaubers erfasst. Heute werden wir –«
»Chrm, chrm«, machte Professor Umbridge.
»Ja?«, sagte Professor McGonagall und wandte sich um, die Brauen so eng zusammengezogen, dass sie wie eine lange, strenge Linie wirkten.
»Ich fragte mich nur, Professor, ob Sie meine Benachrichtigung über Datum und Zeit der Unterrichtsinspektion bei Ihnen –«
»Selbstverständlich habe ich sie erhalten, sonst hätte ich Sie gefragt, was Sie in meinem Klassenzimmer zu suchen haben«, sagte Professor McGonagall und kehrte Professor Umbridge entschieden den Rücken zu. Viele Schüler tauschten hämische Blicke. »Wie ich eben sagte: Heute werden wir den Verschwindezauber an Mäusen üben, was um einiges schwieriger ist. Nun, der Verschwindezauber –«
»Chrm, chrm.«
»Ich frage mich«, sagte Professor McGonagall mit kalter Wut und drehte sich zu Professor Umbridge um, »wie Sie einen Eindruck von meinen üblichen Lehrmethoden gewinnen wollen, wenn Sie mich ständig unterbrechen. Sie werden verstehen, dass ich es anderen normalerweise nicht gestatte, zu reden, solange ich rede.«
Professor Umbridge sah aus, als hätte man ihr gerade eine Ohrfeige verpasst. Sie sagte nichts, sondern glättete das Pergament auf ihrem Klemmbrett und kritzelte wütend drauflos.
Mit höchst gleichmütiger Miene wandte sich Professor McGonagall erneut an die Klasse.
»Wie gesagt: Der Verschwindezauber wird schwieriger, je komplexer das Tier ist, das man zum Verschwinden bringen will. Die Schnecke als wirbelloses Tier stellt keine große Herausforderung dar; die Maus als Säugetier hingegen sehr viel eher. Von daher ist dies kein Zauber, den Sie ausführen können, wenn Sie schon in Gedanken beim Abendessen sind. Nun – Sie kennen die Zauberformel, zeigen Sie mir, was Sie bewerkstelligen können …«
»Und die will mir beibringen, bei Umbridge ruhig Blut zu bewahren!«, murmelte Harry verstohlen Ron zu, doch er grinste dabei – sein Zorn auf Professor McGonagall war endgültig verraucht.
Professor Umbridge folgte Professor McGonagall nicht durch das Klassenzimmer, wie sie es bei Professor Trelawney getan hatte; vielleicht war ihr klar geworden, dass Professor McGonagall es nicht gestatten würde. Sie machte sich jedoch noch viele weitere Notizen, während sie in ihrer Ecke saß, und als Professor McGonagall die Klasse endlich zusammenpacken ließ, erhob sie sich mit verbiesterter Miene.
»Na ja, es ist ein Anfang«, sagte Ron, hielt einen langen sich ringelnden Mäuseschwanz empor und warf ihn zurück in die Schachtel, die Lavender herumreichte.
Als sie das Klassenzimmer verlassen wollten, sah Harry Professor Umbridge auf das Lehrerpult zugehen; er stieß Ron an, der wiederum Hermine anstieß, und die drei trödelten absichtlich herum, um zu lauschen.
»Wie lange lehren Sie schon in Hogwarts?«, fragte Professor Umbridge.
»Diesen Dezember sind es neununddreißig Jahre«, sagte Professor McGonagall schroff und ließ ihre Tasche zuschnappen.
Professor Umbridge machte sich eine Notiz.
»Sehr schön«, sagte sie, »Sie werden die Ergebnisse der Inspektion in zehn Tagen erhalten.«
»Ich kann es kaum erwarten«, meinte Professor McGonagall in eisig gleichgültigem Ton und ging zur Tür. »Beeilt euch, ihr drei«, sagte sie und schob Harry, Ron und Hermine vor sich her.
Harry konnte einfach nicht umhin, ihr verstohlen zuzulächeln, und er hätte schwören können, dass sie sein Lächeln erwiderte.
Er hatte geglaubt, Umbridge frühestens wieder am Nachmittag beim Nachsitzen zu sehen, doch darin hatte er sich geirrt. Als sie den Rasenhang in Richtung Wald zu Pflege magischer Geschöpfe hinabgingen, stellten sie fest, dass Umbridge mit ihrem Klemmbrett schon neben Professor Raue-Pritsche stand und auf sie wartete.
»Sie unterrichten diese Klasse normalerweise gar nicht, ist das richtig?«, hörte Harry sie fragen, als sie an dem Zeichentisch anlangten, wo die Horde gefangener Bowtruckles wie ein Haufen lebendiger Zweige nach Holzläusen herumsuchte.
»Völlig richtig«, sagte Professor Raue-Pritsche, die Hände auf dem Rücken und auf den Fußballen wippend. »Ich mache die Stellvertretung für Professor Hagrid.«
Harry tauschte beunruhigte Blicke mit Ron und Hermine. Malfoy flüsterte mit Crabbe und Goyle; sicher würde er diese Gelegenheit liebend gern beim Schopf packen und einem Mitglied des Ministeriums Geschichten über Hagrid erzählen.
»Hmm«, sagte Professor Umbridge und senkte die Stimme, doch konnte Harry sie immer noch recht deutlich hören. »Ich frage mich – der Schulleiter scheint in dieser Sache merkwürdigerweise überhaupt nicht auskunftsbereit –, können Sie mir denn sagen, was der Grund für Professor Hagrids sehr langfristige Beurlaubung ist?«
Harry sah, wie Malfoy neugierig aufblickte.
»Geht nicht, Pardon«, sagte Professor Raue-Pritsche heiter. »Weiß auch nicht mehr als Sie. Bekam eine Eule von Dumbledore, ob ich für ein paar Wochen unterrichten wollte. Ich nahm an. Das ist alles, was ich weiß. Nun … soll ich jetzt anfangen?«
»Ja, bitte tun Sie das«, sagte Professor Umbridge und kritzelte auf ihr Klemmbrett.
Umbridge versuchte es in dieser Unterrichtsstunde einmal anders. Sie schlenderte zwischen den Schülern umher und stellte ihnen Fragen zu magischen Geschöpfen. Die meisten hatten gute Antworten parat und Harrys Laune besserte sich leicht; wenigstens stand die Klasse zu Hagrid.
»Ganz allgemein gesehen«, sagte Professor Umbridge und kehrte nach einer langen Befragung von Dean Thomas an Professor Raue-Pritsches Seite zurück, »wie finden Sie als zeitweiliges Mitglied des Kollegiums – als neutrale Außenstehende, wie man vielleicht sagen könnte –, wie finden Sie Hogwarts? Haben Sie den Eindruck, dass Sie von der Schulleitung hinreichend unterstützt werden?«
»O ja, Dumbledore ist hervorragend«, sagte Professor Raue-Pritsche nachdrücklich. »Ich bin sehr zufrieden mit der Art und Weise, wie die Schule geführt wird, wirklich sehr zufrieden.«
Mit einem höflich ungläubigen Blick machte sich Umbridge eine winzige Notiz auf ihrem Klemmbrett und fuhr fort: »Und was planen Sie dieses Jahr mit der Klasse durchzunehmen – angenommen natürlich, dass Professor Hagrid nicht zurückkehrt?«
»Oh, ich gehe mit ihnen die Geschöpfe durch, die am häufigsten in den ZAGs drankommen«, sagte Professor Raue-Pritsche. »Da bleibt nicht mehr viel zu tun – sie haben Einhörner studiert und Niffler, ich dachte mir, wir könnten Porlocks und Kniesel durchnehmen, dafür sorgen, dass sie Crups und Knarle erkennen, wissen Sie …«
»Nun, Sie jedenfalls scheinen zu wissen, was Sie tun«, erwiderte Professor Umbridge und machte unverkennbar ein Häkchen auf ihrem Klemmbrett. Harry mochte ihre Betonung auf dem »Sie« nicht und noch weniger, dass sie ihre nächste Frage an Goyle richtete. »Wie ich höre, kam es im Unterricht zu Verletzungen?«
Goyle setzte ein tumbes Gesicht auf. Malfoy sprang eilends für ihn ein.
»Das war ich«, sagte er. »Ein Hippogreif hat nach mir ausgeschlagen.«
»Ein Hippogreif?«, sagte Professor Umbridge und kritzelte hektisch.
»Nur weil er zu dumm war zu befolgen, was Hagrid ihm gesagt hatte«, warf Harry zornig ein.
Ron und Hermine stöhnten. Professor Umbridge wandte Harry langsam den Kopf zu.
»Noch ein Abend Nachsitzen, würde ich meinen«, sagte sie sanft. »Nun, danke vielmals, Professor Raue-Pritsche, ich denke, das ist alles, was ich hier brauche. Sie werden die Ergebnisse Ihrer Inspektion in zehn Tagen erhalten.«
»Wunderbar«, sagte Professor Raue-Pritsche und Professor Umbridge machte sich auf den Weg über den Rasen zum Schloss zurück.
Es war fast Mitternacht, als Harry an diesem Abend Umbridges Büro verließ. Seine Hand blutete nun so heftig, dass Blut durch das Tuch sickerte, das er sich umgewickelt hatte. Er hatte geglaubt, bei seiner Rückkehr niemanden mehr im Gemeinschaftsraum anzutreffen, doch Ron und Hermine waren aufgeblieben und hatten auf ihn gewartet. Er freute sich, sie zu sehen, besonders da Hermine eher mitfühlend als kritisch gestimmt war.
»Hier«, sagte sie besorgt und schob ihm eine kleine Schale gelber Flüssigkeit hin, »tauch deine Hand da rein, das ist eine Lösung aus eingelegten und filtrierten Murtlap-Tentakeln, das müsste helfen.«
Harry legte seine blutende, schmerzende Hand in die Schale und verspürte eine wundersame Linderung des Schmerzes. Krummbein schlängelte sich laut schnurrend um seine Beine, dann sprang er ihm in den Schoß und machte es sich bequem.
»Danke«, sagte er aufrichtig und kraulte Krummbein mit der linken Hand hinter den Ohren.
»Ich denk immer noch, dass du dich darüber beschweren solltest«, sagte Ron mit verhaltener Stimme.
»Nein«, sagte Harry entschieden.
»McGonagall würde die Wände hochgehen, wenn sie wüsste –«
»Ja, würde sie wohl«, sagte Harry. »Und wie lange, meinst du, würde es dauern, bis Umbridge einen neuen Erlass durchkriegt, wonach jeder, der sich über die Großinquisitorin beschwert, sofort rausgeworfen wird?«
Ron öffnete den Mund, um ihm zu widersprechen, blieb jedoch stumm, und im nächsten Moment gab er sich geschlagen und schloss den Mund wieder.
»Sie ist eine furchtbare Frau«, sagte Hermine mit leiser Stimme. »Furchtbar. Weißt du, als du reinkamst, hab ich gerade zu Ron gesagt … wir müssten etwas gegen sie unternehmen.«
»Ich hab Gift vorgeschlagen«, sagte Ron grimmig.
»Nein … es geht darum, was für eine miserable Lehrerin sie ist und dass wir bei ihr überhaupt keine Verteidigung lernen«, sagte Hermine.
»Und, was können wir dagegen tun?«, gähnte Ron. »’s ist zu spät, oder? Sie hat die Stelle, sie wird hierbleiben. Fudge wird schon dafür sorgen.«
»Nun«, sagte Hermine bedächtig. »Wisst ihr, ich hab mir heute überlegt …«, sie warf Harry einen leicht nervösen Blick zu und fuhr dann fort, »ich habe mir überlegt – vielleicht ist die Zeit reif, dass wir es einfach – einfach selber in die Hand nehmen.«
»Was selber in die Hand nehmen?«, fragte Harry argwöhnisch, während seine Hand immer noch in der Essenz aus Murtlap-Tentakeln badete.
»Nun – Verteidigung gegen die dunklen Künste selber lernen«, sagte Hermine.
»Nun hör aber auf«, stöhnte Ron. »Willst du, dass wir uns noch zusätzliche Arbeit aufhalsen? Ist dir klar, dass Harry und ich schon wieder mit den Hausaufgaben hinterher sind und wir erst die zweite Woche haben?«
»Aber das ist viel wichtiger als Hausaufgaben!«, sagte Hermine.
Harry und Ron glotzten sie an.
»Ich dachte, es gibt nichts Wichtigeres im Universum als Hausaufgaben!«, erwiderte Ron.
»Sei nicht albern, natürlich gibt es das«, sagte Hermine, und Harry sah mit einem unheilvollen Gefühl, dass ihr Gesicht plötzlich in dem gleichen Eifer erglühte, den sonst B.ELFE.R in ihr entfachte. »Es geht darum, wie Harry in Umbridges erster Stunde gesagt hat, dass wir uns auf das vorbereiten, was uns draußen erwartet. Es geht darum, dafür zu sorgen, dass wir uns auch wirklich verteidigen können. Wenn wir ein ganzes Jahr lang nichts lernen –«
»Alleine können wir nicht viel tun«, sagte Ron mit niedergeschlagener Stimme. »Ich meine, von mir aus, wir können Flüche in der Bibliothek nachschlagen und dann versuchen sie zu üben –«
»Nein, ich geb zu, wir sind über den Punkt hinaus, wo wir Dinge nur aus Büchern lernen können«, sagte Hermine. »Wir brauchen einen Lehrer, einen richtigen Lehrer, der uns zeigen kann, wie wir die Zauber anwenden, und der uns korrigiert, wenn wir etwas falsch machen.«
»Wenn du von Lupin redest …«, setzte Harry an.
»Nein, ich rede nicht von Lupin«, sagte Hermine. »Er hat zu viel für den Orden zu tun und wir könnten ihn ohnehin nur an den Wochenenden in Hogsmeade treffen, und das reicht bei weitem nicht.«
»Wen meinst du dann?«, sagte Harry und sah sie stirnrunzelnd an.
Hermine seufzte wie unter einer großen Last.
»Ist das nicht klar?«, sagte sie. »Ich rede von dir, Harry.«
Für einen Moment trat Stille ein. Eine leichte nächtliche Brise ließ die Fenster hinter Ron klappern und das Feuer flackerte auf.
»Was soll das heißen, von mir?«, sagte Harry.
»Das soll heißen, dass du uns Verteidigung gegen die dunklen Künste beibringst.«
Harry starrte sie an. Dann wandte er sich Ron zu, um genervte Blicke mit ihm zu tauschen, wie sie es manchmal taten, wenn Hermine sich über weit hergeholte Dinge wie B.ELFE.R ausließ. Zu Harrys Verblüffung jedoch sah Ron nicht genervt drein.
Er hatte leicht die Stirn gerunzelt und dachte offenbar nach. Dann sagte er: »Das ist eine Idee.«
»Was ist eine Idee?«, sagte Harry.
»Du«, erwiderte Ron. »Dass du uns beibringst, wie man es macht.«
»Aber …«
Harry grinste jetzt, er war sicher, die beiden wollten ihn auf den Arm nehmen.
»Aber ich bin kein Lehrer, ich kann nicht –«
»Harry, du bist in unserem Jahrgang der Beste in Verteidigung gegen die dunklen Künste«, sagte Hermine.
»Ich?«, sagte Harry und grinste nur noch breiter. »Nein, bin ich nicht, du hast mich bei jeder Prüfung geschlagen –«
»Von wegen, hab ich nicht«, entgegnete Hermine kühl. »Du hast mich in der dritten Klasse geschlagen – im einzigen Jahr, wo wir beide die Prüfung gemacht haben und einen Lehrer hatten, der das Fach tatsächlich beherrschte. Aber ich rede nicht von Prüfungsergebnissen, Harry. Überleg doch mal, was du getan hast!«
»Was meinst du?«
»Weißt du, ich bin mir gar nicht sicher, ob ich jemanden als Lehrer will, der sich so blöd anstellt«, sagte Ron mit einem leicht süffisanten Lächeln zu Hermine. Er wandte sich Harry zu.
»Überlegen wir mal«, sagte er und machte ein Gesicht wie Goyle, wenn er sich konzentrierte. »Ähm … erstes Jahr – du hast den Stein der Weisen vor Du-weißt-schon-wem gerettet.«
»Aber das war doch Glück«, sagte Harry, »das hatte nichts mit Können zu tun –«
»Zweites Jahr«, unterbrach ihn Ron, »du hast den Basilisken getötet und Riddle vernichtet.«
»Ja, schon, aber wenn Fawkes nicht aufgetaucht wäre, dann –«
»Drittes Jahr«, sagte Ron, nun noch lauter, »du hast ungefähr hundert Dementoren auf einmal vertrieben –«
»Du weißt, das war Dusel, wenn der Zeitumkehrer nicht –«
»Letztes Jahr«, sagte Ron und schrie jetzt fast, »du hast Du-weißt-schon-wen wieder abgewehrt –«
»Hör mir mal zu!«, sagte Harry fast zornig, weil Ron und Hermine jetzt beide grinsten. »Hör mir einfach mal zu, ja? Klingt großartig, wenn du es so runterbetest, aber all das war Glück – meistens hatte ich keine Ahnung, was ich tat, ich hab nichts davon geplant, ich hab nur getan, was mir gerade einfiel, und ich hatte fast immer Hilfe –«
Ron und Hermine grinsten immer noch, und Harry spürte, wie es in ihm kochte; aber er wusste nicht einmal genau, warum er so zornig war.
»Jetzt sitzt nicht da und grinst, als ob ihr es besser wüsstet als ich, ich war immerhin dabei, oder?«, sagte er hitzig. »Ich weiß, was los war, oder? Und ich hab das alles nicht überstanden, weil ich besonders gut in Verteidigung gegen die dunklen Künste war, ich hab das überstanden, weil – weil rechtzeitig Hilfe kam oder weil ich richtig geraten hatte – aber ich bin immer nur durchgestolpert, ich hatte keine Ahnung, was ich tat – HÖRT AUF ZU LACHEN!«
Die Schale mit Murtlap-Essenz fiel zu Boden und zerbrach. Harry wurde bewusst, dass er auf den Beinen war, obwohl er sich nicht erinnern konnte, aufgestanden zu sein. Krummbein flitzte davon und verschwand unter einem Sofa. Das Lächeln auf Rons und Hermines Gesicht war verschwunden.
»Ihr habt keine Ahnung, wie es ist! Ihr – alle beide – ihr musstet ihm nie gegenübertreten, oder? Ihr glaubt, es geht nur darum, ein paar Flüche auswendig zu lernen und sie ihm an den Hals zu schleudern, wie im Unterricht vielleicht? Die ganze Zeit weißt du genau, dass es nichts zwischen dir und dem Sterben gibt außer deinem eigenen – deinem eigenen Gehirn oder Mumm oder was immer; als ob du klar denken könntest, wenn du weißt, dass du in ungefähr einer Nanosekunde ermordet oder gefoltert wirst oder zusiehst, wie die eigenen Freunde sterben – im ganzen Unterricht hat man uns nie beigebracht, wie es ist, mit solchen Dingen fertig zu werden –, und ihr beide sitzt da und tut so, als ob ich ein schlauer kleiner Bursche wär, der hier steht und überlebt hat, als ob Diggory dumm gewesen wär, als ob er zu blöd gewesen wär – ihr kapiert’s einfach nicht, mir hätte es genauso gehen können, und es wär auch so gekommen, wenn Voldemort mich nicht gebraucht hätte –«
»Wir haben nichts von alldem gesagt, Mann«, sagte Ron und sah ihn entgeistert an. »Wir haben Diggory nichts angehängt, wir haben – du kriegst da irgendwas in den falschen –«
Hilflos blickte er Hermine an, die wie vor den Kopf geschlagen war.
»Harry«, sagte sie zaghaft, »verstehst du nicht? Das … ist es ja genau, warum wir dich brauchen … wir müssen wissen, wie es w-wirklich ist … sich gegen ihn zu stellen … gegen V-Voldemort.«
Es war das erste Mal überhaupt, dass sie Voldemorts Namen genannt hatte, und es war diese Tatsache, die Harry mehr als alles andere besänftigte. Immer noch schwer atmend, sank er in seinen Sessel zurück, und dabei wurde ihm bewusst, dass seine Hand wieder schmerzhaft pochte. Hätte er nur die Schale mit Murtlap-Essenz nicht zerschlagen.
»Nun … denk drüber nach«, sagte Hermine leise. »Bitte!«
Harry fiel nichts ein, was er hätte sagen können. Er schämte sich schon jetzt wegen seines Ausbruchs. Er nickte, ohne genau zu wissen, in was er einwilligte.
Hermine stand auf.
»Also, ich geh schlafen«, sagte sie mit einer Stimme, die offensichtlich so natürlich klingen sollte wie nur möglich. »Ähm – Nacht.«
Auch Ron war aufgestanden.
»Kommst du?«, fragte er Harry verlegen.
»Ja«, sagte Harry. »Ich … brauch noch kurz. Ich wisch das bloß auf.«
Er wies auf die zerbrochene Schale am Boden. Ron nickte und ging.
»Reparo«, murmelte Harry und hielt seinen Zauberstab auf die Porzellanscherben. Sie flogen wieder zusammen, und die Schale sah wie neu aus, aber die Murtlap-Essenz konnte er nicht mehr retten.
Plötzlich war er so müde, dass er versucht war, in den Sessel zurückzusinken und dort zu schlafen, doch er zwang sich aufzustehen und folgte Ron nach oben. Wieder unterbrachen Träume von langen Korridoren und verschlossenen Türen seinen unruhigen Schlaf und wiederum erwachte er am nächsten Tag mit puckernder Narbe.
Im Eberkopf
Nach Hermines ursprünglichem Vorschlag, Harry solle Verteidigung gegen die dunklen Künste unterrichten, erwähnte sie das Thema zwei Wochen lang nicht mehr. Harry hatte die Strafarbeiten bei Umbridge endgültig hinter sich (und bezweifelte, dass die Wörter, die nun auf seinem Handrücken eingeritzt waren, je wieder ganz verschwinden würden); Ron war noch viermal beim Quidditch gewesen und bei den letzten beiden Trainings nicht mehr lautstark zur Schnecke gemacht worden; und in Verwandlung hatten es die drei geschafft, ihre Mäuse zum Verschwinden zu bringen (tatsächlich war Hermine schon dazu übergegangen, Kätzchen verschwinden zu lassen). Das Thema wurde erst wieder angeschnitten an einem rauen, stürmischen Abend Ende September, als die drei in der Bibliothek saßen und Zaubertrankzutaten für Snape nachschlugen.
»Ich frage mich«, sagte Hermine plötzlich, »ob du noch mal über Verteidigung gegen die dunklen Künste nachgedacht hast, Harry.«
»’türlich hab ich«, sagte Harry brummig, »wie sollte ich auch nicht, wo wir diese Sabberhexe als Lehrerin haben –«
»Ich meinte die Idee, die Ron und ich hatten –« Ron warf ihr einen aufgeschreckt drohenden Blick zu – sie blickte finster zurück. »Oh, schon gut, also meine Idee – dass du unser Lehrer sein könntest.«
Harry antwortete nicht sofort. Weil er nicht damit rausrücken wollte, was ihm durch den Kopf ging, tat er, als würde er eine Seite in Asiatische Antidote sorgfältig durchlesen.
Er hatte während der letzten vierzehn Tage ausgiebig über die Sache nachgedacht. Manchmal kam es ihm vor wie eine verrückte Idee, wie schon an dem Abend, als Hermine den Vorschlag gemacht hatte, doch dann wiederum hatte er unwillkürlich an die Flüche gedacht, die ihm bei seinen verschiedenen Begegnungen mit dunklen Kreaturen und Todessern am besten geholfen hatten – tatsächlich ertappte er sich bereits dabei, wie er in Gedanken Lektionen vorbereitete …
»Wisst ihr«, sagte er langsam, als er nicht mehr vortäuschen konnte, dass er Asiatische Antidote spannend fand, »ja schon, ich – ich hab ein bisschen drüber nachgedacht.«
»Und?«, drängte Hermine begierig.
»Keine Ahnung«, erwiderte Harry, um Zeit zu gewinnen. Er blickte zu Ron auf.
»Ich fand die Idee gleich von Anfang an gut«, sagte Ron, der nun, da er sicher war, dass Harry nicht sofort wieder anfangen würde zu schreien, offensichtlich eher Lust hatte, sich am Gespräch zu beteiligen.
Harry rutschte verlegen auf seinem Stuhl herum.
»Ich hab euch ja gesagt, dass eine Menge Glück dabei war.«
»Ja, Harry«, sagte Hermine sanft, »und dennoch ist es lächerlich, so zu tun, als ob du in Verteidigung gegen die dunklen Künste nicht gut wärst, denn das bist du. Du warst letztes Jahr der Einzige, der den Imperius-Fluch vollständig abschütteln konnte, du kannst einen Patronus erzeugen, du kannst einiges, was ausgewachsene Zauberer nicht beherrschen; Viktor hat immer gesagt –«
Ron wandte sich so schnell zu ihr um, dass er sich offenbar den Hals verknackste. Er rieb sich den Nacken und sagte: »Jaah? Was hat Vicky gesagt?«
»Ha-ha«, sagte Hermine mit gelangweilter Stimme. »Er hat gesagt, Harry könne Dinge, die nicht mal er beherrschen würde, und er war in seinem Abschlussjahr auf Durmstrang.«
Ron sah Hermine misstrauisch an.
»Hast du etwa immer noch Verbindung zu ihm?«
»Und wenn?«, sagte Hermine kühl, während ihr Gesicht leicht rosa anlief. »Ich kann doch einen Brieffreund haben, wenn ich –«
»Er wollte nicht nur dein Brieffreund sein«, sagte Ron anklagend.
Hermine schüttelte genervt den Kopf, achtete nicht mehr auf Ron, der sie unentwegt ansah, und sagte zu Harry gewandt: »Nun, was meinst du? Willst du uns unterrichten?«
»Nur dich und Ron, ja?«
»Also«, sagte Hermine und sah wieder ein wenig besorgt aus. »Also … jetzt flieg nicht wieder vom Besen, Harry, bitte … aber ich denke wirklich, dass du alle unterrichten solltest, die lernen wollen. Immerhin geht es darum, dass wir uns gegen V-Voldemort verteidigen wollen. Ach, Ron, reiß dich zusammen. Mir kommt’s ungerecht vor, wenn wir den anderen Leuten nicht auch die Chance geben.«
Harry überlegte kurz, dann sagte er: »Schon, aber ich bezweifle, dass irgendjemand außer euch beiden etwas von mir lernen will. Ich bin doch durchgeknallt, oder?«
»Tja, ich glaube, du wärst überrascht, wie viele Leute gerne hören würden, was du zu sagen hast«, erklärte Hermine mit ernster Stimme. »Sieh mal«, sie beugte sich zu ihm vor – auch Ron, der sie immer noch mit finsterem Blick ansah, beugte sich vor, um zuzuhören –, »du weißt doch, am ersten Wochenende im Oktober gehen wir nach Hogsmeade. Wie wär’s, wenn wir allen, die interessiert sind, erzählen, dass wir uns im Dorf treffen und dort alles besprechen?«
»Warum müssen wir das außerhalb der Schule machen?«, fragte Ron.
»Weil«, sagte Hermine und wandte sich wieder dem Querschnitt des Chinesischen Kaukohls zu, den sie abzeichnete, »weil ich nicht glaube, dass Umbridge sehr glücklich wäre, wenn sie herausfinden würde, was wir vorhaben.«
Harry hatte sich auf den Wochenendausflug nach Hogsmeade gefreut, doch eins machte ihm Sorgen. Sirius hatte, seit er Anfang September im Feuer erschienen war, eisern geschwiegen; Harry wusste, dass sie ihn zornig gemacht hatten, weil sie gesagt hatten, er solle nicht kommen – und dennoch befürchtete er ab und zu, dass Sirius alle Vorsicht in den Wind schlagen und trotzdem auftauchen könnte. Was sollten sie tun, wenn der große schwarze Hund in Hogsmeade die Straße entlang auf sie zugesprungen kam, vielleicht direkt vor Draco Malfoys Nase?
»Na ja, du kannst ihm keinen Vorwurf machen, dass er mal ein wenig rauskommen will«, sagte Ron, als Harry seine Befürchtungen mit ihm und Hermine besprach. »Immerhin ist er jetzt seit über zwei Jahren auf der Flucht, und das wird sicher nicht lustig gewesen sein, ich weiß, aber zumindest war er frei, nicht wahr? Und jetzt ist er die ganze Zeit nur noch mit diesem grässlichen Elfen zusammen eingeschlossen.«
Hermine warf Ron einen bösen Blick zu, ignorierte jedoch ansonsten den Seitenhieb auf Kreacher.
»Das Problem ist«, sagte sie zu Harry, »solange V-Voldemort – ach, um Himmels willen, Ron – nicht offen auftritt, muss Sirius versteckt bleiben, oder? Ich meine, das doofe Ministerium wird erst begreifen, dass Sirius unschuldig ist, wenn sie sich eingestehen, dass Dumbledore die ganze Zeit die Wahrheit über ihn gesagt hat. Und wenn die Dummköpfe dann mal anfangen, wieder echte Todesser zu fangen, wird klar werden, dass Sirius keiner ist … Ich meine, er hat ja gar nicht das Dunkle Mal.«
»Ich glaube nicht, dass er so dumm ist und auftaucht«, sagte Ron zuversichtlich. »Dumbledore würde an die Decke gehen, und Sirius hört auf ihn, selbst wenn es ihm nicht gefällt, was er zu hören bekommt.«
Da Harry weiterhin besorgt dreinsah, sagte Hermine: »Hör mal, Ron und ich haben uns bei Leuten umgehört, von denen wir dachten, sie wollen vielleicht gerne ernsthaft Verteidigung gegen die dunklen Künste lernen, und ein paar von ihnen schienen interessiert. Wir haben ihnen gesagt, sie sollen sich in Hogsmeade mit uns treffen.«
»In Ordnung«, sagte Harry zerstreut, in Gedanken immer noch bei Sirius.
»Zerbrich dir darüber nicht den Kopf, Harry«, sagte Hermine leise. »Du hast auch ohne Sirius genug am Hals.«
Natürlich hatte sie vollkommen Recht, er kam kaum mit den Hausaufgaben hinterher, obwohl sie ihm nun viel besser von der Hand gingen, da er nicht mehr jeden Abend bei Umbridge nachsitzen musste. Ron war noch weiter zurück als Harry, weil er außer dem gemeinsamen Quidditch-Training zweimal die Woche auch seine Pflichten als Vertrauensschüler hatte. Dagegen hatte Hermine, die mehr Fächer als die beiden belegte, nicht nur all ihre Hausaufgaben erledigt, sie fand überdies noch die Zeit, weitere Sachen für die Elfen zu stricken. Harry musste zugeben, dass sie besser wurde; inzwischen konnte man fast immer unterscheiden, was ein Hut und was ein Socken war.
Der Morgen des Hogsmeade-Besuchs brach hell, aber windig an. Nach dem Frühstück reihten sie sich in die Schlange vor Filch ein, der ihre Namen mit der langen Liste der Schüler abglich, die Erlaubnis von ihren Eltern oder ihrem Vormund hatten, das Dorf zu besuchen. Mit einem leichten Stich fiel Harry ein, dass er, wenn Sirius nicht gewesen wäre, gar nicht mitgehen dürfte.
Als Harry vor Filch trat, schnüffelte der Hausmeister umständlich an ihm herum, als wolle er einen bestimmten Geruch an ihm aufspüren. Dann nickte er knapp, was seine Backen wieder erzittern ließ, und Harry ging hinaus auf die Steintreppe, in den kalten, sonnigen Tag.
»Ähm – was hatte Filch an dir rumzuschnüffeln?«, fragte Ron, als die drei mit zügigen Schritten den breiten Weg zum Schlosstor entlanggingen.
»Ich glaube, er wollte prüfen, ob ich nach Stinkbomben rieche«, sagte Harry und lachte kurz auf. »Hab ich vergessen euch zu sagen …«
Und er erzählte, wie er den Brief an Sirius abgeschickt hatte und Filch Sekunden später hereingeplatzt war und seinen Brief zu sehen verlangte. Harry war ein wenig überrascht, dass Hermine diesen Vorfall überaus interessant fand, bei weitem interessanter jedenfalls als er selbst.
»Er meinte, er hätte einen Hinweis bekommen, dass du Stinkbomben bestellen wolltest? Aber wer hat ihm den Tipp gegeben?«
»Keine Ahnung«, sagte Harry achselzuckend. »Vielleicht Malfoy, der hätte sich einen abgelacht.«
Sie passierten die hohen Steinsäulen mit den geflügelten Ebern auf den Sockeln und gingen nach links die Straße ins Dorf hinunter, während der Wind ihnen die Haare ins Gesicht wehte.
»Malfoy?«, sagte Hermine skeptisch. »Nun … ja … vielleicht …«
Und bis zu den ersten Häusern von Hogsmeade blieb sie tief in Gedanken versunken.
»Wo gehen wir eigentlich hin?«, fragte Harry. »In die Drei Besen?«
»Oh – nein«, sagte Hermine und tauchte aus ihren Träumereien auf, »nein, da ist es immer rappelvoll und furchtbar laut. Ich hab den andern gesagt, sie sollen uns im Eberkopf treffen, in diesem anderen Pub, du weißt doch, er ist nicht an der Hauptstraße. Ich glaub, die Kneipe ist ein bisschen … nun ja … zwielichtig … aber normalerweise gehen keine Schüler da rein, also glaub ich nicht, dass jemand lauscht.«
Sie gingen die Hauptstraße entlang, an Zonkos Scherzartikelladen vorbei, keineswegs überrascht, dort Fred, George und Lee Jordan zu sehen, vorbei auch am Postamt, von wo in regelmäßigen Abständen Eulen ausflogen, und bogen in eine Seitenstraße ein, an deren Ende ein kleines Wirtshaus stand. Von einer rostigen Halterung über der Tür hing ein verwittertes Holzschild, auf dem der abgetrennte Kopf eines wilden Ebers zu sehen war, aus dem Blut auf das weiße Tuch um ihn her tropfte. Das Schild knarzte im Wind, während sie näher kamen. Vor der Tür zögerten sie alle drei.
»Na, dann kommt schon«, sagte Hermine eine Spur nervös. Harry ging voran und trat ein.
Es war überhaupt nicht wie in den Drei Besen, deren großer Schankraum einem das Gefühl behaglicher Wärme und Sauberkeit vermittelte. Der Schankraum im Eberkopf war klein, schäbig und sehr schmutzig und er roch stark nach etwas wie Ziegen. Die Erkerfenster waren so schmutzverkrustet, dass nur spärliches Tageslicht in den Raum dringen konnte, der stattdessen durch Kerzenstummel auf den rohen Holztischen beleuchtet war. Der Fußboden schien auf den ersten Blick aus festgetretener Erde zu bestehen, doch als Harry auftrat, wurde ihm klar, dass es Stein war, der offenbar unter dem gesammelten Dreck von Jahrhunderten lag.
Harry erinnerte sich, dass Hagrid diesen Pub während seines ersten Schuljahrs erwähnt hatte: »Da gibt’s ’ne Menge seltsames Volk im Eberkopf«, hatte er gesagt, um zu erklären, wie er dort von einem kapuzenvermummten Fremden ein Drachenei gewonnen hatte. Damals hatte sich Harry gewundert, warum Hagrid es nicht merkwürdig gefunden hatte, dass der Fremde sein Gesicht während der ganzen Begegnung verborgen gehalten hatte. Jetzt sah er, dass es wohl eine Art Mode war, im Eberkopf sein Gesicht nicht zu zeigen. Am Tresen stand ein Mann, dessen ganzer Kopf mit einem schmutzig grauen Verband umwickelt war, allerdings war er noch imstande, unaufhörlich Glas um Glas einer rauchenden, feurigen Flüssigkeit durch einen Mundschlitz hinunterzukippen; zwei in Kapuzenumhänge gehüllte Gestalten saßen an einem Tisch bei einem der Erkerfenster; Harry hätte sie für Dementoren gehalten, wenn sie nicht mit starkem Yorkshire-Akzent geredet hätten, und in einer düsteren Ecke neben dem Kamin saß eine Hexe mit einem dichten schwarzen Schleier, der ihr bis zu den Füßen reichte. Sie konnten gerade mal ihre Nasenspitze sehen, weil sie den Schleier leicht nach vorne wölbte.
»Ich weiß nicht so recht, Hermine«, murmelte Harry, als sie zum Tresen gingen. Er richtete den Blick vor allem auf die dicht verschleierte Hexe. »Schon mal überlegt, dass Umbridge da drunterstecken könnte?«
Hermine warf der verschleierten Gestalt einen prüfenden Blick zu.
»Umbridge ist kleiner als die«, sagte sie leise. »Und egal, selbst wenn Umbridge hier reinkommt, kann sie nichts tun, um uns aufzuhalten, Harry, ich hab die Schulordnung doppelt und dreifach überprüft. Das Betreten ist hier nicht verboten; ich hab eigens Professor Flitwick gefragt, ob Schüler in den Eberkopf dürfen, und er hat ja gesagt, aber mir dringend geraten, unsere eigenen Gläser mitzubringen. Und ich hab alles Erdenkliche nachgeschlagen über Studiengruppen und Hausaufgabengruppen und die sind eindeutig erlaubt. Ich glaube nur nicht, dass es eine gute Idee wäre, wenn wir das, was wir machen, auch noch an die große Glocke hängen.«
»Nein«, sagte Harry trocken, »vor allem, da es nicht gerade eine Hausaufgabengruppe ist, die du planst, oder?«
Der Wirt kam aus einem Hinterzimmer heraus auf sie zu. Es war ein griesgrämig wirkender Alter mit langem grauem Haarschopf und einem Bart. Er war groß und hager und kam Harry vage bekannt vor.
»Was?«, brummte er.
»Drei Butterbier, bitte«, sagte Hermine.
Der Mann langte unter die Theke, zog drei sehr staubige und schmutzige Flaschen hervor und knallte sie auf den Tresen.
»Sechs Sickel«, sagte er.
»Ich mach schon«, sagte Harry rasch und überreichte das Silber. Die Augen des Wirtes wanderten über Harry und blieben für den Bruchteil einer Sekunde an seiner Narbe hängen. Dann wandte er sich ab und steckte das Geld in eine alte hölzerne Kasse, deren Schublade automatisch aufglitt, um die Münzen aufzunehmen. Harry, Ron und Hermine zogen sich an einen Tisch zurück, der am weitesten vom Tresen entfernt war, setzten sich und sahen sich um. Der Mann mit dem schmutzig grauen Verband schlug mit den Knöcheln auf die Theke und erhielt vom Wirt einen weiteren rauchenden Drink.
»Wisst ihr was?«, murmelte Ron und schaute begeistert hinüber zum Tresen. »Hier drin könnten wir alles bestellen, was wir wollen. Ich wette, dieser Typ würde uns alles verkaufen, es wär ihm schnuppe. Ich wollte immer schon mal Feuerwhisky ausprobieren –«
»Du – bist – Vertrauensschüler«, fauchte Hermine.
»Oh«, sagte Ron und sein Lächeln erstarb. »Ja …«
»Also, wer, habt ihr gesagt, will sich hier mit uns treffen?«, fragte Harry, riss den rostigen Deckel seines Butterbiers auf und nahm einen Schluck.
»Nur ein paar Leute«, wiederholte Hermine, warf einen Blick auf die Uhr und sah besorgt zur Tür. »Ich hab gesagt, sie sollten um diese Zeit hier sein, und ich bin sicher, die wissen alle, wo es ist – oh, seht mal, das könnten sie jetzt sein.«
Die Tür des Pubs war aufgegangen. Ein breiter Streif Sonnenlicht, in dem der Staub wirbelte, teilte den Raum, und schon im nächsten Moment wurde er durch eine hereinrauschende Schülerschar wieder verdunkelt.
Als Erster kam Neville mit Dean und Lavender, dicht gefolgt von Parvati und Padma Patil zusammen mit (Harrys Magen machte einen Salto rückwärts) Cho und einer ihrer wie üblich kichernden Freundinnen, danach Luna Lovegood (allein und so verträumt, dass sie auch zufällig hätte hereinkommen können); es folgten Katie Bell, Alicia Spinnet und Angelina Johnson, Colin und Dennis Creevey, Ernie Macmillan, Justin Finch-Fletchley, Hannah Abbott, ein Hufflepuff-Mädchen mit einem rückenlangen Zopf, deren Name Harry nicht kannte; drei Ravenclaw-Jungs, von denen er ziemlich sicher war, dass sie Anthony Goldstein, Michael Corner und Terry Boot hießen, dann Ginny und hinter ihr ein großer hagerer blonder Junge mit Stupsnase, den Harry als Mitglied der Quidditch-Mannschaft von Hufflepuff in vager Erinnerung hatte, und als Nachhut Fred und George Weasley mit ihrem Freund Lee Jordan, alle drei mit großen Papiertüten bepackt, die proppenvoll waren mit Sachen aus Zonkos Laden.
»Ein paar Leute?«, sagte Harry mit belegter Stimme zu Hermine. »Ein paar Leute?«
»Ja, nun, die Idee schien ziemlichen Anklang zu finden«, sagte Hermine zufrieden. »Ron, würdest du noch ein paar Stühle holen?«
Der Wirt, der gerade ein Glas mit einem schmutzigen Lumpen ausgewischt hatte, der aussah, als wäre er nie gewaschen worden, war erstarrt. Womöglich hatte er seinen Pub noch nie so voll erlebt.
»Hi«, sagte Fred, der als Erster den Tresen erreichte und rasch seine Kameraden zählte, »könnten wir … fünfundzwanzig Butterbier haben, bitte?«
Der Wirt sah ihn einen Moment finster an, dann warf er seinen Lumpen verärgert beiseite, als wäre er bei etwas sehr Wichtigem unterbrochen worden, und fing an, staubige Butterbierflaschen unter der Theke hervorzuholen.
»Prost«, sagte Fred und verteilte die Flaschen. »Und rückt alle das Geld raus, dafür hab ich nicht genug …«
Harry sah benommen zu, wie die große, schnatternde Schar Fred die Biere abnahm und in den Taschen nach Münzen kramte. Er konnte sich nicht vorstellen, aus welchem Grund all diese Leute hier aufgetaucht waren, bis ihm der fürchterliche Gedanke kam, dass sie womöglich eine Art Rede erwarteten. Er wandte sich wütend an Hermine.
»Was hast du den Leuten erzählt?«, fragte er mit gedämpfter Stimme. »Was erwarten die?«
»Ich hab dir doch gesagt, sie wollen einfach nur hören, was du zu sagen hast«, sagte Hermine beschwichtigend. Doch Harry sah sie weiterhin so wütend an, dass sie rasch hinzufügte: »Du brauchst jetzt noch gar nichts zu tun, ich rede zuerst mit ihnen.«
»Hi, Harry«, sagte Neville strahlend und setzte sich ihm gegenüber.
Harry versuchte sein Lächeln zu erwidern, er sagte jedoch nichts; sein Mund war außergewöhnlich trocken. Cho hatte ihn gerade angelächelt und nahm rechts von Ron Platz. Ihre Freundin, die rotblonde Locken hatte, lächelte nicht, versetzte Harry aber einen zutiefst misstrauischen Blick, der ihm glasklar bedeutete, dass sie gar nicht hier sein würde, wenn es nach ihr gegangen wäre.
Die Neuankömmlinge setzten sich zu zweit oder dritt rings um Harry, Ron und Hermine, wobei manche ziemlich aufgeregt wirkten, andere neugierig und Luna Lovegood träumerisch ins Leere schaute. Als sich jeder einen Stuhl besorgt hatte, erstarb das Stimmengewirr. Alle Augen waren auf Harry gerichtet.
»Ähm«, sagte Hermine und ihre Stimme klang vor Nervosität ein bisschen höher als sonst. »Nun – ähm – hi.«
Die Gruppe wandte sich nun ihr zu, auch wenn manche Augenpaare immer wieder zu Harry zurückhuschten.
»Nun … ähm … ja, ihr wisst, warum ihr hier seid. Ähm … also, Harry hier hatte die Idee – besser gesagt« (Harry hatte ihr einen strengen Blick zugeworfen) »ich hatte die Idee – dass es gut wäre, wenn Leute, die Verteidigung gegen die dunklen Künste lernen möchten – und ich meine wirklich lernen, versteht ihr, nicht den Stuss, den Umbridge mit uns macht –« (Hermines Stimme klang plötzlich viel kräftiger und selbstbewusster) »– weil das niemand Verteidigung gegen die dunklen Künste nennen kann –« (»Das kannst du laut sagen«, warf Anthony Goldstein ein, was Hermine offensichtlich weiter bestärkte) – »Also, ich dachte, es wäre gut, wenn wir, nun, die Dinge selbst in die Hand nehmen würden.«
Sie hielt inne, warf einen Seitenblick auf Harry und fuhr fort. »Und damit meine ich lernen, wie wir uns richtig verteidigen, nicht nur in der Theorie, sondern indem wir tatsächlich zaubern –«
»Du willst doch auch deine ZAG-Prüfung in Verteidigung gegen die dunklen Künste bestehen, wette ich?«, sagte Michael Corner.
»Natürlich will ich das«, erwiderte Hermine prompt. »Aber ich will noch mehr, nämlich richtig ausgebildet sein in Verteidigung, weil … weil …«, sie holte tief Luft und schloss: »… weil Lord Voldemort zurück ist.«
Die Reaktion war absehbar und kam auch prompt. Chos Freundin schrie auf und bekleckerte sich mit Butterbier; Terry Boot zuckte unwillkürlich zusammen; Padma Patil schauderte, und Neville ließ ein merkwürdiges Japsen hören, das er gerade noch zu einem Husten umbiegen konnte. Sie alle jedoch blickten unverwandt, ja begierig auf Harry.
»Nun … das ist jedenfalls der Plan«, sagte Hermine. »Wenn ihr mitmachen wollt, müssen wir entscheiden, wie wir –«
»Wo ist der Beweis, dass Du-weißt-schon-wer zurück ist?«, sagte der blonde Hufflepuff-Spieler in recht angriffslustigem Ton.
»Nun, Dumbledore glaubt es –«, setzte Hermine an.
»Du meinst, Dumbledore glaubt ihm«, erwiderte der blonde Junge und nickte in Harrys Richtung.
»Wer bist du eigentlich?«, sagte Ron ziemlich grob.
»Zacharias Smith«, sagte der Junge, »und ich glaube, wir haben das Recht, genau zu erfahren, weshalb er behauptet, Du-weißt-schon-wer sei zurück.«
»Sieh mal«, griff Hermine flugs ein, »darum sollte es bei diesem Treffen eigentlich überhaupt nicht gehen –«
»Ist schon gut, Hermine«, sagte Harry.
Es hatte ihm gerade gedämmert, warum so viele Leute hier waren. Hermine hätte das voraussehen müssen, dachte er. Manche von ihnen – vielleicht sogar die meisten – waren aufgetaucht in der Hoffnung, seine Geschichte aus erster Hand zu hören.
»Weshalb ich behaupte, Du-weißt-schon-wer sei zurück?«, fragte er und blickte Zacharias offen ins Gesicht. »Ich habe ihn gesehen. Aber Dumbledore hat letztes Jahr der ganzen Schule erklärt, was passiert ist, und wenn du ihm nicht geglaubt hast, dann wirst du mir auch nicht glauben, und ich verschwende keinen Nachmittag mit dem Versuch, irgendjemanden zu überzeugen.«
Die ganze Gruppe schien den Atem angehalten zu haben, während Harry sprach. Harry hatte den Eindruck, dass selbst der Wirt zuhörte, der unentwegt dasselbe Glas mit dem schmutzigen Lumpen wischte und es immer schmutziger machte.
»Dumbledore hat uns letztes Jahr nur gesagt«, erwiderte Zacharias abweisend, »dass Cedric Diggory von Du-weißt-schon-wem getötet wurde und dass du Diggorys Leiche nach Hogwarts zurückgebracht hast. Er hat uns keine Einzelheiten genannt, er hat uns nicht genau gesagt, wie Diggory ermordet wurde, und ich denke, wir alle würden gern wissen –«
»Wenn ihr hierhergekommen seid, um genau zu erfahren, wie es ist, wenn Voldemort jemanden ermordet, kann ich euch nicht helfen«, sagte Harry. Seine Wut, in diesen Tagen immer kurz vor dem Siedepunkt, kochte wieder hoch. Entschlossen, Cho nicht anzusehen, wandte er den Blick nicht von Zacharias Smiths angriffslustigem Gesicht. »Ich möchte nicht über Cedric Diggory reden, klar? Also, wenn ihr deshalb hier seid, dann verschwindet ihr am besten wieder.«
Er warf einen zornigen Blick in Hermines Richtung. Dies war, so fand er, alles ihre Schuld; sie hatte beschlossen, ihn vorzuführen wie eine Art Missgeburt, und natürlich waren sie alle aufgetaucht, um zu hören, was er denn nun für eine haarsträubende Geschichte zu erzählen hatte. Doch keiner erhob sich, nicht einmal Zacharias Smith, der allerdings Harry weiterhin gespannt anstarrte.
»Also«, sagte Hermine, wieder mit sehr hoher Stimme. »Also … wie ich schon sagte … wenn ihr lernen wollt, wie ihr euch verteidigen könnt, dann müssen wir besprechen, wie wir vorgehen, wie oft wir uns treffen wollen und wo wir –«
»Stimmt es«, unterbrach sie das Mädchen mit dem rückenlangen Zopf und blickte Harry an, »stimmt es, dass du einen Patronus zustande bringst?«
Ein interessiertes Murmeln ging rundum.
»Ja«, sagte Harry abweisend.
»Einen gestaltlichen Patronus?«
Der Ausdruck rührte an etwas in Harrys Gedächtnis.
»Ähm – du kennst nicht zufällig Madam Bones, oder?«, fragte er.
Das Mädchen lächelte.
»Sie ist meine Tante«, sagte sie. »Ich bin Susan Bones. Sie hat mir von deiner Anhörung erzählt. Also – ist es wirklich wahr? Du erzeugst einen Hirsch als Patronus?«
»Ja«, sagte Harry.
»Ist ja irre, Harry!«, sagte Lee, offenbar tief beeindruckt. »Das hab ich gar nicht gewusst!«
»Mum hat Ron gesagt, er soll es nicht rumerzählen«, erklärte Fred und grinste Harry an. »Sie meinte, du hättest ohnehin schon genug Aufmerksamkeit deswegen.«
»Da hat sie nicht Unrecht«, murmelte Harry und ein paar Leute lachten.
Die verschleierte Hexe, die allein saß, rutschte ein wenig auf ihrem Hocker herum.
»Und hast du einen Basilisken mit diesem Schwert aus Dumbledores Büro getötet?«, wollte Terry Boot wissen. »Das hat mir eines von diesen Porträts erzählt, als ich letztes Jahr bei ihm war …«
»Ähm – ja, hab ich, ja«, sagte Harry.
Justin Finch-Fletchley pfiff; die Creevey-Brüder tauschten ehrfurchtsvolle Blicke und Lavender Brown sagte leise »Wow!«. Harry wurde es inzwischen ziemlich heiß am Kragen; entschlossen blickte er hierhin und dorthin, nur nicht zu Cho.
»Und im ersten Schuljahr«, sagte Neville in die Runde, »hat er den Stein der Meisen gerettet –«
»– der Weisen«, zischte Hermine.
»Ja, genau – vor Ihr-wisst-schon-wem«, schloss Neville.
Hannah Abbott machte Augen, rund wie Galleonen.
»Und nicht zu vergessen«, sagte Cho (Harrys Augen blitzten zu ihr hinüber; ihr Blick ruhte auf ihm und sie lächelte; sein Magen schlug schon wieder einen Salto), »nicht zu vergessen die ganzen Aufgaben, die er letztes Jahr beim Trimagischen Turnier lösen musste – an Drachen und Wassermenschen und einer Acromantula vorbeikommen und so weiter …«
Ein beeindrucktes zustimmendes Murmeln ging um den Tisch. Harrys Eingeweide verknoteten sich. Er versuchte eine Miene aufzusetzen, die nicht allzu selbstzufrieden wirkte. Dass Cho ihn gerade gelobt hatte, machte es ihm viel, viel schwerer, das auszusprechen, was er sich geschworen hatte ihnen zu sagen.
»Hört mal«, begann er und schlagartig verstummten alle, »ich … ich möchte nicht so klingen, als versuchte ich bescheiden zu sein oder so, aber … ich hatte bei alldem eine Menge Hilfe …«
»Bei dem Drachen, da hattest du keine«, sagte Michael Corner prompt. »Da bist du wirklich ganz cool geflogen …«
»Ja, schon –«, sagte Harry, dem es kleinkariert vorgekommen wäre, ihm zu widersprechen.
»Und diesen Sommer hat dir keiner geholfen, die Dementoren zu verjagen«, sagte Susan Bones.
»Nein«, sagte Harry, »nein, okay, ich weiß, manches hab ich ohne Hilfe geschafft, aber was ich eigentlich sagen will, ist –«
»Weichst du aus wie ein Wiesel, weil du uns nichts von diesen Sachen beibringen willst?«, sagte Zacharias Smith.
»Wie wär’s«, warf Ron laut ein, bevor Harry antworten konnte, »wenn du endlich mal die Klappe hältst?«
Vielleicht hatte das Wort »Wiesel« Ron besonders heftig getroffen. Jedenfalls blickte er jetzt Zacharias an, als hätte er ihm am liebsten eine reingehauen. Zacharias wurde rot.
»Na ja, wir sind alle hier, damit wir was von ihm lernen, und jetzt erzählt er uns, dass er im Grunde nichts davon kann«, sagte er.
»Das hat er nicht gesagt«, fauchte Fred.
»Willst du vielleicht, dass wir dir mal die Ohren ausputzen?«, fragte George und zog ein langes und lebensgefährlich aussehendes Metallinstrument aus einer der Zonko-Tüten.
»Oder sonst was von dir, wir sind echt nicht zimperlich, wo wir das hinstecken«, sagte Fred.
»Ja, schön«, sagte Hermine hastig, »wir müssen weitermachen … die Frage ist, sind wir uns einig, dass wir bei Harry Unterricht nehmen?«
Es gab allgemein zustimmendes Murmeln. Zacharias verschränkte die Arme und sagte nichts, was vielleicht daran lag, dass er wie gebannt das Instrument in Freds Hand betrachtete.
»Gut«, sagte Hermine, sichtlich erleichtert, dass wenigstens ein Punkt erledigt war. »Nun, dann ist die nächste Frage, wie oft wir uns treffen. Ehrlich gesagt, weniger als einmal die Woche hat wohl keinen Sinn –«
»Wart mal«, sagte Angelina, »wir müssen aufpassen, dass wir unserem Quidditch-Training nicht in die Quere kommen.«
»Ja«, sagte Cho, »unserem auch nicht.«
»Auch nicht unserem«, ergänzte Zacharias Smith.
»Ich bin sicher, wir finden einen Abend, an dem alle können«, sagte Hermine ein wenig ungeduldig, »aber versteht ihr, das ist ziemlich wichtig, immerhin geht es darum, dass wir uns gegen V-Voldemorts Todesser zu verteidigen lernen –«
»Gut gesagt«, rief Ernie Macmillan, von dem Harry eigentlich schon längst eine Wortmeldung erwartet hatte. »Ich persönlich halte das für äußerst wichtig, vielleicht noch wichtiger als alles andere, was wir dieses Jahr tun, einschließlich der ZAG-Prüfungen!«
Er blickte herausfordernd in die Runde, als erwartete er, dass manche Leute »Sicher nicht!« schreien würden. Als niemand das Wort ergriff, fuhr er fort: »Ich persönlich begreife einfach nicht, warum uns das Ministerium in dieser schwierigen Zeit eine so unbrauchbare Lehrerin vorsetzt. Offensichtlich wollen sie nicht wahrhaben, dass Ihr-wisst-schon-wer zurück ist, aber uns eine Lehrerin zu schicken, die uns im Ernst daran hindern will, defensive Zauber einzusetzen –«
»Wir glauben, der Grund, warum Umbridge nicht will, dass wir in Verteidigung gegen die dunklen Künste ausgebildet werden«, erklärte Hermine, »ist der, dass sie irgendeine … irgendeine Wahnidee hat, dass Dumbledore seine Schüler zu einer Art Privatarmee aufstellen könnte. Sie denkt, er würde uns gegen das Ministerium ins Feld führen.«
Diese Erklärung schien fast alle zu verblüffen; alle außer Luna Lovegood, die nun die Stimme erhob: »Ja, das passt zusammen. Schließlich hat auch Cornelius Fudge seine Privatarmee.«
»Was?«, sagte Harry, völlig verdutzt ob dieser unerwarteten Neuigkeit.
»Ja, er hat eine Armee aus Heliopathen«, sagte Luna verträumt.
»Nein, hat er nicht«, fauchte Hermine.
»Doch, hat er«, sagte Luna.
»Was sind Heliopathen?«, fragte Neville und sah ahnungslos drein.
»Das sind Feuergeister«, sagte Luna, und ihre Glubschaugen weiteten sich, so dass sie noch abgedrehter wirkte als sonst, »riesig große Flammenwesen, die übers Land galoppieren und alles niederbrennen, was ihnen –«
»Es gibt sie nicht, Neville«, sagte Hermine schneidend.
»O doch, es gibt sie!«, sagte Luna erzürnt.
»Tut mir leid, aber wo ist der Beweis dafür?«, fauchte Hermine.
»Es gibt genug Augenzeugenberichte. Nur weil du so engstirnig bist, dass man dir alles unter die Nase halten muss, bevor du –«
»Chrm, chrm«, machte Ginny und ahmte damit so gut Professor Umbridge nach, dass sich einige erschrocken umdrehten und dann lachten. »Wollten wir nicht gerade beschließen, wie oft wir uns zum Verteidigungsunterricht treffen?«
»Ja«, bestätigte Hermine rasch, »ja, das wollten wir allerdings, Ginny.«
»Nun, einmal die Woche klingt gut«, sagte Lee Jordan.
»Solange –«, begann Angelina.
»Ja, solange das mit Quidditch klargeht«, sagte Hermine in angespanntem Ton. »Nun, was wir noch entscheiden müssen, ist, wo wir uns treffen …«
Das war schon schwieriger; die ganze Gruppe verstummte.
»In der Bibliothek?«, schlug Katie Bell schließlich vor.
»Madam Pince wird sicher nicht so begeistert sein, wenn wir Flüche in ihrer Bibliothek ausprobieren«, sagte Harry.
»Vielleicht in einem unbenutzten Klassenzimmer?«, sagte Dean.
»Ja«, sagte Ron, »vielleicht überlässt uns McGonagall ihres, das hat sie auch getan, als Harry für das Trimagische geübt hat.«
Aber Harry war sich ziemlich sicher, dass McGonagall diesmal nicht so entgegenkommend sein würde. Hermine hatte zwar gesagt, dass Studien- und Hausaufgabengruppen erlaubt waren, doch er hatte das bestimmte Gefühl, dass diese Gruppe hier als viel aufrührerischer gelten würde.
»Nun gut, wir werden versuchen was zu finden«, sagte Hermine. »Sobald wir ein Datum und einen Ort für das erste Treffen haben, lassen wir eine Nachricht an alle rumgehen.«
Sie stöberte in ihrer Tasche und holte Pergament und Feder heraus, dann zögerte sie, ganz so, als müsste sie sich für das wappnen, was sie gleich sagen würde.
»Ich – ich denke, ihr solltet alle eure Namen aufschreiben, nur damit wir wissen, wer da war. Und ich denke auch« – sie holte tief Luft – »wir sollten uns einig sein, dass wir nicht groß rumposaunen, was wir tun. Wenn ihr also unterschreibt, erklärt ihr euch einverstanden, weder Umbridge noch sonst jemandem zu sagen, was wir vorhaben.«
Fred streckte die Hand nach dem Pergament aus und unterschrieb gut gelaunt, aber Harry fiel sogleich auf, dass einige Leute nun, da sie ihre Namen in die Liste eintragen sollten, gar nicht glücklich aussahen.
»Ähm …«, sagte Zacharias langsam und rührte das Pergament nicht an, das George ihm hinhielt, »nun … sicher erzählt mir Ernie, wann das Treffen ist.«
Doch auch Ernie widerstrebte es offensichtlich, zu unterschreiben.
Hermine sah ihn mit hochgezogenen Brauen an.
»Ich – nun, wir sind Vertrauensschüler«, platzte Ernie heraus. »Und wenn jemand diese Liste findet … also, ich wollte sagen … du hast es selbst gesagt, wenn Umbridge das rauskriegt –«
»Eben hast du noch verkündet, diese Gruppe sei für dich das Wichtigste in diesem Jahr«, erinnerte ihn Harry.
»Ich – ja«, sagte Ernie, »ja, das denk ich auch, es ist nur –«
»Ernie, glaubst du wirklich, dass ich diese Liste einfach rumliegen lasse?«, sagte Hermine gereizt.
»Nein. Nein, natürlich nicht«, sagte Ernie und blickte eine Spur weniger besorgt. »Ich – ja, natürlich, ich unterschreibe.«
Nach Ernie erhob niemand mehr Einwände, obwohl Harry bemerkte, dass Chos Freundin ihr einen recht vorwurfsvollen Blick zuwarf, bevor sie ihren Namen hinzufügte.
Als der Letzte – Zacharias – unterschrieben hatte, nahm Hermine das Pergament wieder an sich und steckte es behutsam in ihre Tasche. Die Gruppe war nun von einem merkwürdigen Gefühl ergriffen. Es war, als hätten sie gerade eine Art Vertrag unterschrieben.
»Nun, es wird langsam Zeit«, sagte Fred munter und stand auf. »George, Lee und ich müssen noch Waren heikler Natur erwerben, wir sehen uns dann später.«
Auch die anderen erhoben sich und gingen zu zweit oder dritt hinaus. Cho nestelte zunächst noch ziemlich umständlich am Verschluss ihrer Tasche herum, wobei ihr das lange schwarze Haar wie ein Vorhang übers Gesicht fiel und es verbarg, doch ihre Freundin stand mit verschränkten Armen neben ihr und schnalzte mit der Zunge, so dass Cho kaum etwas anderes übrig blieb, als mit ihr hinauszugehen. Während ihre Freundin sie durch die Tür bugsierte, warf Cho einen Blick zurück und winkte Harry zu.
»Nun, ich glaube, das ist ziemlich gut gelaufen«, sagte Hermine zufrieden, als sie, Harry und Ron kurze Zeit später aus dem Eberkopf ins helle Sonnenlicht hinaustraten. Harry und Ron hielten ihre Butterbierflaschen in den Händen.
»Dieser Zacharias ist ein Peinsack«, sagte Ron und spähte finster der Gestalt von Smith nach, die in der Ferne zu sehen war.
»Ich mag ihn auch nicht besonders«, gab Hermine zu, »aber er hat gehört, wie ich am Hufflepuff-Tisch mit Ernie und Hannah geredet habe, und er schien wirklich interessiert dran, mitzukommen, was konnte ich also sagen? Aber je mehr Leute, desto besser im Grunde – Michael Corner und seine Freunde wären wohl nicht gekommen, wenn er nicht mit Ginny gehen würde –«
Ron, der gerade die letzten Tropfen aus seiner Flasche geschlürft hatte, verschluckte sich und bekleckerte seine Brust mit Butterbier.
»Er tut WAS?«, prustete er empört und seine Ohren ähnelten plötzlich rohen Rindfleischrouladen. »Sie geht mit – meine Schwester geht mit – was soll das heißen, Michael Corner?«
»Na ja, deshalb sind er und seine Freunde gekommen, glaub ich – also, natürlich wollen sie gern Verteidigung lernen, aber wenn Ginny Michael nicht erzählt hätte, was abgeht –«
»Wann ist das – wann hat sie –?«
»Sie haben sich beim Weihnachtsball kennen gelernt und gehen seit Ende letzten Jahres miteinander«, sagte Hermine gelassen. Sie waren in die Hauptstraße eingebogen, und sie blieb vor Schreiberlings Federladen stehen, der ein paar hübsche Fasanenfedern im Schaufenster ausgestellt hatte. »Hmm … ich könnt ’ne neue Feder gebrauchen.«
Sie betrat den Laden. Harry und Ron folgten ihr.
»Welcher von denen war Michael Corner?«, wollte Ron aufgebracht wissen.
»Der Dunkle«, sagte Hermine.
»Den mochte ich nicht«, sagte Ron prompt.
»Was für ’ne Riesenüberraschung«, entgegnete Hermine halblaut.
»Aber«, fuhr Ron fort und folgte Hermine eine Reihe von Federn in Kupfergefäßen entlang, »aber ich dachte, sie würde auf Harry stehen?«
Hermine blickte ihn recht mitleidig an und schüttelte den Kopf.
»Ginny stand früher mal auf Harry, aber sie hat ihn schon vor Monaten aufgegeben. Nicht dass sie dich nicht mögen würde, natürlich«, fügte sie freundlich an Harry gewandt hinzu, während sie eine lange schwarz-goldene Feder musterte.
Harry, dem der Kopf noch von Chos Abschiedswinken schwirrte, fand dieses Thema nicht ganz so spannend wie Ron, der vor Entrüstung sichtlich bebte, doch nun konnte er sich einen Reim auf etwas machen, was er bislang nur unterschwellig wahrgenommen hatte.
»Also deshalb redet sie jetzt?«, fragte er Hermine. »Wenn ich dabei war, hat sie nämlich sonst nie geredet.«
»Genau«, sagte Hermine. »Ja, ich glaub, die nehm ich …«
Sie ging zur Ladentheke und bezahlte die fünfzehn Sickel und zwei Knuts, wobei ihr Ron unentwegt an den Fersen klebte.
»Ron«, sagte sie streng, als sie sich umdrehte und ihm auf die Füße trat, »das ist genau der Grund, warum Ginny dir nie gesagt hat, dass sie sich mit Michael trifft, sie wusste, dass es dir nicht passen würde. Also reite jetzt nicht dauernd drauf rum, um Himmels willen.«
»Was soll das heißen? Wem soll was nicht passen? Ich reite auf gar nichts rum …«, rhabarberte Ron die ganze Straße entlang vor sich hin.
Während Ron unentwegt Verwünschungen gegen Michael Corner murmelte, verdrehte Hermine, zu Harry gewandt, die Augen und sagte dann verhalten: »Und wo wir schon bei Michael und Ginny sind … Was ist eigentlich mit Cho und dir?«
»Was meinst du?«, sagte Harry rasch.
Es war, als ob kochendes Wasser schnell in ihm aufsteigen würde; ihm war so heiß, dass sein Gesicht in der Kälte brannte – hatte er es sich so deutlich anmerken lassen?
»Nun«, sagte Hermine und lächelte milde, »sie konnte doch partout die Augen nicht von dir abwenden, oder?«
Harry war nie zuvor so richtig aufgefallen, wie schön das Dorf Hogsmeade eigentlich war.
Ausbildungserlass Nummer vierundzwanzig
So glücklich wie an diesem restlichen Wochenende war Harry seit Beginn des Schuljahres noch nicht gewesen. Er und Ron verbrachten den größten Teil des Sonntags damit, all ihre vielen Hausaufgaben nachzuholen. Das war zwar nicht gerade ein Spaß, doch wenigstens bäumte sich die Herbstsonne noch einmal lange auf, und statt im Gemeinschaftsraum über einen Tisch gebeugt zu hocken, konnten sie ihre Arbeit mit nach draußen nehmen und sich im Schatten einer großen Buche am Seeufer räkeln. Hermine, die mit ihren Hausaufgaben natürlich auf dem neuesten Stand war, kam mit einer Ladung Wolle nach draußen und behexte ihre Stricknadeln, worauf sie neben ihr in der Luft schwebten und blitzend und klackernd noch mehr Hüte und Schals strickten.
Dass sie nun tatsächlich etwas gegen Umbridge und das Ministerium unternahmen und dass er sogar eine Schlüsselrolle bei der Rebellion innehatte, befriedigte Harry zutiefst. Immer wieder ließ er sich das sonnabendliche Treffen durch den Kopf gehen: all die Leute, die zu ihm gekommen waren, um Verteidigung gegen die dunklen Künste zu erlernen … und was für Gesichter sie gemacht hatten, als sie von manchen seiner Taten hörten … und Cho hatte seinen Einsatz beim Trimagischen Turnier gelobt … Zu wissen, dass all diese Leute ihn nicht für einen lügnerischen Spinner hielten, sondern für jemanden, der Bewunderung verdiente, beflügelte ihn so sehr, dass er noch am Montagmorgen seine gute Laune nicht verloren hatte, obwohl es gleich in seine meistgehassten Fächer ging.
Auf dem Weg vom Schlafsaal herunter diskutierte er mit Ron Angelinas Vorschlag, diesen Abend im Quidditch-Training ein neues Flugmanöver namens Faultierrolle zu üben, und erst als sie den sonnendurchfluteten Gemeinschaftsraum schon halb durchquert hatten, fiel ihnen eine Neuerung auf, die bereits die Aufmerksamkeit einer kleinen Schar Schüler erregt hatte. Ein großer Aushang war am schwarzen Brett der Gryffindors befestigt worden, so groß, dass er alles andere darauf verdeckte: die Listen, auf denen gebrauchte Zauberbücher zum Verkauf angeboten wurden, Argus Filchs regelmäßige Ermahnungen, sich an die Hausordnung zu halten, den Trainingsplan der Quidditch-Mannschaft, die Angebote, gewisse Schokofroschkarten gegen andere einzutauschen, die jüngste Anzeige der Weasleys für Testpersonen, die Daten der Hogsmeade-Wochenenden und die Zettel für Fundsachen. Der neue Aushang war in großen schwarzen Lettern gedruckt und untendrauf fand sich ein höchst offiziell wirkender Stempel neben einer ordentlichen und verschnörkelten Unterschrift.
PER ANORDNUNG DER GROSSINQUISITORIN VON HOGWARTS
Alle Schülerorganisationen, Gesellschaften, Mannschaften, Gruppen und Klubs sind mit sofortiger Wirkung aufgelöst.
Eine Organisation, Gesellschaft, Mannschaft, Gruppe oder ein Klub wird hiermit definiert als regelmäßige Zusammenkunft von drei oder mehr Schülern und Schülerinnen.
Die Genehmigung für eine Neugründung
kann bei der Großinquisitorin eingeholt werden
(Professor Umbridge).
Allen Schülerorganisationen, Gesellschaften, Mannschaften, Gruppen oder Klubs ist es verboten, ohne Wissen und Genehmigung der Großinquisitorin tätig zu sein.
Sämtliche Schüler und Schülerinnen, von denen festgestellt wird, dass sie eine von der Großinquisitorin nicht genehmigte Organisation, Gesellschaft, Mannschaft, Gruppe oder einen Klub gegründet haben oder einer solchen Vereinigung angehören, werden der Schule verwiesen.
Obige Anordnung entspricht dem Ausbildungserlass Nummer vierundzwanzig.
Unterzeichnet:
Dolores Jane Umbridge, Großinquisitorin
Harry und Ron lasen den Aushang über die Köpfe einiger verängstigt wirkender Zweitklässler hinweg.
»Bedeutet das, sie wollen den Koboldstein-Klub schließen?«, fragte der eine seinen Freund.
»Ich schätze, Koboldstein wird schon durchgehen«, sagte Ron düster und der Zweitklässler machte einen Luftsprung. »Aber wir werden wohl nicht so viel Glück haben, was meinst du?«, fragte er Harry, während die Zweitklässler eilends davonliefen.
Harry las den Aushang noch einmal durch. Das Glücksgefühl, das ihn seit Samstag durchdrungen hatte, war verschwunden. In seinen Eingeweiden pulsierte der Zorn.
»Das ist kein Zufall«, sagte er und ballte die Hände zu Fäusten. »Sie weiß es.«
»Das kann nicht sein«, entgegnete Ron sofort.
»In diesem Pub waren Leute, die uns zugehört haben. Und ehrlich gesagt wissen wir nicht, wem wir von denen, die gekommen sind, vertrauen können … Vielleicht ist einer von ihnen gleich zu Umbridge gerannt und hat es ihr erzählt …«
Und er hatte gedacht, sie würden ihm glauben, ja, ihn sogar bewundern …
»Zacharias Smith!«, sagte Ron sofort und schlug sich mit der Faust in die Hand. »Oder – ich finde, dieser Michael Corner sah auch ziemlich verschlagen aus –«
»Ob Hermine das schon gesehen hat?«, sagte Harry und schaute rüber zur Tür, die zu den Mädchenschlafsälen führte.
»Komm, wir gehen hoch und erzählen’s ihr«, sagte Ron. Er stürmte los, zog die Tür auf und stieg die Wendeltreppe hoch.
Er war auf der sechsten Stufe, da ertönte ein lauter Heulton wie von einer Hupe und die Stufen verschmolzen zu einer langen, glatten spiralförmigen Steinrutsche. Einen kurzen Moment noch versuchte Ron mit verzweifelt rudernden Windmühlenarmen weiterzurennen, dann plumpste er nach hinten, schoss die eben entstandene Rutsche hinunter und blieb zu Harrys Füßen auf dem Rücken liegen.
»Ähm – ich glaub nicht, dass wir in die Mädchenschlafsäle dürfen«, sagte Harry und zog Ron auf die Beine, bemüht, nicht zu lachen.
Zwei Viertklässlerinnen kamen schadenfroh grinsend die Steinrutsche heruntergeglitten.
»Oooh, wer wollte denn da hoch zu den Mädchen?«, kicherten sie fröhlich, sprangen auf die Füße und warfen Harry und Ron einen frechen Blick zu.
»Ich«, sagte Ron, noch immer ziemlich aufgelöst. »Mir war nicht klar, was passieren würde. Das ist unfair!«, fügte er an Harry gewandt hinzu, während die Mädchen immer noch ausgelassen kichernd zum Porträtloch davonzogen. »Hermine darf in unseren Schlafsaal, weshalb dürfen wir nicht –?«
»Na ja, das ist eben so eine altmodische Vorschrift«, sagte Hermine, die soeben elegant auf den Teppich vor ihnen gerutscht war und jetzt aufstand, »aber in Eine Geschichte von Hogwarts heißt es, die Gründer hielten die Jungen für weniger vertrauenswürdig als die Mädchen. Warum wolltet ihr überhaupt da rein?«
»Um dich zu holen – schau dir mal das an!«, erklärte Ron und zog sie hinüber zum schwarzen Brett.
Hermines Augen glitten rasch über den Aushang. Ihre Miene versteinerte.
»Jemand muss bei ihr gepetzt haben!«, sagte Ron zornig.
»Das kann nicht sein«, widersprach Hermine leise.
»Du bist ja so was von naiv«, sagte Ron, »nur weil du selbst so rechtschaffen und vertrauenswürdig bist, glaubst du –«
»Nein, es kann nicht sein, weil ich dieses Stück Pergament, auf dem wir alle unterschrieben haben, verhext habe«, sagte Hermine grimmig. »Glaubt mir, wenn jemand zu Umbridge gerannt wäre und gepetzt hätte, wüssten wir genau, wer es ist, und derjenige würde es garantiert bedauern.«
»Was würde denn mit ihm passieren?«, wollte Ron voller Neugier wissen.
»Na ja, sagen wir’s mal so«, erklärte Hermine, »dagegen würden die Pickel von Eloise Midgeon aussehen wie ein paar hübsche Sommersprossen. Kommt, wir gehen runter zum Frühstück und schauen, was die andern davon halten … Ob das wohl in allen Häusern aufgehängt wurde?«
Sowie sie die Große Halle betraten, wurde ihnen klar, dass Umbridges Aushang nicht nur im Gryffindor-Turm aufgetaucht war. Das Stimmengewirr war außergewöhnlich laut, und in der Halle herrschte mehr Trubel als sonst, weil die Schüler an den Tischen entlanghuschten und über das berieten, was sie gerade gelesen hatten. Harry, Ron und Hermine hatten sich kaum richtig hingesetzt, als Neville, Dean, Fred, George und Ginny auf sie einstürmten.
»Habt ihr es gesehen?«
»Denkt ihr, sie weiß Bescheid?«
»Was sollen wir jetzt tun?«
Sie alle blickten Harry an. Er sah sich um, ob auch keine Lehrer in der Nähe waren.
»Wir machen es natürlich trotzdem«, sagte er leise.
»Wusste doch, dass du das sagen würdest«, strahlte George und knuffte Harry gegen den Arm.
»Die Vertrauensschüler auch?«, sagte Fred und blickte Ron und Hermine fragend an.
»Natürlich«, sagte Hermine kühl.
»Da kommen Ernie und Hannah Abbott«, sagte Ron mit einem Blick über die Schulter. »Und diese Ravenclaw-Typen und Smith … und keiner sieht besonders picklig aus.«
Hermine schreckte auf.
»Vergiss die Pickel! Diese Idioten können doch jetzt nicht zu uns rüberkommen, das sieht doch total verdächtig aus. Setzt euch!«, bedeutete sie Ernie und Hannah stumm und gestikulierte wild, damit sie an den Hufflepuff-Tisch zurückkehrten. »Später! Wir – reden – später!«
»Ich sag’s Michael«, sagte Ginny ungeduldig und sprang von der Bank hoch, »so ein Blödmann, also ehrlich …«
Sie eilte zum Ravenclaw-Tisch davon; Harry schaute ihr nach. Cho saß nicht weit entfernt und unterhielt sich mit der gelockten Freundin, die sie in den Eberkopf mitgebracht hatte. Würde Umbridges Mitteilung sie davon abschrecken, zum nächsten Treffen zu kommen?
Doch erst als sie die Große Halle verließen, um in Geschichte der Zauberei zu gehen, bekamen sie die Folgen des Aushangs wirklich zu spüren.
»Harry! Ron!«
Es war Angelina, die mit völlig verzweifelter Miene auf sie zueilte.
»Schon gut«, sagte Harry leise, als sie nahe genug war, um ihn zu hören. »Wir machen es trotzdem –«
»Ist euch klar, dass sie damit auch Quidditch meint?«, übertönte sie seine Worte. »Wir müssen zu ihr gehen und um die Erlaubnis bitten, die Gryffindor-Mannschaft neu zu gründen!«
»Was?«, sagte Harry.
»Unmöglich«, sagte Ron entsetzt.
»Ihr habt doch den Aushang gelesen, da steht auch was von Mannschaften! Also hör zu, Harry … ich sag das jetzt zum letzten Mal … bitte, bitte, verlier bei Umbridge nicht wieder die Geduld, sonst lässt sie uns vielleicht nie mehr spielen!«
»Okay, okay«, sagte Harry, denn Angelina schien den Tränen nahe. »Mach dir keine Sorgen, ich werd mich zusammenreißen …«
»Wetten, dass Umbridge in Zaubereigeschichte sitzt«, sagte Ron bitter auf dem Weg zu Binns’ Stunde. »Den Unterricht von Binns hat sie noch nicht inspiziert … jede Wette, dass sie da ist …«
Doch er hatte sich geirrt: Der einzige Lehrer, der anwesend war, als sie hereinkamen, war Professor Binns, der wie immer ein paar Zentimeter über seinem Stuhl schwebte und sich darauf vorbereitete, sein eintöniges Geleiere über die Riesen-Kriege fortzusetzen. Harry unternahm gar nicht erst den Versuch, dem heutigen Sermon zu folgen; er kritzelte faul auf seinem Pergament herum und achtete nicht auf Hermine, die ihm des Öfteren böse Blicke zuwarf und ihn anstupste, bis ihn ein besonders schmerzhafter Rippenstoß zornig aufblicken ließ.
»Was ist?«
Sie deutete zum Fenster. Harry wandte den Kopf. Hedwig hockte mit einem ans Bein gebundenen Brief auf dem schmalen Fenstersims und spähte ihn durch die dicke Scheibe an. Harry war das ein Rätsel; gerade hatten sie gefrühstückt, warum nur hatte sie ihm den Brief nicht vorhin gebracht, wie üblich? Auch einige seiner Klassenkameraden machten sich gegenseitig auf Hedwig aufmerksam.
»Oh, ich liebe diese Eule«, hörte Harry Lavender an Parvati gewandt seufzen. »Sie ist so wunderschön.«
Er blickte sich zu Professor Binns um, der unentwegt seine Aufzeichnungen vorlas und sich in seiner heiteren Abwesenheit gar nicht bewusst war, dass die Klasse ihm noch weniger als sonst zuhörte. Harry glitt leise vom Stuhl, ging in die Hocke, schlich hinter der Bankreihe zum Fenster, schob den Riegel beiseite und öffnete es ganz langsam.
Er hatte erwartet, dass Hedwig ihm das Bein hinhalten würde, damit er den Brief abnehmen konnte, ehe sie dann zurück in die Eulerei flog, doch kaum war das Fenster weit genug offen, hüpfte sie herein und schrie jammervoll. Mit einem besorgten Blick zu Professor Binns schloss Harry das Fenster, duckte sich wieder tief und hastete mit Hedwig auf der Schulter zurück zu seinem Platz. Er setzte sich, hob Hedwig auf seinen Schoß und wollte den Brief lösen, der an ihr Bein gebunden war.
Erst jetzt fiel ihm auf, dass Hedwigs Gefieder merkwürdig zerzaust war; manche Federn waren in die falsche Richtung gebogen und einer der Flügel stand in merkwürdigem Winkel von ihr ab.
»Sie ist verletzt!«, flüsterte Harry und beugte den Kopf tiefer über sie. Hermine und Ron neigten sich näher zu ihm; Hermine legte sogar ihre Feder beiseite. »Sieh mal, da stimmt was nicht mit ihrem Flügel –«
Hedwig zitterte. Als Harry den Flügel berühren wollte, zuckte sie leicht zusammen, spreizte alle Federn, als ob sie sich aufplustern würde, und starrte ihn vorwurfsvoll an.
»Professor Binns«, sagte Harry laut, worauf sich die ganze Klasse zu ihm umdrehte. »Mir ist schlecht.«
Professor Binns hob die Augen von seinen Notizen und schien wie stets verwundert, dass der Raum vor ihm voller Leute war.
»Ihnen ist schlecht?«, wiederholte er zerstreut.
»Ganz arg schlecht«, sagte Harry nachdrücklich, verbarg Hedwig hinter seinem Rücken und stand auf. »Ich glaub, ich muss mal in den Krankenflügel.«
»Ja«, sagte Professor Binns, dem offenbar ziemlich der Überblick fehlte. »Ja … ja, Krankenflügel … nun, dann gehen Sie geschwind, Perkins …«
Sobald er draußen war, setzte Harry Hedwig wieder auf die Schulter. Dann spurtete er den Korridor entlang und hielt erst inne, als er von Binns’ Tür aus nicht mehr zu sehen war. Wenn es darum ging, Hedwig zu verarzten, wäre natürlich Hagrid seine erste Wahl gewesen, doch da er keine Ahnung hatte, wo er steckte, blieb ihm nichts übrig, als Professor Raue-Pritsche aufzusuchen, in der Hoffnung, dass sie Hedwig helfen konnte.
Er spähte aus einem Fenster auf die sturmzerzausten, wolkenverhangenen Schlossgründe. Nichts deutete darauf hin, dass sie sich irgendwo in der Nähe von Hagrids Hütte aufhielt. Wenn sie nicht unterrichtete, war sie vermutlich im Lehrerzimmer. Er machte sich auf den Weg nach unten, die schwankende und leise klagende Hedwig auf der Schulter.
Zwei steinerne Wasserspeier flankierten die Tür zum Lehrerzimmer. Als Harry sich näherte, krächzte der eine: »Du solltest im Unterricht sein, Bürschchen.«
»Das ist ein Notfall«, erwiderte Harry knapp.
»Ooooh, ein Notfall, tatsächlich?«, sagte der andere Wasserspeier mit schriller Stimme. »Jetzt hast du’s uns aber gezeigt, was?«
Harry klopfte. Er hörte Schritte, dann ging die Tür auf und Professor McGonagall stand vor ihm.
»Sie haben doch nicht etwa schon wieder eine Strafarbeit bekommen!«, sagte sie prompt. Ihre eckige Brille blitzte bedrohlich.
»Nein, Professor!«, sagte Harry hastig.
»Nun dann, warum sind Sie nicht im Unterricht?«
»Es handelt sich offenbar um einen Notfall«, höhnte der zweite Wasserspeier.
»Ich suche Professor Raue-Pritsche«, erklärte Harry. »Es geht um meine Eule, sie ist verletzt.«
»Verletzte Eule, haben Sie gesagt?«
Professor Raue-Pritsche erschien an Professor McGonagalls Seite. Sie rauchte eine Pfeife und hielt einen Tagespropheten in der Hand.
»Ja«, sagte Harry und hob Hedwig vorsichtig von seiner Schulter. »Sie ist später als die anderen Posteulen erschienen und streckt ihren Flügel so merkwürdig aus, sehen Sie –«
Professor Raue-Pritsche steckte sich die Pfeife fest zwischen die Zähne und nahm Harry die Eule ab. Professor McGonagall sah zu.
»Hmm«, machte Professor Raue-Pritsche, und ihre Pfeife wippte leicht, während sie sprach. »Sieht aus, als wäre sie angegriffen worden. Ich kann allerdings nicht sagen, was es war. Natürlich greifen Thestrale manchmal Vögel an, aber Hagrid hat die Thestrale von Hogwarts so gut dressiert, dass sie keine Eulen anrühren.«
Harry wusste nicht, was Thestrale waren, und es war ihm auch egal; er wollte nur wissen, ob Hedwig wieder gesund werden würde. Professor McGonagall jedoch blickte Harry scharf an und sagte: »Wissen Sie, wie weit diese Eule geflogen ist, Potter?«
»Ähm«, sagte Harry. »Ich glaube, sie kam aus London.«
Ihre Blicke trafen sich kurz, und aus der Art, wie sich McGonagalls Augenbrauen über der Nase trafen, schloss Harry, dass sie »London« als »Grimmauldplatz Nummer zwölf« verstand.
Professor Raue-Pritsche zog ein Monokel aus ihrem Umhang, schob es sich vors Auge und unterzog Hedwigs Flügel einer eingehenden Prüfung. »Ich denke, ich kann das wieder in Ordnung bringen, wenn Sie mir die Eule hierlassen, Potter«, sagte sie. »Sie sollte auf jeden Fall ein paar Tage lang keine weiten Strecken mehr fliegen.«
»Ähm – gut – danke«, sagte Harry und im selben Moment läutete es zur Pause.
»Kein Problem«, erwiderte Professor Raue-Pritsche barsch und wollte ins Lehrerzimmer zurückkehren.
»Einen Moment noch, Wilhelmina!«, rief Professor McGonagall. »Potters Brief!«
»Ach ja!«, sagte Harry, der die Pergamentrolle, die an Hedwigs Bein gebunden war, zeitweilig vergessen hatte. Professor Raue-Pritsche reichte sie ihm und verschwand dann mit Hedwig im Lehrerzimmer. Hedwig starrte ihm nach, als könnte sie nicht glauben, dass er sie so mir nichts, dir nichts aus den Händen gab. Mit einem Anflug von schlechtem Gewissen wandte er sich zum Gehen, doch Professor McGonagall rief ihn zurück.
»Potter!«
»Ja, Professor?«
Sie spähte den Korridor auf und ab; aus beiden Richtungen kamen Schüler.
»Denken Sie dran«, sagte sie rasch und leise, den Blick auf der Rolle in seiner Hand, »die Nachrichtenwege von und nach Hogwarts werden vermutlich überwacht, verstanden?«
»Ich –«, sagte Harry, doch die Flut der Schüler, die durch den Korridor wogte, hatte ihn fast erreicht. Professor McGonagall nickte ihm kurz zu und zog sich ins Lehrerzimmer zurück, während er von der Menge in den Hof hinausgetrieben wurde. Ron und Hermine standen bereits in einer geschützten Ecke, die Mantelkragen gegen den Wind hochgeschlagen. Harry schlitzte die Rolle auf, während er eilig auf sie zuging, und erblickte fünf Wörter in Sirius’ Handschrift:
Heute, selbe Zeit, selber Ort.
»Geht’s Hedwig besser?«, fragte Hermine besorgt, kaum dass er in Hörweite war.
»Wo hast du sie hingebracht?«, fragte Ron.
»Zu Raue-Pritsche«, sagte Harry. »Und ich hab McGonagall getroffen … hört zu …«
Und er erzählte ihnen, was Professor McGonagall gesagt hatte. Zu seiner Überraschung wirkten die beiden überhaupt nicht erschrocken. Im Gegenteil, sie tauschten viel sagende Blicke.
»Was ist?«, fragte Harry und blickte abwechselnd von Ron zu Hermine.
»Na ja, ich hab gerade zu Ron gesagt … was, wenn jemand versucht hätte Hedwig abzufangen? Immerhin ist sie noch nie auf einem Flug verletzt worden, oder?«
»Von wem ist eigentlich der Brief?«, fragte Ron und nahm Harry das Blatt aus der Hand.
»Schnuffel«, sagte Harry leise.
»Selbe Zeit, selber Ort? Meint er das Feuer im Gemeinschaftsraum?«
»Natürlich«, sagte Hermine, die ebenfalls die Nachricht las. Sie schien beunruhigt. »Ich hoffe nur, niemand sonst hat das gelesen …«
»Aber es war noch versiegelt und alles«, sagte Harry, der sie und nicht zuletzt sich selbst überzeugen wollte. »Und keiner würde verstehen, was das bedeutet, wenn er nicht wüsste, wo wir schon mit ihm gesprochen haben, oder?«
»Ich weiß nicht«, sagte Hermine besorgt und schwang sich die Tasche über die Schulter, da es nun läutete. »Es wär nicht besonders schwierig, die Rolle mit einem Zauber wieder zu versiegeln … und wenn jemand das Flohnetzwerk überwacht … aber ich weiß wirklich nicht, wie wir ihn davor warnen können, zu kommen, ohne dass unsere Warnung auch wieder abgefangen wird!«
Sie stapften die Steinstufen zum Kerker hinunter, wo sie Zaubertränke hatten, alle drei in Gedanken versunken, doch als sie den Fuß der Treppe erreichten, riss Draco Malfoys Stimme sie in die Wirklichkeit zurück. Er stand direkt vor Snapes Klassenzimmertür, wedelte mit einem offiziell wirkenden Stück Pergament und redete viel lauter als nötig, so dass sie jedes Wort hören konnten.
»Ja, Umbridge hat der Quidditch-Mannschaft von Slytherin auf der Stelle die Erlaubnis gegeben weiterzuspielen, ich hab sie gleich heute Morgen gefragt. Na ja, war ja eigentlich reine Formsache, immerhin kennt sie meinen Vater gut, der geht im Ministerium ein und aus … bin mal gespannt, ob Gryffindor auch weiterspielen darf.«
»Nicht die Nerven verlieren«, wisperte Hermine Harry und Ron eindringlich zu, die beide mit geballten Fäusten und verbissenem Gesichtsausdruck Malfoy beobachteten. »Genau das will er doch.«
»Ich kann euch sagen«, fuhr Malfoy fort und hob die Stimme noch ein wenig, während seine grauen Augen Harry und Ron feindselig anfunkelten, »wenn es um Einfluss im Ministerium geht, glaub ich nicht, dass sie große Chancen haben … von meinem Vater weiß ich, dass sie schon seit Jahren einen Grund suchen, um Arthur Weasley zu feuern … und was Potter angeht … mein Vater sagt, es ist eine Frage der Zeit, bis das Ministerium ihn ins St. Mungo karren lässt … offenbar haben die dort eine Spezialstation für Leute, deren Gehirne durch Magie verwirrt sind.«
Malfoy zog eine Fratze, er sperrte den Mund auf und rollte die Augen. Crabbe und Goyle ließen ihr übliches grunzendes Lachen hören und Pansy Parkinson kreischte entzückt.
Etwas prallte hart gegen Harrys Schulter und stieß ihn zur Seite. Im Bruchteil einer Sekunde wurde ihm klar, dass Neville eben an ihm vorbeigestürmt war, geradewegs auf Malfoy zu.
»Neville, nein!«
Harry stürzte vor und packte Neville hinten am Umhang; hektisch und mit fliegenden Fäusten wehrte sich Neville und versuchte verzweifelt, Malfoy zu erreichen, der einen Moment lang ausgesprochen erschrocken aussah.
»Hilf mir!«, rief Harry Ron zu. Es gelang ihm, einen Arm um Nevilles Hals zu schlingen und ihn von den Slytherins wegzuziehen. Crabbe und Goyle ließen die Muskeln spielen und bauten sich kampfbereit vor Malfoy auf. Ron packte Nevilles Arme und gemeinsam mit Harry schleifte er Neville zurück zu den Gryffindors. Nevilles Gesicht war scharlachrot; Harrys Druck auf seine Kehle würgte ihm ziemlich die Stimme ab, nur ab und zu spie er ein Wort aus.
»Nicht … lustig … nicht … Mungo … zeig’s … ihm …«
Die Kerkertür öffnete sich. Snape erschien. Seine schwarzen Augen huschten die Warteschlange der Gryffindors entlang bis zu der Stelle, wo Harry und Ron mit Neville rangen.
»Potter, Weasley, Longbottom, Sie schlagen sich?«, sagte Snape mit seiner kalten, höhnischen Stimme. »Zehn Punkte Abzug für Gryffindor. Lassen Sie Longbottom los, Potter, oder es gibt Nachsitzen. Rein, alle miteinander …«
Harry ließ Neville los, der schnaufte und ihn böse anfunkelte.
»Ich musste dich aufhalten«, keuchte Harry und hob seine Tasche auf. »Crabbe und Goyle hätten dich in Stücke gerissen.«
Neville sagte nichts, er schnappte sich nur seine Tasche und ging steif davon in den Kerker.
»Was um Merlins willen«, sagte Ron langsam, als sie Neville folgten, »hatte das nun wieder zu bedeuten?«
Harry antwortete nicht. Er wusste genau, warum Neville so wütend wurde, wenn es um Leute ging, die wegen magischer Gehirnschäden im St. Mungo waren, doch er hatte Dumbledore geschworen, Nevilles Geheimnis niemandem zu erzählen. Selbst Neville hatte keine Ahnung, dass Harry es kannte.
Harry, Ron und Hermine nahmen ihre gewohnten Plätze in der letzten Reihe ein und holten Pergament, Feder und das Buch Tausend Zauberkräuter und -pilze heraus. Ringsum tuschelte die ganze Klasse über Nevilles Verhalten, doch als Snape die Kerkertür mit einem widerhallenden Knall zuschlug, verstummten sie alle.
»Sie werden feststellen«, sagte Snape leise und höhnisch, »dass wir heute einen Gast haben.«
Er deutete auf die düstere Ecke des Kerkers, und Harry sah Professor Umbridge dort sitzen, das Klemmbrett auf den Knien. Er hob die Brauen und warf Ron und Hermine aus den Augenwinkeln einen Blick zu. Snape und Umbridge, die beiden Lehrer, die er am meisten hasste. Schwer zu sagen, wen er über den anderen triumphieren sehen wollte.
»Wir machen heute mit unserem Stärkungstrank weiter. Sie finden Ihre Mixturen so vor, wie Sie diese in der letzten Stunde verlassen haben; wenn sie richtig zubereitet sind, sollten sie übers Wochenende gut gereift sein. Anweisungen –«, er wedelte wieder mit seinem Zauberstab, »– an der Tafel. Fahren Sie fort.«
Während der ersten halben Stunde machte sich Professor Umbridge in ihrer Ecke Notizen. Harry brannte darauf, ihre Fragen an Snape zu hören – so sehr, dass er wieder einmal seinen Zaubertrank vernachlässigte.
»Salamanderblut, Harry!«, stöhnte Hermine und packte ihn am Handgelenk, um zu verhindern, dass er zum dritten Mal die falsche Zutat beigab. »Nicht Granatapfelsaft!«
»Schon gut«, sagte Harry abwesend, stellte die Flasche hin und beobachtete weiter die Kerkerecke. Umbridge war gerade aufgestanden. »Ha«, sagte er leise, als sie zwischen zwei Pultreihen auf Snape zuschritt, der sich über Dean Thomas’ Kessel beugte.
»Nun, die Klasse scheint für die Jahrgangsstufe ziemlich fortgeschritten zu sein«, sagte sie forsch zu Snapes Rücken. »Gleichwohl halte ich es doch für fraglich, ob es sinnvoll ist, den Schülern etwas wie den Stärkungstrank beizubringen. Ich denke, das Ministerium würde es vorziehen, wenn dieser aus dem Lehrplan gestrichen würde.«
Snape richtete sich langsam auf und drehte sich zu ihr um.
»Nun … wie lange unterrichten Sie schon in Hogwarts?«, fragte sie und hielt die Feder über dem Klemmbrett bereit.
»Vierzehn Jahre«, antwortete Snape. Seine Miene war unergründlich. Den Blick zu Snape gewandt, fügte Harry seinem Trank ein paar Tropfen hinzu; er zischte bedrohlich und das Türkis verwandelte sich in Orange.
»Sie hatten sich, glaube ich, zuerst um die Stelle für Verteidigung gegen die dunklen Künste beworben?«, fragte Professor Umbridge.
»Ja«, sagte Snape leise.
»Aber damit hatten Sie keinen Erfolg?«
Snapes Lippen kräuselten sich.
»Offensichtlich.«
Professor Umbridge kritzelte etwas auf ihr Klemmbrett.
»Und seit Sie in der Schule arbeiten, haben Sie sich regelmäßig für Verteidigung gegen die dunklen Künste beworben, nehme ich an?«
»Ja«, sagte Snape leise und bewegte dabei kaum die Lippen. Er wirkte äußerst zornig.
»Haben Sie eine Ahnung, warum sich Dumbledore bislang stets geweigert hat, Sie zu ernennen?«, fragte Umbridge.
»Ich schlage vor, Sie fragen ihn selbst«, stieß Snape hervor.
»Oh, das werde ich auch«, sagte Professor Umbridge mit einem süßlichen Lächeln.
»Ich nehme an, das tut irgendetwas zur Sache?«, entgegnete Snape und seine schwarzen Augen verengten sich.
»Oh, durchaus«, sagte Professor Umbridge, »ja, das Ministerium verlangt einen gründlichen Einblick in den – ähm – Werdegang der Lehrer.«
Damit wandte sie sich ab, ging zu Pansy Parkinson hinüber und begann diese über den Unterricht auszufragen. Snape sah zu Harry und ihre Blicke trafen sich für eine Sekunde. Harry senkte die Augen rasch auf seinen Zaubertrank, der jetzt zu einer fauligen Masse verdickte und stark nach verbranntem Gummi stank.
»Wieder keine Punkte, Potter«, sagte Snape gehässig und leerte Harrys Kessel mit einem Schlenker seines Zauberstabs. »Sie schreiben mir bis zum nächsten Mal einen Aufsatz über die richtige Herstellung dieses Zaubertranks, mit einer Erklärung, wie und warum er Ihnen misslungen ist, verstanden?«
»Ja«, sagte Harry wütend. Snape hatte ihnen bereits Hausaufgaben gegeben und heute Abend hatte er Quidditch-Training. Das hieß, dass ihm ein paar weitere schlaflose Nächte bevorstanden. Es kam ihm unwirklich vor, dass er heute Morgen beim Aufwachen sehr glücklich gewesen war. Jetzt spürte er nur noch den sehnlichen Wunsch, der Tag möge zu Ende gehen.
»Vielleicht schwänz ich Wahrsagen«, sagte er betrübt, als sie nach dem Mittagessen draußen auf dem Hof standen, wo der Wind an den Säumen ihrer Mäntel und an den Hutkrempen zerrte. »Ich mach krank und schreib in der Zeit den Aufsatz für Snape, dann muss ich nicht die halbe Nacht aufbleiben.«
»Du kannst Wahrsagen nicht schwänzen«, sagte Hermine streng.
»Das musst du gerade sagen! Du hast Wahrsagen sausen lassen, weil du Trelawney hasst!«, erwiderte Ron entrüstet.
»Ich hasse sie nicht«, sagte Hermine hochmütig. »Ich halte sie nur für eine absolut entsetzliche Lehrerin und eine ausgemachte alte Schwindlerin. Aber Harry hat schon Zaubereigeschichte verpasst, und ich glaube nicht, dass er heute noch mehr versäumen sollte!«
In Hermines Mahnung steckte zu viel Wahrheit, um sie zu ignorieren, deshalb nahm Harry eine halbe Stunde später im heißen, viel zu stark parfümierten Wahrsage-Klassenzimmer Platz, wütend auf alles und jeden. Professor Trelawney verteilte schon wieder das Traumorakel. Harry ging durch den Kopf, dass er seine Zeit viel besser mit Snapes Strafaufsatz verbracht hätte, als hier zu sitzen und in lauter erfundenen Träumen irgendwelche Bedeutungen zu suchen.
Offenbar war er jedoch nicht der Einzige in Wahrsagen, der in Rage war. Professor Trelawney knallte ein Exemplar des Orakels auf den Tisch zwischen Harry und Ron und entschwebte mit geschürzten Lippen. Das nächste Orakel pfefferte sie Dean und Seamus hin, wobei sie nur knapp Seamus’ Kopf verfehlte, und das letzte Exemplar schleuderte sie derart heftig gegen Nevilles Brust, dass er von seinem Sitzkissen rutschte.
»Nun, fahren Sie fort!«, sagte Professor Trelawney mit lauter, hoher und leicht hysterischer Stimme, »Sie wissen, was zu tun ist! Oder bin ich eine so miserable Lehrerin, dass Sie nicht mal gelernt haben, wie man ein Buch aufschlägt?«
Perplex starrte die Klasse sie an, dann warfen sich alle gegenseitig ratlose Blicke zu. Harry jedoch glaubte zu wissen, was los war. Als Professor Trelawney erregt zu ihrem Lehrerstuhl mit der hohen Lehne zurückstürmte, die vergrößerten Augen voller Zornestränen, neigte er den Kopf zu Ron und murmelte: »Ich glaub, sie hat das Ergebnis ihrer Unterrichtsinspektion gekriegt.«
»Professor?«, sagte Parvati Patil mit gedämpfter Stimme (sie und Lavender hatten Professor Trelawney immer bewundert), »Professor, ist – ähm – etwas nicht in Ordnung?«
»Nicht in Ordnung!«, rief Professor Trelawney und ihre Stimme bebte vor Erregung. »Sicher ist alles in Ordnung! Ich wurde beleidigt, gewiss … man hat Verdächtigungen gegen mich lanciert … haltlose Anschuldigungen erhoben … aber nein, es ist selbstverständlich alles in Ordnung!«
Sie atmete tief und zitternd ein und wandte den Blick von Parvati ab. Zornestränen kullerten unter ihrer Brille hervor.
»Gar nicht zu reden«, schluchzte sie, »von sechzehn Jahren treuem Schuldienst … sie sind vergangen, offenbar von niemandem bemerkt … aber ich lasse mich nicht beleidigen, nein, das nicht!«
»Aber Professor, wer beleidigt Sie denn?«, fragte Parvati zaghaft.
»Das Establishment!«, erwiderte Professor Trelawney mit tiefer, dramatisch wabernder Stimme. »Ja, jene, deren Augen zu getrübt sind vom Alltäglichen, um zu sehen, wie ich sehe, zu wissen, wie ich weiß … natürlich, wir Seher wurden immer schon gefürchtet, immer schon verfolgt … es ist – nun leider – unser Schicksal.«
Sie schluckte schwer, betupfte ihre nassen Wangen mit der Spitze ihres Schals, zog dann ein kleines besticktes Taschentuch aus dem Ärmel und putzte sich die Nase mit einem verächtlichen Schnauben, das Peeves alle Ehre gemacht hätte.
Ron kicherte. Lavender warf ihm einen angewiderten Blick zu.
»Professor«, sagte Parvati, »meinen Sie damit … hat es etwas mit Professor Umbridge –?«
»Erwähnen Sie den Namen dieser Person nicht!«, rief Professor Trelawney und sprang mit rasselndem Perlengehänge und blitzender Brille auf. »Bitte fahren Sie mit Ihrer Arbeit fort!«
Bis zum Ende der Stunde schritt sie zwischen ihnen einher, und während noch immer Tränen hinter ihrer Brille hervorsickerten, murmelte sie etwas in sich hinein, das sich ganz nach halblauten Drohungen anhörte.
»… könnte durchaus das Haus verlassen … welche Schmach … auf Bewährung … wir werden ja sehen … wie kann sie es wagen …«
»Du und Umbridge, ihr habt was gemeinsam«, wandte sich Harry leise an Hermine, als sie sich in Verteidigung gegen die dunklen Künste wieder trafen. »Offensichtlich hält sie Trelawney auch für eine alte Schwindlerin … sieht aus, als hätte sie ihr eine Bewährungsfrist gesetzt.«
Noch während er sprach, kam Umbridge herein, mit einer schwarzen Samtschleife auf dem Kopf und einem höchst selbstgefälligen Gesichtsausdruck.
»Guten Tag, Klasse.«
»Guten Tag, Professor Umbridge«, erwiderten sie gelangweilt im Chor.
»Zauberstäbe weg, bitte.«
Doch diesmal folgten keine hastigen Bewegungen; keiner hatte sich erst die Mühe gemacht, den Zauberstab herauszuholen.
»Bitte schlagen Sie Seite vierunddreißig der Theorie magischer Verteidigung auf und lesen Sie das dritte Kapitel mit dem Titel ›Plädoyer für eine nichtoffensive Antwort auf magische Angriffe‹. Ich möchte keine –«
»– Unterhaltungen hören«, sagten Harry, Ron und Hermine leise wie aus einem Mund.
»Kein Quidditch-Training«, sagte Angelina mit hohler Stimme, als Harry, Ron und Hermine nach dem Abendessen den Gemeinschaftsraum betraten.
»Aber ich hab mich doch beherrscht!«, sagte Harry entsetzt. »Ich hab nichts zu ihr gesagt, Angelina, ich schwör’s, ich –«
»Ich weiß, ich weiß«, sagte Angelina betrübt. »Sie meinte, sie bräuchte nur ein wenig Zeit zum Überlegen.«
»Was gibt es da zu überlegen?«, sagte Ron zornig. »Sie hat den Slytherins die Erlaubnis gegeben, warum nicht uns?«
Doch Harry konnte sich ausmalen, wie sehr Umbridge es genoss, ihnen damit zu drohen, Gryffindors Quidditch-Mannschaft zu verbieten, und konnte ohne weiteres verstehen, warum sie nicht so schnell auf diese Waffe verzichten wollte.
»Na ja«, meinte Hermine, »das hat auch seine gute Seite – wenigstens hast du jetzt die Zeit für Snapes Aufsatz!«
»Darüber soll ich mich freuen, ja?«, fauchte Harry, während Ron Hermine ungläubig anstarrte. »Kein Quidditch-Training, dafür aber eine zusätzliche Hausaufgabe für Zaubertränke?«
Harry ließ sich in einen Sessel sinken, zog widerwillig seinen Zaubertrankaufsatz aus der Tasche und machte sich an die Arbeit. Es fiel ihm sehr schwer, sich zu konzentrieren. Obwohl er wusste, dass Sirius erst viel später im Feuer erscheinen wollte, warf er unwillkürlich alle paar Minuten einen Blick in die Flammen, nur für alle Fälle. Zudem herrschte ein unglaublicher Lärm: Fred und George hatten es offenbar endlich geschafft, eine Sorte ihrer Nasch-und-Schwänz-Leckereien zur Serienreife zu bringen, die sie nun abwechselnd einnahmen und einer johlenden und juchzenden Menge vorführten.
Zuerst biss Fred vom orangen Ende einer Lakritzstange ab, woraufhin er sich unter großem Hallo in einen Eimer erbrach, den sie vor sich aufgestellt hatten. Dann würgte er das lila Ende der Lakritzstange hinunter und die Spuckerei hörte sofort auf. Lee Jordan, der bei der Vorführung assistierte, ließ das Erbrochene immer wieder lässig mit dem gleichen Zauber verschwinden, den Snape für Harrys Zaubertränke benutzte.
Bei dem dauernden Gewürge und Gejohle und dem Geschrei um die Vorbestellungen, die Fred und George von den Zuschauern entgegennahmen, fiel es Harry äußerst schwer, sich auf die korrekte Herstellungsweise des Stärkungstranks zu besinnen. Hermine war dabei auch keine Hilfe. Über das Gejohle und die Spritzgeräusche des Erbrochenen am Boden des Eimers hinweg war zuweilen ihr lautes entrüstetes Schnauben zu hören, was Harry noch mehr störte.
»Dann geh doch einfach hin und mach der Sache ein Ende!«, sagte er ärgerlich, nachdem er zum vierten Mal eine falsche Gewichtsangabe für Greifenklauenpulver durchgestrichen hatte.
»Kann ich nicht. Formal gesehen übertreten sie ja keine Regeln«, sagte Hermine mit zusammengebissenen Zähnen. »Sie haben durchaus das Recht, das widerliche Zeugs selber zu essen, und ich kann keine Vorschrift finden, die besagt, dass die andern Idioten nicht das Recht haben, die Dinger zu kaufen, außer es ist erwiesen, dass sie irgendwie gefährlich sind, und danach sieht es nicht aus.«
Sie, Harry und Ron beobachteten, wie George in hohem Bogen in den Eimer reiherte, den Rest der Lakritzstange hinunterwürgte, sich aufrichtete und strahlend die Arme ausbreitete, um den anhaltenden Beifall in Empfang zu nehmen.
»Weißt du, ich begreif einfach nicht, warum Fred und George nur je drei ZAGs gekriegt haben«, sagte Harry und sah zu, wie Fred, George und Lee Goldstücke von der begierigen Menge einsammelten. »Die beherrschen doch ihre Kunst.«
»Oh, die beherrschen nur Knalleffekte, die eigentlich niemandem nützen«, sagte Hermine verächtlich.
»Niemandem nützen?«, entgegnete Ron mit angespannter Stimme. »Hermine, die haben jetzt schon um die sechsundzwanzig Galleonen verdient.«
Es dauerte einige Zeit, bis sich die Menge um die Weasley-Zwillinge wieder zerstreut hatte, dann setzten sich Fred, Lee und George hin und zählten noch des Längeren ihre Einnahmen. So war es weit nach Mitternacht, als Harry, Ron und Hermine den Gemeinschaftsraum endlich für sich hatten. Zu guter Letzt hatte Fred die Tür zu den Jungenschlafsälen hinter sich geschlossen, nicht ohne demonstrativ mit seiner Schachtel voll Galleonen zu klimpern, was Hermine einen finsteren Blick entlockte. Harry, der mit seinem Zaubertrankaufsatz nur sehr langsam vorankam, beschloss, es für diesen Abend gut sein zu lassen. Als er seine Bücher wegräumte, ließ Ron, der sanft in einem Lehnstuhl döste, ein gedämpftes Grunzen hören. Dann wachte er auf und stierte trübe ins Feuer.
»Sirius!«, sagte er.
Harry wirbelte herum. Sirius’ zerzauster dunkler Kopf saß erneut im Feuer.
»Hi«, grinste er.
»Hi«, erwiderten Harry, Ron und Hermine im Chor und alle drei knieten sich hinunter auf den Kaminvorleger. Krummbein schnurrte laut, lief zum Feuer und versuchte trotz der Hitze, sein Gesicht dem von Sirius zu nähern.
»Wie steht’s?«, sagte Sirius.
»Nicht so gut«, erwiderte Harry, während Hermine Krummbein wegzog, damit er sich nicht noch mehr Schnurrhaare versengte. »Das Ministerium hat schon wieder einen Erlass durchgesetzt, mit dem sie unsere Quidditch-Mannschaften verbieten –«
»Oder Geheimgruppen für Verteidigung gegen die dunklen Künste?«, sagte Sirius.
Eine kurze Stille trat ein.
»Woher weißt du das?«, fragte Harry.
»Ihr solltet eure Treffpunkte sorgfältiger auswählen«, sagte Sirius und grinste noch breiter. »Der Eberkopf, ich bitte euch.«
»Also, jedenfalls war das besser als die Drei Besen!«, sagte Hermine trotzig. »Da ist es immer rappelvoll –«
»Was hieße, dass man euch nicht so leicht belauschen könnte«, sagte Sirius. »Du musst noch eine Menge lernen, Hermine.«
»Wer hat uns belauscht?«, fragte Harry.
»Mundungus natürlich«, sagte Sirius, und als sie verdutzt dreinsahen, lachte er. »Er war die Hexe unter dem Schleier.«
»Das war Mundungus?«, sagte Harry verblüfft. »Was hat er im Eberkopf getrieben?«
»Was glaubst du wohl?«, erwiderte Sirius ungeduldig. »Ein Auge auf dich gehalten natürlich.«
»Ich werde immer noch beschattet?«, fragte Harry zornig.
»Allerdings«, sagte Sirius, »und völlig zu Recht, findest du nicht, wenn du an deinem freien Wochenende gleich als Erstes eine illegale Verteidigungsgruppe gründest.«
Doch er schien weder aufgebracht noch besorgt, im Gegenteil, er blickte Harry mit sichtlichem Stolz an.
»Warum hat sich Dung vor uns versteckt?«, fragte Ron enttäuscht. »Wir hätten ihn gern gesehen.«
»Er hat seit zwanzig Jahren Hausverbot im Eberkopf«, sagte Sirius, »und dieser Wirt hat ein gutes Gedächtnis. Wir haben Moodys zweiten Tarnumhang verloren, als sie Sturgis verhafteten, also hat sich Dung in letzter Zeit öfter als Hexe verkleidet … sei’s drum … aber erst mal zu dir, Ron – ich habe versprochen, dir von deiner Mutter etwas auszurichten.«
»Ach ja?«, sagte Ron argwöhnisch.
»Sie sagt, du darfst auf gar keinen Fall an einer illegalen Geheimgruppe für Verteidigung gegen die dunklen Künste teilnehmen. Du würdest garantiert rausgeworfen werden und deine Zukunft wäre ruiniert. Später sei noch genug Zeit zu lernen, wie du dich verteidigen kannst, und du seist zu jung, um dir momentan darüber Sorgen zu machen. Außerdem«, Sirius’ Augen wandten sich den anderen beiden zu, »rät sie Harry und Hermine dringend davon ab, mit der Gruppe weiterzumachen, auch wenn sie sich im Klaren ist, dass sie euch beiden keine Anweisungen erteilen kann. Sie bittet euch einfach zu bedenken, dass sie nur das Beste für euch im Sinn hat. Sie hätte euch das alles geschrieben, aber wenn die Eule abgefangen worden wäre, dann wärt ihr alle in große Schwierigkeiten geraten, und persönlich kann sie es euch nicht sagen, weil sie heute Nachtschicht hat.«
»Was für eine Nachtschicht?«, fragte Ron rasch.
»Das braucht dich nicht zu kümmern, es geht um den Orden«, sagte Sirius. »Also ist es mir zugefallen, die Botschaft zu übermitteln, und denkt daran, ihr zu sagen, dass ich alles weitergeleitet habe, denn ich glaube nicht, dass sie mir traut.«
Eine neue Pause trat ein, in der Krummbein maunzend versuchte, Sirius’ Kopf mit der Pfote zu berühren, und Ron an einem Loch im Kaminvorleger herumfingerte.
»Also willst du, dass ich sage, ich mach bei der Verteidigungsgruppe nicht mit?«, murmelte er schließlich.
»Ich? Sicher nicht!«, sagte Sirius und sah überrascht aus. »Ich halte das für eine glänzende Idee!«
»Ach ja?«, sagte Harry und ihm wurde leichter ums Herz.
»Natürlich!«, erwiderte Sirius. »Glaubst du vielleicht, dein Vater und ich hätten gekuscht und Befehle von einer alten Vettel wie Umbridge befolgt?«
»Aber – letztes Jahr hast du mir andauernd gesagt, ich soll vorsichtig sein und keine Risiken eingehen –«
»Letztes Jahr sprach alles dafür, dass jemand innerhalb von Hogwarts versucht hat dich umzubringen, Harry!«, sagte Sirius ungeduldig. »Dieses Jahr wissen wir, dass jemand da draußen ist, der uns am liebsten alle umbringen will. Deswegen halte ich es für eine sehr gute Idee, wenn ihr lernt, euch gut zu verteidigen!«
»Und wenn wir rausgeworfen werden?«, fragte Hermine mit zweifelnder Miene.
»Hermine, das Ganze war deine Idee!«, sagte Harry und starrte sie an.
»Das weiß ich sehr wohl. Ich wollte nur wissen, was Sirius davon hält«, sagte sie achselzuckend.
»Nun ja, besser rausgeworfen und in der Lage, euch zu verteidigen, als sicher in der Schule zu sitzen und keine Ahnung zu haben«, sagte Sirius.
»Du sagst es«, bestätigten Ron und Harry begeistert.
»Also«, fuhr Sirius fort, »wie wollt ihr diese Gruppe organisieren? Wo trefft ihr euch?«
»Na ja, das ist ein ziemliches Problem«, sagte Harry. »Keine Ahnung, wo wir uns treffen können.«
»Wie wär’s mit der Heulenden Hütte?«, schlug Sirius vor.
»Hey, das ist ’ne Idee!«, sagte Ron entzückt, aber Hermine schnaubte skeptisch, und alle drei wandten sich ihr zu, wobei Sirius’ Kopf sich in den Flammen drehte.
»Hör mal, Sirius, immerhin wart ihr nur zu viert, als ihr euch damals während eurer Schulzeit in der Heulenden Hütte getroffen habt«, sagte Hermine. »Außerdem konntet ihr euch alle in Tiere verwandeln, und ich denke mal, wenn ihr gewollt hättet, dann hättet ihr euch alle unter einen einzigen Tarnumhang zwängen können. Aber wir sind immerhin achtundzwanzig und keiner von uns ist ein Animagus, also bräuchten wir weniger einen Tarnumhang als vielmehr eine Tarnmarkise –«
»Du hast Recht«, sagte Sirius ein wenig geknickt. »Aber ich bin mir sicher, dass euch was einfallen wird. Früher war hinter diesem großen Spiegel im vierten Stock ein ziemlich geräumiger Geheimgang, vielleicht habt ihr dort drin genug Platz, um Zaubern zu üben.«
»Fred und George haben mir gesagt, er ist versperrt«, erwiderte Harry kopfschüttelnd. »Eingestürzt oder so was.«
»Oh …«, sagte Sirius stirnrunzelnd. »Nun, ich denk mal drüber nach und komm drauf zur–«
Er brach ab. Sein Gesicht wirkte plötzlich angespannt und erschrocken. Er wandte sich zur Seite und schien auf die massive Backsteinmauer des Kamins zu schauen.
»Sirius?«, fragte Harry besorgt.
Doch er war verschwunden. Harry stierte einen Moment lang in die Flammen, dann wandte er sich Ron und Hermine zu.
»Warum ist er –?«
Hermine keuchte entsetzt und sprang auf, ohne den Blick vom Feuer zu wenden.
Eine Hand war in den Flammen erschienen und machte tastende Bewegungen, als wollte sie etwas zu fassen bekommen. Es war eine plumpe Hand, mit Stummelfingern voller hässlicher altmodischer Ringe.
Die drei jagten davon. An der Tür zum Jungenschlafsaal warf Harry einen Blick zurück. Umbridges Hand tastete immer noch in den Flammen umher, als wüsste sie genau, wo eben noch Sirius’ Haare gewesen waren, und wäre fest entschlossen, sie zu packen.
Dumbledores Armee
»Umbridge hat deine Post gelesen, Harry. Das ist die einzige Erklärung.«
»Glaubst du, Umbridge hat Hedwig angegriffen?«, fragte er empört.
»Da bin ich mir fast sicher«, sagte Hermine grimmig. »Pass auf, dein Frosch haut ab.«
Harry richtete den Zauberstab auf den Ochsenfrosch, der hoffnungsvoll zur anderen Tischseite gehüpft war – »Accio!« –, und er flutschte mit trübseligem Blick zurück in Harrys Hand.
Zauberkunst war immer eine der besten Gelegenheiten, sich ganz ungestört zu unterhalten. Normalerweise ging es hier so lebhaft und betriebsam zu, dass die Gefahr, belauscht zu werden, sehr gering war. Heute, wo das Klassenzimmer voller quakender Ochsenfrösche und krähender Raben war und schwere Regentropfen gegen die Fenster prasselten und trommelten, blieb Harrys, Rons und Hermines geflüsterte Unterhaltung darüber, dass Umbridge um ein Haar Sirius gefasst hätte, völlig unbemerkt.
»Ich habe das schon vermutet, seit Filch dich beschuldigt hat, du würdest Stinkbomben bestellen, weil das so eine dumme Lüge war«, flüsterte Hermine. »Sobald er nämlich deinen Brief gelesen hätte, wäre vollkommen klar gewesen, dass du sie nicht bestellt hast, also hättest du gar keine Schwierigkeiten bekommen – ein ziemlich schlechter Witz, oder? Aber dann habe ich mir überlegt, was wäre, wenn jemand nur eine Ausrede gesucht hätte, um deine Post zu lesen? Ja, dann wäre es ganz geschickt von Umbridge gewesen – sie gibt Filch einen Tipp und er macht für sie die Drecksarbeit und beschlagnahmt den Brief. Dann stiehlt sie ihn irgendwie von ihm oder verlangt ihn zu sehen – ich glaube nicht, dass Filch sich wehren würde, wann ist er je für die Rechte eines Schülers eingetreten? Harry, du zermatschst deinen Frosch.«
Harry blickte hinab; tatsächlich hatte er seinen Ochsenfrosch so fest gepackt, dass ihm die Augen hervorquollen; hastig setzte er ihn zurück aufs Pult.
»Das war gestern Nacht furchtbar knapp«, sagte Hermine. »Ich frage mich nur, ob Umbridge weiß, wie knapp. Silencio.«
Dem Ochsenfrosch, an dem sie ihren Schweigezauber übte, verschlug es mitten im Quaken die Stimme und er stierte sie vorwurfsvoll an.
»Wenn sie Schnuffel zu fassen gekriegt hätte –«
Harry beendete den Satz für sie.
»– würde er ziemlich sicher heute Morgen schon wieder in Askaban sitzen.« Er wedelte mit seinem Zauberstab, ohne sich richtig zu konzentrieren; sein Ochsenfrosch schwoll an wie ein grüner Ballon und ließ ein schrilles Pfeifen hören.
»Silencio!«, sagte Hermine rasch und richtete ihren Zauberstab auf Harrys Frosch, aus dem vor ihren Augen geräuschlos die Luft entwich. »Nun ja, er darf es einfach nicht mehr tun, das ist alles. Ich weiß nur nicht, wie wir ihm das mitteilen können. Wir können ihm doch keine Eule schicken.«
»Ich glaub nicht, dass er das noch mal riskieren wird«, sagte Ron. »Er ist nicht auf den Kopf gefallen, er weiß, dass sie ihn beinahe gekriegt hätte. Silencio.«
Der große, hässliche Rabe vor ihm krächzte höhnisch.
»Silencio. SILENCIO!«
Der Rabe krächzte lauter.
»Es liegt daran, wie du deinen Zauberstab bewegst«, sagte Hermine, die Ron mit kritischem Blick zusah, »du sollst nicht mit ihm rumfuchteln, es ist eher eine Art blitzschneller Stoß.«
»Raben sind schwieriger als Frösche«, sagte Ron gereizt.
»Schön, dann lass uns tauschen«, sagte Hermine, packte Rons Raben und setzte ihm dafür ihren fetten Ochsenfrosch hin. »Silencio!« Der Rabe öffnete und schloss weiter seinen scharfen Schnabel, doch entwich ihm kein Laut mehr.
»Sehr gut, Miss Granger!«, ertönte Professor Flitwicks quiekende dünne Stimme und Harry, Ron und Hermine schraken zusammen. »Nun, lassen Sie mich mal sehen, Mr Weasley.«
»Waa–? Oh – oh, na gut«, sagte Ron ziemlich nervös. »Ähm – Silencio!«
Er stieß so heftig gegen den Ochsenfrosch, dass er ihn ins Auge stach; der Frosch ließ ein ohrenbetäubendes Quaken hören und hüpfte vom Pult.
Keinen von ihnen überraschte es, dass Harry und Ron zusätzlich zu den Hausaufgaben den Schweigezauber üben sollten.
Während der Pause durften sie drinbleiben, weil es draußen schüttete. Sie suchten sich Plätze in einem lärmigen und überfüllten Klassenzimmer im ersten Stock, wo Peeves verträumt in der Nähe des Kronleuchters umherschwebte und gelegentlich jemandem ein Tintenkügelchen auf den Kopf blies. Sie hatten sich kaum gesetzt, als Angelina sich durch die Knäuel schwatzender Schüler zu ihnen durchdrängelte.
»Ich hab die Genehmigung!«, sagte sie. »Die Quidditch-Mannschaft darf wieder zusammenkommen!«
»Toll!«, sagten Harry und Ron gleichzeitig.
»Ja«, strahlte Angelina. »Ich bin zu McGonagall gegangen, und ich könnte mir vorstellen, dass sie sich an Dumbledore gewandt hat. Wie auch immer, Umbridge musste nachgeben. Ha! Also will ich euch heute Abend um sieben unten auf dem Feld sehen, verstanden, weil wir Zeit gutmachen müssen. Ist euch klar, dass es nur noch drei Wochen bis zu unserem ersten Spiel sind?«
Sie quetschte sich zurück durch die Menge, wich knapp einem Tintenkügelchen von Peeves aus, das stattdessen einen Erstklässler in der Nähe traf, und verschwand.
Rons Lächeln geriet ein wenig schief, als er zum Fenster blickte, das der trommelnde Regen jetzt verdunkelt hatte.
»Hoffentlich klart es noch auf. Was ist los mit dir, Hermine?«
Auch sie starrte zum Fenster, doch ohne es wirklich zu sehen. Ihr Blick war verschwommen und sie hatte die Stirn gerunzelt.
»Ich denk nur nach …«, sagte sie und stierte weiter mit finsterer Miene zum regennassen Fenster.
»Über Siri– … Schnuffel?«, sagte Harry.
»Nein … nicht unbedingt …«, sagte Hermine langsam. »Eher … ich frag mich … ich nehme an, wir tun doch das Richtige … denk ich … oder nicht?«
Harry und Ron blickten sich an.
»Ach so, alles klar«, sagte Ron. »Hätte mich echt geärgert, wenn du nicht genau erklärt hättest, um was es geht.«
Hermine sah ihn an, als wäre ihr eben erst aufgefallen, dass er anwesend war.
»Ich hab mich nur gefragt«, sagte sie jetzt etwas lauter, »ob wir das Richtige tun, wenn wir diese Gruppe für Verteidigung gegen die dunklen Künste gründen.«
»Was?«, riefen Harry und Ron zugleich.
»Hermine, das war immerhin deine Idee!«, sagte Ron entrüstet.
»Ich weiß«, sagte Hermine und verschlang die Finger ineinander. »Aber nachdem wir mit Schnuffel gesprochen haben …«
»Aber der ist doch voll und ganz dafür«, erwiderte Harry.
»Ja«, sagte Hermine und starrte wieder zum Fenster. »Ja, deshalb bin ich ja draufgekommen, dass es vielleicht doch keine so gute Idee war …«
Peeves schwebte bäuchlings über sie hinweg, das Blasrohr im Anschlag; instinktiv hoben alle drei ihre Taschen, um ihre Köpfe zu schützen, bis er vorbei war.
»Versteh ich dich richtig?«, sagte Harry aufgebracht, als sie die Taschen wieder zu Boden stellten. »Sirius ist unserer Meinung, und deshalb denkst du jetzt, dass wir es nicht mehr tun sollten?«
Hermine wirkte angespannt und ziemlich unglücklich. »Mal ehrlich«, sagte sie und sah nun auf ihre Hände, »traut ihr seinem Urteil?«
»Ja, ich schon!«, sagte Harry sofort. »Wir haben immer glänzende Ratschläge von ihm bekommen!«
Eine Tintenkugel sirrte an ihnen vorbei und traf Katie Bell mitten ins Ohr. Hermine sah zu, wie Katie aufsprang und anfing, Peeves mit Sachen zu bewerfen; einige Sekunden vergingen, ehe Hermine wieder sprach, und es klang, als wählte sie ihre Worte sehr sorgfältig.
»Denkt ihr nicht, er ist … irgendwie … leichtsinnig geworden … seit er am Grimmauldplatz festsitzt? Denkt ihr nicht, dass er … sozusagen … durch uns lebt?«
»Was soll das heißen, ›durch uns lebt‹?«, erwiderte Harry.
»Ich meine … nun, ich glaube, er würde liebend gerne geheime Verteidigungsklubs direkt vor der Nase von jemandem aus dem Ministerium gründen … Ich glaube, es ist fürchterlich frustrierend für ihn, dass er dort, wo er ist, so wenig unternehmen kann … deswegen vermute ich, er ist erpicht darauf, uns sozusagen … anzustacheln.«
Ron schaute völlig verdattert.
»Sirius hat Recht«, sagte er, »du klingst tatsächlich wie meine Mutter.«
Hermine biss sich auf die Lippe und antwortete nicht. Es läutete just in dem Moment, da Peeves auf Katie herabstieß und ein ganzes Tintenfass über ihrem Kopf ausleerte.
Das Wetter besserte sich auch später am Tag nicht, und als Harry und Ron abends um sieben zum Quidditch-Feld hinuntergingen, waren sie nach ein paar Minuten völlig durchweicht und rutschten und schlitterten über das nasse Gras. Der Himmel war von einem dunklen Gewittergrau, und sie waren erleichtert, als sie die warmen und hellen Umkleideräume erreichten, obwohl sie wussten, dass es nur ein kurzer Aufschub war. Fred und George überlegten gerade, ob sie etwas von ihren eigenen Nasch-und-Schwänz-Leckereien nehmen sollten, um nicht fliegen zu müssen.
»… aber ich wette, sie würde uns draufkommen«, sagte Fred aus dem Mundwinkel. »Hätte ich ihr gestern bloß keine Kotzpastillen angeboten.«
»Wir könnten den Fieberfondant probieren«, murmelte George, »den kennt noch keiner –«
»Funktioniert der?«, fragte Ron hoffnungsvoll, während der Regen heftiger aufs Dach trommelte und der Wind um das Gebäude heulte.
»Ja, schon«, sagte Fred, »deine Temperatur steigt ziemlich.«
»Aber du kriegst auch diese riesigen Furunkel voller Eiter«, sagte George, »und wir haben noch nicht rausbekommen, wie man die wieder loswird.«
»Ich seh aber keine Furunkel«, sagte Ron und starrte die Zwillinge an.
»Nein, natürlich nicht«, sagte Fred finster, »die sind an Stellen, die wir normalerweise nicht der Öffentlichkeit zeigen.«
»Aber wenn du auf dem Besen sitzt, dann tut dir verdammt der –«
»Alles klar jetzt, hört alle zu«, sagte Angelina laut und trat aus dem Kapitänsbüro. »Ich weiß, das Wetter ist nicht gerade ideal, aber womöglich spielen wir unter solchen Bedingungen gegen die Slytherins, also ist es ganz gut, zu testen, wie wir mit so was fertig werden. Harry, hast du nicht damals, als wir im Sturm gegen Hufflepuff gespielt haben, etwas mit deiner Brille gemacht, damit sie im Regen nicht beschlägt?«
»Das war Hermine«, sagte Harry. Er zog seinen Zauberstab, klopfte gegen seine Brille und sagte: »Impervius!«
»Ich denke, wir alle sollten das versuchen«, sagte Angelina. »Wenn wir uns den Regen aus dem Gesicht halten könnten, hätten wir viel bessere Sicht – alle zusammen, los jetzt – Impervius! Okay. Gehen wir.«
Sie steckten die Zauberstäbe wieder in die Innentaschen ihrer Umhänge, schulterten die Besen und folgten Angelina aus dem Umkleideraum.
Sie stapften durch den immer tieferen Matsch zur Mitte des Felds. Selbst mit dem Impervius-Zauber war die Sicht nur sehr mäßig; das Tageslicht schwand rasch und Regenschleier trieben übers Land.
»Also gut, auf meinen Pfiff«, rief Angelina.
Harry stieß sich vom Boden ab und Schlamm spritzte in alle Richtungen; er schoss nach oben, wobei ihn der Wind leicht vom Kurs abbrachte. Er hatte keine Ahnung, wie er bei diesem Wetter den Schnatz sehen sollte; es war schon schwierig genug, den einen Klatscher auszumachen, mit dem sie trainierten und der ihn nach einer Minute fast vom Besen geschlagen hätte, wenn er ihm nicht mit der Faultierrolle ausgewichen wäre. Leider sah Angelina das gar nicht. Tatsächlich schien sie überhaupt nichts zu sehen; keiner hatte eine Ahnung, was die anderen machten. Der Wind wurde stärker; Harry konnte sogar aus der beträchtlichen Entfernung hören, wie der Regen auf den See prasselte und peitschte.
Angelina ließ sie fast eine Stunde lang fliegen, bis sie endlich aufgab. Sie führte ihr durchnässtes und griesgrämiges Team zurück in die Umkleideräume und verkündete, das Training sei keine Zeitverschwendung gewesen, ohne allerdings sonderlich überzeugt zu klingen. Fred und George sahen besonders miesepetrig drein; beide liefen breitbeinig und zuckten bei jeder Bewegung zusammen. Während Harry sich die Haare trockenrubbelte, hörte er, wie sie sich leise beklagten.
»Ich glaub, bei mir sind ’n paar aufgeplatzt«, sagte Fred mit hohler Stimme.
»Bei mir nicht«, erwiderte George und zuckte zusammen, »die tun weh wie verrückt … sind sogar noch größer geworden, wenn du mich fragst.«
»AUTSCH!«, sagte Harry.
Er drückte sich das Handtuch aufs Gesicht und kniff die Augen vor Schmerz zusammen. Seine Stirnnarbe hatte wieder gebrannt, so heftig wie seit Wochen nicht mehr.
»Was ist los?«, sagten mehrere Stimmen.
Harry ließ das Handtuch sinken. Er sah den Umkleideraum verschwommen, weil er seine Brille nicht trug, dennoch wusste er, dass alle Gesichter ihm zugewandt waren.
»Nichts«, murmelte er, »ich – hab mir nur ins Auge gepikst, nichts weiter.«
Doch er warf Ron einen viel sagenden Blick zu, und die beiden trödelten ein wenig, während die anderen in ihre Mäntel gehüllt, die Hüte tief über die Ohren gezogen, nacheinander hinausgingen.
»Was ist passiert?«, fragte Ron, kaum dass Alicia durch die Tür verschwunden war. »War es deine Narbe?«
Harry nickte.
»Aber …«, mit ängstlichem Blick ging Ron hinüber zum Fenster und starrte in den Regen hinaus, »er – er kann doch jetzt nicht in der Nähe sein, oder?«
»Nein«, murmelte Harry, ließ sich auf eine Bank sinken und rieb sich die Stirn. »Wahrscheinlich ist er meilenweit weg. Es hat wehgetan … weil er … zornig ist.«
Harry hatte das gar nicht sagen wollen, und er hörte die Worte, als ob ein Fremder sie gesprochen hätte – doch wusste er sofort, dass sie stimmten. Er hatte zwar keinen Schimmer, warum, aber er wusste es; wo auch immer Voldemort steckte, was auch immer er trieb – er raste vor Wut.
»Hast du ihn etwa gesehen?«, fragte Ron entsetzt. »Hattest du … eine Vision oder so was?«
Nun, da der Schmerz nachgelassen hatte, saß Harry ganz ruhig da, starrte auf seine Füße und ließ Kopf und Gedächtnis zur Ruhe kommen.
Ein Durcheinander schemenhafter Gestalten, ein Ansturm heulender Stimmen …
»Er will, dass etwas erledigt wird, und das geschieht nicht schnell genug«, sagte er.
Wieder war er überrascht, diese Worte aus seinem eigenen Mund zu hören, und doch war er sich völlig sicher, die Wahrheit zu sagen.
»Aber … woher weißt du das?«, sagte Ron.
Harry schüttelte den Kopf, legte die Hände aufs Gesicht und presste die Handballen auf die Augen. Sternchen funkelten auf. Er merkte, dass Ron sich neben ihn auf die Bank setzte, und spürte, dass er ihn anstarrte.
»Geht es ums Gleiche wie beim letzten Mal?«, sagte Ron mit gedämpfter Stimme. »Als dir in Umbridges Büro die Narbe wehtat? Du-weißt-schon-wer war zornig?«
Harry schüttelte den Kopf.
»Was ist es dann?«
Harry rief sich in Erinnerung, wie es gewesen war. Er hatte Umbridge ins Gesicht gesehen … seine Narbe hatte geschmerzt … und er hatte dieses merkwürdige Gefühl im Magen gehabt … ein merkwürdiges, aufloderndes Gefühl … ein Gefühl von Glück … aber natürlich hatte er nicht erkannt, was es war, weil er sich selbst so elend gefühlt hatte …
»Das letzte Mal war es, weil er sich gefreut hat«, sagte er. »Wirklich gefreut. Er dachte … etwas Gutes würde passieren. Und in der Nacht, ehe wir nach Hogwarts zurückfuhren …« Er dachte an den Moment in ihrem Schlafzimmer am Grimmauldplatz zurück, als seine Narbe so heftig geschmerzt hatte … »da war er wütend …«
Er sah zu Ron, der ihn mit offenem Mund anstarrte.
»Du könntest Trelawneys Job übernehmen, Mann«, sagte er in ehrfürchtigem Ton.
»Ich mache keine Prophezeiungen«, sagte Harry.
»Nein, aber weißt du, was du tust?«, sagte Ron verängstigt und beeindruckt zugleich. »Harry, du liest die Gedanken von Du-weißt-schon-wem!«
»Nein«, entgegnete Harry und schüttelte den Kopf. »Es ist eher … seine Stimmung, würde ich sagen. Ich spüre nur blitzartig, in welcher Stimmung er ist. Dumbledore meinte, so etwas wäre letztes Jahr passiert. Er meinte, wenn Voldemort in meiner Nähe ist oder wenn er Hass fühlt, kann ich es spüren. Tja, jetzt spüre ich auch, wenn er sich freut …«
Eine Pause trat ein. Wind und Regen peitschten gegen das Gebäude.
»Das musst du jemandem erzählen«, sagte Ron.
»Letztes Mal hab ich’s Sirius erzählt.«
»Gut, dann sag’s ihm auch diesmal!«
»Geht schlecht, oder?«, sagte Harry grimmig. »Du weißt doch, Umbridge überwacht die Eulen und die Kamine.«
»Gut, dann Dumbledore.«
»Ich hab dir doch eben gesagt, dass er es schon weiß«, sagte Harry knapp, stand auf, nahm seinen Mantel vom Haken und schwang ihn sich um die Schultern. »Es hat keinen Sinn, es ihm noch mal zu sagen.«
Während Ron seinen Mantel zumachte, musterte er Harry nachdenklich.
»Dumbledore wird es erfahren wollen«, sagte er.
Harry zuckte die Achseln.
»Komm schon … wir müssen noch Schweigezauber üben.«
Sie eilten über die dunklen Schlossgründe zurück, rutschten und stolperten über den glitschigen Rasen und sprachen unterwegs kein Wort. Harry dachte angestrengt nach. Was war es, das Voldemort erledigt sehen wollte und das nicht rasch genug geschah?
»… er hat noch andere Pläne … Pläne, die er tatsächlich ganz ohne Aufsehen verwirklichen kann … Dinge, die er nur absolut heimlich bekommen kann … zum Beispiel eine Waffe. Etwas, das er das letzte Mal nicht hatte.«
Harry hatte seit Wochen nicht mehr über diese Worte nachgedacht. Was in Hogwarts geschah, hatte ihn zu sehr in Anspruch genommen, er war zu beschäftigt mit dem ständigen Kampf gegen Umbridge, mit der Ungerechtigkeit der Einmischungen des Ministeriums … doch nun fielen ihm diese Worte wieder ein und machten ihn nachdenklich … Voldemorts Zorn würde Sinn ergeben, wenn er der Waffe nicht näher gekommen wäre, was auch immer es war. Hatte der Orden sein Vorhaben vereitelt, verhindert, dass er die Waffe in die Hand bekam? Wo wurde sie aufbewahrt? Wer hatte sie jetzt?
»Mimbulus mimbeltonia«, sagte Rons Stimme, und Harry erwachte gerade noch rechtzeitig aus seinen Grübeleien, um durch das Porträtloch in den Gemeinschaftsraum zu klettern.
Offenbar war Hermine früh zu Bett gegangen. Sie hatte den zusammengerollten Krummbein in einem nahen Sessel und ein paar knubblige Elfenstrickhüte auf einem Tisch am Kamin zurückgelassen. Harry war eher froh, dass sie nicht da war, denn er war nicht sonderlich erpicht darauf, über seine schmerzende Narbe zu diskutieren und sich auch noch von ihr sagen zu lassen, er solle unbedingt zu Dumbledore gehen. Ron warf ihm weiter besorgte Blicke zu, aber Harry holte sein Zauberkunstbuch heraus und machte Anstalten, seinen Aufsatz zu Ende zu schreiben. Allerdings gab er nur vor, sich zu konzentrieren, und als Ron sagte, er würde jetzt auch nach oben und schlafen gehen, hatte er noch kaum etwas zu Papier gebracht.
Mitternacht kam und ging, während Harry ein ums andere Mal einen Abschnitt über die Anwendungen von Löffelkraut, Liebstöckel und Nieskraut durchlas und kein einziges Wort davon begriff.
Diese Pflantzen verursachen höchst wirksam eine Entzündung des Gehirnes und finden von daher oft Eingang in verwirrende und berauschende Artzeneien, mit denen der Zauberer wünschet, heißen Kopfes und leichten Sinnes zu werden …
… Hermine hatte gesagt, Sirius würde leichtsinnig werden, zur Untätigkeit verdammt am Grimmauldplatz …
… verursachen höchst wirksam eine Entzündung des Gehirnes und finden von daher oft Eingang …
… der Tagesprophet würde glauben, sein Gehirn sei entzündet, wenn sie rausfänden, dass er wusste, was Voldemort fühlte …
… finden von daher oft Eingang in verwirrende und berauschende Artzeneien …
… verwirrend war das treffende Wort; warum wusste er, was Voldemort fühlte? Worin bestand jene unheimliche Verbindung zwischen ihm und Voldemort, die Dumbledore ihm nie richtig hatte erklären können?
… mit denen der Zauberer wünschet …
… wie gerne würde Harry schlafen …
… heißen Kopfes … zu werden …
… hier in seinem Sessel vor dem Feuer war es warm und behaglich, während der Regen immer noch schwer gegen die Fensterscheiben trommelte, Krummbein schnurrte und die Flammen knisterten …
Das Buch rutschte aus Harrys Hand und landete mit einem dumpfen Schlag auf dem Kaminvorleger. Sein Kopf glitt zur Seite …
Wieder einmal ging er durch einen fensterlosen Korridor, seine Schritte hallten in der Stille wider. Die Tür am Ende des Korridors wurde drohend größer und sein Herz schlug schnell vor Aufregung … wenn er sie nur öffnen könnte … den Raum dahinter betreten …
Er streckte die Hand aus … seine Fingerspitzen waren Zentimeter von ihr entfernt …
»Harry Potter, Sir!«
Er schreckte hoch. Die Kerzen im Gemeinschaftsraum waren gelöscht worden. Ganz in der Nähe bewegte sich etwas.
»Wer da?«, fragte Harry und richtete sich jäh auf. Das Feuer war fast erloschen, es war sehr dunkel im Raum.
»Dobby hat Ihre Eule, Sir!«, sagte eine Quiekstimme.
»Dobby?«, nuschelte Harry und erspähte im Dämmerlicht, woher die Worte kamen.
Dobby der Hauself stand neben dem Tisch, auf dem Hermine ein halbes Dutzend ihrer Strickhüte hinterlassen hatte. Seine großen spitzen Ohren ragten, wie es aussah, unter sämtlichen Hüten hervor, die Hermine je gestrickt hatte. Er trug sie alle übereinander, so dass sein Kopf um fast einen Meter höher erschien, und auf dem obersten Bommel saß Hedwig, die munter schrie und offensichtlich wieder gesund war.
»Dobby hat sich freiwillig gemeldet, um Harry Potters Eule zurückzubringen«, quiekte der Elf mit einem Ausdruck unverhohlener Bewunderung im Gesicht. »Professor Raue-Pritsche sagt, sie sei nun wieder ganz gesund, Sir.« Er verneigte sich so tief, dass seine Bleistiftnase über den zerschlissenen Kaminvorleger streifte und Hedwig mit einem entrüsteten Schrei auf Harrys Sessellehne flatterte.
»Danke, Dobby!«, sagte Harry, streichelte Hedwigs Kopf und blinzelte angestrengt, um das Bild der Tür aus seinem Traum loszuwerden … sie war ihm so wirklich erschienen. Als er wieder zu Dobby blickte, fiel ihm auf, dass der Elf zu allem Überfluss auch noch mehrere Schals und unzählige Socken trug und seine Füße deshalb viel zu groß für seinen Körper wirkten.
»Ähm … hast du alle Sachen genommen, die Hermine ausgelegt hat?«
»O nein, Sir«, sagte Dobby glücklich. »Dobby hat auch ein paar Sachen für Winky mitgenommen, Sir.«
»Ach so. Und wie geht’s Winky?«, fragte Harry.
Dobby ließ ein wenig die Ohren hängen.
»Winky trinkt immer noch eine Menge, Sir«, sagte er traurig, die gewaltigen grünen Augen, groß und rund wie Tennisbälle, zu Boden gesenkt. »Sie will immer noch nichts von Kleidung wissen, Harry Potter. Und die anderen Hauselfen auch nicht. Keiner will mehr den Gryffindor-Turm putzen, wo doch jetzt überall die Hüte und Socken versteckt sind, sie halten das für eine Beleidigung, Sir. Dobby macht alles alleine, Sir, aber Dobby ist es egal, Sir, weil er immer hofft, Harry Potter zu treffen, und heute Nacht, Sir, ist sein Wunsch in Erfüllung gegangen!« Dobby sank wieder in eine tiefe Verbeugung. »Aber Harry Potter kommt mir nicht glücklich vor«, fuhr er fort, richtete sich auf und schaute Harry schüchtern an. »Dobby hat ihn im Schlaf murmeln hören. Hat Harry Potter schlimme Träume gehabt?«
»Nicht allzu schlimme.« Harry gähnte und rieb sich die Augen. »Ich hatte schon schlimmere.«
Der Elf beobachtete Harry aus seinen großen Kugelaugen. Dann ließ er die Ohren hängen und sagte sehr ernst: »Dobby wünschte, er könnte Harry Potter helfen, denn Harry Potter hat Dobby befreit und Dobby ist jetzt viel, viel glücklicher.«
Harry lächelte.
»Du kannst mir nicht helfen, Dobby, aber danke für das Angebot.«
Er bückte sich und hob sein Zaubertrankbuch auf. Morgen musste er noch einmal versuchen den Aufsatz fertig zu schreiben. Er schloss das Buch und in diesem Moment fiel das Licht des Feuers auf die feinen weißen Narben auf seinem Handrücken – die Folge seiner Strafarbeiten bei Umbridge …
»Einen Moment – da ist tatsächlich etwas, das du für mich tun kannst, Dobby«, sagte Harry langsam.
Der Elf wandte sich mit strahlendem Lächeln um.
»Sagen Sie es, Harry Potter, Sir!«
»Ich muss einen Ort finden, wo achtundzwanzig Leute Verteidigung gegen die dunklen Künste üben können, ohne dass sie von irgendeinem Lehrer entdeckt werden. Vor allem nicht« – Harry umklammerte das Buch so fest, dass die Narben perlweiß schimmerten – »von Professor Umbridge.«
Er hätte erwartet, dass dem Elfen das Lächeln vergehen und er die Ohren hängen lassen würde; er hätte erwartet, dass er sagen würde, es sei unmöglich, oder auch, dass er etwas suchen würde, aber nur wenig Hoffnung habe. Nicht erwartet hätte er jedoch, dass Dobby einen kleinen Hopser machte, die Ohren fröhlich wackeln ließ und in die Hände klatschte.
»Dobby weiß, wo es am besten geht, Sir!«, sagte er glücklich. »Dobby hat gehört, wie die anderen Hauselfen davon erzählt haben, als er nach Hogwarts kam, Sir. Bei uns heißt er der Da-und-fort-Raum, Sir, oder auch der Raum der Wünsche!«
»Warum?«, fragte Harry neugierig.
»Weil es ein Raum ist«, sagte Dobby ernsthaft, »den jemand nur betreten kann, wenn er ihn unbedingt braucht. Manchmal ist er da, manchmal nicht, aber wenn er erscheint, ist er immer ganz nach den Bedürfnissen des Suchenden eingerichtet.« Er senkte die Stimme und fuhr mit schuldbewusster Miene fort: »Dobby hat ihn benutzt, Sir, als Winky sehr betrunken war; er hat sie im Raum der Wünsche versteckt und dort Mittel gegen Butterbier gefunden und ein hübsches elfengroßes Bett, wo sie ihren Rausch ausschlafen konnte … und Dobby weiß, dass Mr Filch dort schon einmal Putzmittel gefunden hat, als sie ihm ausgegangen sind, Sir, und –«
»Und wenn du wirklich mal aufs Klo müsstest«, sagte Harry, dem plötzlich etwas eingefallen war, das Dumbledore beim letzten Weihnachtsball gesagt hatte, »würde er dann voller Nachttöpfe sein?«
»Dobby glaubt, schon, Sir«, sagte Dobby und nickte ernst. »Es ist ein höchst erstaunlicher Raum, Sir.«
»Wie viele Leute wissen davon?«, fragte Harry und setzte sich aufrechter hin.
»Sehr wenige, Sir. Meist stolpern die Leute über ihn, wenn sie ihn brauchen, Sir, aber oft finden sie ihn nie wieder, denn sie wissen nicht, dass er immer da ist und wartet, bis er gebraucht wird, Sir.«
»Klingt ja fabelhaft«, sagte Harry und sein Herz schlug wie rasend. »Klingt perfekt, Dobby. Wann kannst du mir zeigen, wo er ist?«
»Jederzeit, Harry Potter, Sir«, sagte Dobby und schien sich über Harrys Begeisterung zu freuen. »Wir können jetzt gleich gehen, wenn Sie wünschen!«
Einen Moment lang war Harry versucht mit Dobby zu gehen. Er hatte sich schon halb erhoben und wollte in den Schlafsaal eilen, um seinen Tarnumhang zu holen, als nicht zum ersten Mal eine Stimme, die sehr nach Hermine klang, in sein Ohr flüsterte: Leichtsinnig. Es war immerhin schon ziemlich spät und er war erschöpft.
»Nicht heute Nacht, Dobby«, sagte Harry widerstrebend und ließ sich wieder in den Sessel sinken. »Das ist wirklich wichtig … ich will’s nicht vermasseln, das müssen wir richtig planen. Hör zu, sag mir doch einfach, wo genau dieser Raum der Wünsche ist und wie man hineinkommt.«
Ihre Umhänge bauschten sich und flatterten um sie her, während sie durch den überschwemmten Gemüsegarten zur Doppelstunde Kräuterkunde patschten. Regentropfen hämmerten schwer wie Hagelkörner auf das Gewächshausdach, so dass sie kaum hören konnten, was Professor Sprout sagte. Der Unterricht in Pflege magischer Geschöpfe musste an diesem Nachmittag vom sturmgepeitschten Schlossgrund in ein freies Klassenzimmer im Erdgeschoss verlegt werden, und zu ihrer immensen Erleichterung hatte Angelina beim Mittagessen ihr Team aufgesucht und ihnen mitgeteilt, dass das Quidditch-Training ausfiel.
»Gut«, erwiderte Harry leise, als sie es ihm gesagt hatte. »Wir haben nämlich einen Ort für das erste Treffen unserer Verteidigungsgruppe gefunden. Heute Abend, acht Uhr, siebter Stock, gegenüber diesem Wandbehang mit Barnabas dem Bekloppten, der von den Trollen verdroschen wird. Kannst du das Katie und Alicia ausrichten?«
Sie wirkte leicht verdutzt, versprach es aber. Harry wandte sich wieder hungrig seinen Würstchen mit Kartoffelbrei zu. Als er aufblickte, um einen Schluck Kürbissaft zu nehmen, bemerkte er, dass Hermine ihn beobachtete.
»Was gibt’s?«, mampfte er.
»Also … ich wollte nur sagen, dass Dobbys Vorhaben manchmal nicht ungefährlich sind. Weißt du nicht mehr, dass du wegen ihm mal sämtliche Armknochen verloren hast?«
»Dieser Raum ist nicht bloß eine verrückte Idee von Dobby; Dumbledore kennt ihn auch, beim Weihnachtsball hat er ihn mir gegenüber erwähnt.«
Hermines Gesicht hellte sich auf.
»Dumbledore hat dir davon erzählt?«
»Nur so nebenbei«, sagte Harry achselzuckend.
»Oh, dann ist es ja okay«, sagte Hermine munter und erhob keine Einwände mehr.
Gemeinsam mit Ron hatten sie fast den ganzen Tag lang alle Leute aufgesucht, die im Eberkopf ihren Namen in die Liste eingetragen hatten, und ihnen gesagt, wo sie sich an diesem Abend treffen würden. Harry war ein wenig enttäuscht, dass es Ginny war, die als Erste auf Cho und ihre Freundin traf. Gegen Ende des Abendessens jedoch war er zuversichtlich, dass die Nachricht an alle fünfundzwanzig Leute weitergeleitet worden war, die im Eberkopf gewesen waren.
Um halb acht verließen Harry, Ron und Hermine den Gemeinschaftsraum der Gryffindors, Harry mit einem gewissen Stück altem Pergament in der Hand. Fünftklässler durften bis neun auf den Fluren sein, doch alle drei schauten sich andauernd nervös um, während sie zum siebten Stock hochstiegen.
»Passt auf«, warnte Harry, entfaltete das Pergament am Ende der letzten Treppe, stupste mit dem Zauberstab dagegen und murmelte: »Ich schwöre feierlich, dass ich ein Tunichtgut bin.«
Eine Karte von Hogwarts erschien auf dem leeren Pergament. Darauf bewegten sich winzige schwarze, mit Namen versehene Punkte, die zeigten, wo verschiedene Leute steckten.
»Filch ist im zweiten Stock«, sagte Harry und hielt sich die Karte nah vor die Augen, »und Mrs Norris treibt sich im vierten herum.«
»Und Umbridge?«, fragte Hermine besorgt.
»In ihrem Büro«, sagte Harry und zeigte es ihr. »Okay, gehen wir.«
Sie eilten den Korridor entlang zu der Stelle, die Dobby Harry beschrieben hatte, einem Stück kahler Wand gegenüber einem gewaltigen Wandteppich, auf dem Barnabas’ des Bekloppten törichter Versuch verewigt war, Trollen Ballett beizubringen.
»Okay«, sagte Harry leise, während ein mottenzerfressener Troll sich eine kleine Pause beim unablässigen Verprügeln des gescheiterten Ballettlehrers gönnte und ihnen zusah. »Dobby meinte, wir müssten dreimal an diesem Stück Wand vorbeigehen und uns mit aller Kraft darauf konzentrieren, was wir brauchen.«
Das taten sie, wobei sie am Fenster gleich hinter dem kahlen Wandstück scharf kehrtmachten und dann wieder an der mannsgroßen Vase auf der anderen Seite. Ron hatte die Augen vor Anstrengung zusammengekniffen; Hermine flüsterte etwas vor sich hin; Harry hatte die Fäuste geballt und starrte stur geradeaus.
Wir brauchen einen Raum, in dem wir lernen können zu kämpfen …, dachte er. Gib uns einen Raum zum Üben … wo sie uns nicht finden können …
»Harry!«, sagte Hermine scharf, als sie zum dritten Mal an der Wand entlanggegangen waren und wieder kehrtmachten.
Eine glänzende polierte Tür war in der Wand erschienen. Ron starrte sie mit leichtem Argwohn an. Harry streckte die Hand aus, packte die Messingklinke, zog die Tür auf und ging voraus in einen weitläufigen Raum, den lodernde Fackeln beleuchteten, wie sie auch in den Kerkern acht Stockwerke unter ihnen brannten.
An den Wänden zogen sich hölzerne Bücherschränke entlang und statt Sesseln lagen große Seidenkissen auf dem Boden. Auf einigen Regalen auf der anderen Seite des Raums standen verschiedene Instrumente wie Spickoskope, Geheimnis-Detektoren und ein großes, kaputtes Feindglas, von dem Harry überzeugt war, dass es im vorigen Jahr im Büro des falschen Moody gehangen hatte.
»Die sind gut, wenn wir Schockzauber üben«, sagte Ron begeistert und stupste mit dem Fuß gegen eines der Kissen.
»Und schaut euch nur diese Bücher an!«, sagte Hermine entzückt und fuhr mit dem Finger über die Rücken der dicken Lederbände. »Ein Handbuch gängiger Flüche und Gegenflüche … Die dunklen Künste überlistet … Zaubern zur Selbstverteidigung … sagenhaft …« Sie wandte sich mit glühendem Gesicht zu Harry um, und er sah, dass die Hunderte von Büchern, die es hier gab, Hermine endlich davon überzeugt hatten, dass es richtig war, was sie taten. »Harry, das ist wunderbar, hier ist alles, was wir brauchen!«
Und ohne Umschweife zog sie Hexen für Verhexte aus dem Regal, ließ sich auf das nächstbeste Kissen sinken und fing an zu lesen.
Es klopfte sacht an der Tür. Harry wandte sich um. Ginny, Neville, Lavender, Parvati und Dean waren da.
»Wow«, sagte Dean und spähte beeindruckt umher. »Was ist das für ein Zimmer?«
Harry fing an zu erklären, doch bevor er geendet hatte, kamen weitere Leute herein und er musste noch mal von vorn beginnen. Gegen acht Uhr schließlich waren alle Kissen besetzt. Harry ging hinüber zur Tür und drehte den Schlüssel um, der aus dem Schloss ragte. Es klickte beruhigend laut. Alle verstummten und sahen ihn an. Hermine markierte sorgfältig ihre Seite in Hexen für Verhexte und legte das Buch weg.
»Also«, sagte Harry ein wenig nervös. »Das hier ist der Raum, den wir für unsere Übungsstunden aufgetrieben haben, und ihr – ähm – findet ihn offensichtlich ganz brauchbar.«
»Er ist phantastisch!«, sagte Cho und einige Leute murmelten zustimmend.
»Ziemlich irre«, sagte Fred und sah sich stirnrunzelnd um. »Wir haben uns mal vor Filch hier drin versteckt, weißt du noch, George? Aber damals war es nur ein Besenschrank.«
»Hey, Harry, was sind das für Sachen?«, fragte Dean von hinten und zeigte auf die Spickoskope und das Feindglas.
»Antiobskuranten«, sagte Harry und ging zwischen den Kissen hindurch auf die Instrumente zu. »Im Grunde zeigen sie alle, wenn schwarze Magier oder Feinde in der Nähe sind, aber man kann sich nicht so recht auf sie verlassen, sie können ausgetrickst werden …«
Er spähte einen Moment in das kaputte Feindglas; schattenhafte Gestalten bewegten sich darin, aber keiner war zu erkennen. Er wandte sich um.
»Nun, ich hab darüber nachgedacht, was wir als Erstes tun sollten, und – ähm –« Er sah eine erhobene Hand. »Ja, Hermine?«
»Ich finde, wir sollten einen Anführer wählen«, sagte Hermine.
»Harry ist der Anführer«, sagte Cho prompt und sah Hermine an, als wäre sie verrückt.
Harrys Magen schlug erneut einen Salto rückwärts.
»Ja, aber ich denke, wir sollten richtig darüber abstimmen«, sagte Hermine unbeeindruckt. »Das macht das Ganze offiziell und verleiht ihm Autorität. Also – wer ist dafür, dass Harry unser Anführer sein soll?«
Alle hoben die Hand, selbst Zacharias Smith, wenn auch recht halbherzig.
»Ähm – gut, danke«, sagte Harry, dessen Gesicht glühte. »Und – was noch, Hermine?«
»Ich finde außerdem, dass wir uns einen Namen geben sollten«, strahlte sie, die Hand immer noch erhoben. »Das würde den Teamgeist und den Zusammenhalt unter uns fördern, meint ihr nicht?«
»Wie wär’s mit Anti-Umbridge-Liga?«, sagte Angelina hoffnungsvoll.
»Oder die Ministerium-macht-Murks-Gruppe?«, schlug Fred vor.
»Ich würde meinen«, sagte Hermine mit einem finsteren Blick zu Fred, »dass wir uns einen Namen geben sollten, der nicht allen verrät, was wir vorhaben, damit wir ihn auch außerhalb unserer Treffen gefahrlos verwenden können.«
»Die Defensiv-Allianz?«, sagte Cho. »Abgekürzt DA, damit niemand weiß, wovon wir reden?«
»Ja, DA ist schon mal gut«, sagte Ginny. »Aber es sollte besser für Dumbledores Armee stehen, denn das ist doch die größte Angst des Ministeriums, oder?«
Ihr Vorschlag erntete viel zustimmendes Murmeln und Gelächter.
»Dann sind alle für DA?«, sagte Hermine gebieterisch und kniete sich auf ihr Kissen, um zu zählen. »Das ist die Mehrheit – Vorschlag angenommen!«
Sie pinnte das Pergament mit all ihren Unterschriften an die Wand und schrieb in großen Buchstaben darüber:
DUMBLEDORES ARMEE
»Gut«, sagte Harry, als sie sich wieder gesetzt hatte, »wollen wir dann mit den Übungen anfangen? Ich hab mir überlegt, dass wir als Erstes den Expelliarmus üben sollten, ihr wisst ja, den Entwaffnungszauber. Der gehört zwar zu den simplen Grundlagen des Zauberns, aber ich fand ihn recht nützlich –«
»Also bitte«, sagte Zacharias Smith, verschränkte die Arme und rollte mit den Augen. »Ich glaub nicht, dass ausgerechnet Expelliarmus uns gegen Du-weißt-schon-wen nützen wird.«
»Ich hab ihn gegen ihn eingesetzt«, sagte Harry ruhig. »Er hat mir im Juni das Leben gerettet.«
Smith machte benommen den Mund auf. Alle anderen waren totenstill.
»Aber wenn du meinst, du musst dich damit nicht abgeben, kannst du ja gehen«, sagte Harry.
Smith rührte sich nicht. Und auch sonst keiner.
»Okay«, sagte Harry mit ungewohnt trockenem Mund, da alle Augen auf ihn gerichtet waren. »Ich schlage vor, wir gehen immer zu zweit zusammen und üben.«
Es war ein sehr merkwürdiges Gefühl, Anweisungen zu erteilen, aber bei weitem merkwürdiger war es, sie befolgt zu sehen. Schon hatten sich alle erhoben und teilten sich auf. Wie vorauszusehen blieb Neville ohne Partner.
»Du kannst mit mir üben«, sagte Harry. »Also – ich zähl bis drei – eins, zwei, drei –«
Der Raum war plötzlich erfüllt mit »Expelliarmus«-Rufen. Zauberstäbe flogen kreuz und quer; verpatzte Zauber trafen Bücher auf den Regalen und ließen sie durch die Luft flattern. Harry war zu schnell für Neville. Sein Zauberstab wirbelte ihm aus der Hand, traf mit einem Funkenschauer die Decke und landete klappernd auf einem Bücherregal, von wo ihn Harry mit einem Aufrufezauber zurückholte. Als Harry sich umschaute, stellte er fest, dass es richtig gewesen war, sie zuerst einmal die elementaren Dinge üben zu lassen. Er sah einiges an verunglückten Zaubern; vielen gelang es gar nicht, ihre Gegner zu entwaffnen. Stattdessen sprangen diese oft nur ein paar Meter rückwärts oder zuckten leicht zusammen, während der schwächliche Zauber über sie hinwegschwirrte.
»Expelliarmus!«, sagte Neville, und Harry, den es kalt erwischte, spürte, wie ihm der Zauberstab aus der Hand flog.
»ICH HAB’S GESCHAFFT!«, frohlockte Neville. »Zum allerersten Mal – ICH HAB’S GESCHAFFT!«
»Gut gemacht!«, ermunterte ihn Harry und verzichtete darauf, Neville zu erklären, dass sein Gegner in einem echten Zweikampf kaum in die andere Richtung starren und seinen Zauberstab locker an der Seite halten würde. »Hör zu, Neville, könntest du für ein paar Minuten abwechselnd mit Ron und Hermine üben? Dann kann ich rumgehen und schauen, wie die anderen zurechtkommen.«
Harry trat in die Mitte des Raums. Etwas sehr Komisches geschah mit Zacharias Smith. Immer wenn er den Mund öffnete, um Anthony Goldstein zu entwaffnen, flog ihm der eigene Zauberstab aus der Hand, dabei gab Anthony allem Anschein nach keinen Mucks von sich. Harry musste sich nicht lange umsehen, um das Rätsel zu lösen: Fred und George standen einige Schritte von Smith entfernt und zielten abwechselnd mit ihren Zauberstäben auf seinen Rücken.
»Sorry, Harry«, sagte George eilends, als ihn Harrys Blick traf. »Ich konnte einfach nicht widerstehen.«
Harry ging um die anderen Paare herum und versuchte bei denen, die den Zauber falsch ausführten, korrigierend einzugreifen. Ginny übte mit Michael Corner; sie war sehr gut, während Michael entweder sehr schlecht war oder sie nicht verhexen wollte. Ernie Macmillan trieb überflüssigen Firlefanz mit dem Zauberstab und gab dadurch seinem Partner Gelegenheit, an seiner Deckung vorbeizukommen. Die Creevey-Brüder waren begeistert bei der Sache, aber unberechenbar und größtenteils verantwortlich für all die Bücher, die rundum aus den Regalen hüpften. Luna Lovegood war ähnlich flatterhaft. Manchmal wirbelte sie Justin Finch-Fletchleys Zauberstab aus dessen Hand, dann wieder ließ sie ihm nur die Haare zu Berge stehen.
»Okay, aufhören!«, rief Harry. »Stopp! STOPP!«
Ich brauch eine Pfeife, dachte er und im selben Moment sah er eine auf der nächsten Reihe Bücher liegen. Er holte sie und blies kräftig hinein. Alle ließen die Zauberstäbe sinken.
»Das war nicht schlecht«, sagte Harry, »aber es gibt einiges zu verbessern.« Zacharias Smith starrte ihn wütend an. »Versuchen wir’s noch mal.«
Wieder ging er durch den Raum, blieb gelegentlich stehen und erteilte Ratschläge. Allmählich besserte sich die Leistung seiner Schüler. Er vermied es eine Weile, in die Nähe von Cho und ihrer Freundin zu kommen, doch nachdem er jedes andere Paar im Raum zweimal umrundet hatte, spürte er, dass er nicht länger so tun konnte, als wären sie nicht da.
»O nein«, sagte Cho ziemlich fahrig, als er sich näherte. »Expelliarmius! Ich meine Expellimellius! Ich – oh, tut mir leid, Marietta!«
Der Ärmel ihrer gelockten Freundin hatte Feuer gefangen; Marietta löschte es mit ihrem Zauberstab und funkelte Harry böse an, als wäre es seine Schuld.
»Du hast mich nervös gemacht, vorhin war ich noch ganz gut!«, erklärte ihm Cho bekümmert.
»Das war schon mal nicht schlecht«, schwindelte Harry, doch als sie die Augenbrauen hochzog, sagte er: »Nein, sicher, es war mies, aber ich weiß, dass du es richtig kannst. Ich hab euch von dort drüben beobachtet.«
Sie lachte. Ihre Freundin Marietta sah beide recht säuerlich an und wandte sich ab.
»Lass sie nur«, murmelte Cho. »Sie will eigentlich gar nicht hier sein, aber ich hab sie überredet. Ihre Eltern haben ihr verboten, irgendetwas zu tun, was Umbridge ärgern könnte. Du musst wissen – ihre Mum arbeitet im Ministerium.«
»Und was ist mit deinen Eltern?«, fragte Harry.
»Na ja, die haben mir auch verboten, Umbridge in die Quere zu kommen«, sagte Cho und reckte sich stolz. »Aber wenn die glauben, ich würde nicht gegen Du-weißt-schon-wen kämpfen, nach dem, was mit Cedric geschehen ist –«
Sie brach ab, offenbar ziemlich durcheinander, und beide verfielen in ein verlegenes Schweigen. Terry Boots Zauberstab schwirrte an Harrys Ohr vorbei und traf Alicia Spinnet hart an der Nase.
»Also, mein Dad unterstützt gerne alles, was sich gegen das Ministerium richtet!«, sagte Luna Lovegood stolz dicht hinter Harry. Offenbar hatte sie ihr Gespräch belauscht, während Justin Finch-Fletchley versuchte, sich aus dem Umhang zu befreien, der hochgeweht war und sich um seinen Kopf geschlungen hatte. »Er sagt immer, dass er Fudge alles zutraut! Wenn man nur bedenkt, wie viele Kobolde Fudge hat umbringen lassen! Und natürlich benutzt er die Mysteriumsabteilung, um schreckliche Gifte zu entwickeln, die er insgeheim allen verabreicht, die nicht seiner Meinung sind. Und dann ist da noch sein Umbumbliger Schlitzfatzer –«
»Frag bloß nicht«, murmelte Harry Cho zu, als sie verdutzt den Mund öffnete. Sie kicherte.
»Hey, Harry«, rief Hermine von der anderen Seite des Raums herüber, »hast du mal auf die Uhr gesehen?«
Er blickte auf seine Uhr und stellte erschrocken fest, dass es schon zehn nach neun war, was hieß, dass sie schleunigst in ihre Gemeinschaftsräume zurückmussten oder Gefahr liefen, von Filch erwischt und bestraft zu werden, weil sie die Hausordnung verletzten. Er blies in seine Pfeife; die »Expelliarmus«-Rufe verstummten und die letzten paar Zauberstäbe fielen klappernd zu Boden.
»Nun, das war schon mal ganz gut«, sagte Harry. »Aber wir haben überzogen und sollten jetzt besser aufhören. Nächste Woche, selbe Zeit, selber Ort?«
»Lieber schon früher!«, sagte Dean Thomas eifrig und viele nickten zustimmend.
Angelina jedoch sagte rasch: »Die Quidditch-Saison fängt bald an, unsere Mannschaft muss auch noch trainieren!«
»Sagen wir also nächsten Mittwochabend«, verkündete Harry. »Dann können wir immer noch zusätzliche Treffen beschließen. Kommt, wir sollten uns beeilen.«
Er holte die Karte des Rumtreibers wieder hervor und prüfte eingehend, ob sie Hinweise auf Lehrer im siebten Stock gab. Er ließ die anderen in Dreier- und Vierergruppen hinausgehen und verfolgte besorgt, ob die kleinen Punkte sicher in ihre Schlafsäle zurückkehrten: Die Hufflepuffs gingen durch den Kellerkorridor, der auch in die Küchen führte, die Ravenclaws zu einem Turm auf der Westseite des Schlosses und die Gryffindors durch den Korridor zum Porträt der fetten Dame.
»Das war wirklich, wirklich gut, Harry«, sagte Hermine, als schließlich nur noch sie, Harry und Ron übrig waren.
»Jaah, allerdings!«, sagte Ron begeistert, während sie aus der Tür schlichen und zusahen, wie sie hinter ihnen wieder zu Stein verschmolz. »Hast du gesehen, wie ich Hermine entwaffnet hab, Harry?«
»Nur einmal«, sagte Hermine beleidigt. »Ich hab dich viel öfter gekriegt als du mich –«
»Ich hab dich nicht nur einmal gekriegt, sondern mindestens dreimal –«
»Na ja, wenn du das eine Mal mitzählst, als du über deine Füße gestolpert bist und mir den Zauberstab aus der Hand geschlagen hast –«
Sie kabbelten sich den ganzen Weg zum Gemeinschaftsraum, aber Harry hörte nicht hin. Er überwachte die Karte des Rumtreibers, und gleichzeitig dachte er daran, dass Cho gesagt hatte, er mache sie nervös.
Der Löwe und die Schlange
Während der nächsten zwei Wochen hatte Harry das Gefühl, eine Art Talisman in der Brust zu tragen, ein glühendes Geheimnis, das ihm half, Umbridges Unterricht zu überstehen, und ihn sogar sanft lächeln ließ, wenn er in ihre grässlichen Glubschaugen sah. Er und die DA leisteten ihr Widerstand, direkt vor ihrer Nase, und taten genau das, was sie und das Ministerium am meisten fürchteten. Wann immer er im Unterricht eigentlich Wilbert Slinkhards Buch lesen sollte, schwelgte er genüsslich in Erinnerungen an ihre jüngsten Treffen; Neville beispielsweise war es gelungen, Hermine zu entwaffnen, Colin Creevey beherrschte inzwischen den Lähmzauber, nachdem er sich bei drei Treffen mächtig ins Zeug gelegt hatte, und Parvati Patil hatte einen so guten Reduktor-Fluch hingelegt, dass sie den Tisch mit sämtlichen Spickoskopen darauf zu Staub hatte zerfallen lassen.
Da sie die Trainingszeiten von drei verschiedenen Quidditch-Mannschaften berücksichtigen mussten, die oft wegen schlechten Wetters verschoben wurden, fand Harry es schier unmöglich, einen regelmäßigen Abendtermin für die DA-Treffen festzusetzen. Doch das war ihm gerade recht. Ihm schien es ohnehin besser, die Termine ganz spontan festzulegen. Sollte jemand sie beobachten, dann wäre es schwer, eine Regelmäßigkeit zu entdecken. Hermine tüftelte flugs ein sehr pfiffiges Verfahren aus, wie sie allen Mitgliedern Tag und Uhrzeit des nächsten Treffens übermitteln konnten, falls sie es kurzfristig verschieben mussten, da es verdächtig aussehen würde, wenn man allzu häufig Leute aus verschiedenen Häusern dabei sah, wie sie die Große Halle durchquerten, um miteinander zu reden. Sie gab jedem DA-Mitglied eine gefälschte Galleone. (Ron geriet ganz aus dem Häuschen, als er den Korb mit den Münzen zum ersten Mal sah und felsenfest davon überzeugt war, sie würde tatsächlich Gold verteilen.)
»Seht ihr die Ziffern rings um den Rand der Münzen?«, sagte Hermine am Ende ihres vierten Treffens und hielt eine in die Höhe, damit es alle erkennen konnten. Die Münze schimmerte fett und gelb im Licht der Fackeln. »Auf echten Galleonen ist das nichts weiter als eine Seriennummer, die sich auf den Kobold bezieht, der die Münze geprägt hat. Auf diesen falschen Galleonen aber ändern sich die Ziffern und zeigen Datum und Uhrzeit unseres nächsten Treffens an. Die Münzen werden heiß, wenn sich das Datum ändert, also spürt ihr es, wenn ihr sie in der Tasche habt. Jeder nimmt sich eine. Wenn Harry das Datum des nächsten Treffens festlegt, ändert er die Ziffern auf seiner Münze, und weil ich sie mit einem Proteus-Zauber belegt habe, ahmen alle Münzen die seine nach und verändern sich.«
Hermines Worten folgte ein verblüfftes Schweigen. Sie schaute ringsum in all die Gesichter, die einigermaßen fassungslos zu ihr aufblickten.
»Nun – ich fand die Idee gut«, sagte sie verunsichert. »Ich meine, selbst wenn Umbridge von uns verlangt, die Taschen auszuleeren, ist nichts Verdächtiges daran, wenn wir eine Galleone dabeihaben, oder? Aber … na gut, wenn ihr sie nicht benutzen wollt –«
»Du schaffst einen Proteus-Zauber?«, fragte Terry Boot.
»Ja«, sagte Hermine.
»Aber das … das ist UTZ-Niveau, ehrlich mal«, sagte er geplättet.
»Oh«, sagte Hermine und versuchte bescheiden zu wirken. »Oh … nun … ja … ich denk schon.«
»Warum bist du eigentlich nicht in Ravenclaw?«, wollte Terry wissen und starrte Hermine fast bewundernd an. »Wo du doch so viel Grips hast?«
»Ja, der Sprechende Hut hat bei mir damals ernsthaft überlegt, ob er mich nicht nach Ravenclaw stecken soll«, sagte Hermine mit strahlendem Lächeln, »aber dann hat er sich doch für Gryffindor entschieden. Also, heißt das jetzt, wir benutzen die Galleonen?«
Ein zustimmendes Murmeln hob an, und alle kamen nach vorn, um sich eine Münze aus dem Korb zu nehmen. Harry warf Hermine einen scheelen Blick zu.
»Weißt du, woran mich das erinnert?«
»Nein, woran?«
»An die Narben der Todesser. Voldemort berührt eine von ihnen, und die Narben aller fangen an zu brennen, und sie wissen, dass sie zu ihm kommen müssen.«
»Nun … ja«, sagte Hermine leise, »da hab ich tatsächlich die Idee her … aber sicher hast du bemerkt, dass ich mich dazu entschlossen habe, das Datum auf Metall zu gravieren und nicht auf die Haut unserer Mitglieder.«
»Ja … das ist mir allerdings lieber.« Harry grinste und ließ seine Galleone in die Tasche gleiten. »Das einzig Riskante an der Sache ist wohl nur, dass wir das Geld versehentlich ausgeben könnten.«
»Von wegen«, sagte Ron, der seine falsche Galleone mit leichtem Bedauern musterte. »Ich hab gar keine echte Galleone, mit der ich die verwechseln könnte.«
Die erste Quidditch-Begegnung der Saison, Gryffindor gegen Slytherin, rückte näher, und so setzten sie ihre DA-Treffen vorerst aus, weil Angelina auf fast täglichem Training bestand. Die Tatsache, dass die Quidditch-Meisterschaft schon so lange nicht mehr stattgefunden hatte, heizte das Interesse und die Aufregung um das kommende Spiel beträchtlich an; die Ravenclaws und Hufflepuffs nahmen regen Anteil am Ausgang des Spiels, denn natürlich würden sie im kommenden Jahr gegen beide Mannschaften antreten; und die Hauslehrer der konkurrierenden Teams machten zwar den Versuch, hehre Sportlichkeit vorzuschützen, konnten jedoch nicht verbergen, dass sie entschlossen waren, ihre jeweiligen Mannschaften siegen zu sehen. Harry wurde klar, wie viel Professor McGonagall daran lag, dass sie die Slytherins schlugen, als sie darauf verzichtete, ihnen in der Woche vor dem Spiel Hausaufgaben aufzugeben.
»Ich denke, Sie haben im Moment genug am Hals«, sagte sie gnädig. Keiner wollte so recht seinen Ohren trauen, bis sie Harry und Ron geradewegs ansah und verbissen sagte: »Ich bin daran gewöhnt, den Quidditch-Pokal in meinem Büro zu sehen, Jungs, und ich will ihn wirklich nicht an Professor Snape überreichen müssen, also nutzt die zusätzliche Zeit zum Trainieren, ja?«
Snape war nicht weniger offen parteiisch; er hatte das Quidditch-Feld so häufig für das Training der Slytherins reserviert, dass die Gryffindors Schwierigkeiten hatten, überhaupt zum Spielen zu kommen. Auch stellte er sich taub gegenüber den vielen Berichten, wonach Slytherins versucht hatten, Gryffindor-Spieler auf den Gängen zu verhexen. Als Alicia Spinnet im Krankenflügel auftauchte mit Augenbrauen, die so rasch wuchsen, dass sie ihr die Sicht raubten und über ihren Mund hinabwucherten, behauptete Snape stur, sie hätte an sich selbst einen Zauber für volleres Haar ausprobiert. Er weigerte sich, den vierzehn Augenzeugen Gehör zu schenken, die beteuerten, dass sie den Slytherin-Hüter, Miles Bletchley, dabei gesehen hatten, wie er sie von hinten mit einem Fluch traf, während sie in der Bibliothek arbeitete.
Harry schätzte die Chancen von Gryffindor zuversichtlich ein; schließlich hatten sie noch nie gegen Malfoys Mannschaft verloren. Zugegeben, Ron brachte immer noch nicht das, was sie von Wood gewohnt waren, doch er arbeitete mit größter Verbissenheit daran, sein Spiel zu verbessern. Seine schlimmste Schwäche war die Neigung, das Selbstvertrauen zu verlieren, sobald er einen Fehler gemacht hatte; wenn er einen Ball ins Tor gelassen hatte, wurde er nervös und verpasste eher noch mehr Bälle. Andererseits hatte Harry gesehen, wie Ron, wenn er einmal in Form war, auf wirklich spektakuläre Art ein paar Tore verhindert hatte; bei einem denkwürdigen Training hatte er sich an einer Hand von seinem Besen hängen lassen und den Quaffel so hart vom Torring weggekickt, dass er übers ganze Feld flog und durch den Mittelring auf der gegenüberliegenden Seite schoss. Die anderen aus der Mannschaft meinten, das sei noch besser als die Leistung, die Barry Ryan, der irische Nationalkeeper, kurz zuvor gegen Polens Top-Jäger Ladislaw Zamojski gebracht hatte. Selbst Fred hatte eingeräumt, Ron könnte ihn und George eines Tages noch stolz machen, und sie würden ernsthaft überlegen, ob sie nicht zugeben sollten, dass er mit ihnen verwandt war, was sie, wie sie Ron versicherten, seit vier Jahren abzustreiten versuchten.
Was Harry ernstlich Sorgen machte, war einzig, dass Ron der Taktik der Slytherins, ihn nervös zu machen, noch bevor sie auf dem Feld zusammentrafen, so wenig entgegenzusetzen wusste. Harry selbst ließ ihre hämischen Kommentare natürlich schon seit mehr als vier Jahren über sich ergehen, und wenn er jemanden flüstern hörte: »Hey, Potty, ich hab gehört, Warrington schwört, dass er dich Samstag vom Besen hauen will«, dann gefror ihm keineswegs das Blut, sondern er lachte nur. »Warrington ist ein so erbärmlicher Schütze, dass ich mir mehr Sorgen machen würde, wenn er auf meinen Nebenmann zielte«, gab er zurück, was Ron und Hermine zum Lachen brachte und das Grinsen von Pansy Parkinsons Gesicht wischte.
Ron hingegen hatte noch nie einen Dauerbeschuss mit Beleidigungen, Sticheleien und Drohungen über sich ergehen lassen müssen. Wenn Slytherins, manche von ihnen Siebtklässler und um einiges größer als Ron, ihm im Vorbeigehen zumurmelten: »Hast du schon ein Bett im Krankenflügel gebucht, Weasley?«, dann lachte er nicht, sondern wurde hauchzart grün im Gesicht. Wenn Draco Malfoy nachahmte, wie Ron den Quaffel fallen ließ (und das tat Malfoy immer, wenn sie sich über den Weg liefen), dann glühten Ron die Ohren, und er fing so heftig an zu zittern, dass er oft auch noch fallen ließ, was er gerade in der Hand hielt.
Der Oktober erlosch unter dem Ansturm heulender Winde und peitschender Regenfälle, und der November kam kalt wie gefrorenes Eisen und brachte allmorgendlich schwere Fröste und eisige Luft, die ungeschützte Hände und Gesichter peinigten. Der Himmel und die Decke der Großen Halle nahmen ein fahles Perlmuttgrau an, die Berge um Hogwarts bekamen Schneekuppen, und im Schloss wurde es so kühl, dass viele Schüler zwischen den Unterrichtsstunden auf den Gängen ihre dicken, schützenden Drachenhauthandschuhe trugen.
Der Morgen des Spiels dämmerte klar und kalt. Als Harry erwachte und sich zu Ron umwandte, sah er ihn kerzengerade im Bett sitzen, die Arme um die Knie geschlungen und stur ins Leere starrend.
»Alles in Ordnung mit dir?«, fragte Harry.
Ron nickte, sagte aber nichts. Harry musste unwillkürlich an damals denken, als Ron sich aus Versehen selbst einen Schnecken-Spuck-Zauber an den Hals gejagt hatte; er sah genauso blass und verschwitzt aus wie damals, und natürlich weigerte er sich auch, den Mund aufzumachen.
»Du solltest erst mal was frühstücken«, versuchte ihn Harry aufzumuntern. »Komm schon.«
Die Große Halle füllte sich rasch, als sie unten ankamen, das Stimmengewirr war lauter und die Stimmung ausgelassener als üblich. Als sie am Slytherin-Tisch vorbeigingen, brach ein Höllenlärm los. Harry drehte sich um und sah, dass die Slytherins außer den üblichen grünen und silberfarbenen Schals und Hüten jeweils noch ein silbernes Abzeichen trugen, das offenbar die Form einer Krone hatte. Aus irgendeinem Grund winkten viele Slytherins Ron unter tosendem Gelächter zu. Harry versuchte im Vorbeigehen zu erkennen, was auf den Abzeichen stand, aber er war so sehr darauf bedacht, Ron rasch an diesem Tisch vorbeizubugsieren, dass er sich nicht lange genug aufhielt, um es zu lesen.
Am Gryffindor-Tisch, wo alle Rot und Gold trugen, wurden sie mit ermunterndem Beifall empfangen, doch die Jubelrufe besserten Rons Laune keineswegs, vielmehr raubten sie ihm offenbar das letzte bisschen Kampfmoral; er sackte auf der nächstbesten Bank zusammen und sah drein, als hätte er seine Henkersmahlzeit vor sich.
»Ich muss wahnsinnig gewesen sein, dass ich mich darauf eingelassen habe«, flüsterte er krächzend. »Wahnsinnig.«
»Red keinen Stuss«, sagte Harry entschieden und reichte ihm eine Auswahl Frühstücksflocken, »du wirst das schon schaukeln. Dass man nervös ist, ist ganz normal.«
»Mich könnt ihr vergessen«, krächzte Ron. »Ich bin mies. Ich kann nicht mal spielen, wenn’s um mein Leben geht. Was hab ich mir bloß dabei gedacht?«
»Nun mach mal halblang«, sagte Harry streng. »Denk an diesen Ball, den du letztens mit dem Fuß abgewehrt hast, selbst Fred und George meinten, das war genial.«
Ron wandte sein gequältes Gesicht Harry zu.
»Das war Zufall«, wisperte er niedergeschlagen. »Das hatte ich gar nicht vor – ich bin vom Besen gerutscht, als ihr nicht hingesehen habt, und als ich wieder aufsteigen wollte, hab ich aus Versehen den Quaffel weggekickt.«
»Na ja«, sagte Harry, der sich von dieser unangenehmen Überraschung schnell erholte, »noch so ein paar Zufälle und wir haben die anderen im Sack, oder?«
Hermine und Ginny setzten sich ihnen gegenüber, sie trugen rot-goldene Schals, Handschuhe und Rosetten.
»Wie geht’s dir?«, fragte Ginny Ron, der inzwischen in die Milchpfütze am Boden seiner leeren Frühstücksschale starrte, als ob er ernsthaft erwöge, sich in ihr zu ertränken.
»Er ist einfach nervös«, sagte Harry.
»Schön, das ist ein gutes Zeichen, ich persönlich hab immer den Eindruck, wenn ich nicht ein bisschen nervös bin, läuft es in den Prüfungen nicht ganz so gut«, sagte Hermine munter.
»Hallo«, sagte eine undeutliche und verträumte Stimme hinter ihnen. Harry blickte auf: Luna Lovegood war vom Ravenclaw-Tisch herübergeschwebt. Viele starrten sie an, einige lachten unverhohlen und deuteten mit dem Finger auf sie. Sie hatte es geschafft, einen Hut zu besorgen, der wie ein lebensgroßer Löwenkopf aussah und ihr wacklig auf dem Kopf saß.
»Ich bin für Gryffindor«, sagte Luna und deutete überflüssigerweise auf ihren Hut. »Schaut mal, was der kann …«
Sie hob den Zauberstab und tippte gegen den Hut. Er öffnete sein Maul weit und stieß ein höchst realistisches Brüllen aus, das alle im Umkreis zusammenschrecken ließ.
»Gut, was?«, sagte Luna fröhlich. »Ich wollte, dass er auch noch eine Schlange zerkaut, die Slytherin darstellen sollte, versteht ihr, aber dazu hatte ich keine Zeit mehr. Jedenfalls … viel Glück, Ronald!«
Damit entschwebte sie. Sie hatten sich noch nicht ganz von dem Schock über Lunas Hut erholt, als Angelina auf sie zugehastet kam, begleitet von Katie und Alicia, deren Augenbrauen von Madam Pomfrey glücklicherweise wieder auf ihr normales Maß gestutzt worden waren.
»Wenn ihr fertig seid«, sagte sie, »gehen wir sofort runter zum Feld, schauen uns die Platzverhältnisse an und ziehen uns um.«
»Wir kommen gleich nach«, versicherte ihr Harry. »Ron sollte nur noch eine Kleinigkeit frühstücken.«
Nach zehn Minuten jedoch wurde klar, dass Ron nicht imstande war, auch nur einen weiteren Bissen zu sich zu nehmen, und Harry hielt es für das Beste, mit ihm runter zu den Umkleideräumen zu gehen. Als sie vom Tisch aufstanden, erhob sich auch Hermine, nahm Harry am Arm und zog ihn beiseite.
»Lass Ron bloß nicht sehen, was auf diesen Slytherin-Abzeichen steht«, flüsterte sie eindringlich.
Harry sah sie fragend an, doch sie schüttelte warnend den Kopf; Ron war gerade zu ihnen herübergeschlurft, er sah ratlos und verzweifelt aus.
»Viel Glück, Ron«, sagte Hermine, stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen Kuss auf die Wange. »Und dir auch, Harry –«
Als sie erneut die Große Halle durchquerten, schien Ron wieder ein wenig Fassung zu gewinnen. Er berührte die Stelle seines Gesichtes, wo Hermine ihn geküsst hatte, und blickte verdutzt drein, als wäre ihm nicht ganz klar, was eben geschehen war. Er schien so durcheinander, dass er kaum etwas um sich her wahrnahm, doch Harry warf, als sie am Slytherin-Tisch vorbeikamen, einen neugierigen Blick auf die kronenförmigen Abzeichen, und diesmal konnte er die Worte erkennen, die darauf geprägt waren:
Weasley ist unser King
Mit dem dunklen Gefühl, dass dies nichts Gutes zu bedeuten hatte, lotste er Ron hastig durch die Eingangshalle, die Steintreppe hinab und hinaus in die eisige Luft.
Das reifbedeckte Gras knirschte unter ihren Füßen, während sie den Rasenhang zum Stadion hinuntereilten. Es war vollkommen windstill, und der Himmel war gleichmäßig perlweiß, so dass sie gute Sicht haben würden, ohne dass direktes Sonnenlicht sie blendete. Harry wies Ron unterwegs auf diese ermutigenden Aussichten hin, doch er war sich nicht sicher, ob Ron zuhörte. Als sie eintraten, hatte sich Angelina bereits umgekleidet und redete mit den anderen aus der Mannschaft. Harry und Ron zogen ihre Umhänge an (Ron versuchte es mit seinem einige Minuten lang verkehrt herum, bis Alicia sich erbarmte und ihm half), dann setzten sie sich und hörten der Einstimmung durch Angelina zu, während das Stimmengewirr draußen immer lauter wurde, da inzwischen ganze Scharen vom Schloss her zum Spielfeld zogen.
»Okay, ich hab gerade erst die endgültige Aufstellung der Slytherins rausgekriegt«, sagte Angelina und blickte auf ein Stück Pergament. »Die Treiber vom letzten Jahr, Derrick und Bole, sind raus, aber es sieht so aus, als hätte Montague sie durch die üblichen Gorillas ersetzt und nicht durch Leute, die besonders gut fliegen können. Es sind zwei Typen namens Crabbe und Goyle, ich weiß nicht viel über die –«
»Wir schon«, sagten Harry und Ron im Chor.
»Jedenfalls sehen die nicht aus, als wären sie schlau genug zu unterscheiden, wo beim Besen vorne und hinten ist«, meinte Angelina und steckte ihr Pergament ein, »andererseits war ich auch immer überrascht, dass es Derrick und Bole geschafft haben, ohne Hinweisschilder den Weg zum Spielfeld zu finden.«
»Crabbe und Goyle sind vom gleichen Schlag«, versicherte ihr Harry.
Sie hörten das Getrappel Hunderter Füße, die die aufsteigenden Bankreihen der Tribünen hochstiegen. Einige Zuschauer sangen, aber Harry konnte den Text nicht verstehen. Allmählich wurde er nervös, doch er wusste, dass seine Schmetterlinge nichts waren im Vergleich zu Rons, der die Hand auf den Magen gepresst hatte und mit starrem Kiefer und blassgrauem Gesicht wieder stur geradeaus stierte.
»Es ist so weit«, sagte Angelina mit gedämpfter Stimme und sah auf die Uhr. »Auf geht’s … viel Glück.«
Sie erhoben sich, schulterten die Besen und gingen im Gänsemarsch aus dem Umkleideraum, hinaus unter den hellen Himmel. Tosender Lärm begrüßte sie, aus dem Harry immer noch Gesang heraushörte, wenn auch übertönt durch Gejohle und Pfiffe.
Die Mannschaft der Slytherins stand bereit und wartete auf sie. Auch sie trugen jene silbernen kronenförmigen Abzeichen. Montague, der neue Kapitän, hatte in etwa die gleiche Statur wie Dudley Dursley, mit massigen Unterarmen, die an haarige Schinken erinnerten. Hinter ihm und fast so dick wie er lauerten Crabbe und Goyle, blinzelten tumb und schwangen ihre neuen Schläger. An der Seite stand Malfoy, dessen weißblonder Haarschopf im hellen Licht schimmerte. Er fing Harrys Blick auf, grinste süffisant und klopfte auf das kronenförmige Abzeichen an seiner Brust.
»Kapitäne, gebt euch die Hand«, befahl die Schiedsrichterin Madam Hooch, als Angelina Montague erreichte. Harry war sicher, dass Montague versuchte Angelina die Finger zu zerquetschen, doch sie zuckte nicht mit der Wimper. »Auf die Besen …«
Madam Hooch steckte die Pfeife in den Mund und blies hinein. Die Bälle wurden freigegeben und die vierzehn Spieler schossen in die Höhe. Aus den Augenwinkeln sah Harry, wie Ron in Richtung Torringe davonflitzte. Harry schraubte sich höher, wich einem Klatscher aus, flog eine weite Runde über das Feld und hielt nach einem goldenen Schimmer Ausschau; auf der anderen Seite des Stadions tat Draco Malfoy genau das Gleiche.
»Und das ist Johnson – Johnson mit dem Quaffel, was für eine Spielerin ist dieses Mädchen, ich sag das schon seit Jahren, aber sie will immer noch nicht mit mir ausgehen –«
»JORDAN!«, schrie Professor McGonagall.
»– nur ’ne Spaßnachricht, Professor, ist doch ganz interessant – und sie ist unter Warrington durch, hat Montague stehen lassen, sie – autsch – hat einen Klatscher von Crabbe von hinten abgekriegt … Montague fängt den Quaffel, Montague fliegt zurück übers Feld und – hübscher Klatscher war das jetzt von George Weasley, Klatscher an den Kopf von Montague, der lässt den Quaffel fallen, Katie Bell fängt ihn, Katie Bell aus Gryffindor gibt einen Rückpass zu Alicia Spinnet und Spinnet ist auf und davon –«
Lee Jordans Kommentare hallten durch das Stadion, und Harry lauschte, so gut er konnte, bei dem Wind, der ihm in den Ohren pfiff, und dem Getöse der Zuschauer, die alle schrien und buhten und sangen.
»– saust an Warrington vorbei, weicht einem Klatscher aus – war knapp, Alicia – und die Leute lieben das, hören wir ihnen einfach mal zu, was singen sie denn?«
Und als Lee innehielt, um zu lauschen, stieg der Gesang laut und klar aus dem grünsilbernen Meer im Slytherin-Abschnitt der Tribüne empor:
»Weasley fängt doch nie ein Ding,
Schützt ja keinen einz’gen Ring,
So singen wir von Slytherin:
Weasley ist unser King.
Weasley ist dumm wie ’n Plumpudding,
Lässt jeden Quaffel durch den Ring.
Weasley sorgt für unsern Gewinn,
Weasley ist unser King.«
»– und Alicia gibt zurück zu Angelina!«, rief Lee, und als Harry nach dem, was er eben gehört hatte, mit Wut im Bauch in die Kurve ging, wusste er, dass Lee versuchte den Gesang zu übertönen: »Komm schon, Angelina – sieht aus, als wär sie frei vor dem Hüter! – SIE SCHIESST – SIE – aaaah …«
Bletchley, der Hüter der Slytherins, hatte den Schuss abgewehrt; er warf den Quaffel zu Warrington, der damit im Zickzack zwischen Alicia und Katie davonraste; der Gesang von unten wurde immer lauter, als Warrington sich Ron näherte.
»Weasley ist unser King,
Weasley ist unser King,
Lässt jeden Quaffel durch den Ring.
Weasley ist unser King.«
Harry konnte nicht anders, er gab die Suche nach dem Schnatz auf und drehte seinen Feuerblitz Ron zu, der als einsame Gestalt am entfernten Ende des Feldes vor den drei Torringen hin und her schwebte, während der massige Warrington auf ihn zugerast kam.
»– und da ist Warrington mit dem Quaffel, Warrington auf dem Weg zum Tor, außer Reichweite der Klatscher, hat nur noch den Hüter vor sich –«
Der Gesang schwoll lautstark von den Slytherin-Bänken herauf:
»Weasley fängt doch nie ein Ding,
Schützt ja keinen einz’gen Ring …«
»– das ist nun die erste Bewährungsprobe für den neuen Gryffindor-Hüter Weasley, Bruder der Treiber Fred und George und viel versprechendes neues Talent in der Mannschaft – komm schon, Ron!«
Aber der Freudenschrei kam von Seiten der Slytherins: Ron war hektisch in die Tiefe gestürzt, die Arme weit ausgebreitet, und der Quaffel war geradewegs hindurch in Rons Mittelring geschossen.
»Tor für Slytherin!«, drang Lees Stimme durch das Jubeln und Buhen der Menge unten, »also steht’s zehn zu null für Slytherin – einfach Pech, Ron.«
Die Slytherins sangen noch lauter:
»WEASLEY IST DUMM WIE ’N PLUMPUDDING,
LÄSST JEDEN QUAFFEL DURCH DEN RING …«
»– und Gryffindor ist wieder im Ballbesitz und Katie Bell prescht übers Feld –«, rief Lee tapfer, doch der Gesang war jetzt so ohrenbetäubend, dass er sich kaum noch Gehör verschaffen konnte.
»WEASLEY SORGT FÜR UNSERN GEWINN,
WEASLEY IST UNSER KING …«
»Harry, WAS TUST DU DA?«, schrie Angelina und schoss an ihm vorbei, um Anschluss an Katie zu halten. »MACH HINNE!«
Harry wurde bewusst, dass er seit über einer Minute in der Luft stand und das Match verfolgte, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, wo der Schnatz war; entsetzt stürzte er sich in die Tiefe, zog von neuem umherspähend seine Kreise ums Feld und versuchte nicht auf den Chor zu hören, der jetzt durchs Stadion donnerte:
»WEASLEY IST UNSER KING,
WEASLEY IST UNSER KING …«
Wo er auch hinsah, er fand keine Spur vom Schnatz; Malfoy zog weiterhin Kreise durchs Stadion, genau wie er. Auf halbem Weg ums Feld flogen sie aneinander vorbei und Harry hörte Malfoy laut singen:
»WEASLEY IST DUMM WIE ’N PLUMPUDDING …«
»– und wieder hat ihn Warrington«, brüllte Lee, »der an Pucey abgibt, Pucey ist an Spinnet vorbei, nun mach schon, Angelina, du packst ihn – also doch nicht – aber hübscher Klatscher von Fred Weasley, ich meine, George Weasley, ach, was soll’s, einer der beiden jedenfalls, und Warrington lässt den Quaffel fallen und Katie Bell – ähm – lässt ihn auch fallen – und jetzt wieder Montague mit dem Quaffel, Slytherin-Kapitän Montague fängt den Quaffel, und er fliegt davon, das Feld hoch, nun aber los, Gryffindor, lasst ihn auflaufen!«
Harry flog am Ende des Stadions hinter den Slytherin-Torringen herum und zwang sich, nicht mit anzusehen, was auf Rons Seite passierte. Als er am Slytherin-Hüter vorbeiflitzte, hörte er, wie Bletchley mit der Menge unten sang:
»WEASLEY FÄNGT DOCH NIE EIN DING …«
»– und Pucey ist wieder an Alicia vorbei und auf direktem Weg zum Tor, halt ihn auf, Ron!«
Harry musste nicht hinsehen, um zu wissen, was passiert war: Von den Gryffindors kam ein fürchterliches Stöhnen, dazu neuerliches Geschrei und Applaus der Slytherins. Harry blickte in die Tiefe und sah, wie Pansy Parkinson mit ihrem Mopsgesicht ganz vorne auf der Tribüne stand, den Rücken zum Feld, und die Slytherin-Anhänger dirigierte, die brüllten:
»… SO SINGEN WIR VON SLYTHERIN:
WEASLEY IST UNSER KING …«
Aber zwanzig zu null war nichts, Gryffindor hatte immer noch Zeit, aufzuholen oder den Schnatz zu fangen. Ein paar Tore, und sie wären wieder wie üblich in Führung, redete sich Harry ein, während er sich hüpfend und schlängelnd den Weg an den anderen vorbeibahnte und einem schimmernden Etwas nachjagte – das sich als Montagues Armbanduhr herausstellte.
Aber Ron ließ zwei weitere Bälle durch. Harry spürte jetzt einen fast schon panischen Wunsch, den Schnatz zu finden. Wenn er ihn nur bald fangen und das Spiel rasch beenden konnte.
»– und Katie Bell von Gryffindor umfliegt Pucey, täuscht Montague an, hübscher Schlenker, Katie, und sie wirft zu Johnson, Angelina Johnson übernimmt den Quaffel, sie ist an Warrington vorbei, auf dem Weg zum Tor, nun mach schon, Angelina – TOR FÜR GRYFFINDOR! Es steht vierzig zu zehn, vierzig zu zehn für Slytherin und Pucey hat den Quaffel …«
Harry konnte Lunas lächerlichen Löwenhut durch den Jubel der Gryffindors brüllen hören und fühlte sich bestärkt; nur noch dreißig Punkte Rückstand, das war nichts, sie konnten leicht aufholen. Er duckte sich unter einem Klatscher weg, den Crabbe in seine Richtung geschleudert hatte, und fing erneut an, das Feld hektisch nach dem Schnatz abzusuchen, wobei er Malfoy im Auge behielt, denn womöglich gab er zu erkennen, dass er ihn gesichtet hatte. Aber Malfoy zog genauso fruchtlos suchend seine Kreise durch das Stadion …
»– Pucey wirft zu Warrington, Warrington zu Montague, Montague zurück zu Pucey – Johnson greift ein, Johnson übernimmt den Quaffel, Johnson an Bell, das sieht gut aus – ich meine, schlecht – ein Klatscher von Goyle aus Slytherin trifft Bell und wieder ist Pucey im Ballbesitz …«
»WEASLEY IST DUMM WIE ’N PLUMPUDDING,
LÄSST JEDEN QUAFFEL DURCH DEN RING.
WEASLEY SORGT FÜR UNSERN GEWINN …«
Aber Harry hatte ihn endlich gesichtet: Der kleine flatternde Goldene Schnatz schwebte keinen Meter über dem Boden auf der Slytherin-Seite des Felds.
Er stürzte sich hinab …
Sekunden später kam Malfoy zu Harrys Linken vom Himmel gerauscht, ein grünsilberner, verschwommener Fleck, flach auf seinem Besen …
Der Schnatz umflog den Fuß einer Torstange und flitzte davon zur anderen Seite der Tribüne; sein Richtungswechsel kam Malfoy gut zupass, der ihm jetzt näher war; Harry riss seinen Feuerblitz herum, er war nun gleichauf mit Malfoy …
Keinen Meter vom Boden nahm Harry die rechte Hand vom Besen und streckte sie nach dem Schnatz aus … rechts von ihm streckte sich auch Malfoys Arm, langte aus, griff ins Leere …
Nach zwei atemlosen, verzweifelten, windgepeitschten Sekunden war es vorbei – Harrys Finger schlossen sich um den kleinen widerspenstigen Ball – Malfoys Fingernägel kratzten vergebens über Harrys Handrücken – Harry zog seinen Besen nach oben, den sich sträubenden Ball in der Hand, und das Gryffindor-Publikum schrie vor Begeisterung …
Sie hatten es geschafft, es war egal, dass Ron sich diese Tore eingefangen hatte, niemand würde mehr davon reden, denn Gryffindor hatte gewonnen –
WAMM.
Ein Klatscher traf Harry mitten ins Kreuz und er flog vornüber vom Besen. Zum Glück war er nur gut anderthalb Meter über dem Boden, da er so weit heruntergekommen war, um den Schnatz zu fangen, dennoch blieb ihm fast die Luft weg, als er mit dem Rücken auf dem gefrorenen Feld aufschlug. Er hörte Madam Hoochs schrillen Pfiff, von den Tribünen her einen Tumult von Buhrufen, Zorngeschrei und Hohngelächter, dann einen dumpfen Aufprall und Angelinas aufgeregte Stimme.
»Alles in Ordnung mit dir?«
»’türlich«, sagte Harry verbissen, nahm ihre Hand und ließ sich von ihr hochziehen. Madam Hooch schoss auf einen der Slytherin-Spieler über ihm zu, doch konnte er aus seinem Blickwinkel nicht erkennen, wer es war.
»Es war Crabbe, dieser gemeine Hund«, sagte Angelina zornig, »der hat den Klatscher genau in dem Moment auf dich geschleudert, als er sah, dass du den Schnatz hattest – aber wir haben gewonnen, Harry, wir haben gewonnen!«
Harry hörte hinter sich ein Schnauben und wandte sich um, den Schnatz immer noch fest umklammert: Draco Malfoy war ganz in der Nähe gelandet. Obwohl er zornbleich im Gesicht war, brachte er ein höhnisches Grinsen zustande.
»Hast Weasley den Hals gerettet, was?«, sagte er zu Harry. »Ich hab noch keinen miserableren Hüter gesehen … aber er ist ja dumm wie ’n Plumpudding … hat dir mein Lied gefallen, Potter?«
Harry antwortete nicht. Er kehrte Malfoy den Rücken und wandte sich seinen Mannschaftskameraden zu, die jetzt einer nach dem anderen landeten, brüllten und siegestrunken die Fäuste in die Luft stießen; alle außer Ron, er war drüben bei den Torstangen vom Besen gestiegen und ging langsam und alleine offenbar in Richtung Umkleideraum.
»Wir wollten eigentlich noch ein paar Verse schreiben!«, rief Malfoy, während Katie und Alicia Harry umarmten. »Aber wir haben keine Reime auf fett und hässlich gefunden – wir wollten was über seine Mutter singen, verstehst du –«
»Dem sind eben die Trauben viel zu sauer«, sagte Angelina und warf Malfoy einen angewiderten Blick zu.
»– und nichtsnutziger Verlierer konnten wir auch nicht einbauen – für seinen Vater, weißt du –«
Fred und George war inzwischen klar geworden, worüber Malfoy redete. Mitten im Händeschütteln mit Harry erstarrten sie und drehten sich zu Malfoy um.
»Lass ihn!«, sagte Angelina sofort und fasste Fred am Arm. »Lass ihn, Fred, lass ihn schreien, der ist nur beleidigt, weil er verloren hat, der aufgeblasene kleine –«
»– aber du magst die Weasleys, nicht wahr, Potter?«, höhnte Malfoy. »Verbringst deine Ferien und so bei denen, stimmt’s? Ich versteh nicht, wie du den Gestank aushalten kannst, aber ich vermute mal, wenn du bei Muggeln aufgewachsen bist, riecht sogar die Bruchbude der Weasleys ganz erträglich –«
Harry packte George und hielt ihn fest. Unterdessen mühten sich Angelina, Alicia und Katie gemeinsam, Fred daran zu hindern, sich auf den dreist lachenden Malfoy zu stürzen. Harry blickte sich nach Madam Hooch um, doch sie schimpfte immer noch mit Crabbe wegen seines regelwidrigen Klatscherangriffs.
»Oder vielleicht«, sagte Malfoy und wich mit einem Seitenblick zurück, »vielleicht weißt du noch, wie das Haus von deiner Mutter gestunken hat, Potter, und der Saustall bei den Weasleys erinnert dich daran –«
Harry merkte gar nicht, dass er George losließ; er wusste nur, dass sie eine Sekunde später beide auf Malfoy zustürmten. Dass alle Lehrer zusahen, hatte er vollkommen vergessen: Alles, was er wollte, war, Malfoy so viel Schmerzen wie möglich zu bereiten; er hatte nicht die Zeit, seinen Zauberstab zu zücken, er zog nur die Faust zurück, die den Schnatz umklammert hielt, und stieß sie, so hart er konnte, in Malfoys Magen –
»Harry! HARRY! GEORGE! NEIN!«
Er konnte Mädchenstimmen kreischen, Malfoy schreien, George fluchen, eine Pfeife gellen und die Menge ringsum brüllen hören, aber es scherte ihn nicht. Erst als jemand in der Nähe »Impedimenta!« rief und die Kraft des Fluchs ihn rücklings zu Boden warf, ließ er von seinem Versuch ab, auf jeden Zentimeter von Malfoy, den er erreichen konnte, einzuschlagen.
»Was tun Sie da?«, schrie Madam Hooch, als Harry auf die Beine sprang. Offenbar war sie es gewesen, die ihm den Lähmzauber auf den Hals gejagt hatte; sie hielt die Pfeife in der einen und den Zauberstab in der anderen Hand; ihren Besen hatte sie ein paar Meter entfernt liegen lassen. Malfoy krümmte sich auf dem Boden, er wimmerte und stöhnte und blutete aus der Nase; George hatte eine geschwollene Lippe; Fred wurde immer noch mit Gewalt von den drei Jägerinnen zurückgehalten und Crabbe gackerte im Hintergrund. »Ein solches Verhalten ist mir noch nie untergekommen – zurück ins Schloss, Sie beide, und schnurstracks ins Büro Ihrer Hauslehrerin! Marsch! Sofort!«
Harry und George marschierten vom Feld, keuchend und ohne ein Wort miteinander zu sprechen. Das Brüllen und Johlen der Menge wurde immer schwächer, bis sie die Eingangshalle erreichten, wo sie nichts mehr hören konnten außer dem Geräusch ihrer Schritte. Harry bemerkte, dass noch immer etwas in seiner rechten Hand zappelte, deren Knöchel er sich beim Schlag gegen Malfoys Kinn gequetscht hatte. Er blickte hinab und sah, wie der Schnatz seine silbernen Flügel zwischen seinen Fingern hindurchstreckte und sich abmühte freizukommen.
Kaum hatten sie die Tür von Professor McGonagalls Büro erreicht, da kam sie auch schon den Korridor hinter ihnen entlanggeschritten. Sie trug einen Gryffindor-Schal, riss ihn sich aber mit zitternden Händen vom Hals, während sie, offenbar in Rage, auf sie zumarschiert kam.
»Rein da!«, sagte sie wütend und deutete auf die Tür. Harry und George gingen hinein. Sie trat hinter ihren Schreibtisch und sah sie bebend vor Zorn an, während sie ihren Gryffindor-Schal neben sich zu Boden warf.
»Nun?«, sagte sie. »Ich habe noch nie einen so schändlichen Auftritt erlebt. Zwei gegen einen! Erklären Sie das!«
»Malfoy hat uns provoziert«, sagte Harry steif.
»Sie provoziert?«, rief Professor McGonagall und schlug mit der Faust auf den Tisch, so dass ihre schottenkarierte Keksdose seitlich herunterrutschte, aufsprang und die Ingwerkekse über den Boden kullerten. »Er hatte nun mal verloren, oder? Natürlich wollte er Sie provozieren! Aber was um alles in der Welt kann er gesagt haben, das gerechtfertigt hätte, was Sie beide –«
»Er hat meine Eltern beleidigt«, knurrte George. »Und Harrys Mutter.«
»Aber anstatt es Madam Hooch zu überlassen, die Sache zu regeln, haben Sie beide beschlossen, so was wie ein Muggelduell aufzuführen?«, brüllte Professor McGonagall. »Haben Sie eine Ahnung, was Sie –?«
»Chrm, chrm.«
Harry und George wirbelten herum. Dolores Umbridge stand in der Tür, in einen grünen Tweedmantel gehüllt, der ihre Ähnlichkeit mit einer Riesenkröte enorm steigerte, und lächelte auf die grauenhaft süßliche, unheilvolle Weise, die für Harry inzwischen kurz bevorstehendes Unglück bedeutete.
»Kann ich Ihnen helfen, Professor McGonagall?«, fragte Professor Umbridge mit ihrer süßesten Giftstimme.
Das Blut schoss in Professor McGonagalls Gesicht.
»Helfen?«, wiederholte sie, sich mühsam beherrschend. »Was meinen Sie mit helfen?«
Professor Umbridge lächelte immer noch süßlich und trat weiter in den Raum.
»Ach, ich dachte nur, Sie wären dankbar für ein wenig zusätzliche Autorität.«
Harry hätte es nicht überrascht, Funken aus Professor McGonagalls Nasenlöchern stieben zu sehen.
»Falsch gedacht«, entgegnete sie und kehrte Umbridge den Rücken. »Also, Sie beide sollten jetzt sehr genau zuhören. Es ist mir gleich, womit Malfoy Sie provoziert hat, es ist mir gleich, ob er sämtliche Mitglieder Ihrer Familien beleidigt hat, Ihr Verhalten war unsäglich und ich gebe Ihnen beiden je eine Woche Nachsitzen! Sehen Sie mich nicht so an, Potter, es geschieht Ihnen recht! Und sollte einer von Ihnen jemals –«
»Chrm, chrm.«
Professor McGonagall schloss die Augen, als würde sie um Geduld flehen, und wandte das Gesicht erneut Professor Umbridge zu.
»Ja?«
»Ich denke, Sie verdienen doch mehr als Nachsitzen«, sagte Umbridge und lächelte noch breiter.
Professor McGonagall riss die Augen auf.
»Aber leider«, sagte sie und versuchte das Lächeln zu erwidern, doch es schien, als hätte sich ihr Kiefer verhakt, »leider zählt, was ich denke, da die beiden in meinem Haus sind, Dolores.«
»Nun, ich fürchte, Minerva«, erwiderte Professor Umbridge gespreizt, »Sie werden feststellen müssen, dass sehr wohl zählt, was ich denke. Wo hab ich es jetzt noch mal? Cornelius hat es mir soeben geschickt … ich meine«, sie ließ ein falsches leises Lachen hören, während sie in ihrer Handtasche stöberte, »ich will sagen, der Minister hat es soeben geschickt … ah ja …«
Sie hatte ein Stück Pergament herausgezogen, entfaltete es, räusperte sich umständlich und begann vorzulesen:
»Chrm, chrm … ›Ausbildungserlass Nummer fünfundzwanzig‹.«
»Nicht noch einer!«, rief Professor McGonagall hitzig.
»Nun, doch«, sagte Umbridge und lächelte unentwegt. »Tatsächlich waren Sie es, Minerva, die mich darauf gebracht hat, dass wir noch eine Ergänzung benötigen … erinnern Sie sich, wie Sie mich überfahren haben, als ich nicht bereit war, die Quidditch-Mannschaft von Gryffindor wieder spielen zu lassen? Wie Sie mit der Angelegenheit zu Dumbledore gegangen sind, der darauf bestand, dass die Mannschaft spielen durfte? Nun, das konnte ich einfach nicht zulassen. Ich habe sofort den Minister kontaktiert, und er stimmt vollkommen mit mir überein, dass die Großinquisitorin die Befugnis haben muss, den Schülern ihre Sonderrechte zu entziehen, anderenfalls hätte sie – das heißt ich – weniger Autorität als die gewöhnlichen Lehrer! Und jetzt sehen Sie, nicht wahr, Minerva, wie Recht ich hatte, als ich verhindern wollte, dass die Gryffindor-Mannschaft wieder spielt. Schreckliche Temperamente … wie auch immer, ich las gerade unseren Zusatz vor … chrm, chrm … ›die Großinquisitorin wird fürderhin die höchste Autorität innehaben bei allen gegen Hogwarts-Schüler ausgesprochenen Strafen und Sanktionen sowie bei der Streichung ihrer Sonderrechte, weiterhin die Befugnis, jedwede von anderen Mitgliedern des Lehrkörpers verhängte Strafe, Sanktion und Sonderrechtsstreichung zu korrigieren. Unterzeichnet Cornelius Fudge, Zaubereiminister, Merlinorden erster Klasse, usw., usw.‹.«
Sie rollte das Pergament ein und steckte es immer noch lächelnd zurück in ihre Handtasche.
»Nun … ich bin fest überzeugt, dass wir es diesen beiden verbieten müssen, jemals wieder Quidditch zu spielen«, sagte sie und blickte von Harry zu George und wieder zurück.
Harry spürte, dass der Schnatz in seiner Hand wie verrückt flatterte.
»Verbieten?«, sagte er und seine Stimme kam ihm merkwürdig fern vor. »Dass wir je wieder … spielen?«
»Ja, Mr Potter, ich denke, ein lebenslanges Spielverbot wird das Problem lösen«, sagte Umbridge, und ihr Lächeln wurde noch breiter, als sie zusah, wie er sich bemühte zu begreifen, was sie eben gesagt hatte. »Für Sie und Mr Weasley hier. Und ich denke, um sicherzugehen, muss auch dem Zwillingsbruder dieses jungen Mannes Einhalt geboten werden – wenn seine Mannschaftskameradinnen ihn nicht zurückgehalten hätten, dann hätte er sicherlich ebenfalls den jungen Mr Malfoy angegriffen. Natürlich werde ich Ihre Besen beschlagnahmen lassen; um dafür Sorge zu tragen, dass mein Verbot nicht übertreten wird, werde ich die Besen sicher in meinem Büro verwahren. Aber ich bin nicht unmäßig, Professor McGonagall«, fuhr sie fort und wandte sich wieder an Professor McGonagall, die jetzt so reglos dastand, als wäre sie aus Eis gemeißelt, und Umbridge anstarrte. »Der Rest der Mannschaft darf weiter spielen, bei ihnen habe ich keine Anzeichen von Gewalttätigkeit gesehen. Nun … schönen Tag noch.«
Mit einem Ausdruck tiefster Befriedigung ging Umbridge aus dem Büro und hinterließ ein entsetztes Schweigen.
»Spielverbot«, sagte Angelina mit hohler Stimme spät an diesem Abend im Gemeinschaftsraum. »Spielverbot. Kein Sucher und keine Treiber … was um Himmels willen sollen wir jetzt tun?«
Sie hatten nicht im Geringsten das Gefühl, das Spiel gewonnen zu haben. Wo immer Harry auch hinblickte, sah er trostlose und wütende Gesichter; die Mannschaft fläzte sich um das Feuer, alle außer Ron, den sie seit Spielende nicht mehr gesehen hatten.
»Das ist total ungerecht«, sagte Alicia wie betäubt. »Ich meine, was ist denn mit Crabbe und diesem Klatscher, den er geworfen hat, nachdem schon abgepfiffen war? Hat er Spielverbot bekommen?«
»Nein«, sagte Ginny betrübt; sie und Hermine saßen neben Harry. »Der muss als Strafe nur Sätze schreiben, ich hab gehört, wie Montague beim Abendessen drüber gelacht hat.«
»Und Fred hat auch noch Spielverbot gekriegt, obwohl er gar nichts getan hat!«, sagte Alicia wütend und trommelte sich mit der Faust aufs Knie.
»Das ist nicht meine Schuld«, sagte Fred mit einem sehr hässlichen Gesichtsausdruck. »Ich hätte diesen kleinen Schleimbeutel zu Brei geschlagen, wenn ihr drei mich nicht zurückgehalten hättet.«
Harry starrte bedrückt auf das dunkle Fenster. Es schneite. Der Schnatz, den er vorhin gefangen hatte, flatterte nun unentwegt im Gemeinschaftsraum umher; sie folgten ihm wie hypnotisiert mit den Augen und Krummbein sprang von Sessel zu Sessel und versuchte ihn zu fangen.
»Ich geh zu Bett«, sagte Angelina und erhob sich langsam. »Vielleicht stellt sich das alles ja nur als ein böser Traum heraus … vielleicht wache ich morgen auf und bemerke, dass wir noch gar nicht gespielt haben …«
Nicht lange, und Alicia und Katie folgten ihr. Fred und George hauten einige Zeit später ab ins Bett und warfen allen, an denen sie vorbeikamen, einen finsteren Blick zu; bald darauf ging auch Ginny. Nur Harry und Hermine blieben am Kamin sitzen.
»Hast du Ron gesehen?«, fragte Hermine mit leiser Stimme.
Harry schüttelte den Kopf.
»Ich glaub, er geht uns aus dem Weg«, sagte Hermine. »Wo, denkst du, ist –«
Doch genau in diesem Moment hörten sie hinter sich ein Knarren, da die fette Dame nach vorne schwang und Ron durch das Porträtloch hereingeklettert kam. Er war ausgesprochen blass und hatte Schnee in den Haaren. Als er Harry und Hermine sah, blieb er wie angewurzelt stehen.
»Wo warst du?«, fragte Hermine besorgt und sprang auf.
»Spazieren«, murmelte Ron. Noch immer trug er seine Quidditch-Sachen.
»Du siehst erfroren aus«, sagte Hermine. »Komm und setz dich!«
Ron ging zum Kamin und ließ sich in den am weitesten von Harry entfernten Sessel sinken, ohne ihn anzusehen. Der gestohlene Schnatz schoss über sie hinweg.
»Tut mir leid«, murmelte Ron und betrachtete seine Füße.
»Was denn?«, fragte Harry.
»Dass ich dachte, ich könnte Quidditch spielen«, sagte Ron. »Morgen früh tret ich als Erstes aus der Mannschaft aus.«
»Wenn du austrittst«, sagte Harry gereizt, »dann sind nur noch drei Spieler übrig.« Und als Ron verdutzt dreinsah, fügte er hinzu: »Ich hab lebenslanges Spielverbot. Fred und George auch.«
»Was?«, japste Ron.
Hermine erzählte ihm die ganze Geschichte; Harry brachte es nicht über sich, sie noch einmal zu wiederholen. Als Hermine fertig war, wirkte Ron nur noch gequälter.
»Das ist alles meine Schuld –«
»Du hast mich nicht gezwungen, Malfoy zu verprügeln«, sagte Harry zornig.
»– wenn ich nicht so mies im Quidditch wäre –«
»– das hat damit nichts zu tun.«
»– es war dieses Lied, das mich fertiggemacht hat –«
»– das hätte jeden fertig gemacht –«
Hermine stand auf und trat ans Fenster, weg von den Streitenden. Sie sah zu, wie der Schnee gegen die Scheibe wirbelte.
»Hör mal, es reicht jetzt, verstanden!«, platzte Harry heraus. »Es ist schon schlimm genug, da musst du dir nicht auch noch die Schuld an allem geben!«
Ron sagte nichts, saß nur da und starrte unglücklich auf den feuchten Saum seines Umhangs. Nach einer Weile sagte er mit dumpfer Stimme: »So schlecht hab ich mich noch nie im Leben gefühlt.«
»Willkommen im Klub«, sagte Harry bitter.
»Hört mal«, warf Hermine ein und ihre Stimme zitterte leicht. »Ich weiß etwas, das euch beide wieder aufmuntern wird.«
»Ach ja?«, erwiderte Harry skeptisch.
»Ja«, sagte Hermine und wandte sich von dem pechschwarzen Fenster voller Schneeflocken ab. Ein breites Lächeln zog sich über ihr Gesicht. »Hagrid ist wieder da.«
Hagrids Geschichte
Harry spurtete hoch in den Jungenschlafsaal, um den Tarnumhang und die Karte des Rumtreibers aus seinem Koffer zu holen. Er war so schnell, dass er und Ron mindestens schon seit fünf Minuten aufbruchsbereit waren, als Hermine aus dem Mädchenschlafsaal zurückkehrte, ausstaffiert mit Schal, Handschuhen und einem ihrer knubbligen Elfenhüte.
»Na ja, draußen ist es eben kalt!«, sagte sie trotzig, als Ron ungeduldig mit der Zunge schnalzte.
Sie krochen durch das Porträtloch und hüllten sich hastig in den Tarnumhang – Ron war so groß geworden, dass er sich inzwischen ducken musste, um seine Füße zu verbergen –, dann gingen sie langsam und vorsichtig die vielen Treppen hinunter. Ab und zu hielten sie inne und suchten auf der Karte nach einer Spur von Filch oder Mrs Norris. Sie hatten Glück; niemand war zu sehen außer dem Fast Kopflosen Nick, der geistesabwesend dahinschwebte und etwas vor sich hin summte, das schrecklich nach »Weasley ist unser King« klang. Sie schlichen durch die Eingangshalle und hinaus auf die stillen, verschneiten Schlossgründe. Harrys Herz machte einen gewaltigen Sprung, als er vor sich kleine goldene Lichtquadrate und eine Rauchfahne erspähte, die aus Hagrids Kamin emporstieg. Er schritt nun zügig aus, und die beiden anderen folgten ihm, während sie sich schubsten und anrempelten. Aufgeregt knirschten sie durch den immer höheren Schnee, bis sie endlich die hölzerne Tür erreicht hatten. Als Harry die Faust hob und dreimal klopfte, fing ein Hund drinnen wild an zu bellen.
»Hagrid, wir sind’s!«, rief Harry durch das Schlüsselloch.
»Hätt’s mir denken können!«, sagte eine raue Stimme.
Die drei strahlten sich unter dem Tarnumhang an; sie konnten an Hagrids Stimme hören, dass er sich freute. »Bin grad mal drei Sekunden zu Haus … aus’m Weg, Fang … aus’m Weg, du tranige Töle …«
Der Riegel wurde zurückgeschoben, die Tür ging knarrend auf und Hagrids Kopf erschien im Spalt.
Hermine schrie auf.
»Beim Merlinsbart, sei leise!«, sagte Hagrid rasch und spähte hektisch über ihre Köpfe hinweg. »Unterm Umhang seid ihr? Gut, kommt rein, kommt rein!«
»Tut mir leid«, keuchte Hermine, als die drei sich an Hagrid vorbei in die Hütte drängten und den Tarnumhang von sich wegzogen, damit er sie sehen konnte. »Ich hab mich nur – oh, Hagrid!«
»Is’ nichts, is’ nichts!«, versicherte ihr Hagrid eilends, schloss die Tür hinter ihnen und zog schleunigst alle Vorhänge zu, aber Hermine starrte ihn weiterhin entsetzt an.
Hagrids Haar war mit geronnenem Blut verklebt und sein linkes Auge war nur noch ein geschwollener Schlitz inmitten einer Masse schwarzvioletter Blutergüsse. Auf Gesicht und Händen hatte er viele Schnittwunden, von denen manche noch bluteten, und er bewegte sich so behutsam, dass Harry vermutete, er könne sich einige Rippen gebrochen haben. Es war offensichtlich, dass er gerade erst nach Hause gekommen war. Ein dicker schwarzer Reisemantel lag über einer Stuhllehne, und eine Provianttasche, die so groß war, dass ein paar kleine Kinder hineingepasst hätten, lehnte an der Wand neben der Tür. Hagrid selbst, doppelt so groß wie ein normal gewachsener Mann, humpelte nun hinüber zum Feuer und stellte einen Kupferkessel auf den Rost.
»Was ist mit dir passiert?«, wollte Harry wissen, während Fang um sie alle herumtänzelte und versuchte ihnen die Gesichter abzulecken.
»Habt’s doch gehört, nichts«, sagte Hagrid nachdrücklich. »Wollt ihr ’ne Tasse Tee?«
»Nun mach uns mal nichts vor«, entgegnete Ron, »du siehst ja fürchterlich aus!«
»Ich sag euch doch, ’s is’ alles in Ordnung mit mir«, versicherte Hagrid, richtete sich auf, drehte sich um und wollte sie breit anlächeln, zuckte dann aber zusammen. »Verdammich, is’ gut, euch alle drei mal wiederzusehn – schönen Sommer gehabt?«
»Hagrid, du bist angegriffen worden!«, sagte Ron.
»Zum letzten Mal, ’s is’ nichts!«, erwiderte Hagrid entschieden.
»Würdest du auch sagen, es ist nichts, wenn jemand von uns mit ’nem Pfund Hackfleisch als Gesicht auftauchen würde?«, fragte Ron.
»Du solltest gleich zu Madam Pomfrey gehen, Hagrid«, sagte Hermine besorgt, »ein paar von diesen Schnittwunden sehen übel aus.«
»Ich werd schon damit fertig, klar?«, erwiderte Hagrid barsch.
Er ging hinüber zu dem riesigen Holztisch, der mitten in der Hütte stand, und zog ein Handtuch, das darauf lag, beiseite. Darunter kam ein rohes, blutiges, grünstichiges Steak zum Vorschein, ein wenig größer als ein gewöhnlicher Autoreifen.
»Das willst du doch nicht etwa essen, Hagrid?«, sagte Ron und beugte sich vor, um es näher in Augenschein zu nehmen. »Das sieht giftig aus.«
»So soll’s auch sein, ’s is’ Drachenfleisch«, sagte Hagrid. »Un’ ich hab’s mir nicht zum Essen besorgt.«
Er nahm das Steak in die Hand und klatschte es sich auf die linke Gesichtshälfte. Grünliches Blut tröpfelte ihm in den Bart, während er leise und zufrieden stöhnte.
»Is’ schon besser. Hilft gegen’s Brennen, versteht ihr.«
»Wie sieht’s aus, erzählst du uns jetzt, was mit dir passiert ist?«, fragte Harry.
»Kann nich, Harry. Top secret. Werd mein’ Job nicht riskieren und’s euch erzählen.«
»Haben die Riesen dich verprügelt, Hagrid?«, fragte Hermine leise.
Das Drachensteak entglitt Hagrids Fingern und rutschte ihm platschend auf die Brust.
»Riesen?«, sagte Hagrid. Er fing das Steak auf, bevor es seinen Gürtel erreicht hatte, und klatschte es sich wieder aufs Gesicht. »Wer hat was von Riesen erzählt? Mit wem habt ihr gesproch’n? Wer hat euch gesagt, was ich – wer hat gesagt, ich sei – hä?«
»Wir haben’s geraten«, sagte Hermine entschuldigend.
»Oh, jaah, habt ihr, soso?«, sagte Hagrid und fixierte sie streng mit dem Auge, das nicht hinter dem Steak verborgen war.
»Es war irgendwie … klar«, sagte Ron. Harry nickte.
Hagrid schaute sie finster an, schnaubte dann, warf das Steak wieder auf den Tisch und schritt hinüber zum Kessel, der inzwischen zu pfeifen begonnen hatte.
»Hab noch nie Kinner wie euch gekannt, die dermaßen viel mehr wussten, als ihnen gutgetan hat«, murmelte er und schüttete kochendes Wasser in drei seiner eimergroßen Becher. »Un’ das is’ kein Kompliment nich. Neugierig, würden manche sagen. Tunichtgute.«
Aber sein Bart zuckte.
»Also hast du nach den Riesen gesucht?«, sagte Harry und setzte sich grinsend an den Tisch.
Hagrid stellte den dreien Tee hin, setzte sich, nahm erneut sein Steak und klatschte es sich wieder aufs Gesicht.
»Ja, von mir aus«, knurrte er. »Hab ich.«
»Und du hast sie gefunden?«, sagte Hermine mit gedämpfter Stimme.
»Na, die sind nich schwer zu finden, ehrlich mal«, erwiderte Hagrid. »Ziemlich groß, verstehste.«
»Wo sind sie?«, fragte Ron.
»Berge«, beschied ihn Hagrid knapp.
»Und die Muggel kommen ihnen nicht in die –?«
»Doch«, sagte Hagrid finster. »Nur, wenn die ums Leben kommen, heißt’s immer Bergunglück, oder?«
Er schob das Steak ein wenig zurecht, damit es die schlimmsten Blutergüsse bedeckte.
»Komm schon, Hagrid, erzähl uns, was du unternommen hast!«, sagte Ron. »Erzähl uns, wie die Riesen dich angegriffen haben, dann kann Harry dir erzählen, wie ihn die Dementoren angegriffen haben –«
Hagrid verschluckte sich, spuckte in seine Tasse und ließ zugleich das Steak fallen; eine Unmenge Spucke, Tee und Drachenblut sprühte über den Tisch, während Hagrid hustete und prustete und das Steak mit einem leisen Platsch zu Boden rutschte.
»Was soll’n das heißen, von Dementoren angegriffen?«, knurrte Hagrid.
»Hast du’s nicht gewusst?«, fragte ihn Hermine mit weit aufgerissenen Augen.
»Ich hab keine Ahnung, was hier passiert ist, seit ich fortgegangen bin. War ’ne geheime Mission, versteht ihr, wollt nich, dass mir ständig Eulen folgen – verfluchte Dementoren! Das meinst du doch nich im Ernst?«
»Mein ich sehr wohl, sie sind in Little Whinging aufgetaucht und haben meinen Cousin und mich angegriffen, und dann hat mich das Zaubereiministerium rausgeworfen –«
»WAS?«
»– und ich musste zu ’ner Anhörung und alles, aber erzähl uns erst mal von den Riesen.«
»Die haben dich rausgeworfen?«
»Erzähl uns von deinem Sommer und ich erzähl dir von meinem.«
Mit seinem offenen Auge funkelte ihn Hagrid finster an. Harry, der einen Ausdruck unschuldiger Entschlossenheit auf dem Gesicht hatte, hielt seinem Blick stand.
»Na, von mir aus«, sagte Hagrid mit resignierter Stimme.
Er bückte sich und zog das Drachensteak aus Fangs Maul.
»Oh, Hagrid, tu das nicht, das ist unhygien–«, fing Hermine an, aber Hagrid hatte sich das Fleisch schon wieder auf sein geschwollenes Auge gedrückt.
Zur Stärkung nahm er noch einen Schluck Tee, dann begann er: »Also, wir sin’ gleich aufgebrochen, als das Schuljahr zu Ende war –«
»Dann ist Madame Maxime also mit dir gegangen?«, warf Hermine ein.
»Ja, genau«, sagte Hagrid, und die paar Zentimeter Gesicht, die nicht von Bart oder grünem Steak verdeckt waren, nahmen einen sanfteren Ausdruck an. »Ja, war’n nur wir zwei beide. Und ich kann euch sagen, die Olympe, der mach’s nichts aus, wenn’s hart auf hart kommt. Ihr wisst ja, sie is’ ’ne elegante, gut angezogene Frau, und mir war klar, wo’s hinging, und ich hab mich schon gefragt, wie’s für sie wär, über Geröll zu klettern und in Höhlen zu schlafen und so, aber sie hat sich nich ein einziges Mal beschwert.«
»Du wusstest, wo es hinging?«, fragte Harry. »Du wusstest, wo die Riesen waren?«
»Na ja, Dumbledore wusste das und er hat’s uns gesagt«, erwiderte Hagrid.
»Haben die sich verborgen?«, fragte Ron. »Ist es ein Geheimnis, wo sie stecken?«
»Eigentlich nich«, sagte Hagrid und schüttelte seinen struppigen Kopf. »’s is’ nur so, dass es die meisten Zauberer nicht groß schert, wo die sin’, solang es nur weit genug weg ist. Aber da, wo die sin’, da kommt man sehr schwer hin, Menschen jedenfalls, also brauchten wir Dumbledores Rat. Brauchten rund ’nen Monat, bis wir da waren –«
»Einen Monat?«, sagte Ron, als ob er noch nie von einer Reise gehört hätte, die so lächerlich lange gedauert hatte. »Aber – warum habt ihr euch nicht einfach einen Portschlüssel geschnappt oder so was?«
Ein merkwürdiger Ausdruck, fast so etwas wie Mitleid, trat in Hagrids nicht bedecktes Auge, mit dem er Ron nun scheel ansah.
»Wir wer’n beobachtet, Ron«, sagte er knurrig.
»Was soll das heißen?«
»Du verstehst das nicht«, sagte Hagrid. »Das Ministerium hält ’n Auge auf Dumbledore und alle, von denen sie glauben, dass sie mit ihm verbündet sin’, und –«
»Das wissen wir«, sagte Harry rasch, der auf den Rest von Hagrids Geschichte brannte. »Wir wissen, dass das Ministerium Dumbledore überwacht –«
»Also konntet ihr gar nicht zaubern, um dorthin zu kommen?«, fragte Ron wie vom Donner gerührt. »Ihr musstet euch den ganzen Weg wie Muggel verhalten?«
»Na ja, eigentlich nicht den ganzen Weg«, sagte Hagrid ausweichend. »Wir musst’n nur vorsichtig sein, weil Olympe und ich, wir fallen ’n bisschen auf –«
Ron machte ein gedämpftes Geräusch, halb Schnauben, halb Schniefen, und nahm hastig einen großen Schluck Tee.
»– also is’ es nicht schwer, uns zu folgen. Wir haben so getan, wie wenn wir zusammen Ferien machen wollten, sind also rüber nach Frankreich und dann erst ma’ in Richtung von der Schule von Olympe, weil wir wussten, dass jemand vom Ministerium uns beschattet. Wir mussten langsam machen, weil ich eigentlich gar nich zaubern darf und wir wussten, das Ministerium würd nach ’nem Grund suchen, uns einzubuchten. Aber wir haben’s geschafft und haben den Trottel, der uns verfolgt hat, in der Nähe von Die-John abgehängt –«
»Ooooh, Dijon?«, sagte Hermine entzückt. »Ich war da mal in den Ferien, hast du die Stadt –?«
Sie verstummte angesichts von Rons Miene.
»Danach ham wir’s mit ’nem bisschen Magie probiert und ab dann war’s gar keine schlechte Reise. Sind an der polnischen Grenze mit ’n paar verrückten Trollen zusammengeraten und ich hatt’ ’ne kleine Meinungsverschiedenheit mit ’nem Vampir in ’ner Spelunke in Minsk, aber ansonsten hätt’s nich besser laufen können.
Und dann sin’ wir dort angekommen und sin’ die Berge hochgeklettert und haben nach denen Ausschau gehalten …
Die Magie mussten wir bleiben lassen, sobald wir in der Nähe von denen waren. Teils weil die keine Zauberer mögen, wir wollten die nicht zu schnell vergrätzen, und teils weil Dumbledore uns gewarnt hatte, dass Du-weißt-schon-wer auch den Riesen und so hinterher sein müsste. Meinte, es wär ziemlich sicher, dass er denen schon ’nen Boten geschickt hat. Wir sollten ganz vorsichtig sein un’ uns unauffällig verhalten, wenn wir denen näher kommen, falls schon welche von den Todessern in der Gegend wär’n.«
Hagrid legte eine Pause ein und nahm einen ausgiebigen Schluck Tee.
»Weiter!«, drängte Harry.
»Ham sie gefunden«, sagte Hagrid trocken. »Eines Nachts sind wir übern Bergkamm und da war’n sie, hatten sich unten auf der anderen Seite breitgemacht. Da brannten kleine Feuer und’s gab riesige Schatten … war, wie wenn du zusiehst, dass sich Teile von’n Bergen bewegen.«
»Wie groß sind sie?«, fragte Ron leise.
»Um die sechs Meter«, sagte Hagrid beiläufig. »Manche von den größeren vielleicht siebeneinhalb.«
»Und wie viele waren es?«, fragte Harry.
»Ich schätz ma’, um die siebzig bis achtzig«, sagte Hagrid.
»Das sind alle?«, sagte Hermine.
»Jep«, sagte Hagrid traurig, »achtzig sind noch übrig, und es waren ’ne Menge mehr, müss’n hundert verschiedene Stämme auf der ganzen Welt gewesen sein. Aber die sind schon seit ’ner Ewigkeit am Aussterb’n. ’türlich haben Zauberer ’n paar getötet, aber meistens haben sie sich gegenseitig umgebracht, und jetzt sterben sie noch schneller aus. Die sind nich dafür geschaffen, so zusammengepfercht zu leben. Dumbledore meint, das ist unsere Schuld, es war’n Zauberer, die sie gezwungen haben zu fliehen und weit weg von uns zu leben, und sie hatten keine Wahl und mussten sich zu ihrem Schutz zusammenrotten.«
»Also«, sagte Harry, »ihr habt sie gesehen, und was weiter?«
»Nun, wir haben bis zum Morgen gewartet, wollten uns nich im Dunkeln an sie ranschleichen, zu unsrer eig’nen Sicherheit«, sagte Hagrid. »Gegen drei Uhr morgens sind sie eingeschlafen, grad da, wo sie saßen. Wir haben uns nich getraut zu schlafen. Zum einen wollten wir sichergehen, dass keiner von denen aufwacht und zu uns hochkommt, und zum anderen war das ein Geschnarche, das glaubst du nich. Hat gegen Morgen ’ne Lawine ausgelöst.
Jedenfalls, sobald’s hell war, sind wir zu ihnen runtergestiegen.«
»Einfach so?«, sagte Ron mit ehrfürchtiger Miene. »Ihr seid einfach da in dieses Lager von den Riesen reinspaziert?«
»Na ja, Dumbledore hat uns gesagt, wie wir’s anstellen sollen«, sagte Hagrid. »Dem Gurg Geschenke überreichen, ihm ein bisschen Respekt bezeugen, ihr wisst schon.«
»Wem Geschenke überreichen?«, fragte Harry.
»Oh, dem Gurg, das is’ der Häuptling.«
»Woher wusstet ihr, wer der Gurg war?«, fragte Ron.
Hagrid grunzte belustigt.
»Kein Problem«, sagte er. »Er war der Größte, der Hässlichste und der Faulste. Hockte da und hat sich von den anderen Futter bringen lassen. Tote Ziegen und so. Hieß Karkus. Ich hätt ihn so auf die sieben Meter geschätzt, und gewogen hat er wohl so viel wie ’n paar Elefantenbullen. Hatte ’ne Haut wie ’n Nashorn und alles.«
»Und da seid ihr einfach so zu ihm hinspaziert?«, sagte Hermine atemlos.
»Na ja … erst mal runter zu ihm ins Tal, wo er lag. Die war’n in dieser Senke zwischen vier ziemlich hohen Bergen, wisst ihr, an ’nem Bergsee, und Karkus lag am See und hat die andern angebrüllt, sie sollen ihm und seinem Weib Futter bringen. Olympe und ich sin’ den Berghang runter –«
»Aber haben die nicht versucht euch umzubringen, als sie euch sahen?«, fragte Ron ungläubig.
»’n paar von denen hat’s sicher gejuckt«, sagte Hagrid achselzuckend, »aber wir haben getan, was Dumbledore uns gesagt hat, nämlich unser Geschenk vor uns hochhalten un’ immer nur den Gurg angucken und nich auf die andern achten. Genau das haben wir gemacht. Un’ die andern haben sich beruhigt un’ ließen uns vorbei un’ wir sin’ bis direkt vor die Füße von Karkus gekommen un’ haben uns verneigt un’ das Geschenk vor ihn hingelegt.«
»Was schenkt man einem Riesen denn so?«, fragte Ron neugierig. »Was zu fressen?«
»Nee, das kann er sich ganz gut selbst besorgen«, sagte Hagrid. »Wir haben ihm was zum Zaubern mitgebracht. Riesen finden Zaubern gut, bloß nich, wenn wir’s gegen sie gebrauchen. Jedenfalls ham wir ihm an diesem ersten Tag ’nen Ableger vom Gubraith-Feuer geschenkt.«
Hermine sagte leise »Wow!«, aber Harry und Ron runzelten nur ratlos die Stirn.
»Einen Ableger von was –?«
»Ewiges Feuer«, sagte Hermine gereizt, »das solltet ihr inzwischen aber wissen. Professor Flitwick hat es mindestens zwei Mal im Unterricht erwähnt!«
»Na ja, wie auch immer«, griff Hagrid rasch ein, bevor Ron dagegenhalten konnte, »Dumbledore hat diesen Ableger verzaubert, damit er immer und ewig brennt, und das kann nicht jeder Zauberer. Ich leg ihn also in den Schnee vor die Füße von Karkus und sag: ›Ein Geschenk für den Gurg der Riesen von Albus Dumbledore, der seine respektvollen Grüße sendet.‹«
»Und was hat Karkus gesagt?«, fragte Harry begierig.
»Nichts«, sagte Hagrid. »Konnt kein Englisch.«
»Du willst uns verulken!«
»War aber egal«, sagte Hagrid gelassen. »Dumbledore hat uns gewarnt, dass das passieren kann. Karkus hat so viel begriffen, dass er nach ’n paar Riesen rief, die unsre Sprache kannten, und die haben für uns übersetzt.«
»Und hat ihm das Geschenk gefallen?«, fragte Ron.
»Aber hallo, sobald die kapiert hatten, was es war, brach die Hölle los«, sagte Hagrid, drehte sein Drachensteak um und drückte nun die kühlere Seite auf sein geschwollenes Auge. »Richtig gefreut ham sich die. Also hab ich gesagt: ›Albus Dumbledore bittet den Gurg, mit seinem Boten zu sprechen, wenn er morgen mit einem neuen Geschenk zurückkehrt.‹«
»Warum konntest du nicht an diesem Tag mit ihm reden?«, fragte Hermine.
»Dumbledore wollte, dass wir’s sehr langsam angehen«, sagte Hagrid. »Ihn sehn lassen, dass wir unsere Versprechen halten. Wir kehren morgen mit einem neuen Geschenk zurück, und dann kommen wir tatsächlich mit ’nem neuen Geschenk wieder – macht ’nen guten Eindruck, verstehst du? Außerdem ham sie mehr Zeit, das erste Geschenk auszuprobieren, und könn’ sehn, dass es was taugt, und dann werden sie scharf auf noch eins. Jedenfalls, bei Riesen wie Karkus is’ es so – machst du zu viele Worte, dann bringen sie dich um, nur damit die Sache wieder einfacher wird. Wir sind also unter Verbeugungen wieder weg un’ haben ’ne nette kleine Höhle für uns gefunden, wo wir die Nacht verbracht haben, un’ als wir am Morgen drauf wieder zurück sind, sitzt Karkus schon da und wartet auf uns, und ganz gespannt war er auch schon.«
»Und ihr habt mit ihm gesprochen?«
»O ja. Erst ham wir ihm einen hübschen Schlachthelm geschenkt – koboldgearbeitet und unzerstörbar, müsst ihr wissen – und dann haben wir uns hingesetzt und mit ihm geredet.«
»Was hat er gesagt?«
»Nich viel«, sagte Hagrid. »Hat meist zugehört. Aber die Zeichen war’n gut. Er hatte von Dumbledore gehört, nämlich dass er sich damals gegen die Tötung der letzten Riesen in Britannien ausgesprochen hat. Karkus hat sich, wie’s aussah, ziemlich für das interessiert, was wir ihm von Dumbledore ausgerichtet haben. Und ’n paar von den andern, besonders die, die ’n bisschen Englisch konnten, haben sich um uns geschart und auch zugehört. Wir war’n ganz guter Dinge, als wir an diesem Tag weg sind. Versprachen, am nächsten Morgen mit noch ’nem Geschenk wiederzukommen.
Aber in dieser Nacht is’ dann alles schiefgegangen.«
»Was soll das heißen?«, sagte Ron rasch.
»Nun, ich hab’s gesagt, die leben von Natur aus eigentlich nich zusammen, diese Riesen«, sagte Hagrid traurig. »Nich in so großen Gruppen. Die können einfach nich anders, die bringen sich alle paar Wochen halb um. Die Männer kämpfen gegeneinander und die Frauen kämpfen gegeneinander, die Überlebenden der alten Stämme bekämpfen einander, und dann komm’ noch die Kabbeleien wegen Fressen oder den besten Feuerstellen oder Schlafplätzen dazu. Wenn du siehst, dass die ganze Rasse so ziemlich am Ende ist, könntest du meinen, die lassen ma’ voneinander ab, aber …«
Hagrid seufzte schwer.
»In dieser Nacht brach ein Kampf aus, wir haben’s vom Eingang unserer Höhle gesehn, wo wir runter ins Tal geschaut haben. Ging stundenlang so, war ’n unglaublicher Lärm. Und als die Sonne aufging, war der Schnee scharlachrot und sein Kopf lag auf’m Grund vom See.«
»Wessen Kopf?«, japste Hermine.
»Der von Karkus«, sagte Hagrid bedrückt. »Es gab ’nen neuen Gurg, Golgomath.« Er seufzte wieder. »Na ja, wir hatten nich mit ’nem neuen Gurg gerechnet, zwei Tage nachdem wir gut Freund mit Karkus geworden war’n, und wir hatten das komische Gefühl, Golgomath würd nicht so scharf drauf sein, uns zuzuhören, aber wir mussten’s versuchen.«
»Ihr seid hingegangen, um mit ihm zu reden?«, fragte Ron ungläubig. »Nachdem ihr zugesehen habt, wie er ’nem anderen Riesen den Kopf abgerissen hat?«
»’türlich«, sagte Hagrid. »Wir haben doch nich den ganzen Weg gemacht, um dann nach zwei Tagen aufzugeben! Wir sin’ runter, mit dem nächsten Geschenk, das wir eigentlich Karkus geben wollten. Aber ich hatte noch nich mal den Mund aufgemacht, da wusst ich schon, es wird nichts draus. Wie wir näher kamen, saß er da mit dem Helm von Karkus auf und hat uns schief angeguckt. Er is’ fett, einer der Dicksten da. Schwarzes Haar und passende Zähne und ’n Halsband aus Knochen. ’n paar Menschenknochen drunter, wie’s aussah. Na ja, ich hab’s eben mal versucht – hielt ihm ’ne große Rolle Drachenhaut hin und sagte: ›Ein Geschenk für den Gurg der Riesen –‹ Und kaum dass ich mich’s versah, hing ich schon an den Füßen kopfüber in der Luft, zwei von seinen Kumpels hatten mich gepackt.«
Hermine schlug die Hände vor den Mund.
»Wie bist du da wieder rausgekommen?«, fragte Harry.
»Wär ich nich, wenn Olympe nicht dabei gewesen wär«, sagte Hagrid. »Sie hat ihren Zauberstab rausgeholt und hat ’n paar Zauber losgelassen, so schnell, das hab ich noch kaum gesehn. War fabelhaft, verdammt noch mal. Hat den beiden, die mich festhielten, Konjunktivitis-Flüche direkt in die Augen geschossen und die haben mich gleich fallen lassen – aber jetzt hatten wir richtig Ärger, weil wir gegen die gezaubert hatten, und das können die Riesen an den Zauberern nun ma’ überhaupt nicht leiden. Wir mussten abhauen und’s war klar, wir hatten keine Chance mehr, zurück ins Lager zu kommen.«
»Nicht zu fassen, Hagrid«, sagte Ron leise.
»Und weshalb hast du so lange nach Hause gebraucht, wenn du nur drei Tage dort warst?«, fragte Hermine.
»Wir sind doch nich nach drei Tagen schon wieder abgehauen!«, entgegnete Hagrid empört. »Dumbledore hat sich auf uns verlassen!«
»Aber du hast doch eben gesagt, ihr hattet keine Chance mehr, ins Lager zurückzukommen!«
»Nich bei Tageslicht, nein, das nich. Wir mussten nur ’n wenig umdenken. Haben ’n paar Tage unauffällig in der Höhle verbracht und sie beobachtet. Und was wir sah’n, war nich gut.«
»Hat er noch mehr Köpfe abgerissen?«, fragte Hermine angewidert.
»Nein«, sagte Hagrid. »Ich wünschte, er hätt’s.«
»Was soll das heißen?«
»Soll heißen, wir haben bald rausgefunden, dass er nich gegen alle Zauberer was hatte – nur gegen uns.«
»Todesser?«, sagte Harry rasch.
»Jep«, erwiderte Hagrid düster. »Zwei von denen haben ihn jeden Tag besucht, brachten Geschenke für den Gurg, und die jedenfalls hat er nich kopfüber aufgehängt.«
»Woher wusstet ihr, dass es Todesser waren?«, sagte Ron.
»Weil ich einen von denen erkannt hab«, knurrte Hagrid. »Macnair, wisst ihr noch? Der Kerl, den sie geschickt haben, um Seidenschnabel zu töten? Ist ’n Wahnsinniger. Tötet genauso gern wie Golgomath; kein Wunder, dass die so gut miteinander auskamen.«
»Also hat Macnair die Riesen überredet, sich Du-weißt-schon-wem anzuschließen?«, sagte Hermine verzweifelt.
»Nich so schnell mit den Hippogreifen, ich bin noch nich fertig mit der Geschichte!«, sagte Hagrid entrüstet. Dafür, dass er ihnen zunächst gar nichts hatte sagen wollen, genoss er es jetzt offensichtlich sehr, zu erzählen. »Olympe und ich ham’s besprochen und wir war’n uns einig; nur weil der Gurg anschein’d Du-weißt-schon-wen besser fand, hieß das noch nich, dass es alle von denen taten. Wir mussten versuchen, ’n paar von den andern zu überzeugen, die nicht Golgomath als Gurg gewollt hatten.«
»Wie konntet ihr die von den anderen unterscheiden?«, fragte Ron.
»Na, das war’n einfach die, die zu Brei gehauen wurden«, erklärte Hagrid geduldig. »Und die mit ’nem bisschen Verstand sind Golgomath aus’m Weg gegangen und haben sich in den Höhlen um die Senke versteckt, genau wie wir. Also ham wir beschlossen, wir schleichen uns nachts in die Höhlen und schau’n, ob wir ’n paar von denen überzeugen können.«
»Ihr habt euch in dunkle Höhlen geschlichen und nach Riesen gesucht?«, sagte Ron mit ehrfürchtiger Bewunderung in der Stimme.
»Tja, es waren nich die Riesen, die uns am meisten Sorgen gemacht haben«, sagte Hagrid. »Wir hatten mehr Befürchtungen wegen den Todessern. Dumbledore hat uns gesagt, bevor wir los sind, wir sollten uns mit denen möglichst nich anlegen, aber das Problem war, die wussten, dass wir in der Gegend war’n – vermute mal, Golgomath hat ihnen von uns erzählt. Nachts, wenn die Riesen schliefen und wir in die Höhlen kriechen wollten, trieben sich Macnair und der andere in den Bergen rum und ham nach uns gesucht. War schwer, Olympe davon abzuhalten, sich auf die zu stürzen«, sagte Hagrid und verzog die Mundwinkel, so dass sich sein struppiger Bart hob, »sie war ganz scharf drauf, die anzugreifen … die hat was, wenn sie mal in Fahrt is’, Olympe … feurig, wisst ihr … muss die Französin in ihr sein …«
Hagrid stierte mit trüben Augen ins Feuer. Harry ließ ihn eine halbe Minute in seinen Erinnerungen schwelgen, dann räusperte er sich laut.
»Also, was ist passiert? Seid ihr irgendwann mal in die Nähe von einem der anderen Riesen gekommen?«
»Was? Oh … oh, ja, sind wir. Ja, in der dritten Nacht, nachdem sie Karkus umgebracht hatten, sind wir aus unserm Höhlenversteck gekrochen und wieder runter in die Senke gestiegen, ständig auf der Hut vor Todessern. Sin’ in ein paar Höhlen rein, war aber nichts – dann, in der sechsten vielleicht, haben wir drei Riesen gefunden, die sich versteckt hatten.«
»Die Höhle muss aber proppenvoll gewesen sein«, sagte Ron.
»Konntest nich mal mehr ’n Kniesel schwingen«, bestätigte Hagrid.
»Haben die euch nicht angegriffen, als sie euch sahen?«, fragte Hermine.
»Hätten’s wohl getan, wenn sie einigermaßen in Form gewesen wär’n«, sagte Hagrid, »aber die war’n schwer verletzt, alle drei; die Sippe von Golgomath hatte die halb tot geschlagen, sie sin’ aufgewacht und in den nächstbesten Unterschlupf gekrochen, den sie finden konnten. Jedenfalls, einer von denen konnt ’n bisschen Englisch und er hat für die andern übersetzt, und was wir zu sagen hatten, fanden sie wohl gar nich so schlecht. Also sin’ wir immer wieder gekommen und ham uns um die Verletzten gekümmert … Ich schätz, zu der Zeit hatten wir sechs oder sieben von denen überzeugt …«
»Sechs oder sieben?«, sagte Ron aufgeregt. »Na ja, das ist nicht schlecht – kommen die jetzt hierher und fangen an, mit uns gegen Du-weißt-schon-wen zu kämpfen?«
Aber Hermine sagte: »Was meinst du mit ›zu der Zeit‹, Hagrid?«
Hagrid sah sie traurig an.
»Golgomaths Sippe hat die Höhlen überfallen. Die Überlebenden wollten danach nichts mehr mit uns zu tun haben.«
»Also … also kommen gar keine Riesen?«, sagte Ron enttäuscht.
»Nee«, sagte Hagrid, seufzte schwer, drehte das Steak um und legte die kühlere Seite auf sein Gesicht, »aber wir haben erledigt, was wir vorhatten, wir haben Dumbledores Botschaft überbracht, und ich denk, manche von denen, die’s gehört haben, werden sich dran erinnern. Wer weiß, vielleicht ziehen die, die nich bei Golgomath bleiben wollen, fort aus den Bergen, und möglicherweise erinnern sie sich ja, dass Dumbledore freundlich zu ihnen war … könnt sein, dass sie kommen.«
Das Fenster schneite allmählich ein. Harry spürte, dass sein Umhang an den Knien durchnässt war: Fang hatte den Kopf in seinen Schoß gelegt und sabberte.
»Hagrid?«, sagte Hermine nach einer Weile leise.
»Mmm?«
»Hast du … war da irgendeine Spur von … hast du irgendwas von deiner … deiner Mutter gehört, während du dort warst?«
Hagrids unverdecktes Auge blieb auf ihr ruhen und Hermine wirkte ziemlich beklommen.
»Verzeihung … ich … schon gut –«
»Tot«, brummte Hagrid. »Vor Jahren schon gestorben. Ham sie mir gesagt.«
»Oh … das … tut mir wirklich leid«, sagte Hermine mit sehr leiser Stimme. Hagrid zuckte mit den massigen Schultern.
»Macht nichts«, sagte er knapp. »Kann mich sowieso kaum an sie erinnern. War nich die beste aller Mütter.«
Wieder schwiegen sie. Hermine warf Harry und Ron nervöse Blicke zu, offensichtlich wollte sie, dass sie etwas sagten.
»Aber du hast immer noch nicht erklärt, weshalb du so zugerichtet bist, Hagrid«, sagte Ron und deutete auf Hagrids blutverschmiertes Gesicht.
»Oder warum du so spät zurückkommst«, sagte Harry. »Sirius meint, Madame Maxime sei schon ewig lange wieder da –«
»Wer hat dich angegriffen?«, fragte Ron.
»Ich wurd nicht angegriffen!«, sagte Hagrid nachdrücklich. »Ich –«
Aber seine weiteren Worte gingen in einem plötzlichen Gepolter an der Tür unter. Hermine keuchte; der Becher rutschte ihr aus den Fingern und zerschellte auf dem Boden; Fang jaulte. Alle vier starrten auf das Fenster neben der Tür. Der Schatten einer kleinen, gedrungenen Gestalt kräuselte sich über den dünnen Vorhang.
»Das ist sie!«, flüsterte Ron.
»Darunter!«, sagte Harry rasch; er packte den Tarnumhang und ließ ihn über sich und Hermine flattern, Ron kam um den Tisch geflitzt und tauchte ebenfalls darunter. Aneinandergedrängt zogen sie sich in eine Ecke zurück. Fang bellte wie verrückt die Tür an. Hagrid schien gründlich verwirrt.
»Hagrid, versteck unsere Becher!«
Hagrid packte die Becher von Harry und Ron und legte sie unter das Kissen in Fangs Korb. Fang sprang nun immer wieder an der Tür hoch. Hagrid schob ihn mit dem Fuß beiseite und öffnete.
Professor Umbridge stand vor der Tür, in ihrem grünen Tweedmantel und mit einem passenden Hut mit Ohrenschützern. Mit geschürzten Lippen lehnte sie sich zurück, damit sie Hagrids Gesicht sehen konnte; sie reichte ihm kaum bis zum Nabel.
»So«, sagte sie langsam und laut, als ob sie mit einem Tauben reden würde. »Sie sind Hagrid, nicht wahr?«
Ohne auf eine Antwort zu warten, kam sie in die Hütte und ihre Glubschaugen sahen sich überall um.
»Weg da«, fauchte sie und schlug mit der Handtasche nach Fang, der an ihr hochgesprungen war und ihr das Gesicht ablecken wollte.
»Ähm – ich will ja nich unhöflich sein«, sagte Hagrid und starrte sie an, »aber wer zum Teufel sind Sie eigentlich?«
»Mein Name ist Dolores Umbridge.«
Ihre Augen suchten die Hütte ab. Zweimal starrten sie geradewegs in die Ecke, in der Harry platt gedrückt zwischen Ron und Hermine stand.
»Dolores Umbridge?«, sagte Hagrid und klang völlig ratlos. »Ich dacht, Sie wär’n vom Ministerium – arbeiten Sie nicht für Fudge?«
»Ich war Erste Untersekretärin des Ministers, ja«, sagte Umbridge, schritt nun in der Hütte auf und ab und registrierte die kleinste Kleinigkeit, von der Provianttasche an der Wand bis zum abgelegten Reisemantel. »Ich bin jetzt Lehrerin für Verteidigung gegen die dunklen Künste –«
»Da sin’ Sie aber mutig«, sagte Hagrid. »Gibt gar nich mehr so viele, die den Job machen woll’n.«
»– und Großinquisitorin von Hogwarts«, sagte Umbridge ohne ein Zeichen, dass sie ihn gehört hatte.
»Was’n das?«, fragte Hagrid stirnrunzelnd.
»Genau das wollte ich Sie auch fragen«, sagte Umbridge und deutete auf die Porzellanscherben am Boden, die einmal Hermines Becher gewesen waren.
»Oh«, sagte Hagrid mit einem gar nicht hilfreichen Blick in die Ecke, wo Harry, Ron und Hermine verborgen standen, »oh … das war … war Fang. Hat ’nen Becher kaputtgemacht. Hab dafür den nehmen müssen.«
Hagrid deutete auf den Becher, aus dem er getrunken hatte, während er mit der anderen Hand weiterhin das Drachensteak auf sein Auge presste. Umbridge stand jetzt direkt vor ihm und prüfte statt der Hütte jede Einzelheit von Hagrids Erscheinung.
»Ich habe Stimmen gehört«, sagte sie ruhig.
»Ich hab mit Fang geredet«, erwiderte Hagrid beherzt.
»Und hat er Ihnen geantwortet?«
»Nun … wie man’s nimmt«, erwiderte Hagrid mit sichtlichem Unbehagen. »Manchmal sag ich, der Fang, der is’ fast wie ’n Mensch –«
»Im Schnee sind die Spuren von drei Paar Füßen und sie führen vom Schlossportal zu Ihrer Hütte«, sagte Umbridge ölig.
Hermine keuchte; Harry schlug ihr die Hand auf den Mund. Zum Glück schnüffelte Fang lautstark am Saum von Professor Umbridges Umhang und sie hatte offenbar nichts gehört.
»Tja, ich bin grad erst zurückgekommen«, sagte Hagrid und schwenkte seine gewaltige Hand in Richtung Provianttasche. »Vielleicht wollt vorher jemand zu Besuch kommen und ich hab sie verpasst.«
»Es führen keine Fußspuren von Ihrer Hütte weg.«
»Also … ich hab keine Ahnung, wie das kommen kann …«, sagte Hagrid, zupfte nervös an seinem Bart und spähte erneut in die Ecke, wo Harry, Ron und Hermine standen, als wollte er sie um Hilfe bitten. »Ähm …«
Umbridge wirbelte herum, schritt die ganze Hütte ab und sah sich dabei genau um. Sie bückte sich und spähte unters Bett. Sie öffnete Hagrids Schränke. Sie kam an Harry, Ron und Hermine vorbei, die sich an die Wand gedrückt hatten, und das in fünf Zentimeter Entfernung; Harry zog in diesem Moment tatsächlich den Bauch ein. Nachdem sie sorgfältig den gewaltigen Kessel inspiziert hatte, den Hagrid zum Kochen benutzte, wirbelte sie wieder herum und sagte: »Was ist mit Ihnen passiert? Wie haben Sie sich diese Verletzungen zugezogen?«
Hagrid ließ hastig das Drachensteak von seinem Gesicht sinken, was Harry für einen Fehler hielt, weil die schwarzvioletten Blutergüsse um sein Auge jetzt deutlich sichtbar waren, ganz zu schweigen von der großen Menge frischen und geronnenen Blutes auf seinem Gesicht. »Oh … ich hatte ’nen kleinen Unfall«, sagte er lahm.
»Was für einen Unfall?«
»Ich – ich bin gestolpert.«
»Sie sind gestolpert«, wiederholte sie kühl.
»Ja, genau. Über … über den Besen von ’nem Freund. Ich selbst, ich flieg ja nicht. Na ja, Sie sehn, wie groß ich bin, ich schätz nich, dass es einen Besen gibt, der mich tragen würd. Freund von mir züchtet Abraxas-Pferde, keine Ahnung, ob Sie schon mal welche gesehn ham, riesige Viecher, mit Flügeln, wissen Sie, ich hab eins von denen kurz mal geritten, und das war –«
»Wo sind Sie gewesen?«, unterbrach Umbridge kühl Hagrids Gebrabbel.
»Wo bin ich –?«
»Gewesen, ja«, sagte sie. »Das Schuljahr hat vor zwei Monaten begonnen. Eine Lehrerin musste für Sie einspringen. Keiner Ihrer Kollegen war in der Lage, mir irgendwelche Informationen über Ihren Aufenthaltsort zu geben. Sie haben keine Adresse hinterlassen. Wo sind Sie gewesen?«
Eine Pause trat ein, während deren Hagrid sie mit seinem inzwischen nicht mehr bedeckten Auge anstarrte. Harry konnte schier hören, wie Hagrids Gehirn fieberhaft arbeitete.
»Ich – ich war weg aus gesundheitlichen Gründen«, antwortete er.
»Aus gesundheitlichen Gründen«, sagte Professor Umbridge. Ihre Augen wanderten über Hagrids entstelltes und geschwollenes Gesicht. Sanft und still tröpfelte Drachenblut auf seine Weste. »Verstehe.«
»Jaah«, sagte Hagrid. »’n bisschen frische Luft schnappen, wiss’n Sie –«
»Ja, als Wildhüter kommt man ja so selten an die frische Luft«, sagte Umbridge honigsüß. Der kleine Fleck in Hagrids Gesicht, der nicht schwarz oder violett war, wurde rot.
»Na ja – mal was andres sehen, verstehn Sie –«
»Die Bergwelt?«, sagte Umbridge rasch.
Sie weiß es, dachte Harry verzweifelt.
»Bergwelt?«, wiederholte Hagrid und überlegte offenbar schnell. »Von wegen. Ich steh auf Südfrankreich. Bisschen Sonne … und Meer.«
»Wirklich?«, sagte Umbridge. »Sie sind aber nicht gerade braun geworden.«
»Jaah … nun … hab ’ne empfindliche Haut«, erwiderte Hagrid und versuchte ein einnehmendes Lächeln. Harry fiel auf, dass zwei seiner Zähne ausgeschlagen waren. Umbridge sah ihn kalt an; sein Lächeln gefror. Dann schob sie ihre Handtasche etwas höher in die Armbeuge und sagte: »Natürlich werde ich den Minister über Ihre verspätete Rückkehr unterrichten.«
»Verstehe«, sagte Hagrid und nickte.
»Sie sollten auch wissen, dass es meine leidige, aber notwendige Pflicht als Großinquisitorin ist, bei meinen Lehrerkollegen Inspektionen durchzuführen. Daher würde ich meinen, wir sehen uns recht bald wieder.«
Sie wandte sich abrupt um und schritt zur Tür zurück.
»Sie inspizier’n uns?«, erwiderte Hagrid verdutzt und sah ihr nach.
»O ja«, sagte Umbridge sanft und wandte sich, die Hand auf der Türklinke, zu ihm um. »Das Ministerium ist entschlossen, nicht zufrieden stellende Lehrer auszujäten, Hagrid. Gute Nacht.«
Sie ging hinaus und ließ die Tür hinter sich zuschnappen. Harry wollte gerade den Tarnumhang runterziehen, da packte ihn Hermine am Handgelenk.
»Noch nicht«, hauchte sie ihm ins Ohr. »Vielleicht steht sie noch draußen.«
Hagrid schien Ähnliches zu denken; er stapfte durch die Hütte und zog den Vorhang ein paar Zentimeter beiseite.
»Sie geht zurück zum Schloss«, sagte er mit leiser Stimme. »Grundgütiger … inspiziert die Leute, is’ das wahr?«
»Allerdings«, sagte Harry und zog den Umhang herunter. »Trelawney ist schon auf Bewährung …«
»Ähm … was hast du denn so geplant für unsere Klasse, Hagrid?«, fragte Hermine.
»Ach, mach dir darüber keine Sorgen, ich hab schon ’ne ganze Menge Stunden vorbereitet«, sagte Hagrid begeistert, klaubte sein Drachensteak vom Tisch und klatschte es sich wieder übers Auge. »Ich hab mir ’n paar Geschöpfe für euer ZAG-Jahr aufgespart; wartet nur ab, die sin’ was ganz Besonderes.«
»Ähm – was meinst du damit?«, fragte Hermine behutsam.
»Verrat ich nich«, sagte Hagrid fröhlich. »Will euch ja die Überraschung nich verderben.«
»Hör mal, Hagrid«, drängte Hermine und verzichtete nun auf jede Verstellung, »Professor Umbridge wird es überhaupt nicht gutheißen, wenn du etwas zu Gefährliches mit in den Unterricht bringst.«
»Gefährlich?«, sagte Hagrid und machte eine belustigt-versonnene Miene. »Sei nicht albern, ich würd euch doch nichts Gefährliches mitbringen! Also gut, zugegeben, die können schon für sich selbst sorgen –«
»Hagrid, du musst die Inspektion von Umbridge bestehen, und da wär’s wirklich besser, wenn sie sehen würde, dass du uns beibringst, wie man sich um Porlocks kümmert oder wie man Knarle und Igel unterscheiden kann, so Zeug eben!«, sagte Hermine ernst.
»Aber das is’ nich sonderlich interessant, Hermine«, erwiderte Hagrid. »Das, was ich hab, das macht viel mehr her. Ich kümmer mich schon seit Jahren um sie, ich vermut mal, ich hab die einzige zahme Herde in Britannien.«
»Hagrid … bitte …«, sagte Hermine und echte Verzweiflung lag in ihrer Stimme. »Umbridge sucht nach irgendwelchen Ausreden, um Lehrer loszuwerden, von denen sie glaubt, sie stünden Dumbledore zu nah. Bitte, Hagrid, bring uns irgendwas Langweiliges bei, das sicher in den ZAGs drankommt.«
Doch Hagrid gähnte nur herzhaft und warf mit dem einen Auge einen sehnsüchtigen Blick zu dem riesigen Bett in der Ecke.
»Hör ma’, war ’n langer Tag und ’s is’ schon spät«, sagte er und tätschelte Hermine freundschaftlich die Schulter; die Knie knickten ihr ein und schlugen dumpf auf den Boden. »Oh – ’tschuldigung –« Er zog sie hinten am Umhangkragen wieder auf die Beine. »Schau ma’, nu mach dir mal keine Sorgen um mich, ich versprech dir, ich plan wirklich gute Sachen für euern Unterricht, jetzt, wo ich wieder da bin … und ihr geht nun am besten wieder hoch zum Schloss, und vergesst nicht, die Fußspuren hinter euch zu verwischen!«
»Keine Ahnung, ob er eigentlich begriffen hat, was du meintest«, sagte Ron kurze Zeit später, nachdem sie geprüft hatten, ob die Luft rein war, und durch den immer höheren Schnee zurück zum Schloss gingen, wobei sie diesmal dank Hermines Tilgzauber keine Spuren hinterließen.
»Dann geh ich eben morgen noch mal zu ihm«, sagte Hermine entschlossen. »Wenn’s sein muss, bereite ich selbst den Unterricht für ihn vor. Ob sie nun Trelawney rauswirft, ist mir schnuppe, aber Hagrid bleibt!«
Das Auge der Schlange
Am Sonntagmorgen pflügte Hermine durch eine sechzig Zentimeter tiefe Schneedecke zurück zu Hagrids Hütte. Harry und Ron hatten eigentlich mitgehen wollen, doch ihr Hausaufgabenberg hatte schon wieder eine alarmierende Höhe erreicht, also blieben sie widerwillig im Gemeinschaftsraum zurück und versuchten die freudigen Rufe zu ignorieren, die vom Schlossgrund heraufdrangen, wo sich ihre Mitschüler damit vergnügten, auf dem gefrorenen See Schlittschuh zu laufen, zu rodeln oder, was das Schlimmste war, Schneebälle zu verhexen, die dann hoch zum Gryffindor-Turm schossen und hart gegen die Fenster krachten.
»Hey!«, brüllte Ron, dem schließlich der Kragen platzte, und streckte den Kopf aus dem Fenster. »Ich bin Vertrauensschüler, und wenn noch ein einziger Schneeball dieses Fenster trifft – AUTSCH!«
Er riss den Kopf zurück, das Gesicht voller Schnee.
»Das sind Fred und George«, klagte er bitter und schlug das Fenster hinter sich zu. »Mistkerle …«
Hermine kehrte kurz vor dem Mittagessen von Hagrid zurück, leicht bibbernd und mit bis zu den Knien feuchtem Umhang.
»Wie steht’s?«, fragte Ron und hob den Kopf, als sie eintrat. »Hast du den ganzen Unterricht für ihn vorbereitet?«
»Na ja, ich hab’s versucht«, sagte sie dumpf und ließ sich in einen Sessel neben Harry sinken. Sie zog ihren Zauberstab und machte mit ihm einen komplizierten kleinen Schlenker, so dass heiße Luft aus der Spitze strömte. Sie hielt sie an ihren Umhang, der nun dampfend zu trocknen begann. »Als ich kam, war er gar nicht da, ich hab mindestens eine halbe Stunde lang geklopft. Und dann ist er aus dem Wald gestapft –«
Harry stöhnte. Im Verbotenen Wald wimmelte es nur so von jenen Geschöpfen, mit denen Hagrid sich ziemlich sicher den Rauswurf einhandeln würde. »Was hält er sich dort drin? Hat er’s verraten?«, fragte er.
»Nein«, sagte Hermine betrübt. »Es soll eine Überraschung werden, meint er. Ich hab versucht ihm die Sache mit Umbridge zu erklären, aber er kapiert es einfach nicht. Dauernd sagte er, keiner, der noch alle Tassen im Schrank habe, würde lieber Knarle als Chimäras studieren – oh, ich glaub nicht, dass er eine Chimära hat«, fuhr sie auf die bestürzten Blicke Harrys und Rons hin fort, »aber das liegt nicht daran, dass er’s nicht versucht hätte, immerhin hat er mal gesagt, es sei so schwer, ihre Eier zu kriegen. Ich weiß nicht, wie oft ich ihm erklärt hab, er würde besser fahren, wenn er sich an Raue-Pritsches Lehrplan hielte, aber ehrlich gesagt, ich glaub nicht, dass er mir auch nur mit halbem Ohr zugehört hat. Er ist übrigens in ziemlich merkwürdiger Stimmung. Er will immer noch nicht sagen, wie er sich all seine Verletzungen zugezogen hat.«
Dass Hagrid am nächsten Tag beim Frühstück wieder am Lehrertisch auftauchte, stieß nicht bei allen Schülern auf Begeisterung. Manche, wie Fred, George und Lee, brüllten vor Freude und spurteten zwischen dem Gryffindor- und dem Hufflepuff-Tisch durch, um Hagrids gewaltige Pranke zu drücken. Andere, wie Parvati und Lavender, tauschten düstere Blicke und schüttelten den Kopf. Harry war klar, dass viele von ihnen lieber bei Professor Raue-Pritsche Unterricht hatten, und das Schlimmste dabei war, dass ein sehr kleiner, unparteiischer Teil von ihm wusste, dass sie gute Gründe dafür hatten: Raue-Pritsche stellte sich unter einem interessanten Unterricht jedenfalls nichts vor, womit sie riskiert hätte, dass jemandem der Kopf abgerissen würde.
Ein wenig beklommen machten sich Harry, Ron und Hermine, dick eingemummelt gegen die Kälte, am Dienstag auf den Weg zu Hagrid. Harry bereitete nicht nur Sorge, was Hagrid sich wohl für den Unterricht vorgenommen hatte, sondern auch, wie der Rest der Klasse, besonders Malfoy und Konsorten, sich verhalten würden, wenn Umbridge ihnen zusah.
Allerdings war die Großinquisitorin nirgends zu entdecken, als sie sich durch den Schnee auf Hagrid zukämpften, der am Rande des Verbotenen Waldes auf sie wartete. Sein Anblick stimmte nicht gerade zuversichtlich; die Blutergüsse, die am Samstagabend noch violett gewesen waren, hatten jetzt einen Stich ins Grün-Gelbe, und manche Schnittwunden bluteten offensichtlich immer noch. Das verstand Harry nicht: War Hagrid vielleicht von einer Kreatur angegriffen worden, deren Gift verhinderte, dass die von ihr geschlagenen Wunden verheilten? Wie um den unheilvollen Eindruck noch abzurunden, trug Hagrid etwas über der Schulter, das aussah wie eine halbe tote Kuh.
»Wir arbeit’n heute dort drin!«, rief Hagrid den sich nähernden Schülern gut gelaunt entgegen und warf den Kopf zurück in Richtung der dunklen Bäume hinter ihm. »Bisschen geschützter! Jedenfalls sind sie lieber im Dunkeln.«
»Was ist lieber im Dunkeln?«, hörte Harry Malfoy scharf und mit einem Anflug von Panik in der Stimme zu Crabbe und Goyle sagen. »Was, hat er gesagt, will lieber im Dunkeln sein – habt ihr es gehört?«
Harry erinnerte sich an das bislang einzige Mal, dass Malfoy den Wald betreten hatte; auch damals war er nicht sonderlich mutig gewesen. Er lächelte in sich hinein; nach dem Quidditch-Spiel war ihm alles recht, was Malfoy das Leben schwer machte.
»Fertig?«, fragte Hagrid vergnügt und blickte rundum in ihre Gesichter. »Also dann, ich hab mir für euer fünftes Schuljahr ’nen kleinen Waldspaziergang aufgespart. Dachte, wir könnten uns diese Geschöpfe in ihrem natürlichen Lebensraum ansehen. Nun passt mal auf, was wir heute betrachten, is’ ziemlich selten, ich schätz mal, ich bin so ziemlich der Einzige in Britannien, der’s geschafft hat, die zu dressieren.«
»Und Sie sind sicher, dass sie dressiert sind, ja?«, fragte Malfoy mit noch deutlicherer Panik in der Stimme. »Wär jedenfalls nicht das erste Mal, dass Sie wilde Viecher in den Unterricht bringen, oder?«
Die Slytherins murmelten zustimmend, und auch einige Gryffindors sahen ganz danach aus, als wären sie der Meinung, Malfoy hätte gar nicht so Unrecht.
»’türlich sind die dressiert«, sagte Hagrid. Er blickte finster drein und schob sich die tote Kuh noch ein wenig höher auf die Schulter.
»Und was haben Sie eigentlich mit Ihrem Gesicht gemacht?«, wollte Malfoy wissen.
»Kümmer dich um dein’ eig’nen Kram!«, sagte Hagrid aufgebracht. »Also, wenn ihr keine dummen Fragen mehr habt, dann folgt mir!«
Er wandte sich um und marschierte geradewegs in den Wald hinein. Niemand schien große Lust zu haben, ihm zu folgen. Harry warf Ron und Hermine einen Blick zu, die seufzten, dann aber nickten, und die drei setzten sich an die Spitze der Klasse und folgten Hagrid.
Sie waren etwa zehn Minuten gegangen, als sie eine Stelle erreichten, an der die Bäume so dicht standen, dass nur noch Dämmerlicht herrschte und überhaupt kein Schnee auf dem Boden lag. Ächzend legte Hagrid seine Kuhhälfte auf die Erde, trat zurück und drehte sich zu seinen Schülern um, die meist von Baum zu Baum auf ihn zuschlichen und sich nervös umsahen, als fürchteten sie, jeden Moment angefallen zu werden.
»Näher ran, näher ran«, ermutigte sie Hagrid. »Also, der Fleischgeruch wird sie anlocken, aber ich ruf sie trotzdem, weil die gern wissen möchten, dass ich’s bin.«
Er drehte sich um, schüttelte seinen struppigen Kopf, um die Haare aus dem Gesicht zu bekommen, und stieß einen merkwürdigen, schrillen Schrei aus, der durch die dunklen Bäume hallte wie der Ruf eines Vogelungeheuers. Keiner lachte: Die meisten schienen zu verängstigt, um auch nur einen Laut von sich zu geben.
Erneut stieß Hagrid den schrillen Schrei aus. Eine Minute verging, in der die Schüler unentwegt nervös über die Schultern und zwischen den Bäumen umherspähten, um einen ersten Blick zu erhaschen auf was immer da kommen mochte. Und dann, als Hagrid zum dritten Mal die Haare zurückwarf und seine mächtige Brust dehnte, stieß Harry Ron an und deutete auf die schwarze Lücke zwischen zwei knorrigen Eiben.
Ein leeres, weißes, schimmerndes Augenpaar erschien in der Düsternis und wurde immer größer, und einen Moment später tauchten der drachenartige Kopf, der Hals und dann der Skelettkörper eines großen, schwarzen, geflügelten Pferdes aus der Dunkelheit auf. Es wandte sich ein paar Sekunden der Klasse zu und peitschte mit seinem langen schwarzen Schwanz, dann neigte es den Kopf und fing an, mit seinen spitzen Fangzähnen Fleisch von der toten Kuh zu reißen.
Eine Woge der Erleichterung überkam Harry. Hier endlich war der Beweis, dass er sich diese Geschöpfe nicht nur eingebildet hatte, dass es sie wirklich gab: Auch Hagrid wusste von ihnen. Er blickte gespannt auf Ron, doch Ron stierte immer noch in die Bäume, und nach einigen Sekunden flüsterte er: »Warum ruft Hagrid nicht noch mal?«
Die meisten anderen machten ebenso verwirrte und nervös-erwartungsvolle Gesichter wie Ron und blickten noch immer auf alles Mögliche, nur nicht auf das Pferd, das gerade mal ein paar Meter entfernt vor ihnen stand. Offenbar gab es nur zwei andere Schüler, die imstande waren, das Wesen zu sehen: ein drahtiger Junge aus Slytherin, gleich hinter Goyle, der dem Pferd mit offensichtlich großem Abscheu beim Fressen zusah; und Neville, dessen Blick dem hin und her wedelnden langen schwarzen Schwanz folgte.
»Holla, da kommt noch eins!«, verkündete Hagrid stolz, als ein zweites schwarzes Pferd zwischen den dunklen Bäumen auftauchte, seine ledrigen Flügel enger an den Körper legte, den Kopf sinken ließ und nun ebenfalls Fleisch verschlang. »Also dann … wer sie sehen kann, meldet sich!«
Mächtig froh, dass er nun endlich das Geheimnis dieser Pferde erfahren würde, hob Harry die Hand. Hagrid nickte ihm zu.
»Jaah … ja, das hab ich mir gedacht, Harry«, sagte er ernst. »Un’ du auch, Neville, was? Un’ –«
»Verzeihung bitte«, sagte Malfoy höhnisch, »aber was genau sollen wir da eigentlich sehen?«
Zur Antwort deutete Hagrid auf den Kuhkadaver am Boden. Die ganze Klasse starrte ihn ein paar Sekunden lang an, dann keuchten einige und Parvati kreischte auf. Harry war klar, warum: Ganze Fleischstücke, die sich von den Knochen abrissen und in Luft auflösten, mussten in der Tat ein ziemlich unheimlicher Anblick sein.
»Wer macht das?«, fragte Parvati mit grauenerfüllter Stimme und wich hinter den nächsten Baum zurück. »Wer frisst das Fleisch?«
»Thestrale«, sagte Hagrid stolz, und von Hermine, die neben Harry stand, kam ein leises »Oh!«, da sie nun begriffen hatte. »Hogwarts hat ’ne ganze Herde davon hier drin. Also, wer weiß –?«
»Aber die bringen ganz, ganz viel Unglück«, unterbrach ihn die entsetzt dreinblickende Parvati. »Den Leuten, die sie sehen, sollen alle möglichen schrecklichen Dinge zustoßen. Professor Trelawney hat mir mal erzählt –«
»Nein, nein, nein«, sagte Hagrid glucksend, »das is’ alles nur Aberglaube, nich wahr, die bringen kein Unglück, die sind total klug und nützlich! ’türlich, die hier haben nich viel zu tun, ziehen hauptsächlich die Schulkutschen, außer wenn Dumbledore mal ’ne lange Reise macht und nicht apparier’n will – und da sind noch ’n paar, seht mal –«
Zwei weitere Pferde kamen leise zwischen den Bäumen hervor, eines lief ganz nah an Parvati vorbei, die erschauderte und sich eng an den Baum presste. »Ich glaub, ich hab was gespürt«, sagte sie. »Ich glaub, es ist mir ganz nah!«
»Mach dir keine Sorgen, das beißt nicht«, sagte Hagrid geduldig. »Na denn, wer kann mir jetzt sagen, warum manche von euch sie sehn können un’ manche nicht?«
Hermine hob die Hand.
»Dann schieß ma’ los«, sagte Hagrid und strahlte sie an.
»Die einzigen Menschen, die Thestrale sehen können«, sagte sie, »sind Menschen, die den Tod gesehen haben.«
»Das stimmt genau«, sagte Hagrid ernst. »Zehn Punkte für Gryffindor. Also, Thestrale –«
»Chrm, chrm.«
Professor Umbridge war da. Sie stand ein paar Schritte von Harry entfernt, trug wieder ihren grünen Hut und Mantel und hatte ihr Klemmbrett im Anschlag. Hagrid, der Umbridges falsches Räuspern noch nicht gehört hatte, musterte einigermaßen besorgt den nächsten Thestral, offenbar in der Meinung, er hätte das Geräusch gemacht.
»Chrm, chrm.«
»Oh, hallo«, sagte Hagrid und lächelte, als er bemerkt hatte, von wem das Geräusch kam.
»Sie haben die Mitteilung erhalten, die ich heute Morgen zu Ihrer Hütte geschickt habe?«, sagte Umbridge mit der gleichen lauten, langsamen Stimme, mit der sie ihn zuvor schon angesprochen hatte, ganz als würde sie mit jemandem reden, der fremd und nicht besonders schnell von Begriff war. »In der ich Ihnen angekündigt habe, dass ich Ihren Unterricht inspizieren werde?«
»Oh, ja«, sagte Hagrid strahlend. »Freut mich, dass Sie hergefunden ham! Tja, wie Sie sehn können – oder, ich weiß nich – können Sie? Wir nehmen heute Thestrale durch –«
»Wie bitte?«, sagte Professor Umbridge laut und legte stirnrunzelnd eine Hand hinter die Ohrmuschel. »Was haben Sie gesagt?«
Hagrid schien leicht verwirrt.
»Ähm – Thestrale!«, sagte er laut. »Große – ähm – geflügelte Pferde, Sie wissen ja!«
Er wedelte hoffnungsvoll mit seinen gewaltigen Armen. Professor Umbridge musterte ihn, zog die Brauen hoch und machte sich murmelnd eine Notiz auf ihrem Klemmbrett: »Muss … auf … primitive … Zeichen … sprache … zurückgreifen.«
»Tja … wie auch immer …«, sagte Hagrid und wandte sich ein bisschen nervös wieder der Klasse zu, »ähm … wo war ich grade?«
»Hat … offenbar … schlechtes … Kurzzeit … gedächtnis«, murmelte Umbridge, so laut, dass alle es hören konnten. Draco Malfoy machte ein Gesicht, als ob Weihnachten einen Monat früher gekommen wäre; Hermine hingegen war vor unterdrücktem Zorn scharlachrot angelaufen.
»Oh, ja«, sagte Hagrid und blickte voll Unbehagen hinüber zu Umbridges Klemmbrett, machte aber tapfer weiter. »Jaah, ich wollt euch erzählen, wie’s kommt, dass wir ’ne Herde haben. Also, wir ham angefangen mit ’nem Männchen und fünf Weibchen. Der da«, er tätschelte das zuerst erschienene Pferd, »der heißt Tenebrus und den hab ich besonders gern, ist nämlich der erste, der hier im Wald gebor’n worden ist –«
»Sind Sie sich bewusst«, unterbrach ihn Umbridge laut, »dass das Zaubereiministerium Thestrale als ›gefährlich‹ eingestuft hat?«
Harry wurde das Herz schwer wie ein Stein, aber Hagrid gluckste nur.
»Thestrale sin’ nich gefährlich! Na gut, die beißen vielleicht ’n Stück von einem ab, wenn man sie wirklich ärgert –«
»Zeigt … unverkennbare … Anzeichen … von … Vergnügen … bei … Gewalt … vorstellungen«, murmelte Umbridge und kritzelte erneut auf ihr Klemmbrett.
»Nein – jetz’ is’ aber genug!«, sagte Hagrid und wirkte nun ein wenig beklommen. »Ich mein, ’n Hund beißt Sie doch auch, wenn Sie ihn reizen, oder nich – un’ Thestrale haben nu halt mal ’nen schlechten Ruf wegen der Sache mit dem Tod – früher haben die Leute geglaubt, sie wär’n schlechte Omen, nich? Haben’s einfach nicht verstanden, was?«
Umbridge antwortete nicht; sie schrieb ihre letzte Notiz zu Ende, dann blickte sie zu Hagrid auf und sagte, wiederum sehr laut und langsam: »Bitte fahren Sie mit dem Unterricht fort wie üblich. Ich werde ein wenig umhergehen« – sie ahmte Gehbewegungen nach (Malfoy und Pansy Parkinson schüttelten sich stumm vor Lachen) – »bei Ihren Schülern« (sie wies auf verschiedene Leute aus der Klasse) »und ihnen Fragen stellen.« Sie deutete auf ihren Mund, um Sprechen zu versinnbildlichen.
Hagrid starrte sie an, offenbar völlig ohne jede Ahnung, warum sie sich aufführte, als ob er kein normales Englisch verstünde. Hermine hatte inzwischen Zornestränen in den Augen.
»Du Sabberhexe, du böse Sabberhexe!«, flüsterte sie, während Umbridge auf Pansy Parkinson zuging. »Ich weiß, was du vorhast, du widerliche, fiese, hinterhältige –«
»Ähm … also weiter«, sagte Hagrid, der offensichtlich Schwierigkeiten hatte, den Faden wieder aufzunehmen, »nun – Thestrale. Ja. Also, haben ’ne Menge Gutes an sich …«
»Wie steht es bei Ihnen«, fragte Professor Umbridge mit schallender Stimme Pansy Parkinson, »sind Sie in der Lage, Professor Hagrid zu verstehen, wenn er spricht?«
Genau wie Hermine hatte Pansy Tränen in den Augen, doch es waren Lachtränen. Da sie versuchte sich das Kichern zu verkneifen, war ihre Antwort einigermaßen wirr.
»Nein … weil … nun … es hört sich … oft so an … wie Gegrunze …«
Umbridge kritzelte etwas auf ihr Klemmbrett. Die wenigen nicht blutunterlaufenen Stellen in Hagrids Gesicht wurden rot, doch er bemühte sich, so zu tun, als hätte er Pansys Antwort nicht gehört.
»Ähm … ja … Gutes an den Thestralen. Nun, wenn sie mal gezähmt sind, wie die alle hier, verirrt man sich nie wieder. Die haben ’nen erstaunlichen Orientierungssinn, man braucht denen nur zu sagen, wo man hinwill –«
»Vorausgesetzt natürlich, sie können einen verstehen«, sagte Malfoy laut und Pansy Parkinson erlitt einen neuerlichen Kicheranfall. Professor Umbridge lächelte ihnen nachsichtig zu und wandte sich dann an Neville.
»Sie können die Thestrale sehen, Longbottom, nicht wahr?«, sagte sie.
Neville nickte.
»Wen haben Sie sterben gesehen?«, fragte sie in gleichgültigem Ton.
»Meinen … meinen Großvater«, sagte Neville.
»Und was halten Sie von denen?«, sagte sie und winkte mit ihrer dicken Hand zu den Pferden hinüber, die den Kadaver inzwischen fast bis auf die Knochen abgefressen hatten.
»Ähm«, sagte Neville nervös mit einem Blick auf Hagrid. »Nun ja, sie sind … ähm … okay …«
»Schüler … sind … zu … eingeschüchtert … um … offen … zuzugeben … dass … sie … Angst … haben«, murmelte Umbridge und machte sich erneut eine Notiz auf dem Klemmbrett.
»Nein!«, sagte Neville aufgebracht. »Nein, ich hab keine Angst vor ihnen!«
»Ist ja schon gut«, sagte Umbridge und tätschelte Neville die Schulter mit einem Lächeln, das offenbar Verständnis bezeugen sollte, auch wenn es Harry eher wie ein boshaftes Grinsen vorkam. »Nun, Hagrid«, sie wandte sich um, sah an ihm hoch und sprach erneut mit jener lauten, langsamen Stimme, »ich denke, ich habe genug für meine Zwecke. Sie erhalten dann« (sie tat, als ob sie etwas vor sich aus der Luft griffe) »die Ergebnisse Ihrer Unterrichtsinspektion« (sie deutete auf das Klemmbrett) »in zehn Tagen.« Sie hielt zehn Stummelfinger in die Höhe und lächelte breiter und krötenhafter denn je unter ihrem grünen Hut, dann wuselte sie von dannen. Malfoy und Pansy Parkinson kugelten sich vor Lachen, Hermine schlotterte sichtlich vor Wut und Neville sah verwirrt und aufgebracht drein.
»Dieses miese, lügnerische, intrigante alte Scheusal!«, wütete Hermine eine halbe Stunde später, als sie durch die Gräben, die sie vorher im Schnee gezogen hatten, erneut hoch zum Schloss gingen. »Euch ist klar, was sie vorhat? Das ist schon wieder ihr Ding mit den Halbblütern – sie versucht aus Hagrid einen tumben Troll zu machen, nur weil er eine Riesin zur Mutter hatte – und oh, ist das unfair, das war nämlich wirklich keine üble Stunde – ich meine, wenn’s denn schon wieder Knallrümpfige Kröter gewesen wären, okay, aber Thestrale sind doch in Ordnung – für Hagrid sind sie sogar richtig gut!«
»Umbridge meinte, sie wären gefährlich«, sagte Ron.
»Nun, wie Hagrid gesagt hat, die können für sich selbst sorgen«, erwiderte Hermine ungeduldig. »Und ich vermute mal, eine Lehrerin wie Raue-Pritsche würd sie uns wahrscheinlich nicht vor der UTZ-Stufe zeigen, aber die sind doch wirklich interessant, oder? Dass manche Leute sie sehen können und andere nicht! Wenn ich’s doch nur könnte.«
»Im Ernst?«, fragte Harry sie leise.
Hermine stand plötzlich das Entsetzen im Gesicht.
»Oh, Harry – tut mir leid – nein, natürlich nicht – das war wirklich dumm von mir.«
»Schon okay«, gab er rasch zurück. »Mach dir keine Gedanken.«
»Mich wundert’s, dass es dann doch so viele waren, die sie sehen konnten«, sagte Ron. »Drei in einer Klasse –«
»Hey, Weasley, wir haben uns grad was gefragt«, sagte eine gehässige Stimme. Der Schnee dämpfte die Geräusche, und so hatten sie nicht gehört, dass Malfoy, Crabbe und Goyle dicht hinter ihnen dreingingen. »Meinst du, wenn du jemanden verrecken siehst, kannst du den Quaffel besser sehen?« Er, Crabbe und Goyle brüllten vor Lachen und zogen an ihnen vorbei in Richtung Schloss, dann fingen sie im Chor an zu singen: »Weasley ist unser King.« Rons Ohren liefen scharlachrot an.
»Ignorieren, einfach ignorieren«, sagte Hermine, zog ihren Zauberstab und ließ ihn wieder heiße Luft blasen, damit sie ihnen einen bequemeren Weg durch den unberührten Schnee bis hin zum Gewächshaus schmelzen konnte.
Der Dezember brachte noch mehr Schnee und den Fünftklässlern eine regelrechte Lawine an Hausaufgaben. Da es nun auf Weihnachten zuging, hatten sich Ron und Hermine inzwischen auch zusehends mit ihren Pflichten als Vertrauensschüler abzuplagen. Sie mussten das Dekorieren des Schlosses überwachen (»Versuch mal Lametta aufzuhängen, wenn Peeves das andere Ende festhält und dich damit erwürgen will«, sagte Ron), auf die Erst- und Zweitklässler aufpassen, die ihre Pausen drinnen verbrachten, weil es bitterkalt war (»Und was für freche kleine Rotzbälger das sind, wir war’n garantiert nicht so unverschämt, als wir in der Ersten waren«, verkündete Ron), und im Schichtwechsel mit Argus Filch in den Korridoren Streife gehen, der den Verdacht hatte, die allgemeine Ferienlaune könnte eine Eruption von Zaubererduellen auslösen (»Der Kerl hat nur Stroh im Hirn«, sagte Ron wütend). Sie waren dermaßen beschäftigt, dass Hermine sogar das Stricken von Elfenhüten aufgeben musste, und es wurmte sie, dass sie nun bei den letzten dreien angelangt war.
»All die armen Elfen, die ich noch nicht befreit habe, die müssen jetzt über Weihnachten hierbleiben, weil es nicht genug Hüte gibt!«
Harry, der es nicht übers Herz gebracht hatte, ihr zu sagen, dass Dobby alles an sich nahm, was sie strickte, beugte sich noch tiefer über seinen Aufsatz für Zaubereigeschichte. An Weihnachten wollte er ohnehin nicht erinnert werden. Zum ersten Mal, seit er in der Schule war, hätte er die Ferien am liebsten außerhalb von Hogwarts verbracht. Er hegte inzwischen einen ausgewachsenen Groll gegen die Schule, zum einen wegen des Quidditch-Verbots, zum anderen wegen der Befürchtung, sie könnten Hagrid auf Bewährung setzen. Das Einzige, worauf er sich wirklich freute, waren die DA-Treffen, und die mussten sie während der Ferien ausfallen lassen, weil fast alle Mitglieder die Zeit bei ihren Familien verbrachten. Hermine ging mit ihren Eltern Ski laufen, was Ron furchtbar komisch fand, weil er noch nie von Muggeln gehört hatte, die sich schmale Holzbretter an die Füße schnallten, um Berge runterzurutschen. Ron würde nach Hause in den Fuchsbau fahren. Harry war einige Tage lang neidisch auf ihn, bis er dann fragte, auf welchem Weg er denn zu Weihnachten nach Hause kommen wolle, und Ron antwortete: »Aber du kommst doch auch mit! Hab ich das nicht gesagt? Mum hat mir schon vor Wochen geschrieben, dass ich dich einladen soll!«
Hermine verdrehte die Augen, aber Harrys Laune besserte sich schlagartig: Weihnachten im Fuchsbau war eine wirklich herrliche Aussicht, wenn auch ein wenig getrübt durch sein schlechtes Gewissen, dass er die Ferien dann nicht mit Sirius verbringen würde. Vielleicht konnte er Mrs Weasley überreden, seinen Paten zum Fest einzuladen. Allerdings hatte er Zweifel, ob Dumbledore es Sirius erlauben würde, das Haus am Grimmauldplatz zu verlassen, und zudem musste er daran denken, dass Mrs Weasley Sirius wahrscheinlich ohnehin nicht dabeihaben wollte; sie lagen sich einfach zu oft in den Haaren. Seit Sirius das letzte Mal im Feuer erschienen war, hatte er überhaupt keine Verbindung mehr mit Harry aufgenommen, und obwohl Harry wusste, dass ein Kontaktversuch unklug wäre, weil Umbridge ständig auf der Lauer lag, mochte er den Gedanken nicht, dass Sirius allein in dem alten Haus seiner Mutter saß und vielleicht ab und zu mit Kreacher einsam an einem Knallbonbon zog.
Harry kam frühzeitig zum letzten DA-Treffen vor den Ferien in den Raum der Wünsche und war auch sehr froh darüber, denn als die Fackeln aufloderten, sah er, dass Dobby ihn auf eigene Faust weihnachtlich geschmückt hatte. Es musste der Elf gewesen sein, denn wer sonst hätte hundert goldene Christbaumkugeln an die Decke gehängt, jede mit einem Bild von Harry, unter dem stand: »HARRY CHRISTMAS!«
Harry war gerade dabei, die letzten Kugeln abzuhängen, als knarrend die Tür aufging und Luna Lovegood eintrat, wie üblich mit verträumter Miene.
»Hallo«, hauchte sie und besah sich die Überreste des Weihnachtsschmucks ringsum. »Oh, die sind aber hübsch, hast du die aufgehängt?«
»Nein«, sagte Harry, »das war Dobby der Hauself.«
»Misteln«, sagte Luna träumerisch und deutete auf ein großes Büschel mit weißen Beeren fast genau über Harrys Kopf. Er sprang darunter weg. »Würd ich auch machen«, sagte Luna sehr ernst. »Die sind oft mit Nargeln verseucht.«
Harry konnte sich die fällige Frage sparen, was Nargel seien, weil Angelina, Katie und Alicia hereinkamen. Alle drei waren außer Atem und schienen arg verfroren.
»Tja«, sagte Angelina dumpf, zog ihren Mantel aus und warf ihn in die Ecke, »wir haben dich endlich ersetzt.«
»Mich ersetzt?«, fragte Harry verdutzt.
»Dich und Fred und George«, sagte sie ungeduldig. »Wir haben einen anderen Sucher!«
»Wen?«, fragte Harry rasch.
»Ginny Weasley«, sagte Katie.
Harry starrte sie mit offenem Mund an.
»Ja, ich weiß schon«, sagte Angelina, zog ihren Zauberstab und beugte den Arm, »aber ehrlich gesagt, sie ist ziemlich gut. Nichts gegen dich natürlich«, ergänzte sie und warf ihm einen sehr bösen Blick zu, »aber da wir dich ja nicht haben können …«
Harry verkniff sich die Antwort, die ihm auf der Zunge lag: Glaubte sie vielleicht eine Sekunde lang, er würde seinen Rauswurf aus der Mannschaft nicht hundertmal mehr bedauern als sie?
»Und was ist mit den Treibern?«, fragte er und versuchte seine Stimme ruhig zu halten.
»Andrew Kirke«, sagte Alicia ohne Begeisterung, »und Jack Sloper. Keiner von denen ist Spitze, aber verglichen mit den anderen Idioten, die sich gemeldet haben …«
Da jetzt Ron, Hermine und Neville eintraten, fand diese deprimierende Unterhaltung ein Ende, und fünf Minuten später war der Raum so voll, dass Harry Angelinas stechend vorwurfsvolle Blicke nicht mehr mitbekam.
»Okay«, sagte er und Ruhe trat ein. »Ich hab mir gedacht, heute Abend sollten wir einfach noch mal wiederholen, was wir bisher gemacht haben, weil es das letzte Treffen vor den Ferien ist und es keinen Sinn hat, kurz vor einer dreiwöchigen Pause noch was Neues anzufangen –«
»Wir machen heute nichts Neues?«, flüsterte Zacharias Smith mürrisch und laut genug, dass es im ganzen Raum zu hören war. »Wenn ich das gewusst hätte, wär ich nicht gekommen.«
»Tut uns allen ja so leid, dass Harry es dir nicht gesagt hat«, meinte Fred laut.
Einige kicherten. Harry sah Cho lachen und spürte das vertraute Fallgefühl im Magen, als ob er beim Treppabgehen eine Stufe verpasst hätte.
»– wir können paarweise trainieren«, sagte Harry. »Fangen wir mit dem Lähmzauber an, zehn Minuten lang, dann können wir die Kissen rausholen und es noch einmal mit dem Schockzauber probieren.«
Folgsam teilten sie sich auf. Harry hatte wie üblich Neville als Partner. Bald waren ringsum immer wieder »Impedimenta!«-Rufe zu hören. Der eine Partner blieb dann rund eine Minute wie angewurzelt stehen, während der andere ziellos umherschaute und anderen Paaren bei der Arbeit zusah, bis sein Partner wieder auftaute und nun mit dem Zauber an der Reihe war.
Neville war nicht wiederzuerkennen, so gut war er geworden. Nach einer Weile, Harry war inzwischen dreimal in Folge aus der Lähmung erwacht, ließ er Neville wieder mit Ron und Hermine üben, damit er die Runde machen und die anderen beobachten konnte. Als er an Cho vorbeikam, strahlte sie ihn an. Er widerstand der Versuchung, noch des Öfteren an ihr vorbeizugehen.
Nach zehn Minuten Lähmzauber verteilten sie Kissen auf dem Boden und machten sich noch einmal an den Schockzauber. Alle zugleich konnten ihn nicht trainieren, dafür war tatsächlich der Platz zu knapp, deshalb sah die eine Hälfte der Gruppe eine Zeit lang den anderen zu, dann wurde gewechselt.
Während Harry sie beobachtete, schwoll ihm geradezu die Brust vor Stolz. Sicher, Neville versetzte Padma Patil den Schock und nicht Dean, auf den er eigentlich gezielt hatte, aber er hatte ihn viel knapper verfehlt als sonst, und alle anderen hatten gewaltige Fortschritte gemacht.
Nach einer Stunde beendete Harry das Training.
»Ihr werdet allmählich richtig gut«, sagte er und strahlte in die Runde. »Wenn wir aus den Ferien zurückkommen, packen wir mal was von den großen Sachen an – vielleicht sogar den Patronus.«
Seine Worte riefen erregtes Murmeln hervor. Sie verließen den Raum in den üblichen Zweier- und Dreiergrüppchen; die meisten wünschten Harry noch schöne Weihnachten. Gut gelaunt sammelte er mit Ron und Hermine die Kissen ein und räumte sie ordentlich auf einen Stapel. Ron und Hermine gingen vor ihm; er trödelte ein wenig, weil Cho noch da war und er hoffte, ein »Fröhliche Weihnachten« von ihr abzubekommen.
»Nein, geh du schon mal vor«, hörte er sie zu ihrer Freundin Marietta sagen, und sein Herz machte einen Sprung, der es ungefähr in die Gegend des Adamsapfels beförderte.
Er tat so, als würde er den Kissenstapel gerade rücken. Er war sich ziemlich sicher, dass sie jetzt allein waren, und er wartete darauf, dass sie etwas sagte. Stattdessen hörte er ein herzhaftes Schniefen.
Er drehte sich um und sah Cho mitten im Raum stehen. Tränen rannen ihr übers Gesicht.
»Wa–?«
Er wusste nicht, was er tun sollte. Sie stand einfach da und weinte stumm.
»Was ist los?«, sagte er schwach.
Sie schüttelte den Kopf und trocknete sich mit dem Ärmel die Augen.
»Tut – tut mir leid«, sagte sie mit erstickter Stimme. »Ich glaub … es ist nur … weil wir all die Sachen lernen … das bringt mich nur … auf den Gedanken … wenn er das gekonnt hätte … wär er noch am Leben.«
Harrys Herz sank wieder, nicht an seinen angestammten Platz, sondern irgendwo in die Gegend seines Bauchnabels. Er hätte es wissen müssen. Sie wollte über Cedric reden.
»Er hat seine Sachen beherrscht«, sagte Harry mit schwerer Stimme. »Er war wirklich gut, sonst wär er nie in die Mitte dieses Irrgartens gekommen. Aber wenn Voldemort dich wirklich töten will, dann hast du keine Chance.«
Sie hickste beim Klang von Voldemorts Namen, starrte Harry jedoch an, ohne mit der Wimper zu zucken.
»Du hast überlebt, als du noch ein Baby warst«, sagte sie leise.
»Ja, schon«, sagte Harry matt und ging zur Tür. »Ich hab keine Ahnung, warum, und sonst auch niemand, also ist es nichts, worauf ich stolz sein kann.«
»Nein, geh nicht!«, sagte Cho, und es klang, als ob sie erneut weinte. »Tut mir wirklich leid, dass ich mich so aufrege … ich wollte eigentlich nicht …«
Sie hickste wieder. Trotz ihrer roten, verquollenen Augen war sie sehr hübsch. Harry war furchtbar elend zumute. Einfach nur ein schlichtes »Fröhliche Weihnachten« hätte ihn schon gefreut.
»Ich weiß, es muss schrecklich für dich sein«, sagte sie und wischte sich wieder mit dem Ärmel die Augen, »dass ich von Cedric rede, wo du ihn doch sterben gesehen hast … ich nehm an, du willst das alles einfach vergessen?«
Harry sagte nichts dazu. Es war vollkommen richtig, aber es zu sagen wäre ihm herzlos erschienen.
»Du bist w-wirklich ein guter Lehrer, weißt du«, sagte Cho und lächelte unter Tränen. »Diesen Schockzauber hab ich bis jetzt noch nie auf die Reihe gekriegt.«
»Danke«, sagte Harry verlegen.
Sie sahen sich einen langen Moment an. Harry spürte das brennende Verlangen hinauszurennen, und zugleich war es ihm völlig unmöglich, seine Füße zu bewegen.
»Misteln«, sagte Cho leise und deutete an die Decke über seinem Kopf.
»Ja«, sagte Harry. Sein Mund war sehr trocken. »Sind aber wahrscheinlich voller Nargel.«
»Was sind Nargel?«
»Keine Ahnung«, sagte Harry. Sie war näher gekommen. Offenbar stand sein Gehirn unter einem Schockzauber. »Da musst du Loony fragen. Luna, meine ich.«
Cho machte ein merkwürdiges Geräusch, halb Schluchzen, halb Lachen. Sie war ihm jetzt sogar noch näher. Er hätte die Sommersprossen auf ihrer Nase zählen können.
»Ich mag dich wirklich, Harry.«
Er konnte nicht mehr denken. Ein Kribbeln machte sich in ihm breit und lähmte seine Arme, seine Beine und seinen Kopf.
Sie war viel zu nahe. Er konnte jede einzelne Träne sehen, die an ihren Wimpern hing …
Eine halbe Stunde später kam er in den Gemeinschaftsraum zurück, wo Hermine und Ron die besten Plätze am Feuer belegt hatten. Fast alle anderen waren schlafen gegangen. Hermine saß über einem sehr langen Brief und hatte bereits eine halbe Rolle Pergament vollgeschrieben, die vom Tischrand herunterbaumelte. Ron lag auf dem Kaminvorleger und versuchte seine Hausaufgaben für Verwandlung zu Ende zu bringen.
»Was hat dich aufgehalten?«, fragte er, als sich Harry in den Sessel neben Hermine sinken ließ.
Harry gab keine Antwort. Er stand unter Schock. Ein Teil von ihm wollte Ron und Hermine erzählen, was gerade passiert war, doch der andere Teil wollte das Geheimnis mit ins Grab nehmen.
»Alles in Ordnung mit dir, Harry?«, fragte Hermine und spähte über das Ende ihrer Feder zu ihm hinüber.
Harry zuckte halbherzig mit den Achseln. Tatsächlich wusste er nicht, ob alles in Ordnung mit ihm war oder nicht.
»Was ist los?«, sagte Ron und stützte sich auf den Ellbogen, um Harry besser sehen zu können. »Was ist passiert?«
Harry wusste nicht recht, wie er mit dem Erklären anfangen sollte, und war sich immer noch nicht sicher, ob er es überhaupt wollte. Gerade hatte er beschlossen, nichts zu sagen, da nahm ihm Hermine die Sache aus der Hand.
»Geht es um Cho?«, fragte sie in geschäftsmäßigem Ton. »Hat sie dich nach dem Treffen abgefangen?«
Kalt erwischt, nickte Harry. Ron kicherte, verstummte jedoch, als er Hermines Blick begegnete.
»Und – ähm – was wollte sie?«, fragte er betont lässig.
»Sie –«, begann Harry mit ziemlich belegter Stimme; er räusperte sich und versuchte es noch einmal. »Sie – ähm –«
»Habt ihr euch geküsst?«, fragte Hermine forsch.
Ron setzte sich so schnell auf, dass sein Tintenfass über den ganzen Kaminvorleger flog. Ohne im Mindesten darauf zu achten, starrte er Harry begierig an.
»Na?«, drängte er.
Harry blickte von Ron, dessen Miene Neugier und Übermut zeigte, zu Hermine, die leicht die Stirn runzelte, und er nickte.
»HA!«
Ron stieß triumphierend die Faust in die Luft und bekam einen heiseren Lachanfall, der einige schüchtern wirkende Zweitklässler drüben am Fenster zusammenfahren ließ. Unwillkürlich flog ein Grinsen über Harrys Gesicht, während er zusah, wie Ron sich auf dem Kaminvorleger wälzte. Hermine warf Ron einen zutiefst empörten Blick zu und wandte sich wieder ihrem Brief zu.
»Und?«, sagte Ron schließlich und sah zu Harry auf. »Wie war’s?«
Harry überlegte kurz.
»Nass«, sagte er ehrlich.
Ron machte ein Geräusch, von dem schwer zu sagen war, ob es Jubel oder Ekel ausdrückte.
»Weil sie geweint hat«, fuhr Harry mit schwerer Stimme fort.
»Oh«, sagte Ron und sein Lächeln verblasste ein wenig. »Bist du so schlecht im Küssen?«
»Weiß nicht«, sagte Harry. Auf den Gedanken war er noch gar nicht gekommen und sofort machte er sich ziemliche Sorgen. »Vielleicht schon.«
»Nein, natürlich nicht«, sagte Hermine geistesabwesend und schrieb eifrig ihren Brief weiter.
»Woher willst du denn das wissen?«, sagte Ron sehr bissig.
»Weil Cho in letzter Zeit fast dauernd weint«, sagte Hermine leichthin. »Sie weint beim Essen, auf dem Klo, einfach überall.«
»Da könnte ein bisschen Küssen sie doch aufmuntern«, sagte Ron grinsend.
»Ron«, erwiderte Hermine mit würdevoller Stimme und tauchte die Spitze ihrer Feder ins Tintenfass, »du bist der unsensibelste Rüpel, den ich je das Pech hatte zu treffen.«
»Was soll das jetzt wieder heißen?«, entgegnete Ron entrüstet. »Wer heult denn schon, wenn man ihn küsst?«
»Ja«, sagte Harry ein wenig verzagt. »Wer tut das?«
Hermine schaute die beiden mit beinah mitleidiger Miene an.
»Versteht ihr nicht, wie Cho sich im Moment fühlt?«, fragte sie.
»Nein«, sagten Harry und Ron im Chor.
Hermine seufzte und legte ihre Feder weg.
»Nun, offensichtlich ist sie sehr traurig, weil Cedric gestorben ist. Dann, vermute ich, ist sie durcheinander, weil sie Cedric gern hatte und jetzt Harry, und sie kriegt nicht auf die Reihe, wen sie am liebsten mag. Und dann fühlt sie sich wohl auch schuldig, weil sie glaubt, dass sie Cedrics Andenken beleidigt, wenn sie Harry überhaupt küsst, und sie macht sich wahrscheinlich auch Gedanken, was all die anderen über sie sagen könnten, wenn sie anfängt mit Harry auszugehen. Und sie ist sich wohl ohnehin nicht im Klaren, was sie für Harry empfindet, weil er mit Cedric zusammen war, als er starb, deshalb ist das alles sehr kompliziert und schmerzhaft. Oh, und außerdem hat sie Angst, dass man sie aus der Ravenclaw-Quidditch-Mannschaft rauswirft, weil sie in letzter Zeit so schlecht fliegt.«
Dem Ende dieses Vortrags folgte ein leicht überraschtes Schweigen, dann sagte Ron: »Das kann doch ein Mensch nicht alles auf einmal fühlen, er würde ja explodieren.«
»Nur weil du die Gefühlswelt eines Teelöffels hast, heißt das nicht, dass es uns allen so geht«, sagte Hermine gehässig und nahm ihre Feder wieder zur Hand.
»Sie hat doch damit angefangen«, sagte Harry. »Ich hätt das nie gemacht – sie ist mir sozusagen auf die Pelle gerückt – und dann plötzlich heult sie mich voll – ich wusste nicht, was ich machen sollte –«
»Gib dir doch nicht selbst die Schuld, Mann«, sagte Ron und allein schon der Gedanke schien ihn zu erschrecken.
»Du hättest einfach nett zu ihr sein sollen«, sagte Hermine und blickte besorgt auf. »Das warst du doch, oder?«
»Na ja«, sagte Harry und eine unangenehme Hitze kroch ihm übers Gesicht, »ich hab ihr irgendwie – ’n bisschen den Rücken getätschelt.«
Hermine sah drein, als fiele es ihr äußerst schwer, nicht die Augen zu verdrehen.
»Also, ich denk mal, es hätte schlimmer kommen können«, sagte sie. »Triffst du sie wieder?«
»Muss ich doch, oder?«, sagte Harry. »Wir haben schließlich DA-Treffen.«
»Du weißt schon, was ich meine«, sagte Hermine ungeduldig.
Harry sagte nichts. Hermines Worte ließen eine ganze Reihe neuer beängstigender Möglichkeiten vor ihm aufscheinen. Er versuchte sich vorzustellen, wie er mit Cho ausging – irgendwohin, vielleicht nach Hogsmeade – und mit ihr stundenlang allein war. Natürlich musste sie erwartet haben, dass er sie nach dem, was eben geschehen war, fragen würde, ob sie mit ihm ausgehen wolle … schon beim Gedanken daran verkrampfte sich sein Magen schmerzhaft.
»Ach, was soll’s«, sagte Hermine abwesend und erneut in ihren Brief vertieft, »du hast noch genug Gelegenheiten, sie zu fragen.«
»Was, wenn er sie gar nicht fragen will?«, sagte Ron, der Harry mit einem ungewöhnlich verschmitzten Gesichtsausdruck beobachtet hatte.
»Sei nicht albern«, sagte Hermine undeutlich. »Harry mag sie doch schon seit langem, stimmt’s, Harry?«
Er antwortete nicht. Ja, er mochte Cho schon seit langem, aber immer wenn er sich eine Szene mit ihnen beiden vorgestellt hatte, war da eine fröhliche Cho gewesen und nicht eine Cho, die an seine Schulter gelehnt untröstlich schluchzte.
»An wen schreibst du eigentlich diesen Roman?«, fragte Ron Hermine und versuchte das Pergament zu lesen, das nun auf den Boden hing. Hermine zog es hoch und ließ es verschwinden.
»An Viktor.«
»Krum?«
»Wie viele Viktors kennen wir noch?«
Ron sagte nichts, schaute aber griesgrämig drein. Die nächsten zwanzig Minuten saßen sie schweigend da. Ron, der fortwährend ungeduldig schnaubte und Sätze durchstrich, schrieb seinen Verwandlungs-Aufsatz fertig, Hermine kritzelte unentwegt das Pergament bis auf den letzten Rest voll, rollte es sorgfältig zusammen und versiegelte es, und Harry starrte ins Feuer und wünschte sich nichts sehnlicher, als dass Sirius’ Kopf darin erscheinen und ihm einen Ratschlag über Mädchen erteilen möge. Doch das Feuer brannte knisternd herunter, die rot glühenden Kohlen zerfielen zu Asche, und als Harry sich umsah, stellte er fest, dass sie wieder einmal die Letzten im Gemeinschaftsraum waren.
»Also, Nacht«, sagte Hermine, gähnte herzhaft und ging hinüber zur Mädchentreppe.
»Was findet sie eigentlich an Krum?«, wollte Ron wissen, als er und Harry die Jungentreppe hochstiegen.
»Na ja«, sagte Harry und überlegte, »ich denk mal, er ist älter und so … und er ist ein internationaler Quidditch-Spieler …«
»Ja, aber abgesehen davon«, sagte Ron und klang verärgert. »Ich meine, der ist doch ’n grantiger Mistkerl, oder?«
»Bisschen grantig, ja«, sagte Harry, der in Gedanken immer noch bei Cho war.
Sie zogen schweigend ihre Umhänge aus und schlüpften in die Pyjamas. Dean, Seamus und Neville schliefen schon. Harry legte die Brille auf den Nachttisch und stieg ins Bett, zog jedoch nicht die Vorhänge seines Himmelbetts zu, sondern betrachtete den Fleck Sternenhimmel, der im Fenster neben Nevilles Bett zu sehen war. Wenn er gestern Abend zur gleichen Zeit gewusst hätte, dass er in vierundzwanzig Stunden Cho Chang geküsst haben würde …
»Nacht«, brummte Ron zu seiner Rechten.
»Nacht«, sagte Harry.
Vielleicht das nächste Mal … wenn es ein nächstes Mal gab … vielleicht würde sie dann ein wenig fröhlicher sein. Er hätte sich mit ihr verabreden sollen; sie hatte es wahrscheinlich erwartet und war jetzt furchtbar wütend auf ihn … oder lag sie im Bett und weinte immer noch um Cedric? Er wusste nicht, was er von alldem halten sollte. Nach dem, was Hermine erklärt hatte, kam es ihm noch komplizierter vor, das alles zu verstehen.
Das sollten sie uns hier beibringen, dachte er und drehte sich zur Seite. Wie die Gehirne von Mädchen ticken … das wär jedenfalls nützlicher als Wahrsagen …
Neville schniefte im Schlaf. Irgendwo draußen in der Nacht schrie eine Eule.
Harry träumte, dass er wieder im DA-Raum war. Cho beschuldigte ihn, er hätte sie unter falschen Vorwänden dorthin gelockt; sie sagte, er hätte ihr hundertfünfzig Schokofroschkarten versprochen, wenn sie käme. Harry protestierte … Cho rief: »Cedric hat mir jede Menge Schokofroschkarten geschenkt, sieh mal!« Und sie zog ganze Hände voll Karten aus ihrem Umhang und warf sie in die Luft. Dann verwandelte sie sich in Hermine, die sagte: »Du hast es ihr versprochen, das weißt du, Harry … ich glaub, du solltest ihr stattdessen besser was anderes schenken … wie wär’s mit deinem Feuerblitz?« Und Harry erwiderte empört, dass er Cho seinen Feuerblitz nicht schenken könne, weil Umbridge ihn habe, und außerdem sei das Ganze ohnehin lächerlich, er sei nur in den DA-Raum gekommen, um ein paar Weihnachtskugeln aufzuhängen, die wie Dobbys Kopf aussahen …
Der Traum veränderte sich …
Sein Körper fühlte sich geschmeidig, kraftvoll und biegsam an. Er glitt zwischen glänzenden Metallstäben hindurch, über dunklen, kalten Stein … er lag flach auf dem Boden und glitt auf dem Bauch dahin … es war dunkel, doch er konnte Gegenstände um sich her erkennen, die in fremdartigen, leuchtenden Farben glühten … er drehte den Kopf … auf den ersten Blick war der Korridor leer … aber nein … dort vorne auf dem Boden hockte ein Mann, das Kinn war ihm auf die Brust gesunken, sein Umriss schimmerte im Dunkeln …
Harry streckte die Zunge heraus … er witterte den Geruch des Mannes in der Luft … er lebte, doch er war schläfrig … saß vor einer Tür am Ende des Korridors …
Harry spürte das Verlangen, den Mann zu beißen … aber er musste diesen Impuls unterdrücken … er hatte Wichtigeres zu erledigen …
Doch jetzt rührte sich der Mann … ein silbriger Mantel fiel von seinen Beinen, als er hochsprang; und Harry sah seinen zitternden schemenhaften Umriss über sich aufragen, sah, wie ein Zauberstab aus einem Gürtel gezogen wurde … er hatte keine Wahl … er bäumte sich vom Boden her auf und schlug zu, ein, zwei, drei Mal, grub seine Zähne tief in das Fleisch des Mannes, spürte, wie dessen Rippen unter seinen Kiefern splitterten, spürte den warmen Schwall Blut …
Der Mann schrie vor Schmerz … dann verstummte er … er sackte rücklings gegen die Wand … Blut spritzte über den Boden …
Seine Stirn schmerzte fürchterlich … sie tat so weh, dass sie gleich bersten würde …
»Harry! HARRY!«
Er schlug die Augen auf. Sein ganzer Körper war bedeckt von eiskaltem Schweiß; die Bettdecke war um ihn geschlungen wie eine Zwangsjacke; er hatte das Gefühl, ein weiß glühender Schürhaken würde seine Stirn bearbeiten.
»Harry!«
Ron stand über ihm und schien hellauf entsetzt. Am Fußende von Harrys Bett waren noch mehr Schemen. Er griff sich mit beiden Händen an den Kopf; der Schmerz blendete ihn … er drehte sich rasch zur Seite und erbrach sich über den Bettrand.
»Er ist echt krank«, sagte eine ängstliche Stimme. »Sollen wir jemanden rufen?«
»Harry! Harry!«
Er musste es Ron erzählen, es war sehr wichtig, dass er es ihm sagte … Harry holte ein paar Mal tief Luft, stemmte sich im Bett hoch und zwang sich, vom Schmerz halb geblendet, nicht noch einmal zu spucken.
»Dein Dad«, keuchte er und seine Brust hob und senkte sich. »Dein Dad … ist angegriffen worden …«
»Was?«, sagte Ron verständnislos.
»Dein Dad! Er ist gebissen worden, es ist schlimm, da war überall Blut …«
»Ich hol Hilfe«, sagte dieselbe ängstliche Stimme, und Harry hörte, wie sich rasche Schritte aus dem Schlafsaal entfernten.
»Harry, Mann«, sagte Ron unsicher, »du … du hast nur geträumt …«
»Nein!«, sagte Harry aufgebracht; es war wichtig, dass Ron begriff. »Es war kein Traum … kein gewöhnlicher Traum … ich war da, ich hab es gesehen … ich hab es getan …«
Er konnte Seamus und Dean murmeln hören, aber es war ihm egal. Der Schmerz an seiner Stirn ließ ein wenig nach, doch immer noch schwitzte und bebte er fiebrig. Es würgte ihn erneut, und Ron wich mit einem Sprung rückwärts aus.
»Harry, dir geht’s nicht gut«, sagte er zittrig. »Neville ist Hilfe holen gegangen.«
»Mir geht’s gut!«, stieß Harry hervor und wischte sich den Mund an seinem Schlafanzug ab, während es ihn haltlos schüttelte. »Mit mir ist alles in Ordnung, du musst dir Sorgen um deinen Dad machen – wir müssen rausfinden, wo er ist – er blutet wie verrückt – ich war – es war eine Riesenschlange.«
Er versuchte aus dem Bett zu steigen, aber Ron schob ihn wieder hinein. Dean und Seamus wisperten immer noch irgendwo in der Nähe. Ob eine Minute oder zehn Minuten vergingen, Harry wusste es nicht; er saß einfach da und zitterte und spürte, wie der Schmerz in seiner Narbe ganz allmählich nachließ … dann kamen hastige Schritte treppauf und er hörte erneut Nevilles Stimme.
»Hier rüber, Professor.«
Professor McGonagall kam in ihrem schottenkarierten Morgenmantel in den Schlafsaal geeilt, die Brille schief auf dem knochigen Nasenrücken.
»Was ist mit Ihnen, Potter? Wo tut es weh?«
Er war noch nie so froh gewesen, sie zu sehen. Was er jetzt brauchte, war ein Mitglied des Phönixordens, nicht jemanden, der großen Wirbel um ihn machte und ihm nutzlose Zaubertränke verschrieb.
»Es geht um Rons Dad«, sagte er und setzte sich wieder auf. »Er ist von einer Schlange angegriffen worden, und es ist schlimm, ich hab es selbst gesehen.«
»Sie haben es selbst gesehen, was soll das heißen?«, sagte Professor McGonagall und ihre dunklen Augenbrauen zogen sich zusammen.
»Ich weiß nicht … ich hab geschlafen und dann war ich dort …«
»Sie wollen sagen, Sie haben das geträumt?«
»Nein!«, sagte Harry zornig; wollte denn niemand verstehen? »Ich hatte erst einen Traum über etwas ganz anderes, irgendwas Blödes … und dann ist er davon unterbrochen worden. Es ist wirklich passiert, ich hab’s mir nicht eingebildet. Mr Weasley hat auf dem Boden geschlafen und er wurde von einer riesigen Schlange angegriffen, da war furchtbar viel Blut, er ist zusammengebrochen, jemand muss rausfinden, wo er ist …«
Professor McGonagall betrachtete ihn durch ihre schief sitzende Brille, als graute ihr vor dem, was sie sah.
»Ich lüge nicht und ich bin nicht verrückt!«, versicherte Harry und seine Stimme wurde zu einem Schrei. »Ich sage Ihnen, ich hab es gesehen!«
»Ich glaube Ihnen, Potter«, sagte Professor McGonagall knapp. »Ziehen Sie Ihren Morgenmantel an – wir gehen zum Schulleiter.«
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Harry war so erleichtert, dass sie ihn ernst nahm, dass er nicht zögerte, sondern sofort aus dem Bett sprang, seinen Morgenmantel anzog und die Brille wieder auf die Nase setzte.
»Sie kommen auch mit, Weasley«, sagte Professor McGonagall.
Sie folgten ihr an den stummen Gestalten Nevilles, Deans und Seamus’ vorbei aus dem Schlafsaal, die Wendeltreppe hinunter in den Gemeinschaftsraum, durch das Porträtloch und den mondbeschienenen Korridor der fetten Dame entlang. Harry war zumute, als könnte die Panik ihn jeden Moment überwältigen; er wollte loslaufen, nach Dumbledore rufen. Mr Weasley blutete, während sie hier so gemächlich dahingingen, und was, wenn diese Fangzähne (Harry versuchte fieberhaft, nicht »meine Fangzähne« zu denken) giftig gewesen waren? Sie kamen an Mrs Norris vorbei, die ihre Lampenaugen auf sie richtete und schwächlich fauchte, aber Professor McGonagall machte »Schhh!«, und die Katze verzog sich in die Düsternis, und ein paar Minuten später hatten sie den steinernen Wasserspeier erreicht, der den Eingang zu Dumbledores Büro bewachte.
»Zischende Zauberdrops«, sagte Professor McGonagall.
Der Wasserspeier erwachte zum Leben und sprang beiseite. Die Wand hinter ihm teilte sich und gab den Blick auf eine steinerne Treppe frei, die sich stetig aufwärtsbewegte wie eine spiralförmige Rolltreppe. Die drei betraten die beweglichen Stufen. Hinter ihnen schloss sich die Wand wieder mit einem dumpfen Schlag, und sie wurden in engen Kreisen nach oben getragen, bis sie die hochglanzpolierte Eichentür mit dem greifenförmigen Bronzeklopfer erreichten.
Obwohl es inzwischen weit nach Mitternacht war, drangen Stimmen von drinnen heraus, ein regelrechtes Geplapper. Es hörte sich an, als hätte Dumbledore mindestens ein Dutzend Leute zu Gast.
Professor McGonagall klopfte dreimal mit dem Bronzegreif, und die Stimmen erstarben sofort, als hätte jemand sie abgeschaltet. Die Tür öffnete sich von selbst und Professor McGonagall führte Harry und Ron hinein.
Der Raum lag im Halbdunkel. Die merkwürdigen silbernen Instrumente, die auf den Tischen standen, waren stumm und still, anstatt zu surren und Rauchwölkchen auszupuffen, wie sie es sonst taten. Die Porträts ehemaliger Schulleiter und Schulleiterinnen an den Wänden dösten alle in ihren Rahmen. Hinter der Tür schlummerte, den Kopf unter dem Flügel, ein prächtiger rot-goldener Vogel von der Größe eines Schwanes auf seiner Sitzstange.
»Oh, Sie sind’s, Professor McGonagall … und … ah.«
Dumbledore saß auf einem hohen Lehnstuhl hinter seinem Schreibtisch. Er beugte sich vor in den Lichtkreis der Kerze, der seine Unterlagen beleuchtete. Er trug einen herrlich bestickten violett-goldenen Morgenrock über einem schneeweißen Nachthemd, schien jedoch hellwach und hatte die durchdringenden hellblauen Augen aufmerksam auf Professor McGonagall geheftet.
»Professor Dumbledore, Potter hatte einen … nun, einen Alptraum«, sagte Professor McGonagall. »Er behauptet …«
»Es war kein Alptraum«, warf Harry rasch ein.
Professor McGonagall wandte sich mit leicht gerunzelter Stirn zu Harry um.
»Schön und gut, Potter, dann erzählen Sie es dem Schulleiter.«
»Ich … also, ich hab geschlafen …«, sagte Harry, und trotz seiner Panik und seines verzweifelten Wunsches, Dumbledore möge ihn verstehen, irritierte es ihn doch ein wenig, dass der Schulleiter ihn nicht ansah, sondern seine eigenen verschränkten Finger betrachtete. »Aber es war kein normaler Traum … es war Wirklichkeit … ich hab gesehen, wie es passierte …« Er holte tief Luft. »Rons Dad – Mr Weasley – wurde von einer Riesenschlange angegriffen.«
Nachdem er sie ausgesprochen hatte, schienen die Worte in der Luft widerzuhallen und klangen ein wenig albern, sogar komisch. Eine kurze Pause trat ein, Dumbledore lehnte sich zurück und starrte nachdenklich zur Decke. Ron, geschockt und weiß im Gesicht, blickte von Harry zu Dumbledore.
»Wie hast du das gesehen?«, fragte Dumbledore ruhig und sah Harry immer noch nicht an.
»Also … ich weiß nicht«, sagte Harry reichlich aufgebracht – was spielte das für eine Rolle? »In meinem Kopf, vermute ich –«
»Du verstehst mich falsch«, sagte Dumbledore im selben ruhigen Ton. »Ich meine … kannst du dich erinnern – hm – wo du genau warst, als du diesen Angriff gesehen hast? Standest du vielleicht neben dem Opfer oder hast du von oben auf das Geschehen herabgeblickt?«
Das war eine derart eigentümliche Frage, dass Harry Dumbledore mit offenem Mund anstarrte. Es war fast, als wüsste er …
»Ich war die Schlange«, sagte er. »Ich hab alles aus der Sicht der Schlange gesehen.«
Einen Moment lang sagte niemand ein Wort, dann fragte Dumbledore, nun den Blick auf den immer noch kreidebleichen Ron gerichtet, mit anderer, schärferer Stimme: »Ist Arthur schlimm verletzt?«
»Ja«, sagte Harry nachdrücklich – warum waren sie alle so schwer von Begriff, war ihnen nicht klar, wie stark jemand blutete, dem solch lange Fangzähne in die Seite geschlagen wurden? Und warum konnte Dumbledore nicht wenigstens so höflich sein und ihn ansehen?
Aber Dumbledore stand auf, so abrupt, dass Harry zusammenzuckte, und wandte sich an eines der alten Porträts, die knapp unter der Decke hingen. »Everard?«, sagte er schneidend. »Und Sie auch, Dilys!«
Ein fahlgesichtiger Zauberer mit kurzen schwarzen Stirnfransen und eine ältere Hexe mit langen silbernen Ringellöckchen im Bilderrahmen neben ihm, die beide scheinbar tief und fest geschlafen hatten, schlugen sofort die Augen auf.
»Haben Sie zugehört?«, fragte Dumbledore.
Der Zauberer nickte; die Hexe sagte: »Natürlich.«
»Der Mann hat rote Haare und trägt eine Brille«, sagte Dumbledore. »Everard, Sie werden Alarm geben müssen, und sehen Sie zu, dass er von den richtigen Leuten gefunden wird –«
Beide nickten und entfernten sich seitlich aus ihren Rahmen, doch statt in benachbarten Bildern wieder aufzutauchen (wie es normalerweise in Hogwarts geschah), blieben sie beide verschwunden. Der eine Rahmen enthielt jetzt nur noch einen schwarzen Vorhang im Hintergrund, der andere einen hübschen Ledersessel. Harry fiel auf, dass viele der anderen Schulleiter und Schulleiterinnen an den Wänden, die zwar höchst überzeugend schnarchten und sabberten, ihn hin und wieder verstohlen unter den Augenlidern hervor anlugten, und plötzlich war ihm klar, wer geredet hatte, als sie geklopft hatten.
»Everard und Dilys waren zwei der berühmtesten Schulleiter von Hogwarts«, sagte Dumbledore. Er ging jetzt um Harry, Ron und Professor McGonagall herum und näherte sich dem prächtigen Vogel, der auf seiner Stange neben der Tür kauerte und schlief. »Sie sind so berühmt, dass Porträts von beiden auch in anderen wichtigen Zauberer-Einrichtungen hängen. Da sie sich frei zwischen ihren eigenen Porträts bewegen können, sind sie vielleicht imstande, uns zu sagen, was andernorts geschieht …«
»Aber Mr Weasley könnte überall sein!«, sagte Harry.
»Bitte setzt euch, alle drei«, sagte Dumbledore, als hätte Harry nicht gesprochen. »Everard und Dilys werden wohl einige Minuten weg sein. Professor McGonagall, würden Sie bitte weitere Stühle beschaffen.«
Professor McGonagall zog den Zauberstab aus der Tasche ihres Morgenrocks und schwang ihn; drei Stühle erschienen aus dem Nichts, hölzern und mit steilen Lehnen, ganz anders als die bequemen Chintz-Lehnstühle, die Dumbledore bei Harrys Anhörung heraufbeschworen hatte. Harry setzte sich und beobachtete Dumbledore über die Schulter. Dumbledore strich nun sachte mit einem Finger über Fawkes’ golden gefiederten Kopf. Der Phönix erwachte sofort. Er reckte seinen wunderschönen Kopf in die Höhe und betrachtete Dumbledore mit strahlenden dunklen Augen.
»Es muss«, sagte Dumbledore sehr leise zu dem Vogel, »eine Warnung verbreitet werden.«
Eine Stichflamme loderte auf und der Phönix war verschwunden.
Dumbledore ergriff nun rasch eines der zerbrechlichen silbernen Instrumente, deren Zweck Harry nie erfahren hatte, trug es hinüber zu seinem Schreibtisch, setzte sich wieder ihnen gegenüber und klopfte sanft mit der Zauberstabspitze gegen das Instrument.
Schlagartig erwachte es mit einem Klingeln zum Leben und gab ein rhythmisches Klirren von sich. Kleine blassgrüne Rauchwölkchen traten aus der winzigen silbernen Röhre an seiner Spitze aus. Dumbledore legte die Stirn in Falten und beobachtete den Rauch eingehend. Nach einigen Sekunden wurde aus den Wölkchen ein stetiger Rauchstrom, der dichter wurde und sich in der Luft wand … aus seiner Spitze wuchs der Kopf einer Schlange, die ihr Maul weit öffnete. Harry fragte sich, ob das Instrument seine Geschichte bestätigen würde: Er blickte gespannt auf Dumbledore und wartete auf ein Zeichen, dass er Recht hatte, aber Dumbledore sah nicht auf.
»Natürlich, natürlich«, murmelte Dumbledore wie zu sich selbst, während er weiterhin den Rauchstrom ohne die geringste Spur von Überraschung betrachtete. »Aber im Wesen gespalten?«
Harry wurde aus dieser Frage absolut nicht schlau. Das Reptil aus Rauch jedoch teilte sich jäh in zwei Schlangen, die sich beide in der dunklen Luft wanden und vor und zurück bewegten. Mit einem Ausdruck grimmiger Zufriedenheit klopfte Dumbledore ein weiteres Mal sacht gegen das Instrument: Das Klirren ließ nach und erstarb und die Rauchschlangen verblassten, wurden zu formlosem Nebel und verschwanden.
Dumbledore stellte das Instrument wieder auf den kleinen Tisch mit den Storchbeinen. Harry sah, wie viele der alten Schulleiter in den Porträts ihm mit den Augen folgten und dann, als sie bemerkten, dass Harry sie beobachtete, hastig wieder zu schlafen vorgaben. Harry wollte fragen, wozu das merkwürdige silberne Instrument diente, doch bevor er dazu kam, ertönte zu ihrer Rechten ein Ruf, der oben von der Wand kam; der Zauberer namens Everard war wieder in seinem Porträtrahmen erschienen, nun ein wenig außer Atem.
»Dumbledore!«
»Was gibt es Neues?«, sagte Dumbledore sofort.
»Ich habe gerufen, bis jemand angerannt kam«, antwortete der Zauberer und wischte sich mit dem Vorhang hinter ihm die Stirn, »sagte, ich hätte gehört, dass unten etwas herumschlich – sie waren sich nicht sicher, ob sie mir glauben sollten, aber sie gingen nachsehen. Wie Sie wissen, gibt es dort unten keine Porträts, von denen aus man etwas sehen könnte. Jedenfalls haben sie ihn ein paar Minuten später hochgetragen. Er sieht nicht gut aus, er ist voller Blut. Ich bin weitergerannt zu Elfrida Craggs Porträt, damit ich alles im Blick hatte, während sie hinausgingen –«
»Gut«, sagte Dumbledore. Ron wollte aufspringen. »Dann vermute ich, Dilys hat ihn ankommen sehen –«
Und Augenblicke später war auch die Hexe mit den silbrigen Ringellöckchen wieder in ihrem Bild erschienen. Sie ließ sich hustend in ihren Sessel sinken und sagte: »Ja, sie haben ihn ins St. Mungo eingeliefert, Dumbledore … sie haben ihn an meinem Porträt vorbeigetragen … er sieht schlimm aus …«
»Danke«, sagte Dumbledore. Er wandte sich zu Professor McGonagall um.
»Minerva, Sie müssen bitte gehen und die anderen Weasley-Kinder wecken.«
»Natürlich …«
Professor McGonagall stand auf und ging rasch zur Tür. Harry warf einen Seitenblick auf Ron, dem der Schrecken im Gesicht stand.
»Und, Dumbledore – was ist mit Molly?«, fragte Professor McGonagall und hielt an der Tür inne.
»Das wird Fawkes übernehmen, nachdem er Ausschau gehalten hat, ob sich jemand nähert«, sagte Dumbledore. »Aber vielleicht weiß sie es bereits … sie hat ja diese wunderbare Uhr …«
Harry wusste, dass Dumbledore die Uhr meinte, die nicht die Zeit anzeigte, sondern den Aufenthaltsort und das Befinden der Mitglieder der Weasley-Familie, und es versetzte ihm einen Stich bei dem Gedanken, dass Mr Weasleys Zeiger schon jetzt auf tödliche Gefahr weisen musste. Doch es war sehr spät. Mrs Weasley schlief vermutlich und schaute nicht auf die Uhr. Harry wurde kalt, als er sich an Mrs Weasleys Irrwicht erinnerte, der sich in Mr Weasleys leblosen Körper verwandelt hatte, die Brille schief auf der Nase und mit blutüberströmtem Gesicht … aber Mr Weasley würde nicht sterben … das konnte er einfach nicht …
Dumbledore stöberte inzwischen in einem Schrank hinter Harry und Ron. Mit einem geschwärzten alten Kessel tauchte er wieder auf und stellte ihn vorsichtig auf seinen Schreibtisch. Er hob den Zauberstab und murmelte: »Portus!« Der Kessel zitterte einen Moment und erglühte in einem merkwürdigen blauen Licht, dann kam er bebend zur Ruhe, so fest und schwarz wie ehedem.
Dumbledore schritt hinüber zu einem anderen Porträt, diesmal dem eines listig aussehenden Zauberers mit Spitzbart, dessen Kleidung in den Slytherin-Farben Grün und Silber gemalt war und der offenbar so tief schlief, dass er Dumbledores Stimme nicht hörte, als dieser versuchte ihn aufzuwecken.
»Phineas. Phineas.«
Die Porträtierten entlang den Wänden gaben inzwischen nicht mehr vor zu schlafen; sie bewegten sich in ihren Rahmen, um besser beobachten zu können, was vor sich ging. Als der listig aussehende Zauberer weiterhin zu schlafen vorschützte, riefen einige von ihnen ebenfalls seinen Namen.
»Phineas! Phineas! PHINEAS!«
Er konnte sich nicht länger verstellen, er zuckte theatralisch zusammen und öffnete weit die Augen.
»Hat jemand gerufen?«
»Ich muss Sie bitten, wieder Ihr anderes Porträt aufzusuchen, Phineas«, sagte Dumbledore. »Ich habe eine weitere Nachricht.«
»Mein anderes Porträt aufsuchen?«, sagte Phineas mit schriller Stimme und täuschte ein ausgiebiges Gähnen vor (seine Augen wanderten im Raum umher und blieben auf Harry ruhen). »O nein, Dumbledore, heute Nacht bin ich zu müde.«
Etwas an Phineas’ Stimme kam Harry bekannt vor. Wo hatte er sie schon gehört? Doch bevor er weiter überlegen konnte, brachen die Porträts an den Wänden rundum in einen Proteststurm aus.
»Gehorsamsverweigerung, Sir!«, donnerte ein korpulenter, rotnasiger Zauberer und fuchtelte mit den Fäusten. »Pflichtverletzung!«
»Wir haben die Ehrenpflicht, dem gegenwärtigen Schulleiter von Hogwarts zu Diensten zu sein!«, schrie ein gebrechlich wirkender alter Zauberer, in dem Harry Dumbledores Vorgänger, Armando Dippet, erkannte. »Schämen Sie sich, Phineas!«
»Soll ich ihn überzeugen, Dumbledore?«, rief eine Hexe mit stechenden Augen und hob einen ungewöhnlich dicken Zauberstab, der einer Rute nicht unähnlich sah.
»Oh, na schön«, sagte der Zauberer namens Phineas und beäugte mit leichter Sorge den Zauberstab, »obwohl er inzwischen sehr wahrscheinlich mein Bild zerstört hat, er hat ja die meisten aus meiner Familie rausgeworfen –«
»Sirius weiß sehr wohl, dass er Ihr Porträt nicht zerstören darf«, sagte Dumbledore, und Harry fiel sofort ein, wo er Phineas’ Stimme schon einmal gehört hatte: Sie war aus dem scheinbar leeren Rahmen in seinem Schlafzimmer am Grimmauldplatz gedrungen. »Sie sollen ihm die Botschaft überbringen, dass Arthur Weasley schwer verletzt ist und dass seine Frau, die Kinder und Harry Potter in Kürze in sein Haus kommen werden. Haben Sie verstanden?«
»Arthur Weasley verletzt, Frau und Kinder und Harry Potter kommen ins Haus«, betete Phineas mit gelangweilter Stimme herunter. »Ja, ja … schon gut …«
Er schlenderte in den Rahmen des Bildes hinein und verschwand im selben Augenblick, da sich die Bürotür wieder öffnete. Fred, George und Ginny wurden von Professor McGonagall hereingeschoben, und alle drei, noch in ihren Nachtgewändern, wirkten zerzaust und geschockt.
»Harry – was geht hier vor?«, fragte Ginny mit ängstlichem Gesicht. »Professor McGonagall sagt, du hast gesehen, wie Dad verletzt wurde –«
»Dein Vater wurde während seiner Arbeit für den Orden des Phönix verletzt«, sagte Dumbledore, ehe Harry antworten konnte. »Er wurde ins St.-Mungo-Hospital für Magische Krankheiten und Verletzungen gebracht. Ich schicke euch jetzt wieder in das Haus von Sirius, von dort aus ist das Hospital viel bequemer zu erreichen als vom Fuchsbau. Dort werdet ihr auch eure Mutter treffen.«
»Und wie kommen wir dorthin?«, fragte Fred, sichtlich erschüttert. »Flohpulver?«
»Nein«, sagte Dumbledore. »Flohpulver ist im Moment nicht sicher, das Netzwerk wird überwacht. Ihr werdet einen Portschlüssel nehmen.« Er deutete auf den alten Kessel, der harmlos auf seinem Schreibtisch lag. »Wir warten nur noch auf Phineas Nigellus, damit er uns Bericht erstattet … ich möchte sichergehen, dass die Luft rein ist, bevor ich euch wegschicke –«
Eine Flamme loderte mitten im Büro auf und hinterließ eine einzelne goldene Feder, die sanft zu Boden schwebte.
»Das ist eine Warnung von Fawkes«, sagte Dumbledore und fing die Feder im Flug. »Professor Umbridge weiß offenbar, dass ihr nicht mehr in euren Betten seid … Minerva, gehen Sie und halten Sie sie auf – erzählen Sie ihr irgendwas –«
Professor McGonagall rauschte mit raschelndem Schottentuch davon.
»Er meint, er würde sich freuen«, sagte eine gelangweilte Stimme hinter Dumbledore; der Zauberer namens Phineas war wieder vor seinem Slytherin-Banner aufgetaucht. »Mein Ururenkel hatte immer schon einen merkwürdigen Geschmack, was Hausgäste anbelangt.«
»Also kommt her«, sagte Dumbledore zu Harry und den Weasleys. »Und rasch, bevor noch jemand zu uns stößt.«
Harry und die anderen scharten sich um Dumbledores Schreibtisch.
»Ihr habt alle schon mal einen Portschlüssel benutzt?«, fragte Dumbledore, worauf sie nickten und die Hände ausstreckten, um den geschwärzten Kessel irgendwo zu berühren. »Gut. Ich zähle also bis drei – eins … zwei …«
Es geschah im Bruchteil einer Sekunde: In der winzigen Pause, bevor Dumbledore »drei« sagte, blickte Harry zu ihm auf – sie standen sehr nah beieinander – und Dumbledores klarer blauer Blick wanderte vom Portschlüssel zu Harrys Gesicht.
Augenblicklich brannte Harrys Narbe wie weiße Glut, als ob die alte Wunde wieder aufgebrochen wäre – und unverlangt, ungewollt, doch fürchterlich stark stieg in Harry ein Hass auf, so unerbittlich, dass er in diesem Moment nichts lieber wollte als zuschlagen – zubeißen – seine Fangzähne in den Mann vor ihm versenken –
»… drei.«
Harry spürte einen mächtigen Ruck hinter seinem Nabel, der Boden schwand ihm unter den Füßen, seine Hand klebte am Kessel; er stieß gegen die anderen, während sie alle, vom Kessel gezogen, in einem Wirbel von Farben und windumrauscht dahinrasten … bis seine Füße so hart auf der Erde aufschlugen, dass seine Knie nachgaben. Der Kessel fiel krachend zu Boden und eine Stimme ganz in der Nähe sagte: »Da sind sie ja, die Blutsverräter-Gören. Stimmt es, dass ihr Vater im Sterben liegt?«
»RAUS HIER«, brüllte eine zweite Stimme.
Harry rappelte sich auf und sah sich um. Sie waren in der düsteren Kellerküche am Grimmauldplatz Nummer zwölf gelandet. Licht spendeten nur das Feuer und eine tropfende Kerze, welche die Überreste eines einsamen Nachtessens beleuchteten. Kreacher verschwand durch die Tür zur Halle, während er mit einem feindseligen Blick zurück auf sie seinen Lendenschurz hochzog; Sirius kam mit besorgter Miene auf sie zugeeilt. Er war unrasiert und hatte sich noch nicht für die Nacht umgezogen, außerdem umgab ihn ein schwacher Geruch nach schalem Schnaps, der an Mundungus erinnerte.
»Was ist los?«, fragte er und streckte die Hand aus, um Ginny aufzuhelfen. »Phineas Nigellus meinte, Arthur sei schwer verletzt –«
»Frag Harry«, sagte Fred.
»Ja, ich will das auch hören«, sagte George.
Die Zwillinge und Ginny starrten ihn an. Draußen auf der Treppe hatten Kreachers Schritte innegehalten.
»Es war –«, begann Harry. Das hier war noch schlimmer, als es McGonagall und Dumbledore zu sagen. »Ich hatte – so was wie eine – Vision …«
Und er erzählte ihnen alles, was er gesehen hatte, doch änderte er die Geschichte ab, so dass es sich anhörte, als hätte er als unbeteiligter Zuschauer beobachtet, wie die Schlange angriff, und es nicht aus den Augen des Reptils selbst miterlebt. Ron, immer noch sehr weiß, warf ihm einen flüchtigen Blick zu, sagte aber nichts. Als Harry geendet hatte, starrten ihn Fred, George und Ginny noch einen Moment lang an. Harry wusste nicht, ob er es sich einbildete oder nicht, aber er hatte den Eindruck, dass etwas Anklagendes in ihren Blicken lag. Nun, wenn sie ihm einen Vorwurf machten, nur weil er den Angriff gesehen hatte, dann war er froh, dass er ihnen nicht gesagt hatte, dass er während des Geschehens im Innern der Schlange gewesen war.
»Ist Mum hier?«, fragte Fred und wandte sich an Sirius.
»Sie weiß wahrscheinlich noch gar nicht, was passiert ist«, sagte Sirius. »Das Wichtigste war, euch fortzuschaffen, bevor Umbridge sich einmischen konnte. Ich vermute, Dumbledore teilt es Molly jetzt mit.«
»Wir müssen ins St. Mungo«, drängte Ginny. Sie drehte sich zu ihren Brüdern um; natürlich waren sie immer noch in ihren Schlafanzügen.
»Sirius, kannst du uns Mäntel oder sonst was leihen?«
»Wartet mal, ihr könnt jetzt nicht einfach zum St. Mungo abhauen!«, sagte Sirius.
»Natürlich können wir, wenn wir wollen«, widersprach Fred mit störrischer Miene. »Er ist unser Dad!«
»Und wie wollt ihr erklären, woher ihr erfahren habt, dass Arthur angegriffen wurde, noch bevor das Hospital seine Frau unterrichtet hat?«
»Weshalb sollte das wichtig sein?«, fragte George hitzig.
»Es ist wichtig, weil wir keine Aufmerksamkeit auf die Tatsache lenken wollen, dass Harry Visionen von etwas hat, das Hunderte von Meilen entfernt geschieht!«, sagte Sirius zornig. »Könnt ihr euch vielleicht vorstellen, was das Ministerium von einer solchen Information halten würde?«
Fred und George sahen aus, als sei es ihnen absolut schnuppe, was das Ministerium von irgendetwas halten könnte. Ron war immer noch aschfahl und stumm.
»Irgendjemand hätte es uns sagen können …«, warf Ginny ein. »Wir hätten es doch auch von jemand anderem als Harry hören können.«
»Und von wem?«, sagte Sirius unwirsch. »Hört zu, euer Dad wurde verletzt, während er im Auftrag des Ordens tätig war, und die Umstände sind ohnehin schon verdächtig genug, ohne dass seine Kinder Sekunden später davon erfahren. Ihr könntet die Sache des Ordens schwer beschädi–«
»Der blöde Orden ist uns egal!«, rief Fred.
»Es geht darum, dass unser Dad stirbt!«, schrie George.
»Euer Vater wusste, worauf er sich einließ, und er wird sich nicht bei euch bedanken, wenn ihr dem Orden alles vermasselt!«, erwiderte Sirius, nicht minder zornig. »So ist es nun mal – deshalb seid ihr nicht im Orden – ihr versteht nicht – es gibt Dinge, für die es wert ist, zu sterben!«
»Du hast ja leicht reden, wo du hier drinhockst!«, brüllte Fred. »Du riskierst ja nicht deinen Kopf!«
Der Rest von Farbe schwand aus Sirius’ Gesicht. Einen Moment lang sah er aus, als hätte er größte Lust, Fred zu schlagen, doch als er sprach, war seine Stimme ruhig und bestimmt.
»Ich weiß, es ist schwierig, aber wir müssen alle so tun, als ob wir noch nichts wüssten. Wir müssen hierbleiben, zumindest bis wir von eurer Mutter hören, klar?«
Fred und George schienen immer noch rebellisch gestimmt. Ginny jedoch ging ein paar Schritte hinüber zum nächsten Stuhl und ließ sich daraufsinken. Harry blickte Ron an, der eine komische Bewegung machte, eine Mischung aus Kopfnicken und Achselzucken, und sie setzten sich ebenfalls. Die Zwillinge sahen Sirius eine weitere Minute lang feindselig an, dann nahmen sie neben Ginny Platz.
»Gut so«, ermunterte sie Sirius, »also, lasst uns – lasst uns was trinken, während wir warten. Accio Butterbier!«
Mit diesen Worten hob er den Zauberstab, und ein halbes Dutzend Flaschen kamen aus der Speisekammer auf sie zugeflogen, schlitterten über den Tisch, verstreuten die Überreste von Sirius’ Mahlzeit und blieben genau vor den sechsen stehen. Während sie tranken, war eine Zeit lang bloß das Knistern des Küchenfeuers und das leise Klopfen ihrer Flaschen auf dem Küchentisch zu hören.
Harry trank nur, damit seine Hände beschäftigt waren. Ein fürchterlich heißes, brodelndes Schuldgefühl drückte in seinem Magen. Nur seinetwegen waren sie hier, ansonsten würden sie alle noch im Bett liegen und schlafen. Und es hatte keinen Zweck, sich einzureden, dass es ihm zu verdanken war, dass sie Mr Weasley gefunden hatten, weil er Alarm geschlagen hatte. Dagegen sprach die nicht zu leugnende Wahrheit, dass er selbst Mr Weasley überhaupt erst angegriffen hatte.
Sei nicht albern, du hast keine Fangzähne, redete er sich zu und versuchte ruhig zu bleiben, obwohl die Hand, mit der er die Butterbierflasche hielt, zitterte. Du lagst im Bett, du hast niemanden angegriffen …
Aber was ist dann eben in Dumbledores Büro passiert?, fragte er sich. Ich hatte das Gefühl, dass ich auch noch Dumbledore angreifen wollte …
Er setzte die Flasche ein wenig härter auf, als er gewollt hatte, und Butterbier schwappte über den Tisch. Niemand bemerkte etwas. Dann erhellte eine Stichflamme mitten in der Luft die schmutzigen Teller vor ihnen, und während sie erschrocken aufschrien, fiel eine Pergamentrolle mit einem dumpfen Geräusch auf den Tisch, gefolgt von der einzelnen goldenen Schwanzfeder eines Phönix.
»Fawkes!«, sagte Sirius prompt und schnappte das Pergament. »Das ist nicht Dumbledores Handschrift – das muss eine Nachricht von eurer Mutter sein – hier –«
Er drückte den Brief George in die Hand, der ihn aufriss und laut vorlas: »Dad ist noch am Leben. Ich mache mich jetzt auf den Weg ins St. Mungo. Bleibt, wo ihr seid. Ich benachrichtige euch, sobald ich kann. Mum«.
George blickte in die Runde.
»Noch am Leben …«, sagte er langsam. »Aber das hört sich an, als ob …«
Er brauchte den Satz nicht zu beenden. Auch für Harry klang es, als ob Mr Weasley zwischen Leben und Tod schwebte. Ron, noch immer ungewöhnlich blass, starrte auf die Rückseite des Briefs seiner Mutter, als wären von dort tröstende Worte zu erwarten. Fred nahm George das Pergament ab und las es selbst noch einmal durch, dann blickte er zu Harry, der spürte, wie seine Hand an der Butterbierflasche erneut zitterte, worauf er die Flasche fester umklammerte, damit die Hand ruhig blieb.
Noch nie hatte Harry eine längere Nacht durchwacht als diese, jedenfalls konnte er sich nicht erinnern. Irgendwann schlug Sirius ohne rechte Überzeugung vor, sie sollten alle zu Bett gehen, aber die empörten Blicke der Weasleys waren Antwort genug. Sie saßen zumeist schweigend um den Tisch, sahen zu, wie der Kerzendocht immer tiefer ins flüssige Wachs sank, und tranken gelegentlich einen Schluck Butterbier. Gesprochen wurde nur, wenn sie nach der Uhrzeit fragten oder laut überlegten, was wohl vor sich ging, und um sich gegenseitig zu versichern, dass man schlechte Nachrichten schon längst erfahren hätte, denn Mrs Weasley musste bereits vor einiger Zeit im St. Mungo angekommen sein.
Fred schlummerte ein und sein Kopf lag schlaff seitlich auf seiner Schulter. Ginny hatte sich auf ihrem Stuhl eingerollt wie eine Katze, aber die Augen geöffnet; Harry sah, dass sich das Licht des Feuers in ihnen spiegelte. Ron saß da, den Kopf in den Händen, und es war unmöglich, zu sagen, ob er wach war oder schlief. Harry und Sirius, Eindringlinge in die trauernde Familie, warfen sich bisweilen Blicke zu und warteten … warteten …
Nach Rons Uhr war es zehn nach fünf am Morgen, als die Tür aufschwang und Mrs Weasley eintrat. Sie war leichenblass, doch als sie sich umwandten und sie ansahen und Fred, Ron und Harry sich halb von ihren Stühlen erhoben, zeigte sie ein mattes Lächeln.
»Er wird durchkommen«, sagte sie mit vor Müdigkeit schwacher Stimme. »Er schläft jetzt. Später können wir ihn alle besuchen. Bill ist noch bei ihm; er nimmt sich den Morgen frei.«
Fred sackte mit dem Gesicht in den Händen auf seinen Stuhl zurück. George und Ginny standen auf, gingen rasch auf ihre Mutter zu und umarmten sie. Ron lachte zittrig auf und stürzte den Rest seines Butterbiers hinunter.
»Frühstück!«, rief Sirius laut und fröhlich und sprang auf. »Wo ist dieser verfluchte Hauself? Kreacher! KREACHER!«
Aber Kreacher antwortete nicht.
»Ach, was soll’s«, murmelte Sirius und zählte die Anwesenden. »Also, Frühstück für – wie viel sind wir – sieben … Speck und Eier, denke ich, und etwas Tee und Toast –«
Harry ging rasch hinüber zum Herd, um sich nützlich zu machen. Er wollte das Glück der Weasleys nicht stören, und es graute ihm schon vor dem Augenblick, da Mrs Weasley ihn auffordern würde, seine Vision noch einmal zu schildern. Doch kaum hatte er die Teller aus der Anrichte geholt, da nahm Mrs Weasley sie ihm aus den Händen und zog ihn in ihre Arme.
»Ich weiß nicht, was ohne dich passiert wäre, Harry«, sagte sie mit gedämpfter Stimme. »Vielleicht hätte man Arthur erst Stunden später gefunden, und dann wäre es zu spät gewesen, aber dank dir lebt er noch, und Dumbledore konnte sich einen guten Vorwand ausdenken, warum man Arthur ausgerechnet dort gefunden hat, du hast ja keine Ahnung, in welchen Schwierigkeiten er sonst stecken würde, denk an den armen Sturgis …«
Harry konnte ihre Dankbarkeit kaum ertragen, doch zum Glück ließ sie bald von ihm ab, wandte sich an Sirius und bedankte sich bei ihm, dass er während der Nacht bei ihren Kindern geblieben war. Sirius sagte, es freue ihn sehr, dass er helfen konnte, und dass sie hoffentlich alle bei ihm wohnen würden, solange Mr Weasley im Krankenhaus sei.
»Oh, Sirius, ich bin dir so dankbar … sie meinen dort, dass er noch eine Weile bleiben muss, und es wäre wunderbar, in der Nähe zu sein … natürlich könnte das bedeuten, dass wir über Weihnachten hier sind.«
»Je mehr wir sind, desto lustiger wird’s!« Sirius freute sich so offenkundig ehrlich, dass Mrs Weasley ihn anstrahlte, sich eine Schürze umwarf und beim Frühstückmachen half.
»Sirius«, murmelte Harry, der es keinen Moment länger aushalten konnte. »Kann ich kurz mit dir sprechen? Ähm – jetzt?«
Er ging in die dunkle Speisekammer und Sirius folgte ihm. Ohne Vorrede schilderte Harry seinem Paten jede Einzelheit seiner Vision, mitsamt der Tatsache, dass er selbst die Schlange gewesen war, die Mr Weasley angegriffen hatte.
Als er eine Atempause einlegte, fragte Sirius: »Hast du Dumbledore davon erzählt?«
»Ja«, sagte Harry ungeduldig, »aber er hat mir nicht gesagt, was es zu bedeuten hat. Er sagt mir ohnehin überhaupt nichts mehr.«
»Sicher hätte er es dir gesagt, wenn man sich darüber Sorgen machen müsste«, sagte Sirius entschieden.
»Aber das ist noch nicht alles«, fuhr Harry jetzt fast flüsternd fort. »Sirius, ich … ich glaub, ich werd allmählich verrückt. Dort im Büro von Dumbledore, kurz bevor wir den Portschlüssel genommen haben … da hab ich ein paar Sekunden lang gedacht, ich wäre eine Schlange, ich hab mich gefühlt wie eine Schlange – meine Narbe hat furchtbar wehgetan, als ich Dumbledore ansah – Sirius, ich wollte ihn angreifen!«
Er konnte nur einen schmalen Streif von Sirius’ Gesicht sehen, der Rest lag im Dunkeln.
»Das muss die Nachwirkung deiner Vision gewesen sein, nichts weiter«, sagte Sirius. »Du hast noch an den Traum oder was auch immer gedacht und –«
»Das war es nicht«, widersprach Harry und schüttelte den Kopf. »Es war wie etwas, das in mir emporstieg, als ob in meinem Innern eine Schlange wäre.«
»Dir fehlt einfach Schlaf«, sagte Sirius bestimmt. »Du frühstückst jetzt, dann gehst du nach oben ins Bett, und nach dem Mittagessen kannst du mit den anderen zusammen Arthur besuchen. Du stehst unter Schock, Harry; du gibst dir selbst die Schuld für etwas, dessen Zeuge du nur warst. Und es ist ein Glück, dass du es gesehen hast, sonst wäre Arthur womöglich gestorben. Also hör auf, dir Sorgen zu machen.«
Er gab Harry einen Klaps auf die Schulter, ging aus der Speisekammer und ließ Harry allein im Dunkeln zurück.
Alle außer Harry schliefen den restlichen Morgen über. Er ging hoch in das Schlafzimmer, das er und Ron sich während der letzten Sommerwochen geteilt hatten, doch während Ron ins Bett kroch und nach wenigen Minuten eingeschlafen war, saß Harry vollständig angezogen da, absichtlich unbequem gegen die kalten Metallstangen des Bettgestells gelehnt und entschlossen, nicht einzudösen. Es graute ihm davor, im Schlaf erneut zur Schlange zu werden, aufzuwachen und festzustellen, dass er Ron angegriffen hatte oder auf der Suche nach einem der anderen durch das Haus geglitten war …
Als Ron erwachte, tat Harry so, als hätte auch er ein erfrischendes Nickerchen hinter sich. Ihre Koffer kamen aus Hogwarts, während sie zu Mittag aßen, so dass sie sich für die Fahrt zum St. Mungo als Muggel verkleiden konnten. Alle außer Harry waren in ausgelassener, glücklicher Stimmung und redselig, während sie aus ihren Umhängen und in Jeans und Sweatshirts schlüpften. Als Tonks und Mad-Eye auftauchten, um sie durch London zu begleiten, wurden sie freudestrahlend begrüßt. Sie lachten über die Melone, die Mad-Eye so schief auf dem Kopf trug, dass sie sein magisches Auge verbarg, und sie versicherten ihm aufrichtig, dass Tonks, deren Haare jetzt wieder kurz und knallpink waren, viel weniger Blicke in der U-Bahn auf sich ziehen würde.
Tonks interessierte sich brennend für Harrys Vision von dem Angriff auf Mr Weasley, während Harry nicht die mindeste Lust hatte, darüber zu reden.
»Du hast nicht zufällig Seher-Blut in der Familie?«, wollte sie neugierig wissen, als sie nebeneinander in der U-Bahn saßen, die ratternd ins Stadtzentrum fuhr.
»Nein«, sagte Harry und dachte beleidigt an Professor Trelawney.
»Nein«, sagte Tonks nachdenklich, »nein, du machst ja eigentlich gar keine Voraussagen, nicht wahr? Ich meine, du siehst nicht die Zukunft, du siehst die Gegenwart … seltsam, was? Aber recht nützlich …«
Harry antwortete nicht. Glücklicherweise stiegen sie beim nächsten Halt aus, einem Bahnhof im Herzen Londons, und in dem Gedränge beim Verlassen des Zuges gelang es ihm, Fred und George zwischen sich und die vorausgehende Tonks geraten zu lassen. Sie folgten ihr die Rolltreppe hoch; Moody humpelte als Letzter der Gruppe hinterher, die Melone schräg und tief ins Gesicht gezogen und eine knorrige Hand zwischen die Knöpfe in seinen Mantel gesteckt, die den Zauberstab hielt. Harry meinte zu spüren, wie das verborgene Auge ihn scharf fixierte. Da er keine weiteren Fragen über seinen Traum aufkommen lassen wollte, fragte er Mad-Eye, wo St. Mungo verborgen war.
»Nicht weit von hier«, brummte Moody, als sie in die Winterluft hinaus auf eine breite, mit Läden gesäumte Straße voller Weihnachtseinkäufer traten. Er schob Harry dicht vor sich her und stampfte ihm nach; Harry wusste, dass das Auge unter dem schräg sitzenden Hut in alle Richtungen rollte. »War nicht einfach, ’nen guten Standort für ein Krankenhaus zu finden. In der Winkelgasse gab’s nicht genug Platz und unter der Erde wie beim Ministerium ging’s auch nicht – wär zu ungesund. Schließlich haben sie ein Gebäude hier oben beschaffen können. Die Überlegung war, dass kranke Zauberer beim Kommen und Gehen einfach in der Menge untertauchen können.«
Er packte Harry an der Schulter, damit sie nicht von einer schnatternden Herde Passanten getrennt wurden, die ganz von dem Gedanken beseelt schienen, rasch in den nächsten Laden voller elektrischer Gerätschaften zu kommen.
»Hier lang«, sagte Moody einen Moment später.
Sie waren vor einem großen, altmodischen Backsteinbau angelangt, einem Kaufhaus namens Reinig & Tunkunter GmbH. Etwas Armseliges und Tristes ging von ihm aus; in den Schaufenstern war nichts außer ein paar ramponierten Puppen mit verrutschten Perücken zu sehen, die wahllos herumstanden und Kleidermoden zeigten, die seit mindestens zehn Jahren veraltet waren. Auf großen Schildern an sämtlichen verstaubten Türen hieß es: »Wegen Renovierung geschlossen«. Harry hörte deutlich, wie eine dicke, mit Plastiktüten bepackte Frau im Vorübergehen zu ihrer Freundin sagte: »Der ist doch nie offen, der Laden …«
»Hierher«, sagte Tonks und winkte sie zu einem Schaufenster hin, in dem lediglich eine besonders hässliche weibliche Puppe stand. Ihre künstlichen Wimpern hingen lose herab und sie hatte ein grünes Nylonträgerkleid an. »Sind alle bereit?«
Sie nickten und scharten sich um sie. Moody schob Harry mit einem neuerlichen Stoß zwischen die Schulterblätter weiter nach vorne, während Tonks sich dicht an die Scheibe lehnte, wobei ihr Atem das Glas beschlug, und zu der äußerst hässlichen Puppe hochblickte. »Hallo«, sagte sie, »wir sind hier, um Arthur Weasley zu besuchen.«
Harry dachte, dass Tonks doch unmöglich glauben konnte, von der Puppe durch eine Glasscheibe gehört zu werden, so leise, wie sie sprach, und mit der Straße voll lärmender Passanten und rumpelnder Busse hinter ihr. Dann fiel ihm ein, dass Schaufensterpuppen ohnehin nichts hören konnten. Einen Moment später klappte ihm erschrocken der Mund auf, als die Puppe kaum merklich nickte und einen ihrer Gliederfinger krümmte, und schon hatte Tonks Ginny und Mrs Weasley an den Ellbogen gepackt, war geradewegs durch das Glas getreten und verschwunden.
Fred, George und Ron folgten ihnen. Harry warf einen Blick zurück auf das Gedränge der Passanten. Keiner schien auch nur einen Blick übrig zu haben für so hässliche Schaufensterdekorationen wie die von Reinig & Tunkunter, und offenbar hatte auch niemand bemerkt, dass sich gerade vor ihnen sechs Leute in Luft aufgelöst hatten.
»Mach schon«, knurrte Moody und stupste Harry erneut in den Rücken. Zusammen traten sie durch etwas, das sich anfühlte wie eine Schicht kühles Wasser, ehe sie auf der anderen Seite durchaus warm und trocken wieder herauskamen.
Von der hässlichen Puppe oder dem Platz, wo sie gestanden hatte, war nichts mehr zu sehen. Sie befanden sich offenbar in einem sehr belebten Empfangsraum, in dem Zauberer und Hexen auf Reihen wackliger Holzstühle saßen. Manche sahen völlig normal aus und blätterten alte Ausgaben der Hexenwoche durch, andere wiesen grausige Entstellungen auf wie Elefantenrüssel oder zusätzliche Hände, die ihnen aus den Brustkörben ragten. Hier drin ging es kaum weniger laut zu als draußen auf der Straße, denn viele der Patienten gaben sehr eigentümliche Geräusche von sich: Eine Hexe mit schweißüberströmtem Gesicht in der Mitte der ersten Reihe, die sich mit einem Tagespropheten kräftig Luft zufächelte, stieß andauernd ein hohes Pfeifen aus, während Dampf aus ihrem Mund quoll. Ein schmuddelig wirkender Zauberer in der Ecke ließ jedes Mal ein Glockenläuten hören, wenn er sich bewegte, und bei jedem Läuten vibrierte sein Kopf so schrecklich, dass er sich an den Ohren packen musste, um ihn ruhig zu halten.
Hexen und Zauberer in limonengrünen Umhängen gingen die Reihen auf und ab und stellten Fragen und machten Notizen auf Klemmbrettern wie dem von Umbridge. Harry fiel das Wappen auf, das vorne auf ihren Umhang gestickt war: ein Zauberstab und ein Knochen, gekreuzt.
»Sind das Ärzte?«, fragte er Ron leise.
»Ärzte?«, sagte Ron und blickte verdutzt. »Diese Muggelnarren, die Leute aufschlitzen? Nee, das sind Heiler.«
»Hier rüber!«, rief Mrs Weasley über das neuerliche Geläut des Zauberers in der Ecke hinweg, und sie folgten ihr zu der Warteschlange vor einer molligen Blondine, die an einem Pult mit dem Schild Auskunft saß. Die Wand hinter ihr war voller Aushänge und Plakate, auf denen es etwa hieß: EIN SAUBERER KESSEL VERHINDERT, DASS IHR ZAUBERTRANK ZU GIFT WIRD und AUCH GEGENGIFTE SIND GIFTE – FRAGEN SIE IM ZWEIFEL IHREN QUALIFIZIERTEN HEILER. Zu sehen war auch das große Porträt einer Hexe mit langen silbernen Ringellöckchen, unter dem stand:
Dilys Derwent
Heilerin in St. Mungo 1722–1741
Leiterin der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei
1741–1768
Dilys beäugte die Weasley-Gruppe, als würde sie zählen, wie viele sie waren. Als Harry ihren Blick auffing, zwinkerte sie ihm kurz zu, ging seitwärts aus ihrem Porträt heraus und verschwand.
Unterdessen gab ein junger Zauberer vorn in der Schlange eine seltsame Tanzeinlage zum Besten und versuchte unter Schmerzensschreien, der Hexe hinter dem Pult sein Leiden zu erklären.
»Es sind – autsch – diese Schuhe, die mein Bruder mir geschenkt hat – au – die fressen meine – AUTSCH – Füße – sehen Sie nur, da muss irgendein – AARRGH – Fluch auf denen sein und ich kann sie – AAAARGH – nicht ausziehen.« Er sprang von einem Bein aufs andere, als würde er auf heißen Kohlen tanzen.
»Die Schuhe hindern Sie nicht am Lesen, oder?«, sagte die blonde Hexe und deutete missgelaunt auf ein großes Schild links von ihrem Pult. »Sie müssen in den vierten Stock, Fluchschäden. Das steht auf dem Hinweisschild hier. Der Nächste!«
Während der Zauberer zur Seite hüpfte und tänzelnd verschwand, trat die Weasley-Gruppe ein paar Schritte vor, und Harry las den Wegweiser für die Stockwerke:
UTENSILIEN-UNGLÜCKE . . . . . . . . . . Erdgeschoss
Kesselexplosion, Zauberstab-Fehlzündung, Besenzusammenstöße usw.
VERLETZUNGEN DURCH TIERWESEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Erster Stock
Bisse, Stiche, Verbrennungen, eingewachsene Stachel usw.
MAGISCHE PESTILENZEN . . . . . . . . . . Zweiter Stock
Ansteckende Krankheiten, z.B. Drachenpocken, Verschwinditis, Skrofungulose usw.
VERGIFTUNGEN DURCH ZAUBERTRÄNKE UND PFLANZEN . . . . . . . . . . Dritter Stock
Ausschläge, Erbrechen, Dauerkichern usw.
FLUCHSCHÄDEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vierter Stock
Unaufhebbare Flüche, Hexereien, nicht korrekt angewandte Zauber usw.
BESUCHER-CAFETERIA / KRANKENHAUSKIOSK . . . . . . . . . . . . . Fünfter Stock
WENN SIE NICHT SICHER SIND, WO SIE HINMÜSSEN, NICHT NORMAL REDEN ODER SICH NICHT ERINNERN KÖNNEN, WARUM SIE HIER SIND, HILFT IHNEN UNSERE EMPFANGSHEXE GERNE WEITER.
Ein sehr alter, gebeugter Zauberer mit einem Hörrohr war inzwischen an die Spitze der Schlange geschlurft. »Ich möchte Broderick Bode besuchen!«, sagte er pfeifend.
»Station neunundvierzig, aber ich fürchte, Sie verschwenden Ihre Zeit«, entgegnete die Hexe abschätzig. »Er ist völlig verwirrt, verstehen Sie – glaubt immer noch, er sei eine Teekanne. Der Nächste!«
Ein zermürbt wirkender Zauberer hielt seine kleine Tochter am Handgelenk fest, während sie mit riesigen gefiederten Flügeln, die ihr direkt aus dem Rücken ihres Strampelanzugs gewachsen waren, um seinen Kopf herumflatterte.
»Vierter Stock«, sagte die Hexe gelangweilt, ohne zu fragen; der Mann hielt seine Tochter wie einen merkwürdig geformten Ballon und verschwand durch die Schwingtür neben dem Pult. »Der Nächste!«
Mrs Weasley trat vor ans Pult.
»Hallo«, sagte sie, »mein Mann, Arthur Weasley, sollte heute Morgen auf eine andere Station verlegt werden, könnten Sie uns sagen –«
»Arthur Weasley?«, sagte die Hexe und fuhr mit dem Finger über eine lange Liste vor ihr. »Ja, erster Stock, zweite Tür rechts, Dai-Llewellyn-Station.«
»Danke«, sagte Mrs Weasley. »Los, kommt.«
Sie folgten ihr durch die Schwingtür und den schmalen Korridor dahinter entlang, in dem weitere Porträts berühmter Heiler hingen und der von Kristallsphären voller Kerzen erhellt wurde, die oben an der Decke schwebten und wie riesige Seifenblasen aussahen. Noch mehr Hexen und Zauberer in limonengrünen Umhängen gingen durch die Türen, an denen sie vorbeikamen, ein und aus; ein faulig riechendes gelbes Gas waberte durch eine dieser Türen, und ab und zu hörten sie ein fernes Jammern. Sie stiegen eine Treppe hoch und betraten den Korridor auf dem Stockwerk für Verletzungen durch Tierwesen, die zweite Tür rechts dort trug die Aufschrift: »Dangerous« – Dai-Llewellyn-Station: Schwere Bisswunden. Darunter war eine Karte in einem Messinghalter, auf der von Hand geschrieben stand: Chefheiler: Hippocrates Smethwyck. Heiler im Praktikum: Augustus Pye.
»Wir warten draußen, Molly«, sagte Tonks. »Arthur wird nicht zu viele Besucher auf einmal haben wollen … erst geht mal die Familie rein.«
Mad-Eye brummte zustimmend, lehnte sich mit dem Rücken an die Wand des Korridors und ließ das magische Auge in alle Richtungen rollen. Auch Harry trat zurück, aber Mrs Weasley packte ihn und schob ihn durch die Tür. »Stell dich nicht so an, Harry«, sagte sie, »Arthur will sich bei dir bedanken.«
Die Station war klein und recht schäbig; es gab nur ein schmales Fenster hoch oben in der Wand gegenüber der Tür. Das meiste Licht spendeten auch hier die leuchtenden Kristallsphären, die sich an der Deckenmitte zusammendrängten. An einer der eichengetäfelten Wände hing das Porträt eines ziemlich bösartig aussehenden Zauberers, unter dem stand: Urquhart Rackharrow, 1612–1697, Erfinder des Eingeweide-Ausweide-Fluchs.
Die Station hatte nur drei Patienten. Mr Weasley lag im hinteren Bett unter dem kleinen Fenster. Harry stellte froh und erleichtert fest, dass er, auf mehrere Kissen gestützt, im Licht des einsamen Sonnenstrahls, der auf sein Bett fiel, den Tagespropheten las. Er hob den Kopf, als sie auf ihn zugingen, und als er sie erkannte, strahlte er.
»Hallo!«, rief er und warf den Propheten beiseite. »Bill ist eben gegangen, Molly, er musste zur Arbeit, aber er will später bei euch vorbeischauen.«
»Wie geht’s dir, Arthur?«, fragte Mrs Weasley, beugte sich hinunter, küsste ihn auf die Wange und blickte ihm besorgt ins Gesicht. »Siehst immer noch ein bisschen kränklich aus.«
»Mir geht’s bestens«, sagte Mr Weasley mit einem breiten Lächeln und streckte seinen gesunden Arm aus, um Ginny an sich zu drücken. »Wenn sie nur den Verband abnehmen könnten, ich würde glatt nach Hause gehen.«
»Und wieso können sie den nicht abnehmen, Dad?«, fragte Fred.
»Nun ja, jedes Mal, wenn sie’s versuchen, fang ich an zu bluten wie ein Schwein«, sagte Mr Weasley aufgeräumt, langte hinüber nach seinem Zauberstab auf dem Nachtschränkchen und schwang ihn, worauf sechs Stühle neben seinem Bett erschienen, damit sie sich alle setzen konnten. »Sieht so aus, als hätte diese Schlange ein ziemlich ungewöhnliches Gift in den Zähnen gehabt, das Wunden offen hält. Sie sind sich aber sicher, dass sie ein Gegengift finden; sie hätten schon viel schlimmere Fälle als meinen gehabt, behaupten sie, und bis dahin muss ich nur stündlich einen Blut bildenden Trank nehmen. Aber der Kollege da drüben«, sagte er, senkte die Stimme und nickte zu dem Bett gegenüber, in dem ein grün und elend aussehender Mann lag und an die Decke starrte, »wurde von einem Werwolf gebissen, der arme Kerl. Da gibt’s überhaupt kein Heilmittel.«
»Einem Werwolf?«, flüsterte Mrs Weasley erschrocken. »Ist das denn sicher, auf einer offenen Station? Sollte er nicht besser in einem Einzelzimmer liegen?«
»Es sind noch zwei Wochen bis Vollmond«, erinnerte Mr Weasley sie leise. »Sie haben heute Morgen mit ihm gesprochen, die Heiler, meine ich, und wollten ihm klarmachen, dass er ein fast normales Leben führen kann. Ich hab ihm gesagt – ohne Namen zu nennen, natürlich –, also ich hab gesagt, ich kenne einen Werwolf persönlich, einen sehr netten Mann, der ganz gut mit der Krankheit zurechtkommt.«
»Was hat er gesagt?«, fragte George.
»Meinte, wenn ich nicht den Mund halte, beißt er mich auch«, sagte Mr Weasley traurig. »Und die Frau dort drüben« – er deutete auf das einzige andere belegte Bett gleich an der Tür – »die will den Heilern nicht verraten, von was sie gebissen wurde, deshalb glauben wir alle, es muss was gewesen sein, mit dem sie rechtswidrig zugange war. Was es auch war, es hat ihr ein hübsches Stück aus dem Bein gebissen, riecht ganz übel, wenn sie die Bandagen abnehmen.«
»Erzählst du uns jetzt mal, was passiert ist, Dad?«, fragte Fred und zog seinen Stuhl näher ans Bett.
»Also, das wisst ihr doch schon, oder?«, sagte Mr Weasley mit einem viel sagenden Lächeln zu Harry. »Es ist ganz einfach – ich hatte einen sehr anstrengenden Tag, bin eingenickt, etwas hat sich angeschlichen und mich gebissen.«
»Steht im Propheten, dass du angegriffen wurdest?«, fragte Fred und deutete auf die Zeitung, die Mr Weasley beiseitegeworfen hatte.
»Nein, natürlich nicht«, sagte Mr Weasley mit einem etwas bitteren Lächeln, »das Ministerium will doch nicht verbreiten, dass eine miese Riesenschlange sich –«
»Arthur!«, warnte Mrs Weasley ihn.
»– sich – ähm – auf mich gestürzt hat«, sagte Mr Weasley hastig, doch Harry war ziemlich sicher, dass er eigentlich etwas anderes hatte sagen wollen.
»Wo warst du denn, als es passiert ist, Dad?«, fragte George.
»Das geht nur mich was an«, sagte Mr Weasley, lächelte aber verhalten. Er griff nach dem Tagespropheten, schüttelte ihn wieder auf und sagte: »Als ihr reinkamt, hab ich gerade gelesen, dass Willy Widdershins verhaftet wurde. Es hat sich nämlich herausgestellt, dass Willy hinter diesen wieder ausspuckenden Toiletten steckte, ihr wisst doch, die vom Sommer? Einer seiner Flüche ist nach hinten losgegangen, die Toilette ist explodiert, und sie haben ihn bewusstlos in den Trümmern gefunden, von Kopf bis Fuß in –«
»Wenn du sagst, dass du im Dienst warst«, unterbrach ihn Fred mit leiser Stimme, »was hast du dann gemacht?«
»Du hast deinen Vater gehört«, flüsterte Mrs Weasley, »darüber reden wir hier nicht! Erzähl weiter von Willy Widdershins, Arthur.«
»Also, fragt mich nicht, warum, aber die Anklage wegen der Toiletten wurde tatsächlich fallen gelassen«, sagte Mr Weasley grimmig. »Ich kann nur vermuten, dass Gold den Besitzer gewechselt hat.«
»Du hast sie bewacht, stimmt’s?«, sagte George leise. »Die Waffe? Das Ding, hinter dem Du-weißt-schon-wer her ist?«
»George, sei leise!«, fauchte Mrs Weasley.
»Jedenfalls«, sagte Mr Weasley mit erhobener Stimme, »diesmal wurde Willy erwischt, wie er beißende Türklinken an Muggel verkauft hat, und ich glaub nicht, dass er sich da auch wieder rauswinden kann. Dem Artikel zufolge haben zwei Muggel Finger verloren und sind jetzt im St. Mungo zu einer Notfall-Knochenwuchsbehandlung und einer Gedächtnismodifizierung. Das muss man sich mal vorstellen, Muggel im St. Mungo! Ich frag mich, auf welcher Station die wohl liegen.«
Und er blickte neugierig umher, als hoffte er, irgendwo einen Wegweiser zu finden.
»Hast du nicht gesagt, Du-weißt-schon-wer habe eine Schlange, Harry?«, fragte Fred und beobachtete, wie sein Vater darauf reagierte. »Eine riesige? Du hast sie in der Nacht gesehen, in der er zurückkam, stimmt’s?«
»Das reicht jetzt«, sagte Mrs Weasley verärgert. »Mad-Eye und Tonks sind vor der Tür, Arthur, sie wollen dich auch noch sehen. Und ihr könnt alle draußen warten«, fügte sie zu ihren Kindern und Harry gewandt hinzu. »Danach könnt ihr kommen und euch verabschieden. Geht jetzt.«
Sie trotteten zurück auf den Korridor. Mad-Eye und Tonks gingen hinein und schlossen die Stationstür hinter sich. Fred zog die Brauen hoch.
»Schön«, sagte er kühl und stöberte in seinen Taschen, »wie ihr wollt. Sagt uns bloß kein einziges Wort.«
»Suchst du die hier?«, fragte George und streckte ihm etwas entgegen, das wie ein fleischfarbener Schnurknäuel aussah.
»Du kannst Gedanken lesen«, sagte Fred grinsend. »Mal sehen, ob St. Mungo seine Stationstüren mit Imperturbatio-Zaubern belegt!«
Er und George dröselten den Knäuel auf und trennten fünf Langziehohren voneinander. Fred und George reichten sie herum. Harry zögerte.
»Mach schon, Harry, nimm eins! Du hast Dad das Leben gerettet. Wenn jemand das Recht hat, ihn zu belauschen, dann du.«
Unfreiwillig grinsend nahm Harry das Ende der Schnur und steckte es wie die Zwillinge ins Ohr.
»Okay, los geht’s«, flüsterte Fred.
Die fleischfarbenen Schnüre ringelten sich wie lange dünne Würmer und schlängelten sich unter der Tür durch. Zuerst konnte Harry überhaupt nichts hören, dann zuckte er zusammen, als er Tonks so klar flüstern hörte, als würde sie direkt neben ihm stehen.
»… die haben den ganzen Bereich abgesucht, aber die Schlange nirgends gefunden. Sieht ganz so aus, als wäre sie nach dem Angriff auf dich verschwunden, Arthur … aber Du-weißt-schon-wer hat doch nicht im Ernst erwartet, dass eine Schlange dort eindringen kann?«
»Ich schätze, er hat sie als Späherin geschickt«, knurrte Moody, »weil er bisher noch kein Glück gehabt hat. Nein, ich denk mal, er will sich ein klareres Bild von dem verschaffen, was ihn erwartet, und wenn Arthur nicht da gewesen wäre, hätte das Viech viel mehr Zeit gehabt rumzuschnüffeln. Potter sagt also, er hat gesehen, wie alles passiert ist?«
»Ja«, sagte Mrs Weasley. Es klang, als wäre ihr recht unbehaglich zumute. »Wisst ihr, Dumbledore scheint fast darauf gewartet zu haben, dass Harry etwas Derartiges sieht.«
»Ja, sicher«, sagte Moody, »’s ist was Merkwürdiges an diesem Potter-Jungen, das wissen wir alle.«
»Als ich heute Morgen mit Dumbledore gesprochen habe, schien er sich wegen Harry Sorgen zu machen«, flüsterte Mrs Weasley.
»’türlich ist er besorgt«, knurrte Moody. »Der Junge sieht Dinge aus dem Innern der Schlange von Du-weißt-schon-wem. Natürlich weiß Potter nicht genau, was das bedeutet, aber wenn Du-weißt-schon-wer Besitz von ihm ergriffen hat –«
Harry riss sich das Langziehohr heraus. Sein Herz hämmerte rasend schnell und Hitze schoss ihm ins Gesicht. Er schaute zu den anderen. Die Schnüre baumelten ihnen immer noch aus den Ohren und sie starrten ihn alle an. Mit einem Mal stand Angst in ihren Gesichtern.
Weihnachten auf der geschlossenen Station
War dies der Grund, weshalb Dumbledore Harry nicht mehr in die Augen sehen wollte? Glaubte er, Voldemort würde aus ihnen herausstarren, fürchtete er vielleicht, dass sich ihr leuchtendes Grün plötzlich in ein Scharlachrot verwandeln würde und die Pupillen zu katzenartigen Schlitzen würden? Harry dachte daran, wie das schlangenartige Gesicht Voldemorts einst aus Professor Quirrells Hinterkopf hervorgedrungen war, strich mit der Hand über seinen eigenen und überlegte, wie es sich anfühlen würde, wenn Voldemort aus seinem Schädel herausbräche.
Er kam sich schmutzig vor, verseucht, als trüge er einen tödlichen Keim in sich, als stünde es ihm nicht zu, in der U-Bahn auf dem Rückweg vom Hospital zusammen mit unschuldigen, reinen Menschen zu sitzen, deren Geist und Körper frei waren vom Makel Voldemorts … er hatte die Schlange nicht nur gesehen, er war die Schlange gewesen, er wusste es jetzt …
Dann kam ihm ein wahrhaft schrecklicher Gedanke, eine Erinnerung drang in sein Bewusstsein, und seine Eingeweide wanden und ringelten sich wie Schlangen.
Was sucht er denn, abgesehen von Gefolgsleuten?
Dinge, die er nur absolut heimlich bekommen kann … zum Beispiel eine Waffe. Etwas, das er das letzte Mal nicht hatte.
Ich bin die Waffe, dachte Harry, und während er im Zug durch den dunklen Tunnel schwankte, war ihm, als würde Gift durch seine Adern pulsieren, das ihn frieren und in Schweiß ausbrechen ließ. Ich bin der, den Voldemort benutzen will, deshalb lassen sie mich bewachen, wohin ich auch gehe, nicht zu meinem Schutz, sondern zum Schutz anderer, doch es hat keinen Zweck, auf Hogwarts kann nicht ständig jemand um mich sein … Ich habe Mr Weasley letzte Nacht tatsächlich angegriffen, ich war es. Voldemort hat mich dazu gezwungen und vielleicht steckt er in mir und lauscht in diesem Moment meinen Gedanken –
»Alles in Ordnung mit dir, Harry, Schatz?«, flüsterte Mrs Weasley und beugte sich über Ginny zu ihm hinüber, während der Zug weiter durch den dunklen Tunnel ratterte. »Du siehst gar nicht gut aus. Ist dir schlecht?«
Alle beobachteten ihn. Er schüttelte heftig den Kopf und starrte hoch auf eine Anzeige für irgendeine Hausratversicherung.
»Harry, mein Lieber, bist du sicher, dass es dir gut geht?«, sagte Mrs Weasley besorgt, als sie um den verwahrlosten Grasfleck in der Mitte des Grimmauldplatzes gingen. »Du siehst ja fürchterlich blass aus … bist du sicher, dass du heute Morgen geschlafen hast? Du gehst jetzt schnurstracks nach oben ins Bett, dann kannst du vor dem Abendessen noch ein paar Stunden schlafen, einverstanden?«
Er nickte; hier wurde ihm eine Ausrede mundgerecht serviert, damit er nicht mit den anderen reden musste, genau das hatte er gebraucht, und als Mrs Weasley die Haustür geöffnet hatte, eilte er geradewegs am Trollbein-Schirmständer vorbei die Treppe hoch und in das Schlafzimmer, das er mit Ron teilte.
Drinnen begann er auf und ab zu gehen, an den beiden Betten und an Phineas Nigellus’ leerem Bilderrahmen vorbei, und in seinem Kopf schwirrte und wimmelte es von Fragen und immer schrecklicheren Gedanken.
Wie war er zu einer Schlange geworden? Vielleicht war er ein Animagus … nein, das konnte nicht sein, das wüsste er doch … vielleicht war Voldemort ein Animagus … ja, dachte Harry, das würde passen, natürlich würde er sich in eine Schlange verwandeln … und wenn er von mir Besitz ergreift, dann verwandeln wir uns beide … das erklärt immer noch nicht, wie ich in rund fünf Minuten nach London und wieder zurück in mein Bett gekommen bin … aber immerhin ist Voldemort so ziemlich der mächtigste Zauberer der Welt, abgesehen von Dumbledore, es ist wahrscheinlich überhaupt kein Problem für ihn, jemanden so ohne weiteres von einem zum anderen Ort zu befördern.
Und dann, in einem fürchterlichen Anflug von Panik, dachte er: Aber das ist doch wahnsinnig – wenn ich von Voldemort besessen bin, dann liefere ich ihm in diesem Augenblick den besten Einblick in das Hauptquartier des Phönixordens! Er wird erfahren, wer im Orden ist und wo Sirius ist … ich habe eine Menge gehört, was mir gar nicht hätte zu Ohren kommen sollen, alles, was mir Sirius an meinem ersten Abend hier erzählt hat …
Es gab nur eins: Er musste das Haus am Grimmauldplatz sofort verlassen. Er würde Weihnachten ohne die anderen in Hogwarts verbringen, dann würden sie zumindest während der Ferien in Sicherheit sein … aber nein, das reichte nicht, in Hogwarts gab es noch genug Leute, die er verletzen und verstümmeln konnte. Was, wenn als Nächste Seamus, Dean oder Neville an der Reihe waren? Er blieb stehen und starrte auf den leeren Rahmen von Phineas Nigellus. Etwas Bleiernes senkte sich in seine Magengrube. Er hatte keine Wahl: Er musste in den Ligusterweg zurückkehren und sich strikt von den anderen Zauberern fernhalten.
Nun, wenn er es tun musste, dachte er, hatte es keinen Sinn, hier rumzuhängen. Er versuchte mit aller Kraft die Vorstellung zu verdrängen, wie die Dursleys reagieren würden, wenn er sechs Monate früher als erwartet vor ihrer Haustür stünde, ging hinüber zu seinem Koffer, schlug den Deckel zu und schloss ihn ab. Dann sah er sich instinktiv nach Hedwig um, bis ihm einfiel, dass sie immer noch in Hogwarts war – nun, dann musste er nicht auch noch ihren Käfig tragen –, er packte den Koffer am einen Ende und schleifte ihn halb zur Tür, als eine höhnische Stimme sagte: »Wir hauen ab, stimmt’s?«
Er wandte sich um. Phineas Nigellus war auf der Leinwand seines Porträts erschienen, hatte sich gegen den Rahmen gelehnt und betrachtete Harry mit belustigter Miene.
»Nein, ich haue nicht ab«, sagte Harry knapp und zog seinen Koffer noch ein paar Schritte durchs Zimmer.
»Ich dachte«, sagte Phineas Nigellus und strich sich über seinen Spitzbart, »wenn man zum Hause Gryffindor gehört, sollte man eigentlich mutig sein? Mir kommt’s vor, als wärst du besser in meinem Haus aufgehoben gewesen. Wir Slytherins sind mutig, ja, aber nicht auf den Kopf gefallen. Wenn wir zum Beispiel die Wahl haben, werden wir uns immer dafür entscheiden, unseren eigenen Hals zu retten.«
»Ich rette nicht meinen Hals«, sagte Harry kurz angebunden und zerrte den Koffer über ein Stück besonders welligen, mottenzerfressenen Teppich direkt vor die Tür.
»Oh, ich verstehe«, sagte Phineas Nigellus und strich unentwegt über seinen Bart, »das ist keine feige Flucht – du bist edelmütig.«
Harry beachtete ihn nicht weiter. Seine Hand lag auf dem Türknauf, als Phineas Nigellus träge sagte: »Ich habe eine Botschaft für dich von Albus Dumbledore.«
Harry wirbelte herum.
»Wie lautet sie?«
»›Bleib, wo du bist.‹«
»Ich hab mich nicht gerührt!«, sagte Harry, die Hand immer noch auf dem Türknauf. »Also, wie lautet die Botschaft?«
»Ich hab es dir gerade gesagt, du Dummkopf«, sagte Phineas Nigellus glatt. »Dumbledore sagt: ›Bleib, wo du bist.‹«
»Warum?«, wollte Harry begierig wissen und ließ den Koffer los. »Warum will er, dass ich bleibe? Was hat er sonst noch gesagt?«
»Rein gar nichts«, sagte Phineas Nigellus und zog eine schmale schwarze Augenbraue hoch, als würde er Harry unverschämt finden.
Harrys Wut brach sich Bahn wie eine Schlange, die aus hohem Gras hervorstößt. Er war erschöpft, er war über alle Maßen verwirrt, er hatte in den letzten zwölf Stunden grauenhafte Angst durchlebt, Erleichterung, dann wieder Angst, und immer noch wollte Dumbledore nicht mit ihm reden!
»Also, das ist alles, ja?«, sagte er laut. »›Bleib, wo du bist‹? Das war auch alles, was man mir sagen konnte, nachdem diese Dementoren mich angegriffen hatten! Bleib einfach sitzen, während die Erwachsenen die Sache regeln, Harry! Wir machen uns nicht erst die Mühe, dir irgendwas zu erzählen, weil dein winziges Gehirn vielleicht gar nicht damit klarkommt!«
»Weißt du«, sagte Phineas Nigellus noch lauter als Harry, »das ist genau der Grund, warum ich den Lehrerberuf gehasst habe! Junge Leute sind derart felsenfest davon überzeugt, dass sie in allem vollkommen Recht haben. Ist dir nicht mal der Gedanke gekommen, du armer aufgeblasener Windbeutel, dass es einen guten Grund geben könnte, warum der Schulleiter von Hogwarts dir nicht jedes kleinste Detail seiner Pläne anvertraut? Hast du nie innegehalten, wenn du dich gerade mal wieder schlecht behandelt fühltest, und überlegt, dass es dir noch nie geschadet hat, Dumbledores Anweisungen zu befolgen? Nein. Nein, wie alle jungen Leute bist du absolut sicher, dass du als Einziger fühlst und denkst, dass du als Einziger Gefahr erkennst, dass du als Einziger klug genug bist zu wissen, was der Dunkle Lord womöglich vorhat –«
»Er hat also tatsächlich etwas mit mir vor?«, sagte Harry rasch.
»Hab ich das gesagt?«, erwiderte Phineas Nigellus und betrachtete gelassen seine Seidenhandschuhe. »Nun, wenn du mich jetzt entschuldigst, ich habe Besseres zu tun, als jugendlichem Gejammer zu lauschen … einen schönen Tag noch.«
Und er schlenderte zum Rand seines Rahmens und verschwand.
»Schön, dann gehen Sie doch!«, brüllte Harry den leeren Rahmen an. »Und sagen Sie Dumbledore danke für nichts!«
Die leere Leinwand blieb stumm. Außer sich vor Zorn schleifte Harry den Koffer zurück zum Fußende seines Bettes, dann warf er sich mit dem Gesicht auf die mottenzerfressene Decke, die Augen geschlossen, der Körper schwer und schmerzend.
Er hatte das Gefühl, eine lange, lange Reise hinter sich zu haben … es schien unmöglich, dass vor kaum vierundzwanzig Stunden Cho Chang unter den Misteln auf ihn zugekommen war … er war so müde … er hatte Angst zu schlafen … doch er wusste nicht, wie lange er gegen den Schlaf ankämpfen konnte … Dumbledore hatte ihm ausrichten lassen, er solle bleiben … das musste bedeuten, dass er schlafen durfte … aber er hatte Angst … was, wenn es wieder passierte?
Er versank in Schatten …
Es war, als ob ein Film in seinem Kopf nur darauf gewartet hätte, anlaufen zu können. Er ging einen verlassenen Korridor entlang auf eine schlichte schwarze Tür zu, an groben Steinwänden und an Fackeln vorbei und an einem Durchgang, der linker Hand zu einer Steintreppe nach unten führte …
Er gelangte zu der schwarzen Tür, konnte sie aber nicht öffnen … er stand da, starrte sie an und verlangte verzweifelt Einlass … etwas, das er von ganzem Herzen begehrte, lag dahinter … eine Beute jenseits aller Träume … wenn nur seine Narbe aufhören würde zu pochen … dann könnte er klarer denken …
»Harry«, sagte Rons Stimme von weit, weit weg. »Mum sagt, das Abendessen ist fertig, aber sie würde dir was aufheben, wenn du im Bett bleiben willst.«
Harry schlug die Augen auf, doch Ron war schon hinausgegangen.
Er will nicht mit mir alleine sein, dachte Harry. Nicht, nachdem er gehört hat, was Moody gesagt hat.
Vermutlich wollten sie ihn allesamt nicht mehr hier haben, nun, da sie wussten, was in ihm steckte.
Er würde nicht hinunter zum Abendessen gehen; er würde ihnen nicht seine Gesellschaft aufzwingen. Er drehte sich auf die andere Seite und versank nach einer Weile wieder in Schlaf. Er schlief lange und wachte erst in den frühen Morgenstunden auf. Seine Eingeweide schmerzten vor Hunger und Ron schnarchte im Nachbarbett. Er spähte im Raum umher und sah den dunklen Umriss von Phineas Nigellus wieder in seinem Porträt stehen, und ihm fiel ein, dass Dumbledore Phineas Nigellus wahrscheinlich zu seiner Bewachung geschickt hatte, für den Fall, dass er wieder jemanden angreifen wollte.
Sein Gefühl, unrein zu sein, wurde stärker. Halb wünschte er sich, er hätte Dumbledore nicht gehorcht … wenn sein künftiges Leben am Grimmauldplatz von nun an so aussah, dann würde es ihm im Ligusterweg vielleicht doch besser gehen.
Am nächsten Morgen hängten alle anderen Weihnachtsschmuck auf. Harry konnte sich nicht erinnern, Sirius jemals in so guter Stimmung erlebt zu haben; tatsächlich sang er Weihnachtslieder, offenbar vor Glück, dass er das Fest nicht allein verbringen musste. Harry konnte seine Stimme durch den Fußboden des kalten Salons dringen hören, wo er alleine hockte und zusah, wie der Himmel draußen vor dem Fenster weißer wurde und mit Schnee drohte; er empfand ein grimmiges Vergnügen, dass er den anderen die Gelegenheit gab, weiter über ihn zu reden, was sie sicher taten. Als er um die Mittagszeit hörte, wie Mrs Weasley an der Treppe unten leise nach ihm rief, ignorierte er sie und zog sich weiter nach oben zurück.
Abends gegen sechs läutete die Türglocke und Mrs Black fing wieder an zu schreien. Harry vermutete, dass Mundungus oder ein anderes Mitglied des Ordens vorbeischauen kam, lehnte sich bequemer an die Wand in Seidenschnabels Raum, wo er sich versteckte, und versuchte zu vergessen, wie hungrig er war, während er den Hippogreif mit toten Ratten fütterte. Es versetzte ihm einen kleinen Schreck, als einige Minuten später jemand kräftig an die Tür pochte.
»Ich weiß, dass du da drin bist«, ertönte Hermines Stimme. »Kommst du bitte mal raus? Ich möchte mit dir reden.«
»Was machst du denn hier?«, fragte Harry und riss die Tür auf. Seidenschnabel scharrte auf dem strohbedeckten Boden nach Rattenresten, die er vielleicht fallen gelassen hatte. »Ich dachte, du wärst Ski fahren mit deinem Vater und deiner Mutter?«
»Also, ehrlich gesagt ist Skifahren eigentlich nicht mein Ding«, sagte Hermine. »Deshalb bin ich über Weihnachten hierhergekommen.« Sie hatte Schnee in den Haaren und ihr Gesicht war rosa vor Kälte. »Aber sag es nicht Ron. Weil der andauernd gelacht hat, hab ich ihm erzählt, Skifahren sei ganz toll. Mum und Dad sind ein wenig enttäuscht, aber ich hab ihnen erklärt, wer die Prüfungen ernst nimmt, bleibt zum Lernen in Hogwarts. So was verstehen sie dann schon, sie wollen ja, dass ich gut abschneide. Wie auch immer«, sagte sie munter, »lass uns in dein Zimmer gehen, Rons Mum hat dort Feuer gemacht und ein paar Sandwiches hochgeschickt.«
Harry folgte ihr zurück in den zweiten Stock. Als er das Zimmer betrat, stellte er ziemlich überrascht fest, dass Ron und Ginny auf Rons Bett saßen und schon auf sie warteten.
»Ich bin mit dem Fahrenden Ritter gekommen«, sagte Hermine beschwingt und zog ihre Jacke aus, bevor Harry den Mund aufmachen konnte. »Dumbledore hat mir gleich gestern Morgen gesagt, was passiert ist, aber ich musste warten, bis offiziell Ferien waren, dann erst konnte ich aufbrechen. Umbridge geht schon die Wände hoch, weil ihr alle direkt vor ihrer Nase verschwunden seid, obwohl Dumbledore ihr erklärt hat, dass Mr Weasley im St. Mungo ist und er euch die Erlaubnis gegeben hat, ihn zu besuchen. Also …«
Sie setzte sich neben Ginny, und die beiden Mädchen und Ron blickten zu Harry auf.
»Wie geht’s dir?«, fragte Hermine.
»Gut«, sagte Harry steif.
»Ach, lüg doch nicht, Harry«, sagte sie ungeduldig. »Ron und Ginny sagen, du hättest dich vor allen anderen versteckt, seit du aus dem Krankenhaus zurück bist.«
»Ach ja, sagen sie?«, erwiderte Harry und funkelte die beiden an. Ron starrte auf seine Füße, aber Ginny ließ sich offenbar nicht beeindrucken.
»Ja, stimmt doch!«, sagte sie. »Und keinen von uns willst du ansehen!«
»Ihr seid es doch, die mich nicht ansehen wollen!«, sagte Harry zornig.
»Vielleicht guckt ihr alle abwechselnd und verpasst euch dabei jedes Mal«, warf Hermine ein und ihre Mundwinkel zuckten.
»Sehr witzig«, fauchte Harry und wandte sich ab.
»Ach, nun hör auf, dich dauernd missverstanden zu fühlen«, sagte Hermine scharf. »Die anderen haben mir erzählt, was ihr gestern Nachmittag mit den Langziehohren gehört habt –«
»Ja?«, knurrte Harry, der die Hände tief in den Taschen vergraben hatte und das dichte Schneetreiben vor dem Fenster beobachtete. »Haben alle über mich geredet, ja? Also, ich gewöhn mich allmählich dran.«
»Wir wollten mit dir reden, Harry«, sagte Ginny, »aber da du dich nun mal versteckt hast, seit wir wieder zurück sind –«
»Ich wollte nicht, dass jemand mit mir redet«, sagte Harry, der sich immer gereizter fühlte.
»Tja, das war ein klein wenig dumm von dir«, sagte Ginny zornig, »wenn ich mir überlege, dass du niemanden außer mir kennst, der von Du-weißt-schon-wem besessen war, und ich dir sagen kann, wie es sich anfühlt.«
Harry rührte sich nicht, während die Wucht dieser Worte ihn traf. Dann drehte er sich auf dem Absatz um und sah sie an.
»Hab ich vergessen«, sagte er.
»Du Glücklicher«, erwiderte Ginny kühl.
»Tut mir leid«, sagte Harry und das meinte er auch. »Also … also glaubst du, dass ich besessen bin?«
»Wie steht’s, kannst du dich an alles erinnern, was du getan hast?«, fragte Ginny. »Gibt es lange leere Zeitabschnitte, bei denen du nicht sagen kannst, was du gemacht hast?«
Harry dachte angestrengt nach.
»Nein«, sagte er.
»Dann warst du nie von Du-weißt-schon-wem besessen«, sagte Ginny schlicht. »Als ich es war, wusste ich manchmal nicht mehr, was ich stundenlang getan hatte. Plötzlich war ich irgendwo und hatte keine Ahnung, wie ich da hingekommen war.«
Harry wagte kaum, ihr zu glauben, doch fast gegen seinen Willen wurde ihm leichter ums Herz.
»Aber dieser Traum, den ich hatte, von deinem Dad und der Schlange –«
»Harry, du hast solche Träume schon früher gehabt«, warf Hermine ein. »Letztes Jahr hattest du plötzlich Ahnungen, was Voldemort im Sinn hatte.«
»Diesmal war es anders«, sagte Harry und schüttelte den Kopf. »Ich war in dieser Schlange. Es kam mir vor, als wäre ich die Schlange … vielleicht hat Voldemort mich irgendwie nach London geschafft –?«
»Eines Tages«, sagte Hermine und klang gründlich verärgert, »wirst du Eine Geschichte von Hogwarts lesen, und dann wird dir vielleicht endlich mal klar werden, dass du in Hogwarts nicht apparieren oder disapparieren kannst. Selbst Voldemort könnte dich nicht einfach aus deinem Schlafsaal fliegen lassen, Harry.«
»Du hast dein Bett nicht verlassen, Mann«, sagte Ron. »Ich hab gesehen, wie du gut ’ne Minute lang im Schlaf um dich geschlagen hast, bis wir dich wach gekriegt haben.«
Harry fing wieder an im Zimmer auf und ab zu gehen und dachte nach. Was sie alle sagten, war nicht nur beruhigend, es reimte sich auch zusammen … ohne recht zu überlegen, nahm er sich ein Sandwich von der Platte auf dem Bett und stopfte es sich hungrig in den Mund.
Ich bin also doch nicht die Waffe, dachte Harry. Sein Herz schwoll an vor Glück und Erleichterung, und als er hörte, wie Sirius an der Tür vorbei in Richtung Seidenschnabels Raum trottete und aus voller Kehle »Morgen kommt der Hippogreif« sang, hatte er Lust mitzusingen.
Wie konnte er nur im Traum daran gedacht haben, über Weihnachten in den Ligusterweg zurückzukehren? Sirius’ Freude, wieder ein volles Haus und besonders Harry bei sich zu haben, war ansteckend. Er war nicht mehr ihr mürrischer Gastgeber vom Sommer; jetzt schien er entschlossen, dass alle mindestens so viel, wenn nicht mehr Spaß haben sollten als sonst in Hogwarts, und bis hin zum Weihnachtstag arbeitete er unermüdlich. Mit ihrer Hilfe putzte und schmückte er das Haus, und als sie am Abend vor Weihnachten alle zu Bett gingen, war es kaum wiederzuerkennen. Die angelaufenen Kronleuchter hingen nicht mehr voller Spinnweben, sondern voller Girlanden aus Stechpalmen und goldenen und silbernen Papierschlangen; magische Schneehügel glitzerten auf den zerschlissenen Teppichen; ein großer Weihnachtsbaum, den Mundungus besorgt und mit lebenden Feen geschmückt hatte, ersparte ihnen den Blick auf Sirius’ Familienstammbaum, und selbst die ausgestopften Elfenköpfe an der Wand in der Halle trugen Nikolaushüte und -bärte.
Als Harry am Weihnachtsmorgen erwachte, fand er einen Stapel Geschenke am Fußende seines Bettes, und Ron hatte bereits die Hälfte seines beträchtlich größeren Stapels geöffnet.
»Gute Ernte dieses Jahr«, ließ er Harry durch einen Berg Papier wissen. »Danke für den Besenkompass, der ist prima. Besser als das Geschenk von Hermine – ein Hausaufgabenplaner –«
Harry stöberte seine Geschenke durch und fand eines mit Hermines Handschrift. Sie hatte auch ihm ein Buch geschenkt, das einem Terminkalender ähnelte, nur dass es jedes Mal, wenn er eine Seite aufschlug, in lautem Ton Dinge verkündete wie: »Müßiggang ist aller Laster Anfang!«
Sirius und Lupin hatten Harry eine hervorragende Buchreihe geschenkt, die den Titel Praktische defensive Magie und ihr Einsatz gegen die dunklen Künste trug und fabelhafte animierte Farbillustrationen aller darin beschriebenen Gegenflüche und -zauber enthielt. Harry überflog den ersten Band begierig. Er konnte sehen, dass die Bücher für seine Vorhaben mit der DA sicher gut zu gebrauchen sein würden. Hagrid hatte einen braunen Fellgeldbeutel mit Fangzähnen geschickt, die vermutlich eine Art Diebstahlschutz sein sollten, aber Harry leider daran hinderten, Geld hineinzustecken, ohne dass ihm die Finger abgerissen wurden. Tonks’ Geschenk war ein kleines, funktionierendes Modell eines Feuerblitzes, und während Harry zusah, wie es im Raum umherflog, sehnte er sich nach seinem richtigen Besen. Ron hatte ihm eine Riesenschachtel mit Bohnen jeder Geschmacksrichtung geschenkt, von Mr und Mrs Weasley hatte er den üblichen handgestrickten Pulli und ein paar Weihnachtspasteten bekommen, von Dobby ein wahrlich grauenhaftes Bild, das er, wie Harry vermutete, selbst gemalt hatte. Er hatte es eben umgedreht, um zu sehen, ob es auf den Kopf gestellt besser wirkte, als Fred und George mit einem lauten Knall am Fußende seines Bettes apparierten.
»Fröhliche Weihnachten«, sagte George. »Wartet mal noch ’ne Weile, bis ihr nach unten geht.«
»Warum?«, sagte Ron.
»Mum ist wieder am Heulen«, erwiderte Fred bedrückt. »Percy hat den Weihnachtspulli zurückgeschickt.«
»Kommentarlos«, fügte George hinzu. »Hat nicht mal gefragt, wie es Dad geht, oder ihn besucht oder so.«
»Wir wollten sie trösten«, sagte Fred und ging ums Bett herum, um sich Harrys Porträt anzuschauen. »Haben ihr gesagt, Percy sei nichts weiter als ein Riesenhaufen Rattenmist.«
»Hat nicht geklappt«, sagte George und nahm sich einen Schokofrosch. »Deshalb kümmert sich Lupin jetzt um sie. Am besten warten wir, bis er sie aufgemuntert hat, bevor wir zum Frühstück runtergehen.«
»Was soll das eigentlich sein?«, fragte Fred und schielte auf Dobbys Gemälde. »Sieht aus wie ein Gibbon mit zwei schwarzen Augen.«
»Es ist Harry!«, sagte George und deutete auf die Rückseite des Bildes. »Dahinten steht’s.«
»Gut getroffen«, sagte Fred grinsend. Harry warf seinen neuen Hausaufgabenplaner nach ihm; er klatschte an die Wand gegenüber und fiel zu Boden, wo er frisch-vergnügt sagte: »Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!«
Sie standen auf und zogen sich an. Sie konnten hören, wie sich die verschiedenen Bewohner des Hauses »Fröhliche Weihnachten« zuriefen. Auf dem Weg die Treppe hinunter trafen sie Hermine.
»Danke für das Buch, Harry«, sagte sie fröhlich. »Diese Neue Theorie der Numerologie wollte ich schon immer mal haben! Und dieses Parfüm ist echt ungewöhnlich, Ron.«
»Kein Problem«, sagte Ron. »Für wen ist das eigentlich?«, fügte er hinzu und nickte zu dem hübsch eingewickelten Geschenk hin, das sie in den Händen hielt.
»Kreacher«, sagte Hermine strahlend.
»Aber bloß keine Klamotten!«, warnte sie Ron. »Du erinnerst dich doch, was Sirius gesagt hat: Kreacher weiß zu viel, wir können ihn nicht freilassen!«
»Es sind keine Klamotten«, sagte Hermine, »obwohl, wenn’s nach mir ginge, würd ich ihm sicher was zum Anziehen schenken, damit er was anderes hat als diesen dreckigen alten Lumpen. Nein, es ist eine Flickendecke, ich dachte, das würde ein bisschen Farbe in sein Schlafzimmer bringen.«
»Welches Schlafzimmer?«, fragte Harry mit Flüsterstimme, als sie an dem Porträt von Sirius’ Mutter vorbeigingen.
»Also, Sirius meint, es ist weniger ein Schlafzimmer als ein Unterschlupf«, sagte Hermine. »Offenbar schläft er unter dem Boiler in diesem Schrank hinten in der Küche.«
Mrs Weasley war die Einzige in der Küche, als sie eintraten. Sie stand am Herd, und als sie ihnen »Fröhliche Weihnachten« wünschte, klang es, als hätte sie einen üblen Schnupfen, und alle wandten den Blick ab.
»Das ist also Kreachers Schlafzimmer?«, sagte Ron und ging gemächlich hinüber zu einer schmierigen Tür in der Ecke gegenüber der Speisekammer. Harry hatte sie nie offen stehen gesehen.
»Ja«, sagte Hermine und klang jetzt eine Spur nervös. »Ähm … ich glaub, wir sollten besser anklopfen.«
Ron pochte mit den Knöcheln gegen die Tür, bekam aber keine Antwort.
»Er wird wohl oben im Haus rumschnüffeln«, sagte er und riss ohne viel Federlesen die Tür auf. »Urghh!«
Harry spähte hinein. Den größten Teil des Schranks beanspruchte ein mächtiger altertümlicher Boiler, doch in dem halbhohen Raum unter den Rohren hatte sich Kreacher etwas eingerichtet, das wie ein Nest aussah. Ein Sammelsurium verschiedener Lumpen und muffiger alter Tücher war am Boden aufgehäuft, und die kleine Kuhle in der Mitte des Haufens zeigte, wo sich Kreacher allnächtlich zum Schlafen einrollte. Auf den Stofffetzen lagen trockene Brotkrumen und verschimmelte Käsereste verstreut. In einer unzugänglichen Ecke schimmerten kleine Gegenstände und Münzen, die, wie Harry vermutete, Kreacher wohl wie eine Elster vor Sirius’ Säuberungsaktion im Haus gerettet haben musste, und er hatte es auch geschafft, die silbergerahmten Familienfotos, die Sirius im Laufe des Sommers weggeworfen hatte, aus dem Müll zu fischen. Ihr Deckglas mochte gesprungen sein, doch die kleinen schwarz-weißen Leute in ihnen spähten ihn hochmütig an, darunter auch – und es versetzte ihm einen leichten Stoß im Magen – die dunkle, schwerlidrige Frau, deren Prozess er in Dumbledores Denkarium mitverfolgt hatte: Bellatrix Lestrange. Wie es schien, war dies Kreachers Lieblingsporträt; er hatte es vor allen anderen aufgestellt und das Glas unbeholfen mit Zauberklebeband repariert.
»Ich glaub, ich lass ihm sein Geschenk einfach hier«, sagte Hermine, legte das Päckchen sorgsam mitten in die Vertiefung in dem Lumpen- und Tücherhaufen und schloss leise die Tür. »Er wird’s später finden, das ist dann schon okay.«
»Wo ihr gerade von ihm sprecht«, sagte Sirius, der aus der Speisekammer trat, als sie die Schranktür schlossen, und einen großen Truthahn in den Händen hielt, »hat in letzter Zeit eigentlich jemand Kreacher gesehen?«
»Ich hab ihn seit dem Abend, als wir hierher zurückkamen, nicht mehr gesehen«, sagte Harry. »Du hast ihn aus der Küche geschmissen.«
»Ja …«, sagte Sirius stirnrunzelnd. »Ich glaub, da hab ich ihn auch das letzte Mal gesehen … er muss sich irgendwo oben versteckt halten.«
»Er kann doch wohl nicht abgehauen sein?«, sagte Harry. »Als du ›raus‹ sagtest, dachte er da womöglich, er solle aus dem Haus verschwinden?«
»Nein, nein, Hauselfen können nicht einfach weggehen, außer sie haben Kleidung bekommen. Sie sind an das Haus ihrer Familie gebunden«, sagte Sirius.
»Sie können das Haus verlassen, wenn sie wirklich wollen«, widersprach ihm Harry. »Dobby zum Beispiel hat vor drei Jahren die Malfoys verlassen, um mich zu warnen. Er musste sich hinterher selbst bestrafen, aber er hat es trotzdem geschafft.«
Sirius schien für einen Moment leicht beunruhigt, dann sagte er: »Ich such später nach ihm, wahrscheinlich finde ich ihn oben, wie er sich vor dem alten Liebestöter meiner Mutter die Augen ausheult oder irgend so was. Er kann natürlich auch in den Trockenschrank gekrochen und dort gestorben sein … aber ich sollte mir nicht zu große Hoffnungen machen.«
Fred, George und Ron lachten; Hermine jedoch setzte eine vorwurfsvolle Miene auf.
Sobald sie mit dem Weihnachtsessen fertig waren, wollten die Weasleys, Harry und Hermine, eskortiert von Mad-Eye und Lupin, noch einmal Mr Weasley besuchen. Mundungus, der es geschafft hatte, sich für diese Gelegenheit einen Wagen zu »borgen«, da die U-Bahn am Weihnachtstag nicht fuhr, erschien gerade noch rechtzeitig zu Plumpudding und Biskuitdessert. Das Auto – Harry bezweifelte stark, dass Mundungus es mit Zustimmung des Besitzers ausgeliehen hatte – war mit einem Zauber vergrößert worden wie einst der alte Ford Anglia der Weasleys. Obwohl es von außen gesehen normal groß war, fanden zehn Personen mit Mundungus am Steuer bequem im Innenraum Platz. Mrs Weasley zögerte, bevor sie einstieg – Harry wusste, dass ihre Abneigung gegen Mundungus mit ihrem Abscheu vor Reisen ohne Magie kämpfte –, doch schließlich triumphierten die Kälte und das inständige Bitten ihrer Kinder, und sie ließ sich guten Mutes auf dem Rücksitz zwischen Fred und Bill nieder.
Die Fahrt zum St. Mungo ging recht schnell, denn es herrschte sehr wenig Verkehr. Auf der ansonsten menschenleeren Straße war ein Rinnsal Hexen und Zauberer verstohlen unterwegs zu Besuchen im Krankenhaus. Harry und die anderen stiegen aus dem Wagen, und Mundungus fuhr um die Ecke, wo er auf sie warten wollte. Sie schlenderten lässig auf das Schaufenster mit der Puppe in grünem Nylon zu und schritten nacheinander durch die Scheibe.
Der Empfangsbereich wirkte angenehm festlich: Die Kristallsphären, die St. Mungo beleuchteten, waren nun rot und golden gefärbt und zu riesigen, glühenden Weihnachtskugeln geworden; um sämtliche Türen rankten sich Stechpalmenzweige, und in den Ecken glitzerten leuchtende weiße Christbäume, bedeckt mit magischem Schnee und Eiszapfen, jeder mit einem funkelnden goldenen Stern an der Spitze. Es herrschte weniger Gedränge als bei ihrem letzten Besuch, obwohl Harry, als er den Raum halb durchquert hatte, von einer Hexe beiseitegeschoben wurde, in deren linkem Nasenloch eine Satsuma steckte.
»Familienstreit, was?«, feixte die blonde Hexe hinter dem Pult. »Sie sind die Dritte heute … Fluchschäden, vierter Stock.«
Sie fanden Mr Weasley aufrecht im Bett sitzend, mit den Überresten seines Weihnachtstruthahns auf einem Tablett auf seinem Schoß. Er machte ein ziemlich belämmertes Gesicht.
»Alles in Ordnung, Arthur?«, fragte Mrs Weasley, nachdem sie ihn alle begrüßt und ihre Geschenke überreicht hatten.
»Bestens, bestens«, sagte Mr Weasley ein wenig zu überschwänglich. »Ihr – ähm – habt nicht zufällig Heiler Smethwyck gesehen, oder?«
»Nein«, sagte Mrs Weasley argwöhnisch. »Warum?«
»Nichts, nichts«, antwortete Mr Weasley beiläufig und begann seinen Stapel Geschenke auszupacken. »Nun, alle einen schönen Tag gehabt? Was habt ihr denn zu Weihnachten gekriegt? Oh, Harry – das ist ja absolut wunderbar!« Gerade hatte er Harrys Geschenk aufgemacht, ein Schraubenzieherset und Sicherungsdraht.
Mrs Weasley schien nicht ganz zufrieden mit der Antwort ihres Mannes. Als er sich hinüberlehnte, um Harry die Hand zu schütteln, spähte sie auf die Verbände unter seinem Nachthemd.
»Arthur«, sagte sie und es klang wie das Zuschnappen einer Mausefalle, »man hat dir den Verband gewechselt. Warum hat man dir einen Tag früher den Verband gewechselt, Arthur? Man hat mir gesagt, das wäre erst morgen nötig.«
»Was?«, sagte Mr Weasley. Er sah recht verängstigt aus und zog sich die Bettdecke höher über die Brust. »Nein, nein – nicht der Rede wert – es ist – ich –«
Er schien unter Mrs Weasleys bohrendem Blick zu schrumpfen.
»Also – jetzt reg dich nicht auf, Molly, aber Augustus Pye hatte da so eine Idee … er ist der Heiler im Praktikum hier, weißt du, netter junger Mann und sehr interessiert an … ähm … alternativer Medizin … ich meine, manche von diesen alten Muggelheilmethoden … also, es heißt Fäden, Molly, und sie wirken sehr gut bei – bei Muggelwunden –«
Mrs Weasley machte ein unheilschwangeres Geräusch, etwas zwischen einem Schrei und einem Knurren. Lupin schlenderte vom Bett weg und hinüber zu dem Werwolf, der keinen Besuch hatte und ziemlich wehmütig die Schar um Mr Weasley betrachtete. Bill murmelte etwas von wegen, er könne eine Tasse Tee vertragen, und Fred und George sprangen grinsend auf und schlossen sich ihm an.
»Willst du mir etwa sagen«, legte Mrs Weasley los und ihre Stimme wurde mit jedem Wort lauter; sie bemerkte offenbar nicht, dass ihre Begleiter eilends Deckung suchten, »dass du mit Muggelheilverfahren herumgestümpert hast?«
»Nicht rumgestümpert, Molly, Liebling«, sagte Mr Weasley flehend, »es war nur – nur etwas, von dem Pye und ich meinten, wir könnten es ausprobieren – nur, es ist jammerschade – aber gerade bei diesen Wunden – scheint es nicht so gut zu wirken, wie wir gehofft hatten –«
»Das heißt?«
»Nun … ja, ich weiß nicht, ob du weißt, wie – wie das mit den Fäden geht.«
»Klingt ganz so, als ob ihr versucht hättet, deine Haut wieder zusammenzunähen«, sagte Mrs Weasley und lachte schnaubend und freudlos, »aber selbst du, Arthur, wärst doch nicht so dumm –«
»Mir ist auch nach ’ner Tasse Tee«, sagte Harry und schnellte hoch.
Hermine, Ron und Ginny stürzten ihm nach zur Tür. Als sie hinter ihnen zuschwang, hörten sie Mrs Weasley kreischen: »WAS SOLL DAS HEISSEN, DAS IST SO UNGEFÄHR DER GEDANKE?«
»Typisch Dad«, sagte Ginny kopfschüttelnd, als sie sich auf den Weg den Gang entlang machten. »Fäden … ich bitte euch …«
»Ach, weißt du, bei nichtmagischen Wunden wirkt das ganz gut«, sagte Hermine der Fairness halber. »Ich vermute, irgendwas in diesem Schlangengift löst die Fäden auf oder so was. Wo ist hier eigentlich die Cafeteria?«
»Fünfter Stock«, sagte Harry, der sich an den Wegweiser über dem Pult der Empfangshexe erinnerte.
Sie gingen den Korridor entlang, durch einige Schwingtüren und fanden eine baufällige Treppe, die mit weiteren Porträts brutal wirkender Heiler gesäumt war. Während sie treppauf stiegen, riefen ihnen die verschiedenen Heiler Diagnosen merkwürdiger Leiden zu und schlugen gruslige Heilverfahren vor. Ron war schwer beleidigt, als ein mittelalterlicher Zauberer verkündete, er leide offensichtlich unter einem schweren Fall von Griselkrätze.
»Und was soll das sein?«, fragte er zornig, als der Heiler ihm durch sechs weitere Porträts folgte und deren Insassen aus dem Weg schubste.
»Es handelt sich um ein ganz fürchterliches Hautleiden, junger Herr, das noch grausigere Pockennarben hinterlassen wird, als Ihr ohnehin schon Euer Eigen nennt.«
»Pass auf, wen du hier grausig nennst!«, sagte Ron und seine Ohren liefen rot an.
»– Heilung könnt Ihr nur erwarten, wenn Ihr die Leber einer Kröte nehmt, sie fest um den Hals bindet und Euch bei Vollmond nackt in ein Fass voll Aalaugen stellt –«
»Ich hab keine Griselkrätze!«
»Aber die unansehnlichen Male auf Eurem Antlitz, junger Herr –«
»Das sind Sommersprossen!«, sagte Ron fuchsig. »Und jetzt marsch zurück in dein Bild und lass mich in Ruhe!«
Er drehte sich zu den anderen um, die allesamt betont gleichmütige Gesichter machten.
»In welchem Stock sind wir?«
»Ich glaub, im fünften«, sagte Hermine.
»Nein, im vierten«, sagte Harry, »noch eine –«
Doch als er auf den Treppenabsatz trat, blieb er plötzlich stehen und starrte auf das kleine Fenster in der Schwingtür am Anfang des Korridors, der mit FLUCHSCHÄDEN beschildert war. Ein Mann hatte die Nase gegen die Scheibe gedrückt und spähte zu ihnen heraus. Er hatte gewelltes blondes Haar, hellblaue Augen und ein breites, leeres Lächeln, das strahlend weiße Zähne zeigte.
»Meine Fresse!«, sagte Ron und starrte ebenfalls den Mann an.
»Ach du meine Güte«, stieß Hermine plötzlich atemlos hervor. »Professor Lockhart!«
Ihr ehemaliger Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste drückte die Tür auf und kam in einem langen lila Morgenrock auf sie zu.
»Aber hallöchen!«, sagte er. »Ich vermute mal, ihr wollt ein Autogramm von mir, richtig?«
»Hat sich nicht groß verändert, oder?«, murmelte Harry der grinsenden Ginny zu.
»Ähm – wie geht es Ihnen, Professor?«, sagte Ron mit einem Anklang von schlechtem Gewissen. Es war in erster Linie Rons defekter Zauberstab gewesen, der Professor Lockharts Gedächtnis so schwer beschädigt hatte, dass man ihn ins St. Mungo hatte einliefern müssen. Doch Harrys Mitleid hielt sich in Grenzen, weil Lockhart damals versucht hatte, sein und Rons Gedächtnis für immer zu löschen.
»Es geht mir ganz hervorragend, danke sehr!«, sagte Lockhart überschwänglich und zog einen recht ramponierten Pfauenfederkiel aus der Tasche. »Nun, wie viele Autogramme wollt ihr haben? Ich kann jetzt auch in Schreibschrift, wisst ihr!«
»Ähm – wir wollen im Moment keine, danke«, sagte Ron und sah Harry mit hochgezogenen Brauen an.
»Professor«, fragte Harry, »dürfen Sie denn auf den Korridoren herumspazieren? Sollten Sie nicht auf einer Krankenstation sein?«
Das Lächeln auf Lockharts Gesicht erstarb langsam. Er starrte Harry einige Augenblicke lang unverwandt an, dann sagte er: »Kennen wir uns nicht?«
»Ähm … ja, allerdings«, sagte Harry. »Sie haben uns in Hogwarts unterrichtet, wissen Sie noch?«
»Unterrichtet?«, wiederholte Lockhart und schien ein wenig aus der Spur zu geraten. »Ich? Tatsächlich?«
Und dann, so plötzlich, dass es beunruhigend war, trat wieder ein Lächeln auf sein Gesicht.
»Hab euch alles beigebracht, was ihr wisst, nehm ich mal an, was? Nun, wie steht’s jetzt mit diesen Autogrammen? Sagen wir ein rundes Dutzend, dann könnt ihr sie all euren kleinen Freunden schenken und keiner geht leer aus!«
Doch in diesem Moment steckte jemand den Kopf durch eine Tür am Ende des Korridors und eine Stimme rief: »Gilderoy, du ungezogener Junge, wo treibst du dich wieder herum?«
Eine mütterlich wirkende Heilerin mit einem Lamettakranz in den Haaren kam den Korridor entlanggewuselt und lächelte Harry und den anderen warmherzig zu.
»Oh, Gilderoy, du hast Besuch! Wie wunderbar, und auch noch am Weihnachtstag! Wisst ihr, er bekommt nie Besuch, das arme Lämmchen, und ich versteh einfach nicht, warum, er ist doch so ein Süßer, nicht?«
»Wir sind gerade bei den Autogrammen!«, erklärte Gilderoy der Heilerin und setzte wieder sein strahlendes Lächeln auf. »Sie wollen eine ganze Ladung und lassen sich partout nicht abwimmeln! Ich hoffe nur, wir haben genügend Fotos!«
»Nun hört ihn euch an«, sagte die Heilerin, nahm Lockhart am Arm und lächelte ihm liebevoll zu, als wäre er ein frühreifer Zweijähriger. »Vor einigen Jahren war er ziemlich bekannt. Wir hoffen sehr, dass diese Neigung, Autogramme zu geben, ein Zeichen ist, dass seine Erinnerung allmählich zurückkehrt. Wollt ihr bitte hier langkommen? Er ist auf einer geschlossenen Station, wisst ihr, er hat sich wohl rausgeschlichen, als ich die Weihnachtsgeschenke gebracht habe, die Tür bleibt normalerweise verschlossen … nicht dass er gefährlich wäre! Aber«, sie flüsterte jetzt nur noch, »er ist ein bisschen eine Gefahr für sich selbst, der Gute … weiß nicht, wer er ist, versteht ihr, läuft davon und erinnert sich nicht, wie es zurückgeht … es ist ja so nett von euch, dass ihr ihn besuchen kommt.«
»Ähm«, sagte Ron und gestikulierte vergeblich zur Decke hin, »eigentlich wollten wir nur – ähm –«
Doch die Heilerin lächelte ihn erwartungsvoll an und Rons schwaches Gemurmel von wegen »nur kurz ’ne Tasse Tee trinken« verwehte ins Nichts. Sie sahen sich hilflos an und folgten dann Lockhart und seiner Heilerin den Korridor hinunter.
»Wir bleiben aber nicht lang«, sagte Ron leise.
Die Heilerin deutete mit dem Zauberstab auf die Tür zur Janus-Thickey-Station und murmelte: »Alohomora.« Die Tür schwang auf und sie trat ihnen voran ein. Gilderoy hielt sie am Arm, bis sie ihn in einen Sessel neben seinem Bett verfrachtet hatte.
»Dies ist die Station für unsere chronisch Kranken«, teilte sie Harry, Ron, Hermine und Ginny leise mit. »Für die dauerhaft Fluchgeschädigten, versteht ihr? Mit stark dosierten Heiltränken und Zaubern und ein bisschen Glück können wir natürlich einige Fortschritte erzielen. Bei Gilderoy scheint gerade ein gewisses Selbstgefühl zurückzukehren. Und bei Mr Bode haben wir eine echte Besserung zu verzeichnen, er scheint die Fähigkeit zu sprechen sehr schnell zurückzugewinnen, auch wenn er bisher keine Sprache spricht, die wir erkennen. Also, ich muss noch den Rest der Weihnachtsgeschenke verteilen, ich lass euch mal zum Plaudern alleine.«
Harry sah sich um. Die Station machte eindeutig den Eindruck, als wäre sie ein dauerhaftes Heim für ihre Patienten. Sie hatten viel mehr persönliche Habseligkeiten um ihre Betten als auf Mr Weasleys Station; die Wand am Kopfende von Gilderoys Bett zum Beispiel war vollgeklebt mit Bildern von ihm, die den Neuankömmlingen zähnebleckend entgegenstrahlten und -winkten. Er hatte viele von ihnen in kindlicher Blockschrift für sich selbst signiert. Kaum hatte die Heilerin Gilderoy in seinen Sessel gesetzt, da zog er einen frischen Stapel Fotos zu sich heran, nahm eine Feder und begann sie alle fieberhaft zu unterschreiben.
»Ihr könnt sie in Umschläge stecken«, sagte er zu Ginny und warf ihr die signierten Fotos eins nach dem anderen in den Schoß. »Man hat mich nicht vergessen, wisst ihr, nein, ich bekomme immer noch jede Menge Fanpost … Gladys Gudgeon schreibt mir wöchentlich … wenn ich nur wüsste, warum …« Er hielt inne, blickte leicht verwirrt, dann strahlte er wieder und wandte sich mit neuem Schwung seinen Autogrammen zu. »Es muss wohl einfach daran liegen, dass ich so gut aussehe …«
Ein fahlhäutiger, traurig blickender Zauberer lag im Bett gegenüber und starrte an die Decke. Er murmelte in sich hinein und schien keinerlei Notiz von seiner Umgebung zu nehmen. Zwei Betten weiter lag eine Frau, deren ganzer Kopf mit Fell bedeckt war; Harry erinnerte sich, dass Hermine in ihrem zweiten Jahr etwas Ähnliches passiert war, allerdings war der Schaden in ihrem Fall zum Glück nicht dauerhaft gewesen. Ganz hinten auf der Station waren geblümte Vorhänge um zwei Betten gezogen, um den dort Liegenden und ihren Besuchern ein wenig Raum für sich zu gewähren.
»Hier, bitte schön, Agnes«, sagte die Heilerin strahlend zu der fellgesichtigen Frau und reichte ihr einen kleinen Stapel Weihnachtsgeschenke. »Sehen Sie, man hat Sie nicht vergessen, oder? Und Ihr Sohn hat eine Eule geschickt und lässt ausrichten, dass er Sie heute Abend besucht, das ist doch nett, nicht wahr?«
Agnes bellte ein paar Mal laut.
»Und schauen Sie, Broderick, man hat Ihnen eine Topfpflanze geschickt und einen wunderschönen Kalender mit einem tollen Hippogreif für jeden Monat, das muntert uns doch gleich auf, nicht wahr?«, sagte die Heilerin und wuselte hinüber zu dem murmelnden Mann, stellte eine ziemlich hässliche Pflanze mit langen, schwankenden Tentakeln auf sein Nachtschränkchen und heftete den Kalender mit ihrem Zauberstab an die Wand. »Und – oh, Mrs Longbottom, Sie gehen schon?«
Harrys Kopf fuhr herum. Die Vorhänge um die beiden Betten am Ende der Station waren beiseitegezogen worden und zwei Besucher kamen den Gang zwischen den Betten entlang: eine Furcht erregend aussehende alte Hexe in einem langen grünen Kleid, einem mottenzerfressenen alten Fuchspelz und mit einem Spitzhut, der eindeutig mit einem ausgestopften Geier geschmückt war, und hinter ihr schlurfte jemand drein, der tief betrübt wirkte – Neville.
Harry fiel es plötzlich wie Schuppen von den Augen, wer diese Leute in den hinteren Betten sein mussten. Er blickte sich hektisch nach etwas um, mit dem er die anderen ablenken konnte, damit Neville die Station unbemerkt und unbehelligt verlassen konnte, aber auch Ron hatte beim Klang des Namens »Longbottom« aufgeblickt, und bevor ihn Harry daran hindern konnte, rief er: »Neville!«
Neville zuckte zusammen und duckte sich, als ob eine Kugel ihn eben knapp verfehlt hätte.
»Wir sind’s, Neville!«, sagte Ron breit lächelnd und stand auf. »Hast du gesehen –? Lockhart ist hier! Und wen hast du besucht?«
»Freunde von dir, Neville, mein Lieber?«, sagte Nevilles Großmutter würdevoll und wandte sich ihnen allen zu.
Neville machte den Eindruck, als wäre er lieber sonst wo, nur nicht hier. Er mied alle Blicke, während ihm ein mattes Purpurrot über sein rundliches Gesicht kroch.
»Ah ja«, sagte seine Großmutter, fasste Harry ins Auge und streckte ihm zur Begrüßung eine schrumpelige, klauenartige Hand entgegen. »Ja, ja, ich weiß natürlich, wer du bist. Neville spricht in den höchsten Tönen von dir.«
»Ähm – danke«, sagte Harry und schüttelte ihr die Hand. Neville sah ihn nicht an, sondern starrte auf seine Füße, wobei seine Gesichtsfarbe stetig dunkler wurde.
»Und ihr beide seid offensichtlich Weasleys«, fuhr Mrs Longbottom fort und reichte Ron und dann Ginny majestätisch die Hand. »Ja, ich kenne eure Eltern – nicht gut natürlich – sind anständige Leute, anständige Leute … und du musst Hermine Granger sein?«
Hermine schien recht verdutzt, dass Mrs Longbottom ihren Namen kannte, schüttelte aber gleichwohl ihre Hand.
»Ja, Neville hat mir alles über euch erzählt. Habt ihm so manches Mal aus der Patsche geholfen, nicht wahr? Er ist ein guter Junge«, sagte sie und warf Neville über ihre ziemlich knochige Nase einen streng taxierenden Blick zu, »aber er hat nicht das Talent seines Vaters, muss ich leider sagen.« Und sie wies mit dem Kopf in Richtung der beiden Betten am Ende der Station, worauf der ausgestopfte Geier auf ihrem Hut bedrohlich zitterte.
»Was?«, sagte Ron verblüfft. (Harry wollte ihm auf den Fuß treten, was jedoch viel schwieriger unbemerkt zu bewerkstelligen ist, wenn man keinen Umhang, sondern eine Jeans trägt.) »Ist das dein Dad dort hinten, Neville?«
»Was soll das heißen?«, fragte Mrs Longbottom scharf. »Hast du deinen Freunden nicht von deinen Eltern erzählt, Neville?«
Neville holte tief Luft, blickte zur Decke und schüttelte den Kopf. Harry konnte sich nicht erinnern, dass ihm je ein Mensch stärker leidgetan hätte, aber er hatte keine Ahnung, wie er Neville aus dieser Lage helfen konnte.
»Nun, es ist nichts, wofür man sich schämen müsste!«, sagte Mrs Longbottom zornig. »Du solltest stolz sein, Neville, stolz! Sie haben ihre Gesundheit und ihren Verstand nicht geopfert, damit ihr einziger Sohn sich für sie schämt, verstehst du!«
»Ich schäme mich nicht«, sagte Neville sehr kleinlaut und vermied es immer noch beharrlich, Harry und die anderen anzusehen. Ron stand inzwischen auf den Zehenspitzen und spähte hinüber zu den Patienten in den beiden Betten.
»Nun, du hast eine merkwürdige Art, das zu zeigen!«, sagte Mrs Longbottom. »Mein Sohn und seine Frau«, fuhr sie fort und wandte sich gebieterisch an Harry, Ron, Hermine und Ginny, »wurden von Du-weißt-schon-wem und seinen Anhängern bis zum Wahnsinn gefoltert.«
Hermine und Ginny schlugen die Hände vor den Mund. Ron hörte auf, sich den Hals zu verrenken, um einen Blick auf Nevilles Eltern zu ergattern, und schien zu Tode erschrocken.
»Sie waren Auroren, müsst ihr wissen, und sehr geachtet in der magischen Gemeinschaft«, fuhr Mrs Longbottom fort. »Hoch begabt, alle beide. Ich – ja, Alice, Schatz, was gibt es?«
Nevilles Mutter kam im Morgenmantel durch die Station auf sie zugetappt. Sie hatte nicht mehr das rundliche, fröhlich wirkende Gesicht, das Harry auf Moodys altem Foto des ursprünglichen Phönixordens gesehen hatte. Ihr Gesicht war jetzt schmal und eingefallen, ihre Augen schienen übergroß, und ihr weiß gewordenes Haar war dünn und stumpf. Offenbar wollte sie nicht sprechen, vielleicht konnte sie es auch nicht, sondern machte zaghafte Gesten zu Neville hin und hielt etwas in ihrer ausgestreckten Hand.
»Schon wieder?«, sagte Mrs Longbottom mit leicht gereiztem Unterton. »Nun, schön, Alice, mein Schatz, nun schön – Neville, nimm es, was es auch sein mag.«
Doch Neville hatte schon die Hand ausgestreckt und seine Mutter ließ ein leeres Einwickelpapier von Bubbels Bestem Blaskaugummi hineinfallen.
»Sehr schön, Schatz«, sagte Nevilles Großmutter mit falscher Fröhlichkeit in der Stimme und tätschelte seiner Mutter die Schulter.
Aber Neville sagte leise: »Danke, Mum.«
Vor sich hin summend wankte seine Mutter die Bettenreihe entlang davon. Neville wandte sich mit trotziger Miene den anderen zu, als wollte er sie zum Lachen herausfordern, aber Harry hatte den Eindruck, dass er nie im Leben etwas weniger lustig gefunden hatte.
»Nun, wir sollten allmählich gehen«, seufzte Mrs Longbottom und zog sich lange grüne Handschuhe an. »Sehr nett, euch alle getroffen zu haben. Neville, wirf dieses Papier in den Mülleimer, sie muss dir ja inzwischen so viele davon gegeben haben, dass du mit denen dein Schlafzimmer tapezieren kannst.«
Doch als sie hinausgingen, war sich Harry sicher, dass Neville das Süßigkeitenpapier in seine Tasche gleiten ließ.
Die Tür schloss sich hinter den beiden.
»Das wusste ich gar nicht«, sagte Hermine und Tränen standen in ihren Augen.
»Ich auch nicht«, sagte Ron ziemlich heiser.
»Ich auch nicht«, flüsterte Ginny.
Sie alle blickten Harry an.
»Ich schon«, sagte er bedrückt. »Dumbledore hat es mir erzählt, aber ich habe versprochen, es niemandem zu sagen … dafür ist Bellatrix Lestrange nach Askaban geschickt worden, sie hat Nevilles Eltern mit dem Cruciatus-Fluch traktiert, bis sie den Verstand verloren.«
»Bellatrix Lestrange hat das getan?«, flüsterte Hermine entsetzt. »Diese Frau, von der Kreacher ein Foto in seiner Höhle hat?«
Ein langes Schweigen trat ein, unterbrochen von Lockharts zorniger Stimme.
»Hört mal, ich hab doch nicht umsonst Schreibschrift gelernt, versteht ihr!«
Okklumentik
Kreacher, so stellte sich heraus, hatte auf dem Dachboden herumgelungert. Sirius berichtete, dass er ihn dort oben gefunden habe, völlig verstaubt und offenbar auf der Suche nach weiteren Hinterlassenschaften der Familie Black, die er in seinem Schrank verstecken konnte. Während Sirius sich mit dieser Geschichte offenbar zufriedengab, war Harry unbehaglich zumute. Kreacher schien, als er wieder auftauchte, in besserer Stimmung zu sein, sein erbittertes Gemurmel hatte etwas nachgelassen, und er befolgte Anweisungen fügsamer als üblich, auch wenn Harry ihn das eine oder andere Mal dabei erwischte, wie er ihn begierig anstarrte, aber immer rasch die Augen abwandte, wenn er sah, dass Harry es bemerkt hatte.
Von seinem vagen Argwohn sagte Harry kein Wort zu Sirius, dessen gute Laune nun, da Weihnachten vorbei war, rasch verebbte. Der Tag ihrer Abreise nach Hogwarts rückte näher, und Sirius neigte immer stärker zu »Anfällen von Misslaune«, wie es Mrs Weasley nannte, während deren er wortkarg und mürrisch wurde und sich oft stundenlang in Seidenschnabels Raum zurückzog. Seine Trübsal sickerte durch das Haus und drang durch die Türschlitze wie ein schädliches Gas, so dass alle davon angesteckt wurden.
Harry wollte Sirius nicht wieder allein mit Kreacher zurücklassen und so freute er sich zum ersten Mal im Leben nicht auf die Rückkehr nach Hogwarts. Zur Schule zurückzukehren hieß, dass er sich erneut der Tyrannei von Dolores Umbridge aussetzte, der es in ihrer Abwesenheit zweifellos gelungen war, ein weiteres Dutzend Erlasse durchzupeitschen. Auch auf Quidditch konnte er sich nun, da er Spielverbot hatte, nicht mehr freuen, aller Wahrscheinlichkeit nach würde die Last ihrer Hausaufgaben noch wachsen, weil nun die Prüfungen näher rückten, und Dumbledore blieb sicher unverändert distanziert. Ohne die DA jedenfalls, überlegte Harry, hätte er vielleicht Sirius um die Erlaubnis gebeten, Hogwarts verlassen und am Grimmauldplatz bleiben zu dürfen.
Dann, am allerletzten Ferientag, geschah etwas, das bei Harry einen regelrechten Horror vor der Rückkehr in die Schule auslöste.
»Harry, mein Lieber«, sagte Mrs Weasley und steckte den Kopf in sein und Rons Zimmer, wo die beiden eine Partie Zaubererschach spielten und Hermine, Ginny und Krummbein ihnen zusahen, »würdest du bitte in die Küche runterkommen? Professor Snape möchte kurz mit dir reden.«
Harry registrierte nicht sofort, was sie gesagt hatte; einer seiner Türme war in ein erbittertes Scharmützel mit einem von Rons Bauern verwickelt und er feuerte ihn begeistert an.
»Mach ihn platt – mach ihn platt, das ist doch nur ein Bauer, du Idiot. Verzeihung, Mrs Weasley, was haben Sie gesagt?«
»Professor Snape, mein Lieber. In der Küche. Möchte kurz mit dir reden.«
Harry klappte entsetzt der Mund auf. Er schaute zu Ron, Hermine und Ginny, die ihn alle mit großen Augen anstarrten. Krummbein, den Hermine während der letzten Viertelstunde mit Mühe gebändigt hatte, sprang freudig aufs Brett und die Figuren rannten lauthals kreischend in Deckung.
»Snape?«, sagte Harry verdutzt.
»Professor Snape, mein Lieber«, sagte Mrs Weasley tadelnd. »Nun komm schon, rasch, er meint, er kann nicht lange bleiben.«
»Was will der denn von dir?«, sagte Ron mit genervter Miene, als Mrs Weasley aus dem Zimmer ging. »Du hast doch nichts ausgefressen, oder?«
»Nein!«, entgegnete Harry entrüstet und zermarterte sich den Kopf, was er getan haben könnte, dass Snape ihn bis zum Grimmauldplatz verfolgte. Hatte er sich mit seiner letzten Hausaufgabe vielleicht ein »T« eingehandelt?
Kurz darauf stieß er die Küchentür auf und fand Sirius und Snape an dem langen Tisch sitzen und grimmig in entgegengesetzte Richtungen starren. Ihr Schweigen lastete bleiern, voll gegenseitiger Abneigung. Vor Sirius auf dem Tisch lag ein Brief ausgebreitet.
»Ähm«, sagte Harry, um auf sich aufmerksam zu machen.
Snape wandte sich zu ihm um, das Gesicht umrahmt von einem Vorhang aus fettigem schwarzem Haar.
»Setzen Sie sich, Potter.«
»Hör mal.« Sirius kippte mit dem Stuhl nach hinten und sprach laut zur Decke: »Ich würde es vorziehen, wenn du hier keine Befehle erteiltest, Snape. Das hier ist mein Haus, verstehst du.«
Ein hässliches Rot stieg in Snapes blasses Gesicht. Harry setzte sich auf einen Stuhl neben Sirius und blickte Snape über den Tisch hinweg an.
»Ich sollte Sie eigentlich allein sprechen, Potter«, sagte Snape und das vertraute höhnische Grinsen kräuselte seine Lippen, »aber Black –«
»Ich bin sein Pate«, sagte Sirius lauter als zuvor.
»Ich bin hier auf Dumbledores Befehl«, sagte Snape, dessen Stimme im Gegensatz zu Sirius’ zwar ruhig blieb, doch immer gereizter wurde, »aber bleib von mir aus, Black, ich weiß, dass du gern das Gefühl hast … beteiligt zu sein.«
»Was soll das heißen?«, sagte Sirius und ließ den Stuhl laut krachend wieder auf alle vier Beine fallen.
»Nur dass du sicherlich – ähm – frustriert sein wirst, weil du nichts Nützliches« – Snape sprach das Wort mit besonderer Betonung aus – »für den Orden tun kannst.«
Nun war es an Sirius, rot zu werden. Snape schürzte triumphierend die Lippen und wandte sich wieder an Harry.
»Der Schulleiter schickt mich, Potter, um Ihnen seinen Wunsch mitzuteilen, dass Sie nach den Ferien Okklumentik lernen.«
»Was soll ich lernen?«, fragte Harry verdutzt.
Snapes höhnisches Grinsen wurde breiter.
»Okklumentik, Potter. Die magische Verteidigung des Geistes gegen das Eindringen von außen. Ein unbekannter Zweig der Magie, aber ein höchst nützlicher.«
Harrys Herz begann rasend schnell zu pochen. Verteidigung gegen das Eindringen von außen? Aber er war nicht besessen, da waren sich doch alle einig gewesen …
»Warum muss ich Okklu–dings lernen?«, platzte er heraus.
»Weil der Schulleiter dies für eine gute Idee hält«, sagte Snape sanft. »Sie werden einmal wöchentlich Einzelstunden erhalten, aber niemandem sagen, was Sie tun, vor allem nicht Dolores Umbridge. Verstanden?«
»Ja«, sagte Harry. »Wer unterrichtet mich?«
Snape zog eine Augenbraue hoch.
»Ich«, sagte er.
Harry hatte das grausige Gefühl, seine Eingeweide würden schmelzen.
Zusatzstunden mit Snape – womit um alles in der Welt hatte er das verdient? Hilfe suchend drehte er sich rasch zu Sirius um.
»Warum kann Dumbledore Harry nicht unterrichten?«, fragte Sirius angriffslustig. »Warum du?«
»Vermutlich weil es das Vorrecht eines Schulleiters ist, die weniger angenehmen Pflichten anderen zu übertragen«, erwiderte Snape aalglatt. »Ich versichere dir, dass ich nicht um die Aufgabe gebeten habe.« Er stand auf. »Ich erwarte Sie am Montagabend um sechs Uhr, Potter. In meinem Büro. Falls jemand fragen sollte, Sie nehmen Nachhilfestunden in Zaubertränke. Niemand, der Sie in meinem Unterricht erlebt hat, könnte bestreiten, dass Sie welche benötigen.«
Sein schwarzer Reisemantel bauschte sich hinter ihm, als er sich zum Gehen wandte.
»Einen Moment noch«, sagte Sirius und setzte sich aufrecht hin.
Snape drehte sich höhnisch grinsend um.
»Ich bin ziemlich in Eile, Black. Im Gegensatz zu dir habe ich nur wenig Freizeit.«
»Ich komme also gleich zur Sache«, sagte Sirius und stand auf. Er war um einiges größer als Snape, der, wie Harry bemerkte, die Faust in der Tasche seines Mantels ballte und damit sicher den Griff seines Zauberstabs umschloss. »Wenn mir zu Ohren kommt, dass du diese Okklumentikstunden ausnutzt, um Harry das Leben schwer zu machen, dann wirst du es mit mir zu tun bekommen.«
»Wie rührend«, höhnte Snape. »Aber sicher ist dir aufgefallen, dass Potter seinem Vater sehr ähnlich ist?«
»Ja, allerdings«, sagte Sirius stolz.
»Dann weißt du ja, dass er so arrogant ist, dass jegliche Kritik einfach an ihm abprallt«, entgegnete Snape verschlagen.
Sirius stieß seinen Stuhl grob beiseite, schritt um den Tisch auf Snape zu und zog dabei den Zauberstab. Snape zückte den seinen. Sie taxierten einander, Sirius fuchsteufelswild, Snape berechnend, während seine Augen von Sirius’ Zauberstabspitze zu dessen Gesicht huschten.
»Sirius!«, sagte Harry laut, aber Sirius schien ihn nicht zu hören.
»Ich hab dich gewarnt, Schniefelus«, sagte Sirius, das Gesicht kaum zwei Handbreit von dem Snapes entfernt, »mir ist es egal, ob Dumbledore glaubt, du hättest dich geändert, ich weiß es besser –«
»Oh, warum sagst du es ihm dann nicht?«, flüsterte Snape. »Oder hast du Angst, er könnte den Rat eines Mannes nicht sonderlich ernst nehmen, der sich seit einem halben Jahr im Haus seiner Mutter verkriecht?«
»Sag mal, wie geht’s eigentlich Lucius Malfoy? Ich nehm an, er ist entzückt, dass sein Schoßhund in Hogwarts arbeitet, ja?«
»Wo wir gerade bei Hunden sind«, sagte Snape leise, »wusstest du, dass Lucius Malfoy dich während deiner letzten kleinen Spritztour außer Haus erkannt hat? Blendende Idee, Black, dich auf einem sicheren Bahnsteig sehen zu lassen … hat dir eine vortreffliche Ausrede verschafft, weshalb du dein Schlupfloch künftig nicht verlassen kannst, stimmt’s?«
Sirius hob seinen Zauberstab.
»NEIN!«, rief Harry, schwang sich über den Tisch und versuchte zwischen die beiden zu gehen. »Sirius, nicht!«
»Nennst du mich etwa einen Feigling?«, brüllte Sirius und wollte Harry beiseiteschieben, doch Harry rührte sich nicht vom Fleck.
»Ja, ich denke schon«, sagte Snape.
»Harry – halt – dich – raus!«, knurrte Sirius und schob ihn mit seiner freien Hand aus dem Weg.
Die Küchentür ging auf und die ganze Familie Weasley mitsamt Hermine kam herein. Alle sahen sie glücklich aus, und Mr Weasley, mit einem gestreiften Schlafanzug unter einem Regenmantel, ging stolz in ihrer Mitte.
»Wieder gesund!«, rief er strahlend in die Küche hinein. »Vollkommen genesen!«
Er und die anderen Weasleys erstarrten auf der Schwelle und betrachteten das Schauspiel vor ihnen, das ebenfalls mitten in der Handlung eingefroren schien. Sirius und Snape, die sich mit den Zauberstäben bedrohten, blickten zur Tür, und Harry stand reglos zwischen ihnen und streckte jedem eine Hand entgegen, um sie auseinanderzuzwingen.
»Beim Barte des Merlin«, sagte Mr Weasley und das Lächeln schwand aus seinem Gesicht, »was geht hier vor?«
Sirius und Snape ließen ihre Zauberstäbe sinken. Harry blickte vom einen zum anderen. In den Gesichtern beider war abgrundtiefe Verachtung zu lesen, doch der unerwartete Eintritt so vieler Zeugen hatte sie offenbar zur Besinnung gebracht. Snape steckte seinen Zauberstab ein und rauschte ohne ein Wort durch die Küche und an den Weasleys vorbei. An der Tür wandte er sich um.
»Montagabend um sechs, Potter.«
Und schon war er verschwunden. Sirius, den Zauberstab an der Seite, starrte ihm mit funkelndem Blick nach.
»Was ging hier vor?«, fragte Mr Weasley erneut.
»Nichts, Arthur«, sagte Sirius, schwer atmend, als wäre er gerade eine weite Strecke gerannt. »Nur eine freundliche kleine Unterhaltung zwischen zwei alten Schulkameraden.« Er lächelte, was jedoch sichtlich gewaltiger Anstrengung bedurfte. »Also … du bist geheilt? Das ist ja großartig, wirklich großartig.«
»Ja, nicht wahr?«, sagte Mrs Weasley und führte ihren Mann zu einem Stuhl. »Heiler Smethwyck hat seinen Zauber am Ende doch walten lassen, er hat ein Gegengift gefunden für das, was diese Schlange in ihren Zähnen hatte, und Arthur hat seine Lektion über Stümpereien mit Muggelmedizin gelernt, nicht wahr, Schatz?«, fügte sie eher drohend hinzu.
»Ja, Molly, Liebling«, sagte Mr Weasley kleinlaut.
An diesem Abend hätte es beim Essen eigentlich fröhlich zugehen sollen, da Mr Weasley wieder dabei war. Harry spürte, dass Sirius sich durchaus bemühte, doch wenn sein Pate sich nicht gerade zwang, laut über Freds und Georges Witze zu lachen, oder allen mehr zu essen anbot, nahm sein Gesicht einen übellaunigen, grüblerischen Ausdruck an. Zwischen ihm und Sirius saßen Mundungus und Mad-Eye, die vorbeigeschaut hatten, um Mr Weasley zu beglückwünschen. Harry wollte mit Sirius reden, ihm sagen, dass er Snape kein Gehör schenken solle, dass Snape ihn absichtlich aufstachle und alle anderen ihn nicht für einen Feigling hielten, nur weil er tat, was Dumbledore ihn geheißen hatte, und am Grimmauldplatz blieb. Doch er fand keine Gelegenheit dazu, und bei dem gehässigen Ausdruck auf Sirius’ Gesicht fragte er sich gelegentlich, ob er es wirklich gewagt hätte, das Thema anzuschneiden, selbst wenn er die Möglichkeit gehabt hätte. Stattdessen erzählte er Ron und Hermine mit verhaltener Stimme, dass er Okklumentikstunden bei Snape nehmen musste.
»Dumbledore will, dass du nicht mehr diese Träume von Voldemort hast«, sagte Hermine prompt. »Nun, du wirst sie nicht gerade vermissen, oder?«
»Zusatzunterricht mit Snape?«, sagte Ron und klang entgeistert. »Da hätte ich lieber Alpträume!«
Am nächsten Tag sollten sie mit dem Fahrenden Ritter nach Hogwarts zurückkehren, abermals begleitet von Tonks und Lupin, die beide beim Frühstück in der Küche saßen, als Harry, Ron und Hermine am Morgen herunterkamen. Die Erwachsenen schienen gerade flüsternd etwas zu besprechen, als Harry die Tür öffnete; alle wandten sich hastig um und verstummten.
Nachdem sie ihr Frühstück hinuntergeschlungen hatten, zogen alle ihre Jacken und Schals an, denn es war ein eisiger grauer Januarmorgen. Harry hatte das unangenehme Gefühl, die Brust sei ihm eingeschnürt; er wollte sich nicht von Sirius verabschieden. Er hatte ein schlechtes Gefühl bei dieser Trennung; er wusste nicht, wann sie sich wiedersehen würden, und er hielt es für seine Pflicht, Sirius etwas zu sagen, damit er nichts Törichtes anstellte – Harry machte sich Sorgen, dass Snapes Vorwurf, er sei ein Feigling, Sirius so heftig getroffen hatte, dass er schon dabei war, irgendein tollkühnes Unternehmen fern vom Grimmauldplatz auszuhecken. Bevor er jedoch die rechten Worte fand, hatte ihn Sirius bereits zu sich gewinkt.
»Ich möchte dir das hier mitgeben«, sagte er leise und drückte Harry ein schlecht eingewickeltes Päckchen etwa von der Größe eines Taschenbuchs in die Hände.
»Was ist das?«, fragte Harry.
»Damit kannst du mich wissen lassen, ob Snape dir das Leben schwer macht. Nein, nicht hier drin aufmachen!«, sagte Sirius mit einem argwöhnischen Blick auf Mrs Weasley, die gerade versuchte, die Zwillinge zu überzeugen, dass sie handgestrickte Fäustlinge tragen sollten. »Ich glaub nicht, dass Molly das gutheißen würde – aber ich will, dass du es benutzt, wenn du mich brauchst, klar?«
»Okay«, sagte Harry und steckte das Päckchen in die Innentasche seiner Jacke, doch was auch immer es war, er wusste, dass er es nie benutzen würde. Er jedenfalls wollte nicht derjenige sein, der Sirius aus sicherer Obhut lockte, egal wie gemein Snape ihn während der kommenden Okklumentikstunden behandeln würde.
»Dann mal los«, sagte Sirius, gab Harry einen Klaps auf die Schulter und lächelte verbissen, und ehe Harry etwas sagen konnte, waren sie schon auf dem Weg nach oben und standen, umringt von den Weasleys, vor der mit schweren Ketten und Riegeln gesicherten Haustür.
»Auf Wiedersehen, Harry, mach’s gut«, sagte Mrs Weasley und umarmte ihn.
»Bis dann, Harry, und halt für mich Ausschau nach Schlangen!«, sagte Mr Weasley herzlich und schüttelte ihm die Hand.
»Gut – ja«, erwiderte Harry zerstreut. Es war seine letzte Chance, Sirius zu mahnen, er solle vorsichtig sein. Er drehte sich um, blickte seinem Paten ins Gesicht und öffnete bereits den Mund, doch ehe er etwas sagen konnte, drückte ihn Sirius kurz mit einem Arm an sich und sagte barsch: »Pass auf dich auf, Harry.« Einen Moment später war Harry auch schon in die eisige Winterluft hinausgeschoben worden, und Tonks (heute fast unkenntlich verkleidet als große, ganz in Tweed gewandete Dame mit eisengrauem Haar) scheuchte ihn die Treppe hinunter.
Die Tür von Nummer zwölf schlug hinter ihnen zu. Sie folgten Lupin die Treppe hinunter. Als Harry den Gehweg erreichte, blickte er zurück. Haus Nummer zwölf schrumpfte schnell, während die Häuser daneben sich zur Seite ausdehnten und es außer Sicht drückten. Ein Augenzwinkern später war es verschwunden.
»Beeilung, je schneller wir in den Bus kommen, desto besser«, sagte Tonks, und Harry hatte das Gefühl, dass etwas Nervöses in ihrem Blick lag, der über den Platz huschte. Lupin schwang seinen rechten Arm in die Höhe.
KNALL.
Ein grellvioletter Dreideckerbus war aus heiterem Himmel vor ihnen erschienen und schrammte knapp am nächsten Laternenpfahl vorbei, der ihm aus dem Weg sprang.
Ein schmaler, pickliger Jugendlicher mit abstehenden Ohren und violetter Uniform hüpfte auf den Gehweg und sagte: »Willkommen im –«
»Ja, ja, wissen wir, danke schön«, sagte Tonks eilig. »Rein, rein mit euch –«
Und sie schubste Harry zu den Stufen, am Schaffner vorbei, der ihn mit großen Augen anglotzte.
»Ey – das ’s’ ja ’Arry –!«
»Wenn du seinen Namen hier rumschreist, hals ich dir ’nen Fluch auf, dass dir Hören und Sehen vergeht«, murmelte Tonks drohend und schob nun Ginny und Hermine vor sich her.
»Ich wollt immer mal mit dem Ding fahren«, sagte Ron glücklich, stieg zu Harry in den Bus und sah sich um.
Das letzte Mal war Harry an einem Abend mit dem Fahrenden Ritter gereist und die drei Decks waren voller Messingbetten gewesen. Jetzt, am frühen Morgen, standen viele nicht zueinander passende Sessel aufs Geratewohl um die Fenster gruppiert. Manche waren offenbar umgefallen, als der Bus am Grimmauldplatz abrupt gestoppt hatte; einige Hexen und Zauberer waren immer noch dabei, sich grummelnd hochzurappeln, und jemandes Einkaufstasche war den ganzen Bus langgeschlittert. Eine unappetitliche Mischung aus Froschlaich, Küchenschaben und Vanillekeksen lag überall auf dem Boden verstreut.
»Sieht aus, als müssten wir uns aufteilen«, sagte Tonks forsch und sah sich nach leeren Sesseln um. »Fred, George und Ginny, wenn ihr bitte diese Plätze dort hinten nehmen würdet … Remus kann bei euch bleiben.«
Tonks, Harry, Ron und Hermine kletterten weiter bis aufs Oberdeck, wo es ganz vorne und ganz hinten noch je zwei freie Plätze gab. Stan Shunpike, der Schaffner, folgte Harry und Ron neugierig nach hinten. Während sie vorbeigingen, drehten sich Köpfe nach Harry um, und als er sich setzte, sah er, wie alle Gesichter rasch wieder nach vorne schnellten.
Harry und Ron reichten Stan je elf Sickel und der Bus setzte sich unheilvoll schwankend erneut in Bewegung. Er rumpelte um den Grimmauldplatz und schlängelte sich dabei über den Gehweg, dann, mit einem weiteren gewaltigen KNALL, wurden sie alle nach hinten gerissen. Rons Sessel fiel prompt um, und Pigwidgeon, der auf seinem Schoß gewesen war, schoss aus seinem Käfig und flog erregt zwitschernd nach vorne, wo er sich flatternd auf Hermines Schulter niederließ. Harry, der sich im letzten Moment noch an einen Kerzenhalter geklammert hatte und deshalb nicht umgefallen war, sah aus dem Fenster: Sie rasten jetzt offenbar über eine Autobahn.
»Nicht weit von Birmingham«, sagte Stan fröhlich und beantwortete damit Harrys unausgesprochene Frage, während Ron sich wieder auf die Beine kämpfte. »Alles paletti bei dir, ’Arry? Hab dein’ Namen im Sommer oft inner Zeitung gesehn, war aber nie nichts richtig Nettes. Ich sag zu Ernie, sag ich, uns is’ er damals nich wie ’n Knallkopf vorgekomm’, als wir ihn getroff’n ham, da sieht man’s mal wieder, nich?«
Er gab ihnen ihre Fahrscheine und starrte Harry weiter wie gebannt an. Offenbar war es Stan egal, wie durchgeknallt jemand war, Hauptsache, er war so berühmt, dass er in der Zeitung stand. Der Fahrende Ritter schlingerte Furcht erregend und überholte ein paar Autos auf der Innenspur. Harry spähte nach vorne und sah, wie Hermine die Hände vor die Augen schlug, während Pigwidgeon glücklich auf ihrer Schulter schwankte.
KNALL.
Sessel schlitterten wieder nach hinten, als der Fahrende Ritter von der Birminghamer Autobahn auf eine ruhige Landstraße voller Haarnadelkurven sprang. Hecken zu beiden Seiten der Straße stürzten aus dem Weg, als sie über die Grünstreifen fuhren. Von hier aus ging es auf die Hauptstraße mitten in einer belebten Stadt, dann auf ein Viadukt, das von hohen Hügeln umgeben war, dann zu einer windgepeitschten Straße zwischen Wohnsilos, jedes Mal mit einem lauten KNALL.
»Ich hab’s mir anders überlegt«, murmelte Ron und rappelte sich zum sechsten Mal vom Boden hoch. »Ich will nie mehr mit dieser Kiste fahren.«
»Hört ma’, nach dem hier kommt ’Ogwarts«, sagte Stan strahlend und schwankte auf sie zu. »Diese Frau da vorne, die mit den Haar’n auf’n Zähnen, die mit euch reinkam, die hat uns was zugesteckt, damit ihr früher an die Reihe kommt. Wir müssen nur erst Madam Marsh absetzen« – von unten war ein Würgen zu hören, gefolgt von einem fürchterlichen Spritzgeräusch – »der geht’s nich sonnerlich gut.«
Ein paar Minuten später hielt der Fahrende Ritter kreischend vor einem kleinen Pub, der sich zur Seite drückte, um einen Zusammenstoß zu vermeiden. Sie hörten, wie Stan die unglückliche Madam Marsh aus dem Bus komplimentierte, und dann das erleichterte Gemurmel ihrer Mitreisenden auf dem zweiten Deck. Der Bus fuhr wieder an, beschleunigte, bis –
KNALL.
Sie rollten durch das verschneite Hogsmeade. Harry erhaschte einen Blick auf den Eberkopf hinten in der Seitenstraße, wo das Schild mit dem abgetrennten Wildschweinkopf im kalten Wind quietschte. Schneeflocken stoben gegen die große Frontscheibe des Busses. Endlich rollten sie vor die Tore von Hogwarts und hielten an.
Lupin und Tonks halfen ihnen beim Aussteigen mit dem Gepäck, dann stiegen auch sie aus, um sich zu verabschieden. Harry warf einen Blick hoch zu den drei Decks des Fahrenden Ritters und sah, dass sämtliche Passagiere, die Nasen an den Fenstern platt gedrückt, auf sie hinabstarrten.
»Ihr seid in Sicherheit, sobald ihr das Schulgelände erreicht habt«, sagte Tonks und ließ die Augen prüfend über die einsame Straße wandern. »Also, noch ein gutes Schuljahr, okay?«
»Passt auf euch auf«, sagte Lupin und schüttelte reihum Hände, bis er schließlich zu Harry kam. »Und hör mal …« Er senkte die Stimme, während die anderen sich noch eilig von Tonks verabschiedeten. »Harry, ich weiß, dass du Snape nicht ausstehen kannst, aber er ist ein hervorragender Okklumentor, und wir alle – auch Sirius – wollen, dass du lernst, dich zu schützen, also arbeite fleißig, ja?«
»Ja, schon gut«, sagte Harry mit schwerer Stimme und blickte hoch in Lupins frühzeitig gealtertes Gesicht. »Also, bis dann.«
Die sechs kämpften sich, ihre Koffer hinter sich herschleifend, den rutschigen Zufahrtsweg zum Schloss hoch. Hermine redete schon wieder davon, vor dem Zubettgehen noch ein paar Elfenhüte zu stricken. Als sie das Eichenportal erreicht hatten, warf Harry einen Blick zurück. Der Fahrende Ritter war bereits verschwunden, und angesichts dessen, was ihn am nächsten Abend erwartete, wünschte er sich fast, noch immer an Bord zu sein.
Harry verbrachte den nächsten Tag vor allem damit, sich den Abend in den schrecklichsten Farben auszumalen. Die morgendliche Doppelstunde Zaubertränke trug nicht dazu bei, seine Ängste zu zerstreuen, da Snape so unangenehm wie immer war. Seine Laune sank noch mehr, weil die DA-Mitglieder ihn zwischen den Unterrichtsstunden ständig auf den Gängen ansprachen und hoffnungsvoll fragten, ob es an diesem Abend ein Treffen gebe.
»Ich werd euch auf dem üblichen Weg wissen lassen, wann das nächste Treffen ist«, sagte Harry wieder und wieder, »aber heute Abend geht’s bei mir nicht, ich habe – ähm – Nachhilfe in Zaubertränke.«
»Du nimmst Nachhilfe in Zaubertränke?«, fragte Zacharias Smith herablassend, der Harry nach dem Mittagessen in der Eingangshalle erwischt hatte. »Mein Gott, du musst ja grottenschlecht sein. Normalerweise gibt Snape keine Nachhilfestunden, oder?«
Smith ging mit unangenehm federnden Schritten davon. Ron sah ihm wütend hinterher.
»Soll ich ihm ’nen Fluch aufhalsen? Von hier aus krieg ich den noch«, sagte er, hob seinen Zauberstab und zielte zwischen Smiths Schulterblätter.
»Vergiss es«, sagte Harry trübselig. »Das werden doch alle denken, oder? Dass ich echt dumm –«
»Hi, Harry«, ertönte eine Stimme hinter ihm. Er drehte sich um und vor ihm stand Cho.
»Oh«, sagte Harry und sein Magen hüpfte unangenehm. »Hi.«
»Wir sind dann in der Bibliothek, Harry«, sagte Hermine bestimmt, packte Ron am Ellbogen und zog ihn zur Marmortreppe davon.
»Schöne Weihnachten gehabt?«, fragte Cho.
»Ja, nicht schlecht«, sagte Harry.
»Meine waren ziemlich ruhig«, sagte Cho. Aus irgendeinem Grund sah sie recht verlegen aus. »Ähm … nächsten Monat ist wieder ein Ausflug nach Hogsmeade, hast du den Zettel gesehen?«
»Was? Oh, nein, ich hab noch nicht aufs schwarze Brett geguckt, seit ich wieder hier bin.«
»Ja, es ist am Valentinstag …«
»Gut«, sagte Harry und fragte sich, warum sie ihm das erzählte. »Also, ich vermute mal, du willst –«
»Nur, wenn du auch willst«, sagte sie eilig.
Harry starrte ins Leere. Er hatte sagen wollen: »Ich vermute mal, du willst wissen, wann das nächste DA-Treffen ist«, aber ihre Antwort passte irgendwie nicht.
»Ich – ähm«, sagte er.
»Oh, schon okay, wenn du nicht willst«, sagte sie und wirkte gekränkt. »Macht nichts. Ich – wir sehn uns dann.«
Sie ging davon. Harry stand da und starrte ihr nach, während sein Gehirn hektisch arbeitete. Dann rastete etwas ein.
»Cho! Hey – CHO!«
Er rannte ihr nach und erwischte sie auf halber Höhe der Marmortreppe.
»Ähm – möchtest du am Valentinstag mit mir nach Hogsmeade kommen?«
»Oooh, ja!«, sagte sie, wurde puterrot und strahlte ihn an.
»Schön … also … dann ist das abgemacht«, sagte Harry, und mit dem Gefühl, dass der Tag nun doch nicht ganz verloren war, hüpfte er regelrecht zur Bibliothek davon, um Ron und Hermine zum Nachmittagsunterricht abzuholen.
Um sechs Uhr abends jedoch konnte selbst das wohltuende Wissen, dass es ihm gelungen war, sich mit Cho Chang zu verabreden, nicht das Gefühl der Bedrohung dämpfen, das mit jedem Schritt stärker wurde, den Harry auf Snapes Büro zuging.
Vor der Tür hielt er inne und wünschte sich sehnlichst, irgendwo zu sein, nur nicht hier, dann holte er tief Luft, klopfte und trat ein.
Die Wände in dem düsteren Raum waren voller Regale mit Hunderten von Glasgefäßen, in denen schleimige Teile von Tieren und Pflanzen in diversen bunten Lösungen schwebten. In einer Ecke stand der Zutatenschrank. Snape hatte Harry einst – nicht ohne Grund – beschuldigt, etwas daraus gestohlen zu haben. Harrys Aufmerksamkeit wurde jedoch vom Schreibtisch angezogen, wo ein flaches, mit Runen und Symbolen verziertes Steinbassin im Lichtschein von Kerzen stand. Harry erkannte es sofort – es war Dumbledores Denkarium. Er fragte sich gerade, was um alles in der Welt es hier zu suchen hatte, als Snapes kalte Stimme aus dem Schatten drang und ihn zusammenzucken ließ.
»Schließen Sie die Tür hinter sich, Potter.«
Harry tat wie geheißen, mit dem fürchterlichen Gefühl, dass er sich selbst einsperrte. Als er sich wieder dem Raum zuwandte, war Snape ins Licht getreten und deutete stumm auf den Stuhl gegenüber seinem Schreibtisch. Harry setzte sich, ebenso Snape, dessen kalte schwarze Augen starr auf Harry gerichtet waren und dem die Abneigung in jede Falte seines Gesichts geschrieben war.
»Nun, Potter, Sie wissen, warum Sie hier sind«, sagte er. »Der Schulleiter hat mich beauftragt, Sie in Okklumentik zu unterrichten. Ich kann nur hoffen, dass Sie sich darin geschickter anstellen als in Zaubertränke.«
»Verstanden«, sagte Harry knapp.
»Dies ist vielleicht kein gewöhnlicher Unterricht, Potter«, sagte Snape und seine Pupillen verengten sich bösartig, »aber ich bin immer noch Ihr Lehrer und Sie werden mich daher ausnahmslos mit ›Sir‹ oder ›Professor‹ ansprechen.«
»Ja … Sir«, sagte Harry.
»Nun, zur Okklumentik. Wie ich Ihnen schon in der Küche Ihres werten Paten erklärt habe, versiegelt dieser Zweig der Magie den Geist gegen magisches Eindringen und Beeinflussung.«
»Und warum meint Professor Dumbledore, dass ich das nötig habe?«, sagte Harry. Er sah Snape direkt in die Augen und fragte sich, ob er antworten würde.
Snape erwiderte seinen Blick einen Moment lang, dann sagte er verächtlich: »Gewiss haben selbst Sie das inzwischen rausgefunden, Potter? Der Dunkle Lord ist hervorragend in Legilimentik –«
»Was ist das? Sir?«
»Das ist die Fähigkeit, Gefühle und Erinnerungen aus dem Kopf einer anderen Person herauszuziehen –«
»Er kann Gedanken lesen?«, sagte Harry rasch und sah seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt.
»Ihnen mangelt es an Feingefühl, Potter«, sagte Snape und seine schwarzen Augen glitzerten. »Sie haben keinen Sinn für feine Unterschiede. Dies ist einer der Mängel, aufgrund deren Sie ein so jämmerlicher Zaubertrankmischer sind.«
Snape hielt einen Moment inne, offenbar um das Vergnügen, Harry beleidigt zu haben, auszukosten, dann fuhr er fort.
»Nur Muggel reden von ›Gedankenlesen‹. Der Kopf ist kein Buch, das man willentlich aufschlagen und nach Belieben studieren kann. Gedanken sind nicht innen in den Schädel eingraviert, auf dass sie von einem Eindringling gelesen werden könnten. Der Geist ist ein komplexes und vielschichtiges Etwas, Potter – zumindest gilt das für die meisten.« Er grinste süffisant. »Es stimmt jedoch – wer die Legilimentik beherrscht, ist unter gewissen Voraussetzungen in der Lage, in die Köpfe seiner Opfer einzutauchen und das, was er vorfindet, richtig zu deuten. Der Dunkle Lord zum Beispiel weiß fast immer, wenn jemand ihn anlügt. Nur wer die Okklumentik erlernt hat, ist imstande, jene Gefühle und Erinnerungen nach außen hin zu verschließen, die der Lüge widersprechen, und kann daher in seiner Gegenwart Falsches äußern, ohne dass er dies spürt.«
Was immer Snape auch sagen mochte, Legilimentik klang für Harry wie Gedankenlesen, und das hörte er überhaupt nicht gern.
»Also könnte er wissen, was wir jetzt gerade denken? Sir?«
»Der Dunkle Lord befindet sich in beträchtlicher Entfernung, und die Mauern und Schlossgründe von Hogwarts werden durch viele alte Flüche und Zauber geschützt, um die körperliche und geistige Sicherheit seiner Bewohner zu gewährleisten«, sagte Snape. »Zeit und Raum spielen in der Magie eine Rolle, Potter. Für die Legilimentik ist häufig der Augenkontakt entscheidend.«
»Und warum muss ich dann Okklumentik lernen?«
Snape fasste Harry scharf ins Auge und fuhr sich mit einem langen dünnen Finger über den Mund.
»Bei Ihnen scheinen die üblichen Regeln nicht zu gelten, Potter. Der Fluch, der es nicht geschafft hat, Sie zu töten, scheint eine Art Verbindung zwischen Ihnen und dem Dunklen Lord geschmiedet zu haben. Nach dem, was wir wissen, teilen Sie manchmal, wenn Ihr Geist ganz entspannt und verwundbar ist – zum Beispiel, wenn Sie schlafen –, die Gedanken und Gefühle des Dunklen Lords. Der Schulleiter hält es nicht für ratsam, dass dies so bleibt. Er möchte, dass ich Ihnen beibringe, wie Sie Ihren Geist gegen den Dunklen Lord verschließen.«
Harrys Herz pochte wieder heftig. Das passte alles überhaupt nicht zusammen.
»Aber warum will Professor Dumbledore, dass es aufhört?«, fragte er abrupt. »Ich mag es nicht sonderlich, aber es ist doch nützlich gewesen, oder? Ich meine … ich hab gesehen, wie diese Schlange Mr Weasley angegriffen hat, und wenn nicht, hätte Professor Dumbledore ihn ja nicht retten können, oder? Sir?«
Snape starrte Harry einige Augenblicke lang an und fuhr sich unentwegt mit dem Finger über den Mund. Als er dann zu sprechen begann, tat er es langsam und überlegt, als würde er jedes Wort abwägen.
»Wie es scheint, war sich der Dunkle Lord der Verbindung zwischen Ihnen und ihm bis vor kurzem nicht bewusst. Offenbar haben Sie bislang seine Gefühle gespürt und seine Gedanken geteilt, ohne dass er dies durchschaut hätte. Die Vision jedoch, die Sie kurz vor Weihnachten hatten –«
»Die mit der Schlange und Mr Weasley?«
»Unterbrechen Sie mich nicht, Potter«, sagte Snape drohend. »Wie gesagt, die Vision, die Sie kurz vor Weihnachten hatten, stellte ein derart machtvolles Eindringen in die Gedanken des Dunklen Lords dar –«
»Ich hab ins Innere des Schlangenkopfs gesehen, nicht in seinen!«
»Habe ich Ihnen nicht eben gesagt, Sie sollen mich nicht unterbrechen, Potter?«
Aber Harry war es gleich, ob Snape zornig war; endlich schien er dieser Sache auf den Grund zu kommen. Er war auf seinem Stuhl nach vorne gerutscht und saß nun, ohne es zu merken, am äußersten Rand, angespannt, wie bereit zur Flucht.
»Weshalb habe ich dann durch die Augen der Schlange gesehen, wenn ich doch die Gedanken Voldemorts teile?«
»Nennen Sie den Dunklen Lord nicht beim Namen!«, fauchte Snape.
Eine unangenehme Stille trat ein. Sie starrten sich über das Denkarium hinweg mit bösen Blicken an.
»Professor Dumbledore nennt ihn beim Namen«, sagte Harry leise.
»Dumbledore ist ein äußerst mächtiger Zauberer«, murmelte Snape. »Er mag sich sicher genug fühlen, seinen Namen zu nennen … während wir anderen …« Er rieb sich, offenbar gedankenverloren, den linken Unterarm an der Stelle, wo, wie Harry wusste, das Dunkle Mal in seine Haut gebrannt war.
»Ich wollte nur wissen«, setzte Harry erneut an und zwang sich wieder zu einem höflichen Ton, »warum –«
»Sie scheinen im Kopf der Schlange gewesen zu sein, weil der Dunkle Lord genau in diesem Moment dort war«, knurrte Snape. »Er hatte zu dieser Zeit Besitz von der Schlange ergriffen, und deshalb haben Sie geträumt, dass auch Sie in ihr waren.«
»Und Vol– er – hat bemerkt, dass ich da war?«
»Es scheint so«, sagte Snape kühl.
»Woher wissen Sie das?«, drängte Harry. »Vermutet das Dumbledore nur, oder –?«
»Ich habe Ihnen doch gesagt«, erwiderte Snape, steif auf seinem Stuhl, die Augen zu Schlitzen verengt, »dass Sie mich ›Sir‹ nennen sollen.«
»Ja, Sir«, sagte Harry ungeduldig, »aber woher wissen Sie –«
»Es genügt, dass wir es wissen«, sagte Snape gebieterisch. »Der springende Punkt ist, dass der Dunkle Lord sich nun darüber im Klaren ist, dass Sie Zugang zu seinen Gedanken und Gefühlen gewinnen. Er hat zudem den Schluss gezogen, dass dieser Vorgang wahrscheinlich auch umkehrbar ist; das heißt, er hat erkannt, dass er vielleicht seinerseits imstande sein wird, auf Ihre Gedanken und Gefühle zuzugreifen –«
»Und er könnte versuchen, mich Dinge tun zu lassen?«, fragte Harry. »Sir?«, fügte er hastig hinzu.
»Er könnte«, sagte Snape und er klang kalt und unbeteiligt. »Und damit wären wir wieder bei der Okklumentik.«
Snape zog seinen Zauberstab aus einer Innentasche seines Umhangs, und Harry verkrampfte sich auf seinem Stuhl, doch Snape hob den Zauberstab nur an seine Schläfe und steckte die Spitze in die fettigen Haare. Als er ihn wieder entfernte, löste sich eine silbrige Substanz, die sich von der Schläfe zum Zauberstab spannte wie ein dicker Gazestreifen und abriss, als er den Zauberstab wegzog, ehe sie anmutig in das Denkarium hinabschwebte, wo sie, nicht Gas, nicht Flüssigkeit, silbrig weiß umherwirbelte. Noch weitere zwei Mal führte Snape den Zauberstab an die Schläfe und legte die silbrige Substanz in dem steinernen Becken ab, dann, ohne sein Tun irgend zu erklären, hob er das Denkarium behutsam empor, trug es fort zu einem entfernten Regalbord, kehrte zurück und sah Harry mit gezücktem Zauberstab an.
»Stehen Sie auf und holen Sie Ihren Zauberstab heraus, Potter.«
Harry erhob sich nervös. Den Schreibtisch zwischen sich, sahen sie sich an.
»Sie dürfen Ihren Zauberstab benutzen und versuchen, mich zu entwaffnen, oder sich auf irgendeine andere Weise verteidigen, die Ihnen einfällt«, sagte Snape.
»Und was werden Sie tun?«, fragte Harry und warf einen beklommenen Blick auf Snapes Zauberstab.
»Ich werde gleich versuchen, in Ihre Gedanken einzudringen«, sagte Snape sanft. »Wir werden sehen, wie gut Sie sich wehren. Man hat mir berichtet, dass Sie bereits Geschick im Widerstand gegen den Imperius-Fluch bewiesen haben. Sie werden feststellen, dass ähnliche Kräfte hierfür nötig sind … und jetzt wappnen Sie sich. Legilimens!«
Snape hatte zugeschlagen, bevor Harry bereit war, ja bevor er auch nur begonnen hatte, irgendwelche Widerstandskräfte zu sammeln. Das Büro verschwamm vor seinen Augen und löste sich auf; Bild um Bild raste ihm durch den Kopf wie ein flackernder Film, so grell, dass er ihn für alles sonst um ihn her blind machte.
Er war fünf und sah zu, wie Dudley mit einem neuen roten Fahrrad fuhr, und sein Herz platzte vor Neid … er war neun, und Ripper, die Bulldogge, jagte ihn einen Baum hoch, während die Dursleys unten auf dem Rasen lachten … er saß unter dem Sprechenden Hut, und er sagte ihm, er würde gut nach Slytherin passen … Hermine lag im Krankensaal, das Gesicht überwachsen mit dichtem schwarzem Haar … hundert Dementoren kreisten ihn am dunklen See ein … Cho Chang kam unter den Misteln auf ihn zu …
Nein, sagte eine Stimme in Harrys Kopf, als die Erinnerung an Cho näher rückte, dabei siehst du nicht zu, das kriegst du nicht zu sehen, das ist allein meine Sache –
Er spürte einen stechenden Schmerz im Knie. Snapes Büro war wieder zu erkennen, und er bemerkte, dass er zu Boden gefallen war; sein Knie war heftig gegen ein Bein von Snapes Schreibtisch gestoßen. Er blickte zu Snape auf, der seinen Zauberstab gesenkt hatte und sich das Handgelenk rieb. Ein flammender Striemen war dort zu sehen, eine Art Brandmal.
»Wollten Sie einen Brandzauber ausführen?«, fragte Snape kühl.
»Nein«, sagte Harry erbittert und stand auf.
»Dachte ich auch nicht«, sagte Snape verächtlich. »Sie haben mich zu weit reingelassen. Sie haben die Kontrolle verloren.«
»Haben Sie alles gesehen, was ich gesehen habe?«, fragte Harry, unsicher, ob er die Antwort hören wollte.
»Ausschnitte davon«, sagte Snape und seine Lippen kräuselten sich. »Wem gehörte der Hund?«
»Meiner Tante Magda«, murmelte Harry und der Hass auf Snape brodelte in ihm.
»Nun, für den ersten Versuch war das gar nicht so schlecht, wie es hätte sein können«, sagte Snape und hob erneut seinen Zauberstab. »Sie haben es doch noch geschafft, mich aufzuhalten, obwohl Sie Zeit und Kraft mit Geschrei vergeudet haben. Sie müssen konzentriert bleiben. Halten Sie mich mit Ihrem Gehirn fern und Sie müssen Ihren Zauberstab nicht gebrauchen.«
»Ich versuch’s«, sagte Harry zornig, »aber Sie sagen mir nicht, wie!«
»Reißen Sie sich zusammen, Potter«, sagte Snape drohend. »Nun, schließen Sie jetzt die Augen.«
Harry warf ihm einen gehässigen Blick zu, bevor er tat wie geheißen. Es gefiel ihm überhaupt nicht, mit geschlossenen Augen dazustehen, während Snape mit einem Zauberstab vor ihm stand.
»Machen Sie Ihren Kopf frei«, sagte Snapes kalte Stimme. »Lösen Sie sich von allen Emotionen …«
Doch Harrys Zorn auf Snape pulsierte unablässig wie Gift durch seine Adern. Sich von seinem Zorn lösen? Genauso gut hätte er sich von seinen Beinen lösen können …
»Sie sind nicht bei der Sache, Potter … Sie brauchen mehr Disziplin, als Sie hier zeigen … konzentrieren Sie sich jetzt …«
Harry versuchte seinen Kopf zu entleeren, nichts zu denken, sich an nichts zu erinnern, nichts zu fühlen …
»Noch einmal … ich zähle bis drei … eins – zwei – drei – Legilimens!«
Ein großer schwarzer Drache reckte sich vor ihm in die Höhe … sein Vater und seine Mutter winkten ihm aus einem Zauberspiegel heraus zu … Cedric Diggory lag auf dem Boden und seine leeren Augen starrten ihn an …
»NEEEIIIN!«
Harry war wieder auf den Knien, hatte das Gesicht in den Händen vergraben, und sein Gehirn schmerzte, als ob jemand versucht hätte, es aus seinem Schädel zu ziehen.
»Stehen Sie auf!«, sagte Snape scharf. »Aufstehen! Sie versuchen es gar nicht erst, Sie bemühen sich nicht. Sie erlauben es mir, an Erinnerungen heranzukommen, vor denen Sie Angst haben, und liefern mir damit Munition!«
Harry stand wieder auf, und sein Herz pochte heftig, als ob er soeben wirklich Cedric tot auf dem Friedhof gesehen hätte. Snape wirkte blasser als sonst und zorniger, doch nicht annähernd so zornig wie Harry.
»Ich – strenge – mich – an«, presste Harry zwischen den Zähnen hervor.
»Ich hab Ihnen gesagt, Sie sollen sich aller Gefühle entledigen!«
»Ja? Leider fällt mir das im Moment etwas schwer«, knurrte Harry.
»Dann werden Sie leichte Beute für den Dunklen Lord sein!«, sagte Snape grimmig. »Dummköpfe, die stolz das Herz auf der Zunge tragen, die ihre Gefühle nicht beherrschen können, die in traurigen Erinnerungen schwelgen und sich damit leicht provozieren lassen – Schwächlinge, mit anderen Worten – sie haben keine Chance gegen seine Kräfte! Er wird es lächerlich einfach finden, in Ihren Geist einzudringen, Potter!«
»Ich bin nicht schwach«, sagte Harry leise. Die Wut kochte jetzt in ihm und er hätte Snape am liebsten im nächsten Moment angegriffen.
»Dann beweisen Sie es! Beherrschen Sie sich!«, fauchte Snape. »Bringen Sie Ihren Zorn unter Kontrolle, disziplinieren Sie Ihren Geist! Versuchen wir es noch einmal! Machen Sie sich bereit – jetzt! Legilimens!«
Er beobachtete, wie Onkel Vernon den Briefkasten zunagelte … hundert Dementoren schwebten über den See auf dem Schlossgelände auf ihn zu … er rannte mit Mr Weasley durch einen fensterlosen Gang … sie näherten sich der schlichten schwarzen Tür am Ende des Korridors … Harry dachte, sie würden hindurchgehen … aber Mr Weasley führte ihn nach links, eine steinerne Treppe hinunter …
»JETZT WEISS ICH’S! JETZT WEISS ICH’S!«
Wieder war er auf allen vieren am Boden von Snapes Büro, seine Narbe kribbelte unangenehm, doch die Stimme, die eben aus seinem Mund gekommen war, hatte triumphierend geklungen. Er stemmte sich hoch und sah, dass Snape ihn mit erhobenem Zauberstab anstarrte. Diesmal schien es, als hätte Snape den Zauber aufgehoben, bevor Harry auch nur versucht hatte zurückzuschlagen.
»Was ist denn passiert, Potter?«, fragte er und musterte Harry aufmerksam.
»Ich sah – ich hab mich erinnert!«, keuchte Harry. »Mir ist eben klar geworden …«
»Was klar geworden?«, fragte Snape scharf.
Harry antwortete nicht sofort; er rieb sich die Stirn und genoss den Augenblick, da ihm ein blendendes Licht aufgegangen war …
Er hatte monatelang von einem fensterlosen Korridor geträumt, der an einer verschlossenen Tür endete, und die ganze Zeit nicht erkannt, dass es diesen Ort wirklich gab. Nun, da die Erinnerung noch einmal in ihm aufgestiegen war, war ihm klar geworden, dass er andauernd von dem Korridor geträumt hatte, durch den er am zwölften August mit Mr Weasley gerannt war, als sie zu den Gerichtsräumen im Ministerium gehastet waren. Es war der Korridor, der zur Mysteriumsabteilung führte, und Mr Weasley war dort gewesen in der Nacht, als ihn Voldemorts Schlange angegriffen hatte.
Er blickte zu Snape auf.
»Was befindet sich in der Mysteriumsabteilung?«
»Was haben Sie gesagt?«, fragte Snape leise, und Harry sah mit tiefer Genugtuung, dass er verunsichert war.
»Ich sagte, was befindet sich in der Mysteriumsabteilung, Sir?«, wiederholte Harry.
»Und warum«, sagte Snape langsam, »fragen Sie so etwas?«
»Weil«, entgegnete Harry, gespannt, wie Snape reagieren würde, »weil dieser Korridor, den ich eben gesehen habe – von dem ich monatelang geträumt habe – ich habe ihn jetzt erkannt – er führt in die Mysteriumsabteilung … und ich glaube, Voldemort will etwas aus –«
»Ich habe Ihnen gesagt, Sie sollen den Namen des Dunklen Lords nicht nennen!«
Sie funkelten sich an. Harrys Narbe brannte wieder, aber es war ihm gleich. Snape schien aufgewühlt, doch als er das Wort ergriff, klang es, als versuchte er kühl und gleichmütig zu wirken.
»Es gibt viele Dinge in der Mysteriumsabteilung, Potter, nur wenige davon würden Sie verstehen und nichts davon geht Sie etwas an. Habe ich mich klar ausgedrückt?«
»Ja«, sagte Harry und rieb sich weiter seine ziepende Narbe, die immer heftiger schmerzte.
»Sie finden sich am Mittwoch zur selben Zeit wieder hier ein. Dann werden wir unsere Arbeit fortsetzen.«
»Gut«, sagte Harry. Er sehnte sich verzweifelt danach, aus Snapes Büro herauszukommen und Ron und Hermine zu treffen.
»Jeden Abend vor dem Einschlafen lösen Sie Ihren Geist von allen Gefühlen; machen Sie ihn leer, machen Sie ihn frei von allem und finden Sie Ruhe, verstanden?«
»Ja«, sagte Harry, hörte aber kaum hin.
»Und seien Sie gewarnt, Potter … ich werde es merken, wenn Sie nicht geübt haben …«
»In Ordnung«, murmelte Harry. Er hob seine Schultasche auf, schwang sie über die Schulter und hastete auf die Bürotür zu. Als er sie öffnete, warf er einen Blick zurück auf Snape, der ihm den Rücken zugewandt hatte, mit der Spitze seines Zauberstabs seine Gedanken aus dem Denkarium fischte und sie behutsam wieder in seinen Kopf setzte. Harry ging ohne ein weiteres Wort hinaus und schloss vorsichtig die Tür hinter sich. Seine Narbe pochte immer noch schmerzhaft.
Er fand Ron und Hermine in der Bibliothek, wo sie an Umbridges jüngstem Berg Hausaufgaben arbeiteten. Andere Schüler, fast alle Fünftklässler, saßen an lampenbeschienenen Tischen in der Nähe, die Nasen in die Bücher gesteckt, mit fieberhaft kratzenden Federn, während der Himmel draußen vor den Sprossenfenstern immer dunkler wurde. Ansonsten war nur das leise Quietschen eines von Madam Pince’ Schuhen zu hören, wenn die Bibliothekarin bedrohlich durch die Gänge streifte und diejenigen ihren Atem im Nacken spüren ließ, die es wagten, ihre wertvollen Bücher anzufassen.
Harry war zittrig; seine Narbe schmerzte noch, fast war ihm, als hätte er Fieber.
Als er sich Ron und Hermine gegenübersetzte, fiel sein Blick auf sein Spiegelbild im Fenster. Er war sehr weiß und seine Narbe schien sich deutlicher abzuzeichnen als sonst.
»Wie ist es gelaufen?«, flüsterte Hermine, und dann, mit besorgtem Blick: »Alles in Ordnung mit dir, Harry?«
»Klar … schon … weiß auch nicht«, sagte Harry ungeduldig und verzog das Gesicht, als erneut der Schmerz durch seine Narbe zuckte. »Hört mal … mir ist gerade was klar geworden …«
Und er erzählte ihnen, was er soeben gesehen und herausgefunden hatte.
»Also … willst du sagen …«, flüsterte Ron, als Madam Pince leise quietschend vorbeirauschte, »dass die Waffe – das, was Du-weißt-schon-wer sucht – im Zaubereiministerium ist?«
»In der Mysteriumsabteilung, da muss sie sein«, flüsterte Harry. »Ich hab diese Tür gesehen, als dein Dad mich zur Anhörung runter zu den Gerichtsräumen geführt hat, und es ist eindeutig dieselbe, die er auch bewachte, als die Schlange ihn gebissen hat.«
Hermine ließ ein langes Seufzen hören.
»Natürlich«, hauchte sie.
»Natürlich was?«, sagte Ron ziemlich ungeduldig.
»Ron, denk doch mal nach … Sturgis Podmore hat versucht, durch eine Tür im Ministerium zu gelangen … das muss die gewesen sein, das kann kein Zufall sein!«
»Weshalb hat Sturgis versucht einzubrechen, wenn er doch auf unserer Seite ist?«, fragte Ron.
»Weiß ich auch nicht«, gab Hermine zu. »Das ist ein wenig merkwürdig …«
»Was ist eigentlich in der Mysteriumsabteilung?«, fragte Harry Ron. »Hat dein Dad je etwas davon erwähnt?«
»Ich weiß, dass sie die Leute, die dort arbeiten, ›Unsägliche‹ nennen«, sagte Ron stirnrunzelnd. »Weil scheinbar niemand wirklich weiß, was sie tun – seltsam, dass dort eine Waffe sein soll.«
»Das ist überhaupt nicht seltsam, das reimt sich ohne weiteres zusammen«, sagte Hermine. »Es wird etwas streng Geheimes sein, das vom Ministerium entwickelt wurde, nehm ich mal an … Harry, ist wirklich alles okay mit dir?«
Harry hatte sich gerade mit beiden Händen über die Stirn gestrichen, als wollte er sie glätten.
»Ja – schon gut …«, sagte er und ließ die zitternden Hände sinken. »Ich fühl mich nur ein bisschen … ich mag Okklumentik nicht besonders.«
»Ich denke, jeder würde sich wacklig fühlen, wenn sein Geist immer wieder angegriffen wurde«, sagte Hermine mitleidig. »Hört mal, lasst uns zurück in den Gemeinschaftsraum gehen, da ist es gemütlicher.«
Aber im Gemeinschaftsraum herrschte dichtes Gedränge und die Luft war erfüllt von aufgeregten Schreien und Gelächter; Fred und George führten ihre neuesten Scherzartikel vor.
»Kopflose Hüte!«, rief George, während Fred mit einem Spitzhut, der mit einer flauschigen rosa Feder geschmückt war, vor den Schülern herumwedelte. »Zwei Galleonen pro Stück, seht, was Fred jetzt macht!«
Fred setzte sich den Hut mit elegantem Schwung auf und strahlte. Eine Sekunde lang sah er schlicht ziemlich albern aus; dann verschwand der Hut mitsamt seinem Kopf.
Einige Mädchen kreischten, aber alle anderen brüllten vor Lachen.
»Und Hut ab!«, rief George, und Freds Hand tastete einen Moment lang im scheinbaren Nichts über seiner Schulter, dann riss er sich den Hut mit der rosa Feder herunter und sein Kopf tauchte wieder auf.
»Wie funktionieren eigentlich diese Hüte?«, fragte Hermine, die von ihren Hausaufgaben abgelenkt worden war und Fred und George zusah. »Offensichtlich ist es eine Art Unsichtbarkeitszauber, aber es ist ziemlich pfiffig, dass sie das Unsichtbarkeitsfeld über die Grenzen des verzauberten Gegenstandes hinaus erweitert haben … ich könnte mir allerdings vorstellen, dass der Zauber nicht allzu langlebig ist.«
Harry antwortete nicht, ihm war schlecht.
»Ich muss das morgen erledigen«, murmelte er und stopfte die Bücher, die er gerade aus der Tasche genommen hatte, zurück.
»Aber dann schreib’s in deinen Hausaufgabenplaner!«, sagte Hermine aufmunternd. »Dann vergisst du’s nicht!«
Harry und Ron sahen sich an, und Harry langte in seine Tasche, holte den Planer heraus und öffnete ihn zögernd.
»Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen!«, schimpfte das Buch, als er die Notiz zu Umbridges Hausaufgaben hineinkritzelte.
Hermine betrachtete strahlend ihr Geschenk.
»Ich glaub, ich geh schlafen«, sagte Harry, steckte den Hausaufgabenplaner wieder in die Tasche und nahm sich fest vor, ihn bei der nächsten Gelegenheit ins Feuer zu werfen.
Er durchquerte den Gemeinschaftsraum, wich dabei George aus, der versuchte ihm einen Kopflosen Hut aufzusetzen, und erreichte die Ruhe und Kühle der Steintreppe hoch zu den Jungenschlafsälen. Ihm war schlecht, genau wie in der Nacht, als er die Vision von der Schlange gehabt hatte, doch er hoffte, dass es ihm besser gehen würde, wenn er sich nur für eine Weile hinlegte.
Er öffnete die Tür zum Schlafsaal und hatte schon einen Schritt hineingetan, als er einen derart schlimmen Schmerz verspürte, dass er meinte, jemand müsse ihm die Schädeldecke aufgeschlitzt haben. Er wusste nicht, wo er war, ob er stand oder lag, er kannte nicht einmal seinen Namen.
Irres Gelächter klang ihm in den Ohren … er war so glücklich wie schon sehr lange nicht mehr … fröhlich, entrückt, siegestrunken … etwas wahrhaft Wunderbares war geschehen …
»Harry? HARRY!«
Jemand hatte ihm eine Ohrfeige verpasst. Durch das wahnsinnige Lachen drang ein Schmerzensschrei. Das Glück sickerte aus ihm heraus, doch das Gelächter hielt an …
Er öffnete die Augen, und im selben Moment wurde ihm klar, dass das wilde Lachen aus seinem eigenen Mund kam. Kaum hatte er das erkannt, erstarb es; Harry lag keuchend am Boden und starrte hoch zur Decke, während die Narbe an seiner Stirn fürchterlich pochte. Ron war über ihn gebeugt und er sah sehr besorgt aus.
»Was ist passiert?«, fragte er.
»Ich … weiß nicht …«, stieß Harry hervor und setzte sich wieder auf. »Er ist richtig glücklich … richtig glücklich …«
»Meinst du Du-weißt-schon-wen?«
»Etwas Gutes ist geschehen«, murmelte Harry. Er zitterte so heftig wie damals, als er gesehen hatte, wie die Schlange Mr Weasley angegriffen hatte, und ihm war schrecklich übel. »Etwas, das er sich erhofft hat.«
Genau wie im Umkleideraum der Gryffindors klangen die Worte, die aus seinem Mund drangen, als würde ein Fremder sie aussprechen, doch er wusste, dass es die Wahrheit war. Er atmete ein paar Mal tief durch und schaffte es mit Mühe, sich nicht über Ron zu erbrechen. Er war sehr froh, dass Dean und Seamus diesmal nicht dabei waren.
»Hermine meinte, ich solle nach dir sehen«, sagte Ron mit leiser Stimme und half Harry auf. »Sie sagt, deine Abwehrkräfte werden im Moment geschwächt sein, nachdem Snape sich an deinem Geist zu schaffen gemacht hat … trotzdem, ich denk mal, auf lange Sicht wird’s schon helfen, oder?«
Er sah Harry zweifelnd an, während er ihm zu seinem Bett half. Harry nickte ohne jede Überzeugung und sackte in seine Kissen. Alles tat ihm weh, weil er an diesem Abend so oft zu Boden gestürzt war, und seine Narbe ziepte immer noch schmerzhaft. Er hatte das Gefühl, dass sein erster Vorstoß in die Okklumentik die Widerstandskraft seines Geistes geschwächt und nicht gestärkt hatte, und er fragte sich mit großer Beklommenheit, was es gewesen war, das Lord Voldemort so glücklich gemacht hatte, wie er seit vierzehn Jahren nicht mehr gewesen war.
Der Käfer in der Klemme
Harrys Frage wurde schon am nächsten Morgen beantwortet. Als Hermines Tagesprophet ankam, strich sie ihn glatt, blickte einen Moment auf die Titelseite und stieß dann einen solchen Schrei aus, dass alle im Umkreis sie anstarrten.
»Was ist los?«, fragten Harry und Ron im Chor.
Zur Antwort breitete sie die Zeitung auf dem Tisch vor ihnen aus und deutete auf die zehn Schwarzweißfotos, die die ganze Titelseite einnahmen und von denen neun die Gesichter von Zauberern zeigten, das zehnte das einer Hexe. Manche von ihnen lächelten stumm und höhnisch, andere blickten dreist und trommelten mit den Fingern gegen die Rahmen ihrer Bilder. Unter den Fotos stand jeweils ein Name und das Verbrechen, für das die Person nach Askaban geschickt worden war.
Antonin Dolohow, lautete die Bildunterschrift bei einem Zauberer mit langem, fahlem, verzerrtem Gesicht, der spöttisch zu Harry aufblickte, verurteilt wegen der brutalen Morde an Gideon und Fabian Prewett.
Augustus Rookwood, hieß es unter einem pockennarbigen Mann mit fettigem Haar, der sich mit gelangweilter Miene gegen den Rand seines Bildes lehnte, verurteilt, weil er Geheimnisse des Zaubereiministeriums an Ihn, dessen Name nicht genannt werden darf, verraten hat.
Doch Harrys Blick wurde von dem Bild der Hexe angezogen. Ihr Gesicht war ihm ins Auge gesprungen, kaum dass er die Seite gesehen hatte. Sie hatte langes, dunkles Haar, das auf dem Bild ungepflegt und zottelig aussah, doch er hatte es schon elegant, voll und glänzend gesehen. Unter ihren schweren Lidern blickte sie hasserfüllt zu ihm auf, während ein hochmütiges, verächtliches Lächeln um ihre dünnen Lippen spielte. Wie Sirius hatte sie noch manche Züge ihres einst großartigen Aussehens, doch etwas – vielleicht Askaban – hatte sie ihrer Schönheit fast gänzlich beraubt.
Bellatrix Lestrange, verurteilt wegen Folter verbunden mit dauerhafter schwerer Gesundheitsschädigung von Frank und Alice Longbottom.
Hermine stieß Harry an und deutete auf die Schlagzeile über den Bildern, die Harry, der gebannt auf Bellatrix starrte, noch nicht gelesen hatte.
MASSENFLUCHT AUS ASKABAN MINISTERIUM BEFÜRCHTET, BLACK KÖNNTE »MAGNET« FÜR VORMALIGE TODESSER SEIN
»Black?«, sagte Harry laut. »Nicht –?«
»Schhh!«, flüsterte Hermine verzweifelt. »Nicht so laut – lies doch einfach!«
Das Zaubereiministerium gab gestern am späten Abend bekannt, dass es zu einer Massenflucht aus Askaban gekommen ist.
Zaubereiminister Cornelius Fudge bestätigte im Gespräch mit Reportern in seinem Privatbüro, dass zehn Hochsicherheitsgefangene gestern am frühen Abend ausgebrochen sind und er bereits den Premierminister der Muggel von dem gefährlichen Charakter dieser Personen unterrichtet hat.
»Wir befinden uns leider in der gleichen Lage wie vor zweieinhalb Jahren, als der Mörder Sirius Black geflohen ist«, sagte Fudge gestern Abend. »Überdies sehen wir durchaus einen Zusammenhang zwischen den beiden Ausbrüchen. Eine solche Massenflucht lässt auf Hilfe von außen schließen, und wir müssen uns erinnern, dass Black, als der Erste, der je aus Askaban entkommen ist, am besten in der Lage wäre, anderen zu helfen, in seine Fußstapfen zu treten. Wir halten es für wahrscheinlich, dass diese Personen, darunter Blacks Cousine Bellatrix Lestrange, sich um Black als ihren Führer geschart haben. Wir tun jedoch alles in unseren Kräften Stehende, um diese Kriminellen zu stellen, und wir bitten die magische Gemeinschaft, wachsam und vorsichtig zu bleiben. Auf keinen Fall sollte man sich einer dieser Personen nähern.«
»Da hast du’s, Harry«, sagte Ron mit entsetzter Miene. »Deshalb war er gestern Nacht glücklich.«
»Das glaub ich einfach nicht«, knurrte Harry. »Fudge gibt die Schuld für den Ausbruch Sirius?«
»Was soll er sonst tun?«, sagte Hermine bitter. »Er kann ja kaum sagen: ›Tut mir leid, Leute, Dumbledore hat mich gewarnt, dass dies passieren könnte, die Wachen von Askaban sind zu Lord Voldemort übergelaufen‹ – hör auf zu wimmern, Ron – ›und jetzt sind auch noch Voldemorts übelste Anhänger ausgebrochen.‹ Immerhin hat er ein gutes halbes Jahr lang allen erzählt, dass du und Dumbledore Lügner seid, oder?«
Hermine riss die Zeitung auf und las nun den Bericht auf den Innenseiten, während Harry sich in der Großen Halle umschaute. Er konnte nicht begreifen, warum seine Mitschüler nicht verängstigt dreinblickten oder zumindest die schreckliche Nachricht auf der Titelseite diskutierten, doch nur wenige bekamen wie Hermine täglich die Zeitung geliefert. Da saßen sie alle, redeten über die Hausaufgaben und über Quidditch und wer weiß was für Unsinn, während außerhalb dieser Mauern zehn weitere Todesser Voldemorts Reihen verstärkt hatten.
Er warf einen Blick hoch zum Lehrertisch. Dort sah es anders aus: Dumbledore und Professor McGonagall waren ins Gespräch vertieft und beide machten einen todernsten Eindruck. Professor Sprout hatte den Propheten gegen eine Ketchupflasche gelehnt und las derart konzentriert die Titelseite, dass sie nicht bemerkte, wie von ihrem Löffel, den sie still in der Luft hielt, sanft Eigelb auf ihren Schoß tröpfelte. Unterdessen ließ sich am anderen Tischende Professor Umbridge eine Schale Haferbrei schmecken. Ausnahmsweise wanderten ihre wässrigen Krötenaugen nicht durch die Halle auf der Suche nach Schülern, die sich schlecht benahmen. Mit finsterer Miene verschlang sie ihr Essen, wobei sie ab und zu einen gehässigen Blick über den Tisch zu Dumbledore und McGonagall warf, die so eindringlich miteinander sprachen.
»O mein –«, sagte Hermine verwundert und starrte unentwegt auf die Zeitung.
»Was ist jetzt wieder?«, fragte Harry rasch; er fühlte sich nervös.
»Das ist … schrecklich«, sagte Hermine erschüttert. Sie schlug Seite zehn der Zeitung um und reichte sie Harry und Ron.
TRAGISCHER TOD
EINES MINISTERIUMSANGESTELLTEN
Das St.-Mungo-Hospital versprach gestern Abend eine umfassende Untersuchung, nachdem Broderick Bode, 49, Angestellter im Zaubereiministerium, tot in seinem Bett aufgefunden wurde, erwürgt von einer Topfpflanze. Zu Hilfe gerufene Heiler waren nicht imstande, Mr Bode wiederzubeleben, der einige Wochen vor seinem Tod bei einem Arbeitsunfall verletzt worden war.
Heilerin Miriam Strout, zum Zeitpunkt des Vorfalls verantwortlich für Mr Bodes Station, wurde bei vollem Gehalt beurlaubt und stand gestern nicht für eine Stellungnahme zur Verfügung, aber ein Zauberersprecher für das Hospital gab folgende Erklärung ab:
»St. Mungo bedauert zutiefst den Tod von Mr Bode, dessen Zustand sich vor diesem tragischen Unfall stetig gebessert hatte.
Die Dekoration unserer Krankenstationen unterliegt strengen Richtlinien, doch es hat den Anschein, dass Heilerin Strout, die in der Weihnachtszeit sehr beschäftigt war, die Gefahren nicht erkannt hat, die von der Pflanze auf Mr Bodes Nachttisch ausgingen.
Da seine Sprechfähigkeit und Beweglichkeit Fortschritte machten, hat Heilerin Strout Mr Bode ermuntert, sich selber um die Pflanze zu kümmern, ohne zu bemerken, dass es keine harmlose Flitterblume war, sondern der Ableger einer Teufelsschlinge, die, als der genesende Mr Bode sie berührte, diesen sofort erwürgte.
St. Mungo kann sich zu diesem Zeitpunkt nicht erklären, wie die Pflanze auf die Station gekommen ist, und bittet alle Hexen und Zauberer, die Auskunft geben können, sich zu melden.«
»Bode …«, sagte Ron. »Bode. Da klingelt was bei mir …«
»Wir haben ihn gesehen«, flüsterte Hermine. »Im St. Mungo, wisst ihr noch? Er hatte das Bett gegenüber von Lockhart, er lag nur da und hat an die Decke gestarrt. Und wir haben gesehen, wie die Teufelsschlinge ankam. Sie – die Heilerin – hat gesagt, es sei ein Weihnachtsgeschenk.«
Harry sah sich den Artikel noch einmal an. Ein grausiges Gefühl stieg ihm wie Galle die Kehle hoch.
»Warum haben wir die Teufelsschlinge nicht erkannt? Wir haben sie doch schon mal gesehen … das hätten wir verhindern können.«
»Wer denkt denn schon, dass eine Teufelsschlinge in einem Krankenhaus auftaucht, getarnt als Topfpflanze?«, sagte Ron scharf. »Das ist nicht unser Fehler, wer immer sie diesem Typen geschickt hat, ist schuld! Da muss doch jemand ein richtiger Volltrottel gewesen sein, warum hat er nicht hingeguckt, was er da kauft?«
»Nun hör aber auf, Ron!«, sagte Hermine zittrig. »Ich glaub nicht, dass jemand die Teufelsschlinge in einen Topf stecken kann und dabei nicht mitbekommt, dass sie jeden umzubringen versucht, der sie anfasst! Das – war Mord … ein cleverer Mord noch dazu … wenn diese Pflanze anonym verschickt wurde, wie soll man dann je rausfinden, wer es getan hat?«
Harry dachte nicht an die Teufelsschlinge. Er erinnerte sich, wie er am Tag seiner Anhörung im Fahrstuhl auf dem Weg in den neunten Stock des Ministeriums den fahlgesichtigen Mann getroffen hatte, der auf Höhe des Atriums eingestiegen war.
»Ich hab Bode schon mal gesehen«, sagte er langsam. »Es war im Ministerium, als ich mit deinem Vater dort war.«
Ron klappte der Mund auf.
»Ich hab gehört, wie Dad zu Hause von ihm geredet hat! Er war ein Unsäglicher – er hat in der Mysteriumsabteilung gearbeitet!«
Sie sahen sich einen Moment lang an, dann zog Hermine die Zeitung wieder zu sich heran, faltete sie zusammen, starrte kurz und böse auf die Bilder der zehn entflohenen Todesser auf der Titelseite und sprang auf.
»Wo willst du hin?«, fragte Ron verdutzt.
»Einen Brief abschicken«, sagte Hermine und schwang sich die Tasche über die Schulter. »Es … nun, ich weiß ja nicht … aber einen Versuch ist es wert … und ich bin die Einzige, die es kann.«
»Ich kann’s nicht haben, wenn sie so was macht«, murrte Ron, während er und Harry vom Tisch aufstanden und nun ebenfalls, ein wenig langsamer, die Große Halle verließen. »Würde ihr ein Zacken aus der Krone brechen, wenn sie uns einmal sagen würde, was sie vorhat? Das würde sie gerade mal zehn Sekunden kosten – hey, Hagrid!«
Hagrid stand an der Tür zur Eingangshalle und ließ eine Schar Ravenclaws vorbeiziehen. Noch immer war er so schwer zugerichtet wie an dem Tag, als er von seiner Mission bei den Riesen zurückgekehrt war, und er hatte eine neue Schnittwunde direkt auf seinem Nasenrücken.
»Alles klar mit euch zwei’n?«, sagte er und versuchte ein Lächeln, schaffte jedoch nur eine Art gequälte Grimasse.
»Bist du okay, Hagrid?«, entgegnete Harry und folgte ihm, als er den Ravenclaws hinterhertrottete.
»Bestens, bestens«, sagte Hagrid und versuchte halbherzig gute Laune vorzutäuschen. Er schwenkte die Hand und hätte um ein Haar die erschrockene Professor Vektor umgehauen, die gerade vorbeiging. »Hab halt viel zu tun, wisst ihr, das Übliche – Unterricht vorbereit’n – paar Salamander haben Schuppenfäule – und ich bin auf Bewährung«, setzte er murmelnd hinzu.
»Du bist auf Bewährung?«, sagte Ron so laut, dass viele der Vorbeigehenden sich neugierig umdrehten. »Sorry – ich meine – du bist auf Bewährung?«, flüsterte er.
»Ja«, sagte Hagrid. »Hab nichts andres erwartet, um die Wahrheit zu sagen. Ihr habt’s vielleicht nich bemerkt, aber diese Inspektion is’ nich allzu gut gelaufen, versteht ihr … jedenfalls«, seufzte er schwer, »ich geh besser und reib noch ’n bisschen mehr Chilipulver auf die Salamander oder die lassen demnächst ihre Schwänze hängen. Bis dann, Harry … Ron …«
Er schleppte sich davon, durch das Schlossportal und über die Steintreppe hinaus auf die feuchten Schlossgründe. Während Harry ihm nachblickte, fragte er sich, wie viele schlechte Nachrichten er noch ertragen konnte.
Dass Hagrid nun auf Bewährung war, verbreitete sich im Lauf der nächsten Tage in der ganzen Schule, doch Harry stellte verärgert fest, dass sich offenbar kaum jemand darüber aufregte. Vielmehr schienen einige, darunter natürlich Draco Malfoy, regelrecht Schadenfreude zu empfinden. Was den außergewöhnlichen Tod eines unbekannten Ministeriumsangestellten im St. Mungo anging, so waren Harry, Ron und Hermine scheinbar die Einzigen, die davon wussten oder sich darum scherten. Inzwischen gab es auf den Korridoren nur noch ein Gesprächsthema: die zehn geflohenen Todesser, deren Geschichte schließlich, ausgehend von jenen wenigen, die die Zeitung gelesen hatten, überall in der Schule durchgesickert war. Gerüchte machten die Runde, wonach einige der Verurteilten in Hogsmeade gesichtet worden seien, dass sie sich angeblich in der Heulenden Hütte versteckt hielten und in Hogwarts eindringen würden, genau wie Sirius Black es einst getan hatte.
Jene Schüler, die aus Zaubererfamilien stammten, hatten während ihrer Kindheit mitbekommen, dass die Namen dieser Todesser mit fast so viel Angst ausgesprochen wurden wie der von Voldemort. Die Verbrechen, die sie während der Terrorherrschaft Voldemorts begangen hatten, waren legendär. Unter den Schülern von Hogwarts gab es Verwandte von Opfern, die jetzt, wenn sie in den Gängen unterwegs waren, unfreiwillig erleben mussten, dass eine Art grausiger Ruhm auf sie abfärbte: Susan Bones, deren Onkel, Tante und Cousins allesamt von einem der zehn umgebracht worden waren, sagte während Kräuterkunde betrübt, dass sie sich jetzt vorstellen könne, wie es sei, in Harrys Haut zu stecken.
»Und ich weiß nicht, wie du es aushältst – es ist schrecklich«, sagte sie freimütig und warf viel zu viel Drachenmist auf ihr Tablett mit Kreischbeißer-Setzlingen, die daraufhin missmutig zappelten und quiekten.
Es stimmte, wenn Harry dieser Tage durch die Korridore ging, wurde um ihn her wieder getuschelt und mit Fingern auf ihn gezeigt. Allerdings glaubte er im Ton des Geflüsters einen kleinen Unterschied herauszuhören. Es klang jetzt neugierig und weniger feindselig, und ein- oder zweimal war er sicher, Gesprächsfetzen aufgeschnappt zu haben, die vermuten ließen, dass die Beteiligten mit der Darstellung des Propheten nicht zufrieden waren, wie und warum es zehn Todessern gelungen war, aus der Festung Askaban auszubrechen. Durcheinander und verängstigt, wie sie waren, wandten sich diese Zweifler nun offenbar der einzigen anderen Erklärung zu, die sie hatten: jener, die Harry und Dumbledore seit letztem Jahr vorgetragen hatten.
Nicht nur unter den Schülern hatte sich die Stimmung gewandelt. Inzwischen war es nichts Ungewöhnliches mehr, in den Korridoren zwei oder drei Lehrern zu begegnen, die sich leise und eindringlich flüsternd unterhielten und sofort verstummten, sobald sie einen Schüler näher kommen sahen.
»Die können im Lehrerzimmer offensichtlich nicht mehr frei reden«, sagte Hermine leise, als die drei eines Tages vor dem Zauberkunst-Klassenzimmer an den dicht aneinandergedrängten Professoren McGonagall, Flitwick und Sprout vorbeikamen. »Jedenfalls nicht, wenn Umbridge drin ist.«
»Meint ihr, die wissen was Neues?«, fragte Ron und drehte sich noch einmal zu den drei Lehrern um.
»Wenn ja, werden wir wohl nichts davon erfahren, oder?«, sagte Harry wütend. »Nicht nach Erlass … bei welcher Nummer sind wir inzwischen?« Denn am Morgen nach der Meldung über den Askaban-Ausbruch waren neue Anschläge an den schwarzen Brettern der Häuser erschienen:
PER ANORDNUNG DER GROSSINQUISITORIN VON HOGWARTS
Hiermit wird es den Lehrern verboten, den Schülern irgendwelche Informationen zu geben, die nicht eindeutig mit den Fächern zu tun haben, für deren Lehre sie bezahlt werden.
Obige Anordnung entspricht dem Ausbildungserlass Nummer sechsundzwanzig.
Unterzeichnet:
Dolores Jane Umbridge, Großinquisitorin
Diesen jüngsten Erlass nahmen die Schüler zum Aufhänger für eine Vielzahl von Witzen. Lee Jordan hatte Umbridge darauf hingewiesen, dass es ihr gemäß dem Wortlaut der neuen Regelung nicht erlaubt sei, Fred und George einen Verweis zu erteilen, weil sie hinten in der letzten Reihe Zauberschnippschnapp spielten.
»Zauberschnippschnapp hat nichts mit Verteidigung gegen die dunklen Künste zu tun, Professor! Das ist keine Information, die Ihr Fach betrifft!«
Als Harry Lee das nächste Mal begegnete, blutete dessen Hand ziemlich schlimm. Harry empfahl Murtlap-Essenz.
Harry hatte geglaubt, der Massenausbruch aus Askaban hätte Umbridge vielleicht einen kleinen Dämpfer versetzt, die Katastrophe, die direkt vor der Nase ihres verehrten Fudge geschehen war, hätte sie vielleicht ein wenig in Verlegenheit gebracht. Wie es schien, hatte dieser Zwischenfall sie jedoch nur in ihrem vehementen Eifer bestärkt, alle Lebensäußerungen in Hogwarts unter ihre persönliche Kontrolle zu bringen. Zumindest schien sie entschlossen, in Kürze eine Entlassung zu erwirken, und die Frage war nur, ob Professor Trelawney oder Hagrid zuerst gehen musste.
In ausnahmslos jeder Stunde Wahrsagen und Pflege magischer Geschöpfe waren nun Umbridge und ihr Klemmbrett zugegen. Im überparfümierten Turmzimmer lauerte sie am Feuer und unterbrach Professor Trelawneys zunehmend hysterische Vorträge mit schwierigen Fragen über Ornithomantik und Heptomologie, bestand darauf, dass Trelawney die Antworten der Schüler vorhersagte, bevor diese sie gaben, und verlangte, dass sie ihre Fähigkeiten abwechselnd an der Kristallkugel, an Teeblättern und an Runensteinen vorführte. Harry hatte das Gefühl, Professor Trelawney würde unter dem Druck bald zusammenbrechen. Er begegnete ihr mehrmals auf dem Gang – was an sich schon sehr ungewöhnlich war, da sie normalerweise in ihrem Turmzimmer blieb –, und dabei murmelte sie fahrig vor sich hin, rang die Hände und warf verängstigte Blicke über die Schulter, und jedes Mal ging ein starker Geruch nach Kochsherry von ihr aus. Wenn er sich nicht solche Sorgen um Hagrid gemacht hätte, dann hätte sie ihm leidgetan – doch wenn schon einer von beiden entlassen werden musste, war es für Harry keine Frage, wer bleiben sollte.
Leider konnte Harry nicht feststellen, dass Hagrid sich besser schlug als Trelawney. Zwar schien er Hermines Rat zu befolgen und hatte ihnen inzwischen nichts Furchterregenderes gezeigt als einen Crup – ein Geschöpf, das abgesehen von seiner gegabelten Rute von einem Jack-Russell-Terrier nicht zu unterscheiden war –, und doch schien er irgendwann vor Weihnachten die Nerven verloren zu haben. Er war merkwürdig zerstreut und schreckhaft im Unterricht, verlor ständig den Faden in dem, was er zur Klasse sagte, und beantwortete Fragen falsch, während er immer wieder besorgte Blicke zu Umbridge hinüberwarf. Auch hielt er Harry, Ron und Hermine mehr denn je auf Abstand, und er hatte ihnen ausdrücklich verboten, ihn nach Einbruch der Dunkelheit zu besuchen.
»Wenn die euch erwischt, dann sind wir alle dran«, erklärte er ihnen schlicht, und da sie nicht darauf aus waren, irgendetwas zu tun, was seinen Job noch weiter gefährden könnte, spazierten sie an den Abenden nicht mehr zu seiner Hütte hinunter.
Harry hatte den Eindruck, als würde Umbridge ihm beharrlich alles wegnehmen, was sein Leben in Hogwarts lebenswert machte: Besuche bei Hagrid, Briefe von Sirius, seinen Feuerblitz und Quidditch. Er übte Vergeltung auf die einzige Weise, die ihm blieb – indem er seine Anstrengungen für die DA verdoppelte.
Harry freute sich, dass die Nachricht von den weiteren zehn Todessern, die nun auf freiem Fuß waren, alle zu noch mehr Anstrengungen anspornte, sogar Zacharias Smith, doch bei keinem trat dieser Fortschritt deutlicher zutage als bei Neville. Die Nachricht, dass die Angreifer seiner Eltern entkommen waren, hatte ihn auf seltsame und sogar ein wenig beunruhigende Weise verändert. Nicht ein einziges Mal hatte er seine Begegnung mit Harry, Ron und Hermine auf der geschlossenen Station im St. Mungo erwähnt, und sie hatten es ihm gleichgetan und ebenfalls geschwiegen. Auch hatte er nichts dazu gesagt, dass Bellatrix und die anderen Folterer entkommen waren. Im Grunde redete Neville während der DA-Treffen kaum noch ein Wort, stattdessen rackerte er sich unermüdlich ab mit jedem Fluch und Gegenfluch, den Harry ihnen beibrachte. Das rundliche Gesicht in konzentrierter Anstrengung verzerrt, ertrug er Verletzungen oder Unfälle scheinbar gleichmütig und arbeitete fleißiger als alle anderen. Er machte so rasche Fortschritte, dass er den anderen schon auf die Nerven ging, und als Harry ihnen den Schildzauber beibrachte – der schwächere Flüche abprallen ließ und auf den Angreifer zurückschleuderte –, da gelang nur Hermine der Zauber schneller als Neville.
Harry hätte einiges dafür gegeben, wenn er in Okklumentik so rasche Fortschritte gemacht hätte wie Neville bei den DA-Treffen. Seine Sitzungen mit Snape, die schon so miserabel begonnen hatten, wurden nicht besser. Im Gegenteil, Harry hatte das Gefühl, mit jeder Stunde schlechter zu werden.
Bevor er angefangen hatte, Okklumentik zu lernen, hatte seine Narbe gelegentlich gekribbelt, meist nachts oder aber nach einer jener merkwürdigen blitzartigen Wahrnehmungen von Voldemorts Gedanken oder Stimmungen, wie er sie gelegentlich hatte. Inzwischen jedoch hörte seine Narbe kaum noch auf zu kribbeln, und häufig spürte er Ärger oder Freude aufzüngeln, ohne dass dies mit dem zu tun hatte, was gerade mit ihm geschah, und immer waren diese Schübe begleitet von einem besonders schmerzhaften Stechen seiner Narbe. Er hatte das schreckliche Gefühl, dass er sich allmählich in eine Art Antenne verwandelte, die selbst auf kleine Schwankungen in Voldemorts Stimmung eingestellt war, und er war überzeugt, dass diese gesteigerte Empfindsamkeit auf die erste Okklumentikstunde mit Snape zurückging. Hinzu kam, dass er inzwischen fast jede Nacht träumte, er würde durch den Korridor auf den Eingang zur Mysteriumsabteilung zugehen, und seine Träume endeten immer damit, dass er begehrlich vor der schlichten schwarzen Tür stand.
»Vielleicht ist es wie eine Art Krankheit«, sagte Hermine mit besorgter Miene, als Harry sich ihr und Ron anvertraute. »Ein Fieber oder so was. Es muss schlimmer werden, bevor es besser wird.«
»Die Stunden bei Snape machen es schlimmer«, sagte Harry tonlos. »Es macht mich krank, dass meine Narbe ständig wehtut, und es ödet mich an, jede Nacht durch diesen Korridor zu gehen.« Er rieb sich zornig die Stirn. »Wenn diese Tür nur aufgehen würde, ich hab’s satt, dazustehen und sie anzustarren –«
»Das ist nicht lustig«, sagte Hermine scharf. »Dumbledore will nicht, dass du überhaupt von diesem Korridor träumst, oder er hätte Snape nicht angewiesen, dich Okklumentik zu lehren. Du musst in diesen Unterrichtsstunden einfach ein bisschen härter arbeiten.«
»Ich arbeite!«, meinte Harry verärgert. »Probier’s doch mal aus – wie Snape versucht in deinen Kopf einzudringen – das ist nicht zum Lachen, verstehst du!«
»Vielleicht …«, sagte Ron zögernd.
»Vielleicht was?«, fragte Hermine recht bissig.
»Vielleicht liegt es nicht an Harry, dass er seinen Geist nicht verschließen kann«, sagte Ron düster.
»Was meinst du damit?«, fragte Hermine.
»Nun, vielleicht versucht Snape gar nicht wirklich, Harry zu helfen …«
Harry und Hermine starrten ihn an. Ron blickte finster und bedeutungsvoll vom einen zur anderen.
»Vielleicht«, sagte er erneut, diesmal mit leiserer Stimme, »versucht er in Wahrheit, Harrys Geist ein wenig weiter zu öffnen … um es leichter zu machen für Du-weißt–«
»Hör auf, Ron«, sagte Hermine wütend. »Wie oft hast du Snape eigentlich schon verdächtigt und wann hast du je Recht gehabt? Dumbledore vertraut ihm, er arbeitet für den Orden, das sollte genügen.«
»Er war früher ein Todesser«, sagte Ron hartnäckig. »Und wir haben nie irgendwelche Beweise gesehen, dass er tatsächlich die Seiten gewechselt hat.«
»Dumbledore vertraut ihm«, wiederholte Hermine. »Und wenn wir Dumbledore nicht vertrauen können, können wir niemandem vertrauen.«
Angesichts all dessen, worüber sie sich sorgen mussten, und der vielen Arbeit, die sie hatten – unglaubliche Berge von Hausaufgaben, die die Fünftklässler oft bis nach Mitternacht wach hielten, geheime DA-Treffen und der reguläre Unterricht bei Snape –, schien der Januar beunruhigend schnell vorbeizugehen. Kaum hatte Harry sich’s versehen, da war es auch schon Februar, der feuchteres und wärmeres Wetter brachte und die Aussicht auf den zweiten Besuch in Hogsmeade in diesem Schuljahr. Seit er mit Cho verabredet hatte, dass sie gemeinsam ins Dorf gehen wollten, hatte Harry kaum Zeit für Gespräche mit ihr gefunden, doch mit einem Mal sah er einen Valentinstag auf sich zukommen, den er von morgens bis abends mit ihr zusammen verbringen würde.
Am Morgen des Vierzehnten zog er sich besonders sorgfältig an. Er kam mit Ron gerade rechtzeitig zur Ankunft der Posteulen zum Frühstück. Hedwig war nicht dabei – nicht dass Harry sie erwartet hätte –, doch als sie sich setzten, zog Hermine einen Brief aus dem Schnabel einer unbekannten braunen Eule.
»Wird auch langsam Zeit! Wenn es heute nicht gekommen wär …«, sagte sie, riss neugierig den Umschlag auf und zog ein kleines Stück Pergament hervor. Ihre Augen huschten hin und her, während sie die Nachricht las, und ein Ausdruck grimmiger Genugtuung breitete sich auf ihrem Gesicht aus.
»Hör zu, Harry«, sagte sie und sah ihn an, »das hier ist wirklich wichtig. Könnten wir uns gegen Mittag in den Drei Besen treffen?«
»Also … ich weiß nicht«, sagte Harry unsicher. »Cho erwartet vielleicht, dass ich den ganzen Tag mit ihr verbringe. Wir haben noch nicht überlegt, was wir unternehmen wollen.«
»Na, dann bring sie doch mit, wenn’s sein muss«, drängte Hermine. »Aber du kommst doch?«
»Also … na gut, aber wieso?«
»Ich hab jetzt keine Zeit, es dir zu erklären, ich muss das hier rasch beantworten.«
Und sie eilte aus der Großen Halle, den Brief in der einen und ein Stück Toast in der anderen Hand.
»Kommst du auch?«, fragte Harry Ron, doch der schüttelte missmutig den Kopf.
»Ich kann überhaupt nicht nach Hogsmeade. Angelina will einen ganzen Tag lang trainieren. Als ob das was bringen würde. Wir sind die schlechteste Mannschaft, die ich je gesehen habe. Du solltest mal Sloper und Kirke erleben, die sind erbärmlich, sogar noch schlechter als ich.« Er seufzte schwer. »Keine Ahnung, warum Angelina mich nicht einfach aus der Mannschaft austreten lassen will.«
»Weil du gut bist, wenn du mal in Form bist, deshalb«, sagte Harry ärgerlich.
Es fiel ihm sehr schwer, Ron wegen seiner misslichen Lage zu bemitleiden, wo er selbst doch fast alles dafür gegeben hätte, beim kommenden Spiel gegen Hufflepuff dabei zu sein. Ron schien Harrys Ton bemerkt zu haben, weil er beim Frühstück das Thema Quidditch nicht mehr anschnitt, und es lag eine gewisse Frostigkeit in der Art, wie sie sich kurz danach verabschiedeten. Ron machte sich zum Quidditch-Feld auf, und nachdem Harry sein Spiegelbild auf der Rückseite eines Teelöffels begutachtet und versucht hatte sein Haar zu glätten, ging er allein zur Eingangshalle, um Cho zu treffen, wobei er sich bang fragte, worüber um Himmels willen sie eigentlich reden sollten.
Sie erwartete ihn ein paar Schritte neben dem Eichenportal und sah sehr hübsch aus mit ihrem zu einem langen Pferdeschwanz gebundenen Haar. Während er auf sie zuging, kam es Harry vor, als wären seine Füße zu groß für seinen Körper, und plötzlich war er sich seiner Arme schrecklich bewusst; sie mussten bescheuert aussehen, wie sie da an ihm herunterbaumelten.
»Hi«, sagte Cho ein wenig atemlos.
»Hi«, sagte Harry.
Sie starrten sich einen Moment lang an, schließlich sagte Harry: »Also – ähm – wollen wir dann gehen?«
»Oh – ja …«
Sie reihten sich in die Schlange der Schüler ein, die sich bei Filch abmeldeten, sahen einander gelegentlich an und grinsten unsicher, ohne jedoch miteinander zu reden. Harry war erleichtert, als sie in die frische Luft traten, denn es schien ihm einfacher, stumm nebeneinander herzugehen, als nur dazustehen und verlegen dreinzublicken. Es war ein frischer, windiger Tag. Als sie am Quidditch-Stadion vorbeikamen, sah Harry kurz Ron und Ginny, die über die Tribünen dahinglitten, und der Gedanke, dass er nicht dort oben sein konnte, versetzte ihm einen fürchterlichen Stich.
»Du musst das ziemlich vermissen, oder?«, sagte Cho.
Er drehte sich um und sah, dass sie ihn musterte.
»Ja«, seufzte Harry. »Allerdings.«
»Weißt du noch, wie wir das erste Mal gegeneinander gespielt haben?«, fragte sie ihn.
»Ja«, sagte Harry grinsend. »Du hast mich ständig abgeblockt.«
»Und Wood hat dir gesagt, du sollst kein Gentleman sein und mich wenn nötig vom Besen hauen«, erinnerte sich Cho lächelnd. »Ich habe gehört, Pride of Portree hat ihn genommen, stimmt das?«
»Nein, es war Eintracht Pfützensee. Ich hab ihn letztes Jahr bei den Weltmeisterschaften gesehen.«
»Oh, da haben wir uns auch gesehen, weißt du noch? Wir waren im selben Zeltlager. War wirklich gut, oder?«
Das Thema Quidditch-Weltmeisterschaft trug sie den ganzen Weg hinunter und zum Tor hinaus. Harry konnte kaum fassen, wie einfach es war, mit ihr zu reden – eigentlich überhaupt nicht schwieriger als mit Ron und Hermine –, und gerade fühlte er sich sicher und vergnügt, da wurden sie von einer großen Gruppe Slytherin-Mädchen überholt, darunter Pansy Parkinson.
»Potter und Chang!«, kreischte Pansy und ein höhnisch kichernder Chor begleitete sie. »Urrgh, Chang, von deinem Geschmack halt ich ja nicht viel … Diggory hat wenigstens gut ausgesehen!«
Die Mädchen gingen schneller, schwatzten und kieksten spitz und drehten sich aufdringlich zu Harry und Cho um, die nun hinter ihnen in peinliches Schweigen versanken. Harry fiel nichts mehr zu Quidditch ein, und Cho, leicht rot im Gesicht, guckte auf ihre Füße.
»Also … wo willst du hin?«, fragte Harry, als sie nach Hogsmeade kamen. Die Hauptstraße war voller Schüler, die auf und ab schlenderten, sich die Schaufenster ansahen und in Grüppchen auf den Gehwegen herumhingen.
»Oh … ist mir egal«, sagte Cho achselzuckend. »Ähm … wollen wir einfach mal in die Läden reinschauen oder so?«
Sie bummelten auf Derwisch und Banges zu. Einige Leute aus Hogsmeade sahen sich ein großes Plakat an, das im Schaufenster des Ladens hing. Sie traten beiseite, als Harry und Cho sich näherten, und Harry starrte erneut auf die Bilder der zehn entflohenen Todesser. Das Plakat versprach »Per Anweisung des Zaubereiministeriums« jeder Hexe und jedem Zauberer für Informationen, die zur Wiederergreifung der abgebildeten Sträflinge führten, tausend Galleonen Belohnung.
»Seltsam, findest du nicht?«, sagte Cho mit leiser Stimme und blickte hoch zu den Bildern der Todesser. »Weißt du noch, als Sirius Black geflohen war, da hat es in Hogsmeade nur so gewimmelt von Dementoren, die nach ihm suchten. Und jetzt sind zehn Todesser auf freiem Fuß, und keine Spur von Dementoren …«
»Ja«, sagte Harry, riss sich von Bellatrix Lestranges Gesicht los und blickte die Hauptstraße entlang. »Ja, das ist tatsächlich seltsam.«
Er war nicht gerade unglücklich, dass keine Dementoren in der Nähe waren, doch nun, wo er darüber nachdachte, schien ihre Abwesenheit höchst bedeutsam. Sie hatten nicht nur die Todesser entkommen lassen, sie machten sich auch nicht die Mühe, nach ihnen zu suchen … es sah ganz so aus, als stünden sie inzwischen wirklich außer Kontrolle des Ministeriums.
Die zehn geflohenen Todesser starrten ihnen aus jedem Schaufenster entgegen, an dem er und Cho entlanggingen. Als sie an Schreiberlings vorbeikamen, fing es an zu regnen; kalte, schwere Tropfen fielen Harry unablässig auf Gesicht und Nacken.
»Ähm … möchtest du vielleicht einen Kaffee?«, sagte Cho zögerlich, als es heftiger zu regnen begann.
»Ja, gut«, sagte Harry und blickte sich um. »Wo?«
»Oh, dort drüben ist ein ganz netter Laden. Warst du schon mal bei Madam Puddifoot?«, sagte sie strahlend und führte ihn durch eine Seitenstraße zu einem kleinen Café, das Harry noch nie aufgefallen war. Es war ein proppenvolles, dampfiges kleines Lokal, wo offenbar alles mit Rüschen und Schleifchen geschmückt war. Harry fühlte sich unangenehm an Umbridges Büro erinnert.
»Süß, nicht?«, sagte Cho glücklich.
»Ähm … ja«, schwindelte Harry.
»Sieh mal, sie hat für den Valentinstag dekoriert!«, sagte Cho und deutete auf eine Reihe von goldenen Engelchen, die über jedem der kleinen runden Tische schwebten und ab und zu rosa Konfetti über die Gäste unter ihnen regnen ließen.
»Aaah …«
Sie setzten sich an den letzten freien Tisch, der am beschlagenen Fenster stand. Roger Davies, der Quidditch-Kapitän der Ravenclaws, saß zusammen mit einem hübschen blonden Mädchen etwa einen halben Meter entfernt. Sie hielten Händchen. Bei dem Anblick wurde Harry unbehaglich zumute, vor allem nun, da er sich im Café umsah und bemerkte, dass nur Paare hier waren, die allesamt Händchen hielten. Vielleicht erwartete Cho, dass er ihre Hand hielt.
»Was kann ich euch bringen, meine Lieben?«, sagte Madam Puddifoot, eine sehr stämmige Dame mit einem glänzenden schwarzen Haarknoten, die sich mühsam zwischen ihrem und Roger Davies’ Tisch hindurchzwängte.
»Zwei Kaffee, bitte«, sagte Cho.
Ihr Kaffee war noch nicht gekommen, da hatten Roger Davies und seine Freundin schon angefangen, über ihre Zuckerschale hinweg zu knutschen. Harry wäre es lieber gewesen, sie hätten es bleiben lassen; er hatte das Gefühl, dass Davies hier Maßstäbe setzte und dass Cho bald von ihm erwarten würde, dass er mithielt. Er spürte sein Gesicht heiß werden und wollte aus dem Fenster blicken, doch die Scheibe war so beschlagen, dass er die Straße draußen nicht erkennen konnte. Um den Moment hinauszuzögern, in dem er Cho ansehen musste, starrte er hoch zur Decke, als ob er die Malerarbeit begutachten würde, und bekam von ihrem schwebenden Engelchen eine Hand voll Konfetti ins Gesicht.
Nach ein paar weiteren peinlichen Minuten ließ Cho den Namen Umbridge fallen. Harry griff das Thema erleichtert auf, und eine kurze Weile waren sie glücklich damit beschäftigt, über Umbridge herzuziehen, doch hatten sie das Thema während der DA-Treffen bereits so gründlich durchgekaut, dass es nicht für lange Zeit Gesprächsstoff hergab. Wieder verstummten sie. Harry nahm sehr deutlich die Schlabbergeräusche wahr, die vom Tisch nebenan kamen, und überlegte hektisch, was er noch sagen könnte.
»Ähm … hör mal, hast du Lust, mit mir gegen Mittag in die Drei Besen zu gehen? Ich treff dort Hermine Granger.«
Cho zog die Brauen hoch.
»Du triffst dich mit Hermine Granger? Heute?«
»Ja. Nun, sie hat mich drum gebeten, also hab ich zugesagt. Willst du mitkommen? Sie meinte, es wär ihr egal, wenn du kommst.«
»Oh … also … das war nett von ihr.«
Aber Cho klang überhaupt nicht danach, als würde sie es nett finden. Im Gegenteil, ihre Stimme war kalt und plötzlich sah sie ziemlich abweisend aus.
Ein paar weitere Minuten vergingen in völligem Schweigen. Harry trank seinen Kaffee so schnell aus, dass er bald eine zweite Tasse brauchte. Roger Davies und seine Freundin neben ihnen waren offenbar an den Lippen zusammengeklebt.
Chos Hand lag auf dem Tisch neben ihrer Kaffeetasse, und Harry verspürte einen wachsenden Drang, sie in seine zu nehmen. Tu’s doch einfach, sagte er sich, und eine Mischung aus Panik und Erregung stieg in seiner Brust hoch. Du musst nur den Arm ausstrecken und sie anfassen. Erstaunlich, wie viel schwieriger es war, den Arm dreißig Zentimeter auszustrecken und ihre Hand zu berühren, als einen pfeilschnellen Schnatz mitten aus der Luft zu fangen …
Doch gerade als er seine Hand bewegte, zog Cho ihre vom Tisch. Sie sah mit leicht interessiertem Blick Roger Davies und seiner Freundin beim Küssen zu.
»Er wollte mit mir ausgehen, weißt du«, sagte sie leise. »Vor ein paar Wochen. Roger. Ich hab ihn aber abblitzen lassen.«
Harry, der die Zuckerschale ergriffen hatte, um einen Grund für seine plötzliche Handbewegung über den Tisch vorzutäuschen, hatte keine Ahnung, warum sie ihm das sagte. Wenn sie gern am Tisch nebenan sitzen und innig von Roger Davies geküsst werden wollte, weshalb war sie dann mit ihm ausgegangen?
Er schwieg. Das Engelchen warf noch eine Hand voll Konfetti über sie; einiges davon landete im kalten Rest Kaffee, den Harry gerade hatte trinken wollen.
»Letztes Jahr bin ich mit Cedric hierhergegangen«, sagte Cho.
In den ein, zwei Sekunden, die er brauchte, um zu begreifen, was sie gesagt hatte, wurden Harrys Eingeweide zu Eis. Er konnte einfach nicht fassen, dass sie jetzt über Cedric reden wollte, umgeben von knutschenden Pärchen und einem Engelchen, das über ihren Köpfen schwebte.
Chos Stimme war eine Spur höher, als sie weitersprach.
»Ich hab dich schon ewig fragen wollen … hat Cedric … hat er m-m-mich mal erwähnt, bevor er starb?«
Dies war wirklich das Allerletzte, worüber Harry reden wollte, und am allerwenigsten mit Cho.
»Also – nein –«, sagte er leise. »Er – er hatte keine Zeit, irgendwas zu sagen. Ähm … also … siehst du … hast du viel Quidditch in den Ferien gesehen? Du bist für die Tornados, stimmt’s?«
Seine Stimme klang aufgesetzt munter und fröhlich. Entsetzt sah er, dass ihre Augen wieder in Tränen schwammen, genau wie nach dem letzten DA-Treffen vor Weihnachten.
»Schau mal«, sagte er verzweifelt und beugte sich vor, damit niemand sonst ihn hören konnte, »lass uns jetzt nicht über Cedric reden … reden wir über was anderes …«
Doch damit hatte er offensichtlich genau das Falsche gesagt.
»Ich dachte«, sagte sie und Tränen spritzten auf den Tisch, »ich dachte, du würdest v-v-verstehen! Ich muss darüber reden! Und du m-musst sicher a-auch drüber reden! Immerhin, du hast es selbst mit angesehen – o-oder nicht?«
Alles ging alptraumhaft schief; die Freundin von Roger Davies hatte sich nun sogar aus ihrem klebrigen Kuss gelöst und der weinenden Cho zugewandt.
»Nun ja – ich hab darüber gesprochen«, sagte Harry im Flüsterton, »mit Ron und Hermine, aber –«
»Oh, mit Hermine Granger redest du!«, sagte sie schrill und ihr Gesicht glänzte nun tränenfeucht. Einige weitere küssende Paare lösten sich voneinander und starrten herüber. »Aber mit mir willst du nicht reden! V-vielleicht wär es am besten, wir zahlen einfach … einfach z-zahlen und du gehst und triffst dich mit Hermine G-Granger, das willst du doch offenbar!«
Harry starrte sie vollkommen verdutzt an, während sie eine rüschenbesetzte Serviette nahm und sich das glänzende Gesicht damit abtupfte.
»Cho?«, sagte er schwach und wünschte sich, Roger würde seine Freundin packen und sie wieder küssen, damit sie ihn und Cho nicht mehr mit Stielaugen anglotzen konnte.
»Na los, geh schon!«, sagte sie und weinte jetzt in ihre Serviette. »Ich weiß nicht, warum du überhaupt mit mir ausgehen wolltest, wenn du dich dann gleich hinterher mit anderen Mädchen verabredest … wie viele triffst du denn noch nach Hermine?«
»Es ist nicht so, wie du denkst!«, sagte Harry und war derart erleichtert, dass er endlich begriffen hatte, worüber sie sich so aufregte, dass er lachte. Und das, bemerkte er den Bruchteil einer Sekunde zu spät, war ebenfalls ein Fehler.
Cho sprang auf. Das ganze Café war verstummt und alle starrten zu den beiden herüber.
»Bis demnächst, Harry«, sagte sie dramatisch, und leicht hicksend rauschte sie zur Tür, riss sie auf und eilte hinaus in den strömenden Regen.
»Cho!«, rief Harry ihr nach, doch mit einem melodischen Klingeln war die Tür bereits hinter ihr zugeschlagen.
Im Café herrschte vollkommene Stille. Alle Augen waren auf Harry gerichtet. Er warf eine Galleone auf den Tisch, schüttelte rosa Konfetti aus seinen Haaren und folgte Cho zur Tür hinaus.
Es regnete inzwischen heftig und sie war nirgends zu sehen. Er begriff einfach nicht, was geschehen war. Vor einer halben Stunde noch waren sie gut miteinander ausgekommen.
»Frauen!«, murmelte er zornig und patschte, die Hände in den Taschen, die regennasse Straße entlang. »Warum bloß wollte sie über Cedric reden? Warum kommt sie immer mit einem Thema, bei dem sie sich aufführen muss wie ein menschlicher Gartenschlauch?«
Er bog rechts ab und legte einen spritzenden Spurt ein, der ihn nach wenigen Minuten zur Tür der Drei Besen führte. Er wusste, dass es für das Treffen mit Hermine noch zu früh war, doch sicher würde jemand drinnen sein, mit dem er sich die verbleibende Zeit vertreiben konnte. Er schüttelte sich das nasse Haar aus den Augen und sah sich um. Hagrid saß allein in einer Ecke und blickte verdrießlich vor sich hin.
»Hi, Hagrid!«, sagte er, als er sich zwischen den voll besetzten Tischen hindurchgezwängt und einen Stuhl herangezogen hatte.
Hagrid schreckte zusammen und blickte hinunter zu Harry, als würde er ihn kaum wiedererkennen. Harry sah, dass er zwei frische Schnittwunden im Gesicht hatte und einige neue Blutergüsse.
»Oh, du bist’s, Harry«, sagte Hagrid. »Geht’s dir gut?«
»Ja, bestens«, log Harry. Doch angesichts dieses übel zugerichteten und traurig blickenden Hagrid hatte er das Gefühl, er könne sich nicht groß beklagen. »Ähm – alles in Ordnung mit dir?«
»Mit mir?«, sagte Hagrid. »Oh, ja, mir geht’s großartig, Harry, großartig.«
Er spähte in die Tiefen seines Zinnkrugs, der die Ausmaße eines großen Eimers hatte, und seufzte. Harry wusste nicht, was er zu ihm sagen sollte. Einen Moment lang saßen sie schweigend nebeneinander. Dann sagte Hagrid unvermittelt: »Im selben Boot, du un’ ich, stimmt’s, Harry?«
»Ähm –«, machte Harry.
»Jaah … hab’s ja schon gesagt … sin’ beide Außenseiter, irgendwie«, sagte Hagrid und nickte versonnen. »Un’ beide Waisen. Jaah … beide Waisen.«
Er nahm einen großen Schluck aus seinem Zinnkrug.
»Is’ schon was anderes, wenn man ’ne anständige Familie hat«, sagte er. »Mein Dad war anständig. Und deine Mum und dein Dad war’n anständig. Wenn sie überlebt hätten, wär das Leben anders, oder?«
»Ja … denk schon«, sagte Harry vorsichtig. Hagrid schien in sehr eigenartiger Stimmung zu sein.
»Familie«, sagte er düster. »Du kannst sagen, was du willst, aber Blut ist wichtig …«
Und er wischte sich einen Tropfen davon aus dem Auge.
»Hagrid«, sagte Harry, der es nicht mehr mit ansehen konnte, »wo hast du all diese Verletzungen her?«
»Hä?«, sagte Hagrid und blickte verdutzt. »Was’n für Verletzungen?«
»Die alle!«, sagte Harry und deutete auf Hagrids Gesicht.
»Oh … das sin’ nur normale Beulen und blaue Flecken, Harry«, sagte Hagrid abwehrend, »in meinem Job geht’s nun mal hart zur Sache.«
Er leerte seinen Zinnkrug, stellte ihn zurück auf den Tisch und erhob sich.
»Wir sehn uns dann, Harry … mach’s mal gut.«
Und schwer mitgenommen, wie er aussah, stampfte er aus dem Pub und verschwand im sintflutartigen Regen. Harry sah ihm mit einem elenden Gefühl nach. Hagrid war unglücklich, und er verbarg etwas, aber er schien entschlossen, keine Hilfe anzunehmen. Was ging hier vor? Doch bevor Harry weiter darüber nachdenken konnte, hörte er eine Stimme seinen Namen rufen.
»Harry! Harry, hier drüben!«
Hermine winkte ihm von der anderen Seite des Raums her zu. Er stand auf und drängte sich durch den überfüllten Pub zu ihr durch. Noch waren ein paar Tische zwischen ihnen, da fiel ihm auf, dass Hermine nicht allein war. Sie saß an einem Tisch mit den ungewöhnlichsten Trinkgefährtinnen, die er sich nur vorstellen konnte: Luna Lovegood und keine andere als Rita Kimmkorn, ehemalige Journalistin des Tagespropheten und von Hermine gehasst wie sonst kaum jemand.
»Du bist früh dran!«, sagte Hermine und rutschte beiseite, um ihm Platz zu machen. »Ich dachte, du wärst mit Cho aus, ich hab dich frühestens in einer Stunde erwartet!«
»Cho?«, sagte Rita sofort, drehte sich auf ihrem Platz um und starrte Harry begierig an. »Ein Mädchen?«
Sie griff nach ihrer Krokodillederhandtasche und stöberte darin.
»Das geht Sie überhaupt nichts an, und wenn Harry hundert Mädchen getroffen hätte«, erklärte Hermine Rita mit kühler Stimme. »Also können Sie das gleich wieder wegstecken.«
Rita hatte gerade eine giftgrüne Schreibfeder aus der Tasche ziehen wollen. Sie machte eine Miene, als hätte man sie gezwungen, Stinksaft zu schlucken, und ließ ihre Tasche wieder zuschnappen.
»Worum geht’s?«, fragte Harry, setzte sich und starrte von Rita über Luna zu Hermine.
»Die kleine Miss Makellos wollt’s mir gerade sagen, als Sie kamen«, sagte Rita und schlürfte ausgiebig an ihrem Drink. »Ich nehm an, dass ich mit ihm reden darf, oder?«, fuhr sie Hermine an.
»Ja, das nehm ich auch an«, sagte Hermine kalt.
Die Arbeitslosigkeit tat Rita nicht gut. Das Haar, einst kunstvoll gelockt, hing jetzt schlaff und zerzaust um ihr Gesicht. Die scharlachrote Farbe auf den fünf Zentimeter langen Fingernägeln war abgesplittert und an ihrer geflügelten Brille fehlten ein paar falsche Juwelen. Sie nahm noch einen großen Schluck und sagte aus dem Mundwinkel: »Hübsches Mädchen, ja, Harry?«
»Noch ein Wort über Harrys Liebesleben und der Handel ist geplatzt, das mein ich ernst«, sagte Hermine verärgert.
»Welcher Handel?«, entgegnete Rita und wischte sich mit dem Handrücken den Mund. »Sie haben noch keinen Handel erwähnt, Miss Zimperlich, Sie haben mir nur gesagt, dass ich kommen soll. Oh, eines Tages …« Sie holte tief und schaudernd Luft.
»Ja, ja, eines Tages, da werden Sie noch mehr fürchterliche Geschichten über Harry und mich schreiben«, sagte Hermine gleichmütig. »Warum suchen Sie sich nicht einfach jemanden, den das interessiert?«
»Dieses Jahr haben sie auch ohne meine Hilfe eine Menge fürchterlicher Geschichten über Harry gebracht«, sagte Rita, versetzte ihm über den Rand ihres Glases hinweg einen schrägen Blick und fügte heiser flüsternd hinzu: »Wie fühlen Sie sich dabei, Harry? Verraten? Durcheinander? Missverstanden?«
»Er ist natürlich zornig«, sagte Hermine mit harter, klarer Stimme. »Weil er dem Zaubereiminister die Wahrheit gesagt hat und der Minister zu blöde ist, ihm zu glauben.«
»Also bleiben Sie tatsächlich dabei, dass Er, dessen Name nicht genannt werden darf, zurück ist?«, sagte Rita, ließ das Glas sinken und bedachte Harry mit einem stechenden Blick, während sich ihre Finger sehnsüchtig zur Schnalle ihrer Krokodilledertasche verirrten. »Sie stehen zu dem ganzen Plunder, den Dumbledore aller Welt erzählt, Du-weißt-schon-wer sei zurück und Sie seien der einzige Zeuge?«
»Ich war nicht der einzige Zeuge«, fauchte Harry. »Außer mir waren noch ein Dutzend Todesser dabei. Wollen Sie ihre Namen haben?«
»Das wär ganz toll«, hauchte Rita, die nun erneut in ihrer Tasche fummelte und ihn anblickte, als wäre er das schönste Wesen, das sie je gesehen hatte. »Eine große fette Schlagzeile: ›Potter klagt an …‹ Die Zeile drunter: ›Harry Potter nennt die Namen der Todesser, die noch unter uns sind.‹ Und dann, unter einem hübschen großen Foto von Ihnen: ›Harry Potter, 15, der gestörte Teenager, der den Angriff von Du-weißt-schon-wem überlebt hat, löste gestern Empörung aus, indem er angesehene und führende Mitglieder der Zauberergemeinschaft beschuldigte, Todesser zu sein …‹«
Die Flotte-Schreibe-Feder war bereits in ihrer Hand und auf halbem Weg zu ihrem Mund, als der verzückte Ausdruck auf ihrem Gesicht erstarb.
»Aber natürlich«, sagte sie, ließ die Feder sinken und warf Hermine einen bohrenden Blick zu, »natürlich würde die kleine Miss Makellos diese Story gar nicht gern gedruckt sehen, stimmt’s?«
»Eigentlich«, sagte Hermine süßlich, »ist es genau das, was die kleine Miss Makellos will.«
Rita starrte sie an. Harry ebenfalls. Luna hingegen sang verträumt »Weasley ist unser King« in sich hinein und rührte mit einer aufgespießten Cocktail-Zwiebel ihren Drink um.
»Sie wollen, dass ich berichte, was er über Ihn, dessen Name nicht genannt werden darf, sagt?«, fragte Rita Hermine mit gedämpfter Stimme.
»Ja, das will ich«, sagte Hermine. »Die wahre Geschichte. Alle Fakten. Genau wie Harry sie erzählt. Er liefert Ihnen alle Einzelheiten, er nennt Ihnen die Namen aller unentdeckten Todesser, die er dort gesehen hat, er sagt Ihnen, wie Voldemort heute aussieht – oh, reißen Sie sich zusammen«, fügte sie verächtlich hinzu und warf eine Serviette über den Tisch, denn beim Klang von Voldemorts Namen war Rita so heftig zusammengezuckt, dass sie die Hälfte ihres Glases Feuerwhisky über sich verschüttet hatte.
Rita trocknete das Revers ihres schmuddeligen Regenmantels, ohne Hermine aus den Augen zu lassen. Dann sagte sie nüchtern: »Das würde der Prophet nicht drucken. Es mag Ihnen noch nicht aufgefallen sein, aber kein Mensch glaubt diese Ammenmärchen. Alle denken, er hat Wahnvorstellungen. Aber wenn Sie mich die Geschichte aus dieser Perspektive schreiben lassen …«
»Wir brauchen nicht noch eine Geschichte von wegen, Harry hätte sie nicht mehr alle!«, sagte Hermine zornig. »Davon hatten wir schon genug, danke schön! Ich will, dass er die Möglichkeit bekommt, die Wahrheit zu sagen!«
»Es gibt keinen Markt für eine solche Story«, erwiderte Rita kalt.
»Sie meinen, der Prophet wird sie nicht drucken, weil Fudge es nicht zulässt«, sagte Hermine verärgert.
Rita sah Hermine eine ganze Weile mit stechendem Blick an. Dann beugte sie sich über den Tisch zu ihr hinüber und sagte in geschäftsmäßigem Ton: »Na gut, Fudge macht Druck auf den Propheten, aber es kommt aufs selbe raus. Die werden keine Geschichte drucken, die Harry in gutem Licht erscheinen lässt. Keiner will das lesen. Das ist gegen die Stimmung in der Öffentlichkeit. Wegen dieses jüngsten Askaban-Ausbruchs sind die Leute ohnehin schon beunruhigt genug. Sie wollen einfach nicht glauben, dass Du-weißt-schon-wer zurück ist.«
»Also ist der Tagesprophet dazu da, den Leuten zu sagen, was sie hören wollen, stimmt’s?«, giftete Hermine.
Rita setzte sich wieder aufrecht hin und leerte mit hochgezogenen Augenbrauen ihr Glas Feuerwhisky.
»Der Prophet ist da, um sich zu verkaufen, Sie dummes Mädchen«, sagte sie kalt.
»Mein Dad hält ihn für eine miserable Zeitung«, mischte sich Luna überraschend ins Gespräch ein. Sie lutschte an ihrer Cocktail-Zwiebel und stierte Rita mit ihren vorquellenden, leicht irrlichternden riesigen Augen an. »Er veröffentlicht wichtige Geschichten, von denen er glaubt, dass die Öffentlichkeit sie erfahren muss. Ihm geht es nicht ums Geldverdienen.«
Rita blickte Luna abfällig an.
»Ich vermute, Ihr Vater leitet einen depperten kleinen Dorfboten«, sagte sie. »Wahrscheinlich Fünfundzwanzig Tipps, wie man sich unter Muggel mischt und die Termine der nächsten Besenbasare?«
»Nein«, sagte Luna und tunkte die Zwiebel wieder in ihr Goldlackwasser, »er ist der Chefredakteur des Klitterers.«
Rita schnaubte so laut, dass sich die Leute am nächsten Tisch entsetzt umdrehten.
»›Wichtige Geschichten, von denen er glaubt, dass die Öffentlichkeit sie erfahren muss‹, ja?«, sagte sie in vernichtendem Ton. »Ich könnte meinen Garten düngen mit dem, was in diesem Käseblatt steht.«
»Nun, dann ist das Ihre Chance, das Niveau des Käseblatts ein wenig zu heben, verstehen Sie?«, sagte Hermine freundlich. »Luna meint, ihr Vater würde das Interview mit Harry liebend gern annehmen. Er wird es veröffentlichen.«
Rita starrte die beiden einen Moment lang an, dann lachte sie schallend.
»Der Klitterer!«, gluckste sie. »Sie glauben, die Leute nehmen ihn ernst, wenn er im Klitterer auspackt?«
»Manche nicht«, sagte Hermine mit ruhiger Stimme. »Aber so, wie der Tagesprophet den Askaban-Ausbruch dargestellt hat, hatte die Geschichte ein paar klaffende Lücken. Ich glaub, eine Menge Leute werden sich fragen, ob es nicht eine bessere Erklärung für das gibt, was da passiert ist, und wenn eine andere Version der Geschichte existiert, selbst wenn sie in einem –«, sie warf Luna von der Seite her einen Blick zu, »in einem – nun ja, ungewöhnlichen Magazin erscheint – ich schätze, dann werden die ziemlich scharf drauf sein, das zu lesen.«
Rita sagte eine Weile lang nichts, hatte jedoch den Kopf ein wenig schief gelegt und sah Hermine scharfsinnig an.
»Na gut, nehmen wir mal an, ich lass mich drauf ein«, sagte sie abrupt. »Welches Honorar ist für mich drin?«
»Ich glaub nicht, dass Daddy die Leute, die für das Magazin schreiben, tatsächlich auch noch bezahlt«, sagte Luna verträumt. »Die tun es, weil es eine Ehre ist, und natürlich, weil sie ihren Namen gedruckt sehen wollen.«
Rita Kimmkorn machte erneut ein Gesicht, als hätte sie einen starken Geschmack von Stinksaft im Mund, und wandte sich an Hermine.
»Ich soll das also umsonst machen?«
»Nun, ja«, entgegnete Hermine unverfroren und nahm einen Schluck von ihrem Drink. »Wenn nicht, und das wissen Sie sehr genau, werde ich die Behörden informieren, dass Sie ein nicht registrierter Animagus sind. Könnte natürlich sein, dass der Prophet Ihnen dann eine Menge für einen Insiderbericht über das Leben in Askaban zahlt.«
Rita blickte drein, als hätte sie am liebsten das Papierschirmchen gepackt, das aus Hermines Glas ragte, und es ihr in die Nase gestoßen.
»Ich hab wohl keine Wahl, oder?«, sagte sie mit leicht zitternder Stimme. Sie öffnete noch einmal ihre Krokodiltasche, zog ein Stück Pergament heraus und hob die Flotte-Schreibe-Feder.
»Daddy wird sich freuen«, sagte Luna strahlend. An Ritas Kiefer zuckte ein Muskel.
»Okay, Harry?«, fragte Hermine und wandte sich ihm zu. »Bereit, der Öffentlichkeit die Wahrheit zu sagen?«
»Ich denk schon«, sagte Harry und ließ Rita, die ihre Flotte-Schreibe-Feder über das Pergament zwischen ihnen hielt, nicht aus den Augen.
»Dann legen Sie mal los, Rita«, sagte Hermine gelassen und fischte eine Kirsche vom Boden ihres Glases.
Gesehen – unvorhergesehen
Luna meinte vage, sie wisse nicht, wann Ritas Interview mit Harry im Klitterer erscheinen würde. Ihr Vater erwarte einen wunderbar ausführlichen Artikel über jüngste Entdeckungen von Schrumpfhörnigen Schnarchkacklern – »und natürlich wird das eine ziemlich wichtige Geschichte, also wird Harry sich vielleicht bis zur übernächsten Ausgabe gedulden müssen«, erklärte sie.
Für Harry war es keine leichte Erfahrung gewesen, über die Nacht zu reden, in der Voldemort zurückgekehrt war. Rita hatte auf jedes kleine Detail gedrungen, und er hatte ihr alles erzählt, woran er sich erinnern konnte, in dem Wissen, dass dies die große Gelegenheit für ihn war, der Welt die Wahrheit zu sagen. Er fragte sich, wie die Leute auf die Geschichte reagieren würden. Vermutlich würde sie viele in der Ansicht bestärken, dass er völlig verrückt sei, nicht zuletzt weil seine Geschichte neben dem haarsträubenden Unsinn über Schrumpfhörnige Schnarchkackler stehen würde. Doch der Ausbruch Bellatrix Lestranges und der anderen Todesser hatte in Harry den brennenden Wunsch geweckt, irgendetwas zu tun, ob es nun etwas bewirkte oder nicht …
»Bin mal gespannt, was Umbridge davon hält, dass du an die Öffentlichkeit gehst«, sagte Dean beeindruckt beim Abendessen am Montag. Seamus schaufelte neben Dean Riesenmengen Hühnchen-und-Schinken-Pastete in sich hinein, doch Harry wusste, dass er zuhörte.
»Du tust genau das Richtige, Harry«, sagte Neville, der ihm gegenübersaß. Er war ziemlich bleich, fuhr aber mit leiser Stimme fort: »Es muss … schwierig … gewesen sein, darüber zu reden … stimmt’s?«
»Ja«, murmelte Harry, »aber die Leute müssen erfahren, wozu Voldemort fähig ist, oder?«
»Das stimmt«, sagte Neville und nickte, »und auch seine Todesser … die Leute sollten erfahren …«
Neville brach seinen Satz ab und wandte sich wieder seiner Backkartoffel zu. Seamus sah auf, doch als er Harrys Blick begegnete, schaute er rasch auf seinen Teller zurück. Nach einer Weile gingen Dean, Seamus und Neville in den Gemeinschaftsraum, während Harry und Hermine am Tisch zurückblieben und auf Ron warteten, der wegen seines Quidditch-Trainings noch nicht gegessen hatte.
Cho Chang kam mit ihrer Freundin Marietta in die Halle. Harrys Magen zog sich unangenehm zusammen, doch Cho würdigte den Gryffindor-Tisch keines Blickes und setzte sich mit dem Rücken zu ihm.
»Ach, ich hab vergessen dich zu fragen«, sagte Hermine gut gelaunt und warf einen Blick hinüber zum Ravenclaw-Tisch, »was ist eigentlich aus deiner Verabredung mit Cho geworden? Wie kommt’s, dass du so früh wieder da warst?«
»Ähm … nun, es war …«, sagte Harry, zog eine Schüssel mit Rhabarberauflauf zu sich heran und tat sich noch einmal auf, »jetzt, wo du’s sagst – ein totales Fiasko.«
Und er erzählte ihr, was in Madam Puddifoots Café passiert war.
»… also, und dann«, schloss er einige Minuten später, als er den letzten Bissen Auflauf hinuntergeschluckt hatte, »springt sie auf, verstehst du, und sagt: ›Bis demnächst, Harry‹, und rennt einfach raus!« Er legte seinen Löffel weg und sah Hermine an. »Ich mein, was sollte das Ganze? Was war da los?«
Hermine blickte hinüber auf Chos Nacken und seufzte.
»Oh, Harry«, sagte sie traurig. »Also, tut mir leid, aber du warst ein bisschen taktlos.«
»Ich und taktlos?«, sagte Harry empört. »Wir sind doch bestens miteinander klargekommen, und auf einmal sagt sie mir, dass Roger Davies sich mit ihr verabreden wollte und dass sie immer mit Cedric in dieses blöde Café gegangen ist und mit ihm geknutscht hat – wie soll ich mich denn dabei fühlen?«
»Nun, sieh mal«, sagte Hermine, so geduldig wie jemand, der einem quengligen Kleinkind erklärt, dass eins und eins zwei ergibt, »du hättest ihr nicht mitten in eurem Rendezvous sagen sollen, dass du dich mit mir treffen willst.«
»Aber, aber«, stotterte Harry, »aber – du hast mir gesagt, ich soll mich um zwölf mit dir treffen und sie mitbringen, wie sollte ich das tun, ohne es ihr zu sagen?«
»Du hättest es ihr anders beibringen müssen«, erklärte Hermine, immer noch mit diesem unerträglich geduldigen Gehabe. »Du hättest sagen sollen, dass es furchtbar ärgerlich sei, aber dass ich dich gezwungen hätte, in die Drei Besen zu kommen, und dass du eigentlich gar keine Lust hättest und lieber den ganzen Tag mit ihr verbringen wolltest, aber leider hättest du irgendwie das Gefühl, du müsstest mich doch treffen, und ob sie nicht bitte, bitte mitkommen würde, dann könntest du dich vielleicht schneller loseisen. Und es wär vielleicht eine gute Idee gewesen, auch noch zu erwähnen, wie hässlich du mich findest«, fügte Hermine hinzu.
»Aber ich finde dich gar nicht hässlich«, sagte Harry perplex.
Hermine lachte.
»Harry, du bist schlimmer als Ron … nun, nein, bist du nicht«, seufzte sie, als Ron höchstpersönlich in die Große Halle gestapft kam, schlammbespritzt und mit griesgrämiger Miene. »Hör mal – du hast Cho verletzt, als du sagtest, du würdest dich mit mir treffen, also hat sie versucht dich eifersüchtig zu machen. Auf diese Weise wollte sie rausfinden, wie sehr du sie magst.«
»So was macht die?«, sagte Harry, als Ron sich auf die Bank gegenüber fallen ließ und alle Schüsseln in Reichweite zu sich heranzog. »Also, wär’s dann nicht leichter gewesen, wenn sie mich einfach gefragt hätte, ob ich sie mehr mag als dich?«
»Mädchen stellen keine solchen Fragen«, sagte Hermine.
»Sollten sie aber!«, erwiderte Harry heftig. »Dann hätte ich ihr sagen können, dass ich sie toll finde, und sie hätte sich nicht wieder in diese Sache reinsteigern müssen, dass Cedric gestorben ist.«
»Ich behaupte nicht, dass es vernünftig war, was sie getan hat«, sagte Hermine, während sich Ginny zu ihnen setzte, ebenso schlammbespritzt wie Ron und mit nicht minder verdrießlicher Miene. »Ich versuch dir nur zu erklären, wie sie sich zu diesem Zeitpunkt gefühlt hat.«
»Du solltest ein Buch schreiben«, meinte Ron zu Hermine, während er seine Kartoffeln klein schnitt, »und die verrückten Dinge übersetzen, die Mädchen tun, damit Jungs sie verstehen können.«
»Ja«, sagte Harry nachdrücklich und blickte hinüber zum Ravenclaw-Tisch. Cho war gerade aufgestanden und verließ die Große Halle, wiederum ohne ihn anzusehen. Ziemlich deprimiert wandte er sich wieder Ron und Ginny zu. »Also, wie war euer Quidditch-Training?«
»Es war ein Alptraum«, antwortete Ron mürrisch.
»Ach, komm«, sagte Hermine und blickte Ginny an, »ich bin sicher, es war nicht –«
»Doch, war es«, sagte Ginny. »Es war entsetzlich. Angelina hat am Schluss fast noch geheult.«
Ron und Ginny gingen nach dem Abendessen zum Duschen; Harry und Hermine kehrten in den belebten Gemeinschaftsraum der Gryffindors und zu ihrem gewohnten Berg Hausaufgaben zurück. Harry hatte sich eine halbe Stunde lang mit einer neuen Sternkarte für Astronomie herumgeschlagen, als Fred und George auftauchten.
»Ron und Ginny nicht da?«, fragte Fred und sah sich um, während er sich einen Sessel heranzog, und als Harry den Kopf schüttelte, sagte er: »Gut. Wir haben ihnen beim Training zugeschaut. Die werden abgeschlachtet. Ohne uns kannst du die völlig vergessen.«
»Hör mal, Ginny ist nicht übel«, warf George der Fairness halber ein und setzte sich neben Fred. »Ehrlich gesagt, ich hab keine Ahnung, wie sie so gut geworden ist, wir haben sie doch nie mitspielen lassen.«
»Seit sie sechs war, ist sie in euren Besenschuppen im Garten eingebrochen, wenn ihr nicht in der Nähe wart, und hat abwechselnd eure Besen ausprobiert«, sagte Hermine hinter ihrem wackligen Stapel Bücher über alte Runen.
»Oh«, sagte George und sah milde beeindruckt aus. »Nun – das erklärt die Sache.«
»Hat Ron inzwischen mal einen Wurf gehalten?«, fragte Hermine und spähte über den Rand von Magische Hieroglyphen und Logogramme.
»Eigentlich kann er das gut, wenn er glaubt, dass keiner ihm zusieht«, sagte Fred und verdrehte die Augen. »Also müssen wir am Samstag jedes Mal, wenn der Quaffel in seine Richtung fliegt, nur die Zuschauer bitten, ihm den Rücken zuzudrehen und sich zu unterhalten.«
Er stand auf, ging rastlos zum Fenster und starrte hinaus auf das dunkle Gelände.
»Wisst ihr, Quidditch war so ziemlich das Einzige, weshalb es sich lohnte, hierzubleiben.«
Hermine warf ihm einen strengen Blick zu.
»Ihr habt bald Prüfungen!«
»Hast doch gehört, dass wir uns wegen dieser UTZe gar nicht erst großen Stress machen«, sagte Fred. »Die Leckereien sind serienreif, und wir haben rausgefunden, wie man diese Furunkel loswird, ein paar Tropfen Murtlap-Essenz reichen aus. Lee hat uns drauf gebracht.«
George gähnte herzhaft und sah betrübt zum wolkenverhangenen Nachthimmel hinaus.
»Ich weiß gar nicht, ob ich mir dieses Spiel überhaupt ansehen will. Wenn Zacharias Smith uns schlägt, könnte es gut sein, dass ich mich umbringen muss.«
»Oder eher ihn umbringen«, erwiderte Fred entschieden.
»Das ist das Problem beim Quidditch«, sagte Hermine geistesabwesend und wieder über ihre Runenübersetzung gebeugt, »es führt zu all diesen Feindseligkeiten und Spannungen zwischen den Häusern.«
Sie blickte auf, um ihre Ausgabe von Zaubermanns Silbentabelle zu suchen, und bemerkte, dass Fred, George und Harry sie entrüstet bis ungläubig anstarrten.
»Ja, stimmt doch!«, sagte sie unwirsch. »Es ist nur ein Spiel, oder nicht?«
»Hermine«, sagte Harry und schüttelte den Kopf. »Du bist gut in Gefühlen und so, aber von Quidditch verstehst du einfach nichts.«
»Mag sein«, sagte sie düster und wandte sich wieder ihrer Übersetzung zu, »aber zumindest hängt mein Glück nicht von Rons Fähigkeiten als Torhüter ab.«
Und obwohl Harry lieber vom Astronomieturm gesprungen wäre, als es Hermine gegenüber zuzugeben: Nachdem er am Samstag darauf das Spiel gesehen hatte, hätte er jede Menge Galleonen gegeben, wenn auch ihm Quidditch von nun an egal gewesen wäre.
Das Allerbeste, was sich über das Spiel sagen ließ, war, dass es nicht lange gedauert hatte. Die Zuschauer von Gryffindor mussten nur zweiundzwanzig Minuten Todesqualen erdulden. Schwierig zu sagen, was das Schlimmste gewesen war: wie Ron zum vierzehnten Mal als Hüter versagt, Sloper den Klatscher verfehlt und dafür mit dem Schläger Angelinas Mund getroffen hatte; wie Kirke unter Kreischen rücklings vom Besen gefallen war, als Zacharias Smith mit dem Quaffel in der Hand auf ihn zugeprescht kam – aus Harrys Sicht kaum zu entscheiden. Ein Wunder, dass Gryffindor nur mit zehn Punkten Rückstand verlor: Ginny hatte es geschafft, dem Hufflepuff-Sucher Summerby den Schnatz direkt vor der Nase wegzuschnappen, und so lautete das Endergebnis zweihundertvierzig zu zweihundertdreißig.
»Guter Fang«, lobte Harry Ginny später im Gemeinschaftsraum, wo in etwa die Atmosphäre einer besonders bedrückenden Beerdigung herrschte.
»Ich hab Glück gehabt«, sagte sie achselzuckend. »Es war kein sehr schneller Schnatz und Summerby hat einen Schnupfen, er hat geniest und die Augen im genau falschen Moment geschlossen. Jedenfalls, sobald du wieder in der Mannschaft bist –«
»Ginny, ich hab lebenslanges Spielverbot.«
»Du hast Spielverbot, solange Umbridge in der Schule ist«, korrigierte ihn Ginny. »Das ist ein Unterschied. Jedenfalls, sobald du wieder zurück bist, probier ich es wohl mal als Jägerin. Angelina und Alicia sind nächstes Jahr nicht mehr dabei und ich will ohnehin lieber Tore machen als suchen.«
Harry sah hinüber zu Ron, der mit einer Flasche Butterbier in der Hand in einer Ecke kauerte und seine Knie anstarrte.
»Angelina will ihn immer noch nicht aus der Mannschaft rauslassen«, sagte Ginny, als ob sie Harrys Gedanken lesen würde. »Sie meint, sie weiß, dass er’s draufhat.«
Harry mochte Angelina wegen des Vertrauens, das sie offenbar in Ron setzte, war sich aber gleichzeitig sicher, es wäre wirklich gnädiger, wenn er die Mannschaft verlassen dürfte. Ron war wieder mal unter dem gellenden Schlachtgesang »Weasley ist unser King« vom Feld gezogen, den die Slytherins eifrig angestimmt hatten, die nun Favoriten für den Quidditch-Pokal waren.
Fred und George schlenderten herüber.
»Ich bring’s nicht mal übers Herz, ihn auf den Arm zu nehmen«, sagte Fred und sah hinüber zu dem Häufchen Elend namens Ron. »Aber ich sag euch … als er den Vierzehnten durchgelassen hat –«
Er ruderte wild mit den Armen, als ahmte er im Stehen Hundepaddeln nach.
»– na gut, ich spar mir das für Partys auf, okay?«
Kurz danach schleppte sich Ron hoch ins Bett. Aus Rücksicht auf seine Gefühle wartete Harry ein Weilchen, bis er selbst in den Schlafsaal ging, damit Ron, wenn er wollte, so tun konnte, als würde er schlafen. Und tatsächlich, als Harry schließlich hereinkam, schnarchte Ron ein wenig zu laut, als dass man wirklich darauf hätte reinfallen können.
Harry legte sich ins Bett und dachte über das Spiel nach. Es war furchtbar nervenaufreibend gewesen, nur als Zuschauer dabei zu sein. Ginnys Leistung hatte ihn durchaus beeindruckt, doch er wusste, wenn er gespielt hätte, dann hätte er den Schnatz früher gefangen … einmal war er an Kirkes Fußknöcheln herumgeflattert. Wenn Ginny nicht gezögert hätte, dann hätte sie noch einen knappen Sieg für Gryffindor klarmachen können.
Umbridge hatte ein paar Reihen unterhalb von Harry und Hermine gesessen. Das eine oder andere Mal hatte sich ihre gedrungene Gestalt im Sitzen umgedreht, sie hatte ihn angesehen, und ihr breiter Krötenmund hatte sich zu einem, wie es ihm vorkam, diebischen Lächeln gedehnt. Wie er so im Dunkeln lag, wurde ihm bei dieser Erinnerung heiß vor Zorn. Nach ein paar Minuten jedoch fiel ihm ein, dass er seinen Geist vor dem Einschlafen von allen Gefühlen frei machen sollte, wie es Snape ihm nach jeder Okklumentikstunde einschärfte.
Er versuchte es eine Weile, doch der Gedanke an Snape, zusätzlich zu den Erinnerungen an Umbridge, verstärkte nur seinen Groll und seine Abneigung, und nun fand er sich von dem Gedanken besessen, wie sehr er diese beiden hasste. Allmählich flaute Rons Geschnarche ab und er atmete jetzt tief und langsam. Harry brauchte viel länger, um einzuschlafen; sein Körper war müde, doch es dauerte lange, bis sein Gehirn zur Ruhe kam.
Ihm träumte, dass Neville und Professor Sprout im Raum der Wünsche Walzer tanzten, während Professor McGonagall Dudelsack spielte. Er sah ihnen eine Weile glücklich zu, dann beschloss er, zu gehen und die anderen DA-Mitglieder aufzusuchen.
Doch als er den Raum verließ, bemerkte er, dass er nicht vor dem Wandteppich mit Barnabas dem Bekloppten stand, sondern vor einer Fackel, die in ihrer Halterung an der Wand brannte. Er wandte den Kopf langsam nach links. Dort, ganz am Ende des fensterlosen Korridors, war eine schlichte schwarze Tür.
Er ging mit wachsender Erregung auf sie zu. Er hatte das äußerst seltsame Gefühl, dass er diesmal Glück haben und herausfinden würde, wie sie aufging … er war nur wenige Schritte von ihr entfernt, da sah er wie elektrisiert an der rechten Seite einen schwachen, blau schimmernden Lichtstreif … die Tür war nur angelehnt … er streckte die Hand aus, wollte sie weit aufstoßen und –
Ron machte einen lauten, sägenden, echten Schnarcher und Harry wachte abrupt auf. Seine rechte Hand war vor ihm in der Dunkelheit ausgestreckt, um eine Tür zu öffnen, die Hunderte von Kilometern entfernt war. Enttäuscht und schuldbewusst zugleich ließ er sie sinken. Diese Tür hätte er nicht sehen sollen, das wusste er, aber gleichzeitig spürte er eine so überwältigende Neugier auf das, was hinter ihr lag, dass er unwillkürlich sauer auf Ron war … hätte er doch mit seinem Schnarcher wenigstens noch eine Minute gewartet.
Am Montagmorgen betraten sie die Große Halle zum Frühstück genau in dem Moment, als die Posteulen kamen. Hermine war nicht die Einzige, die begierig auf ihren Tagespropheten wartete: Fast alle waren gespannt auf neue Nachrichten über die entflohenen Todesser, die zwar angeblich häufig gesichtet wurden, aber immer noch nicht festgenommen waren. Hermine gab der Zustelleule einen Knut und schlug neugierig die Zeitung auf, während Harry sich Orangensaft einschenkte. Als die erste Eule mit einem Plumps vor ihm landete, war er sicher, dass das Tier sich geirrt hatte, da er das ganze Jahr über nur eine Nachricht erhalten hatte.
»Wen suchst du denn?«, fragte er sie, zog gleichgültig seinen Orangensaft unter ihrem Schnabel weg und beugte sich vor, um Name und Adresse des Empfängers zu lesen:
Harry Potter
Große Halle
Hogwarts-Schule
Stirnrunzelnd wollte er der Eule den Brief abnehmen, doch schon waren drei, vier, fünf weitere Eulen neben ihr auf den Tisch geflattert und kabbelten sich um den besten Platz, wobei sie in die Butter tapsten und das Salz umwarfen, weil jede versuchte, ihm ihren Brief als Erste zu geben.
»Was ist denn hier los?«, fragte Ron verdutzt, und alle am Gryffindor-Tisch beugten sich vor, um zuzusehen, wie sieben weitere Eulen kreischend, schreiend und flügelschlagend zwischen den ersten Vögeln landeten.
»Harry«, sagte Hermine atemlos, tauchte die Hände in den Haufen Gefieder und zog eine Schreieule mit einem langen, zylindrischen Päckchen heraus. »Ich glaub, ich weiß, was das zu bedeuten hat – mach das hier zuerst auf!«
Harry riss das Packpapier weg. Heraus kullerte eine fest zusammengerollte Märzausgabe des Klitterers. Er glättete sie und nun grinste ihm sein eigenes Gesicht verlegen von der Titelseite entgegen. In großen roten Lettern über dem Bild hieß es:
HARRY POTTER PACKT ENDLICH AUS: DIE WAHRHEIT ÜBER IHN, DESSEN NAME NICHT GENANNT WERDEN DARF, UND DIE NACHT, IN DER ICH IHN ZURÜCKKOMMEN SAH
»Gut, was?«, sagte Luna, die zum Gryffindor-Tisch herübergeschwebt war und sich jetzt zwischen Fred und Ron auf die Bank quetschte. »Er kam gestern raus, ich hab Dad gebeten, dir ein kostenloses Exemplar zu schicken. Ich schätze, das alles hier« – und sie fuchtelte mit der Hand zu der Eulenschar, die immer noch vor Harry auf dem Tisch herumscharrte – »sind Briefe von Lesern.«
»Das hab ich mir schon gedacht«, sagte Hermine begierig. »Harry, hast du was dagegen, wenn wir –?«
»Nur zu«, sagte Harry, ein wenig seltsam berührt.
Ron und Hermine fingen an, die Umschläge aufzureißen.
»Der ist von ’nem Typen, der denkt, du bist völlig von der Rolle«, sagte Ron mit einem Blick auf den Brief. »Ah, na ja …«
»Dieser hier ist von einer Frau, die dir eine gute Schockzaubertherapie im St. Mungo empfiehlt«, rief Hermine, blickte enttäuscht und knüllte einen zweiten Brief zusammen.
»Der hier scheint aber okay«, sagte Harry langsam und überflog einen langen Brief von einer Hexe aus Paisley. »Hey, sie schreibt, sie würde mir glauben!«
»Der hier kann sich nicht so recht entscheiden«, meinte Fred, der sich mit Begeisterung der Brieföffnerei angeschlossen hatte. »Du kämst ihm zwar nicht wie ein Verrückter vor, aber eigentlich will er auch nicht glauben, dass Du-weißt-schon-wer zurück ist, also weiß er jetzt nicht, was er denken soll. Grundgütiger, was für eine Pergamentverschwendung.«
»Hier ist noch einer, den du überzeugt hast, Harry«, sagte Hermine aufgeregt. »›Nun, da ich Ihre Version der Geschichte gelesen habe, sehe ich mich zu dem Schluss gezwungen, dass der Tagesprophet Sie sehr unfair behandelt hat … zwar will ich kaum glauben, dass Er, dessen Name nicht genannt werden darf, zurückgekehrt ist, aber ich komme doch nicht umhin, mir einzugestehen, dass Sie die Wahrheit sagen …‹ Oh, das ist ja wunderbar!«
»Noch einer, der glaubt, dass du völlig übergeschnappt bist«, sagte Ron und warf einen zerknüllten Brief über die Schulter. »… aber die hier schreibt, dass du sie bekehrt hast, und sie denkt jetzt, dass du ein richtiger Held bist – und ein Foto hat sie auch beigelegt – wow!«
»Was geht hier vor?«, fragte eine falsche süße, mädchenhafte Stimme.
Harry, die Hände voller Umschläge, blickte auf. Professor Umbridge stand hinter Fred und Luna, und ihre hervorquellenden Krötenaugen wanderten über das Chaos aus Eulen und Briefen auf dem Tisch vor Harry. Hinter ihr sah er viele Schüler neugierig herüberspähen.
»Warum haben Sie all diese Briefe bekommen, Mr Potter?«, fragte sie langsam.
»Ist das jetzt schon ein Verbrechen?«, erwiderte Fred laut. »Post zu kriegen?«
»Seien Sie vorsichtig, Mr Weasley, oder ich muss Sie nachsitzen lassen«, sagte Umbridge. »Nun, Mr Potter?«
Harry zögerte, doch er konnte unmöglich verheimlichen, was er getan hatte. Sicher war es nur eine Frage der Zeit, bis Umbridge ein Klitterer unter die Augen kam.
»Leute haben mir geschrieben, weil ich ein Interview gegeben habe«, sagte Harry. »Über das, was mir letzten Juni passiert ist.«
Aus irgendeinem Grund warf er, während er redete, einen Blick hoch zum Lehrertisch. Harry hatte das äußerst merkwürdige Gefühl, dass Dumbledore ihn noch vor einer Sekunde beobachtet hatte, doch als er zum Schulleiter blickte, schien der in ein Gespräch mit Professor Flitwick vertieft.
»Ein Interview?«, wiederholte Umbridge mit noch dünnerer und höherer Stimme als sonst. »Was soll das heißen?«
»Das heißt, eine Reporterin hat mir Fragen gestellt und ich habe sie beantwortet«, sagte Harry. »Hier –«
Und er warf ihr den Klitterer zu. Sie fing ihn auf und starrte auf die Titelseite. Ihr bleiches, teigiges Gesicht nahm ein hässliches, fleckiges Violett an.
»Wann haben Sie das gemacht?«, fragte sie mit leicht zitternder Stimme.
»Am letzten Hogsmeade-Wochenende«, sagte Harry.
Sie blickte ihn an, außer sich vor Zorn, und das Magazin zitterte in ihren Stummelfingern.
»Es wird keinerlei Ausflüge nach Hogsmeade mehr für Sie geben, Mr Potter«, flüsterte sie. »Wie können Sie es wagen … wie konnten Sie nur …« Sie holte tief Luft. »Ich habe immer und immer wieder versucht, Ihnen beizubringen, keine Lügen zu verbreiten. Die Botschaft hat sich offenbar immer noch nicht eingeprägt. Fünfzig Punkte Abzug für Gryffindor und eine weitere Woche Nachsitzen.«
Den Klitterer an die Brust gedrückt, stolzierte sie davon, und die Augen vieler Schüler folgten ihr.
Später am Morgen fanden sich riesige Plakate überall in der Schule, nicht nur auf den schwarzen Brettern der Häuser, sondern auch in den Gängen und Klassenzimmern.
PER ANORDNUNG DER GROSSINQUISITORIN VON HOGWARTS
Alle Schüler, bei denen das Magazin Der Klitterer gefunden wird, werden der Schule verwiesen.
Obige Anordnung entspricht dem Ausbildungserlass Nummer siebenundzwanzig.
Unterzeichnet:
Dolores Jane Umbridge, Großinquisitorin
Jedes Mal wenn Hermines Blick auf einen dieser Aushänge fiel, strahlte sie aus irgendeinem Grund vor Vergnügen.
»Worüber freust du dich eigentlich so?«, fragte Harry.
»Ach, Harry, verstehst du denn nicht?«, seufzte Hermine. »Das Beste, was sie tun konnte, um absolut sicherzustellen, dass auch noch der Letzte hier in dieser Schule dein Interview liest, war, es zu verbieten!«
Und es schien, als hätte Hermine vollkommen Recht. Am Ende des Tages hatte Harry zwar nirgends in der Schule auch nur einen Fetzen des Klitterers gesehen, doch alle zitierten sich gegenseitig Passagen aus seinem Interview. Harry hörte sie darüber flüstern, wenn sie sich in die Schlangen vor den Klassenzimmern einreihten, sie diskutierten das Interview beim Mittagessen und während des Unterrichts in den hinteren Reihen, und Hermine berichtete sogar, sie sei vor Alte Runen kurz mal aufs Klo gegangen und dort hätten sämtliche Mädchen in den Kabinen darüber geredet.
»Dann haben sie mich gesehen, und natürlich wissen sie, dass ich dich kenne, also haben sie mich mit Fragen bombardiert«, erzählte sie Harry mit leuchtenden Augen. »Und Harry, ich denk, die glauben dir, ich bin sicher, du hast sie endlich überzeugt!«
Unterdessen pirschte Professor Umbridge durch die Schule, hielt aufs Geratewohl Schüler an und verlangte, dass sie ihre Bücher vorzeigten und ihre Taschen ausleerten. Harry wusste, dass sie nach dem Klitterer suchte, doch die Schüler waren ihr um einige Schritte voraus. Sie hatten die Seiten mit Harrys Interview verzaubert, so dass sie nun Auszügen aus Schulbüchern ähnelten, wenn jemand anderer sie las, oder sie wurden auf magische Weise gelöscht, bis man sie später erneut ansehen wollte. Bald schien es, als hätte buchstäblich jeder Mensch in der Schule das Interview gelesen.
Den Lehrern war es natürlich durch den Ausbildungserlass Nummer sechsundzwanzig verboten, das Interview zu erwähnen, dennoch fanden sie Möglichkeiten, ihrer Meinung dazu Ausdruck zu verleihen. Professor Sprout erkannte Gryffindor zwanzig Punkte zu, als Harry ihr eine Gießkanne reichte; ein strahlender Professor Flitwick drückte ihm am Ende von Zauberkunst eine Schachtel quiekender Zuckermäuse in die Hand, machte »Schhh!«, und eilte davon; und Professor Trelawney brach in Wahrsagen in hysterisches Schluchzen aus und verkündete der perplexen Klasse und der sehr missbilligend dreinblickenden Umbridge, dass Harry nun doch keines vorzeitigen Todes sterben würde, sondern bis ins hohe Alter leben, Zaubereiminister werden und zwölf Kinder haben würde.
Was Harry jedoch am meisten freute, war, dass Cho ihn einholte, als er am nächsten Tag eilig auf dem Weg zu Verwandlung war. Ehe er sich’s versah, war ihre Hand in seiner und sie hauchte ihm ins Ohr: »Tut mir wirklich, wirklich leid. Dieses Interview war so mutig … ich hab geheult.«
Dass sie deswegen noch mehr Tränen vergossen hatte, fand er traurig, doch war er sehr froh, dass sie wieder miteinander redeten, und noch mehr freute er sich, als sie ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange gab und davonhastete. Unglaublicherweise geschah, kaum dass er vor Verwandlung angekommen war, etwas nicht minder Gutes: Seamus löste sich aus der Schlange und wandte sich ihm zu.
»Ich wollte nur sagen«, murmelte er und schielte auf Harrys linkes Knie, »dass ich dir glaube. Und ich hab meiner Mum auch eine Ausgabe von diesem Magazin geschickt.«
Wenn es bei alldem noch etwas gebraucht hatte, um Harrys Glück perfekt zu machen, dann war es die Art und Weise, wie Malfoy, Crabbe und Goyle reagierten. Später am Nachmittag sah er sie mit zusammengesteckten Köpfen in der Bibliothek sitzen. Sie waren mit einem schlaksigen Jungen zusammen, der, wie Hermine ihm zuflüsterte, Theodor Nott hieß. Während Harry in den Regalen nach einem Buch über partielles Verschwinden suchte, wandten sie sich zu ihm um: Goyle ließ drohend die Knöchel knacksen und Malfoy wisperte Crabbe etwas zweifellos Bösartiges zu. Harry wusste genau, warum sie sich so aufführten: Er hatte ihre Väter als Todesser benannt.
»Und das Beste ist«, flüsterte Hermine schadenfroh, als sie die Bibliothek verließen, »sie können dir nicht widersprechen, weil sie nicht zugeben dürfen, dass sie den Artikel gelesen haben!«
Um all dem die Krone aufzusetzen, erzählte ihm Luna beim Abendessen, dass noch nie eine Ausgabe des Klitterers schneller ausverkauft gewesen sei.
»Dad lässt nachdrucken!«, verkündete sie und ihre Augen quollen vor Aufregung weiter hervor. »Er kann es nicht fassen und sagt, dass es die Leute offensichtlich sogar noch mehr interessiert als die Schrumpfhörnigen Schnarchkackler!«
Im Gemeinschaftsraum der Gryffindors war Harry an diesem Abend ein Held. Fred und George hatten es gewagt, die Titelseite des Klitterers mit einem Vergrößerungszauber zu belegen und an die Wand zu hängen, und so blickte nun Harrys riesiger Kopf hinab aufs Geschehen und verkündete gelegentlich mit dröhnender Stimme Dinge wie: »DAS MINISTERIUM MACHT MURKS« oder »FRISS MIST, UMBRIDGE«. Hermine fand das nicht sehr amüsant und meinte, sie könne sich dabei nicht konzentrieren; schließlich ging sie vor Verärgerung recht früh zu Bett.
Harry musste zugeben, dass das Poster nach ein oder zwei Stunden nicht mehr so lustig war, besonders als der Sprechzauber allmählich nachließ, so dass es nur noch unzusammenhängende Wörter wie »MIST« oder »UMBRIDGE« rief, und dies in immer kürzeren Abständen und mit immer höherer Stimme. Tatsächlich kriegte er allmählich Kopfschmerzen davon und seine Narbe begann wieder unangenehm zu ziepen. Die vielen Leute, die um ihn herumsaßen und ihn baten, zum x-ten Mal zu schildern, wie das mit dem Interview gewesen war, stöhnten enttäuscht, als er verkündete, dass auch er es nötig hätte, früh schlafen zu gehen.
Der Schlafsaal war leer, als er eintrat. Er ließ seine Stirn eine Weile auf der kühlen Scheibe des Fensters neben seinem Bett ruhen; für seine Narbe war das eine Wohltat. Dann zog er sich aus und stieg ins Bett, mit dem sehnlichen Wunsch, seine Kopfschmerzen sollten vergehen. Auch war ihm ein wenig schlecht. Er drehte sich auf die Seite, schloss die Augen und schlief fast sofort ein …
Er stand in einem düsteren Raum mit zugezogenen Vorhängen, der nur von einem Kerzenleuchter erhellt wurde. Seine Hände waren an die Lehne eines Sessels vor ihm geklammert. Sie hatten lange Finger und waren weiß, als ob sie seit Jahren kein Sonnenlicht mehr gesehen hätten, und auf dem schwarzen Samt des Sessels erinnerten sie an große, bleiche Spinnen.
Vor dem Stuhl, im Lichtkreis der Kerzen am Boden, kniete ein Mann in schwarzem Umhang.
»Wie es scheint, hat man mich schlecht beraten«, sagte Harry zornentbrannt, mit hoher, kalter Stimme.
»Herr, ich flehe um Vergebung«, krächzte der Mann am Boden. Sein Hinterkopf schimmerte im Kerzenlicht. Er schien zu zittern.
»Dir mache ich keinen Vorwurf, Rookwood«, sagte Harry mit kalter, grausamer Stimme.
Er löste seine Finger von der Lehne und ging um den Sessel herum, auf den Mann zu, der am Boden kauerte, bis er direkt über ihm in der Düsternis stand und aus ungewöhnlich großer Höhe auf ihn hinabsah.
»Du bist dir dessen sicher, was du mir berichtet hast, Rookwood?«, fragte Harry.
»Ja, Euer Lordschaft, ja … ich habe schließlich in der Abteilung … gear… gearbeitet …«
»Avery hat mir erklärt, Bode sei imstande, sie wegzunehmen.«
»Bode hätte sie niemals an sich nehmen können, Herr … Bode muss das gewusst haben … zweifellos ist das der Grund, warum er so verbissen gegen Malfoys Imperius-Fluch gekämpft hat …«
»Steh auf, Rookwood«, flüsterte Harry.
Der kniende Mann stürzte fast zu Boden, so hastig versuchte er zu gehorchen. Er hatte ein pockennarbiges Gesicht, das Kerzenlicht ließ die Narben scharf hervortreten. Er stand ein wenig gebückt da, wie halb in einer Verbeugung, und warf verängstigte Blicke hoch zu Harrys Gesicht.
»Du hast gut daran getan, mir dies zu sagen«, sagte Harry. »Sehr gut … wie es scheint, habe ich Monate auf fruchtlose Vorhaben vergeudet … nun denn … ab jetzt beginnen wir von neuem. Sei der Dankbarkeit Lord Voldemorts versichert, Rookwood …«
»Eure Lordschaft … ja, Eure Lordschaft«, keuchte Rookwood mit vor Erleichterung heiserer Stimme.
»Ich werde deine Hilfe brauchen. Ich brauche alle Informationen, die du mir geben kannst.«
»Natürlich, Euer Lordschaft, natürlich … alles …«
»Nun gut … du kannst gehen. Schick Avery zu mir.«
Rookwood trippelte zurück, verbeugte sich und verschwand durch eine Tür.
Allein in dem dunklen Raum, drehte sich Harry zur Wand. Dort in der Düsternis hing ein gesprungener, altersfleckiger Spiegel. Harry ging darauf zu. Sein Spiegelbild wurde größer und deutlicher in der Dunkelheit … ein Gesicht, weißer als ein Totenschädel … rote Augen mit schlitzartigen Pupillen …
»NEEEEEEIN!«
»Was?«, rief eine Stimme ganz nah.
Harry schlug verzweifelt mit den Armen um sich, verhedderte sich in den Vorhängen und fiel aus dem Bett. Ein paar Sekunden lang wusste er nicht, wo er war; sicher würde gleich wieder das weiße, schädelartige Gesicht aus der Dunkelheit über ihn kommen. Dann ertönte ganz nahe bei ihm Rons Stimme.
»Hörst du jetzt auf, dich wie ein Verrückter aufzuführen, sonst krieg ich dich nie hier raus!«
Ron riss die Vorhänge auseinander, und Harry, flach auf dem Rücken liegend, starrte im Mondlicht zu ihm hoch. Seine Narbe brannte vor Schmerz. Ron schien sich gerade bettfertig gemacht zu haben, einen Arm hatte er aus dem Umhang gezogen.
»Ist wieder wer angegriffen worden?«, fragte Ron und hievte Harry unsanft auf die Beine. »Ist es Dad? Ist es diese Schlange?«
»Nein – allen geht’s gut –«, keuchte Harry, dessen Stirn sich anfühlte, als stünde sie in Flammen. »Aber … Avery nicht … er hat Ärger … hat ihm die falsche Information gegeben … Voldemort ist sehr zornig …«
Harry stöhnte, ließ sich zitternd auf sein Bett sinken und rieb sich die Narbe.
»Aber Rookwood wird ihm jetzt helfen … er ist wieder auf der richtigen Spur …«
»Wovon redest du?«, sagte Ron ängstlich. »Meinst du … hast du gerade Du-weißt-schon-wen gesehen?«
»Ich war Du-weißt-schon-wer«, sagte Harry, und er streckte seine Hände in der Dunkelheit aus und hielt sie sich vors Gesicht, um sich zu vergewissern, dass sie nicht mehr leichenweiß und langfingrig waren. »Er war mit Rookwood zusammen, das ist einer der Todesser, die aus Askaban geflohen sind, erinnerst du dich? Rookwood hat ihm gerade erklärt, dass Bode es nicht hätte tun können.«
»Was hätte tun können?«
»Etwas an sich nehmen … er sagte, Bode hätte gewusst, dass er es nicht schaffen würde … Bode war unter dem Imperius-Fluch … ich glaub, er sagte, Malfoys Vater hätte ihn damit belegt.«
»Bode war verhext, damit er etwas wegnimmt?«, sagte Ron. »Aber – Harry, das muss –«
»– die Waffe sein«, beendete Harry den Satz für ihn. »Ich weiß.«
Die Tür zum Schlafsaal ging auf; Dean und Seamus kamen herein. Harry schwang die Beine wieder aufs Bett. Er wollte nicht den Anschein erwecken, als wäre gerade etwas Merkwürdiges geschehen, wo doch Seamus eben erst aufgehört hatte zu glauben, dass er durchgeknallt sei.
»Hast du gesagt«, murmelte Ron und neigte seinen Kopf unter dem Vorwand, dass er sich Wasser vom Krug auf seinem Nachttisch einschenkte, dicht zu Harry, »du warst Du-weißt-schon-wer?«
»Ja«, sagte Harry leise.
Ron nahm einen unnötig großen Schluck Wasser. Harry sah, wie es ihm übers Kinn lief und auf die Brust tropfte.
»Harry«, sagte er, während Dean und Seamus lärmend umhertrabten, ihre Umhänge auszogen und sich unterhielten, »Harry, erzähl das unbedingt –«
»Das werd ich überhaupt keinem erzählen«, sagte Harry knapp. »Ich hätte es gar nicht gesehen, wenn ich Okklumentik beherrschen würde. Ich sollte inzwischen gelernt haben, so was von mir fernzuhalten. Das wollen die so.«
Mit »die« meinte er Dumbledore. Er legte sich wieder hin und drehte Ron den Rücken zu, und nach einer Weile, als auch Ron zu Bett ging, hörte er dessen Matratze quietschen. Harrys Narbe begann zu brennen; er biss heftig in sein Kissen, damit ihm kein Laut entfuhr. Irgendwo, das wusste er, wurde Avery bestraft.
Harry und Ron warteten bis zur Pause am nächsten Morgen, dann erzählten sie Hermine alles, was passiert war. Sie wollten absolut sichergehen, dass niemand mithören konnte. Sie standen in ihrer gewohnten Ecke des kühlen und windigen Hofs, und Harry erzählte ihr jede Einzelheit des Traums, an die er sich erinnern konnte. Als er geendet hatte, sagte sie einige Augenblicke lang überhaupt nichts, sondern starrte nur gequält und eindringlich zu Fred und George hinüber, die beide ohne Kopf auf der anderen Hofseite standen und ihre magischen Hüte unter ihren Mänteln hervorholten und verkauften.
»Deshalb haben sie ihn umgebracht«, sagte sie leise und wandte endlich den Blick von Fred und George ab. »Als Bode versucht hat, diese Waffe zu stehlen, ist ihm etwas Merkwürdiges passiert. Ich glaube, es müssen Defensivzauber auf ihr liegen oder um sie herum sein, damit die Leute sie nicht berühren können. Deshalb war er im St. Mungo, er war völlig durcheinander im Kopf und konnte nicht reden. Aber wisst ihr noch, was uns die Heilerin gesagt hat? Er war dabei, zu genesen. Und dass er sich erholen würde, konnten sie nicht riskieren, oder? Ich schätze, was immer da passiert ist, als er die Waffe berührte, hat einen Schock ausgelöst und den Imperius-Fluch aufgehoben. Er hätte doch gleich erklärt, was er getan hatte, wenn er seine Stimme wiedergewonnen hätte, oder? Man hätte gewusst, dass er geschickt worden war, um die Waffe zu stehlen. Natürlich wäre es ein Leichtes für Lucius Malfoy gewesen, ihn mit dem Fluch zu belegen. Ist doch ein ständiger Gast im Ministerium, nicht wahr?«
»Er hat sich dort sogar rumgetrieben an dem Tag, als ich meine Anhörung hatte«, sagte Harry. »Im – wart mal …«, sagte er langsam. »Er war an diesem Tag im Korridor zur Mysteriumsabteilung! Dein Dad meinte, er hätte wahrscheinlich versucht, sich runterzustehlen und rauszufinden, was in meiner Anhörung los war, aber was, wenn –«
»Sturgis!«, japste Hermine und schien wie vom Donner gerührt.
»Wie bitte?«, sagte Ron mit verwirrter Miene.
»Sturgis Podmore –«, sagte Hermine atemlos, »verhaftet, weil er sich Zugang durch eine Tür verschaffen wollte! Lucius Malfoy muss auch ihn gekriegt haben! Ich wette, er hat es an dem Tag getan, als du ihn dort gesehen hast, Harry. Sturgis hatte Moodys Tarnumhang, ja? Nun, könnte es nicht sein, dass er an der Tür Wache gestanden hat, unsichtbar, und dass Malfoy gehört hat, wie er sich bewegte – oder vermutet hat, dass jemand da ist – oder den Imperius-Fluch einfach aufgrund der vagen Möglichkeit ausgeübt hat, dass eine Wache da sein könnte? Als nun Sturgis die nächste Gelegenheit hatte – vermutlich bei seinem nächsten Wachdienst –, versuchte er, in die Abteilung zu kommen und die Waffe für Voldemort zu stehlen – leise, Ron –, aber er wurde erwischt und nach Askaban gebracht …«
Sie blickte Harry an.
»Und jetzt hat Rookwood Voldemort erklärt, wie er die Waffe kriegen kann?«
»Ich hab nicht das ganze Gespräch gehört, aber es klang ganz danach«, sagte Harry. »Rookwood hat dort mal gearbeitet … vielleicht wird Voldemort jetzt Rookwood schicken, um die Sache zu erledigen?«
Hermine nickte, offenbar immer noch ihren Gedanken nachhängend. Dann, ganz unvermittelt, sagte sie: »Aber du hättest das überhaupt nicht sehen dürfen, Harry.«
»Was?«, sagte er bestürzt.
»Du sollst eigentlich lernen, wie du deinen Geist vor solchen Dingen verschließt«, sagte Hermine und klang plötzlich streng.
»Das weiß ich«, entgegnete Harry. »Aber –«
»Also, ich denke, wir sollten einfach versuchen, das, was du gesehen hast, zu vergessen«, sagte Hermine entschieden. »Und du solltest dich bei Okklumentik von nun an ein bisschen mehr anstrengen.«
Die Woche ging dahin und sie wurde nicht besser. Harry bekam zwei weitere »S« in Zaubertränke; er fühlte sich immer noch auf die Folter gespannt, weil Hagrid womöglich rausgeworfen wurde; und er konnte einfach nicht aufhören, über den Traum nachzugrübeln, in dem er Voldemort gewesen war – auch wenn er es Ron und Hermine gegenüber nicht mehr ansprach; er wollte keine weiteren Ermahnungen von Hermine hören. Er wünschte sich sehnlich, mit Sirius darüber reden zu können, doch das kam nicht in Frage, also versuchte er, die Sache irgendwie in seinen Hinterkopf abzuschieben.
Leider war sein Hinterkopf nicht mehr der sichere Ort, der er einst gewesen war.
»Aufstehen, Potter.«
Ein paar Wochen nach dem Traum mit Rookwood kniete Harry wieder einmal auf dem Fußboden in Snapes Büro und mühte sich, den Kopf frei zu bekommen. Soeben war er von neuem gezwungen worden, einen Strom sehr früher Erinnerungen zu durchleben, von denen er gar nicht gewusst hatte, dass sie noch in seinem Kopf steckten, wobei die meisten von Demütigungen handelten, die er in der Grundschulzeit von Dudley und seiner Gang hatte dulden müssen.
»Diese letzte Erinnerung«, sagte Snape. »Was war das?«
»Ich weiß nicht«, sagte Harry und stand erschöpft auf. Es fiel ihm immer schwerer, verschiedene Erinnerungen aus der Flut der von Snape heraufbeschworenen Bilder und Geräusche herauszulösen. »Sie meinen die, wo mein Cousin mich zwingen will, mich ins Klo zu stellen?«
»Nein«, sagte Snape leise. »Ich meine die mit dem Mann, der mitten in einem düsteren Raum kniet …«
»Das ist … nichts«, sagte Harry.
Snapes dunkle Augen bohrten sich in die Harrys. Ihm fiel ein, dass Snape gesagt hatte, Blickkontakt sei von entscheidender Bedeutung für Legilimentik, und er blinzelte und wandte den Blick ab.
»Wie kommt es, Potter, dass dieser Mann und dieser Raum in Ihrem Kopf stecken?«, fragte Snape.
»Es –«, sagte Harry und mied Snapes Blick. »Es war nur ein Traum von mir.«
»Ein Traum?«, wiederholte Snape.
Stille trat ein, und Harry fixierte unverwandt einen großen toten Frosch, der in einem Gefäß mit violetter Flüssigkeit schwebte.
»Sie wissen, warum wir hier sind, Potter?«, sagte Snape mit leiser, drohender Stimme. »Sie wissen, warum ich meine Abende für diese zähe Arbeit opfere?«
»Ja«, erwiderte Harry steif.
»Sagen Sie mir noch einmal, warum wir hier sind, Potter.«
»Damit ich Okklumentik lerne«, sagte Harry und starrte nun finster auf einen toten Aal.
»Korrekt, Potter. Und so schwer von Begriff Sie auch sein mögen –«, Harry blickte wieder voller Hass auf Snape, »hätte ich doch gedacht, dass Sie nach über zwei Monaten Unterricht gewisse Fortschritte gemacht haben würden. Wie viele Träume über den Dunklen Lord hatten Sie noch?«
»Nur diesen einen«, log Harry.
»Vielleicht«, sagte Snape und seine dunklen, kalten Augen verengten sich, »vielleicht genießen Sie es im Grunde, diese Visionen und Träume zu haben, Potter. Vielleicht geben sie Ihnen das Gefühl, jemand Besonderes – jemand Wichtiges zu sein?«
»Nein, tun sie nicht«, sagte Harry mit versteinertem Gesicht, die Finger fest um den Griff seines Zauberstabs geklammert.
»Das will ich Ihnen auch geraten haben, Potter«, sagte Snape kalt, »weil Sie weder besonders noch wichtig sind und es nicht Ihre Aufgabe ist, herauszufinden, was der Dunkle Lord zu seinen Todessern sagt.«
»Nein, das ist Ihr Job, oder?«, stieß Harry hervor.
Er hatte es nicht sagen wollen; es war ihm in seiner Wut herausgerutscht. Eine ganze Zeit lang starrten sie einander an, Harry war überzeugt, dass er zu weit gegangen war. Doch ein merkwürdiger, fast zufriedener Ausdruck war auf Snapes Gesicht erschienen, als er antwortete.
»Ja, Potter«, sagte er mit glitzernden Augen. »Das ist mein Job. Nun, wenn Sie bereit sind, fangen wir wieder an.«
Er hob den Zauberstab. »Eins – zwei – drei – Legilimens!«
Hundert Dementoren schwebten über den See auf den Schlossgründen auf Harry zu … er verzerrte das Gesicht vor Anstrengung … sie kamen näher … er konnte die dunklen Löcher unter ihren Kapuzen erkennen … doch er konnte auch sehen, dass Snape vor ihm stand, und er hatte die Augen auf Harrys Gesicht geheftet und murmelte verhalten … und irgendwie wurde Snapes Gestalt klarer und die Dementoren wurden undeutlicher …
Harry hob seinen Zauberstab.
»Protego!«
Snape taumelte – sein Zauberstab flog in die Luft, weg von Harry – und plötzlich schwirrte es in Harrys Kopf von Erinnerungen, die nicht die seinen waren: Ein hakennasiger Mann schrie eine zusammengekauerte Frau an, während ein kleiner dunkelhaariger Junge in einer Ecke weinte … ein Teenager mit fettigen Haaren saß allein in einem dunklen Schlafzimmer, zielte mit dem Zauberstab an die Decke und schoss Fliegen ab … ein Mädchen lachte, als ein magerer Junge versuchte, einen bockenden Besen zu besteigen –
»GENUG!«
Harry war, als ob ihm jemand heftig auf die Brust geschlagen hätte; er stolperte ein paar Schritte zurück, fiel gegen einige Regale an Snapes Wänden und hörte etwas splittern. Snape bebte leicht und war kreidebleich.
Harrys Umhang war am Rücken feucht. Eines der Glasgefäße hinter ihm war zerbrochen, als er dagegengefallen war. Das darin eingelegte schleimige Etwas wirbelte in seiner auslaufenden Lösung umher.
»Reparo«, zischte Snape und prompt versiegelte sich das Glas wieder. »Nun, Potter … das war sicherlich ein Fortschritt …« Leicht keuchend rückte Snape das Denkarium zurecht, in dem er vor der Unterrichtsstunde wiederum einige seiner Gedanken abgelegt hatte, fast als würde er nachsehen, ob sie noch da waren. »Ich kann mich nicht erinnern, Sie angewiesen zu haben, einen Schildzauber zu verwenden … gleichwohl hatte er zweifellos seine Wirkung …«
Harry sagte nichts. Er hatte den Eindruck, es wäre gefährlich, auch nur ein Wort zu sagen. Er war sicher, dass er gerade in Snapes Erinnerungen eingebrochen war und Szenen aus Snapes Kindheit gesehen hatte. Der Gedanke, dass der kleine Junge, der geweint hatte, als er seine Eltern streiten sah, nun mit solchem Hass in den Augen leibhaftig vor ihm stand, bedrückte ihn.
»Versuchen wir es noch mal?«, sagte Snape.
Harry spürte Furcht in sich hochschießen. Er würde für das, was eben geschehen war, bezahlen müssen, das war sicher. Sie kehrten zurück in ihre Ausgangsposition, der Schreibtisch zwischen ihnen, und Harry hatte das Gefühl, dass es ihm diesmal viel schwerer fallen würde, seinen Kopf leer zu machen.
»Dann zähle ich also bis drei«, sagte Snape und hob erneut den Zauberstab. »Eins – zwei –«
Harry blieb keine Zeit, sich zu sammeln und zu versuchen, seinen Geist von allem zu lösen, denn schon rief Snape: »Legilimens!«
Er raste den Korridor entlang, der zur Mysteriumsabteilung führte, vorbei an den kahlen Steinwänden, vorbei an den Fackeln – die schlichte schwarze Tür wurde immer größer; er war so schnell, dass er dagegenkrachen würde, er war noch ein, zwei Schritte von ihr entfernt, und wieder konnte er diesen Spalt mit dem schwachen blauen Licht sehen –
Die Tür war aufgegangen! Endlich war er hindurch, in einem kreisrunden Raum mit schwarzen Wänden und schwarzem Boden, der von Kerzen mit blauen Flammen erleuchtet wurde, und rings um ihn her waren noch mehr Türen – er musste weiter – doch welche Tür sollte er nehmen –?
»POTTER!«
Harry schlug die Augen auf. Wieder lag er rücklings auf dem Boden und konnte sich nicht im Entferntesten erinnern, wie er da hingekommen war. Und er keuchte, als ob er tatsächlich den ganzen Korridor zur Mysteriumsabteilung entlanggerannt, wirklich durch die schwarze Tür gestürzt wäre und den runden Raum gefunden hätte.
»Erklären Sie das!«, sagte Snape, der mit wütender Miene über ihm stand.
»Ich … hab keine Ahnung, was passiert ist«, sagte Harry wahrheitsgemäß und stand auf. Er hatte von seinem Sturz eine Beule am Hinterkopf und fühlte sich fiebrig. »Ich hab das noch nie gesehen. Ich meine, ich hab Ihnen doch gesagt, dass ich von der Tür geträumt habe … aber die ist noch nie aufgegangen …«
»Sie arbeiten nicht entschlossen genug!«
Aus irgendeinem Grund schien Snape nun noch wütender als zwei Minuten zuvor, als Harry in die Erinnerungen seines Lehrers hineingesehen hatte.
»Sie sind faul und schlampig, Potter, kein Wunder, dass der Dunkle Lord –«
»Können Sie mir etwas sagen, Sir?«, fragte Harry und erneut kochte Zorn in ihm hoch. »Warum nennen Sie Voldemort den Dunklen Lord? Ich hab bisher immer nur gehört, dass Todesser ihn so nennen.«
Snape öffnete den Mund zu einer wütenden Antwort – und irgendwo draußen schrie eine Frau.
Snapes Kopf zuckte hoch. Er starrte zur Decke.
»Was zum –?«, murmelte er.
Harry konnte einen dumpfen Tumult hören, von der Eingangshalle her, wie er vermutete. Snape wandte sich stirnrunzelnd zu ihm um.
»Haben Sie auf dem Weg herunter etwas Ungewöhnliches bemerkt, Potter?«
Harry schüttelte den Kopf. Irgendwo über ihnen schrie die Frau von neuem. Snape schritt hinüber zur Bürotür, den Zauberstab immer noch erhoben, und rauschte davon. Harry zögerte einen Moment, dann folgte er ihm.
Die Schreie kamen tatsächlich aus der Eingangshalle; sie wurden lauter, während Harry auf die Steintreppe zurannte, die von den Kerkern hochführte. Oben angelangt sah er, dass in der Halle dichtes Gewühl herrschte. Schüler waren aus der Großen Halle geströmt, wo noch zu Abend gegessen wurde, und wollten sehen, was vor sich ging; andere hatten sich auf den Marmorstufen zusammengedrängt. Harry stieß durch einen Knäuel langer Slytherins und sah, dass die Zuschauer einen großen Kreis gebildet hatten und manche schockiert, andere sogar verängstigt blickten. Professor McGonagall stand direkt gegenüber von Harry auf der anderen Seite der Halle. Sie sah ganz so aus, als ob ihr das, was sie sah, leichte Übelkeit bereitete.
Professor Trelawney stand inmitten der Eingangshalle mit ihrem Zauberstab in der einen und einer leeren Sherryflasche in der anderen Hand und sah vollkommen durchgedreht aus. Ihr Haar sträubte sich, ihre Brille saß schief, so dass ein Auge stärker vergrößert war als das andere; ihre unzähligen Schals und Tücher flatterten ihr kunterbunt von der Schulter, und man hatte den Eindruck, sie würde aus den Nähten gehen. Neben ihr auf dem Boden lagen zwei große Koffer; einer war umgestülpt und sah ganz danach aus, als wäre er hinter ihr die Treppe hinuntergeworfen worden. Professor Trelawney starrte offenbar voll Entsetzen auf etwas, das Harry nicht sehen konnte, sich aber wohl am Fuß der Treppe befand.
»Nein!«, kreischte sie. »NEIN! Das kann doch nicht wahr sein … ich kann nicht … ich weigere mich, dies hinzunehmen!«
»Sie haben nicht erkannt, dass dies geschehen würde?«, sagte eine hohe, mädchenhafte Stimme, die grausam und amüsiert klang, und als Harry sich ein wenig nach rechts schob, sah er, dass Trelawneys Schreckensbild niemand anderer war als Professor Umbridge. »Zwar sind Sie nicht einmal imstande, das Wetter von morgen vorherzusagen, aber Sie müssen doch wenigstens erkannt haben, dass Ihre jämmerliche Leistung während meiner Inspektionen und das Ausbleiben jeglicher Verbesserung es unvermeidlich machen würden, dass man Sie entlässt!«
»Das – k-können Sie nicht tun!«, heulte Professor Trelawney und hinter ihren gewaltigen Brillengläsern hervor strömten ihr Tränen übers Gesicht. »Sie k-können mich nicht entlassen! Ich b-bin seit sechzehn Jahren hier! H-Hogwarts ist mein Zuhause!«
»Es war Ihr Zuhause«, sagte Professor Umbridge, und Harry beobachtete angewidert, wie ihr Krötengesicht vor Vergnügen breiter wurde, als sie zusah, wie Professor Trelawney haltlos schluchzend auf einen ihrer Koffer niedersank. »Bis vor einer Stunde, als der Zaubereiminister Ihre Entlassungsorder gegenzeichnete. Nun entfernen Sie sich freundlicherweise aus dieser Halle. Sie sind eine Zumutung für uns.«
Doch sie selbst blieb stehen und sah mit einem Ausdruck hämischen Vergnügens zu, wie Professor Trelawney sich schaudernd und stöhnend und von Weinkrämpfen geschüttelt auf ihrem Koffer vor und zurück wiegte. Von links hörte Harry ein unterdrücktes Schluchzen und er wandte sich um. Lavender und Parvati, die Arme umeinandergeschlungen, weinten leise. Dann hörte er Schritte. Professor McGonagall hatte sich von den Umstehenden gelöst, marschierte geradewegs auf Professor Trelawney zu und klopfte ihr energisch auf den Rücken, während sie ein großes Taschentuch aus ihrem Umhang zog.
»Hier, nehmen Sie, Sybill … beruhigen Sie sich … putzen Sie sich damit die Nase … so schlimm, wie Sie glauben, steht es nicht … Sie werden Hogwarts nicht verlassen müssen …«
»Ach, tatsächlich, Professor McGonagall?«, sagte Umbridge mit tödlicher Stimme und trat ein paar Schritte vor. »Und mit wessen Autorität behaupten Sie dies …?«
»Mit der meinen«, sagte eine tiefe Stimme.
Die eichenen Portaltüren waren aufgeschwungen. Schüler, die davorgestanden hatten, machten hastig Platz, als Dumbledore im Eingang erschien. Was er draußen auf den Schlossgründen getan hatte, war Harry ein Rätsel, doch sein Anblick, wie er da im Portal stand, hinter ihm eine seltsam neblige Nacht, hatte etwas Beeindruckendes. Er ließ die Tür hinter sich weit offen und schritt durch den Kreis der Zuschauer auf Professor Trelawney zu, die tränenverschmiert und zitternd an der Seite von Professor McGonagall auf ihrem Koffer saß.
»Mit der Ihren, Professor Dumbledore?«, sagte Umbridge mit einem besonders unangenehmen leisen Lachen. »Ich fürchte, Sie verkennen die Lage. Ich habe hier –«, sie zog eine Pergamentrolle aus ihrem Umhang, »eine Entlassungsorder, die von mir und dem Zaubereiminister unterzeichnet ist. Gemäß dem Ausbildungserlass Nummer dreiundzwanzig hat die Großinquisitorin von Hogwarts die Befugnis, jeden Lehrer zu kontrollieren, auf Bewährung zu setzen und zu entlassen, der ihr – und das heißt mir – nicht den Leistungsanforderungen des Zaubereiministeriums zu entsprechen scheint. Ich bin zu dem Urteil gekommen, dass Professor Trelawney nicht den Erwartungen entspricht. Ich habe sie entlassen.«
Zu Harrys außerordentlicher Überraschung lächelte Dumbledore unbeirrt weiter. Er sah hinab zu Professor Trelawney, die immer noch schluchzend und würgend auf ihrem Koffer saß, und sagte: »Sie haben natürlich vollkommen Recht, Professor Umbridge. Als Großinquisitorin haben Sie durchaus die Befugnis, meine Lehrer zu entlassen. Sie haben allerdings nicht die Autorität, sie des Schlosses zu verweisen. Ich fürchte«, fuhr er mit einer höflichen kleinen Verbeugung fort, »dass die Macht hierzu immer noch beim Schulleiter liegt, und es ist mein Wunsch, dass Professor Trelawney weiterhin auf Hogwarts leben möge.«
Professor Trelawney stieß ein kurzes, wildes Lachen und einen kaum zu überhörenden Hickser aus.
»Nein – nein, ich g-gehe, Dumbledore! Ich w-werde Hogwarts verlassen und mein Glück anderswo s-suchen –«
»Nein«, sagte Dumbledore scharf. »Es ist mein Wunsch, dass Sie bleiben, Sybill.«
Er wandte sich an Professor McGonagall.
»Dürfte ich Sie bitten, Sybill wieder nach oben zu geleiten, Professor McGonagall?«
»Natürlich«, sagte McGonagall. »Stehen Sie auf, Sybill …«
Professor Sprout kam aus der Menge heraus eilends herbei und nahm Professor Trelawneys anderen Arm. Gemeinsam führten sie sie an Umbridge vorbei und die Marmortreppe hoch. Professor Flitwick lief hurtig hinter ihnen her, den Zauberstab vor sich ausgestreckt. Er quiekte: »Locomotor Koffer!«, und Professor Trelawneys Gepäck hob sich in die Luft und folgte ihr die Treppe hoch, Professor Flitwick hinterdrein.
Professor Umbridge stand stocksteif da und starrte Dumbledore an, der immer noch wohlwollend lächelte.
»Und was«, sagte sie in einem Flüsterton, der in der ganzen Eingangshalle zu vernehmen war, »machen Sie mit ihr, wenn ich einen neuen Wahrsagelehrer ernenne, der ihre Räumlichkeiten benötigt?«
»Oh, das wird kein Problem sein«, sagte Dumbledore freundlich. »Wissen Sie, ich habe bereits einen neuen Wahrsagelehrer gefunden, und er wird Räumlichkeiten im Erdgeschoss vorziehen.«
»Gefunden –?«, sagte Umbridge schrill. »Sie haben einen gefunden? Darf ich Sie daran erinnern, Dumbledore, dass gemäß Ausbildungserlass Nummer zweiundzwanzig –«
»– das Ministerium das Recht hat, einen geeigneten Kandidaten zu ernennen, falls – und nur falls – der Schulleiter nicht in der Lage ist, einen zu finden«, sagte Dumbledore. »Und glücklicherweise kann ich behaupten, dass ich in diesem Falle Erfolg hatte. Darf ich Sie einander vorstellen?«
Er wandte sich dem offenen Portal zu, durch das nun nächtlicher Nebel hereinwaberte. Harry hörte Hufgetrappel. Ein erschrockenes Murmeln ging durch die Halle, und wer der Tür am nächsten stand, zog sich überstürzt noch weiter zurück, wobei manche in ihrer Hast, dem Neuankömmling den Weg frei zu machen, stolperten.
Aus dem Nebel kam ein Gesicht, das Harry schon einmal in einer dunklen, gefährlichen Nacht im Verbotenen Wald gesehen hatte: weißblondes Haar und verblüffend blaue Augen; Kopf und Oberkörper eines Mannes, der mit dem Pferdeleib eines Palominos verwachsen war.
»Dies ist Firenze«, verkündete Dumbledore heiter der vom Donner gerührten Umbridge. »Ich denke, Sie werden ihn für geeignet halten.«
Der Zentaur und die Petze
»Wetten, du bereust es jetzt, dass du Wahrsagen aufgegeben hast, Hermine?«, fragte Parvati mit einem süffisanten Grinsen.
Sie saßen beim Frühstück, zwei Tage nach der Entlassung von Professor Trelawney, und Parvati drehte ihre Wimpern um ihren Zauberstab und begutachtete die Wirkung in der Rückseite ihres Löffels. Heute Morgen hatten sie ihre erste Unterrichtsstunde mit Firenze.
»Eigentlich nicht«, sagte Hermine gleichgültig und las weiter in ihrem Tagespropheten. »Ich steh ehrlich gesagt nicht so auf Pferde.«
Sie blätterte eine Seite der Zeitung um und überflog die Spalten.
»Er ist kein Pferd, er ist ein Zentaur!«, sagte Lavender und klang schockiert.
»Ein hinreißender Zentaur …«, seufzte Parvati.
»Mag sein, jedenfalls hat er vier Beine«, sagte Hermine kühl. »Außerdem dachte ich, ihr beide wärt furchtbar traurig, dass Trelawney weg ist.«
»Sind wir auch!«, versicherte ihr Lavender. »Wir sind hoch zu ihr ins Büro, um sie zu besuchen. Wir haben ihr ein paar Narzissen mitgebracht – nicht diese ätzenden von Sprout, sondern hübsche.«
»Wie geht’s ihr?«, fragte Harry.
»Nicht sehr gut, der Armen«, sagte Lavender mitleidvoll. »Sie hat geweint und meinte, lieber würde sie das Schloss für immer verlassen, als hierzubleiben, wo Umbridge ist, und ich kann’s ihr nicht verdenken. Umbridge war ekelhaft zu ihr, nicht wahr?«
»Ich hab das Gefühl, dass Umbridge mit dem Ekelhaftsein eben erst angefangen hat«, sagte Hermine düster.
»Unmöglich«, warf Ron ein, der gerade einen großen Teller mit Speck und Eiern verdrückte. »Schlimmer, als sie jetzt schon ist, kann sie nicht werden.«
»Eins sag ich dir: Sie wird sich rächen wollen, weil Dumbledore einen neuen Lehrer ernannt hat, ohne sie um Rat zu fragen«, sagte Hermine und faltete die Zeitung zusammen. »Und dann auch noch einen Halbmenschen. Du hast ja gemerkt, was sie für ein Gesicht gemacht hat, als sie Firenze sah.«
Nach dem Frühstück ging Hermine in ihren Arithmantikunterricht. Harry und Ron folgten Parvati und Lavender hinaus in die Eingangshalle und machten sich auf den Weg zu Wahrsagen.
»Gehen wir nicht hoch in den Nordturm?«, fragte Ron verwirrt, als Parvati an der Marmortreppe vorbeiging.
Parvati blickte ihn spöttisch über die Schulter an.
»Wie soll denn Firenze die Leiter hochkommen? Wir sind jetzt in Klassenzimmer elf, stand gestern am schwarzen Brett.«
Klassenzimmer elf lag im Erdgeschoss an dem Korridor, der von der Eingangshalle gegenüber der Großen Halle abführte. Harry wusste, dass es eines der Zimmer war, die nicht regelmäßig benutzt wurden und daher den leicht verwahrlosten Eindruck eines Wandschranks oder Lagerraums machten. So war er einen Moment sprachlos, als er hinter Ron eintrat und sich mitten auf einer Waldlichtung wiederfand.
»Was zum –?«
Der Klassenzimmerboden war mit federndem Moos bedeckt und Bäume wuchsen aus ihm hervor. Ihre belaubten Zweige fächelten über Decke und Fenster, und die schräg einfallenden Lichtstrahlen tauchten den Raum in ein weiches, grün gesprenkeltes Licht. Die ersten Schüler hockten auf dem erdigen Boden und lehnten mit dem Rücken an Baumstämmen oder Felsbrocken, hatten die Arme um die Knie geschlungen oder fest vor der Brust verschränkt, und alle sahen ziemlich nervös drein. Inmitten der Lichtung stand Firenze.
»Harry Potter«, sagte er und streckte die Hand aus, als Harry eintrat.
»Ähm – Tag«, sagte Harry und schüttelte dem Zentauren die Hand, der ihn unverwandt mit seinen verblüffend blauen Augen musterte, aber nicht lächelte. »Ähm – schön, Sie zu sehen.«
»Ist mir ein Vergnügen«, sagte der Zentaur und neigte seinen weißblonden Kopf. »Es war vorbestimmt, dass wir uns wieder treffen würden.«
Harry bemerkte einen verblassten hufförmigen Bluterguss auf Firenzes Brust. Als er sich umwandte und sich zu den anderen auf den Boden setzen wollte, fiel ihm auf, dass sie ihn alle voll Ehrfurcht anstarrten, scheinbar tief beeindruckt, dass er mit Firenze bekannt war, der sie sichtlich einschüchterte.
Als die Tür zuging und der letzte Schüler sich auf einen Baumstumpf neben dem Papierkorb gesetzt hatte, wies Firenze mit einer ausladenden Geste durch den Raum.
»Professor Dumbledore war so freundlich, dieses Klassenzimmer für uns herzurichten«, sagte er, als alle zur Ruhe gekommen waren. »Es ist eine Nachbildung meines natürlichen Lebensraums. Ich hätte es vorgezogen, Sie im Verbotenen Wald zu unterrichten, der – bis Montag – mein Zuhause war … aber das ist nicht mehr möglich.«
»Bitte – ähm – Sir –«, begann Parvati atemlos und hob die Hand, »– warum nicht? Wir waren mit Hagrid dort, wir haben keine Angst!«
»Das liegt nicht an Ihrem fehlenden Wagemut«, sagte Firenze, »sondern an meiner Lage. Ich kann nicht in den Wald zurückkehren. Meine Herde hat mich verbannt.«
»Herde?«, sagte Lavender und klang verwirrt. Harry wusste, dass sie an Kühe dachte. »Was – oh!« Ihr Gesicht hellte sich auf. »Es gibt noch mehr von Ihnen?«, sagte sie verblüfft.
»Hat Hagrid Sie gezüchtet, wie die Thestrale?«, fragte Dean neugierig.
Firenze wandte ihm ganz langsam den Kopf zu, und Dean merkte offensichtlich sofort, dass er etwas sehr Beleidigendes gesagt hatte. »Ich wollte nicht – ich meinte – Verzeihung«, sagte er mit leiser Stimme.
»Zentauren sind nicht die Diener oder die Spielzeuge der Menschen«, sagte Firenze ruhig. Eine Pause trat ein, dann hob Parvati erneut die Hand.
»Bitte, Sir … warum haben die anderen Zentauren Sie verbannt?«
»Weil ich mich bereit erklärt habe, für Professor Dumbledore zu arbeiten«, sagte Firenze. »Sie betrachten dies als Verrat an unserer Gattung.«
Harry erinnerte sich, wie vor fast vier Jahren der Zentaur Bane Firenze angeschrien hatte, weil er Harry erlaubt hatte, sich auf seinem Rücken in Sicherheit zu bringen. Er hatte ihn ein »gewöhnliches Maultier« genannt. Harry fragte sich, ob es Bane gewesen war, der Firenze gegen die Brust getreten hatte.
»Lasst uns beginnen«, sagte Firenze. Er wedelte mit seinem langen Palomino-Schweif und hob die Hand in Richtung des Blätterbaldachins, dann ließ er sie langsam sinken. Gleichzeitig verdüsterte sich der Raum, sie saßen nun scheinbar in der Dämmerung auf einer Waldlichtung und an der Decke erschienen Sterne. Oohs und Aahs waren zu hören und Ron sagte deutlich vernehmbar: »Meine Fresse!«
»Legt euch auf den Rücken«, sagte Firenze mit seiner ruhigen Stimme, »und betrachtet den Himmel. Dort steht für jene, die sehen können, das Schicksal unserer Rassen geschrieben.«
Harry streckte sich auf dem Rücken aus und spähte hoch zur Decke. Ein funkelnder roter Stern zwinkerte ihm von dort oben zu.
»Ich weiß, dass Sie in Astronomie die Namen der Planeten und ihrer Monde gelernt haben«, ertönte Firenzes ruhige Stimme, »und dass Sie die Bahnen der Sterne am Firmament aufgezeichnet haben. Zentauren haben im Lauf von Jahrhunderten die Geheimnisse dieser Bewegungen enthüllt. Unsere Entdeckungen lehren, dass wir die Zukunft am Himmel über uns sehen können –«
»Professor Trelawney hat uns Astrologie beigebracht!«, sagte Parvati aufgeregt und streckte die Hand vor sich aus, und da sie auf dem Rücken lag, ragte sie senkrecht in die Luft. »Der Mars verursacht Unfälle und Verbrennungen und solche Sachen, und wenn er in so einem Winkel zum Saturn steht wie jetzt –«, sie bildete über sich in der Luft einen rechten Winkel, »– dann heißt das, man soll besonders vorsichtig sein, wenn man heiße Dinge anfasst –«
»Das«, sagte Firenze ruhig, »ist menschengemachter Unsinn.«
Parvatis Hand fiel schlaff zu Boden.
»Alltägliche Wehwehchen, kleine menschliche Missgeschicke«, sagte Firenze und seine Hufe trappelten dumpf über den moosigen Boden. »Diese sind für das Weltall im Ganzen nicht bedeutsamer als das Gekrabbel der Ameisen und werden von den Bewegungen der Planeten nicht beeinflusst.«
»Professor Trelawney –«, begann Parvati mit gekränkter und entrüsteter Stimme.
»– ist ein Mensch«, sagte Firenze schlicht. »Daher zwingen die Schranken eurer Gattung auch ihr Scheuklappen und Fesseln auf.«
Harry wandte ganz leicht den Kopf, um Parvati anzusehen. Sie wirkte ausgesprochen beleidigt, wie einige andere in ihrem Umkreis.
»Sybill Trelawney mag eine Seherin sein, ich weiß es nicht«, fuhr Firenze fort, und Harry hörte erneut das Wedeln seines Schweifs, während er vor ihnen auf und ab trottete, »aber sie verschwendet ihre Zeit hauptsächlich mit dem eitlen Nonsens, den die Menschen Wahrsagerei nennen. Ich jedoch bin hier, um die Weisheit der Zentauren zu erläutern, allgemein und vorurteilslos, wie sie ist. Wir suchen am Himmel nach den großen Gezeiten des Bösen oder des Wandels, die sich manchmal dort abzeichnen. Es kann ein Jahrzehnt dauern, bis wir uns dessen sicher sind, was wir sehen.«
Firenze deutete auf den roten Stern direkt über Harry.
»Im vergangenen Jahrzehnt deuteten die Zeichen darauf, dass die Zaubererschaft nichts weiter als eine kurze Stille zwischen zwei Kriegen erlebt. Mars, der Schlachtenbringer, leuchtet hell über uns und lässt ahnen, dass der Kampf bald wieder ausbrechen wird. Wie bald, das können Zentauren versuchen weiszusagen, indem sie gewisse Kräuter und Blätter verbrennen, Flamme und Rauch beobachten …«
Es war die ungewöhnlichste Unterrichtsstunde, die Harry je erlebt hatte. Tatsächlich verbrannten sie dort auf dem Klassenzimmerboden Salbei und Malvenkraut, und Firenze wies sie an, nach bestimmten Gestalten und Symbolen in dem stechenden Rauch zu suchen, doch schien es ihn nicht im Mindesten zu kümmern, dass keiner von ihnen irgendwelche der von ihm beschriebenen Zeichen erkennen konnte. Menschen würden es in dieser Kunst kaum je zur Vollkommenheit bringen, sagte er, Zentauren brauchten viele, viele Jahre, um sie zu beherrschen, und schließlich wies er darauf hin, es sei ohnehin töricht, allzu viel Vertrauen in solcherlei Dinge zu setzen, weil selbst Zentauren sie manchmal falsch deuten würden. Er war ganz anders als alle menschlichen Lehrer, die Harry je gehabt hatte. Ihm schien es nicht das Wichtigste zu sein, sie zu lehren, was er wusste, sondern ihnen einzuprägen, dass nichts, nicht einmal das Wissen eines Zentauren, unfehlbar sei.
»Er drückt sich ziemlich nebulös aus, was?«, sagte Ron mit leiser Stimme, als sie ihre Malvenkrautfeuer löschten. »Ehrlich gesagt, ich würd gern noch ein paar mehr Einzelheiten über diesen Krieg erfahren, der da kommen soll, du nicht?«
Draußen vor dem Klassenzimmer läutete die Glocke und alle schreckten auf. Harry hatte völlig vergessen, dass sie sich immer noch im Schloss befanden; er war überzeugt gewesen, im Wald zu sein. Die ganze Klasse machte einen leicht verwirrten Eindruck, während die Schüler einer nach dem anderen hinausgingen.
Harry und Ron wollten ihnen gerade folgen, als Firenze rief: »Harry Potter, bitte auf ein Wort zu mir.«
Harry wandte sich um. Der Zentaur kam ein paar Schritte auf ihn zu. Ron zögerte.
»Sie können bleiben«, sagte Firenze zu ihm. »Aber schließen Sie bitte die Tür.«
Hastig tat Ron wie ihm geheißen.
»Harry Potter, Sie sind ein Freund Hagrids, nicht wahr?«, sagte der Zentaur.
»Ja«, antwortete Harry.
»Dann richten Sie ihm eine Warnung von mir aus. Sein Versuch gelingt nicht. Er täte besser daran, ihn aufzugeben.«
»Sein Versuch gelingt nicht?«, wiederholte Harry überrascht.
»Und er täte besser daran, ihn aufzugeben«, sagte Firenze und nickte. »Ich würde Hagrid persönlich warnen, aber ich bin verbannt – es wäre nicht klug von mir, wenn ich jetzt in die Nähe des Waldes ginge – Hagrid hat genug Schwierigkeiten, auch ohne einen Zentaurenkampf.«
»Aber – was versucht Hagrid denn zu tun?«, sagte Harry nervös.
Firenze sah ihn gleichmütig an.
»Hagrid hat mir jüngst einen großen Gefallen getan«, sagte Firenze, »und er hat vor langem meine Achtung gewonnen wegen der Fürsorge, die er allen Lebewesen zuteil werden lässt. Ich werde sein Geheimnis nicht verraten. Aber er muss zur Vernunft gebracht werden. Der Versuch gelingt nicht. Sagen Sie ihm das, Harry Potter. Einen guten Tag noch.«
Das Glücksgefühl, das Harry nach dem Klitterer-Interview verspürt hatte, war längst verebbt. Als der trübe März einem stürmischen April wich, schien sein Leben wieder zu einer langen Abfolge von Sorgen und Problemen geworden zu sein.
Umbridge war beharrlich in Pflege magischer Geschöpfe aufgetaucht, und so war es sehr schwierig gewesen, Hagrid Firenzes Warnung auszurichten. Schließlich hatte Harry es geschafft, indem er eines Tages vorschützte, sein Exemplar von Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind verloren zu haben, und nach dem Unterricht noch einmal kehrtmachte und zu Hagrid ging. Als er Firenzes Botschaft ausgerichtet hatte, blickte ihn Hagrid einen Moment lang offensichtlich verdutzt mit seinen geschwollenen, schwarz umrandeten Augen an. Dann schien er sich zusammenzureißen.
»Netter Kerl, der Firenze«, sagte er schroff, »aber bei der Sache weiß er nich, worüber er redet. Der Versuch lässt sich gut an.«
»Hagrid, was hast du denn vor?«, fragte Harry ernst. »Du musst doch aufpassen, Umbridge hat schon Trelawney gefeuert, und wenn du mich fragst, läuft sie sich gerade erst warm. Wenn du irgendwas tust, was du nicht solltest, wirst du –«
»Gibt wichtigere Dinge, als ’nen Job zu behalten«, sagte Hagrid, doch seine Hände zitterten ein wenig bei diesen Worten und er ließ eine Wanne voller Knarlmist zu Boden krachen. »Mach dir ma’ keine Sorgen um mich, Harry, nun geh mal wieder, sei ’n braver Junge.«
Harry blieb nichts anderes übrig, als Hagrid allein zu lassen mit dem Mist, den er nun vom Boden aufwischen musste, doch als er zum Schloss zurücktrottete, war ihm durch und durch elend zumute.
Unterdessen rückten die ZAGs näher, und die Lehrer und Hermine erinnerten sie hartnäckig daran. Alle Fünftklässler litten mehr oder weniger unter Stress, aber Hannah Abbott war die Erste, der Madam Pomfrey einen Beruhigungstrank verabreichte, nachdem sie in Kräuterkunde in Tränen ausgebrochen war und geschluchzt hatte, dass sie zu dumm für die Prüfungen sei und die Schule jetzt verlassen wolle.
Ohne die DA-Stunden, überlegte Harry, wäre er furchtbar unglücklich. Manchmal hatte er das Gefühl, nur für die Stunden zu leben, die er im Raum der Wünsche verbrachte, wo er hart arbeitete und es doch genoss, wo ihm vor Stolz die Brust schwoll, wenn er in die Runde seiner Mitstreiter blickte und sah, wie weit sie es gebracht hatten. Tatsächlich fragte er sich manchmal, wie Umbridge wohl reagieren würde, wenn alle Mitglieder der DA in ihren Verteidigungs-ZAGs ein »Ohnegleichen« einheimsen würden.
Endlich hatten sie angefangen mit dem Patronus zu arbeiten, den sie alle unbedingt hatten lernen wollen. Wie Harry sie jedoch ständig ermahnte, war es das eine, einen Patronus inmitten eines hell erleuchteten Klassenzimmers hervorzubringen, ohne dass sie bedroht wurden, etwas ganz anderes würde es aber sein, ihn zu erzeugen, wenn sie beispielsweise einem Dementor gegenüberstanden.
»Ach, sei doch kein solcher Spaßverderber«, sagte Cho gut gelaunt in der letzten Unterrichtsstunde vor Ostern und sah zu, wie ihr silbriger, schwanenförmiger Patronus im Raum der Wünsche umhersegelte. »Die sind so hübsch!«
»Die sollen nicht hübsch sein, die sollen dich schützen«, sagte Harry geduldig. »Was wir eigentlich bräuchten, wär ein Irrwicht oder etwas in der Art. So hab ich’s gelernt, ich musste einen Patronus heraufbeschwören, während der Irrwicht vortäuschte, er wäre ein Dementor –«
»Das wär aber wirklich gruslig!«, sagte Lavender, die silberne Dampfwölkchen aus der Spitze ihres Zauberstabs puffen ließ. »Und ich – kann’s – immer noch nicht!«, fügte sie wütend hinzu.
Auch Neville hatte Probleme. Sein Gesicht war in konzentrierter Anstrengung verzerrt, aber aus der Spitze seines Zauberstabs kamen nur dünne silberne Rauchfetzen.
»Du musst an etwas denken, das dich glücklich macht«, erinnerte ihn Harry.
»Ich versuch’s ja«, antwortete Neville betrübt und mühte sich so verbissen, dass sein rundes Gesicht vor Schweiß glänzte.
»Harry, ich glaub, ich schaff’s!«, rief Seamus, den Dean zu seinem ersten DA-Treffen überhaupt mitgebracht hatte. »Schau mal – ah – schon weg … aber es war eindeutig was Haariges, Harry!«
Hermines Patronus, ein glänzender silberner Otter, tollte um sie herum.
»Die sind schon irgendwie nett, oder?«, sagte sie und betrachtete ihn liebevoll.
Die Tür zum Raum der Wünsche öffnete sich und ging wieder zu. Harry schaute hinüber, um zu sehen, wer hereingekommen war, doch niemand schien da zu sein. Es dauerte einige Momente, bis ihm auffiel, dass die Leute in der Nähe der Tür still geworden waren. Und schon im nächsten Augenblick zupfte etwas in Höhe seines Knies an seinem Umhang. Er blickte hinunter und sah zu seiner größten Verwunderung Dobby den Hauselfen unter seinen üblichen acht Wollhüten hervor zu ihm hochspähen.
»Hi, Dobby«, sagte er. »Was machst du – stimmt was nicht?«
Die Augen des Elfen waren weit aufgerissen vor Angst und er schlotterte. Die DA-Mitglieder in Harrys Nähe waren verstummt; alle im Raum beobachteten Dobby. Die wenigen Patroni, die hie und da gelungen waren, lösten sich in silbrigen Dunst auf, was den Raum viel dunkler wirken ließ als zuvor.
»Harry Potter, Sir …«, quiekte der Elf, am ganzen Leib zitternd, »Harry Potter, Sir … Dobby ist gekommen, um Sie zu warnen … aber die Hauselfen wurden ermahnt nichts zu verraten …«
Er rannte mit dem Kopf voran auf die Wand zu. Harry, der einige Erfahrung mit Dobbys Hang zur Selbstbestrafung hatte, wollte ihn packen, aber Dobby wurde von seinen acht Hüten abgefedert und prallte nur von der Wand ab. Hermine und ein paar andere Mädchen schrien ängstlich und mitleidig auf.
»Was ist passiert, Dobby?«, fragte Harry, packte den Elfen an seinem winzigen Arm und hielt ihn von allem fern, mit dem er versuchen konnte sich wehzutun.
»Harry Potter … sie … sie …«
Dobby schlug sich mit seiner freien Faust hart auf die Nase. Harry packte auch die Faust.
»Wer ist ›sie‹, Dobby?«
Doch er glaubte die Antwort zu kennen. Gewiss konnte nur eine bestimmte »sie« solche Angst bei Dobby auslösen. Der Elf blickte leicht schielend zu ihm hoch und bewegte stumm den Mund.
»Umbridge?«, fragte Harry entsetzt.
Dobby nickte, dann versuchte er seinen Kopf gegen Harrys Knie zu schlagen. Harry hielt ihn auf Armeslänge von sich weg.
»Was ist mit ihr? Dobby – sie hat doch nicht herausgefunden – dass wir – die DA?«
Er las die Antwort im vergrämten Gesicht des Elfen. Während Harry seine Hände festhielt, versuchte Dobby sich selbst einen Tritt zu verpassen und sank auf die Knie.
»Ist sie auf dem Weg hierher?«, fragte Harry leise.
Dobby heulte auf.
»Ja, Harry Potter, ja!«
Harry richtete sich auf und sah seine regungslosen und verängstigten Mitschüler an, die beobachteten, wie der Elf sich selbst bestrafte.
»WORAUF WARTET IHR NOCH!«, brüllte Harry. »LAUFT!«
Alle stürmten auf einmal zum Ausgang und an der Tür bildete sich eine Menschentraube, dann drängten einige hinaus. Harry konnte sie die Gänge entlangsprinten hören und hoffte, dass sie klug genug waren nicht zu versuchen, bis in die Schlafsäle zu gelangen. Es war erst zehn vor neun, hoffentlich suchten sie Zuflucht in der Bibliothek oder der Eulerei, beide waren näher –
»Harry, komm schon!«, schrie Hermine inmitten des Knäuels der Hinausdrängenden an der Tür.
Er nahm Dobby hoch, der immer noch versuchte, sich selbst ernsthaft zu verletzen, und rannte mit dem Elfen in den Armen zum Ende der Schlange.
»Dobby – das ist ein Befehl – lauf zurück in die Küche zu den anderen Elfen, und wenn sie dich fragt, ob du mich gewarnt hast, lüg und sag nein!«, wies ihn Harry an. »Und ich verbiete dir, dich selbst zu verletzen!«, fügte er hinzu und ließ den Elfen fallen, als er es endlich über die Schwelle geschafft hatte und die Tür hinter sich zuschlug.
»Danke, Harry Potter!«, quiekte Dobby und sauste davon.
Harry spähte nach links und rechts; die anderen waren so schnell, dass er noch für einen Augenblick ihre Fersen an beiden Enden des Korridors erkennen konnte, ehe sie verschwanden.
Er selbst rannte nun nach rechts; weiter vorne war ein Jungenklo, er konnte so tun, als ob er die ganze Zeit drin gewesen wäre, wenn er es nur bis dahin schaffte –
»AAARGH!«
Etwas schlang sich um seine Knöchel, er flog in hohem Bogen hin und schlitterte zwei Meter auf dem Bauch, bis er liegen blieb. Hinter ihm lachte jemand. Harry drehte sich auf den Rücken und erkannte Malfoy, der sich in einer Nische hinter einer hässlichen drachenförmigen Vase versteckt hatte.
»Stolperfluch, Potter!«, sagte er. »Hey, Professor – PROFESSOR! Ich hab einen!«
Umbridge kam um die weiter entfernte Ecke gewuselt, außer Atem, doch mit einem vergnügten Lächeln.
»Da haben wir ihn ja!«, sagte sie triumphierend, als sie Harry am Boden liegen sah. »Vortrefflich, Draco, vortrefflich, oh, sehr gut – fünfzig Punkte für Slytherin! Überlassen Sie ihn jetzt mir … stehen Sie auf, Potter!«
Harry erhob sich und sah die beiden hasserfüllt an. Er hatte Umbridge noch nie mit so glücklicher Miene gesehen. Sie packte ihn mit einem schraubstockartigen Griff am Arm und wandte sich breit lächelnd an Malfoy.
»Sie laufen los und schauen, ob Sie noch mehr von denen den Weg abschneiden können, Draco!«, sagte sie. »Sagen Sie den andern, dass sie in der Bibliothek nachsehen sollen – vielleicht ist jemand außer Atem – und dass sie die Toiletten kontrollieren, Miss Parkinson kann es bei den Mädchen erledigen – nun marsch – und Sie«, fügte sie mit ihrer weichsten, gefährlichsten Stimme hinzu, als Malfoy sich verzog, »Sie kommen mit mir ins Büro des Schulleiters, Potter.«
Nach wenigen Minuten standen sie vor dem steinernen Wasserspeier. Harry fragte sich, wie viele von den anderen erwischt worden waren. Er dachte an Ron – Mrs Weasley würde ihn umbringen – und überlegte, wie Hermine zumute sein würde, wenn man sie vor den ZAG-Prüfungen von der Schule warf. Und es war Seamus’ allererstes Treffen gewesen … und Neville hatte sich so gut gemacht …
»Zischende Zauberdrops«, flötete Umbridge. Der steinerne Wasserspeier sprang zur Seite, die Wand hinter ihm teilte sich und die steinerne Treppe trug sie nach oben. Sie gelangten zu der polierten Tür mit dem Greifenklopfer, doch Umbridge, die Harry immer noch fest gepackt hatte, klopfte gar nicht erst, sondern marschierte umstandslos hinein.
Das Büro war voller Leute. Dumbledore saß mit heiterer Miene hinter seinem Schreibtisch und hatte die Kuppen seiner langen Finger aneinandergelegt. Professor McGonagall stand steif neben ihm, das Gesicht in höchster Anspannung. Cornelius Fudge, der Zaubereiminister, stand am Feuer und wippte auf den Zehen vor und zurück, offenbar vollauf zufrieden mit der Lage. Kingsley Shacklebolt und ein zäh aussehender Zauberer mit kurzem Borstenhaar, den Harry nicht kannte, waren wie Wachtposten zu beiden Seiten der Tür aufgestellt, und an der Wand drückte sich aufgeregt die Gestalt von Percy Weasley herum, mit seinen Sommersprossen und der Brille. Er hielt eine Feder und eine schwere Rolle Pergament in den Händen, offenbar bereit, Protokoll zu führen.
Die Porträts alter Schulleiter und Schulleiterinnen gaben heute Abend nicht vor zu schlafen. Alle waren hellwach, hatten ernste Mienen aufgesetzt und beobachteten, was unter ihnen geschah. Als Harry eintrat, flitzten ein paar von ihnen in die Rahmen nebenan und flüsterten eindringlich in die Ohren ihrer Nachbarn.
Die Tür schwang hinter ihnen zu und Harry entwand sich Umbridges Griff. Cornelius Fudge funkelte ihn mit boshafter Genugtuung an.
»Schön«, sagte er. »Schön, schön, schön …«
Harry antwortete mit dem gehässigsten Blick, zu dem er imstande war. Sein Herz trommelte rasend, doch in seinem Kopf war es seltsam kühl und klar.
»Er war auf dem Weg zurück in den Gryffindor-Turm«, sagte Umbridge. In ihrer Stimme lag etwas anstößig Erregtes, es war dasselbe grausame Ergötzen, das Harry herausgehört hatte, als sie zugesehen hatte, wie Professor Trelawney in der Eingangshalle in ihrem Elend versank. »Der Junge von Malfoy hat ihn gekriegt.«
»Ach, hat er?«, sagte Fudge anerkennend. »Das muss ich unbedingt Lucius erzählen. Nun, Potter … ich denke, Sie wissen, weshalb Sie hier sind?«
Harry war drauf und dran, mit einem trotzigen »Ja« zu antworten: Er hatte den Mund schon geöffnet und das Wort halb geformt, da sah er Dumbledores Gesicht. Dumbledore blickte Harry nicht direkt an – seine Augen waren auf einen Punkt gleich über seiner Schulter geheftet –, doch als Harry ihn anstarrte, schüttelte er kaum merklich den Kopf.
Harry besann sich mitten im Wort anders.
»J– nein.«
»Wie bitte?«, sagte Fudge.
»Nein«, sagte Harry entschieden.
»Sie wissen nicht, warum Sie hier sind?«
»Nein, ich weiß es nicht«, sagte Harry.
Fudge blickte ungläubig von Harry zu Professor Umbridge. Harry nutzte seine momentane Abgelenktheit und warf einen weiteren verstohlenen Blick auf Dumbledore, der für einen winzigen Augenblick dem Teppich zunickte und ganz sachte ein Zwinkern andeutete.
»Sie haben also keine Ahnung«, sagte Fudge und seine Stimme triefte vor Sarkasmus, »warum Professor Umbridge Sie in dieses Büro gebracht hat? Sie sind sich nicht bewusst, irgendwelche Schulregeln gebrochen zu haben?«
»Schulregeln?«, sagte Harry. »Nein.«
»Oder Ministeriumserlasse?«, fügte Fudge wütend hinzu.
»Nicht dass ich wüsste«, sagte Harry kaltschnäuzig.
Sein Herz hämmerte immer noch sehr schnell. Allein schon um Fudges Blutdruck steigen zu sehen, lohnte es sich, diese Lügen aufzutischen, doch er hatte keine Ahnung, wie um alles in der Welt er damit durchkommen sollte. Wenn jemand Umbridge die Sache mit der DA verraten hatte, dann konnte er, der Anführer, jetzt genauso gut seine Koffer packen.
»Also ist es eine Neuigkeit für Sie«, sagte Fudge, nun voller Zorn, »dass eine rechtswidrige Schülerorganisation in dieser Schule entdeckt wurde?«
»Ja, allerdings«, sagte Harry und setzte eine nicht überzeugende erschrockene Unschuldsmiene auf.
»Ich denke, Minister«, sagte Umbridge neben ihm mit seidenweicher Stimme, »wir kommen wohl besser voran, wenn ich unsere Informantin hole.«
»Ja, ja, tun Sie das«, nickte Fudge und warf Dumbledore einen hämischen Blick zu, während Umbridge hinausging. »Es gibt nichts Besseres als eine gute Zeugin, nicht wahr, Dumbledore?«
»Vollkommen Ihrer Meinung, Cornelius«, sagte Dumbledore nachdrücklich und neigte den Kopf.
Sie mussten einige Minuten warten, während deren keiner den anderen ansah, dann hörte Harry die Tür hinter sich aufgehen. Umbridge kam an ihm vorbei ins Zimmer, und sie hielt Chos Freundin mit den Locken, Marietta, an der Schulter gepackt, die das Gesicht in den Händen verborgen hatte.
»Nur keine Angst, meine Liebe, nur keine Angst«, sagte Professor Umbridge sanft und tätschelte ihr den Rücken, »nun ist ja alles gut. Sie haben richtig gehandelt. Der Minister ist sehr zufrieden mit Ihnen. Er wird Ihrer Mutter sagen, was für ein gutes Mädchen Sie waren. Mariettas Mutter, Minister«, fügte sie, zu Fudge aufblickend, hinzu, »ist Madam Edgecombe aus der Abteilung für Magisches Transportwesen, Flohnetzwerkaufsicht – sie hat uns geholfen, die Hogwarts-Kamine zu überwachen, wissen Sie.«
»Wunderbar, wunderbar!«, sagte Fudge begeistert. »Schlägt ganz der Mutter nach, was? Nun kommen Sie aber, meine Liebe, schauen Sie hoch, nicht schüchtern sein, lassen Sie uns hören, was Sie – würgende Wasserspeier!«
Marietta hatte den Kopf gehoben und Fudge machte vor Schreck einen Sprung rückwärts und wäre dabei fast im Feuer gelandet. Fluchend tappte er auf dem Saum seines Umhangs herum, der zu kokeln begonnen hatte. Marietta stieß einen Klagelaut aus und zog den Kragen ihres Umhangs hoch bis unter die Augen, doch schon hatten alle gesehen, dass ihr Gesicht fürchterlich entstellt war von einer Reihe dicht beieinanderliegender purpurner Pusteln, die sich über ihre Nase und die Wange zogen und das Wort »PETZE« bildeten.
»Das mit den Pickeln macht doch nichts, meine Liebe«, sagte Umbridge ungeduldig, »jetzt nehmen Sie einfach den Umhang vom Mund weg und sagen Sie dem Minister –«
Aber Marietta stieß einen weiteren erstickten Klageschrei aus und schüttelte wild den Kopf.
»Oh, na schön, Sie dummes Mädchen, dann sag ich es ihm«, fauchte Umbridge. Sie setzte erneut ihr widerliches Lächeln auf und sagte: »Nun, Minister, Miss Edgecombe hier kam heute Abend kurz nach dem Essen in mein Büro und meinte, sie wolle mir etwas mitteilen. Sie sagte, wenn ich mich in einen Geheimraum im siebten Stock begeben würde, der manchmal als Raum der Wünsche bezeichnet wird, würde ich etwas herausfinden, das mich sicher interessierte. Ich befragte sie ein wenig näher, und sie gab zu, dass dort eine Art Treffen stattfinden solle. Unglücklicherweise kam zu jenem Zeitpunkt dieser Fluch« – sie schlackerte unwirsch mit der Hand in Richtung Mariettas verstecktem Gesicht – »zur Geltung, und kaum hatte sie ihr Gesicht in meinem Spiegel gesehen, war das Mädchen so verstört, dass es mir nichts weiter erzählen konnte.«
»Aber, aber«, sagte Fudge und fixierte Marietta mit einem Blick, den er offenbar für freundlich und väterlich hielt, »es war sehr mutig von Ihnen, meine Liebe, dass Sie Professor Umbridge davon unterrichtet haben. Sie haben genau das Richtige getan. Würden Sie mir nun sagen, was bei diesem Treffen geschah? Was war sein Zweck? Wer war dort?«
Aber Marietta konnte nicht sprechen; sie schüttelte nur von neuem mit weit aufgerissenen und angsterfüllten Augen den Kopf.
»Haben wir keinen Gegenfluch dafür?«, wandte sich Fudge ungeduldig an Umbridge und deutete auf Mariettas Gesicht. »Damit sie frei reden kann?«
»Ich war noch nicht imstande, einen zu finden«, gab Umbridge grollend zu und Harry spürte jähen Stolz auf Hermines hexerische Fähigkeiten. »Aber es spielt keine Rolle, wenn sie nicht reden will, ich kann die Geschichte von hier an weitererzählen.
Sie werden sich erinnern, Minister, dass ich im Oktober einen Bericht an Sie geschickt habe, wonach Potter sich im Eberkopf in Hogsmeade mit einer Anzahl von Mitschülern getroffen hat –«
»Und wo ist Ihr Beweis für diese Behauptung?«, warf Professor McGonagall ein.
»Ich habe die Aussage von Willy Widdershins, Minerva, der zufällig zu jener Zeit im Lokal war. Er war schwer bandagiert, gewiss, aber sein Gehör war keineswegs beeinträchtigt«, sagte Umbridge selbstgefällig. »Er hat jedes Wort gehört, das Potter gesagt hat, und ist sofort zur Schule geeilt, um mir zu berichten –«
»Oh, das ist also der Grund, warum er nicht wegen dieser Machenschaften mit den wieder ausspuckenden Toiletten bestraft wurde!«, sagte Professor McGonagall und hob die Brauen. »Welch interessanter Einblick in unser Rechtswesen!«
»Offene Korruption!«, donnerte das Porträt des beleibten rotnasigen Zauberers an der Wand hinter Dumbledores Schreibtisch. »Zu meiner Zeit hat das Ministerium keine Abmachungen mit Kleinkriminellen geschlossen, nein, Sir, gewiss nicht!«
»Danke, Fortescue, das genügt«, sagte Dumbledore sanft.
»Der Zweck von Potters Treffen mit diesen Schülern«, fuhr Professor Umbridge fort, »bestand darin, sie zu überreden, sich einer rechtswidrigen Vereinigung anzuschließen, deren Ziel es war, Zauber und Flüche zu erlernen, die nach dem Dafürhalten des Ministeriums nicht geeignet sind für Personen, die noch zur Schule gehen –«
»Ich denke, Sie werden feststellen, dass Sie im Unrecht sind, Dolores«, sagte Dumbledore leise und spähte sie über die Halbmondbrille an, die in halber Höhe auf seiner Hakennase saß.
Harry starrte ihn an. Er konnte sich nicht vorstellen, wie Dumbledore ihn aus dieser Klemme rauspauken wollte. Wenn Willy Widdershins tatsächlich jedes Wort gehört hatte, das er im Eberkopf gesagt hatte, dann gab es schlicht keinen Ausweg.
»Oho!«, sagte Fudge und federte wieder auf den Füßen auf und ab. »Ja, hören wir uns also das jüngste Ammenmärchen an, das Potter aus der Patsche helfen soll! Nur zu, Dumbledore, nur zu – Willy Widdershins hat gelogen, stimmt’s? Oder war Potters ihm aufs Haar gleichender Zwilling an diesem Tag im Eberkopf? Oder ist es nur die übliche simple Erklärung inklusive Zeitumkehrung, eines toten Mannes, der wieder ins Leben tritt, und ein paar unsichtbarer Dementoren?«
Percy Weasley lachte herzhaft auf.
»Oh, sehr gut, Minister, sehr gut!«
Harry hätte ihm am liebsten einen Tritt versetzt. Dann sah er zu seiner Verblüffung, dass auch Dumbledore freundlich lächelte.
»Cornelius, ich bestreite nicht – und ich bin sicher, auch Harry nicht –, dass er an diesem Tag im Eberkopf war, und auch nicht, dass er versuchte, Schüler für eine Vereinigung zur Verteidigung gegen die dunklen Künste zu gewinnen. Ich weise nur darauf hin, dass Dolores im Irrtum ist, wenn sie behauptet, eine solche Gruppe sei zu diesem Zeitpunkt rechtswidrig gewesen. Wie Sie sich vielleicht erinnern, trat der Ministeriumserlass, der alle Schülerorganisationen verbot, erst zwei Tage nach Harrys Hogsmeade-Treffen in Kraft, weshalb er im Eberkopf keine Vorschriften verletzte.«
Percy sah drein, als hätte ihn etwas sehr Schweres im Gesicht getroffen. Fudge erstarrte mit offenem Mund mitten in seinem Gewippe.
Umbridge fasste sich als Erste.
»Das ist alles gut und schön, Schulleiter«, sagte sie und lächelte süßlich, »aber inzwischen sind fast sechs Monate seit Inkrafttreten des Ausbildungserlasses Nummer vierundzwanzig vergangen. Wenn das erste Treffen nicht rechtswidrig war, so waren es doch sicher alle, die seitdem stattgefunden haben.«
»Nun«, sagte Dumbledore und musterte sie über seine zusammengelegten Finger hinweg mit höflichem Interesse, »sie wären dies gewiss, wenn sie nach Inkrafttreten des Erlasses weiter stattgefunden hätten. Haben Sie irgendwelche Beweise, dass es weitere derartige Treffen gab?«
Während Dumbledore sprach, hörte Harry hinter sich ein Rascheln, und er war ziemlich sicher, dass Kingsley etwas flüsterte. Er hätte zudem schwören können, dass er etwas an seiner Seite vorbeistreichen spürte, etwas Sanftes wie ein Luftzug oder ein Vogelflügel, doch als er hinsah, war da nichts.
»Beweise?«, wiederholte Umbridge mit ihrem schrecklichen breiten Krötenlächeln. »Haben Sie nicht zugehört, Dumbledore? Warum, glauben Sie, ist Miss Edgecombe hier?«
»Oh, kann sie uns berichten, dass sechs Monate lang solche Treffen stattgefunden haben?«, sagte Dumbledore und hob die Brauen. »Ich dachte eigentlich, sie hätte nur von einem Treffen heute Abend berichtet.«
»Miss Edgecombe«, sagte Umbridge sofort, »erzählen Sie uns, wie lange diese Treffen schon stattfinden, meine Liebe. Sie können einfach nicken oder den Kopf schütteln, ich bin sicher, davon werden die Pickel nicht schlimmer. Fanden sie regelmäßig während der vergangenen sechs Monate statt?«
Harry spürte plötzlich ein fürchterlich flaues Gefühl im Magen. Das war’s, sie waren an eine Mauer handfester Beweise geraten, die nicht einmal Dumbledore beiseiteschieben konnte.
»Einfach nicken oder den Kopf schütteln, meine Liebe«, ermunterte Umbridge Marietta. »Nun kommen Sie schon, das wird den Fluch nicht schlimmer machen.«
Alle Anwesenden starrten auf das, was von Mariettas Gesicht zu erkennen war. Zwischen dem hochgezogenen Umhang und ihren lockigen Fransen waren nur ihre Augen zu sehen. Vielleicht täuschte das Licht des Feuers, aber ihre Augen wirkten seltsam leer. Und dann – zu Harrys größter Verblüffung – schüttelte Marietta den Kopf.
Umbridge blickte schnell zu Fudge, dann wieder zu Marietta. »Ich glaube, Sie haben die Frage nicht verstanden, stimmt’s, meine Liebe? Ich wollte wissen, ob Sie während der letzten sechs Monate zu diesen Treffen gegangen sind. Das sind Sie doch, nicht wahr?«
Erneut schüttelte Marietta den Kopf.
»Was meinen Sie mit diesem Kopfschütteln, meine Liebe?«, sagte Umbridge gereizt.
»Ich würde sagen, die Bedeutung ist vollkommen klar«, sagte Professor McGonagall barsch. »Es hat in den letzten sechs Monaten keine geheimen Treffen gegeben. Ist das korrekt, Miss Edgecombe?«
Marietta nickte.
»Aber es gab heute Abend ein Treffen!«, sagte Umbridge wütend. »Es gab ein Treffen, Miss Edgecombe, Sie haben mir davon berichtet, und zwar im Raum der Wünsche! Und Potter war der Anführer, nicht wahr, Potter hat es organisiert, Potter – warum schütteln Sie den Kopf, Mädchen?«
»Nun, wenn jemand den Kopf schüttelt«, sagte McGonagall kalt, »dann heißt dies normalerweise, dass ›nein‹ gemeint ist. Außer wenn Miss Edgecombe eine Form der Zeichensprache verwendet, die der Menschheit bislang unbekannt ist –«
Professor Umbridge packte Marietta, zog sie zu sich heran und begann sie heftig zu schütteln. Dumbledore war im Bruchteil einer Sekunde mit erhobenem Zauberstab auf den Beinen; Kingsley stürzte nach vorne, und Umbridge ließ mit einem Sprung rückwärts von Marietta ab und wedelte mit den Händen durch die Luft, als hätte sie sich verbrannt.
»Ich kann Ihnen nicht gestatten, meine Schüler zu misshandeln, Dolores«, sagte Dumbledore und zum ersten Mal wirkte er zornig.
»Beruhigen Sie sich, Madam Umbridge«, sagte Kingsley mit seiner tiefen, langsamen Stimme. »Sie wollen sich doch nicht in Schwierigkeiten bringen.«
»Nein«, sagte Umbridge atemlos und blickte zu der hochragenden Gestalt von Kingsley auf. »Ich meine, ja, Sie haben Recht, Shacklebolt – ich – ich war außer mir.«
Marietta stand genau da, wo Umbridge sie losgelassen hatte. Weder schien Umbridges plötzlicher Angriff sie verschreckt zu haben, noch schien sie erleichtert, dass Umbridge sie losgelassen hatte; sie hielt noch immer ihren Umhang zu ihren seltsam leeren Augen hochgezogen und starrte stur geradeaus.
In Harry keimte plötzlich ein merkwürdiger Verdacht auf, der mit Kingsleys Geflüster zu tun hatte und dem Etwas, das er an sich vorbeihuschen gespürt hatte.
»Dolores«, sagte Fudge mit der Miene eines Mannes, der eine Sache ein für alle Mal klären möchte, »das Treffen heute Abend, von dem wir eindeutig wissen, dass es stattgefunden hat –«
»Ja«, sagte Umbridge und gewann ihre Fassung wieder, »ja … nun, Miss Edgecombe gab mir den Hinweis und ich ging sofort in den siebten Stock, begleitet von gewissen vertrauenswürdigen Schülern, um die Teilnehmer des Treffens auf frischer Tat zu ertappen. Es scheint jedoch, dass sie noch vor meiner Ankunft gewarnt wurden, denn als wir in den siebten Stock kamen, rannten sie in alle Himmelsrichtungen davon. Das spielt aber keine Rolle. Ich habe hier alle ihre Namen, Miss Parkinson ist für mich in den Raum der Wünsche gerannt, um nachzusehen, ob sie etwas hinterlassen hatten. Wir brauchten Beweise und der Raum hat sie uns geliefert.« Und zu Harrys Entsetzen zog sie aus ihrer Tasche die Liste mit den Namen, die sie im Raum der Wünsche an die Wand gepinnt hatten, und reichte sie Fudge.
»Sobald ich Potters Namen auf der Liste sah, wusste ich, womit wir es zu tun haben«, sagte sie sanft.
»Vortrefflich«, sagte Fudge und ein Lächeln breitete sich über sein Gesicht, »vortrefflich, Dolores. Und … Donnerwetter noch mal …«
Er blickte zu Dumbledore auf, der immer noch neben Marietta stand und den Zauberstab lässig in der Hand hielt.
»Sehen Sie, wie sie sich selbst genannt haben?«, sagte Fudge leise. »Dumbledores Armee.«
Dumbledore streckte die Hand aus und nahm Fudge das Blatt Pergament ab. Er sah auf die Überschrift, die Hermine vor Monaten hingekritzelt hatte, und für einen Moment schien es ihm die Sprache verschlagen zu haben. Dann blickte er auf und lächelte.
»Nun, das Spiel ist aus«, sagte er schlicht. »Möchten Sie ein schriftliches Geständnis von mir, Cornelius – oder wird eine Aussage vor diesen Zeugen genügen?«
Harry sah, dass McGonagall und Kingsley sich anblickten. In beider Gesichter stand Furcht. Er begriff nicht, was vor sich ging, und Fudge offenbar auch nicht.
»Aussage?«, sagte Fudge langsam. »Was – ich weiß nicht –«
»Dumbledores Armee, Cornelius«, sagte Dumbledore unbeirrt lächelnd und wedelte mit der Namensliste vor Fudges Gesicht herum. »Nicht Potters Armee. Dumbledores Armee.«
»Aber – aber –«
Jäh blitzte Verständnis in Fudges Gesicht auf. Entsetzt trat er einen Schritt zurück, schrie laut auf und sprang wieder vom Feuer weg.
»Sie?«, flüsterte er und stampfte erneut auf seinem kokelnden Umhang herum.
»Richtig«, sagte Dumbledore freundlich.
»Sie haben das organisiert?«
»Das habe ich«, sagte Dumbledore.
»Sie haben die Schüler für – für Ihre Armee rekrutiert?«
»Heute Abend sollte das erste Treffen stattfinden«, sagte Dumbledore und nickte. »Nur um zu prüfen, ob sie Interesse hatten, sich mir anzuschließen. Natürlich sehe ich jetzt, dass es ein Fehler war, Miss Edgecombe einzuladen.«
Marietta nickte. Fudge blickte mit schwellender Brust von ihr zu Dumbledore.
»Dann haben Sie eine Verschwörung gegen mich angezettelt!«, rief er.
»Richtig«, sagte Dumbledore heiter.
»NEIN!«, schrie Harry.
Kingsley warf ihm blitzschnell einen warnenden Blick zu, McGonagall weitete drohend die Augen, doch es hatte Harry plötzlich gedämmert, was Dumbledore vorhatte, und das konnte er nicht zulassen.
»Nein – Professor Dumbledore –!«
»Sei still, Harry, oder ich fürchte, du musst mein Büro verlassen«, sagte Dumbledore ruhig.
»Ja, Mund halten, Potter!«, bellte Fudge, der Dumbledore immer noch mit einer Art entsetzter Freude beäugte. »Schön, schön, schön – ich kam heute Abend hierher in der Erwartung, dass ich Potter hinauswerfen würde, und stattdessen –«
»Stattdessen werden Sie mich festnehmen«, sagte Dumbledore lächelnd. »Als ob man einen Knut verlöre und eine Galleone fände, nicht wahr?«
»Weasley!«, rief Fudge und zitterte nun sichtlich vor Freude. »Weasley, haben Sie alles aufgeschrieben, alles, was er gesagt hat, sein Geständnis, haben Sie es?«
»Ja, Sir, ich denke schon, Sir!«, sagte Percy beflissen, die Nase vom schnellen Mitschreiben mit Tinte bekleckst.
»Und dass er versucht hat, eine Armee gegen das Ministerium aufzubauen, dass er daran gearbeitet hat, meine Position zu untergraben?«
»Ja, Sir, das habe ich, jawohl!«, sagte Percy und überflog freudig seine Aufzeichnungen.
»Nun denn, sehr gut«, sagte Fudge und strahlte vor Häme, »fertigen Sie eine Abschrift Ihrer Notizen an, Weasley, und schicken Sie diese sofort an den Tagespropheten. Wenn wir eine schnelle Eule schicken, können wir es in die Morgenausgabe schaffen!« Percy stürmte hinaus und schlug die Tür hinter sich zu, während Fudge sich wieder an Dumbledore wandte. »Sie werden nun ins Ministerium abgeführt, wo offiziell Anklage gegen Sie erhoben wird, dann werden Sie nach Askaban geschickt, wo Sie der Prozess erwartet!«
»Ah«, sagte Dumbledore milde. »Ja. Ja, ich dachte mir schon, dass es einen kleinen Haken geben wird.«
»Haken?«, sagte Fudge und seine Stimme vibrierte immer noch vor Freude. »Ich sehe da keinen Haken, Dumbledore.«
»Nun«, sagte Dumbledore entschuldigend, »ich fürchte, ich schon.«
»Oh, tatsächlich?«
»Nun – es ist offenbar so, dass Sie sich der Illusion hingeben, dass ich mich – wie heißt es noch – widerstandslos abführen lasse. Ich fürchte, ich werde mich keineswegs widerstandslos abführen lassen, Cornelius. Ich habe nicht die geringste Absicht, mich nach Askaban schicken zu lassen. Natürlich könnte ich ausbrechen – aber welch eine Zeitverschwendung, und offen gesagt, ich kann mir eine ganze Reihe von Dingen vorstellen, die ich lieber tun würde.«
Umbridges Gesicht wurde immer röter. Sie sah aus, als würde kochendes Wasser in sie hineingegossen. Fudge starrte Dumbledore mit einem sehr dümmlichen Gesichtsausdruck an, als hätte ihn soeben ein heftiger Schlag betäubt und als könnte er noch nicht so recht fassen, was da geschehen war. Er machte ein leises würgendes Geräusch, dann drehte er sich zu Kingsley und dem Mann mit dem grauen Bürstenhaar um, der als Einziger im Raum bislang kein Wort gesagt hatte. Jetzt nickte er Fudge ermutigend zu, löste sich von der Wand und trat ein Stück vor. Harry sah, wie seine Hand fast lässig zu seiner Tasche schwebte.
»Seien Sie nicht albern, Dawlish«, sagte Dumbledore freundlich. »Ich bin sicher, dass Sie ein glänzender Auror sind – ich meine mich zu erinnern, dass Sie ein ›Ohnegleichen‹ in all Ihren UTZ-Prüfungen bekommen haben –, aber wenn Sie versuchen – ähm – mich gewaltsam abzuführen, werde ich Ihnen wehtun müssen.«
Der Mann namens Dawlish blinzelte einigermaßen belämmert. Er blickte erneut zu Fudge, doch diesmal schien er sich irgendeinen Hinweis zu erhoffen, was er jetzt tun sollte.
»Ooh«, höhnte Fudge, der sich wieder fasste, »Sie haben die Absicht, es ganz allein mit Dawlish, Shacklebolt, Dolores und mir aufzunehmen, nicht wahr, Dumbledore?«
»Beim Barte des Merlin, nein«, sagte Dumbledore lächelnd. »Nur wenn Sie so töricht sind, mich dazu zu zwingen.«
»Er wird nicht allein sein!«, sagte Professor McGonagall laut und steckte die Hand in ihren Umhang.
»O doch, das wird er, Minerva!«, sagte Dumbledore scharf. »Hogwarts braucht Sie!«
»Schluss mit diesem Unsinn!«, sagte Fudge und zog seinen Zauberstab. »Dawlish! Shacklebolt! Nehmen Sie ihn fest!«
Ein silberner Lichtstrahl zuckte durch den Raum. Es gab einen Knall wie von einem Gewehrschuss und der Boden erzitterte; eine Hand packte Harry am Kragen und zwang ihn hinunter, als ein zweiter silberner Strahl aufblitzte; einige der Porträts schrien, Fawkes kreischte und eine Staubwolke erfüllte die Luft. Harry hustete im Staub, er sah, dass eine dunkle Gestalt vor ihm krachend zu Boden stürzte; ein Schrei und ein dumpfer Schlag waren zu hören und jemand rief: »Nein!«, dann hörte man Glas splittern, hektisch schlurfende Schritte, ein Stöhnen … und Stille.
Harry kämpfte sich herum, um zu erkennen, wer ihn da halb erwürgte, und sah Professor McGonagall neben sich kauern. Sie hatte ihn und auch Marietta gewaltsam außer Gefahr gebracht.
Noch immer schwebte Staub sanft durch den Raum und legte sich auf sie. Leicht keuchend sah Harry eine sehr große Gestalt auf sie zukommen.
»Alles in Ordnung bei Ihnen?«, fragte Dumbledore.
»Ja!«, sagte Professor McGonagall, stand auf und zog Harry und Marietta mit sich hoch.
Der Staub legte sich. Allmählich wurde sichtbar, wie ramponiert das Büro war: Dumbledores Schreibtisch war umgestürzt, alle storchbeinigen Tische waren zu Boden geschlagen worden, ihre silbernen Instrumente lagen zerborsten herum. Fudge, Umbridge, Kingsley und Dawlish lagen reglos am Boden. Fawkes der Phönix schwebte in weiten Kreisen über ihnen und sang leise.
»Bedauerlicherweise musste ich auch Kingsley einen Fluch aufhalsen, sonst hätte es sehr verdächtig ausgesehen«, sagte Dumbledore mit leiser Stimme. »Er war bemerkenswert schnell von Begriff und hat Miss Edgecombes Gedächtnis rasch nebenbei verändert, während alle wegsahen – würden Sie ihm meinen Dank ausrichten, Minerva? Nun, sie werden alle recht bald aufwachen und sollten am besten nicht erfahren, dass wir Zeit hatten zu reden – Sie müssen so tun, als ob keine Zeit vergangen wäre, als ob sie nur zu Boden geschlagen worden wären – die werden sich nicht erinnern –«
»Wo gehen Sie hin, Dumbledore?«, flüsterte Professor McGonagall. »Zum Grimmauldplatz?«
»O nein«, sagte Dumbledore mit einem grimmigen Lächeln. »Ich gehe nicht, um mich zu verstecken. Fudge wird sich bald wünschen, er hätte mich nie von Hogwarts vertrieben, das verspreche ich Ihnen.«
»Professor Dumbledore …«, fing Harry an.
Er wusste nicht, was er zuerst sagen sollte: wie leid es ihm tat, dass er mit der DA angefangen und damit all diese Scherereien verursacht hatte, oder wie schrecklich er sich fühlte, dass Dumbledore fortging, um ihn vor dem Schulverweis zu retten. Aber Dumbledore unterbrach ihn, ehe er ein weiteres Wort sagen konnte.
»Hör mir zu, Harry«, sagte er nachdrücklich. »Du musst mit all deiner Kraft Okklumentik lernen, verstehst du mich? Tu alles, was Professor Snape dir sagt, und übe es besonders jeden Abend vor dem Einschlafen, damit du deinen Geist vor schlechten Träumen verschließen kannst – du wirst sehr bald verstehen, warum, aber du musst mir versprechen –«
Der Mann namens Dawlish regte sich. Dumbledore packte Harry am Handgelenk.
»Denk daran – verschließ deinen Geist –«
Doch als Dumbledores Finger sich um Harrys Haut schlossen, schoss ihm ein Schmerz durch die Stirnnarbe, und wieder spürte er das schreckliche, schlangenartige Verlangen, Dumbledore anzugreifen, ihn zu beißen, ihn zu verletzen –
»– du wirst verstehen«, flüsterte Dumbledore.
Fawkes zog seine Kreise durch das Büro und stürzte sich auf ihn herab. Dumbledore ließ Harry los, hob die Hand und packte den langen goldenen Schwanz des Phönix. Es gab eine Stichflamme und die beiden waren verschwunden.
»Wo ist er?«, brüllte Fudge und stemmte sich vom Boden hoch. »Wo ist er?«
»Ich weiß nicht!«, rief Kingsley und sprang auf.
»Jedenfalls kann er nicht disappariert sein!«, schrie Umbridge. »Aus dieser Schule heraus geht das nicht –«
»Die Treppe!«, rief Dawlish und stürzte zur Tür, riss sie auf und verschwand, dicht gefolgt von Kingsley und Umbridge. Fudge zögerte, dann erhob er sich langsam und wischte sich den Staub von der Brust. Eine lange und quälende Stille trat ein.
»Nun, Minerva«, sagte Fudge gehässig und zog seinen zerrissenen Hemdsärmel zurecht. »Ich fürchte, dies ist das Ende Ihres Freundes Dumbledore.«
»Glauben Sie das im Ernst?«, fragte Professor McGonagall verächtlich.
Fudge schien sie nicht zu hören. Er sah sich in dem verwüsteten Büro um. Einige der Porträts zischten ihn an, das eine oder andere machte sogar wüste Gesten mit der Hand.
»Sie bringen diese beiden jetzt am besten zu Bett«, sagte Fudge, erneut an McGonagall gewandt, und nickte abfällig in Richtung Harry und Marietta.
Professor McGonagall sagte nichts, sondern führte Harry und Marietta mit zügigen Schritten zur Tür. Als sie hinter ihnen zuschwang, hörte Harry die Stimme von Phineas Nigellus.
»Wissen Sie, Minister, ich stimme in vielem nicht mit Dumbledore überein … aber Sie können nicht bestreiten, dass er Stil hat …«
Snapes schlimmste Erinnerung
PER ANORDNUNG DES ZAUBEREIMINISTERIUMS
Dolores Jane Umbridge (Großinquisitorin) hat die Nachfolge von Albus Dumbledore als Leiterin der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei angetreten.
Obige Anordnung entspricht dem Ausbildungserlass Nummer achtundzwanzig.
Unterzeichnet:
Cornelius Oswald Fudge, Zaubereiminister
Die Anschläge waren über Nacht in der ganzen Schule aufgetaucht, doch sie erklärten nicht, weshalb offenbar auch noch der letzte Mensch im Schloss wusste, dass Dumbledore zwei Auroren, die Großinquisitorin, den Zaubereiminister und seinen Juniorassistenten überwältigt hatte und geflohen war. Harry konnte gehen, wohin er wollte, das einzige Gesprächsthema war Dumbledores Flucht, und obwohl gewisse Details beim Nacherzählen etwas ins Kraut schossen (Harry hörte, wie eine Zweitklässlerin ihrer Klassenkameradin versicherte, Fudge liege inzwischen mit einem Kürbis als Kopf im St. Mungo), war man ansonsten doch verblüffend genau informiert. Alle wussten zum Beispiel, dass Harry und Marietta als einzige Schüler die Ereignisse in Dumbledores Büro miterlebt hatten, und da Marietta jetzt im Krankenflügel war, wurde Harry bestürmt, alles genau zu erzählen.
»Dumbledore wird recht bald zurück sein«, sagte Ernie Macmillan zuversichtlich auf dem Weg zurück von Kräuterkunde, nachdem er aufmerksam Harrys Geschichte gelauscht hatte. »In unserem zweiten Jahr konnten sie ihn schon nicht fernhalten, und diesmal werden sie es auch nicht schaffen. Der fette Mönch hat mir erzählt« – und er senkte verschwörerisch die Stimme, so dass Harry, Ron und Hermine sich näher zu ihm beugen mussten, um ihn zu verstehen – »dass Umbridge gestern Nacht versucht hat, zurück in sein Büro zu gelangen, nachdem sie das Schloss und das Gelände nach ihm abgesucht hatten. Sie hat es aber nicht am Wasserspeier vorbeigeschafft. Das Schulleiterbüro hat sich gegen sie versiegelt.« Ernie grinste süffisant. »Offenbar hatte sie ’nen hübschen kleinen Wutanfall.«
»Oh, ich vermute mal, sie war schon richtig scharf darauf, endlich dort oben in Dumbledores Büro zu sitzen«, sagte Hermine boshaft, als sie die Steintreppe zur Eingangshalle hochstiegen. »Wollte es all den andern Lehrern mal so richtig zeigen, diese blöde, aufgeblasene, machtgeile alte –«
»Wie steht’s, Granger, willst du diesen Satz tatsächlich zu Ende bringen?«
Draco Malfoy war hinter der Tür hervorgeglitten, gefolgt von Crabbe und Goyle. Sein blasses, spitzes Gesicht strahlte heimtückisch.
»Fürchte, ich muss Gryffindor und Hufflepuff ein paar Punkte abziehen«, sagte er genüsslich.
»Du kannst anderen Vertrauensschülern keine Punkte abziehen, Malfoy«, sagte Ernie prompt.
»Ich weiß, dass Vertrauensschüler sich gegenseitig keine Punkte abziehen können«, höhnte Malfoy. Crabbe und Goyle kicherten. »Aber Mitglieder des Inquisitionskommandos –«
»Des was?«, sagte Hermine scharf.
»Des Inquisitionskommandos, Granger«, sagte Malfoy und deutete auf ein kleines silbernes »I« auf seinem Umhang gleich unter seinem Vertrauensschülerabzeichen. »Eine ausgewählte Gruppe von Schülern, die das Zaubereiministerium unterstützen, handverlesen von Professor Umbridge. Jedenfalls haben Mitglieder des Inquisitionskommandos die Befugnis, Punkte abzuziehen … also, Granger, das macht fünf Punkte Abzug für dich, weil du dich frech über unsere neue Schulleiterin ausgelassen hast. Macmillan, fünf weg, weil du mir widersprochen hast. Fünf, weil ich dich nicht leiden kann, Potter. Weasley, dein Hemd hängt raus, also noch mal fünf dafür. Ach ja, hab ich ganz vergessen, du bist ja ’ne Schlammblüterin, Granger, zehn Abzug dafür.«
Ron zog seinen Zauberstab, aber Hermine schob ihn beiseite und flüsterte: »Lass das!«
»Kluger Zug, Granger«, hauchte Malfoy. »Die Zeiten ändern sich … seid brav jetzt, Potty … Wieselkönig …«
Er lachte aus vollem Herzen und marschierte mit Crabbe und Goyle davon.
»Er hat nur geblufft«, sagte Ernie mit erschrockener Miene. »Er kann nicht die Erlaubnis haben, Punkte abzuziehen … das wär lächerlich … das würde die ganze Vertrauensschülerordnung untergraben.«
Doch Harry, Ron und Hermine hatten sich instinktiv den riesigen Stundengläsern zugewandt, die in Nischen an der Wand hinter ihnen standen und die Hauspunkte anzeigten. Am Morgen noch hatten Gryffindor und Ravenclaw gleichauf vorn gelegen. Aber während sie hinsahen, flogen Steine nach oben, und die Menge in den unteren Kolben verringerte sich. Tatsächlich schien sich nur bei dem mit Smaragden gefüllten Glas der Slytherins nichts verändert zu haben.
»Ihr habt’s mitgekriegt, oder?«, ertönte Freds Stimme.
Er und George waren gerade die Marmortreppe heruntergekommen und schlossen sich Harry, Ron, Hermine und Ernie vor den Stundengläsern an.
»Malfoy hat uns allen gerade rund fünfzig Punkte abgeknöpft«, sagte Harry wütend, während sie zusehen konnten, wie noch ein paar Steine aus dem Gryffindor-Stundenglas nach oben flogen.
»Ja, Montague hat’s in der Pause auch mit uns versucht«, sagte George.
»Was soll das heißen, ›versucht‹?«, hakte Ron schnell nach.
»Er kam nicht dazu, zu Ende zu sprechen«, sagte Fred, »dank der Tatsache, dass wir ihn mit dem Kopf voran in das Verschwindekabinett im ersten Stock gezwängt haben.«
Hermine sah völlig schockiert aus.
»Aber jetzt kriegt ihr schrecklichen Ärger!«
»Erst wenn Montague wieder auftaucht, und das kann Wochen dauern, ich hab keine Ahnung, wo wir ihn hingeschickt haben«, erwiderte Fred kühl. »Jedenfalls … wir haben beschlossen, dass es uns ab jetzt schnuppe ist, ob wir Ärger kriegen.«
»War euch das jemals nicht schnuppe?«, fragte Hermine.
»Natürlich«, sagte George. »Wir sind ja nie rausgeworfen worden, oder?«
»Wir wussten immer, wo die Grenze war«, sagte Fred.
»Vielleicht haben wir gelegentlich mal ’ne Zehe drübergesetzt«, ergänzte George.
»Aber wir haben immer aufgehört, bevor wir das totale Chaos angerichtet haben«, sagte Fred.
»Und jetzt?«, fragte Ron zaghaft.
»Nun, jetzt –«, erwiderte George.
»– wo Dumbledore fort ist –«, sagte Fred.
»– da schätzen wir, ein bisschen Chaos –«, sagte George.
»– ist genau das, was unsere liebe neue Direktorin verdient«, schloss Fred.
»Das dürft ihr nicht!«, flüsterte Hermine. »Das dürft ihr wirklich nicht! Die würde sich nur über einen Grund freuen, euch rauszuwerfen!«
»Du kapierst es nicht, Hermine, oder?«, sagte Fred und lächelte ihr zu. »Uns ist es inzwischen schnuppe, ob wir hierbleiben. Wir würden auf der Stelle abhauen, wenn wir nicht entschlossen wären, erst mal unseren Teil für Dumbledore zu tun. Also, jedenfalls« – er sah auf seine Uhr – »Phase eins beginnt demnächst. An eurer Stelle würd ich in die Große Halle zum Mittagessen gehen, dann können die Lehrer sehen, dass ihr nichts damit zu tun habt.«
»Womit zu tun?«, fragte Hermine beklommen.
»Das wirst du sehen«, erwiderte George. »Los, beeilt euch.«
Fred und George wandten sich ab und verschwanden in der immer größer werdenden Schülerschar, die die Treppe herunter zum Mittagessen kam. Ernie, der äußerst beunruhigt wirkte, murmelte etwas von wegen, er müsse noch seine Hausaufgaben für Verwandlung erledigen, und trabte davon.
»Ehrlich gesagt, ich glaub tatsächlich, wir sollten von hier verschwinden«, sagte Hermine nervös. »Nur für alle Fälle …«
»Ja, du hast Recht«, sagte Ron und die drei gingen auf die Tür zur Großen Halle zu. Doch kaum hatte Harry einen Blick auf den heutigen Himmel mit seinen tief treibenden weißen Wolken geworfen, da klopfte ihm jemand auf die Schulter, und als er sich umdrehte, berührte er mit der Nase fast die von Filch, dem Hausmeister. Harry wich hastig ein paar Schritte zurück; Filch sah man am besten aus der Entfernung.
»Die Schulleiterin möchte dich sprechen, Potter«, sagte er mit einem boshaften Grinsen.
»Ich war’s nicht«, sagte Harry dummerweise, in Gedanken an das, was auch immer Fred und George im Schilde führten. Filch lachte stumm und ließ dabei seine Backen zittern.
»Schlechtes Gewissen, he?«, schnaufte er. »Mir nach.«
Harry warf einen Blick zurück auf Ron und Hermine, die beide besorgt aussahen. Er zuckte die Achseln und folgte Filch gegen einen Strom hungriger Schüler zurück in die Eingangshalle.
Filch schien allerbester Laune zu sein; er summte knarzend vor sich hin, während sie die Marmortreppe hochstiegen. Als sie den ersten Treppenabsatz erreicht hatten, sagte er: »Hier weht jetzt ein anderer Wind, Potter.«
»Das ist mir auch aufgefallen«, entgegnete Harry kalt.
»Tjaa … ich hab Dumbledore jahrelang gesagt, dass er mit euch allen zu lasch ist«, sagte Filch und gluckste boshaft. »Ihr miesen kleinen Biester hättet nie und nimmer Stinkkügelchen fallen gelassen, wenn ihr gewusst hättet, dass ich die Befugnis habe, euch bis aufs Blut auszupeitschen, stimmt’s? Keinem wär’s eingefallen, Fangzähnige Frisbees in den Korridoren rumzuwerfen, wenn ich euch an den Fußgelenken in meinem Büro hätte aufhängen dürfen, oder? Aber wenn der Ausbildungserlass Nummer neunundzwanzig reinkommt, Potter, dann hab ich die Erlaubnis, so was zu tun … und sie hat den Minister gebeten, eine Anweisung zu unterschreiben, mit der Peeves rausgeworfen wird … oh, jetzt, da sie die Zügel in der Hand hat, werden die Dinge hier ganz anders laufen …«
Umbridge hatte sich offensichtlich ziemliche Mühe gegeben, Filch auf ihre Seite zu ziehen, überlegte Harry, und das Schlimmste dabei war, dass er sich wahrscheinlich als wichtige Waffe erweisen würde. Seine Kenntnisse der Geheimgänge und Verstecke im Schloss standen wohl nur denen der Weasley-Zwillinge nach.
»Hier sind wir«, sagte er und grinste boshaft zu Harry hinab, als er dreimal an Professor Umbridges Tür klopfte und sie aufstieß. »Der Potter-Junge, den Sie sprechen wollen, Ma’am.«
Umbridges Büro, das Harry von seinem häufigen Nachsitzen her nur zu vertraut war, hatte sich nicht verändert, mit Ausnahme eines großen Holzschilds, das am vorderen Rand ihres Schreibtischs stand und auf dem es in goldenen Lettern hieß: SCHULLEITERIN. Auch waren sein Feuerblitz und die Sauberwischs von Fred und George, wie er mit einem Stich im Herzen sah, an einen massiven Eisenhaken in der Wand hinter dem Schreibtisch gekettet und mit einem Vorhängeschloss gesichert.
Umbridge saß hinter dem Schreibtisch und kritzelte geschäftig auf einem ihrer rosa Pergamente, doch als sie eintraten, blickte sie auf und lächelte breit.
»Vielen Dank, Argus«, sagte sie süßlich.
»Keine Ursache, Ma’am, keine Ursache«, sagte Filch und verneigte sich so tief, wie es sein Rheuma zuließ, ehe er rückwärts hinausging.
»Setzen«, sagte Umbridge knapp und deutete auf einen Stuhl. Harry setzte sich. Sie kritzelte eine Weile weiter. Er sah zu, wie einige der scheußlichen Kätzchen auf den Tellern über ihrem Kopf umherhüpften, und fragte sich, welche neuen Gemeinheiten Umbridge für ihn in petto hatte.
»Nun also«, sagte sie schließlich, legte ihre Feder weg und blickte wie eine Kröte, die im nächsten Moment eine besonders saftige Fliege schlucken wollte. »Was möchten Sie trinken?«
»Was?«, sagte Harry, ganz sicher, dass er sich verhört hatte.
»Trinken, Mr Potter«, sagte sie und lächelte noch breiter. »Tee? Kaffee? Kürbissaft?«
Während sie die Getränke nannte, schnippte sie jedes Mal mit ihrem kurzen Zauberstab und eine Tasse oder ein Glas erschien auf ihrem Schreibtisch.
»Nichts, danke«, sagte Harry.
»Ich möchte, dass Sie etwas mit mir trinken«, sagte sie nun mit gefährlich süßer Stimme. »Entscheiden Sie sich.«
»Gut … dann Tee«, sagte Harry achselzuckend.
Sie stand auf, kehrte ihm den Rücken zu und fügte unter einigem Getue Milch hinzu. Dann wuselte sie mit dem Tee um den Schreibtisch herum und lächelte dabei auf finster-süße Art.
»Hier«, sagte sie und reichte ihm die Tasse. »Trinken Sie nur, bevor er kalt wird. Nun also, Mr Potter … ich dachte, nach den betrüblichen Ereignissen gestern Abend sollten wir beide ein wenig miteinander plaudern.«
Er sagte nichts. Sie setzte sich wieder auf ihren Platz und wartete. Nach einigen langen und stummen Momenten sagte sie lebhaft: »Sie trinken ja gar nicht!«
Er hob die Tasse an die Lippen, und dann, nicht minder plötzlich, ließ er sie sinken. Eines der fürchterlichen gemalten Kätzchen hinter Umbridge hatte große, runde blaue Augen, die genau dem magischen Auge von Mad-Eye Moody glichen, und gerade war ihm durch den Kopf geschossen, was Mad-Eye wohl sagen würde, wenn ihm je zu Gehör käme, dass Harry von jemandem etwas zu trinken angenommen hatte, von dem er wusste, dass er ein Feind war.
»Was ist denn?«, fragte Umbridge, die ihn nicht aus den Augen ließ. »Möchten Sie Zucker?«
»Nein«, sagte Harry.
Er hob die Tasse wieder an die Lippen und tat so, als würde er einen Schluck nehmen, hielt die Lippen jedoch fest geschlossen. Umbridges Lächeln wurde breiter.
»Gut«, flüsterte sie. »Sehr gut. Nun also …« Sie beugte sich ein wenig vor. »Wo ist Albus Dumbledore?«
»Keine Ahnung«, sagte Harry prompt.
»Trinken Sie, trinken Sie«, sagte sie, unentwegt lächelnd. »Nun, Mr Potter, machen wir hier keine kindischen Spielchen. Ich weiß, dass Sie wissen, wo er hin ist. Sie und Dumbledore haben von Anfang an in dieser Sache unter einer Decke gesteckt. Bedenken Sie Ihre Lage, Mr Potter …«
»Ich weiß nicht, wo er ist.«
Harry tat erneut, als nähme er einen Schluck.
»Nun gut«, sagte Umbridge beleidigt. »Dann sagen Sie mir doch freundlicherweise, wo sich Sirius Black aufhält.«
Harrys Magen stülpte sich um, und die Hand, mit der er die Teetasse hielt, zitterte so heftig, dass sie auf der Untertasse klapperte. Er neigte die Tasse zum Mund und hielt die Lippen fest zusammengepresst, so dass ein wenig von der heißen Flüssigkeit auf seinen Umhang tropfte.
»Ich weiß nicht«, antwortete er eine Spur zu hastig.
»Mr Potter«, sagte Umbridge, »ich möchte Sie daran erinnern, dass ich diejenige war, die den Kriminellen Black letzten Oktober im Gryffindor-Kamin beinahe gefasst hätte. Ich weiß sehr wohl, dass Sie es waren, mit dem er sich dort getroffen hat, und wenn ich einen Beweis gehabt hätte, dann wäre keiner von Ihnen heute auf freiem Fuß, das kann ich Ihnen versichern. Ich wiederhole, Mr Potter … wo ist Sirius Black?«
»Keine Ahnung«, sagte Harry laut. »Keinen blassen Schimmer.«
Sie starrten einander so lange an, bis Harry spürte, wie ihm die Augen feucht wurden. Dann stand Umbridge auf.
»Nun gut, Potter, für diesmal will ich Ihnen glauben, aber seien Sie gewarnt: Die Macht des Ministeriums steht hinter mir. Alle Nachrichtenverbindungen von und zu dieser Schule werden überwacht. Ein Flohnetzwerkaufseher kontrolliert jeden Kamin in Hogwarts – außer meinem eigenen natürlich. Mein Inquisitionskommando öffnet und liest alle Eulenpost, die ins Schloss kommt und es verlässt. Und Mr Filch beobachtet alle Geheimgänge vom und zum Schloss. Wenn ich auch nur die Spur eines Beweises finde …«
BUMM!
Der Fußboden des Büros erbebte. Umbridge rutschte seitlich weg und klammerte sich mit entsetztem Blick an ihrem Schreibtisch fest.
»Was war –?«
Sie stierte zur Tür. Harry nutzte die Gelegenheit, um seine fast volle Teetasse in die nächstbeste Vase mit Trockenblumen zu schütten. Ein paar Stockwerke unter ihnen konnte er Leute rennen und schreien hören.
»Zurück zum Mittagessen, Potter!«, rief Umbridge, hob den Zauberstab und stürmte aus dem Büro. Harry gab ihr ein paar Sekunden Vorsprung, dann eilte er ihr nach, um zu sehen, woher der Trubel kam.
Es war nicht schwer herauszufinden. Ein Stockwerk tiefer herrschte das Inferno. Jemand (und Harry hatte eine ziemlich gute Ahnung, wer) hatte eine offenbar gewaltige Kiste mit verzauberten Feuerwerkskörpern losgelassen.
Drachen, ganz aus grünen und goldenen Funken, rauschten die Korridore entlang und krachten und explodierten laut und feurig; knallrosa Feuerräder von anderthalb Metern Durchmesser sirrten lebensgefährlich durch die Luft wie fliegende Untertassen; Raketen mit langen, silbrig glitzernden Kometenschweifen schwirrten zwischen den Wänden hin und her; Wunderkerzen schrieben nach Lust und Laune Schimpfwörter in die Luft; wo Harry auch hinsah, explodierten Knallfrösche wie Minen, und statt abzubrennen, allmählich zu verschwinden oder zischend zu erlahmen, schienen diese pyrotechnischen Wunderwerke, je länger er zusah, noch an Kraft und Wucht zu gewinnen.
Filch und Umbridge standen auf halber Treppe, offenbar gelähmt vor Entsetzen. Vor Harrys Augen schien eines der größeren Feuerräder zu beschließen, dass es mehr Spielraum brauchte. Es wirbelte mit einem bedrohlichen Uuiiiiiieee auf Umbridge und Filch zu. Beide schrien auf vor Angst und duckten sich, und das Rad schwirrte geradewegs durch das Fenster hinter ihnen hinaus auf die Schlossgründe. Unterdessen nutzten einige Drachen und eine riesige purpurne Fledermaus, die unheilvoll rauchte, die offene Tür am Ende des Korridors, um in den zweiten Stock zu entkommen.
»Beeilung, Filch, Beeilung!«, kreischte Umbridge. »Wenn wir nichts tun, sind sie bald in der ganzen Schule – Stupor!«
Ein roter Lichtstrahl schoss aus der Spitze ihres Zauberstabs und traf eine der Raketen. Statt in der Luft zu erstarren, explodierte sie mit solcher Wucht, dass es ein Loch in das Gemälde einer rührselig wirkenden Hexe mitten auf einer Wiese riss; sie rannte gerade noch rechtzeitig davon und tauchte Sekunden später im nächsten Gemälde wieder auf, wo sich ein paar Zauberer beim Kartenspiel eilig erhoben, um Platz für sie zu machen.
»Kein Schockzauber, Filch!«, schrie Umbridge zornig, wie um alle glauben zu machen, dass es sein Zauber gewesen war.
»Völlig richtig, Schulleiterin!«, keuchte Filch, der als Squib die Feuerwerkskörper genauso wenig schocken wie schlucken konnte. Er eilte hinüber zu einem Schrank in der Nähe, zog einen Besen heraus und drosch damit auf die Feuerwerkskörper in der Luft ein. Sekunden später stand der Besen in Flammen.
Harry hatte genug gesehen. Lachend duckte er sich und rannte ein Stück den Korridor entlang bis zu einer Tür, von der er wusste, dass sie hinter einem Wandteppich verborgen war, schlüpfte hindurch und stieß gleich dahinter auf Fred und George, die sich hier versteckt hielten, Umbridges und Filchs Geschrei lauschten und vor unterdrückter Heiterkeit bebten.
»Beeindruckend«, sagte Harry leise und grinste. »Sehr beeindruckend … ihr werdet Dr. Filibuster das Geschäft ruinieren, mit Sicherheit …«
»Danke«, flüsterte George und wischte sich Lachtränen aus dem Gesicht. »Oh, ich hoffe nur, dass sie als Nächstes den Verschwindezauber versucht … immer wenn man es mit dem probiert, vermehren sie sich gleich um das Zehnfache.«
Den ganzen Nachmittag noch brannte das Feuerwerk und breitete sich in der Schule aus. Zwar richtete es einiges Durcheinander an, vor allem die Knallfrösche, doch die anderen Lehrer schienen sich nicht groß stören zu lassen.
»Du meine Güte«, sagte Professor McGonagall hämisch, als einer der Drachen laut knallend und Flammen speiend durch ihr Klassenzimmer rauschte. »Miss Brown, seien Sie so nett, laufen Sie zur Schulleiterin und teilen Sie ihr mit, dass wir ein entflohenes Feuerwerk in unserem Klassenzimmer haben!«
Die Folge all dessen war, dass Professor Umbridge ihren ersten Nachmittag als Schulleiterin damit verbrachte, durch die Schule zu rennen und den Hilferufen der anderen Lehrer zu folgen, von denen keiner in der Lage schien, das Klassenzimmer ohne ihre Hilfe von den Feuerwerkskörpern zu befreien. Als es schließlich zum letzten Mal läutete und sie mit ihren Taschen auf dem Weg zurück in den Gryffindor-Turm waren, sah Harry mit tiefer Genugtuung, wie eine zerzauste und rußgeschwärzte Umbridge mit schweißnassem Gesicht aus Professor Flitwicks Klassenzimmer gestolpert kam.
»Vielen, vielen Dank auch, Professor!«, sagte Professor Flitwick mit seiner leisen Quiekstimme. »Ich hätte diese Wunderkerzen natürlich selbst erledigen können, aber ich wusste nicht, ob ich die Befugnis dazu hatte.«
Mit strahlendem Gesicht schlug er ihr die Tür vor der schnaubenden Nase zu.
Fred und George waren an diesem Abend die Helden im Gemeinschaftsraum der Gryffindors. Selbst Hermine kämpfte sich durch die aufgeregte Menge, um ihnen zu gratulieren.
»Das war ein herrliches Feuerwerk«, sagte sie bewundernd.
»Danke«, sagte George, überrascht und erfreut zugleich. »Weasleys wildfeurige Wunderknaller. Das Problem ist nur, wir haben alle unsere Vorräte verbraucht. Jetzt müssen wir von vorn anfangen.«
»Hat sich aber gelohnt«, sagte Fred, der Bestellungen von lärmenden Gryffindors entgegennahm. »Wenn du dich auf die Warteliste eintragen möchtest, Hermine, das macht fünf Galleonen für die Vorhölle-Sparbox und zwanzig für das Inferno de Luxe …«
Hermine kehrte zu dem Tisch zurück, an dem Harry und Ron saßen und ihre Schultaschen anstarrten, als hofften sie, ihre Hausaufgaben würden heraushüpfen und sich von selbst erledigen.
»Ach, wisst ihr, warum nehmen wir uns den Abend nicht mal frei?«, sagte Hermine strahlend, während eine Weasley-Rakete mit silbernem Schweif am Fenster vorbeizischte. »Schließlich fangen am Freitag die Osterferien an, dann haben wir jede Menge Zeit.«
»Geht’s dir gut?«, fragte Ron und starrte sie ungläubig an.
»Jetzt, wo du’s sagst«, meinte Hermine überglücklich, »weißt du … ich glaub, mir ist ein bisschen … rebellisch zumute.«
Harry konnte das ferne Krachen der entflohenen Knallfrösche noch hören, als er und Ron eine Stunde später nach oben in den Schlafsaal gingen, und als er sich auszog, sauste eine Wunderkerze am Turm vorbei, die nach wie vor resolut das Wort »KACKE« buchstabierte.
Gähnend stieg er ins Bett. Nun, da er die Brille abgelegt hatte, sah er die Feuerwerkskörper, die ab und zu am Fenster vorbeischwebten, nur noch verschwommen, und sie machten den Eindruck von Funken sprühenden Wolken, schön und geheimnisvoll am schwarzen Himmel. Er drehte sich auf die Seite und überlegte, wie sich Umbridge angesichts ihres ersten Tages in Dumbledores Amt wohl fühlte und wie Fudge reagieren würde, wenn er hörte, dass die Schule den größten Teil des Tages in einem Zustand fortgeschrittenen Chaos verbracht hatte. Er lächelte in sich hinein und schloss die Augen …
Das Zischen und Knallen der entkommenen Feuerwerkskörper über den Schlossgründen schien sich zu entfernen … oder vielleicht jagte er nur von ihnen weg …
Er war mitten in den Korridor gefallen, der zur Mysteriumsabteilung führte. Er eilte auf die schlichte schwarze Tür zu … lass sie aufgehen … lass sie aufgehen …
Sie ging auf. Er befand sich in dem runden Raum, der von Türen gesäumt war … er durchquerte ihn, legte die Hand auf eine Tür, die der ersten vollkommen glich, und sie schwang nach innen auf …
Jetzt war er in einem langen rechteckigen Raum, der erfüllt war von einem seltsamen mechanischen Ticken. Über die Wände tanzten Lichtflecke, aber er hielt nicht inne, um nachzuforschen … er musste weiter …
Am anderen Ende war eine Tür … auch sie öffnete sich auf seine Berührung hin …
Und jetzt war er in einem kärglich beleuchteten Raum, der so hoch und breit war wie eine Kirche und nichts enthielt als Reihe um Reihe sich emportürmender langer Regale, jedes vollgestellt mit kleinen staubigen Kugeln aus Glasgespinst …
Harrys Herz pochte jetzt schnell vor Aufregung … er wusste, wohin er zu gehen hatte … er rannte los, aber seine Schritte machten in dem riesigen, menschenleeren Raum keinen Lärm …
Etwas war in diesem Raum, das er sehr heftig begehrte …
Etwas, das er wollte … oder jemand anderer wollte es …
Seine Narbe schmerzte …
KNALL!
Harry wachte schlagartig auf, verwirrt und zornig. Der dunkle Schlafsaal war erfüllt von schallendem Gelächter.
»Cool!«, sagte Seamus, dessen Silhouette vor dem Fenster zu erkennen war. »Ich glaub, eins dieser Feuerräder ist mit einer Rakete zusammengestoßen, und es sieht ganz so aus, als ob sie sich gepaart hätten, kommt her und schaut euch das an!«
Harry hörte, wie Ron und Dean rasch aus ihren Betten kletterten, um sich die Sache besser ansehen zu können. Er blieb reglos und stumm liegen, während der Schmerz in seiner Narbe abflaute und die Enttäuschung ihn überwältigte. Er hatte das Gefühl, als hätte man ihm im letzten Moment einen herrlichen Genuss weggeschnappt … diesmal war er so nahe dran gewesen.
Glitzernde rosa und silbrig geflügelte Schweinchen schossen nun am Gryffindor-Turm vorbei. Harry lag da und lauschte dem Jubelgeschrei in den Schlafsälen unter ihnen. Sein Magen verkrampfte sich so, dass ihm übel wurde, als ihm einfiel, dass er am nächsten Abend Okklumentik hatte.
Den ganzen folgenden Tag über grauste es Harry davor, was Snape sagen würde, wenn er herausfand, wie viel tiefer er in seinem letzten Traum in die Mysteriumsabteilung eingedrungen war. Mit jäh aufkeimendem Schuldgefühl machte er sich klar, dass er seit ihrer letzten Stunde nicht ein einziges Mal Okklumentik geübt hatte: Seit Dumbledores Weggang war einfach zu viel passiert; gewiss hätte er es nicht geschafft, seinen Kopf leer zu machen, selbst wenn er es versucht hätte, doch dass Snape diese Entschuldigung annehmen würde, bezweifelte er.
Er probierte es an diesem Tag mit ein paar kleinen Übungen in letzter Minute während des Unterrichts, doch es hatte keinen Zweck. Hermine fragte ihn andauernd, was denn mit ihm los sei, wenn er verstummte, um sich von allen Gedanken und Gefühlen zu lösen. Zudem war es nicht die beste Zeit, sein Gehirn ausgerechnet dann zu leeren, wenn die Lehrer die Klasse mit Wiederholungsfragen bombardierten.
Auf das Schlimmste gefasst machte er sich nach dem Abendessen auf den Weg zu Snapes Büro. Er hatte die Eingangshalle halb durchquert, als Cho auf ihn zugehastet kam.
»Hier rüber«, sagte Harry, froh über einen Grund, das Treffen mit Snape hinauszuzögern, und winkte sie in die Ecke der Halle, wo die riesigen Stundengläser standen. Das Stundenglas der Gryffindors war jetzt fast leer. »Alles in Ordnung mit dir? Umbridge hat dich nicht wegen der DA ausgefragt, oder?«
»Oh, nein«, sagte Cho eilig. »Nein, es ist nur … nun, ich wollte eigentlich nur sagen … Harry, ich hätte nicht im Traum daran gedacht, dass Marietta petzen würde …«
»Tja, nun«, sagte Harry übellaunig. Er fand allerdings, Cho hätte ihre Freundinnen ein wenig sorgfältiger auswählen können. Es war ein schwacher Trost, dass Marietta, nach dem, was er zuletzt gehört hatte, immer noch im Krankenflügel war und Madam Pomfrey es nicht geschafft hatte, ihren Pickelbefall auch nur ein wenig zu lindern.
»Im Grunde ist sie sehr nett«, sagte Cho. »Sie hat nur einen Fehler gemacht –«
Harry sah sie ungläubig an.
»Ein netter Mensch, der einen Fehler gemacht hat? Sie hat uns alle verraten, mitsamt dir!«
»Nun … wir sind doch davongekommen, oder?«, sagte Cho flehend. »Weißt du, ihre Mum arbeitet im Ministerium, es ist wirklich schwierig für sie –«
»Rons Dad arbeitet auch im Ministerium!«, sagte Harry wütend. »Und falls es dir noch nicht aufgefallen ist, auf seinem Gesicht steht nicht Petzer geschrieben –«
»Das war ein echt fürchterlicher Trick von Hermine Granger«, sagte Cho erbittert. »Sie hätte uns sagen sollen, dass sie diese Liste verhext hat –«
»Ich finde, es war eine klasse Idee«, sagte Harry kalt. Cho errötete und ihre Augen wurden heller.
»O ja, hab ich ganz vergessen – natürlich, wenn es die Idee von deiner lieben Hermine –«
»Fang jetzt nicht wieder an zu heulen«, sagte Harry warnend.
»Das hatte ich nicht vor!«, rief sie.
»Ja … nun … gut«, sagte er. »Ich hab im Moment genug Scherereien am Hals.«
»Dann geh und schlag dich damit rum!«, sagte Cho wütend, machte auf dem Absatz kehrt und stolzierte davon.
Rauchend vor Zorn stieg Harry die Treppe zu Snapes Kerker hinunter, und obwohl er aus Erfahrung wusste, wie viel leichter es Snape fallen würde, in seinen Geist einzudringen, wenn er zornig und grollend ankam, konnte er, bevor er die Kerkertür erreichte, an nichts anderes denken als an ein paar weitere Dinge über Marietta, die er Cho eigentlich hätte sagen sollen.
»Sie kommen zu spät, Potter«, sagte Snape kalt, als Harry die Tür hinter sich schloss.
Snape stand mit dem Rücken zu Harry und war dabei, wie üblich einen Teil seiner Gedanken zu entfernen und sie sorgfältig in Dumbledores Denkarium abzulegen. Er ließ die letzte silbrige Strähne in das steinerne Becken fallen, ehe er sich zu Harry umwandte.
»Nun«, sagte er. »Haben Sie geübt?«
»Ja«, schwindelte Harry und besah sich gründlich eines der Beine von Snapes Schreibtisch.
»Schön, das werden wir gleich feststellen, nicht wahr?«, erwiderte Snape glatt. »Zauberstab raus, Potter.«
Harry stellte sich in seine übliche Position gegenüber von Snape, den Schreibtisch zwischen ihnen. Der Zorn auf Cho und die Angst, wie viel Snape womöglich aus seinem Kopf herausfiltern würde, ließen sein Herz schnell pochen.
»Nun, ich zähle bis drei«, sagte Snape gelangweilt. »Eins – zwei –«
Die Bürotür schlug auf und Draco Malfoy stürmte herein. »Professor Snape, Sir – oh – Verzeihung –« Malfoy blickte Snape und Harry einigermaßen überrascht an.
»Schon gut, Draco«, sagte Snape und ließ seinen Zauberstab sinken. »Potter ist hier, um ein wenig Nachhilfe in Zaubertränke zu nehmen.«
Seit Umbridge zur Inspektion in Hagrids Unterricht aufgetaucht war, hatte Harry Malfoy nicht mehr so schadenfroh grinsen sehen.
»Das wusste ich nicht«, sagte er und schielte Harry boshaft an, der spürte, dass sein Gesicht rot glühte. Er hätte viel dafür gegeben, Malfoy die Wahrheit entgegenschleudern zu können – besser noch, wenn er ihm einen saftigen Fluch auf den Hals jagen könnte.
»Nun, Draco, was gibt es?«, fragte Snape.
»Es geht um Professor Umbridge, Sir – sie braucht Ihre Hilfe«, sagte Malfoy. »Man hat Montague gefunden, Sir, er war in eine Toilette im vierten Stock eingezwängt.«
»Wie ist er da reingekommen?«, fragte Snape.
»Ich weiß nicht, Sir, er ist ein bisschen durcheinander.«
»Schön und gut, Potter, schön und gut«, sagte Snape, »wir werden die Lektion morgen Abend fortsetzen.«
Er wandte sich um und rauschte aus seinem Büro. Hinter seinem Rücken formte Malfoys Mund zu Harry gewandt ein stummes »Zaubertranknachhilfe?«, dann folgte Malfoy Snape.
Es brodelte in Harry, als er seinen Zauberstab in den Umhang zurücksteckte und sich ebenfalls zum Gehen wandte. Wenigstens hatte er jetzt noch weitere vierundzwanzig Stunden Zeit zu üben. Eigentlich, das wusste er, sollte er froh sein, dass er so knapp entronnen war, aber der Preis dafür war bitter: Malfoy würde in der ganzen Schule herumerzählen, dass er Zaubertranknachhilfe brauchte.
Harry war an der Tür, als er ihn sah: einen zitternden Lichtfleck, der über den Türrahmen tänzelte. Er blieb stehen und betrachtete ihn, denn er rührte an etwas in seinem Gedächtnis … dann fiel es ihm ein: Er ähnelte ein wenig den Lichtflecken, die er gestern Nacht im Traum gesehen hatte, den Lichtflecken im zweiten Raum, den er auf seiner Wanderung durch die Mysteriumsabteilung durchquert hatte.
Er wandte sich um. Das Licht kam aus dem Denkarium auf Snapes Schreibtisch. Sein silbrig weißer Inhalt wogte und wirbelte umher. Snapes Gedanken … Dinge, von denen er nicht wollte, dass Harry sie sah, wenn er zufällig Snapes Abwehr durchbrechen sollte …
Harry betrachtete das Denkarium und Neugier kam in ihm auf … was war es, das Snape so entschlossen vor ihm verbergen wollte?
Die silbrigen Lichter zitterten an der Wand … Harry machte zwei Schritte auf den Schreibtisch zu und dachte scharf nach. Waren es vielleicht Informationen über die Mysteriumsabteilung, die Snape ihm unbedingt vorenthalten wollte?
Harry blickte über die Schulter und sein Herz pochte jetzt heftiger und schneller. Wie lange würde Snape brauchen, um Montague aus dem Klo zu befreien? Würde er danach sofort wieder in sein Büro kommen oder Montague in den Krankenflügel begleiten? Sicher das Letztere … Montague war der Kapitän der Quidditch-Mannschaft von Slytherin, und Snape würde sich vergewissern wollen, dass es ihm gut ging.
Harry ging die letzten paar Schritte auf das Denkarium zu, stellte sich davor und spähte hinunter in seine Tiefen. Er zögerte, lauschte, dann zückte er wieder den Zauberstab. Im Büro und im Korridor draußen herrschte vollkommene Stille. Er gab dem Inhalt des Denkariums mit der Spitze des Zauberstabs einen sachten Stups.
Das silbrige Etwas begann sehr schnell zu wirbeln. Harry beugte sich darüber und sah, dass es durchsichtig geworden war. Wie schon einmal blickte er hinab in einen Raum, als sähe er durch ein rundes Fenster in der Decke … tatsächlich, wenn er sich nicht sehr irrte, sah er hinunter in die Große Halle.
Sein Atem beschlug wahrhaftig die Oberfläche von Snapes Gedanken … sein Geist verharrte unschlüssig … zu tun, wonach es ihn so heftig verlangte, wäre verrückt … er zitterte … Snape konnte jeden Moment wieder auftauchen … aber Harry dachte auch an Chos Zorn, an Malfoys höhnisches Gesicht, und eine leichtsinnige Kühnheit ergriff von ihm Besitz.
Er holte noch einmal kräftig Luft und tauchte sein Gesicht in die Oberfläche von Snapes Gedanken. Augenblicklich wellte sich der Fußboden des Büros auf und kippte ihn kopfüber in das Denkarium …
Er stürzte durch kalte Schwärze und drehte sich im Fallen rasend schnell um sich selbst, bis dann –
Er stand mitten in der Großen Halle, aber die vier Haustische waren verschwunden. Stattdessen waren mehr als hundert kleinere Tische aufgestellt, alle gleich ausgerichtet, und an jedem saß ein Schüler mit tief geneigtem Kopf und schrieb auf eine Pergamentrolle. Einzig das Kratzen der Federn war zu hören und ein gelegentliches Rascheln, wenn jemand sein Pergament zurechtrückte. Offensichtlich war gerade Examen.
Sonnenlicht flutete durch die hohen Fenster auf die gebeugten Köpfe, die kastanienbraun und kupferrot und golden in dem hellen Licht schimmerten. Harry blickte sich behutsam um. Snape musste hier irgendwo sein … dies war seine Erinnerung …
Und da, an einem Tisch direkt hinter Harry, saß er. Harry starrte ihn an. Snape der Teenager machte einen kümmerlichen, blassen Eindruck, wie eine Pflanze, die im Dunkeln gehalten wurde. Sein Haar war strähnig und fettig und streifte über den Tisch, seine Hakennase war gerade mal einen Zentimeter von dem Pergament entfernt, das er bekritzelte. Harry stellte sich hinter Snape und las die Überschrift des Blatts mit den Prüfungsfragen: VERTEIDIGUNG GEGEN DIE DUNKLEN KÜNSTE – ZAUBERERGRAD-PRÜFUNGEN. Also musste Snape fünfzehn oder sechzehn sein, etwa in Harrys Alter. Seine Hand flog über das Pergament; er hatte fast einen halben Meter mehr geschrieben als seine nächsten Nachbarn, und das bei seiner winzigen und engen Handschrift.
»Noch fünf Minuten!«
Die Stimme ließ Harry zusammenzucken. Er wandte sich um und sah nicht weit entfernt Professor Flitwicks Kopf, der sich zwischen den Tischen bewegte. Professor Flitwick ging an einem Jungen mit zerstrubbeltem schwarzem Haar vorbei – mit sehr zerstrubbeltem schwarzem Haar …
Harry bewegte sich so schnell, dass er einige Tische umgeworfen hätte, wenn er einen Körper gehabt hätte. Stattdessen schien er wie im Traum durch zwei Gänge und dann durch einen dritten zu gleiten. Der Rücken des schwarzhaarigen Jungen kam näher und … er richtete sich jetzt auf, legte seine Feder weg, zog seine Pergamentrolle zu sich heran, wie um noch einmal durchzulesen, was er geschrieben hatte … Harry blieb vor dem Tisch stehen und starrte hinunter auf seinen fünfzehn Jahre alten Vater.
In seiner Magengrube brannte es vor Aufregung: Es war, als ob er sich selbst ansehen würde, jedoch mit einigen offensichtlichen Abweichungen. James’ Augen waren haselnussbraun, seine Nase war etwas länger als Harrys, und er hatte keine Narbe auf der Stirn, doch sie hatten das gleiche schmale Gesicht, den gleichen Mund, die gleichen Augenbrauen. James standen die Nackenhaare vom Kopf ab, genau wie bei Harry, seine Hände hätten die Harrys sein können, und wenn James aufstehen würde, das war Harry klar, wären sie ungefähr gleich groß.
James gähnte ausgiebig, fuhr sich durchs Haar und machte es noch unordentlicher, als es ohnehin schon gewesen war. Dann, mit einem Blick auf Professor Flitwick, drehte er sich auf seinem Stuhl um und grinste einem Jungen zu, der vier Tische hinter ihm saß.
Harry schreckte noch einmal vor Aufregung zusammen, als er sah, wie Sirius zu James gewandt die Daumen reckte. Sirius hing ganz lässig auf seinem Stuhl, den er nach hinten auf zwei Beine gekippt hatte. Er sah sehr gut aus; sein dunkles Haar fiel ihm mit einer Art beiläufiger Eleganz in die Augen, was weder James noch Harry hätte nachmachen können, und ein Mädchen, das hinter ihm saß, warf ihm hoffnungsvolle Blicke zu, die er allerdings nicht bemerkt zu haben schien. Und zwei Plätze von diesem Mädchen entfernt – Harrys Magen zog sich freudig zusammen – saß Remus Lupin. Er wirkte recht bleich und kränklich (war bald Vollmond?) und steckte noch tief in seiner Prüfungsarbeit: Gerade las er die Antworten erneut durch, kratzte sich mit dem Ende seiner Feder am Kinn und runzelte leicht die Stirn.
Das hieß also, dass Wurmschwanz auch irgendwo hier sein musste … und tatsächlich, Harry erkannte ihn binnen Sekunden: ein kleiner Junge mit mausgrauem Haar und spitzer Nase. Wurmschwanz wirkte bedrückt; er kaute an seinen Fingernägeln, starrte auf sein Papier und scharrte mit der Fußspitze über den Boden. Hin und wieder lugte er begierig auf das Papier seines Nachbarn. Harrys Blick blieb für einen Moment an Wurmschwanz haften, dann wandte er sich wieder James zu, der inzwischen auf einem Fetzen Schmierpergament herumkritzelte. Er hatte einen Schnatz gezeichnet und malte nun die Buchstaben »L. E.«. Wofür standen sie?
»Federn weglegen, bitte!«, quiekte Professor Flitwick. »Das gilt auch für Sie, Stebbins! Bitte bleiben Sie sitzen, während ich Ihre Pergamente einsammle! Accio!«
Über hundert Pergamentrollen flogen hoch in Professor Flitwicks ausgebreitete Arme und rissen ihn rücklings zu Boden. Einige lachten. Zwei Schüler an den vorderen Tischen standen auf, griffen Professor Flitwick unter die Ellbogen und hoben ihn wieder auf die Füße.
»Vielen Dank … vielen Dank«, keuchte Professor Flitwick. »Nun gut, Sie dürfen jetzt alle gehen!«
Harry blickte hinab auf seinen Vater, der hastig das »L. E.« durchstrich, das er verziert hatte, aufsprang, seine Feder und den Bogen mit den Prüfungsfragen in die Tasche steckte, sie über die Schulter schwang und auf Sirius wartete.
Harry wandte sich um und erspähte nicht weit entfernt Snape, der, noch immer versunken in das Blatt mit den Prüfungsfragen, durch die Tischreihen auf die Tür zur Eingangshalle zuging. Trotz seiner hängenden Schultern wirkte er steif, und sein ruckartiger Gang, der ihm das fettige Haar ins Gesicht fallen ließ, erinnerte an eine Spinne.
Eine Schar schwatzender Mädchen trennte Snape von James und den anderen, und indem Harry sich unter die Mädchen mischte, gelang es ihm, Snape im Blick zu behalten und mit gespitzten Ohren die Stimmen von James und seinen Freunden zu erlauschen.
»Hat dir Frage zehn gefallen, Moony?«, fragte Sirius, als sie in die Eingangshalle traten.
»Erste Sahne«, sagte Lupin vergnügt. »Nennen Sie fünf typische Merkmale eines Werwolfs. Klasse Frage.«
»Meinst du, du hast alle Merkmale zusammengekriegt?«, fragte James in spöttisch besorgtem Ton.
»Ich denke schon«, sagte Lupin ernst, während sie sich zu der dichten Schar um das Schlossportal gesellten, die begierig hinausdrängte auf das sonnenbeschienene Gelände. »Erstens: Er sitzt auf meinem Stuhl. Zweitens: Er trägt meine Klamotten. Drittens: Sein Name ist Remus Lupin.«
Wurmschwanz war der Einzige, der nicht lachte.
»Ich hab die Schnauzenform, die Pupillen und die buschige Rute«, sagte er beklommen, »aber sonst ist mir nichts eingefallen –«
»Wie kann man nur so doof sein, Wurmschwanz!«, sagte James ungeduldig. »Da rennst du einmal im Monat mit einem Werwolf rum –«
»Schrei doch nicht so«, beschwor ihn Lupin.
Harry blickte sich erneut besorgt um. Snape war noch ganz in der Nähe, noch immer in seine Prüfungsfragen vertieft – aber dies war Snapes Erinnerung, und sollte Snape draußen auf dem Gelände in eine andere Richtung davonschlendern, dessen war sich Harry sicher, würde er James nicht mehr folgen können. Als James und seine drei Freunde jedoch den Weg über den Rasen hinunter zum See einschlugen, folgte ihnen Snape zu Harrys großer Erleichterung, immer noch mit seinem Prüfungsbogen beschäftigt und offenbar ziemlich ahnungslos, wo er eigentlich hinging. Harry hielt sich ein wenig vor ihm, und es gelang ihm, James und die anderen im Auge zu behalten.
»Also, ich fand, diese Fragen waren im Grunde ein Witz«, hörte er Sirius sagen. »Würd mich überraschen, wenn ich nicht mindestens ein ›Ohnegleichen‹ dafür kriege.«
»Mich auch«, sagte James. Er steckte die Hand in die Tasche und zog einen sich sträubenden Schnatz hervor.
»Wo hast du den her?«
»Geklaut«, sagte James lässig. Er fing an, mit dem Schnatz zu spielen, und ließ ihn auf Armlänge wegflattern, bevor er ihn wieder packte; er hatte glänzende Reflexe. Wurmschwanz sah ihm ehrfürchtig zu.
Sie blieben im Schatten neben der Buche am Seeufer stehen, wo Harry, Ron und Hermine einst einen Sonntag über ihren restlichen Hausaufgaben verbracht hatten, und ließen sich ins Gras sinken. Harry blickte wieder über die Schulter und sah erfreut, dass Snape sich im tiefen Schatten einer Gruppe von Büschen im Gras niedergelassen hatte. Noch immer war er in sein ZAG-Papier vertieft, und so nutzte Harry die Gelegenheit, setzte sich zwischen der Buche und den Büschen ins Gras und beobachtete die vier Freunde unter dem Baum. Das Sonnenlicht glitzerte auf der glatten Oberfläche des Sees, an dessen Ufer eine Gruppe lachender Mädchen saß, die eben aus der Großen Halle gekommen waren. Sie hatten die Schuhe und Socken ausgezogen und kühlten ihre Füße im Wasser.
Lupin hatte ein Buch hervorgeholt und las. Sirius ließ den Blick über die Schüler gleiten, die sich im Gras tummelten, und so überheblich und gelangweilt er auch schien, sah er doch sehr gut dabei aus. James spielte andauernd mit dem Schnatz, ließ ihn immer noch ein Stück weiter davonflattern und fast entkommen, dann packte er ihn jedoch im letzten Moment wieder. Wurmschwanz beobachtete ihn mit offenem Mund. Jedes Mal wenn James einen besonders schwierigen Fang machte, keuchte er und applaudierte. Nachdem Harry es fünf Minuten mit angesehen hatte, fragte er sich, warum James Wurmschwanz nicht aufforderte, sich zusammenzureißen, aber James schien die Aufmerksamkeit zu genießen. Harry fiel auf, dass sein Vater die Angewohnheit hatte, sein Haar zu zerstrubbeln, damit es nie allzu ordentlich aussah. Auch warf er andauernd Blicke hinüber zu den Mädchen am Wasser.
»Steck ihn doch endlich mal weg«, sagte Sirius schließlich, als James einen geschickten Fang gemacht und Wurmschwanz einen Jubelschrei ausgestoßen hatte. »Oder Wurmschwanz macht sich vor Aufregung noch nass.«
Wurmschwanz lief ein wenig rosa an, aber James grinste.
»Wenn’s dich stört«, sagte er und stopfte den Schnatz wieder in die Tasche. Harry hatte das sichere Gefühl, dass Sirius der Einzige war, für den James mit der Angeberei aufhören würde.
»Mir ist langweilig«, sagte Sirius. »Ich wünschte, es wäre Vollmond.«
»Du vielleicht«, sagte Lupin düster hinter seinem Buch. »Wir haben heute noch Verwandlung, und wenn dir langweilig ist, kannst du mich ja abfragen. Hier …«, und er hielt ihm sein Buch hin.
Aber Sirius schnaubte. »Ich muss mir diesen Kram nicht ansehen, ich kann das alles.«
»Das wird dich aufmuntern, Tatze«, sagte James verhalten. »Schau mal, wer da ist …«
Sirius wandte den Kopf. Er wurde sehr ruhig, wie ein Hund, der einen Hasen gewittert hat.
»Bestens«, sagte er leise. »Schniefelus.«
Harry wandte den Kopf, um zu sehen, wen Sirius anblickte.
Snape war inzwischen aufgestanden und verstaute jetzt das ZAG-Papier in seiner Tasche. Als er aus dem Schatten der Büsche trat und über das Gras davongehen wollte, standen Sirius und James auf.
Lupin und Wurmschwanz blieben sitzen: Lupin starrte weiter auf sein Buch, doch seine Augen bewegten sich nicht und eine kleine Falte hatte sich zwischen seinen Augenbrauen gebildet. Wurmschwanz ließ mit einem Ausdruck begieriger Erwartung den Blick von Sirius über James zu Snape wandern.
»Alles klar, Schniefelus?«, sagte James laut.
Snape reagierte so schnell, als hätte er einen Angriff erwartet. Er ließ seine Tasche fallen, fuhr mit der Hand in seinen Umhang und hatte den Zauberstab schon halb in der Luft, als James rief: »Expelliarmus!«
Snapes Zauberstab flog dreieinhalb Meter hoch und fiel mit einem leisen dumpfen Aufschlag hinter ihm ins Gras. Sirius lachte bellend.
»Impedimenta!«, sagte er und zielte mit dem Zauberstab auf Snape, der gerade zu einem Hechtsprung nach seinem am Boden liegenden Zauberstab angesetzt hatte und nun von den Füßen gerissen wurde.
Ringsumher hatten sich Schüler umgewandt und schauten zu. Manche waren aufgestanden und rückten langsam näher. Einige sahen argwöhnisch, andere belustigt aus.
Snape lag keuchend am Boden. James und Sirius kamen mit erhobenen Zauberstäben auf ihn zu; James blickte im Gehen über die Schulter zurück zu den Mädchen am Ufer. Wurmschwanz hatte sich erhoben und schaute gierig zu; er schlich um Lupin herum, damit er besser sehen konnte.
»Wie ist die Prüfung gelaufen, Schniefelus?«, sagte James.
»Ich hab ihn beobachtet, der war mit der Nase auf dem Pergament«, feixte Sirius. »Werden richtige Fettflecken drauf sein, man wird kein Wort lesen können.«
Einige Zuschauer lachten. Offenbar war Snape unbeliebt.
Wurmschwanz wieherte schrill. Snape versuchte aufzustehen, doch noch immer lag der Zauber auf ihm; es schien ganz so, als würde er mit unsichtbaren Fesseln kämpfen.
»Ihr – wartet nur«, keuchte er und starrte mit unverhohlenem Hass im Gesicht zu James hoch, »wartet nur!«
»Worauf denn?«, sagte Sirius kühl. »Was willst du machen, Schniefelus, deine Nase an uns abwischen?«
Snape stieß eine Flut von Schimpfwörtern und Verwünschungen aus, doch da sein Zauberstab drei Meter entfernt lag, geschah nichts.
»Wasch dir den Mund«, sagte James kalt. »Ratzeputz!«
Sofort quollen rosa Seifenblasen aus Snapes Mund. Der Schaum bedeckte seine Lippen, stopfte ihm die Kehle, würgte ihn –
»Lasst ihn IN RUHE!«
James und Sirius drehten sich um. James’ freie Hand schnellte augenblicklich zu seinem Haar.
Es war eines der Mädchen vom Seeufer. Sie hatte dichtes dunkelrotes Haar, das ihr auf die Schulter fiel, und verblüffend grüne, mandelförmige Augen – Harrys Augen.
Harrys Mutter.
»Alles klar, Evans?«, sagte James und seine Stimme klang plötzlich freundlich, tiefer, reifer.
»Lasst ihn in Ruhe«, wiederholte Lily. Sie blickte James mit allen Anzeichen tiefer Abneigung an. »Was hat er euch getan?«
»Nun«, sagte James und schien darüber nachzudenken, »es ist eher die Tatsache, dass er existiert, wenn du verstehst, was ich meine …«
Viele der umstehenden Schüler lachten, auch Sirius und Wurmschwanz, doch Lupin, scheinbar immer noch in sein Buch vertieft, lachte nicht, ebenso wenig wie Lily.
»Du glaubst, du wärst lustig«, sagte sie kalt. »Aber du bist nichts weiter als ein arroganter, lumpiger Quälgeist, Potter. Lass ihn in Ruhe.«
»Wenn du mit mir ausgehst, Evans«, sagte James rasch. »Komm schon … geh mit mir aus und ich richte nie wieder den Stab auf den ollen Schniefelus.«
Hinter ihm verlor der Lähmzauber an Kraft. Snape fing an hinüber zu seinem im Gras liegenden Zauberstab zu kriechen und spuckte dabei Seifenlauge.
»Mit dir würd ich nicht ausgehen, selbst wenn ich nur die Wahl hätte zwischen dir und dem Riesenkraken«, erwiderte Lily.
»Na so ein Pech, Krone«, sagte Sirius belustigt und wandte sich wieder Snape zu. »Oh!«
Doch zu spät; Snape hatte seinen Zauberstab direkt auf James gerichtet, es gab einen Lichtblitz, und über eine Seite von James’ Gesicht zog sich eine klaffende Wunde, aus der Blut auf seinen Umhang spritzte. James wirbelte herum: Einen Lichtblitz später hing Snape kopfüber in der Luft, der Umhang war ihm über den Kopf gerutscht und man konnte magere, bleiche Beine und eine angegraute Unterhose sehen.
Viele in der kleinen Schar der Umstehenden johlten. Sirius, James und Wurmschwanz brüllten vor Lachen.
Lily, in deren wütender Miene es einen kurzen Moment gezuckt hatte, als wollte sie lächeln, sagte: »Lass ihn runter!«
»Klar doch«, sagte James und ließ seinen Zauberstab hochschnellen. Snape stürzte und sackte auf dem Boden zu einem zerknitterten Häuflein zusammen. Er befreite sich aus dem verhedderten Umhang und rappelte sich schnell hoch, den Zauberstab erhoben, doch Sirius sagte: »Petrificus Totalus!«, und Snape kippte erneut vornüber, steif wie ein Brett.
»LASST IHN IN RUHE!«, schrie Lily. Sie hatte nun ihren eigenen Zauberstab gezückt. James und Sirius beäugten ihn argwöhnisch.
»Ah, Evans, zwing mich nicht, dich zu verhexen«, sagte James ernst.
»Dann nimm den Fluch von ihm weg!«
James seufzte schwer, wandte sich Snape zu und murmelte den Gegenfluch.
»Na bitte«, sagte er, als Snape aufstand. »Du hast Glück, dass Evans hier ist, Schniefelus –«
»Ich brauch keine Hilfe von dreckigen kleinen Schlammblüterinnen wie der!«
Lily blinzelte.
»Schön«, sagte sie kühl. »In Zukunft ist es mir egal. Und an deiner Stelle, Schniefelus, würde ich mir mal die Unterhose waschen.«
»Entschuldige dich bei Evans«, brüllte James und richtete den Zauberstab drohend auf Snape.
»Ich will nicht, dass du ihn zwingst sich zu entschuldigen«, rief Lily und wandte sich zu James um. »Du bist genauso schlimm wie er.«
»Was?«, japste James. »Ich würde dich NIE eine – Du-weißt-schon-was nennen!«
»Zerwuschelst dein Haar, weil du glaubst, es wirkt cool, wenn es aussieht, als ob du gerade vom Besen gestiegen wärst, gibst mit diesem blöden Schnatz an, gehst durch die Korridore und verhext jeden, der dich nervt, nur weil du’s eben kannst – mich wundert’s, dass dein Besen mit so einem Hornochsen wie dir drauf überhaupt abheben kann. Du machst mich KRANK.«
Sie wirbelte auf dem Absatz herum und eilte davon.
»Evans!«, rief ihr James nach. »Hey, EVANS!«
Aber sie drehte sich nicht um.
»Was ist los mit ihr?«, sagte James und versuchte vergeblich ein Gesicht aufzusetzen, als ob dies eine beiläufige Frage wäre, die ihn eigentlich nicht interessierte.
»Wenn ich so zwischen den Zeilen lese, Mann, würd ich sagen, sie hält dich für ein bisschen eingebildet«, sagte Sirius.
»Na schön«, sagte James und sah jetzt wütend aus, »schön –«
Wieder gab es einen Lichtblitz und Snape hing abermals kopfüber in der Luft.
»Wer will sehen, wie ich Schniefelus die Unterhose ausziehe?«
Doch Harry erfuhr nie, ob James Snape wirklich die Unterhose auszog. Eine Hand hatte sich um seinen Oberarm gelegt und sich fest wie eine Zange darum geschlossen. Harry zuckte zusammen, wandte den Kopf, um zu sehen, wer ihn gepackt hatte, und erblickte entsetzt einen ausgewachsenen Snape von Mannesgröße, der direkt neben ihm stand, das Gesicht weiß vor Zorn.
»Macht’s Spaß?«
Harry spürte, wie er in die Luft stieg; um ihn her löste sich der Sommertag in Dunst auf; er trieb empor durch eisige Schwärze, Snapes Hand immer noch fest um seinen Oberarm geklammert. Dann, mit einem plötzlich flauen Gefühl, als ob er sich in der Luft kopfüber um sich selbst gedreht hätte, fiel er mit den Füßen auf den steinernen Boden von Snapes Kerker, und er stand wieder neben dem Denkarium auf Snapes Schreibtisch in dem düsteren Büro seines gegenwärtigen Zaubertranklehrers.
»Nun«, sagte Snape und packte Harrys Arm so fest, dass Harrys Hand allmählich taub wurde. »Nun … gut amüsiert, Potter?«
»N-nein«, sagte Harry und versuchte seinen Arm zu befreien. Es war beängstigend: Snapes Lippen bebten, sein Gesicht war weiß, seine Zähne gebleckt.
»Witziger Kerl, Ihr Vater, nicht wahr?«, sagte Snape und schüttelte Harry so heftig, dass ihm die Brille die Nase hinunterrutschte.
»Ich – hab nicht –«
Snape stieß Harry mit aller Kraft von sich. Er fiel hart auf den Kerkerboden.
»Sie werden niemandem erzählen, was Sie gesehen haben!«, bellte Snape.
»Nein«, sagte Harry und erhob sich so weit entfernt von Snape, wie es nur ging. »Nein, natürlich n–«
»Raus hier, raus, ich möchte Sie nie mehr in diesem Büro sehen!«
Und während Harry zur Tür stürzte, zerbarst ein Glas mit toten Schaben über seinem Kopf. Er riss die Tür auf, floh den Korridor entlang und blieb erst stehen, als er drei Stockwerke zwischen sich und Snape gebracht hatte. Dann lehnte er sich keuchend an die Wand und rieb seinen blutunterlaufenen Arm.
Er hatte nicht die geringste Lust, so früh in den Gryffindor-Turm zurückzukehren, und ihm war auch nicht danach, Ron und Hermine zu erzählen, was er gerade gesehen hatte. Was Harry so entsetzte und unglücklich machte, war nicht, dass man ihn angeschrien oder ihm Glasbehälter nachgeworfen hatte. Der Grund war, dass er wusste, wie es war, inmitten eines Kreises von Zuschauern gedemütigt zu werden, dass er genau wusste, wie Snape sich gefühlt hatte, als sein Vater ihn verhöhnt hatte, und dass, nach dem zu schließen, was er gerade gesehen hatte, sein Vater genau so arrogant gewesen war, wie Snape ihm immer gesagt hatte.
Berufsberatung
»Aber warum hast du keinen Okklumentikunterricht mehr?«, fragte Hermine stirnrunzelnd.
»Hab ich dir doch gesagt«, murmelte Harry. »Snape meint, jetzt, wo ich die Grundlagen habe, könne ich alleine weitermachen.«
»Also hast du inzwischen keine merkwürdigen Träume mehr?«, entgegnete Hermine skeptisch.
»Kaum noch«, sagte Harry, ohne sie anzusehen.
»Nun, ich glaub jedenfalls nicht, dass Snape aufhören sollte, ehe du vollkommen sicher bist, dass du diese Träume beherrschen kannst!«, sagte Hermine entrüstet. »Harry, ich denke, du solltest noch mal zu ihm hingehen und ihn fragen –«
»Nein«, sagte Harry entschieden. »Hör jetzt auf damit, Hermine, okay?«
Es war der erste Tag der Osterferien, und wie es ihre Gewohnheit war, hatte Hermine ihn größtenteils damit verbracht, für alle drei Stundenpläne für ihre Stoffwiederholungen zu entwerfen. Harry und Ron hatten sie machen lassen; das war einfacher, als mit ihr zu streiten, und die Stundenpläne waren vielleicht auch ganz nützlich.
Ron hatte zu seiner Verblüffung bemerkt, dass es nur noch sechs Wochen bis zu den Prüfungen waren.
»Wie kann man sich von so was überraschen lassen?«, fragte Hermine, während sie alle kleinen Felder auf Rons Stundenplan mit ihrem Zauberstab anstupste und jedes Fach in einer anderen Farbe aufleuchten ließ.
»Keine Ahnung«, sagte Ron. »War so viel los in letzter Zeit.«
»Also, hier ist deiner«, sagte sie und reichte ihm seinen Arbeitsplan, »wenn du dich an den hältst, kommst du bestimmt gut durch.«
Ron betrachtete ihn mit finsterer Miene, doch dann strahlte er.
»Du hast mir jede Woche einen Abend freigegeben!«
»Der ist fürs Quidditch-Training«, sagte Hermine.
Das Lächeln auf Rons Gesicht verblasste.
»Was soll das denn?«, sagte er. »Dieses Jahr haben wir ungefähr so ’ne große Chance, die Quidditch-Meisterschaft zu gewinnen, wie Dad, Zaubereiminister zu werden.«
Hermine schwieg. Sie sah zu Harry, der mit leerem Blick die gegenüberliegende Wand des Gemeinschaftsraums anstarrte, während Krummbein mit der Pfote seine Hand berührte, weil er an den Ohren gekrault werden wollte.
»Was ist los mit dir, Harry?«
»Was?«, sagte er rasch. »Nichts.«
Er packte seine Theorie magischer Verteidigung aus und tat, als würde er etwas im Stichwortverzeichnis nachsehen. Krummbein gab sein Gebettel bei ihm auf und verzog sich unter Hermines Sessel.
»Ich hab vorhin Cho getroffen«, sagte Hermine behutsam. »Sie sah auch ganz unglücklich aus … habt ihr zwei euch wieder gestritten?«
»Wa– o ja, haben wir«, sagte Harry und nahm die Ausrede dankbar an.
»Worüber?«
»Ihre Freundin Marietta, diese Petze«, sagte Harry.
»Ja, das kannst du laut sagen!«, warf Ron erzürnt ein und legte seinen Arbeitsplan beiseite. »Wenn die nicht gewesen wär …«
Ron steigerte sich in eine Beschimpfung von Marietta Edgecombe hinein und das war Harry nur recht. Er musste nichts weiter tun, als wütend zu blicken und zu nicken, und immer, wenn Ron Luft holte, »ja« und »richtig« zu sagen. So hatte er den Kopf frei, um immer trübsinniger darüber nachzugrübeln, was er im Denkarium gesehen hatte.
Er hatte das Gefühl, als würde die Erinnerung daran ihn von innen her auffressen. Er war sich so sicher gewesen, dass seine Eltern wunderbare Menschen gewesen waren, dass er nie die geringsten Schwierigkeiten gehabt hatte, die Schmähungen ungläubig beiseitezuwischen, mit denen Snape den Charakter seines Vaters bedacht hatte. Hatten nicht Leute wie Hagrid und Sirius ihm gesagt, wie wunderbar sein Vater gewesen war? (Gut, jetzt weißt du, wie Sirius selber mal war, ertönte eine bohrende Stimme in Harrys Kopf … der war genauso übel, oder nicht?) Ja, einmal hatte er gehört, wie Professor McGonagall bemerkt hatte, sein Vater und Sirius seien in der Schule Unruhestifter gewesen, doch sie hatte die beiden als Vorläufer der Weasley-Zwillinge bezeichnet, und Harry konnte sich nicht vorstellen, dass Fred und George jemanden nur zum Spaß kopfüber in die Luft hängen würden … nur wenn sie jemanden wirklich hassten … vielleicht Malfoy oder jemanden, der es tatsächlich verdiente …
Harry mühte sich, Gründe zu finden, warum Snape verdient hatte, was er von James’ Hand erlitt. Aber hatte Lily nicht gefragt: »Was hat er euch getan?«? Und hatte James nicht geantwortet: »Es ist eher die Tatsache, dass er existiert, wenn du verstehst, was ich meine«? Hatte James mit alldem nicht schlichtweg deshalb angefangen, weil Sirius gesagt hatte, ihm sei langweilig? Harry erinnerte sich, dass Lupin am Grimmauldplatz gesagt hatte, Dumbledore hätte ihn zum Vertrauensschüler gemacht in der Hoffnung, er könne James und Sirius ein wenig bändigen … aber im Denkarium hatte er nur dagesessen und alles geschehen lassen …
Harry dachte immer wieder daran, dass Lily eingegriffen hatte. Seine Mutter war anständig gewesen. Doch die Erinnerung an den Ausdruck in ihrem Gesicht, als sie James angeschrien hatte, beunruhigte ihn nicht weniger als alles andere. Offensichtlich hatte sie James verabscheut, und Harry konnte einfach nicht begreifen, wie sie schließlich hatten heiraten können. Das ein oder andere Mal fragte er sich sogar, ob James sie dazu gezwungen hatte …
Fast fünf Jahre lang war der Gedanke an seinen Vater eine Quelle des Trosts und der Inspiration gewesen. Wann immer jemand ihm gesagt hatte, dass er wie James sei, hatte er innerlich vor Stolz geglüht. Und jetzt … jetzt war ihm kalt und elend zumute beim Gedanken an ihn.
Während der Osterferien wurde es draußen windiger, freundlicher und wärmer, aber Harry und all die anderen Fünft- und Siebtklässler saßen drinnen fest, wiederholten den Stoff und schlenderten zur Bibliothek und wieder zurück. Harry tat so, als hätte seine schlechte Stimmung keinen anderen Grund als die näher rückenden Prüfungen, und da auch die anderen Gryffindors die Lernerei satthatten, ging seine Ausrede glatt durch.
»Harry, ich rede mit dir, hörst du mich?«
»Hä?«
Er wandte sich um. Ginny Weasley, die sehr windzerzaust aussah, hatte sich zu ihm an den Bibliothekstisch gesetzt, wo er bislang allein gewesen war. Es war spät am Sonntagabend. Hermine war in den Gryffindor-Turm zurückgekehrt, um Alte Runen zu wiederholen, und Ron hatte Quidditch-Training.
»Oh, hi«, sagte Harry und zog seine Bücher zu sich heran. »Weshalb bist du nicht beim Training?«
»Es ist vorbei«, sagte Ginny. »Ron musste Jack Sloper in den Krankenflügel bringen.«
»Warum?«
»Nun ja, wir sind uns nicht sicher, aber wir glauben, dass er sich mit seinem eigenen Schläger ausgeknockt hat.« Sie seufzte schwer. »Wie auch immer … gerade ist ein Paket angekommen, ging eben durch Umbridges neues Kontrollsystem.«
Sie hievte einen mit Packpapier umwickelten Karton auf den Tisch; offensichtlich war er ausgepackt und achtlos wieder eingeschlagen worden. Quer darüber war in roter Tinte gekritzelt: Inspiziert und nicht beanstandet durch die Großinquisitorin von Hogwarts.
»Es sind Ostereier von Mum«, sagte Ginny. »Da ist auch eins für dich dabei … hier bitte.«
Sie reichte ihm ein hübsches Schokoladenei, das mit kleinen Schnatzen aus Zuckerguss verziert war und der Verpackung zufolge einen Beutel zischende Zauberdrops enthielt. Harry warf einen kurzen Blick darauf und spürte dann zu seinem Schreck einen Kloß im Hals aufsteigen.
»Alles in Ordnung mit dir, Harry?«, fragte Ginny leise.
»Ja, mir geht’s gut«, sagte Harry schroff. Der Kloß in seinem Hals tat weh. Er begriff nicht, wieso er sich wegen eines Ostereis so merkwürdig fühlte.
»Du kommst mir in letzter Zeit ziemlich niedergeschlagen vor«, bohrte Ginny nach. »Weißt du, ich bin sicher, wenn du einfach mit Cho reden würdest …«
»Es ist nicht Cho, mit der ich reden will«, sagte Harry brüsk.
»Wer ist es dann?«, fragte Ginny.
»Ich …«
Er blickte sich um, ob auch ja niemand zuhörte. Madam Pince war ein paar Regale entfernt und stempelte einen Stapel Bücher für die völlig aufgelöst wirkende Hannah Abbott.
»Ich wünschte, ich könnte mit Sirius reden«, murmelte er. »Aber ich weiß, das geht nicht.«
Mehr, damit er etwas zu tun hatte, und nicht so sehr, weil er es wirklich wollte, wickelte Harry das Osterei aus, brach ein großes Stück davon ab und steckte es sich in den Mund.
»Also«, sagte Ginny langsam und nahm sich ebenfalls ein Stück von dem Ei, »wenn du wirklich mit Sirius reden willst, dann denk ich, könnten wir uns was einfallen lassen, wie das gehen könnte.«
»Nun hör mal«, sagte Harry hoffnungslos. »Wo Umbridge doch die Kamine überwacht und unsere ganze Post liest?«
»Einen Vorteil hat es eben, wenn du mit Fred und George zusammen aufwächst«, sagte Ginny nachdenklich, »nämlich dass du irgendwie anfängst zu glauben, dass alles möglich ist, wenn du nur genug Mut dazu hast.«
Harry sah sie an. Vielleicht war es die Wirkung der Schokolade – Lupin hatte ihm immer geraten, nach Begegnungen mit Dementoren ein wenig Schokolade zu essen – oder nur die Tatsache, dass er endlich den Wunsch laut ausgesprochen hatte, der seit einer Woche in ihm brannte, jedenfalls spürte er jetzt ein wenig mehr Hoffnung.
»WAS GLAUBT IHR EIGENTLICH, WAS IHR HIER TUT?«
»O verdammt«, wisperte Ginny und sprang hoch. »Hab ich vergessen –«
Madam Pince, das schrumplige Gesicht wutverzerrt, stürzte sich auf sie.
»Schokolade in der Bibliothek!«, schrie sie. »Raus – raus – RAUS!«
Und mit gezücktem Zauberstab sorgte sie dafür, dass Harrys Bücher, Tasche und Tintenfass ihn und Ginny aus der Bibliothek jagten und ihnen beim Laufen immer wieder saftig um die Ohren schlugen.
Wie um die Bedeutung ihrer kommenden Prüfungen zu unterstreichen, erschienen kurz vor Ende der Ferien stapelweise Broschüren, Merkblätter und Mitteilungen zu verschiedenen Zaubererberufen auf den Tischen im Gryffindor-Turm, dazu ein neuer Anschlag am schwarzen Brett, in dem es hieß:
BERUFSBERATUNG
Alle Fünftklässler sind verpflichtet, während der ersten Woche des Sommertrimesters an einer kurzen Unterredung mit ihrem jeweiligen Hauslehrer teilzunehmen, bei der ihr künftiger beruflicher Werdegang erörtert wird. Die einzelnen Termine sind unten aufgeführt.
Harry ließ den Blick die Liste hinabwandern und stellte fest, dass er am Montag um halb drei in Professor McGonagalls Büro erwartet wurde, was hieß, dass er die Wahrsagestunde größtenteils verpassen würde. Er und die anderen Fünftklässler verbrachten am letzten Wochenende der Osterferien beträchtliche Zeit damit, all die Berufsinformationen zu lesen, die ihnen zur Durchsicht überlassen worden waren.
»Also, ich kann mit Heilen nichts anfangen«, sagte Ron am letzten Abend der Ferien. Er war in ein Merkblatt vertieft, das vorn mit dem Wappen vom St. Mungo, Knochen und Zauberstab gekreuzt, versehen war. »Hier heißt es, man braucht mindestens ein ›E‹ auf UTZ-Niveau in Zaubertränke, Kräuterkunde, Verwandlung, Zauberkunst und Verteidigung gegen die dunklen Künste. Ich meine … zum Teufel … die verlangen nicht gerade viel, was?«
»Nun ja, es ist ein sehr verantwortungsvoller Beruf, oder?«, sagte Hermine geistesabwesend. Sie brütete über einem hellrosa und orange Merkblatt mit dem Titel »SIE WOLLEN ALSO AUF DEM GEBIET DER MUGGELBEZIEHUNGEN ARBEITEN?«. »Man braucht offenbar nicht viele Qualifikationen für die diplomatischen Beziehungen zu den Muggeln. Alles, was sie verlangen, ist ein ZAG in Muggelkunde: Viel wichtiger sind Begeisterung, Geduld und viel Sinn für Humor!«
»Du brauchst mehr als viel Sinn für Humor, wenn du mit meinem Onkel Kontakt knüpfen willst«, sagte Harry düster. »Eher viel Sinn dafür, wann du dich ducken musst.« Er hatte eine Broschüre über Zaubererbanking halb durch. »Hört euch das mal an: Interessieren Sie sich für eine Berufslaufbahn voller Herausforderungen, mit Reisen, Abenteuern und beachtlichen Gefahrenprämien in Form von Schatzanteilen? Dann könnte eine Position in der Gringotts-Zaubererbank für Sie das Richtige sein, die gegenwärtig Fluchbrecher für spannende Aufgaben im Ausland einstellt … Aber die wollen Arithmantik, das könntest du machen, Hermine!«
»Ich steh nicht so aufs Bankwesen«, nuschelte Hermine, die nun vertieft war in »HABEN SIE, WAS MAN BRAUCHT, UM SICHERHEITSTROLLE AUSZUBILDEN?«.
»Hey«, hörte Harry eine Stimme gleich neben sich. Er wandte sich um. Fred und George hatten sich dazugesetzt. »Ginny hat mit uns geredet, es ging um dich«, sagte Fred und streckte die Beine auf den Tisch vor ihnen, wodurch einige Faltblätter über Berufslaufbahnen im Zaubereiministerium zu Boden glitten. »Sie meint, du musst mit Sirius reden?«
»Was?«, sagte Hermine scharf und erstarrte, die Hand auf halbem Weg ausgestreckt zu »BLITZKARRIEREN IN DER ABTEILUNG FÜR MAGISCHE UNFÄLLE UND KATASTROPHEN«.
»Ja …«, sagte Harry bemüht lässig, »ja, ich dachte, wär ganz gut –«
»Mach dich nicht lächerlich«, sagte Hermine, richtete sich auf und sah ihn an, als könnte sie ihren Augen nicht trauen. »Wo Umbridge in den Kaminen rumstochert und alle Eulen filzt?«
»Nun, wir glauben, das Problem können wir umgehen«, sagte George, streckte sich und lächelte. »Es geht einfach darum, ein Ablenkungsmanöver zu starten. Du hast vielleicht festgestellt, dass es in den Osterferien von uns wenig Neues an der Chaosfront gegeben hat?«
»Welchen Zweck hätte es denn, haben wir uns gefragt, wenn wir die Leute in ihrer Freizeit stören?«, fuhr Fred fort. »Überhaupt keinen, haben wir uns gesagt. Und natürlich hätten wir den Leuten die Stoffwiederholungen vermasselt, und das wäre das Letzte gewesen, was wir wollten.«
Er nickte Hermine scheinheilig zu.
Angesichts seiner rücksichtsvollen Überlegungen wirkte sie einigermaßen verdutzt.
»Aber von morgen an heißt es Business as usual«, fuhr Fred munter fort. »Und wenn wir schon für ein wenig Aufruhr sorgen, warum dann nicht gleich so, dass Harry sein Pläuschchen mit Sirius halten kann?«
»Ja, aber trotzdem«, sagte Hermine mit einem Gesichtsausdruck, als müsste sie einem schwer Begriffsstutzigen etwas sehr Simples erklären, »selbst wenn ihr tatsächlich für Ablenkung sorgt, wie soll Harry denn mit ihm reden?«
»Umbridges Büro«, sagte Harry leise.
Er dachte jetzt schon seit rund zwei Wochen darüber nach und es war ihm einfach nichts Besseres eingefallen. Umbridge persönlich hatte ihm erklärt, dass der einzige Kamin, der nicht überwacht wurde, ihr eigener war.
»Bist – du – wahnsinnig?«, sagte Hermine mit gedämpfter Stimme.
Ron hatte sein Merkblatt über Berufe im Zuchtpilzhandel sinken lassen und verfolgte argwöhnisch das Gespräch.
»Ich glaub nicht«, sagte Harry achselzuckend.
»Und wie willst du da überhaupt reinkommen?«
Harry hatte diese Frage erwartet.
»Sirius’ Messer«, sagte er.
»Wie bitte?«
»Vorletztes Weihnachten hat mir Sirius ein Messer geschenkt, das jedes Schloss öffnet«, sagte Harry. »Also selbst wenn sie die Tür verhext hat und Alohomora nichts bringt, und da wette ich drauf –«
»Was hältst du davon?«, wollte Hermine von Ron wissen, und Harry fühlte sich unweigerlich an Mrs Weasley erinnert und daran, wie sie bei Harrys erstem Abendessen im Haus am Grimmauldplatz an ihren Gatten appelliert hatte.
»Keine Ahnung«, sagte Ron, offenbar aufgeschreckt, weil seine Meinung gefragt war. »Wenn Harry das tun will, dann ist es seine Sache, oder?«
»So spricht ein wahrer Freund und Weasley«, sagte Fred und patschte Ron kräftig auf den Rücken. »Dann ist ja alles klar. Wir wollen es eigentlich morgen tun, gleich nach dem Unterricht, weil wir die größte Wirkung erzielen, wenn sich alle in den Gängen rumtreiben – Harry, wir lassen es irgendwo im Ostflügel los, damit locken wir sie gleich aus ihrem Büro weg – ich schätze, wir sollten dir, sagen wir, zwanzig Minuten garantieren können?«, meinte er mit Blick auf George.
»Locker«, versicherte George.
»Was für ein Ablenkungsmanöver soll das sein?«, fragte Ron.
»Das wirst du schon sehen, Brüderchen«, sagte Fred, während er und George sich erhoben. »Zumindest dann, wenn du morgen gegen fünf zum Korridor von Gregor dem Kriecher taperst.«
Am nächsten Morgen erwachte Harry sehr früh. Er fühlte sich fast so beklommen wie an dem Morgen seiner disziplinarischen Anhörung im Zaubereiministerium. Nicht nur die Aussicht, dass er in Umbridges Büro einbrechen und ihren Kamin benutzen würde, um mit Sirius zu sprechen, machte ihn nervös, obwohl das sicher schlimm genug war; heute war zufällig auch der Tag, an dem er Snape zum ersten Mal wieder sehr nahekommen würde, seit der ihn aus seinem Büro geworfen hatte.
Nachdem Harry noch eine Weile im Bett gelegen und über den bevorstehenden Tag nachgedacht hatte, stand er sehr leise auf, ging hinüber zum Fenster neben Nevilles Bett und blickte hinaus in den wahrhaft herrlichen Morgen. Der Himmel war von einem klaren, dunstigen, schillernden Blau. Direkt vor sich konnte Harry die riesige Buche sehen, unter der sein Vater einst Snape gequält hatte. Er war sich nicht sicher, was Sirius ihm eigentlich sagen könnte, um das wiedergutzumachen, was er im Denkarium gesehen hatte, doch war er äußerst gespannt, wie Sirius selbst das Geschehene darstellen würde. Vielleicht gab es irgendwelche mildernden Umstände, irgendeine Entschuldigung für das Verhalten seines Vaters …
Etwas zog Harrys Aufmerksamkeit in seinen Bann: eine Bewegung am Rand des Verbotenen Waldes. Harry blinzelte ins Sonnenlicht und sah Hagrid zwischen den Bäumen hervorkommen. Er schien zu hinken. Harry sah zu, wie Hagrid zur Tür seiner Hütte wankte und in ihr verschwand. Er beobachtete einige Minuten lang die Hüttentür. Hagrid tauchte nicht wieder auf, aber Rauch kringelte sich aus dem Kamin, also konnte Hagrid nicht so schwer verletzt sein, dass er es nicht mehr schaffte, den Kamin zu befeuern.
Harry wandte sich vom Fenster ab, ging zurück zu seinem Koffer und begann sich anzuziehen.
Da er vorhatte, gewaltsam in Umbridges Büro einzudringen, hatte er keineswegs erwartet, dass es ein geruhsamer Tag werden würde, doch er hatte nicht damit gerechnet, dass Hermine fast unablässig versuchen würde, ihn von dem abzubringen, was er um fünf Uhr tun wollte. Zum ersten Mal überhaupt achtete sie in Zaubereigeschichte mindestens so wenig auf Professor Binns wie Harry und Ron und bedachte ihn mit einem ununterbrochenen Strom geflüsterter Ermahnungen, die Harry mit aller Kraft zu überhören suchte.
»… und wenn sie dich dort erwischt, dann wirst du nicht nur rausgeworfen, dann wird sie sich auch zusammenreimen können, dass du mit Schnuffel geredet hast, und diesmal, schätz ich, wird sie dich zwingen, Veritaserum zu trinken und ihre Fragen zu beantworten …«
»Hermine«, sagte Ron mit leiser und entrüsteter Stimme, »hörst du jetzt endlich mal auf, Harry ständig aufs Dach zu steigen, und fängst an, Binns zuzuhören, oder muss ich selber mitschreiben?«
»Du kannst zur Abwechslung mal selber mitschreiben, das wird dich nicht umbringen!«
Bis sie die Kerker erreicht hatten, sprachen weder Harry noch Ron ein weiteres Wort mit Hermine. Unbeirrt nutzte sie ihr Schweigen, um ihm weiter den Schwall düsterer Warnungen vorzubeten, alle halblaut in einem eindringlichen Zischton geäußert, was Seamus bewog, fünf Minuten darauf zu verschwenden, seinen Kessel nach Lecks abzusuchen.
Snape unterdessen hatte offenbar beschlossen so zu tun, als wäre Harry unsichtbar. Harry kannte diese Taktik natürlich zur Genüge, da auch Onkel Vernon sie liebend gern einsetzte, und insgesamt war er dankbar, dass er nichts Schlimmeres erdulden musste. Im Gegenteil, verglichen mit dem, was er sich sonst von Snape an Provokationen und höhnischen Bemerkungen anhören musste, empfand er den neuen Stil gewissermaßen als Fortschritt und stellte erfreut fest, dass er, wenn man ihn in Ruhe ließ, ziemlich problemlos einen Stärkungstrank zusammenbrauen konnte. Am Ende der Stunde schöpfte er etwas davon in ein Fläschchen, verkorkte es und trug es zur Benotung nach vorn zu Snapes Pult, mit dem Gefühl, zumindest ein »E« verdient zu haben.
Er hatte sich gerade abgewandt, als er ein Splittern hörte. Malfoy lachte hämisch auf. Harry wirbelte herum. Seine Zaubertrankprobe lag zerborsten auf dem Boden und Snape sah ihn mit diebischem Vergnügen in den Augen an.
»Uuuhps«, sagte er sanft. »Also wieder null Punkte, Potter.«
Harry war so erbittert, dass es ihm die Sprache verschlug. Er marschierte zurück zu seinem Kessel und wollte gerade ein weiteres Fläschchen abfüllen, um Snape zu zwingen es zu benoten, da sah er entsetzt, dass der Rest seines Tranks verschwunden war.
»Tut mir leid!«, sagte Hermine, die Hände auf dem Mund. »Tut mir furchtbar leid, Harry. Ich dachte, du wärst fertig, da hab ich sauber gemacht!«
Harry konnte nicht mal antworten. Als es läutete, stürmte er ohne einen Blick zurück aus dem Kerker und sicherte sich für das Mittagessen einen Platz zwischen Neville und Seamus, damit Hermine ihn nicht wieder bearbeiten konnte, dass er nicht Umbridges Büro benutzen sollte.
Als er schließlich zu Wahrsagen kam, war er derart schlechter Stimmung, dass er seinen Berufsberatungstermin bei Professor McGonagall völlig vergessen hatte. Er fiel ihm erst wieder ein, als Ron ihn fragte, warum er nicht in McGonagalls Büro sei. Er hastete zurück nach oben und kam atemlos und nur ein paar Minuten zu spät bei ihr an.
»Verzeihung, Professor«, keuchte er und schloss die Tür. »Ich hab’s ganz vergessen.«
»Macht nichts, Potter«, sagte sie munter, doch bei ihren Worten schnaubte jemand in der Ecke. Harry wandte sich um.
Dort saß Professor Umbridge, das Klemmbrett auf dem Knie, eine alberne kleine Spitzenrüsche um den Hals und ein leises, fürchterlich selbstgefälliges Lächeln im Gesicht.
»Setzen Sie sich, Potter«, sagte Professor McGonagall kurz angebunden. Ihre Hände zitterten leicht, als sie die vielen Broschüren beiseiteräumte, mit denen ihr Schreibtisch übersät war.
Harry setzte sich mit dem Rücken zu Umbridge und gab sein Bestes, um vorzutäuschen, er würde das Kratzen ihrer Feder auf dem Klemmbrett nicht hören.
»Nun, Potter, bei dieser Besprechung geht es darum, über Berufsvorstellungen zu reden, die Sie vielleicht haben, und Ihnen bei der Entscheidung zu helfen, welche Fächer Sie im sechsten und siebten Schuljahr weiter vertiefen sollten«, sagte Professor McGonagall. »Haben Sie sich schon irgendwelche Gedanken darüber gemacht, was Sie nach Hogwarts gerne tun würden?«
»Ähm«, sagte Harry.
Er empfand das Kratzgeräusch hinter sich als sehr störend.
»Ja?«, ermunterte ihn Professor McGonagall.
»Also, ich dachte, ich könnte mir vielleicht vorstellen, ein Auror zu werden«, murmelte Harry.
»Dazu bräuchten Sie erstklassige Noten«, sagte Professor McGonagall, holte ein kleines dunkles Merkblatt unter den Bergen auf ihrem Schreibtisch hervor und faltete es auf. »Man fordert, wie ich sehe, mindestens fünf UTZe und in keinem Fall eine Note unter ›Erwartungen übertroffen‹. Weiter würde man von Ihnen verlangen, dass Sie sich im Aurorenbüro einer Reihe von strengen Charakter- und Fähigkeitstests unterziehen. Das ist eine schwierige Berufslaufbahn, Potter, nur die Besten werden genommen. Ich glaube nicht, dass in den letzten drei Jahren überhaupt jemand aufgenommen wurde.«
In diesem Moment ließ Professor Umbridge ein schwaches Hüsteln hören, als wollte sie probieren, wie leise sie es konnte. Professor McGonagall ignorierte sie.
»Sie werden sicher wissen wollen, welche Fächer Sie wählen sollten?«, fuhr sie mit nun leicht erhobener Stimme fort.
»Ja«, sagte Harry. »Verteidigung gegen die dunklen Künste, denk ich?«
»Natürlich«, sagte Professor McGonagall forsch. »Ich würde zudem raten –«
Professor Umbridge ließ ein weiteres Hüsteln hören, diesmal ein wenig vernehmlicher. Professor McGonagall schloss einen Moment lang die Augen, öffnete sie wieder und fuhr fort, als sei nichts geschehen.
»Ich würde auch zu Verwandlung raten, weil Auroren sich während ihrer Arbeit häufig verwandeln oder rückverwandeln müssen. Und ich muss Ihnen jetzt mitteilen, Potter, dass ich zu meinen UTZ-Kursen keine Schüler zulasse, die auf Zauberergrad-Niveau nicht mindestens mit ›Erwartungen übertroffen‹ oder besser abgeschnitten haben. Ich würde sagen, Sie liegen im Moment ungefähr bei ›Annehmbar‹, also werden Sie vor den Prüfungen noch einiges an harter Arbeit aufwenden müssen, damit Sie eine Chance haben weiterzumachen. Dann sollten Sie auch Zauberkunst wählen, was immer nützlich ist, und Zaubertränke. Ja, Potter, Zaubertränke«, fügte sie mit dem leisen Anflug eines Lächelns hinzu. »Gifte und Gegengifte sind ein wesentliches Studiengebiet für Auroren. Und ich muss Ihnen sagen, dass Professor Snape es entschieden ablehnt, Schüler aufzunehmen, die etwas anderes als ›Ohnegleichen‹ in ihren ZAGs bekommen haben, also –«
Professor Umbridge ließ ihr bislang deutlichstes Hüsteln hören.
»Darf ich Ihnen ein Hustenbonbon anbieten, Dolores?«, fragte Professor McGonagall knapp, ohne Professor Umbridge anzusehen.
»O nein, vielen Dank«, sagte Umbridge mit dem gezierten Lachen, das Harry so hasste. »Ich fragte mich nur, ob ich mir eine klitzekleine Unterbrechung erlauben dürfte, Minerva.«
»Ich würde sagen, das dürften Sie durchaus«, sagte Professor McGonagall mit zusammengebissenen Zähnen.
»Ich habe mich nur gefragt, ob Mr Potter so ganz das richtige Temperament für einen Auroren hat«, sagte Professor Umbridge süßlich.
»Tatsächlich?«, erwiderte McGonagall von oben herab. »Nun, Potter«, fuhr sie fort, als ob es keine Unterbrechung gegeben hätte, »wenn Sie es ernst meinen mit diesem Ziel, würde ich Ihnen raten, dass Sie sich entschlossen darauf konzentrieren, in Verwandlung und Zaubertränke erstklassig zu werden. Wie ich sehe, hat Professor Flitwick Sie in den vergangenen beiden Jahren zwischen ›Annehmbar‹ und ›Erwartungen übertroffen‹ eingestuft, also scheint Ihre Zauberkunstarbeit zufrieden stellend zu sein. Was Verteidigung gegen die dunklen Künste angeht, so waren Ihre Noten im Allgemeinen gut, vor allem Professor Lupin meinte, dass Sie – sind Sie ganz sicher, dass Sie kein Hustenbonbon möchten, Dolores?«
»O nein, danke, Minerva«, sagte Professor Umbridge, die jetzt noch lauter gehustet hatte, mit ihrem gezierten Lächeln. »Ich habe mich nur gefragt, ob Sie Harrys letzte Noten in Verteidigung gegen die dunklen Künste überhaupt vorliegen haben. Ich bin ziemlich sicher, dass ich Ihnen eine Notiz hinterlassen habe.«
»Was, dies hier?«, sagte Professor McGonagall, die Stimme voller Abscheu, und zog ein rosa Pergament zwischen den Blättern in Harrys Ordner hervor. Sie sah es sich mit leicht erhobenen Brauen an, dann legte sie es ohne Kommentar zurück in den Ordner.
»Ja, wie ich eben sagte, Potter, Professor Lupin meinte, Sie würden ein ausgeprägtes Talent für dieses Fach zeigen, und für einen Auroren ist es selbstredend –«
»Haben Sie meine Notiz verstanden, Minerva?«, fragte Professor Umbridge honigsüß und vergaß ganz zu husten.
»Natürlich habe ich sie verstanden«, sagte Professor McGonagall mit so fest zusammengepressten Zähnen, dass die Wörter ein wenig gedämpft hervordrangen.
»Also, das bringt mich nun doch durcheinander … ich fürchte, ich verstehe nicht ganz, wie Sie in Mr Potter die falsche Hoffnung wecken können, dass –«
»Falsche Hoffnung?«, wiederholte Professor McGonagall, die sich standhaft nicht zu Professor Umbridge umdrehte. »Er hat gute Noten in all seinen Prüfungen in Verteidigung gegen die dunklen Künste bekommen –«
»Es tut mir furchtbar leid, Ihnen widersprechen zu müssen, Minerva, aber wie Sie aus meiner Notiz ersehen, hat er bei mir im Unterricht sehr schlechte Noten bekommen –«
»Ich hätte mich deutlicher ausdrücken sollen«, erwiderte Professor McGonagall, wandte sich endlich um und blickte Umbridge offen in die Augen. »Er hat gute Noten in allen Prüfungen in Verteidigung gegen die dunklen Künste bekommen, die er bei einem kompetenten Lehrer abgelegt hat.«
Professor Umbridges Lächeln erlosch so schnell wie eine durchbrennende Glühbirne. Sie lehnte sich in ihren Stuhl zurück, schlug eine Seite auf ihrem Klemmbrett um und begann mit rollenden Glubschaugen in höchster Eile zu kritzeln. Professor McGonagall, mit bebenden dünnen Nasenflügeln und flammenden Augen, wandte sich wieder Harry zu.
»Noch Fragen, Potter?«
»Ja«, sagte Harry. »Was für Charakter- und Fähigkeitstests verlangt das Ministerium von einem, wenn man genug UTZe bekommen hat?«
»Nun, Sie werden die Fähigkeit beweisen müssen, unter Druck geschickt zu agieren und so weiter«, sagte Professor McGonagall, »Sie werden Ausdauer und Engagement zeigen müssen, weil die Aurorenausbildung weitere drei Jahre in Anspruch nehmen wird, ganz zu schweigen von sehr guten Fähigkeiten in praktischer Verteidigung. Das wird noch viel mehr Lernen bedeuten, auch nachdem Sie die Schule verlassen haben. Wenn Sie also nicht bereit sind –«
»Ich denke, Sie werden auch feststellen«, sagte Umbridge mit jetzt sehr kalter Stimme, »dass das Ministerium sich die Akten derjenigen ansieht, die sich als Auroren bewerben. Ihr Vorstrafenregister.«
»– wenn Sie nicht bereit sind, nach Hogwarts noch mehr Prüfungen zu absolvieren, sollten Sie sich wirklich nach etwas anderem –«
»Und das heißt, dieser Junge hat eine ebenso große Chance, Auror zu werden, wie Dumbledore, jemals an diese Schule zurückzukehren.«
»Also eine sehr gute Chance«, sagte Professor McGonagall.
»Potter ist vorbestraft«, entgegnete Umbridge laut.
»Potter ist in allen Anklagepunkten freigesprochen worden«, sagte McGonagall noch lauter.
Professor Umbridge stand auf. Sie war so klein, dass es keinen großen Unterschied machte, doch ihr pingeliges, geziertes Gehabe war einem unerbittlichen Zorn gewichen, der ihr breites, schlaffes Gesicht merkwürdig böse wirken ließ. »Potter hat keine Chance, ein Auror zu werden!«
Auch Professor McGonagall stand nun auf, und in ihrem Falle war es eine weitaus beeindruckendere Bewegung; sie ragte hoch über Professor Umbridge auf.
»Potter«, sagte sie glockenhell, »ich werde Ihnen helfen Auror zu werden, und wenn es das Letzte ist, was ich tue! Und wenn ich Ihnen Abend für Abend Nachhilfe geben muss, ich werde dafür sorgen, dass Sie die erforderlichen Leistungen bringen!«
»Der Zaubereiminister wird Harry Potter niemals einstellen!«, sagte Umbridge und ihre Stimme schwoll an vor Zorn.
»Es könnte durchaus ein anderer Zaubereiminister im Amt sein, wenn Potter so weit ist, die Arbeit anzutreten!«, rief Professor McGonagall.
»Aha!«, kreischte Professor Umbridge und deutete mit einem Wurstfinger auf McGonagall. »Ja! Ja, ja, ja! Natürlich! Das ist es, was Sie wollen, nicht wahr, Minerva McGonagall? Sie wollen, dass Cornelius Fudge durch Albus Dumbledore ersetzt wird! Sie glauben, Sie werden da sein, wo ich bin, stimmt’s: Erste Untersekretärin des Ministers und dazu noch Schulleiterin!«
»Sie faseln«, sagte Professor McGonagall mit ausgesuchter Verachtung. »Potter, damit ist unsere Berufsberatung beendet.«
Harry schwang sich die Tasche über die Schulter und eilte hinaus, ohne einen Blick zurück auf Professor Umbridge zu wagen. Den ganzen Korridor entlang konnte er hören, wie sie und Professor McGonagall sich weiter anschrien.
Professor Umbridge keuchte immer noch, als hätte sie gerade an einem Wettlauf teilgenommen, als sie an diesem Nachmittag zu ihnen in Verteidigung gegen die dunklen Künste kam.
»Ich hoffe, du hast dir doch noch mal überlegt, was du vorhattest, Harry«, flüsterte Hermine, sobald sie ihre Bücher bei »Kapitel vierunddreißig, Nicht-Vergeltung und Verhandlung« aufgeschlagen hatten. »Umbridge sieht aus, als ob sie schon jetzt furchtbar schlecht gelaunt wäre …«
Alle paar Minuten schoss Umbridge finstere Blicke auf Harry ab, der den Kopf gesenkt hielt, trübe auf Theorie magischer Verteidigung starrte und nachdachte …
Er konnte sich Professor McGonagalls Reaktion sehr gut ausmalen, wenn er dabei erwischt würde, wie er, nur Stunden nachdem sie sich für ihn ins Zeug gelegt hatte, in Professor Umbridges Büro eindrang … nichts hinderte ihn daran, einfach in den Gryffindor-Turm zurückzukehren und zu hoffen, dass er irgendwann in den kommenden Sommerferien die Gelegenheit haben würde, Sirius über das zu befragen, was er im Denkarium miterlebt hatte … nichts, nur dass der Gedanke, er könnte diesen vernünftigen Weg einschlagen, ihm das Gefühl gab, ein bleiernes Gewicht wäre ihm in den Magen gefallen … und dann war da noch die Sache mit Fred und George, deren Ablenkungsmanöver bereits geplant war, ganz zu schweigen von dem Messer, das Sirius ihm geschenkt hatte und das im Moment in seiner Schultasche steckte, genau wie der alte Tarnumhang seines Vaters. Doch es blieb dabei, wenn er erwischt würde …
»Dumbledore hat sich geopfert, um dich in der Schule halten zu können, Harry!«, flüsterte Hermine und hob ihr Buch, um ihr Gesicht vor Umbridge zu verbergen. »Und wenn du heute rausgeschmissen wirst, dann wäre alles umsonst gewesen!«
Er konnte seinen Plan aufgeben und einfach mit der Erinnerung daran leben lernen, was sein Vater vor über zwanzig Jahren an einem Sommertag getan hatte …
Und dann fiel ihm Sirius im Feuer oben im Gemeinschaftsraum der Gryffindors ein …
»Du ähnelst deinem Vater weniger, als ich gedacht hatte … Gerade wegen des Risikos hätte es James Spaß gemacht.«
Aber wollte er überhaupt noch so sein wie sein Vater?
»Harry, tu’s nicht, bitte, tu’s nicht!«, sagte Hermine mit verängstigter Stimme, als es am Ende der Stunde läutete.
Er antwortete nicht; er wusste nicht, was er tun sollte.
Ron schien entschlossen, weder seine Meinung noch seinen Rat beizusteuern. Er vermied es, Harry anzusehen, doch als Hermine den Mund öffnete, um Harry weiter zu bearbeiten, sagte er mit leiser Stimme: »Lass mal gut sein, okay? Er kann für sich allein entscheiden.«
Harrys Herz schlug sehr schnell, als er das Klassenzimmer verließ. Er war auf halbem Weg den Korridor entlang, als er von fern unverkennbar den Lärm eines Ablenkungsmanövers hörte. Von irgendwo über ihnen hallten Schreie und Rufe wider. Schüler, die aus den Klassenzimmern rund um Harry kamen, blieben schlagartig stehen und blickten ängstlich hoch zur Decke –
Umbridge kam aus ihrem Klassenzimmer gestürzt, so schnell ihre kurzen Beine sie trugen. Sie zog ihren Zauberstab und eilte in die andere Richtung davon: Jetzt oder nie!
»Harry – bitte!«, flehte Hermine matt.
Doch er hatte sich entschieden. Er zog seine Tasche sicherheitshalber fester an die Schulter und rannte los, im Zickzack zwischen den entgegenkommenden Schülern hindurch, die in die andere Richtung hasteten, um zu sehen, was es mit dem Tumult im Ostflügel auf sich hatte.
Harry erreichte den Korridor zu Umbridges Büro und fand ihn menschenleer. Er rannte hinter eine große Rüstung, deren Helm sich quietschend umdrehte und ihn ansah, zog seine Tasche auf, packte Sirius’ Messer und warf sich den Tarnumhang über. Dann kroch er langsam und vorsichtig hinter der Rüstung hervor und den Korridor entlang, bis er Umbridges Tür erreicht hatte.
Er steckte die Klinge des magischen Messers in den Türschlitz und bewegte es sachte auf und ab, dann zog er sie wieder heraus. Es gab ein leises Klicken und die Tür schwang auf. Er huschte geduckt hinein, schloss rasch die Tür hinter sich und sah sich um.
Nichts bewegte sich außer den schrecklichen Kätzchen, die unentwegt auf den Wandtellern über den beschlagnahmten Flugbesen umhertollten.
Harry riss sich den Tarnumhang herunter, ging mit zügigen Schritten hinüber zum Kamin und fand innerhalb von Sekunden, wonach er suchte: eine kleine Schachtel mit glitzerndem Flohpulver.
Er kniete sich mit zitternden Händen vor dem leeren Feuerrost nieder. Noch nie hatte er das getan, doch er meinte zu wissen, wie es funktionieren musste. Er steckte den Kopf in die Kaminöffnung, nahm eine kräftige Prise von dem Pulver und streute es auf die Holzscheite, die ordentlich unter ihm aufgestapelt waren. Sofort brachen smaragdgrüne Flammen aus ihnen hervor.
»Grimmauldplatz Nummer zwölf!«, sagte Harry laut und deutlich.
Es war eine der merkwürdigsten Empfindungen, die er je gehabt hatte. Natürlich war er schon öfter mit Flohpulver gereist, doch bisher war es sein ganzer Körper gewesen, der in den Flammen um seine eigene Achse gewirbelt und durch das Netzwerk der Zaubererkamine geflogen war, das sich über das Land erstreckte. Diesmal blieben seine Knie fest auf dem kalten Boden von Umbridges Büro und nur sein Kopf raste durch das smaragdene Feuer …
Und dann, so plötzlich, wie es begonnen hatte, hörte das Wirbeln auf. Ihm war ziemlich schlecht, und er hatte das Gefühl, einen ungewöhnlich warmen Schal um den Kopf zu tragen, und als er die Augen öffnete, stellte er fest, dass er aus dem Küchenkamin heraus auf den langen Holztisch blickte, an dem ein Mann saß und über einem Blatt Pergament brütete.
»Sirius?«
Der Mann zuckte zusammen und drehte sich um. Es war nicht Sirius, sondern Lupin.
»Harry!«, sagte er, offenbar zutiefst erschrocken. »Was tust du – was ist passiert, sind alle gesund?«
»Ja«, sagte Harry. »Ich hab mich nur gefragt – ich meine, ich hatte einfach Lust – mich mal mit Sirius zu unterhalten.«
»Ich ruf ihn«, sagte Lupin mit immer noch perplexer Miene und erhob sich, »er ist oben, um nach Kreacher zu schauen, der scheint sich wieder auf dem Dachboden zu verstecken …«
Und Harry sah Lupin aus der Küche eilen. Nun blieb ihm nichts anderes übrig, als den Stuhl und die Tischbeine anzustarren. Er fragte sich, warum Sirius nie erwähnt hatte, wie unbequem es war, aus dem Kamin heraus zu sprechen; seine Knie protestierten schon schmerzhaft gegen die allzu lange Berührung mit Umbridges hartem Steinboden.
Wenige Augenblicke später kehrte Lupin mit Sirius auf den Fersen zurück.
»Was ist los?«, sagte Sirius drängend, wischte sich das lange dunkle Haar aus den Augen und ließ sich vor dem Kamin auf den Boden sinken, so dass er und Harry auf gleicher Höhe waren. Auch Lupin kniete sich besorgt nieder. »Alles in Ordnung mit dir? Brauchst du Hilfe?«
»Nein«, sagte Harry, »darum geht es nicht … ich wollte nur … über meinen Dad reden.«
Sie tauschten einen höchst überraschten Blick, aber Harry hatte keine Zeit, sich peinlich berührt oder verlegen zu fühlen. Seine Knie schmerzten mit jeder Sekunde mehr, und er schätzte, dass seit dem Beginn des Ablenkungsmanövers schon fünf Minuten vergangen waren. George hatte ihm nur zwanzig garantiert. So fing er ohne Umschweife an zu erzählen, was er im Denkarium gesehen hatte.
Als er geendet hatte, redeten einen Moment lang weder Sirius noch Lupin. Dann sagte Lupin leise: »Ich möchte nicht, dass du deinen Vater nach dem beurteilst, was du dort gesehen hast, Harry. Er war erst fünfzehn –«
»Ich bin auch fünfzehn«, erwiderte Harry aufgebracht.
»Sieh mal, Harry«, sagte Sirius beschwichtigend, »James und Snape haben einander gehasst, seit sie sich zum ersten Mal gesehen hatten, es war eben so, das kannst du doch verstehen, oder? Ich vermute, James war all das, was Snape sein wollte – er war beliebt, er war gut im Quidditch – gut in so ziemlich allem. Und Snape war einfach nur dieser merkwürdige Kauz, der bis über beide Ohren in den dunklen Künsten steckte, und James – als was er dir auch sonst erschienen sein mag, Harry – James hat die dunklen Künste immer verabscheut.«
»Ja«, sagte Harry, »aber er hat Snape ohne richtigen Grund angegriffen, nur weil – also, nur weil du sagtest, du würdest dich langweilen«, schloss er ein wenig kleinlaut.
»Darauf bin ich nicht stolz«, sagte Sirius rasch.
Lupin sah Sirius von der Seite her an und sagte dann: »Sieh mal, Harry, du musst verstehen, dass dein Vater und Sirius bei allem, was sie taten, die Besten in der Schule waren – alle hielten sie für absolut cool –, und wenn sie sich da manchmal ein bisschen haben hinreißen lassen –«
»Wenn wir manchmal arrogante kleine Hohlköpfe waren, meinst du«, warf Sirius ein.
Lupin lächelte.
»Er hat andauernd sein Haar verstrubbelt«, sagte Harry mit gequälter Stimme.
Sirius und Lupin lachten.
»Hab ich ganz vergessen, dass er das immer getan hat«, sagte Sirius zärtlich.
»Hat er mit dem Schnatz gespielt?«, fragte Lupin neugierig.
»Ja«, sagte Harry und beobachtete verständnislos, wie Sirius und Lupin erinnerungsselig lächelten. »Na ja … mir kam er wie ein ziemlicher Idiot vor.«
»Natürlich war er ein ziemlicher Idiot!«, sagte Sirius munter. »Wir waren alle Idioten! Nun ja – Moony vielleicht nicht so«, sagte er der Fairness halber mit einem Blick auf Lupin.
Doch Lupin schüttelte den Kopf. »Hab ich euch jemals gesagt, ihr sollt Snape in Ruhe lassen?«, sagte er. »Hab ich je den Mumm gehabt, euch zu sagen, dass ihr zu weit geht?«
»Na ja«, sagte Sirius, »du hast uns manchmal dazu gebracht, dass wir uns vor uns selbst schämten … immerhin …«
»Und«, sagte Harry hartnäckig, entschlossen, wenn er nun schon mal hier war, alles zu sagen, was ihm im Kopf herumging, »und er hat ständig zu den Mädchen am See rübergeguckt und gehofft, sie würden ihm zusehen!«
»Oh, nun ja, er hat sich immer zum Narren gemacht, wenn Lily in der Nähe war«, sagte Sirius achselzuckend. »Er konnt’s einfach nicht lassen, ’ne Show abzuziehen, wenn er in ihrer Reichweite war.«
»Wie kam es, dass sie ihn geheiratet hat?«, fragte Harry bedrückt. »Sie hat ihn doch gehasst!«
»Nö, hat sie nicht«, sagte Sirius.
»Sie hat in der siebten Klasse angefangen mit ihm zu gehen«, sagte Lupin.
»Sobald James sich ein wenig die Hörner abgestoßen hatte«, sagte Sirius.
»Und aufgehört hatte, Leute nur so zum Spaß zu verhexen«, sagte Lupin.
»Sogar Snape?«, fragte Harry.
»Nun«, sagte Lupin langsam. »Mit Snape war es etwas Besonderes. Ich meine, er hat nie eine Gelegenheit ausgelassen, James einen Fluch aufzuhalsen, also konntest du nicht erwarten, dass James das einfach so ohne weiteres hinnahm, oder?«
»Und meine Mum hat das nicht gestört?«
»Um ehrlich zu sein, sie hat nicht allzu viel davon mitgekriegt«, sagte Sirius. »James hat ihn nicht zu ihren Verabredungen mitgenommen und ihn vor ihr verhext, verstehst du?«
Sirius sah Harry, der immer noch nicht überzeugt wirkte, mit gerunzelter Stirn an.
»Sieh mal«, sagte er, »dein Vater war der beste Freund, den ich je hatte, und er war ein guter Mensch. Im Alter von fünfzehn sind eine Menge Leute Idioten. Er ist da rausgewachsen.«
»Ja, schon gut«, sagte Harry mit schwerer Stimme. »Ich hätte nur nicht gedacht, dass mir Snape jemals leidtun würde.«
»Da fällt mir ein«, sagte Lupin mit einer kleinen Falte zwischen seinen Augenbrauen, »wie hat Snape reagiert, als er bemerkt hat, dass du all das gesehen hattest?«
»Er hat gesagt, er würde mich nie wieder in Okklumentik unterrichten«, sagte Harry gleichmütig, »als ob das eine große Enttäusch–«
»Er hat WAS?«, rief Sirius, und Harry erschrak so heftig, dass er einen Mund voll Asche einatmete.
»Meinst du das im Ernst, Harry?«, sagte Lupin rasch. »Er gibt dir keinen Unterricht mehr?«
»Ja«, erwiderte Harry, überrascht angesichts dieser, wie es ihm vorkam, völlig überzogenen Reaktion. »Aber das ist schon in Ordnung, ehrlich gesagt, ich bin eigentlich ganz froh –«
»Ich komm da hoch und knöpf mir Snape vor!«, sagte Sirius nachdrücklich und wollte tatsächlich aufstehen, doch Lupin zerrte ihn wieder zu Boden.
»Wenn jemand mit Snape redet, dann ich!«, meinte er entschieden. »Aber Harry, zunächst mal musst du wieder zu Snape und ihm sagen, dass er auf keinen Fall aufhören darf, dich zu unterrichten – wenn Dumbledore das erfährt –«
»Das kann ich ihm nicht sagen, der würde mich umbringen!«, sagte Harry empört. »Ihr habt ihn nicht gesehen, als wir aus dem Denkarium kamen.«
»Harry, es gibt nichts Wichtigeres, als dass du Okklumentik lernst!«, sagte Lupin streng. »Verstehst du mich? Nichts!«
»Okay, okay«, entgegnete Harry, ernstlich verwirrt und genervt dazu. »Ich werd … ich werd versuchen ihm was zu sagen … aber das wird nicht –«
Er verstummte. In der Ferne konnte er Schritte hören.
»Ist das Kreacher, der die Treppe runterkommt?«
»Nein«, sagte Sirius und warf einen Blick hinter sich. »Das muss jemand bei dir drüben sein.«
Harrys Herz setzte mehrere Schläge lang aus.
»Ich geh jetzt besser!«, sagte er hastig und zog seinen Kopf aus dem Kamin am Grimmauldplatz. Einen Moment lang schien er auf seinen Schultern zu rotieren, dann fand Harry sich wieder vor Umbridges Kamin knien, den Kopf fest auf dem Hals, und er konnte sehen, wie die smaragdgrünen Flammen flackerten und erstarben.
»Rasch, rasch!«, hörte er eine pfeifende Stimme direkt vor der Bürotür murmeln. »Ah, sie hat sie offen gelassen –«
Harry stürzte sich auf seinen Tarnumhang und hatte es gerade geschafft, ihn wieder überzuwerfen, als Filch ins Büro gestürmt kam. Aus irgendeinem Grund schien er ganz aus dem Häuschen vor Freude, und fiebrig mit sich selbst redend, durchquerte er den Raum, zog eine Schublade von Umbridges Schreibtisch auf und fing an, die Papiere darin zu durchstöbern.
»Peitschgenehmigung … Peitschgenehmigung … endlich darf ich es tun … das haben sie sich schon seit Jahren verdient …«
Er zog ein Stück Pergament heraus, küsste es, drückte es an die Brust und schlurfte rasch wieder zur Tür hinaus.
Harry sprang auf, prüfte, ob er seine Tasche hatte und dass der Tarnumhang ihn vollständig bedeckte, dann riss er die Tür auf und hastete aus dem Büro, Filch hinterher, der so schnell dahinhumpelte, wie Harry es noch nie gesehen hatte.
Einen Absatz der Treppe tiefer, die von Umbridges Büro hinabführte, hielt es Harry für ungefährlich, wieder sichtbar zu werden. Er zog den Umhang aus, stopfte ihn in seine Tasche und eilte weiter. Von der Eingangshalle her war lautes Geschrei und Fußgetrappel zu hören. Er rannte die Marmortreppe hinunter, und es sah ganz so aus, als ob der Großteil der Schule sich hier versammelt hätte.
Es war genau wie an jenem Abend, als Trelawney entlassen worden war. Schüler standen in einem großen Kreis an den Wänden (manche von ihnen, fiel Harry auf, waren durchnässt von einer Flüssigkeit, die ganz nach Stinksaft aussah); auch Lehrer und Gespenster fanden sich in der Menge. Unter den Zuschauern fielen die Mitglieder des Inquisitionskommandos auf, die alle äußerst selbstzufrieden blickten, und Peeves, der über den Köpfen umherhüpfte, spähte hinab auf Fred und George, die mitten im Raum standen und unverkennbar den Eindruck von zweien machten, die gerade in die Enge getrieben worden waren.
»So!«, sagte Umbridge triumphierend. Harry bemerkte, dass sie nur ein paar Stufen unter ihm stand und wieder einmal auf ihre Beute hinabsah. »So – Sie halten es also für witzig, einen Schulkorridor in einen Sumpf zu verwandeln?«
»Ziemlich witzig, ja«, sagte Fred und blickte ohne die geringste Spur von Angst zu ihr hoch.
Filch, der vor Glück fast weinte, kämpfte sich mit den Ellbogen näher an Umbridge heran.
»Ich hab das Formular, Schulleiterin«, sagte er heiser und wedelte mit dem Blatt Pergament, das Harry ihn gerade aus ihrem Schreibtisch hatte nehmen sehen. »Ich hab das Formular und meine Peitschen warten … oh, lassen Sie es mich jetzt tun …«
»Sehr gut, Argus«, sagte sie. »Sie beide«, fuhr sie fort und stierte auf Fred und George hinab, »werden gleich erfahren, was mit Missetätern in meiner Schule passiert.«
»Wissen Sie, was?«, entgegnete Fred. »Das glaube ich kaum.«
Er wandte sich an seinen Zwillingsbruder.
»George«, sagte Fred, »ich glaub, wir sind zu alt geworden für die Ganztagsschule.«
»Ja, das Gefühl hab ich auch«, sagte George locker.
»Wird Zeit, dass wir unsere Fähigkeiten in der wirklichen Welt ausprobieren, meinst du nicht?«, fragte Fred.
»Ganz bestimmt«, sagte George.
Und ehe Umbridge ein Wort sagen konnte, erhoben sie ihre Zauberstäbe und sagten im Chor:
»Accio Besen!«
Harry hörte irgendwo in der Ferne ein lautes Krachen. Er blickte nach links und duckte sich gerade rechtzeitig. Freds und Georges Besen, von denen einer immer noch die schwere Kette und den eisernen Haken hinter sich herzog, mit dem Umbridge sie an der Wand befestigt hatte, sausten den Korridor entlang auf ihre Besitzer zu. Sie bogen nach links, stürzten die Treppe hinab und stoppten knapp vor den Zwillingen, wobei die Kette laut auf dem steingefliesten Boden rasselte.
»Auf Nimmerwiedersehen«, verkündete Fred Professor Umbridge und schwang ein Bein über den Besen.
»Ja, Sie brauchen uns keine Postkarte zu schicken«, sagte George und bestieg seinen Besen.
Fred sah über die versammelten Schüler hin, eine stumme, wachsame Menge.
»Wenn jemand Lust hat, einen Tragbaren Sumpf zu kaufen, wie oben vorgeführt, dann kommt doch mal in die Winkelgasse dreiundneunzig – Weasleys Zauberhafte Zauberscherze«, sagte er lauthals. »Unser neues Ladengeschäft.«
»Für Hogwarts-Schüler, die schwören, dass sie unsere Produkte einsetzen, um diese alte Fledermaus loszuwerden, gibt es Spezialrabatte«, ergänzte George und deutete auf Professor Umbridge.
»HALTET SIE AUF!«, kreischte Umbridge, doch zu spät. Als das Inquisitionskommando losstürmte, stießen sich Fred und George vom Boden ab, schossen knapp fünf Meter in die Höhe und ließen den eisernen Haken gefährlich unter sich pendeln. Fred spähte quer durch die Halle zu dem Poltergeist, der auf seiner Höhe über der Menge herumhüpfte.
»Peeves, mach ihr in unserem Namen das Leben hier zur Hölle.«
Und Peeves, den Harry nie einen Befehl von einem Schüler hatte annehmen sehen, riss sich den Glockenhut vom Kopf und salutierte, als Fred und George unter dem tosenden Applaus der Schülerschar herumwirbelten und aus dem offenen Portal in den herrlichen Sonnenuntergang flogen.
Grawp
Die Geschichte von Freds und Georges Flucht in die Freiheit wurde während der nächsten Tage so häufig wiedererzählt, dass Harry wusste, sie würde bald Stoff für Hogwarts-Legenden sein: Nach gerade mal einer Woche waren sogar jene, die es selbst miterlebt hatten, schon halbwegs davon überzeugt, sie hätten gesehen, wie sich die Zwillinge besenreitend auf Umbridge hinabgestürzt und sie mit Stinkbomben bombardiert hätten, ehe sie zur Tür hinausgeflogen waren. Unter dem unmittelbaren Eindruck ihres Abgangs wurden allenthalben große Reden geschwungen von wegen, man wolle es ihnen gleichtun. Harry bekam des Öfteren mit, wie Mitschüler beispielsweise verkündeten: »Ehrlich gesagt, irgendwann spring ich auch auf den Besen und hau hier ab« oder: »Noch so ’ne Stunde und ich mach vielleicht ’nen Weasley.«
Fred und George hatten dafür gesorgt, dass man sie nicht allzu schnell vergessen würde. Zum einen hatten sie keine Anleitung hinterlassen, wie der Sumpf, in den sich der Korridor zum Ostflügel im fünften Stock verwandelt hatte, wieder beseitigt werden konnte. Umbridge und Filch waren dabei beobachtet worden, wie sie es auf diese und jene Weise versucht hatten, freilich erfolglos. Schließlich sperrte man den ganzen Bereich mit Seilen ab, und der wütend mit den Zähnen knirschende Filch erhielt den Auftrag, die Schüler im Kahn hinüber zu ihren Klassenzimmern zu staken. Harry war sicher, dass Lehrer wie McGonagall oder Flitwick den Sumpf im Nu hätten verschwinden lassen können, doch genau wie im Falle von Freds und Georges wildfeurigen Wunderknallern schauten sie offenbar lieber zu, wie Umbridge sich abstrampelte.
Außerdem waren da noch die beiden großen besenförmigen Löcher in Umbridges Bürotür, durch die Freds und Georges Sauberwischs gekracht waren, um zu ihren Herren zurückzukehren. Filch hängte eine neue Tür ein und ließ Harrys Feuerblitz in die Kerker verschwinden, und das Gerücht ging um, Umbridge habe zur Bewachung des Besens einen bewaffneten Sicherheitstroll dorthinunter beordert. Umbridges Ärger fand damit jedoch noch lange kein Ende.
Angeregt durch Freds und Georges Beispiel, konkurrierte nun eine große Zahl von Schülern um die frei gewordenen Posten der obersten Tunichtgute. Trotz der neuen Tür schaffte es jemand, einen fellschnäuzigen Niffler in Umbridges Büro zu schmuggeln, der sich prompt auf die Suche nach glänzenden Gegenständen machte und den Raum dabei in Schutt und Asche legte, sich dann auf die hereinkommende Umbridge stürzte und versuchte, die Ringe von ihren Wurstfingern zu nagen. In den Korridoren wurden so häufig Stinkbomben und Stinkkügelchen geworfen, dass es unter den Schülern neue Mode wurde, sich selbst einen Kopfblasen-Zauber zu verpassen, ehe sie den Unterricht verließen, um ein wenig frische Luft zur Verfügung zu haben, selbst wenn sie alle so eigenartig dabei aussahen, als würden sie umgestülpte Goldfischbassins auf den Köpfen tragen.
Filch pirschte mit gezückter Reitpeitsche durch die Gänge, verzweifelt darauf aus, irgendwelche Übeltäter zu fassen, doch gab es inzwischen so viele von ihnen, dass er nie wusste, wohin er sich wenden sollte. Das Inquisitionskommando mühte sich, ihm zu helfen, aber seinen Mitgliedern passierten laufend merkwürdige Dinge. Warrington aus Slytherins Quidditch-Mannschaft meldete sich mit einem fürchterlichen Hautleiden im Krankenflügel, das ihn aussehen ließ, als wäre er mit Cornflakes überzogen worden. Zu Hermines Freude verpasste Pansy Parkinson tags darauf den gesamten Unterricht, da ihr ein Geweih gewachsen war.
Unterdessen wurde klar, wie viele Nasch-und-Schwänz-Leckereien Fred und George eigentlich hatten verkaufen können, ehe sie Hogwarts verließen. Umbridge musste nur den Fuß in ein Klassenzimmer setzen, und schon fingen die Schüler dort an, in Ohnmacht zu fallen, sich zu übergeben, gefährliches Fieber zu bekommen oder Blut aus beiden Nasenlöchern spritzen zu lassen. Zeter und Mordio schreiend versuchte sie die Quelle dieser mysteriösen Krankheitserscheinungen aufzuspüren, doch die Schüler erklärten ihr hartnäckig, dass sie an »Umbridgitis« litten. Nachdem sie vier Klassen nacheinander Nachsitzen aufgebrummt hatte und dennoch ihr Geheimnis nicht hatte lüften können, musste sie aufgeben und es den blutenden, in Ohnmacht fallenden, schwitzenden und sich übergebenden Schülern erlauben, ihren Unterricht scharenweise zu verlassen.
Doch selbst wer die Leckereien aß, konnte Peeves, dem Meister des Chaos, nicht das Wasser reichen, der sich Freds Abschiedsworte offenbar so richtig zu Herzen genommen hatte. Mit einem irren Gackern preschte er durch die Schule, stellte Tische auf den Kopf, brach aus Tafeln hervor, stürzte Statuen und Vasen um; zweimal schloss er Mrs Norris in eine Rüstung ein, aus der sie laut maunzend von dem wütenden Hausmeister befreit wurde. Peeves schlug Laternen zu Bruch und blies Kerzen aus, jonglierte mit brennenden Fackeln über den Köpfen schreiender Schüler und sorgte dafür, dass ordentlich gestapelte Pergamentstöße in die Kaminfeuer oder aus den Fenstern fielen. Er überflutete den zweiten Stock, indem er alle Wasserhähne in den Klos herausriss, warf einen Sack Taranteln zur Frühstückszeit mitten in die Große Halle, und wann immer ihm nach einer Verschnaufpause zumute war, schwebte er stundenlang hinter Umbridge her und schnaubte laut und verächtlich, wenn sie den Mund aufmachte.
Außer Filch schien niemand vom Personal auch nur einen Finger zu rühren, um ihr zu helfen. Tatsächlich konnte Harry eine Woche nach Freds und Georges Abgang mit ansehen, wie Professor McGonagall direkt an Peeves vorbeiging, der entschlossen damit beschäftigt war, einen Kristalllüster loszuschrauben, und er hätte schwören können, dass er gehört hatte, wie sie aus dem Mundwinkel zu dem Poltergeist sagte: »Andersrum drehen.«
Um all dem die Krone aufzusetzen, hatte Montague sich immer noch nicht von seinem Aufenthalt in der Toilette erholt; er blieb verwirrt und orientierungslos, und eines Dienstagmorgens sah man seine Eltern mit zornentbrannten Gesichtern den Zufahrtsweg hochschreiten.
»Sollten wir nicht etwas sagen?«, fragte Hermine mit besorgter Stimme in Zauberkunst und presste die Wange ans Fenster, damit sie Mr und Mrs Montague hineingehen sehen konnte. »Was mit ihm passiert ist? Vielleicht hilft es Madam Pomfrey, ihn zu heilen?«
»’türlich nicht, der wird sich schon wieder erholen«, sagte Ron gleichgültig.
»Jedenfalls noch mehr Ärger für Umbridge, oder?«, sagte Harry mit Genugtuung in der Stimme.
Er und Ron stupsten die Teetassen, die sie verzaubern sollten, mit den Zauberstäben an. Aus Harrys Tasse wuchsen vier sehr kurze Beine, die nicht bis auf die Tischplatte reichten und sinnlos in der Luft zappelten. Aus Rons wuchsen vier sehr dünne Storchbeine, die unter großen Schwierigkeiten die Tasse vom Tisch stemmten, einige Sekunden zitterten und dann einknickten, worauf die Tasse entzweibrach.
»Reparo«, sagte Hermine rasch und fügte Rons Tasse mit einem Schwung ihres Zauberstabs wieder zusammen. »Das ist ja alles schön und gut, aber was, wenn Montague dauerhaft verletzt ist?«
»Wen schert das?«, sagte Ron gereizt, während seine Teetasse wie beschwipst wankend und heftig mit den Knien zitternd wieder aufstand. »Montague hätte nicht versuchen sollen, Gryffindor diese ganzen Punkte abzunehmen, oder? Wenn du dich schon um jemand sorgen willst, Hermine, dann um mich!«
»Um dich?«, erwiderte sie, fing ihre Tasse ein, die gerade auf vier kleinen kräftigen, gertenartigen Beinen glücklich über den Tisch davonhüpfte, und stellte sie wieder vor sich hin. »Warum sollte ich mir um dich Sorgen machen?«
»Wenn der nächste Brief von Mum endlich durch Umbridges Kontrollen kommt«, sagte Ron bitter und hielt nun seine Tasse fest, während ihre mickrigen Beine kraftlos versuchten, ihr Gewicht zu tragen, »dann sitz ich tief in der Patsche. Mich würd’s nicht überraschen, wenn sie mir wieder einen Heuler geschickt hätte.«
»Aber –«
»Sie wird mir die Schuld geben, dass Fred und George weg sind, wetten«, sagte Ron düster. »Sie wird sagen, ich hätte sie aufhalten sollen, ich hätte ihre Besen hinten packen und mich dranhängen sollen oder so was … ja, es wird alles meine Schuld sein.«
»Also, wenn sie das tatsächlich behaupten würde, dann wäre das sehr ungerecht, du hättest doch überhaupt nichts machen können! Aber ich bin sicher, das wird sie nicht, ich meine, wenn es wirklich stimmt, dass sie Ladenräume in der Winkelgasse haben, dann müssen sie das schon ewig geplant haben.«
»Ja, aber das ist auch so eine Sache, wie haben sie die Räume gekriegt?«, sagte Ron und schlug mit dem Zauberstab so hart gegen seine Teetasse, dass die Beinchen wieder einknickten und sie nun zuckend vor ihm lag. »Das ist ein bisschen seltsam, oder? Die brauchen jede Menge Galleonen, damit sie sich die Miete für einen Laden in der Winkelgasse leisten können. Sie wird wissen wollen, was sie ausbaldowert haben, um sich so viel Gold zu beschaffen.«
»Stimmt schon, das hab ich mir auch überlegt«, sagte Hermine und erlaubte ihrer Teetasse, in hübschen kleinen Kreisen um Harrys Tasse herumzutraben, deren kurze Stummelbeine immer noch nicht die Tischplatte berührten. »Ich frag mich, ob Mundungus sie dazu überredet hat, gestohlenes Zeug zu verkaufen oder sonst was Scheußliches.«
»Hat er nicht«, sagte Harry knapp.
»Woher weißt du das?«, fragten Ron und Hermine im Chor.
»Weil –« Harry zögerte, doch der Augenblick der Wahrheit schien endlich gekommen. Es hatte keinen Zweck, beharrlich weiterzuschweigen, wenn das bedeutete, dass Fred und George von allen verdächtigt wurden, Kriminelle zu sein. »Weil sie das Gold von mir bekommen haben. Ich hab ihnen letzten Juni meinen Gewinn aus dem Trimagischen geschenkt.«
Eine erschrockene Stille trat ein, dann trabte Hermines Teetasse hurtig über den Tischrand und zerschellte am Boden.
»Oh, Harry, das darf nicht wahr sein!«, sagte Hermine.
»Doch, ist es«, entgegnete Harry widerborstig. »Und ich bereu’s auch überhaupt nicht. Ich hab das Gold nicht gebraucht und die werden einen tollen Scherzartikelladen aufziehen.«
»Aber das ist ja klasse!«, sagte Ron begeistert. »Es ist alles deine Schuld, Harry – Mum kann mir gar nichts anhängen! Kann ich ihr das sagen?«
»Ja, wär wohl das Beste«, sagte Harry trübsinnig, »vor allem wenn sie glaubt, die kriegen gestohlene Kessel oder so was geliefert.«
Hermine sagte die restliche Stunde überhaupt nichts mehr, doch Harry hatte den scharfen Verdacht, dass sie ihre Selbstdisziplin nicht lange würde durchhalten können. Und tatsächlich, als sie zur Pause das Schloss verlassen hatten und in der schwachen Maisonne standen, fixierte sie Harry mit wachsamen Augen und öffnete mit entschlossener Miene den Mund.
Harry unterbrach sie, noch ehe sie etwas gesagt hatte.
»Hat keinen Zweck, an mir rumzukritteln, passiert ist passiert«, sagte er bestimmt. »Fred und George haben das Gold – und haben, was man so hört, auch schon einiges davon ausgegeben – und ich kann es nicht von ihnen zurückholen und will es auch nicht. Also spar dir die Worte, Hermine.«
»Ich wollte überhaupt nichts über Fred und George sagen!«, entgegnete sie beleidigt.
Ron schnaubte ungläubig und Hermine versetzte ihm einen gehässigen Blick.
»Nein, ehrlich nicht!«, sagte sie zornig. »Ich hab Harry fragen wollen, wann er wieder zu Snape geht und ihn um weitere Okklumentikstunden bittet!«
Harry wurde schwer ums Herz. Sowie sie das Thema des dramatischen Abgangs von Fred und George erschöpft hatten, was zugegebenermaßen viele Stunden gedauert hatte, wollten Ron und Hermine Neuigkeiten von Sirius hören. Da Harry ihnen den Grund, warum er überhaupt mit Sirius hatte reden wollen, nicht anvertraut hatte, war es schwierig gewesen, sich etwas einfallen zu lassen, was er ihnen erzählen konnte. Schließlich hatte er wahrheitsgemäß gesagt, dass Sirius von ihm verlangte, er solle den Okklumentikunterricht fortsetzen. Das hatte er sogleich bereut. Hermine wollte nicht von dem Thema lassen und kam immer wieder darauf zurück, wenn Harry es am wenigsten erwartete.
»Du kannst mir nicht erzählen, dass du inzwischen keine merkwürdigen Träume mehr hast«, sagte Hermine nun. »Ron hat mir nämlich gesagt, dass du gestern Nacht wieder im Schlaf vor dich hin geredet hast.«
Harry warf Ron einen wütenden Blick zu. Ron sah anständigerweise aus, als würde er sich schämen.
»Du hast nur ein wenig vor dich hin geredet«, murmelte er zu seiner Entschuldigung. »Etwas von wegen ›nur noch ein bisschen weiter‹.«
»Ich hab geträumt, dass ich euch beim Quidditch zugesehen hab«, log Harry kaltblütig. »Ich wollte dich dazu bringen, dass du dich noch ein bisschen weiter streckst, um den Quaffel zu kriegen.«
Rons Ohren liefen rot an. Harry spürte ein gewisses Vergnügen, sich gerächt zu haben. Natürlich hatte er nichts dergleichen geträumt.
In der letzten Nacht war er wieder einmal den Korridor zur Mysteriumsabteilung entlanggegangen. Er hatte den runden Raum durchquert, dann den Raum, der erfüllt war mit dem Ticken und dem tanzenden Licht, und hatte sich schließlich wieder in dem Gewölberaum voller Regale befunden, auf denen staubige Glaskugeln aneinandergereiht waren.
Er war direkt zu Reihe Nummer siebenundneunzig geeilt, hatte sich nach links gewandt und war die Regalreihe entlanggerannt … vermutlich hatte er bei dieser Gelegenheit laut gesprochen … nur noch ein bisschen weiter … denn er hatte gespürt, wie sein bewusstes Selbst ums Erwachen kämpfte … und bevor er das Ende der Reihe erreicht hatte, hatte er schon wieder wach im Bett gelegen und zum Baldachin seines Himmelbetts hochgestarrt.
»Du versuchst doch, deinen Geist zu verschließen, oder?«, sagte Hermine und sah Harry mit lebhaften Augen an. »Du machst doch mit deiner Okklumentik weiter?«
»Natürlich«, sagte Harry und versuchte zu klingen, als wäre diese Frage eine Beleidigung, sah Hermine allerdings nicht direkt in die Augen. In Wahrheit war er so neugierig, was in dem Raum voll staubiger Kugeln verborgen sein mochte, dass er ganz erpicht darauf war, dass die Träume weitergingen.
Das Problem war nur, dass in kaum einem Monat die Prüfungen stattfanden und die Stoffwiederholung jede freie Minute beanspruchte, weshalb sein Kopf immer, wenn er zu Bett ging, derart mit Wissen gesättigt war, dass es ihm sehr schwerfiel, überhaupt einzuschlafen. Und wenn er dann schlief, bescherte ihm sein überarbeitetes Gehirn Nacht für Nacht alberne Träume über die Prüfungen. Auch vermutete er, dass ein Teil seines Geistes – der Teil, der oft mit Hermines Stimme sprach – sich inzwischen schuldig fühlte, wenn er diesen Korridor entlanglief, der an der schwarzen Tür endete, und ihn aufzuwecken versuchte, bevor er das Ziel seiner Reise erreichen konnte.
»Weißt du«, sagte Ron, dessen Ohren immer noch flammend rot waren, »wenn Montague nicht wieder gesund wird, bevor Slytherin gegen Hufflepuff spielt, haben wir vielleicht eine Chance, den Pokal zu gewinnen.«
»Ja, denk ich auch«, sagte Harry und war froh über den Themenwechsel.
»Ich meine, wir haben eins gewonnen, eins verloren – wenn Slytherin nächsten Samstag gegen Hufflepuff verliert –«
»Ja, stimmt«, sagte Harry und wusste im selben Augenblick schon nicht mehr richtig, welcher Behauptung er da eigentlich zustimmte. Cho Chang war soeben über den Hof gegangen und hatte es entschlossen vermieden, ihn anzusehen.
Das abschließende Quidditch-Spiel der Saison, Gryffindor gegen Ravenclaw, sollte am letzten Maiwochenende stattfinden. Die Slytherins waren in ihrem letzten Match zwar knapp von den Hufflepuffs besiegt worden, doch die Gryffindors wagten es nicht, auf einen Sieg zu hoffen, vor allem wegen Rons unterirdischen Leistungen als Hüter (was ihm natürlich keiner sagte). Er selbst jedoch schien neue Zuversicht gewonnen zu haben.
»Ich meine, schlechter kann ich nicht werden, oder?«, erklärte er Harry und Hermine grimmig beim Frühstück am Morgen des Spiels. »Es gibt jetzt nichts mehr zu verlieren, stimmt’s?«
»Weißt du«, sagte Hermine, während sie und Harry ein wenig später inmitten einer sehr aufgeregten Menge zum Feld hinuntergingen, »ich könnte mir vorstellen, dass Ron besser spielt, wenn Fred und George nicht dabei sind. Die haben ihm nie sonderlich viel Selbstvertrauen eingeflößt.«
Luna Lovegood überholte sie, und es schien so, als würde ein lebender Adler auf ihrem Kopf sitzen.
»Ach Mensch, hab ich ja ganz vergessen!«, sagte Hermine und beobachtete, wie der Adler mit den Flügeln schlug, während Luna in aller Gemütsruhe an einer Gruppe gackernder und mit den Fingern auf sie zeigender Slytherins vorbeiging. »Cho spielt doch auch, oder?«
Harry, der es nicht vergessen hatte, grunzte nur.
Sie fanden Plätze in der zweitobersten Reihe auf der Tribüne. Es war ein schöner, klarer Tag. Ron hätte sich nichts Besseres wünschen können, und Harry merkte, wie er gegen alle Vernunft hoffte, Ron würde den Slytherins nicht noch mehr Anlässe zu provozierenden »Weasley ist unser King«-Schlachtgesängen liefern.
Lee Jordan, der seit Freds und Georges Abgang ausgesprochen trübselig war, kommentierte wie üblich das Spiel. Als die Mannschaften auf das Feld herausgestürmt kamen, nannte er die Namen der Spieler längst nicht so begeistert wie sonst.
»… Bradley … Davies … Chang«, sagte er, und Harry hatte das Gefühl, dass sein Magen nicht gerade einen Salto rückwärts hinlegte, sondern eher schwächlich schlingerte, als Cho aufs Feld herauskam und er sah, wie sich ihr glänzendes schwarzes Haar in der leichten Brise wellte. Er war sich nicht mehr sicher, was eigentlich passieren sollte, er wusste nur, dass er keinen Streit mehr vertragen konnte. Selbst als er bemerkte, wie sie angeregt mit Roger Davies plauderte, während sie sich darauf vorbereiteten, die Besen zu besteigen, versetzte ihm die Eifersucht nur einen leichten Stich.
»Und sie sind oben!«, sagte Lee. »Und Davies nimmt sofort den Quaffel, Ravenclaw-Kapitän Davies mit dem Quaffel, er weicht Johnson aus, weicht Bell aus, weicht auch Spinnet aus … er ist auf direktem Weg zum Tor! Er wird schießen – und – und –« Lee fluchte sehr laut. »Und er hat getroffen.«
Harry und Hermine stöhnten wie alle Gryffindors. Wie schrecklicherweise vorherzusehen, begannen die Slytherins auf der anderen Seite der Tribüne zu singen:
»Weasley fängt doch nie ein Ding,
Schützt ja keinen einz’gen Ring …«
»Harry«, sagte eine heisere Stimme an Harrys Ohr. »Hermine …«
Harry wandte sich um und sah Hagrids gewaltiges bärtiges Gesicht zwischen den Sitzen. Offenbar hatte er sich durch die Reihe hinter ihnen gequetscht, denn die Erst- und Zweitklässler, an denen er gerade vorbeigekommen war, wirkten zerzaust und geplättet. Aus irgendeinem Grund war Hagrid in die Knie gegangen, darauf bedacht, nicht gesehen zu werden, doch überragte er alle anderen immer noch um mehr als einen Meter.
»Hört ma’«, flüsterte er, »könnt ihr mitkommen? Jetzt? Wenn all die andern das Spiel angucken?«
»Ähm … hat das nicht Zeit, Hagrid?«, fragte Harry. »Bis das Spiel zu Ende ist?«
»Nein«, sagte Hagrid. »Nein, Harry, das muss jetzt gleich sein … wenn alle abgelenkt sin’ … bitte.«
Aus Hagrids Nase tropfte sanft Blut. Beide Augen waren schwarz umrandet. Harry hatte ihn seit seiner Rückkehr an die Schule nicht von so nahe gesehen; er bot einen ganz erbärmlichen Anblick.
»’türlich«, sagte Harry sofort, »’türlich kommen wir.«
Er und Hermine drängten sich unter viel Gegrummel der Schüler, die ihretwegen aufstehen mussten, durch ihre Sitzreihe zurück. Die in Hagrids Reihe saßen, beklagten sich nicht, sondern versuchten nur, sich so klein wie möglich zu machen.
»Weiß das wirklich zu schätzen, versteht ihr«, sagte Hagrid, als sie die Treppe erreicht hatten. Während sie zum Rasen hinabstiegen, blickte er sich dauernd nervös um. »Ich hoff nur, die merkt nich, dass wir gehn.«
»Du meinst Umbridge?«, sagte Harry. »Wird sie nicht, die hat ihr ganzes Inquisitionskommando um sich rumsitzen, hast du nicht gesehen? Die muss wohl Ärger beim Spiel erwarten.«
»Ja, gut, ’n bisschen Ärger kann nich schaden«, sagte Hagrid, hielt inne und lugte um die Tribüne, um sich zu vergewissern, dass der Rasen bis hin zu seiner Hütte menschenleer war. »Dann hätt’n wir mehr Zeit.«
»Um was geht es, Hagrid?«, fragte Hermine und sah mit einem besorgten Ausdruck im Gesicht zu ihm hoch, während sie über das Gras auf den Verbotenen Wald zueilten.
»Moment noch – ihr seht’s gleich«, sagte Hagrid und blickte über die Schulter, als auf der Tribüne hinter ihnen ein großes Getöse anhob. »Hey – hat jemand grad ’n Tor geschossen?«
»Vermutlich Ravenclaw«, sagte Harry mit bedrückter Stimme.
»Gut … gut …«, sagte Hagrid zerstreut. »Das is’ gut …«
Sie mussten im Laufschritt gehen, um mitzuhalten, während er über den Rasen marschierte und sich bei jedem zweiten Schritt umsah. Als sie zu seiner Hütte gelangten, wandte sich Hermine wie selbstverständlich nach links zur Vordertür. Hagrid jedoch ging geradewegs an der Hütte vorbei in den Schatten der Bäume am äußersten Rand des Waldes, wo er eine Armbrust aufhob, die an einen Baum gelehnt war. Als er bemerkte, dass sie nicht mehr bei ihm waren, drehte er sich um.
»Wir gehn da rein«, sagte er und warf seinen struppigen Kopf zurück.
»In den Wald?«, sagte Hermine verblüfft.
»Ja«, sagte Hagrid. »Kommt jetzt, schnell, bevor man uns sieht!«
Harry und Hermine sahen sich kurz an, dann duckten sie sich in die Deckung der Bäume hinter Hagrid, der sich, die Armbrust im Anschlag, schon ins grüne Dämmerlicht hinein entfernte. Harry und Hermine rannten los, um ihn einzuholen.
»Hagrid, warum bist du bewaffnet?«, fragte Harry.
»Nur ’ne Vorsichtsmaßnahme«, erwiderte Hagrid und hob die massigen Schultern.
»An dem Tag, als du uns die Thestrale gezeigt hast, hattest du deine Armbrust nicht dabei«, sagte Hermine zaghaft.
»Nee, also da sin’ wir nich so weit reingegangen«, sagte Hagrid. »Un’ außerdem, das war, noch bevor Firenze aus dem Wald raus is’, oder?«
»Warum ist es was anderes, wenn Firenze weg ist?«, fragte Hermine verwundert.
»Weil die andern Zentauren furchtbar wütend auf mich sin’, desweg’n«, sagte Hagrid leise und spähte umher. »Früher ma’ war’n die, na ja, man kann’s nicht grade freundlich nennen – aber wir sin’ klargekommen. Sin’ für sich geblieben, aber immer gekommen, wenn ich ’n Wort mit denen reden wollt. Damit is’ jetzt Schluss.«
Er seufzte schwer.
»Firenze meinte, sie sind sauer, weil er gegangen ist, um für Dumbledore zu arbeiten«, sagte Harry und betrachtete Hagrids Profil eingehend, worauf er über eine aus dem Boden ragende Wurzel stolperte.
»Ja«, sagte Hagrid schwer. »Also, sauer is’ nich das richtige Wort, die haben verdammt noch mal ’ne rasende Wut. Wenn ich nich eingegriffen hätt, schätz ich, hätten die Firenze totgetrampelt –«
»Sie haben ihn angegriffen?«, sagte Hermine schockiert.
»Jep«, sagte Hagrid schroff und bahnte sich seinen Weg durch einige tief hängende Äste. »Der hatte die halbe Herde gegen sich.«
»Und du hast es beendet?«, sagte Harry erstaunt und beeindruckt. »Ganz alleine?»
»’türlich hab ich das, konnt ja nich rumstehn und zusehn, wie sie ihn umbringen, oder?«, erwiderte Hagrid. »’n Glück nur, dass ich vorbeikam, wirklich … und ich hätt gedacht, Firenze würd sich vielleicht dran erinnern, anstatt dass er anfängt, mir dumme Warnungen zu schicken!«, fügte er hitzig und überraschend hinzu.
Harry und Hermine sahen sich verdutzt an, doch Hagrid blickte nur finster und erklärte nichts weiter.
»Jedenfalls«, sagte er und atmete ein wenig schwerer als sonst, »seitdem sin’ die anderen Zentauren rasend wütend auf mich, und das Problem is’, die ham ’ne Menge Einfluss im Wald … klügste Geschöpfe hier drin.«
»Sind wir deshalb hier, Hagrid?«, fragte Hermine. »Wegen der Zentauren?«
»Ah, nein«, erwiderte Hagrid und schüttelte abwehrend den Kopf, »nein, nich wegen denen. Na ja, ’türlich, die könnten das Problem noch komplizierter machen, ja … aber ihr werdet gleich sehen, was ich meine.«
Mit dieser unverständlichen Bemerkung verfiel er in Schweigen, schritt zügig voran, und Harry und Hermine, die für jeden seiner Schritte drei brauchten, hatten große Mühe, gleichauf zu bleiben.
Der Pfad war zunehmend überwuchert, je tiefer sie in den Wald kamen, und die Bäume standen nun so dicht, dass es dunkel wie in der Abenddämmerung war. Bald hatten sie die Lichtung, auf der Hagrid ihnen die Thestrale gezeigt hatte, weit hinter sich gelassen, doch Harry war nicht unbehaglich zumute, bis Hagrid unerwartet vom Weg abwich und sich zwischen den Bäumen hindurch ins dunkle Herz des Waldes schlängelte.
»Hagrid!«, sagte Harry, der sich durch dicht verschlungene Brombeersträucher kämpfte, die Hagrid mit Leichtigkeit überstiegen hatte, und sich sehr lebhaft erinnerte, was ihm zugestoßen war, als er schon einmal vom Waldpfad abgewichen war. »Wo gehen wir hin?«
»’n Stück noch«, sagte Hagrid über die Schulter. »Mach schon, Harry … wir müssen jetzt zusammenbleiben.«
Es war schwer, mit Hagrid Schritt zu halten angesichts der Äste und des Dorngestrüpps, durch das Hagrid so leichtfüßig wie durch Spinnweben marschierte, das sich jedoch in Harrys und Hermines Kleidern verfing und sie häufig so fest umschlang, dass sie minutenlang stehen bleiben mussten, um sich zu befreien. Bald waren Harrys Arme und Beine voller kleiner Schnitte und Kratzer. Sie waren jetzt so tief im Verbotenen Wald, dass Harry manchmal nichts weiter von Hagrid im Dämmerlicht erkennen konnte als eine massige dunkle Gestalt, die vorausging. In der dumpfen Stille schien jeder Laut bedrohlich. Das Geräusch eines brechenden Zweigs hallte laut wider, und das leiseste Rascheln von etwas, das sich bewegte, und wenn es ein harmloser Spatz gewesen wäre, veranlasste Harry, durch die Düsternis nach einem Feind zu spähen. Ihm ging durch den Kopf, dass er noch nie so tief in den Wald gelangt war, ohne irgendeinem Tierwesen zu begegnen. Dass keines da war, erschien ihm ziemlich unheilvoll.
»Hagrid, wär es in Ordnung, wenn wir unsere Zauberstäbe anzünden?«, sagte Hermine leise.
»Ähm … na gut«, erwiderte Hagrid flüsternd. »Tatsächlich –«
Er blieb jäh stehen und wandte sich um. Hermine lief direkt in ihn hinein und wurde rücklings umgestoßen. Harry fing sie gerade noch auf, bevor sie auf den Waldboden stürzte.
»Vielleicht machen wir mal ’ne kurze Pause, damit ich euch … was erklären kann«, sagte Hagrid. »Bevor wir da sin’, versteht ihr.«
»Gut!«, sagte Hermine, während Harry ihr wieder auf die Beine half. Beide murmelten »Lumos!«, und die Spitzen ihrer Zauberstäbe flammten auf. Hagrids Gesicht schwebte im Licht der beiden durch die Düsternis wabernden Strahlen, und Harry stellte von neuem fest, dass er nervös und traurig aussah.
»Also dann«, sagte Hagrid. »Also … es is’ so … die Sache is’ die …«
Er holte tief Luft.
»Nun, es is’ durchaus möglich, dass ich dieser Tage noch gefeuert werd«, sagte er.
Harry und Hermine sahen sich an und wandten sich dann wieder Hagrid zu.
»Aber du hast dich so lange halten können –«, sagte Hermine behutsam. »Weshalb meinst du –?«
»Umbridge vermutet, dass ich es war, der ihr diesen Niffler ins Büro gesteckt hat.«
»Und, warst du’s?«, rutschte es Harry unversehens heraus.
»Nein, verdammt noch mal, war ich nicht!«, sagte Hagrid entrüstet. »Immer wenn irgendwas mit magischen Geschöpfen los is’, dann glaubt die, es hätt was mit mir zu tun. Ihr wisst ja, seit ich wieder zurück bin, sucht die nach ’ner Möglichkeit, mich loszuwerden. Ich will nicht gehen, ’türlich, aber wenn diese … also … diese besondern Umstände nicht wär’n, die ich euch gleich erklären werd, dann würd ich auf der Stelle gehen, eh sie die Chance kriegt, mich vor der ganzen Schule zu feuern, wie sie’s mit Trelawney gemacht hat.«
Harry und Hermine gaben protestierende Laute von sich, doch Hagrid überging sie mit einer wegwerfenden Bewegung einer seiner gewaltigen Hände.
»Das is’ nich das Ende der Welt, ich könnt Dumbledore helfen, wenn ich hier raus bin, ich kann dem Orden von Nutzen sein. Und ihr habt dann Raue-Pritsche, ihr – ihr kommt dann schon ordentlich durch die Prüfungen …«
Seine Stimme bebte und erstarb.
»Macht euch keine Sorgen um mich«, sagte er hastig, als Hermine ihm den Arm tätscheln wollte. Er zog sein riesiges getüpfeltes Taschentuch aus der Weste und wischte sich damit die Augen. »Hört ma’, ich würd euch das gar nich sagen, wenn ich nich müsst. Nun, wenn ich geh … also, ich kann nich weg, ohne dass ich’s jemand sag … weil ich – ich brauch Hilfe von euch beiden. Und von Ron, wenn er bereit ist.«
»Natürlich helfen wir dir«, sagte Harry sofort. »Was sollen wir tun?«
Hagrid ließ ein lautes Schniefen hören und tätschelte Harry, ohne ein Wort zu sagen, mit solcher Kraft die Schulter, dass er seitlich gegen einen Baum prallte.
»Wusst ich doch, dass ihr ja sagt«, nuschelte Hagrid in sein Taschentuch, »aber ich werd … nie … vergessen … also … nu kommt … nur noch ’n bisschen weiter da durch … passt auf jetzt, das sind Nesseln …«
Fünfzehn Minuten lang gingen sie schweigend weiter. Harry hatte gerade den Mund geöffnet und wollte fragen, wie weit es noch war, da streckte Hagrid den rechten Arm aus zum Zeichen, dass sie stehen bleiben sollten.
»Ganz ruhig«, sagte er leise. »Ganz still jetzt …«
Sie schlichen ein Stück voran, und Harry sah, dass sie einen großen, glatten Erdhügel vor sich hatten, der fast so hoch war wie Hagrid, und mit plötzlich aufwallendem Grauen dachte er, es müsse sicher der Bau eines riesigen Tieres sein. Rings um den Hügel waren Bäume mitsamt den Wurzeln ausgerissen worden, so dass er sich auf einem kahlen Fleck Erde erhob, umgeben von übereinanderliegenden Baumstämmen und Zweigen, die eine Art Zaun oder Bollwerk bildeten, vor dem Harry, Hermine und Hagrid jetzt standen.
»Schläft«, hauchte Hagrid.
Und tatsächlich, Harry konnte ein fernes rhythmisches Grollen hören, das klang wie ein Paar riesige arbeitende Lungen. Er warf Hermine einen Blick von der Seite zu und sah sie mit leicht geöffnetem Mund den Hügel anstarren. Sie schien abgrundtief entsetzt.
»Hagrid«, sagte sie flüsternd, kaum vernehmbar durch das Geräusch des schlafenden Geschöpfs. »Wer ist das?«
Harry hielt das für eine merkwürdige Frage … »Was ist das?«, hatte er eigentlich fragen wollen.
»Hagrid, du hast uns erzählt –«, sagte Hermine und der Zauberstab in ihrer Hand zitterte jetzt, »du hast uns erzählt, dass keiner von denen mitkommen wollte!«
Harry blickte von ihr zu Hagrid, und dann, als ihm schlagartig ein Licht aufging, wandte er den Blick mit einem leisen, grauenerfüllten Keuchen wieder dem Hügel zu.
Der große Erdhügel, auf den er, Hermine und Hagrid sich ohne weiteres hätten stellen können, hob und senkte sich langsam mit dem tiefen, grollenden Atmen. Es war überhaupt kein Erdhügel. Es war, eindeutig, der gekrümmte Rücken eines –
»Also – nein – er wollte nicht mitkommen«, sagte Hagrid verzweifelt. »Aber ich musste ihn mitbringen, Hermine, ich musste einfach!«
»Aber warum?«, fragte Hermine und klang, als würde sie gleich anfangen zu weinen. »Warum – was – oh, Hagrid!«
»Ich wusst, wenn ich ihn einfach hierherhole«, sagte Hagrid und war nun selbst den Tränen nahe, »und – und ihm ’n paar Manier’n beibring – dann würd ich ihn nach draußen mitnehmen und allen zeigen können, dass er harmlos is’!«
»Harmlos!«, sagte Hermine schrill, und Hagrid bedeutete ihr hektisch, dass sie leise sein sollte, während die riesige Kreatur vor ihnen im Schlaf laut grunzte und sich wälzte. »Er war’s, der dich dauernd verletzt hat, was? Deshalb hast du all diese Wunden!«
»Er weiß nich, wie stark er is’!«, sagte Hagrid ernst. »Und’s is’ besser geworden mit ihm, er kämpft nich mehr so viel –«
»Deswegen also hast du zwei Monate gebraucht, um nach Hause zu kommen!«, sagte Hermine beklommen. »Oh, Hagrid, warum hast du ihn denn mitgebracht, wenn er doch gar nicht mitkommen wollte? Wär er bei seinem eigenen Volk nicht glücklicher gewesen?«
»Die ham ihn gequält, Hermine, weil er so klein is’!«, sagte Hagrid.
»Klein?«, wiederholte Hermine. »Klein?«
»Hermine, ich konnt ihn nich dalassen«, sagte Hagrid und Tränen tropften ihm nun über das zerschundene Gesicht hinab in den Bart. »Weißt du – er is’ mein Bruder!«
Hermine starrte ihn nur mit aufgerissenem Mund an.
»Hagrid, wenn du ›Bruder‹ sagst«, fragte Harry langsam, »meinst du dann –?«
»Na ja – Halbbruder«, ergänzte Hagrid. »Hat sich rausgestellt, dass meine Mutter sich mit ’nem anderen Riesen zusammengetan hat, als sie meinen Dad verlassen hatte, und dann bekam sie Grawp hier –«
»Grawp?«, sagte Harry.
»Jaah … so klingt’s jedenfalls, wenn er seinen Namen sagt«, erklärte Hagrid besorgt. »Er spricht ja nich viel Englisch … hab versucht ihm was beizubringen … jedenfalls, sie scheint ihn auch nich viel mehr gemocht zu haben als mich. Wisst ihr, bei Riesinnen zählt eben, dass sie richtig große Kinder kriegen, und er war immer ’n bisschen kümmerlich für ’nen Riesen – nich mal ganz fünf Meter –«
»Oh, ja, winzig!«, warf Hermine bissig und eine Spur hysterisch ein. »So was von klitzeklein!«
»Die haben ihn alle rumgestoßen – ich konnt ihn einfach nicht dalassen –«
»Wollte Madame Maxime ihn herbringen?«, fragte Harry.
»Sie – also, sie hat gesehn, dass es furchtbar wichtig für mich war«, sagte Hagrid und verschlang die gewaltigen Hände ineinander. »Aber – aber nach ’ner Weile hatte sie ’n bisschen die Nase voll von ihm, muss ich zugeben … also haben wir uns auf der Heimreise getrennt … sie hat mir aber versprochen, keinem was zu sagen …«
»Wie um Himmels willen hast du ihn hierhergebracht, ohne dass jemand es bemerkt hat?«, fragte Harry.
»Na ja, deshalb hat’s so lang gedauert, verstehst du«, sagte Hagrid. »Konnt nur bei Nacht reisen durch verlassenes Land und so. Natürlich, er kommt recht schnell voran, wenn er will, aber er wollt andauernd wieder zurück.«
»Oh, Hagrid, warum um alles in der Welt hast du ihn nicht gelassen!«, sagte Hermine, sank auf einen ausgerissenen Baum und verbarg das Gesicht in den Händen. »Was hast du vor mit einem gewalttätigen Riesen, der nicht mal hier sein will!«
»Also, nu – ›gewalttätig‹ – das is’ ’n bisschen hart«, erwiderte Hagrid und verschlang immer noch aufgeregt die Hände ineinander. »Ich geb zu, er hat ’n paar Schwinger gegen mich ausgeteilt, wenn er mal schlechte Laune hatte, aber’s wird besser mit ihm, viel besser, gewöhnt sich gut ein.«
»Wofür sind dann die Seile?«, fragte Harry.
Gerade waren ihm Seile aufgefallen, dick wie junge Bäume, die sich von den größten nächsten Stämmen zu dem Platz spannten, an dem Grawp mit dem Rücken zu ihnen eingerollt am Boden lag.
»Er muss angebunden sein?«, sagte Hermine matt.
»Also … jaah …«, antwortete Hagrid besorgt. »Sieh mal – ’s ist, wie ich sag – er weiß einfach nich, wie stark er is’!«
Harry begriff jetzt, warum sie in diesem Teil des Waldes merkwürdigerweise auf überhaupt kein anderes Lebewesen gestoßen waren.
»Also, was sollen Harry und Ron und ich für dich tun?«, fragte Hermine bang.
»Euch um ihn kümmern«, erwiderte Hagrid mit krächzender Stimme. »Wenn ich weg bin.«
Harry und Hermine tauschten betrübte Blicke. Harry war sich schrecklich bewusst, dass er Hagrid bereits versprochen hatte, alles zu tun, worum er sie bat.
»Und was – was bedeutet das genau?«, fragte Hermine.
»Kein Fressen oder so was!«, sagte Hagrid eifrig. »Er kann sich sein Fressen schon selbst besorgen, kein Problem. Vögel und Wild un’ so … nein, was er braucht, is’ Gesellschaft. Wenn ich nur wüsste, dass jemand weitermacht und versucht, ihm ’n bisschen zu helfen … ihm was beibringt, versteht ihr?«
Harry sagte nichts, sondern wandte sich um und blickte auf die gigantische Gestalt, die da schlafend vor ihnen am Boden lag. Im Gegensatz zu Hagrid, der einfach wie ein zu großer Mensch aussah, wirkte Grawp seltsam missgestaltet. Was Harry für einen gewaltigen moosbewachsenen Felsblock links von dem großen Erdhügel gehalten hatte, war, wie er jetzt erkannte, Grawps Kopf. Er war im Verhältnis zum Körper viel größer als ein menschlicher Kopf, fast vollkommen rund und bedeckt mit dichten, farnfarbenen Locken. Der Rand eines einzigen großen fleischigen Ohrs war auf dem Kopf zu erkennen, der, ganz ähnlich dem von Onkel Vernon, direkt auf den Schultern zu sitzen schien, ohne oder mit nur wenig Hals dazwischen. Der Rücken unter einem, wie es aussah, schmutzigen braunen Kittel aus grob zusammengenähten Tierfellen war sehr breit; und während Grawp schlief, schienen sich die losen Säume der Felle ein wenig zu spannen. Die Beine waren unter den Körper gezogen. Harry konnte die Sohlen mächtiger, schmutziger, bloßer Füße sehen, groß wie Schlitten, einer über dem anderen auf den erdigen Waldboden gelegt.
»Du willst, dass wir ihn unterrichten«, sagte Harry mit hohler Stimme. Er begriff jetzt, worum es bei Firenzes Warnung gegangen war. Sein Versuch gelingt nicht. Er täte besser daran, ihn aufzugeben. Natürlich hatten die anderen Geschöpfe, die im Wald lebten, Hagrids fruchtlose Versuche mitbekommen, Grawp Englisch beizubringen.
»Ja – und wenn ihr nur ’n bisschen mit ihm redet«, sagte Hagrid hoffnungsvoll. »Weil, ich schätz ma’, wenn er mit Leuten reden kann, dann versteht er besser, dass wir ihn alle wirklich gern haben und wollen, dass er hierbleibt.«
Harry sah zu Hermine hinüber, die durch die Finger vor ihrem Gesicht zurückspähte.
»Da wünscht man sich irgendwie Norbert zurück, oder?«, sagte er und sie antwortete mit einem recht zittrigen Lachen.
»Ihr macht’s also?«, fragte Hagrid, der offenbar nicht verstanden hatte, was Harry eben gesagt hatte.
»Wir …«, erwiderte Harry, gebunden durch sein Versprechen, »wir werden’s versuchen, Hagrid.«
»Wusst ich doch, dass ich auf euch zählen kann, Harry«, sagte Hagrid, strahlte ihn mit verdächtig feuchten Augen an und betupfte sich erneut das Gesicht mit seinem Taschentuch. »Un’ ich will nich, dass ihr euch zu sehr da reinhängt, sozusagen … ich weiß, ihr habt Prüfungen … wenn ihr vielleicht nur einmal die Woche kurz in eurem Tarnumhang hier runterschaut und ’n Pläuschchen mit ihm haltet. Ich weck ihn mal – damit ich euch vorstellen kann –«
»Wa… – nein!«, rief Hermine und sprang auf. »Hagrid, nein, weck ihn nicht, wirklich, das ist nicht –«
Aber Hagrid war bereits über den großen Baumstamm vor ihnen gestiegen und ging auf Grawp zu. Als er noch ungefähr drei Meter von ihm entfernt war, hob er einen langen abgebrochenen Ast vom Boden auf, lächelte Harry und Hermine über die Schulter beruhigend zu und versetzte dann Grawp mit der Astspitze einen harten Stich mitten in den Rücken.
Der Riese ließ ein Brüllen hören, das rundum im stillen Wald widerhallte. In den Baumwipfeln stoben zwitschernd Vögel von ihren Plätzen auf und flogen davon. Unterdessen erhob sich vor Harry und Hermine der gigantische Grawp, und der Boden erbebte, als er sich mit gewaltiger Hand darauf abstützte, um sich auf die Knie zu stemmen. Der Riese wandte den Kopf, um zu sehen, wer und was ihn gestört hatte.
»Alles klar, Grawpy?«, sagte Hagrid mit gespielt fröhlicher Stimme und wich zurück, den langen Ast erhoben und bereit, Grawp noch einmal damit zu stechen. »Hast ’n schönes Nickerchen gemacht, ja?«
Harry und Hermine zogen sich zurück, so weit sie konnten, ohne den Riesen aus dem Blick zu verlieren. Grawp kniete zwischen zwei Bäumen, die er noch nicht entwurzelt hatte. Sie blickten hoch in sein verblüffend großes Gesicht, das einem grauen Vollmond ähnelte, der im Dämmer der Lichtung schwebte. Es schien, als ob die Gesichtszüge in einen großen steinernen Ball gemeißelt worden wären. Die Nase war stummelig und formlos, der Mund schief und voll ungestalter gelber Zähne, groß wie halbe Backsteine; die Augen, klein für einen Riesen, waren von einem trüben, grünlichen Braun und vom Schlaf noch halb verklebt. Grawp hob die schmutzigen Knöchel, jeder so groß wie ein Kricketball, an die Augen und rieb sie energisch, dann, ohne Vorwarnung, stemmte er sich überraschend schnell und behände auf die Füße.
»Meine Güte!«, hörte Harry Hermine neben sich verängstigt kreischen.
Die Bäume, an welche die anderen Enden der Seile um Grawps Hand- und Fußgelenke gebunden waren, knarzten unheilvoll. Er war, wie Hagrid gesagt hatte, knapp fünf Meter groß. Grawp stierte mit trüben Augen umher, streckte eine Hand von der Größe eines Sonnenschirms aus, packte ein Vogelnest in den oberen Ästen einer gewaltigen Kiefer und stülpte es um. Offenbar enttäuscht, dass keine Vögel darin waren, brüllte er auf; Eier fielen wie Granaten zu Boden und Hagrid schlug sich schützend die Arme über den Kopf.
»Nun is’ aber gut, Grawpy«, rief Hagrid und hielt besorgt nach weiteren herabfallenden Eiern Ausschau. »Ich hab ’n paar Freunde mitgebracht, die ich dir vorstellen will. Weißt du noch, ich hab dir gesagt, dass ich das vielleicht mache? Weißt du noch, dass ich gesagt hab, ich müsst vielleicht ’ne kleine Reise unternehmen und dass ich es ihnen überlass, sich für ’ne Weile um dich zu kümmern? Weißt du noch, Grawpy?«
Aber Grawp ließ wiederum nur ein leises Brüllen hören. Es war schwer, zu sagen, ob er Hagrid zuhörte oder auch nur erkannte, dass Hagrid sprach. Er hatte inzwischen die Spitze der Kiefer gepackt und zog sie zu sich heran, offensichtlich aus schlichter Freude zu sehen, wie weit sie zurückfederte, wenn er sie losließ.
»Nein, Grawpy, lass das!«, rief Hagrid. »So hast du auch die andern rausgerissen –«
Und tatsächlich, Harry konnte sehen, wie die Erde um die Wurzeln des Baumes Risse bekam.
»Ich hab Gesellschaft für dich!«, rief Hagrid. »Gesellschaft, sieh mal! Schau mal runter, du großer Kindskopf, ich hab dir ’n paar Freunde mitgebracht!«
»Ach, Hagrid, lass doch«, stöhnte Hermine, doch er hatte den Ast bereits wieder erhoben und stach damit scharf gegen Grawps Knie.
Der Riese ließ den Baumwipfel los, der bedenklich zurückschwang und Hagrid mit einem Nadelregen überschüttete, und blickte herab.
»Das«, sagte Hagrid und hastete hinüber zu Harry und Hermine, »das is’ Harry, Grawp! Harry Potter! Er kommt dich vielleicht besuchen, wenn ich wegmuss, verstanden?«
Der Riese hatte gerade erst bemerkt, dass Harry und Hermine da waren. Sie sahen mit großer Beklommenheit zu, wie er seinen riesigen Felsblock von Kopf herabneigte, damit er sie trübe anspähen konnte.
»Un’ das is’ Hermine, siehst du? Sie –« Hagrid zögerte. Er wandte sich an Hermine und sagte: »Würd’s dir was ausmachen, wenn er dich Hermy nennt? So ’n schwierigen Namen kann er sich schlecht merken.«
»Nein, überhaupt nicht«, quiekte Hermine.
»Das hier is’ Hermy, Grawp! Und sie kommt dich besuchen und alles! Ist das nich nett? He? Zwei Freunde für dich zum – GRAWPY, NEIN!«
Grawps Hand schoss aus dem Nichts auf Hermine zu. Harry packte sie und zerrte sie hinter den Baum, so dass Grawps Hand am Stamm vorbeischrammte und sich leer zur Faust schloss.
»BÖSER JUNGE, GRAWPY!«, hörten sie Hagrid schreien, als Hermine sich hinter dem Baum schlotternd und wimmernd an Harry klammerte. »GANZ BÖSER JUNGE! MAN GRAPSCHT NICHT – AUTSCH!«
Harry schob den Kopf hinter dem Baumstamm hervor und sah Hagrid auf dem Rücken liegen, die Hand auf der Nase. Grawp, der offenbar das Interesse verlor, hatte sich aufgerichtet und war erneut damit beschäftigt, die Kiefer, so weit es ging, umzubiegen.
»Gut!«, nuschelte Hagrid und stand auf, hielt sich mit der einen Hand seine blutende Nase zu und mit der anderen seine Armbrust umklammert. »Also … das war’s dann … ihr habt ihn kennen gelernt und – und er kennt euch jetzt, wenn ihr wiederkommt. Jaah … nun …«
Er blickte hoch zu Grawp, der nun mit einem Ausdruck entrückten Vergnügens auf seinem Felsblockgesicht die Kiefer umbog. Die Wurzeln knirschten, als er sie aus der Erde riss.
»Also, ich schätz mal, das reicht für einen Tag«, sagte Hagrid. »Wir – ähm – wir gehn jetzt wieder zurück, ja?«
Harry und Hermine nickten. Hagrid, der immer noch seine Nase zuhielt, schulterte seine Armbrust und ging ihnen voran zurück zwischen die Bäume.
Eine Zeit lang sprach niemand ein Wort, nicht einmal, als sie das ferne Krachen hörten, mit dem Grawp nun endlich die Kiefer ausgerissen hatte. Hermines Gesicht war blass und starr. Harry fiel nichts zu sagen ein. Was um alles in der Welt würde passieren, wenn jemand herausfand, dass Hagrid Grawp im Verbotenen Wald versteckt hielt? Und er hatte versprochen, dass er, Ron und Hermine Hagrids vollkommen sinnlose Versuche fortsetzen würden, dem Riesen Manieren beizubringen. Wie konnte Hagrid, trotz seines unglaublichen Talents, sich einzureden, dass reißzähnige Monster liebenswert harmlos waren, nun sich selbst mit der Vorstellung zum Narren halten, dass Grawp jemals in der Lage sein würde, unter Menschen zu leben?
»Halt mal!«, sagte Hagrid plötzlich, als Harry und Hermine sich gerade hinter ihm durch ein dichtes Knöterichgeflecht kämpften. Er zog einen Pfeil aus dem Köcher an seiner Schulter und spannte ihn in die Armbrust. Harry und Hermine hoben ihre Zauberstäbe. Nun, da sie innehielten, konnten auch sie hören, dass sich ganz in der Nähe etwas bewegte.
»O verdammich«, sagte Hagrid leise.
»Ich dachte, wir hätten dir erklärt«, sagte eine tiefe männliche Stimme, »dass du hier nicht mehr willkommen bist, Hagrid.«
Der nackte Oberkörper eines Mannes schien durch das grün gesprenkelte Zwielicht auf sie zuzuschweben, dann sahen sie, dass seine Taille glatt in den kastanienbraunen Körper eines Pferdes überging. Der Zentaur hatte ein stolzes Gesicht mit hohen Wangenknochen und langes schwarzes Haar. Wie Hagrid war er bewaffnet; er trug einen Köcher voller Pfeile und einen Langbogen um die Schulter geschlungen.
»Wie geht’s, Magorian?«, sagte Hagrid wachsam.
Die Bäume hinter dem Zentauren raschelten und vier oder fünf weitere Zentauren tauchten auf. Harry erkannte den bärtigen Bane mit seinem schwarzen Körper, den er vor fast vier Jahren in derselben Nacht wie Firenze getroffen hatte. Bane ließ sich nicht im Mindesten anmerken, dass er Harry schon einmal begegnet war.
»Nun«, sagte er mit leicht gehässigem Tonfall, um sich gleich darauf an Magorian zu wenden, »wir sind, denke ich, darin übereingekommen, was wir tun werden, sollte dieser Mensch sich je wieder im Wald zeigen.«
»›Dieser Mensch‹, das soll ich sein?«, fragte Hagrid gereizt. »Nur weil ich euch allesamt dran gehindert hab, einen Mord zu begehen?«
»Du hättest dich nicht einmischen sollen, Hagrid«, sagte Magorian. »Unsere Sitten sind nicht die euren, und auch nicht unsere Gesetze. Firenze hat uns verraten und entehrt.«
»Keine Ahnung, wie ihr da draufkommt«, sagte Hagrid ungeduldig. »Er hat nichts getan, außer Albus Dumbledore zu helfen –«
»Firenze hat sich in die Knechtschaft der Menschen begeben«, sagte ein grauer Zentaur mit hartem, tief zerfurchtem Gesicht.
»Knechtschaft!«, rief Hagrid verächtlich. »Er tut Dumbledore ’nen Gefallen, das is’ alles –«
»Er geht mit unserem Wissen und unseren Geheimnissen bei den Menschen hausieren«, sagte Magorian leise. »Aus solcher Schande kann es keine Rückkehr geben.«
»Wenn ihr meint«, erwiderte Hagrid achselzuckend, »aber wenn ihr mich fragt, macht ihr ’nen großen Fehler –«
»Wie auch du, Mensch«, sagte Bane, »indem du in unseren Wald zurückgekommen bist, obwohl wir dich gewarnt hatten –«
»Nun, jetzt hört mir ma’ zu«, sagte Hagrid zornig. »Das mit ›unserem‹ Wald hör ich nich so gern, wenn’s euch recht is’. Das entscheidet nich ihr, wer hier ein und aus geht –«
»Und du ebenso wenig, Hagrid«, entgegnete Magorian ruhig. »Ich werde dich heute gehen lassen, weil du begleitet wirst von deinen jungen –«
»Das sind nicht die seinen«, unterbrach ihn Bane geringschätzig. »Schüler, Magorian, vom Schloss oben! Sie haben vermutlich schon von den Lehren des Verräters Firenze profitiert.«
»Wie auch immer«, sagte Magorian gelassen, »Fohlen zu schlachten ist ein schreckliches Verbrechen – wir rühren die Unschuldigen nicht an. Heute, Hagrid, kannst du gehen. Doch von nun an bleib von hier fern. Du hast die Freundschaft der Zentauren verwirkt, als du dem Verräter Firenze geholfen hast uns zu entkommen.«
»So ’n paar alte Maultiere wie ihr halten mich doch nich vom Wald fern!«, sagte Hagrid laut.
»Hagrid«, warf Hermine mit hoher und angsterfüllter Stimme ein, während Bane und der graue Zentaur mit den Hufen scharrten, »lass uns gehen, bitte, lass uns gehen!«
Hagrid ging weiter, doch er hielt seine Armbrust im Anschlag und seine Augen waren noch immer drohend auf Magorian geheftet.
»Wir wissen, was du im Wald versteckst, Hagrid!«, rief ihnen Magorian nach, als die Zentauren verschwanden. »Und unsere Geduld ist langsam erschöpft!«
Hagrid wandte sich um, allem Anschein nach wollte er geradewegs zu Magorian zurückgehen.
»Ihr werdet ihn dulden, solange er hier is’, das is’ genauso gut sein Wald wie eurer!«, rief er, aber Harry und Hermine stemmten sich mit aller Kraft gegen seine Maulwurfsfellweste und drängten ihn mühsam weiter. Mit noch immer finsterer Miene blickte er herab; sein Gesicht nahm einen milde überraschten Ausdruck an, als er sah, wie die Freunde ihn vorwärtsschoben; offenbar hatte er nichts davon gespürt.
»Beruhigt euch, ihr beiden«, sagte er, wandte sich um und ging weiter, während die zwei hinter ihm herkeuchten. »Dumme alte Maultiere sind das, nich wahr?«
»Hagrid«, sagte Hermine atemlos und schlug einen Bogen um die Nesseln, die sie auf dem Hinweg durchquert hatten, »wenn die Zentauren keine Menschen im Wald haben wollen, sieht es nicht gerade danach aus, als könnten Harry und ich –«
»Ah, du hast doch gehört, was sie gesagt haben«, erwiderte Hagrid verächtlich, »die würden Fohlen nie was antun – Kindern, meine ich. Jedenfalls können wir uns von denen nich schikanier’n lassen.«
»Netter Versuch«, murmelte Harry der geknickt wirkenden Hermine zu.
Endlich kamen sie wieder auf den Pfad und nach weiteren zehn Minuten lichtete sich der Wald allmählich. Sie konnten erneut Flecken klaren blauen Himmels sehen und aus der Ferne deutlich Beifallrufe und Geschrei hören.
»War das wieder ’n Tor?«, fragte Hagrid und hielt im Schatten der Bäume inne, als das Quidditch-Stadion in Sicht kam. »Oder meint ihr, das Spiel ist vorbei?«
»Ich weiß nicht«, sagte Hermine betrübt. Harry sah, dass sie ziemlich mitgenommen wirkte. Ihr Haar war voller Zweige und Blätter, ihre Kleider waren an mehreren Stellen zerrissen, und auf Gesicht und Armen hatte sie zahlreiche Kratzer. Er wusste, dass er selbst kaum besser aussehen konnte.
»Ich schätz mal, ’s ist vorbei, wisst ihr!«, sagte Hagrid, der immer noch zum Stadion hinüberspähte. »Seht mal – da kommen schon welche raus – wenn ihr zwei euch beeilt, könnt ihr euch unter die Leute mischen, und keiner wird erfahren, dass ihr nich dabei wart!«
»Gute Idee«, sagte Harry. »Also … wir sehen uns, Hagrid.«
»Ich glaub es einfach nicht«, sagte Hermine mit sehr brüchiger Stimme, kaum dass sie außer Hörweite waren. »Ich glaub es nicht. Ich glaub es wirklich nicht.«
»Beruhige dich«, sagte Harry.
»Beruhige dich!«, sagte sie fiebrig. »Ein Riese! Ein Riese im Wald! Und wir sollen ihm Englischunterricht geben! Immer vorausgesetzt natürlich, dass wir auf dem Weg hin und zurück an der Herde mordlustiger Zentauren vorbeikommen. Ich – glaub – es – einfach – nicht!«
»Vorerst müssen wir noch gar nichts tun!«, versuchte Harry sie mit leiser Stimme zu beruhigen, während sie sich einem Schwarm plappernder Hufflepuffs anschlossen, die zurück zum Schloss gingen. »Er verlangt ja überhaupt nichts von uns, solange er nicht rausgeschmissen wird, und vielleicht passiert das gar nicht.«
»Ach, nun red dir doch nichts ein, Harry!«, sagte Hermine wütend und blieb abrupt stehen, so dass die Leute hinter ihr ausweichen mussten, um nicht mit ihr zusammenzuprallen. »Natürlich wird er rausgeschmissen, und um mal ehrlich zu sein, nach dem, was wir eben gesehen haben, wer wollte Umbridge da einen Vorwurf machen?«
Stille trat ein. Harry starrte sie zornfunkelnd an. Langsam füllten sich ihre Augen mit Tränen.
»Das hast du nicht ernst gemeint«, sagte Harry leise.
»Nein … nun … schon gut … hab ich nicht«, sagte sie und trocknete sich wütend die Augen. »Aber warum muss er sich selbst das Leben so schwer machen – und uns?«
»Keine Ahnung –«
»Weasley ist unser King,
Weasley ist unser King,
Ließ keinen Quaffel durch den Ring.
Weasley ist unser King …«
»Und wenn die doch nur mal mit diesem blöden Lied aufhören würden«, sagte Hermine niedergeschlagen, »haben die sich nicht endlich genug dran hochgezogen?«
Eine große Welle Schüler bewegte sich vom Spielfeld her den Rasenhang hoch.
»Ach, lass uns reingehen, ehe wir die Slytherins treffen«, sagte Hermine.
»Weasley fängt doch jedes Ding,
Hütet nämlich jeden Ring,
Und wir Gryffindors nun sing’:
Weasley ist unser King.«
»Hermine …«, sagte Harry langsam.
Der Gesang schwoll an, doch er kam nicht von einer Schar grün-silbern gekleideter Slytherins, sondern von einer rot-goldenen Menge, die sich langsam zum Schloss hinbewegte und eine einzelne Gestalt auf den Schultern trug.
»Weasley ist unser King,
Weasley ist unser King,
Ließ keinen Quaffel durch den Ring.
Weasley ist unser King …«
»Nein?«, sagte Hermine mit gedämpfter Stimme.
»JA!«, sagte Harry laut.
»HARRY! HERMINE!«, rief Ron. Er schwenkte den silbernen Quidditch-Pokal durch die Luft und schien ziemlich von der Rolle. »WIR HABEN’S GESCHAFFT! WIR HABEN GEWONNEN!«
Sie strahlten zu ihm hoch, während er vorbeigetragen wurde. Am Schlossportal bildete sich eine Menschentraube, und Ron stieß sich am Türsturz ziemlich schlimm den Kopf, aber niemand schien ihn herunterholen zu wollen. Singend drängte sich die Menge in die Eingangshalle und verschwand allmählich. Harry und Hermine sahen ihnen mit breitem Lächeln nach, bis die letzten Echos von »Weasley ist unser King« verklangen. Dann wandten sie sich einander zu und ihr Lächeln verblasste.
»Wir behalten unsere Neuigkeit bis morgen für uns, oder?«, sagte Harry.
»Ja, von mir aus«, sagte Hermine matt. »Ich hab’s nicht eilig.«
Gemeinsam stiegen sie die Treppe hoch. Am Portal blickten sie instinktiv zurück zum Verbotenen Wald. Harry war sich nicht sicher, ob er es sich einbildete, aber er glaubte doch, einen kleinen Schwarm Vögel über den fernen Baumspitzen in die Luft flattern zu sehen, fast als ob der Baum, in dem sie genistet hatten, gerade an den Wurzeln ausgerissen worden wäre.
ZAGs
Ron war in derart euphorischer Stimmung, weil er den Gryffindors geholfen hatte, sich den Quidditch-Pokal doch noch zu sichern, dass er sich am nächsten Tag mit überhaupt nichts anderem beschäftigen konnte. Er wollte einzig und allein über das Spiel reden, so dass es für Harry und Hermine sehr schwierig war, eine Gelegenheit zu finden, bei der sie Grawp erwähnen konnten. Allerdings versuchten sie es auch nicht besonders hartnäckig; keiner der beiden war erpicht darauf, derjenige zu sein, der Ron auf derart brutale Weise in die Wirklichkeit zurückholte. Da es wieder ein schöner, warmer Tag war, überredeten sie ihn, mit ihnen zum Lernen hinunter zur Buche am Seeufer zu kommen, wo es weniger wahrscheinlich war, dass jemand mithörte, als im Gemeinschaftsraum. Zuerst war Ron nicht allzu begeistert von dieser Idee – er genoss es so richtig, dass ihm jeder Gryffindor, der an seinem Sessel vorbeiging, auf die Schulter klopfte, ganz abgesehen von den gelegentlichen Ausbrüchen von »Weasley ist unser King« –, doch nach einer Weile stimmte er zu, dass ein wenig frische Luft ihm guttun könnte.
Sie breiteten ihre Bücher im Schatten der Buche aus und setzten sich, während Ron ihnen zum ungefähr dutzendsten Mal von seiner ersten Glanzparade im Spiel berichtete.
»Also, ich meine, ich hatte ja schon den von Davies reingelassen, da fühlte ich mich nicht allzu sicher, aber ich weiß auch nicht, als dann Bradley auf mich zukam, einfach aus dem Nichts, da dacht ich – das schaffst du! Und ich hatte ungefähr ’ne Sekunde, um zu entscheiden, wo ich hinfliege, wisst ihr, weil, er sah aus, als würd er auf den rechten Torring zielen – meinen rechten, für ihn natürlich der linke –, aber ich hatte das komische Gefühl, dass er täuscht, und dann hab ich’s riskiert und bin nach links geflogen – nach rechts, aus seiner Sicht, meine ich – und – na ja – ihr habt ja gesehen, was passiert ist«, schloss er bescheiden, strich ganz unnötigerweise seine Haare zurück, damit sie verwegen aussahen, und blickte umher, ob vielleicht die Leute in der Nähe – eine Schar schwatzender Drittklässler aus Hufflepuff – ihn gehört hatten. »Und dann, als Chambers ungefähr fünf Minuten später auf mich zukam – Was ist?«, brach Ron mitten im Satz ab, weil er Harrys Gesichtsausdruck gesehen hatte. »Warum grinst du?«
»Tu ich doch nicht«, sagte Harry rasch, senkte den Blick auf seine Notizen aus Verwandlung und versuchte ein ernstes Gesicht zu machen. Tatsächlich hatte Ron ihn gerade unweigerlich an einen anderen Gryffindor-Spieler erinnert, der einst unter ebendiesem Baum sein Haar zerstrubbelt hatte. »Ich freu mich nur, dass wir gewonnen haben, das ist alles.«
»Genau«, sagte Ron langsam und genoss die Worte, »wir haben gewonnen. Habt ihr gesehen, wie Chang geguckt hat, als Ginny den Schnatz direkt vor ihrer Nase geschnappt hat?«
»Ich vermut mal, sie hat geheult, oder?«, sagte Harry bitter.
»Also, ja – aber mehr aus Wut als wegen sonst was …« Ron legte die Stirn leicht in Falten. »Aber ihr habt doch gesehen, wie sie ihren Besen weggepfeffert hat, als sie gelandet ist, oder?«
»Ähm –«, machte Harry.
»Also, eigentlich … nein, Ron«, sagte Hermine mit einem tiefen Seufzen, legte ihr Buch beiseite und sah ihn entschuldigend an. »Ehrlich gesagt, alles, was Harry und ich vom Spiel mitgekriegt haben, war das erste Tor von Davies.«
Rons sorgfältig zerstrubbeltes Haar schien vor Enttäuschung in sich zusammenzufallen. »Ihr habt nicht zugeschaut?«, fragte er matt und blickte sie abwechselnd an. »Ihr habt keinen einzigen der Bälle gesehen, die ich gehalten habe?«
»Na ja – nein«, sagte Hermine und streckte beschwichtigend die Hand nach ihm aus. »Aber, Ron, wir wollten nicht weggehen – wir mussten!«
»Ach ja?«, meinte Ron und wurde ziemlich rot im Gesicht. »Wie das?«
»Es war wegen Hagrid«, sagte Harry. »Er hatte sich entschlossen uns zu sagen, warum er ständig so übel zugerichtet aussieht, seit er von den Riesen zurück ist. Er wollte, dass wir mit ihm in den Wald kommen, wir hatten keine Wahl, du weißt ja, wie er manchmal ist. Jedenfalls …«
Die Geschichte war in fünf Minuten erzählt und am Ende war Rons Entrüstung einem Ausdruck vollkommener Ungläubigkeit gewichen.
»Er hat einen mitgebracht und im Wald versteckt?«
»Jep«, bestätigte Harry grimmig.
»Nein«, sagte Ron, als ob er das Gehörte damit unwahr machen könnte. »Nein, das kann er nicht getan haben.«
»Doch, das hat er«, sagte Hermine bestimmt. »Grawp ist knapp fünf Meter groß, es macht ihm Spaß, sechs Meter hohe Kiefern auszureißen, und er kennt mich«, sie schnaubte, »unter dem Namen Hermy.«
Ron lachte nervös auf.
»Und Hagrid will, dass wir …?«
»Ihm Englisch beibringen, genau«, sagte Harry.
»Er hat sie nicht mehr alle«, meinte Ron und klang fast beeindruckt.
»Ja«, sagte Hermine verärgert, blätterte eine Seite von Verwandlung für Fortgeschrittene um und starrte finster auf eine Reihe von Schaubildern, die zeigten, wie sich eine Eule in ein Opernglas verwandelte. »Ja, allmählich denk ich das auch. Aber leider hat er Harry und mich dazu gebracht, es ihm zu versprechen.«
»Tja, dann müsst ihr eben euer Versprechen brechen, so einfach ist das«, sagte Ron entschieden. »Ich meine, nun hört mal … wir haben Prüfungen und wir sind gerade mal so knapp –«, er hielt die Hand hoch und ließ Daumen und Zeigefinger sich fast berühren, »vor dem Rausschmiss, wie’s aussieht. Und außerdem … erinnert ihr euch an Norbert? An Aragog? Sind wir je gut gefahren, wenn wir uns mit Hagrids Monsterfreunden abgegeben haben?«
»Ich weiß, es ist nur – wir haben’s versprochen«, sagte Hermine kleinlaut.
Ron drückte sein Haar wieder glatt und blickte gedankenverloren drein.
»Na gut«, seufzte er. »Hagrid ist noch nicht gefeuert worden, stimmt’s? Er hat so lange durchgehalten, vielleicht schafft er es bis zum Ende des Schuljahrs und wir müssen nicht mal in die Nähe von Grawp.«
Die Schlossgründe schimmerten im Sonnenlicht wie frisch gestrichen; der wolkenlose Himmel lächelte sich im sanft glitzernden See selbst zu; die Halme der satingrünen Rasenflächen neigten sich hin und wieder in einer milden Brise. Es war Juni geworden, doch für die Fünftklässler hieß das nur eins: Ihre ZAGs standen endlich kurz bevor.
Ihre Lehrer gaben ihnen keine Hausaufgaben mehr. Der Unterricht diente dazu, die Themen zu wiederholen, von denen die Lehrer glaubten, dass sie am wahrscheinlichsten in den Prüfungen drankämen. Die konzentrierte, fiebrige Atmosphäre vertrieb fast alles außer den ZAGs aus Harrys Kopf, auch wenn er sich während der Zaubertrankstunden gelegentlich fragte, ob Lupin Snape überhaupt gesagt hatte, dass er Harry weiter in Okklumentik unterrichten musste. Wenn ja, dann hatte Snape Lupin so gründlich ignoriert, wie er jetzt Harry ignorierte. Das kam Harry sehr zupass; er hatte ziemlich viel zu tun und war schon ohne zusätzliche Stunden mit Snape angespannt genug, und zu seiner Erleichterung war Hermine in diesen Tagen zu beschäftigt, um ihn auch noch wegen Okklumentik zu bedrängen. Sie verbrachte eine Menge Zeit damit, vor sich hin zu murmeln, und hatte seit Tagen keine Elfenkleider mehr ausgelegt.
Sie war nicht die Einzige, die sich merkwürdig aufführte, während die ZAGs immer näher rückten. Ernie Macmillan hatte es sich lästigerweise zur Gewohnheit gemacht, Leute danach zu fragen, wie sie es mit der Stoffwiederholung hielten.
»Was glaubt ihr, wie viele Stunden arbeitet ihr am Tag?«, wollte er mit einem besessenen Glitzern in den Augen von Harry und Ron wissen, als sie vor Kräuterkunde Schlange standen.
»Keine Ahnung«, sagte Ron. »Ein paar.«
»Mehr als acht oder weniger?«
»Weniger, denk ich mal«, sagte Ron und wirkte ein wenig erschrocken.
»Ich schaffe acht«, sagte Ernie und warf sich in die Brust. »Acht oder neun. Ich schieb jeden Tag eine Stunde vor dem Frühstück ein. Acht sind mein Durchschnitt. Wenn es gut läuft, schaff ich am Wochenende jeden Tag zehn. Am Montag hab ich neuneinhalb gemacht. Dienstag war nicht so gut – nur siebeneinviertel. Am Mittwoch dann –«
Harry war zutiefst dankbar, dass Professor Sprout sie in diesem Moment ins Gewächshaus drei komplimentierte und Ernie zwang, seinen Sermon abzubrechen.
Unterdessen hatte sich Draco Malfoy etwas anderes einfallen lassen, um Panik zu verbreiten.
»Natürlich geht’s nicht darum, was du weißt«, hörte man ihn ein paar Tage vor den Prüfungen vor Zaubertränke lauthals gegenüber Crabbe und Goyle verkünden. »Es geht darum, wen du kennst. Also, mein Vater ist seit Jahren mit der Leiterin der Zaubererprüfungsbehörde befreundet – die gute Griselda Marchbanks – sie war bei uns schon zum Abendessen und so …«
»Glaubt ihr, das stimmt?«, flüsterte Hermine aufgeschreckt Harry und Ron zu.
»Wenn ja, können wir eh nichts dagegen machen«, sagte Ron düster.
»Ich glaub nicht, dass es wahr ist«, warf Neville leise von hinten ein. »Griselda Marchbanks ist nämlich eine Freundin von meiner Oma, und die Malfoys hat sie nie erwähnt.«
»Und wie ist sie, Neville?«, fragte Hermine prompt. »Ist sie streng?«
»Ein bisschen wie Oma im Grunde«, sagte Neville mit bedrückter Stimme.
»Dass du sie kennst, dürfte deinen Chancen jedenfalls nicht schaden«, erklärte ihm Ron aufmunternd.
»Oh, ich glaub nicht, dass es einen großen Unterschied machen wird«, sagte Neville noch kläglicher. »Oma erzählt Professor Marchbanks immer, ich sei nicht so gut wie mein Dad … na ja … ihr habt ja im St. Mungo gesehen, wie sie ist …«
Neville blickte starr zu Boden. Harry, Ron und Hermine sahen sich an, wussten aber nicht, was sie sagen sollten. Es war das erste Mal, dass Neville offen ansprach, dass sie sich im Zaubererhospital getroffen hatten.
Unterdessen war ein schwungvoller Schwarzmarkthandel mit Hilfsmitteln für Konzentration, geistige Beweglichkeit und Wachheit unter den Fünft- und Siebtklässlern aufgeblüht. Harry und Ron gerieten stark in Versuchung angesichts der Flasche mit Baruffios Gehirnelixier, die ihnen Eddie Carmichael, ein Sechstklässler aus Ravenclaw, anbot, der schwor, dass das Elixier allein verantwortlich sei für die neun »Ohnegleichen«-ZAGs, die er im vorigen Sommer geschafft hatte, und der ihnen gut einen halben Liter für nur zwölf Galleonen anbot. Ron versicherte Harry, er würde ihm seinen Anteil zurückzahlen, sobald er Hogwarts verlassen und eine Arbeit gefunden hätte, doch bevor sie den Handel abschließen konnten, hatte Hermine die Flasche von Carmichael beschlagnahmt und den Inhalt in ein Klo geschüttet.
»Hermine, wir wollten das kaufen!«, schrie Ron.
»Sei nicht blöd«, knurrte sie. »Da könntest du genauso gut Harold Dingles Drachenklauenpulver nehmen, mehr bräuchtest du nicht.«
»Dingle hat Drachenklauenpulver?«, sagte Ron begierig.
»Nicht mehr«, erwiderte Hermine. »Das hab ich auch beschlagnahmt. Das ganze Zeug wirkt doch eigentlich gar nicht.«
»Drachenklauen wirken!«, sagte Ron. »Das soll unglaublich sein, bläst dein Hirn so richtig durch, und ein paar Stunden lang bist du furchtbar schlau – Hermine, lass mich ’ne Prise nehmen, komm schon, es kann nicht schaden –«
»Dieses Zeug schon«, sagte Hermine grimmig. »Ich hab’s mir genauer angesehen, und in Wahrheit ist es getrockneter Doxymist.«
Diese Mitteilung versetzte Harrys und Rons Verlangen nach Gehirnstimulanzien einen entschiedenen Dämpfer.
In ihrer nächsten Verwandlungsstunde wurden ihnen die Terminpläne für ihre Prüfungen und die Einzelheiten des ZAG-Verfahrens mitgeteilt.
»Wie Sie sehen können«, verkündete Professor McGonagall der Klasse, während sie die Tage und Uhrzeiten ihrer Prüfungen von der Tafel abschrieben, »verteilen sich Ihre ZAGs über zwei Wochen in Folge. Sie werden die theoretischen Arbeiten jeweils morgens absolvieren und die praktischen Prüfungen an den Nachmittagen. Ihre praktische Prüfung in Astronomie wird natürlich nachts stattfinden. Im Übrigen muss ich Sie warnen, dass Ihre Prüfungsunterlagen mit den striktesten Anti-Schummel-Zaubern behaftet sind. Selbstantwortende Federn sind in der Prüfungshalle verboten, genau wie Erinnermichs, abnehmbare Spickmanschetten und selbstkorrigierende Tinte. Bedauerlicherweise gibt es in jedem Jahrgang mindestens einen Schüler oder eine Schülerin, die glauben, die Regeln der Zaubererprüfungsbehörde umgehen zu können. Ich kann nur hoffen, dass es niemand aus Gryffindor ist. Unsere neue – Schulleiterin –«, Professor McGonagall betonte das Wort mit dem gleichen Gesichtsausdruck, den Tante Petunia aufsetzte, wann immer sie einen besonders hartnäckigen Schmutzfleck begutachtete, »hat die Hauslehrer gebeten, ihren Schülern mitzuteilen, dass Schummeln aufs Strengste bestraft wird – weil Ihre Prüfungsergebnisse natürlich einen Eindruck vom neuen Regiment der Leiterin dieser Schule geben werden –«
Professor McGonagall seufzte leise; Harry sah, wie sich die Flügel ihrer spitzen Nase weiteten.
»– allerdings ist dies kein Grund, nicht Ihr Allerbestes zu geben. Sie müssen an Ihre eigene Zukunft denken.«
»Bitte, Professor«, sagte Hermine mit erhobener Hand, »wann werden wir unsere Ergebnisse erfahren?«
»Irgendwann im Juli wird man Ihnen eine Eule schicken«, erwiderte Professor McGonagall.
»Bestens«, flüsterte Dean Thomas vernehmlich. »Dann müssen wir uns bis zu den Ferien keine Sorgen darüber machen.«
Harry malte sich aus, wie er in sechs Wochen in seinem Zimmer im Ligusterweg sitzen und auf seine ZAG-Ergebnisse warten würde. Nun, überlegte er, zumindest würde er in diesem Sommer garantiert einmal Post kriegen.
Ihre erste Prüfung, Theorie der Zauberkunst, war für Montagmorgen anberaumt. Harry erklärte sich bereit, Hermine am Sonntag nach dem Mittagessen abzufragen, bereute es aber fast sofort; sie war aufgeregt und schnappte ihm dauernd das Buch wieder weg, um nachzusehen, ob sie auch absolut richtig geantwortet hatte, und schließlich traf sie ihn mit der scharfen Kante von Große Errungenschaften der Zauberkunst hart an der Nase.
»Warum machst du es nicht einfach allein?«, sagte er entschieden und reichte ihr mit tränenden Augen das Buch zurück.
Unterdessen las Ron, die Finger in den Ohren, die Mitschriften aus zwei Jahren Zauberkunstunterricht durch, wobei sich seine Lippen lautlos bewegten. Seamus Finnigan lag flach auf dem Rücken am Boden und betete die Definition eines Substantivzaubers herunter, während Dean sie anhand des Lehrbuchs der Zaubersprüche, Band 5 überprüfte. Und Parvati und Lavender, die elementare Bewegungszauber übten, ließen ihre Bleistiftkästen einander um den Rand des Tisches jagen.
Die Stimmung beim Abendessen war gedämpft. Harry und Ron redeten nicht viel, sondern aßen mit Appetit, da sie den ganzen Tag fleißig gelernt hatten. Hermine hingegen legte immer wieder Messer und Gabel weg und bückte sich unter den Tisch nach ihrer Tasche, um ein Buch hervorzuziehen, in dem sie dann irgendeinen Sachverhalt oder eine Zahl überprüfte. Ron erklärte ihr gerade, dass sie anständig essen sollte, oder sie würde in der Nacht nicht schlafen können, als ihr die Gabel aus den schwachen Fingern glitt und mit einem lauten Klirren auf dem Teller landete.
»Ach du meine Güte«, sagte sie matt und starrte in die Eingangshalle. »Sind sie das? Sind das die Prüfer?«
Harry und Ron schnellten auf ihrer Bank herum. Durch die Tür zur Großen Halle konnten sie Umbridge bei einer kleinen Gruppe altehrwürdig aussehender Hexen und Zauberer stehen sehen. Umbridge schien ziemlich nervös, wie Harry erfreut feststellte.
»Wollen wir hingehen und uns die mal näher ansehen?«, fragte Ron.
Harry und Hermine nickten und sie hasteten auf die Flügeltür zur Eingangshalle zu. Als sie über die Schwelle traten, verlangsamten sie ihre Schritte und gingen gemessen an den Prüfern vorbei. Die kleine, gebückte Hexe, die ein so faltiges Gesicht hatte, dass es aussah, als wäre es mit Spinnweben überzogen, musste Professor Marchbanks sein, überlegte Harry. Umbridge sprach voller Ehrerbietung mit ihr. Professor Marchbanks schien ein wenig taub, denn obwohl sie nur eine Fußlänge voneinander entfernt standen, antwortete sie Professor Umbridge mit sehr lauter Stimme.
»Ja, ja, wir haben eine gute Reise gehabt, danke vielmals, aber schließlich sind wir ja schon viele Male hierhergekommen!«, sagte sie ungeduldig. »Nun, ich hab in letzter Zeit nichts von Dumbledore gehört!«, fügte sie hinzu und spähte durch die Halle, als hoffte sie, er könnte plötzlich aus einem Besenschrank auftauchen. »Sie haben wohl keine Ahnung, wo er steckt?«
»Überhaupt keine«, sagte Umbridge und warf Harry, Ron und Hermine einen bösen Blick zu, die sich jetzt am Fuß der Treppe zu schaffen machten, wo Ron so tat, als würde er sich die Schnürsenkel binden. »Aber das Zaubereiministerium wird ihn mit Sicherheit recht bald aufspüren.«
»Das bezweifle ich«, rief die kleine Professor Marchbanks, »nicht, solange Dumbledore nicht gefunden werden will! Ich muss es wissen … habe ihn persönlich in Verwandlung und Zauberkunst geprüft, als er seine UTZe abgelegt hat … hat mit dem Zauberstab Dinge bewerkstelligt, wie ich sie noch nie gesehen hatte.«
»Ja … nun …«, sagte Professor Umbridge, während Harry, Ron und Hermine sich so langsam wie möglich die Marmortreppe hochschleppten, »lassen Sie uns ins Lehrerzimmer gehen. Ich möchte meinen, Sie könnten eine Tasse Tee vertragen nach Ihrer Reise.«
Es war ein unbehaglicher Abend. Alle versuchten noch in letzter Minute ein wenig Stoff zu wiederholen, doch keinem schien es sonderlich zu gelingen. Harry ging früh zu Bett, lag dann jedoch, wie es ihm vorkam, noch stundenlang wach. Die Berufsberatung ging ihm durch den Kopf und McGonagalls furiose Ankündigung, sie würde ihm helfen, Auror zu werden, und wenn es das Letzte wäre, was sie täte. Nun, da Prüfungszeit war, wünschte er sich, er hätte ein weniger hochgestecktes Ziel genannt. Er wusste, dass er nicht der Einzige war, der wach lag, doch keiner der anderen im Schlafsaal sagte ein Wort, und endlich schliefen sie nacheinander ein.
Auch beim Frühstück am nächsten Tag redete keiner der Fünftklässler sonderlich viel: Parvati übte halblaut Beschwörungen, während das Salzfässchen vor ihr hüpfte. Hermine las noch einmal Große Errungenschaften der Zauberkunst, so schnell, dass ihre Augen ganz verschwommen wirkten, und Neville ließ ständig Messer und Gabel fallen und stieß die Marmelade um.
Als das Frühstück zu Ende war, vertraten sich die Fünft- und Siebtklässler in der Eingangshalle die Füße, während die anderen Schüler in ihren Unterricht gingen. Dann, um halb zehn, wurde eine Klasse nach der anderen aufgerufen, wieder in die Große Halle zu kommen, die nun genauso eingerichtet war, wie Harry es im Denkarium gesehen hatte, als sein Vater, Sirius und Snape ihre ZAG-Prüfungen abgelegt hatten. Die vier Haustische waren weggeräumt und durch viele Einzeltische ersetzt worden, die alle auf den Lehrertisch am Kopf der Großen Halle ausgerichtet waren, wo Professor McGonagall stand und sie ansah. Als sich alle gesetzt hatten und Ruhe eingekehrt war, sagte sie: »Sie können anfangen«, und kippte ein riesiges Stundenglas auf dem Schreibtisch neben ihr, auf dem auch Ersatzfedern, Tintenfässer und Pergamentrollen lagen.
Harry drehte mit heftig pochendem Herzen sein Prüfungsblatt um – drei Reihen rechts von ihm und vier Plätze weiter vorne kritzelte Hermine bereits auf ihr Blatt – und senkte den Blick auf die erste Frage: a) Nennen Sie die Beschwörungsformel und b) beschreiben Sie die Zauberstabbewegung, die erforderlich ist, um Gegenstände fliegen zu lassen.
Durch Harry schoss die flüchtige Erinnerung an eine Keule, die hoch in die Luft flog und laut auf dem dicken Schädel eines Trolls landete … mit leisem Lächeln beugte er sich über das Papier und fing an zu schreiben.
»Nun, war doch nicht allzu schlimm, oder?«, fragte Hermine zwei Stunden später besorgt in der Eingangshalle, das Prüfungsblatt immer noch in der Hand. »Ich weiß nicht genau, ob ich mir bei Aufheiterungszaubern gerecht geworden bin, ich hatte einfach keine Zeit mehr. Habt ihr den Gegenzauber für Schluckauf hingeschrieben? Ich war mir nicht sicher, ob ich sollte, mir kam es etwas übertrieben vor – und bei Frage dreiundzwanzig –«
»Hermine«, sagte Ron ernst, »das hatten wir schon … wir kauen hinterher nicht noch mal jede Prüfung durch. Es ist schlimm genug, wenn man sie einmal schreiben muss.«
Die Fünftklässler aßen mit dem Rest der Schule zu Mittag (zur Essenszeit waren die vier Haustische wieder da), dann marschierten sie in die kleine Kammer neben der Großen Halle, wo sie warten sollten, bis sie zu ihrer praktischen Prüfung geholt wurden. Während kleine Schülergruppen in alphabetischer Reihenfolge aufgerufen wurden, murmelten die Wartenden Beschwörungsformeln und übten Zauberstabbewegungen, wobei sie sich manchmal versehentlich gegenseitig in den Rücken oder ins Auge stachen.
Hermines Name wurde aufgerufen. Zitternd verließ sie die Kammer zusammen mit Anthony Goldstein, Gregory Goyle und Daphne Greengrass. Schüler, die schon geprüft waren, kehrten danach nicht zurück, und so hatten Harry und Ron keine Ahnung, wie Hermine abgeschnitten hatte.
»Bei ihr wird’s gut laufen, weißt du noch, wie sie mal in einem ihrer Zauberkunsttests hundertzwölf Prozent hatte?«, sagte Ron.
Zehn Minuten später rief Professor Flitwick: »Parkinson, Pansy – Patil, Padma – Patil, Parvati – Potter, Harry.«
»Viel Glück«, sagte Ron leise. Harry ging in die Große Halle und umklammerte den Zauberstab so fest, dass seine Hand zitterte.
»Professor Tofty ist frei, Potter«, quiekte Professor Flitwick, der gleich an der Tür stand. Er verwies Harry an den scheinbar allerältesten und kahlköpfigsten Prüfer, der hinter einem kleinen Tisch in der gegenüberliegenden Ecke saß, nicht weit von Professor Marchbanks, die mitten in der Prüfung von Draco Malfoy steckte.
»Potter, richtig?«, sagte Professor Tofty, indem er seine Unterlagen zu Rate zog und den näher kommenden Harry über seinen Kneifer hinweg anblinzelte. »Der berühmte Potter?«
Aus dem Augenwinkel sah Harry deutlich, wie Malfoy ihm einen vernichtenden Blick zuwarf; das Weinglas, das Malfoy hatte schweben lassen, fiel zu Boden und zerbrach. Harry konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. Professor Tofty lächelte ihm ermutigend zu.
»So ist’s recht«, sagte er mit zittriger alter Stimme, »nur nicht nervös werden. Nun, wenn ich Sie bitten dürfte, diesen Eierbecher zu nehmen und ihn ein paar Purzelbäume für mich schlagen zu lassen.«
Alles in allem, fand Harry, lief es recht ordentlich. Sein Schwebezauber war auf jeden Fall viel besser gewesen als der von Malfoy, allerdings wünschte er sich, dass er die Beschwörungen für Farbwechsel- und Wachstumszauber nicht verwechselt hätte, so dass die Ratte, die er eigentlich orange hatte färben sollen, erschreckend anschwoll und die Größe eines Dachses erreichte, ehe Harry seinen Fehler korrigieren konnte. Er war froh, dass Hermine nicht mit ihm in der Halle war, und erzählte ihr hinterher gar nichts davon. Ron allerdings konnte er es sagen; Ron hatte einen Teller dazu gebracht, sich in einen großen Pilz zu verwandeln, ohne eine Ahnung zu haben, wie das passiert war.
An diesem Abend hatten sie keine Zeit, sich zu entspannen. Nach dem Abendessen gingen sie gleich in den Gemeinschaftsraum und vertieften sich in die Wiederholung des Prüfungsstoffs für Verwandlung am nächsten Tag. Als Harry zu Bett ging, summte ihm der Kopf vor komplizierten Zauberspruchmodellen und -theorien.
Während seiner schriftlichen Prüfung am nächsten Morgen vergaß er die Definition eines Wandelzaubers, hatte aber den Eindruck, dass der praktische Teil ganz gut gelaufen war. Wenigstens schaffte er es, seinen Leguan in Gänze verschwinden zu lassen, während die arme Hannah Abbott am Tisch neben ihm völlig den Kopf verlor und es irgendwie fertigbrachte, ihr Frettchen zu einer Herde Flamingos zu vervielfältigen, worauf die Prüfung für zehn Minuten unterbrochen werden musste, während deren man die Vögel einfing und aus der Halle trug.
Ihre Kräuterkundeprüfung hatten sie am Mittwoch (abgesehen von einem kleinen Biss einer Fangzähnigen Geranie hatte Harry den Eindruck, dass er einigermaßen gut abgeschnitten hatte) und dann, am Donnerstag, Verteidigung gegen die dunklen Künste. Hier war sich Harry zum ersten Mal sicher, dass er die Prüfung bestanden hatte. Keine der schriftlichen Fragen bereitete ihm Schwierigkeiten, und bei der praktischen Prüfung machte es ihm besonderen Spaß, alle Gegenflüche und Verteidigungszauber direkt vor Umbridge auszuführen, die mit kühler Miene neben der Tür zur Eingangshalle stand und zusah.
»Oh, bravo!«, rief Professor Tofty, der Harry erneut die Prüfung abnahm, als dieser einen perfekten Irrwicht-Bannfluch vorführte. »Sehr gut, in der Tat! Nun, ich denke, das ist alles, Potter … außer …«
Er beugte sich ein wenig vor.
»Von meinem lieben Freund Tiberius Ogden habe ich gehört, dass Sie einen Patronus hervorbringen können? Für einen Bonuspunkt …?«
Harry hob seinen Zauberstab, richtete den Blick direkt auf Umbridge und stellte sich vor, dass sie gefeuert wurde.
»Expecto patronum!«
Sein silberner Hirsch brach aus der Spitze des Zauberstabs und galoppierte durch die ganze Halle. Sämtliche Prüfer wandten sich um und sahen ihm nach, und als er sich in silbernen Dunst auflöste, klatschte Professor Tofty begeistert in seine adrigen und knotigen Hände.
»Hervorragend!«, sagte er. »Sehr schön, Potter, Sie können gehen!«
Als Harry bei der Tür an Umbridge vorbeikam, trafen sich ihre Blicke. Um ihren breiten, schlaffen Mund spielte ein gehässiges Lächeln, doch es war ihm gleich. Wenn er sich nicht sehr irrte (und er hatte nicht vor, es jemandem zu sagen, falls es doch so sein sollte), hatte er gerade einen ZAG mit der Note »Ohnegleichen« geschafft.
Der Freitag war für Harry und Ron frei, während Hermine ihre Prüfung in Alte Runen ablegte, und da das ganze Wochenende vor ihnen lag, gönnten sie sich eine Pause von der Stoffwiederholung. Sich streckend und gähnend saßen sie am offenen Fenster, durch das warme Sommerluft wehte, und spielten Zaubererschach. Harry konnte Hagrid in der Ferne sehen, der am Waldrand eine Klasse unterrichtete. Er versuchte zu erraten, welche Geschöpfe sie gerade durchnahmen – er meinte, es müssten Einhörner sein, denn die Jungen schienen sich ein wenig auf Distanz zu halten –, als das Porträtloch aufging und Hermine hereinkletterte, offenbar zutiefst schlecht gelaunt.
»Wie war Runen?«, fragte Ron und gähnte und streckte sich.
»Ich hab ehwaz falsch übersetzt«, sagte Hermine wütend. »Das bedeutet Partnerschaft, nicht Verteidigung. Hab ich mit eihwaz verwechselt.«
»Ah, na ja«, sagte Ron lässig, »das ist doch nur ein einziger Fehler, du kriegst bestimmt immer noch –«
»Ach, halt die Klappe!«, sagte Hermine zornig. »Das könnte der eine Fehler sein, der den Unterschied zwischen ›bestanden‹ und ›durchgefallen‹ ausmacht. Und außerdem hat wieder jemand einen Niffler in Umbridges Büro gesteckt. Ich weiß nicht, wie er das durch die neue Tür geschafft hat, aber ich bin eben da vorbeigegangen und Umbridge schreit sich die Lunge aus dem Hals – hört sich so an, als hätte er versucht, ein Stück aus ihrem Bein zu beißen –«
»Gut«, sagten Harry und Ron wie aus einem Mund.
»Das ist nicht gut!«, sagte Hermine hitzig. »Ihr wisst doch, sie glaubt, dass es Hagrid war! Und wir wollen nicht, dass Hagrid gefeuert wird!«
»Er unterrichtet gerade, sie kann ihm also nicht die Schuld geben«, sagte Harry und wies aus dem Fenster.
»Oh, manchmal bist du ja so was von naiv, Harry. Glaubst du wirklich, dass Umbridge auf einen Beweis wartet?«, erwiderte Hermine, offenbar fest entschlossen, stinkwütend zu bleiben, und rauschte türenschlagend davon zu den Mädchenschlafsälen.
»Was für ein reizendes, sanftmütiges Mädchen«, sagte Ron sehr leise und gab seiner Königin einen Schubs, damit sie einen von Harrys Springern verdrosch.
Hermines schlechte Laune hielt für den größten Teil des Wochenendes an, allerdings fiel es Harry und Ron ziemlich leicht, nicht weiter darauf zu achten, da sie Samstag und Sonntag zumeist mit der Wiederholung des Stoffs für die Zaubertrankprüfung am Montag beschäftigt waren – die Prüfung, vor der Harry am meisten Bammel hatte und von der er sicher war, dass mit ihr sein Wunsch, Auror zu werden, endgültig begraben würde. Tatsächlich fand er die schriftliche Prüfung schwierig, glaubte allerdings, die volle Punktzahl bei der Frage zum Vielsaft-Trank erreicht zu haben. Er konnte seine Wirkungen genau beschreiben, da er ihn im zweiten Schuljahr unerlaubterweise selbst eingenommen hatte.
Der Nachmittag der praktischen Prüfung war nicht so schrecklich, wie er es erwartet hatte. Snape war nicht anwesend, und Harry stellte fest, dass er beim Brauen seiner Zaubertränke viel entspannter war als üblich. Neville, der ganz in Harrys Nähe saß, wirkte ebenfalls glücklicher, als Harry ihn je während einer Zaubertrankstunde gesehen hatte. Als Professor Marchbanks sagte: »Treten Sie bitte von Ihren Kesseln zurück, die Prüfung ist zu Ende«, verkorkte Harry sein Probefläschchen mit dem Gefühl, vielleicht nicht gerade eine gute Note erreicht zu haben, aber mit Glück um ein »durchgefallen« herumgekommen zu sein.
»Nur noch vier Prüfungen«, sagte Parvati Patil müde, während sie in den Gemeinschaftsraum der Gryffindors zurückgingen.
»Nur!«, fauchte Hermine. »Ich hab Arithmantik und das ist wahrscheinlich das schwierigste Fach überhaupt!«
Niemand war so töricht zurückzufauchen, und so hatte sie keine Gelegenheit, ihre schlechte Laune an jemandem auszulassen, und musste sich damit bescheiden, ein paar Erstklässler zurechtzustutzen, weil sie im Gemeinschaftsraum zu laut gekichert hatten.
Um Hagrid nicht zu enttäuschen, war Harry entschlossen, am Dienstag in Pflege magischer Geschöpfe gut abzuschneiden. Die praktische Prüfung fand am Nachmittag auf dem Rasen am Rand des Verbotenen Waldes statt, wo von ihnen verlangt wurde, den Knarl ausfindig zu machen, der zwischen einem Dutzend Igel versteckt war (die List bestand darin, allen nacheinander Milch anzubieten: Knarle, äußerst misstrauische Wesen, deren Kiele viele magische Eigenschaften hatten, hielten dies für einen Versuch, sie zu vergiften, und wurden meist rasend). Dann mussten sie den richtigen Umgang mit einem Bowtruckle vorführen, eine Feuerkrabbe füttern und ihre Behausung reinigen, ohne sich schwere Verbrennungen zuzuziehen, und aus einer großen Auswahl Futter benennen, was sie einem kranken Einhorn geben würden.
Harry konnte sehen, dass Hagrid sie beklommen von seinem Hüttenfenster aus beobachtete. Als Harrys Prüferin, diesmal eine rundliche kleine Hexe, ihm zulächelte und sagte, er könne gehen, winkte Harry Hagrid flüchtig mit gereckten Daumen zu, ehe er zum Schloss zurückkehrte.
Die theoretische Prüfung in Astronomie am Mittwochmorgen verlief einigermaßen gut. Harry war nicht überzeugt, dass er alle Jupitermonde richtig aufgeschrieben hatte, aber zumindest sicher, dass keiner von ihnen von einer Eischicht bedeckt war. Für die praktische Prüfung in Astronomie mussten sie bis zum Abend warten; am Nachmittag hatten sie stattdessen Wahrsagen.
Selbst gemessen an Harrys ohnehin miserablem Stand in Wahrsagen lief das Examen sehr schlecht. Er hätte genauso gut versuchen können, bewegte Bilder auf dem Tisch zu sehen statt in der hartnäckig leeren Kristallkugel. Beim Teeblätterlesen verlor er völlig den Kopf und sagte, ihm scheine es ganz so, als würde Professor Marchbanks in Kürze einen rundlichen, düsteren, durchnässten Fremden treffen, und krönte das ganze Fiasko noch, indem er die Lebenslinie und die Kopflinie in ihrer Handfläche verwechselte und ihr mitteilte, dass sie eigentlich vorigen Dienstag hätte sterben sollen.
»Was soll’s, war doch klar, dass wir das nie schaffen«, sagte Ron düster, als sie die Marmortreppe hochstiegen. Er hatte Harrys Laune gerade ein wenig aufgeheitert, indem er ihm erzählte, dass er dem Prüfer den hässlichen Mann mit einer Warze auf der Nase in seiner Kristallkugel genau geschildert hatte, um dann aufzublicken und festzustellen, dass er die Spiegelung des Prüfers beschrieben hatte.
»Wir hätten dieses bescheuerte Fach gar nicht erst wählen sollen«, sagte Harry.
»Immerhin können wir’s jetzt wenigstens abwählen.«
»Genau«, sagte Harry. »Und müssen nicht mehr so tun, als ob es uns kümmert, was passiert, wenn Jupiter und Uranus sich zu sehr anfreunden.«
»Und von nun an ist es mir schnuppe, ob meine Teeblätter Stirb, Ron, stirb sagen – ich werf sie einfach in den Mülleimer, wo sie hingehören.«
Harry lachte. In diesem Moment kam Hermine hinter ihnen hergelaufen. Er hörte sofort auf, für den Fall, dass sein Lachen sie ärgern könnte.
»Also, ich glaub, ich hab in Arithmantik ganz gut abgeschnitten«, sagte sie, und Harry und Ron seufzten vor Erleichterung. »Na dann, vor dem Abendessen ist gerade noch Zeit für einen kurzen Blick auf unsere Sternkarten …«
Als sie um elf oben im Astronomieturm ankamen, war es eine perfekte Nacht fürs Sternegucken, wolkenlos und ruhig. Die Schlossgründe waren in silbriges Mondlicht getaucht und leichte Kälte lag in der Luft. Alle stellten ihre Teleskope auf, und auf Geheiß von Professor Marchbanks begannen sie, die leere Sternkarte auszufüllen, die sie bekommen hatten.
Professor Marchbanks und Professor Tofty schlenderten zwischen ihnen umher und sahen zu, wie sie die genauen Positionen der Sterne und Planeten eintrugen, die sie beobachteten. Es herrschte Ruhe, nur das Rascheln des Pergaments, das gelegentliche Quietschen eines Teleskops, das auf seinem Stativ neu eingestellt wurde, und das Kritzeln der vielen Federn waren zu hören. Eine halbe Stunde verging, dann eine Stunde; die kleinen Quadrate aus gespiegeltem goldenem Licht, die unten am Boden flackerten, verschwanden allmählich, da die Lichter in den Schlossfenstern gelöscht wurden.
Als Harry das Sternbild Orion auf seiner Karte vervollständigte, öffnete sich jedoch das Schlossportal direkt unter der Brüstung, auf der er stand, und Licht strömte die Steintreppe hinab und ein wenig hinaus über den Rasen. Harry lugte hinunter, während er die Position seines Teleskops leicht veränderte, und sah fünf oder sechs lang gezogene Schatten sich über das hell erleuchtete Gras bewegen, ehe das Portal zuschwang und der Rasen erneut zu einem Meer der Dunkelheit wurde.
Harry legte das Auge wieder ans Teleskop und stellte die Schärfe neu ein, da er nun die Venus beobachtete. Er blickte auf seine Karte, um den Planeten dort einzutragen, doch etwas lenkte ihn ab. Mit der Feder über dem Pergament hielt er inne und spähte hinab auf das düstere Gelände, wo er sechs Gestalten über den Rasen gehen sah. Hätten sie sich nicht bewegt und hätte das Mondlicht ihre Haarschöpfe nicht vergoldet, wären sie vom dunklen Gelände, auf dem sie dahinschritten, nicht zu unterscheiden gewesen. Selbst auf diese Entfernung beschlich Harry das merkwürdige Gefühl, den Gang der pummeligsten der Gestalten zu kennen, die offenbar die Gruppe anführte.
Es war ihm ein Rätsel, warum Umbridge nach Mitternacht einen Spaziergang draußen machte, und das auch noch begleitet von fünf anderen. Dann hustete jemand hinter ihm, und ihm fiel ein, dass er mitten in einer Prüfung war. Die Position der Venus hatte er mittlerweile ganz vergessen. Er drückte das Auge ans Teleskop, fand sie wieder und wollte sie jetzt auf der Karte eintragen, als er, die Ohren für jedes ungewöhnliche Geräusch gespitzt, ein fernes Klopfen hörte, das über die einsamen Schlossgründe hallte, sogleich gefolgt vom gedämpften Bellen eines großen Hundes.
Mit hämmerndem Herzen blickte er auf. In Hagrids Fenstern brannte Licht, und die Schemen der Leute, die er über den Rasen hatte gehen sehen, zeichneten sich vor ihnen ab. Die Tür ging auf und er sah deutlich sechs scharf umrissene Gestalten über die Schwelle treten. Die Tür schloss sich wieder und es herrschte Stille.
Harry war sehr unbehaglich zumute. Er blickte umher, um zu sehen, ob Ron oder Hermine es auch bemerkt hatten, doch in diesem Moment kam Professor Marchbanks von hinten auf ihn zu, und da Harry nicht den Eindruck erwecken wollte, er würde bei jemand anderem spicken, beugte er sich hastig über seine Sternkarte und tat so, als würde er sie weiter ausfüllen, während er in Wahrheit über die Brüstung hinweg zu Hagrids Hütte spähte. Inzwischen bewegten sich die Gestalten hinter den Hüttenfenstern und verdeckten zeitweilig das Licht.
Er konnte Professor Marchbanks’ Blick in seinem Nacken spüren, drückte sein Auge wieder an das Teleskop und starrte hoch zum Mond, obwohl er dessen Position schon vor einer Stunde markiert hatte. Doch als Professor Marchbanks weiterging, hörte er ein Gebrüll von der fernen Hütte her, das durch die Dunkelheit bis hoch zum Astronomieturm hallte. Einige Schüler um ihn herum wichen von ihren Teleskopen zurück und schauten nun hinüber zu Hagrids Hütte.
Professor Tofty ließ erneut ein trockenes Hüsteln hören.
»Nun versuchen Sie sich doch zu konzentrieren, Jungs und Mädchen«, sagte er sanft.
Die meisten wandten sich wieder ihren Teleskopen zu. Harry blickte nach links. Hermine starrte gebannt zu Hagrids Hütte.
»Hmm – noch zwanzig Minuten«, sagte Professor Tofty.
Hermine zuckte zusammen und beugte sich sofort wieder über ihre Sternkarte. Harry blickte auf die seine und bemerkte, dass er die Venus fälschlicherweise als Mars beschriftet hatte. Er neigte sich über die Karte, um es zu korrigieren.
Vom Gelände her ertönte ein lauter KNALL. Mehrere Leute schrien »Autsch!«, als sie sich mit den Enden ihrer Teleskope ins Gesicht stachen, während sie hastig nachsehen wollten, was unten vor sich ging.
Hagrids Tür war aufgegangen, und im Licht, das aus der Hütte flutete, war er recht deutlich zu erkennen: eine massige Gestalt, die brüllte und mit den Fäusten fuchtelte. Er war umringt von sechs Personen, die, den dünnen Fäden roten Lichts nach zu schließen, die sie in seine Richtung warfen, alle versuchten, ihn mit einem Schockzauber zu belegen.
»Nein!«, schrie Hermine.
»Meine Liebe!«, sagte Professor Tofty in empörtem Ton. »Dies ist eine Prüfung!«
Aber niemand beschäftigte sich mehr im Mindesten mit den Sternkarten. Rote Lichtstrahlen flogen immer noch vor Hagrids Hütte umher, doch aus irgendeinem Grund schienen sie von ihm abzuprallen; nach wie vor stand er aufrecht da, und soweit Harry sehen konnte, kämpfte er. Schreie und Rufe hallten über die Schlossgründe; ein Mann rief: »Sei vernünftig, Hagrid!«
Hagrid brüllte: »Zum Teufel mit vernünftig, so einfach kriegst du mich nich, Dawlish!«
Harry konnte den kleinen Umriss Fangs sehen, der Hagrid verteidigen wollte und immer wieder die Zauberer ansprang, die ihn umringten, bis ihn ein Schockzauber traf und er zusammenbrach. Hagrid heulte auf vor Wut, hob den Täter eigenhändig vom Boden und warf ihn nieder. Der Mann flog ungefähr drei Meter durch die Luft und stand nicht wieder auf. Hermine hatte beide Hände auf den Mund gepresst und keuchte. Harry blickte sich zu Ron um und sah, dass auch er offenbar Angst hatte. Keiner von ihnen hatte Hagrid jemals richtig zornig gesehen.
»Seht mal!«, kreischte Parvati, die sich über die Brüstung lehnte und hinunter zum Schloss deutete, wo das Portal sich noch einmal geöffnet hatte. Wieder strömte Licht auf den dunklen Rasen und ein einzelner langer schwarzer Schatten wellte sich nun über das Gras.
»Nein, also wirklich!«, sagte Professor Tofty besorgt. »Sie haben nur noch sechzehn Minuten!«
Aber niemand achtete auf ihn: Sie alle beobachteten die Person, die nun zu dem Kampf vor Hagrids Hütte eilte.
»Wie können Sie es wagen!«, rief die Gestalt im Laufen. »Wie können Sie es wagen!«
»Es ist McGonagall!«, flüsterte Hermine.
»Lassen Sie ihn in Ruhe! In Ruhe, sage ich!«, rief Professor McGonagall durch die Dunkelheit. »Mit welchem Recht greifen Sie ihn an? Er hat nichts getan, nichts, was rechtfertigen würde –«
Hermine, Parvati und Lavender schrien auf. Die Gestalten um die Hütte hatten nicht weniger als vier Schockzauber auf Professor McGonagall abgeschossen. Auf halbem Weg zwischen Hütte und Schloss wurde sie von den roten Strahlen getroffen; einen Moment lang schien sie zu leuchten und erglühte in einem unheimlichen Rot, dann riss es sie glattweg von den Füßen, sie fiel hart auf den Rücken und blieb reglos liegen.
»Würgende Wasserspeier!«, rief Professor Tofty, der die Prüfung ebenfalls völlig vergessen zu haben schien. »Ohne jede Vorwarnung! Was für ein empörendes Verhalten!«
»FEIGLINGE!«, brüllte Hagrid; seine Stimme war oben im Turm deutlich zu hören und im Schloss gingen mehrere Lichter wieder an. »VERDAMMTE FEIGLINGE! DA, NEHMT DAS – UND DAS –«
»O du meine –«, keuchte Hermine.
Hagrid versetzte den Angreifern, die ihm am nächsten waren, zwei kräftige Schwinger; da sie augenblicklich zusammenbrachen, hatte er sie offenbar glatt ausgeknockt. Harry sah, wie Hagrid einknickte, und dachte schon, er wäre nun doch von einem Zauber erwischt worden. Aber im Gegenteil, schon im nächsten Moment stand Hagrid wieder aufrecht, nun dem Anschein nach mit einem Sack auf dem Rücken – dann erkannte Harry, dass er sich Fangs schlaffen Körper um die Schulter gelegt hatte.
»Pack ihn, pack ihn!«, schrie Umbridge, doch ihr verbliebener Helfer schien überhaupt nicht erpicht darauf, in Reichweite von Hagrids Fäusten zu kommen. Tatsächlich wich er so schnell zurück, dass er über einen seiner bewusstlosen Mitstreiter stolperte und stürzte. Hagrid, der Fang immer noch um den Hals trug, hatte sich umgedreht und fing nun an zu rennen. Umbridge schickte ihm einen letzten Schockzauber nach, traf ihn aber nicht. Und Hagrid, der in Windeseile auf die fernen Schlosstore zurannte, verschwand in der Dunkelheit.
Eine lange Minute bebenden Schweigens trat ein, in der alle mit offenem Mund auf die Schlossgründe blickten. Dann meldete sich Professor Tofty mit schwacher Stimme: »Ähm … Sie haben noch fünf Minuten.«
Obwohl Harry nur zwei Drittel seiner Karte ausgefüllt hatte, sehnte er sich verzweifelt nach dem Ende der Prüfung. Als es schließlich so weit war, zwängten er, Ron und Hermine ihre Teleskope mehr schlecht als recht wieder in ihre Halterungen und stürmten die Wendeltreppe hinunter. Keiner der Schüler ging zu Bett; alle redeten am Fuß der Treppe laut und aufgeregt über das Geschehen, dessen Zeugen sie gewesen waren.
»Dieses gemeine Biest!«, keuchte Hermine, die so zornig war, dass sie kaum reden konnte. »Sich mitten in der Nacht an Hagrid ranzuschleichen!«
»Sie wollte eindeutig noch so eine Szene wie mit Trelawney vermeiden«, sagte Ernie Macmillan altklug und drängte sich zu ihnen herüber.
»Hagrid hat sich gut geschlagen, findet ihr nicht?«, sagte Ron, der eher besorgt als beeindruckt wirkte. »Wieso sind all die Zauber von ihm abgeprallt?«
»Das wird an seinem Riesen-Blut liegen«, sagte Hermine zittrig. »Es ist schwer, einen Riesen mit einem Schockzauber zu belegen, die sind wie Trolle, richtig zäh … aber die arme McGonagall … vier Schockzauber direkt in die Brust, und sie ist nicht mehr die Jüngste!«
»Schrecklich, schrecklich«, sagte Ernie und schüttelte wichtigtuerisch den Kopf. »Also, ich geh mal schlafen. Nacht, alle zusammen.«
Die Leute um sie herum zerstreuten sich allmählich, während sie noch immer aufgeregt über das redeten, was sie eben gesehen hatten.
»Wenigstens haben sie Hagrid nicht gekriegt und nach Askaban geschickt«, sagte Ron. »Ich vermute, er wird sich Dumbledore anschließen, oder?«
»Denk ich auch«, sagte Hermine, die aussah, als würde sie jeden Moment in Tränen ausbrechen. »Oh, es ist furchtbar, ich hatte eigentlich gedacht, dass Dumbledore recht bald zurückkommt, aber jetzt haben wir auch noch Hagrid verloren.«
Sie trotteten zurück zum Gemeinschaftsraum der Gryffindors und fanden ihn voller Schüler. Der Tumult draußen auf dem Gelände hatte mehrere Leute aufgeweckt, die dann eilig ihre Freunde wachgerüttelt hatten. Seamus und Dean, die vor Harry, Ron und Hermine angekommen waren, erzählten gerade allen, was sie vom Astronomieturm aus gesehen und gehört hatten.
»Aber warum will sie Hagrid jetzt feuern?«, fragte Angelina Johnson kopfschüttelnd. »Es ist doch nicht wie bei Trelawney, er hat dieses Jahr viel besser als sonst unterrichtet!«
»Umbridge hasst Halbmenschen«, sagte Hermine bitter und ließ sich in einen Sessel fallen. »Sie hat von Anfang an versucht, Hagrid hier rauszuwerfen.«
»Und sie glaubt, Hagrid hätte die Niffler in ihr Büro gesteckt«, meldete sich Katie Bell zu Wort.
»Ach herrje«, sagte Lee Jordan und schlug sich die Hand vor den Mund. »Das mit den Nifflern in ihrem Büro war ich. Fred und George haben mir welche dagelassen, die hab ich dann durch ihr Fenster schweben lassen.«
»Sie hätte ihn ohnehin gefeuert«, warf Dean ein. »Er war zu gut mit Dumbledore befreundet.«
»Das stimmt«, sagte Harry und ließ sich in einen Sessel neben Hermine sinken.
»Ich hoffe nur, Professor McGonagall geht’s gut«, sagte Lavender unter Tränen.
»Sie haben sie ins Schloss zurückgetragen, wir haben’s durchs Schlafsaalfenster beobachtet«, sagte Colin Creevey. »Sie sah nicht allzu gut aus.«
»Madam Pomfrey wird sie wieder hinkriegen«, sagte Alicia Spinnet bestimmt. »Die hat bis jetzt noch alles geschafft.«
Es war fast vier Uhr morgens, als sich der Gemeinschaftsraum leerte. Harry fühlte sich hellwach. Das Bild von Hagrid, der in die Dunkelheit davonrannte, ließ ihn nicht los. Er war so zornig auf Umbridge, dass er sich keine Strafe vorstellen konnte, die schlimm genug für sie war, auch wenn Rons Vorschlag, sie an eine Kiste voller ausgehungerter Knallrümpfiger Kröter zu verfüttern, nicht übel klang. Er schlief ein, während er sich die scheußlichsten Racheakte ausmalte, und stieg drei Stunden später wieder aus dem Bett mit dem Gefühl, vollkommen gerädert zu sein.
Ihre letzte Prüfung, Zaubereigeschichte, sollte erst an diesem Nachmittag stattfinden. Harry wäre nach dem Frühstück am liebsten wieder zu Bett gegangen, doch er hatte den Morgen schon dafür eingeplant, in letzter Minute noch ein wenig Stoff zu wiederholen. Und so saß er nun stattdessen mit dem Kopf in den Händen am Fenster des Gemeinschaftsraums und mühte sich nach Kräften, nicht einzudösen, während er das eine oder andere Blatt des einen Meter hohen Stapels Aufzeichnungen las, die Hermine ihm geliehen hatte.
Die Fünftklässler betraten um zwei die Große Halle und nahmen ihre Plätze vor ihren umgedrehten Prüfungsblättern ein. Harry fühlte sich erschöpft. Er wollte nichts weiter, als dass die Prüfungen endlich vorbei waren und er sich schlafen legen konnte. Morgen dann wollten er und Ron zum Quidditch-Feld hinuntergehen – er würde eine Runde auf Rons Besen drehen – und das Ende der Büffelei so richtig genießen.
»Drehen Sie Ihre Blätter um«, sagte Professor Marchbanks von der Stirnseite der Halle her und kippte das riesige Stundenglas. »Fangen Sie an.«
Harry starrte unverwandt auf die erste Frage. Es dauerte einige Sekunden, bis ihm klar wurde, dass er nicht ein Wort davon begriffen hatte. Eine Wespe flog summend gegen eines der hohen Fenster und lenkte ihn ab. Langsam und umständlich fing er schließlich an, eine Antwort hinzuschreiben.
Sich an Namen zu erinnern fiel ihm sehr schwer und ständig brachte er Daten durcheinander. Frage vier übersprang er einfach (Hat die Zauberstabgesetzgebung Ihrer Meinung nach zur Kontrolle der Koboldaufstände des achtzehnten Jahrhunderts geführt oder zu diesen beigetragen?) und überlegte, dass er am Schluss, wenn er noch Zeit hatte, wieder auf sie zurückkommen konnte. Er versuchte sich kurz an Frage fünf (Auf welche Weise wurde das Geheimhaltungsstatut im Jahr 1749 gebrochen, und welche Maßnahmen wurden eingeführt, um einen derartigen Vorfall künftig zu verhindern?), doch er hatte den nagenden Verdacht, dass er mehrere wichtige Punkte nicht genannt hatte. Er hatte das Gefühl, dass irgendwo in dieser Geschichte auch Vampire eine Rolle spielten.
Er suchte nach einer Frage, die er bestimmt beantworten konnte, und bei Nummer zehn leuchteten seine Augen auf: Beschreiben Sie die Umstände, die zur Gründung der Internationalen Zauberervereinigung geführt haben, und erklären Sie, warum die Hexer von Liechtenstein sich weigerten, ihr beizutreten.
Das weiß ich, dachte Harry, obwohl sein Verstand sich träge und schlaff anfühlte. Er konnte eine Überschrift in Hermines Handschrift vor sich sehen: Die Gründung der Internationalen Zauberervereinigung … er hatte diese Notizen erst heute Morgen gelesen.
Er begann zu schreiben. Hin und wieder sah er auf und warf einen prüfenden Blick auf das große Stundenglas auf dem Schreibtisch neben Professor Marchbanks. Er saß direkt hinter Parvati Patil, deren lange dunkle Haare über ihren Stuhlrücken hinabfielen. Ein- oder zweimal ertappte er sich dabei, wie er auf die winzigen goldenen Lichter starrte, die darauf schimmerten, wenn sie leicht den Kopf bewegte, und musste seinem eigenen Kopf einen kleinen Ruck geben, um sich davon zu lösen.
… das erste Ganz hohe Tier der Internationalen Zauberervereinigung war Pierre Bonaccord, doch seine Ernennung wurde durch die Zauberergemeinschaft von Liechtenstein angefochten, weil –
Rund um Harry kratzten Federn auf Pergament wie scharrende, Höhlen grabende Ratten. Die Sonne brannte sehr heiß auf seinen Hinterkopf. Was hatte Bonaccord noch mal getan, das die Zauberer von Liechtenstein vor den Kopf stieß? Harry hatte eine Ahnung, dass es etwas mit Trollen zu tun gehabt hatte … wieder starrte er mit leerem Blick auf Parvatis Hinterkopf. Wenn er nur Legilimentik beherrschen würde und ein Fenster in ihrem Hinterkopf öffnen könnte, um zu sehen, was mit diesen Trollen gewesen war, das zum Bruch zwischen Pierre Bonaccord und Liechtenstein geführt hatte …
Harry schloss die Augen und vergrub das Gesicht in den Händen, so dass der rote Schein, der durch seine Augenlider drang, dunkel und kühl wurde. Bonaccord hatte die Trolljagd verbieten und den Trollen Rechte verleihen wollen … aber Liechtenstein hatte Probleme mit einem Stamm besonders bösartiger Bergtrolle … das war es.
Er schlug die Augen auf; sie brannten und tränten beim Anblick des blendend weißen Pergaments. Langsam brachte er zwei Zeilen über die Trolle zu Papier, dann las er durch, was er bisher geschrieben hatte. Es schien nicht sonderlich aufschlussreich oder detailliert, doch war er sicher, dass Hermines Aufzeichnungen zu der Zauberervereinigung sich über Seiten erstreckt hatten.
Er schloss die Augen wieder und versuchte sie vor sich zu sehen, sie sich in Erinnerung zu rufen … die Vereinigung hatte ihre Gründungsversammlung in Frankreich abgehalten, ja, das hatte er schon geschrieben …
Kobolde hatten versucht teilzunehmen und waren hinausgeworfen worden … auch das hatte er schon geschrieben …
Und aus Liechtenstein hatte niemand kommen wollen …
Denk nach, sagte er sich, das Gesicht in den Händen, während ringsum Federn endlose Antworten aufs Papier kratzten und vorne der Sand durch das Stundenglas rieselte …
Er ging abermals durch den kühlen, dunklen Korridor zur Mysteriumsabteilung, ging mit festem und zielbewusstem Schritt, fing zwischendurch an zu rennen, entschlossen, sein Ziel endlich zu erreichen … die schwarze Tür schwang wie gewohnt für ihn auf und er war nun in dem runden Raum mit den vielen Türen …
Geradewegs über den Steinboden und durch die zweite Tür … tanzende Lichtflecke an den Wänden und auf dem Boden und dieses seltsame mechanische Ticken, doch es war keine Zeit, genauer nachzuforschen, er musste sich beeilen …
Die letzten paar Meter zur dritten Tür nahm er im Laufschritt und sie schwang auf wie die anderen …
Wiederum befand er sich in dem kathedralengroßen Raum voller Regale und Glaskugeln … sein Herz schlug jetzt sehr schnell … diesmal würde er dorthin gelangen … als er Nummer siebenundneunzig erreichte, wandte er sich nach links und eilte den Gang zwischen den zwei Reihen entlang …
Aber ganz am Ende war eine Gestalt am Boden, eine schwarze Gestalt, die sich dort bewegte wie ein verwundetes Tier … Harrys Magen verkrampfte sich vor Angst … vor Erregung …
Eine Stimme drang aus seinem Mund, eine hohe, kalte Stimme, bar jeder menschlichen Güte …
»Nimm sie für mich … hol sie runter, jetzt … ich kann sie nicht berühren … aber du kannst es …«
Die schwarze Gestalt am Boden bewegte sich leicht. Harry sah eine langfingrige weiße Hand, die einen Zauberstab umklammert hielt, am Ende seines eigenen Armes emporsteigen … hörte die hohe, kalte Stimme sagen: »Crucio!«
Der Mann am Boden schrie auf vor Schmerz und versuchte sich zu erheben, stürzte jedoch wieder und blieb zusammengekrümmt liegen. Harry lachte. Er hob seinen Zauberstab, der Fluch wurde aufgehoben und die Gestalt stöhnte und verharrte reglos.
»Lord Voldemort wartet …«
Ganz langsam, mit zitternden Armen, reckte der Mann am Boden die Schultern ein kleines Stück empor und hob den Kopf. Sein Gesicht war blutverschmiert und ausgemergelt, es zuckte vor Schmerz und war doch starr und abweisend …
»Du wirst mich töten müssen«, flüsterte Sirius.
»Zweifellos werde ich das am Ende tun«, sagte die kalte Stimme. »Aber zuvor wirst du sie für mich holen, Black … du glaubst, du weißt schon, was Schmerz ist? Überleg es dir … wir haben noch Stunden vor uns und keiner wird dich schreien hören …«
Aber jemand schrie, als Voldemort den Zauberstab wieder herabsenkte; jemand schrie und fiel seitlich von einem heißen Tisch auf den kalten Steinboden; Harry erwachte, als er aufschlug, immer noch schreiend, mit brennender Narbe, und um ihn in der Großen Halle brach ein Tumult los.
Aus dem Feuer
»Ich geh nicht … ich muss nicht in den Krankenflügel … ich will nicht …«
Abgehackte Worte kamen aus Harrys Mund, während er versuchte, sich von Professor Tofty loszureißen, der ihm unter den starren Blicken seiner Mitschüler ringsum in die Eingangshalle hinausgeholfen hatte und ihn nun sehr besorgt ansah.
»Mir – mir geht’s gut, Sir«, stammelte Harry und wischte sich den Schweiß vom Gesicht. »Ehrlich … ich bin nur eingeschlafen … hatte einen Alptraum …«
»Der Prüfungsdruck!«, sagte der alte Zauberer mitfühlend und klopfte Harry zittrig auf die Schulter. »Das kommt vor, junger Mann, das kommt vor! Nun, ein kühlender Schluck Wasser, und vielleicht sind Sie dann in der Lage, wieder in die Große Halle zu kommen? Die Prüfung ist fast zu Ende, aber womöglich können Sie Ihre letzte Antwort noch hübsch abrunden?«
»Ja«, sagte Harry verstört. »Ich meine … nein … ich hab – hab getan, was ich konnte, denk ich …«
»Sehr schön, sehr schön«, sagte der alte Zauberer freundlich. »Dann werde ich gehen und Ihr Prüfungsblatt einsammeln, und Sie, schlage ich vor, halten nun ein hübsches kleines Schläfchen.«
»Einverstanden«, sagte Harry und nickte lebhaft. »Vielen Dank.«
Kaum war der alte Mann über die Schwelle zur Großen Halle verschwunden, rannte Harry die Marmortreppe hoch und hastete so schnell durch die Gänge, dass die Porträts, an denen er vorbeikam, vorwurfsvoll murmelten, nahm weitere Treppen nach oben und brach endlich wie ein Orkan durch die Schwingtüren des Krankenflügels, worauf Madam Pomfrey – die gerade eine hellblaue Flüssigkeit in Montagues offenen Mund löffelte – vor Schreck aufschrie.
»Potter, was hat das zu bedeuten?«
»Ich muss Professor McGonagall sprechen«, keuchte Harry mit zum Reißen gespannten Lungen. »Sofort … es ist dringend!«
»Sie ist nicht hier, Potter«, sagte Madam Pomfrey traurig. »Sie wurde heute Morgen ins St. Mungo verlegt. Vier Schockzauber direkt gegen die Brust, und das in ihrem Alter! Ein Wunder, dass sie überhaupt noch lebt.«
»Sie ist … weg?«, sagte Harry entsetzt.
Draußen vor dem Krankenflügel läutete die Glocke, und er hörte das übliche ferne Getrappel der Schüler, die jetzt in die Korridore über und unter ihm strömten. Er rührte sich nicht und sah Madam Pomfrey an. Grauenhafte Angst stieg in ihm hoch.
Es gab niemanden mehr, dem er es sagen konnte. Dumbledore war fort, Hagrid war fort, doch er hatte es immer für selbstverständlich gehalten, dass Professor McGonagall da sein würde, reizbar und starrsinnig vielleicht, aber immer verlässlich, stets verfügbar …
»Es wundert mich nicht, dass Sie erschrocken sind, Potter«, sagte Madam Pomfrey und ihr Gesicht zeigte eine Art grimmiges Einverständnis. »Das hätten die mal am helllichten Tag versuchen sollen, Minerva McGonagall einen Schockzauber auf den Hals zu jagen! Feigheit … das ist es … jämmerliche Feigheit … wenn ich mir nicht Sorgen machen würde, was mit euch Schülern passiert, wenn ich nicht mehr da bin, würde ich aus Protest meine Kündigung einreichen.«
»Ja«, sagte Harry tonlos.
Wie betäubt schritt er aus dem Krankenflügel auf den belebten Korridor und stand nun da, von der Menge angerempelt, während Panik in ihm aufstieg wie ein giftiges Gas. In seinem Kopf geriet alles ins Schwimmen, und ihm wollte nicht einfallen, was jetzt zu tun war …
Ron und Hermine, sagte eine Stimme in seinem Kopf.
Wieder rannte er, stieß Schüler aus dem Weg, achtete nicht auf ihre wütenden Proteste. Er spurtete zwei Stockwerke hinunter und war am Absatz der Marmortreppe angelangt, als er sie auf sich zueilen sah.
»Harry!«, sagte Hermine sofort und wirkte sehr verängstigt. »Was ist passiert? Alles in Ordnung mit dir? Bist du krank?«
»Wo warst du?«, fragte Ron.
»Kommt mit«, sagte Harry schnell. »Kommt mit, ich muss euch was sagen.«
Er führte sie den Korridor im ersten Stock entlang, spähte unterwegs durch Türen und fand endlich ein leeres Klassenzimmer, schlüpfte hinein, schloss rasch hinter Ron und Hermine die Tür, lehnte sich dagegen und blickte sie an.
»Voldemort hat Sirius.«
»Was?«
»Woher –?«
»Ich hab es gesehen. Gerade eben. Als ich in der Prüfung eingeschlafen bin.«
»Aber – aber wo? Wie?«, fragte Hermine mit weißem Gesicht.
»Keine Ahnung, wie«, sagte Harry. »Aber ich weiß genau, wo. In der Mysteriumsabteilung gibt es einen Raum voller Regale, die mit diesen kleinen Glaskugeln vollgestellt sind, und sie sind am Ende von Reihe siebenundneunzig … er will Sirius benutzen, damit er ihm holt, was immer er von dort drin haben will … er foltert ihn … sagt, am Schluss würde er ihn töten!«
Harry merkte, dass seine Stimme zitterte. Auch seine Knie zitterten. Er trat hinüber zu einem Pult, setzte sich darauf und versuchte sich zur Ruhe zu zwingen.
»Wie kommen wir dorthin?«, fragte er sie.
Für einen Moment herrschte Stille. Dann sagte Ron: »D-dorthin?«
»Zur Mysteriumsabteilung, damit wir Sirius retten können!«, erwiderte Harry laut.
»Aber – Harry …«, sagte Ron schwach.
»Was? Was?«, drängte Harry.
Er konnte nicht verstehen, warum sie ihn beide mit offenem Mund anstarrten, als würde er etwas Absurdes von ihnen verlangen.
»Harry«, sagte Hermine mit ziemlich ängstlicher Stimme, »ähm … wie … wie ist Voldemort ins Zaubereiministerium gelangt, ohne dass ihn jemand bemerkt hat?«
»Woher soll ich das wissen?«, brüllte Harry. »Die Frage ist, wie kommen wir dort rein!«
»Aber … Harry, überleg doch mal«, sagte Hermine und trat einen Schritt auf ihn zu, »es ist fünf Uhr nachmittags … das Zaubereiministerium muss voller Angestellter sein … wie hätten Voldemort und Sirius reinkommen sollen, ohne dass man sie gesehen hätte? Harry … sie sind wahrscheinlich die beiden meistgesuchten Zauberer der Welt … denkst du, die schaffen es, unentdeckt in ein Gebäude reinzukommen, das voller Auroren ist?«
»Keine Ahnung, vielleicht hat Voldemort einen Tarnumhang benutzt!«, rief Harry. »Jedenfalls war die Mysteriumsabteilung immer vollkommen ausgestorben, wenn ich –«
»Du warst nie dort, Harry«, sagte Hermine leise. »Du hast davon geträumt, das ist alles.«
»Das sind keine normalen Träume«, schrie Harry sie an, stand auf und trat nun selbst einen Schritt auf sie zu. Er wollte sie schütteln. »Wie erklärst du dir dann die Sache mit Rons Dad, was das alles sollte, woher ich wusste, was mit ihm passiert war?«
»Da hat er Recht«, sagte Ron leise und sah Hermine an.
»Aber das ist einfach – einfach derart unwahrscheinlich!«, sagte Hermine verzweifelt. »Harry, wie um alles in der Welt sollte Voldemort Sirius in die Hände bekommen, wenn er doch die ganze Zeit über am Grimmauldplatz war?«
»Vielleicht ist Sirius die Geduld gerissen und er wollte einfach mal an die frische Luft«, sagte Ron und klang beunruhigt. »Er hat sich ja immer verzweifelt danach gesehnt, aus diesem Haus rauszukommen –«
»Aber warum«, beharrte Hermine, »warum um Himmels willen sollte Voldemort Sirius benutzen, um die Waffe zu kriegen oder worum es auch immer geht?«
»Keine Ahnung, es könnte eine Menge Gründe dafür geben!«, schleuderte ihr Harry entgegen. »Vielleicht ist Sirius einfach jemand, bei dem es Voldemort nichts ausmacht, ihn verletzt zu sehen –«
»Wisst ihr, mir ist da eben was eingefallen«, sagte Ron mit gedämpfter Stimme. »Sirius’ Bruder war ein Todesser, stimmt’s? Vielleicht hat er Sirius das Geheimnis erzählt, wie man an diese Waffe rankommt!«
»Genau – und deshalb war Dumbledore so erpicht darauf, Sirius die ganze Zeit eingesperrt zu halten!«, sagte Harry.
»Hört mal, es tut mir leid«, rief Hermine, »aber was ihr beide sagt, hat weder Hand noch Fuß, für nichts davon gibt es einen Beweis, nicht mal dafür, dass Voldemort und Sirius überhaupt dort sind –«
»Hermine, Harry hat sie gesehen!«, fuhr Ron sie nun an.
»Also gut«, sagte sie ängstlich, aber entschlossen, »ich muss dir einfach mal was sagen –«
»Was?«
»Du … das ist keine Kritik, Harry! Aber du … irgendwie … ich meine – glaubst du nicht, dass du so was wie – wie ein – Menschenrettungsding hast?«, sagte sie.
Er starrte sie finster an.
»Und was soll das heißen, ein ›Menschenrettungsding‹?«
»Nun … du …«, sie blickte nur noch beklommener. »Ich meine … letztes Jahr zum Beispiel … im See … während des Turniers … da solltest du nicht … ich meine, da hättest du diese kleine Delacour nicht unbedingt retten müssen … du warst da ein wenig … übereifrig …«
Eine Welle heißen, stechenden Zorns wogte durch Harrys Körper. Wie konnte sie ihn nur jetzt an diese Peinlichkeit erinnern?
»Ich mein, das war wirklich großartig von dir und so«, ergänzte Hermine rasch und wirkte angesichts von Harrys Miene starr vor Schreck, »alle fanden das wunderbar –«
»Ist ja komisch«, sagte Harry mit bebender Stimme, »zufällig weiß ich noch genau, dass Ron meinte, ich hätte meine Zeit verschwendet, um den Helden zu spielen … glaubst du, darum geht’s? Meinst du, ich würde wieder den Helden spielen wollen?«
»Nein, nein, nein!«, sagte Hermine bestürzt. »Das meine ich überhaupt nicht!«
»Na, dann spuck aus, was du zu sagen hast, weil wir nämlich unsere Zeit hier verschwenden!«, rief Harry.
»Was ich sagen will, ist – Voldemort kennt dich, Harry! Er hat Ginny in die Kammer des Schreckens runtergebracht, um dich dort hinzulocken, so was sieht ihm ähnlich, er weiß, dass du die – die Art Mensch bist, die Sirius zu Hilfe kommen würde! Was, wenn er nur versucht, dich in die Mysteriumsab–?«
»Hermine, es spielt keine Rolle, ob er es getan hat, um mich dort hinzulocken, oder nicht – sie haben McGonagall ins St. Mungo gebracht, in Hogwarts ist keiner mehr vom Orden, dem wir es sagen können, und wenn wir nicht gehen, ist Sirius tot!«
»Aber Harry – was, wenn dein Traum einfach – einfach das war, ein Traum?«
Harry brüllte auf vor Wut und Enttäuschung. Tatsächlich wich Hermine erschrocken vor ihm zurück.
»Du kapierst es nicht!«, schrie Harry sie an. »Ich habe keine Alpträume, ich träume das nicht einfach nur! Wofür, glaubst du, waren all diese Okklumentikstunden, warum wollte mich Dumbledore deiner Meinung nach daran hindern, diese Dinge zu sehen? Weil sie WIRKLICH sind, Hermine – Sirius ist gefangen, ich hab ihn gesehen. Voldemort hat ihn, und niemand sonst weiß es, und das heißt, wir sind die Einzigen, die ihn retten können, und wenn du es nicht tun willst, schön, ich gehe jedenfalls, verstanden? Und wenn ich mich recht erinnere, hattest du kein Problem mit meinem Menschenrettungsding, als ich dich vor den Dementoren gerettet habe, oder –«, nun fuhr er Ron an, »– als es deine Schwester war, die ich vor dem Basilisken gerettet habe –«
»Ich hab nie behauptet, dass ich ein Problem hätte!«, erwiderte Ron hitzig.
»Aber Harry, du hast es eben selbst gesagt«, rief Hermine grimmig. »Dumbledore wollte, dass du deinen Geist vor diesen Dingen abschirmen lernst; wenn du richtig Okklumentik gemacht hättest, hättest du das nie gesehen –«
»WENN DU GLAUBST, ICH WÜRDE EINFACH SO TUN, ALS OB ICH DAS NICHT GESEHEN –«
»Sirius hat dir gesagt, es gäbe nichts Wichtigeres, als dass du lernst, deinen Geist zu verschließen!«
»TJA, ICH SCHÄTZ, ER WÜRDE WAS ANDERES SAGEN, WENN ER WÜSSTE, WAS ICH EBEN –«
Die Klassenzimmertür ging auf. Harry, Ron und Hermine wirbelten herum. Ginny kam herein, mit neugieriger Miene, gefolgt von Luna, die wie üblich aussah, als wäre sie zufällig hereingeschwebt.
»Hi«, sagte Ginny unsicher. »Wir haben Harrys Stimme gehört. Weshalb schreist du so?«
»Das geht dich nichts an«, sagte Harry barsch.
Ginny zog die Brauen hoch.
»Diesen Ton brauchst du bei mir nicht anzuschlagen«, sagte sie kühl. »Ich hab mich nur gefragt, ob ich helfen könnte.«
»Nein, kannst du nicht«, sagte Harry knapp.
»Du bist ziemlich unhöflich, weißt du«, sagte Luna gelassen.
Harry fluchte und wandte sich ab. Das Allerletzte, was er jetzt brauchen konnte, war ein Gespräch mit Luna Lovegood.
»Wart mal«, sagte Hermine plötzlich. »Wart mal … Harry, sie können helfen.«
Harry und Ron sahen sie an.
»Hör zu«, sagte sie eindringlich, »Harry, wir müssen rausfinden, ob Sirius tatsächlich das Hauptquartier verlassen hat.«
»Ich hab dir doch gesagt, ich hab gesehen –«
»Harry, bitte, ich fleh dich an!«, sagte Hermine verzweifelt. »Bitte lass uns einfach nachsehen, ob Sirius nicht zu Hause ist, bevor wir uns nach London aufmachen. Wenn wir rausfinden, dass er nicht da ist, dann schwör ich, dass ich nicht versuche dich aufzuhalten. Dann komme ich auch mit, ich tu a-alles, was nötig ist, um ihn zu retten.«
»Sirius wird JETZT gefoltert!«, rief Harry. »Wir dürfen keine Zeit verschwenden.«
»Aber wenn es eine List von Voldemort ist, Harry, wir müssen das klären, unbedingt.«
»Wie?«, fragte Harry. »Wie sollen wir das klären?«
»Wir müssen Umbridges Kamin benutzen und sehen, ob wir Kontakt zu ihm aufnehmen können«, sagte Hermine, der bei diesem Gedanken die Angst im Gesicht stand. »Wir locken Umbridge noch mal weg, aber wir brauchen Wachtposten, und da können Ginny und Luna uns helfen.«
Ginny, die zwar offensichtlich Mühe hatte zu verstehen, um was es ging, sagte sofort: »Ja, das machen wir«, und Luna fragte: »Wenn ihr von ›Sirius‹ redet, meint ihr dann Stubby Boardman?«
Keiner antwortete ihr.
»Okay«, sagte Harry angriffslustig zu Hermine. »Okay, wenn dir einfällt, wie wir das schnell erledigen können, dann bin ich dabei, ansonsten geh ich sofort in die Mysteriumsabteilung.«
»Die Mysteriumsabteilung?«, sagte Luna und blickte milde überrascht. »Aber wie willst du da hinkommen?«
Harry beachtete sie wieder nicht.
»Gut«, sagte Hermine, verschlang die Hände ineinander und schritt zwischen den Pulten auf und ab. »Gut … also … einer von uns muss Umbridge suchen und – und sie in die falsche Richtung schicken, sie von ihrem Büro fernhalten. Man könnte ihr sagen – was weiß ich –, dass Peeves wie immer etwas Übles anstellt …«
»Das erledige ich«, sagte Ron sofort. »Ich sage ihr, Peeves zertrümmert die Verwandlungsräume, die sind meilenweit von ihrem Büro entfernt. Wenn ich’s mir recht überlege, könnte ich Peeves wahrscheinlich auch gleich überreden, es wirklich zu tun, wenn ich ihn unterwegs treffe.«
Es war ein Zeichen für den Ernst der Lage, dass Hermine keinen Einwand gegen die Verwüstung der Verwandlungsräume erhob.
»Okay«, sagte sie und ging mit gerunzelter Stirn weiter auf und ab. »Also, wir müssen die Schüler von ihrem Büro fernhalten, während wir uns dort Zugang verschaffen, sonst gehen bestimmt irgendwelche Slytherins zu ihr und verpfeifen uns.«
»Luna und ich können uns an beiden Enden des Korridors aufstellen«, sagte Ginny prompt, »und die Leute warnen, dass sie nicht dort runtergehen sollen, weil jemand eine Ladung Garottengas losgelassen hat.« Hermine schien überrascht, wie schnell Ginny diese Lüge eingefallen war. Ginny zuckte die Achseln und sagte: »Fred und George hatten es eigentlich noch vor, ehe sie weg sind.«
»Okay«, sagte Hermine. »Also dann, Harry, wir beide nehmen den Tarnumhang und schleichen uns ins Büro, und du kannst mit Sirius reden –«
»Er ist nicht dort, Hermine!«
»Ich meine, du kannst – nachsehen, ob Sirius zu Hause ist oder nicht, während ich Wache halte, ich glaub nicht, dass du allein dort drin sein solltest, Lee hat immerhin bewiesen, dass das Fenster ein Schwachpunkt ist, wo er doch diese Niffler durchgeschickt hat.«
Harry mochte noch so zornig und ungeduldig sein, Hermines Angebot, ihn in Umbridges Büro zu begleiten, war unverkennbar ein Zeichen der Solidarität und Treue.
»Ich … okay, danke«, murmelte er.
»Gut, aber selbst wenn wir all diese Vorkehrungen treffen, glaube ich nicht, dass wir mehr als fünf Minuten haben«, sagte Hermine und sah erleichtert aus, weil Harry ihren Plan offenbar akzeptiert hatte. »Nicht wenn Filch und dieses verfluchte Inquisitionskommando unterwegs sind.«
»Fünf Minuten werden reichen«, sagte Harry. »Komm, gehen wir –«
»Jetzt?«, sagte Hermine entsetzt.
»Natürlich jetzt!«, gab Harry wütend zurück. »Glaubst du vielleicht, wir warten bis nach dem Abendessen? Hermine, Sirius wird gerade eben gefoltert!«
»Ich – oh, schon gut«, sagte sie verzweifelt. »Du gehst und holst den Tarnumhang und wir treffen dich am Ende von Umbridges Korridor, okay?«
Harry antwortete nicht, sondern stürzte aus dem Klassenzimmer und bahnte sich einen Weg durch die wogende Menge. Zwei Stockwerke weiter oben traf er Seamus und Dean, die ihn freudig begrüßten und ihm erzählten, dass sie im Gemeinschaftsraum eine Examensabschlussfeier planten, die vom Abend bis zum Morgengrauen dauern sollte. Harry hörte kaum hin. Er kroch durch das Porträtloch, während sie immer noch darüber stritten, wie viel Butterbier vom Schwarzmarkt sie brauchten, und kletterte wieder heraus, den Tarnumhang und Sirius’ Messer sicher in der Tasche verstaut, und erst jetzt fiel ihnen auf, dass er nicht mehr neben ihnen stand.
»Harry, willst du ein paar Galleonen beisteuern? Harold Dingle meint, er könnte uns ein bisschen Feuerwhisky verkaufen –«
Doch Harry raste schon den Korridor entlang zurück, und ein paar Minuten später sprang er die letzten paar Stufen hinab und schloss sich Ron, Hermine, Ginny und Luna an, die dicht zusammengedrängt am Ende von Umbridges Korridor standen.
»Hab ihn«, keuchte er. »Dann kann’s losgehen?«
»Alles klar«, flüsterte Hermine, während eine laute Horde Sechstklässler an ihnen vorbeiging. »Also, Ron – du gehst und lenkst Umbridge ab … Ginny, Luna, ihr fangt jetzt an, die Leute aus dem Korridor zu vertreiben … Harry und ich ziehen uns den Tarnumhang über und warten, bis die Luft rein ist …«
Ron ging mit zügigen Schritten davon, sein leuchtend rotes Haar war noch bis zum Ende des Korridors zu sehen. Unterdessen hüpfte Ginnys nicht minder leuchtend roter Schopf durch das Gedränge der Schüler ringsum in die andere Richtung davon, gefolgt von Lunas Blondschopf.
»Komm hierher«, flüsterte Hermine, zerrte an Harrys Handgelenk und zog ihn in eine Nische, wo der hässliche Steinkopf eines mittelalterlichen Zauberers auf einer Säule saß und in sich hineinmurmelte. »Bist du sicher, dass es dir gut geht, Harry? Du bist immer noch sehr blass.«
»Schon okay«, sagte er knapp und zog den Tarnumhang aus seiner Tasche. In Wahrheit schmerzte seine Narbe, aber nicht so heftig, dass er annehmen musste, Voldemort hätte Sirius schon einen tödlichen Schlag versetzt. Sie hatte noch viel schlimmer geschmerzt, als Voldemort Avery bestraft hatte …
»Hier«, sagte er und warf den Tarnumhang über sie beide. Sie standen da und lauschten aufmerksam über das lateinische Gemurmel der Büste vor ihnen hinweg.
»Hier könnt ihr nicht runter!«, rief Ginny der Menge zu. »Nein, sorry, ihr müsst den Umweg über die Wirbeltreppe nehmen, hier hat jemand Garottengas losgelassen –«
Sie konnten hören, wie sich einige der Schüler beschwerten. Eine mürrische Stimme sagte: »Ich kann kein Gas sehen.«
»Weil es farblos ist«, sagte Ginny überzeugend ärgerlich, »aber wenn du hier durchgehen willst, nur zu, dann haben wir deine Leiche zum Beweis für den nächsten Dummkopf, der uns nicht glaubt.«
Allmählich zerstreute sich die Menge. Die Nachricht von dem Garottengas hatte sich offenbar herumgesprochen, niemand kam mehr hier entlang. Als es um sie schließlich ganz ruhig geworden war, sagte Hermine leise: »Besser wird’s wohl nicht werden, Harry – komm, jetzt machen wir’s.«
Sie gingen los, verdeckt vom Tarnumhang. Luna stand mit dem Rücken zu ihnen am anderen Ende des Korridors. Als sie an Ginny vorbeigingen, flüsterte Hermine: »Gut gemacht … vergiss das Signal nicht.«
»Was für ein Signal?«, murmelte Harry, während sie sich Umbridges Tür näherten.
»›Weasley ist unser King‹ einmal laut gesungen, wenn sie Umbridge kommen sehen«, antwortete Hermine, während Harry die Klinge von Sirius’ Messer in den Schlitz zwischen Tür und Wand steckte. Das Schloss öffnete sich mit einem Klicken und sie betraten das Büro.
Die grellen Kätzchen wälzten sich in der spätnachmittäglichen Sonne, die ihre Teller wärmte, doch ansonsten war das Büro so ruhig und verlassen wie beim letzten Mal. Hermine seufzte erleichtert.
»Ich dachte schon, sie hätte nach dem letzten Niffler noch irgendwas zur Sicherheit eingebaut.«
Sie zogen den Tarnumhang herunter. Hermine eilte hinüber zum Fenster, stellte sich so hin, dass man sie nicht sehen konnte, und spähte mit gezücktem Zauberstab hinunter auf das Gelände. Harry stürzte zum Kamin, packte den Topf mit Flohpulver und warf eine Prise davon über den Rost, wo nun smaragdgrüne Flammen aufloderten. Er kniete sich hastig nieder, steckte den Kopf ins tänzelnde Feuer und rief: »Grimmauldplatz Nummer zwölf!«
Sein Kopf begann sich zu drehen, als wäre er gerade aus einem Kirmeskarussell gestiegen, doch seine Knie verharrten fest auf dem kalten Boden des Büros. Er hielt die Augen zugekniffen wegen der Aschenwirbel; erst als das Kreiseln aufhörte, schlug er die Augen auf und blickte in die lange, kalte Küche des Hauses am Grimmauldplatz.
Niemand war da. Das hatte er erwartet, doch war er nicht vorbereitet auf die Welle von Angst und Panik, die nun, da er die Küche so verlassen sah, wie heiße Metallschmelze durch seinen Magen zu brechen schien.
»Sirius?«, rief er. »Sirius, bist du da?«
Seine Stimme hallte durch den Raum, doch er bekam keine Antwort außer einem leisen Scharren rechts vom Kamin.
»Wer ist da?«, rief er und fragte sich, ob es nur eine Maus war.
Kreacher der Hauself kroch in sein Blickfeld. Er schien vor Freude über irgendetwas ganz aus dem Häuschen, allerdings hatte er sich vor kurzem offenbar schlimme Verletzungen an beiden Händen zugezogen, die stark bandagiert waren.
»Da ist der Kopf des Potter-Jungen im Feuer«, teilte Kreacher der leeren Küche mit und warf Harry verstohlene, merkwürdig triumphierende Blicke zu. »Weshalb ist er gekommen, fragt sich Kreacher.«
»Wo ist Sirius, Kreacher?«, wollte Harry wissen.
Der Hauself ließ ein heiseres Glucksen hören.
»Der Herr ist ausgegangen, Harry Potter.«
»Wo ist er hin? Wo ist er hin, Kreacher?«
Kreacher gackerte nur.
»Ich warne dich!«, sagte Harry, wobei ihm durchaus bewusst war, dass er in seiner Lage fast keine Möglichkeit hatte, Kreacher zu bestrafen. »Was ist mit Lupin? Mad-Eye? Irgendeiner, ist einer von ihnen hier?«
»Niemand da außer Kreacher!«, erwiderte der Elf mit diebischem Vergnügen, wandte sich von Harry ab und ging nun langsam zur Tür am Ende der Küche. »Kreacher wird jetzt wohl ein kleines Pläuschchen mit seiner Herrin halten, ja, er hatte schon lange keine Gelegenheit mehr dazu, Kreachers Herr hat ihn von ihr ferngehalten –«
»Wo ist Sirius hin?«, rief Harry dem Elfen nach. »Kreacher, ist er in die Mysteriumsabteilung gegangen?«
Kreacher blieb schlagartig stehen. Harry konnte nur seinen kahlen Hinterkopf in dem Wald von Stuhlbeinen vor ihm erkennen.
»Der Herr sagt dem armen Kreacher nicht, wo er hingeht«, sagte der Elf leise.
»Aber du weißt es!«, rief Harry. »Stimmt’s? Du weißt, wo er ist!«
Einen Moment lang herrschte Stille, dann ließ der Elf sein bislang lautestes Gackern hören.
»Der Herr wird nicht mehr aus der Mysteriumsabteilung zurückkommen!«, frohlockte er. »Kreacher und seine Herrin sind wieder allein!«
Und er trippelte davon und verschwand durch die Tür zur Halle.
»Du –!«
Doch bevor er auch nur einen Fluch oder eine Beleidigung ausstoßen konnte, spürte Harry einen heftigen Schmerz an seiner Schädeldecke. Er atmete einen Mund voll Asche ein, würgte und spürte, wie er durch die Flammen zurückgezogen wurde, bis er abrupt und voller Schrecken in das breite, fahle Gesicht von Professor Umbridge starrte, die ihn an den Haaren rücklings aus dem Feuer gezogen hatte und ihm jetzt den Kopf so weit wie nur möglich ins Genick drückte, als wollte sie ihm die Kehle aufschlitzen.
»Glauben Sie«, flüsterte sie und drückte Harry den Kopf noch weiter in den Nacken, so dass er nun zur Decke sah, »dass ich nach den zwei Nifflern noch so ein widerliches, schnüffelndes kleines Biest in mein Büro lasse, ohne dass ich davon erfahre? Ich habe Heimlichkeitsaufspürzauber um meine Tür gelegt, nachdem der letzte eingedrungen ist, Sie dummer Junge. Nehmen Sie seinen Zauberstab«, bellte sie jemanden an, den er nicht sehen konnte, und er fühlte, wie eine Hand in die Brusttasche seines Umhangs tastete und den Zauberstab herauszog. »Ihren auch.«
Harry hörte ein Handgemenge an der Tür und wusste, dass man auch Hermine den Zauberstab weggenommen hatte.
»Ich möchte wissen, warum Sie in meinem Büro sind«, sagte Umbridge und schüttelte ihre Faust in seinem Haar, so dass er ins Taumeln geriet.
»Ich wollte – meinen Feuerblitz holen!«, krächzte Harry.
»Lügner.« Wieder schüttelte sie seinen Kopf. »Ihr Feuerblitz ist unter strenger Bewachung in den Kerkern, wie Sie sehr wohl wissen, Potter. Sie hatten Ihren Kopf in meinem Feuer. Mit wem haben Sie Verbindung aufgenommen?«
»Mit niemandem –«, sagte Harry und versuchte sich ihrem Griff zu entziehen. Er spürte, dass ihm Haare aus der Kopfhaut rissen.
»Lügner!«, rief Umbridge. Sie stieß ihn von sich und er krachte gegen ihren Schreibtisch. Jetzt konnte er sehen, dass Hermine von Millicent Bulstrode an die Wand gedrückt wurde. Malfoy lehnte am Fensterbrett, warf grienend mit einer Hand Harrys Zauberstab in die Luft und fing ihn wieder auf.
Draußen gab es einen Tumult, und mehrere große Slytherins traten ein, die Ron, Ginny, Luna und – was Harry verblüffte – auch Neville gepackt hielten. Er wurde von Crabbe im Würgegriff gehalten und war offenbar gefährlich nah am Ersticken. Die vier waren geknebelt.
»Hab sie alle«, sagte Warrington und schob Ron grob vor sich her in den Raum. »Der hier« – er stieß mit einem dicken Finger in Richtung Neville – »wollte mich dran hindern, die festzunehmen« – er deutete auf Ginny, die versuchte, dem großen Slytherin-Mädchen, das sie festhielt, gegen die Schienbeine zu treten, »also hab ich ihn auch mitgebracht.«
»Gut, gut«, sagte Umbridge und sah zu, wie Ginny sich sträubte. »Nun, es sieht ganz danach aus, als würde Hogwarts bald eine weasleyfreie Zone sein, nicht wahr?«
Malfoy lachte laut und kriecherisch. Umbridge setzte ihr breites, selbstgefälliges Lächeln auf, ließ sich auf einem chintzbezogenen Lehnstuhl nieder und sah blinzelnd zu ihren Gefangenen hoch wie eine Kröte in einem Blumenbeet.
»Nun, Potter«, sagte sie. »Sie haben Wachen um mein Büro postiert und diesen Clown geschickt«, sie nickte zu Ron – Malfoy lachte noch lauter, »um mir zu sagen, dass der Poltergeist in den Verwandlungsräumen sein Zerstörungswerk triebe, während ich genau wusste, dass er damit beschäftigt war, Tinte auf die Okulare sämtlicher Schulteleskope zu schmieren – da Mr Filch mich kurz zuvor davon unterrichtet hatte.
Offenbar war es sehr wichtig für Sie, mit jemandem zu reden. War es Albus Dumbledore? Oder dieses Halbblut Hagrid? Ich bezweifle, dass es Minerva McGonagall war; wie ich höre, ist sie immer noch zu krank, um mit irgendjemandem sprechen zu können.«
Malfoy und ein paar andere Mitglieder des Inquisitionskommandos lachten darauf noch lauter. Harry war so voller Zorn und Hass, dass er bebte.
»Es geht Sie nichts an, mit wem ich rede«, knurrte er.
Umbridges schlaffes Gesicht schien sich zu straffen.
»Sehr schön«, sagte sie mit ihrer gefährlichsten falschen süßen Stimme. »Sehr schön, Mr Potter … ich habe Ihnen die Chance gegeben, es mir freiwillig zu sagen. Sie haben abgelehnt. Ich habe keine andere Wahl, als Sie zu zwingen. Draco – holen Sie Professor Snape.«
Malfoy steckte Harrys Zauberstab in seinen Umhang und ging feixend hinaus, doch Harry nahm es kaum wahr. Soeben war ihm etwas aufgegangen. Unfassbar, wie dumm er gewesen war, es zu vergessen. Er hatte gedacht, alle Mitglieder des Ordens, alle, die ihm helfen konnten, Sirius zu retten, wären fort – doch er hatte sich geirrt. Noch immer war ein Mitglied des Phönixordens in Hogwarts – Snape.
Im Büro herrschte Schweigen, abgesehen von dem Gerangel und Geraufe, das entstand, weil die Slytherins Mühe hatten, Ron und die anderen im Griff zu behalten. Rons Lippe blutete auf Umbridges Teppich, während er gegen Warringtons Hebelgriff ankämpfte. Ginny probierte immer noch, der Sechstklässlerin auf die Füße zu treten, die ihre beiden Oberarme fest umklammert hielt. Neville wurde immer röter im Gesicht, während er an Crabbes Armen zerrte. Und Hermine versuchte vergeblich, Millicent Bulstrode abzuschütteln. Luna jedoch stand schlaff neben dem Mädchen, das sie aufgegriffen hatte, und blickte träumerisch aus dem Fenster, als würde sie das alles ziemlich langweilen.
Harry sah wieder zu Umbridge, die ihn scharf beobachtete. Er bemühte sich, ein glattes und ausdrucksloses Gesicht zu zeigen, als vom Gang her Schritte zu hören waren, Draco Malfoy zurückkam und die Tür für Snape aufhielt.
»Sie wollten mich sprechen, Schulleiterin?«, sagte Snape und sein Blick wanderte mit vollkommen gleichgültigem Ausdruck über die miteinander kämpfenden Schülerpaare.
»Ah, Professor Snape«, sagte Umbridge mit breitem Lächeln und erhob sich. »Ja, ich hätte gerne eine weitere Flasche Veritaserum, so schnell wie möglich, bitte.«
»Sie haben meine letzte Flasche genommen, um Potter zu befragen«, sagte er und musterte sie kühl durch seinen fettigen schwarzen Haarvorhang. »Sie haben doch sicher nicht alles aufgebraucht? Ich hatte Ihnen gesagt, drei Tropfen würden genügen.«
Umbridge lief rot an.
»Sie können ein wenig mehr davon herstellen, nicht wahr?«, sagte sie, und ihre Stimme wurde, wie immer, wenn sie wütend war, noch süßlich-mädchenhafter.
»Gewiss«, sagte Snape mit geschürzten Lippen. »Es braucht einen vollständigen Mondzyklus, um zu reifen, also sollte es in etwa einem Monat für Sie bereit sein.«
»In einem Monat?«, zeterte Umbridge und schwoll an wie eine Kröte. »Ein Monat? Aber ich brauche es heute Abend, Snape! Wie ich eben festgestellt habe, benutzt Potter meinen Kamin, um mit einem oder mehreren Unbekannten Verbindung aufzunehmen!«
»Tatsächlich?«, sagte Snape und zeigte erstmals eine schwache Spur von Interesse, während er sich Harry zuwandte. »Nun, das überrascht mich nicht. Potter hat nie viel Neigung gezeigt, die Schulregeln zu befolgen.«
Seine kalten, dunklen Augen bohrten sich in die Harrys, der seinen Blick erwiderte, ohne mit der Wimper zu zucken. Angestrengt konzentrierte er sich auf das, was er in seinem Traum gesehen hatte, um Snape allein mit dem Willen zu zwingen, seine Gedanken zu lesen, zu begreifen …
»Ich wünsche ihn zu befragen!«, rief Umbridge zornig, und Snape blickte weg von Harry und wieder in ihr wütend zitterndes Gesicht. »Ich wünsche, dass Sie mir einen Trank liefern, der ihn zwingen wird, mir die Wahrheit zu erzählen!«
»Ich habe Ihnen bereits gesagt«, erwiderte Snape glatt, »dass ich keine weiteren Vorräte an Veritaserum habe. Ich kann Ihnen nicht helfen, außer wenn Sie Potter vergiften wollen – und ich versichere Ihnen, Sie hätten mein größtes Wohlwollen, wenn Sie es täten. Das Problem ist nur, dass die meisten Gifte zu schnell wirken, um dem Opfer genug Zeit zu geben, die Wahrheit zu erzählen.«
Snape blickte wieder zu Harry, der ihn anstarrte und sich fieberhaft mühte, ihm ohne Worte etwas mitzuteilen.
Voldemort hat Sirius in der Mysteriumsabteilung, dachte er verzweifelt. Voldemort hat Sirius –
»Sie sind auf Bewährung!«, kreischte Professor Umbridge und Snape drehte sich mit leicht gehobenen Brauen erneut zu ihr um. »Sie verweigern mir mutwillig Ihre Hilfe! Ich hätte mehr von Ihnen erwartet, Lucius Malfoy spricht immer in den höchsten Tönen von Ihnen! Verlassen Sie jetzt mein Büro!«
Snape machte eine spöttische Verbeugung vor ihr und wandte sich zum Gehen. Harry wusste, die letzte Chance, den Orden wissen zu lassen, was vor sich ging, verließ gerade den Raum.
»Er hat Tatze!«, rief er. »Er hat Tatze an dem Ort, wo sie versteckt ist!«
Snape, die Hand schon auf Umbridges Türklinke, hielt inne.
»Tatze?«, schrie Professor Umbridge und blickte begierig von Harry zu Snape. »Was ist Tatze? Wo ist was versteckt? Was soll das heißen, Snape?«
Snape drehte sich zu Harry um. Seine Miene war unergründlich. Harry konnte nicht sagen, ob er begriffen hatte oder nicht, doch er wagte es nicht, noch offener vor Umbridge zu reden.
»Ich habe keine Ahnung«, sagte Snape kalt. »Potter, wenn ich will, dass man mir Unsinn an den Kopf wirft, verabreiche ich Ihnen einen Plappertrank. Und Crabbe, lockern Sie Ihren Griff etwas. Wenn Longbottom erstickt, bedeutet das eine Menge zähen Papierkram, und ich fürchte, ich müsste es in Ihrem Zeugnis erwähnen, sollten Sie sich je um eine Stelle bewerben.«
Er ließ die Tür hinter sich ins Schloss schnappen und Harry blieb noch aufgewühlter zurück: Snape war seine allerletzte Hoffnung gewesen. Er blickte zu Umbridge, der es offenbar ganz ähnlich erging; ihre Brust wogte vor Zorn und Enttäuschung.
»Sehr schön«, sagte sie und zog ihren Zauberstab. »Sehr schön … ich habe nun keine andere Wahl mehr … hier geht es um mehr als um schulische Disziplin … hier steht die Sicherheit des Ministeriums auf dem Spiel … ja … ja …«
Sie schien sich in etwas hineinzusteigern. Nervös verlagerte sie ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen, starrte Harry an, schlug den Zauberstab auf die leere Handfläche und atmete schwer. Während Harry ihr zusah, kam er sich ohne seinen Zauberstab fürchterlich ohnmächtig vor.
»Sie zwingen mich, Potter … ich will es nicht«, sagte Umbridge, immer noch rastlos auf einem Fleck umhertretend, »aber manchmal rechtfertigen die Umstände die Mittel … ich bin sicher, der Minister wird verstehen, dass ich keine Wahl hatte …«
Malfoy beobachtete sie mit einem hungrigen Ausdruck im Gesicht.
»Der Cruciatus-Fluch sollte Ihnen die Zunge lösen«, sagte Umbridge leise.
»Nein!«, schrie Hermine. »Professor Umbridge – das ist gesetzwidrig!«
Doch Umbridge nahm keine Notiz von ihr. Ein heimtückischer, gieriger, erregter Ausdruck war in ihr Gesicht getreten, wie Harry ihn noch nie gesehen hatte. Sie hob ihren Zauberstab.
»Der Minister würde es nicht gutheißen, dass Sie das Gesetz brechen, Professor Umbridge!«, rief Hermine.
»Was Cornelius nicht weiß, macht ihn nicht heiß«, sagte Umbridge, die jetzt ein wenig keuchte, während sie den Zauberstab auf verschiedene Stellen von Harrys Körper richtete, offenbar noch unschlüssig, wo es am meisten schmerzen würde. »Er hat nie erfahren, dass ich letzten Sommer Dementoren befohlen habe, Potter anzugreifen, und dennoch war er erfreut über die Gelegenheit, ihn hinauswerfen zu können.«
»Das waren Sie?«, keuchte Harry. »Sie haben mir die Dementoren auf den Hals gejagt?«
»Irgendjemand musste handeln«, sagte Umbridge atemlos, während ihr Zauberstab direkt auf Harrys Stirn gerichtet zur Ruhe kam. »Alle haben davon gequasselt, dass man Sie zum Schweigen – Sie in Misskredit bringen müsste, aber ich war diejenige, die tatsächlich etwas dafür getan hat … bloß haben Sie sich da rausgewunden, nicht wahr, Potter? Aber heute nicht, nicht jetzt –« Und sie holte tief Luft und rief: »Cruc–«
»Nein!«, schrie Hermine mit gebrochener Stimme hinter Millicent Bulstrode hervor. »Nein – Harry – wir müssen es ihr sagen!«
»Niemals!«, rief Harry und starrte auf das wenige, was von Hermine zu sehen war.
»Wir müssen, Harry, sie wird es ohnehin aus dir rauspressen, was … was für einen Zweck hat das noch?«
Und Hermine begann schwach in den Rücken von Millicent Bulstrodes Umhang zu weinen. Millicent hörte sofort auf mit dem Versuch, sie an die Wand zu quetschen, und wich mit angewidertem Blick zur Seite.
»Schön, schön, schön!«, sagte Umbridge mit triumphierender Miene. »Die kleine Miss Naseweis will uns ein paar Antworten geben! Nur zu, Mädchen, nur zu!«
»Er – mie – nee – nein!«, rief Ron durch seinen Knebel.
Ginny starrte Hermine an, als hätte sie diese noch nie gesehen. Auch Neville, der weiterhin würgend nach Luft rang, sah sie mit großen Augen an. Aber Harry hatte soeben etwas bemerkt. Zwar schluchzte Hermine verzweifelt in ihre Hände, doch nicht die Spur einer Träne war zu sehen.
»Es – es tut mir leid, ihr alle«, sagte Hermine. »Aber – ich halte es nicht aus –«
»Schon gut, schon gut, Mädchen!«, sagte Umbridge, packte Hermine an den Schultern, stieß sie in den nun freien Chintz-Stuhl und beugte sich über sie. »Nun denn … mit wem hat Potter soeben Verbindung aufgenommen?«
»Also«, sagte Hermine mit erstickter Stimme in ihre Hände hinein, »also, er hat versucht, mit Professor Dumbledore zu sprechen.«
Ron erstarrte mit aufgerissenen Augen. Ginny ließ von dem Versuch ab, ihrer Slytherin-Wächterin auf die Zehen zu treten, und selbst Luna schien milde überrascht. Zum Glück hatten Umbridge und ihre Günstlinge ihr Augenmerk so fest auf Hermine gerichtet, dass sie diese verdächtigen Zeichen nicht bemerkten.
»Dumbledore?«, sagte Umbridge begierig. »Sie wissen also, wo Dumbledore ist?«
»Nun … nein!«, schluchzte Hermine. »Wir haben es im Tropfenden Kessel in der Winkelgasse versucht und in den Drei Besen und sogar im Eberkopf –«
»Dummes Mädchen – Dumbledore wird doch nicht in einem Pub hocken, wenn das ganze Ministerium nach ihm sucht!«, rief Umbridge und die Enttäuschung war in jede hängende Falte ihres Gesichts geschrieben.
»Aber – aber wir mussten ihm etwas sehr Wichtiges sagen!«, jammerte Hermine und drückte sich die Hände fester aufs Gesicht, nicht aus Qual, wie Harry wusste, sondern um zu verbergen, dass es immer noch keine Tränen gab.
»Ja?«, sagte Umbridge mit jäh wiedererwachter Erregung. »Und was wollten Sie ihm mitteilen?«
»Wir … wir wollten ihm sagen, dass sie f-fertig ist!«, würgte Hermine hervor.
»Was soll fertig sein?«, drängte Umbridge, und wieder packte sie Hermine an den Schultern und schüttelte sie leicht. »Was ist fertig, Mädchen?«
»Die … die Waffe«, sagte Hermine.
»Waffe? Waffe?«, sagte Umbridge und ihre Augen schienen vor Aufregung aus den Höhlen zu quellen. »Sie haben etwas entwickelt, womit Sie Widerstand leisten können? Eine Waffe, die Sie gegen das Ministerium einsetzen könnten? Auf Professor Dumbledores Befehl hin natürlich?«
»J-j-ja«, keuchte Hermine, »aber er musste gehen, ehe wir fertig waren, und n-n-nun haben wir sie für ihn fertig gestellt, und wir k-k-können ihn nicht finden, u-u-um es ihm zu sagen!«
»Was für eine Waffe ist das?«, fragte Umbridge schroff, die stummligen Finger immer noch um Hermines Schultern geklammert.
»Wir v-v-verstehen sie nicht richtig«, sagte Hermine laut schniefend. »Wir haben einfach ge-ge-getan, was P-P-Professor Dumbledore uns ge-ge-gesagt hat.«
Umbridge richtete sich mit siegestrunkener Miene auf.
»Führen Sie mich zu der Waffe«, sagte sie.
»Ich zeig sie aber nicht … denen«, sagte Hermine schrill und lugte durch die Finger zu den Slytherins rundum.
»Sie haben hier keine Bedingungen zu stellen«, erwiderte Professor Umbridge schroff.
»Schön«, sagte Hermine und schluchzte erneut in ihre Hände. »Schön … zeigen Sie ihnen die Waffe, ich hoffe, sie benutzen sie gegen Sie! Ehrlich gesagt, ich wünschte, Sie würden jede Menge Leute einladen, sie zu sehen! D-das würd Ihnen recht geschehen – oh, es wär schön, wenn die g-ganze Schule wüsste, wo sie ist und wie man sie ge-gebraucht, und dann, wenn Sie einen von denen ärgern, kann er Sie er-erledigen!«
Diese Worte hatten eine durchschlagende Wirkung auf Umbridge: Sie blickte rasch und argwöhnisch in die Runde ihres Inquisitionskommandos, und ihre Glubschaugen ruhten einen Moment lang auf Malfoy, der zu langsam war, um den erwartungsvollen und gierigen Ausdruck zu verbergen, der auf sein Gesicht getreten war.
Einen weiteren langen Moment betrachtete Umbridge nachdenklich Hermine, dann sprach sie mit, wie sie offenbar glaubte, mütterlicher Stimme.
»Nun schön, meine Liebe, dann also nur wir beide … und Potter nehmen wir auch mit, einverstanden? Stehen Sie jetzt auf.«
»Professor«, sagte Malfoy beflissen, »Professor Umbridge, ich denke, ein paar Leute vom Kommando sollten mitkommen, um aufzupassen –«
»Ich bin eine voll qualifizierte Beamtin des Ministeriums, Malfoy, glauben Sie wirklich, dass ich mit zwei Teenagern ohne Zauberstab nicht alleine zurechtkomme?«, fragte Umbridge bissig. »Auf jeden Fall klingt es nicht so, als ob diese Waffe etwas wäre, das Schulkinder sehen sollten. Sie werden hierbleiben, bis ich zurückkehre, und dafür sorgen, dass keiner von denen –«, sie wies mit einer ausladenden Handbewegung auf Ron, Ginny, Neville und Luna, »entkommt.«
»Na gut«, sagte Malfoy und sah beleidigt und enttäuscht aus.
»Und Sie beide gehen mir voran und zeigen mir den Weg«, befahl Umbridge und deutete mit ihrem Zauberstab auf Harry und Hermine. »Los jetzt.«
Kampf und Flucht
Harry war schleierhaft, was Hermine plante oder ob sie überhaupt einen Plan hatte. Sie gingen den Korridor vor Umbridges Büro entlang, er einen halben Schritt hinter ihr, denn er wusste, dass es sehr verdächtig aussehen würde, wenn er den Eindruck erweckte, als wüsste er nicht, wo es hinging. Er wagte keinen Versuch, mit ihr zu sprechen. Umbridge folgte ihnen so dicht auf den Fersen, dass er ihr stoßweises Atmen hören konnte.
Hermine führte sie die Treppe hinunter in die Eingangshalle. Lautes Stimmengewirr und Klirren von Besteck auf Tellern drangen durch die Flügeltüren zur Großen Halle – Harry schien es unglaublich, dass nur wenige Meter entfernt von hier die anderen ganz sorglos ihr Abendessen genossen und das Examensende feierten …
Hermine ging direkt durch das Eichenportal und über die Steinstufen in die milde Abendluft hinaus. Die Sonne sank jetzt auf die Baumwipfel des Verbotenen Waldes, und während Hermine entschlossen über das Gras schritt – Umbridge im Laufschritt hinterher, um den Anschluss nicht zu verlieren –, kräuselten sich ihre langen dunklen Schatten wie Mäntel über das Gras hinter ihnen.
»Sie ist in Hagrids Hütte versteckt, stimmt’s?«, hörte Harry Umbridge begierig ganz nah an seinem Ohr.
»Natürlich nicht«, sagte Hermine in vernichtendem Ton. »Hagrid hätte sie ja versehentlich losgehen lassen können.«
»Ja«, sagte Umbridge, offenbar in wachsender Erregung. »Ja, das hätte ihm natürlich ähnlich gesehen, diesem Riesentrottel von einem Halbblüter.«
Sie lachte. Harry spürte einen starken Drang, herumzuschnellen und sie an der Gurgel zu packen, widerstand ihm aber. Seine Narbe pochte in der sanften Abendluft, aber sie hatte noch nicht weiß glühend gebrannt, und er wusste, das wäre geschehen, wenn Voldemort sich ans Töten gemacht hätte.
»Nun … wo ist sie dann?«, fragte Umbridge mit einem leicht unsicheren Unterton, während Hermine weiter auf den Wald zuschritt.
»Dort drin natürlich«, sagte Hermine und wies zu den dunklen Bäumen. »Sie musste doch an einem Ort sein, wo Schüler sie nicht zufällig entdecken konnten.«
»Natürlich«, sagte Umbridge, klang nun allerdings ein wenig beklommen. »Natürlich … sehr schön, also … Sie beide gehen weiter voran.«
»Können wir Ihren Zauberstab haben, wenn wir vorn sind?«, fragte Harry.
»Nein, das ist keine gute Idee, Mr Potter«, sagte Umbridge süßlich und stieß ihm den Zauberstab in den Rücken. »Das Ministerium hält mein Leben doch für um einiges wertvoller als das Ihre, fürchte ich.«
Als sie den kühlen Schatten der ersten Bäume erreichten, versuchte Harry dem Blick von Hermine zu begegnen; ohne Zauberstäbe in den Wald zu laufen schien ihm noch törichter als alles, was sie bisher an diesem Abend getan hatten. Hermine jedoch sah Umbridge nur verächtlich an und eilte umstandslos in den Wald hinein, so raschen Schrittes, dass Umbridge mit ihren kürzeren Beinen Schwierigkeiten hatte mitzuhalten.
»Ist sie weit drin?«, fragte Umbridge, als ihr ein Brombeerstrauch den Umhang aufriss.
»O ja«, sagte Hermine. »Ja, sie ist gut versteckt.«
Harrys dunkle Ahnungen verstärkten sich. Hermine nahm nicht den Pfad, dem sie gefolgt waren, um Grawp zu besuchen, sondern den Weg, den er vor drei Jahren zum Unterschlupf des Monsters Aragog gegangen war. Hermine war damals nicht bei ihm gewesen; er bezweifelte, dass sie irgendeine Vorstellung davon hatte, welche Gefahr am Ende lauerte.
»Ähm – bist du sicher, dass dies der richtige Weg ist?«, fragte er sie spitz.
»O ja«, erwiderte sie mit fester Stimme und schlug sich mit einem Lärm durchs Unterholz, den Harry für völlig unnötig hielt. Hinter ihnen stolperte Umbridge über einen umgefallenen Schössling. Keiner der beiden blieb stehen, um ihr aufzuhelfen; Hermine marschierte einfach weiter und rief laut über die Schulter: »Es ist noch ein Stück tiefer drin!«
»Nicht so laut, Hermine«, murmelte Harry und schloss rasch zu ihr auf. »Hier drin könnte uns wer weiß was belauschen –«
»Ich will, dass man uns hört«, antwortete sie leise, während Umbridge ihnen geräuschvoll hinterherhastete. »Du wirst schon sehen …«
Sie gingen weiter, eine ganze Weile, wie es ihm vorkam, bis sie wieder einmal so tief im Wald waren, dass der dichte Baldachin der Baumwipfel alles Licht schluckte. Wie schon früher, wenn er im Wald gewesen war, hatte Harry das Gefühl, von unsichtbaren Augen beobachtet zu werden.
»Wie weit noch?«, fragte Umbridge hinter ihm wütend.
»Nicht mehr weit!«, rief Hermine und sie traten auf eine düstere, feuchte Lichtung. »Nur noch ein kleines Stück –«
Ein Pfeil flog durch die Luft und traf mit bedrohlich dumpfem Wummern knapp über ihrem Kopf einen Baum. Plötzlich war die Luft erfüllt von Hufgetrappel; Harry spürte, wie der Waldboden bebte; Umbridge stieß einen kurzen Schrei aus und schob Harry vor sich wie einen Schild –
Er riss sich von ihr los und drehte sich um. Rund fünfzig Zentauren tauchten von allen Seiten her auf und zielten mit ihren erhobenen und gespannten Bogen auf Harry, Hermine und Umbridge. Unter merkwürdig leisen, wimmernden Angstlauten von Umbridge wichen sie langsam in die Mitte der Lichtung zurück. Harry blickte Hermine von der Seite her an. Sie lächelte triumphierend.
»Wer seid ihr?«, sagte eine Stimme.
Harry sah nach links. Der Zentaur mit dem kastanienbraunen Leib namens Magorian trat aus dem Kreis auf sie zu: Wie die anderen hatte er seinen Bogen erhoben. Umbridge, zu Harrys Rechten, wimmerte immer noch und richtete ihren heftig zitternden Zauberstab auf den näher kommenden Zentauren.
»Ich fragte, wer du bist, Mensch«, sagte Magorian schroff.
»Ich bin Dolores Umbridge!«, antwortete Umbridge mit schriller, angsterfüllter Stimme. »Erste Untersekretärin des Zaubereiministers und Schulleiterin und Großinquisitorin von Hogwarts!«
»Du bist vom Zaubereiministerium?«, fragte Magorian und viele der Zentauren ringsum bewegten sich unruhig.
»So ist es!«, sagte Umbridge mit noch höherer Stimme. »Also sei sehr vorsichtig! Nach den Gesetzen, die von der Abteilung zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe erlassen wurden, ist jeder Angriff auf einen Menschen durch Halbblüter, wie ihr es seid –«
»Wie hast du uns genannt?«, rief ein wild aussehender schwarzer Zentaur, den Harry als Bane erkannte. Rundum hob erbostes Gemurmel an und Bogen wurden noch fester gespannt.
»Sie dürfen sie nicht so nennen!«, sagte Hermine aufgebracht, doch Umbridge schien sie nicht gehört zu haben. Sie hielt ihren zitternden Zauberstab weiter auf Magorian gerichtet und fuhr fort: »Gesetz Fünfzehn ›B‹ besagt eindeutig, dass ›jeglicher Angriff durch ein magisches Geschöpf, das nach allgemeinem Dafürhalten annähernd menschliche Intelligenz besitzt und daher als für seine Taten verantwortlich erachtet wird –‹«
»›Annähernd menschliche Intelligenz‹?«, wiederholte Magorian, während Bane und einige andere vor Wut brüllten und mit den Hufen scharrten. »Wir betrachten dies als schwere Beleidigung, Menschenwesen! Unsere Intelligenz stellt die eurige dankenswerterweise weit in den Schatten.«
»Was habt ihr in unsrem Wald zu suchen?«, brüllte der graue Zentaur mit den harten Gesichtszügen, den Harry und Hermine bei ihrem letzten Besuch im Wald gesehen hatten. »Warum seid ihr hier?«
»Eurem Wald?«, sagte Umbridge und zitterte nun nicht nur vor Angst, sondern offenbar auch vor Entrüstung. »Ich möchte euch daran erinnern, dass ihr nur hier lebt, weil das Zaubereiministerium euch auf gewissen Ländereien duldet –«
Ein Pfeil flog so dicht an ihrem Kopf vorbei, dass er ihr mausgraues Haar streifte. Sie stieß einen ohrenbetäubenden Schrei aus und schlug die Hände über den Kopf, während einige der Zentauren beifällig brüllten und andere heiser lachten. Ihr wildes wieherndes Gelächter, das über die dämmrige Lichtung hallte, und der Anblick ihrer scharrenden Hufe war äußerst entmutigend.
»Wessen Wald ist dies nun, Mensch?«, brüllte Bane.
»Schmutzige Halbblüter!«, schrie Umbridge, die Hände immer noch über dem Kopf. »Viecher! Ungezähmte Tiere!«
»Seien Sie still!«, rief Hermine, doch es war zu spät. Umbridge richtete den Zauberstab auf Magorian und schrie: »Incarcerus!«
Seile flogen aus dem Nichts wie dicke Schlangen, schnürten sich fest um den Oberkörper des Zentauren und fesselten seine Arme. Er stieß einen Wutschrei aus, bäumte sich auf und versuchte sich zu befreien, während die anderen Zentauren angriffen.
Harry packte Hermine und zog sie zu Boden; mit dem Gesicht in der Erde, durchlebte er einen Moment des Grauens, als Hufe um ihn her donnerten, doch die vor Wut brüllenden und schreienden Zentauren sprangen über sie hinweg und um sie herum.
»Neeeeiiin!«, hörte er Umbridge kreischen. »Nein! … Ich bin Erste Untersekretärin … ihr könnt nicht – lasst mich los, ihr Viecher, neeeeiin!«
Harry sah einen roten Lichtblitz und wusste, dass sie versucht hatte, einen von ihnen mit einem Schockzauber zu belegen, dann schrie sie sehr laut. Harry hob ein wenig den Kopf und sah, dass Bane die vor Angst zappelnde und schreiende Umbridge von hinten gepackt hatte und sie hoch in die Luft hob. Der Zauberstab fiel ihr aus der Hand und zu Boden, und Harrys Herz machte einen Satz. Wenn er ihn doch erreichen könnte –
Aber gerade streckte er die Hand danach aus, da senkte sich der Huf eines Zentauren auf den Zauberstab und brach ihn glatt entzwei.
»Nun!«, donnerte eine Stimme in Harrys Ohr, und ein dicker haariger Arm tauchte jäh über ihm auf und riss ihn hoch. Auch Hermine war auf die Beine gehoben worden. Über den vielfarbigen Rücken und Köpfen der herbeistiebenden Zentauren sah Harry, wie Umbridge von Bane zwischen den Bäumen hindurch fortgetragen wurde. Ihr ununterbrochenes Geschrei wurde immer schwächer, bis ihre Stimme vom Hufgetrappel ringsum verschluckt wurde.
»Und diese hier?«, fragte der graue Zentaur mit den harten Zügen, der Hermine festhielt.
»Sie sind jung«, ertönte eine langsame, traurige Stimme hinter Harry. »Fohlen tun wir nichts.«
»Sie haben diese Frau hierhergebracht, Ronan«, antwortete der Zentaur, der Harry fest im Griff hielt. »Und so jung sind sie gar nicht … dieser hier nähert sich dem Mannesalter.« Er schüttelte Harry am Kragen seines Umhangs.
»Bitte«, sagte Hermine atemlos, »bitte, greift uns nicht an, wir denken nicht wie diese Frau, wir sind nicht vom Zaubereiministerium! Wir sind nur hierhergekommen, weil wir gehofft haben, dass ihr sie für uns vertreibt.«
Der Ausdruck, der auf das Gesicht des grauen Zentauren trat, der Hermine hielt, sagte Harry sofort, dass sie mit diesen Worten einen schrecklichen Fehler gemacht hatte. Der graue Zentaur warf den Kopf zurück, stampfte wütend mit den Hinterbeinen und brüllte: »Siehst du, Ronan? Sie besitzen bereits den Hochmut ihrer Rasse! Wir sollten also für euch die schmutzige Arbeit erledigen, Menschenmädchen? Wir sollten als eure Diener handeln, wie gehorsame Hunde eure Feinde vertreiben?«
»Nein!«, stieß Hermine mit schreckerfülltem Piepsen aus. »Bitte – das habe ich nicht gemeint! Ich habe nur gehofft, ihr könntet – uns helfen –«
Doch sie schien alles nur noch schlimmer zu machen.
»Den Menschen helfen wir nicht!«, knurrte der Zentaur, der Harry hielt, verstärkte seinen Griff und bäumte sich zugleich ein wenig auf, so dass Harry kurz den Boden unter den Füßen verlor. »Wir sind eine besondere Rasse und stolz darauf. Wir werden es euch nicht gestatten, von hier fortzugehen und damit zu prahlen, dass wir euch zu Diensten waren!«
»Wir werden nichts dergleichen sagen!«, rief Harry. »Wir wissen, dass ihr das, was ihr getan habt, nicht auf unseren Wunsch hin getan habt –«
Aber niemand schien ihm zuzuhören.
Ein bärtiger Zentaur rief von hinten aus der Menge: »Sie sind ungebeten hierhergekommen, sie müssen die Folgen tragen!«
Diese Worte stießen auf brüllende Zustimmung und ein brauner Zentaur schrie: »Soll es ihnen ergehen wie der Frau!«
»Ihr habt gesagt, dass ihr den Unschuldigen nichts antut!«, rief Hermine und nun rannen ihr tatsächlich Tränen übers Gesicht. »Wir haben euch nichts angetan, wir haben keine Zauberstäbe benutzt oder euch bedroht, wir wollen nur zurück zur Schule, bitte lasst uns gehen –«
»Wir sind nicht alle wie der Verräter Firenze, Menschenmädchen!«, sagte der graue Zentaur und erneut stimmten ihm seine Artgenossen unter wieherndem Gebrüll zu. »Vielleicht dachtest du, wir wären hübsche redende Pferde? Wir sind ein uraltes Volk, das Überfälle und Beleidigungen durch die Zauberer nicht hinnimmt! Wir anerkennen eure Gesetze nicht, wir anerkennen eure Überlegenheit nicht, wir sind –«
Aber sie hörten nicht, was es mit den Zentauren sonst noch auf sich hatte, denn in diesem Moment war vom Rand der Lichtung her ein Krachen zu vernehmen, so laut, dass sie alle, Harry, Hermine und die gut fünfzig Zentauren, die sich auf der Lichtung scharten, die Köpfe umwandten. Harrys Zentaur ließ ihn zu Boden fallen und gleich flogen seine Hände zu seinem Bogen und Pfeilköcher. Auch Hermine lag am Boden, und Harry lief hastig zu ihr, als sich zwei dicke Baumstämme bedrohlich auseinanderbogen und die unförmige Gestalt des Riesen Grawp dazwischen erschien.
Die Zentauren, die ihm am nächsten waren, wichen gegen die hinter ihnen stehenden zurück; die Lichtung war nun ein Wald aus Bogen und Pfeilen, alle schussbereit nach oben gerichtet auf das riesige graue Gesicht, das knapp unterhalb des dichten Baldachins aus Ästen über ihnen aufragte. Grawps schiefer Mund stand einfältig halb offen; sie konnten seine backsteinartigen gelben Zähne im Dämmerlicht schimmern sehen, und seine trüben schlammfarbenen Augen verengten sich, während er zu den Zentauren zu seinen Füßen hinabspähte. An beiden Fußgelenken hingen zerrissene Seile.
Er öffnete den Mund noch weiter.
»Hagger.«
Harry wusste nicht, was »Hagger« bedeutete oder aus welcher Sprache es stammte, und es war ihm auch ziemlich gleich; er beobachtete Grawps Füße, die fast so lang waren wie Harrys ganzer Körper. Hermine klammerte sich fest an seinen Arm; die Zentauren waren vollkommen still und starrten zu dem Riesen hoch, dessen mächtiger runder Kopf sich hin und her bewegte, während er zwischen ihnen umherblickte, als ob er nach etwas suchte, das er fallen gelassen hatte.
»Hagger!«, sagte er von neuem, noch dringlicher.
»Scher dich fort von hier, Riese!«, rief Magorian. »Du bist bei uns nicht willkommen!«
Diese Worte schienen auf Grawp keinerlei Eindruck zu machen. Er bückte sich ein wenig (die Arme der Zentauren an ihren Bogen spannten sich), dann brüllte er: »HAGGER!«
Einige der Zentauren wirkten jetzt besorgt. Hermine jedoch keuchte auf.
»Harry!«, flüsterte sie. »Ich glaub, er versucht ›Hagrid‹ zu sagen!«
Genau in diesem Moment fiel Grawps Blick auf sie, die einzigen beiden Menschen in einem Meer von Zentauren. Er senkte den Kopf gut einen Viertelmeter tiefer und starrte sie aufmerksam an. Harry spürte, wie Hermine schlotterte, als Grawp erneut den Mund weit öffnete und mit tiefer, polternder Stimme sagte: »Hermy.«
»Grundgütiger«, sagte Hermine, packte Harrys Arm so fest, dass er taub wurde, und sah drein, als würde sie gleich in Ohnmacht fallen, »er – er erinnert sich noch!«
»HERMY!«, donnerte Grawp. »WO HAGGER?«
»Ich weiß nicht«, quiekte Hermine verängstigt. »Tut mir leid, Grawp, ich weiß es nicht!«
»GRAWP WOLLE HAGGER!«
Eine der massigen Hände des Riesen langte hinunter. Hermine stieß einen markerschütternden Schrei aus, rannte ein paar Schritte rückwärts und stürzte. Mangels Zauberstab machte sich Harry bereit, zu schlagen, zu treten, zu beißen oder was auch immer nötig war, während die Hand auf ihn herabstieß und einen schneeweißen Zentauren von den Beinen schlug.
Eben darauf hatten die Zentauren gewartet – Grawps ausgestreckte Finger waren keinen halben Meter mehr von Harry entfernt, da sirrten fünfzig Pfeile gegen den Riesen durch die Luft und pfefferten sein gewaltiges Gesicht. Er heulte vor Schmerz und Zorn, richtete sich auf und rieb sich mit den mächtigen Händen das Gesicht, brach dabei die Pfeilschäfte ab und drückte die Spitzen noch tiefer hinein.
Er schrie und stampfte mit seinen riesigen Füßen und die Zentauren stoben davon; Tropfen von Grawps Blut, groß wie Kieselsteine, prasselten auf Harry herab, als er Hermine auf die Füße zog und die beiden, so schnell sie konnten, in den Schutz der Bäume rannten. Kaum dort angelangt, blickten sie zurück; Grawp haschte mit blutüberströmtem Gesicht blindlings nach den Zentauren, die auf der anderen Seite der Lichtung in heillosem Durcheinander zwischen den Bäumen davongaloppierten. Harry und Hermine sahen, wie Grawp wieder vor Zorn aufbrüllte und ihnen dann nachstürzte, wobei er noch mehr Bäume beiseiteschlug.
»O nein«, sagte Hermine und bebte so heftig, dass ihre Knie nachgaben. »Oh, war das schrecklich. Und vielleicht bringt er sie alle um.«
»Ehrlich gesagt, das schert mich jetzt nicht«, sagte Harry bitter.
Der Lärm der galoppierenden Zentauren und des trampelnden Riesen wurde allmählich schwächer. Während Harry lauschte, fing seine Narbe erneut heftig an zu pochen und Angst stieg in ihm auf.
Sie hatten so viel Zeit vertan – seit seiner Vision waren sie Sirius’ Rettung kein Stück näher gekommen, im Gegenteil. Harry hatte nicht nur seinen Zauberstab eingebüßt, sie steckten auch noch mitten im Verbotenen Wald, ohne jegliche Möglichkeit, schnell von hier wegzukommen.
»Schlauer Plan«, fauchte er Hermine an, um ein wenig von seiner Wut loszuwerden. »Wirklich schlauer Plan. Wo gehen wir jetzt hin?«
»Wir müssen wieder hoch zum Schloss«, sagte Hermine lahm.
»Bis wir dort sind, ist Sirius wahrscheinlich tot!«, erwiderte Harry und trat in seiner Wut gegen den nächstbesten Baum. Ein schrilles Gezeter brach über ihnen los, und als er aufblickte, sah er einen zornigen Bowtruckle, der drohend seine langen, zweigartigen Finger krümmte.
»Nun ja, ohne Zauberstäbe können wir nichts machen«, sagte Hermine hoffnungslos und richtete sich wieder auf. »Außerdem, Harry, wie hattest du eigentlich vor, bis nach London zu kommen?«
»Ja, das haben wir uns eben auch gefragt«, ertönte eine vertraute Stimme hinter ihr.
Harry und Hermine rückten instinktiv zusammen und spähten durch die Bäume.
Ron tauchte auf, und Ginny, Neville und Luna eilten hinter ihm her. Sie alle sahen ein wenig mitgenommen aus – über Ginnys Wange zogen sich einige lange Kratzer; über Nevilles rechtem Auge schwoll eine große violette Beule; Rons Lippe blutete noch schlimmer – aber alle wirkten recht zufrieden mit sich selbst.
»Also«, sagte Ron, drückte einen tief hängenden Ast beiseite und hielt Harrys Zauberstab hoch. »Irgendwelche Ideen?«
»Wie seid ihr da rausgekommen?«, fragte Harry verblüfft und nahm seinen Zauberstab von Ron entgegen.
»’n paar Schockzauber, ein Entwaffnungszauber, Neville hat ’nen echt süßen kleinen Lähmzauber hingelegt«, sagte Ron lässig und reichte nun auch Hermine ihren Zauberstab. »Aber Ginny war am besten, sie hat sich Malfoy vorgenommen – Flederwichtfluch – war Extraklasse, sein ganzes Gesicht war voll mit diesen großen Flatterdingern. Jedenfalls haben wir vom Fenster aus gesehen, dass ihr in den Wald gegangen seid, und sind euch gefolgt. Was habt ihr mit Umbridge angestellt?«
»Die ist hin und weg«, sagte Harry. »Eine Herde Zentauren hat sie mitgenommen.«
»Und euch haben sie zurückgelassen?«, fragte Ginny erstaunt.
»Nein, Grawp hat sie verjagt«, sagte Harry.
»Wer ist Grawp?«, fragte Luna interessiert.
»Hagrids kleiner Bruder«, erklärte Ron prompt. »Und überhaupt ist das jetzt nicht so wichtig. Harry, was hast du im Feuer erfahren? Hat Du-weißt-schon-wer Sirius oder –?«
»Ja«, sagte Harry und seine Narbe fing erneut an schmerzhaft zu ziepen, »und ich bin sicher, dass Sirius noch am Leben ist, aber ich habe keine Ahnung, wie wir dort hinkommen sollen, um ihm zu helfen.«
Sie schwiegen angstvoll; das Problem, vor dem sie standen, schien unüberwindlich.
»Na ja, wir müssen eben fliegen, oder?«, sagte Luna in einem annähernd sachlichen Tonfall, wie ihn Harry bei ihr noch nie gehört hatte.
»Okay«, erwiderte Harry ärgerlich und wandte sich ihr zu. »Erstens tun ›wir‹ überhaupt nichts, falls du dich selbst dazuzählst, und zweitens ist Ron der Einzige mit einem Besen, der nicht von einem Sicherheitstroll bewacht wird, also –«
»Ich hab einen Besen!«, sagte Ginny.
»Schon, aber du kommst nicht mit«, sagte Ron zornig.
»Entschuldige mal, aber mir ist es genauso wichtig wie dir, was mit Sirius passiert!«, sagte Ginny und schob entschlossen den Unterkiefer vor, was ihre Ähnlichkeit mit Fred und George verblüffend deutlich machte.
»Du bist zu –«, setzte Harry an, aber Ginny warf zornig dazwischen: »Ich bin drei Jahre älter, als du warst, damals, als du wegen dem Stein der Weisen mit Du-weißt-schon-wem gekämpft hast, und ich hab dafür gesorgt, dass Malfoy in Umbridges Büro festsitzt und riesige Flederwichte ihn angreifen –«
»Schon, aber –«
»Wir waren doch alle zusammen in der DA«, sagte Neville leise. »Dabei ging es doch im Grunde darum, gegen Du-weißt-schon-wen zu kämpfen, oder? Und dies ist jetzt unsere erste Chance, mal was Handfestes zu tun – oder war das alles nur Spiel oder so?«
»Nein – natürlich nicht –«, erwiderte Harry ungeduldig.
»Dann sollten wir auch mitkommen«, sagte Neville schlicht. »Wir wollen helfen.«
»Stimmt«, sagte Luna und lächelte glücklich.
Harrys Augen trafen Rons. Er wusste, dass Ron genau das Gleiche dachte wie er: Wenn er neben sich selbst, Ron und Hermine noch weitere DA-Mitglieder hätte auswählen können, die ihm beim Versuch, Sirius zu retten, beistehen sollten, dann hätte er sich nicht Ginny, Neville oder Luna ausgesucht.
»Ach, das spielt sowieso keine Rolle«, sagte Harry frustriert, »weil wir immer noch nicht wissen, wie wir dort hinkommen sollen –«
»Ich dachte, das hätten wir schon geklärt«, sagte Luna und raubte ihm damit den letzten Nerv. »Wir fliegen!«
»Sieh mal«, sagte Ron mit kaum verhohlenem Zorn, »du kannst vielleicht ohne Besen fliegen, aber wir andern können uns nicht einfach Flügel wachsen lassen, wann immer wir –«
»Es gibt noch andere Möglichkeiten zu fliegen außer mit Besen«, sagte Luna munter.
»Ich vermut mal, wir sollen auf dem Rücken des Schrumpfschnarchlers fliegen oder wie der heißt?«, fragte Ron.
»Der Schrumpfhörnige Schnarchkackler kann nicht fliegen«, sagte Luna würdevoll. »Aber die können es, und Hagrid meint, sie können sehr gut Orte finden, nach denen ihre Reiter suchen.«
Harry schnellte herum. Zwischen zwei Bäumen standen zwei Thestrale mit unheimlich glimmenden weißen Augen und verfolgten das geflüsterte Gespräch, als verstünden sie jedes Wort.
»Ja!«, wisperte er und ging auf sie zu. Sie schüttelten ihre Reptilienköpfe und warfen ihre langen schwarzen Mähnen zurück, und Harry streckte begierig seine Hand aus und tätschelte den glänzenden Hals des nächsten Tieres; wie hatte er sie nur jemals für hässlich halten können?
»Sind das diese verrückten Pferdedinger?«, sagte Ron unsicher und starrte auf einen Punkt ein wenig links von dem Thestral, den Harry tätschelte. »Die man nicht sehen kann, außer man war dabei, als jemand abgekratzt ist?«
»Genau«, sagte Harry.
»Wie viele?«
»Nur zwei.«
»Nun, wir brauchen drei«, sagte Hermine, die immer noch leicht erschüttert, aber dennoch entschlossen wirkte.
»Vier, Hermine«, sagte Ginny mit finsterem Blick.
»Ich glaub, eigentlich sind wir sechs«, sagte Luna ruhig und zählte.
»Stell dich nicht so dumm an, wir können nicht alle gehen!«, sagte Harry zornig. »Hört mal, ihr drei –«, er deutete auf Neville, Ginny und Luna, »ihr habt damit nichts zu tun, ihr kommt nicht –«
Wieder protestierten sie. Seine Narbe fing von neuem an zu stechen, diesmal schmerzhafter. Jeder Moment, den sie verloren, war wertvoll; er hatte keine Zeit, sich zu streiten.
»Okay, schön, ihr habt’s nicht anders gewollt«, sagte er kurz angebunden, »aber wenn wir nicht mehr Thestrale auftreiben, könnt ihr nicht –«
»Oh, da werden schon noch welche kommen«, sagte Ginny zuversichtlich, die wie Ron in die völlig falsche Richtung spähte, offenbar in dem Glauben, sie würde zu den Pferden blicken.
»Wie kommst du denn darauf?«
»Du hast es vielleicht noch nicht bemerkt, aber du und Hermine, ihr seid voller Blut«, sagte sie kühl, »und wir wissen, dass Hagrid Thestrale mit rohem Fleisch anlockt. Deshalb sind diese zwei wahrscheinlich überhaupt aufgetaucht.«
Im selben Moment spürte Harry einen sanften Stups an seinem Umhang, und als er hinunterblickte, sah er, wie der nächste Thestral an seinem Ärmel leckte, der feucht von Grawps Blut war.
»Also gut«, sagte er und eine glänzende Idee schoss ihm durch den Kopf. »Ron und ich nehmen diese beiden und fliegen voraus, und Hermine kann hier bei euch dreien bleiben und noch mehr Thestrale anlocken –«
»Ich bleib nicht zurück!«, fauchte Hermine.
»Ist gar nicht nötig«, sagte Luna lächelnd. »Seht mal, hier kommen noch mehr … ihr zwei müsst ja ganz schön riechen …«
Harry wandte sich um: Mindestens sechs oder sieben Thestrale bahnten sich ihren Weg durch die Bäume. Sie hatten die großen ledrigen Flügel dicht an die Körper geschmiegt und ließen ihre Augen durch die Dunkelheit glühen. Jetzt hatte er keine Ausrede mehr.
»Von mir aus«, sagte er zornig, »nehmt euch eins, und dann los.«
Die Mysteriumsabteilung
Harry schlang die Hand fest in die Mähne des nächsten Thestrals, setzte einen Fuß auf einen Baumstumpf neben ihm und kletterte unbeholfen auf den seidenen Rücken des Pferdes. Es wehrte sich nicht, sondern wandte mit gebleckten Fangzähnen den Kopf und versuchte weiter gierig an seinem Umhang zu lecken.
Er stellte fest, dass er seine Knie irgendwie hinter die Flügelansätze klemmen konnte, so dass er sicherer saß, dann blickte er sich zu den anderen um. Neville hatte sich am Rücken des nächsten Thestrals hochgezogen und versuchte nun, eines seiner kurzen Beine über das Tier zu schwingen. Luna thronte schon oben auf dem Pferd, sie saß im Damensitz und zog ihren Umhang zurecht, als würde sie dies jeden Tag tun. Ron, Hermine und Ginny jedoch standen immer noch reglos da, mit offenem Mund und großen Augen.
»Was ist los?«, fragte Harry.
»Wie sollen wir denn aufsitzen?«, sagte Ron mit schwacher Stimme. »Wo wir diese Dinger doch gar nicht sehen können?«
»Oh, das ist einfach«, sagte Luna, glitt hilfsbereit von ihrem Thestral und trat zu ihm, Hermine und Ginny. »Kommt mit …«
Sie zog sie zu den anderen herumstehenden Thestralen und schaffte es, ihnen nacheinander auf den Rücken ihres Reittiers zu helfen. Alle drei blickten äußerst nervös, während Luna ihnen die Hände in die Mähne ihrer Pferde schlang und ihnen einschärfte, sich festzuklammern, ehe sie wieder auf den Rücken ihres eigenen Rosses stieg.
»Das ist verrückt«, murmelte Ron und strich mit der freien Hand behutsam über den Hals seines Pferdes. »Verrückt … wenn ich es nur sehen könnte –«
»Hoff lieber, dass es unsichtbar bleibt«, sagte Harry düster. »Sind alle bereit?«
Sie nickten, und er sah, wie sich fünf Paar Knie unter den Umhängen strafften.
»Okay …«
Er schaute auf den glänzenden schwarzen Hals seines Thestrals hinab und schluckte.
»Also, Zaubereiministerium, Besuchereingang, London«, sagte er unsicher. »Ähm … wenn du weißt … wo’s langgeht …«
Einen Moment lang tat Harrys Thestral überhaupt nichts. Dann, mit einer weiten Bewegung, die ihn fast herunterriss, breiteten sich die Flügel auf beiden Seiten aus; das Pferd kauerte sich langsam nieder und schoss so schnell und so steil in die Höhe, dass Harry Arme und Beine fest um das Tier schlingen musste, damit er nicht über die knochige Kruppe hinabrutschte. Er schloss die Augen und presste das Gesicht in die seidene Mähne des Pferdes, während sie durch die obersten Äste der Bäume brachen und in einen blutroten Sonnenuntergang emporstiegen.
Harry glaubte nicht, dass er je so schnell vom Fleck gekommen war: Der Thestral schoss über das Schloss hinweg und schlug dabei kaum mit den weiten Flügeln; die abkühlende Luft wehte Harry ins Gesicht; die Augen leicht zusammengekniffen wegen des brausenden Windes, wandte er sich um und sah seine fünf Gefährten hinter ihm herfliegen, jeder von ihnen so dicht wie möglich an den Hals seines Thestrals gebeugt, um sich vor dem Fahrtwind zu schützen.
Sie flogen über das Gelände von Hogwarts, sie hatten Hogsmeade hinter sich gelassen. In der Tiefe konnte Harry Berge und Wasserläufe erkennen. Als das Tageslicht zu schwinden begann, sah Harry kleine Ansammlungen von Lichtern, während sie über weitere Dörfer flogen, dann eine gewundene Straße, auf der ein einzelnes Auto auf der Heimfahrt wie ein Käfer durch die Hügel kroch …
»Wahnsinn!«, hörte Harry Ron irgendwo hinter sich ganz schwach rufen, und er stellte sich vor, wie es sich anfühlen musste, auf dieser Höhe dahinzurasen, ohne zu sehen, was einen trug.
Die Dämmerung brach an: Der Himmel nahm ein helles abendliches Violett an, das mit winzigen silbernen Sternen gesprenkelt war, und bald gaben ihnen nur noch die Lichter von Muggelstädten eine Ahnung davon, wie weit entfernt vom Boden sie waren und wie schnell sie reisten. Harrys Arme waren fest um den Hals seines Pferdes geschlungen, während er es in Gedanken anfeuerte, noch schneller zu fliegen. Wie viel Zeit war vergangen, seit er Sirius in der Mysteriumsabteilung hatte am Boden liegen sehen? Wie lange noch hatte Sirius die Kraft, Voldemort Widerstand zu leisten? Das Einzige, dessen sich Harry sicher fühlte, war, dass sein Pate weder getan hatte, was Voldemort wollte, noch gestorben war. Er war fest davon überzeugt, dass sonst – egal wie es ausgegangen war – Voldemorts Jubel oder Zorn durch seinen eigenen Körper geströmt wäre und seine Narbe so heftig hätte schmerzen lassen wie in der Nacht, als Mr Weasley angegriffen worden war.
Sie flogen weiter durch die aufkommende Dunkelheit; Harrys Gesicht fühlte sich starr und kalt an, seine Beine, fest an die Seiten des Thestrals gepresst, waren taub, doch er wagte es nicht, seine Sitzposition zu ändern, aus Furcht abzurutschen … das donnernde Brausen der Luft in seinen Ohren machte ihn taub und sein Mund war trocken und eisig vom kalten Nachtwind. Er hatte jedes Gefühl dafür verloren, wie weit sie schon gekommen waren; all sein Vertrauen galt dem Tierwesen unter ihm, das immer noch zielstrebig durch die Nacht jagte und kaum einmal mit den Flügeln schlug, während es unermüdlich dahineilte.
Wenn sie zu spät kamen …
Er ist noch am Leben, er kämpft immer noch, ich kann es fühlen …
Wenn Voldemort zu dem Schluss kam, dass er Sirius nicht brechen konnte …
Ich wüsste es …
Harrys Magen zuckte; der Kopf des Thestrals war plötzlich zur Erde gerichtet und er rutschte ein paar Zentimeter nach vorne über seinen Hals. Endlich flogen sie Richtung Boden … er meinte einen schrillen Schrei hinter sich zu hören und wandte wagemutig den Kopf, doch er konnte keine Spur eines fallenden Körpers erkennen … wahrscheinlich hatte die Richtungsänderung den anderen einen Schreck eingejagt, genau wie ihm.
Und nun wurden rings um sie her hellorange Lichter größer und runder, sie konnten die Dächer von Gebäuden sehen, Streifen von Scheinwerfern wie leuchtende Insektenaugen, die blassgelben Rechtecke von Fenstern. Ganz plötzlich schienen sie auf das Pflaster zuzurasen; Harry klammerte sich mit letzter Kraft an den Thestral, gefasst auf einen jähen Aufprall, doch das Pferd kam sanft wie ein Schatten auf dem dunklen Boden auf. Harry glitt vom Rücken seines Tieres und blickte sich in der Straße um. Der überquellende Müllcontainer stand immer noch unweit der zertrümmerten Telefonzelle, beide farblos im matten Orangelicht der Straßenlaternen.
Ron landete ein kurzes Stück entfernt und purzelte prompt von seinem Thestral auf den Gehweg.
»Nie wieder«, sagte er und rappelte sich hoch. Er machte Anstalten, sich von seinem Thestral zu entfernen, doch da er ihn nicht sehen konnte, prallte er gegen dessen Hinterhand und stürzte fast noch einmal. »Nie, nie wieder … das war das Schlimmste –«
Hermine und Ginny landeten rechts und links von ihm. Beide glitten ein wenig eleganter von ihren Reittieren als Ron, wirkten aber ähnlich erleichtert, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Neville sprang zitternd herunter, während Luna geschickt abstieg.
»Und wo gehen wir jetzt hin?«, fragte sie Harry mit höflich interessierter Stimme, als sei dies alles ein ziemlich spannender Ausflug.
»Dort rüber«, sagte er. Er gab seinem Thestral einen raschen, dankbaren Klaps, dann führte er die anderen zügig zu der demolierten Telefonzelle und öffnete die Tür. »Nun macht schon!«, drängte er, als sie zögerten.
Ron und Ginny marschierten folgsam hinein. Hermine, Neville und Luna quetschten sich hinterher. Harry warf einen Blick zurück auf die Thestrale, die jetzt im Müllcontainer nach verfaulten Essensresten stöberten, dann zwängte er sich hinter Luna in die Zelle.
»Wer dem Hörer am nächsten ist, wählt sechs, zwei, vier, vier, drei!«, sagte er.
Ron wählte, den Arm völlig verrenkt, um an die Nummernscheibe zu kommen; sie surrte zurück und in der Zelle ertönte die kühle Frauenstimme.
»Willkommen im Zaubereiministerium. Bitte nennen Sie Ihren Namen und Ihr Anliegen.«
»Harry Potter, Ron Weasley, Hermine Granger«, sagte Harry sehr schnell. »Ginny Weasley, Neville Longbottom, Luna Lovegood … wir sind hier, um jemanden zu retten, es sei denn, Ihrem Ministerium gelingt das noch vor uns!«
»Vielen Dank«, sagte die kühle Frauenstimme. »Besucher, bitte nehmen Sie die Plaketten und befestigen Sie sie vorne an Ihren Umhängen.« Ein halbes Dutzend Plaketten glitt aus dem Metallschacht, aus dem normalerweise die restlichen Münzen fielen. Hermine sammelte sie auf und reichte sie über Ginnys Kopf stumm an Harry weiter. Er blickte auf die oberste: Harry Potter, Rettungsmission.
»Besucher des Ministeriums, Sie werden aufgefordert, sich einer Durchsuchung zu unterziehen und Ihren Zauberstab zur Registrierung am Sicherheitsschalter vorzulegen, der sich am Ende des Atriums befindet.«
»Schön!«, sagte Harry laut, während seine Narbe erneut pochte. »Können wir jetzt bitte reinkommen?«
Der Boden der Telefonzelle bebte und der Gehweg stieg an den Glasscheiben vorbei nach oben. Die Futter suchenden Thestrale verschwanden; Dunkelheit brach über ihren Köpfen herein und mit einem dumpfen Knirschen sanken sie in die Tiefen des Zaubereiministeriums.
Ein Spalt weichen goldenen Lichts fiel auf ihre Füße, wurde breiter und stieg an ihren Körpern hoch. Harry ging in die Knie und hielt seinen Zauberstab so bereit wie unter diesen beengten Verhältnissen möglich, während er durch die Scheibe spähte, um zu sehen, ob im Atrium jemand auf sie wartete. Doch es schien vollkommen leer zu sein. Das Licht war gedämpfter, als es bei Tag gewesen war; in den Kaminen in den Wänden brannten keine Feuer, doch als der Lift sanft zum Stehen kam, sah er, dass goldene Symbole sich auch weiterhin schlangenartig an der dunklen blauen Decke wanden.
»Das Zaubereiministerium wünscht Ihnen einen angenehmen Abend«, verkündete die Frauenstimme.
Die Tür der Telefonzelle schlug auf; Harry purzelte heraus, gefolgt von Neville und Luna. Das einzige Geräusch im Atrium war das stetige Plätschern des Wassers vom goldenen Brunnen her, wo die Strahlen aus den Zauberstäben der Hexe und des Zauberers, der Pfeilspitze des Zentauren, der Spitze des Koboldhutes und aus den Ohren des Hauselfen sich ununterbrochen in das Wasserbecken ergossen.
»Kommt mit«, sagte Harry leise, und die sechs, Harry voran, spurteten durch die Halle, an dem Brunnen vorbei und auf das Pult zu, wo der Wachtzauberer gesessen hatte, der Harrys Zauberstab begutachtet hatte, und das jetzt verlassen war.
Harry war überzeugt, dass jemand vom Sicherheitspersonal hätte hier sein müssen, gewiss war es ein unheilvolles Zeichen, dass der Platz nicht besetzt war, und seine dunklen Vorahnungen verstärkten sich, als sie durch die goldenen Portale zu den Aufzügen gingen. Er drückte den nächsten »Abwärts«-Knopf und fast im selben Moment tauchte klappernd ein Fahrstuhl auf. Seine goldenen Gitter glitten mit einem lauten, widerhallenden Scheppern beiseite und sie stürmten hinein. Harry drückte auf den Knopf mit der Ziffer Neun; das Gitter schloss sich mit einem Knall und der Fahrstuhl sank rasselnd und klappernd in die Tiefe. Harry war an dem Tag, als er mit Mr Weasley hergekommen war, gar nicht aufgefallen, wie viel Lärm die Fahrstühle machten; er war sicher, das Getöse würde sämtliche Sicherheitsbeamten im Gebäude aufschrecken, aber als der Fahrstuhl stoppte, sagte die kühle Frauenstimme »Mysteriumsabteilung«, und das Gitter glitt auf. Sie traten hinaus in den Korridor, wo sich nichts bewegte, nur die nächsten Fackeln loderten im Luftstrom des Fahrstuhls auf.
Harry wandte sich der schlichten schwarzen Tür zu. Nachdem er so viele Monate lang davon geträumt hatte, war er nun endlich hier.
»Gehen wir«, flüsterte er und führte sie den Korridor entlang, Luna gleich hinter sich, die sich mit leicht geöffnetem Mund umsah.
»Okay, hört zu«, sagte Harry und blieb knappe zwei Meter vor der Tür wieder stehen. »Vielleicht … vielleicht sollten ein paar von uns hierbleiben als – als Wachtposten, und –«
»Und wie sollen wir euch wissen lassen, dass etwas passiert?«, fragte Ginny mit hochgezogenen Augenbrauen. »Ihr könntet ja meilenweit entfernt sein.«
»Wir gehen mit dir, Harry«, sagte Neville.
»Lasst uns weitergehen«, sagte Ron entschieden.
Harry wollte immer noch nicht alle mitnehmen, doch es schien, als hätte er keine Wahl. Er wandte das Gesicht zur Tür und ging weiter … genau wie in seinem Traum schwang sie auf und er schritt den anderen voran über die Schwelle.
Sie standen in einem großen, runden Raum. Alles hier drin war schwarz, auch der Boden und die Decke; völlig identische, klinkenlose schwarze Türen ohne Aufschrift waren rundum in die schwarze Mauer eingelassen, dazwischen Leuchter, deren Kerzen blau flammten; ihr kühles, schimmerndes Licht spiegelte sich in dem glänzenden Marmorboden und erweckte den Eindruck, als wäre dunkles Wasser zu ihren Füßen.
»Macht mal jemand die Tür zu«, murmelte Harry.
Er bereute diese Anweisung, kaum hatte Neville sie befolgt. Ohne den langen Lichtstreif aus dem fackelbeleuchteten Korridor hinter ihnen wurde es im Raum so dunkel, dass sie einen Moment lang nur die Bündel flackernder blauer Flammen an den Wänden und ihre geisterhaften Spiegelungen auf dem Fußboden sehen konnten.
In seinem Traum war Harry immer zielstrebig durch diesen Raum zur Tür genau gegenüber dem Eingang gelaufen und dann weitergegangen. Aber hier gab es etwa ein Dutzend Türen. Gerade als er die Türen ihm gegenüber musterte und zu entscheiden versuchte, welche die richtige war, ertönte ein lautes, polterndes Geräusch und die Flammen begannen sich zur Seite zu bewegen. Die runde Wand rotierte.
Hermine packte Harry am Arm, als hätte sie Angst, dass sich auch der Boden bewegen würde, aber das geschah nicht. Während die Wand schnell rotierte, verschwammen die blauen Flammen um sie her für kurze Zeit und erschienen nun wie Neonstreifen; dann hörte das Poltern so schnell auf, wie es angefangen hatte, und alles stand wieder still.
In Harrys Augen hatten sich blaue Linien eingebrannt; mehr konnte er nicht sehen.
»Was sollte das denn?«, flüsterte Ron angstvoll.
»Ich glaub, das war, damit wir nicht mehr wissen, durch welche Tür wir reingekommen sind«, erklärte Ginny mit gedämpfter Stimme.
Harry wusste sofort, dass sie Recht hatte: Die Ausgangstür zu erkennen war genauso schwer, wie eine Ameise auf dem pechschwarzen Boden zu sehen; und die Tür, durch die sie weitermussten, konnte irgendeine der Dutzend Türen sein.
»Wie kommen wir hier wieder raus?«, fragte Neville voller Unbehagen.
»Nun, das spielt jetzt keine Rolle«, sagte Harry nachdrücklich. Er blinzelte, um die blauen Linien loszuwerden, und umklammerte seinen Zauberstab noch fester. »Wir müssen hier nicht raus, bevor wir Sirius gefunden haben –«
»Ruf jetzt bloß nicht nach ihm!«, sagte Hermine eindringlich, aber Harry hatte ihren Rat nie weniger gebraucht; sein Instinkt sagte ihm, dass sie so leise wie möglich sein mussten.
»Wo gehen wir jetzt hin, Harry?«, fragte Ron.
»Keine –«, setzte Harry an. Er schluckte. »In den Träumen bin ich durch die Tür am Ende des Korridors, der von den Fahrstühlen wegführt, in einen dunklen Raum gegangen – das ist dieser hier – und dann durch eine weitere Tür in einen Raum, der irgendwie … glitzert. Wir sollten ein paar Türen ausprobieren«, sagte er hastig. »Ich weiß, wo’s langgeht, wenn ich es sehe. Kommt mit.«
Er schritt, dicht gefolgt von den anderen, direkt auf die Tür zu, die ihm jetzt gegenüber war, legte die linke Hand auf ihre kühle, schimmernde Oberfläche, hob den Zauberstab, um sofort zuschlagen zu können, wenn die Tür sich öffnete, und drückte gegen sie.
Sie schwang mühelos auf.
Nach der Dunkelheit des ersten Raums vermittelten die Lampen, die hier an goldenen Ketten tief von der Decke hingen, den Eindruck, dass dieser lange, rechteckige Raum viel heller war, aber es gab keine glitzernden, schimmernden Lichter, wie sie Harry in seinen Träumen gesehen hatte. Der Raum war leer mit Ausnahme einiger Schreibtische und eines riesigen Glasbeckens mit sattgrüner Flüssigkeit, das in der Mitte stand, groß genug, dass sie alle darin hätten schwimmen können. Einige perlweiße Gegenstände trieben träge in ihm herum.
»Was sind das für Dinger?«, flüsterte Ron.
»Keine Ahnung«, sagte Harry.
»Sind das Fische?«, hauchte Ginny.
»Aquaviriusmaden!«, sagte Luna aufgeregt. »Dad meinte, das Ministerium würde sie züchten –«
»Nein«, sagte Hermine. Ihre Stimme klang merkwürdig. Sie trat vor, um durch die Seitenwand des Beckens zu sehen. »Das sind Gehirne.«
»Gehirne?«
»Ja … ich frag mich, was sie mit denen anstellen.«
Harry trat zu ihr an das Becken. Tatsächlich, jetzt, da er sie aus der Nähe sah, waren sie nicht zu verkennen. Schaurig schimmernd, ein bisschen wie schleimige Blumenkohlköpfe, tauchten sie schwerelos aus den Tiefen der grünen Flüssigkeit auf und verschwanden wieder.
»Lasst uns von hier abhauen«, sagte Harry. »Hier sind wir falsch, wir müssen es mit einer anderen Tür versuchen.«
»Hier gibt es auch Türen«, sagte Ron und deutete ringsum zu den Wänden. Harry wurde das Herz schwer; wie groß war diese Abteilung nur?
»In meinem Traum bin ich durch diesen dunklen Raum in den zweiten gegangen«, sagte er. »Ich glaube, wir sollten zurück und es von dort aus versuchen.«
Also hasteten sie in den dunklen, kreisrunden Raum zurück. Statt der blauen Kerzenflammen schwammen nun die geisterhaften Schemen der Gehirne vor Harrys Augen.
»Warte!«, sagte Hermine scharf, als Luna gerade die Tür des Gehirnraums hinter ihnen schließen wollte. »Flagrate!«
Sie machte mit ihrem Zauberstab ein Zeichen mitten in die Luft und ein flammendes »X« erschien auf der Tür. Kaum hatte sie sich hinter ihnen geschlossen, als ein lautes Rumpeln anhob, und erneut begann sich die Wand sehr schnell zu drehen, aber jetzt war ein großer rotgoldener Streif unter die schwach leuchtenden blauen gemischt, und als alles wieder stillstand, brannte das Feuerkreuz immer noch und zeigte ihnen, welche Tür sie schon geöffnet hatten.
»Gut mitgedacht«, sagte Harry. »Okay, versuchen wir die hier –«
Wiederum schritt er mit erhobenem Zauberstab, dicht gefolgt von den anderen, direkt auf die Tür vor ihm zu und stieß sie auf.
Dieser Raum war größer als der letzte, schwach beleuchtet und rechteckig. Zur Mitte hin fiel sein Boden ab und bildete eine große, etwa sechs Meter tiefe steinerne Senke. Sie standen auf der obersten Reihe von etwas wie Steinbänken, die sich um den ganzen Raum zogen und in hohen Stufen nach unten führten wie in einem Amphitheater oder in dem Gerichtsraum, in dem der Zaubergamot die Verhandlung gegen Harry geführt hatte. Statt eines Kettenstuhls erhob sich inmitten der Senke jedoch ein steinernes Podium, über das sich ein Steinbogen spannte, so uralt, rissig und bröcklig, dass Harry sich wunderte, dass er überhaupt noch stand. An keiner Stelle von einer Mauer gestützt, war der Bogen mit einem zerschlissenen schwarzen Vorhang oder Schleier behängt, der trotz der völligen Ruhe der kalten Luft ringsum ganz leicht flatterte, als ob er gerade berührt worden wäre.
»Wer da?«, fragte Harry und sprang auf die nächste Bank hinunter. Niemand antwortete, aber der Schleier flatterte und schwang weiter hin und her.
»Vorsicht!«, flüsterte Hermine.
Harry kletterte eine um die andere Bankreihe hinab, bis er den Steinboden der Senke erreicht hatte. Mit laut widerhallenden Schritten ging er langsam auf das Podium zu. Der Spitzbogen wirkte von da, wo er nun stand, viel höher als von oben aus gesehen. Immer noch schwang der Schleier sanft hin und her, als ob gerade jemand hindurchgegangen wäre.
»Sirius?« Harry sprach erneut, aber nun, da er näher herangetreten war, mit leiserer Stimme.
Er hatte das ganz seltsame Gefühl, dass direkt hinter dem Schleier auf der anderen Seite des Bogens jemand stand. Den Zauberstab fest gepackt, schob er sich vorsichtig um das Podium herum, doch da war niemand; einzig und allein die andere Seite des zerschlissenen schwarzen Schleiers war zu sehen.
»Lass uns gehen«, rief Hermine von halber Höhe der steinernen Stufen. »Hier sind wir falsch, Harry, komm, gehen wir.«
Sie klang verängstigt, viel verängstigter als in dem Raum mit den schwimmenden Gehirnen, doch für Harry hatte der Bogen, so alt er auch war, etwas Schönes an sich. Der sanft wogende Schleier faszinierte ihn; er spürte den starken Drang, auf das Podium zu steigen und hindurchzuschreiten.
»Harry, gehen wir, okay?«, sagte Hermine nachdrücklicher.
»Okay«, erwiderte er, rührte sich aber nicht. Gerade hatte er etwas gehört. Von der anderen Seite des Schleiers her kam ein schwaches Flüstern und Murmeln.
»Was sagt ihr da?«, rief er sehr laut, so dass seine Worte rundum zwischen den Steinbänken widerhallten.
»Niemand redet hier, Harry!«, sagte Hermine und kam nun auf ihn zu.
»Dahinter flüstert jemand«, sagte er, zog sich so weit zurück, dass sie ihn nicht erreichen konnte, und starrte weiter finster auf den Schleier. »Bist du das, Ron?«
»Ich bin hier, Mann«, sagte Ron und kam um den Bogen herum.
»Kann es sonst keiner hören?«, fragte Harry, denn das Flüstern und Murmeln wurde lauter; er stellte fest, dass sein Fuß auf dem Podium stand, ohne dass er ihn eigentlich dort hatte hinsetzen wollen.
»Ich kann sie auch hören«, hauchte Luna. Sie kam um den Bogen zu ihnen und starrte auf den sachte flatternden Vorhang. »Dadrin sind Leute!«
»Was meinst du mit ›dadrin‹?«, wollte Hermine wissen, sprang von der untersten Stufe und klang nun viel zorniger, als es die Lage gerechtfertigt hätte. »Es gibt kein dadrin, das ist nur ein Bogen, da ist kein Platz für irgendjemanden. Harry, hör jetzt auf, komm weg von hier –«
Sie packte seinen Arm und zog, doch er wehrte sich.
»Harry, wir sind doch eigentlich wegen Sirius hier!«, sagte sie mit hoher, angespannter Stimme.
»Sirius«, wiederholte Harry und starrte immer noch wie hypnotisiert auf den unablässig wehenden Schleier. »Ja …«
Endlich glitt in seinem Gehirn etwas wieder an seinen Platz zurück; Sirius, gefangen, gefesselt und gefoltert, und er starrte diesen Bogen an …
Er trat ein paar Schritte von dem Podium zurück und riss die Augen von dem Schleier los.
»Gehen wir«, sagte er.
»Das hab ich schon die ganze Zeit – also, kommt jetzt endlich!«, sagte Hermine und sie ging vor den anderen um das Podium herum. Auf der hinteren Seite standen Ginny und Neville und starrten ebenfalls wie in Trance auf den Schleier. Ohne ein Wort nahm Hermine Ginnys Arm, Ron packte den von Neville, dann führten sie die beiden entschlossenen Schrittes zur untersten Steinbank und stiegen mit ihnen nach oben zurück zur Tür.
»Was, glaubst du, war das für ein Bogen?«, fragte Harry Hermine, als sie wieder in den dunklen runden Raum kamen.
»Ich weiß nicht, aber was es auch war, es war auf jeden Fall gefährlich«, sagte sie entschieden und brannte erneut ein Flammenkreuz auf die Tür.
Abermals drehte sich die Wand und kam wieder zur Ruhe. Harry näherte sich aufs Geratewohl einer anderen Tür und drückte gegen sie. Sie rührte sich nicht.
»Was ist los?«, sagte Hermine.
»Sie ist … verschlossen …«, erwiderte Harry und warf sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die Tür, doch sie gab nicht nach.
»Dann ist es bestimmt die richtige«, sagte Ron aufgeregt und half Harry bei dem Versuch, die Tür gewaltsam zu öffnen. »Das muss sie sein!«
»Geht aus dem Weg!«, sagte Hermine scharf. Sie richtete ihren Zauberstab auf die Stelle, wo bei einer gewöhnlichen Tür das Schloss gewesen wäre, und sagte: »Alohomora!«
Nichts passierte.
»Sirius’ Messer!«, sagte Harry. Er zog es aus seinem Umhang und steckte es in den Schlitz zwischen Tür und Wand. Die anderen sahen allesamt gespannt zu, wie er es von oben nach unten führte, es herauszog und sich dann erneut mit der Schulter gegen die Tür warf. Sie blieb so fest verschlossen wie zuvor. Mehr noch, als Harry sein Messer ansah, merkte er, dass die Klinge geschmolzen war.
»Gut, den Raum lassen wir aus«, sagte Hermine entschieden.
»Aber was, wenn er es ist?«, sagte Ron und starrte halb besorgt, halb verlangend auf die Tür.
»Das kann nicht sein. Harry konnte in seinem Traum durch alle Türen gehen«, sagte Hermine und markierte die Tür mit einem weiteren Flammenkreuz, während Harry den jetzt nutzlosen Griff von Sirius’ Messer wieder in seine Tasche steckte.
»Wisst ihr, was dadrin sein könnte?«, sagte Luna eifrig, als die Wand sich von neuem zu drehen begann.
»Bestimmt was Schlibbriges«, sagte Hermine halblaut und Neville lachte kurz und nervös auf.
Die Wand kam wieder zum Stehen und mit wachsender Verzweiflung stieß Harry die nächste Tür auf.
»Das ist es!«
Er erkannte es sofort an dem schönen, tanzenden, diamantfunkelnden Licht. Als Harrys Augen sich an das helle Leuchten gewöhnt hatten, sah er überall im Raum Uhren schimmern, große und kleine, Standuhren und Reisewecker, die in den Lücken zwischen den Bücherschränken hingen oder auf Schreibtischen standen, die sich durch den ganzen Raum zogen, so dass ein geschäftiges, unablässiges Ticken ihn erfüllte wie Tausende winzige Marschtritte. Die Quelle des tanzenden, diamanthellen Lichts war eine riesige Kristallglasglocke, die am anderen Ende des Raumes stand.
»Hier lang!«
Harrys Herz schlug hektisch, jetzt, da er wusste, dass sie auf der richtigen Spur waren. Er führte sie durch den engen Gang zwischen den Schreibtischreihen und ging, wie er es in seinem Traum getan hatte, auf die Lichtquelle zu, die Kristallglasglocke, die genauso groß war wie er und auf einem Schreibtisch stand und in der offenbar ein wirbelnder, glitzernder Wind wogte.
»Oh, seht mal!«, sagte Ginny, als sie näher kamen, und deutete genau in die Mitte des Kristallgefäßes.
In der funkelnden Strömung im Innern trieb ein kleines, juwelenhelles Ei. Es stieg in dem Gefäß empor, zerbrach, und ein Kolibri kam hervor, der bis zur Spitze der Glocke gehoben wurde, doch als er in den Luftzug geriet, wurden seine Federn zerzaust und feucht, und ehe er wieder zum Boden der Glasglocke getragen worden war, war er erneut von seinem Ei umschlossen.
»Weitergehen!«, sagte Harry scharf, weil Ginny allem Anschein nach stehen bleiben und zusehen wollte, wie das Ei sich erneut in einen Vogel verwandelte.
»Du hast bei diesem alten Bogen lang genug getrödelt!«, sagte sie mürrisch, folgte ihm aber an der Glasglocke vorbei zu der einzigen Tür dahinter.
»Das ist es«, sagte Harry erneut, und sein Herz schlug nun so heftig und schnell, dass er meinte, es müsste ihn am Reden hindern, »dahinter ist es –«
Er warf einen Blick zurück und sah sie alle an; sie hatten ihre Zauberstäbe gezückt und wirkten plötzlich ernst und angespannt. Er schaute wieder zu der Tür und drückte dagegen. Sie schwang auf.
Sie waren angekommen, sie hatten den Raum gefunden: hoch wie eine Kirche und lediglich mit emporragenden Regalen gefüllt, die voller kleiner, staubiger Glaskugeln waren. Sie schimmerten dumpf im Licht der Kerzen, die in ihren Haltern an den Regalen befestigt waren. Wie in dem runden Raum hinter ihnen brannten ihre Flammen blau. In dem Raum war es sehr kalt.
Harry ging vorsichtig weiter und spähte in einen der schattigen Gänge zwischen zwei Regalreihen. Er konnte weder etwas hören noch das kleinste Zeichen einer Bewegung ausmachen.
»Du hast gesagt, es war Reihe siebenundneunzig«, flüsterte Hermine.
»Ja«, sagte Harry atemlos und blickte die nächste Regalreihe hinab. Unter den blau glühenden Kerzen auf dem Halter, der aus dem Regal ragte, schimmerte die silberne Ziffer Dreiundfünfzig.
»Wir müssen nach rechts weiter, glaub ich«, flüsterte Hermine und schielte zur nächsten Reihe. »Ja … das ist vierundfünfzig …«
»Haltet eure Zauberstäbe bereit«, sagte Harry leise.
Sie schlichen weiter und schauten sich immer wieder um, während sie an den langen Regalgassen vorbeigingen, deren andere Enden in fast völliger Dunkelheit lagen. Kleine, vergilbte Schilder waren unter jeder Glaskugel an den Regalborden befestigt. Von manchen der Kugeln ging ein unheimliches, flüssiges Glimmen aus, andere waren innen trüb und dunkel wie durchgebrannte Glühbirnen.
Sie kamen an Reihe vierundachtzig vorbei … fünfundachtzig … Harry lauschte angestrengt nach dem kleinsten Geräusch einer Bewegung, aber Sirius war inzwischen womöglich geknebelt oder gar bewusstlos … oder, sagte eine ungebetene Stimme in seinem Kopf, er könnte schon tot sein …
Das hätte ich gespürt, sagte er sich, und sein Herz hämmerte nun gegen seinen Adamsapfel. Ich würde es wissen …
»Siebenundneunzig!«, wisperte Hermine.
Sie standen dicht zusammengedrängt am Ende der Reihe und spähten in den Gang daneben. Niemand war da.
»Er ist ganz am Ende«, sagte Harry, dessen Mund ein wenig trocken geworden war. »Man kann ihn von hier aus nicht richtig sehen.«
Und er führte sie zwischen den hoch aufragenden Regalreihen mit Glaskugeln hindurch, von denen manche sanft aufglühten, als sie vorbeigingen …
»Er ist hier in der Nähe«, flüsterte Harry, überzeugt, dass mit jedem Schritt die übel zugerichtete Gestalt Sirius’ am dunklen Boden vor ihnen auftauchen konnte. »Irgendwo hier … ganz nah …«
»Harry?«, sagte Hermine behutsam, doch er wollte nicht antworten. Sein Mund war sehr trocken.
»Irgendwo gleich … hier …«, sagte er.
Sie hatten das Ende der Reihe erreicht und traten wieder in trübes Kerzenlicht. Es war niemand da. Um sie herum war nur hallende, staubige Stille.
»Er könnte …«, flüsterte Harry heiser und spähte in den nächsten Gang. »Oder vielleicht …« Er lief hastig zum übernächsten Gang und sah hinein.
»Harry?«, sagte Hermine erneut.
»Was?«, knurrte er.
»Ich … ich glaub nicht, dass Sirius hier ist.«
Niemand sprach. Harry wollte keinen von ihnen ansehen. Ihm war schlecht. Er begriff nicht, warum Sirius nicht hier war. Er musste hier sein. Dies war der Ort, wo er, Harry, ihn gesehen hatte …
Er rannte den Gang am Kopfende der Reihen entlang und starrte überall hinein. Eine leere Reihe nach der anderen flackerte vorbei. Er rannte zurück in die andere Richtung, vorbei an seinen Gefährten, die ihn anstarrten. Nirgends war ein Zeichen von Sirius zu sehen oder auch nur die kleinste Spur eines Kampfes.
»Harry?«, rief Ron.
»Was?«
Er wollte nicht hören, was Ron zu sagen hatte, wollte nicht hören, wie ihm Ron erklärte, dass er dumm gewesen sei, oder vorschlug, dass sie nach Hogwarts zurückkehren sollten, doch die Hitze stieg ihm ins Gesicht, und ihm war, als würde er sich liebend gern eine ganze Weile hier in der Dunkelheit herumdrücken, ehe er sich der Helle des Atriums oben aussetzte und die anklagenden Blicke der anderen ertrug …
»Hast du das gesehen?«, fragte Ron.
»Was?«, sagte Harry, doch diesmal voller Eifer – es musste ein Zeichen sein, dass Sirius hier gewesen war, ein Indiz. Er ging mit raschen Schritten dorthin zurück, wo sie alle standen, ein Stück in Reihe siebenundneunzig hinein. Aber da war nichts, nur Ron, der eine der staubigen Glaskugeln auf dem Regal anstarrte.
»Was?«, wiederholte Harry verdrossen.
»Da – da steht dein Name drauf«, sagte Ron.
Harry trat ein wenig näher. Ron deutete auf eine der kleinen Glaskugeln, in der ein trübes Licht glühte, obwohl sie sehr staubig aussah und offenbar seit Jahren nicht angefasst worden war.
»Mein Name?«, sagte Harry verdutzt.
Er trat vor. Da er kleiner war als Ron, musste er den Hals recken, um das vergilbte Schild zu lesen, das am Regalbord direkt unter dem staubigen Glas befestigt war. In spinnenartiger Handschrift war ein rund sechzehn Jahre zurückliegendes Datum darauf geschrieben und darunter stand:
S. P. T. an A. P. W. B. D.
Dunkler Lord
und (?) Harry Potter
Harry starrte darauf.
»Was ist das?«, fragte Ron und klang zermürbt. »Was macht dein Name hier drauf?«
Er spähte auf die anderen Schilder entlang der Regalflucht.
»Mein Name ist hier nicht«, sagte er perplex. »Keiner von uns anderen ist hier.«
»Harry, ich glaub nicht, dass du das anfassen solltest«, sagte Hermine scharf, als er die Hand ausstreckte.
»Warum nicht?«, erwiderte er. »Das hat was mit mir zu tun, oder?«
»Nicht, Harry«, sagte Neville plötzlich. Harry sah ihn an. Nevilles rundes Gesicht glänzte leicht vor Schweiß. Er machte den Eindruck, als könnte er nicht viel mehr Spannung ertragen.
»Da steht mein Name drauf«, sagte Harry.
Und mit einem Anflug von Verwegenheit schloss er die Finger um die staubige Kugel. Er hatte erwartet, dass sie sich kalt anfühlte, doch das tat sie nicht. Im Gegenteil, sie fühlte sich an, als hätte sie stundenlang in der Sonne gelegen, als würde der Lichtschimmer im Innern sie wärmen. In der Erwartung, ja in der Hoffnung, dass etwas Dramatisches geschehen würde, etwas Aufregendes, das ihre lange und gefährliche Reise am Ende doch noch lohnend machen würde, hob Harry die Glaskugel von ihrem Bord herunter und starrte sie an.
Doch nichts passierte. Die anderen traten näher an Harry heran und besahen sich die Kugel, während er den Staub von ihr abrieb.
Und dann, direkt hinter ihnen, sprach eine gedehnte Stimme.
»Sehr gut, Potter. Jetzt dreh dich um, hübsch langsam, und gib sie mir.«
Jenseits des Schleiers
Aus dem Nichts um sie her tauchten schwarze Schemen auf und versperrten ihnen den Weg nach links und rechts; Augen glitzerten durch Kapuzenschlitze, ein Dutzend erleuchteter Zauberstabspitzen zielte direkt auf ihre Herzen. Ginny keuchte entsetzt auf.
»Gib sie mir, Potter«, wiederholte die gedehnte Stimme von Lucius Malfoy und er streckte seine offene Hand aus.
Harrys Innerstes verkrampfte sich und ihm wurde schlecht. Sie saßen in der Falle und waren eins zu zwei in der Unterzahl.
»Gib sie mir«, sagte Malfoy abermals.
»Wo ist Sirius?«, fragte Harry.
Einige Todesser lachten; eine raue weibliche Stimme aus der Mitte der Schattengestalten zu Harrys Linken sagte triumphierend: »Der Dunkle Lord weiß es immer!«
»Immer«, wiederholte Malfoy leise. »Jetzt gib mir die Prophezeiung, Potter.«
»Ich will wissen, wo Sirius ist!«
»Ich will wissen, wo Sirius ist!«, äffte ihn die Frau zu seiner Linken nach. Sie und die anderen Todesser waren so dicht herangerückt, dass sie nur noch wenige Schritte von Harry und den anderen entfernt waren und ihn mit dem Licht ihrer Zauberstäbe blendeten.
»Ihr habt ihn«, sagte Harry und ignorierte die Panik, die in seiner Brust aufstieg, das Grauen, gegen das er kämpfte, seit sie die siebenundneunzigste Reihe betreten hatten. »Er ist hier. Ich weiß es.«
»Das tleine Beeby ist vor Angst auftewacht und hat tetlaubt, was es teträumt hat, ist waahr«, sagte die Frau mit einer schrecklichen, nachgeahmten Babystimme. Harry spürte, dass Ron neben ihm sich bewegte.
»Mach nichts«, murmelte Harry. »Noch nicht –«
Von der Frau, die ihn nachgeäfft hatte, kam ein heiseres, schreiendes Lachen.
»Hört ihr ihn? Hört ihr ihn? Gibt den anderen Kindern Anweisungen, als ob er vorhätte, gegen uns zu kämpfen!«
»Oh, du kennst Potter nicht, wie ich ihn kenne, Bellatrix«, sagte Malfoy leise. »Er hat eine große Schwäche für Heldentum; der Dunkle Lord weiß sehr wohl darum. Jetzt gib mir die Prophezeiung, Potter.«
»Ich weiß, dass Sirius hier ist«, sagte Harry, obwohl die Panik ihm die Brust zuschnürte und er das Gefühl hatte, nicht richtig atmen zu können. »Ich weiß, dass ihr ihn habt!«
Noch mehr Todesser lachten, am lautesten jedoch die Frau.
»Es ist an der Zeit, dass du den Unterschied zwischen Leben und Traum begreifst, Potter«, sagte Malfoy. »Jetzt gib mir die Prophezeiung oder wir benutzen unsere Zauberstäbe.«
»Dann nur zu«, sagte Harry und hob seinen Zauberstab auf Brusthöhe. Zugleich hoben sich zu seinen Seiten die fünf Zauberstäbe von Ron, Hermine, Neville, Ginny und Luna. Der Knoten in Harrys Magen zog sich fester zusammen. Wenn Sirius nicht hier war, hatte er seine Freunde für nichts und wieder nichts in den Tod geführt …
Aber die Todesser griffen nicht an.
»Händige mir die Prophezeiung aus, dann muss keinem etwas geschehen«, sagte Malfoy kühl.
Nun war es an Harry, zu lachen.
»Jaah, genau!«, sagte er. »Ich gebe Ihnen diese – Prophezeiung, wie Sie es nennen? Und Sie werden uns einfach nach Hause abhauen lassen, ja?«
Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, da kreischte die Todesserin: »Accio Proph–«
Harry war auf sie vorbereitet: Er rief »Protego!«, bevor sie den Zauberspruch beendet hatte, und obwohl ihm die Glaskugel bis zu den Fingerspitzen rutschte, konnte er sie noch festhalten.
»Oh, er kennt das Spiel, das klitzekleine Baby Potter«, sagte sie und ihre wahnsinnigen Augen starrten durch die Kapuzenschlitze. »Nun gut, also dann –«
»NEIN, HAB ICH DIR GESAGT!«, brüllte Lucius Malfoy die Frau an. »Wenn du sie zerschlägst –!«
Harry raste der Kopf. Die Todesser wollten diese staubige Glasgespinstkugel. Er hatte kein Interesse an ihr. Er wollte nichts weiter, als sie alle lebendig hier rausbringen, dafür sorgen, dass keiner seiner Freunde einen schrecklichen Preis für seine Dummheit bezahlte …
Die Frau trat vor, weg von ihren Gefährten, und zog ihre Kapuze herunter. Askaban hatte das Gesicht von Bellatrix Lestrange ausgemergelt, es war hager und schädelartig geworden, doch ein fiebriges, fanatisches Glühen erweckte es zum Leben.
»Du musst noch ein wenig überzeugt werden?«, sagte sie und ihre Brust wogte rasch. »Sehr schön – nehmt die Kleinste«, befahl sie den Todessern neben sich. »Lasst ihn zusehen, wie wir das kleine Mädchen foltern. Ich werde es tun.«
Harry spürte, wie die anderen sich dicht um Ginny scharten. Er machte einen Schritt zur Seite, damit er direkt vor ihr stand, und hielt sich die Prophezeiung hoch an die Brust.
»Sie werden das hier zerschlagen müssen, wenn Sie auch nur einen von uns angreifen wollen«, erklärte er Bellatrix. »Ich glaube nicht, dass Ihr Boss sich besonders freuen wird, wenn Sie ohne es zurückkommen, stimmt’s?«
Sie rührte sich nicht; sie starrte ihn nur an, während ihre Zungenspitze ihre dünnen Lippen befeuchtete.
»Nun«, sagte Harry, »um was für eine Prophezeiung geht es hier überhaupt?«
Er wusste nichts anderes zu tun, als weiter zu reden. Nevilles Arm war gegen seinen gepresst, und er konnte fühlen, wie er zitterte; er spürte auch den raschen Atem eines der anderen in seinem Nacken. Er hoffte, dass sie alle scharf über Möglichkeiten nachdachten, hier rauszukommen, denn sein eigener Kopf war leer.
»Was für eine Prophezeiung?«, wiederholte Bellatrix und das Grinsen auf ihrem Gesicht verblasste. »Du machst Spaß, Harry Potter.«
»Von wegen, kein Spaß«, sagte Harry, und seine Augen huschten von Todesser zu Todesser, auf der Suche nach einem schwachen Glied in der Kette, einer Stelle, an der sie ausbrechen konnten. »Weshalb will Voldemort sie haben?«
Mehrere Todesser zischelten leise.
»Du wagst es, seinen Namen auszusprechen?«, flüsterte Bellatrix.
»Ja«, sagte Harry und hielt die Glaskugel weiter fest umklammert, denn er erwartete einen erneuten Versuch, sie ihm wegzuhexen. »Jaah, ich hab kein Problem damit, Vol–«
»Halt den Mund!«, kreischte Bellatrix. »Du wagst es, seinen Namen mit deinen unwürdigen Lippen auszusprechen, du wagst es, ihn mit deiner Halbblüterzunge zu besudeln, du wagst es –«
»Wusstet ihr, dass er auch ein Halbblüter ist?«, sagte Harry verwegen. Hermine stöhnte leise. »Voldemort? Ja, seine Mutter war eine Hexe, aber sein Dad war ein Muggel – oder hat er euch allen gesagt, er sei ein Reinblüter?«
»STUP–«
»NEIN!«
Ein Strahl roten Lichts war aus der Spitze von Bellatrix Lestranges Zauberstab geschossen, aber Malfoy hatte ihn abgelenkt; sein Zauber bewirkte, dass der ihre keinen halben Meter links von Harry auf das Regal traf und einige der Glaskugeln zerschmetterte.
Zwei Gestalten, perlweiß wie Geister, fließend wie Rauch, entfalteten sich aus den Scherben der zerbrochenen Gläser am Boden und fingen an zu sprechen; ihre Stimmen wetteiferten miteinander, so dass nur Bruchstücke dessen, was sie sagten, über die Rufe von Malfoy und Bellatrix hinweg zu hören waren.
»… zur Sonnenwende wird kommen ein neuer …«, sagte die Gestalt eines alten, bärtigen Mannes.
»NICHT ANGREIFEN! WIR BRAUCHEN DIE PROPHEZEIUNG!«
»Er hat es gewagt – er wagt es –«, kreischte Bellatrix zusammenhanglos, »da steht er – dreckiges Halbblut –«
»WARTE, BIS WIR DIE PROPHEZEIUNG HABEN!«, schnauzte Malfoy.
»… und keiner wird kommen danach …«, sagte die Gestalt einer jungen Frau.
Die beiden Gestalten, die aus den zerborstenen Kugeln erschienen waren, hatten sich in Luft aufgelöst. Von ihnen und ihren einstigen Heimstätten blieb nichts als Glasscherben am Boden. Doch hatten sie Harry auf eine Idee gebracht. Das Problem war, wie er sie den anderen mitteilen sollte.
»Sie haben mir nicht gesagt, was so Besonderes an dieser Prophezeiung ist, die ich rausrücken soll«, sagte er und spielte auf Zeit. Langsam schob er seinen Fuß zur Seite und tastete nach dem Fuß eines der anderen.
»Treib keine Spielchen mit uns, Potter«, sagte Malfoy.
»Ich treibe keine Spielchen«, sagte Harry, halb mit dem Gespräch beschäftigt, halb mit seinem suchenden Fuß. Und dann fand er die Zehen von jemandem und drückte seinen Fuß auf sie. Hinter ihm holte jemand pfeifend Luft, und er wusste, dass es Hermine war.
»Was?«, flüsterte sie.
»Dumbledore hat dir nie mitgeteilt, dass der Grund, warum du diese Narbe trägst, tief im Innern der Mysteriumsabteilung verborgen liegt?«, höhnte Malfoy.
»Ich – was?«, sagte Harry. Und einen Moment lang vergaß er völlig seinen Plan. »Was ist mit meiner Narbe?«
»Was?«, flüsterte Hermine drängend hinter ihm.
»Kann das denn wahr sein?«, sagte Malfoy und klang auf boshafte Art vergnügt. Einige Todesser lachten erneut, und geschützt durch ihr Gelächter zischte Harry, die Lippen so wenig wie möglich bewegend, Hermine zu: »Regale zerschmettern –«
»Dumbledore hat es dir nie gesagt?«, wiederholte Malfoy. »Nun, das erklärt, warum du nicht früher kamst, Potter, der Dunkle Lord hat sich gefragt, warum –«
»– wenn ich jetzt sage –«
»– du nicht angerannt kamst, als er dir in deinem Traum den Ort zeigte, wo sie verborgen liegt. Er dachte, die natürliche Neugierde würde in dir den Wunsch wecken, den genauen Wortlaut zu hören …«
»Tatsächlich?«, sagte Harry. Hinter sich spürte er mehr, als dass er es hörte, wie Hermine die Botschaft an die anderen weitergab, und mit Bedacht fuhr er fort, um die Todesser abzulenken. »Also wollte er, dass ich komme und sie hole, ja? Warum?«
»Warum?« Malfoy klang ungläubig-vergnügt. »Weil die Einzigen, denen es erlaubt ist, eine Prophezeiung aus der Mysteriumsabteilung zu entfernen, Potter, diejenigen sind, über die sie gemacht wurde, wie der Dunkle Lord feststellte, als er versuchte, andere dazu zu bringen, sie für ihn zu stehlen.«
»Und warum wollte er eine Prophezeiung über mich stehlen?«
»Über euch beide, Potter, über euch beide … hast du dich nie gefragt, warum der Dunkle Lord dich töten wollte, als du noch ein Baby warst?«
Harry starrte in die Augenschlitze, durch die Malfoys graue Augen schimmerten. War diese Prophezeiung der Grund, warum Harrys Eltern gestorben waren, der Grund, warum er seine blitzförmige Narbe trug? Hielt er die Antwort auf all das in seiner Hand?
»Jemand hat eine Prophezeiung über mich und Voldemort gemacht?«, sagte er leise, den Blick auf Lucius Malfoy geheftet, und schloss die Finger fester um die warme Glaskugel in seiner Hand. Sie war kaum größer als ein Schnatz und immer noch körnig vor Staub. »Und er hat mich gezwungen herzukommen, damit ich sie für ihn hole? Warum konnte er nicht selbst kommen und sie holen?«
»Sie selbst holen?«, kreischte Bellatrix und ließ ein gackerndes, wahnsinniges Lachen hören. »Der Dunkle Lord soll einfach ins Zaubereiministerium spazieren, wo sie doch seine Rückkehr so hübsch ignorieren? Der Dunkle Lord soll sich den Auroren offenbaren, wo sie ihre Zeit im Moment doch mit meinem lieben Cousin verschwenden?«
»Also hat er euch dazu gebracht, die schmutzige Arbeit für ihn zu erledigen?«, sagte Harry. »Wie er auch versucht hat, Sturgis dazu zu bringen, sie zu stehlen – und Bode?«
»Sehr gut, Potter, sehr gut …«, sagte Malfoy langsam. »Aber der Dunkle Lord weiß, dass du nicht unintell–«
»JETZT!«, rief Harry.
Fünf verschiedene Stimmen hinter ihm brüllten: »REDUCTIO!« Fünf Flüche schossen in verschiedene Richtungen, und die Regale gegenüber zersplitterten, als sie auftrafen; der hoch emporragende Regalbau schwankte, während hundert Glaskugeln auseinanderbrachen, perlweiße Schemen Gestalt annahmen und dahinschwebten und ihre Stimmen aus einer unbekannten, lange schon toten Vergangenheit herüberhallten unter dem tosenden Lärm des berstenden Glases und des splitternden Holzes, die nun zu Boden regneten –
»LAUFT!«, schrie Harry, als die Regale bedrohlich schwankten und noch mehr Glaskugeln herabzufallen begannen. Er packte Hermines Umhang und zog sie mit sich, hielt sich einen Arm über den Kopf, während weitere Regalbruchstücke und Glasscherben auf sie herabprasselten. Ein Todesser hechtete durch die Staubwolke vorwärts und Harry stieß ihm den Ellbogen hart ins maskierte Gesicht. Alle riefen durcheinander, Schmerzensschreie waren zu hören und ohrenbetäubendes Krachen, als die Regale in sich zusammenbrachen, und inmitten all dessen die unheimlich widerhallenden Satzfetzen der aus den Kugeln befreiten Seher –
Harry fand den Weg vor sich frei und sah Ron, Ginny und Luna mit den Armen über den Köpfen an sich vorbeispurten; etwas Schweres traf ihn seitlich am Gesicht, doch er duckte nur den Kopf und rannte weiter; eine Hand packte ihn an der Schulter; er hörte Hermine »Stupor!« rufen. Die Hand ließ ihn sofort los –
Sie waren am Ende von Reihe siebenundneunzig; Harry wandte sich nach rechts und stürmte entschlossen los; er konnte dicht hinter sich Schritte hören und Hermines Stimme, die Neville antrieb; direkt vor ihnen stand die Tür, durch die sie gekommen waren, halb offen; Harry konnte das glitzernde Licht der Glasglocke sehen; er sauste durch die Tür, die Prophezeiung immer noch fest und sicher umklammert, und wartete, dass die anderen über die Schwelle gerannt kamen, um die Tür dann gleich hinter ihnen zuzuschlagen –
»Colloportus!«, keuchte Hermine und die Tür versiegelte sich mit einem seltsam glucksenden Geräusch.
»Wo – wo sind die anderen?«, keuchte Harry.
Er hatte gedacht, Ron, Luna und Ginny wären vor ihnen, sie warteten in diesem Raum, doch hier war niemand.
»Sie müssen in die falsche Richtung gelaufen sein!«, flüsterte Hermine mit entsetztem Gesicht.
»Hört mal!«, wisperte Neville.
Schritte und Rufe drangen durch die Tür, die sie gerade versiegelt hatten; Harry neigte das Ohr dicht an die Tür, lauschte scharf und hörte Lucius Malfoy donnern: »Lasst Nott, lasst ihn, sage ich – seine Verletzungen werden den Dunklen Lord weit weniger interessieren als der Verlust dieser Prophezeiung. Jugson, komm hierher zurück, wir müssen geordnet vorgehen! Wir teilen uns paarweise auf und suchen, und vergesst nicht, springt vorsichtig mit Potter um, bis wir die Prophezeiung haben, die anderen könnt ihr töten, wenn nötig – Bellatrix, Rodolphus, ihr nehmt die linke Seite, Crabbe, Rabastan, geht nach rechts – Jugson, Dolohow, die Tür geradeaus – Macnair und Avery, hier durch – Rookwood, dort rüber – Mulciber, du kommst mit mir!«
»Was sollen wir tun?«, fragte Hermine Harry, am ganzen Leib zitternd.
»Jedenfalls bleiben wir nicht hier stehen und warten, bis sie uns finden«, sagte Harry. »Wir müssen weg von dieser Tür.«
Sie rannten, so leise sie konnten, an der schimmernden Glasglocke vorbei, wo das winzige Ei ausbrütete und wieder einbrütete, auf den Ausgang zur runden Halle am anderen Ende des Raumes zu. Sie waren fast dort angelangt, als Harry etwas Großes und Schweres gegen die Tür prallen hörte, die Hermine zugezaubert hatte.
»Geh beiseite!«, sagte eine raue Stimme. »Alohomora!«
Als die Tür aufflog, sprangen Harry, Hermine und Neville unter die Schreibtische. Sie konnten die Umhangsäume der beiden Todesser sehen, die eilig näher kamen.
»Vielleicht sind sie gleich weiter in die Halle gerannt«, sagte die raue Stimme.
»Schau unter den Tischen nach«, sagte eine andere.
Harry sah die Todesser in die Knie gehen; er streckte den Zauberstab unter dem Schreibtisch hervor und rief: »STUPOR!«
Ein roter Lichtstrahl traf den ersten Todesser; er fiel nach hinten gegen eine Standuhr und warf sie um; der zweite Todesser jedoch war beiseitegesprungen, um Harrys Fluch zu entgehen, und richtete seinen Zauberstab jetzt auf Hermine, die unter dem Schreibtisch hervorkroch, um besser zielen zu können.
»Avada –«
Harry hechtete über den Boden und umklammerte die Knie des Todessers, worauf dieser stürzte und sein Ziel verfehlte. Neville, ganz beseelt von dem Wunsch zu helfen, warf einen Tisch um; dann richtete er seinen Zauberstab wild entschlossen auf das kämpfende Paar und rief:
»EXPELLIARMUS!«
Harry und dem Todesser flogen die Zauberstäbe aus der Hand, die zurück zum Eingang zur Halle der Prophezeiung sirrten. Sie rappelten sich hoch und jagten den Zauberstäben nach, der Todesser voraus, Harry ihm dicht auf den Fersen und Neville als Nachhut, offenbar entsetzt über das, was er getan hatte.
»Aus dem Weg, Harry!«, schrie Neville, sichtlich entschlossen, den Schaden wiedergutzumachen.
Harry hechtete beiseite, als Neville erneut zielte und rief:
»STUPOR!«
Der Strahl roten Lichts schoss direkt über die Schulter des Todessers und gegen eine Vitrine an der Wand voller unterschiedlich geformter Stundengläser; die Vitrine fiel zu Boden und zerbrach, Scherben flogen in alle Richtungen, dann sprang sie wieder zur Wand hoch, vollkommen heil, fiel wieder um und zerbarst –
Der Todesser hatte sich seinen Zauberstab geschnappt, der auf dem Boden neben der glitzernden Glasglocke gelegen hatte. Harry duckte sich hinter einen anderen Schreibtisch, als der Mann sich umdrehte; seine Maske war so verrutscht, dass er nichts sehen konnte. Er riss sie sich vom Gesicht und rief: »STUP–«
»STUPOR!«, schrie Hermine, die eben bei ihnen angelangt war. Der rote Lichtstrahl traf den Todesser mitten auf der Brust. Er erstarrte mit noch erhobenem Arm, der Zauberstab fiel klappernd zu Boden und der Todesser stürzte mit dem Rücken gegen die Glasglocke. Harry erwartete, ein Klong zu hören, erwartete, dass der Mann gegen festes Glas schlagen und zu Boden gleiten würde, doch stattdessen sank sein Kopf durch die Oberfläche der Glasglocke, als ob sie nichts wäre als eine Seifenblase, und er blieb rücklings auf dem Tisch ausgestreckt liegen, den Kopf in der Glocke voll glitzerndem Wind.
»Accio Zauberstab!«, rief Hermine. Harrys Zauberstab flog aus einer dunklen Ecke in ihre Hand und sie warf ihn ihm zu.
»Danke«, sagte er. »Also, verschwinden wir von –«
»Seht mal!«, sagte Neville entsetzt. Er starrte auf den Kopf des Todessers in der Glasglocke.
Alle drei hoben erneut ihren Zauberstab, doch keiner von ihnen tat etwas; sie starrten mit offenem Mund, entgeistert, auf das, was mit dem Kopf des Mannes geschah.
Er schrumpfte sehr schnell, wurde kahler und kahler, das schwarze Haar und die Stoppeln verschwanden in seinem Schädel; seine Wangen wurden glatt, sein Schädel rund und bedeckten sich mit pfirsichartigem Flaum …
Der Kopf eines Babys saß nun grotesk auf dem kräftigen, muskulösen Hals des Todessers, der sich mühsam erneut aufzurichten suchte; aber noch während sie ihn anstarrten, immer noch mit offenem Mund, begann sein Kopf erneut auf seine alte Größe anzuschwellen; dichtes schwarzes Haar spross aus Schädel und Kinn …
»Es ist die Zeit«, sagte Hermine mit ehrfürchtiger Stimme. »Die Zeit …«
Der Todesser schüttelte wieder seinen hässlichen Kopf und versuchte ihn frei zu bekommen, doch ehe er sich aufrappeln konnte, begann der Kopf erneut auf die Größe eines Babykopfes zu schrumpfen …
Aus einem Raum in der Nähe war ein Ruf zu hören, dann ein Krachen und ein Schrei.
»RON?«, rief Harry und wandte sich rasch von der monströsen Verwandlung ab, die vor ihnen stattfand. »GINNY? LUNA?«
»Harry!«, schrie Hermine.
Der Todesser hatte seinen Kopf aus der Glasglocke gezogen. Seine Erscheinung war vollkommen bizarr, sein kleiner Babykopf plärrte laut, während die dicken Arme gefährlich in alle Richtungen fuchtelten und Harry, der sich geduckt hatte, knapp verfehlten. Harry hob den Zauberstab, doch zu seiner Verblüffung packte Hermine seinen Arm.
»Du kannst einem Baby nichts antun!«
Sie hatten keine Zeit, um sich darüber zu streiten; Harry konnte aus der Halle der Prophezeiung noch mehr lauter werdende Schritte hören und begriff – zu spät –, dass er nicht hätte rufen und verraten dürfen, wo sie waren.
»Kommt!«, sagte er. Sie ließen den hässlichen babyköpfigen Todesser in seinem Taumel zurück und machten sich auf den Weg zu der Tür, die am anderen Ende des Raumes offen stand und in die schwarze Halle führte.
Sie waren die halbe Strecke bis dorthin gerannt, als Harry durch die offene Tür zwei weitere Todesser sah, die durch den schwarzen Raum auf sie zuliefen; er schwenkte nach links, stürzte sich in ein kleines, dunkles, vollgestopftes Büro und schlug die Tür hinter ihnen zu.
»Collo–«, setzte Hermine an, doch bevor sie den Zauber vollenden konnte, war die Tür aufgesprungen und die beiden Todesser kamen hereingestürmt.
Mit einem Triumphgeschrei riefen beide:
»IMPEDIMENTA!«
Harry, Hermine und Neville riss es rücklings von den Füßen; Neville wurde über den Tisch geschleudert und war nicht mehr zu sehen; Hermine krachte gegen einen Bücherschrank und wurde prompt überschüttet von einer Kaskade schwerer Bücher; Harry schlug mit dem Hinterkopf gegen eine steinerne Wand, kleine Lichter flammten vor seinen Augen auf, und einen Moment lang war ihm so schwindlig und wirr zumute, dass er nicht reagieren konnte.
»WIR HABEN IHN!«, rief der Harry am nächsten stehende Todesser. »IN EINEM BÜRO AM –«
»Silencio!«, schrie Hermine und die Stimme des Mannes erstarb. Er bewegte noch den Mund im Loch in der Maske, doch kein Laut drang heraus. Sein Gefährte stieß ihn beiseite.
»Petrificus Totalus!«, rief Harry, als der zweite Todesser den Zauberstab hob. Seine Arme und Beine klappten zusammen, er fiel vornüber und landete mit dem Gesicht auf dem Teppich zu Harrys Füßen, steif wie ein Brett und unfähig, sich zu bewegen.
»Gut gemacht, Ha–«
Doch der Todesser, den Hermine gerade stummgeschlagen hatte, vollzog eine jähe peitschende Bewegung mit dem Zauberstab; eine Art violetter Flammenschweif durchfuhr glatt Hermines Brust. Sie machte leise »Oh!«, als wäre sie überrascht, brach zusammen und blieb reglos am Boden liegen.
»HERMINE!«
Harry fiel neben ihr auf die Knie, während Neville, den Zauberstab vor sich hochhaltend, rasch unter dem Schreibtisch hervor auf sie zukrabbelte. Als er auftauchte, trat der Todesser hart nach Nevilles Kopf – der Fuß brach Nevilles Zauberstab entzwei und schlug ihm ins Gesicht. Neville heulte auf vor Schmerz, fasste sich an Mund und Nase und fiel hintenüber. Harry schnellte herum, den Zauberstab hoch erhoben, und sah, dass der Todesser sich die Maske heruntergerissen und seinen Zauberstab direkt auf ihn gerichtet hatte, und er erkannte das lange, bleiche, verzerrte Gesicht aus dem Tagespropheten: Antonin Dolohow, der Zauberer, der die Prewetts ermordet hatte.
Dolohow grinste. Mit seiner freien Hand deutete er von der Prophezeiung, die Harry immer noch umklammert hielt, auf sich, dann auf Hermine. Zwar konnte er nicht mehr sprechen, doch was er meinte, hätte nicht klarer sein können. Gib mir die Prophezeiung oder dir geschieht das Gleiche wie ihr …
»Du wirst uns ohnehin alle töten, sobald ich sie dir gegeben habe!«, sagte Harry.
Ein panisches Wimmern, das er in seinem Kopf zu hören meinte, hinderte ihn daran, klar zu denken. Er hatte eine Hand auf Hermines Schulter, die noch warm war, doch er wagte es nicht, sie richtig anzusehen. Lass sie nicht tot sein, lass sie nicht tot sein, es ist meine Schuld, wenn sie tot ist …
»Was du auch dusd, Harry«, sagte Neville wütend unter dem Schreibtisch, ließ die Hände sinken, und zum Vorschein kamen eine offensichtlich gebrochene Nase und Blut, das ihm über Mund und Kinn rann, »gib sie ihm bichd!«
Dann krachte es draußen und Dolohow blickte über die Schulter – der babyköpfige Todesser war in der Tür erschienen, sein Kopf plärrte, und er schwang seine großen Fäuste immer noch unkontrolliert gegen alles um ihn herum. Harry ergriff die Chance: »PETRIFICUS TOTALUS!«
Der Zauber traf Dolohow, bevor er ihn abblocken konnte, und er stürzte vornüber auf seinen Gefährten, beide nun steif wie Bretter und nicht imstande, sich einen Zentimeter weit zu bewegen.
»Hermine«, sagte Harry sofort und schüttelte sie, während der babyköpfige Todesser wieder davontaumelte. »Hermine, wach auf …«
»Was had er ihr gedan?«, sagte Neville, dem Blut aus der rasch anschwellenden Nase quoll; er kroch unter dem Schreibtisch hervor und kniete sich an ihrer anderen Seite nieder.
»Ich weiß es nicht …«
Neville tastete nach Hermines Handgelenk.
»Ich schbür den Buls, Harry, da bin ich sicher.«
Eine Welle der Erleichterung durchströmte Harry, so mächtig, dass er sich einen Moment lang berauscht fühlte.
»Sie lebt?«
»Ich glaub schon.«
Eine Pause trat ein, in der Harry angestrengt nach weiteren Schritten lauschte, doch alles, was er hören konnte, war das Wimmern und Torkeln des babyköpfigen Todessers im Raum nebenan.
»Neville, wir sind nicht weit vom Ausgang«, flüsterte Harry. »Wir sind ganz in der Nähe dieses runden Raums … wenn wir dich nur dort rüberbringen können und die richtige Tür finden, ehe noch mehr Todesser kommen, dann wette ich, dass du es mit Hermine den Korridor entlang und in den Lift schaffst … dann könntest du jemanden holen … und Alarm schlagen …«
»Und was willsd du dun?«, sagte Neville, wischte sich mit dem Ärmel die blutende Nase und sah Harry stirnrunzelnd an.
»Ich muss die andern finden«, erwiderte Harry.
»Also, ich geh bid und such sie bid dir«, sagte Neville entschieden.
»Aber Hermine –«
»Wir nehmen sie bid«, sagte Neville bestimmt. »Ich drag sie – du kannsd besser gegen sie käbpfen als ich –«
Er stand auf und packte einen von Hermines Armen, schaute Harry finster an, der zögerte und dann den anderen ergriff und half, Hermines schlaffen Körper über Nevilles Schulter zu hieven.
»Warte«, sagte Harry, hob Hermines Zauberstab vom Boden auf und drückte ihn Neville in die Hand, »am besten, du nimmst den.«
Neville kickte die Bruchstücke seines eigenen Zauberstabs beiseite, als sie langsam zur Tür gingen.
»Meine Omi bringd bich ub«, nuschelte Neville, und Blut spritzte aus seiner Nase, während er sprach, »das war der alde Zauberschdab von beineb Dad.«
Harry streckte den Kopf aus der Tür und sah sich vorsichtig um. Der Todesser mit dem Babykopf schrie und stieß verwirrt gegen alles Mögliche, kippte plärrend Standuhren und Schreibtische um, während die Vitrine an der Wand hinter ihnen, von der Harry jetzt vermutete, dass sie Zeitumkehrer enthalten hatte, unablässig zu Boden fiel, zerbrach und sich wieder reparierte.
»Der wird uns nie bemerken«, flüsterte er. »Los … bleib dicht hinter mir …«
Sie schlichen aus dem Büro und zurück zur Tür, die in die schwarze Halle führte, die nun vollkommen verlassen schien. Sie gingen ein paar Schritte weit hinein, bei denen Neville unter Hermines Gewicht leicht torkelte; die Tür des Raumes der Zeit schwang hinter ihnen zu und die Wand begann sich erneut zu drehen. Dass Harry sich eben den Hinterkopf angeschlagen hatte, schien ihn ein wenig unsicher auf den Beinen gemacht zu haben; er kniff die Augen zusammen und schwankte leicht, bis die Wand wieder zum Stillstand gekommen war. Harry sank der Mut, als er sah, dass Hermines Flammenkreuze an den Türen erloschen waren.
»Also, was glaubst du, wo es lang–«
Doch bevor sie entscheiden konnten, in welche Richtung sie es versuchen sollten, sprang eine Tür rechts von ihnen auf und drei Leute stolperten herein.
»Ron!«, krächzte Harry und stürzte auf die drei zu. »Ginny – seid ihr –?«
»Harry«, sagte Ron mit einem müden Kichern, torkelte herbei, packte Harry vorne am Umhang und stierte ihn schielend an. »Da bist du ja … hahaha … siehst komisch aus, Harry … bist ja ganz durch ’n Wind …«
Rons Gesicht war kreideweiß und etwas Dunkles tröpfelte ihm aus dem Mundwinkel. Im nächsten Moment gaben seine Knie nach, doch hielt er immer noch Harry vorne am Umhang gepackt und zog ihn nun in eine Art Verbeugung.
»Ginny?«, sagte Harry beklommen. »Was ist passiert?«
Aber Ginny schüttelte den Kopf, rutschte keuchend an der Wand hinunter, blieb am Boden hocken und hielt sich den Fußknöchel.
»Ich glaub, ihr Knöchel ist gebrochen, ich hab was knacken gehört«, flüsterte Luna, die offenbar als Einzige nicht verletzt war und sich nun über Ginny beugte. »Vier von denen haben uns in einen dunklen Raum voller Planeten gejagt, es war ganz seltsam dort, manchmal sind wir einfach im Dunkeln geschwebt –«
»Harry, wir haben Uranus von ganz nah gesehen!«, sagte Ron und kicherte immer noch schwach. »Kapiert, Harry? Wir haben Uranus gesehen – hahaha –« Eine Blutblase bildete sich in Rons Mundwinkel und platzte.
»– jedenfalls hat einer von denen Ginny am Fuß gepackt, ich hab mit dem Reduktor-Fluch Pluto direkt vor seiner Nase explodieren lassen, aber …«
Luna deutete bedauernd auf Ginny, die sehr flach atmete und die Augen immer noch geschlossen hielt.
»Und was ist mit Ron?«, fragte Harry angstvoll, während Ron ihm nach wie vor am Revers hing und weiter kicherte.
»Ich weiß nicht, mit was die ihn getroffen haben«, sagte Luna traurig, »aber er ist ein bisschen komisch geworden, ich hab’s kaum geschafft, dass er überhaupt mitkam.«
»Harry«, sagte Ron und zog, noch immer matt kichernd, Harrys Ohr zu seinem Mund hinunter, »weißt du, wer dieses Mädchen ist, Harry? Das ist Loony … Loony Lovegood … hahaha …«
»Wir müssen hier raus«, sagte Harry entschieden. »Luna, kannst du Ginny helfen?«
»Ja«, sagte Luna und steckte sich den Zauberstab zur Aufbewahrung hinters Ohr, legte einen Arm um Ginnys Taille und zog sie hoch.
»Das ist nur mein Knöchel, das kann ich schon selber!«, sagte Ginny ungeduldig, doch schon war sie seitlich eingeknickt und hielt sich an Luna fest. Harry zog Rons Arm über seine Schulter, genau wie er es vor so vielen Monaten mit Dudleys Arm getan hatte. Er blickte sich um: Sie hatten eine Chance von eins zu zwölf, auf Anhieb den richtigen Ausgang zu finden –
Er schleifte Ron auf eine Tür zu; sie waren noch ein paar Schritte von ihr entfernt, als gegenüber eine andere Tür aufsprang und drei Todesser, Bellatrix Lestrange voran, hereingestürmt kamen.
»Da sind sie!«, kreischte sie.
Schockzauber schossen durch den Raum. Harry krachte durch die Tür vor ihm, schüttelte Ron umstandslos ab und lief geduckt zurück, um Neville mit Hermine hereinzuhelfen. Sie schafften es alle gerade noch rechtzeitig über die Schwelle, um die Tür vor Bellatrix zuschlagen zu können.
»Colloportus!«, rief Harry und hörte, wie die drei Körper auf der anderen Seite gegen die Tür schlugen.
»Macht nichts!«, sagte eine Männerstimme. »Es gibt andere Zugänge – WIR HABEN SIE, HIER SIND SIE!«
Harry wirbelte herum; sie waren wieder im Gehirnraum und tatsächlich hatten die Wände rundum Türen. Er konnte in der Halle hinter ihnen Schritte weiterer Todesser hören, die herbeigerannt kamen und sich den ersten anschlossen.
»Luna – Neville – helft mir!«
Die drei hasteten durch den Raum und versiegelten die Türen. Harry stürzte so eilig zur nächsten, dass er gegen einen Tisch krachte und über ihn hinwegrollte.
»Colloportus!«
Hinter den Türen waren Schritte zu hören, dann und wann warf sich erneut ein schwerer Körper gegen eine davon, so dass sie knirschte und erzitterte; Luna und Neville verhexten die Türen an der Wand gegenüber – dann, als Harry ganz am Ende des Raums angelangt war, hörte er Luna schreien:
»Collo– aaaaaargh …«
Er wandte sich um und sah gerade noch, wie sie durch die Luft flog. Fünf Todesser stürmten durch die Tür herein, die sie nicht rechtzeitig erreicht hatte. Luna knallte auf einen Tisch, rutschte über ihn hinweg und fiel auf der anderen Seite zu Boden, wo sie alle viere von sich gestreckt liegen blieb, reglos wie Hermine.
»Greift euch Potter!«, kreischte Bellatrix und rannte auf ihn los; er wich ihr aus und sprintete durch den Raum zurück; er war nicht in Gefahr, solange sie glaubten, sie könnten die Prophezeiung treffen –
»Hey!«, sagte Ron, der sich hochgerappelt hatte und jetzt wie betrunken und immer noch kichernd auf Harry zutorkelte. »Hey, Harry, hier drin sind Gehirne, hahaha, ist das nicht verrückt, Harry?«
»Ron, geh in Deckung, runter –«
Aber Ron hatte seinen Zauberstab bereits auf das Becken gerichtet. »Wahnsinn, Harry, das sind Gehirne – sieh mal – Accio Gehirn!«
Das Geschehen schien für einen Moment stillzustehen. Harry, Ginny, Neville und sämtliche Todesser wandten sich unwillkürlich um und beobachteten die Oberfläche des Beckens, wo nun ein Gehirn aus der grünen Flüssigkeit hervorbrach wie ein springender Fisch: Einen Augenblick lang schien es einfach in der Luft zu verharren, dann segelte es, im Flug rotierend, auf Ron zu, und es war, als ob Streifen bewegter Bilder von ihm wegflatterten und sich aufdröselten wie Filmrollen –
»Hahaha, Harry, sieh dir das an –«, sagte Ron und sah zu, wie das Gehirn sein farbenprächtiges Inneres ausspie. »Harry, komm und fass es an; wette, es ist gruslig –«
»RON, NEIN!«
Harry wusste nicht, was geschehen würde, wenn Ron die Gedankententakel anfasste, die jetzt hinter dem Gehirn herflogen, war jedoch sicher, es würde nichts Gutes sein. Er schnellte vor, aber Ron hatte das Gehirn bereits mit ausgestreckten Händen gefangen.
Kaum hatten die Tentakel seine Haut berührt, da begannen sie auch schon sich wie Seile um Rons Arme zu schlingen.
»Harry, schau mal, was passiert – Nein – nein – das mag ich nicht – nein, aufhören – aufhören –«
Doch die dünnen Bänder wickelten sich jetzt um Rons Brust; er zerrte und riss an ihnen, während das Gehirn fest an ihn geschnürt wurde wie der Körper eines Kraken.
»Diffindo!«, rief Harry und versuchte die Fühler zu durchtrennen, die sich vor seinen Augen eng um Ron schlangen, doch sie brachen nicht. Ron stürzte zu Boden und schlug weiter auf seine Fesseln ein.
»Harry, das erstickt ihn!«, schrie Ginny, die mit ihrem gebrochenen Knöchel wie gelähmt am Boden lag – dann traf ein roter Lichtstrahl aus einem der Zauberstäbe der Todesser sie mitten ins Gesicht. Sie kippte seitlich weg und blieb bewusstlos liegen.
»STUBOR!«, rief Neville, der herumgewirbelt war und Hermines Zauberstab gegen die angreifenden Todesser schwang. »STUBOR, STUBOR!«
Doch nichts geschah.
Einer der Todesser schoss nun selbst einen Schockzauber auf Neville; er verfehlte ihn um Zentimeter. Harry und Neville waren die Letzten, die noch gegen die fünf Todesser kämpften, und zwei von ihnen sandten nun pfeilartige Ströme silbernen Lichts aus, die nicht trafen, aber Krater in die Wand hinter ihnen schlugen. Harry rannte davon, als Bellatrix Lestrange auf ihn zugehastet kam. Er hielt die Prophezeiung hoch über seinen Kopf und sprintete durch den Raum zurück; er wusste nichts mehr zu tun, als die Todesser von den anderen abzulenken.
Es schien gelungen zu sein; sie kamen ihm hinterhergerannt, stießen Stühle und Tische um, wagten es aber nicht, ihn zu verhexen, um nicht die Prophezeiung in Mitleidenschaft zu ziehen, und er stürzte durch die einzige noch offene Tür, diejenige, durch die die Todesser selbst gekommen waren; er betete inständig, dass Neville bei Ron bleiben und irgendeine Möglichkeit finden würde, ihn zu befreien. Er rannte ein paar Schritte in den neuen Raum hinein und spürte, wie er den Boden unter den Füßen verlor –
Er fiel tiefe Steinstufen hinab, eine nach der anderen, schlug auf jeder Reihe auf, bis er endlich mit einem Aufprall, der alle Luft aus seinem Körper presste, flach auf dem Rücken in der Vertiefung landete, wo der Steinbogen auf seinem Podium stand. Das Gelächter der Todesser erfüllte den Raum. Er blickte auf und sah die fünf, die im Gehirnraum gewesen waren, zu ihm herabsteigen, während noch einmal so viele durch andere Türen auftauchten und nun von Bank zu Bank auf ihn zusprangen. Harry stand auf, obwohl seine Beine so heftig zitterten, dass sie ihn kaum trugen. Die Prophezeiung war immer noch, wie durch ein Wunder, unzerbrochen in seiner Linken, den Zauberstab hielt er fest mit der Rechten umklammert. Er wich zurück, ließ den Blick rundum schweifen und versuchte alle Todesser im Auge zu behalten. Er schlug mit den Beinen gegen etwas Festes hinter ihm: Er hatte das Podium erreicht, auf dem der Bogen stand. Rückwärts stieg er hinauf.
Alle Todesser hielten inne und starrten ihn an. Manche keuchten so schwer wie er selber. Einer blutete heftig; Dolohow, befreit von der Ganzkörperklammer, grinste gehässig, sein Zauberstab zielte direkt auf Harrys Gesicht.
»Potter, das Rennen ist gelaufen«, sagte Lucius Malfoy gedehnt und zog sich die Maske herunter. »Nun sei ein guter Junge und gib mir die Prophezeiung.«
»Lasst – lasst die andern gehen und ich geb sie euch!«, sagte Harry verzweifelt.
Einige Todesser lachten.
»Verhandelt wird jetzt nicht mehr, Potter«, sagte Lucius Malfoy, das bleiche Gesicht gerötet vor Freude. »Wie du siehst, sind wir zu zehnt und du bist nur einer … oder hat dir Dumbledore nie das Zählen beigebracht?«
»Er isd nichd allein!«, rief eine Stimme von oben her. »Er hat ibber noch bich!«
Harry sank das Herz: Neville kletterte über die Steinbänke zu ihnen herunter, Hermines Zauberstab fest in der zitternden Hand.
»Neville – nein – geh zurück zu Ron –«
»STUBOR!«, rief Neville erneut und richtete den Zauberstab auf einen Todesser nach dem anderen. »STUBOR! STUBO–«
Einer der größten Todesser packte Neville von hinten und presste ihm die Arme an die Seiten. Neville kämpfte und trat um sich; manche Todesser lachten.
»Du bist Longbottom, nicht wahr?«, höhnte Lucius Malfoy. »Nun, deine Großmutter ist es gewohnt, Mitglieder ihrer Familie an unsere Sache zu verlieren … dein Tod wird kein großer Schock sein.«
»Longbottom?«, wiederholte Bellatrix und ein wahrhaft böses Lächeln erhellte ihr ausgemergeltes Gesicht. »Nun, ich hatte das Vergnügen, deine Eltern kennen zu lernen, Junge.«
»DAS WEISS ICH!«, brüllte Neville und kämpfte so heftig gegen den Klammergriff seines Bewachers an, dass der Todesser rief: »Schock ihn doch jemand!«
»Nein, nein, nein«, sagte Bellatrix. Sie schien entzückt, vibrierte vor Erregung, während sie Harry und dann wieder Neville ansah. »Nein, lasst uns schauen, wie lange Longbottom es aushält, bis er bricht wie seine Eltern … außer, Potter will uns die Prophezeiung geben.«
»GIB SIE IHNEN BICHD!«, brüllte Neville, offenbar außer sich, trat und wand sich, als Bellatrix mit erhobenem Zauberstab zu ihm und seinem Bewacher kam. »GIB SIE IHNEN BICHD, HARRY!«
Bellatrix hob ihren Zauberstab. »Crucio!«
Neville schrie, es riss ihm die Beine an die Brust, so dass der Todesser, der ihn gefangen hatte, ihn einen Moment in der Schwebe hielt. Der Todesser ließ ihn fallen und Neville stürzte in Todesqual zuckend und schreiend zu Boden.
»Das war nur ein Vorgeschmack!«, sagte Bellatrix und hob ihren Zauberstab, worauf Nevilles Schreie aufhörten und er ihr schluchzend zu Füßen lag. Sie drehte sich um und sah zu Harry hoch. »Nun, Potter, entweder gibst du uns die Prophezeiung oder du siehst deinen kleinen Freund auf die harte Tour sterben!«
Harry musste nicht überlegen; es gab keine Wahl. Die Prophezeiung war durch die Wärme seiner Hand, die sie umklammert hielt, heiß geworden, als er sie ausstreckte. Malfoy sprang vor und wollte sie ergreifen.
Da krachten, hoch über ihnen, zwei weitere Türen auf und fünf Leute kamen in den Raum gestürmt: Sirius, Lupin, Moody, Tonks und Kingsley.
Malfoy wandte sich um und hob seinen Zauberstab, doch Tonks hatte bereits einen Schockzauber gegen ihn abgefeuert. Harry wartete nicht ab, ob er traf, sondern hechtete vom Podium hinunter aus dem Weg. Die Todesser waren vollkommen abgelenkt durch das Erscheinen der Ordensmitglieder, die jetzt Flüche auf sie herabregnen ließen, während sie Stufe um Stufe hinunter zum Fußboden in der Senke sprangen. Durch die sich pfeilschnell bewegenden Körper und Lichtblitze konnte Harry Neville wegkriechen sehen. Er wich einem neuerlichen roten Lichtstrahl aus und warf sich flach auf den Boden, um zu Neville zu gelangen.
»Alles okay mit dir?«, rief er, während noch ein Fluch Zentimeter über ihren Kopf hinwegschoss.
»Ja«, sagte Neville und versuchte sich aufzurichten.
»Und Ron?«
»Ich glaub, es gehd ihm gud – er had immer noch gegen das Gehirn gekäbpfd, als ich weg bin –«
Der Steinboden zwischen ihnen explodierte, als ein Fluch ihn traf, der einen Krater genau dort hinterließ, wo Nevilles Hand nur Sekunden zuvor gelegen hatte; beide krabbelten von der Stelle weg, da erschien aus dem Nichts ein kräftiger Arm, packte Harry am Hals und zog ihn hoch, so dass seine Füße kaum mehr den Boden berührten.
»Gib sie mir«, knurrte eine Stimme an seinem Ohr, »gib mir die Prophezeiung –«
Der Mann drückte so kräftig auf Harrys Luftröhre, dass er nicht mehr atmen konnte. Mit tränenden Augen sah er Sirius etwa drei Meter entfernt mit einem Todesser kämpfen; Kingsley hatte sich gleich mit zweien angelegt; Tonks, immer noch auf halber Höhe der Sitzränge, feuerte Flüche auf Bellatrix hinab – keiner schien zu bemerken, dass Harry gleich sterben würde. Er wandte seinen Zauberstab gegen die Seite des Mannes um, bekam jedoch nicht genug Luft, um eine Zauberformel zu flüstern, und die freie Hand des Mannes tastete nach der Hand, mit der Harry die Prophezeiung umklammert hielt –
»AARGH!«
Neville war aus dem Nichts hervorgeschossen; einen Fluch konnte er nicht aussprechen, und so stieß er Hermines Zauberstab mit aller Kraft in den Augenschlitz der Maske des Todessers. Der Mann ließ Harry sofort los und heulte auf vor Schmerz. Harry wirbelte zu ihm herum und keuchte: »STUPOR!«
Der Todesser kippte nach hinten und seine Maske rutschte herunter: Es war Macnair, derjenige, der Seidenschnabel hatte töten wollen; eines seiner Augen war jetzt geschwollen und blutunterlaufen.
»Danke!«, sagte Harry zu Neville und zog ihn beiseite, als Sirius und sein Todesser vorbeischlingerten, die sich so verbissen duellierten, dass ihre Zauberstäbe nur noch verschwommene Streifen waren; dann berührte Harrys Fuß etwas Rundes und Hartes und er rutschte aus. Einen Moment lang glaubte er, er hätte die Prophezeiung fallen gelassen, doch dann sah er Moodys magisches Auge über den Boden davonkullern.
Sein Besitzer lag auf der Seite und blutete am Kopf und sein Angreifer wandte sich nun drohend Harry und Neville zu: Dolohow, das lange bleiche Gesicht hämisch verzerrt.
»Tarantallegra!«, rief er, den Zauberstab auf Neville gerichtet, dessen Beine sofort eine Art wilden Stepptanz begannen, der ihn aus dem Gleichgewicht brachte und ihn wieder zu Boden stürzen ließ. »Nun, Potter –«
Er machte die gleiche peitschende Bewegung mit seinem Zauberstab, die er gegen Hermine gebraucht hatte, just in dem Moment, als Harry »Protego!« rief.
Harry spürte etwas wie ein stumpfes Messer über sein Gesicht streifen, mit solcher Wucht, dass es ihn zur Seite schlug und er über Nevilles zuckende Beine fiel, doch der Schildzauber hatte das Schlimmste des Fluchs abgehalten.
Dolohow hob erneut den Zauberstab. »Accio Proph–«
Sirius war aus dem Nichts herbeigeeilt und rammte Dolohow mit seiner Schulter, so dass er aus dem Weg segelte. Die Prophezeiung war erneut bis zu Harrys Fingerspitzen gerutscht, doch er hatte es geschafft, sie festzuhalten. Jetzt duellierten sich Sirius und Dolohow, ihre Zauberstäbe blitzten wie Schwerter, und Funken stoben aus ihren Spitzen hervor –
Dolohow zog seinen Zauberstab zurück und machte wiederum die peitschende Bewegung, die er gegen Harry und Hermine gebraucht hatte. Harry sprang auf und rief: »Petrificus Totalus!« Erneut klappten Dolohows Arme und Beine zusammen, er kippte hintenüber und landete mit einem Knall auf dem Rücken.
»Gut gemacht!«, rief Sirius und drückte Harrys Kopf hinunter, weil zwei Schockzauber auf sie zuflogen. »Jetzt möchte ich, dass du hier raus–«
Wieder duckten sich beide; ein Strahl grünen Lichts hatte Sirius knapp verfehlt. Auf der anderen Seite des Raums sah Harry, wie Tonks von halber Höhe der Steinstufen herunterfiel, ihr erschlaffter Körper stürzte von Steinsitz zu Steinsitz, und Bellatrix rannte triumphierend zurück zu den anderen Kämpfenden.
»Harry, nimm die Prophezeiung, pack Neville und renn!«, rief Sirius und schnellte herum, um sich Bellatrix entgegenzustellen. Harry sah nicht, was als Nächstes passierte. Kingsley schwankte in sein Gesichtsfeld, im Kampf mit dem pockennarbigen und nicht mehr maskierten Rookwood; ein weiterer grüner Lichtblitz flog über Harrys Kopf, als er auf Neville zustürzte –
»Kannst du stehen?«, brüllte er in Nevilles Ohr, während Nevilles Beine haltlos zuckten und zappelten. »Leg den Arm um meinen Hals –«
Neville tat wie geheißen – Harry zog ihn hoch – Nevilles Beine fuhren in alle Richtungen, sie wollten ihn nicht tragen, und dann, urplötzlich, stürzte sich ein Mann auf sie: Beide fielen nach hinten, Nevilles Beine zappelten wild wie die eines auf dem Rücken liegenden Käfers, Harry streckte seinen linken Arm hoch in die Luft und versuchte die kleine Glaskugel davor zu bewahren, zertrümmert zu werden.
»Die Prophezeiung, gib mir die Prophezeiung, Potter!«, fauchte Lucius Malfoys Stimme in sein Ohr und Harry spürte die Spitze von Malfoys Zauberstab hart zwischen seinen Rippen.
»Nein – lassen – Sie – mich … Neville – fang sie!«
Harry warf die Prophezeiung hinüber, Neville drehte sich auf dem Rücken herum und fing die Kugel mit der Hand an der Brust auf. Jetzt richtete Malfoy den Zauberstab auf Neville, doch Harry stieß seinen eigenen über seine Schulter zurück und rief: »Impedimenta!«
Malfoy riss es rücklings in die Höhe. Als Harry sich wieder hochgerappelt hatte, blickte er sich um und sah, dass Malfoy auf das Podium krachte, auf dem Sirius und Bellatrix sich jetzt duellierten. Malfoy richtete seinen Zauberstab erneut auf Harry und Neville, doch ehe er Luft holen und angreifen konnte, war Lupin zwischen sie gesprungen.
»Harry, treib die anderen zusammen und VERSCHWINDE!«
Harry packte Neville an der Schulter am Umhang und hob ihn eigenhändig auf den ersten Rang der Steinstufen; Nevilles Beine zuckten und zappelten und wollten sein Gewicht nicht tragen; Harry hievte ihn erneut mit all seiner Kraft hoch und sie schafften es eine Stufe höher –
Ein Fluch traf die Steinbank an Harrys Ferse; sie bröckelte weg und er stürzte zurück auf die Steinstufe darunter. Neville sank auf die Bank über ihm, seine Beine zuckten und strampelten immer noch und er stopfte die Prophezeiung in seine Tasche.
»Komm schon!«, sagte Harry verzweifelt und zerrte an Nevilles Umhang. »Versuch’s einfach und drück dich mit deinen Beinen –«
Er zog ihn noch einmal mit gewaltiger Anstrengung hoch und Nevilles Umhang riss den ganzen linken Saum entlang – die kleine Glasgespinstkugel fiel aus seiner Tasche, und bevor einer von ihnen sie auffangen konnte, stieß Neville mit einem zappelnden Bein dagegen: Sie flog wenige Meter nach rechts und zerbarst auf der Steinstufe unter ihnen. Während sie beide auf die Stelle starrten, wo sie zerbrochen war, entsetzt über das Geschehene, stieg eine perlweiße Gestalt mit gewaltig vergrößerten Augen in die Luft, von niemandem außer ihnen bemerkt. Harry konnte sehen, wie sich ihr Mund bewegte, doch durch all den Lärm und das Schreien und Rufen um sie her konnte er kein einziges Wort der Prophezeiung verstehen. Die Gestalt hörte auf zu sprechen und verschwand ins Nichts.
»Harry, dud bir leid!«, schrie Neville, das Gesicht schmerzerfüllt, während seine Beine weiter zappelten. »Dud bir so leid, Harry, das wollde ich nichd –«
»Macht nichts!«, rief Harry. »Versuch zu stehen, wir hauen hier –«
»Dubbledore!«, sagte Neville, das schweißnasse Gesicht plötzlich hell erfreut, und starrte über Harrys Schulter.
»Was?«
»DUBBLEDORE!«
Harry wandte den Kopf, um zu sehen, wo Neville hinstarrte. Direkt über ihnen, im Türrahmen zum Gehirnraum, stand Albus Dumbledore mit erhobenem Zauberstab, das Gesicht weiß und zornig. Harry spürte eine Art elektrische Ladung durch jede Zelle seines Körpers strömen – sie waren gerettet.
Dumbledore war bereits an Neville und Harry vorbeigeeilt, die nun nicht im Geringsten mehr daran dachten, zu verschwinden, als die Todesser, die ihm am nächsten standen, seine Anwesenheit bemerkten und es den anderen zuriefen. Einer von ihnen rannte los und kletterte wie ein Affe die Steinstufen gegenüber hoch. Dumbledores Fluch zog ihn so leicht und mühelos zurück, als ob er ihn mit einer unsichtbaren Leine an den Haken genommen hätte –
Nur ein Paar kämpfte noch, sich offenbar des soeben Erschienenen nicht bewusst. Harry sah, wie Sirius dem roten Lichtblitz von Bellatrix auswich: Er lachte sie aus.
»Komm schon, du kannst es doch besser!«, rief er und seine Stimme hallte in dem Gewölberaum wider.
Der zweite Lichtblitz traf ihn direkt auf die Brust.
Das Lachen auf seinem Gesicht war noch nicht ganz verloschen, doch seine Augen weiteten sich vor Entsetzen.
Harry ließ Neville los, ohne es zu bemerken. Er sprang auf den Boden und zog seinen Zauberstab, und auch Dumbledore wandte sich dem Podium zu.
Es schien, als dauerte es eine Ewigkeit, bis Sirius stürzte. Sein Körper schwang sich in einem anmutigen Bogen, und er fiel rücklings durch den zerschlissenen Schleier, der von dem Steinbogen herabhing.
Harry sah den zugleich angstvollen und überraschten Ausdruck auf dem einst schönen und nun verwüsteten Gesicht seines Paten, als er durch den uralten Bogen fiel und hinter dem Schleier verschwand, der einen Moment lang flatterte wie in einem steifen Luftzug und dann wieder zur Ruhe kam.
Harry hörte Bellatrix Lestranges triumphierenden Schrei, doch er wusste, dass er nichts bedeutete – Sirius war nur gerade durch den Bogen gefallen, er würde jeden Moment auf der anderen Seite wieder auftauchen …
Aber Sirius tauchte nicht wieder auf.
»SIRIUS!«, rief Harry. »SIRIUS!«
Harrys Atem ging keuchend und brannte. Sirius musste hinter dem Vorhang sein, er, Harry, würde ihn wieder hervorziehen …
Doch als Harry auf das Podium losspurtete, schlang ihm Lupin einen Arm um die Brust und hielt ihn zurück.
»Du kannst nichts mehr tun, Harry –«
»Holt ihn, rettet ihn, er ist doch eben erst da durch!«
»– es ist zu spät, Harry.«
»Wir können ihn noch erreichen –« Harry kämpfte verbissen und böse, doch Lupin ließ ihn nicht los …
»Du kannst nichts mehr tun, Harry … nichts … er ist fort.«
Der Einzige, den er je fürchtete
»Er ist nicht fort«, schrie Harry.
Er glaubte es nicht; er wollte es nicht glauben; noch immer kämpfte er mit all seiner Kraft gegen Lupin. Lupin hatte ja keine Ahnung; hinter diesem Vorhang verbargen sich Menschen; Harry hatte sie flüstern gehört, als er das erste Mal diesen Raum betreten hatte. Sirius hielt sich versteckt, er lauerte nur im Verborgenen –
»SIRIUS!«, schrie er. »SIRIUS!«
»Er kann nicht zurückkommen, Harry«, sagte Lupin mit brechender Stimme und mühte sich, Harry zu bändigen. »Er kann nicht zurückkommen, weil er t–«
»ER – IST – NICHT – TOT!«, brüllte Harry. »SIRIUS!«
Rundum herrschte Bewegung, zweckloses Durcheinander, weitere Flüche blitzten auf. Für Harry war es sinnloser Lärm, die abgelenkten Flüche, die an ihnen vorbeiflogen, scherten ihn nicht, nichts war wichtig, außer dass Lupin endlich aufhören sollte so zu tun, als ob Sirius – der nur ein paar Schritte entfernt hinter dem alten Vorhang stand – nicht jeden Moment wieder auftauchen, sich das dunkle Haar aus dem Gesicht schütteln und mit Feuereifer erneut in die Schlacht stürzen würde.
Lupin zerrte Harry vom Podium fort. Harry, der immer noch auf den Bogen starrte, war nun zornig auf Sirius, weil er ihn warten ließ –
Aber noch während er kämpfte, um sich von Lupin zu befreien, erkannte ein Teil von ihm, dass Sirius ihn noch nie so lange hatte warten lassen … Sirius hatte immer alles riskiert, um zu Harry zu gelangen, ihm zu helfen … wenn Sirius nicht mehr aus diesem Bogen auftauchte, obwohl Harry doch nach ihm schrie, als hinge sein Leben davon ab, dann war die einzig mögliche Erklärung, dass er nicht zurückkommen konnte … dass er wirklich –
Dumbledore hatte die meisten verbliebenen Todesser in der Mitte des Raums zusammengedrängt, sie waren offenbar durch unsichtbare Seile außer Gefecht gesetzt; Mad-Eye Moody war zu der Stelle gekrochen, wo Tonks am Boden lag, und versuchte sie wiederzubeleben. Hinter dem Podium drangen immer noch Lichtblitze, Stöhnen und Schreie hervor – Kingsley war losgestürmt und hatte Sirius’ Duell mit Bellatrix wieder aufgenommen.
»Harry?«
Neville hatte sich eine Steinbank nach der anderen hinabgleiten lassen bis dorthin, wo Harry stand. Harry sträubte sich inzwischen nicht mehr gegen Lupin, der seinen Arm dennoch zur Vorsicht festhielt.
»Harry … dud mir echd leid …«, sagte Neville. Seine Beine tanzten immer noch unkontrolliert. »War dieser Mann – war Sirius Blag ein – ein Freund von dir?«
Harry nickte.
»Hier«, sagte Lupin leise und richtete seinen Zauberstab auf Nevilles Beine. »Finite.« Der Fluch war aufgehoben: Nevilles Beine sanken zurück auf den Boden und hörten auf zu zucken. Lupins Gesicht war bleich. »Suchen – suchen wir die anderen. Wo sind sie alle, Neville?«
Lupin kehrte dem Bogen den Rücken zu, während er sprach. Es klang, als würde ihm jedes Wort Schmerzen bereiten.
»Die sind alle dort drüben«, sagte Neville. »Ein Gehirn had Ron angegriffen, aber ich glaub, es gehd ihm gud – und Herbine ist bewussdlos, aber wir konnden einen Buls fühlen –«
Hinter dem Podium ertönten ein lauter Knall und ein Schrei. Harry sah, wie Kingsley vor Schmerz schreiend zu Boden stürzte. Bellatrix Lestrange rannte Hals über Kopf davon, während Dumbledore sich blitzschnell umdrehte. Er schoss ihr einen Fluch nach, doch sie lenkte ihn ab; sie war schon auf halber Höhe der Stufen –
»Harry – nein!«, rief Lupin, aber Harry hatte den Arm bereits seinem lockeren Griff entrissen.
»SIE HAT SIRIUS GETÖTET!«, brüllte Harry. »SIE HAT IHN GETÖTET – ICH WERDE SIE TÖTEN!«
Und schon war er losgestürmt und stolperte hastig die Steinbänke hoch; Leute riefen ihm etwas nach, doch es war ihm gleich. Vor ihm verschwand der wehende Saum von Bellatrix’ Umhang, dann waren sie wieder in dem Raum, wo die Gehirne schwammen …
Über die Schulter hinweg schoss sie einen Fluch ab. Das Becken erhob sich in die Luft und kippte. Die übel riechende Brühe darin überflutete Harry, die Gehirne glitschten und rutschten über ihn und begannen ihn mit ihren langen bunten Tentakeln zu umspinnen, doch er rief: »Windgardium Leviosa!«, und sie flogen von ihm weg hoch in die Luft. Schlitternd und rutschend rannte er auf die Tür zu; er sprang über Luna hinweg, die am Boden stöhnte, an Ginny vorbei, die sagte: »Harry – was –?«, vorbei auch an Ron, der matt kicherte, und an Hermine, die immer noch ohnmächtig war. Er riss die Tür auf, die in die runde schwarze Halle führte, und sah Bellatrix durch eine Tür auf der anderen Seite des Raums verschwinden; vor ihr lag der Korridor, der zurück zu den Aufzügen führte.
Er rannte, doch sie hatte die Tür hinter sich zugeschlagen und schon drehte sich die Wand. Abermals umgaben ihn Streifen blauen Lichts von den wirbelnden Leuchtern.
»Wo ist der Ausgang?«, rief er verzweifelt, als die Wand wieder rumpelnd zum Stillstand kam. »Wo geht es raus?«
Der Raum schien auf seine Frage gewartet zu haben. Die Tür hinter ihm flog auf, und vor ihm erstreckte sich der Korridor zu den Aufzügen, beleuchtet von Fackeln und leer. Er rannte …
Vor sich konnte er einen Aufzug klappern hören; er spurtete durch den Gang, wirbelte um eine Ecke und schlug mit der Faust auf den Knopf, um einen zweiten Aufzug zu holen. Rasselnd und polternd sank der Fahrstuhl immer tiefer; die Gitter glitten auf, Harry stürzte hinein und hämmerte nun auf den Knopf mit der Aufschrift »Atrium«. Die Türen glitten zu und er fuhr nach oben …
Er zwängte sich aus dem Aufzug, noch ehe die Gitter ganz geöffnet waren, und sah sich um. Bellatrix war schon fast am Telefonlift auf der anderen Seite der Halle, doch sie blickte zurück, während er auf sie zurannte, und feuerte einen weiteren Fluch auf ihn ab. Er duckte sich hinter den Brunnen der Magischen Geschwister; der Fluch raste an ihm vorbei und traf die goldenen schmiedeeisernen Portale am anderen Ende des Atriums, die wie Glocken erklangen. Es waren keine Schritte mehr zu hören. Sie war stehen geblieben. Er kauerte sich hinter die Statuen und lauschte.
»Komm raus, komm raus, kleiner Harry!«, rief sie mit ihrer gekünstelten Babystimme, die vom Parkettboden widerhallte. »Wozu bist du mir sonst nachgerannt? Ich dachte, du wärst hier, um meinen lieben Cousin zu rächen!«
»Das bin ich auch!«, rief Harry und zwanzig geisterhafte Harrys rundum in der Halle schienen im Chor Das bin ich auch! Das bin ich auch! Das bin ich auch! zu singen.
»Aaaaaah … hast du ihn geliebt, kleines Potterbaby?«
Hass stieg in Harry hoch, wie er ihn nie gespürt hatte; er stürmte hinter dem Brunnen hervor und brüllte: »Crucio!«
Bellatrix schrie. Der Fluch hatte sie umgeworfen, doch sie krümmte sich nicht und kreischte nicht vor Schmerz, wie Neville es getan hatte – sie war schon wieder auf den Beinen, außer Atem, und sie lachte nicht mehr. Harry duckte sich erneut hinter den goldenen Brunnen. Ihr Gegenfluch traf den Kopf des hübschen Zauberers, er wurde heruntergerissen, schlug sechs Meter entfernt auf und riss lange Kratzer in den Holzboden.
»Hast noch nie einen Unverzeihlichen Fluch benutzt, nicht wahr, Junge?«, rief sie. Ihre Babystimme war nun verschwunden. »Du musst ihn auch wirklich so meinen, Potter! Du musst wirklich Schmerz zufügen wollen – es genießen – gerechter Zorn wird mir nicht lange wehtun – ich zeig dir, wie man’s macht, ja? Ich erteil dir eine Lektion –«
Harry kroch vorsichtig um den Brunnen herum, sie schrie »Crucio!«, und er war gezwungen, sich erneut zu ducken, weil der Arm des Zentauren, der den Bogen hielt, weggerissen wurde und krachend auf dem Boden landete, nicht weit vom Kopf des goldenen Zauberers entfernt.
»Potter, du kannst gegen mich nicht gewinnen!«, rief sie.
Er konnte sie nach rechts gehen hören, als sie versuchte, ihn ins Visier zu bekommen. Er wich um die Statue herum vor ihr zurück und kauerte sich hinter den Beinen des Zentauren nieder, sein Kopf auf einer Höhe mit dem des Hauselfen.
»Ich war und bin die treueste Dienerin des Dunklen Lords. Ich habe die dunklen Künste von ihm erlernt, und ich kenne Flüche von solcher Kraft, gegen die du jämmerlicher Wicht nicht einmal hoffen kannst anzukommen –«
»Stupor!«, rief Harry. Er war bis zu der Stelle gekrochen, wo der Kobold strahlend zu dem nun kopflosen Zauberer aufblickte, und hatte auf ihren Rücken gezielt, als sie um den Brunnen spähte. Sie reagierte so schnell, dass er kaum Zeit hatte, sich zu ducken.
»Protego!«
Der rote Lichtblitz, sein eigener Schockzauber, prallte gegen ihn zurück. Harry stolperte wieder hinter den Brunnen und ein Ohr des Kobolds flog durch den Raum.
»Potter, ich geb dir eine Chance!«, schrie Bellatrix. »Gib mir die Prophezeiung – roll sie zu mir rüber – und vielleicht schone ich dein Leben!«
»Dann werden Sie mich töten müssen, denn die Prophezeiung existiert nicht mehr!«, brüllte Harry und im selben Moment schoss ein brennender Schmerz über seine Stirn. Seine Narbe brannte wieder, und er spürte einen Zorn auflodern, der nichts mit seiner eigenen Wut zu tun hatte. »Und er weiß es!«, sagte Harry und lachte so wahnsinnig wie zuvor Bellatrix. »Ihr lieber alter Kumpel Voldemort weiß, dass sie weg ist! Er wird ganz und gar nicht zufrieden mit Ihnen sein.«
»Was? Was redest du da?«, schrie sie und zum ersten Mal lag Angst in ihrer Stimme.
»Die Prophezeiung ist zerbrochen, als ich versucht habe, Neville die Stufen hochzuziehen! Also, was, glauben Sie, wird Voldemort dazu sagen?«
Seine Narbe biss und brannte … der Schmerz trieb ihm Tränen in die Augen …
»LÜGNER!«, kreischte sie, aber jetzt konnte er das Entsetzen hinter ihrem Zorn hören. »DU HAST SIE, POTTER, UND DU WIRST SIE MIR GEBEN! Accio Prophezeiung! ACCIO PROPHEZEIUNG!«
Harry lachte wieder, weil er wusste, dass es sie in Rage versetzte, und der Schmerz in seinem Kopf schwoll so heftig an, dass er glaubte, sein Schädel könnte platzen. Er winkte mit seiner leeren Hand hinter dem einohrigen Kobold hervor und zog sie rasch wieder zurück, als sie einen weiteren grünen Lichtblitz auf ihn abfeuerte.
»Da ist nichts!«, rief er. »Nichts zum Herbeirufen! Sie ist zerbrochen, und keiner hat gehört, was sie gesagt hat, richten Sie das Ihrem Boss aus!«
»Nein!«, schrie sie. »Das ist nicht wahr, du lügst! HERR, ICH HAB’S VERSUCHT, ICH HAB’S VERSUCHT – BESTRAFT MICH NICHT –«
»Sparen Sie sich das Geschrei!«, rief Harry und kniff die Augen zusammen, denn seine Narbe schmerzte fürchterlicher denn je. »Er kann Sie von hier nicht hören!«
»Kann ich nicht, Potter?«, sagte eine hohe, kalte Stimme.
Harry öffnete die Augen.
Groß, dünn und mit schwarzer Kapuze, das schreckliche, schlangenähnliche Gesicht weiß und ausgemergelt, starrende scharlachrote Augen mit Pupillenschlitzen … Lord Voldemort war in der Mitte der Halle erschienen, und sein Zauberstab zielte auf Harry, der wie angefroren dastand, völlig unfähig sich zu bewegen.
»So, du hast meine Prophezeiung zerbrochen?«, sagte Voldemort leise und starrte Harry mit den gnadenlosen roten Augen an. »Nein, Bella, er lügt nicht … ich sehe die Wahrheit aus seinem unwürdigen Geist zu mir aufblicken … Monate der Vorbereitung, Monate der Mühe … und meine Todesser haben es zugelassen, dass Harry Potter erneut mein Vorhaben vereitelt …«
»Herr, es tut mir leid, ich wusste es nicht, ich habe gegen den Animagus Black gekämpft!«, schluchzte Bellatrix und warf sich Voldemort zu Füßen, als er langsam näher trat. »Herr, Ihr solltet wissen –«
»Sei still, Bella«, sagte Voldemort drohend. »Zu dir komme ich gleich. Glaubst du, ich habe das Zaubereiministerium betreten, um mir deine wehleidige Entschuldigung anzuhören?«
»Aber Herr – er ist hier – er ist unten –«
Voldemort beachtete sie nicht.
»Ich habe dir nichts weiter zu sagen, Potter«, sagte er leise. »Du hast mich zu oft verärgert, und zu lange Zeit. AVADA KEDAVRA!«
Harry hatte nicht einmal den Mund geöffnet, um Widerstand zu leisten; sein Kopf war leer, sein Zauberstab nutzlos zu Boden gerichtet.
Aber die kopflose goldene Statue des Zauberers im Brunnen war plötzlich zum Leben erwacht, sprang von ihrem Sockel und landete krachend auf dem Boden zwischen Harry und Voldemort. Der Fluch prallte einfach von der Brust der Statue ab, als sie die Arme ausbreitete, um Harry zu schützen.
»Was –?«, rief Voldemort und sah sich um. Und dann flüsterte er: »Dumbledore!«
Harry blickte hinter sich, sein Herz hämmerte. Dumbledore stand vor den goldenen Portalen.
Voldemort hob den Zauberstab und noch ein grüner Lichtblitz jagte auf Dumbledore zu. Der wandte sich um und war mit einem Wirbeln seines Umhangs verschwunden. Sofort war er hinter Voldemort wieder aufgetaucht und deutete mit seinem Zauberstab auf die Überbleibsel des Brunnens. Die anderen Statuen erwachten zum Leben. Die Statue der Hexe rannte auf Bellatrix los, die schrie und Flüche abschickte. Sie prallten jedoch wirkungslos von der Brust der Statue ab, ehe diese sich auf Bellatrix stürzte und sie am Boden festhielt. Unterdessen hasteten der Kobold und der Hauself zu den Kaminen an den Wänden, und der einarmige Zentaur stürmte im Galopp auf Voldemort los, der verschwand und neben dem Wasserbecken wieder auftauchte. Die kopflose Statue drängte Harry zurück, weg von dem Kampf. Dumbledore schritt auf Voldemort zu und der goldene Zentaur trabte um sie beide herum.
»Es war töricht, heute Nacht herzukommen, Tom«, sagte Dumbledore ruhig. »Die Auroren sind unterwegs –«
»Bis dahin bin ich verschwunden und du wirst tot sein!«, fauchte Voldemort. Er schleuderte Dumbledore einen weiteren Todesfluch entgegen, verfehlte ihn jedoch und traf stattdessen das Pult des Sicherheitsbediensteten, das in Flammen aufging.
Dumbledore machte eine kleine Bewegung mit seinem Zauberstab. Die Kraft des Zaubers, der aus ihm strömte, war so gewaltig, dass Harry spürte, wie sich ihm die Haare sträubten, als er vorbeischoss, obwohl er von seinem goldenen Wächter abgeschirmt wurde. Diesmal war Voldemort gezwungen, aus dem Nichts einen leuchtenden, silbernen Schild heraufzubeschwören, um ihn abzulenken. Der Zauber, was auch immer es war, fügte dem Schild keinen sichtbaren Schaden zu, doch vibrierte er nun mit einem tiefen, gongartigen Laut – einem Klang, der einen merkwürdig schaudern ließ.
»Du hast nicht die Absicht, mich zu töten, Dumbledore?«, rief Voldemort und seine scharlachroten Augen über dem Schild verengten sich. »Über solche Brutalität erhaben, nicht wahr?«
»Wir beide wissen, dass es andere Wege gibt, einen Mann zu zerstören, Tom«, sagte Dumbledore ruhig und schritt weiter auf Voldemort zu, als ob er nichts in der Welt zu fürchten hätte, als ob nichts geschehen wäre, das sein Schlendern durch die Halle unterbrochen hätte. »Nur dein Leben zu nehmen würde mich offen gestanden nicht zufrieden stellen –«
»Es gibt nichts Schlimmeres als den Tod, Dumbledore!«, fauchte Voldemort.
»Das ist vollkommen falsch«, entgegnete Dumbledore, der immer noch auf Voldemort zuging und so unbeschwert sprach, als ob sie die Angelegenheit bei einem Drink erörtern würden. Harry ängstigte es, ihn so dahinschreiten zu sehen, ohne Verteidigung, ohne Schild; er wollte eine Warnung hinausschreien, doch sein kopfloser Wächter schob ihn immer weiter zurück zur Wand und vereitelte jeden Versuch, an ihm vorbeizukommen. »Deine Unfähigkeit zu begreifen, dass es Dinge gibt, die weit schlimmer sind als der Tod, war schon immer deine größte Schwäche –«
Hinter dem silbernen Schild flog ein grüner Lichtblitz hervor. Diesmal war es der einarmige Zentaur, der sich im Galopp vor Dumbledore warf, den Blitz zum Explodieren brachte und in hundert Stücke zerbarst. Noch bevor sie auf dem Boden gelandet waren, hatte Dumbledore seinen Zauberstab zurückgezogen und geschwungen wie eine Peitsche. Eine lange dünne Flamme brach aus der Spitze hervor und schlang sich um Voldemort mitsamt seinem Schild. Für einen Augenblick schien es, als hätte Dumbledore gewonnen, doch dann verwandelte sich das flammende Seil in eine Schlange, die ihren Griff um Voldemort sofort löste und sich wild zischend gegen Dumbledore wandte.
Voldemort verschwand, die Schlange erhob sich vom Boden, zum Angriff bereit –
Eine Stichflamme schoss genau über Dumbledore aus dem Nichts hervor, als Voldemort wieder erschien; er stand auf der Sockelplatte inmitten des Beckens, wo eben noch die fünf Statuen gewesen waren.
»Vorsicht!«, schrie Harry.
Doch während er schrie, flog ein weiterer grüner Lichtstrahl aus Voldemorts Zauberstab auf Dumbledore zu, und die Schlange griff an –
Fawkes stieß vor Dumbledore herab, sperrte seinen Schnabel weit auf und schluckte den ganzen grünen Lichtstrahl: Er ging in Flammen auf und fiel zu Boden, klein, zerknittert und unfähig zu fliegen. Im selben Moment machte Dumbledore eine lange, fließende Bewegung mit seinem Zauberstab – und die Schlange, die im nächsten Augenblick ihre Giftzähne in ihn geschlagen hätte, flog hoch in die Luft und löste sich in einen dunklen Rauchschwaden auf; und das Wasser im Becken stieg an und umschloss Voldemort wie ein Kokon aus geschmolzenem Glas.
Einige Sekunden lang war Voldemort nur als dunkle, wogende, gesichtslose Gestalt zu erkennen, schimmernd und verschwommen auf dem Sockel, offensichtlich im Kampf gegen das, was ihn erstickte –
Dann war er verschwunden, und das Wasser fiel mit lautem Getöse zurück ins Becken, wo es heftig über die Ränder schwappte und sich über den Parkettboden ergoss.
»HERR!«, schrie Bellatrix.
In der Gewissheit, dass es vorbei war, dass Voldemort beschlossen hatte zu fliehen, wollte Harry schon hinter seinem steinernen Wächter hervorrennen, aber Dumbledore brüllte: »Bleib, wo du bist, Harry!«
Zum ersten Mal war Angst in Dumbledores Stimme. Harry begriff nicht, warum: Niemand war in der Halle außer ihnen, die schluchzende Bellatrix lag immer noch unter der Statue der Hexe gefangen, und der neugeborene Phönix Fawkes krächzte matt am Boden –
Dann brach Harrys Narbe auf, und er wusste, dass er tot war: Dies war ein Schmerz jenseits aller Vorstellungskraft, ein Schmerz jenseits dessen, was man ertragen konnte –
Er war nicht mehr in der Halle, er war gefangen in den Fesseln einer Kreatur mit roten Augen, so fest gebunden, dass Harry nicht wusste, wo sein Körper endete und der des Geschöpfs begann. Sie waren miteinander verschmolzen, aneinandergefesselt durch den Schmerz, und es gab kein Entkommen –
Und als die Kreatur sprach, benutzte sie seinen Mund, so dass er in seiner Todesqual spürte, wie sein Kiefer sich bewegte …
»Töte mich jetzt, Dumbledore …«
Er war geblendet, er starb, jede Faser schrie nach Erlösung, und Harry spürte, dass die Kreatur ihn erneut benutzte …
»Wenn der Tod nichts bedeutet, Dumbledore, dann töte den Jungen …«
Lass den Schmerz aufhören, dachte Harry … lass es zu, dass er uns tötet … setz dem ein Ende, Dumbledore … der Tod ist nichts im Vergleich hiermit …
Und ich werde Sirius wiedersehen …
Gefühle strömten in Harrys Herz und die Fesseln der Kreatur lockerten sich, der Schmerz war verschwunden; Harry lag mit dem Gesicht am Boden, seine Brille war weg, und er zitterte, als läge er auf Eis, nicht auf Holz …
Und da waren Stimmen, die durch das Atrium hallten, mehr Stimmen, als dort eigentlich hätten sein dürfen … Harry schlug die Augen auf und sah seine Brille neben der Ferse der kopflosen Statue, die ihn bewacht hatte, nun aber flach auf dem Rücken lag, zerbrochen und reglos. Er setzte die Brille auf, hob leicht den Kopf und erblickte Dumbledores Hakennase direkt vor seiner Nase.
»Alles in Ordnung mit dir, Harry?«
»Ja«, sagte Harry und schlotterte so heftig, dass er kaum den Kopf erhoben halten konnte. »Ja, ich bin – wo ist Voldemort, wo – wer sind all diese – was ist –«
Das Atrium war voller Leute; im Boden spiegelten sich die smaragdgrünen Flammen, die in den Kaminen entlang einer Wand aufgelodert waren. Ströme von Hexen und Zauberern traten aus ihnen heraus. Als Dumbledore ihn auf die Füße zog, sah Harry die kleinen goldenen Statuen des Hauselfen und des Kobolds, die einen geschockt blickenden Cornelius Fudge herbeiführten.
»Er war hier!«, rief ein Mann mit scharlachrotem Umhang und Pferdeschwanz und deutete auf einen Haufen goldenen Schutt auf der anderen Seite der Halle, wo nur Augenblicke zuvor noch Bellatrix eingeklemmt gelegen hatte. »Ich hab ihn gesehen, Mr Fudge, ich schwöre, es war Du-weißt-schon-wer, er hat eine Frau gepackt und ist disappariert!«
»Ich weiß, Williamson, ich weiß, ich habe ihn auch gesehen!«, stammelte Fudge, der einen Schlafanzug unter seinem Nadelstreifenmantel trug und keuchte, als ob er gerade meilenweit gerannt wäre. »Beim Bart des Merlin – hier – hier! – Im Zaubereiministerium! – Gütiger Himmel – kaum zu glauben, herrjemine – wie konnte das geschehen –?«
»Wenn Sie hinuntergehen in die Mysteriumsabteilung, Cornelius«, sagte Dumbledore, offensichtlich beruhigt, dass es Harry gut ging, und trat nun vor, so dass die Neuankömmlinge überhaupt erst bemerkten, dass er hier war (einige von ihnen hoben den Zauberstab; andere blickten nur verdutzt; die Statuen des Elfen und des Kobolds klatschten Beifall, und Fudge zuckte so heftig zusammen, dass seine puschenbewehrten Füße vom Boden abhoben), »dann werden Sie mehrere entflohene Todesser in der Todeskammer gefangen finden, gefesselt mit einem Anti-Disapparier-Fluch und in Erwartung Ihrer Entscheidung, was mit ihnen zu geschehen hat.«
»Dumbledore!«, keuchte Fudge, außer sich vor Verblüffung. »Sie – hier – ich – ich –«
Hektisch blickte er sich im Kreis der Auroren um, die er mitgebracht hatte, und es hätte nicht deutlicher sein können, dass er drauf und dran war zu schreien: »Packt ihn!«
»Cornelius, ich bin bereit, gegen Ihre Männer zu kämpfen – und erneut zu gewinnen!«, sagte Dumbledore mit donnernder Stimme. »Doch vor einigen Minuten haben Sie mit eigenen Augen den Beweis gesehen, dass ich Ihnen seit einem Jahr die Wahrheit gesagt habe: Lord Voldemort ist zurückgekehrt, Sie haben zwölf Monate lang den falschen Mann gejagt, und es ist an der Zeit, dass Sie auf die Stimme der Vernunft hören!«
»Ich – nicht – nun«, stammelte Fudge und blickte umher, als hoffte er, jemand würde ihm sagen, was zu tun sei. Als dies niemand tat, sagte er: »Nun gut – Dawlish! Williamson! Gehen Sie hinunter in die Mysteriumsabteilung und schauen Sie nach … Dumbledore, Sie – Sie werden mir genauestens erklären müssen – der Brunnen der Magischen Geschwister – was ist passiert?«, fügte er fast wimmernd hinzu und starrte auf den Boden, wo die Überreste der Hexen-, Zauberer- und Zentaurenstatue verstreut lagen.
»Das können wir erörtern, sobald ich Harry nach Hogwarts zurückgeschickt habe«, sagte Dumbledore.
»Harry – Harry Potter?«
Fudge wirbelte herum und starrte Harry an, der immer noch an der Wand neben der zerborstenen Statue stand, die ihn während Dumbledores und Voldemorts Duell bewacht hatte.
»Er – hier?«, sagte Fudge. »Warum – was hat das alles zu bedeuten?«
»Ich werde Ihnen alles erklären«, wiederholte Dumbledore, »sobald Harry wieder in der Schule ist.«
Er ging vom Brunnenbecken zu der Stelle, wo der Kopf des goldenen Zauberers am Boden lag. Er richtete den Zauberstab auf ihn und murmelte: »Portus.« Der Kopf erglühte blau und bebte sekundenlang geräuschvoll auf dem Holzboden, ehe er wieder still dalag.
»Hören Sie, Dumbledore!«, sagte Fudge, als Dumbledore den Kopf aufhob und damit zu Harry zurückging. »Sie haben keine Genehmigung für diesen Portschlüssel! So etwas können Sie nicht vor der Nase des Zaubereiministers machen, Sie – Sie –«
Seine Stimme brach, als Dumbledore ihn gebieterisch über seine Halbmondbrille hinweg ansah.
»Sie werden den Befehl erteilen, Dolores Umbridge aus Hogwarts zu entfernen«, sagte Dumbledore. »Sie werden Ihre Auroren anweisen, nicht mehr nach meinem Lehrer für Pflege magischer Geschöpfe zu fahnden, so dass er an seine Arbeitsstätte zurückkehren kann. Ich werde Ihnen …«, Dumbledore zog eine Uhr mit zwölf Zeigern aus der Tasche und warf einen Blick darauf, »… heute Nacht eine halbe Stunde meiner Zeit gewähren, in der wir, wie ich glaube, das, was hier geschehen ist, in allen wesentlichen Punkten erörtern können. Danach werde ich in meine Schule zurückkehren müssen. Und wenn Sie weitere Hilfe von mir benötigen, sind Sie natürlich herzlich aufgefordert, mit mir auf Hogwarts in Kontakt zu treten. Briefe, die an den Schulleiter adressiert sind, erreichen mich gewöhnlich.«
Fudge glotzte verständnislos; sein Mund stand offen und sein rundes Gesicht unter seinem zerwühlten grauen Haar wurde zunehmend rosa.
»Ich – Sie –«
Dumbledore kehrte ihm den Rücken zu.
»Nimm diesen Portschlüssel, Harry.«
Er streckte ihm den goldenen Kopf der Statue entgegen und Harry legte seine Hand auf ihn; es kümmerte ihn nicht mehr, was er als Nächstes tat oder wo es hinging.
»Wir sehen uns in einer halben Stunde«, sagte Dumbledore leise. »Eins … zwei … drei …«
Harry hatte die vertraute Empfindung, als ob ein Haken hinter seinem Nabel nach vorne gerissen würde. Der Parkettboden unter seinen Füßen war fort, das Atrium, Fudge und Dumbledore waren allesamt verschwunden, und er flog dahin in einem Wirbelwind aus Farben und Klängen …
Die verlorene Prophezeiung
Harrys Füße schlugen auf festem Boden auf; seine Knie knickten leicht ein und der goldene Zaubererkopf fiel mit einem dröhnenden Klonk zu Boden. Er blickte sich um und sah, dass er in Dumbledores Büro angekommen war.
Während der Abwesenheit des Schulleiters schien sich alles selbst wiederhergestellt zu haben. Die zierlichen silbernen Instrumente standen wieder auf den storchbeinigen Tischen und pafften und sirrten gelassen. Die Porträts der Schulleiter und Schulleiterinnen dösten in ihren Rahmen, die Köpfe nach hinten in die Sessel oder an die Bilderrahmen gelehnt. Harry blickte aus dem Fenster. Eine kühle, blassgrüne Linie war entlang des Horizonts zu sehen: Der Morgen brach an.
Die Stille und Ruhe, unterbrochen nur vom gelegentlichen Grunzen oder Schniefen eines schlafenden Porträts, lastete unerträglich auf ihm. Wenn diese Umgebung seine Gefühle hätte widerspiegeln können, dann hätten die Bilder vor Schmerz geschrien. Rasch atmend ging er in dem stillen, schönen Büro umher und versuchte nicht zu denken. Aber er musste denken … es gab kein Entrinnen …
Es war seine Schuld, dass Sirius gestorben war, alles war seine Schuld. Wenn er nicht so dumm gewesen wäre, auf Voldemorts List hereinzufallen, wenn er nicht so überzeugt gewesen wäre, dass das, was er im Traum gesehen hatte, Wirklichkeit war, wenn er in seinem Denken nur die Möglichkeit zugelassen hätte, dass Voldemort, wie Hermine gemeint hatte, auf Harrys Vorliebe, den Helden zu spielen, gesetzt hatte …
Es war unerträglich, er wollte nicht darüber nachdenken, er hielt es nicht aus … in ihm war eine schreckliche Leere, und er wollte sie nicht spüren oder erforschen, ein dunkles Loch, wo Sirius gewesen war, in dem Sirius verschwunden war; er wollte nicht allein sein müssen mit diesem großen, stillen Büro, er konnte es nicht ertragen –
Aus einem Bild hinter ihm drang ein besonders lautes, grunzendes Schnarchen und eine kühle Stimme sagte: »Ah … Harry Potter …«
Phineas Nigellus gähnte herzhaft und streckte die Arme aus, während er Harry mit schlauem Blick aus schmalen Augen ansah.
»Und was führt dich in den frühen Morgenstunden hierher?«, sagte Phineas schließlich. »Zu diesem Büro hat eigentlich niemand Zutritt außer dem rechtmäßigen Schulleiter. Oder hat Dumbledore dich hergeschickt? Ach, sag bloß nicht …« Er gähnte von neuem und schauderte. »Noch eine Nachricht für meinen unwürdigen Ururenkel?«
Harry brachte kein Wort hervor. Phineas Nigellus wusste nicht, dass Sirius tot war, aber Harry konnte es ihm nicht sagen. Es laut auszusprechen hieße, dass es endgültig, absolut, unwiderrufbar sein würde.
Noch ein paar Porträts rührten sich jetzt. Harry graute es davor, befragt zu werden, und so durchquerte er mit zügigen Schritten das Zimmer und packte den Türknauf.
Er ließ sich nicht drehen. Harry war eingeschlossen.
»Ich hoffe, das heißt«, sagte der korpulente rotnasige Zauberer, der an der Wand hinter dem Schreibtisch des Schulleiters hing, »dass Dumbledore bald wieder unter uns weilen wird?«
Harry wandte sich um. Der Zauberer musterte ihn mit großem Interesse. Harry nickte. Er rüttelte weiter an dem Türknauf hinter seinem Rücken, doch er ließ sich immer noch nicht bewegen.
»Oh, gut«, sagte der Zauberer. »Es war sehr trist ohne ihn, sehr trist, in der Tat.«
Er ließ sich auf dem thronartigen Stuhl nieder, auf dem er gemalt worden war, und lächelte Harry wohlwollend an.
»Dumbledore hält sehr viel von dir, wie du sicher weißt«, sagte er mit Behagen. »O ja. Hat große Hochachtung vor dir.«
Die Schuld, die Harrys Brust wie ein gewaltiger, schwerer Parasit erfüllte, krümmte und schlängelte sich jetzt. Harry konnte es nicht ertragen, er konnte es nicht mehr ertragen, er selbst zu sein … er hatte sich noch nie so sehr in seinem eigenen Kopf und Körper gefangen gefühlt, sich nie so heftig gewünscht, jemand anderer sein zu können, irgendjemand …
Im leeren Kamin loderten smaragdgrüne Flammen auf, und Harry sprang von der Tür zurück und starrte auf den Mann, der darin wirbelte. Als Dumbledores hohe Gestalt sich aus dem Feuer löste, schreckten die Hexen und Zauberer an den Wänden ringsum aus dem Schlaf, und viele von ihnen ließen Willkommensrufe hören.
»Danke«, sagte Dumbledore leise.
Er blickte Harry zunächst nicht an, sondern ging hinüber zu der Vogelstange neben der Tür, zog aus einer Innentasche seines Umhangs den kleinen, hässlichen, federlosen Fawkes hervor und setzte ihn sachte auf die Schale mit weicher Asche unter der goldenen Stange, auf welcher der ausgewachsene Fawkes normalerweise hockte.
»Nun, Harry«, sagte Dumbledore und wandte sich endlich von dem neugeborenen Vogel ab, »du wirst dich freuen zu hören, dass keiner deiner Mitschüler von den Ereignissen dieser Nacht einen bleibenden Schaden zurückbehalten wird.«
Harry versuchte »gut« zu sagen, doch er brachte keinen Laut hervor. Er hatte den Eindruck, als würde Dumbledore ihn an den furchtbaren Schaden erinnern, den er verursacht hatte, und obwohl Dumbledore ihn nun endlich einmal offen ansah und seine Miene freundlich und nicht anklagend war, brachte Harry es nicht über sich, ihm direkt in die Augen zu sehen.
»Madam Pomfrey flickt sie alle zusammen«, sagte Dumbledore. »Nymphadora Tonks wird wohl ein wenig im St. Mungo bleiben müssen, aber es sieht so aus, als würde sie sich vollkommen erholen.«
Harry beschied sich damit, dem Teppich zuzunicken, der immer heller wirkte, während der Himmel draußen bleicher wurde. Er war sicher, dass alle Porträts rundum begierig auf jedes Wort lauschten, das Dumbledore sprach, und sich fragten, wo Dumbledore und Harry gewesen waren und warum es Verletzte gegeben hatte.
»Ich weiß, wie du dich fühlst, Harry«, sagte Dumbledore sehr leise.
»Nein, das wissen Sie nicht«, erwiderte Harry und seine Stimme war plötzlich laut und stark; weiß glühender Zorn kochte in ihm hoch; Dumbledore wusste nichts von seinen Gefühlen.
»Sehen Sie, Dumbledore?«, sagte Phineas Nigellus hinterlistig. »Versuchen Sie nie, die Schüler zu verstehen. Sie hassen es. Sie möchten viel eher tragisch missverstanden sein, sich in Selbstmitleid suhlen, schmoren in ihrem eigenen –«
»Das genügt, Phineas«, sagte Dumbledore.
Harry wandte Dumbledore den Rücken zu und starrte entschlossen aus dem Fenster. In der Ferne konnte er das Quidditch-Stadion sehen. Sirius war einst dort erschienen, getarnt als zottiger schwarzer Hund, damit er Harry spielen sehen konnte … wahrscheinlich war er gekommen, um zu sehen, ob Harry so gut war wie einst James … Harry hatte ihn nie danach gefragt …
»Du hast keinen Grund, dich für das, was du fühlst, zu schämen, Harry«, sagte Dumbledores Stimme. »Im Gegenteil … die Tatsache, dass du auf solche Weise Schmerz empfinden kannst, ist deine größte Stärke.«
Harry spürte, wie der weiß glühende Zorn an seinen Eingeweiden leckte, in der schrecklichen Leere aufflammte und ihn mit dem Verlangen erfüllte, Dumbledore wegen seiner Gelassenheit und seiner hohlen Worte Schmerz zuzufügen.
»Meine größte Stärke, tatsächlich?«, sagte Harry, und seine Stimme zitterte, während er hinausstarrte in Richtung des Quidditch-Stadions, das er längst nicht mehr sah. »Sie haben keine Ahnung … Sie wissen nicht …«
»Was weiß ich nicht?«, fragte Dumbledore ruhig.
Es war zu viel. Bebend vor Wut wandte Harry sich um.
»Ich will nicht darüber sprechen, wie ich mich fühle, in Ordnung?«
»Harry, dass du so leidest, beweist, dass du noch immer ein Mensch bist! Dieser Schmerz gehört zum Menschsein –«
»DANN – WILL – ICH – KEIN – MENSCH – SEIN!«, brüllte Harry, und er packte das zierliche silberne Instrument auf dem Tisch neben ihm und schleuderte es durch den Raum; es zerbrach an der Wand in hundert winzige Stücke. Von mehreren Bildern kamen zornige und verängstigte Rufe und das Porträt von Armando Dippet sagte: »Also wirklich!«
»IST MIR EGAL!«, schrie Harry sie an, schnappte sich ein Lunaskop und warf es in den Kamin. »ICH HAB GENUG, ICH HAB GENUG GESEHEN, ICH WILL RAUS, ICH WILL, DASS ES AUFHÖRT, MIR IST JETZT ALLES EGAL –«
Er packte den Tisch, auf dem das silberne Instrument gestanden hatte, und warf auch ihn um. Er zerbrach am Boden und seine Beine rollten kreuz und quer davon.
»Es ist dir nicht egal«, sagte Dumbledore. Er hatte nicht mit der Wimper gezuckt und auch keinen Finger gerührt, um Harry daran zu hindern, sein Büro zu demolieren. Sein Gesichtsausdruck war ruhig, beinahe gleichgültig. »Es ist dir so wenig egal, dass du das Gefühl hast, du würdest vor Schmerz darüber verbluten.«
»TU – ICH – NICHT!«, schrie Harry, so laut, dass er meinte, seine Kehle könnte reißen, und einen Augenblick lang wollte er auf Dumbledore losstürmen und auch ihn zerbrechen; dieses ruhige alte Gesicht zerschmettern, ihn schütteln, ihm wehtun, ihn einen winzigen Teil des Grauens in ihm spüren lassen.
»O doch, das tust du«, sagte Dumbledore noch ruhiger. »Du hast jetzt deine Mutter, deinen Vater und den Menschen, der einem Vater am nächsten kam, verloren. Natürlich ist es dir nicht egal.«
»SIE WISSEN NICHT, WIE ICH MICH FÜHLE!«, brüllte Harry. »SIE – STEHEN DA – SIE –«
Doch Worte waren nicht mehr genug, Dinge zerstören half nicht mehr; er wollte rennen, er wollte immer weiter rennen und nie zurückblicken, er wollte irgendwo sein, wo er die klaren blauen Augen nicht sehen konnte, die ihn anstarrten, dieses verhasste ruhige alte Gesicht. Er rannte zur Tür, packte erneut den Knauf und rüttelte daran.
Doch die Tür ging nicht auf.
Harry drehte sich wieder zu Dumbledore um.
»Lassen Sie mich raus«, sagte er. Er zitterte am ganzen Körper.
»Nein«, sagte Dumbledore schlicht.
Ein paar Sekunden lang starrten sie einander an.
»Lassen Sie mich raus«, sagte Harry abermals.
»Nein«, wiederholte Dumbledore.
»Wenn nicht – wenn Sie mich hier festhalten – wenn Sie mich nicht rauslassen –«
»Nur zu, zerstöre weiter, was ich besitze«, sagte Dumbledore gelassen. »Ich würde sagen, es ist ohnehin zu viel.«
Er ging um seinen Schreibtisch herum, setzte sich hinter ihn und musterte Harry.
»Lassen Sie mich raus«, sagte Harry noch einmal, mit einer Stimme, die kalt und fast so ruhig war wie die Dumbledores.
»Nicht ehe ich gesagt habe, was ich sagen will«, antwortete Dumbledore.
»Glauben Sie – glauben Sie, ich will – glauben Sie, es würde auch nur einen – ES IST MIR EGAL, WAS SIE ZU SAGEN HABEN!«, brüllte Harry. »Ich will nichts von dem hören, was Sie zu sagen haben!«
»Du wirst es«, sagte Dumbledore mit fester Stimme. »Weil du nicht annähernd so zornig auf mich bist, wie du sein solltest. Wenn du mich angreifen solltest, und ich weiß, du bist drauf und dran es zu tun, dann möchte ich es auch gründlich verdient haben.«
»Wovon reden Sie –?«
»Es ist meine Schuld, dass Sirius gestorben ist«, sagte Dumbledore klar. »Oder sollte ich sagen, fast gänzlich meine Schuld – ich möchte nicht so hochmütig sein und die Verantwortung für alles beanspruchen. Sirius war ein mutiger, kluger und tatkräftiger Mann, und solche Männer sind meist nicht damit zufrieden, zu Hause versteckt zu hocken, während sie glauben, dass andere in Gefahr sind. Dennoch, du hättest nie auch nur einen Moment lang glauben dürfen, es gäbe irgendeine Notwendigkeit für dich, heute Nacht in die Mysteriumsabteilung zu gehen. Wenn ich offen zu dir gewesen wäre, Harry, wie ich es hätte sein sollen, hättest du schon vor langer Zeit erfahren, dass Voldemort womöglich versuchen würde, dich in die Mysteriumsabteilung zu locken, und man hätte dich nie überlisten können, heute Nacht dort hinzugehen. Und Sirius hätte dir nicht folgen müssen. Diese Schuld liegt bei mir, und bei mir allein.«
Harry stand immer noch da, die Hand auf dem Türknauf, ohne sich dessen bewusst zu sein. Mit angehaltenem Atem blickte er unverwandt auf Dumbledore, lauschte und begriff doch kaum, was er hörte.
»Bitte setz dich«, sagte Dumbledore. Es war kein Befehl, es war ein Wunsch.
Harry zögerte, dann ging er langsam durch den Raum, der nun mit silbernen Rädchen und Holzsplittern übersät war, und nahm vor Dumbledores Schreibtisch Platz.
»Habe ich das richtig verstanden«, sagte links von Harry Phineas Nigellus mit langsamer Stimme, »dass mein Ururenkel – der Letzte der Blacks – tot ist?«
»Ja, Phineas«, sagte Dumbledore.
»Das glaube ich nicht«, erwiderte Phineas schroff.
Harry wandte den Kopf und sah gerade noch, wie Phineas aus seinem Porträt schritt, und er wusste, dass er sein anderes Gemälde am Grimmauldplatz besuchen gegangen war. Vielleicht würde er von Porträt zu Porträt laufen und im ganzen Haus nach Sirius rufen …
»Harry, ich schulde dir eine Erklärung«, sagte Dumbledore. »Eine Erklärung zu den Fehlern eines alten Mannes. Denn ich sehe jetzt, dass das, was ich im Hinblick auf dich getan und nicht getan habe, alle Merkmale der Schwächen des Alters trägt. Die Jugend kann nicht wissen, wie das Alter denkt und fühlt. Aber alte Menschen machen sich schuldig, wenn sie vergessen, was es hieß, jung zu sein … und wie es scheint, habe ich es in jüngster Zeit vergessen …«
Die Sonne ging jetzt richtig auf; über den Bergen lag ein Band aus blendendem Orange und der Himmel darüber war farblos und hell. Das Licht fiel auf Dumbledore, auf das Silber seiner Augenbrauen und seines Bartes, auf die Falten, die tief in sein Gesicht gegraben waren.
»Vor fünfzehn Jahren«, sagte Dumbledore, »als ich die Narbe auf deiner Stirn sah, vermutete ich, was sie bedeuten könnte. Ich vermutete, sie könnte das Zeichen einer Verbindung sein, die zwischen dir und Voldemort geschmiedet wurde.«
»Das haben Sie mir schon einmal erklärt, Professor«, sagte Harry offen heraus. Es war ihm gleich, wenn er unhöflich war. Es war ihm inzwischen so ziemlich alles egal.
»Ja«, sagte Dumbledore entschuldigend. »Ja, aber verstehst du – ich muss mit deiner Narbe beginnen. Denn kurz nachdem du wieder in die magische Welt eingetreten warst, wurde offensichtlich, dass ich Recht gehabt hatte und dass deine Narbe dir Warnsignale gab, wenn Voldemort in deiner Nähe war oder auch nur ein starkes Gefühl hatte.«
»Ich weiß«, sagte Harry matt.
»Und diese deine Fähigkeit – Voldemorts Anwesenheit wahrzunehmen, selbst wenn er getarnt ist, und zu wissen, was er spürt, wenn seine Gefühle auflodern – trat immer deutlicher zutage, seit Voldemort in seinen eigenen Körper zurückgekehrt war und all seine Kräfte wiedererlangt hatte.«
Harry nickte nicht einmal. Das alles wusste er bereits.
»In letzter Zeit«, sagte Dumbledore, »geriet ich in Sorge, Voldemort könnte erkennen, dass eine Verbindung zwischen euch existiert. Und tatsächlich, es kam ein Zeitpunkt, an dem du so weit in seinen Geist und seine Gedanken eindrangst, dass er deine Anwesenheit spürte. Ich spreche natürlich von der Nacht, in der du den Angriff auf Mr Weasley miterlebt hast.«
»Ja, Snape hat es mir gesagt«, murmelte Harry.
»Professor Snape, Harry«, korrigierte ihn Dumbledore leise. »Aber hast du dich nicht gefragt, warum nicht ich es war, der dir dies erklärt hat? Warum habe nicht ich dich Okklumentik gelehrt? Warum habe ich dich monatelang nicht einmal angesehen?«
Harry blickte auf. Er konnte jetzt erkennen, dass Dumbledore traurig und müde aussah.
»Doch«, murmelte Harry. »Doch, das hab ich mich oft gefragt.«
»Verstehst du«, fuhr Dumbledore fort, »ich glaubte, es könne nicht lange dauern, bis Voldemort versuchen würde, gewaltsam in deinen Geist einzudringen, deine Gedanken zu manipulieren und in die falsche Richtung zu führen, und ich war nicht erpicht darauf, ihm noch mehr Anreize dafür zu bieten. Ich war mir gewiss, wenn er erkannte, dass unsere Beziehung enger war – oder je gewesen war – als die von Schulleiter und Schüler, dann würde er die Chance ergreifen, dich als Mittel einzusetzen, um mich auszuspionieren. Ich fürchtete, wozu er dich hätte benutzen können, die Möglichkeit, dass er versuchen könnte, von dir Besitz zu ergreifen. Harry, ich glaube, ich war zu Recht überzeugt, dass Voldemort dich auf solche Weise benutzt hätte. Bei jenen seltenen Gelegenheiten, da wir engen Kontakt hatten, glaubte ich zu sehen, wie ein Schatten von ihm sich hinter deinen Augen regte …«
Harry erinnerte sich, dass er in den Momenten, wenn seine Augen mit Dumbledores Kontakt gehabt hatten, das Gefühl hatte, eine schlafende Schlange hätte sich in ihm emporgereckt, bereit zum Angriff.
»Wenn Voldemort von dir Besitz ergriffen hätte, dann hätte er, wie er heute Nacht bewiesen hat, nicht das Ziel verfolgt, mich zu zerstören. Er hätte dich zerstört. Als er sich vor kurzem deiner bemächtigt hatte, hoffte er, dass ich dich opfern würde in der Hoffnung, ihn zu töten. Verstehst du, indem ich Distanz zu dir hielt, versuchte ich dich zu schützen, Harry. Der Fehler eines alten Mannes …«
Er seufzte schwer. Harry ließ die Worte über sich hinwegströmen. Vor ein paar Monaten wäre es spannend für ihn gewesen, dies alles zu erfahren, doch nun war es sinnlos angesichts des gähnenden Abgrunds in ihm, den der Verlust von Sirius bedeutete; nichts davon war wichtig …
»Sirius hat mir berichtet, dass du Voldemort in dir erwachen spürtest in der Nacht, als du die Vision von dem Angriff auf Arthur Weasley hattest. Ich wusste sofort, dass meine schlimmsten Befürchtungen begründet waren: Voldemort hatte erkannt, dass er dich benutzen konnte. In dem Versuch, dich gegen Voldemorts Angriffe auf deinen Geist zu wappnen, ordnete ich Okklumentikstunden mit Professor Snape an.«
Er hielt inne. Harry sah, wie das Sonnenlicht langsam über Dumbledores polierte Schreibtischplatte glitt und ein silbernes Tintenfass und eine schöne scharlachrote Schreibfeder erstrahlen ließ. Harry war klar, dass die Porträts rund um sie her wach waren und gebannt Dumbledores Erklärung lauschten; gelegentlich konnte er das Rascheln eines Umhangs hören oder ein leichtes Räuspern. Phineas Nigellus war immer noch nicht zurückgekehrt …
»Professor Snape entdeckte«, nahm Dumbledore den Faden wieder auf, »dass du seit Monaten von der Tür zur Mysteriumsabteilung geträumt hattest. Voldemort war natürlich besessen von der Möglichkeit, die Prophezeiung zu hören, seit er seinen Körper wiedergewonnen hatte; und wenn er in Gedanken an der Tür verweilte, tatest du es auch, obwohl du nicht wusstest, was es bedeutete.
Und dann hast du gesehen, wie Rookwood, der vor seiner Festnahme in der Mysteriumsabteilung gearbeitet hatte, Voldemort erklärte, was wir schon immer wussten – dass die Prophezeiungen, die in der Mysteriumsabteilung aufbewahrt werden, mit starkem Schutz umgeben sind. Nur die Menschen, auf die sie sich beziehen, können sie aus ihren Regalen heben, ohne dem Wahnsinn zu verfallen: Deshalb hätte entweder Voldemort selbst das Zaubereiministerium betreten und es riskieren müssen, sich doch noch zu offenbaren – oder du hättest sie für ihn holen müssen. Dass du Okklumentik lerntest, wurde nun umso dringlicher.«
»Aber ich hab’s nicht getan«, murmelte Harry. Er sagte es laut in dem Versuch, die tödliche Last der Schuld in ihm zu lindern: Ein Geständnis würde den schrecklichen Druck mindern, der sein Herz zerquetschte. »Ich habe nicht geübt, es hat mich nicht gekümmert, ich hätte es schaffen können, dass diese schrecklichen Träume aufhören, Hermine hat mir ständig gesagt, ich solle es tun, und wenn ich es getan hätte, dann wäre er nie imstande gewesen mir zu zeigen, wohin ich gehen sollte, und – Sirius wär nicht – Sirius wär nicht –«
Etwas in Harrys Kopf brach auf: ein Bedürfnis, sich zu rechtfertigen, zu erklären –
»Ich wollte rausfinden, ob er Sirius wirklich gefangen hatte, ich bin in Umbridges Büro gegangen, ich hab im Feuer mit Kreacher gesprochen, und er hat gesagt, Sirius sei nicht da, er sei fortgegangen!«
»Kreacher hat gelogen«, sagte Dumbledore ruhig. »Du bist nicht sein Herr, er konnte dich belügen, ohne dass er sich bestrafen musste. Kreacher wollte, dass du ins Zaubereiministerium gingst.«
»Er – er hat mich absichtlich dort hingeschickt?«
»O ja. Kreacher, fürchte ich, hat monatelang nicht nur einem Herrn gedient.«
»Wie?«, sagte Harry verdutzt. »Er hat das Haus am Grimmauldplatz seit Jahren nicht verlassen.«
»Kreacher packte kurz vor Weihnachten die Gelegenheit beim Schopf«, sagte Dumbledore, »als Sirius ihn offenbar mit ›raus hier‹ angebrüllt hatte. Er nahm Sirius beim Wort und hat dies als Befehl gedeutet, das Haus zu verlassen. Er ging zum einzigen Mitglied der Familie Black, vor dem er noch irgendwelchen Respekt hatte … Blacks Cousine Narzissa, Schwester von Bellatrix und Frau von Lucius Malfoy.«
»Woher wissen Sie das alles?«, fragte Harry. Sein Herz schlug sehr schnell. Ihm war schlecht. Er erinnerte sich, dass er sich wegen Kreachers merkwürdiger Abwesenheit zu Weihnachten Sorgen gemacht hatte, erinnerte sich, dass Kreacher auf dem Dachboden wieder aufgetaucht war …
»Kreacher hat es mir gestern Abend erzählt«, sagte Dumbledore. »Als du nämlich Professor Snape diese verdeckte Warnung gabst, erkannte er, dass du eine Vision von Sirius gehabt hattest, wie er in den Tiefen der Mysteriumsabteilung gefangen war. Genau wie du hat er sofort versucht, mit Sirius Kontakt aufzunehmen. Dazu muss ich sagen, dass Mitglieder des Phönixordens zuverlässigere Methoden haben, miteinander zu kommunizieren, als durch den Kamin in Dolores Umbridges Büro. Professor Snape fand heraus, dass Sirius am Leben und wohlbehalten im Haus am Grimmauldplatz war.
Als du jedoch nicht von dem Ausflug mit Dolores Umbridge in den Wald zurückgekehrt bist, begann Professor Snape sich Sorgen zu machen, du könntest immer noch glauben, Sirius sei ein Gefangener von Lord Voldemort. Er hat umgehend gewisse Mitglieder des Ordens alarmiert.«
Dumbledore seufzte schwer und fuhr fort. »Alastor Moody, Nymphadora Tonks, Kingsley Shacklebolt und Remus Lupin waren im Hauptquartier, als er Kontakt aufnahm. Alle erklärten sich bereit, dir sofort zu Hilfe zu eilen. Professor Snape verlangte, dass Sirius zurückbleiben solle, da er jemanden im Hauptquartier brauchte, um mir zu sagen, was geschehen war, denn ich sollte jeden Moment dort eintreffen. Unterdessen wollte er, Professor Snape, im Wald nach dir suchen.
Aber Sirius wollte nicht zurückbleiben, während die anderen aufbrachen, um dich zu finden. Er überließ Kreacher die Aufgabe, mir zu sagen, was geschehen war. Als ich dann, kurz nachdem alle zum Ministerium gegangen waren, am Grimmauldplatz ankam, war es also der Elf, der mir mitteilte – und er wäre vor Lachen fast geplatzt –, wohin Sirius verschwunden sei.«
»Er hat gelacht?«, sagte Harry mit hohler Stimme.
»O ja«, sagte Dumbledore. »Verstehst du, Kreacher war nicht in der Lage, uns ganz und gar zu verraten. Er ist kein Geheimniswahrer des Ordens, er konnte den Malfoys unseren Aufenthaltsort nicht mitteilen und auch keinen der geheimen Pläne des Ordens, die zu enthüllen man ihm verboten hatte. Er war durch die Zauber, die auf seiner Rasse liegen, gebunden, was heißt, dass er einen direkten Befehl seines Herrn, Sirius, nicht verweigern konnte. Doch er lieferte Narzissa gewisse Informationen, die sehr wertvoll für Voldemort waren, aber Sirius zu banal vorgekommen sein müssen, als dass er daran gedacht hätte, ihm ihre Wiederholung zu verbieten.«
»Zum Beispiel?«, fragte Harry.
»Zum Beispiel die Tatsache, dass der Mensch, der Sirius am wichtigsten überhaupt gewesen ist, du warst«, sagte Dumbledore leise. »Oder die Tatsache, dass du Sirius allmählich als eine Mischung aus Vater und Bruder gesehen hast. Natürlich wusste Voldemort bereits, dass Sirius im Orden war und dass du wusstest, wo er sich aufhielt – aber Kreachers Informationen machten ihm deutlich, dass der eine Mensch, für dessen Rettung du alles tun würdest, Sirius Black war.«
Harrys Lippen waren kalt und taub.
»Und … als ich Kreacher gestern Abend fragte, ob Sirius da sei …«
»Die Malfoys hatten ihm gesagt – zweifellos auf Voldemorts Anweisung hin –, er müsse eine Möglichkeit finden, Sirius nicht in Erscheinung treten zu lassen, sobald du die Vision gehabt hattest, dass er gefoltert wurde. Wenn du dann beschließen würdest zu prüfen, ob Sirius zu Hause war oder nicht, würde Kreacher in der Lage sein, so zu tun, als ob Sirius nicht da wäre. Kreacher hat gestern den Hippogreif Seidenschnabel verletzt, und in dem Moment, da du im Feuer aufgetaucht bist, war Sirius oben im Haus, um ihn zu pflegen.«
In Harrys Lungen schien sehr wenig Luft zu sein; sein Atem ging schnell und flach.
»Und Kreacher hat Ihnen das alles erzählt … und gelacht?«, krächzte er.
»Er wollte es mir nicht erzählen«, sagte Dumbledore. »Aber meine Fähigkeiten als Legilimentor sind hinreichend ausgebildet, um zu erkennen, wenn man mich anlügt, und ehe ich zur Mysteriumsabteilung aufbrach, habe ich ihn – überredet, mir die ganze Geschichte zu erzählen.«
»Und«, flüsterte Harry, die Hände auf den Knien zu kalten Fäusten geballt, »und Hermine hat uns immer gesagt, wir sollten nett zu ihm sein –«
»Sie hatte völlig Recht, Harry«, erwiderte Dumbledore. »Als wir Grimmauldplatz Nummer zwölf als Hauptquartier auswählten, ermahnte ich Sirius, dass Kreacher freundlich und respektvoll behandelt werden müsse. Ich sagte ihm zudem, dass Kreacher gefährlich für uns werden könnte. Ich glaube nicht, dass Sirius mich sonderlich ernst nahm oder dass er Kreacher jemals als ein Wesen mit Gefühlen betrachtete, die so heftig wie die eines Menschen sind –«
»Geben Sie ihm nicht die – reden Sie – nicht so von Sirius –« Harry war die Luft abgeschnürt, er brachte die Worte nicht richtig heraus; doch die Wut, die für kurze Zeit abgeflaut war, flammte wieder in ihm auf: Er wollte es nicht zulassen, dass Dumbledore Sirius kritisierte.
»Kreacher ist ein lügnerischer – abscheulicher – er hat verdient, dass –«
»Kreacher ist das, wozu ihn die Zauberer gemacht haben, Harry«, sagte Dumbledore. »Ja, er verdient Mitleid. Sein Leben war so elend wie das deines Freundes Dobby. Er war gezwungen, Sirius zu Diensten zu sein, weil Sirius der Letzte der Familie war, an die Kreacher versklavt wurde, doch er hat kein wahrhaftiges Gefühl der Treue ihm gegenüber empfunden. Und was immer Kreachers Fehler sein mögen, man muss bedenken, dass Sirius nichts unternommen hat, um Kreachers Schicksal zu erleichtern –«
»REDEN SIE NICHT SO ÜBER SIRIUS!«, rief Harry.
Er war wieder auf den Beinen, wutentbrannt, bereit, auf Dumbledore loszugehen, der Sirius offensichtlich überhaupt nicht verstanden hatte, nicht, wie mutig er war, wie sehr er gelitten hatte …
»Was ist mit Snape?«, fauchte Harry. »Über den reden Sie nicht, oder? Als ich ihm sagte, dass Voldemort Sirius hätte, hat er mich nur hämisch angegrinst wie üblich –«
»Harry, du weißt, dass Professor Snape vor Dolores Umbridge keine andere Wahl hatte, als so zu tun, als würde er dich nicht ernst nehmen«, sagte Dumbledore mit fester Stimme, »aber wie ich dir erklärt habe, hat er dem Orden so bald wie möglich mitgeteilt, was du gesagt hattest. Er war es, der darauf geschlossen hat, wo du hingegangen warst, als du nicht aus dem Wald zurückkamst. Er war es auch, der Professor Umbridge falsches Veritaserum gegeben hatte, als sie dich zwingen wollte, ihr Sirius’ Aufenthaltsort zu verraten.«
Harry wischte es beiseite; Snape die Schuld zu geben bereitete ihm ein grimmiges Vergnügen, es schien sein eigenes schreckliches Schuldgefühl zu lindern, und er wollte hören, dass Dumbledore ihm zustimmte.
»Snape – Snape – hat Sirius ge-getriezt, weil er im Haus blieb – er hat Sirius als Feigling hingestellt –«
»Sirius war viel zu alt und klug, um sich durch solch schwächliche Provokationen verletzen zu lassen«, sagte Dumbledore.
»Snape hat aufgehört, mir Okklumentikunterricht zu geben!«, knurrte Harry. »Er hat mich aus seinem Büro geworfen!«
»Das weiß ich wohl«, sagte Dumbledore mit schwerer Stimme. »Ich habe bereits gesagt, dass es ein Fehler von mir war, dich nicht selbst zu unterrichten, obwohl ich damals sicher war, dass nichts hätte gefährlicher sein können, als deinen Geist in meiner Anwesenheit noch weiter für Voldemort zu öffnen –«
»Snape hat es noch schlimmer gemacht, immer nach den Stunden mit ihm hat meine Narbe noch heftiger geschmerzt –« Harry erinnerte sich an das, was Ron dazu gesagt hatte, und trumpfte auf – »Woher wissen Sie, dass er nicht versucht hat, mich für Voldemort mürbe zu machen, damit er es leichter hatte, in mich einzudringen –?«
»Ich vertraue Severus Snape«, sagte Dumbledore schlicht. »Aber ich habe vergessen – noch ein Fehler eines alten Mannes –, dass manche Wunden zu tief sind, um zu heilen. Ich glaubte, Professor Snape könnte seine Gefühle, was deinen Vater anbelangt, überwinden – ich hatte Unrecht.«
»Aber das ist in Ordnung, ja?«, rief Harry und achtete nicht auf die entrüsteten Mienen und das missbilligende Gemurmel der Porträts an den Wänden. »Es ist in Ordnung, wenn Snape meinen Vater hasst, aber es ist nicht in Ordnung, wenn Sirius Kreacher hasst?«
»Sirius hat Kreacher nicht gehasst«, sagte Dumbledore. »Er betrachtete ihn als einen Diener, der es nicht wert war, dass man sich groß für ihn interessierte oder ihn beachtete. Gleichgültigkeit und Vernachlässigung richten oft größeren Schaden an als offene Abneigung … der Brunnen, den wir heute Nacht zerstört haben, verkündete eine Lüge. Wir Zauberer haben unsere Gefährten allzu lange misshandelt und missbraucht, und nun ernten wir, was wir gesät haben.«
»ALSO HAT SIRIUS VERDIENT, WAS ER BEKOMMEN HAT?«, rief Harry.
»Das habe ich nicht gesagt und du wirst es mich auch nie sagen hören«, erwiderte Dumbledore leise. »Sirius war kein grausamer Mensch, im Allgemeinen war er freundlich zu Hauselfen. Er empfand keine Zuneigung für Kreacher, weil Kreacher eine lebende Erinnerung an das Zuhause war, das Sirius gehasst hat.«
»Allerdings, er hat es gehasst!«, sagte Harry und seine Stimme erstarb. Er kehrte Dumbledore den Rücken und entfernte sich. Der Raum lag nun in hellem Sonnenlicht, und die Augen der Porträts folgten seinen Schritten, während Harry nicht bemerkte, was er tat, und das Büro nicht einmal wahrnahm. »Sie haben ihn in diesem Haus eingeschlossen, und er hat es gehasst, deshalb wollte er gestern Abend dort raus –«
»Ich habe versucht, Sirius am Leben zu halten«, sagte Dumbledore leise.
»Niemand ist gern eingeschlossen!«, sagte Harry wütend und wandte sich zu ihm um. »Sie haben mich den ganzen letzten Sommer –«
Dumbledore schloss die Augen und vergrub das Gesicht in seinen langfingrigen Händen. Harry beobachtete ihn, doch dieses für Dumbledore untypische Anzeichen von Erschöpfung oder Trauer oder was immer es war besänftigte ihn nicht. Im Gegenteil, nun, da bei Dumbledore Zeichen von Schwäche zu erkennen waren, fühlte er sich noch zorniger. Er hatte jetzt nicht schwach zu sein, wenn Harry tobend vor Wut auf ihn einstürmen wollte.
Dumbledore ließ die Hände sinken und betrachtete Harry durch seine Halbmondbrille.
»Es ist an der Zeit«, sagte er, »dass ich dir erzähle, was ich dir schon vor fünf Jahren hätte erzählen sollen, Harry. Bitte setz dich. Ich werde dir alles sagen. Ich bitte nur um ein wenig Geduld. Du wirst die Gelegenheit bekommen, deine Wut an mir auszulassen – zu tun, was immer du willst –, sobald ich geendet habe. Ich werde dich nicht aufhalten.«
Harry sah ihn einen Moment lang finster an, dann warf er sich wieder auf den Stuhl gegenüber von Dumbledore und wartete.
Dumbledore starrte für einen Augenblick durch das Fenster auf das sonnenbeschienene Gelände, dann blickte er wieder zu Harry und sagte: »Vor fünf Jahren bist du in Hogwarts angekommen, Harry, sicher und heil, wie ich es geplant und beabsichtigt hatte. Nun – nicht ganz heil. Du hattest gelitten. Ich wusste, dass du leiden würdest, als ich dich vor der Tür deiner Tante und deines Onkels ablegte. Ich wusste, dass ich dich zu zehn dunklen und schwierigen Jahren verurteilte.«
Er hielt inne. Harry sagte nichts.
»Du könntest fragen – und mit guten Gründen –, warum es so sein musste. Warum hätte nicht eine Zaubererfamilie dich aufnehmen können? Viele hätten dies nur zu gern getan, hätten es als Ehre empfunden und sich gefreut, dich als Sohn aufzuziehen.
Meine Antwort lautet, dass es am wichtigsten für mich war, dein Leben zu erhalten. Du warst in größerer Gefahr, als vielleicht überhaupt jemandem außer mir bewusst war. Voldemort war Stunden zuvor besiegt worden, doch seine Anhänger – und viele von ihnen sind fast so schrecklich wie er – waren immer noch auf freiem Fuß, zornig, verzweifelt und gewalttätig. Und ich hatte meine Entscheidung mit Blick auf die kommenden Jahre zu treffen. Glaubte ich, dass Voldemort für immer verschwunden war? Nein. Ich wusste nicht, ob es zehn, zwanzig oder fünfzig Jahre dauern würde, bis er zurückkehrte, aber ich war sicher, dass er es tun würde, und wie ich ihn nun einmal kannte, war ich mir auch sicher, dass er nicht ruhen würde, bis er dich getötet hatte.
Ich wusste, dass Voldemorts Kenntnisse der Magie vielleicht umfassender sind als die jedes lebenden Zauberers. Ich wusste, dass selbst meine kompliziertesten und mächtigsten schützenden Zauber und Flüche wahrscheinlich nicht unüberwindbar sein würden, sollte er je wieder seine gesamte Macht zurückerlangen.
Aber ich wusste auch, was Voldemorts Schwächen waren. Und mit dem Blick darauf traf ich meine Entscheidung. Ein alter Zauber würde dich schützen, von dem er weiß, den er jedoch verachtet und daher immer unterschätzt hat – zu seinem Nachteil. Ich rede natürlich von der Tatsache, dass deine Mutter starb, um dich zu retten. Sie gab dir einen dauerhaften Schutz, mit dem er nie gerechnet hatte, einen Schutz, der bis heute in deinen Adern fließt. So setzte ich mein Vertrauen in das Blut deiner Mutter. Ich brachte dich zu ihrer Schwester, ihrer einzigen noch lebenden Verwandten.«
»Sie liebt mich nicht«, sagte Harry prompt. »Ich bin ihr verdammt egal –«
»Doch sie hat dich aufgenommen«, unterbrach ihn Dumbledore. »Sie mag dich grollend, zornig, widerwillig, verbittert aufgenommen haben, und dennoch hat sie dich aufgenommen, und indem sie dies tat, besiegelte sie den Zauber, den ich dir auferlegt hatte. Das Opfer deiner Mutter machte das Band des Blutes zum stärksten Schild, den ich dir mitgeben konnte.«
»Ich versteh immer noch nicht –«
»Solange du den Ort, wo das Blut deiner Mutter fließt, immer noch dein Zuhause nennen kannst, kann Voldemort dich dort nicht berühren oder schädigen. Er hat ihr Blut vergossen, doch es lebt weiter in dir und ihrer Schwester. Ihr Blut wurde zu deiner Zuflucht. Du musst nur einmal im Jahr dorthin zurückkehren, doch solange du es noch Zuhause nennen kannst, kann er dir nichts antun, während du dort bist. Deine Tante weiß das. In dem Brief, den ich mit dir an ihrer Tür hinterließ, habe ich erklärt, was ich getan hatte. Sie weiß, dass sie dich, indem sie dich in ihr Haus aufnahm, wohl während der letzten fünfzehn Jahre am Leben erhalten hat.«
»Warten Sie«, sagte Harry. »Einen Moment.«
Er setzte sich aufrechter hin und starrte Dumbledore an.
»Sie haben diesen Heuler geschickt. Sie haben sie aufgefordert, sich zu erinnern – das war Ihre Stimme –«
»Ich dachte«, sagte Dumbledore und neigte leicht den Kopf, »dass man sie womöglich an den Pakt erinnern müsste, den sie besiegelte, indem sie dich aufnahm. Ich hatte den Verdacht, der Dementorenangriff könnte ihr die Augen für die Gefahren geöffnet haben, die es mit sich bringt, dich als Pflegesohn zu haben.«
»Allerdings«, sagte Harry leise. »Nun – meinem Onkel mehr als ihr. Er wollte mich rauswerfen, aber nach dem Heuler hat sie – hat sie gesagt, ich müsse bleiben.«
Er starrte einen Moment lang zu Boden, dann sagte er: »Aber was hat das alles zu tun mit –«
Er konnte Sirius’ Namen nicht aussprechen.
»Vor fünf Jahren also«, fuhr Dumbledore fort, als ob er seine Geschichte gar nicht unterbrochen hätte, »bist du in Hogwarts angekommen, weder so glücklich noch so gut genährt, wie ich es mir vielleicht gewünscht hätte, doch am Leben und gesund. Du warst kein verhätschelter kleiner Prinz, sondern ein Junge, der so normal war, wie ich es mir unter diesen Umständen nur hatte erhoffen können. Bis dahin funktionierte mein Plan gut.
Und dann … nun, du wirst dich an die Ereignisse deines ersten Jahres in Hogwarts genauso klar erinnern wie ich. Du zeigtest dich der Herausforderung, vor der du standest, glänzend gewachsen, und früher – viel früher –, als ich es vorausgesehen hatte, standest du Voldemort von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Wieder hast du überlebt. Und mehr noch. Du hast seine Rückkehr zu seiner ganzen Macht und Stärke hinausgezögert. Du hast dich wie ein Mann geschlagen. Ich war … stolzer auf dich, als ich sagen kann.
Doch es gab einen Fehler in diesem meinem wunderbaren Plan«, sagte Dumbledore. »Einen offensichtlichen Fehler, von dem ich selbst damals schon wusste, dass er alles zum Einsturz bringen könnte. Und doch, in dem Wissen, wie wichtig es war, dass mein Plan gelang, sagte ich mir, dass ich es nicht zulassen würde, dass der Fehler ihn zum Scheitern brachte. Ich allein konnte dies verhindern, also musste ich allein stark sein. Und es dauerte nicht lange, da hatte ich meine erste Prüfung zu bestehen, als du im Krankenflügel warst, geschwächt von deinem Kampf mit Voldemort.«
»Ich verstehe nicht, was Sie meinen«, warf Harry ein.
»Erinnerst du dich nicht, dass du mich, als du im Krankenflügel lagst, gefragt hast, warum Voldemort versucht hatte dich zu töten, als du noch ein Baby warst?«
Harry nickte.
»Hätte ich es dir damals erklären sollen?«
Harry starrte in seine blauen Augen und sagte nichts, doch sein Herz raste von neuem.
»Erkennst du den Fehler im Plan noch nicht? Nein … vielleicht nicht. Nun, wie du weißt, beschloss ich, dir nicht zu antworten. Mit elf, sagte ich mir, warst du zu jung, um es zu erfahren. Ich hatte nie beabsichtigt, es dir zu sagen, solange du erst elf warst. In so jungen Jahren wäre dieses Wissen zu viel für dich gewesen.
Ich hätte damals die Zeichen der Gefahr erkennen sollen. Ich hätte mich fragen sollen, warum es mir nicht noch mehr Unbehagen bereitete, dass du mir bereits die Frage gestellt hattest, auf die ich, wie ich wusste, eines Tages eine schreckliche Antwort geben musste. Ich hätte erkennen sollen, dass ich mich allzu sorglos damit abgefunden hatte, dass ich es an jenem bestimmten Tag nicht hatte tun müssen … du warst zu jung, viel zu jung.
Und so begann dein zweites Jahr in Hogwarts. Und erneut trafst du auf Herausforderungen, vor denen selbst erwachsene Zauberer nie gestanden hatten; erneut schlugst du dich, wie ich es mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorgestellt hätte. Allerdings hast du mich nicht noch einmal gefragt, warum Voldemort das Mal auf dir hinterlassen hatte. Wir haben über deine Narbe gesprochen, o ja … wir sind dem Thema sehr, sehr nahe gekommen. Warum habe ich dir nicht alles gesagt?
Nun, mir schien, dass zwölf schließlich doch kaum besser wäre als elf, um bereit zu sein für dieses Wissen. Ich erlaubte dir, mich zu verlassen, blutverschmiert, erschöpft, aber in Hochstimmung, und sollte ich einen leisen Anflug von Unbehagen gespürt haben, dass ich es dir vielleicht nun hätte mitteilen sollen, so ging ich jedenfalls rasch darüber hinweg. Du warst immer noch so jung, verstehst du, und ich konnte es einfach nicht über mich bringen, dir diese Nacht des Triumphs zu verderben …
Erkennst du es, Harry? Erkennst du jetzt den Fehler in meinem glänzenden Plan? Ich war in die Falle getappt, die ich vorausgesehen hatte, von der ich mir eingeredet hatte, ich könnte sie umgehen, ich müsste sie umgehen.«
»Ich versteh nicht –«
»Ich sorgte mich zu sehr um dich«, sagte Dumbledore schlicht. »Ich sorgte mich mehr um dein Glück als darum, dass du die Wahrheit erfährst, mehr um deinen Seelenfrieden als um meinen Plan, mehr um dein Leben als um die Leben, die vielleicht verloren gehen würden, wenn der Plan scheiterte. Mit anderen Worten, ich handelte genau so, wie Voldemort es von uns Narren, die lieben, erwartet.
Gibt es etwas zu meiner Rechtfertigung? Ich bezweifle, dass jemand, der dich beobachtet hat wie ich – und ich habe dich genauer beobachtet, als du es dir vorstellen konntest –, dir, der du ohnehin schon so viel gelitten hattest, nicht noch weitere Schmerzen hätte ersparen wollen. Was kümmerte es mich, wenn ungezählte namen- und gesichtslose Menschen und Geschöpfe in einer vagen Zukunft ermordet würden, wo du doch im Hier und Jetzt lebtest, wohlauf und glücklich? Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich je für einen solchen Menschen verantwortlich sein würde.
Dein drittes Jahr brach an. Ich sah von fern zu, wie du gekämpft hast, um die Dementoren zu vertreiben, wie du Sirius gefunden, wie du erfahren hast, wer er war, und ihn gerettet hast. Sollte ich es dir damals sagen, just als du deinen Paten siegreich aus den Klauen des Ministeriums befreit hattest? Doch nun, da du dreizehn warst, gingen mir allmählich die Ausreden aus. Wohl warst du noch jung, doch du hattest bewiesen, dass du außergewöhnlich warst. Mein Gewissen drückte mich, Harry. Ich wusste, die Zeit würde bald kommen …
Aber letztes Jahr kamst du aus dem Irrgarten, nachdem du gesehen hattest, wie Cedric Diggory starb, und dem Tod selbst so knapp entronnen warst … und ich sagte es dir nicht, obwohl ich wusste, dass ich es bald würde tun müssen, nun, da Voldemort zurückgekehrt war. Und jetzt, heute, weiß ich, dass du schon lange bereit bist für das Wissen, das ich dir so lange vorenthalten habe, weil du bewiesen hast, dass ich dir die Last schon zuvor hätte auferlegen sollen. Zu meiner Verteidigung kann ich einzig sagen: Ich habe gesehen, wie du dich unter mehr Lasten abgemüht hast als irgendein Schüler, der je diese Schule durchlaufen hat, und ich konnte mich nicht dazu überwinden, noch eine weitere hinzuzufügen – die größte von allen.«
Harry wartete, aber Dumbledore schwieg.
»Ich verstehe immer noch nicht.«
»Voldemort hat versucht, dich zu töten, als du ein Kind warst, aufgrund einer Prophezeiung, die kurz vor deiner Geburt gemacht worden war. Er wusste, dass diese Prophezeiung existierte, auch wenn er nicht ihren gesamten Inhalt kannte. Er machte sich auf, dich zu töten, als du noch ein Baby warst, in dem Glauben, er würde die Voraussagen der Prophezeiung erfüllen. Zu seinem Nachteil stellte er fest, dass er sich geirrt hatte, da der Fluch, der dich töten sollte, nach hinten losging. Und deshalb war er seit der Rückkehr in seinen Körper und besonders seit deiner außergewöhnlichen Flucht vor ihm letztes Jahr entschlossen, die Prophezeiung in ihrer Gesamtheit zu hören. Dies ist die Waffe, die er seit seiner Rückkehr so verbissen sucht: das Wissen darum, wie er dich vernichten kann.«
Die Sonne stand nun hoch am Horizont. Dumbledores Büro war in ihr Licht getaucht. Die Vitrine, in der das Schwert von Godric Gryffindor ruhte, schimmerte weiß und stumpf, die Bruchstücke der Instrumente, die Harry zu Boden geworfen hatte, glitzerten wie Regentropfen, und hinter ihm machte der neugeborene Fawkes in seinem Aschenbett zarte zwitschernde Geräusche.
»Die Prophezeiung ist zerbrochen«, sagte Harry tonlos. »Ich hab Neville über diese Bänke hochgezogen, in dem – dem Raum, wo der Bogen war, und ich hab seinen Umhang zerrissen und sie ist runtergefallen …«
»Das, was zerbrochen ist, war nur die Aufzeichnung der Prophezeiung, die in der Mysteriumsabteilung verwahrt wurde. Aber die Prophezeiung wurde vor jemandem gemacht, und diese Person besitzt die Mittel, um sie wieder vollständig in Erinnerung zu rufen.«
»Wer hat sie gehört?«, fragte Harry, obwohl er glaubte, die Antwort schon zu wissen.
»Ich«, sagte Dumbledore. »In einer kalten, regnerischen Nacht vor sechzehn Jahren, in einem Zimmer über dem Schankraum im Eberkopf. Ich war dorthin gegangen, um mich mit einer Bewerberin für den Posten des Wahrsagelehrers zu treffen, obwohl es mir widerstrebte, das Fach Wahrsagen überhaupt weiter unterrichten zu lassen. Die Bewerberin allerdings war die Ururenkelin einer sehr berühmten, sehr begabten Seherin, und der schlichte Anstand schien mir zu gebieten, mit ihr zu sprechen. Ich war enttäuscht. Mir kam es vor, als besäße sie selbst nicht eine Spur von dieser Gabe. Ich erklärte ihr, höflich, wie ich hoffe, dass ich sie für nicht geeignet für den Posten hielte. Ich wollte schon gehen.«
Dumbledore erhob sich und ging an Harry vorbei zu dem schwarzen Schränkchen neben Fawkes’ Stange. Er bückte sich, schob einen Riegel zurück und nahm das flache, an den Rändern mit Runen verzierte Steinbecken daraus hervor, in dem Harry gesehen hatte, wie sein Vater Snape gequält hatte. Dumbledore ging zum Schreibtisch zurück, stellte das Denkarium darauf ab und hob den Zauberstab an seine Schläfe. Er zog silbrige, gazedünne Gedankenfäden daraus hervor, die am Zauberstab hängen blieben, und legte sie in das Becken. Er setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch und sah einen Moment zu, wie seine Gedanken im Denkarium wirbelten und herumströmten. Dann, mit einem Seufzen, hob er den Zauberstab und stieß mit dessen Spitze gegen die silbrige Substanz.
Eine Gestalt erhob sich daraus, in Schals gehüllt, die Augen hinter ihrer Brille gewaltig vergrößert, und mit den Füßen im Becken drehte sie sich langsam um sich selbst. Doch als Sybill Trelawney sprach, tat sie es nicht mit ihrer gewöhnlichen ätherischen, mystischen Stimme, sondern in dem rauen, heiseren Ton, den Harry einmal bei ihr gehört hatte:
»Der Eine mit der Macht, den Dunklen Lord zu besiegen, naht heran … jenen geboren, die ihm drei Mal die Stirn geboten haben, geboren, wenn der siebte Monat stirbt … und der Dunkle Lord wird Ihn als sich Ebenbürtigen kennzeichnen, aber Er wird eine Macht besitzen, die der Dunkle Lord nicht kennt … und der Eine muss von der Hand des Anderen sterben, denn keiner kann leben, während der Andere überlebt … der Eine mit der Macht, den Dunklen Lord zu besiegen, wird geboren werden, wenn der siebte Monat stirbt …«
Sich langsam drehend, sank Professor Trelawney in die silbrige Masse unter ihr zurück und verschwand.
Im Büro herrschte vollkommene Stille. Weder Dumbledore noch Harry noch eines der Porträts gaben einen Laut von sich. Selbst Fawkes war verstummt.
»Professor Dumbledore?«, sagte Harry sehr leise, denn Dumbledore, der immer noch auf das Denkarium starrte, schien völlig in Gedanken verloren. »Das … hat das bedeutet … was hat das bedeutet?«
»Es bedeutete«, sagte Dumbledore, »dass der Mensch, der allein die Chance hat, Lord Voldemort für immer zu besiegen, gegen Ende Juli geboren wurde, vor fast sechzehn Jahren. Dieser Junge sollte Eltern geboren werden, die Voldemort bereits drei Mal die Stirn geboten hatten.«
Harry war zumute, als ob etwas ihn einkreiste. Das Atmen schien ihm wieder schwerzufallen.
»Damit – bin ich gemeint?«
Dumbledore holte tief Luft.
»Das Merkwürdige, Harry«, sagte er leise, »ist, dass du es vielleicht gar nicht warst. Sybills Prophezeiung hätte zwei Zaubererjungen gelten können, die beide Ende Juli jenes Jahres geboren wurden, deren Eltern beide im Phönixorden und auch jeweils drei Mal knapp Voldemort entronnen waren. Der eine, natürlich, warst du. Der andere war Neville Longbottom.«
»Aber dann – aber warum war dann mein Name auf der Prophezeiung und nicht Nevilles?«
»Die offizielle Aufzeichnung erhielt nach Voldemorts Angriff auf dich als Kind eine neue Beschriftung«, sagte Dumbledore. »Dem Hüter der Halle der Prophezeiung schien es offensichtlich, dass Voldemort nur deshalb hatte versuchen können, dich zu töten, weil er wusste, dass du es warst, den Sybill gemeint hatte.«
»Dann – bin ich es vielleicht gar nicht?«
»Ich fürchte«, sagte Dumbledore langsam und sah aus, als würde ihn jedes Wort große Anstrengung kosten, »es gibt keinen Zweifel, dass du es bist.«
»Aber Sie sagten – Neville sei auch Ende Juli geboren – und seine Mum und sein Dad –«
»Du vergisst den nächsten Teil der Prophezeiung, das letzte, entscheidende Merkmal des Jungen, der Voldemort besiegen könnte … Voldemort selbst würde ihn als sich Ebenbürtigen kennzeichnen. Und das hat er getan, Harry. Er hat dich gewählt, nicht Neville. Er hat dir die Narbe hinterlassen, die sich als Segen und als Fluch erwiesen hat.«
»Aber vielleicht hat er die falsche Wahl getroffen!«, sagte Harry. »Er könnte den Falschen gekennzeichnet haben!«
»Er hat den Jungen gewählt, von dem er glaubte, er sei am wahrscheinlichsten eine Gefahr für ihn«, sagte Dumbledore. »Und wichtig ist, Harry: Er hat nicht den Reinblüter gewählt (der seinem Glauben nach die einzige Art von Zauberer ist, die es wert ist, zu existieren und zu wissen), sondern den Halbblüter, wie er selbst einer ist. Er sah sich in dir, bevor er dich überhaupt gesehen hatte, und indem er dich mit dieser Narbe zeichnete, hat er dich nicht getötet, wie von ihm beabsichtigt, sondern dir Kräfte verliehen und eine Zukunft, die es dir möglich gemacht haben, ihm nicht ein Mal, sondern bislang vier Mal zu entkommen – etwas, das weder deinen Eltern noch Nevilles Eltern je gelungen ist.«
»Warum hat er es dann getan?«, sagte Harry, der sich benommen und kalt fühlte. »Warum hat er versucht, mich als Baby zu töten? Er hätte abwarten sollen, ob es Neville oder ich wäre, der gefährlicher aussah, wenn wir älter waren, und dann erst den einen, wer es auch gewesen wäre, zu töten versuchen sollen –«
»Das hätte in der Tat die praktischere Vorgehensweise sein können«, sagte Dumbledore, »allerdings war Voldemorts Wissen um die Prophezeiung unvollständig. Das Gasthaus Eberkopf, das Sybill wählte, weil es so billig war, zieht seit langem eine, sagen wir, interessantere Kundschaft an als die Drei Besen. Wie du und deine Freunde zu eurem und ich in jener Nacht zu meinem Nachteil herausfanden, ist dies ein Ort, wo man nie sicher sein kann, nicht belauscht zu werden. Natürlich wäre mir nie im Traum eingefallen, dass ich, als ich zu dem Treffen mit Sybill Trelawney aufbrach, irgendetwas hören würde, was belauschenswert wäre. Mein – unser – einziges Glück war, dass der Lauscher nach einem kurzen Teil der Prophezeiung entdeckt und hinausgeworfen wurde.«
»Also hat er nur –?«
»Er hat nur den Anfang gehört, den Teil, der voraussagt, dass im Juli Eltern ein Kind geboren würde, die Voldemort schon drei Mal die Stirn geboten haben. Daher konnte er seinen Herrn nicht warnen, dass ein Angriff auf dich das Risiko bedeuten würde, Macht auf dich zu übertragen und dich als ebenbürtig zu kennzeichnen. Also wusste Voldemort einfach nicht, dass es gefährlich sein könnte, dich anzugreifen, dass es womöglich klug wäre, zu warten und mehr zu erfahren. Er wusste nicht, dass du eine Macht besitzen würdest, die der Dunkle Lord nicht kennt –«
»Aber die habe ich nicht!«, sagte Harry mit erstickter Stimme. »Ich habe keine Macht, die er nicht besitzt, ich könnte nicht auf die Weise kämpfen wie er heute Nacht, ich kann nicht von Menschen Besitz ergreifen oder – oder sie töten –«
»Es gibt einen Raum in der Mysteriumsabteilung«, unterbrach ihn Dumbledore, »der allzeit verschlossen ist. Er enthält eine Kraft, die wunderbarer und schrecklicher ist als der Tod, als die menschliche Intelligenz, als die Kräfte der Natur. Es handelt sich wohl auch um das geheimnisvollste unter den vielen Themen, die dort zu studieren sind. Es ist diese Macht, die in diesem Raum aufbewahrt wird, die du in beträchtlichen Mengen besitzt und Voldemort überhaupt nicht. Diese Macht hat dich heute Nacht zu Sirius’ Rettung gebracht. Diese Macht hat dich auch davor bewahrt, dass Voldemort von dir Besitz ergriff, weil er es nicht ertragen konnte, in einem Körper zu wohnen, der so erfüllt ist mit der Kraft, die er verachtet. Am Ende spielte es keine Rolle, dass du deinen Geist nicht verschließen konntest. Es war dein Herz, das dich gerettet hat.«
Harry schloss die Augen. Wenn er sich nicht zu Sirius’ Rettung aufgemacht hätte, dann wäre Sirius nicht gestorben … Eher um den Moment hinauszuschieben, in dem er wieder an Sirius denken musste, fragte Harry, ohne sich groß für die Antwort zu interessieren: »Das Ende der Prophezeiung … es war etwas wie … keiner kann leben …«
»… während der Andere überlebt«, sagte Dumbledore.
»Also«, sagte Harry und schöpfte die Worte, wie es ihm vorkam, aus einer tiefen Quelle der Verzweiflung in ihm, »also heißt das, dass … dass einer von uns den andern … schließlich töten muss?«
»Ja…«, sagte Dumbledore.
Eine lange Zeit sprach keiner der beiden. Von irgendwo weit jenseits der Büromauern konnte Harry Stimmen hören, Schüler vielleicht, die in die Große Halle hinuntergingen, um zeitig zu frühstücken. Es schien unmöglich, dass es Menschen auf der Welt geben konnte, die noch immer etwas essen wollten, die lachten, die weder wussten noch sich darum kümmerten, dass Sirius Black für immer gegangen war. Sirius schien bereits eine Million Meilen entfernt; selbst jetzt noch wollte Harry glauben, wenn er nur diesen Schleier beiseitegezogen hätte, dann hätte er Sirius gefunden, der ihn angesehen hätte, ihn vielleicht gegrüßt hätte mit seinem Lachen, das wie ein Bellen klang …
»Ich habe das Gefühl, dass ich dir noch eine weitere Erklärung schulde, Harry«, sagte Dumbledore zögernd. »Du hast dich vielleicht gefragt, warum ich dich nicht zum Vertrauensschüler bestimmt habe. Ich muss zugeben … ich dachte eher … dass du schon genug Verantwortung trägst.«
Harry blickte auf und sah, wie eine Träne über Dumbledores Gesicht in den langen silbernen Bart sickerte.
Der zweite Krieg beginnt
ER, DESSEN NAME NICHT GENANNT WERDEN DARF, KEHRT ZURÜCK
Zaubereiminister Cornelius Fudge hat Freitagnacht in einer kurzen Stellungnahme bestätigt, dass Er, dessen Name nicht genannt werden darf, in unser Land zurückgekehrt und wieder aktiv ist.
»Mit großem Bedauern muss ich bestätigen, dass der Zauberer, der sich selbst als Lord – nun, Sie wissen, wen ich meine – bezeichnet, am Leben und wieder unter uns ist«, sagte Fudge, der müde und nervös wirkte, während er zu den Reportern sprach. »Mit fast ebenso großem Bedauern geben wir die Massenrevolte der Dementoren in Askaban bekannt, die sich offen weigern, weiterhin im Dienste des Ministeriums zu arbeiten. Wir glauben, dass die Dementoren gegenwärtig ihre Anweisungen von Lord – Dingsda bekommen.
Wir appellieren an die magische Bevölkerung, wachsam zu bleiben. Das Ministerium veröffentlicht zurzeit Merkblätter mit den wichtigsten Maßregeln zum Schutz von Personen und Wohnungen, die im Laufe des kommenden Monats kostenlos an alle Zaubererhaushalte verschickt werden.«
Die Stellungnahme des Ministeriums löste in der Zauberergemeinschaft Angst und Bestürzung aus, denn das Ministerium hatte noch letzten Mittwoch versichert, es sei »überhaupt nichts dran« an den »hartnäckigen Gerüchten, Du-weißt-schon-wer treibe erneut sein Unwesen unter uns«.
Die Einzelheiten des Geschehens, das zur Kehrtwendung des Ministeriums führte, liegen noch immer im Dunkeln, allerdings ist zu hören, dass Er, dessen Name nicht genannt werden darf, und eine ausgewählte Schar von Gefolgsleuten (bekannt als Todesser) sich am Donnerstagabend Zugang zum Zaubereiministerium verschafft haben.
Albus Dumbledore, wieder eingesetzter Leiter der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei, wieder eingesetztes Mitglied der Internationalen Zauberervereinigung und wieder eingesetzter Großmeister des Zaubergamots, stand bisher nicht für einen Kommentar zur Verfügung. Während des vergangenen Jahres machte er beharrlich darauf aufmerksam, dass Du-weißt-schon-wer nicht tot sei, wie weithin gehofft und geglaubt wurde, sondern wieder Gefolgsleute rekrutiere für einen erneuten Versuch, die Macht zu erlangen. Unterdessen hat der »Junge, der überlebte« –
»Das bist du, Harry, ich wusste, dass sie dich irgendwie mit reinziehen würden«, sagte Hermine und blickte ihn über die Zeitung hinweg an.
Sie waren im Krankenflügel. Harry saß am Fußende von Rons Bett, und beide lauschten Hermine, die ihnen die Titelseite des Sonntagspropheten vorlas. Ginny, deren Knöchel von Madam Pomfrey im Nu wieder geheilt worden war, hatte sich am Ende von Hermines Bett zusammengerollt; Neville, dessen Nase ebenfalls wieder in ihre normale Größe und Form gebracht worden war, saß auf einem Stuhl zwischen den beiden Betten; und Luna, die mit der neuesten Ausgabe des Klitterers in der Hand zu Besuch hereingeschneit war, las das Magazin verkehrt herum und nahm dem Anschein nach kein Wort von dem zur Kenntnis, was Hermine sagte.
»Aber jetzt ist er wieder der ›Junge, der überlebte‹, was?«, sagte Ron düster. »Kein gestörter Angeber mehr, hm?«
Er genehmigte sich eine Hand voll Schokofrösche von dem riesigen Haufen auf seinem Nachtschränkchen, warf ein paar davon Harry, Ginny und Neville zu und riss mit den Zähnen das Einwickelpapier seiner Frösche auf. Noch immer hatte er kräftige Striemen an den Unterarmen, wo sich die Tentakel der Gehirne um ihn geschlungen hatten. Madam Pomfrey zufolge konnten Gedanken tiefere Narben hinterlassen als fast alles andere. Allerdings schien es ein wenig besser geworden zu sein, seit sie begonnen hatte, reichliche Mengen von Dr. Salbaders amnesischer Salbe aufzutragen.
»Ja, jetzt schmeicheln sie dir ganz schön, Harry«, sagte Hermine und überflog den Artikel. »Eine einsame Stimme der Wahrheit … als unausgeglichen hingestellt, hat er doch immer an seiner Geschichte festgehalten … gezwungen, Spott und Verleumdungen zu ertragen … Hmmm«, sagte sie stirnrunzelnd. »Mir fällt nur auf, dass sie die Tatsache unterschlagen, dass sie es selbst waren, die im Propheten all den Spott und die Verleumdungen gebracht haben …«
Sie zuckte leicht und legte eine Hand an ihre Rippen. Der Fluch, den Dolohow gegen sie eingesetzt hatte, wäre zwar wirksamer gewesen, wenn er die Zauberformel laut hätte sprechen können, dennoch hatte er, nach Madam Pomfreys Worten, »vorläufig genug Schaden angerichtet«. Hermine musste täglich zehn verschiedene Arten von Zaubertränken einnehmen, machte großartige Fortschritte und langweilte sich schon im Krankenflügel.
»Der jüngste Versuch von Du-weißt-schon-wem, die Macht zu ergreifen, Seite zwei bis vier, Was das Ministerium uns hätte sagen sollen, Seite fünf, Warum niemand auf Albus Dumbledore gehört hat, Seite sechs bis acht, Exklusivinterview mit Harry Potter, Seite neun … Nun«, sagte Hermine, faltete die Zeitung zusammen und warf sie beiseite, »jetzt haben sie jedenfalls ordentlich was zu schreiben. Und dieses Interview mit Harry ist gar nicht exklusiv, es ist das, was der Klitterer schon vor Monaten gebracht hat …«
»Daddy hat es ihnen verkauft«, nuschelte Luna und schlug eine Seite des Klitterers um. »Er hat auch einen richtig guten Preis dafür gekriegt, deshalb machen wir diesen Sommer eine Expedition nach Schweden und gucken mal, ob wir einen Schrumpfhörnigen Schnarchkackler fangen können.«
Hermine schien einen Moment lang mit sich zu kämpfen, dann sagte sie: »Hört sich ja wunderbar an.«
Ginny fing Harrys Blick auf, sah rasch weg und grinste.
»Ach, übrigens«, sagte Hermine, setzte sich ein wenig aufrechter hin und zuckte erneut zusammen, »was ist eigentlich in der Schule los?«
»Flitwick hat Freds und Georges Sumpf beseitigt«, sagte Ginny. »Dazu hat er ungefähr drei Sekunden gebraucht. Aber einen kleinen Fleck unterm Fenster hat er übrig gelassen und mit Seilen abgesperrt –«
»Warum?«, fragte Hermine verdutzt.
»Oh, er meint einfach, es sei ein ziemlich gutes Stück Magie«, sagte Ginny achselzuckend.
»Ich glaub, er hat es als Denkmal für Fred und George gelassen«, sagte Ron, den Mund voller Schokolade. »Die haben mir das ganze Zeug hier geschickt, weißt du«, erklärte er Harry und deutete auf den kleinen Berg Frösche neben sich. »Dieser Scherzartikelladen scheint ja ganz gut zu laufen, was?«
Hermine sah recht missbilligend drein und fragte: »Und hat der ganze Ärger aufgehört, jetzt, wo Dumbledore zurück ist?«
»Ja«, sagte Neville, »es läuft alles wieder ganz wie üblich.«
»Ich vermut mal, Filch ist glücklich, oder?«, fragte Ron und lehnte eine Schokofroschkarte mit Dumbledores Bild gegen seinen Wasserkrug.
»Von wegen«, sagte Ginny. »Ehrlich gesagt, dem ist hundeelend …« Sie senkte ihre Stimme zu einem Flüstern. »Andauernd behauptet er, Umbridge sei das Beste, was Hogwarts je passiert sei …«
Alle sechs wandten sich um. In einem Bett ihnen gegenüber lag Professor Umbridge und starrte zur Decke. Dumbledore war alleine in den Wald marschiert, um sie vor den Zentauren zu retten; wie er es geschafft hatte – wie er mit Professor Umbridge zwischen den Bäumen wieder aufgetaucht war, ohne auch nur einen Kratzer abbekommen zu haben –, wusste keiner und Umbridge würde es mit Sicherheit nicht erzählen. Seit sie zum Schloss zurückgekehrt war, hatte sie, soweit sie wussten, nicht ein einziges Wort gesprochen. Auch ahnte keiner wirklich, was ihr fehlte. Ihr normalerweise ordentliches mausgraues Haar war ganz zerzaust, und es steckten immer noch Reste von Zweigen und Blättern darin, doch ansonsten schien sie völlig unversehrt.
»Madam Pomfrey meint, sie hätte nur einen Schock«, flüsterte Hermine.
»Schmollt wohl eher«, sagte Ginny.
»Genau, sie zeigt Lebenszeichen, wenn man so macht«, sagte Ron und schnalzte leise mit der Zunge. Umbridge saß mit einem Mal kerzengerade da und blickte hektisch umher.
»Irgendwas nicht in Ordnung, Professor?«, rief Madam Pomfrey und streckte den Kopf aus ihrer Bürotür.
»Nein … nein …«, sagte Umbridge und sank zurück in ihre Kissen. »Nein, ich muss geträumt haben …«
Hermine und Ginny erstickten ihr Lachen in den Bettdecken.
»Wo wir schon bei Zentauren sind«, sagte Hermine, als sie sich ein wenig erholt hatte, »wer ist jetzt eigentlich Wahrsagelehrer? Bleibt Firenze hier?«
»Muss er wohl«, erwiderte Harry, »die anderen Zentauren wollen ihn ja nicht wiederhaben, oder?«
»Sieht so aus, als ob er und Trelawney gemeinsam unterrichten würden«, sagte Ginny.
»Wette, Dumbledore wünscht sich, er hätte Trelawney für immer den Laufpass geben können«, sagte Ron und mampfte jetzt seinen vierzehnten Frosch. »Ehrlich, das ganze Fach bringt sowieso nichts, wenn ihr mich fragt, Firenze ist auch nicht viel besser …«
»Wie kannst du so was sagen?«, fragte Hermine. »Nachdem wir gerade rausgefunden haben, dass es echte Prophezeiungen gibt?«
Harrys Herz begann zu rasen. Er hatte weder Ron, Hermine noch jemand anderem erzählt, was die Prophezeiung enthalten hatte. Neville hatte ihnen gesagt, dass sie zerbrochen war, als Harry ihn die Stufen im Raum des Todes hinaufgezogen hatte, und Harry hatte dieser Darstellung noch nicht widersprochen. Er war noch nicht bereit, ihre Mienen zu sehen, wenn er ihnen erzählte, dass er entweder Mörder oder Opfer sein musste, dass es keinen anderen Weg gab …
»Schade, dass sie zerbrochen ist«, sagte Hermine leise und schüttelte den Kopf.
»Ja, allerdings«, sagte Ron. »Aber wenigstens hat Du-weißt-schon-wer nicht rausgefunden, was sie gesagt hat – wo gehst du hin?«, fügte er hinzu und blickte überrascht und enttäuscht zugleich, als Harry aufstand.
»Äh – zu Hagrid«, sagte Harry. »Er ist eben zurückgekommen, wisst ihr, und ich hab versprochen, ich würde runtergehen und ihn besuchen und ihm sagen, wie es euch beiden geht.«
»Oh, na gut«, sagte Ron mürrisch und blickte aus dem Fenster des Krankensaals auf den Fleck hellblauen Himmels draußen. »Wär schön, wenn wir mitkommen könnten.«
»Grüß ihn von uns!«, rief Hermine, als Harry die Krankenstation entlangging. »Und frag ihn, was mit … mit seinem kleinen Freund los ist!«
Harry winkte mit der Hand zum Zeichen, dass er sie gehört und verstanden hatte, als er das Zimmer verließ.
Selbst für einen Sonntag schien es im Schloss sehr ruhig zu sein. Offenbar waren alle draußen auf dem sonnigen Gelände, genossen das Ende ihrer Prüfungen und die Aussicht auf ein paar letzte Tage des Schuljahrs ohne lästige Stoffwiederholungen und Hausaufgaben. Harry ging langsam durch den ausgestorbenen Korridor und spähte unterwegs aus den Fenstern; über dem Quidditch-Feld konnte er Leute stümperhaft herumfliegen sehen, und im See schwammen ein paar Schüler, begleitet von dem Riesenkraken.
Es fiel ihm schwer, sich zu entscheiden, ob er mit jemandem zusammen sein wollte oder nicht; immer wenn er in Gesellschaft war, wollte er wieder verschwinden, und immer wenn er allein war, wollte er Gesellschaft. Er überlegte, dass er tatsächlich Hagrid besuchen gehen könnte, da er seit dessen Rückkehr nicht richtig mit ihm gesprochen hatte …
Harry war gerade die letzte Marmorstufe in die Eingangshalle hinuntergegangen, als Malfoy, Crabbe und Goyle aus einer Tür zur Rechten auftauchten, die, wie Harry wusste, zum Gemeinschaftsraum der Slytherins hinabführte. Harry blieb wie angewurzelt stehen; Malfoy und die anderen ebenfalls. Zu hören waren nur Rufe, Gelächter und Spritzgeräusche, die von den Schlossgründen her durch das offene Portal in die Halle schwebten.
Malfoy warf einen Blick umher – Harry wusste, dass er sich vergewisserte, ob irgendetwas auf einen Lehrer in der Nähe hindeutete –, dann wandte er sich wieder Harry zu und sagte mit leiser Stimme: »Du bist tot, Potter.«
Harry zog die Brauen hoch.
»Komisch«, sagte er. »Da dürfte ich doch eigentlich gar nicht mehr hier rumlaufen …«
Malfoy wirkte zorniger, als Harry ihn je gesehen hatte; er spürte eine Art leidenschaftslose Genugtuung beim Anblick des wutverzerrten bleichen, spitzen Gesichts.
»Du wirst dafür bezahlen«, sagte Malfoy, seine Stimme kaum lauter als ein Flüstern. »Ich werde dich zahlen lassen für das, was du meinem Vater angetan hast …«
»Also, jetzt hab ich aber furchtbare Angst«, sagte Harry sarkastisch. »Ich vermut mal, Lord Voldemort war nur ’ne Aufwärmübung im Vergleich zu euch – was ist denn los?«, fügte er hinzu, denn Malfoy, Crabbe und Goyle sahen aus wie vor den Kopf geschlagen beim Klang dieses Namens. »Er ist doch ein Kumpel von deinem Dad, stimmt’s? Hast doch keine Angst vor ihm, oder?«
»Du glaubst, du wärst so ein toller Typ, Potter«, sagte Malfoy und kam nun näher, flankiert von Crabbe und Goyle. »Wart nur. Ich krieg dich. Du kannst meinen Vater nicht ins Gefängnis bringen –«
»Ich dachte, das hätte ich schon«, sagte Harry.
»Die Dementoren haben Askaban verlassen«, sagte Malfoy leise. »Dad und die andern werden im Nu wieder draußen sein …«
»Ja, das vermute ich auch«, sagte Harry. »Dennoch, wenigstens wissen jetzt alle, was für Fieslinge die sind –«
Malfoys Hand flog zu seinem Zauberstab, doch Harry war schneller; er hatte seinen eigenen Zauberstab gezogen, bevor Malfoys Finger auch nur in die Tasche seines Umhangs gelangt waren.
»Potter!«
Die Stimme dröhnte durch die Eingangshalle. Snape war auf der Treppe erschienen, die zu seinem Büro hinunterführte, und bei seinem Anblick spürte Harry einen Hass aufwogen, der alles übertraf, was er Malfoy gegenüber empfand … was immer Dumbledore auch gesagt hatte, er würde Snape nie verzeihen … niemals …
»Was tun Sie da, Potter?«, sagte Snape, so kalt wie immer, als er zu den vieren hinüberschritt.
»Ich versuche zu entscheiden, welchen Fluch ich gegen Malfoy benutzen soll, Sir«, sagte Harry grimmig.
Snape starrte ihn an.
»Stecken Sie sofort diesen Zauberstab weg«, sagte er barsch. »Zehn Punkte Abzug für Gryff–«
Snape blickte auf die riesigen Stundengläser an der Wand und setzte ein höhnisches Lächeln auf.
»Ah. Wie ich sehe, sind im Stundenglas von Gryffindor keine Punkte mehr, die man abziehen könnte. In diesem Fall, Potter, werden wir einfach –«
»Ein paar hinzufügen?«
Professor McGonagall war gerade die Steintreppe zum Schloss heraufgehumpelt; sie trug eine schottenkarierte Reisetasche in der einen und lehnte sich schwer auf einen Gehstock in der anderen Hand, doch ansonsten sah sie recht gesund aus.
»Professor McGonagall!«, sagte Snape und trat mit großen Schritten vor. »Raus aus dem St. Mungo, wie ich sehe!«
»Ja, Professor Snape«, sagte Professor McGonagall und schüttelte ihren Reisemantel ab, »ich fühl mich wie neu. Sie beide – Crabbe – Goyle –«
Sie winkte sie gebieterisch herbei und einfältig dreinblickend kamen sie mit ihren großen Füßen angeschlurft.
»Hier«, sagte Professor McGonagall und drückte Crabbe die Reisetasche und Goyle ihren Mantel an die Brust, »bringen Sie das für mich hoch in mein Büro.«
Sie wandten sich um und stapften die Marmortreppe hoch.
»Nun denn«, sagte Professor McGonagall und blickte auf zu den Stundengläsern an der Wand. »Also, ich denke, Potter und seine Freunde sollten jeweils fünfzig Punkte bekommen, weil sie die Welt auf die Rückkehr von Du-weißt-schon-wem aufmerksam gemacht haben! Wie sehen Sie das, Professor Snape?«
»Wie bitte?«, schnappte Snape, doch Harry wusste, dass er sehr wohl gehört hatte. »Oh – nun – ich nehme an …«
»Dann haben wir also jeweils fünfzig Punkte für Potter, die beiden Weasleys, Longbottom und Miss Granger«, sagte Professor McGonagall, und noch während sie sprach, fiel ein Schauer Rubine in den unteren Kolben des Gryffindor-Stundenglases. »Oh – und fünfzig für Miss Lovegood, würde ich meinen«, fügte sie hinzu und eine Anzahl von Saphiren fiel in das Glas der Ravenclaws. »Nun, Sie wollten Mr Potter zehn Punkte abziehen, glaube ich, Professor Snape – dann haben wir also …«
Ein paar Rubine flogen zurück in den oberen Kolben, dennoch blieb eine erkleckliche Menge unten übrig.
»Nun, Potter, Malfoy, ich denke, Sie sollten an einem so herrlichen Tag wie diesem draußen sein«, fuhr Professor McGonagall munter fort.
Harry musste sich das nicht zweimal sagen lassen. Er steckte seinen Zauberstab zurück in den Umhang und ging geradewegs auf das Portal zu, ohne Snape und Malfoy auch nur noch eines Blickes zu würdigen.
Die heiße Sonne traf ihn mit Wucht, als er über den Rasen auf Hagrids Hütte zuging. Schüler lagen überall auf dem Gras, nahmen Sonnenbäder, unterhielten sich, lasen den Sonntagspropheten, aßen Süßigkeiten und blickten zu ihm auf, während er vorbeiging. Manche riefen ihm etwas zu oder winkten, offenbar eifrig bemüht zu zeigen, dass sie, wie auch der Prophet, zu dem Schluss gekommen waren, dass er eine Art Held sei. Harry sagte zu keinem von ihnen ein Wort. Er hatte keine Ahnung, wie viel sie von dem wussten, was vor drei Tagen geschehen war, doch bisher war er Fragen ausgewichen, und das wollte er auch weiterhin so halten.
Als er an die Tür von Hagrids Hütte klopfte, dachte er zunächst, Hagrid wäre nicht da, doch dann kam Fang um die Ecke gestürmt und warf ihn fast um, so begeistert hieß er ihn willkommen.
Hagrid, so stellte sich heraus, erntete Stangenbohnen hinten im Garten.
»Sieh mal an, Harry!«, sagte er strahlend, als Harry auf den Zaun zuging. »Komm rein, komm rein, wir trinken ’nen Schluck Löwenzahnsaft …«
»Wie läuft’s so?«, fragte ihn Hagrid, als sie sich jeder mit einem Glas eisgekühltem Saft an seinen Holztisch gesetzt hatten. »Du – äh – alles in Ordnung mit dir, ja?«
An dem besorgten Ausdruck auf Hagrids Gesicht erkannte Harry, dass er nicht sein körperliches Wohlbefinden meinte.
»Mir geht’s gut«, sagte Harry rasch, weil er es nicht ertragen konnte, über das zu reden, woran offenbar auch Hagrid dachte. »Und du, wo warst du?«
»Hab mich in den Bergen versteckt«, sagte Hagrid. »Oben in einer Höhle, wie Sirius, als er –«
Hagrid brach ab, räusperte sich grollend, blickte Harry an und nahm einen großen Schluck Saft.
»Jedenfalls bin ich wieder da«, sagte er matt.
»Du – du siehst besser aus«, sagte Harry, entschlossen, das Gespräch noch weiter von Sirius wegzuführen.
»Wa–?«, sagte Hagrid, hob seine massige Hand und befühlte sein Gesicht. »Oh – o ja. Also, Grawpy benimmt sich jetzt viel besser, viel, viel besser. Hat sich, wie’s schien, richtig gefreut, mich zu sehen, als ich zurückkam, um ehrlich zu sein. Is’ ’n guter Kerl, im Grunde … hab mir tatsächlich schon mal Gedanken gemacht, ob ich nich probieren sollte, ’ne Freundin für ihn zu finden …«
Harry hätte normalerweise sofort versucht, Hagrid diese Idee auszureden; die Aussicht, dass ein zweiter Riese sich im Wald wohnlich einrichtete, womöglich noch wilder und brutaler als Grawp, war sicher ein Grund zur Beunruhigung, doch irgendwie brachte Harry nicht die Kraft auf, diesen Einwand durchzusetzen. Schon hatte er wieder das Bedürfnis, allein zu sein, und um schneller wegzukommen, nahm er mehrere große Schlucke von seinem Löwenzahnsaft, mit denen er das Glas halb leerte.
»Alle wissen jetzt, dass du die Wahrheit gesagt hast, Harry«, sagte Hagrid leise und unerwartet. »Ist doch besser so, oder?«
Harry zuckte die Achseln.
»Sieh mal …« Hagrid beugte sich über den Tisch zu ihm hinüber. »Ich hab Sirius länger gekannt als du … er ist im Kampf gestorben, und so wollte er auch gehen –«
»Er wollte überhaupt nicht gehen!«, sagte Harry zornig.
Hagrid neigte seinen großen zotteligen Kopf.
»Nee, ich schätz mal, er wollt nicht«, sagte er leise. »Un’ trotzdem, Harry … er war nie einer von denen, die zu Hause rumhocken und die andern kämpfen lassen. Er hätt nich mehr mit sich leben können, wenn er nich zu Hilfe gekommen wär –«
Harry sprang auf.
»Ich muss gehen und Ron und Hermine im Krankenflügel besuchen«, sagte er mechanisch.
»Oh«, sagte Hagrid und wirkte recht bestürzt. »Oh … na gut, dann, Harry … pass auf dich auf, un’ schau mal wieder vorbei, wenn du ’n bisschen Zeit …«
»Ja – mach ich …«
Harry ging, so schnell er konnte, hinüber zur Tür und zog sie auf; er war wieder draußen im Sonnenschein, ehe Hagrid seinen Abschiedsgruß beendet hatte, und verschwand über den Rasen. Erneut riefen Leute nach ihm, während er vorbeiging. Einige Momente lang schloss er die Augen und wünschte sich, sie sollten alle verschwinden, damit er, wenn er die Augen wieder aufschlug, allein auf den Schlossgründen wäre …
Vor ein paar Tagen noch, bevor seine Prüfungen zu Ende waren, und noch vor der Vision, die ihm Voldemort eingepflanzt hatte, hätte er fast alles dafür gegeben, wenn die Zaubererwelt nur erfahren hätte, dass er die Wahrheit gesagt hatte, wenn sie nur geglaubt hätte, dass Voldemort zurück war, und gewusst hätte, dass Harry weder ein Lügner noch verrückt war. Aber jetzt …
Er ging ein kurzes Stück um den See und setzte sich, vor den Blicken Vorbeikommender geschützt, hinter ein Gebüsch ans Ufer, starrte hinaus auf das funkelnde Wasser und dachte nach …
Vielleicht war der Grund, weshalb er allein sein wollte, dass er sich seit seinem Gespräch mit Dumbledore von allen abgesondert fühlte. Eine unsichtbare Barriere trennte ihn vom Rest der Welt. Er war – und war es immer schon gewesen – ein gezeichneter Mensch. Er hatte einfach nie wirklich verstanden, was dies bedeutete …
Und dennoch, trotz der schrecklichen Last der Trauer, die an ihm zerrte, und obwohl er den Verlust von Sirius noch so frisch und wund in sich spürte – jetzt, da er hier am Seeufer saß, konnte er kein großes Gefühl der Bedrohung empfinden. Die Sonne schien, und die Schlossgründe um ihn her waren voller lachender Menschen, und obwohl er sich so fern von ihnen fühlte, als würde er einer anderen Gattung angehören, war es, wie er so dasaß, doch immer noch sehr schwer, zu glauben, dass zu seinem Leben ein Mord gehören oder dass es damit enden würde …
Lange Zeit saß er so da, starrte hinaus aufs Wasser und versuchte nicht über seinen Paten nachzudenken oder sich daran zu erinnern, dass direkt gegenüber, am anderen Ufer, Sirius einst zusammengebrochen war, als er versucht hatte, hundert Dementoren zu vertreiben …
Die Sonne war untergegangen, ehe er spürte, dass ihm kalt war. Er stand auf, kehrte zum Schloss zurück und wischte sich unterwegs mit dem Ärmel über das Gesicht.
Ron und Hermine verließen drei Tage vor Schuljahrsende vollkommen genesen den Krankenflügel. Hermine gab immer wieder zu verstehen, dass sie über Sirius reden wollte, aber wenn sie seinen Namen erwähnte, brachte Ron sie meist mit einem »Psst« zum Schweigen. Harry war sich immer noch nicht sicher, ob er schon über seinen Paten reden wollte oder nicht; je nach Stimmung änderten sich auch seine Wünsche. Eins jedoch wusste er: So unglücklich er sich im Moment auch fühlte, in ein paar Tagen, wenn er wieder im Ligusterweg Nummer vier war, würde er Hogwarts schmerzlich vermissen. Obwohl er jetzt genau verstanden hatte, warum er jeden Sommer dorthin zurückkehren musste, hatte er kein besseres Gefühl dabei. Im Gegenteil, er hatte seine Rückkehr noch nie so gefürchtet.
Professor Umbridge verließ Hogwarts am letzten Tag vor dem Schuljahrsende. Offenbar hatte sie sich während der Abendessenszeit aus dem Krankenflügel geschlichen, wohl in der Hoffnung, dass niemand ihre Abreise bemerken würde, doch zu ihrem Unglück traf sie unterwegs auf Peeves, der seine letzte Chance ergriff, zu tun, was ihm Fred aufgetragen hatte, und sie mit hämischem Vergnügen aus dem Schloss jagte, wobei er abwechselnd mit einem Gehstock und einem Socken voller Kreide auf sie eindrosch. Viele Schüler rannten hinaus in die Eingangshalle, um zuzusehen, wie sie den Zufahrtsweg hinunterrannte, und die Hauslehrer machten nur halbherzige Anstrengungen, sie zurückzuhalten. Tatsächlich ließ sich Professor McGonagall nach ein paar schwächlichen Protesten wieder in ihren Stuhl am Lehrertisch sinken, und man hörte sie deutlich ihr Bedauern ausdrücken, dass sie nicht selbst Umbridge hinterherrennen und ihren Abschied bejubeln konnte, weil Peeves sich ihren Stock ausgeliehen hatte.
Ihr letzter Abend in der Schule brach an. Die meisten hatten schon fertig gepackt und waren auf dem Weg hinunter zum jährlichen Abschiedsessen, doch Harry hatte mit dem Packen noch nicht einmal angefangen.
»Mach’s doch einfach morgen!«, sagte Ron, der an der Tür zu ihrem Schlafsaal wartete. »Komm schon, ich verhungere noch.«
»Ich brauch nicht lange … geh du schon mal vor …«
Doch als die Schlafsaaltür hinter Ron ins Schloss gefallen war, gab sich Harry keine Mühe, schneller mit dem Packen voranzukommen. Beim Festessen dabei zu sein war das Allerletzte, was er wollte. Er befürchtete, Dumbledore könnte ihn in seiner Rede erwähnen. Sicher würde er auf Voldemorts Rückkehr zu sprechen kommen, schließlich hatte er es letztes Jahr in seiner Rede auch getan …
Harry zog ein paar zerknitterte Umhänge ganz unten aus seinem Koffer, um Platz für zusammengefaltete zu machen, und dabei fiel ihm ein schlecht eingewickeltes Päckchen in der Ecke des Koffers auf. Er hatte keine Ahnung, was es dort zu suchen hatte. Er bückte sich, zog es unter seinen Turnschuhen hervor und musterte es.
Binnen Sekunden wusste er, was es war. Sirius hatte es ihm noch an der Tür von Grimmauldplatz Nummer zwölf gegeben. »Benutz es, wenn du mich brauchst, klar?«
Harry ließ sich auf sein Bett sinken und wickelte das Päckchen aus. Heraus fiel ein kleiner quadratischer Spiegel. Er wirkte alt, und schmutzig noch dazu. Harry hielt ihn vors Gesicht und sah sein Spiegelbild, das seinen Blick erwiderte.
Er drehte den Spiegel um. Dort auf der Rückseite stand eine gekritzelte Notiz von Sirius.
Dies ist ein Zweiwegespiegel, ich besitze das Gegenstück zu ihm. Wenn du mit mir reden musst, sprich einfach meinen Namen in ihn hinein. Du erscheinst dann in meinem Spiegel und ich kann in deinem Spiegel sprechen. James und ich haben sie immer benutzt, wenn wir an verschiedenen Orten nachsitzen mussten.
Harrys Herz begann zu rasen. Er erinnerte sich, wie er vor vier Jahren im Spiegel Nerhegeb seine toten Eltern gesehen hatte. Er würde wieder mit Sirius sprechen können, jetzt gleich, er wusste es –
Er blickte umher, um sich zu vergewissern, dass niemand da war; der Schlafsaal war völlig leer. Er sah zurück in den Spiegel, hob ihn mit zitternden Händen vors Gesicht und sagte laut und deutlich: »Sirius.«
Sein Atem beschlug das Glas. Er hielt sich den Spiegel noch näher ans Gesicht und spürte eine Welle der Erregung, doch die Augen, die durch den Nebel zurückblinzelten, waren eindeutig seine eigenen.
Er wischte den Spiegel wieder klar und sagte, so dass jede Silbe deutlich durch den Raum hallte: »Sirius Black!«
Nichts geschah. Das enttäuschte Gesicht, das aus dem Spiegel zurückblickte, war immer noch unverkennbar sein eigenes …
Sirius hatte seinen Spiegel nicht bei sich, als er durch den Bogen ging, sagte eine leise Stimme in Harrys Kopf. Deshalb funktioniert es nicht …
Harry verharrte einen Moment lang vollkommen reglos, dann warf er den Spiegel zurück in den Koffer, wo er zerbrach. Eine ganze strahlend helle Minute lang war er überzeugt gewesen, dass er Sirius sehen, wieder mit ihm sprechen würde …
Die Enttäuschung brannte ihm in der Kehle; er stand auf und fing an, seine Sachen kunterbunt in den Koffer auf den zerbrochenen Spiegel zu werfen –
Doch dann kam ihm schlagartig eine Idee … eine bessere Idee als ein Spiegel … eine viel bedeutungsvollere, wichtigere Idee … wieso hatte er nicht schon vorher daran gedacht – warum hatte er nie gefragt?
Er spurtete aus dem Schlafsaal und die Wendeltreppe hinunter, er schlug gegen die Wände und nahm es kaum wahr; er hastete durch den leeren Gemeinschaftsraum, durch das Porträtloch und den Korridor entlang, ohne auf die fette Dame zu achten, die ihm hinterherrief: »Das Festessen fängt gleich an, weißt du, du schaffst es gerade noch!«
Doch Harry hatte nicht vor, zum Festessen zu gehen …
Wieso war dieses Schloss eigentlich voller Geister, wenn man keinen brauchte, aber jetzt …
Er rannte Treppen hinunter und Korridore entlang und traf niemanden, weder lebend noch tot. Alle waren natürlich in der Großen Halle. Vor seinem Zauberkunst-Klassenzimmer blieb er keuchend stehen und überlegte verzweifelt, dass er wohl bis später warten musste, bis nach dem Ende des Festessens …
Doch gerade hatte er die Hoffnung aufgegeben, da sah er ihn – einen durchsichtigen Jemand, der am Ende des Korridors durch die Wände schwebte.
»Hey – hey, Nick! NICK!«
Das Gespenst streckte sich wieder aus der Mauer hervor und unter seinem extravagant gefiederten Hut erschien der gefährlich wacklige Kopf von Sir Nicholas de Mimsy-Porpington.
»Guten Abend«, sagte er, zog den Rest seines Körpers aus dem massiven Stein und lächelte Harry zu. »Ich bin also nicht der Einzige, der zu spät dran ist? Obwohl«, seufzte er, »in einem ganz anderen Sinne natürlich …«
»Nick, kann ich Sie etwas fragen?«
Ein ganz eigenartiger Ausdruck stahl sich auf das Gesicht des Fast Kopflosen Nick, der nun einen Finger in die steife Krause um seinen Hals steckte und sie ein wenig fester zog, offenbar um sich Zeit zum Überlegen zu verschaffen. Er ließ erst davon ab, als sein teilweise durchtrennter Hals sich endgültig vom Kopf zu lösen schien.
»Ähm – nun, Harry?«, sagte Nick mit verlegener Miene. »Hat das nicht Zeit bis nach dem Festessen?«
»Nein – Nick – bitte«, sagte Harry. »Ich muss dringend mit Ihnen sprechen. Können wir hier reingehen?«
Harry öffnete die Tür zum nächsten Klassenzimmer und der Fast Kopflose Nick seufzte.
»Oh, nun gut«, sagte er mit resigniertem Blick. »Ich kann nicht so tun, als hätte ich es nicht erwartet.«
Harry hielt ihm die Tür auf, doch er zog es vor, durch die Wand zu schweben.
»Was erwartet?«, fragte Harry und schloss die Tür.
»Dass du mich aufsuchst«, sagte Nick, glitt hinüber zum Fenster und blickte hinaus auf die Schlossgründe, über denen es nun dunkelte. »Das geschieht … manchmal … wenn jemand … einen Verlust erlitten hat.«
»Also«, sagte Harry, der sich nicht ablenken lassen wollte, »Sie hatten Recht, ich – ich hab nach Ihnen gesucht.«
Nick schwieg.
»Es ist –«, fuhr Harry fort, der die Sache peinlicher fand, als er vorausgesehen hatte. »Es ist – Sie sind nun einmal tot. Aber Sie sind immer noch da, oder nicht?«
Nick seufzte und starrte weiter auf die Schlossgründe hinaus.
»Das stimmt doch, oder?«, drängte Harry. »Sie sind gestorben, aber ich rede mit Ihnen … Sie können in Hogwarts herumgehen und so weiter, nicht wahr?«
»Ja«, sagte der Fast Kopflose Nick leise, »ich gehe und spreche, ja.«
»Also sind Sie zurückgekehrt, ja?«, sagte Harry eindringlich. »Leute können zurückkehren, oder? Als Geister. Sie müssen nicht völlig verschwinden. Oder?«, fügte er ungeduldig hinzu, als Nick weiterhin schwieg.
Der Fast Kopflose Nick zögerte, dann sagte er: »Nicht jeder kann als Geist zurückkehren.«
»Was soll das heißen?«, fragte Harry rasch.
»Nur … nur Zauberer und Hexen.«
»Oh«, sagte Harry und hätte vor Erleichterung fast gelacht. »Nun, das ist schon in Ordnung, derjenige, wegen dem ich frage, ist ein Zauberer. Also kann er zurückkommen, ja?«
Nick wandte sich vom Fenster ab und sah Harry mit trauernder Miene an.
»Er wird nicht zurückkommen.«
»Wer?«
»Sirius Black«, sagte Nick.
»Aber Sie haben es getan!«, erwiderte Harry zornig. »Sie sind zurückgekommen – Sie sind tot und Sie sind nicht verschwunden –«
»Zauberer können einen Abdruck ihrer selbst auf der Erde hinterlassen, um dort, wo ihr lebendiges Selbst einst wandelte, als fahles Wesen umzugehen«, sagte Nick betrübt. »Aber sehr wenige Zauberer wählen diesen Weg.«
»Warum?«, sagte Harry. »Egal – das spielt keine Rolle – Sirius wird gleichgültig sein, dass es ungewöhnlich ist, er wird zurückkommen, ich weiß es!«
Und Harrys Glaube war so stark, dass er tatsächlich den Kopf wandte, um an der Tür nachzusehen, denn für den Bruchteil einer Sekunde war er sich gewiss, dass er Sirius erblicken würde, wie er perlweiß und durchsichtig, aber strahlend durch die Tür auf ihn zukam.
»Er wird nicht zurückkommen«, wiederholte Nick. »Er wird … weitergegangen sein.«
»Was soll das heißen, ›weitergegangen‹?«, fragte Harry rasch. »Wohin weitergegangen? Hören Sie – was passiert eigentlich, wenn man stirbt? Wo geht man hin? Warum kommen nicht alle zurück? Warum wimmelt es hier nicht von Geistern? Warum –?«
»Darauf kann ich nicht antworten«, sagte Nick.
»Sie sind doch tot, oder?«, sagte Harry aufgebracht. »Wer kann das besser beantworten als Sie?«
»Ich hatte Angst vor dem Tod«, sagte Nick leise. »Ich entschied mich dafür, zurückzubleiben. Manchmal frage ich mich, ob ich nicht doch … nun, es ist weder hier noch dort … tatsächlich bin ich weder hier noch dort …« Er ließ ein leises trauriges Glucksen hören. »Ich weiß nichts von den Geheimnissen des Todes, Harry, denn ich habe mich stattdessen für mein schwächliches Nachbild des Lebens entschieden. Ich glaube, gelehrte Zauberer studieren diese Frage in der Mysteriumsabteilung –«
»Von der will ich nichts hören!«, sagte Harry wütend.
»Es tut mir leid, dass ich dir nicht besser helfen konnte«, sagte Nick freundlich. »Nun … nun entschuldige mich bitte … das Festessen, du weißt …«
Und er verließ den Raum, wo Harry alleine zurückblieb und mit leerem Blick die Wand anstarrte, durch die Nick verschwunden war.
Harry war zumute, als hätte er seinen Paten noch einmal verloren, indem er die Hoffnung verloren hatte, dass er ihn vielleicht wiedersehen oder mit ihm sprechen könnte. Langsam und niedergeschlagen ging er durch das leere Schloss nach oben zurück. Er fragte sich, ob er jemals wieder fröhlich sein würde.
Er war um die Ecke des Korridors der fetten Dame gebogen, als er vor sich jemanden sah, der einen Zettel an einem Brett an der Wand befestigte. Ein zweiter Blick zeigte ihm, dass es Luna war. Gute Verstecke in der Nähe gab es nicht, sie musste seine Schritte gehört haben, und ohnehin brachte Harry in diesem Moment kaum die Kraft auf, irgendjemandem aus dem Weg zu gehen.
»Hallo«, sagte Luna undeutlich und blickte sich zu ihm um, als sie vom schwarzen Brett zurücktrat.
»Weshalb bist du nicht beim Festessen?«, fragte Harry.
»Na ja, ich hab die meisten meiner Sachen verloren«, sagte sie gelassen. »Die anderen nehmen sie weg und verstecken sie, weißt du. Aber weil dies der letzte Abend ist, brauch ich sie dringend wieder, also hab ich Zettel aufgehängt.«
Sie wies auf das schwarze Brett, an das sie tatsächlich eine Liste all ihrer vermissten Bücher und Kleidungsstücke gepinnt hatte, mit der Bitte, sie doch zurückzugeben.
Ein merkwürdiges Gefühl stieg in Harry auf; ein Gefühl, das ganz anders war als der Zorn und die Trauer, die ihn seit Sirius’ Tod erfüllt hatten. Es dauerte einige Augenblicke, bis ihm klar wurde, dass er Mitleid für Luna empfand.
»Wieso verstecken sie deine Sachen?«, fragte er sie stirnrunzelnd.
»Oh … nun …« Sie zuckte die Achseln. »Ich glaub, sie halten mich für ein wenig seltsam, weißt du. Manche nennen mich sogar ›Loony‹ Lovegood.«
Harry sah sie an und das neue Gefühl des Mitleids verstärkte sich recht schmerzhaft.
»Das ist kein Grund, dir deine Sachen wegzunehmen«, sagte er tonlos. »Soll ich dir helfen, sie zu finden?«
»O nein«, sagte sie und lächelte ihn an. »Die kommen schon zurück, zum Schluss sind sie immer wieder da. Ich wollte nur heute Abend packen. Egal … warum bist du nicht beim Festessen?«
Harry zuckte die Achseln. »Mir war einfach nicht danach.«
»Nein«, sagte Luna und musterte ihn mit ihren merkwürdig verschwommenen, vorquellenden Augen. »Das hab ich mir gedacht. Dieser Mann, den die Todesser umgebracht haben, war dein Pate, stimmt’s? Ginny hat es mir erzählt.«
Harry nickte knapp, bemerkte jedoch, dass es ihm aus irgendeinem Grund nichts ausmachte, dass Luna von Sirius sprach. Eben war ihm eingefallen, dass auch sie die Thestrale sehen konnte.
»Warst du …«, setzte er an. »Ich meine, wer … Ist schon mal jemand, den du kanntest, gestorben?«
»Ja«, sagte Luna schlicht. »Meine Mutter. Sie war eine ganz außergewöhnliche Hexe, weißt du, aber sie hat gerne experimentiert und eines Tages ist einer ihrer Flüche ganz fürchterlich schiefgegangen. Da war ich neun.«
»Tut mir leid«, murmelte Harry.
»Ja, es war ziemlich schrecklich«, sagte Luna beiläufig. »Manchmal bin ich immer noch sehr traurig darüber. Aber ich hab ja immer noch Dad. Und außerdem ist es nicht so, dass ich Mum nie wiedersehen werde, oder?«
»Ähm – nicht?«, sagte Harry unsicher.
Sie schüttelte ungläubig den Kopf.
»Ach, komm. Du hast sie doch gehört, gleich hinter dem Schleier, oder?«
»Du meinst …«
»In diesem Raum mit dem Bogen. Die haben sich nur vor uns verborgen, das ist alles. Du hast sie gehört.«
Sie sahen sich an. Luna lächelte schwach. Harry wusste nicht, was er sagen oder davon halten sollte; Luna glaubte an so viele außergewöhnliche Dinge … doch auch er war sicher gewesen, Stimmen hinter dem Schleier gehört zu haben.
»Soll ich dir nicht doch helfen, nach deinen Sachen zu suchen?«, fragte er.
»O nein«, sagte Luna. »Nein, ich glaub, ich geh einfach runter und ess ein bisschen Nachtisch und warte, bis alles wieder auftaucht … das tut es am Schluss immer … also, schöne Ferien, Harry.«
»Ja … ja, dir auch.«
Sie ging davon, und während er ihr nachsah, bemerkte er, dass der schreckliche Stein in seinem Magen ein wenig leichter geworden war.
Die Heimreise im Hogwarts-Express am nächsten Tag war auf verschiedene Weise ereignisreich. Zuerst versuchten Malfoy, Crabbe und Goyle, die eindeutig die ganze Woche darauf gewartet hatten, unbeobachtet von Lehrern zuschlagen zu können, Harry, der gerade auf dem Rückweg von der Toilette war, mitten im Zug zu überfallen. Der Angriff hätte gelingen können, wenn sie ihn nicht unwissentlich direkt vor einem Abteil voller DA-Mitglieder gestartet hätten, die durch die Scheibe sahen, was passierte, und sich wie auf Kommando erhoben und Harry zu Hilfe eilten. Als Ernie Macmillan, Hannah Abbott, Susan Bones, Justin Finch-Fletchley, Anthony Goldstein und Terry Boot schließlich damit fertig waren, die reiche Auswahl an Zaubern und Flüchen anzuwenden, die Harry ihnen beigebracht hatte, ähnelten Malfoy, Crabbe und Goyle am ehesten drei gigantischen Schnecken, die in Hogwarts-Uniformen gezwängt waren. Harry, Ernie und Justin hievten sie aufs Gepäckregal und ließen sie dort vor sich hin schwitzen.
»Ich muss sagen, ich freu mich schon darauf, das Gesicht von Malfoys Mutter zu sehen, wenn er aus dem Zug steigt«, sagte Ernie mit einiger Genugtuung, während er beobachtete, wie sich Malfoy über ihm krümmte. Ernie hatte nie ganz die Schmach verwunden, dass Malfoy während seiner kurzen Laufbahn als Mitglied des Inquisitionskommandos den Hufflepuffs Punkte abgenommen hatte.
»Goyles Mami wird sich aber sicher freuen«, sagte Ron, der herbeigekommen war, um die Ursache des Tumults zu erkunden. »Sieht jetzt viel besser aus … übrigens, Harry, der Imbisswagen hat gerade Halt gemacht, falls du was möchtest …«
Harry dankte den anderen und begleitete Ron zurück zu ihrem Abteil, wo er einen Berg Kesselkuchen und Kürbisgebäck kaufte. Hermine las wieder mal den Tagespropheten, Ginny löste ein Quiz im Klitterer, und Neville streichelte seinen Mimbulus mimbeltonia, der übers Jahr um einiges gewachsen war und jetzt merkwürdig schmachtende Geräusche von sich gab, wenn man ihn berührte.
Harry und Ron vertrieben sich die meiste Zeit der Reise mit Zaubererschach, während Hermine ihnen Ausschnitte aus dem Propheten vorlas. Er war jetzt voller Artikel darüber, wie man Dementoren vertreiben konnte, über Versuche des Ministeriums, Todesser aufzuspüren, und voller hysterischer Briefe, in denen behauptet wurde, man habe Lord Voldemort noch am Morgen höchstpersönlich am Haus vorbeispazieren sehen …
»Es hat im Grunde noch nicht wirklich begonnen«, seufzte Hermine düster und faltete die Zeitung zusammen. »Aber es wird jetzt nicht mehr lange dauern …«
»Hey, Harry«, sagte Ron leise und wies mit dem Kopf zur Scheibe auf der Gangseite.
Harry wandte sich um. Cho ging gerade vorbei, begleitet von Marietta Edgecombe, die einen Kopfschützer trug. Seine und Chos Augen trafen sich für einen Moment. Cho errötete und ging weiter. Harry blickte wieder auf sein Schachbrett und sah gerade noch, wie einer seiner Bauern von einem Springer Rons vom Feld gejagt wurde.
»Was – ähm – läuft eigentlich so zwischen dir und ihr?«, fragte Ron leise.
»Nichts«, sagte Harry wahrheitsgemäß.
»Ich – ähm – hab gehört, sie geht mit jemand anderem«, sagte Hermine behutsam.
Harry war überrascht, dass ihm diese Mitteilung überhaupt nicht wehtat. Dass er Cho beeindrucken wollte, schien einer Vergangenheit anzugehören, mit der er sich nicht mehr recht verbunden fühlte; das ging ihm so mit vielem von dem, was er vor Sirius’ Tod gewollt hatte … die Woche, die vergangen war, seit er Sirius zum letzten Mal gesehen hatte, schien viel, viel länger gedauert zu haben; sie erstreckte sich über zwei Universen, das eine mit Sirius, das andere ohne ihn.
»Sei froh, dass du’s hinter dir hast, Mann«, sagte Ron nachdrücklich. »Ich meine, sie sieht gut aus und so, aber du brauchst eine, die ’n bisschen besser drauf ist.«
»Mit ’nem anderen wird sie wohl ziemlich gut drauf sein«, sagte Harry achselzuckend.
»Mit wem geht sie jetzt eigentlich?«, fragte Ron Hermine, doch es war Ginny, die antwortete.
»Michael Corner«, sagte sie.
»Michael – aber –«, erwiderte Ron und verrenkte sich in seinem Sitz den Hals, um sie anzustarren. »Aber du bist doch mit ihm gegangen!«
»Das ist vorbei«, sagte Ginny entschieden. »Er hat es nicht vertragen, dass Gryffindor Ravenclaw im Quidditch geschlagen hat, und hat richtig geschmollt, also habe ich ihm den Laufpass gegeben, und er ist gleich zu Cho gerannt, um sie zu trösten.« Sie kratzte sich zerstreut mit dem Ende ihrer Feder an der Nase, drehte den Klitterer auf den Kopf und fing an, ihre Antworten anzukreuzen. Ron schien sich richtig zu freuen.
»Also, ich hab ihn immer schon für einen ziemlichen Idioten gehalten«, sagte er und feuerte seine Dame an, auf Harrys bebenden Turm loszugehen. »Nur gut für dich. Nimm doch das nächste Mal einfach – jemand – Besseren.«
Bei diesen Worten warf er Harry einen merkwürdig flüchtigen Blick zu.
»Nun, ich hab mich für Dean Thomas entschieden, würdest du sagen, der ist besser?«, fragte Ginny wie nebenbei.
»WAS?«, rief Ron und warf das Schachbrett um; Krummbein sprang den Figuren nach, und über ihnen begannen Hedwig und Pigwidgeon wütend zu schreien und zu zwitschern.
Als der Zug sich King’s Cross näherte und seine Fahrt verlangsamte, ging Harry durch den Kopf, dass er noch nie so wenig Lust gehabt hatte auszusteigen. Er überlegte sogar flüchtig, was passieren würde, wenn er sich einfach weigerte, den Zug zu verlassen, wenn er einfach stur sitzen bleiben würde bis zum ersten September, dem Tag, an dem er ihn nach Hogwarts zurückbringen würde. Als der Zug dann dampfend zum Stillstand kam, hob er jedoch Hedwigs Käfig herunter und machte sich daran, seinen Koffer wie üblich aus dem Zug zu schleifen.
Nachdem der Fahrkartenkontrolleur Harry, Ron und Hermine ein Zeichen gegeben hatte, dass sie die magische Absperrung zwischen den Bahnsteigen neun und zehn passieren konnten, stellte sich allerdings heraus, dass ihn auf der anderen Seite eine Überraschung erwartete: Eine Gruppe von Leuten, mit denen er überhaupt nicht gerechnet hatte, stand bereit, um ihn zu begrüßen.
Da war Mad-Eye Moody, der mit dem tief über sein magisches Auge gezogenen Bowler genauso finster aussah, als wenn er ihn gar nicht aufgehabt hätte, in seinen knorrigen Händen hielt er einen langen Stock, sein Körper war in einen bauschigen Reisemantel gehüllt. Gleich hinter ihm stand Tonks, deren helles, bonbonrosa Haar im Sonnenlicht schimmerte, das durch die schmutzigen Scheiben des Bahnhofsdachs hereinsickerte, und die eine stark geflickte Jeans und ein hellviolettes T-Shirt mit der Aufschrift Schicksalsschwestern trug. Neben Tonks war Lupin, das Gesicht bleich, das Haar noch grauer, in einem langen abgetragenen Cape, das einen schäbigen Pulli und eine ebensolche Hose bedeckte. Vor den dreien standen Mr und Mrs Weasley in ihren besten Muggelsachen und Fred und George, die beide brandneue Jacken aus einem grellgrünen, schuppigen Material trugen.
»Ron, Ginny!«, rief Mrs Weasley, stürmte herbei und schloss ihre Kinder fest in die Arme. »Oh, und Harry, mein Lieber – wie geht’s dir?«
»Gut«, schwindelte Harry, als sie auch ihn fest an sich drückte. Über ihre Schulter hinweg sah er, wie Ron die neuen Sachen der Zwillinge mit Stielaugen betrachtete.
»Was soll das denn sein?«, fragte er und deutete auf die Jacken.
»Feinste Drachenhaut, Bruderherz«, sagte Fred und zupfte ein wenig an seinem Reißverschluss. »Das Geschäft boomt, und wir dachten, man gönnt sich ja sonst nichts.«
»Hallo, Harry«, sagte Lupin, als Mrs Weasley Harry losließ und sich umwandte, um Hermine zu begrüßen.
»Hi«, sagte Harry. »Ich hätte nicht erwartet … was machen Sie denn alle hier?«
»Nun«, sagte Lupin mit dem Anflug eines Lächelns, »wir dachten, wir könnten einen kleinen Plausch mit deiner Tante und deinem Onkel halten, ehe wir dich zu ihnen nach Hause lassen.«
»Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist«, sagte Harry prompt.
»Oh, ich glaub schon«, knurrte Moody, der ein wenig näher herangehumpelt war. »Das werden sie sein, stimmt’s, Potter?«
Er wies mit dem Daumen über die Schulter; das magische Auge spähte offenbar durch seinen Hinterkopf und seinen Bowler. Harry neigte sich ein wenig nach links, um zu sehen, auf wen Mad-Eye deutete, und tatsächlich, da waren die drei Dursleys, die angesichts von Harrys Empfangskomitee sichtlich entsetzt wirkten.
»Ah, Harry!«, sagte Mr Weasley und wandte sich von Hermines Eltern ab, die er eben begeistert begrüßt hatte und die nun abwechselnd Hermine umarmten. »Also – tun wir’s jetzt?«
»Ja, ich denk schon, Arthur«, sagte Moody.
Er und Mr Weasley gingen voran durch den Bahnhof auf die Dursleys zu, die scheinbar im Boden Wurzeln geschlagen hatten, Hermine löste sich sanft von ihrer Mutter und schloss sich der Gruppe an.
»Guten Tag«, sagte Mr Weasley freundlich zu Onkel Vernon und blieb direkt vor ihm stehen. »Sie erinnern sich vielleicht an mich, mein Name ist Arthur Weasley.«
Da Mr Weasley zwei Jahre zuvor im Alleingang das Wohnzimmer der Dursleys weitestgehend verwüstet hatte, wäre Harry sehr überrascht gewesen, wenn Onkel Vernon ihn vergessen hätte. Und tatsächlich, Onkel Vernon nahm eine noch dunklere Rotschattierung an und fixierte Mr Weasley zornig, entschied sich jedoch, nichts zu sagen, vielleicht auch deshalb, weil die Dursleys eins zu zwei in der Unterzahl waren. Tante Petunia schien verängstigt und peinlich berührt zugleich; ständig sah sie sich um, als ob sie eine Höllenangst hätte, jemand, den sie kannte, würde sie in solcher Gesellschaft sehen. Dudley unterdessen schien möglichst klein und unbedeutend wirken zu wollen, eine Anstrengung, bei der er grandios versagte.
»Wir dachten, wir könnten uns kurz mit Ihnen über Harry unterhalten«, sagte Mr Weasley und lächelte immer noch.
»Genau«, knurrte Moody. »Darüber, wie er so behandelt wird, wenn er bei Ihnen ist.«
Onkel Vernons Schnurrbart schien vor Entrüstung zu knistern. Vielleicht weil der Bowler ihn fälschlicherweise denken ließ, er hätte es mit einer verwandten Seele zu tun, wandte er sich Moody zu.
»Ich wüsste nicht, dass es Sie irgendetwas anginge, was in meinem Hause vor sich geht –«
»Ich würde sagen, was Sie nicht wissen, könnte mehrere Bücher füllen, Dursley«, knurrte Moody.
»Und darum geht’s auch gar nicht«, warf Tonks ein, deren rosa Haar Tante Petunia offenbar anstößiger fand als alles andere zusammen, denn statt Tonks anzusehen, schloss sie die Augen. »Der Punkt ist, wenn wir rausfinden sollten, dass Sie Harry schlecht behandelt haben –«
»– Und täuschen Sie sich nicht, wir werden davon hören«, fügte Lupin freundlich hinzu.
»Ja«, sagte Mr Weasley, »selbst wenn Sie Harry nicht das Feleton benutzen lassen –«
»Telefon«, flüsterte Hermine.
»– Ja, wenn wir auch nur andeutungsweise mitkriegen, dass Potter auf irgendeine Art misshandelt wurde, werden Sie uns Rede und Antwort stehen müssen«, sagte Moody.
Onkel Vernon schwoll unheilvoll an. Seine Empörung schien sogar seine Angst vor dieser Horde von Spinnern zu übertreffen.
»Drohen Sie mir, Sir?«, sagte er so laut, dass sich tatsächlich einige Passanten umdrehten und sie anstarrten.
»Ja, allerdings«, sagte Mad-Eye, offenbar recht erfreut, dass Onkel Vernon diese Tatsache so rasch begriffen hatte.
»Und sehe ich aus wie ein Mensch, der sich einschüchtern lässt?«, bellte Onkel Vernon.
»Nun …«, sagte Moody, schob seinen Bowler zurück und offenbarte sein unheilvoll rotierendes magisches Auge. Onkel Vernon machte vor Entsetzen einen Satz nach hinten und stieß schmerzhaft mit einer Gepäckkarre zusammen. »Ja, ich muss sagen, das tun Sie, Dursley.«
Er wandte sich von Onkel Vernon zu Harry.
»Also, Potter … ruf uns einfach, wenn du uns brauchst. Wenn wir drei Tage in Folge nichts von dir hören, schicken wir dir jemanden vorbei …«
Tante Petunia wimmerte kläglich. Es hätte nicht offensichtlicher sein können, dass sie daran dachte, was wohl die Nachbarn sagen würden, wenn sie diese Leute den Gartenweg entlangmarschieren sähen.
»Bis dann, Potter«, sagte Moody und drückte mit einer knorrigen Hand kurz Harrys Schulter.
»Pass auf dich auf, Harry«, sagte Lupin leise. »Melde dich.«
»Harry, wir holen dich da weg, sobald wir können«, flüsterte Mrs Weasley und umarmte ihn noch einmal.
»Wir sehen uns bald, Mann«, sagte Ron beklommen und schüttelte Harry die Hand.
»Wirklich bald, Harry«, sagte Hermine ernst. »Versprochen.«
Harry nickte. Irgendwie fand er nicht die Worte, um ihnen zu sagen, was es ihm bedeutete, sie alle hier an seiner Seite stehen zu sehen. Stattdessen lächelte er, hob die Hand zum Abschied, wandte sich um und ging, eilends gefolgt von Onkel Vernon, Tante Petunia und Dudley, durch den Bahnhof hinaus auf die sonnenbeschienene Straße.
Alles über Harry Potter:
Harry Potter und der Stein der Weisen
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Originaltitel: Harry Potter and the Half-Blood Prince
Aus dem Englischen von Klaus Fritz
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Umschlaggestaltung: Doris K. Künster
Diese Digitale Edition wurde 2012 zum ersten Mal von Pottermore Limited veröffentlicht
Deutsche Printausgabe erschienen im Carlsen Verlag GmbH
Originalcopyright © J.K. Rowling 2005
Copyright für die Deutsche Ausgabe © Carlsen Verlag GmbH 2005
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ISBN 978-1-78110-060-8
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von J.K. Rowling
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Mackenzie,
meiner schönen Tochter,
widme ich
ihren Zwilling aus Tinte und Papier
INHALT
Der andere Minister
Spinner’s End
Wollen und Nichtwollen
Horace Slughorn
Schleim im Überfluss
Dracos Abstecher
Der Slug-Klub
Snape triumphiert
Der Halbblutprinz
Das Haus der Gaunts
Hermines helfende Hand
Silber und Opale
Der geheime Riddle
Felix Felicis
Der Unbrechbare Schwur
Sehr frostige Weihnachten
Eine getrübte Erinnerung
Geburtstagsüberraschungen
Elfen helfen
Lord Voldemorts Gesuch
Der unergründliche Raum
Nach der Beerdigung
Horkruxe
Sectumsempra
Die belauschte Seherin
Die Höhle
Der vom Blitz getroffene Turm
Die Flucht des Prinzen
Die Klage des Phönix
Das weiße Grabmal
Der andere Minister
Es ging auf Mitternacht zu, der Premierminister saß allein in seinem Büro und las einen langen Bericht, der ihm durch den Kopf strich, ohne den geringsten Sinn zu hinterlassen. Er wartete auf den Anruf des Präsidenten eines fernen Landes, und während er überlegte, wann der elende Mensch sich endlich melden würde, und zugleich unangenehme Erinnerungen an eine sehr lange, ermüdende und schwierige Woche zu unterdrücken suchte, konnte er kaum noch an etwas anderes denken. Je stärker der Premierminister sich auf den Text der Seite vor sich zu konzentrieren versuchte, desto deutlicher konnte er das hämisch grinsende Gesicht eines seiner politischen Gegner sehen. Ausgerechnet dieser Gegner war gerade am heutigen Tag in den Nachrichten aufgetreten und hatte nicht nur die schrecklichen Dinge aufgezählt, die in der vergangenen Woche geschehen waren (als müsste irgendjemand daran erinnert werden), sondern auch noch erläutert, warum an ausnahmslos allen Vorfällen die Regierung schuld sei.
Der Puls des Premierministers beschleunigte sich allein beim Gedanken an diese Vorwürfe, denn sie waren weder fair noch trafen sie zu. Wie um alles in der Welt hätte seine Regierung verhindern sollen, dass diese Brücke zusammenbrach? Es war empörend, dass überhaupt jemand unterstellte, man würde nicht genug für den Brückenbau ausgeben. Die Brücke war kaum zehn Jahre alt, und die besten Fachleute wussten sich nicht im Mindesten zu erklären, warum sie mitten entzweigebrochen war und ein Dutzend Autos in die feuchten Tiefen des Flusses unter sich gestürzt hatte. Und wie konnte es jemand wagen, zu behaupten, der Mangel an Polizisten hätte zu diesen beiden sehr hässlichen und weithin publik gemachten Morden geführt? Oder dass die Regierung den außergewöhnlichen Hurrikan in den südwestlichen Grafschaften irgendwie hätte vorhersehen müssen, der so viele Menschen und ihr Hab und Gut geschädigt hatte? Und war es sein Fehler, dass einer seiner Juniorminister, Herbert Chorley, sich ausgerechnet in dieser Woche so seltsam aufgeführt hatte, dass er nun bald viel mehr Zeit mit seiner Familie verbringen würde?
»Eine düstere Stimmung hat das Land erfasst«, hatte sein Gegner zum Schluss gesagt und sein breites Grinsen dabei kaum verborgen.
Und leider traf dies vollkommen zu. Der Premierminister spürte es selbst; die Menschen schienen tatsächlich unglücklicher als sonst. Sogar das Wetter war trostlos; so viel kalter Nebel mitten im Juli … etwas stimmte nicht, das war nicht normal …
Er blätterte die zweite Seite des Berichts um, sah, wie lange er noch weiterging, und gab resigniert auf. Er streckte die Arme über den Kopf und schaute sich traurig in seinem Büro um. Es war ein schöner Raum, mit einem gediegenen Marmorkamin gegenüber hohen Schiebefenstern, die wegen der für die Jahreszeit ungewöhnlichen Kälte fest geschlossen waren. Mit einem leichten Schaudern stand der Premierminister auf, trat hinüber zu den Fenstern und sah hinaus in den feinen Nebel, der sich gegen die Scheibe drückte. In diesem Moment, während er dem Raum den Rücken zukehrte, hörte er hinter sich ein leises Husten.
Er erstarrte, Nase an Nase mit seinem erschrocken wirkenden Spiegelbild in der dunklen Scheibe. Er kannte dieses Husten. Er hatte es schon einmal gehört. Er drehte sich ganz langsam dem leeren Zimmer zu.
»Hallo?«, sagte er und bemühte sich, mutiger zu klingen, als er sich fühlte.
Einen kurzen Moment gab er sich der aberwitzigen Hoffnung hin, niemand würde ihm antworten. Doch prompt ertönte eine Stimme, eine forsche, schneidige Stimme, die so klang, als würde sie eine vorbereitete schriftliche Stellungnahme verlesen. Die Stimme kam – wie der Premierminister schon seit dem ersten Husten wusste – von dem froschartigen Männchen mit der langen silbernen Perücke, das auf einem kleinen schäbigen Ölgemälde auf der anderen Seite des Zimmers abgebildet war.
»An den Premierminister der Muggel. Treffen dringend erforderlich. Erbitte sofortige Antwort. Gruß, Fudge.« Der Mann in dem Gemälde sah den Premierminister fragend an.
»Ähm«, sagte der Premierminister, »hören Sie … das passt mir gerade gar nicht … Ich erwarte einen Anruf, verstehen Sie … des Präsidenten von –«
»Der lässt sich verschieben«, sagte das Porträt sofort. Dem Premierminister sank der Mut. Das hatte er befürchtet.
»Aber ich wollte wirklich lieber mit –«
»Wir werden dafür sorgen, dass der Präsident den Anruf vergisst. Er wird stattdessen morgen Abend anrufen«, sagte der kleine Mann. »Bitte geben Sie Mr Fudge unverzüglich Antwort.«
»Ich … oh … nun gut«, sagte der Premierminister matt. »Einverstanden, ich werde Fudge empfangen.«
Er eilte zurück an seinen Schreibtisch und rückte dabei seine Krawatte zurecht. Kaum hatte er seinen Platz wieder eingenommen und seinen Gesichtszügen einen, wie er hoffte, entspannten und gefassten Ausdruck verliehen, als hellgrüne Flammen in dem leeren Rost unter dem marmornen Kaminsims aufloderten. Darauf bedacht, sich keinerlei Überraschung oder Besorgnis anmerken zu lassen, beobachtete er, wie ein stattlicher Mann in den Flammen erschien, der schnell wie ein Kreisel rotierte. Sekunden später war er herausgestiegen auf einen ziemlich edlen alten Teppich und streifte sich Asche von den Ärmeln seines langen Nadelstreifenumhangs, einen limonengrünen Bowler in der Hand.
»Ah … Premierminister«, sagte Cornelius Fudge und schritt mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. »Schön, Sie wiederzusehen.«
Der Premierminister konnte diese Höflichkeit nicht ehrlich erwidern und sagte deshalb überhaupt nichts. Es freute ihn keineswegs, Fudge zu sehen, dessen gelegentliches Auftauchen an sich schon ausgesprochen beunruhigend war und meistens bedeutete, dass ihn sehr schlechte Nachrichten erwarteten. Überdies sah Fudge eindeutig verhärmt aus. Er war dünner, kahler und grauer geworden, und sein Gesicht machte einen zerknitterten Eindruck. Der Premierminister hatte schon manche Politiker erlebt, die so aussahen, und es hatte nie etwas Gutes verheißen.
»Wie kann ich Ihnen helfen?«, sagte er, schüttelte Fudge ganz kurz die Hand und wies auf den härtesten Stuhl vor seinem Schreibtisch.
»Weiß nicht so recht, wo ich anfangen soll«, murmelte Fudge, zog den Stuhl heran, setzte sich und legte den grünen Bowler auf seine Knie. »Was für eine Woche, was für eine Woche …«
»Ihre war also auch schlecht?«, fragte der Premierminister steif und hoffte damit zum Ausdruck zu bringen, er habe auch ohne Fudges Zutun schon genug am Hals.
»Ja, natürlich«, sagte Fudge, rieb sich erschöpft die Augen und blickte den Premierminister verdrießlich an. »Ich hatte die gleiche Woche wie Sie, Premierminister. Die Brockdale-Brücke … die Morde an Bones und Vance … ganz zu schweigen von dem Chaos im Südwesten …«
»Sie – ähm – Sie – ich meine, Ihre Leute waren – zum Teil verwickelt in diese – diese Vorfälle, ja?«
Fudge fixierte den Premierminister mit einem ziemlich strengen Blick. »Natürlich waren sie das«, sagte er. »Ihnen ist sicher bewusst, was da vor sich geht?«
»Ich …«, zögerte der Premierminister.
Genau diese Art von Auftreten war es, weswegen er Fudges Besuche so hasste. Immerhin war er der Premierminister und schätzte es nicht, wenn man ihm das Gefühl vermittelte, ein ahnungsloser Schuljunge zu sein. Doch so war es schon immer gewesen, seit seinem allerersten Treffen mit Fudge an seinem allerersten Abend als Premierminister. Er erinnerte sich daran, als ob es gestern gewesen wäre, und wusste, dass es ihn bis an sein Lebensende verfolgen würde.
Er hatte allein in ebendiesem Büro gestanden und den Triumph ausgekostet, den er nach so vielen Jahren des Träumens und Intrigierens errungen hatte, als er ein Husten hinter sich hörte, genau wie heute Abend, worauf er sich umwandte und bemerkte, dass das hässliche kleine Porträt zu ihm sprach. Es verkündete, der Zaubereiminister werde in Kürze eintreffen und sich vorstellen.
Natürlich hatte er geglaubt, er wäre durch den langen Wahlkampf und die damit verbundene Anstrengung verrückt geworden. Es hatte ihn abgrundtief entsetzt, dass ein Porträt zu ihm sprach, doch das war nichts im Vergleich zu dem, was er empfand, als ein selbst ernannter Zauberer aus dem Kamin gehüpft kam und ihm die Hand schüttelte. Er hatte stumm zugehört, als Fudge ihm freundlich erklärte, dass es immer noch Hexen und Zauberer gebe, die überall auf der Welt im Geheimen lebten, und ihm mehrfach versicherte, er solle sich darüber nicht den Kopf zerbrechen, denn das Zaubereiministerium trage die Verantwortung für die ganze magische Gemeinschaft und werde verhindern, dass die nichtmagische Bevölkerung Wind von ihr bekomme. Dies sei, so Fudge, eine schwierige Arbeit, die allerlei umfasse, angefangen bei den Vorschriften zum verantwortungsvollen Gebrauch von Besen bis hin zur Kontrolle der Drachenpopulation (dem Premierminister fiel ein, dass er sich an dieser Stelle Halt suchend am Schreibtisch festgeklammert hatte). Fudge hatte dem immer noch sprachlosen Premierminister daraufhin väterlich auf die Schulter geklopft.
»Keine Sorge«, hatte er gesagt, »wahrscheinlich werden Sie mich nie wiedersehen. Ich werde Sie nur belästigen, wenn bei uns etwas wirklich Ernstes vorfällt, etwas, das aller Voraussicht nach die Muggel beeinträchtigen wird – die nichtmagische Bevölkerung, sollte ich besser sagen. Ansonsten heißt es leben und leben lassen. Und ich muss sagen, Sie nehmen das viel besser auf als Ihr Vorgänger. Der hat versucht, mich aus dem Fenster zu werfen, dachte, ich wäre ein übler Scherz, den die Opposition ausgeheckt hat.«
Da hatte der Premierminister seine Stimme endlich wiedergefunden.
»Sie – Sie sind also kein Scherz?«
Es war seine letzte, verzweifelte Hoffnung gewesen.
»Nein«, sagte Fudge liebenswürdig. »Nein, ich fürchte, nicht. Sehen Sie.«
Und er hatte die Teetasse des Premierministers in eine Rennmaus verwandelt.
»Aber«, sagte der Premierminister atemlos, während er zusah, wie seine Teetasse eine Ecke seiner nächsten Rede annagte, »aber warum – hat mir keiner gesagt –?«
»Der Zaubereiminister oder die Zaubereiministerin zeigt sich nur dem jeweils amtierenden Premierminister der Muggel«, erwiderte Fudge und steckte seinen Zauberstab in sein Jackett zurück. »Wir halten dies für den besten Weg, die Geheimhaltung zu wahren.«
»Aber«, jammerte der Premierminister, »warum hat mich dann keiner meiner Vorgänger darauf hingewiesen –?«
Da hatte Fudge tatsächlich gelacht.
»Mein lieber Premierminister, werden Sie es jemals irgendjemandem sagen?«
Noch immer glucksend vor Lachen, hatte Fudge etwas Pulver in den Kamin geworfen, war in die smaragdgrünen Flammen gestiegen und mit einem zischenden Geräusch verschwunden. Der Premierminister hatte völlig reglos dagestanden, und ihm war klar geworden, dass er es sein Leben lang nicht wagen würde, diese Begegnung auch nur einer Menschenseele gegenüber zu erwähnen, denn wer auf der ganzen weiten Welt würde ihm glauben?
Es hatte eine kleine Weile gedauert, bis der Schock nachließ. Eine Zeit lang hatte er versucht sich einzureden, dass Fudge tatsächlich eine Halluzination gewesen war, verursacht durch den Schlafmangel während seines zermürbenden Wahlkampfs. Vergeblich bemühte er sich, alle Erinnerungen an diese unangenehme Begegnung loszuwerden: Er schenkte die Rennmaus seiner entzückten Nichte und wies seinen Privatsekretär an, das Porträt des hässlichen kleinen Mannes, der Fudges Eintreffen angekündigt hatte, von der Wand zu nehmen. Zum Entsetzen des Premierministers stellte sich jedoch heraus, dass man das Porträt nicht entfernen konnte. Nachdem mehrere Schreiner, ein oder zwei Bauarbeiter, ein Kunsthistoriker und der Finanzminister allesamt erfolglos versucht hatten, es von der Wand zu stemmen, gab der Premierminister die Sache auf und beschloss, einfach darauf zu hoffen, dass das Ding für den Rest seiner Amtszeit reglos und stumm blieb. Gelegentlich hätte er schwören können, aus dem Augenwinkel zu sehen, wie der Bewohner des Gemäldes gähnte oder sich an der Nase kratzte, das eine oder andere Mal sogar einfach aus seinem Rahmen herausspazierte und nichts als ein Stück schlammbrauner Leinwand zurückließ. Doch hatte er sich angewöhnt, das Bild nicht allzu häufig anzuschauen und sich immer fest einzureden, seine Augen würden ihm einen Streich spielen, wenn so etwas geschah.
Vor drei Jahren dann, an einem ganz ähnlichen Abend wie heute, war der Premierminister allein in seinem Büro gewesen, als das Porträt erneut das baldige Eintreffen von Fudge angekündigt hatte, der daraufhin aus dem Kamin gestürzt war, klitschnass und in beträchtlicher Panik. Ehe der Premierminister fragen konnte, warum er den ganzen Axminsterteppich volltropfe, hatte Fudge schon angefangen, über ein Gefängnis zu faseln, von dem der Premierminister noch nie gehört hatte, über einen Mann namens »Serious« Black, über etwas, das wie Hogwarts klang, und über einen Jungen, der Harry Potter hieß, und nichts davon konnte der Premierminister auch nur im Entferntesten verstehen.
»… Ich komme gerade aus Askaban«, hatte Fudge gekeucht und eine Unmenge Wasser aus der Krempe seines Bowlers in seine Tasche gekippt. »Mitten in der Nordsee, wissen Sie, schrecklicher Flug … die Dementoren sind in Aufruhr –«, er schauderte, »– bei denen ist noch nie ein Ausbruch vorgekommen. Wie auch immer, ich musste Sie aufsuchen, Premierminister. Black ist ein bekannter Muggelmörder und plant womöglich, sich wieder Du-weißt-schon-wem anzuschließen … aber natürlich, Sie wissen ja nicht mal, wer Du-weißt-schon-wer ist!« Er starrte den Premierminister einen Moment lang mutlos an, dann sagte er: »Nun, nehmen Sie Platz, nehmen Sie Platz, ich werde Ihnen am besten alles erklären … trinken Sie einen Whisky …«
Der Premierminister hatte sich ziemlich darüber geärgert, dass man ihn in seinem eigenen Büro aufforderte, Platz zu nehmen, und ihm obendrein noch seinen eigenen Whisky anbot, aber er setzte sich trotzdem. Fudge hatte seinen Zauberstab gezückt, zwei große Gläser voll bernsteinfarbener Flüssigkeit aus dem Nichts herbeigezaubert, eines davon dem Premierminister in die Hand geschoben und sich einen Stuhl herangezogen.
Fudge hatte länger als eine Stunde geredet. Einmal hatte er es nicht über sich gebracht, einen bestimmten Namen laut auszusprechen, und ihn stattdessen auf ein Stück Pergament geschrieben, das er dem Premierminister in die Hand ohne Whisky gedrückt hatte. Als Fudge endlich aufgestanden war, um zu gehen, war auch der Premierminister aufgestanden.
»Sie glauben also, dass …«, er hatte auf den Namen in seiner linken Hand hinuntergeschielt, »Lord Vol–«
»Er, dessen Name nicht genannt werden darf!«, knurrte Fudge wütend.
»Verzeihung … Sie glauben, dass Er, dessen Name nicht genannt werden darf, noch am Leben ist, richtig?«
»Nun, Dumbledore behauptet das«, sagte Fudge, während er seinen Nadelstreifenumhang unter dem Kinn festzurrte, »aber wir haben ihn nie gefunden. Wenn Sie mich fragen, ist er ungefährlich, solange er keine Unterstützung hat, daher sollten wir eher wegen Black beunruhigt sein. Sie werden diese Warnung also rausgeben? Bestens. Nun, ich hoffe, wir sehen uns nie wieder, Premierminister! Gute Nacht.«
Aber sie hatten sich wiedergesehen. Kaum ein Jahr später war ein zermürbt wirkender Fudge aus heiterem Himmel im Kabinettsaal erschienen, um dem Premierminister mitzuteilen, dass es bei der Weltmeisterschaft im Kwidditsch (oder zumindest hatte es so geklungen) einen Zwischenfall gegeben habe und dass mehrere Muggel darin »verwickelt« gewesen seien, doch der Premierminister solle sich keine Sorgen machen, die Tatsache, dass das Mal von Du-weißt-schon-wem wieder gesichtet worden sei, habe nichts zu bedeuten; Fudge war sicher, dass es sich um ein einmaliges Vorkommnis handle, und das Muggelverbindungsbüro sei gegenwärtig dabei, sämtliche Gedächtnismodifizierungen vorzunehmen.
»Oh, und was ich fast vergessen hätte«, hatte Fudge hinzugefügt. »Wir importieren gerade drei ausländische Drachen und eine Sphinx für das Trimagische Turnier, reine Formsache, aber die Abteilung zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe sagt mir, dass wir Sie laut Vorschrift informieren müssen, wenn wir hochgefährliche Geschöpfe ins Land holen.«
»Ich – was – Drachen?«, stotterte der Premierminister.
»Ja, drei Stück«, sagte Fudge. »Und eine Sphinx. Also dann, einen schönen Tag noch.«
Der Premierminister hatte sich an die Hoffnung geklammert, nach Drachen und Sphinxen könne es nicht mehr schlimmer kommen, aber nein. Kaum zwei Jahre später war Fudge schon wieder aus dem Feuer geplatzt, diesmal mit der Nachricht, es habe einen Massenausbruch aus Askaban gegeben.
»Einen Massenausbruch?«, hatte der Premierminister heiser wiederholt.
»Kein Grund zur Sorge, kein Grund zur Sorge!«, hatte Fudge, mit einem Fuß schon in den Flammen, gerufen. »Die haben wir im Nu wieder gefasst – dachte nur, Sie sollten es wissen!«
Und ehe der Premierminister »Halt, warten Sie einen Moment!« rufen konnte, war Fudge in einem grünen Funkenregen verschwunden.
Was immer die Presse und die Opposition behaupten mochten, der Premierminister war kein dummer Mensch. Es war seiner Aufmerksamkeit nicht entgangen, dass sie sich trotz Fudges Beteuerungen bei ihrem ersten Treffen inzwischen recht häufig sahen, und auch nicht, dass Fudge mit jedem Besuch nervöser wurde. Zwar dachte der Premierminister nicht besonders gerne über den Zaubereiminister nach (oder, wie er Fudge insgeheim immer nannte, den anderen Minister), doch musste er wohl befürchten, dass Fudge, wenn er das nächste Mal erschien, noch schrecklichere Nachrichten bringen würde. Deshalb war der Anblick, wie Fudge erneut aus dem Feuer trat, zerzaust und gereizt und ernsthaft überrascht, dass der Premierminister nicht genau wusste, warum er hier war, so ziemlich das Schlimmste, was im Verlauf dieser äußerst düsteren Woche passiert war.
»Woher sollte ich wissen, was in der – ähm – magischen Gemeinschaft vor sich geht?«, blaffte der Premierminister jetzt. »Ich habe ein Land zu führen und im Moment wahrhaft genug Sorgen, ohne –«
»Wir haben die gleichen Sorgen«, unterbrach ihn Fudge. »Die Brockdale-Brücke war nicht abgenutzt. Das war kein richtiger Hurrikan. Diese Morde waren nicht das Werk von Muggeln. Und Herbert Chorleys Familie wäre sicherer ohne ihn. Wir treffen im Augenblick Vorbereitungen, ihn ins St.-Mungo-Hospital für Magische Krankheiten und Verletzungen zu verlegen. Die Überführung soll heute Nacht stattfinden.«
»Was wollen Sie … ich fürchte, ich … was?«, polterte der Premierminister.
Fudge machte einen langen, tiefen Atemzug und sagte: »Premierminister, ich bedaure sehr, Ihnen mitteilen zu müssen, dass er zurück ist. Er, dessen Name nicht genannt werden darf, ist zurück.«
»Zurück? Wenn Sie ›zurück‹ sagen … lebt er? Ich meine –«
Der Premierminister zermarterte sich den Kopf nach Einzelheiten jener schrecklichen Unterhaltung vor drei Jahren, als Fudge ihm von dem Zauberer erzählt hatte, der mehr als alle anderen gefürchtet wurde, dem Zauberer, der tausend grausame Verbrechen begangen hatte, ehe er fünfzehn Jahre zuvor auf mysteriöse Weise verschwunden war.
»Ja, er lebt«, sagte Fudge. »Das heißt – ich weiß nicht – lebt ein Mensch, wenn er nicht getötet werden kann? Ich verstehe es nicht ganz, und Dumbledore will es mir nicht richtig erklären – aber wie auch immer, fest steht, dass er einen Körper besitzt und herumläuft und redet und tötet, also gehe ich davon aus, was unser Gespräch hier anbelangt – ja, er lebt.«
Der Premierminister wusste nicht, was er dazu sagen sollte, doch seine hartnäckige Gewohnheit, über jedes angesprochene Thema wohl informiert wirken zu wollen, bewog ihn, sich alle Details in Erinnerung zu rufen, die er von ihren früheren Unterhaltungen noch im Gedächtnis hatte.
»Ist Serious Black bei – ähm – Ihm, dessen Name nicht genannt werden darf?«
»Black? Black?«, sagte Fudge zerstreut und drehte seinen Bowler rasch zwischen den Fingern. »Sirius Black, meinen Sie? Beim Barte des Merlin, nein. Black ist tot. Hat sich herausgestellt, dass wir uns – ähm – in Black geirrt haben. Er war am Ende doch unschuldig. Und mit Ihm, dessen Name nicht genannt werden darf, steckte er auch nicht unter einer Decke. Ich meine«, fügte er sich verteidigend hinzu und ließ den Bowler noch schneller kreisen, »alle Beweise deuteten darauf hin – wir hatten über fünfzig Augenzeugen –, aber egal, wie schon gesagt, er ist tot. Wurde ermordet, um genau zu sein. In den Räumen des Zaubereiministeriums. Es wird sogar eine Ermittlung geben …«
Zu seiner großen Überraschung spürte der Premierminister in diesem Augenblick jäh eine Art Mitleid mit Fudge in sich aufwallen. Doch es verlosch gleich wieder, als er in einem Anflug von Selbstgefälligkeit daran dachte, dass er zwar auf dem Gebiet des Materialisierens aus Kaminen nicht mithalten konnte, dass aber nie ein Mord in einem Ministerium passiert war, das seiner Verantwortung unterlag … noch nicht jedenfalls …
Während der Premierminister verstohlen das Holz seines Schreibtischs berührte, fuhr Fudge fort: »Aber Black ist jetzt passé. Die Sache ist die, wir befinden uns in einem Krieg, Premierminister, und wir müssen Maßnahmen ergreifen.«
»In einem Krieg?«, wiederholte der Premierminister nervös. »Ist das nicht ein wenig übertrieben?«
»Er, dessen Name nicht genannt werden darf, hat inzwischen seine Anhänger um sich geschart, die im Januar aus Askaban geflohen sind«, sagte Fudge, der nun immer schneller sprach und seinen Bowler so rasch herumwirbeln ließ, dass er nur noch eine limonengrüne Schliere war. »Seit sie aus ihrem Versteck gekommen sind, verbreiten sie Angst und Schrecken. Die Brockdale-Brücke – das war er, Premierminister, er hat mit einem Massenmord an Muggeln gedroht, wenn ich ihm den Weg nicht frei mache und –«
»Unfassbar! Also ist es Ihre Schuld, dass diese Menschen umgekommen sind und ich Fragen über verrostete Spannseile und korrodierte Dehnungsfugen und was weiß ich noch beantworten muss!«, erwiderte der Premierminister wütend.
»Meine Schuld!«, sagte Fudge und wurde rot im Gesicht. »Wollen Sie etwa sagen, Sie hätten bei einer derartigen Erpressung klein beigegeben?«
»Möglicherweise nicht«, sagte der Premierminister, erhob sich und schritt im Raum umher, »aber ich hätte all meine Kräfte darauf verwandt, den Erpresser zu fangen, ehe er eine solche Gräueltat verübt!«
»Glauben Sie wirklich, ich hätte nicht bereits jede Anstrengung unternommen?«, entgegnete Fudge erhitzt. »Sämtliche Auroren des Ministeriums haben versucht – und versuchen immer noch –, ihn zu finden und seine Anhänger auszuheben, aber wir reden hier zufällig über einen der mächtigsten Zauberer aller Zeiten, einen Zauberer, der fast drei Jahrzehnte lang einer Gefangennahme entkommen ist!«
»Sie werden mir also vermutlich sagen, dass er auch den Hurrikan im Südwesten des Landes verursacht hat?«, bemerkte der Premierminister, der mit jedem Schritt, den er machte, immer wütender wurde. Es war zum Verzweifeln, da hatte er die Ursache all dieser schrecklichen Katastrophen entdeckt und konnte sie nicht in der Öffentlichkeit verkünden; das war fast noch schlimmer, als wenn doch die Regierung daran schuld gewesen wäre.
»Es war kein Hurrikan«, sagte Fudge unglücklich.
»Ich bitte Sie!«, bellte der Premierminister und stampfte nun heftig auf und ab. »Entwurzelte Bäume, abgedeckte Dächer, umgeknickte Laternenpfähle, fürchterliche Verletzungen –«
»Das waren die Todesser«, sagte Fudge. »Die Anhänger des Unnennbaren. Und … und wir vermuten, dass auch Riesen beteiligt waren.«
Der Premierminister blieb abrupt stehen, als ob er gegen eine unsichtbare Wand geprallt wäre.
»Wer soll beteiligt gewesen sein?«
Fudge verzog das Gesicht. »Das letzte Mal hat er Riesen eingesetzt, als er große Wirkung erzielen wollte. Das Desinformationsbüro arbeitet bereits rund um die Uhr, wir hatten Vergissmich-Teams im Einsatz, die versucht haben, die Gedächtnisse aller Muggel zu verändern, die gesehen haben, was wirklich passiert ist, fast unsere gesamte Abteilung zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe rennt in Somerset herum, aber wir können den Riesen nicht finden – es ist eine Katastrophe.«
»Was Sie nicht sagen!«, erwiderte der Premierminister wütend.
»Ich will nicht bestreiten, dass die Stimmung im Ministerium ziemlich schlecht ist«, sagte Fudge. »Erst diese ganze Geschichte, und dann haben wir auch noch Amelia Bones verloren.«
»Wen verloren?«
»Amelia Bones. Leiterin der Abteilung für Magische Strafverfolgung. Wir glauben, Er, dessen Name nicht genannt werden darf, könnte sie selbst ermordet haben, weil sie eine sehr begabte Hexe war und – und alles darauf hindeutete, dass sie sich mit ihrem Mörder einen richtigen Kampf geliefert hat.«
Fudge räusperte sich und musste sich offenbar zwingen, damit aufzuhören, den Bowler im Kreis herumzudrehen.
»Aber dieser Mord ging durch die Zeitungen«, sagte der Premierminister, einen Moment lang von seiner Wut abgelenkt. »Durch unsere Zeitungen. Amelia Bones … es hieß nur, sie sei eine Frau mittleren Alters gewesen, die allein gelebt habe. Es war ein – ein grausiger Mord, nicht wahr? Er hat ziemliches Aufsehen erregt. Die Polizei steht vor einem Rätsel, wissen Sie.«
Fudge seufzte. »Nun, das ist kein Wunder. Sie wurde in einem Raum umgebracht, der von innen verschlossen war, nicht wahr? Wir hingegen wissen genau, wer es getan hat, auch wenn uns das nicht weiterhilft, ihn zu fangen. Und dann war da noch Emmeline Vance, möglicherweise haben Sie nichts davon gehört –«
»O doch, das habe ich sehr wohl!«, sagte der Premierminister. »Es ist zufällig gerade hier um die Ecke passiert. Das war ein gefundenes Fressen für die Zeitungen: Untergang von Recht und Ordnung im Hinterhof des Premierministers –«
»Und als ob das alles nicht genug wäre«, sagte Fudge, der dem Premierminister kaum zuhörte, »wimmelt es auch noch überall von Dementoren, die wahllos Leute überfallen …«
In glücklicheren Tagen wäre dieser Satz dem Premierminister unverständlich gewesen, doch inzwischen war er klüger geworden.
»Ich dachte, die Dementoren bewachen die Gefangenen von Askaban?«, sagte er vorsichtig.
»Das war früher so«, antwortete Fudge matt. »Aber heute nicht mehr. Sie haben das Gefängnis verlassen und sich Ihm, dessen Name nicht genannt werden darf, angeschlossen. Ein schwerer Schlag, das will ich nicht leugnen.«
»Aber«, sagte der Premierminister und ihm dämmerte etwas Grauenvolles, »haben Sie nicht gesagt, dass das die Wesen sind, die Hoffnung und Glück aus den Menschen heraussaugen?«
»Richtig. Und sie brüten Nachkommen aus. Das verursacht diesen ganzen Nebel.«
Der Premierminister sank mit weichen Knien auf den nächsten Stuhl. Bei der Vorstellung, unsichtbare Wesen schwebten durch Stadt und Land und verbreiteten Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit unter seinen Wählern, wurde ihm ganz schwach zumute.
»Nun hören Sie mal, Fudge – Sie müssen etwas unternehmen! Sie als Zaubereiminister tragen die Verantwortung!«
»Mein lieber Premierminister, Sie glauben doch wohl nicht im Ernst, dass ich nach alldem immer noch Zaubereiminister bin? Ich wurde vor drei Tagen entlassen! Die gesamte Zauberergemeinschaft hat zwei Wochen lang lauthals meinen Rücktritt verlangt. So einig habe ich sie in meiner ganzen Amtszeit nicht erlebt!«, sagte Fudge und versuchte tapfer, ein Lächeln zustande zu bringen.
Dem Premierminister fehlten vorübergehend die Worte. Trotz seiner Entrüstung über die Lage, in die er versetzt worden war, empfand er immer noch einiges Mitgefühl für den abgezehrt wirkenden Mann, der ihm gegenübersaß.
»Es tut mir sehr leid«, sagte er schließlich. »Gibt es etwas, das ich tun kann?«
»Das ist sehr freundlich von Ihnen, Premierminister, aber ich wüsste nicht, was. Man hat mich heute Abend hierhergeschickt, um Sie über die jüngsten Ereignisse zu informieren und Sie meinem Nachfolger vorzustellen. Ich dachte eigentlich, er müsste inzwischen hier sein, aber natürlich ist er im Augenblick, da so viel passiert, sehr beschäftigt.«
Fudge blickte sich zu dem Porträt des hässlichen kleinen Mannes mit der langen silbernen Lockenperücke um, der mit der Spitze eines Federkiels in seinem Ohr bohrte.
Das Porträt erwiderte Fudges Blick und sagte: »Er wird gleich da sein, er schreibt nur noch einen Brief an Dumbledore zu Ende.«
»Da wünsche ich ihm viel Glück«, sagte Fudge und klang zum ersten Mal bitter. »Ich habe Dumbledore in den letzten beiden Wochen zweimal täglich geschrieben, aber er rührt sich nicht von der Stelle. Wenn er nur bereit gewesen wäre, den Jungen zu überreden, dann wäre ich vielleicht nach wie vor … Nun, vielleicht hat Scrimgeour mehr Erfolg.«
Fudge verfiel in ein offensichtlich gekränktes Schweigen, doch es wurde fast im selben Moment von dem Porträt unterbrochen, das sich plötzlich mit seiner forschen, offiziellen Stimme zu Wort meldete.
»An den Premierminister der Muggel. Treffen erbeten. Dringend. Bitte sofortige Antwort. Rufus Scrimgeour, Zaubereiminister.«
»Ja, ja, schon gut«, sagte der Premierminister zerstreut, und er zuckte kaum zusammen, als die Flammen im Rost sich erneut smaragdgrün verfärbten, aufzüngelten und einen zweiten rotierenden Zauberer in ihrer Mitte offenbarten, den sie wenig später auf den alten Teppich spuckten. Fudge erhob sich, und der Premierminister tat es ihm nach kurzem Zögern nach und beobachtete, wie der Neuankömmling sich aufrichtete, den Staub von seinem langen schwarzen Umhang klopfte und sich umschaute.
Der erste, alberne Gedanke des Premierministers war, dass Rufus Scrimgeour im Grunde wie ein alter Löwe aussah. Er hatte graue Strähnen in seiner gelbbraunen Haarmähne und in seinen buschigen Augenbrauen; die gelblichen Augen hinter den Gläsern seiner Drahtbrille waren wachsam, und obwohl er leicht hinkte, bewegte er sich mit einer geschmeidigen, federnden Anmut. Man hatte sofort den Eindruck von Scharfsinn und Zähigkeit; der Premierminister konnte gut verstehen, warum die Zauberergemeinschaft in diesen gefährlichen Zeiten lieber Scrimgeour als Fudge als Anführer haben wollte.
»Guten Abend«, sagte der Premierminister höflich und streckte die Hand aus.
Scrimgeour nahm sie kurz, während seine Augen den Raum absuchten, dann zog er einen Zauberstab aus seinem Umhang hervor.
»Fudge hat Ihnen alles erzählt?«, fragte er, schritt hinüber zur Tür und tippte mit dem Zauberstab gegen das Schlüsselloch. Der Premierminister hörte das Schloss klicken.
»Äh – ja«, sagte der Premierminister. »Und wenn Sie nichts dagegen haben, wäre es mir lieber, wenn diese Tür unverschlossen bliebe.«
»Mir wäre es lieber, nicht unterbrochen zu werden«, entgegnete Scrimgeour schroff. »Oder beobachtet«, fügte er hinzu und richtete seinen Zauberstab auf die Fenster, worauf die Vorhänge über ihnen zuwehten. »Nun denn, ich bin sehr beschäftigt, kommen wir also zur Sache. Als Erstes müssen wir uns über Ihre Sicherheit unterhalten.«
Der Premierminister richtete sich zu seiner vollen Größe auf und erwiderte: »Ich bin gänzlich zufrieden mit den Sicherheitsvorkehrungen, die bereits für mich getroffen wurden, vielen herzlichen –«
»Nun, wir sind es nicht«, unterbrach Scrimgeour ihn. »Es würde für die Muggel übel aussehen, wenn ihr Premierminister unter den Imperius-Fluch geriete. Der neue Sekretär in Ihrem Vorzimmer –«
»Ich werde Kingsley Shacklebolt auf keinen Fall entlassen, falls Sie das meinen!«, sagte der Premierminister hitzig. »Er ist äußerst effizient, schafft doppelt so viel Arbeit wie all die anderen –«
»Das liegt daran, dass er ein Zauberer ist«, sagte Scrimgeour ohne die Spur eines Lächelns. »Ein bestens ausgebildeter Auror, der Ihnen zu Ihrem Schutz zugeteilt wurde.«
»Moment mal!«, protestierte der Premierminister. »Sie können nicht einfach Ihre Leute in mein Büro setzen, ich entscheide, wer für mich arbeitet –«
»Ich dachte, Sie wären zufrieden mit Shacklebolt?«, erwiderte Scrimgeour kühl.
»Das bin ich – beziehungsweise das war ich –«
»Dann gibt es doch kein Problem, oder?«, sagte Scrimgeour.
»Ich … na ja, solange Shacklebolt weiterhin … ähm … hervorragend arbeitet«, sagte der Premierminister matt, doch Scrimgeour schien ihn kaum zu hören.
»Nun, was Herbert Chorley betrifft – Ihren Juniorminister«, fuhr er fort. »Den Mann, der die Öffentlichkeit amüsiert hat, indem er eine Ente nachahmte.«
»Was ist mit ihm?«, fragte der Premierminister.
»Offenbar ist das die Reaktion auf einen schlecht ausgeführten Imperius-Fluch«, sagte Scrimgeour. »Das hat ihn verwirrt, aber er könnte immer noch gefährlich sein.«
»Er quakt doch nur!«, sagte der Premierminister schwach. »Ein wenig Ruhe, dann wird er sicher … vielleicht ein paar Gläschen weniger …«
»Eine Gruppe von Heilern aus dem St.-Mungo-Hospital für Magische Krankheiten und Verletzungen untersucht ihn gerade. Bis jetzt hat er versucht, drei von ihnen zu erwürgen«, sagte Scrimgeour. »Ich halte es für das Beste, wenn wir ihn für eine Weile von der Muggelgesellschaft fernhalten.«
»Ich … nun … er wird sich doch wieder erholen, oder?«, fragte der Premierminister besorgt. Scrimgeour zuckte nur die Achseln und ging schon wieder zum Kamin zurück.
»Tja, das ist eigentlich alles, was ich zu sagen hatte. Ich werde Sie über die Entwicklungen auf dem Laufenden halten, Premierminister – das heißt, ich werde wahrscheinlich zu beschäftigt sein, um persönlich vorbeizukommen, aber dann schicke ich Fudge hierher. Er hat sich bereit erklärt, in beratender Funktion weiterzuarbeiten.«
Fudge versuchte zu lächeln, doch es gelang ihm nicht; er sah einfach nur aus, als hätte er Zahnweh. Scrimgeour kramte bereits in seiner Tasche nach dem mysteriösen Pulver, mit dem man Feuer grün färbte. Der Premierminister starrte die beiden einen Moment lang verzweifelt an, dann brachen die Worte, gegen die er den ganzen Abend angekämpft hatte, endlich aus ihm heraus.
»Aber um Himmels willen – Sie sind Zauberer! Sie können zaubern! Sie können doch sicher – na ja – alles in den Griff kriegen!«
Scrimgeour drehte sich langsam um und wechselte einen ungläubigen Blick mit Fudge, der diesmal tatsächlich ein Lächeln hinbekam und freundlich sagte: »Das Problem ist, dass auch die andere Seite zaubern kann, Premierminister.«
Und damit traten die beiden Zauberer einer nach dem anderen in das hellgrüne Feuer und verschwanden.
Mackenzie,
meiner schönen Tochter,
widme ich
ihren Zwilling aus Tinte und Papier
INHALT
Der andere Minister
Spinner’s End
Wollen und Nichtwollen
Horace Slughorn
Schleim im Überfluss
Dracos Abstecher
Der Slug-Klub
Snape triumphiert
Der Halbblutprinz
Das Haus der Gaunts
Hermines helfende Hand
Silber und Opale
Der geheime Riddle
Felix Felicis
Der Unbrechbare Schwur
Sehr frostige Weihnachten
Eine getrübte Erinnerung
Geburtstagsüberraschungen
Elfen helfen
Lord Voldemorts Gesuch
Der unergründliche Raum
Nach der Beerdigung
Horkruxe
Sectumsempra
Die belauschte Seherin
Die Höhle
Der vom Blitz getroffene Turm
Die Flucht des Prinzen
Die Klage des Phönix
Das weiße Grabmal
Der andere Minister
Es ging auf Mitternacht zu, der Premierminister saß allein in seinem Büro und las einen langen Bericht, der ihm durch den Kopf strich, ohne den geringsten Sinn zu hinterlassen. Er wartete auf den Anruf des Präsidenten eines fernen Landes, und während er überlegte, wann der elende Mensch sich endlich melden würde, und zugleich unangenehme Erinnerungen an eine sehr lange, ermüdende und schwierige Woche zu unterdrücken suchte, konnte er kaum noch an etwas anderes denken. Je stärker der Premierminister sich auf den Text der Seite vor sich zu konzentrieren versuchte, desto deutlicher konnte er das hämisch grinsende Gesicht eines seiner politischen Gegner sehen. Ausgerechnet dieser Gegner war gerade am heutigen Tag in den Nachrichten aufgetreten und hatte nicht nur die schrecklichen Dinge aufgezählt, die in der vergangenen Woche geschehen waren (als müsste irgendjemand daran erinnert werden), sondern auch noch erläutert, warum an ausnahmslos allen Vorfällen die Regierung schuld sei.
Der Puls des Premierministers beschleunigte sich allein beim Gedanken an diese Vorwürfe, denn sie waren weder fair noch trafen sie zu. Wie um alles in der Welt hätte seine Regierung verhindern sollen, dass diese Brücke zusammenbrach? Es war empörend, dass überhaupt jemand unterstellte, man würde nicht genug für den Brückenbau ausgeben. Die Brücke war kaum zehn Jahre alt, und die besten Fachleute wussten sich nicht im Mindesten zu erklären, warum sie mitten entzweigebrochen war und ein Dutzend Autos in die feuchten Tiefen des Flusses unter sich gestürzt hatte. Und wie konnte es jemand wagen, zu behaupten, der Mangel an Polizisten hätte zu diesen beiden sehr hässlichen und weithin publik gemachten Morden geführt? Oder dass die Regierung den außergewöhnlichen Hurrikan in den südwestlichen Grafschaften irgendwie hätte vorhersehen müssen, der so viele Menschen und ihr Hab und Gut geschädigt hatte? Und war es sein Fehler, dass einer seiner Juniorminister, Herbert Chorley, sich ausgerechnet in dieser Woche so seltsam aufgeführt hatte, dass er nun bald viel mehr Zeit mit seiner Familie verbringen würde?
»Eine düstere Stimmung hat das Land erfasst«, hatte sein Gegner zum Schluss gesagt und sein breites Grinsen dabei kaum verborgen.
Und leider traf dies vollkommen zu. Der Premierminister spürte es selbst; die Menschen schienen tatsächlich unglücklicher als sonst. Sogar das Wetter war trostlos; so viel kalter Nebel mitten im Juli … etwas stimmte nicht, das war nicht normal …
Er blätterte die zweite Seite des Berichts um, sah, wie lange er noch weiterging, und gab resigniert auf. Er streckte die Arme über den Kopf und schaute sich traurig in seinem Büro um. Es war ein schöner Raum, mit einem gediegenen Marmorkamin gegenüber hohen Schiebefenstern, die wegen der für die Jahreszeit ungewöhnlichen Kälte fest geschlossen waren. Mit einem leichten Schaudern stand der Premierminister auf, trat hinüber zu den Fenstern und sah hinaus in den feinen Nebel, der sich gegen die Scheibe drückte. In diesem Moment, während er dem Raum den Rücken zukehrte, hörte er hinter sich ein leises Husten.
Er erstarrte, Nase an Nase mit seinem erschrocken wirkenden Spiegelbild in der dunklen Scheibe. Er kannte dieses Husten. Er hatte es schon einmal gehört. Er drehte sich ganz langsam dem leeren Zimmer zu.
»Hallo?«, sagte er und bemühte sich, mutiger zu klingen, als er sich fühlte.
Einen kurzen Moment gab er sich der aberwitzigen Hoffnung hin, niemand würde ihm antworten. Doch prompt ertönte eine Stimme, eine forsche, schneidige Stimme, die so klang, als würde sie eine vorbereitete schriftliche Stellungnahme verlesen. Die Stimme kam – wie der Premierminister schon seit dem ersten Husten wusste – von dem froschartigen Männchen mit der langen silbernen Perücke, das auf einem kleinen schäbigen Ölgemälde auf der anderen Seite des Zimmers abgebildet war.
»An den Premierminister der Muggel. Treffen dringend erforderlich. Erbitte sofortige Antwort. Gruß, Fudge.« Der Mann in dem Gemälde sah den Premierminister fragend an.
»Ähm«, sagte der Premierminister, »hören Sie … das passt mir gerade gar nicht … Ich erwarte einen Anruf, verstehen Sie … des Präsidenten von –«
»Der lässt sich verschieben«, sagte das Porträt sofort. Dem Premierminister sank der Mut. Das hatte er befürchtet.
»Aber ich wollte wirklich lieber mit –«
»Wir werden dafür sorgen, dass der Präsident den Anruf vergisst. Er wird stattdessen morgen Abend anrufen«, sagte der kleine Mann. »Bitte geben Sie Mr Fudge unverzüglich Antwort.«
»Ich … oh … nun gut«, sagte der Premierminister matt. »Einverstanden, ich werde Fudge empfangen.«
Er eilte zurück an seinen Schreibtisch und rückte dabei seine Krawatte zurecht. Kaum hatte er seinen Platz wieder eingenommen und seinen Gesichtszügen einen, wie er hoffte, entspannten und gefassten Ausdruck verliehen, als hellgrüne Flammen in dem leeren Rost unter dem marmornen Kaminsims aufloderten. Darauf bedacht, sich keinerlei Überraschung oder Besorgnis anmerken zu lassen, beobachtete er, wie ein stattlicher Mann in den Flammen erschien, der schnell wie ein Kreisel rotierte. Sekunden später war er herausgestiegen auf einen ziemlich edlen alten Teppich und streifte sich Asche von den Ärmeln seines langen Nadelstreifenumhangs, einen limonengrünen Bowler in der Hand.
»Ah … Premierminister«, sagte Cornelius Fudge und schritt mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. »Schön, Sie wiederzusehen.«
Der Premierminister konnte diese Höflichkeit nicht ehrlich erwidern und sagte deshalb überhaupt nichts. Es freute ihn keineswegs, Fudge zu sehen, dessen gelegentliches Auftauchen an sich schon ausgesprochen beunruhigend war und meistens bedeutete, dass ihn sehr schlechte Nachrichten erwarteten. Überdies sah Fudge eindeutig verhärmt aus. Er war dünner, kahler und grauer geworden, und sein Gesicht machte einen zerknitterten Eindruck. Der Premierminister hatte schon manche Politiker erlebt, die so aussahen, und es hatte nie etwas Gutes verheißen.
»Wie kann ich Ihnen helfen?«, sagte er, schüttelte Fudge ganz kurz die Hand und wies auf den härtesten Stuhl vor seinem Schreibtisch.
»Weiß nicht so recht, wo ich anfangen soll«, murmelte Fudge, zog den Stuhl heran, setzte sich und legte den grünen Bowler auf seine Knie. »Was für eine Woche, was für eine Woche …«
»Ihre war also auch schlecht?«, fragte der Premierminister steif und hoffte damit zum Ausdruck zu bringen, er habe auch ohne Fudges Zutun schon genug am Hals.
»Ja, natürlich«, sagte Fudge, rieb sich erschöpft die Augen und blickte den Premierminister verdrießlich an. »Ich hatte die gleiche Woche wie Sie, Premierminister. Die Brockdale-Brücke … die Morde an Bones und Vance … ganz zu schweigen von dem Chaos im Südwesten …«
»Sie – ähm – Sie – ich meine, Ihre Leute waren – zum Teil verwickelt in diese – diese Vorfälle, ja?«
Fudge fixierte den Premierminister mit einem ziemlich strengen Blick. »Natürlich waren sie das«, sagte er. »Ihnen ist sicher bewusst, was da vor sich geht?«
»Ich …«, zögerte der Premierminister.
Genau diese Art von Auftreten war es, weswegen er Fudges Besuche so hasste. Immerhin war er der Premierminister und schätzte es nicht, wenn man ihm das Gefühl vermittelte, ein ahnungsloser Schuljunge zu sein. Doch so war es schon immer gewesen, seit seinem allerersten Treffen mit Fudge an seinem allerersten Abend als Premierminister. Er erinnerte sich daran, als ob es gestern gewesen wäre, und wusste, dass es ihn bis an sein Lebensende verfolgen würde.
Er hatte allein in ebendiesem Büro gestanden und den Triumph ausgekostet, den er nach so vielen Jahren des Träumens und Intrigierens errungen hatte, als er ein Husten hinter sich hörte, genau wie heute Abend, worauf er sich umwandte und bemerkte, dass das hässliche kleine Porträt zu ihm sprach. Es verkündete, der Zaubereiminister werde in Kürze eintreffen und sich vorstellen.
Natürlich hatte er geglaubt, er wäre durch den langen Wahlkampf und die damit verbundene Anstrengung verrückt geworden. Es hatte ihn abgrundtief entsetzt, dass ein Porträt zu ihm sprach, doch das war nichts im Vergleich zu dem, was er empfand, als ein selbst ernannter Zauberer aus dem Kamin gehüpft kam und ihm die Hand schüttelte. Er hatte stumm zugehört, als Fudge ihm freundlich erklärte, dass es immer noch Hexen und Zauberer gebe, die überall auf der Welt im Geheimen lebten, und ihm mehrfach versicherte, er solle sich darüber nicht den Kopf zerbrechen, denn das Zaubereiministerium trage die Verantwortung für die ganze magische Gemeinschaft und werde verhindern, dass die nichtmagische Bevölkerung Wind von ihr bekomme. Dies sei, so Fudge, eine schwierige Arbeit, die allerlei umfasse, angefangen bei den Vorschriften zum verantwortungsvollen Gebrauch von Besen bis hin zur Kontrolle der Drachenpopulation (dem Premierminister fiel ein, dass er sich an dieser Stelle Halt suchend am Schreibtisch festgeklammert hatte). Fudge hatte dem immer noch sprachlosen Premierminister daraufhin väterlich auf die Schulter geklopft.
»Keine Sorge«, hatte er gesagt, »wahrscheinlich werden Sie mich nie wiedersehen. Ich werde Sie nur belästigen, wenn bei uns etwas wirklich Ernstes vorfällt, etwas, das aller Voraussicht nach die Muggel beeinträchtigen wird – die nichtmagische Bevölkerung, sollte ich besser sagen. Ansonsten heißt es leben und leben lassen. Und ich muss sagen, Sie nehmen das viel besser auf als Ihr Vorgänger. Der hat versucht, mich aus dem Fenster zu werfen, dachte, ich wäre ein übler Scherz, den die Opposition ausgeheckt hat.«
Da hatte der Premierminister seine Stimme endlich wiedergefunden.
»Sie – Sie sind also kein Scherz?«
Es war seine letzte, verzweifelte Hoffnung gewesen.
»Nein«, sagte Fudge liebenswürdig. »Nein, ich fürchte, nicht. Sehen Sie.«
Und er hatte die Teetasse des Premierministers in eine Rennmaus verwandelt.
»Aber«, sagte der Premierminister atemlos, während er zusah, wie seine Teetasse eine Ecke seiner nächsten Rede annagte, »aber warum – hat mir keiner gesagt –?«
»Der Zaubereiminister oder die Zaubereiministerin zeigt sich nur dem jeweils amtierenden Premierminister der Muggel«, erwiderte Fudge und steckte seinen Zauberstab in sein Jackett zurück. »Wir halten dies für den besten Weg, die Geheimhaltung zu wahren.«
»Aber«, jammerte der Premierminister, »warum hat mich dann keiner meiner Vorgänger darauf hingewiesen –?«
Da hatte Fudge tatsächlich gelacht.
»Mein lieber Premierminister, werden Sie es jemals irgendjemandem sagen?«
Noch immer glucksend vor Lachen, hatte Fudge etwas Pulver in den Kamin geworfen, war in die smaragdgrünen Flammen gestiegen und mit einem zischenden Geräusch verschwunden. Der Premierminister hatte völlig reglos dagestanden, und ihm war klar geworden, dass er es sein Leben lang nicht wagen würde, diese Begegnung auch nur einer Menschenseele gegenüber zu erwähnen, denn wer auf der ganzen weiten Welt würde ihm glauben?
Es hatte eine kleine Weile gedauert, bis der Schock nachließ. Eine Zeit lang hatte er versucht sich einzureden, dass Fudge tatsächlich eine Halluzination gewesen war, verursacht durch den Schlafmangel während seines zermürbenden Wahlkampfs. Vergeblich bemühte er sich, alle Erinnerungen an diese unangenehme Begegnung loszuwerden: Er schenkte die Rennmaus seiner entzückten Nichte und wies seinen Privatsekretär an, das Porträt des hässlichen kleinen Mannes, der Fudges Eintreffen angekündigt hatte, von der Wand zu nehmen. Zum Entsetzen des Premierministers stellte sich jedoch heraus, dass man das Porträt nicht entfernen konnte. Nachdem mehrere Schreiner, ein oder zwei Bauarbeiter, ein Kunsthistoriker und der Finanzminister allesamt erfolglos versucht hatten, es von der Wand zu stemmen, gab der Premierminister die Sache auf und beschloss, einfach darauf zu hoffen, dass das Ding für den Rest seiner Amtszeit reglos und stumm blieb. Gelegentlich hätte er schwören können, aus dem Augenwinkel zu sehen, wie der Bewohner des Gemäldes gähnte oder sich an der Nase kratzte, das eine oder andere Mal sogar einfach aus seinem Rahmen herausspazierte und nichts als ein Stück schlammbrauner Leinwand zurückließ. Doch hatte er sich angewöhnt, das Bild nicht allzu häufig anzuschauen und sich immer fest einzureden, seine Augen würden ihm einen Streich spielen, wenn so etwas geschah.
Vor drei Jahren dann, an einem ganz ähnlichen Abend wie heute, war der Premierminister allein in seinem Büro gewesen, als das Porträt erneut das baldige Eintreffen von Fudge angekündigt hatte, der daraufhin aus dem Kamin gestürzt war, klitschnass und in beträchtlicher Panik. Ehe der Premierminister fragen konnte, warum er den ganzen Axminsterteppich volltropfe, hatte Fudge schon angefangen, über ein Gefängnis zu faseln, von dem der Premierminister noch nie gehört hatte, über einen Mann namens »Serious« Black, über etwas, das wie Hogwarts klang, und über einen Jungen, der Harry Potter hieß, und nichts davon konnte der Premierminister auch nur im Entferntesten verstehen.
»… Ich komme gerade aus Askaban«, hatte Fudge gekeucht und eine Unmenge Wasser aus der Krempe seines Bowlers in seine Tasche gekippt. »Mitten in der Nordsee, wissen Sie, schrecklicher Flug … die Dementoren sind in Aufruhr –«, er schauderte, »– bei denen ist noch nie ein Ausbruch vorgekommen. Wie auch immer, ich musste Sie aufsuchen, Premierminister. Black ist ein bekannter Muggelmörder und plant womöglich, sich wieder Du-weißt-schon-wem anzuschließen … aber natürlich, Sie wissen ja nicht mal, wer Du-weißt-schon-wer ist!« Er starrte den Premierminister einen Moment lang mutlos an, dann sagte er: »Nun, nehmen Sie Platz, nehmen Sie Platz, ich werde Ihnen am besten alles erklären … trinken Sie einen Whisky …«
Der Premierminister hatte sich ziemlich darüber geärgert, dass man ihn in seinem eigenen Büro aufforderte, Platz zu nehmen, und ihm obendrein noch seinen eigenen Whisky anbot, aber er setzte sich trotzdem. Fudge hatte seinen Zauberstab gezückt, zwei große Gläser voll bernsteinfarbener Flüssigkeit aus dem Nichts herbeigezaubert, eines davon dem Premierminister in die Hand geschoben und sich einen Stuhl herangezogen.
Fudge hatte länger als eine Stunde geredet. Einmal hatte er es nicht über sich gebracht, einen bestimmten Namen laut auszusprechen, und ihn stattdessen auf ein Stück Pergament geschrieben, das er dem Premierminister in die Hand ohne Whisky gedrückt hatte. Als Fudge endlich aufgestanden war, um zu gehen, war auch der Premierminister aufgestanden.
»Sie glauben also, dass …«, er hatte auf den Namen in seiner linken Hand hinuntergeschielt, »Lord Vol–«
»Er, dessen Name nicht genannt werden darf!«, knurrte Fudge wütend.
»Verzeihung … Sie glauben, dass Er, dessen Name nicht genannt werden darf, noch am Leben ist, richtig?«
»Nun, Dumbledore behauptet das«, sagte Fudge, während er seinen Nadelstreifenumhang unter dem Kinn festzurrte, »aber wir haben ihn nie gefunden. Wenn Sie mich fragen, ist er ungefährlich, solange er keine Unterstützung hat, daher sollten wir eher wegen Black beunruhigt sein. Sie werden diese Warnung also rausgeben? Bestens. Nun, ich hoffe, wir sehen uns nie wieder, Premierminister! Gute Nacht.«
Aber sie hatten sich wiedergesehen. Kaum ein Jahr später war ein zermürbt wirkender Fudge aus heiterem Himmel im Kabinettsaal erschienen, um dem Premierminister mitzuteilen, dass es bei der Weltmeisterschaft im Kwidditsch (oder zumindest hatte es so geklungen) einen Zwischenfall gegeben habe und dass mehrere Muggel darin »verwickelt« gewesen seien, doch der Premierminister solle sich keine Sorgen machen, die Tatsache, dass das Mal von Du-weißt-schon-wem wieder gesichtet worden sei, habe nichts zu bedeuten; Fudge war sicher, dass es sich um ein einmaliges Vorkommnis handle, und das Muggelverbindungsbüro sei gegenwärtig dabei, sämtliche Gedächtnismodifizierungen vorzunehmen.
»Oh, und was ich fast vergessen hätte«, hatte Fudge hinzugefügt. »Wir importieren gerade drei ausländische Drachen und eine Sphinx für das Trimagische Turnier, reine Formsache, aber die Abteilung zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe sagt mir, dass wir Sie laut Vorschrift informieren müssen, wenn wir hochgefährliche Geschöpfe ins Land holen.«
»Ich – was – Drachen?«, stotterte der Premierminister.
»Ja, drei Stück«, sagte Fudge. »Und eine Sphinx. Also dann, einen schönen Tag noch.«
Der Premierminister hatte sich an die Hoffnung geklammert, nach Drachen und Sphinxen könne es nicht mehr schlimmer kommen, aber nein. Kaum zwei Jahre später war Fudge schon wieder aus dem Feuer geplatzt, diesmal mit der Nachricht, es habe einen Massenausbruch aus Askaban gegeben.
»Einen Massenausbruch?«, hatte der Premierminister heiser wiederholt.
»Kein Grund zur Sorge, kein Grund zur Sorge!«, hatte Fudge, mit einem Fuß schon in den Flammen, gerufen. »Die haben wir im Nu wieder gefasst – dachte nur, Sie sollten es wissen!«
Und ehe der Premierminister »Halt, warten Sie einen Moment!« rufen konnte, war Fudge in einem grünen Funkenregen verschwunden.
Was immer die Presse und die Opposition behaupten mochten, der Premierminister war kein dummer Mensch. Es war seiner Aufmerksamkeit nicht entgangen, dass sie sich trotz Fudges Beteuerungen bei ihrem ersten Treffen inzwischen recht häufig sahen, und auch nicht, dass Fudge mit jedem Besuch nervöser wurde. Zwar dachte der Premierminister nicht besonders gerne über den Zaubereiminister nach (oder, wie er Fudge insgeheim immer nannte, den anderen Minister), doch musste er wohl befürchten, dass Fudge, wenn er das nächste Mal erschien, noch schrecklichere Nachrichten bringen würde. Deshalb war der Anblick, wie Fudge erneut aus dem Feuer trat, zerzaust und gereizt und ernsthaft überrascht, dass der Premierminister nicht genau wusste, warum er hier war, so ziemlich das Schlimmste, was im Verlauf dieser äußerst düsteren Woche passiert war.
»Woher sollte ich wissen, was in der – ähm – magischen Gemeinschaft vor sich geht?«, blaffte der Premierminister jetzt. »Ich habe ein Land zu führen und im Moment wahrhaft genug Sorgen, ohne –«
»Wir haben die gleichen Sorgen«, unterbrach ihn Fudge. »Die Brockdale-Brücke war nicht abgenutzt. Das war kein richtiger Hurrikan. Diese Morde waren nicht das Werk von Muggeln. Und Herbert Chorleys Familie wäre sicherer ohne ihn. Wir treffen im Augenblick Vorbereitungen, ihn ins St.-Mungo-Hospital für Magische Krankheiten und Verletzungen zu verlegen. Die Überführung soll heute Nacht stattfinden.«
»Was wollen Sie … ich fürchte, ich … was?«, polterte der Premierminister.
Fudge machte einen langen, tiefen Atemzug und sagte: »Premierminister, ich bedaure sehr, Ihnen mitteilen zu müssen, dass er zurück ist. Er, dessen Name nicht genannt werden darf, ist zurück.«
»Zurück? Wenn Sie ›zurück‹ sagen … lebt er? Ich meine –«
Der Premierminister zermarterte sich den Kopf nach Einzelheiten jener schrecklichen Unterhaltung vor drei Jahren, als Fudge ihm von dem Zauberer erzählt hatte, der mehr als alle anderen gefürchtet wurde, dem Zauberer, der tausend grausame Verbrechen begangen hatte, ehe er fünfzehn Jahre zuvor auf mysteriöse Weise verschwunden war.
»Ja, er lebt«, sagte Fudge. »Das heißt – ich weiß nicht – lebt ein Mensch, wenn er nicht getötet werden kann? Ich verstehe es nicht ganz, und Dumbledore will es mir nicht richtig erklären – aber wie auch immer, fest steht, dass er einen Körper besitzt und herumläuft und redet und tötet, also gehe ich davon aus, was unser Gespräch hier anbelangt – ja, er lebt.«
Der Premierminister wusste nicht, was er dazu sagen sollte, doch seine hartnäckige Gewohnheit, über jedes angesprochene Thema wohl informiert wirken zu wollen, bewog ihn, sich alle Details in Erinnerung zu rufen, die er von ihren früheren Unterhaltungen noch im Gedächtnis hatte.
»Ist Serious Black bei – ähm – Ihm, dessen Name nicht genannt werden darf?«
»Black? Black?«, sagte Fudge zerstreut und drehte seinen Bowler rasch zwischen den Fingern. »Sirius Black, meinen Sie? Beim Barte des Merlin, nein. Black ist tot. Hat sich herausgestellt, dass wir uns – ähm – in Black geirrt haben. Er war am Ende doch unschuldig. Und mit Ihm, dessen Name nicht genannt werden darf, steckte er auch nicht unter einer Decke. Ich meine«, fügte er sich verteidigend hinzu und ließ den Bowler noch schneller kreisen, »alle Beweise deuteten darauf hin – wir hatten über fünfzig Augenzeugen –, aber egal, wie schon gesagt, er ist tot. Wurde ermordet, um genau zu sein. In den Räumen des Zaubereiministeriums. Es wird sogar eine Ermittlung geben …«
Zu seiner großen Überraschung spürte der Premierminister in diesem Augenblick jäh eine Art Mitleid mit Fudge in sich aufwallen. Doch es verlosch gleich wieder, als er in einem Anflug von Selbstgefälligkeit daran dachte, dass er zwar auf dem Gebiet des Materialisierens aus Kaminen nicht mithalten konnte, dass aber nie ein Mord in einem Ministerium passiert war, das seiner Verantwortung unterlag … noch nicht jedenfalls …
Während der Premierminister verstohlen das Holz seines Schreibtischs berührte, fuhr Fudge fort: »Aber Black ist jetzt passé. Die Sache ist die, wir befinden uns in einem Krieg, Premierminister, und wir müssen Maßnahmen ergreifen.«
»In einem Krieg?«, wiederholte der Premierminister nervös. »Ist das nicht ein wenig übertrieben?«
»Er, dessen Name nicht genannt werden darf, hat inzwischen seine Anhänger um sich geschart, die im Januar aus Askaban geflohen sind«, sagte Fudge, der nun immer schneller sprach und seinen Bowler so rasch herumwirbeln ließ, dass er nur noch eine limonengrüne Schliere war. »Seit sie aus ihrem Versteck gekommen sind, verbreiten sie Angst und Schrecken. Die Brockdale-Brücke – das war er, Premierminister, er hat mit einem Massenmord an Muggeln gedroht, wenn ich ihm den Weg nicht frei mache und –«
»Unfassbar! Also ist es Ihre Schuld, dass diese Menschen umgekommen sind und ich Fragen über verrostete Spannseile und korrodierte Dehnungsfugen und was weiß ich noch beantworten muss!«, erwiderte der Premierminister wütend.
»Meine Schuld!«, sagte Fudge und wurde rot im Gesicht. »Wollen Sie etwa sagen, Sie hätten bei einer derartigen Erpressung klein beigegeben?«
»Möglicherweise nicht«, sagte der Premierminister, erhob sich und schritt im Raum umher, »aber ich hätte all meine Kräfte darauf verwandt, den Erpresser zu fangen, ehe er eine solche Gräueltat verübt!«
»Glauben Sie wirklich, ich hätte nicht bereits jede Anstrengung unternommen?«, entgegnete Fudge erhitzt. »Sämtliche Auroren des Ministeriums haben versucht – und versuchen immer noch –, ihn zu finden und seine Anhänger auszuheben, aber wir reden hier zufällig über einen der mächtigsten Zauberer aller Zeiten, einen Zauberer, der fast drei Jahrzehnte lang einer Gefangennahme entkommen ist!«
»Sie werden mir also vermutlich sagen, dass er auch den Hurrikan im Südwesten des Landes verursacht hat?«, bemerkte der Premierminister, der mit jedem Schritt, den er machte, immer wütender wurde. Es war zum Verzweifeln, da hatte er die Ursache all dieser schrecklichen Katastrophen entdeckt und konnte sie nicht in der Öffentlichkeit verkünden; das war fast noch schlimmer, als wenn doch die Regierung daran schuld gewesen wäre.
»Es war kein Hurrikan«, sagte Fudge unglücklich.
»Ich bitte Sie!«, bellte der Premierminister und stampfte nun heftig auf und ab. »Entwurzelte Bäume, abgedeckte Dächer, umgeknickte Laternenpfähle, fürchterliche Verletzungen –«
»Das waren die Todesser«, sagte Fudge. »Die Anhänger des Unnennbaren. Und … und wir vermuten, dass auch Riesen beteiligt waren.«
Der Premierminister blieb abrupt stehen, als ob er gegen eine unsichtbare Wand geprallt wäre.
»Wer soll beteiligt gewesen sein?«
Fudge verzog das Gesicht. »Das letzte Mal hat er Riesen eingesetzt, als er große Wirkung erzielen wollte. Das Desinformationsbüro arbeitet bereits rund um die Uhr, wir hatten Vergissmich-Teams im Einsatz, die versucht haben, die Gedächtnisse aller Muggel zu verändern, die gesehen haben, was wirklich passiert ist, fast unsere gesamte Abteilung zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe rennt in Somerset herum, aber wir können den Riesen nicht finden – es ist eine Katastrophe.«
»Was Sie nicht sagen!«, erwiderte der Premierminister wütend.
»Ich will nicht bestreiten, dass die Stimmung im Ministerium ziemlich schlecht ist«, sagte Fudge. »Erst diese ganze Geschichte, und dann haben wir auch noch Amelia Bones verloren.«
»Wen verloren?«
»Amelia Bones. Leiterin der Abteilung für Magische Strafverfolgung. Wir glauben, Er, dessen Name nicht genannt werden darf, könnte sie selbst ermordet haben, weil sie eine sehr begabte Hexe war und – und alles darauf hindeutete, dass sie sich mit ihrem Mörder einen richtigen Kampf geliefert hat.«
Fudge räusperte sich und musste sich offenbar zwingen, damit aufzuhören, den Bowler im Kreis herumzudrehen.
»Aber dieser Mord ging durch die Zeitungen«, sagte der Premierminister, einen Moment lang von seiner Wut abgelenkt. »Durch unsere Zeitungen. Amelia Bones … es hieß nur, sie sei eine Frau mittleren Alters gewesen, die allein gelebt habe. Es war ein – ein grausiger Mord, nicht wahr? Er hat ziemliches Aufsehen erregt. Die Polizei steht vor einem Rätsel, wissen Sie.«
Fudge seufzte. »Nun, das ist kein Wunder. Sie wurde in einem Raum umgebracht, der von innen verschlossen war, nicht wahr? Wir hingegen wissen genau, wer es getan hat, auch wenn uns das nicht weiterhilft, ihn zu fangen. Und dann war da noch Emmeline Vance, möglicherweise haben Sie nichts davon gehört –«
»O doch, das habe ich sehr wohl!«, sagte der Premierminister. »Es ist zufällig gerade hier um die Ecke passiert. Das war ein gefundenes Fressen für die Zeitungen: Untergang von Recht und Ordnung im Hinterhof des Premierministers –«
»Und als ob das alles nicht genug wäre«, sagte Fudge, der dem Premierminister kaum zuhörte, »wimmelt es auch noch überall von Dementoren, die wahllos Leute überfallen …«
In glücklicheren Tagen wäre dieser Satz dem Premierminister unverständlich gewesen, doch inzwischen war er klüger geworden.
»Ich dachte, die Dementoren bewachen die Gefangenen von Askaban?«, sagte er vorsichtig.
»Das war früher so«, antwortete Fudge matt. »Aber heute nicht mehr. Sie haben das Gefängnis verlassen und sich Ihm, dessen Name nicht genannt werden darf, angeschlossen. Ein schwerer Schlag, das will ich nicht leugnen.«
»Aber«, sagte der Premierminister und ihm dämmerte etwas Grauenvolles, »haben Sie nicht gesagt, dass das die Wesen sind, die Hoffnung und Glück aus den Menschen heraussaugen?«
»Richtig. Und sie brüten Nachkommen aus. Das verursacht diesen ganzen Nebel.«
Der Premierminister sank mit weichen Knien auf den nächsten Stuhl. Bei der Vorstellung, unsichtbare Wesen schwebten durch Stadt und Land und verbreiteten Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit unter seinen Wählern, wurde ihm ganz schwach zumute.
»Nun hören Sie mal, Fudge – Sie müssen etwas unternehmen! Sie als Zaubereiminister tragen die Verantwortung!«
»Mein lieber Premierminister, Sie glauben doch wohl nicht im Ernst, dass ich nach alldem immer noch Zaubereiminister bin? Ich wurde vor drei Tagen entlassen! Die gesamte Zauberergemeinschaft hat zwei Wochen lang lauthals meinen Rücktritt verlangt. So einig habe ich sie in meiner ganzen Amtszeit nicht erlebt!«, sagte Fudge und versuchte tapfer, ein Lächeln zustande zu bringen.
Dem Premierminister fehlten vorübergehend die Worte. Trotz seiner Entrüstung über die Lage, in die er versetzt worden war, empfand er immer noch einiges Mitgefühl für den abgezehrt wirkenden Mann, der ihm gegenübersaß.
»Es tut mir sehr leid«, sagte er schließlich. »Gibt es etwas, das ich tun kann?«
»Das ist sehr freundlich von Ihnen, Premierminister, aber ich wüsste nicht, was. Man hat mich heute Abend hierhergeschickt, um Sie über die jüngsten Ereignisse zu informieren und Sie meinem Nachfolger vorzustellen. Ich dachte eigentlich, er müsste inzwischen hier sein, aber natürlich ist er im Augenblick, da so viel passiert, sehr beschäftigt.«
Fudge blickte sich zu dem Porträt des hässlichen kleinen Mannes mit der langen silbernen Lockenperücke um, der mit der Spitze eines Federkiels in seinem Ohr bohrte.
Das Porträt erwiderte Fudges Blick und sagte: »Er wird gleich da sein, er schreibt nur noch einen Brief an Dumbledore zu Ende.«
»Da wünsche ich ihm viel Glück«, sagte Fudge und klang zum ersten Mal bitter. »Ich habe Dumbledore in den letzten beiden Wochen zweimal täglich geschrieben, aber er rührt sich nicht von der Stelle. Wenn er nur bereit gewesen wäre, den Jungen zu überreden, dann wäre ich vielleicht nach wie vor … Nun, vielleicht hat Scrimgeour mehr Erfolg.«
Fudge verfiel in ein offensichtlich gekränktes Schweigen, doch es wurde fast im selben Moment von dem Porträt unterbrochen, das sich plötzlich mit seiner forschen, offiziellen Stimme zu Wort meldete.
»An den Premierminister der Muggel. Treffen erbeten. Dringend. Bitte sofortige Antwort. Rufus Scrimgeour, Zaubereiminister.«
»Ja, ja, schon gut«, sagte der Premierminister zerstreut, und er zuckte kaum zusammen, als die Flammen im Rost sich erneut smaragdgrün verfärbten, aufzüngelten und einen zweiten rotierenden Zauberer in ihrer Mitte offenbarten, den sie wenig später auf den alten Teppich spuckten. Fudge erhob sich, und der Premierminister tat es ihm nach kurzem Zögern nach und beobachtete, wie der Neuankömmling sich aufrichtete, den Staub von seinem langen schwarzen Umhang klopfte und sich umschaute.
Der erste, alberne Gedanke des Premierministers war, dass Rufus Scrimgeour im Grunde wie ein alter Löwe aussah. Er hatte graue Strähnen in seiner gelbbraunen Haarmähne und in seinen buschigen Augenbrauen; die gelblichen Augen hinter den Gläsern seiner Drahtbrille waren wachsam, und obwohl er leicht hinkte, bewegte er sich mit einer geschmeidigen, federnden Anmut. Man hatte sofort den Eindruck von Scharfsinn und Zähigkeit; der Premierminister konnte gut verstehen, warum die Zauberergemeinschaft in diesen gefährlichen Zeiten lieber Scrimgeour als Fudge als Anführer haben wollte.
»Guten Abend«, sagte der Premierminister höflich und streckte die Hand aus.
Scrimgeour nahm sie kurz, während seine Augen den Raum absuchten, dann zog er einen Zauberstab aus seinem Umhang hervor.
»Fudge hat Ihnen alles erzählt?«, fragte er, schritt hinüber zur Tür und tippte mit dem Zauberstab gegen das Schlüsselloch. Der Premierminister hörte das Schloss klicken.
»Äh – ja«, sagte der Premierminister. »Und wenn Sie nichts dagegen haben, wäre es mir lieber, wenn diese Tür unverschlossen bliebe.«
»Mir wäre es lieber, nicht unterbrochen zu werden«, entgegnete Scrimgeour schroff. »Oder beobachtet«, fügte er hinzu und richtete seinen Zauberstab auf die Fenster, worauf die Vorhänge über ihnen zuwehten. »Nun denn, ich bin sehr beschäftigt, kommen wir also zur Sache. Als Erstes müssen wir uns über Ihre Sicherheit unterhalten.«
Der Premierminister richtete sich zu seiner vollen Größe auf und erwiderte: »Ich bin gänzlich zufrieden mit den Sicherheitsvorkehrungen, die bereits für mich getroffen wurden, vielen herzlichen –«
»Nun, wir sind es nicht«, unterbrach Scrimgeour ihn. »Es würde für die Muggel übel aussehen, wenn ihr Premierminister unter den Imperius-Fluch geriete. Der neue Sekretär in Ihrem Vorzimmer –«
»Ich werde Kingsley Shacklebolt auf keinen Fall entlassen, falls Sie das meinen!«, sagte der Premierminister hitzig. »Er ist äußerst effizient, schafft doppelt so viel Arbeit wie all die anderen –«
»Das liegt daran, dass er ein Zauberer ist«, sagte Scrimgeour ohne die Spur eines Lächelns. »Ein bestens ausgebildeter Auror, der Ihnen zu Ihrem Schutz zugeteilt wurde.«
»Moment mal!«, protestierte der Premierminister. »Sie können nicht einfach Ihre Leute in mein Büro setzen, ich entscheide, wer für mich arbeitet –«
»Ich dachte, Sie wären zufrieden mit Shacklebolt?«, erwiderte Scrimgeour kühl.
»Das bin ich – beziehungsweise das war ich –«
»Dann gibt es doch kein Problem, oder?«, sagte Scrimgeour.
»Ich … na ja, solange Shacklebolt weiterhin … ähm … hervorragend arbeitet«, sagte der Premierminister matt, doch Scrimgeour schien ihn kaum zu hören.
»Nun, was Herbert Chorley betrifft – Ihren Juniorminister«, fuhr er fort. »Den Mann, der die Öffentlichkeit amüsiert hat, indem er eine Ente nachahmte.«
»Was ist mit ihm?«, fragte der Premierminister.
»Offenbar ist das die Reaktion auf einen schlecht ausgeführten Imperius-Fluch«, sagte Scrimgeour. »Das hat ihn verwirrt, aber er könnte immer noch gefährlich sein.«
»Er quakt doch nur!«, sagte der Premierminister schwach. »Ein wenig Ruhe, dann wird er sicher … vielleicht ein paar Gläschen weniger …«
»Eine Gruppe von Heilern aus dem St.-Mungo-Hospital für Magische Krankheiten und Verletzungen untersucht ihn gerade. Bis jetzt hat er versucht, drei von ihnen zu erwürgen«, sagte Scrimgeour. »Ich halte es für das Beste, wenn wir ihn für eine Weile von der Muggelgesellschaft fernhalten.«
»Ich … nun … er wird sich doch wieder erholen, oder?«, fragte der Premierminister besorgt. Scrimgeour zuckte nur die Achseln und ging schon wieder zum Kamin zurück.
»Tja, das ist eigentlich alles, was ich zu sagen hatte. Ich werde Sie über die Entwicklungen auf dem Laufenden halten, Premierminister – das heißt, ich werde wahrscheinlich zu beschäftigt sein, um persönlich vorbeizukommen, aber dann schicke ich Fudge hierher. Er hat sich bereit erklärt, in beratender Funktion weiterzuarbeiten.«
Fudge versuchte zu lächeln, doch es gelang ihm nicht; er sah einfach nur aus, als hätte er Zahnweh. Scrimgeour kramte bereits in seiner Tasche nach dem mysteriösen Pulver, mit dem man Feuer grün färbte. Der Premierminister starrte die beiden einen Moment lang verzweifelt an, dann brachen die Worte, gegen die er den ganzen Abend angekämpft hatte, endlich aus ihm heraus.
»Aber um Himmels willen – Sie sind Zauberer! Sie können zaubern! Sie können doch sicher – na ja – alles in den Griff kriegen!«
Scrimgeour drehte sich langsam um und wechselte einen ungläubigen Blick mit Fudge, der diesmal tatsächlich ein Lächeln hinbekam und freundlich sagte: »Das Problem ist, dass auch die andere Seite zaubern kann, Premierminister.«
Und damit traten die beiden Zauberer einer nach dem anderen in das hellgrüne Feuer und verschwanden.
Spinner’s End
Viele Kilometer entfernt hing der kalte Nebel, der gegen die Fenster des Premierministers gedrückt hatte, über einem schmutzigen Fluss, der sich zwischen überwucherten und von Müll übersäten Ufern dahinschlängelte. Ein mächtiger Schornstein, Überbleibsel einer stillgelegten Fabrik, ragte in die Höhe, düster und unheilvoll. Außer dem Wispern des schwarzen Wassers war nichts zu hören, und es gab keine Spur von Leben außer einem mageren Fuchs, der sich die Uferböschung hinuntergeschlichen hatte, um erwartungsvoll ein altes Fish-and-Chips-Papier im hohen Gras zu beschnuppern.
Doch dann tauchte mit einem ganz leisen Plopp aus dem Nichts eine schlanke Gestalt mit Kapuze am Flussufer auf. Der Fuchs erstarrte, die wachsamen Augen auf diese seltsame neue Erscheinung gerichtet. Die Gestalt orientierte sich offenbar kurz, dann ging sie mit leichten, raschen Schritten davon, wobei ihr langer Umhang über das Gras raschelte.
Mit einem zweiten und lauteren Plopp erschien eine weitere Gestalt mit Kapuze.
»Warte!«
Der barsche Ruf erschreckte den Fuchs, der jetzt fast flach im Gestrüpp kauerte. Er sprang aus seinem Versteck hervor und die Böschung hoch. Ein grüner Lichtblitz, ein Jaulen, und der Fuchs fiel wieder zu Boden, er war tot.
Die zweite Gestalt drehte das Tier mit der Fußspitze um.
»Nur ein Fuchs«, sagte eine Frauenstimme unter der Kapuze abfällig. »Ich dachte, es wär vielleicht ein Auror – Zissy, warte!«
Doch die, hinter der sie herlief, hatte nur kurz innegehalten und zu dem Lichtblitz zurückgeblickt und kletterte nun schon die Böschung hoch, die der Fuchs eben hinuntergefallen war.
»Zissy – Narzissa – hör mir zu –«
Die zweite Frau holte die erste ein und packte sie am Arm, doch die andere riss sich los.
»Geh zurück, Bella!«
»Du musst mir zuhören!«
»Ich habe zugehört! Ich habe mich entschieden! Lass mich in Ruhe!«
Die Frau namens Narzissa hatte den oberen Rand der Böschung erklommen, wo ein alter Gitterzaun den Fluss von einer schmalen Pflasterstraße trennte. Die andere Frau, Bella, folgte ihr auf dem Fuß. Nebeneinander standen sie da und blickten über die Straße auf zahlreiche Reihen verfallener Backsteinhäuser, deren Fenster in der Dunkelheit stumpf und blind schienen.
»Hier lebt er?«, fragte Bella in verächtlichem Ton. »Hier? In dieser Muggelkloake? Wir sind wahrscheinlich die Ersten unserer Art, die jemals den Fuß –«
Aber Narzissa hörte nicht zu. Sie war durch eine Lücke in dem rostigen Gitter geschlüpft und eilte bereits über die Straße.
»Zissy, warte!«
Bella folgte ihr mit flatterndem Umhang und sah, wie Narzissa durch eine Gasse zwischen den Häusern in eine zweite, ganz ähnliche Straße huschte. Einige der Straßenlaternen waren kaputt; die beiden Frauen rannten zwischen hell erleuchteten Stellen und tiefer Dunkelheit dahin. Die Verfolgerin holte ihre Beute ein, als die gerade um eine weitere Ecke bog, und diesmal schaffte sie es, sie am Arm zu packen und herumzureißen, so dass sie einander ins Gesicht sahen.
»Zissy, das darfst du nicht tun, du kannst ihm nicht vertrauen –«
»Der Dunkle Lord vertraut ihm, oder etwa nicht?«
»Der Dunkle Lord … täuscht sich … glaube ich«, keuchte Bella, und ihre Augen leuchteten kurz unter ihrer Kapuze auf, als sie sich prüfend umblickte, um zu sehen, ob sie auch wirklich allein waren. »Jedenfalls hat man uns befohlen, mit niemandem über den Plan zu sprechen. Das ist ein Verrat am Dunklen Lord und …«
»Lass mich los, Bella!«, fauchte Narzissa, zog einen Zauberstab unter ihrem Umhang hervor und hielt ihn der anderen drohend vors Gesicht. Bella lachte nur.
»Zissy, deine eigene Schwester? Das würdest du nicht –«
»Es gibt nichts mehr, was ich nicht tun würde!«, hauchte Narzissa mit einem Anflug von Hysterie in der Stimme, und als sie den Zauberstab wie ein Messer nach unten stieß, flammte abermals ein Lichtblitz auf. Bella ließ den Arm ihrer Schwester los, als hätte sie sich verbrannt.
»Narzissa!«
Aber Narzissa war schon weitergeeilt. Ihre Verfolgerin rieb sich die Hand und setzte ihr nach, hielt nun jedoch Abstand, während sie immer tiefer in das verlassene Labyrinth der Backsteinhäuser eindrangen. Endlich hastete Narzissa durch eine Straße namens Spinner’s End, über der wie ein riesiger mahnender Finger der gewaltige Fabrikschornstein zu schweben schien. Ihre Schritte hallten auf dem Pflaster, als sie an zugenagelten und zerbrochenen Fenstern vorbeilief, bis sie das allerletzte Haus erreichte, wo schwaches Licht durch die Vorhänge eines Raums im Erdgeschoss schimmerte.
Noch ehe Bella sie leise fluchend eingeholt hatte, hatte sie an die Tür geklopft. Gemeinsam standen sie da und warteten, leicht keuchend, und atmeten den Geruch des schmutzigen Flusses ein, den die nächtliche Brise zu ihnen herüberwehte. Nach ein paar Sekunden hörten sie ein Geräusch hinter der Tür und sie öffnete sich einen Spaltbreit. Ein schmales Stück von einem Mann war zu sehen, der zu ihnen herausspähte, einem Mann mit langem schwarzem Haar, das ihm wie ein Vorhang um sein fahles Gesicht mit den schwarzen Augen fiel.
Narzissa warf ihre Kapuze in den Nacken. Sie war so blass, dass sie in der Dunkelheit zu leuchten schien; mit ihrem langen blonden Haar, das ihr bis auf den Rücken wallte, sah sie aus wie eine Ertrunkene.
»Narzissa!«, sagte der Mann und öffnete die Tür etwas weiter, so dass das Licht auf sie und auch auf ihre Schwester fiel. »Welch angenehme Überraschung!«
»Severus«, flüsterte sie angestrengt. »Kann ich dich sprechen? Es ist dringend.«
»Aber natürlich.«
Er trat zurück, um sie an sich vorbei ins Haus zu lassen. Ihre Schwester, noch immer in die Kapuze gehüllt, folgte ihr unaufgefordert.
»Snape«, sagte sie barsch, als sie an ihm vorbeiging.
»Bellatrix«, antwortete er, und sein schmaler Mund verzog sich zu einem leicht spöttischen Lächeln, während er die Tür hinter ihnen zuschnappen ließ.
Sie gelangten sogleich in ein kleines Wohnzimmer, das den Eindruck einer finsteren Gummizelle machte. Die Wände waren vollständig mit Büchern bedeckt, die größtenteils alte schwarze oder braune Ledereinbände hatten; ein zerschlissenes Sofa, ein alter Sessel und ein wackliger Tisch standen dicht beieinander im trüben Lichtkegel einer Lampe, die von der Decke hing und in der eine Kerze steckte. Der Raum wirkte vernachlässigt, als ob er normalerweise nicht bewohnt würde.
Snape wies Narzissa in Richtung Sofa. Sie warf ihren Umhang ab, legte ihn beiseite, setzte sich und starrte auf ihre weißen zitternden Hände, die sie in ihrem Schoß verschränkt hatte. Bellatrix schob ganz langsam ihre Kapuze zurück. Sie war so dunkel, wie ihre Schwester hellhaarig war, hatte schwere Augenlider und ein kräftiges Kinn. Sie blickte unverwandt auf Snape, während sie zu Narzissa hinüberging und sich hinter sie stellte.
»So, was kann ich für euch tun?«, fragte Snape und setzte sich in den Sessel den beiden Schwestern gegenüber.
»Wir … wir sind allein, nicht wahr?«, fragte Narzissa leise.
»Ja, natürlich. Nun, Wurmschwanz ist hier, aber Ungeziefer zählt nicht, oder?«
Er richtete den Zauberstab auf die Bücherwand hinter sich, und mit einem Knall flog eine verborgene Tür auf, und eine schmale Treppe wurde sichtbar, auf der ein kleiner Mann wie versteinert stand.
»Wie du zweifellos bemerkt hast, Wurmschwanz, haben wir Gäste«, sagte Snape träge.
Der Mann kroch mit buckligem Rücken die letzten paar Stufen herunter und betrat das Zimmer. Er hatte kleine, wässrige Augen, eine spitze Nase und zeigte ein unangenehmes affektiertes Grinsen. Seine linke Hand streichelte die rechte, die aussah, als wäre sie in einen hellen silbernen Handschuh gehüllt.
»Narzissa«, sagte er mit quiekender Stimme, »und Bellatrix! Wie reizend –«
»Wurmschwanz wird uns etwas zu trinken bringen, wenn ihr mögt«, sagte Snape. »Und dann geht er in sein Zimmer zurück.«
Wurmschwanz zuckte zusammen, als hätte Snape etwas nach ihm geworfen.
»Ich bin nicht dein Diener!«, quiekte er, Snapes Blick ausweichend.
»Tatsächlich? Ich dachte eigentlich, der Dunkle Lord hätte dich hierhergeschickt, um mich zu unterstützen.«
»Unterstützen, ja – aber nicht, um dir Drinks zu machen und – und dein Haus zu putzen!«
»Ich hatte keine Ahnung, Wurmschwanz, dass du dich nach gefährlicheren Aufgaben sehnst«, sagte Snape aalglatt. »Das lässt sich ohne weiteres arrangieren: Ich werde mit dem Dunklen Lord reden –«
»Ich kann selber mit ihm reden, wenn ich will!«
»Natürlich kannst du das«, sagte Snape höhnisch. »Aber vorher bringst du uns etwas zu trinken. Ein wenig Elfenwein wäre recht.«
Wurmschwanz zögerte einen Moment, er sah aus, als wollte er widersprechen. Aber dann wandte er sich um und trat durch eine zweite verborgene Tür. Sie hörten etwas krachen und Gläser klirren. Sekunden später war er mit einem Tablett zurück, auf dem eine staubige Flasche und drei Gläser standen. Er stellte alles auf den wackligen Tisch, huschte hastig davon und schlug die Tür mit den Büchern hinter sich zu.
Snape goss blutroten Wein in die drei Gläser und reichte zwei davon den beiden Schwestern. Narzissa bedankte sich leise, doch Bellatrix sagte nichts, sondern starrte Snape weiterhin finster an. Das schien ihn nicht aus der Fassung zu bringen; im Gegenteil, er wirkte eher amüsiert.
»Auf den Dunklen Lord«, sagte er, hob sein Glas und trank es aus.
Die Schwestern taten es ihm gleich. Snape füllte ihnen nach.
Als Narzissa ihr zweites Glas nahm, sagte sie hastig: »Severus, es tut mir leid, dass ich einfach so hierherkomme, aber ich musste dich sehen. Ich glaube, du bist der Einzige, der mir helfen kann –«
Snape gebot ihr mit erhobener Hand zu schweigen und richtete seinen Zauberstab erneut auf die verborgene Tür zur Treppe. Ein lautes Krachen und Kreischen ertönte, und dann hörte man, wie Wurmschwanz wieder die Treppe hinaufstolperte.
»Verzeihung«, sagte Snape. »Er hat sich in letzter Zeit angewöhnt, an Türen zu lauschen, ich weiß nicht, was das soll … Was sagtest du gerade, Narzissa?«
Sie holte zitternd tief Luft und begann von neuem.
»Severus, ich weiß, ich sollte nicht hier sein, mir wurde befohlen, niemandem etwas zu sagen, aber –«
»Dann solltest du den Mund halten!«, fauchte Bellatrix. »Vor allem in dieser Gesellschaft!«
»›Dieser Gesellschaft‹?«, wiederholte Snape mit hämischem Grinsen. »Und was darf ich darunter verstehen, Bellatrix?«
»Dass ich dir nicht traue, Snape, wie du ganz genau weißt!«
Narzissa machte ein Geräusch, das wie ein trockenes Schluchzen klang, und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. Snape stellte sein Glas auf den Tisch, lehnte sich, die Hände auf den Sessellehnen, wieder zurück und lächelte in Bellatrix’ finsteres Gesicht.
»Narzissa, ich denke, wir sollten uns anhören, was Bellatrix so dringend loswerden will; das wird uns lästige Unterbrechungen ersparen. Nun, weiter, Bellatrix«, sagte Snape. »Warum traust du mir nicht?«
»Aus tausend Gründen!«, sagte sie laut, trat hinter dem Sofa hervor und knallte ihr Glas auf den Tisch. »Wo soll ich anfangen? Wo warst du beim Sturz des Dunklen Lords? Warum hast du nie einen Versuch unternommen, ihn zu finden, als er verschwunden war? Was hast du all die Jahre getan, in denen du bei Dumbledore gehaust hast? Warum hast du den Dunklen Lord daran gehindert, sich den Stein der Weisen zu besorgen? Warum bist du nicht sofort zurückgekehrt, als der Dunkle Lord wiedergeboren wurde? Wo warst du vor einigen Wochen, als wir darum kämpften, die Prophezeiung für den Dunklen Lord zu beschaffen? Und warum, Snape, ist Harry Potter immer noch am Leben, wo er dir doch fünf Jahre lang auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war?«
Mit heftig wogender Brust und hochroten Wangen hielt sie inne. Hinter ihr saß Narzissa reglos, das Gesicht immer noch in den Händen verborgen.
Snape lächelte.
»Ehe ich dir antworte – o ja, Bellatrix, ich werde antworten! Du kannst meine Worte dann all den anderen übermitteln, die hinter meinem Rücken tuscheln und dem Dunklen Lord Lügenmärchen über meine Treulosigkeit auftischen! Aber wie gesagt, ehe ich dir antworte, will ich dir auch eine Frage stellen. Glaubst du wirklich, dass der Dunkle Lord mir nicht jede einzelne dieser Fragen gestellt hat? Und glaubst du wirklich, dass ich hier sitzen und mit dir sprechen würde, wenn ich ihm keine befriedigenden Antworten hätte geben können?«
Sie zögerte.
»Ich weiß, er glaubt dir, aber –«
»Du denkst, er täuscht sich? Oder ich hätte ihn irgendwie hinters Licht geführt? Den Dunklen Lord hereingelegt, den größten Zauberer, den begnadetsten Legilimentor, den die Welt je gesehen hat?«
Bellatrix sagte nichts, schien aber zum ersten Mal leicht verunsichert. Snape drang nicht weiter auf sie ein. Er nahm sein Weinglas, nippte daran und fuhr fort: »Du fragst, wo ich beim Sturz des Dunklen Lords war. Ich war dort, wo er mich hinbefohlen hatte, an der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei, weil es sein Wunsch war, dass ich Albus Dumbledore ausspioniere. Ich vermute, du weißt, dass ich diesen Posten auf Befehl des Dunklen Lords annahm?«
Sie nickte kaum merklich und öffnete den Mund, aber Snape kam ihr zuvor.
»Du fragst, warum ich nicht versucht habe, ihn zu finden, als er verschwunden war. Aus demselben Grund, aus dem auch Avery, Yaxley, die Carrows, Greyback, Lucius« – er neigte den Kopf leicht zu Narzissa – »und viele andere nicht versucht haben, ihn zu finden. Ich dachte, er wäre erledigt. Ich bin nicht stolz darauf, ich habe mich geirrt, aber so war es nun einmal … Wenn er uns, die den Glauben damals verloren haben, nicht verziehen hätte, dann hätte er jetzt nur noch sehr wenige Anhänger.«
»Er hätte mich!«, sagte Bellatrix leidenschaftlich. »Mich, die für ihn viele Jahre in Askaban gesessen hat!«
»Ja, in der Tat, höchst bewundernswert«, sagte Snape und es klang gelangweilt. »Du hast ihm zwar im Gefängnis nicht sonderlich genützt, aber die Geste war zweifellos edel –«
»Geste!«, schrie Bellatrix; in ihrem Zorn wirkte sie fast irre. »Während ich die Dementoren ertragen musste, warst du in Hogwarts und hast es dir als Dumbledores Schoßhündchen bequem gemacht!«
»Nicht ganz«, sagte Snape gelassen. »Er wollte mir den Unterricht in Verteidigung gegen die dunklen Künste nämlich nicht anvertrauen. Schien zu glauben, das könnte, ähm, einen Rückfall bewirken … mich in Versuchung führen, wieder alte Gewohnheiten anzunehmen.«
»Das war also dein Opfer für den Dunklen Lord, dass du dein Lieblingsfach nicht unterrichtet hast?«, höhnte sie. »Warum bist du die ganze Zeit dort geblieben, Snape? Um weiter Dumbledore auszuspionieren, für einen Herrn, den du tot glaubtest?«
»Wohl kaum«, sagte Snape, »obwohl der Dunkle Lord erfreut ist, dass ich meinen Posten nie verlassen habe: Als er zurückkam, konnte ich ihm Informationen über Dumbledore geben, die ich sechzehn Jahre lang gesammelt hatte, ein etwas nützlicheres Wiedersehensgeschenk als die endlosen Geschichten über das ungemütliche Askaban …«
»Aber du bist geblieben –«
»Ja, Bellatrix, ich bin geblieben«, sagte Snape und zeigte zum ersten Mal einen Anflug von Ungeduld. »Ich hatte eine angenehme Arbeit, die ich einem Aufenthalt in Askaban vorzog. Sie haben damals die Todesser verfolgt, wie du weißt. Der Schutz, den Dumbledore mir gewährte, hat mich vor dem Gefängnis bewahrt, er kam mir sehr gelegen und ich nutzte ihn. Ich wiederhole: Der Dunkle Lord beschwert sich nicht, dass ich geblieben bin, deshalb verstehe ich nicht, warum du es tust.
Ich glaube, als Nächstes wolltest du wissen«, fuhr er rasch und mit leicht erhobener Stimme fort, da Bellatrix ihn allem Anschein nach unterbrechen wollte, »warum ich mich zwischen den Dunklen Lord und den Stein der Weisen gestellt habe. Das lässt sich leicht beantworten. Er wusste nicht, ob er mir trauen konnte. Er dachte wie du, dass ich mich von einem treuen Todesser in Dumbledores Handlanger verwandelt hätte. Er war in einem bedauernswerten Zustand, ganz schwach, und hatte sich im Körper eines mittelmäßigen Zauberers eingenistet. Er wagte es nicht, sich einem ehemaligen Verbündeten zu offenbaren, da dieser Verbündete ihn womöglich Dumbledore oder dem Ministerium ausliefern würde. Ich bedauere zutiefst, dass er mir nicht vertraute. Er hätte drei Jahre früher wieder Macht erlangt. So sah ich nur, wie der gierige und nichtswürdige Quirrell versuchte, den Stein zu stehlen, und ich gebe zu, dass ich nach Kräften alles tat, um ihn daran zu hindern.«
Bellatrix’ Mund verzog sich, als hätte sie eine bittere Medizin geschluckt.
»Aber du bist nicht zurückgekehrt, als er zurückkam, du bist nicht gleich zu ihm geflogen, als du gespürt hast, wie das Dunkle Mal brannte –«
»Stimmt. Ich kehrte zwei Stunden später zurück. Und zwar auf Dumbledores Befehl.«
»Auf Dumbledores –?«, begann sie in empörtem Ton.
»Denk nach!«, sagte Snape, erneut ungeduldig. »Denk nach! Indem ich zwei Stunden wartete, nur zwei Stunden, ermöglichte ich es mir, als Spion in Hogwarts zu bleiben! Indem ich Dumbledore im Glauben ließ, ich würde nur an die Seite des Dunklen Lords zurückkehren, weil Dumbledore es mir befohlen hatte, konnte ich nach wie vor Informationen über Dumbledore und den Orden des Phönix weitergeben! Überleg doch, Bellatrix: Das Dunkle Mal wurde monatelang immer stärker, ich wusste, dass seine Rückkehr kurz bevorstand, alle Todesser wussten das! Hätte ich nicht genügend Zeit gehabt, darüber nachzudenken, was ich tun wollte, meinen nächsten Schritt zu planen, zu fliehen, wie es Karkaroff tat?
Das anfängliche Missfallen des Dunklen Lords über meine Verspätung schwand ganz und gar, das kann ich dir versichern, als ich ihm erklärte, dass ich treu geblieben war, auch wenn Dumbledore meinte, ich sei auf seiner Seite. Ja, der Dunkle Lord dachte, ich hätte ihn für immer verlassen, doch er irrte sich.«
»Aber was hast du uns gebracht?«, höhnte Bellatrix. »Welche nützlichen Informationen haben wir von dir erhalten?«
»Meine Informationen wurden direkt dem Dunklen Lord übermittelt«, sagte Snape. »Wenn er dich nicht daran teilhaben lässt –«
»Er lässt mich an allem teilhaben!«, schoss Bellatrix wutentbrannt zurück. »Er nennt mich seine zuverlässigste, seine treueste –«
»Tatsächlich?«, sagte Snape und ließ mit gesenkter Stimme seine Zweifel durchklingen. »Macht er das immer noch, nach dem Fiasko im Ministerium?«
»Das war nicht meine Schuld!«, sagte Bellatrix errötend. »Der Dunkle Lord hat mir früher seine wertvollsten – wenn Lucius nicht –«
»Wag es nicht – wag es ja nicht, meinem Mann die Schuld zuzuschieben!«, sagte Narzissa mit leiser, vernichtender Stimme und sah zu ihrer Schwester auf.
»Es hat keinen Sinn, Schuld zuzuteilen«, sagte Snape ruhig. »Was geschehen ist, ist geschehen.«
»Aber du hast nichts getan!«, erwiderte Bellatrix zornig. »Nein, du warst wieder einmal nicht da, während wir anderen uns in Gefahr begaben, nicht wahr, Snape?«
»Mein Befehl lautete, im Hintergrund zu bleiben«, sagte Snape. »Stimmst du etwa nicht mit dem Dunklen Lord überein, glaubst du vielleicht, dass Dumbledore es nicht bemerkt hätte, wenn ich mich den Todessern angeschlossen hätte, um gegen den Orden des Phönix zu kämpfen? Und – verzeih mir – du sprichst von Gefahr … ihr hattet es mit sechs Halbwüchsigen zu tun, oder?«
»Du weißt ganz genau, dass in kürzester Zeit der halbe Phönixorden zu ihnen stieß!«, fauchte Bellatrix. »Und wo wir schon beim Orden sind – behauptest du immer noch, du könntest nicht preisgeben, wo sich ihr Hauptquartier befindet?«
»Ich bin nicht der Geheimniswahrer, ich kann den Namen des Ortes nicht aussprechen. Du verstehst, wie der Zauber wirkt, nehme ich an? Der Dunkle Lord ist zufrieden mit den Informationen, die ich ihm über den Orden gegeben habe. Sie führten, wie du dir vielleicht denken kannst, vor kurzem zur Gefangennahme und Ermordung von Emmeline Vance, und sie halfen zweifellos dabei, Sirius Black zu beseitigen, auch wenn ich voll und ganz anerkenne, dass du ihn endgültig erledigt hast.«
Er neigte den Kopf und prostete ihr zu. Ihre Miene blieb ernst.
»Du weichst meiner letzten Frage aus, Snape. Harry Potter. Du hättest ihn während der letzten fünf Jahre jederzeit töten können. Du hast es nicht getan. Warum?«
»Hast du über diese Angelegenheit mit dem Dunklen Lord gesprochen?«, fragte Snape.
»Er … in letzter Zeit, wir … ich frage dich, Snape!«
»Wenn ich Harry Potter ermordet hätte, dann hätte der Dunkle Lord sein Blut nicht benutzen können, um wieder zu Kräften zu kommen, um sich unbesiegbar zu machen –«
»Du behauptest, du hättest vorausgesehen, dass er den Jungen brauchen wird?«, höhnte sie.
»Das behaupte ich nicht; ich hatte keine Ahnung von seinen Plänen; ich habe doch schon zugegeben, dass ich den Dunklen Lord für tot hielt. Ich versuche nur zu erklären, warum der Dunkle Lord nicht bedauert, dass Potter überlebt hat, zumindest hat er es bis vor einem Jahr nicht getan …«
»Aber warum hast du sein Leben verschont?«
»Hast du mich nicht verstanden? Es war nur Dumbledores Schutz, der mich vor Askaban bewahrte! Meinst du nicht auch, dass der Mord an seinem Lieblingsschüler ihn zu meinem Feind gemacht hätte? Aber das war nicht alles. Ich möchte dich daran erinnern, dass über Potter, als er zum ersten Mal nach Hogwarts kam, noch viele Geschichten im Umlauf waren, Gerüchte, wonach er selbst ein großer schwarzer Magier sei und deshalb den Angriff des Dunklen Lords überlebt habe. Tatsächlich glaubten viele von den alten Anhängern des Dunklen Lords, Potter wäre vielleicht ein neuer Anführer, dem wir uns alle wieder anschließen könnten. Ich war zugegebenermaßen neugierig und verspürte nicht die geringste Neigung, ihn zu ermorden, als er den Fuß in das Schloss setzte.
Natürlich wurde mir sehr schnell klar, dass er keinerlei außergewöhnliches Talent besaß. Er rettete sich aus einer Reihe brenzliger Situationen mit einer einfachen Mischung aus schierem Glück und recht begabten Freunden. Er ist in höchstem Grade mittelmäßig, allerdings genauso widerwärtig und selbstzufrieden wie schon sein Vater. Ich habe mein Möglichstes getan, dass man ihn aus Hogwarts wirft, wo er meiner Auffassung nach kaum hingehört, aber ihn zu töten oder zuzulassen, dass er vor meinen Augen getötet wird? Ich wäre ein Dummkopf gewesen, hätte ich es darauf ankommen lassen, solange Dumbledore unmittelbar in meiner Nähe war.«
»Und trotz allem sollen wir glauben, dass Dumbledore dich nie verdächtigt hat?«, fragte Bellatrix. »Er hat keine Ahnung, wem du wirklich treu bist, er vertraut dir immer noch blind?«
»Ich habe meine Rolle gut gespielt«, sagte Snape. »Und du vergisst Dumbledores größte Schwäche: Er muss immer das Beste von den Menschen glauben. Als ich kurz nach meiner Zeit als Todesser sein Mitarbeiter wurde, tischte ich ihm das Märchen auf, wie tief meine Reue sei, und er nahm mich mit offenen Armen auf – auch wenn er mich, wie gesagt, so gut er konnte von den dunklen Künsten fernhielt. Dumbledore war schon immer ein großer Zauberer – o ja, das war er« (denn Bellatrix hatte verächtlich geschnaubt), »der Dunkle Lord weiß darum. Ich freue mich aber, sagen zu können, dass Dumbledore alt wird. Das Duell mit dem Dunklen Lord im vergangenen Monat hat ihn mitgenommen. Er hat danach noch eine schwere Verletzung erlitten, weil seine Reaktionen langsamer sind als früher. Doch während all dieser Jahre hat er Severus Snape stets vertraut, und darin liegt mein großer Wert für den Dunklen Lord.«
Bellatrix wirkte immer noch unzufrieden, war aber offenbar nicht sicher, wie sie Snape am besten erneut angreifen konnte. Snape nutzte ihr Schweigen und wandte sich an ihre Schwester.
»Nun … du bist gekommen, um mich um Hilfe zu bitten, Narzissa?«
Narzissa blickte mit verzweifelter Miene zu ihm auf.
»Ja, Severus. Ich – ich glaube, dass du der Einzige bist, der mir helfen kann, ich habe sonst niemanden. Lucius ist im Gefängnis und …«
Sie schloss die Augen und zwei große Tränen quollen unter ihren Lidern hervor.
»Der Dunkle Lord hat mir verboten, darüber zu sprechen«, fuhr Narzissa fort, die Augen noch immer geschlossen. »Er will, dass keiner von dem Plan erfährt. Er ist … sehr geheim. Aber –«
»Wenn er es verboten hat, solltest du nicht darüber sprechen«, sagte Snape sofort. »Das Wort des Dunklen Lords ist Gesetz.«
Narzissa schnappte nach Luft, als ob er sie mit kaltem Wasser übergossen hätte. Bellatrix wirkte, zum ersten Mal seit sie das Haus betreten hatte, zufrieden.
»Da hast du’s!«, sagte sie triumphierend zu ihrer Schwester. »Sogar Snape sagt es: Man hat dir befohlen, nicht zu reden, also sei still!«
Aber Snape war aufgestanden, ging zu dem kleinen Fenster, spähte durch die Vorhänge auf die verlassene Straße und zog sie ruckartig wieder zu. Er drehte sich zu Narzissa um und runzelte die Stirn.
»Zufällig weiß ich von dem Plan«, sagte er mit leiser Stimme. »Ich bin einer der wenigen, mit denen der Dunkle Lord darüber gesprochen hat. Dennoch, hätte ich das Geheimnis nicht gekannt, Narzissa, dann wärst du eines großen Verrats am Dunklen Lord schuldig geworden.«
»Ich dachte mir, dass du bestimmt davon weißt!«, sagte Narzissa und atmete jetzt freier. »Er hat so großes Vertrauen zu dir, Severus …«
»Du weißt von dem Plan?«, sagte Bellatrix und der leichte Anflug von Zufriedenheit auf ihrem Gesicht wich einer empörten Miene. »Du weißt davon?«
»Gewiss«, sagte Snape. »Aber welche Hilfe verlangst du, Narzissa? Wenn du glaubst, ich könnte den Dunklen Lord überreden, es sich anders zu überlegen, kann ich dir, fürchte ich, keine Hoffnung machen, nicht die geringste.«
»Severus«, flüsterte sie und Tränen glitten ihr über die blassen Wangen. »Mein Sohn … mein einziger Sohn …«
»Draco sollte stolz sein«, sagte Bellatrix gleichgültig. »Der Dunkle Lord erweist ihm eine große Ehre. Und was man Draco zugutehalten kann: Er schrickt nicht vor seiner Pflicht zurück, er scheint froh über die Gelegenheit, sich zu beweisen, er brennt darauf –«
Narzissa begann heftig zu weinen und sah Snape dabei flehentlich an.
»Das liegt daran, dass er erst sechzehn ist und keine Ahnung hat, was ihm bevorsteht! Warum, Severus? Warum mein Sohn? Es ist zu gefährlich! Das ist die Rache für Lucius’ Fehler, ich weiß es!«
Snape sagte nichts. Er drehte sich von ihr weg, als ob der Anblick ihrer Tränen anstößig wäre, doch er konnte nicht so tun, als würde er Narzissa nicht hören.
»Deshalb hat er Draco gewählt, nicht wahr?«, beharrte sie. »Um Lucius zu bestrafen?«
»Wenn es Draco gelingt«, sagte Snape, immer noch den Blick von ihr abgewandt, »wird ihm größere Ehre zuteilwerden als allen anderen.«
»Aber es wird ihm nicht gelingen!«, schluchzte Narzissa. »Wie könnte es, wenn der Dunkle Lord selbst –?«
Bellatrix stockte der Atem; Narzissa schien die Nerven zu verlieren.
»Ich wollte nur sagen … dass es keinem bisher gelungen ist … Severus … bitte … du bist, du warst immer Dracos Lieblingslehrer … du bist Lucius’ alter Freund … ich bitte dich … du genießt die Gunst des Dunklen Lords, bist sein vertrautester Berater … wirst du mit ihm sprechen, ihn umstimmen –?«
»Der Dunkle Lord wird sich nicht umstimmen lassen, und ich bin nicht so dumm, es zu versuchen«, sagte Snape nachdrücklich. »Ich will nicht verhehlen, dass der Dunkle Lord wütend auf Lucius ist. Eigentlich trug Lucius die Verantwortung. Er ließ sich gefangen nehmen, zusammen mit was weiß ich wie vielen anderen, und es gelang ihm auch nicht, die Prophezeiung zu beschaffen. Ja, der Dunkle Lord ist wütend, Narzissa, sehr wütend sogar.«
»Dann habe ich Recht, er hat Draco zur Vergeltung gewählt!«, sagte Narzissa mit erstickter Stimme. »Er will nicht, dass es ihm gelingt, er will, dass er bei dem Versuch umkommt!«
Als Snape nichts erwiderte, schien Narzissa den letzten Rest an Selbstbeherrschung zu verlieren. Sie stand auf, taumelte auf Snape zu und packte ihn vorn am Umhang. Ihr Gesicht war seinem so nahe, dass ihre Tränen auf seine Brust fielen, und sie keuchte: »Du könntest es tun. Du könntest es anstelle von Draco tun, Severus. Dir würde es gelingen, natürlich würde es das, und er würde dich mehr als uns alle belohnen –«
Snape fasste sie an den Handgelenken und befreite sich von ihrem Griff. Er blickte hinab auf ihr tränenverschmiertes Gesicht und sagte langsam: »Er will, dass ich es am Ende tue, denke ich. Aber er hat beschlossen, dass Draco es zuerst versuchen muss. Sieh doch, wenn der unwahrscheinliche Fall eintritt, dass es Draco gelingt, kann ich noch ein wenig länger in Hogwarts bleiben und meine nützliche Rolle als Spion weiterspielen.«
»Mit anderen Worten, es ist ihm egal, ob Draco getötet wird!«
»Der Dunkle Lord ist sehr wütend«, wiederholte Snape leise. »Es ist ihm misslungen, die Prophezeiung zu hören. Du weißt genauso gut wie ich, Narzissa, dass er nicht so leicht vergibt.«
Sie brach zusammen, stürzte ihm zu Füßen und blieb schluchzend und klagend am Boden liegen.
»Mein einziger Sohn … mein einziger Sohn …«
»Du solltest stolz sein!«, sagte Bellatrix unbarmherzig. »Wenn ich Söhne hätte, würde ich sie gerne für den Dienst am Dunklen Lord hingeben!«
Narzissa stieß einen leisen Schrei der Verzweiflung aus und krallte die Hände in ihre langen blonden Haare. Snape bückte sich, packte sie an den Armen, hob sie hoch und bugsierte sie zurück aufs Sofa. Dann schenkte er ihr Wein nach und drückte ihr das Glas in die Hand.
»Narzissa, es ist genug. Trink das. Hör mir zu.«
Sie beruhigte sich ein wenig, nahm zitternd ein Schlückchen und schüttete dabei Wein über sich.
»Es könnte sein … dass ich Draco helfen kann.«
Sie setzte sich auf, das Gesicht weiß wie Papier, die Augen riesengroß.
»Severus – oh, Severus – du würdest ihm helfen? Würdest du auf ihn Acht geben, dafür sorgen, dass ihm nichts passiert?«
»Ich kann es versuchen.«
Sie stieß ihr Glas fort; es rutschte über den Tisch, während sie vom Sofa glitt und zu Snapes Füßen niederkniete, seine Hand mit ihren Händen umfasste und ihre Lippen daraufdrückte.
»Wenn du dabei bist und ihn beschützt … Severus, wirst du mir das schwören? Wirst du den Unbrechbaren Schwur ablegen?«
»Den Unbrechbaren Schwur?« Snapes Miene war ausdruckslos, unentschlüsselbar; aber Bellatrix lachte gackernd und triumphierend auf.
»Hörst du nicht zu, Narzissa? O ja, er wird es versuchen, sicher … die üblichen leeren Worte, wie gewohnt drückt er sich vor dem Handeln … oh, auf Befehl des Dunklen Lords natürlich!«
Snape sah Bellatrix nicht an. Seine schwarzen Augen waren auf Narzissas blaue Augen gerichtet, die voller Tränen standen. Sie hielt noch immer seine Hand umklammert.
»Natürlich, Narzissa, ich werde den Unbrechbaren Schwur ablegen«, sagte er leise. »Vielleicht ist deine Schwester bereit, unseren Bund zu besiegeln.«
Bellatrix klappte der Mund auf. Snape ließ sich Narzissa gegenüber auf die Knie sinken. Unter Bellatrix’ erstaunten Blicken gaben sie sich die rechte Hand.
»Nimm deinen Zauberstab, Bellatrix«, sagte Snape kühl.
Sie zog ihn hervor, noch immer verblüfft.
»Und komm ein wenig näher«, sagte er.
Sie trat ein paar Schritte vor, so dass sie über ihnen stand, und legte die Spitze ihres Zauberstabs auf ihre verschränkten Hände.
Narzissa ergriff das Wort.
»Wirst du, Severus, über meinen Sohn Draco wachen, wenn er versucht, die Wünsche des Dunklen Lords zu erfüllen?«
»Das werde ich«, sagte Snape.
Eine dünne leuchtende Flamme züngelte aus dem Zauberstab hervor und schlang sich wie ein rot glühender Draht um ihre Hände.
»Und wirst du ihn mit all deinen Kräften vor Gefahren schützen?«
»Das werde ich«, sagte Snape.
Eine zweite Flammenzunge schoss aus dem Zauberstab und verband sich mit der ersten zu einer feinen glühenden Kette.
»Und sollte es sich als notwendig erweisen … wenn Draco zu scheitern droht …«, flüsterte Narzissa (Snapes Hand zuckte in ihrer, doch er zog sie nicht zurück), »wirst du selbst die Tat ausführen, die der Dunkle Lord Draco anbefohlen hat?«
Ein Augenblick der Stille trat ein. Bellatrix beobachtete die beiden mit aufgerissenen Augen, den Zauberstab auf ihren verschränkten Händen.
»Das werde ich«, sagte Snape.
Bellatrix’ verblüfftes Gesicht erglühte rot im Schein einer dritten Flammenzunge, die aus dem Zauberstab schoss, sich in die anderen flocht und sich dick um ihre verschränkten Hände wickelte, wie ein Tau, wie eine brennende Schlange.
Wollen und Nichtwollen
Harry Potter schnarchte laut. Er hatte fast vier Stunden lang auf einem Stuhl neben seinem Zimmerfenster gesessen und auf die Straße hinausgestarrt, die immer finsterer wurde, und schließlich war er eingeschlafen, das Gesicht seitlich gegen die kalte Fensterscheibe gepresst, die Brille schief auf der Nase und den Mund weit offen. Der trübe Beschlag, den sein Atem auf dem Fenster hinterlassen hatte, glänzte in dem orangeroten Schein der Straßenlaterne draußen, und durch das künstliche Licht verlor sein Gesicht alle Farbe, so dass er unter seinem zerzausten schwarzen Haarschopf wie ein Gespenst aussah.
Überall im Zimmer waren diverse Habseligkeiten verstreut und dazu jede Menge Abfall. Eulenfedern, Apfelreste und Bonbonpapiere bedeckten den Fußboden, etliche Zauberbücher lagen wie Kraut und Rüben zwischen den verknäuelten Umhängen auf seinem Bett, und in einem Lichtkegel auf seinem Schreibtisch herrschte ein Durcheinander von Zeitungen. Eine der Schlagzeilen verkündete sensationsheischend:
HARRY POTTER: DER AUSERWÄHLTE?
Es sind nach wie vor Gerüchte im Umlauf über den jüngsten mysteriösen Vorfall im Zaubereiministerium, bei dem Er, dessen Name nicht genannt werden darf, erneut gesichtet wurde.
»Wir dürfen nicht darüber sprechen, stellen Sie mir keine Fragen«, sagte ein aufgeregter Vergissmich, der seinen Namen nicht angeben wollte, als er gestern Abend das Ministerium verließ.
Nichtsdestotrotz bestätigen hochrangige Quellen innerhalb des Ministeriums, dass der Vorfall sich hauptsächlich in der sagenumwobenen Halle der Prophezeiung abspielte.
Während Zauberersprecher des Ministeriums sich bislang weigern, auch nur die Existenz eines solchen Ortes zu bestätigen, sind immer mehr Mitglieder der Zauberergemeinschaft davon überzeugt, dass jene Todesser, die inzwischen Strafen wegen Hausfriedensbruch und versuchten Diebstahls in Askaban absitzen, dort eine Prophezeiung zu stehlen versuchten. Der Inhalt dieser Prophezeiung ist unbekannt, allerdings treten gehäuft Spekulationen auf, wonach sie Harry Potter betrifft, die einzige bekannte Person, die je den Todesfluch überlebt hat, und von dem man auch weiß, dass er in der fraglichen Nacht im Ministerium war. Manche gehen so weit, Potter als den »Auserwählten« zu bezeichnen. Sie glauben, dass die Prophezeiung ihn als den Einzigen benennt, der fähig sein wird, uns von Ihm, dessen Name nicht genannt werden darf, zu befreien.
Wo sich die Prophezeiung gegenwärtig befindet, falls sie existiert, ist unbekannt, obwohl (Forts. Seite 2, Spalte 5)
Neben dieser Zeitung lag eine zweite. Sie trug die Schlagzeile:
SCRIMGEOUR NACHFOLGER VON FUDGE
Den größten Teil ihrer Titelseite beanspruchte das riesige Schwarzweißfoto eines Mannes mit einer üppigen Löwenmähne und einem ziemlich zerfurchten Gesicht. Das Bild bewegte sich – der Mann winkte zur Decke.
Rufus Scrimgeour, vormals Leiter des Aurorenbüros in der Abteilung für Magische Strafverfolgung, hat die Nachfolge von Cornelius Fudge als Zaubereiminister angetreten. Die Ernennung wurde von der Zauberergemeinschaft überwiegend mit Begeisterung aufgenommen, obwohl nur wenige Stunden nach der Amtsübernahme durch Scrimgeour Gerüchte aufkamen, es gebe einen Konflikt zwischen dem neuen Minister und Albus Dumbledore, dem jüngst wieder eingesetzten Großmeister des Zaubergamots.
Scrimgeours Sprecher räumten ein, dass er sofort nach der Übernahme des höchsten Amtes mit Dumbledore zusammengetroffen sei, wollten jedoch zu den erörterten Fragen keine Stellung nehmen. Albus Dumbledore ist bekanntlich (Forts. Seite 3, Spalte 2)
Links neben dieser Zeitung lag eine weitere, die so gefaltet war, dass ein Artikel mit der Überschrift »MINISTERIUM GARANTIERT SICHERHEIT DER SCHÜLER« zu sehen war.
Der gerade ernannte Zaubereiminister, Rufus Scrimgeour, sprach heute über die neuen, harten Maßnahmen seines Ministeriums, durch die den Schülern, die im Herbst an die Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei zurückkehren werden, Sicherheit gewährleistet werden soll.
»Aus naheliegenden Gründen wird das Ministerium keine Einzelheiten seines strengen neuen Sicherheitsplans nennen«, sagte der Minister, ein Insider im Ministerium bestätigte jedoch, dass zu den Maßnahmen Abwehrzauber und Defensivbeschwörungen gehören, eine Reihe komplizierter Gegenflüche und eine kleine Sondereinheit von Auroren, die sich ausschließlich dem Schutz der Hogwarts-Schule widmen soll.
Die Mehrheit fühlt sich durch die harte Gangart des neuen Ministers in puncto Schülersicherheit offenbar beruhigt. Mrs Augusta Longbottom erklärte: »Mein Enkel Neville – übrigens ein guter Freund von Harry Potter, er hat im Juni an seiner Seite im Ministerium gegen die Todesser gekämpft und –
Doch der Rest des Berichts wurde von einem großen Vogelkäfig verdeckt, der auf der Zeitung stand. Im Käfig saß eine prächtige Schneeeule. Mit ihren bernsteinfarbenen Augen inspizierte sie gebieterisch das Zimmer, dabei drehte sie manchmal den Kopf und starrte ihren schnarchenden Herrn an. Das ein oder andere Mal klackerte sie ungeduldig mit dem Schnabel, aber Harry schlief so tief, dass er sie nicht hörte.
Ein großer Schrankkoffer stand genau in der Mitte des Zimmers. Sein Deckel war offen: Er wirkte erwartungsvoll, doch er war fast leer bis auf ein bisschen alte Unterwäsche, Süßigkeiten, leere Tintenfässer und zerbrochene Federn, die seinen Boden bedeckten. Neben ihm auf dem Fußboden lag ein violettes Merkblatt, auf dem die Worte prangten:
Herausgegeben im Auftrag des Zaubereiministeriums
ZUM SCHUTZ IHRES HAUSES UND IHRER FAMILIE VOR DEN DUNKLEN KRÄFTEN
Die Zauberergemeinschaft wird gegenwärtig von einer Organisation bedroht, die sich die Todesser nennt. Die Beachtung der folgenden einfachen Sicherheitsrichtlinien wird Ihnen helfen, sich selbst, Ihre Familie und Ihr Haus vor Angriffen zu schützen.
1. Wir raten Ihnen, das Haus nicht allein zu verlassen.
2. Besondere Vorsicht sollten Sie während der Nachtstunden walten lassen. Wann immer möglich, richten Sie es so ein, dass Ihre Reisen vor Einbruch der Dunkelheit beendet sind.
3. Überprüfen Sie die Sicherheitsvorkehrungen rund um Ihr Haus und sorgen Sie dafür, dass sämtliche Familienmitglieder mit Notfallmaßnahmen wie Schild- und Desillusionierungszaubern vertraut sind sowie, im Falle von minderjährigen Familienmitgliedern, mit dem Seit-an-Seit-Apparieren.
4. Stimmen Sie sich in Sicherheitsfragen mit engen Freunden und Verwandten ab, damit Sie Todesser, die sich mit Hilfe des Vielsaft-Tranks (siehe Seite 2) als andere ausgeben, erkennen können.
5. Sollten Sie den Eindruck haben, dass ein Familienmitglied, Kollege, Freund oder Nachbar sich sonderbar verhalten, wenden Sie sich sofort an das Kommando der Magischen Strafverfolgung. Die betreffenden Personen stehen möglicherweise unter dem Imperius-Fluch (siehe Seite 4).
6. Sollte das Dunkle Mal über einem Wohnhaus oder einem anderen Gebäude erscheinen, BETRETEN SIE ES NICHT, sondern wenden Sie sich unverzüglich an das Aurorenbüro.
7. Nicht bestätigte Sichtungen lassen vermuten, dass die Todesser jetzt möglicherweise Inferi einsetzen (siehe Seite 10). Jegliche Sichtung eines Inferius, oder das Zusammentreffen mit einem solchen, ist UNVERZÜGLICH dem Ministerium zu melden.
Harry stöhnte im Schlaf, und sein Gesicht rutschte ein paar Zentimeter am Fenster hinunter, was seine Brille noch schiefer rückte, doch er wachte nicht auf. Ein Wecker, den Harry vor mehreren Jahren repariert hatte, tickte laut auf dem Fenstersims, er zeigte eine Minute vor elf. Daneben war ein Bogen Pergament zu sehen, den Harry locker in der Hand hielt, bedeckt mit feiner, schräger Schrift. Harry hatte diesen Brief, seit er vor drei Tagen eingetroffen war, so oft gelesen, dass er, obwohl er fest eingerollt angekommen war, jetzt ganz flach dalag.
Lieber Harry,
wenn es dir passt, werde ich nächsten Freitag um elf Uhr abends im Ligusterweg Nummer vier vorbeikommen, um dich zum Fuchsbau zu begleiten. Du bist eingeladen, den Rest deiner Schulferien dort zu verbringen.
Wenn du einverstanden bist, wäre ich auch froh über deine Hilfe in einer Angelegenheit, die ich hoffentlich auf dem Weg zum Fuchsbau erledigen kann. Ich werde das genauer erklären, wenn wir uns sehen.
Bitte schicke deine Antwort eulenwendend. In der Hoffnung, dich Freitag zu sehen,
verbleibe ich mit herzlichen Grüßen
dein Albus Dumbledore
Obwohl er dieses Schreiben bereits auswendig kannte, hatte Harry seit sieben Uhr an diesem Abend alle paar Minuten verstohlen daraufgeschaut, nachdem er am Zimmerfenster Stellung bezogen hatte, von wo aus man beide Enden des Ligusterwegs recht gut einsehen konnte. Er wusste, dass es sinnlos war, Dumbledores Worte immer wieder zu lesen. Harry hatte, wie gewünscht, sein »Ja« mit der Eule zurückgeschickt, die den Brief gebracht hatte, und nun konnte er nichts weiter tun als warten: Entweder kam Dumbledore oder er kam nicht.
Aber gepackt hatte Harry nicht. Es schien ihm einfach zu schön, um wahr zu sein, dass er nach nur zwei Wochen von der Gesellschaft der Dursleys befreit werden sollte. Er wurde das Gefühl nicht los, irgendetwas würde schiefgehen – vielleicht war seine Antwort auf Dumbledores Brief verloren gegangen; Dumbledore wurde womöglich am Kommen gehindert und konnte ihn nicht abholen; vielleicht stammte der Brief am Ende gar nicht von Dumbledore, sondern war eine List oder ein Scherz oder eine Falle. Harry hatte es nicht über sich gebracht, schon alles einzupacken, um dann enttäuscht zu werden und wieder auspacken zu müssen. Das Einzige, was er für eine möglicherweise bevorstehende Reise unternommen hatte, war, seine Schneeeule Hedwig sicher in ihren Käfig zu sperren.
Der Minutenzeiger des Weckers erreichte die Zwölf, und genau in diesem Moment erlosch draußen vor dem Fenster die Straßenlaterne.
Harry erwachte, als wäre die plötzliche Dunkelheit ein Weckerläuten. Hastig rückte er seine Brille gerade und löste seine Wange von der Scheibe, drückte nun die Nase ans Fenster und spähte hinunter auf den Bürgersteig. Eine große Gestalt mit einem langen, wehenden Umhang kam den Gartenweg entlang.
Harry sprang auf, als hätte er einen elektrischen Schlag bekommen, stieß seinen Stuhl um und fing an, alles in seiner Reichweite vom Boden zu schnappen und in den Koffer zu schleudern. Gerade als er eine Garnitur Umhänge, zwei Zauberbücher und eine Packung Chips in hohem Bogen durchs Zimmer warf, läutete es an der Haustür.
Unten im Wohnzimmer rief sein Onkel Vernon: »Wer zum Teufel ist das, so spät in der Nacht?«
Harry erstarrte, ein Messingteleskop in der einen und ein Paar Turnschuhe in der anderen Hand. Er hatte völlig vergessen, den Dursleys zu sagen, dass Dumbledore vielleicht kommen würde. Panisch und zugleich dem Lachen nahe, kletterte er über den Koffer und riss gerade noch rechtzeitig die Tür auf, um eine tiefe Stimme sagen zu hören: »Guten Abend. Sie müssen Mr Dursley sein. Ich bin sicher, Harry hat Ihnen erzählt, dass ich ihn abholen komme?«
Harry sprang, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinunter, blieb jedoch, kurz bevor er unten war, schlagartig stehen, denn lange Erfahrung hatte ihn gelehrt, möglichst außerhalb der Reichweite seines Onkels zu bleiben. Dort im Eingang stand ein großer, dünner Mann mit hüftlangem silbernem Haar und Bart. Er hatte eine Halbmondbrille auf seiner Hakennase und trug einen langen schwarzen Reiseumhang und einen Spitzhut. Vernon Dursley, dessen Schnurrbart zwar schwarz, aber genauso buschig war wie der von Dumbledore und der einen braunroten Morgenmantel anhatte, starrte den Besucher an, als würde er seinen winzigen Augen nicht trauen.
»Wenn ich Ihre ungläubig verdutzte Miene richtig deute, hat Harry Ihnen nicht angekündigt, dass ich komme«, sagte Dumbledore freundlich. »Aber lassen Sie uns doch einfach annehmen, dass Sie mich herzlich in Ihr Haus eingeladen haben. In diesen schweren Zeiten ist es unklug, allzu lange auf Türstufen zu verweilen.«
Er trat flink über die Schwelle und schloss die Tür hinter sich.
»Es ist lange her, dass ich zum letzten Mal hier war«, sagte Dumbledore und sah über seine Hakennase auf Onkel Vernon hinab. »Ich muss sagen, Ihr Agapanthus gedeiht prächtig.«
Vernon Dursley sagte überhaupt nichts. Harry zweifelte nicht daran, dass er die Sprache wiederfinden würde, und zwar bald – die Ader, die an der Schläfe seines Onkels pulsierte, erreichte gerade den Gefahrenpunkt –, doch etwas an Dumbledore schien ihm zeitweilig den Atem geraubt zu haben. Vielleicht war es die Tatsache, dass seine Erscheinung so offenkundig die eines Zauberers war, aber es konnte auch sein, dass sogar Onkel Vernon spürte, dass er hier einen Mann vor sich hatte, der sich wohl kaum schikanieren ließ.
»Ah, guten Abend, Harry«, sagte Dumbledore und blickte mit höchst zufriedener Miene durch seine Halbmondbrille zu ihm auf. »Bestens, bestens.«
Diese Worte schienen Onkel Vernon wachzurütteln. Für ihn war es völlig klar, dass jeder, der bei Harrys Anblick »bestens« sagte, von ihm nie als gleichrangiger Mensch behandelt werden konnte.
»Ich will nicht unhöflich sein –«, begann er in einem Ton, der mit jeder Silbe Unhöflichkeit androhte.
»– aber leider kommt versehentliche Unhöflichkeit erschreckend häufig vor«, beendete Dumbledore den Satz mit ernster Stimme. »Am besten, Sie sagen gar nichts, guter Mann. Ah, und das muss Petunia sein.«
Die Küchentür war aufgegangen und Harrys Tante erschien mit Gummihandschuhen und einem Morgenrock über ihrem Nachthemd, offenbar gerade dabei, alle Küchenoberflächen vor dem Schlafengehen wie üblich noch mal kurz abzuwischen. Auf ihrem ziemlich pferdeartigen Gesicht stand das blanke Entsetzen.
»Albus Dumbledore«, sagte Dumbledore, als Onkel Vernon keine Vorstellung zustande brachte. »Wir haben ja schon miteinander korrespondiert.« Harry hielt das für eine komische Art, Tante Petunia daran zu erinnern, dass er ihr einmal einen explodierenden Brief geschickt hatte, aber Tante Petunia störte sich nicht an der Ausdrucksweise. »Und das muss Ihr Sohn Dudley sein?«
Dudley hatte in diesem Moment durch die Wohnzimmertür gelugt. Sein großer blonder Kopf, der aus dem gestreiften Kragen seines Pyjamas ragte, wirkte merkwürdig losgelöst von seinem Körper, sein Mund stand verblüfft und ängstlich offen. Dumbledore wartete einige Augenblicke, ob vielleicht einer von den Dursleys etwas sagen würde, doch als die Stille immer länger dauerte, lächelte er.
»Sollen wir mal annehmen, dass Sie mich in Ihr Wohnzimmer gebeten haben?«
Dudley stürzte aus dem Weg, als Dumbledore an ihm vorbeiging. Harry, noch immer das Teleskop und die Turnschuhe in den Händen, sprang die letzten Stufen hinunter und folgte Dumbledore, der sich in dem Sessel ganz nahe beim Kamin niedergelassen hatte und seine Umgebung mit wohlwollendem Interesse auf sich wirken ließ. Er schien außerordentlich fehl am Platz.
»Wollen – wollen wir nicht aufbrechen, Sir?«, fragte Harry besorgt.
»Ja, in der Tat, aber es gibt einige Dinge, die wir zuvor noch besprechen müssen«, sagte Dumbledore. »Und ich möchte dies lieber nicht draußen unter freiem Himmel tun. Wir werden die Gastfreundschaft deiner Tante und deines Onkels nur noch für eine kleine Weile in Anspruch nehmen.«
»Das werden Sie?«
Vernon Dursley hatte das Zimmer betreten, Petunia an seiner Seite, und Dudley schlich ihnen hinterher.
»Ja«, sagte Dumbledore nur. »Das werde ich.«
Er zog seinen Zauberstab so schnell, dass Harry es kaum sah; nach einem lässigen Schlenker sauste das Sofa nach vorne und rammte allen drei Dursleys in die Kniekehlen, so dass sie daraufplumpsten und übereinanderpurzelten. Nach einem weiteren Schlenker des Zauberstabs rutschte das Sofa an seinen ursprünglichen Platz zurück.
»Jetzt können wir es uns auch gemütlich machen«, sagte Dumbledore vergnügt.
Als er den Zauberstab zurück in seine Tasche steckte, bemerkte Harry, dass seine Hand geschwärzt und runzlig war; es sah aus, als ob das Fleisch weggebrannt wäre.
»Sir – was ist mit Ihrer –?«
»Später, Harry«, sagte Dumbledore. »Setz dich bitte.«
Harry nahm den Sessel, der noch übrig war, und vermied es, zu den Dursleys hinüberzusehen, denen es offenbar vor Schreck die Sprache verschlagen hatte.
»Ich nehme mal an, dass Sie mir etwas zu trinken anbieten wollten«, sagte Dumbledore zu Onkel Vernon, »aber nach dem, was bisher passiert ist, scheint mir das optimistisch zu sein, ja geradezu töricht.«
Ein dritter Schlenker des Zauberstabs, und eine staubige Flasche und fünf Gläser erschienen in der Luft. Die Flasche neigte sich und goss eine großzügige Menge honigfarbener Flüssigkeit in jedes der Gläser, die daraufhin zu jeder Person im Zimmer schwebten.
»Madam Rosmertas bester, im Eichenfass gereifter Met«, sagte Dumbledore und prostete Harry zu, der sein eigenes Glas nahm und daran nippte. Er hatte noch nie etwas Derartiges gekostet, doch es schmeckte ihm ausgezeichnet. Die Dursleys hatten sich mit raschen und bangen Blicken angesehen und bemühten sich nun, ihre Gläser überhaupt nicht zu beachten, was ein schwieriges Unterfangen war, denn die Gläser stupsten sachte gegen ihre Schläfen. Harry kam unwillkürlich der Verdacht, dass Dumbledore sich ziemlich gut amüsierte.
»Nun, Harry«, sagte Dumbledore und wandte sich ihm zu, »es ist ein Problem aufgetreten, und ich hoffe, dass du es für uns lösen kannst. Mit ›uns‹ meine ich den Orden des Phönix. Doch zunächst einmal muss ich dir sagen, dass vor einer Woche Sirius’ Testament gefunden wurde und dass er dir alles vermacht hat, was er besaß.«
Drüben auf dem Sofa drehte Onkel Vernon den Kopf, aber Harry sah nicht zu ihm hin, und es fiel ihm auch nichts ein, was er sagen konnte, außer: »Oh. Gut.«
»Die Angelegenheit ist im Wesentlichen ziemlich einfach«, fuhr Dumbledore fort. »Du stockst dein Konto bei Gringotts mit einem erklecklichen Goldbetrag auf und erbst alle persönlichen Gegenstände von Sirius. Der etwas schwierige Teil der Erbschaft –«
»Sein Pate ist tot?«, rief Onkel Vernon laut vom Sofa herüber. Dumbledore und Harry drehten sich beide zu ihm um. Das Glas Met pochte nun recht beharrlich gegen Vernons Schläfe; er versuchte es wegzuschlagen. »Er ist tot? Sein Pate?«
»Ja«, sagte Dumbledore. Er fragte Harry nicht, warum er es den Dursleys nicht mitgeteilt hatte. »Unser Problem«, fuhr er zu Harry gewandt fort, als wären sie nicht unterbrochen worden, »hängt damit zusammen, dass Sirius dir auch Grimmauldplatz Nummer zwölf vermacht hat.«
»Er hat ein Haus geerbt?«, fragte Onkel Vernon begierig, und seine kleinen Augen verengten sich, doch niemand antwortete ihm.
»Sie können es weiterhin als Hauptquartier nutzen«, sagte Harry. »Das ist mir egal. Sie können es haben, ich will es eigentlich nicht.« Harry wollte nie wieder den Fuß über die Schwelle von Grimmauldplatz Nummer zwölf setzen, wenn es irgend ging. Er glaubte, dass ihn die Erinnerung an Sirius, der allein durch die dunklen muffigen Räume schlich, gefangen in dem Haus, das er so verzweifelt verlassen wollte, ewig verfolgen würde.
»Das ist großzügig«, sagte Dumbledore. »Wir haben das Gebäude allerdings vorübergehend geräumt.«
»Warum?«
»Nun«, sagte Dumbledore, ohne Onkel Vernons Murren zu beachten, dem das beharrliche Metglas inzwischen hart gegen den Kopf schlug, »die Familientradition der Blacks bestimmte, dass das Haus in direkter Linie vererbt werden müsse, an den jeweils nächsten männlichen Nachkommen mit dem Namen Black. Sirius war der letzte Nachkomme der Familie, da sein jüngerer Bruder Regulus vor ihm starb und beide keine Kinder hatten. Obwohl sein Testament eindeutig besagt, dass er dir das Haus vermachen will, ist es trotzdem möglich, dass es mit irgendeinem Fluch oder Zauber belegt wurde, damit es ganz sicher von keinem anderen als von einem Reinblüter in Besitz genommen werden kann.«
Ein lebhaftes Bild von dem kreischenden und keifenden Porträt von Sirius’ Mutter, das in der Eingangshalle von Grimmauldplatz Nummer zwölf hing, schoss Harry durch den Kopf. »Darauf wette ich«, sagte er.
»Eben«, sagte Dumbledore. »Und wenn ein solcher Zauber existiert, dann wird das Haus höchstwahrscheinlich in den Besitz der ältesten lebenden Verwandten von Sirius übergehen, das heißt an seine Cousine Bellatrix Lestrange.«
Ohne zu merken, was er tat, sprang Harry auf; das Teleskop und die Turnschuhe in seinem Schoß rollten über den Boden. Bellatrix Lestrange, Sirius’ Mörderin, sollte sein Haus erben?
»Nein«, sagte er.
»Nun, natürlich wäre es auch uns lieber, wenn sie es nicht bekäme«, sagte Dumbledore ruhig. »Die Lage ist äußerst kompliziert. Wir wissen nicht, ob die Zauber, die wir selbst auf das Haus gelegt haben, zum Beispiel, dass es unaufspürbar ist, jetzt noch wirksam sind, wenn es nicht mehr in Sirius’ Händen ist. Es kann sein, dass Bellatrix jeden Augenblick vor der Tür auftaucht. Natürlich mussten wir ausziehen, bis zu dem Zeitpunkt, da wir die Sache geklärt haben.«
»Aber wie wollen Sie rausfinden, ob ich es besitzen darf?«
»Zum Glück«, sagte Dumbledore, »gibt es einen einfachen Test.«
Er stellte sein leeres Glas auf ein Tischchen neben seinem Sessel, doch noch ehe er sonst etwas tun konnte, rief Onkel Vernon: »Schaffen Sie uns diese verdammten Dinger vom Hals!«
Harry drehte sich um. Alle drei Dursleys saßen geduckt da, die Arme über dem Kopf, während die Gläser auf ihren Schädeln auf und ab hüpften und ihren Inhalt durchs ganze Zimmer spritzten.
»Oh, das tut mir sehr leid«, sagte Dumbledore höflich und hob erneut seinen Zauberstab. Alle drei Gläser verschwanden. »Aber sie hätten bessere Manieren gezeigt, wenn Sie etwas getrunken hätten, ehrlich.«
Es sah aus, als lägen Onkel Vernon alle möglichen unfreundlichen Erwiderungen auf der Zunge, doch er sank nur zu Tante Petunia und Dudley in die Kissen zurück und schwieg, die Schweinsäuglein auf Dumbledores Zauberstab geheftet.
»Sieh mal«, sagte Dumbledore und wandte sich wieder an Harry, als hätte sich Onkel Vernon nicht gerührt, »wenn du das Haus tatsächlich geerbt hast, dann gehört dir auch –«
Er ließ zum fünften Mal seinen Zauberstab schlenkern. Es gab einen lauten Knall und ein Hauself erschien; er hatte eine Schnauze statt einer Nase, riesige Fledermausohren und gewaltige blutunterlaufene Augen. Er kauerte in dreckigen Lumpen auf dem Zottelteppich der Dursleys. Tante Petunia stieß einen markerschütternden Schrei aus: Noch nie im Leben war ihr etwas so Schmutziges ins Haus gekommen. Dudley hob seine großen nackten rosa Füße vom Boden und streckte sie beinahe über den Kopf, als glaubte er, dieses Wesen könne ihm die Pyjamahosen hinaufkrabbeln, und Onkel Vernon brüllte: »Was zur Hölle ist das?«
»Kreacher«, schloss Dumbledore.
»Kreacher will nicht, Kreacher will nicht, Kreacher will nicht!«, krächzte der Hauself, genauso laut wie Onkel Vernon, er stampfte mit seinen langen knorrigen Füßen auf und zog sich an den Ohren. »Kreacher gehört Miss Bellatrix, o ja, Kreacher gehört den Blacks, Kreacher will seine neue Herrin, Kreacher geht nicht zu dem Potter-Balg, Kreacher will nicht, will nicht, will nicht –«
»Wie du siehst, Harry«, sagte Dumbledore laut über Kreachers anhaltendes »will nicht, will nicht, will nicht«-Gekrächze hinweg, »zeigt Kreacher eine gewisse Abneigung, in deinen Besitz überzugehen.«
»Das ist mir egal«, sagte Harry erneut und betrachtete voller Abscheu den sich windenden, mit den Füßen stampfenden Hauselfen. »Ich will ihn nicht haben.«
»Will nicht, will nicht, will nicht, will nicht –«
»Wäre es dir lieber, wenn er in den Besitz von Bellatrix Lestrange überginge? Wohl wissend, dass er nun ein Jahr lang im Hauptquartier des Phönixordens gelebt hat?«
»Will nicht, will nicht, will nicht, will nicht –«
Harry starrte Dumbledore an. Er wusste, dass man Kreacher nicht erlauben konnte, bei Bellatrix Lestrange zu leben, doch die Vorstellung, ihn zu besitzen, verantwortlich zu sein für die Kreatur, die Sirius verraten hatte, widerte ihn an.
»Gib ihm einen Befehl«, sagte Dumbledore. »Wenn er jetzt dir gehört, wird er gehorchen müssen. Wenn nicht, müssen wir uns etwas anderes einfallen lassen, wie wir ihn von seiner rechtmäßigen Herrin fernhalten.«
»Will nicht, will nicht, will nicht, WILL NICHT!«
Kreachers Stimme war zu einem Schreien angeschwollen. Harry fiel nichts ein, was er sagen konnte, außer: »Kreacher, halt den Mund!«
Einen Moment lang sah es so aus, als würde Kreacher ersticken. Er griff sich an die Gurgel, sein Mund bewegte sich immer noch wild und die Augen quollen hervor. Nachdem er einige Sekunden lang panisch gewürgt hatte, warf er sich mit dem Gesicht auf den Teppich (Tante Petunia wimmerte), schlug mit Händen und Füßen auf den Boden und gab sich einem heftigen, aber vollkommen stummen Wutanfall hin.
»Nun, das macht das Ganze leichter«, sagte Dumbledore gut gelaunt. »Sirius wusste offensichtlich, was er tat. Du bist der rechtmäßige Eigentümer von Grimmauldplatz Nummer zwölf und von Kreacher.«
»Muss ich – muss ich ihn bei mir behalten?«, fragte Harry entsetzt, während Kreacher zu seinen Füßen auf den Boden eindrosch.
»Nein, wenn du nicht willst«, sagte Dumbledore. »Wenn ich dir einen Vorschlag machen darf – du könntest ihn nach Hogwarts schicken, damit er dort in der Küche arbeitet. So könnten die anderen Hauselfen ihn im Auge behalten.«
»Jaah«, sagte Harry erleichtert, »ja, das mach ich. Ähm – Kreacher – ich will, dass du nach Hogwarts gehst und dort mit den anderen Hauselfen in der Küche arbeitest.«
Kreacher, der inzwischen flach auf dem Rücken lag und alle viere in die Luft streckte, warf Harry kopfüber einen Blick voll abgrundtiefem Hass zu und verschwand mit einem weiteren lauten Knall.
»Gut«, sagte Dumbledore. »Dann wäre da noch die Sache mit dem Hippogreif, Seidenschnabel. Hagrid hat sich nach Sirius’ Tod um ihn gekümmert, aber Seidenschnabel gehört jetzt dir, wenn du also lieber andere Anordnungen treffen willst –«
»Nein«, sagte Harry sofort, »er kann bei Hagrid bleiben. Ich glaube, Seidenschnabel ist das lieber.«
»Hagrid wird sich freuen«, sagte Dumbledore lächelnd. »Er war ganz begeistert, Seidenschnabel wiederzusehen. Übrigens haben wir im Interesse von Seidenschnabels Sicherheit entschieden, ihn vorläufig Federflügel zu nennen, obwohl ich bezweifle, dass das Ministerium jemals darauf kommen würde, dass er der Hippogreif ist, den es einst zum Tode verurteilt hat. Nun, Harry, ist dein Koffer gepackt?«
»Ähm …«
»Warst wohl nicht sicher, ob ich auftauchen würde?«, vermutete Dumbledore scharfsinnig.
»Ich geh nur kurz und – äh – pack fertig«, sagte Harry eilig und hob schnell sein Teleskop und die Turnschuhe vom Boden auf.
Er brauchte kaum mehr als zehn Minuten, um alles zusammenzusuchen, was er benötigte; und schließlich hatte er es geschafft, seinen Tarnumhang unter dem Bett hervorzuziehen, hatte den Verschluss auf das Glas mit der Farbwechsel-Tinte geschraubt und den Kofferdeckel über seinen Kessel gezwängt und zugeschlossen. Mit der einen Hand den Koffer schleppend, mit der anderen Hedwigs Käfig, stieg er dann wieder die Treppe hinunter.
Enttäuscht stellte er fest, dass Dumbledore nicht im Flur wartete, was bedeutete, dass er ins Wohnzimmer zurückmusste.
Niemand redete. Dumbledore summte leise, offenbar ganz entspannt, doch die Luft war dicker als kalte Vanillesoße, und Harry wagte es nicht, die Dursleys anzuschauen, als er sagte: »Professor – ich bin jetzt fertig.«
»Gut«, sagte Dumbledore. »Dann nur noch eine letzte Sache.« Und er wandte sich noch einmal an die Dursleys. »Wie Ihnen sicher bewusst ist, wird Harry in einem Jahr volljährig –«
»Nein«, sagte Tante Petunia und sprach damit zum ersten Mal seit Dumbledores Ankunft.
»Wie bitte?«, sagte Dumbledore höflich.
»Nein, wird er nicht. Er ist einen Monat jünger als Dudley und Dudders wird erst übernächstes Jahr achtzehn.«
»Ah«, sagte Dumbledore freundlich, »aber in der Zaubererwelt wird man mit siebzehn volljährig.«
Onkel Vernon murmelte »Lachhaft«, aber Dumbledore beachtete ihn nicht.
»Nun, wie Sie bereits wissen, ist der Zauberer namens Lord Voldemort in dieses Land zurückgekehrt. Die Zauberergemeinschaft befindet sich gegenwärtig in offenem Kriegszustand. Harry, den Lord Voldemort bereits mehrmals zu töten versucht hat, ist im Augenblick sogar in noch größerer Gefahr als an dem Tag vor fünfzehn Jahren, als ich ihn vor Ihre Tür legte mit einem Brief, in dem ich von dem Mord an seinen Eltern berichtete und die Hoffnung zum Ausdruck brachte, dass Sie für ihn sorgen würden, als wäre er Ihr eigener Sohn.«
Dumbledore hielt inne, und obwohl seine Stimme sanft und ruhig blieb und er kein deutliches Zeichen von Wut preisgab, spürte Harry eine Art Kälte von ihm ausgehen und bemerkte, dass die Dursleys ein klein wenig näher zusammenrückten.
»Sie haben nicht getan, worum ich Sie gebeten habe. Sie haben Harry nie wie einen Sohn behandelt. Er hat nichts als Vernachlässigung und häufig Grausamkeit von Ihnen erfahren. Das Beste, was man sagen könnte, ist, dass er wenigstens nicht den entsetzlichen Schaden davongetragen hat, den Sie dem unglücklichen Jungen zugefügt haben, der zwischen Ihnen sitzt.«
Tante Petunia und Onkel Vernon drehten beide instinktiv den Kopf seitwärts, als erwarteten sie, jemand anderen als Dudley zwischen ihnen eingezwängt zu sehen.
»Wir – Dudders misshandelt? Was fällt Ihnen –?«, fing Onkel Vernon wütend an, doch Dumbledore gebot ihm mit erhobenem Finger zu schweigen, und dieses Schweigen trat so jäh ein, als hätte er Onkel Vernon mit Stummheit geschlagen.
»Der Zauber, den ich vor fünfzehn Jahren heraufbeschworen habe, bewirkt, dass Harry unter starkem Schutz steht, solange er dieses Haus noch sein Zuhause nennen kann. Wie unglücklich und wie wenig willkommen er auch immer hier war und wie schlecht er auch behandelt wurde, Sie haben ihn zumindest widerwillig in diesem Haus aufgenommen. Dieser Zauber verliert seine Wirksamkeit, wenn Harry siebzehn wird; mit anderen Worten, wenn er ein Mann wird. Ich bitte Sie nur um eines: Gestatten Sie Harry vor seinem siebzehnten Geburtstag noch einmal, in dieses Haus zurückzukehren, denn damit ist gewährleistet, dass der Schutz bis zu diesem Zeitpunkt anhält.«
Keiner der Dursleys sagte ein Wort. Dudley runzelte leicht die Stirn, als versuchte er immer noch herauszufinden, wann er je misshandelt worden war. Onkel Vernon sah aus, als ob ihm etwas in der Kehle steckte; Tante Petunia jedoch war merkwürdig rot im Gesicht.
»Nun, Harry … Zeit, dass wir gehen«, sagte Dumbledore endlich, erhob sich und straffte seinen langen schwarzen Umhang. »Bis zu unserem nächsten Treffen«, sagte er zu den Dursleys, die dreinschauten, als könnte dieses Treffen, wenn es nach ihnen ging, bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag warten. Dann zog Dumbledore den Hut und rauschte aus dem Zimmer.
»Tschüss«, sagte Harry hastig zu den Dursleys und folgte Dumbledore, der neben Harrys Koffer stehen blieb, auf dem Hedwigs Käfig thronte.
»Diese Sachen wären uns jetzt nur hinderlich«, sagte er und zückte erneut seinen Zauberstab. »Ich schicke sie zum Fuchsbau, dort können sie bleiben, bis wir kommen. Allerdings möchte ich, dass du deinen Tarnumhang mitnimmst … nur für alle Fälle.«
Harry zog mühsam seinen Tarnumhang aus dem Koffer und versuchte dabei zu verhindern, dass Dumbledore das Chaos darin sah. Als er den Umhang in eine Innentasche seiner Jacke gestopft hatte, schwang Dumbledore seinen Zauberstab, und Koffer, Käfig und Hedwig verschwanden. Dann schwang Dumbledore seinen Zauberstab erneut, und die Haustür öffnete sich in eine kühle, neblige Dunkelheit.
»Und jetzt, Harry, hinaus in die Nacht und dem Abenteuer hinterher, dieser launischen Verführerin!«
Horace Slughorn
Obwohl Harry in den vergangenen Tagen jede wache Minute in der verzweifelten Hoffnung verbracht hatte, Dumbledore würde tatsächlich kommen und ihn abholen, fühlte er sich ausgesprochen unbehaglich, als sie aufbrachen und zusammen den Ligusterweg entlanggingen. Er hatte außerhalb von Hogwarts bisher noch nie richtig mit seinem Schulleiter gesprochen; normalerweise stand ein Schreibtisch zwischen ihnen. Zudem stieg immer wieder die Erinnerung an ihre letzte persönliche Begegnung in ihm auf, was Harrys Verlegenheit noch verstärkte. Er war damals sehr laut geworden, ganz zu schweigen davon, dass er sich alle Mühe gegeben hatte, einige von Dumbledores kostbarsten Sachen zu demolieren.
Dumbledore schien jedoch völlig gelassen.
»Halt den Zauberstab bereit, Harry«, sagte er munter.
»Aber ich dachte, ich darf außerhalb der Schule nicht zaubern, Sir?«
»Wenn es zu einem Angriff kommt«, entgegnete Dumbledore, »gebe ich dir die Erlaubnis, jeden Bannbrecher oder Gegenfluch einzusetzen, der dir einfällt. Allerdings glaube ich nicht, dass du befürchten musst, heute Abend angegriffen zu werden.«
»Warum nicht, Sir?«
»Du bist mit mir zusammen«, sagte Dumbledore schlicht. »Das genügt, Harry.«
Am Ende des Ligusterwegs blieb er jäh stehen.
»Du hast deine Prüfung im Apparieren selbstverständlich noch nicht abgelegt?«, fragte er.
»Nein«, sagte Harry. »Ich dachte, man muss siebzehn sein?«
»Ganz genau«, sagte Dumbledore. »Deshalb solltest du dich jetzt gut an meinem Arm festhalten. Am linken, wenn du nichts dagegen hast – wie du bemerkt hast, ist mein Zauberstabarm im Augenblick ein wenig schwach.«
Harry packte Dumbledores Unterarm, den er ihm anbot.
»Sehr gut«, sagte Dumbledore. »Also, dann los.«
Harry merkte, wie Dumbledores Arm sich von ihm wegbog, und griff umso fester zu. Das Nächste, was er spürte, war, dass alles schwarz wurde; von allen Seiten presste es sehr heftig gegen ihn; er konnte nicht atmen, eiserne Bänder schlossen sich um seine Brust; die Augäpfel wurden ihm in den Kopf getrieben; die Trommelfelle tiefer in seinen Schädel hineingedrückt, und dann –
Er sog in tiefen Zügen die kalte Nachtluft ein und öffnete die tränenden Augen. Er fühlte sich, als wäre er gerade durch einen sehr engen Gummischlauch gezwängt worden. Nach einigen Sekunden erst wurde ihm bewusst, dass der Ligusterweg verschwunden war. Er und Dumbledore befanden sich nun offenbar auf einem verlassenen Dorfplatz, in dessen Mitte ein altes Kriegerdenkmal und einige Bänke standen. Als er allmählich begriff, was er verspürt hatte, wurde Harry klar, dass er soeben zum ersten Mal in seinem Leben appariert war.
»Alles in Ordnung mit dir?«, fragte Dumbledore und blickte besorgt zu ihm hinab. »Das Gefühl ist tatsächlich ein wenig gewöhnungsbedürftig.«
»Mir geht’s gut«, sagte Harry und rieb sich die Ohren, die sich anfühlten, als hätten sie den Ligusterweg eher ungern verlassen. »Aber ich glaub, Besen sind mir lieber.«
Dumbledore lächelte, zog seinen Reiseumhang ein wenig enger um den Hals und sagte: »Hier lang.«
Er ging in raschem Tempo los, vorbei an einem leeren Gasthaus und einigen Häusern. Die Uhr einer nahen Kirche zeigte fast Mitternacht.
»Übrigens, Harry«, sagte Dumbledore. »Deine Narbe … hat sie in letzter Zeit wehgetan?«
Harry fuhr sich unwillkürlich mit der Hand an die Stirn und rieb das blitzförmige Mal.
»Nein«, sagte er, »und ich habe mich schon darüber gewundert. Ich dachte, sie würde die ganze Zeit brennen, weil Voldemort jetzt wieder so mächtig ist.«
Er blickte zu Dumbledore hoch und sah den zufriedenen Ausdruck auf seinem Gesicht.
»Ich dagegen habe etwas anderes gedacht«, sagte Dumbledore. »Lord Voldemort hat endlich erkannt, dass du gefährlichen Zugang zu seinen Gedanken und Gefühlen hattest. Offenbar setzt er jetzt Okklumentik gegen dich ein.«
»Mir soll’s recht sein«, sagte Harry, der weder die beunruhigenden Träume noch die erschreckend blitzartigen Einsichten in Voldemorts Geist vermisste.
Sie bogen um eine Ecke und kamen an einer Telefonzelle und einer überdachten Bushaltestelle vorbei. Harry sah wieder zu Dumbledore hinüber.
»Professor?«
»Harry?«
»Ähm – wo sind wir eigentlich?«
»Dies, Harry, ist das bezaubernde Dorf Budleigh Babberton.«
»Und was machen wir hier?«
»Ach ja, natürlich, das habe ich dir noch gar nicht erzählt«, sagte Dumbledore. »Nun, ich weiß nicht mehr, wie oft ich das in den letzten Jahren gesagt habe, aber unser Kollegium hat wieder einmal einen Lehrer zu wenig. Wir sind hier, um einen alten Kollegen von mir zu überreden, seinen Ruhestand zu unterbrechen und nach Hogwarts zurückzukehren.«
»Wie kann ich dabei helfen, Sir?«
»Oh, ich denke, wir werden dich schon gebrauchen können«, sagte Dumbledore vage. »Hier links, Harry.«
Sie gingen nun durch eine steile, enge und von Häusern gesäumte Straße. Alle Fenster waren dunkel. Die seltsame Kälte, die seit zwei Wochen über dem Ligusterweg gelegen hatte, herrschte auch hier. Bei dem Gedanken an Dementoren warf Harry einen Blick über die Schulter und umklammerte zur Beruhigung den Zauberstab in seiner Tasche.
»Professor, warum konnten wir nicht einfach direkt ins Haus Ihres alten Kollegen apparieren?«
»Weil das genauso unhöflich wäre, wie die Haustür einzutreten«, sagte Dumbledore. »Es ist ein Gebot der Höflichkeit, dass wir unseren Zauberergefährten die Möglichkeit geben, uns den Zutritt zu verweigern. Die meisten Zaubererwohnungen sind sowieso magisch vor unerwünschten Apparierern geschützt. In Hogwarts, beispielsweise –«
»– kann man in den Gebäuden und auf dem Gelände nirgendwo apparieren«, sagte Harry rasch. »Hat mir Hermine Granger erzählt.«
»Und sie hat völlig Recht. Wir biegen wieder links ab.«
Die Kirchturmuhr hinter ihnen schlug Mitternacht. Harry fragte sich, warum Dumbledore es nicht für unhöflich hielt, seinen alten Kollegen so spät noch aufzusuchen, doch nun, da sie gerade richtig im Gespräch waren, hatte er dringendere Fragen zu stellen.
»Sir, ich hab im Tagespropheten gelesen, dass Fudge entlassen wurde …«
»Richtig«, sagte Dumbledore und bog jetzt in eine steil ansteigende Seitenstraße ein. »Er wurde, wie du sicher auch gelesen hast, durch Rufus Scrimgeour ersetzt, den vormaligen Leiter des Aurorenbüros.«
»Ist er … glauben Sie, dass er gut ist?«, fragte Harry.
»Eine interessante Frage«, erwiderte Dumbledore. »Er ist fähig, gewiss. Eine entschlossenere und stärkere Persönlichkeit als Cornelius.«
»Ja, aber ich meinte –«
»Ich weiß, was du meintest. Rufus ist ein Mann der Tat, und da er fast sein ganzes Berufsleben lang gegen schwarze Magier gekämpft hat, unterschätzt er Lord Voldemort nicht.«
Harry wartete, aber Dumbledore sagte nichts über den Konflikt mit Scrimgeour, von dem der Tagesprophet berichtet hatte, und er hatte keine Lust, das Thema weiterzuverfolgen, also wechselte er es.
»Und … Sir … ich hab auch von Madam Bones gelesen.«
»Ja«, sagte Dumbledore leise. »Ein schrecklicher Verlust. Sie war eine großartige Hexe. Jetzt hier hinauf, glaube ich – autsch.«
Er hatte mit seiner verletzten Hand nach oben gedeutet.
»Professor, was ist mit Ihrer –?«
»Ich habe jetzt keine Zeit, das zu erklären«, sagte Dumbledore. »Es ist eine spannende Geschichte, ich möchte ihr gerecht werden.«
Er lächelte Harry zu, der verstand, dass er damit keine Abfuhr erhalten hatte und weitere Fragen stellen durfte.
»Sir – ich habe per Eule ein Merkblatt des Zaubereiministeriums bekommen, zu den Sicherheitsmaßnahmen, die wir alle gegen die Todesser treffen sollen …«
»Ja, auch ich habe eins bekommen«, sagte Dumbledore immer noch lächelnd. »Fandest du es nützlich?«
»Nicht besonders.«
»Das dachte ich mir. Du hast mich zum Beispiel nicht gefragt, was meine Lieblingsmarmelade ist, um zu prüfen, ob ich auch wirklich Professor Dumbledore bin und kein Doppelgänger.«
»Ich hab nicht …«, begann Harry, nicht ganz sicher, ob das eine Rüge war oder nicht.
»Um dies ein für alle Mal klarzustellen, Harry, es ist Himbeere … obwohl ich natürlich, wenn ich ein Todesser wäre, ganz sicher zuerst meine eigenen Marmeladenvorlieben ausgekundschaftet hätte, ehe ich mich für mich selbst ausgegeben hätte.«
»Ähm … stimmt«, sagte Harry. »Also, auf diesem Merkblatt stand auch etwas von Inferi. Was sind eigentlich Inferi? Das Merkblatt hat das nicht genau erklärt.«
»Inferi sind Leichen«, sagte Dumbledore ruhig. »Tote Körper, die verhext wurden, um Befehle der schwarzen Magier auszuführen. Inferi wurden allerdings seit langem nicht mehr gesichtet, nicht seit Voldemort das letzte Mal mächtig war … er hat natürlich genug Leute getötet, um eine Armee mit ihnen aufstellen zu können. Hier ist es, Harry, genau hier …«
Sie näherten sich einem kleinen, hübschen Steinhaus mit eigenem Garten rundherum. Harry war so beschäftigt, den fürchterlichen Gedanken an die Inferi zu verarbeiten, dass er kaum auf etwas anderes achten konnte, doch als sie das Gartentor erreichten, blieb Dumbledore wie angewurzelt stehen und Harry stieß mit ihm zusammen.
»Ach herrje. Ach herrje, herrje.«
Harry folgte Dumbledores Blick den sorgfältig gepflegten Weg zum Haus entlang und ihm wurde schwer ums Herz. Die Haustür hing aus den Angeln.
Dumbledore sah links und rechts die Straße hinunter. Sie schien völlig verlassen.
»Zieh den Zauberstab und folge mir, Harry«, sagte er ruhig.
Er öffnete das Tor und ging zügig und leise den Gartenweg entlang, Harry knapp hinter sich, dann drückte er ganz langsam die Haustür auf, den Zauberstab erhoben und einsatzbereit.
»Lumos.«
Die Spitze von Dumbledores Zauberstab flammte auf und warf Licht in einen schmalen Flur. Links stand eine weitere Tür offen. Dumbledore hielt seinen leuchtenden Zauberstab in die Höhe und betrat, dicht gefolgt von Harry, das Wohnzimmer.
Ein Anblick völliger Verwüstung bot sich ihnen. Eine zersplitterte Standuhr lag zu ihren Füßen, deren Zifferblatt zerbrochen war und deren Pendel etwas weiter entfernt wie ein fallen gelassenes Schwert dalag. Ein Klavier war umgestürzt und hatte seine Tasten über den Boden verteilt. Daneben glitzerten Bruchstücke des herabgestürzten Kronleuchters. Zerknautschte Kissen lagen herum, denen Federn aus den aufgeschlitzten Seiten quollen; Glassplitter und Porzellanscherben waren wie Pulver über allem verstreut. Dumbledore hob seinen Zauberstab noch ein Stück höher und sein Licht fiel auf die Wände: Etwas Dunkelrotes und Klebriges war auf die Tapete gespritzt. Als Harry kurz nach Luft schnappte, drehte sich Dumbledore um.
»Unschön, nicht wahr?«, sagte er mit schwerer Stimme. »Ja, hier ist etwas Schreckliches geschehen.«
Vorsichtig ging Dumbledore weiter in die Mitte des Raumes und betrachtete dabei genau die Trümmer zu seinen Füßen. Harry folgte ihm und sah sich um, voller Angst, welcher Anblick ihn hinter dem zerstörten Klavier oder dem umgestürzten Sofa erwarten würde, doch von einer Leiche keine Spur.
»Vielleicht hat es einen Kampf gegeben – und sie haben ihn fortgeschleppt, Professor?«, vermutete Harry und wollte sich lieber nicht vorstellen, wie schwer verwundet ein Mann sein musste, dass er solche Flecken bis fast an die Decke hinterließ.
»Ich glaube nicht«, sagte Dumbledore leise und spähte hinter den zur Seite gekippten Polstersessel.
»Sie meinen, er ist –?«
»Immer noch hier irgendwo? Ja.«
Und ohne Vorwarnung schlug Dumbledore zu und stach mit der Spitze seines Zauberstabs in den Sitz des Polstersessels, der »Autsch!« schrie.
»Guten Abend, Horace«, sagte Dumbledore und richtete sich wieder auf.
Harry klappte der Mund auf. Wo vor dem Bruchteil einer Sekunde noch ein Sessel gewesen war, kauerte nun ein ungeheuer fetter, glatzköpfiger alter Mann, der sich den Bauch massierte und mit betrübten und tränenden Augen zu Dumbledore emporschielte.
»Es war nicht nötig, den Zauberstab so fest reinzustechen«, sagte er barsch, während er sich aufrappelte. »Das tat weh.«
Das Licht des Zauberstabs tanzte über seine glänzende Glatze, seine Glubschaugen, seinen gewaltigen silbernen Walrossbart und die blank polierten Knöpfe der kastanienbraunen Samtjacke, die er über einem lila Seidenpyjama trug. Sein Kopf reichte kaum bis zu Dumbledores Kinn.
»Was hat mich verraten?«, brummte er, während er wacklig auf die Beine kam und sich immer noch den Bauch rieb. Er wirkte erstaunlich gefasst für einen Mann, der gerade dabei erwischt worden war, wie er einen Sessel spielte.
»Mein lieber Horace«, sagte Dumbledore mit heiterer Miene, »wenn die Todesser wirklich hier vorbeigeschaut hätten, dann hätte man das Dunkle Mal über dem Haus aufsteigen lassen.«
Der Zauberer schlug sich mit seiner fleischigen Hand vor die breite Stirn.
»Das Dunkle Mal«, murmelte er. »Wusste doch, da war noch was … na gut. Hätte ohnehin keine Zeit mehr gehabt. Ich hab gerade noch meiner Polsterung den letzten Schliff gegeben, als du reinkamst.«
Er atmete einmal tief aus und ließ dabei die Spitzen seines Schnurrbarts flattern.
»Brauchst du meine Hilfe beim Aufräumen?«, fragte Dumbledore höflich.
»Bitte«, sagte der andere.
Sie stellten sich Rücken an Rücken, der große dünne Zauberer und der kleine dicke, und schwenkten ihre Zauberstäbe mit der gleichen schwungvollen Bewegung.
Die Möbel flogen an ihre angestammten Plätze zurück; Zierwerk setzte sich mitten in der Luft wieder zusammen; Federn flutschten in ihre Kissen; zerrissene Bücher reparierten sich selbst und landeten auf ihren Regalen; Öllampen schwirrten auf Beistelltische und flammten wieder auf; eine umfangreiche Sammlung zerbrochener silberner Bilderrahmen flog glitzernd durch den Raum und ließ sich, heil und makellos, auf einem Schreibtisch nieder; Risse, Sprünge und Löcher schlossen sich überall; und die Wände wischten sich selbst sauber.
»Was war das eigentlich für ein Blut?«, fragte Dumbledore laut über das Schlagen der soeben wieder zusammengesetzten Standuhr hinweg.
»An den Wänden? Drache«, rief der Zauberer namens Horace, während der Kronleuchter sich unter ohrenbetäubendem Knirschen und Klimpern wieder an die Decke schraubte.
Vom Klavier war ein letztes Plonk zu hören, dann herrschte Stille.
»Ja, Drache«, wiederholte der Zauberer beiläufig. »Meine letzte Flasche, und es kostet zurzeit ein Vermögen. Na ja, vielleicht ist es wiederverwendbar.«
Er stapfte hinüber zu einer kleinen Kristallflasche, die auf einer Anrichte stand, hob sie gegen das Licht und musterte die dicke Flüssigkeit darin.
»Hm. Bisschen staubig.«
Er stellte die Flasche zurück auf die Anrichte und seufzte. In diesem Moment fiel sein Blick auf Harry.
»Oho«, sagte er und seine großen runden Augen huschten zu Harrys Stirn und der blitzförmigen Narbe darauf. »Oho!«
»Das«, sagte Dumbledore und trat näher, um sie einander vorzustellen, »ist Harry Potter. Harry, das ist ein alter Freund und Kollege von mir, Horace Slughorn.«
Slughorn drehte sich mit gewitztem Gesichtsausdruck zu Dumbledore.
»Auf die Art willst du mich also rumkriegen? Nun, die Antwort lautet nein, Albus.«
Er schob sich an Harry vorbei und hielt sein Gesicht entschlossen abgewandt, mit der Miene eines Mannes, der bemüht ist, jeglicher Versuchung zu widerstehen.
»Ich meine, wir könnten wenigstens ein Glas zusammen trinken«, bat Dumbledore. »Auf alte Zeiten?«
Slughorn zögerte.
»Von mir aus, ein Glas«, sagte er unfreundlich.
Dumbledore lächelte Harry zu und wies ihn zu einem Sessel, der ähnlich aussah wie der, den Slughorn eben verkörpert hatte, und der direkt neben dem neu entfachten Feuer und einer hell leuchtenden Öllampe stand. Harry setzte sich, er hatte deutlich den Eindruck, dass Dumbledore ihn aus irgendeinem Grund so sichtbar wie möglich haben wollte. Und tatsächlich, als Slughorn, der geschäftig mit Karaffen und Gläsern hantiert hatte, sich wieder dem Raum zuwandte, fiel sein Blick sofort auf Harry.
»Umpff«, machte er und schaute rasch weg, als fürchtete er, seinen Augen Schaden zuzufügen. »Hier –« Er reichte Dumbledore, der unaufgefordert Platz genommen hatte, ein Glas, drückte Harry das Tablett in die Hand und sank dann in die Kissen des wiederhergestellten Sofas und in ein missmutiges Schweigen. Seine Beine waren so kurz, dass sie nicht bis zum Boden reichten.
»Nun, wie geht es dir so, Horace?«, fragte Dumbledore.
»Nicht sonderlich gut«, sagte Slughorn prompt. »Schwach auf der Brust. Asthma. Und Rheuma. Bin nicht mehr so beweglich wie früher. Nun ja, damit muss man rechnen. Das Alter. Die Erschöpfung.«
»Trotzdem musst du ziemlich schnell gewesen sein, um uns so kurzfristig einen derartigen Empfang zu bereiten«, sagte Dumbledore. »Du kannst nicht länger als drei Minuten vorher gewarnt gewesen sein?«
»Zwei«, sagte Slughorn halb verärgert, halb stolz. »Hab meinen Hausfriedenszauber nicht losgehen hören, nahm gerade ein Bad. Aber«, fügte er unnachgiebig hinzu und schien sich wieder zusammenzureißen, »es ist nun einmal so, ich bin ein alter Mann, Albus. Ein müder alter Mann, der sich das Recht auf ein ruhiges Leben und ein paar Annehmlichkeiten verdient hat.«
Die hatte er zweifellos, dachte Harry und sah sich im Zimmer um. Es war muffig und vollgestopft, aber man konnte nicht behaupten, dass es ungemütlich war; es gab weiche Sessel und Schemel, Getränke und Bücher, Pralinenschachteln und dicke Kissen. Wenn Harry nicht gewusst hätte, wer hier lebte, hätte er auf eine reiche, pedantische alte Dame getippt.
»Du bist noch nicht so alt wie ich, Horace«, sagte Dumbledore.
»Nun, vielleicht solltest du auch mal an den Ruhestand denken«, erwiderte Slughorn freiheraus. Seine hellen stachelbeerfarbenen Augen hatten Dumbledores verletzte Hand entdeckt. »Reagierst anscheinend auch nicht mehr so schnell wie früher.«
»Da hast du vollkommen Recht«, sagte Dumbledore gelassen und schüttelte den Ärmel zurück, so dass nur noch die Spitzen seiner verbrannten und geschwärzten Finger zu sehen waren; ihr Anblick löste ein unangenehmes Kribbeln in Harrys Nacken aus. »Ich bin zweifellos langsamer als früher. Doch andererseits …«
Er zuckte die Achseln und spreizte die Hände, als wollte er sagen, dass das Alter auch seine Vorteile habe, und Harry fiel ein Ring an seiner unverletzten Hand auf, den er Dumbledore noch nie hatte tragen sehen: Er war groß, ziemlich grob gefertigt und offenbar aus Gold, und ein schwerer schwarzer Stein war darin eingelassen, der in der Mitte durchgebrochen war. Auch Slughorns Blick blieb kurz an dem Ring haften, und Harry sah, wie sich seine breite Stirn einen Moment lang leicht runzelte.
»Nun, all diese Vorkehrungen gegen Eindringlinge, Horace … waren sie für die Todesser bestimmt oder für mich?«, fragte Dumbledore.
»Was sollten die Todesser mit einem armen, gebrechlichen alten Knallkopf wie mir anfangen?«, gab Slughorn zurück.
»Ich könnte mir vorstellen, dass sie von dir verlangen würden, deine außergewöhnlichen Talente für Nötigung, Folter und Mord zu nutzen«, sagte Dumbledore. »Willst du mir tatsächlich weismachen, dass sie noch nicht gekommen sind, um dich anzuwerben?«
Slughorn sah Dumbledore einen Moment lang böse an und murmelte dann: »Ich hab ihnen keine Gelegenheit gegeben. Seit einem Jahr ziehe ich ständig um. Bleib nie länger als eine Woche an einem Ort. Zieh von Muggelhaus zu Muggelhaus – die Besitzer von diesem hier sind im Urlaub auf den Kanaren. Es war sehr angenehm, ich werd’s vermissen. Es ist ganz leicht, wenn du den Dreh mal raushast – ein schlichter Erstarrungszauber gegen diese lächerlichen Alarmanlagen, die sie statt Spickoskopen benutzen, und aufgepasst, dass die Nachbarn dich nicht sehen, wenn du das Klavier reinbringst.«
»Raffiniert«, sagte Dumbledore. »Klingt aber nach einer ziemlich anstrengenden Lebensweise für einen gebrechlichen alten Knallkopf, der gerne ein ruhiges Dasein hätte. Also, wenn du nach Hogwarts zurückkehren würdest –«
»Wenn du mir sagen willst, dass mein Leben an dieser verderbten Schule friedlicher wäre, kannst du dir die Worte sparen, Albus! Ich war zwar im Verborgenen, aber seit Dolores Umbridge weggegangen ist, sind mir ein paar seltsame Gerüchte zu Ohren gekommen! Wenn das heutzutage deine Art ist, Lehrer zu behandeln –«
»Professor Umbridge hat sich mit unserer Zentaurenherde angelegt«, sagte Dumbledore. »Ich glaube, dir, Horace, wäre etwas Besseres eingefallen, als in den Wald zu marschieren und eine Horde zorniger Zentauren ›schmutzige Halbmenschen‹ zu nennen.«
»Das hat sie tatsächlich getan?«, sagte Slughorn. »Idiotisches Weib. Konnte sie nie ausstehen.«
Harry gluckste, und Dumbledore und Slughorn drehten sich beide zu ihm um.
»Verzeihung«, sagte Harry hastig. »Es ist nur – ich konnte sie auch nicht ausstehen.«
Dumbledore stand überraschend auf.
»Du gehst?«, fragte Slughorn prompt mit hoffnungsvollem Blick.
»Nein, ich würde nur gern mal die Toilette bei dir benutzen«, sagte Dumbledore.
»Oh«, erwiderte Slughorn, offensichtlich enttäuscht. »Zweite Tür links, den Flur entlang.«
Dumbledore durchquerte das Zimmer. Als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, trat Stille ein. Nach einigen Augenblicken erhob sich Slughorn, schien jedoch nicht sicher, was er mit sich anfangen sollte. Er warf Harry einen flüchtigen Blick zu, trat dann hinüber zum Feuer, kehrte ihm den Rücken und wärmte seinen breiten Hintern.
»Glauben Sie bloß nicht, ich wüsste nicht, warum er Sie mitgebracht hat«, sagte er unvermittelt.
Harry sah Slughorn nur an. Slughorns tränende Augen glitten über Harrys Narbe und diesmal betrachtete er auch den Rest seines Gesichts.
»Sie sehen Ihrem Vater sehr ähnlich.«
»Ja, das hat man mir schon gesagt«, erwiderte Harry.
»Mit Ausnahme der Augen. Sie haben –«
»Die Augen meiner Mutter, jaah.« Harry hatte das so häufig gehört, dass er es ein wenig ermüdend fand.
»Umpff. Nun ja. Man sollte als Lehrer natürlich keine Lieblingsschüler haben, aber sie war eine von meinen. Ihre Mutter«, fügte Slughorn hinzu, als Harry ihn fragend anblickte. »Lily Evans. Eine der Klügsten, die ich je unterrichtet habe. Aufgeweckt, wissen Sie? Reizendes Mädchen. Ich hab immer zu ihr gesagt, dass sie eigentlich in mein Haus gehört. Da hab ich auch immer sehr freche Antworten bekommen.«
»In welchem Haus waren Sie?«
»Ich war der Hauslehrer von Slytherin«, sagte Slughorn. »Aber«, fuhr er rasch fort, als er Harrys Gesichtsausdruck sah, und er drohte ihm mit einem Wurstfinger, »halten Sie mir das bloß nicht vor! Sie sind Gryffindor, wie sie, schätze ich? Ja, meist geht das nach Familien. Allerdings nicht immer. Schon mal was von Sirius Black gehört? Mit Sicherheit – er war in den letzten paar Jahren dauernd in den Zeitungen – ist vor wenigen Wochen gestorben –«
Es war, als ob eine unsichtbare Hand Harrys Eingeweide verdreht hätte und sie fest umklammert hielt.
»Nun, er war jedenfalls in der Schule ein guter Kumpel von Ihrem Vater. Ich hatte die gesamte Familie Black in meinem Haus gehabt, aber Sirius ist in Gryffindor gelandet! Schade – er war ein talentierter Junge. Als sein Bruder Regulus dann kam, hab ich ihn gekriegt, aber ich hätte gern alle bekommen.«
Er hörte sich an wie ein begeisterter Sammler, der bei einer Versteigerung überboten worden war. Offenbar in Erinnerungen versunken, starrte er auf die Wand gegenüber und drehte sich gemächlich auf der Stelle, damit sein Hinterteil gleichmäßig beheizt wurde.
»Ihre Mutter stammte doch tatsächlich von Muggeln ab. Konnte es nicht fassen, als ich es rausfand. Dachte, sie müsste reinblütig sein, so gut, wie sie war.«
»Eine sehr gute Freundin von mir ist muggelstämmig«, sagte Harry, »und sie ist die Beste in unserem Jahrgang.«
»Komisch, dass das manchmal vorkommt, nicht wahr?«, sagte Slughorn.
»Eigentlich nicht«, erwiderte Harry kühl.
Slughorn sah überrascht zu ihm hinunter.
»Sie dürfen nicht glauben, dass ich Vorurteile hätte!«, sagte er. »Nein, nein, nein! Hab ich nicht eben gesagt, dass Ihre Mutter einer meiner absoluten Lieblinge war? Und dann gab es da auch noch Dirk Cresswell, im Jahr nach ihr – er ist jetzt natürlich Leiter des Koboldverbindungsbüros –, noch ein Muggelstämmiger, ein sehr begabter Schüler, der mir nach wie vor hervorragende Insider-Informationen über die Vorgänge bei Gringotts liefert!«
Er wippte ein wenig auf und ab, lächelte selbstzufrieden und deutete auf die Kommode mit den vielen Fotos in glänzenden Rahmen, die alle mit winzigen, sich bewegenden Gestalten bevölkert waren.
»Allesamt ehemalige Schüler von mir, alle signiert. Das ist zum Beispiel Barnabas Cuffe, Chefredakteur beim Tagespropheten, er ist immer an meiner Meinung zu den aktuellen Entwicklungen interessiert. Und Ambrosius Flume vom Honigtopf – zu jedem Geburtstag ein Geschenkkorb, nur weil ich ihn mal Ciceron Harkiss vorstellen konnte, bei dem er dann seine erste Stelle bekam! Und ganz hinten – Sie sehen sie, wenn Sie ein bisschen den Hals recken –, das ist Gwenog Jones, ja, die Kapitänin der Holyhead Harpies … die Leute wundern sich immer, wenn sie erfahren, dass ich mit den Harpies per Du bin und Freikarten bekomme, wann immer ich welche brauche!«
Beim Gedanken daran schien sich seine Stimmung mächtig zu heben.
»Und all diese Leute wissen, wo Sie zu finden sind, wenn sie Ihnen Sachen schicken wollen?«, fragte Harry, der sich unwillkürlich wunderte, warum die Todesser Slughorn noch nicht aufgespürt hatten, wo doch Körbe mit Süßigkeiten, Quidditch-Karten und Besucher, die begierig seinen Rat und seine Meinung hören wollten, ihn finden konnten.
Das Lächeln schwand aus Slughorns Gesicht, so schnell wie das Blut von seinen Wänden.
»Natürlich nicht«, sagte er und blickte auf Harry hinab. »Seit einem Jahr habe ich zu niemandem mehr Kontakt.«
Harry hatte den Eindruck, dass Slughorn über seine eigenen Worte erschrak; einen Moment lang wirkte er ziemlich beunruhigt. Dann zuckte er die Achseln.
»Jedenfalls … in Zeiten wie diesen zieht der kluge Zauberer den Kopf ein. Schön und gut, was Dumbledore sagt, aber wenn ich gerade jetzt einen Posten in Hogwarts annehmen würde, hieße das nichts anderes, als öffentlich meine Loyalität zum Orden des Phönix zu bekunden! Und obwohl die mit Sicherheit sehr bewundernswert und mutig und alles sind, bin ich persönlich von ihrer Sterblichkeitsrate nicht gerade angetan –«
»Sie müssen sich dem Orden nicht anschließen, um in Hogwarts zu unterrichten«, sagte Harry, der sich einen spöttischen Unterton in seiner Stimme nicht ganz verkneifen konnte: Es fiel ihm schwer, Slughorns bequemes Leben gutzuheißen, wenn er an Sirius dachte, der sich in einer Höhle verkrochen und von Ratten gelebt hatte. »Die meisten Lehrer sind nicht drin und bisher wurde keiner von ihnen umgebracht – na ja, außer man zählt Quirrell mit, und der bekam, was er verdiente, weil er mit Voldemort zusammengearbeitet hat.«
Harry war sicher, dass Slughorn einer der Zauberer war, die es nicht ertragen konnten, wenn Voldemorts Name laut ausgesprochen wurde, und er wurde nicht enttäuscht: Slughorn erschauderte und protestierte lautstark, doch Harry ignorierte ihn.
»Ich schätze, die Lehrer sind sicherer als die meisten Leute, solange Dumbledore Schulleiter ist; er soll der Einzige sein, den Voldemort je gefürchtet hat, nicht wahr?«, fuhr Harry fort.
Slughorn starrte einige Augenblicke ins Leere: Er schien über Harrys Worte nachzudenken.
»Nun ja, es stimmt, dass Er, dessen Name nicht genannt werden darf, nie einen Kampf mit Dumbledore gesucht hat«, murmelte er widerwillig. »Und da ich mich nicht den Todessern angeschlossen habe, könnte man vermutlich behaupten, dass Er, dessen Name nicht genannt werden darf, mich wohl kaum zu seinen Freunden zählen kann … von daher wäre ich in Albus’ Nähe vielleicht sicherer … ich will nicht so tun, als hätte Amelia Bones’ Tod mich nicht erschüttert … wenn sie, mit all ihren Beziehungen zum Ministerium und unter dessen Schutz …«
Dumbledore kam ins Zimmer zurück, und Slughorn zuckte zusammen, als ob er vergessen hätte, dass er im Haus war.
»Oh, da bist du ja, Albus«, sagte er. »Hast sehr lange gebraucht. Magen verstimmt?«
»Nein, ich habe nur in den Muggelmagazinen gelesen«, sagte Dumbledore. »Ich habe ein Faible für Strickmuster. Nun, Harry, wir haben Horace’ Gastfreundschaft wahrhaft lange genug in Anspruch genommen; ich denke, es ist Zeit für uns, zu gehen.«
Harry gehorchte nur zu gern und sprang auf. Slughorn schien bestürzt.
»Ihr geht?«
»Ja, in der Tat. Ich denke, ich weiß, wann eine Sache aussichtslos ist.«
»Aussichtslos …?«
Slughorn schien aufgeregt. Er drehte nervös seine fetten Däumchen und sah zu, wie Dumbledore seinen Reiseumhang zuschnürte und Harry den Reißverschluss seiner Jacke hochzog.
»Nun, ich bedaure, dass du die Stelle nicht haben willst, Horace«, sagte Dumbledore und hob seine unverletzte Hand zu einem Abschiedsgruß. »Hogwarts wäre froh gewesen, dich wiederzuhaben. Trotz unserer deutlich verschärften Sicherheitsvorkehrungen kannst du uns immer gerne besuchen, falls du das wünschst.«
»Ja … nun … sehr liebenswürdig … Was ich sagen wollte …«
»Dann auf Wiedersehen.«
»Tschüss«, sagte Harry.
Sie waren an der Haustür angelangt, als sie hinter sich einen Ruf hörten.
»Na gut, na gut, ich mach’s!«
Dumbledore drehte sich um und sah Slughorn atemlos in der Wohnzimmertür stehen.
»Du willst aus dem Ruhestand zurückkehren?«
»Ja, ja«, erwiderte Slughorn ungeduldig. »Ich muss verrückt sein, aber ja.«
»Wunderbar«, sagte Dumbledore strahlend. »Dann, Horace, sehen wir uns am ersten September.«
»Ja, das würde ich auch sagen«, brummte Slughorn.
Als sie den Gartenpfad entlanggingen, wehte ihnen Slughorns Stimme hinterher.
»Ich will eine Gehaltserhöhung, Dumbledore!«
Dumbledore gluckste. Das Gartentor schwang hinter ihnen zu, und sie machten sich durch die Dunkelheit und die wirbelnden Nebelschleier auf den Weg zurück den Hügel hinunter.
»Gut gemacht, Harry«, sagte Dumbledore.
»Ich hab überhaupt nichts gemacht«, gab Harry überrascht zurück.
»O doch, das hast du. Du hast Horace sehr genau klargemacht, was er zu gewinnen hat, wenn er nach Hogwarts zurückkehrt. Mochtest du ihn?«
»Ähm …«
Harry war nicht sicher, ob er Slughorn mochte oder nicht. Auf seine Art war er ganz nett gewesen, dachte er, aber er wirkte auch eingebildet und, selbst wenn er das Gegenteil behauptete, viel zu überrascht darüber, dass eine Muggelstämmige eine gute Hexe abgeben sollte.
»Horace«, sagte Dumbledore und enthob Harry damit der Verpflichtung, irgendetwas davon auszusprechen, »mag es gern behaglich. Er mag auch die Gesellschaft der Berühmten, der Erfolgreichen und der Mächtigen. Er genießt das Gefühl, diese Leute zu beeinflussen. Er wollte nie selber den Thron einnehmen; er zieht die zweite Reihe vor – mehr Platz, um sich auszubreiten, verstehst du? Früher in Hogwarts hat er seine Lieblinge handverlesen, manche, weil sie ehrgeizig oder intelligent waren, andere, weil sie charmant oder talentiert waren, und er hatte ein unglaubliches Geschick, diejenigen auszuwählen, die später auf ihren jeweiligen Gebieten glänzten. Horace gründete eine Art Klub seiner Lieblinge, dessen Mittelpunkt er selbst war. Er hat Leute miteinander bekannt gemacht, nützliche Beziehungen zwischen den Mitgliedern geknüpft und als Gegenleistung immer irgendeinen Gewinn daraus gezogen, sei es eine kostenlose Schachtel mit seinen geliebten kandierten Ananas oder die Möglichkeit, den nächsten Nachwuchsmitarbeiter für das Koboldverbindungsbüro zu empfehlen.«
Harry hatte plötzlich das deutliche Bild einer großen aufgeblähten Spinne vor Augen, die ein Netz um ihn spann und mal hier und mal da an einem Faden zupfte, um ihre großen und saftigen Fliegen ein wenig näher heranzuholen.
»All das«, fuhr Dumbledore fort, »erzähle ich dir nicht, um dich gegen Horace aufzubringen – oder, wie wir ihn jetzt nennen müssen, Professor Slughorn –, sondern damit du auf der Hut bist. Er wird zweifellos versuchen, dich für sich zu gewinnen, Harry. Du wärst das Juwel seiner Sammlung: der Junge, der überlebt hat … oder, wie sie dich heute nennen, der Auserwählte.«
Bei diesen Worten kroch eine Kälte über Harry, die nichts mit dem Nebel rundum zu tun hatte. Er erinnerte sich an Worte, die er vor einigen Wochen gehört hatte, Worte, die eine schreckliche und besondere Bedeutung für ihn hatten:
Keiner kann leben, während der Andere überlebt …
Dumbledore war stehen geblieben, auf Höhe der Kirche, an der sie vorher vorbeigegangen waren.
»Das soll genügen, Harry. Nimm jetzt bitte meinen Arm.«
Diesmal war Harry gefasst auf das, was kommen würde, und bereit zum Apparieren, doch er fand es trotzdem unangenehm. Als der Druck nachließ und er wieder atmen konnte, stand er auf einer Landstraße neben Dumbledore und sah vor sich die schiefen Umrisse seines zweitliebsten Gebäudes der Welt: des Fuchsbaus. Trotz des beklemmenden Gefühls, das ihn eben noch durchdrungen hatte, wurde seine Laune bei diesem Anblick wie von selbst besser. Dort drin war Ron … und auch Mrs Weasley, die besser kochen konnte als jeder, den er kannte …
»Wenn du nichts dagegen hast, Harry«, sagte Dumbledore, als sie durch das Tor gingen, »möchte ich noch ein paar Worte mit dir wechseln, ehe wir uns trennen. Unter vier Augen. Vielleicht dadrin?«
Dumbledore wies auf ein heruntergekommenes steinernes Nebengebäude, wo die Weasleys ihre Besen aufbewahrten. Ein wenig verwundert folgte Harry Dumbledore durch die knarrende Tür in einen Raum, der etwas kleiner war als ein gewöhnlicher Schrank. Dumbledore ließ die Spitze seines Zauberstabs leuchten, so dass er wie eine Taschenlampe brannte, und lächelte zu Harry hinab.
»Ich hoffe, du verzeihst mir, dass ich es erwähne, Harry, aber ich bin froh und ein wenig stolz darauf, wie gut du offenbar zurechtkommst, nach allem, was im Ministerium geschehen ist. Gestatte mir zu bemerken, dass Sirius stolz auf dich gewesen wäre.«
Harry schluckte; die Stimme schien ihm zu versagen. Er meinte es nicht ertragen zu können, über Sirius zu sprechen. Es war schmerzhaft genug gewesen, Onkel Vernon sagen zu hören: »Sein Pate ist tot?«; noch schmerzhafter war es, als Slughorn Sirius’ Namen beiläufig fallen ließ.
»Es war schlimm«, sagte Dumbledore sanft, »dass du und Sirius nur eine so kurze gemeinsame Zeit hattet. Ein grausames Ende für etwas, das eine lange und glückliche Beziehung hätte sein sollen.«
Harry nickte, den Blick entschlossen auf die Spinne geheftet, die jetzt Dumbledores Hut hinaufkletterte. Er spürte, dass Dumbledore ihn verstand, dass er vielleicht sogar ahnte, dass Harry, ehe sein Brief eintraf, fast die ganze Zeit bei den Dursleys auf seinem Bett gelegen, die Mahlzeiten verweigert und auf das beschlagene Fenster gestarrt hatte, erfüllt von der kalten Leere, die er inzwischen mit Dementoren in Verbindung brachte.
»Es ist einfach schwierig«, sagte Harry schließlich leise, »sich klarzumachen, dass er mir nie mehr schreiben wird.«
Seine Augen brannten plötzlich und er blinzelte. Es kam ihm albern vor, es zuzugeben, aber die Tatsache, dass er jemanden außerhalb von Hogwarts gehabt hatte, dem am Herzen lag, was mit ihm geschah, fast wie ein Vater oder eine Mutter, war mit das Beste daran gewesen, als er entdeckt hatte, dass er einen Paten besaß … und nun würden ihm die Posteulen nie wieder einen solchen Trost bringen …
»Sirius hat viel für dich bedeutet, was du nie zuvor erfahren hast«, sagte Dumbledore sanft. »Natürlich ist der Verlust niederschmetternd …«
»Aber während ich bei den Dursleys war«, unterbrach ihn Harry und seine Stimme wurde immer kräftiger, »ist mir klar geworden, dass ich mich nicht einfach zurückziehen kann oder – oder durchdrehen. Das hätte Sirius nicht gewollt, oder? Das Leben ist jedenfalls viel zu kurz … wenn man an Madam Bones denkt oder an Emmeline Vance … ich könnte der Nächste sein, stimmt’s? Aber wenn das so ist«, sagte er grimmig und blickte nun direkt in Dumbledores blaue Augen, die im Licht des Zauberstabs funkelten, »dann werde ich dafür sorgen, dass ich so viele Todesser wie möglich mitnehme, und wenn ich es schaffe, Voldemort noch dazu.«
»Du sprichst wie deiner Mutter und deines Vaters Sohn und Sirius’ wahrer Patensohn!«, sagte Dumbledore und klopfte Harry anerkennend auf die Schulter. »Ich ziehe meinen Hut vor dir – oder besser nicht, denn ich fürchte, dann würde ich dich mit Spinnen berieseln.
Und jetzt, Harry, zu einem Thema, das eng damit zusammenhängt … Ich nehme an, du hast in den letzten beiden Wochen den Tagespropheten bekommen?«
»Ja«, sagte Harry und sein Herz schlug ein wenig schneller.
»Dann wirst du gesehen haben, dass dein Abenteuer in der Halle der Prophezeiung nicht durchgesickert ist, sondern geradezu durchgeflutet?«
»Ja«, sagte Harry noch einmal. »Und alle wissen jetzt, dass ich derjenige bin –«
»Nein, das wissen sie nicht«, unterbrach Dumbledore ihn. »Es gibt nur zwei Menschen auf der ganzen Welt, die den gesamten Inhalt der Prophezeiung kennen, die über dich und Lord Voldemort gemacht wurde, und die stehen beide hier in diesem stinkenden Besenschuppen voller Spinnen. Es stimmt allerdings, viele haben sich zusammengereimt, dass Voldemort seine Todesser geschickt hat, um eine Prophezeiung zu stehlen, und dass diese Prophezeiung dich betraf.
Nun, ich denke, ich liege richtig, wenn ich sage, dass du niemandem erzählt hast, dass du weißt, wie die Prophezeiung lautet?«
»Ja«, antwortete Harry.
»Ein weiser Entschluss, im Großen und Ganzen«, sagte Dumbledore. »Dennoch meine ich, dass du ihn zugunsten deiner Freunde, Mr Ronald Weasley und Miss Hermine Granger, etwas lockern solltest. Ja«, fuhr er fort, als Harry verdutzt dreinblickte, »ich denke, sie sollten es erfahren. Du tust ihnen keinen Gefallen, wenn du ihnen etwas so Wichtiges verschweigst.«
»Ich wollte nicht –«
»– dass sie sich Sorgen machen oder Angst bekommen?«, sagte Dumbledore und musterte Harry über den Rand seiner Halbmondbrille. »Oder vielleicht auch nicht eingestehen, dass du dir selber Sorgen machst und Angst hast? Du brauchst deine Freunde, Harry. Wie du so richtig gesagt hast, Sirius hätte es nicht gewollt, dass du dich zurückziehst.«
Harry erwiderte nichts, aber Dumbledore schien keine Antwort zu verlangen. Er fuhr fort: »Was ein anderes, doch dazugehöriges Thema angeht, so ist es mein Wunsch, dass du dieses Jahr Einzelstunden bei mir nimmst.«
»Einzelstunden – bei Ihnen?«, sagte Harry, der aus seinem gedankenverlorenen Schweigen hochschreckte.
»Ja. Ich denke, es ist an der Zeit, dass ich mich verstärkt um deine Ausbildung kümmere.«
»Worin werden Sie mich unterrichten, Sir?«
»Oh, ein bisschen hierin, ein bisschen darin«, sagte Dumbledore leichthin.
Harry wartete hoffnungsvoll, aber Dumbledore gab keine näheren Auskünfte, also fragte er nach etwas anderem, das ihn ein wenig bedrückte.
»Wenn ich Unterricht bei Ihnen habe, muss ich keinen Okklumentikunterricht mehr bei Snape nehmen, oder?«
»Professor Snape, Harry – und, nein, das musst du nicht.«
»Gut«, sagte Harry erleichtert, »das war nämlich ein –«
Er hielt inne, bemüht, nicht zu sagen, was er wirklich dachte.
»Ich denke, das Wort ›Fiasko‹ würde da gut passen«, sagte Dumbledore und nickte.
Harry lachte.
»Das heißt also, dass ich Professor Snape von jetzt an nicht mehr allzu oft sehen werde«, sagte er, »denn er lässt mich nicht in Zaubertränke weitermachen, wenn ich kein ›Ohnegleichen‹ in meinen ZAGs kriege, und ich weiß, das kriege ich nicht.«
»Du sollst den Tag nicht vor der letzten Eule loben«, sagte Dumbledore ernst. »Was aber, wie mir gerade einfällt, heute etwas später noch möglich sein sollte. Jetzt zwei weitere Dinge, Harry, ehe wir auseinandergehen.
Erstens möchte ich, dass du von diesem Moment an deinen Tarnumhang jederzeit bei dir trägst. Sogar in Hogwarts. Nur für alle Fälle, du verstehst mich?«
Harry nickte.
»Und schließlich – während du dich hier aufhältst, bekommt der Fuchsbau den höchsten Sicherheitsstandard, den das Zaubereiministerium bieten kann. Diese Vorkehrungen bereiten Arthur und Molly ein gewisses Maß an Unannehmlichkeiten – so wird zum Beispiel ihre gesamte Post im Ministerium durchsucht, ehe sie weitergeleitet wird. Es stört sie nicht im Geringsten, denn ihre einzige Sorge ist deine Sicherheit. Allerdings würdest du es ihnen schlecht danken, wenn du deinen Hals riskiertest, während du bei ihnen bist.«
»Ich verstehe«, sagte Harry rasch.
»Sehr gut«, sagte Dumbledore, stieß die Tür des Besenschuppens auf und trat hinaus auf den Hof. »Ich sehe Licht in der Küche. Wir wollen Molly nicht länger die Gelegenheit vorenthalten zu beklagen, wie dünn du bist.«
Schleim im Überfluss
Harry und Dumbledore näherten sich der Hintertür des Fuchsbaus, wo ringsumher das vertraute Durcheinander alter Gummistiefel und rostiger Kessel herrschte. Harry konnte das leise Gackern schläfriger Hühner aus einem entfernten Schuppen hören. Dumbledore klopfte dreimal, und Harry sah, wie sich hinter dem Küchenfenster plötzlich etwas bewegte.
»Wer ist da?«, fragte eine ängstliche Stimme, die offenbar von Mrs Weasley stammte. »Geben Sie sich zu erkennen!«
»Ich bin’s, Dumbledore, ich bringe Harry vorbei.«
Die Tür ging sofort auf. Da stand Mrs Weasley, klein, dick und in einen alten grünen Morgenmantel gehüllt.
»Harry, mein Lieber! Du meine Güte, Albus, hast du mich erschreckt, du sagtest, wir sollten dich nicht vor dem Morgen erwarten!«
»Wir hatten Glück«, sagte Dumbledore und schob Harry über die Schwelle. »Slughorn war um einiges nachgiebiger, als ich erwartet hatte. Das ist natürlich Harry zu verdanken. Ah, hallo, Nymphadora!«
Harry blickte sich um und sah, dass Mrs Weasley trotz der späten Stunde nicht allein war. Eine junge Hexe mit bleichem, herzförmigem Gesicht und mausbraunem Haar saß am Tisch und hielt einen großen Becher mit beiden Händen umklammert.
»Hallo, Professor«, sagte sie. »Tag auch, Harry.«
»Hi, Tonks.«
Harry fand, dass sie abgespannt wirkte, sogar krank, und ihr Lächeln sah irgendwie gezwungen aus. Auf alle Fälle war ihre ganze Erscheinung ohne die übliche bonbonrosa Tönung ihres Haares weniger farbenfroh als sonst.
»Ich verschwinde jetzt besser«, sagte sie rasch, stand auf und zog sich den Umhang über die Schultern. »Danke für den Tee und dein Mitgefühl, Molly.«
»Bitte geh doch nicht meinetwegen«, sagte Dumbledore höflich. »Ich kann nicht bleiben, ich habe dringende Angelegenheiten mit Rufus Scrimgeour zu besprechen.«
»Nein, nein, ich muss los«, erwiderte Tonks, ohne Dumbledore in die Augen zu blicken. »Nacht –«
»Meine Liebe, wie wär’s, wenn du am Wochenende zum Abendessen kämst, Remus und Mad-Eye kommen auch –?«
»Nein, wirklich, Molly … aber vielen Dank … Gute Nacht, alle miteinander.«
Tonks eilte an Dumbledore und Harry vorbei hinaus in den Hof; ein paar Schritte von der Tür entfernt wirbelte sie herum und löste sich in Luft auf. Harry bemerkte, dass Mrs Weasley besorgt aussah.
»Nun, wir sehen uns dann in Hogwarts, Harry«, sagte Dumbledore. »Pass auf dich auf. Molly, stets zu Diensten.«
Er verneigte sich vor Mrs Weasley und folgte Tonks, indem er genau an derselben Stelle wie sie verschwand. Mrs Weasley schloss die Tür zum leeren Hof und führte Harry an den Schultern in das helle Licht der Lampe auf dem Tisch, um ihn sich genau anzuschauen.
»Du bist wie Ron«, seufzte sie, während sie ihn von Kopf bis Fuß musterte. »Ihr seht beide aus, als ob man euch mit Streckflüchen traktiert hätte. Ich schwöre, seit ich Ron das letzte Mal Schulumhänge gekauft habe, ist er um zehn Zentimeter gewachsen. Hast du Hunger, Harry?«
»Ja, ziemlich«, sagte Harry, dem plötzlich klar wurde, wie hungrig er tatsächlich war.
»Setz dich, mein Lieber, ich mach dir eine Kleinigkeit.«
Als Harry sich setzte, sprang ihm ein haariger orangeroter Kater mit zerknautschtem Gesicht auf die Knie und ließ sich schnurrend nieder.
»Dann ist Hermine also da?«, fragte er glücklich und kraulte Krummbein hinterm Ohr.
»O ja, sie ist vorgestern angekommen«, sagte Mrs Weasley und schlug mit dem Zauberstab gegen einen großen eisernen Topf. Mit lautem Scheppern hüpfte er auf den Herd und begann augenblicklich zu blubbern. »Natürlich sind alle im Bett, wir haben dich erst in ein paar Stunden erwartet. Hier, bitte sehr –«
Sie schlug wieder gegen den Topf; der stieg in die Luft, flog auf Harry zu und neigte sich; Mrs Weasley schob geschickt eine Schale darunter, gerade noch rechtzeitig, um den Strom dicker, dampfender Zwiebelsuppe aufzufangen.
»Brot, mein Schatz?«
»Gern, Mrs Weasley.«
Sie schwenkte den Zauberstab über ihre Schulter; ein Laib Brot und ein Messer schwebten elegant auf den Tisch. Während der Laib sich selbst in Scheiben schnitt und der Suppentopf auf den Herd zurücksank, nahm Mrs Weasley Harry gegenüber Platz.
»Ihr habt also Horace Slughorn überredet, die Stelle anzunehmen?«
Harry nickte, sein Mund war so voll mit heißer Suppe, dass er nicht sprechen konnte.
»Er war Arthurs und mein Lehrer«, sagte Mrs Weasley. »Er war ewig lange in Hogwarts, hat ungefähr zur selben Zeit angefangen wie Dumbledore, glaube ich. Mochtest du ihn?«
Harry, der den Mund jetzt voller Brot hatte, zuckte die Achseln und ruckte unverbindlich mit dem Kopf.
»Ich weiß, was du meinst«, sagte Mrs Weasley, weise nickend. »Natürlich kann er reizend sein, wenn er will, aber Arthur hat ihn nie sonderlich gemocht. Im Ministerium laufen überall Slughorns alte Lieblinge rum, er war immer gut, wenn es darum ging, jemand unter die Arme zu greifen, aber für Arthur hatte er nie viel Zeit – hielt ihn offenbar nicht für den großen Überflieger. Nun, da siehst du mal, sogar Slughorn macht Fehler. Ich weiß nicht, ob Ron es dir in einem seiner Briefe berichtet hat – es ist gerade erst passiert –, jedenfalls, Arthur ist befördert worden!«
Es war absolut offensichtlich, dass Mrs Weasley die ganze Zeit darauf gebrannt hatte, das zu sagen. Harry schluckte einen Mund voll heißer Suppe hinunter und spürte förmlich, wie seine Kehle Bläschen warf.
»Großartig!«, keuchte er.
»Nett von dir.« Mrs Weasley strahlte, sie deutete seine tränenden Augen möglicherweise als Zeichen dafür, wie gerührt er angesichts dieser Neuigkeit war. »Ja, Rufus Scrimgeour hat mehrere neue Büros eingerichtet, als Reaktion auf die gegenwärtige Lage, und Arthur leitet das Büro zur Ermittlung und Beschlagnahme Gefälschter Verteidigungszauber und Schutzgegenstände. Das ist eine große Aufgabe, er hat jetzt zehn Leute unter sich!«
»Was genau –?«
»Tja, weißt du, in der ganzen Panik wegen Du-weißt-schon-wem sind überall merkwürdige Sachen auf dem Markt aufgetaucht, Sachen, die angeblich vor Du-weißt-schon-wem und den Todessern schützen sollen. Du kannst dir ja vorstellen, um was es sich dabei handelt – so genannte Schutztränke, die eigentlich nur Bratensaft mit einem Schuss Bubotubler-Eiter sind, oder Anleitungen für Defensivzauber, bei denen einem in Wahrheit die Ohren abfallen … Die Verantwortlichen sind jedenfalls meistens nur Leute wie Mundungus Fletcher, die in ihrem ganzen Leben noch keinen Tag lang ehrliche Arbeit geleistet haben und jetzt die Angst der Leute ausnutzen, aber hin und wieder passiert etwas wirklich Fieses. Neulich hat Arthur eine Kiste verwunschener Spickoskope beschlagnahmt, die ganz bestimmt von einem Todesser in Umlauf gebracht wurden. Du siehst, es ist ein sehr wichtiger Job, und ich sage ihm immer, dass es einfach albern ist, den Zündkerzen und Toastern und all dem anderen Muggelkram nachzutrauern, mit dem er früher zu tun hatte.« Mrs Weasley beendete ihren Vortrag mit einem strengen Blick, als wäre es Harry gewesen, der behauptet hatte, dass man Zündkerzen natürlich nachtrauern müsse.
»Ist Mr Weasley noch bei der Arbeit?«, fragte Harry.
»Ja, allerdings. Tatsächlich ist er ein klein wenig spät dran … er wollte eigentlich gegen Mitternacht zurück sein.«
Sie wandte sich um und blickte auf eine große Uhr, die wackelig auf einem Stapel Laken im Wäschekorb am Tischende stand. Harry erkannte sie sofort: Sie hatte neun Zeiger, auf denen jeweils der Name eines Familienmitglieds eingraviert war, und hing normalerweise bei den Weasleys an der Wohnzimmerwand, doch ihr gegenwärtiger Aufenthaltsort ließ darauf schließen, dass Mrs Weasley sich angewöhnt hatte, sie mit sich durchs Haus zu tragen. Ausnahmslos alle neun Zeiger wiesen jetzt auf tödliche Gefahr.
»Das geht jetzt schon eine ganze Weile so«, sagte Mrs Weasley in einem beiläufigen Ton, der nicht überzeugend klang, »seit Du-weißt-schon-wer wieder aus der Versenkung aufgetaucht ist. Ich schätze, alle sind jetzt in tödlicher Gefahr … ich glaube nicht, dass es nur unsere Familie ist … aber ich kenne sonst niemanden, der so eine Uhr hat, also kann ich es nicht nachprüfen. Oh!«
Mit einem jähen Aufschrei deutete sie auf das Zifferblatt. Mr Weasleys Zeiger war auf unterwegs gerückt.
»Er kommt!«
Und tatsächlich, einen Moment später klopfte es an der Hintertür. Mrs Weasley sprang auf und eilte dorthin; eine Hand am Türknauf und das Gesicht ans Holz gedrückt, rief sie leise: »Arthur, bist du das?«
»Ja«, antwortete Mr Weasleys müde Stimme. »Aber das würde ich auch sagen, wenn ich ein Todesser wäre, Liebling. Stell mir die Frage!«
»Oh, ehrlich gesagt …«
»Molly!«
»Schon gut, schon gut … Was ist dein sehnlichster Wunsch?«
»Herauszufinden, wie Flugzeuge in der Luft bleiben.«
Mrs Weasley nickte und drehte den Türknauf, aber offenbar hielt ihn Mr Weasley auf der anderen Seite fest, denn die Tür wollte nicht aufgehen.
»Molly! Zuerst muss ich dir deine Frage stellen!«
»Arthur, wirklich, das ist doch albern …«
»Wie soll ich dich immer nennen, wenn wir beide allein sind?«
Selbst beim schwachen Licht der Lampe konnte Harry sehen, dass Mrs Weasley knallrot geworden war; ihm selbst wurde plötzlich warm um die Ohren und im Genick, und er schlang hastig die Suppe hinunter und klapperte möglichst laut mit dem Löffel gegen die Schale.
»Mollyröllchen«, flüsterte Mrs Weasley beschämt durch den Türspalt.
»Korrekt«, sagte Mr Weasley. »Jetzt kannst du mich reinlassen.«
Mrs Weasley öffnete die Tür, und ihr Mann erschien, ein dünner, zur Glatze neigender rothaariger Zauberer mit Hornbrille und einem langen und staubigen Reiseumhang.
»Ich versteh immer noch nicht, warum wir das jedes Mal, wenn du heimkommst, durchziehen müssen«, sagte Mrs Weasley, nach wie vor rosa im Gesicht, während sie ihrem Mann aus dem Umhang half. »Ich meine, ein Todesser hätte die Antwort aus dir herauspressen können, bevor er in deinen Körper geschlüpft wäre!«
»Das weiß ich, Liebling, aber es ist das Standardverfahren des Ministeriums und ich muss ein Beispiel geben. Hier riecht es gut – Zwiebelsuppe?«
Mr Weasley drehte sich hoffnungsvoll zum Tisch um.
»Harry! Wir haben dich erst am Morgen erwartet!«
Sie schüttelten einander die Hand und Mr Weasley ließ sich auf einen Stuhl neben Harry fallen, während Mrs Weasley auch ihm eine Schale mit Suppe auftischte.
»Danke, Molly. Das war eine anstrengende Nacht. Irgendein Idiot hat angefangen, Metamorph-Medaillen zu verkaufen. Häng sie dir einfach um den Hals und du kannst nach Belieben deine Erscheinung verändern. Hunderttausend Verkleidungen, und das alles für zehn Galleonen!«
»Und was passiert wirklich, wenn man sie umhängt?«
»Meistens nimmt man nur eine ziemlich unangenehme orange Farbe an, aber manchen Leuten sind auch tentakelartige Warzen am ganzen Körper gewachsen. Als ob das St. Mungo nicht schon genug zu tun hätte!«
»Klingt ganz nach der Sorte von Dingen, die Fred und George lustig finden würden«, sagte Mrs Weasley zögernd. »Bist du sicher –?«
»Natürlich bin ich sicher!«, sagte Mr Weasley. »Die Jungs würden so etwas nicht tun, nicht jetzt, wo alle Leute so verzweifelt nach Schutz suchen!«
»Deshalb hast du dich also verspätet, wegen der Metamorph-Medaillen?«
»Nein, wir haben Wind bekommen von einem üblen Bumerang-Fluch unten in Elephant and Castle, aber zum Glück hatte das Magische Strafverfolgungskommando die Lage schon unter Kontrolle, als wir dort ankamen …«
Harry unterdrückte hinter vorgehaltener Hand ein Gähnen.
»Ins Bett mit dir«, sagte Mrs Weasley prompt, die es gleich bemerkt hatte. »Ich hab das Zimmer von Fred und George für dich hergerichtet, du hast es ganz für dich allein.«
»Warum, wo sind sie?«
»Oh, sie sind in der Winkelgasse und schlafen in der kleinen Wohnung über ihrem Scherzladen, weil sie so viel zu tun haben«, sagte Mrs Weasley. »Ich muss gestehen, zuerst hat es mir nicht gefallen, aber sie scheinen tatsächlich ein Händchen für gute Geschäfte zu haben! Komm jetzt, mein Lieber, dein Koffer ist schon oben.«
»Nacht, Mr Weasley«, sagte Harry und schob seinen Stuhl zurück. Krummbein sprang leichtfüßig von seinem Schoß und schlich aus dem Zimmer.
»Gut Nacht, Harry«, sagte Mr Weasley.
Als sie die Küche verließen, sah Harry, wie Mrs Weasley einen Blick auf die Uhr im Wäschekorb warf. Alle Zeiger wiesen wieder auf tödliche Gefahr.
Das Zimmer von Fred und George lag im zweiten Stock. Mrs Weasley richtete ihren Zauberstab auf eine Lampe am Nachttisch, die sofort aufleuchtete und den Raum in einen behaglichen goldenen Schimmer tauchte. Eine große Vase voller Blumen stand auf einem Schreibtisch vor dem kleinen Fenster, doch ihr Duft konnte den in der Luft hängenden Geruch nicht überdecken, der Harry an Schießpulver erinnerte. Zahlreiche unbeschriftete und versiegelte Pappkartons nahmen einen beträchtlichen Teil des Fußbodens ein, und mittendrin stand Harrys Schulkoffer. Das Zimmer machte den Eindruck, als würde es provisorisch als Lagerraum benutzt.
Hedwig schrie Harry von ihrem Platz oben auf einem großen Kleiderschrank aus glücklich entgegen und flog dann durchs Fenster davon; Harry wusste, dass sie auf ihn gewartet hatte, ehe sie jagen ging. Er wünschte Mrs Weasley gute Nacht, zog den Schlafanzug an und schlüpfte in eines der Betten. Im Kopfkissenbezug war etwas Hartes. Er schob die Hand hinein und zog eine klebrige lila-orange Süßigkeit hervor, die er gleich erkannte: Es war eine Kotzpastille. Mit einem leisen Lächeln drehte er sich auf die Seite und schlief sofort ein.
Sekunden später, jedenfalls kam es Harry so vor, weckte ihn eine Art Kanonendonner, mit dem die Tür aufsprang. Er saß kerzengerade im Bett und hörte, wie jemand die Vorhänge mit einem Ratschen zurückzog: Blendendes Sonnenlicht stach ihm heftig in beide Augen. Er hielt sich schützend eine Hand davor und tastete mit der anderen verzweifelt nach seiner Brille.
»Wasnlos?«
»Wir wussten nicht, dass du schon da bist!«, sagte eine laute und aufgeregte Stimme, und er bekam einen heftigen Schlag auf den Kopf.
»Ron, hau ihn nicht!«, sagte eine Mädchenstimme vorwurfsvoll.
Harry hatte seine Brille gefunden und setzte sie auf, doch das Licht war so hell, dass er ohnehin kaum etwas sehen konnte. Ein langer, zitternder Schatten ragte einen Moment lang vor ihm auf; Harry blinzelte, und dann erkannte er allmählich Ron Weasley, der zu ihm heruntergrinste.
»Alles klar?«
»Bestens«, sagte Harry, rieb sich den Kopf und ließ sich in die Kissen zurückplumpsen. »Und bei dir?«
»Geht so«, sagte Ron, zog einen Karton heran und setzte sich darauf. »Wann bist du gekommen? Mum hat es uns eben erst gesagt!«
»Heute Nacht, gegen eins.«
»Waren die Muggel okay? Haben sie dich anständig behandelt?«
»So wie immer«, sagte Harry, während Hermine sich auf seinen Bettrand setzte. »Sie haben nicht viel mit mir geredet, aber das ist mir sowieso lieber. Wie geht’s dir, Hermine?«
»Oh, mir geht’s gut«, erwiderte sie und musterte Harry, als ob er krank wäre.
Er glaubte zu wissen, was der Grund dafür war, und da er im Augenblick keine Lust hatte, über Sirius’ Tod oder irgendein anderes trauriges Thema zu reden, sagte er: »Wie viel Uhr ist es? Hab ich das Frühstück verpasst?«
»Kein Problem, Mum bringt dir ein Tablett hoch, sie findet, dass du unterernährt aussiehst«, sagte Ron und rollte die Augen. »Also, was war bei dir los?«
»Nicht viel, ich saß ja bei meiner Tante und meinem Onkel fest, oder?«
»Hör schon auf damit!«, sagte Ron. »Du warst mit Dumbledore unterwegs!«
»Das war nicht sonderlich spannend. Er wollte nur, dass ich ihm helfe, diesen alten Lehrer zu überreden, dass er aus dem Ruhestand zurückkommt. Er heißt Horace Slughorn.«
»Oh«, sagte Ron mit enttäuschter Miene. »Wir dachten –«
Hermine warf Ron einen warnenden Blick zu und Ron wechselte blitzschnell die Spur.
»– wir dachten uns schon, dass es um so was Ähnliches ging.«
»Tatsächlich?«, sagte Harry belustigt.
»Jaah … ja, jetzt, wo Umbridge weg ist, brauchen wir natürlich einen neuen Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste, nicht wahr? Also, ähm, wie ist er?«
»Er sieht ein bisschen wie ein Walross aus und war mal Hauslehrer von Slytherin«, sagte Harry. »Ist irgendwas, Hermine?«
Sie beobachtete ihn, als wartete sie nur darauf, dass jeden Moment merkwürdige Symptome bei ihm auftauchen würden. Hastig setzte sie ein wenig überzeugendes Lächeln auf.
»Nein, natürlich nicht! Also, ähm, sieht Slughorn nach einem guten Lehrer aus?«
»Weißnich«, sagte Harry. »Schlimmer als Umbridge kann er nicht sein, oder?«
»Ich kenn jemanden, der schlimmer ist als Umbridge«, sagte eine Stimme von der Tür her. Rons jüngere Schwester stapfte ins Zimmer, sie wirkte verärgert. »Hi, Harry.«
»Was ist mit dir?«, fragte Ron.
»Es ist wegen ihr«, sagte Ginny und ließ sich auf Harrys Bett fallen. »Sie macht mich wahnsinnig.«
»Was hat sie denn jetzt wieder getan?«, fragte Hermine mitfühlend.
»Es ist die Art, wie sie mit mir redet – man könnte meinen, ich wär gerade mal drei!«
»Ich weiß«, sagte Hermine und senkte die Stimme. »Sie ist so was von eingebildet.«
Harry war erstaunt, dass Hermine so über Mrs Weasley sprach, und konnte es Ron nicht verübeln, dass er wütend sagte: »Könnt ihr beide sie nicht mal fünf Sekunden lang in Ruhe lassen?«
»Oh, alles klar, verteidige sie nur«, fauchte Ginny. »Wir wissen alle, dass du nicht genug von ihr kriegen kannst.«
Das war irgendwie eine seltsame Bemerkung über Rons Mutter; Harry hatte allmählich das Gefühl, etwas nicht mitbekommen zu haben, und sagte: »Über wen –?«
Doch seine Frage beantwortete sich von selbst, noch ehe er sie ganz ausgesprochen hatte. Die Tür flog erneut auf, und Harry zog sich unwillkürlich die Bettdecke so heftig ans Kinn, dass Hermine und Ginny vom Bett auf den Boden rutschten.
Eine junge Frau stand im Eingang, eine Frau von so atemberaubender Schönheit, dass das Zimmer auf einmal merkwürdig luftleer wirkte. Sie war groß und gertenschlank, hatte langes blondes Haar, und ein schwacher silbriger Glanz schien von ihr auszugehen. Wie um dieses Bild der Vollkommenheit perfekt zu machen, hielt sie ein schwer beladenes Frühstückstablett in den Händen.
»’Arry«, sagte sie mit kehliger Stimme. »Es ist suu lange ’er!«
Sie rauschte über die Schwelle auf ihn zu, und Mrs Weasley tauchte auf, die hinter ihr herhüpfte und ziemlich mürrisch aussah.
»Es wäre nicht nötig gewesen, das Tablett hochzubringen, das wollte ich gerade selber tun!«
»Es war mir ein Vergnügen«, sagte Fleur Delacour, legte das Tablett über Harrys Knie, stürzte sich dann auf ihn und küsste ihn auf beide Wangen: Er spürte, wie es an den Stellen brannte, wo ihr Mund ihn berührt hatte. »Isch ’ab misch danach gesehnt, ihn su se’en. Erinnerst du disch an meine Schwester Gabrielle? Sie redet dauernd nur von ’Arry Potter. Sie wird entsückt sein, disch wiedersuse’en.«
»Oh … ist sie auch hier?«, krächzte Harry.
»Non, non, dummer Junge«, sagte Fleur mit einem klingenden Lachen, »isch meine nächsten Sommer, wenn wir – aber weißt du das nischt?«
Ihre großen blauen Augen wurden noch größer, und sie sah vorwurfsvoll zu Mrs Weasley hinüber, die bemerkte: »Wir sind noch nicht dazu gekommen, es ihm zu sagen.«
Fleur drehte sich wieder zu Harry und schwenkte ihre silberne Haarmähne, so dass sie Mrs Weasley ins Gesicht peitschte.
»Bill und isch werden ’eiraten!«
»Oh«, sagte Harry tonlos. Es war nicht zu übersehen, dass Mrs Weasley, Hermine und Ginny es allesamt entschlossen vermieden, sich anzusehen. »Wow. Ähm – gratuliere!«
Sie stürzte sich wieder auf ihn und küsste ihn noch einmal.
»Bill ist im Moment sehr beschäftigt, er arbeitet sehr ’art, und isch arbeite nur Teilseit bei Gringotts für mein Englisch, also ’at er misch für ein paar Tage ’ier’ergebracht, damit isch seine Familie rischtisch kennen lerne. Isch ’ab misch so gefreut, als isch ge’ört ’ab, dass du kommst – es gibt ’ier nischt viel su tun, außer man mag Kochen und Küken! Also – genieß dein Frühstück, ’Arry!«
Mit diesen Worten drehte sie sich graziös um, schwebte förmlich aus dem Zimmer und schloss leise die Tür hinter sich.
Mrs Weasley machte ein Geräusch, das wie »Tscha!« klang.
»Mum hasst sie«, sagte Ginny leise.
»Ich hasse sie nicht!«, flüsterte Mrs Weasley ärgerlich. »Ich meine nur, dass sie es mit dieser Verlobung zu eilig hatten, das ist alles!«
»Sie kennen sich seit einem Jahr«, sagte Ron, der merkwürdig angeschlagen wirkte und auf die geschlossene Tür starrte.
»Also, das ist nicht sehr lang! Ich weiß natürlich, warum es passiert ist. Wegen dieser ganzen Unsicherheit, seit Du-weißt-schon-wer wieder zurück ist, die Leute denken, dass sie morgen schon tot sein könnten, also treffen sie alle möglichen überstürzten Entscheidungen, mit denen sie sich normalerweise Zeit lassen würden. Als er das letzte Mal mächtig war, war es genau dasselbe, wo du hinkamst, haben sich die Leute gegenseitig an den Hals geworfen –«
»Auch du und Dad«, sagte Ginny verschmitzt.
»Na ja, dein Vater und ich waren füreinander geschaffen, wieso hätten wir warten sollen?«, sagte Mrs Weasley. »Während Bill und Fleur … nun … was haben sie denn wirklich gemeinsam? Er ist ein fleißiger, bodenständiger Typ, sie dagegen ist –«
»Eine Kuh«, sagte Ginny und nickte. »Aber Bill ist gar nicht so bodenständig. Er ist ein Fluchbrecher, stimmt’s, er mag’s gern ein bisschen abenteuerlich, ein bisschen glamourös … Ich glaube, deshalb fährt er auf Schleim ab.«
»Hör auf, sie so zu nennen, Ginny«, sagte Mrs Weasley scharf, während Harry und Hermine lachten. »Also, ich geh jetzt besser … Iss dein Rührei, solang es noch warm ist, Harry.«
Sie verließ das Zimmer, offenbar vergrämt. Ron wirkte immer noch ein wenig durcheinander; er schüttelte probehalber den Kopf, wie ein Hund, der Wasser in den Ohren loswerden will.
»Gewöhnt man sich nicht an sie, wenn sie im selben Haus wohnt?«, fragte Harry.
»Doch, schon«, sagte Ron. »Aber wenn sie sich überraschend auf dich stürzt, wie vorhin …«
»Es ist erbärmlich«, sagte Hermine wütend, marschierte so weit wie möglich von Ron weg, bis sie die Wand erreichte, und drehte sich dann mit verschränkten Armen wieder zu ihm um.
»Du willst sie doch nicht im Ernst ständig um dich haben?«, fragte Ginny Ron ungläubig. Als er nur die Achseln zuckte, sagte sie: »Also, Mum wird dem ein Ende bereiten, wenn sie kann, da geh ich jede Wette mit dir ein.«
»Wie will sie das schaffen?«, fragte Harry.
»Sie bemüht sich ständig, dass Tonks zum Abendessen kommt. Ich glaube, sie hofft, dass Bill sich dann stattdessen in Tonks verliebt. Das hoffe ich auch, ich hätte viel lieber Tonks in der Familie.«
»Jaah, das wird sicher funktionieren«, sagte Ron sarkastisch. »Hör mal, kein Typ, der sie noch alle hat, wird sich in Tonks verknallen, solange Fleur in der Nähe ist. Ich meine, Tonks sieht okay aus, wenn sie nicht gerade blödsinnige Sachen mit ihrem Haar und ihrer Nase anstellt, aber –«
»Sie ist verdammt viel netter als Schleim«, sagte Ginny.
»Und sie ist intelligenter, sie ist ein Auror!«, meldete sich Hermine aus der Ecke.
»Fleur ist nicht dumm, sie war so gut, dass sie es bis ins Trimagische Turnier geschafft hat«, sagte Harry.
»Du nicht auch noch!«, sagte Hermine verbittert.
»Ich schätze, du magst die Art, wie Schleim immer ›’Arry‹ sagt, was?«, bemerkte Ginny verächtlich.
»Nein«, erwiderte Harry und wünschte sofort, er hätte gar nichts gesagt. »Ich hab nur gesagt, dass Schleim – ich meine, Fleur –«
»Ich hätte viel lieber Tonks in der Familie«, sagte Ginny. »Sie ist wenigstens lustig.«
»In letzter Zeit war sie gar nicht so lustig«, stellte Ron fest. »Jedes Mal, wenn ich sie getroffen habe, sah sie eher aus wie die Maulende Myrte.«
»Das ist nicht fair«, fauchte Hermine. »Sie ist immer noch nicht über das weggekommen, was passiert ist … du weißt … ich meine, er war verwandt mit ihr!«
Harry wurde das Herz schwer. Sie waren bei Sirius angelangt. Er nahm eine Gabel und fing an, sich Rührei in den Mund zu schaufeln, in der Hoffnung, dass er damit jede Aufforderung abwehren konnte, sich an diesem Teil des Gesprächs zu beteiligen.
»Tonks und Sirius kannten sich kaum!«, sagte Ron. »Sirius war ihr halbes Leben lang in Askaban und davor haben sich ihre Familien nie getroffen –«
»Darum geht’s nicht«, sagte Hermine. »Sie meint, es war ihre Schuld, dass er umgekommen ist!«
»Wie kommt sie denn darauf?«, sagte Harry unwillkürlich.
»Na ja, sie hat schließlich gegen Bellatrix Lestrange gekämpft. Ich glaube, sie denkt, wenn sie Bellatrix nur erledigt hätte, dann hätte Bellatrix Sirius nicht töten können.«
»Das ist Unsinn«, erwiderte Ron.
»Das ist das Schuldgefühl der Überlebenden«, sagte Hermine. »Ich weiß, dass Lupin versucht hat, ihr das auszureden, aber sie ist immer noch ziemlich fertig. Sie hat sogar Schwierigkeiten mit ihrem Metamorphosieren!«
»Mit ihrem –?«
»Sie kann nicht mehr wie früher ihr Aussehen verändern«, erklärte Hermine. »Ich glaube, ihre Kräfte sind wahrscheinlich durch einen Schock oder irgendwas angegriffen worden.«
»Ich wusste nicht, dass so was passieren kann«, sagte Harry.
»Ich auch nicht«, erwiderte Hermine, »aber ich nehme an, wenn du wirklich deprimiert bist …«
Die Tür ging von neuem auf und Mrs Weasley steckte den Kopf herein.
»Ginny«, flüsterte sie, »komm runter und hilf mir mit dem Mittagessen.«
»Ich unterhalte mich gerade!«, sagte Ginny empört.
»Sofort!«, sagte Mrs Weasley und ging wieder.
»Sie will mich nur unten dabeihaben, damit sie nicht mit Schleim allein sein muss!«, sagte Ginny mürrisch. Sie schwenkte ihr langes rotes Haar ganz genau wie Fleur durch die Luft und tänzelte mit erhobenen Armen wie eine Ballerina quer durchs Zimmer.
»Ihr solltet besser auch schnell runterkommen«, sagte sie beim Hinausgehen.
Harry nutzte die zeitweilige Stille, um weiterzufrühstücken. Hermine spähte in Freds und Georges Kartons, warf jedoch ab und zu Seitenblicke auf Harry. Ron, der sich inzwischen von Harrys Toast bediente, starrte immer noch träumerisch auf die Tür.
»Was ist das denn?«, fragte Hermine schließlich und hielt etwas hoch, das wie ein kleines Teleskop aussah.
»Keine Ahnung«, sagte Ron, »aber wenn Fred und George es hiergelassen haben, ist es wahrscheinlich noch nicht fertig für den Scherzladen, also sei lieber vorsichtig.«
»Deine Mum meinte, dass der Laden gut läuft«, sagte Harry. »Fred und George hätten ein echtes Händchen für gute Geschäfte.«
»Das ist untertrieben«, sagte Ron. »Die schwimmen in Galleonen! Ich kann’s gar nicht erwarten, bis ich den Laden mal sehe. Wir waren noch nicht in der Winkelgasse, weil Mum will, dass Dad sicherheitshalber mitkommt, und der hatte in letzter Zeit bei der Arbeit so viel zu tun, aber es hört sich absolut spitze an.«
»Und was ist mit Percy?«, fragte Harry. Der drittälteste Weasley-Bruder hatte sich mit dem Rest der Familie zerstritten. »Redet er wieder mit deiner Mum und deinem Dad?«
»Von wegen«, sagte Ron.
»Aber er weiß, dass dein Dad die ganze Zeit über Recht hatte, wegen Voldemort, dass er jetzt zurück ist –«
»Dumbledore meint, dass es den Menschen viel leichter fällt, anderen zu verzeihen, wenn sie sich geirrt haben, als wenn sie Recht hatten«, sagte Hermine. »Ich hab gehört, wie er das zu deiner Mum gesagt hat, Ron.«
»Klingt ganz nach Dumbledore, diese Art von Weisheit«, sagte Ron.
»Er will mir dieses Jahr Einzelunterricht geben«, warf Harry beiläufig ein.
Ron verschluckte sich an seinem Stück Toast, und Hermine schnappte nach Luft.
»Das hast du uns verschwiegen!«, sagte Ron.
»Ist mir eben erst wieder eingefallen«, beteuerte Harry. »Er hat es mir letzte Nacht in eurem Besenschuppen gesagt.«
»Wahnsinn … Einzelunterricht bei Dumbledore!«, sagte Ron und sah beeindruckt aus. »Ich frag mich, warum er …?«
Seine Stimme erstarb. Harry sah ihn und Hermine Blicke austauschen. Er legte Messer und Gabel weg, und sein Herz pochte ziemlich schnell, wenn man bedachte, dass er nichts tat, außer im Bett zu sitzen. Dumbledore hatte gesagt, dass er es tun sollte … warum nicht jetzt? Er starrte seine Gabel an, die im Sonnenlicht glitzerte, das in seinen Schoß fiel, und sagte: »Ich weiß nicht genau, warum er mir Unterricht geben will, aber ich denke, es muss wegen der Prophezeiung sein.«
Weder Ron noch Hermine sagten etwas. Harry hatte den Eindruck, dass beide erstarrt waren. Er fuhr fort und sprach dabei nach wie vor zu seiner Gabel: »Ihr wisst schon, die sie versucht haben, aus dem Ministerium zu stehlen.«
»Aber keiner weiß, wie sie gelautet hat«, sagte Hermine rasch. »Sie ist zerbrochen.«
»Der Prophet behauptet allerdings –«, fing Ron an, doch Hermine machte »Schhh!«.
»Der Prophet hat Recht«, erwiderte Harry und sah unter großer Anstrengung zu den beiden auf: Hermine wirkte verängstigt und Ron verblüfft. »Die Glaskugel, die zerbrochen ist, war nicht die einzige Aufzeichnung der Prophezeiung. Ich hab alles in Dumbledores Büro gehört, ihm gegenüber wurde die Prophezeiung ausgesprochen, also konnte er es mir verraten. Der Prophezeiung zufolge«, Harry holte tief Luft, »bin ich wohl derjenige, der Voldemort erledigen muss … zumindest sagte sie, dass keiner von uns leben kann, während der Andere überlebt.«
Die drei schauten sich einen Moment lang schweigend an. Dann gab es einen lauten Knall und Hermine verschwand hinter einer schwarzen Rauchwolke.
»Hermine!«, riefen Harry und Ron; das Frühstückstablett rutschte vom Bett und krachte auf den Boden.
Hermine tauchte hustend aus dem Rauch auf, das Teleskop in den Händen und ein leuchtendes Veilchen am Auge.
»Ich hab es gedrückt und es – es hat mir einen Schlag verpasst!«, keuchte sie.
Und tatsächlich, jetzt sahen sie eine winzige Faust an einer langen Feder, die aus der Spitze des Teleskops herausragte.
»Keine Sorge«, sagte Ron, der sich offensichtlich das Lachen verkniff. »Mum kriegt das schon wieder hin, kleinere Verletzungen kann sie prima behandeln –«
»Ach was, ist jetzt nicht so wichtig!«, sagte Hermine hastig. »Harry, oh, Harry …«
Sie setzte sich wieder auf seinen Bettrand.
»Als wir aus dem Ministerium zurück waren, haben wir uns schon gefragt … Natürlich wollten wir nichts zu dir sagen, aber nach dem, was Lucius Malfoy über die Prophezeiung erzählt hat, dass sie dich und Voldemort betrifft, also, da dachten wir uns gleich, dass es so was sein könnte … oh, Harry …« Sie starrte ihn an, dann flüsterte sie: »Hast du Angst?«
»Inzwischen nicht mehr so viel«, sagte Harry. »Als ich sie zum ersten Mal gehört hab, schon … aber jetzt kommt es mir so vor, als hätte ich immer gewusst, dass ich ihm am Ende gegenübertreten muss …«
»Als wir hörten, dass Dumbledore dich persönlich abholt, dachten wir, dass er dir vielleicht etwas mitteilen oder etwas zeigen will, das mit der Prophezeiung zu tun hat«, sagte Ron eifrig. »Und irgendwie hatten wir Recht, nicht wahr? Er würde dir nicht Unterricht geben, wenn er dich schon aufgegeben hätte, er würde seine Zeit nicht verschwenden – er denkt ganz sicher, dass du eine Chance hast!«
»Das stimmt«, sagte Hermine. »Was er dir wohl beibringen wird, Harry? Richtig fortgeschrittene defensive Magie wahrscheinlich … wirkungsvolle Gegenflüche … Bannbrecher …«
Harry hörte nicht richtig zu. Eine Wärme breitete sich in ihm aus, die nichts mit dem Sonnenlicht zu tun hatte; etwas, das seine Brust eng zugeschnürt hatte, schien sich aufzulösen. Er wusste, dass Ron und Hermine schockierter waren, als sie sich anmerken ließen, doch dass sie nach wie vor hier, zu beiden Seiten seines Bettes, saßen, ihm mit aufmunternden Worten Trost spendeten und nicht vor ihm zurückwichen, als wäre er ansteckend oder gefährlich, allein diese Tatsache war mehr wert, als er ihnen je sagen konnte.
»… und die ganzen Ausweichzauber«, schloss Hermine. »Also, wenigstens kennst du ein Fach, das du dieses Jahr haben wirst, das ist eins mehr, als Ron und ich kennen. Wann kommen eigentlich unsere ZAG-Ergebnisse?«
»Kann nicht mehr lange dauern, es ist schon einen Monat her«, sagte Ron.
»Augenblick mal«, warf Harry ein, der sich gerade an einen weiteren Teil des Gesprächs der vergangenen Nacht erinnerte. »Ich glaube, Dumbledore hat gesagt, dass unsere ZAG-Ergebnisse heute kommen!«
»Heute?«, kreischte Hermine. »Heute? Aber warum hast du nicht – o mein Gott – das hättest du doch sagen müssen –«
Sie sprang auf.
»Ich schau mal nach, ob irgendwelche Eulen da sind …«
Doch als Harry zehn Minuten später nach unten kam, vollständig angezogen und mit seinem leeren Frühstückstablett in der Hand, fand er Hermine in heller Aufregung am Küchentisch sitzen, während Mrs Weasley sich darum bemühte, dass sie weniger wie ein halber Panda aussah.
»Da tut sich überhaupt nichts«, sagte Mrs Weasley besorgt. Sie stand über Hermine gebeugt, mit dem Zauberstab in der Hand und einer Ausgabe von Heilers Helferlein, das bei »Prellungen, Schnittwunden und Abschürfungen« aufgeschlagen war. »Das hat doch sonst immer geholfen, ich versteh es einfach nicht.«
»Sieht ganz nach der Art von Scherz aus, die Fred und George lustig finden, die würden dafür sorgen, dass es auch ja nicht mehr weggeht«, sagte Ginny.
»Aber es muss weggehen!«, piepste Hermine. »Ich kann doch nicht bis in alle Ewigkeit so rumlaufen!«
»Das wirst du auch nicht, meine Liebe, wir finden schon ein Gegenmittel, mach dir keine Sorgen«, beschwichtigte sie Mrs Weasley.
»Bill ’at mir gesagt, wie sehr amusant Fred und Schorsch sind!«, sagte Fleur mild lächelnd.
»Ja, ich krieg kaum noch Luft vor Lachen!«, fauchte Hermine.
Sie sprang auf und begann in der Küche im Kreis herumzugehen, die Finger ineinander verschlungen.
»Mrs Weasley, sind Sie sich ganz, ganz sicher, dass heute Morgen keine Eulen angekommen sind?«
»Ja, meine Liebe, das hätte ich bemerkt«, sagte Mrs Weasley geduldig. »Aber es ist noch nicht mal neun, da ist noch genug Zeit …«
»Ich weiß, dass ich Alte Runen vermasselt hab«, murmelte Hermine fieberhaft, »ich hab bestimmt mindestens einen schweren Übersetzungsfehler gemacht. Und der praktische Teil in Verteidigung gegen die dunklen Künste ging völlig daneben. Ich dachte zuerst, Verwandlung wäre gut gelaufen, aber jetzt im Nachhinein –«
»Hermine, halt mal den Mund, du bist nicht die Einzige, die nervös ist!«, bellte Ron. »Und wenn du deine zehn ›Ohnegleichen‹-ZAGs hast …«
»Hör auf, hör auf, hör auf!«, rief Hermine und wedelte hysterisch mit den Händen durch die Luft. »Ich bin ganz bestimmt überall durchgefallen!«
»Was passiert, wenn wir durchfallen?«, fragte Harry in die Runde, doch es war wieder Hermine, die antwortete.
»Wir besprechen mit unserem Hauslehrer, wie unsere weiteren Möglichkeiten aussehen; ich hab am Ende des letzten Jahres Professor McGonagall danach gefragt.«
Harrys Magen verkrampfte sich. Er bereute, dass er so viel gefrühstückt hatte.
»In Beauxbatons«, sagte Fleur selbstgefällig, »’aben wir es anders gemacht. Isch denke, es war besser. Wir ’atten unsere Prüfungen nach sechs Jahren Studium, nischt fünf, und dann –«
Fleurs Worte gingen in einem Schrei unter. Hermine wies zum Küchenfenster hinaus. Drei schwarze Flecken waren deutlich am Himmel zu erkennen, sie wurden immer größer.
»Das sind eindeutig Eulen«, sagte Ron heiser, sprang auf und stellte sich neben Hermine ans Fenster.
»Und es sind drei«, sagte Harry und eilte an ihre andere Seite.
»Eine für jeden von uns«, flüsterte Hermine entsetzt. »O nein … o nein … o nein …«
Sie packte Harry und Ron fest an den Ellbogen.
Die Eulen flogen direkt auf den Fuchsbau zu, es waren drei hübsche Waldkäuze, und als sie über dem Weg zum Haus hin tiefer flogen, konnte man sehen, dass jede von ihnen einen großen rechteckigen Umschlag trug.
»O nein«, schrie Hermine.
Mrs Weasley zwängte sich an ihnen vorbei und öffnete das Küchenfenster. Eins, zwei, drei, rauschten die Eulen hindurch und landeten ordentlich in einer Reihe auf dem Tisch. Alle drei hoben ihr rechtes Bein.
Harry trat vor. Der an ihn adressierte Brief war am Bein der mittleren Eule befestigt. Er band ihn mit ungeschickten Fingern los. Links von ihm versuchte Ron gerade sein eigenes Zeugnis abzukriegen; rechts von ihm bebten Hermines Hände dermaßen, dass sie ihre ganze Eule zum Zittern brachte.
Niemand in der Küche sprach ein Wort. Endlich schaffte es Harry, den Umschlag abzulösen. Er schlitzte ihn rasch auf und faltete das Pergament darin auseinander.
ERGEBNIS DER ZAUBERERGRAD-PRÜFUNGEN
Bestanden mit den Noten:
Nicht bestanden mit den Noten:
Ohnegleichen (O)
Mies (M)
Erwartungen übertroffen (E)
Schrecklich (S)
Annehmbar (A)
Troll (T)
HARRY JAMES POTTER hat folgende Noten erlangt:
Astronomie: .................................. A
Pflege magischer Geschöpfe: .................................. E
Zauberkunst: .................................. E
Verteidigung gegen die dunklen Künste: .................................. O
Wahrsagen: .................................. M
Kräuterkunde: .................................. E
Geschichte der Zauberei: .................................. S
Zaubertränke: .................................. E
Verwandlung: .................................. E
Harry las das Pergament mehrmals durch und mit jedem Mal wurde ihm leichter ums Herz. Es war schon in Ordnung: Er hatte immer gewusst, dass er in Wahrsagen durchfallen würde, und er hatte keine Chance gehabt, in Geschichte der Zauberei durchzukommen, schließlich war er ja mitten in der Prüfung zusammengebrochen – aber alles andere hatte er bestanden! Er fuhr mit dem Finger die Noten entlang … er hatte in Verwandlung und Kräuterkunde gut abgeschnitten und sogar in Zaubertränke die Erwartungen übertroffen! Und das Beste von allem war, dass er in Verteidigung gegen die dunklen Künste ein »Ohnegleichen« geschafft hatte!
Er sah sich um. Hermine hatte ihm den Rücken zugewandt und den Kopf gesenkt, aber Ron schien sich zu freuen.
»Bin nur in Wahrsagen und Zaubereigeschichte durchgefallen, und wen juckt das schon?«, sagte er glücklich zu Harry. »Hier – tauschen –«
Harry warf einen Blick auf Rons Noten: Ein »Ohnegleichen« war nicht dabei …
»Ich wusste, dass du in Verteidigung gegen die dunklen Künste spitze bist«, sagte Ron und schlug Harry auf die Schulter. »Wir haben’s gepackt, stimmt’s?«
»Gut gemacht!«, sagte Mrs Weasley stolz und verstrubbelte Ron die Haare. »Sieben ZAGs, das sind mehr, als Fred und George zusammen hatten!«
»Hermine?«, sagte Ginny behutsam, denn Hermine hatte sich immer noch nicht umgedreht. »Wie ist es bei dir gelaufen?«
»Ich – nicht schlecht«, sagte Hermine kleinlaut.
»Jetzt hör aber auf«, sagte Ron, ging zu ihr hinüber und riss ihr das Zeugnis aus der Hand. »Jep – neun ›Ohnegleichen‹, und ein ›Erwartungen übertroffen‹ in Verteidigung gegen die dunklen Künste.« Er schaute zu ihr hinunter, halb belustigt, halb wütend. »Du bist tatsächlich enttäuscht, stimmt’s?«
Hermine schüttelte den Kopf, aber Harry lachte.
»Also, jetzt sind wir UTZ-Schüler!« Ron grinste. »Mum, sind noch Würstchen da?«
Harry sah sich wieder seine Ergebnisse an. Mehr hatte er sich wirklich nicht erhoffen können. Er spürte nur einen winzigen Stich … schade, dies war das Ende seines Wunschtraums, ein Auror zu werden. Er hatte die erforderliche Note in Zaubertränke nicht geschafft. Er hatte die ganze Zeit gewusst, dass er das nicht schaffen würde, und trotzdem spürte er ein flaues Gefühl im Magen, als er noch einmal auf das kleine schwarze »E« blickte.
Eigentlich seltsam, es war ein maskierter Todesser gewesen, der Harry zum ersten Mal gesagt hatte, dass aus ihm ein guter Auror werden könnte, aber irgendwie hatte ihn diese Vorstellung nicht mehr losgelassen, und ihm fiel so recht nichts anderes ein, was er gerne werden wollte. Außerdem kam es ihm wie seine wahre Berufung vor, seit er vor einem Monat die Prophezeiung gehört hatte … keiner kann leben, während der Andere überlebt … würde er der Prophezeiung nicht gerecht werden und sich die besten Überlebenschancen sichern, wenn er sich diesen hervorragend geschulten Zauberern anschließen könnte, deren Aufgabe es war, Voldemort zu finden und zu töten?
Dracos Abstecher
Harry verließ in den nächsten Wochen den Fuchsbau und seinen Garten nicht. Er verbrachte seine Tage meist damit, im Obstgarten der Weasleys zwei gegen zwei Quidditch zu spielen (er und Hermine gegen Ron und Ginny; Hermine war katastrophal und Ginny gut, also waren sie einigermaßen gleich stark), an den Abenden aß er drei Portionen von allem, was Mrs Weasley ihm auftischte.
Es wären glückliche, friedliche Ferien gewesen, wenn nicht fast täglich Berichte über verschwundene Leute, merkwürdige Unfälle, ja sogar über Todesfälle im Tagespropheten erschienen wären. Manchmal brachten Bill und Mr Weasley Neuigkeiten mit nach Hause, ehe sie überhaupt in die Zeitung gelangten. Zu Mrs Weasleys Missfallen wurde die Feier von Harrys sechzehntem Geburtstag von grausigen Nachrichten überschattet; Remus Lupin brachte sie mit, der ausgezehrt und verbittert wirkte, das braune Haar voller grauer Strähnen, die Kleider zerlumpter und geflickter denn je.
»Es gab noch ein paar weitere Dementorenangriffe«, verkündete er, als Mrs Weasley ihm ein großes Stück Geburtstagskuchen reichte. »Und man hat Igor Karkaroffs Leiche in einer Hütte oben im Norden gefunden. Sie haben das Dunkle Mal darüber aufsteigen lassen – also, ehrlich gesagt, wundert es mich, dass er ein ganzes Jahr überlebt hat, nachdem er die Todesser verließ. Sirius’ Bruder Regulus hat es nur ein paar Tage geschafft, soweit ich mich erinnere.«
»Nun ja«, sagte Mrs Weasley stirnrunzelnd, »vielleicht sollten wir über was anderes –«
»Hast du das mit Florean Fortescue gehört, Remus?«, fragte Bill, dem Fleur dauernd neuen Wein eingoss. »Der Mann, der den –«
»– Eissalon in der Winkelgasse hat?«, unterbrach ihn Harry mit einem unangenehmen, dumpfen Gefühl in der Magengrube. »Er hat mir immer Eis geschenkt. Was ist mit ihm passiert?«
»Wurde verschleppt, so, wie es in seinem Laden aussieht.«
»Weshalb?«, fragte Ron, während Mrs Weasley Bill einen wütenden Blick zuwarf.
»Wer weiß? Er muss sie irgendwie geärgert haben. War ein guter Kerl, Florean.«
»Da wir gerade von der Winkelgasse sprechen«, sagte Mr Weasley, »sieht aus, als wäre Ollivander auch verschwunden.«
»Der Zauberstabmacher?«, sagte Ginny mit bestürzter Miene.
»Genau. Der Laden ist leer. Keine Spur von einem Kampf. Keiner weiß, ob er freiwillig gegangen ist oder entführt wurde.«
»Aber Zauberstäbe – was machen die Leute ohne Zauberstäbe?«
»Die werden sich mit anderen Herstellern begnügen«, sagte Lupin. »Aber Ollivander war der beste, und wenn die andere Seite ihn hat, ist das nicht gerade gut für uns.«
Am Tag nach diesem ziemlich düsteren Geburtstagstee kamen ihre Briefe und Bücherlisten aus Hogwarts an. Für Harry war eine Überraschung dabei: Er war zum Quidditch-Kapitän ernannt worden.
»Damit hast du den gleichen Rang wie ein Vertrauensschüler!«, rief Hermine glücklich. »Jetzt kannst du unser spezielles Badezimmer benutzen und alles!«
»Wow, ich weiß noch, wie Charlie so eins getragen hat«, sagte Ron und betrachtete freudig das Abzeichen. »Harry, das ist so was von cool, du bist mein Kapitän – vorausgesetzt, du holst mich wieder in die Mannschaft, haha …«
»Nun, ich denke, wir können einen Besuch in der Winkelgasse nicht mehr länger aufschieben, jetzt, wo ihr die habt«, seufzte Mrs Weasley mit Blick auf Rons Bücherliste. »Wir gehen am Samstag, falls euer Vater nicht wieder zur Arbeit muss. Ohne ihn geh ich nicht dorthin.«
»Mum, glaubst du wirklich, Du-weißt-schon-wer versteckt sich hinter einem Bücherregal bei Flourish & Blotts?«, sagte Ron kichernd.
»Fortescue und Ollivander sind also im Urlaub?«, erwiderte Mrs Weasley, die sofort wütend wurde. »Wenn du denkst, mit der Sicherheitsfrage lässt sich spaßen, dann kannst du hierbleiben und ich besorg dir deine Sachen alleine –«
»Nein, ich will mitkommen, ich will den Laden von Fred und George sehen!«, sagte Ron hastig.
»Dann reiß dich zusammen, junger Mann, sonst beschließe ich, dass du zu kindisch bist, um mit uns zu kommen!«, sagte Mrs Weasley verärgert, schnappte sich ihre Uhr, deren neun Zeiger alle immer noch auf tödliche Gefahr deuteten, und legte sie oben auf einen Stapel frisch gewaschener Handtücher. »Und das gilt auch für deine Rückkehr nach Hogwarts!«
Ron wandte sich zu Harry um und starrte ihn ungläubig an, während seine Mutter den Wäschekorb und die kippelnde Uhr hochhob und aus dem Zimmer stürmte.
»Meine Güte … hier kann man ja nicht mal mehr einen Witz machen …«
Aber Ron war in den folgenden Tagen sorgsam darauf bedacht, sich nicht über Voldemort lustig zu machen. Der Samstag brach an ohne weitere Wutanfälle von Mrs Weasley, obwohl sie beim Frühstück sehr angespannt schien. Bill, der mit Fleur zu Hause bleiben würde (zur besonderen Freude von Hermine und Ginny), reichte Harry einen Beutel voller Geld über den Tisch.
»Wo ist meins?«, wollte Ron sofort wissen, die Augen weit aufgerissen.
»Das gehört doch Harry, Idiot«, sagte Bill. »Ich hab es dir aus deinem Verlies geholt, Harry, denn zurzeit dauert es für normale Kunden etwa fünf Stunden, bis sie an ihr Gold kommen, die Kobolde haben die Sicherheitsmaßnahmen derart verschärft. Vor zwei Tagen bohrten sie Arkie Philpott eine Seriositätssonde in den … Also, glaub mir, es ist einfacher so.«
»Danke, Bill«, sagte Harry und steckte sein Gold ein.
»Er ist immer so suvorkommend«, schnurrte Fleur voller Bewunderung und streichelte Bills Nase. Hinter Fleur tat Ginny so, als müsste sie sich in ihr Müsli erbrechen. Harry verschluckte sich an seinen Cornflakes und Ron klopfte ihm auf den Rücken.
Es war ein trüber, nebliger Tag. Als sie sich die Umhänge überzogen und aus dem Haus traten, erwartete sie vorn auf dem Hof einer der Spezialwagen des Ministeriums, mit dem Harry früher schon einmal gefahren war.
»Gut, dass Dad uns die jetzt wieder besorgen kann«, sagte Ron anerkennend und streckte sich genüsslich, während der Wagen sich zügig vom Fuchsbau entfernte, wo Bill und Fleur noch aus dem Küchenfenster winkten. Er, Harry, Hermine und Ginny saßen alle bequem auf dem geräumigen, breiten Rücksitz.
»Gewöhnt euch nicht daran, das ist nur wegen Harry«, sagte Mr Weasley über die Schulter. Er und Mrs Weasley saßen vorne beim Fahrer des Ministeriums; der Vordersitz hatte sich gefügig zu einer Art Zweisitzersofa ausgestreckt. »Für ihn gilt die höchste Sicherheitsstufe. Und im Tropfenden Kessel bekommen wir dann auch noch Verstärkung.«
Harry sagte nichts; er hatte keine sonderliche Lust, seine Einkäufe zu erledigen, wenn ein Bataillon Auroren um ihn herum war. Er hatte seinen Tarnumhang im Rucksack verstaut und war der Meinung, wenn Dumbledore den für ausreichend hielt, dann sollte er auch dem Ministerium reichen, doch jetzt, wo er darüber nachdachte, war er gar nicht sicher, ob das Ministerium überhaupt von seinem Tarnumhang wusste.
»Nun, da sind wir«, sagte der Fahrer, der bisher kein Wort gesprochen hatte, erstaunlich wenig später, bremste in der Charing Cross Road und hielt vor dem Tropfenden Kessel. »Ich soll auf Sie warten, wissen Sie ungefähr, wie lange Sie brauchen?«
»Zwei Stunden, schätze ich«, sagte Mr Weasley. »Ah, schön, er ist da!«
Harry spähte wie Mr Weasley aus dem Fenster; sein Herz machte einen Hüpfer. Vor dem Pub warteten keine Auroren, sondern die riesige Gestalt von Rubeus Hagrid, dem schwarzbärtigen Wildhüter von Hogwarts, in einer langen Biberpelzjacke. Als er Harrys Gesicht sah, strahlte er, ohne die verdutzten Blicke der vorübergehenden Muggel zu bemerken.
»Harry!«, dröhnte er, und kaum war Harry aus dem Wagen gestiegen, schloss Hagrid ihn auch schon in eine knochenbrecherische Umarmung. »Seidenschnabel – Federflügel, meine ich –, du solltest ihn sehn, Harry, er is’ so glücklich, dass er wieder an der frischen Luft ist –«
»Bin froh, dass es ihm gut geht«, sagte Harry und massierte sich grinsend die Rippen. »Wir wussten nicht, dass du die so genannte ›Verstärkung‹ bist!«
»Ich weiß, genau wie in alten Zeiten, nich wahr? Das Ministerium wollt dir ’nen Haufen Auroren schicken, verstehst du, aber Dumbledore meinte, ich würd reichen«, sagte Hagrid stolz, warf sich in die Brust und steckte seine Daumen in die Taschen. »Na dann mal los – nach euch, Molly, Arthur –«
Der Tropfende Kessel war zum ersten Mal, soweit Harry sich erinnern konnte, vollkommen leer. Nur Tom, der verhutzelte und zahnlose Wirt, war von der alten Truppe übrig geblieben. Er blickte hoffnungsvoll auf, als sie eintraten, doch ehe er etwas sagen konnte, verkündete Hagrid wichtigtuerisch: »Wir gehn heut nur durch, Tom, verstehst du sicher. In Sachen Hogwarts, weißt du.«
Tom nickte betrübt und fing wieder an Gläser zu wischen. Harry, Hermine, Hagrid und die Weasleys gingen durch den Schankraum hinaus auf den kühlen kleinen Hinterhof, wo die Mülleimer standen. Hagrid hob seinen rosa Schirm und schlug gegen einen bestimmten Stein in der Wand, die sich sofort zu einem Durchgang auf eine gewundene, gepflasterte Straße öffnete. Sie traten durch den Eingang und blieben dann stehen, um sich umzusehen.
Die Winkelgasse hatte sich verändert. Die bunten, glitzernden Schaufensterauslagen mit Zauberbüchern, Zaubertrankzutaten und Kesseln waren verschwunden, versteckt hinter großen Plakaten des Zaubereiministeriums, die über die Scheiben geklebt waren. Die meisten dieser dunkelvioletten Plakate waren eine vergrößerte Version der Merkblätter mit den Sicherheitsratschlägen, die das Ministerium den Sommer über verschickt hatte, doch andere zeigten bewegte Schwarzweißfotos von Todessern, die bekanntermaßen auf freiem Fuß waren. Bellatrix Lestrange grinste höhnisch von der Vorderfront der nächsten Apotheke herunter. Einige Fenster waren mit Brettern zugenagelt, darunter die von Florean Fortescues Eissalon. Auf der anderen Seite waren eine Reihe schäbig wirkender Stände entlang der Straße aus dem Boden geschossen. Am nächsten Stand, der vor Flourish & Blotts unter einer gestreiften, fleckigen Markise aufgebaut worden war, war vorn ein Pappschild befestigt:
Amulette:
Wirksam gegen Werwölfe, Dementoren und Inferi
Ein elend aussehender kleiner Zauberer rasselte mit Armen voller silberner Amulettkettchen, wenn Passanten vorüberkamen.
»Eins für Ihr kleines Mädchen, Madam?«, rief er Mrs Weasley zu, als sie vorbeigingen, und schielte grinsend nach Ginny. »Damit ihr hübscher Hals geschützt ist?«
»Wenn ich im Dienst wäre …«, sagte Mr Weasley und funkelte den Amulettverkäufer zornig an.
»Ja, aber jetzt wirst du niemanden verhaften, Liebling, wir haben’s eilig«, sagte Mrs Weasley und sah nervös auf eine Liste. »Ich denke, wir gehen am besten erst mal zu Madam Malkin, Hermine will einen neuen Festumhang und bei Rons Schulumhang schaut unten schon viel zu viel Knöchel raus, und du wirst auch einen neuen brauchen, Harry, du bist so gewachsen – nun kommt alle –«
»Molly, es ist Unsinn, wenn wir alle zu Madam Malkin gehen«, sagte Mr Weasley. »Warum gehen die drei hier nicht mit Hagrid, und wir können inzwischen zu Flourish & Blotts und die Schulbücher für alle besorgen?«
»Ich weiß nicht«, sagte Mrs Weasley besorgt, offensichtlich hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, die Einkäufe rasch zu erledigen, und dem Bemühen, im Rudel zusammenzubleiben. »Hagrid, meinst du –?«
»Keine Bange, Molly, mit mir zusamm’ passiert denen nichts«, sagte Hagrid beschwichtigend und wedelte lässig mit seiner mülleimerdeckelgroßen Hand. Mrs Weasley wirkte nicht ganz überzeugt, willigte jedoch ein, dass sie sich trennten, und huschte mit ihrem Mann und Ginny davon zu Flourish & Blotts, während sich Harry, Ron, Hermine und Hagrid auf den Weg zu Madam Malkin machten.
Harry fiel auf, dass viele der Leute, denen sie begegneten, den gleichen gehetzten und besorgten Gesichtsausdruck hatten wie Mrs Weasley und dass niemand mehr anhielt, um zu plaudern; die Passanten blieben in engen Grüppchen beisammen und erledigten zielstrebig ihre Besorgungen. Niemand schien allein auf Einkaufstour zu sein.
»Wird vielleicht ’n bisschen eng dadrin mit uns allen«, sagte Hagrid, als er vor Madam Malkins Laden stehen blieb und gebückt durch das Fenster spähte. »Ich halt draußen Wache, alles klar?«
So betraten Harry, Ron und Hermine zusammen den kleinen Laden. Auf den ersten Blick schien er leer, doch kaum war die Tür hinter ihnen zugeschwungen, da hörten sie auch schon eine vertraute Stimme hinter einem Kleiderständer mit flitterbesetzten grünen und blauen Festumhängen.
»… kein Kind mehr, falls dir das noch nicht aufgefallen ist, Mutter. Ich bin durchaus in der Lage, meine Einkäufe allein zu erledigen.«
Ein schnalzendes Geräusch ertönte, und eine Stimme, die Harry als die von Madam Malkin erkannte, sagte: »Nun, mein Lieber, deine Mutter hat vollkommen Recht, keiner von uns sollte mehr allein herumlaufen, das hat nichts damit zu tun, ob man ein Kind ist –«
»Passen Sie auf, wo Sie die Nadel hinstecken, ja!«
Ein Junge im Teenageralter mit bleichem, spitzem Gesicht und weißblondem Haar tauchte hinter dem Kleiderständer auf, er trug einen hübschen dunkelgrünen Umhang, der am Saum und an den Ärmelrändern mit glitzernden Nadeln gespickt war. Der Junge schritt zum Spiegel und begutachtete sich; es dauerte einige Augenblicke, bis er Harry, Ron und Hermine über seiner Schulter im Spiegel bemerkte. Seine hellgrauen Augen verengten sich.
»Wenn du dich wunderst, was hier so komisch riecht, Mutter – eine Schlammblüterin ist gerade reingekommen«, sagte Draco Malfoy.
»Ich glaube nicht, dass es nötig ist, einen solchen Ton anzuschlagen!«, sagte Madam Malkin und trippelte mit einem Maßband und einem Zauberstab hinter dem Kleiderständer hervor. »Und ich verbitte es mir auch, dass in meinem Laden Zauberstäbe gezogen werden!«, fügte sie hastig hinzu, denn mit einem Blick hinüber zur Tür hatte sie erfasst, dass Harry und Ron beide mit gezückten Zauberstäben dastanden und auf Malfoy zielten.
Hermine stand dicht hinter ihnen und flüsterte: »Nein, nicht, ehrlich, das ist es nicht wert …«
»Jaah, als ob ihr es wagen würdet, außerhalb der Schule zu zaubern«, höhnte Malfoy. »Wer hat dir ein Veilchen verpasst, Granger? Dem würd ich gern Blumen schicken.«
»Nun ist es aber genug!«, sagte Madam Malkin schneidend und blickte Hilfe suchend über ihre Schulter. »Madam – bitte –«
Narzissa Malfoy schlenderte hinter dem Kleiderständer hervor.
»Steckt die weg«, sagte sie kühl zu Harry und Ron. »Wenn ihr meinen Sohn noch ein Mal angreift, dann sorge ich dafür, dass es das Letzte ist, was ihr jemals tun werdet.«
»Wirklich?«, sagte Harry, trat einen Schritt vor und blickte in ihr glattes arrogantes Gesicht, das trotz all seiner Blässe doch dem ihrer Schwester ähnelte. Harry war inzwischen so groß wie sie. »Sie holen einfach ein paar von Ihren Todesserkumpels, um uns fertigzumachen, was?«
Madam Malkin schrie auf und griff sich ans Herz.
»Also wirklich, diesen Vorwurf solltest du nicht – gefährlich, so etwas zu sagen – die Zauberstäbe weg, bitte!«
Aber Harry ließ seinen Zauberstab nicht sinken. Narzissa Malfoy lächelte feindselig.
»Seit Sie Dumbledores Liebling sind, haben Sie offenbar ein falsches Gefühl der Sicherheit bekommen, Harry Potter. Aber Dumbledore wird nicht immer da sein, um Sie zu beschützen.«
Harry blickte sich mit spöttischer Miene im ganzen Laden um.
»Wow … sehen Sie nur … er ist jetzt gar nicht da! Also, warum nicht mal einen Versuch riskieren? Vielleicht findet sich in Askaban ja eine Doppelzelle für Sie und Ihren Mann, den Versager!«
Malfoy machte einen zornigen Schritt auf Harry zu, stolperte jedoch über seinen allzu langen Umhang. Ron lachte laut auf.
»Wag es nicht, so mit meiner Mutter zu sprechen, Potter!«, knurrte Malfoy.
»Schon gut, Draco«, sagte Narzissa und legte ihm beschwichtigend ihre dünnen weißen Finger auf die Schulter. »Ich schätze, Potter wird wieder mit dem lieben Sirius vereint sein, noch ehe ich mit Lucius vereint bin.«
Harry hob den Zauberstab höher.
»Harry, nein!«, stöhnte Hermine, packte ihn am Arm und versuchte den Stab seitlich hinunterzudrücken. »Überleg doch … du darfst nicht … du kriegst dermaßen Ärger …«
Madam Malkin blieb einen Moment lang schwankend stehen, dann entschloss sie sich offenbar, so zu tun, als ob nichts wäre, in der Hoffnung, es wäre wirklich nichts. Sie beugte sich zu Malfoy, der Harry immer noch böse anstarrte.
»Ich denke, dieser linke Ärmel könnte noch ein wenig kürzer sein, mein Lieber, darf ich mal?«
»Autsch!«, brüllte Malfoy und schlug ihre Hand weg, »passen Sie auf, wo Sie Ihre Nadeln hintun, Frau! Mutter – ich glaub, ich will den nicht mehr –«
Er zog sich den Umhang über den Kopf und warf ihn Madam Malkin vor die Füße.
»Du hast Recht, Draco«, sagte Narzissa mit einem verächtlichen Blick auf Hermine, »jetzt weiß ich, was für Abschaum hier einkauft … mit Twilfitt und Tatting sind wir sicher besser bedient.«
Und mit diesen Worten marschierten die beiden aus dem Laden, wobei Malfoy es unterwegs nicht versäumte, Ron so fest er konnte anzurempeln.
»Also wirklich!«, sagte Madam Malkin, hob den Umhang vom Boden auf und fuhr mit der Spitze ihres Zauberstabs wie mit einem Staubsauger darüber, um ihn zu säubern.
Sie war vollkommen zerstreut, während sie Ron und Harry die neuen Umhänge anpasste, versuchte, Hermine einen Festumhang für Zauberer statt einen für Hexen zu verkaufen, und als sie die drei schließlich mit einer Verbeugung aus dem Laden verabschiedete, machte sie ein Gesicht, als wäre sie froh, sie endlich los zu sein.
»Habt ihr alles?«, fragte Hagrid munter, als sie wieder bei ihm waren.
»Fast«, sagte Harry. »Hast du die Malfoys gesehen?«
»Jaah«, sagte Hagrid unbekümmert. »Aber die würden’s nich wagen, mitten in der Winkelgasse Ärger zu machen, Harry, mach dir keine Sorgen wegen den’n.«
Harry, Ron und Hermine tauschten Blicke, doch ehe sie Hagrid von dieser angenehmen Vorstellung befreien konnten, tauchten Mr und Mrs Weasley und Ginny auf, alle mit schweren Buchpaketen in den Händen.
»Alles in Ordnung bei euch?«, fragte Mrs Weasley. »Habt ihr eure Umhänge? Gut, dann können wir auf dem Weg zu Fred und George noch in der Apotheke und bei Eeylops vorbeischauen – bleibt jetzt eng zusammen …«
Weder Harry noch Ron kauften in der Apotheke irgendwelche Zutaten, da sie keinen Zaubertrankunterricht mehr haben würden, aber in Eeylops Eulenkaufhaus besorgten sie sich beide große Schachteln mit Eulennüssen für Hedwig und Pigwidgeon. Dann, während Mrs Weasley praktisch jede Minute auf ihre Uhr sah, gingen sie weiter die Straße entlang auf der Suche nach Weasleys Zauberhafte Zauberscherze, dem Scherzladen von Fred und George.
»Wir haben wirklich nicht allzu viel Zeit«, sagte Mrs Weasley. »Deshalb schauen wir uns nur kurz um und gehen dann gleich zum Wagen zurück. Es kann nicht mehr weit sein, das ist Nummer zweiundneunzig … vierundneunzig …«
»Woah«, machte Ron und blieb wie angewurzelt stehen.
Zwischen den langweiligen, mit Plakaten zugeklebten Ladenfronten um sie her stachen Freds und Georges Fenster ins Auge wie ein Feuerwerk. Leute, die zufällig vorübergingen, sahen über ihre Schulter auf die Fenster zurück, und einige recht verdutzt wirkende Passanten waren tatsächlich wie gebannt stehen geblieben. Das linke Fenster quoll über von einem ganzen Sortiment von Gegenständen, die kreiselten, knallten, blitzten, hüpften und kreischten; schon der bloße Anblick ließ Harrys Augen tränen. Das rechte Fenster wurde von einem gigantischen Plakat bedeckt, violett wie die des Ministeriums, doch mit knallgelben Buchstaben beschriftet:
Wen ängstigt noch Du-weißt-schon-wer?
Ihr solltet EHER Angst haben vor
DU-SCHEISST-NIE-MEHR –
der Verstopfungssensation, die die Nation in Atem hält!
Harry fing an zu lachen. Er hörte etwas wie ein schwaches Stöhnen hinter sich, und als er sich umdrehte, sah er Mrs Weasley entgeistert auf das Plakat starren. Ihre Lippen bewegten sich und formten stumm den Namen »Du-scheißt-nie-mehr«.
»Das kostet sie Kopf und Kragen!«, flüsterte sie.
»Nein, kostet es nicht!«, sagte Ron, der wie Harry lachen musste. »Das ist genial!«
Und er und Harry gingen voraus in den Laden. Der war brechend voll mit Kunden; Harry gelang es nicht einmal, in die Nähe der Regale zu kommen. Er starrte umher und blickte hoch zu den bis an die Decke gestapelten Kartons: Hier lagerten die Nasch-und-Schwänz-Leckereien, die von den Zwillingen während ihres letzten, abgebrochenen Schuljahrs in Hogwarts perfektioniert worden waren; Harry fiel auf, dass das Nasblutnugat am begehrtesten war, denn es war nur noch ein einziger lädierter Karton auf dem Regal übrig. Es gab körbeweise Trickzauberstäbe, die billigste Art verwandelte sich einfach in Gummiküken oder ein Paar Unterhosen, wenn man sie schwang; der teuerste schlug dem arglosen Benutzer um die Ohren; es gab Kartons mit Federkielen in den Sorten »Selbstauffüller«, »Rechtschreibchecker« und »Schlaue-Antwort«. Eine Lücke tat sich in der Menge auf, und Harry schob sich zur Theke durch, wo eine Schar entzückter Zehnjähriger dabei zusah, wie ein winziger hölzerner Mann langsam die Stufen zu einem richtigen Galgen mit Henker hinaufstieg, beide oben auf einem Karton mit der Aufschrift: »Wiederverwendbarer Henker – Bann ihn, oder er baumelt!«
»›Patentierte Tagtraumzauber …‹«
Hermine hatte es geschafft, sich zu einer großen Auslage nahe der Theke durchzuzwängen, und las die Informationen auf der Rückseite einer Schachtel, auf der grellbunt ein hübscher Junge und ein entzücktes Mädchen abgebildet waren, die an Deck eines Piratenschiffs standen.
»›Ein einfacher Zauberspruch, und schon versinkst du in einen hochwertigen, äußerst realistischen dreißigminütigen Tagtraum, der sich leicht in eine ganz normale Schulstunde einbauen lässt und so gut wie unaufspürbar ist (Nebenwirkungen unter anderem leerer Blick und leichtes Sabbern). Kein Verkauf an Personen unter sechzehn Jahren.‹ Weißt du«, sagte Hermine und sah zu Harry hoch, »das ist wirklich außergewöhnliche Magie!«
»Dafür«, sagte eine Stimme hinter ihnen, »kriegst du einen umsonst, Hermine.«
Fred stand strahlend vor ihnen, in einem magentafarbenen Umhang, der sich herrlich mit seinem flammend roten Haar biss.
»Wie geht’s, Harry?« Sie schüttelten sich die Hand. »Und was ist mit deinem Auge passiert, Hermine?«
»Dein boxendes Teleskop«, sagte sie trübselig.
»Oh, verdammt, die hab ich ganz vergessen«, sagte Fred. »Hier –«
Er zog eine Dose aus der Tasche und reichte sie ihr; sie schraubte behutsam den Deckel ab und eine dicke gelbe Paste kam zum Vorschein.
»Nur dünn auftragen, dann ist der Bluterguss in einer Stunde weg«, sagte Fred. »Wir mussten einen anständigen Blutergussbeseitiger finden, wir testen die meisten unserer Produkte an uns selbst.«
Hermine wirkte nervös. »Das ist doch ungefährlich, oder?«
»Natürlich«, sagte Fred ermunternd. »Komm mit, Harry, ich führ dich rum.«
Harry ließ Hermine stehen, die ihr Veilchen mit der Paste bestrich, und folgte Fred in den hinteren Teil des Ladens, wo er einen Ständer mit Karten- und Seiltricks entdeckte.
»Muggelzaubertricks!«, sagte Fred glücklich und zeigte sie ihm. »Für Verrückte wie Dad, weißt du, die auf Muggelsachen stehen. Das bringt nicht viel ein, aber wir machen damit ganz stabilen Umsatz, es sind tolle Neuerscheinungen … Oh, da ist George …«
Freds Zwillingsbruder schüttelte Harry energisch die Hand.
»Führst ihn wohl rum? Komm mit nach hinten, Harry, da machen wir richtig Geld – he du, wenn du was klaust, dann kostet dich das mehr als Galleonen!«, warnte er einen kleinen Jungen und der zog flugs die Hand aus der Dose mit der Aufschrift: »Essbare Dunkle Male – davon wird jedem schlecht!«
George schob einen Vorhang neben den Muggeltricks zurück und Harry sah einen dunkleren, nicht so überfüllten Raum. Die Verpackung der Waren, die hier auf den Regalen standen, war weniger auffällig.
»Wir haben gerade dieses etwas seriösere Sortiment entwickelt«, sagte Fred. »Witzig, wie es dazu kam …«
»Du glaubst nicht, wie viele Leute, selbst welche, die im Ministerium arbeiten, keinen vernünftigen Schildzauber zustande bringen«, sagte George. »’türlich haben die keinen Unterricht bei dir gekriegt, Harry.«
»Genau … nun, wir dachten, Schildhüte wären doch ganz lustig. Also, du forderst deinen Freund auf, dir einen Fluch auf den Hals zu jagen, während du einen davon trägst, und dann kannst du zusehen, wie er guckt, wenn der Fluch einfach abprallt. Aber das Ministerium hat fünfhundert Stück für seinen gesamten Außendienst gekauft! Und laufend kommen neue Riesenaufträge rein!«
»Deshalb haben wir expandiert und weitere Produktreihen entwickelt, Schildumhänge, Schildhandschuhe …«
»… Ich schätze, die würden nicht viel gegen Unverzeihliche Flüche ausrichten, aber für kleinere bis mittelschwere Flüche oder Verwünschungen …«
»Und dann beschlossen wir, in den ganzen Bereich Verteidigung gegen die dunklen Künste einzusteigen, denn das ist eine wahre Goldgrube«, fuhr George begeistert fort. »Das ist cool. Schau mal, Instant-Finsternispulver, das importieren wir aus Peru. Praktisch, wenn du einen schnellen Abgang machen willst.«
»Und unsere Bluffknaller gehen von den Regalen wie nichts, schau mal«, sagte Fred und deutete auf eine Reihe schwarzer, verrückt aussehender hupenartiger Gegenstände, die tatsächlich versuchten davonzutrippeln. »Man lässt einfach einen heimlich fallen, dann rennt er weg und macht irgendwo außer Sichtweite einen hübschen Lärm, ein Ablenkungsmanöver, wenn man mal eins braucht.«
»Praktisch«, sagte Harry beeindruckt.
»Hier«, sagte George, nahm zwei und warf sie Harry zu.
Eine junge Hexe mit kurzem blondem Haar steckte den Kopf durch den Vorhang; Harry bemerkte, dass auch sie einen magentafarbenen Mitarbeiterumhang trug.
»Hier draußen ist ein Kunde, der nach einem Juxkessel sucht, Mr und Mr Weasley«, sagte sie.
Harry fand, dass es merkwürdig klang, wenn Fred und George als »Mr Weasley« bezeichnet wurden, aber sie nahmen es hin wie selbstverständlich.
»In Ordnung, Verity, ich komme«, sagte George prompt. »Harry, du nimmst dir einfach alles, was du willst, ja? Kostenlos.«
»Das kann ich nicht machen!«, sagte Harry, der bereits seinen Geldbeutel hervorgeholt hatte, um die Bluffknaller zu bezahlen.
»Du zahlst hier nichts«, sagte Fred entschieden und lehnte Harrys Gold mit einer lässigen Geste ab.
»Aber –«
»Du hast uns unseren Startkredit gegeben, das haben wir nicht vergessen«, sagte George unnachgiebig. »Nimm, was immer du magst, und denk einfach dran, den Leuten zu sagen, wo du es herhast, wenn sie dich fragen.«
George eilte durch den Vorhang hinaus, um beim Bedienen zu helfen, und Fred führte Harry zurück in den Hauptverkaufsraum, wo sie auf Hermine und Ginny stießen, die immer noch ganz gebannt vor den Patentierten Tagtraumzaubern standen.
»Habt ihr Mädchen etwa unsere speziellen Wunder-Hexe-Produkte noch nicht gesehen?«, fragte Fred. »Folgen Sie mir, Ladys …«
Nahe beim Fenster war eine Reihe von knallrosa Produkten aufgestellt, um die sich ein Knäuel aufgeregter, begeistert kichernder Mädchen gebildet hatte. Hermine und Ginny hielten sich mit argwöhnischer Miene zurück.
»Hier, bitte sehr«, sagte Fred stolz. »Die beste Auswahl an Liebestränken, die ihr weit und breit finden werdet.«
Ginny zog skeptisch eine Augenbraue hoch. »Wirken die?«
»Natürlich wirken die, bis zu vierundzwanzig Stunden am Stück, je nach Gewicht des betreffenden Jungen –«
»– und je nach Attraktivität des Mädchens«, sagte George, der plötzlich wieder neben ihnen auftauchte. »Aber an unsere Schwester verkaufen wir die nicht«, fügte er hinzu und wurde plötzlich streng, »nicht, wenn sie schon zirka fünf Jungs am Laufen hat, nach dem, was wir –«
»Was auch immer ihr von Ron gehört habt, ist eine dicke, fette Lüge«, sagte Ginny gelassen, beugte sich vor und nahm eine kleine rosa Tube aus dem Regal. »Was ist das?«
»Zehn-Sekunden-Pustel-Entferner mit Garantie«, sagte Fred. »Wirkt hervorragend bei allem Möglichen, Furunkel bis Mitesser, aber lenk jetzt nicht ab. Gehst du zurzeit mit einem Jungen namens Dean Thomas oder nicht?«
»Ja, allerdings«, sagte Ginny. »Und als ich das letzte Mal nachgeschaut hab, war er definitiv nur ein Junge, nicht fünf. Was ist das?«
Sie deutete auf eine Anzahl flaumiger Bällchen in verschiedenen Rosa- und Violetttönen, die auf dem Boden eines Käfigs umherrollten und schrille Quiektöne von sich gaben.
»Minimuffs«, sagte George. »Kleine Knuddelmuffs, wir können sie gar nicht schnell genug nachzüchten. Und was ist mit Michael Corner?«
»Ich hab mit ihm Schluss gemacht, er war ein schlechter Verlierer«, sagte Ginny, steckte einen Finger durch die Gitterstäbe des Käfigs und sah zu, wie sich die Minimuffs darumdrängten. »Die sind echt süß!«
»Die sind ziemlich knuddelig, ja«, räumte Fred ein. »Aber wechselst du deine Freunde nicht ein bisschen arg schnell?«
Ginny wandte sich um und sah ihn an, die Hände in die Hüften gestemmt. Sie hatte den typischen zornfunkelnden Mrs-Weasley-Blick aufgesetzt, so dass Harry sich wunderte, warum Fred nicht zurückwich.
»Das geht dich nichts an. Und dir wäre ich dankbar«, sagte sie wütend zu Ron, der gerade voll beladen mit Sachen an Georges Seite aufgetaucht war, »wenn du diesen beiden hier keine Geschichten mehr über mich erzählen würdest!«
»Das macht drei Galleonen, neun Sickel und einen Knut«, sagte Fred mit prüfendem Blick auf die vielen Schachteln in Rons Armen. »Her damit.«
»Ich bin dein Bruder!«
»Und das sind unsere Sachen, die du da klaust. Drei Galleonen, neun Sickel. Den Knut schenk ich dir.«
»Aber ich hab keine drei Galleonen und neun Sickel!«
»Dann stellst du am besten alles wieder zurück, und, bitte, in die richtigen Regale.«
Ron ließ mehrere Schachteln fallen, fluchte und machte in Freds Richtung eine rüde Geste, die unglücklicherweise Mrs Weasley mitbekam, als sie ausgerechnet in diesem Moment auftauchte.
»Wenn ich das noch mal bei dir sehe, hex ich dir die Finger zusammen«, sagte sie bissig.
»Mum, kann ich einen Minimuff haben?«, fragte Ginny sofort.
»Einen was?«, erwiderte Mrs Weasley misstrauisch.
»Schau mal, die sind so süß …«
Mrs Weasley ging ein Stück zur Seite, um sich die Minimuffs anzusehen, und Harry, Ron und Hermine hatten einen Moment lang einen ungehinderten Blick aus dem Fenster. Draco Malfoy eilte allein die Straße entlang. Als er an Weasleys Zauberhafte Zauberscherze vorüberging, schaute er kurz über die Schulter. Sekunden später war er am Fenster vorbei und sie verloren ihn aus den Augen.
»Wo wohl seine Mami ist?«, sagte Harry stirnrunzelnd.
»Wie’s aussieht, ist er ihr entwischt«, erwiderte Ron.
»Aber warum?«, sagte Hermine.
Harry sagte nichts; er dachte angestrengt nach. Narzissa Malfoy hatte ihren Schatz von einem Sohn bestimmt nicht freiwillig aus den Augen gelassen; Malfoy musste sich mit Müh und Not aus ihren Klauen befreit haben. Harry kannte und hasste Malfoy, er war sicher, dass der Grund dafür nicht harmlos sein konnte.
Er sah sich um. Mrs Weasley und Ginny waren über die Minimuffs gebeugt. Mr Weasley studierte entzückt ein Päckchen gezinkter Muggelspielkarten. Fred und George berieten Kunden. Draußen vor dem Fenster stand Hagrid mit dem Rücken zu ihnen und spähte die Straße auf und ab.
»Hier drunter, schnell«, sagte Harry und zog den Tarnumhang aus seiner Tasche.
»Oh – ich weiß nicht, Harry«, sagte Hermine und blickte unsicher zu Mrs Weasley.
»Komm schon!«, sagte Ron.
Sie zögerte noch einen Moment, dann schlüpfte sie mit Harry und Ron unter den Tarnumhang. Niemand bemerkte ihr Verschwinden; alle waren viel zu sehr an Freds und Georges Produkten interessiert. Harry, Ron und Hermine zwängten sich, so rasch sie konnten, zur Tür hinaus, doch als sie auf die Straße kamen, war Malfoy bereits genauso erfolgreich verschwunden wie sie.
»Er ist in diese Richtung gegangen«, murmelte Harry so leise wie möglich, damit der summende Hagrid sie nicht hören konnte. »Los, kommt.«
Sie hasteten davon und lugten links und rechts durch Schaufenster und Türen, bis Hermine nach vorn deutete.
»Das ist er, oder?«, flüsterte sie. »Der nach links abbiegt?«
»Wer hätte das gedacht«, flüsterte Ron.
Denn Malfoy hatte sich überall umgeschaut und war dann in die Nokturngasse gehuscht und auf und davon.
»Schnell, sonst verlieren wir ihn«, sagte Harry und beschleunigte seine Schritte.
»So sieht man unsere Füße!«, meinte Hermine besorgt, da der Umhang nun leicht um ihre Knöchel flatterte; es war inzwischen viel schwieriger, sich zu dritt darunter zu verstecken.
»Das macht nichts«, sagte Harry ungeduldig. »Beeilt euch einfach.«
Aber die Nokturngasse, die Seitenstraße, die den dunklen Künsten vorbehalten war, wirkte völlig ausgestorben. Im Vorübergehen spähten sie durch Fenster, aber in keinem der Läden schien auch nur ein Kunde zu sein. Harry vermutete, es könnte in diesen gefährlichen Zeiten des Misstrauens ein wenig verräterisch sein, schwarzmagische Artefakte zu kaufen – oder gar dabei gesehen zu werden.
Hermine zwickte ihn kräftig in den Arm.
»Autsch!«
»Schhh! Sieh mal! Er ist dadrin!«, hauchte sie Harry ins Ohr.
Sie waren zu dem einzigen Laden in der Nokturngasse gelangt, den Harry je besucht hatte: Borgin und Burkes, wo eine große Auswahl an unheimlichen Gegenständen verkauft wurde. Dort stand inmitten von Kästen voller Totenköpfe und alter Flaschen Draco Malfoy mit dem Rücken zu ihnen, gerade noch sichtbar hinter demselben großen schwarzen Schrank, in dem sich Harry einst vor Malfoy und seinem Vater versteckt hatte. Malfoys Handbewegungen nach zu schließen, redete er gerade lebhaft. Der Ladenbesitzer, Mr Borgin, ein buckliger Mann mit fettigen Haaren, stand Malfoy gegenüber. Eine sonderbare Mischung aus Unmut und Furcht war ihm ins Gesicht geschrieben.
»Wenn wir nur hören könnten, was sie sagen!«, sagte Hermine.
»Können wir!«, entgegnete Ron aufgeregt. »Warte – verdammt –«
Er ließ noch ein paar von den Schachteln fallen, die er nach wie vor an sich gedrückt hielt, während er an der größten herumfingerte.
»Langziehohren, seht mal!«
»Phantastisch!«, sagte Hermine, als Ron die langen, fleischfarbenen Schnüre auseinanderrollte und sie zum unteren Türrand zu schieben begann. »Oh, hoffentlich ist die Tür nicht imperturbiert –«
»Nein!«, sagte Ron erfreut. »Hört mal!«
Sie steckten die Köpfe zusammen und lauschten angestrengt an den Schnurenden, durch die Malfoys Stimme laut und deutlich zu vernehmen war, als wäre ein Radio angestellt worden.
»… Sie wissen, wie man das repariert?«
»Vielleicht«, sagte Borgin, in einem Ton, der klang, als ob er sich lieber nicht darauf festlegen wollte. »Ich muss es allerdings sehen. Warum bringen Sie es nicht mit in den Laden?«
»Das geht nicht«, sagte Malfoy. »Es muss bleiben, wo es ist. Sie müssen mir nur erklären, wie es geht.«
Harry sah, wie Borgin sich nervös über die Lippen leckte.
»Nun, auch ohne es gesehen zu haben, kann ich sagen, dass die Sache äußerst schwierig werden wird, vielleicht unmöglich. Ich könnte für nichts garantieren.«
»Nein?«, sagte Malfoy, und Harry erkannte schon an seinem Tonfall, dass er höhnisch grinste. »Vielleicht wird Sie das hier zuversichtlicher stimmen.«
Er näherte sich Borgin und der Schrank verdeckte die Sicht auf ihn. Harry, Ron und Hermine rückten ein Stück seitwärts, um ihn möglichst wieder zu Gesicht zu bekommen, doch sie konnten nur den sehr verängstigt wirkenden Borgin sehen.
»Wenn Sie das irgendjemandem verraten«, sagte Malfoy, »werden Sie dafür bezahlen. Kennen Sie Fenrir Greyback? Er ist ein Freund der Familie und wird von Zeit zu Zeit vorbeikommen, um dafür zu sorgen, dass Sie dieser Angelegenheit Ihre volle Aufmerksamkeit widmen.«
»Es wird nicht nötig sein, zu –«
»Das entscheide ich«, sagte Malfoy. »Also, ich geh jetzt besser. Und vergessen Sie nicht – geben Sie das hier bloß nicht weg, ich werde es noch brauchen.«
»Möchten Sie es vielleicht jetzt gleich mitnehmen?«
»Nein, natürlich will ich das nicht, Sie dummer Wicht, wie würde das denn aussehen, wenn ich auf der Straße damit rumlaufen würde? Verkaufen Sie es einfach nicht.«
»Natürlich nicht … Sir.«
Borgin machte eine tiefe Verbeugung, genau wie damals, als Harry ihn mit Lucius Malfoy beobachtet hatte.
»Kein Wort zu irgendwem, Borgin, auch nicht zu meiner Mutter, verstanden?«
»Natürlich, natürlich«, murmelte Borgin und verbeugte sich ein weiteres Mal.
Einen Moment später klingelte die Türglocke laut und Malfoy stolzierte mit höchst selbstzufriedener Miene aus dem Laden. Er kam so dicht an Harry, Ron und Hermine vorbei, dass sie erneut den Tarnumhang um die Knie flattern spürten. Drinnen im Laden stand Borgin reglos da; sein schmieriges Lächeln war verschwunden; er wirkte besorgt.
»Was sollte das denn bedeuten?«, flüsterte Ron und wickelte die Langziehohren auf.
»Keine Ahnung«, sagte Harry und dachte scharf nach. »Er will, dass irgendetwas repariert wird … und er will dort drin etwas für sich reserviert haben … Konntest du sehen, auf was er gezeigt hat, als er ›das hier‹ sagte?«
»Nein, er war hinter diesem Schrank –«
»Ihr beide bleibt hier«, flüsterte Hermine.
»Was hast du –?«
Aber Hermine war schon unter dem Tarnumhang hervorgeschlüpft. Sie überprüfte kurz ihre Frisur in der spiegelnden Fensterscheibe, und dann marschierte sie in den Laden und ließ erneut die Glocke klingeln. Ron schob die Langziehohren hastig wieder unter die Tür und reichte eine der Schnüre Harry.
»Hallo, schreckliches Wetter heute Morgen, nicht wahr?«, sagte Hermine munter zu Borgin, der nicht antwortete, sondern ihr einen misstrauischen Blick zuwarf. Fröhlich summend schlenderte Hermine zwischen den wild durcheinanderstehenden Dingen umher.
»Ist dieses Halsband zu verkaufen?«, fragte sie und hielt neben einer Vitrine inne.
»Wenn Sie eineinhalbtausend Galleonen haben«, sagte Borgin kühl.
»Oh – ähm – nein, ganz so viel hab ich nicht«, sagte Hermine und ging weiter. »Und … was ist mit diesem wunderbaren – ähm – Totenkopf?«
»Sechzehn Galleonen.«
»Also ist er zu verkaufen? Er ist nicht für jemanden … reserviert?«
Borgin sah sie schräg an. Harry hatte das ungute Gefühl, dass Borgin genau wusste, worauf Hermine hinauswollte. Offenbar spürte auch Hermine, dass er ihr auf die Schliche gekommen war, denn sie ließ plötzlich alle Vorsicht außer Acht.
»Die Sache ist die, dieser – ähm – Junge, der gerade eben hier drin war, Draco Malfoy, also, der ist ein Freund von mir, und ich will ihm ein Geburtstagsgeschenk besorgen, aber wenn er schon was reserviert hat, will ich ihm natürlich nicht das Gleiche kaufen, also … äh …«
Das war in Harrys Augen eine ziemlich schwache Geschichte und offenbar dachte Borgin das auch.
»Raus«, sagte er schneidend. »Verschwinde!«
Hermine ließ sich das nicht zweimal sagen, sondern hastete zur Tür, Borgin dicht hinter ihr. Als die Glocke erneut klingelte, schlug Borgin die Tür hinter Hermine zu und hängte das »Geschlossen«-Schild auf.
»Na ja«, sagte Ron und warf den Tarnumhang wieder über Hermine. »Einen Versuch war’s wert, aber du warst leicht zu durchschauen –«
»Dann zeigst du mir eben nächstes Mal, wie man es macht, Meister der Mysterien!«, fauchte sie.
Ron und Hermine zankten sich den ganzen Weg zurück bis zu Weasleys Zauberhafte Zauberscherze, wo sie schließlich aufhören mussten, um unbemerkt an der äußerst besorgt dreinblickenden Mrs Weasley und an Hagrid vorbeischlüpfen zu können, denen ihre Abwesenheit offensichtlich aufgefallen war. Sobald sie im Laden waren, riss Harry den Tarnumhang herunter, versteckte ihn in seiner Tasche und schloss sich den beiden anderen an, die auf Mrs Weasleys Anschuldigungen hin steif und fest behaupteten, sie seien die ganze Zeit im Hinterzimmer gewesen und sie habe bestimmt nicht richtig nachgesehen.
Der Slug-Klub
In der letzten Ferienwoche sann Harry häufig darüber nach, was Malfoys Verhalten in der Nokturngasse wohl zu bedeuten hatte. Am meisten beunruhigte ihn der zufriedene Ausdruck auf Malfoys Gesicht, als er den Laden verlassen hatte. Was immer Malfoy so froh aussehen ließ, es konnte nichts Gutes verheißen. Harry ärgerte sich allerdings ein wenig, dass Ron und Hermine nicht genauso neugierig waren wie er, herauszufinden, was es mit Malfoys Machenschaften auf sich hatte; zumindest schien es sie nach einigen Tagen zu langweilen, darüber zu sprechen.
»Ja, ich glaub doch auch, dass da irgendwas faul war, Harry«, sagte Hermine leicht ungeduldig. Sie saß auf dem Fenstersims in Freds und Georges Zimmer, die Füße auf einem der Kartons, und sah nur widerwillig von ihrem neuen Exemplar Runenübersetzung für Fortgeschrittene auf. »Aber waren wir uns nicht einig, dass es eine Menge Erklärungen dafür geben könnte?«
»Vielleicht ist ihm seine Hand des Ruhmes kaputtgegangen«, sagte Ron vage, während er versuchte, die gekrümmten Zweige seines Besenschweifs gerade zu biegen. »Erinnert ihr euch noch an den Schrumpfarm, den Malfoy mal hatte?«
»Aber was meinte er, als er sagte: ›Vergessen Sie nicht, geben Sie das hier bloß nicht weg‹?«, fragte Harry zum x-ten Mal. »Für mich klang das so, als hätte Borgin noch einen anderen von den kaputten Gegenständen, und Malfoy wollte beide haben.«
»Glaubst du?«, sagte Ron und begann jetzt, ein wenig Schmutz von seinem Besenstiel zu kratzen.
»Jaah, allerdings«, sagte Harry. Als weder Ron noch Hermine antworteten, fuhr er fort: »Malfoys Vater sitzt in Askaban. Meint ihr nicht, dass Malfoy sich gerne rächen würde?«
Ron sah blinzelnd auf.
»Malfoy und sich rächen? Wie will er das hinkriegen?«
»Das ist genau mein Punkt, ich weiß es nicht!«, sagte Harry frustriert. »Aber er hat irgendwas vor, und ich glaube, wir sollten es ernst nehmen. Sein Vater ist ein Todesser und –«
Harry hielt inne und starrte mit offenem Mund auf das Fenster hinter Hermine. Ihm war eben ein erschreckender Gedanke gekommen.
»Harry«, sagte Hermine mit besorgter Stimme. »Ist irgendwas nicht in Ordnung?«
»Deine Narbe tut nicht wieder weh, oder?«, fragte Ron nervös.
»Er ist ein Todesser«, sagte Harry langsam. »Er hat den Platz seines Vaters als Todesser eingenommen!«
Stille trat ein, dann brach Ron in Gelächter aus.
»Malfoy? Er ist sechzehn, Harry! Du glaubst, Du-weißt-schon-wer würde Malfoy bei sich aufnehmen?«
»Das ist sehr unwahrscheinlich, Harry«, sagte Hermine in strengem Ton. »Warum denkst du –?«
»Bei Madam Malkin. Sie hat ihn nicht berührt, aber er hat geschrien und seinen Arm von ihr weggezogen, als sie seinen Ärmel hochrollen wollte. Es war sein linker Arm. Das Dunkle Mal ist darin eingebrannt.«
Ron und Hermine sahen sich an.
»Also …«, sagte Ron, er klang keineswegs überzeugt.
»Ich glaube, er wollte einfach da raus, Harry«, sagte Hermine.
»Er hat Borgin etwas gezeigt, das wir nicht sehen konnten«, drängte Harry hartnäckig weiter. »Etwas, das Borgin richtig Angst gemacht hat. Es war das Mal, ich weiß es – er zeigte Borgin, mit wem er es zu tun hatte, ihr habt doch gesehen, dass Borgin ihn sehr ernst nahm!«
Ron und Hermine tauschten wieder einen Blick.
»Ich bin nicht sicher, Harry …«
»Jaah, ich glaub immer noch nicht, dass Du-weißt-schon-wer Malfoy bei sich aufnehmen würde …«
Ärgerlich, aber vollkommen überzeugt davon, dass er Recht hatte, schnappte sich Harry einen Haufen schmutziger Quidditch-Umhänge und verließ das Zimmer; Mrs Weasley hatte sie schon seit Tagen dringend gebeten, das Waschen und Packen nicht bis zum letzten Moment hinauszuschieben. Auf dem Treppenabsatz stieß er mit Ginny zusammen, die mit einem Stapel frisch gewaschener Wäsche auf dem Weg zurück in ihr Zimmer war.
»Ich würde jetzt nicht in die Küche gehen«, warnte sie ihn. »Da ist alles vollgeschleimt.«
»Ich pass auf, dass ich nicht drauf ausrutsche.« Harry lächelte.
Und tatsächlich, als er in die Küche kam, sah er Fleur am Tisch sitzen und begeistert Pläne für ihre Hochzeit mit Bill schmieden, während Mrs Weasley, offenbar schlecht gelaunt, einen Berg sich selbst putzenden Rosenkohl überwachte.
»… Bill und isch ’aben uns schon fast entschieden, dass wir nur swei Brautjungfern wollen, Ginny und Gabrielle werden susammen sehr süß ausse’en. Isch denke, isch werde sie in Mattgold kleiden – Rosa wäre bei Ginnys ’aaren natürlisch fürschterlisch –«
»Ah, Harry!«, platzte Mrs Weasley laut in Fleurs Monolog hinein. »Schön, ich wollte dir die Sicherheitsvorkehrungen für die morgige Reise nach Hogwarts erklären. Wir haben wieder Wagen vom Ministerium, und Auroren erwarten uns am Bahnhof –«
»Wird Tonks auch dort sein?«, fragte Harry und reichte ihr seine Quidditch-Sachen.
»Nein, ich glaube nicht, nach dem, was Arthur sagt, ist sie anderswo stationiert worden.«
»Sie ’at sisch ge’en lassen, diese Tonks«, sann Fleur vor sich hin, während sie ihr überwältigendes Spiegelbild auf der Rückseite eines Teelöffels begutachtete. »Ein großer Feeler, wenn ihr misch –«
»Ja, vielen Dank«, unterbrach Mrs Weasley Fleur noch einmal säuerlich. »Du solltest dich jetzt beeilen, Harry, ich will, dass die Koffer möglichst heute Abend fertig sind, damit wir nicht wieder das übliche Gehetze in letzter Minute haben.«
Und tatsächlich verlief ihre Abreise am nächsten Morgen glatter als sonst. Die Ministeriumswagen fuhren vor dem Eingang des Fuchsbaus vor, wo schon alle warteten: die Koffer gepackt, Hermines Katze Krummbein sicher in ihrem Reisekörbchen untergebracht und Hedwig, Rons Eule Pigwidgeon und Ginnys neuer lila Minimuff Arnold in Käfigen.
»Au revoir, ’Arry«, sagte Fleur kehlig und küsste ihn zum Abschied. Ron stürmte mit hoffnungsvoller Miene hinterher, aber Ginny streckte ihren Fuß aus und Ron landete der Länge nach im Staub zu Fleurs Füßen. Wutentbrannt, mit rotem Gesicht und voller Dreck hastete er in den Wagen, ohne sich zu verabschieden.
Am Bahnhof King’s Cross wartete kein gut gelaunter Hagrid auf sie. Stattdessen traten zwei bärtige Auroren mit grimmigen Gesichtern und in dunklen Muggelanzügen vor, als die Wagen hielten; sie nahmen die Gruppe zwischen sich und geleiteten sie wortlos in den Bahnhof.
»Schnell, schnell, durch die Absperrung«, sagte Mrs Weasley, die angesichts dieser nüchternen Effizienz anscheinend etwas nervös geworden war. »Harry soll am besten zuerst gehen, mit –«
Sie blickte fragend einen der Auroren an, der kurz nickte, Harry am Oberarm packte und versuchte, ihn zur Absperrung zwischen Bahnsteig neun und zehn zu bugsieren.
»Ich kann alleine gehen, danke«, sagte Harry gereizt und riss seinen Arm aus dem Griff des Auroren. Er schob seinen Gepäckwagen direkt auf die feste Absperrung zu, ohne auf seinen stummen Begleiter zu achten, und fand sich eine Sekunde später auf Bahnsteig neundreiviertel wieder, wo der scharlachrote Hogwarts-Express stand und Dampf über die Menge blies.
Hermine und die Weasleys stießen Sekunden später zu ihm. Harry hielt sich nicht damit auf, seinen Auroren mit dem grimmigen Gesicht um Erlaubnis zu fragen, sondern gab Ron und Hermine ein Zeichen, ihm über den Bahnsteig zu folgen und ein leeres Abteil zu suchen.
»Wir können nicht, Harry«, sagte Hermine mit bedauernder Miene. »Ron und ich müssen erst in den Waggon mit den Vertrauensschülern und dann eine Weile die Gänge kontrollieren.«
»Ach ja, hab ich ganz vergessen«, erwiderte Harry.
»Ihr steigt jetzt am besten gleich in den Zug, und zwar alle, ihr habt nur noch ein paar Minuten Zeit«, sagte Mrs Weasley, während sie auf ihre Uhr sah. »Also dann, viel Spaß in der Schule, Ron …«
»Mr Weasley, kann ich einen Augenblick mit Ihnen reden?«, sagte Harry kurz entschlossen.
»Natürlich«, sagte Mr Weasley; er wirkte ein wenig überrascht, folgte Harry aber trotzdem, bis sie außer Hörweite der anderen waren.
Harry hatte alles gründlich durchdacht und war zu dem Schluss gekommen, dass, wenn er es jemandem sagen müsste, Mr Weasley der Richtige wäre. Erstens, weil er im Ministerium arbeitete und deshalb am besten in der Lage war, weitere Nachforschungen anzustellen, und zweitens, weil Harry das Risiko für nicht allzu groß hielt, dass Mr Weasley vor Zorn explodierte.
Während sie sich entfernten, konnte er sehen, wie Mrs Weasley und der grimmig dreinschauende Auror ihnen beiden argwöhnische Blicke zuwarfen.
»Als wir in der Winkelgasse waren –«, fing Harry an, aber Mr Weasley unterbrach ihn mit einer Grimasse.
»Jetzt erfahre ich wohl gleich, wohin du, Ron und Hermine verschwunden seid, während ihr angeblich im Hinterzimmer von Freds und Georges Laden wart?«
»Wie haben Sie das –?«
»Harry, bitte. Du sprichst mit dem Mann, der Fred und George großgezogen hat.«
»Ähm … jaah, na gut, wir waren nicht im Hinterzimmer.«
»Also schön, dann leg los, ich bin auf das Schlimmste gefasst.«
»Nun, wir sind Draco Malfoy gefolgt. Wir haben meinen Tarnumhang benutzt.«
»Hattet ihr irgendeinen bestimmten Grund dafür oder war es nur aus einer Laune heraus?«
»Ich dachte, Malfoy führt irgendwas im Schilde«, sagte Harry und achtete nicht weiter auf Mr Weasleys Gesicht, auf dem sich eine Mischung aus Wut und Belustigung abzeichnete. »Er war seiner Mutter entwischt, und ich wollte wissen, warum.«
»Natürlich wolltest du das«, sagte Mr Weasley mit resignierter Stimme. »Und? Hast du herausgefunden, warum?«
»Er ist zu Borgin und Burkes gegangen«, sagte Harry, »und hat Borgin, den Typen dort, drangsaliert, damit er ihm hilft, etwas zu reparieren. Und Borgin sollte etwas anderes für ihn zurückbehalten. Es hörte sich an, als wäre es das Gleiche wie das, was repariert werden musste. Als ob beide zusammengehören würden. Und …«
Harry holte tief Luft.
»Da ist noch was. Wir haben gesehen, wie Malfoy fast an die Decke ging, als Madam Malkin seinen linken Arm anfassen wollte. Ich glaube, ihm wurde das Dunkle Mal eingebrannt. Ich glaube, er hat den Platz seines Vaters als Todesser eingenommen.«
Mr Weasley wirkte überrascht. Nach einer Weile sagte er: »Harry, ich bezweifle, dass Du-weißt-schon-wer es einem Sechzehnjährigen erlauben würde –«
»Weiß eigentlich irgendjemand genau, was Du-weißt-schon-wer tun oder lassen würde?«, fragte Harry zornig. »Mr Weasley, tut mir leid, aber würde es sich nicht lohnen, der Sache nachzugehen? Wenn Malfoy etwas repariert haben will und er deswegen Borgin bedrohen muss, ist es wahrscheinlich etwas Schwarzmagisches oder Gefährliches, oder?«
»Ehrlich gesagt, bezweifle ich das, Harry«, sagte Mr Weasley langsam. »Sieh mal, als Lucius Malfoy festgenommen wurde, haben wir sein Haus durchsucht. Wir haben alles mitgenommen, was möglicherweise gefährlich war.«
»Ich glaube, Sie haben etwas übersehen«, sagte Harry stur.
»Nun ja, vielleicht«, sagte Mr Weasley, aber Harry spürte, dass er ihm nur nicht widersprechen wollte.
Hinter ihnen war ein Pfiff zu hören; fast alle waren in den Zug gestiegen und die Türen schlossen sich.
»Du solltest dich beeilen«, sagte Mr Weasley und Mrs Weasley rief: »Schnell, Harry!«
Er stürzte los, und Mr und Mrs Weasley halfen ihm, seinen Koffer in den Zug zu laden.
»Nun, mein Lieber, über Weihnachten kommst du zu uns, es ist alles mit Dumbledore besprochen, wir sehen uns also ziemlich bald wieder«, sagte Mrs Weasley durchs Fenster, als Harry die Tür hinter sich zuschlug und der Zug sich in Bewegung setzte. »Pass gut auf dich auf und –«
Der Zug wurde schneller.
»– sei brav und –«
Sie lief jetzt neben dem Zug her.
»– bring dich nicht in Gefahr!«
Harry winkte, bis der Zug eine Kurve genommen hatte und Mr und Mrs Weasley nicht mehr zu sehen waren, dann ging er nachschauen, wo die anderen geblieben waren. Vermutlich hatten sich Ron und Hermine in den Waggon mit den Vertrauensschülern verzogen, aber Ginny stand etwas weiter hinten im Gang und plauderte mit ein paar Freunden. Er ging auf sie zu und schleifte dabei seinen Koffer hinter sich her.
Die Leute starrten ihn schamlos an, als er näher kam. Sie drückten sogar die Gesichter gegen die Scheiben ihrer Abteiltüren, um einen Blick auf ihn zu erhaschen. Nach all den Gerüchten im Tagespropheten über den »Auserwählten« hatte er damit gerechnet, dass er in diesem Schuljahr noch mehr Gestaune und Gegaffe würde ertragen müssen, doch das Gefühl, in hellstem Scheinwerferlicht zu stehen, behagte ihm nicht. Er klopfte Ginny auf die Schulter.
»Wollen wir ein Abteil zusammen suchen?«
»Ich kann nicht, Harry, ich bin mit Dean verabredet«, sagte Ginny munter. »Bis später!«
»Okay«, sagte Harry. Er spürte einen merkwürdigen Anflug von Unmut, als Ginny davonging und ihr langes rotes Haar hinter ihr hertanzte. Er hatte sich den Sommer über so an ihre Gegenwart gewöhnt, dass er fast vergessen hatte, dass sie in der Schule nicht mit ihm, Ron und Hermine zusammen herumhing. Dann blinzelte er und schaute sich um: Er war von begeisterten Mädchen umringt.
»Hi, Harry!«, sagte eine vertraute Stimme hinter ihm.
»Neville!«, antwortete Harry erleichtert, drehte sich um und sah, wie ein Junge mit rundem Gesicht sich zu ihm durchkämpfte.
»Hallo, Harry«, sagte ein Mädchen mit langen Haaren und großen, verschleierten Augen dicht hinter Neville.
»Luna, hi, wie geht’s?«
»Sehr gut, danke«, sagte Luna. Sie hielt ein Magazin an die Brust gedrückt; große Buchstaben auf der Titelseite verkündeten, dass als Gratisbeilage eine Gespensterbrille darin enthalten war.
»Der Klitterer läuft also immer noch gut?«, fragte Harry, der das Magazin irgendwie mochte, seit er ihm im vorigen Jahr ein Exklusivinterview gegeben hatte.
»O ja, die Auflage ist ganz schön hochgegangen«, sagte Luna glücklich.
»Lasst uns Plätze suchen«, sagte Harry, und die drei machten sich auf den Weg den Zug entlang, mitten durch Horden stumm starrender Schüler. Schließlich fanden sie ein leeres Abteil und Harry schlüpfte erleichtert hinein.
»Die starren sogar uns an«, sagte Neville und deutete auf sich und Luna, »weil wir mit dir zusammen sind!«
»Die starren euch an, weil ihr auch im Ministerium wart«, sagte Harry, während er seinen Koffer auf die Gepäckablage wuchtete. »Unser kleines Abenteuer war ganz groß im Tagespropheten, wie du sicher gesehen hast.«
»Ja, ich dachte, Oma würde wegen all dem Trubel sauer sein«, erwiderte Neville, »aber sie hat sich richtig gefreut. Sie sagte, dass ich meinem Vater endlich Ehre machen würde. Sie hat mir einen neuen Zauberstab gekauft, sieh mal!«
Er zog ihn hervor und zeigte ihn Harry.
»Kirsche und Einhornhaar«, sagte er stolz. »Wir glauben, dass es einer der letzten war, die Ollivander verkauft hat, am nächsten Tag ist er verschwunden – hey, komm zurück, Trevor!«
Und er tauchte unter dem Sitz ab, um seine Kröte zurückzuholen, die gerade einen ihrer häufigen Versuche unternahm, in die Freiheit zu gelangen.
»Machen wir dieses Jahr wieder DA-Treffen, Harry?«, fragte Luna, die gerade eine psychedelische Brille aus dem Mittelteil des Klitterers herauslöste.
»Hat jetzt keinen Sinn mehr, weil wir Umbridge losgeworden sind, oder?«, sagte Harry und setzte sich. Neville stieß mit dem Kopf gegen den Sitz, als er darunter hervorkam. Er sah schwer enttäuscht aus.
»Ich mochte die DA! Ich hab eine Menge bei dir gelernt!«
»Mir haben die Treffen auch gefallen«, sagte Luna heiter. »Es war, als ob ich Freunde hätte.«
Das war eine jener unangenehmen Äußerungen, die oft von Luna zu hören waren und bei denen Harry eine qualvolle Mischung aus Mitleid und Verlegenheit empfand. Doch ehe er antworten konnte, gab es draußen vor ihrer Abteiltür einen Tumult; hinter der Scheibe steckte eine Schar Viertklässlerinnen tuschelnd und kichernd die Köpfe zusammen.
»Du fragst ihn!«
»Nein, du!«
»Ich mach’s!«
Und eine von ihnen, ein wagemutig aussehendes Mädchen mit großen dunklen Augen, einem markanten Kinn und langem schwarzem Haar, schob sich durch die Tür.
»Hi, Harry, ich bin Romilda, Romilda Vane«, sagte sie laut und selbstsicher. »Warum kommst du nicht zu uns ins Abteil? Du brauchst nicht bei denen hier zu sitzen«, fügte sie unüberhörbar flüsternd hinzu und deutete auf Nevilles Hintern, der wieder unter dem Sitz hervorragte, während Neville nach Trevor herumtastete, und auf Luna, die jetzt ihre Gratis-Gespensterbrille trug, die ihr das Aussehen einer durchgeknallten bunten Eule verlieh.
»Das sind Freunde von mir«, sagte Harry kühl.
»Oh«, sagte das Mädchen äußerst überrascht. »Oh. Okay.«
Und sie ging wieder und schob die Tür hinter sich zu.
»Die andern erwarten von dir, dass du coolere Freunde als uns hast«, sagte Luna und bewies damit erneut ihr Talent, unangenehm ehrlich zu sein.
»Ihr seid cool«, sagte Harry kurz angebunden. »Keiner von denen war im Ministerium. Die haben nicht mit mir gekämpft.«
»Das ist sehr nett, dass du das sagst.« Luna strahlte, schob ihre Gespensterbrille ein Stück weiter die Nase hoch und widmete sich der Lektüre des Klitterers.
»Wir haben aber nicht ihm die Stirn geboten«, sagte Neville, der mit Fusseln und Staub in den Haaren und einem resigniert wirkenden Trevor in der Hand unter dem Sitz hervorkam. »Du schon. Du solltest mal hören, wie meine Oma über dich redet. ›Dieser Harry Potter hat mehr Rückgrat als das ganze Zaubereiministerium zusammen!‹ Sie würde alles dafür geben, dich als Enkel zu haben …«
Harry lachte verlegen und wechselte, sobald er konnte, zum Thema ZAG-Resultate. Während Neville seine Noten aufzählte und laut darüber nachdachte, ob er wohl einen UTZ-Kurs in Verwandlung belegen dürfe, wo er doch nur ein »Annehmbar« habe, beobachtete ihn Harry, ohne ihm wirklich zuzuhören.
Nevilles Kindheit war von Voldemort zerstört worden, genau wie die Harrys, aber Neville ahnte nicht, dass er beinahe Harrys Schicksal gehabt hätte. Die Prophezeiung hätte sich sowohl auf Harry als auch auf Neville beziehen können, doch Voldemort hatte es aus eigenen, unerforschlichen Gründen vorgezogen, zu glauben, dass Harry derjenige war, den sie betraf.
Hätte Voldemort Neville gewählt, dann würde Neville jetzt Harry gegenübersitzen und trüge eine blitzförmige Narbe und die Last der Prophezeiung … oder etwa nicht? Wäre Nevilles Mutter etwa gestorben, um ihn zu retten, wie Lily für Harry gestorben war? Bestimmt wäre sie das … aber was, wenn sie nicht in der Lage gewesen wäre, sich zwischen ihren Sohn und Voldemort zu stellen? Hätte es dann überhaupt keinen »Auserwählten« gegeben? Ein leerer Sitz dort, wo Neville jetzt saß, und ein narbenloser Harry, dem seine eigene Mutter, und nicht die von Ron, einen Abschiedskuss gegeben hätte?
»Alles okay mit dir, Harry? Du siehst so seltsam aus«, sagte Neville.
Harry schreckte hoch.
»’tschuldigung – ich –«
»Hast du ’nen Schlickschlupf abgekriegt?«, fragte Luna mitfühlend und starrte Harry durch ihre gewaltige bunte Brille an.
»Ich – was?«
»Einen Schlickschlupf … die sind unsichtbar, sausen dir durch die Ohren rein und machen dich ganz wuschig im Kopf«, sagte sie. »Irgendwie hab ich das Gefühl, dass einer hier rumfliegt.«
Sie klatschte mit den Händen in die Luft, als ob sie große unsichtbare Motten verscheuchen wollte. Harry und Neville sahen sich kurz an und begannen hastig über Quidditch zu reden.
Das Wetter draußen vor den Zugfenstern war so durchwachsen, wie es den ganzen Sommer über gewesen war; sie fuhren streckenweise durch kalten Nebel, dann wieder in schwaches klares Sonnenlicht. Während einer solchen klaren Phase, als die Sonne fast direkt über ihnen zu sehen war, betraten endlich Ron und Hermine das Abteil.
»Wenn der Imbisswagen sich nur mal beeilen würde, ich verhungere noch«, sagte Ron sehnsüchtig, ließ sich auf den Sitz neben Harry fallen und rieb sich den Bauch. »Hi, Neville, hi, Luna. Weißt du was?«, fügte er an Harry gewandt hinzu. »Malfoy macht keinen Vertrauensschülerdienst. Er sitzt bloß in seinem Abteil mit den anderen Slytherins rum, wir haben ihn im Vorbeigehen gesehen.«
Harry richtete sich interessiert auf. Es sah Malfoy überhaupt nicht ähnlich, dass er sich die Chance entgehen ließ, seine Macht als Vertrauensschüler zu demonstrieren, die er das ganze vorige Jahr über genüsslich missbraucht hatte.
»Was hat er getan, als er euch gesehen hat?«
»Das Übliche«, sagte Ron gleichgültig und machte Malfoys rüde Geste mit der Hand nach. »Sieht ihm aber gar nicht ähnlich, oder? Also – das schon –«, und er wiederholte die Geste, »aber warum ist er nicht da draußen und schikaniert Erstklässler?«
»Weiß nicht«, sagte Harry, doch seine Gedanken überschlugen sich. Machte das nicht den Eindruck, als hätte Malfoy wichtigere Dinge im Kopf, als jüngere Schüler zu schikanieren?
»Vielleicht war ihm das Inquisitionskommando lieber«, sagte Hermine. »Vielleicht kommt ihm das Vertrauensschülerleben danach ein wenig lasch vor.«
»Das glaube ich nicht«, sagte Harry. »Ich glaube, er ist –«
Doch ehe er seine Theorie erläutern konnte, glitt die Abteiltür erneut auf und ein Mädchen aus der dritten Klasse trat atemlos herein.
»Ich soll das hier Neville Longbottom und Harry P-Potter überbringen.« Sie stockte, als sie Harrys Blick begegnete, und lief scharlachrot an. Sie streckte ihnen zwei Pergamentrollen entgegen, die mit violettem Band zugeschnürt waren. Verdutzt nahmen Harry und Neville jeder die an sie adressierte Rolle entgegen und das Mädchen stolperte wieder aus dem Abteil.
»Was ist es?«, wollte Ron wissen, als Harry sein Pergament auseinanderrollte.
»Eine Einladung«, sagte Harry.
»Harry,
ich würde mich freuen, wenn Sie mir bei einem kleinen Mittagsimbiss in Abteil C Gesellschaft leisten würden.
Mit freundlichem Gruß
Professor H. E. F. Slughorn«
»Wer ist Professor Slughorn?«, fragte Neville, der ratlos auf seine eigene Einladung blickte.
»Ein neuer Lehrer«, sagte Harry. »Also, ich schätze, da müssen wir hin, oder?«
»Aber warum will er mich dabeihaben?«, fragte Neville nervös, als schwante ihm Nachsitzen.
»Keine Ahnung«, sagte Harry, was nicht ganz zutraf, auch wenn er noch keinen Beweis dafür hatte, dass sein Verdacht richtig war. »Hör mal«, fügte er hinzu, einer plötzlichen Eingebung folgend, »lass uns unter dem Tarnumhang gehen, dann können wir unterwegs vielleicht einen ausgiebigen Blick auf Malfoy werfen und sehen, was er treibt.«
Aus dieser Idee wurde jedoch nichts: Die Gänge waren überfüllt mit Leuten, die nach dem Imbisswagen Ausschau hielten, und mit einem Tarnumhang war absolut kein Durchkommen. Harry verstaute ihn mit Bedauern wieder in seiner Tasche – es wäre schön gewesen, ihn zu tragen, schon um all das Gegaffe zu vermeiden, das offenbar seit seinem letzten Gang durch den Zug sogar noch schlimmer geworden war. Alle naselang stürzten Schüler aus ihren Abteilen, um Harry besser anschauen zu können. Die Ausnahme war Cho Chang, sie verschwand schnell in ihrem Abteil, als sie Harry kommen sah. Als Harry an ihrem Fenster vorbeiging, sah er sie in ein intensives Gespräch mit ihrer Freundin Marietta versunken. Marietta trug eine sehr dicke Schicht Make-up, die das sonderbare Pickelmuster nicht ganz verbarg, das sich immer noch über ihr Gesicht zog. Mit einem leichten Grinsen schob sich Harry weiter.
Als sie Abteil C erreichten, sahen sie sofort, dass sie nicht die Einzigen waren, die Slughorn eingeladen hatte, auch wenn Harry, wie der begeisterte Empfang durch Slughorn vermuten ließ, am sehnlichsten erwartet wurde.
»Harry, mein Junge!«, sagte Slughorn und sprang bei seinem Anblick auf, so dass sein großer, in Samt gehüllter Bauch den ganzen restlichen Abteilraum auszufüllen schien. Sein glänzender Glatzkopf und sein großer silberner Schnurrbart schimmerten so hell im Sonnenlicht wie die Goldknöpfe an seiner Weste. »Schön, dass Sie da sind, schön, dass Sie da sind! Und Sie müssen Mr Longbottom sein!«
Neville nickte mit ängstlicher Miene. Auf einen Wink von Slughorn hin setzten sie sich einander gegenüber auf die einzigen beiden leeren Plätze, gleich neben der Tür. Harry warf einen kurzen Blick auf die anderen Gäste. Er erkannte einen Slytherin aus ihrem Jahrgang, einen großen schwarzen Jungen mit hohen Wangenknochen und länglichen, schräg stehenden Augen; auch zwei Jungen aus der siebten Klasse waren da, die Harry nicht kannte, und neben Slughorn in die Ecke gequetscht, mit einem Gesichtsausdruck, als wüsste sie nicht recht, wie sie eigentlich hierhergekommen war, saß Ginny.
»Nun, Sie kennen hier alle?«, fragte Slughorn Harry und Neville. »Blaise Zabini ist ja in Ihrem Jahrgang –«
Zabini gab kein Zeichen von sich, dass er sie wiedererkannte oder grüßen wollte, auch Harry und Neville nicht: Gryffindor- und Slytherin-Schüler hassten einander grundsätzlich.
»Das hier ist Cormac McLaggen, vielleicht sind Sie sich schon mal über den Weg gelaufen –? Nein?«
McLaggen, ein mächtiger, drahthaariger Junge, hob die Hand, und Harry und Neville nickten ihm zu.
»– und das ist Marcus Belby, ich weiß nicht, ob –?«
Belby, der dünn und nervös wirkte, zeigte ein gezwungenes Lächeln.
»– und diese reizende junge Dame sagt, dass sie Sie kennt!«, schloss Slughorn.
Ginny schnitt Harry und Neville hinter Slughorns Rücken eine Grimasse.
»Wunderbar, das ist höchst erfreulich«, sagte Slughorn mit Behagen. »Eine günstige Gelegenheit, Sie alle ein wenig besser kennen zu lernen. Hier, nehmen Sie sich eine Serviette. Ich habe mein eigenes Mittagessen mitgebracht, wie ich mich erinnere, ist der Imbisswagen etwas lakritzzauberstablastig, und der Verdauungstrakt eines armen alten Mannes kommt damit nicht besonders gut zurecht … Fasan, Belby?«
Belby schreckte hoch und nahm etwas entgegen, das wie ein halber kalter Fasan aussah.
»Ich erzählte gerade unserem jungen Marcus hier, dass ich das Vergnügen hatte, seinen Onkel Damocles zu unterrichten«, sagte Slughorn zu Harry und Neville und reichte nun einen Korb Brötchen herum. »Ein exzellenter Zauberer, exzellent, und sein Merlinorden war höchst verdient. Sehen Sie Ihren Onkel häufig, Marcus?«
Unglücklicherweise hatte Belby gerade einen großen Bissen Fasan im Mund; in seiner Hast, Slughorn zu antworten, schluckte er zu schnell hinunter, wurde puterrot und begann zu würgen.
»Anapneo«, sagte Slughorn gelassen und richtete seinen Zauberstab auf Belby, dessen Luftröhre offenbar sofort wieder frei wurde.
»Nicht … nicht allzu häufig, nein«, keuchte Belby mit tränenden Augen.
»Ja, natürlich, ich vermute, er ist sehr beschäftigt«, sagte Slughorn und sah Belby fragend an. »Den Wolfsbann-Trank hat er gewiss nicht ohne ein beträchtliches Maß an harter Arbeit entwickelt!«
»Ich denk nicht …«, sagte Belby, der anscheinend Angst hatte, einen weiteren Bissen Fasan zu nehmen, ehe er sicher war, dass Slughorn mit ihm durch war. »Ähm … er und mein Dad kommen nicht sehr gut miteinander klar, verstehen Sie, deshalb weiß ich eigentlich nicht viel über …«
Seine Stimme erstarb, während Slughorn ihm ein kühles Lächeln schenkte und sich stattdessen an McLaggen wandte.
»Nun zu Ihnen, Cormac«, sagte Slughorn, »zufällig weiß ich, dass Sie sich oft mit Ihrem Onkel Tiberius treffen, denn er hat ein ganz prächtiges Bild von Ihnen beiden auf der Jagd nach Nogschwänzen, in – war das nicht Norfolk?«
»Oh, jaah, das war lustig, wirklich«, sagte McLaggen. »Wir sind zusammen mit Bertie Higgs und Rufus Scrimgeour losgezogen – natürlich, bevor er Minister wurde –«
»Ach, Bertie und Rufus kennen Sie auch?« Slughorn strahlte und gab nun ein kleines Tablett mit Pasteten herum; Belby wurde irgendwie übergangen. »Nun sagen Sie mir doch mal …«
Es war, wie Harry vermutet hatte. Alle waren hier offenbar eingeladen worden, weil sie mit irgendeinem Prominenten oder Einflussreichen zu tun hatten – alle außer Ginny. Zabini, der nach McLaggen ausgefragt wurde, hatte, wie sich herausstellte, eine Hexe als Mutter, die berühmt war für ihre Schönheit (nach dem, was Harry heraushörte, war sie siebenmal verheiratet gewesen, jeder ihrer Ehemänner war unter mysteriösen Umständen gestorben und hatte ihr bergeweise Gold hinterlassen). Dann war Neville an der Reihe: Es wurden zehn äußerst unbehagliche Minuten, denn Nevilles Eltern, weithin bekannte Auroren, waren von Bellatrix Lestrange und von einigen ihrer Todessergefährten bis zum Wahnsinn gefoltert worden. Als Nevilles Befragung zu Ende war, hatte Harry den Eindruck, Slughorn würde sein Urteil über Neville noch zurückhalten, bis sich herausstellte, ob er etwas von der Begabung seiner Eltern geerbt hatte.
»Und nun«, sagte Slughorn und rutschte wie ein Conférencier, der seinen Stargast vorstellt, gewichtig auf seinem Platz hin und her, »Harry Potter! Wo fangen wir an? Ich habe das Gefühl, dass ich nur ein wenig an der Oberfläche gekratzt habe, als wir uns im Sommer trafen!«
Er betrachtete Harry einen Moment lang gedankenverloren, als ob er ein besonders großes und saftiges Stück Fasan wäre, dann sagte er: »Der ›Auserwählte‹ werden Sie jetzt genannt!«
Harry sagte nichts. Belby, McLaggen und Zabini starrten ihn an.
»Natürlich«, fuhr Slughorn fort, während er Harry genau musterte, »gibt es seit Jahren Gerüchte … Ich erinnere mich noch, als – nun – nach dieser schrecklichen Nacht – Lily – James – und Sie überlebten – und es hieß, dass Sie Kräfte haben müssen, die über die gewöhnlichen –«
Zabini hüstelte leise, was offensichtlich amüsierte Skepsis andeuten sollte. Eine zornige Stimme brach hinter Slughorn hervor.
»Jaah, Zabini, weil du ja so begabt bist … im Schöntun …«
»Ach je!«, gluckste Slughorn wohlig und drehte sich zu Ginny um, die um Slughorns dicken Bauch herum Zabini böse anfunkelte. »Seien Sie lieber vorsichtig, Blaise! Ich hab gesehen, wie diese junge Dame den herrlichsten Flederwichtfluch ausführte, als ich durch ihren Waggon ging! Ich würde ihr nicht in die Quere kommen!«
Zabini blickte nur verächtlich.
»Wie auch immer«, sagte Slughorn und wandte sich wieder Harry zu. »Solche Gerüchte diesen Sommer. Natürlich weiß man nicht, was man glauben soll, der Prophet hat bekanntlich immer wieder mal ungenau berichtet und Fehler gemacht – aber angesichts der vielen Zeugen ist wohl kaum zu bezweifeln, dass es einen ziemlichen Tumult im Ministerium gab und dass Sie mittendrin steckten!«
Harry, dem kein Ausweg aus dem Ganzen einfiel, ohne eindeutig zu lügen, nickte, sagte aber immer noch nichts. Slughorn sah ihn strahlend an.
»So bescheiden, so bescheiden, kein Wunder, dass Dumbledore so angetan ist – Sie waren also da? Aber die anderen Geschichten – so sensationell, dass man ja gar nicht recht weiß, was man glauben soll – diese sagenhafte Prophezeiung beispielsweise –«
»Wir haben nie eine Prophezeiung gehört«, sagte Neville und lief dabei geranienrosa an.
»Das stimmt«, sagte Ginny nachdrücklich. »Neville und ich, wir waren beide auch da, und der ganze Unsinn mit dem ›Auserwählten‹ kommt nur vom Propheten, der wie immer Sachen erfindet.«
»Sie waren beide auch da, tatsächlich?«, sagte Slughorn mit großem Interesse und blickte von Ginny zu Neville, doch beide blieben stumm wie Fische angesichts seines ermunternden Lächelns. »Ja … nun … es ist wahr, dass der Prophet häufig übertreibt, selbstverständlich …«, fuhr Slughorn in leicht enttäuschtem Ton fort. »Ich weiß noch, wie die liebe Gwenog zu mir gesagt hat – ich meine natürlich Gwenog Jones, die Kapitänin der Holyhead Harpies –«
Er driftete ab in weitschweifige Erinnerungen, doch Harry spürte deutlich, dass Slughorn mit ihm noch nicht fertig war und dass Neville und Ginny ihn nicht überzeugt hatten.
Der Nachmittag schleppte sich dahin mit weiteren Anekdoten über illustre Zauberer, die Slughorn unterrichtet hatte und die sich in Hogwarts alle begeistert dem »Slug-Klub«, wie er ihn nannte, angeschlossen hatten. Harry wäre am liebsten gegangen, aber er hatte keine Ahnung, wie er es anstellen sollte, ohne unhöflich zu wirken. Schließlich fuhr der Zug aus einer weiteren breiten Nebelfront in einen roten Sonnenuntergang hinein und Slughorn sah sich blinzelnd im Zwielicht um.
»Du meine Güte, es wird ja schon dunkel! Ich habe gar nicht bemerkt, dass sie die Lampen angemacht haben! Sie sollten jetzt besser alle gehen und Ihre Umhänge anziehen. McLaggen, Sie müssen unbedingt noch mal vorbeischauen und sich das Buch über Nogschwänze ausleihen. Harry, Blaise – wann immer Sie in der Nähe sind … Das gilt auch für Sie, Miss.« Er zwinkerte Ginny zu. »So, jetzt aber fort mit Ihnen, fort mit Ihnen!«
Als Zabini sich an Harry vorbei in den immer dunkler werdenden Gang hinausdrängte, warf er ihm einen gehässigen Blick zu, den Harry noch gehässiger erwiderte. Er, Ginny und Neville folgten Zabini durch den Zug zurück.
»Ich bin froh, dass es vorbei ist«, murmelte Neville. »Komischer Kerl, oder?«
»Ja, schon ein wenig«, sagte Harry, den Blick auf Zabini geheftet. »Wie bist du eigentlich da gelandet, Ginny?«
»Er hat gesehen, wie ich Zacharias Smith verhext hab«, sagte Ginny, »du weißt doch, dieser Blödmann aus Hufflepuff, der in der DA war. Der hat die ganze Zeit gefragt, was im Ministerium los war, und am Ende war ich so genervt, dass ich ihn verhext hab – als Slughorn reinkam, dachte ich, jetzt krieg ich Nachsitzen, aber er hat nur gesagt, dass das richtig gut gehext war, und mich zum Mittagessen eingeladen! Verrückt, was?«
»Besserer Grund, als jemanden einzuladen, weil seine Mutter berühmt ist«, sagte Harry und starrte finster auf Zabinis Hinterkopf, »oder weil sein Onkel –«
Doch er verstummte. Ihm war gerade eine Idee gekommen, eine verwegene, aber möglicherweise wunderbare Idee … in einer Minute würde Zabini wieder das Abteil der Slytherin-Sechstklässler betreten, und dort würde Malfoy sitzen und denken, dass niemand ihn hörte außer den anderen Slytherins … wenn Harry ihm doch nur ins Abteil folgen könnte, unbemerkt, was könnte er dann nicht alles sehen oder hören? Sie hatten zwar nur noch eine kurze Strecke vor sich – der Bahnhof Hogsmeade konnte kaum eine halbe Stunde entfernt sein, wie die wilde Landschaft vermuten ließ, die an den Fenstern vorbeijagte –, aber niemand sonst schien Harrys Vermutungen ernst nehmen zu wollen, also lag es an ihm, sie zu bestätigen.
»Wir sehen uns später«, raunte Harry den anderen beiden zu, zog seinen Tarnumhang heraus und warf ihn sich über.
»Aber was hast du –?«, fragte Neville.
»Später!«, flüsterte Harry und huschte so leise wie möglich Zabini hinterher, obwohl das Rattern des Zuges eine solche Vorsicht beinahe überflüssig machte.
Die Gänge waren jetzt fast leer. Die meisten Schüler waren in ihre Abteile zurückgekehrt, um ihre Schulumhänge anzuziehen und ihre Habseligkeiten einzupacken. Obwohl Harry Zabini so nahe war, wie er nur konnte, ohne ihn zu berühren, gelang es ihm nicht, schnell genug ins Abteil zu schlüpfen, als Zabini die Tür öffnete. Zabini schob sie schon wieder zu, da streckte Harry hastig den Fuß aus, um sie offen zu halten.
»Was ist los mit dem Ding?«, sagte Zabini wütend und rammte die Schiebetür ein paarmal gegen Harrys Fuß.
Harry packte die Tür und drückte sie kräftig auf; Zabini, der immer noch den Griff festhielt, kippte zur Seite in Gregory Goyles Schoß, und in dem folgenden Durcheinander schoss Harry ins Abteil, sprang auf Zabinis vorläufig leeren Platz und hievte sich hinauf auf die Gepäckablage. Zum Glück schnauzten sich Goyle und Zabini gerade wütend an und zogen alle Blicke auf sich, denn Harry war ziemlich sicher, dass seine Füße und Knöchel zu sehen gewesen waren, als der Umhang um sie herumgeflattert war. Einen schrecklichen Moment lang bildete er sich sogar ein, dass Malfoys Augen seinem Turnschuh folgten, als er ihn blitzschnell außer Sicht nach oben riss. Doch dann schmetterte Goyle die Tür zu und stieß Zabini von sich weg, Zabini sackte verärgert auf seinen eigenen Platz, Vincent Crabbe widmete sich erneut seinem Comic, und Malfoy legte sich kichernd wieder über zwei Sitze, den Kopf in Pansy Parkinsons Schoß. Harry hatte sich unbequem unter seinem Tarnumhang zusammengerollt, um sicherzugehen, dass kein Stück von ihm zu sehen war. Er beobachtete, wie Pansy das glatte blonde Haar aus Malfoys Stirn strich und dabei affektiert lächelte, als würde die ganze Welt liebend gern mit ihr tauschen. Die Lampen, die von der Wagendecke baumelten, tauchten die Szene in helles Licht: Harry konnte jedes Wort von Crabbes Comic direkt unter sich lesen.
»Also, Zabini«, sagte Malfoy, »was wollte Slughorn?«
»Sich einfach nur bei Leuten mit guten Beziehungen einschleimen«, erwiderte Zabini, der Goyle immer noch finster anblickte. »Hat aber nicht viele gefunden.«
Diese Nachricht schien Malfoy nicht zu gefallen.
»Wen hat er sonst noch eingeladen?«, wollte er wissen.
»McLaggen aus Gryffindor«, sagte Zabini.
»Ach jaah, sein Onkel ist ein hohes Tier im Ministerium«, sagte Malfoy.
»– noch einen namens Belby, aus Ravenclaw –«
»Nicht der, der ist ’n Trottel!«, warf Pansy ein.
»– und Longbottom, Potter und dieses Weasley-Mädchen«, schloss Zabini.
Malfoy setzte sich abrupt auf und stieß Pansys Hand weg. »Er hat Longbottom eingeladen?«
»Tja, ich schätze schon, Longbottom war ja schließlich dabei«, sagte Zabini gleichmütig.
»Was hat Longbottom, dass Slughorn sich für ihn interessiert?«
Zabini zuckte die Achseln.
»Potter, der edle Potter, klar wollte er sich mal den Auserwählten ansehen«, höhnte Malfoy, »aber dieses Weasley-Mädchen! Was ist so Besonderes an der?«
»’ne Menge Jungs mögen sie«, sagte Pansy und beobachtete aus den Augenwinkeln, wie Malfoy reagierte. »Sogar du findest, dass sie gut aussieht, stimmt’s, Blaise? Und wir wissen alle, wie anspruchsvoll du bist!«
»Ich würde eine dreckige kleine Blutsverräterin wie die nie anrühren, egal wie sie aussieht«, sagte Zabini kühl und Pansy schien erfreut. Malfoy ließ sich erneut auf ihren Schoß sinken und erlaubte ihr wieder, sein Haar zu streicheln.
»Also, ich finde Slughorns Geschmack erbärmlich. Vielleicht wird er ein bisschen senil. Schade, mein Vater hat immer gesagt, dass er zu seiner Zeit ein guter Zauberer war. Mein Vater war mal so was wie ein Liebling von ihm. Slughorn weiß wahrscheinlich nicht, dass ich im Zug bin, sonst –«
»Ich würd nicht mit einer Einladung rechnen«, sagte Zabini. »Er hat mich nach Notts Vater gefragt, gleich als ich dort war. Anscheinend waren sie früher mal gut befreundet, aber als er hörte, dass Nott im Ministerium gefangen genommen wurde, sah er gar nicht glücklich aus, und Nott bekam ja auch keine Einladung. Ich glaube nicht, dass Slughorn an Todessern interessiert ist.«
Malfoy blickte zornig, zwang sich jedoch zu einem außergewöhnlich humorlosen Lachen.
»Na ja, wen kümmert’s, für was er sich interessiert? Was ist er denn, wenn man’s genau betrachtet? Nur irgendein blöder Lehrer.« Malfoy gähnte demonstrativ. »Ich meine, vielleicht bin ich nächstes Jahr nicht mal in Hogwarts, mir ist ziemlich egal, ob ein fetter alter Ehemaliger mich mag oder nicht!«
»Was soll das heißen, du bist nächstes Jahr vielleicht nicht in Hogwarts?«, sagte Pansy entrüstet und hörte schlagartig auf, Malfoy zu betütteln.
»Tja, man weiß ja nie«, sagte Malfoy mit dem Anflug eines Grinsens. »Vielleicht habe ich mich – ähm – dann schon größeren und besseren Dingen zugewandt.«
Harry kauerte auf der Gepäckablage unter seinem Tarnumhang und sein Herz fing an zu rasen. Was würden Ron und Hermine dazu sagen? Crabbe und Goyle glotzten Malfoy an; offenbar hatten sie keinen Schimmer von irgendwelchen Plänen, sich größeren und besseren Dingen zuzuwenden. Selbst Zabini stand die Neugier ins Gesicht geschrieben und verunstaltete seine edlen Züge. Pansy wirkte verdattert und machte sich wieder daran, bedächtig Malfoys Haare zu streicheln.
»Du meinst – Ihn?«
Malfoy zuckte die Achseln.
»Mutter will, dass ich meine Ausbildung zu Ende mache, aber ich persönlich finde, dass das heutzutage nicht so wichtig ist. Ich meine, denkt mal drüber nach … wenn der Dunkle Lord die Macht übernimmt, wird er sich dann darum scheren, wie viele ZAGs oder UTZe jemand hat? Natürlich nicht … Dann geht es nur noch darum, welchen Dienst man ihm erwiesen hat, wie groß die Ergebenheit war, die man ihm gezeigt hat.«
»Und du glaubst, du kannst irgendetwas für ihn tun?«, fragte Zabini wegwerfend. »Sechzehn Jahre alt und noch nicht einmal fertig ausgebildet?«
»Hab ich das nicht eben gesagt? Vielleicht ist es ihm egal, ob ich einen Abschluss habe. Vielleicht braucht man für die Aufgabe, die ich für ihn erledigen soll, keinen Abschluss«, sagte Malfoy leise.
Crabbe und Goyle saßen beide mit offenem Mund da wie Wasserspeier. Pansy starrte auf Malfoy hinab, als ob sie noch nie etwas so Ehrfurchtgebietendes gesehen hätte.
»Ich kann Hogwarts erkennen«, sagte Malfoy, genoss offensichtlich die Wirkung, die er erzeugt hatte, und deutete aus dem dunklen Fenster. »Wir sollten besser die Umhänge anziehen.«
Harry stierte Malfoy so gebannt an, dass er nicht bemerkte, wie Goyle die Hand nach oben streckte, um nach seinem Koffer zu greifen; als er ihn herunterschwang, schlug er Harry hart seitlich gegen den Kopf. Harry keuchte unwillkürlich vor Schmerz und Malfoy blickte stirnrunzelnd zur Gepäckablage hoch.
Harry hatte keine Angst vor Malfoy, dennoch war er nicht sonderlich angetan von dem Gedanken, eine Gruppe feindseliger Slytherins könnte ihn entdecken, wie er da unter seinem Tarnumhang verborgen lag. Mit nach wie vor tränenden Augen und pochendem Kopf zog er seinen Zauberstab, sorgsam darauf bedacht, seinen Umhang nicht aufzudecken, und wartete mit angehaltenem Atem. Zu seiner Erleichterung kam Malfoy offenbar zu dem Schluss, dass er sich das Geräusch eingebildet hatte; er zog sich wie die anderen den Umhang über, schloss seinen Koffer und legte sich einen dicken neuen Reiseumhang um, während der Zug immer langsamer wurde und schließlich im Schneckentempo dahinruckelte.
Harry konnte sehen, wie sich die Gänge wieder füllten, und hoffte, dass Hermine und Ron seine Sachen für ihn mit hinaus auf den Bahnsteig nehmen würden; er steckte hier fest, bis sich das Abteil völlig geleert haben würde. Endlich, mit einem letzten Ruck, kam der Zug ganz zum Stehen. Goyle riss die Tür auf, drängte sich hinaus in eine Gruppe von Zweitklässlern und stieß sie beiseite; Crabbe und Zabini folgten ihm.
»Geh schon mal vor«, sagte Malfoy zu Pansy, die mit ausgestreckter Hand auf ihn wartete, als hoffte sie, er würde sie halten. »Ich will nur was nachschauen.«
Pansy ging hinaus. Jetzt waren Harry und Malfoy allein im Abteil. Leute liefen vorbei und stiegen hinunter auf den dunklen Bahnsteig. Malfoy trat zur Abteiltür und ließ das Rollo hinunter, damit niemand von draußen auf dem Gang hereinspähen konnte. Dann beugte er sich über seinen Koffer und öffnete ihn wieder.
Harry lugte über den Rand der Gepäckablage und sein Herz schlug ein wenig schneller. Was hatte Malfoy vor Pansy verbergen wollen? Würde er gleich das geheimnisvolle kaputte Ding sehen, das so unbedingt repariert werden musste?
»Petrificus Totalus!«
Ohne Vorwarnung richtete Malfoy seinen Zauberstab auf Harry, der augenblicklich gelähmt war. Wie in Zeitlupe kippte er aus der Gepäckablage, fiel Malfoy mit einer äußerst schmerzhaften Bruchlandung zu Füßen, die den Boden erschütterte, und begrub dabei den Tarnumhang unter sich. Nun war sein ganzer Körper sichtbar, die Beine immer noch unsinnig angewinkelt in einer verkrampften knienden Haltung. Er konnte keinen Muskel rühren; er konnte nur zu Malfoy hochstarren, der breit grinste.
»Hab ich’s mir doch gedacht«, sagte er hochbeglückt. »Ich hab gehört, wie Goyles Koffer dich erwischt hat. Und ich dachte, ich hätte was Weißes durch die Luft blitzen sehen, als Zabini zurückkam …« Sein Blick blieb kurz an Harrys Turnschuhen hängen. »Du warst das also, der die Tür blockiert hat, als Zabini hereinkam?«
Er taxierte Harry einen Moment lang.
»Du hast nichts gehört, was mir wichtig ist, Potter. Aber wenn ich dich schon mal hier hab …«
Und er stampfte Harry mit voller Wucht aufs Gesicht. Harry spürte, wie seine Nase brach; Blut spritzte umher.
»Das ist von meinem Vater. Und jetzt, schauen wir mal …«
Malfoy zerrte den Tarnumhang unter Harrys gelähmtem Körper hervor und warf ihn über Harry.
»Ich glaub nicht, dass sie dich finden, ehe der Zug wieder in London ist«, sagte er leise. »Wir sehen uns dann, Potter … oder auch nicht.«
Und nachdem er noch einmal absichtlich auf Harrys Finger getreten war, verließ Malfoy das Abteil.
Snape triumphiert
Harry konnte keinen Muskel rühren. Er lag unter seinem Tarnumhang, spürte, wie das Blut aus seiner Nase heiß und feucht über sein Gesicht strömte, und lauschte den Stimmen und Schritten draußen im Gang. Sein erster Gedanke war, dass sicher irgendjemand durch die Abteile gehen würde, ehe der Zug wieder abfuhr. Doch gleich darauf kam ihm die ernüchternde Erkenntnis, dass, selbst wenn jemand in sein Abteil schaute, er ihn weder sehen noch hören konnte. Es blieb ihm nur zu hoffen, dass jemand hereinkam und über ihn stolperte.
Harry hatte Malfoy noch nie so sehr gehasst wie jetzt, da er wie eine hilflose Schildkröte auf dem Rücken lag und das Blut ihm in den offenen Mund tropfte, dass ihm schlecht wurde. In was für eine dumme Lage hatte er sich da gebracht … und jetzt verhallten die letzten spärlichen Schritte; alle schlurften draußen den finsteren Bahnsteig entlang; er konnte das Scharren von Koffern und lautes Stimmengewirr hören.
Ron und Hermine dachten bestimmt, dass er den Zug ohne sie verlassen hatte. Wenn sie erst einmal in Hogwarts waren und ihre Plätze in der Großen Halle einnahmen, einige Male am Gryffindor-Tisch hoch- und hinuntersahen und endlich begriffen, dass er nicht da war, dann würde er sicher schon auf halbem Weg zurück nach London sein.
Er versuchte ein Geräusch zu machen, wenigstens zu grunzen, doch es war unmöglich. Dann fiel ihm ein, dass manche Zauberer, wie Dumbledore, auch ohne zu sprechen, Zauber ausführen konnten, also versuchte er seinen Zauberstab aufzurufen, der ihm aus der Hand gefallen war, indem er die Worte Accio Zauberstab! ständig im Kopf wiederholte, doch nichts geschah.
Er glaubte, das Rauschen der Bäume rund um den See zu hören und von weit her den Schrei einer Eule, doch nichts ließ darauf schließen, dass er gesucht wurde oder dass es sogar (und er verachtete sich ein wenig für diesen Gedanken) panische Stimmen gab, die fragten, wo Harry Potter geblieben war. Ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit ergriff ihn, als er sich vorstellte, wie die Kolonne der von Thestralen gezogenen Kutschen zur Schule hinaufzockelte und wie aus irgendeiner der Kutschen, in der Malfoy saß und seinen Slytherin-Freunden seinen Angriff auf Harry schilderte, gedämpfte Lacher drangen.
Der Zug ruckte und Harry kippte auf die Seite. Jetzt starrte er statt an die Decke auf die staubige Unterseite der Sitze. Der Fußboden begann zu vibrieren und mit einem Grollen erwachte die Lokomotive zum Leben. Der Hogwarts-Express fuhr davon, und keiner wusste, dass Harry immer noch an Bord war …
Dann spürte er, wie der Tarnumhang von ihm wegflog, und eine Stimme über ihm sagte: »Tag auch, Harry.«
Ein rotes Licht blitzte auf und Harrys Körper löste sich aus seiner Starre; er konnte sich in eine würdevollere, sitzende Haltung stemmen, mit dem Handrücken rasch das Blut von seinem zerschundenen Gesicht wischen und den Kopf heben – und er blickte auf zu Tonks, die den Tarnumhang hielt, den sie ihm gerade weggezogen hatte.
»Wir sollten schleunigst hier raus«, sagte sie, als die Zugfenster sich vor lauter Dampf verfinsterten und der Zug aus dem Bahnhof zu rollen begann. »Komm, wir springen.«
Harry rannte ihr hinterher auf den Gang. Tonks zog die Waggontür auf und hüpfte auf den Bahnsteig, der unter ihnen wegzugleiten schien, während der Zug Fahrt aufnahm. Harry folgte ihr, geriet beim Aufprall kurz ins Wanken, richtete sich dann auf und sah gerade noch, wie die glänzende scharlachrote Dampflokomotive immer schneller wurde, in eine Kurve ging und verschwand.
Die kalte Nachtluft tat seiner schmerzenden Nase gut. Tonks sah ihn an; er war wütend und es war ihm peinlich, dass er in einer so lächerlichen Lage entdeckt worden war. Schweigend gab sie ihm den Tarnumhang zurück.
»Wer war es?«
»Draco Malfoy«, sagte Harry verbittert. »Danke für … na ja …«
»Kein Problem«, sagte Tonks, ohne zu lächeln. Soweit Harry in der Dunkelheit erkennen konnte, hatte sie die gleichen mausbraunen Haare und sah nicht weniger niedergeschlagen aus als bei ihrem Treffen im Fuchsbau. »Ich kann deine Nase in Ordnung bringen, wenn du dich nicht bewegst.«
Harry hielt nicht viel von dieser Idee; eigentlich hatte er vorgehabt, Madam Pomfrey, die Krankenschwester, aufzusuchen, der er ein wenig mehr zutraute, wenn es um Heilzauber ging, aber es kam ihm unhöflich vor, das zu sagen, also blieb er stocksteif stehen und schloss die Augen.
»Episkey«, sagte Tonks.
Harrys Nase fühlte sich sehr heiß an, und dann sehr kalt. Er hob die Hand und tastete sie vorsichtig ab. Sie schien verheilt zu sein.
»Vielen Dank!«
»Du ziehst dir am besten wieder den Umhang an, dann können wir zu Fuß zur Schule hoch«, sagte Tonks, immer noch ohne ein Lächeln. Als Harry sich wieder den Tarnumhang überwarf, schwang sie ihren Zauberstab; ein riesiges, silbriges, vierbeiniges Wesen brach aus ihm hervor und raste in die Dunkelheit davon.
»War das ein Patronus?«, fragte Harry, der früher schon gesehen hatte, wie Dumbledore auf diese Weise Nachrichten verschickte.
»Ja, ich gebe im Schloss Bescheid, dass ich dich habe, sonst machen sie sich Sorgen. Komm jetzt, wir sollten lieber nicht trödeln.«
Sie gingen auf den Weg zu, der zur Schule führte.
»Wie hast du mich gefunden?«
»Mir ist aufgefallen, dass du nicht aus dem Zug gestiegen bist, und ich wusste, dass du diesen Umhang hast. Ich dachte, vielleicht versteckst du dich aus irgendeinem Grund. Als ich dann sah, dass das Rollo in diesem Abteil runtergezogen war, dachte ich mir, ich schau mal nach.«
»Aber was machst du eigentlich hier?«, fragte Harry.
»Ich bin jetzt in Hogsmeade stationiert, um die Schule zusätzlich zu schützen«, sagte Tonks.
»Bist du die Einzige, die hier stationiert ist, oder –?«
»Nein, Proudfoot, Savage und Dawlish sind auch hier.«
»Dawlish, dieser Auror, den Dumbledore letztes Jahr angegriffen hat?«
»Genau.«
Sie stapften den dunklen, verlassenen Weg hoch, den frischen Kutschenspuren hinterher. Harry sah unter seinem Tarnumhang Tonks von der Seite her an. Letztes Jahr war sie neugierig gewesen (so sehr, dass es manchmal ein wenig nervte), sie hatte gern gelacht, hatte Witze gemacht. Jetzt schien sie älter und viel ernster und zielbewusster. War das alles eine Folge der Ereignisse, die im Ministerium geschehen waren? Er hatte den unangenehmen Gedanken, dass Hermine ihm vorgeschlagen hätte, etwas Tröstendes über Sirius zu ihr zu sagen, dass es wirklich nicht ihre Schuld war, aber er konnte sich nicht dazu durchringen. Er machte sie keineswegs für Sirius’ Tod verantwortlich; sie trug nicht mehr Schuld daran als sonst wer (und viel weniger als er), aber er wollte nicht über Sirius sprechen, wenn er es vermeiden konnte. Und so wanderten sie weiter schweigend durch die kalte Nacht, während Tonks’ langer Umhang hinter ihnen auf dem Boden wisperte.
Harry, der hier immer mit der Kutsche gefahren war, hatte sich nie zuvor klargemacht, wie weit Hogwarts eigentlich vom Bahnhof Hogsmeade entfernt war. Zu seiner großen Erleichterung sah er endlich die hohen Säulen zu beiden Seiten des Tores, auf denen jeweils ein geflügelter Eber saß. Ihm war kalt, er war hungrig, und er hatte es recht eilig, diese ungewohnte, düstere Tonks hinter sich zu lassen. Doch als er die Hand ausstreckte, um die Torflügel aufzustoßen, bemerkte er, dass sie mit einer Kette verschlossen waren.
»Alohomora!«, sagte er zuversichtlich und richtete seinen Zauberstab auf das Vorhängeschloss, aber nichts geschah.
»Das funktioniert bei dem nicht«, sagte Tonks. »Dumbledore persönlich hat es verhext.«
Harry sah sich um.
»Ich könnte über eine Mauer klettern«, schlug er vor.
»Nein, könntest du nicht«, sagte Tonks mit ausdrucksloser Stimme. »Anti-Eindringlings-Flüche auf allen. Die Sicherheitsvorkehrungen sind diesen Sommer hundertmal verschärft worden.«
»Na gut«, sagte Harry und fing allmählich an, sich über ihre mangelnde Hilfsbereitschaft zu ärgern. »Dann werd ich wohl einfach hier draußen schlafen und bis morgen früh warten müssen.«
»Jemand kommt dich abholen«, sagte Tonks. »Sieh mal.«
Ganz in der Ferne, direkt am Schloss, hüpfte eine Laterne auf und ab. Harry freute sich so über diesen Anblick, dass er sofort das Gefühl hatte, er könnte sogar Filchs asthmatische Vorwürfe wegen seiner Verspätung ertragen und sein Gefasel, dass Harry in Zukunft pünktlicher würde, wenn man ihm regelmäßig Daumenschrauben anlegte. Erst als das strahlende gelbe Licht nur noch drei Meter von ihnen entfernt war und Harry seinen Tarnumhang ausgezogen hatte, um sichtbar zu sein, erkannte er mit jäh aufwallendem Hass die von unten beleuchtete Hakennase und das lange, schwarze, fettige Haar von Severus Snape.
»Schön, schön, schön«, sagte Snape höhnisch, zog seinen Zauberstab hervor und tippte einmal gegen das Vorhängeschloss, worauf die Ketten zurückschlängelten und die Torflügel quietschend aufgingen. »Nett von Ihnen, hier aufzutauchen, Potter, auch wenn Sie offenbar der Meinung sind, dass das Tragen eines Schulumhangs von Ihrer Erscheinung ablenken würde.«
»Ich konnte mich nicht umziehen, ich hatte meinen –«, begann Harry, aber Snape unterbrach ihn.
»Du brauchst nicht zu warten, Nymphadora. Potter ist vollkommen – ähm – sicher in meiner Obhut.«
»Die Nachricht war eigentlich für Hagrid bestimmt«, sagte Tonks stirnrunzelnd.
»Hagrid kam zu spät zur Begrüßungsfeier, genau wie Potter hier, also habe ich sie stattdessen angenommen. Und nebenbei bemerkt«, sagte Snape und trat zurück, um Harry an sich vorbeizulassen, »wollte ich mir gerne mal deinen neuen Patronus anschauen.«
Er schlug die Torflügel mit einem lauten Klirren vor Tonks’ Nase zu und tippte mit dem Zauberstab erneut gegen die Ketten, die an ihren Platz zurückrasselten.
»Ich finde, mit dem alten warst du besser dran«, sagte Snape und die Boshaftigkeit in seiner Stimme war unverkennbar. »Der neue macht mir einen schwächlichen Eindruck.«
Als Snape die Laterne herumschwang, sah Harry flüchtig den entsetzten und zornigen Ausdruck auf Tonks’ Gesicht. Dann war sie wieder in Dunkelheit gehüllt.
»Gute Nacht«, rief Harry ihr über die Schulter zu und machte sich mit Snape auf den Weg hoch zur Schule. »Danke für … alles.«
»Bis bald, Harry.«
Snape sagte etwa eine Minute lang kein Wort. Harry hatte ein Gefühl, als ob sein Körper Wellen von Hass erzeugen würde, die so mächtig waren, dass es unglaublich schien, dass Snape nicht spürte, wie sie ihn verbrannten. Er hatte Snape von ihrer ersten Begegnung an verabscheut, aber durch seine Haltung Sirius gegenüber hatte Snape für immer und unwiderruflich die Möglichkeit verwirkt, dass Harry ihm verzieh. Was immer Dumbledore auch sagen mochte, Harry hatte während des Sommers Zeit gehabt nachzudenken und war zu dem Schluss gekommen, dass Snapes abfällige Bemerkungen zu Sirius, er bleibe verborgen und in Sicherheit, während der Rest des Phönixordens gegen Voldemort kämpfe, wahrscheinlich ausschlaggebend für Sirius gewesen waren, in der Nacht seines Todes überstürzt ins Ministerium zu eilen. Harry hielt an dieser Meinung fest, weil sie es ihm erlaubte, Snape die Schuld zuzuschreiben, und das war befriedigend, und außerdem wusste er, wenn irgendjemand nicht traurig über Sirius’ Tod war, dann war es dieser Mann, der jetzt neben ihm in der Dunkelheit einherschritt.
»Fünfzig Punkte Abzug für Gryffindor wegen Unpünktlichkeit, denke ich«, sagte Snape. »Und, warten Sie mal, weitere zwanzig wegen Ihrer Muggelkleidung. Wissen Sie, ich glaube nicht, dass jemals irgendein Haus so früh im Schuljahr schon in den roten Zahlen war – wir haben noch nicht mal mit dem Nachtisch angefangen. Sie haben womöglich einen Rekord aufgestellt, Potter.«
Die Wut und der Hass, die in Harry brodelten, schienen weiß aufzulodern, aber er wäre lieber bewegungsunfähig den ganzen Weg nach London zurückgefahren, als Snape zu sagen, warum er zu spät kam.
»Ich vermute, Sie wollten einen großen Auftritt, stimmt’s?«, fuhr Snape fort. »Und weil Sie kein fliegendes Auto zur Hand hatten, überlegten Sie sich, dass es einen dramatischen Effekt geben würde, in die Große Halle zu platzen, wenn die Feier mitten im Gang ist.«
Harry blieb weiter stumm, obwohl ihm war, als würde seine Brust explodieren. Er wusste, dass Snape genau deshalb gekommen war, um ihn abzuholen, für diese wenigen Minuten, in denen er Harry ärgern und quälen konnte, ohne dass jemand es mitbekam.
Endlich erreichten sie die Schlosstreppe, und das große Eichenportal flog auf in die geräumige, beflaggte Eingangshalle, und durch die offene Tür der Großen Halle empfing sie ein lautes Durcheinander von Stimmen, Gelächter und Teller- und Gläserklirren. Harry fragte sich, ob er seinen Tarnumhang nicht wieder überziehen konnte, damit er sich unbemerkt zu seinem Platz am langen Gryffindor-Tisch stehlen konnte (der ungeschickterweise am weitesten von der Eingangshalle entfernt war).
Als ob er Harrys Gedanken gelesen hätte, sagte Snape jedoch: »Kein Tarnumhang. Sie können so reingehen, damit Sie von allen gesehen werden, was ja sicher Ihre Absicht war.«
Harry drehte sich auf dem Absatz um und marschierte geradewegs durch die offene Tür: Hauptsache, er kam endlich von Snape weg. Die Große Halle mit ihren vier langen Haustischen und dem erhöhten Lehrertisch an der Stirnseite war wie üblich mit schwebenden Kerzen geschmückt, deren Licht die Teller unter ihnen glitzern und glimmern ließ. Harry jedoch nahm das alles nur als verschwommenes Schimmern wahr, er ging so rasch, dass er am Tisch der Hufflepuffs schon vorbei war, ehe die Leute wirklich zu starren anfingen, und als sie dann aufstanden, um ihn besser sehen zu können, hatte er bereits Ron und Hermine gefunden, rannte die Bänke entlang auf sie zu und drängte sich zwischen sie.
»Wo warst – meine Fresse, was hast du mit deinem Gesicht gemacht?«, sagte Ron und glotzte ihn an wie alle anderen rundherum.
»Warum, was ist damit?«, fragte Harry, nahm einen Löffel und schielte auf sein verzerrtes Spiegelbild.
»Du bist völlig blutverschmiert!«, sagte Hermine. »Komm her –«
Sie hob ihren Zauberstab, sagte »Tergeo!«, und sog das getrocknete Blut weg.
»Danke«, sagte Harry und spürte, dass sein Gesicht jetzt sauber war. »Wie sieht meine Nase aus?«
»Normal«, sagte Hermine besorgt. »Was sollte mit ihr sein? Harry, was ist passiert, wir hatten furchtbare Angst!«
»Das erzähl ich euch später«, erwiderte Harry knapp. Er wusste ganz genau, dass Ginny, Neville, Dean und Seamus ihnen zuhörten; selbst der Fast Kopflose Nick, das Gespenst von Gryffindor, war die Bank entlanggeschwebt, um zu lauschen.
»Aber –«, sagte Hermine.
»Nicht jetzt, Hermine«, entgegnete Harry mit geheimnisvoller, bedeutsamer Stimme. Er hoffte sehr, dass sie alle annahmen, er sei in irgendetwas Heldenhaftes verwickelt gewesen, am besten etwas mit ein paar Todessern und einem Dementor. Natürlich würde Malfoy die Geschichte, wo er nur konnte, herumerzählen und sie möglichst breittreten, doch es gab immerhin die Chance, dass sie an nicht allzu viele Gryffindor-Ohren drang.
Er langte an Ron vorbei nach ein paar Hühnerbeinen und einer Hand voll Pommes, doch bevor er sie zu fassen bekam, verschwanden sie und wurden durch Nachspeisen ersetzt.
»Du hast jedenfalls die Zuteilung versäumt«, sagte Hermine, während Ron sich auf einen riesigen Schokoladenkuchen stürzte.
»Hat der Hut irgendwas Interessantes gesagt?«, fragte Harry und nahm sich ein Stück Siruptorte.
»Eigentlich nur, was er immer sagt … hat uns ermahnt, wir sollen uns im Angesicht des Feindes alle vereinen, du weißt schon.«
»Hat Dumbledore Voldemort überhaupt erwähnt?«
»Noch nicht, aber seine richtige Rede spart er sich ja immer für den Schluss der Feier auf, oder? Die kommt jetzt sicher bald.«
»Snape meinte, Hagrid sei zu spät zur Feier gekommen –«
»Du hast Snape gesehen? Wie das?«, fragte Ron, während er hektisch große Bissen Schokoladenkuchen verschlang.
»Hab ihn zufällig getroffen«, erwiderte Harry ausweichend.
»Hagrid kam nur ein paar Minuten zu spät«, sagte Hermine. »Schau mal, er winkt dir, Harry.«
Harry sah zum Lehrertisch hoch und grinste Hagrid zu, der ihm tatsächlich zuwinkte. Hagrid war es nie so recht gelungen, genauso würdevoll aufzutreten wie Professor McGonagall, die Leiterin des Hauses Gryffindor, die neben ihm saß, deren Scheitel gerade mal zwischen Hagrids Ellbogen und Schulter reichte und die diese begeisterte Begrüßung missbilligend zur Kenntnis nahm. Harry war überrascht, dass die Lehrerin für Wahrsagen, Professor Trelawney, zu Hagrids anderer Seite saß; sie verließ selten ihr Turmzimmer und er hatte sie noch nie bei der Begrüßungsfeier zum Schuljahresbeginn gesehen. Sie wirkte so sonderbar wie seit eh und je, behängt mit glitzernden Perlen und flatternden Schals, die Augen durch ihre Brille enorm vergrößert. Harry, der sie immer ein wenig für eine Schwindlerin gehalten hatte, musste am Ende des letzten Schuljahres zu seinem Entsetzen erfahren, dass sie es war, die die Vorhersage gemacht hatte, die Lord Voldemort veranlasst hatte, Harrys Eltern zu töten und Harry anzugreifen. Nun, da er dies wusste, war er noch weniger erpicht auf ihre Gesellschaft, aber zum Glück würde er dieses Jahr mit Wahrsagen aufhören. Ihre großen, leuchtfeuerartigen Augen schwenkten in seine Richtung; hastig wandte er den Blick ab und sah hinüber zum Tisch der Slytherins. Draco Malfoy stellte gerade unter heiserem Gelächter und Applaus pantomimisch dar, wie jemandem die Nase zerschmettert wurde. Harrys Eingeweide brannten wieder und er schaute auf seine Siruptorte hinunter. Was gäbe er nicht dafür, gegen Malfoy zu kämpfen, Mann gegen Mann …
»Was wollte eigentlich Professor Slughorn?«, fragte Hermine.
»Wissen, was wirklich im Ministerium passiert ist«, antwortete Harry.
»Er und alle andern hier auch«, sagte Hermine naserümpfend. »Die Leute haben uns im Zug ständig darüber ausgequetscht, stimmt’s, Ron?«
»Tja«, sagte Ron. »Die wollten alle wissen, ob du wirklich der Auserwählte bist –«
»Sogar bei den Gespenstern wurde viel über dieses Thema gesprochen«, unterbrach sie der Fast Kopflose Nick und neigte seinen gerade noch mit dem Hals verbundenen Kopf zu Harry, so dass er gefährlich auf seiner Halskrause kippelte. »Ich gelte gewissermaßen als eine Autorität in Sachen Potter; es ist weithin bekannt, dass wir befreundet sind. Ich habe der Gespenstergemeinschaft jedoch klargemacht, dass ich dir nicht wegen Informationen auf die Nerven fallen werde. ›Harry Potter weiß, dass er mir blind vertrauen kann‹, habe ich zu ihnen gesagt. ›Ich würde eher sterben, als sein Vertrauen zu missbrauchen.‹«
»Das heißt nicht viel, wenn man bedenkt, dass Sie ja schon tot sind«, bemerkte Ron.
»Du beweist wieder einmal das ganze Feingefühl einer stumpfen Axt«, sagte der Fast Kopflose Nick in beleidigtem Ton, erhob sich in die Luft und schwebte zurück zum anderen Ende des Gryffindor-Tisches, gerade als Dumbledore sich am Lehrertisch erhob. Die Gespräche und das Gelächter, das überall in der Halle ertönte, verstummten fast augenblicklich.
»Den schönsten aller Abende wünsche ich euch!«, sagte er breit lächelnd und mit weit ausgestreckten Armen, als wollte er den ganzen Raum umfassen.
»Was ist mit seiner Hand passiert?«, stieß Hermine atemlos hervor.
Sie war nicht die Einzige, der es aufgefallen war. Dumbledores rechte Hand sah genauso geschwärzt und abgestorben aus wie in jener Nacht, als er Harry von den Dursleys abgeholt hatte. Ein Raunen ging durch den Raum; Dumbledore, der es richtig deutete, lächelte nur und schüttelte seinen violett-goldenen Ärmel über seine Verletzung.
»Kein Grund zur Sorge«, sagte er leichthin. »Nun … An unsere neuen Schüler – willkommen! An unsere alten Schüler – willkommen zurück! Ein weiteres Jahr, ganz der magischen Ausbildung gewidmet, erwartet euch …«
»Seine Hand war schon so, als ich ihn im Sommer gesehen hab«, flüsterte Harry Hermine zu. »Ich dachte eigentlich, er hätte sie inzwischen geheilt … oder Madam Pomfrey hätte das erledigt.«
»Die Hand sieht aus, als wäre sie tot«, sagte Hermine mit einem angewiderten Gesichtsausdruck. »Aber manche Verletzungen kann man nicht heilen … alte Flüche … und es gibt Gifte ohne Gegengifte …«
»… und Mr Filch, unser Hausmeister, hat mich gebeten, euch zu sagen, dass Scherzartikel, die in einem Laden namens Weasleys Zauberhafte Zauberscherze gekauft wurden, ausnahmslos verboten sind.
Die Schüler, die für ihre Quidditch-Hausmannschaft spielen möchten, sollten wie üblich ihre Namen bei den Hauslehrern hinterlassen. Wir suchen auch neue Quidditch-Stadionsprecher, die dies ebenfalls tun sollten.
Wir freuen uns, dieses Jahr ein neues Mitglied des Lehrerkollegiums begrüßen zu dürfen. Professor Slughorn« – Slughorn stand auf, sein kahler Kopf glänzte im Kerzenlicht, sein dicker, westenbekleideter Bauch tauchte den Tisch unter ihm in Schatten – »ist ein ehemaliger Kollege von mir, der sich bereit erklärt hat, seinen alten Posten als Lehrer für Zaubertränke wieder einzunehmen.«
»Zaubertränke?«
»Zaubertränke?«
Das Wort hallte durch den Raum, denn viele fragten sich, ob sie richtig gehört hatten.
»Zaubertränke?«, sagten Ron und Hermine gleichzeitig, wandten sich um und starrten Harry an. »Aber du hast doch gesagt –«
»Professor Snape indes«, sagte Dumbledore und hob die Stimme, damit sie das ganze Gemurmel übertönte, »wird der neue Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste.«
»Nein!«, sagte Harry, so laut, dass viele Köpfe sich zu ihm umdrehten. Es war ihm egal; wutentbrannt stierte er hoch zum Lehrertisch. Wie konnte Snape nach all dieser Zeit Verteidigung gegen die dunklen Künste bekommen? War nicht seit Jahren allgemein bekannt, dass Dumbledore ihm dafür nicht genügend vertraute?
»Aber, Harry, du hast doch gesagt, Slughorn würde Verteidigung gegen die dunklen Künste unterrichten!«, sagte Hermine.
»Das dachte ich auch!«, entgegnete Harry. Er zermarterte sich den Kopf, wann Dumbledore ihm das erzählt hatte, aber jetzt, wo er darüber nachdachte, konnte er sich nicht erinnern, dass Dumbledore je erwähnt hatte, was Slughorn unterrichten würde.
Snape, der rechts von Dumbledore saß, stand nicht auf, als sein Name erwähnt wurde, sondern hob nur eine Hand, um lässig den Beifall vom Slytherin-Tisch zu quittieren, doch Harry erkannte untrüglich einen triumphierenden Ausdruck in dem Gesicht, das er so sehr hasste.
»Also, einen Vorteil hat es«, sagte er grimmig. »Am Ende des Schuljahrs ist Snape weg.«
»Was soll das heißen?«, fragte Ron.
»Dieser Job ist verhext. Keiner hat es länger als ein Jahr geschafft … Quirrell ist sogar dabei gestorben. Ich persönlich drück die Daumen, dass noch einer stirbt …«
»Harry!«, sagte Hermine schockiert und vorwurfsvoll.
»Vielleicht geht er am Ende des Jahres einfach wieder zurück auf den Zaubertrankposten«, überlegte Ron. »Dieser Typ da, Slughorn, will vielleicht gar nicht lange bleiben, genau wie Moody.«
Dumbledore räusperte sich. Harry, Ron und Hermine waren nicht die Einzigen, die sich unterhalten hatten; in der ganzen Halle hatte sich ein Stimmengewirr erhoben bei der Nachricht, dass Snapes Herzenswunsch sich endlich erfüllt hatte. Dumbledore, dem offenbar nicht bewusst war, welch sensationelle Neuigkeit er gerade bekannt gegeben hatte, kündigte keine weiteren Veränderungen im Lehrerkollegium an, sondern wartete ein paar Sekunden, bis vollkommene Stille herrschte, ehe er fortfuhr.
»Nun, wie alle in dieser Halle wissen, sind Lord Voldemort und seine Anhänger erneut auf freiem Fuß und gewinnen immer mehr Macht.«
Die Stille wurde drückend und angespannt, während Dumbledore sprach. Harry warf einen Blick auf Malfoy. Malfoy sah Dumbledore nicht an, sondern ließ seine Gabel mit seinem Zauberstab in der Luft schweben, als wäre es unter seiner Würde, die Worte des Schulleiters zu verfolgen.
»Ich kann nicht nachdrücklich genug betonen, wie gefährlich die gegenwärtige Lage ist und wie sehr sich jeder von uns in Hogwarts darum bemühen muss, alles dafür zu tun, dass wir sicher bleiben. Die magischen Befestigungsanlagen des Schlosses wurden den Sommer über verstärkt, wir sind durch moderne und noch wirkungsvollere Mittel geschützt, und dennoch müssen wir uns gewissenhaft vor möglicher Fahrlässigkeit eines jeden Schülers oder Mitglieds des Kollegiums in Acht nehmen. Ich bitte euch deshalb dringend, jegliche Einschränkung aus Sicherheitsgründen zu beachten, die eure Lehrer euch möglicherweise auferlegen, egal wie lästig ihr sie auch finden mögt – insbesondere die Regel, dass ihr während der Nachtruhe außerhalb eurer Betten nichts zu suchen habt. Ich bitte euch inständig, falls ihr etwas Merkwürdiges oder Verdächtiges innerhalb oder außerhalb des Schlosses bemerken solltet, meldet dies sofort einem Mitglied des Kollegiums. Ich vertraue darauf, dass ihr euch zu jedem Zeitpunkt mit größtmöglicher Rücksichtnahme auf eure eigene Sicherheit und die aller anderen verhaltet.«
Dumbledores blaue Augen glitten über die Schüler, dann lächelte er erneut.
»Doch nun warten eure Betten auf euch, so warm und bequem, wie ihr es euch nur wünschen könnt, und ich weiß, dass euch nichts so wichtig ist, wie gut ausgeruht zu sein für den morgigen Unterricht. Deshalb sagen wir gute Nacht. Tschau, tschau!«
Die Bänke wurden mit dem üblichen ohrenbetäubenden Scharren zurückgeschoben, und Hunderte von Schülern begannen aus der Großen Halle hinauszumarschieren, in Richtung ihrer Schlafsäle. Harry hatte es überhaupt nicht eilig, inmitten der gaffenden Menge hinauszugehen oder Malfoy so nahe zu kommen, dass er noch einmal die Geschichte von der zertretenen Nase auftischen konnte; er blieb zurück, tat so, als müsse er seinen Turnschuh neu schnüren, und ließ die meisten Gryffindors vorangehen. Hermine war nach vorne geeilt, um ihrer Pflicht als Vertrauensschülerin nachzukommen und die Erstklässler unter ihre Fittiche zu nehmen, aber Ron blieb bei Harry.
»Was ist wirklich mit deiner Nase passiert?«, fragte er, als die Menge, die aus der Großen Halle drängelte, ganz an ihnen vorbei war und sich niemand mehr in Hörweite befand.
Harry erzählte es ihm. Es war bezeichnend dafür, wie gut sie befreundet waren, dass Ron nicht lachte.
»Ich hab gesehen, wie Malfoy irgendwas vorgespielt hat, was mit einer Nase zu tun hatte«, sagte er düster.
»Ach ja, vergiss es«, entgegnete Harry bitter. »Hör lieber zu, was er gesagt hat, bevor er mich dort entdeckt hat …«
Harry hatte erwartet, dass Ron über Malfoys Prahlereien verblüfft sein würde. Aber Ron war nicht beeindruckt, was Harry für pure Dickköpfigkeit hielt.
»Was soll’s, Harry, der hat nur vor der Parkinson angegeben … was für einen Auftrag hätte ihm Du-weißt-schon-wer denn schon gegeben?«
»Woher willst du wissen, dass Voldemort nicht jemand in Hogwarts braucht? Es wäre nicht das erste –«
»Wenn du nur ma’ aufhör’n würdest, immer dies’n Namen zu nennen, Harry«, sagte eine vorwurfsvolle Stimme hinter ihnen. Harry blickte über die Schulter und sah Hagrid, der den Kopf schüttelte.
»Dumbledore benutzt diesen Namen«, sagte Harry stur.
»Tja, nu, das is’ eben Dumbledore, was?«, sagte Hagrid geheimnisvoll. »Also, wieso bist du zu spät gekommen, Harry? Hab mir Sorgen gemacht.«
»Bin im Zug aufgehalten worden«, erwiderte Harry. »Warum bist du zu spät gekommen?«
»Ich war bei Grawp«, sagte Hagrid glücklich. »Hab gar nich gemerkt, wie spät es schon war. Er hat jetzt ’n neues Zuhause oben in’n Bergen, Dumbledore hat das besorgt – hübsche große Höhle. Er is’ viel glücklicher, als er’s im Wald war. Wir ham ’n nettes Pläuschchen gehalten.«
»Tatsächlich?«, sagte Harry und mied wohlweislich Rons Blick. Als er Hagrids Halbbruder, einen bösartigen Riesen, der ein Faible dafür hatte, Bäume mitsamt den Wurzeln auszureißen, zum letzten Mal getroffen hatte, hatte dessen Wortschatz aus fünf Wörtern bestanden, von denen er zwei nicht mal richtig aussprechen konnte.
»O jaah, er hat sich richtig gut entwickelt«, sagte Hagrid stolz. »Ihr werdet staun’n. Ich überleg, ob ich ihn nich zu mei’m Gehilfen ausbilden soll.«
Ron schnaubte laut, es gelang ihm jedoch, das als heftigen Nieser zu tarnen. Sie standen jetzt neben dem Eichenportal.
»Jedenfalls sehn wir uns morgen, erste Stunde gleich nach’m Mittagessen. Kommt früher vorbei, dann könnt ihr Seiden… ich mein, Federflügel hallo sagen!«
Er hob den Arm zu einem fröhlichen Abschiedsgruß und ging durch das Portal hinaus in die Dunkelheit.
Harry und Ron schauten sich an. Harry ahnte, dass Ron das gleiche flaue Gefühl im Magen hatte wie er.
»Du nimmst Pflege magischer Geschöpfe nicht, oder?«
Ron schüttelte den Kopf.
»Und du auch nicht, stimmt’s?«
Auch Harry schüttelte den Kopf.
»Und Hermine«, sagte Ron, »sie auch nicht, oder?«
Harry schüttelte wieder den Kopf. Was Hagrid sagen würde, wenn ihm klar wurde, dass seine drei Lieblingsschüler sein Fach abgewählt hatten, mochte er sich gar nicht ausmalen.
Der Halbblutprinz
Harry und Ron trafen Hermine am nächsten Morgen vor dem Frühstück im Gemeinschaftsraum. In der Hoffnung, dass Hermine seine Theorie ein wenig unterstützen würde, berichtete Harry ihr ohne Umschweife, was er Malfoy im Hogwarts-Express hatte sagen hören.
»Aber er wollte doch offensichtlich nur vor der Parkinson angeben, meinst du nicht?«, warf Ron rasch ein, noch ehe Hermine etwas erwidern konnte.
»Nun ja«, sagte sie unsicher, »ich weiß nicht … es würde Malfoy ähnlich sehen, sich wichtiger zu machen, als er eigentlich ist … Aber so was zu behaupten ist schon eine dicke Lüge …«
»Genau«, sagte Harry, doch er konnte nicht noch deutlicher werden, weil so viele ringsum bemüht waren, sein Gespräch zu belauschen, ganz zu schweigen davon, dass sie ihn anstarrten und hinter vorgehaltenen Händen flüsterten.
»Man zeigt nicht mit dem Finger auf Leute«, fauchte Ron einen besonders winzigen Erstklässler an, als sie sich in die Schlange einreihten, um aus dem Porträtloch zu klettern. Der Junge, der hinter seiner Hand seinem Freund etwas über Harry zugemurmelt hatte, wurde prompt scharlachrot und kippte verschreckt aus dem Porträtloch. Ron kicherte.
»Ich find es toll, Sechstklässler zu sein. Und wir kriegen dieses Jahr auch noch freie Zeit. Ganze Schulstunden, in denen wir einfach hier oben sitzen und uns entspannen können.«
»Diese Zeit werden wir zum Lernen brauchen, Ron!«, sagte Hermine, als sie sich auf den Weg durch den Korridor machten.
»Jaah, aber nicht heute«, entgegnete Ron, »heute wird ein richtiger Schnarchtag, schätz ich.«
»Stopp mal!«, sagte Hermine, streckte den Arm aus und hielt einen vorbeikommenden Viertklässler an, der eine limonengrüne Scheibe umklammerte und sich an ihr vorbeizudrängen versuchte. »Fangzähnige Frisbees sind verboten, her damit«, erklärte sie ihm streng. Mit finsterer Miene überreichte ihr der Junge das knurrende Frisbee, tauchte unter Hermines Arm hindurch und lief seinen Freunden hinterher. Ron wartete, bis er verschwunden war, dann schnappte er Hermine das Frisbee aus der Hand.
»Spitze, so eins wollte ich schon immer haben.«
Hermines Protest ging in einem lauten Kichern unter; Lavender Brown fand Rons Bemerkung offenbar höchst amüsant. Sie lachte noch, als sie an ihnen vorbeiging, und warf Ron einen Blick über die Schulter zu. Ron wirkte recht zufrieden mit sich.
Die Decke der Großen Halle war von einem heiteren Blau und mit zarten Schleierwolken überzogen, genau wie die viereckigen Himmelsausschnitte, die durch die hohen Pfostenfenster zu sehen waren. Während sie sich über Haferschleim und Eier mit Speck hermachten, erzählten Harry und Ron Hermine von der peinlichen Unterhaltung mit Hagrid am Abend zuvor.
»Aber er kann doch nicht wirklich glauben, dass wir mit Pflege magischer Geschöpfe weitermachen!«, sagte sie mit bekümmerter Miene. »Ich meine, wann hat je einer von uns etwas … wie soll ich sagen … Begeisterung gezeigt?«
»Das ist es doch gerade, oder?«, sagte Ron, ein ganzes Spiegelei auf einmal verschlingend. »Wir waren diejenigen, die sich im Unterricht am meisten angestrengt haben, weil wir Hagrid mögen. Aber er denkt, dass wir das bescheuerte Fach mögen. Meint ihr, irgendjemand macht darin seinen UTZ?«
Weder Harry noch Hermine antworteten; es war nicht nötig. Sie wussten ganz genau, dass niemand in ihrem Jahrgang mit Pflege magischer Geschöpfe weitermachen wollte. Sie mieden Hagrids Blick, und als er zehn Minuten später den Lehrertisch verließ, erwiderten sie sein fröhliches Winken nur halbherzig.
Nachdem sie gegessen hatten, blieben sie auf ihren Plätzen und warteten darauf, dass Professor McGonagall vom Lehrertisch zu ihnen herunterkam. In diesem Jahr ging es bei der Verteilung der Stundenpläne komplizierter zu als sonst, denn Professor McGonagall musste sich zunächst vergewissern, dass alle die notwendigen ZAG-Noten erhalten hatten, um in ihren UTZ-Wahlfächern weitermachen zu dürfen.
Bei Hermine war sofort klar, dass sie Zauberkunst, Verteidigung gegen die dunklen Künste, Verwandlung, Kräuterkunde, Arithmantik, Alte Runen und Zaubertränke weiterbelegen durfte, und sie flitzte ohne weitere Umstände in die erste Stunde zu Alte Runen. Bei Neville dauerte es ein wenig länger, bis alles geklärt war. Sein rundes Gesicht wirkte besorgt, während Professor McGonagall seine Anmeldung durchging und dann seine ZAG-Ergebnisse prüfte.
»Kräuterkunde, schön«, sagte sie. »Professor Sprout wird erfreut sein, wenn Sie mit einem ›Ohnegleichen‹-ZAG wieder zu ihr kommen. Und Sie haben sich mit einem ›Erwartungen übertroffen‹ auch für Verteidigung gegen die dunklen Künste qualifiziert. Aber das Problem ist Verwandlung. Tut mir leid, Longbottom, aber ein ›Annehmbar‹ ist wirklich nicht gut genug, als dass Sie bis zum UTZ-Abschluss weitermachen könnten, ich glaube einfach nicht, dass Sie in der Lage wären, das Kurspensum zu bewältigen.«
Neville ließ den Kopf hängen. Professor McGonagall musterte ihn durch ihre quadratischen Brillengläser.
»Warum wollen Sie überhaupt mit Verwandlung weitermachen? Ich hatte nie den Eindruck, dass Sie besondere Freude daran hatten.«
Mit trauriger Miene murmelte Neville etwas von wegen »meine Großmutter möchte es«.
»Umpff«, schnaubte Professor McGonagall. »Es ist höchste Zeit, dass Ihre Großmutter lernt, auf den Enkel stolz zu sein, den sie hat, und nicht auf den, den sie gerne hätte – vor allem nach dem, was im Ministerium geschehen ist.«
Neville lief tiefrosa an und blinzelte verwirrt; Professor McGonagall hatte ihm noch nie ein Kompliment gemacht.
»Tut mir leid, Longbottom, aber ich kann Sie nicht in meinen UTZ-Kurs lassen. Wie ich jedoch sehe, haben Sie ein ›Erwartungen übertroffen‹ in Zauberkunst – warum bewerben Sie sich nicht um einen UTZ in Zauberkunst?«
»Meine Großmutter hält Zauberkunst für ein Laberfach«, murmelte Neville.
»Nehmen Sie Zauberkunst«, sagte Professor McGonagall, »ich werde Augusta ein paar Zeilen schreiben und sie daran erinnern, dass Zauberkunst, nur weil sie bei den ZAGs in diesem Fach durchgefallen ist, nicht unbedingt wertlos ist.« Professor McGonagall lächelte ein wenig, als sie Nevilles skeptische und erleichterte Miene sah, tippte mit der Spitze ihres Zauberstabs auf einen leeren Stundenplan und überreichte ihn, nun mit seinen neuen Unterrichtsstunden ausgefüllt, Neville.
Dann wandte sie sich Parvati Patil zu, deren erste Frage lautete, ob Firenze, der hübsche Zentaur, immer noch Wahrsagen unterrichte.
»Er und Professor Trelawney teilen sich dieses Jahr den Unterricht«, sagte Professor McGonagall mit einer Spur von Missfallen in der Stimme; es war allgemein bekannt, dass sie das Fach Wahrsagen verachtete. »Den sechsten Jahrgang übernimmt Professor Trelawney.«
Fünf Minuten später machte sich Parvati auf den Weg zu Wahrsagen, sie wirkte etwas niedergeschlagen.
»So, Potter, Potter …«, sagte Professor McGonagall und wandte sich, ihre Aufzeichnungen zu Rate ziehend, an Harry. »Zauberkunst, Verteidigung gegen die dunklen Künste, Kräuterkunde, Verwandlung … alles in Ordnung. Ich muss sagen, ich war über Ihre Note in Verwandlung erfreut, Potter, sehr erfreut. Nun, warum wollen Sie nicht mit Zaubertränke weitermachen? Ich dachte, sie hätten den Ehrgeiz, ein Auror zu werden?«
»Das stimmt, aber Sie haben mir gesagt, dass ich dafür ein ›Ohnegleichen‹ in der ZAG-Prüfung brauche, Professor.«
»Ja, das brauchten Sie, als Professor Snape das Fach noch unterrichtete. Professor Slughorn allerdings ist vollauf zufrieden, wenn seine UTZ-Schüler ›Erwartungen übertroffen‹ als ZAG-Note haben. Wollen Sie Zaubertränke weiterhin belegen?«
»Ja«, sagte Harry, »aber ich hab keine Bücher oder irgendwelche Zutaten oder sonst was gekauft –«
»Ich bin sicher, Professor Slughorn wird Ihnen etwas leihen können«, sagte Professor McGonagall. »Sehr schön, Potter, hier ist Ihr Stundenplan. Oh, übrigens – zwanzig viel versprechende Talente haben sich bereits für die Quidditch-Mannschaft von Gryffindor eingetragen. Ich werde Ihnen die Liste zu gegebener Zeit zukommen lassen, dann können Sie die Testspiele nach Gutdünken festlegen.«
Ein paar Minuten später stand fest, dass Ron dieselben Fächer wie Harry belegen würde, und die beiden verließen zusammen den Tisch.
»Schau mal«, sagte Ron hocherfreut und betrachtete seinen Stundenplan, »wir haben jetzt eine Freistunde … und nach der Pause noch eine … und nach dem Mittagessen … Spitze!«
Sie kehrten in den Gemeinschaftsraum zurück, der leer war bis auf ein halbes Dutzend Siebtklässler, darunter Katie Bell, die als Einzige noch vom alten Quidditch-Team von Gryffindor übrig war, in das Harry in seinem ersten Schuljahr eingetreten war.
»Ich hab mir schon gedacht, dass du das kriegst, prima«, rief sie herüber und deutete auf das Kapitänsabzeichen auf Harrys Brust. »Sag mir Bescheid, wann deine Testspiele stattfinden!«
»Red keinen Stuss«, sagte Harry, »du brauchst nicht zum Testspiel zu kommen, ich hab dich fünf Jahre lang spielen sehen …«
»So darfst du gar nicht erst anfangen«, ermahnte sie ihn. »Du weißt nie, ob da draußen nicht noch jemand Besseres ist als ich. Es sind schon gute Mannschaften ruiniert worden, weil die Kapitäne nur die altbekannten Gesichter aufgestellt oder ständig ihre Freunde aufgenommen haben …«
Ron schien sich ein wenig unbehaglich zu fühlen und begann mit dem Fangzähnigen Frisbee zu spielen, das Hermine dem Viertklässler abgenommen hatte. Es schwirrte im Gemeinschaftsraum umher, fletschte die Zähne und versuchte Stücke von den Wandbehängen abzubeißen. Krummbein folgte ihm mit seinen gelben Augen und fauchte, wenn es ihm zu nahe kam.
Eine Stunde später verließen sie widerstrebend den sonnigen Gemeinschaftsraum und machten sich auf den Weg zum Klassenzimmer für Verteidigung gegen die dunklen Künste vier Stockwerke tiefer. Hermine stand bereits in einer Schlange vor der Tür, den Arm voller dicker Bücher und mit bedrückter Miene.
»Wir haben so viele Hausaufgaben für Runen«, sagte sie besorgt, als Harry und Ron zu ihr stießen. »Einen vierzig Zentimeter langen Aufsatz, zwei Übersetzungen, und die hier muss ich bis Mittwoch lesen!«
»Gemeinheit«, gähnte Ron.
»Wart’s nur ab«, sagte sie gereizt. »Ich wette, Snape halst uns jede Menge auf.«
Noch während sie sprach, öffnete sich die Klassenzimmertür, und Snape kam in den Korridor, das fahle Gesicht wie immer von zwei Vorhängen aus fettigem schwarzem Haar umrahmt. Die Schüler in der Schlange verstummten schlagartig.
»Eintreten«, sagte er.
Beim Hineingehen sah Harry sich um. Snape hatte dem Raum bereits seine persönliche Note aufgezwungen; er war düsterer als üblich, da Vorhänge vor die Fenster gezogen waren, und er wurde von Kerzen beleuchtet. Neue Bilder schmückten die Wände, viele davon zeigten Menschen, die offenbar unter Schmerzen litten, denn sie wiesen grässliche Verletzungen oder seltsam verrenkte Körperteile auf. Keiner der Schüler sprach, während sie ihre Plätze einnahmen und ihre Blicke über die dunklen, grausigen Bilder ringsumher glitten.
»Ich habe Sie nicht aufgefordert, die Bücher hervorzuholen«, sagte Snape, schloss die Tür, trat hinter sein Pult und wandte sich der Klasse zu; Hermine ließ ihr Exemplar von Im Angesicht des Gesichtslosen hastig wieder in ihre Tasche fallen und verstaute sie unter ihrem Stuhl. »Ich will Ihnen etwas sagen und ich erwarte Ihre volle Aufmerksamkeit.«
Seine schwarzen Augen schweiften über ihre erhobenen Gesichter und verharrten den Bruchteil einer Sekunde länger auf Harrys Gesicht als auf den anderen.
»Sie hatten bislang fünf Lehrer in diesem Fach, meine ich.«
Meinst du … als ob du nicht zugesehen hättest, wie sie alle kamen und gingen, Snape, in der Hoffnung, du wärst der Nächste, dachte Harry bissig.
»Natürlich haben all diese Lehrer ihre eigenen Methoden und Schwerpunkte gehabt. Ich bin überrascht, dass so viele von Ihnen trotz dieses Durcheinanders einen ZAG in diesem Fach geschafft haben. Noch mehr wird es mich überraschen, wenn Sie alle mit dem UTZ-Pensum zurechtkommen, das noch viel anspruchsvoller sein wird.«
Snape begann, das Zimmer an den Wänden entlang abzuschreiten, und sprach jetzt mit leiserer Stimme; die Schüler machten lange Hälse, um ihn im Blick zu behalten.
»Die dunklen Künste«, sagte Snape, »sind zahlreich, vielgestaltig, in ständigem Wandel begriffen und unvergänglich. Der Kampf gegen sie ist wie der Kampf gegen ein vielköpfiges Ungeheuer, dem jedes Mal, wenn ihm ein Hals durchschlagen wird, ein weiterer Kopf nachwächst, noch wilder und gerissener als der alte. Sie kämpfen gegen das Unberechenbare, das sich Wandelnde, das Unzerstörbare.«
Harry starrte Snape an. Sicher war es das eine, die dunklen Künste als gefährlichen Feind zu respektieren, etwas anderes jedoch, wie Snape mit einem liebevoll zärtlichen Ton in der Stimme von ihnen zu reden?
»Ihre Verteidigung«, sagte Snape ein wenig lauter, »muss daher so flexibel und erfindungsreich sein wie die Künste, deren Wirkung Sie zu zerstören suchen. Diese Bilder«, er wies auf einige von ihnen, während er daran vorbeirauschte, »vermitteln einen recht guten Eindruck davon, wie es jenen ergeht, die beispielsweise dem Cruciatus-Fluch unterliegen« (er winkte mit der Hand in Richtung einer Hexe, die offenbar unter Todesqualen schrie), »die den Kuss des Dementors zu spüren bekommen« (ein Zauberer, der zusammengesackt und mit leeren Augen an einer Mauer lag) »oder die Angriffslust des Inferius herausfordern« (eine blutige Masse am Boden).
»Ist etwa ein Inferius gesichtet worden?«, fragte Parvati Patil mit schriller Stimme. »Ist es sicher, setzt er sie ein?«
»Der Dunkle Lord hat in der Vergangenheit schon Inferi eingesetzt«, sagte Snape, »das heißt, Sie täten gut daran, wenn Sie davon ausgehen würden, dass er sie wieder einsetzen könnte. Nun …«
Er schritt jetzt mit wehendem dunklem Umhang die andere Seite des Klassenzimmers entlang auf sein Pult zu und wieder folgten ihm die Schüler mit ihren Blicken.
»… Sie sind, denke ich, im Gebrauch von ungesagten Zaubern völlige Anfänger. Was ist der Vorteil eines ungesagten Zaubers?«
Hermines Hand schoss in die Höhe. Snape nahm sich Zeit und sah rundherum jeden Einzelnen an, um sich zu vergewissern, dass er keine andere Wahl hatte. Dann sagte er kurz angebunden: »Nun gut – Miss Granger?«
»Unser Gegner ist nicht gewarnt, welche Art von Zauber wir einsetzen werden«, sagte Hermine, »was uns einen Vorteil von einer knappen Sekunde einbringt.«
»Eine Antwort, die fast wortwörtlich aus dem Lehrbuch der Zaubersprüche, Band 6, übernommen wurde«, erwiderte Snape geringschätzig (drüben in der Ecke kicherte Malfoy), »aber im Wesentlichen korrekt ist. Ja, wem es gelingt, Magie einzusetzen, ohne Beschwörungsformeln auszurufen, der gewinnt beim Zaubern ein Überraschungsmoment. Natürlich sind nicht alle Zauberer dazu in der Lage; es ist eine Frage der Konzentration und der mentalen Stärke, die manchen«, und sein Blick ruhte erneut feindselig auf Harry, »fehlt.«
Harry wusste, dass Snape an ihre katastrophalen Okklumentikstunden im letzten Jahr dachte. Er hielt dem Blick stand und funkelte Snape böse an, bis dieser schließlich wegsah.
»Sie werden sich nun aufteilen«, fuhr Snape fort, »und paarweise zusammengehen. Der eine Partner wird versuchen, den anderen, ohne zu sprechen, zu verhexen. Der andere wird versuchen, den Fluch ebenso stumm abzuwehren. Nun los.«
Snape wusste nicht, dass Harry im Jahr zuvor mindestens der Hälfte der Klasse (allen DA-Mitgliedern) beigebracht hatte, wie man einen Schildzauber ausführte. Keiner von ihnen hatte den Zauber aber jemals, ohne zu sprechen, ausgeführt. Ein gehöriges Maß an Schummelei folgte; viele sprachen die Beschwörung zwar nicht laut aus, aber sie flüsterten sie doch. Wie nicht anders zu erwarten war, schaffte es Hermine zehn Minuten nach Beginn dieser Übung, Nevilles gemurmelten Wabbelbein-Fluch abzuwehren, ohne ein einziges Wort auszusprechen, eine Großtat, die ihr bei jedem vernünftigen Lehrer sicher zwanzig Punkte für Gryffindor eingebracht hätte, wie Harry verbittert dachte, die Snape aber ignorierte. Während sie übten, schritt er zwischen ihnen einher und ähnelte dabei wie eh und je einer zu groß geratenen Fledermaus. Dann hielt er inne, um Harry und Ron dabei zu beobachten, wie sie sich mit der Aufgabe quälten.
Ron, der Harry einen Fluch aufhalsen sollte, war puterrot im Gesicht und hatte die Lippen fest zusammengepresst, um sich daran zu hindern, die Beschwörungsformel zu murmeln. Harry hatte seinen Zauberstab erhoben und wartete gespannt wie ein Flitzebogen darauf, einen Fluch abzuwehren, auf den er wohl noch lange warten konnte.
»Erbärmlich, Weasley«, sagte Snape nach einer Weile. »Hier – ich will es Ihnen zeigen –«
Er richtete seinen Zauberstab so schnell auf Harry, dass der instinktiv reagierte; er dachte nicht mehr an die ungesagten Zauber und schrie: »Protego!«
Sein Schildzauber war so stark, dass Snape aus dem Gleichgewicht gerissen wurde und gegen ein Pult prallte. Die ganze Klasse hatte sich umgedreht und beobachtete nun, wie Snape sich mit finsterem Blick aufrichtete.
»Habe ich Ihnen nicht gesagt, dass wir ungesagte Zauber üben, Potter?«
»Ja«, erwiderte Harry steif.
»Ja, Sir.«
»Sie brauchen mich nicht ›Sir‹ zu nennen, Professor.«
Die Worte waren ihm entschlüpft, ehe er wusste, was er da sagte. Einigen Schülern stockte der Atem, auch Hermine. Hinter Snape jedoch grinsten Ron, Dean und Seamus anerkennend.
»Nachsitzen, Samstagabend, mein Büro«, sagte Snape. »Ich lasse es nicht zu, dass mir einer frech kommt, Potter … nicht einmal der Auserwählte.«
»Das war genial, Harry!«, gluckste Ron, als sie kurze Zeit später sicher auf dem Weg in die Pause waren.
»Du hättest es wirklich nicht sagen dürfen«, wandte Hermine ein und sah Ron missbilligend an. »Was ist in dich gefahren?«
»Er hat versucht, mir einen Fluch aufzuhalsen, falls du das nicht bemerkt hast!«, schnaubte Harry. »Davon hatte ich schon bei diesen Okklumentikstunden genug! Warum benutzt er nicht mal jemand anderen als Versuchskaninchen? Was soll das überhaupt, dass Dumbledore ihn Verteidigung lehren lässt? Hast du gehört, wie er über die dunklen Künste gesprochen hat? Er liebt sie! Das ganze Gerede über das Unberechenbare, Unzerstörbare –«
»Nun ja«, sagte Hermine, »ich dachte, er klingt ein bisschen wie du.«
»Wie ich?«
»Ja, als du uns erzählt hast, wie es ist, Voldemort die Stirn zu bieten. Du hast gesagt, dass es nicht nur darum geht, ein paar Flüche auswendig zu lernen, du hast gesagt, es gibt da nur dich, dein Gehirn und deinen Mumm – also, hat Snape das nicht eben auch gesagt? Dass es im Grunde nur darauf ankommt, mutig und flink im Kopf zu sein?«
Harry fand es so entwaffnend, dass sie sich seine Worte genauso eingeprägt hatte wie die aus dem Lehrbuch der Zaubersprüche, dass er nicht widersprach.
»Harry! Hey, Harry!«
Harry sah sich um; Jack Sloper, einer der Treiber aus der letztjährigen Quidditch-Mannschaft der Gryffindors, rannte mit einer Pergamentrolle in der Hand auf ihn zu.
»Für dich«, japste Sloper. »Hör mal, ich hab gehört, du bist der neue Kapitän. Wann machst du die Testspiele?«
»Ich weiß noch nicht genau«, sagte Harry und dachte insgeheim, dass Sloper schon viel Glück haben musste, um noch einmal in die Mannschaft aufgenommen zu werden. »Ich geb dir Bescheid.«
»Oh, in Ordnung. Ich hatte gehofft, sie wären dieses Wochenende –«
Aber Harry hörte nicht zu; er hatte gerade die feine, schräge Schrift auf dem Pergament erkannt. Er ließ Sloper mitten im Satz stehen, hastete mit Ron und Hermine davon und entrollte beim Gehen das Pergament.
Lieber Harry,
ich würde gerne diesen Samstag mit unserem Einzelunterricht beginnen. Bitte komme um acht Uhr abends in mein Büro. Ich hoffe, du genießt deinen ersten Tag zurück an der Schule.
Mit herzlichem Gruß
Albus Dumbledore
PS: Ich mag Säuredrops.
»Er mag Säuredrops?«, sagte Ron, der über Harrys Schulter hinweg die Nachricht gelesen hatte und verdutzt dreinsah.
»Das ist das Passwort, um an dem Wasserspeier vor seinem Büro vorbeizukommen«, sagte Harry mit gedämpfter Stimme. »Ha! Snape wird sich nicht gerade freuen … dann kann ich nicht bei ihm nachsitzen!«
Er, Ron und Hermine überlegten während der gesamten Pause, was Dumbledore Harry wohl beibringen würde. Ron hielt es für am wahrscheinlichsten, dass es spektakuläre Flüche und Zauber sein würden, die Todesser nicht kannten. Hermine meinte, solche Dinge seien illegal, und glaubte eher, dass Dumbledore Harry in fortgeschrittener defensiver Magie unterrichten wolle. Nach der Pause ging sie zu Arithmantik, während Harry und Ron in den Gemeinschaftsraum zurückkehrten, wo sie sich widerwillig an Snapes Hausaufgaben machten. Die erwiesen sich als so kompliziert, dass die beiden noch immer nicht fertig waren, als Hermine sich für die Freistunde nach dem Mittagessen wieder zu ihnen gesellte (allerdings beschleunigte sie die Arbeit beträchtlich). Als es am Nachmittag zur Doppelstunde Zaubertränke läutete, waren sie gerade fertig und machten sich auf den vertrauten Weg hinunter in den Kerkerraum, der so lange Snapes Klassenzimmer gewesen war.
Im Korridor angelangt, sahen sie, dass nur ein Dutzend Leute hier bis zum UTZ weitermachten. Crabbe und Goyle hatten den erforderlichen ZAG offensichtlich nicht geschafft, aber vier Slytherins waren durchgekommen, darunter Malfoy. Vier Ravenclaws waren da und ein Hufflepuff, Ernie Macmillan, den Harry trotz seiner recht wichtigtuerischen Art mochte.
»Harry«, sagte Ernie selbstgefällig und streckte ihm, als er sich näherte, die Hand entgegen, »wir hatten keine Gelegenheit, uns heute Morgen in Verteidigung gegen die dunklen Künste zu unterhalten. Einwandfreie Stunde, fand ich, aber Schildzauber sind für uns alte DA-Hasen natürlich ein alter Hut … und wie geht’s euch, Ron – Hermine?«
Ehe sie mehr als »gut« sagen konnten, ging die Kerkertür auf und Slughorns Bauch kam ihm voran durch die Tür. Während sie einer nach dem anderen den Raum betraten, strahlte Slughorn, dass sich der große Walrossbart über seinem Mund bog, und er begrüßte Harry und Zabini besonders entzückt.
Der Kerker war, ganz ungewohnt, bereits von Dämpfen und seltsamen Gerüchen erfüllt. Harry, Ron und Hermine schnupperten interessiert, während sie an großen, brodelnden Kesseln vorbeigingen. Die vier Slytherins setzten sich zusammen an einen Tisch, ebenso die vier Ravenclaws. So blieb Harry, Ron und Hermine nichts anderes übrig, als sich einen Tisch mit Ernie zu teilen. Sie wählten den, der einem goldfarbenen Kessel am nächsten stand, von dem einer der verführerischsten Düfte ausging, die Harry je eingeatmet hatte: Irgendwie erinnerte er ihn gleichzeitig an Siruptorte, den holzigen Geruch eines Besenstiels und etwas Blumenartiges, von dem er meinte, es vielleicht im Fuchsbau schon einmal gerochen zu haben. Er merkte, dass er ganz langsam und tief atmete und dass die Dämpfe der Mischung in ihn hineinzusickern schienen wie ein Getränk. Eine große Zufriedenheit breitete sich in ihm aus; er grinste zu Ron hinüber, der träge zurückgrinste.
»Nun denn, nun denn, nun denn«, sagte Slughorn, dessen gewaltige Umrisse durch die vielen schimmernden Dämpfe waberten. »Bitte alle die Waagen hervorholen und Trankzutaten, und vergessen Sie Zaubertränke für Fortgeschrittene nicht …«
»Sir?«, sagte Harry und hob die Hand.
»Harry, mein Junge?«
»Ich habe kein Buch und keine Waage oder sonst was – und Ron auch nicht – wir wussten nicht, dass wir den UTZ doch machen können, verstehen Sie –«
»Ah, ja, Professor McGonagall hat das erwähnt … kein Problem, mein lieber Junge, gar kein Problem. Sie können heute Zutaten aus dem Vorratsschrank nehmen, und wir können Ihnen sicher eine Waage leihen und haben auch einen kleinen Bestand an alten Büchern hier, das wird reichen, bis Sie an Flourish & Blotts schreiben können …«
Slughorn ging zügig hinüber zu einem Eckschrank, und nach kurzem Stöbern tauchte er mit zwei sehr lädiert wirkenden Exemplaren Zaubertränke für Fortgeschrittene von Libatius Borage auf, die er Harry und Ron zusammen mit zwei angelaufenen Waagen überreichte.
»Nun denn«, sagte Slughorn, kehrte vor die Klasse zurück und blähte seine ohnehin schon gewölbte Brust, dass die Knöpfe an seiner Weste abzuspringen drohten, »ich habe ein paar Zaubertränke für Sie vorbereitet, nur mal zum Anschauen, rein aus Interesse, verstehen Sie? Diese Art von Tränken sollten Sie herstellen können, wenn Sie Ihren UTZ abgelegt haben. Auch wenn Sie sie noch nicht selbst gemacht haben, dürften Sie von ihnen gehört haben. Kann mir jemand sagen, was das hier für einer ist?«
Er zeigte auf den Kessel neben dem Slytherin-Tisch. Harry erhob sich ein wenig und sah etwas wie klares Wasser darin köcheln.
Hermines gut geübte Hand fuhr in die Höhe, noch ehe sonst jemand sich meldete; Slughorn deutete auf sie.
»Das ist Veritaserum, ein farbloser, geruchloser Zaubertrank, der den Trinkenden zwingt, die Wahrheit zu sagen«, erklärte Hermine.
»Sehr gut, sehr gut!«, erwiderte Slughorn hochzufrieden. »Nun«, fuhr er fort und wies auf den Kessel neben dem Ravenclaw-Tisch, »dieser hier ist recht bekannt … wurde kürzlich auch in einigen Merkblättern des Ministeriums erwähnt … wer kann –?«
Hermines Hand war wieder die schnellste.
»Es ist der Vielsaft-Trank, Sir«, sagte sie.
Auch Harry hatte die gemächlich blubbernde, schlammartige Substanz im zweiten Kessel erkannt, nahm es Hermine jedoch nicht übel, dass sie das Lob für die Beantwortung der Frage einheimste; immerhin war sie es gewesen, der es damals in ihrem zweiten Schuljahr gelungen war, ihn herzustellen.
»Ausgezeichnet, ausgezeichnet! Nun, dieser hier … Ja, meine Liebe?« Slughorn blickte nun leicht verwirrt, als Hermines Hand erneut in die Luft schoss.
»Das ist Amortentia!«
»In der Tat. Es scheint fast töricht zu fragen«, sagte Slughorn, der schwer beeindruckt aussah, »aber ich nehme an, Sie wissen, was er bewirkt?«
»Er ist der mächtigste Liebestrank der Welt!«, antwortete Hermine.
»Völlig richtig! Wie ich annehme, haben Sie ihn aufgrund seines charakteristischen Perlmuttschimmers erkannt?«
»Und wegen des Dampfes, der ganz typisch in Spiralen aufsteigt«, sagte Hermine schwärmerisch, »und der angeblich für jeden von uns anders riecht, je nachdem, was wir anziehend finden – ich kann frisch gemähtes Gras und ein neues Pergament und …«
Aber sie lief leicht rosa an und beendete den Satz nicht.
»Darf ich Ihren Namen erfahren, meine Liebe?«, fragte Slughorn, ohne Hermines Verlegenheit zu beachten.
»Hermine Granger, Sir.«
»Granger? Granger? Sind Sie womöglich verwandt mit Hector Dagworth-Granger, der die Extraordinäre Zunft der Trankmeister gegründet hat?«
»Nein, ich glaube nicht, Sir. Ich stamme von Muggeln ab, wissen Sie.«
Harry sah, wie Malfoy sich dicht zu Nott beugte und etwas flüsterte; beide kicherten, aber Slughorn war kein Entsetzen anzumerken; im Gegenteil, er strahlte und blickte von Hermine zu Harry, der neben ihr saß.
»Oho! Eine sehr gute Freundin von mir ist muggelstämmig und sie ist die Beste in unserem Jahrgang! Ich nehme an, das ist diese Freundin, von der Sie sprachen, Harry?«
»Ja, Sir«, sagte Harry.
»Schön, schön, nehmen Sie zwanzig wohlverdiente Punkte für Gryffindor, Miss Granger«, sagte Slughorn liebenswürdig.
Malfoy schaute ungefähr so drein wie damals, als Hermine ihm ins Gesicht geschlagen hatte. Hermine drehte sich freudestrahlend zu Harry um und flüsterte: »Hast du wirklich zu ihm gesagt, dass ich die Beste in unserem Jahrgang bin? Oh, Harry!«
»Na und, was ist so beeindruckend daran?«, flüsterte Ron, der aus irgendeinem Grund verärgert aussah. »Du bist die Beste im Jahrgang – ich hätte es ihm auch gesagt, wenn er mich gefragt hätte!«
Hermine lächelte, legte jedoch den Finger an den Mund und machte »Schh!«, damit sie hören konnten, was Slughorn sagte. Ron schien leicht verstimmt.
»Amortentia erzeugt natürlich nicht wirklich Liebe. Es ist unmöglich, Liebe herzustellen oder nachzubilden. Nein, er verursacht nur starke Schwärmerei oder Besessenheit. Es ist der wohl gefährlichste und stärkste Zaubertrank in diesem Raum – o ja«, sagte er und nickte ernst zu Malfoy und Nott hinüber, die beide skeptisch grinsten. »Wenn Sie so viel vom Leben gesehen haben wie ich, werden Sie die Macht besessener Liebe nicht unterschätzen … Und nun«, fuhr Slughorn fort, »ist es an der Zeit, dass wir mit der Arbeit beginnen.«
»Sir, Sie haben uns nicht gesagt, was in dem dort drin ist«, bemerkte Ernie Macmillan und deutete auf einen kleinen schwarzen Kessel, der auf Slughorns Pult stand. Der Trank darin spritzte munter umher; er hatte die Farbe von geschmolzenem Gold, und große Tropfen hüpften wie Goldfische über die Oberfläche, aber kein bisschen war bisher verschüttet worden.
»Oho«, sagte Slughorn erneut. Harry war sicher, dass Slughorn den Zaubertrank gar nicht vergessen, sondern wegen der dramatischen Wirkung gewartet hatte, bis man ihn danach fragte. »Ja. Dieser. Nun, dieser hier, meine Damen und Herren, ist ein höchst kurioser kleiner Trank namens Felix Felicis. Ich nehme an«, und er wandte sich lächelnd Hermine zu, die hörbar nach Luft schnappte, »dass Sie wissen, was Felix Felicis bewirkt, Miss Granger?«
»Es ist flüssiges Glück«, sagte Hermine aufgeregt. »Es bewirkt, dass man Glück hat!«
Die ganze Klasse schien sich ein wenig aufzurichten. Da Malfoy nun Slughorn endlich seine volle und ungeteilte Aufmerksamkeit widmete, konnte Harry von ihm nur noch den glatten blonden Hinterkopf sehen.
»Völlig richtig, nehmen Sie weitere zehn Punkte für Gryffindor. Ja, das ist ein merkwürdiger kleiner Trank, Felix Felicis«, sagte Slughorn. »Furchtbar kompliziert, ihn herzustellen, und eine Katastrophe, wenn er nicht gelingt. Wenn er allerdings richtig gebraut wird, wie dieser hier, dann werden Sie feststellen, dass alle Ihre Unternehmungen dazu neigen, zu gelingen … zumindest, bis die Wirkung nachlässt.«
»Warum trinken die Leute ihn nicht die ganze Zeit?«, fragte Terry Boot begierig.
»Weil er, wenn man ihn im Übermaß zu sich nimmt, ein Schwindelgefühl, Leichtsinn und gefährlich übersteigertes Selbstvertrauen verursacht«, sagte Slughorn. »Zu viel des Guten, verstehen Sie … höchst giftig in großen Mengen. Aber in Maßen eingenommen, und ganz selten …«
»Haben Sie ihn jemals genommen, Sir?«, fragte Michael Corner äußerst interessiert.
»Zweimal in meinem Leben«, sagte Slughorn. »Einmal, als ich vierundzwanzig war, und das andere Mal mit siebenundfünfzig. Zwei Esslöffel zum Frühstück. Zwei perfekte Tage.«
Er blickte träumerisch ins Leere. Ob er hier nun schauspielerte oder nicht, dachte Harry, die Wirkung war gut.
»Und das«, sagte Slughorn und kehrte offensichtlich wieder auf den Boden der Wirklichkeit zurück, »setze ich in der heutigen Stunde als Preis aus.«
Eine Stille trat ein, in der jedes Blubbern und Glucksen der Zaubertränke rundum zehnfach verstärkt wirkte.
»Ein Fläschchen Felix Felicis«, sagte Slughorn, nahm eine winzige verkorkte Glasflasche aus seiner Tasche und zeigte sie überall herum. »Genug für zwölf Stunden Glück. Von morgens bis abends wird Ihnen alles, was Sie unternehmen, gelingen.
Allerdings muss ich Sie warnen, Felix Felicis ist bei Wettbewerbsveranstaltungen eine verbotene Substanz … bei Sportereignissen zum Beispiel, Prüfungen oder Wahlen. Der Gewinner darf es also nur an einem gewöhnlichen Tag benutzen … und wird erleben, wie ein gewöhnlicher Tag zu einem außergewöhnlichen wird!
Also«, sagte Slughorn auf einmal energisch, »wie können Sie meinen sagenhaften Preis gewinnen? Nun, indem Sie die Seite zehn von Zaubertränke für Fortgeschrittene aufschlagen. Wir haben noch eine gute Stunde, das sollte Ihnen genügen, einen ordentlichen Versuch zu machen, den Sud des lebenden Todes hinzubekommen. Ich weiß, dass er komplizierter ist als alles, was Sie bisher in Angriff genommen haben, und ich erwarte von keinem einen perfekten Trank. Wer sich aber am geschicktesten anstellt, wird den kleinen Felix hier gewinnen. Und los geht’s!«
Ein Scharren ertönte, als alle ihre Kessel heranzogen, und hier und da ein lautes Klappern, als sie ihre Waagen mit Gewichten beschwerten, doch niemand redete. Die Konzentration im Raum war fast greifbar. Harry sah Malfoy fieberhaft sein Zaubertränke für Fortgeschrittene durchblättern. Es hätte nicht deutlicher sein können, dass Malfoy diesen glücklichen Tag auf jeden Fall haben wollte. Harry beugte sich rasch über das ramponierte Buch, das Slughorn ihm geliehen hatte.
Genervt stellte er fest, dass der vorige Besitzer die Seiten vollgekritzelt hatte, so dass die Ränder genauso schwarz waren wie die bedruckten Stellen. Harry beugte sich tief hinunter, um die Zutatenliste zu entziffern (sogar hier hatte der Vorbesitzer Anmerkungen gemacht und Dinge durchgestrichen), dann hastete er hinüber zum Vorratsschrank, um sich zu holen, was er brauchte. Als er zu seinem Kessel zurückeilte, sah er, wie Malfoy, so schnell er konnte, Baldrianwurzeln klein schnitt.
Alle warfen andauernd Blicke umher, um zu sehen, was die anderen taten; es war ein Vorteil und zugleich ein Nachteil des Zaubertrankunterrichts, dass man seine Arbeit kaum geheim halten konnte. Nach zehn Minuten stand der ganze Raum unter bläulichem Dampf. Hermine schien natürlich am weitesten vorangekommen zu sein. Ihr Trank ähnelte bereits der »glatten Flüssigkeit von der Farbe Schwarzer Johannisbeeren«, die als wünschenswertes Zwischenergebnis im Buch vermerkt war.
Als Harry seine Wurzeln zerhackt hatte, beugte er sich wieder tief über sein Buch. Es war wirklich sehr ärgerlich, dass er sich auch noch damit abmühen musste, die Rezeptanweisungen unter all den dummen Kritzeleien des Vorbesitzers zu entziffern, dem aus irgendeinem Grund die Anordnung nicht gefallen hatte, dass die Schlafbohne klein geschnitten werden müsse, und der stattdessen eine andere Anweisung hineingeschrieben hatte:
Mit der stumpfen Seite eines silbernen Dolchs zerdrücken, holt den Saft besser heraus als Kleinschneiden.
»Sir, ich glaube, Sie kannten meinen Großvater, Abraxas Malfoy?«
Harry sah auf; Slughorn ging gerade am Slytherin-Tisch vorbei.
»Ja«, sagte Slughorn, ohne Malfoy anzublicken, »zu meinem Bedauern hörte ich, dass er verstorben ist, auch wenn es natürlich nicht unerwartet kam, Drachenpocken in seinem Alter …«
Und er ging weiter. Harry beugte sich feixend wieder über seinen Kessel. Ihm war klar, dass Malfoy erwartet hatte, wie Harry oder wie Zabini behandelt zu werden; vielleicht hatte er sogar auf eine kleine Vorzugsbehandlung gehofft, von der Art, wie er sie inzwischen von Snape gewohnt war. Es sah ganz so aus, als müsste Malfoy sich auf nichts als seine Fähigkeiten verlassen, um das Fläschchen Felix Felicis zu gewinnen.
Die Schlafbohne klein zu schneiden erwies sich als äußerst schwierig. Harry drehte sich zu Hermine um.
»Kann ich mir mal dein silbernes Messer ausleihen?«
Sie nickte ungeduldig, ohne die Augen von ihrem Zaubertrank abzuwenden, der immer noch tiefpurpurrot war, obwohl er dem Buch nach mittlerweile einen leichten Lilastich hätte annehmen müssen.
Harry zerdrückte seine Bohne mit der stumpfen Seite des Dolchs. Zu seinem Erstaunen sonderte sie unverzüglich so viel Saft ab, wie er der schrumpeligen Bohne gar nicht zugetraut hätte. Hastig schöpfte er alles in den Kessel und stellte überrascht fest, dass der Trank sofort genau den Lilaton annahm, der im Lehrbuch beschrieben war.
Harrys Ärger über den Vorbesitzer verflog auf der Stelle und er spähte nun auf die nächste Zeile der Anweisungen. Laut Buch musste er den Sud gegen den Uhrzeigersinn umrühren, bis er klar wie Wasser wurde. Laut Anmerkung jedoch, die der Vorbesitzer hinzugefügt hatte, sollte er, immer wenn er siebenmal gegen den Uhrzeigersinn gerührt hatte, einmal in die andere Richtung rühren. Konnte der alte Besitzer auch ein zweites Mal Recht haben?
Harry rührte gegen den Uhrzeigersinn, hielt den Atem an und rührte einmal im Uhrzeigersinn. Die Wirkung folgte unmittelbar. Der Trank nahm ein blässliches Rosa an.
»Wie machst du das?«, wollte Hermine wissen. Ihr Gesicht war gerötet und ihre Haare wurden in den Dämpfen ihres Kessels immer buschiger; ihr Trank blieb beharrlich bei seiner purpurnen Farbe.
»Rühr zusätzlich einmal im Uhrzeigersinn –«
»Nein, nein, im Buch steht, gegen den Uhrzeigersinn!«, fuhr sie ihn an.
Harry zuckte die Achseln und rührte weiter. Siebenmal gegen den Uhrzeigersinn, einmal im Uhrzeigersinn, Pause … siebenmal gegen den Uhrzeigersinn, einmal im Uhrzeigersinn …
Auf der anderen Seite des Tisches fluchte Ron leise vor sich hin; sein Gebräu sah aus wie flüssige Lakritze. Harry blickte sich um. Soweit er sehen konnte, war kein anderer Zaubertrank so blass geworden wie seiner. Er geriet in Hochstimmung, etwas, das ihm in diesem Kerker wahrlich noch nie passiert war.
»Und die Zeit ist … um!«, rief Slughorn. »Nicht mehr rühren, bitte!«
Slughorn ging langsam zwischen den Tischen durch und lugte in die Kessel. Er gab keine Kommentare ab, rührte nur hin und wieder in einem Trank oder schnupperte daran. Schließlich kam er zu dem Tisch, an dem Harry, Ron, Hermine und Ernie saßen. Er lächelte mitleidig über die teerartige Substanz in Rons Kessel. Ernies marineblaues Gebräu überging er. Hermines Zaubertrank bedachte er mit einem anerkennenden Nicken. Dann sah er Harrys Trank und auf seinem Gesicht breitete sich ein Ausdruck ungläubiger Freude aus.
»Der klare Sieger!«, rief er durch den Kerker. »Ausgezeichnet, ausgezeichnet, Harry! Mein Gott, Sie haben eindeutig das Talent Ihrer Mutter geerbt, sie war ein richtiges Ass in Zaubertränke, unsere Lily! Also, hier, bitte sehr, bitte sehr – eine Flasche Felix Felicis, wie versprochen, und verwenden Sie es mit Bedacht!«
Harry ließ das Fläschchen mit der goldenen Flüssigkeit in seine Innentasche gleiten, und er empfand eine seltsame Mischung von Genugtuung angesichts der wütenden Blicke auf den Slytherin-Gesichtern und von schlechtem Gewissen wegen Hermines enttäuschter Miene. Ron wirkte schlichtweg verdattert.
»Wie hast du das gemacht?«, flüsterte er Harry zu, als sie den Kerker verließen.
»Hab einfach Glück gehabt, schätze ich«, erwiderte Harry, weil Malfoy in Hörweite war.
Doch sobald sie bequem und geschützt am Gryffindor-Tisch beim Abendessen saßen, fühlte sich Harry sicher genug, um es ihnen zu erzählen. Hermines Gesicht wurde mit jedem seiner Worte starrer.
»Ich vermute, du denkst, ich hätte geschummelt?«, schloss er, verärgert darüber, was sie für ein Gesicht machte.
»Also, das war eigentlich gar nicht deine Arbeit, oder?«, sagte sie steif.
»Er hat sich nur an andere Anweisungen gehalten als wir«, sagte Ron. »Hätte auch ’ne Katastrophe werden können, oder? Aber er hat was riskiert und es hat sich gelohnt.« Er seufzte. »Slughorn hätte auch mir dieses Buch geben können, aber nein, ich krieg eins, in das nie jemand reingeschrieben hat. Höchstens drübergekotzt, so, wie Seite zweiundfünfzig aussieht, aber –«
»Warte mal«, sagte eine Stimme dicht an Harrys linkem Ohr, und plötzlich wehte dieser Blumenduft zu ihm herüber, den er in Slughorns Kerker wahrgenommen hatte. Er wandte sich um und sah, dass Ginny zu ihnen gekommen war. »Hab ich richtig gehört? Du hast Anweisungen befolgt, die jemand in ein Buch geschrieben hat, Harry?«
Sie schien beunruhigt und wütend. Harry wusste sofort, was sie beschäftigte.
»Das hat nichts zu bedeuten«, sagte er beschwichtigend und senkte die Stimme. »Es ist nicht wie, du weißt schon, Riddles Tagebuch. Es ist nur ein altes Schulbuch, in das jemand reingekritzelt hat.«
»Aber du tust, was es sagt?«
»Ich hab nur ein paar von den Tipps ausprobiert, die an den Seitenrändern stehen, ehrlich, Ginny, da ist nichts Merkwürdiges –«
»Ginny hat Recht«, sagte Hermine, die sofort wieder munter wurde. »Wir sollten nachsehen, ob damit alles in Ordnung ist. Ich meine, diese ganzen komischen Anweisungen, wer weiß?«
»Hey!«, sagte Harry empört, als sie ihm sein Exemplar Zaubertränke für Fortgeschrittene aus der Tasche zog und ihren Zauberstab hob.
»Specialis revelio!«, sagte sie und versetzte dem Buch einen heftigen Schlag auf den vorderen Deckel.
Es geschah überhaupt nichts. Das Buch lag einfach da, alt und schmutzig und mit Eselsohren.
»Fertig?«, sagte Harry genervt. »Oder willst du warten, ob es ein paar Saltos rückwärts macht?«
»Es scheint okay zu sein«, erwiderte Hermine, die immer noch argwöhnisch auf das Buch starrte. »Ich meine, es scheint tatsächlich … einfach nur ein Schulbuch zu sein.«
»Gut. Dann will ich es wiederhaben«, sagte Harry und schnappte es sich vom Tisch, doch es glitt ihm aus der Hand und landete aufgeschlagen auf dem Boden.
Niemand sonst achtete darauf. Harry bückte sich, um das Buch aufzuheben, und dabei sah er, dass am unteren Rand des hinteren Buchdeckels etwas in derselben kleinen, gedrängten Handschrift hingekritzelt war wie die Anweisungen, die ihm sein Fläschchen Felix Felicis eingebracht hatten, das jetzt sicher in einem Paar Socken in seinem Koffer oben versteckt lag.
Dieses Buch ist Eigentum des Halbblutprinzen.
Das Haus der Gaunts
Auch in den restlichen Zaubertrankstunden dieser Woche folgte Harry den Anweisungen des Halbblutprinzen, wo immer sie von den Rezepten von Libatius Borage abwichen, mit dem Ergebnis, dass Slughorn sich nach der vierten Stunde schwärmerisch über Harrys Fähigkeiten ausließ und versicherte, er hätte selten einen so talentierten Schüler unterrichtet. Weder Ron noch Hermine waren erfreut darüber. Harry hatte ihnen zwar angeboten, sie in sein Buch schauen zu lassen, doch fiel es Ron schwerer als Harry, die Handschrift zu entziffern, und er konnte Harry nicht dauernd bitten, die Anweisungen laut vorzulesen, weil das Verdacht erregt hätte. Hermine mühte sich unterdessen entschlossen weiter mit dem ab, was sie die »offiziellen« Angaben nannte, bekam allerdings immer üblere Laune, weil sie schlechtere Resultate einbrachten als die des Prinzen.
Harry fragte sich insgeheim, wer der Halbblutprinz gewesen war. Sie hatten zwar so viele Hausaufgaben bekommen, dass er keine Zeit hatte, sein Exemplar der Zaubertränke für Fortgeschrittene ganz durchzulesen, doch er hatte es gründlich genug durchgeblättert, um festzustellen, dass es kaum eine Seite enthielt, wo der Prinz keine zusätzlichen Anmerkungen hinterlassen hatte, die aber nicht alle mit dem Zaubertrankbrauen zu tun hatten. Gelegentlich fanden sich auch Anleitungen für Zauber, die offenbar der Prinz selbst entwickelt hatte.
»Oder sie selbst«, sagte Hermine gereizt, als sie mitbekam, wie Harry am Samstagabend im Gemeinschaftsraum Ron einige davon zeigte. »Es könnte auch ein Mädchen gewesen sein. Die Handschrift kommt mir eher wie die eines Mädchens vor als die eines Jungen.«
»Er hieß der Halbblutprinz«, sagte Harry. »Wie viele Mädchen waren Prinzen?«
Darauf schien Hermine keine Antwort zu haben. Sie blickte nur finster und zog ihren Aufsatz über »Die Prinzipien der Rematerialisierung« von Ron weg, der versucht hatte, den Text über Kopf zu lesen.
Harry warf einen Blick auf seine Uhr und steckte hastig das alte Exemplar von Zaubertränke für Fortgeschrittene zurück in seine Tasche.
»Es ist fünf vor acht, ich geh jetzt besser, sonst komm ich zu spät zu Dumbledore.«
»Ooooh!«, stieß Hermine hervor und blickte sofort auf. »Viel Glück! Wir warten auf dich, wir wollen hören, was er dir beibringt!«
»Hoffentlich läuft’s gut«, sagte Ron, und die beiden sahen Harry nach, der durch das Porträtloch verschwand.
Harry lief durch menschenleere Korridore, musste allerdings hastig hinter eine Statue schlüpfen, als Professor Trelawney um eine Ecke gebogen kam, die leise vor sich hin brabbelte, einen Stapel schmutzig aussehender Spielkarten mischte und sie dann im Gehen las.
»Pik-Zwei: Konflikt«, murmelte sie, als sie an der Statue vorbeikam, hinter die Harry sich geduckt hatte. »Pik-Sieben: ein böses Omen. Pik-Zehn: Gewalt. Pik-Bube: ein dunkler junger Mann, möglicherweise verstört, der den Fragesteller nicht leiden kann –«
Sie blieb wie angewurzelt stehen, genau vor Harrys Statue.
»Nein, das kann nicht stimmen«, sagte sie verärgert, und als sie weitergegangen und nichts als einen leichten Geruch nach Kochsherry zurückgelassen hatte, hörte Harry, wie sie die Karten energisch neu mischte. Er wartete, bis er ganz sicher war, dass sie sich entfernt hatte, dann brach er eilig wieder auf, bis er die Stelle im Korridor im siebten Stock erreichte, wo ein einzelner Wasserspeier an der Wand stand.
»Säuredrops«, sagte Harry. Der Wasserspeier sprang beiseite; die Wand hinter ihm teilte sich und glitt auseinander, und eine steinerne Wendeltreppe, die sich bewegte, wurde sichtbar. Harry stieg auf die Stufen, worauf sie ihn in sanften Kreisen hoch zu der Tür mit dem Bronzeklopfer trug, die zu Dumbledores Büro führte.
Harry klopfte.
»Herein«, sagte Dumbledores Stimme.
»Guten Abend, Sir«, sagte Harry und betrat das Büro des Schulleiters.
»Ah, guten Abend, Harry. Setz dich«, erwiderte Dumbledore lächelnd. »Ich hoffe, du hattest eine angenehme erste Woche zurück in der Schule?«
»Ja, danke, Sir«, sagte Harry.
»Du musst fleißig gewesen sein, da du dir bereits einmal Nachsitzen eingehandelt hast!«
»Ähm …«, begann Harry verlegen, aber Dumbledore sah nicht allzu streng aus.
»Ich habe mich mit Professor Snape verständigt, dass du stattdessen nächsten Samstag zum Nachsitzen kommst.«
»Gut«, sagte Harry, den im Augenblick dringendere Dinge beschäftigten als das Nachsitzen bei Snape. Er blickte sich jetzt verstohlen nach irgendeinem Hinweis auf das um, was Dumbledore an diesem Abend mit ihm vorhatte. Das kreisrunde Büro sah genauso aus wie immer: Die empfindlichen silbernen Instrumente standen auf storchbeinigen Tischen, stießen Rauch aus und surrten; Porträts ehemaliger Schulleiter und Schulleiterinnen dösten in ihren Bilderrahmen; und Dumbledores herrlicher Phönix Fawkes saß auf seiner Stange hinter der Tür und beobachtete Harry mit wachem Interesse. Es sah nicht einmal danach aus, als hätte Dumbledore einen Platz für Duellübungen frei geräumt.
»Also, Harry«, sagte Dumbledore in sachlichem Ton. »Du fragst dich sicher, was ich mit dir in diesen – in Ermangelung eines besseren Wortes – Unterrichtsstunden zu tun gedenke.«
»Ja, Sir.«
»Nun, ich habe beschlossen, dass es an der Zeit ist, dir gewisse Informationen mitzuteilen, jetzt, da du weißt, was Lord Voldemort vor fünfzehn Jahren zu dem Versuch veranlasst hat, dich zu töten.«
Eine Weile herrschte Stille.
»Sie sagten am Ende des letzten Schuljahrs, Sie würden mir alles erzählen«, bemerkte Harry. Es fiel ihm schwer zu vermeiden, dass seine Stimme vorwurfsvoll klang. »Sir«, fügte er hinzu.
»Und das habe ich auch getan«, sagte Dumbledore ruhig. »Ich habe dir alles erzählt, was ich weiß. Von jetzt an werden wir den festen Boden der Tatsachen verlassen und gemeinsam durch die trüben Sümpfe der Erinnerung in das Dickicht wildester Spekulation wandern. Von hier an, Harry, könnte ich mich genauso erbärmlich irren wie Humphrey Belcher, der glaubte, die Zeit sei reif für einen Käsekessel.«
»Aber Sie denken, dass Sie sich nicht irren?«, fragte Harry.
»Natürlich, aber wie ich dir bereits bewiesen habe, mache ich Fehler wie jeder andere. Genau genommen sind meine Fehler, da ich – verzeih mir – eher klüger bin als die meisten Menschen, in der Regel auch entsprechend größer.«
»Sir«, sagte Harry zaghaft, »hat das, was Sie mir erzählen werden, irgendetwas mit der Prophezeiung zu tun? Wird es mir helfen … zu überleben?«
»Es hat sehr viel mit der Prophezeiung zu tun«, erwiderte Dumbledore, so beiläufig, als ob Harry ihn nach dem morgigen Wetter gefragt hätte, »und ich hoffe zweifellos, dass es dir helfen wird, zu überleben.«
Dumbledore erhob sich und ging um den Schreibtisch herum, an Harry vorbei, der sich gespannt auf seinem Platz umdrehte und Dumbledore zusah, wie er sich in den Schrank neben der Tür beugte. Als er sich aufrichtete, hielt er eine vertraute flache Steinschale in den Händen, auf deren Rand merkwürdige Zeichen eingeprägt waren. Er stellte das Denkarium vor Harry auf den Schreibtisch.
»Du siehst beunruhigt aus.«
Harry hatte das Denkarium tatsächlich etwas besorgt ins Auge gefasst. Seine bisherigen Erfahrungen mit der merkwürdigen Vorrichtung, die Gedanken und Erinnerungen speicherte und offenbarte, waren zwar höchst aufschlussreich, aber auch unangenehm gewesen. Als er zum letzten Mal seinen Inhalt aufgewirbelt hatte, hatte er viel mehr gesehen, als ihm eigentlich lieb war. Aber Dumbledore lächelte.
»Diesmal trittst du mit mir zusammen in das Denkarium ein … und was sogar noch ungewöhnlicher ist – mit Erlaubnis.«
»Wohin gehen wir, Sir?«
»Auf eine Reise auf Bob Ogdens Straße der Erinnerung«, sagte Dumbledore und zog eine Kristallflasche aus seiner Tasche, die eine wirbelnde, silbrig weiße Substanz enthielt.
»Wer war Bob Ogden?«
»Er hat in der Abteilung für Magische Strafverfolgung gearbeitet«, sagte Dumbledore. »Er ist vor einiger Zeit gestorben, aber ich konnte ihn noch rechtzeitig ausfindig machen und ihn überreden, mir diese Erinnerungen anzuvertrauen. Wir werden ihn gleich bei einem Besuch begleiten, den er von Amts wegen gemacht hat. Wenn du bitte aufstehen würdest, Harry …«
Aber Dumbledore hatte Schwierigkeiten, den Stöpsel der Kristallflasche herauszuziehen: Seine verletzte Hand war offenbar steif und schmerzte.
»Soll – soll ich, Sir?«
»Kein Problem, Harry –«
Dumbledore richtete seinen Zauberstab auf die Flasche und der Korken flog heraus.
»Sir – wie haben Sie sich die Hand verletzt?«, fragte Harry erneut und blickte mit einer Mischung aus Abscheu und Mitleid auf die geschwärzten Finger.
»Es ist noch nicht Zeit für diese Geschichte, Harry. Noch nicht. Wir haben eine Verabredung mit Bob Ogden.«
Dumbledore kippte den silbrigen Inhalt der Flasche in das Denkarium, wo er, weder Flüssigkeit noch Gas, schimmernd umherwirbelte.
»Nach dir«, sagte Dumbledore und wies auf die Schale.
Harry beugte sich vor, holte tief Luft und tauchte sein Gesicht in die silbrige Substanz. Er spürte, wie seine Füße vom Boden des Büros abhoben; er fiel und fiel, durch schwirrende Dunkelheit, und dann, ganz plötzlich, blinzelte er in blendendem Sonnenlicht. Ehe seine Augen sich daran gewöhnt hatten, landete Dumbledore neben ihm.
Sie standen auf einer Landstraße, die von hohen, verschlungenen Hecken gesäumt war, unter einem Sommerhimmel, so hell und blau wie ein Vergissmeinnicht. Etwa drei Meter vor ihnen stand ein kleiner, rundlicher Mann mit enorm dicken Brillengläsern, die seine Augen zu leberfleckartigen Pünktchen verkleinerten. Er blickte auf ein hölzernes Straßenschild, das aus den Brombeersträuchern am linken Straßenrand ragte. Harry wusste, das musste Ogden sein; er war der einzige Mensch weit und breit, und er trug auch das seltsame Durcheinander von Kleidern, für das sich unerfahrene Zauberer oft entschieden, wenn sie wie Muggel aussehen wollten: Bei ihm waren es ein Gehrock und Gamaschen über einem gestreiften Badeanzug. Doch ehe Harry zu etwas anderem fähig war, als diese bizarre Erscheinung zur Kenntnis zu nehmen, ging Ogden bereits mit zügigen Schritten die Straße hinunter.
Dumbledore und Harry folgten ihm. Als sie an dem hölzernen Wegweiser vorbeikamen, blickte Harry zu dessen zwei Armen hoch. Der eine wies in die Richtung zurück, aus der sie gekommen waren, und darauf stand: »Great Hangleton, 5 Meilen«. Auf dem anderen, der in Ogdens Richtung deutete, stand: »Little Hangleton, 1 Meile«.
Sie legten eine kurze Strecke zurück, auf der nichts zu sehen war außer Hecken, der weite blaue Himmel über ihnen und die wuselnde Gestalt im Gehrock vor ihnen, dann machte die Straße eine Kurve nach links, neigte sich und führte sehr steil einen Hügel hinunter, und mit einem Mal bot sich ihnen ein unerwarteter Blick über ein ganzes Tal, das sich vor ihnen erstreckte. Harry konnte ein Dorf sehen, zweifellos Little Hangleton, es lag gemütlich zwischen zwei steilen Hügeln, und seine Kirche und sein Friedhof waren deutlich zu erkennen. Jenseits des Tales, auf dem Hügel gegenüber, stand ein schönes Gutshaus, inmitten einer weitläufigen, samtig grünen Rasenfläche.
Wegen des steilen Gefälles war Ogden in einen unfreiwilligen Trab verfallen. Dumbledore schritt nun weiter aus, und Harry beeilte sich, um nicht den Anschluss zu verlieren. Er dachte, es ginge nach Little Hangleton, und wie in der Nacht, in der sie Slughorn aufgesucht hatten, fragte er sich, warum sie sich ihrem Ziel aus solcher Entfernung nähern mussten. Bald jedoch stellte er fest, dass er sich geirrt hatte, denn es ging keineswegs ins Dorf. Die Straße bog nach rechts, und als sie um die Kurve kamen, sahen sie gerade noch Ogdens Gehrock durch eine Lücke in der Hecke verschwinden.
Dumbledore und Harry folgten ihm auf einen schmalen Feldweg, der von noch höheren und wilderen Hecken gesäumt war. Der Weg war uneben, steinig und voller Schlaglöcher, er neigte sich wie die Straße zuvor hügelabwärts und führte offenbar zu einer Waldung mit dunklen Bäumen ein Stück weiter unten. Und tatsächlich, bald erreichte der Weg das Wäldchen, und Dumbledore und Harry blieben hinter Ogden stehen, der innegehalten und seinen Zauberstab gezogen hatte.
Der Himmel war wolkenlos, doch die alten Bäume vor ihnen warfen tiefe, dunkle, kühle Schatten, und es dauerte einige Sekunden, bis Harrys Augen mitten im Dickicht der Stämme das halb verborgene Gebäude erkennen konnten. Es kam ihm äußerst sonderbar vor, dass jemand einen solchen Platz für ein Haus gewählt hatte, zumindest war es ein merkwürdiger Entschluss, die Bäume daneben weiterwachsen zu lassen, die alles Licht verschluckten und die Sicht hinunter auf das Tal versperrten. Er fragte sich, ob es wohl bewohnt war; seine Mauern waren moosbewachsen, und vom Dach waren so viele Ziegel heruntergefallen, dass man an manchen Stellen die Sparren sehen konnte. Rundum wuchsen Brennnesseln, deren Spitzen bis zu den winzigen, stark verschmutzten Fenstern reichten. Gerade als er zu dem Schluss gekommen war, dass hier unmöglich jemand leben konnte, wurde klappernd eines der Fenster aufgeworfen, und eine dünne Dampf- oder Rauchfahne drang heraus, als sei gerade jemand beim Kochen.
Ogden ging ruhig weiter, recht vorsichtig, wie es Harry schien. Als die dunklen Schatten der Bäume über ihn glitten, blieb er erneut stehen und blickte gebannt auf die Haustür, an die jemand eine tote Schlange genagelt hatte.
Dann war ein Rascheln und Knacken zu hören, und ein Mann in Lumpen fiel vom nächsten Baum und landete direkt vor Ogden auf beiden Füßen. Ogden sprang so schnell rückwärts, dass er auf die Schöße seines Gehrocks trat und strauchelte.
»Du bist hier unerwünscht.«
Der Mann, der vor ihnen stand, hatte dichtes Haar, so verfilzt mit Schmutz, dass die Farbe nicht zu erkennen war. Etliche Zähne fehlten ihm. Seine Augen waren klein und dunkel und starrten in entgegengesetzte Richtungen. Er hätte komisch aussehen können, aber das tat er nicht; der Eindruck war erschreckend, und Harry konnte es Ogden nicht verdenken, dass er noch einige Schritte weiter zurückwich, ehe er sprach.
»Ähm – guten Morgen. Ich bin vom Zaubereiministerium –«
»Du bist hier unerwünscht.«
»Ähm – Verzeihung – ich verstehe Sie nicht«, sagte Ogden nervös.
Harry dachte, Ogden müsse äußerst schwer von Begriff sein; der Fremde drückte sich seiner Meinung nach sehr klar aus, zudem fuchtelte er mit einem Zauberstab in der einen und einem kurzen und ziemlich blutigen Messer in der anderen Hand herum.
»Du verstehst ihn sicher, Harry?«, sagte Dumbledore leise.
»Ja, natürlich«, erwiderte Harry ein wenig verdutzt. »Warum kann Ogden ihn nicht –?«
Doch als sein Blick von neuem auf die tote Schlange an der Tür fiel, begriff er plötzlich.
»Er spricht Parsel?«
»Sehr gut.« Dumbledore nickte und lächelte.
Der Mann in Lumpen ging nun auf Ogden zu, das Messer in der einen, den Zauberstab in der anderen Hand.
»Nun hören Sie –«, fing Ogden an, aber zu spät: Ein Knall ertönte, Ogden lag am Boden und hielt sich krampfhaft die Nase, und eine ekelhafte gelbliche Schmiere spritzte zwischen seinen Fingern hervor.
»Morfin!«, sagte eine laute Stimme.
Ein älterer Mann war aus dem Haus gehastet und hatte die Tür so heftig hinter sich zugeschlagen, dass die tote Schlange kläglich hin- und herschwang. Dieser Mann war kleiner als der erste und hatte seltsame Proportionen; seine Schultern waren sehr breit und seine Arme überlang, was ihm zusammen mit seinen hellbraunen Augen, dem kurzen Stoppelhaar und dem runzligen Gesicht das Aussehen eines kräftigen, in die Jahre gekommenen Affen verlieh. Er blieb neben dem Mann mit dem Messer stehen, der angesichts des am Boden liegenden Ogden in keckerndes Gelächter ausgebrochen war.
»Ministerium, ja?«, sagte der ältere Mann und sah zu Ogden hinunter.
»Korrekt«, sagte Ogden zornig und tastete sein Gesicht ab. »Und Sie sind, wie ich annehme, Mr Gaunt?«
»Richtig«, sagte Gaunt. »Er hat Sie wohl im Gesicht erwischt, was?«
»Ja, hat er!«, fauchte Ogden.
»Sie hätten sich ankündigen sollen, oder?«, sagte Gaunt angriffslustig. »Das hier ist Privatgelände. Können nicht einfach hier reinspazieren und erwarten, dass mein Sohn sich nicht verteidigt.«
»Gegen was verteidigt, Mann?«, fragte Ogden und rappelte sich hoch.
»Topfgucker. Eindringlinge. Muggel und Abschaum.«
Ogden richtete seinen Zauberstab auf seine eigene Nase, aus der immer noch große Mengen einer gelben, eiterartigen Masse hervorquollen, und der Strom versiegte augenblicklich. Mr Gaunt redete aus dem Mundwinkel mit Morfin.
»Ins Haus mit dir. Keine Widerrede.«
Diesmal war Harry vorbereitet und erkannte, dass es Parsel war; er konnte verstehen, was gesagt wurde, und nahm gleichzeitig das unheimliche Zischen wahr, das Einzige, was Ogden hören konnte. Morfin schien gerade im Begriff zu sein zu widersprechen, doch als sein Vater ihm einen drohenden Blick zuwarf, besann er sich anders, schleppte sich in einem merkwürdigen wiegenden Gang zum Haus hinüber und schlug die Tür hinter sich zu, so dass die Schlange erneut traurig hin- und herschwang.
»Ich bin wegen Ihres Sohnes hier, Mr Gaunt«, sagte Ogden, während er den letzten Rest Eiter vom Revers seines Gehrocks wischte. »Das war Morfin, nicht wahr?«
»Ah, das war Morfin«, sagte der alte Mann gleichgültig. »Sind Sie Reinblüter?«, fragte er, mit einem Mal aggressiv.
»Das spielt keine Rolle«, sagte Ogden nüchtern und Harry empfand wachsenden Respekt für ihn.
Offenbar empfand Gaunt etwas völlig anderes. Er starrte Ogden mit zusammengekniffenen Augen an und murmelte in einem Ton, der offensichtlich beleidigend klingen sollte: »Wenn ich’s mir recht überlege, hab ich Nasen wie Ihre schon unten im Dorf gesehen.«
»Das bezweifle ich nicht, wenn Ihr Sohn auf sie losgelassen wurde«, sagte Ogden. »Vielleicht können wir diese Unterhaltung drinnen fortsetzen?«
»Drinnen?«
»Ja, Mr Gaunt. Ich habe es Ihnen bereits gesagt. Ich bin wegen Morfin hier. Wir haben eine Eule geschickt –«
»Ich kann mit Eulen nichts anfangen«, sagte Gaunt. »Ich öffne keine Briefe.«
»Dann können Sie sich wohl kaum beschweren, dass Ihre Besucher sich nicht ankündigen«, sagte Ogden scharf. »Ich bin hier infolge einer schwer wiegenden Verletzung des Zaubereigesetzes, die heute in den frühen Morgenstunden hier verübt –«
»Schon gut, schon gut, schon gut!«, bellte Gaunt. »Dann kommen Sie eben in das verdammte Haus und sehen, was es Ihnen nützt!«
Das Haus hatte offenbar drei kleine Räume. Zwei Türen führten vom Hauptraum weg, der gleichzeitig als Küche und Wohnzimmer diente. Morfin saß in einem schmutzigen Sessel neben dem rauchenden Kaminfeuer, ließ eine lebendige Natter durch seine dicken Finger schlängeln und sang ihr leise auf Parsel zu:
»Zischle, zischle, kleine Schlange,
schlängle dich am Boden hier.
Bist du nicht gut zu deinem Morfin,
nagelt er dich an die Tür.«
Aus der Ecke neben dem offenen Fenster kam ein schlurfendes Geräusch, und Harry bemerkte, dass noch jemand im Raum war, ein Mädchen, dessen verschlissenes graues Kleid genau die gleiche Farbe hatte wie die schmutzige Steinmauer hinter ihm. Das Mädchen stand an einem verrußten schwarzen Herd, auf dem ein Topf dampfte, und machte sich an dem Regal mit verwahrlost wirkenden Töpfen und Pfannen darüber zu schaffen. Ihr Haar war dünn und stumpf und sie hatte ein unscheinbares, blasses, recht plumpes Gesicht. Ihre Augen starrten wie die ihres Bruders in entgegengesetzte Richtungen. Sie schien ein wenig gepflegter als die beiden Männer, aber Harry meinte, noch nie einen Menschen gesehen zu haben, der erbärmlicher wirkte.
»Meine Tochter, Merope«, sagte Gaunt widerwillig, als Ogden fragend zu ihr hinüberblickte.
»Guten Morgen«, sagte Ogden.
Sie gab keine Antwort, sondern warf ihrem Vater einen erschrockenen Blick zu, wandte sich ab und schob wieder die Töpfe auf dem Regal hinter ihr hin und her.
»Nun, Mr Gaunt«, sagte Ogden, »um gleich zur Sache zu kommen, wir haben Grund zu der Annahme, dass Ihr Sohn Morfin gestern spät in der Nacht vor einem Muggel Zauber ausgeführt hat.«
Ein ohrenbetäubendes Scheppern war zu hören. Merope hatte einen der Töpfe fallen lassen.
»Aufheben!«, brüllte Gaunt sie an. »Ja, genau, grapsch auf dem Boden rum wie ein dreckiger Muggel, wozu hast du deinen Zauberstab, du nutzloser Mistsack?«
»Mr Gaunt, bitte!«, sagte Ogden und klang schockiert. Merope, die den Topf schon aufgehoben hatte, bekam scharlachrote Flecken im Gesicht, sie ließ den Topf wieder fallen, zog bebend ihren Zauberstab aus der Tasche, richtete ihn auf den Topf und murmelte einen hastigen, unhörbaren Zauberspruch, worauf der Topf von ihr weg über den Boden schlitterte, an die Wand gegenüber schlug und entzweibrach.
Morfin ließ ein verrücktes keckerndes Lachen los. Gaunt schrie: »Mach ihn wieder ganz, du nichtsnutziges Stück, mach ihn wieder ganz!«
Merope wankte durch den Raum, doch ehe sie ihren Zauberstab heben konnte, hatte Ogden bereits seinen gezückt und sagte entschlossen: »Reparo.« Der Topf setzte sich augenblicklich wieder zusammen.
Gaunt machte kurz den Eindruck, als wollte er Ogden gleich anschreien, dann aber überlegte er es sich offenbar anders; er verhöhnte stattdessen seine Tochter: »Ein Glück, dass der nette Mann vom Ministerium da ist, oder? Vielleicht holt er dich von mir weg, vielleicht hat er nichts gegen dreckige Squibs …«
Ohne jemanden anzusehen oder sich bei Ogden zu bedanken, hob Merope den Topf auf und stellte ihn mit zitternden Händen wieder auf sein Regal. Dann stand sie völlig reglos da, den Rücken an die Wand zwischen dem schmutzigen Fenster und dem Herd gelehnt, als wäre es ihr sehnlichster Wunsch, in den Stein zu versinken und zu verschwinden.
»Mr Gaunt«, begann Ogden erneut, »wie bereits gesagt: Der Grund für meinen Besuch –«
»Das hab ich schon verstanden!«, fauchte Gaunt. »Na und wenn schon? Morfin hat einem Muggel ein bisschen verpasst, was er ohnehin verdient hat – was ist schon dabei?«
»Morfin hat das Zaubereigesetz gebrochen«, sagte Ogden streng.
»Morfin hat das Zaubereigesetz gebrochen«, äffte Gaunt Ogdens Stimme nach und machte daraus einen schwülstigen Singsang. Morfin lachte wieder keckernd. »Er hat einem dreckigen Muggel eine Lektion erteilt, und das soll jetzt gesetzwidrig sein?«
»Ja«, sagte Ogden. »Ich fürchte, das ist so.«
Er zog eine kleine Pergamentrolle aus einer Innentasche und breitete sie aus.
»Was ist das denn, sein Urteilsspruch?«, sagte Gaunt mit zornig anschwellender Stimme.
»Es ist eine Vorladung ins Ministerium zu einer Anhörung –«
»Vorladung! Vorladung? Für wen halten Sie sich eigentlich, dass Sie meinen Sohn irgendwohin vorladen könnten?«
»Ich bin der Leiter des Magischen Strafverfolgungskommandos«, sagte Ogden.
»Und Sie denken, wir sind Abschaum, ja?«, schrie Gaunt, näherte sich jetzt Ogden und richtete einen schmutzigen Finger mit gelbem Nagel auf seine Brust. »Abschaum, der angelaufen kommt, wenn das Ministerium es ihm befiehlt? Wissen Sie eigentlich, mit wem Sie reden, Sie dreckiger kleiner Schlammblüter, wissen Sie das?«
»Ich hatte bisher den Eindruck, mit Mr Gaunt zu sprechen«, sagte Ogden, der vorsichtig wirkte, aber nicht zurückwich.
»Das ist richtig!«, donnerte Gaunt. Einen Moment lang dachte Harry, Gaunt würde eine obszöne Geste mit der Hand machen, doch dann wurde ihm klar, dass er Ogden den hässlichen Ring mit dem schwarzen Stein zeigte, den er am Mittelfinger trug, indem er ihn vor Ogdens Augen hin und her schwenkte. »Sehen Sie den? Sehen Sie den? Wissen Sie, was das ist? Wissen Sie, woher der kommt? Jahrhundertelang war er im Besitz unserer Familie, so weit zurück reicht unser Stammbaum, und wir haben immer das reine Blut bewahrt! Wissen Sie, wie viel man mir dafür geboten hat, mit dem Peverell-Wappen, das in den Stein graviert ist?«
»Ich habe wirklich keine Ahnung«, sagte Ogden und blinzelte, während der Ring wenige Zentimeter vor seiner Nase herumschwebte, »und das tut hier überhaupt nichts zur Sache, Mr Gaunt. Ihr Sohn hat sich –«
Mit einem wütenden Schrei rannte Gaunt auf seine Tochter zu. Für einen kurzen Augenblick dachte Harry, er würde sie erdrosseln, da er ihr mit der Hand an die Gurgel fuhr; doch gleich darauf zerrte er sie an einer Goldkette, die um ihren Hals hing, zu Ogden hin.
»Sehen Sie das?«, brüllte er Ogden an und schüttelte ein schweres goldenes Medaillon in seine Richtung, während Merope würgte und nach Atem rang.
»Ich sehe es, ich sehe es!«, gab Ogden hastig zurück.
»Von Slytherin!«, rief Gaunt. »Von Salazar Slytherin! Wir sind seine letzten lebenden Nachfahren, was sagen Sie dazu, he?«
»Mr Gaunt, Ihre Tochter!«, sagte Ogden in heller Aufregung, aber Gaunt hatte Merope schon losgelassen; sie taumelte von ihm weg, zurück in ihre Ecke, rieb sich den Hals und schnappte nach Luft.
»Also!«, sagte Gaunt triumphierend, als hätte er soeben einen komplizierten Sachverhalt unstrittig bewiesen. »Sprechen Sie nicht weiter mit uns, als ob wir Dreck an Ihren Schuhen wären! Generationen von Reinblütern – allesamt Zauberer – mit Sicherheit mehr, als Sie von sich behaupten können!«
Er spuckte auf den Boden vor Ogdens Füße. Morfin keckerte erneut. Merope, die mit gesenktem Kopf, das Gesicht von ihrem dünnen Haar verborgen, neben dem Fenster kauerte, sagte nichts.
»Mr Gaunt«, sagte Ogden hartnäckig, »ich fürchte, weder Ihre noch meine Vorfahren haben mit der anhängigen Sache etwas zu tun. Ich bin wegen Morfin hier, wegen Morfin und des Muggels, den er gestern spät in der Nacht angepöbelt hat. Unseren Informationen nach«, er warf einen Blick auf seine Pergamentrolle, »hat Morfin einen Fluch oder Zauber gegen besagten Muggel ausgeführt, wodurch dieser einen höchst schmerzhaften Nesselausschlag bekam.«
Morfin kicherte.
»Sei still, Junge«, knurrte Gaunt auf Parsel, und Morfin verstummte wieder.
»Und was, wenn er es tatsächlich getan hätte?«, sagte Gaunt herausfordernd zu Ogden. »Ich schätze, Sie haben dem Muggel sein dreckiges Gesicht sauber gewischt, und sein Gedächtnis noch dazu –«
»Darum geht es wohl kaum, nicht wahr, Mr Gaunt?«, sagte Ogden. »Dies war ein nicht provozierter Angriff auf einen wehrlosen –«
»Ach, ich hab doch gleich gesehen, dass Sie ein Muggelfreund sind«, höhnte Gaunt und spuckte wieder auf den Boden.
»Diese Diskussion bringt uns nicht weiter«, sagte Ogden bestimmt. »Aus dem Verhalten Ihres Sohnes geht eindeutig hervor, dass er keine Reue für seine Taten empfindet.« Er warf noch einen Blick auf seine Pergamentrolle. »Morfin wird am vierzehnten September zu einer Anhörung erscheinen und zu der Anklage Stellung nehmen, dass er in Anwesenheit eines Muggels Magie eingesetzt hat und besagtem Muggel Schaden und Leid –«
Ogden brach ab. Das Klirren und Getrappel von Pferden und laute, lachende Stimmen wehten durch das offene Fenster herein. Anscheinend führte die gewundene Straße zum Dorf ganz dicht an dem Wäldchen vorbei, in dem das Haus stand. Gaunt erstarrte und lauschte mit aufgerissenen Augen. Morfin zischte und wandte sich mit gieriger Miene in die Richtung, aus der die Geräusche kamen. Merope hob den Kopf. Harry sah, dass ihr Gesicht ganz weiß war.
»Mein Gott, was für ein Schandfleck!«, erklang die Stimme eines Mädchens, die so deutlich durch das offene Fenster zu hören war, als hätte das Mädchen neben ihnen im Raum gestanden. »Hätte dein Vater diese Bruchbude nicht abreißen lassen können, Tom?«
»Die gehört nicht uns«, sagte die Stimme eines jungen Mannes. »Alles auf der anderen Seite des Tals gehört uns, aber dieses Haus gehört einem alten Landstreicher namens Gaunt und seinen Kindern. Der Sohn ist völlig verrückt, du solltest mal hören, was sie im Dorf so erzählen –«
Das Mädchen lachte. Das Klirren und Getrappel wurde immer lauter. Morfin machte Anstalten, aus seinem Sessel aufzustehen.
»Bleib sitzen«, mahnte ihn sein Vater auf Parsel.
»Tom«, sagte die Mädchenstimme erneut, jetzt so nahe, dass sie offenbar direkt am Haus waren, »vielleicht täusche ich mich – aber hat da jemand eine Schlange an die Tür genagelt?«
»Guter Gott, du hast Recht!«, erwiderte die Stimme des Mannes. »Das wird der Sohn gewesen sein, ich hab dir ja gesagt, er ist nicht ganz richtig im Kopf. Sieh nicht hin, Cecilia, Liebling.«
Das Klirren und Getrappel wurde nun wieder schwächer.
»›Liebling‹«, flüsterte Morfin auf Parsel und sah seine Schwester an. »›Liebling‹ hat er sie genannt. Also will er dich ohnehin nicht haben.«
Merope war so weiß, dass Harry sicher war, sie würde gleich in Ohnmacht fallen.
»Was soll das heißen?«, sagte Gaunt schneidend, ebenfalls auf Parsel, und blickte nacheinander seinen Sohn und seine Tochter an. »Was hast du gesagt, Morfin?«
»Sie schaut diesen Muggel gerne an«, sagte Morfin mit gehässiger Miene, während er seine Schwester anstarrte, der jetzt die Angst im Gesicht stand. »Immer im Garten, wenn er vorbeikommt, stiert ihn durch die Hecke an, stimmt’s? Und gestern Abend –«
Merope schüttelte flehend ruckartig den Kopf, aber Morfin fuhr umbarmherzig fort: »Hat sich aus dem Fenster gehängt und gewartet, dass er nach Hause reitet, nicht wahr?«
»Aus dem Fenster gehängt, um einen Muggel anzuschauen?«, sagte Gaunt leise.
Alle drei Gaunts schienen Ogden vergessen zu haben, der verwirrt und auch verärgert dreinblickte, als sie wieder in unverständliches Zischen und Schnarren ausbrachen.
»Ist das wahr?«, sagte Gaunt mit drohender Stimme und machte ein, zwei Schritte auf das verängstigte Mädchen zu. »Meine Tochter – reinblütiger Nachkomme von Salazar Slytherin – sehnt sich nach einem schmutzigen, dreckblütigen Muggel?«
Merope schüttelte verzweifelt den Kopf und drückte sich an die Wand, offenbar unfähig zu sprechen.
»Aber ich hab’s ihm gezeigt, Vater!«, keckerte Morfin. »Ich hab’s ihm gezeigt, als er hier vorbeikam. Und mit dem Ausschlag überall hat er gar nicht hübsch ausgesehen, oder, Merope?«
»Du widerliche kleine Squib, du dreckige kleine Blutsverräterin!«, brüllte Gaunt, der nun völlig die Beherrschung verlor, und seine Hände schlossen sich um die Kehle seiner Tochter.
Harry und Ogden schrien gleichzeitig »Nein!«; Ogden hob seinen Zauberstab und rief: »Relaschio!« Gaunt wurde rücklings von seiner Tochter weggerissen; er stolperte über einen Stuhl und fiel flach auf den Rücken. Brüllend vor Zorn, sprang Morfin aus seinem Sessel und stürmte auf Ogden zu, schwang dabei sein blutiges Messer und feuerte wahllos Flüche aus seinem Zauberstab ab.
Ogden rannte um sein Leben. Dumbledore gab Harry ein Zeichen, dass sie ihm folgen sollten, und Harry gehorchte, während ihm Meropes Schreie noch in den Ohren klangen.
Ogden stürmte den Feldweg hoch und sprang, die Arme über dem Kopf, auf die Landstraße, wo er mit einem glänzenden, fuchsroten Pferd zusammenstieß, auf dem ein sehr gut aussehender, dunkelhaariger junger Mann saß. Der Mann und das hübsche Mädchen, das auf einem grauen Pferd an seiner Seite ritt, brachen in Gelächter aus, als sie Ogden sahen, der von der Flanke des Pferdes abprallte, sich wieder aufmachte und mit wehendem Gehrock und von Kopf bis Fuß voller Staub überstürzt die Straße hochrannte.
»Ich denke, das genügt, Harry«, sagte Dumbledore. Er fasste Harry am Ellbogen und zog daran. Einen Moment später schwebten sie beide schwerelos durch die Dunkelheit, bis sie in Dumbledores inzwischen dämmrigem Büro wieder sicher auf den Füßen landeten.
»Was ist mit dem Mädchen in dem Waldhaus passiert?«, fragte Harry sofort, während Dumbledore mit einem Schlenker seines Zauberstabs zusätzliche Lampen entzündete. »Merope oder wie sie hieß?«
»Oh, sie hat überlebt«, sagte Dumbledore, setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch und bedeutete Harry, ebenfalls Platz zu nehmen. »Ogden apparierte zurück ins Ministerium und kehrte fünfzehn Minuten später mit Verstärkung zurück. Morfin und sein Vater versuchten zu kämpfen, wurden aber beide überwältigt, von dem Haus weggebracht und anschließend vom Zaubergamot verurteilt. Morfin, der bereits wegen Angriffen auf Muggel vorbestraft war, wurde zu drei Jahren in Askaban verurteilt. Vorlost, der außer Ogden noch mehrere andere Ministeriumsangestellte verletzt hatte, bekam sechs Monate.«
»Vorlost?«, wiederholte Harry verwundert.
»Richtig«, sagte Dumbledore und lächelte anerkennend. »Ich freue mich, dass du folgen kannst.«
»Der alte Mann war –?«
»Voldemorts Großvater, ja«, sagte Dumbledore. »Vorlost, sein Sohn Morfin und seine Tochter Merope waren die Letzten der Gaunts, einer sehr alten Zaubererfamilie, bekannt für ihre labile und gewalttätige Veranlagung, die über die Generationen hinweg immer stärker wurde, weil sie an der Gewohnheit festhielten, ihre eigenen Cousins und Cousinen zu heiraten. Mangel an Vernunft, gepaart mit einer ausgeprägten Prunksucht, führte dazu, dass das Familiengold schon mehrere Generationen vor Vorlosts Geburt verschwendet war. Ihm blieben nur Verwahrlosung und Armut, wie du gesehen hast, dazu ein hässliches Naturell, unglaubliche Arroganz und großer Stolz und ein paar Familienerbstücke, die er genauso schätzte wie seinen Sohn, und um einiges mehr als seine Tochter.«
»Merope war also«, sagte Harry, beugte sich in seinem Stuhl vor und starrte Dumbledore an, »Merope war also … Sir, heißt das, sie war … Voldemorts Mutter?«
»In der Tat«, sagte Dumbledore. »Und zufälligerweise bekamen wir auch Voldemorts Vater kurz zu sehen. Ist es dir vielleicht aufgefallen?«
»Der Muggel, den Morfin angegriffen hat? Der Mann auf dem Pferd?«
»Sehr gut, wirklich«, sagte Dumbledore strahlend. »Ja, das war Tom Riddle senior, der gut aussehende Muggel, der beim Ausreiten oft am Haus der Gaunts vorbeikam und für den Merope Gaunt eine heimliche, glühende Leidenschaft hegte.«
»Und sie haben am Ende geheiratet?«, fragte Harry ungläubig, denn er konnte sich keine zwei Menschen vorstellen, bei denen es unwahrscheinlicher war, dass sie sich ineinander verliebten.
»Ich glaube, du vergisst«, sagte Dumbledore, »dass Merope eine Hexe war. Ich nehme an, dass ihre magischen Kräfte nicht besonders gut zur Geltung kamen, solange sie von ihrem Vater terrorisiert wurde. Sobald Vorlost und Morfin in sicherem Gewahrsam in Askaban saßen, sobald sie zum ersten Mal in ihrem Leben allein und frei war, konnte sie, da bin ich überzeugt, ihre Fähigkeiten ungehindert entfalten und ihre Flucht aus dem elenden Leben planen, das sie achtzehn Jahre lang geführt hatte.
Fällt dir nichts ein, was Merope hätte verwenden können, damit Tom Riddle seine Muggelgefährtin vergaß und sich stattdessen in sie verliebte?«
»Der Imperius-Fluch?«, schlug Harry vor. »Oder ein Liebestrank?«
»Sehr gut. Ich persönlich denke eher, dass sie einen Liebestrank benutzt hat. Ich bin sicher, das muss ihr romantischer vorgekommen sein, und ich glaube, es kann nicht sonderlich schwierig gewesen sein, Riddle, als er an einem heißen Tag alleine nach Hause ritt, zu einem Schluck Wasser zu überreden. Jedenfalls erfreute sich das Dorf Little Hangleton ein paar Monate nach dem Vorfall, dessen Zeuge wir eben wurden, an einem gewaltigen Skandal. Du kannst dir vorstellen, wie viel Klatsch es gab, als der Sohn des Gutsherrn mit Merope, der Tochter des Landstreichers, durchbrannte.
Aber der Schreck der Dorfbewohner war nichts im Vergleich zu dem von Vorlost. Er kehrte aus Askaban zurück und dachte, seine Tochter würde ihn pflichtbewusst mit einer warmen Mahlzeit auf dem Tisch erwarten. Stattdessen fand er eine zentimeterdicke Staubschicht und ihren Abschiedsbrief vor, in dem sie ihm erklärte, was sie getan hatte.
Nach allem, was ich herausfinden konnte, hat er von da an nie mehr ihren Namen oder ihre Existenz erwähnt. Der Schock über ihr Fortgehen mag zu seinem frühen Tod beigetragen haben – oder vielleicht hatte er auch einfach nie gelernt, für sich zu sorgen. Askaban hatte Vorlost außerordentlich geschwächt und er erlebte Morfins Rückkehr in sein Haus nicht mehr.«
»Und Merope? Sie … sie ist gestorben, oder? Ist Voldemort nicht in einem Waisenhaus aufgewachsen?«
»Ja, richtig«, sagte Dumbledore. »Wir sind hier auf einige Vermutungen angewiesen, allerdings glaube ich, dass sich leicht erschließen lässt, was geschah. Du musst wissen, wenige Monate nachdem sie durchgebrannt waren und geheiratet hatten, tauchte Tom Riddle wieder im Gutshaus in Little Hangleton auf, ohne seine Frau. Es gab wilde Gerüchte in der Nachbarschaft, dass er davon spreche, er sei ›hinters Licht geführt‹ und ›reingelegt‹ worden. Ich bin sicher, dass er eigentlich sagen wollte, er habe unter einem magischen Bann gestanden, der sich nun gelöst habe, vermutlich wagte er es aber nicht, genau diese Worte zu gebrauchen, aus Angst, man würde ihn für verrückt halten. Als sie hörten, was er sagte, nahmen die Dorfbewohner jedoch an, Merope habe Tom Riddle angelogen und so getan, als würde sie ein Kind von ihm bekommen, und er habe sie aus diesem Grund geheiratet.«
»Aber sie hat wirklich ein Kind von ihm bekommen.«
»Ja, aber erst ein Jahr nachdem sie geheiratet hatten. Tom Riddle verließ sie, während sie noch schwanger war.«
»Was ist schiefgelaufen?«, fragte Harry. »Warum hat der Liebestrank aufgehört zu wirken?«
»Auch darüber können wir nur mutmaßen«, sagte Dumbledore, »aber ich glaube, dass Merope, die ihren Mann innig liebte, es nicht über sich brachte, ihn weiterhin mit magischen Mitteln zu versklaven. Ich glaube, sie hat beschlossen, ihm den Trank nicht länger zu verabreichen. Vernarrt wie sie war, hat sie sich vielleicht eingeredet, dass auch er sich inzwischen in sie verliebt hätte. Womöglich dachte sie, er würde um des Kindes willen bei ihr bleiben. Wenn es so war, dann hat sie sich in beiden Punkten geirrt. Er hat sie verlassen, hat sie nie mehr wiedergesehen und sich nie die Mühe gemacht herauszufinden, was aus seinem Sohn geworden ist.«
Der Himmel draußen war pechschwarz und die Lampen in Dumbledores Büro schienen heller zu leuchten als zuvor.
»Ich denke, das genügt für heute Abend, Harry«, sagte Dumbledore nach wenigen Augenblicken.
»Ja, Sir«, erwiderte Harry.
Er stand auf, ging aber nicht hinaus.
»Sir … ist es wichtig, all das über Voldemorts Vergangenheit zu wissen?«
»Sehr wichtig, denke ich«, sagte Dumbledore.
»Und hat es … hat es etwas mit der Prophezeiung zu tun?«
»Es hat alles mit der Prophezeiung zu tun.«
»Klar«, sagte Harry, ein wenig verwirrt, aber dennoch beruhigt.
Er wandte sich zum Gehen, da fiel ihm noch eine Frage ein, und er drehte sich wieder um.
»Sir, darf ich Ron und Hermine alles erzählen, was Sie mir gesagt haben?«
Dumbledore betrachtete ihn einen Moment lang, dann sagte er: »Ja, ich denke, Mr Weasley und Miss Granger haben sich als vertrauenswürdig erwiesen. Aber, Harry, ich muss dich bitten, ihnen zu sagen, dass sie nichts davon irgendjemand anderem weitererzählen dürfen. Es wäre nicht gut, wenn bekannt würde, wie viel ich über Lord Voldemorts Geheimnisse weiß oder ahne.«
»Nein, Sir, ich seh zu, dass nur Ron und Hermine davon erfahren. Gute Nacht.«
Er drehte sich erneut um und war schon fast an der Tür, als er ihn sah. Auf einem der kleinen storchbeinigen Tische, auf denen so viele zerbrechlich wirkende silberne Instrumente standen, lag ein hässlicher Goldring mit einem großen, zerbrochenen schwarzen Stein.
»Sir«, sagte Harry und starrte darauf. »Dieser Ring –«
»Ja?«, sagte Dumbledore.
»Sie trugen ihn in der Nacht, als wir Professor Slughorn besuchten.«
»Allerdings«, bestätigte Dumbledore.
»Aber ist das nicht … Sir, ist das nicht derselbe Ring, den Vorlost Gaunt damals Ogden gezeigt hat?«
Dumbledore neigte den Kopf.
»Genau derselbe.«
»Aber wie kommt es –? Haben Sie ihn die ganze Zeit gehabt?«
»Nein, ich habe ihn erst vor kurzem erworben«, sagte Dumbledore. »Genauer gesagt, einige Tage bevor ich dich von deiner Tante und deinem Onkel abholte.«
»Das war also ungefähr, als Sie sich die Hand verletzt haben, Sir?«
»Ungefähr, ja, Harry.«
Harry zögerte. Dumbledore lächelte.
»Sir, wie genau –?«
»Zu spät, Harry! Du wirst die Geschichte ein andermal hören. Gute Nacht.«
»Gute Nacht, Sir.«
Hermines helfende Hand
Wie Hermine vorausgesagt hatte, waren die Freistunden der Sechstklässler nicht die Zeiten seliger Entspannung, die Ron sich ersehnt hatte, sondern Arbeitsstunden, in denen sie versuchen mussten, ihren gewaltigen Berg an Hausaufgaben zu bewältigen. Sie lernten nicht nur, als hätten sie täglich Prüfungen, auch der Unterricht selbst war nun anspruchsvoller denn je. Harry verstand inzwischen kaum mehr die Hälfte von dem, was Professor McGonagall ihnen erzählte; sogar Hermine hatte die Lehrerin ein- oder zweimal bitten müssen, ihre Anweisungen zu wiederholen. Unglaublicherweise und zu Hermines wachsendem Unmut war Zaubertränke plötzlich Harrys bestes Fach geworden – dank dem Halbblutprinzen.
Ungesagte Zauber wurden inzwischen vorausgesetzt, nicht nur in Verteidigung gegen die dunklen Künste, sondern auch in Zauberkunst und Verwandlung. Wenn Harry im Gemeinschaftsraum oder während der Mahlzeiten zu seinen Klassenkameraden hinübersah, bemerkte er des Öfteren, dass sie puterrot waren und die Gesichter verzogen, als hätten sie eine Überdosis Du-scheißt-nie-mehr eingenommen; aber er wusste, dass sie sich in Wirklichkeit damit abmühten, zu zaubern, ohne die Zauberformeln laut auszusprechen. Es war eine angenehme Unterbrechung, nach draußen in die Gewächshäuser zu kommen; in Kräuterkunde beschäftigten sie sich zwar mit gefährlicheren Pflanzen denn je, aber wenigstens durften sie noch laut fluchen, wenn die Giftige Tentakula sie unerwartet von hinten packte.
Ihr enormes Arbeitspensum und die vielen hektischen Stunden, in denen sie ungesagte Zauber übten, waren Gründe dafür, dass Harry, Ron und Hermine bislang noch keine Zeit gehabt hatten, Hagrid besuchen zu gehen. Er kam nicht mehr zu den Mahlzeiten an den Lehrertisch, ein unheilvolles Zeichen, und bei den wenigen Gelegenheiten, bei denen sie ihm in den Korridoren oder draußen auf dem Gelände begegnet waren, hatte er sie unbegreiflicherweise nicht bemerkt oder ihre Grüße nicht erwidert.
»Wir müssen hingehen und es ihm erklären«, sagte Hermine am folgenden Samstag beim Frühstück, als sie zu Hagrids riesigem leerem Stuhl am Lehrertisch hochblickte.
»Heute Morgen haben wir Quidditch-Auswahlspiele!«, sagte Ron. »Und wir sollen auch noch diesen Aguamenti-Zauber für Flitwick üben! Außerdem, was denn erklären? Wie sollen wir ihm erklären, dass wir sein blödes Fach gehasst haben?«
»Wir haben es nicht gehasst!«, erwiderte Hermine.
»Da kannst du nur für dich selbst sprechen, ich hab die Kröter jedenfalls nicht vergessen«, bemerkte Ron düster. »Und ich sag dir, wir sind um Haaresbreite davongekommen. Du hast nicht gehört, wie er sich über seinen bescheuerten Bruder ausgelassen hat – wenn wir geblieben wären, hätten wir Grawp noch beibringen müssen, wie man sich die Schuhe zubindet.«
»Ich hasse es, wenn wir nicht mit Hagrid sprechen«, sagte Hermine und sah verstimmt aus.
»Nach Quidditch gehen wir runter«, versicherte ihr Harry. Auch er vermisste Hagrid, obwohl er wie Ron glaubte, sie könnten auf Grawp in ihrem Leben ganz gut verzichten. »Aber die Testspiele dauern vielleicht den ganzen Morgen, bei den vielen Leuten, die sich beworben haben.« Er war ein wenig nervös angesichts der ersten Hürde, die er als Kapitän nehmen musste. »Keine Ahnung, warum alle plötzlich so scharf auf die Mannschaft sind.«
»Nun hör aber auf, Harry«, sagte Hermine, mit einem Mal ungehalten. »Die sind doch nicht scharf auf Quidditch, die sind scharf auf dich! Du warst nie interessanter und, ehrlich gesagt, du warst nie beliebter.«
Ron verschluckte sich an einem großen Stück Räucherhering. Hermine hatte nur einen geringschätzigen Blick für ihn übrig, ehe sie sich wieder Harry zuwandte.
»Alle wissen jetzt, dass du die Wahrheit gesagt hast, oder? Die ganze magische Gemeinschaft musste zugeben, dass du Recht hattest, dass Voldemort zurück ist, und dass du tatsächlich in den letzten beiden Jahren zweimal gegen ihn gekämpft hast und beide Male entkommen bist. Und jetzt nennen sie dich den ›Auserwählten‹ – also, hör mal, kannst du nicht verstehen, warum die Leute von dir fasziniert sind?«
Harry fand es in der Großen Halle plötzlich sehr heiß, obwohl die Decke immer noch kalt und regnerisch aussah.
»Und du hast diese ganzen Schikanen des Ministeriums überstanden, als sie versucht haben, dich als unzuverlässig und als Lügner darzustellen. Man kann immer noch die Narben sehen, wo diese niederträchtige Frau dich gezwungen hat, mit deinem eigenen Blut zu schreiben, aber du bist trotzdem bei deiner Geschichte geblieben …«
»Man kann immer noch sehen, wo mich diese Gehirne im Ministerium gepackt haben, schau mal«, sagte Ron und schüttelte sich die Ärmel hoch.
»Und dabei schadet es auch nicht, dass du im Sommer gut dreißig Zentimeter gewachsen bist«, schloss Hermine, ohne Ron zu beachten.
»Ich bin groß«, quatschte Ron dazwischen.
Die Posteulen trafen ein, stießen durch regengesprenkelte Fenster herab und bespritzten alle mit Wassertröpfchen. Die meisten Schüler erhielten mehr Post als üblich; besorgte Eltern wollten unbedingt von ihren Kindern hören und ihnen umgekehrt versichern, dass zu Hause alles in Ordnung war. Harry hatte seit Beginn des Schuljahrs keine Post erhalten; sein einziger regelmäßiger Briefpartner war jetzt tot, und obwohl er gehofft hatte, dass Lupin gelegentlich schreiben würde, war er bislang enttäuscht worden. Daher überraschte es ihn sehr, als er die schneeweiße Hedwig zwischen all den braunen und grauen Eulen ihre Kreise ziehen sah. Sie landete vor ihm mit einem großen, rechteckigen Päckchen. Einen Augenblick später landete ein gleiches Päckchen vor Ron und begrub seine winzige und erschöpfte Eule Pigwidgeon unter sich.
»Ha!«, sagte Harry, als er das Paket aufgemacht hatte und ein neues Exemplar von Zaubertränke für Fortgeschrittene, frisch von Flourish & Blotts, zum Vorschein kam.
»Oh, gut«, sagte Hermine erfreut. »Jetzt kannst du dieses vollgekritzelte Buch zurückgeben.«
»Bist du verrückt?«, sagte Harry. »Das behalte ich! Sieh mal, ich hab mir was überlegt –«
Er zog das alte Exemplar von Zaubertränke für Fortgeschrittene aus seiner Tasche, tippte mit seinem Zauberstab auf den Buchumschlag und murmelte »Diffindo!«. Der Umschlag fiel ab. Das Gleiche tat er mit dem nagelneuen Buch (Hermine machte ein entsetztes Gesicht). Dann tauschte er die Umschläge aus, tippte auf beide und sagte »Reparo!«.
Da lag das Exemplar des Prinzen, verkleidet als neues Buch, und dort das druckfrische Exemplar von Flourish & Blotts, das vollkommen gebraucht aussah.
»Ich geb Slughorn das neue zurück. Er kann sich nicht beschweren, es hat neun Galleonen gekostet.«
Hermine presste die Lippen zusammen und sah wütend und missbilligend drein, wurde jedoch von einer dritten Eule abgelenkt, die mit der aktuellen Ausgabe des Tagespropheten vor ihr landete. Sie breitete ihn hastig aus und überflog die Titelseite.
»Jemand gestorben, den wir kennen?«, fragte Ron in betont beiläufigem Ton; er stellte diese Frage immer, wenn Hermine ihre Zeitung aufschlug.
»Nein, aber es gab noch mehr Dementorenangriffe«, sagte sie. »Und eine Festnahme.«
»Klasse, wer?«, fragte Harry und dachte an Bellatrix Lestrange.
»Stan Shunpike«, antwortete Hermine.
»Was?«, gab Harry verdutzt zurück.
»›Stanley Shunpike, Schaffner des beliebten magischen Transportmittels Der Fahrende Ritter, wurde wegen Verdacht auf Betätigung als Todesser festgenommen. Mr Shunpike, 21, wurde gestern spät in der Nacht nach einer Razzia in seiner Wohnung in Clapham verhaftet …‹«
»Stan Shunpike, ein Todesser?«, sagte Harry und erinnerte sich an den pickeligen jungen Mann, den er vor drei Jahren zum ersten Mal getroffen hatte. »Unmöglich!«
»Vielleicht stand er unter dem Imperius-Fluch«, sagte Ron nachdenklich. »Das weiß man nie.«
»Sieht nicht danach aus«, sagte Hermine, die immer noch las. »Hier heißt es, er sei verhaftet worden, nachdem jemand zufällig mitbekam, wie er in einem Pub über die geheimen Pläne der Todesser sprach.« Sie blickte mit sorgenvoller Miene auf. »Wenn er unter dem Imperius-Fluch war, hätte er wohl kaum irgendwo rumgestanden und über ihre Pläne getratscht, oder?«
»Hört sich an, als wollte er vortäuschen, dass er mehr weiß, als er tatsächlich wusste«, sagte Ron. »Ist das nicht der, der auch behauptet hat, er würde Zaubereiminister werden, als er diese Veela angraben wollte?«
»Ja, genau der«, sagte Harry. »Keine Ahnung, was die vorhaben, wenn sie Stan tatsächlich ernst nehmen.«
»Die wollen wahrscheinlich den Eindruck erwecken, als würden sie durchgreifen«, sagte Hermine stirnrunzelnd. »Die Leute haben schreckliche Angst – habt ihr gehört, dass die Eltern der Patil-Zwillinge möchten, dass sie nach Hause kommen? Und Eloise Midgeon hat man schon von der Schule genommen. Ihr Vater hat sie gestern Abend abgeholt.«
»Wie bitte?«, sagte Ron und stierte Hermine an. »Aber Hogwarts ist sicherer als ihre Häuser, garantiert! Wir haben Auroren, und die ganzen zusätzlichen Schutzzauber, und wir haben Dumbledore!«
»Ich glaub nicht, dass wir ihn die ganze Zeit über haben!«, sagte Hermine sehr leise und warf über den Rand des Propheten einen Blick zum Lehrertisch. »Ist es euch nicht aufgefallen? Sein Platz war diese Woche so oft leer wie der von Hagrid.«
Harry und Ron sahen hoch zum Lehrertisch. Der Stuhl des Schulleiters war tatsächlich leer. Nun, da Harry darüber nachdachte, wurde ihm klar, dass er Dumbledore seit ihrem Einzelunterricht vor einer Woche nicht mehr gesehen hatte.
»Ich glaube, er hat die Schule verlassen, um irgendwas mit dem Orden zu machen«, sagte Hermine mit gedämpfter Stimme. »Ich meine … das sieht doch alles ernst aus, oder?«
Harry und Ron antworteten nicht, aber Harry wusste, dass sie alle denselben Gedanken hatten. Am Tag zuvor hatte es einen schrecklichen Zwischenfall gegeben, Hannah Abbott war aus Kräuterkunde geholt worden, und man hatte ihr mitgeteilt, dass ihre Mutter tot aufgefunden worden war. Seither hatten sie Hannah nicht mehr gesehen.
Als sie fünf Minuten später den Gryffindor-Tisch verließen und sich auf den Weg hinunter zum Quidditch-Feld machten, kamen sie an Lavender Brown und Parvati Patil vorbei. Harry erinnerte sich daran, dass Hermine gesagt hatte, die Eltern der Patil-Zwillinge wollten, dass sie Hogwarts verließen, und war deshalb nicht überrascht, dass die beiden unzertrennlichen Freundinnen miteinander tuschelten und einen bekümmerten Eindruck machten. Was ihn allerdings überraschte, war, dass Parvati, als Ron auf ihrer Höhe war, Lavender plötzlich anstupste, die sich daraufhin umblickte und Ron ein breites Lächeln schenkte. Ron zwinkerte ihr zu, dann erwiderte er das Lächeln unsicher. Prompt verfiel er in eine Art Stolzieren. Harry verkniff sich das Lachen, denn er dachte daran, dass Ron auch nicht gelacht hatte, nachdem Malfoy Harrys Nase gebrochen hatte. Hermine jedoch wirkte den ganzen Weg zum Stadion hinunter durch den kühlen, nebligen Niesel kalt und abweisend und ließ die beiden dann stehen, ohne Ron Glück zu wünschen, um sich einen Platz auf der Tribüne zu suchen.
Wie Harry erwartet hatte, nahm die Auswahl der Spieler fast den ganzen Morgen in Anspruch. Das halbe Haus Gryffindor war offenbar gekommen, von Erstklässlern, die sich nervös an ein paar von den miserablen alten Schulbesen klammerten, bis zu Siebtklässlern, die alle anderen überragten und coole, einschüchternde Mienen aufgesetzt hatten. Zu ihnen gehörte auch ein mächtiger, drahthaariger Junge, den Harry sofort vom Hogwarts-Express wiedererkannte.
»Wir haben uns im Zug getroffen, im Abteil vom alten Sluggy«, sagte er selbstbewusst und trat aus der Menge hervor, um Harry die Hand zu schütteln. »Cormac McLaggen, Hüter.«
»Du hast dich letztes Jahr nicht beworben, oder?«, fragte Harry, indem er zur Kenntnis nahm, wie breit McLaggen war, und überlegte, dass er wahrscheinlich alle drei Torringe decken könnte, ohne sich auch nur zu bewegen.
»Ich war im Krankenflügel, als die Testspiele stattfanden«, sagte McLaggen etwas großspurig. »Hatte ’ne Wette, dass ich ein Pfund Doxyeier esse.«
»Alles klar«, sagte Harry. »Also … warte einfach dort drüben …«
Er deutete hinüber zum Spielfeldrand, ganz in die Nähe von Hermines Platz. Es sah aus, als huschte ein Anflug von Ärger über McLaggens Gesicht, und Harry fragte sich, ob er wohl eine Vorzugsbehandlung von ihm erwartete, weil sie beide Lieblinge vom »alten Sluggy« waren.
Harry beschloss, zunächst die Grundkenntnisse zu testen, und bat alle Bewerber für die Mannschaft, sich in Zehnergruppen aufzuteilen und einmal ums Feld zu fliegen. Das war eine gute Entscheidung: Die erste Zehnergruppe bestand aus lauter Erstklässlern, und es war eindeutig zu sehen, dass sie vorher kaum jemals geflogen waren. Nur einem Jungen gelang es, länger als ein paar Sekunden in der Luft zu bleiben, was ihn selbst so überraschte, dass er prompt gegen einen der Torpfosten knallte.
In der zweiten Gruppe waren zehn der albernsten Mädchen, die Harry je erlebt hatte; auf seinen Pfiff hin kugelten sie sich nur vor lauter Kichern und klammerten sich aneinander fest. Unter ihnen war auch Romilda Vane. Als er sie aufforderte, das Feld zu verlassen, gehorchten sie mit dem größten Vergnügen und setzten sich auf die Tribüne, um allen anderen auf die Nerven zu gehen.
Die dritte Gruppe hatte auf halbem Weg um das Feld eine Massenkarambolage. Die meisten aus der vierten Gruppe waren ohne Besen gekommen. Die fünfte Gruppe bestand aus Hufflepuffs.
»Wenn noch wer hier ist, der nicht aus Gryffindor kommt«, brüllte Harry, der allmählich ernsthaft genervt war, »dann geht der jetzt bitte!«
Stille trat ein, dann stürmten ein paar kleine Ravenclaws schnaubend vor Lachen vom Feld.
Nach zwei Stunden, vielen Beschwerden und mehreren Wutanfällen – darunter einer wegen eines demolierten Kometen Zwei-Sechzig und mehrerer kaputter Zähne – hatte Harry drei Jäger ausgesucht: Katie Bell, die nach einem glänzenden Testspiel in die Mannschaft zurückkehrte, eine Neuentdeckung namens Demelza Robins, die besonders gut Klatschern ausweichen konnte, und Ginny Weasley, die die gesamte Konkurrenz in den Schatten geflogen und obendrein noch siebzehn Tore geschossen hatte. So zufrieden Harry mit seiner Auswahl auch war, hatte er sich wegen der vielen Nörgler doch heiser geschrien und musste nun einen ähnlichen Kampf mit den abgelehnten Treibern durchstehen.
»Das ist meine endgültige Entscheidung, und wenn ihr jetzt nicht Platz macht für die Hüter, hex ich euch was auf den Hals«, brüllte er.
Keiner der Treiber in seiner Auswahl war so brillant wie einst Fred und George, aber er war trotzdem leidlich zufrieden mit ihnen: Jimmy Peakes, ein kleiner, aber breitbrüstiger Drittklässler, der wie ein Berserker auf einen Klatscher eingedroschen und damit Harrys Hinterkopf eine hühnereigroße Beule verpasst hatte, und Richie Coote, der schwächlich aussah, aber ein guter Schütze war. Sie setzten sich nun zu den Zuschauern auf die Tribüne, um bei der Auswahl ihres letzten Mannschaftsmitglieds zuzusehen.
Harry hatte das Testspiel der Hüter absichtlich ganz an den Schluss gestellt, in der Hoffnung, das Stadion wäre dann nicht mehr so voll und der Druck für alle Beteiligten geringer. Doch leider hatten sich inzwischen sämtliche abgelehnten Spieler zu den Zuschauern gesellt, außerdem eine Anzahl von Schülern, die nach einem ausgedehnten Frühstück zum Zusehen heruntergekommen waren, und die Menge war nun größer denn je. Jedes Mal, wenn ein Hüter zu den Torringen hochflog, brüllte und höhnte das Publikum gleichermaßen. Harry warf einen Blick zu Ron hinüber, der immer schon ein Problem mit den Nerven gehabt hatte; Harry hatte gehofft, der Sieg im letztjährigen Endspiel wäre vielleicht heilsam für ihn gewesen, doch offenbar vergeblich: Ron hatte eine zartgrüne Farbe.
Keiner der ersten fünf Bewerber hielt mehr als zwei Torschüsse. Zu Harrys großer Enttäuschung hielt Cormac McLaggen vier von fünf Strafschüssen. Beim letzten stürzte er jedoch in die völlig falsche Richtung; die Menge lachte und buhte, und McLaggen kehrte zähneknirschend zum Boden zurück.
Ron war offenbar kurz davor, in Ohnmacht zu fallen, als er auf seinen Sauberwisch Elf stieg.
»Viel Glück!«, rief eine Stimme von der Tribüne her. Harry blickte sich um, in der Erwartung, Hermine zu sehen, aber es war Lavender Brown. Er hätte gern sein Gesicht in den Händen verborgen, wie sie es einen Moment später tat, dachte aber, dass er als Kapitän eher kühlen Kopf beweisen musste, und wandte den Blick, um Ron bei seinem Testspiel zuzusehen.
Doch seine Sorgen waren unbegründet: Ron hielt einen, zwei, drei, vier, fünf Strafschüsse hintereinander. Harry war hocherfreut und konnte sich nur mühsam davon abhalten, in die Jubelrufe der Menge einzustimmen. Er drehte sich zu McLaggen, um ihm zu sagen, dass Ron ihn, zu seinem größten Bedauern, geschlagen hatte, als er auch schon McLaggens rotes Gesicht ein paar Zentimeter vor seinem eigenen sah. Hastig trat er einen Schritt zurück.
»Seine Schwester hat es nicht richtig versucht«, sagte McLaggen drohend. Eine Ader pulsierte an seiner Schläfe, wie die von Onkel Vernon, die Harry so oft bewundert hatte. »Sie hat ihm praktisch einen geschenkt.«
»Unsinn«, sagte Harry kühl. »Das war gerade der, den er fast nicht gekriegt hätte.«
McLaggen ging einen Schritt auf Harry zu, der diesmal fest stehen blieb.
»Gib mir noch einen Versuch.«
»Nein«, sagte Harry. »Du hattest deinen Versuch. Du hast vier gehalten. Ron hat fünf gehalten. Ron ist der Hüter, er hat fair und ehrlich gewonnen. Geh mir aus dem Weg.«
Einen Moment lang dachte er, McLaggen würde ihn schlagen, doch er begnügte sich mit einer fiesen Grimasse und stürmte davon, und sein Knurren hörte sich an wie Drohungen ins Leere hinein.
Als Harry sich umdrehte, stand seine neue Mannschaft vor ihm und strahlte ihn an.
»Gut gemacht«, krächzte er. »Ihr seid echt gut geflogen –«
»Du warst klasse, Ron!«
Diesmal war es wirklich Hermine, die von der Tribüne her auf sie zurannte; Harry sah, wie Lavender das Feld verließ, Arm in Arm mit Parvati und mit ziemlich mürrischer Miene. Ron schien sehr zufrieden mit sich und wirkte sogar noch größer als sonst, als er reihum der Mannschaft und Hermine zugrinste.
Sie vereinbarten eine Zeit für ihr erstes richtiges Training am kommenden Donnerstag, dann verabschiedeten sich Harry, Ron und Hermine vom Rest der Mannschaft und machten sich auf den Weg zu Hagrid. Eine blasse Sonne versuchte eben durch die Wolken zu brechen, und es hatte endlich aufgehört zu nieseln. Harry war furchtbar hungrig; er hoffte, bei Hagrid würde es etwas zu essen geben.
»Ich dachte schon, diesen vierten Strafschuss würd ich verpassen«, sagte Ron glücklich. »War ’n raffinierter Schuss von Demelza, habt ihr den gesehen, der hatte so ’nen leichten Drall –«
»Ja, ja, du warst großartig«, erwiderte Hermine und schaute belustigt drein.
»Jedenfalls war ich besser als dieser McLaggen«, sagte Ron voller Genugtuung. »Hast du gesehen, wie er bei seinem fünften in die falsche Richtung gerumpelt ist? Sah aus, als hätte ihm jemand einen Verwechslungszauber …«
Zu Harrys Überraschung wurde Hermine bei diesen Worten ganz dunkelrosa im Gesicht. Ron bemerkte nichts; er war zu sehr damit beschäftigt, jeden seiner vier anderen Strafschüsse liebevoll in allen Einzelheiten zu schildern.
Der große graue Hippogreif Seidenschnabel war vor Hagrids Hütte angeleint. Als sie näher kamen, klackerte er mit seinem rasiermesserscharfen Schnabel und wandte ihnen seinen gewaltigen Kopf zu.
»Meine Güte«, sagte Hermine nervös. »Er macht einem immer noch ein bisschen Angst, stimmt’s?«
»Nun hör aber auf, du bist doch auf ihm geritten, oder?«, sagte Ron.
Harry trat vor und verbeugte sich tief vor dem Hippogreif, ohne den Augenkontakt mit ihm zu verlieren oder zu blinzeln. Nach einigen Sekunden machte auch Seidenschnabel eine Verbeugung.
»Wie geht es dir?«, fragte Harry ihn mit leiser Stimme und näherte sich, um den fedrigen Kopf zu streicheln. »Du vermisst ihn? Aber hier bei Hagrid geht’s dir doch gut, nicht wahr?«
»He«, sagte eine laute Stimme.
Hagrid war hinter seiner Hütte hervorgekommen, in einer großen geblümten Schürze und mit einem Sack Kartoffeln in der Hand. Sein riesiger Saurüde Fang folgte ihm auf den Fersen; Fang ließ ein freudiges Bellen hören und stürmte vorwärts.
»Weg da von dem! Der beißt euch noch die Finger – oh. Ihr seid das.«
Fang sprang an Hermine und Ron hoch und versuchte, ihnen die Ohren abzuschlecken. Hagrid stand kurz da und blickte sie alle an, dann drehte er sich um, marschierte in seine Hütte und schlug die Tür hinter sich zu.
»Ach je!«, sagte Hermine mit verzweifeltem Blick.
»Mach dir deswegen keine Sorgen«, sagte Harry grimmig. Er ging hinüber zur Tür und klopfte laut.
»Hagrid! Mach auf, wir wollen mit dir reden!«
Von drinnen kam kein Laut.
»Wenn du die Tür nicht aufmachst, sprengen wir sie auf!«, rief Harry, während er seinen Zauberstab zog.
»Harry!«, sagte Hermine und klang schockiert. »Du kannst doch unmöglich –«
»Ich kann sehr wohl!«, erwiderte Harry. »Geht zurück –«
Aber noch ehe er irgendetwas anderes sagen konnte, flog die Tür wieder auf, wie Harry geahnt hatte, und da stand Hagrid, blickte finster auf ihn hinunter und machte trotz seines geblümten Schürzchens einen ausgesprochen beunruhigenden Eindruck.
»Ich bin ein Lehrer!«, brüllte er Harry an. »Ein Lehrer, Potter! Wie kannst du’s wagen, meine Tür aufzubrech’n!«
»Tut mir leid, Sir«, sagte Harry mit Betonung auf dem letzten Wort und steckte seinen Zauberstab in den Umhang.
Hagrid blickte verdutzt.
»Seit wann nenns’ du mich ›Sir‹?«
»Seit wann nennst du mich ›Potter‹?«
»Oh, sehr schlau«, knurrte Hagrid. »Sehr witzig. Da haste mich aber ausgetrickst, was? Na gut, dann kommt halt rein, ihr undankbaren kleinen …«
Düster vor sich hin murmelnd, trat er beiseite und ließ sie vorbei. Hermine, die recht ängstlich aussah, huschte nach Harry hinein.
»Nu?«, sagte Hagrid grantig, als Harry, Ron und Hermine sich um seinen riesigen Holztisch setzten, Fang seinen Kopf sofort auf Harrys Knie legte und seinen ganzen Umhang vollsabberte. »Was soll das? Schlechtes Gewissen weg’n mir? Denkt wohl, ich wär einsam oder was?«
»Nein«, erwiderte Harry schnell. »Wir wollten dich sehen.«
»Wir haben dich vermisst!«, sagte Hermine mit bebender Stimme.
»Mich vermisst, ach so?«, schnaubte Hagrid. »Jaah. Klar.«
Er drehte sich stampfend um und kochte Tee in seinem gewaltigen Kupferkessel, unaufhörlich vor sich hin murrend. Schließlich knallte er drei eimergroße Becher mahagonibraunen Tee und einen Teller mit seinen Felsenkeksen vor sie hin. Harry war so hungrig, dass er sogar Hagrids Backkünste nicht verschmähte, und nahm sich rasch einen.
»Hagrid«, sagte Hermine zaghaft, als er sich zu ihnen an den Tisch setzte und anfing, seine Kartoffeln so brutal zu schälen, dass man meinen konnte, jede Knolle hätte ihm ein großes persönliches Unrecht angetan. »Wir wollten wirklich mit Pflege magischer Geschöpfe weitermachen, weißt du?«
Hagrid schnaubte noch einmal heftig. Harry meinte zu sehen, wie ein paar Popel auf den Kartoffeln landeten, und war insgeheim dankbar, dass sie nicht zum Abendessen blieben.
»Ja, wollten wir!«, sagte Hermine. »Aber keiner von uns hat es mehr in seinem Stundenplan untergekriegt!«
»Jaah. Klar«, sagte Hagrid noch einmal.
Ein komisches Glucksen ertönte und alle blickten sich um: Hermine stieß einen spitzen Schrei aus, und Ron sprang von seinem Stuhl auf und rannte um den Tisch, weit weg von dem großen Fass in der Ecke, das sie eben erst bemerkt hatten. Es war gefüllt mit etwas, das aussah wie dreißig Zentimeter lange Maden; glitschig, weiß und wuselig.
»Was ist das, Hagrid?«, fragte Harry und versuchte dabei, interessiert zu klingen und nicht angewidert, legte aber trotzdem seinen Felsenkeks beiseite.
»Nur Riesenraupen«, sagte Hagrid.
»Und aus denen werden mal …?«, sagte Ron mit besorgter Miene.
»Gar nix wird aus denen mal«, erwiderte Hagrid. »Ich hab die nur als Futter für Aragog.«
Und urplötzlich brach er in Tränen aus.
»Hagrid!«, rief Hermine, sprang auf, rannte den längeren Weg um den Tisch herum, um nicht an dem Raupenfass vorbeizukommen, und legte ihm den Arm um die schlotternden Schultern. »Was ist denn?«
»Es is’ … wegen ihm …«, schluchzte Hagrid mit tränenden, käferschwarzen Augen und wischte sich mit seiner Schürze das Gesicht ab. »Es is’ … Aragog … ich glaub, er stirbt … Er is’ im Sommer krank geworden und’s wird nich besser mit ihm … Ich weiß nich, was ich tun soll, wenn er … wenn er … wir sin’ so lang zusammen gewesen …«
Hermine tätschelte Hagrids Schulter, offenbar vollkommen ratlos, was sie dazu sagen sollte. Harry wusste, was in ihr vorging. Er hatte miterlebt, wie Hagrid einem bösartigen Drachenbaby einen Teddybären geschenkt hatte, wie er Riesenskorpione mit Saugnäpfen und Stacheln angeschmachtet hatte und wie er versucht hatte, mit seinem Halbbruder, einem brutalen Riesen, vernünftig zu reden, aber das war vielleicht die unverständlichste seiner ganzen Monsterliebhabereien: die gigantische sprechende Spinne Aragog, die tief im Verbotenen Wald hauste und der er und Ron vier Jahre zuvor nur knapp entronnen waren.
»Können wir – können wir irgendwas tun?«, fragte Hermine, sie ignorierte Ron, der hektisch Grimassen schnitt und den Kopf schüttelte.
»Ich glaub nich, Hermine«, würgte Hagrid hervor und versuchte, gegen den Tränenstrom anzukämpfen. »Weißt du, der Rest vom Stamm … die Familie von Aragog … die werden ’n bisschen komisch, jetzt wo er krank is’ … bisschen zapplig …«
»Jaah, ich glaub, von der Seite haben wir sie schon ein bisschen kennen gelernt«, sagte Ron halb laut.
»… ich glaub, es wär im Moment nich sicher, wenn jemand außer mir in die Nähe von der Kolonie geht«, schloss Hagrid, schnäuzte sich heftig in seine Schürze und blickte auf. »Aber danke fürs Angebot, Hermine … weiß ich zu schätzen …«
Danach wurde die Stimmung erheblich lockerer, denn obwohl weder Harry noch Ron irgendein Interesse gezeigt hatten, zu einer mörderischen, monströsen Spinne zu gehen und sie mit Riesenraupen zu füttern, schien es für Hagrid selbstverständlich, dass sie das gerne getan hätten, und er wurde wieder ganz der Alte.
»Ah, ich hab immer gewusst, ’s wird schwierig für euch, mich in euern Stundenplan zu quetschen«, sagte er brummig und schenkte ihnen Tee nach. »Selbst wenn ihr Zeitumkehrer beantragt hättet –«
»Das wär nicht gegangen«, sagte Hermine. »Wir haben den ganzen Ministeriumsbestand an Zeitumkehrern demoliert, als wir im Sommer dort waren. Es stand im Tagespropheten.«
»Ah, na denn«, sagte Hagrid, »hättet ihr’s gar nich machen können … ’tschuldigung, dass ich – ihr wisst schon – hab mir nur Sorgen gemacht wegen Aragog … und ich hab mich gefragt, ob ihr, wenn Professor Raue-Pritsche euch unterrichtet hätt’ –«
Worauf alle drei entschieden und wahrheitswidrig verkündeten, dass Professor Raue-Pritsche, die Hagrid einige Male vertreten hatte, eine schreckliche Lehrerin sei, mit der Folge, dass Hagrid, als er sie bei Einbruch der Dämmerung winkend aus der Hütte verabschiedete, ziemlich vergnügt aussah.
»Ich verhungere gleich«, sagte Harry, sobald sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte und sie über das dunkle und verlassene Gelände eilten; er hatte den Felsenkeks nach einem Unheil verkündenden Knacken eines seiner Backenzähne weggelegt. »Und ich hab heute Abend dieses Nachsitzen bei Snape, also nicht viel Zeit zum Abendessen …«
Als sie ins Schloss kamen, sahen sie, wie Cormac McLaggen die Große Halle betrat. Er brauchte zwei Anläufe, um durch die Tür zu gelangen; beim ersten Versuch prallte er gegen den Türrahmen. Ron lachte nur schadenfroh und stolzierte nach ihm in die Halle, aber Harry packte Hermine am Arm und hielt sie zurück.
»Was ist?«, sagte Hermine abwehrend.
»Wenn du mich fragst«, sagte Harry leise, »dann sieht McLaggen tatsächlich so aus, als hätte ihn jemand mit einem Verwechslungszauber belegt. Und er stand genau vor dem Platz, auf dem du gesessen hast.«
Hermine errötete.
»Okay, na schön, ich hab’s getan«, flüsterte sie. »Aber du hättest hören sollen, wie der über Ron und Ginny hergezogen ist! Jedenfalls hat er eine fiese Art, du hast ja gesehen, wie er reagiert hat, als er nicht aufgenommen wurde – so einen hättest du doch nicht in der Mannschaft haben wollen.«
»Nein«, sagte Harry. »Nein, da hast du wohl Recht. Aber war das nicht unfair, Hermine? Ich meine, du bist doch Vertrauensschülerin, oder?«
»Ach, hör doch auf«, fauchte sie, als er grinste.
»Was macht ihr zwei denn da?«, wollte Ron wissen, der wieder im Eingang zur Großen Halle auftauchte und sie argwöhnisch anblickte.
»Nichts«, sagten Harry und Hermine gleichzeitig und eilten ihm hinterher. Beim Roastbeefgeruch tat Harrys Magen weh vor lauter Hunger, doch kaum waren sie drei Schritte auf den Gryffindor-Tisch zugegangen, da tauchte Professor Slughorn vor ihnen auf und versperrte ihnen den Weg.
»Harry, Harry, genau der Mann, auf den ich gewartet habe!«, dröhnte er leutselig, zwirbelte die Spitzen seines Walrossbarts und blähte seinen gewaltigen Wanst. »Ich hatte gehofft, Sie noch vor dem Essen zu erwischen! Wie wäre es stattdessen mit einem Imbiss heute Abend in meinen Räumen? Wir geben eine kleine Party, nur ein paar von den künftigen Stars. McLaggen wird kommen, und Zabini, die reizende Melinda Bobbin – ich weiß nicht, ob Sie die kennen. Ihre Familie besitzt eine große Apothekenkette – und natürlich hoffe ich sehr, dass auch Miss Granger mich mit ihrer Anwesenheit beehren wird.«
Bei diesen Worten machte Slughorn eine kleine Verbeugung vor Hermine. Es war, als ob Ron Luft wäre; Slughorn sah ihn kein einziges Mal an.
»Ich kann nicht kommen, Professor«, sagte Harry sofort. »Ich hab Nachsitzen bei Professor Snape.«
»Oje!«, sagte Slughorn mit komisch wirkender Trauermiene. »Oje, oje, ich hatte mit Ihnen gerechnet, Harry! Nun ja, ich werde einfach ein Wörtchen mit Severus reden und ihm die Sache erklären müssen, sicher kann ich ihn davon überzeugen, Ihr Nachsitzen zu verschieben. Ja, ich sehe Sie beide später!«
Er hastete geschäftig aus der Halle hinaus.
»Der hat keine Chance, Snape zu überreden«, sagte Harry, sobald Slughorn außer Hörweite war. »Dieses Nachsitzen wurde schon einmal verschoben; Snape hat es für Dumbledore getan, aber er wird es für niemand sonst tun.«
»Oh, mir wär’s lieber, wenn du mitkommen könntest, ich will nicht allein dahin!«, sagte Hermine besorgt; Harry wusste, dass sie an McLaggen dachte.
»Du wirst bestimmt nicht allein sein, Ginny wird wahrscheinlich auch eingeladen«, fauchte Ron, der es offenbar gar nicht gut aufnahm, dass Slughorn ihn wie Luft behandelt hatte.
Nach dem Abendessen gingen sie zurück in den Gryffindor-Turm. Der Gemeinschaftsraum war voller Leute, da die meisten inzwischen mit dem Essen fertig waren, doch es gelang ihnen, einen freien Tisch zu finden, und sie setzten sich. Ron, der seit der Begegnung mit Slughorn schlechter Laune war, verschränkte die Arme und starrte finster zur Decke. Hermine langte nach einer Ausgabe des Abendpropheten, die jemand auf einem Stuhl liegen gelassen hatte.
»Irgendwas Neues?«, sagte Harry.
»Eigentlich nicht …« Hermine hatte die Zeitung aufgeschlagen und überflog die Seiten im Innenteil. »Oh, sieh mal, Ron, da ist dein Dad – alles in Ordnung mit ihm!«, fügte sie rasch hinzu, denn Ron hatte sich erschrocken umgedreht. »Es heißt hier nur, dass er dem Haus der Malfoys einen Besuch abstatten musste. ›Diese zweite Hausdurchsuchung bei dem Todesser verlief offenbar ergebnislos. Arthur Weasley vom Büro zur Ermittlung und Beschlagnahme Gefälschter Verteidigungszauber und Schutzgegenstände erklärte, sein Team habe auf einen vertraulichen Hinweis hin gehandelt.‹«
»Jaah, auf meinen!«, sagte Harry. »Ich hab ihm in King’s Cross von Malfoy und dem Ding erzählt, das Borgin für ihn reparieren soll! Also, wenn es nicht in ihrem Haus ist, dann muss er es, was immer es ist, mit nach Hogwarts gebracht haben –«
»Aber wie kann er das geschafft haben, Harry?«, erwiderte Hermine und legte die Zeitung mit einem überraschten Blick beiseite. »Wir wurden alle durchsucht, als wir ankamen, oder?«
»Wurdet ihr?«, sagte Harry verblüfft. »Ich nicht!«
»O nein, natürlich nicht, ich hab ganz vergessen, dass du zu spät kamst … Also, Filch hat uns alle mit Geheimnis-Detektoren abgesucht, als wir in die Eingangshalle kamen. Da wäre jedes schwarzmagische Objekt gefunden worden, ich weiß ganz sicher, dass bei Crabbe ein Schrumpfkopf beschlagnahmt wurde. Du siehst also, Malfoy kann nichts Gefährliches reingebracht haben!«
Harry gab sich vorübergehend geschlagen und sah eine Weile zu, wie Ginny Weasley mit Arnold dem Minimuff spielte, bis ihm einfiel, wie er diesen Einwand entkräften konnte.
»Dann hat es ihm jemand per Eule geschickt«, sagte er. »Seine Mutter oder sonst wer.«
»Die Eulen werden auch alle überprüft«, erwiderte Hermine. »Das hat uns Filch gesagt, als er diese Geheimnis-Detektoren überall hingesteckt hat, wo er hinkam.«
Diesmal war Harry wirklich mit seiner Weisheit am Ende, ihm fiel nichts weiter zu sagen ein. Offenbar gab es keinen Weg, wie Malfoy ein gefährliches oder schwarzmagisches Objekt in die Schule hätte bringen können. Harry blickte hoffnungsvoll zu Ron, der mit verschränkten Armen dasaß und zu Lavender Brown hinüberstarrte.
»Kannst du dir vorstellen, wie Malfoy –?«
»Ach, hör schon auf damit, Harry«, sagte Ron.
»Hör mal, es ist nicht meine Schuld, dass Slughorn Hermine und mich zu seiner blöden Party eingeladen hat, wir wollten beide nicht hin, klar?«, sagte Harry wütend.
»Also, da ich nicht zu irgendwelchen Partys eingeladen bin«, sagte Ron und stand wieder auf, »geh ich jetzt am besten ins Bett.«
Er stampfte zur Tür, die zu den Jungenschlafsälen führte, und ließ Harry und Hermine zurück, die ihm nachstarrten.
»Harry?«, sagte die neue Jägerin, Demelza Robins, die plötzlich an seiner Seite auftauchte. »Ich hab eine Nachricht für dich.«
»Von Professor Slughorn?«, fragte Harry und setzte sich hoffnungsvoll auf.
»Nein … von Professor Snape«, sagte Demelza. Harry wurde schwer ums Herz. »Er meint, du sollst heute Abend um halb neun in sein Büro kommen zum Nachsitzen – ähm – egal zu wie vielen Partys du eingeladen bist. Und ich soll dir ausrichten, dass du verfaulte Flubberwürmer aussortieren wirst, als Zutat für Zaubertränke, und – und er sagt, dass du keine Schutzhandschuhe mitzubringen brauchst.«
»Okay«, sagte Harry grimmig. »Vielen Dank, Demelza.«
Silber und Opale
Wo war Dumbledore, und was machte er? Während der nächsten Wochen bekam Harry den Schulleiter nur zwei Mal zu Gesicht. Er erschien kaum noch zu den Mahlzeiten, und Harry gab Hermine völlig Recht, die glaubte, Dumbledore würde die Schule ganze Tage lang verlassen. Hatte Dumbledore vergessen, dass er Harry eigentlich unterrichten wollte? Er hatte behauptet, dieser Unterricht würde zu etwas hinführen, das mit der Prophezeiung zu tun habe; Harry hatte sich gestärkt und ermutigt gefühlt, und nun fühlte er sich ein wenig im Stich gelassen.
Mitte Oktober war es Zeit für ihren ersten Schuljahresausflug nach Hogsmeade. Harry hatte sich angesichts der immer schärferen Sicherheitsmaßnahmen rund um die Schule gefragt, ob diese Ausflüge noch erlaubt sein würden, doch nun freute er sich, als er hörte, dass sie stattfinden würden; es tat immer gut, für ein paar Stunden aus dem Schloss herauszukommen.
Harry erwachte früh am Morgen des Ausflugs, es war stürmisch draußen. Er vertrieb sich die Zeit bis zum Frühstück, indem er in seinem Exemplar von Zaubertränke für Fortgeschrittene las. Normalerweise las er im Bett keine Schulbücher, denn wie Ron ganz richtig gesagt hatte, war das peinlich für jeden, außer für Hermine, die in der Hinsicht einfach komisch war. Harry hatte aber das Gefühl, dass das Zaubertrankbuch des Halbblutprinzen kaum als Schulbuch gelten konnte. Je mehr er sich in die Lektüre vertiefte, desto deutlicher wurde ihm, wie viel in dem Buch steckte, nicht nur die praktischen Tipps und Tricks für Zaubertränke, die ihm einen so glänzenden Ruf bei Slughorn einbrachten, sondern auch die phantasievollen kleinen Zaubereien und Hexereien, die an die Ränder gekritzelt waren und die der Prinz sicher selbst erfunden hatte, wie Harry aus den durchgestrichenen und überarbeiteten Stellen schloss.
Harry hatte bereits einige von den selbst erfundenen Zaubern des Prinzen ausprobiert. Da gab es eine Verwünschung, die Zehennägel alarmierend schnell wachsen ließ (er hatte sie im Korridor an Crabbe getestet, mit sehr unterhaltsamen Ergebnissen); einen Fluch, der die Zunge an den Gaumen klebte (den er zweimal unter allgemeinem Beifall bei dem ahnungslosen Argus Filch eingesetzt hatte); und den vielleicht nützlichsten von allen, den Muffliato, einen Zauber, der die Ohren von jedem in der Nähe mit einem undefinierbaren Brummen erfüllte, so dass man sich im Unterricht ausgiebig unterhalten konnte, ohne dass jemand etwas mitbekam. Der einzige Mensch, der diese Zauber nicht witzig fand, war Hermine, die permanent eine strenge, missbilligende Miene machte und überhaupt kein Wort mehr reden wollte, wenn Harry den Muffliato gegen irgendjemanden in ihrer Nähe verwendet hatte.
Harry setzte sich im Bett auf und drehte das Buch seitlich, um sich die gekritzelten Anweisungen für einen Zauber näher anzuschauen, der dem Prinzen offenbar einige Schwierigkeiten bereitet hatte. Vieles war durchgestrichen und geändert worden, aber am Ende stand eng in eine Ecke gekritzelt:
Levicorpus (unges.)
Während Wind und Schneeregen unaufhörlich gegen die Fenster schlugen und Neville laut schnarchte, starrte Harry die Buchstaben in Klammern an. Unges. … das musste ungesagt bedeuten. Harry hatte einige Zweifel, ob er gerade diesen Zauber schaffen würde; er hatte noch immer Schwierigkeiten mit ungesagten Zaubern, und Snape hatte in jeder VgdK-Stunde flugs eine Bemerkung dazu gemacht. Andererseits hatte er vom Prinzen bislang viel mehr gelernt als von Snape.
Harry richtete seinen Zauberstab irgendwohin, ließ ihn kurz nach oben schnippen und dachte Levicorpus!
»Aaaaaaaargh!«
Ein Lichtblitz leuchtete auf und der Raum war erfüllt von Stimmen: Alle waren aufgewacht, weil Ron einen lauten Schrei ausgestoßen hatte. Harry schleuderte Zaubertränke für Fortgeschrittene panisch beiseite; Ron baumelte kopfüber in der Luft, als ob ihn ein unsichtbarer Haken an den Fußgelenken hochgezogen hätte.
»’tschuldigung!«, schrie Harry, während Dean und Seamus vor Lachen brüllten und Neville, der aus dem Bett gefallen war, sich vom Boden aufrappelte. »Wart mal – ich lass dich runter –«
Er tastete nach dem Zaubertrankbuch und blätterte es auf der Suche nach der richtigen Seite hektisch durch; endlich fand er sie und entzifferte ein Wort, das in gedrängter Schrift unter der Zauberformel stand: Harry flehte insgeheim, dass es der Gegenfluch sein möge, und dachte mit aller Kraft Liberacorpus!
Wieder leuchtete ein Lichtblitz auf und Ron plumpste auf seine Matratze.
»’tschuldigung«, wiederholte Harry matt, während Dean und Seamus immer noch vor Lachen brüllten.
»Morgen«, sagte Ron mit gedämpfter Stimme, »stell bitte lieber den Wecker.«
Als sie angezogen waren, dick eingemummelt in mehrere von Mrs Weasleys handgestrickten Pullovern und ausstaffiert mit Winterumhängen, Schals und Handschuhen, hatte Rons Schock sich gelegt, und Ron war zu dem Schluss gekommen, dass Harrys neuer Zauber unglaublich komisch sei; so komisch sogar, dass er die Geschichte ohne Umschweife Hermine zum Besten gab, sobald sie sich zum Frühstück setzten.
»… und dann blitzte es noch einmal und ich bin wieder auf dem Bett gelandet!« Ron grinste und tat sich Würstchen auf.
Hermine hatte während der ganzen Geschichte nicht ein einziges Mal gelächelt und wandte sich nun mit einem Ausdruck frostiger Missbilligung an Harry.
»War dieser Zauber ganz zufällig auch aus diesem Zaubertrankbuch von dir?«, fragte sie.
Harry sah sie stirnrunzelnd an.
»Du musst immer alles runtermachen, was?«
»War er aus dem Buch?«
»Nun … jaah, schon, na und?«
»Du hast also beschlossen, eine unbekannte, handgeschriebene Zauberformel auszuprobieren und einfach mal zu sehen, was passiert?«
»Warum ist das wichtig, ob sie handgeschrieben ist?«, sagte Harry, den Rest der Frage beantwortete er lieber nicht.
»Weil sie wahrscheinlich nicht vom Zaubereiministerium genehmigt ist«, sagte Hermine. »Und außerdem«, fügte sie hinzu, als Harry und Ron die Augen verdrehten, »weil ich allmählich glaube, dass dieser komische Prinz ein bisschen zwielichtig war.«
Harry und Ron schrien sie sofort nieder.
»Das war doch nur ein Jux!«, sagte Ron und stülpte eine Ketchupflasche über seine Würstchen. »Nur ein Jux, Hermine, nichts weiter!«
»Jemand kopfüber in der Luft baumeln lassen?«, sagte Hermine. »Wer verwendet Zeit und Energie darauf, solche Zauber zu erfinden?«
»Fred und George«, sagte Ron achselzuckend, »das ist genau ihr Ding. Und, ähm –«
»Mein Dad«, sagte Harry. Es war ihm gerade wieder eingefallen.
»Was?«, kam es von Ron und Hermine gleichzeitig.
»Mein Dad hat diesen Zauber verwendet«, sagte Harry. »Ich – Lupin hat es mir gesagt.«
Der letzte Teil stimmte nicht; in Wirklichkeit hatte Harry gesehen, wie sein Vater den Zauber gegen Snape anwandte, doch er hatte Ron und Hermine nie von diesem merkwürdigen Ausflug ins Denkarium erzählt. Nun jedoch kam ihm eine wunderbare Möglichkeit in den Sinn. War der Halbblutprinz womöglich –?
»Dein Dad mag ihn vielleicht verwendet haben, Harry«, sagte Hermine, »aber nicht als Einziger. Wir haben eine ganze Menge Leute gesehen, die ihn eingesetzt haben, falls du das vergessen hast. Leute in der Luft baumeln lassen. Sie schweben lassen, im Schlaf, hilflos.«
Harry starrte sie an. Mit einem flauen Gefühl im Magen erinnerte nun auch er sich daran, wie sich die Todesser bei den Quidditch-Weltmeisterschaften verhalten hatten. Ron kam ihm zu Hilfe.
»Das war was anderes«, sagte er unverwüstlich. »Die haben ihn missbraucht. Harry und sein Dad haben nur einen Jux gemacht. Du magst den Prinzen nicht, Hermine«, fügte er hinzu und deutete streng mit einem Würstchen auf sie, »weil er in Zaubertränke besser ist als du –«
»Das hat damit nichts zu tun!«, erwiderte Hermine und ihre Wangen röteten sich. »Ich finde nur, dass es sehr verantwortungslos ist, einfach irgendwelche Zauber auszuprobieren, wenn man nicht einmal weiß, wofür sie gedacht sind, und hör endlich auf, vom ›Prinzen‹ zu reden, als wär das sein Titel, ich wette, das ist nur ein bescheuerter Spitzname, und ich hab nicht den Eindruck, als wär er ein besonders netter Mensch gewesen!«
»Ich versteh nicht, wie du darauf kommst«, sagte Harry hitzig. »Wenn er ein angehender Todesser gewesen wäre, dann hätte er wohl nicht damit geprahlt, ein ›Halbblut‹ zu sein, oder?«
Während Harry das sagte, fiel ihm ein, dass sein Vater reinblütig gewesen war, aber er schob den Gedanken beiseite; damit würde er sich später beschäftigen …
»Die Todesser können nicht alle reinblütig sein, es gibt nicht mehr genügend reinblütige Zauberer«, sagte Hermine hartnäckig. »Ich schätze, die meisten von ihnen sind Halbblüter, die so tun, als wären sie Reinblüter. Die hassen nur Muggelstämmige, dich und Ron würden sie mit offenen Armen aufnehmen.«
»Die würden mich nie im Leben als Todesser nehmen!«, sagte Ron aufgebracht; ein Stück Wurst flog ihm von der Gabel, mit der er jetzt vor Hermine herumfuchtelte, und traf Ernie Macmillan am Kopf. »Meine ganze Familie besteht aus Blutsverrätern! Das ist für Todesser genauso schlimm wie Muggelstämmige!«
»Und mich hätten sie liebend gern!«, sagte Harry sarkastisch. »Wir wären die besten Kumpel, wenn sie mich nicht dauernd erledigen wollten.«
Darüber musste Ron lachen; selbst Hermine ließ sich zu einem widerwilligen Lächeln herab, und dann kam Ablenkung in Gestalt von Ginny.
»Hey, Harry, ich soll dir das hier geben.«
Es war eine Pergamentrolle, auf der in einer vertrauten feinen, schrägen Handschrift Harrys Name stand.
»Danke, Ginny … das ist Dumbledores nächste Stunde!«, erklärte Harry Ron und Hermine, zog das Pergament auseinander und las es rasch durch. »Montagabend!« Mit einem Mal war ihm leicht und froh zumute. »Wollen wir uns in Hogsmeade treffen, Ginny?«, fragte er.
»Ich bin mit Dean dort – vielleicht sehen wir uns ja«, antwortete sie und winkte ihnen, als sie ging.
Filch stand wie üblich am eichenen Schlossportal und hakte die Namen der Schüler ab, die die Erlaubnis hatten, nach Hogsmeade zu gehen. Die ganze Prozedur dauerte noch länger als sonst, da Filch jeden einzelnen mit seinem Geheimnis-Detektor dreimal überprüfte.
»Was spielt das für ’ne Rolle, wenn wir schwarzmagisches Zeug aus Hogwarts RAUSschmuggeln?«, fragte Ron und beäugte den langen dünnen Geheimnis-Detektor argwöhnisch. »Sie sollten doch eigentlich kontrollieren, was wir wieder hier REINbringen?«
Seine freche Bemerkung brachte ihm ein paar Extrastiche mit dem Detektor ein, und als sie in den Wind und den Schneeregen hinaustraten, zuckte er immer noch.
Es war kein schöner Spaziergang nach Hogsmeade. Harry wickelte sich den Schal über den Mund; der dem Wetter ausgesetzte Teil des Gesichts fühlte sich bald wund und taub an. Die Straße zum Dorf war voller Schüler, die sich gegen den bitterkalten Wind krümmten. Mehr als einmal fragte sich Harry, ob es ihnen im warmen Gemeinschaftsraum nicht besser ergangen wäre, und als sie endlich in Hogsmeade ankamen und feststellten, dass Zonkos Scherzartikelladen mit Brettern zugenagelt worden war, sah sich Harry bestätigt, dass dieser Ausflug keinen Spaß machen würde. Ron deutete mit einer dick behandschuhten Hand auf den Honigtopf, der gnädigerweise geöffnet hatte, und Harry und Hermine wankten hinter ihm her in den überfüllten Laden.
»Gott sei Dank!«, sagte Ron zitternd, als die warme, nach Karamell duftende Luft sie umhüllte. »Am besten, wir bleiben den ganzen Nachmittag hier.«
»Harry, mein Junge!«, rief eine dröhnende Stimme hinter ihnen.
»O nein«, murmelte Harry. Die drei drehten sich um und sahen Professor Slughorn, der einen gewaltigen Pelzhut und einen Mantel mit dazu passendem Pelzkragen trug, einen großen Beutel kandierte Ananas in der Hand hielt und mindestens ein Viertel des Ladens einnahm.
»Harry, jetzt haben Sie schon drei meiner kleinen Abendessen verpasst!«, sagte Slughorn und pikte ihn leutselig in die Brust. »So geht das nicht, mein Junge. Sie entkommen mir nicht! Miss Granger liebt diese Abende, nicht wahr?«
»Ja«, sagte Hermine hilflos, »die sind wirklich –«
»Also, warum kommen Sie nicht vorbei, Harry?«, fragte Slughorn.
»Nun ja, ich hatte Quidditch-Training, Professor«, sagte Harry, der tatsächlich immer ein Training angesetzt hatte, wenn Slughorn ihm eine kleine, mit violettem Band verzierte Einladung geschickt hatte. Diese Strategie führte dazu, dass Ron nicht außen vor blieb, und sie lachten dann meistens gemeinsam mit Ginny bei der Vorstellung, dass Hermine mit McLaggen und Zabini zusammenhocken musste.
»Nun, ich hoffe doch, dass Sie nach so viel fleißiger Arbeit Ihr erstes Spiel gewinnen werden!«, sagte Slughorn. »Aber ein wenig Erholung hat noch niemandem geschadet. Also, wie wär’s mit Montagabend, Sie können doch unmöglich vorhaben, bei diesem Wetter zu trainieren …«
»Ich kann nicht, Professor, ich hab – ähm – an diesem Abend einen Termin bei Professor Dumbledore.«
»Wieder kein Glück!«, rief Slughorn theatralisch. »Ah, nun … Sie können mir nicht ewig ausweichen, Harry!«
Er winkte majestätisch und watschelte aus dem Laden, wobei er so wenig Notiz von Ron nahm, als wäre der eine Schachtel voller getrockneter Kakerlaken.
»Ich fass es nicht, du hast dich schon wieder drumrum gemogelt«, sagte Hermine kopfschüttelnd. »So übel ist es da gar nicht, weißt du … manchmal macht es richtig Spaß …« Doch dann fiel ihr Blick auf Rons Miene. »Oh, seht mal – die haben Zuckerfederkiele de luxe – die sollen stundenlang halten!«
Froh darüber, dass Hermine das Thema gewechselt hatte, zeigte Harry viel mehr Interesse an den neuen, extragroßen Zuckerfederkielen, als er es sonst getan hätte, aber Ron wirkte nach wie vor verstimmt und zuckte nur die Achseln, als Hermine ihn fragte, wo er als Nächstes hinwolle.
»Gehen wir in die Drei Besen«, sagte Harry. »Da ist es sicher warm.«
Sie wickelten sich die Schals wieder über die Gesichter und verließen den Süßigkeitenladen. Nach der zuckrigen Wärme des Honigtopfs schlug ihnen der bitterkalte Wind messerscharf ins Gesicht. Auf der Straße war nicht viel los; niemand blieb stehen, um ein Schwätzchen zu halten, alle beeilten sich, an ihr Ziel zu kommen. Die Ausnahme waren zwei Männer, die nicht weit entfernt von ihnen direkt vor den Drei Besen standen. Der eine war sehr groß und dünn; Harry spähte mit zusammengekniffenen Augen durch seine regennasse Brille und erkannte den Wirt, der im anderen Pub von Hogsmeade, dem Eberkopf, arbeitete. Als Harry, Ron und Hermine näher kamen, zog der Wirt seinen Umhang enger um den Hals, ging davon und ließ den kleineren Mann zurück, der ungeschickt etwas in seinen Armen hielt. Sie waren kaum ein paar Meter von ihm entfernt, als Harry den Mann erkannte.
»Mundungus!«
Der untersetzte, säbelbeinige Mann mit dem langen, widerspenstigen rotbraunen Haar fuhr zusammen und ließ einen uralten Koffer fallen, der aufsprang und scheinbar den gesamten Schaufensterinhalt eines Trödelladens auf dem Boden verteilte.
»Oh, ’allo, ’Arry«, sagte Mundungus Fletcher in einem ganz und gar nicht überzeugenden Versuch, lässig zu wirken. »Also dann, ich will euch nicht aufhalten.«
Und er fing an auf dem Boden herumzukrabbeln, um die Sachen aus seinem Koffer wieder einzusammeln, wie jemand, der es eilig hat, zu verschwinden.
»Verkaufst du diesen Kram?«, fragte Harry, während er beobachtete, wie Mundungus diverse schmutzig aussehende Gegenstände auflas.
»Na ja, man muss sich irgendwie durchschlagen, nicht?«, sagte Mundungus. »Gib das her!«
Ron hatte sich gebückt und etwas Silbernes aufgehoben.
»Augenblick mal«, sagte er langsam. »Das kommt mir bekannt vor –«
»Danke!«, sagte Mundungus, riss Ron den Kelch aus der Hand und stopfte ihn zurück in seinen Koffer. »Also, wir sehen uns dann – AUTSCH!«
Harry hatte Mundungus an der Gurgel gepackt und gegen die Wand des Pubs gedrückt. Er hielt ihn mit der einen Hand fest und zog mit der anderen seinen Zauberstab.
»Harry!«, rief Hermine schrill.
»Das hast du aus Sirius’ Haus geholt«, sagte Harry, der Mundungus fast Nase an Nase gegenüberstand. Ein unangenehmer Geruch nach altem Tabak und Hochprozentigem schlug ihm entgegen. »Da war das Familienwappen der Blacks drauf.«
»Ich – nein – was –?«, stotterte Mundungus und wurde ganz langsam puterrot.
»Was hast du gemacht, bist du in der Nacht, als er gestorben ist, in sein Haus zurückgegangen und hast es ausgeräumt?«, knurrte Harry wütend.
»Ich – nein –«
»Gib es mir!«
»Harry, das darfst du nicht!«, schrie Hermine, während Mundungus allmählich blau anlief.
Ein Knall ertönte, und Harry spürte, wie seine Hände von Mundungus’ Gurgel weggerissen wurden. Keuchend und prustend ergriff Mundungus seinen Koffer am Boden, und dann – KNALL – disapparierte er.
Harry fluchte aus Leibeskräften und drehte sich auf der Stelle, um zu sehen, wohin Mundungus verschwunden war.
»KOMM ZURÜCK, DU DIEBISCHER –!«
»Es hat keinen Sinn, Harry.«
Tonks war aus dem Nichts erschienen, das mausbraune Haar nass vom Schneeregen.
»Mundungus ist jetzt wahrscheinlich schon in London. Es hat keinen Sinn zu schreien.«
»Er hat Sirius’ Sachen geklaut! Geklaut!«
»Ja, aber trotzdem«, sagte Tonks, die diese Mitteilung offenbar nicht im Geringsten erschütterte, »solltest du raus aus dieser Kälte.«
Sie sah ihnen durch die Tür der Drei Besen nach. Sobald er drinnen war, platzte Harry los: »Er hat Sirius’ Sachen geklaut!«
»Ich weiß, Harry, aber hör bitte auf zu schreien, die Leute gucken schon«, flüsterte Hermine. »Setzt euch schon mal, ich hol euch was zu trinken.«
Als Hermine wenige Minuten später mit drei Flaschen Butterbier an ihren Tisch kam, war Harry immer noch wütend.
»Kann der Orden Mundungus nicht unter Kontrolle halten?«, drang er zornig flüsternd auf die anderen beiden ein. »Können die nicht wenigstens dafür sorgen, dass er nicht mehr alles mitgehen lässt, was nicht niet- und nagelfest ist, wenn er im Hauptquartier ist?«
»Schhh!«, machte Hermine verzweifelt und blickte sich um, ob auch ja niemand zuhörte; ganz in der Nähe saßen ein paar Zauberer, die Harry mit großem Interesse anstarrten, und Zabini lümmelte sich nicht weit entfernt gegen eine Säule. »Harry, ich würde mich auch ärgern, ich weiß, das sind deine Sachen, die er klaut –«
Harry verschluckte sich an seinem Butterbier; er hatte zwischendurch ganz vergessen, dass Grimmauldplatz Nummer zwölf ihm gehörte.
»Jaah, das sind meine Sachen!«, sagte er. »Kein Wunder, dass er sich nicht gefreut hat, mich zu sehen! Also, ich werde Dumbledore erzählen, was los ist; er ist der Einzige, vor dem Mundungus Angst hat.«
»Gute Idee«, flüsterte Hermine, offensichtlich froh darüber, dass Harry sich beruhigte. »Ron, wo schaust du eigentlich die ganze Zeit hin?«
»Nirgends«, sagte Ron und wandte hastig den Blick vom Tresen, aber Harry wusste, dass er immer versuchte, die kurvenreiche und attraktive Wirtin, Madam Rosmerta, auf sich aufmerksam zu machen, für die er schon länger eine Schwäche hatte.
»Ich vermute mal, ›nirgends‹ ist im Hinterzimmer und holt gerade Feuerwhisky-Nachschub«, sagte Hermine giftig.
Ron ignorierte diese spöttische Bemerkung, nippte an seinem Butterbier und bewahrte, was er offenbar für ein erhabenes Schweigen hielt. Harry dachte an Sirius und dass er diese Silberkelche sowieso gehasst hatte. Hermine trommelte mit den Fingern auf dem Tisch, ihre Augen flackerten zwischen Ron und der Bar hin und her.
Kaum hatte Harry die letzten Tropfen seiner Flasche geleert, sagte sie: »Wie wär’s, wollen wir’s packen und zurück in die Schule gehen?«
Die anderen beiden nickten; der Ausflug hatte keinen Spaß gemacht und das Wetter wurde mit der Zeit nur noch schlechter. Sie wickelten sich wieder fest in ihre Umhänge, legten ihre Schals um, zogen ihre Handschuhe an; dann gingen sie hinter Katie Bell und einer Freundin aus dem Pub und die Hauptstraße entlang zurück. Während sie durch den gefrorenen Schneematsch die Straße nach Hogwarts hinaufstapften, schweiften Harrys Gedanken zu Ginny. Sie hatten sie nicht getroffen, überlegte er, weil sie und Dean mit Sicherheit in Madam Puddifoots Café gemütlich beieinanderhockten, diesem Schlupfwinkel für glückliche Pärchen. Mit finsterer Miene senkte er den Kopf gegen den wirbelnden Schnee und stapfte weiter.
Es dauerte eine Weile, bis Harry auffiel, dass die Stimmen von Katie Bell und ihrer Freundin, die der Wind ihm zutrug, schriller und lauter geworden waren. Harry spähte zu ihren verschwommenen Gestalten. Die beiden Mädchen stritten sich über etwas, das Katie in der Hand hielt.
»Das hat nichts mit dir zu tun, Leanne!«, hörte Harry Katie sagen.
Sie bogen um eine Kurve, dichter Schneeregen blies ihnen heftig entgegen und verschmierte Harrys Brille. Gerade als er sie mit dem Handschuh abwischen wollte, griff Leanne nach dem Päckchen in Katies Händen; Katie riss es wieder an sich und das Päckchen fiel zu Boden.
Und plötzlich stieg Katie in die Höhe, nicht so komisch wie Ron, an den Knöcheln aufgehängt, sondern anmutig und mit ausgestreckten Armen, als wollte sie fliegen. Aber irgendetwas stimmte nicht, irgendetwas war unheimlich … ein scharfer Wind peitschte ihr die Haare um den Kopf, doch ihre Augen waren geschlossen und ihr Gesicht war vollkommen ausdruckslos. Harry, Ron, Hermine und Leanne waren abrupt stehen geblieben und sahen zu.
Dann, zwei Meter über dem Boden, stieß Katie einen fürchterlichen Schrei aus. Sie riss die Augen auf, aber was immer sie sehen konnte oder was immer sie empfand, machte ihr offenbar schreckliche Angst. Sie schrie und schrie; auch Leanne fing an zu schreien, fasste Katie an den Fußgelenken und versuchte sie auf den Boden herunterzuziehen. Harry, Ron und Hermine stürmten vor, um zu helfen, doch gerade als sie Katies Beine gepackt hatten, stürzte sie auf sie herab; Harry und Ron gelang es, sie aufzufangen, doch sie wand sich so heftig, dass sie sie kaum halten konnten. Deshalb ließen sie Katie auf den Boden hinunter, wo sie um sich schlug und schrie, offenbar außerstande, irgendeinen von ihnen zu erkennen.
Harry blickte sich um; weit und breit war niemand zu sehen.
»Bleibt hier!«, rief er den anderen durch den heulenden Wind zu. »Ich hole Hilfe!«
Er spurtete los in Richtung Schule; er hatte noch nie jemanden sich so aufführen sehen wie Katie eben, und er hatte keine Ahnung, was die Ursache war; er sauste um eine Kurve und stieß mit etwas zusammen, das ein riesiger Bär auf den Hinterbeinen zu sein schien.
»Hagrid!«, keuchte er und befreite sich aus der Hecke, in die er gestürzt war.
»Harry!«, sagte Hagrid, in dessen Augenbrauen und Bart sich Graupel verfangen hatte und der seinen großen, schäbigen Biberpelzmantel trug. »War grad bei Grawp, der entwickelt sich so was von gut, das hätt’st du nich –«
»Hagrid, dort hinten ist jemand verletzt oder hat einen Fluch abbekommen oder irgendwas –«
»Wa’?«, sagte Hagrid und bückte sich tiefer, um durch den tosenden Wind zu hören, was Harry sagte.
»Jemand hat einen Fluch abgekriegt!«, brüllte Harry.
»’nen Fluch? Wer hat ’nen Fluch – doch nicht Ron? Hermine?«
»Nein, nicht die, es ist Katie Bell – hier lang …«
Zusammen rannten sie den Weg zurück. Sie brauchten nicht lange, bis sie die kleine Gruppe von Menschen um Katie fanden, die sich immer noch schreiend am Boden wälzte; Ron, Hermine und Leanne versuchten gemeinsam, sie zu beruhigen.
»Macht Platz!«, rief Hagrid. »Ich will sie mir anschauen!«
»Irgendwas ist mit ihr passiert!«, schluchzte Leanne. »Ich weiß nicht, was –«
Hagrid starrte Katie eine Sekunde lang an, dann bückte er sich, ohne ein Wort zu sagen, hob sie hoch in seine Arme und rannte mit ihr zum Schloss davon. Innerhalb von wenigen Sekunden waren Katies gellende Schreie verklungen und nur noch der brausende Wind war zu hören.
Hermine ging schnell zu Katies wimmernder Freundin und legte ihr den Arm um die Schulter.
»Du heißt Leanne, nicht wahr?«
Das Mädchen nickte.
»Ist das einfach ganz plötzlich passiert, oder –?«
»Es war, als das Päckchen aufriss«, schluchzte Leanne und deutete auf das inzwischen durchweichte Paket in Packpapier auf dem Boden, das aufgeplatzt war und aus dem ein grünlicher Schimmer hervordrang. Ron streckte die Hand aus und bückte sich, aber Harry ergriff seinen Arm und zog ihn weg.
»Fass das nicht an!«
Er kauerte sich nieder. Ein reich verziertes Opalhalsband war zu sehen, das aus dem Papier hervorblitzte.
»Das hab ich schon mal gesehen«, sagte Harry und starrte auf das Ding. »Es war vor einer Ewigkeit mal bei Borgin und Burkes ausgestellt. Auf dem Schild stand, dass es verflucht ist. Katie muss es berührt haben.« Er blickte zu Leanne hoch, die haltlos zu zittern begonnen hatte. »Wie hat Katie das bekommen?«
»Also, deswegen haben wir uns gestritten. Als sie in den Drei Besen vom Klo zurückkam, hielt sie es in der Hand und sagte, dass es eine Überraschung für jemanden in Hogwarts ist und dass sie es überbringen muss. Sie hat ganz komisch geguckt, als sie das gesagt hat … o nein, o nein, ich wette, sie hat den Imperius abgekriegt, und ich hab’s nicht gemerkt!«
Leanne wurde von neuen Schluchzern geschüttelt. Hermine klopfte ihr sanft auf die Schulter.
»Sie hat nicht gesagt, wer es ihr gegeben hat, Leanne?«
»Nein … das wollte sie mir nicht erzählen … und ich hab gesagt, dass sie bescheuert ist und dass sie es nicht mit hoch in die Schule nehmen soll, aber sie wollte einfach nicht hören und … und dann hab ich versucht, es ihr wegzureißen … und – und –« Leanne heulte verzweifelt auf.
»Am besten, wir gehen rauf in die Schule«, sagte Hermine, den Arm immer noch um Leanne, »dort können wir erfahren, wie es ihr geht. Komm …«
Harry zögerte einen Moment, dann nahm er sich den Schal vom Gesicht, und ohne auf Rons Keuchen zu achten, wickelte er das Halsband vorsichtig darin ein und hob es auf.
»Wir müssen das Madam Pomfrey zeigen«, sagte er.
Während sie Hermine und Leanne den Weg hinauf folgten, dachte Harry fieberhaft nach. Sobald sie das Schlossgelände betreten hatten, konnte er seine Gedanken nicht mehr für sich behalten und legte los.
»Malfoy weiß von diesem Halsband. Es war vor vier Jahren bei Borgin und Burkes in einer Vitrine, und während ich mich vor ihm und seinem Dad versteckt hielt, hab ich mitbekommen, wie er es sich genau ansah. Das hat er sich gekauft an dem Tag, als wir ihm gefolgt sind! Er hat es nicht vergessen und ist deswegen zurück in den Laden gegangen!«
»Ich – ich weiß nicht, Harry«, sagte Ron zögernd. »Eine Menge Leute gehen zu Borgin und Burkes … und hat dieses Mädchen nicht gesagt, dass Katie es im Mädchenklo bekommen hat?«
»Sie sagte, sie ist damit vom Klo zurückgekommen, sie muss es nicht unbedingt dort bekommen haben –«
»McGonagall!«, sagte Ron warnend.
Harry blickte auf. Und tatsächlich, Professor McGonagall kam durch den wirbelnden Schnee die Steintreppe herunter auf sie zugeeilt.
»Hagrid sagt, Sie hätten alle vier gesehen, was Katie Bell zugestoßen ist – bitte, sofort nach oben in mein Büro! Was haben Sie da in der Hand, Potter?«
»Das Ding, das sie berührt hat«, sagte Harry.
»Um Himmels willen«, sagte Professor McGonagall und sah entsetzt aus, als sie Harry das Halsband abnahm. »Nein, nein, Filch, die sind in meiner Begleitung!«, fügte sie hastig hinzu, als Filch mit erhobenem Geheimnis-Detektor eifrig durch die Eingangshalle geschlurft kam. »Bringen Sie dieses Halsband sofort zu Professor Snape, aber berühren Sie es auf keinen Fall, lassen Sie es im Schal eingewickelt!«
Harry und die anderen folgten Professor McGonagall nach oben in ihr Büro. Die Fenster waren nass gespritzt vom Schneeregen und klapperten in ihren Rahmen, und trotz des Feuers, das im Kamin knisterte, war es kalt im Zimmer. Professor McGonagall schloss die Tür, rauschte um ihren Schreibtisch herum und wandte sich Harry, Ron, Hermine und der immer noch schluchzenden Leanne zu.
»Nun?«, sagte sie scharf. »Was ist passiert?«
Zögernd und mit vielen Unterbrechungen, in denen sie versuchte, gegen ihre Tränen anzukämpfen, schilderte Leanne Professor McGonagall, wie Katie in den Drei Besen aufs Klo gegangen und mit dem unbeschrifteten Päckchen in der Hand zurückgekommen war; Katie sei ihr ein wenig merkwürdig vorgekommen, und sie hätten sich darüber gestritten, ob es ratsam sei, sich bereit zu erklären, unbekannte Gegenstände zu überbringen, der Streit habe dann zu einem Gerangel um das Paket geführt, das schließlich aufgerissen sei. An dieser Stelle war Leanne so erschüttert, dass kein weiteres Wort mehr aus ihr herauszubringen war.
»Nun gut«, sagte Professor McGonagall nicht unfreundlich, »gehen Sie bitte hinauf in den Krankenflügel, Leanne, und lassen Sie sich von Madam Pomfrey etwas zur Beruhigung geben.«
Als sie hinausgegangen war, wandte sich Professor McGonagall wieder an Harry, Ron und Hermine.
»Was ist geschehen, als Katie das Halsband anfasste?«
»Sie ist in die Luft gestiegen«, sagte Harry, ehe Ron oder Hermine den Mund aufmachen konnten. »Und dann fing sie an zu schreien und ist zusammengebrochen. Professor, kann ich bitte Professor Dumbledore sprechen?«
»Der Schulleiter ist bis Montag außer Haus, Potter«, sagte Professor McGonagall mit überraschter Miene.
»Außer Haus?«, wiederholte Harry aufgebracht.
»Ja, Potter, außer Haus!«, entgegnete Professor McGonagall scharf. »Aber was immer Sie in dieser fürchterlichen Angelegenheit zu sagen haben, können Sie sicher auch mir sagen!«
Harry zögerte einen kurzen Augenblick. Professor McGonagall war jemand, dem man sich nicht gern anvertraute; obwohl Dumbledore in vielerlei Hinsicht einschüchternder wirkte, war es bei ihm weniger wahrscheinlich, dass er eine Theorie verspottete, egal wie haarsträubend sie auch sein mochte. Hier ging es jedoch um Leben und Tod, und es war der falsche Zeitpunkt, sich darüber Sorgen zu machen, ob man womöglich ausgelacht wurde.
»Ich glaube, Draco Malfoy hat Katie das Halsband gegeben, Professor.«
Auf der einen Seite von Harry rieb sich Ron offensichtlich betreten die Nase; auf der anderen scharrte Hermine mit den Füßen, als würde sie liebend gerne ein wenig Abstand zwischen sich und Harry bringen.
»Das ist eine sehr schwer wiegende Anschuldigung, Potter«, sagte Professor McGonagall nach einer erschrockenen Pause. »Haben Sie irgendeinen Beweis dafür?«
»Nein«, sagte Harry, »aber …« Und er erzählte ihr, dass sie Malfoy zu Borgin und Burkes gefolgt waren, und schilderte das Gespräch zwischen ihm und Borgin, das sie mitgehört hatten.
Als sein Bericht zu Ende war, wirkte Professor McGonagall leicht verwirrt.
»Malfoy hat etwas zum Reparieren zu Borgin und Burkes gebracht?«
»Nein, Professor, er wollte nur, dass Borgin ihm sagt, wie man etwas in Ordnung bringt, das er nicht bei sich hatte. Aber darum geht es nicht, der Punkt ist, dass er bei dieser Gelegenheit etwas gekauft hat, und ich glaube, es war dieses Halsband –«
»Sie haben Malfoy den Laden mit einem ähnlichen Päckchen verlassen sehen?«
»Nein, Professor, er hat Borgin gesagt, er soll es für ihn im Laden aufbewahren –«
»Aber, Harry«, unterbrach ihn Hermine, »Borgin hat ihn gefragt, ob er es nicht mitnehmen will, und Malfoy hat nein gesagt –«
»Weil er es nicht anfassen wollte, natürlich!«, fuhr Harry sie an.
»Er hat wörtlich gesagt: ›Wie würde das denn aussehen, wenn ich auf der Straße damit rumlaufen würde?‹«, erklärte Hermine.
»Also, mit einem Halsband würde er tatsächlich ein bisschen wie ein Armleuchter aussehen«, warf Ron ein.
»Oh, Ron«, sagte Hermine verzweifelnd, »es wäre doch verpackt gewesen, damit er es nicht hätte berühren müssen, und es wäre ganz leicht in einem Umhang zu verstecken gewesen, also hätte es niemand gesehen! Ich glaube, was auch immer er bei Borgin und Burkes für sich reserviert hat, war laut oder sperrig; etwas, das ganz sicher Aufmerksamkeit erregen würde, wenn er es die Straße entlangtragen würde – und, wie auch immer«, fuhr sie energisch fort, ehe Harry sie unterbrechen konnte, »ich habe Borgin nach dem Halsband gefragt, wisst ihr nicht mehr? Als ich reinging, um herauszufinden, was Malfoy bei ihm reserviert hatte, hab ich es dort gesehen. Und Borgin hat mir nur den Preis genannt, er hat nicht gesagt, dass es schon verkauft ist oder so was –«
»Na ja, du warst auch leicht zu durchschauen, er hatte nach fünf Sekunden schon begriffen, was du vorhattest, natürlich wollte er dir dann nicht sagen – jedenfalls hätte Malfoy es sich in der Zwischenzeit bringen lassen können –«
»Genug!«, sagte Professor McGonagall, als Hermine mit wütendem Blick den Mund aufmachte, um etwas zu erwidern. »Potter, ich weiß es zu schätzen, dass Sie mir das erzählt haben, aber wir können Mr Malfoy nicht zum Sündenbock machen, nur weil er den Laden besucht hat, wo dieses Halsband möglicherweise gekauft wurde. Dasselbe trifft wahrscheinlich auf Hunderte von Personen zu –«
»– das hab ich doch gesagt –«, murmelte Ron.
»– und wir haben dieses Jahr sowieso strenge Sicherheitsvorkehrungen getroffen, ich glaube, dass dieses Halsband ohne unser Wissen unmöglich in diese Schule gelangt sein kann –«
»– aber –«
»– und außerdem«, sagte Professor McGonagall mit ganz entschiedener Miene, »war Mr Malfoy heute nicht in Hogsmeade.«
Harry starrte sie mit offenem Mund an und sank in sich zusammen.
»Woher wissen Sie das, Professor?«
»Weil er bei mir nachsitzen musste. Er hat inzwischen zwei Mal in Folge seine Hausaufgaben für Verwandlung nicht fertig gestellt. Also, danke, dass Sie mir Ihren Verdacht mitgeteilt haben, Potter«, sagte sie, während sie an ihnen vorbeimarschierte, »aber ich muss jetzt hoch in den Krankenflügel, um nach Katie Bell zu sehen. Einen guten Tag Ihnen allen.«
Sie hielt ihre Bürotür auf. Es blieb ihnen nichts übrig, als ohne ein weiteres Wort einer nach dem anderen an ihr vorbeizugehen.
Harry war zornig auf die beiden anderen, weil sie sich auf die Seite von McGonagall geschlagen hatten; trotzdem musste er einfach mitdiskutieren, als sie anfingen, über die ganze Geschichte zu reden.
»Also, was meinst du, wem sollte Katie das Halsband geben?«, fragte Ron, als sie die Treppe zum Gemeinschaftsraum hochstiegen.
»Weiß der Himmel«, sagte Hermine. »Aber wer auch immer es war, ist nur knapp davongekommen. Keiner hätte dieses Päckchen öffnen können, ohne das Halsband zu berühren.«
»Es hätte für eine Menge Leute bestimmt sein können«, sagte Harry. »Dumbledore – die Todesser würden ihn nur zu gern loswerden, er steht bestimmt ganz oben auf ihrer Abschussliste. Oder Slughorn – Dumbledore vermutet, dass Voldemort ihn eigentlich haben wollte, und es wird ihnen nicht gefallen, dass er sich mit Dumbledore verbündet hat. Oder –«
»Oder du«, sagte Hermine mit besorgtem Blick.
»Ich kann’s nicht gewesen sein«, sagte Harry, »sonst hätte Katie sich doch einfach unterwegs umgedreht und es mir gegeben, stimmt’s? Ich war den ganzen Weg von den Drei Besen an hinter ihr. Es wäre viel sinnvoller gewesen, das Päckchen außerhalb von Hogwarts zu übergeben, wo doch Filch jeden filzt, der rein- und rausgeht. Ich frage mich, warum Malfoy ihr gesagt hat, sie soll es ins Schloss mitnehmen.«
»Harry, Malfoy war nicht in Hogsmeade!«, erwiderte Hermine und stampfte tatsächlich genervt mit dem Fuß auf.
»Dann muss er einen Komplizen gehabt haben«, sagte Harry. »Crabbe oder Goyle – oder, wenn ich’s mir recht überlege, einen anderen Todesser, er wird jede Menge bessere Spießgesellen haben als Crabbe und Goyle, jetzt, wo er bei denen mitmacht –«
Ron und Hermine tauschten Blicke, die unmissverständlich nur eines bedeuteten: »Es hat keinen Zweck, mit ihm zu streiten.«
»Krönungsmahl«, sagte Hermine nachdrücklich, als sie zur fetten Dame gelangten.
Das Porträt schwang auf und ließ sie in den Gemeinschaftsraum. Er war ziemlich voll und roch nach feuchter Kleidung; offenbar waren viele Schüler wegen des schlechten Wetters schon früh aus Hogsmeade zurückgekehrt. Doch kein ängstliches Stimmengewirr oder wilde Spekulationen waren zu hören: Die Nachricht von Katies Schicksal hatte sich offensichtlich noch nicht herumgesprochen.
»Das war wirklich kein besonders raffinierter Angriff, wenn man mal in Ruhe drüber nachdenkt«, sagte Ron und warf beiläufig einen Erstklässler aus einem der guten Sessel am Feuer, damit er sich setzen konnte. »Der Fluch hat es nicht mal ins Schloss reingeschafft. Nicht gerade das, was man narrensicher nennen würde.«
»Da hast du Recht«, sagte Hermine, stupste Ron mit dem Fuß aus dem Sessel und bot ihn wieder dem Erstklässler an. »Das war überhaupt nicht gründlich durchdacht.«
»Aber seit wann ist Malfoy einer der großen Denker der Welt?«, fragte Harry.
Weder Ron noch Hermine antworteten ihm.
Der geheime Riddle
Tags darauf wurde Katie ins St.-Mungo-Hospital für Magische Krankheiten und Verletzungen gebracht, und inzwischen hatte sich die Nachricht, dass sie einem Fluch erlegen war, in der ganzen Schule verbreitet, auch wenn über die Einzelheiten Verwirrung herrschte und offenbar niemand außer Harry, Ron, Hermine und Leanne wusste, dass Katie selbst nicht das geplante Ziel gewesen war.
»Oh, und Malfoy weiß es natürlich auch«, sagte Harry zu Ron und Hermine, die an ihrer neuen Strategie festhielten, jedes Mal Taubheit vorzuschützen, wenn Harry seine Malfoy-ist-ein-Todesser-Theorie erwähnte.
Harry hatte sich gefragt, ob Dumbledore, wo auch immer er war, rechtzeitig zum Unterricht am Montagabend zurückkehren würde, doch da er nichts Gegenteiliges erfuhr, fand er sich um acht Uhr vor Dumbledores Büro ein, klopfte und wurde hereingebeten. Da saß Dumbledore und wirkte ungewöhnlich müde; seine Hand war immer noch schwarz und verbrannt, doch er lächelte, als er Harry bedeutete, dass er sich setzen solle. Das Denkarium stand wieder auf dem Schreibtisch und warf silbrige Lichtflecken an die Decke.
»Du hast einiges erlebt, während ich weg war«, sagte Dumbledore. »Wie ich höre, warst du Zeuge von Katies Unfall.«
»Ja, Sir. Wie geht es ihr?«
»Immer noch sehr schlecht, dabei hat sie noch einigermaßen Glück gehabt. Offenbar hat sie das Halsband nur mit dem allerkleinsten Stückchen Haut berührt: Ihr Handschuh hatte ein winziges Loch. Wenn sie es sich umgelegt, es auch nur ohne Handschuhe angefasst hätte, dann wäre sie gestorben, womöglich auf der Stelle. Glücklicherweise konnte Professor Snape genug tun, um eine rasche Ausbreitung des Fluchs zu verhindern –«
»Warum er?«, fragte Harry rasch. »Warum nicht Madam Pomfrey?«
»Frechheit«, sagte eine leise Stimme von einem der Porträts an der Wand, und Phineas Nigellus Black, Sirius’ Ururgroßvater, hob den Kopf von den Armen, auf denen er allem Anschein nach geschlafen hatte. »Zu meiner Zeit hätte ich es einem Schüler nicht erlaubt, in Frage zu stellen, wie Hogwarts arbeitet.«
»Ja, danke schön, Phineas«, würgte Dumbledore ihn ab. »Professor Snape weiß viel mehr über die dunklen Künste als Madam Pomfrey, Harry. Jedenfalls schickt mir das Team vom St. Mungo stündlich Berichte, und ich hoffe, dass Katie mit der Zeit gänzlich genesen wird.«
»Wo waren Sie an diesem Wochenende, Sir?«, fragte Harry, obwohl er eindeutig das Gefühl hatte, er könnte vielleicht zu weit gehen, ein Gefühl, das Phineas Nigellus offenbar teilte, denn er zischte leise.
»Das möchte ich im Augenblick eher nicht sagen«, erwiderte Dumbledore. »Ich werde es dir allerdings zu gegebener Zeit erzählen.«
»Tatsächlich?«, sagte Harry verdutzt.
»Gewiss«, sagte Dumbledore, zog eine neue Flasche silberner Erinnerungen aus seinem Umhang und entkorkte sie mit einem leichten Stoß seines Zauberstabs.
»Sir«, sagte Harry zögernd, »ich habe Mundungus in Hogsmeade getroffen.«
»Ah, ja, ich habe bereits erfahren, dass Mundungus dein Erbe mit langen Fingern missachtet hat«, sagte Dumbledore und runzelte leicht die Stirn. »Seit du ihn vor den Drei Besen zur Rede gestellt hast, ist er untergetaucht; ich würde meinen, er hat Angst, mir gegenüberzutreten. Aber verlass dich darauf, er wird nicht noch mehr von Sirius’ alten Besitztümern beiseiteschaffen.«
»Dieser räudige alte Halbblüter hat Erbstücke von den Blacks gestohlen?«, sagte Phineas Nigellus erzürnt; und er stolzierte aus seinem Rahmen, zweifellos um sein Porträt am Grimmauldplatz Nummer zwölf aufzusuchen.
»Professor«, sagte Harry nach einer kurzen Pause, »hat Professor McGonagall Ihnen gesagt, was ich ihr erzählt habe, nachdem Katie verletzt wurde? Über Draco Malfoy?«
»Sie hat mir von deinem Verdacht erzählt, ja«, erwiderte Dumbledore.
»Und Sie –?«
»Ich werde alle geeigneten Maßnahmen ergreifen und jeden überprüfen, der möglicherweise mit Katies Unfall zu tun hatte«, sagte Dumbledore. »Aber im Augenblick, Harry, beschäftigt mich unsere Unterrichtsstunde.«
Harry ärgerte sich ein wenig über diese Worte: Wenn ihr Unterricht tatsächlich so wichtig war, warum hatte es dann eine so lange Unterbrechung zwischen der ersten und der zweiten Stunde gegeben? Doch er sagte nichts mehr über Draco Malfoy, sondern sah zu, wie Dumbledore die neuen Erinnerungen in das Denkarium goss und das steinerne Becken wieder in den langen Fingern seiner Hände kreisen ließ.
»Wie du sicher noch weißt, haben wir die Geschichte von Lord Voldemorts Anfängen an dem Punkt unterbrochen, als der hübsche Muggel Tom Riddle seine Frau, die Hexe Merope, verließ und zu seinem Familiensitz in Little Hangleton zurückkehrte. Merope blieb allein in London zurück, schwanger mit einem Kind, das eines Tages Lord Voldemort werden sollte.«
»Woher wissen Sie, dass sie in London war, Sir?«
»Aufgrund der Aussage eines gewissen Caractacus Burke«, sagte Dumbledore, »der dank eines merkwürdigen Zufalls Mitbegründer ebenjenes Ladens war, aus dem das Halsband stammt, über das wir gerade sprachen.«
Er schwenkte den Inhalt des Denkariums, wie Harry es ihn schon früher hatte tun sehen, genau wie ein Goldsucher, der Gold aussiebt. Aus der wirbelnden, silbrigen Substanz stieg ein kleiner alter Mann empor, der sich langsam im Denkarium um sich selbst drehte, silbern wie ein Geist, aber viel fester, mit einem Haarschopf, der seine Augen vollkommen verdeckte.
»Ja, wir haben es unter seltsamen Umständen erworben. Eine junge Hexe brachte es kurz vor Weihnachten in den Laden, oh, das ist jetzt viele Jahre her. Sie sagte, sie würde das Gold dringend brauchen, also, das zumindest war offensichtlich. War in Lumpen gekleidet und hatte einen ziemlichen Bauch … sie erwartete ein Kind, Sie verstehen. Sie behauptete, das Medaillon hätte Slytherin gehört. Nun ja, derlei Geschichten bekommen wir ständig zu hören – ›Oh, diese Teekanne stammt aus dem Besitz von Merlin, ganz ehrlich, die hat er am liebsten benutzt‹ –, aber ich hab mir das Medaillon angesehen, es trug tatsächlich sein Zeichen, und ein paar schlichte Zauber genügten, dann wusste ich die Wahrheit. Das machte es natürlich so gut wie unbezahlbar. Sie hatte offenbar keine Ahnung, wie viel es wert war. War froh, dass sie zehn Galleonen dafür bekam. Das beste Geschäft, das wir je gemacht haben!«
Dumbledore versetzte dem Denkarium einen besonders kräftigen Stoß und Caractacus Burke sank zurück in die wirbelnde Masse der Erinnerung, aus der er gekommen war.
»Er hat ihr nur zehn Galleonen gegeben?«, sagte Harry empört.
»Caractacus Burke war nicht gerade berühmt für seine Großzügigkeit«, sagte Dumbledore. »Also wissen wir, dass Merope gegen Ende ihrer Schwangerschaft allein in London war und dringend Gold benötigte, so dringend, dass sie den einzigen wertvollen Gegenstand verkaufte, den sie besaß, das Medaillon, eines von Vorlosts hoch geschätzten Familienerbstücken.«
»Aber sie konnte doch zaubern!«, sagte Harry ungeduldig. »Sie hätte sich durch Zauberei Nahrung und alles beschaffen können, oder nicht?«
»Hm«, machte Dumbledore. »Schon möglich. Aber ich glaube – und das ist wieder nur eine Vermutung, doch ich bin sicher, dass ich Recht habe –, ich glaube, dass Merope, als ihr Mann sie verlassen hatte, mit dem Zaubern aufhörte. Ich denke, sie wollte keine Hexe mehr sein. Natürlich ist es auch möglich, dass ihre unerwiderte Liebe und die damit verbundene Verzweiflung sie ihrer Kräfte beraubte; so etwas kommt vor. Auf jeden Fall weigerte sich Merope, wie du gleich sehen wirst, den Zauberstab zu heben, und sei es, um ihr eigenes Leben zu retten.«
»Sie wollte nicht einmal für ihren Sohn am Leben bleiben?«
Dumbledore zog die Augenbrauen hoch.
»Kann es sein, dass du Mitleid mit Lord Voldemort hast?«
»Nein«, erwiderte Harry rasch, »aber sie hatte die Wahl, nicht wahr, anders als meine Mutter –«
»Auch deine Mutter hatte die Wahl«, sagte Dumbledore sanft. »Ja, Merope Riddle hat den Tod gewählt, trotz eines Sohnes, der sie brauchte, aber urteile nicht zu hart über sie, Harry. Ihr langes Leiden hatte sie sehr geschwächt und sie war nie so mutig wie deine Mutter. Und nun, steh bitte auf …«
»Wohin gehen wir?«, fragte Harry, als Dumbledore sich neben ihn vor den Schreibtisch stellte.
»Diesmal«, sagte Dumbledore, »werden wir in mein Gedächtnis eintreten. Ich denke, du wirst feststellen, dass es reich an Einzelheiten und zufrieden stellend genau ist. Nach dir, Harry …«
Harry beugte sich über das Denkarium; sein Gesicht teilte die kühle Oberfläche des Gedächtnisses, dann stürzte er wieder durch die Dunkelheit … Sekunden später schlugen seine Füße auf festem Boden auf, er öffnete die Augen und sah, dass er und Dumbledore in einer belebten altertümlichen Londoner Straße standen.
»Dort bin ich«, sagte Dumbledore munter und deutete auf eine große Gestalt vor ihnen, die gerade die Straße vor einem Milchkarren überquerte, der von Pferden gezogen wurde.
Die langen Haare und der Bart dieses jungen Albus Dumbledore waren kastanienbraun. Als er ihre Straßenseite erreicht hatte, ging er rasch den Bürgersteig entlang und zog wegen seines extravagant geschnittenen Anzugs aus pflaumenblauem Samt viele neugierige Blicke auf sich.
»Hübscher Anzug, Sir«, rutschte es Harry unwillkürlich heraus, doch Dumbledore gluckste nur, während sie seinem jüngeren Selbst ein kurzes Stück folgten. Schließlich traten sie durch ein eisernes Doppeltor in einen leeren Hof, auf dessen gegenüberliegender Seite ein recht düsteres, wuchtiges Gebäude mit einem hohen Gitterzaun ringsum aufragte. Der junge Dumbledore stieg die wenigen Stufen zur Tür hinauf und klopfte einmal. Kurz darauf wurde die Tür von einem schmuddeligen Mädchen geöffnet, das eine Schürze trug.
»Guten Tag. Ich habe eine Verabredung mit einer Mrs Cole, die, wie ich annehme, die Leiterin dieses Hauses ist?«
»Oh«, sagte das verwirrt dreinblickende Mädchen und musterte Dumbledores ungewöhnliche Erscheinung von oben bis unten. »Ähm … ein Momentchen … MRS COLE!«, brüllte sie über die Schulter.
Harry hörte, wie jemand ganz entfernt eine Antwort rief. Das Mädchen wandte sich wieder an Dumbledore.
»Kommen Sie rein, sie is’ gleich da.«
Dumbledore trat in eine schwarzweiß geflieste Eingangshalle; alles hier war heruntergekommen, aber tadellos sauber. Harry und der ältere Dumbledore folgten. Ehe die Tür sich hinter ihnen geschlossen hatte, kam eine magere, zermürbt aussehende Frau auf sie zugeeilt. Ihre scharf geschnittenen Gesichtszüge wirkten eher besorgt als unfreundlich, und während sie auf Dumbledore zuging, sprach sie über die Schulter hinweg zu einer weiteren Helferin mit Schürze.
»… und bring das Jod hoch zu Martha, Billy Stubbs hat seinen Schorf aufgekratzt und Eric Whalley macht sich die ganzen Laken voll Eiter – Windpocken, das hat uns gerade noch gefehlt«, sagte sie zu niemand Bestimmtem, dann fiel ihr Blick auf Dumbledore, und sie blieb wie angewurzelt stehen und wirkte so erstaunt, als wäre soeben eine Giraffe über ihre Türschwelle gestiegen.
»Guten Tag«, sagte Dumbledore und streckte die Hand aus.
Mrs Cole starrte ihn nur sprachlos an.
»Mein Name ist Albus Dumbledore. Ich habe Sie brieflich um einen Termin gebeten, und Sie waren so freundlich, mich für heute hierherzubitten.«
Mrs Cole blinzelte. Offenbar kam sie zu dem Schluss, dass Dumbledore keine Halluzination war, denn sie sagte matt: »Oh, ja. Also – also dann – kommen Sie am besten in mein Zimmer. Ja.«
Sie führte Dumbledore in einen kleinen Raum, der halb Wohnzimmer, halb Büro zu sein schien. Er war genauso heruntergekommen wie die Eingangshalle, und die Möbel waren alt und passten nicht zusammen. Sie bat Dumbledore, auf einem wackligen Stuhl Platz zu nehmen, setzte sich selbst hinter einen überladenen Schreibtisch und sah Dumbledore nervös an.
»Wie ich Ihnen in meinem Brief mitgeteilt habe, bin ich hier, um über Tom Riddle zu reden und Vereinbarungen für seine Zukunft zu treffen«, sagte Dumbledore.
»Sind Sie ein Familienangehöriger?«, fragte Mrs Cole.
»Nein, ich bin ein Lehrer«, sagte Dumbledore. »Ich bin gekommen, um Tom einen Platz an meiner Schule anzubieten.«
»Und was ist das für eine Schule?«
»Sie heißt Hogwarts«, sagte Dumbledore.
»Und wie kommt es, dass Sie an Tom interessiert sind?«
»Wir glauben, dass er Talente besitzt, auf die wir Wert legen.«
»Sie meinen, er hat ein Stipendium bekommen? Wie kann das sein? Es wurde nie eines für ihn beantragt.«
»Nun, sein Name ist seit seiner Geburt in unserer Schule vorgemerkt –«
»Wer hat ihn angemeldet? Seine Eltern?«
Zweifellos war Mrs Cole eine unbequem scharfsinnige Frau. Offenbar dachte Dumbledore das auch, denn Harry sah, wie er jetzt den Zauberstab aus der Tasche seines Samtanzugs gleiten ließ und gleichzeitig ein Blatt völlig weißes Papier von Mrs Coles Schreibtisch nahm.
»Hier«, sagte Dumbledore und schwang einmal seinen Zauberstab, während er ihr das Blatt Papier reichte. »Ich denke, dies wird alles erklären.«
Mrs Coles Blick verschwamm und klärte sich wieder, als sie für einen Moment aufmerksam das leere Papier betrachtete.
»Das scheint völlig in Ordnung zu sein«, sagte sie gelassen und gab es Dumbledore zurück. Dann fiel ihr Blick auf eine Flasche Gin und zwei Gläser, die einige Sekunden zuvor bestimmt noch nicht da gewesen waren.
»Ähm – darf ich Ihnen ein Glas Gin anbieten?«, sagte sie in einem besonders vornehmen Ton.
»Vielen Dank«, sagte Dumbledore strahlend.
Es stellte sich schnell heraus, dass Mrs Cole keine Anfängerin war, was das Gintrinken betraf. Sie schenkte ihnen beiden einen großzügigen Schluck ein und leerte ihr eigenes Glas in einem Zug. Dann leckte sie sich ungeniert die Lippen und lächelte Dumbledore zum ersten Mal an, der nicht zögerte, seinen Vorteil auszunutzen.
»Ich frage mich, ob Sie mir vielleicht etwas über Tom Riddles Vorgeschichte erzählen können. Ich glaube, er wurde in diesem Waisenhaus hier geboren?«
»Das ist richtig«, sagte Mrs Cole und schenkte sich Gin nach. »Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen, weil ich selbst gerade hier angefangen hatte. Silvesterabend und bitterkalt, mit Schnee, wissen Sie. Eine scheußliche Nacht. Und dieses Mädchen, nicht viel älter, als ich damals war, kam die Treppe vorne hochgewankt. Nun ja, sie war nicht die Erste. Wir nahmen sie auf und nach einer Stunde war ihr Baby da. Und eine weitere Stunde später war sie tot.«
Mrs Cole nickte nachdrücklich und nahm erneut einen großzügigen Schluck Gin.
»Hat sie noch irgendetwas gesagt, ehe sie starb?«, fragte Dumbledore. »Etwas über den Vater des Jungen, zum Beispiel?«
»Nun, zufällig tat sie das«, sagte Mrs Cole, die sich inzwischen, mit dem Gin in der Hand und einem eifrigen Zuhörer für ihre Geschichte, recht wohl zu fühlen schien.
»Ich weiß noch, dass sie zu mir sagte: ›Hoffentlich sieht er wie sein Papa aus‹, und offen gestanden tat sie recht daran, das zu hoffen, denn sie war keine Schönheit – und dann verriet sie mir, dass er Tom heißen solle, nach seinem Vater, und Vorlost, nach ihrem Vater – ja, ich weiß, komischer Name, nicht wahr? Wir haben uns gefragt, ob sie vielleicht von einem Zirkus kam. Außerdem sagte sie, dass der Nachname des Jungen Riddle sein solle. Und bald danach starb sie ohne ein weiteres Wort.
Nun, wir haben ihn genau so genannt, wie sie es wollte, das schien dem armen Mädchen ja so wichtig zu sein, aber kein Tom, kein Vorlost oder irgendein Riddle kam je, um ihn zu suchen, und auch überhaupt keine andere Familie, also blieb er im Waisenhaus, und das bis zum heutigen Tag.«
Mrs Cole goss sich beinahe geistesabwesend noch einmal ordentlich Gin ein. Auf ihren Wangenknochen zeichneten sich oben zwei rosa Flecken ab. Dann sagte sie: »Er ist ein komischer Kerl.«
»Ja«, sagte Dumbledore. »Das habe ich mir schon gedacht.«
»Er war auch als Baby schon komisch. Hat kaum jemals geschrien, wissen Sie. Und dann, als er ein wenig älter wurde, war er … sonderbar.«
»Sonderbar, inwiefern?«, fragte Dumbledore freundlich.
»Nun, er –«
Aber Mrs Cole verstummte abrupt, und der forschende Blick, den sie Dumbledore über das Ginglas zuwarf, hatte nichts Verschwommenes oder Vages an sich.
»Er hat ganz sicher einen Platz an Ihrer Schule, sagen Sie?«
»Ganz sicher«, erwiderte Dumbledore.
»Und nichts, was ich sage, kann das ändern?«
»Nichts«, sagte Dumbledore.
»Sie werden ihn auf jeden Fall von hier fortnehmen?«
»Auf jeden Fall«, wiederholte Dumbledore ernst.
Sie sah ihn scharf an, als würde sie abwägen, ob sie ihm trauen konnte oder nicht. Offenbar entschied sie sich dafür, ihm zu trauen, denn plötzlich sagte sie ganz schnell: »Er macht den anderen Kindern Angst.«
»Sie meinen, er quält sie?«, fragte Dumbledore.
»Ich denke, ja«, sagte Mrs Cole mit einem leichten Stirnrunzeln, »aber es ist sehr schwierig, ihn dabei zu ertappen. Es gab Vorfälle … schlimme Dinge …«
Dumbledore drängte sie nicht, doch Harry spürte deutlich, dass es ihn interessierte. Sie nahm abermals einen Schluck Gin und ihre rosigen Wangen wurden noch rosiger.
»Billy Stubbs’ Kaninchen … also, Tom hat behauptet, dass er es nicht getan hat, und ich kann mir nicht vorstellen, wie er es hätte tun können, aber trotzdem, es hat sich ja nicht selbst am Dachbalken aufgehängt, oder?«
»Das würde ich nicht meinen, nein«, sagte Dumbledore leise.
»Aber der Teufel soll mich holen, ich wüsste doch zu gern, wie er da raufgekommen ist. Ich weiß nur, dass er und Billy sich am Tag vorher gestritten hatten. Und dann –«, Mrs Cole nahm einen weiteren kräftigen Zug Gin und schüttete sich diesmal ein wenig über ihr Kinn, »beim Sommerausflug – wir gehen einmal im Jahr mit ihnen raus aufs Land oder ans Meer, wissen Sie – nun, Amy Benson und Dennis Bishop waren von da an nicht mehr ganz richtig im Kopf, und alles, was wir aus ihnen rausgekriegt haben, war, dass sie mit Tom Riddle in eine Höhle gestiegen sind. Er hat geschworen, dass sie sie einfach nur ausgekundschaftet hätten, aber irgendwas ist dort drin vorgefallen, da bin ich sicher. Und, nun ja, es gab eine Menge Dinge, merkwürdige Dinge …«
Sie sah Dumbledore erneut an, mit geröteten Wangen, doch mit festem Blick.
»Ich glaube nicht, dass ihn viele vermissen werden.«
»Sie werden sicher verstehen, dass wir ihn nicht die ganze Zeit bei uns behalten können?«, sagte Dumbledore. »Er wird zumindest jeden Sommer hierher zurückkehren müssen.«
»Oh, nun ja, besser als ein Hieb auf die Nase mit einem rostigen Schürhaken«, sagte Mrs Cole mit einem kleinen Schluckauf. Sie stand auf, und Harry stellte beeindruckt fest, dass sie ziemlich gerade stehen blieb, obwohl der Gin inzwischen zu zwei Dritteln geleert war. »Ich nehme an, Sie möchten ihn sehen?«
»Sehr gern«, sagte Dumbledore und erhob sich ebenfalls.
Sie führte ihn aus ihrem Büro und die steinerne Treppe hoch und rief unterwegs den Angestellten und Kindern Anweisungen und Ermahnungen zu. Die Waisen trugen alle die gleiche Art gräulichen Kittel, wie Harry bemerkte. Sie wirkten einigermaßen gut versorgt, doch zweifellos war dies ein düsterer Ort für ein heranwachsendes Kind.
»Da sind wir«, sagte Mrs Cole, als sie auf dem zweiten Treppenabsatz abgebogen waren und vor der ersten Tür in einem langen Korridor stehen blieben. Sie klopfte zweimal und trat ein.
»Tom? Du hast Besuch. Das ist Mr Dumberton – Verzeihung, Dunderbore. Er kommt, um dir zu sagen – nun, er soll es dir selbst erzählen.«
Harry und die beiden Dumbledores betraten das Zimmer, und Mrs Cole schloss die Tür hinter ihnen. Es war ein kleiner, kahler Raum, der nichts weiter enthielt als einen alten Kleiderschrank, einen hölzernen Stuhl und ein eisernes Bettgestell. Ein Junge saß auf den grauen Decken, die Füße vor sich ausgestreckt, mit einem Buch in der Hand.
Tom Riddles Gesicht trug keine Spur der Gaunts. Meropes letzter Wunsch war in Erfüllung gegangen: Er war eine kleine Ausgabe seines gut aussehenden Vaters, groß für seine elf Jahre, dunkelhaarig und blass. Seine Augen verengten sich leicht, als er Dumbledores exzentrische Erscheinung musterte. Für einen Moment herrschte Stille.
»Guten Tag, Tom!«, sagte Dumbledore, trat auf ihn zu und hielt ihm die Hand entgegen.
Der Junge zögerte, dann schlug er ein, und sie schüttelten sich die Hände. Dumbledore zog den harten Holzstuhl zu Riddle hin, so dass die beiden eher wie ein Krankenhauspatient und sein Besucher aussahen.
»Ich bin Professor Dumbledore.«
»›Professor‹?«, wiederholte Riddle. Er wirkte argwöhnisch. »Ist das wie ›Doktor‹? Warum sind Sie hier? Hat die Sie etwa geholt, damit Sie mich untersuchen?«
Er wies auf die Tür, durch die Mrs Cole eben hinausgegangen war.
»Nein, nein«, sagte Dumbledore lächelnd.
»Ich glaube Ihnen nicht«, sagte Riddle. »Sie will mich untersuchen lassen, stimmt’s? Sagen Sie die Wahrheit!«
Er sprach diese letzten vier Wörter mit einem fast erschreckend bohrenden Nachdruck. Es war ein Befehl, und er klang, als hätte Riddle ihn schon oft erteilt. Seine Augen hatten sich geweitet und er starrte Dumbledore wütend an, der nicht antwortete, sondern unentwegt freundlich lächelte. Nach wenigen Sekunden hörte Riddle auf, so wütend zu starren, doch nun wirkte er nur noch argwöhnischer.
»Wer sind Sie?«
»Das habe ich dir bereits gesagt. Mein Name ist Professor Dumbledore und ich arbeite an einer Schule namens Hogwarts. Ich bin gekommen, um dir einen Platz an meiner Schule anzubieten – deiner neuen Schule, falls du kommen möchtest.«
Riddle reagierte höchst überraschend. Er sprang vom Bett und wich mit zorniger Miene vor Dumbledore zurück.
»Sie können mich nicht reinlegen! Sie kommen in Wirklichkeit vom Irrenhaus, stimmt’s? ›Professor‹, ja, natürlich – also, ich geh da nicht hin, verstanden? Dieses alte Biest gehört eigentlich ins Irrenhaus. Ich hab der kleinen Amy Benson oder Dennis Bishop nie was getan, fragen Sie die doch, die werden’s Ihnen sagen!«
»Ich bin nicht vom Irrenhaus«, sagte Dumbledore geduldig. »Ich bin Lehrer, und wenn du dich jetzt ruhig hinsetzt, werde ich dir von Hogwarts erzählen. Wenn du lieber nicht in die Schule kommen möchtest, wird dich natürlich keiner zwingen –«
»Das sollen die erst mal versuchen«, höhnte Riddle.
»Hogwarts«, fuhr Dumbledore fort, als hätte er Riddles letzte Worte nicht gehört, »ist eine Schule für Menschen mit besonderen Veranlagungen –«
»Ich bin nicht verrückt!«
»Ich weiß, dass du nicht verrückt bist. Hogwarts ist keine Schule für Verrückte. Es ist eine Schule der Magie.«
Stille trat ein. Riddle war erstarrt, mit ausdruckslosem Gesicht, doch seine Augen flackerten zwischen denen Dumbledores hin und her, als wollte er eines beim Lügen ertappen.
»Magie?«, wiederholte er flüsternd.
»Richtig«, sagte Dumbledore.
»Ist das … ist das Magie, was ich kann?«
»Was kannst du denn?«
»Ganz viel«, hauchte Riddle. Vor Aufregung stieg ihm Röte den Hals hinauf, bis in die hohlen Wangen; er wirkte fiebrig. »Ich kann machen, dass Dinge sich bewegen, ohne dass ich sie anfasse. Ich kann machen, dass Tiere tun, was ich will, ohne dass ich sie dressiere. Ich kann machen, dass Leuten, die mich ärgern, böse Dinge zustoßen. Ich kann machen, dass es ihnen wehtut, wenn ich will.«
Seine Beine zitterten. Er wankte vorwärts, setzte sich wieder aufs Bett und starrte seine Hände an, den Kopf geneigt wie zum Gebet.
»Ich hab gewusst, dass ich anders bin«, flüsterte er seinen eigenen bebenden Fingern zu. »Ich hab gewusst, dass ich besonders bin. Ich hab immer gewusst, dass da irgendwas ist.«
»Nun, du hattest vollkommen Recht«, sagte Dumbledore, der jetzt nicht mehr lächelte, sondern Riddle aufmerksam ansah. »Du bist ein Zauberer.«
Riddle hob den Kopf. Sein Gesicht war wie verwandelt: Wilde Glückseligkeit lag darin, doch aus irgendeinem Grund sah er trotzdem nicht besser aus; im Gegenteil, seine fein geschnittenen Züge schienen irgendwie gröber, sein Ausdruck fast tierhaft.
»Sind Sie auch ein Zauberer?«
»Ja, das bin ich.«
»Beweisen Sie es«, verlangte Riddle sofort, im selben Befehlston, mit dem er »Sagen Sie die Wahrheit« gesagt hatte.
Dumbledore zog die Brauen hoch.
»Wenn du, wie ich vermute, deinen Platz in Hogwarts annimmst –«
»Natürlich tu ich das!«
»Dann solltest du mich mit ›Professor‹ oder ›Sir‹ anreden.«
Riddles Miene verhärtete sich für einen kaum wahrnehmbaren Moment, dann sagte er mit höflicher, nicht wiederzuerkennender Stimme: »Verzeihung, Sir. Ich meinte – bitte, Professor, könnten Sie mir zeigen –?«
Harry war sicher, dass Dumbledore dies ablehnen würde, dass er Riddle sagen würde, für praktische Vorführungen sei in Hogwarts Zeit genug, dass sie im Augenblick in einem Gebäude voller Muggel wären und daher vorsichtig sein müssten. Zu seiner großen Überraschung jedoch zog Dumbledore seinen Zauberstab aus einer Innentasche seiner Anzugjacke, richtete ihn auf den schäbigen Schrank in der Ecke und ließ ihn lässig schnippen.
Der Schrank ging in Flammen auf.
Riddle sprang hoch. Harry konnte durchaus verstehen, dass er vor Entsetzen und Wut losheulte; all seine Habseligkeiten auf Erden mussten dort drin gewesen sein; doch noch während Riddle wütend auf Dumbledore einschrie, verschwanden die Flammen und der Schrank blieb völlig unversehrt zurück.
Riddle starrte vom Schrank zu Dumbledore, dann deutete er mit gieriger Miene auf den Zauberstab.
»Wo kann ich so einen kriegen?«
»Alles hat seine Zeit«, sagte Dumbledore. »Ich glaube, da will etwas aus deinem Schrank heraus.«
Und tatsächlich, ein leises Rascheln war aus dem Schrank zu hören. Riddle wirkte zum ersten Mal erschrocken.
»Öffne die Tür«, sagte Dumbledore.
Riddle zögerte, dann durchquerte er das Zimmer und warf die Schranktür auf. Auf dem obersten Regal, über einer Stange mit zerschlissenen Kleidungsstücken, wackelte und raschelte eine kleine Pappschachtel, als wären etliche verzweifelte Mäuse darin gefangen.
»Nimm sie heraus«, sagte Dumbledore.
Riddle holte die bebende Schachtel herunter. Er wirkte zermürbt.
»Ist irgendetwas in dieser Schachtel, das du eigentlich nicht haben solltest?«, fragte Dumbledore.
Riddle warf Dumbledore einen langen, scharfen, berechnenden Blick zu.
»Ja, ich denke schon, Sir«, sagte er schließlich mit tonloser Stimme.
»Öffne sie«, sagte Dumbledore.
Riddle nahm den Deckel ab und kippte den Inhalt der Schachtel auf sein Bett, ohne hinzusehen. Harry, der etwas viel Aufregenderes erwartet hatte, sah ein Durcheinander aus kleinen Alltagsgegenständen, darunter ein Jo-Jo, ein silberner Fingerhut und eine angelaufene Mundharmonika. Sowie sie aus der Schachtel befreit waren, hörten sie auf zu beben und lagen völlig reglos auf den dünnen Decken.
»Du wirst sie ihren Besitzern zurückgeben und dich entschuldigen«, sagte Dumbledore ruhig und steckte den Zauberstab zurück in sein Jackett. »Ich werde erfahren, ob du es getan hast. Und sei gewarnt: Diebstahl wird in Hogwarts nicht geduldet.«
Riddle zeigte keine Spur von Scham; er starrte Dumbledore nach wie vor kalt und abschätzend an. Endlich sagte er mit neutraler Stimme: »Ja, Sir.«
»In Hogwarts«, fuhr Dumbledore fort, »bringen wir dir nicht nur bei, wie du Magie verwendest, sondern auch, wie du sie beherrschst. Du hast deine Kräfte bisher – sicher unabsichtlich – auf eine Weise genutzt, die an unserer Schule weder unterrichtet noch geduldet wird. Du bist nicht der Erste und wirst auch nicht der Letzte sein, der sich vom Zaubern mitreißen lässt. Aber du solltest wissen, dass Hogwarts auch Schüler ausschließen kann, und das Zaubereiministerium – ja, es gibt ein Ministerium – bestraft Gesetzesbrecher sogar noch härter. Alle neuen Zauberer müssen, wenn sie unsere Welt betreten, auch akzeptieren, dass sie sich an unsere Gesetze halten müssen.«
»Ja, Sir«, sagte Riddle erneut.
Es war unmöglich zu erraten, was er dachte; sein Gesicht blieb vollkommen ausdrucksleer, als er die kleine Sammlung gestohlener Dinge wieder in die Pappschachtel legte. Sobald er fertig war, wandte er sich an Dumbledore und sagte ganz offen: »Ich habe kein Geld.«
»Dem lässt sich leicht abhelfen«, sagte Dumbledore und zog einen ledernen Geldbeutel aus seiner Tasche. »In Hogwarts haben wir Mittel für Schüler, die Unterstützung beim Kauf von Büchern und Umhängen benötigen. Vielleicht musst du einige deiner Zauberbücher und andere Sachen gebraucht kaufen, aber –«
»Wo kauft man Zauberbücher?«, unterbrach ihn Riddle, der den schweren Geldbeutel genommen hatte, ohne Dumbledore zu danken, und jetzt eine dicke goldene Galleone musterte.
»In der Winkelgasse«, sagte Dumbledore. »Ich habe deine Liste mit den Büchern und Schulsachen dabei. Wenn du willst, helfe ich dir, alles zu finden –«
»Sie kommen mit?«, fragte Riddle und blickte auf.
»Aber sicher, wenn du –«
»Ich brauche Sie nicht«, sagte Riddle. »Ich bin es gewohnt, Sachen selber zu machen, ich geh ständig allein in London rum. Wie kommt man in diese Winkelgasse – Sir?«, fügte er hinzu, als er Dumbledores Blick bemerkte.
Harry dachte, dass Dumbledore darauf bestehen würde, Riddle zu begleiten, doch er wurde wieder überrascht. Dumbledore überreichte Riddle den Umschlag mit der Liste seiner Schulausstattung, und nachdem er Riddle genau erklärt hatte, wie er vom Waisenhaus zum Tropfenden Kessel gelangte, sagte er: »Du wirst ihn sehen können, auch wenn die Muggel um dich herum – das heißt, die nichtmagischen Menschen – dies nicht können. Frag nach Tom dem Wirt – das ist ja ganz leicht zu merken, denn er heißt wie du –«
Riddle zuckte gereizt, als wollte er eine lästige Fliege verscheuchen.
»Du magst den Namen ›Tom‹ nicht?«
»Es gibt so viele Toms«, murmelte Riddle. Und dann, als ob er die Frage nicht unterdrücken könnte, als ob sie unwillkürlich aus ihm herausplatzte, sagte er: »War mein Vater ein Zauberer? Er hieß auch Tom Riddle, hat man mir gesagt.«
»Ich weiß es leider nicht«, erwiderte Dumbledore mit sanfter Stimme.
»Meine Mutter kann nicht magisch gewesen sein, sonst wäre sie nicht gestorben«, sagte Riddle, mehr zu sich selbst als zu Dumbledore. »Er muss es gewesen sein. Also – wenn ich alle meine Sachen habe – wann soll ich in dieses Hogwarts kommen?«
»Alle Einzelheiten stehen auf dem zweiten Blatt Pergament in deinem Umschlag«, erwiderte Dumbledore. »Du wirst am ersten September vom Bahnhof King’s Cross losfahren. Es ist auch eine Zugfahrkarte dabei.«
Riddle nickte. Dumbledore stand auf und streckte erneut die Hand aus. Riddle ergriff sie und sagte: »Ich kann mit Schlangen reden. Das hab ich rausgefunden, als wir unsere Ausflüge aufs Land gemacht haben – sie kommen zu mir, sie flüstern zu mir. Ist das normal für einen Zauberer?«
Harry war sicher, dass Riddle es sich bis zuletzt aufgehoben hatte, diese merkwürdigste aller Begabungen zu erwähnen, um Dumbledore unbedingt damit zu beeindrucken.
»Es ist ungewöhnlich«, sagte Dumbledore nach kurzem Zögern, »aber man hat schon davon gehört.«
Sein Ton war beiläufig, aber sein Blick wanderte neugierig über Riddles Gesicht. Sie verharrten einen Moment, der Mann und der Junge, und blickten einander an. Dann lösten sie ihren Händedruck; Dumbledore stand bei der Tür.
»Auf Wiedersehen, Tom. Wir sehen uns in Hogwarts.«
»Ich denke, das genügt«, sagte der weißhaarige Dumbledore an Harrys Seite, und Sekunden später schwebten sie erneut schwerelos durch die Dunkelheit, bis sie wieder sicher in Dumbledores gegenwärtigem Büro landeten.
»Setz dich«, sagte Dumbledore, der neben Harry gelandet war.
Harry gehorchte, der Kopf schwirrte ihm noch von all dem, was er eben gesehen hatte.
»Er hat es viel schneller geglaubt als ich – ich meine, als Sie ihm gesagt haben, dass er ein Zauberer ist«, bemerkte Harry. »Als Hagrid es mir gesagt hat, habe ich ihm zuerst gar nicht geglaubt.«
»Ja, Riddle war absolut bereit zu glauben, dass er – um sein eigenes Wort zu gebrauchen – ›besonders‹ war«, sagte Dumbledore.
»Wussten Sie es – damals?«, fragte Harry.
»Ob ich wusste, dass ich gerade den gefährlichsten schwarzen Magier aller Zeiten kennen gelernt hatte?«, sagte Dumbledore. »Nein, ich hatte keine Ahnung, dass er später einmal zu dem werden sollte, was er ist. Aber ich war zweifellos fasziniert von ihm. Als ich nach Hogwarts zurückkehrte, nahm ich mir fest vor, ihn im Auge zu behalten, was ich ohnehin hätte tun sollen, da er ja allein war und keine Freunde hatte, doch schon damals spürte ich, dass ich es ebenso sehr seinetwegen wie für andere tun musste.
Seine Kräfte waren, wie du gehört hast, für einen so jungen Zauberer überraschend gut entwickelt, und – was am interessantesten und unheimlichsten von allem war – er hatte bereits herausgefunden, dass er sie in gewissem Maße beherrschen konnte, und hatte angefangen, sie bewusst einzusetzen. Und wie du gesehen hast, waren das nicht die typischen willkürlichen Experimente junger Zauberer: Er setzte Magie bereits gegen andere Menschen ein, um ihnen Angst einzujagen, sie zu bestrafen, zu beherrschen. Die kleinen Geschichten von dem strangulierten Kaninchen und dem kleinen Jungen und dem Mädchen, die er in eine Höhle lockte, waren äußerst aufschlussreich … Ich kann machen, dass es ihnen wehtut, wenn ich will …«
»Und er war ein Parselmund«, warf Harry ein.
»Ja, in der Tat; eine seltene Veranlagung, und eine, die angeblich mit den dunklen Künsten zusammenhängt, obwohl wir wissen, dass es auch unter den Großen und Guten Parselmünder gibt. Tatsächlich hat mich seine Fähigkeit, mit Schlangen zu reden, nicht annähernd so beunruhigt wie seine deutliche Neigung zu Grausamkeit, Heimlichtuerei und Machtausübung.
Die Zeit hat uns wieder zum Narren gehalten«, sagte Dumbledore und wies auf den dunklen Himmel vor den Fenstern. »Doch ehe wir uns verabschieden, möchte ich dich auf bestimmte Einzelheiten des Geschehens aufmerksam machen, das wir eben miterlebt haben, denn sie sind von großer Bedeutung für die Dinge, die wir bei zukünftigen Treffen besprechen werden.
Erstens, ich hoffe, du hast Riddles Reaktion bemerkt, als ich erwähnte, dass ein anderer den gleichen Vornamen hat wie er, ›Tom‹?«
Harry nickte.
»Da zeigte er seine Verachtung für alles, was ihn an andere Menschen band, für alles, was ihn gewöhnlich machte. Sogar damals schon wollte er anders, allein, berüchtigt sein. Er legte, wie du weißt, nur wenige Jahre nach diesem Gespräch seinen Namen ab und schuf die Maske des ›Lord Voldemort‹, hinter der er schon so lange verborgen ist.
Ich nehme an, du hast auch bemerkt, dass Tom Riddle bereits äußerst unabhängig und geheimniskrämerisch war und offensichtlich keine Freunde hatte? Er wollte keine Hilfe oder Begleitung für seine Reise in die Winkelgasse. Er zog es vor, seine Angelegenheiten allein zu erledigen. Der erwachsene Voldemort ist genauso. Man hört, dass viele seiner Todesser behaupten, sie würden sein Vertrauen genießen, sie allein stünden ihm nahe, würden ihn sogar verstehen. Sie werden getäuscht. Lord Voldemort hatte nie einen Freund, und ich glaube auch nicht, dass er je einen wollte.
Und zum Schluss – ich hoffe, du bist nicht zu müde, um dieser Sache Beachtung zu schenken, Harry – der junge Tom Riddle sammelte gerne Trophäen. Du hast die Schachtel mit den gestohlenen Gegenständen gesehen, die er in seinem Zimmer versteckt hatte. Die hatte er den Opfern seiner Quälereien abgenommen, sozusagen Erinnerungsstücke an besonders bösartige Zauber. Vergiss dieses Verhalten nicht, das etwas von einer Elster an sich hat, denn vor allem das wird später noch wichtig werden.
Und jetzt ist es wirklich Zeit fürs Bett.«
Harry stand auf. Als er durch das Zimmer ging, fiel sein Blick auf den kleinen Tisch, auf dem beim letzten Mal Vorlost Gaunts Ring gelegen hatte, doch der Ring war nicht mehr da.
»Ja, Harry?«, sagte Dumbledore, denn Harry war stehen geblieben.
»Der Ring ist weg«, sagte Harry und schaute sich um. »Aber ich dachte, Sie hätten vielleicht die Mundharmonika oder so was.«
Dumbledore sah ihn über den Rand seiner Halbmondbrille hinweg mit einem breiten Lächeln an.
»Sehr scharfsinnig, Harry, aber die Mundharmonika war immer nur eine Mundharmonika.«
Und mit dieser rätselhaften Bemerkung winkte er Harry zu, der verstand, dass er nun entlassen war.
Felix Felicis
Am nächsten Morgen hatte Harry als Erstes Kräuterkunde. Er hatte Ron und Hermine beim Frühstück nichts von seiner Unterrichtsstunde bei Dumbledore erzählen können, aus Furcht, dass jemand anderes etwas mitbekam, doch auf dem Weg durch die Gemüsebeete hinüber zu den Gewächshäusern holte er es nach. Der scharfe Wind vom Wochenende hatte sich endlich gelegt; der eigenartige Nebel war zurückgekehrt, und sie brauchten ein wenig länger als gewöhnlich, um das richtige Gewächshaus zu finden.
»Wow, ganz schön gruselig, sich Du-weißt-schon-wen als kleinen Jungen vorzustellen«, sagte Ron leise, als sie ihre Plätze rund um die knorrigen Snargaluff-Stümpfe einnahmen, die das Projekt dieses Trimesters waren, und sich ihre Schutzhandschuhe überzogen. »Aber ich versteh immer noch nicht, warum dir Dumbledore das alles zeigt. Ich meine, es ist wirklich interessant und alles, aber was soll das?«
»Keine Ahnung«, sagte Harry und setzte sich einen Mundschutz ein. »Aber er sagt, dass es äußerst wichtig ist und dass es mir helfen wird, zu überleben.«
»Ich finde es faszinierend«, bemerkte Hermine ernst. »Es ist absolut vernünftig, so viel wie möglich über Voldemort zu wissen. Wie sonst willst du seine Schwächen herausfinden?«
»Wie war übrigens Slughorns letzte Party?«, fragte Harry sie dumpf durch den Mundschutz.
»Oh, die war ziemlich lustig, echt«, sagte Hermine, die jetzt eine Schutzbrille aufsetzte. »Na ja, er langweilt uns zwar ein bisschen mit seinen dauernden Geschichten von berühmten Ehemaligen, und er schwänzelt total vor McLaggen rum, weil der so tolle Beziehungen hat, aber es gab was richtig Gutes zu essen bei ihm und er hat uns Gwenog Jones vorgestellt.«
»Gwenog Jones?«, sagte Ron und seine Augen weiteten sich unter seiner Schutzbrille. »Die Gwenog Jones? Kapitänin der Holyhead Harpies?«
»Genau«, sagte Hermine. »Mir persönlich kam sie ein bisschen eingebildet vor, aber –«
»Nun ist es aber genug mit dem Gequassel dort drüben!«, sagte Professor Sprout energisch und eilte mit strenger Miene herbei. »Sie sind die Letzten, alle anderen haben bereits angefangen und Neville hat schon seinen ersten Kokon!«
Sie blickten sich um; tatsächlich, da saß Neville mit einer blutigen Lippe und ein paar üblen Kratzern seitlich im Gesicht, aber er umklammerte ein unangenehm pulsierendes grünes Etwas, ungefähr so groß wie eine Pampelmuse.
»Okay, Professor, wir fangen jetzt an!«, sagte Ron, und als sie sich wieder umgedreht hatte, fügte er leise hinzu: »Hätten den Muffliato nehmen sollen, Harry.«
»Nein, hätten wir nicht!«, wandte Hermine sofort ein und setzte wie üblich beim Gedanken an den Halbblutprinzen und seine Zauber ein äußerst mürrisches Gesicht auf. »Also, nun macht schon … wird Zeit, dass wir endlich loslegen.«
Sie warf den beiden anderen einen bangen Blick zu; sie holten alle tief Luft und warfen sich auf den knorrigen Stumpf zwischen ihnen.
Augenblicklich kam Leben in ihn; lange, stachlige, brombeerartige Ranken wucherten oben aus ihm heraus und peitschten durch die Luft. Eine verhedderte sich in Hermines Haar und Ron schlug sie mit einer Gartenschere zurück; Harry gelang es, einige Ranken einzufangen und sie zusammenzuknoten; mitten in all den tentakelartigen Zweigen tat sich ein Loch auf; Hermine tauchte den Arm mutig in dieses Loch, das sich wie eine Falle um ihren Ellbogen schloss; Harry und Ron zogen und zerrten an den Ranken und bekamen das Loch mit Gewalt wieder auf, Hermine riss blitzschnell ihren Arm heraus und hielt einen Kokon in den Fingern, der genau wie der von Neville aussah. Sofort schossen die stachligen Ranken wieder nach innen und der knorrige Stumpf lag da wie ein harmloses Stück totes Holz.
»Wisst ihr, ich glaub nicht, dass ich eins von diesen Dingern in meinem Garten haben werde, wenn ich mal mein eigenes Haus hab«, sagte Ron, schob sich die Schutzbrille auf die Stirn und wischte sich den Schweiß vom Gesicht.
»Reicht mir mal eine Schale«, sagte Hermine, die den pulsierenden Kokon mit ausgestrecktem Arm von sich weghielt. Harry gab ihr eine Schale und sie ließ den Kokon mit angewiderter Miene hineinfallen.
»Nur nicht zimperlich, drücken Sie ihn aus, frisch sind sie am besten!«, rief Professor Sprout.
»Wie auch immer«, sagte Hermine und setzte ihr unterbrochenes Gespräch fort, als wären sie nicht eben von einem Stück Holz angegriffen worden, »Slughorn gibt eine Weihnachtsparty, Harry, und vor der kannst du dich auf keinen Fall drücken, weil er mich tatsächlich gebeten hat, deine freien Abende auszukundschaften, damit er das Fest auch ja auf einen Termin legen kann, an dem du kommen kannst.«
Harry stöhnte. Ron versuchte unterdessen, den Kokon in der Schale zum Platzen zu bringen, indem er beide Hände darauflegte, aufstand und ihn, so fest er konnte, zusammenquetschte. »Und das ist auch so ’ne Party nur für Slughorns Lieblinge, oder?«, sagte er wütend.
»Nur für den Slug-Klub, ja«, sagte Hermine.
Der Kokon flutschte durch Rons Finger und flog gegen die Scheibe des Gewächshauses, prallte zurück an Professor Sprouts Hinterkopf und schlug ihren alten Flickenhut herunter. Harry ging den Kokon holen; als er zurückkam, sagte Hermine gerade: »Hör mal, ich hab mir den Namen ›Slug-Klub‹ nicht ausgedacht –«
»›Slug-Klub‹«, wiederholte Ron mit einem höhnischen Grinsen, das gut zu Malfoy gepasst hätte. »Das ist erbärmlich. Also, ich hoffe, du hast Spaß auf deiner Party. Warum versuchst du nicht, McLaggen anzubaggern, dann kann Slughorn euch zu König und Königin Schleim –«
»Wir dürfen Gäste mitbringen«, sagte Hermine, die aus irgendeinem Grund glühend scharlachrot angelaufen war, »und ich wollte eigentlich dich fragen, aber wenn du das alles so blöd findest, ist es mir auch egal!«
Harry wünschte plötzlich, der Kokon wäre ein wenig weiter weggeflogen, dann hätte er nicht mit den beiden dasitzen müssen. Ohne dass sie es bemerkten, nahm er die Schale mit dem Kokon und versuchte ihn mit den lautesten und aufwändigsten Methoden zu öffnen, die ihm einfielen; leider konnte er immer noch jedes Wort ihrer Unterhaltung hören.
»Du wolltest mich fragen?«, sagte Ron mit völlig veränderter Stimme.
»Ja«, sagte Hermine zornig. »Aber klar, wenn du es lieber hättest, dass ich McLaggen anbaggere …«
Eine Pause trat ein, in der Harry unentwegt mit einem Pflanzenheber auf den elastischen Kokon einschlug.
»Nein, hätt ich nicht«, sagte Ron ganz leise.
Harry verfehlte den Kokon, traf die Schale, und die zerbrach.
»Reparo«, sagte er hastig, tippte mit dem Zauberstab gegen die Scherben, und die Schale sprang wieder zusammen. Doch der Lärm hatte Ron und Hermine offenbar aufgerüttelt und sie an Harrys Anwesenheit erinnert. Hermine sah verwirrt aus und fing sofort an, nach ihrer Ausgabe von Fleisch fressende Bäume der Welt zu stöbern, um darin nachzuschlagen, wie man Snargaluff-Kokons korrekt entsaftet; Ron hingegen wirkte verlegen, aber auch recht zufrieden mit sich selbst.
»Gib das mir, Harry«, sagte Hermine eilig, »da steht, wir sollen mit einem spitzen Gegenstand ein Loch reinstechen …«
Harry reichte ihr die Schale mit dem Kokon, und er und Ron ließen sich die Schutzbrillen wieder über die Augen schnappen und warfen sich noch einmal auf den Stumpf.
Eigentlich war es keine Überraschung, dachte Harry, während er mit einer dornigen Ranke kämpfte, die ihn unbedingt erdrosseln wollte; er hatte es schon dunkel geahnt, dass dies früher oder später passieren würde. Aber er war nicht sicher, was er davon halten sollte … ihm und Cho war es inzwischen zu peinlich, sich anzuschauen oder gar miteinander zu sprechen; was wäre, wenn Ron und Hermine anfangen würden miteinander zu gehen und sich dann wieder trennten? Konnte ihre Freundschaft das überleben? Harry erinnerte sich an die wenigen Wochen im dritten Schuljahr, als die beiden nicht miteinander gesprochen hatten; seine Bemühungen, die Kluft zwischen ihnen zu überbrücken, waren nicht gerade ein Vergnügen gewesen. Aber was wäre, wenn sie sich nicht trennten? Was, wenn sie eines Tages wie Bill und Fleur werden würden und es dann oberpeinlich wäre, mit ihnen zusammen zu sein, so dass er endgültig ausgeschlossen wäre?
»Hab ich dich!«, rief Ron und zog einen zweiten Kokon aus dem Stumpf, gerade als Hermine es geschafft hatte, den ersten aufzubrechen, weshalb die Schale nun voller Tubler war, die sich wie blassgrüne Würmer ringelten.
Die restliche Unterrichtszeit verging, ohne dass Slughorns Party weiter erwähnt wurde. Harry beobachtete seine beiden Freunde in den nächsten Tagen genauer, doch Ron und Hermine schienen sich wie immer zu verhalten, außer dass sie ein wenig höflicher zueinander waren als üblich. Harry nahm an, dass er einfach abwarten musste, was am Abend der Party in Slughorns spärlich beleuchtetem Zimmer unter dem Einfluss von Butterbier passieren würde. Bis dahin hatte er jedoch dringlichere Sorgen.
Katie Bell lag immer noch im St.-Mungo-Hospital und ihre Entlassung war nicht absehbar, und das bedeutete, dass der viel versprechenden Gryffindor-Mannschaft, die Harry seit September so umsichtig trainiert hatte, ein Jäger fehlte. Er schob es immer wieder hinaus, Katie zu ersetzen, in der Hoffnung, sie würde zurückkehren, doch ihr Eröffnungsspiel gegen Slytherin rückte bedrohlich näher, und schließlich musste er sich damit abfinden, dass sie nicht rechtzeitig zurück sein würde, um mitzuspielen.
Harry dachte, dass er ein weiteres Auswahlspiel mit vollen Rängen nicht ertragen konnte. Mit einem flauen Gefühl im Magen, das wenig mit Quidditch zu tun hatte, nahm er eines Tages nach Verwandlung Dean Thomas beiseite. Der größte Teil der Klasse war schon gegangen, nur ein paar gelbe Vögel, allesamt Hermines Schöpfung, flatterten immer noch zwitschernd im Raum umher; kein anderer hatte es geschafft, auch nur eine Feder aus dem Nichts heraufzubeschwören.
»Hast du noch Interesse, als Jäger zu spielen?«
»Waa–? Jaah, natürlich!«, sagte Dean aufgeregt. Über Deans Schulter hinweg sah Harry, wie Seamus Finnigan seine Bücher mit säuerlicher Miene in seine Tasche pfefferte. Einer der Gründe, warum Harry Dean am liebsten gar nicht gefragt hätte, war, dass er wusste, Seamus würde es nicht gut aufnehmen. Andererseits musste er tun, was für das Team am besten war, und Dean war beim Auswahlspiel besser geflogen als Seamus.
»Also dann, du bist dabei«, sagte Harry. »Heute Abend ist Training, um sieben.«
»Alles klar«, sagte Dean. »Danke, Harry! Klasse, das muss ich gleich Ginny erzählen!«
Er stürmte hinaus und ließ Harry und Seamus allein zurück. Es war ein unbehaglicher Moment, der auch dadurch nicht besser wurde, dass einer von Hermines Kanarienvögeln über sie hinwegschwirrte und ein Kotkügelchen auf Seamus’ Kopf landete.
Seamus war nicht der Einzige, der sich über die Wahl von Katies Ersatz ärgerte. Im Gemeinschaftsraum wurde viel darüber gemurrt, dass Harry jetzt zwei seiner Klassenkameraden in die Mannschaft aufgenommen hatte. Da Harry während seiner bisherigen Zeit an der Schule schon viel übleres Gemurre hatte ertragen müssen, störte es ihn nicht besonders, aber trotzdem stieg der Druck, dass beim kommenden Spiel gegen Slytherin ein Sieg hermusste. Wenn Gryffindor gewann, dann würde das ganze Haus vergessen, dass sie ihn kritisiert hatten, das wusste Harry, und sie würden schwören, sie hätten immer gesagt, dass es eine großartige Mannschaft sei. Wenn sie verloren … nun, dachte Harry bitter, er hatte ja schon übleres Gemurre ertragen müssen …
Als Harry an diesem Abend Dean fliegen sah, hatte er keinen Grund mehr, seine Wahl zu bedauern; Dean spielte gut mit Ginny und Demelza zusammen. Die Treiber, Peakes und Coote, wurden immer besser. Das einzige Problem war Ron.
Harry hatte die ganze Zeit gewusst, dass Ron ein unbeständiger Spieler war, der schlechte Nerven und kaum Selbstvertrauen hatte, und bedauerlicherweise schien die bedrohliche Aussicht auf das Eröffnungsspiel der Saison all seine Unsicherheiten wieder zum Vorschein gebracht zu haben. Nachdem er ein halbes Dutzend Tore kassiert hatte, die meisten von Ginny geschossen, wurde seine Technik immer wahnwitziger, bis er schließlich der entgegenkommenden Demelza Robins auf den Mund schlug.
»Das war ein Versehen, tut mir leid, Demelza, tut mir echt leid!«, rief Ron ihr nach, während sie im Zickzack zu Boden flog und überall Blut hintröpfelte. »Ich hab nur –«
»Panik gekriegt«, sagte Ginny wütend, landete neben Demelza und besah sich ihre dicke Lippe. »Ron, du Trottel, schau, wie sie zugerichtet ist!«
»Ich kann das in Ordnung bringen«, sagte Harry, landete neben den beiden Mädchen, deutete mit seinem Zauberstab auf Demelzas Mund und sagte: »Episkey. – Und, Ginny, nenn Ron nicht Trottel, du bist hier nicht die Kapitänin –«
»Tja, du warst offenbar zu beschäftigt, um ihn einen Trottel zu nennen, und ich dachte, irgendjemand sollte –«
Harry unterdrückte ein Lachen.
»Alle in die Luft, los geht’s …«
Es war insgesamt eines der schlechtesten Trainings im ganzen bisherigen Schuljahr, doch Harry fand, dass es so kurz vor dem Spiel nicht die beste Strategie sei, die Wahrheit zu sagen.
»Gute Arbeit, jeder von euch. Ich schätz mal, wir machen Slytherin platt«, sagte er aufmunternd, und die Jäger und Treiber verließen den Umkleideraum und wirkten einigermaßen mit sich zufrieden.
»Ich hab gespielt wie ein Sack Drachenmist«, sagte Ron mit hohler Stimme, als die Tür hinter Ginny zugeschlagen war.
»Nein, hast du nicht«, erwiderte Harry bestimmt. »Du warst beim Auswahlspiel der beste Hüter, Ron. Dein einziges Problem sind die Nerven.«
Harry redete den ganzen Rückweg zum Schloss hinauf unablässig ermutigend auf Ron ein, und als sie im zweiten Stock ankamen, sah Ron eine Spur besser gelaunt aus. Harry schob den Wandteppich beiseite, denn sie wollten wie üblich ihre Abkürzung zum Gryffindor-Turm nehmen, doch da standen Dean und Ginny vor ihnen, fest ineinander verschlungen, und küssten sich so heftig, als würden sie zusammenkleben.
Es war, als ob etwas Großes und Schuppiges plötzlich in Harrys Magen zum Leben erwachte und die Klauen in seine Eingeweide krallte: Heißes Blut schien sein Gehirn zu überfluten, das alles Denken auslöschte, und stattdessen spürte er das ungestüme Verlangen, Dean in einen Wackelpudding zu verwandeln. Während Harry gegen diesen jähen Wahn ankämpfte, hörte er wie aus weiter Ferne Rons Stimme.
»He!«
Dean und Ginny sprengten auseinander und wandten sich um.
»Was ist los?«, sagte Ginny.
»Ich will nicht, dass meine eigene Schwester öffentlich rumknutscht!«
»Dieser Korridor war völlig ausgestorben, bis du hier reingeplatzt kamst!«, sagte Ginny.
Dean guckte verlegen drein. Er schaute mit einem durchtriebenen Grinsen zu Harry, das Harry nicht erwiderte, denn das gerade in ihm erwachte Monster verlangte brüllend, Dean müsse sofort aus der Mannschaft geworfen werden.
»Ähm … komm, Ginny«, sagte Dean, »wir gehen wieder in den Gemeinschaftsraum …«
»Geh du!«, erwiderte Ginny. »Ich will noch ein Wörtchen mit meinem lieben Bruder reden!«
Dean trollte sich, und es sah nicht aus, als ob es ihm leidtäte, den Ort zu verlassen.
»Okay«, sagte Ginny, warf sich das lange rote Haar aus dem Gesicht und funkelte Ron wütend an, »lass uns das ein für alle Mal klarstellen. Es geht dich überhaupt nichts an, mit wem ich gehe oder was ich mit wem mache, Ron –«
»O doch!«, erwiderte Ron, genauso zornig. »Glaubst du vielleicht, ich will, dass die Leute sagen, meine Schwester ist eine –«
»Eine was?«, rief Ginny und zog ihren Zauberstab. »Eine was genau?«
»Er meint es nicht so, Ginny –«, sagte Harry unwillkürlich, obwohl das Monster tobte und Rons Worten Beifall zollte.
»O doch, das tut er!«, fuhr sie nun Harry an. »Nur weil er noch nie im Leben mit jemandem geknutscht hat, nur weil der beste Kuss, den er je gekriegt hat, von unserem Tantchen Muriel war –«
»Halt die Klappe!«, brüllte Ron, ließ Rot aus und wurde gleich kastanienfarben.
»Nein, das tu ich nicht!«, schrie Ginny außer sich. »Ich hab doch gesehen, was mit dir und Schleim ist. Jedes Mal, wenn du sie siehst, hoffst du, dass sie dich auf die Wange küsst, das ist erbärmlich! Wenn du dich verabreden und selber ein bisschen rumknutschen würdest, dann wär’s dir ziemlich egal, dass alle andern das auch machen!«
Ron hatte seinen Zauberstab ebenfalls gezückt; Harry trat rasch zwischen sie.
»Du weißt nicht, wovon du redest!«, tobte Ron und versuchte, an Harry vorbei freie Bahn auf Ginny zu bekommen, denn der stand jetzt mit ausgestreckten Armen vor ihr. »Nur weil ich es nicht in der Öffentlichkeit mache –«
Ginny brach in schrilles Hohngelächter aus und versuchte Harry aus dem Weg zu schieben.
»Hast wohl Pigwidgeon geküsst, was? Oder ist ein Bild von Tantchen Muriel unter deinem Kopfkissen versteckt?«
»Du –«
Ein orangefarbener Lichtstrahl sauste unter Harrys linkem Arm hindurch und verfehlte Ginny um Zentimeter; Harry drängte Ron gegen die Wand.
»Hör auf mit dem Blödsinn –«
»Harry hat Cho Chang geknutscht!«, rief Ginny, und jetzt klang es, als sei sie den Tränen nahe. »Und Hermine hat Viktor Krum geknutscht, nur du tust so, als wär das was Ekliges, Ron, und zwar weil du gerade mal so viel Erfahrung hast wie ein Zwölfjähriger!«
Und damit stürmte sie davon. Harry ließ Ron schnell los; sein Gesichtsausdruck war mörderisch. Beide standen da und atmeten schwer, bis Mrs Norris, Filchs Katze, um die Ecke kam, was die Spannung löste.
»Komm schon«, sagte Harry, als das Geräusch von Filchs schlurfenden Schritten zu hören war.
Sie eilten die Treppen hoch und einen Korridor im siebten Stock entlang. »He, aus dem Weg!«, bellte Ron ein kleines Mädchen an, das erschrocken zusammenfuhr und eine Flasche Krötenlaich fallen ließ.
Harry nahm das Geräusch von splitterndem Glas kaum wahr; er fühlte sich wirr und schwindlig; so ungefähr musste es wohl sein, wenn man von einem Blitz getroffen wurde. Es ist nur, weil sie Rons Schwester ist, sagte er sich. Du hast nur nicht gern dabei zugesehen, wie sie Dean küsste, weil sie Rons Schwester ist …
Doch unaufgefordert tauchte in seiner Vorstellung ein Bild von genau demselben verlassenen Korridor auf, und diesmal war er selbst es, der Ginny küsste … das Monster in seiner Brust schnurrte behaglich … aber dann sah er, wie Ron den Wandteppich zur Seite riss, seinen Zauberstab gegen Harry zog und Dinge rief wie »Vertrauensbruch« … »dachte, du bist mein Freund« …
»Meinst du, Hermine hat wirklich mit Krum geknutscht?«, fragte Ron urplötzlich, als sie sich der fetten Dame näherten. Harry zuckte schuldbewusst zusammen und zerrte seine Phantasie weg von einem Korridor, wo kein Ron hereinkam, wo er und Ginny ganz allein waren –
»Was?«, sagte er verwirrt. »Oh … ähm …«
Die ehrliche Antwort war »ja«, aber er wollte sie nicht geben. Ron schien sich jedoch aus Harrys Gesichtsausdruck das Schlimmste zusammenzureimen.
»Krönungsmahl«, sagte er finster zu der fetten Dame, und sie kletterten durch das Porträtloch in den Gemeinschaftsraum.
Keiner von beiden erwähnte noch einmal Ginny oder Hermine; tatsächlich sprachen sie an diesem Abend kaum miteinander und gingen schweigend zu Bett, jeder in seine eigenen Gedanken vertieft.
Harry lag noch lange wach, sah hoch zum Baldachin seines Himmelbetts und versuchte sich einzureden, dass seine Gefühle für Ginny nur die eines älteren Bruders waren. Hatten sie nicht den gesamten Sommer über wie Bruder und Schwester zusammengelebt, Quidditch gespielt, Ron getriezt und sich über Bill und Schleim lustig gemacht? Er kannte Ginny jetzt schon seit Jahren … es war ganz normal, dass er eine Art Beschützerinstinkt entwickelt hatte … ganz normal, dass er auf sie aufpassen wollte … Dean sämtliche Gliedmaßen einzeln ausreißen wollte, weil er sie geküsst hatte … nein … er würde dieses eigentümliche brüderliche Gefühl beherrschen müssen …
Von Ron kam ein lautes, grunzendes Schnarchen.
Sie ist Rons Schwester, sagte sich Harry entschieden. Rons Schwester. Sie ist tabu. Er würde seine Freundschaft mit Ron für nichts in der Welt aufs Spiel setzen. Er klopfte sein Kissen bequemer zurecht und wartete auf den Schlaf, während er sich heftig bemühte, seine Gedanken nicht irgendwo in die Nähe von Ginny schweifen zu lassen.
Als Harry am nächsten Morgen erwachte, war er ein wenig benommen und durcheinander, denn er hatte einige Male geträumt, dass Ron ihn mit einem Treiberschlagholz gejagt hatte, aber spätestens um die Mittagszeit hätte er den echten Ron liebend gern gegen den Traum-Ron eingetauscht, denn der echte zeigte nicht nur Ginny und Dean die kalte Schulter, sondern behandelte auch die gekränkte und verwirrte Hermine mit eisiger, höhnischer Gleichgültigkeit. Und was noch übler war, Ron schien über Nacht genauso reizbar und angriffslustig geworden zu sein wie ein gewöhnlicher Knallrümpfiger Kröter. Harry mühte sich den ganzen Tag, den Frieden zwischen Ron und Hermine zu bewahren, aber ohne Erfolg: Am Ende ging Hermine ziemlich aufgebracht zu Bett, und Ron stolzierte zum Jungenschlafsaal davon, nachdem er mehrere verängstigte Erstklässler zornig beschimpft hatte, nur weil sie ihn angesehen hatten.
Zu Harrys Entsetzen verflog Rons neue Angriffslust auch während der nächsten paar Tage nicht. Schlimmer noch, seine Fähigkeiten als Hüter erreichten gleichzeitig einen neuen Tiefpunkt, was ihn noch aggressiver machte, so dass er es beim letzten Quidditch-Training vor dem Samstagsspiel nicht schaffte, auch nur einen einzigen Schuss der Jäger auf seine Tore zu halten, aber dafür alle anderen so übel anschnauzte, dass Demelza Robins in Tränen ausbrach.
»Halt du doch die Klappe und lass sie in Ruhe!«, rief Peakes, der nur etwa zwei Drittel so groß war wie Ron, doch zugegebenermaßen einen schweren Schläger in der Hand hatte.
»DAS REICHT!«, brüllte Harry, der mitbekommen hatte, wie Ginny böse zu Ron sah, und da er wusste, dass sie den Flederwichtfluch angeblich perfekt beherrschte, sauste er hinüber, um einzugreifen, ehe die Dinge aus dem Ruder liefen. »Peakes, geh und pack die Klatscher ein. Demelza, reiß dich zusammen, du hast heute wirklich gut gespielt. Ron …« Er wartete, bis der Rest der Mannschaft außer Hörweite war, dann sagte er es: »Du bist mein bester Freund, aber wenn du die andern weiter so behandelst, dann schmeiß ich dich aus der Mannschaft.«
Einen Moment lang dachte er ernsthaft, Ron würde ihm eine verpassen, doch dann geschah etwas viel Schlimmeres: Ron schien auf seinem Besen zusammenzusacken; all seine Streitlust verpuffte, und er sagte: »Ich trete zurück. Ich bin miserabel.«
»Du bist nicht miserabel und du trittst nicht zurück!«, sagte Harry scharf und packte Ron vorne am Umhang. »Du hältst alles, wenn du in Form bist, das ist bei dir nur die Psyche!«
»Du nennst mich also einen Psycho?«
»Jaah, vielleicht schon!«
Sie starrten sich einen Moment lang wütend an, dann schüttelte Ron müde den Kopf.
»Ich weiß, dass du keine Zeit hast, einen anderen Hüter zu finden, also spiel ich eben morgen, aber wenn wir verlieren, und das werden wir, dann tret ich aus der Mannschaft aus.«
Was Harry auch sagen mochte, es änderte nichts. Während des ganzen Abendessens versuchte er, Rons Selbstvertrauen aufzubauen, aber Ron war zu beschäftigt damit, griesgrämig und grob zu Hermine zu sein, um es zu bemerken. Harry redete auch noch später am Abend im Gemeinschaftsraum auf ihn ein, doch seine Behauptung, die ganze Mannschaft wäre am Boden zerstört, wenn Ron ginge, wurde ein wenig durch die Tatsache untergraben, dass die restliche Mannschaft in einer entfernten Ecke dicht gedrängt beieinandersaß und unverhohlen über Ron murrte und ihm gehässige Blicke zuwarf. Am Ende versuchte Harry es noch einmal damit, wütend zu werden, in der Hoffnung, Ron zu einer trotzigen Haltung zu provozieren, mit der er vielleicht mehr Tore verhinderte, aber diese Strategie schien nicht besser zu wirken als gutes Zureden; Ron ging genauso deprimiert und hoffnungslos zu Bett wie zuvor.
Harry lag lange in der Dunkelheit wach. Er wollte das kommende Spiel nicht verlieren; es war nicht nur sein erstes als Kapitän, sondern er war auch entschlossen, Draco Malfoy im Quidditch zu schlagen, auch wenn er seinen Verdacht gegen ihn noch nicht beweisen konnte. Doch wenn Ron so spielte, wie er es in den letzten Trainingsstunden getan hatte, waren ihre Siegchancen sehr gering …
Wenn er nur etwas unternehmen könnte, was Ron dazu brachte, sich zusammenzureißen … ihn in Topform spielen ließ … etwas, das dafür sorgte, dass Ron einen richtig guten Tag hatte …
Und die Antwort kam Harry mit einem einzigen, jähen, großartigen Gedankenblitz.
Beim Frühstück am nächsten Morgen herrschte die übliche Aufregung; die Slytherins zischten und buhten jedes Mal laut, wenn ein Mitglied der Gryffindor-Mannschaft die Große Halle betrat. Harry warf einen Blick zur Decke und sah einen klaren, zartblauen Himmel: ein gutes Omen.
Der Gryffindor-Tisch, ganz in Rot und Gold, jubelte, als Harry und Ron näher kamen. Harry grinste und winkte; Ron verzog matt das Gesicht und schüttelte den Kopf.
»Nur Mut, Ron!«, rief Lavender. »Ich weiß, du wirst spitze sein!«
Ron ignorierte sie.
»Tee?«, fragte ihn Harry. »Kaffee? Kürbissaft?«
»Egal«, sagte Ron niedergeschlagen und biss trübsinnig in einen Toast.
Ein paar Minuten später kam Hermine den Tisch entlang, die Rons unangenehmes Verhalten in letzter Zeit so satt hatte, dass sie nicht mit ihnen zusammen zum Frühstück heruntergekommen war, und blieb bei ihnen stehen.
»Wie geht es euch beiden?«, fragte sie zögernd und schaute dabei auf Rons Hinterkopf.
»Gut«, sagte Harry, der ganz damit beschäftigt war, Ron ein Glas Kürbissaft zu reichen. »Hier, Ron. Trink aus.«
Ron hatte das Glas gerade an die Lippen gehoben, als Hermine in scharfem Ton eingriff.
»Trink das nicht, Ron!«
Harry und Ron blickten beide zu ihr auf.
»Warum nicht?«, sagte Ron.
Hermine starrte jetzt Harry an, als würde sie ihren Augen nicht trauen.
»Du hast eben etwas in dieses Getränk getan.«
»Wie bitte?«, sagte Harry.
»Du hast mich verstanden. Ich hab es gesehen. Du hast eben etwas in Rons Getränk gekippt. Du hast noch die Flasche in der Hand!«
»Ich weiß nicht, wovon du redest«, sagte Harry und stopfte das Fläschchen hastig in seine Tasche.
»Ron, ich warne dich, trink das nicht!«, wiederholte Hermine beunruhigt, aber Ron hob wieder das Glas, leerte es in einem Zug und sagte: »Hör auf, mich rumzukommandieren, Hermine.«
Sie schien äußerst empört. Sie beugte sich tief hinunter, so dass nur Harry sie hören konnte, und zischte: »Dafür sollten sie dich rauswerfen. Das hätte ich nie von dir gedacht, Harry!«
»Das musst ausgerechnet du sagen«, flüsterte er zurück. »Wieder jemandem einen Verwechslungszauber aufgehalst in letzter Zeit?«
Sie stürmte den Tisch entlang davon. Harry sah ihr ohne Bedauern nach. Hermine hatte nie wirklich begriffen, was für eine ernste Angelegenheit Quidditch war. Dann wandte er sich zu Ron um, der sich die Lippen leckte.
»Es wird Zeit«, sagte Harry vergnügt.
Auf dem Weg zum Stadion hinunter knirschte das reifbedeckte Gras unter ihren Füßen.
»Haben ziemliches Glück mit dem Wetter, was?«, sagte Harry zu Ron.
»Jaah«, erwiderte Ron, der bleich und kränklich aussah.
Ginny und Demelza trugen bereits ihre Quidditch-Umhänge und warteten im Umkleideraum.
»Beste Bedingungen, wie’s ausschaut«, bemerkte Ginny, ohne Ron zu beachten. »Und wisst ihr was? Dieser Slytherin-Jäger Vaisey – der hat gestern bei ihrem Training einen Klatscher an den Kopf gekriegt und sich so stark verletzt, dass er nicht spielen kann! Und was noch besser ist – Malfoy hat sich auch krankgemeldet!«
»Was?«, sagte Harry, wirbelte herum und starrte sie an. »Er ist krank? Was fehlt ihm?«
»Keine Ahnung, aber das ist toll für uns«, sagte Ginny strahlend. »Die spielen mit Harper als Ersatz; der ist in meinem Jahrgang und ein Idiot.«
Harry lächelte vage zurück, doch als er seinen scharlachroten Umhang anzog, war er in Gedanken weit entfernt von Quidditch. Malfoy hatte schon einmal behauptet, er könne wegen einer Verletzung nicht spielen, aber damals hatte er dafür gesorgt, dass das ganze Spiel auf einen Termin verlegt wurde, der den Slytherins besser gefiel. Warum ließ er nun ohne weiteres einen Ersatzmann spielen? War er wirklich krank oder tat er nur so?
»Verdächtig, was?«, sagte er mit gedämpfter Stimme zu Ron. »Malfoy spielt nicht.«
»Ich nenn das Glück«, erwiderte Ron, offenbar eine Spur munterer. »Und Vaisey fällt auch aus, der ist ihr bester Torschütze, ich hätt nicht gedacht – hey!«, sagte er plötzlich, erstarrte mitten im Anziehen seiner Hüterhandschuhe und glotzte Harry an.
»Was?«
»Ich … du …« Ron hatte die Stimme gesenkt; er wirkte beklommen und gleichzeitig aufgeregt. »Mein Getränk … mein Kürbissaft … du hast nicht etwa …?«
Harry zog die Augenbrauen hoch, sagte aber nur: »In zirka fünf Minuten geht’s los, zieh endlich deine Stiefel an.«
Sie gingen, begleitet von heftigem Geschrei und Buhrufen, hinaus aufs Spielfeld. Die eine Seite des Stadions war einheitlich rot und golden; die andere ein Meer aus Grün und Silber. Auch viele Hufflepuffs und Ravenclaws hatten sich auf die verschiedenen Seiten geschlagen: Inmitten all des Rufens und Klatschens konnte Harry deutlich das Brüllen von Luna Lovegoods berühmtem Löwenhut hören.
Harry ging auf Madam Hooch zu, die Schiedsrichterin, die bereitstand, um die Bälle aus dem Korb freizulassen.
»Kapitäne, gebt euch die Hand«, sagte sie und Harrys Hand wurde von dem neuen Slytherin-Kapitän Urquhart zerquetscht. »Auf die Besen. Beim Pfiff geht’s los … drei … zwei … eins …«
Der Pfiff ertönte, Harry und die andern stießen sich kräftig vom gefrorenen Boden ab, und weg waren sie.
Harry schwebte am Spielfeldrand entlang, suchte nach dem Schnatz und behielt gleichzeitig Harper im Auge, der tief unter ihm im Zickzack flog. Dann setzte eine Stimme ein, misstönend und ganz anders als die des bisherigen Stadionsprechers.
»Nun, da fliegen sie, und ich denke, wir sind alle überrascht über die Mannschaft, die Potter dieses Jahr zusammengestellt hat. Viele dachten, dass Ronald Weasley in Anbetracht seiner durchwachsenen Leistung als Hüter im letzten Jahr nun nicht mehr dabei sein würde, aber eine enge persönliche Freundschaft mit dem Kapitän ist natürlich hilfreich …«
Diese Worte wurden mit Hohngelächter und Applaus von der Slytherin-Kurve aufgenommen. Harry reckte auf seinem Besen den Hals, um einen Blick auf das Podest des Stadionsprechers zu werfen. Ein großer, hagerer blonder Junge mit Stupsnase stand dort und sprach in das magische Megafon, das früher Lee Jordan benutzt hatte; Harry erkannte Zacharias Smith, einen Hufflepuff-Spieler, der ihm von Herzen zuwider war.
»Oh, und hier kommt der erste Angriff von Slytherin, Urquhart rast das Feld entlang und –«
Harry drehte sich der Magen um.
»– Weasley rettet, nun ja, da hat er eben mal Glück gehabt, denk ich …«
»So kann man es sagen, Smith, das hat er«, murmelte Harry, grinste verstohlen, tauchte zwischen die Jäger und suchte mit den Augen rundum nach einer Spur des schwer fassbaren Schnatzes.
Nachdem eine halbe Stunde gespielt war, führte Gryffindor mit sechzig zu null Punkten, Ron hatte ein paarmal wirklich spektakulär gehalten, zum Teil gerade noch mit den Handschuhspitzen, und Ginny hatte vier von Gryffindors sechs Toren geschossen. Das brachte Zacharias endlich davon ab, sich laut Gedanken darüber zu machen, ob die beiden Weasleys nur deshalb in der Mannschaft waren, weil Harry mit ihnen befreundet war, und stattdessen nahm er nun Peakes und Coote ins Visier.
»Natürlich hat Coote nicht gerade die typische Statur eines Treibers«, sagte Zacharias hochnäsig, »normalerweise haben die ein bisschen mehr Muskeln –«
»Hau ihm einen Klatscher rein«, rief Harry Coote zu, als der gerade vorbeifegte, aber Coote grinste breit und zielte mit dem nächsten Klatscher lieber auf Harper, der in diesem Moment aus der Gegenrichtung an Harry vorbeigeflogen kam. Harry hörte zufrieden das dumpfe Plonk, der Klatscher hatte sein Ziel gefunden.
Es sah aus, als könnten die Gryffindors einfach nichts falsch machen. Immer wieder punkteten sie und immer wieder verhinderte Ron auf der anderen Feldseite mit offensichtlicher Leichtigkeit Tore. Jetzt lächelte er auch noch, und als die Menge eine besonders gelungene Parade feierte und voller Begeisterung den alten Hit Weasley ist unser King schmetterte, spielte Ron von oben aus den Dirigenten.
»Hält sich heute wohl für was Besonderes, was?«, sagte eine höhnische Stimme, und Harry schlug es fast vom Besen, als Harper heftig und absichtlich mit ihm zusammenstieß. »Dein Blutsverräterfreund …«
Madam Hooch hatte ihnen gerade den Rücken zugekehrt, und obwohl einige Gryffindors unten vor Wut schrien, war Harper schon davongerast, als sie sich umwandte. Harry jagte ihm mit schmerzender Schulter hinterher, entschlossen, ihn auch zu rammen …
»Und ich glaube, Harper von Slytherin hat den Schnatz gesehen!«, rief Zacharias Smith durch sein Megafon. »Ja, er hat ganz sicher was gesehen, was Potter entgangen ist!«
Smith war wirklich ein Dummkopf, dachte Harry, hatte er nicht bemerkt, wie sie zusammengestoßen waren? Doch im nächsten Moment schien sein Magen in die Tiefe zu fallen – Smith lag richtig und Harry lag falsch: Harper war nicht zufällig nach oben geschossen; er hatte entdeckt, was Harry nicht gesehen hatte: Der Schnatz sauste hoch über ihnen dahin, hell glitzernd vor dem klaren blauen Himmel.
Harry flog schneller; der Wind pfiff ihm dermaßen in den Ohren, dass er Smiths Kommentar und den Lärm der Menge völlig übertönte, aber Harper war immer noch vor ihm, und Gryffindor hatte nur hundert Punkte Vorsprung; wenn Harper als Erster hinkam, hatte Gryffindor verloren … und jetzt war Harper ein, zwei Meter davon entfernt, hatte die Hand ausgestreckt …
»He, Harper!«, rief Harry in seiner Verzweiflung. »Wie viel hat dir Malfoy dafür bezahlt, dass du für ihn spielst?«
Er wusste nicht, warum er das gesagt hatte, doch Harper stutzte; er tastete fahrig nach dem Schnatz, ließ ihn durch die Finger rutschen und schoss einfach daran vorbei: Harry langte weit nach vorne und fing den winzigen, flatternden Ball ein.
»JA!«, schrie Harry. Er wirbelte herum und jagte zum Boden zurück, den Schnatz hoch in der ausgestreckten Hand. Als die Menge begriff, was geschehen war, brach ein großes Geschrei los, in dem der Abpfiff des Spiels fast unterging.
»Ginny, wo willst du hin?«, schrie Harry, der mitten in der Luft in eine Massenumarmung mit dem ganzen Team hineingeraten war, aber Ginny preschte einfach an ihnen vorbei und krachte schließlich mit einem gewaltigen Knall gegen das Podium des Stadionsprechers. Während die Menge kreischte und lachte, landete die Gryffindor-Mannschaft neben dem Trümmerhaufen aus Holz, unter dem Zacharias sich schwach regte; Harry hörte Ginny munter zu der erzürnten Professor McGonagall sagen: »Hab vergessen zu bremsen, Verzeihung, Professor.«
Lachend befreite sich Harry vom Rest der Mannschaft und umarmte Ginny, ließ sie aber sehr schnell wieder los. Er mied ihren Blick und klopfte stattdessen dem jubelnden Ron auf die Schulter, während die Gryffindors, nun, da alle Feindseligkeiten vergessen waren, Arm in Arm vom Feld gingen, die Fäuste in die Luft stießen und ihren Fans zuwinkten.
Im Umkleideraum herrschte Jubelstimmung.
»Wir machen Party oben im Gemeinschaftsraum, hat Seamus gesagt!«, schrie Dean ausgelassen. »Kommt schon, Ginny, Demelza!«
Ron und Harry waren die Letzten im Umkleideraum. Sie wollten gerade aufbrechen, als Hermine hereinkam. Sie drehte ihren Gryffindor-Schal in den Händen und wirkte aufgeregt, aber entschlossen.
»Ich will mit dir sprechen, Harry.« Sie holte tief Luft. »Das hättest du nicht tun dürfen. Du hast Slughorn gehört, es ist verboten.«
»Was willst du machen, uns anzeigen?«, wollte Ron wissen.
»Worüber redet ihr zwei eigentlich?«, fragte Harry, drehte sich um und hängte seinen Umhang auf, damit die beiden nicht sehen konnten, dass er grinste.
»Du weißt ganz genau, worüber wir reden!«, sagte Hermine scharf. »Du hast beim Frühstück einen Schuss Glückstrank in Rons Saft gegeben! Felix Felicis!«
»Nein, hab ich nicht«, sagte Harry und wandte sich den beiden wieder zu.
»Doch, das hast du, Harry, und deshalb ist auch alles gut gelaufen, Slytherin-Spieler sind ausgefallen und Ron hat alles gehalten!«
»Ich hab ihn nicht reingeschüttet!«, sagte Harry und grinste jetzt breit. Er steckte die Hand in seine Jackentasche und zog das Fläschchen hervor, das Hermine an diesem Morgen in seiner Hand gesehen hatte. Es war voll goldenem Zaubertrank und der Korken war immer noch fest mit Wachs versiegelt. »Ich wollte, dass Ron glaubt, ich hätte es getan, deshalb hab ich es vorgetäuscht, als ich wusste, dass du gerade herschaust.« Er sah Ron an. »Du hast alle Torschüsse gehalten, weil du dachtest, du hättest Glück. Du hast alles alleine geschafft.«
Er steckte den Trank wieder ein.
»Da war wirklich nichts in meinem Kürbissaft?«, sagte Ron verblüfft. »Aber das Wetter ist gut … und Vaisey konnte nicht spielen … ich hab ehrlich keinen Glückstrank bekommen?«
Harry schüttelte den Kopf. Ron sah ihn einen Moment lang mit offenem Mund an, dann fiel er über Hermine her und äffte ihre Stimme nach.
»Du hast heute Morgen Felix Felicis in Rons Saft getan, deshalb hat er alles gehalten! Siehst du! Ich schaff es ganz ohne Hilfe, meine Tore sauber zu halten, Hermine!«
»Ich hab nie gesagt, dass du es nicht schaffst – Ron, du hast auch geglaubt, dass du den Trank bekommen hast!«
Aber Ron war bereits mit geschultertem Besen an ihr vorbei zur Tür hinausmarschiert.
»Ähm«, sagte Harry in die plötzliche Stille hinein; er hatte nicht erwartet, dass sein Plan dermaßen nach hinten losgehen würde, »wollen … wollen wir dann auch hoch zur Party?«
»Geh du doch!«, sagte Hermine und blinzelte ihre Tränen weg. »Ron macht mich im Moment einfach krank, was hab ich ihm denn eigentlich getan …?«
Und sie stürmte auch aus dem Umkleideraum.
Harry ging langsam über das Gelände hoch zum Schloss zurück, durch die Menge, aus der ihm viele ihre Glückwünsche zuriefen, doch er empfand ein großes Gefühl der Enttäuschung; er war sicher gewesen, wenn Ron das Spiel gewinnen würde, dann würden er und Hermine sich sofort wieder vertragen. Er konnte sich nicht vorstellen, wie um alles in der Welt er Hermine erklären sollte, dass sie Ron gekränkt hatte, indem sie Viktor Krum geküsst hatte, wo dieses Vergehen doch so lange zurücklag.
Die Siegesfeier der Gryffindors war in vollem Gang, als Harry eintraf, doch er konnte Hermine nicht finden. Er wurde von neuem mit Jubelrufen und Schulterklopfen begrüßt, und bald war er von einer Schar Gratulanten umringt. Bei all den Versuchen, die Creevey-Brüder abzuschütteln, die jeden einzelnen Zug des Spiels analysiert haben wollten, und außerdem den vielen Mädchen zu entkommen, die ihn umringt hatten und die sogar über seine humorlosesten Kommentare lachten und mit den Wimpern klimperten, dauerte es eine Weile, bis er sich auf die Suche nach Ron machen konnte. Zuletzt kämpfte er sich von Romilda Vane los, die heftig mit dem Zaunpfahl winkte, dass sie gern mit ihm zu Slughorns Weihnachtsparty gehen würde. Als er sich in Richtung Getränketisch verdrückte, stieß er geradewegs mit Ginny zusammen, die Arnold den Minimuff auf der Schulter hatte und zu deren Füßen Krummbein hoffnungsvoll miaute.
»Suchst du nach Ron?«, fragte sie feixend. »Der ist da drüben, der elende Heuchler.«
Harry sah hinüber in die Ecke, auf die sie deutete. Dort, vor aller Augen, stand Ron so eng mit Lavender Brown verschlungen, dass schwer zu sagen war, welche Hände wem gehörten.
»Sieht aus, als würde er ihr Gesicht aufessen, was?«, sagte Ginny trocken. »Aber ich denke mal, seine Technik muss er noch irgendwie verfeinern. Gutes Spiel, Harry.«
Sie tätschelte ihm den Arm; Harry hatte ein Sturzfluggefühl im Magen, doch dann ging sie weg, um sich ein neues Butterbier zu holen. Krummbein trottete hinter ihr her, die gelben Augen starr auf Arnold gerichtet.
Harry wandte sich von Ron ab, der nicht den Eindruck machte, als würde er bald auftauchen, und sah gerade noch, wie das Porträtloch zuging. Mit einem schalen Gefühl dachte er, er hätte eine Mähne buschiges braunes Haar davonwehen sehen.
Er stürmte los, wich noch einmal Romilda Vane aus und stieß das Porträt der fetten Dame auf. Der Gang draußen schien verlassen.
»Hermine?«
Er fand sie im ersten unverschlossenen Klassenzimmer, das er ausprobierte. Sie saß auf dem Lehrerpult, ganz allein, bis auf ein paar zwitschernde gelbe Vögel, die in einem kleinen Kreis um ihren Kopf herumflatterten und die sie offensichtlich gerade aus dem Nichts heraufbeschworen hatte. Harry musste sie einfach für ihre magischen Künste bewundern, und dann noch zu einem Zeitpunkt wie diesem.
»Oh, hallo, Harry«, sagte sie mit brüchiger Stimme. »Ich bin nur am Üben.«
»Jaah … die – äh – sind wirklich gut …«, sagte Harry.
Er hatte keine Ahnung, was er sagen sollte. Er fragte sich gerade, ob es irgendeine Chance gab, dass sie Ron nicht bemerkt hatte, dass sie den Raum einfach nur verlassen hatte, weil ihr die Party ein wenig zu lärmig war, da sagte sie mit unnatürlich hoher Stimme: »Ron scheint sich auf dem Fest ja bestens zu amüsieren.«
»Ähm … tatsächlich?«, sagte Harry.
»Tu nicht so, als hättest du ihn nicht gesehen«, erwiderte Hermine. »Er hat es ja nicht gerade verheimlicht, nicht wa–«
Die Tür hinter ihnen sprang auf. Zu Harrys Entsetzen kam Ron herein, er lachte und zog Lavender an der Hand mit sich.
»Oh«, sagte er und blieb schlagartig stehen, als er Harry und Hermine sah.
»Uups!«, machte Lavender, kicherte und ging rückwärts aus dem Raum. Die Tür schlug hinter ihr zu.
Eine schreckliche, anschwellende, sich aufblähende Stille trat ein. Hermine starrte Ron an, der absichtlich nicht zu ihr hinschaute und nur mit einer seltsamen Mischung aus gespielter Kühnheit und Verlegenheit sagte: »Hi, Harry! Hab mich schon gewundert, wo du steckst!«
Hermine rutschte vom Pult herunter. Der kleine Schwarm goldener Vögel zwitscherte weiter im Kreis um ihren Kopf herum, so dass sie aussah wie ein merkwürdiges gefiedertes Modell des Sonnensystems.
»Du solltest Lavender nicht draußen warten lassen«, sagte sie leise. »Sie wird sich fragen, wo du geblieben bist.«
Sie ging ganz langsam und aufrecht in Richtung Tür. Harry warf einen raschen Blick auf Ron, der erleichtert schien, dass nichts Schlimmeres passiert war.
»Oppugno!«, ertönte ein Schrei von der Tür her.
Harry wirbelte herum und sah Hermine mit zornentbranntem Gesicht ihren Zauberstab auf Ron richten: Der kleine Vogelschwarm raste wie ein Hagel von dicken goldenen Gewehrkugeln auf Ron zu, der aufjaulte und sein Gesicht mit den Händen bedeckte, doch die Vögel griffen an, pickten und krallten sich in jedes bisschen Fleisch, das sie erwischen konnten.
»Machdieweg!«, schrie er, doch mit einem letzten Blick voll rachsüchtiger Wut riss Hermine die Tür auf und verschwand. Harry glaubte ein Schluchzen zu hören, ehe die Tür zuschlug.
Der Unbrechbare Schwur
Wieder wirbelte Schnee gegen die vereisten Fenster; es ging stark auf Weihnachten zu. Hagrid hatte die üblichen zwölf Weihnachtsbäume für die Große Halle bereits eigenhändig herbeigeschafft; Girlanden aus Stechpalmenzweigen und Lametta rankten sich um die Treppengeländer; immer währende Kerzen leuchteten aus den Helmen der Rüstungen und dicke Büschel Mistelzweige hingen in Abständen entlang der Korridore. Wenn Harry unterwegs war, versammelten sich unter den Mistelzweigen oft große Mädchengruppen und blockierten die Gänge. Doch zum Glück kannte sich Harry dank seiner häufigen nächtlichen Streifzüge ungewöhnlich gut in den Geheimgängen des Schlosses aus und konnte ohne größere Probleme mistelfrei von einem Klassenzimmer ins andere gelangen.
Ron, der früher vielleicht eher eifersüchtig als belustigt darüber gewesen wäre, dass solche Umwege nötig wurden, fand es jetzt nur zum Brüllen komisch. Harry mochte diesen neuen, lachenden, Witze reißenden Ron viel lieber als seine übellaunige, aggressive Ausgabe, die er in den vergangenen Wochen erduldet hatte, doch den besseren Ron gab es nur zu einem hohen Preis. Erstens musste Harry sich mit der häufigen Anwesenheit von Lavender Brown abfinden, für die offenbar jeder Moment, in dem sie Ron nicht küsste, ein verschwendeter Moment war; und zweitens merkte Harry wieder einmal, dass er der beste Freund von zwei Menschen war, die, wie es aussah, nie wieder miteinander sprechen würden.
Ron, der an den Händen und Unterarmen immer noch Kratzer und Schnittwunden von Hermines Vogelangriff hatte, nahm eine trotzige und gereizte Haltung ein.
»Sie kann sich nicht beschweren«, erklärte er Harry. »Sie hat mit Krum geknutscht. Und jetzt hat sie festgestellt, dass mit mir auch jemand knutschen will. Nun, wir leben in einem freien Land. Ich hab nichts Falsches gemacht.«
Harry antwortete nicht, sondern tat so, als wäre er völlig in das Buch vertieft, das sie vor Zauberkunst am nächsten Morgen gelesen haben sollten (Die Suche nach der Quintessenz). Da er entschlossen war, sowohl mit Ron als auch mit Hermine befreundet zu bleiben, verbrachte er viel Zeit mit fest verschlossenem Mund.
»Ich hab Hermine nie irgendwas versprochen«, murmelte Ron. »Das heißt, na schön, ich wollte mit ihr zu Slughorns Weihnachtsparty, aber sie hat nie gesagt … nur als Freunde … ich bin ein freier Mensch …«
Harry blätterte eine Seite von Quintessenz um und spürte, dass Ron ihn beobachtete. Rons Murmeln wurde immer leiser und war durch das laute Knistern des Feuers kaum noch zu hören, doch Harry meinte, noch einmal die Wörter »Krum« und »kann sich nicht beschweren« zu verstehen.
Hermines Stundenplan war so voll, dass Harry nur abends richtig mit ihr reden konnte, wenn Ron ohnehin so eng um Lavender geschlungen war, dass er nicht bemerkte, was Harry tat. Hermine weigerte sich, im Gemeinschaftsraum zu sitzen, solange Ron dort war, also traf Harry sie meistens in der Bibliothek, was bedeutete, dass sie sich flüsternd unterhalten mussten.
»Er kann küssen, wen immer er mag«, sagte Hermine, während Madam Pince, die Bibliothekarin, durch die Regalreihen hinter ihnen streifte. »Das ist mir wirklich vollkommen schnuppe.«
Sie hob ihre Feder und setzte so heftig ein Pünktchen auf ein »i«, dass sie ein Loch in ihr Pergament stach. Harry sagte nichts. Vielleicht würde ihm bald die Stimme absterben, so selten gebrauchte er sie. Er beugte sich ein wenig tiefer über Zaubertränke für Fortgeschrittene und machte sich weiter Notizen über Endlos-Elixiere, wobei er gelegentlich innehielt, um die nützlichen Ergänzungen des Prinzen zum Text von Libatius Borage zu entziffern.
»Und übrigens«, sagte Hermine nach einigen Augenblicken, »du musst vorsichtig sein.«
»Zum letzten Mal«, erwiderte Harry etwas heiser flüsternd, nachdem er eine Dreiviertelstunde geschwiegen hatte, »ich geb dieses Buch nicht zurück, ich hab mehr von dem Halbblutprinzen gelernt, als Snape oder Slughorn mir in –«
»Ich rede nicht von deinem blöden so genannten Prinzen«, sagte Hermine und versetzte seinem Buch einen bösen Blick, als sei es grob zu ihr gewesen, »ich rede von vorhin. Bevor ich hierherkam, war ich noch kurz auf dem Klo, und da waren etwa ein Dutzend Mädchen, darunter Romilda Vane, die sich alle den Kopf darüber zerbrochen haben, wie sie dir einen Liebestrank unterjubeln könnten. Die wollen dich alle dazu bringen, sie mit zu Slughorns Party zu nehmen, und offenbar haben sie diese Liebestränke bei Fred und George gekauft, die, ich muss es leider sagen, wahrscheinlich wirken –«
»Und warum hast du sie dann nicht beschlagnahmt?«, wollte Harry wissen. Es schien erstaunlich, dass Hermines Eifer, Vorschriften einzuhalten, sie zu diesem entscheidenden Zeitpunkt im Stich gelassen hatte.
»Die hatten die Tränke nicht mit im Klo«, sagte Hermine verächtlich. »Sie haben nur über ihre Vorgehensweise diskutiert. Da ich glaube, dass nicht einmal der Halbblutprinz« – sie versetzte dem Buch einen weiteren bösen Blick – »sich ein Gegenmittel für ein Dutzend verschiedene Liebestränke gleichzeitig ausdenken könnte, würde ich einfach jemanden einladen, mit dir zu kommen – dann hören all die anderen auf zu glauben, sie hätten immer noch eine Chance. Es ist morgen Abend, die drehen allmählich durch.«
»Ich hab niemanden, den ich einladen will«, murmelte Harry, der immer noch versuchte, möglichst nicht an Ginny zu denken, obwohl sie ständig in seinen Träumen auftauchte, und zwar so, dass Harry von Herzen dankbar war, dass Ron keine Legilimentik beherrschte.
»Also, sei einfach vorsichtig, was du trinkst, Romilda Vane sah nämlich aus, als ob sie Ernst machen würde«, sagte Hermine grimmig.
Sie zog die lange Pergamentrolle, auf die sie ihren Arithmantikaufsatz schrieb, ein Stück weiter hoch und kratzte mit ihrer Feder wieder drauflos. Harry sah ihr zu, mit den Gedanken in weiter Ferne.
»Wart mal kurz«, sagte er langsam. »Ich dachte, Filch hätte alles verboten, was in Weasleys Zauberhafte Zauberscherze gekauft wurde?«
»Und seit wann kümmert sich irgendjemand darum, was Filch verboten hat?«, fragte Hermine, immer noch mit ihrem Aufsatz beschäftigt.
»Aber ich dachte, alle Eulen würden durchsucht? Wieso können diese Mädchen dann Liebestränke in die Schule schaffen?«
»Fred und George schicken sie als Parfüme und Hustensäfte getarnt«, sagte Hermine. »Das ist in ihrem Eulen-Lieferservice mit drin.«
»Du kennst dich da ja ganz gut aus.«
Hermine versetzte ihm einen bösen Blick von der Sorte, mit der sie gerade sein Exemplar von Zaubertränke für Fortgeschrittene bedacht hatte.
»Das stand alles hinten auf den Flaschen, die sie Ginny und mir im Sommer gezeigt haben«, sagte sie kühl. »Ich lauf nicht rum und schütte irgendwelchen Leuten Zaubertränke in die Gläser … und ich tu auch nicht so, das ist nämlich genauso schlimm …«
»Na ja, vergiss das mal«, warf Harry rasch ein. »Der Punkt ist doch, dass Filch zum Narren gehalten wird, oder? Diese Mädchen kriegen Sachen in die Schule, die als etwas anderes getarnt sind! Also, weshalb hätte dann Malfoy das Halsband nicht in die Schule schaffen können –?«
»Oh, Harry … nicht schon wieder …«
»Komm schon, warum nicht?«, drängte Harry.
»Sieh mal«, Hermine seufzte, »Geheimnis-Detektoren spüren Verwünschungen, Flüche und Verbergungszauber auf, stimmt’s? Sie werden eingesetzt, um schwarze Magie und schwarzmagische Objekte zu finden. Sie hätten einen mächtigen Fluch wie den auf diesem Halsband in Sekundenschnelle erfasst. Aber etwas, das nur in die falsche Flasche abgefüllt wurde, wird nicht erkannt – und Liebestränke sind sowieso nichts Schwarzmagisches oder Gefährliches –«
»Du hast gut reden«, murmelte Harry und dachte an Romilda Vane.
»– also müsste Filch selber erkennen, dass es kein Hustentrank ist, und der ist kein besonders guter Zauberer, ich bezweifle, dass er einen Trank von –«
Hermine verstummte schlagartig; auch Harry hatte es gehört. Zwischen den dunklen Bücherregalen war jemand von hinten dicht an sie herangetreten. Sie warteten, und einen Moment später kam die geierartige Gestalt von Madam Pince um die Ecke, mit eingefallenen Wangen, Haut wie Pergament und einer langen Hakennase, die von der Lampe in ihrer Hand wenig schmeichelhaft beleuchtet wurde.
»Die Bibliothek ist jetzt geschlossen«, sagte sie. »Achten Sie darauf, dass Sie alles, was Sie ausgeliehen haben, in das richtige – was hast du mit diesem Buch gemacht, du niederträchtiger Bursche?«
»Das ist nicht aus der Bibliothek, das ist meins!«, erwiderte Harry rasch und schnappte sein Zaubertränke für Fortgeschrittene vom Tisch, als sie sich mit ihren Klauen daraufstürzte.
»Geplündert!«, zischte sie. »Geschändet! Besudelt!«
»Es ist nur ein Buch, in das reingeschrieben wurde!«, sagte Harry und riss es ihr aus der Hand.
Offenbar war sie kurz vor einem Nervenzusammenbruch; Hermine, die hastig ihre Sachen zusammengepackt hatte, nahm Harry am Arm und schleppte ihn wie einen Verhafteten davon.
»Du kriegst Bibliotheksverbot von ihr, wenn du nicht aufpasst. Warum musstest du auch dieses blöde Buch mitbringen?«
»Es ist nicht meine Schuld, dass sie vollkommen ausgerastet ist, Hermine. Oder meinst du, sie hat mitgehört, wie du schlecht über Filch geredet hast? Ich hatte immer schon den Verdacht, dass zwischen den beiden irgendwas laufen könnte …«
»Oh, haha …«
Sie genossen es, wieder normal miteinander reden zu können, gingen durch die verlassenen, lampenbeschienenen Korridore in den Gemeinschaftsraum zurück und stritten darüber, ob Filch und Madam Pince wirklich heimlich verliebt waren.
»Flitterkram«, sagte Harry zu der fetten Dame, es war das neue Passwort zum Fest.
»Gleichfalls«, erwiderte die fette Dame mit einem schelmischen Grinsen und schwang vor, um sie einzulassen.
»Hi, Harry!«, sagte Romilda Vane, kaum dass er durch das Porträtloch geklettert war. »Lust auf ein Goldlackwasser?«
Hermine warf ihm einen »Was hab ich dir gesagt?«-Blick über die Schulter zu.
»Nein, danke«, erwiderte Harry rasch. »Ich mag das nicht besonders.«
»Na, dann nimm doch die hier«, sagte Romilda und drückte ihm eine Schachtel in die Hand. »Schokokessel, mit Feuerwhisky drin. Meine Omi hat sie mir geschickt, aber ich mag sie nicht.«
»Oh – klar – vielen Dank«, sagte Harry, dem nichts anderes einfiel. »Ähm – ich geh nur mal eben dort rüber mit …«
Er eilte Hermine hinterher und seine Stimme wurde immer schwächer.
»Hab ich’s doch gesagt«, bemerkte Hermine lakonisch. »Je eher du jemanden fragst, desto eher lassen sie dich alle in Ruhe, und du kannst –«
Doch plötzlich wurde ihr Gesicht weiß; ihr Blick war eben auf Ron und Lavender gefallen, die eng umschlungen im selben Sessel saßen.
»Na dann, gute Nacht, Harry«, sagte sie, obwohl es erst sieben Uhr abends war, und ohne ein weiteres Wort zog sie in Richtung Mädchenschlafsaal davon.
Als Harry zu Bett ging, tröstete er sich mit dem Gedanken, dass er nur noch einen Unterrichtstag durchstehen musste, und Slughorns Party, dann würden er und Ron gemeinsam zum Fuchsbau abreisen. Inzwischen schien es unmöglich, dass Ron und Hermine sich noch vor Ferienbeginn wieder versöhnen würden, aber vielleicht würde die Pause ihnen irgendwie Zeit geben, sich zu beruhigen und es sich anders zu überlegen …
Große Hoffnungen hegte er jedoch nicht, und sie schwanden noch mehr, nachdem er am nächsten Tag den Verwandlungsunterricht mit den beiden hinter sich gebracht hatte. Sie hatten gerade das immens schwierige Thema menschlicher Verwandlung in Angriff genommen; sie arbeiteten vor Spiegeln und sollten die Farbe ihrer eigenen Augenbrauen verändern. Hermine lachte ungnädig über Rons katastrophalen ersten Versuch, bei dem er es irgendwie schaffte, sich einen sensationellen Schnauzbart zu verpassen; Ron rächte sich, indem er unbarmherzig, aber genau Hermine nachahmte, wie sie jedes Mal, wenn Professor McGonagall eine Frage stellte, auf ihrem Platz auf- und abhopste, was Lavender und Parvati äußerst amüsant fanden und Hermine wieder an den Rand der Tränen brachte. Mit dem Läuten raste sie aus dem Klassenzimmer und ließ die Hälfte ihrer Sachen zurück; Harry kam zu dem Schluss, dass ihre Not gerade größer war als die von Ron, sammelte ihre verbliebenen Habseligkeiten ein und folgte ihr.
Er spürte sie schließlich auf, als sie aus einem Mädchenklo ein Stockwerk tiefer kam. Sie wurde von Luna Lovegood begleitet, die ihr geistesabwesend auf die Schulter klopfte.
»Oh, hallo, Harry«, sagte Luna. »Weißt du, dass eine von deinen Augenbrauen hellgelb ist?«
»Hi, Luna. Hermine, du hast deine Sachen liegen lassen …«
Er hielt ihr die Bücher hin.
»Oh, ja«, sagte Hermine mit erstickter Stimme, nahm sie und wandte sich rasch ab, um zu verbergen, dass sie sich mit dem Federmäppchen die Tränen abwischte. »Danke, Harry. Also, ich muss jetzt los …«
Und sie eilte davon, ohne Harry Zeit für tröstende Worte zu lassen, die ihm zugegebenermaßen ohnehin nicht einfielen.
»Sie ist ein bisschen durcheinander«, sagte Luna. »Erst dachte ich, dadrin wär die Maulende Myrte, aber dann war es Hermine. Sie hat von diesem Ron Weasley geredet …«
»Jaah, die haben sich gestritten«, sagte Harry.
»Der sagt manchmal ziemlich komische Sachen, was?«, bemerkte Luna, als sie sich gemeinsam auf den Weg durch den Korridor machten. »Aber er kann auch ein wenig grob sein. Das ist mir letztes Jahr aufgefallen.«
»Ich denk schon«, sagte Harry. Luna bewies wieder einmal ihr echtes Talent, unangenehme Wahrheiten auszusprechen; er hatte noch nie jemanden wie sie kennen gelernt. »Und, wie war dein Schuljahr bis jetzt?«
»Oh, war schon in Ordnung«, sagte Luna. »Ein bisschen einsam ohne die DA. Ginny war aber nett. Letztens hat sie zwei Jungs in unserer Verwandlungsstunde davon abgebracht, mich ›Loony‹ zu nennen –«
»Hättest du Lust, heute Abend mit mir zu Slughorns Party zu kommen?«
Die Worte waren schon aus Harrys Mund, ehe er sie aufhalten konnte; er hörte, wie er sie sagte, als ob ein Fremder redete.
Luna richtete überrascht ihre Glubschaugen auf ihn.
»Slughorns Party? Mit dir?«
»Jaah«, sagte Harry. »Wir sollen Gäste mitbringen, also dachte ich, du hättest vielleicht Lust … ich meine …« Ihm lag sehr viel daran, seine Absichten ganz deutlich zu machen. »Ich meine, nur wie Freunde, du weißt schon. Aber wenn du nicht willst …«
Er hoffte schon fast, dass sie nicht wollte.
»Oh, nein, ich fänd’s toll, mit dir wie Freunde hinzugehen!«, sagte Luna und strahlte, wie er sie noch nie hatte strahlen sehen. »Mich hat noch nie jemand zu einer Party eingeladen, wie ein Freund! Hast du dir deshalb die Augenbraue gefärbt, wegen der Party? Soll ich das auch machen?«
»Nein«, sagte Harry entschieden, »das war ein Versehen, ich werd Hermine bitten, dass sie es für mich richtet. Also, wir treffen uns dann um acht in der Eingangshalle.«
»AHA!«, schrie eine Stimme über ihnen und beide zuckten zusammen; ohne dass sie es gemerkt hätten, waren sie gerade direkt unter Peeves durchgegangen, der kopfüber von einem Kronleuchter hing und sie hämisch angrinste.
»Potty hat Loony zur Party eingeladen! Potty lüübt Loony! Potty lüüüüübt Looooooony!«
Und er schoss davon, gackerte und kreischte: »Potty liebt Loony!«
»Immer nett, wenn solche Dinge privat bleiben«, sagte Harry. Und tatsächlich, im Nu schien die ganze Schule zu wissen, dass Harry Potter Luna Lovegood zu Slughorns Party mitnahm.
»Du hättest jede mitnehmen können!«, sagte Ron ungläubig beim Abendessen. »Jede! Und du hast dir Loony Lovegood ausgesucht?«
»Nenn sie nicht so, Ron«, fauchte Ginny, die auf dem Weg zu Freunden hinter Harry stehen geblieben war. »Ich bin echt froh, dass du sie mitnimmst, Harry, sie ist schon ganz aufgeregt.«
Dann ging sie weiter am Tisch entlang und setzte sich neben Dean. Harry versuchte sich darüber zu freuen, dass Ginny froh war, weil er Luna zur Party mitnahm, doch es wollte ihm nicht recht gelingen. Viel weiter unten am Tisch saß Hermine allein und stocherte in ihrem Eintopf. Harry bemerkte, dass Ron verstohlen zu ihr hinübersah.
»Du könntest sagen, dass es dir leidtut«, schlug Harry freiheraus vor.
»Was, und dann wieder von einem Schwarm Kanarienvögel angegriffen werden?«, murrte Ron.
»Wozu musstest du sie auch nachäffen?«
»Sie hat über meinen Schnurrbart gelacht!«
»Ich auch, das war das Bescheuertste, was ich je gesehen hab.«
Aber Ron schien ihn nicht gehört zu haben; Lavender war gerade mit Parvati hereingekommen. Sie quetschte sich zwischen Harry und Ron und warf ihre Arme um Rons Hals.
»Hallo, Harry«, sagte Parvati, die das Verhalten ihrer beiden Freunde offenbar genau wie er etwas peinlich und langweilig fand.
»Hallo«, sagte Harry. »Wie geht’s? Du bleibst also in Hogwarts? Ich hab gehört, deine Eltern wollten, dass du von der Schule gehst.«
»Das hab ich ihnen vorläufig ausreden können«, sagte Parvati. »Sie sind wegen dieser Sache mit Katie richtig ausgetickt, aber weil seither nichts mehr passiert ist … oh, hallo, Hermine!«
Parvati strahlte übers ganze Gesicht. Harry war sicher, dass sie ein schlechtes Gewissen hatte, weil sie Hermine in Verwandlung ausgelacht hatte. Er wandte sich um und sah, wie Hermine das Lächeln erwiderte, vielleicht sogar noch strahlender. Mädchen waren manchmal seltsam.
»Hi, Parvati!«, sagte Hermine, ohne auch nur im Geringsten auf Ron und Lavender zu achten. »Gehst du heute Abend zu Slughorns Party?«
»Keine Einladung«, sagte Parvati düster. »Ich hätt aber große Lust, das klingt, als würd es richtig gut werden … du gehst hin, oder?«
»Ja, ich treff mich um acht mit Cormac, und wir –«
Ein Geräusch war zu hören, als würde eine Saugglocke von einem verstopften Abfluss weggezogen, und Ron tauchte auf. Hermine tat, als hätte sie nichts gesehen und nichts gehört.
»– wir gehen zusammen hoch zur Party.«
»Cormac?«, sagte Parvati. »Du meinst Cormac McLaggen?«
»Richtig«, sagte Hermine lieblich. »Der, der beinahe«, sie legte eine starke Betonung auf das Wort, »Gryffindor-Hüter geworden wäre.«
»Dann bist du also jetzt mit ihm zusammen?«, fragte Parvati mit aufgerissenen Augen.
»Oh – ja – hast du das nicht gewusst?«, sagte Hermine mit einem höchst unherminehaften Kichern.
»Nein!«, erwiderte Parvati, die dieses Stückchen Tratsch geradezu gierig aufnahm. »Wow, du stehst auf Quidditch-Spieler, stimmt’s? Erst Krum, dann McLaggen …«
»Ich steh auf richtig gute Quidditch-Spieler«, korrigierte Hermine sie, unentwegt lächelnd. »Also, wir sehen uns dann … ich muss los und mich für die Party zurechtmachen …«
Sie verschwand. Augenblicklich steckten Lavender und Parvati die Köpfe zusammen, um diese neue Entwicklung zu erörtern, mitsamt allem, was sie je über McLaggen gehört, und allem, was sie sich je über Hermine zusammengereimt hatten. Ron sah merkwürdig leer aus und sagte nichts. Harry blieb es überlassen, im Stillen über die Abgründe nachzugrübeln, in die Mädchen sich begaben, nur um Rache zu üben.
Als er um acht an diesem Abend in die Eingangshalle kam, stieß er auf ungewöhnlich viele Mädchen, die dort lauerten und ihn alle böse anzustarren schienen, als er auf Luna zuging. Sie trug einen silbernen Paillettenumhang, der bei den Zuschauerinnen einiges Gekicher auslöste, doch ansonsten sah sie ganz hübsch aus. Jedenfalls war Harry froh, dass sie auf ihre Radieschen-Ohrringe, ihr Halsband aus Butterbierkorken und ihre Gespensterbrille verzichtet hatte.
»Hi«, sagte er. »Wollen wir dann mal los?«
»Oh, ja«, sagte sie glücklich. »Wo ist die Party?«
»In Slughorns Büro«, sagte Harry und führte sie die Marmortreppe hoch, weg von all dem Gegaffe und Getuschel. »Hast du gehört, angeblich soll ein Vampir kommen?«
»Rufus Scrimgeour?«, fragte Luna.
»Ich – was?«, sagte Harry verwirrt. »Du meinst den Zaubereiminister?«
»Ja, er ist ein Vampir«, sagte Luna nüchtern. »Vater hat darüber einen ganz langen Artikel geschrieben, als Scrimgeour Nachfolger von Cornelius Fudge wurde, aber jemand vom Ministerium hat ihn gezwungen, den nicht zu veröffentlichen. Die wollten offensichtlich verhindern, dass die Wahrheit ans Licht kommt!«
Harry antwortete nicht; er hielt es für äußerst unwahrscheinlich, dass Rufus Scrimgeour ein Vampir war, doch er war es gewohnt, dass Luna die verqueren Ansichten ihres Vaters wiedergab, als wären es Tatsachen. Sie näherten sich bereits Slughorns Büro, und mit jedem ihrer Schritte schwoll der Lärm von Gelächter, Musik und lauten Stimmen stärker an.
Ob Slughorns Büro schon so gebaut worden war oder ob er es mit magischen Kniffen so geformt hatte, es war jedenfalls viel größer als das normale Arbeitszimmer eines Lehrers. Die Decke und die Wände waren mit smaragdgrünen, karmesinroten und goldenen Behängen drapiert, so dass es aussah, als befänden sich alle in einem riesigen Zelt. Der Raum war voller Leute und stickig und in das rote Licht einer reich verzierten goldenen Lampe getaucht, die von der Mitte der Decke herabhing und in der echte Feen flatterten, jede ein glitzernder Lichtfleck. Lauter Gesang drang aus einer entfernten Ecke, begleitet von etwas, das wie Mandolinen klang; ein Dunstschleier aus Pfeifenrauch hing über einigen älteren, ins Gespräch vertieften Zauberern, und etliche Hauselfen schlängelten sich quiekend durch den Wald von Knien, verborgen unter den schweren silbernen Servierplatten mit Speisen, die sie trugen und die dabei wie kleine wandernde Tische aussahen.
»Harry, mein Junge!«, dröhnte Slughorn, kaum dass Harry und Luna sich durch die Tür gezwängt hatten. »Kommen Sie, kommen Sie, so viele Leute, die ich Ihnen gerne vorstellen möchte!«
Slughorn trug einen Samthut mit Troddeln, der zu seiner Smokingjacke passte. Er packte Harry so fest am Arm, als wäre er gerne mit ihm disappariert, und führte ihn entschlossen mitten in die Gästeschar; Harry nahm Luna bei der Hand und zog sie mit sich.
»Harry, darf ich Ihnen Eldred Worple vorstellen, einen ehemaligen Schüler von mir, den Autor von Blutsbrüder: Mein Leben unter Vampiren – und natürlich seinen Freund Sanguini.«
Worple, ein kleiner Mann mit Brille, ergriff Harrys Hand und schüttelte sie begeistert; der Vampir Sanguini, der groß und ausgemergelt war und dunkle Schatten unter den Augen hatte, nickte nur. Er wirkte recht gelangweilt. Eine neugierige und aufgeregt schnatternde Schar Mädchen stand in seiner Nähe.
»Harry Potter, ich bin einfach entzückt!«, sagte Worple und spähte kurzsichtig hoch in Harrys Gesicht. »Erst kürzlich habe ich zu Professor Slughorn gesagt: Wo bleibt die Biografie von Harry Potter, auf die wir alle warten?«
»Ähm«, sagte Harry, »tatsächlich?«
»Genauso bescheiden, wie Horace ihn beschrieben hat!«, sagte Worple. »Aber im Ernst –«, sein Gebaren veränderte sich; es wurde plötzlich geschäftsmäßig, »ich würde sie mit Vergnügen selbst schreiben – die Leute wollen unbedingt mehr über Sie wissen, mein Junge, unbedingt! Wenn Sie bereit wären, mir ein paar Interviews zu geben, sagen wir in jeweils vier- bis fünfstündigen Sitzungen, nun, dann könnten wir das Buch in wenigen Monaten fertig haben. Und alles ohne größeren Aufwand Ihrerseits, das versichere ich Ihnen – fragen Sie Sanguini hier, ob es nicht völlig – Sanguini, bleiben Sie hier!«, fügte Worple plötzlich streng hinzu, denn der Vampir hatte sich mit einem ziemlich hungrigen Blick langsam zu der Mädchengruppe neben sich hingeschoben. »Hier, essen Sie eine Pastete«, sagte Worple, nahm eine von einem vorbeilaufenden Elfen und drückte sie Sanguini in die Hand, ehe er seine Aufmerksamkeit wieder Harry widmete.
»Mein lieber Junge, das Gold, das Sie verdienen könnten, Sie haben ja keine Ahnung –«
»Ich habe absolut kein Interesse«, sagte Harry entschieden, »und ich sehe gerade eine Freundin von mir, entschuldigen Sie.«
Er mischte sich mit Luna im Schlepptau unter die Menge; tatsächlich hatte er gerade eine lange braune Haarmähne zwischen Leuten verschwinden sehen, die wie zwei von den Schicksalsschwestern ausschauten.
»Hermine! Hermine!«
»Harry! Da bist du ja, gütiger Himmel! Hi, Luna!«
»Was ist denn mit dir passiert?«, fragte Harry, denn Hermine wirkte ausgesprochen zerzaust, ganz als ob sie sich gerade aus einem Teufelsschlingengestrüpp herausgekämpft hätte.
»Oh, ich bin gerade entkommen – ich meine, ich hab eben Cormac stehen lassen«, sagte sie. »Unter der Mistel«, fügte sie erklärend hinzu, da Harry sie weiter fragend ansah.
»Geschieht dir recht, was musst du auch mit dem zusammen herkommen«, sagte er streng zu ihr.
»Ich dachte, der würde Ron am meisten ärgern«, erwiderte Hermine sachlich. »Eine Weile hatte ich an Zacharias Smith gedacht, aber alles in allem –«
»Du hast an Smith gedacht?«, sagte Harry empört.
»Ja, hab ich, und allmählich bereue ich es, dass ich ihn nicht genommen hab, im Vergleich zu McLaggen ist Grawp ein echter Gentleman. Lasst uns hier langgehen, dann sehen wir ihn, falls er kommt, er ist ja so groß …«
Die drei bahnten sich einen Weg hinüber auf die andere Seite des Zimmers, nahmen unterwegs Kelche mit Met von den Tabletts und bemerkten zu spät, dass Professor Trelawney allein dort stand.
»Hallo«, sagte Luna höflich zu Professor Trelawney.
»Guten Abend, meine Liebe«, erwiderte Professor Trelawney und versuchte unter einigen Schwierigkeiten, Luna ins Auge zu fassen. Harry konnte wieder einmal Kochsherry riechen. »Ich habe Sie in letzter Zeit nicht in meinem Unterricht gesehen …«
»Nein, ich hab dieses Jahr Firenze«, sagte Luna.
»Oh, natürlich«, sagte Professor Trelawney mit einem zornigen, betrunkenen Kichern. »Oder Dobbin, wie ich ihn insgeheim gerne nenne. Man hätte doch meinen können, dass Professor Dumbledore jetzt, da ich wieder an der Schule unterrichten darf, dieses Pferd endlich losgeworden wäre, oder? Aber nein … wir teilen uns den Unterricht … das ist eine Beleidigung, offen gestanden, eine Beleidigung. Wissen Sie …«
Professor Trelawney war offenbar so beschwipst, dass sie Harry gar nicht erkannt hatte. Im Schutz ihrer wütenden Tiraden gegen Firenze trat Harry unbemerkt näher zu Hermine und sagte: »Lass uns mal Klartext reden. Hast du vor, Ron zu sagen, dass du bei der Hüter-Auswahl die Hand im Spiel hattest?«
Hermine zog die Augenbrauen hoch.
»Glaubst du wirklich, ich könnte so tief sinken?«
Harry sah sie scharf an.
»Hermine, wenn du es über dich bringst, McLaggen mitzunehmen –«
»Das ist was anderes«, sagte Hermine würdevoll. »Ich habe nicht vor, Ron irgendwas darüber zu erzählen, was beim Hüter-Auswahlspiel passiert sein könnte oder nicht.«
»Gut«, sagte Harry hitzig. »Denn sonst kriegt er wieder das große Flattern und wir verlieren das nächste Spiel –«
»Quidditch!«, sagte Hermine wütend. »Ist das alles, was Jungs interessiert? Cormac wollte nicht das Geringste über mich wissen, nein, ich bekam nur die ganze Zeit Einhundert Großartige Paraden von Cormac McLaggen nonstop serviert – o nein, da kommt er!«
Sie war so flink, dass es aussah, als ob sie disappariert wäre; gerade war sie noch da gewesen, im nächsten Moment hatte sie sich zwischen zwei schallend lachende Hexen gedrängt und war verschwunden.
»Hast du Hermine gesehen?«, fragte McLaggen, der sich eine Minute später durch die dichte Menge zwängte.
»Nein, tut mir leid«, sagte Harry und wandte sich rasch ab, um sich an Lunas Unterhaltung zu beteiligen, allerdings hatte er für eine halbe Sekunde vergessen, mit wem sie sprach.
»Harry Potter!«, sagte Professor Trelawney, die ihn jetzt erst bemerkte, mit tiefer, vibrierender Stimme.
»Oh, hallo«, erwiderte Harry wenig begeistert.
»Mein lieber Junge!«, sagte sie leise, aber gut hörbar. »Die Gerüchte! Die Geschichten! Der Auserwählte! Natürlich weiß ich es schon seit langem … Die Omen waren nie gut, Harry … aber warum machen Sie nicht mit Wahrsagen weiter? Für Sie, gerade für Sie, ist das Fach von größter Wichtigkeit!«
»Ah, Sybill, jeder von uns hält sein Fach für das wichtigste!«, sagte eine laute Stimme, und Slughorn tauchte neben Professor Trelawney auf, mit hochrotem Gesicht und leicht schief sitzendem Samthut, ein Glas Met in der einen und eine riesige Weihnachtspastete in der anderen Hand. »Aber ich glaube nicht, dass ich jemals ein derartiges Naturtalent in Zaubertränke kennen gelernt habe!«, sagte Slughorn und bedachte Harry mit einem liebevollen Blick aus allerdings blutunterlaufenen Augen. »Instinkt, wissen Sie – wie seine Mutter! Ich hab in meinem ganzen Leben nur wenige mit einer vergleichbaren Begabung unterrichtet, das dürfen Sie mir glauben, Sybill – nun, selbst Severus –«
Und zu Harrys Entsetzen streckte Slughorn den Arm aus und zog wie aus heiterem Himmel Snape zu ihnen her.
»Hören Sie auf, hier herumzuschleichen, und kommen Sie zu uns, Severus!«, hickste Slughorn fröhlich. »Ich sprach gerade von Harrys außergewöhnlicher Begabung für Zaubertränke! Natürlich ist es auch ein wenig Ihr Verdienst, immerhin haben Sie ihn fünf Jahre lang unterrichtet!«
Mit Slughorns Arm auf seiner Schulter wie in einer Falle gefangen, blickte Snape über seine Hakennase auf Harry hinab und seine schwarzen Augen verengten sich.
»Merkwürdig, ich hatte nie den Eindruck, dass ich es geschafft hätte, Potter irgendetwas beizubringen.«
»Meine Rede, das ist ein Naturtalent!«, rief Slughorn. »Sie hätten sehen sollen, was er mir in der ersten Stunde abgeliefert hat, den Sud des lebenden Todes – hatte nie einen Schüler, dem er beim ersten Versuch besser gelungen ist, ich glaube, nicht mal Ihnen, Severus –«
»Tatsächlich?«, sagte Snape leise und sah Harry nach wie vor durchdringend an, der eine leise Unruhe spürte. Das Letzte, was er wollte, war, dass Snape anfing, nach dem Ursprung seiner neuen Meisterschaft in Zaubertränke zu forschen.
»Was waren noch mal die anderen Fächer, die Sie belegt haben, Harry?«
»Verteidigung gegen die dunklen Künste, Zauberkunst, Verwandlung, Kräuterkunde …«
»Kurz, all die Fächer, die bei einem Auroren vorausgesetzt werden«, sagte Snape mit einem Anflug von Hohn.
»Ja, das will ich auch werden«, sagte Harry trotzig.
»Und Sie werden zu den Großen gehören!«, dröhnte Slughorn.
»Ich glaube nicht, dass du ein Auror werden solltest, Harry«, warf Luna überraschend ein. Alle sahen sie an. »Die Auroren sind Teil der Rotfang-Verschwörung, ich dachte, das wüssten alle. Sie arbeiten im Zaubereiministerium, um es von innen heraus zu Fall zu bringen, und verwenden eine Kombination aus schwarzer Magie und Zahnfleischentzündung.«
Harry bekam die Hälfte seines Mets in die Nase, als er zu lachen anfing. Allein dafür hatte es sich wirklich gelohnt, Luna mitzubringen. Als er hustend, pitschnass, aber immer noch grinsend aus seinem Kelch auftauchte, sah er etwas, das seine Laune nur noch verbessern konnte: Draco Malfoy, der von Argus Filch an den Ohren zu ihnen hergeschleift wurde.
»Professor Slughorn«, schnaufte Filch mit zitternden Wangen, und in seinen Glubschaugen lag das fanatische Flackern von einem, der Störenfriede aufspürt, »ich habe diesen Jungen in einem Korridor oben herumlungern sehen. Er behauptet, zu Ihrer Party eingeladen worden zu sein, er sei aber aufgehalten worden und zu spät losgegangen. Haben Sie ihm eine Einladung ausgestellt?«
Malfoy riss sich mit wütender Miene von Filchs Griff los.
»Okay, ich war nicht eingeladen!«, sagte er aufgebracht. »Ich hab versucht, mich reinzuschmuggeln, zufrieden?«
»Nein, bin ich nicht!«, sagte Filch, eine Behauptung, die gar nicht zu der Schadenfreude auf seinem Gesicht passte. »Jetzt kriegst du Ärger, aber wie! Hat der Schulleiter nicht gesagt, dass es mit dem nächtlichen Herumschleichen vorbei ist, außer ihr habt die Erlaubnis, oder was?«
»Schon gut, Argus, schon gut«, sagte Slughorn mit einer lässigen Handbewegung. »Es ist Weihnachten, und es ist kein Verbrechen, auf eine Party gehen zu wollen. Für dieses Mal vergessen wir irgendwelche Strafen; Sie können bleiben, Draco.«
Dass Filch ein empörtes und enttäuschtes Gesicht machte, war vollkommen vorhersehbar gewesen; aber warum, fragte sich Harry mit Blick auf Malfoy, sah dieser fast genauso unglücklich aus? Und warum schaute Snape Malfoy an, als wäre er sowohl wütend als auch … war es möglich? … ein wenig beklommen?
Doch ehe Harry ganz begriffen hatte, was er eben gesehen hatte, hatte Filch sich umgedreht und war vor sich hin murrend davongeschlurft; Malfoy hatte ein Grinsen aufgesetzt und dankte Slughorn für seine Großzügigkeit, und Snapes Miene war wieder glatt und unergründlich.
»Keine Ursache, keine Ursache«, sagte Slughorn und tat Malfoys Dank mit einer Handbewegung ab. »Schließlich kannte ich Ihren Großvater …«
»Er hat immer in höchsten Tönen von Ihnen gesprochen, Sir«, sagte Malfoy rasch. »Sie seien der beste Zaubertrankmeister, den er je kennen gelernt habe …«
Harry starrte Malfoy an. Es war nicht das Geschleime, das ihn überraschte; er hatte lange genug mit angesehen, wie Malfoy sich bei Snape eingeschleimt hatte. Vielmehr wunderte ihn, dass Malfoy in der Tat ein wenig kränklich wirkte. Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass er Malfoy aus der Nähe sah; jetzt fiel ihm auf, dass Malfoy dunkle Ringe unter den Augen hatte und seine Haut eindeutig einen gräulichen Ton aufwies.
»Ich würde gerne ein Wort mit Ihnen reden, Draco«, sagte Snape plötzlich.
»Oh, nun aber, Severus«, sagte Slughorn mit einem erneuten Hicksen, »es ist Weihnachten, seien Sie nicht so hart –«
»Ich bin sein Hauslehrer, und ich entscheide, wie hart oder sonst etwas ich bin«, sagte Snape barsch. »Folgen Sie mir, Draco.«
Sie gingen davon, Snape voraus, Malfoy mit ärgerlicher Miene hinterher. Harry stand einen Moment lang unschlüssig da, dann sagte er: »Ich bin gleich wieder zurück, Luna – ähm – ich muss mal kurz.«
»Alles klar«, sagte sie fröhlich, und während er durch die Menge davoneilte, meinte er zu hören, dass sie das Gespräch über die Rotfang-Verschwörung mit Professor Trelawney fortsetzte, die ehrlich interessiert schien.
Sobald er der Party den Rücken gekehrt hatte, war es einfach, den Tarnumhang aus der Tasche zu ziehen und sich überzuwerfen, denn der Korridor war vollkommen ausgestorben. Schwieriger war es, Snape und Malfoy zu finden. Harry rannte den Korridor entlang, der Lärm seiner Schritte wurde von der Musik und den lauten Stimmen übertönt, die immer noch aus Slughorns Büro hinter ihm drangen. Vielleicht hatte Snape Malfoy in sein Büro in den Kerkern mitgenommen … oder vielleicht begleitete er ihn zurück in den Gemeinschaftsraum der Slytherins … Aber während Harry den Korridor entlangeilte, drückte er sein Ohr an jede Tür, bis er vor Aufregung zusammenfuhr, als er sich vor das Schlüsselloch des letzten Klassenzimmers im Gang kauerte und Stimmen hörte.
»… kann mir keine Fehler leisten, Draco, denn wenn man Sie rauswirft –«
»Ich hatte nichts damit zu tun, klar?«
»Ich hoffe, Sie sagen die Wahrheit, weil es so ungeschickt wie töricht war. Sie werden bereits verdächtigt, die Hand im Spiel zu haben.«
»Wer verdächtigt mich?«, sagte Malfoy zornig. »Zum letzten Mal, ich habe es nicht getan, okay? Diese Bell muss einen Feind gehabt haben, von dem niemand weiß – schauen Sie mich nicht so an! Mir ist klar, was Sie tun, ich bin nicht dumm, aber es wird nicht funktionieren – ich kann Sie aufhalten!«
Eine Pause trat ein, dann sagte Snape leise: »Ah … Tante Bellatrix hat Ihnen Okklumentik beigebracht, ich verstehe. Welche Gedanken versuchen Sie vor Ihrem Meister zu verbergen, Draco?«
»Ich versuche nicht, irgendetwas vor ihm zu verbergen, ich will nur nicht, dass Sie sich einmischen!«
Harry drückte sein Ohr noch fester gegen das Schlüsselloch … was war geschehen, dass Malfoy so mit Snape sprach, mit Snape, dem er immer Respekt und sogar Zuneigung gezeigt hatte?
»Also deshalb sind Sie mir dieses Schuljahr aus dem Weg gegangen? Sie fürchten, dass ich mich einmische? Ihnen ist doch klar, dass, wenn ein anderer es sich erlaubt hätte, nicht in meinem Büro zu erscheinen, obwohl ich ihn wiederholt einbestellt habe, Draco –«
»Dann lassen Sie mich doch nachsitzen! Zeigen Sie mich bei Dumbledore an!«, höhnte Malfoy.
Wieder trat eine Pause ein. Dann sagte Snape: »Sie wissen ganz genau, dass ich weder das eine noch das andere tun möchte.«
»Dann bestellen Sie mich einfach nicht mehr in Ihr Büro!«
»Hören Sie zu«, sagte Snape, nun mit so leiser Stimme, dass Harry das Ohr ganz fest gegen das Schlüsselloch pressen musste, um sie zu hören. »Ich versuche Ihnen zu helfen. Ich habe Ihrer Mutter geschworen, ich würde Sie beschützen. Ich habe einen Unbrechbaren Schwur geleistet, Draco –«
»Dann sieht es ganz so aus, als müssten Sie ihn brechen, weil ich Ihren Schutz nicht brauche! Es ist mein Auftrag, er hat ihn mir erteilt, und ich führe ihn aus. Ich habe einen Plan und der wird funktionieren, es dauert nur ein bisschen länger, als ich dachte!«
»Worin besteht Ihr Plan?«
»Das geht Sie nichts an!«
»Wenn Sie mir sagen, was Sie tun wollen, kann ich Ihnen dabei helfen –«
»Ich habe jede Hilfe, die ich brauche, danke, ich bin nicht allein!«
»Heute Abend waren Sie zweifellos allein, was äußerst töricht war, Sie sind durch die Korridore gestreift, ohne Wachposten oder Absicherung. Das sind elementare Fehler –«
»Ich hätte Crabbe und Goyle bei mir gehabt, wenn Sie sie nicht hätten nachsitzen lassen!«
»Nicht so laut!«, zischte Snape, denn Malfoys Stimme war vor Aufregung lauter geworden. »Wenn Ihre Freunde Crabbe und Goyle die Absicht haben, diesmal ihre ZAGs in Verteidigung gegen die dunklen Künste zu bestehen, dann müssen sie ein wenig fleißiger arbeiten, als sie es gegenwär–«
»Was spielt das für eine Rolle?«, sagte Malfoy. »Verteidigung gegen die dunklen Künste – das ist doch alles nur ein Witz, oder, ein Theaterspiel? Als ob irgendeiner von uns vor den dunklen Künsten geschützt werden müsste –«
»Es ist ein Theaterspiel, das entscheidend ist für den Erfolg, Draco!«, sagte Snape. »Wo, glauben Sie, wäre ich all die Jahre geblieben, wenn ich nicht gewusst hätte, wie man Theater spielt? Nun hören Sie mir zu! Sie sind unvorsichtig, streifen des Nachts umher, lassen sich erwischen, und wenn Sie Ihr Vertrauen in Gehilfen wie Crabbe und Goyle setzen –«
»Die sind nicht die Einzigen, ich hab noch andere Leute auf meiner Seite, bessere!«
»Warum vertrauen Sie sich dann nicht mir an, ich kann –«
»Ich weiß, was Sie vorhaben! Sie wollen mir den Ruhm stehlen!«
Wieder trat eine Pause ein, dann sagte Snape kühl: »Sie reden wie ein Kind. Ich verstehe vollkommen, dass die Gefangennahme und Inhaftierung Ihres Vaters Sie aufgewühlt hat, aber –«
Harry war kaum eine Sekunde vorgewarnt; er hörte Malfoys Schritte auf der anderen Seite der Tür und hechtete aus dem Weg, gerade als sie aufsprang; Malfoy marschierte den Korridor entlang davon, an der offenen Tür zu Slughorns Büro vorbei, und verschwand weit hinten um die Ecke.
Harry wagte kaum zu atmen und blieb zusammengekauert, während Snape langsam aus dem Klassenzimmer kam. Mit unergründlicher Miene kehrte er zum Fest zurück. Harry blieb unter seinem Tarnumhang verborgen auf dem Boden sitzen und in seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken.
Sehr frostige Weihnachten
»Also hat Snape ihm seine Hilfe angeboten? Er hat ihm eindeutig seine Hilfe angeboten?«
»Wenn du mich das noch einmal fragst«, erwiderte Harry, »dann steck ich dir diesen Rosenkohl –«
»Ich wollt ja nur wissen!«, sagte Ron. Sie standen zu zweit am Spülbecken in der Küche des Fuchsbaus und putzten für Mrs Weasley einen Berg Rosenkohl. Draußen vor dem Fenster trieb Schnee vorbei.
»Ja, Snape hat ihm seine Hilfe angeboten!«, sagte Harry. »Er hat angeblich Malfoys Mutter versprochen, ihn zu beschützen, er hat einen Unbrechbaren Eid oder so was geleistet –«
»Einen Unbrechbaren Schwur?«, sagte Ron mit verdutzter Miene. »Ach was, das kann nicht sein … bist du sicher?«
»Ja, allerdings«, sagte Harry. »Wieso, was bedeutet das?«
»Nun, man kann einen Unbrechbaren Schwur nicht brechen …«
»Komisch, aber da wär ich auch selbst draufgekommen. Also, was passiert, wenn man ihn bricht?«
»Man stirbt«, sagte Ron schlicht. »Als ich fünf war, haben Fred und George mal versucht, mich zu so was zu bringen. Ich war auch schon fast so weit, hab Freds Hand gehalten und alles, und in dem Moment hat Dad uns gefunden. Er ist völlig ausgerastet«, sagte Ron, der bei der Erinnerung ein Funkeln in den Augen bekam. »Das einzige Mal, dass ich Dad genauso wütend erlebt habe wie Mum. Fred meint, dass seine linke Pobacke seither nicht mehr die alte ist.«
»Ja, schön, aber Freds linke Pobacke mal beiseite –«
»Wie bitte?«, sagte Freds Stimme und die Zwillinge betraten die Küche.
»Aaah, George, schau dir das an. Die benutzen Messer und alles. Wie niedlich.«
»In zwei Monaten und ’n paar Tagen werd ich siebzehn«, erwiderte Ron mürrisch, »dann kann ich das mit einem Zauber erledigen!«
»Aber bis dahin«, sagte George, setzte sich an den Küchentisch und legte die Füße darauf, »haben wir das Vergnügen, euch dabei zuzusehen, wie ihr uns den richtigen Gebrauch eines – hoppala.«
»Das warst du!«, sagte Ron zornig und leckte an seinem blutenden Daumen. »Wart nur, wenn ich erst mal siebzehn bin –«
»Ich bin sicher, du wirst uns alle mit bislang ungeahnten magischen Fähigkeiten verblüffen.« Fred gähnte.
»Und wo wir schon bei bislang ungeahnten magischen Fähigkeiten sind, Ronald«, sagte George, »was hören wir da von Ginny über dich und eine junge Dame namens – wenn unsere Informationen nicht falsch sind – Lavender Brown?«
Ron lief leicht rosa an, wirkte aber nicht verstimmt, als er sich wieder dem Rosenkohl zuwandte.
»Kümmert euch doch um euren eigenen Kram.«
»Welch schlagfertige Antwort«, sagte Fred. »Ich weiß wirklich nicht, wie du immer auf so was kommst. Nein, was wir wissen wollten, war … wie ist es passiert?«
»Was meinst du?«
»Hatte sie vielleicht einen Unfall?«
»Was?«
»Na, wie hat sie sich einen so beträchtlichen Hirnschaden zugezogen? – Hör auf damit!«
Mrs Weasley betrat die Küche und bekam gerade noch mit, wie Ron das Rosenkohlmesser nach Fred warf, der es mit einem trägen Schlenker seines Zauberstabs in einen Papierflieger verwandelte.
»Ron!«, sagte sie wütend. »Ich möchte nie wieder sehen, dass du ein Messer wirfst!«
»In Ordnung«, sagte Ron, »ich lass es dich nie wieder sehen«, ergänzte er leise und widmete sich erneut dem Berg Rosenkohl.
»Fred, George, tut mir leid, meine Lieben, aber Remus kommt heute Abend, also muss ich Bill bei euch beiden unterbringen!«
»Kein Problem«, sagte George.
»Gut, und da Charlie nicht heimkommt, sind Harry und Ron allein in der Dachkammer, und wenn Fleur bei Ginny schläft –«
»– damit ist Weihnachten für Ginny gelaufen –«, murmelte Fred.
»– sind alle bequem untergebracht. Na ja, jedenfalls haben alle ein Bett –«, sagte Mrs Weasley und klang leicht erschöpft.
»Percy lässt sein hässliches Gesicht also definitiv nicht blicken?«, fragte Fred.
Mrs Weasley wandte sich ab, ehe sie antwortete.
»Nein, ich nehme an, er hat im Ministerium zu tun.«
»Oder er ist der größte Schwachkopf der Welt«, sagte Fred, als Mrs Weasley die Küche verließ. »Eins von beidem. Also, dann mal los, George.«
»Was habt ihr beiden vor?«, fragte Ron. »Könnt ihr uns nicht mit diesem Rosenkohl helfen? Ihr könntet einfach eure Zauberstäbe benutzen und dann hätten wir auch frei!«
»Nein, ich denke nicht, dass wir das tun können«, sagte Fred ernst. »Es trägt sehr zur Charakterbildung bei, wenn man lernt, Rosenkohl ohne Magie zu putzen, da könnt ihr mal sehen, wie schwierig es für Muggel und Squibs ist –«
»– und wenn du willst, dass dir einer hilft, Ron«, fügte George hinzu und schickte ihm den Papierflieger entgegen, »würde ich nicht mit Messern nach ihm werfen. Nur als kleiner Hinweis. Wir sind dann im Dorf, im Schreibwarenladen arbeitet ein sehr hübsches Mädchen, das meint, dass meine Kartentricks was Wunderbares sind … fast wie richtige Magie …«
»Blödmänner«, sagte Ron finster und sah Fred und George nach, die über den verschneiten Hof davongingen. »Die hätten nur zehn Sekunden gebraucht und dann hätten wir auch verschwinden können.«
»Ich nicht«, sagte Harry. »Ich hab Dumbledore versprochen, dass ich nicht durch die Gegend ziehe, solange ich hier bin.«
»Oh, na gut«, sagte Ron. Er putzte noch ein wenig Rosenkohl, dann sagte er: »Erzählst du Dumbledore, was Snape und Malfoy miteinander beredet haben?«
»Jep«, sagte Harry. »Ich sag es jedem, der diese Sache aufhalten kann, und Dumbledore ist der Erste auf der Liste. Und mit deinem Dad unterhalte ich mich vielleicht auch noch mal.«
»Schade nur, dass du nicht gehört hast, was Malfoy eigentlich macht.«
»Das konnte ich ja gar nicht, oder? Der Punkt war doch, dass er es Snape nicht erzählen wollte.«
Einige Augenblicke herrschte Schweigen, dann sagte Ron: »Du weißt natürlich, was sie alle sagen werden? Dad und Dumbledore und die andern? Sie werden sagen, dass Snape gar nicht wirklich versucht, Malfoy zu helfen, dass er nur rausfinden wollte, was Malfoy vorhat.«
»Die haben ihn nicht gehört«, sagte Harry tonlos. »So gut kann keiner schauspielern, nicht mal Snape.«
»Jaah, trotzdem … ich wollt’s dir nur sagen«, erwiderte Ron.
Harry sah sich stirnrunzelnd zu ihm um.
»Aber du glaubst doch, dass ich Recht habe?«
»Jaah, schon!«, sagte Ron hastig. »Ehrlich! Aber die sind alle überzeugt, weil Snape ja im Orden ist, oder?«
Harry sagte nichts. Der Gedanke war ihm bereits gekommen, dass das der wahrscheinlichste Einwand gegen seine neuen Beweise sein würde; er hörte Hermine schon sagen:
»Ganz klar, Harry, er hat so getan, als würde er Hilfe anbieten, damit Malfoy darauf reinfällt und ihm verrät, was er vorhat …«
Doch das spielte sich nur in seiner Phantasie ab, denn er hatte keine Möglichkeit gehabt, Hermine zu erzählen, was er mitgehört hatte. Sie war von Slughorns Party verschwunden, ehe er zurückgekehrt war, zumindest hatte er das von einem wütenden McLaggen erfahren, und als er dann in den Gemeinschaftsraum kam, war sie schon zu Bett gegangen. Da Harry und Ron früh am nächsten Tag zum Fuchsbau abgereist waren, hatte er kaum Zeit gehabt, ihr frohe Weihnachten zu wünschen und ihr zu sagen, dass er nach den Ferien sehr wichtige Neuigkeiten für sie habe. Er war sich jedoch nicht ganz sicher, ob sie ihn gehört hatte; Ron und Lavender hatten sich gerade unmittelbar hinter ihm auf höchst ungesagte Art und Weise verabschiedet.
Dennoch, selbst Hermine würde eines nicht bestreiten können: Malfoy führte ganz bestimmt etwas im Schilde, und Snape wusste es, deshalb fand Harry, dass er mit gutem Recht behaupten konnte: »Ich hab’s euch doch gesagt«, was er Ron gegenüber auch schon einige Male getan hatte.
Harry hatte keine Gelegenheit, mit Mr Weasley zu sprechen, der immer erst sehr spät von der Arbeit aus dem Ministerium nach Hause kam, bis es dann schon Heiligabend war. Die Weasleys und ihre Gäste saßen im Wohnzimmer, das Ginny so üppig geschmückt hatte, dass man eher den Eindruck hatte, mitten in einem Vulkanausbruch von Girlanden zu sitzen. Fred, George, Harry und Ron waren die Einzigen, die wussten, dass der Engel an der Spitze des Baums in Wahrheit ein Gartengnom war, der Fred beim Karottenholen für das Weihnachtsabendessen in den Knöchel gebissen hatte. Von einem Schockzauber gebannt, golden angemalt, in ein winziges Ballettröckchen gezwängt und mit angeklebten Flügelchen auf dem Rücken schaute er böse auf sie alle herab, der hässlichste Engel, den Harry je gesehen hatte, mit einem großen kahlen Kartoffelkopf und ziemlich behaarten Füßen.
Eigentlich sollten sie alle einem weihnachtlichen Funkkonzert von Mrs Weasleys Lieblingssängerin, Celestina Warbeck, lauschen, deren Stimme aus dem großen hölzernen Radio trällerte. Doch Fleur, die Celestina offenbar sehr langweilig fand, redete so laut in ihrer Ecke, dass Mrs Weasley mit finsterer Miene immer wieder den Zauberstab auf den Lautstärkeregler richtete und Celestina ständig lauter wurde. Im Schutz einer besonders jazzigen Nummer mit dem Titel »Ein Kessel voller heißer, starker Liebe« begannen Fred und George unbemerkt eine Runde Zauberschnippschnapp mit Ginny. Ron warf Bill und Fleur ständig verstohlene Blicke zu, als hoffte er, etwas abkupfern zu können. Unterdessen saß Remus Lupin, der magerer und zerlumpter aussah denn je, am Feuer und starrte in dessen Tiefen, als könnte er Celestinas Stimme nicht hören.
»Oh, komm und rühr meinen Kessel,
bist du einer, der’s richtig macht,
koch ich dir heiße, starke Liebe,
die dich warm hält heute Nacht.«
»Dazu haben wir getanzt, als wir achtzehn waren!«, sagte Mrs Weasley und wischte sich die Augen an ihrem Strickzeug ab. »Weißt du noch, Arthur?«
»Mpff?«, machte Mr Weasley, der über der Mandarine, die er schälte, eingenickt war. »O ja … wundervolles Lied …«
Mit einem Ruck setzte er sich ein wenig aufrechter hin und wandte sich Harry zu, der neben ihm saß.
»Ich kann leider nichts dafür«, sagte er, und sein Kopf zuckte in Richtung Radio, als Celestina den Refrain anstimmte. »Ist bald zu Ende.«
»Kein Problem«, sagte Harry grinsend. »War sehr viel los im Ministerium?«
»Allerdings«, sagte Mr Weasley. »Das würde mir ja nichts ausmachen, wenn wir nur irgendwie vorankämen, doch ich bezweifle, dass einer von den drei Leuten, die wir in den letzten paar Monaten verhaftet haben, ein echter Todesser ist – aber erzähl das bloß nicht weiter, Harry«, fügte er rasch hinzu und wirkte plötzlich viel wacher.
»Halten die etwa immer noch Stan Shunpike fest?«, fragte Harry.
»Ich fürchte, ja«, sagte Mr Weasley. »Ich weiß, dass Dumbledore versucht hat, bei Scrimgeour persönlich ein Wort für Stan einzulegen … ich meine, jeder, der Stan selbst befragt hat, gibt zu, dass er ungefähr so viel von einem Todesser hat wie diese Mandarine … aber in der Führungsetage will man den Eindruck vermitteln, dass es gewisse Fortschritte gibt, und ›drei Leute verhaftet‹ klingt besser als ›drei Leute irrtümlich verhaftet und wieder freigelassen‹ … aber noch mal, das ist alles streng geheim …«
»Ich werd nichts ausplaudern«, sagte Harry. Er zögerte einen Moment, weil er nicht wusste, wie er am besten mit seinem Thema anfangen sollte; während er seine Gedanken ordnete, stimmte Celestina Warbeck eine Ballade an: »Dein Zauber riss mir das Herz aus der Brust«.
»Mr Weasley, erinnern Sie sich noch, was ich Ihnen am Bahnhof gesagt habe, als wir zur Schule gefahren sind?«
»Ich habe nachgeforscht, Harry«, antwortete Mr Weasley sofort. »Ich hab das Haus der Malfoys tatsächlich durchsucht. Da war nichts, was nicht hätte dort sein dürfen, weder was Kaputtes noch was Ganzes.«
»Jaah, ich weiß, ich hab im Propheten gelesen, dass Sie nachgesehen haben … aber ich hab da noch etwas anderes … also, das ist schon was Handfestes …«
Und Harry erzählte Mr Weasley alles, was er von Malfoys und Snapes Unterhaltung mitbekommen hatte. Während er sprach, sah er, wie Lupin den Kopf ein wenig zu ihm drehte und jedem Wort lauschte. Als er fertig war, trat eine Stille ein und nur noch Celestinas Schmachtgesang war zu hören.
»Oh, mein arm Herz, wo ist es hin?
Verlassen hat es mich für einen Zauber …«
»Ist dir schon mal der Gedanke gekommen, Harry«, sagte Mr Weasley, »dass Snape vielleicht einfach nur so getan hat –«
»Dass er so getan hat, als würde er Hilfe anbieten, um herauszufinden, was Malfoy vorhat?«, sagte Harry rasch. »Ja, ich dachte mir, dass Sie das sagen würden. Aber wie wollen wir das rauskriegen?«
»Es ist nicht unsere Sache, das herauszukriegen«, sagte Lupin unerwartet. Er hatte dem Feuer nun den Rücken zugewandt und sah an Mr Weasley vorbei zu Harry. »Das ist Dumbledores Sache. Dumbledore vertraut Severus und das sollte uns allen genügen.«
»Aber«, sagte Harry, »angenommen – nur angenommen, Dumbledore irrt sich bei Snape –«
»Das wird immer wieder behauptet. Es geht letztendlich darum, ob man Dumbledores Urteil vertraut oder nicht. Ich tue es; deshalb vertraue ich Severus.«
»Aber Dumbledore kann Fehler machen«, wandte Harry ein. »Er sagt es selber. Und Sie –«
Er blickte Lupin direkt in die Augen.
»– mögen Sie Snape wirklich?«
»Ich mag Severus nicht, aber er ist mir auch nicht zuwider«, sagte Lupin. »Nein, Harry, ich sage es ganz ehrlich«, fügte er hinzu, da Harry eine ungläubige Miene aufsetzte. »Wir werden vielleicht nie Busenfreunde werden, nach all dem, was zwischen James und Sirius und Severus geschehen ist, da liegt zu viel Bitterkeit drin. Aber ich vergesse nicht, dass Severus in dem Jahr, als ich in Hogwarts unterrichtet habe, jeden Monat den Wolfsbann-Trank für mich zubereitet hat, und zwar tadellos, so dass ich nicht wie sonst bei Vollmond zu leiden hatte.«
»Aber es ist ihm ›zufällig‹ rausgerutscht, dass Sie ein Werwolf sind, und deshalb mussten Sie gehen!«, sagte Harry zornig.
Lupin zuckte die Achseln.
»Das wäre ohnehin durchgesickert. Wir wissen beide, dass er meine Stelle wollte, aber er hätte mir viel mehr schaden können, wenn er den Zaubertrank verpfuscht hätte. Er hat dafür gesorgt, dass ich gesund blieb. Ich muss ihm dankbar sein.«
»Vielleicht hat er es nicht gewagt, irgendwas mit dem Zaubertrank anzustellen, weil Dumbledore ihn beobachtet hat!«, sagte Harry.
»Du willst ihn unbedingt hassen, Harry«, sagte Lupin mit einem schwachen Lächeln. »Und ich verstehe das; mit James als deinem Vater und Sirius als deinem Paten hast du ein altes Vorurteil geerbt. Erzähl unbedingt Dumbledore, was du Arthur und mir erzählt hast, aber erwarte nicht, dass er deine Auffassung in dieser Sache teilt; erwarte nicht mal, dass er von dem, was du ihm erzählst, überrascht ist. Möglicherweise hat Severus Draco auf Dumbledores Befehl hin befragt.«
»… mein Herz, du hast es ganz zerrissen,
gib’s mir zurück, ich will’s nicht missen!«
Celestina beendete ihr Lied mit einem sehr langen hohen Ton, und als lauter Beifall aus dem Radio drang, stimmte Mrs Weasley begeistert ein.
»Ist es su Ende?«, sagte Fleur laut. »Gütiger ’immel, was für eine schrecklische –«
»Wie wär’s noch mit einem kleinen Schlummertrunk?«, fragte Mr Weasley laut und sprang auf. »Wer möchte Eierflip?«
»Was haben Sie in letzter Zeit gemacht?«, fragte Harry Lupin, während Mr Weasley davonwuselte, um den Eierflip zu holen, und alle anderen sich streckten und anfingen sich zu unterhalten.
»Oh, ich war im Untergrund«, sagte Lupin. »Fast buchstäblich. Deshalb konnte ich nicht schreiben, Harry; wenn ich dir Briefe geschickt hätte, dann hätte ich mich praktisch verraten.«
»Was meinen Sie damit?«
»Ich habe unter meinen Artgenossen gelebt, unter meinesgleichen«, sagte Lupin. »Werwölfe«, fügte er hinzu, als er Harrys verständnisloses Gesicht sah. »Sie sind fast alle auf Voldemorts Seite. Dumbledore brauchte einen Spion, und da war ich … wie geschaffen für die Aufgabe.«
Er klang ein wenig bitter und merkte es wohl auch, denn als er fortfuhr, lächelte er freundlicher. »Ich will mich nicht beklagen; diese Arbeit ist notwendig, und wer kann sie besser erledigen als ich? Doch es war schwierig, ihr Vertrauen zu gewinnen. Ich trage die unverkennbaren Zeichen eines Mannes, der versucht hat unter Zauberern zu leben, verstehst du, während sie sich von der normalen Gesellschaft fernhalten und am Rande leben, stehlen – und manchmal töten –, um zu überleben.«
»Wie kommt es, dass sie Voldemort mögen?«
»Sie glauben, dass sie unter seiner Herrschaft ein besseres Leben haben werden«, sagte Lupin. »Und es ist schwierig, dagegen anzukommen, solange Greyback da draußen ist …«
»Wer ist Greyback?«
»Du hast noch nicht von ihm gehört?« Lupins Hände verkrampften sich jäh in seinem Schoß. »Fenrir Greyback ist vielleicht der blutrünstigste Werwolf, der heute lebt. Er betrachtet es als seine Mission, so viele Leute wie möglich zu beißen und anzustecken; er will so viele Werwölfe hervorbringen, dass er die Zauberer besiegen kann. Voldemort hat ihm als Gegenleistung für seine Dienste Beute angeboten. Greyback ist auf Kinder spezialisiert … beiß sie, wenn sie noch jung sind, sagt er, und zieh sie fern von ihren Eltern auf, erziehe sie zum Hass auf normale Zauberer. Voldemort droht Leuten damit, ihn auf ihre Söhne und Töchter loszulassen; mit dieser Drohung ist er meistens erfolgreich.«
Lupin hielt inne, dann sagte er: »Es war Greyback, der mich gebissen hat.«
»Was?«, sagte Harry erstaunt. »Als – als Sie noch ein Kind waren, meinen Sie?«
»Ja. Mein Vater hatte ihn beleidigt. Sehr lange Zeit kannte ich die Identität des Werwolfs nicht, der mich angegriffen hatte; ich hatte sogar Mitleid mit ihm, weil ich dachte, er hätte keine Kontrolle über sich gehabt, da ich inzwischen wusste, wie es sich anfühlt, wenn man sich verwandelt. Aber Greyback ist nicht so. Bei Vollmond legt er sich in der Nähe von Opfern auf die Lauer, dicht genug dran, um zuschlagen zu können. Er plant das alles. Und das ist der Mann, den Voldemort benutzt, um die Werwölfe hinter sich zu bringen. Ich kann nicht behaupten, dass meine Art, vernünftig zu argumentieren, gegen Greybacks Parolen viel ausrichtet, wenn er sagt, dass wir Werwölfe Blut verdient haben, dass wir uns an normalen Menschen rächen sollten.«
»Aber Sie sind doch normal«, sagte Harry heftig. »Sie haben nur ein – ein Problem –«
Lupin lachte laut auf.
»Manchmal erinnerst du mich sehr an James. Er hat es mein ›pelziges kleines Problem‹ genannt, wenn wir unter Leuten waren. Viele nahmen an, dass ich ein unartiges Kaninchen besitze.«
Er nahm dankend ein Glas Eierflip von Mr Weasley entgegen und wirkte jetzt eine Spur fröhlicher. Harry jedoch überkam plötzlich Aufregung: Als der Name seines Vaters eben gefallen war, hatte er sich daran erinnert, dass er Lupin unbedingt etwas fragen wollte.
»Haben Sie schon mal von jemandem gehört, der Halbblutprinz heißt?«
»Halbblut– was?«
»Prinz«, sagte Harry und beobachtete ganz genau, ob er irgendein Zeichen des Wiedererkennens zeigte.
»Es gibt keine Prinzen in der Zaubererwelt«, sagte Lupin und lächelte jetzt. »Willst du dir diesen Titel zulegen? Ich hätte gedacht, der ›Auserwählte‹ zu sein würde genügen.«
»Das hat nichts mit mir zu tun!«, sagte Harry ungehalten. »Der Halbblutprinz ist jemand, der früher mal Schüler in Hogwarts war, ich hab sein altes Zaubertrankbuch. Er hat es mit Zaubersprüchen vollgeschrieben, die er selbst erfunden hat. Einer davon war Levicorpus –«
»Oh, der war zu meiner Zeit in Hogwarts ziemlich beliebt«, erinnerte sich Lupin. »Es gab ein paar Monate in meinem fünften Jahr, in denen man sich kaum bewegen konnte, weil man ständig an den Knöcheln in die Luft gerissen wurde.«
»Mein Dad hat ihn verwendet«, sagte Harry. »Ich hab ihn im Denkarium gesehen, er hat ihn gegen Snape eingesetzt.«
Er wollte eigentlich beiläufig klingen, als wäre es eine unbedeutende, eher belanglose Bemerkung, aber er war nicht sicher, ob er die richtige Wirkung erzielt hatte; Lupin lächelte eine Spur zu verständnisvoll.
»Ja«, sagte er, »aber er war nicht der Einzige. Wie gesagt, der Zauber war sehr populär … du weißt ja, wie die auftauchen und wieder verschwinden …«
»Aber mir kommt es vor, als wäre er während Ihrer Schulzeit erfunden worden«, beharrte Harry.
»Nicht zwangsläufig«, sagte Lupin. »Zauber kommen und gehen mit der Mode, wie alles andere auch.« Er sah Harry ins Gesicht und dann sagte er leise: »James war ein Reinblüter, Harry, und ich versichere dir, er hat uns nie aufgefordert, ihn ›Prinz‹ zu nennen.«
Harry verstellte sich nicht länger, als er fragte: »Und es war nicht Sirius? Und Sie waren es auch nicht?«
»Ganz bestimmt nicht.«
»Oh.« Harry starrte ins Feuer. »Ich dachte nur – also, er hat mir im Zaubertrankunterricht sehr geholfen, dieser Prinz.«
»Wie alt ist das Buch, Harry?«
»Keine Ahnung, ich hab nicht nachgeschaut.«
»Nun, vielleicht gibt dir das einen Hinweis darauf, wann der Prinz in Hogwarts war«, sagte Lupin.
Wenig später beschloss Fleur, Celestina nachzueifern, und sang »Ein Kessel voller ’eißer, starker Liebe«, was von allen, sobald sie einen Blick auf Mrs Weasleys Miene geworfen hatten, als Signal verstanden wurde, schlafen zu gehen. Harry und Ron stiegen hinauf in Rons Dachzimmer, wo für Harry ein Feldbett aufgestellt worden war.
Ron schlief fast sofort ein, doch Harry grub in seinem Koffer und zog sein Zaubertränke für Fortgeschrittene heraus, ehe er zu Bett ging. Dort blätterte er und suchte auf jeder Seite, bis er schließlich vorne im Buch das Datum fand, an dem es veröffentlicht worden war. Es war fast fünfzig Jahre alt. Weder sein Vater noch die Freunde seines Vaters waren vor fünfzig Jahren in Hogwarts gewesen. Enttäuscht warf Harry das Buch wieder in den Koffer, löschte die Lampe und drehte sich auf die Seite, während er an Werwölfe und Snape, Stan Shunpike und den Halbblutprinzen dachte, und dann endlich sank er in einen unruhigen Schlaf voller kriechender Schatten und Schreie gebissener Kinder …
»Das muss wohl ein Scherz von ihr sein …«
Harry schreckte aus dem Schlaf hoch und sah am Fußende seines Bettes einen prall gefüllten Strumpf. Er setzte seine Brille auf und schaute sich um; das winzige Fenster war vom Schnee fast völlig verdunkelt, und davor saß Ron kerzengerade im Bett und musterte etwas, das offenbar eine dicke Goldkette war.
»Was ist das?«, fragte Harry.
»Das ist von Lavender«, sagte Ron und klang empört. »Die kann doch nicht im Ernst glauben, dass ich das tragen …«
Harry sah genauer hin und lachte laut auf. In großen goldenen Buchstaben baumelten von der Kette die Worte »Mein Herzblatt«.
»Nett«, sagte er. »Hat richtig Klasse. Du solltest das unbedingt vor Fred und George tragen.«
»Wenn du es denen erzählst«, sagte Ron und schob das Halsband unter sein Kissen, damit es nicht mehr zu sehen war, »dann – dann – dann werd ich –«
»Mich anstottern?« Harry grinste. »Jetzt hör aber auf, traust du mir so was zu?«
»Aber wie kommt sie bloß auf den Gedanken, dass ich so was mögen könnte?«, fragte Ron ins Blaue hinein, offenbar ziemlich schockiert.
»Versuch dich doch mal zu erinnern«, sagte Harry. »Hast du zufällig irgendwann mal fallen lassen, dass du gern mit den Worten ›Mein Herzblatt‹ um den Hals in aller Öffentlichkeit herumspazieren würdest?«
»Na ja – wir reden eigentlich nicht so viel«, sagte Ron. »Hauptsächlich …«
»Knutscht ihr«, sagte Harry.
»Jaah, schon«, sagte Ron. Er zögerte einen Moment, dann sagte er: »Geht Hermine jetzt wirklich mit McLaggen?«
»Keine Ahnung«, erwiderte Harry. »Sie waren zusammen auf Slughorns Party, aber ich glaub nicht, dass es sonderlich gut gelaufen ist.«
Ron sah ein wenig fröhlicher aus, als er noch tiefer in seinem Strumpf wühlte.
Harry hatte unter anderem einen Pullover geschenkt bekommen, in den Mrs Weasley eigenhändig vorn einen großen Goldenen Schnatz eingestrickt hatte, eine große Schachtel mit Produkten aus Weasleys Zauberhafte Zauberscherze von den Zwillingen und ein etwas feuchtes, muffig riechendes Päckchen mit einem Etikett, auf dem stand: »Für den Meister, von Kreacher«.
Harry starrte es an. »Meinst du, ich kann es riskieren, das aufzumachen?«, fragte er.
»Was Gefährliches kann es nicht sein, unsere ganze Post wird immer noch im Ministerium durchsucht«, erwiderte Ron, doch auch er beäugte das Paket misstrauisch.
»Ich hab gar nicht dran gedacht, Kreacher was zu schenken! Macht man seinen Hauselfen normalerweise Weihnachtsgeschenke?«, fragte Harry und klopfte vorsichtig auf das Paket.
»Hermine würde das machen«, sagte Ron. »Aber schauen wir erst mal, was drin ist, bevor du ein schlechtes Gewissen kriegst.«
Einen Moment später stieß Harry einen lauten Schrei aus und sprang von seinem Feldbett; das Päckchen enthielt einen Haufen Maden.
»Nett«, sagte Ron und brüllte vor Lachen. »Wie aufmerksam.«
»Lieber die als dieses Halsband«, sagte Harry, was Ron schlagartig ernüchterte.
Zum Mittagessen am Weihnachtstag hatten alle neue Pullover an, außer Fleur (an die Mrs Weasley anscheinend keinen hatte verschwenden wollen) und Mrs Weasley selbst, die einen brandneuen nachtblauen Hexenhut trug, an dem etwas wie winzige sternförmige Brillanten glitzerten, und ein Aufsehen erregendes goldenes Halsband.
»Die hab ich von Fred und George bekommen! Wunderschön, nicht wahr?«
»Na ja, wir wissen dich eben immer mehr zu schätzen, Mum, jetzt, wo wir unsere Socken selber waschen«, sagte George mit einer lässigen Handbewegung. »Pastinaken, Remus?«
»Harry, du hast eine Made im Haar«, sagte Ginny fröhlich und beugte sich über den Tisch, um sie herauszufischen; Harry spürte, wie ihm eine Gänsehaut den Nacken emporkroch, die nichts mit der Made zu tun hatte.
»Wie schrecklisch«, sagte Fleur mit einem gekünstelten kleinen Schaudern.
»Ja, nicht wahr?«, sagte Ron. »Soße, Fleur?«
In seinem Eifer, ihr behilflich zu sein, stieß er die Soßenschüssel um; Bill schwang seinen Zauberstab, die Soße rauschte in die Luft und kehrte brav in ihre Schüssel zurück.
»Du bist so furschtbar wie diese Tonks«, sagte Fleur zu Ron, als sie damit fertig war, Bill zum Dank abzuküssen. »Immer wirft sie –«
»Ich habe die liebe Tonks für heute eingeladen«, sagte Mrs Weasley, stellte die Karotten unnötig heftig auf den Tisch und funkelte Fleur an. »Aber sie wollte nicht kommen. Hast du in letzter Zeit mal mit ihr gesprochen, Remus?«
»Nein, ich hatte mit niemandem viel Kontakt«, sagte Lupin. »Aber Tonks hat doch ihre eigene Familie, da kann sie hingehen, oder nicht?«
»Hmm«, machte Mrs Weasley. »Vielleicht. Ich hatte eher den Eindruck, dass sie vorhatte, Weihnachten allein zu feiern.«
Sie warf Lupin einen verärgerten Blick zu, als ob es nur seine Schuld wäre, dass sie Fleur statt Tonks als Schwiegertochter bekam, aber Harry sah zu Fleur hinüber, die Bill gerade mit Truthahnstückchen von ihrer Gabel fütterte, und dachte, dass Mrs Weasley eine längst verlorene Schlacht kämpfte. Doch dann fiel ihm eine Frage ein, die er zu Tonks hatte, und wem konnte er sie besser stellen als Lupin, der alles über Patroni wusste?
»Tonks’ Patronus hat seine Gestalt verändert«, sagte er zu ihm. »Jedenfalls hat Snape das behauptet. Ich wusste nicht, dass so etwas vorkommen kann. Warum verändert sich ein Patronus?«
Lupin nahm sich Zeit, seinen Bissen Truthahn zu kauen und hinunterzuschlucken, dann antwortete er langsam: »Manchmal … ein schwerer Schock … ein seelischer Umbruch …«
»Er sah groß aus und hatte vier Beine«, sagte Harry, dann kam ihm plötzlich ein Gedanke und er senkte die Stimme. »Hey – könnte es nicht sein, dass –?«
»Arthur!«, sagte Mrs Weasley auf einmal. Sie war von ihrem Stuhl aufgestanden; die Hand fest über dem Herzen, starrte sie aus dem Küchenfenster. »Arthur – da ist Percy!«
»Was?«
Mr Weasley blickte sich um. Alle schauten rasch zum Fenster; Ginny stand auf, um besser sehen zu können. Tatsächlich, dort war Percy Weasley, er überquerte den verschneiten Hof und seine Hornbrille glitzerte im Sonnenlicht. Er war allerdings nicht allein.
»Arthur, er – er kommt mit dem Minister!«
Und tatsächlich, der Mann, den Harry im Tagespropheten gesehen hatte, lief mit einem leichten Hinken hinter Percy her, seine angegraute Haarmähne und sein schwarzer Umhang waren mit Schneeflocken bestäubt. Ehe einer von ihnen etwas sagen konnte, ehe Mr und Mrs Weasley mehr tun konnten, als verblüffte Blicke zu wechseln, ging die Hintertür auf und Percy stand vor ihnen.
Ein kurzes peinliches Schweigen trat ein. Dann sagte Percy ziemlich steif: »Frohe Weihnachten, Mutter.«
»Oh, Percy!«, rief Mrs Weasley und warf sich in seine Arme.
Rufus Scrimgeour blieb, auf seinen Gehstock gestützt, in der Tür stehen und lächelte, während er diese ergreifende Szene beobachtete.
»Verzeihen Sie diese Störung«, sagte er, als Mrs Weasley sich strahlend zu ihm umdrehte und sich die Tränen abwischte. »Percy und ich hatten in der Nähe – zu tun, wissen Sie – und er konnte einfach nicht widerstehen, bei Ihnen vorbeizuschauen und allen hallo zu sagen.«
Aber Percy machte nicht den Anschein, als ob er sonst noch jemanden von der Familie begrüßen wollte. Stocksteif und mit offensichtlichem Unbehagen stand er da und starrte über die Köpfe aller Anwesenden hinweg. Mr Weasley, Fred und George musterten ihn mit steinernen Mienen.
»Bitte, kommen Sie herein und setzen Sie sich, Minister!«, sagte Mrs Weasley mit zittriger Stimme und rückte ihren Hut zurecht. »Vielleicht möchten Sie ein wenig Pruthahn oder etwas Tudding … ich meine –«
»Nein, nein, meine liebe Molly«, erwiderte Scrimgeour. Harry nahm an, dass er Percy nach ihrem Namen gefragt hatte, ehe sie das Haus betreten hatten. »Ich will nicht stören, ich wäre ja gar nicht hier, wenn Percy Sie alle nicht so gern besucht hätte …«
»Oh, Perce!«, sagte Mrs Weasley unter Tränen und reckte sich, um ihn zu küssen.
»… wir wollten nur fünf Minuten vorbeischauen, also werde ich ein wenig über den Hof spazieren, denn Sie und Percy haben sich gewiss viel zu erzählen. Nein, nein, ganz sicher, da will ich mich nicht einmischen! Nun ja, wenn jemand Lust hätte, mir Ihren bezaubernden Garten zu zeigen … Ah, dieser junge Mann ist mit dem Essen fertig, wie wär’s, wenn er einen kleinen Spaziergang mit mir macht?«
Die Stimmung am Tisch änderte sich spürbar. Alle blickten von Scrimgeour zu Harry. Keiner schien es Scrimgeour abzunehmen, dass er Harrys Namen angeblich nicht kannte, oder es für selbstverständlich zu halten, dass ausgerechnet er den Minister durch den Garten begleiten sollte, wo doch Ginny, Fleur und George ebenfalls leere Teller hatten.
»Jaah, in Ordnung«, sagte Harry in die Stille hinein.
Er ließ sich nichts vormachen; Scrimgeour mochte noch so sehr darauf beharren, sie seien gerade in der Gegend gewesen und Percy habe nur seine Familie besuchen wollen – dass Scrimgeour allein mit Harry sprechen wollte, war der eigentliche Grund, weshalb sie gekommen waren.
»Schon okay«, sagte er leise, als er an Lupin vorbeikam, der sich halb vom Stuhl erhoben hatte. »Okay«, fügte er hinzu, als Mr Weasley den Mund öffnete, um etwas zu sagen.
»Wunderbar!«, sagte Scrimgeour und trat zurück, um Harry vor sich durch die Tür zu lassen. »Wir drehen nur eine Runde durch den Garten, dann verschwinden Percy und ich wieder. Feiern Sie einfach alle weiter!«
Harry ging durch den Hof auf den überwucherten, schneebedeckten Garten der Weasleys zu, der leicht hinkende Scrimgeour an seiner Seite. Er war, wie Harry wusste, Leiter des Aurorenbüros gewesen; er wirkte zäh und war voller Narben von Kämpfen, ganz anders als der korpulente Fudge mit seinem Bowler.
»Bezaubernd«, sagte Scrimgeour, blieb am Gartenzaun stehen und blickte über den verschneiten Rasen und die Pflanzen, die nicht zu unterscheiden waren. »Bezaubernd.«
Harry sagte nichts. Er spürte, dass Scrimgeour ihn beobachtete.
»Ich möchte Sie schon seit geraumer Zeit kennen lernen«, sagte Scrimgeour nach einigen Augenblicken. »Wussten Sie das?«
»Nein«, erwiderte Harry wahrheitsgemäß.
»Oh, doch, seit geraumer Zeit. Aber Dumbledore hat Sie immer gehütet wie einen Augapfel«, sagte Scrimgeour. »Normal, natürlich, ganz normal, nach dem, was Sie durchgemacht haben … besonders nach dem, was im Ministerium passiert ist …«
Er wartete darauf, dass Harry etwas sagte, aber Harry tat ihm den Gefallen nicht, also fuhr er fort: »Seit ich mein Amt angetreten habe, hoffe ich auf eine Gelegenheit, mit Ihnen zu sprechen, aber Dumbledore hat dies – wie gesagt, höchst verständlicherweise – verhindert.«
Harry sagte immer noch nichts und wartete ab.
»Die Gerüchte, die man überall zu hören bekam!«, sagte Scrimgeour. »Nun, wir wissen natürlich beide, wie diese Geschichten verdreht werden … all dieses Gemunkel über eine Prophezeiung … dass Sie der ›Auserwählte‹ seien …«
Jetzt kamen sie der Sache näher, dachte Harry, dem Grund, warum Scrimgeour hier war.
»… ich nehme an, Dumbledore hat diese Dinge mit Ihnen besprochen?«
Harry überlegte; er fragte sich, ob er lügen sollte oder nicht. Er betrachtete die kleinen Gnomenspuren überall in den Blumenbeeten und den aufgescharrten Fleck, offenbar die Stelle, wo Fred den Gnomen gefangen hatte, der jetzt im Ballettröckchen den Weihnachtsbaum krönte. Schließlich entschied er sich für die Wahrheit … oder ein bisschen davon.
»Jaah, wir haben darüber gesprochen.«
»Haben Sie, haben Sie …«, sagte Scrimgeour. Harry konnte aus den Augenwinkeln sehen, wie Scrimgeour ihn schräg von der Seite her anschaute, deshalb tat er so, als würde er sich sehr für einen Gnomen interessieren, der gerade seinen Kopf unter einem erfrorenen Rhododendron hervorgestreckt hatte. »Und was hat Dumbledore Ihnen gesagt, Harry?«
»Tut mir leid, aber das bleibt unter uns«, sagte Harry.
Er bemühte sich, möglichst nett zu klingen, und auch Scrimgeour antwortete in einem heiteren und freundlichen Ton: »Oh, selbstverständlich, wenn es um Vertraulichkeiten geht, will ich natürlich nicht, dass Sie irgendetwas preisgeben … nein, nein … und ohnehin, spielt es denn wirklich eine Rolle, ob Sie der Auserwählte sind oder nicht?«
Harry musste einige Sekunden darüber nachdenken, ehe er antwortete.
»Ich weiß nicht genau, was Sie meinen, Minister.«
»Nun, natürlich, für Sie wird es eine gewaltige Rolle spielen«, sagte Scrimgeour lachend. »Aber für die Zauberergemeinschaft insgesamt … es ist alles eine Frage der Wahrnehmung, nicht wahr? Wichtig ist, was die Leute glauben.«
Harry sagte nichts. Er meinte ungefähr abzusehen, worauf Scrimgeour hinauswollte, aber er würde ihm nicht helfen, dort hinzugelangen. Der Gnom unter dem Rhododendron grub jetzt an den Wurzeln nach Würmern, und Harry hielt seinen Blick auf ihn geheftet.
»Die Leute glauben, dass Sie der Auserwählte sind, verstehen Sie«, sagte Scrimgeour. »Sie halten Sie für einen richtigen Helden – was Sie natürlich sind, Harry, auserwählt oder nicht! Wie viele Male haben Sie Ihm, dessen Name nicht genannt werden darf, nun schon gegenübergestanden? Wie auch immer«, fuhr er rasch fort, ohne eine Antwort abzuwarten, »der Punkt ist, dass Sie für viele ein Symbol der Hoffnung sind, Harry. Die Vorstellung, da draußen sei jemand, der vielleicht in der Lage ist, der vielleicht sogar dazu ausersehen ist, Ihn, dessen Name nicht genannt werden darf, zu vernichten – nun, das gibt den Menschen natürlich Auftrieb. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass Sie, sobald Sie dies erkennen, es als, nun ja, fast als Ihre Pflicht ansehen könnten, an der Seite des Ministeriums zu stehen und damit allen neuen Mut zu machen.«
Dem Gnomen war es eben gelungen, einen Wurm zu erwischen. Er zerrte jetzt heftig an ihm, um ihn aus dem gefrorenen Boden zu bekommen. Harry schwieg so lange, bis Scrimgeour, der von Harry zum Gnomen blickte, sagte: »Komische kleine Kerlchen, nicht wahr? Aber was meinen Sie, Harry?«
»Ich verstehe nicht genau, was Sie wollen«, sagte Harry langsam. »›An der Seite des Ministeriums stehen‹ … was soll das heißen?«
»Oh, nun, es ist im Grunde ganz einfach, das kann ich Ihnen versichern«, sagte Scrimgeour. »Wenn man Sie beispielsweise von Zeit zu Zeit im Ministerium vorbeischauen sähe, würde das den richtigen Eindruck machen. Und, natürlich, wenn Sie dann schon mal da sind, hätten Sie reichlich Gelegenheit, mit Gawain Robards, meinem Nachfolger als Leiter des Aurorenbüros, zu sprechen. Wie ich von Dolores Umbridge weiß, hegen Sie den Wunsch, ein Auror zu werden. Nun, das ließe sich ohne weiteres arrangieren …«
Harry spürte kochende Wut in seiner Magengrube: Also war Dolores Umbridge wahrhaftig immer noch im Ministerium?
»Das heißt also alles in allem«, sagte er, als wollte er nur noch ein paar letzte Punkte klären, »dass Sie den Eindruck vermitteln wollen, ich würde für das Ministerium arbeiten?«
»Es würde allen Auftrieb geben, wenn sie denken würden, Sie wären mit dabei, Harry«, sagte Scrimgeour, offenbar erleichtert, dass Harry so rasch angebissen hatte. »Der ›Auserwählte‹, wissen Sie … es geht nur darum, den Leuten Hoffnung zu geben, das Gefühl, dass aufregende Dinge geschehen …«
»Aber wenn ich ständig im Ministerium ein und aus gehe«, sagte Harry, immer noch bemüht, seine Stimme freundlich klingen zu lassen, »würde das nicht so aussehen, als wenn ich gut fände, was das Ministerium unternimmt?«
»Nun«, erwiderte Scrimgeour und runzelte leicht die Stirn, »nun, ja, das ist auch ein Grund, weshalb wir gerne –«
»Nein, ich glaube, das lässt sich nicht machen«, bemerkte Harry höflich. »Wissen Sie, ich mag manches nicht, was das Ministerium tut. Stan Shunpike einsperren, zum Beispiel.«
Scrimgeour schwieg einen Moment lang, doch seine Miene wurde schlagartig steinern.
»Ich erwarte auch nicht, dass Sie das verstehen«, sagte er, und es gelang ihm nicht so gut wie Harry, die Wut in seiner Stimme zu verbergen. »Wir leben in gefährlichen Zeiten und gewisse Maßnahmen müssen ergriffen werden. Sie sind sechzehn Jahre alt –«
»Dumbledore ist viel älter als sechzehn, und er hält auch nichts davon, dass Stan in Askaban sitzt«, sagte Harry. »Sie machen Stan zu einem Sündenbock, genauso wie Sie mich zu einem Maskottchen machen wollen.«
Sie sahen einander an, lange und kühl. Schließlich sagte Scrimgeour, ohne Herzlichkeit vorzutäuschen: »Ich verstehe. Sie ziehen es vor – wie Ihr Held Dumbledore –, auf Abstand zum Ministerium zu gehen?«
»Ich will mich nicht benutzen lassen«, sagte Harry.
»Manche würden sagen, dass es Ihre Pflicht ist, für das Ministerium von Nutzen zu sein!«
»Jaah, und andere könnten sagen, dass es Ihre Pflicht ist, zu prüfen, ob Leute wirklich Todesser sind, ehe Sie sie ins Gefängnis stecken«, sagte Harry, der nun mehr und mehr in Rage geriet. »Sie tun, was Barty Crouch getan hat. Ihr Leute macht es immer falsch, was? Entweder haben wir Fudge, der so tut, als ob alles wunderbar wäre, während Menschen direkt vor seiner Nase ermordet werden, oder wir haben Sie, der die verkehrten Leute ins Gefängnis steckt und so tun will, als ob der Auserwählte für ihn arbeiten würde!«
»Dann sind Sie etwa nicht der Auserwählte?«, sagte Scrimgeour.
»Sie meinten doch, das würde ohnehin keine Rolle spielen!«, sagte Harry mit einem bitteren Lachen. »Jedenfalls nicht für Sie.«
»Das hätte ich nicht sagen sollen«, erwiderte Scrimgeour rasch. »Es war taktlos –«
»Nein, es war ehrlich«, sagte Harry. »Eines der wenigen ehrlichen Dinge, die Sie zu mir gesagt haben. Es ist Ihnen nicht wichtig, ob ich lebe oder sterbe, aber es ist Ihnen ziemlich wichtig, dass ich Ihnen helfe, alle davon zu überzeugen, dass Sie den Krieg gegen Voldemort gewinnen. Ich habe nichts vergessen, Minister …«
Er hob seine rechte Faust. Dort, weiß leuchtend auf seinem kalten Handrücken, waren die Narben, die er für Dolores Umbridge in sein eigenes Fleisch hatte ritzen müssen: Ich soll keine Lügen erzählen.
»Ich kann mich nicht erinnern, dass Sie mir zu Hilfe geeilt wären, als ich allen sagen wollte, dass Voldemort zurück ist. Letztes Jahr war das Ministerium nicht so scharf darauf, dass wir Freunde sind.«
Sie standen da und schwiegen, eisig wie der Boden unter ihren Füßen. Der Gnom, der es endlich geschafft hatte, den Wurm aus der Erde zu ziehen, lehnte jetzt an den untersten Zweigen des Rhododendronbusches und nuckelte glückselig an ihm.
»Was hat Dumbledore vor?«, fragte Scrimgeour schroff. »Wo geht er hin, wenn er nicht in Hogwarts ist?«
»Keine Ahnung«, sagte Harry.
»Und Sie würden es mir auch nicht verraten, wenn Sie es wüssten«, sagte Scrimgeour, »stimmt’s?«
»Nein, das würde ich nicht«, sagte Harry.
»Nun, dann muss ich sehen, ob ich es auf andere Weise herausfinden kann.«
»Versuchen Sie es nur«, sagte Harry gleichmütig. »Aber Sie scheinen klüger zu sein als Fudge, daher hätte ich gedacht, dass Sie aus seinen Fehlern gelernt haben. Er hat versucht, sich in Hogwarts einzumischen. Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass er nicht mehr Minister ist, aber Dumbledore immer noch Schulleiter. Ich würde Dumbledore in Ruhe lassen, wenn ich Sie wäre.«
Eine lange Pause trat ein.
»Nun, mir ist jedenfalls klar, dass er bei Ihnen sehr gute Arbeit geleistet hat«, sagte Scrimgeour und seine Augen hinter der Drahtbrille waren kalt und hart. »Durch und durch Dumbledores Mann, das sind Sie doch, Potter?«
»Ja, das bin ich«, sagte Harry. »Freut mich, dass wir das geklärt haben.«
Und er kehrte dem Zaubereiminister den Rücken und marschierte zum Haus zurück.
Eine getrübte Erinnerung
An einem späten Nachmittag einige Tage nach Neujahr stellten sich Harry, Ron und Ginny in einer Reihe vor dem Küchenfeuer auf, um nach Hogwarts zurückzukehren. Das Ministerium hatte diese einmalige Verbindung zum Flohnetzwerk eingerichtet, um Schüler schnell und sicher in die Schule zurückzubefördern. Nur Mrs Weasley war da, um auf Wiedersehen zu sagen, da Mr Weasley, Fred, George, Bill und Fleur allesamt arbeiten waren. Als der Moment des Abschieds dann kam, brach Mrs Weasley in Tränen aus. Zugegebenermaßen hatte sie in letzter Zeit recht nahe am Wasser gebaut; seit Percy am Weihnachtstag aus dem Haus gestürmt war, die Brille mit Pastinakenpüree vollgespritzt (wofür Fred, George und Ginny gleichzeitig das Verdienst in Anspruch nehmen wollten), hatte sie praktisch ständig geweint.
»Nicht weinen, Mum«, sagte Ginny und tätschelte ihr den Rücken, während Mrs Weasley an ihrer Schulter schluchzte. »Ist ja schon gut …«
»Ja, mach dir keine Sorgen um uns«, sagte Ron und ließ es zu, dass seine Mutter ihm einen sehr feuchten Kuss auf die Wange drückte, »oder um Percy. Der ist so was von einem Trottel, ist eigentlich kein großer Verlust, stimmt’s?«
Mrs Weasley schluchzte heftiger denn je, als sie Harry in die Arme schloss.
»Versprich mir, dass du auf dich aufpasst … bleib auf der sicheren Seite …«
»Das tu ich immer, Mrs Weasley«, sagte Harry. »Ich mag ein ruhiges Leben, Sie kennen mich doch.«
Sie ließ ein ersticktes Glucksen hören und wich zurück.
»Also, seid brav, ihr alle …«
Harry trat in das smaragdgrüne Feuer und rief: »Hogwarts!« Er sah noch einmal flüchtig die Küche der Weasleys und Mrs Weasleys verweintes Gesicht, dann umschlossen ihn die Flammen; während er sehr schnell herumwirbelte, erhaschte er verschwommene Bilder von anderen Zaubererzimmern, die sofort wieder verschwunden waren, ehe er sie richtig sehen konnte; dann drehte er sich langsamer und kam schließlich mitten im Kamin von Professor McGonagalls Büro zum Stillstand. Sie blickte kaum von ihrer Arbeit auf, als er über den Rost hinausstieg.
»’n Abend, Potter. Hinterlassen Sie möglichst nicht so viel Asche auf dem Teppich.«
»Ja, Professor.«
Harry rückte seine Brille gerade und strich sich die Haare glatt, da kam der wirbelnde Ron in Sicht. Als Ginny angekommen war, marschierten die drei gemeinsam aus McGonagalls Büro und zogen weiter zum Gryffindor-Turm. Harry spähte im Vorbeigehen aus den Korridorfenstern; die Sonne sank bereits über dem Gelände, das von einem tieferen Schneeteppich bedeckt war als der Garten des Fuchsbaus. In der Ferne konnte er Hagrid sehen, der vor seiner Hütte Seidenschnabel fütterte.
»Flitterkram«, sagte Ron zuversichtlich, als sie die fette Dame erreicht hatten, die eher bleicher als sonst aussah und bei seiner lauten Stimme zusammenzuckte.
»Nein«, sagte sie.
»Was soll das heißen, ›nein‹?«
»Es gibt ein neues Passwort«, sagte sie. »Und bitte schrei nicht so.«
»Aber wir waren nicht da, wie sollen wir denn –?«
»Harry! Ginny!«
Hermine eilte ihnen entgegen, mit Winterumhang, Hut und Handschuhen und ganz rosa im Gesicht.
»Ich bin vor ein paar Stunden zurückgekommen, ich war eben unten zu Besuch bei Hagrid und Seiden– ich meine, Federflügel«, sagte sie atemlos. »Hattet ihr schöne Weihnachten?«
»Jaah«, sagte Ron sofort, »war ziemlich viel los, Rufus Scrim–«
»Ich hab was für dich, Harry«, sagte Hermine, die Ron weder ansah noch irgendwie zeigte, dass sie ihn gehört hatte. »Oh, Moment mal – Passwort. Abstinenz.«
»Genau«, sagte die fette Dame mit schwacher Stimme, schwang nach vorne und gab das Porträtloch frei.
»Was ist los mit ihr?«, fragte Harry.
»Hat es an Weihnachten etwas übertrieben, wie’s aussieht«, sagte Hermine, rollte mit den Augen und ging voran in den überfüllten Gemeinschaftsraum. »Sie und ihre Freundin Violet haben den ganzen Wein leer getrunken aus diesem Bild von den betrunkenen Mönchen unten im Zauberkunstkorridor. Was soll’s …«
Sie kramte kurz in ihrer Tasche, dann zog sie eine Pergamentrolle hervor, die Dumbledores Schrift trug.
»Klasse«, sagte Harry, zog sie sofort auseinander und stellte fest, dass seine nächste Stunde bei Dumbledore für den folgenden Abend anberaumt war. »Ich hab ihm eine Menge zu erzählen – und dir auch. Komm, wir setzen uns –«
Doch in diesem Moment kreischte es laut »Won-Won!«, und Lavender Brown kam aus heiterem Himmel herbeigestürzt und warf sich in Rons Arme. Einige Zuschauer kicherten; Hermine lachte schrill und sagte: »Dort drüben ist ein Tisch … kommst du mit, Ginny?«
»Nein, danke, ich hab Dean versprochen, dass wir uns treffen«, sagte Ginny, doch Harry hatte irgendwie den Eindruck, dass sie nicht gerade begeistert klang. Sie ließen Ron und Lavender ineinander verhakt wie zwei stehende Ringer zurück, und Harry ging vor Hermine her zu dem freien Tisch.
»Und, wie waren deine Weihnachten?«
»Oh, schön«, sagte sie schulterzuckend. »Nichts Besonderes. Wie war’s bei Won-Won zu Hause?«
»Das sage ich dir gleich«, erwiderte Harry. »Hör mal, Hermine, kannst du nicht –?«
»Nein, kann ich nicht«, sagte sie klipp und klar. »Also spar dir die Frage.«
»Ich dachte, vielleicht, na ja, über Weihnachten –«
»Es war die fette Dame, die ein Riesenfass fünfhundert Jahre alten Wein getrunken hat, nicht ich, Harry. Also, was gab es so Wichtiges, das du mir erzählen wolltest?«
Sie sah zu grimmig aus, als dass man im Augenblick mit ihr hätte streiten wollen, daher ließ Harry das Thema Ron fallen und berichtete ihr alles, was er bei dem Gespräch zwischen Malfoy und Snape mitbekommen hatte.
Als er fertig war, saß Hermine einen Moment nachdenklich da, dann sagte sie: »Glaubst du nicht –?«
»– dass er nur so getan hat, als würde er Hilfe anbieten, damit Malfoy darauf reinfällt und ihm verrät, was er vorhat?«
»Nun ja, genau«, sagte Hermine.
»Rons Dad und Lupin glauben das«, sagte Harry widerwillig. »Aber es beweist eindeutig, dass Malfoy irgendetwas plant, das kannst du nicht bestreiten.«
»Nein, kann ich nicht«, antwortete sie langsam.
»Und er handelt auf Voldemorts Befehl hin, genau wie ich gesagt habe!«
»Hmm … hat einer der beiden tatsächlich Voldemorts Namen erwähnt?«
Harry runzelte die Stirn und versuchte sich zu erinnern.
»Ich bin nicht sicher … Snape hat eindeutig ›dein Meister‹ gesagt, und wer sollte das sonst sein?«
»Ich weiß nicht«, sagte Hermine und biss sich auf die Lippe. »Vielleicht sein Vater?«
Sie starrte quer durch den Raum, offenbar tief in Gedanken versunken, und bemerkte nicht einmal, dass Lavender Ron kitzelte. »Wie geht es Lupin?«
»Nicht besonders«, sagte Harry, und er erzählte ihr alles über Lupins Mission bei den Werwölfen und die Schwierigkeiten, vor denen er stand. »Hast du je von diesem Fenrir Greyback gehört?«
»Ja, hab ich!«, sagte Hermine und klang erschrocken. »Und du auch, Harry!«
»Wann, in Zaubereigeschichte? Du weißt ganz genau, dass ich nie zugehört hab …«
»Nein, nein, nicht in Zaubereigeschichte – Malfoy hat Borgin mit ihm gedroht!«, sagte Hermine. »Damals in der Nokturngasse, weißt du nicht mehr? Er meinte zu Borgin, dass Greyback ein alter Freund der Familie sei und dass er kontrollieren würde, wie Borgin vorankommt!«
Harry starrte sie mit offenem Mund an. »Das hab ich ganz vergessen! Aber das beweist, dass Malfoy ein Todesser ist, wie könnte er sonst Verbindung zu Greyback haben und ihm sagen, was er tun soll?«
»Es ist ziemlich verdächtig«, hauchte Hermine. »Außer …«
»Ach, nun hör schon auf«, sagte Harry wütend, »das kannst du jetzt nicht auch wieder hindrehen!«
»Also … es ist jedenfalls möglich, dass es eine leere Drohung war.«
»Du bist wirklich unglaublich«, sagte Harry kopfschüttelnd. »Wir werden sehen, wer Recht hat … du wirst deine Worte noch bereuen, Hermine, genau wie das Ministerium. Ach ja, und einen Streit mit Rufus Scrimgeour hatte ich auch noch …«
Den restlichen Abend verbrachten sie in aller Freundschaft und zogen über den Zaubereiminister her, denn Hermine dachte genau wie Ron, dass es eine gewaltige Frechheit des Ministeriums war, nach allem, was man Harry im Jahr zuvor angetan hatte, jetzt Hilfe von ihm zu verlangen.
Der Unterricht begann am nächsten Morgen mit einer angenehmen Überraschung für die Sechstklässler: Ein großes Schild war über Nacht an die schwarzen Bretter der Gemeinschaftsräume geheftet worden.
APPARIERKURS
Wenn Sie siebzehn Jahre alt sind oder bis einschließlich 31. August siebzehn werden, können Sie sich für einen zwölfwöchigen Kurs im Apparieren anmelden, der von einem Apparierlehrer des Zaubereiministeriums angeboten wird.
Bitte tragen Sie unten Ihren Namen ein, wenn Sie teilnehmen möchten.
Kursgebühr: 12 Galleonen
Harry und Ron stellten sich zu der Schar von Leuten, die sich um den Aushang drängelten und der Reihe nach ihre Namen eintrugen. Ron holte gerade seine Feder heraus, um nach Hermine zu unterschreiben, als Lavender sich hinter ihm heranschlich, ihm die Hände über die Augen legte und trillerte: »Wer bin ich, Won-Won?« Harry drehte sich um und sah Hermine davonstolzieren; er rannte ihr nach, da er keine Lust hatte, bei Ron und Lavender zu bleiben, aber zu seiner Überraschung holte Ron sie nur kurz hinter dem Porträtloch ein, mit glühend roten Ohren und verärgerter Miene. Ohne ein Wort zu sagen, beschleunigte Hermine ihre Schritte und ging neben Neville weiter.
»Also – Apparieren«, sagte Ron, und sein Ton ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass Harry nicht erwähnen sollte, was gerade passiert war. »Wird sicher witzig, was?«
»Keine Ahnung«, sagte Harry. »Vielleicht ist es besser, wenn man es allein macht, mir hat’s nicht gefallen, als mich Dumbledore mit auf die Reise nahm.«
»Ich hab ganz vergessen, dass du es ja schon gemacht hast … Wär gut, wenn ich die Prüfung gleich beim ersten Mal bestehe«, sagte Ron mit besorgter Miene. »Wie Fred und George.«
»Aber Charlie ist durchgefallen, nicht wahr?«
»Jaah, aber Charlie ist größer als ich.« Ron streckte die Arme aus, als ob er ein Gorilla wäre. »Deshalb haben Fred und George sich auch nicht ständig darüber ausgelassen … jedenfalls nicht, wenn er dabei war …«
»Und wann können wir die richtige Prüfung ablegen?«
»Sobald wir siebzehn sind. Das werd ich ja schon im März!«
»Ja, aber hier darfst du dann nicht apparieren, nicht im Schloss …«
»Darum geht’s doch nicht, oder? Jeder weiß dann, dass ich apparieren könnte, wenn ich wollte.«
Ron war nicht der Einzige, der bei der Aussicht aufs Apparieren ins Schwärmen geriet. Den ganzen Tag lang wurde viel über den bevorstehenden Kurs gesprochen; dass man willentlich verschwinden und wieder auftauchen konnte, galt als ganz große Sache.
»Wie cool das sein wird, wenn wir einfach –«, Seamus schnippte mit den Fingern, was Verschwinden bedeuten sollte. »Mein Cousin Fergus macht es bloß, um mich zu ärgern, wartet nur ab, bis ich’s ihm heimzahlen kann … der wird keine ruhige Minute mehr haben …«
Während er in solch glückseligen Träumen schwelgte, schlackerte er ein wenig zu enthusiastisch mit seinem Zauberstab und erzeugte nicht die Fontäne mit klarem Wasser, um die es an diesem Tag im Zauberkunstunterricht ging, sondern verspritzte einen starken, schlauchförmigen Strahl, der von der Decke abprallte und Professor Flitwick flach auf die Nase warf.
»Harry ist schon mal appariert«, verkündete Ron dem etwas verschämten Seamus, nachdem Professor Flitwick sich mit einem Schwenken seines Zauberstabs getrocknet und Seamus zum Sätzeschreiben verdonnert hatte (»Ich bin ein Zauberer, kein Pavian, der einen Stock schwingt«). »Dum– äh – jemand hat ihn mitgenommen. Seit-an-Seit-Apparieren, du weißt schon.«
»Woa!«, flüsterte Seamus, und er, Dean und Neville beugten die Köpfe ein wenig näher her, um zu hören, wie sich das Apparieren anfühlte. Den restlichen Tag über belagerten die anderen Sechstklässler Harry und baten ihn zu erzählen, wie es ihm beim Apparieren ergangen war. Als er ihnen schilderte, wie unangenehm es war, wirkten sie durch die Bank eher beeindruckt als abgeschreckt, und als er am Abend um zehn vor acht immer noch dabei war, detaillierte Fragen zu beantworten, musste er notgedrungen lügen und behaupten, er müsse ein Buch in die Bibliothek zurückbringen, damit er noch rechtzeitig zu seiner Stunde bei Dumbledore von ihnen loskam.
Die Lampen in Dumbledores Büro brannten, die Porträts ehemaliger Schulleiter schnarchten friedlich in ihren Rahmen und das Denkarium stand wieder auf dem Schreibtisch bereit. Dumbledores Hände ruhten zu beiden Seiten der Schale, die rechte war nach wie vor schwarz und verbrannt. Offenbar war sie nicht im Geringsten verheilt, und Harry überlegte vielleicht zum hundertsten Mal, was eine so hartnäckige Verletzung verursacht haben könnte, aber er fragte nicht; Dumbledore hatte gesagt, er würde es irgendwann erfahren, und er wollte jetzt sowieso über ein anderes Thema sprechen. Doch bevor Harry etwas über Snape und Malfoy sagen konnte, ergriff Dumbledore das Wort.
»Wie ich höre, hast du an Weihnachten den Zaubereiminister getroffen?«
»Ja«, sagte Harry. »Er ist nicht sehr zufrieden mit mir.«
»Nein«, seufzte Dumbledore. »Er ist auch mit mir nicht sehr zufrieden. Wir müssen versuchen, unseren Qualen nicht zu erliegen, Harry, sondern immer weiterkämpfen.«
Harry grinste.
»Er wollte, dass ich der Zauberergemeinschaft sage, das Ministerium würde hervorragende Arbeit leisten.«
Dumbledore lächelte.
»Das war ursprünglich Fudges Idee, musst du wissen. Als er während seiner letzten Tage im Amt verzweifelt versuchte, sich an seinen Stuhl zu klammern, wollte er ein Treffen mit dir, in der Hoffnung, dass du ihn unterstützen würdest –«
»Nach allem, was Fudge letztes Jahr getan hat?«, sagte Harry wütend. »Nach Umbridge?«
»Ich habe Cornelius erklärt, dass das aussichtslos sei, aber die Idee hat ihn überlebt, als er den Posten räumte. Nur wenige Stunden nach Scrimgeours Ernennung gab es ein Treffen zwischen uns, und er verlangte, dass ich eine Zusammenkunft mit dir arrangiere –«
»Also deshalb haben Sie sich gestritten!«, stieß Harry hervor. »Es stand im Tagespropheten.«
»Der Prophet muss gelegentlich die Wahrheit berichten«, sagte Dumbledore, »auch wenn es nur versehentlich ist. Ja, deshalb hatten wir Streit. Nun, mir scheint, Rufus hat endlich einen Weg gefunden, dich abzupassen.«
»Er hat mir vorgeworfen, ›durch und durch Dumbledores Mann‹ zu sein.«
»Wie unverschämt von ihm.«
»Ich hab ihm gesagt, dass es stimmt.«
Dumbledore öffnete den Mund, um zu sprechen, und schloss ihn dann wieder. Hinter Harry stieß Fawkes der Phönix einen leisen, sanften, wohlklingenden Schrei aus. Harry wurde äußerst verlegen, als er plötzlich bemerkte, dass Dumbledores hellblaue Augen ziemlich feucht aussahen, und er starrte hastig auf seine eigenen Knie. Als Dumbledore sprach, war seine Stimme jedoch ganz fest.
»Ich bin sehr gerührt, Harry.«
»Scrimgeour wollte wissen, wo Sie hingehen, wenn Sie nicht in Hogwarts sind«, sagte Harry und blickte nach wie vor unverwandt auf seine Knie.
»Ja, in dieser Sache ist er sehr neugierig«, erwiderte Dumbledore und klang jetzt vergnügt, so dass Harry es für ungefährlich hielt, wieder hochzusehen. »Er hat sogar versucht, mich beschatten zu lassen. Wirklich amüsant. Er hat Dawlish auf mich angesetzt. Das war unschön. Ich war schon einmal gezwungen, Dawlish mit einem Fluch zu belegen; ich habe es mit dem größten Bedauern noch einmal getan.«
»Also wissen die immer noch nicht, wo Sie hingehen?«, fragte Harry in der Hoffnung, mehr über dieses spannende Thema zu erfahren, aber Dumbledore lächelte nur über den Rand seiner Halbmondbrille hinweg.
»Nein, das wissen sie nicht, und es ist auch noch nicht ganz an der Zeit, dass du es erfährst. Nun, ich schlage vor, wir fahren rasch fort, außer es gibt noch irgendetwas –?«
»Ja, tatsächlich, Sir«, sagte Harry. »Es geht um Malfoy und Snape.«
»Professor Snape, Harry.«
»Ja, Sir. Ich habe während Professor Slughorns Party zufällig ihre Unterhaltung mitbekommen … na ja, eigentlich bin ich ihnen gefolgt …«
Dumbledore hörte sich Harrys Geschichte mit ausdruckslosem Gesicht an. Als Harry geendet hatte, schwieg er eine Weile, dann sagte er: »Danke, dass du mir das erzählt hast, Harry, aber ich denke, es ist besser, du schlägst es dir aus dem Kopf. Ich halte es nicht für besonders wichtig.«
»Nicht für besonders wichtig?«, wiederholte Harry ungläubig. »Professor, haben Sie verstanden –?«
»Ja, Harry, da ich mit außergewöhnlicher Intelligenz gesegnet bin, habe ich alles verstanden, was du gesagt hast«, erwiderte Dumbledore diesmal heftiger. »Ich denke, du solltest sogar die Möglichkeit in Erwägung ziehen, dass ich mehr verstanden habe als du selbst. Noch einmal, ich bin froh, dass du dich mir anvertraut hast, aber ich möchte dir wirklich versichern, dass du mir nichts erzählt hast, was mich beunruhigt.«
Harry saß stumm da und funkelte Dumbledore zornig an. Was ging hier vor? Hatte Dumbledore Snape etwa tatsächlich befohlen, herauszufinden, was Malfoy trieb, und hatte er daher alles, was Harry ihm eben erzählt hatte, bereits von Snape gehört? Oder war er in Wirklichkeit besorgt über das, was er gehört hatte, und täuschte nur das Gegenteil vor?
»Nun, Sir«, sagte Harry mit, wie er hoffte, höflicher und ruhiger Stimme, »Sie vertrauen also eindeutig immer noch –?«
»Ich war weitherzig genug, diese Frage schon einmal zu beantworten«, sagte Dumbledore, doch er klang nun nicht mehr sehr weitherzig. »Meine Antwort hat sich nicht geändert.«
»Das würde ich doch auch meinen«, sagte eine höhnische Stimme; Phineas Nigellus tat offensichtlich nur so, als würde er schlafen. Dumbledore beachtete ihn nicht.
»Und nun, Harry, muss ich darauf bestehen, dass wir weitermachen. Ich habe heute Abend wichtigere Dinge mit dir zu besprechen.«
Harry saß da und war kurz davor, zu rebellieren. Was wäre, wenn er einfach nicht zuließ, dass sie das Thema wechselten, wenn er stattdessen darauf beharrte, die Beweise gegen Malfoy zu diskutieren? Als ob Dumbledore seine Gedanken gelesen hätte, schüttelte er den Kopf.
»Ach, Harry, wie häufig kommt das vor, selbst unter den besten Freunden! Jeder von uns glaubt, was er zu sagen hat, sei viel wichtiger als alles, was der andere beisteuern könnte!«
»Ich denke nicht, dass das, was Sie zu sagen haben, unwichtig ist, Sir«, sagte Harry steif.
»Nun, da hast du vollkommen Recht, denn das ist es nicht«, sagte Dumbledore munter. »Ich will dir heute Abend zwei weitere Erinnerungen zeigen, sie waren beide nur unter größten Schwierigkeiten zu bekommen, und ich glaube, die zweite davon ist die wichtigste, die ich gesammelt habe.«
Harry sagte nichts dazu; er war immer noch wütend darüber, wie Dumbledore seine vertraulichen Mitteilungen aufgenommen hatte, sah aber nicht, was es bringen würde, wenn er weiter argumentierte.
»Also«, sagte Dumbledore mit eindringlicher Stimme, »wir sind heute Abend hier zusammen, um mit der Geschichte von Tom Riddle fortzufahren, den wir in der letzten Stunde zu Beginn seiner Jahre in Hogwarts verlassen haben. Du wirst dich erinnern, wie aufgeregt er war, als er hörte, dass er ein Zauberer sei, dass er mein Angebot ausschlug, ihn auf einer Reise in die Winkelgasse zu begleiten, und dass ich ihn wiederum vor weiteren Diebeszügen in seiner künftigen Schule warnte.
Nun, mit dem neuen Schuljahr kam also auch Tom Riddle nach Hogwarts, ein ruhiger Junge in einem gebraucht gekauften Umhang, der sich in die Reihe der anderen Erstklässler stellte, um einem Haus zugeteilt zu werden. Kaum hatte der Sprechende Hut seinen Kopf berührt, teilte er ihn dem Haus Slytherin zu«, fuhr Dumbledore fort und winkte mit seiner geschwärzten Hand zu dem Regal über ihm, wo der Sprechende Hut lag, uralt und reglos. »Wie schnell Riddle erfuhr, dass der berühmte Gründer des Hauses mit Schlangen reden konnte, weiß ich nicht – vielleicht war es noch am selben Abend. Dieses Wissen wird ihn sicher erregt und seinen Eigendünkel noch verstärkt haben.
Falls er jedoch seine Mitschüler in Slytherin verängstigt oder beeindruckt haben sollte, indem er ihnen im Gemeinschaftsraum Kostproben von Parsel vorführte, so ist jedenfalls nicht der geringste Hinweis darauf an die Lehrerschaft gelangt. Nach außen hin zeigte er keinerlei Arroganz oder Aggression. Als ungewöhnlich begabte und sehr gut aussehende Waise zog er natürlich, kaum dass er angekommen war, die Aufmerksamkeit und die Zuneigung des Kollegiums auf sich. Er wirkte höflich, ruhig und wissensdurstig. Fast alle waren sehr angenehm von ihm beeindruckt.«
»Haben Sie ihnen nicht erzählt, Sir, wie er war, als Sie ihn im Waisenhaus trafen?«, fragte Harry.
»Nein, das habe ich nicht. Denn obwohl er keine Spur von Reue gezeigt hatte, war es doch möglich, dass es ihm leidtat, wie er sich zuvor verhalten hatte, und dass er entschlossen war, einen neuen Anfang zu machen. Ich wollte ihm diese Chance geben.«
Dumbledore hielt inne und sah Harry fragend an, der den Mund schon geöffnet hatte, um etwas zu sagen. Hier zeigte sich wieder einmal Dumbledores Neigung, Menschen zu vertrauen, auch wenn es absolut offenkundig war, dass sie es nicht verdienten! Doch dann fiel Harry etwas ein …
»Aber Sie haben ihm nicht wirklich vertraut, Sir, oder? Er hat es mir erzählt … der Riddle, der aus dem Tagebuch kam, sagte: ›Dumbledore schien mich nie so zu mögen wie die anderen Lehrer.‹«
»Sagen wir mal, ich nahm es nicht als selbstverständlich hin, dass er vertrauenswürdig war«, erwiderte Dumbledore. »Ich hatte wie gesagt beschlossen, ihn genau im Auge zu behalten, und das tat ich auch. Ich kann nicht behaupten, dass meine Beobachtungen in der ersten Zeit sonderlich fruchtbar gewesen wären. Er war mir gegenüber sehr zurückhaltend; ich bin sicher, er glaubte, er hätte mir vor lauter Freude, entdeckt zu haben, wer er wirklich war, ein wenig zu viel erzählt. Er war sorgsam darauf bedacht, nie wieder so viel zu verraten, aber was ihm in seiner Aufregung herausgerutscht war, konnte er nicht wieder zurücknehmen, und auch das nicht, was Mrs Cole mir anvertraut hatte. Er war aber klug genug und versuchte nie, mich zu umgarnen, wie er so viele meiner Kollegen umgarnt hat.
Im Lauf seiner Schuljahre scharte er eine Gruppe treuer Freunde um sich; ich nenne sie so, weil ich keinen besseren Ausdruck weiß, auch wenn Riddle, wie bereits gesagt, zweifellos keine Zuneigung für irgendeinen von ihnen empfand. Diese Gruppe strahlte im Schloss eine Art düsteren Glanz aus. Es war eine bunt zusammengewürfelte Truppe; eine Mischung aus Schwachen, die Schutz suchten, Ehrgeizigen, die etwas vom Ruhm abhaben wollten, und aus Schlägertypen, die sich zu einem Führer hingezogen fühlten, der ihnen noch subtilere Formen von Grausamkeit zeigen konnte. Mit anderen Worten, sie waren die Vorläufer der Todesser, und einige von ihnen wurden tatsächlich die ersten Todesser, nachdem sie Hogwarts verlassen hatten.
Unter Riddles strenger Herrschaft wurden sie nie auf frischer Tat ertappt, während ihre sieben Jahre in Hogwarts im Zeichen einiger übler Vorkommnisse standen, mit denen sie nie überzeugend in Verbindung gebracht werden konnten. Der gefährlichste Zwischenfall war natürlich die Öffnung der Kammer des Schreckens, die zum Tod eines Mädchens führte. Wie du weißt, wurde Hagrid zu Unrecht dieses Verbrechens beschuldigt.
Ich konnte in Hogwarts nicht viele Erinnerungen an Riddle finden«, sagte Dumbledore und legte seine verschrumpelte Hand auf das Denkarium. »Nur wenige, die ihn damals kannten, sind bereit, über ihn zu reden; sie haben zu viel Angst. Was ich weiß, habe ich herausgefunden, als er Hogwarts verlassen hatte, nach vielen sorgfältigen Bemühungen, nachdem ich die wenigen Leute ausfindig gemacht hatte, die man durch eine List zum Reden bringen konnte, nachdem ich alte Aufzeichnungen durchsucht und Muggel- sowie Zaubererzeugen befragt hatte.
Die Leute, die ich überreden konnte zu sprechen, haben mir erzählt, dass Riddle von der Frage nach seiner Herkunft besessen war. Das ist verständlich; er war in einem Waisenhaus aufgewachsen und wollte natürlich wissen, wie er dorthin gekommen war. Es scheint, als hätte er vergeblich auf den Schilden im Pokalzimmer nach einer Spur von Tom Riddle senior gesucht, und auch auf den Listen der Vertrauensschüler in den alten Schulakten und selbst in den Büchern über Zaubereigeschichte. Schließlich musste er sich wohl oder übel eingestehen, dass sein Vater nie den Fuß über die Schwelle von Hogwarts gesetzt hatte. Ich glaube, zu diesem Zeitpunkt legte er den Namen für immer ab, nahm die Identität von Lord Voldemort an und begann mit seinen Nachforschungen über die zuvor verhasste Familie seiner Mutter – jener Frau, von der er geglaubt hatte, wie du dich sicher erinnerst, dass sie keine Hexe sein konnte, weil sie die schändliche menschliche Schwäche gezeigt hatte und gestorben war.
Sein einziger Anhaltspunkt war nur der Name ›Vorlost‹, der, wie er von den Betreuern im Waisenhaus wusste, der Name des Vaters seiner Mutter gewesen war. Nach gewissenhafter Suche in alten Chroniken von Zaubererfamilien entdeckte er schließlich, dass es noch lebende Nachfahren der Slytherin-Linie gab. In dem Sommer, als er sechzehn war, verließ er das Waisenhaus, in das er Jahr für Jahr zurückgekehrt war, und machte sich auf die Suche nach seinen Verwandten, den Gaunts. Und nun, Harry, steh bitte auf …«
Dumbledore erhob sich, und Harry sah, dass er wieder eine kleine Kristallflasche in der Hand hielt, die mit wirbelnder, perlweißer Erinnerung gefüllt war.
»Ich hatte großes Glück, dass ich mir dies hier beschaffen konnte«, sagte er, als er die schimmernde Masse in das Denkarium schüttete. »Was du verstehen wirst, wenn wir es erlebt haben. Wollen wir?«
Harry trat an das steinerne Bassin und neigte sich gehorsam, bis sein Gesicht durch die Oberfläche der Erinnerung drang; er spürte das vertraute Gefühl, durch ein Nichts zu fallen, und landete dann in fast völliger Dunkelheit auf einem schmutzigen Steinboden.
Er brauchte einige Sekunden, um den Ort zu erkennen, dann war auch Dumbledore neben ihm gelandet. Das Haus der Gaunts war nun so unbeschreiblich schmutzig, wie Harry es noch nirgendwo gesehen hatte. Die Decke war dick mit Spinnweben überzogen, der Boden voller Ruß; schimmliges und verfaultes Essen lag auf dem Tisch inmitten einer Ansammlung verkrusteter Töpfe. Licht kam nur von einer einzelnen tropfenden Kerze zu Füßen eines Mannes, dessen Haare und Bart so gewuchert waren, dass Harry weder seine Augen noch seinen Mund sehen konnte. Er saß zusammengesunken in einem Sessel am Feuer, und Harry fragte sich einen Moment lang, ob er tot sei. Doch dann war ein lautes Klopfen an der Tür zu hören und der Mann fuhr ruckartig aus dem Schlaf, hob mit der rechten Hand einen Zauberstab und mit der linken ein kurzes Messer.
Die Tür ging knarrend auf. Dort auf der Schwelle stand, mit einer altmodischen Lampe in der Hand, ein Junge, den Harry sofort erkannte: groß, blass, dunkelhaarig und hübsch – Voldemort als Teenager.
Voldemorts Augen wanderten langsam durch die Bruchbude und fanden schließlich den Mann im Sessel. Einige Sekunden lang sahen sie einander an, dann richtete sich der Mann taumelnd auf, und die vielen leeren Flaschen zu seinen Füßen polterten und klirrten über den Boden.
»DU!«, brüllte er. »DU!«
Und er stürzte mit erhobenem Zauberstab und Messer betrunken auf Riddle zu.
»Halt.«
Riddle sprach Parsel. Der Mann schleuderte gegen den Tisch, und schimmlige Töpfe krachten zu Boden. Er starrte Riddle an. Ein langes Schweigen trat ein, in dem beide einander fixierten. Der Mann durchbrach die Stille.
»Du sprichst es?«
»Ja, ich spreche es«, sagte Riddle. Er trat nun ein paar Schritte in den Raum und ließ die Tür hinter sich zufallen. Harry konnte nicht anders, als Voldemort widerwillig für seine vollkommene Furchtlosigkeit zu bewundern. In dessen Gesicht war nur Abscheu zu lesen, und vielleicht Enttäuschung.
»Wo ist Vorlost?«, fragte er.
»Tot«, sagte der andere. »Schon vor Jahren gestorben, nicht?«
Riddle runzelte die Stirn.
»Und wer bist du?«
»Ich bin Morfin, oder?«
»Vorlosts Sohn?«
»’türlich bin ich das …«
Morfin strich sich das Haar aus dem schmutzigen Gesicht, um Riddle besser sehen zu können, und Harry bemerkte, dass er Vorlosts Ring mit dem schwarzen Stein an der rechten Hand trug.
»Ich dachte, du bist dieser Muggel«, flüsterte Morfin. »Du siehst mächtig aus wie dieser Muggel.«
»Welcher Muggel?«, sagte Riddle scharf.
»Dieser Muggel, in den meine Schwester vernarrt war, der da in dem großen Haus gegenüber wohnt«, sagte Morfin und spuckte unvermutet zwischen ihnen auf den Boden. »Du siehst genauso aus wie der. Riddle. Aber der is’ jetzt älter, was? Der is’ älter wie du, wenn ich’s mir recht überleg …«
Morfin schien leicht verwirrt und schwankte ein wenig, dabei klammerte er sich immer noch Halt suchend an den Tischrand.
»Er is’ zurückgekommen, weißt du«, fügte er stumpfsinnig hinzu.
Voldemort starrte Morfin an, als würde er abschätzen, wozu er fähig war. Jetzt ging er etwas näher zu ihm hin und sagte: »Riddle ist zurückgekommen?«
»Aah, hat sie sitzen lassen, und sie hat’s nicht anders verdient, wenn sie Dreck heiratet!«, sagte Morfin und spuckte erneut auf den Boden. »Hat uns bestohlen, eh sie durchgebrannt ist, stell dir vor! Wo ist das Medaillon, he, wo ist das Medaillon von Slytherin?«
Voldemort antwortete nicht. Morfin geriet allmählich wieder in Rage; er schwang sein Messer und schrie: »Hat uns entehrt, jawohl, diese kleine Schlampe! Und wer bist du, dass du einfach herkommst und alles wissen willst? ’s ist vorbei, sag ich … ’s ist vorbei …«
Er wandte den Blick ab, kam leicht ins Taumeln, und Voldemort ging weiter auf ihn zu. In diesem Augenblick brach eine unnatürliche Dunkelheit herein, löschte Voldemorts Lampe und Morfins Kerze, löschte alles aus …
Dumbledores Finger schlossen sich fest um Harrys Arm, und sie flogen wieder zurück in die Gegenwart. Das weiche goldene Licht in Dumbledores Büro blendete Harrys Augen nach jener undurchdringlichen Finsternis.
»Ist das alles?«, sagte Harry sofort. »Warum ist es dunkel geworden, was ist passiert?«
»Weil Morfin sich ab diesem Moment an nichts mehr erinnern konnte«, sagte Dumbledore und bedeutete Harry, wieder Platz zu nehmen. »Als er am nächsten Morgen aufwachte, lag er am Boden, völlig allein. Vorlosts Ring war verschwunden.
Unterdessen rannte im Dorf Little Hangleton ein Dienstmädchen die Hauptstraße entlang und schrie, dass drei Leichen im Salon des Herrenhauses lägen: Tom Riddle senior, und seine Mutter und sein Vater.
Die Muggelbehörden waren verwirrt. Soweit ich unterrichtet bin, wissen sie bis zum heutigen Tag nicht, wie die Riddles gestorben sind, denn der Avada-Kedavra-Fluch hinterlässt normalerweise keinerlei Anzeichen einer Verletzung … die Ausnahme sitzt hier vor mir«, fügte Dumbledore mit einem Kopfnicken zu Harrys Narbe hinzu. »Das Ministerium hingegen wusste sofort, dass dies ein Mord durch einen Zauberer war. Man wusste auch, dass auf der anderen Seite des Tals gegenüber dem Haus der Riddles ein vorbestrafter Muggelhasser lebte, ein Muggelhasser, der wegen eines Angriffs auf einen der ermordeten Menschen schon einmal im Gefängnis gesessen hatte.
Also nahm sich das Ministerium Morfin vor. Sie brauchten ihn gar nicht zu verhören und auch nicht Veritaserum oder Legilimentik einzusetzen. Er gestand den Mord auf der Stelle und lieferte Einzelheiten, die nur der Mörder kennen konnte. Er sei stolz, behauptete er, die Muggel getötet zu haben, er habe all die Jahre auf seine Gelegenheit gewartet. Er übergab seinen Zauberstab, und man konnte unverzüglich nachweisen, dass er benutzt worden war, um die Riddles zu töten. Und er ließ sich widerstandslos nach Askaban abführen. Das Einzige, was ihn beunruhigte, war die Tatsache, dass der Ring seines Vaters verschwunden war. ›Er bringt mich um, weil ich ihn verloren hab‹, sagte er immer wieder zu den Leuten, die ihn verhaftet hatten. ›Er bringt mich um, weil ich seinen Ring verloren hab.‹ Und das war offenbar alles, was er jemals wieder sagte. Er verbrachte den Rest seines Lebens in Askaban und jammerte über den Verlust von Vorlosts letztem Erbstück, nun liegt er nahe beim Gefängnis neben den anderen armen Seelen begraben, die ihr Leben in seinen Mauern aushauchten.«
»Voldemort hat also Morfins Zauberstab gestohlen und ihn benutzt?«, sagte Harry und richtete sich auf.
»Genau«, sagte Dumbledore. »Wir haben keine Erinnerungen, die uns das zeigen, aber ich glaube, wir wissen ziemlich sicher, was passiert ist. Voldemort belegte seinen Onkel mit einem Schockzauber, nahm dessen Zauberstab und ging dann auf die andere Seite des Tals zu dem ›großen Haus gegenüber‹. Dort ermordete er den Muggel, der seine Hexenmutter verlassen hatte, und seine Muggelgroßeltern noch dazu; er löschte damit die Letzten der unwürdigen Riddle-Familie aus und rächte sich gleichzeitig an seinem Vater, der ihn nie gewollt hatte. Dann kehrte er in die Bruchbude der Gaunts zurück, führte den komplizierten Zauber aus, der dem Gedächtnis seines Onkels eine falsche Erinnerung einpflanzte, legte Morfins Zauberstab neben seinen bewusstlosen Besitzer, steckte den uralten Ring ein, den Morfin trug, und verschwand.«
»Und Morfin ist nie bewusst geworden, dass er es nicht getan hat?«
»Nie«, sagte Dumbledore. »Wie gesagt, er hat ein umfassendes und prahlerisches Geständnis abgelegt.«
»Aber diese echte Erinnerung steckte die ganze Zeit in ihm!«
»Ja, aber es war sehr viel gekonnte Legilimentik nötig, um sie ihm zu entlocken«, sagte Dumbledore, »und warum sollte irgendjemand sich weiter in Morfins Geist vertiefen, wenn er das Verbrechen doch schon gestanden hatte? Ich konnte mir jedoch in den letzten Wochen seines Lebens eine Besuchserlaubnis für Morfin beschaffen, denn inzwischen versuchte ich beharrlich, so viel wie möglich über Voldemorts Vergangenheit herauszufinden. Es war schwierig für mich, diese Erinnerung auszugraben. Als ich sah, was sie enthielt, versuchte ich, sie dafür zu verwenden, Morfins Freilassung aus Askaban zu erreichen. Doch noch ehe das Ministerium zu einer Entscheidung gelangte, war Morfin tot.«
»Aber wieso hat das Ministerium nicht erkannt, dass Voldemort Morfin das alles angetan hatte?«, fragte Harry wütend. »Er war damals minderjährig, nicht wahr? Ich dachte, die könnten Zauberei Minderjähriger aufspüren!«
»Du hast vollkommen Recht – sie können Zauberei aufspüren, aber nicht den, der sie ausübt: Du erinnerst dich sicher noch, dass du vom Ministerium wegen eines Schwebezaubers ermahnt wurdest, dabei war es in Wirklichkeit –«
»Dobby«, knurrte Harry; diese Ungerechtigkeit fuchste ihn immer noch. »Wenn man also minderjährig ist und im Haus einer erwachsenen Hexe oder eines Zauberers zaubert, dann merkt es das Ministerium nicht?«
»Sie sind sicher nicht in der Lage festzustellen, wer den Zauber ausgeführt hat«, sagte Dumbledore und lächelte ein wenig angesichts von Harrys zutiefst entrüsteter Miene. »Sie verlassen sich darauf, dass Hexenmütter und Zaubererväter sich bei ihren Kindern Gehorsam verschaffen, solange sie in ihren vier Wänden leben.«
»Also, das ist doch Blödsinn«, fauchte Harry. »Sehen Sie sich nur an, was hier passiert ist, sehen Sie nur, was mit Morfin passiert ist!«
»Das stimmt«, sagte Dumbledore. »Was immer Morfin auch war, er hatte es nicht verdient, auf diese Weise zu sterben, beschuldigt wegen Morden, die er nicht begangen hatte. Aber es wird spät, und ich möchte, dass du diese zweite Erinnerung siehst, bevor wir auseinandergehen …«
Dumbledore nahm ein weiteres Kristallfläschchen aus einer Innentasche und Harry verstummte sofort. Er dachte daran, dass Dumbledore gesagt hatte, dies sei die wichtigste Erinnerung, die er gesammelt habe. Harry bemerkte, dass es sich als schwierig erwies, die Erinnerung in das Denkarium zu schütten, als ob sie sich ein wenig verdickt hätte; konnten Erinnerungen auch verderben?
»Das wird nicht lange dauern«, sagte Dumbledore, als er das Fläschchen endlich geleert hatte. »Wir werden im Handumdrehen wieder zurück sein. Alsdann, noch einmal ins Denkarium …«
Und Harry fiel erneut durch die silbrige Oberfläche und landete diesmal direkt vor einem Mann, den er sofort erkannte.
Es war ein viel jüngerer Horace Slughorn. Harry hatte sich so an dessen Glatze gewöhnt, dass er den Anblick von Slughorn mit dichtem, glänzendem, strohblondem Haar ziemlich verwirrend fand; es sah aus, als hätte er sich seinen Kopf mit Stroh decken lassen, auch wenn bereits ein glänzender, galleonengroßer kahler Fleck oben auf seinem Schädel zu erkennen war. Sein Schnurrbart war rötlich blond und nicht so gewaltig wie zu Harrys Zeit. Er war nicht ganz so rundlich wie der Slughorn, den Harry kannte, doch hatten die goldenen Knöpfe an seiner reich bestickten Weste einiges an Spannung auszuhalten. Seine kleinen Füße ruhten auf einem samtenen Polster, und er saß weit zurückgelehnt in einem bequemen Ohrensessel, hielt in der einen Hand ein Gläschen Wein und stöberte mit der anderen in einer Schachtel mit kandierten Ananas.
Harry schaute sich um, als Dumbledore neben ihm auftauchte, und sah, dass sie in Slughorns Büro standen. Ein halbes Dutzend Jungen saßen um Slughorn herum, alle auf härteren oder niedrigeren Sitzen als er und alle im mittleren Teenageralter. Harry erkannte Riddle sofort. Er hatte das hübscheste Gesicht und machte den entspanntesten Eindruck von allen Jungen. Seine rechte Hand lag lässig auf der Lehne seines Stuhls; Harry fuhr zusammen, als er sah, dass er Vorlosts goldenen Ring mit dem schwarzen Stein trug; er hatte seinen Vater bereits umgebracht.
»Sir, stimmt es, dass Professor Merrythought in den Ruhestand geht?«, fragte Riddle.
»Tom, Tom, wenn ich es wüsste, dürfte ich es Ihnen nicht sagen«, antwortete Slughorn und schlackerte missbilligend mit einem zuckerbestäubten Finger zu Riddle hin, obwohl die Wirkung ein wenig dadurch verpuffte, dass er zwinkerte. »Ehrlich gesagt, wüsste ich gerne, woher Sie Ihre Informationen bekommen, Junge; Sie wissen doch mehr als die halbe Lehrerschaft.«
Riddle lächelte; die anderen Jungen lachten und warfen ihm bewundernde Blicke zu.
»In Anbetracht Ihrer unheimlichen Fähigkeit, Dinge in Erfahrung zu bringen, die Sie nicht wissen sollten, und Ihrer wohl bedachten Schmeicheleien wichtigen Leuten gegenüber – übrigens, vielen Dank für die Ananas, Sie liegen vollkommen richtig, die habe ich am liebsten –«
Während mehrere der Jungen kicherten, geschah etwas sehr Seltsames. Der ganze Raum war plötzlich von einem dichten weißen Nebel erfüllt, so dass Harry nichts als das Gesicht von Dumbledore sehen konnte, der neben ihm stand. Dann drang Slughorns Stimme durch den Nebel, unnatürlich laut: »– Sie werden auf die schiefe Bahn geraten, Junge, denken Sie an meine Worte.«
Der Nebel lichtete sich so plötzlich, wie er gekommen war, und doch verlor keiner ein Wort darüber, noch machte irgendjemand den Eindruck, als ob soeben etwas Ungewöhnliches geschehen wäre. Harry sah sich verwirrt um, während eine kleine goldene Uhr auf Slughorns Schreibtisch elf schlug.
»Du meine Güte, ist es schon so spät?«, sagte Slughorn. »Dann geht mal besser, Jungs, oder wir kriegen alle Ärger. Lestrange, ich bekomme Ihren Aufsatz morgen, oder es gibt Nachsitzen. Dasselbe gilt für Sie, Avery.«
Slughorn stemmte sich aus dem Sessel und trug sein leeres Glas hinüber zu seinem Schreibtisch, während die Jungen der Reihe nach hinausgingen. Riddle jedoch blieb zurück. Harry war klar, dass er absichtlich getrödelt hatte und als Letzter mit Slughorn im Zimmer bleiben wollte.
»Nun sputen Sie sich aber, Tom«, sagte Slughorn, als er sich umwandte und bemerkte, dass er immer noch da war. »Sie wollen doch nicht während der Nachtruhe draußen erwischt werden, Sie als Vertrauensschüler …«
»Sir, ich wollte Sie etwas fragen.«
»Dann nur zu, mein Junge, nur zu …«
»Sir, könnten Sie mir sagen, was Sie über … über Horkruxe wissen?«
Und da passierte es wieder: Der dichte Nebel erfüllte den Raum, so dass Harry Slughorn und Riddle nicht mehr sehen konnte; nur noch Dumbledore neben ihm, der heiter lächelte. Dann dröhnte erneut Slughorns Stimme, genau wie zuvor.
»Ich weiß nichts über Horkruxe, und wenn, würde ich es Ihnen nicht sagen! Und nun sofort raus hier, und wehe, Sie erwähnen sie noch einmal!«
»Nun, das war’s«, sagte Dumbledore gelassen neben Harry. »Zeit zu gehen.«
Und Harry verlor den Boden unter den Füßen und fiel Sekunden später wieder auf den Teppich vor Dumbledores Schreibtisch.
»Das war alles?«, fragte Harry erstaunt.
Dumbledore hatte gesagt, dies sei die wichtigste Erinnerung von allen, doch Harry hatte keine Ahnung, was daran so bedeutsam sein sollte. Zugegeben, der Nebel und die Tatsache, dass ihn offenbar niemand bemerkt hatte, waren sonderbar, aber ansonsten schien nichts passiert zu sein, außer dass Riddle eine Frage gestellt und keine Antwort bekommen hatte.
»Wie du vielleicht bemerkt hast«, sagte Dumbledore und setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch, »hat sich an dieser Erinnerung jemand zu schaffen gemacht.«
»Zu schaffen gemacht?«, wiederholte Harry und nahm ebenfalls wieder Platz.
»Ganz bestimmt«, sagte Dumbledore, »Professor Slughorn hat an seinen eigenen Erinnerungen herumhantiert.«
»Aber warum sollte er das tun?«
»Ich denke, weil er sich für das schämt, woran er sich erinnert«, sagte Dumbledore. »Er hat versucht, die Erinnerung zu überarbeiten, um sich selbst in einem besseren Licht darzustellen, er hat die Teile unleserlich gemacht, die ich nicht sehen soll. Wie du sicher bemerkt hast, ist es sehr plump gemacht, und das ist nur von Vorteil, denn man sieht, dass unter den Änderungen immer noch die wahre Erinnerung liegt.
Und aus diesem Grund gebe ich dir auch zum ersten Mal etwas auf, Harry. Deine Aufgabe besteht darin, Professor Slughorn zu überreden, die echte Erinnerung preiszugeben, die zweifellos unsere entscheidende Information sein wird.«
Harry starrte ihn an.
»Aber, Sir«, sagte er und seine Stimme war so respektvoll wie möglich, »Sie brauchen mich doch nicht – Sie könnten Legilimentik einsetzen … oder Veritaserum …«
»Professor Slughorn ist ein äußerst fähiger Zauberer, er wird sich gegen beides gewappnet haben«, sagte Dumbledore. »Er ist in Okklumentik erheblich besser als der arme Morfin Gaunt, und es würde mich wundern, wenn er kein Gegenmittel für Veritaserum bei sich trüge, seit ich ihn zwang, mir diese verzerrte Erinnerung zu geben.
Nein, ich denke, der Versuch, Professor Slughorn die Wahrheit mit Gewalt abzuringen, wäre töricht und könnte mehr Schaden anrichten als Nutzen bringen; ich will nicht, dass er Hogwarts verlässt. Doch hat er seine Schwächen wie wir anderen auch, und ich glaube, du bist derjenige, der in der Lage sein könnte, seine Abwehr zu durchdringen. Es ist äußerst wichtig, dass wir uns die wahre Erinnerung beschaffen, Harry … wie wichtig, werden wir erst wissen, wenn wir sie tatsächlich gesehen haben. Also, viel Glück … und gute Nacht.«
Harry stand schnell auf, ein wenig überrascht, so plötzlich verabschiedet zu werden.
»Gute Nacht, Sir.«
Als er die Bürotür hinter sich schloss, hörte er deutlich, wie Phineas Nigellus sagte: »Ich kann mir nicht vorstellen, warum der Junge in der Lage sein sollte, es besser zu machen als Sie, Dumbledore.«
»Das hätte ich auch nicht von Ihnen erwartet«, erwiderte Dumbledore, und Fawkes stieß wieder einen leisen, wohlklingenden Schrei aus.
Geburtstagsüberraschungen
Am nächsten Tag erzählte Harry Ron und Hermine von der Aufgabe, die Dumbledore ihm gestellt hatte, allerdings jedem einzeln, da Hermine sich immer noch weigerte, länger in Rons Gegenwart zu bleiben, als man dafür brauchte, ihm einen verächtlichen Blick zuzuwerfen.
Ron meinte, Harry werde wahrscheinlich nicht die geringsten Probleme mit Slughorn haben.
»Er liebt dich«, sagte er beim Frühstück und wedelte lässig mit einer Gabel voll Spiegelei herum. »Der wird dir doch nichts abschlagen, oder? Nicht seinem kleinen Zaubertrankprinzen. Bleib einfach nach dem Unterricht heute Nachmittag noch da und frag ihn.«
Hermine jedoch sah eher schwarz.
»Wenn Dumbledore es nicht aus ihm rausgekriegt hat, dann muss er fest entschlossen sein, das zu verbergen, was wirklich passiert ist«, sagte sie mit leiser Stimme, als sie in der Pause auf dem menschenleeren, schneebedeckten Hof standen. »Horkruxe … Horkruxe … Ich hab noch nicht mal von denen gehört …«
»Ehrlich nicht?«
Harry war enttäuscht; er hatte gehofft, dass Hermine ihm vielleicht einen Hinweis darauf geben könnte, was Horkruxe waren.
»Das muss richtig fortgeschrittene schwarze Magie sein, warum hätte Voldemort sonst etwas darüber erfahren wollen? Ich schätze, es wird schwierig sein, die Information zu bekommen, Harry, du musst dir sehr gut überlegen, wie du Slughorn darauf ansprichst, denk dir eine Strategie aus …«
»Ron meint, dass ich einfach heute Nachmittag nach der Zaubertrankstunde noch dableiben …«
»Oh, schön, wenn Won-Won das meint, dann machst du es am besten«, sagte sie, sofort aufbrausend. »Wann hat Won-Won schließlich mit seinem Urteil jemals falschgelegen?«
»Hermine, kannst du nicht –«
»Nein!«, erwiderte sie zornig, stürmte davon und ließ Harry allein im knöcheltiefen Schnee zurück.
Der Zaubertrankunterricht war in diesen Tagen recht unangenehm, da Harry, Ron und Hermine sich einen Tisch teilen mussten. Heute schob Hermine ihren Kessel auf die andere Tischseite, so dass sie neben Ernie saß, und nahm weder Notiz von Harry noch von Ron.
»Was hast du ihr denn getan?«, murmelte Ron Harry zu und blickte auf Hermines überheblich wirkendes Profil.
Doch ehe Harry antworten konnte, befahl Slughorn von vorne Ruhe.
»Setzen, setzen, bitte! Nun aber Beeilung, wir haben heute Nachmittag eine Menge Arbeit zu bewältigen! Golpalotts Drittes Gesetz … wer kann es mir sagen –? Unsere Miss Granger kann es, natürlich!«
Hermine rasselte in Höchstgeschwindigkeit herunter: »Golpalotts - Drittes - Gesetz - besagt - dass - das - Gegengift - für - eine - Giftmischung - mehr - als - die - Summe - der - Gegengifte - für - jeden - einzelnen - Bestandteil - ist.«
»Ganz genau!«, strahlte Slughorn. »Zehn Punkte für Gryffindor! Nun, wenn wir davon ausgehen, dass Golpalotts Drittes Gesetz wahr ist …«
Harry würde sich wohl auf Slughorns Wort verlassen müssen, dass Golpalotts Drittes Gesetz zutraf, denn er hatte rein gar nichts davon verstanden. Auch sonst schien niemand außer Hermine dem zu folgen, was Slughorn als Nächstes sagte.
»… und das bedeutet natürlich, dass, einmal angenommen, uns ist anhand von Scarpins Revelatiozauber die korrekte Bestimmung der Trankzutaten gelungen, unser Hauptziel nicht das verhältnismäßig einfache sein kann, Gegenmittel für jede dieser Zutaten an und für sich auszuwählen, sondern jenen zusätzlichen Bestandteil zu finden, der vermittels eines beinahe alchemistischen Prozesses diese unterschiedlichen Elemente verwandelt –«
Ron saß mit halb offenem Mund neben Harry und kritzelte geistesabwesend auf seinem neuen Exemplar von Zaubertränke für Fortgeschrittene herum. Er vergaß immer wieder, dass er sich nicht mehr darauf verlassen konnte, dass Hermine ihm aus der Patsche half, wenn er im Unterricht geschlafen hatte.
»… und daher«, schloss Slughorn, »bitte ich Sie alle, einzeln nach vorne zu kommen und sich eines dieser Fläschchen von meinem Pult zu holen. Sie sollen vor Ende der Unterrichtsstunde ein Gegenmittel für das darin enthaltene Gift entwickeln. Viel Glück, und vergessen Sie Ihre Schutzhandschuhe nicht!«
Hermine hatte ihren Platz verlassen und war schon auf halbem Weg zu Slughorns Pult, ehe der Rest der Klasse begriffen hatte, dass es an der Zeit war, sich in Bewegung zu setzen, und als Harry, Ron und Ernie wieder zum Tisch zurückkehrten, hatte sie den Inhalt ihres Fläschchens bereits in ihren Kessel gekippt und war dabei, ein Feuer darunter zu entfachen.
»Schade aber auch, dass der Prinz dir dabei nicht viel wird helfen können, Harry«, sagte sie munter, als sie sich aufrichtete. »Diesmal musst du die Grundsätze verstehen, die hier eine Rolle spielen. Keine Kurzformeln oder Schummeleien!«
Verärgert entkorkte Harry das Fläschchen mit dem grellrosa Gift, das er von Slughorns Pult geholt hatte, kippte es in seinen Kessel und zündete ein Feuer darunter an. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, was er als Nächstes tun sollte. Er warf Ron einen Blick zu, der jetzt dastand und ziemlich dumm dreinschaute, denn er hatte Harry alles nachgemacht.
»Bist du sicher, dass der Prinz nicht irgendwelche Tipps hat?«, raunte er Harry zu.
Harry zog sein zuverlässiges Exemplar von Zaubertränke für Fortgeschrittene hervor und schlug das Kapitel über Gegengifte auf. Da stand Golpalotts Drittes Gesetz, Wort für Wort so, wie Hermine es aufgesagt hatte, aber keine einzige aufschlussreiche Notiz in der Handschrift des Prinzen, die erklärt hätte, was es bedeutete. Offenbar hatte der Prinz, wie Hermine, keine Schwierigkeiten gehabt, es zu verstehen.
»Nichts«, sagte Harry düster.
Hermine schwenkte nun begeistert ihren Zauberstab über den Kessel. Leider konnten sie den Zauber, den sie ausführte, nicht nachmachen, weil sie inzwischen so gut in ungesagten Beschwörungen war, dass sie die Worte nicht laut aussprechen musste. Ernie Macmillan jedoch murmelte »Specialis revelio!« über seinen Kessel, was eindrucksvoll klang, und so beeilten sich Harry und Ron, ihn nachzuahmen.
Harry brauchte nur fünf Minuten, um zu erkennen, dass sein Ruf als bester Zaubertrankbrauer der Klasse gerade in die Binsen ging. Slughorn hatte bei seiner ersten Runde durch den Kerker hoffnungsvoll in seinen Kessel gelugt, schon drauf und dran, wie üblich in Jubelrufe auszubrechen, stattdessen hatte er den Kopf hastig zurückgezogen und gehustet, da ihm der Geruch von faulen Eiern entgegengeschlagen war. Hermines Gesicht hätte nicht selbstgefälliger sein können; sie hatte es nicht ausstehen können, in jeder Zaubertrankstunde übertroffen zu werden. Jetzt füllte sie die auf mysteriöse Weise getrennten Bestandteile ihres Giftes in zehn verschiedene Kristallfläschchen um. Vor allem um sich diesen ärgerlichen Anblick zu ersparen, beugte sich Harry über das Buch des Halbblutprinzen und blätterte unnötig heftig einige Seiten um.
Und da stand es, quer über eine lange Liste von Gegengiften gekritzelt.
Einfach einen Bezoar in den Hals stopfen.
Harry starrte einen Moment auf diese Worte. Hatte er nicht vor langer Zeit schon mal von Bezoaren gehört? Hatte Snape sie nicht in ihrer allerersten Zaubertrankstunde erwähnt? »Ein Stein aus dem Magen einer Ziege, der einen vor den meisten Giften rettet.«
Es war keine Lösung für das Golpalott-Problem, und wenn Snape noch ihr Lehrer gewesen wäre, hätte Harry es nicht gewagt, aber es war der Moment für eine Verzweiflungstat. Er hastete hinüber zum Vorratsschrank und durchwühlte ihn, stieß Einhorn-Hörner und getrocknete Kräuterbüschel beiseite, bis er, ganz hinten, eine kleine Pappschachtel mit der Aufschrift »Bezoare« fand.
Er öffnete die Schachtel genau in dem Moment, als Slughorn rief: »Noch zwei Minuten Zeit für alle!« Sie enthielt ein halbes Dutzend schrumpliger brauner Gegenstände, die eher vertrockneten Nieren als echten Steinen glichen. Harry ergriff einen davon, stellte die Schachtel wieder in den Schrank und eilte zurück zu seinem Kessel.
»Die Zeit ist … UM!«, rief Slughorn fröhlich. »Nun wollen wir uns mal ansehen, wie Sie sich angestellt haben! Blaise … was haben Sie für mich?«
Slughorn schlenderte gemächlich durch den Raum und begutachtete die verschiedenen Gegengifte. Niemand war mit der Aufgabe fertig geworden, doch Hermine versuchte, ein paar weitere Zutaten in ihre Flasche zu stopfen, ehe Slughorn zu ihr kam. Ron hatte ganz aufgegeben und versuchte nur noch, die fauligen Dämpfe möglichst nicht einzuatmen, die aus seinem Kessel stiegen. Harry stand da und wartete, den Bezoar fest in seiner leicht verschwitzten Hand.
Slughorn kam als Letztes zu ihrem Tisch. Er schnupperte an Ernies Gebräu, verzog das Gesicht und ging weiter zu Ron. Über Rons Kessel hielt er es nicht lange aus, sondern wich rasch leicht würgend zurück.
»Und Sie, Harry«, sagte er. »Was haben Sie mir zu zeigen?«
Harry streckte die flache Hand mit dem Bezoar aus.
Slughorn sah den Stein ganze zehn Sekunden an. Einen Moment lang fragte sich Harry, ob er ihn anschreien würde. Dann warf Slughorn den Kopf zurück und brüllte vor Lachen.
»Sie sind mir vielleicht einer, mein Junge!«, dröhnte er, nahm den Bezoar und hielt ihn hoch, damit die Klasse ihn sehen konnte. »Oh, Sie sind wie Ihre Mutter … Nun, ich kann nicht behaupten, Sie hätten es falsch gemacht … ein Bezoar würde sicherlich als Gegengift für all diese Tränke wirken!«
Hermine, die schweißnass im Gesicht war und Ruß an der Nase hatte, schien hell erzürnt. Ihr halb fertiges Gegengift, mit zweiundfünfzig Zutaten, darunter einem Büschel von ihrem eigenen Haar, blubberte träge hinter Slughorn, der nur noch Augen für Harry hatte.
»Und du bist ganz von allein auf einen Bezoar gekommen, stimmt’s, Harry?«, fragte sie zähneknirschend.
»Das ist der unabhängige Geist, den ein echter Zaubertrankmacher braucht!«, sagte Slughorn vergnügt, ehe Harry antworten konnte. »Genau wie seine Mutter, sie hatte das gleiche intuitive Gespür für die Zaubertrankbrauerei, zweifellos hat er das von Lily … ja, Harry, ja, wenn Sie einen Bezoar zur Hand haben, funktioniert das natürlich … da sie allerdings nicht gegen alles wirken und ziemlich selten sind, ist es trotzdem wissenswert, wie man Gegengifte mischt …«
Der Einzige im Raum, der noch wütender dreinblickte als Hermine, war Malfoy, er hatte sich zu Harrys Vergnügen mit etwas bekleckert, das wie Katzenkotze aussah. Bevor Hermine oder Malfoy jedoch ihre Wut zum Ausdruck bringen konnten, dass Harry wieder mal mit Nichtstun der Klassenbeste geworden war, läutete die Glocke.
»Sachen einräumen!«, rief Slughorn. »Und zehn weitere Punkte für Gryffindor, allein schon für den Schneid!«
Unentwegt glucksend watschelte er zurück zu seinem Pult an der Stirnseite des Kerkers.
Harry trödelte und nahm sich übermäßig viel Zeit, seine Tasche zu packen. Weder Ron noch Hermine wünschten ihm Glück, als sie hinausgingen; beide wirkten ziemlich verärgert. Schließlich waren Harry und Slughorn allein im Raum.
»Nun aber los, Harry, Sie werden zu spät in die nächste Stunde kommen«, sagte Slughorn freundlich und ließ die goldenen Schnallen an seiner Drachenhautmappe zuschnappen.
»Sir«, sagte Harry und erinnerte sich unweigerlich an Voldemort, »ich wollte Sie etwas fragen.«
»Dann nur zu, mein lieber Junge, nur zu …«
»Sir, könnten Sie mir sagen, was Sie über … über Horkruxe wissen?«
Slughorn erstarrte. Sein rundes Gesicht schien in sich zusammenzufallen. Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und sagte heiser: »Was haben Sie gesagt?«
»Ich habe gefragt, ob Sie etwas über Horkruxe wissen, Sir. Es ist nämlich –«
»Dumbledore hat Sie dazu angestiftet«, flüsterte Slughorn.
Seine Stimme war völlig verändert. Sie klang nicht mehr freundlich, sondern schockiert, maßlos entsetzt. Er fummelte fahrig in seiner Brusttasche herum, zog ein Taschentuch heraus und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
»Dumbledore hat Ihnen diese – diese Erinnerung gezeigt«, sagte Slughorn. »Oder? Das stimmt doch?«
»Ja«, sagte Harry, der blitzschnell entschieden hatte, dass es das Beste war, nicht zu lügen.
»Ja, natürlich«, sagte Slughorn leise und tupfte immer noch sein weißes Gesicht ab. »Natürlich … also, wenn Sie diese Erinnerung gesehen haben, Harry, dann wissen Sie, dass ich nichts – nichts –«, er wiederholte das Wort mit Nachdruck, »über Horkruxe weiß.«
Er packte seine Drachenhautmappe, stopfte das Taschentuch in die Brusttasche zurück und marschierte zur Kerkertür.
»Sir«, sagte Harry verzweifelt, »ich dachte nur, da wäre noch ein bisschen mehr von der Erinnerung –«
»Tatsächlich?«, sagte Slughorn. »Dann haben Sie falsch gedacht, verstanden? FALSCH!«
Er brüllte das letzte Wort, und ehe Harry noch etwas sagen konnte, schlug er die Kerkertür hinter sich zu.
Weder Ron noch Hermine zeigten auch nur einen Hauch von Mitgefühl, als Harry ihnen von dem katastrophalen Gespräch erzählte. Hermine kochte immer noch vor Wut über die Art und Weise, wie Harry Erfolg eingeheimst hatte, ohne die Arbeit richtig zu machen. Ron nahm ihm übel, dass er ihm nicht auch einen Bezoar zugesteckt hatte.
»Es hätte einfach blöd ausgesehen, wenn wir es beide getan hätten!«, sagte Harry gereizt. »Schau mal, ich musste doch versuchen, ihn weichzukriegen, damit ich ihn wegen Voldemort befragen konnte, oder? Ach, jetzt reiß dich doch mal zusammen!«, fügte er wütend hinzu, als Ron beim Klang dieses Namens zusammenzuckte.
Zornig wegen seines Fehlschlags und wegen Rons und Hermines Verhalten, brütete Harry in den folgenden Tagen darüber, wie er das nächste Mal an Slughorn herantreten konnte. Er beschloss, Slughorn zunächst einmal glauben zu machen, dass er die ganze Sache mit den Horkruxen vergessen habe; sicher war es das Beste, wenn er ihn in vermeintlicher Sicherheit wiegte, ehe er wieder zum Angriff überging.
Da Harry Slughorn nicht noch einmal befragte, behandelte ihn der Zaubertrankmeister allmählich wieder mit dem üblichen Wohlwollen und schien nicht mehr an die Sache zu denken. Harry wartete auf eine Einladung zu einer seiner kleinen Abendgesellschaften und war entschlossen, sie diesmal anzunehmen, selbst wenn er dafür das Quidditch-Training verschieben musste. Aber leider kam keine. Harry forschte bei Hermine und Ginny nach: Keine der beiden hatte eine Einladung bekommen, und soweit sie wussten, auch niemand sonst. Harry musste sich wohl oder übel fragen, ob dies nicht bedeutete, dass Slughorn nicht ganz so vergesslich war, wie er schien, sondern einfach entschlossen, Harry keine zusätzlichen Gelegenheiten zu bieten, ihm Fragen zu stellen.
Unterdessen hatte die Bibliothek von Hogwarts Hermine zum ersten Mal seit Menschengedenken im Stich gelassen. Hermine war so schockiert, dass sie sogar vergaß, auf Harry wegen seines Bezoar-Tricks sauer zu sein.
»Ich habe nicht eine einzige Erläuterung gefunden, was Horkruxe bewirken!«, berichtete sie ihm. »Nicht eine einzige! Ich hab die ganze Verbotene Abteilung durchgeschaut, sogar die schrecklichsten Bücher, wo drinsteht, wie man die grausigsten Tränke braut – nichts! Alles, was ich finden konnte, war das hier, in der Einleitung zu Gar böse Zauberey – hör zu –: ›von dem Horkrux, der ruchlosesten von allen magischen Erfindungen, wollen wir schweigen und auch keinen Fingerzeig geben‹ … Ich meine, warum erwähnen sie ihn dann überhaupt?«, sagte sie ungehalten und knallte das alte Buch zu; es ließ ein gespenstisches Wehklagen ertönen. »Ach, halt die Klappe«, fauchte sie und stopfte es wieder in ihre Tasche.
Es wurde Februar, der Schnee schmolz rund um die Schule, und an seine Stelle trat eine kalte, trübe Nässe. Purpurgraue Wolken hingen tief über dem Schloss, und unaufhörlich ging ein eisiger Regen nieder, der die Rasenflächen rutschig und schlammig machte. Deshalb sollte die erste Apparierstunde der Sechstklässler, die auf einen Samstagmorgen angesetzt war, damit kein regulärer Unterricht versäumt wurde, auch in der Großen Halle und nicht draußen stattfinden.
Als Harry und Hermine die Halle betraten (Ron war mit Lavender heruntergekommen), stellten sie fest, dass die Tische verschwunden waren. Regen peitschte gegen die hohen Fenster, und die verzauberte Decke wirbelte düster über ihnen, als sie sich vor den Professoren McGonagall, Snape, Flitwick und Sprout – den Hauslehrern – versammelten sowie einem kleinen Zauberer, der, wie Harry vermutete, der Apparierlehrer vom Ministerium war. Er war merkwürdig farblos, hatte durchsichtige Wimpern, strähniges Haar und machte insgesamt einen so ätherischen Eindruck, als könnte der kleinste Windstoß ihn davonblasen. Harry fragte sich, ob das ständige Verschwinden und Wiederauftauchen ihm vielleicht auf irgendeine Weise an die Substanz gegangen waren oder ob seine zierliche Statur ideal war für Leute, die sich zum Verschwinden bringen wollten.
»Guten Morgen«, sagte der Ministeriumszauberer, als alle Schüler da waren und die Hauslehrer Ruhe befohlen hatten. »Mein Name ist Wilkie Twycross und ich werde für die nächsten zwölf Wochen Ihr ministerieller Apparierlehrer sein. Ich hoffe, dass ich Sie innerhalb dieser Zeit auf Ihre Apparierprüfung vorbereiten kann –«
»Malfoy, seien Sie still und passen Sie auf!«, bellte Professor McGonagall.
Alle drehten sich um. Malfoy war mattrosa angelaufen; mit wütender Miene wich er von Crabbe zurück, mit dem er sich offenbar leise gestritten hatte. Harry warf rasch einen Blick zu Snape, der ebenfalls verärgert schien, obwohl Harry stark vermutete, dass der Grund dafür weniger Malfoys ungezogenes Verhalten war als die Tatsache, dass McGonagall einen Schüler aus seinem Haus gemaßregelt hatte.
»– und dann werden viele von Ihnen gut gerüstet sein, um die Prüfung abzulegen«, fuhr Twycross fort, als ob es keine Unterbrechung gegeben hätte.
»Wie Sie vielleicht wissen, ist es normalerweise unmöglich, innerhalb von Hogwarts zu apparieren oder zu disapparieren. Der Schulleiter hat diesen Bann für eine Stunde ausschließlich in der Großen Halle aufgehoben, damit Sie üben können. Darf ich darauf hinweisen, dass Sie nicht aus den Mauern dieser Halle herausapparieren können und dass es unklug wäre, dies zu versuchen.
Ich möchte Sie nun alle bitten, sich so hinzustellen, dass Sie vor sich etwa zwei Meter Platz haben.«
Es gab ein großes Geschiebe und Gedrängel, als sie sich verteilten, gegeneinanderstießen und andere von ihrem Platz vertrieben. Die Hauslehrer gingen zwischen den Schülern umher, stellten sie in Position und beendeten Streitereien.
»Harry, wo willst du hin?«, fragte Hermine.
Aber Harry antwortete nicht; er schob sich rasch durch die Menge, an Professor Flitwick vorbei, der quiekend versuchte, ein paar Ravenclaws richtig aufzustellen, die alle vorne stehen wollten, vorbei auch an Professor Sprout, die die Hufflepuffs in eine Reihe scheuchte, bis er schließlich um Ernie Macmillan herumschlüpfte und einen Platz ganz am Ende der Menge ergatterte, direkt hinter Malfoy, der den allgemeinen Aufruhr nutzte, um seinen Streit mit Crabbe fortzusetzen, der zwei Meter entfernt stand und rebellisch dreinblickte.
»Ich weiß nicht, wie lange noch, okay?«, herrschte ihn Malfoy an, ohne zu merken, dass Harry direkt hinter ihm stand. »Es dauert länger, als ich dachte.«
Crabbe öffnete den Mund, aber Malfoy schien seine Worte bereits vorauszuahnen.
»Hör mal, Crabbe, es geht dich nichts an, was ich tue, du und Goyle, ihr macht einfach das, was man euch sagt, und schiebt Wache!«
»Ich sag meinen Freunden, was ich vorhab, wenn sie für mich Wache schieben sollen«, sagte Harry, gerade laut genug, dass Malfoy es hören konnte.
Malfoy wirbelte sofort herum, seine Hand schnellte zu seinem Zauberstab, doch genau in diesem Moment riefen die vier Hauslehrer: »Ruhe!«, und es trat wieder Stille ein. Malfoy drehte sich langsam nach vorne.
»Danke«, sagte Twycross. »Nun denn …«
Er schwang seinen Zauberstab. Augenblicklich tauchte vor jedem Schüler auf dem Boden ein altmodischer hölzerner Reifen auf.
»Beim Apparieren muss man sich vor allem die Goldene Dreierregel einprägen«, rief Twycross. »Ziel, Wille, Bedacht!
Schritt eins: Fixieren Sie Ihre Gedanken fest auf das gewünschte Ziel«, sagte Twycross. »In diesem Fall das Innere Ihres Reifens. Bitte konzentrieren Sie sich jetzt auf dieses Ziel.«
Alle sahen sich heimlich um, ob auch ja alle anderen in ihre Reifen blickten, dann taten sie hastig, was ihnen befohlen worden war. Harry starrte auf das runde Stück staubigen Boden, das von seinem Reifen eingeschlossen war, und versuchte angestrengt, an nichts anderes zu denken. Das stellte sich als unmöglich heraus, da er nicht aufhören konnte, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, wofür Malfoy Wachen brauchte.
»Schritt zwei«, sagte Twycross, »fokussieren Sie Ihren Willen darauf, den Raum, den Sie sich vorstellen, einzunehmen! Lassen Sie Ihren Wunsch, sich dort hinzubegeben, von Ihrem Kopf in jede Zelle Ihres Körpers strömen!«
Harry blickte verstohlen umher. Ein wenig weiter links betrachtete Ernie Macmillan seinen Reifen so angestrengt, dass sein Gesicht rosa angelaufen war; es sah aus, als würde er sich heftig bemühen, ein quaffelgroßes Ei zu legen. Harry verkniff sich das Lachen und wandte den Blick schleunigst wieder seinem eigenen Reifen zu.
»Schritt drei«, rief Twycross, »aber erst wenn ich den Befehl gebe … drehen Sie sich auf der Stelle und erspüren Sie Ihren Weg hinein ins Nichts, bewegen Sie sich mit Bedacht! Nun, auf mein Kommando … eins –«
Harry sah sich erneut um; viele wirkten ausgesprochen verängstigt, weil sie so schnell apparieren sollten.
»– zwei –«
Harry versuchte seine Gedanken wieder auf den Reifen zu konzentrieren; er hatte schon vergessen, wie die Goldene Dreierregel lautete.
»– DREI!«
Harry drehte sich schnell auf der Stelle, verlor das Gleichgewicht und fiel beinahe um. Er war nicht der Einzige. In der ganzen Halle torkelten Leute; Neville lag flach auf dem Rücken; Ernie Macmillan hingegen war mit einer Art Pirouette in seinen Reifen gesprungen und wirkte kurz hellauf begeistert, bis sein Blick auf Dean Thomas fiel, der lauthals über ihn lachte.
»Macht nichts, macht nichts«, sagte Twycross trocken, er schien nichts Besseres erwartet zu haben. »Legen Sie Ihre Reifen bitte wieder richtig hin und begeben Sie sich an Ihre Ausgangspositionen zurück …«
Der zweite Versuch verlief nicht besser als der erste. Der dritte war genauso schlecht. Erst beim vierten geschah etwas Aufregendes. Ein fürchterlicher Schmerzensschrei ertönte, und alle schauten sich entsetzt um und sahen, dass Susan Bones von Hufflepuff in ihrem Reifen schwankte, das linke Bein aber immer noch knapp zwei Meter von sich entfernt stehen hatte, dort, wo sie angefangen hatte.
Die Hauslehrer versammelten sich um sie; mit einem großen Knall erschien eine lila Rauchwolke, und als sie sich auflöste, sah man die schluchzende Susan, wiedervereint mit ihrem Bein, aber mit grauenerfülltem Gesichtsausdruck.
»Das Zersplintern, das heißt, die Abtrennung beliebiger Körperteile«, sagte Wilkie Twycross sachlich, »tritt auf, wenn der Geist nicht ausreichend gewillt ist. Sie müssen sich fortwährend auf Ihr Ziel konzentrieren und sich ohne Hast, aber mit Bedacht bewegen … so!«
Twycross trat vor, drehte sich mit ausgestreckten Armen elegant auf der Stelle, verschwand in seinem wirbelnden Umhang und tauchte hinten in der Halle wieder auf.
»Denken Sie an die Goldene Dreierregel«, sagte er, »und versuchen Sie es noch einmal … eins – zwei – drei –«
Aber eine Stunde später war immer noch nichts Interessanteres passiert als Susans Zersplintern. Twycross wirkte nicht entmutigt. Er band sich seinen Reiseumhang am Hals zu und sagte nur: »Bis nächsten Samstag dann, und vergessen Sie nicht: Ziel. Wille. Bedacht.«
Mit diesen Worten schwang er seinen Zauberstab, ließ die Reifen verschwinden und ging in Begleitung von Professor McGonagall hinaus. Prompt fingen alle an, sich zu unterhalten, und bewegten sich in Richtung Eingangshalle.
»Wie war’s bei dir?«, fragte Ron, der auf Harry zueilte. »Ich glaub, bei meinem letzten Versuch hab ich was gespürt – irgendwie hat’s in meinen Füßen gekribbelt.«
»Ich schätze mal, deine Turnschuhe sind zu klein, Won-Won«, sagte eine Stimme hinter ihnen, und Hermine stolzierte feixend vorbei.
»Ich hab überhaupt nichts gespürt«, sagte Harry, ohne diese Unterbrechung zu beachten. »Aber mir ist das im Augenblick auch egal –«
»Was soll das heißen, es ist dir egal … willst du nicht apparieren lernen?«, fragte Ron ungläubig.
»Ich bin, ehrlich gesagt, nicht sonderlich scharf drauf. Fliegen find ich besser«, erwiderte Harry, hielt über die Schulter nach Malfoy Ausschau und beschleunigte seine Schritte, als sie in die Eingangshalle kamen. »Hör mal, beeil dich bitte, ich hab da noch was vor …«
Ron folgte Harry völlig verwirrt im Laufschritt zurück zum Gryffindor-Turm. Sie wurden vorübergehend von Peeves aufgehalten, der eine Tür im vierten Stock blockiert hatte und sich weigerte, einen durchzulassen, wenn man nicht seine eigene Unterhose anzündete, aber Harry und Ron machten einfach kehrt und nahmen eine ihrer bewährten Abkürzungen. Fünf Minuten später kletterten sie durch das Porträtloch.
»Sagst du mir jetzt endlich, was das soll?«, fragte Ron leicht keuchend.
»Dort hinauf«, sagte Harry, durchquerte den Gemeinschaftsraum und ging vorneweg durch die Tür, die zur Jungentreppe führte.
Wie Harry gehofft hatte, war ihr Schlafsaal leer. Er riss seinen Koffer auf und fing an darin herumzuwühlen, während Ron ungeduldig zusah.
»Harry …«
»Malfoy setzt Crabbe und Goyle als Wachen ein. Er hat gerade eben mit Crabbe gestritten. Ich will wissen … aha.«
Er hatte gefunden, was er suchte, ein zusammengefaltetes, quadratisches, scheinbar leeres Blatt Pergament, das er nun ausbreitete und mit der Spitze seines Zauberstabs antippte.
»Ich schwöre feierlich, dass ich ein Tunichtgut bin … jedenfalls ist Malfoy einer.«
Sofort erschien die Karte des Rumtreibers auf der Oberfläche des Pergaments. Es war ein detaillierter Plan von jedem einzelnen Stockwerk des Schlosses, und die winzigen, beschrifteten schwarzen Punkte, die sich darauf bewegten, verwiesen auf jeden Schlossbewohner.
»Hilf mir mal, Malfoy zu finden«, drängte Harry.
Er legte die Karte auf sein Bett, und die beiden beugten sich darüber und suchten.
»Da!«, sagte Ron nach etwa einer Minute. »Er ist im Gemeinschaftsraum der Slytherins, sieh mal … mit Parkinson und Zabini und Crabbe und Goyle …«
Enttäuscht sah Harry auf die Karte hinunter, doch er fing sich fast sofort wieder.
»Also, ich behalt ihn von jetzt an im Auge«, sagte er entschlossen. »Und sobald ich ihn irgendwo rumschleichen sehe und Crabbe und Goyle draußen Schmiere stehen, zieh ich den guten alten Tarnumhang an und geh los, um rauszufinden, was er –«
Er brach ab, denn Neville betrat den Schlafsaal. Er trug einen starken Geruch nach angesengtem Stoff herein und begann seinen Koffer nach einer frischen Unterhose zu durchwühlen.
So entschlossen Harry auch war, Malfoy auf frischer Tat zu ertappen, hatte er während der nächsten Wochen doch keinerlei Glück. Obwohl er so oft wie möglich die Karte zu Rate zog und manchmal zwischen den Unterrichtsstunden unnötig aufs Klo ging, um sie abzusuchen, entdeckte er Malfoy kein einziges Mal an einem verdächtigen Ort. Immerhin bemerkte er, dass Crabbe und Goyle häufiger als sonst nur zu zweit im Schloss umhergingen und gelegentlich auch in verlassenen Korridoren eine Weile still stehen blieben, aber zu diesen Zeiten war Malfoy nicht nur nirgendwo in ihrer Nähe, sondern auf der Karte auch überhaupt nicht ausfindig zu machen. Das war äußerst mysteriös. Harry überlegte, ob Malfoy möglicherweise tatsächlich das Schulgelände verließ, aber er wusste nicht, wie er das anstellen konnte, bei dem hohen Sicherheitsstandard, der jetzt im Schloss wirksam war. Er konnte nur vermuten, dass er Malfoy zwischen den Hunderten von winzigen schwarzen Punkten auf der Karte übersah. Und was den Umstand betraf, dass Malfoy, Crabbe und Goyle offenbar eigene Wege gingen, obwohl sie normalerweise unzertrennlich waren, so passierte das eben, wenn Leute älter wurden – Ron und Hermine, dachte Harry traurig, waren der lebende Beweis dafür.
Der Februar ging auf den März zu, ohne dass sich das Wetter änderte, doch war es jetzt nicht nur nass, sondern dazu auch noch windig. Allgemeine Entrüstung rief ein Aushang an den schwarzen Brettern der Gemeinschaftsräume hervor, dass der nächste Ausflug nach Hogsmeade gestrichen war. Ron war hell erzürnt.
»Der war an meinem Geburtstag!«, sagte er. »Ich hab mich drauf gefreut!«
»Ist doch keine große Überraschung, oder?«, sagte Harry. »Nach dem, was Katie passiert ist.«
Katie war immer noch nicht aus dem St. Mungo zurückgekehrt. Mehr noch, der Tagesprophet hatte von neuen Verschwundenen berichtet, darunter mehrere Verwandte von Hogwarts-Schülern.
»Aber jetzt hab ich nichts mehr, auf das ich mich freuen kann, nur das blöde Apparieren!«, sagte Ron missmutig. »Das wird ja ein toller Geburtstag …«
Selbst nach drei weiteren Lektionen erwies sich das Apparieren als unverändert schwierig, obwohl es noch ein paar Leute mehr geschafft hatten, sich zu zersplintern. Die Enttäuschung war groß, und es herrschte einiger Unmut über Wilkie Twycross und seine Goldene Dreierregel, die ihm eine Anzahl von Spitznamen eingetragen hatte, von denen Dreikäsehoch und Misthund-mal-drei noch die höflichsten waren.
»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Ron«, sagte Harry, als sie am ersten März von Seamus und Dean geweckt wurden, die lärmend zum Frühstück aufbrachen. »Hier, ein Geschenk für dich.«
Er warf das Päckchen hinüber auf Rons Bett, wo es auf einem kleinen Haufen von Geschenken landete, die, wie Harry annahm, bestimmt in der Nacht von Hauselfen gebracht worden waren.
»Danke«, sagte Ron verschlafen, und während er das Papier abriss, stieg Harry aus dem Bett, öffnete seinen Koffer und fing an, darin nach der Karte des Rumtreibers zu stöbern, die er nach jedem Gebrauch versteckte. Er schleuderte den halben Inhalt seines Koffers hinaus, bis er sie unter den zusammengerollten Socken verborgen fand, in denen er immer noch sein Fläschchen mit dem Glückstrank Felix Felicis aufbewahrte.
»Gut«, murmelte er, nahm sie mit ins Bett zurück, tippte sachte darauf und murmelte leise, damit ihn Neville, der gerade am Fußende seines Bettes vorbeiging, nicht hören konnte: »Ich schwöre feierlich, dass ich ein Tunichtgut bin.«
»Klasse, Harry!«, sagte Ron begeistert und wedelte mit dem neuen Paar Quidditch-Hüterhandschuhen, das Harry ihm geschenkt hatte.
»Bitte«, sagte Harry geistesabwesend und suchte den Schlafsaal der Slytherins gründlich nach Malfoy ab. »Hey … ich glaub nicht, dass er in seinem Bett ist …«
Ron antwortete nicht; er war zu beschäftigt damit, Geschenke auszupacken, und stieß ab und zu einen Freudenschrei aus.
»Richtig fette Beute dieses Jahr!«, verkündete er und hielt eine dicke goldene Uhr in die Höhe mit merkwürdigen Symbolen um den Rand und winzigen beweglichen Sternen statt Zeigern. »Schau mal, was ich von Mum und Dad gekriegt hab! Mensch, ich glaub, ich werd nächstes Jahr noch mal volljährig …«
»Cool«, murmelte Harry, der nur einen kurzen Blick für die Uhr übrig hatte, ehe er die Karte noch genauer betrachtete. Wo steckte Malfoy? Er schien nicht am Slytherin-Tisch in der Großen Halle beim Frühstück zu sein … er war nicht in der Nähe von Snape, der in seinem Büro saß … er war in keinem der Klos oder im Krankenflügel …
»Magst einen?«, sagte Ron schmatzend und hielt ihm eine Schachtel Schokokessel hin.
»Nein, danke«, sagte Harry und blickte auf. »Malfoy ist schon wieder verschwunden!«
»Kann nicht sein«, erwiderte Ron, stopfte sich einen zweiten Schokokessel in den Mund und rutschte vom Bett, um sich anzuziehen. »Komm schon, wenn du dich nicht beeilst, musst du auf nüchternen Magen apparieren … obwohl, das könnte es leichter machen, vermut ich mal …«
Ron blickte nachdenklich auf die Schachtel mit den Schokokesseln, dann zuckte er die Achseln und genehmigte sich einen dritten.
Harry tippte mit dem Zauberstab auf die Karte, murmelte »Unheil angerichtet«, obwohl es nicht stimmte, und zog sich an, wobei er scharf nachdachte. Es musste doch eine Erklärung für Malfoys ständiges Verschwinden geben, aber er kam einfach nicht darauf, welche es sein könnte. Der beste Weg, die Sache zu klären, wäre wohl, ihn zu beschatten, doch selbst mit dem Tarnumhang ließ sich diese Idee nicht verwirklichen; er hatte Unterricht, Quidditch-Training, Hausaufgaben und Apparieren; er konnte Malfoy nicht den ganzen Tag durch die Schule folgen, ohne dass seine Abwesenheit bemerkt würde.
»Fertig?«, fragte er Ron.
Auf halbem Weg zur Schlafsaaltür wurde ihm bewusst, dass Ron sich nicht bewegt hatte; stattdessen lehnte er an seinem Bettpfosten und starrte mit einem seltsam verschwommenen Gesichtsausdruck aus dem regennassen Fenster.
»Ron? Frühstück.«
»Ich hab keinen Hunger.«
Harry starrte ihn an.
»Aber du hast doch gerade noch gesagt –?«
»Also, von mir aus, ich geh mit dir runter«, seufzte Ron, »aber ich will nichts essen.«
Harry musterte ihn argwöhnisch.
»Du hast gerade eine halbe Schachtel Schokokessel verputzt, stimmt’s?«
»Das ist es nicht.« Ron seufzte erneut. »Du … du würdest das nicht verstehen.«
»Schon gut«, sagte Harry, wenn auch verwundert, wandte sich um und ging zur Tür.
»Harry!«, sagte Ron plötzlich.
»Was?«
»Harry, ich halt das nicht aus!«
»Was hältst du nicht aus?«, fragte Harry, der allmählich ernsthaft beunruhigt war. Ron war ziemlich blass und sah aus, als würde er sich gleich übergeben.
»Ich muss ständig an sie denken!«, sagte Ron heiser.
Harry glotzte ihn mit offenem Mund an. Das hatte er nicht erwartet, und er war nicht sicher, ob er es hören wollte. Sie waren zwar Freunde, aber wenn Ron anfing, Lavender »Lav-Lav« zu nennen, würde er ein Machtwort sprechen müssen.
»Und warum hält dich das davon ab, zu frühstücken?«, fragte Harry, um der Sache wenigstens einen Schuss gesunden Menschenverstand zu verpassen.
»Ich glaub, sie weiß gar nicht, dass es mich gibt«, sagte Ron mit einer verzweifelten Geste.
»Sie weiß genau, dass es dich gibt«, sagte Harry verwirrt. »Sie knutscht doch andauernd mit dir, oder?«
Ron blinzelte.
»Von wem redest du?«
»Von wem redest du?«, erwiderte Harry und hatte zunehmend das Gefühl, dass dieses Gespräch vollkommen absurd geworden war.
»Romilda Vane«, sagte Ron leise, und sein ganzes Gesicht schien dabei aufzuleuchten, als wäre es von einem Strahl klarsten Sonnenlichts getroffen worden.
Sie starrten sich fast eine geschlagene Minute lang an, bis Harry sagte: »Das soll wohl ein Witz sein, oder? Das meinst du nicht ernst.«
»Ich glaub … Harry, ich glaub, ich liebe sie«, sagte Ron mit erstickter Stimme.
»Okay«, sagte Harry und ging zu ihm hin, um seine glasigen Augen und seine bleiche Gesichtsfarbe genauer zu betrachten, »okay … sag das noch mal, ohne zu lachen.«
»Ich liebe sie«, wiederholte Ron atemlos. »Hast du ihr Haar gesehen, es ist so schwarz und glänzend und seiden … und ihre Augen? Ihre großen dunklen Augen? Und ihre –«
»Das ist wirklich ein guter Witz und alles«, sagte Harry ungeduldig, »aber jetzt ist es genug, ja? Lass gut sein.«
Er wandte sich zum Gehen; er hatte zwei Schritte in Richtung Tür gemacht, als ihn ein fürchterlicher Schlag am rechten Ohr traf. Er taumelte und sah sich um. Ron hatte mit der Faust weit ausgeholt, sein Gesicht war wutverzerrt; er würde gleich noch einmal zuschlagen.
Harry reagierte unwillkürlich; ohne bewusst darüber nachzudenken, hatte er den Zauberstab schon aus der Tasche und die Beschwörung im Kopf: Levicorpus!
Ron schrie, als er wieder an den Fersen in die Höhe gerissen wurde; hilflos baumelte er mit herunterhängendem Umhang kopfüber in der Luft.
»Wofür war das denn?«, brüllte Harry.
»Du hast sie beleidigt, Harry! Du hast gesagt, es sei ein Witz!«, rief Ron, der allmählich puterrot anlief, da ihm das ganze Blut in den Kopf schoss.
»Das ist doch verrückt!«, sagte Harry. »Was ist in dich –?«
Und dann sah er die offene Schachtel auf Rons Bett liegen und die Wahrheit traf ihn mit der Wucht eines heranpreschenden Trolls.
»Wo hast du diese Schokokessel her?«
»Die hab ich zum Geburtstag gekriegt!«, rief Ron, der sich verzweifelt bemühte freizukommen und dabei langsam in der Luft kreiste. »Ich hab dir doch einen angeboten!«
»Du hast sie einfach vom Boden aufgehoben, stimmt’s?«
»Die waren von meinem Bett gefallen, okay? Lass mich runter!«
»Die sind nicht von deinem Bett gefallen, du Knallkopf, begreifst du nicht? Das waren meine, ich hab sie aus meinem Koffer geschmissen, als ich nach der Karte gesucht hab. Das sind die Schokokessel, die Romilda mir vor Weihnachten geschenkt hat, und da ist überall ein Schuss Liebestrank drin!«
Doch Ron schien nur ein einziges Wort davon zu registrieren.
»Romilda?«, wiederholte er. »Hast du Romilda gesagt? Harry – kennst du sie? Kannst du mich mit ihr bekannt machen?«
Harry starrte auf den baumelnden Ron, dessen Gesicht jetzt ungeheuer hoffnungsvoll aussah, und musste dagegen ankämpfen, laut loszulachen. Ein Teil von ihm – der dem pochenden rechten Ohr am nächsten war – hatte größte Lust, Ron herunterzulassen und dabei zuzusehen, wie er Amok lief, bis die Wirkung des Zaubertranks nachließ … doch andererseits waren sie ja eigentlich Freunde, Ron war nicht er selbst gewesen, als er ihn angegriffen hatte, und Harry dachte, dass er noch einen Schlag verdient hätte, wenn er zulassen würde, dass Ron Romilda Vane seine unsterbliche Liebe erklärte.
»Jaah, ich mach dich mit ihr bekannt«, sagte Harry, während er rasch überlegte. »Ich lass dich jetzt runter, okay?«
Er ließ Ron auf den Boden krachen (sein Ohr tat tatsächlich ziemlich weh), aber Ron sprang einfach auf die Füße und grinste.
»Sie wird in Slughorns Büro sein«, sagte Harry in überzeugtem Ton und ging voraus zur Tür.
»Was hat sie dort zu suchen?«, fragte Ron besorgt und beeilte sich ihn einzuholen.
»Oh, sie nimmt bei ihm Nachhilfe in Zaubertränke«, flunkerte Harry wild.
»Vielleicht könnte ich fragen, ob ich mitmachen kann?«, sagte Ron eifrig.
»Großartige Idee«, sagte Harry.
Lavender wartete neben dem Porträtloch, eine Komplikation, mit der Harry nicht gerechnet hatte.
»Du bist zu spät, Won-Won!«, schmollte sie. »Ich hab dir ein Geburtstags–«
»Lass mich in Ruhe«, sagte Ron ungeduldig. »Harry stellt mich gleich Romilda Vane vor.«
Und ohne ein weiteres Wort zu ihr drängte er sich durch das Porträtloch. Harry versuchte, mit entschuldigender Miene zu Lavender hinüberzuschauen, aber vielleicht sah es auch nur amüsiert aus, denn Lavender blickte beleidigter denn je, als die fette Dame hinter ihnen zuschwang.
Harry war ein wenig besorgt gewesen, ob Slughorn vielleicht beim Frühstück war, doch er kam beim ersten Klopfen an seine Bürotür, in einem grünen, samtenen Morgenmantel und einer dazu passenden Nachtmütze, und mit ziemlich trübem Blick.
»Harry«, murmelte er. »Das ist sehr früh für einen Besuch … ich schlafe samstags für gewöhnlich länger …«
»Professor, es tut mir wirklich leid, Sie zu stören«, sagte Harry so leise wie möglich, während Ron sich auf die Zehenspitzen stellte und versuchte, an Slughorn vorbei in sein Zimmer zu spähen, »aber mein Freund Ron hat aus Versehen einen Liebestrank geschluckt. Wäre es möglich, dass Sie ihm ein Gegenmittel zubereiten? Ich würde ihn ja zu Madam Pomfrey bringen, aber wir dürfen nichts aus Weasleys Zauberhafte Zauberscherze haben und, Sie wissen schon … unangenehme Fragen …«
»Ich hätte gedacht, Sie könnten ihm selber einen Heiltrank zusammenmischen, Harry, ein geschickter Zaubertrankbrauer wie Sie?«, fragte Slughorn.
»Ähm«, sagte Harry, etwas abgelenkt, weil Ron ihm nun mit dem Ellbogen in die Rippen stieß und versuchte, sich gewaltsam Zutritt zu verschaffen, »also, ich hab noch nie ein Gegenmittel für einen Liebestrank gemischt, Sir, und bis ich das richtig hinbekomme, hat Ron vielleicht schon was Schlimmes angestellt –«
Es war hilfreich, dass Ron ausgerechnet in diesem Moment stöhnte: »Ich kann sie nicht sehen, Harry – versteckt er sie?«
»War dieser Trank vielleicht schon etwas älter?«, fragte Slughorn, der Ron nun mit beruflichem Interesse musterte. »Die können stärker werden, wissen Sie, je länger man sie aufhebt.«
»Das würde einiges erklären«, keuchte Harry, der sich inzwischen tatsächlich einen Ringkampf mit Ron lieferte, um ihn davon abzuhalten, Slughorn niederzuschlagen. »Er hat heute Geburtstag, Professor«, fügte er flehend hinzu.
»Oh, na gut, dann kommen Sie rein, kommen Sie«, gab Slughorn nach. »Ich hab alles Nötige hier in meiner Tasche, es ist kein schwieriges Gegenmittel …«
Ron stürmte durch die Tür in Slughorns überheiztes, vollgestopftes Büro, stolperte über einen quastenbesetzten Fußschemel, fand das Gleichgewicht wieder, indem er sich an Harrys Hals klammerte, und murmelte: »Das hat sie nicht gesehen, oder?«
»Sie ist noch nicht da«, sagte Harry und sah zu, wie Slughorn seine Zaubertranktasche öffnete und ein bisschen hiervon und davon in ein kleines Kristallfläschchen gab.
»Das ist gut«, sagte Ron fieberhaft. »Wie seh ich aus?«
»Sehr hübsch«, sagte Slughorn sanft und reichte Ron ein Glas mit klarer Flüssigkeit. »Nun trinken Sie das aus, es ist ein Tonikum für die Nerven, damit Sie ruhig bleiben, wenn sie kommt, verstehen Sie?«
»Genial«, sagte Ron begierig und stürzte das Gegenmittel geräuschvoll hinunter.
Harry und Slughorn beobachteten ihn. Einen Moment lang sah Ron sie strahlend an. Dann, ganz langsam, wurde sein Lächeln schwächer und verschwand, und an seine Stelle trat ein äußerst entsetzter Gesichtsausdruck.
»Also alles wieder in Ordnung?«, sagte Harry grinsend. Slughorn gluckste. »Vielen Dank, Professor.«
»Keine Ursache, mein Junge, keine Ursache«, sagte Slughorn, während Ron, der einen völlig zerschmetterten Eindruck machte, im nächsten Sessel zusammenbrach. »Er braucht jetzt eine kleine Stärkung«, fuhr Slughorn fort und hastete nun hinüber zu einem Tisch voller Getränke. »Ich hab Butterbier, ich hab Wein, ich hab noch eine letzte Flasche von diesem im Eichenfass gereiften Met … hmm … die wollte ich eigentlich Dumbledore zu Weihnachten schenken … Nun ja …«, er zuckte die Achseln, »… was er nicht weiß, macht ihn nicht heiß! Wir könnten sie doch jetzt öffnen und Mr Weasleys Geburtstag feiern? Nichts ist besser als ein gutes Tröpfchen, um den Schmerz enttäuschter Liebe zu vertreiben …«
Er lachte wieder glucksend und Harry stimmte ein. Das war das erste Mal, dass er mit Slughorn fast allein war, seit seinem katastrophalen ersten Versuch, ihm die wahre Erinnerung zu entlocken. Vielleicht, wenn er Slughorn nur bei Laune halten konnte … vielleicht, wenn sie sich genug von dem im Eichenfass gereiften Met genehmigten …
»Hier, bitte sehr«, sagte Slughorn und reichte Harry und Ron je ein Glas Met, ehe er sein eigenes hob. »Alsdann, auf einen glücklichen Geburtstag, Ralph –«
»– Ron –«, flüsterte Harry.
Aber Ron hatte den Trinkspruch offenbar nicht gehört, sich den Met schon in den Mund gekippt und ihn hinuntergeschluckt.
Eine Sekunde lang, kaum länger als ein Herzschlag, wusste Harry, dass da etwas fürchterlich schiefging, und Slughorn wusste es anscheinend nicht.
»– und auf noch viele weitere –«
»Ron!«
Ron hatte sein Glas fallen lassen; er erhob sich halb aus seinem Sessel, dann fiel er mit hemmungslos zuckenden Gliedmaßen in sich zusammen. Schaum quoll ihm aus dem Mund und seine Augen wölbten sich aus den Höhlen.
»Professor!«, brüllte Harry. »Tun Sie was!«
Aber Slughorn schien vor Schreck wie gelähmt. Ron zuckte und würgte: Seine Haut wurde allmählich blau.
»Was – aber –«, prustete Slughorn.
Harry sprang über ein niedriges Tischchen und stürzte sich auf Slughorns geöffnete Zaubertranktasche, zog Gefäße und Beutel hervor, während das schreckliche Geräusch von Rons gurgelndem Atem den Raum erfüllte. Dann fand er ihn – den schrumpligen, nierenartigen Stein, den Slughorn ihm in Zaubertränke abgenommen hatte.
Er sauste zurück an Rons Seite, zerrte ihm die Kiefer auseinander und stopfte ihm den Bezoar in den Mund. Ron erschauderte heftig, atmete rasselnd ein, und sein Körper erschlaffte und kam zur Ruhe.
Elfen helfen
»Also alles in allem nicht gerade Rons schönster Geburtstag?«, sagte Fred.
Es war Abend; im Krankenflügel herrschte Ruhe, die Vorhänge waren zugezogen, die Lampen brannten. Rons Bett war das einzige, das belegt war. Harry, Hermine und Ginny saßen um ihn herum; sie hatten den ganzen Tag draußen vor der Flügeltür gewartet, und immer wenn jemand kam oder ging, hatten sie versucht einen Blick hineinzuwerfen. Madam Pomfrey hatte sie erst um acht Uhr eingelassen. Fred und George waren um zehn nach acht angekommen.
»So haben wir uns die Geburtstagsbescherung eigentlich nicht vorgestellt«, sagte George bitter, legte ein großes eingepacktes Geschenk auf Rons Nachtschränkchen und setzte sich neben Ginny.
»Ja, als wir uns die Szene ausgemalt haben, war er bei Bewusstsein«, ergänzte Fred.
»Da ist man schon mal in Hogsmeade und will ihn überraschen –«, sagte George.
»Ihr wart in Hogsmeade?«, fragte Ginny und blickte auf.
»Wir hatten überlegt, Zonkos Laden zu kaufen«, sagte Fred düster. »Eine Filiale in Hogsmeade, weißt du, aber das wär ein schöner Reinfall, wenn ihr an den Wochenenden nicht mehr rausdürft, um bei uns einzukaufen … aber das ist jetzt sowieso egal.«
Er zog einen Stuhl neben den von Harry und betrachtete Rons blasses Gesicht.
»Wie ist es genau passiert, Harry?«
Harry wiederholte noch einmal die Geschichte, die er, wie es ihm vorkam, schon hundertmal erzählt hatte: Dumbledore, McGonagall, Madam Pomfrey, Hermine und Ginny.
»… und dann hab ich ihm den Bezoar in den Rachen gesteckt, er hat ein wenig freier geatmet, Slughorn ist losgerannt, um Hilfe zu holen, McGonagall und Madam Pomfrey sind aufgetaucht und haben Ron hier hochgebracht. Sie meinen, er kommt durch. Madam Pomfrey sagt, er muss etwa eine Woche hierbleiben … und immer schön Weinrautenessenz einnehmen …«
»Mensch, zum Glück ist dir der Bezoar eingefallen«, sagte George mit gedämpfter Stimme.
»Zum Glück war einer im Zimmer«, antwortete Harry, dem bei der Vorstellung, was passiert wäre, wenn er den kleinen Stein nicht hätte auftreiben können, jedes Mal eiskalt wurde.
Hermine schniefte fast unhörbar. Sie war den ganzen Tag über ungewöhnlich still gewesen. Mit bleichem Gesicht war sie draußen vor dem Krankenflügel auf Harry zugestürzt und hatte ihn gefragt, was passiert sei. Danach hatte sie sich kaum an Harrys und Ginnys hitziger Diskussion darüber beteiligt, wie Ron vergiftet worden war, sondern nur mit zusammengepressten Lippen und beklommener Miene neben ihnen gestanden, bis sie endlich zu Ron hineindurften.
»Wissen Mum und Dad Bescheid?«, fragte Fred Ginny.
»Sie haben ihn schon gesehen, sie sind vor einer Stunde angekommen – im Moment sind sie in Dumbledores Büro, aber sie werden bald zurück sein …«
Eine Zeit lang sahen sie stumm zu, wie Ron im Schlaf ein wenig vor sich hin murmelte.
»Das Gift war also in dem Getränk?«, sagte Fred leise.
»Ja«, antwortete Harry sofort; er konnte an nichts anderes denken und war froh, wieder darüber reden zu können. »Slughorn hat es eingeschenkt –«
»Hätte er etwas in Rons Glas mischen können, ohne dass du es mitbekommen hättest?«
»Wahrscheinlich«, sagte Harry, »aber warum sollte Slughorn Ron vergiften wollen?«
»Keine Ahnung«, sagte Fred stirnrunzelnd. »Du meinst nicht, dass er die Gläser vielleicht aus Versehen verwechselt hat? Und es in Wahrheit auf dich abgesehen hatte?«
»Warum sollte Slughorn Harry vergiften wollen?«, fragte Ginny.
»Weiß nicht«, sagte Fred, »aber es muss eine Menge Leute geben, die Harry gern vergiften würden, stimmt’s? Von wegen der ›Auserwählte‹ und so.«
»Du glaubst also, dass Slughorn ein Todesser ist?«, fragte Ginny.
»Möglich ist alles«, sagte Fred geheimnisvoll.
»Er könnte unter dem Imperius-Fluch stehen«, sagte George.
»Oder er ist unschuldig«, sagte Ginny. »Das Gift war womöglich in der Flasche, und dann war es wahrscheinlich für Slughorn selbst bestimmt.«
»Wer sollte Slughorn umbringen wollen?«
»Dumbledore meint, Voldemort hätte Slughorn gern auf seiner Seite gehabt«, sagte Harry. »Slughorn hat sich ein Jahr lang versteckt, ehe er nach Hogwarts kam. Und …«, er dachte an die Erinnerung, die Dumbledore Slughorn nicht hatte abringen können, »und vielleicht will ihn Voldemort aus dem Weg räumen, vielleicht glaubt er, Slughorn könnte für Dumbledore wertvoll sein.«
»Aber du hast gesagt, dass Slughorn vorhatte, diese Flasche Dumbledore zu Weihnachten zu schenken«, erinnerte ihn Ginny. »Also hätte es der Giftmischer ja genauso gut auf Dumbledore abgesehen haben können.«
»Dann hat der Giftmischer Slughorn nicht besonders gut gekannt«, meldete sich Hermine zum ersten Mal seit Stunden zu Wort, und sie hörte sich an, als hätte sie einen üblen Schnupfen. »Jeder, der Slughorn kennt, hätte gewusst, dass er so einen köstlichen Tropfen mit ziemlicher Sicherheit selbst behalten würde.«
»Er-mie-nee«, krächzte Ron unerwartet zwischen ihnen.
Sie verstummten und sahen ihn besorgt an, aber er murmelte nur kurz etwas Unverständliches und begann dann zu schnarchen.
Die Tür des Krankensaals flog auf und sie zuckten alle zusammen. Hagrid kam mit wehendem Bärenfellmantel und einer Armbrust in der Hand auf sie zugeschritten, sein Haar war nass vom Regen und er hinterließ überall auf dem Boden schlammige, metergroße Fußspuren.
»War ’n ganzen Tag im Wald!«, keuchte er. »Aragog geht’s schlechter, ich hab ihm vorgelesen – bin grad erst zum Abendessen gekommen, und dann hat mir Professor Sprout das mit Ron erzählt! Wie geht’s ihm?«
»Nicht schlecht«, sagte Harry. »Sie sagen, er kommt durch.«
»Nicht mehr als sechs Besucher auf einmal!«, mahnte Madam Pomfrey, die aus ihrem Büro herbeieilte.
»Mit Hagrid sind wir sechs«, betonte George.
»Oh … ja …«, sagte Madam Pomfrey, die Hagrid wegen seiner Riesenhaftigkeit offenbar gleich mehrfach gezählt hatte. Um ihre Verwirrung zu überspielen, hastete sie davon und putzte seine schlammigen Fußspuren mit dem Zauberstab weg.
»Ich glaub es nich«, sagte Hagrid heiser und schüttelte seinen großen zotteligen Kopf, während er auf Ron hinabstarrte. »Ich glaub’s einfach nich … seht ihn euch an, wie er daliegt … wer würd ihm denn ’n Haar krümmen wollen?«
»Genau darüber haben wir eben geredet«, sagte Harry. »Wir wissen es nicht.«
»Nich dass einer ’nen Hass auf die Quidditch-Mannschaft von Gryffindor schiebt, oder?«, sagte Hagrid besorgt. »Erst Katie, jetz’ Ron …«
»Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand gleich eine ganze Quidditch-Mannschaft umlegen will«, sagte George.
»Wood hätte die Slytherins vielleicht erledigt, wenn er damit durchgekommen wäre«, wandte Fred zu Recht ein.
»Also, ich glaube nicht, dass es um Quidditch geht, aber ich glaube, dass es einen Zusammenhang zwischen den beiden Angriffen gibt«, sagte Hermine leise.
»Wie kommst du denn darauf?«, fragte Fred.
»Na ja, erstens sollten beide tödlich sein und waren es nicht, auch wenn das reines Glück war. Und zweitens scheint weder das Gift noch das Halsband in die Hände der Person gelangt zu sein, die umgebracht werden sollte. Natürlich«, fügte sie nachdenklich hinzu, »macht das die Person, die dahintersteckt, in gewisser Weise sogar noch gefährlicher, weil es ihr offenbar egal ist, wie viele Leute sie tötet, bis sie tatsächlich an ihr Opfer kommt.«
Noch ehe jemand auf diese düstere Aussage etwas erwidern konnte, ging die Flügeltür erneut auf und Mr und Mrs Weasley eilten durch den Krankensaal. Bei ihrem vorigen Besuch am Krankenbett hatten sie sich nur davon überzeugt, dass Ron wieder völlig genesen würde: Jetzt riss Mrs Weasley Harry an sich und schloss ihn ganz fest in die Arme.
»Dumbledore hat uns erzählt, dass du ihn mit dem Bezoar gerettet hast«, schluchzte sie. »Oh, Harry, mir fehlen die Worte. Du hast Ginny gerettet … du hast Arthur gerettet … und jetzt hast du Ron gerettet …«
»Das ist doch … ich hab nicht …«, murmelte Harry verlegen.
»Sieht ganz so aus, als ob die Hälfte unserer Familie dir ihr Leben verdankt, wenn ich’s mir recht überlege«, sagte Mr Weasley mit erstickter Stimme. »Also, ich kann nur sagen, es war ein glücklicher Tag für die Weasleys, als Ron beschloss, sich im Hogwarts-Express zu dir ins Abteil zu setzen, Harry.«
Harry fiel nichts ein, was er darauf antworten konnte, und er war beinahe froh, als Madam Pomfrey sie von neuem daran erinnerte, dass nur sechs Besucher an Rons Bett zugelassen waren; er und Hermine standen sofort auf, um zu gehen, und Hagrid beschloss, mit ihnen aufzubrechen und Ron und seine Familie allein zu lassen.
»’s is’ schrecklich«, brummte Hagrid in seinen Bart, als die drei den Korridor entlang zurück zur Marmortreppe gingen. »All der neue Sicherheitskram, un’ den Kindern passiert trotzdem was … Dumbledore macht sich furch’bare Sorgen … sagen tut er nich viel, aber ich spür’s …«
»Hat er nicht irgendeine Idee, Hagrid?«, fragte Hermine verzweifelt.
»Ich schätz mal, er hat Hunderte von Ideen, mit so ’nem Gehirn wie seinem«, sagte Hagrid treu ergeben. »Aber er weiß nich, wer dieses Halsband geschickt hat, und auch nich, wer Gift in diesen Wein getan hat, sonst wär der schon gefasst worden, stimmt’s? Aber ich mach mir Sorgen drüber«, sagte Hagrid, senkte die Stimme und warf einen Blick über die Schulter (Harry vergewisserte sich obendrein, ob Peeves irgendwo an der Decke hing), »wie lang Hogwarts noch offen bleiben kann, wenn Kinder angegriffen werden. Hatten wir alles schon mal, ich sag nur Kammer des Schreckens, stimmt’s? ’s wird ’ne Panik geben, noch mehr Eltern nehmen ihre Kinder von der Schule, und mir nix, dir nix heißt es im Schulbeirat …«
Hagrid hielt inne, während der Geist einer langhaarigen Frau seelenruhig an ihnen vorbeischwebte, dann fuhr er heiser flüsternd fort: »… heißt es im Schulbeirat, dass wir endgültig geschlossen wer’n.«
»Nicht doch!«, sagte Hermine und wirkte beunruhigt.
»Musst es mal von denen ihr’m Standpunkt aus sehen«, sagte Hagrid mit schwerer Stimme. »Ich mein, ’s war immer schon ’n gewisses Risiko, ’n Kind nach Hogwarts zu schicken, oder? Is’ ja zu erwarten, dass mal was passiert, wenn minderjährige Zauberer da gleich zu Hunderten zusammenstecken, aber versuchter Mord, das is’ was anderes. Wundert mich nich, dass Dumbledore wütend is’ auf Sn–«
Hagrid brach mitten im Wort ab, und ein vertrauter schuldbewusster Ausdruck lag in dem Teil seines Gesichts, der oberhalb des verfilzten schwarzen Bartes zu sehen war.
»Wie bitte?«, sagte Harry rasch. »Dumbledore ist wütend auf Snape?«
»Das hab ich nich gesagt«, erwiderte Hagrid, doch sein panischer Blick sprach Bände. »Seht mal, wie spät es schon is’, geht auf Mitternacht zu, ich muss –«
»Hagrid, warum ist Dumbledore wütend auf Snape?«, fragte Harry laut.
»Schhhh«, machte Hagrid, er wirkte nervös und aufgebracht zugleich. »Schrei so was nich rum, Harry, willst du, dass ich mein’ Job verlier? Nun ja, ich glaub nich, dass es dich kümmern würd, stimmt’s, jetzt wo du Pflege magi–«
»Versuch nicht, mir ein schlechtes Gewissen einzureden, das klappt nicht!«, sagte Harry energisch. »Was hat Snape getan?«
»Keine Ahnung, Harry, ich hätt’s eigentlich gar nicht hören sollen! Ich – also letztens komm ich abends aus’m Wald, und da krieg ich mit, wie sie reden – na ja, eher streiten. Wollt nich, dass sie mich bemerken, also hab ich mich ’n bisschen dünnegemacht und hab versucht nicht zuzuhör’n, aber’s war ’n – na ja, ’n hitziges Gespräch und’s war nich leicht, wegzuhör’n.«
»Und?«, drängte ihn Harry, während Hagrid unruhig mit seinen gewaltigen Füßen scharrte.
»Also – ich hab Snape nur sagen hör’n, Dumbledore würd zu viel als selbstverständlich nehmen und vielleicht würd er – Snape – es nich mehr tun woll’n –«
»Was tun wollen?«
»Ich weiß nich, Harry, ’s klang, als ob Snape sich ’n bisschen überarbeitet fühlt, das is’ alles – jedenfalls hat ihm Dumbledore glatt gesagt, er hätt sich dazu bereit erklärt und damit basta. Hat ihn ziemlich rangenommen. Un’ dann hat er was gesagt, von wegen Snape soll mal in seinem Haus, bei den Slytherins, nachforschen. Also, da is’ nichts Merkwürdiges dran!«, fügte Hagrid eilig hinzu, als Harry und Hermine bedeutungsvolle Blicke tauschten. »Alle Hauslehrer sin’ aufgefordert worden, sich um diese Sache mit dem Halsband zu kümmern –«
»Schon, aber mit den anderen hat Dumbledore keinen Streit, oder?«, sagte Harry.
»Schau mal«, Hagrid verbog unbehaglich mit den Händen seine Armbrust; laut splitternd brach sie entzwei, »ich weiß, was du von Snape hältst, Harry, und ich will nicht, dass du da was reinliest, was nich drin is’.«
»Vorsicht«, sagte Hermine knapp.
Sie wandten sich um und sahen gerade noch den Schatten von Argus Filch an der Wand hinter ihnen aufragen, ehe er selbst bucklig und mit zitternden Wangen um die Ecke bog.
»Oho!«, schnaufte er. »So spät noch auf den Beinen, das bedeutet Nachsitzen!«
»Nein, Filch, tut es nich«, sagte Hagrid barsch. »Die sin’ doch mit mir zusammen, oder?«
»Und was macht das für einen Unterschied?«, fragte Filch penetrant.
»Ich bin ’n verdammter Lehrer, oder, du Schnüffler von ’nem Squib!«, rief Hagrid, der sofort wütend wurde.
Während Filch vor Zorn anschwoll, ertönte ein hässliches Fauchen; Mrs Norris war unbemerkt aufgetaucht und wand sich geschmeidig um Filchs magere Knöchel.
»Haut ab«, sagte Hagrid aus dem Mundwinkel.
Das musste Harry sich nicht zweimal sagen lassen; er und Hermine eilten davon, und während sie rannten, hörten sie die lauten Stimmen von Hagrid und Filch hinter sich widerhallen. Nahe der Abzweigung zum Gryffindor-Turm kamen sie an Peeves vorbei, der allerdings in bester Laune zur Quelle des Geschreis schoss und gackernd lachte und rief:
»Gibt es Zwist und gibt es Ärger,
ruf doch Peevsie als Verstärker!«
Die fette Dame hielt gerade ein Nickerchen und war nicht erfreut, geweckt zu werden, schwang jedoch mürrisch nach vorne und ließ sie in den zum Glück friedlichen und leeren Gemeinschaftsraum klettern. Die Sache mit Ron hatte sich offenbar noch nicht herumgesprochen; Harry war sehr erleichtert, denn er war an diesem Tag schon genug ausgefragt worden. Hermine wünschte ihm gute Nacht und machte sich auf den Weg zum Mädchenschlafsaal. Harry jedoch blieb zurück, setzte sich neben den Kamin und blickte hinunter in die schwächer werdende Glut.
Dumbledore hatte also mit Snape gestritten. Trotz allem, was er Harry gesagt hatte, trotz seiner beharrlichen Behauptung, dass er Snape vollkommen vertraue, hatte er die Geduld mit ihm verloren … Dumbledore meinte, dass Snape nicht hartnäckig genug versucht hatte, bei den Slytherins nachzuforschen … oder vielleicht bei einem bestimmten Slytherin nachzuforschen: Malfoy?
Hatte Dumbledore nur deshalb so getan, als wären Harrys Verdächtigungen unbegründet, weil er nicht wollte, dass Harry Dummheiten machte und die Sache selbst in die Hand nahm? Wahrscheinlich. Vielleicht wollte Dumbledore auch verhindern, dass Harry durch irgendetwas von ihrem Unterricht abgelenkt wurde oder von seiner Aufgabe, Slughorn diese Erinnerung zu entlocken. Vielleicht hielt es Dumbledore für falsch, einem Sechzehnjährigen Verdächtigungen gegen einen Lehrer aus seinem Kollegium anzuvertrauen …
»Da bist du ja, Potter!«
Harry sprang erschrocken auf, den Zauberstab bereit. Er war völlig sicher gewesen, dass der Gemeinschaftsraum leer war; dass sich jetzt plötzlich eine ungeschlachte Gestalt hinten aus einem Sessel erhob, erwischte ihn kalt. Bei genauerem Hinsehen erkannte er, dass es Cormac McLaggen war.
»Ich hab auf dich gewartet«, sagte McLaggen, ohne auf Harrys gezückten Zauberstab zu achten. »Muss eingeschlafen sein. Sag mal, ich hab vorhin gesehen, wie sie Weasley in den Krankenflügel hochgebracht haben. Sah nicht danach aus, als würd er für das Spiel nächste Woche wieder fit sein.«
Harry brauchte eine Weile, bis ihm klar wurde, worauf McLaggen eigentlich hinauswollte.
»Oh … stimmt … Quidditch«, sagte er, steckte den Zauberstab zurück in den Gürtel seiner Jeans und fuhr sich erschöpft mit der Hand durchs Haar. »Jaah … vielleicht schafft er’s nicht.«
»Also dann, dann spiel ich als Hüter, oder?«, sagte McLaggen.
»Jaah«, sagte Harry. »Jaah, ich denk schon …«
Ihm fiel kein Argument dagegen ein; schließlich hatte McLaggen beim Testspiel klar als Zweitbester abgeschnitten.
»Prima«, sagte McLaggen mit zufriedener Stimme. »Also, wann ist Training?«
»Was? Oh … morgen Abend ist eines.«
»Gut. Hör mal, Potter, wir sollten uns vorher mal unterhalten. Ich hab da ein paar strategische Ideen, die du sicher gebrauchen kannst.«
»In Ordnung«, sagte Harry wenig begeistert. »Also, ich hör sie mir morgen an. Jetzt bin ich ziemlich müde … wir sehen uns …«
Die Nachricht, dass Ron vergiftet worden war, machte am nächsten Tag schnell die Runde, erregte jedoch nicht das gleiche Aufsehen wie der Angriff auf Katie. Die Leute dachten offenbar, es sei möglicherweise ein Unfall gewesen, da Ron sich zu dem Zeitpunkt im Büro des Zaubertrankmeisters aufgehalten hatte, und da er sofort ein Gegenmittel erhalten habe, sei er wohl nicht ernsthaft zu Schaden gekommen. Tatsächlich waren die meisten Gryffindors viel mehr am kommenden Quidditch-Spiel gegen Hufflepuff interessiert, denn viele von ihnen wollten sehen, wie Zacharias Smith, der bei den Hufflepuffs als Jäger spielte, für seine Kommentare beim Eröffnungsspiel gegen Slytherin gehörig Prügel bezog.
Harry jedoch hatte sich noch nie so wenig für Quidditch interessiert; die Sache mit Draco Malfoy wurde für ihn immer mehr zu einer fixen Idee. Beharrlich suchte er die Karte des Rumtreibers ab, wann immer er Gelegenheit dazu hatte, und manchmal machte er Umwege dorthin, wo Malfoy zufällig gerade war, doch er hatte noch nicht feststellen können, dass Malfoy etwas Ungewöhnliches tat. Und es gab immer noch diese unerklärlichen Zeiten, in denen Malfoy einfach von der Karte verschwand …
Aber Harry blieb vor lauter Quidditch-Training und Hausaufgaben nicht viel Zeit, über das Problem nachzudenken, und außerdem folgten ihm Cormac McLaggen und Lavender Brown nun auf Schritt und Tritt.
Er konnte nicht sagen, wer von den beiden lästiger war. McLaggen lag ihm andauernd mit Bemerkungen in den Ohren, dass er selbst doch einen viel besseren Hüter für die Mannschaft abgeben würde als Ron und dass Harry, wenn er ihn nun regelmäßig spielen sehe, sicher auch bald zu dieser Auffassung gelangen werde. Außerdem kritisierte er mit Vorliebe die anderen Spieler und lieferte Harry bis in Einzelheiten ausgearbeitete Trainingspläne, so dass Harry ihn mehr als einmal daran erinnern musste, wer der Kapitän war.
Unterdessen tauchte Lavender ständig in Harrys Nähe auf und wollte über Ron sprechen, was Harry beinahe noch anstrengender fand als McLaggens Quidditch-Vorträge. Zuerst war Lavender äußerst verärgert gewesen, weil niemand daran gedacht hatte, ihr zu sagen, dass Ron im Krankenflügel lag – »Ich meine, immerhin bin ich seine Freundin!« –, doch leider hatte sie jetzt beschlossen, Harry dieses Versäumnis zu verzeihen, und war ganz erpicht darauf, eine Menge tief schürfende Gespräche über Rons Gefühlsleben mit ihm zu führen, eine sehr unangenehme Erfahrung, auf die Harry liebend gern verzichtet hätte.
»Hör mal, warum redest du nicht mit Ron über all das?«, fragte Harry nach einem besonders langen Verhör durch Lavender, bei dem es praktisch um alles gegangen war, angefangen damit, was genau Ron über ihren neuen Festumhang gesagt hatte, bis hin zu dem Problem, ob Harry nun glaube oder nicht glaube, dass Ron seine Beziehung mit Lavender für »ernst« halte.
»Na ja, das würd ich ja gern, aber er schläft immer, wenn ich ihn besuchen komme!«, sagte Lavender gereizt.
»Tatsächlich?«, sagte Harry überrascht, denn jedes Mal, wenn er selbst nach oben in den Krankenflügel gegangen war, hatte er Ron putzmunter vorgefunden, brennend interessiert an Nachrichten über Dumbledores und Snapes Streit und zugleich eifrig dabei, über McLaggen herzuziehen.
»Besucht ihn Hermine Granger noch?«, wollte Lavender plötzlich wissen.
»Jaah, ich glaub schon. Na ja, sie sind eben befreundet, oder?«, sagte Harry unbehaglich.
»Befreundet, dass ich nicht lache«, höhnte Lavender. »Als das zwischen mir und Ron anfing, hat sie wochenlang nicht mit ihm gesprochen! Aber ich denk mal, sie will sich wieder bei ihm einschmeicheln, jetzt wo er so interessant ist …«
»Nennst du es etwa interessant, vergiftet zu werden?«, fragte Harry. »Wie auch immer – sorry, ich muss gehen – da kommt McLaggen und will sich über Quidditch unterhalten«, sagte Harry eilig, stahl sich seitwärts durch eine Tür, die vorgab, feste Mauer zu sein, und spurtete die Abkürzung entlang, die ihn zu Zaubertränke bringen würde, wohin weder Lavender noch McLaggen ihm zum Glück folgen konnten.
Am Morgen des Quidditch-Spiels gegen Hufflepuff schaute Harry, ehe er zum Spielfeld aufbrach, kurz im Krankenflügel vorbei. Ron war sehr aufgewühlt; Madam Pomfrey wollte ihn nicht hinunterlassen, damit er sich das Spiel ansehen konnte, weil sie befürchtete, er würde sich zu sehr aufregen.
»Also, wie macht sich McLaggen?«, fragte er Harry nervös und hatte offenbar vergessen, dass er diese Frage schon zweimal gestellt hatte.
»Ich hab’s dir doch erklärt«, sagte Harry geduldig. »Er könnte Weltklasse sein und ich würde ihn trotzdem nicht behalten wollen. Andauernd versucht er allen zu sagen, was sie tun sollen, er glaubt, dass er auf jeder Position besser spielen könnte als der Rest von uns. Ich kann’s nicht erwarten, ihn wieder los zu sein. Und wenn wir schon vom Loswerden sprechen«, fügte Harry hinzu, stand auf und nahm seinen Feuerblitz in die Hand, »hörst du bitte endlich auf, so zu tun, als würdest du schlafen, wenn Lavender dich besuchen kommt? Die treibt mich nämlich in den Wahnsinn.«
»Oh«, sagte Ron und sah schuldbewusst drein. »Ja. In Ordnung.«
»Wenn du nichts mehr von ihr willst, dann sag’s ihr einfach«, riet ihm Harry.
»Ja … also … das ist nicht so einfach, oder?«, erwiderte Ron. Er schwieg einen Moment. »Kommt Hermine vor dem Spiel noch vorbei?«, fügte er beiläufig hinzu.
»Nein, sie ist mit Ginny schon runter zum Feld.«
»Oh«, sagte Ron mit ziemlich bedrückter Miene. »Na gut. Also, viel Glück. Hoffentlich haust du McLag– ich meine, Smith in die Pfanne.«
»Ich werd’s versuchen«, sagte Harry und schulterte seinen Besen. »Wir sehen uns nach dem Spiel.«
Eilig lief er durch die verlassenen Korridore hinunter; die ganze Schule war draußen, entweder schon auf den Plätzen im Stadion oder auf dem Weg dorthin. Im Vorbeigehen spähte er aus den Fenstern und versuchte abzuschätzen, wie viel Wind sie haben würden, als er vor sich ein Geräusch hörte. Er blickte hoch und sah Malfoy auf sich zukommen, in Begleitung von zwei Mädchen, die mürrisch und verdrossen wirkten.
Malfoy stutzte, als er Harry sah, lachte kurz und trocken auf und ging weiter.
»Wohin geht ihr?«, fragte Harry.
»Tja, das werd ich dir ganz genau sagen, weil es dich ja so was von angeht, Potter«, höhnte Malfoy. »Du solltest dich lieber beeilen, da unten warten sie sicher schon auf den auserwählten Kapitän – den Jungen, der den Treffer gelandet hat – oder wie immer sie dich heutzutage nennen.«
Eines der Mädchen kicherte versehentlich. Harry starrte sie an. Sie wurde rot. Malfoy drängte sich an Harry vorbei, und das Mädchen und seine Freundin folgten ihm im Trab um eine Ecke und verschwanden.
Harry stand wie angewurzelt da und sah ihnen nach. Es war zum Verzweifeln; da war er schon in größter Hast, um es noch rechtzeitig zum Spiel zu schaffen, und ausgerechnet jetzt traf er Malfoy, der sich verdrückte, während alle anderen draußen waren: Es war seine bislang beste Gelegenheit, ihm auf die Schliche zu kommen. Still verrannen die Sekunden, während Harry reglos dastand und auf die Stelle starrte, an der Malfoy verschwunden war …
»Wo warst du?«, fragte Ginny, als Harry in den Umkleideraum gerannt kam. Die ganze Mannschaft war schon umgezogen und spielbereit; Coote und Peakes, die Treiber, klopften sich mit ihren Schlägern nervös gegen die Beine.
»Ich hab Malfoy getroffen«, sagte Harry leise zu ihr, während er sich seinen scharlachroten Umhang über den Kopf zog.
»Und?«
»Und ich wollte wissen, weshalb er oben im Schloss ist, mit zwei Freundinnen, wo doch alle anderen hier unten sind …«
»Ist das jetzt so wichtig?«
»Tja, das werd ich wohl kaum rausfinden, was?«, erwiderte Harry, packte seinen Feuerblitz und rückte seine Brille gerade. »Dann mal los!«
Und ohne ein weiteres Wort marschierte er unter ohrenbetäubenden Jubelschreien und Buhrufen hinaus aufs Feld. Es ging kaum Wind; der Himmel war locker bewölkt; ab und zu blitzte strahlend helles Sonnenlicht hervor.
»Heikle Bedingungen!«, sagte McLaggen aufmunternd zur Mannschaft. »Coote, Peakes, ihr fliegt am besten mit der Sonne im Rücken, damit sie euch nicht kommen sehen –«
»Ich bin hier der Kapitän, McLaggen, hör auf, ihnen Anweisungen zu erteilen«, sagte Harry wütend. »Ich will dich bei den Torpfosten sehen!«
Sowie McLaggen davongezogen war, wandte sich Harry an Coote und Peakes.
»Achtet tatsächlich darauf, dass ihr die Sonne im Rücken habt«, sagte er widerwillig zu ihnen.
Er schüttelte dem Kapitän der Hufflepuffs die Hand, und dann stieß er sich auf Madam Hoochs Pfiff hin vom Boden ab, stieg in die Luft, höher als der Rest der Mannschaft, und sauste über dem Feld herum auf der Suche nach dem Schnatz. Wenn er ihn nur ganz schnell fangen konnte, dann bestand vielleicht die Möglichkeit, zurück ins Schloss zu kommen, sich die Karte des Rumtreibers zu schnappen und herauszufinden, was Malfoy trieb …
»Und da ist Smith von Hufflepuff mit dem Quaffel«, sagte eine verträumte Stimme, die über das Gelände hallte. »Das war natürlich der Stadionsprecher vom letzten Mal, und Ginny Weasley ist in ihn reingeflogen, ich schätz mal, mit Absicht – so hat es jedenfalls ausgesehen. Smith war ziemlich fies gegen Gryffindor, ich vermute, das bereut er jetzt, wo er gegen sie spielt – oh, seht mal, er hat den Quaffel verloren, Ginny hat ihn Smith abgeluchst, ich mag sie wirklich, sie ist sehr nett …«
Harry starrte hinunter auf das Podium des Stadionsprechers. Sicher hätte niemand, der noch halbwegs bei Sinnen war, Luna Lovegood das Spiel kommentieren lassen? Doch selbst von oben war sie nicht zu verwechseln mit ihrem langen, schmutzig blonden Haar oder dem Halsband aus Butterbierkorken … Professor McGonagall, die neben Luna saß, machte einen etwas gequälten Eindruck, als würde sie diese Ernennung tatsächlich bereuen.
»… aber jetzt hat ihr dieser große Hufflepuff-Spieler den Quaffel abgenommen, mir fällt sein Name nicht mehr ein, so ähnlich wie Bibble – nein, Buggins –«
»Er heißt Cadwallader!«, sagte Professor McGonagall laut neben Luna. Das Publikum lachte.
Harry hielt Ausschau nach dem Schnatz; keine Spur war von ihm zu sehen. Sekunden später landete Cadwallader einen Treffer. McLaggen hatte Ginny lauthals kritisiert, weil sie sich den Quaffel hatte wegnehmen lassen, mit dem Ergebnis, dass er nicht gemerkt hatte, wie der große rote Ball an seinem rechten Ohr vorbeirauschte.
»McLaggen«, brüllte Harry, schnellte herum und sah seinem Hüter ins Gesicht, »kümmer dich endlich mal um deinen eigenen Kram und lass die andern in Ruhe!«
»Du bist nicht gerade ein großartiges Vorbild!«, schrie McLaggen mit zornesrotem Gesicht zurück.
»Und jetzt hat Harry Potter Streit mit seinem Hüter«, sagte Luna heiter, während unten im Publikum Hufflepuffs wie Slytherins johlten und jubelten. »Ich glaub nicht, dass ihm das helfen wird, den Schnatz zu finden, aber vielleicht ist es ein schlauer Trick …«
Zornig fluchend riss Harry den Besen herum, machte sich wieder auf den Flug um das Feld und suchte am Himmel nach irgendeiner Spur von dem kleinen, geflügelten goldenen Ball.
Ginny und Demelza schossen jede ein Tor und gaben den rot-goldenen Fans unten etwas zum Bejubeln. Dann traf Cadwallader erneut und schaffte den Ausgleich, aber Luna schien es nicht bemerkt zu haben; für solch profane Dinge wie den Spielstand hatte sie offenbar keinerlei Interesse, stattdessen versuchte sie die Aufmerksamkeit des Publikums beharrlich auf solche Dinge wie reizvolle Wolkengebilde zu lenken oder auf die Möglichkeit, dass Zacharias Smith, dem es bislang nicht gelungen war, den Quaffel länger als eine Minute zu halten, vielleicht unter so was wie dem »Verlierer-Zipperlein« litt.
»Siebzig zu vierzig für Hufflepuff!«, bellte Professor McGonagall in Lunas Megafon.
»Was, schon?«, sagte Luna zerstreut. »Oh, seht mal! Der Hüter von Gryffindor hat das Schlagholz von einem Treiber in der Hand.«
Harry wirbelte im Flug herum. Tatsächlich hatte McLaggen, aus Gründen, die nur er selber kannte, Peakes den Schläger entrissen und wollte ihm offenbar gerade vorführen, wie man dem angreifenden Cadwallader einen Klatscher entgegenschlug.
»Gib ihm sofort den Schläger zurück und scher dich zurück zu den Torpfosten!«, brüllte Harry und jagte auf McLaggen zu, der just in diesem Moment dem Klatscher einen fürchterlichen Schwinger verpasste und ihn nicht richtig traf.
Ein blendender Schmerz, dass ihm übel wurde … ein Lichtblitz … ferne Schreie … und das Gefühl, durch einen langen Tunnel hinabzustürzen …
Und das Nächste, was Harry wusste, war, dass er in einem erstaunlich warmen und bequemen Bett lag und zu einer Lampe aufschaute, die einen goldenen Lichtkreis an eine schattige Decke warf. Er hob unbeholfen den Kopf. Zu seiner Linken lag ein sommersprossiger, rothaariger Mensch, der ihm bekannt vorkam.
»Nett von dir, dass du vorbeischaust«, sagte Ron grinsend.
Harry blinzelte und sah sich um. Natürlich: Er war im Krankenflügel. Der Himmel draußen war indigoblau mit karmesinroten Streifen. Das Spiel musste schon seit Stunden zu Ende sein … wie auch jegliche Hoffnung, Malfoy in die Enge zu treiben. Harrys Kopf fühlte sich merkwürdig schwer an; er hob die Hand und spürte, dass er einen straffen Turbanverband hatte.
»Was ist passiert?«
»Schädelbruch«, sagte Madam Pomfrey, wuselte herbei und drückte ihn wieder in die Kissen. »Kein Grund zur Sorge, das hab ich gleich wieder in Ordnung gebracht, aber ich behalte Sie über Nacht hier. Sie sollten sich ein paar Stunden lang nicht überanstrengen.«
»Ich will nicht über Nacht hierbleiben«, sagte Harry zornig, setzte sich auf und warf seine Decke zurück. »Ich will McLaggen finden und ihn umbringen.«
»Ich fürchte, das läuft unter ›Überanstrengung‹«, sagte Madam Pomfrey, drückte ihn entschlossen zurück aufs Bett und hob drohend ihren Zauberstab. »Sie bleiben hier, bis ich Sie entlasse, Potter, oder ich rufe den Schulleiter.«
Sie wuselte zurück in ihr Büro und Harry ließ sich wutschnaubend zurück in die Kissen sinken.
»Weißt du, wie hoch wir verloren haben?«, fragte er Ron mit zusammengebissenen Zähnen.
»Ja, schon«, sagte Ron kleinlaut. »Der Endstand war dreihundertzwanzig zu sechzig.«
»Glänzend«, sagte Harry grimmig. »Wirklich glänzend! Wenn ich McLaggen in die Finger krieg –«
»Lass lieber die Finger von dem, der Kerl ist so groß wie ’n Troll«, sagte Ron beschwichtigend. »Ich persönlich wär eher dafür, ihm diesen Zehennagelfluch vom Prinzen aufzuhalsen. Aber der Rest der Mannschaft wird sich sowieso schon um ihn gekümmert haben, bis du hier rauskommst, die sind nicht gerade glücklich …«
In Rons Stimme schwang eine Spur schlecht unterdrückter Schadenfreude mit; Harry spürte, dass Ron geradezu begeistert darüber war, dass McLaggen es dermaßen vermasselt hatte. Harry lag da und betrachtete den Lichtfleck an der Decke; sein frisch geheilter Schädel tat nicht gerade weh, fühlte sich aber unter all den Bandagen ein wenig empfindlich an.
»Ich hab den Spielkommentar von hier oben mitbekommen«, sagte Ron und seine Stimme bebte jetzt vor Lachen. »Ich hoffe, Luna kommentiert ab jetzt immer … Verlierer-Zipperlein …«
Aber Harry war immer noch zu wütend, um die Situation besonders lustig zu finden, und nach einer Weile ließ Rons prustendes Gelächter nach.
»Während du bewusstlos warst, kam Ginny und wollte dich besuchen«, sagte er nach einer langen Pause, und Harrys Phantasie überschlug sich mit einem Mal und entwarf rasch eine Szene, in der Ginny über seiner leblosen Gestalt weinte und ihm ihr Gefühl tiefer Zuneigung gestand, während Ron ihnen seinen Segen gab … »Sie meint, du wärst gerade noch rechtzeitig zum Spiel gekommen. Wie das? Du bist hier doch früh genug weggegangen.«
»Oh …«, sagte Harry und die Szene in seinem Kopf stürzte in sich zusammen. »Ja … also, ich hab gesehen, wie Malfoy sich davongeschlichen hat, mit zwei Mädchen, die gar nicht den Eindruck machten, als würden sie sich mit ihm wohl fühlen, und das ist jetzt schon das zweite Mal, dass er absichtlich nicht mit allen andern unten beim Quidditch ist. Das letzte Spiel hat er auch geschwänzt, erinnerst du dich?« Harry seufzte. »Ich wünschte, ich wär ihm gefolgt, das Spiel war so katastrophal …«
»Hör auf zu spinnen«, sagte Ron scharf. »Du hättest doch kein Quidditch-Spiel versäumen können, nur um Malfoy zu folgen, du bist der Kapitän!«
»Ich will wissen, was er vorhat«, sagte Harry. »Und erzähl mir nicht, dass ich mir das alles nur einbilde, nicht nach dem, was ich bei diesem Gespräch zwischen ihm und Snape mitbekommen hab –«
»Ich hab nie gesagt, dass du dir das alles nur einbildest«, erwiderte Ron, stützte sich nun auf den Ellbogen und sah Harry stirnrunzelnd an, »aber es steht nirgendwo geschrieben, dass hier immer nur einer was aushecken kann! Das mit Malfoy wird bei dir allmählich zu einer fixen Idee, Harry. Ich meine, wenn du sogar daran denkst, ein Spiel sausen zu lassen, nur um ihm zu folgen …«
»Ich will ihn dabei erwischen!«, sagte Harry frustriert. »Ich meine, wo geht er hin, wenn er von der Karte verschwindet?«
»Keine Ahnung … Hogsmeade?«, schlug Ron gähnend vor.
»Ich hab ihn auf der Karte nie einen der Geheimgänge benutzen sehen. Außerdem dachte ich, die werden jetzt sowieso überwacht?«
»Also, dann weiß ich auch nicht«, sagte Ron.
Sie verfielen in Schweigen. Harry starrte auf den hellen Kreis, den die Lampe an die Decke warf, und dachte nach …
Wenn er nur so mächtig wäre wie Rufus Scrimgeour, dann könnte er Malfoy beschatten lassen, doch leider hatte er kein Büro voller Auroren zur Verfügung … Flüchtig überlegte er, ob er etwas mit der DA auf die Beine stellen sollte, aber auch da gab es das Problem, dass es auffallen würde, wenn Leute im Unterricht fehlten; die meisten von ihnen hatten schließlich immer noch volle Stundenpläne …
Von Rons Bett her ertönte ein lautes, polterndes Schnarchen. Nach einer Weile kam Madam Pomfrey aus ihrem Büro, diesmal in einem dicken Morgenrock. Es war am einfachsten, so zu tun, als würde er schlafen; Harry drehte sich auf die Seite und hörte, wie sich alle Vorhänge von selbst schlossen, als sie ihren Zauberstab schwenkte. Die Lampen dämpften ihr Licht, und Madam Pomfrey kehrte in ihr Büro zurück; er hörte die Tür hinter ihr ins Schloss fallen und wusste, dass sie nun zu Bett ging.
Das war das dritte Mal, dass man ihn wegen einer Quidditch-Verletzung in den Krankenflügel gebracht hatte, überlegte Harry in der Dunkelheit. Das vorige Mal war er von seinem Besen gefallen, weil Dementoren sich auf dem Feld herumgetrieben hatten, und davor wiederum hatte der unheilbar unfähige Professor Lockhart ihm sämtliche Knochen aus dem Arm entfernt … das war seine bislang schmerzhafteste Verletzung gewesen … er erinnerte sich, wie höllisch weh es getan hatte, einen Arm voller Knochen in einer Nacht nachwachsen zu lassen, eine Qual, die auch dadurch nicht gelindert wurde, dass ein unerwarteter Besucher mitten in der –
Harry saß kerzengerade da, mit hämmerndem Herzen und schiefem Turbanverband. Endlich hatte er die Lösung: Es gab eine Möglichkeit, Malfoy beschatten zu lassen – wie hatte er das vergessen können, weshalb war es ihm nicht schon vorher eingefallen?
Die Frage war nur, wie konnte er ihn rufen? Wie machte man das?
Leise, zögernd sprach Harry in die Finsternis.
»Kreacher?«
Ein sehr lauter Knall ertönte, und Schlurfen und Quieken erfüllte den stillen Raum. Ron erwachte mit einem Japsen.
»Was ist –?«
Harry richtete seinen Zauberstab hastig auf die Tür zu Madam Pomfreys Büro und murmelte »Muffliato!«, damit sie nicht angerannt kam. Dann kroch er zum Fußende seines Bettes, um besser sehen zu können, was los war.
Zwei Hauselfen wälzten sich mitten im Krankensaal auf dem Boden herum, der eine trug einen eingelaufenen kastanienbraunen Pullover und mehrere Wollhüte, der andere eine Art Lendenschurz aus einem schmutzigen alten Lumpen, der um seine Hüfte gebunden war. Dann ertönte ein zweiter lauter Knall und Peeves der Poltergeist erschien in der Luft über den kämpfenden Elfen.
»Ich hab das beobachtet, Potty!«, teilte er Harry empört mit, deutete auf das Gerangel unter ihm und gackerte dann laut auf. »Schau nur, wie diese Winzlinge sich kabbeln, beißi-beißi, knuffi-knuffi –«
»Kreacher darf Harry Potter vor Dobby nicht beleidigen, nein, nein, oder Dobby stopft Kreacher das Maul!«, schrie Dobby mit schriller Stimme.
»– treti, kratzi!«, rief Peeves glücklich und schleuderte nun Kreidestückchen auf die Elfen, um sie weiter anzustacheln. »Kneifi, piksi!«
»Kreacher sagt, was er will, über seinen Herrn, o ja, und was für ein Herr das ist, dreckiger Freund der Schlammblüter, oh, was würde die Herrin vom armen Kreacher dazu sagen –?«
Was genau Kreachers Herrin gesagt hätte, blieb offen, denn im nächsten Moment versenkte Dobby seine knorplige kleine Faust in Kreachers Mund und schlug ihm die Hälfte der Zähne aus. Harry und Ron sprangen aus ihren Betten und zerrten die beiden Elfen auseinander, die trotzdem weiter versuchten, einander zu treten und zu schlagen, angefeuert von Peeves, der um die Lampe schwirrte und kreischte: »Steck ihm die Finger in sein Näschen, zieh ihn am Korken und an den Öhrchen –«
Harry zielte mit dem Zauberstab auf Peeves und sagte »Langlock!«. Peeves griff sich an die Kehle, würgte und stürzte mit unanständigen Gesten, aber stumm davon, da seine Zunge sich eben an seinen Gaumen geklebt hatte.
»Nicht schlecht«, sagte Ron anerkennend und hob Dobby hoch, damit seine wild fuchtelnden Glieder Kreacher nicht mehr trafen. »Der Spruch war auch vom Prinzen, oder?«
»Jaah«, sagte Harry und zwängte Kreachers runzligen Arm in einen Hebelgriff. »Hört zu – ich verbiete euch, gegeneinander zu kämpfen! Also, Kreacher, es ist dir verboten, gegen Dobby zu kämpfen. Dobby, ich weiß, ich darf dir keine Befehle erteilen –«
»Dobby ist ein freier Hauself und kann jedem gehorchen, den er mag, und Dobby tut alles, was Harry Potter von ihm will!«, verkündete Dobby und Tränen strömten über sein verhutzeltes kleines Gesicht auf den Pullover.
»Also gut«, sagte Harry; er und Ron ließen die Hauselfen los, die zu Boden fielen, aber nicht wieder zu kämpfen anfingen.
»Der Herr hat mich gerufen?«, krächzte Kreacher und verneigte sich, auch wenn der Blick, den er Harry dabei zuwarf, ihm eindeutig einen qualvollen Tod wünschte.
»Ja, allerdings«, erwiderte Harry und spähte prüfend zu Madam Pomfreys Bürotür hinüber, ob der Muffliato noch wirkte; es hatte nicht den Anschein, als hätte sie irgendetwas von dem Tumult gehört. »Ich habe eine Aufgabe für dich.«
»Kreacher tut, was immer der Herr verlangt«, sagte Kreacher und verneigte sich so tief, dass er mit den Lippen fast seine knorrigen Zehen berührte, »weil Kreacher keine Wahl hat, aber Kreacher schämt sich, einen solchen Herrn zu haben, ja –«
»Dobby macht es, Harry Potter!«, quiekte Dobby, dessen tennisballgroße Augen immer noch in Tränen schwammen. »Dobby wäre es eine Ehre, Harry Potter zu helfen!«
»Wenn ich’s mir recht überlege, wär es ganz gut, euch beide zu nehmen«, sagte Harry. »Also, dann … ich will, dass ihr Draco Malfoy beschattet.«
Ohne auf Rons überraschte und zugleich wütende Miene zu achten, fuhr Harry fort: »Ich will wissen, wo er hingeht, mit wem er sich trifft und was er treibt. Ich will, dass ihr ihm rund um die Uhr folgt.«
»Ja, Harry Potter!«, sagte Dobby sofort und seine großen Augen leuchteten vor Aufregung. »Und wenn Dobby es falsch macht, wird sich Dobby vom höchsten Turm stürzen, Harry Potter!«
»Das wird nicht nötig sein«, erwiderte Harry hastig.
»Der Herr will, dass ich den jüngsten der Malfoys verfolge?«, krächzte Kreacher. »Der Herr will, dass ich den reinblütigen Großneffen meiner alten Herrin ausspioniere?«
»Genau den«, sagte Harry, ahnte eine große Gefahr und beschloss, ihr sofort vorzubeugen. »Und es ist dir verboten, ihn zu warnen, Kreacher, und ihm zu zeigen, was du vorhast, und überhaupt mit ihm zu sprechen und ihm Botschaften zu schreiben und … und irgendwie Kontakt mit ihm aufzunehmen. Verstanden?«
Er meinte förmlich zu sehen, wie Kreacher verzweifelt nach einem Hintertürchen in den Anweisungen suchte, die er ihm gerade erteilt hatte, und wartete ab. Nach einigen Augenblicken verbeugte sich Kreacher zu Harrys großer Zufriedenheit noch einmal tief und sagte mit bitterem Groll: »Der Herr denkt an alles, und Kreacher muss ihm gehorchen, auch wenn Kreacher viel lieber der Diener des jungen Malfoy wäre, o ja …«
»Dann wäre das also klar«, sagte Harry. »Ich möchte regelmäßige Berichte, aber seht zu, dass niemand in der Nähe ist, wenn ihr auftaucht. Ron und Hermine sind okay. Und sagt keinem, was ihr macht. Bleibt einfach an Malfoy kleben wie zwei Warzenpflaster.«
Lord Voldemorts Gesuch
Harry und Ron verließen den Krankenflügel gleich am Montagmorgen, dank der Pflege durch Madam Pomfrey vollkommen genesen, und konnten nun die Vorteile genießen, die es mit sich brachte, k. o. geschlagen und vergiftet worden zu sein, und der beste davon war, dass Hermine sich wieder mit Ron versöhnt hatte. Hermine begleitete sie sogar hinunter zum Frühstück und brachte die Neuigkeit mit, dass Ginny sich mit Dean gestritten hatte. Die Kreatur, die in Harrys Brust schlummerte, hob plötzlich den Kopf und schnupperte Morgenluft.
»Worüber haben sie sich in die Haare gekriegt?«, fragte er in bemüht lässigem Ton. Sie bogen gerade in einen Korridor im siebten Stock ab, in dem niemand war außer einem ganz kleinen Mädchen, das einen Wandbehang mit Trollen in Ballettröckchen betrachtete. Beim Anblick der näher kommenden Sechstklässler geriet sie offenbar in Panik und ließ die schwere Messingwaage fallen, die sie in der Hand hielt.
»Ist ja schon gut!«, sagte Hermine freundlich und eilte ihr zu Hilfe. »Hier …« Sie tippte mit dem Zauberstab gegen die zerbrochene Waage und sagte »Reparo«.
Das Mädchen bedankte sich nicht. Es blieb wie angewurzelt stehen, während sie vorbeigingen, und sah ihnen nach; Ron blickte zu ihr zurück.
»Ich schwöre, die werden immer kleiner«, bemerkte er.
»Lass sie in Frieden«, sagte Harry mit einem Anflug von Ungeduld. »Worüber haben sich Ginny und Dean gestritten, Hermine?«
»Oh, Dean hat darüber gelacht, wie McLaggen dir diesen Klatscher um die Ohren gehauen hat«, erzählte Hermine.
»Das muss schon komisch ausgesehen haben«, gab Ron zu bedenken.
»Es hat überhaupt nicht komisch ausgesehen«, erwiderte Hermine hitzig. »Es hat schrecklich ausgesehen, und wenn Coote und Peakes Harry nicht aufgefangen hätten, dann hätte er sich wirklich schwer verletzen können!«
»Na ja, deswegen hätten sich Ginny und Dean doch nicht gleich trennen müssen«, sagte Harry, immer noch bemüht lässig. »Oder sind sie noch zusammen?«
»Ja, schon – aber warum interessiert dich das so?«, fragte Hermine und warf Harry einen durchdringenden Blick zu.
»Ich will nur nicht wieder so ein Durcheinander in meiner Quidditch-Mannschaft!«, sagte er hastig, aber Hermine schaute weiterhin argwöhnisch, und er war sehr erleichtert, als eine Stimme hinter ihnen »Harry!« rief und er einen Vorwand hatte, ihr den Rücken zuzukehren.
»Oh, hi, Luna.«
»Ich war im Krankenflügel und hab dich gesucht«, sagte Luna und stöberte in ihrer Tasche. »Aber sie haben gesagt, du wärst schon weg …«
Sie drückte Ron etwas Grünes und Zwiebelartiges, einen großen getüpfelten Giftpilz und eine beachtliche Portion von etwas wie Katzenstreu in die Hände und zog schließlich eine ziemlich schmuddelige Pergamentrolle hervor, die sie Harry überreichte.
»… Das soll ich dir geben.«
Es war eine kleine Rolle, und Harry wusste sofort, dass es eine weitere Einladung zu einer Unterrichtsstunde bei Dumbledore war.
»Heute Abend«, sagte er zu Ron und Hermine, als er sie entrollt hatte.
»Deine Kommentare beim letzten Spiel waren klasse!«, sagte Ron zu Luna, während sie die grüne Zwiebel, den Giftpilz und die Katzenstreu zurücknahm. Luna lächelte vage.
»Du machst dich lustig über mich, oder?«, erwiderte sie. »Alle sagen, dass ich schrecklich war.«
»Nein, ehrlich!«, sagte Ron ernst. »Mir hat schon lange kein Kommentar mehr so gut gefallen! Übrigens, was ist das eigentlich?«, fügte er hinzu und hielt das zwiebelartige Etwas in Augenhöhe.
»Oh, das ist eine Spulenwurzel«, sagte sie und stopfte die Katzenstreu und den Giftpilz zurück in ihre Tasche. »Du kannst sie behalten, wenn du magst, ich hab ein paar davon. Die sind wirklich hervorragend gegen Schluck-Plimpys …«
Und sie zog von dannen und ließ Ron glucksend mit der Spulenwurzel in der Hand stehen.
»Wisst ihr, sie ist mir richtig ans Herz gewachsen, unsere Luna«, meinte er, als sie sich wieder auf den Weg zur Großen Halle machten. »Ich weiß, sie ist verrückt, aber auf ’ne gute –«
Er verstummte schlagartig. Lavender Brown stand am Fuß der Marmortreppe und machte einen zornigen Eindruck.
»Hi«, sagte Ron nervös.
»Komm«, raunte Harry Hermine zu, und sie liefen rasch vorbei, hörten aber Lavender noch sagen: »Warum hast du mir nicht erzählt, dass du heute entlassen wirst? Und warum warst du mit der unterwegs?«
Als Ron eine halbe Stunde später beim Frühstück erschien, wirkte er trotzig und verärgert, und obwohl er bei Lavender saß, sah Harry sie die ganze Zeit kein einziges Wort wechseln. Hermine tat, als ob sie das alles gar nicht mitbekam, doch ein- oder zweimal sah Harry ein unerklärliches Feixen über ihr Gesicht huschen. Sie schien den ganzen Tag besonders gut gelaunt, und abends im Gemeinschaftsraum erklärte sie sich sogar bereit, Harrys Kräuterkundeaufsatz durchzusehen (mit anderen Worten, ihn zu Ende zu schreiben), was sie bislang entschieden abgelehnt hatte, denn ihr war klar gewesen, dass Harry Ron dann alles abschreiben lassen würde.
»Vielen Dank, Hermine«, sagte Harry und klopfte ihr flüchtig auf die Schulter, während er einen Blick auf seine Uhr warf und feststellte, dass es schon fast acht war. »Hör mal, ich muss mich beeilen, sonst komme ich zu spät zu Dumbledore …«
Sie antwortete nicht, sondern strich nur ziemlich resigniert ein paar von seinen schwächeren Sätzen durch. Grinsend eilte Harry durch das Porträtloch hinaus und machte sich auf den Weg zum Büro des Schulleiters. Der Wasserspeier sprang bei der Erwähnung von Karamell-Eclairs zur Seite, und Harry nahm auf der Wendeltreppe immer zwei Stufen auf einmal und klopfte just in dem Moment an die Tür, als die Uhr drinnen acht schlug.
»Herein«, rief Dumbledore, doch als Harry die Hand ausstreckte, um die Tür aufzustoßen, wurde sie von innen aufgerissen. Vor ihm stand Professor Trelawney.
»Aha!«, rief sie, deutete theatralisch auf Harry und blinzelte ihn durch ihre vergrößernden Brillengläser an. »Das ist also der Grund, weshalb Sie mich sang- und klanglos aus Ihrem Büro werfen, Dumbledore!«
»Meine liebe Sybill«, sagte Dumbledore in leicht aufgebrachtem Ton, »es kann keine Rede davon sein, dass Sie irgendwo sang- und klanglos hinausgeworfen werden, aber Harry hat einen Termin, und ich glaube wirklich nicht, dass es noch mehr zu sagen gibt –«
»Schön und gut«, sagte Professor Trelawney mit tief gekränkter Stimme. »Wenn Sie diesen unverschämten Klepper nicht des Hauses verweisen, dann eben nicht … vielleicht finde ich eine Schule, in der meine Talente besser gewürdigt werden …«
Sie drängte sich an Harry vorbei und verschwand auf der Wendeltreppe; sie hörten, wie sie auf halbem Weg hinunter stolperte, und Harry vermutete, dass sie über einen ihrer flatternden Schals gestrauchelt war.
»Bitte schließ die Tür und setz dich, Harry«, sagte Dumbledore, der ziemlich müde klang.
Harry gehorchte, und als er seinen üblichen Platz vor Dumbledores Schreibtisch einnahm, stellte er fest, dass das Denkarium wieder zwischen ihnen stand, außerdem zwei neue Kristallfläschchen voller wirbelnder Erinnerung.
»Dann ist Professor Trelawney also immer noch unglücklich, weil Firenze Unterricht gibt?«, fragte Harry.
»Ja«, sagte Dumbledore. »Wahrsagen erweist sich als viel problematischer, als ich hätte vorhersehen können, zumal ich das Fach nie selber studiert habe. Ich kann von Firenze nicht verlangen, in den Wald zurückzukehren, wo er jetzt ein Geächteter ist, noch kann ich Sybill Trelawney bitten zu gehen. Unter uns gesagt, sie hat keine Ahnung, in welcher Gefahr sie außerhalb des Schlosses wäre. Sie weiß nicht – und ich glaube, es wäre unklug, sie darüber aufzuklären –, dass sie die Prophezeiung über dich und Voldemort gemacht hat, verstehst du?«
Dumbledore seufzte schwer und sagte: »Aber die Probleme mit meinen Lehrern sind jetzt nicht so wichtig. Wir haben viel bedeutsamere Dinge zu besprechen. Erstens – hast du die Aufgabe bewältigt, die ich dir am Ende unserer letzten Stunde gestellt habe?«
»Oh«, sagte Harry und erstarrte. Die Apparierstunden, das Quidditch, Rons Vergiftung, sein eigener Schädelbruch und seine feste Absicht, herauszufinden, was Draco Malfoy im Schilde führte – über alldem hatte Harry beinahe vergessen, dass Dumbledore ihn beauftragt hatte, Professor Slughorn die Erinnerung zu entlocken … »Also, ich hab Professor Slughorn nach Zaubertränke deswegen gefragt, Sir, aber, ähm, er wollte sie mir nicht geben.«
Eine kurze Stille trat ein.
»Ich verstehe«, sagte Dumbledore schließlich, sah Harry über seine Halbmondbrille hinweg genau an und gab ihm wieder einmal das Gefühl, geröntgt zu werden. »Und du meinst, dass du in dieser Sache wirklich die größten Anstrengungen unternommen hast? Dass du all deinen beachtlichen Einfallsreichtum angewandt hast? Dass du in deinem Streben, dir diese Erinnerung zu beschaffen, keine noch so schlaue List unerprobt gelassen hast?«
»Nun ja«, erwiderte Harry, um Zeit zu gewinnen, denn er wusste nicht, was er jetzt sagen sollte. Sein einziger Versuch, die Erinnerung zu bekommen, wirkte auf einmal peinlich schwach. »Also … an dem Tag, als Ron aus Versehen Liebestrank geschluckt hat, habe ich ihn zu Professor Slughorn gebracht. Ich dachte, wenn ich Professor Slughorn vielleicht in möglichst guter Stimmung erwische –«
»Und ist das gelungen?«, fragte Dumbledore.
»Also, nein, Sir, weil Ron vergiftet wurde –«
»– weshalb du natürlich vollkommen vergessen hast, dass du versuchen solltest, dir diese Erinnerung zu beschaffen; ich hätte auch nichts anderes erwartet, da doch dein bester Freund in Gefahr war. Aber sobald klar wurde, dass Mr Weasley sich völlig erholen würde, hätte ich doch gehofft, dass du dich wieder der Aufgabe zugewandt hättest, die ich dir gestellt habe. Ich dachte, ich hätte dir deutlich gemacht, wie überaus wichtig diese Erinnerung ist. Ich habe mich wirklich nach Kräften bemüht, dir einzuschärfen, dass es die wichtigste Erinnerung überhaupt ist und dass wir ohne sie unsere Zeit verschwenden.«
Heiß und kribbelnd breitete sich ein Gefühl der Scham von ganz oben in Harrys Kopf über seinen gesamten Körper aus. Dumbledore hatte die Stimme nicht erhoben, er klang nicht einmal zornig, aber Harry wäre es lieber gewesen, wenn er geschrien hätte; diese kalte Enttäuschung war schlimmer als alles andere.
»Sir«, sagte er ein wenig verzweifelt, »es ist nicht, dass ich mich nicht bemüht hätte oder so, ich hatte nur – andere Dinge …«
»Andere Dinge im Kopf«, beendete Dumbledore den Satz für ihn. »Ich verstehe.«
Wieder versanken sie in Schweigen, in das unbehaglichste Schweigen, das Harry je mit Dumbledore erlebt hatte; es schien sich ewig hinzuziehen, unterbrochen nur von den leisen grunzenden Schnarchern des Porträts von Armando Dippet über Dumbledores Kopf. Harry fühlte sich merkwürdig klein, als ob er ein wenig geschrumpft wäre, seit er den Raum betreten hatte.
Als er es nicht mehr aushalten konnte, sagte er: »Professor Dumbledore, es tut mir wirklich leid. Ich hätte mehr tun sollen … ich hätte erkennen müssen, dass Sie es nicht von mir verlangt hätten, wenn es nicht wirklich wichtig wäre.«
»Danke, dass du das sagst«, antwortete Dumbledore leise. »Darf ich also hoffen, dass du dieser Angelegenheit von nun an absoluten Vorrang geben wirst? Wenn wir diese Erinnerung nicht bekommen, wird es kaum einen Sinn haben, dass wir uns nach dem heutigen Abend noch weiter treffen.«
»Ich werde es tun, Sir, ich krieg sie aus ihm raus«, sagte Harry ernst.
»Dann wollen wir jetzt kein Wort mehr darüber verlieren«, sagte Dumbledore freundlicher, »sondern mit unserer Geschichte an dem Punkt fortfahren, wo wir sie unterbrochen haben. Weißt du noch, wo das war?«
»Ja, Sir«, sagte Harry rasch. »Voldemort hat seinen Vater und seine Großeltern getötet und es so aussehen lassen, als ob es sein Onkel Morfin gewesen wäre. Dann ging er nach Hogwarts zurück und fragte … fragte Professor Slughorn nach Horkruxen«, murmelte er kleinlaut.
»Sehr gut«, sagte Dumbledore. »Nun, du wirst dich hoffentlich erinnern, dass ich dir ganz am Anfang unserer Treffen erklärt habe, dass wir uns in den Bereich der Vermutungen und Spekulationen begeben würden?«
»Ja, Sir.«
»Bislang, und ich hoffe, du stimmst mir zu, habe ich dir einige Quellen gezeigt, die meine Schlussfolgerungen, was Voldemort, bis er siebzehn war, gemacht hat, recht zuverlässig untermauern.«
Harry nickte.
»Aber nun, Harry«, fuhr Dumbledore fort, »nun werden die Verhältnisse undurchsichtiger und merkwürdiger. Wenn es schon schwierig war, Zeugnisse über den jungen Riddle zu finden, so war es fast unmöglich, jemanden aufzutreiben, der bereit war, sich an den erwachsenen Voldemort zu erinnern. Tatsächlich bezweifle ich, dass außer ihm selbst noch eine Menschenseele am Leben ist, die uns umfassend von seinem Leben nach Hogwarts berichten könnte. Aber ich habe noch zwei Erinnerungen übrig, die ich dir zeigen möchte.« Dumbledore deutete auf die beiden Kristallfläschchen, die neben dem Denkarium leuchteten. »Danach würde ich gerne deine Meinung hören, ob die Schlüsse, die ich daraus gezogen habe, triftig erscheinen.«
Bei dem Gedanken, dass Dumbledore seine Meinung so hoch schätzte, schämte sich Harry noch mehr, dass es ihm nicht gelungen war, die Horkrux-Erinnerung zu beschaffen, und er rutschte mit schlechtem Gewissen auf seinem Platz hin und her, als Dumbledore das erste der beiden Fläschchen ans Licht hielt und es musterte.
»Ich hoffe, du bist es noch nicht müde, in anderer Leute Gedächtnisse einzutauchen, denn das sind eigenartige Erinnerungen, diese beiden«, sagte er. »Die erste hier stammt von einer sehr alten Hauselfe namens Hokey. Ehe wir uns ansehen, was Hokey miterlebte, muss ich noch rasch erzählen, wie Lord Voldemort Hogwarts verließ.
Wie du dir sicher schon gedacht hast, trat er sein siebtes Schuljahr mit Bestnoten in jeder Prüfung an, die er abgelegt hatte. Die Klassenkameraden um ihn herum trafen gerade die Entscheidung, welche Berufe sie nach Hogwarts ergreifen wollten. Fast alle erwarteten Aufsehen erregende Dinge von Tom Riddle, dem Vertrauensschüler, Schulsprecher und Träger der Auszeichnung für besondere Verdienste um die Schule. Ich weiß, dass mehrere Lehrer, darunter Professor Slughorn, ihm vorschlugen, ins Zaubereiministerium einzutreten, und ihm anboten, Treffen zu arrangieren, nützliche Kontakte zu vermitteln. Er lehnte alle Angebote ab. Und irgendwann erfuhr dann die Lehrerschaft, dass Voldemort bei Borgin und Burkes arbeitete.«
»Bei Borgin und Burkes?«, wiederholte Harry verblüfft.
»Bei Borgin und Burkes«, bestätigte Dumbledore gelassen. »Ich denke, sobald wir in Hokeys Gedächtnis eingedrungen sind, wirst du nachvollziehen können, welche Attraktionen dieser Laden für ihn enthielt. Aber diese Stelle war nicht Voldemorts erste Wahl. Kaum jemand wusste damals davon – ich war einer der wenigen, denen sich der damalige Schulleiter anvertraute –, doch Voldemort sprach zuerst bei Professor Dippet vor und fragte, ob er als Lehrer in Hogwarts bleiben könne.«
»Er wollte hierbleiben? Warum?«, fragte Harry noch erstaunter.
»Ich glaube, er hatte mehrere Gründe, auch wenn er Professor Dippet keinen davon offenbarte«, sagte Dumbledore. »Erstens und vor allem war Voldemort wohl stärker mit dieser Schule verbunden als jemals mit einem Menschen. In Hogwarts hatte er seine glücklichste Zeit verbracht; dies war der erste und einzige Ort, an dem er sich zu Hause gefühlt hatte.«
In Harry regte sich bei diesen Worten ein leises Unbehagen, denn genauso erging es auch ihm mit Hogwarts.
»Zweitens, das Schloss ist eine Hochburg alter Magie. Zweifellos hatte Voldemort viel mehr von seinen Geheimnissen ergründet als die meisten, die diese Schule durchlaufen, doch vielleicht hatte er das Gefühl, dass es noch weitere Rätsel aufzudecken und eine Fülle von Magie zu erschließen gab.
Und drittens hätte er als Lehrer große Macht und Einfluss auf junge Hexen und Zauberer ausüben können. Vielleicht hatte er die Idee von Professor Slughorn, dem Lehrer, mit dem er auf bestem Fuß stand und der anschaulich gezeigt hatte, welch einflussreiche Rolle ein Lehrer spielen kann. Ich habe keine Sekunde geglaubt, dass Voldemort die Absicht hatte, den Rest seines Lebens in Hogwarts zu verbringen, aber ich denke schon, dass er die Schule als nützlich betrachtete, um dort Leute zu rekrutieren, und als einen Ort, wo er vielleicht beginnen könnte, sich eine Armee aufzubauen.«
»Aber er hat die Stelle nicht bekommen, Sir?«
»Nein, allerdings nicht. Professor Dippet erklärte ihm, dass er mit seinen achtzehn Jahren noch zu jung sei, ermutigte ihn jedoch, sich in einigen Jahren erneut zu bewerben, falls er dann immer noch unterrichten wolle.«
»Was haben Sie dabei empfunden, Sir?«, fragte Harry zögernd.
»Mir war höchst unwohl«, sagte Dumbledore. »Ich hatte Armando von der Ernennung abgeraten – ohne die Gründe anzugeben, die ich dir aufgezählt habe, denn Professor Dippet mochte Voldemort sehr und war überzeugt von seiner Aufrichtigkeit – aber ich wollte Lord Voldemort nicht wieder an dieser Schule haben, und vor allem nicht in einer Machtposition.«
»Welche Stelle wollte er? Welches Fach wollte er unterrichten?«
Irgendwie wusste Harry die Antwort schon, bevor Dumbledore sie ihm gab.
»Verteidigung gegen die dunklen Künste. Damals wurde es von einer alten Professorin namens Galatea Merrythought gelehrt, die seit fast fünfzig Jahren in Hogwarts war.
Voldemort ging also zu Borgin und Burkes, und sämtliche Lehrer, die ihn bewundert hatten, hielten es für eine Verschwendung, dass ein so hervorragender junger Zauberer wie er in einem Laden arbeitete. Allerdings war Voldemort kein bloßer Gehilfe. Höflich, gut aussehend und klug wie er war, wurden ihm bald spezielle Aufgaben anvertraut, wie sie nur in einem Geschäft wie Borgin und Burkes anfallen, das, wie du weißt, Harry, auf Gegenstände mit ungewöhnlichen und machtvollen Eigenschaften spezialisiert ist. Voldemort wurde losgeschickt, um Leute zu überreden, sich von ihren Schätzen zu trennen, damit die beiden Geschäftspartner sie verkaufen konnten, und nach allem, was man hörte, war er ungewöhnlich begabt dafür.«
»Darauf hätte ich wetten können«, entfuhr es Harry unwillkürlich.
»Nun, ganz recht«, sagte Dumbledore mit einem schwachen Lächeln. »Und jetzt ist es an der Zeit, dass wir uns Hokey die Hauselfe anhören, die für eine sehr alte, sehr reiche Hexe namens Hepzibah Smith arbeitete.«
Dumbledore tippte mit seinem Zauberstab gegen ein Fläschchen, der Korken flog heraus, und er kippte die wirbelnde Erinnerung in das Denkarium und sagte dabei: »Nach dir, Harry.«
Harry stand auf und beugte sich wieder über den sich kräuselnden silbernen Inhalt des Steinbassins, bis sein Gesicht ihn berührte. Er stürzte durch dunkles Nichts und landete in einem Wohnzimmer vor einer ungeheuer dicken alten Dame, die eine kunstvolle rotbraune Perücke und einen leuchtend rosa Umhang trug, der um sie herumwallte und ihr das Aussehen eines schmelzenden Zuckergusskuchens verlieh. Sie blickte in einen kleinen, mit Juwelen besetzten Spiegel und tupfte sich mit einer großen Puderquaste Rouge auf ihre ohnehin schon scharlachroten Wangen, während die kleinste und älteste Hauselfe, die Harry je gesehen hatte, ihre fleischigen Füße in enge Satinpantoffeln schnürte.
»Beeil dich, Hokey!«, sagte Hepzibah gebieterisch. »Er wollte um vier kommen, das sind nur noch ein paar Minuten, und er hat sich noch nie verspätet!«
Sie steckte ihre Puderquaste weg, als die Hauselfe sich aufrichtete. Der Kopf der Elfe reichte kaum bis zur Sitzfläche von Hepzibahs Stuhl, und ihre papierene Haut hing ihr von den Knochen wie das spröde Leintuch, das sie wie eine Toga um sich gewickelt hatte.
»Wie sehe ich aus?«, fragte Hepzibah und drehte den Kopf, um ihr Gesicht aus verschiedenen Winkeln im Spiegel zu bewundern.
»Großartig, Madam«, quiekte Hokey.
Harry konnte nur vermuten, dass Hokey vertraglich dazu verpflichtet war, das Blaue vom Himmel herunterzulügen, wenn ihr diese Frage gestellt wurde, denn Hepzibah Smith sah seiner Meinung nach alles andere als großartig aus.
Eine Türglocke klingelte und Herrin wie Elfe zuckten zusammen.
»Schnell, schnell, er ist da, Hokey!«, rief Hepzibah, und die Elfe hastete aus dem Zimmer, das so vollgestopft mit Dingen war, dass man sich nur schwer vorstellen konnte, wie irgendjemand sich einen Weg durch all die Sachen bahnen konnte, ohne mindestens ein Dutzend davon umzuwerfen. Da waren Vitrinen voller lackierter Schächtelchen, Schränke voller goldgeprägter Bücher, Regale mit Kristallkugeln und Himmelsgloben und viele üppige Topfpflanzen in Messingbehältern. Tatsächlich sah das Zimmer aus wie ein Mittelding zwischen magischem Antiquitätenladen und Gewächshaus.
Die Hauselfe kehrte nach wenigen Minuten zurück, gefolgt von einem großen jungen Mann, den Harry ohne jede Schwierigkeit als Voldemort erkannte. Er war schlicht in einen schwarzen Anzug gekleidet; sein Haar war ein wenig länger, als es in der Schule gewesen war, und seine Wangen waren hohl geworden, doch all dies stand ihm gut: Er sah besser aus denn je. Er lavierte sich gewandt durch das vollgestellte Zimmer, was darauf hindeutete, dass er schon viele Male hier zu Besuch gewesen war, beugte sich tief über Hepzibahs fette kleine Hand und berührte sie leicht mit seinen Lippen.
»Ich habe Ihnen Blumen mitgebracht«, sagte er leise und holte einen Strauß Rosen aus dem Nichts hervor.
»Sie ungezogener Junge, das wär doch nicht nötig gewesen!«, protestierte die alte Hepzibah, doch Harry bemerkte, dass sie auf dem nächsten kleinen Tisch eine Vase bereitstehen hatte. »Sie verwöhnen eine alte Dame wie mich, Tom … nehmen Sie Platz, nehmen Sie Platz … wo ist Hokey … ah …«
Die Hauselfe war zurück ins Zimmer gehuscht und hielt ein Tablett mit Törtchen in den Händen, das sie neben dem Ellbogen ihrer Herrin abstellte.
»Bedienen Sie sich, Tom«, sagte Hepzibah, »ich weiß, Sie lieben meine Törtchen. Nun, wie geht es Ihnen? Sie sehen blass aus. Man gibt Ihnen in diesem Laden viel zu viel Arbeit, das habe ich schon hundertmal gesagt …«
Voldemort lächelte mechanisch und Hepzibah kicherte geziert.
»Nun, welchen Vorwand haben Sie diesmal für Ihren Besuch?«, fragte sie und klimperte mit ihren Wimpern.
»Mr Burke würde Ihnen gerne ein verbessertes Angebot für die koboldgearbeitete Rüstung unterbreiten«, sagte Voldemort. »Fünfhundert Galleonen, er ist der Auffassung, dass dies ein durchaus großzügiges –«
»Nun aber gemach, gemach, sonst muss ich ja den Eindruck haben, dass Sie nur auf die billigen Stücke hier aus sind!«, sagte Hepzibah und zog eine Schnute.
»Deswegen wurde ich hierhergeschickt«, erwiderte Voldemort leise. »Ich bin nur ein armer Ladengehilfe, Madam, der tun muss, was ihm befohlen wird. Mr Burke wünscht, dass ich nachfrage –«
»Oh, Mr Burke, pfui!«, sagte Hepzibah und wedelte mit ihrer kleinen Hand. »Ich habe Ihnen da etwas zu zeigen, das ich Mr Burke noch nie gezeigt habe! Können Sie ein Geheimnis für sich behalten, Tom? Wollen Sie mir versprechen, dass Sie Mr Burke nicht sagen, dass ich es habe? Er würde mich nie mehr in Ruhe lassen, wenn er wüsste, dass ich es Ihnen gezeigt habe, und ich verkaufe es nicht, nicht an Burke, nicht an sonst jemanden! Aber Sie, Tom, Sie werden es wegen seiner Geschichte zu würdigen wissen, nicht weil Sie soundso viele Galleonen dafür bekommen könnten …«
»Ich sehe mir gerne alles an, was Miss Hepzibah mir zeigt«, sagte Voldemort leise und Hepzibah ließ wieder ein mädchenhaftes Kichern hören.
»Ich hatte Hokey befohlen, es für mich hier herauszubringen … Hokey, wo steckst du? Ich will Mr Riddle unsere edelste Kostbarkeit zeigen … nun ja, wenn du schon dabei bist, bring beide mit …«
»Hier, Madam«, quiekte die Hauselfe, und Harry sah zwei Lederkästchen, eines auf dem anderen, die scheinbar aus eigener Kraft durch das Zimmer schwebten, doch er wusste, dass die winzige Elfe sie über dem Kopf trug, während sie sich zwischen Tischen, Sitzpolstern und Schemeln hindurchschlängelte.
»Nun«, sagte Hepzibah glücklich, nahm der Elfe die Kästchen ab, legte sie in ihren Schoß und machte sich daran, das obere zu öffnen. »Das wird Ihnen sicher gefallen, Tom … oh, wenn meine Familie wüsste, dass ich es Ihnen zeige … die können es nicht erwarten, selbst ihre Hand daraufzulegen!«
Sie öffnete den Deckel. Harry rückte ein kleines Stück vorwärts, um besser sehen zu können, und erkannte etwas wie einen kleinen goldenen Becher mit zwei fein gearbeiteten Henkeln.
»Ich frage mich, ob Sie wohl wissen, was das ist, Tom? Nehmen Sie es heraus, werfen Sie in Ruhe einen Blick darauf!«, flüsterte Hepzibah, und Voldemort streckte seine langfingrige Hand aus und hob den Becher an einem Henkel aus seinem weichen seidenen Futteral. Harry glaubte ein rotes Funkeln in Voldemorts dunklen Augen zu erkennen. Seine gierige Miene spiegelte sich eigentümlich in Hepzibahs Gesicht, nur waren ihre winzigen Augen wie gebannt auf seine hübschen Züge gerichtet.
»Ein Dachs«, murmelte Voldemort, während er die Gravur auf dem Becher musterte. »Er gehörte also …?«
»Helga Hufflepuff, wie Sie ganz genau wissen, Sie schlauer Junge!«, sagte Hepzibah, beugte sich mit einem lauten Knarzen ihres Korsetts vor und kniff ihm tatsächlich in die hohle Wange. »Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich entfernt von ihr abstamme? Dies wurde über viele Jahre innerhalb der Familie weitervererbt. Wunderschön, nicht wahr? Und er soll auch alle möglichen Kräfte besitzen, aber ich habe ihn nicht gründlich erprobt, ich bewahre ihn nur hübsch sicher hier drin auf …«
Sie angelte sich den Becher von Voldemorts langem Zeigefinger und legte ihn sachte in sein Kästchen zurück, viel zu eifrig damit beschäftigt, ihn vorsichtig wieder in die richtige Lage zu bringen, als dass sie den Schatten bemerkt hätte, der über Voldemorts Gesicht huschte, als ihm der Becher abgenommen wurde.
»Nun denn«, sagte Hepzibah glücklich, »wo ist Hokey? Oh, da bist du ja – nimm das an dich, Hokey –«
Die Elfe nahm gehorsam das Kästchen mit dem Becher und Hepzibah wandte ihre Aufmerksamkeit dem viel flacheren Kästchen in ihrem Schoß zu.
»Ich glaube, das hier wird Ihnen noch besser gefallen, Tom«, flüsterte sie. »Beugen Sie sich etwas näher her, mein lieber Junge, damit Sie es sehen können … natürlich weiß Burke, dass ich es habe, ich habe es schließlich bei ihm gekauft, und ich vermute, er würde es nur zu gerne wiederhaben, wenn ich einmal nicht mehr bin …«
Sie schob die edle filigrane Schließe zurück und schnippte den Deckel auf. Da, auf glattem, karmesinrotem Samt, lag ein schweres goldenes Medaillon.
Diesmal streckte Voldemort die Hand ungebeten aus, hielt das Medaillon ans Licht und starrte es an.
»Slytherins Zeichen«, sagte er leise, während das Licht um ein reich verziertes schlangenförmiges S spielte.
»Richtig!«, sagte Hepzibah, offensichtlich entzückt über den Anblick von Voldemort, der ihr Medaillon wie gebannt fixierte. »Ich musste ein halbes Vermögen dafür hinlegen, aber ich konnte mir die Gelegenheit einfach nicht entgehen lassen, eine wahre Kostbarkeit wie diese musste ich einfach für meine Sammlung haben. Burke hat es offenbar einer zerlumpten Frau abgekauft, die es wohl gestohlen hatte, aber nicht ahnte, wie viel es wirklich wert war –«
Diesmal war es unverkennbar: Voldemorts Augen blitzten bei ihren Worten scharlachrot auf, und Harry sah, wie seine Fingerknöchel über der Medaillonkette weiß wurden.
»– ich vermute, Burke hat sie mit ein paar Münzen abgespeist, aber was soll man machen … schön, nicht wahr? Und auch ihm werden alle möglichen Kräfte zugeschrieben, doch ich bewahre es nur hübsch sicher auf …«
Sie streckte die Hand aus, um das Medaillon zurückzunehmen. Einen Moment lang dachte Harry, Voldemort würde es nicht loslassen, doch dann war es schon durch seine Finger geglitten und lag wieder auf seinem roten Samtkissen.
»Nun, das war’s, Tom, mein Lieber, und ich hoffe, es hat Ihnen gefallen!«
Sie schaute ihm direkt ins Gesicht und Harry sah zum ersten Mal ihr albernes Lächeln schwinden.
»Alles in Ordnung mit Ihnen, mein Lieber?«
»O ja«, sagte Voldemort leise. »Ja, es geht mir sehr gut …«
»Ich dachte schon – aber das Licht muss mir einen Streich gespielt haben –«, sagte Hepzibah sichtlich zermürbt, und Harry vermutete, dass auch sie das kurze rote Funkeln in Voldemorts Augen gesehen hatte. »Hier, Hokey, nimm die mit und schließ sie wieder ein … die üblichen Zauberbänne …«
»Zeit zu gehen, Harry«, sagte Dumbledore leise, und während die kleine Hauselfe mit den Kästchen davonhüpfte, packte Dumbledore Harry von neuem über dem Ellbogen, und gemeinsam stiegen sie durch die Vergessenheit empor und zurück in Dumbledores Büro.
»Hepzibah Smith starb zwei Tage nach dieser kleinen Szene«, sagte Dumbledore, nahm seinen Platz wieder ein und bedeutete Harry, sich ebenfalls zu setzen. »Hokey die Hauselfe wurde vom Ministerium überführt, dem abendlichen Kakao ihrer Herrin versehentlich Gift beigemischt zu haben.«
»Unmöglich!«, sagte Harry zornig.
»Ich sehe, wir sind einer Meinung«, sagte Dumbledore. »Zweifellos gibt es viele Ähnlichkeiten zwischen diesem Tod und dem der Riddles. In beiden Fällen nahm jemand anderer die Schuld auf sich, jemand, der sich deutlich daran erinnern konnte, den Tod verursacht zu haben –«
»Hokey hat gestanden?«
»Sie erinnerte sich, etwas in den Kakao ihrer Herrin getan zu haben, das, wie sich herausstellte, nicht Zucker war, sondern ein tödliches und kaum bekanntes Gift«, sagte Dumbledore. »Man kam zu der Überzeugung, dass sie es nicht absichtlich getan hatte, doch da sie alt und verwirrt war –«
»Voldemort hat ihr Gedächtnis verändert, genau wie er es bei Morfin getan hat!«
»Ja, das ist auch meine Schlussfolgerung«, sagte Dumbledore. »Und genau wie bei Morfin war das Ministerium sehr geneigt, Hokey zu verdächtigen –«
»– weil sie eine Hauselfe war«, sagte Harry. Er hatte selten so viel Sympathie für B.ELFE.R empfunden, den Bund, den Hermine ins Leben gerufen hatte.
»Genau«, sagte Dumbledore. »Sie war alt, sie gab zu, etwas in das Getränk gemischt zu haben, und niemand im Ministerium machte sich die Mühe, weiter nachzuforschen. Als ich sie schließlich aufgespürt und es geschafft hatte, ihr diese Erinnerung abzunehmen, war ihr Leben schon fast zu Ende, wie damals bei Morfin auch – aber ihre Erinnerung beweist natürlich nichts, außer dass Voldemort von der Existenz des Bechers und des Medaillons wusste.
Um die Zeit, als Hokey verurteilt wurde, war Hepzibahs Familie aufgefallen, dass zwei von Hepzibahs größten Kostbarkeiten fehlten. Sie brauchten eine Zeit lang, bis sie sich dessen sicher waren, denn sie hatte viele Verstecke, da sie ihre Sammlung immer höchst argwöhnisch gehütet hatte. Doch ehe sie ganz sicher waren, dass der Becher und das Medaillon fehlten, hatte der Gehilfe, der bei Borgin und Burkes gearbeitet hatte, der junge Mann, der Hepzibah so regelmäßig besucht und sie so geschickt umgarnt hatte, seine Stelle gekündigt und war verschwunden. Seine Vorgesetzten hatten keine Ahnung, wo er steckte; sie waren über sein Verschwinden genauso überrascht wie alle anderen. Und dies war für sehr lange Zeit das Letzte, was man von Tom Riddle sah oder hörte.
Nun«, sagte Dumbledore, »wenn du nichts dagegen hast, Harry, möchte ich erneut innehalten, um dich auf gewisse Eigenheiten unserer Geschichte aufmerksam zu machen. Voldemort hatte einen weiteren Mord begangen; ob es der erste war, seit er die Riddles getötet hatte, weiß ich nicht, aber ich vermute es. Wie du sicher bemerkt hast, tötete er diesmal nicht aus Rache, sondern aus Habgier. Er wollte die beiden sagenhaften Trophäen, die ihm diese arme, törichte alte Frau zeigte. Genau wie damals, als er die anderen Kinder in seinem Waisenhaus beraubt hatte, wie damals, als er den Ring seines Onkels Morfin gestohlen hatte, machte er sich nun mit Hepzibahs Becher und Medaillon davon.«
»Aber das ist doch verrückt«, sagte Harry stirnrunzelnd, »… alles zu riskieren, seine Arbeit hinzuwerfen, bloß für diese …«
»Verrückt vielleicht für dich, aber nicht für Voldemort«, sagte Dumbledore. »Ich hoffe, du wirst bald verstehen, was genau diese Gegenstände ihm bedeuteten, Harry, aber du musst zugeben, dass leicht vorstellbar ist, dass er zumindest das Medaillon als sein rechtmäßiges Eigentum betrachtete.«
»Das Medaillon vielleicht«, sagte Harry, »aber warum hat er auch den Becher genommen?«
»Er stammte ebenfalls von einem der Gründer von Hogwarts«, sagte Dumbledore. »Ich denke, Voldemort fühlte sich immer noch stark zu der Schule hingezogen und konnte einem Gegenstand nicht widerstehen, der so sehr von Hogwarts’ Geschichte durchdrungen ist. Es gab auch andere Gründe, glaube ich … Ich hoffe, dass ich sie dir zu gegebener Zeit vor Augen führen kann.
Und nun zur allerletzten Erinnerung, die ich dir zu zeigen habe, zumindest bis es dir gelingt, uns Professor Slughorns Erinnerung zu beschaffen. Zehn Jahre liegen zwischen Hokeys Erinnerung und dieser, und wir können nur raten, was Lord Voldemort in diesen zehn Jahren getan hat …«
Harry stand wieder auf, als Dumbledore die letzte Erinnerung in das Denkarium leerte.
»Wessen Erinnerung ist es?«
»Meine«, sagte Dumbledore.
Und Harry tauchte nach Dumbledore durch die wogende silberne Masse und landete in ebendem Büro, das er gerade verlassen hatte. Da saß Fawkes auf seiner Stange und schlummerte glücklich, und dort, hinter dem Schreibtisch, war Dumbledore, der dem Dumbledore neben Harry sehr ähnlich sah, auch wenn er zwei gesunde Hände hatte und sein Gesicht vielleicht nicht ganz so faltig war. Der einzige Unterschied zwischen dem Büro der Jetztzeit und diesem war, dass es in der Vergangenheit schneite; bläuliche Flöckchen trieben in der Dunkelheit am Fenster vorbei und häuften sich auf dem Außensims.
Der jüngere Dumbledore schien auf etwas zu warten, und tatsächlich, wenige Augenblicke nach ihrer Ankunft klopfte es an der Tür und er rief »Herein«.
Harry entfuhr ein hastig unterdrücktes Keuchen. Voldemort hatte den Raum betreten. Seine Züge waren nicht so, wie Harry sie vor fast zwei Jahren aus dem großen steinernen Kessel hatte auftauchen sehen; sie waren nicht so schlangenhaft, die Augen waren noch nicht scharlachrot, das Gesicht noch nicht maskenhaft, und doch war es nicht mehr der hübsche Tom Riddle. Es war, als ob seine Züge verbrannt und verwischt wären; sie waren wächsern und merkwürdig verzerrt, und das Weiße seiner Augen sah jetzt dauerhaft blutig aus, auch wenn die Pupillen noch nicht die Schlitze waren, die sie, wie Harry wusste, einmal werden würden. Er trug einen langen schwarzen Umhang, und sein Gesicht war so bleich wie der Schnee, der auf seinen Schultern glitzerte.
Dem Dumbledore hinter dem Schreibtisch war keinerlei Überraschung anzumerken. Offensichtlich war dieser Besuch verabredet worden.
»Guten Abend, Tom«, sagte Dumbledore entspannt. »Wollen Sie sich nicht setzen?«
»Danke«, sagte Voldemort, und er nahm den Platz ein, auf den Dumbledore gedeutet hatte – allem Anschein nach genau der Platz, den Harry in der Gegenwart soeben verlassen hatte. »Wie ich höre, sind Sie inzwischen Schulleiter«, sagte er, und seine Stimme war ein wenig höher und kälter als früher. »Eine gute Wahl.«
»Ich freue mich, dass Sie sie billigen«, sagte Dumbledore lächelnd. »Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?«
»Gerne«, sagte Voldemort. »Ich komme von weit her.«
Dumbledore stand auf, ging rasch hinüber zu dem Schrank, in dem er jetzt das Denkarium aufbewahrte, der damals jedoch voller Flaschen war. Nachdem er Voldemort einen Kelch Wein gereicht und auch sich selbst eingeschenkt hatte, kehrte er zu seinem Platz hinter dem Schreibtisch zurück.
»Nun, Tom … was verschafft mir die Ehre?«
Voldemort antwortete nicht gleich, sondern nippte nur an seinem Wein.
»Man nennt mich nicht mehr ›Tom‹«, sagte er. »Inzwischen bin ich unter dem Namen –«
»Ich weiß, unter welchem Namen Sie bekannt sind«, sagte Dumbledore freundlich lächelnd. »Aber ich fürchte, für mich werden Sie immer Tom Riddle bleiben. Das ist eine der lästigen Eigenheiten von alten Lehrern, fürchte ich, dass sie die frühen Anfänge ihrer Schützlinge nie ganz vergessen.«
Er hob sein Glas, als ob er Voldemort zutrinken wollte, dessen Gesicht ausdruckslos blieb. Dennoch merkte Harry, wie die Atmosphäre im Raum sich leicht veränderte: Dumbledores Weigerung, Voldemorts selbst gewählten Namen zu benutzen, war eine Weigerung, sich von Voldemort die Bedingungen ihres Treffens aufzwingen zu lassen, und Harry spürte deutlich, dass Voldemort dies genauso auffasste.
»Ich bin überrascht, dass Sie so lange hiergeblieben sind«, sagte Voldemort nach einer kurzen Pause. »Ich habe mich immer gefragt, warum ein Zauberer wie Sie nie den Wunsch hatte, die Schule zu verlassen.«
»Nun«, sagte Dumbledore, immer noch lächelnd, »für einen Zauberer wie mich kann es nichts Wichtigeres geben, als uralte Kenntnisse weiterzugeben und dazu beizutragen, junge Köpfe auszubilden. Wenn ich mich recht erinnere, sahen auch Sie einst einen Reiz im Lehren.«
»Ich sehe ihn immer noch«, sagte Voldemort. »Ich wundere mich nur, warum Sie – den das Ministerium so häufig um Rat fragt und dem man meines Wissens zwei Mal das Amt des Ministers angeboten hat –«
»Tatsächlich drei Mal, nach der letzten Zählung«, sagte Dumbledore. »Aber eine Karriere im Ministerium hat mich nie interessiert. Wieder etwas, das wir gemeinsam haben, meine ich.«
Voldemort neigte ernst den Kopf und nahm noch einen Schluck Wein. Dumbledore brach die Stille nicht, die sich jetzt zwischen den beiden ausbreitete, sondern schien mit einer gewissen Vorfreude darauf zu warten, dass Voldemort das Wort ergriff.
»Ich bin zurückgekehrt«, sagte Voldemort nach einer kleinen Weile, »vielleicht später, als Professor Dippet es erwartet hat … aber ich bin dennoch zurückgekehrt, weil ich erneut um etwas ersuchen will, wofür ich ihm damals noch zu jung war. Ich bin gekommen, um Sie um die Erlaubnis zu bitten, in dieses Schloss zurückkehren zu dürfen, um zu unterrichten. Sie werden sicher wissen, dass ich viel gesehen und getan habe, seit ich von hier wegging. Ich könnte Ihren Schülern Dinge zeigen und berichten, die sie von keinem anderen Zauberer erfahren können.«
Dumbledore betrachtete Voldemort eine Weile über den Rand seines Kelches hinweg, ehe er antwortete.
»Ja, ich weiß natürlich sehr wohl, dass Sie viel gesehen und getan haben, seit Sie uns verlassen haben«, sagte er leise. »Die Gerüchte von Ihren Taten sind bis zu Ihrer alten Schule gedrungen, Tom. Ich wäre betrübt, wenn ich auch nur die Hälfte davon glauben müsste.«
Voldemorts Miene blieb ausdruckslos, als er sagte: »Größe verursacht Neid, Neid erzeugt Groll, und Groll bringt Lügen hervor. Sie wissen das sicher, Dumbledore.«
»Sie nennen das, was Sie getan haben, tatsächlich ›Größe‹?«, fragte Dumbledore sachte.
»Gewiss«, antwortete Voldemort und seine Augen schienen rot zu glühen. »Ich habe experimentiert; ich habe die Grenzen der Magie erweitert, weiter vielleicht, als es jemals geschehen ist –«
»Einiger Formen von Magie«, korrigierte ihn Dumbledore leise. »Einiger. Von anderen wissen Sie … Sie verzeihen mir … erbärmlich wenig.«
Zum ersten Mal lächelte Voldemort. Es war ein angespanntes Grinsen, etwas Bösartiges, bedrohlicher als ein zornerfüllter Blick.
»Der alte Streit«, sagte er sanft. »Aber nichts, was ich in der Welt gesehen habe, stützt Ihre berühmte Behauptung, dass Liebe mächtiger ist als meine Art von Magie, Dumbledore.«
»Vielleicht haben Sie an den falschen Orten gesucht«, gab Dumbledore zu bedenken.
»Nun denn, welcher Ort wäre besser geeignet, um wieder mit der Suche anzufangen, als Hogwarts?«, erwiderte Voldemort. »Lassen Sie mich zurückkehren? Lassen Sie mich mein Wissen mit Ihren Schülern teilen? Ich stelle mich und meine Fähigkeiten Ihnen zur Verfügung. Ich unterstelle mich Ihrem Befehl.«
Dumbledore zog die Brauen hoch.
»Und was wird aus denen, die Sie befehligen? Was wird mit denen geschehen, die sich – laut dem Gerücht zumindest – die Todesser nennen?«
Harry spürte, dass Voldemort nicht erwartet hatte, dass Dumbledore diese Bezeichnung kannte; er sah, wie Voldemorts Augen wieder rot aufblitzten und seine schlitzartigen Nüstern sich blähten.
»Meine Freunde«, sagte er nach einer kurzen Pause, »werden sicher ohne mich weitermachen.«
»Ich freue mich zu hören, dass Sie sie als Freunde betrachten«, sagte Dumbledore. »Ich hatte den Eindruck, dass sie eher so etwas wie Diener sind.«
»Sie irren sich«, erwiderte Voldemort.
»Wenn ich also heute Abend in den Eberkopf ginge, dann würde ich nicht eine ganze Reihe von ihnen antreffen – Nott, Rosier, Mulciber, Dolohow –, die auf Ihre Rückkehr warten? Treue Freunde in der Tat, dass sie in einer verschneiten Nacht so weit mit Ihnen reisen, nur um Ihnen Glück zu wünschen bei Ihrem Versuch, sich einen Posten als Lehrer zu beschaffen.«
Es stand außer Frage, dass Dumbledores genaue Kenntnis der Leute, mit denen Voldemort reiste, ihm noch unangenehmer war; doch er fing sich in kürzester Zeit wieder.
»Wie immer sind Sie allwissend, Dumbledore.«
»Oh, nein, nur gut Freund mit den Wirtsleuten am Ort«, sagte Dumbledore leichthin. »Nun, Tom …«
Dumbledore stellte sein leeres Glas ab, richtete sich in seinem Stuhl auf und legte die Fingerkuppen aneinander, wie er es so oft tat.
»… reden wir offen miteinander. Warum sind Sie heute Abend hierhergekommen, umgeben von Gefolgsleuten, und ersuchen um eine Stelle, von der wir beide wissen, dass Sie sie nicht haben wollen?«
Voldemort wirkte eiskalt überrascht.
»Eine Stelle, die ich nicht haben will? Im Gegenteil, Dumbledore, ich will sie sehr gerne haben.«
»Oh, Sie wollen nach Hogwarts zurückkehren, aber Sie wollen genauso wenig unterrichten wie damals, als Sie achtzehn waren. Worauf sind Sie aus, Tom? Warum versuchen Sie es nicht einmal mit einer offenen Bitte?«
Voldemort grinste höhnisch.
»Wenn Sie mich nicht einstellen wollen –«
»Natürlich will ich nicht«, sagte Dumbledore. »Und ich glaube keine Sekunde, dass Sie das von mir erwartet hätten. Wie auch immer, Sie kamen hierher, Sie haben gefragt, Sie müssen etwas beabsichtigt haben.«
Voldemort stand auf. Mit seinem wutverzerrten Gesicht ähnelte er Tom Riddle weniger denn je.
»Ist das Ihr letztes Wort?«
»Das ist es«, sagte Dumbledore, der sich ebenfalls erhoben hatte.
»Dann haben wir uns nichts mehr zu sagen.«
»Nein, nichts«, sagte Dumbledore und eine tiefe Traurigkeit trat in sein Gesicht. »Die Zeiten sind längst vorbei, da ich Ihnen mit einem brennenden Schrank Angst machen und Sie zwingen konnte, für Ihre Verbrechen zu bezahlen. Aber ich wünschte, ich könnte es, Tom … ich wünschte, ich könnte es …«
Eine Sekunde lang war Harry kurz davor, eine sinnlose Warnung auszurufen: Er war sicher, dass Voldemorts Hand zu seiner Tasche und seinem Zauberstab gezuckt war; doch dann war der Moment schon vorbei, Voldemort hatte sich abgewandt, die Tür ging zu und er war verschwunden.
Harry spürte, wie Dumbledores Hand sich wieder um seinen Arm schloss, und kurze Zeit später standen sie beide an fast derselben Stelle, aber auf dem Fenstersims sammelte sich kein Schnee und Dumbledores Hand war wieder schwarz und abgestorben.
»Warum?«, sagte Harry sofort und blickte hoch in Dumbledores Gesicht. »Warum kam er zurück? Haben Sie das jemals herausgefunden?«
»Ich habe Vermutungen«, sagte Dumbledore, »aber sonst nichts.«
»Was für Vermutungen, Sir?«
»Das werde ich dir sagen, wenn du diese Erinnerung von Professor Slughorn beschafft hast, Harry«, sagte Dumbledore. »Wenn du dieses letzte Teil des Puzzles hast, dann wird hoffentlich alles klar sein … für uns beide.«
Harry brannte noch immer vor Neugier, und obwohl Dumbledore zur Tür gegangen war und sie für ihn aufhielt, rührte er sich zunächst nicht vom Fleck.
»Wollte er wieder Verteidigung gegen die dunklen Künste, Sir? Er hat nicht gesagt …«
»Oh, er wollte ganz bestimmt diese Stelle«, sagte Dumbledore. »Was nach unserem kurzen Treffen geschah, hat das eindeutig bewiesen. Du musst wissen, seit ich Lord Voldemort diesen Posten verweigerte, konnten wir in Verteidigung gegen die dunklen Künste keinen Lehrer länger als ein Jahr behalten.«
Der unergründliche Raum
Während der nächsten Woche zerbrach Harry sich den Kopf, wie er Slughorn dazu bringen könnte, ihm die wahre Erinnerung zu geben, doch eine Art Gedankenblitz kam ihm nicht, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als das zu tun, was er in letzter Zeit immer häufiger tat, wenn er nicht mehr weiterwusste: über seinem Zaubertrankbuch brüten, in der Hoffnung, dass der Prinz wie schon so oft zuvor etwas Nützliches an den Rand gekritzelt hatte.
»Dadrin wirst du nicht fündig werden«, sagte Hermine spät am Sonntagabend in entschiedenem Ton.
»Fang nicht schon wieder damit an, Hermine«, erwiderte Harry. »Wenn der Prinz nicht gewesen wäre, würde Ron jetzt nicht hier sitzen.«
»Er würde hier sitzen, wenn du in unserem ersten Schuljahr bei Snape aufgepasst hättest«, sagte Hermine abweisend.
Harry beachtete sie nicht. Er hatte gerade eine Beschwörung (Sectumsempra!) gefunden, die über die faszinierenden Worte »Gegen Feinde« an den Seitenrand gekritzelt war, und er brannte darauf, sie auszuprobieren, was er jedoch lieber nicht vor Hermine tun wollte. Stattdessen knickte er verstohlen die Ecke der Seite um.
Sie saßen am Kamin im Gemeinschaftsraum; die Einzigen, die sonst noch auf waren, waren Mitschüler aus der sechsten Klasse. Zuvor hatte es einige Aufregung gegeben, als sie vom Abendessen zurückgekommen waren und einen neuen Aushang am schwarzen Brett vorgefunden hatten, der das Datum ihrer Apparierprüfung verkündete. Wer am oder vor dem ersten Prüfungstag, dem einundzwanzigsten April, siebzehn wurde, hatte die Möglichkeit, sich für zusätzliche Übungsstunden einzutragen, die (unter strenger Bewachung) in Hogsmeade stattfinden sollten.
Ron war beim Lesen dieses Aushangs in Panik geraten; er hatte es immer noch nicht geschafft, zu apparieren, und fürchtete, für die Prüfung nicht gut vorbereitet zu sein. Hermine, die es inzwischen zweimal hinbekommen hatte, war ein wenig zuversichtlicher, doch Harry, der erst in vier Monaten siebzehn wurde, konnte die Prüfung nicht ablegen, ob er nun so weit war oder nicht.
»Aber wenigstens kannst du apparieren!«, sagte Ron angespannt. »Im Juli wirst du dann keine Schwierigkeiten haben!«
»Ich hab es bisher nur ein Mal geschafft«, erinnerte ihn Harry; es war ihm während ihrer letzten Stunde endlich gelungen, zu verschwinden und in seinem Reifen wieder Gestalt anzunehmen.
Nachdem Ron eine Menge Zeit damit vertan hatte, sich lautstark Sorgen über das Apparieren zu machen, mühte er sich jetzt damit ab, einen furchtbar schwierigen Aufsatz für Snape zu Ende zu schreiben, mit dem Harry und Hermine schon fertig waren. Harry war absolut sicher, dass er für seinen Aufsatz eine schlechte Note bekommen würde, weil er Snape in der Frage widersprach, wie man sich am besten gegen Dementoren zur Wehr setzte, doch es war ihm egal: Das Wichtigste für ihn war jetzt Slughorns Erinnerung.
»Wenn ich’s dir doch sage, Harry, der blöde Prinz wird dir dabei nicht helfen können!«, bekräftigte Hermine noch lauter. »Es gibt nur eine Methode, um jemandem deinen Willen aufzuzwingen, und das ist der Imperius-Fluch, der illegal ist –«
»Jaah, das weiß ich, vielen Dank«, gab Harry zurück, ohne von seinem Buch aufzusehen. »Deshalb suche ich nach was anderem. Dumbledore meint, dass Veritaserum nichts nützen wird, aber vielleicht gibt es ja sonst noch was, einen Trank oder einen Zauber …«
»Du gehst die Sache falsch an«, sagte Hermine. »Dumbledore behauptet, nur du kannst die Erinnerung beschaffen. Das muss bedeuten, dass nur du und niemand sonst Slughorn überreden kann. Es geht nicht darum, ihm heimlich einen Zaubertrank zu verabreichen, das könnte jeder –«
»Wie schreibt man ›archaisch‹?«, fragte Ron, der auf sein Pergament starrte und heftig seine Feder schüttelte. »A – R – S – C kann ja wohl nicht sein.«
»Nein, allerdings nicht«, sagte Hermine und zog Rons Aufsatz zu sich her. »Und ›Orakel‹ fängt auch nicht mit O – R – G an. Was benutzt du da eigentlich für eine Feder?«
»Eine von den Rechtschreibcheckern von Fred und George … aber ich glaube, der Zauber lässt so langsam nach …«
»Sieht ganz danach aus«, sagte Hermine und deutete auf die Überschrift seines Aufsatzes, »wir sollen nämlich schreiben, wie wir mit Dementoren fertig werden, und nicht mit ›Eselsohren‹, und dass du dich inzwischen ›Runald Waschlab‹ nennst, ist mir völlig neu.«
»Ah, nein!«, rief Ron und starrte entsetzt auf das Pergament. »Sag bloß nicht, dass ich das Ganze noch mal abschreiben muss!«
»Schon gut, das kriegen wir hin«, sagte Hermine und holte ihren Zauberstab hervor.
»Ich liebe dich, Hermine«, sagte Ron, ließ sich wieder auf seinen Stuhl sinken und rieb sich müde die Augen.
Hermine lief mattrosa an, meinte jedoch nur: »Lass das bloß nicht Lavender hören.«
»Keine Sorge«, sagte Ron in seine Hände hinein. »Oder vielleicht doch … dann gibt sie mir den Laufpass …«
»Warum gibst du ihr nicht den Laufpass, wenn du damit aufhören willst?«, fragte Harry.
»Du hast noch nie mit jemandem Schluss gemacht, oder?«, erwiderte Ron. »Das mit dir und Cho –«
»Hat sich irgendwie von selbst erledigt, stimmt«, sagte Harry.
»Ich wünschte, das würde bei mir und Lavender auch so laufen«, sagte Ron düster und sah zu, wie Hermine jedes seiner falsch geschriebenen Wörter stumm mit der Spitze ihres Zauberstabs antippte, worauf sie sich auf der Seite selbst korrigierten. »Aber je mehr ich mit dem Zaunpfahl winke, dass ich Schluss machen will, umso fester klammert sie. Es ist, als würde man mit dem Riesenkraken ausgehen.«
»Bitte schön«, sagte Hermine etwa zwanzig Minuten später und gab Ron seinen Aufsatz zurück.
»Tausend Dank«, sagte Ron. »Kann ich mir für den Schluss deine Feder ausleihen?«
Harry, der bisher nichts Brauchbares in den Notizen des Halbblutprinzen gefunden hatte, sah sich um; die drei waren inzwischen die Letzten im Gemeinschaftsraum, Seamus war gerade zu Bett gegangen, wobei er Snape und seinen Aufsatz verflucht hatte. Jetzt hörte man nur noch das Knistern des Feuers und Ron, der mit Hermines Feder einen letzten Absatz über die Dementoren durchstrich. Harry hatte das Buch des Halbblutprinzen eben gähnend zugemacht, da –
Knall.
Hermine stieß einen spitzen Schrei aus; Ron schüttete Tinte quer über seinen Aufsatz, und Harry sagte: »Kreacher!«
Der Hauself verneigte sich tief und sprach zu seinen knorrigen Zehen.
»Der Herr wollte regelmäßige Berichte über das, was der junge Malfoy tut, also ist Kreacher gekommen, um –«
Knall.
Dobby erschien mit schief sitzendem Teewärmerhut an Kreachers Seite.
»Dobby hat mitgeholfen, Harry Potter!«, quiekte er und warf Kreacher einen ärgerlichen Blick zu. »Und Kreacher sollte Dobby sagen, wann er zu Harry Potter geht, damit sie zusammen Bericht erstatten können!«
»Was soll das denn?«, fragte Hermine, der der Schreck über diese plötzlichen Erscheinungen noch ins Gesicht geschrieben stand. »Was geht da vor, Harry?«
Harry zögerte, ehe er antwortete, denn er hatte Hermine nicht erzählt, dass er Kreacher und Dobby beauftragt hatte, Malfoy zu beschatten; Hauselfen waren bei ihr immer so ein heikles Thema.
»Also … sie haben Malfoy für mich beschattet«, sagte er.
»Tag und Nacht«, krächzte Kreacher.
»Dobby hat eine Woche lang nicht geschlafen, Harry Potter!«, verkündete Dobby stolz und schwankte dabei auf der Stelle.
Hermine sah empört aus.
»Du hast nicht geschlafen, Dobby? Aber, Harry, du hast ihm doch sicher nicht gesagt, dass –«
»Nein, natürlich nicht«, warf Harry rasch ein. »Dobby, du darfst schlafen, verstanden? Aber hat einer von euch etwas herausgefunden?«, fügte er hastig hinzu, ehe Hermine sich wieder einmischen konnte.
»Herr Malfoy bewegt sich so vornehm, wie es seinem reinen Blut ziemt«, krächzte Kreacher sofort. »Seine Züge erinnern an die feingliedrige Gestalt meiner Herrin, und seine Manieren sind die eines –«
»Draco Malfoy ist ein böser Junge!«, quiekte Dobby zornig. »Ein böser Junge, der – der –«
Er erschauderte von der Troddel seines Teewärmers bis zu den Spitzen seiner Socken, dann rannte er zum Feuer, als wollte er sich hineinstürzen; Harry, der schon fast damit gerechnet hatte, schlang ihm den Arm um den Bauch und hielt ihn fest. Ein paar Sekunden lang schlug Dobby um sich, dann erschlaffte er.
»Danke, Harry Potter«, keuchte er. »Dobby findet es immer noch schwierig, schlecht von seinen alten Herren zu reden …«
Harry ließ ihn los; Dobby rückte seinen Teewärmer gerade und wandte sich trotzig an Kreacher: »Aber Kreacher sollte wissen, dass Draco Malfoy kein guter Herr für einen Hauselfen ist!«
»Jaah, wir brauchen nicht zu hören, dass du in Malfoy verliebt bist«, sagte Harry zu Kreacher. »Überspring das und erzähl uns, wo er eigentlich hingegangen ist.«
Kreacher verbeugte sich erneut mit wütendem Gesicht und dann sagte er: »Herr Malfoy speist in der Großen Halle, er ruht zur Nacht in einem Schlafsaal in den Kerkern, er besucht den Unterricht in einer Vielzahl von –«
»Dobby, sag du es mir«, unterbrach ihn Harry. »Ist er irgendwohin gegangen, wo er nicht hätte hindürfen?«
»Harry Potter, Sir«, quiekte Dobby und seine großen Kulleraugen leuchteten im Licht des Feuers, »der junge Malfoy verletzt keine Vorschriften, soweit Dobby erkennen konnte, und doch liegt ihm viel daran, sich nicht aufspüren zu lassen. Er geht mit verschiedenen anderen Schülern regelmäßig in den siebten Stock, sie halten für ihn Wache, und er betritt den –«
»Raum der Wünsche!«, rief Harry und klatschte sich sein Zaubertränke für Fortgeschrittene heftig gegen die Stirn. Hermine und Ron starrten ihn an. »Dorthin schleicht er sich die ganze Zeit. Da macht er … was auch immer! Und ich wette, deshalb verschwindet er auch von der Karte – da fällt mir ein, dass ich den Raum der Wünsche nie darauf gesehen habe!«
»Vielleicht haben die Rumtreiber überhaupt nicht gewusst, dass es den Raum gibt«, sagte Ron.
»Ich glaube, das gehört zur Magie dieses Raumes«, meinte Hermine. »Wenn du willst, dass er unaufspürbar ist, dann ist er das auch.«
»Dobby, hast du es geschafft, reinzukommen und dir anzusehen, was Malfoy treibt?«, fragte Harry begierig.
»Nein, Harry Potter, das ist unmöglich«, sagte Dobby.
»Nein, ist es nicht«, widersprach Harry sofort. »Wenn Malfoy letztes Jahr in unser Hauptquartier eingedrungen ist, kann ich jetzt auch in den Raum und ihn ausspionieren, kein Problem.«
»Aber ich glaube nicht, dass du das kannst, Harry«, sagte Hermine langsam. »Malfoy wusste doch schon genau, wie wir den Raum verwendeten, weil diese blöde Marietta es ausgeplaudert hatte. Er wünschte sich, dass der Raum zum Hauptquartier der DA werden sollte, und das wurde er auch. Aber du weißt nicht, in was sich der Raum verwandelt, wenn Malfoy dort reingeht, also weißt du auch nicht, in was der Raum sich für dich verwandeln soll.«
»Das lässt sich schon irgendwie hinkriegen«, sagte Harry abweisend. »Du hast deine Sache glänzend gemacht, Dobby.«
»Kreacher hat es auch gut gemacht«, sagte Hermine freundlich; doch Kreacher machte keineswegs eine dankbare Miene, sondern richtete seine riesigen, blutunterlaufenen Augen zur Decke und krächzte: »Das Schlammblut spricht zu Kreacher, Kreacher tut so, als könnte er nicht hören –«
»Hör auf damit«, fuhr ihn Harry an, und Kreacher machte eine letzte tiefe Verbeugung und disapparierte. »Du gehst jetzt am besten auch und legst dich ein wenig schlafen, Dobby.«
»Danke, Harry Potter, Sir!«, quiekte Dobby glücklich und auch er verschwand.
»Ist das nicht toll?«, sagte Harry begeistert, zu Ron und Hermine gewandt, kaum dass der Raum wieder elfenlos war. »Wir wissen, wo Malfoy hingeht! Jetzt haben wir ihn!«
»Jaah, großartig«, erwiderte Ron bedrückt und versuchte, die durchweichte Tintenmasse zu trocknen, die vor kurzem noch ein fast fertiger Aufsatz gewesen war. Hermine zog sie zu sich heran und fing an, die Tinte mit ihrem Zauberstab aufzusaugen.
»Aber was soll das heißen, er geht mit ›verschiedenen Schülern‹ dort hoch?«, sagte Hermine. »Wie viele Leute machen da mit? Du glaubst doch nicht, dass er einer Unzahl von Leuten anvertraut, was er treibt …«
»Jaah, das ist merkwürdig«, sagte Harry stirnrunzelnd. »Ich habe gehört, wie er zu Crabbe gesagt hat, dass es ihn nichts angeht, was er tut … Was erzählt er dann all diesen … all diesen …«
Harrys Stimme verlor sich; er starrte ins Feuer.
»Mein Gott, wie konnte ich nur so blöd sein«, sagte er leise. »Es ist doch offensichtlich, oder? Unten im Kerker stand ein ganzer Bottich davon rum … er hätte in dieser Unterrichtsstunde jederzeit was klauen können …«
»Was klauen?«, fragte Ron.
»Vielsaft-Trank. Er hat was von dem Vielsaft-Trank gestohlen, den Slughorn uns in der ersten Zaubertrankstunde gezeigt hat … das sind nicht viele verschiedene Schüler, die für Malfoy Wache stehen … es sind nur Crabbe und Goyle, wie üblich … jaah, das passt alles zusammen!«, sagte Harry, sprang auf und fing an, vor dem Feuer auf und ab zu gehen. »Die sind dumm genug, das zu tun, was er ihnen sagt, auch wenn er ihnen nicht sagt, was er vorhat … aber er will nicht, dass man sie vor dem Raum der Wünsche rumlungern sieht, also lässt er sie Vielsaft-Trank schlucken, damit sie wie andere Leute ausschauen … diese beiden Mädchen, mit denen ich ihn gesehen habe, als er nicht zum Quidditch gegangen ist – ha! Crabbe und Goyle!«
»Willst du etwa behaupten«, sagte Hermine mit gedämpfter Stimme, »dass dieses kleine Mädchen, dem ich die Waage repariert hab –?«
»Ja, natürlich!«, sagte Harry laut und starrte sie an. »Natürlich! Malfoy muss zu der Zeit im Raum der Wünsche gewesen sein, also hat sie – was red ich da – hat er die Waage fallen lassen, um Malfoy ein Signal zu geben, dass er nicht rauskommen soll, weil jemand draußen ist! Und dann war da noch das Mädchen, das den Krötenlaich fallen ließ! Wir sind dauernd an ihm vorbeigegangen und haben’s nicht gemerkt!«
»Er hat Crabbe und Goyle dazu gebracht, sich in Mädchen zu verwandeln?«, sagte Ron und lachte schallend. »Mensch … kein Wunder, dass die zurzeit überhaupt nicht glücklich aussehen … Ich frag mich, warum sie ihm nicht sagen, dass er sie mal kreuzweise …«
»Also, die werden sich hüten, wenn er ihnen sein Dunkles Mal gezeigt hat, oder?«, sagte Harry.
»Hmmm … das Dunkle Mal, von dem wir nicht wissen, ob es existiert«, sagte Hermine skeptisch, rollte Rons getrockneten Aufsatz zusammen, bevor ihm noch Schlimmeres zustoßen konnte, und gab ihn Ron.
»Wir werden sehen«, meinte Harry zuversichtlich.
»Ja, das werden wir«, sagte Hermine, stand auf und streckte sich. »Aber, Harry, ehe du völlig aus dem Häuschen bist, ich glaube immer noch nicht, dass du in den Raum der Wünsche kommst, ohne dass du vorher weißt, was dort drin ist. Und du solltest auch nicht vergessen« – sie warf sich ihre Tasche über die Schulter und sah ihn sehr ernst an – »dass du dich eigentlich darauf konzentrieren solltest, diese Erinnerung von Slughorn zu bekommen. Gute Nacht.«
Harry sah ihr ein wenig verärgert nach. Sobald sich die Tür zu den Mädchenschlafsälen hinter ihr geschlossen hatte, fiel er über Ron her.
»Was meinst du?«
»Ich wünschte, ich könnte disapparieren wie ein Hauself«, sagte Ron und starrte dabei auf die Stelle, wo Dobby verschwunden war. »Dann wär diese Apparierprüfung für mich schon gebongt.«
Harry schlief nicht gut in dieser Nacht. Stundenlang, wie es ihm vorkam, lag er wach und fragte sich, wie Malfoy den Raum der Wünsche benutzte und was er, Harry, sehen würde, wenn er am folgenden Tag dort hineingehen würde, denn was immer Hermine auch sagte, Harry war sicher, wenn Malfoy imstande gewesen war, das Hauptquartier der DA zu sehen, dann wäre auch er imstande, Malfoys … doch was konnte es sein? Ein Treffpunkt? Ein Versteck? Ein Lagerraum? Eine Werkstatt? Harry dachte fieberhaft nach, und als er endlich einschlief, tauchten in seinen Träumen immer wieder beunruhigende Bilder von Malfoy auf, der sich in Slughorn verwandelte, sich in Snape verwandelte …
Beim Frühstück am nächsten Morgen konnte Harry es kaum noch erwarten; vor Verteidigung gegen die dunklen Künste hatte er eine Freistunde, und in dieser Zeit wollte er unbedingt versuchen, in den Raum der Wünsche zu gelangen. Hermine zeigte demonstrativ kein Interesse für seine im Flüsterton vorgetragenen Pläne, sich den Zugang zu dem Raum zu erzwingen, was Harry ärgerte, weil er glaubte, sie könnte eine große Hilfe sein, wenn sie nur wollte.
»Hör mal«, sagte er leise, beugte sich vor und legte die Hand auf den Tagespropheten, den sie gerade einer Posteule abgenommen hatte, damit sie die Zeitung nicht aufschlagen und dahinter verschwinden konnte. »Ich habe die Sache mit Slughorn nicht vergessen, aber ich habe keinen Schimmer, wie ich diese Erinnerung von ihm kriegen kann, und bis mir ein Gedankenblitz kommt, kann ich doch herausfinden, was Malfoy treibt, oder?«
»Ich hab’s dir schon gesagt, du musst Slughorn überreden«, sagte Hermine. »Es geht nicht darum, ihn zu überlisten oder ihm irgendeinen Zauber aufzuhalsen, denn das hätte Dumbledore im Nu geschafft. Statt dass du dich vor dem Raum der Wünsche rumtreibst« – sie zog den Propheten ruckartig unter Harrys Hand hervor, faltete ihn auseinander und warf einen Blick auf die Titelseite – »solltest du endlich zu Slughorn gehen und anfangen, an das Gute in ihm zu appellieren.«
»Irgendjemand, den wir kennen –?«, fragte Ron, während Hermine die Schlagzeilen überflog.
»Ja!«, sagte Hermine, und Harry wie Ron verschluckten sich an ihrem Frühstück, »aber das ist schon okay, er ist nicht tot – es ist Mundungus, er wurde festgenommen und nach Askaban gebracht! Hat wohl was damit zu tun, dass er sich bei einem versuchten Einbruch als Inferius ausgegeben hat … und jemand namens Octavius Pepper ist verschwunden … oh, und wie schrecklich, ein neunjähriger Junge wurde festgenommen, weil er versucht hat, seine Großeltern umzubringen, man glaubt, er stand unter dem Imperius-Fluch …«
Stumm beendeten sie ihr Frühstück. Hermine machte sich gleich auf den Weg zu Alte Runen, Ron in den Gemeinschaftsraum, wo er seine Schlussfolgerung für Snapes Dementorenaufsatz noch fertig stellen musste, und Harry zu dem Korridor im siebten Stock und zu dem Stück Wand gegenüber dem Wandteppich, der Barnabas den Bekloppten zeigte, wie er den Trollen Ballettunterricht gab.
Harry streifte sich den Tarnumhang über, sobald er einen leeren Gang fand, doch das hätte er sich sparen können. Als er sein Ziel erreichte, stellte er fest, dass niemand da war. Harry war sich nicht sicher, ob seine Chancen, in den Raum zu gelangen, besser waren, wenn Malfoy drin oder wenn er draußen war, doch wenigstens würde sein erster Versuch nicht durch die Anwesenheit von Crabbe oder Goyle in Gestalt eines elfjährigen Mädchens verkompliziert werden.
Er schloss die Augen, als er sich der Stelle näherte, wo die Tür zum Raum der Wünsche verborgen war. Er wusste, was er zu tun hatte; letztes Jahr war er am Ende perfekt darin gewesen. Er konzentrierte sich mit aller Kraft auf den Gedanken: Ich muss sehen, was Malfoy dadrin macht … Ich muss sehen, was Malfoy dadrin macht … Ich muss sehen, was Malfoy dadrin macht …
Drei Mal ging er an der Tür vorbei, dann schlug er mit vor Aufregung pochendem Herzen die Augen auf und stand ihr gegenüber – doch er sah immer noch ein Stück schlichter kahler Wand vor sich.
Er trat vor und stieß versuchsweise dagegen. Die Mauer blieb fest und unnachgiebig.
»Okay«, sagte Harry laut. »Okay … ich hab das Falsche gedacht …«
Er überlegte einen Moment, dann ging er wieder los, mit geschlossenen Augen und so konzentriert, wie er nur konnte.
Ich muss den Ort sehen, den Malfoy heimlich aufsucht … Ich muss den Ort sehen, den Malfoy heimlich aufsucht …
Nachdem er drei Mal vorbeigegangen war, schlug er erwartungsvoll die Augen auf.
Da war keine Tür.
»Oh, jetzt reicht’s aber«, sagte er gereizt zu der Wand. »Das war eine klare Anweisung … na schön …«
Er dachte mehrere Minuten lang angestrengt nach, ehe er wieder losging.
Du musst zu dem Ort werden, der du für Draco Malfoy wirst …
Als er mit dem Hin- und Hergehen fertig war, schlug er nicht sofort die Augen auf; er lauschte angestrengt, als könnte er hören, wie die Tür mit einem Knall auftauchte. Doch er hörte nichts außer dem fernen Vogelgezwitscher draußen. Er öffnete die Augen.
Da war immer noch keine Tür.
Harry fluchte. Jemand schrie. Er sah sich um und erblickte eine schnatternde Schar Erstklässler, die um die Ecke davonrannten, offenbar in der Annahme, dass sie gerade einem besonders unflätigen Gespenst begegnet waren.
Harry versuchte es eine geschlagene Stunde lang mit allen erdenklichen Varianten von »Ich muss sehen, was Draco Malfoy in dir macht«, und am Ende musste er sich eingestehen, dass Hermine vielleicht doch Recht gehabt hatte: Der Raum wollte sich einfach nicht für ihn öffnen. Frustriert und verärgert machte er sich auf den Weg zu Verteidigung gegen die dunklen Künste, riss sich den Tarnumhang herunter und stopfte ihn unterwegs in seine Tasche.
»Wieder mal zu spät, Potter«, sagte Snape kühl, als Harry in das kerzenerleuchtete Klassenzimmer eilte. »Zehn Punkte Abzug für Gryffindor.«
Harry blickte Snape finster an und warf sich auf den Platz neben Ron; die halbe Klasse war noch auf den Beinen, holte Bücher heraus und legte Sachen zurecht; er konnte nicht viel später gekommen sein als irgendwer sonst.
»Bevor wir anfangen, will ich Ihre Dementorenaufsätze haben«, sagte Snape und schwang beiläufig seinen Zauberstab, worauf fünfundzwanzig Pergamentrollen in die Luft schnellten und ordentlich gestapelt auf seinem Schreibtisch landeten. »Und ich hoffe für Sie, dass sie besser sind als der Blödsinn, den ich über den Widerstand gegen den Imperius-Fluch erdulden musste. Schlagen Sie nun bitte Ihre Bücher auf Seite – was gibt es, Mr Finnigan?«
»Sir«, sagte Seamus, »ich würde gern wissen, wie man einen Inferius von einem Gespenst unterscheidet. Im Propheten stand nämlich was über einen Inferius –«
»Nein, das ist falsch«, sagte Snape mit gelangweilter Stimme.
»Aber Sir, ich hab gehört, wie Leute darüber –«
»Wenn Sie den fraglichen Artikel tatsächlich gelesen hätten, Mr Finnigan, dann wüssten Sie, dass der so genannte Inferius nichts weiter war als ein ungewaschener Tagedieb namens Mundungus Fletcher.«
»Ich dachte, Snape und Mundungus wären auf derselben Seite?«, raunte Harry Ron und Hermine zu. »Müsste er sich nicht darüber aufregen, dass Mundungus festge–?«
»Aber Potter hat offenbar viel zu diesem Thema beizusteuern«, sagte Snape, indem er plötzlich nach hinten deutete und Harry mit seinen schwarzen Augen fixierte. »Fragen wir doch Potter, wie man einen Inferius von einem Gespenst unterscheidet.«
Die ganze Klasse drehte sich zu Harry um, der hastig versuchte, sich daran zu erinnern, was Dumbledore ihm in jener Nacht gesagt hatte, als sie Slughorn besucht hatten.
»Ähm – also – Gespenster sind durchsichtig –«, sagte er.
»Oh, sehr gut«, unterbrach ihn Snape und seine Lippen kräuselten sich. »Ja, man kann ohne weiteres feststellen, dass annähernd sechs Jahre magischer Ausbildung bei Ihnen nicht verschwendet waren, Potter. Gespenster sind durchsichtig.«
Pansy Parkinson stieß ein schrilles Kichern aus. Einige andere feixten. Harry holte tief Luft, und obwohl es in seinem Innersten brodelte, fuhr er ruhig fort: »Ja, Gespenster sind durchsichtig, aber Inferi sind tote Körper, oder nicht? Also müssen sie fest sein –«
»So viel hätte uns auch ein Fünfjähriger sagen können«, höhnte Snape. »Der Inferius ist eine Leiche, die durch den Zauber eines schwarzen Magiers reanimiert wurde. Er lebt nicht, sondern wird nur wie eine Marionette eingesetzt, um die Befehle des Zauberers auszuführen. Ein Gespenst, und ich hoffe, das ist Ihnen inzwischen allen klar, ist die Spur, die eine verstorbene Seele auf der Erde hinterlässt … und natürlich, wie Potter uns so weise mitteilt, durchsichtig.«
»Also, was Harry gesagt hat, ist absolut brauchbar, wenn wir die voneinander unterscheiden wollen!«, sagte Ron. »Wenn wir in einer dunklen Gasse einem über den Weg laufen, müssen wir doch nur mal kurz nachschauen, ob er fest ist, und müssen nicht fragen: ›Verzeihung, sind Sie die Spur einer verstorbenen Seele?‹«
Gedämpfte Lacher waren zu hören, die bei dem Blick, den Snape der Klasse versetzte, schlagartig verstummten.
»Noch einmal zehn Punkte Abzug für Gryffindor«, sagte Snape. »Ich hätte nichts Feinsinnigeres von Ihnen erwartet, Ronald Weasley, von dem Jungen, der so fest ist, dass er keine paar Zentimeter durch einen Raum apparieren kann.«
»Nein!«, flüsterte Hermine und packte Harry am Arm, als er wütend den Mund öffnete. »Das ist sinnlos, du bekommst am Ende nur wieder Nachsitzen, lass es sein!«
»Schlagen Sie nun Ihre Bücher auf Seite zweihundertdreizehn auf«, sagte Snape ein wenig feixend, »und lesen Sie die ersten beiden Abschnitte über den Cruciatus-Fluch …«
Ron war während des ganzen Unterrichts sehr geknickt. Als es zum Ende der Stunde läutete, holte Lavender Ron und Harry ein (Hermine löste sich auf rätselhafte Weise im Nichts auf, als sie sich näherte) und schimpfte hitzig über Snape wegen seiner spöttischen Bemerkung über Rons Apparierkünste, doch Ron schien sich nur darüber zu ärgern, und er schüttelte sie ab, indem er mit Harry einen Umweg zum Jungenklo machte.
»Aber Snape hat Recht, oder?«, sagte Ron, nachdem er ein bis zwei Minuten lang in einen gesprungenen Spiegel gestarrt hatte. »Ich weiß nicht, ob es sich überhaupt lohnt, dass ich die Prüfung ablege. Ich krieg den Dreh beim Apparieren einfach nicht raus.«
»Du könntest erst mal an den zusätzlichen Übungsstunden in Hogsmeade teilnehmen und sehen, was es dir bringt«, riet ihm Harry. »Das wird auf jeden Fall interessanter, als ständig zu versuchen, in einen bescheuerten Reifen reinzukommen. Wenn du dann immer noch nicht – du weißt schon – so gut bist, wie du gern wärst, kannst du die Prüfung später machen, mit mir zusammen im Somm– Myrte, das ist ein Jungenklo!«
Der Geist eines Mädchens war aus der Kloschüssel in einer Kabine hinter ihnen emporgestiegen, schwebte jetzt in der Luft und starrte sie durch eine dicke, weiße, runde Brille an.
»Oh«, sagte sie niedergeschlagen. »Ihr beide seid das.«
»Wen hast du erwartet?«, fragte Ron, der sie im Spiegel ansah.
»Niemand«, sagte Myrte und zupfte trübsinnig an einem Leberfleck auf ihrem Kinn. »Er hat gesagt, er würde zurückkommen und mich besuchen, aber du hast ja auch gesagt, du würdest bei mir vorbeischauen …« – sie warf Harry einen vorwurfsvollen Blick zu – »… und ich hab dich monatelang nicht gesehen. Inzwischen erwarte ich nicht mehr viel von Jungen.«
»Ich dachte, du lebst in diesem Mädchenklo?«, sagte Harry, der schon seit einigen Jahren darauf achtete, einen großen Bogen um diesen Ort zu machen.
»Das tue ich auch«, erwiderte sie und zuckte schmollend ein wenig die Achseln, »aber das heißt nicht, dass ich nicht mal anderswo vorbeischauen könnte. Einmal bin ich gekommen und hab dich im Bad gesehen, erinnerst du dich?«
»Lebhaft«, sagte Harry.
»Aber ich dachte, er mag mich«, sagte sie wehmütig. »Wenn ihr beide rausgehen würdet, dann würde er vielleicht wieder zurückkommen … wir hatten so viele Gemeinsamkeiten … ich bin sicher, dass er das gespürt hat …«
Und sie blickte hoffnungsvoll in Richtung Tür.
»Wenn du sagst, ihr hättet viele Gemeinsamkeiten«, fragte Ron und klang jetzt ziemlich belustigt, »heißt das, er lebt auch in einem Abflussrohr?«
»Nein«, gab Myrte trotzig zurück und ihre Stimme hallte laut in dem alten gefliesten Klo wider. »Das heißt, dass er sensibel ist und auch von den andern drangsaliert wird und dass er sich einsam fühlt und niemand hat, mit dem er reden kann, und dass er keine Angst hat, seine Gefühle zu zeigen und zu weinen!«
»Hier drin war ein Junge, der geweint hat?«, sagte Harry neugierig. »Ein kleiner Junge?«
»Das geht euch nichts an!«, sagte Myrte, die kleinen wässrigen Augen auf Ron geheftet, der jetzt unverhohlen grinste. »Ich hab versprochen, es niemandem zu sagen, und ich nehm sein Geheimnis mit ins –«
»– doch nicht ins Grab, oder?«, schnaubte Ron. »In den Abwasserkanal vielleicht …«
Myrte heulte wütend auf und tauchte wieder in die Kloschüssel ab, dass das Wasser über den Rand auf den Boden schwappte. Die Sticheleien gegen Myrte schienen Ron frischen Mut verliehen zu haben.
»Du hast Recht«, sagte er und schwang sich die Schultasche über die Schulter, »ich mach bei den Übungsstunden in Hogsmeade mit, dann kann ich immer noch entscheiden, ob ich zur Prüfung gehe.«
Und so schloss sich Ron am folgenden Wochenende Hermine und den anderen Sechstklässlern an, die rechtzeitig siebzehn wurden, um die Prüfung in zwei Wochen abzulegen. Harry sah ihnen ziemlich neidisch dabei zu, wie sie sich für den Gang ins Dorf fertig machten; er vermisste die Ausflüge dorthin, und es war ein besonders schöner Frühlingstag, mit einem klaren Himmel, wie sie ihn seit langem nicht mehr erlebt hatten. Er hatte jedoch beschlossen, die Zeit zu nutzen und erneut zu versuchen, den Raum der Wünsche zu stürmen.
»Es wäre besser«, sagte Hermine, als Harry ihr und Ron diesen Plan in der Eingangshalle anvertraute, »wenn du geradewegs in Slughorns Büro gehen und versuchen würdest, diese Erinnerung von ihm zu bekommen.«
»Ich hab’s doch versucht!«, sagte Harry ärgerlich, was absolut der Wahrheit entsprach. Nach jeder Zaubertrankstunde in dieser Woche war er noch dageblieben, um Slughorn zu bedrängen, aber der Zaubertrankmeister verließ den Kerker immer so schnell, dass Harry ihn nicht zu fassen bekam. Zweimal war Harry zu seinem Büro gegangen und hatte geklopft, aber keine Antwort bekommen, auch wenn er beim zweiten Mal sicher gewesen war, die rasch abgewürgten Töne eines alten Grammofons gehört zu haben.
»Er will nicht mit mir reden, Hermine! Er weiß genau, dass ich wieder versuche, ihn unter vier Augen zu sprechen, und er wird es nicht zulassen!«
»Nun ja, du musst einfach dranbleiben, oder?«
Die kurze Schlange von Schülern, die darauf warteten, an Filch vorbeizugehen, der sie wie üblich mit dem Geheimnis-Detektor pikste, rückte ein paar Schritte vorwärts, und Harry gab keine Antwort, da ihn der Hausmeister womöglich hören konnte. Er wünschte Ron und Hermine Glück, dann drehte er sich um und stieg wieder die Marmortreppe hoch, fest entschlossen, ein bis zwei Stunden dem Raum der Wünsche zu widmen, was immer Hermine auch sagte.
Sobald man ihn von der Eingangshalle aus nicht mehr sehen konnte, zog Harry die Karte des Rumtreibers und den Tarnumhang aus seiner Tasche. Nachdem er sich unsichtbar gemacht hatte, tippte er gegen die Karte, murmelte: »Ich schwöre feierlich, dass ich ein Tunichtgut bin«, und suchte sie sorgfältig ab.
Da es Sonntagmorgen war, waren fast alle Schüler in ihren jeweiligen Gemeinschaftsräumen, die Gryffindors in einem Turm, die Ravenclaws in einem anderen, die Slytherins in den Kerkern und die Hufflepuffs im Keller in der Nähe der Küchen. Vereinzelt schlängelten sich Leute durch die Bibliothek oder gingen einen Korridor entlang … einige waren draußen auf dem Gelände … und dort, allein im Korridor im siebten Stock, war Gregory Goyle. Vom Raum der Wünsche war keine Spur zu sehen, doch darüber machte sich Harry keine Gedanken; wenn Goyle davor Wache stand, dann war der Raum offen, ob die Karte davon wusste oder nicht. Deshalb spurtete er die Treppen hoch und wurde erst langsamer, als er die Ecke zum Korridor erreicht hatte; von dort aus schlich er ganz langsam auf ebenjenes kleine Mädchen zu, das die Messingwaage fest umklammert hielt und dem Hermine zwei Wochen zuvor so freundlich geholfen hatte. Er wartete, bis er direkt hinter ihr war, dann beugte er sich ganz tief hinunter und flüsterte: »Hallo … du bist aber hübsch, nicht wahr?«
Goyle stieß einen schrillen Angstschrei aus, warf die Waage in die Luft, rannte davon und verschwand, lange bevor der Lärm der zerschellenden Waage im Korridor verhallt war. Harry drehte sich lachend um und betrachtete die kahle Wand, hinter der jetzt sicher Draco Malfoy zur Salzsäule erstarrt war, wohl wissend, dass ein unwillkommener Besucher draußen stand, aber ohne den Mut, sich zu zeigen. Harry verspürte ein höchst angenehmes Gefühl der Macht, während er sich zu erinnern versuchte, welche Formulierungen er noch nicht ausprobiert hatte.
Doch seine optimistische Stimmung hielt nicht lange an. Eine halbe Stunde später, nachdem er viele weitere Varianten seines Wunsches ausprobiert hatte, um herauszufinden, was Malfoy trieb, war die Wand genauso türlos wie zuvor. Harry war maßlos enttäuscht; Malfoy war vielleicht nur ein, zwei Schritte von ihm entfernt, und er hatte nicht den geringsten Anhaltspunkt, was er dort drin tat. Er verlor völlig die Geduld, rannte gegen die Wand und versetzte ihr einen Tritt.
»AUTSCH!«
Er dachte, er hätte sich einen Zeh gebrochen; als er ihn auf einem Fuß hoppelnd fest umklammerte, rutschte ihm der Tarnumhang herunter.
»Harry?«
Er wirbelte auf einem Bein herum und kippte vornüber. Zu seinem größten Erstaunen sah er Tonks auf sich zukommen, als ob sie des Öfteren durch diesen Korridor schlendern würde.
»Was machst du denn hier?«, sagte er und rappelte sich wieder auf; warum musste sie ihm immer dann begegnen, wenn er auf dem Boden lag?
»Ich wollte Dumbledore besuchen«, antwortete Tonks.
Harry fand, dass sie schrecklich aussah; noch dünner als sonst, und ihr mausbraunes Haar hing schlaff herunter.
»Sein Büro ist nicht hier«, sagte Harry, »es ist auf der anderen Seite des Schlosses, hinter dem Wasserspeier –«
»Ich weiß«, sagte Tonks. »Er ist nicht da. Offenbar ist er wieder unterwegs.«
»Tatsächlich?«, sagte Harry und stellte seinen verletzten Fuß vorsichtig wieder auf den Boden. »Hey – du weißt nicht zufällig, wo er hingeht?«
»Nein«, sagte Tonks.
»Weswegen wolltest du ihn sprechen?«
»Wegen nichts Bestimmtem«, erwiderte Tonks und zupfte, offensichtlich ohne es zu merken, am Ärmel ihres Umhangs. »Ich dachte nur, vielleicht weiß er, was los ist … ich habe Gerüchte gehört … Leute werden verletzt …«
»Jaah, ich weiß, stand alles in der Zeitung«, sagte Harry. »Dieser kleine Junge, der versucht hat, seine Großeltern zu er–«
»Der Prophet ist oft nicht auf dem neuesten Stand«, sagte Tonks, die ihm anscheinend nicht zuhörte. »Du hast in letzter Zeit keine Briefe von irgendjemandem aus dem Orden bekommen?«
»Aus dem Orden schreibt mir niemand mehr«, sagte Harry, »nicht, seit Sirius –«
Er sah, dass ihr Tränen in die Augen gestiegen waren.
»Tut mir leid«, murmelte er betreten. »Ich meine … ich vermisse ihn auch …«
»Was?«, sagte Tonks verständnislos, als ob sie ihn nicht gehört hätte. »Also … wir sehen uns dann, Harry …«
Und sie wandte sich abrupt um, ging den Korridor entlang davon und ließ Harry stehen, der ihr nachstarrte. Nach etwa einer Minute zog er sich erneut den Tarnumhang über und bemühte sich wieder, in den Raum der Wünsche zu gelangen, ohne jedoch recht bei der Sache zu sein. Mit einem hohlen Gefühl im Magen und bei dem Gedanken daran, dass Ron und Hermine bald zum Mittagessen zurück sein würden, gab er den Versuch schließlich auf und überließ den Korridor Malfoy, der hoffentlich dermaßen verschreckt war, dass er erst in ein paar Stunden herauskommen würde.
Er fand Ron und Hermine in der Großen Halle, schon halb fertig mit einem frühen Mittagessen.
»Ich hab’s geschafft – na ja, so gut wie!«, erzählte Ron Harry begeistert, sobald er ihn sah. »Ich sollte eigentlich vor Madam Puddifoots Café apparieren und bin ein bisschen darüber hinausgeschossen und in der Nähe von Schreiberlings gelandet, aber zumindest hab ich den Ort gewechselt!«
»Klasse«, sagte Harry. »Wie lief’s bei dir, Hermine?«
»Oh, sie war perfekt, ist doch klar«, sagte Ron, ehe Hermine antworten konnte. »Perfekte Dreierregel, Ziel, Unwille, Betulichkeit oder wie’s zum Teufel noch mal heißt – wir sind danach alle schnell noch in die Drei Besen was trinken gegangen, und du hättest hören sollen, wie Twycross von ihr geschwärmt hat – mich würd’s nicht überraschen, wenn er ihr bald ’nen Antrag macht –«
»Und was ist mit dir?«, fragte Hermine, ohne Ron zu beachten. »Warst du die ganze Zeit oben beim Raum der Wünsche?«
»Jep«, sagte Harry. »Und ratet mal, wer mir dort oben über den Weg gelaufen ist? Tonks!«
»Tonks?«, wiederholten Ron und Hermine gleichzeitig und sahen überrascht aus.
»Allerdings, sie meinte, sie wollte eigentlich Dumbledore besuchen …«
»Wenn du mich fragst«, sagte Ron, sobald Harry sein Gespräch mit Tonks geschildert hatte, »dreht sie jetzt ein bisschen durch. Verliert die Nerven, nach dem, was im Ministerium passiert ist.«
»Es ist schon ein wenig merkwürdig«, sagte Hermine, die aus irgendeinem Grund sehr beunruhigt wirkte. »Sie soll eigentlich die Schule bewachen, warum verlässt sie auf einmal ihren Posten und will Dumbledore besuchen gehen, wenn er nicht einmal da ist?«
»Mir kam da so ein Gedanke«, sagte Harry zögernd. Ihm war nicht wohl dabei, ihn auszusprechen; das war viel eher Hermines Gebiet als seines. »Meint ihr nicht, dass sie vielleicht … na ja … in Sirius verliebt war?«
Hermine starrte ihn an.
»Wie um Himmels willen kommst du auf die Idee?«
»Keine Ahnung«, antwortete Harry achselzuckend, »aber sie hat fast geweint, als ich seinen Namen erwähnt hab … und ihr Patronus ist jetzt was Großes, Vierbeiniges … Ich hab mich gefragt, ob es nicht vielleicht … wie soll ich sagen … er ist.«
»Das wäre eine Möglichkeit«, sagte Hermine langsam. »Aber ich weiß immer noch nicht, warum sie urplötzlich im Schloss auftaucht, um Dumbledore zu besuchen, falls sie wirklich deshalb hier war …«
»Also lieg ich doch nicht so falsch, oder?«, bemerkte Ron, der sich gerade Kartoffelbrei in den Mund schaufelte. »Sie ist ein bisschen komisch geworden. Hat die Nerven verloren. Frauen«, sagte er weise zu Harry. »Die kriegen schnell zu viel.«
»Und trotzdem«, sagte Hermine, die aus ihrer Träumerei erwachte, »wirst du wohl kaum eine Frau finden, die eine halbe Stunde lang schmollt, weil Madam Rosmerta nicht über ihren Witz mit der Sabberhexe, dem Heiler und dem Mimbulus mimbeltonia gelacht hat.«
Ron blickte finster.
Nach der Beerdigung
Am Himmel über den Schlosstürmen tauchten allmählich hellblaue Stellen auf, doch diese Vorboten des Sommers konnten Harrys Laune nicht bessern. Er war erfolglos gewesen, sowohl bei seinen Versuchen herauszufinden, was Malfoy trieb, als auch bei seinen Bemühungen, ein Gespräch mit Slughorn anzufangen, das irgendwie dazu führen könnte, dass Slughorn ihm die Erinnerung gab, die er offenbar seit Jahrzehnten verheimlicht hatte.
»Zum letzten Mal, vergiss einfach die Sache mit Malfoy«, sagte Hermine entschieden zu Harry.
Sie saßen nach dem Mittagessen gemeinsam mit Ron in einer sonnigen Ecke des Hofes. Hermine und Ron hielten beide ein Merkblatt des Zaubereiministeriums in den Händen: Häufige Fehler beim Apparieren und wie man sie vermeidet. Sie hatten noch an diesem Nachmittag ihre Prüfung, doch die Merkblätter hatten insgesamt nicht dazu beigetragen, ihre Nerven zu beruhigen. Als ein Mädchen um die Ecke kam, schrak Ron zusammen und versuchte sich hinter Hermine zu verstecken.
»Es ist nicht Lavender«, meinte Hermine gelangweilt.
»Oh, gut«, sagte Ron und erholte sich wieder.
»Harry Potter?«, fragte das Mädchen. »Ich soll dir das hier geben.«
»Danke …«
Harry wurde das Herz schwer, als er die kleine Pergamentrolle entgegennahm. Sobald das Mädchen außer Hörweite war, sagte er: »Dumbledore wollte mir doch erst wieder Stunden geben, wenn ich diese Erinnerung habe!«
»Vielleicht will er nur mal nachschauen, wie du vorankommst?«, überlegte Hermine, als Harry das Pergament entrollte; aber er sah nicht Dumbledores längliche, enge, schräge Handschrift, sondern ein unordentliches Gekrakel, das sehr schwer zu lesen war, da sich auf dem Pergament große Kleckse zerlaufener Tinte befanden.
Lieber Harry, lieber Ron, liebe Hermine,
gestern Nacht ist Aragog gestorben. Harry und Ron, ihr habt ihn kennen gelernt, ihr wisst, dass er was Besonderes war. Hermine, ich weiß, du hätt’st ihn gemocht. Es würd mir viel bedeuten, wenn ihr heute gegen Abend zur Beerdigung runterkommt. Ich will es in der Dämmerung machen, das war seine liebste Tageszeit. Ich weiß, dass ihr so spät nicht draußen sein dürft, aber ihr könnt den Tarnumhang benutzen. Allein bring ich’s einfach nicht über mich, sonst würd ich nicht fragen.
Hagrid
»Schau dir das mal an«, sagte Harry und gab den Brief Hermine.
»Oh, um Himmels willen«, sagte sie, als sie ihn rasch überflog, dann reichte sie ihn an Ron weiter, der, während er ihn durchlas, immer ungläubiger dreinschaute.
»Der ist verrückt!«, sagte er wütend. »Dieses Viech hat seine Freunde aufgefordert, Harry und mich aufzufressen! Ihnen gesagt, dass sie sich ruhig bedienen sollen! Und jetzt erwartet Hagrid von uns, dass wir da runtergehen und seine scheußliche haarige Leiche beweinen!«
»Und das ist noch nicht alles«, fügte Hermine hinzu. »Er will, dass wir nachts aus dem Schloss gehen, obwohl er weiß, dass die Sicherheitsmaßnahmen tausendmal schärfer sind und dass wir dermaßen Ärger bekommen, wenn wir erwischt werden.«
»Wir waren schon nachts unten bei ihm«, sagte Harry.
»Ja, aber für so was?«, sagte Hermine. »Wir haben eine Menge riskiert, um Hagrid aus der Patsche zu helfen, aber schließlich – ist Aragog tot. Wenn es darum ginge, ihn zu retten –«
»– dann würd ich erst recht nicht hinwollen«, sagte Ron entschieden. »Du hast ihn nicht kennen gelernt, Hermine. Glaub mir, dass er tot ist, hat seinem Charakter nur gutgetan.«
Harry nahm den Brief zurück und betrachtete die auf dem ganzen Blatt verteilten Tintenkleckse. Offenbar waren in rascher Folge dicke Tränen auf das Pergament gefallen …
»Harry, du kannst doch nicht ernsthaft überlegen, da hinzugehen«, sagte Hermine. »Dafür Nachsitzen zu kriegen ist so was von unsinnig.«
Harry seufzte.
»Jaah, ich weiß«, erwiderte er. »Ich schätze, Hagrid wird Aragog ohne uns begraben müssen.«
»Ja, das muss er wohl«, sagte Hermine und sah erleichtert aus. »Übrigens, heute Nachmittag wird es in Zaubertränke fast leer sein, weil wir alle weg sind und die Prüfung machen … Versuch doch mal, Slughorn ein bisschen weich zu kochen!«
»Du meinst, beim siebenundfünfzigsten Mal hab ich Glück?«, bemerkte Harry bitter.
»Glück«, sagte Ron plötzlich. »Harry, das ist es – hol dir dein Glück!«
»Was meinst du damit?«
»Nimm deinen Glückstrank!«
»Ron, das ist – das ist die Idee!«, sagte Hermine und klang verblüfft. »Natürlich! Warum ist mir das nicht eingefallen?«
Harry starrte die beiden an. »Felix Felicis?«, sagte er. »Ich weiß nicht … ich wollte es mir eigentlich aufheben …«
»Wofür?«, fragte Ron skeptisch.
»Was um alles in der Welt ist wichtiger als diese Erinnerung, Harry?«, wollte Hermine wissen.
Harry antwortete nicht. Der Gedanke an dieses goldene Fläschchen spukte schon länger weit hinten in seinem Kopf herum; verschwommene, nicht ausformulierte Pläne gärten in den Tiefen seines Gehirns: Ginny, die sich von Dean trennte, kam darin vor und Ron, der irgendwie froh war, dass sie einen neuen Freund hatte, Pläne, die er sich selbst nicht eingestand außer in seinen Träumen oder in dem dämmrigen Zustand zwischen Schlafen und Wachsein …
»Harry? Bist du noch bei uns?«, fragte Hermine.
»Wa–? Jaah, natürlich«, sagte er und riss sich zusammen. »Also … okay. Wenn ich Slughorn heute Nachmittag nicht zum Reden bringe, nehme ich ein wenig Felix und versuche es heute Abend noch mal.«
»Das wäre also abgemacht«, sagte Hermine munter, stand auf und drehte eine elegante Pirouette. »Ziel … Wille … Bedacht …«, murmelte sie.
»Ach, hör auf damit«, bat Ron sie. »Mir ist sowieso schon schlecht – schnell, versteck mich!«
»Es ist nicht Lavender!«, sagte Hermine ungeduldig, als noch zwei Mädchen im Hof erschienen und Ron hinter ihr abtauchte.
»Schwein gehabt«, sagte Ron und lugte über Hermines Schulter, um sich zu vergewissern. »Mensch, die sehen aber überhaupt nicht glücklich aus, was?«
»Das sind die Montgomery-Schwestern und die sehen natürlich nicht glücklich aus, hast du nicht gehört, was mit ihrem kleinen Bruder passiert ist?«, fragte Hermine.
»Ehrlich gesagt, verlier ich allmählich den Überblick, was den Verwandten von den ganzen Leuten so alles passiert«, entgegnete Ron.
»Also, ihr Bruder ist von einem Werwolf angefallen worden. Dem Gerücht nach hat ihre Mutter sich geweigert, den Todessern zu helfen. Jedenfalls war der Junge erst fünf und er ist im St. Mungo gestorben, die konnten ihn nicht retten.«
»Er ist gestorben?«, wiederholte Harry schockiert. »Aber Werwölfe töten doch eigentlich nicht, sie verwandeln dich nur in einen von ihnen?«
»Manchmal töten sie«, sagte Ron, der jetzt ungewöhnlich ernst aussah. »Ich hab gehört, dass das passiert, wenn der Werwolf die Kontrolle über sich verliert.«
»Wie hieß der Werwolf?«, fragte Harry rasch.
»Also, dem Gerücht nach war es Fenrir Greyback«, sagte Hermine.
»Ich hab’s gewusst – der Wahnsinnige, der gerne Kinder angreift, von dem Lupin mir erzählt hat!«, sagte Harry zornig.
Hermine sah ihn düster an.
»Harry, du musst dir diese Erinnerung unbedingt beschaffen«, sagte sie. »Es geht doch darum, Voldemort aufzuhalten, oder? Diese schrecklichen Dinge, die passieren, da steckt überall er dahinter …«
Die Glocke läutete oben im Schloss, und Hermine und Ron sprangen mit entsetzten Mienen auf.
»Ihr werdet es schon schaffen«, sagte Harry, während sie in Richtung Eingangshalle gingen, wo die beiden sich mit den anderen Schülern treffen wollten, die auch die Prüfung im Apparieren ablegten. »Viel Glück.«
»Gleichfalls!«, sagte Hermine mit einem bedeutungsvollen Blick, als Harry sich auf den Weg in die Kerker machte.
An diesem Nachmittag waren sie in Zaubertränke nur zu dritt: Harry, Ernie und Draco Malfoy.
»Alle noch zu jung, um zu apparieren?«, fragte Slughorn freundlich. »Noch keine siebzehn?«
Sie schüttelten die Köpfe.
»Ah, nun«, sagte Slughorn fröhlich, »da wir so wenige sind, werden wir heute mal etwas Vergnügliches machen. Ich möchte, dass Sie mir was Lustiges zusammenbrauen!«
»Das klingt gut, Sir«, schleimte Ernie und rieb sich die Hände. Malfoy hingegen ließ sich nicht zu einem Lächeln herab.
»Was meinen Sie mit ›lustig‹?«, fragte er gereizt.
»Oh, da lass ich mich von Ihnen überraschen«, sagte Slughorn ungezwungen.
Malfoy schlug mit trotziger Miene sein Zaubertränke für Fortgeschrittene auf. Es hätte nicht deutlicher sein können, dass er diese Unterrichtsstunde für Zeitverschwendung hielt. Zweifellos opferte Malfoy nur ungern die Zeit, die er sonst im Raum der Wünsche hätte verbringen können, dachte Harry, der ihn über den Rand seines eigenen Buches beobachtete.
Bildete er sich das nur ein, oder war Malfoy, genau wie Tonks, dünner geworden? Mit Sicherheit sah er blasser aus; seine Haut hatte immer noch diese Spur von Grau, vermutlich weil er in diesen Tagen so selten ans Tageslicht kam. Doch er wirkte nicht blasiert, auch nicht aufgeregt oder überheblich; da war nichts von der Großspurigkeit, die er im Hogwarts-Express an sich gehabt hatte, als er offen mit der Mission prahlte, die Voldemort ihm aufgetragen hatte … Für Harry gab es nur einen logischen Schluss: Die Mission, worin immer sie bestand, verlief nicht gut.
Von diesem Gedanken beflügelt, blätterte Harry sein Exemplar der Zaubertränke für Fortgeschrittene durch und stieß auf ein Euphorie-Elixier, das in der Fassung des Halbblutprinzen mehrfach korrigiert worden war. Es schien nicht nur Slughorns Aufgabenstellung zu entsprechen, sondern versetzte ihn vielleicht auch (und bei diesem Gedanken schlug Harrys Herz höher) in eine so gute Stimmung, dass er bereit wäre, die Erinnerung herauszurücken, falls Harry ihn dazu überreden konnte, von dem Trank zu kosten …
»Nun, das sieht ja absolut wunderbar aus«, sagte Slughorn anderthalb Stunden später und klatschte in die Hände, als er auf das sonnengelbe Gebräu in Harrys Kessel hinunterspähte. »Euphorie, nehme ich an? Und wonach riecht das? Mmmm … Sie haben bloß einen Stängel Pfefferminze dazugetan, nicht wahr? Unüblich, aber welch genialer Einfall, Harry. Das würde natürlich die gelegentlichen Nebenwirkungen, das exzessive Singen und Nasenzwicken, ausgleichen … Ich weiß wirklich nicht, woher Sie immer diese Gedankenblitze haben, mein Junge … es sei denn –«
Harry stieß das Buch des Halbblutprinzen mit dem Fuß tiefer in seine Tasche.
»– es sind einfach die Gene Ihrer Mutter, die bei Ihnen zum Tragen kommen!«
»Oh … jaah, kann sein«, sagte Harry erleichtert.
Ernie machte ein ziemlich verdrießliches Gesicht; mit dem festen Vorsatz, Harry wenigstens dieses eine Mal auszustechen, hatte er sich völlig überstürzt seinen eigenen Zaubertrank ausgedacht, der nun ganz dick geworden war und wie eine Art lila Knödel am Boden seines Kessels lag. Malfoy packte bereits mit säuerlicher Miene seine Sachen zusammen; Slughorn hatte seine Schluckauf-Lösung nur für »passabel« erklärt.
Als die Glocke läutete, gingen Ernie und Malfoy gleichzeitig hinaus.
»Sir«, fing Harry an, doch Slughorn warf sofort einen Blick über die Schulter; als er sah, dass keiner außer ihm und Harry mehr im Raum war, eilte er, so schnell er konnte, davon.
»Professor – Professor, wollen Sie nicht mal von meinem Trank –?«, rief Harry verzweifelt.
Aber Slughorn war verschwunden. Enttäuscht leerte Harry den Kessel aus, packte seine Sachen zusammen, verließ den Kerker und ging langsam die Treppe hoch zum Gemeinschaftsraum zurück.
Ron und Hermine kamen am späten Nachmittag wieder.
»Harry!«, rief Hermine, als sie durch das Porträtloch kletterte. »Harry, ich hab’s geschafft!«
»Gratuliere!«, sagte er. »Und Ron?«
»Er – er ist ganz knapp durchgefallen«, flüsterte Hermine, als Ron mit äußerst mürrischer Miene hereinschlurfte. »Das war wirklich Pech, nur eine Kleinigkeit, der Prüfer hat bloß bemerkt, dass er eine halbe Augenbraue zurückgelassen hat … wie lief es mit Slughorn?«
»Kein Erfolg«, sagte Harry, als Ron zu ihnen stieß. »Pech für dich, Mann, aber das nächste Mal schaffst du es – wir können die Prüfung zusammen machen.«
»Jaah, sieht ganz so aus«, sagte Ron missmutig. »Aber wegen einer halben Augenbraue! Das ist doch kleinkariert!«
»Ich weiß«, sagte Hermine besänftigend, »das kommt einem wirklich streng vor …«
Sie verbrachten das Abendessen weitgehend damit, rundweg über den Apparierprüfer zu schimpfen, und Ron wirkte ein klein wenig besser gelaunt, als sie sich dann wieder auf den Weg zum Gemeinschaftsraum machten und über das alte Problem mit Slughorn und seiner Erinnerung sprachen.
»Wie steht’s, Harry – nimmst du jetzt den Felix Felicis oder nicht?«, wollte Ron wissen.
»Jaah, es bleibt mir wohl nichts anderes übrig«, sagte Harry. »Ich glaube nicht, dass ich alles davon brauche, nicht für zwölf Stunden, es kann ja nicht die ganze Nacht dauern … Ich nehme nur einen Schluck. Zwei bis drei Stunden sollten reichen.«
»Das ist ein tolles Gefühl, wenn man es genommen hat«, sagte Ron erinnerungsselig. »Als könnte man einfach nichts falsch machen.«
»Wovon redest du eigentlich?«, sagte Hermine lachend. »Du hast doch nie was davon genommen!«
»Jaah, aber ich dachte, ich hätte, stimmt’s?«, gab Ron zurück, als wäre es selbstverständlich. »Das ist im Grunde das Gleiche …«
Da sie Slughorn eben erst in die Große Halle hatten gehen sehen und wussten, dass er sich beim Essen gerne Zeit ließ, blieben sie noch eine Weile im Gemeinschaftsraum. Ihr Plan war, dass Harry erst zu Slughorns Büro gehen sollte, wenn der Lehrer Zeit genug gehabt hatte, dorthin zurückzukehren. Als die Sonne bis an die Baumwipfel des Verbotenen Waldes gesunken war, beschlossen sie, dass der richtige Moment gekommen war, und nachdem sie sich gründlich vergewissert hatten, dass Neville, Dean und Seamus allesamt im Gemeinschaftsraum waren, schlichen sie sich hoch in den Jungenschlafsaal.
Harry holte die zusammengerollten Socken heraus, die am Boden seines Koffers gelegen hatten, und zog das schimmernde Fläschchen hervor.
»Also, dann mal los«, sagte Harry, hob das Fläschchen und nahm einen sorgfältig bemessenen Schluck.
»Wie fühlt es sich an?«, flüsterte Hermine.
Harry antwortete im ersten Moment nicht. Dann, langsam, aber sicher, überkam ihn ein berauschendes Gefühl unbegrenzter Möglichkeiten; es kam ihm vor, als könnte er alles tun, überhaupt alles … und Slughorn die Erinnerung abzunehmen erschien ihm plötzlich nicht nur möglich, sondern geradezu kinderleicht …
Lächelnd und strotzend vor Zuversicht stand er auf.
»Ausgezeichnet«, sagte er. »Wirklich ausgezeichnet. Gut … ich geh runter zu Hagrid.«
»Was?«, riefen Ron und Hermine gleichzeitig mit entgeisterten Mienen.
»Nein, Harry – du musst doch zu Slughorn gehen, weißt du nicht mehr?«, sagte Hermine.
»Nein«, entgegnete Harry überzeugt. »Ich geh runter zu Hagrid, irgendwie sagt mir mein Gefühl, dass ich zu Hagrid gehen soll.«
»Dein Gefühl sagt dir, dass du eine Riesenspinne beerdigen sollst?«, fragte Ron mit verdutzter Miene.
»Jaah«, antwortete Harry und zog den Tarnumhang aus seiner Tasche. »Ich spüre, dass ich heute Abend dort hingehöre, wisst ihr, was ich meine?«
»Nein«, sagten Ron und Hermine wie aus einem Munde und sahen nun eindeutig beunruhigt aus.
»Das ist doch wirklich Felix Felicis, oder nicht?«, fragte Hermine beklommen und hielt das Fläschchen gegen das Licht. »Du hast nicht etwa noch ein anderes Fläschchen mit – ich weiß nicht –«
»Wahnsinnsessenz?«, schlug Ron vor, als Harry sich seinen Tarnumhang über die Schultern schwang.
Harry lachte, und Ron und Hermine sahen noch besorgter aus.
»Glaubt mir«, sagte er. »Ich weiß, was ich tue … oder zumindest …«, er schlenderte zuversichtlich zur Tür, »weiß es Felix.«
Er zog sich den Tarnumhang über den Kopf und ging die Treppe hinunter. Ron und Hermine eilten ihm nach. Am Fuß der Treppe schlüpfte Harry durch die offene Tür.
»Was hattest du denn mit der dort oben zu suchen?«, kreischte Lavender Brown und starrte geradewegs durch Harry hindurch auf Ron und Hermine, die zusammen vom Jungenschlafsaal kamen. Während Harry von ihnen weg durch den Raum stürmte, hörte er Ron hinter sich etwas stottern.
Durch das Porträtloch zu gelangen war einfach; als er darauf zuging, kamen Ginny und Dean gerade herein und Harry konnte zwischen ihnen hindurchschlüpfen. Dabei berührte er versehentlich Ginny.
»Schubs mich bitte nicht, Dean«, sagte sie und klang verärgert. »Lass das endlich mal bleiben, ich komm da sehr gut alleine durch …«
Das Porträt schwang hinter Harry zu, aber er bekam noch mit, wie Dean ihr eine wütende Antwort gab … Harrys Hochgefühl steigerte sich, während er mit zügigen Schritten das Schloss durchquerte. Er brauchte nicht dahinzuschleichen, denn unterwegs begegnete er niemandem, was ihn allerdings nicht im Geringsten überraschte: Heute Abend war er der größte Glückspilz von Hogwarts.
Er hatte keine Ahnung, warum er wusste, dass ein Besuch bei Hagrid jetzt das Richtige war. Es war, als ob der Zaubertrank immer ein paar Schritte des Weges vor ihm erhellte: Er konnte nicht sehen, wo er schließlich landen würde, und auch nicht, wo Slughorn ins Spiel kam, doch er wusste, dass er auf dem richtigen Weg war und am Ende die Erinnerung besitzen würde. Als er zur Eingangshalle gelangte, sah er, dass Filch vergessen hatte, das Schlossportal abzuschließen. Strahlend warf Harry die Türen auf, atmete einen Moment den Duft von frischer Luft und Gras ein und stieg dann die Stufen in die Dämmerung hinab.
Als er die letzte Stufe erreicht hatte, kam ihm der Gedanke, dass es doch sehr angenehm wäre, über die Gemüsebeete zu Hagrid zu gehen. Sie lagen nicht genau auf dem Weg, doch Harry hatte das deutliche Gefühl, dass er dieser Laune folgen sollte, und so lenkte er seine Schritte unverzüglich zu den Gemüsebeeten, wo er zu seiner Freude, doch nicht völlig überrascht Professor Slughorn im Gespräch mit Professor Sprout vorfand. Harry ging hinter einem niedrigen Steinmäuerchen in Deckung und hörte sich in aller Seelenruhe ihre Unterhaltung an.
»… vielen Dank auch, dass Sie sich die Zeit genommen haben, Pomona«, sagte Slughorn höflich. »In Fachkreisen geht man fast übereinstimmend davon aus, dass sie am wirksamsten sind, wenn sie in der Dämmerung gepflückt werden.«
»Oh, dem stimme ich vollkommen zu«, sagte Professor Sprout herzlich. »Reicht das für Sie?«
»Völlig, völlig«, erwiderte Slughorn, der, wie Harry sah, einen Arm voller Blattpflanzen hatte. »Da kann jeder meiner Drittklässler ein paar Blätter abbekommen, und falls sie jemand zu lange ziehen lässt, habe ich noch einige in Vorrat … also, einen schönen Abend, und nochmals vielen Dank!«
Professor Sprout machte sich in der einbrechenden Dunkelheit auf den Weg zu ihren Gewächshäusern, und Slughorn lenkte seine Schritte zu der Stelle, wo Harry unsichtbar stand.
Von einem plötzlichen Wunsch ergriffen, sich zu zeigen, riss Harry sich schwungvoll den Tarnumhang herunter.
»Guten Abend, Professor.«
»Beim Barte des Merlin, Harry, Sie haben mich vielleicht erschreckt«, sagte Slughorn, der abrupt stehen blieb und argwöhnisch dreinschaute. »Wie sind Sie aus dem Schloss gekommen?«
»Filch muss wohl vergessen haben, das Portal abzuschließen«, sagte Harry fröhlich und sah erfreut, dass sich Slughorns Miene verfinsterte.
»Den Kerl werde ich melden, der macht sich mehr Sorgen um den Müll als um angemessene Sicherheitsvorkehrungen, wenn Sie mich fragen … aber was suchen Sie hier draußen, Harry?«
»Nun, Sir, es geht um Hagrid«, sagte Harry, der wusste, dass es genau in diesem Moment angebracht war, die Wahrheit zu sagen. »Er ist ziemlich aufgewühlt … aber Sie erzählen es niemandem, Professor? Ich will nicht, dass er Ärger bekommt …«
Slughorns Neugier war offensichtlich geweckt.
»Nun, das kann ich nicht versprechen«, erwiderte er schroff. »Aber ich weiß, dass Dumbledore Hagrid voll und ganz vertraut, daher bin ich sicher, dass er nichts allzu Schreckliches im Schilde führen kann …«
»Also, es geht um diese Riesenspinne, die er seit Jahren hat … sie lebte im Wald … sie konnte sprechen und alles –«
»Mir sind Gerüchte zu Ohren gekommen, es gäbe Acromantulas im Wald«, sagte Slughorn leise und blickte hinüber zu dem Meer aus schwarzen Bäumen. »Es stimmt also?«
»Ja«, sagte Harry. »Aber diese eine, Aragog, die erste, die Hagrid je hatte, die ist gestern Nacht gestorben. Er ist am Boden zerstört. Er will jemanden dabeihaben, wenn er sie beerdigt, und ich hab gesagt, dass ich hingeh.«
»Rührend, rührend«, sagte Slughorn gedankenverloren und seine großen matten Augen waren auf die fernen Lichter von Hagrids Hütte gerichtet. »Aber Acromantula-Gift ist sehr wertvoll … wenn das Tier gerade erst gestorben ist, ist es vielleicht noch nicht ganz ausgetrocknet … natürlich will ich nichts Taktloses tun, wenn Hagrid solchen Kummer hat … aber wenn es einen Weg gäbe, sich etwas davon zu beschaffen … Ich meine, es ist fast unmöglich, an das Gift einer Acromantula zu kommen, solange sie am Leben ist …«
Slughorn schien jetzt mehr mit sich selbst als mit Harry zu reden.
»… scheint mir eine fürchterliche Verschwendung, es nicht abzufüllen … ein halber Liter könnte hundert Galleonen bringen … offen gestanden, mein Gehalt ist nicht hoch …«
Und jetzt sah Harry deutlich, was zu tun war.
»Also«, sagte er mit einem äußerst überzeugenden Zögern, »also, wenn Sie mitkommen wollten, Professor, Hagrid würde sich wahrscheinlich sehr freuen … das wäre ein besserer Abschied für Aragog, wissen Sie …«
»Ja, natürlich«, sagte Slughorn und seine Augen leuchteten jetzt vor Begeisterung. »Wissen Sie was, Harry, wir treffen uns dort unten, und ich bring ein, zwei Fläschchen mit … Wir trinken auf die – nun ja – vielleicht nicht gerade auf die Gesundheit des armen Tieres – aber wir wollen es jedenfalls würdig verabschieden, wenn es dann mal begraben ist. Und ich bind eine andere Krawatte um, die hier ist ein bisschen zu knallig für den Anlass …«
Er wuselte zurück ins Schloss, und Harry eilte los zu Hagrid, hochzufrieden mit sich selbst.
»Du bis’ also gekomm’«, krächzte Hagrid, als er die Tür öffnete und Harry unter dem Tarnumhang hervorschlüpfen sah.
»Jaah – aber Ron und Hermine konnten nicht«, sagte Harry. »Tut ihnen wirklich leid.«
»Macht – macht nix … das hätt ihn aber gerührt, dass du da bist, Harry …«
Hagrid schluchzte laut auf. Er hatte sich eine schwarze Armbinde gemacht, offenbar aus einem Lumpen, den er in Stiefelwichse getaucht hatte, und seine Augen waren verweint, rot und verschwollen. Harry tätschelte ihm tröstend den Ellbogen, den höchsten Punkt von Hagrid, den er ohne weiteres erreichen konnte.
»Wo begraben wir ihn?«, fragte er. »Im Wald?«
»Grundgütiger, nein«, sagte Hagrid und wischte sich die tränennassen Augen an seinem Hemdsaum ab. »Die andern Spinnen lassen mich nich mal mehr in die Nähe von ihr’n Netzen, jetz’ wo Aragog nich mehr is’. War wohl wirklich nur wegen sei’m Befehl, dass die mich nich gefressen haben! Kannst du dir das vorstellen, Harry?«
Die ehrliche Antwort war »ja«; Harry erinnerte sich peinlich genau an die Szene, als er und Ron der Acromantula gegenübergestanden hatten: Es war ihnen vollkommen klar gewesen, dass Aragog das Einzige war, was die Spinnen davon abhielt, Hagrid zu fressen.
»Gab noch nie ’n Teil vom Wald, in den ich nich gehen konnt!«, sagte Hagrid kopfschüttelnd. »War nich einfach, Aragogs Leiche dort rauszukriegen, kann ich dir sagen – die fressen normalerweise ihre Toten, weiß’ du … aber ich wollt, dass er ’ne schöne Beerdigung hat … ’n anständigen Abschied …«
Wieder fing er an zu schluchzen, und Harry tätschelte erneut seinen Ellbogen und sagte dabei (denn der Zaubertrank ließ es als geboten erscheinen): »Professor Slughorn ist mir über den Weg gelaufen, als ich hier runterkam, Hagrid.«
»Kriegst doch keinen Ärger, oder?«, fragte Hagrid und blickte beunruhigt auf. »Du solltest abends nich aus’m Schloss raus, ich weiß, ’s is’ meine Schuld –«
»Nein, nein, als er hörte, was ich vorhatte, meinte er, er würde gern vorbeikommen und Aragog auch die letzte Ehre erweisen«, sagte Harry. »Er wollte sich nur noch was Passenderes anziehen, glaub ich … und er wollte ein paar Flaschen mitbringen, damit wir zum Andenken an Aragog anstoßen können …«
»Ehrlich?«, sagte Hagrid, offenbar verblüfft und gerührt zugleich. »Das is’ – das is’ echt nett von ihm, wirklich, und dass er dich nich gemeldet hat, auch. Ich hab bis jetz’ nie so richtig viel mit Horace Slughorn zu tun gehabt … aber er kommt und will den alten Aragog verabschieden, ja? Also … das hätt ihm gefall’n, unserm Aragog …«
Was Aragog an Slughorn am meisten gefallen hätte, wäre die reichliche Menge essbaren Fleisches an ihm gewesen, dachte Harry bei sich, doch er ging nur zum hinteren Fenster von Hagrids Hütte, wo sich ihm der ziemlich schreckliche Anblick der gewaltigen toten Spinne darbot, die mit eingeknickten und verhedderten Beinen draußen auf dem Rücken lag.
»Begraben wir ihn hier, Hagrid, in deinem Garten?«
»Gleich hinterm Kürbisbeet, hab ich mir gedacht«, sagte Hagrid mit erstickter Stimme. »Ich hab schon das – du weiß’ schon – das Grab geschaufelt. Dachte mir nur, wir könnten noch ’n paar nette Dinge an sei’m Grab sagen – glückliche Erinnerungen, weiß’ du –«
Seine Stimme bebte und brach. Es klopfte, und er drehte sich zur Tür, um zu öffnen, und schnäuzte sich dabei in sein großes gepunktetes Taschentuch. Slughorn trat eilends über die Schwelle, er hatte mehrere Flaschen in den Armen und trug eine triste schwarze Krawatte.
»Hagrid«, sagte er mit tiefer, feierlicher Stimme. »Ich habe von Ihrem Verlust gehört, es tut mir unendlich leid.«
»Das is’ sehr nett von Ihnen«, sagte Hagrid. »Vielen Dank. Und danke auch, dass Sie Harry ohne Nachsitzen ham davonkommen lassen …«
»Wär mir nicht im Traum eingefallen«, entgegnete Slughorn. »Trauriger Abend, trauriger Abend … wo ist das arme Geschöpf?«
»Dort draußen«, sagte Hagrid mit zittriger Stimme. »Sollen wir – sollen wir es jetz’ tun?«
Die drei gingen nach hinten hinaus in den Garten. Der Mond schimmerte bleich durch die Bäume, und zusammen mit dem Licht, das durch Hagrids Fenster fiel, beleuchtete er Aragogs Leiche, die am Rand einer mächtigen Grube lag, neben einem drei Meter hohen Hügel frisch ausgehobener Erde.
»Großartig«, sagte Slughorn und näherte sich dem Kopf der Spinne, wo acht milchige Augen leer in den Himmel starrten und zwei riesige krumme Greifer reglos im Mondlicht glänzten. Harry meinte Flaschen klirren zu hören, als Slughorn sich über die Greifer beugte und offenbar den gewaltigen haarigen Kopf untersuchte.
»’s is’ nich so, dass jeder zu schätzen weiß, wie schön sie sin’«, sagte Hagrid von hinten zu Slughorn, und Tränen quollen aus seinen faltigen Augenwinkeln. »Wusste gar nich, dass Sie an solchen Geschöpfen wie Aragog interessiert sin’, Horace.«
»Interessiert? Mein lieber Hagrid, ich verehre sie«, sagte Slughorn und trat von der Leiche zurück. Harry sah das Glitzern einer Flasche, ehe sie unter seinem Umhang verschwand, doch Hagrid, der sich erneut die Augen wischte, bemerkte nichts. »Nun … sollen wir mit dem Begräbnis beginnen?«
Hagrid nickte und ging nach vorn. Er wuchtete die riesige Spinne in seine Arme und rollte sie mit einem gewaltigen Ächzen in die dunkle Grube. Mit einem ziemlich scheußlichen dumpfen Knirschen schlug sie auf dem Boden auf. Hagrid fing wieder zu weinen an.
»Natürlich ist es schwierig für Sie, der ihn am besten gekannt hat«, sagte Slughorn, der wie Harry nicht höher als bis zu Hagrids Ellbogen reichte, ihn aber dennoch tätschelte. »Vielleicht sollte ich ein paar Worte sagen?«
Er musste Aragog eine Menge hochwertiges Gift abgezapft haben, dachte Harry, denn Slughorn zeigte ein zufriedenes Grinsen, als er zum Rand der Grube trat und mit langsamer, eindrucksvoller Stimme sagte: »Lebe wohl, Aragog, König der Arachniden, dessen lange und treue Freundschaft jene, die dich kannten, nie vergessen werden! Wird dein Körper auch zugrunde gehen, so verweilt doch dein Geist in den stillen, unter Gespinsten verborgenen Winkeln deiner Waldheimat. Möge deine vieläugige Nachkommenschaft allzeit gedeihen und deinen Freunden unter den Menschen Trost beschieden sein angesichts des Verlustes, den sie erlitten haben.«
»Das war … das war … wunderschön!«, heulte Hagrid und brach heftiger weinend denn je auf dem Komposthaufen zusammen.
»Aber, aber«, sagte Slughorn und schwang seinen Zauberstab, worauf der riesige Erdhaufen in die Höhe stieg und dann mit einer Art gedämpftem Rumpeln auf die tote Spinne fiel und einen sanften Hügel bildete. »Kommt, wir gehen rein und trinken was. Gehen Sie auf seine andere Seite, Harry … genau … hoch mit Ihnen, Hagrid … prima …«
Sie setzten Hagrid auf einem Stuhl am Tisch ab. Fang, der während der Beerdigung lauernd in seinem Korb gelegen hatte, kam nun sachte zu ihnen hergetrottet und legte seinen schweren Kopf wie üblich in Harrys Schoß. Slughorn entkorkte eine der Weinflaschen, die er mitgebracht hatte.
»Ich hab sie allesamt auf Gift testen lassen«, versicherte er Harry, goss den Großteil der ersten Flasche in einen von Hagrids eimergroßen Bechern und reichte ihn Hagrid. »Hab einen Hauselfen jede Flasche probieren lassen, nach dem, was Ihrem armen Freund Rupert zugestoßen ist.«
Harry sah vor seinem inneren Auge Hermines Gesichtsausdruck, sollte sie je von diesem Missbrauch von Hauselfen erfahren, und beschloss, es ihr gegenüber nie zu erwähnen.
»Einer für Harry …«, sagte Slughorn und teilte eine zweite Flasche auf zwei Becher auf, »… und einer für mich. Nun denn«, er hob den Becher hoch, »auf Aragog.«
»Aragog«, sagten Harry und Hagrid gemeinsam.
Slughorn und Hagrid nahmen kräftige Züge. Harry jedoch, dem Felix Felicis den weiteren Lauf der Dinge erhellte, wusste, dass er nicht trinken durfte, also tat er nur so, als würde er einen Schluck nehmen, und stellte den Becher dann wieder auf dem Tisch vor ihm ab.
»Ich hatt’ ihn schon als Ei, wissen Sie«, sagte Hagrid kummervoll. »Winziges kleines Ding, als er geschlüpft is’. Etwa so groß wie ’n Pekinese.«
»Süß«, sagte Slughorn.
»Hab ihn damals in ’nem Schrank oben in der Schule gehalten, bis … na ja …«
Hagrids Gesicht verfinsterte sich, und Harry wusste, warum: Tom Riddle hatte den Plan geschmiedet, Hagrid aus der Schule werfen zu lassen, ihm wurde angelastet, die Kammer des Schreckens geöffnet zu haben. Slughorn jedoch schien nicht zuzuhören; er blickte hoch zur Decke, von der mehrere Messingtöpfe herabhingen sowie eine lange seidene Strähne helles weißes Haar.
»Das ist doch nicht etwa Einhornhaar, Hagrid?«
»O doch«, sagte Hagrid gleichmütig. »Das reißt aus ihren Schweifen raus, man findet es an Zweigen und so im Wald, verstehn Sie …«
»Aber mein lieber Mann, wissen Sie, wie viel das wert ist?«
»Ich brauch’s, um Bandagen und so fest zu schnür’n, wenn eins von den Tieren sich verletzt«, sagte Hagrid achselzuckend. »Das ist furch’bar praktisch … reißt nich, verstehn Sie.«
Slughorn nahm noch einen kräftigen Schluck aus seinem Becher, während seine Augen nun aufmerksam durch den Raum wanderten und, wie Harry wusste, nach weiteren Schätzen suchten, die er womöglich in einen üppigen Vorrat an eichenfassgereiftem Met, kandierten Ananas und samtenen Smokingjacken verwandeln konnte. Er füllte Hagrids und seinen eigenen Becher auf, stellte Hagrid Fragen über die Geschöpfe, die heutzutage im Wald lebten, und wollte wissen, wie er es schaffte, sich um alle zu kümmern. Vom Wein und von Slughorns schmeichelhaftem Interesse beflügelt, hörte Hagrid auf, sich die Augen zu wischen, und fing nun glücklich an, in aller Ausführlichkeit die Bowtruckle-Zucht zu erläutern.
In diesem Moment versetzte der Felix Felicis Harry einen kleinen Stupser, und Harry bemerkte, dass der Weinvorrat, den Slughorn mitgebracht hatte, rasch zur Neige ging. Harry hatte es bisher noch nie geschafft, einen Nachfüllzauber auszuführen, ohne die Beschwörungsformel laut auszusprechen, doch der Gedanke, dass er ihn heute Abend nicht schaffen könnte, war lächerlich: Tatsächlich grinste Harry verstohlen, als er, unbemerkt von Hagrid und Slughorn (die jetzt Geschichten über den illegalen Handel mit Dracheneiern austauschten), seinen Zauberstab unter dem Tisch auf die immer leerer werdenden Flaschen richtete, die sich sofort wieder auffüllten.
Nach etwa einer Stunde begannen Hagrid und Slughorn sich zügellos zuzuprosten: auf Hogwarts, auf Dumbledore, auf Elfenwein und auf –
»Harry Potter!«, brüllte Hagrid und schüttete sich beim Austrinken etwas von seinem vierzehnten Becher Wein übers Kinn.
»Jawohl«, rief Slughorn ein wenig dumpf, »Parry Otter, der auserwählte Junge, der – also – irgendwie so jedenfalls«, nuschelte er und leerte ebenfalls seinen Becher.
Wenig später kamen Hagrid erneut die Tränen, und er drängte Slughorn den ganzen Einhornschweif auf, der ihn unter Rufen wie »Auf die Freundschaft! Auf die Großzügigkeit! Auf zehn Galleonen pro Haar!« einsteckte.
Und noch eine Weile später saßen Hagrid und Slughorn Seite an Seite, die Arme umeinandergeschlungen, und sangen ein langsames trauriges Lied über einen sterbenden Zauberer namens Odo.
»Aaargh, die Guten sterben immer früh«, murmelte Hagrid, und während Slughorn weiter den Refrain schmetterte, sank er leicht schielend auf dem Tisch zusammen. »Mein Dad war noch viel zu jung zum Sterben … genau wie deine Mum un’ dein Dad, Harry …«
Erneut quollen große dicke Tränen aus Hagrids faltigen Augenwinkeln; er packte Harrys Arm und schüttelte ihn.
»… bester Zauberer un’ beste Hexe ihrer Zeit, die ich nie kenn’ gelernt hab … schrecklich, so was … schrecklich …«
Slughorn sang wehklagend:
»Und Odo, den Helden, sie trugen ihn heim
an den Ort seiner Kindheit zurück,
sie legten ihn nieder mit verdrehtem Hut,
und sein Stab war entzwei, ohne Glück.«
»… schrecklich«, grunzte Hagrid, und sein großer zotteliger Kopf rollte ihm seitwärts auf die Arme und er schlief heftig schnarchend ein.
»Verzeihung«, sagte Slughorn hicksend. »Mein Gesang ist zum Davonlaufen.«
»Hagrid meinte nicht Ihren Gesang«, sagte Harry leise. »Er meinte, dass meine Mum und mein Dad gestorben sind.«
»Oh«, machte Slughorn und unterdrückte einen heftigen Rülpser. »Ach je. Ja, das war – war schrecklich, in der Tat. Schrecklich … schrecklich …«
Er schien nicht recht zu wissen, was er sagen sollte, und behalf sich damit, ihre Becher nachzufüllen.
»Ich – ich denke nicht, dass Sie sich daran erinnern, Harry?«, fragte er peinlich berührt.
»Nein – also, ich war erst ein Jahr alt, als sie starben«, sagte Harry und starrte auf die Flamme der Kerze, die unter Hagrids mächtigen Schnarchern flackerte. »Aber ich hab seither ziemlich viel darüber rausgefunden, was passiert ist. Mein Dad ist als Erster gestorben. Haben Sie das gewusst?«
»Ich – nein«, erwiderte Slughorn mit gedämpfter Stimme.
»Jaah … Voldemort hat ihn umgebracht und ist dann über seine Leiche gestiegen, auf meine Mutter zu«, sagte Harry.
Slughorn erschauderte heftig, schien jedoch nicht fähig zu sein, seinen entsetzten Blick von Harrys Gesicht abzuwenden.
»Er wollte, dass sie aus dem Weg geht«, sagte Harry unbarmherzig. »Er hat mir gesagt, dass sie nicht hätte sterben müssen. Er wollte nur mich. Sie hätte fliehen können.«
»O Himmel«, hauchte Slughorn. »Sie hätte … es wäre nicht … das ist furchtbar …«
»Ja, nicht wahr?«, sagte Harry beinahe flüsternd. »Aber sie hat sich nicht vom Fleck gerührt. Dad war schon tot, aber sie wollte nicht, dass ich auch sterbe. Sie hat es damit versucht, Voldemort anzuflehen … aber er hat nur gelacht …«
»Genug!«, sagte Slughorn plötzlich und hob eine zitternde Hand. »Wirklich, mein lieber Junge, es reicht … ich bin ein alter Mann … ich muss mir nicht anhören … ich will mir nicht anhören …«
»Ich hab ja ganz vergessen«, schwindelte Harry, von Felix Felicis geleitet, »Sie haben sie gemocht, nicht wahr?«
»Sie gemocht?«, sagte Slughorn und von neuem schwammen seine Augen in Tränen. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand, der sie kennen gelernt hat, sie nicht mochte … sehr mutig … sehr lustig … es war das Schrecklichste …«
»Aber ihrem Sohn wollen Sie nicht helfen«, sagte Harry. »Sie hat ihr Leben für mich gegeben, aber Sie wollen mir keine Erinnerung geben.«
Hagrids polterndes Schnarchen erfüllte die Hütte. Harry blickte unverwandt in Slughorns tränenfeuchte Augen. Der Zaubertrankmeister schien außerstande wegzusehen.
»Sagen Sie das nicht«, flüsterte er. »Es geht nicht um … wenn es Ihnen helfen würde, natürlich … aber es hat keinerlei Nutzen …«
»Das hat es sehr wohl«, sagte Harry deutlich. »Dumbledore braucht Informationen. Ich brauche Informationen.«
Er wusste, dass er auf der sicheren Seite war: Felix flüsterte ihm ein, dass Slughorn sich am Morgen nicht mehr daran erinnern würde. Harry sah Slughorn direkt in die Augen und beugte sich ein wenig vor.
»Ich bin der Auserwählte. Ich muss ihn töten. Ich brauche diese Erinnerung.«
Slughorn wurde blasser als je zuvor; auf seiner glänzenden Stirn glitzerte der Schweiß.
»Sie sind der Auserwählte?«
»Natürlich bin ich das«, sagte Harry ruhig.
»Aber dann … mein lieber Junge … Sie verlangen eine Menge … Sie verlangen von mir genau genommen, dass ich Ihnen bei Ihrem Versuch helfe, ihn zu vernich–«
»Wollen Sie den Zauberer, der Lily Evans getötet hat, nicht loswerden?«
»Harry, Harry, natürlich will ich das, aber –«
»Sie haben Angst, dass er herausfindet, dass Sie mir geholfen haben?«
Slughorn sagte nichts; die Angst stand ihm ins Gesicht geschrieben.
»Seien Sie mutig wie meine Mutter, Professor …«
Slughorn hob eine dickliche Hand und drückte sich die zitternden Finger auf den Mund; einen Moment lang sah er aus wie ein gewaltiges Riesenbaby.
»Ich bin nicht stolz …«, flüsterte er durch seine Finger. »Ich schäme mich für das – für das, was diese Erinnerung zeigt … Ich glaube, ich habe an diesem Tag womöglich großen Schaden angerichtet …«
»Sie würden alles wiedergutmachen, was Sie getan haben, wenn Sie mir die Erinnerung geben«, sagte Harry. »Es wäre eine sehr mutige und edle Tat.«
Hagrid zuckte im Schlaf und schnarchte weiter. Slughorn und Harry starrten einander über die tropfende Kerze hinweg an. Ein langes, langes Schweigen trat ein, aber Felix Felicis sagte Harry, dass er es nicht unterbrechen, sondern abwarten solle.
Dann, ganz langsam, steckte Slughorn die Hand in seine Tasche und zog seinen Zauberstab hervor. Mit der anderen Hand langte er in seinen Umhang und holte eine kleine leere Flasche heraus. Ohne den Blick von Harrys Augen zu wenden, berührte Slughorn mit der Spitze des Zauberstabs seine Schläfe und nahm ihn wieder weg, wobei auch ein langer, silberner Erinnerungsfaden weggezogen wurde, der an der Zauberstabspitze haftete. Die Erinnerung wurde immer länger und länger, bis sie abriss und silbrig hell am Zauberstab baumelte. Slughorn ließ sie in die Flasche hinuntergleiten, wo sie sich zusammenrollte und dann wirbelnd wie Gas ausbreitete. Mit zittriger Hand verkorkte er die Flasche und reichte sie dann Harry über den Tisch.
»Vielen Dank, Professor.«
»Sie sind ein guter Junge«, sagte Professor Slughorn und Tränen kullerten ihm über die dicken Wangen in seinen Walrossbart. »Und Sie haben ihre Augen … denken Sie nur nicht zu schlecht über mich, wenn Sie es gesehen haben …«
Und auch er legte den Kopf auf die Arme, seufzte tief und schlief ein.
Horkruxe
Während Harry sich ins Schloss zurückschlich, spürte er, wie der Felix Felicis nachließ. Das Portal war für ihn nach wie vor unverschlossen, aber im dritten Stock traf er auf Peeves und konnte es gerade noch verhindern, entdeckt zu werden, indem er seitwärts in eine seiner Abkürzungen hechtete. Als er dann oben beim Porträt der fetten Dame ankam und sich den Tarnumhang herunterzog, überraschte es ihn nicht, sie in keineswegs hilfsbereiter Laune anzutreffen.
»Was ist das für eine Zeit?«
»Es tut mir wirklich leid – ich musste wegen was Wichtigem raus –«
»Nun, das Passwort hat sich um Mitternacht geändert, dann wirst du eben im Korridor schlafen, nicht wahr?«
»Das soll wohl ein Witz sein!«, sagte Harry. »Warum musste es sich um Mitternacht ändern?«
»So ist es eben«, sagte die fette Dame. »Wenn du dich ärgerst, dann geh und beschwer dich beim Schulleiter, er ist derjenige, der die Sicherheitsmaßnahmen verschärft hat.«
»Na wunderbar«, sagte Harry bitter und sah auf den harten Fußboden um sich herum. »Wirklich klasse. Also, ich würde schon zu Dumbledore gehen und mich beschweren, wenn er da wäre, denn er wollte ja, dass ich –«
»Er ist da«, sagte eine Stimme hinter Harry. »Professor Dumbledore ist vor einer Stunde zur Schule zurückgekehrt.«
Der Fast Kopflose Nick schwebte auf Harry zu, wie immer mit eierndem Kopf auf der Halskrause.
»Ich habe es vom Blutigen Baron, er hat ihn ankommen sehen«, sagte Nick. »Dem Baron zufolge war er offenbar in guter Stimmung, wenn auch ein wenig müde, natürlich.«
»Wo ist er?«, fragte Harry und sein Herz schlug höher.
»Oh, er ist oben im Astronomieturm, Stöhnen und Scheppern, eine seiner Lieblingsbeschäftigungen –«
»Nicht der Blutige Baron, Dumbledore!«
»Oh – in seinem Büro«, sagte Nick. »Nach dem, was der Baron sagt, hatte er wohl Dinge zu erledigen, ehe er zurückkam –«
»Ja, allerdings«, sagte Harry, und ihm loderte die Brust vor Aufregung bei dem Gedanken daran, Dumbledore sagen zu können, dass er die Erinnerung beschafft hatte. Er drehte sich rasch um und rannte wieder los, ohne auf die fette Dame zu achten, die hinter ihm herrief.
»Komm zurück! Na schön, ich hab gelogen! Ich hab mich geärgert, weil du mich aufgeweckt hast! Das Passwort ist immer noch ›Bandwurm‹!«
Aber Harry sauste schon wieder den Korridor entlang zurück, und wenige Minuten später sagte er »Karamell-Eclairs« zu Dumbledores Wasserspeier, der zur Seite sprang und ihm den Zutritt zur Wendeltreppe gewährte.
»Herein«, sagte Dumbledore, als Harry klopfte. Er klang erschöpft.
Harry drückte die Tür auf und sah Dumbledores Büro, so wie immer, aber mit schwarzem, sternübersätem Himmel vor den Fenstern.
»Du meine Güte, Harry«, sagte Dumbledore überrascht. »Welchem Umstand verdanke ich dieses sehr späte Vergnügen?«
»Sir – ich habe sie. Ich habe die Erinnerung von Slughorn.«
Harry zog die kleine Glasflasche heraus und zeigte sie Dumbledore. Einen Moment lang wirkte der Schulleiter ganz verblüfft. Dann breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus.
»Harry, das ist eine phantastische Nachricht! Sehr gut gemacht, wirklich! Ich wusste, dass es dir gelingen kann!«
Jeder Gedanke daran, wie spät es war, schien vergessen, als er um seinen Schreibtisch herumeilte, die Flasche mit Slughorns Erinnerung in seine unverletzte Hand nahm und zu dem Schrank hinüberging, wo er das Denkarium aufbewahrte.
»Und nun«, sagte Dumbledore, stellte das Steinbecken auf seinen Schreibtisch und leerte den Inhalt der Flasche hinein, »nun endlich werden wir es sehen. Rasch, Harry …«
Harry beugte sich gehorsam über das Denkarium und spürte, wie seine Füße den Boden des Büros verließen … wieder einmal stürzte er durch Dunkelheit und landete, viele Jahre zuvor, in Horace Slughorns Büro.
Da war der viel jüngere Horace Slughorn mit seinem dichten, glänzenden, strohblonden Haar und seinem rötlich blonden Schnurrbart, und wieder saß er in einem bequemen Ohrensessel in seinem Büro, seine Füße ruhten auf einem samtenen Polster, und er hielt ein kleines Glas Wein in der einen Hand, während die andere in einer Schachtel mit kandierten Ananas stöberte. Und da war das halbe Dutzend Jungen im Teenageralter, die um Slughorn herumsaßen, in ihrer Mitte Tom Riddle, an dessen Finger Vorlosts goldener Ring mit dem schwarzen Stein funkelte.
Dumbledore landete neben Harry, als Riddle gerade fragte: »Sir, stimmt es, dass Professor Merrythought in den Ruhestand geht?«
»Tom, Tom, wenn ich es wüsste, dürfte ich es Ihnen nicht sagen«, antwortete Slughorn und schlackerte missbilligend mit dem Finger zu Riddle hin, zwinkerte jedoch dabei. »Ehrlich gesagt, wüsste ich gerne, woher Sie Ihre Informationen bekommen, Junge; Sie wissen doch mehr als die halbe Lehrerschaft.«
Riddle lächelte; die anderen Jungen lachten und warfen ihm bewundernde Blicke zu.
»In Anbetracht Ihrer unheimlichen Fähigkeit, Dinge in Erfahrung zu bringen, die Sie nicht wissen sollten, und Ihrer wohl bedachten Schmeicheleien wichtigen Leuten gegenüber – übrigens, vielen Dank für die Ananas, Sie liegen vollkommen richtig, die habe ich am liebsten –«
Wieder kicherten mehrere der Jungen.
»– bin ich voller Zuversicht, dass Sie innerhalb von zwanzig Jahren zum Zaubereiminister aufsteigen werden. Fünfzehn, wenn Sie mir weiterhin Ananas schicken. Ich habe ausgezeichnete Beziehungen zum Ministerium.«
Tom Riddle lächelte nur, als die anderen erneut lachten. Harry fiel auf, dass er keinesfalls der Älteste der Gruppe von Jungen war, aber sie blickten offenbar alle zu ihm als ihrem Anführer auf.
»Ich weiß nicht, ob Politik mir liegen würde, Sir«, sagte er, als das Lachen verstummt war. »Zum einen habe ich nicht den richtigen Hintergrund.«
Zwei der Jungen in seinem Umkreis sahen sich grinsend an. Harry war sicher, dass sie sich über einen Witz amüsierten, den nur sie verstanden: Zweifellos ging es darum, was sie über den berühmten Vorfahren ihres Anführers wussten oder vermuteten.
»Unsinn«, sagte Slughorn energisch, »bei Ihren Fähigkeiten kann es keinen Zweifel geben, dass Sie aus gutem Zaubererhause stammen. Nein, Sie werden es weit bringen, Tom, ich habe mich noch nie bei einem Schüler geirrt.«
Die kleine goldene Uhr auf Slughorns Schreibtisch hinter ihm schlug elf und er wandte sich um.
»Du meine Güte, ist es schon so spät? Dann geht mal besser, Jungs, oder wir kriegen alle Ärger. Lestrange, ich bekomme Ihren Aufsatz morgen, oder es gibt Nachsitzen. Dasselbe gilt für Sie, Avery.«
Einer nach dem anderen marschierten die Jungen aus dem Zimmer. Slughorn stemmte sich aus dem Sessel und trug sein leeres Glas hinüber zu seinem Schreibtisch. Ein Geräusch hinter ihm veranlasste ihn, sich umzusehen; Riddle stand immer noch da.
»Nun sputen Sie sich aber, Tom, Sie wollen doch nicht während der Nachtruhe draußen erwischt werden, Sie als Vertrauensschüler …«
»Sir, ich wollte Sie etwas fragen.«
»Dann nur zu, mein Junge, nur zu …«
»Sir, könnten Sie mir sagen, was Sie über … über Horkruxe wissen?«
Slughorn starrte ihn an und strich mit seinen dicken Fingern gedankenverloren über den Stiel seines Weinglases.
»Ein Projekt für Verteidigung gegen die dunklen Künste, oder?«
Aber Harry spürte, dass Slughorn genau wusste, dass dies keine Schularbeit war.
»Nicht direkt, Sir«, sagte Riddle. »Ich bin beim Lesen auf den Begriff gestoßen und ich habe ihn nicht ganz verstanden.«
»Nein … nun … Sie werden Schwierigkeiten haben, ein Buch in Hogwarts zu finden, das Ihnen genaue Auskunft über Horkruxe gibt, Tom. Das geht tief in die schwarze Magie, sehr tief«, sagte Slughorn.
»Aber Sie wissen natürlich alles darüber, Sir? Ich meine, ein Zauberer wie Sie – Verzeihung, ich meine, wenn Sie es mir nicht sagen dürfen, klar – ich wusste nur, wenn es mir jemand sagen kann, dann Sie – also dachte ich, ich frag einfach mal –«
Es war sehr gut gemacht, dachte Harry, das Zögern, der beiläufige Ton, die behutsame Schmeichelei, nichts davon übertrieben. Er, Harry, hatte zu viel Erfahrung, was Versuche betraf, widerwilligen Leuten Informationen abzuschwatzen, als dass er einen Meister bei der Arbeit nicht erkannt hätte. Ihm war klar, dass Riddle diese Information unbedingt haben wollte; vielleicht sogar wochenlang auf diesen Moment hingearbeitet hatte.
»Nun«, sagte Slughorn, der Riddle nicht ansah, sondern an der Kordel auf seiner Schachtel mit kandierten Ananas herumfummelte, »es kann natürlich nicht schaden, wenn ich Ihnen einen Überblick gebe. Nur damit Sie den Begriff verstehen. Horkrux ist das Wort für einen Gegenstand, in dem eine Person einen Teil ihrer Seele verborgen hält.«
»Ich verstehe aber nicht ganz, wie das funktioniert, Sir«, sagte Riddle.
Er beherrschte seine Stimme mit Bedacht, doch Harry konnte seine Aufregung spüren.
»Nun, man spaltet seine Seele, verstehen Sie«, sagte Slughorn, »und versteckt einen Teil davon in einem Gegenstand außerhalb des Körpers. Dann kann man, selbst wenn der eigene Körper angegriffen oder zerstört wird, nicht sterben, denn ein Teil der Seele bleibt erdgebunden und unbeschädigt. Aber, natürlich, die Existenz in einer solchen Form …«
Slughorns Gesichtszüge erschlafften, und Harry erinnerte sich unwillkürlich an Worte, die er vor fast zwei Jahren gehört hatte.
»Ich wurde aus meinem Körper gerissen, ich war weniger als ein Geist, weniger als das kläglichste Gespenst … und doch, ich lebte.«
»… wenige würden das wollen, Tom, sehr wenige. Der Tod wäre dem vorzuziehen.«
Doch Riddles heftiges Verlangen war nun offensichtlich; die Gier stand ihm ins Gesicht geschrieben, er konnte sein Begehren nicht länger verbergen.
»Wie spaltet man seine Seele?«
»Nun«, sagte Slughorn unbehaglich, »Sie müssen begreifen, dass die Seele eigentlich intakt und ganz bleiben sollte. Die Spaltung ist ein Akt der Gewalt, sie ist gegen die Natur.«
»Aber wie macht man es?«
»Durch eine böse Tat – durch die böse Tat schlechthin. Indem man einen Mord begeht. Das Töten reißt die Seele auseinander. Der Zauberer, der einen Horkrux erzeugen will, nutzt den Schaden zu seinem Vorteil: Er schließt den abgerissenen Teil ein –«
»Schließt ihn ein? Aber wie –?«
»Es gibt da einen Zauber, aber fragen Sie mich nicht, ich weiß es nicht!«, sagte Slughorn und schüttelte den Kopf wie ein alter Elefant, der von Mücken belästigt wird. »Sehe ich aus, als ob ich es ausprobiert hätte – sehe ich wie ein Mörder aus?«
»Nein, Sir, natürlich nicht«, sagte Riddle rasch. »Verzeihung … ich wollte Sie nicht beleidigen …«
»Keineswegs, keineswegs, ich bin nicht beleidigt«, erwiderte Slughorn schroff. »Es ist nur natürlich, bei diesen Dingen neugierig zu sein … Zauberer eines gewissen Kalibers fühlten sich schon immer zu dieser Seite der Magie hingezogen …«
»Ja, Sir«, sagte Riddle. »Was ich aber nicht verstehe – nur aus Neugier –, ich meine, wäre ein einzelner Horkrux denn von großem Nutzen? Kann man seine Seele nur ein einziges Mal spalten? Wäre es nicht besser, würde es einen nicht stärker machen, wenn man seine Seele in mehreren Teilen hätte? Ich meine, ist nicht beispielsweise sieben die mächtigste magische Zahl, wären nicht sieben –?«
»Beim Barte des Merlin, Tom!«, japste Slughorn. »Sieben! Ist es nicht schlimm genug, sich vorzustellen, auch nur einen Menschen zu töten? Und auf jeden Fall … schlimm genug, die Seele zu teilen … aber sie in sieben Stücke zu reißen …«
Slughorn wirkte jetzt höchst beunruhigt: Er blickte Riddle an, als hätte er ihn noch nie klar gesehen, und Harry spürte, dass er es bereute, sich überhaupt auf dieses Gespräch eingelassen zu haben.
»Natürlich«, murmelte er, »ist das alles hypothetisch, was wir hier besprechen, ja? Alles rein theoretisch …«
»Ja, Sir, natürlich«, sagte Riddle rasch.
»Aber trotzdem, Tom … behalten Sie für sich, was ich Ihnen – das heißt, was wir besprochen haben. Den Leuten wäre unwohl bei dem Gedanken, dass wir uns über Horkruxe unterhalten haben. Es ist ein verbotenes Thema in Hogwarts, wissen Sie … Dumbledore ist in dieser Sache besonders scharf …«
»Ich werde kein Wort sagen, Sir«, erwiderte Riddle und ging hinaus, doch Harry konnte noch einen flüchtigen Blick auf sein Gesicht werfen, das von wilder Glückseligkeit erfüllt war, wie damals, als er erfahren hatte, dass er ein Zauberer war, jener Art von Glückseligkeit, die seine hübschen Züge nicht besser zur Geltung brachte, sondern sie irgendwie weniger menschlich machte …
»Danke, Harry«, sagte Dumbledore leise. »Gehen wir …«
Als Harry erneut auf dem Boden des Büros landete, setzte Dumbledore sich schon wieder hinter seinen Schreibtisch. Auch Harry nahm Platz und wartete, dass Dumbledore das Wort ergriff.
»Ich habe sehr lange Zeit auf dieses Beweisstück gewartet«, sagte Dumbledore schließlich. »Es bestätigt die Theorie, an der ich arbeite, es sagt mir, dass ich Recht habe, und auch, welch weiter Weg noch zu gehen ist …«
Harry fiel plötzlich auf, dass ausnahmslos alle ehemaligen Schulleiterinnen und Schulleiter in den Porträts an den Wänden ringsumher wach waren und ihrem Gespräch lauschten. Ein beleibter Zauberer mit roter Nase hatte sogar ein Hörrohr hervorgeholt.
»Nun, Harry«, sagte Dumbledore, »ich bin sicher, du hast die Bedeutung dessen, was wir eben gehört haben, verstanden. Als Tom Riddle so alt war wie du jetzt, vielleicht ein paar Monate älter oder jünger, hat er alles getan, was er nur konnte, um herauszufinden, wie er Unsterblichkeit erringen könnte.«
»Dann glauben Sie also, dass es ihm gelungen ist, Sir?«, fragte Harry. »Er hat einen Horkrux gemacht? Und deshalb ist er nicht gestorben, als er mich angegriffen hat? Er hatte irgendwo einen Horkrux versteckt? Ein Stück seiner Seele war sicher?«
»Ein Stück … oder mehrere«, sagte Dumbledore. »Du hast Voldemort gehört: Er wollte von Horace vor allem eine Meinung darüber, was einem Zauberer passieren würde, der mehr als einen Horkrux erzeugte, was einem Zauberer passieren würde, der so entschlossen wäre, dem Tod zu entgehen, dass er bereit wäre, viele Male zu morden, seine Seele mehrmals zu zerteilen und sie in vielen, separat versteckten Horkruxen aufzubewahren. Kein Buch hätte ihm dieses Wissen liefern können. Soweit ich weiß – soweit, da bin ich sicher, Voldemort wusste –, hatte kein Zauberer jemals gewagt, seine Seele in mehr als zwei Teile zu reißen.«
Dumbledore hielt einen Moment inne, ordnete seine Gedanken und sagte dann: »Vor vier Jahren erhielt ich etwas, das ich für einen sicheren Beweis hielt, dass Voldemort seine Seele aufgespaltet hatte.«
»Wo?«, fragte Harry. »Wie?«
»Du hast ihn mir gebracht, Harry«, sagte Dumbledore. »Das Tagebuch, Riddles Tagebuch, das die Anweisungen gab, wie die Kammer des Schreckens von neuem zu öffnen war.«
»Ich verstehe nicht, Sir«, sagte Harry.
»Nun, zwar habe ich den Riddle, der aus dem Tagebuch kam, nicht selber gesehen, doch hast du mir ein Phänomen beschrieben, das ich noch nie erlebt hatte. Ein bloßes Gedächtnis, das anfängt, von allein zu handeln und zu denken? Ein bloßes Gedächtnis, das dem Mädchen, in dessen Hände es gefallen war, das Leben aussaugt? Nein, etwas viel Unheilvolleres hatte in diesem Buch gelebt … ein Bruchstück einer Seele, da war ich mir fast sicher. Das Tagebuch war ein Horkrux gewesen. Doch dies warf ebenso viele Fragen auf, wie es beantwortete. Was mich am meisten interessierte und beunruhigte, war die Tatsache, dass das Tagebuch gleichzeitig als Waffe und als Schutz dienen sollte.«
»Ich verstehe immer noch nicht«, sagte Harry.
»Nun, es hat funktioniert, wie ein Horkrux funktionieren soll – mit anderen Worten, das Bruchstück der Seele, das in seinem Innern verborgen war, wurde sicher aufbewahrt und erfüllte zweifellos seine Aufgabe, den Tod seines Besitzers zu verhindern. Doch es konnte keinen Zweifel daran geben, dass Riddle tatsächlich wollte, dass das Tagebuch gelesen wird, dass er wollte, dass dieser Teil seiner Seele jemand anderen bewohnte oder in Besitz nahm, damit Slytherins Monster wieder freigelassen würde.«
»Nun ja, er wollte nicht, dass seine harte Arbeit vergeblich war«, sagte Harry. »Er wollte die Leute wissen lassen, dass er Slytherins Erbe ist, denn er konnte zur damaligen Zeit den Ruhm noch nicht für sich in Anspruch nehmen.«
»Völlig richtig«, sagte Dumbledore und nickte. »Aber sieh mal, Harry, wenn er die Absicht hatte, dass das Tagebuch einem künftigen Hogwarts-Schüler gegeben oder untergeschoben werden sollte, dann ging er bemerkenswert kaltblütig mit jenem wertvollen Bruchstück seiner Seele um, das darin verborgen war. Wie Professor Slughorn erklärt hat, besteht der Zweck eines Horkruxes darin, einen Teil des Selbst versteckt und sicher aufzubewahren, und nicht darin, ihn irgendjemandem vor die Füße zu werfen und damit das Risiko einzugehen, dass der Betreffende es vielleicht zerstört – wie es dann ja auch tatsächlich geschehen ist: Dieses spezielle Bruchstück seiner Seele existiert nicht mehr; dafür hast du gesorgt.
Die Fahrlässigkeit, mit der Voldemort diesen Horkrux behandelte, ließ mich nichts Gutes ahnen. Sie deutete darauf hin, dass er mehr Horkruxe erzeugt haben musste – oder dies vorhatte –, so dass der Verlust seines ersten keinen größeren Schaden anrichten würde. Ich wollte das nicht glauben, doch nichts anderes schien einen Sinn zu ergeben.
Dann hast du mir zwei Jahre später erzählt, dass Voldemort in der Nacht, als er in seinen Körper zurückkehrte, seinen Todessern etwas höchst Erhellendes und Beunruhigendes verkündete: ›Ich, der ich weiter als alle anderen gegangen bin auf dem Weg, der zur Unsterblichkeit führt.‹ Das waren seine Worte, hast du damals gesagt. ›Weiter als alle anderen.‹ Und ich glaubte zu wissen, was das bedeutete, auch wenn die Todesser es nicht wussten. Er verwies auf seine Horkruxe, Horkruxe in der Mehrzahl, Harry, und ich glaube nicht, dass irgendein anderer Zauberer jemals mehrere davon besaß. Doch es passte alles zusammen: Lord Voldemort schien mit den Jahren weniger menschlich geworden zu sein, und die Verwandlung, die er durchgemacht hatte, schien mir nur dadurch erklärbar, dass seine Seele weit über die Grenzen dessen hinaus verstümmelt war, was man vielleicht als das gewöhnliche Böse bezeichnen kann …«
»Also hat er erreicht, dass man ihn nicht mehr töten kann, indem er andere Menschen ermordete?«, sagte Harry. »Warum konnte er keinen Stein der Weisen herstellen, oder einen stehlen, wenn er so an Unsterblichkeit interessiert war?«
»Nun, wir wissen, dass er genau das versucht hat, und zwar vor fünf Jahren«, sagte Dumbledore. »Aber ich denke, es gibt mehrere Gründe, warum ein Stein der Weisen für Lord Voldemort weniger reizvoll ist als Horkruxe.
Das Elixier des Lebens verlängert das Leben zwar tatsächlich, aber es muss regelmäßig getrunken werden, bis in alle Ewigkeit, wenn derjenige, der es trinkt, seine Unsterblichkeit bewahren will. Deshalb wäre Voldemort vollkommen abhängig von dem Elixier, und wenn es zur Neige ginge oder verunreinigt würde, oder wenn der Stein gestohlen würde, dann würde er sterben wie jeder andere Mensch auch. Voldemort zieht es vor, allein alle Fäden zu ziehen, vergiss das nicht. Ich glaube, er hätte die Vorstellung, abhängig zu sein, selbst von dem Elixier, unerträglich gefunden. Natürlich war er bereit, es einzunehmen, wenn es ihm aus dem grauenhaften Halbleben heraushalf, zu dem er nach dem Angriff auf dich verurteilt war, aber nur, um wieder einen Körper zu gewinnen. Danach, davon bin ich überzeugt, hatte er die Absicht, sich weiterhin auf seine Horkruxe zu verlassen: Mehr würde er nicht brauchen, wenn er nur eine menschliche Gestalt zurückgewinnen konnte. Er war bereits unsterblich, verstehst du … oder so nahe an der Unsterblichkeit, wie es ein Mensch nur sein kann.
Aber jetzt, Harry, gewappnet mit dieser Information, der entscheidenden Erinnerung, die du uns hast beschaffen können, sind wir dem Geheimnis, wie Lord Voldemort vernichtet werden kann, näher als irgendjemand zuvor. Du hast ihn gehört, Harry: ›Wäre es nicht besser, würde es einen nicht stärker machen, wenn man seine Seele in mehreren Teilen hätte … Ist nicht sieben die mächtigste magische Zahl …‹ Ist nicht sieben die mächtigste magische Zahl. Ja, ich denke, die Vorstellung einer siebenteiligen Seele würde Lord Voldemort sehr reizvoll finden.«
»Er hat sieben Horkruxe gemacht?«, sagte Harry starr vor Entsetzen, während mehrere der Porträts an den Wänden ähnlich schockierte und empörte Laute von sich gaben. »Aber die können überall auf der Welt sein – versteckt – vergraben oder unsichtbar –«
»Ich bin froh, dass du das Ausmaß des Problems erkennst«, sagte Dumbledore ruhig. »Aber zunächst einmal, nein, Harry, nicht sieben Horkruxe: sechs. Der siebte Teil seiner Seele, wie verstümmelt er auch sein mag, wohnt in seinem wieder zu Kräften gekommenen Körper. Das war jener Teil von ihm, der so viele Jahre während seines Exils eine geisterhafte Existenz führte; ohne ihn hat er überhaupt kein Selbst. Dieses siebte Stück seiner Seele wird das letzte sein, das einer, der Voldemort töten will, angreifen muss – das Stück, das in seinem Körper lebt.«
»Aber die sechs Horkruxe«, sagte Harry ein wenig verzweifelt, »wie sollen wir die denn finden?«
»Du vergisst … dass du bereits einen davon zerstört hast. Und ich habe einen zweiten zerstört.«
»Wirklich?«, sagte Harry begierig.
»Ja, in der Tat«, sagte Dumbledore und hob seine geschwärzte, wie verbrannt aussehende Hand. »Der Ring, Harry. Vorlosts Ring. Und auf ihm lastete auch noch ein schrecklicher Fluch. Ohne meine großartigen Fähigkeiten – vergib, dass es mir an geziemender Bescheidenheit fehlt – und ohne Professor Snapes rechtzeitige Hilfe, als ich schwer verletzt nach Hogwarts zurückkehrte, wäre ich vielleicht jetzt nicht hier und würde diese Geschichte erzählen. Doch eine vertrocknete Hand scheint mir kein übertriebenes Opfer für ein Siebtel von Voldemorts Seele zu sein. Der Ring ist nun kein Horkrux mehr.«
»Aber wie haben Sie ihn gefunden?«
»Nun, wie du jetzt weißt, habe ich mich etliche Jahre damit befasst, so viel wie möglich über Voldemorts Vergangenheit herauszufinden. Ich bin weit gereist, habe jene Orte aufgesucht, an denen er sich einst aufhielt. In der Ruine des Gaunt-Hauses stieß ich zufällig auf den dort verborgenen Ring. Es scheint, dass Voldemort, sobald es ihm gelungen war, einen Teil seiner Seele darin einzuschließen, ihn nicht mehr tragen wollte. Er verbarg ihn, geschützt durch viele mächtige Zauber, in der Hütte, wo seine Vorfahren einst gelebt hatten (Morfin war natürlich längst nach Askaban geschafft worden), er kam nicht auf den Gedanken, dass ich mir eines Tages vielleicht die Mühe machen würde, die Überreste des Hauses zu besuchen, oder dass ich nach Spuren magischer Verstecke Ausschau halten könnte.
Wir sollten uns jedoch nicht allzu sehr beglückwünschen. Du hast das Tagebuch zerstört und ich den Ring, aber wenn wir Recht haben mit unserer Theorie von einer siebenteiligen Seele, bleiben vier Horkruxe übrig.«
»Und die könnten alles sein?«, sagte Harry. »Sie könnten alte Blechbüchsen sein oder, was weiß ich, leere Zaubertrankflaschen …?«
»Du denkst an Portschlüssel, Harry, die ganz gewöhnliche Gegenstände sein müssen, einfach zu übersehen. Aber dass Lord Voldemort Blechbüchsen oder alte Zaubertrankflaschen benutzt, um seine eigene kostbare Seele zu schützen? Du vergisst, was ich dir gezeigt habe. Lord Voldemort sammelte gerne Trophäen, und am liebsten Gegenstände mit einer bedeutenden magischen Geschichte. Sein Stolz, sein Glaube an seine eigene Überlegenheit, seine Entschlossenheit, sich selbst einen außergewöhnlichen Platz in der Geschichte der Magie zu verschaffen; dies alles lässt mich darauf schließen, dass Voldemort seine Horkruxe mit einigem Bedacht ausgewählt hat und dabei Gegenstände bevorzugte, die der Ehre wert waren.«
»Das Tagebuch war nicht so besonders.«
»Das Tagebuch war, wie du selbst gesagt hast, der Beweis dafür, dass er der Erbe Slytherins ist; ich bin sicher, dass Voldemort ihm ungeheure Bedeutung beimaß.«
»Und die anderen Horkruxe?«, sagte Harry. »Meinen Sie, dass Sie wissen, was die sind, Sir?«
»Ich kann nur raten«, erwiderte Dumbledore. »Aus den Gründen, die ich schon genannt habe, glaube ich, dass Lord Voldemort Gegenstände vorziehen würde, die an sich schon eine gewisse Erhabenheit besitzen. Deshalb habe ich mich durch Voldemorts Vergangenheit gearbeitet, um vielleicht Hinweise darauf zu finden, dass solche Artefakte in seiner Umgebung verschwunden sind.«
»Das Medaillon!«, sagte Harry laut. »Hufflepuffs Becher!«
»Ja«, sagte Dumbledore lächelnd. »Ich wäre bereit, vielleicht nicht meine andere Hand, aber zwei Finger darauf zu wetten, dass aus ihnen der dritte und der vierte Horkrux wurden. Die restlichen beiden sind ein größeres Problem, wieder vorausgesetzt, dass er insgesamt sechs geschaffen hat, doch ich würde die Vermutung wagen, dass er, nachdem er sich Gegenstände von Hufflepuff und Slytherin beschafft hatte, auf die Suche nach Gegenständen von Gryffindor oder Ravenclaw ging. Vier Gegenstände von den vier Gründern, das ist in Voldemorts Vorstellung gewiss sehr verlockend gewesen. Ich kann nicht sagen, ob es ihm jemals gelungen ist, etwas von Ravenclaw zu finden. Ich bin jedoch überzeugt, dass das einzige bekannte Relikt von Gryffindor sicher verwahrt ist.«
Dumbledore wies mit seinen geschwärzten Fingern auf die Wand hinter ihm, wo ein mit Rubinen verziertes Schwert in einer Vitrine ruhte.
»Denken Sie, er wollte in Wahrheit deshalb nach Hogwarts zurückkommen, Sir?«, sagte Harry. »Um vielleicht etwas von den anderen Gründern zu finden?«
»Genau das denke ich«, sagte Dumbledore. »Doch leider bringt uns dies nicht viel weiter, denn ich glaube, er wurde weggeschickt, ohne dass er die Gelegenheit hatte, die Schule zu durchsuchen. Ich muss wohl den Schluss ziehen, dass er seinen Wunsch, sich Gegenstände aller vier Gründer zu beschaffen, nie hat verwirklichen können. Er besaß mit Sicherheit zwei – vielleicht fand er einen dritten – mehr können wir im Augenblick nicht wissen.«
»Selbst wenn er etwas von Ravenclaw oder Gryffindor hat, bleibt noch ein sechster Horkrux übrig«, sagte Harry und zählte es an den Fingern ab. »Oder er hat von beiden etwas?«
»Das glaube ich nicht«, erwiderte Dumbledore. »Ich denke, ich weiß, was der sechste Horkrux ist. Was würdest du sagen, wenn ich gestehe, dass ich mich eine Zeit lang für das Verhalten der Schlange Nagini interessiert habe?«
»Der Schlange?«, sagte Harry verdutzt. »Kann man Tiere als Horkruxe verwenden?«
»Nun, es ist nicht empfehlenswert«, sagte Dumbledore, »denn einen Teil seiner Seele einem Wesen zu überantworten, das selbst denken und sich bewegen kann, ist selbstverständlich eine sehr riskante Sache. Wenn meine Berechnungen jedoch stimmen, fehlte Voldemort immer noch mindestens ein Horkrux zu den angestrebten sechs, als er das Haus deiner Eltern in der Absicht betrat, dich zu töten.
Er hat offenbar nur besonders bedeutsame Tode gewählt, wenn es ihm darum ging, Horkruxe zu erzeugen. Du wärst gewiss ein solcher Fall gewesen. Er glaubte, indem er dich tötete, würde er die Gefahr bannen, die von der Prophezeiung verkündet worden war. Er glaubte, er würde sich unbesiegbar machen. Ich bin sicher, er wollte seinen letzten Horkrux mit deinem Tod schaffen.
Wie wir wissen, ist er damit gescheitert. Nach einigen Jahren jedoch setzte er Nagini ein, um einen alten Muggel zu töten, und da kam ihm vielleicht der Gedanke, sie in seinen letzten Horkrux zu verwandeln. Mit ihr wird die Verbindung zu Slytherin betont, die Lord Voldemorts geheimnisvolle Aura noch steigert. Ich denke, er empfindet so viel Zuneigung für sie, wie ihm überhaupt möglich ist; bestimmt hält er sie gern in seiner Nähe, und er hat offenbar eine ungewöhnlich starke Kontrolle über sie, selbst für einen Parselmund.«
»Also«, sagte Harry, »das Tagebuch ist weg, der Ring ist weg. Der Becher, das Medaillon und die Schlange sind immer noch unversehrt, und Sie glauben, es könnte einen Horkrux geben, der einst Ravenclaw oder Gryffindor gehörte?«
»Eine bewundernswert prägnante und genaue Zusammenfassung, ja«, sagte Dumbledore und neigte den Kopf.
»Und … Sie suchen immer noch danach, Sir? Immer wenn Sie die Schule verlassen, sind Sie auf der Suche?«
»Richtig«, sagte Dumbledore. »Ich suche schon seit sehr langer Zeit. Ich denke … vielleicht … bin ich kurz davor, einen weiteren zu finden. Es gibt Zeichen, die Anlass zur Hoffnung geben.«
»Und wenn es so weit ist«, sagte Harry rasch, »darf ich dann mitkommen und helfen, ihn zu zerstören?«
Dumbledore sah Harry einen Moment lang sehr aufmerksam an, dann sagte er: »Ja, ich denke schon.«
»Ich darf?«, sagte Harry, vollkommen überrascht.
»O ja«, sagte Dumbledore mit einem leisen Lächeln. »Ich denke, du hast dir dieses Recht verdient.«
Harry spürte neue Zuversicht. Es tat sehr gut, endlich einmal keine Worte zu hören, die zur Besonnenheit und Vorsicht mahnten. Die Schulleiter und Schulleiterinnen an den Wänden ringsumher schienen von Dumbledores Entscheidung weniger beeindruckt; Harry sah, wie einige von ihnen den Kopf schüttelten, und Phineas Nigellus schnaubte sogar wütend.
»Bekommt es Voldemort mit, wenn ein Horkrux zerstört wird, Sir? Kann er es spüren?«, fragte Harry, ohne weiter auf die Porträts zu achten.
»Eine sehr interessante Frage, Harry. Ich glaube nicht. Ich glaube, Voldemort ist inzwischen so tief in das Böse eingetaucht und diese entscheidenden Teile seines Selbst sind schon so lange von ihm abgetrennt, dass er nicht so fühlt, wie wir fühlen. Vielleicht erkennt er seinen Verlust erst, wenn er stirbt … Aber er war sich beispielsweise nicht bewusst, dass das Tagebuch zerstört worden war, bis er die Wahrheit aus Lucius Malfoy herausgepresst hatte. Als Voldemort entdeckte, dass das Tagebuch verstümmelt und all seiner Kräfte beraubt worden war, muss sein Zorn, wie mir zugetragen wurde, offenbar schrecklich gewesen sein.«
»Aber ich dachte, Lucius Malfoy sollte es für ihn nach Hogwarts schmuggeln?«
»Ja, das wollte er, vor Jahren, als er sicher war, dass er in der Lage sein würde, noch weitere Horkruxe zu erzeugen, aber dennoch sollte Lucius abwarten, bis er von Voldemort die endgültige Anweisung bekam, und die hat er nie erhalten, denn Voldemort verschwand, kurz nachdem er ihm das Tagebuch gegeben hatte. Zweifellos dachte er, Lucius würde es nicht wagen, etwas anderes mit dem Horkrux zu tun, als ihn sorgfältig aufzubewahren, doch er verließ sich zu sehr auf Lucius’ Angst vor einem Herrn, der seit Jahren fort war und den Lucius für tot hielt. Natürlich wusste Lucius nicht, was es mit dem Tagebuch wirklich auf sich hatte. Ich nehme an, Voldemort hatte ihm gesagt, das Tagebuch würde bewirken, dass sich die Kammer des Schreckens von neuem öffnete, da es geschickt verzaubert sei. Hätte Lucius gewusst, dass er einen Teil der Seele seines Herrn in Händen hielt, dann hätte er es zweifellos mit mehr Ehrerbietung behandelt – aber stattdessen führte er tatsächlich den alten Plan für seine eigenen Zwecke aus: Indem er das Tagebuch Arthur Weasleys Tochter unterschob, hoffte er, mit einem Streich Arthur in Misskredit zu bringen, meine Entlassung aus der Schule zu bewirken und ein schwer belastendes Objekt loszuwerden. Ach, der arme Lucius … in Anbetracht der Wut Voldemorts, dass er den Horkrux zu seinem eigenen Nutzen verschwendet hat, und nach dem letztjährigen Fiasko im Ministerium würde es mich nicht wundern, wenn er insgeheim froh ist, dass er sich im Augenblick sicher in Askaban befindet.«
Harry saß einen Moment lang nachdenklich da, dann fragte er: »Wenn seine Horkruxe also alle zerstört sind, dann könnte Voldemort getötet werden?«
»Ja, ich denke schon«, sagte Dumbledore. »Ohne seine Horkruxe ist Voldemort wohl ein sterblicher Mensch mit einer verstümmelten und geschwächten Seele. Vergiss jedoch nie, dass seine Seele zwar unheilbar beschädigt sein mag, sein Gehirn und seine magischen Kräfte jedoch intakt bleiben. Es bedarf sicher außergewöhnlicher Fähigkeiten und Kräfte, einen Zauberer wie Voldemort zu töten, selbst wenn ihm seine Horkruxe fehlen.«
»Aber ich habe keine außergewöhnlichen Fähigkeiten und Kräfte«, entfuhr es Harry unwillkürlich.
»Doch, die hast du«, sagte Dumbledore bestimmt. »Du hast eine Macht, die Voldemort nie besaß. Du kannst –«
»Ich weiß!«, sagte Harry ungeduldig. »Ich kann lieben!« Nur mit Mühe verkniff er es sich, noch hinzuzufügen: »Na und?«
»Ja, Harry, du kannst lieben«, sagte Dumbledore, der den Eindruck machte, als wüsste er sehr genau, was Harry eben fast gesagt hätte. »Und das ist, nach all dem, was dir zugestoßen ist, großartig und bemerkenswert. Du bist noch zu jung, um zu verstehen, wie ungewöhnlich du bist, Harry.«
»Wenn also die Prophezeiung behauptet, ich würde ›Macht besitzen, die der Dunkle Lord nicht kennt‹, heißt das einfach – Liebe?«, fragte Harry ein wenig enttäuscht.
»Ja – einfach Liebe«, sagte Dumbledore. »Aber Harry, vergiss nie, dass das, was die Prophezeiung behauptet, nur bedeutsam ist, weil Voldemort es bedeutsam gemacht hat. Das habe ich dir am Ende des letzten Jahres gesagt. Voldemort hat dich als die Person ausgesucht, die für ihn am gefährlichsten sein würde – und damit hat er aus dir die Person gemacht, die für ihn am gefährlichsten sein würde!«
»Aber das läuft auf dasselbe –«
»Nein, tut es nicht!«, sagte Dumbledore und nun klang er ungeduldig. Er deutete mit seiner schwarzen, abgestorbenen Hand auf Harry und sagte: »Du misst der Prophezeiung zu viel Bedeutung bei!«
»Aber«, stotterte Harry, »aber Sie sagten doch, die Prophezeiung –«
»Wenn Voldemort nie von der Prophezeiung gehört hätte, wäre sie dann in Erfüllung gegangen? Hätte sie dann irgendetwas bedeutet? Natürlich nicht! Glaubst du, jede Prophezeiung in der Halle der Prophezeiung ist in Erfüllung gegangen?«
»Aber«, erwiderte Harry verwirrt, »aber letztes Jahr, da sagten Sie, einer von uns würde den anderen töten müssen –«
»Harry, Harry, nur weil Voldemort einen schweren Fehler gemacht hat und auf Professor Trelawneys Worte hin handelte! Wenn Voldemort deinen Vater gar nicht ermordet hätte, hätte er dann ein starkes Verlangen nach Vergeltung in dir geweckt? Natürlich nicht! Wenn er deine Mutter nicht gezwungen hätte, für dich zu sterben, hätte er dir dann einen magischen Schutz verliehen, den er nicht durchdringen konnte? Natürlich nicht, Harry! Verstehst du nicht? Voldemort hat sich seinen schlimmsten Feind selbst geschaffen, genau so, wie es Tyrannen überall tun! Kannst du dir vorstellen, wie sehr Tyrannen die Menschen fürchten, die sie unterdrücken? Ihnen allen ist bewusst, dass ganz sicher eines Tages eines ihrer vielen Opfer sich gegen sie erheben und zurückschlagen wird! Voldemort ergeht es nicht anders! Immer hielt er Ausschau nach dem einen, der ihn herausfordern würde. Er hörte die Prophezeiung und handelte sofort, und die Folge war, dass er nicht nur jenen Menschen sorgsam auswählte, der ihm mit größter Wahrscheinlichkeit sein Ende bereiten würde, sondern ihm auch noch einzigartige tödliche Waffen überreichte!«
»Aber –«
»Es ist äußerst wichtig, dass du dies begreifst!«, sagte Dumbledore, stand auf und schritt im Raum auf und ab, und sein glänzender Umhang rauschte hinter ihm her; Harry hatte ihn noch nie so aufgeregt erlebt. »Durch seinen Versuch, dich zu töten, hat Voldemort selbst den bemerkenswerten Menschen ausgewählt, der hier vor mir sitzt, und ihm die Werkzeuge für die Aufgabe an die Hand gegeben! Es lag an Voldemort selbst, dass du fähig warst, Einblick zu nehmen in seine Gedanken, in seine Vorhaben, dass du sogar die schlangenartige Sprache verstehst, in der er Befehle erteilt, und doch, Harry, trotz deiner privilegierten Einsicht in Voldemorts Welt (ein Talent übrigens, nach dem sich jeder Todesser sehnen würde) wurdest du nie von den dunklen Künsten verführt, hast du nie auch nur eine Sekunde lang den geringsten Wunsch gezeigt, einer von Voldemorts Gefolgsleuten zu werden!«
»Natürlich nicht!«, sagte Harry aufgebracht. »Er hat meine Mum und meinen Dad getötet!«
»Kurzum, du bist geschützt durch deine Fähigkeit zu lieben!«, sagte Dumbledore laut. »Der einzige Schutz, der gegen die Verlockung einer Macht wie der von Voldemort überhaupt wirken kann! Trotz aller Versuchung, der du standgehalten hast, trotz all deiner Leiden bist du nach wie vor reinen Herzens, genauso rein, wie du im Alter von elf Jahren warst, als du in einen Spiegel gestarrt hast, der deinen Herzenswunsch wiedergab und der dir nicht Unsterblichkeit und Reichtümer zeigte, sondern nur einen Weg, Lord Voldemort zu Fall zu bringen. Harry, kannst du dir vorstellen, wie wenige Zauberer das hätten sehen können, was du in diesem Spiegel sahst? Voldemort hätte damals merken müssen, womit er es zu tun hatte, aber er merkte es nicht!
Aber jetzt weiß er es. Du bist immer wieder kurz in Lord Voldemorts Geist eingedrungen, ohne selbst Schaden zu nehmen, aber wie er im Ministerium feststellen musste, kann er dich nicht in Besitz nehmen, ohne tödliche Qualen zu erleiden. Ich glaube nicht, dass er den Grund dafür versteht, Harry, aber es war ihm so eilig damit, seine eigene Seele zu verstümmeln, dass er nie innegehalten hat, um die unvergleichliche Macht einer Seele zu begreifen, die makellos und ganz ist.«
»Aber, Sir«, sagte Harry und bemühte sich tapfer, nicht streitsüchtig zu klingen, »es läuft doch alles auf dasselbe hinaus, oder? Ich muss versuchen, ihn zu töten, oder –«
»Du musst?«, sagte Dumbledore. »Natürlich musst du! Aber nicht wegen der Prophezeiung! Weil du, du selbst, nie ruhen wirst, bis du es versucht hast! Wir beide wissen es! Stell dir bitte nur für einen Moment vor, du hättest diese Prophezeiung nie gehört! Wie würdest du jetzt über Voldemort denken? Überleg!«
Harry beobachtete Dumbledore, der vor ihm auf und ab ging, und überlegte. Er dachte an seine Mutter, an seinen Vater und an Sirius. Er dachte an Cedric Diggory. Er dachte an all die schrecklichen Taten, von denen er wusste, dass Lord Voldemort sie begangen hatte. Eine Flamme schien in seiner Brust aufzulodern und seine Kehle zu verbrennen.
»Ich würde wünschen, dass ihm ein Ende bereitet wird«, sagte Harry leise. »Und ich würde es selber tun wollen.«
»Natürlich!«, rief Dumbledore. »Verstehst du, die Prophezeiung bedeutet nicht, dass du irgendetwas tun musst! Aber die Prophezeiung hat Lord Voldemort veranlasst, dich als sich Ebenbürtigen zu kennzeichnen … mit anderen Worten, du bist frei, deinen Weg zu wählen, es steht dir vollkommen frei, der Prophezeiung den Rücken zuzukehren! Aber Voldemort misst der Prophezeiung immer noch Bedeutung bei. Er wird dich weiterhin jagen … und deshalb ist es in der Tat sicher, dass –«
»Dass einer von uns schließlich den anderen tötet«, sagte Harry. »Ja.«
Doch er begriff endlich, was Dumbledore ihm zu erklären versucht hatte. Es ging, dachte er, um den Unterschied, den es machte, ob man in die Arena hineingeschleift wurde, um einen Kampf auf Leben und Tod auszutragen, oder ob man erhobenen Hauptes in die Arena einzog. Manche würden vielleicht sagen, dass diese beiden Möglichkeiten sich kaum unterscheiden, aber Dumbledore wusste – und ich weiß es auch, dachte Harry in einer jähen Anwandlung von grimmigem Stolz, ich weiß es, wie meine Eltern es wussten –, dass dies ein himmelweiter Unterschied ist.
Sectumsempra
Erschöpft, aber hocherfreut über das, was er in der Nacht geschafft hatte, berichtete Harry am nächsten Morgen Ron und Hermine während der Zauberkunststunde alles, was geschehen war (nachdem er die Leute in ihrem nächsten Umkreis zunächst einmal mit dem Muffliato-Zauber belegt hatte). Die beiden waren gebührend beeindruckt davon, wie er es geschafft hatte, Slughorn die Erinnerung abzuschwatzen, und verfielen geradezu in Ehrfurcht, als er ihnen von Voldemorts Horkruxen und Dumbledores Versprechen erzählte, Harry mitzunehmen, falls er einen weiteren finden sollte.
»Wow«, sagte Ron, als Harry ihnen endlich alles erzählt hatte; Ron schwang völlig geistesabwesend seinen Zauberstab in Richtung Decke, ohne im Geringsten darauf zu achten, was er tat. »Wow. Du wirst wirklich mit Dumbledore gehen … und dann wollt ihr es zerstören … wow.«
»Ron, du lässt es schneien«, sagte Hermine geduldig, packte ihn am Handgelenk und bog seinen Zauberstab in eine andere Richtung, während von der Decke nun tatsächlich große weiße Flocken fielen. Wie Harry bemerkte, sah Lavender Brown wütend und mit sehr roten Augen von einem Nachbartisch aus zu Hermine herüber, und Hermine ließ sofort Rons Arm los.
»Oh, jaah«, sagte Ron und blickte irgendwie überrascht auf seine Schultern hinunter. »Tut mir leid … sieht aus, als hätten wir jetzt alle furchtbare Schuppen …«
Er wischte ein wenig von dem falschen Schnee von Hermines Schulter. Lavender brach in Tränen aus. Ron sah enorm schuldbewusst drein und wandte ihr den Rücken zu.
»Wir haben uns getrennt«, sagte er aus dem Mundwinkel zu Harry. »Gestern Abend. Als sie gesehen hat, wie ich mit Hermine aus dem Schlafsaal kam. Dich konnte sie natürlich nicht sehen, also hat sie gedacht, wir wären nur zu zweit gewesen.«
»Oh«, sagte Harry. »Na ja – du hast ja nichts dagegen, dass es vorbei ist, oder?«
»Nein«, gab Ron zu. »Es war ziemlich übel, als sie geschrien hat, aber wenigstens musste ich nicht selbst Schluss machen.«
»Feigling«, sagte Hermine, wirkte allerdings amüsiert. »Tja, das war ein rundum schlechter Abend für die Liebe. Ginny und Dean haben sich auch getrennt, Harry.«
Harry meinte, dass bei diesen Worten ein ziemlich wissender Ausdruck in ihren Augen lag, doch sie konnte auf keinen Fall wissen, dass seine Eingeweide plötzlich Conga tanzten. Mit möglichst unbewegtem Gesicht und in möglichst gleichmütigem Ton fragte er: »Wie das?«
»Oh, irgendwas völlig Albernes … sie sagte, er würde ständig versuchen, ihr durchs Porträtloch zu helfen, als ob sie nicht selbst reinklettern könnte … aber bei denen geht’s schon ewig auf und ab.«
Harry warf einen Blick hinüber zu Dean auf der anderen Seite des Klassenzimmers. Er machte tatsächlich einen unglücklichen Eindruck.
»Das bringt dich natürlich ein wenig in die Zwickmühle, oder?«, sagte Hermine.
»Wie meinst du das?«, fragte Harry rasch.
»Wegen der Quidditch-Mannschaft«, sagte Hermine. »Wenn Ginny und Dean nicht miteinander reden …«
»Oh – o jaah«, erwiderte Harry.
»Flitwick«, sagte Ron warnend. Der winzig kleine Zauberkunstmeister sprang auf sie zu, und Hermine war die Einzige, die es geschafft hatte, Essig in Wein zu verwandeln; ihr Glaskolben war voll dunkler karmesinroter Flüssigkeit, während der Inhalt von Harrys und Rons Kolben immer noch trübbraun war.
»Nun aber, Jungs«, quiekte Professor Flitwick vorwurfsvoll. »Ein bisschen weniger schwätzen, ein bisschen mehr Bewegung … Zeigen Sie mir mal, wie Sie es machen …«
Sie hoben gleichzeitig ihre Zauberstäbe, konzentrierten sich mit aller Kraft und richteten sie auf ihre Glaskolben. Harrys Essig wurde zu Eis; Rons Kolben explodierte.
»Ja … als Hausaufgabe …«, sagte Professor Flitwick, als er wieder unter dem Tisch auftauchte und sich Glasscherben aus der Spitze seines Hutes zog, »üben.«
Nach Zauberkunst hatten sie eine ihrer seltenen gemeinsamen Freistunden und gingen miteinander zum Gemeinschaftsraum zurück. Ron schien ausgesprochen erleichtert über das Ende seiner Beziehung mit Lavender, und auch Hermine wirkte vergnügt, obwohl sie auf die Frage, weshalb sie so grinse, nur sagte: »Ist ein schöner Tag heute.« Offenbar hatte keiner der beiden bemerkt, dass in Harrys Kopf ein erbitterter Kampf tobte:
Sie ist Rons Schwester.
Aber sie hat mit Dean Schluss gemacht!
Sie ist trotzdem Rons Schwester.
Ich bin sein bester Freund!
Das macht es nur noch schlimmer.
Wenn ich vorher mit ihm reden würde –
Er würde dir eine verpassen.
Und wenn es mir egal ist?
Er ist dein bester Freund!
Harry nahm kaum wahr, dass sie durch das Porträtloch in den sonnigen Gemeinschaftsraum kletterten, und registrierte nur am Rande die kleine Gruppe Siebtklässler, die sich hier versammelt hatte, bis Hermine rief: »Katie! Du bist wieder da! Alles okay mit dir?«
Harry riss die Augen auf: Es war tatsächlich Katie Bell, offenbar völlig gesund und umringt von ihren begeisterten Freunden.
»Mir geht’s richtig gut!«, sagte sie glücklich. »Sie haben mich am Montag aus dem St. Mungo entlassen, ich war ein paar Tage zu Hause bei Mum und Dad und bin dann heute Morgen wieder hierhergekommen. Leanne hat mir gerade von McLaggen und dem letzten Spiel erzählt, Harry …«
»Jaah«, sagte Harry, »also, wenn du jetzt wieder dabei bist und Ron fit ist, haben wir eine ziemlich gute Chance, die Ravenclaws vom Platz zu fegen, und das bedeutet, wir könnten den Pokal immer noch kriegen. Hör mal, Katie …«
Er musste ihr die Frage sofort stellen; seine Neugier vertrieb vorübergehend sogar Ginny aus seinen Gedanken. Er senkte die Stimme, als Katies Freunde anfingen, ihre Sachen einzupacken; offenbar waren sie spät dran für Verwandlung.
»… dieses Halsband … kannst du dich jetzt erinnern, wer es dir gegeben hat?«
»Nein«, sagte Katie und schüttelte bedauernd den Kopf. »Alle haben mich gefragt, aber ich habe keine Ahnung. Das Letzte, an das ich mich erinnere, ist, dass ich in den Drei Besen ins Damenklo gegangen bin.«
»Du bist also eindeutig ins Klo reingegangen?«, sagte Hermine.
»Jedenfalls weiß ich, dass ich die Tür aufgestoßen habe«, erwiderte Katie, »daher denke ich, wer immer mir den Imperius auf den Hals gejagt hat, muss direkt dahinter gestanden haben. Aber danach setzt mein Gedächtnis komplett aus, bis vor etwa zwei Wochen im St. Mungo. Hört mal, ich muss mich beeilen, ich traue es McGonagall glatt zu, dass sie mich Sätze schreiben lässt, auch wenn heute mein erster Tag ist …«
Sie nahm rasch ihre Tasche und ihre Bücher und eilte ihren Freunden hinterher, während Harry, Ron und Hermine sich an einen Tisch am Fenster setzten und darüber nachdachten, was Katie ihnen gesagt hatte.
»Also muss es ein Mädchen oder eine Frau gewesen sein, die Katie das Halsband gegeben hat«, sagte Hermine, »weil sie ja auf dem Damenklo war.«
»Oder jemand, der aussah wie ein Mädchen oder eine Frau«, sagte Harry. »Vergiss nicht, in Hogwarts gab es einen Kessel voller Vielsaft-Trank. Wir wissen, dass etwas davon gestohlen wurde …«
Vor seinem geistigen Auge sah er eine Parade von Crabbes und Goyles vorbeiziehen, alle in Mädchen verwandelt.
»Ich glaube, ich nehme noch einen kräftigen Schluck Felix«, sagte Harry, »und probier’s noch mal mit dem Raum der Wünsche.«
»Das wäre völlige Zaubertrankverschwendung«, sagte Hermine nachdrücklich und legte ihr Exemplar von Zaubermanns Silbentabelle beiseite, das sie gerade aus ihrer Tasche geholt hatte. »Mit Glück kommst du nur bis zu einem bestimmten Punkt, Harry. Die Sache mit Slughorn war anders; du hattest ja schon immer die Fähigkeit, ihn zu überzeugen, du musstest dem Ganzen nur einen kleinen Schubs geben. Aber mit Glück allein kommst du nicht durch einen mächtigen Bann. Verschwend bloß nicht den Rest von diesem Zaubertrank! Du wirst alles Glück der Welt brauchen, wenn Dumbledore dich mitnimmt …« Sie hatte ihre Stimme gesenkt und geflüstert.
»Könnten wir nicht noch mehr davon machen?«, fragte Ron Harry, ohne auf Hermine einzugehen. »Wär doch toll, einen Vorrat davon zu haben … schau doch mal in das Buch …«
Harry zog sein Zaubertränke für Fortgeschrittene aus der Tasche und sah unter Felix Felicis nach.
»Mist, das ist furchtbar kompliziert«, sagte er und überflog die Zutatenliste. »Und es dauert sechs Monate … man muss ihn ziehen lassen …«
»Typisch«, sagte Ron.
Harry wollte sein Buch gerade wieder weglegen, als ihm auffiel, dass eine Seite umgeknickt war; er schlug sie auf und sah den Sectumsempra-Zauber, den er vor einigen Wochen markiert hatte, und darunter die Worte »Gegen Feinde«. Er hatte noch immer nicht herausgefunden, was er bewirkte, vor allem, weil er ihn nicht vor Hermine testen wollte, doch er überlegte, ob er ihn nicht an McLaggen ausprobieren sollte, wenn er das nächste Mal unbemerkt von hinten auf ihn zukam.
Der einzige Mensch, der nicht sonderlich erfreut war, Katie Bell wieder in der Schule zu sehen, war Dean Thomas, da man ihn nun nicht mehr brauchen würde, um als Ersatz für sie Jäger zu spielen. Er nahm den Schlag recht stoisch hin, als Harry es ihm sagte, brummte nur und zuckte die Achseln, doch als Harry wegging, hatte er eindeutig das Gefühl, dass Dean und Seamus aufrührerisch hinter seinem Rücken tuschelten.
Während der nächsten zwei Wochen fanden die besten Quidditch-Trainings statt, seit Harry Kapitän geworden war. Seine Mannschaft war so froh, McLaggen los zu sein, so glücklich, Katie endlich wiederzuhaben, dass sie ganz hervorragend flog.
Ginny schien die Trennung von Dean überhaupt nicht aus der Fassung gebracht zu haben. Im Gegenteil, sie war das Herz und die Seele der Mannschaft. Alle amüsierten sich köstlich, wenn sie Ron nachahmte, wie er, wenn ein Quaffel angeflogen kam, ängstlich vor den Torpfosten auf und ab hüpfte, oder Harry, wie er McLaggen Befehle zugebrüllt hatte, ehe er dann knallhart k. o. geschlagen wurde. Harry, der genauso lachte wie die andern, war froh, einen harmlosen Grund zu haben, Ginny anzusehen; er hatte sich während des Trainings noch mehrere Klatscher-Verletzungen zugezogen, weil er nicht Ausschau nach dem Schnatz gehalten hatte.
Noch immer tobte der Kampf in seinem Kopf: Ginny oder Ron? Manchmal dachte er, dass es Ron nach der Sache mit Lavender vielleicht nicht allzu sehr stören würde, wenn er sich mit Ginny verabreden würde, doch dann erinnerte er sich an Rons Gesichtsausdruck, als er sie Dean hatte küssen sehen, und er war sicher, dass Ron es als gemeinen Verrat betrachten würde, wenn Harry auch nur ihre Hand hielte …
Doch Harry konnte einfach nicht anders, er musste mit Ginny reden, mit ihr lachen, mit ihr zusammen vom Training zurückschlendern; sosehr er auch Gewissensbisse hatte, ertappte er sich dennoch dabei, dass er überlegte, wie er es am besten hinbekam, mit ihr allein zu sein: Ideal wäre gewesen, wenn Slughorn wieder eine seiner kleinen Partys gegeben hätte, denn dort wäre Ron nicht dabei – aber leider schien Slughorn die Sache mit den Partys aufgegeben zu haben. Ein- oder zweimal dachte Harry darüber nach, ob er nicht Hermine um Hilfe bitten sollte, doch er meinte, ihren selbstgefälligen Gesichtsausdruck nicht ertragen zu können; er glaubte, ihn manchmal bei ihr zu bemerken, wenn sie sah, wie er Ginny anstarrte oder über ihre Witze lachte. Und um die Sache noch komplizierter zu machen, nagte auch die Sorge an ihm, dass, wenn er es nicht täte, sich gewiss bald ein anderer mit Ginny verabreden würde: Er und Ron stimmten wenigstens darin überein, dass sie beliebter war, als ihr guttat.
Alles in allem wurde die Versuchung, noch einen Schluck Felix Felicis zu nehmen, mit jedem Tag stärker, denn das war doch sicher eine Angelegenheit, der man »einen kleinen Schubs geben« musste, wie Hermine es ausgedrückt hatte? Die milden Tage im Mai glitten sanft dahin, und jedes Mal, wenn Harry Ginny sah, schien Ron an seiner Seite zu sein. Harry merkte, dass er sich regelrecht nach einem Glückstreffer sehnte, der Ron irgendwie dazu brachte, zu erkennen, dass ihn nichts mehr freuen würde, als wenn sein bester Freund und seine Schwester sich ineinander verliebten und wenn er sie für mehr als ein paar Sekunden allein ließe. Doch während das letzte Quidditch-Spiel der Saison näher rückte, schien beides aussichtslos; Ron wollte mit Harry ständig über die Taktik reden und hatte kaum etwas anderes im Kopf.
Ron war, was das betraf, nicht der Einzige; in der ganzen Schule herrschte brennendes Interesse am Spiel Gryffindor–Ravenclaw, denn die Begegnung würde die noch völlig offene Meisterschaft entscheiden. Wenn die Gryffindors Ravenclaw mit dreihundert Punkten Vorsprung schlugen (eine hohe Vorgabe, und doch hatte Harry seine Leute nie besser fliegen sehen), dann würden sie die Meisterschaft gewinnen. Wenn sie mit weniger als dreihundert Punkten Vorsprung gewannen, würden sie nach Ravenclaw Zweiter werden; wenn sie mit hundert Punkten Abstand verloren, würden sie hinter Hufflepuff Dritter werden, und wenn sie noch höher verloren, würden sie auf dem vierten Platz landen, und niemand, überlegte Harry, würde ihn jemals vergessen lassen, dass er es gewesen war, der die Gryffindors als Kapitän zum ersten Mal seit zweihundert Jahren mit einer Niederlage ans Tabellenende geführt hatte.
Im Vorfeld dieses entscheidenden Spiels gab es das übliche Geplänkel: Die Schüler der rivalisierenden Häuser versuchten die gegnerischen Mannschaften in den Korridoren einzuschüchtern; gehässige Sprechchöre über einzelne Spieler wurden laut geübt, wenn sie vorübergingen; die Spieler selbst stolzierten herum und genossen all die Aufmerksamkeit, oder sie stürzten zwischen den Unterrichtsstunden aufs Klo und übergaben sich. Irgendwie hatte sich das Spiel in Harrys Kopf fest mit dem Erfolg oder dem Scheitern seiner Pläne mit Ginny verwoben. Das Gefühl ließ ihn nicht los, dass der ausgelassene Jubel und eine nette laute Party nach einem Spiel, das sie mit mehr als dreihundert Punkten Abstand gewonnen hatten, vielleicht genauso gut wirken würden wie ein herzhafter Schluck Felix Felicis.
Inmitten all seiner Vorbereitungen hatte Harry sein anderes Ziel nicht vergessen: herauszufinden, was Malfoy im Raum der Wünsche ausheckte. Er suchte unentwegt die Karte des Rumtreibers ab, und da er Malfoy oft nicht darauf entdecken konnte, kam er zu dem Schluss, dass er immer noch viel Zeit dort verbrachte. Obwohl Harry allmählich die Hoffnung verlor, dass er es jemals schaffen würde, in den Raum zu gelangen, versuchte er es, wann immer er in der Nähe war, doch wie er seinen Wunsch auch formulierte, die Wand blieb beharrlich türlos.
Wenige Tage vor dem Spiel gegen Ravenclaw befand sich Harry allein auf dem Weg vom Gemeinschaftsraum hinunter zum Abendessen, da Ron ins nächste Klo gestürmt war, um sich wieder einmal zu übergeben, und Hermine eilends verschwunden war, um Professor Vektor wegen eines Fehlers aufzusuchen, den sie möglicherweise in ihrem letzten Arithmantikaufsatz gemacht hatte. Eher aus Gewohnheit machte Harry seinen üblichen Umweg durch den Korridor im siebten Stock und überprüfte unterwegs die Karte des Rumtreibers. Im ersten Moment konnte er Malfoy nirgends finden und nahm an, dass er tatsächlich wieder im Raum der Wünsche sein musste, doch dann sah er Malfoys winziges beschriftetes Pünktchen in einem Jungenklo ein Stockwerk tiefer, nicht in Gesellschaft von Crabbe und Goyle, sondern bei der Maulenden Myrte.
Harry hörte erst auf, diese unwahrscheinliche Zusammenstellung anzustarren, als er geradewegs gegen eine Rüstung stieß. Das laute Scheppern riss ihn aus seinen Träumen; er machte sich rasch davon, aus Furcht, dass Filch auftauchen könnte, jagte die Marmortreppe hinunter und den Korridor einen Stock tiefer entlang. Als er das Klo erreicht hatte, legte er sein Ohr an die Tür. Er konnte nichts hören. Ganz leise drückte er die Tür auf.
Draco Malfoy stand mit dem Rücken zur Tür, die Hände seitlich an das Waschbecken geklammert, den weißblonden Kopf vornübergebeugt.
»Nicht doch«, ertönte die mitleidige Stimme der Maulenden Myrte aus einer der Kabinen. »Nicht doch … sag mir, was dir fehlt … ich kann dir helfen …«
»Keiner kann mir helfen«, sagte Malfoy. Sein ganzer Körper bebte. »Ich kann es nicht tun … ich kann nicht … es wird nicht funktionieren … und wenn ich es nicht bald mache … dann will er mich umbringen …«
Und mit einem gewaltigen Schreck, der ihm eiskalt in die Glieder fuhr, wurde Harry bewusst, dass Malfoy weinte – tatsächlich weinte –, Tränen strömten über sein bleiches Gesicht und fielen in das schmutzige Becken. Malfoy keuchte und schluckte, und dann blickte er hoch in den gesprungenen Spiegel und erschauderte heftig, als er Harry sah, der ihn über seine Schulter anstarrte.
Malfoy wirbelte herum und zog seinen Zauberstab. Instinktiv zückte Harry seinen eigenen. Malfoys Fluch verfehlte Harry um Zentimeter und ließ die Lampe an der Wand neben ihm zersplittern; Harry warf sich zur Seite, dachte Levicorpus! und schnippte mit seinem Zauberstab, doch Malfoy blockierte den Fluch und hob seinen Zauberstab, um einen weiteren –
»Nein! Nein! Hört auf damit!«, kreischte die Maulende Myrte und ihre Stimme hallte laut durch den gefliesten Raum. »Aufhören! AUFHÖREN!«
Es gab einen lauten Knall und der Abfalleimer hinter Harry explodierte; Harry versuchte einen Beinklammer-Fluch, der an der Wand hinter Malfoys Ohr abprallte und den Spülkasten unter der Maulenden Myrte zerschmetterte, die laut aufschrie; Wasser strömte überallhin, und Harry rutschte aus, während Malfoy mit verzerrtem Gesicht schrie: »Cruci–«
»SECTUMSEMPRA!«, brüllte Harry und schwenkte, am Boden liegend, wild seinen Zauberstab.
Blut spritzte aus Malfoys Gesicht und Brust, als wäre er mit einem unsichtbaren Schwert aufgeschlitzt worden. Er taumelte rückwärts und brach mit einem gewaltigen Spritzer auf dem unter Wasser stehenden Boden zusammen, und sein Zauberstab fiel ihm aus der schlaffen rechten Hand.
»Nein –«, keuchte Harry.
Rutschend und schwankend kam Harry auf die Beine und stürzte auf Malfoy zu, der jetzt leuchtend scharlachrot im Gesicht war und mit den weißen Händen zittrig über seine bluttriefende Brust tastete.
»Nein – das wollte –«
Harry wusste nicht, was er sagte; er ließ sich neben Malfoy auf die Knie fallen, der in einer Lache seines eigenen Blutes lag und haltlos zitterte. Die Maulende Myrte stieß einen ohrenbetäubenden Schrei aus.
»MORD! MORD IM KLO! MORD!«
Hinter Harry schlug die Tür auf und er blickte entsetzt hoch: Snape war hereingestürmt, das Gesicht wutverzerrt. Er schob Harry grob beiseite, kniete sich neben Malfoy hin, zog seinen Zauberstab und strich damit über die tiefen Wunden, die Harrys Fluch geschlagen hatte, während er eine Beschwörung murmelte, die fast wie ein Lied klang. Der Blutstrom schien nachzulassen; Snape wischte das restliche Blut von Malfoys Gesicht und wiederholte seinen Zauber. Nun schienen die Wunden zusammenzuwachsen.
Harry sah immer noch zu, entsetzt darüber, was er getan hatte, sich kaum bewusst, dass auch er ganz nass war von Blut und Wasser. Die Maulende Myrte schluchzte und wehklagte noch immer über ihnen. Nachdem Snape seinen Gegenfluch zum dritten Mal ausgeführt hatte, hob er Malfoy halb hoch, so dass er auf die Beine kam.
»Sie müssen in den Krankenflügel. Vielleicht bleiben einige Narben, aber wenn Sie sofort Diptam nehmen, könnten wir sogar das verhindern … kommen Sie …«
Er half Malfoy durch den Raum, drehte sich an der Tür um und sagte mit kalter Wut in der Stimme: »Und Sie, Potter … Sie warten hier auf mich.«
Harry kam es keine Sekunde lang in den Sinn, nicht zu gehorchen. Langsam und zitternd erhob er sich und blickte nach unten. Blutkleckse trieben wie karminrote Blüten über den nassen Fußboden. Er brachte es nicht einmal über sich, der Maulenden Myrte zu sagen, dass sie still sein sollte, die immer weiterschluchzte und wehklagte und offensichtlich zunehmend Gefallen daran fand.
Snape kehrte zehn Minuten später zurück. Er kam ins Klo und schloss die Tür hinter sich.
»Verschwinde«, sagte er zu Myrte, und sie tauchte augenblicklich in ihre Kloschüssel ab und hinterließ eine dröhnende Stille.
»Das hab ich nicht gewollt«, sagte Harry sofort. Seine Stimme hallte in dem kalten, wasserüberfluteten Raum wider. »Ich wusste nicht, was dieser Zauber bewirkt.«
Aber Snape achtete nicht auf seine Worte.
»Offenbar habe ich Sie unterschätzt, Potter«, sagte er leise. »Wer hätte gedacht, dass Sie sich derart mit schwarzer Magie auskennen? Wer hat Ihnen diesen Zauber beigebracht?«
»Ich – hab irgendwo davon gelesen.«
»Wo?«
»Es war – ein Buch aus der Bibliothek«, flunkerte Harry wild. »Ich weiß nicht mehr, wie es –«
»Lügner«, sagte Snape. Harrys Kehle wurde trocken. Er wusste, was Snape tun würde, und es war ihm noch nie gelungen, das zu verhindern …
Der Raum schien vor seinen Augen zu schimmern; krampfhaft bemühte er sich, alles Denken abzuschirmen, doch er mochte sich noch so sehr anstrengen, das Exemplar Zaubertränke für Fortgeschrittene des Halbblutprinzen trieb ihm immer wieder verschwommen in den Sinn …
Und dann starrte er erneut Snape an, mitten in diesem zertrümmerten, tropfnassen Klo. Er starrte in Snapes schwarze Augen und hoffte verzweifelt, dass Snape nicht gesehen hatte, was er befürchtete, aber –
»Bringen Sie mir Ihre Schultasche«, sagte Snape leise, »und alle Ihre Schulbücher. Alle, verstanden? Bringen Sie sie hierher zu mir. Unverzüglich!«
Es war sinnlos, zu widersprechen. Harry drehte sich sofort um und lief platschend aus dem Raum. Sowie er draußen im Korridor war, rannte er los in Richtung Gryffindor-Turm. Die meisten Leute gingen in die andere Richtung; sie gafften ihn mit großen Augen an, durchnässt von Wasser und Blut, wie er war, doch er antwortete auf keine der Fragen, die sie ihm zuriefen, während er an ihnen vorbeirannte.
Der Schreck saß ihm in den Gliedern; es war, als ob ein geliebtes Haustier plötzlich wild geworden wäre. Was hatte sich der Prinz dabei gedacht, einen solchen Zauber in sein Buch abzuschreiben? Und was würde passieren, wenn Snape es sah? Würde er Slughorn erzählen – Harry drehte sich der Magen um –, wie Harry das ganze Jahr lang all die guten Ergebnisse in Zaubertränke geschafft hatte? Würde er das Buch, das Harry so viel beigebracht hatte, beschlagnahmen oder zerstören … das Buch, das ihm eine Art Berater und Freund geworden war? Das konnte Harry nicht zulassen … er konnte es einfach nicht …
»Wo warst –? Warum bist du patschnass –? Ist das Blut?«
Ron stand oben auf dem Treppenabsatz und blickte Harry verwirrt an.
»Ich brauch dein Buch«, keuchte Harry. »Dein Zaubertrankbuch. Schnell … gib’s mir …«
»Und was ist mit dem vom Halbblut–?«
»Das erklär ich dir später!«
Ron zog sein Zaubertränke für Fortgeschrittene aus der Tasche und reichte es ihm; Harry rannte los, an ihm vorbei und in den Gemeinschaftsraum. Dort riss er seine Schultasche an sich, ohne auf die verdutzten Blicke einiger Leute zu achten, die schon vom Abendessen zurück waren, stürzte sich wieder aus dem Porträtloch und eilte den Korridor im siebten Stock entlang.
Neben dem Wandbehang mit den tanzenden Trollen kam er schlitternd zum Stehen, schloss die Augen und fing an zu gehen.
Ich brauche einen Ort, wo ich mein Buch verstecken kann … Ich brauche einen Ort, wo ich mein Buch verstecken kann … Ich brauche einen Ort, wo ich mein Buch verstecken kann …
Drei Mal ging er vor dem Stück kahler Wand hin und her. Als er die Augen aufschlug, war sie endlich da: die Tür zum Raum der Wünsche. Harry riss sie auf, stürmte hinein und schlug sie zu.
Ihm stockte der Atem. Trotz seiner Hast, seiner Panik, seiner Angst davor, was ihn im Klo erwarten würde, war er schlichtweg überwältigt von dem, was er hier sah. Er stand in einem Raum, so groß wie eine riesige Kathedrale, durch deren hohe Fenster Lichtstrahlen auf eine Art Stadt mit hoch aufragenden Mauern fielen; sie waren aus Gegenständen gebaut, die offenbar von Generationen von Hogwarts-Bewohnern versteckt worden waren. Da gab es Gassen und Wege, gesäumt von wackligen Stapeln kaputter und beschädigter Möbel, die vielleicht hierher geräumt worden waren, um den Beweis für schlecht ausgeführte Magie zu verbergen, oder aber versteckt von Hauselfen, die einen Putzfimmel hatten. Es gab Tausende und Abertausende von Büchern, zweifellos verboten oder vollgeschmiert oder gestohlen. Es gab geflügelte Schleudern und Fangzähnige Frisbees, von denen manche noch so viel Leben in sich hatten, dass sie halbherzig über die Berge aus anderen verbotenen Sachen schwebten; es gab angeschlagene Flaschen mit eingedickten Zaubertränken, Hüte, Juwelen, Umhänge; es gab Eierschalen, die offenbar von Dracheneiern stammten, verkorkte Flaschen, deren Inhalt immer noch bösartig schimmerte, mehrere rostige Schwerter und eine schwere, blutbefleckte Axt.
Harry eilte in eine der vielen Gassen zwischen all den versteckten Schätzen. Hinter einem gewaltigen ausgestopften Troll wandte er sich nach rechts, rannte ein kurzes Stück weiter, bog an dem kaputten Verschwindekabinett, in dem Montague im vorigen Jahr verloren gegangen war, nach links und machte schließlich Halt bei einem großen Schrank, dem offenbar jemand Säure auf die mit Blasen überzogene Oberfläche geworfen hatte. Er öffnete eine der knarrenden Türen: Der Schrank war schon einmal als Versteck verwendet worden, für etwas in einem Käfig, das seit langem tot war; sein Skelett hatte fünf Beine. Er stopfte das Buch des Halbblutprinzen hinter den Käfig und schlug die Tür zu. Mit schrecklichem Herzklopfen hielt er einen Moment inne und starrte auf den Wirrwarr ringsumher … Würde er diese Stelle zwischen all diesem Gerümpel wiederfinden können? Er nahm die angeschlagene Büste eines hässlichen alten Zauberers von einer Kiste in der Nähe, stellte sie auf den Schrank, in dem nun das Buch versteckt war, und setzte der Figur eine verstaubte alte Perücke und ein angelaufenes Diadem auf den Kopf, um sie noch auffälliger zu machen. Dann spurtete er, so schnell er konnte, zurück durch die Gassen aus dem versteckten Gerümpel, zurück zur Tür, zurück auf den Korridor und schlug die Tür hinter sich zu, die sich sofort wieder in Stein verwandelte.
Harry rannte mit höchster Geschwindigkeit zum Klo im Stockwerk darunter und stopfte unterwegs Rons Zaubertränke für Fortgeschrittene in seine Tasche. Eine Minute später stand er wieder vor Snape, der wortlos seine Hand nach Harrys Schultasche ausstreckte. Keuchend und mit einem brennenden Schmerz in der Brust überreichte Harry sie ihm und wartete.
Snape zog Harrys Bücher eins nach dem anderen heraus und untersuchte sie. Schließlich war nur noch das Zaubertrankbuch übrig, das er sehr sorgfältig betrachtete, ehe er sprach.
»Das ist also Ihr Exemplar von Zaubertränke für Fortgeschrittene, Potter?«
»Ja«, sagte Harry, immer noch schwer atmend.
»Sie sind sich dessen wirklich sicher, Potter?«
»Ja«, sagte Harry, eine Spur trotziger.
»Dies ist das Exemplar von Zaubertränke für Fortgeschrittene, das Sie bei Flourish & Blotts gekauft haben?«
»Ja«, sagte Harry entschieden.
»Warum«, fragte Snape, »steht dann der Name ›Runald Waschlab‹ innen auf dem Buchdeckel?«
Harry blieb fast das Herz stehen.
»Das ist mein Spitzname«, sagte er.
»Ihr Spitzname«, wiederholte Snape.
»Jaah … so nennen mich meine Freunde«, sagte Harry.
»Ich weiß, was ein Spitzname ist«, erwiderte Snape. Die kalten schwarzen Augen bohrten sich erneut in die von Harry; Harry versuchte den Blick zu meiden. Verschließ deinen Geist … verschließ deinen Geist … aber er hatte nie gelernt, wie man es richtig machte …
»Wissen Sie, was ich glaube, Potter?«, sagte Snape ganz leise. »Ich glaube, dass Sie ein Lügner und Betrüger sind und dass Sie Nachsitzen bei mir verdient haben, von nun an jeden Samstag bis zum Ende des Schuljahrs. Was meinen Sie, Potter?«
»Ich – ich bin nicht Ihrer Meinung, Sir«, sagte Harry und weigerte sich beharrlich, Snape in die Augen zu blicken.
»Nun, wir werden sehen, was Sie nach Ihrer Bestrafung zu sagen haben«, sagte Snape. »Zehn Uhr Samstagmorgen, Potter. In meinem Büro.«
»Aber, Sir …«, sagte Harry und blickte verzweifelt hoch. »Quidditch … das letzte Spiel der –«
»Zehn Uhr«, flüsterte Snape mit einem Lächeln, das seine gelben Zähne zeigte. »Armes Gryffindor … vierter Platz dieses Jahr, fürchte ich …«
Und ohne ein weiteres Wort verließ er das Klo, und Harry stand da und starrte in den gesprungenen Spiegel; er war sicher, dass ihm elender zumute war, als Ron sich je im Leben gefühlt hatte.
»Ich will nicht behaupten, dass ich’s dir ja gesagt habe«, erklärte Hermine eine Stunde später im Gemeinschaftsraum.
»Hör auf, Hermine«, sagte Ron wütend.
Harry war gar nicht erst zum Abendessen gegangen; er hatte überhaupt keinen Appetit. Er war gerade damit fertig, Ron, Hermine und Ginny zu schildern, was passiert war, obwohl das offenbar nicht unbedingt nötig gewesen wäre. Die Nachricht hatte sich sehr schnell verbreitet: Anscheinend hatte es sich die Maulende Myrte nicht nehmen lassen, in jedem einzelnen Klo im Schloss aufzutauchen und die Geschichte zu erzählen; Pansy Parkinson hatte Malfoy bereits im Krankenflügel besucht und dann unverzüglich überall ihre Schmähungen gegen Harry verstreut, und Snape hatte die Lehrerschaft genau davon unterrichtet, was geschehen war. Harry war bereits aus dem Gemeinschaftsraum gerufen worden und hatte fünfzehn höchst unangenehme Minuten in Gesellschaft von Professor McGonagall verbringen müssen, die ihm erklärt hatte, dass er Glück habe, nicht der Schule verwiesen zu werden, und dass sie Snapes Strafmaß, nämlich jeden Samstag Nachsitzen bis zum Ende des Schuljahres, vollauf unterstütze.
»Ich hab dir doch gesagt, dass mit diesem Prinz-Typen irgendwas nicht stimmt«, sagte Hermine, die es offensichtlich nicht lassen konnte. »Und ich hatte Recht, oder?«
»Nein, ich glaub nicht«, antwortete Harry hartnäckig.
Es ging ihm ohnehin schon schlecht genug, da hatten ihm Hermines Belehrungen gerade noch gefehlt; die schlimmste Strafe überhaupt waren die Mienen der Gryffindor-Spieler gewesen, als er ihnen mitgeteilt hatte, dass er am Samstag nicht mitmachen würde. Er konnte jetzt Ginnys Blick spüren, mochte ihn jedoch nicht erwidern; er wollte keine Enttäuschung oder Wut in ihren Augen sehen. Er hatte ihr gerade gesagt, dass sie am Samstag auf der Position des Suchers spielen sollte und dass Dean wieder zur Mannschaft stoßen und für sie Jäger spielen würde. Wenn sie gewannen, würden Ginny und Dean sich in der Siegesbegeisterung nach dem Spiel womöglich wieder miteinander versöhnen … der Gedanke durchfuhr Harry wie ein eiskaltes Messer …
»Harry«, sagte Hermine, »wie kannst du dieses Buch noch verteidigen, wo dieser Zauber –«
»Hörst du jetzt endlich mal auf, über dieses Buch herzuziehen!«, fuhr Harry sie an. »Der Prinz hat ihn nur abgeschrieben! Und er hat keinem geraten, ihn zu verwenden! Wir wissen nur, dass er sich eine Notiz zu etwas gemacht hat, das jemand mal gegen ihn eingesetzt hat!«
»Das glaube ich nicht«, sagte Hermine. »Du verteidigst tatsächlich noch –«
»Ich verteidige nicht das, was ich getan habe!«, sagte Harry rasch. »Ich wünschte, ich hätte es nicht getan, und nicht nur, weil ich ungefähr ein Dutzend Mal nachsitzen muss. Du weißt, dass ich einen solchen Zauber nie benutzt hätte, nicht mal gegen Malfoy, aber du kannst nicht dem Prinzen die Schuld zuschieben, er hat nicht geschrieben ›Probier das aus, das ist echt gut‹ – er hat sich doch nur Notizen für sich selbst gemacht und nicht für irgendjemand sonst …«
»Willst du mir etwa sagen«, erwiderte Hermine, »dass du wieder dort hingehen wirst –?«
»Und das Buch zurückholst? Jaah, allerdings«, sagte Harry energisch. »Hör zu, ohne den Prinzen hätte ich nie den Felix Felicis gewonnen. Ich hätte nie gewusst, wie man Ron vor seiner Vergiftung retten kann, ich hätte nie –«
»– so völlig unverdient den Ruf eines brillanten Zaubertrankmischers bekommen«, sagte Hermine bissig.
»Lass mal gut sein, Hermine!«, sagte Ginny, und Harry war so verblüfft und so dankbar, dass er aufblickte. »Es klingt ganz danach, als ob Malfoy versucht hätte, einen Unverzeihlichen Fluch einzusetzen, du solltest froh sein, dass Harry was Gutes in petto hatte!«
»Klar, natürlich bin ich froh, dass Harry kein Fluch angehängt wurde!«, erwiderte Hermine, offensichtlich getroffen. »Aber du kannst diesen Sectumsempra-Zauber nicht gut nennen, Ginny, schau dir an, was er sich damit eingehandelt hat! Und wenn ich bedenke, was das nun für eure Chancen im Spiel bedeutet –«
»Oh, jetzt tu nicht plötzlich so, als würdest du was von Quidditch verstehen«, fauchte Ginny, »das wird doch nur peinlich für dich.«
Harry und Ron machten große Augen: Hermine und Ginny, die immer so gut miteinander ausgekommen waren, saßen auf einmal mit verschränkten Armen da und schauten wütend in entgegengesetzte Richtungen. Ron warf Harry einen nervösen Blick zu, dann schnappte er sich wahllos irgendein Buch und versteckte sich dahinter. Doch Harry war plötzlich unglaublich gut gelaunt, obwohl er wusste, dass er es kaum verdient hatte, und obwohl den ganzen restlichen Abend keiner von ihnen ein weiteres Wort sagte.
Sein Hochgefühl war von kurzer Dauer. Am nächsten Tag musste er die Sticheleien der Slytherins erdulden, von der beträchtlichen Wut einiger anderer Gryffindors ganz zu schweigen, die gar nicht glücklich darüber waren, dass ihr Kapitän sich eine Strafe eingehandelt hatte und am letzten Spiel der Saison nicht teilnehmen konnte. Was auch immer er zu Hermine gesagt haben mochte, am Samstagmorgen hätte er mit Vergnügen alles Felix Felicis der Welt dafür hergegeben, mit Ron, Ginny und den anderen hinunter zum Quidditch-Feld gehen zu dürfen. Er konnte es fast nicht ertragen, dass er sich von der Schar von Schülern abwenden musste, die alle hinaus in die Sonne strömten, Rosetten und Hüte trugen und ihre Spruchbänder und Schals schwenkten, während er selbst die steinernen Stufen zu den Kerkern hinabstieg und dann weiterging, bis der ferne Lärm der Menge völlig verklungen war, und dabei genau wusste, dass er kein Wort des Spielkommentars würde hören können, keinen Jubelschrei und kein Stöhnen.
»Ah, Potter«, sagte Snape, als Harry an seine Tür geklopft und das unangenehm vertraute Büro betreten hatte, das Snape, obwohl er jetzt einige Stockwerke weiter oben unterrichtete, nicht geräumt hatte; es war so schwach beleuchtet wie eh und je, und rundherum an den Wänden schwebten dieselben schleimigen toten Objekte in bunten Zauberlösungen. Die vielen Kästen voller Spinnweben, die auf einem Tisch gestapelt waren, an dem Harry offensichtlich sitzen sollte, ließen nichts Gutes ahnen; sie sahen ganz nach ermüdender, schwerer und sinnloser Arbeit aus.
»Mr Filch sucht jemanden, der diese alten Unterlagen in Ordnung bringt«, sagte Snape leise. »Es ist das Verzeichnis anderer Übeltäter in Hogwarts und ihrer Strafen. Wo die Tinte verblasst ist oder die Karteikarten durch Mäuse beschädigt wurden, sollen Sie die Vergehen und Strafen auf neue Karten übertragen und diese dann unter Beachtung der alphabetischen Reihenfolge wieder in die Kästen einsortieren. Der Gebrauch von Magie ist Ihnen untersagt.«
»Verstanden, Professor«, sagte Harry und legte so viel Verachtung wie möglich in die letzten drei Silben.
»Ich denke, Sie können anfangen«, sagte Snape, ein heimtückisches Lächeln auf den Lippen, »und zwar am besten mit den Kästen eintausendzwölf bis eintausendsechsundfünfzig. Sie werden darin auf einige bekannte Namen stoßen, was Ihrer Aufgabe zusätzlichen Reiz verleihen dürfte. Hier, sehen Sie …«
Er zog schwungvoll eine Karte aus einem der oberen Kästen und las vor: »›James Potter und Sirius Black. Aufgegriffen während der Verwendung eines illegalen Zaubers gegen Bertram Aubrey. Aubreys Kopf doppelte Größe. Zweimal Nachsitzen.‹« Snape grinste höhnisch. »Wie tröstlich muss der Gedanke sein, dass, auch wenn sie nicht mehr sind, ein Dokument ihrer großartigen Taten erhalten geblieben ist …«
Harry spürte wie schon so oft ein Brodeln in seiner Magengrube. Er biss sich auf die Zunge, um nichts Freches zu erwidern, setzte sich vor die Karteikästen und zog einen davon zu sich heran.
Es war, wie Harry vorausgeahnt hatte, nutzlose, langweilige Arbeit, bei der Harry (wie Snape zweifellos geplant hatte) regelmäßig Stiche im Magen verspürte, immer wenn er den Namen seines Vaters oder den von Sirius las, die meistens gemeinsam in verschiedene kleine Missetaten verstrickt gewesen waren, wobei gelegentlich auch die Namen Remus Lupin und Peter Pettigrew auftauchten. Und während er ihre diversen Vergehen und Strafen abschrieb, fragte er sich, was draußen vor sich ging, wo das Spiel gerade angefangen haben musste … und Ginny als Sucherin gegen Cho antrat …
Wieder und wieder warf Harry einen Blick auf die große Uhr, die an der Wand tickte. Sie schien nur halb so schnell zu gehen wie eine gewöhnliche Uhr; vielleicht hatte Snape sie verzaubert, damit sie sich besonders viel Zeit ließ? Er konnte unmöglich erst eine halbe Stunde hier sein … eine Stunde … eineinhalb Stunden …
Harrys Magen fing an zu rumoren, als die Uhr halb eins zeigte. Snape, der kein einziges Wort gesprochen hatte, seit er Harry seine Aufgabe gestellt hatte, sah um zehn nach eins endlich auf.
»Ich denke, das genügt«, sagte er kühl. »Markieren Sie die Stelle, wo Sie jetzt sind. Sie werden am nächsten Samstag um zehn Uhr weitermachen.«
»Ja, Sir.«
Harry stopfte eine verbogene Karte irgendwo in den Karteikasten, eilte zur Tür hinaus, ehe Snape es sich anders überlegen konnte, raste wieder die Steinstufen hoch und horchte dabei angestrengt, ob er Lärm vom Spielfeld hörte, aber alles war ruhig … dann war es also vorbei …
Vor der überfüllten Großen Halle zögerte er ein wenig, dann rannte er die Marmortreppe hoch; ob Gryffindor nun gewonnen oder verloren hatte, die Mannschaft feierte oder trauerte meistens in ihrem Gemeinschaftsraum.
»Quid agis?«, fragte er zaghaft die fette Dame und überlegte, was er drinnen vorfinden würde.
Ihre Miene war unergründlich, als sie antwortete: »Du wirst sehen.«
Und sie schwang nach vorne.
Aus dem Loch hinter ihr dröhnte der tosende Lärm einer Feier. Harry stockte der Atem, als einige bei seinem Anblick zu schreien begannen; mehrere Hände zerrten ihn in den Raum.
»Wir haben gewonnen!«, brüllte Ron, der plötzlich herbeihüpfte und Harry den silbernen Pokal entgegenschwang. »Wir haben gewonnen! Vierhundertfünfzig zu hundertvierzig! Wir haben gewonnen!«
Harry sah sich um; da kam Ginny auf ihn zugerannt; mit hartem, glühendem Gesicht warf sie die Arme um ihn. Und ohne nachzudenken, ohne es zu planen, ohne sich um die Tatsache zu kümmern, dass fünfzig Leute zusahen, küsste Harry sie.
Nach einigen langen Augenblicken – oder vielleicht auch nach einer halben Stunde – oder möglicherweise nach einigen sonnigen Tagen – lösten sie sich voneinander. Im Raum war es sehr still geworden. Dann pfiffen einige Leute anerkennend und nervöses Gekicher brach aus. Harry sah über Ginnys Kopf hinweg, dass Dean Thomas ein zerbrochenes Glas in der Hand hielt und dass Romilda Vane den Eindruck machte, als würde sie gleich etwas durch die Gegend werfen. Hermine strahlte, aber Harrys Augen suchten Ron. Endlich fand er ihn, er hielt immer noch den Pokal in den Händen und machte eine Miene, ganz als ob man ihm gerade ein Schlagholz über den Schädel gezogen hätte. Für den Bruchteil einer Sekunde sahen sie sich an, dann zuckte Ron kaum merklich mit dem Kopf, was Harry als etwas deutete wie: »Also – wenn es sein muss.«
Die Kreatur in seiner Brust brüllte triumphierend, Harry grinste zu Ginny hinunter und deutete wortlos zum Porträtloch. Ein langer Spaziergang über das Gelände schien angebracht, bei dem sie – wenn sie Zeit hatten – vielleicht das Spiel besprechen konnten.
Die belauschte Seherin
Die Tatsache, dass Harry Potter mit Ginny Weasley ging, schien sehr viele Leute zu interessieren, hauptsächlich Mädchen; allerdings stellte Harry während der nächsten Wochen fest, dass Klatsch ihm seit neustem erfreulicherweise nichts mehr ausmachte. Schließlich war es zur Abwechslung einmal ganz angenehm, wenn über ihn wegen einer Sache geredet wurde, die ihn so glücklich machte, wie er es seit ewigen Zeiten nicht mehr gewesen war, und nicht weil er in irgendwelche schrecklichen schwarzmagischen Geschehnisse verstrickt war.
»Eigentlich sollten die sich lieber über was anderes den Mund fusselig reden«, sagte Ginny, die auf dem Boden des Gemeinschaftsraums saß, sich gegen Harrys Beine lehnte und den Tagespropheten las. »Drei Dementorenangriffe in einer Woche, und Romilda Vane fällt nichts Besseres ein, als mich zu fragen, ob es stimmt, dass du ein Hippogreif-Tattoo auf der Brust hast.«
Ron und Hermine lachten lauthals. Harry beachtete sie nicht.
»Was hast du ihr gesagt?«
»Ich hab ihr gesagt, dass es ein Ungarischer Hornschwanz ist«, antwortete Ginny und blätterte lässig eine Seite der Zeitung um. »Das kommt machomäßiger.«
»Danke«, sagte Harry grinsend. »Und hast du ihr auch erzählt, was Ron hat?«
»Ja, einen Minimuff, aber ich hab nicht verraten, wo.«
Ron blickte finster, während Hermine sich vor Lachen kringelte.
»Passt bloß auf«, sagte er und deutete warnend auf Harry und Ginny. »Ich hab euch meine Erlaubnis gegeben, aber das heißt nicht, dass ich sie nicht wieder zurückziehen –«
»›Deine Erlaubnis‹«, spottete Ginny. »Seit wann gibst du mir die Erlaubnis für irgendwas? Außerdem hast du selbst gesagt, Harry ist dir lieber als Michael oder Dean.«
»Ja, stimmt«, sagte Ron widerwillig. »Und solange ihr nicht anfangt, vor allen Leuten rumzuknutschen –«
»Du elender Heuchler! Was war denn mit dir und Lavender, ihr habt doch überall rumgeschwänzelt wie zwei Aale!«, entgegnete Ginny.
Aber Rons Duldsamkeit wurde nicht allzu sehr auf die Probe gestellt, denn als es Juni wurde, hatten Harry und Ginny immer seltener Gelegenheit, sich zu treffen. Ginnys ZAGs rückten näher und deshalb musste sie stundenlang bis in die Nacht hinein lernen. An einem dieser Abende, an denen Ginny sich in die Bibliothek verdrückt hatte, saß Harry am Fenster im Gemeinschaftsraum, wo er eigentlich seine Hausaufgabe für Kräuterkunde erledigen wollte, aber in Wirklichkeit noch einmal eine besonders glückliche Stunde durchlebte, die er mit Ginny um die Mittagszeit unten am See verbracht hatte, als Hermine sich mit einem unangenehm entschlossenen Gesichtsausdruck auf den Platz zwischen ihm und Ron fallen ließ.
»Ich will mit dir reden, Harry.«
»Worüber?«, fragte Harry argwöhnisch. Erst tags zuvor hatte ihn Hermine gerüffelt, weil er Ginny ablenke, die eigentlich fleißig für ihre Prüfungen arbeiten müsse.
»Über den so genannten Halbblutprinzen.«
»Oh, nicht schon wieder«, stöhnte Harry. »Hörst du bitte mal damit auf?«
Er hatte es nicht gewagt, in den Raum der Wünsche zurückzukehren und sein Buch zu holen, und seine Leistungen in Zaubertränke litten entsprechend darunter (obwohl Slughorn, der die Sache mit Ginny guthieß, scherzhaft meinte, das liege daran, dass Harry liebeskrank sei). Aber Harry war sicher, dass Snape noch nicht die Hoffnung aufgegeben hatte, das Buch des Prinzen in die Hände zu bekommen, und solange Snape noch Ausschau danach hielt, wollte er es unbedingt dort lassen, wo es war.
»Nein, ich hör nicht damit auf«, sagte Hermine entschieden, »bis du mich mal ausreden lässt. Also, ich habe ein wenig nachgeforscht, wer sich möglicherweise ein Hobby daraus gemacht hat, schwarzmagische Zauber zu erfinden –«
»Er hat sich kein Hobby daraus gemacht –«
»Er, er – wer sagt, dass es ein Er ist?«
»Das hatten wir doch schon«, erwiderte Harry verärgert. »Prinz, Hermine, Prinz!«
»Richtig!«, sagte Hermine, und mit leuchtenden roten Flecken auf den Wangen zog sie einen sehr alten Zeitungsausschnitt aus ihrer Tasche und knallte ihn vor Harry auf den Tisch. »Schau dir das an! Schau dir das Bild an!«
Harry nahm das rissige Stück Papier hoch und starrte auf das bewegte Foto, das alt und vergilbt war; auch Ron beugte sich herüber, um es sich anzusehen. Das Bild zeigte ein hageres Mädchen um die fünfzehn. Sie war nicht hübsch; sie wirkte mürrisch und trotzig zugleich, hatte üppige Augenbrauen und ein schmales, bleiches Gesicht. Die Bildunterschrift lautete: Eileen Prince, Kapitänin der Koboldsteinmannschaft von Hogwarts.
»Na und?«, sagte Harry, während er die kurze Meldung, zu der das Bild gehörte, überflog; es war eine recht langweilige Geschichte über Wettbewerbe zwischen verschiedenen Schulen.
»Ihr Name war Eileen Prince. Prinz, Harry.«
Sie sahen sich an, und Harry wurde klar, was Hermine sagen wollte. Er lachte laut auf.
»Auf keinen Fall.«
»Was?«
»Du glaubst, sie war der Halbblut…? Ach, hör doch auf.«
»Warum eigentlich nicht? Es gibt in der Zaubererwelt keine echten Prinzen, Harry! Das ist entweder ein Spitzname, ein erfundener Titel, den sich jemand selbst gegeben hat, oder es könnte der tatsächliche Name sein, richtig? Nein, pass auf! Angenommen, ihr Vater war ein Zauberer, der mit Nachnamen ›Prince‹ hieß, und ihre Mutter Muggel, dann würde das bei ihr einen ›Halbblutprinzen‹ ergeben.«
»Jaah, sehr findig, Hermine …«
»Aber das stimmt doch! Vielleicht war sie stolz, ein halber Prinz zu sein!«
»Hör zu, Hermine, ich weiß, dass es kein Mädchen war. Ich weiß es einfach.«
»In Wahrheit glaubst du nur nicht, dass ein Mädchen dafür schlau genug gewesen wäre«, sagte Hermine wütend.
»Wie könnte ich fünf Jahre lang mit dir rumhängen und immer noch nicht glauben, dass Mädchen schlau sind?«, erwiderte Harry, durch ihre Worte gereizt. »Es ist die Art, wie er schreibt. Ich weiß einfach, dass der Prinz ein Typ war, ich spür das. Dieses Mädchen hat nichts damit zu tun. Wo hast du das überhaupt her?«
»Aus der Bibliothek«, sagte Hermine, wie vorherzusehen war. »Die haben dort eine ganze Sammlung von alten Propheten. Also, ich werd jedenfalls noch mehr über Eileen Prince in Erfahrung bringen, wenn es irgendwie geht.«
»Viel Spaß«, sagte Harry genervt.
»Hab ich bestimmt«, erwiderte Hermine. »Und zuallererst«, schleuderte sie ihm entgegen, als sie das Porträtloch erreichte, »suche ich in alten Listen von Zaubertrankauszeichnungen!«
Harry warf ihr einen kurzen finsteren Blick nach, dann vertiefte er sich wieder in den Anblick des dunkler werdenden Himmels.
»Sie ist einfach nie drüber weggekommen, dass du in Zaubertränke besser warst als sie«, sagte Ron und wandte sich erneut seinem Exemplar von Tausend magische Kräuter und Pilze zu.
»Du denkst nicht, dass ich verrückt bin, weil ich das Buch zurückhaben will, oder?«
»’türlich nicht«, sagte Ron wacker. »Der war ein Genie, dieser Prinz. Jedenfalls … ohne diesen Tipp mit dem Bezoar …«, er fuhr sich mit dem Finger bedeutungsvoll über die Kehle, »wär ich jetzt nicht hier, um drüber zu reden, stimmt’s? Ich meine, ich will nicht behaupten, dass der Zauber, den du gegen Malfoy benutzt hast, toll war –«
»Ich auch nicht«, warf Harry rasch ein.
»Aber er ist wieder gesund, oder? War im Nu wieder auf den Beinen.«
»Jaah«, sagte Harry; das war vollkommen richtig und doch hatte er leise Gewissensbisse. »Dank Snape …«
»Musst du an diesem Samstag auch bei Snape nachsitzen?«, fuhr Ron fort.
»Ja, und am nächsten Samstag und am übernächsten Samstag«, seufzte Harry. »Und jetzt lässt er durchblicken, dass wir, wenn ich bis zum Ende des Schuljahrs nicht mit allen Kästen fertig bin, nächstes Jahr weitermachen.«
Harry fand diese Stunden, die er mit Nachsitzen verbrachte, besonders lästig, weil sie die sowieso schon knapp bemessene Zeit beschnitten, die er mit Ginny verbringen konnte. Tatsächlich hatte er sich dieser Tage häufig gefragt, ob Snape das nicht vielleicht wusste, denn er behielt Harry jedes Mal länger da und ließ spitze Bemerkungen fallen über das gute Wetter, das Harry versäumte, und alles, was man dabei draußen machen konnte.
Harry wurde von Jimmy Peakes aus diesen bitteren Gedanken gerissen, der neben ihm auftauchte und ihm eine Pergamentrolle hinhielt.
»Danke, Jimmy … hey, das ist von Dumbledore!«, sagte Harry aufgeregt, entrollte das Pergament und überflog es. »Ich soll so schnell wie möglich in sein Büro kommen!«
Sie starrten einander an.
»Verdammt«, flüsterte Ron. »Du meinst doch nicht etwa … hat er ihn vielleicht …?«
»Am besten, ich geh einfach hin und frag ihn, oder?«, sagte Harry und sprang auf.
Hastig verließ er den Gemeinschaftsraum und eilte, so schnell er konnte, durch das siebte Stockwerk, wo er niemanden traf außer Peeves, der in Gegenrichtung an ihm vorbeirauschte, ihn fast schon gewohnheitsmäßig mit Kreidestückchen bewarf und laut gackerte, als er Harrys Verteidigungszauber auswich. Kaum war Peeves verschwunden, kehrte Stille in die Korridore ein; da es nur noch fünfzehn Minuten bis zur Nachtruhe waren, hatten die meisten sich schon in ihre Gemeinschaftsräume zurückgezogen.
Und dann hörte Harry einen Schrei und einen Knall. Er blieb wie angewurzelt stehen und lauschte.
»Wie – können – Sie – es – wagen – Aaaaargh!«
Der Lärm kam aus einem Korridor ganz in der Nähe; Harry rannte darauf zu, den Zauberstab bereit, und als er um eine Ecke wirbelte, sah er Professor Trelawney ausgestreckt am Boden liegen, den Kopf unter einem ihrer vielen Schals begraben und neben ihr mehrere Sherryflaschen, von denen eine zerbrochen war.
»Professor –«
Harry eilte zu ihr hin und half Professor Trelawney auf die Beine. Einige ihrer glitzernden Perlenketten hatten sich in ihrer Brille verheddert. Sie hickste laut, strich sich die Haare glatt und zog sich an Harrys helfendem Arm hoch.
»Was ist passiert, Professor?«
»Das ist eine gute Frage!«, sagte sie schrill. »Ich schlenderte so vor mich hin und dachte über gewisse düstere Menetekel nach, die ich zufällig zu sehen bekommen hatte …«
Aber Harry hörte nicht allzu aufmerksam zu. Ihm war gerade aufgefallen, wo sie standen: Dort rechts war der Wandbehang mit den tanzenden Trollen und links dieses glatte undurchdringliche Stück steinerner Wand, hinter dem sich –
»Professor, haben Sie versucht, in den Raum der Wünsche zu gelangen?«
»… Omen, die mir offenbart wurden – wie bitte?«
Plötzlich wirkte sie verschlagen.
»Der Raum der Wünsche«, wiederholte Harry. »Haben Sie versucht, da reinzukommen?«
»Ich – nun – ich wusste nicht, dass Schüler davon Kenntnis haben –«
»Nicht alle«, sagte Harry. »Aber was ist passiert? Sie haben geschrien … es klang, als wären Sie verletzt worden …«
»Ich – nun«, sagte Professor Trelawney, schlang schützend ihre Schals um sich und starrte mit ihren enorm vergrößerten Augen auf ihn hinab. »Ich wollte – äh – gewisse – ähm – persönliche Dinge im Raum deponieren …« Und sie murmelte etwas von »üblen Anschuldigungen«.
»Verstehe«, sagte Harry mit einem Blick auf die Sherryflaschen. »Aber Sie haben es nicht geschafft, hineinzukommen und sie zu verstecken?«
Das kam ihm sehr merkwürdig vor; schließlich hatte sich der Raum für ihn geöffnet, als er das Buch des Halbblutprinzen darin verstecken wollte.
»O doch, hineingekommen bin ich wohl«, sagte Professor Trelawney und funkelte wütend die Wand an. »Aber es war schon jemand drin.«
»Jemand drin –? Wer?«, fragte Harry drängend. »Wer war dadrin?«
»Ich habe keine Ahnung«, sagte Professor Trelawney, offenbar ein wenig verblüfft über den eindringlichen Ton, den Harry angeschlagen hatte. »Ich bin in den Raum hineingegangen und habe eine Stimme gehört, was in all den Jahren, seit ich den Raum als Versteck – seit ich den Raum benutze, will ich sagen, nie vorgekommen ist.«
»Eine Stimme? Was hat sie gesagt?«
»Etwas gesagt hat sie eigentlich nicht«, erwiderte Professor Trelawney. »Sie hat … gejohlt.«
»Gejohlt?«
»Gehässig«, sagte sie und nickte.
Harry starrte sie an.
»War sie männlich oder weiblich?«
»Ich würde die Vermutung wagen, dass sie männlich war«, sagte Professor Trelawney.
»Und klang sie glücklich?«
»Sehr glücklich«, sagte Professor Trelawney verächtlich.
»Als würde sie etwas feiern?«
»Ganz genau.«
»Und dann –?«
»Und dann rief ich ›Wer da?‹.«
»Hätten Sie das nicht rausfinden können, ohne zu fragen?«, bemerkte Harry ein wenig enttäuscht.
»Das innere Auge«, sagte Professor Trelawney würdevoll und rückte ihre Schals und die vielen glitzernden Perlenketten zurecht, »war auf Dinge weit jenseits des profanen Reiches johlender Stimmen gerichtet.«
»Verstehe«, sagte Harry hastig; er hatte von Professor Trelawneys innerem Auge schon zur Genüge gehört. »Und hat die Stimme gesagt, wer da war?«
»Nein, das hat sie nicht«, erwiderte sie. »Alles wurde pechschwarz und im nächsten Moment wurde ich kopfüber aus dem Raum geworfen!«
»Und das haben Sie nicht kommen sehen?«, rutschte es Harry unwillkürlich heraus.
»Nein, habe ich nicht, wie gesagt, es war pech–« Sie unterbrach sich und funkelte ihn misstrauisch an.
»Ich glaube, Sie sollten das Professor Dumbledore erzählen«, sagte Harry. »Er sollte erfahren, dass Malfoy feiert – ich meine, dass jemand Sie aus dem Raum geworfen hat.«
Zu seiner Überraschung richtete sich Professor Trelawney bei diesem Vorschlag auf und blickte hochmütig drein.
»Der Schulleiter hat mir zu verstehen gegeben, dass er es vorzöge, seltener Besuch von mir zu bekommen«, sagte sie kühl. »Ich gehöre nicht zu jenen, die Leuten ihre Gesellschaft aufzwingen, die sie nicht zu schätzen wissen. Wenn Dumbledore meint, er könne die Warnungen ignorieren, die die Karten offenbaren –«
Ihre knochige Hand schloss sich plötzlich um Harrys Handgelenk.
»Wieder und wieder, gleich, wie ich sie auslege –«
Und mit dramatischer Geste zog sie eine Karte unter ihren Schals hervor.
»– der vom Blitz getroffene Turm«, flüsterte sie. »Unglück. Katastrophe. Es kommt immer näher …«
»Verstehe«, sagte Harry erneut. »Also … ich glaube trotzdem, dass Sie Dumbledore von dieser Stimme erzählen sollten und wie alles dunkel wurde und Sie aus dem Raum hinausgeworfen wurden …«
»Meinen Sie?« Professor Trelawney schien kurz darüber nachzudenken, aber Harry merkte, dass ihr die Vorstellung gefiel, ihr kleines Abenteuer noch einmal zu schildern.
»Ich bin gerade auf dem Weg zu ihm«, sagte Harry. »Wir haben ein Treffen vereinbart. Wir könnten gemeinsam hingehen.«
»Oh, nun, wenn das so ist«, sagte Professor Trelawney und lächelte. Sie bückte sich, hob ihre Sherryflaschen auf und steckte sie ohne viel Federlesen in eine große blauweiße Vase, die in einer nahen Nische stand.
»Ich vermisse Sie in meinem Unterricht, Harry«, sagte sie gefühlvoll, als sie gemeinsam losgingen. »Sie waren nie ein großer Seher … aber Sie waren ein wunderbares Objekt …«
Harry antwortete nicht; er hatte es gehasst, das Objekt für Professor Trelawneys ständige Unheilsvorhersagen zu sein.
»Ich fürchte«, fuhr sie fort, »dass der Klepper – Verzeihung, der Zentaur – nichts von Kartomantie versteht. Ich habe ihn gefragt – unter uns Sehern –, ob er nicht auch die fernen Erschütterungen einer kommenden Katastrophe spüre. Aber er schien mich fast für ulkig zu halten. Jawohl, ulkig!«
Ihre Stimme schwoll ziemlich hysterisch an, und obwohl sie die Flaschen zurückgelassen hatten, nahm Harry einen starken Geruch von Sherry wahr.
»Vielleicht hat das Pferd die Leute sagen hören, dass ich die Gabe meiner Ururgroßmutter nicht geerbt hätte. Derlei Gerüchte werden von Eifersüchtigen seit Jahren gestreut. Wissen Sie, was ich solchen Leuten antworte, Harry? Hätte Dumbledore mich an dieser großartigen Schule unterrichten lassen, hätte er über all die Jahre so viel Vertrauen in mich gesetzt, wenn ich ihm meine Fähigkeiten nicht unter Beweis gestellt hätte?«
Harry murmelte etwas Unverständliches.
»Ich erinnere mich noch gut an mein Vorstellungsgespräch bei Dumbledore«, fuhr Professor Trelawney mit kehliger Stimme fort. »Er war tief beeindruckt, natürlich, tief beeindruckt … Ich wohnte im Eberkopf, den ich übrigens nicht empfehlen kann – Bettwanzen, mein lieber Junge –, aber meine Mittel waren damals gering. Dumbledore erwies mir die Höflichkeit, mich in meinem Zimmer in diesem Gasthaus aufzusuchen. Er stellte mir Fragen … ich muss bekennen, dass ich zuerst dachte, er schien dem Wahrsagen ablehnend gegenüberzustehen … und ich erinnere mich, dass ich mich plötzlich etwas unwohl fühlte, ich hatte an jenem Tag nicht viel gegessen … aber dann …«
Und nun passte Harry zum ersten Mal richtig auf, denn er wusste, was dann geschehen war: Professor Trelawney hatte die Prophezeiung gemacht, die den Verlauf seines ganzen Lebens verändert hatte, die Prophezeiung über ihn und Voldemort.
»… aber dann wurden wir unsanft von Severus Snape unterbrochen!«
»Was?«
»Ja, draußen vor der Tür gab es einen Tumult und sie flog auf, und da stand dieser ziemlich ungehobelte Wirt zusammen mit Snape, der davon schwafelte, er sei die falsche Treppe hinaufgestiegen, obwohl ich ehrlich gesagt eher glaubte, dass er dabei ertappt worden war, wie er mein Gespräch mit Dumbledore belauschte – wissen Sie, er war damals selbst auf der Suche nach einer Stelle, und zweifellos hoffte er, irgendwelche nützlichen Hinweise aufschnappen zu können! Nun, danach schien Dumbledore jedenfalls viel eher bereit, mir eine Stelle zu geben, und ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, Harry, dass er den deutlichen Gegensatz zu würdigen wusste zwischen meiner bescheidenen Art und stillen Begabung und dem hartnäckigen, aufdringlichen jungen Mann, der so weit ging, sogar an Schlüssellöchern zu lauschen – Harry, mein Lieber?«
Sie blickte über die Schulter zurück, denn erst jetzt hatte sie bemerkt, dass Harry nicht mehr neben ihr war; er war stehen geblieben und sie standen nun drei Meter voneinander entfernt.
»Harry?«, wiederholte sie unsicher.
Vielleicht wirkte sie so besorgt und ängstlich, weil sein Gesicht erbleicht war. Harry stand stocksteif da, während der Schock in Wellen über ihn hereinbrach, Welle um Welle, und alles ertränkte außer diesem Wissen, das ihm so lange vorenthalten worden war …
Es war Snape, der die Prophezeiung belauscht hatte. Es war Snape, der die Nachricht von der Prophezeiung Voldemort überbracht hatte. Beide, Snape und Peter Pettigrew, hatten Voldemort auf die Jagd nach Lily und James und ihrem Sohn geschickt …
Nichts anderes war in diesem Moment für Harry wichtig.
»Harry«, sagte Professor Trelawney erneut. »Harry – ich dachte, wir würden gemeinsam zum Schulleiter gehen?«
»Sie bleiben hier«, sagte Harry mit tauben Lippen.
»Aber, mein Lieber … ich wollte ihm doch erzählen, wie ich im Raum der Wünsche überfallen –«
»Sie bleiben hier!«, wiederholte Harry aufgebracht.
Sie sah beunruhigt aus, als er an ihr vorbei- und um die Ecke in Dumbledores Korridor rannte, wo der einsame Wasserspeier Wache hielt. Harry rief dem Wasserspeier das Passwort zu und eilte die bewegliche Wendeltreppe drei Stufen auf einmal nehmend hinauf. Er klopfte nicht, er hämmerte an Dumbledores Tür; und die ruhige Stimme antwortete »Herein«, als Harry schon in den Raum gestürzt war.
Fawkes der Phönix wandte den Kopf und in seinen glänzenden schwarzen Augen schimmerte der goldene Widerschein des Sonnenuntergangs draußen. Dumbledore, der einen langen schwarzen Reiseumhang in den Armen hielt, stand am Fenster und blickte hinaus auf das Schlossgelände.
»Nun, Harry, ich habe versprochen, dass du mit mir kommen darfst.«
Ein paar Sekunden lang begriff Harry nicht; das Gespräch mit Trelawney hatte alles andere aus seinem Kopf vertrieben und sein Gehirn schien ganz langsam zu arbeiten.
»Mit Ihnen … kommen …?«
»Natürlich nur, wenn du willst.«
»Wenn ich …«
Und dann fiel Harry wieder ein, warum er ursprünglich so begierig darauf gewesen war, in Dumbledores Büro zu kommen.
»Sie haben einen gefunden? Sie haben einen Horkrux gefunden?«
»Ich glaube, ja.«
Wut und Groll kämpften gegen Entsetzen und Aufregung: Eine Weile konnte Harry nicht sprechen.
»Es ist ganz natürlich, Angst zu haben«, sagte Dumbledore.
»Ich habe keine Angst!«, entgegnete Harry sofort und das stimmte tatsächlich; Angst war ein Gefühl, das er jetzt überhaupt nicht empfand. »Welcher Horkrux ist es? Wo ist er?«
»Ich bin nicht sicher, welcher es ist – auch wenn ich denke, dass wir die Schlange wohl ausschließen können –, aber ich glaube, dass er viele Kilometer von hier in einer Höhle an der Küste verborgen ist, in einer Höhle, die ich schon seit sehr langer Zeit ausfindig zu machen versuchte: Es ist die Höhle, in der Tom Riddle einst zwei Kindern aus dem Waisenhaus bei ihrem jährlichen Ausflug Angst einjagte, erinnerst du dich?«
»Ja«, sagte Harry. »Wie ist er gesichert?«
»Ich weiß es nicht; ich habe Vermutungen, die völlig falsch sein könnten.« Dumbledore zögerte, dann sagte er: »Harry, ich habe dir versprochen, dass du mitkommen darfst, und ich stehe zu meinem Wort, aber es wäre ein großer Fehler, wenn ich dich nicht warnen würde, dass dies äußerst gefährlich sein wird.«
»Ich komme mit«, sagte Harry, kaum dass Dumbledore zu Ende gesprochen hatte. In seiner rasenden Wut gegen Snape war sein Wunsch, etwas Verzweifeltes und Riskantes zu tun, in den letzten Minuten um das Zehnfache gewachsen. Das stand ihm wohl ins Gesicht geschrieben, denn Dumbledore trat vom Fenster weg und musterte Harry genauer, und zwischen seinen silbernen Augenbrauen zeichnete sich eine kleine Falte ab.
»Was ist passiert?«
»Nichts«, log Harry sofort.
»Worüber hast du dich aufgeregt?«
»Ich bin nicht aufgeregt.«
»Harry, du warst nie ein guter Okklumentiker –«
Das Wort war der Funke, der Harrys Zorn entflammte.
»Snape!«, sagte er sehr laut und hinter ihnen stieß Fawkes ein leises Kreischen aus. »Snape – das ist passiert! Er hat Voldemort von der Prophezeiung erzählt, er war es, er hat vor der Tür gelauscht, das hat mir Trelawney gesagt!«
Dumbledores Miene blieb unverändert, aber Harry meinte, sein Gesicht unter der blutigen Röte, die die untergehende Sonne auf ihn warf, erbleichen zu sehen. Eine ganze Zeit lang sagte Dumbledore nichts.
»Wann hast du das herausgefunden?«, fragte er schließlich.
»Gerade eben!«, sagte Harry und beherrschte sich nur mit größter Mühe, um nicht loszuschreien. Und dann, plötzlich, konnte er nicht mehr an sich halten: »UND SIE LASSEN IHN HIER UNTERRICHTEN, UND ER HAT VOLDEMORT GESAGT, ER SOLL MEINE MUM UND MEINEN DAD VERFOLGEN!«
Schwer atmend, als würde er kämpfen, wandte sich Harry von Dumbledore ab, der immer noch reglos dastand, und begann, im Büro hin und her zu gehen, wobei er sich die Fingerknöchel rieb und sich mit aller Gewalt davon abhielt, etwas umzuwerfen. Er wollte wütend auf Dumbledore einstürmen, aber er wollte ihn auch begleiten und versuchen, den Horkrux zu zerstören; er wollte ihm sagen, dass er ein törichter alter Mann sei, weil er Snape vertraut hatte, aber er fürchtete, Dumbledore würde ihn nicht mitnehmen, wenn er seinen Zorn nicht bändigte …
»Harry«, sagte Dumbledore leise. »Bitte hör mir zu.«
Es fiel ihm genauso schwer, mit seinem ständigen Hin-und-her-Gehen aufzuhören, wie nicht zu schreien. Harry hielt inne, biss sich auf die Lippe und blickte in Dumbledores zerfurchtes Gesicht.
»Professor Snape hat einen schrecklichen –«
»Sagen Sie mir nicht, dass es ein Fehler war, Sir, er hat an der Tür gelauscht!«
»Lass mich bitte ausreden.« Dumbledore wartete, bis Harry kurz genickt hatte, dann fuhr er fort. »Professor Snape hat einen schrecklichen Fehler gemacht. An jenem Abend, als er die erste Hälfte von Professor Trelawneys Prophezeiung hörte, stand er noch in Lord Voldemorts Diensten. Natürlich hat er ihm umgehend berichtet, was er gehört hatte, denn es betraf seinen Herrn in höchstem Maße. Aber Professor Snape wusste nicht – er konnte gar nicht wissen –, welchen Jungen Voldemort von da an jagen würde, oder dass die Eltern, die er bei seinem mörderischen Jagdzug vernichten würde, Menschen waren, die Professor Snape selbst kannte, dass sie deine Mutter und dein Vater waren –«
Harry lachte erbittert auf.
»Er hat meinen Dad gehasst, wie er Sirius gehasst hat! Ist Ihnen nicht aufgefallen, Professor, dass die Leute, die Snape hasst, meistens ziemlich schnell tot sind?«
»Du kannst dir nicht vorstellen, welche Reue Professor Snape empfand, als er erkannte, wie Lord Voldemort die Prophezeiung gedeutet hatte, Harry. Ich glaube, es war der größte Schmerz seines Lebens und der Grund, warum er zurückkehrte –«
»Aber er ist ein sehr guter Okklumentiker, nicht wahr, Sir?«, sagte Harry, und seine Stimme zitterte von der Anstrengung, ruhig zu sprechen. »Und ist Voldemort nicht überzeugt, dass Snape auf seiner Seite ist, auch jetzt noch? Professor … wie können Sie sicher sein, dass Snape auf unserer Seite ist?«
Dumbledore schwieg für einen Moment; er machte den Eindruck, als versuchte er, einen Entschluss zu fassen. Schließlich sagte er: »Ich bin mir sicher. Ich vertraue Severus Snape vollkommen.«
Harry atmete einige Male tief durch, um sich zu beruhigen. Es wirkte nicht.
»Ich aber nicht!«, sagte er, so laut wie zuvor. »Genau in diesem Moment heckt er zusammen mit Draco Malfoy etwas aus, direkt vor Ihrer Nase, und trotzdem –«
»Darüber haben wir schon gesprochen, Harry«, sagte Dumbledore und klang nun wieder streng. »Ich habe dir meine Meinung mitgeteilt.«
»Sie verlassen heute Abend die Schule, und ich wette, Sie haben nicht einmal bedacht, dass Snape und Malfoy beschließen könnten –«
»Was beschließen könnten?«, fragte Dumbledore mit hochgezogenen Augenbrauen. »Was genau, befürchtest du, könnten sie tun?«
»Ich … die führen was im Schilde!«, sagte Harry und bei diesen Worten ballten sich seine Hände zu Fäusten. »Professor Trelawney war eben im Raum der Wünsche und wollte ihre Sherryflaschen verstecken, und sie hat Malfoy johlen und feiern gehört! Er versucht dort drin irgendetwas Gefährliches zu reparieren, und wenn Sie mich fragen, hat er es jetzt endlich geschafft, und Sie sind drauf und dran, einfach aus der Schule zu spazieren, ohne –«
»Genug«, sagte Dumbledore. Er sagte es ganz ruhig und doch verstummte Harry augenblicklich; er wusste, dass er nun endgültig eine unsichtbare Linie übertreten hatte. »Glaubst du, dass ich während der Zeiten meiner Abwesenheit in diesem Jahr die Schule auch nur ein Mal ungeschützt zurückgelassen habe? Das habe ich nie. Wenn ich heute Nacht gehe, wird erneut ein zusätzlicher Schutz eingerichtet sein. Bitte unterstelle nicht, dass ich die Sicherheit meiner Schüler nicht ernst nehme, Harry.«
»Ich wollte nicht –«, murmelte Harry, ein wenig beschämt, aber Dumbledore unterbrach ihn.
»Ich möchte nicht weiter über dieses Thema sprechen.«
Harry verkniff sich seine Erwiderung, aus Furcht, dass er zu weit gegangen war, dass er sich um die Chance gebracht hatte, Dumbledore zu begleiten, aber Dumbledore fuhr fort: »Willst du heute Nacht mit mir kommen?«
»Ja«, sagte Harry sofort.
»Na schön, dann: Hör zu.«
Dumbledore richtete sich zu seiner vollen Größe auf.
»Ich nehme dich unter einer Bedingung mit: dass du jeden Befehl befolgst, den ich dir womöglich erteile, auf der Stelle und ohne weitere Fragen.«
»Natürlich.«
»Damit wir uns richtig verstehen, Harry. Das heißt, dass du auch Befehle wie ›lauf‹, ›versteck dich‹ oder ›geh zurück‹ befolgen musst. Habe ich dein Wort darauf?«
»Ich – ja, natürlich.«
»Wenn ich dir sage, versteck dich, wirst du gehorchen?«
»Ja.«
»Wenn ich dir sage, flieh, wirst du es tun?«
»Ja.«
»Wenn ich dir sage, verlass mich und bring dich selbst in Sicherheit, wirst du meinen Worten Folge leisten?«
»Ich –«
»Harry?«
Sie sahen sich einen Moment lang an.
»Ja, Sir.«
»Sehr gut. Dann geh bitte und hol deinen Tarnumhang, wir treffen uns in fünf Minuten in der Eingangshalle.«
Dumbledore trat zurück und blickte aus dem flammenden Fenster; die Sonne war jetzt ein grelles rubinrotes Leuchten am Horizont. Harry verließ rasch das Büro und ging die Wendeltreppe hinunter. Sein Kopf war mit einem Mal seltsam klar. Er wusste, was er zu tun hatte.
Ron und Hermine saßen zusammen im Gemeinschaftsraum, als er zurückkam. »Was will Dumbledore?«, fragte Hermine sofort. »Harry, alles okay mit dir?«, fügte sie beklommen hinzu.
»Mir geht’s gut«, sagte Harry knapp und rannte an ihnen vorbei. Er stürmte die Treppe hinauf in den Schlafsaal, wo er seinen Koffer aufriss und die Karte des Rumtreibers und ein Paar verknäulte Socken hervorholte. Dann raste er die Treppe wieder hinunter in den Gemeinschaftsraum zurück und kam rutschend vor Ron und Hermine zum Stehen, die verdutzt dreinblickten.
»Ich hab nicht viel Zeit«, keuchte Harry, »Dumbledore glaubt, dass ich meinen Tarnumhang hole. Hört zu …«
Rasch erzählte er ihnen, wo er hinging und warum. Er ließ sich weder durch Hermines entsetztes Keuchen noch durch Rons hastige Fragen stören; die genauen Einzelheiten konnten sie sich später selbst zusammenreimen.
»… also, versteht ihr, was das bedeutet?«, schloss Harry eilends. »Dumbledore wird heute Nacht nicht hier sein, also hat Malfoy wieder eine gute Gelegenheit, das zu tun, was immer er vorhat. Nein, hört mir zu!«, zischte er wütend, als Ron und Hermine alle Anstalten machten, ihn zu unterbrechen. »Ich weiß, dass es Malfoy war, der im Raum der Wünsche gefeiert hat. Hier –« Er schob Hermine die Karte des Rumtreibers in die Hand. »Ihr müsst ihn überwachen, und Snape auch. Spannt sämtliche Leute von der DA ein, die ihr auftreiben könnt. Hermine, diese Galleonen, die alle benachrichtigen, funktionieren doch immer noch, oder? Dumbledore sagt, er hat die Schule mit zusätzlichem Schutz versehen, aber wenn er das mit Snape abgesprochen hat, weiß Snape, worin Dumbledores Schutz besteht und wie er ihn umgehen kann – aber dass ihr auf dem Posten seid, wird er nicht erwarten, stimmt’s?«
»Harry –«, begann Hermine, deren Augen vor Angst geweitet waren.
»Ich hab keine Zeit zu diskutieren«, sagte Harry schroff. »Das hier nehmt ihr auch –« Er drückte Ron die Socken in die Hände.
»Danke«, sagte Ron. »Ähm – wozu brauch ich Socken?«
»Du brauchst das, was dadrin eingewickelt ist, das ist Felix Felicis. Teilt es euch und gebt auch Ginny davon. Grüßt sie von mir. Ich muss mich beeilen, Dumbledore wartet –«
»Nein!«, sagte Hermine, während Ron mit ehrfurchtsvoller Miene das Fläschchen mit dem goldenen Zaubertrank auswickelte. »Wir wollen es nicht, nimm du es, wer weiß, was dich erwartet!«
»Mir wird schon nichts passieren, Dumbledore ist ja bei mir«, sagte Harry. »Ich will nur sichergehen, dass mit euch alles okay ist … Guck nicht so, Hermine, wir sehen uns später …«
Und schon war er durch das Porträtloch verschwunden und eilte in Richtung Eingangshalle.
Dumbledore wartete draußen beim Eichenportal. Er drehte sich um, als Harry auf die oberste Steinstufe herausschlitterte, heftig keuchend und mit brennendem Seitenstechen.
»Zieh bitte deinen Tarnumhang an«, bat Dumbledore und wartete, bis Harry ihn übergeworfen hatte. Dann sagte er: »Sehr gut. Gehen wir?«
Dumbledore stieg augenblicklich die steinernen Stufen hinunter und sein Reiseumhang bewegte sich kaum in der stillen Sommerluft. Harry, der immer noch keuchte und ziemlich schwitzte, eilte unter seinem Tarnumhang neben ihm her.
»Aber was werden die Leute denken, wenn man Sie weggehen sieht, Professor?«, fragte Harry und dachte an Malfoy und Snape.
»Dass ich auf ein Glas nach Hogsmeade gehe«, sagte Dumbledore leichthin. »Ab und zu statte ich Rosmerta einen Besuch ab, oder aber ich schaue im Eberkopf vorbei … jedenfalls sieht es danach aus. Es ist eine recht gute Methode, sein wahres Ziel zu verschleiern.«
In der hereinbrechenden Dämmerung gingen sie den Zufahrtsweg hinunter. Die Luft war voller Gerüche nach warmem Gras, nach Seewasser und nach dem Rauch des Holzfeuers in Hagrids Hütte. Es war kaum zu glauben, dass sie zu etwas Gefährlichem oder Furchterregendem unterwegs waren.
»Professor«, sagte Harry leise, als das Tor am Ende des Zufahrtswegs in Sicht kam, »werden wir apparieren?«
»Ja«, sagte Dumbledore. »Du kannst jetzt apparieren, denke ich?«
»Ja«, erwiderte Harry, »aber ich habe keine Erlaubnis.«
Er hielt es für das Beste, ehrlich zu sein; was wäre, wenn er alles verdarb, indem er hundert Kilometer von dort entfernt auftauchte, wo er eigentlich hinsollte?
»Macht nichts«, sagte Dumbledore. »Ich kann dir wieder helfen.«
Sie gingen durch das Tor und schlugen den dämmrigen, einsamen Weg nach Hogsmeade ein. Während sie dahingingen, senkte sich rasch die Dunkelheit über sie, und als sie die Hauptstraße erreicht hatten, wurde es endgültig Nacht. Aus den Fenstern über den Läden funkelten Lichter, und als sie sich den Drei Besen näherten, hörten sie heiseres Geschrei.
»– und lass dich hier nicht mehr blicken!«, rief Madam Rosmerta, die gerade einen schäbig aussehenden Zauberer unsanft hinauswarf. »Oh, hallo, Albus … Sie sind spät unterwegs …«
»Guten Abend, Rosmerta, guten Abend … verzeihen Sie mir, ich geh in den Eberkopf … nichts für ungut, aber mir ist heute Abend nach etwas Ruhigerem zumute …«
Eine Minute später bogen sie um die Ecke in die Seitenstraße, wo das Schild des Eberkopfes ein wenig knarzte, obwohl kein bisschen Wind ging. Im Gegensatz zu den Drei Besen schien dieses Wirtshaus völlig leer zu sein.
»Es wird wohl nicht nötig sein, dass wir reingehen«, murmelte Dumbledore und blickte sich rasch um. »Solange uns niemand verschwinden sieht … Leg jetzt bitte deine Hand auf meinen Arm, Harry. Du musst nicht allzu fest zupacken, ich führe dich nur. Ich zähle auf drei – eins … zwei … drei …«
Harry drehte sich. Er hatte sofort wieder dieses schreckliche Gefühl, als ob er durch einen dicken Gummischlauch gezwängt würde; er bekam keine Luft, alles an ihm wurde fast unerträglich zusammengequetscht, und dann, gerade als er glaubte, ersticken zu müssen, schienen die unsichtbaren Bänder aufzureißen, und er stand in kühler Dunkelheit und atmete mit tiefen Zügen frische, salzige Luft ein.
Die Höhle
Harry roch Salz und hörte Wellen brausen; eine leichte kalte Brise zerzauste ihm das Haar, während er auf das mondhelle Meer und den sternübersäten Himmel hinaussah. Er stand auf einem hohen dunklen Felsblock, und unter ihm schäumte und toste das Wasser. Er blickte über die Schulter. Hinten ragte eine mächtige Klippe auf, ein senkrechter Felssturz, schwarz und gesichtslos. Einige große Steinbrocken wie der, auf dem Harry und Dumbledore standen, machten den Eindruck, als wären sie irgendwann in der Vergangenheit aus der Klippenwand herausgebrochen. Es war eine trostlose, raue Szenerie; das Meer und der Felsen wurden durch keinen Baum, keinen Fleck Gras oder Sand belebt.
»Was denkst du?«, fragte Dumbledore, als wollte er Harrys Meinung darüber einholen, ob dies ein guter Platz für ein Picknick sei.
»Sie haben die Kinder aus dem Waisenhaus hierhergebracht?«, fragte Harry, der sich keinen ungemütlicheren Ort für einen Tagesausflug vorstellen konnte.
»Nicht direkt hierher«, sagte Dumbledore. »Hinter uns, etwa auf halbem Weg die Klippen entlang, liegt ein kleines Dorf. Man brachte die Waisen wohl dorthin, damit sie ein wenig Seeluft schnuppern und sich die Wellen ansehen konnten. Nein, ich glaube, Tom Riddle und seine jungen Opfer waren die Einzigen, die jemals bis hierher vordrangen. Für Muggel war dieser Fels unzugänglich, außer es waren sehr gute Bergsteiger, und Boote können sich den Klippen nicht nähern; die Strömungen im Umkreis sind zu gefährlich. Ich nehme an, dass Riddle hinuntergeklettert ist; Magie wird dabei sicher nützlicher gewesen sein als ein Seil. Und er brachte zwei kleine Kinder mit, vermutlich um ihnen zum Vergnügen Angst einzujagen. Ich denke, schon allein der Weg hierher hätte diesen Zweck erfüllt, meinst du nicht?«
Harry blickte von neuem die Klippe hinauf und spürte eine Gänsehaut.
»Aber sein eigentliches Ziel – und unseres – liegt noch ein Stück entfernt. Komm mit.«
Dumbledore winkte Harry zum äußersten Felsrand, wo eine Reihe ausgezackter Nischen, die den Füßen Halt boten, zu Felsblöcken hinabführten, die halb unter Wasser und näher an der Klippe lagen. Es war ein tückischer Abstieg, und Dumbledore, der ein wenig durch seine verdorrte Hand behindert war, bewegte sich langsam. Die tiefer liegenden Felsen waren glitschig vom Meerwasser. Harry spürte, wie ihm kalte salzige Gischtspritzer ins Gesicht schlugen.
»Lumos«, sagte Dumbledore, als er den Felsblock erreichte, welcher der Klippenwand am nächsten war. Tausend goldene Lichtflecke funkelten auf der dunklen Wasseroberfläche wenige Meter unterhalb der Stelle, wo er kauerte; auch die schwarze Felsmauer neben ihm war beleuchtet.
»Siehst du?«, sagte Dumbledore leise und hielt seinen Zauberstab ein wenig höher. Harry sah einen Spalt in der Klippe, in den dunkles Wasser hineinwirbelte.
»Es macht dir nichts aus, wenn du ein wenig nass wirst?«
»Nein«, sagte Harry.
»Dann nimm deinen Tarnumhang ab – der ist jetzt überflüssig – und lass uns den Sprung wagen.«
Und auf einmal so beweglich wie ein junger Mann, glitt Dumbledore von dem Felsblock, landete im Meer und begann in perfektem Bruststil auf den dunklen Schlitz in der Felswand zuzuschwimmen, den erleuchteten Zauberstab zwischen den Zähnen. Harry zog sich den Tarnumhang herunter, stopfte ihn in seine Tasche und folgte Dumbledore.
Das Wasser war eisig; Harrys vollgesogene Kleider trieben um seinen Körper und zogen ihn hinab. Er atmete tief, der scharfe Geruch von Salz und Tang drang ihm in die Nasenlöcher, und er folgte weit ausgreifend dem schimmernden, schwindenden Licht, das jetzt tiefer in die Klippe eindrang.
Der Spalt öffnete sich bald zu einem dunklen Tunnel, der, wie Harry erkennen konnte, bei Flut unter Wasser stand. Die glitschigen Wände waren kaum einen Meter voneinander entfernt und glänzten wie feuchter Teer im vorüberziehenden Licht von Dumbledores Zauberstab. Ein wenig tiefer im Innern bog der Höhlengang nach links, und Harry sah, dass er weit in die Klippe hineinreichte. Er schwamm weiter in Dumbledores Kielwasser und die Spitzen seiner tauben Finger streiften den rauen nassen Fels.
Dann sah er, wie Dumbledore mit glänzendem Silberhaar und dunklem Umhang vor ihm aus dem Wasser emporstieg. Als Harry die Stelle erreichte, fand er Stufen, die in eine große Höhle führten. Er kletterte sie hoch, und seine durchnässten Kleider trieften von Wasser, als er hemmungslos zitternd an der stillen und eiskalten Luft auftauchte.
Dumbledore stand mitten in der Höhle, hielt seinen Zauberstab in die Höhe und drehte sich langsam auf der Stelle, während er Wände und Decke absuchte.
»Ja, hier ist es«, sagte Dumbledore.
»Woher wissen Sie das?«, flüsterte Harry.
»Hier herrscht Magie«, antwortete Dumbledore nur.
Harry wusste nicht, ob er wegen der Kälte schauderte, die ihm bis ins Mark drang, oder weil er ebenfalls spürte, dass hier Zauber wirksam waren. Er beobachtete Dumbledore, der sich weiter auf der Stelle drehte und sich offenbar auf Dinge konzentrierte, die Harry nicht sehen konnte.
»Dies ist nur die Vorhalle, die Eingangshalle«, sagte Dumbledore nach einer kleinen Weile. »Wir müssen ins Innere vordringen … Nun sind es Lord Voldemorts Hindernisse, die uns im Weg stehen, und nicht mehr die von der Natur geschaffenen …«
Dumbledore näherte sich der Höhlenwand, ließ seine geschwärzten Fingerspitzen darübergleiten und murmelte Worte in einer merkwürdigen Sprache, die Harry nicht verstand. Zweimal umrundete Dumbledore den ganzen Hohlraum und berührte so viel von dem rauen Fels, wie er konnte, wobei er gelegentlich stockte und mit den Fingern über einer bestimmten Stelle hin und her strich, bis er endlich, die Hand flach gegen die Wand gedrückt, innehielt.
»Hier«, sagte er. »Wir gehen hier durch. Der Eingang ist verborgen.«
Harry fragte nicht, woher Dumbledore dies wusste. Er hatte noch nie einen Zauberer etwas auf diese Weise erkunden sehen, nur durch Beobachtung und Berühren; aber Harry hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass Knallen und Rauch öfter Zeichen von Unfähigkeit als von großem Können waren.
Dumbledore trat von der Höhlenwand zurück und richtete seinen Zauberstab auf den Fels. Einen Augenblick lang erschien dort ein bogenförmiger Umriss, strahlend weiß, als ob hinter dem Riss ein grelles Licht wäre.
»Sie h-haben es geschafft!«, sagte Harry mit klappernden Zähnen, doch noch ehe die Worte über seine Lippen kamen, war der Umriss verschwunden und der Fels so kahl und fest wie zuvor. Dumbledore sah sich um.
»Harry, tut mir sehr leid, das hab ich ganz vergessen«, sagte er; dann richtete er seinen Zauberstab auf ihn, und Harrys Kleider waren schlagartig warm und trocken, als ob sie vor einem lodernden Feuer gehangen hätten.
»Danke«, sagte Harry, aber Dumbledore hatte seine Aufmerksamkeit schon wieder der festen Höhlenwand zugewandt. Er versuchte es nicht mit einem weiteren Zauber, sondern stand nur da und starrte sie aufmerksam an, als würde etwas äußerst Interessantes darauf geschrieben stehen. Harry verharrte vollkommen reglos; er wollte Dumbledores Konzentration nicht stören.
Dann, nach zwei geschlagenen Minuten, sagte Dumbledore leise: »Oh, nicht doch. Wie primitiv.«
»Was ist, Professor?«
»Ich vermute«, sagte Dumbledore, steckte seine unverletzte Hand in seinen Umhang und zog ein kurzes silbernes Messer hervor, ähnlich wie das, mit dem Harry Zaubertrankzutaten klein schnitt, »man verlangt von uns, dass wir für den Durchgang bezahlen.«
»Bezahlen?«, sagte Harry. »Sie müssen der Tür etwas geben?«
»Ja«, sagte Dumbledore. »Blut, wenn ich nicht sehr irre.«
»Blut?«
»Ich sagte ja, es ist primitiv«, erwiderte Dumbledore, der verächtlich, ja enttäuscht klang, als ob Voldemort nicht dem Niveau entsprechen würde, das er von ihm erwartete. »Der Gedanke dabei ist, wie du sicher verstanden hast, dass der Feind sich selbst schwächen muss, ehe er oder sie eintreten darf. Wieder einmal begreift Lord Voldemort nicht, dass es viel schrecklichere Dinge gibt als körperliche Verletzungen.«
»Jaah, aber trotzdem, wenn man sie vermeiden kann …«, sagte Harry, der genug Schmerzen erlitten hatte, als dass er unbedingt noch weitere haben wollte.
»Manchmal allerdings sind sie unvermeidlich«, sagte Dumbledore, schüttelte den Ärmel seines Umhangs zurück und machte den Unterarm seiner verletzten Hand frei.
»Professor!«, protestierte Harry und stürzte vorwärts, als Dumbledore sein Messer erhob. »Ich mach es, ich bin –«
Er wusste nicht, was er sagen wollte – jünger, gesünder? Aber Dumbledore lächelte nur. Silber blitzte auf und etwas spritzte scharlachrot; die Felswand war mit dunklen, glitzernden Tropfen übersät.
»Das ist sehr freundlich von dir, Harry«, sagte Dumbledore, der nun mit der Spitze seines Zauberstabs über den tiefen Schnitt fuhr, den er seinem eigenen Arm zugefügt hatte, worauf er sofort verheilte, genau wie Snape Malfoys Wunden geheilt hatte. »Aber dein Blut ist mehr wert als meines. Ah, das scheint geklappt zu haben, nicht wahr?«
Der strahlend silberne bogenförmige Umriss war erneut an der Wand aufgetaucht und diesmal verblasste er nicht: Der blutbespritzte Felsen innerhalb des Bogens verschwand einfach und gab eine Öffnung in scheinbar völlige Dunkelheit frei.
»Nach mir, denke ich«, sagte Dumbledore und schritt durch den Bogen, dicht gefolgt von Harry, der im Gehen hastig seinen eigenen Zauberstab entzündete.
Ein unheimlicher Anblick bot sich ihren Augen: Sie standen am Rand eines großen schwarzen Sees, der so weit reichte, dass Harry die fernen Ufer nicht ausmachen konnte, inmitten einer Felsenhalle, so hoch, dass auch die Decke nicht zu sehen war. Ein nebliges grünliches Licht leuchtete in der Ferne, offenbar in der Mitte des Sees; es spiegelte sich in dem vollkommen ruhigen Wasser darunter. Der grünliche Schein und das Licht der beiden Zauberstäbe waren alles, was die ansonsten samtene Schwärze durchbrach, doch die Strahlen der Zauberstäbe drangen nicht so weit vor, wie Harry erwartet hätte. Die Dunkelheit war irgendwie dichter als gewöhnliche Dunkelheit.
»Gehen wir«, sagte Dumbledore leise. »Achte besonders darauf, dass du nicht ins Wasser trittst. Bleib nah bei mir.«
Er machte sich auf den Weg um den See herum und Harry folgte ihm auf den Fersen. Ihre Schritte hallten klatschend auf dem schmalen Felssteg, der rund um das Wasser führte. Weiter und weiter gingen sie, doch das Bild änderte sich nicht: Auf der einen Seite war die raue Felswand, auf der anderen die grenzenlose Fläche ruhiger, spiegelglatter Schwärze, in deren Mitte dieses geheimnisvolle grünliche Leuchten war. Der Ort und die Stille bedrückten und zermürbten Harry.
»Professor?«, fragte er schließlich. »Glauben Sie, dass der Horkrux hier ist?«
»O ja«, sagte Dumbledore. »Ja, ich bin mir sicher. Die Frage ist, wie kommen wir an ihn heran?«
»Könnten wir es nicht … könnten wir es nicht einfach mit einem Aufrufezauber probieren?«, fragte Harry, überzeugt, dass dies ein dummer Vorschlag war, doch es lag ihm viel mehr daran, diesen Ort so schnell wie möglich zu verlassen, als er zugeben wollte.
»Natürlich könnten wir das«, sagte Dumbledore und blieb so plötzlich stehen, dass Harry beinahe mit ihm zusammenstieß. »Warum führst du ihn nicht aus?«
»Ich? Oh … okay …«
Das hatte Harry nicht erwartet, aber er räusperte sich und sagte laut und mit erhobenem Zauberstab: »Accio Horkrux!«
Mit einem explosionsartigen Lärm brach etwa sechs Meter entfernt etwas sehr Großes und Bleiches aus dem dunklen Wasser hervor; ehe Harry erkennen konnte, was es war, verschwand es laut platschend wieder im Wasser und hinterließ große, tiefe Wellen auf der spiegelnden Oberfläche. Erschrocken sprang Harry zurück und stieß gegen die Felswand; sein Herz hämmerte noch wie wild, als er sich an Dumbledore wandte.
»Was war das?«
»Etwas, das sicher gleich reagiert, falls wir versuchen, uns den Horkrux zu beschaffen.«
Harry blickte wieder auf das Wasser. Die Oberfläche des Sees war erneut ein glänzender schwarzer Spiegel: Die Wellen waren unnatürlich schnell verschwunden; aber Harrys Herz schlug immer noch heftig.
»Haben Sie sich gedacht, dass das passieren würde, Sir?«
»Ich dachte, dass irgendetwas passieren würde, wenn wir einen offenen Versuch machen, den Horkrux in die Hände zu bekommen. Das war eine sehr gute Idee, Harry; bei weitem der einfachste Weg, um herauszufinden, womit wir es zu tun haben.«
»Aber wir wissen nicht, was das für ein Wesen war«, sagte Harry und sah auf das unheilvoll glatte Wasser.
»Was das für Wesen sind, meinst du«, erwiderte Dumbledore. »Ich bezweifle sehr, dass es nur eines davon gibt. Wollen wir weitergehen?«
»Professor?«
»Ja, Harry?«
»Glauben Sie, dass wir in den See hineinmüssen?«
»Hinein? Nur wenn wir viel Pech haben.«
»Meinen Sie nicht, dass der Horkrux auf dem Grund ist?«
»O nein … ich glaube, der Horkrux ist in der Mitte.«
Und Dumbledore deutete auf das neblige grüne Licht in der Mitte des Sees.
»Also müssen wir den See überqueren, damit wir an ihn rankommen?«
»Ja, ich denke schon.«
Harry sagte nichts. Sein Kopf war voller Seeungeheuer, Riesenschlangen, Dämonen, Kelpies und Wassergeister …
»Aha«, sagte Dumbledore und blieb erneut stehen; diesmal stieß Harry tatsächlich mit ihm zusammen; er wankte einen Moment lang am Rand des dunklen Wassers, bis Dumbledores gesunde Hand sich fest um seinen Oberarm schloss und ihn zurückzog. »Entschuldige, Harry, ich hätte dir ein Zeichen geben sollen. Tritt bitte an den Fels zurück; ich glaube, ich habe die Stelle gefunden.«
Harry hatte keine Ahnung, was Dumbledore meinte; dieser Abschnitt des dunklen Ufers unterschied sich, soweit er sehen konnte, überhaupt nicht von jeder anderen Stelle, aber Dumbledore schien hier etwas Besonderes entdeckt zu haben. Diesmal fuhr er mit der Hand nicht über die Felsmauer, sondern durch die Luft, als erwartete er, etwas Unsichtbares finden und ergreifen zu können.
»Oho«, sagte Dumbledore nach einigen Sekunden erfreut. Seine Hand hatte sich mitten in der Luft um etwas geschlossen, das Harry nicht sehen konnte. Dumbledore trat näher ans Wasser heran; Harry beobachtete nervös, wie die Spitzen seiner Schnallenschuhe den äußersten Rand des Felsufers erreichten. Dumbledore hielt die geballte Hand weiter in der Luft, während er mit der anderen Hand seinen Zauberstab hob und mit der Spitze auf seine Faust tippte.
Sofort erschien aus dem Nichts eine dicke spangrüne Kette, die sich aus der Tiefe des Wassers bis zu Dumbledores geballter Hand spannte. Dumbledore tippte gegen die Kette, und sie begann wie eine Schlange durch seine Faust zu gleiten, rollte sich mit einem Rasseln am Boden zusammen, das laut von den Felswänden widerhallte, und zog etwas aus den Tiefen des schwarzen Wassers. Harry stockte der Atem, als der geisterhafte Bug eines kleinen Bootes durch die Oberfläche brach, das genauso grün schimmerte wie die Kette und das Wasser kaum merklich kräuselte, während es auf die Stelle am Ufer zuschwamm, wo Harry und Dumbledore standen.
»Woher wussten Sie, dass es da war?«, fragte Harry erstaunt.
»Magie hinterlässt immer Spuren«, antwortete Dumbledore, als das Boot mit einem sanften Stoß ans Ufer schlug, »manchmal sehr deutliche Spuren. Ich war Tom Riddles Lehrer. Ich kenne seinen Stil.«
»Ist … ist das Boot sicher?«
»O ja, ich denke schon. Voldemort musste sich ein Hilfsmittel schaffen, um den See zu überqueren, ohne sich den Zorn jener Kreaturen zuzuziehen, die er darin ausgesetzt hatte, falls er eines Tages seinen Horkrux besuchen oder holen wollte.«
»Also werden uns die Wesen im Wasser nichts tun, wenn wir in Voldemorts Boot übersetzen?«
»Ich denke, wir müssen uns mit der Tatsache abfinden, dass sie irgendwann erkennen werden, dass wir nicht Lord Voldemort sind. Bis hierher sind wir jedoch gut vorangekommen. Sie haben uns erlaubt, das Boot zu heben.«
»Aber warum haben sie das zugelassen?«, fragte Harry, der die Vorstellung nicht loswerden konnte, dass Greifarme aus dem dunklen Wasser emporkommen würden, sobald das Ufer außer Sichtweite wäre.
»Voldemort muss einigermaßen zuversichtlich gewesen sein, dass niemand außer einem sehr großen Zauberer in der Lage sein würde, das Boot zu finden«, sagte Dumbledore. »Ich glaube, er war bereit, das aus seiner Sicht äußerst unwahrscheinliche Risiko einzugehen, dass ein anderer es finden würde, denn er wusste ja, dass er noch weitere Hindernisse aufgestellt hatte, die nur er würde durchdringen können. Wir werden sehen, ob er Recht hat.«
Harry blickte hinunter auf das Boot. Es war wirklich sehr klein.
»Es sieht nicht so aus, als wäre es für zwei Leute gebaut. Wird es uns beide tragen? Sind wir zusammen nicht zu schwer?«
Dumbledore gluckste.
»Voldemort wird sich keine Gedanken über das Gewicht gemacht haben, sondern über das Ausmaß der Zauberkraft, die den See überquert. Ich denke eher, dass ein Bann auf dieses Boot gelegt wurde, damit nur ein Zauberer auf einmal darin fahren kann.«
»Aber dann –?«
»Ich glaube nicht, dass du zählst, Harry: Du bist minderjährig und noch nicht mit der Schule fertig. Voldemort hätte wohl nie erwartet, dass ein Sechzehnjähriger diesen Ort erreicht: Ich halte es für unwahrscheinlich, dass deine Kräfte ins Gewicht fallen, wenn man sie mit meinen vergleicht.«
Diese Worte trugen keineswegs dazu bei, Harrys Moral zu heben; vielleicht wusste Dumbledore das, denn er fügte hinzu: »Voldemorts Fehler, Harry, Voldemorts Fehler … das Alter ist töricht und nachlässig, wenn es die Jugend unterschätzt … nun, diesmal lasse ich dir den Vortritt, und achte darauf, dass du das Wasser nicht berührst.«
Dumbledore trat beiseite und Harry kletterte vorsichtig in das Boot. Auch Dumbledore stieg hinein und rollte die Kette auf dem Boden auf. Sie hatten beide zusammen kaum Platz; Harry konnte nicht bequem sitzen, sondern kauerte sich hin, und seine Knie ragten über den Rand des Bootes, das sich sofort in Bewegung setzte. Außer dem sanften Rauschen, mit dem der Bug das Wasser teilte, war nichts zu hören; das Boot bewegte sich ohne ihr Zutun, als ob ein unsichtbares Tau es vorwärtsziehen würde, zu dem Licht in der Mitte hin. Bald konnten sie die Wände der Felsenhalle nicht mehr erkennen; sie hätten auch auf dem Meer sein können, nur gab es keine Wellen.
Harry blickte hinunter und sah die goldene Spiegelung vom Licht seines Zauberstabs auf dem schwarzen Wasser funkeln und glitzern, während sie dahinglitten. Das Boot schnitt tiefe Rillen in die glatte Oberfläche, Furchen in den dunklen Spiegel …
Und dann sah er sie, marmorweiß, nur Zentimeter unter der Oberfläche schwebend.
»Professor!«, sagte Harry und seine erschrockene Stimme hallte laut über das stille Wasser.
»Harry?«
»Ich glaube, ich habe eine Hand im Wasser gesehen – eine menschliche Hand!«
»Ja, das überrascht mich nicht«, sagte Dumbledore ruhig.
Harry starrte ins Wasser hinunter, auf der Suche nach der Hand, die verschwunden war, und ein Brechreiz überkam ihn.
»Dieses Wesen, das aus dem Wasser gesprungen ist, war also –?«
Aber Harry wusste es, noch ehe Dumbledore antworten konnte; das Licht des Zauberstabs war über eine neue Stelle im Wasser geglitten und hatte ihm diesmal einen toten Mann gezeigt, der mit dem Gesicht nach oben wenige Zentimeter unter der Oberfläche lag; seine offenen Augen waren wie von Spinnweben verschleiert, sein Haar und sein Umhang wirbelten um ihn herum wie Rauch.
»Dadrin sind Leichen!«, sagte Harry, und seine Stimme klang viel höher als gewöhnlich und hörte sich sehr fremd an.
»Ja«, sagte Dumbledore gelassen, »aber vorläufig müssen wir uns deswegen keine Sorgen machen.«
»Vorläufig?«, wiederholte Harry und riss sich vom Anblick des Wassers los, um Dumbledore anzusehen.
»Nicht solange sie nur friedlich unter uns dahintreiben«, sagte Dumbledore. »Von einer Leiche ist nichts zu befürchten, Harry, genauso wenig wie von der Dunkelheit. Lord Voldemort, der insgeheim natürlich beides fürchtet, ist da anderer Meinung. Aber er zeigt wieder einmal seinen Mangel an Weisheit. Es ist das Unbekannte, das wir angesichts von Tod und Dunkelheit fürchten, sonst nichts.«
Harry schwieg; er wollte nicht widersprechen, aber er fand die Vorstellung, dass Leichen um sie und unter ihnen hertrieben, grauenhaft, und mehr noch, er glaubte nicht, dass sie ungefährlich waren.
»Aber eine von ihnen ist rausgesprungen«, sagte er und versuchte dabei, einen so ausgeglichenen und ruhigen Ton anzuschlagen wie Dumbledore. »Als ich den Horkrux aufrufen wollte, ist eine Leiche aus dem See gesprungen.«
»Ja«, sagte Dumbledore. »Ich bin sicher, dass sie uns, sobald wir den Horkrux mitnehmen, weniger friedlich begegnen werden. Aber wie viele Kreaturen, die in Kälte und Dunkelheit leben, fürchten sie Licht und Wärme, und die werden wir uns deshalb zu Hilfe rufen, falls es nötig sein sollte. Feuer, Harry«, fügte Dumbledore mit einem Lächeln hinzu, als Antwort auf Harrys verwirrte Miene.
»Oh … verstehe …«, sagte Harry rasch. Er wandte den Kopf und spähte zu dem grünlichen Schein, auf den das Boot immer noch unaufhaltsam zusteuerte. Jetzt konnte er nicht mehr so tun, als hätte er keine Angst. Der große schwarze See, der von Toten wimmelte … es kam ihm vor, als wären viele, viele Stunden vergangen, seit er Professor Trelawney getroffen, seit er Ron und Hermine den Felix Felicis gegeben hatte … er wünschte plötzlich, er hätte sich besser von ihnen verabschiedet … und Ginny hatte er überhaupt nicht gesehen …
»Wir sind gleich da«, sagte Dumbledore munter.
Tatsächlich, das grünliche Licht schien nun endlich größer zu werden, und nach wenigen Minuten kam das Boot zum Stillstand, indem es sanft gegen etwas stieß, das Harry zunächst nicht sehen konnte. Doch als er seinen leuchtenden Zauberstab hob, erkannte er, dass sie eine kleine Insel aus glattem Fels mitten im See erreicht hatten.
»Gib Acht, dass du das Wasser nicht berührst«, sagte Dumbledore erneut, als Harry aus dem Boot kletterte.
Die Insel war nicht größer als Dumbledores Büro: eine ebene dunkle Steinfläche, auf der nichts als die Quelle des grünlichen Lichtes stand, das viel heller wirkte, wenn man es von nahem erblickte. Harry sah es mit zusammengekniffenen Augen an; im ersten Moment hielt er es für eine Art Lampe, doch dann erkannte er, dass das Licht aus einem steinernen Becken ganz in der Art des Denkariums kam, das auf einem Sockel stand.
Dumbledore näherte sich dem Becken und Harry folgte ihm. Seite an Seite standen sie da und sahen hinein. Das Becken war mit einer smaragdgrünen Flüssigkeit gefüllt, von der dieses phosphoreszierende Leuchten ausging.
»Was ist das?«, fragte Harry leise.
»Ich bin mir nicht sicher«, sagte Dumbledore. »Aber jedenfalls etwas Beunruhigenderes als Blut und Leichen.«
Dumbledore schob den Ärmel seines Umhangs über seine geschwärzte Hand zurück und streckte die Spitzen seiner verbrannten Finger nach der Oberfläche des Zaubertranks aus.
»Sir, nein, nicht berühren –!«
»Ich kann es nicht berühren«, sagte Dumbledore und lächelte matt. »Siehst du? Ich komme nicht näher heran als bis hier. Versuch du es.«
Mit starrem Blick steckte Harry seine Hand in das Becken und versuchte den Zaubertrank zu berühren. Er traf auf eine unsichtbare Blockade, die verhinderte, dass er näher als drei Zentimeter herankam. Wie heftig er auch drückte, seine Finger stießen nur auf etwas wie feste und unnachgiebige Luft.
»Geh bitte zur Seite, Harry«, sagte Dumbledore.
Er hob seinen Zauberstab und machte komplizierte Bewegungen über der Oberfläche des Tranks, wobei er stumm die Lippen bewegte. Nichts geschah, außer dass der Zaubertrank vielleicht ein wenig heller leuchtete. Harry schwieg, während Dumbledore beschäftigt war, doch nach einer Weile zog Dumbledore seinen Zauberstab zurück, und Harry hatte den Eindruck, dass er getrost wieder etwas sagen konnte.
»Glauben Sie, dass der Horkrux dadrin ist, Sir?«
»O ja.« Dumbledore schaute noch genauer in das Becken. Harry sah sein Gesicht kopfüber in der glatten Oberfläche des grünen Tranks gespiegelt. »Aber wie kommen wir an ihn heran? Dieser Zaubertrank kann nicht von Hand durchdrungen werden, zum Verschwinden gebracht, geteilt, leer geschöpft oder abgesaugt werden, und auch nicht verwandelt, verzaubert oder auf irgendeine andere Art dazu gebracht werden, seine Beschaffenheit zu ändern.«
Beinahe geistesabwesend hob Dumbledore erneut seinen Zauberstab, ließ ihn einmal durch die Luft wirbeln und fing den Kristallkelch auf, den er aus dem Nichts heraufbeschworen hatte.
»Ich kann nur zu dem Schluss kommen, dass dieser Zaubertrank getrunken werden soll.«
»Was?«, sagte Harry. »Nein!«
»Doch, ich denke schon: Nur indem ich ihn trinke, kann ich das Becken leeren und sehen, was auf seinem Grund liegt.«
»Aber wenn – wenn er Sie tötet?«
»Oh, ich bezweifle, dass dies seine Wirkung ist«, sagte Dumbledore leichthin. »Lord Voldemort würde die Person, die diese Insel erreicht, nicht töten wollen.«
Harry war fassungslos. War dies ein neues Beispiel für Dumbledores verrückte Entschlossenheit, in jedem nur das Gute zu sehen?
»Sir«, sagte Harry und versuchte seine Stimme überzeugend klingen zu lassen, »Sir, es geht hier um Voldemort –«
»Verzeihung, Harry, ich hätte besser sagen sollen, er würde die Person, die diese Insel erreicht, nicht sofort töten wollen«, korrigierte sich Dumbledore. »Er würde sie lange genug am Leben lassen, um herauszufinden, wie sie es geschafft hat, so weit durch seine Abwehrzauber zu dringen, und vor allem, warum sie so erpicht darauf war, das Becken zu leeren. Vergiss nicht, dass Lord Voldemort glaubt, nur er allein wisse von seinen Horkruxen.«
Harry wollte wieder etwas sagen, aber diesmal hob Dumbledore seine Hand, um ihm Schweigen zu gebieten. Er sah mit einem leichten Stirnrunzeln auf die smaragdgrüne Flüssigkeit und dachte offenbar scharf nach.
»Es gibt keinen Zweifel«, sagte er schließlich, »dass dieser Zaubertrank auf eine Art wirken muss, die mich daran hindert, den Horkrux wegzunehmen. Er könnte mich lähmen, mich vergessen machen, wozu ich eigentlich hier bin, mir so viel Schmerzen bereiten, dass ich abgelenkt werde, oder mich auf irgendeine andere Weise handlungsunfähig machen. Sollte dies der Fall sein, Harry, ist es deine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass ich weitertrinke, selbst wenn du den Trank in meinen aufbegehrenden Mund leeren musst. Hast du verstanden?«
Ihre Blicke trafen sich über dem Becken; beide blassen Gesichter waren von jenem seltsamen grünen Licht erhellt. Harry sagte nichts. War das der Grund, weshalb er hatte mitkommen dürfen – damit er Dumbledore mit Gewalt einen Zaubertrank einflößen konnte, der ihm vielleicht unerträgliche Schmerzen bereitete?
»Du erinnerst dich«, sagte Dumbledore, »an die Bedingung, unter der ich dich mitgenommen habe?«
Harry zögerte und blickte in die blauen Augen, die das Licht des Beckens grün widerspiegelten.
»Aber was, wenn –?«
»Du hast geschworen, jeden Befehl zu befolgen, den ich dir erteilen würde, richtig?«
»Ja, aber –«
»Ich habe dich gewarnt, dass es gefährlich werden könnte, richtig?«
»Ja«, sagte Harry, »aber –«
»Nun, dann«, sagte Dumbledore, schüttelte erneut seine Ärmel zurück und hob den leeren Kelch, »ist dies mein Befehl.«
»Warum kann nicht ich an Ihrer Stelle den Zaubertrank trinken?«, fragte Harry verzweifelt.
»Weil ich viel älter, viel klüger und viel weniger wert bin«, sagte Dumbledore. »Ein für alle Mal, Harry, habe ich dein Wort, dass du alles in deiner Macht Stehende tun wirst, damit ich weitertrinke?«
»Könnte nicht –?«
»Habe ich es?«
»Aber –«
»Dein Wort, Harry.«
»Ich – also gut, aber –«
Ehe Harry weiter protestieren konnte, ließ Dumbledore den Kristallkelch in das Becken sinken. Für den Bruchteil einer Sekunde hoffte Harry, dass Dumbledore nicht in der Lage wäre, den Zaubertrank mit dem Kelch zu berühren, doch das Kristall tauchte in die Oberfläche, wie nichts sonst es getan hatte; als das Glas randvoll war, hob Dumbledore es an den Mund.
»Auf dein Wohl, Harry.«
Und er leerte den Kelch. Harry sah entsetzt zu, die Hände so fest an den Beckenrand geklammert, dass seine Fingerspitzen taub waren.
»Professor?«, sagte er beklommen, als Dumbledore das leere Glas sinken ließ. »Wie geht es Ihnen?«
Dumbledore schüttelte mit geschlossenen Augen den Kopf. Harry fragte sich, ob er Schmerzen hatte. Blindlings tauchte Dumbledore das Glas wieder ins Becken, füllte es auf und trank noch einmal.
Stumm leerte er drei Kelche mit dem Zaubertrank. Dann, mitten im vierten Kelch, geriet er ins Wanken und stürzte vornüber gegen das Becken. Seine Augen waren noch immer geschlossen und er atmete schwer.
»Professor Dumbledore?«, sagte Harry mit angespannter Stimme. »Können Sie mich hören?«
Dumbledore antwortete nicht. Sein Gesicht zuckte, als würde er tief schlafen, aber einen furchtbaren Traum träumen. Sein Griff um den Kelch lockerte sich; gleich würde der Zaubertrank verschüttet werden. Harry streckte die Hand aus, packte den Kristallkelch und hielt ihn fest.
»Professor, können Sie mich hören?«, wiederholte er laut und seine Stimme hallte durch die Höhle.
Dumbledore keuchte und sprach dann mit einer Stimme, die Harry nicht erkannte, denn er hatte Dumbledore noch nie so angsterfüllt sprechen hören.
»Ich will nicht … zwing mich nicht …«
Harry starrte in das erbleichte Gesicht, das er so gut kannte, auf die Hakennase und die Halbmondbrille, und wusste nicht, was er tun sollte.
»… möchte nicht … will aufhören …«, stöhnte Dumbledore.
»Sie … Sie können nicht aufhören, Professor«, sagte Harry. »Sie müssen weitertrinken, erinnern Sie sich? Sie haben mir gesagt, dass Sie weitertrinken müssen. Hier …«
Er hasste sich, und es widerte ihn an, was er tat, aber Harry führte den Kelch an Dumbledores Mund zurück und neigte ihn, so dass Dumbledore den restlichen Zaubertrank darin schluckte.
»Nein …«, stöhnte er, als Harry den Kelch wieder in das Becken tauchte und für ihn füllte. »Ich will nicht … ich will nicht … lass mich los …«
»Es ist schon gut, Professor«, sagte Harry und seine Hand zitterte. »Es ist schon gut, ich bin da –«
»Lass es aufhören, lass es aufhören«, stöhnte Dumbledore.
»Ja … ja, das hier noch, dann hört es auf«, log Harry. Er kippte den Inhalt des Kelches in Dumbledores offenen Mund.
Dumbledore schrie; der Schrei hallte durch die riesige Höhle, über das tote schwarze Wasser.
»Nein, nein, nein … nein … ich kann nicht … ich kann nicht, zwing mich nicht, ich will nicht …«
»Es ist schon gut, Professor, es ist schon gut!«, sagte Harry laut, und seine Hände zitterten jetzt so schlimm, dass er kaum den sechsten Kelch mit Zaubertrank füllen konnte; das Becken war jetzt halb leer. »Es passiert Ihnen nichts, Sie sind in Sicherheit, das hier ist nicht wirklich, ich schwöre, es ist nicht wirklich – nehmen Sie jetzt den, nehmen Sie …«
Und Dumbledore trank gehorsam, als würde Harry ihm einen Heiltrank anbieten, doch als er den Kelch geleert hatte, sank er haltlos zitternd auf die Knie.
»Es ist alles meine Schuld, alles meine Schuld«, schluchzte er, »bitte lass es aufhören, ich weiß, dass ich Falsches getan habe, oh, bitte lass es aufhören, und ich werde nie, nie mehr …«
»Das hier noch, dann hört es auf, Professor«, sagte Harry, und seine Stimme brach, als er das siebte Glas Zaubertrank in Dumbledores Mund kippte.
Dumbledore kauerte sich nun zusammen, als würden unsichtbare Folterer ihn umzingeln; er fuchtelte wild mit der Hand und schlug Harry beinah den gefüllten Kelch aus den zitternden Händen, dabei stöhnte er: »Tu ihnen nicht weh, tu ihnen nicht weh, bitte, bitte, es ist meine Schuld, tu doch mir weh …«
»Hier, trinken Sie das, trinken Sie das, dann wird es Ihnen gut gehen«, sagte Harry verzweifelt, und abermals gehorchte ihm Dumbledore und öffnete den Mund, während er die Augen fest geschlossen hielt und es ihn am ganzen Körper schüttelte.
Und nun fiel er vornüber, schrie erneut auf, hämmerte mit den Fäusten auf den Boden, während Harry den neunten Kelch füllte.
»Bitte, bitte, bitte, nein … nicht das, nicht das, ich tu alles …«
»Trinken Sie nur, Professor, trinken Sie nur …«
Dumbledore trank wie ein verdurstendes Kind, doch als er fertig war, schrie er wieder, als würden seine Eingeweide brennen.
»Nichts mehr, bitte, nichts mehr …«
Harry schöpfte einen zehnten Kelch mit dem Zaubertrank voll und spürte, wie das Kristall über den Beckenboden schürfte.
»Wir haben es fast geschafft, Professor, trinken Sie das, trinken Sie …«
Er hielt Dumbledore an den Schultern und Dumbledore leerte erneut das Glas; Harry war wieder auf den Beinen und füllte den Kelch, als Dumbledore qualvoller denn je zu schreien begann: »Ich will sterben! Ich will sterben! Lass es aufhören, lass es aufhören, ich will sterben!«
»Trinken Sie das, Professor, trinken Sie …«
Dumbledore trank, und kaum hatte er den Kelch geleert, brüllte er: »TÖTE MICH!«
»Mit diesem – mit diesem hier!«, keuchte Harry. »Trinken Sie nur … dann ist es vorbei … endgültig vorbei!«
Dumbledore nahm hastige Schlucke aus dem Kelch, leerte ihn bis auf den letzten Tropfen, und dann wälzte er sich mit einem schweren, rasselnden Keuchen herum und blieb auf dem Gesicht liegen.
»Nein!«, schrie Harry, der aufgestanden war, um den Kelch erneut zu füllen; er ließ ihn stattdessen ins Becken fallen, warf sich neben Dumbledore zu Boden und stemmte ihn auf den Rücken; Dumbledores Brille saß schief, sein Mund stand offen, seine Augen waren geschlossen. »Nein«, sagte Harry und schüttelte Dumbledore, »nein, Sie sind nicht tot, Sie sagten, es sei kein Gift, aufwachen, aufwachen – Rennervate!«, rief er, den Zauberstab auf Dumbledores Brust gerichtet; ein roter Blitz leuchtete auf, doch nichts geschah. »Rennervate – Sir – bitte –«
Dumbledores Augenlider zuckten; Harry fasste Mut.
»Sir, sind Sie –?«
»Wasser«, krächzte Dumbledore.
»Wasser«, keuchte Harry, »– ja –«
Er sprang auf und packte den Kelch, den er in das Becken hatte fallen lassen; von dem goldenen Medaillon, das mit eingerollter Kette darunterlag, nahm er kaum Notiz.
»Aguamenti!«, rief er und stieß mit seinem Zauberstab gegen den Kelch.
Der Kelch füllte sich mit klarem Wasser; Harry sank neben Dumbledore auf die Knie, hob seinen Kopf und hielt ihm das Glas an die Lippen – doch es war leer. Dumbledore stöhnte und begann zu keuchen.
»Aber ich hatte doch – warten Sie – Aguamenti!«, wiederholte Harry und richtete seinen Zauberstab auf den Kelch. Wieder glitzerte eine Sekunde lang klares Wasser darin, doch als er es an Dumbledores Mund führte, verschwand das Wasser abermals.
»Sir, ich versuche es ja, ich versuche es!«, sagte Harry verzweifelt, aber er glaubte nicht, dass Dumbledore ihn hören konnte; er hatte sich auf die Seite gerollt und atmete mit schweren, rasselnden Zügen, die schmerzhaft klangen. »Aguamenti – Aguamenti – AGUAMENTI!«
Der Kelch füllte und leerte sich noch einmal. Und nun wurde Dumbledores Atem schwächer. Während Harry panische Gedanken durch den Kopf wirbelten, erkannte er instinktiv die einzig verbliebene Möglichkeit, Wasser zu beschaffen, denn Voldemort hatte es so geplant …
Er warf sich über den Felsrand, tauchte den Kelch in den See und holte ihn wieder hoch, bis oben hin voll mit eisigem Wasser, das nicht verschwand.
»Hier – Sir!«, schrie Harry, stürzte vorwärts und kippte das Wasser ungeschickt über Dumbledores Gesicht.
Mehr brachte er nicht fertig, denn das eisige Gefühl an seinem anderen Arm, der nicht den Kelch hielt, rührte nicht von der nachklingenden Kälte des Wassers her. Eine schleimige weiße Hand hatte ihn am Handgelenk gepackt, und die Kreatur, zu der sie gehörte, zog ihn langsam über den Fels zurück. Die Oberfläche des Sees war nicht mehr spiegelglatt; sie war aufgewühlt, und wo Harry auch hinsah, tauchten weiße Köpfe und Hände aus dem dunklen Wasser auf, Männer und Frauen und Kinder mit tief liegenden, blinden Augen bewegten sich auf den Fels zu: eine Armee von Toten, die dem schwarzen Wasser entstieg.
»Petrificus Totalus!«, schrie Harry und suchte verzweifelt nach Halt auf dem glatten, nassen Fels der Insel, während er seinen Zauberstab auf den Inferius richtete, der seinen Arm gepackt hatte: Der Inferius ließ ihn los und stürzte klatschend rücklings ins Wasser. Harry rappelte sich hoch; doch viele weitere Inferi kletterten bereits auf den Felsen, klammerten sich mit ihren knochigen Händen an seine glitschige Oberfläche, richteten ihre leeren, milchigen Augen auf Harry, zogen triefende Lumpen hinter sich her und grinsten ihn aus ihren eingefallenen Gesichtern heimtückisch an.
»Petrificus Totalus!«, brüllte Harry von neuem und wich zurück, während er seinen Zauberstab durch die Luft schwang; sechs oder sieben von ihnen brachen zusammen, doch es kamen weitere auf ihn zu. »Impedimenta! Incarcerus!«
Manche von ihnen stolperten, ein oder zwei waren mit Seilen gefesselt, aber jene, die hinter ihnen auf den Fels kletterten, stiegen einfach über die gestürzten Leichen oder traten auf sie. Harry peitschte immer noch mit dem Zauberstab durch die Luft und schrie: »Sectumsempra! SECTUMSEMPRA!«
Doch obwohl tiefe Risse in ihren durchweichten Lumpen und auf ihrer eiskalten Haut sichtbar wurden, gab es kein Blut, das sie vergießen konnten: Sie gingen weiter, empfindungslos, die runzligen Hände nach ihm ausgestreckt, und als er noch weiter zurückwich, spürte er, wie Arme ihn von hinten umschlangen, dünne, fleischlose Arme, kalt wie der Tod, und er verlor den Boden unter den Füßen, als sie ihn hochhoben und ihn langsam und unerbittlich in Richtung Wasser zurücktrugen, und er wusste, es würde kein Entkommen geben, er würde ertränkt und ein weiterer toter Wächter eines Teils von Voldemorts zerbrochener Seele werden …
Doch dann loderte Feuer durch die Dunkelheit: karminrot und golden, ein Ring aus Feuer, der den Fels umschloss, so dass die Inferi, die Harry so fest hielten, stolperten und zauderten; sie wagten es nicht, durch die Flammen zu gehen, um zum Wasser zu gelangen. Sie ließen Harry fallen; er schlug auf, rutschte auf dem Fels aus, fiel hin und schürfte sich die Arme auf, kämpfte sich aber wieder hoch, hob seinen Zauberstab und starrte umher.
Dumbledore war wieder auf den Beinen, bleich wie all die Inferi ringsherum, doch auch größer als sie alle, und das Feuer tanzte in seinen Augen; er hatte seinen Zauberstab wie eine Fackel erhoben, und aus dessen Spitze brachen die Flammen hervor wie ein riesiges Lasso und hüllten sie alle in Wärme.
Die Inferi rannten gegeneinander und versuchten blindlings, dem Feuer zu entkommen, in dem sie eingeschlossen waren …
Dumbledore nahm das Medaillon vom Boden des Steinbeckens und steckte es in seinen Umhang. Mit einer stummen Geste gebot er Harry, an seine Seite zu kommen. Abgelenkt von den Flammen, schienen die Inferi nicht zu bemerken, dass ihre Beute im Begriff war zu fliehen, während Dumbledore Harry zurück zum Boot führte und der Feuerring um sie herum sich mit ihnen bewegte. Die verwirrten Inferi begleiteten sie bis zum Felsrand, wo sie dankbar in ihr schwarzes Wasser zurückglitten.
Harry, der am ganzen Körper zitterte, fürchtete einen Moment, Dumbledore würde nicht fähig sein, in das Boot zu klettern; er schwankte leicht, als er es versuchte; all seine Kräfte schienen darauf gerichtet, den schützenden Flammenring um sie herum zu erhalten. Harry stützte ihn und half ihm zurück auf seinen Platz. Sobald beide wieder eng zusammengedrängt und sicher im Boot waren, setzte es sich in Bewegung, von dem Felsen weg und zurück über das schwarze Wasser, noch immer umgeben von dem Feuerring, und es schien, als würden die Inferi, die unter ihnen umherschwärmten, es nicht wagen, wieder aufzutauchen.
»Sir«, keuchte Harry, »Sir, ich habe – das mit dem Feuer – vergessen – sie kamen auf mich zu und ich geriet in Panik –«
»Völlig verständlich«, murmelte Dumbledore. Harry war besorgt, weil seine Stimme so schwach klang.
Mit einem leichten Stoß gelangten sie ans Ufer. Harry sprang hinaus und drehte sich rasch herum, um Dumbledore zu helfen. Kaum hatte Dumbledore das Ufer erreicht, ließ er seine Hand mit dem Zauberstab sinken; der Feuerring verschwand, aber die Inferi kamen nicht noch einmal aus dem Wasser. Das kleine Boot sank wieder ins Wasser; klirrend und rasselnd glitt auch seine Kette in den See zurück. Dumbledore seufzte schwer und lehnte sich an die Wand der Felsenhalle.
»Ich bin schwach …«, sagte er.
»Keine Sorge, Sir«, sagte Harry sofort, beunruhigt, wie furchtbar blass und offensichtlich erschöpft Dumbledore war. »Machen Sie sich keine Sorgen, ich bring uns zurück … stützen Sie sich auf mich, Sir …«
Und Harry legte sich Dumbledores unverletzten Arm über die Schulter und führte seinen Schulleiter um den See herum zurück, wobei fast sein gesamtes Gewicht auf ihm lastete.
»Alles in allem … war der Schutz … gut ausgedacht«, sagte Dumbledore mit schwacher Stimme. »Einer allein hätte es nicht geschafft … du hast dich sehr gut geschlagen, Harry, sehr gut …«
»Sprechen Sie jetzt nicht«, sagte Harry, entsetzt, wie undeutlich Dumbledores Stimme geworden war, wie sehr er die Füße schlurfen ließ, »schonen Sie Ihre Kräfte, Sir … wir sind bald draußen …«
»Der Bogen wird sich wieder verschlossen haben … mein Messer …«
»Nicht nötig, ich hab mich am Fels geschnitten«, sagte Harry bestimmt, »sagen Sie mir einfach, wo …«
»Hier …«
Harry wischte mit dem aufgeschürften Unterarm über den Stein: Nachdem der Bogen seinen Blutzoll erhalten hatte, öffnete er sich augenblicklich. Sie durchquerten die äußere Höhle, und Harry half Dumbledore zurück in das eisige Meerwasser, das die Spalte in der Klippe füllte.
»Es wird alles gut werden, Sir«, sagte Harry immer und immer wieder und war besorgter über Dumbledores Schweigen, als er es über seine geschwächte Stimme gewesen war. »Wir sind fast da … ich kann uns beide zurückapparieren … keine Sorge …«
»Ich mache mir keine Sorgen, Harry«, sagte Dumbledore, trotz des eisigen Wassers nun mit etwas kräftigerer Stimme. »Du bist ja bei mir.«
Der vom Blitz getroffene Turm
Sobald sie wieder unter dem Sternenhimmel waren, wuchtete Harry Dumbledore auf den nächsten Felsblock und dann auf die Beine. Durchnässt und zitternd und noch immer unter der Last von Dumbledores Gewicht, konzentrierte Harry sich stärker, als er es je getan hatte, auf sein Ziel: Hogsmeade. Er schloss die Augen, packte Dumbledores Arm, so fest er konnte, machte einen Schritt vorwärts und empfand wieder dieses furchtbare Gefühl, zusammengepresst zu werden.
Noch ehe er die Augen aufschlug, wusste er, dass es ihm gelungen war: Der Salzgeruch, die Meeresbrise waren verschwunden. Er und Dumbledore standen zitternd und triefend mitten auf der dunklen Hauptstraße von Hogsmeade. Einen schrecklichen Moment lang tauchten in Harrys Phantasie weitere Inferi auf, die um die Läden herum auf ihn zukrochen, aber dann blinzelte er und sah, dass sich nichts regte; alles war still, es herrschte völlige Dunkelheit, die nur ein paar Straßenlaternen und erleuchtete Fenster in den oberen Stockwerken durchbrachen.
»Wir haben es geschafft, Professor!«, flüsterte Harry mühsam; er merkte plötzlich, dass er einen stechenden Schmerz in der Brust hatte. »Wir haben es geschafft! Wir haben den Horkrux!«
Dumbledore taumelte gegen ihn. Im ersten Moment dachte Harry, sein unerfahrenes Apparieren hätte Dumbledore aus dem Gleichgewicht gebracht; dann sah er sein Gesicht, so fahl und klamm wie nie zuvor, im Licht einer fernen Straßenlaterne.
»Alles in Ordnung mit Ihnen, Sir?«
»Es ging mir schon besser«, sagte Dumbledore matt, allerdings mit zuckenden Mundwinkeln. »Dieser Zaubertrank … das war kein Heiltrank …«
Und zu Harrys Entsetzen sank Dumbledore zu Boden.
»Sir – es ist schon gut, Sir, Sie werden wieder gesund, keine Sorge –«
Verzweifelt blickte er sich nach Hilfe um, doch niemand war zu sehen, und er konnte an nichts anderes denken, als dass er Dumbledore schnellstmöglich in den Krankenflügel schaffen musste.
»Wir müssen Sie hoch zur Schule bringen, Sir … Madam Pomfrey …«
»Nein«, sagte Dumbledore. »Es ist … Professor Snape, den ich brauche … aber ich glaube nicht … ich bin immer noch gut zu Fuß …«
»Gut – hören Sie, Sir – ich klopf an eine Tür und such einen Platz, wo Sie bleiben können – dann kann ich losrennen und Madam –«
»Severus«, sagte Dumbledore deutlich. »Ich brauche Severus …«
»Also gut, dann Snape – aber ich muss Sie einen Moment allein lassen, damit ich –«
Doch ehe Harry etwas tun konnte, hörte er hastige Schritte. Sein Herz schlug höher: Jemand hatte sie gesehen, jemand wusste, dass sie Hilfe brauchten – und als er sich umschaute, sah er Madam Rosmerta die dunkle Straße entlang auf sie zutrippeln, auf hochhackigen, puscheligen Pantoletten und in einem seidenen Morgenrock, der mit Drachen bestickt war.
»Ich ziehe gerade im Schlafzimmer die Vorhänge zu, da sehe ich Sie apparieren! Dem Himmel sei Dank, dem Himmel sei Dank, ich wusste nicht, was – aber was ist mit Albus los?«
Sie blieb keuchend stehen und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf Dumbledore.
»Er ist verletzt«, sagte Harry. »Madam Rosmerta, kann er in die Drei Besen kommen, während ich zur Schule hochgehe und Hilfe für ihn hole?«
»Sie können da nicht allein hochgehen! Wissen Sie nicht – haben Sie nicht gesehen –?«
»Wenn Sie mir helfen, ihn zu stützen«, sagte Harry, ohne ihr zuzuhören, »können wir ihn reinbringen, denke ich –«
»Was ist passiert?«, fragte Dumbledore. »Rosmerta, was ist los?«
»Das – das Dunkle Mal, Albus.«
Und sie deutete zum Himmel über Hogwarts. Ein Grauen überlief Harry bei diesen Worten … Er wandte sich um und sah hoch.
Dort schwebte er, am Himmel über der Schule: der leuchtende grüne Totenkopf mit der Schlangenzunge, das Zeichen, das die Todesser hinterließen, wann immer sie in ein Gebäude eingedrungen waren … wo immer sie gemordet hatten …
»Wann ist es aufgetaucht?«, fragte Dumbledore, und seine Hand krallte sich schmerzhaft in Harrys Schulter, während er mühsam aufstand.
»Muss vor ein paar Minuten gewesen sein, es war nicht da, als ich die Katze rausließ, aber als ich nach oben ging –«
»Wir müssen sofort zum Schloss zurück«, sagte Dumbledore. »Rosmerta«, und obwohl er leicht wankte, schien er die Lage völlig im Griff zu haben, »wir brauchen ein Transportmittel – Besen –«
»Ich habe zwei hinter der Bar«, sagte sie und sah sehr verängstigt aus. »Soll ich sie schnell holen gehen –?«
»Nein, Harry kann das erledigen.«
Harry hob sofort seinen Zauberstab.
»Accio Rosmertas Besen.«
Eine Sekunde später hörten sie die Tür des Pubs laut krachend aufschlagen; zwei Besen schossen heraus und jagten einander die Straße entlang bis an Harrys Seite, wo sie schlagartig und leicht zitternd auf Hüfthöhe anhielten.
»Rosmerta, bitte schicken Sie eine Nachricht ins Ministerium«, sagte Dumbledore und bestieg den Besen neben ihm. »Es könnte sein, dass in Hogwarts noch niemand bemerkt hat, dass etwas nicht stimmt … Harry, zieh dir deinen Tarnumhang über.«
Harry zog den Tarnumhang aus seiner Tasche und warf ihn sich über, ehe er auf seinen Besen stieg; Madam Rosmerta wackelte schon wieder zurück zu ihrem Pub, als Harry und Dumbledore sich vom Boden abstießen und in die Luft stiegen. Während sie auf das Schloss zurasten, spähte Harry seitwärts zu Dumbledore hinüber, bereit, ihn festzuhalten, falls er stürzen sollte, doch der Anblick des Dunklen Mals schien fast stimulierend auf Dumbledore gewirkt zu haben: Er saß tief nach vorne gebeugt auf seinem Besen, die Augen auf das Mal geheftet, und sein langes Silberhaar und der Bart wehten in der Nachtluft. Auch Harry blickte voraus auf den Totenkopf, und die Furcht schwoll wie eine giftige Blase in ihm an, drückte ihm gegen die Lungen und vertrieb alle anderen Sorgen aus seinem Kopf …
Wie lange waren sie fort gewesen? War Rons, Hermines und Ginnys Glück inzwischen zur Neige gegangen? War jemand von ihnen die Ursache dafür, dass das Mal über der Schule heraufbeschworen worden war, oder war es Neville oder Luna oder ein anderes Mitglied der DA? Und wenn es so war … er selbst war es doch gewesen, der ihnen gesagt hatte, sie sollten durch die Korridore patrouillieren, er selbst hatte sie aufgefordert, ihre sicheren Betten zu verlassen … würde er erneut für den Tod eines Freundes verantwortlich sein?
Als sie über dem dunklen, gewundenen Weg dahinflogen, den sie am Abend hinuntergegangen waren, hörte Harry durch das Pfeifen der Nachtluft in seinen Ohren, wie Dumbledore wieder in einer fremdartigen Sprache vor sich hin murmelte. Harry meinte zu wissen, warum, als er spürte, wie sein Besen kurz bebte, während sie über die Grenzmauer ins Schlossgelände flogen: Dumbledore hob die Bänne auf, die er selbst rund um das Schloss gelegt hatte, damit sie schnell hineinkamen. Das Dunkle Mal strahlte direkt über dem Astronomieturm, dem höchsten des Schlosses. Bedeutete das, es war dort zu dem Tod gekommen?
Dumbledore war bereits über die Zinnen auf den Turm geflogen und stieg ab; Sekunden später landete Harry neben ihm und sah sich um.
Niemand war hier oben. Die Tür zur Wendeltreppe, die ins Schloss hinunterführte, war geschlossen. Es gab keine Spur eines Kampfes, einer Auseinandersetzung auf Leben und Tod, einer Leiche.
»Was hat das zu bedeuten?«, fragte Harry Dumbledore und blickte zu dem grünen Totenkopf mit der Schlangenzunge hoch, der bösartig über ihnen funkelte. »Ist es das echte Mal? Wurde wirklich jemand – Professor?«
In dem schwachen grünen Schein des Mals sah Harry, wie Dumbledore sich mit seiner geschwärzten Hand an die Brust griff.
»Geh und weck Severus«, sagte Dumbledore kraftlos, aber deutlich. »Berichte ihm, was geschehen ist, und bring ihn zu mir. Tu nichts anderes, sprich mit niemand sonst und nimm deinen Tarnumhang nicht ab. Ich warte hier.«
»Aber –«
»Du hast geschworen, mir zu gehorchen, Harry – geh!«
Harry eilte hinüber zur Tür, die zur Wendeltreppe führte, doch kaum hatte sich seine Hand um den eisernen Türring geschlossen, hörte er auf der anderen Seite eilige Schritte. Er wandte sich zu Dumbledore um, der ihm mit einer Geste bedeutete, von der Tür wegzugehen. Harry wich zurück und zog seinen Zauberstab.
Die Tür sprang auf und jemand stürzte heraus und schrie: »Expelliarmus!«
Harrys Körper wurde sofort steif und unbeweglich, er spürte, wie er rücklings gegen die Brustwehr fiel, und dann lehnte er dort wie eine wackelige Statue, unfähig, sich zu bewegen oder zu sprechen. Er konnte nicht begreifen, wie das passiert war – Expelliarmus war kein Erstarrungszauber –
Dann, im Licht des Mals, sah er Dumbledores Zauberstab in hohem Bogen über die Brustwehr fliegen und begriff … Dumbledore hatte Harry ohne ein Wort gelähmt, und die Sekunde, die er gebraucht hatte, um den Zauber auszuführen, hatte ihn um die Möglichkeit gebracht, sich selbst zu verteidigen.
Dumbledore, der ganz weiß im Gesicht mit dem Rücken zur Brustwehr stand, zeigte nach wie vor keine Spur von Panik oder Beklommenheit. Er blickte den, der ihn entwaffnet hatte, nur an und sagte: »Guten Abend, Draco.«
Malfoy trat vor, sah sich rasch um und vergewisserte sich, ob er und Dumbledore tatsächlich allein waren. Sein Blick fiel auf den zweiten Besen.
»Wer ist noch hier?«
»Eine Frage, die ich Ihnen stellen könnte. Oder handeln Sie auf eigene Faust?«
Harry sah im grünlichen Schein des Mals, wie Malfoys blasse Augen zu Dumbledore zurückwanderten.
»Nein«, sagte er. »Ich habe Unterstützung. Es sind heute Abend Todesser in Ihrer Schule.«
»Schön, schön«, sagte Dumbledore, als würde Malfoy ihm einen ehrgeizigen Hausaufgabenentwurf zeigen. »Wirklich sehr gut. Sie haben also einen Weg gefunden, sie hereinzulassen?«
»Jaah«, sagte Malfoy, der nun keuchte. »Direkt vor Ihrer Nase, und Sie haben es überhaupt nicht bemerkt!«
»Raffiniert«, sagte Dumbledore. »Aber … verzeihen Sie mir … wo sind sie jetzt? Sie scheinen auf sich gestellt zu sein.«
»Sie sind auf ein paar von Ihren Wachen gestoßen. Sie kämpfen unten. Sie werden gleich kommen … ich bin vorausgegangen. Ich – ich habe eine Aufgabe zu erledigen.«
»Nun, dann müssen Sie loslegen und es tun, mein Lieber«, sagte Dumbledore leise.
Stille trat ein. Harry, der gefangen in seinem unsichtbaren gelähmten Körper dastand, starrte die beiden an und lauschte angestrengt auf Geräusche vom fernen Kampf der Todesser, und Draco Malfoy vor ihm tat nichts, als Albus Dumbledore anzustarren, der unglaublicherweise lächelte.
»Draco, Draco, Sie sind kein Mörder.«
»Woher wollen Sie das wissen?«, erwiderte Malfoy sofort.
Er schien zu merken, wie kindisch seine Worte geklungen hatten; Harry sah ihn im grünlichen Licht des Mals erröten.
»Sie wissen nicht, wozu ich fähig bin«, sagte Malfoy nun mit größerem Nachdruck, »Sie wissen nicht, was ich getan habe!«
»O doch, das weiß ich«, sagte Dumbledore milde. »Sie hätten um ein Haar Katie Bell und Ronald Weasley getötet. Sie haben mit zunehmender Verzweiflung das ganze Jahr über versucht, mich zu töten. Verzeihen Sie mir, Draco, aber das waren schwache Versuche … um ehrlich zu sein, so schwach, dass ich mich frage, ob Sie wirklich mit ganzem Herzen dabei waren …«
»Das war ich!«, sagte Malfoy heftig. »Ich habe das ganze Jahr daran gearbeitet, und heute Nacht –«
Von irgendwo tief unten im Schloss hörte Harry einen erstickten Schrei. Malfoy erstarrte und warf einen Blick über seine Schulter.
»Da liefert sich jemand einen heftigen Kampf«, sagte Dumbledore beiläufig. »Aber Sie meinten gerade … ja, es ist Ihnen gelungen, Todesser in meine Schule hineinzubringen, was ich, zugegebenermaßen, für unmöglich hielt … wie haben Sie das gemacht?«
Aber Malfoy sagte nichts: Er horchte noch auf das Geschehen unten und schien fast so gelähmt wie Harry.
»Vielleicht sollten Sie die Aufgabe alleine erledigen«, schlug Dumbledore vor. »Was, wenn Ihre Unterstützung an meinen Wachen gescheitert ist? Wie Ihnen vielleicht aufgefallen ist, sind heute Nacht auch Mitglieder des Phönixordens hier. Und im Grunde brauchen Sie doch keine Hilfe … ich habe im Moment keinen Zauberstab … ich kann mich nicht verteidigen.«
Malfoy starrte ihn nur an.
»Ich verstehe«, sagte Dumbledore freundlich, als Malfoy sich weder bewegte noch sprach. »Sie haben Angst, etwas zu tun, bevor sie bei Ihnen sind.«
»Ich habe keine Angst!«, knurrte Malfoy wütend, machte jedoch immer noch keine Anstalten, Dumbledore anzugreifen. »Sie sind der, der Angst haben sollte!«
»Aber warum denn? Ich glaube nicht, dass Sie mich töten werden, Draco. Töten ist nicht annähernd so einfach, wie naive Menschen glauben … Also sagen Sie mir doch, während wir auf Ihre Freunde warten … wie haben Sie die hier hereingeschmuggelt? Es hat Sie offenbar viel Zeit gekostet, herauszufinden, wie Sie es schaffen können.«
Malfoy sah aus, als würde er gerade den Drang unterdrücken, loszuschreien oder sich zu übergeben. Er schluckte, holte einige Male tief Luft, richtete seinen Zauberstab direkt auf Dumbledores Herz und starrte ihn wütend an. Dann sagte er, als könnte er nicht an sich halten: »Ich musste das kaputte Verschwindekabinett reparieren, das seit Jahren keiner mehr benutzt hat. Das, in dem Montague letztes Jahr verloren gegangen ist.«
»Aaaah.«
Dumbledores Seufzer war eher ein Stöhnen. Er schloss für einen Moment die Augen.
»Das war schlau … es gibt ein zweites, nehme ich an?«
»Das Gegenstück ist bei Borgin und Burkes«, sagte Malfoy, »und zwischen den beiden gibt es eine Art Durchgang. Montague hat mir erzählt, als er in dem von Hogwarts steckte, sei er irgendwo im Ungewissen gefangen gewesen, aber manchmal habe er hören können, was in der Schule vor sich ging, und manchmal, was im Laden los war, als ob das Kabinett sich dazwischen hin- und herbewegte, aber Montague selber konnte sich bei niemandem bemerkbar machen … Am Ende hat er es dann geschafft, herauszuapparieren, obwohl er seine Prüfung noch gar nicht bestanden hatte. Das hat ihn fast umgebracht. Alle hielten es für eine richtig gute Geschichte, aber ich war der Einzige, der erkannt hat, was sie wirklich bedeutete – selbst Borgin wusste es nicht –, ich habe erkannt, dass es durch die Kabinette einen Weg nach Hogwarts geben könnte, wenn ich das kaputte richten würde.«
»Sehr gut«, murmelte Dumbledore. »Die Todesser konnten also von Borgin und Burkes aus in die Schule gelangen, um Ihnen zu helfen … ein schlauer Plan, ein sehr schlauer Plan … und, wie Sie sagen, direkt vor meiner Nase …«
»Jaah«, sagte Malfoy, der aus Dumbledores Lob seltsamerweise Mut und Trost zu schöpfen schien. »Jaah, allerdings!«
»Aber es gab Zeiten«, fuhr Dumbledore fort, »in denen Sie nicht sicher waren, dass es Ihnen gelingen würde, das Kabinett zu reparieren, nicht wahr? Und Sie griffen auf plumpe und unüberlegte Maßnahmen zurück, indem Sie mir zum Beispiel ein Halsband schickten, auf dem ein Fluch lag und das unweigerlich in die falschen Hände geraten musste … indem Sie Met vergifteten, den ich höchstwahrscheinlich gar nicht trinken würde …«
»Ja, mag sein, und trotzdem haben Sie nicht gewusst, wer hinter alldem steckte, oder?«, höhnte Malfoy, während Dumbledore, der offenbar immer weniger Kraft in den Beinen hatte, ein Stück an der Brustwehr hinunterrutschte und Harry vergeblich und stumm gegen die Beschwörung ankämpfte, die ihn fesselte.
»Ich habe es sehr wohl gewusst«, sagte Dumbledore. »Ich war mir sicher, dass Sie es waren.«
»Warum haben Sie mich dann nicht aufgehalten?«, fragte Malfoy.
»Ich habe es versucht, Draco. Professor Snape hat Sie auf meine Anweisung hin überwacht –«
»Er hat nicht Ihre Anweisung ausgeführt, er hat meiner Mutter versprochen –«
»Natürlich hat er so etwas zu Ihnen gesagt, Draco, aber –«
»Er ist ein Doppelagent, Sie dummer alter Mann, er arbeitet nicht für Sie, das bilden Sie sich nur ein!«
»Ich fürchte, in diesem Punkt sind wir verschiedener Meinung. Es ist nun einmal so, dass ich Professor Snape vertraue –«
»Tja, dann setzt es bei Ihnen allmählich aus!«, höhnte Malfoy. »Er hat mir ständig seine Hilfe angeboten – weil er den ganzen Ruhm für sich haben will – und selber ein wenig mitmischen möchte – ›Was machen Sie eigentlich? Haben Sie das mit dem Halsband getan, das war dumm, es hätte alles zunichtemachen können –‹ Aber ich habe ihm nicht erzählt, was ich im Raum der Wünsche getan habe. Wenn er morgen aufwacht, ist alles schon vorbei, und er ist nicht mehr der Liebling des Dunklen Lords, er wird nichts sein im Vergleich zu mir, nichts!«
»Sehr befriedigend«, sagte Dumbledore milde. »Wir schätzen es natürlich alle, wenn wir Anerkennung für unsere harte Arbeit bekommen … aber Sie müssen trotzdem einen Komplizen gehabt haben … jemanden in Hogsmeade, jemanden, der in der Lage war, Katie das – das – aaah …«
Dumbledore schloss erneut die Augen und nickte, als würde er gleich einschlafen.
»… natürlich … Rosmerta. Wie lange steht sie schon unter dem Imperius-Fluch?«
»Endlich draufgekommen, was?«, spottete Malfoy.
Erneut drang ein Schrei von unten herauf, um einiges lauter als der letzte. Malfoy blickte abermals nervös über seine Schulter, dann wandte er sich wieder Dumbledore zu, der fortfuhr: »Also war die arme Rosmerta gezwungen, in ihrem eigenen Klo zu lauern und das Halsband irgendeiner Hogwarts-Schülerin zu übergeben, die alleine hereinkam? Und der vergiftete Met … nun, natürlich, Rosmerta konnte ihn für Sie vergiften, ehe sie die Flasche an Slughorn schickte, in dem Glauben, dass es mein Weihnachtsgeschenk sein sollte … ja, das passt alles sehr gut … wirklich sehr gut … der arme Mr Filch würde natürlich nicht daran denken, eine Flasche von Rosmerta zu kontrollieren … sagen Sie mir, wie haben Sie sich mit Rosmerta verständigt? Ich dachte, wir hätten alle Kommunikationswege ins Schloss hinein und hinaus überwacht.«
»Verzauberte Münzen«, sagte Malfoy, wie unter einem Zwang weiterzusprechen, während sein Zauberstab heftig zitterte. »Ich hatte eine und sie hatte die andere und ich konnte ihr Nachrichten schicken –«
»Ist das nicht das geheime Kommunikationsmittel, das von der Gruppe, die sich Dumbledores Armee nennt, letztes Jahr benutzt wurde?«, fragte Dumbledore. Er sprach in leichtem Plauderton, aber Harry sah ihn dabei einige Zentimeter weiter die Wand hinabgleiten.
»Jaah, die haben mich auf die Idee gebracht«, sagte Malfoy mit einem schiefen Lächeln. »Und auch die Idee, den Met zu vergiften, hab ich von dem Schlammblut Granger, ich habe gehört, wie sie in der Bibliothek darüber gesprochen hat, dass Filch keine Zaubertränke erkennt …«
»Bitte verwenden Sie dieses beleidigende Wort nicht in meiner Gegenwart«, sagte Dumbledore.
Malfoy lachte schroff.
»Es schert Sie, dass ich ›Schlammblut‹ sage, jetzt, wo ich Sie doch gleich umbringen werde?«
»Ja, in der Tat«, sagte Dumbledore, und Harry sah seine Füße ein wenig über den Boden rutschen, während er sich mühsam aufrecht zu halten versuchte. »Aber was die Sache betrifft, dass Sie mich gleich umbringen wollen, Draco, hatten Sie eben einige lange Minuten Zeit. Wir sind ganz allein. Sie finden mich noch wehrloser vor, als Sie es sich hätten träumen lassen, und dennoch haben Sie es nicht getan …«
Malfoy verzog unwillkürlich den Mund, als ob er etwas sehr Bitteres gekostet hätte.
»Nun, was heute Nacht angeht«, fuhr Dumbledore fort, »wundert es mich ein wenig, wie das geschehen konnte … Sie wussten, dass ich die Schule verlassen hatte? Aber natürlich«, beantwortete er seine eigene Frage, »Rosmerta hat mich gehen sehen, sie gab Ihnen sicher den Hinweis mit Hilfe Ihrer raffinierten Münzen …«
»Richtig«, sagte Malfoy, »aber sie sagte, Sie würden nur kurz was trinken gehen, Sie wären bald zurück …«
»Nun, etwas getrunken habe ich zweifellos … und ich kam zurück … so schlecht und recht«, murmelte Dumbledore. »Also haben Sie beschlossen, mir eine Falle zu stellen?«
»Wir haben beschlossen, das Dunkle Mal über dem Turm aufsteigen zu lassen und Sie dazu zu bringen, schnell hier hochzukommen, um nachzusehen, wer getötet wurde«, sagte Malfoy. »Und es hat geklappt!«
»Nun … ja und nein …«, sagte Dumbledore. »Aber verstehe ich Sie richtig, dass niemand ermordet wurde?«
»Es ist jemand tot«, sagte Malfoy, und seine Stimme schien eine Oktave höher zu rutschen, als er das sagte. »Jemand von Ihren Leuten … ich weiß nicht, wer, es war dunkel … ich bin über die Leiche gestiegen … ich sollte hier oben auf Ihre Rückkehr warten, doch Ihre Phönixleute sind mir in die Quere gekommen …«
»Ja, das haben sie so an sich«, sagte Dumbledore.
Von unten waren ein Knall und Schreie zu hören, lauter als zuvor; es klang, als würde direkt auf der Wendeltreppe gekämpft, die auf den Turm hinaufführte, wo Dumbledore, Malfoy und Harry standen, und Harrys Herz hämmerte ungehört in seiner unsichtbaren Brust … jemand war tot … Malfoy war über die Leiche gestiegen … aber wer war es?
»Wie auch immer, es bleibt wenig Zeit«, sagte Dumbledore. »Also lassen Sie uns über Ihre Möglichkeiten sprechen, Draco.«
»Meine Möglichkeiten!«, entgegnete Malfoy laut. »Ich stehe hier mit einem Zauberstab – ich werde Sie gleich töten –«
»Wir sollten uns da nichts mehr vormachen, mein Lieber. Wenn Sie mich hätten töten wollen, hätten Sie es getan, als Sie mich mit Ihrem Zauber entwaffnet hatten, Sie hätten sich nicht durch diese vergnügliche Plauderei über Mittel und Wege aufhalten lassen.«
»Ich habe keine Wahl!«, sagte Malfoy, der plötzlich so weiß war wie Dumbledore. »Ich muss es tun! Er bringt mich um! Er bringt meine ganze Familie um!«
»Mir ist bewusst, wie schwierig Ihre Lage ist«, sagte Dumbledore. »Warum sonst habe ich Sie nicht längst schon zur Rede gestellt? Weil ich wusste, man würde Sie ermorden, wenn Lord Voldemort merken würde, dass ich Sie verdächtige.«
Malfoy zuckte bei der Erwähnung des Namens.
»Ich habe es nicht gewagt, mit Ihnen über die Mission zu reden, von der ich wusste, denn er hatte womöglich Legilimentik gegen Sie eingesetzt«, fuhr Dumbledore fort. »Aber jetzt können wir endlich offen miteinander reden … es ist kein Schaden verursacht worden, Sie haben niemanden verletzt, auch wenn Sie von großem Glück reden können, dass Ihre unbeabsichtigten Opfer überlebt haben … ich kann Ihnen helfen, Draco.«
»Nein, das können Sie nicht«, sagte Malfoy und seine Zauberstabhand bebte nun wirklich heftig. »Niemand kann das. Er hat mir befohlen, es zu tun, oder er wird mich töten. Ich habe keine Wahl.«
»Kommen Sie auf die richtige Seite, Draco, und wir können Sie besser verstecken, als Sie es sich auch nur vorstellen können. Mehr noch, ich kann heute Nacht Mitglieder des Ordens zu Ihrer Mutter schicken, um sie ebenfalls zu verstecken. Ihr Vater ist im Augenblick in Askaban sicher … zu gegebener Zeit können wir auch ihn schützen … kommen Sie auf die richtige Seite, Draco … Sie sind kein Mörder …«
Malfoy starrte Dumbledore an.
»Aber ich bin doch so weit gekommen, oder?«, sagte er langsam. »Die haben gedacht, ich würde bei dem Versuch sterben, aber ich bin hier … und Sie sind in meiner Gewalt … ich habe den Zauberstab … Sie sind mir gnadenlos ausgeliefert …«
»Nein, Draco«, sagte Dumbledore leise. »Es ist meine Gnade und nicht Ihre, die jetzt entscheidend ist.«
Malfoy schwieg. Sein Mund stand offen, seine Hand mit dem Zauberstab zitterte unentwegt. Harry meinte, sie ein klein wenig sinken zu sehen –
Doch plötzlich kamen polternde Schritte die Treppe herauf, und im nächsten Augenblick wurde Malfoy beiseitegedrängt, als vier Leute in schwarzen Umhängen durch die Tür oben auf den Turm gestürmt kamen. Harry war noch immer gelähmt, und seine Augen starrten, ohne zu blinzeln, voller Angst auf die vier Fremden: Offenbar hatten die Todesser den Kampf unten gewonnen.
Ein schwerfällig wirkender Mann mit einem merkwürdigen schiefen Grinsen ließ ein rasselndes Kichern hören.
»Dumbledore in der Falle!«, sagte er und wandte sich an eine stämmige kleine Frau, die aussah, als könnte sie seine Schwester sein, und die begierig grinste. »Dumbledore ohne Zauberstab, Dumbledore allein! Gut gemacht, Draco, gut gemacht!«
»Guten Abend, Amycus«, sagte Dumbledore ruhig, als würde er den Mann zu einer Teegesellschaft begrüßen. »Und Alecto haben Sie auch mitgebracht … wie reizend …«
Die Frau stieß ein kurzes, wütendes Kichern aus.
»Sie glauben wohl, Ihre kleinen Scherze helfen Ihnen auf dem Sterbebett?«, höhnte sie.
»Scherze? Aber nein, das sind gute Manieren«, erwiderte Dumbledore.
»Tu es«, sagte der Fremde, der Harry am nächsten stand, ein großer, schlaksiger Mann mit mattgrauem Haar und einem Backenbart, dessen schwarzer Todesserumhang unbequem eng wirkte. Er hatte eine Stimme, wie Harry sie noch nie gehört hatte: Es war eine Art schnarrendes Bellen. Harry konnte einen starken Geruch von Schmutz, Schweiß und, unverkennbar, Blut wahrnehmen, der von ihm ausging. Seine schmutzigen Hände hatten lange, gelbliche Fingernägel.
»Sind Sie das, Fenrir?«, fragte Dumbledore.
»Ganz recht«, schnarrte der andere. »Erfreut, mich zu sehen, Dumbledore?«
»Nein, das kann ich nicht gerade sagen …«
Fenrir Greyback grinste und zeigte seine spitzen Zähne. Blut tröpfelte ihm übers Kinn, und er leckte sich langsam und widerlich die Lippen.
»Aber Sie wissen, wie sehr ich Kinder mag, Dumbledore.«
»Heißt das, dass Sie jetzt sogar ohne Vollmond angreifen? Das ist höchst ungewöhnlich … Sie haben eine Vorliebe für Menschenfleisch entwickelt, die nicht bei einer Gelegenheit im Monat befriedigt werden kann?«
»Ganz recht«, sagte Greyback. »Das schockt Sie, oder, Dumbledore? Macht Ihnen Angst?«
»Nun, ich kann nicht verhehlen, dass es mich ein wenig anwidert«, sagte Dumbledore. »Und, ja, ich bin etwas schockiert, dass Draco hier ausgerechnet Sie aufgefordert hat, in die Schule zu kommen, wo seine Freunde leben …«
»Hab ich nicht«, hauchte Malfoy. Er sah Greyback nicht an; er wollte ihm offenbar nicht einmal einen kurzen Blick zuwerfen. »Ich wusste nicht, dass er kommen würde –«
»Ich würde mir eine Gelegenheit, nach Hogwarts zu kommen, nicht entgehen lassen, Dumbledore«, schnarrte Greyback. »Nicht, wenn es Kehlen aufzureißen gibt … köstlich, köstlich …«
Und mit einem gierigen Seitenblick auf Dumbledore hob er einen gelben Fingernagel und kratzte an seinen Vorderzähnen.
»Ich könnte Sie zum Nachtisch nehmen, Dumbledore …«
»Nein«, sagte der vierte Todesser scharf. Er hatte ein grobschlächtiges, brutal aussehendes Gesicht. »Wir haben Befehle. Draco muss es tun. Also, Draco, schnell jetzt.«
Malfoy wirkte unentschlossener denn je. Er schien voller Angst, als er Dumbledore ins Gesicht starrte, das noch blasser war und zu dem er nun hinabblicken musste, da Dumbledore so weit an der Brustwehr hinuntergerutscht war.
»Wenn ihr mich fragt, ist er ohnehin bald nicht mehr von dieser Welt«, sagte der Mann mit dem schiefen Grinsen, begleitet vom rasselnden Kichern seiner Schwester. »Seht ihn euch an – was ist denn los mit Ihnen, Dumby?«
»Oh, geschwächte Widerstandskraft, langsamere Reflexe, Amycus«, sagte Dumbledore. »Kurz, das Alter … eines Tages wird es Ihnen vielleicht auch so ergehen … wenn Sie Glück haben …«
»Was soll das denn heißen, Mann, was soll das denn heißen?«, schrie der Todesser plötzlich heftig. »Ist immer das Gleiche mit Ihnen, stimmt’s, Dumby, reden und nichts tun, nichts, ich weiß nicht mal, warum sich der Dunkle Lord überhaupt die Mühe macht, Sie umzubringen! Komm schon, Draco, tu es!«
Doch in diesem Moment waren erneut Kampfgeräusche von unten zu hören und eine Stimme rief: »Sie haben die Treppe versperrt – Reducto! REDUCTO!«
Harrys Herz schlug höher: Also hatten diese vier nicht den gesamten Widerstand niedergeschlagen, sondern waren nur durch das Kampfgetümmel gebrochen und auf den Turm hinaufgestürmt, und wie es sich anhörte, hatten sie eine Barriere hinter sich aufgebaut –
»Also, Draco, schnell!«, sagte der Mann mit dem brutalen Gesicht wütend.
Aber Malfoys Hand zitterte so stark, dass er kaum zielen konnte.
»Ich tu es«, knurrte Greyback und ging mit ausgestreckten Händen und gefletschten Zähnen auf Dumbledore zu.
»Ich sagte nein!«, rief der Mann mit den brutalen Zügen; es gab einen Lichtblitz, und der Werwolf wurde aus dem Weg gesprengt; er schlug gegen die Brustwehr und richtete sich taumelnd und mit wütendem Blick auf. Harrys Herz pochte so heftig, dass es unmöglich schien, dass niemand ihn hören konnte, wie er gefangen durch Dumbledores Zauber dastand – wenn er sich nur bewegen könnte, dann könnte er unter seinem Tarnumhang hervor einen Fluch losschicken –
»Draco, tu es, oder geh beiseite, damit einer von uns –«, kreischte die Frau, doch genau in diesem Moment sprang die Tür zum Turm erneut auf und da stand Snape, den Zauberstab in der Hand, und seine schwarzen Augen huschten über die Szene, von Dumbledore, der an der Mauer zusammengesackt war, über die vier Todesser mitsamt dem wütenden Werwolf bis zu Malfoy.
»Wir haben ein Problem, Snape«, sagte der schwerfällige Amycus, Augen und Zauberstab gleichermaßen auf Dumbledore gerichtet, »der Junge ist offenbar nicht fähig –«
Doch noch jemand hatte Snapes Namen ausgesprochen, ganz leise.
»Severus …«
Dieser Laut jagte Harry mehr Angst ein als alles, was er den ganzen Abend über erlebt hatte. Es war das erste Mal, dass Dumbledore flehte.
Snape sagte nichts, sondern trat vor und stieß Malfoy grob aus dem Weg. Die drei Todesser wichen wortlos zurück. Selbst der Werwolf wirkte eingeschüchtert.
Snape starrte Dumbledore einen Moment lang an, und Abscheu und Hass zeichneten sich auf den harten Zügen seines Gesichts ab.
»Severus … bitte …«
Snape hob seinen Zauberstab und richtete ihn direkt auf Dumbledore.
»Avada Kedavra!«
Ein Strahl grünen Lichts schoss aus der Spitze von Snapes Zauberstab und traf Dumbledore mitten in die Brust. Harrys Entsetzensschrei kam nie über seine Lippen; er war gezwungen, stumm und reglos mit anzusehen, wie Dumbledore in die Luft geschleudert wurde: Für den Bruchteil einer Sekunde schien er unter dem leuchtenden Totenkopf in der Schwebe zu bleiben, dann fiel er langsam, wie eine große Stoffpuppe, rücklings über die Zinnen und verschwand.
Die Flucht des Prinzen
Harry war, als würde auch er durch die Luft geschleudert; es war nicht geschehen … es konnte nicht geschehen sein …
»Raus hier, schnell«, sagte Snape.
Er packte Malfoy am Genick und drängte ihn vor den anderen durch die Tür; Greyback und die beiden untersetzten Geschwister folgten ihnen, Bruder wie Schwester aufgeregt keuchend. Als sie durch die Tür verschwanden, spürte Harry, dass er sich wieder bewegen konnte; jetzt war es nicht Magie, die ihn wie gelähmt an die Mauer bannte, sondern Grauen und Entsetzen. Gerade als der Todesser mit dem brutalen Gesicht als Letzter den Turm verließ, warf Harry den Tarnumhang ab.
»Petrificus Totalus!«
Der Todesser knickte ein, als hätte ihn etwas Schweres im Rücken getroffen, und fiel steif wie eine Wachsfigur zu Boden, doch kaum war er aufgeschlagen, stieg Harry schon über ihn hinweg und jagte die dunkle Treppe hinab.
Panische Angst zerrte an Harry … er musste zu Dumbledore und er musste Snape kriegen … irgendwie hing beides zusammen … er konnte das Geschehene rückgängig machen, wenn er beide zusammen hatte … Dumbledore konnte nicht gestorben sein …
Er übersprang die letzten zehn Stufen der Wendeltreppe und blieb mit erhobenem Zauberstab stehen, wo er gelandet war: Der spärlich beleuchtete Korridor war voller Staub; die halbe Decke schien eingestürzt zu sein, und vor ihm tobte ein Kampf, doch während er noch herauszufinden versuchte, wer gegen wen kämpfte, hörte er die verhasste Stimme rufen: »Es ist vorbei, Zeit zu gehen!«, und sah Snape am anderen Ende des Korridors um die Ecke verschwinden; er und Malfoy schienen sich unversehrt einen Weg durch das Kampfgetümmel gebahnt zu haben. Als Harry ihnen hinterherstürmte, löste sich einer der Kämpfer aus dem Durcheinander und schoss auf ihn zu: Es war Greyback, der Werwolf. Ehe Harry seinen Zauberstab heben konnte, hatte er sich auf ihn gestürzt: Harry fiel hintenüber, schmutziges, verfilztes Haar im Gesicht, Schweiß- und Blutgestank in Nase und Mund, heißen, gierigen Atem an der Kehle –
»Petrificus Totalus!«
Harry spürte, wie Greyback über ihm zusammenbrach; mit ungeheurer Anstrengung schob er den Werwolf von sich herunter auf den Boden, als ein grüner Lichtstrahl auf ihn zugeflogen kam; er duckte sich und rannte Hals über Kopf ins Getümmel. Seine Füße stießen auf etwas Weiches und Rutschiges am Boden und er geriet ins Straucheln: Da lagen zwei Körper, mit dem Gesicht in einer Blutlache, doch er hatte keine Zeit, genauer hinzuschauen: Vor sich sah er jetzt rotes Haar wie Flammen auflodern: Ginny steckte mitten im Kampf mit dem plumpen Todesser Amycus, der unablässig Flüche nach ihr schleuderte, denen sie ein ums andere Mal auswich: Amycus, der den Zeitvertreib genoss, kicherte: »Crucio – Crucio – du kannst nicht ewig tanzen, hübsches –«
»Impedimenta!«, schrie Harry.
Sein Zauber traf Amycus in die Brust: Er quiekte vor Schmerz wie ein Schwein, wurde von den Füßen gerissen und krachte an die Wand gegenüber, rutschte daran herunter und verschwand hinter Ron, Professor McGonagall und Lupin außer Sicht, die jeder mit einem anderen Todesser kämpften. Noch weiter hinten sah Harry Tonks mit einem riesigen blonden Zauberer ringen, der Flüche kreuz und quer durch die Gegend schoss, so dass sie von den Wänden ringsumher abprallten, Steine bersten und das nächste Fenster zerspringen ließen –
»Harry, wo kommst du her?«, rief Ginny, aber es war keine Zeit, ihr zu antworten. Er zog den Kopf ein und spurtete los, wobei er gerade noch einem Geschoss auswich, das über seinem Kopf explodierte und einen Schauer von Mauersplittern über alle niedergehen ließ: Snape durfte nicht entkommen, er musste Snape einholen –
»Nimm das!«, rief Professor McGonagall, und Harry sah, wie die Todesserin Alecto, die Arme über dem Kopf, durch den Korridor davonrannte, dicht gefolgt von ihrem Bruder. Harry setzte ihnen nach, blieb jedoch mit dem Fuß irgendwo hängen und lag im nächsten Moment quer über den Beinen von irgendjemandem: Er wandte sich um und sah Nevilles bleiches rundes Gesicht flach am Boden.
»Neville, bist du –?«
»Alles okay mit mir«, murmelte Neville und hielt sich den Bauch. »Harry … Snape un’ Malfoy … sin’ vorbeigerannt …«
»Ich weiß, ich mach schon!«, sagte Harry und ließ vom Boden aus einen Zauber auf den riesigen blonden Todesser los, der das meiste Chaos verursachte: Der Mann heulte vor Schmerz auf, als der Zauber ihn ins Gesicht traf; er wirbelte herum, taumelte und stampfte davon, dem Geschwisterpaar hinterher.
Harry rappelte sich hoch und begann den Korridor entlangzurennen, ohne auf das Knallen hinter ihm zu achten, auf die Rufe der anderen, er solle zurückkommen, und auf die stummen Schreie der Gestalten am Boden, deren Schicksal er noch nicht kannte …
Er schleuderte um die Ecke, da seine Turnschuhe rutschig vom Blut waren; Snape hatte einen gewaltigen Vorsprung – war es möglich, dass er bereits im Raum der Wünsche war und das Kabinett betreten hatte, oder hatte der Orden Schritte unternommen, den Raum zu sichern, um zu verhindern, dass sich die Todesser auf diesem Weg zurückzogen? Während er den nächsten leeren Korridor entlangraste, konnte er nichts hören außer seine eigenen stampfenden Füße und sein hämmerndes Herz, doch dann sah er einen blutigen Fußabdruck, der bewies, dass zumindest einer der fliehenden Todesser den Weg zum Schlossportal eingeschlagen hatte – vielleicht war der Raum der Wünsche tatsächlich versperrt –
Er schleuderte um eine weitere Ecke und ein Fluch flog an ihm vorbei; er tauchte hinter einer Rüstung ab, die explodierte; er sah die beiden Todessergeschwister die Marmortreppe vor ihm hinunterrennen und schoss ihnen Flüche hinterher, traf aber nur ein paar Hexen mit Perücken in einem Porträt auf dem Treppenabsatz, die kreischend in benachbarte Gemälde rannten; als er über die zertrümmerte Rüstung sprang, hörte Harry noch mehr Rufe und Schreie; andere Leute im Schloss schienen aufgewacht zu sein …
Er stürmte auf eine Abkürzung zu, in der Hoffnung, er könnte das Geschwisterpaar überholen und den Abstand zu Snape und Malfoy verkürzen, die inzwischen sicher schon draußen auf dem Gelände waren; er vergaß nicht, die verschwindende Stufe in der Mitte der verborgenen Treppe zu überspringen, und brach durch einen Wandbehang an deren Fuß hinaus auf einen Korridor, wo einige verwirrte Hufflepuffs in Schlafanzügen standen.
»Harry! Wir haben Lärm gehört und jemand sagte was vom Dunklen Mal –«, begann Ernie Macmillan.
»Aus dem Weg!«, schrie Harry und stieß zwei Jungen beiseite, als er auf den Treppenabsatz zuraste und die letzten Stufen der Marmortreppe hinuntereilte. Das Eichenportal war aufgesprengt worden; die Steinplatten waren blutverschmiert, und etliche verängstigte Schüler standen gegen die Wand gedrängt, ein oder zwei kauerten noch mit den Armen über dem Gesicht am Boden; das gewaltige Stundenglas der Gryffindors war von einem Fluch getroffen worden und seine Rubine fielen nach wie vor mit lautem Klirren hinunter auf die Steinplatten …
Harry flog durch die Eingangshalle und hinaus auf das dunkle Gelände: Er konnte gerade noch drei Gestalten erkennen, die über den Rasen liefen, auf das Tor zu, hinter dem sie disapparieren konnten – wie es aussah, waren es der riesige blonde Todesser und, ein Stück vor ihm, Snape und Malfoy …
Die kalte Nachtluft zerrte an Harrys Lungen, als er ihnen nachjagte; er sah einen Blitz in der Ferne, der für einen Augenblick die Umrisse seiner Gegner erkennen ließ; er wusste nicht, woher der Blitz kam, rannte aber weiter, denn noch war er nicht nahe genug, um einen Fluch gut abschießen zu können –
Ein weiterer Blitz, Rufe, Lichtstrahlen als Revanche, und Harry begriff: Hagrid war aus seiner Hütte gekommen und versuchte, die Todesser an der Flucht zu hindern, und obwohl ihm jeder Atemzug die Lungen zu zerreißen schien und das Stechen in seiner Brust wie Feuer war, rannte Harry nun noch schneller, während eine ungebetene Stimme in seinem Kopf sagte: Nicht Hagrid … nicht auch noch Hagrid …
Etwas traf Harry hart im Kreuz, er schlug vornüber, mit dem Gesicht auf den Boden, und Blut strömte ihm aus beiden Nasenlöchern: Er wusste, noch während er auf die Seite rollte, den Zauberstab bereit, dass die beiden Geschwister, die er dank der Abkürzung überholt hatte, nun von hinten auf ihn zukamen …
»Impedimenta!«, schrie er, wälzte sich erneut herum und schmiegte sich dicht an den dunklen Boden, und wunderbarerweise traf sein Fluch eines der Geschwister, das strauchelte und stürzte und auch das andere zum Stolpern brachte; Harry sprang auf die Beine und rannte weiter, Snape hinterher …
Und nun sah er im Licht des Halbmonds, der plötzlich hinter den Wolken auftauchte, die riesige Silhouette von Hagrid; der blonde Todesser schoss einen Fluch nach dem anderen auf den Wildhüter ab, aber Hagrids ungeheure Stärke und die zähe Haut, die er von seiner Riesen-Mutter geerbt hatte, schienen ihn zu schützen; Snape und Malfoy jedoch waren immer noch auf der Flucht; bald würden sie das Tor hinter sich gelassen haben und disapparieren können –
Harry rannte an Hagrid und seinem Gegner vorbei, zielte auf Snapes Rücken und schrie: »Stupor!«
Er verfehlte ihn; der rote Lichtstrahl schnellte an Snapes Kopf vorbei; Snape rief: »Lauf, Draco!«, und drehte sich um; zwanzig Meter voneinander entfernt, sahen er und Harry sich an, dann hoben sie gleichzeitig den Zauberstab.
»Cruc–«
Aber Snape wehrte den Fluch ab, ehe Harry ihn zu Ende bringen konnte, und es warf Harry rücklings von den Füßen; er rollte zur Seite und rappelte sich wieder hoch, und schon schrie der riesige Todesser hinter ihm: »Incendio!«; Harry hörte den Knall einer Explosion und sie wurden in ein flackerndes orangerotes Licht getaucht: Hagrids Hütte stand in Flammen.
»Da ist Fang drin, du verdammter …!«, brüllte Hagrid.
»Cruc–«, schrie Harry zum zweiten Mal und zielte auf die Gestalt vor ihm, die von dem flackernden Licht des Feuers erhellt wurde, aber Snape blockte den Fluch erneut ab; Harry konnte ihn höhnisch grinsen sehen.
»Keine Unverzeihlichen Flüche von dir, Potter!«, rief er durch das Tosen der Flammen, Hagrids Schreie und das wilde Jaulen von Fang, der in der Falle saß. »Du hast weder den Mut noch die Fähigkeit –«
»Incarc–«, brüllte Harry, aber Snape lenkte den Fluch mit einem geradezu lässigen Schlenker seines Arms ab.
»Wehr dich!«, schrie Harry ihn an. »Wehr dich, du feiger –«
»Feigling hast du mich genannt, Potter?«, rief Snape. »Dein Vater hat mich nur angegriffen, wenn sie vier gegen einen waren, wie würdest du ihn wohl nennen?«
»Stup–«
»Wieder abgeblockt, und wieder und wieder, bis du lernst, den Mund zu halten und deinen Geist zu verschließen, Potter!«, höhnte Snape und lenkte den Fluch erneut ab. »Jetzt komm!«, rief er dem riesigen Todesser hinter Harry zu. »Höchste Zeit zu verschwinden, ehe die vom Ministerium auftauchen –«
»Impedi–«
Doch ehe Harry diesen Fluch vollenden konnte, erfasste ihn ein unerträglicher Schmerz; er kippte vornüber ins Gras, jemand schrie, sicher würde er an diesen Qualen sterben, Snape würde ihn zu Tode foltern oder bis zum Wahnsinn –
»Nein!«, brüllte Snapes Stimme, und der Schmerz hörte so jäh auf, wie er begonnen hatte; Harry lag zusammengerollt im dunklen Gras, umklammerte seinen Zauberstab und rang nach Atem; irgendwo über ihm rief Snape: »Hast du unseren Befehl vergessen? Potter gehört dem Dunklen Lord – wir sollen ihn am Leben lassen! Geh! Geh!«
Und Harry spürte, wie der Boden unter seinem Gesicht bebte, als der Bruder und die Schwester und der riesige Todesser gehorchten und auf das Tor zurannten. Harry stieß einen unverständlichen Wutschrei aus: In diesem Augenblick war es ihm gleich, ob er lebte oder starb; er kämpfte sich wieder hoch und stolperte blind auf Snape zu, den Mann, den er jetzt genauso hasste wie Voldemort selbst –
»Sectum–«
Mit einem kurzen Schnippen seines Zauberstabs wehrte Snape den Fluch wieder ab; doch Harry war jetzt nur noch wenige Schritte entfernt und konnte Snapes Gesicht endlich deutlich sehen: Er grinste nicht mehr spöttisch oder höhnisch; die lodernden Flammen offenbarten ein zornentbranntes Gesicht. Harry konzentrierte sich mit aller Kraft und dachte Levi–
»Nein, Potter!«, schrie Snape. Ein lauter KNALL ertönte, Harry schnellte zurück und schlug erneut hart auf den Boden, und diesmal flog ihm der Zauberstab aus der Hand. Er konnte Hagrid brüllen und Fang heulen hören, als Snape sich ihm näherte und auf ihn herabblickte, wie er dalag, ohne Zauberstab und genauso wehrlos, wie Dumbledore es gewesen war. Snapes bleiches Gesicht, das von der brennenden Hütte beleuchtet wurde, war von Hass gezeichnet wie zuvor, als er Dumbledore den Fluch auf den Hals gejagt hatte.
»Du wagst es, meine eigenen Zauber gegen mich einzusetzen, Potter? Ich war es, der sie erfunden hat – ich, der Halbblutprinz! Und du willst meine Erfindungen gegen mich richten, genau wie dein dreckiger Vater, ja? Das will ich aber nicht meinen … nein!«
Harry war nach seinem Zauberstab gehechtet; Snape jagte ihm einen Fluch hinterher, und der Zauberstab flog einige Meter weiter fort in die Dunkelheit und war nicht mehr zu sehen.
»Dann töte mich doch«, keuchte Harry, der keinerlei Angst empfand, nur Zorn und Verachtung. »Töte mich, wie du ihn getötet hast, du Feigling –«
»NEIN –«, schrie Snape, und sein Gesicht war plötzlich wie im Wahn verzerrt, unmenschlich, als hätte er ebensolche Schmerzen wie der jaulende, heulende Hund, der in der brennenden Hütte hinter ihnen gefangen war, »– NENN MICH NICHT FEIGLING!«
Und er schlug in die Luft: Harry spürte, wie ihn etwas Glühendheißes wie eine Peitsche mitten ins Gesicht traf, er wurde nach hinten gerissen und zu Boden geschmettert. Lichtfunken explodierten vor seinen Augen und einen Moment lang schien alle Luft aus seinem Körper gepresst, dann hörte er Flügelrauschen über sich und etwas Gewaltiges verdunkelte die Sterne: Seidenschnabel war gegen Snape geflogen, der rückwärts stolperte, während die rasiermesserscharfen Krallen nach ihm ausschlugen. Als Harry sich aufsetzte, der Kopf noch schwindlig von seinem letzten Aufprall auf den Boden, sah er Snape so schnell wie möglich davonrennen, und das gewaltige Tierwesen setzte ihm flügelschlagend nach und kreischte dabei, wie Harry es noch nie hatte kreischen hören –
Harry kämpfte sich auf die Beine und sah sich benommen nach seinem Zauberstab um, in der Hoffnung, die Verfolgung wieder aufnehmen zu können, doch noch während er mit den Fingern durchs Gras tastete und Zweige beiseitewarf, wusste er, dass es zu spät sein würde, und tatsächlich, als er seinen Zauberstab gefunden hatte, wandte er sich um und sah nur noch den Hippogreif, der über dem Tor kreiste: Snape hatte es geschafft, gleich hinter der Grenze des Schulgeländes zu disapparieren.
»Hagrid«, murmelte Harry noch immer betäubt und sah sich um. »HAGRID?«
Er stolperte auf die brennende Hütte zu, als eine riesige Gestalt aus den Flammen auftauchte, die Fang auf dem Rücken trug. Harry schrie dankbar auf und sank auf die Knie; er zitterte an allen Gliedern, sein ganzer Körper tat ihm weh, und das Atmen bereitete ihm stechende Schmerzen.
»Alles okay mit dir, Harry? Alles okay mit dir? Sag was, Harry …«
Hagrids riesiges behaartes Gesicht schwebte über Harry und verdeckte die Sterne. Harry konnte verbranntes Holz und Hundehaar riechen; er streckte die Hand aus und spürte, dass Fangs beruhigend warmer und lebendiger Körper neben ihm bebte.
»Mir geht’s gut«, keuchte Harry. »Und dir?«
»’türlich auch … ’s braucht schon mehr als das, um mich zu erledigen.«
Hagrid fasste Harry unter den Armen und riss ihn mit solcher Wucht hoch, dass Harry kurz den Boden unter den Füßen verlor, ehe Hagrid ihn wieder aufrecht hinstellte. Unter einem von Hagrids Augen, das rasch zuschwoll, war ein tiefer Schnitt zu sehen, aus dem Blut über seine Wange tröpfelte.
»Wir sollten dein Haus löschen«, sagte Harry, »der Zauber heißt Aguamenti …«
»Hab doch gewusst, ’s war so was in der Art«, brummte Hagrid, hob einen glimmenden geblümten rosa Schirm empor und sagte: »Aguamenti!«
Ein Wasserstrahl schoss aus der Spitze des Schirms. Harry hob seinen Zauberstabarm, der sich wie Blei anfühlte, und murmelte ebenfalls »Aguamenti!«: Er und Hagrid spritzten gemeinsam Wasser über die Hütte, bis die letzte Flamme gelöscht war.
»Nich allzu schlimm«, sagte Hagrid Minuten später hoffnungsvoll mit einem Blick auf die rauchenden Trümmer. »Nichts, was Dumbledore nich wieder richten könnt …«
Beim Klang des Namens spürte Harry einen bohrenden Schmerz im Magen. Während um ihn herum reglose Stille herrschte, schwoll das Grauen in seinem Inneren an.
»Hagrid …«
»Ich hab grade ’n paar Bowtruckle-Beine zusammengebunden, da hab ich sie kommen hör’n«, sagte Hagrid traurig, der immer noch auf seine zerstörte Hütte starrte. »Werden sich die Zweigchen verbrannt haben, die armen klein’ Dinger …«
»Hagrid …«
»Aber was is’ passiert, Harry? Ich hab nur die Todesser vom Schloss runterlaufen sehn, aber was zum Teufel noch mal hat Snape bei denen zu suchen gehabt? Wo is’ er hin – hat er sie gejagt?«
»Er …« Harry räusperte sich; die Panik und der Rauch hatten ihm die Kehle ausgetrocknet. »Hagrid, er hat jemanden umgebracht …«
»Umgebracht?«, sagte Hagrid laut und starrte auf Harry hinab. »Snape soll jemand’n umgebracht haben? Wie kommst du denn da drauf, Harry?«
»Dumbledore«, sagte Harry. »Snape hat … Dumbledore umgebracht.«
Hagrid sah ihn nur an; soweit sein Gesicht zu erkennen war, wirkte es völlig verdutzt und verständnislos.
»Was is’ mit Dumbledore, Harry?«
»Er ist tot. Snape hat ihn getötet …«
»Sag so was nich«, erwiderte Hagrid schroff. »Snape soll Dumbledore getötet ham – nu hör aber auf, Harry. Was soll das?«
»Ich hab es gesehen.«
»Nich möglich.«
»Ich hab es gesehen, Hagrid.«
Hagrid schüttelte den Kopf; seine Miene war ungläubig, aber mitfühlend, und Harry wusste, dass Hagrid glaubte, er hätte einen Schlag auf den Kopf bekommen, er wäre durcheinander, vielleicht wegen der Nachwirkungen eines Zaubers …
»Also, ’s muss so passiert sein, dass Dumbledore Snape gesagt hat, er soll mit den Todessern gehen«, sagte Hagrid überzeugt. »Ich schätz, er muss seine Tarnung behalten. Hör mal, ich bring dich jetz’ wieder in die Schule zurück. Komm schon, Harry …«
Harry unternahm keinen Versuch, zu widersprechen oder die Sache zu erklären. Er zitterte immer noch am ganzen Leib. Hagrid würde es bald genug herausfinden, nur zu bald … Als sie ihre Schritte auf das Schloss zulenkten, sah Harry, dass viele der Fenster jetzt erleuchtet waren: Er konnte sich lebhaft vorstellen, was sich dort abspielte, während die Leute von Raum zu Raum liefen und sich gegenseitig erzählten, dass Todesser eingedrungen waren, dass das Mal über Hogwarts leuchtete und dass wohl jemand getötet worden sein musste …
Das eichene Schlossportal vor ihnen stand offen, Licht flutete auf den Zufahrtsweg und den Rasen. Langsam, unsicher, kamen Leute in Morgenmänteln die Stufen heruntergeschlichen und sahen sich nervös nach irgendwelchen Hinweisen auf Todesser um, die in die Nacht hinaus geflohen waren. Harrys Augen jedoch waren auf den Boden vor dem höchsten Turm geheftet. Er meinte dort einen schwarzen formlosen Haufen im Gras liegen zu sehen, obwohl er eigentlich noch zu weit weg war, um dergleichen erkennen zu können. Doch noch während er wortlos auf die Stelle starrte, wo Dumbledores Leichnam seiner Vermutung nach liegen musste, sah er andere darauf zugehen.
»Was gucken die denn alle da?«, fragte Hagrid, als er und Harry sich dem Schloss von vorne näherten, Fang so dicht an ihren Fersen, wie er nur konnte. »Was’n das, was liegt da im Gras?«, fügte Hagrid in scharfem Ton hinzu und wandte sich nun der Stelle unter dem Astronomieturm zu, wo sich eine kleine Menge versammelte. »Siehst du’s, Harry? Gleich unten vorm Turm? Unterhalb vom Mal … meine Güte … meins’ du, da wurde jemand runter–?«
Hagrid verstummte, der Gedanke schien ihm offenbar zu schrecklich, um ihn laut auszusprechen. Harry ging neben ihm her, und sein Gesicht und die Beine brannten und schmerzten dort, wo die verschiedenen Zauber ihn in der letzten halben Stunde getroffen hatten, und doch waren ihm diese Beschwerden merkwürdig fern, als würde jemand in seiner Nähe darunter leiden. Wirklich und unausweichlich war nur der schreckliche Druck, den er in seiner Brust spürte …
Er und Hagrid bewegten sich wie im Traum durch die murmelnde Menge bis ganz nach vorne zur Mauer, wo sich zwischen den schreckensstarren Schülern und Lehrern eine Lücke auftat.
Harry hörte, wie Hagrid gequält und entsetzt aufstöhnte, blieb aber nicht stehen; er ging langsam weiter, bis er die Stelle erreichte, wo Dumbledore lag, und kauerte sich neben ihn nieder.
Harry hatte gewusst, dass es keine Hoffnung mehr gab, schon von dem Moment an, als der Körperklammer-Fluch, mit dem Dumbledore ihn belegt hatte, von ihm abgefallen war, er hatte gewusst, dass dies nur geschehen konnte, weil der Urheber des Fluchs tot war; trotzdem war er nicht darauf vorbereitet, ihn hier zu sehen, Arme und Beine von sich gestreckt und gebrochen: den größten Zauberer, den Harry je gekannt hatte und je kennen würde.
Dumbledores Augen waren geschlossen; wenn nicht seine Arme und Beine seltsam abgewinkelt gewesen wären, hätte man meinen können, er schliefe. Harry streckte die Hand aus, rückte die Halbmondbrille auf der Hakennase gerade und wischte mit seinem Ärmel Blutstropfen von Dumbledores Mund. Dann blickte er hinunter auf das weise alte Gesicht und versuchte die ungeheuerliche und unfassbare Wahrheit in sich aufzunehmen: dass Dumbledore nie wieder mit ihm sprechen würde, ihm nie wieder würde helfen können …
Die Menge hinter Harry murmelte. Nach einer langen Zeit, wie es ihm vorkam, bemerkte er, dass er auf etwas Hartem kniete, und sah hinab.
Das Medaillon, das sie vor so vielen Stunden hatten stehlen können, war aus Dumbledores Tasche gefallen. Es hatte sich geöffnet, vielleicht durch die Wucht des Aufpralls. Und obwohl Harry nicht noch mehr Entsetzen und Grauen und Trauer empfinden konnte, als er es schon tat, wusste er, als er das Medaillon aufhob, dass etwas nicht stimmte …
Er drehte das Medaillon in den Händen. Es war weder so groß wie das Medaillon, das er im Denkarium gesehen hatte, noch befanden sich irgendwelche Zeichen darauf, keine Spur von dem reich verzierten S, das angeblich Slytherins Symbol war. Außerdem war nichts darin, nur ein zusammengefalteter Fetzen Pergament, an der Stelle festgeklemmt, die für ein Porträt vorgesehen war.
Automatisch, ohne recht darüber nachzudenken, was er tat, zog Harry das Stück Pergament heraus, faltete es auseinander und las es im Licht der vielen Zauberstäbe, die inzwischen hinter ihm entzündet worden waren:
An den Dunklen Lord
Ich weiß, ich werde tot sein, lange bevor du dies liest, aber ich will, dass du weißt, dass ich es war, der dein Geheimnis entdeckt hat.
Ich habe den echten Horkrux gestohlen und ich will ihn zerstören, sobald ich kann.
Ich sehe dem Tod entgegen in der Hoffnung, dass du, wenn du deinen Meister findest, erneut sterblich sein wirst.
R. A. B.
Harry wusste weder, was diese Botschaft bedeutete, noch kümmerte es ihn. Nur eins war wichtig: Dies war kein Horkrux. Dumbledore hatte sich selbst geschwächt, indem er diesen schrecklichen Zaubertrank getrunken hatte, doch es war vergeblich gewesen. Harry zerknüllte das Pergament in der Hand, und in seinen Augen brannten Tränen, als hinter ihm Fang zu heulen begann.
Die Klage des Phönix
»Komm her, Harry …«
»Nein.«
»Du kannst nich hierbleiben, Harry … nun komm schon …«
»Nein.«
Er wollte nicht von Dumbledores Seite weichen, er wollte nirgendwo hingehen. Hagrids Hand auf seiner Schulter bebte. Dann sagte eine andere Stimme: »Harry, komm mit.«
Eine viel kleinere und wärmere Hand hatte sich um seine geschlossen und zog ihn hoch. Er gehorchte ihrem Druck, ohne weiter darüber nachzudenken. Erst als er blind zurück durch die Menge ging, erkannte er an dem Hauch eines Blumendufts, der in der Luft lag, dass es Ginny war, die ihn zurück ins Schloss führte. Unverständliche Stimmen redeten auf ihn ein, Schluchzer und Rufe und Klagen drangen durch die Nacht, aber Harry und Ginny gingen weiter, die Stufen hinauf und zurück in die Eingangshalle: Während sie auf die Marmortreppe zugingen, nahm Harry ganz am Rande Gesichter wahr, die an ihm vorbeischwammen, Leute starrten ihn an, flüsterten, stellten einander Fragen, und Gryffindor-Rubine glitzerten auf dem Boden wie Blutstropfen.
»Wir gehen in den Krankenflügel«, sagte Ginny.
»Ich bin nicht verletzt«, erwiderte Harry.
»Das ist McGonagalls Anweisung«, sagte Ginny. »Alle sind dort oben, Ron und Hermine und Lupin und alle –«
Von neuem regte sich Furcht in Harrys Brust: Jetzt erst fielen ihm die reglosen Gestalten wieder ein, die er hinter sich gelassen hatte.
»Ginny, wer ist sonst noch tot?«
»Keine Sorge, niemand von uns.«
»Aber das Dunkle Mal – Malfoy sagte, er sei über eine Leiche gestiegen –«
»Er ist über Bill gestiegen, aber keine Angst, er ist am Leben.«
Doch etwas in ihrer Stimme, das spürte Harry, ließ nichts Gutes ahnen.
»Bist du sicher?«
»Natürlich bin ich sicher … Er sieht ein bisschen – ein bisschen schlimm aus, das ist alles. Greyback hat ihn angegriffen. Madam Pomfrey meint, er wird nicht – wird nicht mehr so aussehen wie früher …« Ginnys Stimme zitterte ein wenig. »Wir wissen nicht so recht, welche Nachwirkungen das hat – ich meine, Greyback ist zwar ein Werwolf, aber zu dem Zeitpunkt war er nicht verwandelt.«
»Aber die anderen … da lagen doch noch andere Körper am Boden …«
»Neville ist im Krankenflügel, aber Madam Pomfrey denkt, dass er wieder ganz gesund wird, und Professor Flitwick wurde ausgeknockt, aber es geht ihm gut, er ist nur ein bisschen wacklig auf den Beinen. Er wollte unbedingt wieder weg und nach den Ravenclaws schauen. Und ein Todesser ist tot, einer von den Todesflüchen hat ihn getroffen, die der riesige Blonde kreuz und quer durch die Gegend geschossen hat – Harry, ich glaube, wenn wir unseren Felix-Trank nicht gehabt hätten, dann wären wir jetzt alle nicht mehr, aber alles schien uns haarscharf zu verfehlen –«
Sie hatten den Krankenflügel erreicht: Als Harry die Türen aufstieß, sah er Neville in einem Bett am Eingang liegen, offenbar schlafend. Ron, Hermine, Luna, Tonks und Lupin waren um ein Bett nahe dem anderen Ende des Krankensaals versammelt. Als sie die Türen aufgehen hörten, blickten sie auf. Hermine rannte Harry entgegen und umarmte ihn; auch Lupin kam mit besorgtem Blick hinzu.
»Alles in Ordnung mit dir, Harry?«
»Mir geht’s gut … was ist mit Bill?«
Niemand antwortete. Harry blickte über Hermines Schulter und sah ein Gesicht auf Bills Kissen, das nicht wiederzuerkennen war, so übel zerschnitten und aufgerissen, dass es grotesk aussah. Madam Pomfrey betupfte seine Wunden mit einer scharf riechenden grünen Salbe. Harry erinnerte sich, wie Snape Malfoys Sectumsempra-Wunden so leicht mit seinem Zauberstab geheilt hatte.
»Können Sie ihn nicht mit einem Zauber oder so etwas wiederherstellen?«, fragte er die Krankenschwester.
»Bei denen hier hilft kein Zauber«, sagte Madam Pomfrey. »Ich habe alles ausprobiert, was ich kenne, aber für Werwolfbisse gibt es keine Heilung.«
»Aber er wurde nicht bei Vollmond gebissen«, sagte Ron, der auf das Gesicht seines Bruders hinabblickte, als könnte er ihn irgendwie zwingen, wieder gesund zu werden, indem er ihn anstarrte. »Greyback war nicht verwandelt, also wird Bill bestimmt kein – kein richtiger –?«
Er sah Lupin unsicher an.
»Nein, ich glaube nicht, dass Bill ein echter Werwolf wird«, sagte Lupin, »doch das heißt nicht, dass es nicht zu einer gewissen Vergiftung kommt. Auf diesen Wunden hier liegt ein Fluch. Sie werden wahrscheinlich nie ganz verheilen – und Bill hat von nun an vielleicht ein paar wölfische Eigenarten.«
»Aber vielleicht weiß Dumbledore etwas, das wirkt«, sagte Ron. »Wo ist er? Bill hat auf Dumbledores Befehl gegen diese Wahnsinnigen gekämpft, Dumbledore sollte ihm dankbar sein, er kann ihn nicht in diesem Zustand lassen –«
»Ron – Dumbledore ist tot«, sagte Ginny.
»Nein!« Lupin blickte ganz außer sich von Ginny zu Harry, als hoffte er, Harry würde ihr widersprechen, doch als er es nicht tat, brach Lupin auf einem Stuhl neben Bills Bett zusammen und vergrub das Gesicht in den Händen. Harry hatte Lupin noch nie die Beherrschung verlieren sehen; er hatte das Gefühl, als ob er in etwas Privates, Ungebührliches eindringen würde; er wandte sich ab, suchte nun Rons Augen und bestätigte ihm mit einem stummen Blick, was Ginny gesagt hatte.
»Wie ist er gestorben?«, flüsterte Tonks. »Wie ist es geschehen?«
»Snape hat ihn getötet«, sagte Harry. »Ich war dabei, ich hab es gesehen. Als wir zurückkamen, sind wir auf dem Astronomieturm gelandet, weil dort das Dunkle Mal war … Dumbledore war krank, er war schwach, aber ich glaube, ihm wurde klar, dass es eine Falle war, als wir schnelle Schritte auf der Treppe hörten. Er hat mich gelähmt, ich konnte nichts tun, ich war unter dem Tarnumhang – und dann kam Malfoy durch die Tür und hat ihn mit einem Zauber entwaffnet –«
Hermine schlug die Hände vor den Mund und Ron stöhnte. Lunas Lippen zitterten.
»– dann kamen noch mehr Todesser – und dann Snape – und Snape hat es getan. Mit dem Avada Kedavra.« Harry konnte nicht weitersprechen.
Madam Pomfrey brach in Tränen aus. Keiner achtete auf sie, außer Ginny, die flüsterte: »Schhh! Hören Sie zu!«
Madam Pomfrey schluckte, drückte ihre Finger auf den Mund und riss die Augen auf. Irgendwo draußen in der Dunkelheit sang ein Phönix auf eine Weise, wie Harry es noch nie gehört hatte: Es war eine Klage voller Schmerz und von schrecklicher Schönheit. Und Harry spürte, wie er es schon früher beim Gesang des Phönix erlebt hatte, dass die Musik nicht draußen, sondern in ihm war: Es war sein eigenes Leid, auf magische Weise in ein Lied verwandelt, das über das Gelände und durch die Schlossfenster hallte.
Wie lange sie alle dastanden und lauschten, wusste er nicht, auch nicht, warum es ihren Schmerz offenbar ein wenig linderte, dem Klang ihrer eigenen Trauer zuzuhören, doch es schien einige Zeit vergangen zu sein, als die Türen zum Krankensaal wieder aufgingen und Professor McGonagall hereinkam. Wie alle anderen war sie von dem noch nicht lange zurückliegenden Kampf gezeichnet: Sie hatte Schrammen im Gesicht und ihr Umhang war zerrissen.
»Molly und Arthur sind unterwegs«, sagte sie und der Bann der Musik war gebrochen: Alle sammelten sich, als würden sie aus einer Trance erwachen, wandten sich wieder Bill zu oder rieben sich die Augen, schüttelten den Kopf. »Harry, was ist passiert? Hagrid zufolge waren Sie bei Professor Dumbledore, als er – als es geschah. Er sagt, Professor Snape sei irgendwie darin verwickelt ge–«
»Snape hat Dumbledore getötet«, sagte Harry.
Sie starrte ihn einen Moment an, dann geriet sie Besorgnis erregend ins Schwanken; Madam Pomfrey, die sich offenbar wieder gefasst hatte, rannte hinzu, beschwor einen Stuhl aus dem Nichts herauf und schob ihn unter McGonagall.
»Snape«, wiederholte McGonagall matt und sank auf den Stuhl. »Wir haben uns alle gewundert … aber er hat … Snape … immer vertraut … ich kann es nicht glauben …«
»Snape war ein hervorragender Okklumentiker«, sagte Lupin mit ungewöhnlich rauer Stimme. »Das haben wir immer gewusst.«
»Aber Dumbledore hat geschworen, dass er auf unserer Seite ist!«, flüsterte Tonks. »Ich dachte immer, Dumbledore muss etwas über Snape wissen, das wir nicht wissen …«
»Er hat immer angedeutet, dass er einen stichhaltigen Grund dafür habe, Snape zu vertrauen«, murmelte Professor McGonagall und tupfte sich die tränennassen Augenwinkel mit einem karogesäumten Taschentuch ab. »Ich meine … bei Snapes Geschichte … die Leute mussten sich unweigerlich fragen … aber Dumbledore hat mir ausdrücklich gesagt, Snapes Reue sei absolut aufrichtig … wollte kein kritisches Wort gegen ihn hören!«
»Ich würde wirklich gern wissen, was Snape zu ihm gesagt hat, das ihn dermaßen überzeugt hat«, meinte Tonks.
»Ich weiß es«, sagte Harry, und alle drehten sich um und starrten ihn an. »Snape hat Voldemort die Information gegeben, die Voldemort dazu brachte, meine Mum und meinen Dad zu jagen und umzubringen. Dann hat Snape Dumbledore gesagt, er sei sich nicht bewusst gewesen, was er tat, es tue ihm wirklich leid, dass er es getan habe, es tue ihm leid, dass sie tot seien.«
»Und das hat Dumbledore geglaubt?«, fragte Lupin skeptisch. »Dumbledore hat geglaubt, dass es Snape leidtut, dass James gestorben ist? Snape hat James gehasst …«
»Und von meiner Mutter hat er auch nicht das Geringste gehalten«, sagte Harry, »weil sie muggelstämmig war … ›Schlammblüterin‹ hat er sie genannt …«
Niemand fragte Harry, woher er das wusste. Alle schienen in ihrem Schock und ihrem Entsetzen versunken, schienen zu versuchen, die ungeheuerliche Wahrheit dessen, was geschehen war, zu verarbeiten.
»Es ist alles meine Schuld«, sagte Professor McGonagall plötzlich. Sie sah verwirrt aus und schlang sich ihr feuchtes Taschentuch um die Hände. »Meine Schuld. Ich habe heute Nacht Filius geschickt, um Snape zu holen, ich habe ihn tatsächlich holen lassen, damit er uns hilft! Wenn ich Snape nicht darauf aufmerksam gemacht hätte, was vor sich ging, wäre er den Todessern vielleicht nie zu Hilfe geeilt. Ich glaube nicht, dass er wusste, dass sie hier waren, ehe Filius es ihm sagte, ich glaube nicht, dass er wusste, dass sie kommen würden.«
»Es ist nicht deine Schuld, Minerva«, sagte Lupin entschieden. »Wir alle wollten mehr Unterstützung haben, wir alle waren froh bei dem Gedanken, dass Snape auf dem Weg war …«
»Und als er dann zum Kampf stieß, hat er sich auf die Seite der Todesser geschlagen?«, fragte Harry, der jede Einzelheit über Snapes Falschheit und Niedertracht erfahren wollte, um fieberhaft weiter Gründe zu sammeln, ihn zu hassen und Rache zu schwören.
»Ich weiß nicht genau, wie es abgelaufen ist«, sagte Professor McGonagall erregt. »Es ist alles so verwirrend … Dumbledore hatte uns mitgeteilt, er würde die Schule für ein paar Stunden verlassen und wir sollten für alle Fälle in den Korridoren patrouillieren … Remus, Bill und Nymphadora sollten zu uns stoßen … also haben wir patrouilliert. Alles schien ruhig. Jeder Geheimgang aus der Schule heraus war überwacht. Wir wussten, dass niemand hereinfliegen konnte. Über jedem Eingang zum Schloss lagen mächtige Zauber. Es ist mir immer noch ein Rätsel, wie die Todesser überhaupt hereingekommen sind …«
»Ich weiß es«, sagte Harry und erzählte ihnen kurz von den beiden zusammengehörigen Verschwindekabinetten und dem magischen Verbindungsweg zwischen ihnen. »Sie sind also durch den Raum der Wünsche hereingekommen.«
Beinahe gegen seinen Willen blickte er zu Ron und dann zu Hermine, die beide zutiefst erschüttert wirkten.
»Ich hab’s vermasselt, Harry«, sagte Ron bedrückt. »Wir haben getan, was du gesagt hast: Wir haben die Karte des Rumtreibers abgesucht, und weil wir Malfoy nicht darauf finden konnten, dachten wir, er muss im Raum der Wünsche sein, und Ginny und Neville und ich sind hin, um die Sache zu beobachten … aber Malfoy hat es geschafft, an uns vorbeizukommen.«
»Er kam, etwa eine Stunde nachdem wir mit dem Beobachten angefangen hatten, aus dem Raum«, sagte Ginny. »Er war allein und hielt diesen furchtbaren Schrumpfarm –«
»Seine Hand des Ruhmes«, sagte Ron. »Leuchtet nur für den, der sie hält, erinnerst du dich?«
»Wie auch immer«, fuhr Ginny fort, »er muss nachgeschaut haben, ob die Luft rein war, damit er die Todesser rauslassen konnte, denn in dem Moment, als er uns sah, warf er etwas in die Luft und alles wurde pechschwarz –«
»– peruanisches Instant-Finsternispulver«, sagte Ron bitter. »Von Fred und George. Ich werd mit denen ein Wort darüber reden müssen, wen sie alles ihre Produkte kaufen lassen.«
»Wir haben alles versucht – Lumos, Incendio«, sagte Ginny. »Nichts ist durch die Dunkelheit gedrungen; wir konnten uns nur noch aus dem Korridor heraustasten, und dabei konnten wir hören, wie Leute an uns vorbeihasteten. Malfoy konnte wegen dieser komischen Hand offenbar etwas sehen und hat sie geführt, aber wir haben uns nicht getraut, irgendwelche Flüche oder so was zu verwenden, um uns nicht gegenseitig zu treffen, und als wir einen Korridor erreichten, in dem es hell war, waren sie verschwunden.«
»Zum Glück sind Ron, Ginny und Neville uns kurz danach über den Weg gelaufen«, sagte Lupin heiser, »sie haben uns erzählt, was passiert war. Wir haben die Todesser Minuten später gefunden, unterwegs in Richtung Astronomieturm. Malfoy hatte offensichtlich nicht erwartet, dass noch mehr Leute Wache halten würden; jedenfalls schien er seinen Vorrat an Finsternispulver aufgebraucht zu haben. Es kam zum Kampf, sie haben sich zerstreut und wir sind ihnen hinterher. Einer von ihnen, Gibbon, hat sich abgesetzt und ist die Turmtreppe hochgelaufen –«
»Um das Mal heraufzubeschwören?«, fragte Harry.
»Er muss es wohl getan haben, ja, sie müssen das abgesprochen haben, ehe sie den Raum der Wünsche verließen«, sagte Lupin. »Aber ich glaube nicht, dass Gibbon der Gedanke gefallen hat, dort oben allein auf Dumbledore zu warten, denn er kam wieder die Treppe heruntergerannt, stürzte sich wieder in den Kampf und wurde von einem Todesfluch getroffen, der mich knapp verfehlt hatte.«
»Und während Ron mit Ginny und Neville den Raum der Wünsche überwacht hat«, sagte Harry und wandte sich an Hermine, »warst du –?«
»Draußen vor Snapes Büro, ja«, flüsterte Hermine und in ihren Augen glitzerten Tränen, »zusammen mit Luna. Wir haben ewig davor gewartet und nichts ist passiert … wir wussten nicht, was oben los war, Ron hatte die Karte des Rumtreibers mitgenommen … es war fast Mitternacht, als Professor Flitwick in die Kerker heruntergeeilt kam. Er schrie etwas von wegen, Todesser seien im Schloss, ich glaube nicht, dass er überhaupt richtig mitbekommen hat, dass Luna und ich da waren, er ist einfach in Snapes Büro gestürmt, und wir hörten ihn sagen, dass Snape mit ihm zurückgehen muss und helfen muss, und dann hörten wir einen lauten Schlag und Snape kam aus seinem Raum gestürzt und er sah uns und – und –«
»Was?«, drängte Harry.
»Ich war so dumm, Harry!«, flüsterte Hermine aufgeregt. »Er sagte, Professor Flitwick hätte einen Zusammenbruch gehabt und wir sollten rein und uns um ihn kümmern, während er – während er jetzt sofort gehen und beim Kampf gegen die Todesser helfen müsse –«
Sie schlug vor Scham die Hände vors Gesicht und sprach durch ihre Finger weiter, so dass ihre Stimme nun gedämpft klang.
»Wir gingen in sein Büro, um nachzusehen, ob wir Professor Flitwick helfen konnten, und fanden ihn bewusstlos am Boden … und, oh, jetzt ist es so offensichtlich, Snape muss Flitwick mit einem Schockzauber belegt haben, aber wir haben nichts gemerkt, Harry, wir haben nichts gemerkt, wir haben Snape einfach gehen lassen!«
»Es ist nicht eure Schuld«, wandte Lupin entschieden ein. »Hermine, wenn ihr Snape nicht gehorcht hättet und nicht aus dem Weg gegangen wärt, dann hätte er dich und Luna wahrscheinlich getötet.«
»Dann kam er also nach oben«, sagte Harry, der Snape vor seinem geistigen Auge sah, wie er mit seinem wehenden schwarzen Umhang die Marmortreppe hochrannte und auf dem Weg seinen Zauberstab unter dem Umhang hervorzog, »und er hat die Stelle gefunden, wo ihr alle gekämpft habt …«
»Wir steckten in der Klemme, wir waren drauf und dran zu verlieren«, sagte Tonks mit leiser Stimme. »Gibbon war erledigt, aber der Rest der Todesser schien bereit, bis zum Tod zu kämpfen. Neville war verletzt, Bill war von Greyback angefallen worden … es war völlig dunkel … überall flogen Flüche umher … der junge Malfoy war verschwunden, er muss vorbeigehuscht sein, die Turmtreppe hinauf … dann rannten noch mehr von denen Malfoy nach, aber einer davon hat die Treppe hinter ihnen mit irgendeinem Fluch blockiert … Neville ist dagegengerannt und es hat ihn in die Luft geschleudert –«
»Keiner von uns konnte durchbrechen«, sagte Ron, »und dieser gigantische Todesser schoss immer noch Flüche durch die Gegend, die sind von den Wänden abgeprallt und haben uns haarscharf verfehlt …«
»Und dann war Snape da«, sagte Tonks, »und dann schon wieder weg –«
»Ich hab ihn auf uns zurennen sehen, aber gleich danach ging ein Fluch von diesem riesigen Todesser knapp an mir vorbei, und ich hab mich geduckt und nicht mehr mitbekommen, was passiert ist«, sagte Ginny.
»Ich habe gesehen, wie er geradewegs durch die Fluchbarriere gerannt ist, als ob sie nicht da wäre«, sagte Lupin. »Ich habe versucht, ihm zu folgen, aber ich wurde zurückgeworfen, genau wie Neville …«
»Er muss einen Zauber gekannt haben, den wir nicht kannten«, flüsterte McGonagall. »Schließlich – war er der Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste … ich dachte einfach, er wollte schnell den Todessern nachjagen, die den Turm hinauf entkommen waren …«
»Das hat er auch getan«, sagte Harry grimmig, »aber um ihnen zu helfen, und nicht, um sie aufzuhalten … und ich wette, man musste das Dunkle Mal haben, um durch diese Barriere zu kommen – und was ist passiert, als er wieder runterkam?«
»Also, der große Todesser hatte gerade einen Zauber abgefeuert, der die halbe Decke zum Einsturz brachte und auch den Fluch brach, der die Treppe blockierte«, sagte Lupin. »Wir sind alle darauf zugerannt – das heißt, die von uns, die noch auf den Beinen waren –, und dann tauchten Snape und der Junge aus dem Staub auf – natürlich hat keiner von uns sie angegriffen –«
»Wir haben sie einfach durchgelassen«, sagte Tonks mit dumpfer Stimme, »wir dachten, sie würden von den Todessern verfolgt – und mit einem Mal waren die anderen Todesser und Greyback zurück und wir haben wieder gekämpft – ich dachte, ich hätte Snape etwas rufen hören, aber ich weiß nicht, was –«
»Er hat ›es ist vorbei‹ gerufen«, sagte Harry. »Er hatte getan, was er tun wollte.«
Alle verstummten. Fawkes’ Klage hallte noch immer über das dunkle Schlossgelände draußen. Während die Klänge in der Luft vibrierten, schlichen sich ungebetene, unwillkommene Gedanken in Harrys Kopf … hatte man Dumbledores Leichnam schon vom Fuß des Turms entfernt? Was würde jetzt mit ihm geschehen? Wo würde er ruhen? Er ballte die Fäuste in seinen Taschen fest zusammen. An den Fingerknöcheln seiner rechten Hand spürte er den kleinen kalten Klumpen des falschen Horkruxes.
Die Türen des Krankenflügels schlugen auf und alle erschraken: Mr und Mrs Weasley durchquerten den Saal, dicht gefolgt von Fleur, deren hübsches Gesicht voller Angst war.
»Molly – Arthur –«, sagte Professor McGonagall, sprang auf und eilte ihnen entgegen, um sie zu begrüßen. »Es tut mir so furchtbar leid –«
»Bill«, flüsterte Mrs Weasley und stürzte an Professor McGonagall vorbei, als ihr Blick auf Bills zerfleischtes Gesicht fiel. »Oh, Bill!«
Lupin und Tonks waren hastig aufgestanden und hatten sich zurückgezogen, damit Mr und Mrs Weasley näher an das Bett herankonnten. Mrs Weasley beugte sich über ihren Sohn und drückte ihre Lippen auf seine blutige Stirn.
»Du hast gesagt, Greyback hätte ihn angegriffen?«, fragte Mr Weasley beunruhigt Professor McGonagall. »Aber er war nicht verwandelt? Was bedeutet das dann? Was wird mit Bill geschehen?«
»Wir wissen es noch nicht«, sagte Professor McGonagall und blickte hilflos zu Lupin hinüber.
»Er wird wahrscheinlich in gewissem Maße infiziert sein, Arthur«, sagte Lupin. »Es ist ein seltsamer Fall, vielleicht einzigartig … Wir wissen nicht, wie er sich möglicherweise verhalten wird, wenn er aufwacht …«
Mrs Weasley nahm Madam Pomfrey die übel riechende Salbe ab und begann, damit Bills Wunden zu betupfen.
»Und Dumbledore …«, sagte Mr Weasley. »Minerva, ist es wahr … ist er wirklich …?«
Als Professor McGonagall nickte, spürte Harry, wie sich Ginny neben ihm bewegte, und sah sie an. Ihre leicht verengten Augen waren auf Fleur geheftet, die mit starrer Miene auf Bill hinabsah.
»Dumbledore ist nicht mehr«, flüsterte Mr Weasley, aber Mrs Weasley hatte nur Augen für ihren ältesten Sohn; sie begann zu schluchzen, Tränen fielen auf Bills entstelltes Gesicht.
»Natürlich, es ist egal, wie er aussieht … das ist nicht w-wirklich wichtig … aber er war so ein hübscher kleiner J-Junge … immer sehr hübsch … und er w-wollte bald heiraten!«
»Und was meinst du damit?«, sagte Fleur plötzlich und laut. »Was soll das ’eißen, er wollte bald ’eiraten?«
Mrs Weasley hob ihr tränenfeuchtes Gesicht und blickte verdutzt drein.
»Also – nur dass –«
»Du glaubst, Bill will misch nischt mehr ’eiraten?«, drang Fleur auf sie ein. »Du glaubst, weil er so gebissen wurde, wird er misch nischt mehr lieben?«
»Nein, das habe ich nicht –«
»Das wird er sehr wohl!«, sagte Fleur, richtete sich zu voller Größe auf und warf ihre lange silberne Haarmähne zurück. »Es wäre mehr als ein Werwolf nötisch, damit Bill auf’ört misch su lieben!«
»Also, ja, da bin ich sicher«, sagte Mrs Weasley, »aber ich dachte, vielleicht – so, wie er – wie er –«
»Du ’ast geglaubt, isch würde ihn nischt ’eiraten wollen? Oder vielleischt ’ast du es ge’offt?«, sagte Fleur mit bebenden Nasenflügeln. »Was kümmert es misch, wie er aussieht? Isch se’e gut genug aus für uns beide, glaube isch! Alle diese Narben seigen nur, dass mein Mann mutig ist! Und das ’ier erledige isch selbst!«, fügte sie grimmig hinzu, schob Mrs Weasley beiseite und schnappte ihr die Salbe aus der Hand.
Mrs Weasley fiel rücklings gegen ihren Mann und sah zu, wie Fleur mit einem äußerst merkwürdigen Gesichtsausdruck Bills Wunden abtupfte. Niemand sagte ein Wort; Harry wagte es nicht, sich zu rühren. Wie alle anderen wartete er auf die Explosion.
»Unser Großtantchen Muriel«, sagte Mrs Weasley nach einer langen Pause, »hat ein sehr schönes Diadem – von Kobolden gefertigt –, und ich könnte sie sicher überreden, es dir für die Hochzeit zu leihen. Sie hängt sehr an Bill, weißt du, und es würde wunderbar zu deinem Haar passen.«
»Danke serr«, sagte Fleur steif. »Isch bin sischer, es wird wunderbar sein.«
Und dann – Harry bekam nicht richtig mit, wie es passierte – lagen sich beide Frauen plötzlich weinend in den Armen. Völlig verwirrt fragte sich Harry, ob alle Welt verrückt geworden sei, und drehte sich um: Ron sah genauso verblüfft aus, wie Harry sich fühlte, und Ginny und Hermine tauschten bestürzte Blicke.
»Da siehst du mal!«, sagte eine angespannte Stimme. Tonks blickte Lupin finster an. »Sie will ihn trotzdem heiraten, obwohl er gebissen wurde! Es ist ihr egal!«
»Das ist was anderes«, sagte Lupin, der kaum die Lippen bewegte und plötzlich nervös wirkte. »Bill wird kein richtiger Werwolf sein. Die beiden Fälle sind vollkommen –«
»Aber mir ist es auch egal, mir ist es egal!«, sagte Tonks, packte Lupin vorn am Umhang und zerrte daran. »Ich hab dir tausendmal erklärt …«
Und die Bedeutung von Tonks’ Patronus und ihres mausbraunen Haares, und der Grund, weshalb sie ins Schloss gerannt war, um Dumbledore aufzusuchen, nachdem sie ein Gerücht gehört hatte, dass jemand von Greyback angegriffen worden sei, dies alles wurde Harry schlagartig klar; es war also doch nicht Sirius gewesen, in den Tonks sich verliebt hatte …
»Und ich hab dir tausendmal erklärt«, erwiderte Lupin, der ihr nicht in die Augen blicken wollte und stattdessen zu Boden sah, »dass ich zu alt bin für dich, zu arm … zu gefährlich …«
»Ich sage dir schon die ganze Zeit, dass du dich in diesem Punkt einfach lächerlich verhältst«, sagte Mrs Weasley über Fleurs Schulter, während sie ihr den Rücken tätschelte.
»Das ist nicht lächerlich«, erwiderte Lupin unnachgiebig. »Tonks hat jemanden verdient, der jung und gesund ist.«
»Aber sie will dich«, sagte Mr Weasley mit einem leisen Lächeln. »Und im Übrigen, Remus, bleiben junge und gesunde Männer nicht unbedingt so.« Er deutete traurig auf seinen Sohn, der zwischen ihnen lag.
»Das ist … nicht der Moment, um darüber zu diskutieren«, sagte Lupin und mied die Blicke der anderen, während er verwirrt umhersah. »Dumbledore ist tot …«
»Dumbledore hätte sich mehr als jeder andere gefreut, wenn er erfahren hätte, dass ein wenig mehr Liebe in der Welt ist«, sagte Professor McGonagall schroff, und in diesem Augenblick öffneten sich die Türen des Krankenflügels erneut und Hagrid kam herein.
Das bisschen von seinem Gesicht, das nicht durch Haar oder Bart verdeckt war, war nass und geschwollen; er zitterte, in Tränen aufgelöst, und hielt ein riesiges gepunktetes Taschentuch in der Hand.
»Es is’ … es is’ erledigt, Professor«, würgte er hervor. »Ich hab ihn w-weggetragen. Professor Sprout hat die Kinder wieder ins Bett geschickt. Professor Flitwick hat sich hingelegt, aber er sagt, er is’ im Nu wieder auf’m Damm, und Professor Slughorn sagt, dass das Ministerium informiert is’.«
»Danke, Hagrid«, erwiderte Professor McGonagall, stand sofort auf und wandte sich der Gruppe um Bills Bett zu. »Ich werde mit den Vertretern des Ministeriums sprechen müssen, sobald sie hier sind. Hagrid, bitte richten Sie den Hauslehrern aus – Slughorn kann Slytherin übernehmen –, sie möchten sich umgehend in meinem Büro einfinden. Und ich wünsche, dass Sie auch dabei sind.«
Hagrid nickte, drehte sich um und schlurfte wieder hinaus, und sie blickte zu Harry hinab.
»Vor diesem Treffen hätte ich gerne ein kurzes Gespräch mit Ihnen, Harry. Wenn Sie bitte mit mir kommen …«
Harry stand auf, murmelte Ron, Hermine und Ginny »Wir sehen uns gleich« zu und folgte Professor McGonagall durch den Krankensaal zurück. Die Korridore draußen waren verlassen und es war nichts zu hören außer dem fernen Gesang des Phönix. Es dauerte einige Minuten, bis Harry bemerkte, dass sie nicht auf dem Weg zu Professor McGonagalls Büro waren, sondern zu Dumbledores, und ein paar weitere Sekunden, ehe ihm einfiel, dass sie ja die stellvertretende Schulleiterin gewesen war … offenbar hatte sie nun die Leitung übernommen … also gehörte der Raum hinter dem Wasserspeier jetzt ihr …
Schweigend stiegen sie die sich bewegende Wendeltreppe hinauf und betraten das kreisrunde Büro. Er wusste nicht, was er erwartet hatte: dass der Raum schwarz verhangen sein würde vielleicht, oder vielleicht sogar, dass Dumbledores Leichnam hier liegen würde. Tatsächlich sah der Raum fast genauso aus wie nur wenige Stunden zuvor, als er und Dumbledore ihn verlassen hatten: Die silbernen Instrumente surrten und pafften auf ihren storchbeinigen Tischen, Gryffindors Schwert schimmerte im Mondlicht in seiner Vitrine, der Sprechende Hut lag auf einem Regal hinter dem Schreibtisch. Aber Fawkes’ Stange war leer; er sang noch immer sein Klagelied draußen auf dem Schlossgelände. Und ein neues Porträt war in den Reihen der verstorbenen Schulleiter und Schulleiterinnen von Hogwarts … Dumbledore schlummerte in einem goldenen Rahmen über dem Schreibtisch, die Halbmondbrille auf der Hakennase, mit friedlicher und sorgloser Miene.
Professor McGonagall warf einen kurzen Blick auf das Porträt und machte eine eigenartige Bewegung, als würde sie sich wappnen, dann ging sie um den Schreibtisch herum und sah Harry mit angespanntem und zerfurchtem Gesicht an.
»Harry«, sagte sie, »ich würde gerne wissen, was Sie und Dumbledore heute Abend gemacht haben, nachdem Sie die Schule verlassen hatten.«
»Das kann ich Ihnen nicht sagen, Professor«, entgegnete Harry. Er hatte die Frage erwartet und seine Antwort parat. Hier, genau in diesem Raum, hatte Dumbledore ihn aufgefordert, keinem außer Ron und Hermine anzuvertrauen, was sie im Unterricht besprochen hatten.
»Harry, es könnte wichtig sein«, sagte Professor McGonagall.
»Das ist es«, sagte Harry, »sehr wichtig, aber er wollte nicht, dass ich es jemandem erzähle.«
Professor McGonagall blickte ihn finster an.
»Potter« (Harry fiel auf, dass sie nun wieder seinen Nachnamen gebrauchte), »ich denke, Sie müssen angesichts der Tatsache, dass Professor Dumbledore tot ist, einsehen, dass sich die Lage ein wenig verändert hat –«
»Das glaube ich nicht«, sagte Harry achselzuckend. »Professor Dumbledore hat nie gesagt, dass ich seine Befehle nicht mehr befolgen soll, wenn er einmal tot ist.«
»Aber –«
»Eins sollten Sie wissen, ehe die Leute vom Ministerium da sind. Madam Rosmerta steht unter dem Imperius-Fluch, sie hat Malfoy und den Todessern geholfen, auf diese Weise kamen das Halsband und der vergiftete Met –«
»Rosmerta?«, sagte Professor McGonagall ungläubig, doch ehe sie fortfahren konnte, klopfte es an der Tür hinter ihnen, und die Professoren Sprout, Flitwick und Slughorn kamen hereingeschlurft, gefolgt von Hagrid, der immer noch in Tränen aufgelöst war und dessen riesige Gestalt vor Kummer zitterte.
»Snape!«, stieß Slughorn hervor, der, bleich und schwitzend, am erschüttertsten von allen wirkte. »Snape! Er war mein Schüler! Ich dachte, ich kenne ihn!«
Doch ehe einer von ihnen darauf antworten konnte, meldete sich von hoch oben an der Wand eine scharfe Stimme: Ein fahlgesichtiger Zauberer mit kurzen schwarzen Stirnfransen war gerade auf seine leere Leinwand zurückgekehrt.
»Minerva, der Minister wird in ein paar Sekunden hier sein, er ist soeben aus dem Ministerium disappariert.«
»Danke, Everard«, sagte Professor McGonagall und wandte sich rasch ihren Lehrern zu.
»Ehe er hier ist, möchte ich noch darüber reden, wie es mit Hogwarts weitergehen soll«, sagte sie rasch. »Ich persönlich bin nicht davon überzeugt, dass die Schule nächstes Jahr wieder geöffnet werden sollte. Der Tod des Schulleiters durch die Hand eines unserer Kollegen ist ein furchtbarer Schandfleck in Hogwarts’ Geschichte. Es ist schrecklich.«
»Ich bin sicher, Dumbledore hätte gewollt, dass die Schule geöffnet bleibt«, sagte Professor Sprout. »Ich denke, wenn auch nur ein einziger Schüler kommen will, dann sollte die Schule für diesen Schüler geöffnet bleiben.«
»Aber werden wir nach diesen Vorfällen einen einzigen Schüler haben?«, fragte Slughorn und tupfte sich die schwitzende Stirn mit einem seidenen Taschentuch ab. »Die Eltern werden ihre Kinder zu Hause behalten wollen und ich kann es ihnen keineswegs verdenken. Ich persönlich glaube nicht, dass wir in Hogwarts gefährdeter sind als irgendwo sonst, aber man kann nicht erwarten, dass Mütter genauso denken. Sie werden ihre Familien zusammenhalten wollen, das ist nur natürlich.«
»Dieser Meinung bin ich auch«, sagte Professor McGonagall. »Und man kann jedenfalls nicht behaupten, dass Professor Dumbledore sich nie in einer Situation befand, in der Hogwarts möglicherweise geschlossen werden sollte. Als sich die Kammer des Schreckens von neuem öffnete, zog er die Schließung der Schule in Betracht – und ich muss sagen, dass der Mord an Professor Dumbledore mich mehr beunruhigt als die Vorstellung, Slytherins Monster würde unentdeckt in den Eingeweiden des Schlosses leben …«
»Wir müssen die Schulräte befragen«, sagte Professor Flitwick mit seiner leisen quiekenden Stimme; er hatte einen großen Bluterguss auf der Stirn, schien jedoch ansonsten bei seinem Zusammenbruch in Snapes Büro nicht zu Schaden gekommen zu sein. »Wir müssen uns an die herkömmlichen Verfahrensweisen halten. Eine Entscheidung sollte nicht überstürzt werden.«
»Hagrid, Sie haben sich gar nicht geäußert«, sagte Professor McGonagall. »Wie ist Ihre Ansicht, sollte Hogwarts geöffnet bleiben?«
Hagrid, der während des ganzen Gesprächs stumm in sein großes getüpfeltes Taschentuch geweint hatte, hob nun die verschwollenen Augen und krächzte: »Ich weiß nich, Professor … das müss’n die Hauslehrer und die Schulleiterin entscheiden …«
»Professor Dumbledore hat Ihre Meinung immer geschätzt«, sagte Professor McGonagall freundlich, »und das tue ich auch.«
»Also, ich bleib hier«, sagte Hagrid, und noch immer liefen ihm dicke Tränen aus den Augenwinkeln und tröpfelten in seinen verfilzten Bart. »’s is’ mein Zuhause hier, ’s war mein Zuhause, seit ich dreizehn war. Und wenn’s Kinder gibt, die woll’n, dass ich ihnen was beibring, dann mach ich’s. Aber … ich weiß nich … Hogwarts ohne Dumbledore …«
Er schluckte, verschwand erneut hinter seinem Taschentuch, und Stille trat ein.
»Na schön«, sagte Professor McGonagall und blickte aus dem Fenster über das Gelände, um zu sehen, ob der Minister schon im Anmarsch war, »dann muss ich Filius zustimmen, dass es das Richtige ist, die Schulräte zu befragen und ihnen die endgültige Entscheidung zu überlassen.
Was die Heimreise der Schüler angeht … gibt es gute Gründe, dass diese eher früher als später stattfinden sollte. Wenn nötig, könnten wir es so einrichten, dass der Hogwarts-Express morgen kommt –«
»Was ist mit Dumbledores Begräbnis?«, ergriff Harry nun endlich das Wort.
»Nun …«, sagte Professor McGonagall, und da ihre Stimme bebte, wirkte sie etwas weniger energisch. »Ich – ich weiß, es war Dumbledores Wunsch, hier in Hogwarts begraben zu werden –«
»Dann wird das auch geschehen, oder?«, sagte Harry grimmig.
»Wenn das Ministerium es für angemessen hält«, erwiderte Professor McGonagall. »Noch nie wurde ein Schulleiter oder eine Schulleiterin –«
»Noch nie hat ein Schulleiter oder eine Schulleiterin mehr für diese Schule gege’m«, knurrte Hagrid.
»Hogwarts sollte Dumbledores letzte Ruhestätte sein«, sagte Professor Flitwick.
»Aber natürlich«, sagte Professor Sprout.
»Und in diesem Fall«, sagte Harry, »sollten Sie die Schüler nicht vor dem Begräbnis nach Hause schicken. Sie wollen sich sicher –«
Das letzte Wort blieb ihm im Hals stecken, aber Professor Sprout beendete den Satz für ihn.
»– verabschieden.«
»Gut gesagt«, quiekte Professor Flitwick. »Gut gesagt, in der Tat! Unsere Schüler sollten ihren Respekt erweisen, so gehört es sich. Für den Heimtransport können wir danach sorgen.«
»Ganz genau«, bellte Professor Sprout.
»Ich schätze … ja …«, sagte Slughorn, und seine Stimme klang recht aufgewühlt, während Hagrid mit einem erstickten Schluchzer zustimmte.
»Er kommt«, sagte Professor McGonagall plötzlich und spähte hinunter auf das Schlossgelände. »Der Minister … und wie es aussieht, hat er eine Delegation mitgebracht …«
»Kann ich gehen, Professor?«, sagte Harry sofort.
Er hatte nicht das geringste Bedürfnis, in dieser Nacht Rufus Scrimgeour zu sehen oder von ihm verhört zu werden.
»Ja«, sagte Professor McGonagall, »aber schnell.«
Sie schritt auf die Tür zu und hielt sie für ihn auf. Er rannte die Wendeltreppe hinunter und den verlassenen Korridor entlang; er hatte seinen Tarnumhang auf dem Astronomieturm gelassen, doch es spielte keine Rolle; in den Korridoren war niemand, der ihn hätte vorbeigehen sehen können, nicht einmal Filch, Mrs Norris oder Peeves. Er traf keine Menschenseele, bis er in den Gang einbog, der zum Gemeinschaftsraum der Gryffindors führte.
»Ist es wahr?«, flüsterte die fette Dame, als er sich näherte. »Ist es wirklich wahr? Dumbledore – tot?«
»Ja«, sagte Harry.
Sie stieß einen klagenden Schrei aus und schwang vor, um ihn einzulassen, ohne auf das Passwort zu warten.
Wie Harry vermutet hatte, war es im Gemeinschaftsraum gerammelt voll. Als er durch das Porträtloch kletterte, wurde es still. Er sah Dean und Seamus mit einigen anderen in der Nähe sitzen: Das bedeutete, dass der Schlafsaal leer sein musste, oder fast leer. Ohne mit jemandem zu sprechen oder auch nur jemandem in die Augen zu sehen, ging Harry mitten durch den Raum und durch die Tür zu den Jungenschlafsälen.
Wie er gehofft hatte, saß Ron immer noch komplett angezogen auf dem Bett und wartete auf ihn. Harry setzte sich auf sein Himmelbett und einen Moment lang starrten sie einander nur an.
»Sie reden darüber, ob man die Schule schließen sollte«, sagte Harry.
»Lupin meinte, dass sie das machen werden«, sagte Ron.
Eine Pause trat ein.
»Und?«, sagte Ron mit sehr leiser Stimme, als glaubte er, die Möbel würden sie belauschen. »Habt ihr einen gefunden? Habt ihr einen gekriegt? Einen – einen Horkrux?«
Harry schüttelte den Kopf. Alles, was an diesem schwarzen See geschehen war, kam ihm jetzt wie ein längst vergangener Alptraum vor; war es wirklich passiert, nur Stunden zuvor?
»Ihr habt ihn nicht gekriegt?«, sagte Ron mit niedergeschlagener Miene. »Er war nicht dort?«
»Nein«, sagte Harry. »Jemand hatte ihn schon weggenommen und einen falschen an seinem Platz zurückgelassen.«
»Schon weggenommen –?«
Wortlos zog Harry das falsche Medaillon aus seiner Tasche, öffnete es und gab es Ron. Die ganze Geschichte hatte Zeit … sie war in dieser Nacht nicht wichtig … nichts war wichtig außer dem Ende, dem Ende ihres sinnlosen Abenteuers, dem Ende von Dumbledores Leben …
»R. A. B.«, flüsterte Ron, »aber wer war das?«
»Keine Ahnung«, sagte Harry, legte sich in all seinen Sachen auf dem Bett zurück und starrte mit leerem Blick nach oben. Er verspürte überhaupt keine Neugier, was R. A. B. anging: Er bezweifelte, dass er je wieder neugierig sein würde. Während er dalag, wurde ihm plötzlich bewusst, dass es über dem Schlossgelände still war. Fawkes hatte aufgehört zu singen.
Und er wusste, ohne zu wissen, woher, dass der Phönix verschwunden war, dass er Hogwarts für immer verlassen hatte, wie auch Dumbledore die Schule verlassen hatte, die Welt verlassen hatte … Harry verlassen hatte.
Das weiße Grabmal
Der gesamte Unterricht wurde eingestellt, alle Prüfungen waren verschoben. Einige Schüler wurden während der nächsten Tage von ihren Eltern eilends von Hogwarts abgeholt – die Patil-Zwillinge waren noch vor dem Frühstück am Morgen nach Dumbledores Tod verschwunden, und Zacharias Smith wurde von seinem überheblich wirkenden Vater aus der Schule geleitet. Seamus Finnigan hingegen weigerte sich glatt, mit seiner Mutter nach Hause zu fahren; sie hatten eine lautstarke Auseinandersetzung in der Eingangshalle, die damit endete, dass seine Mutter ihm erlaubte, bis nach der Beerdigung zu bleiben. Sie hatte Schwierigkeiten, in Hogsmeade eine Unterkunft zu finden, berichtete Seamus Harry und Ron, weil Zauberer und Hexen in das Dorf strömten, die Dumbledore die letzte Ehre erweisen wollten.
Unter den jüngeren Schülern, die das noch nie gesehen hatten, gab es einige Aufregung, als eine pastellblaue Kutsche, groß wie ein Haus, gezogen von einem Dutzend gigantischer geflügelter Palominos, am späten Nachmittag vor der Beerdigung vom Himmel gerauscht kam und am Waldrand landete. Harry sah von einem Fenster aus zu, wie eine riesige und hübsche schwarzhaarige Frau mit olivfarbenem Teint die Kutschenstufen hinabstieg und sich in die Arme des wartenden Hagrid warf. Mittlerweile war eine Delegation aus Ministeriumsvertretern, darunter der Zaubereiminister persönlich, im Schloss einquartiert worden. Harry vermied sorgsam jeglichen Kontakt mit ihnen; früher oder später würde man ihn sicher erneut auffordern zu berichten, was Dumbledore getan hatte, als er Hogwarts zum letzten Mal verlassen hatte.
Harry, Ron, Hermine und Ginny verbrachten all ihre Zeit gemeinsam. Das schöne Wetter war ein Hohn; Harry konnte sich ausmalen, wie diese Zeit ganz am Ende des Schuljahres für sie gewesen wäre, wenn Dumbledore nicht gestorben wäre: Ginny war mit den Prüfungen fertig, es gab keinen Druck mehr, Hausaufgaben zu machen … Und von Stunde zu Stunde schob er hinaus, was er sagen musste und was er, weil es das Richtige war, tun musste, denn es war zu bitter, auf jene Quelle, die ihm am meisten Trost spendete, zu verzichten.
Zweimal am Tag gingen sie in den Krankenflügel: Neville war entlassen worden, aber Bill blieb in Madam Pomfreys Obhut. Seine Narben waren genauso schlimm wie zuvor; tatsächlich hatte er jetzt eine entfernte Ähnlichkeit mit Mad-Eye Moody, auch wenn Bill zum Glück noch beide Augen und Beine besaß, doch sein Charakter war offenbar derselbe geblieben. Alles, was sich verändert zu haben schien, war, dass er nun eine große Vorliebe für sehr blutige Steaks hatte.
»… also ist es nur gut, dass er misch ’eiratet«, sagte Fleur selig und schüttelte Bills Kissen auf, »weil die Briten ihr Fleisch su lange braten, das ’abe isch immer gesagt.«
»Ich glaub, ich muss mich einfach damit abfinden, dass er sie wirklich heiraten wird«, seufzte Ginny später am Abend, als sie, Harry, Ron und Hermine am offenen Fenster des Gryffindor-Gemeinschaftsraums saßen und auf das dämmrige Schlossgelände hinausschauten.
»Sie ist doch gar nicht so übel«, sagte Harry. »Aber hässlich«, fügte er hastig hinzu, als Ginny die Augenbrauen hochzog, und sie ließ ein zögerndes Kichern hören.
»Also, ich denke, wenn Mum es aushalten kann, dann kann ich es auch.«
»Sonst noch jemand gestorben, den wir kennen?«, fragte Ron Hermine, die aufmerksam den Abendpropheten las.
Die angestrengte Härte seiner Stimme ließ Hermine zusammenzucken.
»Nein«, sagte sie missbilligend und faltete die Zeitung zusammen. »Sie suchen immer noch nach Snape, aber keine Spur …«
»Natürlich gibt es keine«, sagte Harry, der jedes Mal wütend wurde, wenn dieses Thema zur Sprache kam. »Die werden Snape nicht finden, bis sie Voldemort finden, und wenn sie das all die Zeit schon nicht geschafft haben …«
»Ich geh ins Bett«, gähnte Ginny. »Ich hab nicht sonderlich gut geschlafen, seit … also … ich könnte ein bisschen Schlaf vertragen.«
Sie küsste Harry (Ron sah demonstrativ weg), winkte den beiden anderen und verschwand in Richtung Mädchenschlafsäle. Kaum hatte sich die Tür hinter ihr geschlossen, beugte sich Hermine mit einem höchst herminehaften Gesichtsausdruck zu Harry vor.
»Harry, ich habe heute Morgen etwas rausgefunden, in der Bibliothek …«
»R. A. B.?«, sagte Harry und richtete sich auf.
Er fühlte sich nicht, wie so häufig zuvor, aufgeregt, neugierig, erpicht darauf, einem Geheimnis auf den Grund zu kommen; er wusste nur, dass die Aufgabe, die Wahrheit über den echten Horkrux herauszufinden, gelöst werden musste, ehe er auf dem dunklen und gewundenen Weg ein Stück vorankam, der sich vor ihm erstreckte, auf dem Weg, den er und Dumbledore gemeinsam angetreten hatten und von dem er nun wusste, dass er ihn allein würde gehen müssen. Es waren vielleicht noch immer vier Horkruxe irgendwo dort draußen, und jeder musste gefunden und zerstört werden, ehe es überhaupt eine Möglichkeit gab, Voldemort zu töten. Er sagte sich immer wieder ihre Namen vor, als ob er sie in Reichweite bringen könnte, wenn er sie aufzählte: »das Medaillon … der Becher … die Schlange … etwas von Gryffindor oder Ravenclaw … das Medaillon … der Becher … die Schlange … etwas von Gryffindor oder Ravenclaw …«
Dieses Mantra schien in Harrys Kopf zu pulsieren, wenn er abends einschlief, und seine Träume waren voller Becher, Medaillons und mysteriöser Gegenstände, die er nie richtig zu fassen bekam, obwohl Dumbledore ihm hilfreich eine Strickleiter anbot, die sich jedoch in Schlangen verwandelte, sobald er loskletterte …
Er hatte Hermine am Morgen nach Dumbledores Tod den Brief aus dem Medaillon gezeigt, und obwohl sie die Initialen nicht sofort als die eines obskuren Zauberers erkannt hatte, von dem sie schon gelesen hatte, war sie seither ein wenig häufiger in die Bibliothek gerannt, als es jemand, der keine Hausaufgaben zu erledigen hatte, unbedingt hätte tun müssen.
»Nein«, sagte sie niedergeschlagen, »ich hab es versucht, Harry, aber ich hab nichts gefunden … es gibt ein paar einigermaßen bekannte Zauberer mit diesen Initialen – Rosalind Antigone Bungs … Rupert ›Axebanger‹ Brookstanton … aber die scheinen überhaupt nicht zu passen. Diesem Brief nach kannte die Person, die den Horkrux gestohlen hat, Voldemort, und ich kann nicht das geringste Anzeichen dafür finden, dass Bungs oder Axebanger je irgendetwas mit ihm zu schaffen hatten … nein, eigentlich geht es um … na ja, Snape.«
Sie wirkte allein schon beim Aussprechen des Namens nervös.
»Was ist mit ihm?«, fragte Harry mit schwerer Stimme und ließ sich wieder in seinen Sessel sinken.
»Also, es ist nur, dass ich irgendwie Recht hatte bei dieser Halbblutprinz-Geschichte«, sagte sie zögernd.
»Musst du ewig darauf herumreiten, Hermine? Was glaubst du, wie ich mich jetzt dabei fühle?«
»Nein – nein – das war nicht so gemeint, Harry!«, sagte sie hastig und blickte umher, um sich zu vergewissern, dass keiner mithörte. »Ich wollte nur sagen, dass ich Recht hatte, dass das Buch früher mal Eileen Prince gehört hat. Weißt du … sie war Snapes Mutter!«
»Ich hab mir schon gedacht, dass sie nicht gerade ’ne Schönheit war«, bemerkte Ron. Hermine ignorierte ihn.
»Ich hab die restlichen alten Propheten durchgesehen und eine kleine Anzeige gefunden, dass Eileen Prince einen Mann namens Tobias Snape geheiratet hat, und später eine Geburtsanzeige, dass sie –«
»– einen Mörder in die Welt gesetzt hat«, fauchte Harry.
»Nun … ja«, sagte Hermine. »Also … hatte ich irgendwie Recht. Snape war offenbar stolz, ein ›halber Prinz‹ zu sein, verstehst du? Tobias Snape war nach dem, was im Propheten stand, ein Muggel.«
»Jaah, das passt«, sagte Harry. »Er hat den Reinblüter rausgekehrt, damit er sich mit Lucius Malfoy und den anderen anfreunden konnte … er ist genau wie Voldemort. Mutter reinblütig, Vater Muggel … schämt sich für seine Herkunft, versucht, mit Hilfe der dunklen Künste Angst um sich herum zu verbreiten, legt sich einen eindrucksvollen neuen Namen zu – Lord Voldemort – der Halbblutprinz –, wie konnte Dumbledore das nur übersehen –?«
Er brach ab und blickte aus dem Fenster. Immer wieder kam er auf Dumbledores unentschuldbares Vertrauen in Snape zurück … doch Hermine hatte ihn gerade unabsichtlich daran erinnert, dass er, Harry, genauso reingefallen war … obwohl diese hingekritzelten Zauber immer gemeiner geworden waren, hatte er sich geweigert, schlecht von dem Jungen zu denken, der so klug war, der ihm so sehr geholfen hatte …
Ihm geholfen hatte … das war inzwischen ein fast unerträglicher Gedanke …
»Ich begreif immer noch nicht, warum er dich wegen diesem Buch nicht gemeldet hat«, sagte Ron. »Er muss doch gewusst haben, wo du das alles herhattest.«
»Er wusste es«, sagte Harry bitter. »Er wusste es, nachdem ich Sectumsempra benutzt hatte. Er brauchte eigentlich keine Legilimentik … er hat es vielleicht sogar schon vorher gewusst, weil Slughorn doch darüber geredet hat, wie hervorragend ich in Zaubertränke war … hätte sein altes Buch nicht unten in diesem Schrank zurücklassen sollen, oder?«
»Aber warum hat er dich nicht gemeldet?«
»Ich glaube, er wollte sich selbst nicht mit diesem Buch in Verbindung bringen«, sagte Hermine. »Ich glaube, Dumbledore wäre nicht sonderlich begeistert gewesen, wenn er es erfahren hätte. Und selbst wenn Snape so getan hätte, als wäre es nicht seins gewesen, hätte Slughorn seine Handschrift sofort erkannt. Das Buch war jedenfalls in Snapes altem Klassenzimmer zurückgelassen worden, und ich wette, Dumbledore wusste, dass seine Mutter ›Prince‹ hieß.«
»Ich hätte Dumbledore das Buch zeigen sollen«, sagte Harry. »Die ganze Zeit hat er mir vor Augen geführt, wie böse Voldemort sogar schon in der Schule war, und ich hatte den Beweis: Snape war genauso –«
»›Böse‹ ist ein hartes Wort«, sagte Hermine leise.
»Du warst es doch, die mir ständig gesagt hat, das Buch sei gefährlich!«
»Was ich eigentlich sagen will, Harry, ist, dass du dir selbst zu viel Schuld gibst. Ich dachte, der Prinz schien eine fiese Art von Humor zu haben, aber ich hätte nie vermutet, dass er ein potenzieller Mörder war …«
»Keiner von uns hätte gedacht, dass Snape … ihr wisst schon«, sagte Ron.
Sie verfielen in Schweigen und hingen ihren Gedanken nach, aber Harry war sicher, dass die beiden genau wie er selbst an den nächsten Morgen dachten, an dem Dumbledore bestattet werden sollte. Harry war noch nie bei einer Beerdigung gewesen; als Sirius gestorben war, hatte es keinen Leichnam gegeben, der begraben werden konnte. Harry wusste nicht, was auf ihn zukam, und machte sich ein wenig Sorgen, was er zu sehen bekommen würde und wie es ihm ergehen würde. Er fragte sich, ob Dumbledores Tod ihm wirklicher vorkommen würde, wenn die Beerdigung einmal vorbei war. Obwohl ihn die furchtbare Tatsache in manchen Momenten zu überwältigen drohte, gab es auch Zeiten, in denen er sich leer und abgestumpft fühlte und in denen er es, auch wenn niemand im ganzen Schloss über etwas anderes redete, immer noch schwierig fand, zu glauben, dass Dumbledore wirklich gestorben war. Zugegeben, er hatte nicht, wie noch bei Sirius, verzweifelt nach einer Art Schlupfloch gesucht, nach einem Weg, auf dem Dumbledore zurückkommen könnte … er tastete in seiner Tasche nach der kalten Kette des falschen Horkruxes, den er nun überallhin mitnahm, nicht als Talisman, sondern als Erinnerung daran, welch hohen Preis er gekostet hatte und was noch zu tun blieb.
Am nächsten Tag stand Harry früh auf, um zu packen; der Hogwarts-Express würde eine Stunde nach dem Begräbnis abfahren. Die Stimmung unten in der Großen Halle war gedämpft. Alle trugen ihre besten Umhänge und niemand schien sonderlich Hunger zu haben. Professor McGonagall hatte den thronartigen Stuhl in der Mitte des Lehrertischs frei gelassen. Auch Hagrids Stuhl war nicht besetzt: Harry überlegte, dass er es vielleicht nicht über sich gebracht hatte, zum Frühstück zu kommen; aber Snapes Platz war ohne viel Federlesen von Rufus Scrimgeour eingenommen worden. Harry mied den Blick seiner gelblichen Augen, der durch die Halle streifte; er hatte das unangenehme Gefühl, dass Scrimgeour nach ihm suchte. Unter Scrimgeours Begleitern erkannte Harry das rote Haar und die Hornbrille von Percy Weasley. Ron ließ sich nicht anmerken, dass er Percy gesehen hatte, abgesehen davon, dass er mit ungewöhnlicher Bösartigkeit auf seine Räucherheringe einstach.
Drüben am Slytherin-Tisch hatten Crabbe und Goyle die Köpfe zusammengesteckt und tuschelten. Obwohl sie riesige Kerle waren, wirkten sie doch merkwürdig einsam ohne die große, bleiche Gestalt von Malfoy in ihrer Mitte, der sie herumkommandierte. Harry hatte nicht viele Gedanken an Malfoy verschwendet. Seine Feindschaft galt allein Snape, aber er hatte die Angst in Malfoys Stimme dort oben auf dem Turm nicht vergessen, und auch nicht die Tatsache, dass er seinen Zauberstab gesenkt hatte, ehe die anderen Todesser gekommen waren. Harry glaubte nicht, dass Malfoy Dumbledore getötet hätte. Er verachtete Malfoy immer noch, weil er so vernarrt war in die dunklen Künste, doch nun mischte sich ein winziger Tropfen Mitgefühl in seine Abneigung. Wo, fragte sich Harry, steckte Malfoy jetzt, und wozu zwang ihn Voldemort unter der Androhung, ihn und seine Eltern zu töten?
Ginny stieß Harry in die Rippen und riss ihn aus seinen Gedanken. Professor McGonagall war aufgestanden und das düstere Geflüster in der Halle erstarb sofort.
»Es ist nun an der Zeit«, sagte sie. »Bitte folgt euren Hauslehrern hinaus auf das Gelände. Die Gryffindors mir nach.«
Sie erhoben sich beinahe stumm von ihren Bänken und marschierten hintereinanderher hinaus. Harry erhaschte einen Blick auf Slughorn an der Spitze der Slytherins, er trug einen prunkvollen, langen, silbern bestickten smaragdgrünen Umhang. Professor Sprout, die Hauslehrerin der Hufflepuffs, hatte er noch nie so proper gesehen; auf ihrem Hut war kein einziger Flicken. Und als sie die Eingangshalle erreichten, sahen sie Madam Pince neben Filch stehen, sie mit einem dichten schwarzen Schleier, der ihr bis zu den Knien fiel, er in einem alten schwarzen Anzug mit Krawatte, der nach Mottenkugeln roch.
Als Harry aus dem Portal hinaus auf die steinernen Stufen trat, sah er, dass es in Richtung See ging. Die Sonne strich ihm warm über sein Gesicht, während sie Professor McGonagall schweigend zu dem Platz folgten, wo Hunderte von Stühlen in Reihen aufgestellt worden waren. In der Mitte verlief ein Gang: Vorne stand ein Marmortisch, auf den alle Stühle ausgerichtet waren. Es war der schönste Sommertag.
Eine ungewöhnliche Mischung von Leuten hatte sich bereits auf der Hälfte der Stühle niedergelassen: schäbig und schick, alt und jung. Die meisten kannte Harry nicht, einige allerdings schon, darunter Mitglieder des Phönixordens: Kingsley Shacklebolt, Mad-Eye Moody, Tonks, deren Haar wunderbarerweise wieder von einem höchst leuchtenden Rosa war, Remus Lupin, offenbar Hand in Hand mit ihr, Mr und Mrs Weasley, Bill, von Fleur gestützt und gefolgt von Fred und George, die Jacketts aus schwarzer Drachenhaut trugen. Dann war da Madame Maxime, die allein schon zweieinhalb Stühle beanspruchte, Tom, der Wirt des Tropfenden Kessels, Harrys Nachbarin, die Squib Arabella Figg, die wildmähnige Bassistin der magischen Musikgruppe Schwestern des Schicksals, Ernie Prang, Chauffeur des Fahrenden Ritters, Madam Malkin vom Kleidergeschäft in der Winkelgasse und einige Leute, die Harry nur vom Sehen kannte, wie der Wirt des Eberkopfs und die Hexe, die den Imbisswagen im Hogwarts-Express schob. Die Schlossgespenster waren auch da, im hellen Sonnenlicht kaum zu erkennen und nur zu unterscheiden, wenn sie sich bewegten und ätherisch in der flirrenden Luft schimmerten.
Harry, Ron, Hermine und Ginny setzten sich nebeneinander ans Ende einer Stuhlreihe am Seeufer. Leute flüsterten miteinander; es klang wie eine Brise im Gras, aber der Gesang der Vögel war bei weitem lauter. Die Menge wurde immer größer; mit einer jähen Anwandlung von Zuneigung beobachtete Harry, wie Luna Neville auf einen Stuhl half. Sie waren die einzigen von allen Mitgliedern der DA gewesen, die Hermines Ruf in der Nacht von Dumbledores Tod gefolgt waren, und Harry wusste, warum: Sie hatten die DA am meisten vermisst … vermutlich hatten sie ihre Münzen regelmäßig geprüft, in der Hoffnung, dass es ein weiteres Treffen geben würde …
Cornelius Fudge ging mit trauriger Miene an ihnen vorbei zu den vorderen Reihen und drehte wie üblich seinen grünen Bowler in den Händen; als Nächstes erkannte Harry Rita Kimmkorn, die, wie er zornig bemerkte, ein Notizbuch in ihren rot lackierten Krallen hielt; und es versetzte ihm einen noch zornigeren Stich, als er Dolores Umbridge sah, mit einer fadenscheinigen Trauermiene auf ihrem krötenartigen Gesicht und einer schwarzen Samtschleife auf ihren eisengrauen Locken. Beim Anblick des Zentauren Firenze, der wie ein Wächter nahe dem Ufer stand, zuckte sie zusammen und trippelte hastig zu einem Stuhl in beträchtlicher Entfernung.
Als Letzte nahmen die Lehrer Platz. Harry konnte in der ersten Reihe Scrimgeour mit ernstem und würdevollem Gesicht neben Professor McGonagall sitzen sehen. Er fragte sich, ob Scrimgeour oder irgendeiner von diesen wichtigen Leuten wirklich traurig darüber war, dass Dumbledore tot war. Doch dann hörte er Musik, seltsame Musik wie aus einer anderen Welt, und er vergaß seine Abneigung gegen das Ministerium, als er sich nach ihrer Quelle umsah. Er war nicht der Einzige: Viele Köpfe drehten sich suchend und ein wenig beunruhigt um.
»Dadrin«, flüsterte Ginny Harry ins Ohr.
Und er sah sie in dem klaren grünen, sonnenbeschienenen Wasser, Zentimeter unter der Oberfläche, und sie erinnerten ihn auf schreckliche Weise an die Inferi; ein Chor von Wassermenschen sang in einer eigentümlichen Sprache, die er nicht verstand, ihre bleichen Gesichter kräuselten sich, ihre leicht violetten Haare wogten um sie herum. Die Musik ließ Harry die Nackenhaare zu Berge stehen und doch war sie nicht unangenehm. Sie sprach sehr deutlich von Verlust und Verzweiflung. Als er hinabblickte auf die wilden Gesichter der Sänger, hatte er das Gefühl, dass wenigstens sie über Dumbledores Tod traurig waren. Dann stupste Ginny ihn erneut an und er wandte sich um.
Hagrid schritt langsam den Gang zwischen den Stühlen entlang. Er weinte ganz leise, sein Gesicht glänzte vor Tränen, und in seinen Armen trug er, wie Harry wusste, eingehüllt in violetten, mit goldenen Sternen besetzten Samt, den toten Dumbledore. Bei diesem Anblick stieg Harry ein scharfer Schmerz die Kehle hoch: Für einen Moment schienen die seltsame Musik und das Wissen, dass Dumbledores Leichnam so nahe war, dem Tag alle Wärme zu rauben. Ron wirkte bleich und entsetzt. Dicke Tränen fielen in rascher Folge in Ginnys und Hermines Schoß.
Sie konnten nicht genau sehen, was vorne geschah. Offenbar hatte Hagrid den Leichnam vorsichtig auf den Tisch gelegt. Nun zog er sich den Gang entlang zurück und schnäuzte sich mit lauten Trompetentönen, was ihm empörte Blicke mancher Leute einbrachte, darunter, wie Harry sah, Dolores Umbridge … aber Harry wusste, dass es Dumbledore nicht gekümmert hätte. Als Hagrid vorbeikam, versuchte es Harry mit einer freundlichen Geste in seine Richtung, aber Hagrids Augen waren so verquollen, dass es ein Wunder war, dass er überhaupt sehen konnte, wo er langging. Harry richtete den Blick zur hinteren Reihe, auf die Hagrid zuging, und sah, wo es ihn hinzog, denn dort saß, in einer Jacke und einer Hose, die jeweils so groß waren wie ein kleines Zirkuszelt, der Riese Grawp, den großen, hässlichen, felsblockartigen Kopf geneigt, friedlich, fast menschlich. Hagrid setzte sich neben seinen Halbbruder, und Grawp tätschelte ihm so heftig den Kopf, dass Hagrids Stuhl in die Erde sank. Einen wundervollen Moment lang wollte Harry lachen. Doch dann verstummte der Gesang und er wandte sich wieder nach vorne.
Ein kleiner Mann mit büscheligen Haaren, der in einen schlichten schwarzen Umhang gekleidet war, hatte sich erhoben und stand jetzt vor Dumbledores Leichnam. Harry konnte nicht hören, was er sagte. Das eine oder andere Wort wehte über die Hunderte von Köpfen nach hinten zu ihnen. »Geistesadel« … »intellektueller Beitrag« … »Herzensgüte« … es sagte nicht sehr viel. Es hatte wenig mit Dumbledore zu tun, wie Harry ihn gekannt hatte. Plötzlich fiel ihm ein, was Dumbledore sich einst unter einer kleinen Rede vorgestellt hatte: »Schwachkopf! Krimskrams! Schwabbelspeck! Quiek!«, und wieder musste er sich ein Grinsen verkneifen … was war los mit ihm?
Zu seiner Linken war ein leises Spritzen zu hören, und er sah, dass die Meermenschen an die Oberfläche gedrungen waren und ebenfalls lauschten. Er erinnerte sich, wie Dumbledore sich vor zwei Jahren, ganz nah der Stelle, wo Harry jetzt saß, ans Ufer gekauert und mit der Anführerin der Meermenschen auf Meerisch gesprochen hatte. Harry überlegte, wo Dumbledore Meerisch gelernt hatte. Es gab so viel, was er ihn nie gefragt hatte, so viel, was er hätte sagen sollen …
Und dann, ohne Vorwarnung, überwältigte sie ihn, die grauenvolle Wahrheit, umfassender und unleugbarer als bisher. Dumbledore war tot, war nicht mehr … Er umklammerte das kalte Medaillon in seiner Hand so fest, dass es schmerzte, doch er konnte nicht verhindern, dass ihm heiße Tränen aus den Augen quollen: Er wandte sich ab von Ginny und den anderen und starrte über den See, hinüber zum Wald, während der kleine Mann in Schwarz weiterleierte … zwischen den Bäumen bewegte sich etwas. Auch die Zentauren waren gekommen, um Dumbledore die letzte Ehre zu erweisen. Sie kamen nicht ins Freie, aber Harry sah sie völlig reglos dastehen, halb verborgen im Schatten, die Bogen hingen ihnen an den Seiten herab und sie beobachteten die Zauberer. Und Harry erinnerte sich an seinen ersten alptraumhaften Ausflug in den Wald, an das allererste Mal, dass er jenem Etwas begegnet war, das damals Voldemort war, wie er ihm gegenübergestanden hatte und wie er und Dumbledore wenig später darüber gesprochen hatten, wie man eine Schlacht schlagen sollte, die wahrscheinlich verloren war. Es war wichtig zu kämpfen, hatte Dumbledore gesagt, und immer wieder zu kämpfen, denn nur dann konnte das Böse in Schach gehalten werden, wenn auch nie ganz ausgelöscht …
Und Harry saß da in der heißen Sonne, und er sah ganz deutlich, wie die Menschen, denen er etwas bedeutete, sich einer nach dem anderen vor ihn gestellt hatten, seine Mutter, sein Vater, sein Pate und schließlich Dumbledore, alle entschlossen, ihn zu schützen; aber nun war das vorbei. Er konnte es nicht zulassen, dass noch jemand sich zwischen ihn und Voldemort stellte; er musste sich für immer von der Illusion verabschieden, die er schon im Alter von einem Jahr hätte verlieren müssen: dass die beschützenden Arme der Eltern ihn vor allem Unheil bewahren würden. Es gab kein Erwachen aus diesem Alptraum, niemand flüsterte ihm im Dunkeln tröstlich zu, dass ihm doch nichts passieren könne, dass sich alles nur in seiner Phantasie abspiele; der letzte und größte seiner Beschützer war gestorben, und nun war er so allein, wie er es noch nie gewesen war.
Der kleine Mann in Schwarz hatte endlich aufgehört zu reden und seinen Platz wieder eingenommen. Harry wartete darauf, dass sich jemand anderes erhob; sicher würde es weitere Reden geben, vermutlich auch vom Minister, doch niemand rührte sich.
Dann schrien etliche Leute auf. Rings um Dumbledores Leichnam und um den Tisch, auf dem er lag, waren helle, weiße Flammen aufgelodert: Sie stiegen immer höher und verdeckten den Körper. Weißer Rauch bewegte sich spiralförmig nach oben und bildete merkwürdige Formen: Einen kurzen Moment, in dem Harry das Herz stehen blieb, glaubte er einen Phönix zu sehen, der freudig ins Blaue davonflog, doch eine Sekunde später schon war das Feuer verschwunden. An seiner Stelle stand nun ein weißes Grabmal aus Marmor, das Dumbledores Leichnam und den Tisch umschloss, auf dem er geruht hatte.
Noch mehr entsetzte Schreie waren zu hören, als ein Schauer von Pfeilen durch die Luft rauschte, doch sie fielen weit vor der Menge zu Boden. Dies war, wie Harry wusste, der Tribut der Zentauren: Er sah sie davonlaufen und wieder im kühlen Wald verschwinden. Auch die Meermenschen sanken langsam in das grüne Wasser zurück und waren nicht mehr zu sehen.
Harry blickte Ginny, Ron und Hermine an: Ron hatte das Gesicht verzogen, als würde ihn das Sonnenlicht blenden. Hermines Gesicht glänzte tränennass, aber Ginny hatte aufgehört zu weinen. Sie erwiderte Harrys Blick mit dem gleichen harten, glühenden Ausdruck, den er an ihr gesehen hatte, als sie ihn umarmte, nachdem sie den Quidditch-Pokal ohne ihn gewonnen hatten, und in diesem Moment wusste er, dass sie einander vollkommen verstanden und dass sie, wenn er ihr sagen würde, was er nun vorhatte, nicht »Sei vorsichtig« oder »Tu’s nicht« erwidern, sondern seine Entscheidung akzeptieren würde, weil sie nichts anderes von ihm erwartet hatte. Und so wappnete er sich für die Worte, die er, wie ihm schon seit Dumbledores Tod bewusst war, aussprechen musste.
»Ginny, hör zu …«, sagte er ganz leise, während das Stimmengewirr um sie herum lauter wurde und die Leute sich allmählich erhoben. »Ich darf nichts mehr mit dir zu tun haben. Wir müssen aufhören, uns zu treffen. Wir können nicht zusammen sein.«
Mit einem merkwürdig schiefen Lächeln erwiderte sie: »Es gibt irgendeinen dummen, edlen Grund dafür, nicht wahr?«
»Diese letzten Wochen mit dir … das war wie … wie ein Stück aus dem Leben eines anderen«, sagte Harry. »Aber ich kann nicht … wir können nicht … ich muss jetzt einige Dinge allein erledigen.«
Sie weinte nicht, sie sah ihn nur an.
»Voldemort benutzt Leute, die seinen Feinden nahestehen. Er hat dich schon einmal als Köder benutzt, und das nur, weil du die Schwester meines besten Freundes bist. Überleg mal, in welche Gefahr du geraten wirst, wenn wir zusammenbleiben. Er wird es erfahren, er wird es herausfinden. Er wird versuchen, durch dich an mich heranzukommen.«
»Und was, wenn es mir egal ist?«, sagte Ginny grimmig.
»Mir ist es nicht egal«, entgegnete Harry. »Was glaubst du, wie es mir gehen würde, wenn das dein Begräbnis wäre … und wenn es meine Schuld gewesen wäre …«
Sie wandte sich von ihm ab und blickte über den See.
»Ich hab dich nie wirklich aufgegeben«, sagte sie. »Nie. Ich habe immer gehofft … Hermine hat gesagt, ich soll einfach weiterleben, mich vielleicht mal mit anderen Leuten verabreden, etwas lockerer sein, wenn du in der Nähe bist, weil ich nie ein Wort rausbrachte, wenn du im selben Raum warst, weißt du noch? Und sie meinte, du würdest ein wenig mehr Notiz von mir nehmen, wenn ich ein bisschen mehr – ich selbst bin.«
»Kluges Mädchen, diese Hermine«, sagte Harry und versuchte zu lächeln. »Ich wünschte nur, ich hätte dich früher gefragt. Wir hätten Ewigkeiten gehabt … Monate … vielleicht Jahre …«
»Aber du warst zu sehr damit beschäftigt, die magische Welt zu retten«, sagte Ginny halb lachend. »Also … ich kann nicht behaupten, dass ich überrascht bin. Ich wusste, dass es irgendwann passieren würde. Ich wusste, du würdest nicht glücklich sein, wenn du Voldemort nicht jagst. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich dich so sehr mag.«
Harry konnte es nicht ertragen, diese Dinge zu hören, und er glaubte nicht, dass sein Entschluss standhalten würde, wenn er noch länger neben ihr sitzen bliebe. Er sah, dass Ron jetzt Hermine im Arm hielt und ihr übers Haar strich, während sie an seiner Schulter schluchzte, und Ron tropften Tränen von der Spitze seiner langen Nase. Mit einer traurigen Geste stand Harry auf, wandte Ginny und Dumbledores Grabmal den Rücken zu und ging um den See herum davon. Sich zu bewegen kam ihm viel erträglicher vor, als ruhig dazusitzen: Wie er sich auch viel besser fühlen würde, wenn er baldmöglichst aufbrach, um die Horkruxe aufzuspüren und Voldemort zu töten, statt nur darauf zu warten, es zu tun …
»Harry!«
Er drehte sich um. Rufus Scrimgeour hinkte, auf seinen Gehstock gestützt, das Ufer entlang rasch auf ihn zu.
»Ich hatte gehofft, dass wir ein Wort miteinander reden können … Gestatten Sie, dass ich Sie ein kleines Stück begleite?«
»Ja«, sagte Harry gleichgültig und ging weiter.
»Harry, das war eine schreckliche Tragödie«, sagte Scrimgeour leise, »ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie entsetzt ich war, als ich davon hörte. Dumbledore war ein sehr großer Zauberer. Wir hatten unsere Meinungsverschiedenheiten, wie Sie wissen, aber niemand weiß besser als ich –«
»Was wollen Sie?«, fragte Harry tonlos.
Scrimgeour sah verärgert aus, doch wie schon zuvor änderte er hastig seinen Gesichtsausdruck und machte nun eine bekümmerte, verständnisvolle Miene.
»Sie sind natürlich tief erschüttert«, sagte er. »Ich weiß, dass Sie Dumbledore sehr nahestanden. Ich schätze, Sie waren sein Lieblingsschüler überhaupt. Das Band zwischen Ihnen beiden –«
»Was wollen Sie?«, wiederholte Harry und blieb stehen.
Auch Scrimgeour hielt auf seinen Stock gestützt inne und musterte Harry nun mit gewiefter Miene.
»Man sagt, dass Sie bei ihm waren, als er die Schule in der Nacht seines Todes verließ.«
»Wer sagt das?«
»Jemand hat einen Todesser auf dem Turm mit einem Schockzauber belegt, nachdem Dumbledore gestorben war. Außerdem waren zwei Besen dort oben. Das Ministerium kann eins und eins zusammenzählen, Harry.«
»Freut mich zu hören«, sagte Harry. »Nun, wo ich mit Dumbledore hingegangen bin und was wir gemacht haben, ist meine Angelegenheit. Er wollte nicht, dass es irgendjemand erfährt.«
»Solche Treue ist natürlich bewundernswert«, sagte Scrimgeour, der seinen Ärger nur mühsam zu zügeln schien, »aber Dumbledore ist nicht mehr, Harry. Er ist nicht mehr.«
»Er wird nur dann nicht mehr in der Schule sein, wenn ihm hier keiner mehr treu ist«, sagte Harry und lächelte unwillkürlich.
»Mein lieber Junge … selbst Dumbledore kann nicht zurückkehren aus dem –«
»Ich behaupte nicht, dass er das kann. Sie würden es ohnehin nicht verstehen. Aber ich habe Ihnen nichts zu sagen.«
Scrimgeour zögerte, dann sagte er in einem Ton, der offenbar taktvoll sein sollte: »Wissen Sie, Harry, das Ministerium kann Ihnen allerlei Arten von Schutz bieten. Ich würde mich freuen, wenn ich Ihnen ein paar von meinen Auroren zur Verfügung stellen könnte –«
Harry lachte.
»Voldemort will mich eigenhändig umbringen und Auroren werden ihn nicht aufhalten. Also, danke für das Angebot, aber, nein danke.«
»Nun«, sagte Scrimgeour, jetzt mit kühler Stimme, »mein Wunsch, den ich Ihnen Weihnachten unterbreitet habe –«
»Welcher Wunsch? O jaah … dass ich der Welt sage, welch großartige Arbeit Sie leisten, um damit dann –«
»– die allgemeine Moral zu stärken!«, fauchte Scrimgeour.
Harry fasste ihn einen Moment ins Auge.
»Haben Sie Stan Shunpike schon freigelassen?«
Scrimgeour nahm eine hässliche puterrote Farbe an, die stark an Onkel Vernon erinnerte.
»Ich sehe, Sie sind –«
»Durch und durch Dumbledores Mann«, sagte Harry. »Ganz genau.«
Scrimgeour sah ihn noch einen Augenblick lang finster an, dann drehte er sich um und hinkte ohne ein weiteres Wort davon. Harry konnte Percy und die restliche Abordnung des Ministeriums auf ihn warten sehen, wobei sie dem schluchzenden Hagrid und Grawp, die immer noch auf ihren Plätzen saßen, nervöse Blicke zuwarfen. Ron und Hermine eilten an Scrimgeour vorbei auf Harry zu; Harry wandte sich um, ging langsam weiter, während er darauf wartete, dass sie ihn einholten, was sie schließlich im Schatten einer Buche taten, unter der sie in glücklicheren Zeiten immer gesessen hatten.
»Was wollte Scrimgeour?«, flüsterte Hermine.
»Das Gleiche, was er Weihnachten wollte«, erwiderte Harry achselzuckend. »Dass ich ihm vertrauliche Informationen über Dumbledore liefere und der neue Vorzeigejunge des Ministeriums werde.«
Ron schien einen Moment mit sich zu ringen, dann sagte er laut zu Hermine: »Hör mal, lass mich zurückgehen und Percy eine reinhauen!«
»Nein«, erwiderte sie entschieden und packte ihn am Arm.
»Danach fühl ich mich besser!«
Harry lachte. Selbst Hermine grinste ein wenig, doch ihr Lächeln verblasste, als sie zum Schloss hochblickte.
»Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass wir vielleicht nie mehr hierher zurückkehren«, sagte sie leise. »Wie kann Hogwarts nur schließen?«
»Vielleicht passiert es ja gar nicht«, sagte Ron. »Wir sind hier nicht in größerer Gefahr als zu Hause, oder? Es ist jetzt überall das Gleiche. Ich würde sogar sagen, dass Hogwarts sicherer ist, es sind mehr Zauberer da, die es verteidigen können. Was meinst du, Harry?«
»Ich komme nicht zurück, selbst wenn Hogwarts wieder öffnet«, sagte Harry.
Ron starrte ihn nur an, doch Hermine sagte traurig: »Ich wusste, dass du das sagen würdest. Aber was willst du denn tun?«
»Ich geh noch einmal zu den Dursleys zurück, weil Dumbledore es so wollte«, sagte Harry. »Aber das wird nur ein kurzer Besuch sein und dann bin ich endgültig weg von dort.«
»Aber wo willst du hin, wenn du nicht in die Schule zurückkommst?«
»Ich dachte, ich könnte vielleicht nach Godric’s Hollow zurückkehren«, murmelte Harry. Diesen Gedanken hatte er schon seit der Nacht von Dumbledores Tod. »Für mich hat es dort angefangen, diese ganze Geschichte. Ich habe einfach das Gefühl, dass ich dort hingehen muss. Und ich kann die Gräber meiner Eltern besuchen, das würde ich gerne.«
»Und was dann?«, sagte Ron.
»Dann muss ich die restlichen Horkruxe aufspüren, oder?«, erwiderte Harry, die Augen auf Dumbledores weißes Grabmal gerichtet, das sich im Wasser auf der anderen Seite des Sees spiegelte. »Er wollte, dass ich das tue, deshalb hat er mir alles über sie erzählt. Wenn Dumbledore Recht hatte – und ich bin sicher, er hatte Recht –, sind immer noch vier davon dort draußen. Ich muss sie finden und sie zerstören, und dann muss ich mich auf die Jagd nach dem siebten Stück von Voldemorts Seele machen, dem Stück, das immer noch in seinem Körper ist, und ich bin derjenige, der ihn töten wird. Und wenn ich unterwegs auf Severus Snape stoße«, fügte er hinzu, »umso besser für mich, umso schlechter für ihn.«
Ein langes Schweigen trat ein. Die Menge hatte sich jetzt fast zerstreut, die Nachzügler machten einen großen Bogen um die gewaltige Gestalt von Grawp, der Hagrid knuddelte, dessen traurige Schreie immer noch über das Wasser hallten.
»Wir werden dort sein, Harry«, sagte Ron.
»Wie bitte?«
»Im Haus von deiner Tante und deinem Onkel«, sagte Ron. »Und dann werden wir mit dir gehen, wo auch immer du hingehst.«
»Nein –«, sagte Harry rasch; damit hatte er nicht gerechnet, er hatte ihnen klarmachen wollen, dass er diese äußerst gefährliche Reise allein unternehmen würde.
»Du hast einmal zu uns gesagt«, erklärte Hermine leise, »dass noch Zeit sei umzukehren, wenn wir wollten. Wir hatten Zeit, stimmt’s?«
»Wir sind bei dir, was auch immer geschieht«, sagte Ron. »Aber, Mann, du musst erst mal bei meinen Eltern vorbeischauen, ehe wir sonst wo hingehen, selbst wenn es Godric’s Hollow ist.«
»Warum?«
»Bill und Fleur heiraten, schon vergessen?«
Harry sah ihn verdutzt an; der Gedanke, dass es immer noch so etwas Alltägliches wie eine Hochzeit geben könnte, erschien ihm unfassbar und wundervoll zugleich.
»Jaah, das sollten wir nicht versäumen«, sagte er schließlich.
Seine Hand schloss sich wie von selbst um den falschen Horkrux, doch trotz allem, trotz des dunklen und gewundenen Wegs, den er vor sich liegen sah, trotz der letzten Begegnung mit Voldemort, die, wie er wusste, unweigerlich kommen musste, ob in einem Monat, in einem Jahr oder in zehn Jahren, trotz alldem fasste er Mut bei dem Gedanken, dass es doch noch einen letzten goldenen friedvollen Tag geben würde, den er mit Ron und Hermine genießen konnte.
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Harry Potter und der Stein der Weisen
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Harry Potter und der Gefangene von Askaban
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Originaltitel: Harry Potter and the Deathly Hallows
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Umschlagbild: Sabine Wilharm
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Diese digitale Edition wurde 2012 zum ersten Mal von Pottermore Limited veröffentlicht
Deutsche Printausgabe erschienen im Carlsen Verlag GmbH
Originalcopyright © J.K. Rowling 2007
Copyright für die deutsche Ausgabe © Carlsen Verlag GmbH 2007
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ISBN 978-1-78110-061-5
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Die
Widmung
dieses Buches
ist
siebengeteilt:
für Neil,
für Jessica,
für David,
für Kenzie,
für Di,
für Anne
und für euch,
wenn ihr
zu Harry
gehalten habt,
bis ganz
zum
Schluss.
INHALT
Der Dunkle Lord erhebt sich
In memoriam
Die Dursleys reisen ab
Die sieben Potters
Gefallener Krieger
Der Ghul im Schlafanzug
Das Testament von Albus Dumbledore
Die Hochzeit
Ein Versteck
Kreachers Geschichte
Das Bestechungsgeschenk
Magie ist Macht
Die Registrierungskommission für Muggelstämmige
Der Dieb
Die Rache des Kobolds
Godric’s Hollow
Bathildas Geheimnis
Leben und Lügen des Albus Dumbledore
Die silberne Hirschkuh
Xenophilius Lovegood
Das Märchen von den drei Brüdern
Die Heiligtümer des Todes
Das Haus Malfoy
Der Zauberstabmacher
Shell Cottage
Gringotts
Das letzte Versteck
Der fehlende Spiegel
Das verschollene Diadem
Der Rauswurf von Severus Snape
Die Schlacht von Hogwarts
Der Elderstab
Die Geschichte des Prinzen
Wieder der Wald
King’s Cross
Der Fehler im Plan
Neunzehn Jahre später
Erbteil des fluches,
hässlicher sünde
blutige wunde.
schmerzen, wer trüge sie?
qualen, wer stillte sie?
wehe weh!
Einzig der erbe
heilet des hauses
eiternde wunde,
einzig mit blut’gem schnitt.
götter der finsternis
rief mein lied.
Sel’ge geister drunten in der tiefe,
wenn ihr die beschwörungsrufe hörtet,
bringt den kindern hilfe, bringt den sieg.
Aischylos, Das Opfer am Grabe
Sterben ist nur ein Uebergang aus dieser Welt in die andere, als wenn Freunde über See gehen, welche dennoch in einander fortleben. Denn Diejenigen, die im Allgegenwärtigen lieben und leben, müssen nothwendig einander gegenwärtig seyn. In diesem göttlichen Spiegel sehen sie sich von Angesicht zu Angesicht, und ihr Umgang ist so wohl frey als rein. Und wenn sie auch durch den Tod getrennt werden, so haben sie doch den Trost, daß ihre Freundschaft und Gesellschaft ihnen, dem besten Gefühle nach, beständig gegenwärtig bleibt, weil diese unsterblich ist.
William Penn, Früchte der Einsamkeit. Zweyte Abtheilung
Der Dunkle Lord erhebt sich
Die beiden Männer kamen aus dem Nichts, erschienen wenige Meter voneinander entfernt auf dem schmalen, mondhellen Weg. Einen Augenblick verharrten sie reglos, die Zauberstäbe einander auf die Brust gerichtet; dann erkannten sie sich, verbargen die Zauberstäbe unter ihren Umhängen und gingen rasch in dieselbe Richtung.
»Neuigkeiten?«, fragte der Größere der beiden.
»Hervorragende«, antwortete Severus Snape.
Der Weg war links von niedrigen wilden Brombeersträuchern gesäumt, rechts von einer säuberlich beschnittenen hohen Hecke. Die langen Umhänge schlugen den Männern beim Gehen um die Knöchel.
»Dachte schon, ich wär zu spät«, sagte Yaxley, dessen grobe Gesichtszüge immer wieder nicht zu sehen waren, wenn das Mondlicht von den Ästen überhängender Bäume gebrochen wurde. »War etwas komplizierter, als ich erwartet hatte. Aber ich hoffe, er wird zufrieden sein. Du bist dir wohl sicher, dass du freundlich empfangen wirst?«
Snape nickte, sagte aber nichts weiter. Sie bogen nach rechts in eine breite Zufahrt ein, die vom Weg abzweigte. Auch die hohe Hecke machte einen Bogen und zog sich weiter, über das imposante schmiedeeiserne Doppeltor hinaus, das den Männern den Weg versperrte. Keiner der beiden hielt inne: Stumm hoben sie den linken Arm wie zum Gruß und gingen mitten hindurch, als wäre das dunkle Metall aus Rauch.
Die Eibenhecken dämpften das Geräusch ihrer Schritte. Irgendwo zu ihrer Rechten raschelte es. Yaxley zog erneut seinen Zauberstab und zielte damit über den Kopf seines Begleiters, doch das Rascheln stammte nur von einem makellos weißen Pfau, der majestätisch auf der Hecke entlangstolzierte.
»Hat es sich immer gut gehen lassen, Lucius. Pfauen …« Schnaubend schob Yaxley den Zauberstab wieder unter seinen Umhang.
Am Ende des geraden Zufahrtsweges nahm ein stattliches Herrenhaus in der Dunkelheit Gestalt an, in den Rautenfenstern im unteren Stockwerk schimmerten Lichter. Irgendwo in dem dunklen Garten hinter der Hecke plätscherte ein Brunnen. Snape und Yaxley eilten über knirschenden Kies zur Haustür, die nach innen schwang, als sie sich näherten, ohne dass irgendjemand zu sehen war, der sie geöffnet hätte.
Die große Eingangshalle war schwach beleuchtet und luxuriös ausgestattet, ein prächtiger Teppich bedeckte fast den gesamten steinernen Boden. Die Augen der fahlgesichtigen Porträts an den Wänden folgten Snape und Yaxley, während sie vorbeigingen. Die beiden Männer blieben vor einer massiven Holztür stehen, die in den nächsten Raum führte, und zögerten einen Herzschlag lang, dann drückte Snape die bronzene Türklinke herunter.
Der Salon war voller Menschen, die schweigend an einem langen verzierten Tisch saßen. Die eigentlichen Möbel des Raumes waren achtlos an die Wände geschoben worden. Licht kam von einem prasselnden Feuer unter einem hübschen marmornen Kaminsims, über dem ein goldener Spiegel aufragte. Snape und Yaxley blieben einen Moment auf der Schwelle stehen. Während ihre Augen sich an das spärliche Licht gewöhnten, lenkte ein äußerst merkwürdiges Detail der Szenerie ihren Blick nach oben: Eine offenbar bewusstlose menschliche Gestalt hing mit dem Kopf nach unten über dem Tisch und drehte sich langsam um sich selbst, wie an einem unsichtbaren Seil aufgehängt und reflektiert in dem Spiegel und in der leeren, polierten Tischfläche unter ihr. Keiner der vor diesem seltsamen Anblick Versammelten nahm Notiz davon, außer ein blasser junger Mann, der beinahe direkt daruntersaß. Er konnte anscheinend nicht an sich halten und spähte etwa im Minutenabstand nach oben.
»Yaxley. Snape«, sagte eine hohe, klare Stimme vom Kopfende des Tisches her. »Ihr kommt äußerst spät.«
Der gesprochen hatte, saß direkt vor dem Kamin, weshalb es für die Neuankömmlinge zunächst schwierig war, mehr als seine Silhouette zu erkennen. Als sie jedoch näher traten, leuchtete sein Gesicht durch die Düsternis, haarlos, schlangenähnlich, mit Schlitzen als Nasenlöchern und funkelnden roten Augen mit senkrechten Pupillen. Er war so blass, dass ein perlmuttartiger Glanz von ihm auszugehen schien.
»Severus, hierher«, sagte Voldemort und deutete auf den Platz direkt zu seiner Rechten. »Yaxley – neben Dolohow.«
Die beiden Männer nahmen die ihnen zugewiesenen Plätze ein. Fast alle am Tisch folgten Snape mit den Blicken, und er war es auch, den Voldemort zuerst ansprach.
»Nun?«
»Herr, der Orden des Phönix hat die Absicht, Harry Potter am nächsten Samstag bei Einbruch der Dunkelheit von seinem gegenwärtigen sicheren Aufenthaltsort wegzubringen.«
Rund um den Tisch wurde das Interesse spürbar stärker: Manche erstarrten, andere rutschten unruhig auf ihren Stühlen hin und her, alle sahen wie gebannt zu Snape und Voldemort.
»Samstag … bei Einbruch der Dunkelheit«, wiederholte Voldemort. Seine roten Augen fixierten Snapes schwarze mit solcher Eindringlichkeit, dass einige Zuschauer wegsahen, offenbar aus Angst, sie selbst könnten von dem flammenden Blick versengt werden. Snape jedoch schaute ruhig zurück in Voldemorts Gesicht, und nach ein, zwei Augenblicken krümmte sich Voldemorts lippenloser Mund zu einer Art Lächeln.
»Gut. Sehr gut. Und diese Information stammt –«
»Von der Quelle, über die wir gesprochen haben«, sagte Snape.
»Herr.«
Yaxley hatte sich vorgeneigt und blickte über den langen Tisch zu Voldemort und Snape. Alle Gesichter wandten sich ihm zu.
»Herr, ich habe anderes gehört.«
Yaxley wartete, doch Voldemort sagte nichts, deshalb fuhr er fort: »Dawlish, der Auror, hat beiläufig erwähnt, dass Potter erst am Dreißigsten fortgebracht wird, in der Nacht bevor er siebzehn wird.«
Snape lächelte.
»Meine Quelle hat mir gesagt, dass man plant, eine falsche Spur zu legen; das wird sie wohl sein. Dawlish wurde mit Sicherheit einem Verwechslungszauber unterworfen. Es wäre nicht das erste Mal, er gilt als anfällig.«
»Herr, ich versichere Euch, Dawlish schien absolut überzeugt«, sagte Yaxley.
»Wenn er unter einem Verwechslungszauber steht, dann ist er natürlich überzeugt«, sagte Snape. »Ich versichere dir, Yaxley, dass das Aurorenbüro beim Schutz von Harry Potter in Zukunft keine Rolle mehr spielen wird. Der Orden glaubt, dass wir das Ministerium infiltriert haben.«
»Da liegt der Orden dann mal richtig, was?«, sagte ein untersetzter Mann, der unweit von Yaxley saß; er brach in ein pfeifendes Kichern aus, das hie und da den Tisch entlang erwidert wurde.
Voldemort lachte nicht. Sein Blick war nach oben gewandert, zu dem Körper, der sich langsam über den Köpfen drehte, und er war offenbar in Gedanken versunken.
»Herr«, fuhr Yaxley fort, »Dawlish glaubt, dass sie einen ganzen Trupp von Auroren einsetzen werden, um den Jungen wegzubringen –«
Voldemort hob eine große weiße Hand, und Yaxley verstummte sofort und sah grollend zu, wie Voldemort sich wieder an Snape wandte.
»Wo wollen sie den Jungen als Nächstes verstecken?«
»Im Haus eines Ordensmitglieds«, sagte Snape. »Der Ort bekam der Quelle zufolge sämtlichen Schutz, den der Orden und das Ministerium gemeinsam aufbieten können. Ich denke, wenn er einmal dort ist, haben wir kaum Chancen, ihn zu fangen, Herr, es sei denn natürlich, das Ministerium fällt vor dem nächsten Samstag. Dann hätten wir vielleicht die Möglichkeit, genügend von diesen Zauberbannen zu finden und aufzuheben, um auch die restlichen durchbrechen zu können.«
»Nun, Yaxley?«, rief Voldemort den Tisch hinunter und der Feuerschein glitzerte seltsam in seinen roten Augen. »Wird das Ministerium bis nächsten Samstag gefallen sein?«
Erneut drehten sich alle Köpfe. Yaxley straffte die Schultern.
»Herr, dazu habe ich gute Neuigkeiten. Es ist mir – unter Schwierigkeiten und mit großer Mühe – gelungen, Pius Thicknesse einem Imperius-Fluch zu unterwerfen.«
Viele um Yaxley herum wirkten beeindruckt; sein Nachbar, Dolohow, ein Mann mit einem langen, verzerrten Gesicht, klopfte ihm auf den Rücken.
»Das ist ein Anfang«, sagte Voldemort. »Aber Thicknesse ist nur ein einziger Mann. Scrimgeour muss von unseren Leuten umringt sein, ehe ich handle. Ein gescheiterter Anschlag auf das Leben des Ministers würde mich weit zurückwerfen.«
»Ja – Herr, das ist wahr – aber Ihr wisst, dass Thicknesse als Leiter der Abteilung für Magische Strafverfolgung nicht nur zum Minister persönlich regelmäßigen Kontakt hat, sondern auch zu den Leitern aller anderen Ministeriumsabteilungen. Nun, da wir einen so hochrangigen Beamten unter unserer Kontrolle haben, wird es, denke ich, leicht sein, auch die anderen zu unterwerfen, und dann können sie alle gemeinsam daran arbeiten, Scrimgeour zu stürzen.«
»Vorausgesetzt, dass unser Freund Thicknesse nicht entdeckt wird, ehe er die anderen umgedreht hat«, sagte Voldemort. »Jedenfalls bleibt es unwahrscheinlich, dass das Ministerium vor nächstem Samstag in meiner Hand ist. Wenn wir nicht an seinem Bestimmungsort an den Jungen herankommen, dann muss es getan werden, während er unterwegs ist.«
»Hier sind wir im Vorteil, Herr«, sagte Yaxley, der offenbar unbedingt ein gewisses Maß an Lob einheimsen wollte. »Wir haben inzwischen mehrere Leute in die Abteilung für Magisches Transportwesen eingeschleust. Wenn Potter appariert oder das Flohnetzwerk benutzt, werden wir das sofort erfahren.«
»Er wird weder das eine noch das andere tun«, sagte Snape. »Der Orden vermeidet jede Transportart, die vom Ministerium überwacht oder geregelt wird; sie misstrauen allem, was mit denen zu tun hat.«
»Umso besser«, sagte Voldemort. »Er wird aus der Deckung kommen müssen. Da ist er leichter zu fassen, wesentlich leichter.«
Voldemort sah wieder zu dem sich langsam drehenden Körper hoch, während er fortfuhr: »Ich werde mich persönlich um den Jungen kümmern. Was Harry Potter anbelangt, hat es zu viele Fehler gegeben. Manche davon waren meine eigenen. Dass Potter noch lebt, ist mehr meinen Irrtümern zuzuschreiben als seinen Erfolgen.«
Die Tischgesellschaft beobachtete Voldemort besorgt, ihren Mienen nach hatten sie alle Angst, womöglich dafür verantwortlich gemacht zu werden, dass Harry Potter immer noch am Leben war. Voldemort jedoch, weiterhin dem bewusstlosen Körper über ihm zugewandt, schien mehr mit sich selbst zu sprechen als mit irgendeinem von ihnen.
»Ich war leichtsinnig, und so haben Glück und Zufall, die alles zerstören außer die bestgeschmiedeten Pläne, meine Vorhaben vereitelt. Aber jetzt weiß ich es besser. Ich habe die Dinge begriffen, die ich früher nicht begriffen habe. Ich muss derjenige sein, der Harry Potter tötet, und der werde ich sein.«
Bei diesen Worten, und offenbar als Antwort darauf, ertönte ein plötzliches Wehklagen, ein schrecklicher, lang gezogener Schrei voller Qual und Schmerz. Viele der um den Tisch Versammelten blickten verdutzt nach unten, denn der Schrei schien unter ihren Füßen hervorgedrungen zu sein.
»Wurmschwanz«, sagte Voldemort, ohne dass sich an seinem ruhigen, nachdenklichen Ton etwas verändert hätte und ohne dass er die Augen von dem sich drehenden Körper hoch oben abwandte, »habe ich dir nicht Anweisung gegeben, unseren Gefangenen ruhig zu halten?«
»J-ja, Herr«, keuchte ein kleiner Mann an der unteren Hälfte des Tisches, der so tief versunken dagesessen hatte, dass es auf den ersten Blick aussah, als wäre sein Stuhl leer. Nun kletterte er von seinem Sitz, huschte aus dem Raum und hinterließ dabei nichts als ein merkwürdiges silbernes Schimmern.
»Wie ich gerade sagte«, fuhr Voldemort fort und blickte wieder in die gespannten Gesichter seiner Anhänger, »ich habe etwas begriffen. Ich werde mir zum Beispiel von einem von euch einen Zauberstab ausleihen müssen, ehe ich mich auf den Weg mache, um Potter zu töten.«
Die Gesichter um ihn herum zeigten schieres Entsetzen; er hätte genauso gut ankündigen können, dass er sich einen ihrer Arme ausleihen wolle.
»Keine Freiwilligen?«, sagte Voldemort. »Wir werden sehen … Lucius, ich wüsste keinen Grund, warum du noch einen Zauberstab besitzen solltest.«
Lucius Malfoy blickte auf. Im Schein des Feuers wirkte seine Haut gelblich und wächsern, seine Augen lagen tief in ihren Höhlen und waren umschattet. Als er sprach, war seine Stimme heiser.
»Herr?«
»Deinen Zauberstab, Lucius. Ich verlange deinen Zauberstab.«
»Ich …«
Malfoy warf einen Seitenblick auf seine Frau. Sie starrte geradeaus, nicht minder blass als er, mit langen blonden Haaren, die ihr über den Rücken fielen, doch unter dem Tisch umschlossen ihre schlanken Finger kurz sein Handgelenk. Bei dieser Berührung schob Malfoy die Hand unter seinen Umhang, zog einen Zauberstab heraus und reichte ihn Voldemort, der ihn vor seine roten Augen hielt und scharf musterte.
»Woraus ist er?«
»Ulme, Herr«, flüsterte Malfoy.
»Und der Kern?«
»Drachen – Drachenherzfaser.«
»Gut«, sagte Voldemort. Er zog seinen eigenen Zauberstab hervor und verglich die Längen.
Lucius Malfoy machte eine unwillkürliche Bewegung; für den Bruchteil einer Sekunde schien es, als erwartete er, Voldemorts Zauberstab im Austausch gegen seinen eigenen zu bekommen. Voldemort entging die Geste nicht und seine Augen weiteten sich gehässig.
»Dir meinen Zauberstab geben, Lucius? Meinen Zauberstab?«
Einige der Versammelten kicherten.
»Ich habe dir die Freiheit gegeben, Lucius, ist dir das nicht genug? Mir ist jedoch aufgefallen, dass du und deine Familie in letzter Zeit alles andere als glücklich ausseht … Was missfällt dir an meiner Anwesenheit hier in deinem Haus, Lucius?«
»Nichts – nichts, Herr!«
»Solche Lügen, Lucius …«
Die sanfte Stimme schien weiterzuzischen, auch als der unbarmherzige Mund sich nicht mehr bewegte. Der ein oder andere Zauberer unterdrückte mühsam ein Schaudern, als das Zischen lauter wurde; sie hörten, wie etwas Schweres unter dem Tisch über den Boden glitt.
Die riesige Schlange tauchte auf und kroch langsam an Voldemorts Stuhl empor. Sie kam immer höher, scheinbar unendlich lang, und blieb über Voldemorts Schultern liegen: Ihr Hals war dick wie der Oberschenkel eines Mannes; ihre Augen mit den senkrechten Schlitzen als Pupillen blinzelten nicht. Voldemort streichelte das Geschöpf geistesabwesend mit seinen langen, dünnen Fingern, während er immer noch zu Lucius Malfoy sah.
»Warum wirken die Malfoys so unglücklich über ihr Los? Ist meine Rückkehr, mein Aufstieg zur Macht, nicht genau das, was sie angeblich so viele Jahre lang ersehnt haben?«
»Natürlich, Herr«, sagte Lucius Malfoy. Mit zitternder Hand wischte er sich Schweiß von der Oberlippe. »Wir haben es ersehnt – wir tun es immer noch.«
Links neben Malfoy nickte seine Frau auf eine merkwürdige, steife Art, die Augen von Voldemort und der Schlange abgewandt. Rechts neben ihm warf sein Sohn Draco, der die ganze Zeit zu dem trägen Körper oben hinaufgestarrt hatte, einen kurzen Blick auf Voldemort und sah gleich wieder weg, aus Angst, ihre Blicke könnten sich kreuzen.
»Herr«, sagte eine dunkelhaarige Frau an der unteren Hälfte des Tisches mit vor Erregung erstickter Stimme, »es ist eine Ehre, Euch hier im Haus unserer Familie zu haben. Es kann keine höhere Freude geben.«
Sie saß neben ihrer Schwester, der sie mit ihrem dunklen Haar und den schweren Augenlidern im Aussehen ebenso wenig ähnelte wie in Haltung und Gebaren; während Narzissa starr und teilnahmslos dasaß, beugte sich Bellatrix zu Voldemort hin, denn Worte allein konnten ihr Verlangen nach Nähe nicht zum Ausdruck bringen.
»Keine höhere Freude«, wiederholte Voldemort, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, indem er Bellatrix musterte. »Bei dir, Bellatrix, heißt das eine ganze Menge.«
Röte stieg ihr ins Gesicht; aus ihren Augen quollen Freudentränen.
»Ihr wisst, Herr, dass ich nichts als die Wahrheit sage!«
»Keine höhere Freude … sogar im Vergleich zu dem glücklichen Ereignis, das, wie ich höre, diese Woche in deiner Familie stattgefunden hat?«
Sie starrte ihn an, mit geöffneten Lippen, offensichtlich verwirrt.
»Ich weiß nicht, was Ihr meint, Herr.«
»Ich spreche von deiner Nichte, Bellatrix. Und von eurer, Lucius und Narzissa. Sie hat soeben den Werwolf geheiratet, Remus Lupin. Wie stolz ihr sein müsst.«
Höhnisches Gelächter brach um den Tisch herum aus. Viele beugten sich vor und tauschten hämische Blicke; einige schlugen mit den Fäusten auf den Tisch. Die große Schlange, der die Unruhe nicht behagte, öffnete weit das Maul und zischte wütend, doch die Todesser hörten es nicht, so sehr freuten sie sich über die Demütigung von Bellatrix und den Malfoys. Bellatrix’ Gesicht, eben noch strahlend vor Glück, hatte ein hässliches, fleckiges Rot angenommen.
»Sie ist keine Nichte von uns, Herr«, rief sie durch den allgemeinen Ausbruch von Heiterkeit. »Wir – Narzissa und ich – haben unsere Schwester nicht mehr zu Gesicht bekommen, seit sie den Schlammblüter geheiratet hat. Diese Göre hat mit keiner von uns etwas zu tun, ebenso wenig wie irgendein Biest, das sie heiratet.«
»Was sagst du dazu, Draco?«, fragte Voldemort, und obwohl seine Stimme leise war, übertönte sie die Pfiffe und das Hohngelächter. »Wirst du den Babysitter für die Bälger spielen?«
Die Stimmung wurde noch ausgelassener; Draco Malfoy schaute bestürzt seinen Vater an, der in seinen eigenen Schoß hinabstarrte, dann erhaschte er den Blick seiner Mutter. Sie schüttelte beinahe unmerklich den Kopf, dann starrte auch sie wieder ausdruckslos auf die Wand gegenüber.
»Genug«, sagte Voldemort und streichelte die zornige Schlange. »Genug.«
Und das Gelächter erstarb augenblicklich.
»Viele unserer ältesten Familienstammbäume werden mit der Zeit etwas kränklich«, sagte er, während Bellatrix atemlos und flehentlich zu ihm hinsah. »Man muss seinen Baum stutzen, damit er gesund bleibt, nicht wahr? Die Teile wegschneiden, welche die Gesundheit des Übrigen bedrohen.«
»Ja, Herr«, flüsterte Bellatrix und ihre Augen schwammen erneut in Tränen vor Dankbarkeit. »Bei erster Gelegenheit!«
»Die sollst du bekommen«, sagte Voldemort. »Und wie in deiner Familie, so auch in der Welt … Wir werden das Krebsgeschwür wegschneiden, das uns verseucht, bis nur noch die von wahrem Blut zurückbleiben …«
Voldemort hob Lucius Malfoys Zauberstab, richtete ihn direkt auf die sich langsam drehende Gestalt, die über dem Tisch hing, und versetzte ihm einen winzigen Schlenker. Die Gestalt kam mit einem Stöhnen zu Bewusstsein und begann gegen unsichtbare Fesseln zu kämpfen.
»Erkennst du unseren Gast, Severus?«, fragte Voldemort.
Snape schaute hinauf zu dem kopfüber hängenden Gesicht. Nun sahen alle Todesser hoch zu der Gefangenen, als hätte man ihnen die Erlaubnis erteilt, Neugierde zu zeigen. Während sie sich zum Licht des Feuers hin drehte, sagte die Frau mit gebrochener und grauenerfüllter Stimme: »Severus! Helfen Sie mir!«
»Ah, ja«, sagte Snape, als die Gefangene sich langsam wieder wegdrehte.
»Und du, Draco?«, fragte Voldemort, während er mit seiner freien Hand die Schnauze der Schlange streichelte. Draco schüttelte ruckartig den Kopf. Nun, da die Frau erwacht war, schien er außerstande, sie weiter anzusehen.
»Aber du hast ja auch keinen Unterricht bei ihr genommen«, sagte Voldemort. »Für die von euch, die es nicht wissen: Heute Abend ist Charity Burbage unser Gast, die bis vor kurzem an der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei gelehrt hat.«
Verständnisvolles Raunen ging um den Tisch. Eine derbe, bucklige Frau mit spitzen Zähnen lachte gackernd.
»Ja … Professor Burbage hat den Kindern von Hexen und Zauberern alles über die Muggel beigebracht … dass sie gar nicht so anders sind als wir …«
Einer der Todesser spuckte auf den Boden. Charity Burbage drehte sich und sah Snape erneut ins Gesicht.
»Severus … bitte … bitte …«
»Schweig«, sagte Voldemort und schnippte noch einmal mit Malfoys Zauberstab, worauf Charity verstummte, als ob sie geknebelt worden wäre. »Nicht genug damit, dass sie den Verstand von Zaubererkindern verdirbt und besudelt, hat Professor Burbage letzte Woche auch noch eine flammende Verteidigung der Schlammblüter im Tagespropheten geschrieben. Sie sagt, dass Zauberer diese Diebe ihres Wissens und ihrer Magie akzeptieren müssten. Die abnehmende Zahl der Reinblüter ist laut Professor Burbage ein höchst wünschenswertes Phänomen … sie würde uns am liebsten alle mit Muggeln paaren … oder sogar noch lieber mit Werwölfen …«
Diesmal lachte niemand: Zorn und Verachtung lagen unverkennbar in Voldemorts Stimme. Charity Burbage drehte sich zum dritten Mal zu Snape. Tränen rannen ihr von den Augen in die Haare. Snape erwiderte ihren Blick, völlig teilnahmslos, während sie sich langsam wieder von ihm abkehrte.
»Avada Kedavra.«
Der grüne Lichtblitz erhellte den Raum bis in alle Ecken. Charity stürzte mit einem dröhnenden Schlag hinab auf den Tisch, der bebte und knarrte. Etliche Todesser warfen sich in ihren Stühlen zurück. Draco fiel von seinem zu Boden.
»Abendessen, Nagini«, sagte Voldemort leise und die große Schlange glitt mit wiegenden Bewegungen von seinen Schultern auf das polierte Holz.
Die
Widmung
dieses Buches
ist
siebengeteilt:
für Neil,
für Jessica,
für David,
für Kenzie,
für Di,
für Anne
und für euch,
wenn ihr
zu Harry
gehalten habt,
bis ganz
zum
Schluss.
INHALT
Der Dunkle Lord erhebt sich
In memoriam
Die Dursleys reisen ab
Die sieben Potters
Gefallener Krieger
Der Ghul im Schlafanzug
Das Testament von Albus Dumbledore
Die Hochzeit
Ein Versteck
Kreachers Geschichte
Das Bestechungsgeschenk
Magie ist Macht
Die Registrierungskommission für Muggelstämmige
Der Dieb
Die Rache des Kobolds
Godric’s Hollow
Bathildas Geheimnis
Leben und Lügen des Albus Dumbledore
Die silberne Hirschkuh
Xenophilius Lovegood
Das Märchen von den drei Brüdern
Die Heiligtümer des Todes
Das Haus Malfoy
Der Zauberstabmacher
Shell Cottage
Gringotts
Das letzte Versteck
Der fehlende Spiegel
Das verschollene Diadem
Der Rauswurf von Severus Snape
Die Schlacht von Hogwarts
Der Elderstab
Die Geschichte des Prinzen
Wieder der Wald
King’s Cross
Der Fehler im Plan
Neunzehn Jahre später
Erbteil des fluches,
hässlicher sünde
blutige wunde.
schmerzen, wer trüge sie?
qualen, wer stillte sie?
wehe weh!
Einzig der erbe
heilet des hauses
eiternde wunde,
einzig mit blut’gem schnitt.
götter der finsternis
rief mein lied.
Sel’ge geister drunten in der tiefe,
wenn ihr die beschwörungsrufe hörtet,
bringt den kindern hilfe, bringt den sieg.
Aischylos, Das Opfer am Grabe
Sterben ist nur ein Uebergang aus dieser Welt in die andere, als wenn Freunde über See gehen, welche dennoch in einander fortleben. Denn Diejenigen, die im Allgegenwärtigen lieben und leben, müssen nothwendig einander gegenwärtig seyn. In diesem göttlichen Spiegel sehen sie sich von Angesicht zu Angesicht, und ihr Umgang ist so wohl frey als rein. Und wenn sie auch durch den Tod getrennt werden, so haben sie doch den Trost, daß ihre Freundschaft und Gesellschaft ihnen, dem besten Gefühle nach, beständig gegenwärtig bleibt, weil diese unsterblich ist.
William Penn, Früchte der Einsamkeit. Zweyte Abtheilung
Der Dunkle Lord erhebt sich
Die beiden Männer kamen aus dem Nichts, erschienen wenige Meter voneinander entfernt auf dem schmalen, mondhellen Weg. Einen Augenblick verharrten sie reglos, die Zauberstäbe einander auf die Brust gerichtet; dann erkannten sie sich, verbargen die Zauberstäbe unter ihren Umhängen und gingen rasch in dieselbe Richtung.
»Neuigkeiten?«, fragte der Größere der beiden.
»Hervorragende«, antwortete Severus Snape.
Der Weg war links von niedrigen wilden Brombeersträuchern gesäumt, rechts von einer säuberlich beschnittenen hohen Hecke. Die langen Umhänge schlugen den Männern beim Gehen um die Knöchel.
»Dachte schon, ich wär zu spät«, sagte Yaxley, dessen grobe Gesichtszüge immer wieder nicht zu sehen waren, wenn das Mondlicht von den Ästen überhängender Bäume gebrochen wurde. »War etwas komplizierter, als ich erwartet hatte. Aber ich hoffe, er wird zufrieden sein. Du bist dir wohl sicher, dass du freundlich empfangen wirst?«
Snape nickte, sagte aber nichts weiter. Sie bogen nach rechts in eine breite Zufahrt ein, die vom Weg abzweigte. Auch die hohe Hecke machte einen Bogen und zog sich weiter, über das imposante schmiedeeiserne Doppeltor hinaus, das den Männern den Weg versperrte. Keiner der beiden hielt inne: Stumm hoben sie den linken Arm wie zum Gruß und gingen mitten hindurch, als wäre das dunkle Metall aus Rauch.
Die Eibenhecken dämpften das Geräusch ihrer Schritte. Irgendwo zu ihrer Rechten raschelte es. Yaxley zog erneut seinen Zauberstab und zielte damit über den Kopf seines Begleiters, doch das Rascheln stammte nur von einem makellos weißen Pfau, der majestätisch auf der Hecke entlangstolzierte.
»Hat es sich immer gut gehen lassen, Lucius. Pfauen …« Schnaubend schob Yaxley den Zauberstab wieder unter seinen Umhang.
Am Ende des geraden Zufahrtsweges nahm ein stattliches Herrenhaus in der Dunkelheit Gestalt an, in den Rautenfenstern im unteren Stockwerk schimmerten Lichter. Irgendwo in dem dunklen Garten hinter der Hecke plätscherte ein Brunnen. Snape und Yaxley eilten über knirschenden Kies zur Haustür, die nach innen schwang, als sie sich näherten, ohne dass irgendjemand zu sehen war, der sie geöffnet hätte.
Die große Eingangshalle war schwach beleuchtet und luxuriös ausgestattet, ein prächtiger Teppich bedeckte fast den gesamten steinernen Boden. Die Augen der fahlgesichtigen Porträts an den Wänden folgten Snape und Yaxley, während sie vorbeigingen. Die beiden Männer blieben vor einer massiven Holztür stehen, die in den nächsten Raum führte, und zögerten einen Herzschlag lang, dann drückte Snape die bronzene Türklinke herunter.
Der Salon war voller Menschen, die schweigend an einem langen verzierten Tisch saßen. Die eigentlichen Möbel des Raumes waren achtlos an die Wände geschoben worden. Licht kam von einem prasselnden Feuer unter einem hübschen marmornen Kaminsims, über dem ein goldener Spiegel aufragte. Snape und Yaxley blieben einen Moment auf der Schwelle stehen. Während ihre Augen sich an das spärliche Licht gewöhnten, lenkte ein äußerst merkwürdiges Detail der Szenerie ihren Blick nach oben: Eine offenbar bewusstlose menschliche Gestalt hing mit dem Kopf nach unten über dem Tisch und drehte sich langsam um sich selbst, wie an einem unsichtbaren Seil aufgehängt und reflektiert in dem Spiegel und in der leeren, polierten Tischfläche unter ihr. Keiner der vor diesem seltsamen Anblick Versammelten nahm Notiz davon, außer ein blasser junger Mann, der beinahe direkt daruntersaß. Er konnte anscheinend nicht an sich halten und spähte etwa im Minutenabstand nach oben.
»Yaxley. Snape«, sagte eine hohe, klare Stimme vom Kopfende des Tisches her. »Ihr kommt äußerst spät.«
Der gesprochen hatte, saß direkt vor dem Kamin, weshalb es für die Neuankömmlinge zunächst schwierig war, mehr als seine Silhouette zu erkennen. Als sie jedoch näher traten, leuchtete sein Gesicht durch die Düsternis, haarlos, schlangenähnlich, mit Schlitzen als Nasenlöchern und funkelnden roten Augen mit senkrechten Pupillen. Er war so blass, dass ein perlmuttartiger Glanz von ihm auszugehen schien.
»Severus, hierher«, sagte Voldemort und deutete auf den Platz direkt zu seiner Rechten. »Yaxley – neben Dolohow.«
Die beiden Männer nahmen die ihnen zugewiesenen Plätze ein. Fast alle am Tisch folgten Snape mit den Blicken, und er war es auch, den Voldemort zuerst ansprach.
»Nun?«
»Herr, der Orden des Phönix hat die Absicht, Harry Potter am nächsten Samstag bei Einbruch der Dunkelheit von seinem gegenwärtigen sicheren Aufenthaltsort wegzubringen.«
Rund um den Tisch wurde das Interesse spürbar stärker: Manche erstarrten, andere rutschten unruhig auf ihren Stühlen hin und her, alle sahen wie gebannt zu Snape und Voldemort.
»Samstag … bei Einbruch der Dunkelheit«, wiederholte Voldemort. Seine roten Augen fixierten Snapes schwarze mit solcher Eindringlichkeit, dass einige Zuschauer wegsahen, offenbar aus Angst, sie selbst könnten von dem flammenden Blick versengt werden. Snape jedoch schaute ruhig zurück in Voldemorts Gesicht, und nach ein, zwei Augenblicken krümmte sich Voldemorts lippenloser Mund zu einer Art Lächeln.
»Gut. Sehr gut. Und diese Information stammt –«
»Von der Quelle, über die wir gesprochen haben«, sagte Snape.
»Herr.«
Yaxley hatte sich vorgeneigt und blickte über den langen Tisch zu Voldemort und Snape. Alle Gesichter wandten sich ihm zu.
»Herr, ich habe anderes gehört.«
Yaxley wartete, doch Voldemort sagte nichts, deshalb fuhr er fort: »Dawlish, der Auror, hat beiläufig erwähnt, dass Potter erst am Dreißigsten fortgebracht wird, in der Nacht bevor er siebzehn wird.«
Snape lächelte.
»Meine Quelle hat mir gesagt, dass man plant, eine falsche Spur zu legen; das wird sie wohl sein. Dawlish wurde mit Sicherheit einem Verwechslungszauber unterworfen. Es wäre nicht das erste Mal, er gilt als anfällig.«
»Herr, ich versichere Euch, Dawlish schien absolut überzeugt«, sagte Yaxley.
»Wenn er unter einem Verwechslungszauber steht, dann ist er natürlich überzeugt«, sagte Snape. »Ich versichere dir, Yaxley, dass das Aurorenbüro beim Schutz von Harry Potter in Zukunft keine Rolle mehr spielen wird. Der Orden glaubt, dass wir das Ministerium infiltriert haben.«
»Da liegt der Orden dann mal richtig, was?«, sagte ein untersetzter Mann, der unweit von Yaxley saß; er brach in ein pfeifendes Kichern aus, das hie und da den Tisch entlang erwidert wurde.
Voldemort lachte nicht. Sein Blick war nach oben gewandert, zu dem Körper, der sich langsam über den Köpfen drehte, und er war offenbar in Gedanken versunken.
»Herr«, fuhr Yaxley fort, »Dawlish glaubt, dass sie einen ganzen Trupp von Auroren einsetzen werden, um den Jungen wegzubringen –«
Voldemort hob eine große weiße Hand, und Yaxley verstummte sofort und sah grollend zu, wie Voldemort sich wieder an Snape wandte.
»Wo wollen sie den Jungen als Nächstes verstecken?«
»Im Haus eines Ordensmitglieds«, sagte Snape. »Der Ort bekam der Quelle zufolge sämtlichen Schutz, den der Orden und das Ministerium gemeinsam aufbieten können. Ich denke, wenn er einmal dort ist, haben wir kaum Chancen, ihn zu fangen, Herr, es sei denn natürlich, das Ministerium fällt vor dem nächsten Samstag. Dann hätten wir vielleicht die Möglichkeit, genügend von diesen Zauberbannen zu finden und aufzuheben, um auch die restlichen durchbrechen zu können.«
»Nun, Yaxley?«, rief Voldemort den Tisch hinunter und der Feuerschein glitzerte seltsam in seinen roten Augen. »Wird das Ministerium bis nächsten Samstag gefallen sein?«
Erneut drehten sich alle Köpfe. Yaxley straffte die Schultern.
»Herr, dazu habe ich gute Neuigkeiten. Es ist mir – unter Schwierigkeiten und mit großer Mühe – gelungen, Pius Thicknesse einem Imperius-Fluch zu unterwerfen.«
Viele um Yaxley herum wirkten beeindruckt; sein Nachbar, Dolohow, ein Mann mit einem langen, verzerrten Gesicht, klopfte ihm auf den Rücken.
»Das ist ein Anfang«, sagte Voldemort. »Aber Thicknesse ist nur ein einziger Mann. Scrimgeour muss von unseren Leuten umringt sein, ehe ich handle. Ein gescheiterter Anschlag auf das Leben des Ministers würde mich weit zurückwerfen.«
»Ja – Herr, das ist wahr – aber Ihr wisst, dass Thicknesse als Leiter der Abteilung für Magische Strafverfolgung nicht nur zum Minister persönlich regelmäßigen Kontakt hat, sondern auch zu den Leitern aller anderen Ministeriumsabteilungen. Nun, da wir einen so hochrangigen Beamten unter unserer Kontrolle haben, wird es, denke ich, leicht sein, auch die anderen zu unterwerfen, und dann können sie alle gemeinsam daran arbeiten, Scrimgeour zu stürzen.«
»Vorausgesetzt, dass unser Freund Thicknesse nicht entdeckt wird, ehe er die anderen umgedreht hat«, sagte Voldemort. »Jedenfalls bleibt es unwahrscheinlich, dass das Ministerium vor nächstem Samstag in meiner Hand ist. Wenn wir nicht an seinem Bestimmungsort an den Jungen herankommen, dann muss es getan werden, während er unterwegs ist.«
»Hier sind wir im Vorteil, Herr«, sagte Yaxley, der offenbar unbedingt ein gewisses Maß an Lob einheimsen wollte. »Wir haben inzwischen mehrere Leute in die Abteilung für Magisches Transportwesen eingeschleust. Wenn Potter appariert oder das Flohnetzwerk benutzt, werden wir das sofort erfahren.«
»Er wird weder das eine noch das andere tun«, sagte Snape. »Der Orden vermeidet jede Transportart, die vom Ministerium überwacht oder geregelt wird; sie misstrauen allem, was mit denen zu tun hat.«
»Umso besser«, sagte Voldemort. »Er wird aus der Deckung kommen müssen. Da ist er leichter zu fassen, wesentlich leichter.«
Voldemort sah wieder zu dem sich langsam drehenden Körper hoch, während er fortfuhr: »Ich werde mich persönlich um den Jungen kümmern. Was Harry Potter anbelangt, hat es zu viele Fehler gegeben. Manche davon waren meine eigenen. Dass Potter noch lebt, ist mehr meinen Irrtümern zuzuschreiben als seinen Erfolgen.«
Die Tischgesellschaft beobachtete Voldemort besorgt, ihren Mienen nach hatten sie alle Angst, womöglich dafür verantwortlich gemacht zu werden, dass Harry Potter immer noch am Leben war. Voldemort jedoch, weiterhin dem bewusstlosen Körper über ihm zugewandt, schien mehr mit sich selbst zu sprechen als mit irgendeinem von ihnen.
»Ich war leichtsinnig, und so haben Glück und Zufall, die alles zerstören außer die bestgeschmiedeten Pläne, meine Vorhaben vereitelt. Aber jetzt weiß ich es besser. Ich habe die Dinge begriffen, die ich früher nicht begriffen habe. Ich muss derjenige sein, der Harry Potter tötet, und der werde ich sein.«
Bei diesen Worten, und offenbar als Antwort darauf, ertönte ein plötzliches Wehklagen, ein schrecklicher, lang gezogener Schrei voller Qual und Schmerz. Viele der um den Tisch Versammelten blickten verdutzt nach unten, denn der Schrei schien unter ihren Füßen hervorgedrungen zu sein.
»Wurmschwanz«, sagte Voldemort, ohne dass sich an seinem ruhigen, nachdenklichen Ton etwas verändert hätte und ohne dass er die Augen von dem sich drehenden Körper hoch oben abwandte, »habe ich dir nicht Anweisung gegeben, unseren Gefangenen ruhig zu halten?«
»J-ja, Herr«, keuchte ein kleiner Mann an der unteren Hälfte des Tisches, der so tief versunken dagesessen hatte, dass es auf den ersten Blick aussah, als wäre sein Stuhl leer. Nun kletterte er von seinem Sitz, huschte aus dem Raum und hinterließ dabei nichts als ein merkwürdiges silbernes Schimmern.
»Wie ich gerade sagte«, fuhr Voldemort fort und blickte wieder in die gespannten Gesichter seiner Anhänger, »ich habe etwas begriffen. Ich werde mir zum Beispiel von einem von euch einen Zauberstab ausleihen müssen, ehe ich mich auf den Weg mache, um Potter zu töten.«
Die Gesichter um ihn herum zeigten schieres Entsetzen; er hätte genauso gut ankündigen können, dass er sich einen ihrer Arme ausleihen wolle.
»Keine Freiwilligen?«, sagte Voldemort. »Wir werden sehen … Lucius, ich wüsste keinen Grund, warum du noch einen Zauberstab besitzen solltest.«
Lucius Malfoy blickte auf. Im Schein des Feuers wirkte seine Haut gelblich und wächsern, seine Augen lagen tief in ihren Höhlen und waren umschattet. Als er sprach, war seine Stimme heiser.
»Herr?«
»Deinen Zauberstab, Lucius. Ich verlange deinen Zauberstab.«
»Ich …«
Malfoy warf einen Seitenblick auf seine Frau. Sie starrte geradeaus, nicht minder blass als er, mit langen blonden Haaren, die ihr über den Rücken fielen, doch unter dem Tisch umschlossen ihre schlanken Finger kurz sein Handgelenk. Bei dieser Berührung schob Malfoy die Hand unter seinen Umhang, zog einen Zauberstab heraus und reichte ihn Voldemort, der ihn vor seine roten Augen hielt und scharf musterte.
»Woraus ist er?«
»Ulme, Herr«, flüsterte Malfoy.
»Und der Kern?«
»Drachen – Drachenherzfaser.«
»Gut«, sagte Voldemort. Er zog seinen eigenen Zauberstab hervor und verglich die Längen.
Lucius Malfoy machte eine unwillkürliche Bewegung; für den Bruchteil einer Sekunde schien es, als erwartete er, Voldemorts Zauberstab im Austausch gegen seinen eigenen zu bekommen. Voldemort entging die Geste nicht und seine Augen weiteten sich gehässig.
»Dir meinen Zauberstab geben, Lucius? Meinen Zauberstab?«
Einige der Versammelten kicherten.
»Ich habe dir die Freiheit gegeben, Lucius, ist dir das nicht genug? Mir ist jedoch aufgefallen, dass du und deine Familie in letzter Zeit alles andere als glücklich ausseht … Was missfällt dir an meiner Anwesenheit hier in deinem Haus, Lucius?«
»Nichts – nichts, Herr!«
»Solche Lügen, Lucius …«
Die sanfte Stimme schien weiterzuzischen, auch als der unbarmherzige Mund sich nicht mehr bewegte. Der ein oder andere Zauberer unterdrückte mühsam ein Schaudern, als das Zischen lauter wurde; sie hörten, wie etwas Schweres unter dem Tisch über den Boden glitt.
Die riesige Schlange tauchte auf und kroch langsam an Voldemorts Stuhl empor. Sie kam immer höher, scheinbar unendlich lang, und blieb über Voldemorts Schultern liegen: Ihr Hals war dick wie der Oberschenkel eines Mannes; ihre Augen mit den senkrechten Schlitzen als Pupillen blinzelten nicht. Voldemort streichelte das Geschöpf geistesabwesend mit seinen langen, dünnen Fingern, während er immer noch zu Lucius Malfoy sah.
»Warum wirken die Malfoys so unglücklich über ihr Los? Ist meine Rückkehr, mein Aufstieg zur Macht, nicht genau das, was sie angeblich so viele Jahre lang ersehnt haben?«
»Natürlich, Herr«, sagte Lucius Malfoy. Mit zitternder Hand wischte er sich Schweiß von der Oberlippe. »Wir haben es ersehnt – wir tun es immer noch.«
Links neben Malfoy nickte seine Frau auf eine merkwürdige, steife Art, die Augen von Voldemort und der Schlange abgewandt. Rechts neben ihm warf sein Sohn Draco, der die ganze Zeit zu dem trägen Körper oben hinaufgestarrt hatte, einen kurzen Blick auf Voldemort und sah gleich wieder weg, aus Angst, ihre Blicke könnten sich kreuzen.
»Herr«, sagte eine dunkelhaarige Frau an der unteren Hälfte des Tisches mit vor Erregung erstickter Stimme, »es ist eine Ehre, Euch hier im Haus unserer Familie zu haben. Es kann keine höhere Freude geben.«
Sie saß neben ihrer Schwester, der sie mit ihrem dunklen Haar und den schweren Augenlidern im Aussehen ebenso wenig ähnelte wie in Haltung und Gebaren; während Narzissa starr und teilnahmslos dasaß, beugte sich Bellatrix zu Voldemort hin, denn Worte allein konnten ihr Verlangen nach Nähe nicht zum Ausdruck bringen.
»Keine höhere Freude«, wiederholte Voldemort, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, indem er Bellatrix musterte. »Bei dir, Bellatrix, heißt das eine ganze Menge.«
Röte stieg ihr ins Gesicht; aus ihren Augen quollen Freudentränen.
»Ihr wisst, Herr, dass ich nichts als die Wahrheit sage!«
»Keine höhere Freude … sogar im Vergleich zu dem glücklichen Ereignis, das, wie ich höre, diese Woche in deiner Familie stattgefunden hat?«
Sie starrte ihn an, mit geöffneten Lippen, offensichtlich verwirrt.
»Ich weiß nicht, was Ihr meint, Herr.«
»Ich spreche von deiner Nichte, Bellatrix. Und von eurer, Lucius und Narzissa. Sie hat soeben den Werwolf geheiratet, Remus Lupin. Wie stolz ihr sein müsst.«
Höhnisches Gelächter brach um den Tisch herum aus. Viele beugten sich vor und tauschten hämische Blicke; einige schlugen mit den Fäusten auf den Tisch. Die große Schlange, der die Unruhe nicht behagte, öffnete weit das Maul und zischte wütend, doch die Todesser hörten es nicht, so sehr freuten sie sich über die Demütigung von Bellatrix und den Malfoys. Bellatrix’ Gesicht, eben noch strahlend vor Glück, hatte ein hässliches, fleckiges Rot angenommen.
»Sie ist keine Nichte von uns, Herr«, rief sie durch den allgemeinen Ausbruch von Heiterkeit. »Wir – Narzissa und ich – haben unsere Schwester nicht mehr zu Gesicht bekommen, seit sie den Schlammblüter geheiratet hat. Diese Göre hat mit keiner von uns etwas zu tun, ebenso wenig wie irgendein Biest, das sie heiratet.«
»Was sagst du dazu, Draco?«, fragte Voldemort, und obwohl seine Stimme leise war, übertönte sie die Pfiffe und das Hohngelächter. »Wirst du den Babysitter für die Bälger spielen?«
Die Stimmung wurde noch ausgelassener; Draco Malfoy schaute bestürzt seinen Vater an, der in seinen eigenen Schoß hinabstarrte, dann erhaschte er den Blick seiner Mutter. Sie schüttelte beinahe unmerklich den Kopf, dann starrte auch sie wieder ausdruckslos auf die Wand gegenüber.
»Genug«, sagte Voldemort und streichelte die zornige Schlange. »Genug.«
Und das Gelächter erstarb augenblicklich.
»Viele unserer ältesten Familienstammbäume werden mit der Zeit etwas kränklich«, sagte er, während Bellatrix atemlos und flehentlich zu ihm hinsah. »Man muss seinen Baum stutzen, damit er gesund bleibt, nicht wahr? Die Teile wegschneiden, welche die Gesundheit des Übrigen bedrohen.«
»Ja, Herr«, flüsterte Bellatrix und ihre Augen schwammen erneut in Tränen vor Dankbarkeit. »Bei erster Gelegenheit!«
»Die sollst du bekommen«, sagte Voldemort. »Und wie in deiner Familie, so auch in der Welt … Wir werden das Krebsgeschwür wegschneiden, das uns verseucht, bis nur noch die von wahrem Blut zurückbleiben …«
Voldemort hob Lucius Malfoys Zauberstab, richtete ihn direkt auf die sich langsam drehende Gestalt, die über dem Tisch hing, und versetzte ihm einen winzigen Schlenker. Die Gestalt kam mit einem Stöhnen zu Bewusstsein und begann gegen unsichtbare Fesseln zu kämpfen.
»Erkennst du unseren Gast, Severus?«, fragte Voldemort.
Snape schaute hinauf zu dem kopfüber hängenden Gesicht. Nun sahen alle Todesser hoch zu der Gefangenen, als hätte man ihnen die Erlaubnis erteilt, Neugierde zu zeigen. Während sie sich zum Licht des Feuers hin drehte, sagte die Frau mit gebrochener und grauenerfüllter Stimme: »Severus! Helfen Sie mir!«
»Ah, ja«, sagte Snape, als die Gefangene sich langsam wieder wegdrehte.
»Und du, Draco?«, fragte Voldemort, während er mit seiner freien Hand die Schnauze der Schlange streichelte. Draco schüttelte ruckartig den Kopf. Nun, da die Frau erwacht war, schien er außerstande, sie weiter anzusehen.
»Aber du hast ja auch keinen Unterricht bei ihr genommen«, sagte Voldemort. »Für die von euch, die es nicht wissen: Heute Abend ist Charity Burbage unser Gast, die bis vor kurzem an der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei gelehrt hat.«
Verständnisvolles Raunen ging um den Tisch. Eine derbe, bucklige Frau mit spitzen Zähnen lachte gackernd.
»Ja … Professor Burbage hat den Kindern von Hexen und Zauberern alles über die Muggel beigebracht … dass sie gar nicht so anders sind als wir …«
Einer der Todesser spuckte auf den Boden. Charity Burbage drehte sich und sah Snape erneut ins Gesicht.
»Severus … bitte … bitte …«
»Schweig«, sagte Voldemort und schnippte noch einmal mit Malfoys Zauberstab, worauf Charity verstummte, als ob sie geknebelt worden wäre. »Nicht genug damit, dass sie den Verstand von Zaubererkindern verdirbt und besudelt, hat Professor Burbage letzte Woche auch noch eine flammende Verteidigung der Schlammblüter im Tagespropheten geschrieben. Sie sagt, dass Zauberer diese Diebe ihres Wissens und ihrer Magie akzeptieren müssten. Die abnehmende Zahl der Reinblüter ist laut Professor Burbage ein höchst wünschenswertes Phänomen … sie würde uns am liebsten alle mit Muggeln paaren … oder sogar noch lieber mit Werwölfen …«
Diesmal lachte niemand: Zorn und Verachtung lagen unverkennbar in Voldemorts Stimme. Charity Burbage drehte sich zum dritten Mal zu Snape. Tränen rannen ihr von den Augen in die Haare. Snape erwiderte ihren Blick, völlig teilnahmslos, während sie sich langsam wieder von ihm abkehrte.
»Avada Kedavra.«
Der grüne Lichtblitz erhellte den Raum bis in alle Ecken. Charity stürzte mit einem dröhnenden Schlag hinab auf den Tisch, der bebte und knarrte. Etliche Todesser warfen sich in ihren Stühlen zurück. Draco fiel von seinem zu Boden.
»Abendessen, Nagini«, sagte Voldemort leise und die große Schlange glitt mit wiegenden Bewegungen von seinen Schultern auf das polierte Holz.
In memoriam
Harry blutete. Leise vor sich hin fluchend, hielt er die rechte Hand mit der linken umklammert und stieß mit der Schulter seine Zimmertür auf. Das Knirschen von zerbrechendem Porzellan war zu hören: Er war auf eine Tasse mit kaltem Tee getreten, die auf dem Boden vor seiner Tür stand.
»Was zum –?«
Er blickte sich um; auf dem Treppenabsatz im Ligusterweg Nummer vier war niemand. Vielleicht hatte Dudley die Tasse Tee für einen genialen Streich gehalten. Während Harry seine blutende Hand weiter hochhielt, scharrte er mit der anderen die Scherben der Tasse zusammen und warf sie in den bereits vollgestopften Papierkorb, der hinter der Zimmertür hervorlugte. Dann trottete er hinüber zum Badezimmer und ließ Wasser über seinen Finger laufen.
Es war dumm, sinnlos und unglaublich ärgerlich, dass immer noch vier Tage vor ihm lagen, an denen er nicht zaubern konnte … doch er musste sich eingestehen, dass dieser ausgefranste Schnitt in seinem Finger ihn überfordert hätte. Er hatte nie gelernt, Wunden zu schließen, was ihm jetzt, wo er darüber nachdachte, wie ein echtes Manko seiner magischen Bildung erschien – vor allem angesichts dessen, was er in nächster Zeit vorhatte. Er nahm sich vor, Hermine zu fragen, wie es funktionierte, und wischte mit einem Haufen Klopapier möglichst viel von dem Tee auf. Dann kehrte er in sein Zimmer zurück und schlug die Tür hinter sich zu.
Harry hatte den ganzen Vormittag lang seinen Schulkoffer komplett ausgeräumt, zum ersten Mal seit er ihn vor sechs Jahren gepackt hatte. Seither hatte er zu Beginn jedes Schuljahres immer nur drei Viertel der Sachen oben herausgenommen, wieder hineingelegt oder durch neue ersetzt, so dass sich unten am Boden eine Schicht Kleinkram angesammelt hatte – alte Federkiele, getrocknete Käferaugen, einzelne Socken, die nicht mehr passten. Ein paar Minuten zuvor hatte Harry die Hand in diesen Mulch getaucht, einen stechenden Schmerz im vierten Finger seiner rechten Hand verspürt und viel Blut gesehen, als er sie herausgezogen hatte.
Jetzt fuhr er ein wenig vorsichtiger fort. Er kniete sich wieder neben den Koffer, suchte am Boden herum und holte einen alten Anstecker heraus, der müde zwischen »Ich bin für CEDRIC DIGGORY« und »POTTER STINKT« hin und her zuckte, ein zerbrochenes und abgenutztes Spickoskop sowie ein goldenes Medaillon, in dem eine Notiz mit der Signatur »R. A. B.« versteckt worden war, bis er endlich den scharfen Splitter entdeckte, an dem er sich geschnitten hatte. Er wusste sofort, um was es sich handelte. Es war ein fünf Zentimeter langes Stück des Zauberspiegels, den er von seinem verstorbenen Paten Sirius bekommen hatte. Harry legte es beiseite und tastete vorsichtig im Koffer nach dem Rest, aber von dem letzten Geschenk seines Paten war nichts weiter übrig als zerbröseltes Glas, das wie Glitzerpulver an der untersten Schicht des Plunders klebte.
Harry richtete sich auf und untersuchte das gezackte Bruchstück, an dem er sich geschnitten hatte, doch er sah nur sein eigenes hellgrünes Auge darin widergespiegelt. Dann legte er die Scherbe auf den Tagespropheten vom Morgen, der ungelesen auf dem Bett lag, und versuchte gegen die plötzliche Flut schmerzlicher Erinnerungen anzukämpfen, gegen den stechenden Schmerz und die Sehnsucht, die der Fund des zerbrochenen Spiegels ausgelöst hatte, indem er sich über den restlichen Kleinkram im Koffer hermachte.
Er brauchte noch eine Stunde, um ihn vollständig auszuräumen, die nutzlosen Dinge wegzuwerfen und das Übrige auf Haufen zu verteilen, je nachdem, ob er die Sachen künftig brauchen konnte oder nicht. Seine Schul- und Quidditch-Umhänge, Kessel, Pergament, Federkiele und die meisten Schulbücher lagen auf einem Stapel in einer Ecke, die würde er zurücklassen. Er fragte sich, was seine Tante und sein Onkel damit tun würden; wahrscheinlich alles mitten in der Nacht verbrennen, als wären es Beweisstücke für irgendein schreckliches Verbrechen. Seine Muggelkleidung, den Tarnumhang, die Zaubertrankausrüstung, bestimmte Bücher, das Fotoalbum, das Hagrid ihm einst geschenkt hatte, einen Stapel Briefe und seinen Zauberstab hatte er in einen alten Rucksack umgepackt. In einer Vordertasche steckten die Karte des Rumtreibers und das Medaillon mit der Notiz darin, die mit »R. A. B.« unterzeichnet war. Das Medaillon erhielt diesen Ehrenplatz nicht, weil es kostbar gewesen wäre – es war nach allen gängigen Maßstäben wertlos –, sondern weil der Preis, es zu bekommen, so hoch gewesen war.
Jetzt blieb nur noch ein ansehnlicher Stapel Zeitungen auf dem Schreibtisch neben seiner Schneeeule Hedwig: eine für jeden Tag, den Harry diesen Sommer im Ligusterweg verbracht hatte.
Er stand auf, streckte sich und ging zu seinem Schreibtisch hinüber. Hedwig regte sich nicht, als er anfing die Zeitungen zu überfliegen und sie dann eine nach der anderen zum Müll warf; die Eule schlief oder tat jedenfalls so; sie war böse auf Harry, weil sie im Augenblick immer nur für kurze Zeit aus dem Käfig durfte.
Als Harry fast am Ende des Zeitungsstapels angelangt war, wurde er langsamer und suchte nach einer bestimmten Ausgabe, die, wie er wusste, zu Beginn der Sommerferien kurz nach seiner Rückkehr im Ligusterweg eingetroffen war; er erinnerte sich noch daran, dass auf der Titelseite eine kurze Meldung über den Rücktritt von Charity Burbage gestanden hatte, der Muggelkundelehrerin von Hogwarts. Schließlich fand er die Ausgabe. Er schlug Seite zehn auf, sank auf seinen Schreibtischstuhl und las den Artikel, den er gesucht hatte, noch einmal durch.
ERINNERUNGEN AN ALBUS DUMBLEDORE
von Elphias Doge
Ich begegnete Albus Dumbledore erstmals im Alter von elf Jahren, an unserem ersten Tag in Hogwarts. Wir fühlten uns zueinander hingezogen, was zweifellos daran lag, dass wir uns beide als Außenseiter empfanden. Ich hatte mir kurz vor meiner Ankunft in der Schule die Drachenpocken zugezogen, und obwohl ich nicht mehr ansteckend war, ermutigten mein pockennarbiges Gesicht und meine grünliche Hautfarbe nicht besonders viele, sich mir zu nähern. Albus für seinen Teil war mit der Bürde unfreiwilliger Berühmtheit nach Hogwarts gekommen. Knapp ein Jahr zuvor war sein Vater Percival wegen eines brutalen und Aufsehen erregenden Überfalls auf drei junge Muggel verurteilt worden.
Albus hat nie versucht zu bestreiten, dass sein Vater (der später in Askaban starb) dieses Verbrechen begangen hatte; im Gegenteil, als ich den Mut fasste, ihn zu fragen, versicherte er mir, dass er wusste, dass sein Vater schuldig war. Weiter wollte Dumbledore nicht über diese traurige Angelegenheit sprechen, obwohl viele ihn dazu bringen wollten. Einige neigten sogar dazu, die Tat seines Vaters zu rühmen, und nahmen an, dass auch Albus ein Muggelhasser sei. Welch ein gewaltiger Irrtum: Wie jeder, der Albus kannte, bestätigen würde, zeigte er nie auch nur den leisesten Anflug von Muggelfeindlichkeit. Tatsächlich machte er sich durch seinen entschlossenen Einsatz für die Muggelrechte in den folgenden Jahren viele Feinde.
Binnen weniger Monate jedoch stellte Albus’ eigener Ruhm den seines Vaters allmählich in den Schatten. Mit dem Ende seines ersten Schuljahres war er dann nicht mehr der Sohn eines Muggelhassers, sondern galt schlicht und einfach als der brillanteste Schüler, den die Schule je gesehen hatte. Diejenigen von uns, die die Ehre hatten, seine Freunde zu sein, profitierten von seiner vorbildlichen Haltung, ganz zu schweigen von seinem Beistand und Zuspruch, die er immer großzügig erteilte. In vorgerücktem Alter offenbarte er mir, dass er schon damals wusste, dass seine größte Freude das Unterrichten war.
Er gewann nicht nur jeden bedeutenden Preis, den die Schule vergab, sondern stand bald auch in reger Korrespondenz mit den angesehensten magischen Persönlichkeiten der Zeit, darunter Nicolas Flamel, der gefeierte Alchemist, Bathilda Bagshot, die berühmte Historikerin, und Adalbert Schwahfel, der magische Theoretiker. Mehrere seiner Aufsätze fanden Eingang in wissenschaftliche Publikationen wie Verwandlung Heute, Zentralfragen der Zauberkunst und Angewandte Zaubertrankkunde. Dumbledore war offensichtlich eine kometenhafte Karriere bestimmt, die einzig offene Frage war nur, wann er Zaubereiminister werden würde. Obwohl in späteren Jahren oft angekündigt wurde, er sei im Begriff, diesen Posten zu übernehmen, hegte er nie Ambitionen auf das Ministeramt.
Drei Jahre nachdem wir in Hogwarts angefangen hatten, kam Albus’ Bruder Aberforth an die Schule. Sie waren sich nicht ähnlich; Aberforth war kein Bücherwurm, und im Gegensatz zu Albus zog er es vor, Streitigkeiten durch Duelle und nicht durch vernünftige Diskussionen auszutragen. Allerdings ist es völlig falsch, zu behaupten, wie manche es taten, dass die Brüder keine Freunde waren. Sie kamen so gut miteinander aus, wie zwei so unterschiedliche Jungen es nur konnten. Gerechterweise muss man Aberforth einräumen, dass das Leben in Albus’ Schatten bestimmt keine nur positive Erfahrung war. Ständig überstrahlt zu werden, war eine Art Berufsrisiko, wenn man sein Freund war, und kann für einen Bruder sicher nicht angenehmer gewesen sein.
Als Albus und ich Hogwarts verließen, wollten wir gemeinsam eine Weltreise unternehmen, wie es damals üblich war, und Zauberer in anderen Ländern besuchen und studieren, um danach unsere jeweiligen Berufswege einzuschlagen. Doch ein Unglücksfall verhinderte dies. Just am Vorabend unserer Reise starb Albus’ Mutter, Kendra, und ließ Albus als Familienoberhaupt und einzigen Brotverdiener zurück. Ich verschob meine Abfahrt, um Kendra bei der Beerdigung die letzte Ehre zu erweisen, dann brach ich zu meiner Reise auf, nun alleine. Mit einem jüngeren Bruder und einer jüngeren Schwester, um die er sich kümmern musste, und nur wenig geerbtem Gold kam es für Albus nicht mehr in Frage, mich zu begleiten.
Das war die Zeit unseres Lebens, in der wir am wenigsten Verbindung hatten. Ich schrieb Albus und berichtete ihm, vielleicht ein wenig taktlos, von den wunderbaren Erlebnissen auf meiner Reise, etwa wie ich in Griechenland nur knapp den Chimäras entronnen war, oder von den Experimenten der ägyptischen Alchemisten. In seinen Briefen erzählte er mir wenig von seinem täglichen Leben, das, wie ich vermutete, für einen so exzellenten Zauberer frustrierend langweilig sein musste. Ganz in meine eigenen Erfahrungen vertieft, erfuhr ich gegen Ende meines Reisejahres mit Entsetzen, dass abermals ein Unglück die Dumbledores heimgesucht hatte: der Tod seiner Schwester Ariana.
Obwohl Ariana lange Zeit kränklich gewesen war, hatte dieser Schicksalsschlag, so bald nach dem Verlust ihrer Mutter, größte Auswirkungen auf ihre beiden Brüder. Alle, die Albus besonders nahestanden – und ich zähle mich selbst zu diesen Glücklichen –, sind sich einig, dass Arianas Tod und Albus’ Gefühl, persönlich dafür verantwortlich zu sein (obwohl er natürlich schuldlos war), bleibende Spuren bei ihm hinterlassen haben.
Ich kehrte nach Hause zurück und fand einen jungen Mann vor, der das Leid eines viel älteren Menschen durchlitten hatte. Albus war reservierter als zuvor und bei weitem nicht mehr so unbeschwert. Zu allem Unglück hatte der Verlust von Ariana nicht dazu geführt, dass Albus und Aberforth sich erneut näherkamen, sondern dass sie sich entfremdeten. (Mit der Zeit besserte sich dies – in späteren Jahren bauten sie wenn auch keine enge, so doch wieder eine freundschaftliche Beziehung zueinander auf.) Allerdings sprach er von da an selten über seine Eltern oder über Ariana, und seine Freunde lernten, sie nicht zu erwähnen.
Andere Federn werden die Großtaten der nun folgenden Jahre beschreiben. Dumbledores zahllose Beiträge zum Reichtum des magischen Wissens, darunter seine Entdeckung der zwölf Anwendungen von Drachenblut, werden künftigen Generationen von Nutzen sein, wie auch die Weisheit, die er bei vielen Urteilssprüchen in seiner Zeit als Großmeister des Zaubergamots an den Tag gelegt hat. Noch heute heißt es, dass kein Zaubererduell jemals dem zwischen Dumbledore und Grindelwald im Jahr 1945 gleichkam. Die Augenzeugen haben von der Angst und von der Ehrfurcht geschrieben, die sie verspürten, als sie diese beiden außergewöhnlichen Zauberer beim Kampf beobachteten. Dumbledores Triumph und dessen Auswirkungen auf die Zaubererwelt gelten als Wendepunkt in der magischen Geschichte, von ähnlicher Bedeutung wie die Einführung des Internationalen Geheimhaltungsabkommens oder der Sturz Jenes, der nicht genannt werden darf.
Albus Dumbledore war nie stolz oder eitel; er konnte in jedem etwas Wertvolles finden, wie unbedeutend oder erbärmlich er auch wirken mochte, und ich glaube, dass seine frühen Verluste ihm große Menschlichkeit und Einfühlungsgabe verliehen haben. Ich werde seine Freundschaft mehr vermissen, als ich sagen kann, aber mein Verlust ist nichts im Vergleich zu dem der Zaubererwelt. Dass er der anregendste und beliebteste aller Schulleiter von Hogwarts war, steht außer Frage. Er starb, wie er lebte: stets dem größeren Wohl verpflichtet und bis zu seiner letzten Stunde gerne bereit, einem kleinen Jungen mit Drachenpocken die Hand zu reichen, wie an dem Tag, als ich ihn kennen lernte.
Harry hörte auf zu lesen, betrachtete aber weiter das Bild zu dem Nachruf. Dumbledore zeigte sein vertrautes, freundliches Lächeln, doch wie er da über die Halbmondgläser seiner Brille spähte, erweckte er sogar auf dem Zeitungspapier den Eindruck, als würde er Harry röntgen, dessen Trauer sich mit einem Gefühl von Demütigung vermischte.
Er hatte geglaubt, Dumbledore ziemlich gut zu kennen, doch seit er diesen Nachruf gelesen hatte, musste er sich zwangsläufig eingestehen, dass er ihn fast gar nicht gekannt hatte. Nicht ein einziges Mal hatte er sich Gedanken über Dumbledores Kindheit oder Jugend gemacht; es war, als wäre er schon so auf die Welt gekommen, wie Harry ihn gekannt hatte, ehrwürdig und silberhaarig und alt. Sich Dumbledore als Teenager vorzustellen war einfach abstrus, gerade so, als wollte man sich eine dumme Hermine oder einen netten Knallrümpfigen Kröter vorstellen.
Er hatte nie daran gedacht, Dumbledore über seine Vergangenheit zu befragen. Dabei wäre er sich zweifellos komisch vorgekommen, ja sogar aufdringlich, aber es war immerhin allgemein bekannt gewesen, dass Dumbledore jenes legendäre Duell mit Grindelwald ausgetragen hatte, und Harry war es nicht in den Sinn gekommen, Dumbledore danach zu fragen, wie es gewesen war, und auch nicht nach seinen anderen berühmten Taten. Nein, sie hatten stets über Harry gesprochen, über Harrys Vergangenheit, über Harrys Zukunft, über Harrys Pläne … und obwohl Harrys eigene Zukunft so gefährlich und unsicher war, schien es ihm jetzt, dass er unwiederbringliche Gelegenheiten verpasst hatte, als es ihm nicht eingefallen war, Dumbledore mehr über ihn selbst zu befragen, auch wenn die einzige persönliche Frage, die er seinem Schulleiter je gestellt hatte, vermutlich auch die einzige war, die nicht aufrichtig beantwortet worden war:
»Was sehen Sie, wenn Sie in den Spiegel schauen?«
»Ich? Ich sehe mich dastehen, ein Paar dicke Wollsocken in der Hand haltend.«
Nachdem Harry einige Minuten gegrübelt hatte, riss er den Nachruf aus dem Propheten heraus, faltete ihn vorsichtig zusammen und steckte ihn in den ersten Band von Praktische defensive Magie und ihr Einsatz gegen die dunklen Künste. Dann warf er den Rest der Zeitung zum Müll, drehte sich um und nahm sein Zimmer in Augenschein. Es war jetzt viel ordentlicher. Aufzuräumen waren nur noch der neue Tagesprophet, der nach wie vor auf dem Bett lag, und das Stück des zerbrochenen Spiegels obenauf.
Harry durchquerte das Zimmer, ließ die Spiegelscherbe vom neuen Propheten gleiten und schlug die Zeitung auf. Als er am frühen Morgen der Zustelleule die Zeitungsrolle abgenommen hatte, hatte er nur kurz auf die Schlagzeile geschaut und die Zeitung dann beiseitegeworfen, nachdem er bemerkt hatte, dass es nicht um Voldemort ging. Harry war sicher, dass das Ministerium den Propheten unter Druck setzte, Nachrichten über Voldemort zurückzuhalten. Deshalb sah er erst jetzt, was ihm entgangen war.
Auf der unteren Hälfte der Titelseite stand eine kleinere Schlagzeile, darunter ein Bild von Dumbledore, auf dem er mit gequältem Gesichtsausdruck einherschritt:
DUMBLEDORE – ENDLICH DIE WAHRHEIT?
Nächste Woche erscheint die schockierende Geschichte des makelbehafteten Genius, den viele für den größten Zauberer seiner Generation halten. Rita Kimmkorn demontiert das weit verbreitete Image der ehrwürdigen, silberbärtigen Weisheit und enthüllt die gestörte Kindheit, die gesetzlose Jugend, die lebenslangen Fehden und die bedrückenden Geheimnisse, die Dumbledore mit ins Grab nahm. WARUM war der Mann, der schon als Zaubereiminister gehandelt wurde, damit zufrieden, ein bloßer Schulleiter zu bleiben? WAS war der wirkliche Zweck der geheimen Organisation mit dem Namen Orden des Phönix? WIE ist Dumbledore tatsächlich ums Leben gekommen?
Die Antworten auf diese und viele weitere Fragen ergründet die sensationelle neue Biographie Leben und Lügen des Albus Dumbledore von Rita Kimmkorn, im Exklusivinterview mit Betty Braithwaite im Innenteil auf Seite 13.
Harry riss die Zeitung auf und blätterte auf Seite dreizehn. Über dem Artikel war ein Bild, das ein weiteres vertrautes Gesicht zeigte: eine Frau mit juwelenbesetzter Brille und kunstvoll gelocktem blondem Haar, die ihre Zähne bleckte, was offenbar ein gewinnendes Lächeln darstellen sollte, und mit den Fingern zu ihm hochschnippte. Harry gab sich alle Mühe, dieses Ekel erregende Bild nicht zu beachten, und las weiter.
In natura ist Rita Kimmkorn viel herzlicher und sanfter, als die berüchtigten bösen Porträts aus ihrer Feder vielleicht vermuten lassen. Sie begrüßt mich im Flur ihrer gemütlichen Wohnung und führt mich direkt in die Küche zu einer Tasse Tee, einem Stück Früchtekuchen und selbstverständlich zu einem dampfenden Bottich mit neuestem Klatsch.
»Nun, Dumbledore ist natürlich ein Traum für jeden Biographen«, sagt Kimmkorn. »Ein so langes, prall gefülltes Leben. Ich bin sicher, mein Buch wird das erste von sehr, sehr vielen sein.«
Kimmkorn hat zweifellos schnell geschaltet. Ihr neunhundertseitiges Buch war bereits vier Wochen nach Dumbledores mysteriösem Tod im Juni abgeschlossen. Ich frage sie, wie sie diesen superschnellen Kraftakt geschafft hat.
»Oh, wenn man so lange Journalistin ist wie ich, geht es einem in Fleisch und Blut über, unter Termindruck zu arbeiten. Ich wusste, dass die magische Welt darauf brannte, die ganze Geschichte zu erfahren, und ich wollte die Erste sein, die dieses Bedürfnis befriedigt.«
Ich erwähne die jüngsten, überall publizierten Bemerkungen von Elphias Doge, dem Sonderberater des Zaubergamots und langjährigen Freund von Albus Dumbledore, wonach »Kimmkorns Buch weniger Fakten enthält als eine Schokofroschkarte«.
Kimmkorn wirft den Kopf zurück und lacht.
»Unser lieber Dodgy! Ich weiß noch, wie ich ihn vor ein paar Jahren zu den Rechten der Wassermenschen interviewt habe, den Guten. Völlig plemplem, schien zu glauben, wir würden auf dem Grund von Lake Windermere sitzen, sagte andauernd zu mir, ich solle mich vor den Forellen in Acht nehmen.«
Und doch fanden Elphias Doges Vorwürfe, das Buch sei voller Fehler, vielerorts Unterstützung. Meint Kimmkorn wirklich, dass vier kurze Wochen ausreichend waren, um ein umfassendes Bild von Dumbledores langem und außergewöhnlichem Leben zu erstellen?
»Ach, meine Liebe«, strahlt Kimmkorn und klopft mir liebevoll auf die Finger, »Sie wissen genauso gut wie ich, wie viele Informationen ein dicker Sack Galleonen, die Weigerung, ein Nein hinzunehmen, und eine hübsche scharfe Flotte-Schreibe-Feder hervorbringen können! Die Leute standen ohnehin Schlange, um Dumbledore mit Dreck zu bewerfen. Wissen Sie, nicht alle hielten ihn für so wunderbar – er ist auf furchtbar viele wichtige Zehen getreten. Aber der alte Dussel Doge kann von seinem hohen Hippogreif runterkommen, denn ich hatte Zugang zu einer Quelle, für die die meisten Journalisten ihre Zauberstäbe eintauschen würden, sie hat sich nie zuvor in der Öffentlichkeit geäußert und stand Dumbledore in der turbulentesten und beunruhigendsten Phase seiner Jugend nahe.«
Die Wellen, die Kimmkorns Biographie schon vor der Veröffentlichung schlägt, lassen zweifellos vermuten, dass diejenigen ihr blaues Wunder erleben werden, die glauben, dass Dumbledore ein untadeliges Leben geführt hat. Was waren die größten Überraschungen, die sie aufgedeckt hat, frage ich.
»Nun mal langsam, Betty, ich werde doch nicht alle Highlights verraten, ehe jemand das Buch gekauft hat!«, lacht Kimmkorn. »Aber ich kann versprechen, dass all denen, die immer noch denken, Dumbledore war so unschuldig weiß wie sein Bart, ein böses Erwachen blüht! Ich sage nur so viel, dass niemand, der ihn gegen Du-weißt-schon-wen wüten gehört hat, sich hätte träumen lassen, dass er selbst sich in seiner Jugend an den dunklen Künsten versucht hat! Und für einen Zauberer, der sich in seinen späteren Jahren kontinuierlich für Toleranz einsetzte, verhielt er sich, als er noch jünger war, nicht gerade aufgeschlossen. Ja, Albus Dumbledore hatte eine äußerst düstere Vergangenheit, ganz zu schweigen von dieser mehr als zweifelhaften Familie, über die er mit großer Anstrengung den Mantel des Schweigens breiten wollte.«
Ich frage Kimmkorn, ob sie Dumbledores Bruder Aberforth meint, dessen Verurteilung durch den Zaubergamot wegen Missbrauchs von Magie vor fünfzehn Jahren einen kleinen Skandal ausgelöst hat.
»Oh, Aberforth ist nur die Spitze des Misthaufens«, lacht Kimmkorn. »Nein, nein, ich rede über viel Schlimmeres als einen Bruder, der eine Schwäche dafür hat, mit Ziegen herumzuspielen, sogar über noch Schlimmeres als den Muggel verstümmelnden Vater – Dumbledore konnte sowieso keinem von beiden den Mund verbieten, sie wurden alle zwei vom Zaubergamot angeklagt. Nein, es sind die Mutter und die Schwester, die meine Neugierde weckten, und als ich ein wenig nachschürfte, stieß ich auf ein ausgemachtes Nest an Niedertracht – aber, wie gesagt, um Genaueres zu erfahren, werden Sie auf Kapitel neun bis zwölf warten müssen. Im Augenblick kann ich nur verraten, dass es kein Wunder ist, dass Dumbledore nie darüber sprach, wie er sich die Nase gebrochen hat.«
Selbst wenn die Familie Leichen im Keller hat, will Kimmkorn etwa den genialen Geist in Abrede stellen, der zu Dumbledores vielen magischen Entdeckungen geführt hat?
»Er hatte Köpfchen«, räumt sie ein, »obwohl viele inzwischen bezweifeln, dass er wirklich das gesamte Verdienst für all seine angeblichen Erfolge beanspruchen konnte. Wie ich in Kapitel sechzehn zeige, behauptet Ivor Dillonsby, dass er bereits acht Anwendungen von Drachenblut entdeckt hatte, als Dumbledore sich seine Unterlagen ›auslieh‹.«
Aber die Bedeutung einiger der Leistungen Dumbledores lässt sich doch nicht bestreiten, werfe ich ein. Was ist mit seinem berühmten Sieg über Grindelwald?
»Oh, nun, ich bin froh, dass Sie Grindelwald erwähnen«, sagt Kimmkorn mit einem unwiderstehlichen Lächeln. »Ich fürchte, wer wegen Dumbledores spektakulärem Sieg feuchte Augen bekommt, muss sich auf eine Bombe gefasst machen – besser gesagt auf eine Stinkbombe. Wirklich eine sehr schmutzige Angelegenheit. Ich will nur eins sagen, seien Sie nicht so sicher, dass es das große und legendäre Duell wirklich gab. Wenn man mein Buch gelesen hat, wird man vielleicht den Schluss ziehen müssen, dass Grindelwald einfach ein weißes Taschentuch aus der Spitze seines Zauberstabs heraufbeschwor und sich widerstandslos abführen ließ.«
Kimmkorn will nichts weiter zu diesem spannenden Thema preisgeben, daher wenden wir uns stattdessen der Beziehung zu, die ihre Leser zweifellos mehr als jede andere fasziniert.
»O ja«, sagt Kimmkorn lebhaft nickend. »Ich widme der ganzen Potter-Dumbledore-Beziehung ein komplettes Kapitel. Man hat sie als ungesund bezeichnet, sogar als unheilvoll. Auch hier werden Ihre Leser mein Buch kaufen müssen, um die ganze Geschichte zu erfahren, aber es steht außer Frage, dass Dumbledore von Anfang an ein unnatürliches Interesse an Potter zeigte. Ob das wirklich im besten Interesse des Jungen lag – nun, wir werden sehen. Es ist natürlich ein offenes Geheimnis, dass Potter eine überaus schwierige Jugend hatte.«
Ich frage, ob Kimmkorn immer noch mit Harry Potter Kontakt hat, mit dem sie letztes Jahr ein so berühmtes Interview geführt hat: ein bahnbrechender Beitrag, in dem Potter exklusiv von seiner Überzeugung sprach, dass Du-weißt-schon-wer zurückgekehrt sei.
»O ja, wir haben einen guten Draht zueinander«, sagt Kimmkorn. »Der arme Potter hat kaum echte Freunde, und wir haben uns zu einem Zeitpunkt kennen gelernt, als ihn das Leben auf eine harte Probe stellte – beim Trimagischen Turnier. Ich gehöre wahrscheinlich zu den ganz wenigen Personen auf der Welt, die sagen können, dass sie den echten Harry Potter kennen.«
Was uns elegant zu den vielen Gerüchten führt, die nach wie vor über Dumbledores letzte Stunden kursieren. Glaubt Kimmkorn, dass Potter dabei war, als Dumbledore starb?
»Nun, ich will nicht zu viel sagen – es steht alles im Buch –, aber Augenzeugen auf Schloss Hogwarts sahen Potter von dem Ort des Geschehens wegrennen, kurz nachdem Dumbledore stürzte, sprang oder gestoßen wurde. Potter hat später Severus Snape belastet, einen Mann, gegen den er bekanntermaßen einen Groll hegt. Ist alles so, wie es scheint? Das muss die magische Gemeinschaft entscheiden – sobald sie mein Buch gelesen hat.«
Nach dieser interessanten Bemerkung verabschiede ich mich. Ohne jeden Zweifel ist aus Kimmkorns Feder ein Buch geflossen, das augenblicklich zum Bestseller werden wird. Das Heer von Dumbledores Bewunderern kann unterdessen durchaus zittern vor dem, was bald über ihren Helden ans Licht kommen wird.
Harry hatte den Artikel zu Ende gelesen, starrte aber weiterhin verständnislos auf das Blatt. Abscheu und Wut stiegen in ihm hoch, als ob er sich übergeben müsste; er knüllte die Zeitung zusammen und warf sie mit aller Kraft gegen die Wand, wo sie sich zum Rest des Mülls gesellte, der sich rund um seinen überquellenden Papierkorb häufte.
Er ging ziellos im Zimmer umher, öffnete leere Schubladen und nahm Bücher zur Hand, nur um sie wieder zurück auf ihren Stapel zu legen, war sich kaum bewusst, was er tat, während wahllos Sätze aus Ritas Artikel durch seinen Kopf dröhnten: der ganzen Potter-Dumbledore-Beziehung ein komplettes Kapitel … Man hat sie als ungesund bezeichnet, sogar als unheilvoll … dass er selbst sich in seiner Jugend an den dunklen Künsten versucht hat … ich hatte Zugang zu einer Quelle, für die die meisten Journalisten ihre Zauberstäbe eintauschen würden …
»Lügen!«, brüllte Harry, und durch das Fenster sah er, wie der Nachbar von nebenan, der gerade innegehalten hatte, um seinen Rasenmäher neu anzuwerfen, nervös aufblickte.
Harry setzte sich ungestüm auf das Bett. Das Bruchstück des Spiegels hüpfte von ihm weg; er hob es auf, drehte es zwischen den Fingern und dachte nach, dachte unablässig an Dumbledore und die Lügen, mit denen ihn Rita Kimmkorn verleumdete …
Ein hellblauer Blitz. Harry erstarrte, sein Finger mit der Schnittwunde fuhr wieder über die gezackte Kante des Spiegels. Er hatte es sich eingebildet, ganz sicher. Er warf einen Blick über seine Schulter, aber die Wand hatte eine widerwärtige Pfirsichfarbe, ganz nach Tante Petunias Geschmack: Da war nichts Blaues, was der Spiegel hätte reflektieren können. Er starrte erneut in die Scherbe und sah nur sein eigenes, hellgrünes Auge, das zu ihm zurückblickte.
Er hatte es sich eingebildet, eine andere Erklärung gab es nicht; hatte es sich eingebildet, weil er an seinen verstorbenen Schulleiter gedacht hatte. Denn eins war sicher: dass Albus Dumbledores hellblaue Augen ihn nie mehr durchbohren würden.
Die Dursleys reisen ab
Die Haustür schlug mit einem Knall zu, der die Treppe heraufhallte, und eine Stimme schrie: »He! Du!«
Da Harry schon sechzehn Jahre lang so angesprochen wurde, gab es für ihn keinen Zweifel, wen sein Onkel rief; trotzdem antwortete er nicht sofort. Er starrte unentwegt auf die Spiegelscherbe, in der er kurz zuvor einen winzigen Moment lang Dumbledores Auge gesehen zu haben glaubte. Erst als sein Onkel »BURSCHE!« brüllte, stand Harry langsam auf und ging zur Zimmertür, wobei er kurz innehielt und das Bruchstück des Spiegels in den Rucksack zu den anderen Dingen steckte, die er mitnehmen wollte.
»Du hast dir Zeit gelassen!«, donnerte Vernon Dursley, als Harry oben am Treppenabsatz erschien. »Komm runter, ich will dich sprechen!«
Harry stieg gemächlich die Stufen hinunter, die Hände tief in den Taschen seiner Jeans vergraben. Als er ins Wohnzimmer trat, waren dort alle drei Dursleys versammelt. Sie trugen Reisekleidung: Onkel Vernon eine rehbraune Reißverschlussjacke, Tante Petunia einen adretten lachsfarbenen Mantel und Dudley, Harrys großer, blonder, muskelbepackter Cousin, seine Lederjacke.
»Ja?«, fragte Harry.
»Setz dich!«, sagte Onkel Vernon. Harry runzelte die Stirn. »Bitte!«, fügte Onkel Vernon hinzu und zuckte leicht zusammen, als steckte ihm das Wort spitz in der Kehle.
Harry setzte sich. Er meinte zu wissen, was kommen würde. Sein Onkel begann auf und ab zu gehen, Tante Petunia und Dudley verfolgten seine Schritte mit bangen Mienen. Schließlich blieb Onkel Vernon vor Harry stehen, das feiste, puterrote Gesicht vor angestrengtem Nachdenken zerknittert, und fing an zu sprechen.
»Ich habe es mir anders überlegt«, sagte er.
»Was für eine Überraschung«, sagte Harry.
»Hör auf, in diesem Ton –«, setzte Tante Petunia mit schriller Stimme an, doch Vernon Dursley brachte sie mit einem Wink zum Schweigen.
»Das ist alles kompletter Kokolores«, sagte Onkel Vernon und funkelte Harry mit seinen Schweinsäuglein böse an. »Ich habe beschlossen, dass ich kein Wort davon glaube. Wir bleiben hier, wir gehen nirgendshin.«
Harry blickte wütend und belustigt zugleich zu seinem Onkel auf. Vernon Dursley hatte in den letzten vier Wochen alle vierundzwanzig Stunden seine Meinung geändert und bei jedem Sinneswandel den Wagen gepackt, ausgeräumt und wieder gepackt. Harrys Lieblingsszene war es gewesen, als Onkel Vernon, der nicht bemerkt hatte, dass Dudley nach dem letzten Ausladen seine Hanteln in den Koffer gesteckt hatte, den Koffer zurück in den Wagen hieven wollte und dann brüllend vor Schmerz und unter einem Schwall von Flüchen zusammenbrach.
»Du meinst also«, sagte Vernon Dursley jetzt und fing wieder an, im Wohnzimmer auf und ab zu gehen, »dass wir – Petunia, Dudley und ich – in Gefahr sind. Wegen – wegen –«
»Leuten aus ›meiner Sippschaft‹, genau«, sagte Harry.
»Also, das glaube ich nicht«, wiederholte Onkel Vernon und blieb erneut vor Harry stehen. »Ich war die halbe Nacht wach und habe über alles nachgedacht, und ich glaube, das ist ein Komplott, um an das Haus heranzukommen.«
»Das Haus?«, wiederholte Harry. »Welches Haus?«
»Dieses Haus!«, schrie Onkel Vernon und die Ader an seiner Schläfe begann zu pulsieren. »Unser Haus! Die Preise für Häuser hier in der Gegend sind gerade am Explodieren! Du willst uns aus dem Weg haben, und dann machst du ein bisschen Hokuspokus, und ehe wir’s uns versehen, lauten die Urkunden auf deinen Namen und –«
»Hast du sie nicht mehr alle?«, entgegnete Harry. »Ein Komplott, um an dieses Haus heranzukommen? Bist du wirklich so dumm, wie du aussiehst?«
»Untersteh dich –!«, quiekte Tante Petunia, doch wieder brachte Vernon sie mit einem Wink zum Schweigen: Beleidigende Bemerkungen über sein Aussehen waren offenbar nichts im Vergleich zu der Gefahr, die er erkannt hatte.
»Nur für den Fall, dass du es vergessen hast«, sagte Harry, »ich besitze bereits ein Haus, mein Pate hat mir eines vererbt. Also, warum sollte ich das hier haben wollen? Wegen der vielen glücklichen Erinnerungen?«
Stille trat ein. Harry dachte, dass er seinen Onkel mit diesem Argument ziemlich beeindruckt hatte.
»Du behauptest«, sagte Onkel Vernon und begann von neuem auf und ab zu gehen, »dass dieser Lord Dingsda –«
»Voldemort«, sagte Harry ungeduldig, »und das haben wir schon hundertmal durchgekaut. Es ist keine Behauptung, es ist eine Tatsache, Dumbledore hat es dir letztes Jahr gesagt, und Kingsley und Mr Weasley –«
Vernon Dursley zog zornig die Schultern hoch, und Harry nahm an, dass sein Onkel versuchte, Erinnerungen an den unangekündigten Besuch zweier ausgewachsener Zauberer einige Tage nach Beginn von Harrys Sommerferien zu verscheuchen. Dass Kingsley Shacklebolt und Arthur Weasley auf der Türschwelle erschienen waren, hatte den Dursleys einen äußerst unangenehmen Schock versetzt. Harry musste allerdings zugeben, dass man von Onkel Vernon nicht erwarten konnte, dass er sich über das neuerliche Erscheinen Mr Weasleys freute, nachdem dieser einst das halbe Wohnzimmer demoliert hatte.
»– Kingsley und Mr Weasley haben es dir auch alles erklärt«, sprach Harry unbarmherzig weiter. »Sobald ich siebzehn bin, wird der Zauber, der mich schützt, brechen, und dann seid ihr genauso in Gefahr wie ich. Der Orden ist sicher, dass Voldemort euch ins Visier nehmen wird, entweder um euch zu foltern, um herauszufinden, wo ich stecke, oder weil er denkt, wenn er euch als Geiseln hält, würde ich kommen und versuchen euch zu befreien.«
Onkel Vernons und Harrys Blicke trafen sich. Harry war sicher, dass sie sich beide in diesem Moment dieselbe Frage stellten. Dann ging Onkel Vernon weiter und Harry fuhr fort: »Ihr müsst euch verstecken und der Orden will euch dabei helfen. Man bietet euch echten Schutz an, den besten, den es gibt.«
Onkel Vernon sagte nichts, sondern schritt weiter auf und ab. Draußen stand die Sonne tief über den Ligusterhecken. Der Motor des Rasenmähers nebenan starb wieder ab.
»Ich dachte, es gäbe ein Zaubereiministerium?«, fragte Vernon Dursley unvermittelt.
»Das stimmt«, sagte Harry überrascht.
»Nun denn, warum können die uns nicht schützen? Man sollte doch meinen, dass wir als unschuldige Opfer, die sich nichts weiter vorzuwerfen haben, als dass sie einem gebrandmarkten Menschen Zuflucht gewähren, den Schutz der Regierung in Anspruch nehmen können!«
Harry lachte; er konnte nicht anders. Es war so typisch für seinen Onkel, seine Hoffnung in die Obrigkeit zu setzen, selbst in jener Welt, die er verachtete und an der er zweifelte.
»Du hast gehört, was Mr Weasley und Kingsley gesagt haben«, erwiderte Harry. »Wir glauben, dass das Ministerium infiltriert worden ist.«
Onkel Vernon marschierte zum Kamin und zurück, schwer atmend, so dass sein großer schwarzer Schnurrbart wogte, sein Gesicht immer noch puterrot vom angestrengten Nachdenken.
»Na schön«, sagte er und blieb wieder vor Harry stehen. »Na schön, sagen wir, nur mal angenommen, wir akzeptieren diesen Schutz. Dann sehe ich immer noch nicht ein, warum wir diesen Kingsley da nicht haben können.«
Es gelang Harry, allerdings nur mit Mühe, nicht die Augen zu verdrehen. Auch diese Frage hatte er ein halbes Dutzend Mal gehört.
»Wie ich dir schon erklärt habe«, sagte er mit zusammengebissenen Zähnen, »Kingsley schützt den Mug– ich meine, euren Premierminister.«
»Genau – er ist der Beste!«, sagte Onkel Vernon und deutete auf den leeren Fernsehschirm. Die Dursleys hatten Kingsley in den Nachrichten entdeckt, als er diskret hinter dem Premierminister der Muggel herlief, der gerade ein Krankenhaus besichtigte. Dies und die Tatsache, dass Kingsley den Dreh raushatte, sich wie ein Muggel zu kleiden, ganz abgesehen von dem gewissen beruhigenden Etwas in seiner gemächlichen, tiefen Stimme, hatte die Dursleys an Kingsley Gefallen finden lassen wie sicher an keinem anderen Zauberer, obwohl es stimmte, dass sie ihn nie mit seinem Ohrring gesehen hatten.
»Tja, er ist vergeben«, sagte Harry. »Aber Hestia Jones und Dädalus Diggel sind auf diesen Job bestens vorbereitet –«
»Wenn wir wenigstens Lebensläufe gesehen hätten …«, setzte Onkel Vernon an, aber Harry verlor die Geduld. Er stand auf, ging auf seinen Onkel zu und deutete nun selbst auf den Fernseher.
»Diese Unfälle sind keine Unfälle – die Zusammenstöße und Explosionen und Zugentgleisungen und was sonst noch passiert ist, seit wir das letzte Mal die Nachrichten gesehen haben. Menschen verschwinden und sterben, und er steckt dahinter – Voldemort. Das habe ich dir immer und immer wieder gesagt, er tötet Muggel zum Vergnügen. Sogar die Nebel – die werden von Dementoren verursacht, und wenn du dich nicht mehr erinnern kannst, was das ist, frag deinen Sohn!«
Dudleys Hände fuhren mit einem Ruck hoch und bedeckten seinen Mund. Als seine Eltern und Harry ihre Blicke auf ihn richteten, ließ er die Hände langsam wieder sinken und fragte: »Es gibt … noch mehr von denen?«
»Noch mehr?«, lachte Harry. »Mehr als die zwei, die uns angegriffen haben, meinst du? Natürlich, es gibt Hunderte, inzwischen vielleicht Tausende, wenn man bedenkt, dass sie sich von Angst und Verzweiflung ernähren –«
»Schon gut, schon gut«, polterte Vernon Dursley. »Wir haben verstanden –«
»Ich hoffe es«, sagte Harry, »denn sobald ich siebzehn bin, können die alle euch finden – Todesser, Dementoren, möglicherweise sogar Inferi, das sind Leichen, die von einem schwarzen Magier verzaubert wurden –, und sie werden euch sicher angreifen. Und wenn ihr euch an das letzte Mal erinnert, als ihr versucht habt, Zauberern zu entkommen, dann werdet ihr bestimmt zugeben, dass ihr Hilfe braucht.«
Ein kurzes Schweigen trat ein, und es war, als ob man Hagrid eine hölzerne Haustür einschlagen hörte, ganz aus der Ferne und über die dazwischenliegenden Jahre hinweg. Tante Petunia blickte zu Onkel Vernon; Dudley starrte Harry an. Endlich platzte es aus Onkel Vernon heraus: »Aber was ist mit meiner Arbeit? Was ist mit Dudleys Schule? Ich nehme an, solche Dinge sind für einen Haufen herumgammelnder Zauberer nicht von Bedeutung –«
»Kapierst du nicht?«, rief Harry. »Sie werden euch foltern und töten wie meine Eltern!«
»Dad«, sagte Dudley mit lauter Stimme, »Dad – ich gehe mit diesen Ordenstypen.«
»Dudley«, sagte Harry, »zum ersten Mal in deinem Leben sagst du was Vernünftiges.«
Er wusste, dass die Schlacht gewonnen war. Wenn Dudley so verängstigt war, dass er die Hilfe des Ordens annahm, würden seine Eltern mit ihm gehen: Von ihrem Diddyspatz getrennt zu sein kam für sie überhaupt nicht in Frage. Harry warf einen Blick zur Standuhr auf dem Kaminsims.
»In etwa fünf Minuten sind sie hier«, sagte er, und als keiner der Dursleys antwortete, verließ er den Raum. Die Aussicht, dass er sich – vermutlich für immer – von seiner Tante, seinem Onkel und seinem Cousin trennen würde, war durchaus erfreulich für ihn, und doch lag ein Anflug von Verlegenheit in der Luft. Was sagte man zueinander nach sechzehn Jahren heftiger Abneigung?
Wieder in seinem Zimmer, nestelte Harry planlos an seinem Rucksack herum, dann steckte er ein paar Eulennüsse durch das Gitter von Hedwigs Käfig. Sie fielen mit einem dumpfen Geräusch zu Boden und Hedwig beachtete sie nicht.
»Wir brechen bald auf, wirklich bald«, erklärte ihr Harry. »Und dann kannst du wieder fliegen.«
Die Türglocke läutete. Harry zögerte, dann ging er aus seinem Zimmer und machte sich auf den Weg nach unten: Dass Hestia und Dädalus allein mit den Dursleys zurechtkamen, war zu viel verlangt.
»Harry Potter!«, quiekte eine aufgeregte Stimme, sobald Harry die Tür geöffnet hatte; ein kleiner Mann mit einem malvenfarbenen Zylinder legte eine tiefe Verbeugung vor ihm hin. »Eine Ehre, wie immer!«
»Danke, Dädalus«, sagte Harry und schenkte der dunkelhaarigen Hestia ein kleines beschämtes Lächeln. »Wirklich nett von euch, dass ihr das tut … Sie sind hier drin, meine Tante und mein Onkel und mein Cousin …«
»Ihnen einen schönen guten Tag, Verwandte von Harry Potter!«, sagte Dädalus erfreut und betrat mit großen Schritten das Wohnzimmer. Die Dursleys wirkten überhaupt nicht erfreut, auf diese Weise angesprochen zu werden; Harry war schon halb auf einen weiteren Meinungsumschwung gefasst. Dudley machte sich beim Anblick der Hexe und des Zauberers neben seiner Mutter ganz klein.
»Wie ich sehe, sind Sie mit dem Packen fertig und bereit. Bestens! Der Plan ist, wie Harry Ihnen erzählt hat, ein einfacher«, sagte Dädalus, indem er eine gewaltige Taschenuhr aus seiner Weste zog und einen prüfenden Blick darauf warf. »Wir brechen noch vor Harry auf. Damit keine Gefahr besteht, dass in Ihrem Haus Magie gebraucht wird – da Harry immer noch minderjährig ist, könnte das dem Ministerium einen Vorwand liefern, um ihn zu verhaften –, werden wir zuerst, sagen wir, etwa zehn Meilen fahren, ehe wir zu dem sicheren Ort disapparieren, den wir für Sie ausgewählt haben. Sie wissen, wie man Auto fährt, nehme ich an?«, fragte er Onkel Vernon höflich.
»Wissen, wie man –? Natürlich weiß ich verdammt noch mal genau, wie man Auto fährt!«, zischte Onkel Vernon.
»Wie schlau Sie sind, Sir, wie schlau, mich persönlich würden all diese Knöpfe und Griffe völlig konfus machen«, sagte Dädalus. Er nahm zweifellos an, Vernon Dursley zu schmeicheln, der offensichtlich mit jedem Wort von Dädalus mehr und mehr das Vertrauen in den Plan verlor.
»Kann nicht mal Auto fahren«, murmelte er vor sich hin, und sein Schnurrbart zitterte entrüstet, aber glücklicherweise schienen weder Dädalus noch Hestia ihn zu hören.
»Du, Harry«, fuhr Dädalus fort, »wartest hier auf deine Leibgarde. Es gab eine kleine Änderung in der Planung –«
»Was soll das heißen?«, warf Harry sofort ein. »Ich dachte, Mad-Eye wollte kommen und mich per Seit-an-Seit-Apparieren mitnehmen?«
»Geht nicht«, erwiderte Hestia kurz angebunden. »Mad-Eye wird es erklären.«
Die Dursleys, die dem Ganzen mit vollkommen verständnislosen Mienen gelauscht hatten, zuckten zusammen, als eine laute Stimme »Beeilung!« kreischte. Harry sah sich im gesamten Zimmer um, ehe ihm klar wurde, dass die Stimme aus Dädalus’ Taschenuhr gekommen war.
»Völlig richtig, wir operieren nach einem sehr straffen Zeitplan«, sagte Dädalus, nickte seiner Uhr zu und steckte sie zurück in seine Weste. »Wir versuchen, deine Abreise vom Haus mit der Disapparition deiner Familie zeitlich abzustimmen, Harry; so bricht der Zauber in dem Moment, wenn ihr alle auf dem Weg in die Sicherheit seid.« Er wandte sich den Dursleys zu. »Nun, sind alle mit Packen fertig und reisebereit?«
Keiner von ihnen antwortete. Onkel Vernon starrte immer noch entsetzt auf die Wölbung in Dädalus’ Westentasche.
»Vielleicht sollten wir draußen im Flur warten, Dädalus«, murmelte Hestia. Sie hielt es offenbar für taktlos, wenn sie beide im Zimmer blieben, während Harry und die Dursleys sich liebevoll, womöglich tränenreich verabschiedeten.
»Das ist nicht nötig«, brummte Harry, aber Onkel Vernon machte jede weitere Erklärung überflüssig, indem er laut sagte: »Also, das war’s dann wohl, Junge.«
Er schwang seinen rechten Arm nach oben, um Harrys Hand zu schütteln, doch im letzten Moment schien er außerstande, es über sich zu bringen, schloss nur seine Faust und fing an, sie vor- und zurückzuschwingen wie ein Metronom.
»Fertig, Duddy?«, sagte Tante Petunia und überprüfte hektisch den Verschluss ihrer Handtasche, um es völlig zu vermeiden, Harry anzusehen.
Dudley antwortete nicht, sondern stand nur da, den Mund leicht geöffnet, was Harry ein wenig an den Riesen Grawp erinnerte.
»Dann komm«, sagte Onkel Vernon.
Er hatte schon die Wohnzimmertür erreicht, als Dudley murmelte: »Das versteh ich nicht.«
»Was verstehst du nicht, Mausebär?«, fragte Tante Petunia und blickte zu ihrem Sohn auf.
Dudley hob eine große, schinkenähnliche Hand und deutete damit auf Harry.
»Warum kommt er nicht mit uns?«
Onkel Vernon und Tante Petunia blieben wie angewurzelt stehen und starrten Dudley an, als hätte er gerade den Wunsch geäußert, Ballerina zu werden.
»Was?«, sagte Onkel Vernon laut.
»Warum kommt er nicht auch mit?«, fragte Dudley.
»Nun, er – er will nicht«, sagte Onkel Vernon, wandte sich mit wütendem Blick zu Harry um und fügte hinzu: »Du willst nicht, oder?«
»Nicht im Geringsten«, sagte Harry.
»Jetzt weißt du’s«, sagte Onkel Vernon zu Dudley. »Und nun komm, wir gehen.«
Er marschierte aus dem Zimmer: Sie hörten, wie die Haustür aufging, aber Dudley bewegte sich nicht vom Fleck, und nach ein paar zögerlichen Schritten blieb auch Tante Petunia stehen.
»Was denn jetzt noch?«, bellte Onkel Vernon, der wieder in der Tür auftauchte.
Dudley schien mit Gedanken zu kämpfen, die so schwierig waren, dass er sie nicht ausdrücken konnte. Nachdem er einige Momente offenbar mühsam mit sich gerungen hatte, sagte er: »Aber wo geht er hin?«
Tante Petunia und Onkel Vernon sahen einander an. Dudley machte ihnen sichtlich Angst. Hestia Jones brach das Schweigen.
»Aber … Sie wissen doch bestimmt, wohin Ihr Neffe geht?«, fragte sie mit verwirrtem Gesichtsausdruck.
»Natürlich wissen wir das«, sagte Vernon Dursley. »Er verschwindet mit ein paar Leuten aus Ihrer Sippschaft, nicht wahr? Also komm, Dudley, gehen wir zum Auto, du hast den Mann gehört, wir müssen uns beeilen.«
Vernon Dursley marschierte erneut bis zur Haustür, doch Dudley folgte ihm nicht.
»Mit ein paar Leuten aus unserer Sippschaft?«
Hestia sah empört drein. Harry hatte diese Haltung schon früher bei Hexen und Zauberern beobachtet: Sie schienen bestürzt, dass seine engsten Verwandten so wenig Interesse an dem berühmten Harry Potter zeigten.
»Schon gut«, beruhigte Harry sie. »Ist mir ehrlich gesagt egal.«
»Egal?«, wiederholte Hestia mit bedrohlich anschwellender Stimme. »Ist diesen Leuten nicht klar, was du durchgemacht hast? In welcher Gefahr du bist? Welch außergewöhnlichen Platz du im Herzen der Anti-Voldemort-Bewegung einnimmst?«
»Ähm – nein, ist es nicht«, sagte Harry. »Sie halten mich in Wahrheit für eine Platzverschwendung, aber ich bin es gewohnt, dass –«
»Ich halte dich nicht für eine Platzverschwendung.«
Wenn Harry nicht gesehen hätte, dass sich Dudleys Lippen bewegten, dann hätte er es vielleicht nicht geglaubt. Doch nun starrte er Dudley mehrere Sekunden lang an, ehe er hinnahm, dass es sein Cousin gewesen sein musste, der gesprochen hatte; außerdem war Dudley rot geworden. Harry war selbst peinlich berührt und verblüfft.
»Also … ähm … danke, Dudley.«
Dudley kämpfte offenbar erneut mit Gedanken, die zu sperrig waren, um sie in Worte zu fassen, dann murmelte er: »Du hast mir das Leben gerettet.«
»Stimmt so nicht ganz«, sagte Harry. »Der Dementor hätte deine Seele genommen …«
Er sah seinen Cousin neugierig an. Sie hatten diesen und auch letzten Sommer praktisch nichts miteinander zu tun gehabt, weil Harry nur so kurz in den Ligusterweg zurückgekehrt und dann meist in seinem Zimmer geblieben war. Jetzt allerdings dämmerte es ihm, dass die Tasse mit dem kalten Tee, auf die er an diesem Morgen getreten war, vielleicht gar kein übler Streich gewesen war. Obgleich ziemlich gerührt, war er doch einigermaßen erleichtert darüber, dass Dudley anscheinend alle Möglichkeiten erschöpft hatte, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Nachdem Dudley noch ein-oder zweimal den Mund aufgemacht hatte, versank er mit knallrotem Gesicht in Schweigen.
Tante Petunia brach in Tränen aus. Hestia Jones warf ihr einen beifälligen Blick zu, der in Empörung umschlug, als Tante Petunia losrannte und nicht Harry, sondern Dudley umarmte.
»W-wie nett von dir, Dudders …«, schluchzte sie an seiner massigen Brust, »s-so ein lieber J-Junge … b-bedankt sich auch noch …«
»Aber er hat sich überhaupt nicht bedankt!«, sagte Hestia entrüstet. »Er hat nur gesagt, dass Harry für ihn keine Platzverschwendung ist!«
»Jaah, aber wenn das von Dudley kommt, heißt es so viel wie ›Ich liebe dich‹«, sagte Harry und wusste nicht recht, ob er genervt sein oder eher lachen sollte, während Tante Petunia nach wie vor Dudley umklammerte, als hätte er soeben Harry aus einem brennenden Gebäude gerettet.
»Gehen wir jetzt oder nicht?«, donnerte Onkel Vernon, der abermals an der Wohnzimmertür erschien. »Ich dachte, wir hätten einen straffen Zeitplan!«
»Ja – ja, haben wir«, sagte Dädalus Diggel, der den Wortwechsel mit amüsierter Miene verfolgt hatte und sich jetzt offenbar einen Ruck gab. »Wir müssen wirklich los. Harry –«
Er stolperte vorwärts und drückte Harrys Hand mit seinen beiden Händen.
»– viel Glück. Ich hoffe, wir sehen uns wieder. Die Hoffnungen der Zaubererwelt ruhen auf deinen Schultern.«
»Oh«, sagte Harry, »ja. Das ist nett.«
»Leb wohl, Harry«, sagte Hestia und auch sie ergriff seine Hand. »Unsere Gedanken sind bei dir.«
»Ich hoffe, alles ist okay«, sagte Harry mit einem raschen Blick auf Tante Petunia und Dudley.
»Oh, ich bin sicher, dass wir die dicksten Freunde werden«, sagte Diggel munter und schwenkte seinen Hut, während er das Zimmer verließ. Hestia folgte ihm.
Dudley löste sich sanft aus der Umklammerung seiner Mutter und ging auf Harry zu, der sich stark zurückhalten musste, ihn nicht mit Zauberei zu bedrohen. Dann streckte Dudley seine große rosa Hand aus.
»Wahnsinn, Dudley«, sagte Harry über Tante Petunias neuerliches Schluchzen hinweg, »haben dir die Dementoren eine andere Persönlichkeit eingehaucht?«
»Weiß nich«, nuschelte Dudley. »Bis dann, Harry.«
»Jaah …«, sagte Harry, nahm Dudleys Hand und schüttelte sie. »Vielleicht. Pass auf dich auf, Big D.«
Dudley lächelte fast, dann ging er schleppend aus dem Zimmer. Harry hörte seine schweren Schritte auf dem Kiesweg und dann schlug eine Autotür zu.
Tante Petunia, deren Gesicht in ihrem Taschentuch vergraben gewesen war, wandte sich bei dem Geräusch um. Offenbar hatte sie nicht erwartet, nun mit Harry allein zu sein. Hastig stopfte sie das nasse Tuch in ihre Tasche, sagte: »Also – auf Wiedersehen«, und marschierte zur Tür, ohne ihn anzuschauen.
»Auf Wiedersehen«, sagte Harry.
Sie blieb stehen und drehte sich um. Einen Moment lang hatte Harry das höchst seltsame Gefühl, dass sie ihm etwas sagen wollte: Sie warf ihm einen merkwürdigen zaghaften Blick zu, und es schien ihr schon etwas auf der Zunge zu liegen, doch dann hastete sie mit einem leichten Zucken des Kopfes ihrem Ehegatten und ihrem Sohn hinterher aus dem Zimmer.
Die sieben Potters
Harry rannte die Treppe hoch in sein Zimmer zurück und erreichte gerade noch rechtzeitig das Fenster, um den Wagen der Dursleys aus der Zufahrt hinaus- und auf der Straße davonrauschen zu sehen. Dädalus’ Zylinder war zwischen Tante Petunia und Dudley auf dem Rücksitz sichtbar. Der Wagen bog am Ende des Ligusterwegs nach rechts ab, die Fenster flammten in der gerade untergehenden Sonne für einen Moment scharlachrot auf, dann war er verschwunden.
Harry nahm Hedwigs Käfig, seinen Feuerblitz und den Rucksack, ließ ein letztes Mal den Blick durch sein ungewohnt ordentliches Zimmer schweifen und stieg dann ungelenk zurück hinunter in den Flur, wo er Käfig, Besen und Rucksack am Fuß der Treppe abstellte. Das Licht schwand nun rasch, der Flur war voller Schatten in der Abenddämmerung. Es war ein äußerst merkwürdiges Gefühl für ihn, in der Stille dazustehen und zu wissen, dass er das Haus gleich zum letzten Mal verlassen würde. Vor langer Zeit, als die Dursleys ihn allein gelassen hatten, während sie ausgegangen waren, um sich zu vergnügen, waren die Stunden der Einsamkeit ein seltener Genuss gewesen: Er war nach oben gerannt, um auf Dudleys Computer zu spielen, und hatte nur Pause gemacht, um etwas aus dem Kühlschrank zu stibitzen, oder er hatte den Fernseher eingeschaltet und nach Lust und Laune durch die Kanäle gezappt. Wenn er sich diese Zeiten ins Gedächtnis rief, fühlte er eine sonderbare Leere; es war, als ob er sich an einen jüngeren Bruder erinnerte, den er verloren hatte.
»Möchtest du dir das Haus nicht noch einmal ansehen?«, fragte er Hedwig, die den Kopf immer noch schmollend unter einen Flügel gesteckt hatte. »Wir kommen hier nie wieder her. Willst du dich nicht an all die guten Zeiten erinnern? Ich meine, schau dir diese Türmatte an. Was für Erinnerungen … Dudley hat da draufgekotzt, als ich ihn vor den Dementoren gerettet habe … Am Ende war er dann doch dankbar, hättest du das gedacht? … Und letzten Sommer kam Dumbledore durch diese Haustür …«
Harry verlor für einen Moment den Faden, und Hedwig half ihm nicht, ihn wiederzufinden, sondern blieb weiter mit dem Kopf unter dem Flügel sitzen. Harry wandte der Haustür den Rücken zu.
»Und hier drunter, Hedwig –«, Harry zog eine Tür unter der Treppe auf, »hier hab ich immer geschlafen! Da hast du mich noch gar nicht gekannt – Wahnsinn, ist das eng, das hatte ich schon vergessen …«
Harrys Augen wanderten über die aufgestapelten Schuhe und Schirme, und er erinnerte sich daran, wie er jeden Morgen mit Blick auf die Unterseite der Treppe aufgewacht war, die häufig die ein oder andere Spinne zierte. Das war die Zeit gewesen, in der er noch gar nicht gewusst hatte, wer er wirklich war; noch nicht herausgefunden hatte, wie seine Eltern gestorben waren oder warum oft so seltsame Dinge um ihn herum passierten. Aber Harry konnte sich nach wie vor an die Träume erinnern, die ihn sogar in jener Zeit verfolgt hatten: verworrene Träume mit grünen Lichtblitzen, und einmal – Onkel Vernon hatte fast seinen Wagen zu Schrott gefahren, als Harry es erzählte –, einmal war auch ein fliegendes Motorrad darin vorgekommen …
Plötzlich war ein ohrenbetäubendes Dröhnen ganz in der Nähe zu hören. Harry richtete sich jäh auf und schlug mit der Schädeldecke an den niedrigen Türrahmen. Er wankte zurück in die Küche, blieb nur stehen, um einige der erlesensten Schimpfwörter von Onkel Vernon loszulassen, hielt sich den Kopf und starrte aus dem Fenster in den Garten hinter dem Haus.
Die Dunkelheit schien Wellen zu schlagen, die Luft selbst bebte. Dann tauchten nacheinander Gestalten auf, schlagartig, sowie der Desillusionierungszauber von ihnen abfiel. Als Erster fiel Hagrid ins Auge, er trug Helm und Schutzbrille und saß rittlings auf einem riesigen Motorrad, an dem ein schwarzer Beiwagen befestigt war. Um ihn herum stiegen weitere Leute von ihren Besen und zwei von skelettartigen schwarzen Pferden mit Flügeln.
Harry riss die Hintertür auf und stürmte mitten in die Menge hinein. Unter allgemeinem Begrüßungsgeschrei schlang Hermine die Arme um ihn, Ron klopfte ihm auf den Rücken, und Hagrid sagte: »Alles kla’, Harry? Fertig zum Abfluch?«
»Sicher«, sagte Harry und strahlte in die Runde. »Aber so viele von euch hätt ich nicht erwartet!«
»Plan geändert«, knurrte Mad-Eye, der zwei gewaltige, prall gefüllte Säcke hielt und dessen magisches Auge Schwindel erregend schnell von dem immer dunkler werdenden Himmel über das Haus zum Garten wirbelte. »Gehen wir in Deckung, ehe wir alles besprechen.«
Harry führte sie hinein in die Küche, wo sie sich lachend und schwatzend auf Stühlen niederließen, auf Tante Petunias glänzende Arbeitsplatten hockten oder sich an ihre makellos sauberen Haushaltsgeräte lehnten: Ron, lang und schlaksig; Hermine, das buschige Haar zu einem langen Zopf zurückgebunden; Fred und George, ununterscheidbar grinsend; Bill, mit üblen Narben und langen Haaren; Mr Weasley, mit freundlichem Gesicht, schütterem Haar und leicht schief sitzender Brille; Mad-Eye, vom Kampf gezeichnet, mit nur einem Bein und einem strahlend blauen Auge, das in seiner Höhle surrte; Tonks, die ihr kurzes Haar in ihrer Lieblingsfarbe trug, einem knalligen Pink; Lupin, grauer, faltiger; Fleur, schlank und schön, mit ihrem langen silbrig blonden Haar; Kingsley, kahlköpfig, schwarz, breitschultrig; Hagrid mit seinem struppigen Haar und Bart, der gebückt dastand, um mit dem Kopf nicht an die Decke zu stoßen, und Mundungus Fletcher, klein, schmutzig und erbärmlich, mit seinen matten, bassetartigen Hundeaugen und dem verfilzten Haar. Harry ging bei diesem Anblick das Herz auf und ihm wurde ganz warm: Er freute sich unglaublich über sie alle, sogar über Mundungus, den er bei ihrem letzten Zusammentreffen fast erwürgt hätte.
»Kingsley, ich dachte, du bewachst den Premierminister der Muggel?«, rief er quer durch den Raum.
»Der kann eine Nacht lang ohne mich auskommen«, sagte Kingsley. »Du bist wichtiger.«
»Harry, weißt du was?«, sagte Tonks von ihrem Platz oben auf der Waschmaschine aus und winkte ihm mit ihrer linken Hand zu; ein Ring glitzerte daran.
»Du hast geheiratet?«, japste Harry und blickte von ihr zu Lupin.
»Tut mir leid, dass du nicht dabei sein konntest, war eine traute Runde.«
»Das ist großartig, gratu–«
»Schon gut, schon gut, wir haben später Zeit, das alles gemütlich zu bequatschen!«, brüllte Moody durch den Trubel und in der Küche trat Stille ein. Moody ließ die Säcke vor seine Füße fallen und wandte sich an Harry. »Dädalus hat dir wahrscheinlich schon gesagt, dass wir Plan A aufgeben mussten. Pius Thicknesse ist übergelaufen, was uns vor ein großes Problem stellt. Er hat es zur strafbaren Handlung erklärt, auf die Gefängnis steht, dieses Haus mit dem Flohnetzwerk zu verbinden, einen Portschlüssel hier abzulegen oder rein- und rauszuapparieren. Alles unter dem Vorwand, dich zu schützen, damit Du-weißt-schon-wer nicht an dich herankommt. Vollkommen sinnlos, wo doch der Zauber deiner Mutter das schon tut. In Wirklichkeit hat er es fertiggebracht, dass du hier nicht mehr sicher rauskommst. Zweites Problem: Du bist minderjährig, das heißt, du hast immer noch die Spur auf dir.«
»Die was?«
»Die Spur, die Spur!«, sagte Mad-Eye ungeduldig. »Der Zauber, der magische Aktivitäten im Umfeld von unter Siebzehnjährigen aufspürt, mit dem das Ministerium rausfindet, wenn Minderjährige zaubern! Wenn du oder irgendjemand um dich herum einen Zauber ausführt, um hier rauszukommen, dann wird Thicknesse davon erfahren, genauso wie die Todesser.
Wir können nicht warten, bis die Spur sich löst, weil du im Moment, da du siebzehn wirst, sofort allen Schutz verlierst, den deine Mutter dir verliehen hat. Kurz gesagt: Pius Thicknesse glaubt, dass er dich endgültig in die Enge getrieben hat.«
Harry konnte nicht umhin, dem unbekannten Thicknesse Recht zu geben.
»Was werden wir also tun?«
»Wir benutzen die einzigen Transportmittel, die uns bleiben, die einzigen, die von der Spur nicht ermittelt werden können, weil wir keinen Zauber ausüben müssen, um sie zu benutzen: Besen, Thestrale und Hagrids Motorrad.«
Harry konnte einige Schwachstellen an diesem Plan erkennen; allerdings hielt er den Mund, um Mad-Eye die Gelegenheit zu geben, sie selbst anzusprechen.
»Nun, der Zauber deiner Mutter bricht nur unter zwei Bedingungen: wenn du volljährig wirst oder –«, Moody deutete auf die blitzsaubere Küche um ihn herum, »– wenn du diesen Ort nicht mehr dein Zuhause nennst. Du, deine Tante und dein Onkel geht heute Nacht getrennte Wege, vollkommen einig, dass ihr nie wieder zusammenleben werdet, richtig?«
Harry nickte.
»Wenn du also dieses Mal fortgehst, wird es keine Rückkehr geben, und der Zauber wird brechen, sobald du außerhalb seiner Reichweite bist. Wir brechen ihn lieber frühzeitig, denn die Alternative ist, zu warten, bis Du-weißt-schon-wer kommt und dich ergreift, in dem Moment, da du siebzehn wirst.
Der einzige Trumpf, den wir haben, ist, dass Du-weißt-schon-wer nicht weiß, dass wir dich heute Nacht wegbringen. Wir haben für das Ministerium eine falsche Fährte gelegt: Die glauben, dass du nicht vor dem Dreißigsten abreist. Allerdings haben wir es mit Du-weißt-schon-wem zu tun, das heißt, wir können uns nicht einfach darauf verlassen, dass er das falsche Datum hat; er lässt sicher ein paar Todesser hier in der Gegend am Himmel Patrouille fliegen, nur für den Fall. Deshalb haben wir einem Dutzend verschiedenen Häusern sämtlichen Schutz verliehen, den wir aufbringen können. Sie sehen alle aus, als wären sie der Ort, an dem wir dich verstecken werden, sie haben alle irgendeine Verbindung zum Orden: mein Haus, Kingsleys, das von Mollys Tantchen Muriel – du verstehst schon.«
»Jaah«, sagte Harry, nicht ganz ehrlich, denn er konnte immer noch einen riesigen Haken bei dem Plan erkennen.
»Du gehst zu Tonks’ Eltern. Sobald du innerhalb der Grenzen der Schutzzauber bist, die wir über ihr Haus gelegt haben, kannst du einen Portschlüssel zum Fuchsbau nehmen. Noch Fragen?«
»Ähm – ja«, sagte Harry. »Sie werden vielleicht anfangs nicht wissen, zu welchem der zwölf sicheren Häuser ich fliege, aber wird das nicht irgendwie offensichtlich sein, sobald –«, er zählte kurz die Köpfe, »– vierzehn von uns zu Tonks’ Eltern aufbrechen?«
»Ah«, sagte Moody, »ich hab den entscheidenden Punkt vergessen. Es werden keine vierzehn von uns zu Tonks’ Eltern aufbrechen. Heute Abend werden sieben Harry Potters durch den Himmel fliegen, jeder von ihnen mit einem Begleiter, und jedes Paar auf dem Weg zu einem anderen sicheren Haus.«
Moody zog nun aus seinem Mantel ein Fläschchen mit etwas, das wie Schlamm aussah. Er brauchte gar nicht weiterzureden; Harry begriff den restlichen Plan sofort.
»Nein!«, sagte er laut und seine Stimme schallte durch die Küche. »Kommt nicht in Frage!«
»Ich habe ihnen gesagt, dass du so reagieren würdest«, meinte Hermine mit einem Hauch von Selbstgefälligkeit.
»Wenn ihr glaubt, ich lasse es zu, dass sechs Leute ihr Leben riskieren –!«
»– weil es ja für uns alle das erste Mal ist«, sagte Ron.
»Das ist was anderes, so zu tun, als wärt ihr ich –«
»Also, keiner von uns ist wirklich scharf drauf, Harry«, sagte Fred ernst. »Stell dir vor, es geht was schief, dann stecken wir für immer als picklige dürre Trottel fest.«
Harry lächelte nicht.
»Ihr könnt es nicht tun, wenn ich nicht mitmache; ich muss euch ein paar Haare geben.«
»Tja, damit wäre der Plan im Eimer«, sagte George. »Natürlich haben wir gar keine Chance, ein paar Haare von dir zu kriegen, wenn du nicht mitmachst.«
»Jaah, dreizehn von uns gegen einen Typen, der nicht zaubern darf; das können wir gleich vergessen«, sagte Fred.
»Witzig«, sagte Harry. »Wirklich witzig.«
»Wenn es nicht anders geht, dann eben mit Gewalt«, knurrte Moody, und sein magisches Auge zitterte jetzt ein wenig in seiner Höhle, während er Harry anfunkelte. »Jeder hier ist volljährig, Potter, und es sind alle bereit, das Risiko auf sich zu nehmen.«
Mundungus zuckte die Achseln und verzog das Gesicht; das magische Auge schwenkte seitwärts und starrte ihn böse aus Moodys Schläfe heraus an.
»Jetzt keinen Streit mehr. Die Zeit wird knapp. Ich will ein paar von deinen Haaren, Junge, und zwar sofort.«
»Aber das ist verrückt, es ist überhaupt nicht nötig –«
»Nicht nötig!«, knurrte Moody. »Wo Du-weißt-schon-wer da draußen und das halbe Ministerium auf seiner Seite ist? Potter, wenn wir Glück haben, hat er den falschen Köder geschluckt und plant, dich am Dreißigsten zu überfallen, aber er wäre nicht ganz richtig im Kopf, wenn er nicht ein oder zwei Todesser hätte, die Ausschau halten, das würde ich jedenfalls tun. Sie können an dich und das Haus zwar nicht rankommen, während der Zauber deiner Mutter noch wirkt, aber der schwindet bald, und sie wissen, wo das Haus ungefähr liegt. Unsere einzige Chance ist, Lockvögel zu verwenden. Selbst Du-weißt-schon-wer kann sich nicht in sieben Stücke teilen.«
Harry begegnete Hermines Blick und sah sofort weg.
»Also, Potter – ein paar von deinen Haaren, wenn ich bitten darf.«
Harry sah zu Ron hinüber, der eine Grimasse zog, als ob er etwas wie »Tu’s einfach« sagen wollte.
»Sofort!«, bellte Moody.
Alle Blicke ruhten auf Harry, während er sich oben auf den Kopf fasste, ein Büschel Haare packte und zog.
»Gut«, sagte Moody und kam herangehumpelt, wobei er den Stöpsel aus dem Zaubertrankfläschchen zog. »Direkt hier rein, wenn ich bitten darf.«
Harry ließ die Haare in die schlammartige Flüssigkeit fallen. Als sie auf die Oberfläche trafen, begann der Zaubertrank zu schäumen und zu qualmen, und dann nahm er, mit einem Schlag, eine klare, helle Goldfarbe an.
»Ooh, Harry, du siehst viel leckerer aus als Crabbe und Goyle«, sagte Hermine, ehe sie Rons hochgezogene Augenbrauen erblickte und leicht errötend fortfuhr: »Oh, du weißt, was ich meine – der Trank von Goyle sah wie Popel aus.«
»Also dann, alle falschen Potters bitte hier drüben in einer Reihe aufstellen«, sagte Moody.
Ron, Hermine, Fred, George und Fleur bauten sich vor Tante Petunias glänzender Spüle auf.
»Einer fehlt«, sagte Lupin.
»Hier«, sagte Hagrid barsch, hob Mundungus am Kragen hoch und setzte ihn neben Fleur wieder ab, die ostentativ ihre Nase rümpfte und wegging, um sich stattdessen zwischen Fred und George zu stellen.
»Ich hab dir doch gesagt, ich wär lieber ’n Beschützer«, meinte Mundungus.
»Klappe«, knurrte Moody. »Und wie ich dir schon gesagt habe, du rückgratloser Wurm, wird jeder Todesser, auf den wir stoßen, Potter gefangen nehmen und nicht töten wollen. Dumbledore hat immer behauptet, dass Du-weißt-schon-wer Potter eigenhändig erledigen will. Die Beschützer werden’s am schwersten haben, denn die Todesser werden sie umbringen wollen.«
Mundungus wirkte nicht sonderlich beruhigt, doch Moody zog bereits ein halbes Dutzend eierbechergroße Gläschen aus seinem Mantel, verteilte sie und goss in jedes davon ein wenig Vielsaft-Trank.
»Dann alle zusammen …«
Ron, Hermine, Fred, George, Fleur und Mundungus tranken. Alle keuchten und verzerrten die Gesichter, als der Trank durch ihre Kehlen rann: Augenblicklich begannen ihre Züge Blasen zu werfen und sich wie heißes Wachs zu verziehen. Hermine und Mundungus schossen in die Höhe; Ron, Fred und George schrumpften; ihr Haar wurde dunkel, Hermines und Fleurs Haare schien es nach innen in ihre Köpfe zu ziehen.
Moody löste nun ganz gelassen die Schnüre der großen Säcke, die er mitgebracht hatte: Als er sich wieder aufrichtete, standen sechs Harry Potters keuchend und schnaufend vor ihm.
Fred und George wandten sich einander zu und sagten: »Wow – wir sind absolut gleich!«
»Ich weiß nicht, aber ich glaub, ich seh immer noch besser aus«, sagte Fred, während er sein Spiegelbild im Wasserkessel musterte.
»Bah«, sagte Fleur, die sich in der Klappe der Mikrowelle begutachtete, »Bill, sieh misch nischt an – isch bin ’ässlisch.«
»Wem seine Klamotten ein wenig zu weit sind – ich hab hier kleinere«, sagte Moody und deutete auf den ersten Sack, »und umgekehrt. Vergesst nicht die Brillen, in der Seitentasche sind sechs Stück. Und wenn ihr angezogen seid, findet ihr in dem anderen Sack Reisegepäck.«
Der echte Harry dachte, dass dies so ziemlich das Seltsamste war, was er je gesehen hatte, und er hatte einige äußerst merkwürdige Dinge gesehen. Er beobachtete, wie seine sechs Doppelgänger in den Säcken herumwühlten, Anziehsachen herauszogen, Brillen aufsetzten, ihre eigene Kleidung wegsteckten. Als sie alle begannen, sich ohne Scham auszuziehen, hätte er sie am liebsten gebeten, seine Intimsphäre ein wenig mehr zu respektieren, denn seinen Körper zu zeigen war für sie offensichtlich viel leichter, als wenn es ihr eigener gewesen wäre.
»Wusste ich’s doch, dass Ginny das mit der Tätowierung erfunden hat«, sagte Ron, der auf seine nackte Brust hinunterschaute.
»Harry, deine Augen sind wirklich erbärmlich schlecht«, stellte Hermine fest, als sie die Brille aufsetzte.
Sobald sie angezogen waren, nahmen die falschen Harrys aus dem zweiten Sack Rucksäcke und Eulenkäfige, jeder mit einer ausgestopften Schneeeule darin.
»Gut«, sagte Moody, als ihm endlich sieben angekleidete, mit Brille und Gepäck ausgestattete Harrys gegenüberstanden. »Die Paare sehen folgendermaßen aus: Mundungus wird mit mir fliegen, auf dem Besen –«
»Warum bin ich bei dir?«, murrte der Harry, der der Hintertür am nächsten war.
»Weil du derjenige bist, auf den man aufpassen muss«, knurrte Moody, und tatsächlich blieb sein magisches Auge unentwegt auf Mundungus gerichtet, während er fortfuhr. »Arthur und Fred –«
»Ich bin George«, sagte der Zwilling, auf den Moody deutete. »Kannst du uns nicht mal auseinanderhalten, wenn wir Harry sind?«
»Sorry, George –«
»Ich führ dich nur am Zauberstab herum, in Wirklichkeit bin ich Fred –«
»Genug mit dem Blödsinn!«, fauchte Moody. »Der andere – George oder Fred oder wer du auch bist – du gehst mit Remus. Miss Delacour –«
»Ich nehme Fleur auf einem Thestral mit«, sagte Bill. »Sie ist von Besen nicht so begeistert.«
Fleur ging hinüber an seine Seite, wobei sie ihm einen rührseligen, unterwürfigen Blick zuwarf, der, wie Harry von ganzem Herzen hoffte, nie wieder in seinem Gesicht zu sehen sein würde.
»Miss Granger mit Kingsley, auch auf einem Thestral –«
Hermine wirkte beruhigt, als sie Kingsleys Lächeln erwiderte; Harry wusste, dass es auch Hermine auf einem Besen an Selbstvertrauen mangelte.
»Dann bleiben du und ich übrig, Ron!«, sagte Tonks strahlend und stieß einen Becherbaum um, als sie ihm zuwinkte.
Ron wirkte nicht ganz so erfreut wie Hermine.
»Un’ du kommst mit mir, Harry. Is’ das in Ordnung?«, sagte Hagrid mit leicht besorgter Miene. »Wir nehmen das Motorrad, bin zu schwer für Besen und Thestrale, verstehste. Gibt aber nich viel Platz auf’m Sitz mit mir, deshalb bist du im Beiwagen.«
»Das ist prima«, sagte Harry, nicht ganz wahrheitsgetreu.
»Wir glauben, dass die Todesser davon ausgehen, dass du auf einem Besen fliegst«, sagte Moody, der zu erraten schien, was in Harry vorging. »Snape hatte genug Zeit, denen alles über dich zu erzählen, was er vorher noch nicht erwähnt hat; wenn wir also auf Todesser stoßen, werden sie sich hundertprozentig einen von den Potters vorknöpfen, die so aussehen, als wären sie auf einem Besen zu Hause. Also dann«, fuhr er fort, schnürte den Sack mit den Kleidern für die falschen Potters zu und ging voran zurück zur Tür, »ich schätze, in drei Minuten sollten wir loslegen. Lohnt nicht, die Hintertür abzuschließen, das hält die Todesser nicht draußen, wenn sie nachsehen kommen … Auf jetzt …«
Harry eilte in den Flur, um seinen Rucksack, den Feuerblitz und Hedwigs Käfig zu holen, dann trat er zu den anderen in den dunklen Garten hinter dem Haus. Rundum sprangen Besen in Hände; Kingsley hatte Hermine schon auf einen großen schwarzen Thestral geholfen; Bill hatte Fleur auf den anderen gehoben. Hagrid stand neben dem Motorrad bereit, die Schutzbrille aufgesetzt.
»Ist es das? Das Motorrad von Sirius?«
»Genau das isses«, sagte Hagrid und strahlte zu Harry hinunter. »Und ’s letzte Mal, als du draufgesessen hast, Harry, konnt ich dich in einer Hand tragen!«
Harry fühlte sich unwillkürlich ein wenig beschämt, als er in den Beiwagen stieg. Er saß nun gut einen Meter tiefer als alle anderen: Ron sah ihn feixend an, während er dahockte wie ein Kind in einem Autoskooter. Harry verstaute seinen Rucksack und den Besen unten bei seinen Füßen und klemmte sich Hedwigs Käfig zwischen die Knie. Es war furchtbar unbequem.
»Arthur hat ’n bisschen dran rumgebosselt«, sagte Hagrid, dem Harrys Unbehaglichkeit gar nicht auffiel. Er setzte sich rittlings auf das Motorrad, das mit leisem Quietschen etliche Zentimeter in den Boden sank. »Hat jetzt ’n paar hübsche Tricks am Lenker. Das da war meine Idee.«
Er zeigte mit einem dicken Finger auf einen lila Knopf nahe dem Tachometer.
»Bitte sei vorsichtig, Hagrid«, sagte Mr Weasley, der neben ihnen stand, den Besen in der Hand. »Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob das ratsam war, und es darf natürlich nur in Notfällen eingesetzt werden.«
»Na dann – alles klar«, sagte Moody. »Bereitmachen bitte; ich will, dass wir alle genau zur selben Zeit abfliegen, damit der ganze Clou von dem Ablenkungsmanöver nicht verloren geht.«
Sie bestiegen ihre Besen.
»Halt dich jetzt fest, Ron«, sagte Tonks, und Harry sah, wie Ron Lupin verstohlen einen schuldbewussten Blick zuwarf, ehe er seine Hände an ihre Taille legte. Hagrid trat den Kickstarter: Das Motorrad brüllte auf wie ein Drache und der Beiwagen fing an zu vibrieren.
»Viel Glück, allesamt«, schrie Moody. »Wir sehen uns in etwa einer Stunde im Fuchsbau. Ich zähle bis drei. Eins … zwei … DREI.«
Das Motorrad dröhnte gewaltig, und Harry spürte, wie es den Beiwagen gefährlich hochriss: Schnell stieg Harry durch die Lüfte empor, seine Augen tränten ein wenig, und das Haar wurde ihm aus dem Gesicht gepeitscht. Um ihn herum schossen Besen ebenfalls in die Höhe: Der lange schwarze Schwanz eines Thestrals schnellte vorbei. Harrys Beine, die neben Hedwigs Käfig und seinem Rucksack in den Beiwagen gequetscht waren, schmerzten bereits und wurden allmählich taub. Es war ihm so unbequem, dass er fast vergaß, einen letzten Blick auf Ligusterweg Nummer vier zu werfen; als er über den Rand des Beiwagens schaute, konnte er nicht mehr erkennen, welches Haus es war. Höher und höher stiegen sie in den Himmel –
Und dann, aus dem Nirgendwo, aus dem Nichts, waren sie umzingelt. Mindestens dreißig Gestalten mit Kapuzen, in der Luft schwebend, bildeten einen riesigen Kreis, in den die Ordensleute mitten hineingeflogen waren, ahnungslos –
Schreie, grünes Licht blitzte zu allen Seiten auf: Hagrid schrie und das Motorrad kippte herum. Harry verlor jede Orientierung: Straßenlaternen über ihm, Schreie um ihn herum, er klammerte sich in letzter Verzweiflung an dem Beiwagen fest. Hedwigs Käfig, der Feuerblitz und der Rucksack rutschten unter seinen Knien hervor –
»Nein – HEDWIG!«
Der Besen wirbelte in die Tiefe, doch es gelang Harry gerade noch, den Riemen seines Rucksacks und das Dach des Käfigs zu packen, als das Motorrad wieder in die richtige Lage hochschwang. Einen kurzen Augenblick Erleichterung, dann wieder ein grelles grünes Licht. Die Eule kreischte und fiel auf den Käfigboden.
»Nein – NEIN!«
Das Motorrad beschleunigte rasend schnell; Harry nahm kurz wahr, wie vermummte Todesser auseinanderstoben, als Hagrid ihren Kreis durchbrach.
»Hedwig – Hedwig –«
Aber die Eule lag reglos und kläglich wie eine Puppe am Boden ihres Käfigs. Er konnte es nicht begreifen und seine schreckliche Angst um die anderen war übermächtig. Er spähte kurz über seine Schulter und sah eine Menge von Leuten in Bewegung, aufflammendes grünes Licht, zwei Besen mit je zwei Leuten, die in die Ferne davonrasten, konnte aber nicht erkennen, wer es war –
»Hagrid, wir müssen zurück, wir müssen zurück!«, schrie er durch das Donnergrollen des Motors, zückte seinen Zauberstab und rammte Hedwigs Käfig auf den Boden, indes er nicht glauben wollte, dass sie tot war. »Hagrid, UMDREHEN!«
»’s is’ mein Job, dich sicher dort hinzubring’n, Harry!«, brüllte Hagrid und er gab Gas.
»Halt – HALT!«, rief Harry. Doch als er wieder nach hinten sah, schossen zwei grüne Lichtstrahlen an seinem linken Ohr vorbei: Vier Todesser waren aus dem Kreis ausgebrochen und verfolgten sie, Hagrids breiten Rücken im Visier. Hagrid riss das Motorrad herum, aber die Todesser blieben dicht an ihnen dran; weitere Flüche flogen hinter ihnen her, und Harry musste sich tief in den Beiwagen ducken, um ihnen zu entgehen. Dann krümmte er sich nach hinten und schrie: »Stupor!«, und ein roter Lichtblitz schoss aus seinem eigenen Zauberstab und riss eine Lücke zwischen die vier Todesser auf ihren Fersen, da sie auseinanderstoben, um ihm auszuweichen.
»Harry, halt dich fest, das wird ihnen den Rest geben!«, donnerte Hagrid, und als Harry aufblickte, sah er gerade noch, wie Hagrid seinen dicken Finger auf einen grünen Knopf nahe der Tankuhr rammte.
Eine Mauer, eine massive Backsteinmauer, brach aus dem Auspuffrohr hervor. Harry verrenkte sich fast den Hals, während er beobachtete, wie sie sich mitten in der Luft aufbaute. Drei der Todesser schwenkten um und wichen ihr aus, doch der vierte hatte weniger Glück: Er verschwand aus dem Blickfeld und stürzte dann wie ein Felsbrocken hinter der Mauer in die Tiefe, sein Besen in Stücke zerfetzt. Einer seiner Gefährten bremste ab, um ihn zu retten, doch die zwei wurden samt der Mauer in der Luft von der Dunkelheit verschluckt, als sich Hagrid tief über den Lenker legte und Gas gab.
Weitere Todesflüche aus den Zauberstäben der beiden verbliebenen Todesser flogen an Harrys Kopf vorbei; sie zielten auf Hagrid ab. Harry antwortete mit neuen Schockzaubern: Rot und Grün stießen in der Luft zusammen und zerbarsten in einem Schauer vielfarbiger Funken, was Harry verworren an ein Feuerwerk denken ließ und an die Muggel unten, die sicher keine Ahnung hatten, was da passierte –
»Und noch einen drauf, Harry, halt dich fest!«, rief Hagrid und drückte einen zweiten Knopf. Diesmal schnellte ein großes Netz aus dem Motorradauspuff, aber die Todesser waren darauf vorbereitet. Sie wichen aus, um ihm zu entgehen, und der Gefährte, der abgebremst hatte, um ihren bewusstlosen Freund zu retten, hatte sie auch wieder eingeholt: Er brach plötzlich aus der Dunkelheit hervor, und nun verfolgten drei von ihnen das Motorrad und jagten ihm allesamt Flüche hinterher.
»Das wird reinhauen, Harry, halt dich fest!«, schrie Hagrid, und Harry sah, wie er mit der ganzen Hand auf den lila Knopf neben dem Tachometer schlug.
Mit unverkennbarem donnerndem Getöse loderte Drachenfeuer aus dem Auspuff hervor, glühend weiß und blau, und das Motorrad preschte wie eine Kanonenkugel vorwärts, mit einem Lärm von berstendem Metall. Harry sah, wie die Todesser zur Seite wichen und außer Sicht verschwanden, um dem tödlichen Flammenschweif zu entkommen, und gleichzeitig spürte er, wie der Beiwagen unheilvoll schwankte: Die Kraft der Beschleunigung hatte das Metall, das ihn mit dem Motorrad verband, splittern lassen.
»Alles in Ordnung, Harry!«, brüllte Hagrid, den die steigende Geschwindigkeit nun flach auf den Rücken drückte; das Motorrad war jetzt führerlos, und der Beiwagen schlenkerte wild in seinem Fahrtwind hin und her.
»Ich mach schon, Harry, keine Sorge!«, schrie Hagrid und er zog seinen geblümten rosa Schirm aus der Jackentasche.
»Hagrid! Nein! Lass mich da ran!«
»REPARO!«
Ein ohrenbetäubender Knall war zu hören und der Beiwagen brach endgültig vom Motorrad ab: Harry raste weiter, zunächst noch angetrieben vom Schwung des fliegenden Motorrads, dann begann der Beiwagen an Höhe zu verlieren –
Verzweifelt richtete Harry seinen Zauberstab auf ihn und rief: »Wingardium Leviosa!«
Der Beiwagen stieg wie ein Korken nach oben, er ließ sich nicht steuern, hielt sich aber immerhin noch in der Luft. Doch Harry hatte nur für den Bruchteil einer Sekunde Ruhe, dann jagten neue Flüche an ihm vorbei: Die drei Todesser kamen näher.
»Ich komm, Harry!«, rief Hagrid aus der Dunkelheit, aber Harry konnte spüren, dass der Beiwagen schon wieder sank. Er kauerte sich, so tief er konnte, nieder, zielte mitten in die heranrasenden Gestalten und schrie: »Impedimenta!«
Der Zauber traf den mittleren Todesser an der Brust: Einen Moment lang hing der Mann, grotesk alle viere von sich gestreckt, in der Luft, als ob er gegen ein unsichtbares Hindernis geprallt wäre. Einer seiner Gefährten stieß fast mit ihm zusammen –
Dann fing der Beiwagen an ernstlich zu sinken, und der dritte Todesser schoss einen Fluch so knapp an Harry vorbei, dass er sich unter den Rand des Wagens ducken musste und sich an seiner Sitzkante einen Zahn ausschlug –
»Ich komm, Harry, ich komm!«
Eine riesige Hand packte Harry hinten am Umhang und hievte ihn aus dem hinabstürzenden Beiwagen; Harry zerrte seinen Rucksack mit sich, als er sich auf den Motorradsitz wuchtete, und fand sich Rücken an Rücken mit Hagrid. Während sie aufwärtsrasten, fort von den beiden verbliebenen Todessern, spuckte Harry Blut aus dem Mund, deutete mit dem Zauberstab auf den hinabfallenden Beiwagen und schrie: »Confringo!«
Als der Wagen explodierte, verspürte Harry beim Gedanken an Hedwig einen schrecklichen Stich, der an seinen Eingeweiden riss; der Todesser in der Nähe wurde von seinem Besen geschleudert und stürzte außer Sicht; sein Gefährte ließ sich zurückfallen und verschwand.
»Harry, tut mir leid, tut mir leid«, jammerte Hagrid, »ich hätt nich versuchen soll’n, das selbst wieder hinzukrieg’n – du hast keinen Platz –«
»Das ist kein Problem, flieg einfach weiter!«, rief Harry zurück, während zwei neue Todesser aus der Dunkelheit auftauchten und näher rückten.
Als wieder Flüche über die Strecke zwischen ihnen jagten, riss Hagrid das Motorrad herum und flog im Zickzack: Harry wusste, dass Hagrid es nicht wagte, noch einmal den Drachenfeuerknopf zu drücken, solange Harry so unsicher saß. Harry schleuderte ihren Verfolgern Schockzauber um Schockzauber entgegen, doch er konnte sie kaum auf Abstand halten. Er feuerte noch einen Lähmzauber auf sie: Der nächste Todesser wich ihm mit einem Schwenk aus, seine Kapuze rutschte herunter, und im roten Licht eines weiteren Schockzaubers sah Harry das seltsam ausdruckslose Gesicht von Stanley Shunpike – Stan –
»Expelliarmus!«, schrie Harry.
»Das ist er, er ist es, das ist der echte!«
Der Ruf des kapuzenvermummten Todessers drang sogar über das Donnern des Motorradmotors hinweg zu Harry. Einen Augenblick später hatten sich beide Verfolger zurückfallen lassen und waren verschwunden.
»Harry, was is’ passiert?«, brüllte Hagrid. »Wo sin’ sie hin?«
»Ich weiß nicht!«
Aber Harry hatte Angst: Der Todesser mit der Kapuze hatte »das ist der echte« gerufen; woher hatte er das gewusst? Er starrte in die offenbar leere Dunkelheit rundum und spürte ihre Bedrohung. Wo waren sie?
Er kletterte auf seinem Sitz herum, setzte sich mit dem Gesicht nach vorn und hielt sich hinten an Hagrids Jacke fest.
»Hagrid, mach noch mal dieses Drachenfeuerding, wir müssen hier raus!«
»Dann halt dich fest, Harry!«
Erneut war ein ohrenbetäubender gellender Lärm zu hören und die weißblauen Flammen schossen aus dem Auspuff: Harry spürte, wie er auf seinem ohnehin knappen Platz nach hinten rutschte, und Hagrid, der kaum noch den Lenker festhalten konnte, warf es rücklings auf ihn –
»Ich glaub, wir ham sie abgehängt, Harry, ich glaub, wir ham’s geschafft!«, rief Hagrid.
Aber Harry war nicht überzeugt: Angst züngelte in ihm hoch, als er links und rechts nach Verfolgern Ausschau hielt, die sicher kommen würden … Warum hatten sie sich zurückfallen lassen? Einer von ihnen hatte noch immer einen Zauberstab gehabt … Er ist es, das ist der echte … Sie hatten es gesagt, gleich nachdem er versucht hatte, Stan zu entwaffnen …
»Wir sin’ bald da, Harry, wir haben’s bald geschafft!«, rief Hagrid.
Harry merkte, wie das Motorrad ein wenig absackte, obwohl die Lichter unten auf der Erde immer noch fern wie Sterne wirkten.
Dann begann die Narbe auf seiner Stirn flammend heiß zu brennen: Als je ein Todesser zu beiden Seiten des Motorrads auftauchte, verfehlten zwei Todesflüche, von hinten abgefeuert, Harry nur um Millimeter –
Und dann sah Harry ihn. Voldemort flog wie Rauch auf dem Wind, ohne einen Besen oder Thestral, der ihn trug, sein Schlangengesicht leuchtete aus der Dunkelheit, seine weißen Finger hoben erneut den Zauberstab –
Hagrid stieß einen Angstschrei aus und setzte mit dem Motorrad zu einem Sturzflug an. Harry hielt sich mit letzter Verzweiflung fest und jagte Schockzauber los, die ziellos durch die aufgewirbelte Nacht sausten. Er sah einen Körper an sich vorbeifliegen und wusste, dass er einen von ihnen getroffen hatte, doch dann hörte er einen Knall und sah Funken aus der Maschine sprühen; das Motorrad trudelte durch die Luft, völlig außer Kontrolle –
Wieder schossen grüne Lichtschweife an ihnen vorbei. Harry hatte keine Ahnung, wo oben und wo unten war. Seine Narbe brannte nach wie vor; er meinte, jede Sekunde sterben zu müssen. Eine kapuzenvermummte Gestalt auf einem Besen war nur Meter von ihm entfernt, er sah sie den Arm heben –
»NEIN!«
Mit einem wütenden Schrei warf sich Hagrid vom Motorrad und auf den Todesser; voller Entsetzen sah Harry, wie Hagrid und der Todesser beide aus dem Blickfeld stürzten, zusammen waren sie zu schwer für den Besen –
Harry klammerte sich, so gut es ging, mit den Knien an das hinabfallende Motorrad, als er Voldemort schreien hörte: »Er gehört mir!«
Es war zu Ende: Er konnte weder sehen noch hören, wo Voldemort war; er erhaschte einen flüchtigen Blick auf einen weiteren Todesser, der mit einem Schwenk auswich, dann hörte er »Avada –«.
Während der Schmerz in Harrys Narbe ihn zwang, die Augen zu schließen, handelte sein Zauberstab aus eigener Kraft. Harry spürte, wie er seine Hand herumzog wie ein großer Magnet, sah durch seine halb geschlossenen Lider eine Stichflamme aus goldenem Feuer, hörte ein Knacksen und einen Wutschrei. Der verbliebene Todesser rief etwas; Voldemort schrie »Nein!«. Unversehens fand sich Harry mit der Nase nur Zentimeter von dem Drachenfeuerknopf entfernt: Er schlug mit seiner freien Hand darauf, und das Motorrad, das immer noch senkrecht nach unten stürzte, schleuderte erneut Flammen durch die Luft.
»Hagrid!«, rief Harry, der sich verzweifelt an dem Motorrad festklammerte, »Hagrid – accio Hagrid!«
Das Motorrad raste schneller, wurde in die Tiefe gezogen. Das Gesicht auf Lenkerhöhe, konnte Harry nur ferne Lichter sehen, die näher und näher kamen; er würde auf die Erde krachen, und es gab nichts, was er dagegen tun konnte. Hinter ihm war ein weiterer Schrei zu hören –
»Deinen Zauberstab, Selwyn, gib mir deinen Zauberstab!«
Er spürte Voldemort, noch ehe er ihn sah. Er blickte zur Seite und starrte in die roten Augen, und er war sicher, dass sie das Letzte waren, was er je sehen würde: Voldemort, der dabei war, ihm noch einmal einen Fluch auf den Hals zu jagen –
Und dann verschwand Voldemort. Harry spähte hinab und sah Hagrid, alle viere von sich gestreckt, unter sich am Boden liegen. Harry zerrte heftig am Lenker, um nicht auf ihm zu landen, und tastete nach der Bremse, aber mit einem ohrenzerreißenden Krachen, das die Erde beben ließ, knallte er in einen schlammigen Teich.
Gefallener Krieger
»Hagrid?«
Harry rappelte sich mühsam aus dem Durcheinander von Metallteilen und Lederfetzen hoch, die um ihn herumlagen; als er aufstehen wollte, sanken seine Hände zentimetertief in schlammiges Wasser. Er hatte keine Ahnung, wo Voldemort war, und rechnete damit, dass er jeden Moment aus der Dunkelheit hervorbrechen würde.
Etwas Heißes und Nasses tropfte von seinem Kinn und von seiner Stirn. Er kroch aus dem Teich und stolperte auf den großen dunklen Haufen auf dem Boden zu, der Hagrid war.
»Hagrid? Sag etwas –«
Aber der dunkle Haufen bewegte sich nicht.
»Wer ist da? Ist es Potter? Bist du Harry Potter?«
Harry erkannte die Stimme des Mannes nicht. Dann rief eine Frau: »Sie sind abgestürzt, Ted! In den Garten gestürzt!«
Harry schwirrte der Kopf.
»Hagrid«, wiederholte er benommen und dann gaben seine Knie nach.
Als er wieder zu sich kam, lag er rücklings auf etwas, das sich wie Kissen anfühlte, und spürte ein Brennen in den Rippen und am rechten Arm. Seinen fehlenden Zahn hatte jemand nachwachsen lassen. Die Narbe an seiner Stirn pochte immer noch.
»Hagrid?«
Er schlug die Augen auf und sah, dass er auf einem Sofa in einem fremden Wohnzimmer lag, in dem eine Lampe brannte. Sein Rucksack lag ein wenig entfernt auf dem Fußboden, nass und voller Schlamm. Ein Mann mit hellen Haaren und dickem Bauch sah Harry besorgt an.
»Hagrid geht es gut, mein Sohn«, sagte der Mann, »meine Frau kümmert sich gerade um ihn. Wie geht es dir? Sonst noch etwas gebrochen? Ich habe deine Rippen, deinen Zahn und deinen Arm wieder in Ordnung gebracht. Ich bin übrigens Ted, Ted Tonks – Doras Vater.«
Harry setzte sich zu rasch auf: Lichter blitzten vor seinen Augen, ihm wurde schlecht und schwindelig.
»Voldemort –«
»Schon gut«, sagte Ted Tonks, legte die Hand auf Harrys Schulter und drückte ihn zurück in die Kissen. »Das war ein schlimmer Absturz, den du da eben hattest. Was ist eigentlich passiert? Ist was mit dem Motorrad schiefgegangen? Arthur Weasley hat sich wohl mal wieder übernommen, der mit seinen komischen Muggelgeräten.«
»Nein«, sagte Harry und seine Narbe pochte wie eine offene Wunde. »Todesser, jede Menge – sie haben uns gejagt –«
»Todesser?«, erwiderte Ted scharf. »Was soll das heißen, Todesser? Ich dachte, sie wüssten nicht, dass man dich heute Abend wegbringt, ich dachte –«
»Sie wussten es«, sagte Harry.
Ted Tonks blickte zur Decke, als könnte er durch sie hindurch auf den Himmel sehen.
»Nun, dann wissen wir, dass unsere Schutzzauber halten, nicht wahr? Sie dürften nicht in der Lage sein, näher als hundert Meter an das Haus heranzukommen, egal aus welcher Richtung.«
Jetzt begriff Harry, warum Voldemort verschwunden war; es war genau an der Stelle gewesen, wo das Motorrad die von den Zaubern des Ordens errichtete Barriere durchquert hatte. Er hoffte nur, dass sie auch weiterhin standhielten: Er stellte sich vor, wie Voldemort, während sie hier redeten, hundert Meter über ihnen nach einer Möglichkeit suchte, in das einzudringen, was sich Harry wie eine große, durchsichtige Blase vorstellte.
Er schwang die Beine vom Sofa; er musste Hagrid mit eigenen Augen sehen, um sicherzugehen, dass er lebte. Doch kaum war er aufgestanden, ging eine Tür auf, und Hagrid quetschte sich hindurch, das Gesicht voller Schlamm und Blut, leicht humpelnd zwar, aber wunderbarerweise am Leben.
»Harry!«
Er durchmaß die Strecke zwischen ihnen mit zwei Schritten, warf unterwegs zwei zierliche Tischchen und eine Schusterpalme um und drückte Harry so fest an sich, dass dessen frisch reparierte Rippen fast wieder zu Bruch gingen. »Mensch, Harry, wie bist’n da rausgekommen? Dacht schon, jetzt wär’s aus mit uns beiden.«
»Jaah, ich auch. Unglaublich –«
Harry hielt inne; er hatte gerade die Frau bemerkt, die hinter Hagrid das Zimmer betreten hatte.
»Sie!«, rief er und fuhr mit der Hand in seine Tasche, die jedoch leer war.
»Dein Zauberstab ist hier, mein Sohn«, sagte Ted und klopfte damit gegen Harrys Arm. »Er ist direkt neben dir gelandet, ich hab ihn aufgehoben. Und das ist meine Frau, die du da anschreist.«
»Oh – Ver-Verzeihung.«
Während Mrs Tonks durch das Zimmer kam, wurde ihre Ähnlichkeit mit ihrer Schwester Bellatrix deutlich schwächer: Ihr Haar war von einem hellen, weichen Braun, und ihre Augen waren viel offener und freundlicher. Dennoch wirkte sie nach Harrys Aufschrei etwas pikiert.
»Was ist mit unserer Tochter geschehen?«, fragte sie. »Hagrid sagte, ihr seid überfallen worden; wo ist Nymphadora?«
»Ich weiß nicht«, erwiderte Harry. »Wir wissen nicht, was mit den Übrigen passiert ist.«
Sie und Ted tauschten Blicke. Als Harry ihre Gesichter sah, packten ihn Angst und schlechtes Gewissen zugleich; wenn irgendwer von den andern umgekommen war, dann war es seine Schuld, ganz allein seine Schuld. Er hatte dem Plan zugestimmt, ihnen seine Haare gegeben …
»Der Portschlüssel«, sagte er, sich plötzlich erinnernd. »Wir müssen zum Fuchsbau und dort nachfragen – dann können wir Ihnen eine Nachricht schicken, oder – oder Tonks wird, sobald sie –«
»Dora geht es sicher gut, Dromeda«, sagte Ted. »Sie weiß, was sie tut, sie war oft mit den Auroren in brenzligen Situationen. Der Portschlüssel ist dort drüben«, fügte er an Harry gewandt hinzu. »Er soll in drei Minuten abgehen, wenn ihr ihn nehmen wollt.«
»Ja, allerdings«, sagte Harry. Er griff nach seinem Rucksack und schwang ihn über die Schultern. »Ich –«
Er sah Mrs Tonks an und wollte sich entschuldigen, weil er sie in großer Angst zurückließ, für die er sich auch noch so schrecklich verantwortlich fühlte, aber es fielen ihm keine Worte ein, die ihm nicht hohl und unaufrichtig schienen.
»Ich richte Tonks – Dora – aus, dass sie eine Nachricht schicken soll, wenn sie … Danke, dass Sie uns zusammengeflickt haben, danke für alles. Ich –«
Er war froh, als er das Zimmer verließ und Ted Tonks durch einen kurzen Flur in ein Schlafzimmer folgte. Hagrid kam hinterher, tief gebückt, um sich den Kopf nicht am Türsturz anzuschlagen.
»Hier ist er, mein Sohn. Das ist der Portschlüssel.«
Mr Tonks wies auf eine kleine Haarbürste mit silbernem Rücken, die auf der Frisierkommode lag.
»Danke«, sagte Harry und streckte die Hand aus, um einen Finger auf die Bürste zu legen, bereit zum Aufbruch.
»Moment noch«, sagte Hagrid und sah sich um. »Harry, wo ist Hedwig?«
»Sie … sie wurde getroffen«, sagte Harry.
Die Wahrheit brach über ihn herein. Er schämte sich, als Tränen ihm in den Augen brannten. Die Eule war seine Gefährtin gewesen, die einzige wunderbare Verbindung zur magischen Welt, immer wenn er gezwungen war, zu den Dursleys zurückzukehren.
Hagrid streckte seine große Hand aus und tätschelte ihm schmerzhaft die Schulter.
»Is’ ja gut«, sagte er mit rauer Stimme. »Is’ ja gut. Sie hat ’n tolles langes Leben gehabt –«
»Hagrid!«, sagte Ted Tonks mahnend, als die Bürste hellblau aufglühte, und Hagrid legte gerade noch rechtzeitig den Zeigefinger darauf.
Am Nabel fortgerissen, als ob ein unsichtbarer Angelhaken ihn vorwärtsgezerrt hätte, wurde Harry ins Nichts hinausgezogen, und während sein Finger am Portschlüssel haften blieb, wirbelte er zügellos um sich selbst und wurde zusammen mit Hagrid von Mr Tonks weggeschleudert: Sekunden später schlug Harry mit den Füßen voran auf hartem Boden auf und landete auf Händen und Knien im Hof des Fuchsbaus. Schreie waren zu hören. Harry warf die Bürste, die nun nicht mehr glühte, beiseite, erhob sich leicht taumelnd und sah Mrs Weasley und Ginny die Stufen vor der Hintertür hinunterrennen, während Hagrid, der bei der Landung auch zu Boden gegangen war, mühsam auf die Beine kam.
»Harry? Du bist der echte Harry? Was ist passiert? Wo sind die anderen?«, rief Mrs Weasley.
»Was soll das heißen? Sind denn nicht alle wieder zurückgekommen?«, keuchte Harry.
Die Antwort war deutlich in Mrs Weasleys blassem Gesicht zu lesen.
»Die Todesser haben uns aufgelauert«, erklärte ihr Harry. »Wir waren umringt, kaum dass wir gestartet waren – sie wussten, dass es heute Abend sein würde – ich weiß nicht, was mit den anderen passiert ist. Vier von denen haben uns verfolgt, uns blieb nur die Flucht, und dann hat uns Voldemort eingeholt –«
Er konnte den rechtfertigenden Ton in seiner eigenen Stimme hören, seine dringende Bitte, sie möge doch verstehen, wieso er nicht wusste, was mit ihren Söhnen geschehen war, aber –
»Dem Himmel sei Dank, dass es dir gut geht«, sagte sie und zog ihn in eine Umarmung, die er nicht verdient zu haben glaubte.
»Du hast nich zufällig ’n Schnaps, Molly?«, fragte Hagrid ein wenig zittrig. »Für medizinische Zwecke?«
Sie hätte den Schnaps herbeizaubern können, aber als sie zu dem krummen Haus zurückeilte, wusste Harry, dass sie ihr Gesicht verbergen wollte. Er wandte sich Ginny zu, die seine stumme Bitte um Auskunft sofort erfüllte.
»Ron und Tonks hätten als Erste wieder da sein sollen, aber sie haben ihren Portschlüssel verpasst, er kam ohne sie zurück«, sagte sie und deutete auf eine verrostete Ölkanne, die in der Nähe am Boden lag. »Und der da«, sie wies auf einen alten Turnschuh, »der war eigentlich für Dad und Fred, sie sollten die Zweiten sein. Du und Hagrid, ihr wart die Dritten, und«, sie sah auf ihre Uhr, »wenn sie es geschafft haben, sollten George und Lupin etwa in einer Minute zurück sein.«
Mrs Weasley tauchte mit einer Flasche Schnaps in der Hand wieder auf, die sie Hagrid reichte. Er entkorkte die Flasche und trank sie in einem Zug leer.
»Mum!«, rief Ginny und deutete auf etwas, das ein paar Meter entfernt war.
Ein blaues Licht war in der Dunkelheit sichtbar geworden: Es wurde größer und heller, und Lupin und George tauchten auf, sie drehten sich um sich selbst und stürzten dann zu Boden. Harry war sofort klar, dass etwas nicht stimmte: Lupin stützte den bewusstlosen George, dessen Gesicht voller Blut war. Harry rannte hin und packte George an den Beinen. Er und Lupin trugen ihn gemeinsam ins Haus und durch die Küche ins Wohnzimmer, wo sie ihn aufs Sofa legten. Als das Licht der Lampe auf Georges Kopf fiel, stockte Ginny der Atem, und Harry drehte sich der Magen um: George fehlte ein Ohr. Eine Seite seines Kopfes und der Hals trieften von feuchtem, erschreckend scharlachrotem Blut.
Mrs Weasley hatte sich kaum über ihren Sohn gebeugt, als Lupin Harry am Oberarm packte und ihn nicht allzu sanft zurück in die Küche schleifte, wo Hagrid immer noch versuchte, seinen massigen Körper durch die Hintertür zu manövrieren.
»Hey«, sagte Hagrid entrüstet. »Lass ihn los! Lass Harry los!«
Lupin beachtete ihn nicht.
»Was für eine Kreatur saß damals in der Ecke, als Harry Potter mich zum ersten Mal in meinem Büro in Hogwarts aufsuchte?«, sagte er und schüttelte Harry leicht. »Antworte mir!«
»Ein – ein Grindeloh in einem Aquarium, oder?«
Lupin ließ Harry los und fiel rückwärts gegen einen Küchenschrank.
»Was sollt’n das?«, brüllte Hagrid.
»Tut mir leid, Harry, aber ich musste es überprüfen«, sagte Lupin kurz angebunden. »Man hat uns verraten. Voldemort wusste, dass du heute Abend weggebracht werden würdest, und die Einzigen, die es ihm hätten sagen können, waren direkt am Plan beteiligt. Du hättest ein Betrüger sein können.«
»Und warum überprüfst du dann nich mich?«, schnaufte Hagrid, der sich nach wie vor damit abmühte, durch die Tür zu kommen.
»Du bist ein Halbriese«, sagte Lupin und blickte zu Hagrid auf. »Der Vielsaft-Trank ist nur für den menschlichen Gebrauch bestimmt.«
»Niemand vom Orden hätte Voldemort erzählt, dass wir heute Abend losfliegen«, sagte Harry: Es war eine schreckliche Vorstellung für ihn, er traute es einfach keinem von ihnen zu. »Voldemort hat mich erst zum Ende hin eingeholt, anfangs wusste er nicht, welcher ich war. Wenn er den Plan gekannt hätte, dann hätte er von Anfang an gewusst, dass ich der bei Hagrid bin.«
»Voldemort hat dich eingeholt?«, sagte Lupin scharf. »Was ist passiert? Wie seid ihr entkommen?«
Harry erklärte kurz, dass die Todesser, die sie verfolgt hatten, ihn offenbar als den richtigen Harry erkannt hatten, dass sie dann die Jagd abgebrochen und vermutlich Voldemort gerufen hatten, der aufgetaucht war, kurz bevor Harry und Hagrid den sicheren Ort bei Tonks’ Eltern erreichten.
»Sie haben dich erkannt? Aber wie? Was hast du getan?«
»Ich …« Harry versuchte sich zu erinnern; der ganze Flug schien ihm verschwommen, panisch und konfus. »Ich habe Stan Shunpike gesehen … weißt du, den Typen, der Schaffner im Fahrenden Ritter war. Und ich wollte ihn eigentlich entwaffnen, statt – na ja, er weiß nicht, was er da tut, oder? Er muss unter einem Imperius stehen!«
Lupin schaute entsetzt drein.
»Harry, die Zeit des Entwaffnens ist vorbei! Diese Leute wollen dich fangen und töten! Verpass ihnen wenigstens einen Schockzauber, wenn du nicht bereit bist zu töten!«
»Wir waren Hunderte Meter weit oben! Stan ist nicht er selbst, und wenn ich ihn geschockt hätte und er abgestürzt wäre, dann wäre er gestorben, genau so, als ob ich Avada Kedavra genommen hätte! Expelliarmus hat mich vor zwei Jahren vor Voldemort gerettet«, fügte Harry trotzig hinzu. Lupin erinnerte ihn an den grinsenden Hufflepuff Zacharias Smith, der Harry verhöhnt hatte, weil er Dumbledores Armee beibringen wollte, wie man den Entwaffnungszauber einsetzt.
»Ja, Harry«, sagte Lupin, sich mühsam beherrschend, »und eine große Zahl von Todessern hat das mit angesehen! Verzeih mir, aber es war damals eine sehr ungewöhnliche Aktion, in unmittelbarer Todesgefahr. Sie heute Nacht vor Todessern zu wiederholen, die beim ersten Mal entweder selbst dabei waren oder davon gehört haben, kommt einem Selbstmord sehr nahe!«
»Du meinst also, ich hätte Stan Shunpike töten sollen?«, sagte Harry zornig.
»Natürlich nicht«, erwiderte Lupin, »aber die Todesser – offen gestanden, die meisten Leute! – hätten erwartet, dass du zurückschlägst! Expelliarmus ist ein nützlicher Zauber, Harry, aber die Todesser halten ihn offenbar für eine Art Markenzeichen von dir, und ich bitte dich dringend, dass er das nicht wird!«
Lupin vermittelte Harry das Gefühl, ein Idiot zu sein, und doch regte sich noch ein Funken Trotz in ihm.
»Ich werde nicht einfach Leute aus dem Weg sprengen, nur weil sie da sind«, sagte Harry. »Das überlasse ich Voldemort.«
Lupins Erwiderung ging unter: Hagrid, dem es endlich gelungen war, sich durch die Tür zu quetschen, stolperte zu einem Stuhl und setzte sich; er brach unter ihm zusammen. Hagrid fluchte und entschuldigte sich wild durcheinander, aber Harry beachtete ihn nicht und wandte sich wieder Lupin zu.
»Wird George wieder auf die Beine kommen?«
Lupins ganze Enttäuschung über Harry schien bei dieser Frage zu verfliegen.
»Ich denke schon, allerdings gibt es keine Möglichkeit, sein Ohr zu ersetzen, nicht wenn er es durch einen Fluch verloren hat –«
Von draußen war ein Schlurfen zu hören. Lupin war mit einem Satz an der Hintertür; Harry sprang über Hagrids Beine und stürmte hinaus auf den Hof.
Zwei Gestalten waren dort aufgetaucht, und als Harry auf sie zurannte, erkannte er Hermine, die gerade wieder ihre normale Gestalt annahm, und Kingsley; beide umklammerten einen krummen Kleiderbügel. Hermine fiel Harry um den Hals, aber Kingsley schien sich über den Anblick von keinem von ihnen zu freuen. Harry sah über Hermines Schulter, wie er den Zauberstab hob und damit auf Lupins Brust deutete.
»Die letzten Worte, die Albus Dumbledore an uns beide richtete?«
»Harry ist unsere größte Hoffnung. Vertraut ihm«, sagte Lupin ruhig.
Kingsley drehte den Zauberstab nun zu Harry, aber Lupin sagte: »Er ist es, ich hab es überprüft!«
»Na gut, na gut!«, sagte Kingsley und steckte seinen Zauberstab in den Umhang zurück. »Aber irgendjemand hat uns verraten! Sie wussten es, sie wussten von heute Abend!«
»Sieht ganz so aus«, erwiderte Lupin, »aber offenbar war ihnen nicht klar, dass es sieben Harrys geben würde.«
»Schwacher Trost!«, fauchte Kingsley. »Wer ist sonst noch zurück?«
»Nur Harry, Hagrid, George und ich.«
Hermine unterdrückte ein leises Stöhnen hinter vorgehaltener Hand.
»Was ist mit euch passiert?«, fragte Lupin, zu Kingsley gewandt.
»Fünf Verfolger, haben zwei verwundet, vielleicht einen getötet«, spulte Kingsley mechanisch herunter, »und wir haben außerdem Du-weißt-schon-wen gesehen, er ist mitten in der Jagd dazugestoßen, aber dann ziemlich schnell verschwunden. Remus, er kann –«
»Fliegen«, ergänzte Harry. »Ich hab ihn auch gesehen, er war hinter Hagrid und mir her.«
»Also deshalb ist er weggeflogen – um euch zu verfolgen!«, sagte Kingsley. »Mir war nicht klar, warum er verschwunden ist. Aber wodurch hat er sein Ziel geändert?«
»Harry war ein bisschen zu nett zu Stan Shunpike«, sagte Lupin.
»Stan?«, wiederholte Hermine. »Aber ich dachte, der ist in Askaban?«
Kingsley stieß ein freudloses Lachen aus.
»Hermine, es hat offenbar einen Massenausbruch gegeben, den das Ministerium vertuscht hat. Travers fiel die Kapuze runter, als ich einen Fluch nach ihm schleuderte, der sollte auch in Askaban sitzen. Aber was war bei dir, Remus? Wo ist George?«
»Er hat ein Ohr verloren«, sagte Lupin.
»Ein was –?«, fragte Hermine mit schriller Stimme.
»Snapes Handschrift«, sagte Lupin.
»Snape?«, rief Harry. »Du hast gar nicht erwähnt –«
»Er hat bei der Verfolgungsjagd seine Kapuze verloren. Sectumsempra war immer eine Spezialität von Snape. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass ich es ihm mit gleicher Münze heimgezahlt habe, aber alles, was ich tun konnte, war, George auf dem Besen zu halten, nachdem er verwundet worden war, er verlor so viel Blut.«
Die vier verfielen in Schweigen und blickten zum Himmel. Dort regte sich nichts; die Sterne starrten zurück, ohne zu blinzeln, gleichgültig, kein fliegender Freund verdunkelte sie. Wo war Ron? Wo waren Fred und Mr Weasley? Wo waren Bill, Fleur, Tonks, Mad-Eye und Mundungus?
»Harry, hilf mir mal!«, rief Hagrid heiser von der Tür her, in der er wieder feststeckte. Harry zog ihn heraus, froh, dass er etwas tun konnte, und ging dann durch die leere Küche zurück ins Wohnzimmer, wo Mrs Weasley und Ginny sich nach wie vor um George kümmerten. Mrs Weasley hatte jetzt seine Blutung gestillt, und im Schein der Lampe sah Harry dort, wo vorher Georges Ohr gewesen war, ein glattes klaffendes Loch.
»Wie geht es ihm?«
Mrs Weasley schaute sich um und sagte: »Ich kann es nicht nachwachsen lassen, weil es durch schwarze Magie entfernt wurde. Aber es hätte noch so viel schlimmer sein können … er ist am Leben.«
»Jaah«, sagte Harry. »Gott sei Dank.«
»Hab ich nicht noch jemand im Hof gehört?«, fragte Ginny.
»Hermine und Kingsley«, sagte Harry.
»Dem Himmel sei Dank«, flüsterte Ginny. Sie sahen einander an; Harry wollte sie umarmen, sie festhalten; es war ihm sogar ziemlich egal, dass Mrs Weasley dabei war, aber ehe er dem Impuls folgen konnte, drang ein gewaltiger Krach von der Küche herein.
»Ich beweise, wer ich bin, wenn ich meinen Sohn gesehen habe, Kingsley, und jetzt verzieh dich, oder du wirst es bereuen!«
Harry hatte Mr Weasley noch nie so schreien hören. Er platzte ins Wohnzimmer, die kahle Stelle auf seinem Kopf glänzte schweißnass, die Brille saß schief, Fred folgte ihm auf dem Fuß, beide waren blass, aber unverletzt.
»Arthur!«, schluchzte Mrs Weasley. »Oh, dem Himmel sei Dank!«
»Wie geht es ihm?«
Mr Weasley sank neben George auf die Knie. Zum ersten Mal, seit Harry ihn kannte, schien Fred um Worte verlegen zu sein. Er stierte über die Sofalehne auf die Wunde seines Zwillingsbruders, als könnte er nicht fassen, was er da sah.
Jetzt regte sich George, vielleicht hatte die laute Ankunft von Fred und dem Vater ihn aufgeweckt.
»Wie fühlst du dich, Georgie?«, flüsterte Mrs Weasley.
George tastete mit den Fingern seitlich an seinen Kopf.
»Wie ein Schweizer Käse«, murmelte er.
»Was ist los mit ihm?«, krächzte Fred mit erschrockener Miene. »Tickt er jetzt nicht mehr richtig?«
»Wie ein Schweizer Käse«, wiederholte George, öffnete die Augen und blickte zu seinem Bruder auf. »Verstehst du … Schweizer Käse. Löchrig, Fred, kapiert?«
Mrs Weasley schluchzte heftiger denn je. Freds blasses Gesicht nahm schlagartig Farbe an.
»Schwache Leistung«, sagte er zu George. »Ehrlich! Dir steht das ganze weite Feld der Ohrenwitze offen und du entscheidest dich für Schweizer Käse?«
»Tja«, sagte George und grinste seiner in Tränen aufgelösten Mutter zu, »jetzt kannst du uns jedenfalls auseinanderhalten, Mum.«
Er blickte sich um.
»Hi, Harry – du bist doch Harry, oder?«
»Jaah, bin ich«, sagte Harry und trat näher an das Sofa heran.
»Na, wenigstens haben wir dich heil wiedergekriegt«, sagte George. »Warum drängen sich Ron und Bill nicht um mein Krankenlager?«
»Sie sind noch nicht zurück, George«, sagte Mrs Weasley. Georges Grinsen verblasste. Harry warf einen schnellen Blick zu Ginny und bedeutete ihr, ihm nach draußen zu folgen. Als sie durch die Küche gingen, sagte sie mit leiser Stimme: »Ron und Tonks sollten schon da sein. Sie hatten keine lange Reise; Tantchen Muriel wohnt gar nicht weit von hier.«
Harry sagte nichts. Seit sie im Fuchsbau waren, hatte er versucht, die Angst unter Kontrolle zu halten, doch jetzt umhüllte sie ihn, schien über seine Haut zu kriechen, in seiner Brust zu hämmern, seine Kehle zuzuschnüren. Als sie die hintere Treppe zum dunklen Hof hinabgingen, nahm Ginny seine Hand.
Kingsley schritt auf und ab, und immer wenn er sich umdrehte, warf er einen Blick zum Himmel empor. Das erinnerte Harry an Onkel Vernon, der vor Millionen Jahren im Wohnzimmer auf und ab gegangen war. Hagrid, Hermine und Lupin standen Schulter an Schulter da und starrten schweigend nach oben. Keiner von ihnen sah sich um, als Harry und Ginny sich ihrer stummen Wache anschlossen.
Die Minuten zogen sich hin, als wären es Jahre. Beim leisesten Windhauch zuckten sie zusammen und schauten zu dem raunenden Busch oder Baum, in der Hoffnung, eines der vermissten Ordensmitglieder könnte unversehrt aus seinen Blättern springen –
Und dann nahm ein Besen direkt über ihnen Gestalt an und raste auf die Erde zu –
»Das sind sie!«, kreischte Hermine.
Tonks zog bei der Landung eine lange Bremsspur und wirbelte Erde und Kiesel auf.
»Remus!«, schrie Tonks und wankte vom Besen herunter in Lupins Arme. Sein Gesicht war starr und weiß: Er schien unfähig zu sprechen. Ron stolperte benommen auf Harry und Hermine zu.
»Euch ist nichts passiert«, murmelte er, ehe Hermine sich auf ihn stürzte und ihn fest umarmte.
»Ich dachte – ich dachte –«
»Alles okay mit mir«, sagte Ron und klopfte ihr auf den Rücken. »Geht mir gut.«
»Ron war großartig«, sagte Tonks begeistert und ließ Lupin wieder los. »Wunderbar. Hat einen von den Todessern geschockt, direkt am Kopf, und wenn man von einem fliegenden Besen aus ein bewegliches Ziel anvisiert –«
»Das hast du getan?«, sagte Hermine und sah mit großen Augen zu Ron auf, die Arme nach wie vor um seinen Hals.
»Immer dieser überraschte Unterton«, sagte er ein wenig mürrisch und machte sich von ihr los. »Sind wir die Letzten?«
»Nein«, sagte Ginny, »wir warten noch auf Bill und Fleur und Mad-Eye und Mundungus. Ich sag Mum und Dad Bescheid, dass du okay bist, Ron –«
Sie rannte ins Haus zurück.
»Und warum seid ihr so spät dran? Was ist passiert?« Lupin hörte sich fast an, als wäre er wütend auf Tonks.
»Bellatrix«, sagte Tonks. »Sie hat es ebenso sehr auf mich abgesehen wie auf Harry, sie hat alles darangesetzt, mich umzubringen, Remus. Hätt ich sie doch nur erwischt, ich hab noch eine Rechnung mit ihr offen. Aber wir haben ganz sicher Rodolphus verletzt … Dann sind wir zu Rons Tantchen Muriel und haben unseren Portschlüssel verpasst und sie hat uns betüttelt –«
Ein Muskel zuckte an Lupins Kiefer. Lupin nickte, schien aber nicht in der Lage, ein weiteres Wort zu sagen.
»Und was war mit euch?«, fragte Tonks Harry, Hermine und Kingsley.
Sie schilderten erneut, wie es ihnen auf ihren Flügen ergangen war, doch dass Bill, Fleur, Mad-Eye und Mundungus noch immer auf sich warten ließen, lag die ganze Zeit wie Frost über ihnen, dessen beißende Kälte bald kaum mehr zu ignorieren war.
»Ich muss zurück in die Downing Street. Hätte schon vor einer Stunde dort sein sollen«, sagte Kingsley schließlich nach einem letzten Blick quer über den Himmel. »Lasst es mich wissen, wenn sie da sind.«
Lupin nickte. Kingsley winkte den anderen zu und verschwand in der Dunkelheit in Richtung Tor. Harry glaubte ein ganz leises Plopp zu hören, als Kingsley gleich hinter der Grenze des Fuchsbaus disapparierte.
Mr und Mrs Weasley kamen die hintere Treppe heruntergestürmt, Ginny folgte ihnen. Die Eltern schlossen Ron in die Arme und wandten sich dann Lupin und Tonks zu.
»Danke«, sagte Mrs Weasley, »für unsere Söhne.«
»Sei nicht albern, Molly«, erwiderte Tonks rasch.
»Wie geht es George?«, fragte Lupin.
»Was fehlt ihm denn?«, legte Ron los.
»Er hat ein –«
Aber das Ende von Mrs Weasleys Satz ging in einem allgemeinen Aufschrei unter: Ein Thestral war soeben herbeigeflogen und landete wenige Meter von ihnen entfernt. Bill und Fleur glitten von seinem Rücken, zerzaust, aber unverletzt.
»Bill! Gott sei Dank, Gott sei Dank –«
Mrs Weasley rannte zu ihnen, aber Bill hatte nur eine flüchtige Umarmung für sie übrig. Er blickte seinem Vater in die Augen und sagte: »Mad-Eye ist tot.«
Niemand sprach, niemand rührte sich. Harry kam es vor, als würde etwas in ihm fallen, durch die Erde fallen, und ihn für immer verlassen.
»Wir haben es gesehen«, sagte Bill; Fleur nickte, im Licht des Küchenfensters glitzerten Tränenspuren auf ihren Wangen. »Es ist passiert, kurz nachdem wir aus dem Kreis ausgebrochen sind: Mad-Eye und Dung waren dicht bei uns, sie waren auch auf dem Weg nach Norden. Voldemort – er kann fliegen – ging direkt auf sie los. Dung geriet in Panik, ich hörte, wie er aufschrie, Mad-Eye hat versucht ihn aufzuhalten, aber er ist disappariert. Voldemorts Fluch traf Mad-Eye mitten ins Gesicht, er fiel rücklings vom Besen und – wir konnten nichts machen, nichts, wir hatten selber ein halbes Dutzend von denen an den Fersen –«
Bills Stimme versagte.
»Natürlich hättet ihr nichts tun können«, sagte Lupin.
Sie standen da und sahen einander an. Harry konnte es nicht richtig begreifen. Mad-Eye tot; das konnte nicht sein … Mad-Eye, so zäh, so tapfer, der immer seinen Hals aus der Schlinge gezogen hatte …
Schließlich ging es wohl allen auf, dass es sinnlos war, länger im Hof zu warten, auch wenn keiner es sagte, und sie folgten schweigend Mr und Mrs Weasley in den Fuchsbau und ins Wohnzimmer zurück, wo Fred und George zusammen lachten.
»Was ist los?«, sagte Fred, der sie argwöhnisch ansah, als sie hereinkamen. »Was ist passiert? Wer ist –?«
»Mad-Eye«, sagte Mr Weasley. »Tot.«
Aus dem Grinsen der Zwillinge wurden entsetzte Gesichter. Niemand schien zu wissen, was zu tun war. Tonks weinte stumm in ein Taschentuch: Harry wusste, dass sie Mad-Eye nahegestanden hatte, sein Liebling und sein Schützling gewesen war. Hagrid, der sich in der Ecke, wo am meisten Platz für ihn war, auf den Boden gesetzt hatte, tupfte sich die Augen mit seinem tischtuchgroßen Taschentuch.
Bill ging hinüber zum Büfett und holte eine Flasche Feuerwhisky und ein paar Gläser heraus.
»Hier«, sagte er, und mit einem Schlenker seines Zauberstabs ließ er zwölf gefüllte Gläser durch das Zimmer schweben, für jeden eines, während er das dreizehnte erhob. »Mad-Eye.«
»Mad-Eye«, sagten sie alle und tranken.
»Mad-Eye«, tönte Hagrid hinterher, ein wenig spät, mit einem Schluckauf.
Der Feuerwhisky brannte Harry in der Kehle: Er schien wieder Empfinden in ihm zu entfachen, die Taubheit und das Gefühl von Unwirklichkeit zu zerstreuen und etwas wie Mut in ihm zu entzünden.
»Mundungus ist also verschwunden?«, fragte Lupin, der sein Glas in einem Zug geleert hatte.
Die Stimmung änderte sich schlagartig: Alle wirkten nervös; sie hefteten ihre Blicke auf Lupin und wollten, wie es Harry vorkam, dass er fortfuhr, hatten aber gleichzeitig ein wenig Angst vor dem, was sie womöglich hören würden.
»Ich weiß, was ihr denkt«, sagte Bill, »das habe ich mich auf dem Weg hierher zurück auch gefragt, denn sie haben uns offenbar schon erwartet, stimmt’s? Aber Mundungus kann uns nicht verraten haben. Sie wussten nicht, dass es sieben Harrys geben würde; das hat sie verwirrt, in dem Moment als wir aufgetaucht sind, und falls ihr es vergessen habt, es war Mundungus, der diesen kleinen Rosstäuschertrick vorgeschlagen hat. Warum hat er ihnen dann nicht den entscheidenden Punkt verraten? Ich glaube, Dung ist schlicht und einfach in Panik geraten. Er wollte ursprünglich gar nicht mitkommen, aber Mad-Eye hat ihn gedrängt, und Voldemort ist gleich auf die beiden losgegangen: Da hätte jeder Panik bekommen.«
»Du-weißt-schon-wer hat genau so gehandelt, wie Mad-Eye es vorausgesehen hat«, sagte Tonks schniefend. »Mad-Eye meinte, er würde glauben, dass der echte Harry bei den tapfersten und fähigsten Auroren wäre. Er hat zuerst Mad-Eye gejagt, und als Mundungus es vergeigt hat, nahm er sich Kingsley vor …«
»Ja, das ist alles gut und schön«, unterbrach Fleur sie barsch, »aber das erklärt immer noch nischt, wo’er sie wussten, dass wir ’Arry ’eute Abend wegbringen würden, nischt wahr? Jemand muss unvorsischtisch gewesen sein. Jemand ’at einem Außenste’enden verse’entlisch das Datum genannt. Das ist die einsige Erklärung, wes’alb sie das Datum, aber nischt den ganzen Plan kannten.«
Sie schaute finster in die Runde, immer noch Spuren von Tränen auf ihrem schönen Gesicht, und forderte alle stumm heraus, ihr zu widersprechen. Niemand tat es. Das einzige Geräusch, das die Stille unterbrach, kam von Hagrid, der hinter seinem Taschentuch hickste. Harry blickte rasch zu Hagrid hinüber, der gerade sein Leben riskiert hatte, um das von Harry zu retten – zu Hagrid, den er liebte, dem er vertraute, der einst überlistet worden war, um Voldemort entscheidende Informationen im Tausch gegen ein Drachenei zu liefern …
»Nein«, sagte Harry laut und alle sahen ihn überrascht an: Der Feuerwhisky hatte seine Stimme offenbar kräftiger werden lassen. »Ich meine … wenn jemand einen Fehler begangen hat«, fuhr Harry fort, »und ihm etwas rausgerutscht ist, dann weiß ich, dass es nicht mit Absicht war. Das ist nicht seine Schuld«, wiederholte er, abermals ein wenig lauter, als er sonst gesprochen hätte. »Wir müssen einander vertrauen. Ich vertraue euch allen, ich glaube nicht, dass irgendjemand in diesem Raum mich jemals an Voldemort verraten würde.«
Diesen Worten folgte ein erneutes Schweigen. Sie sahen ihn alle an; Harry fühlte sich wieder ein wenig erhitzt und trank noch mehr Feuerwhisky, nur um etwas zu tun. Während er trank, dachte er an Mad-Eye. Mad-Eye hatte Dumbledores Bereitschaft, anderen zu vertrauen, immer scharf kritisiert.
»Gut gesprochen, Harry«, sagte Fred unvermutet.
»Jaah, wer Ohren hat, der höre …«, sagte George, mit einem kurzen Blick auf Fred, dessen Mundwinkel zuckte.
Lupin machte ein merkwürdiges Gesicht, als er Harry ansah: Es lag fast etwas Mitleidiges darin.
»Du hältst mich für naiv?«, fragte Harry eindringlich.
»Nein, ich glaube, du bist wie James«, erwiderte Lupin, »er hätte es als Gipfel der Schande betrachtet, seinen Freunden zu misstrauen.«
Harry wusste, worauf Lupin hinauswollte: Sein Vater war von seinem Freund Peter Pettigrew verraten worden. Er spürte eine unbändige Wut in sich aufsteigen. Er wollte widersprechen, aber Lupin war von ihm weggegangen, stellte sein Glas auf einen kleinen Tisch und wandte sich an Bill: »Es gibt Arbeit. Ich kann auch Kingsley fragen, ob –«
»Nein«, sagte Bill sofort, »ich mach es, ich komm mit.«
»Wo wollt ihr hin?«, fragten Tonks und Fleur gleichzeitig.
»Mad-Eyes Leichnam«, sagte Lupin. »Wir müssen ihn bergen.«
»Kann das nicht –?«, begann Mrs Weasley mit einem flehenden Blick zu Bill.
»Warten?«, sagte Bill. »Du willst doch nicht, dass ihn stattdessen die Todesser mitnehmen?«
Niemand sprach. Lupin und Bill verabschiedeten sich und gingen.
Die Übrigen ließen sich nun alle in die Sessel sinken, nur Harry blieb stehen. Der Tod, jäh und unwiderruflich, weilte unter ihnen wie ein unsichtbarer Geist.
»Ich muss auch gehen«, sagte Harry.
Zehn verdutzte Augenpaare starrten ihn an.
»Sei nicht albern, Harry«, sagte Mrs Weasley. »Was soll das?«
»Ich kann nicht hierbleiben.«
Er rieb sich die Stirn: Sie schmerzte wieder; sie hatte seit über einem Jahr nicht mehr so wehgetan.
»Ihr seid alle in Gefahr, solange ich hier bin. Ich will nicht –«
»Aber sei doch nicht albern!«, sagte Mrs Weasley. »Heute Nacht ging es einzig und allein darum, dich wohlbehalten hierherzuholen, und zum Glück hat es geklappt. Außerdem ist Fleur damit einverstanden, hier zu heiraten und nicht in Frankreich, wir haben alles vorbereitet, so dass wir alle zusammenbleiben und uns um dich kümmern können.«
Sie begriff nicht; sie machte es für ihn nicht besser, sondern nur noch schlimmer.
»Wenn Voldemort rausfindet, dass ich hier bin –«
»Aber warum sollte er das?«, fragte Mrs Weasley.
»Es gibt ein Dutzend Orte, wo du jetzt sein könntest, Harry«, sagte Mr Weasley. »Er hat keine Chance herauszukriegen, in welchem geschützten Haus du bist.«
»Ich bin nicht meinetwegen in Sorge!«, sagte Harry.
»Das wissen wir«, entgegnete Mr Weasley ruhig. »Aber unsere ganze Aktion heute Nacht wäre doch ziemlich sinnlos gewesen, wenn du fortgehen würdest.«
»Du gehst nirgendwohin«, knurrte Hagrid. »Mensch, Harry, nach allem, was wir durchgemacht ham, um dich hierherzukrieg’n?«
»Jaah, was ist mit meinem blutenden Ohr?«, sagte George und stemmte sich auf seinen Kissen hoch.
»Ich weiß ja –«
»Mad-Eye würde das nicht wollen –«
»ICH WEISS!«, brüllte Harry.
Er fühlte sich gequält und erpresst: Dachten sie, er wüsste nicht, was sie für ihn getan hatten, begriffen sie nicht, dass genau dies der Grund war, weshalb er gehen wollte, jetzt, bevor sie noch mehr für ihn leiden mussten? Ein langes verlegenes Schweigen breitete sich aus, in dem seine Narbe unentwegt stach und pochte und das schließlich von Mrs Weasley unterbrochen wurde.
»Wo ist Hedwig, Harry?«, sagte sie aufmunternd. »Wir können sie bei Pigwidgeon unterbringen und ihr etwas zu fressen geben.«
Seine Eingeweide zogen sich wie eine Faust zusammen. Er konnte ihr nicht die Wahrheit sagen. Er trank seinen letzten Schluck Feuerwhisky, um ihr nicht antworten zu müssen.
»Wart nur, bis sich rumspricht, dass du’s schon wieder geschafft hast, Harry«, sagte Hagrid. »Dass du ihm entkommen bist, ihn abgeschmettert hast, als er direkt über dir war!«
»Das war nicht ich«, sagte Harry tonlos. »Es war mein Zauberstab. Mein Zauberstab hat aus eigenem Antrieb gehandelt.«
Nach einigen Augenblicken sagte Hermine sanft: »Aber das ist unmöglich, Harry. Du meinst, dass du gezaubert hast, ohne es zu wollen; du hast instinktiv reagiert.«
»Nein«, sagte Harry. »Das Motorrad stürzte nach unten, ich hätte dir nicht sagen können, wo Voldemort war, aber mein Zauberstab drehte sich in meiner Hand und fand ihn und schoss einen Zauber auf ihn ab, einen, den ich nicht mal kannte. Goldene Flammen hab ich noch nie erscheinen lassen.«
»Wenn man unter Druck steht«, sagte Mr Weasley, »kann man oftmals Zauber bewirken, die man sich nie hätte träumen lassen. Kleine Kinder merken, bevor sie ausgebildet sind, oft –«
»So war es nicht«, sagte Harry mit zusammengebissenen Zähnen. Seine Narbe brannte: Er war wütend und enttäuscht; er hasste den Gedanken, dass sie alle annahmen, er hätte eine Macht, die der Voldemorts ebenbürtig war.
Niemand sagte etwas. Er wusste, dass sie ihm nicht glaubten. Wenn er es sich recht überlegte, hatte er noch nie von einem Zauberstab gehört, der von allein zauberte.
Seine Narbe brannte vor Schmerz; mühsam unterdrückte er ein lautes Stöhnen. Er murmelte etwas von frischer Luft, stellte sein Glas ab und verließ den Raum.
Als er über den dunklen Hof ging, blickte der große skelettartige Thestral auf, raschelte mit seinen gewaltigen Fledermausflügeln und graste dann weiter. Harry blieb am Tor zum Garten stehen, blickte hinaus auf die wuchernden Pflanzen, rieb sich die pochende Stirn und dachte an Dumbledore.
Dumbledore hätte ihm geglaubt, ganz sicher. Dumbledore hätte gewusst, wie und warum Harrys Zauberstab eigenmächtig gehandelt hatte, weil Dumbledore immer die Antworten hatte; er kannte sich mit Zauberstäben aus, hatte Harry die seltsame Verbindung zwischen seinem Zauberstab und dem von Voldemort erklärt … aber Dumbledore, wie Mad-Eye, wie Sirius, wie seine Eltern, wie seine arme Eule, sie alle waren dorthin gegangen, wo Harry nicht mehr mit ihnen sprechen konnte. Er spürte ein Brennen in der Kehle, das nichts mit Feuerwhisky zu tun hatte …
Und dann, urplötzlich, loderte der Schmerz in seiner Narbe auf. Als er die Hand auf die Stirn drückte und die Augen schloss, schrie eine Stimme in seinem Kopf.
»Du hast mir gesagt, dass das Problem gelöst wäre, wenn ich den Zauberstab von jemand anderem nehme!«
Und vor ihm tauchte das Bild eines ausgemergelten alten Mannes auf, der in Lumpen auf einem steinernen Boden lag und einen Schrei ausstieß, einen schrecklichen, lang gezogenen Schrei, einen Schrei von unerträglicher Qual …
»Nein! Nein! Ich bitte Euch, ich bitte Euch …«
»Du hast Lord Voldemort belogen, Ollivander!«
»Das habe ich nicht … ich schwöre, das habe ich nicht …«
»Du hast versucht Potter zu helfen, damit er mir entkommt!«
»Ich schwöre, das habe ich nicht … ich glaubte, ein anderer Zauberstab würde funktionieren …«
»Dann erkläre, was passiert ist. Lucius’ Zauberstab ist zerstört!«
»Ich kann es nicht begreifen … die Verbindung … besteht nur … zwischen euren beiden Zauberstäben …«
»Lügen!«
»Bitte … ich bitte Euch …«
Und Harry sah die weiße Hand ihren Zauberstab heben und spürte Voldemorts jäh aufwallenden wilden Zorn, sah den gebrechlichen alten Mann sich in Todesqualen am Boden krümmen –
»Harry?«
Es war so schnell vorüber, wie es gekommen war: Harry stand zitternd in der Dunkelheit, die Hände ans Gartentor geklammert, sein Herz raste, und seine Narbe brannte immer noch. Erst einige Augenblicke später fiel ihm auf, dass Ron und Hermine neben ihm waren.
»Harry, komm zurück ins Haus«, flüsterte Hermine. »Du denkst doch nicht immer noch ans Weggehen?«
»Jaah, du musst bleiben, Mann«, sagte Ron und klopfte Harry heftig auf den Rücken.
»Alles in Ordnung mit dir?«, fragte Hermine, jetzt so nahe bei ihm, dass sie Harry ins Gesicht schauen konnte. »Du siehst furchtbar aus!«
»Na ja«, sagte Harry zitternd, »ich seh wahrscheinlich besser aus als Ollivander …«
Nachdem er ihnen erzählt hatte, was er gesehen hatte, blickte Ron erschrocken, doch Hermine war abgrundtief entsetzt.
»Aber es sollte doch vorbei sein! Deine Narbe – sie sollte das eigentlich nicht mehr tun! Du darfst diese Verbindung nicht wieder zulassen – Dumbledore wollte, dass du deinen Geist verschließt!«
Als er nicht antwortete, packte sie ihn am Arm.
»Harry, er übernimmt gerade das Ministerium und die Zeitungen und die halbe Zaubererwelt! Lass ihn nicht auch noch in deinen Kopf!«
Der Ghul im Schlafanzug
In den folgenden Tagen lastete der Schock, Mad-Eye verloren zu haben, auf dem Haus; Harry dachte ständig, dass er gleich mit polternden Schritten durch die Hintertür kommen würde, wie die anderen Ordensmitglieder, die ein und aus gingen, um Neuigkeiten zu bringen. Harry spürte, dass er sein Schuldgefühl und seinen Kummer nur durch Taten lindern konnte und dass er so bald wie möglich zu seiner Mission aufbrechen sollte, Horkruxe zu finden und zu zerstören.
»Jedenfalls kannst du nichts tun gegen diese –«, Ron formte mit den Lippen das Wort Horkruxe, »bevor du siebzehn bist. Du hast immer noch die Spur auf dir. Und wir können hier genauso gut planen wie anderswo auch, stimmt’s? Oder meinst du etwa«, er senkte die Stimme und flüsterte, »du weißt bereits, wo diese Du-weißt-schon-welche sind?«
»Nein«, gab Harry zu.
»Ich glaube, Hermine hat in letzter Zeit ’n bisschen nachgeforscht«, sagte Ron. »Sie wollte aber nichts davon erzählen, bevor du hier angekommen bist.«
Sie saßen am Frühstückstisch; Mr Weasley und Bill hatten sich gerade auf den Weg zur Arbeit gemacht, Mrs Weasley war nach oben gegangen, um Hermine und Ginny zu wecken, während Fleur entschwebt war, um ein Bad zu nehmen.
»Die Spur löst sich am Einunddreißigsten«, sagte Harry. »Das heißt, ich muss nur noch vier Tage hierbleiben. Dann kann ich –«
»Fünf Tage«, korrigierte ihn Ron energisch. »Wir müssen bis zur Hochzeit bleiben. Die bringen uns um, wenn wir sie versäumen.«
Harry vermutete, dass mit »die« Fleur und Mrs Weasley gemeint waren.
»Es ist ein zusätzlicher Tag«, sagte Ron, als Harry rebellisch dreinblickte.
»Kapieren die nicht, wie wichtig –?«
»’türlich nicht«, sagte Ron. »Die haben keinen Schimmer. Und wo du gerade davon sprichst – ich wollte mit dir darüber reden.«
Ron warf einen kurzen Blick auf die Tür zum Flur, um sicherzugehen, dass Mrs Weasley noch nicht zurückkam, dann beugte er sich näher zu Harry.
»Mum hat versucht, es aus Hermine und mir rauszukriegen. Was wir vorhaben. Sie wird es als Nächstes bei dir probieren, also pass auf. Dad und Lupin haben auch beide gefragt, aber als wir meinten, dass Dumbledore zu dir gesagt hat, dass du es keinem außer uns erzählen sollst, haben sie damit aufgehört. Mum aber nicht. Die ist hartnäckig.«
Rons Voraussage bestätigte sich innerhalb weniger Stunden. Kurz vor dem Mittagessen nahm Mrs Weasley Harry beiseite mit der Bitte, sich eine einzelne Männersocke anzusehen, die, wie sie glaubte, aus seinem Rucksack stammen könnte. Kaum hatte sie ihn in der kleinen Waschküche neben der Küche in die Enge getrieben, fing sie auch schon an.
»Ron und Hermine denken anscheinend, ihr drei würdet jetzt Hogwarts sausen lassen«, begann sie in einem heiteren, beiläufigen Ton.
»Oh«, sagte Harry. »Nun, jaah. Tun wir auch.«
In einer Ecke drehte sich die Wäschemangel von ganz allein und wrang offenbar eines von Mr Weasleys Unterhemden aus.
»Darf ich fragen, warum ihr eure Ausbildung abbrecht?«, sagte Mrs Weasley.
»Also, Dumbledore hat mir vor seinem Tod aufgetragen … was zu tun«, murmelte Harry. »Ron und Hermine wissen davon und sie wollen mitkommen.«
»Was denn ›zu tun‹?«
»Tut mir leid, ich kann nicht –«
»Nun, offen gestanden glaube ich, dass Arthur und ich ein Recht haben, es zu erfahren, und ich bin sicher, Mr und Mrs Granger würden das auch so sehen!«, sagte Mrs Weasley. Harry hatte die »besorgte Eltern«-Attacke befürchtet. Er zwang sich, ihr direkt in die Augen zu sehen, wobei ihm auffiel, dass sie genau denselben Braunton hatten wie die von Ginny. Das half nicht.
»Dumbledore wollte nicht, dass sonst noch jemand davon erfährt, Mrs Weasley. Es tut mir leid. Ron und Hermine müssen nicht mitkommen, es ist deren Entscheidung –«
»Ich verstehe auch nicht, warum du gehen musst!«, schnappte sie, nun ohne jedes Versteckspiel. »Ihr seid gerade mal volljährig, alle drei! Das ist völliger Blödsinn; wenn Dumbledore einen Auftrag gehabt hätte, dann hätte er den ganzen Orden zur Verfügung gehabt! Harry, du musst ihn falsch verstanden haben. Wahrscheinlich hat er dir von etwas erzählt, das getan werden musste, und du hast gedacht, dass du es –«
»Ich habe es nicht falsch verstanden«, sagte Harry entschieden. »Ich muss es tun.« Er gab ihr die einzelne Socke zurück, die er sich anschauen sollte und die ein goldenes Binsenmuster trug. »Und die gehört nicht mir, ich bin kein Fan von Puddlemere United.«
»Oh, natürlich nicht«, sagte Mrs Weasley, indem sie jäh und ziemlich entnervend ihren üblichen Ton wieder anschlug. »Das hätte ich wissen müssen. Nun, Harry, solange wir dich noch hier haben, hast du doch nichts dagegen, bei den Vorbereitungen für Bills und Fleurs Hochzeit zu helfen, oder? Es gibt immer noch so viel zu tun.«
»Nein – ich – natürlich nicht«, sagte Harry, durch diesen plötzlichen Themenwechsel irritiert.
»Nett von dir«, erwiderte sie, und als sie die Waschküche verließ, lächelte sie.
Von diesem Moment an hielt Mrs Weasley Harry, Ron und Hermine so sehr mit den Hochzeitsvorbereitungen auf Trab, dass sie kaum Zeit zum Nachdenken hatten. Die netteste Erklärung für dieses Verhalten wäre gewesen, dass Mrs Weasley sie alle von den Gedanken an Mad-Eye und die Schrecken ablenken wollte, die sie auf ihrem Flug vor kurzem durchlitten hatten.
Nach zwei Tagen, an denen sie unentwegt Besteck geputzt, Hochzeitsgeschenke, Schleifen und Blumen farblich aufeinander abgestimmt, den Garten entgnomt und Mrs Weasley geholfen hatten, gewaltige Mengen an Kanapees zuzubereiten, vermutete Harry jedoch allmählich einen anderen Beweggrund bei ihr. Alle Aufgaben, die sie verteilte, schienen ihn, Ron und Hermine voneinander fernzuhalten; er hatte seit dem ersten Abend, als er ihnen erzählt hatte, wie Voldemort Ollivander folterte, keine Gelegenheit gehabt, mit den beiden allein zu sprechen.
»Ich glaube, Mum denkt, dass sie eure Abreise hinauszögern kann, wenn sie es schafft, zu verhindern, dass ihr drei zusammenkommt und Pläne schmiedet«, erklärte Ginny Harry mit gedämpfter Stimme, als sie am dritten Tag seines Aufenthalts den Tisch zum Abendessen deckten.
»Und was soll ihrer Meinung nach dann passieren?«, murmelte Harry. »Vielleicht bringt jemand anders Voldemort um, während sie uns hier aufhält und Blätterteigpasteten machen lässt?«
Er hatte, ohne nachzudenken, gesprochen und sah Ginnys Gesicht erbleichen.
»Also stimmt es?«, sagte sie. »Das wollt ihr versuchen?«
»Ich – nicht – das war nur ein Witz«, sagte Harry ausweichend.
Sie starrten einander unverwandt an, und es war nicht nur Entsetzen, das sich auf Ginnys Gesicht abzeichnete. Plötzlich wurde Harry bewusst, dass er seit jenen heimlichen Treffen in abgelegenen Winkeln auf dem Hogwarts-Gelände zum ersten Mal allein mit ihr war. Er war sicher, dass sie auch daran dachte. Beide zuckten zusammen, als die Tür aufging und Mr Weasley, Kingsley und Bill hereinkamen.
Es waren nun häufig andere Ordensmitglieder zum Abendessen bei ihnen zu Gast, weil der Fuchsbau den Grimmauldplatz Nummer zwölf als Hauptquartier ersetzt hatte. Mr Weasley hatte erklärt, dass nach dem Tod von Dumbledore, ihrem Geheimniswahrer, jeder, dem Dumbledore den Standort des Hauses am Grimmauldplatz anvertraut hatte, selbst ein Geheimniswahrer geworden sei.
»Und da wir etwa zwanzig Leute sind, wird die Kraft des Fidelius-Zaubers beträchtlich abgeschwächt. Zwanzig Mal mehr Möglichkeiten für die Todesser, das Geheimnis aus jemandem rauszukriegen. Wir können nicht davon ausgehen, dass es noch lange hält.«
»Aber Snape hat ihnen bestimmt inzwischen die Adresse verraten, oder?«, fragte Harry.
»Nun, Mad-Eye hat ein paar Flüche gegen Snape eingerichtet, für den Fall, dass er wieder dort auftaucht. Wir hoffen, dass sie stark genug sind, ihn fernzuhalten, und ihm auch die Zunge lähmen, wenn er versucht, über das Haus zu reden, aber wir können nicht sicher sein. Es wäre verrückt gewesen, das Haus weiterhin als Hauptquartier zu verwenden, jetzt, wo sein Schutz so brüchig geworden ist.«
In der Küche war es an diesem Abend so voll, dass man nur schwer mit Messer und Gabel hantieren konnte. Harry fand sich dicht an Ginny gedrängt; bei all dem Unausgesprochenen, das gerade zwischen ihnen passiert war, wäre es ihm lieber gewesen, sie hätten ein paar Leute zwischen sich gehabt. Er war so angestrengt darauf bedacht, ihren Arm nicht zu streifen, dass er kaum sein Hühnchen schneiden konnte.
»Keine Neuigkeiten über Mad-Eye?«, fragte Harry Bill.
»Nichts«, erwiderte Bill.
Sie hatten Moody kein Begräbnis bereiten können, weil es Bill und Lupin nicht gelungen war, seinen Leichnam zu bergen. Es war während des Kampfes dunkel gewesen und nach all dem Getümmel schwierig, den Ort zu finden, wo er abgestürzt war.
»Der Tagesprophet hat mit keinem Wort erwähnt, dass er gestorben ist oder dass man seine Leiche gefunden hätte«, fuhr Bill fort. »Aber das will nicht viel heißen. Der hält zurzeit einiges unter der Decke.«
»Und sie haben immer noch keine Anhörung einberufen wegen all der Magie, die ich als Minderjähriger eingesetzt habe, um den Todessern zu entkommen?«, rief Harry quer über den Tisch Mr Weasley zu, der den Kopf schüttelte. »Weil sie wissen, dass ich keine Wahl hatte, oder weil sie nicht wollen, dass ich der ganzen Welt sage, dass Voldemort mich angegriffen hat?«
»Letzteres, glaube ich. Scrimgeour will nicht zugeben, dass Du-weißt-schon-wer so mächtig ist, wie er ist, und auch nicht, dass es in Askaban einen Massenausbruch gegeben hat.«
»Jaah, warum der Öffentlichkeit die Wahrheit mitteilen?«, sagte Harry und schloss seine Hand so fest um sein Messer, dass die blassen Narben auf seinem rechten Handrücken sich weiß von der Haut abhoben: Ich soll keine Lügen erzählen.
»Ist keiner im Ministerium bereit, ihm die Stirn zu bieten?«, fragte Ron zornig.
»Natürlich, Ron, aber die Leute haben Angst«, antwortete Mr Weasley, »Angst, dass sie die Nächsten sein werden, die verschwinden, dass ihre Kinder die Nächsten sind, die überfallen werden! Es gehen schlimme Gerüchte um; ich glaube zum Beispiel nicht, dass die Muggelkundelehrerin von Hogwarts zurückgetreten ist. Sie wurde schon seit Wochen nicht mehr gesehen. Unterdessen schließt sich Scrimgeour den ganzen Tag in seinem Büro ein. Ich kann nur hoffen, dass er an einem Plan arbeitet.«
Es folgte eine Pause, in der Mrs Weasley die leeren Teller beiseitezauberte und Apfelkuchen servierte.
»Wir müssen entscheiden, wie wir disch tarnen, ’Arry«, sagte Fleur, als alle ihren Nachtisch hatten. »Auf der ’Ochzeit«, fügte sie hinzu, als er verwirrt dreinblickte. »Natürlisch ist keiner von unseren Gästen ein Todesser, aber wir können nischt garantieren, dass keinem etwas rausrutscht, wenn alle Champagner getrunken ’aben.«
Harry schloss aus ihren Worten, dass sie immer noch Hagrid im Verdacht hatte.
»Ja, ganz richtig«, sagte Mrs Weasley am Kopfende der Tafel, wo sie mit der Brille auf der Nasenspitze saß und eine riesige Liste von Aufgaben überflog, die sie auf ein sehr langes Stück Pergament gekritzelt hatte. »Wie steht’s, Ron, hast du schon dein Zimmer geputzt?«
»Wieso?«, rief Ron, knallte seinen Löffel hin und sah seine Mutter wütend an. »Wieso muss mein Zimmer geputzt werden? Harry und ich sind ganz zufrieden, so, wie es ist!«
»Wir feiern hier in ein paar Tagen die Hochzeit deines Bruders, junger Mann –«
»Und heiraten die in meinem Schlafzimmer?«, fragte Ron aufgebracht. »Nein! Also warum im Namen von Merlins linkem Hänge–«
»Sprich nicht so mit deiner Mutter«, erwiderte Mr Weasley bestimmt. »Und tu, was man dir sagt.«
Ron warf beiden Eltern finstere Blicke zu, dann nahm er seinen Löffel und machte sich über die letzten Bissen seines Apfelkuchens her.
»Ich kann dir helfen, da ist einiges von meinem Kram dabei«, sagte Harry zu Ron gewandt, aber Mrs Weasley schnitt ihm das Wort ab.
»Nein, Harry, Schatz, mir wäre es lieber, du würdest Arthur helfen, den Hühnerstall auszumisten, und, Hermine, ich wär dir sehr dankbar, wenn du die Betten für Monsieur und Madame Delacour frisch beziehen könntest, du weißt, sie kommen morgen früh um elf an.«
Doch wie sich herausstellte, gab es bei den Hühnern sehr wenig zu tun.
»Es ist nicht nötig, das, ähm, Molly gegenüber zu erwähnen«, sagte Mr Weasley zu Harry, indem er ihm den Weg zum Hühnerstall versperrte, »aber, ähm, Ted Tonks hat mir fast alles geschickt, was von Sirius’ Motorrad übrig war, und ich, ähm, verstecke – das heißt, ich verstaue – es hier drin. Sagenhafte Sachen: Da ist eine Auspuffdichtung dabei oder wie das Ding heißt, eine prächtige Batterie, und es wird eine großartige Gelegenheit sein herauszufinden, wie Bremsen funktionieren. Ich werd mal versuchen, alles wieder zusammenzubauen, wenn Molly nicht – ich meine, wenn ich Zeit habe.«
Als sie ins Haus zurückkamen, war Mrs Weasley nirgends zu sehen, und so stahl sich Harry nach oben in Rons Schlafzimmer unter dem Dach.
»Ich mach’s schon, ich bin ja dabei –! Oh, du bist es«, sagte Ron erleichtert, als Harry das Zimmer betrat. Ron legte sich wieder aufs Bett, von dem er offensichtlich gerade aufgestanden war. Im Zimmer war es genauso unordentlich wie schon die ganze Woche, nur dass Hermine jetzt hinten in der Ecke saß, mit ihrem flauschigen orangeroten Kater Krummbein zu ihren Füßen, und Bücher auf zwei riesige Stapel sortierte, unter denen Harry einige seiner eigenen erkannte.
»Hi, Harry«, sagte sie, als er sich auf sein Feldbett setzte.
»Und wie hast du es geschafft, dich loszueisen?«
»Oh, Rons Mum hat vergessen, dass sie Ginny und mich schon gestern gebeten hat, die Bettwäsche zu wechseln«, sagte Hermine. Sie warf Nummerologie und Grammatica auf den einen Stapel und Aufstieg und Niedergang der dunklen Künste auf den anderen.
»Wir haben gerade über Mad-Eye gesprochen«, sagte Ron zu Harry. »Ich denke, dass er überlebt haben könnte.«
»Aber Bill hat gesehen, wie ihn der Todesfluch getroffen hat«, entgegnete Harry.
»Jaah, aber Bill war auch unter Beschuss«, sagte Ron. »Wie kann er sicher sein bei dem, was er gesehen hat?«
»Selbst wenn ihn der Todesfluch verfehlt hat, ist Mad-Eye immer noch etwa dreihundert Meter in die Tiefe gestürzt«, sagte Hermine, die jetzt Quidditch-Mannschaften Britanniens und Irlands in der Hand wog.
»Er hätte einen Schildzauber einsetzen können –«
»Fleur meinte, dass es ihm den Zauberstab aus der Hand gerissen hat«, sagte Harry.
»Also gut, wenn ihr unbedingt wollt, dass er tot ist«, sagte Ron mürrisch und klopfte sein Kissen etwas bequemer zurecht.
»Natürlich wollen wir nicht, dass er tot ist!«, sagte Hermine mit entsetztem Blick. »Es ist furchtbar, dass er tot ist! Aber wir sind eben realistisch.«
Harry stellte sich zum ersten Mal Mad-Eyes Leiche vor, mit gebrochenen Gliedmaßen wie die von Dumbledore, doch mit diesem einen Auge, das nach wie vor in seiner Höhle umherhuschte. Er verspürte plötzlich Ekel und zugleich eine absurde Lust zu lachen.
»Die Todesser haben vermutlich hinter sich aufgeräumt, deshalb hat ihn niemand gefunden«, sagte Ron weise.
»Jaah«, antwortete Harry. »Wie Barty Crouch – in einen Knochen verwandelt und im Garten vor Hagrids Hütte vergraben. Sie haben Moody wahrscheinlich verwandelt und irgendwo hingestopft –«
»Hört auf damit!«, kreischte Hermine. Erschrocken schaute Harry hinüber, gerade als sie über ihrem Exemplar von Zaubermanns Silbentabelle in Tränen ausbrach.
»O nein«, sagte Harry und stand mühsam von dem alten Feldbett auf. »Hermine, ich wollte dich nicht aufre–«
Doch Ron sprang aus dem Bett, dass die rostigen Federn laut knarrten, und war als Erster da. Einen Arm um Hermine gelegt, kramte er in seiner Jeanstasche und zog ein widerlich aussehendes Taschentuch heraus, mit dem er vorher den Backofen geputzt hatte. Hastig zückte er seinen Zauberstab, richtete ihn auf den Fetzen und sagte: »Tergeo.«
Der Zauberstab saugte das meiste von der Fettschmiere weg. Mit ziemlich selbstzufriedener Miene reichte Ron Hermine das leicht qualmende Taschentuch.
»Oh … danke, Ron … tut mir leid …« Sie schnäuzte sich die Nase und hickste. »Es ist so schreck-lich, nicht wahr? G-gleich nach Dumbledore … I-irgendwie hab ich mir n-nie vorstellen können, dass Mad-Eye stirbt, er wirkte so zäh!«
»Jaah, ich weiß«, sagte Ron und drückte sie kurz an sich. »Aber weißt du, was er zu uns sagen würde, wenn er hier wäre?«
»›I-immer wachsam‹«, sagte Hermine und wischte sich die Augen.
»Genau«, erwiderte Ron mit einem Nicken. »Er würde zu uns sagen, dass wir aus dem, was mit ihm passiert ist, lernen sollen. Und ich habe daraus gelernt, diesem feigen kleinen Mistkerl Mundungus nicht zu vertrauen.«
Hermine lachte zittrig auf, beugte sich vor und nahm zwei weitere Bücher zur Hand. Eine Sekunde später hatte Ron seinen Arm schon wieder von ihren Schultern weggerissen; sie hatte ihm das Monsterbuch der Monster auf den Fuß fallen lassen. Das Buch hatte sich von seinem Zaumgurt befreit und schnappte wild nach Rons Knöchel.
»’tschuldigung, ’tschuldigung!«, rief Hermine, als Harry das Buch von Rons Bein zerrte und es wieder zuband.
»Was willst du eigentlich mit diesen ganzen Büchern?«, fragte Ron und humpelte zu seinem Bett zurück.
»Ich versuche nur zu entscheiden, welche wir mitnehmen«, sagte Hermine. »Wenn wir nach den Horkruxen suchen.«
»Oh, natürlich«, sagte Ron und schlug sich mit der Hand auf die Stirn. »Ich hab ja ganz vergessen, dass wir Voldemort aus einer fahrenden Bibliothek heraus zur Strecke bringen.«
»Haha«, sagte Hermine und schaute auf Zaubermanns Silbentabelle. »Ich frag mich … ob wir wohl Runen übersetzen müssen? Möglich … ich glaube, wir nehmen es besser mit, nur um sicherzugehen.«
Sie ließ die Silbentabelle auf den größeren der beiden Stapel fallen und nahm Eine Geschichte von Hogwarts zur Hand.
»Hört zu«, sagte Harry.
Er hatte sich aufgerichtet. Ron und Hermine sahen ihn mit der gleichen Mischung aus Resignation und Trotz an.
»Ich weiß, dass ihr nach Dumbledores Begräbnis gesagt habt, dass ihr mit mir kommen wollt«, begann Harry.
»Jetzt fängt er damit an«, sagte Ron zu Hermine und verdrehte die Augen.
»War doch zu erwarten«, seufzte sie und wandte sich wieder ihren Büchern zu. »Wisst ihr was, ich glaub, ich nehme Eine Geschichte von Hogwarts trotzdem mit. Auch wenn wir nicht dorthin zurückkehren, ich glaube nicht, dass ich mich wohl fühlen würde, wenn ich es nicht dabei–«
»Hört zu!«, sagte Harry erneut.
»Nein, Harry, hör du zu«, sagte Hermine. »Wir kommen mit dir. Das wurde vor Monaten entschieden – eigentlich vor Jahren.«
»Aber –«
»Halt die Klappe«, riet ihm Ron.
»– seid ihr sicher, dass ihr euch das gut überlegt habt?«, fuhr Harry unbeirrt fort.
»Warte«, sagte Hermine und knallte Trips mit Trollen mit ziemlich grimmiger Miene auf den Stapel der ausgemusterten Bücher. »Ich bin seit Tagen am Packen, das heißt, wir sind jetzt jederzeit zum Aufbruch bereit, und nur damit du’s weißt, da war manchmal ganz schön schwierige Zauberei nötig, abgesehen davon, dass ich Mad-Eyes gesamten Vorrat an Vielsaft-Trank direkt an der Nase von Rons Mum vorbeischmuggeln musste.
Außerdem habe ich die Gedächtnisse meiner Eltern verändert, weshalb sie jetzt davon überzeugt sind, dass sie eigentlich Wendell und Monica Wilkins heißen und dass es ihr größter Wunsch ist, nach Australien auszuwandern, was sie inzwischen getan haben. Das macht es für Voldemort schwieriger, sie aufzuspüren und über mich auszufragen – oder über dich, weil ich ihnen unglücklicherweise einiges von dir erzählt habe.
Angenommen, ich überlebe unsere Jagd nach den Horkruxen, dann werde ich Mum und Dad finden und den Zauberbann lösen. Wenn nicht – na ja, dann war mein Zauber so gut, dass sie auch weiterhin sicher und zufrieden sein werden. Wendell und Monica Wilkins wissen nämlich nicht, dass sie eine Tochter haben.«
Hermines Augen schwammen erneut in Tränen. Ron kam wieder von seinem Bett herüber, legte noch einmal den Arm um sie und sah Harry finster an, als ob er ihm mangelndes Taktgefühl vorwerfen würde. Harry fiel nichts dazu ein, nicht zuletzt, weil es höchst ungewöhnlich war, dass Ron irgendjemandem Taktgefühl beibringen wollte.
»Ich – Hermine, tut mir leid – ich hab nicht –«
»– kapiert, dass Ron und ich ganz genau wissen, was passieren könnte, wenn wir mit dir kommen? Also, das wissen wir. Ron, zeig Harry, was du gemacht hast.«
»Nö, er hat gerade gegessen«, sagte Ron.
»Mach schon, er muss es wissen!«
»Na, von mir aus. Harry, komm mit.«
Zum zweiten Mal löste Ron seinen Arm von Hermine und stapfte hinüber zur Tür.
»Komm.«
»Warum?«, fragte Harry und folgte Ron aus dem Zimmer auf den kleinen Treppenabsatz.
»Descendo«, murmelte Ron, indem er seinen Zauberstab auf die niedrige Decke richtete. Direkt über ihren Köpfen öffnete sich eine Luke, und eine Leiter glitt bis zu ihren Füßen hinab. Ein schreckliches Geräusch, halb Schlürfen, halb Stöhnen, kam aus dem quadratischen Loch, und dazu ein übler Geruch wie aus einem offenen Gully.
»Das ist euer Ghul, stimmt’s?«, fragte Harry, der diesem Geschöpf, das manchmal die nächtliche Stille unterbrach, nie wirklich begegnet war.
»Jaah, genau«, sagte Ron und stieg die Leiter hoch. »Komm und schau ihn dir an.«
Harry folgte Ron die wenigen kurzen Sprossen hinauf auf den winzigen Dachboden. Er war bereits mit Kopf und Schultern oben, als er das Geschöpf erblickte, das ein, zwei Meter von ihm entfernt zusammengerollt und tief schlafend in der Finsternis lag, das große Maul weit geöffnet.
»Aber er … sieht aus … tragen Ghule immer Schlafanzüge?«
»Nein«, sagte Ron. »Und normalerweise haben sie auch keine roten Haare oder so viele Pusteln.«
Harry betrachtete das Wesen leicht angewidert. Es hatte Gestalt und Größe eines Menschen, und es trug, wie Harry jetzt erkannte, da seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, eindeutig einen alten Schlafanzug von Ron. Er war auch sicher, dass Ghule im Allgemeinen eher glitschig und kahl waren als auffällig behaart und mit entzündeten roten Bläschen übersät.
»Er ist ich, verstehst du?«, sagte Ron.
»Nein«, sagte Harry. »Tu ich nicht.«
»Ich erklär’s dir unten in meinem Zimmer, den Gestank hier halt ich nicht länger aus«, sagte Ron. Sie kletterten die Leiter hinunter, und Ron ließ sie wieder in der Decke verschwinden, dann kehrten sie zu Hermine zurück, die immer noch Bücher sortierte.
»Sobald wir weg sind, wird der Ghul nach unten kommen und hier in meinem Zimmer wohnen«, sagte Ron. »Ich glaub, er freut sich richtig drauf – na gut, das ist schwer zu sagen, weil er ja nur stöhnen und sabbern kann – aber er nickt ordentlich mit dem Kopf, wenn ich es erwähne. Jedenfalls wird er dann ich sein, ich mit Griselkrätze. Gut, was?«
Harry schaute wie ein Fragezeichen.
»Es ist wirklich gut!«, sagte Ron, sichtlich enttäuscht, dass Harry die Genialität seines Plans nicht erfasst hatte. »Sieh mal, wenn wir drei nicht wieder in Hogwarts auftauchen, denken alle, dass Hermine und ich bei dir sein müssten, oder? Was bedeutet, dass die Todesser schnurstracks auf unsere Familien losgehen, um rauszufinden, ob sie was darüber wissen, wo du bist.«
»Aber dann sieht es hoffentlich so aus, als ob ich mit Mum und Dad fortgegangen wäre; viele Muggelstämmige reden im Augenblick davon, unterzutauchen«, sagte Hermine.
»Wir können nicht meine ganze Familie untertauchen lassen, das sieht zu verdächtig aus, und sie können nicht alle ihren Job aufgeben«, sagte Ron. »Deshalb verbreiten wir die Geschichte, dass ich schwer an Griselkrätze erkrankt bin, weshalb ich nicht zurück zur Schule kann. Wenn jemand kommt und nachforschen will, können Mum und Dad ihm den Ghul in meinem Bett zeigen, voller Pusteln. Griselkrätze ist richtig ansteckend, also werden die sich lieber von ihm fernhalten. Dass er nichts sagen kann, wird auch nichts ausmachen, denn offenbar kann man das nicht, sobald der Pilz das Zäpfchen befallen hat.«
»Und deine Mum und dein Dad wissen von diesem Plan?«, fragte Harry.
»Dad schon. Er hat Fred und George geholfen, den Ghul zu verwandeln. Mum … na ja, du hast doch gesehen, wie sie drauf ist. Sie wird sich nicht damit abfinden, dass wir weggehen, bis wir endlich weg sind.«
Im Zimmer wurde es still, nur manchmal war ein leises Klatschen zu hören, wenn Hermine wieder ein Buch auf den einen oder den anderen Stapel warf. Ron saß da und schaute ihr zu, während Harry die beiden abwechselnd ansah, unfähig, irgendetwas zu sagen. Die Maßnahmen, die sie getroffen hatten, um ihre Familien zu schützen, führten ihm deutlicher als alles andere vor Augen, dass sie wirklich mit ihm kommen würden und genau wussten, wie gefährlich es sein würde. Er wollte ihnen sagen, was ihm das bedeutete, aber es fielen ihm einfach keine Worte ein, die gewichtig genug waren.
Durch die Stille drang das gedämpfte Geräusch von Mrs Weasleys Stimme, die vier Stockwerke tiefer schrie.
»Wahrscheinlich hat Ginny ein Stäubchen auf einem dämlichen Serviettenring übersehen«, sagte Ron. »Ich weiß nicht, weshalb die Delacours unbedingt zwei Tage vor der Hochzeit kommen müssen.«
»Fleurs Schwester ist Brautjungfer, sie muss zur Probe hier sein, und sie ist zu jung, um alleine zu kommen«, sagte Hermine, während sie unentschlossen über Tanz mit einer Todesfee brütete.
»Also, Gäste sind eher ein zusätzlicher Stressfaktor für Mum«, sagte Ron.
»Eins müssen wir wirklich mal entscheiden«, sagte Hermine, warf Theorie magischer Verteidigung ohne einen zweiten Blick in den Papierkorb und hob das Handbuch der europäischen Magierausbildung auf. »Wo gehen wir hin, wenn wir von hier weggehen? Ich weiß, Harry, du hast gesagt, dass du zuerst nach Godric’s Hollow willst, und ich verstehe, warum, aber … nun ja … sollten wir uns nicht zunächst um die Horkruxe kümmern?«
»Wenn wir wüssten, wo die Horkruxe sind, dann würd ich dir zustimmen«, sagte Harry, der nicht glaubte, dass Hermine seinen Wunsch, nach Godric’s Hollow zurückzugehen, wirklich verstand. Die Gräber seiner Eltern waren nicht alles, was ihn dorthin lockte: Er hatte ein starkes, wenn auch unerklärliches Gefühl, dass der Ort Antworten für ihn bereithielt. Vielleicht lag es einfach daran, dass er dort Voldemorts Todesfluch überlebt hatte; nun, da er sich der Herausforderung stellte, diese Tat zu wiederholen, zog es Harry an den Ort des Geschehens zurück, um es zu verstehen.
»Meinst du nicht, dass Voldemort Godric’s Hollow möglicherweise bewachen lässt?«, fragte Hermine. »Er erwartet vielleicht, dass du zurückkehrst und die Gräber deiner Eltern besuchst, sobald du gehen darfst, wohin du willst?«
Daran hatte Harry nicht gedacht. Während er sich bemühte, ein Gegenargument zu finden, meldete sich Ron zu Wort, der offenbar seinen eigenen Gedanken nachhing.
»Dieser R. A. B.«, sagte er. »Ihr wisst schon, der das echte Medaillon gestohlen hat?«
Hermine nickte.
»Er meinte in seiner Notiz, dass er es zerstören würde, oder?«
Harry zog seinen Rucksack zu sich heran und nahm den falschen Horkrux heraus, in dem nach wie vor die zusammengefaltete Notiz von R. A. B. steckte.
»Ich habe den echten Horkrux gestohlen und ich will ihn zerstören, sobald ich kann«, las Harry vor.
»Was ist eigentlich, wenn er den Horkrux tatsächlich erledigt hat?«, sagte Ron.
»Oder sie«, warf Hermine ein.
»Wer auch immer«, sagte Ron, »dann hätten wir einen weniger zu beseitigen!«
»Ja, aber wir müssen trotzdem versuchen, das echte Medaillon aufzuspüren, oder?«, sagte Hermine. »Um herauszufinden, ob es zerstört ist oder nicht.«
»Und wenn man ihn mal hat, wie zerstört man dann eigentlich einen Horkrux?«, fragte Ron.
»Also«, sagte Hermine, »darüber habe ich schon nachgeforscht.«
»Wie denn?«, fragte Harry. »Ich dachte, es gab keine Bücher über Horkruxe in der Bibliothek?«
»Gab es auch nicht«, sagte Hermine, die rosa angelaufen war. »Dumbledore hat sie alle entfernt, aber er – er hat sie nicht zerstört.«
Ron riss die Augen auf und setzte sich kerzengerade hin.
»Wie im Namen von Merlins Unterhose hast du es geschafft, diese Horkrux-Bücher in die Finger zu bekommen?«
»Es – es war kein Diebstahl!«, sagte sie und sah ein wenig verzweifelt von Harry zu Ron. »Es waren immer noch Bibliotheksbücher, auch wenn Dumbledore sie aus den Regalen genommen hatte. Jedenfalls, wenn er wirklich nicht wollte, dass irgendjemand an sie rankommt, dann hätte er es bestimmt viel schwerer gemacht, sie zu –«
»Mach’s kurz!«, sagte Ron.
»Also … es war leicht«, sagte Hermine mit schwacher Stimme. »Ich hab einfach einen Aufrufezauber verwendet. Ihr wisst schon – accio. Und – sie kamen durch Dumbledores Bürofenster direkt in den Mädchenschlafsaal geflogen.«
»Aber wann hast du das getan?«, fragte Harry und betrachtete Hermine bewundernd und ungläubig zugleich.
»Kurz nach seiner – Dumbledores – Beerdigung«, sagte Hermine noch kleinlauter. »Gleich nachdem wir abgemacht hatten, dass wir die Schule verlassen und nach den Horkruxen suchen würden. Als ich nach oben zurückging, um meine Sachen zu holen, da – da kam mir einfach der Gedanke, dass es gut wäre, wenn wir möglichst viel darüber wüssten … und ich war allein dadrin … also hab ich es versucht … und es hat geklappt. Sie flogen geradewegs durch das offene Fenster herein und ich – ich hab sie eingepackt.«
Sie schluckte und sagte dann flehentlich: »Ich glaube nicht, dass Dumbledore wütend gewesen wäre, wir verwenden doch das Wissen schließlich nicht, um einen Horkrux herzustellen, oder?«
»Macht dir hier irgendjemand Vorwürfe?«, sagte Ron. »Wo sind diese Bücher eigentlich?«
Hermine stöberte kurz herum und zog dann einen großen Band in ausgeblichenem schwarzem Leder aus dem Stapel. Sie wirkte ein wenig angeekelt und hielt ihn mit spitzen Fingern wie etwas, das gerade gestorben war.
»Dieses hier beschreibt ausführlich, wie man einen Horkrux herstellt. Geheimnisse der dunkelsten Kunst – es ist ein schreckliches Buch, wirklich furchtbar, voll böser Magie. Ich frage mich, wann Dumbledore es aus der Bibliothek entfernt hat … wenn er es erst getan hat, als er Schulleiter war, dann wette ich, dass Voldemort alle Angaben, die er brauchte, daraus hat.«
»Warum musste er dann Slughorn fragen, wie man einen Horkrux macht, wenn er das hier schon gelesen hatte?«, fragte Ron.
»Er hat sich nur an Slughorn gewandt, um herauszufinden, was passieren würde, wenn man seine Seele in sieben Stücke teilt«, sagte Harry. »Dumbledore war sicher, dass Riddle bereits wusste, wie man einen Horkrux herstellt, als er Slughorn danach fragte. Ich glaube, du hast Recht, Hermine, das könnte wirklich das Buch sein, aus dem er sein Wissen hat.«
»Und je mehr ich über sie gelesen habe«, sagte Hermine, »desto schrecklicher kommen sie mir vor und desto weniger kann ich glauben, dass er tatsächlich sechs geschaffen hat. In diesem Buch wird warnend darauf hingewiesen, wie instabil man den Rest seiner Seele macht, wenn man sie auseinanderreißt, und das schon, wenn man nur einen Horkrux erzeugt!«
Harry erinnerte sich, dass Dumbledore gesagt hatte, Voldemort sei über das »gewöhnliche Böse« hinausgegangen.
»Gibt es denn keine Möglichkeit, sich wieder zusammenzubauen?«, fragte Ron.
»Doch«, sagte Hermine mit einem leeren Lächeln, »aber das wäre unerträglich schmerzhaft.«
»Warum? Wie macht man es?«, fragte Harry.
»Reue«, sagte Hermine. »Du musst richtig spüren, was du getan hast. Dazu gibt es eine Fußnote. Offenbar kann einen der Schmerz dabei töten. Ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass Voldemort es versucht, ihr etwa?«
»Nein«, sagte Ron, ehe Harry antworten konnte. »Und steht in diesem Buch auch, wie man Horkruxe zerstört?«
»Ja«, sagte Hermine und blätterte nun die brüchigen Seiten um, als würde sie vermodernde Eingeweide untersuchen, »denn es ermahnt schwarze Magier ja auch, die Horkruxe mit sehr starken Zauberbannen zu belegen. Nach allem, was ich gelesen habe, war das, was Harry mit Riddles Tagebuch gemacht hat, eine der wenigen wirklich narrensicheren Methoden, einen Horkrux zu zerstören.«
»Was – ihn mit einem Basiliskenzahn durchstechen?«, fragte Harry.
»Oh, schön, wie gut, dass wir so einen großen Vorrat an Basiliskenzähnen haben«, sagte Ron. »Ich hab mich schon gefragt, was wir mit denen anfangen sollen.«
»Es muss kein Basiliskenzahn sein«, sagte Hermine geduldig. »Es muss etwas so Zerstörerisches sein, dass der Horkrux sich nicht selbst reparieren kann. Für Basiliskengift gibt es nur ein einziges Gegenmittel und das ist unglaublich selten –«
»– Phönixtränen«, sagte Harry und nickte.
»Ganz genau«, sagte Hermine. »Unser Problem ist, dass es sehr wenige Substanzen gibt, die so zerstörerisch sind wie Basiliskengift, und es ist allemal gefährlich, sie mit sich herumzutragen. Aber das ist ein Problem, das wir lösen müssen, denn wenn man einen Horkrux zerreißt, zertrümmert oder zerquetscht, bringt das gar nichts. Man muss dafür sorgen, dass er mit Magie nicht mehr wiederherzustellen ist.«
»Aber selbst wenn wir das Ding vernichten, in dem es lebt«, sagte Ron, »warum kann das Stück Seele darin nicht einfach verschwinden und in was anderem leben?«
»Weil ein Horkrux das genaue Gegenteil von einem menschlichen Wesen ist.«
Hermine sah, dass Harry und Ron völlig verwirrt dreinblickten, und fuhr rasch fort: »Sieh mal, wenn ich jetzt ein Schwert nehmen würde, Ron, und dich damit erstechen würde, dann würde das deine Seele überhaupt nicht beschädigen.«
»Was mir sicher ein großer Trost wäre«, gab Ron zurück.
Harry lachte.
»Das sollte es auch sein, wirklich! Aber was ich eigentlich sagen will, ist, was auch immer deinem Körper zustößt, deine Seele wird es überleben, unversehrt«, sagte Hermine. »Aber bei einem Horkrux ist es andersherum. Das Seelenbruchstück darin ist auf seinen Behälter angewiesen, auf seinen verzauberten Körper, um zu überleben. Es kann nicht ohne ihn existieren.«
»Dieses Tagebuch ist sozusagen gestorben, als ich es durchbohrt habe«, sagte Harry, und er erinnerte sich daran, dass Tinte aus den durchstochenen Seiten herausgeströmt war wie Blut und dass das Bruchstück von Voldemorts Seele geschrien hatte, während es verendete.
»Und sobald das Tagebuch richtig zerstört war, konnte das Stück Seele, das darin gefangen war, nicht mehr existieren. Ginny hat schon vor dir versucht, das Tagebuch loszuwerden, sie hat es ins Klo gespült, aber natürlich kam es wie neu zurück.«
»Warte mal«, sagte Ron stirnrunzelnd. »Das Stück Seele in diesem Tagebuch hat von Ginny Besitz ergriffen, oder? Wie funktioniert das denn?«
»Solange der magische Behälter noch intakt ist, kann das Stück Seele darin in jemanden rein- und wieder rausschlüpfen, wenn er dem Gegenstand zu nahe kommt. Ich meine damit nicht, wenn er ihn zu lange in der Hand hält, mit Berührung hat das nichts zu tun«, fügte sie hinzu, ehe Ron etwas sagen konnte. »Ich meine emotionale Nähe. Ginny hat diesem Tagebuch ihr Herz ausgeschüttet, sie hat sich unglaublich angreifbar gemacht. Wenn du von einem Horkrux abhängig bist oder ihn zu sehr magst, hast du ein Problem.«
»Wie Dumbledore wohl den Ring zerstört hat?«, sagte Harry. »Warum hab ich ihn nicht danach gefragt? Ich hab nie wirklich …«
Seine Stimme verlor sich: Er dachte an all die Dinge, die er Dumbledore hätte fragen sollen, und daran, dass es ihm seit dem Tod des Schulleiters vorkam, als hätte er so viele Gelegenheiten versäumt, zu Dumbledores Lebzeiten mehr herauszufinden … alles herauszufinden …
Die Stille wurde jäh zerrissen, als die Schlafzimmertür mit einem Schlag aufflog, der die Wände zum Wackeln brachte. Hermine ließ kreischend die Geheimnisse der dunkelsten Kunst fallen; Krummbein flitzte unters Bett und fauchte empört; Ron sprang vom Bett hoch, rutschte auf einem weggeworfenen Schokofroschpapier aus und schlug mit dem Kopf an die Wand gegenüber, und Harry hechtete instinktiv nach seinem Zauberstab, ehe ihm bewusst wurde, dass er zu Mrs Weasley aufblickte, einer zerzausten Mrs Weasley mit wutverzerrtem Gesicht.
»Es tut mir ja so leid, dieses gemütliche, nette Beisammensein zu unterbrechen«, sagte sie und ihre Stimme zitterte. »Ich bin sicher, ihr alle braucht mal eine Ruhepause … aber in meinem Zimmer stapeln sich Hochzeitsgeschenke, um die sich jemand kümmern muss, und ich dachte eigentlich, dass ihr helfen wolltet.«
»Oh, ja«, sagte Hermine erschrocken und sprang so heftig auf, dass Bücher in alle Richtungen flogen, »das machen wir … tut uns leid …«
Mit einem gequälten Blick zu Harry und Ron eilte Hermine Mrs Weasley hinterher aus dem Zimmer.
»Das ist, als wäre man ein Hauself«, klagte Ron mit gedämpfter Stimme; er rieb sich immer noch den Kopf, während er und Harry ihnen folgten. »Nur die Jobzufriedenheit fehlt. Je eher die Hochzeit vorbei ist, desto glücklicher bin ich.«
»Jaah«, sagte Harry, »dann haben wir nichts mehr zu tun, außer Horkruxe zu finden … das ist dann sicher wie Ferien, oder?«
Ron fing an zu lachen, doch beim Anblick des gewaltigen Berges von Hochzeitsgeschenken, der sie in Mrs Weasleys Zimmer erwartete, hörte er schlagartig auf.
Die Delacours kamen am nächsten Morgen um elf Uhr an. Harry, Ron, Hermine und Ginny hegten inzwischen schon einigen Groll auf Fleurs Familie, und nur widerwillig stampfte Ron noch einmal nach oben, um zwei gleiche Socken anzuziehen, während Harry sich missgelaunt bemühte, sein Haar zu glätten. Sobald sie alle für schick genug befunden worden waren, marschierten sie hinaus auf den sonnigen Hinterhof, um die Besucher zu empfangen.
Harry hatte diesen Ort noch nie so ordentlich erlebt. Die rostigen Kessel und alten Gummistiefel, die sonst immer auf der Treppe zur Hintertür herumlagen, waren verschwunden, stattdessen standen zwei neue Zitterginsterbüsche in großen Töpfen zu beiden Seiten der Tür; obwohl kein Wind wehte, wogten ihre Blätter träge, was den schönen Eindruck von plätschernden Wellen vermittelte. Die Hühner waren weggesperrt worden, der Hof war gefegt und der nahe Garten beschnitten, gejätet und von Grund auf herausgeputzt worden, obwohl Harry, der ihn in seinem überwucherten Zustand mochte, fand, dass er eher einsam aussah ohne die dazugehörende Truppe herumtollender Gnomen.
Er hatte inzwischen den Überblick verloren, wie viele Sicherheitszauber vom Orden und vom Ministerium über den Fuchsbau gelegt worden waren; er wusste nur, dass es niemandem mehr möglich war, mit magischen Mitteln direkt hineinzugelangen. Mr Weasley war deshalb auf einen nahen Hügel gegangen, um die Delacours zu empfangen, die mit einem Portschlüssel dort ankommen sollten. Als sie sich dem Haus näherten, war als Erstes ein ungewöhnlich schrilles Lachen von Mr Weasley zu hören, der kurz darauf mit Gepäck beladen am Tor erschien, an seiner Seite eine hübsche blonde Frau in einem langen blattgrünen Umhang, die nur Fleurs Mutter sein konnte.
»Maman!«, rief Fleur, stürmte los und umarmte sie. »Papa!«
Monsieur Delacour war bei weitem nicht so attraktiv wie seine Frau; er war einen Kopf kleiner und äußerst korpulent und trug einen kleinen schwarzen Spitzbart. Doch er sah liebenswürdig aus. Auf hochhackigen Stiefeln hüpfte er Mrs Weasley entgegen und küsste sie zweimal auf jede Wange, was sie verwirrte.
»Sie ’aben sisch so viele Umstände gemacht«, sagte er mit tiefer Stimme. »Fleur meint, sie ’aben sehr ’art gearbeitet.«
»Oh, nicht der Rede wert, wirklich nicht!«, trällerte Mrs Weasley. »Gar keine Umstände!«
Ron machte seinen Gefühlen Luft, indem er nach einem Gnomen trat, der hinter einem der neuen Zitterginsterbüsche hervorlugte.
»Werte Dame!«, sagte Monsieur Delacour, der immer noch Mrs Weasleys Hand mit seinen beiden dicken Händen umschlossen hielt und strahlte. »Wir fühlen uns ’öchst geehrt dursch die baldige Vereinigung unserer beiden Familien! Darf isch Ihnen meine Frau vorstellen, Apolline.«
Madame Delacour schwebte herbei und beugte sich vor, um Mrs Weasley ebenfalls zu küssen.
»Enchantée«, sagte sie. »Ihr Gatte ’at uns so amüsante Geschischten ersählt!«
Mr Weasley gab ein überdrehtes Lachen von sich; Mrs Weasley warf ihm einen Blick zu, bei dem er sofort verstummte und eine Miene aufsetzte, die am Krankenlager eines engen Freundes angemessen gewesen wäre.
»Und, natürlisch, Sie kennen schon meine kleine Tochter, Gabrielle!«, sagte Monsieur Delacour. Gabrielle war Fleur im Kleinformat, elf Jahre alt, mit hüftlangen Haaren von reinstem Silberblond. Sie schenkte Mrs Weasley ein strahlendes Lächeln und umarmte sie, dann warf sie Harry einen glühenden Blick zu und klimperte mit ihren Wimpern. Ginny räusperte sich vernehmlich.
»Na, dann kommen Sie doch herein!«, sagte Mrs Weasley munter und geleitete die Delacours mit vielen Nein-bittes und Nach-Ihnens und Gern-geschehens ins Haus.
Die Delacours waren, wie sich bald herausstellte, hilfsbereite und angenehme Gäste. Sie freuten sich über alles und waren erpicht darauf, bei den Hochzeitsvorbereitungen zur Hand zu gehen. Monsieur Delacour bezeichnete alles von der Tischordnung bis zu den Schuhen der Brautjungfern als »charmant!«, Madame Delacour war in Haushaltszaubern äußerst bewandert und bekam den Ofen im Nu einwandfrei sauber; Gabrielle lief ihrer älteren Schwester überall hinterher, versuchte zu helfen, wo sie konnte, und plapperte in schnellem Französisch vor sich hin.
Die Kehrseite war, dass der Fuchsbau nicht dafür angelegt war, so viele Leute zu beherbergen. Mr und Mrs Weasley schliefen jetzt im Wohnzimmer, nachdem sie Monsieur und Madame Delacours Proteste lautstark niedergerungen und darauf bestanden hatten, dass sie ihr Schlafzimmer nahmen. Gabrielle schlief zusammen mit Fleur in Percys altem Zimmer, und Bill würde sich seines mit Charlie, seinem Trauzeugen, teilen, sobald dieser aus Rumänien kam. Es gab praktisch keine Gelegenheiten mehr, gemeinsam Pläne zu schmieden, und so nahmen es Harry, Ron und Hermine aus reiner Verzweiflung auf sich, freiwillig die Hühner zu füttern, nur um dem überfüllten Haus zu entkommen.
»Und sie lässt uns immer noch nicht in Ruhe!«, knurrte Ron, als ihr zweiter Versuch eines Treffens im Hof vereitelt wurde, weil Mrs Weasley mit einem großen Wäschekorb in den Armen auftauchte.
»Oh, gut, ihr habt die Hühner gefüttert«, rief sie, während sie näher kam. »Wir sperren sie besser wieder weg, ehe die Männer morgen kommen … um das Zelt für die Hochzeit aufzubauen«, erklärte sie und lehnte sich zu einer kurzen Verschnaufpause an den Hühnerstall. Sie wirkte erschöpft. »Millamants Magische Markisen … die sind sehr gut … Bill begleitet sie … ihr bleibt besser drin, während sie hier sind, Harry. Ich muss sagen, es ist schon komplizierter, eine Hochzeit zu organisieren, wenn man diese ganzen Sicherheitszauber rund ums Haus hat.«
»Tut mir leid«, sagte Harry kleinlaut.
»Oh, sei nicht albern, Schatz«, sagte Mrs Weasley sofort. »Ich meinte nicht – also, deine Sicherheit ist viel wichtiger! Eigentlich will ich dich schon die ganze Zeit fragen, wie du deinen Geburtstag feiern möchtest, Harry. Siebzehn, schließlich ist das ein wichtiger Tag …«
»Ich will keinen Wirbel«, sagte Harry rasch und dachte dabei an die zusätzliche Belastung für sie alle. »Wirklich, Mrs Weasley, nur ein ganz gewöhnliches Abendessen, das wär schön … Es ist der Tag vor der Hochzeit …«
»Oh, na gut, wenn du sicher bist, mein Lieber. Ich lade Remus und Tonks ein, soll ich? Und wie wär’s mit Hagrid?«
»Das wär großartig«, sagte Harry. »Aber machen Sie sich bitte keine großen Umstände.«
»Gar nicht, gar nicht … das sind doch keine Umstände …«
Sie sah ihn mit einem langen, forschenden Blick an, dann lächelte sie ein wenig traurig, richtete sich auf und ging davon. Harry schaute zu, wie sie an der Wäscheleine ihren Zauberstab schwang, worauf die feuchten Wäschestücke in die Luft stiegen und sich selbst aufhängten, und plötzlich überkam ihn eine Flut von Gewissensbissen wegen der Unannehmlichkeiten und des Kummers, den er ihr bereitete.
Das Testament von Albus Dumbledore
Er ging im kühlen blauen Licht der Morgendämmerung eine Gebirgsstraße entlang. Tief unten lagen in Nebel gehüllt die dunklen Umrisse eines kleinen Dorfes. War der Mann, den er suchte, dort unten? Der Mann, den er so dringend brauchte, dass er kaum an etwas anderes denken konnte, der Mann, der die Lösung bereithielt, die Lösung für sein Problem …
»Hey, wach auf.«
Harry öffnete die Augen. Er lag wieder auf dem vertrauten Feldbett in Rons schlichtem Zimmer unter dem Dach. Die Sonne war noch nicht aufgegangen und der Raum noch düster. Pigwidgeon schlief mit dem Kopf unter seinem kleinen Flügel. Die Narbe auf Harrys Stirn kribbelte.
»Du hast im Schlaf gemurmelt.«
»Wirklich?«
»Jaah. ›Gregorowitsch.‹ Du hast dauernd ›Gregorowitsch‹ gesagt.«
Harry hatte seine Brille nicht auf; Rons Gesicht sah leicht verschwommen aus.
»Wer ist Gregorowitsch?«
»Ich weiß nicht, woher auch? Du hast es doch gesagt.«
Harry rieb sich nachdenklich die Stirn. Er hatte das vage Gefühl, den Namen schon einmal gehört zu haben, aber er wusste nicht mehr wo.
»Ich glaube, Voldemort ist auf der Suche nach ihm.«
»Armer Kerl«, sagte Ron mitleidig.
Harry setzte sich auf, inzwischen hellwach, und rieb sich weiter seine Narbe. Er versuchte sich genau in Erinnerung zu rufen, was er im Traum gesehen hatte, doch alles, was ihm wieder einfiel, war eine Bergkette am Horizont und die Silhouette des kleinen Dorfes, das in ein tiefes Tal gebettet war.
»Ich glaube, er ist im Ausland.«
»Wer, Gregorowitsch?«
»Voldemort. Ich glaube, er ist irgendwo im Ausland, auf der Suche nach Gregorowitsch. Es sah nicht so aus, als ob es irgendwo in Großbritannien wäre.«
»Meinst du, dass du wieder in seinen Kopf geschaut hast?« Ron klang besorgt.
»Tu mir einen Gefallen und erzähl Hermine nichts davon«, sagte Harry. »Obwohl, erwartet sie denn, dass ich verhindern kann, Dinge im Schlaf zu sehen …?«
Er starrte hoch zum Käfig des kleinen Pigwidgeon und dachte nach … Warum kam ihm der Name »Gregorowitsch« bekannt vor?
»Ich glaube«, sagte er langsam, »er hat was mit Quidditch zu tun. Da gibt es irgendeine Verbindung, aber mir – mir fällt nicht ein, welche.«
»Quidditch?«, sagte Ron. »Bist du sicher, dass du nicht Gorgowitsch meinst?«
»Wen?«
»Dragomir Gorgowitsch, Jäger, vor zwei Jahren für eine Rekordablösesumme zu den Chudley Cannons gewechselt. Hält den Rekord für die meisten Quaffelfehlschüsse in einer Saison.«
»Nein«, sagte Harry. »Ich denke ganz bestimmt nicht an Gorgowitsch.«
»Das versuche ich auch«, sagte Ron. »Na ja, alles Gute zum Geburtstag übrigens.«
»Hey – stimmt, hab ich ganz vergessen! Ich bin siebzehn!«
Harry nahm den Zauberstab, der neben seinem Feldbett lag, richtete ihn auf den überladenen Schreibtisch, wo er seine Brille abgelegt hatte, und sagte: »Accio Brille!« Obwohl sie kaum einen halben Meter entfernt war, empfand er es als höchst befriedigend, zu sehen, wie sie auf ihn zugeflogen kam, zumindest bis sie ihm ins Auge stach.
»Raffiniert«, prustete Ron.
Harry kostete es von Herzen aus, dass er die Spur los war, und ließ Rons Sachen durchs Zimmer fliegen, womit er Pigwidgeon weckte, der aufgeregt in seinem Käfig umherflatterte. Er versuchte auch die Schnürsenkel seiner Turnschuhe mit Magie zuzubinden (es dauerte Minuten, bis er den dadurch entstandenen Knoten wieder von Hand gelöst hatte) und verwandelte nur so zum Spaß die orangeroten Umhänge der Chudley Cannons auf Rons Postern in hellblaue.
»Den Hosenschlitz würd ich mir aber von Hand zumachen«, riet ihm Ron und kicherte los, als Harry sofort hinsah. »Hier ist dein Geschenk. Pack es hier oben aus, das ist nichts für meine Mutter.«
»Ein Buch?«, fragte Harry, als er das rechteckige Päckchen entgegennahm. »Mal ganz was anderes, oder?«
»Das ist nicht irgendein Buch«, sagte Ron. »Es ist reines Gold wert: Zwölf narrensichere Methoden, Hexen zu bezaubern. Erklärt alles, was du über Mädchen wissen musst. Wenn ich das nur schon letztes Jahr gehabt hätte, dann hätte ich genau gewusst, wie ich Lavender loswerde, und ich hätte auch gewusst, wie ich die Sache mit … also, Fred und George haben mir eins geschenkt und ich hab eine Menge daraus gelernt. Lass dich überraschen, es geht auch nicht nur um Arbeit mit dem Zauberstab.«
Als sie in die Küche kamen, lag schon ein Stapel Geschenke auf dem Tisch. Bill und Monsieur Delacour waren gerade mit dem Frühstück fertig, und Mrs Weasley stand an der Bratpfanne und plauderte mit ihnen.
»Ich soll dir von Arthur alles Gute zu deinem Siebzehnten wünschen, Harry«, sagte Mrs Weasley und sah ihn strahlend an. »Er musste früh raus zur Arbeit, aber zum Abendessen ist er wieder da. Das oberste ist unser Geschenk.«
Harry setzte sich, nahm das quadratische Päckchen, auf das sie gedeutet hatte, und packte es aus. Es war eine Uhr darin, die fast genauso aussah wie die, die Mr und Mrs Weasley Ron zum siebzehnten Geburtstag geschenkt hatten; sie war golden und hatte statt Zeigern Sterne, die sich um das Zifferblatt drehten.
»Es hat Tradition, dass man einem Zauberer eine Uhr schenkt, wenn er volljährig wird«, sagte Mrs Weasley und beobachtete ihn gespannt von ihrem Platz am Herd aus. »Die hier ist leider nicht neu wie die von Ron, sie gehörte eigentlich meinem Bruder Fabian, und er ging nicht besonders pfleglich mit seinen Sachen um, auf der Rückseite hat sie ein paar Macken, aber –«
Der Rest ihrer Worte war nicht mehr zu hören; Harry war aufgesprungen und hatte sie in die Arme geschlossen. Er versuchte eine Menge nie ausgesprochener Dinge in die Umarmung zu legen, und vielleicht verstand sie es, denn als er sie losließ, tätschelte sie ihm unbeholfen die Wange und fuchtelte dann etwas ziellos mit dem Zauberstab herum, worauf eine halbe Packung Schinkenspeck aus der Pfanne sprang und auf den Boden klatschte.
»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Harry!«, sagte Hermine, als sie in die Küche stürmte und ihr Geschenk oben auf den Stapel legte. »Es ist nur eine Kleinigkeit, aber ich hoffe, es gefällt dir. Was hat er von dir bekommen?«, fügte sie an Ron gewandt hinzu, der sie nicht zu hören schien.
»Na komm schon, mach das von Hermine auf!«, sagte Ron.
Sie hatte ihm ein neues Spickoskop gekauft. Die anderen Päckchen enthielten einen magischen Rasierapparat von Bill und Fleur (»Mais oui, der macht Ihnen die sauberste Rasür, die Sie über’aupt bekommen können«, versicherte ihm Monsieur Delacour, »aber Sie müssen ihm deutlisch sagen, was Sie wollen … sonst kann es passieren, dass Sie am Ende ein bieschen weniger ’aare ’aben, als Ihnen lieb ist …«), Pralinen von den Delacours und eine riesige Schachtel mit der neuesten Ware aus Weasleys Zauberhafte Zauberscherze von Fred und George.
Harry, Ron und Hermine blieben nicht lange am Tisch, denn als Madame Delacour, Fleur und Gabrielle erschienen, wurde es in der Küche ungemütlich voll.
»Ich pack die Sachen für dich ein«, sagte Hermine munter, während die drei wieder nach oben gingen, und nahm Harry die Geschenke aus den Armen. »Ich bin fast fertig, ich wart nur noch, bis deine restlichen Hosen aus der Wäsche kommen, Ron –«
Ron begann zu stottern, wurde jedoch jäh unterbrochen, als im ersten Stock eine Tür aufging.
»Harry, kommst du bitte mal kurz rein?«
Es war Ginny. Ron blieb abrupt stehen, aber Hermine packte ihn am Ellbogen und zog ihn weiter die Treppe hinauf. Nervös folgte Harry Ginny in ihr Zimmer.
Er war noch nie hier drin gewesen. Es war klein, aber hell. Ein großes Poster der magischen Musikband Schicksalsschwestern hing an der einen Wand, an der anderen ein Bild von Gwenog Jones, Kapitänin der Holyhead Harpies, des Quidditch-Teams, in dem ausschließlich Hexen spielten. Ein Schreibtisch stand vor dem offenen Fenster, das nach dem Obstgarten ging, wo er und Ginny einst mit Ron und Hermine zwei gegen zwei Quidditch gespielt hatten und wo nun ein großes, perlweißes Zelt stand. Die goldene Fahne an seiner Spitze war auf gleicher Höhe mit Ginnys Fenster.
Ginny blickte zu Harrys Gesicht auf, holte tief Luft und sagte: »Alles Gute zum siebzehnten Geburtstag.«
»Jaah … danke.«
Sie sah ihn unverwandt an; ihm jedoch fiel es schwer, ihren Blick zu erwidern; es war, als ob er in ein strahlendes Licht sehen würde.
»Hübsche Aussicht«, sagte er matt und wies zum Fenster.
Sie ging nicht darauf ein. Er konnte es ihr nicht verdenken.
»Ich wusste nicht, was ich dir schenken soll«, sagte sie.
»Du musst mir nichts schenken.«
Sie überging auch das.
»Ich wusste nicht, was du brauchen könntest. Nichts allzu Großes, weil du das nicht mitnehmen kannst.«
Er wagte einen Blick zu ihr hin. Sie hatte keine Tränen in den Augen; das war einer der vielen wunderbaren Züge an Ginny, sie war selten weinerlich. Er hatte manchmal überlegt, dass ihre sechs Brüder sie wohl abgehärtet hatten.
Sie machte einen Schritt auf ihn zu.
»Deshalb hab ich mir dann gedacht, dass ich dir gerne was geben würde, das dich an mich erinnert, weißt du, falls du vielleicht eine von diesen Veela triffst, wenn du weg bist und machst, was auch immer du machst.«
»Ich glaub ehrlich gesagt, zu irgendwelchen Verabredungen wird es unterwegs wohl kaum Gelegenheit geben.«
»Das ist der Silberstreif, auf den ich gehofft habe«, flüsterte sie, und dann küsste sie ihn, wie sie ihn nie zuvor geküsst hatte, und Harry erwiderte ihren Kuss, und es war glückseliges Versinken, besser als Feuerwhisky; sie war das einzig Wirkliche auf der Welt, Ginny, wie er sie jetzt spürte, die eine Hand auf ihrem Rücken und die andere in ihrem langen, süß duftenden Haar –
Hinter ihnen knallte die Tür auf und sie schreckten auseinander.
»Oh«, sagte Ron spitz. »Verzeihung.«
»Ron!« Hermine stand direkt hinter ihm, leicht außer Atem. Ein unnatürliches Schweigen trat ein, bis Ginny mit dünner, leiser Stimme sagte: »Dann mal alles Gute, Harry.«
Ron hatte puterrote Ohren; Hermine wirkte nervös. Harry hätte ihnen am liebsten die Tür vor der Nase zugeknallt, aber es war, als ob ein kalter Luftzug ins Zimmer gefegt wäre, als die Tür aufging, und als ob sein strahlender Augenblick geplatzt wäre wie eine Seifenblase. Alle Gründe, warum er seine Beziehung mit Ginny beendet hatte, warum er einigen Abstand von ihr hielt, schienen sich mit Ron in ihr Zimmer geschlichen zu haben, und das ganze glückliche Vergessen hatte ein Ende.
Er sah Ginny an, wollte etwas sagen, obwohl er nicht recht wusste, was, doch sie hatte ihm den Rücken zugewandt. Vielleicht hatte sie dieses eine Mal doch den Tränen nachgegeben. In Rons Gegenwart konnte er nichts tun, um sie zu trösten.
»Wir sehen uns später«, sagte er und folgte den beiden anderen aus dem Zimmer.
Ron marschierte nach unten, durch die immer noch übervölkerte Küche hinaus auf den Hof, Harry hielt die ganze Zeit mit ihm Schritt, und Hermine trottete ihnen mit ängstlichem Gesicht hinterher.
Sobald Ron etwas abseits auf dem frisch gemähten Rasen war, fiel er auch schon über Harry her.
»Du hast mit ihr Schluss gemacht. Was tust du da gerade, spielst du ein bisschen mit ihr?«
»Ich spiel nicht mit ihr«, sagte Harry, in dem Moment als Hermine dazukam.
»Ron –«
Aber Ron hob die Hand, um sie zum Schweigen zu bringen.
»Sie war wirklich total fertig, als du die Sache beendet hast –«
»Ich auch. Du weißt, warum ich sie beendet habe, es war nicht, weil ich es wollte.«
»Jaah, aber jetzt gehst du hin und knutschst mit ihr rum, und sie macht sich nur wieder Hoffnungen –«
»Sie ist nicht dumm, sie weiß doch, dass es nicht geht, sie rechnet nicht damit, dass wir – irgendwann heiraten oder –«
Noch während Harry das sagte, tauchte ein lebhaftes Bild vor ihm auf, von Ginny in einem weißen Kleid, die einen großen, gesichtslosen und unsympathischen fremden Mann heiratete. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schwindel erregender Schlag: Ihre Zukunft war frei und unbelastet, während seine eigene … Auf dem Weg, der vor ihm lag, konnte er nur Voldemort sehen.
»Wenn du weiter bei jeder Gelegenheit, die sich bietet, an ihr rumfummelst –«
»Das kommt nicht noch mal vor«, sagte Harry schroff. Es war ein wolkenloser Tag, aber ihm war, als ob die Sonne sich versteckt hätte. »Okay?«
Ron blickte halb zornig, halb verlegen drein; er wippte kurz auf seinen Füßen vor und zurück, dann sagte er: »Also dann, in Ordnung, das ist – jaah.«
Ginny suchte an diesem Tag kein weiteres Treffen mit Harry, und sie verriet weder durch Blicke noch durch Gesten, dass in ihrem Zimmer mehr zwischen ihnen vorgefallen war als eine höfliche Unterhaltung. Trotzdem war Harry erleichtert, als Charlie ankam. Es lenkte ihn ab, Mrs Weasley dabei zuzusehen, wie sie Charlie nötigte, auf einem Stuhl Platz zu nehmen, drohend ihren Zauberstab erhob und verkündete, dass sie ihm auf der Stelle einen ordentlichen Haarschnitt verpassen würde.
Weil das abendliche Geburtstagsessen für Harry die Küche des Fuchsbaus gesprengt hätte, bereits ohne Charlie, Lupin, Tonks und Hagrid, die noch gar nicht angekommen waren, wurden im Garten mehrere Tische nebeneinander aufgestellt. Fred und George verzauberten einige lila Laternen, auf denen groß die Zahl »17« prangte, so dass sie frei über den Gästen schwebten. Mrs Weasleys Fürsorge war es zu verdanken, dass Georges Wunde gepflegt und sauber war, allerdings hatte Harry sich noch nicht an das dunkle Loch seitlich an seinem Kopf gewöhnt, auch wenn die Zwillinge viele Witze darüber rissen.
Hermine ließ violette und goldene Papierschlangen aus ihrem Zauberstab hervorschießen, die sich kunstvoll über Bäume und Büsche drapierten.
»Hübsch«, sagte Ron, als Hermine mit einem letzten Schwung ihres Zauberstabs die Blätter des Holzapfelbaums golden färbte. »Du hast wirklich ein Händchen für solche Sachen.«
»Danke, Ron!«, sagte Hermine, offensichtlich erfreut und zugleich ein wenig verwirrt. Harry wandte sich mit einem verstohlenen Lächeln ab. Er hatte das komische Gefühl, dass er ein Kapitel über Komplimente finden würde, wenn er einmal dazu kam, sein Exemplar von Zwölf narrensichere Methoden, Hexen zu bezaubern durchzublättern; Ginnys Blick traf ihn, und er grinste ihr zu, bis ihm sein Versprechen Ron gegenüber einfiel und er hastig ein Gespräch mit Monsieur Delacour begann.
»Aus dem Weg, aus dem Weg!«, flötete Mrs Weasley, während sie mit etwas, das wie ein riesiger, wasserballgroßer Schnatz aussah und vor ihr herschwebte, durch das Tor kam. Es dauerte einige Sekunden, bis Harry begriff, dass es seine Geburtstagstorte war, die Mrs Weasley mit ihrem Zauberstab in der Luft hielt, weil sie es nicht riskieren wollte, sie über den unebenen Boden zu tragen. Als die Torte schließlich mitten auf dem Tisch landete, sagte Harry: »Die sieht ja wunderbar aus, Mrs Weasley.«
»Oh, nur eine Kleinigkeit, Schatz«, sagte sie liebevoll. Hinter ihrer Schulter hielt Ron den Daumen für Harry nach oben und formte mit den Lippen die Worte: Gut gemacht.
Gegen sieben Uhr waren alle Gäste da, Fred und George hatten sie am Ende der Zufahrt abgeholt und ins Haus geführt. Hagrid hatte sich zur Feier des Tages in seinen besten, fürchterlichen Anzug aus braunem Fellhaar geworfen. Lupin lächelte zwar, als er Harry die Hand schüttelte, kam Harry aber recht unglücklich vor. Das war äußerst merkwürdig; Tonks neben ihm sah einfach glänzend aus.
»Alles Gute zum Geburtstag, Harry«, sagte sie und schloss ihn fest in die Arme.
»Siebzehn, ey!«, sagte Hagrid und ließ sich von Fred ein eimergroßes Glas Wein reichen. »Vor haargenau sechs Jahr’n ham wir uns zum ersten Mal getroffen, Harry, erinnerst du dich noch?«
»Verschwommen«, sagte Harry und grinste zu ihm hoch. »Hast du nicht die Haustür eingeschlagen, Dudley ein Schweineschwänzchen verpasst und mir gesagt, dass ich ein Zauberer bin?«
»Die Einzelheit’n hab ich vergessen«, gluckste Hagrid. »Wie geht’s euch, Ron, Hermine?«
»Uns geht’s gut«, sagte Hermine. »Und dir?«
»Äh, nich schlecht. Hatte viel Arbeit, wir ham ’n paar neugeborene Einhörner, die zeig ich euch, wenn ihr zurückkommt –« Harry mied Rons und Hermines Blicke, während Hagrid in seiner Tasche wühlte. »Hier, Harry – wusst einfach nich, was ich dir schenken soll, aber dann is’ mir das eingefallen.« Er zog einen kleinen, etwas pelzigen Beutel an einer langen Kordel heraus, der offensichtlich um den Hals zu tragen war. »Eselsfell. Versteck irgendwas dadrin und keiner außer’m Besitzer kriegt es wieder raus. Sind selten, die Dinger.«
»Danke, Hagrid!«
»Nich der Rede wert«, sagte Hagrid mit einem Schlenker seiner mülleimerdeckelgroßen Hand. »Da is’ ja Charlie! Hab ich immer gemocht – hey! Charlie!«
Charlie kam näher und strich sich dabei mit der Hand ein bisschen wehmütig über seine neue, gnadenlos kurze Frisur. Er war kleiner als Ron, stämmig und hatte etliche Brandnarben und Kratzer an seinen muskulösen Armen.
»Hi, Hagrid, wie steht’s?«
»Will dir schon seit ’ner Ewigkeit schreiben. Wie geht’s Norbert?«
»Norbert?« Charlie lachte. »Dem Norwegischen Stachelbuckel? Wir nennen sie jetzt Norberta.«
»Was – Norbert ist ein Mädchen?«
»O jaah«, sagte Charlie.
»Woher weißt du das?«, fragte Hermine.
»Die sind viel bissiger«, sagte Charlie. Er blickte über seine Schulter und senkte die Stimme. »Wär schön, wenn Dad sich beeilen und endlich kommen würde. Mum wird langsam nervös.«
Alle sahen zu Mrs Weasley hinüber. Sie versuchte ein Gespräch mit Madame Delacour zu führen und warf dabei immer wieder kurze Blicke zum Tor.
»Ich glaube, wir fangen am besten ohne Arthur an«, rief sie nach einer Weile in die Gartenrunde. »Er ist sicher aufgehalten worden im – oh!«
Sie sahen es alle gleichzeitig: Ein Lichtstrahl kam mitten durch den Hof bis zum Tisch geflogen, wo er die Gestalt eines leuchtend silbernen Wiesels annahm, das auf den Hinterbeinen stand und mit Mr Weasleys Stimme sprach.
»Zaubereiminister begleitet mich.«
Der Patronus löste sich in nichts auf, und Fleurs Familie starrte verdutzt auf die Stelle, wo er verschwunden war.
»Wir gehen dann mal besser«, sagte Lupin sofort. »Harry – tut mir leid – ich erklär’s dir ein andermal –«
Er packte Tonks am Handgelenk und zog sie fort; sie gingen bis zum Zaun, kletterten darüber und verschwanden. Mrs Weasley sah verwirrt aus.
»Der Minister – aber warum –? Ich verstehe nicht –«
Doch es blieb keine Zeit, diese Frage zu erörtern; eine Sekunde später war Mr Weasley aus dem Nichts am Tor erschienen, in Begleitung von Rufus Scrimgeour, den man gleich an seiner grauen Haarmähne erkennen konnte.
Die beiden Neuankömmlinge gingen mit zügigen Schritten über den Hof auf den Garten und den laternenbeleuchteten Tisch zu, wo die ganze Gesellschaft schweigend dasaß und beobachtete, wie sie näher kamen. Als Scrimgeour ins Licht der Laternen trat, bemerkte Harry, dass er viel älter aussah als bei ihrer letzten Begegnung, hager und grimmig.
»Verzeihen Sie, dass ich störe«, sagte Scrimgeour, indem er humpelnd an den Tisch trat und davor stehen blieb. »Besonders, da ich sehe, dass ich hier ungeladen in eine Festlichkeit hineinplatze.«
Seine Augen verharrten für einen Moment auf der riesigen Schnatztorte.
»Herzlichen Glückwunsch.«
»Danke«, sagte Harry.
»Ich muss Sie um eine persönliche Unterredung bitten«, fuhr Scrimgeour fort. »Ebenso Mr Ronald Weasley und Miss Hermine Granger.«
»Uns?«, sagte Ron, offenbar überrascht. »Warum uns?«
»Das werde ich Ihnen mitteilen, wenn wir uns irgendwohin zurückgezogen haben«, erwiderte Scrimgeour. »Gibt es hier einen entsprechenden Ort?«, fragte er, an Mr Weasley gewandt.
»Ja, natürlich«, sagte Mr Weasley, der nervös wirkte. »Das, ähm, Wohnzimmer, warum nehmen Sie nicht das?«
»Wenn Sie vorausgehen würden«, sagte Scrimgeour zu Ron. »Es ist nicht nötig, dass Sie uns begleiten, Arthur.«
Harry bemerkte, wie Mr Weasley einen besorgten Blick mit seiner Frau wechselte, während Harry, Ron und Hermine aufstanden. Als sie schweigend in Richtung Haus vorangingen, war Harry sicher, dass die anderen beiden das Gleiche dachten wie er: Scrimgeour musste irgendwie erfahren haben, dass sie alle drei vorhatten, Hogwarts abzubrechen.
Scrimgeour sagte kein Wort, während sie durch die unordentliche Küche ins Wohnzimmer des Fuchsbaus gingen. Obwohl der Garten noch in weichem goldenem Abendlicht lag, war es hier drin schon dunkel: Als er eintrat, schnippte Harry mit seinem Zauberstab zu den Öllampen hin, und sie erhellten den schäbigen, aber behaglichen Raum. Scrimgeour ließ sich in dem ausgeleierten Sessel nieder, in dem sonst Mr Weasley saß, so dass Harry, Ron und Hermine sich Schulter an Schulter auf das Sofa quetschen mussten. Sie hatten kaum Platz genommen, als Scrimgeour das Wort ergriff.
»Ich habe einige Fragen an Sie drei, und ich denke, es wird das Beste sein, wenn wir das jeweils unter vier Augen erledigen. Würden Sie beide«, er wies auf Harry und Hermine, »bitte oben warten, ich möchte mit Ronald anfangen.«
»Wir gehen nirgendwohin«, sagte Harry, während Hermine lebhaft nickte. »Sie können mit uns allen zusammen reden oder gar nicht.«
Scrimgeour warf Harry einen kalten, abschätzenden Blick zu. Harry hatte das Gefühl, dass der Minister überlegte, ob es sich lohnte, so früh Feindseligkeiten zu eröffnen.
»Nun gut, dann alle zusammen«, sagte er achselzuckend. Er räusperte sich. »Ich bin, wie Sie sicher wissen, wegen des Testaments von Albus Dumbledore hierhergekommen.«
Harry, Ron und Hermine sahen einander an.
»Das überrascht Sie offenbar! Sie waren also nicht davon unterrichtet, dass Dumbledore Ihnen etwas vererbt hat?«
»U-uns allen?«, sagte Ron. »Mir und Hermine auch?«
»Ja, Ihnen all–«
Aber Harry unterbrach ihn.
»Dumbledore ist vor über einem Monat gestorben. Warum hat es so lange gedauert, bis man uns gibt, was er uns hinterlassen hat?«
»Ist das nicht offensichtlich?«, sagte Hermine, ehe Scrimgeour antworten konnte. »Was auch immer er uns vererbt hat, die wollten es zuerst untersuchen. Dazu hatten Sie kein Recht!«, sagte sie mit leicht zitternder Stimme.
»Ich hatte durchaus das Recht dazu«, erwiderte Scrimgeour von oben herab. »Der Erlass zur Befugten Beschlagnahme verleiht dem Ministerium die Macht, den Gegenstand eines Testaments einzubehalten –«
»Dieses Gesetz wurde geschaffen, um Zauberer daran zu hindern, schwarzmagische Artefakte weiterzuvererben«, sagte Hermine, »und das Ministerium muss stichhaltige Beweise dafür haben, dass die Besitztümer des Verstorbenen illegal sind, bevor man sie beschlagnahmt! Wollen Sie mir sagen, dass Sie dachten, Dumbledore hätte versucht, uns irgendetwas zu vererben, auf dem ein Fluch liegt?«
»Haben Sie vor, sich später beruflich mit magischem Recht zu befassen, Miss Granger?«, fragte Scrimgeour.
»Nein, das habe ich nicht«, entgegnete Hermine. »Ich hoffe, dass ich etwas Gutes in der Welt bewirken kann!«
Ron lachte. Scrimgeours Augen flackerten zu Ron hinüber und wieder weg, als Harry zu sprechen begann.
»Und was hat Sie bewogen, uns unsere Sachen jetzt zu geben? Fällt Ihnen etwa keine Ausrede dafür ein, sie zu behalten?«
»Nein, es liegt sicher daran, dass die einunddreißig Tage abgelaufen sind«, warf Hermine sofort ein. »Sie dürfen die Gegenstände nicht länger behalten, es sei denn, sie können beweisen, dass sie gefährlich sind. Stimmt’s?«
»Würden Sie sagen, dass Sie Dumbledore nahestanden, Ronald?«, fragte Scrimgeour, ohne auf Hermine einzugehen. Ron blickte verdutzt.
»Ich? Nicht – nicht so richtig … es war immer Harry, der …«
Ron wandte sich zu Harry und Hermine, die ihm einen Blick zuwarf, der wohl Hör auf zu quatschen! bedeuten sollte, doch es war schon zu spät: Scrimgeour machte den Eindruck, als ob er genau das gehört hätte, was er erwartet hatte und hören wollte. Wie ein Raubvogel stürzte er sich auf Rons Antwort.
»Wenn Sie Dumbledore nicht sonderlich nahestanden, wie erklären Sie sich die Tatsache, dass er Sie in seinem Testament berücksichtigt hat? Er hat außerordentlich wenige Personen bedacht. Der weitaus überwiegende Teil seiner Besitztümer – seine Privatbibliothek, die magischen Instrumente und andere persönliche Dinge – gingen an Hogwarts. Warum, glauben Sie, wurden Sie ausgewählt?«
»Ich … hab keine Ahnung«, sagte Ron. »Ich … als ich sagte, dass wir uns nicht so nahestanden … Ich meine, ich glaube, er mochte mich …«
»Du untertreibst, Ron«, sagte Hermine. »Dumbledore hat dich sehr geschätzt.«
Damit hatte sie die Wahrheit mehr als strapaziert; soweit Harry wusste, hatten sich Ron und Dumbledore nie unter vier Augen gesehen, und sie hatten kaum nennenswerten persönlichen Kontakt gehabt. Doch Scrimgeour hörte offenbar gar nicht zu. Er steckte die Hand unter seinen Umhang und holte einen Zugbeutel hervor, einen viel größeren als den, den Hagrid Harry geschenkt hatte. Er nahm eine Pergamentrolle heraus, rollte sie auf und las laut vor.
»Letzter Wille und Testament von Albus Percival Wulfric Brian Dumbledore … ja, hier steht es … Ronald Bilius Weasley hinterlasse ich meinen Deluminator in der Hoffnung, dass er an mich denkt, wenn er ihn benutzt.«
Scrimgeour zog etwas aus dem Beutel, das Harry bekannt vorkam: Es sah aus wie ein silbernes Feuerzeug, aber er wusste, dass es die Kraft hatte, mit einem einfachen Klick sämtliches Licht von einem Ort aufzusaugen und es auch wieder zurückzugeben. Scrimgeour beugte sich vor und reichte den Deluminator Ron, der ihn mit verdutzter Miene entgegennahm und zwischen den Fingern drehte.
»Dies ist ein wertvolles Objekt«, sagte Scrimgeour, den Blick auf Ron geheftet. »Es ist vielleicht sogar ein Unikat. Mit Sicherheit wurde es von Dumbledore selbst entworfen. Weshalb sollte er Ihnen einen so seltenen Gegenstand hinterlassen?«
Ron schüttelte ratlos den Kopf.
»Dumbledore muss Tausende von Schülern unterrichtet haben«, fuhr Scrimgeour unbeirrt fort. »Doch die einzigen, die er in seinem Testament bedacht hat, sind Sie drei. Was ist der Grund dafür? Für welchen Zweck, glaubte er, würden Sie seinen Deluminator verwenden, Mr Weasley?«
»Ich denk mal, um Lichter auszumachen«, murmelte Ron. »Was könnte ich sonst damit anfangen?«
Offenbar hatte Scrimgeour keine Vorschläge parat. Er sah Ron kurz mit zusammengekniffenen Augen an, dann widmete er sich wieder Dumbledores Testament.
»Miss Hermine Jean Granger hinterlasse ich mein Exemplar der ›Märchen von Beedle dem Barden‹, in der Hoffnung, sie möge sie unterhaltsam und lehrreich finden.«
Scrimgeour zog ein kleines Buch aus dem Beutel, das so alt aussah wie die Geheimnisse der dunkelsten Kunst oben in Rons Zimmer. Sein fleckiger Einband löste sich an manchen Stellen. Hermine nahm es wortlos von Scrimgeour entgegen. Sie legte das Buch in ihren Schoß und starrte es an. Harry sah, dass der Titel in Runen geschrieben war; er hatte nie gelernt, sie zu lesen. Während er hinschaute, tropfte eine Träne auf die geprägten Zeichen.
»Warum, glauben Sie, hat Dumbledore Ihnen dies Buch hinterlassen, Miss Granger?«, fragte Scrimgeour.
»Er … er wusste, dass ich Bücher mag«, sagte Hermine mit belegter Stimme und wischte sich mit dem Ärmel über die Augen.
»Aber warum ausgerechnet dieses Buch?«
»Ich weiß nicht. Sicher hat er gedacht, es würde mir gefallen.«
»Haben Sie mit Dumbledore jemals über Geheimcodes gesprochen oder über irgendwelche Verfahren, geheime Botschaften weiterzuleiten?«
»Nein, hab ich nicht«, sagte Hermine, die sich nach wie vor mit dem Ärmel die Augen rieb. »Und wenn das Ministerium in einunddreißig Tagen keine versteckten Codes in diesem Buch gefunden hat, dann bezweifle ich, dass ich sie finde.«
Sie unterdrückte ein Schluchzen. Sie saßen so dicht eingezwängt, dass Ron nur mit Mühe seinen Arm befreien und ihn um Hermines Schultern legen konnte. Scrimgeour widmete sich wieder dem Testament.
»Harry James Potter«, las er und Harrys Magen zog sich in jäher Aufregung zusammen, »hinterlasse ich den Schnatz, den er bei seinem ersten Quidditch-Spiel in Hogwarts gefangen hat, als Erinnerung an das, was Beharrlichkeit und Geschick zustande bringen können.«
Als Scrimgeour den kleinen, walnussgroßen goldenen Ball hervorzog, flatterten dessen Silberflügel ziemlich lahm, und Harry konnte nicht umhin, heftig enttäuscht zu sein.
»Warum hat Dumbledore Ihnen diesen Schnatz hinterlassen?«, fragte Scrimgeour.
»Keine Ahnung«, sagte Harry. »Aus den Gründen, die Sie gerade vorgelesen haben, vermute ich … um mich an das zu erinnern, was man schaffen kann, wenn man … beharrlich ist und so weiter.«
»Sie glauben also, dies sei ein rein symbolisches Erinnerungsstück?«
»Ich nehme es an«, sagte Harry. »Was könnte es sonst sein?«
»Ich stelle hier die Fragen«, sagte Scrimgeour und rückte mit seinem Sessel ein wenig näher an das Sofa heran. Draußen brach nun wirklich die Abenddämmerung an; das Zelt vor den Fenstern ragte gespenstisch weiß über der Hecke auf.
»Ich stelle fest, dass Ihre Geburtstagstorte die Gestalt eines Schnatzes hat«, sagte Scrimgeour zu Harry. »Weshalb?«
Hermine lachte spöttisch.
»Oh, das kann ja keine Anspielung auf die Tatsache sein, dass Harry ein großartiger Sucher ist, das wäre viel zu offensichtlich«, sagte sie. »Da muss eine geheime Botschaft von Dumbledore im Zuckerguss versteckt sein!«
»Ich glaube nicht, dass irgendetwas im Zuckerguss versteckt ist«, sagte Scrimgeour, »aber ein Schnatz wäre ein sehr gutes Versteck für einen kleinen Gegenstand. Sie wissen sicher, warum?«
Harry zuckte die Achseln. Doch Hermine antwortete. Harry dachte, dass es ihr schon so in Fleisch und Blut übergegangen war, Fragen richtig zu beantworten, dass sie den Impuls nicht unterdrücken konnte.
»Weil Schnatze Körperspeicher haben«, sagte sie.
»Was?«, sagten Harry und Ron gleichzeitig; die beiden hielten Hermines Quidditch-Kenntnisse für kümmerlich.
»Richtig«, bestätigte Scrimgeour. »Ein Schnatz kommt nicht in Kontakt mit bloßer Haut, ehe er freigegeben wird, nicht einmal mit der des Herstellers, der Handschuhe trägt. Ein Zauber liegt auf ihm, durch den er den ersten Menschen identifizieren kann, der ihn in die Hände bekam, falls es umstritten sein sollte, wer ihn gefangen hat. Dieser Schnatz«, er hielt den kleinen goldenen Ball empor, »wird sich immer an Ihre Berührung erinnern, Potter. Ich könnte mir vorstellen, dass Dumbledore, der, einmal abgesehen von seinen sonstigen Fehlern, gewaltige magische Fähigkeiten besaß, diesen Schnatz vielleicht verzaubert hat, damit er sich nur für Sie öffnet.«
Harrys Herz schlug ziemlich schnell. Er war überzeugt, dass Scrimgeour Recht hatte. Wie konnte er es vermeiden, den Schnatz vor den Augen des Ministers in seine bloße Hand zu nehmen?
»Sie schweigen«, sagte Scrimgeour. »Womöglich wissen Sie bereits, was der Schnatz enthält?«
»Nein«, sagte Harry, der immer noch überlegte, wie er vortäuschen konnte, den Schnatz anzufassen, ohne es tatsächlich zu tun. Wenn er nur Legilimentik beherrschen würde, und zwar richtig, dann könnte er jetzt Hermines Gedanken lesen; er konnte ihr Gehirn praktisch neben sich rattern hören.
»Nehmen Sie ihn«, sagte Scrimgeour ruhig.
Harry sah in Scrimgeours gelbe Augen, und er wusste, dass er keine andere Wahl hatte, als zu gehorchen. Er streckte die Hand aus, und Scrimgeour beugte sich erneut vor und legte den Schnatz langsam und bedächtig in Harrys Handfläche.
Nichts geschah. Als Harrys Finger sich um den Schnatz schlossen, flatterten dessen Flügel müde und regten sich dann nicht mehr. Scrimgeour, Ron und Hermine starrten nach wie vor begierig auf den nun teilweise verdeckten Ball, als hofften sie immer noch, er würde sich irgendwie verwandeln.
»Das war spannend«, sagte Harry kühl. Ron und Hermine lachten.
»Das wär’s dann, nicht wahr?«, fragte Hermine und wollte sich schon vom Sofa hochstemmen.
»Nicht ganz«, sagte Scrimgeour, der jetzt missgelaunt dreinblickte. »Dumbledore hat Ihnen noch etwas anderes hinterlassen, Potter.«
»Was denn?«, fragte Harry, erneut aufgeregt.
Scrimgeour machte sich diesmal nicht die Mühe, aus dem Testament vorzulesen.
»Das Schwert von Godric Gryffindor«, sagte er.
Hermine und Ron erstarrten. Harry schaute sich um, ob er den rubinbesetzten Griff irgendwo sehen konnte, aber Scrimgeour zog das Schwert nicht aus dem Lederbeutel, der sowieso viel zu klein dafür wirkte.
»Und wo ist es?«, fragte Harry argwöhnisch.
»Leider«, sagte Scrimgeour, »stand es Dumbledore nicht zu, dieses Schwert zu verschenken. Das Schwert von Godric Gryffindor ist ein bedeutendes historisches Artefakt und als solches gehört es –«
»Es gehört Harry!«, sagte Hermine erzürnt. »Es hat ihn auserwählt, er war derjenige, der es gefunden hat, es kam zu ihm aus dem Sprechenden Hut heraus –«
»Verlässlichen historischen Quellen zufolge kann sich das Schwert in den Dienst eines jeden würdigen Gryffindors stellen«, sagte Scrimgeour. »Das macht es nicht zum alleinigen Eigentum von Mr Potter, was auch immer Dumbledore beschlossen haben mag.« Scrimgeour kratzte sich an seiner schlecht rasierten Wange und musterte Harry. »Warum, glauben Sie –?«
»– wollte Dumbledore mir das Schwert geben?«, sagte Harry, der nur mühsam seine Wut zügelte. »Vielleicht dachte er, es würde sich hübsch an meiner Wand machen.«
»Das ist kein Witz, Potter!«, knurrte Scrimgeour. »War es, weil Dumbledore glaubte, dass nur das Schwert von Godric Gryffindor den Erben von Slytherin besiegen kann? Wollte er Ihnen das Schwert geben, Potter, weil er wie viele andere glaubte, dass Sie der Ausersehene sind, der Ihn, dessen Name nicht genannt werden darf, vernichten wird?«
»Interessante Theorie«, sagte Harry. »Hat irgendjemand schon mal versucht, ein Schwert in Voldemort hineinzustechen? Vielleicht sollte das Ministerium ein paar Leute darauf ansetzen, statt seine Zeit damit zu verschwenden, irgendwelche Deluminatoren auseinanderzunehmen oder Ausbrüche aus Askaban zu vertuschen. War es also das, womit Sie beschäftigt waren, Minister, als Sie sich in Ihrem Büro eingeschlossen hatten, haben Sie versucht, einen Schnatz aufzubrechen? Menschen sterben, um ein Haar wäre ich auch tot gewesen, Voldemort hat mich quer über drei Grafschaften verfolgt, er hat Mad-Eye Moody getötet, aber das Ministerium hat kein Wort dazu verlauten lassen, richtig? Und Sie glauben immer noch, wir würden mit Ihnen zusammenarbeiten!«
»Sie gehen zu weit!«, rief Scrimgeour und erhob sich; auch Harry sprang auf. Scrimgeour humpelte auf Harry zu und stach ihm mit der Spitze seines Zauberstabs fest in die Brust: Sie brannte ein Loch in Harrys T-Shirt wie eine brennende Zigarette.
»Hey!«, sagte Ron, sprang auf und hob nun ebenfalls den Zauberstab, aber Harry rief: »Nein! Willst du ihm einen Vorwand liefern, uns zu verhaften?«
»Ihnen ist wohl eingefallen, dass Sie nicht in der Schule sind, was?«, sagte Scrimgeour und atmete schwer in Harrys Gesicht. »Eingefallen, dass ich nicht Dumbledore bin, der Ihnen Ihre Anmaßung und Ihre Aufsässigkeit nachsah? Sie tragen diese Narbe vielleicht wie eine Krone, Potter, aber es steht einem siebzehnjährigen Jungen nicht zu, mir zu sagen, wie ich meine Arbeit zu erledigen habe! Es ist an der Zeit, dass Sie etwas Respekt lernen!«
»Es ist an der Zeit, dass Sie sich welchen verdienen«, sagte Harry.
Der Boden bebte; schnelle Schritte waren zu hören, dann krachte die Wohnzimmertür auf, und Mr und Mrs Weasley stürmten herein.
»Wir – wir dachten, wir hätten –«, begann Mr Weasley mit äußerst besorgter Miene, als er Harry und den Minister sah, die sich praktisch Nase an Nase gegenüberstanden.
»– laute Stimmen gehört«, keuchte Mrs Weasley.
Scrimgeour trat einige Schritte von Harry zurück und schaute kurz auf das Loch, das er in Harrys T-Shirt gebrannt hatte. Er schien es zu bereuen, dass er die Beherrschung verloren hatte.
»Es – es war nichts«, knurrte er. »Ihre … Haltung ist bedauerlich«, sagte er und blickte Harry erneut offen ins Gesicht. »Sie scheinen zu denken, dass das Ministerium nicht will, was Sie – was Dumbledore – wollte. Wir sollten zusammenarbeiten.«
»Ich mag Ihre Methoden nicht, Minister«, sagte Harry. »Schon vergessen?«
Zum zweiten Mal hob er seine rechte Faust und zeigte Scrimgeour die Narben, die sich immer noch weiß auf seinem Handrücken abzeichneten und die Worte Ich soll keine Lügen erzählen bildeten. Scrimgeours Miene verhärtete sich. Er wandte sich ohne ein weiteres Wort ab und humpelte aus dem Zimmer. Mrs Weasley hastete hinter ihm her; Harry hörte, wie sie an der Hintertür stehen blieb. Etwa eine Minute später rief sie: »Er ist fort!«
»Was wollte er?«, fragte Mr Weasley und sah Harry, Ron und Hermine an, als Mrs Weasley zurückgeeilt kam.
»Uns geben, was Dumbledore uns vererbt hat«, sagte Harry. »Sie haben gerade erst seinen Nachlass freigegeben.«
Im Garten draußen wurden die drei Gegenstände, die Scrimgeour ihnen überbracht hatte, an den Esstischen von Hand zu Hand gereicht. Der Deluminator und die Märchen von Beedle dem Barden riefen allseits Begeisterung hervor, wohingegen die Tatsache bedauert wurde, dass Scrimgeour sich geweigert hatte, das Schwert herauszugeben, doch niemand hatte irgendeine Erklärung parat, weshalb Dumbledore Harry einen alten Schnatz vermacht haben sollte. Als Mr Weasley den Deluminator zum dritten oder vierten Mal in Augenschein nahm, sagte Mrs Weasley zaghaft: »Harry, Schatz, alle sind furchtbar hungrig, wir wollten nicht ohne dich anfangen … soll ich jetzt das Abendessen servieren?«
Sie aßen ziemlich schnell, dann gab es einen hastigen »Happy Birthday«-Chor, und es wurde viel Torte verdrückt, und schließlich löste sich die Party auf. Hagrid, der zur Hochzeit am nächsten Tag eingeladen war, mit seiner hünenhaften Gestalt jedoch unmöglich im überanspruchten Fuchsbau schlafen konnte, brach auf, um sich im benachbarten Feld ein Zelt aufzubauen.
»Wir treffen uns oben«, flüsterte Harry Hermine zu, während sie Mrs Weasley halfen, den Garten wieder in seinen Normalzustand zu versetzen. »Wenn alle zu Bett gegangen sind.«
Oben im Dachzimmer untersuchte Ron seinen Deluminator, und Harry füllte Hagrids Eselsfellbeutel, nicht mit Gold, sondern mit seinen liebsten Habseligkeiten, auch wenn manche davon scheinbar wertlos waren: die Karte des Rumtreibers, die Scherbe des verzauberten Spiegels von Sirius und das Medaillon von R. A. B. Er zog das Band fest und hängte sich den Beutel um den Hals, dann setzte er sich, nahm den alten Schnatz in die Hand und sah zu, wie seine Flügel kraftlos flatterten. Schließlich klopfte Hermine an die Tür und kam auf Zehenspitzen herein.
»Muffliato«, flüsterte sie und schwang ihren Zauberstab in Richtung Treppe.
»Dachte, du hältst nichts von diesem Zauber?«, sagte Ron.
»Die Zeiten ändern sich«, erwiderte Hermine. »Jetzt zeig uns mal diesen Deluminator.«
Ron gehorchte sofort. Er hielt ihn vor sich hoch und ließ ihn klicken. Die einzige Lampe, die sie eingeschaltet hatten, erlosch augenblicklich.
»Die Sache ist nur«, flüsterte Hermine im Dunkeln, »wir hätten das auch mit peruanischem Instant-Finsternispulver machen können.«
Ein leises Klicken war zu hören, die Lichtkugel der Lampe flog zurück an die Decke, und alles war wieder erleuchtet.
»Er ist trotzdem cool«, sagte Ron ein wenig defensiv. »Und angeblich hat Dumbledore ihn selber erfunden!«
»Ich weiß, aber er hat dich sicher nicht in sein Testament aufgenommen, damit du uns nur dabei helfen kannst, das Licht auszumachen!«
»Meinst du, er wusste, dass das Ministerium sein Testament beschlagnahmen und alles untersuchen würde, was er uns hinterlässt?«
»Bestimmt«, sagte Hermine. »Er konnte uns im Testament nicht verraten, warum er uns diese Sachen vererbt, aber das erklärt immer noch nicht …«
»… warum er uns keinen Wink hätte geben können, als er noch am Leben war?«, fragte Ron.
»Ja, genau«, sagte Hermine, die unterdessen die Märchen von Beedle dem Barden durchblätterte. »Wenn diese Sachen so wichtig sind, dass sie direkt vor der Nase des Ministeriums weitergegeben werden mussten, dann hätte man doch meinen können, dass er uns mitteilt, warum … außer er dachte, es wäre offensichtlich?«
»Da lag er falsch, oder?«, sagte Ron. »Ich hab immer gesagt, dass er nicht richtig tickt. Genial und alles, aber durchgeknallt. Harry einen alten Schnatz zu vererben – was zum Teufel sollte denn das?«
»Ich habe keine Ahnung«, sagte Hermine. »Als Scrimgeour ihn dir in die Hand gedrückt hat, Harry, war ich absolut sicher, dass etwas passieren würde!«
»Tja, schon«, sagte Harry, und als er den Schnatz in seiner Hand hochhob, ging sein Puls schneller. »Aber ich hab mich vor Scrimgeour ja auch nicht besonders angestrengt, oder?«
»Was soll das heißen?«, fragte Hermine.
»Der Schnatz, den ich bei meinem allerersten Quidditch-Spiel gefangen habe?«, sagte Harry. »Erinnerst du dich nicht?«
Hermine schaute nur verwirrt drein. Ron jedoch hielt den Atem an und wies hektisch von Harry zum Schnatz und wieder zurück, bis er seine Stimme wiederfand.
»Das war der, den du fast verschluckt hast!«
»Genau«, sagte Harry und drückte mit wild klopfendem Herzen seinen Mund auf den Schnatz.
Der Schnatz öffnete sich nicht. Ärger und bittere Enttäuschung stiegen in ihm hoch: Er ließ die goldene Kugel sinken, doch dann schrie Hermine auf.
»Da steht was! Da steht was drauf, schnell, sieh nur!«
Er hätte den Schnatz beinahe fallen lassen, so überrascht und aufgeregt war er. Hermine hatte vollkommen Recht. In die glatte goldene Oberfläche waren, wo Sekunden zuvor nichts gewesen war, fünf Wörter eingraviert, in der feinen schrägen Schrift, die Harry als Dumbledores Handschrift erkannte:
Ich öffne mich zum Schluss.
Er hatte die Wörter kaum gelesen, als sie wieder verschwanden.
»Ich öffne mich zum Schluss … Was soll das heißen?«
Hermine und Ron schüttelten ratlos die Köpfe.
»Ich öffne mich zum Schluss … zum Schluss … Ich öffne mich zum Schluss …«
Doch wie oft sie die Wörter auch mit ganz unterschiedlichem Tonfall wiederholten, sie konnten keine weitere Bedeutung aus ihnen herauspressen.
»Und das Schwert«, sagte Ron schließlich, als sie ihre Versuche aufgegeben hatten, in der Schnatzinschrift irgendeinen Sinn zu erkennen. »Warum wollte er, dass Harry das Schwert besitzt?«
»Und warum konnte er es mir nicht einfach sagen?«, fragte Harry leise. »Es war da, es hing direkt an der Wand seines Büros, während all unserer Gespräche letztes Jahr! Wenn er wollte, dass ich es besitze, warum hat er es mir damals nicht einfach gegeben?«
Er fühlte sich, als ob er in einer Prüfung sitzen würde, mit einer Frage vor sich, deren Antwort er eigentlich wissen müsste, doch sein Kopf war lahm und reagierte nicht. Gab es irgendetwas, das ihm in den langen Gesprächen mit Dumbledore im letzten Jahr entgangen war? Sollte er eigentlich wissen, was das alles zu bedeuten hatte? Hatte Dumbledore erwartet, dass er es verstehen würde?
»Und was dieses Buch angeht«, sagte Hermine. »Die Märchen von Beedle dem Barden … von denen hab ich noch nie was gehört!«
»Du hast noch nie was von den Märchen von Beedle dem Barden gehört?«, sagte Ron ungläubig. »Das meinst du doch nicht im Ernst, oder?«
»Doch, ehrlich!«, sagte Hermine überrascht. »Du kennst sie also?«
»Ja, klar!«
Harry hob aufhorchend den Blick. Dass Ron ein Buch gelesen hatte, das Hermine nicht kannte, war noch nie da gewesen. Ron jedoch schien angesichts ihrer Überraschung verwirrt.
»Jetzt komm schon! Die ganzen alten Kindergeschichten sollen doch von Beedle sein, oder? Der Brunnen des wahren Glücks … Der Zauberer und der hüpfende Topf … Babbitty Rabbitty und der gackernde Baumstumpf …«
»Wie bitte?«, sagte Hermine kichernd. »Wie hieß das Letzte noch mal?«
»Nun hör aber auf!«, sagte Ron und sah ungläubig von Harry zu Hermine. »Ihr müsst doch von Babbitty Rabbitty –«
»Ron, du weißt genau, dass Harry und ich bei Muggeln aufgewachsen sind!«, sagte Hermine. »Wir haben keine von diesen Geschichten gehört, als wir klein waren, sondern Schneewittchen und die sieben Zwerge und Aschenputtel –«
»Was ist das, eine Krankheit?«, warf Ron ein.
»Das sind also Kindergeschichten?«, fragte Hermine und beugte sich wieder über die Runen.
»Jaah«, sagte Ron verunsichert. »Ich meine, so hab ich’s eben erzählt bekommen, verstehst du, dass diese ganzen alten Geschichten von Beedle stammen. Ich weiß nicht, wie sie in der Originalfassung sind.«
»Warum Dumbledore wohl meinte, dass ich sie lesen soll?«
Von unten war ein Knarren zu hören.
»Wahrscheinlich nur Charlie, jetzt, wo Mum schläft, schleicht er weg, um sich seine Haare nachwachsen zu lassen«, sagte Ron nervös.
»Wie auch immer, wir sollten zu Bett gehen«, flüsterte Hermine. »Es wäre keine gute Idee, morgen zu verschlafen.«
»Nein«, stimmte Ron ihr zu. »Ein brutaler Dreifachmord durch die Mutter des Bräutigams würde der Hochzeit einen kleinen Dämpfer verpassen. Ich mach das Licht aus.«
Und er ließ noch einmal den Deluminator klicken, als Hermine das Zimmer verließ.
Die Hochzeit
Am folgenden Nachmittag standen Harry, Ron, Fred und George um drei Uhr vor dem großen weißen Festzelt im Obstgarten und warteten auf die Ankunft der Hochzeitsgäste. Harry hatte eine große Portion Vielsaft-Trank eingenommen und war jetzt das Ebenbild eines rothaarigen Muggeljungen aus dem nahe gelegenen Dorf Ottery St. Catchpole, dem Fred mit einem Aufrufezauber Haare gestohlen hatte. Sie hatten ausgemacht, Harry als »Cousin Barny« vorzustellen und darauf zu bauen, dass er in der großen Verwandtschaft der Weasleys nicht weiter auffallen würde.
Alle vier hatten Sitzpläne in den Händen, um den Gästen behilflich zu sein und ihnen ihre Plätze zeigen zu können. Eine Stunde zuvor war ein Heer von Kellnern in weißen Umhängen eingetroffen, zusammen mit einer Band in goldenen Jacketts, und all diese Zauberer saßen jetzt nicht weit entfernt unter einem Baum; Harry sah einen blauen Dunst von Pfeifenrauch von dort aufsteigen.
Hinter Harry konnte man durch den Zelteingang Reihe um Reihe zierlicher goldener Stühle erkennen, die zu beiden Seiten eines langen lila Teppichs aufgestellt waren. An den Stützstangen rankten sich weiße und goldene Blumen empor. Fred und George hatten einen riesigen Bund goldener Ballons genau über der Stelle angebracht, wo Bill und Fleur in Kürze Mann und Frau werden würden. Draußen schwebten Schmetterlinge und Bienen gemächlich über das Gras und die Hecke. Harry war ziemlich unwohl in seiner Haut. Der Muggeljunge, dessen Äußeres er angenommen hatte, war ein wenig dicker als er, und Harrys Festumhang war ihm in der grellen Sonne des Sommertages zu heiß und zu eng.
»Wenn ich mal heirate«, sagte Fred und zupfte am Kragen seines Umhangs, »dann halte ich mich gar nicht erst mit dem ganzen Quatsch auf. Ihr könnt alle anziehen, was ihr wollt, und Mum verpasse ich eine komplette Ganzkörperklammer, bis alles vorbei ist.«
»Sie war heute Morgen gar nicht so übel drauf, den Umständen entsprechend«, sagte George. »Hat ein bisschen geweint, weil Percy nicht da ist, aber wer will ihn schon haben? Oh, verdammt, reißt euch zusammen – da kommen sie, seht mal.«
Am äußersten Ende des Hofes erschienen Gestalten in leuchtenden Farben der Reihe nach aus dem Nichts. Innerhalb von wenigen Minuten hatte sich ein Umzug gebildet, der sich durch den Garten auf das Zelt zuschlängelte. Auf den Hüten der Hexen flatterten exotische Blumen und verzauberte Vögel, und an den Krawatten vieler der Zauberer funkelten wertvolle Edelsteine; als die Menge sich dem Zelt näherte, wurde das aufgeregte Summen vieler Stimmen immer lauter und übertönte allmählich das Geräusch der Bienen.
»Bestens, ich glaub, da sind ein paar Veela-Cousinen dabei«, sagte George und reckte den Hals, um besser zu sehen. »Die brauchen sicher Hilfe, damit sie unsere englischen Sitten und Gebräuche verstehen, ich kümmer mich um sie …«
»Nicht so hastig, du Löffelloser«, sagte Fred und sauste pfeilschnell an der schnatternden Schar Hexen mittleren Alters vorbei, die den Umzug anführte. »Bitte sehr – permettez-moi zu assister vous«, sagte er zu zwei hübschen französischen Mädchen, die ihm kichernd erlaubten, sie nach drinnen zu geleiten. George musste sich mit den Hexen mittleren Alters abgeben, und Ron kümmerte sich um Perkins, Mr Weasleys alten Kollegen aus dem Ministerium, während Harry ein ziemlich taubes altes Ehepaar abbekam.
»Tag auch«, sagte eine vertraute Stimme, als er wieder vor das Zelt trat und Tonks und Lupin am Anfang der Schlange bemerkte. Tonks hatte sich zur Feier des Tages blond werden lassen. »Arthur hat uns gesagt, dass du der mit den Locken bist. Entschuldige wegen gestern Abend«, fügte sie flüsternd hinzu, während Harry die beiden zwischen den Stuhlreihen entlangführte. »Das Ministerium ist im Moment ziemlich werwolffeindlich, und wir dachten, dass unsere Anwesenheit dir nicht gerade helfen würde.«
»Schon gut, versteh ich«, sagte Harry, mehr zu Lupin gewandt als zu Tonks. Lupin lächelte ihm flüchtig zu, doch während sie sich umdrehten, sah Harry, wie in Lupins Gesicht erneut Sorgenfalten traten. Harry begriff es nicht, hatte jedoch keine Zeit, darüber nachzugrübeln: Hagrid verursachte gerade einigen Tumult. Er hatte Freds Anweisungen falsch verstanden und sich nicht auf den magisch vergrößerten und verstärkten Sitz gesetzt, den man eigens für ihn in der hinteren Reihe aufgestellt hatte, sondern auf fünf Stühle, die jetzt an einen großen Haufen goldener Streichhölzer erinnerten.
Während Mr Weasley den Schaden beseitigte und Hagrid jedem, der es hören wollte, Entschuldigungen zurief, kehrte Harry rasch zum Eingang zurück und sah Ron einem höchst exzentrisch wirkenden Zauberer gegenüberstehen. Er schielte leicht, hatte schulterlanges weißes Haar wie aus Zuckerwatte, trug eine Mütze, deren Quaste vor seiner Nase baumelte, und einen Umhang in einem Dottergelb, das einem die Tränen in die Augen trieb. An einer Goldkette um seinen Hals glitzerte ein merkwürdiges Symbol, etwas wie ein dreieckiges Auge.
»Xenophilius Lovegood«, sagte er und streckte Harry die Hand entgegen, »meine Tochter und ich leben gleich hinter dem Hügel, sehr nett von den guten Weasleys, uns einzuladen. Aber ich glaube, Sie kennen meine Luna?«, fügte er an Ron gewandt hinzu.
»Ja«, sagte Ron. »Ist sie nicht mitgekommen?«
»Sie verweilt in diesem reizenden kleinen Garten, um den Gnomen guten Tag zu sagen, was für eine herrliche Heimsuchung! Nur wenige Zauberer erkennen, wie viel wir im Grunde von den weisen kleinen Gnomen lernen können – oder, um sie bei ihrem richtigen Namen zu nennen, den Gernumbli gardensi.«
»Unsere kennen eine Menge fabelhafter Schimpfwörter«, sagte Ron, »aber die haben wohl Fred und George ihnen beigebracht.«
Er führte eine Gruppe von Hexern in das Zelt, als Luna herbeigeeilt kam.
»Hallo, Harry!«, sagte sie.
»Ähm – mein Name ist Barny«, sagte Harry fassungslos.
»Oh, den hast du auch geändert?«, fragte sie munter.
»Woher wusstest du –?«
»Oh, allein dein Gesichtsausdruck«, sagte sie.
Luna trug wie ihr Vater einen leuchtend gelben Umhang und hatte als passenden Schmuck eine große Sonnenblume im Haar. Wenn man sich einmal an die Helligkeit des Ganzen gewöhnt hatte, war der Gesamteindruck recht angenehm. Wenigstens baumelten keine Radieschen von ihren Ohren.
Xenophilius war ins Gespräch mit einem Bekannten vertieft und hatte den Wortwechsel zwischen Luna und Harry nicht mitbekommen. Er verabschiedete sich von dem Zauberer und wandte sich seiner Tochter zu, die einen Finger hochhielt und sagte: »Daddy, schau mal – einer von den Gnomen hat mich doch tatsächlich gebissen!«
»Wie wunderbar! Gnomenspeichel ist enorm förderlich!«, sagte Mr Lovegood, ergriff Lunas ausgestreckten Finger und untersuchte die blutenden Bisslöcher. »Luna, meine Liebe, falls du heute irgendein aufkeimendes Talent verspüren solltest – vielleicht das unerwartete Bedürfnis, eine Arie zu singen oder etwas auf Meerisch zu rezitieren –, unterdrücke es nicht! Es könnte ein Geschenk der Gernumbli sein!«
Ron, der gerade aus der anderen Richtung an ihnen vorbeikam, lachte schnaubend auf.
»Ron soll nur lachen«, sagte Luna gelassen, während Harry sie und Xenophilius zu ihren Plätzen führte, »aber mein Vater hat viel über die Magie der Gernumbli geforscht.«
»Tatsächlich?«, sagte Harry, der schon vor langem beschlossen hatte, die eigentümlichen Ansichten von Luna oder ihrem Vater nicht in Frage zu stellen. »Aber bist du sicher, dass du nichts auf diesen Biss tun willst?«
»Oh, ist schon gut«, sagte Luna, lutschte träumerisch an ihrem Finger und musterte Harry von Kopf bis Fuß. »Du siehst schick aus. Ich hab Daddy gesagt, dass die meisten Leute wahrscheinlich in Festumhängen kommen würden, aber er glaubt, dass man bei einer Hochzeit Sonnenfarben tragen sollte, das bringt Glück, weißt du?«
Als sie hinter ihrem Vater her entschwebte, tauchte Ron mit einer älteren Hexe am Arm auf. Mit ihrem Zinken von einer Nase, den rot geränderten Augen und dem federbesetzten rosa Hut sah sie aus wie ein angriffslustiger Flamingo.
»… und dein Haar ist viel zu lang, Ronald, einen Moment dachte ich, du wärst Ginevra. Beim Barte des Merlin, was trägt denn Xenophilius Lovegood? Er sieht aus wie ein Omelett. Und wer bist du?«, blaffte sie Harry an.
»Ach ja, Tantchen Muriel, das ist unser Cousin Barny.«
»Noch ein Weasley? Ihr vermehrt euch ja wie die Gnomen. Ist Harry Potter nicht hier? Ich hatte gehofft, ihn zu treffen. Ich dachte, er wäre ein Freund von dir, Ronald, oder hast du nur angegeben?«
»Nein – er konnte nicht kommen –«
»Hmm. Hat sich eine Ausrede einfallen lassen, stimmt’s? Ist wohl gar nicht so doof, wie er auf den Pressefotos aussieht. Ich hab gerade der Braut gezeigt, wie sie mein Diadem am besten trägt«, rief sie Harry zu. »Von Kobolden gefertigt, musst du wissen, und seit Jahrhunderten in meiner Familie. Sie ist ein gut aussehendes Mädchen, aber trotzdem – Französin. Also dann, gib mir einen guten Platz, Ronald, ich bin hundertsieben und sollte nicht zu lange stehen.«
Ron warf Harry im Vorbeigehen einen bedeutungsvollen Blick zu und blieb eine ganze Zeit lang verschwunden: Als sie sich wieder am Eingang trafen, hatte Harry schon ein Dutzend weitere Gäste zu ihren Plätzen geführt. Das Zelt war jetzt fast voll und zum ersten Mal stand draußen niemand Schlange.
»Ein Alptraum, diese Muriel«, sagte Ron und wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. »Früher ist sie jedes Jahr an Weihnachten gekommen, aber dann war sie Gott sei Dank beleidigt, weil Fred und George beim Abendessen eine Stinkbombe unter ihrem Stuhl hochgehen ließen. Dad sagt immer, dass sie die beiden enterbt hat – als ob die das kümmern würde, die sind am Ende reicher als sonst jemand in der Familie, so wie’s bei denen gerade läuft … wow«, fügte er hinzu und blinzelte ziemlich schnell, als Hermine auf sie zugeeilt kam. »Du siehst großartig aus!«
»Immer dieser überraschte Unterton«, sagte Hermine, lächelte aber. Sie trug ein luftiges, lilafarbenes Kleid mit dazu passenden Stöckelschuhen; ihr Haar war glatt und glänzte. »Deine Großtante Muriel findet das nicht, ich hab sie gerade oben getroffen, als sie Fleur das Diadem gab. Sie meinte: ›Oje, ist das die Muggelstämmige?‹ und dann: ›Schlechte Haltung und magere Fesseln.‹«
»Nimm’s nicht persönlich, sie ist zu allen unverschämt«, sagte Ron.
»Redet ihr über Muriel?«, wollte George wissen, der gerade wieder mit Fred aus dem Zelt kam. »Tja, sie hat eben zu mir gesagt, dass meine Ohren nicht zueinander passen. Alte Schreckschraube. Wenn doch nur Onkel Bilius noch unter uns wäre; der war bei Hochzeiten immer der Brüller.«
»War das nicht der, der einen Grimm gesehen hat und vierundzwanzig Stunden später starb?«, fragte Hermine.
»Nun ja, am Ende wurde er dann ein bisschen merkwürdig«, gab George zu.
»Aber bevor er meschugge wurde, brachte er Schwung in jede Party«, sagte Fred. »Er kippte immer eine ganze Flasche Feuerwhisky, rannte dann auf die Tanzfläche, raffte seinen Umhang und fing an, sich Blumen aus dem –«
»Klingt ja nach einem richtigen Charmeur«, sagte Hermine, während Harry vor Lachen brüllte.
»Er hat nie geheiratet, warum auch immer«, sagte Ron.
»Das überrascht mich jetzt«, erwiderte Hermine.
Sie lachten alle so heftig, dass keiner von ihnen den späten Gast bemerkte, einen dunkelhaarigen jungen Mann mit einer langen krummen Nase und dichten schwarzen Augenbrauen, bis er Ron seine Einladung hinstreckte und mit Blick auf Hermine sagte: »Du siehst wunderbar aus.«
»Viktor!«, kreischte sie und ließ ihre kleine perlenverzierte Handtasche fallen, die mit einem lauten, dumpfen Schlag aufprallte, der gar nicht zu ihrer Größe passte. Hermine bückte sich errötend, um sie aufzuheben, und sagte: »Ich wusste nicht, dass du – Himmel – schön, dich zu – wie geht es dir?«
Rons Ohren waren wieder leuchtend rot geworden. Nachdem er kurz auf Krums Einladung geschaut hatte, so als würde er kein Wort davon glauben, sagte er viel zu laut: »Wie kommst du denn hierher?«
»Flör hat mich eingeladen«, antwortete Krum mit hochgezogenen Brauen.
Harry, der keinen Groll gegen Krum hegte, schüttelte ihm die Hand; da er spürte, dass es am klügsten wäre, Krum aus Rons Umgebung zu entfernen, bot er dann an, ihm seinen Platz zu zeigen.
»Deine Freund ist nicht froh, mich zu sehen«, sagte Krum, als sie das nun brechend volle Zelt betraten. »Oder ist er ein Verwandter?«, fügte er mit einem kurzen Blick auf Harrys rote Locken hinzu.
»Cousin«, murmelte Harry, aber Krum hörte nicht richtig hin. Sein Erscheinen verursachte Aufruhr, besonders unter den Veela-Cousinen: Er war immerhin ein berühmter Quidditch-Spieler. Während manche sich nach wie vor die Hälse verrenkten, um ihn besser sehen zu können, eilten Ron, Hermine, Fred und George den Gang zwischen den Stühlen entlang.
»Höchste Zeit, dass wir uns setzen«, sagte Fred zu Harry, »sonst werden wir noch von der Braut umgerannt.«
Harry, Ron und Hermine nahmen ihre Plätze in der zweiten Reihe hinter Fred und George ein. Hermine war ziemlich rosa im Gesicht und Rons Ohren waren immer noch scharlachrot. Ein wenig später murmelte er Harry zu: »Hast du gesehen, er hat sich einen bescheuerten kleinen Bart wachsen lassen!«
Harry antwortete mit einem unverbindlichen Grunzen.
In dem warmen Zelt waren inzwischen alle in gespannter Erwartung, gelegentlich unterbrach kurzes aufgeregtes Gelächter das allgemeine Gemurmel. Mr und Mrs Weasley spazierten den Mittelgang entlang und winkten lächelnd ihren Verwandten zu; Mrs Weasley trug einen brandneuen amethystfarbenen Festumhang mit einem dazu passenden Hut.
Einen Moment später erhoben sich Bill und Charlie vorne im Zelt, beide in Festgewändern, mit großen weißen Rosen in ihren Knopflöchern; Fred stieß einen bewundernden Pfiff aus und die Veela-Cousinen fingen an zu kichern. Dann schwoll Musik an, und es war, als würde sie von den goldenen Ballons herrühren, und die Menge verstummte.
»Ooooh!«, sagte Hermine, wirbelte auf ihrem Platz herum und blickte zum Eingang.
Ein einziger lauter Seufzer entfuhr den versammelten Hexen und Zauberern, als Monsieur Delacour und Fleur den Mittelgang entlangkamen, Fleur glitt dahin, Monsieur Delacour hüpfte und strahlte. Fleur trug ein ganz schlichtes weißes Kleid und es schien ein kräftiges silbriges Leuchten von ihr auszugehen. Während ihr Glanz für gewöhnlich alle anderen im Umkreis verblassen ließ, machte er heute alle schöner, auf die er fiel. Ginny und Gabrielle, die beide goldene Kleider trugen, sahen sogar noch hübscher aus als sonst, und sobald Fleur Bill erreicht hatte, schien es, als wäre er niemals Fenrir Greyback begegnet.
»Meine Damen und Herren«, sagte eine leicht leiernde Stimme, und Harry bemerkte mit einem leisen Schrecken, dass derselbe kleine Zauberer mit den büscheligen Haaren, der Dumbledores Begräbniszeremonie geleitet hatte, jetzt vor Bill und Fleur stand. »Wir sind heute hier versammelt, um die Verbindung zweier treuer Seelen festlich zu begehen …«
»Ja, mein Diadem bringt die ganze Sache doch hübsch zur Geltung«, flüsterte Tantchen Muriel recht deutlich vernehmbar. »Aber ich muss sagen, Ginevras Kleid ist viel zu tief ausgeschnitten.«
Ginny spähte nach hinten, grinste, zwinkerte Harry zu und wandte sich dann rasch wieder nach vorn. Harrys Gedanken schweiften weit weg von dem Zelt, zu den Nachmittagen zurück, die er mit Ginny allein an lauschigen Plätzen des Schulgeländes verbracht hatte. Sie schienen so weit zurückzuliegen; sie waren ihm immer zu schön vorgekommen, um wahr zu sein, als hätte er einem gewöhnlichen Menschen glanzvolle Stunden seines Lebens gestohlen, einem Menschen ohne Blitznarbe auf der Stirn …
»William Arthur, willst du Fleur Isabelle …?«
In der vorderen Reihe schluchzten Mrs Weasley und Madame Delacour leise in ihre Spitzentaschentücher. Trompetenartige Geräusche vom hinteren Teil des Zeltes verrieten allen, dass Hagrid eines von seinen tischtuchgroßen Taschentüchern hervorgeholt hatte. Hermine drehte sich zur Seite und strahlte Harry an; auch ihre Augen waren voller Tränen.
»… dann seid ihr hiermit im Leben vereint.«
Der Zauberer mit den büscheligen Haaren hob seinen Zauberstab hoch über die Köpfe von Bill und Fleur, und ein silberner Sternenschauer überrieselte sie und wand sich spiralförmig um ihre jetzt eng umschlungenen Gestalten. Fred und George klatschten als Erste los, und stürmischer Beifall folgte, während die goldenen Ballons über den Köpfen platzten: Paradiesvögel und goldene Glöckchen flogen und schwebten daraus hervor und stimmten zwitschernd und bimmelnd in den lauten Trubel ein.
»Meine Damen und Herren!«, rief der Zauberer mit den büscheligen Haaren. »Würden Sie sich bitte erheben!«
Alle erhoben sich, Tantchen Muriel hörbar murrend; er schwang seinen Zauberstab. Die Stühle, auf denen sie gesessen hatten, stiegen elegant in die Höhe, und die seitlichen Leinwände des Zeltes verschwanden, so dass sie nun unter einem Baldachin standen, der von goldenen Pfosten getragen wurde, mit einem herrlichen Blick über den sonnenbeschienenen Obstgarten und das umliegende Land. Gleich darauf verbreitete sich von der Zeltmitte her eine Lache aus flüssigem Gold und bildete eine schimmernde Tanzfläche; die schwebenden Stühle gruppierten sich um kleine, weiß gedeckte Tische, alles sank elegant wieder zu Boden, rund um die Tanzfläche herum, und die Band mit den goldenen Jacketts marschierte zu einem Podium.
»Scharf«, sagte Ron beifällig, als nun von allen Seiten her die Kellner auftauchten, manche mit Silbertabletts voller Kürbissaft, Butterbier und Feuerwhisky, andere mit schwankenden Bergen von Törtchen und Sandwiches.
»Wir sollten hingehen und ihnen Glück wünschen!«, sagte Hermine, die auf Zehenspitzen stand und zu der Stelle hinüberspähte, wo Bill und Fleur in einer Traube von Gratulanten verschwunden waren.
»Dazu haben wir später noch Zeit«, erwiderte Ron achselzuckend, griff sich drei Butterbiere von einem vorbeischwebenden Tablett und gab eines Harry. »Hermine, los, schnappen wir uns einen Tisch … nicht da! Möglichst weit weg von Muriel –«
Ron führte sie über die leere Tanzfläche, wobei er immer wieder nach links und rechts sah: Harry war sicher, dass er nach Krum Ausschau hielt. Als sie die andere Seite des Zeltes erreicht hatten, waren die meisten Tische besetzt. Der leerste war der, an dem Luna allein saß.
»Was dagegen, wenn wir uns zu dir setzen?«, fragte Ron.
»Überhaupt nicht«, sagte sie erfreut. »Daddy ist gerade weggegangen, um Bill und Fleur unser Geschenk zu geben.«
»Was ist es denn, ein Gutschein für Spulenwurzeln auf Lebenszeit?«, fragte Ron.
Hermine trat unter dem Tisch nach ihm, erwischte aber stattdessen Harry. Der Schmerz trieb Harry Tränen in die Augen, so dass er kurz der Unterhaltung nicht folgen konnte.
Die Band hatte zu spielen begonnen. Bill und Fleur betraten unter großem Beifall als Erste die Tanzfläche; wenig später führte Mr Weasley Madame Delacour zum Tanz, ihnen folgten Mrs Weasley und Fleurs Vater.
»Ich mag dieses Lied«, sagte Luna und wiegte sich im Takt der walzerartigen Melodie, und nach ein paar Sekunden stand sie auf und schwebte auf die Tanzfläche, wo sie sich auf der Stelle drehte, ganz allein, mit geschlossenen Augen und schwingenden Armen.
»Sie ist großartig, nicht?«, sagte Ron bewundernd. »Echt ’ne Nummer.«
Doch mit einem Schlag verschwand das Lächeln aus seinem Gesicht: Viktor Krum hatte sich auf Lunas leeren Stuhl fallen lassen. Hermine schien auf angenehme Weise verwirrt, doch diesmal war Krum nicht gekommen, um ihr Komplimente zu machen. Mit finsterer Miene sagte er: »Wer ist diese Mann in dem Gelb?«
»Das ist Xenophilius Lovegood, er ist der Vater einer Freundin von uns«, sagte Ron. Sein bissiger Ton gab zu verstehen, dass sie nicht über Xenophilius lachen würden, obwohl er deutlich provozierend wirkte. »Komm tanzen«, fügte Ron abrupt an Hermine gewandt hinzu.
Sie sah überrascht aus, aber auch erfreut, und erhob sich: Gemeinsam verschwanden sie in dem wachsenden Gedränge auf der Tanzfläche.
»Ah, die sind jetzt zusammen?«, fragte Krum, kurz abgelenkt.
»Ähm – irgendwie schon«, sagte Harry.
»Wer bist du?«, fragte Krum.
»Barny Weasley.«
Sie schüttelten sich die Hände.
»Du, Barny – kennst du diese Lovegood-Mann gutt?«
»Nein, ich sehe ihn heute zum ersten Mal. Warum?«
Krum blickte düster über seinen Drink hinweg und beobachtete Xenophilius, der auf der anderen Seite der Tanzfläche mit mehreren Hexern plauderte.
»Weil«, sagte Krum, »wenn er nicht eine Gast von Flör wäre, dann würde ich ihn duellieren, auf der Stelle, dafür, dass er diese dreckige Zeichen auf der Brust trägt.«
»Zeichen?«, sagte Harry und sah nun auch zu Xenophilius hinüber. Das seltsame dreieckige Auge schimmerte auf seiner Brust. »Warum? Was stimmt damit nicht?«
»Grindelwald. Das ist Zeichen von Grindelwald.«
»Grindelwald … der schwarze Magier, den Dumbledore besiegt hat?«
»Genau.«
Krums Kiefermuskeln arbeiteten, als würden sie etwas zermalmen, dann sagte er: »Grindelwald hat viele Menschen umgebracht, meine Großvater zum Beispiel. Natürlich war er nie mächtig in diese Land, es heißt, er fürchtete Dumbledore – und zu Recht, wenn man bedenkt, wie er erledigt wurde. Aber das –« Er deutete mit dem Finger auf Xenophilius. »Das ist sein Symbol, ich habe es sofort erkannt: Grindelwald hat es in eine Wand von Durmstrang gemeißelt, als er dort Schüler war. Ein paar Trottel haben es in ihre Bücher und auf ihre Kleider kopiert, sie wollten schockieren, sich wichtig machen – bis die von uns, denen Grindelwald Familienmitglieder genommen hat, sie eines Besseren belehrten.«
Krum knackte drohend mit den Knöcheln und schaute finster zu Xenophilius hinüber. Harry war verblüfft. Es kam ihm höchst unwahrscheinlich vor, dass Lunas Vater ein Anhänger der dunklen Künste sein sollte, und offenbar hatte niemand sonst im Zelt die dreieckige, runenartige Form wiedererkannt.
»Bist du – ähm – ganz sicher, dass es Grindelwalds –?«
»Ich irre mich nicht«, sagte Krum kühl. »Ich bin mehrere Jahre lang an diese Zeichen vorbeigegangen, ich kenne es gutt.«
»Nun ja, es wäre möglich«, sagte Harry, »dass Xenophilius gar nicht wirklich weiß, was das Symbol bedeutet. Die Lovegoods sind ziemlich … ungewöhnlich. Er könnte einfach irgendwo darauf gestoßen sein und glauben, dass es der Querschnitt vom Kopf eines Schrumpfhörnigen Schnarchkacklers oder irgend so was ist.«
»Der Querschnitt von was?«
»Also, ich weiß auch nicht, was das ist, aber anscheinend geht er mit seiner Tochter in den Ferien nach ihnen suchen …«
Harry hatte das Gefühl, dass er nicht gerade besonders gut erklärte, was es mit Luna und ihrem Vater auf sich hatte.
»Das ist sie«, sagte er und zeigte auf Luna, die immer noch allein tanzte und dabei mit den Armen um den Kopf wedelte wie jemand, der versucht Stechmücken abzuwehren.
»Warum tutt sie das?«, fragte Krum.
»Wahrscheinlich, um einen Schlickschlupf loszuwerden«, sagte Harry, der die Symptome erkannte.
Krum schien sich nicht im Klaren, ob ihn Harry veralbern wollte oder nicht. Er zog seinen Zauberstab aus dem Umhang und klopfte damit drohend auf seinen Oberschenkel; Funken stoben aus der Spitze des Stabs.
»Gregorowitsch!«, sagte Harry laut, und Krum zuckte zusammen, doch Harry war zu erregt, als dass es ihn gekümmert hätte. Beim Anblick von Krums Zauberstab hatte er sich wieder erinnert: Ollivander hatte ihn vor dem Trimagischen Turnier an sich genommen und sorgfältig geprüft.
»Was ist mit dem?«, fragte Krum argwöhnisch.
»Er ist ein Zauberstabmacher!«
»Das weiß ich«, sagte Krum.
»Er hat deinen Zauberstab gemacht! Deshalb dachte ich – Quidditch …«
Krum blickte immer argwöhnischer.
»Woher weißt du, dass Gregorowitsch meine Zauberstab gemacht hat?«
»Ich … ich hab es irgendwo gelesen, glaub ich«, sagte Harry. »In einem – einem Fan-Magazin«, fabulierte er wild und Krum schien besänftigt.
»Ich wusste nicht, dass ich jemals mit Fans über meine Zauberstab gesprochen habe«, sagte er.
»Also … ähm … wo steckt eigentlich Gregorowitsch zurzeit?«
Krum sah verwirrt aus.
»Er hat sich vor einigen Jahren zur Ruhe gesetzt. Ich war einer der Letzten, die eine Zauberstab von Gregorowitsch gekauft haben. Es sind die besten – obwohl ich natürlich weiß, dass ihr Briten viel von Ollivander haltet.«
Harry antwortete nicht. Er tat so, als würde er wie Krum den Tanzenden zusehen, doch er dachte scharf nach. Voldemort suchte also nach einem berühmten Zauberstabmacher, und Harry musste sich nicht lange den Kopf zerbrechen, warum: Der Grund dafür war sicher das, was Harrys Zauberstab in jener Nacht getan hatte, als Voldemort ihn quer über den Himmel gejagt hatte. Der Zauberstab aus Stechpalme und Phönixfeder hatte den geborgten Zauberstab besiegt, was Ollivander weder vorausgesehen noch verstanden hatte. Würde es Gregorowitsch besser wissen? War er tatsächlich fähiger als Ollivander, kannte er Geheimnisse von Zauberstäben, die Ollivander nicht kannte?
»Dieses Mädchen sieht sehr gutt aus«, sagte Krum und holte Harry damit zurück in die Wirklichkeit. Krum deutete auf Ginny, die sich eben Luna angeschlossen hatte. »Sie ist auch eine Verwandte von dir?«
»Jaah«, sagte Harry, plötzlich gereizt, »und sie hat einen Freund. Eifersüchtiger Typ. Riesenkerl. Dem kommst du besser nicht in die Quere.«
Krum grunzte.
»Wozu«, sagte er, leerte seinen Kelch und stand auf, »wozu ist man eigentlich internationaler Quidditch-Spieler, wenn alle gutt aussehende Mädchen schon vergeben sind?«
Und er schritt von dannen, während Harry sich bei einem vorbeikommenden Kellner ein Sandwich nahm und am Rand der überfüllten Tanzfläche entlangging. Er hielt Ausschau nach Ron, dem er von Gregorowitsch erzählen wollte, aber Ron tanzte mit Hermine weit entfernt in der Mitte der Tanzfläche. Harry lehnte sich an einen der goldenen Pfosten und beobachtete Ginny, die jetzt mit Freds und Georges Freund Lee Jordan tanzte, und er versuchte sich nicht über das Versprechen zu ärgern, das er Ron gegeben hatte.
Er war noch nie auf einer Hochzeit gewesen und konnte deshalb nicht beurteilen, wie ein Fest von Zauberern und Hexen sich von einem bei den Muggeln unterschied, obwohl er ziemlich sicher war, dass es bei den Muggeln keine Hochzeitstorte mit zwei nachgebildeten Phönixen darauf gab, die losflogen, wenn die Torte angeschnitten wurde, und auch keine Champagnerflaschen, die von allein durch die Menge schwebten. Als der Abend anbrach und erste Nachtfalter unter den Baldachin flatterten, den jetzt schwebende goldene Laternen beleuchteten, wurde der Trubel immer ausgelassener. Fred und George waren längst mit zwei von Fleurs Cousinen in die Dunkelheit verschwunden; Charlie, Hagrid und ein untersetzter Zauberer mit einem purpurroten Filzhut sangen in einer Ecke »Odo der Held«.
Harry streifte durch die Menge, um einem betrunkenen Onkel von Ron zu entkommen, der unsicher schien, ob Harry sein Sohn war oder nicht, als er einen alten Zauberer bemerkte, der allein an einem Tisch saß. Mit seiner weißen Haarwolke, die ein mottenzerfressener Fes bedeckte, sah er eher aus wie eine nicht mehr ganz frische Pusteblume. Harry kannte ihn von irgendwoher: Er zermarterte sich das Hirn, bis ihm plötzlich einfiel, dass es Elphias Doge war, Mitglied des Phönixordens und Autor von Dumbledores Nachruf.
Harry ging auf ihn zu.
»Darf ich mich setzen?«
»Natürlich, natürlich«, sagte Doge; er hatte eine ziemlich hohe, keuchende Stimme.
Harry beugte sich zu ihm hin.
»Mr Doge, ich bin Harry Potter.«
Doge hielt den Atem an.
»Mein lieber Junge! Arthur hat mir erzählt, dass du hier bist, getarnt … ich bin entzückt, was für eine Ehre!«
Freudig erregt schenkte Doge Harry hektisch einen Kelch Champagner ein.
»Ich wollte dir eigentlich schreiben«, flüsterte er, »nachdem Dumbledore … der Schock … und für dich, da bin ich sicher …«
Doges kleine Augen füllten sich plötzlich mit Tränen.
»Ich habe den Nachruf gelesen, den Sie für den Tagespropheten geschrieben haben«, sagte Harry. »Ich wusste nicht, dass Sie Professor Dumbledore so gut kannten.«
»Nicht besser als jeder andere«, sagte Doge und tupfte sich mit einer Serviette die Augen. »Ich kannte ihn zweifellos am längsten, wenn man Aberforth nicht mit einrechnet – und irgendwie scheinen die Leute Aberforth nie mit einzurechnen.«
»Wo wir gerade beim Tagespropheten sind … ich weiß nicht, ob Sie es gesehen haben, Mr Doge –?«
»Oh, bitte, nenn mich Elphias, guter Junge.«
»Elphias, ich weiß nicht, ob Sie das Interview gesehen haben, das Rita Kimmkorn über Dumbledore gegeben hat?«
Zornesröte trat in Doges Gesicht.
»O ja, Harry, das habe ich. Diese Frau, oder besser gesagt dieser Aasgeier, hat mich wahrhaft bis aufs Blut gequält, damit ich mit ihr rede. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich recht unhöflich wurde und sie eine vorlaute Forelle nannte, was, wie du vermutlich bemerkt hast, zu Verunglimpfungen meines Geisteszustands führte.«
»Nun«, fuhr Harry fort, »in diesem Interview deutet Rita Kimmkorn an, dass Professor Dumbledore in seiner Jugend mit den dunklen Künsten zu tun hatte.«
»Glaub kein Wort davon!«, sagte Doge sogleich. »Kein Wort, Harry! Lass es nicht zu, dass irgendetwas deine Erinnerungen an Albus Dumbledore trübt!«
Harry blickte in Doges ernstes, gequältes Gesicht und fühlte sich nicht beruhigt, sondern enttäuscht. Glaubte Doge wirklich, dass es so leicht war, dass Harry sich einfach aussuchen konnte, es nicht zu glauben? Verstand Doge Harrys Bedürfnis nicht, sicher zu sein und alles zu erfahren?
Vielleicht ahnte Doge, was in Harry vorging, denn er blickte besorgt und fuhr hastig fort: »Harry, Rita Kimmkorn ist eine schreckliche –«
Doch er wurde von einem schrillen Gegacker unterbrochen.
»Rita Kimmkorn? Oh, ich liebe sie, ich lese alles von ihr!«
Harry und Doge blickten auf und sahen Tantchen Muriel vor sich stehen, mit wippenden Hutfedern und einem Champagnerkelch in der Hand. »Sie hat ein Buch über Dumbledore geschrieben, wisst ihr!«
»Hallo, Muriel«, sagte Doge. »Ja, wir haben uns gerade darüber –«
»He, du! Gib mir deinen Stuhl, ich bin hundertsieben!«
Ein weiterer rothaariger Weasley-Cousin sprang alarmiert auf, und Tantchen Muriel schwang seinen Stuhl überraschend kraftvoll herum und ließ sich zwischen Doge und Harry darauf niederplumpsen.
»Da bist du ja wieder, Barry, oder wie immer du heißt«, sagte sie zu Harry. »Nun, was wolltest du über Rita Kimmkorn sagen, Elphias? Du weißt, dass sie eine Biographie von Dumbledore geschrieben hat? Ich kann es kaum erwarten, sie zu lesen, ich darf nicht vergessen, sie bei Flourish & Blotts zu bestellen!«
Doge machte bei diesen Worten eine starre und ernste Miene, aber Tantchen Muriel leerte ihren Kelch, schnipste mit ihren knochigen Fingern nach einem vorbeigehenden Kellner und ließ sich einen neuen geben. Sie nahm einen neuerlichen großen Schluck Champagner, rülpste und sagte dann: »Ihr braucht nicht wie ein Paar ausgestopfter Frösche zu gucken! Bevor Albus so respektiert und respektabel wurde und all der Quark, gab es einige enorm komische Gerüchte über ihn!«
»Haltlose und hinterhältige Gerüchte«, sagte Doge und lief wieder radieschenrot an.
»War klar, dass du das sagst, Elphias«, gackerte Tantchen Muriel. »Mir ist nicht entgangen, wie du in deinem Nachruf die tückischen Stellen umkurvt hast!«
»Ich bedaure, dass du so denkst«, sagte Doge noch kühler. »Ich versichere dir, dass ich aufrichtig geschrieben habe.«
»Oh, wir wissen alle, dass du Dumbledore vergöttert hast; ich vermute, dass du ihn sogar dann noch für einen Heiligen halten wirst, wenn sich tatsächlich herausstellt, dass er seine Schwester, diese Squib, um die Ecke gebracht hat!«
»Muriel!«, rief Doge.
Ein Kältegefühl, das nichts mit dem eisgekühlten Champagner zu tun hatte, stahl sich in Harrys Brust.
»Was soll das heißen?«, fragte er Muriel. »Wer hat behauptet, dass seine Schwester eine Squib war? Ich dachte, sie war krank?«
»Da lagst du allerdings falsch, Barry!«, sagte Tantchen Muriel, offenbar entzückt über die Wirkung, die sie erzielt hatte. »Und überhaupt, wie konntest du glauben, dass du irgendetwas darüber weißt? Das alles geschah, viele, viele Jahre bevor man überhaupt an dich dachte, mein Lieber, und Tatsache ist, dass die von uns, die damals schon lebten, nie erfuhren, was wirklich geschah. Darum kann ich es kaum erwarten, herauszufinden, was Kimmkorn ausgegraben hat! Dumbledore hat diese Schwester von ihm lange Zeit geheim gehalten!«
»Falsch!«, stieß Doge keuchend hervor. »Vollkommen falsch!«
»Er hat mir nie erzählt, dass seine Schwester eine Squib war«, sagte Harry, ohne nachzudenken, und nach wie vor war ihm kalt ums Herz.
»Und warum, zum Henker, sollte er es dir erzählen?«, kreischte Muriel und schwankte ein wenig auf ihrem Stuhl, als sie versuchte Harry scharf zu fixieren.
»Der Grund, weshalb Albus nie über Ariana sprach«, begann Elphias und seine Stimme war steif vor Ergriffenheit, »ist, wie ich meinen würde, ganz offensichtlich. Ihr Tod hat ihn so erschüttert –«
»Warum hat niemand sie je gesehen, Elphias?«, keifte Muriel. »Warum hat die halbe Welt nicht mal gewusst, dass es sie gab, bis man den Sarg aus dem Haus trug und ihr ein Begräbnis bereitete? Wo war der heilige Albus, während Ariana im Keller eingesperrt war? Auf und davon in Hogwarts, um dort zu brillieren, ganz gleich was in seinem eigenen Haus vor sich ging!«
»Was soll das heißen: ›im Keller eingesperrt‹?«, fragte Harry. »Was hat das zu bedeuten?«
Doge sah deprimiert aus. Tantchen Muriel gackerte erneut und antwortete Harry.
»Dumbledores Mutter war eine schreckliche Frau, einfach schrecklich. Muggelstämmig, obwohl ich gehört habe, dass sie das Gegenteil vortäuschte –«
»Sie hat nie etwas Derartiges vorgetäuscht! Kendra war eine großartige Frau«, flüsterte Doge kläglich, aber Tantchen Muriel ignorierte ihn.
»– stolz und sehr herrisch, die Sorte Hexe, die es wohl als tödliche Schande empfand, eine Squib zu gebären –«
»Ariana war keine Squib!«, keuchte Doge.
»Das behauptest du, Elphias, aber dann erklär mal, warum sie nie nach Hogwarts gegangen ist!«, sagte Tantchen Muriel. Sie wandte sich wieder an Harry. »Zu unserer Zeit wurde die Existenz von Squibs oft vertuscht. Es allerdings so weit zu treiben, dass man tatsächlich ein kleines Mädchen im Haus gefangen hält und so tut, als würde es nicht existieren –«
»Ich versichere dir, das ist nicht geschehen!«, sagte Doge, aber Tantchen Muriel rollte wie eine Dampfwalze weiter, wobei sie immer noch an Harry gewandt sprach.
»Squibs hat man normalerweise in Muggelschulen verfrachtet und ermuntert, sich in die Gesellschaft der Muggel einzugliedern … viel netter, als wenn man versucht hätte, einen Platz in der Zaubererwelt für sie zu finden, wo sie immer zweitklassig sein müssen; aber natürlich hätte Kendra Dumbledore nicht im Traum daran gedacht, ihre Tochter auf eine Muggelschule gehen zu lassen –«
»Ariana war von zarter Natur!«, sagte Doge verzweifelt. »Es ging ihr gesundheitlich immer zu schlecht, als dass man ihr hätte erlauben können –«
»Erlauben können, das Haus zu verlassen?«, gackerte Muriel. »Und trotzdem wurde sie nie ins St. Mungo gebracht und kein Heiler wurde jemals zu ihr gerufen!«
»Ich muss schon sagen, Muriel, du kannst doch unmöglich wissen, ob –«
»Nur zu deiner Information, Elphias, mein Cousin Lancelot war zu dieser Zeit Heiler im St. Mungo, und er hat meiner Familie höchst vertraulich gesagt, dass man Ariana nie dort gesehen hat. Alles äußerst verdächtig, meinte Lancelot!«
Doge wirkte den Tränen nahe. Tantchen Muriel, die sich prächtig zu amüsieren schien, schnalzte mit den Fingern nach mehr Champagner. Benommen dachte Harry daran, wie die Dursleys ihn einst eingesperrt hatten, ihn weggeschlossen, vor den anderen verborgen hatten, alles für das Verbrechen, ein Zauberer zu sein. Hatte Dumbledores Schwester das gleiche Schicksal erlitten, nur umgekehrt: eingesperrt, weil sie keine magischen Kräfte besaß? Und hatte Dumbledore sie wirklich ihrem Schicksal überlassen, während er nach Hogwarts ging, um zu beweisen, wie brillant und talentiert er war?
»Nun, wenn Kendra nicht als Erste gestorben wäre«, begann Muriel von neuem, »dann hätte ich gesagt, dass sie es war, die Ariana erledigt hat –«
»Wie kannst du nur, Muriel?«, stöhnte Doge. »Eine Mutter, die ihre eigene Tochter umbringt? Bedenke, was du da sagst!«
»Wenn die fragliche Mutter dazu fähig war, ihre Tochter jahrelang ununterbrochen einzusperren, warum nicht?«, erwiderte Tantchen Muriel achselzuckend. »Aber wie gesagt, es passt ja nicht, weil Kendra vor Ariana gestorben ist – woran, wusste offenbar nie jemand genau –«
»Oh, zweifellos hat Ariana sie ermordet«, sagte Doge in einem tapferen Versuch, Muriel zu verspotten. »Warum nicht?«
»Ja, Ariana könnte verzweifelt versucht haben, sich zu befreien, und Kendra bei diesem Kampf getötet haben«, sagte Tantchen Muriel nachdenklich. »Da kannst du ruhig den Kopf schütteln, Elphias! Du warst bei Arianas Begräbnis dabei, nicht wahr?«
»Ja, allerdings«, sagte Doge mit zitternden Lippen. »Und ich kann mich an kein erschütternderes und traurigeres Ereignis erinnern. Albus’ Herz war gebrochen –«
»Sein Herz war nicht das Einzige. Hat Aberforth ihm nicht mitten in der Trauerfeier die Nase gebrochen?«
Wenn Doge zuvor entsetzt gewirkt hatte, dann war das nichts im Vergleich dazu, wie er jetzt aussah. Als ob Muriel ihm einen Messerstich verpasst hätte. Sie gackerte laut und nahm noch einen kräftigen Schluck Champagner, der ihr das Kinn hinabrann.
»Wie kannst du –?«, krächzte Doge.
»Meine Mutter war mit der alten Bathilda Bagshot befreundet«, sagte Tantchen Muriel heiter. »Bathilda hat Mutter die ganze Sache geschildert, während ich an der Tür lauschte. Eine Prügelei am offenen Grab! So wie Bathilda es erzählte, hat Aberforth geschrien, dass Albus allein die Schuld an Arianas Tod trage, und ihm dann ins Gesicht geschlagen. Laut Bathilda verteidigte Albus sich nicht einmal, und das ist an sich schon merkwürdig genug, Albus hätte Aberforth in einem Duell mit auf den Rücken gebundenen Händen vernichten können.«
Muriel kippte noch mehr Champagner hinunter. Diese alten Skandale aufzuwärmen beschwingte sie offenbar so sehr, wie sie Doge mit Schrecken erfüllten. Harry wusste nicht, was er denken, was er glauben sollte: Er wollte die Wahrheit wissen, und doch tat Doge nichts weiter, als dazusitzen und leise zu wimmern, dass Ariana krank gewesen sei. Harry konnte kaum glauben, dass Dumbledore nicht eingegriffen hätte, wenn etwas so Grausames in seinem eigenen Haus passiert wäre, und doch war zweifellos etwas Sonderbares an der Geschichte.
»Und ich werde euch noch etwas anderes erzählen«, sagte Muriel und setzte mit einem kleinen Hickser ihren Kelch ab. »Ich glaube, Bathilda hat Rita Kimmkorn gegenüber ausgepackt. All diese Andeutungen in Kimmkorns Interview über eine wichtige Quelle, die den Dumbledores nahestand – wer weiß, sie war während dieser ganzen Ariana-Geschichte dort, und es würde passen!«
»Bathilda würde nie mit Rita Kimmkorn sprechen!«, flüsterte Doge.
»Bathilda Bagshot?«, sagte Harry. »Die Autorin der Geschichte der Zauberei?«
Der Name stand auf einem von Harrys Schulbüchern, doch zugegebenermaßen gehörte es nicht zu denen, die er am aufmerksamsten gelesen hatte.
»Ja«, sagte Doge und klammerte sich an Harrys Frage wie ein Ertrinkender an einen Rettungsring. »Eine höchst begabte magische Historikerin und eine alte Freundin von Albus.«
»Heute ziemlich plemplem, hab ich gehört«, sagte Tantchen Muriel fröhlich.
»Wenn das stimmt, dann ist es umso niederträchtiger von Kimmkorn, sie ausgenutzt zu haben«, sagte Doge, »und man kann nichts von dem, was Bathilda gesagt haben mag, für bare Münze nehmen!«
»Oh, es gibt Methoden, Erinnerungen zurückzuholen, und ich bin sicher, dass Rita Kimmkorn sie alle kennt«, sagte Tantchen Muriel. »Aber selbst wenn Bathilda völlig bekloppt ist, hat sie bestimmt immer noch alte Fotos, vielleicht sogar Briefe. Sie kannte die Dumbledores schon seit vielen Jahren … eine Reise nach Godric’s Hollow war’s durchaus wert, würde ich meinen.«
Harry, der gerade an einem Butterbier genippt hatte, verschluckte sich. Doge schlug ihm auf den Rücken, während Harry hustete und mit tränenden Augen zu Tantchen Muriel sah. Als Harry seine Stimme wiederhatte, fragte er: »Bathilda Bagshot lebt in Godric’s Hollow?«
»O ja, schon seit einer Ewigkeit! Die Dumbledores sind dort hingezogen, nachdem Percival ins Gefängnis gekommen war, und sie war ihre Nachbarin.«
»Die Dumbledores haben in Godric’s Hollow gelebt?«
»Ja, Barry, wie ich eben schon sagte«, entgegnete Tantchen Muriel unwirsch.
Harry fühlte sich ausgepumpt, leer. Nicht ein einziges Mal, in sechs Jahren, hatte Dumbledore Harry erzählt, dass sie beide in Godric’s Hollow gelebt und geliebte Menschen dort verloren hatten. Warum? Lagen Lily und James nahe bei Dumbledores Mutter und Schwester begraben? Hatte Dumbledore ihre Gräber besucht, war er dabei vielleicht an denen von Lily und James vorbeigegangen? Und er hatte es Harry nie erzählt … es nie für erwähnenswert gehalten …
Und warum es so wichtig war, konnte Harry nicht erklären, nicht einmal sich selbst, doch er spürte, dass es einer Lüge gleichkam, ihm nicht zu sagen, dass sie diesen Ort und diese Erfahrungen miteinander gemein hatten. Er starrte vor sich hin, bemerkte kaum, was um ihn herum geschah, und nahm nicht wahr, dass Hermine aus dem Gedränge aufgetaucht war, bis sie einen Stuhl an seine Seite zog.
»Ich kann einfach nicht mehr tanzen«, keuchte sie, streifte einen ihrer Schuhe ab und rieb sich die Fußsohle. »Ron ist mehr Butterbier holen gegangen. Es ist schon ein bisschen komisch, eben habe ich Viktor gesehen, wie er von Lunas Vater weggestürmt ist, es sah aus, als ob sie gestritten hätten –« Sie senkte die Stimme und starrte ihn an. »Harry, alles okay mit dir?«
Harry wusste nicht, wo er anfangen sollte, aber es spielte keine Rolle. In diesem Moment fiel etwas Großes und Silbernes durch den Baldachin über der Tanzfläche. Graziös und schimmernd landete der Luchs leichtfüßig inmitten der verblüfften Tänzer. Köpfe wandten sich ihm zu, und die Gäste, die ihm am nächsten waren, erstarrten mitten im Tanz in grotesken Stellungen. Dann öffnete der Patronus weit das Maul und sprach mit der lauten, tiefen und langsamen Stimme von Kingsley Shacklebolt.
»Das Ministerium ist gefallen. Scrimgeour ist tot. Sie kommen.«
Ein Versteck
Alles schien verschwommen, langsam. Harry und Hermine sprangen auf und zogen ihre Zauberstäbe. Viele erkannten erst jetzt, dass etwas Merkwürdiges geschehen war; als die silberne Katze verschwand, drehten sich immer noch Köpfe nach ihr um. Stille breitete sich in kalten Wellen von dort aus, wo der Patronus gelandet war. Dann schrie jemand auf.
Harry und Hermine stürzten sich in die panische Menge. Gäste stoben in alle Richtungen davon; viele disapparierten; die Schutzzauber rund um den Fuchsbau waren gebrochen.
»Ron!«, schrie Hermine. »Ron, wo bist du?«
Während sie sich einen Weg über die Tanzfläche bahnten, sah Harry maskierte Gestalten in Kapuzenumhängen in der Menge auftauchen; dann sah er Lupin und Tonks, beide mit erhobenem Zauberstab, er hörte sie »Protego!« rufen, und rundum taten es ihnen andere nach –
»Ron! Ron!«, schrie Hermine, fast schluchzend, während sie und Harry von verängstigten Gästen angerempelt wurden: Harry packte ihre Hand, um sicherzugehen, dass sie sich nicht verloren, als ein Lichtstrahl über ihre Köpfe hinwegjagte, ob ein Schutzzauber oder etwas Finsteres, wusste Harry nicht –
Und dann war Ron da. Er ergriff Hermines freien Arm, und Harry spürte, wie sie sich auf der Stelle drehte; eine plötzlich über ihn hereinbrechende Dunkelheit erstickte Licht und Lärm; er spürte nur noch Hermines Hand, während er durch Zeit und Raum gepresst wurde, fort vom Fuchsbau, fort von den herabsteigenden Todessern, vielleicht fort von Voldemort selbst …
»Wo sind wir?«, sagte Rons Stimme.
Harry öffnete die Augen. Einen Moment lang dachte er, sie hätten die Hochzeit gar nicht verlassen: Offenbar waren immer noch überall Menschen.
»Tottenham Court Road«, keuchte Hermine. »Weitergehen, einfach weitergehen, wir müssen irgendetwas finden, wo ihr euch umziehen könnt.«
Harry tat, was sie verlangte. Halb gehend, halb rennend eilten sie unter funkelnden Sternen die breite, dunkle Straße entlang, an Trauben von Nachtschwärmern und geschlossenen Geschäften vorbei. Ein Doppeldeckerbus brauste vorüber, und eine Gruppe angeheiterter Kneipenbesucher gaffte nach ihnen, während sie vorbeigingen; Harry und Ron trugen immer noch ihre Festumhänge.
»Hermine, wir haben nichts anderes zum Anziehen«, sagte Ron zu ihr, als eine junge Frau bei seinem Anblick in heiseres Kichern ausbrach.
»Warum hab ich nicht daran gedacht, den Tarnumhang mitzunehmen?«, sagte Harry und fluchte insgeheim über seine Dummheit. »Das ganze letzte Jahr hatte ich ihn bei mir und –«
»Schon gut, ich hab den Umhang und ich hab Klamotten für euch beide«, sagte Hermine. »Versucht einfach, euch normal zu verhalten, bis – hier ist es gut.«
Sie führte sie in eine Seitenstraße, dann in den Schutz eines düsteren schmalen Durchgangs.
»Wenn du sagst, du hättest den Umhang und Klamotten …«, sagte Harry und sah Hermine stirnrunzelnd an, die nichts bei sich hatte außer ihrer kleinen, mit Perlen verzierten Handtasche, in der sie jetzt herumstöberte.
»Ja, sie sind hier«, sagte Hermine, und Harry und Ron waren sprachlos, als sie eine Jeans, ein Sweatshirt, ein Paar kastanienbraune Socken und schließlich den silbrigen Tarnumhang herauszog.
»Wie zum Teufel noch mal –?«
»Unaufspürbarer Ausdehnungszauber«, sagte Hermine. »Knifflig, aber ich glaub, ich hab ihn einigermaßen hinbekommen; jedenfalls hab ich es geschafft, alles, was wir brauchen, hier reinzukriegen.« Sie schüttelte kurz die zierlich wirkende Tasche, und es hallte darin wie in einem Laderaum, in dem etliche schwere Gegenstände herumrutschen. »O verdammt, das sind sicher die Bücher«, sagte sie und spähte hinein. »Und ich hatte sie doch alle nach Themen aufgestapelt … na gut … Harry, du nimmst am besten den Tarnumhang. Ron, zieh dich schnell um …«
»Wann hast du das alles gemacht?«, fragte Harry, während Ron seinen Festumhang abstreifte.
»Ich hab dir doch im Fuchsbau gesagt, dass ich die wichtigen Sachen schon seit Tagen gepackt hatte, für den Fall, dass wir rasch abhauen müssten. Deinen Rucksack hab ich heute Morgen gepackt, Harry, nachdem du dich verwandelt hattest, und ihn hier reingetan … es war nur ein Gefühl …«
»Du bist echt irre«, sagte Ron und reichte ihr seinen zusammengeknüllten Umhang.
»Danke«, sagte Hermine und brachte ein leises Lächeln zustande, als sie den Umhang in die Tasche stopfte. »Bitte, Harry, zieh endlich den Umhang über!«
Harry warf sich den Tarnumhang um die Schultern, und als er ihn über den Kopf zog, verschwand er. Erst allmählich wurde ihm bewusst, was geschehen war.
»Die anderen – all die Leute auf der Hochzeit –«
»Darüber können wir uns jetzt keine Gedanken machen«, flüsterte Hermine. »Du bist der, hinter dem sie her sind, Harry, und wir würden alle nur noch mehr in Gefahr bringen, wenn wir zurückgingen.«
»Sie hat Recht«, sagte Ron, der offenbar wusste, dass Harry gleich widersprechen wollte, obwohl er sein Gesicht nicht sehen konnte. »Fast alle vom Orden waren da, die werden sich um die Leute kümmern.«
Harry nickte, dann fiel ihm ein, dass sie ihn nicht sehen konnten, und er sagte: »Jaah.« Doch er dachte an Ginny und Angst schäumte wie Säure in seinem Magen.
»Kommt, ich glaube, wir sollten weiter«, sagte Hermine.
Sie kehrten durch die Seitenstraße zurück auf die große Straße, wo auf der anderen Seite einige Männer sangen und im Zickzack über den Bürgersteig liefen.
»Rein aus Neugier, warum gerade Tottenham Court Road?«, fragte Ron Hermine.
»Ich hab keine Ahnung, das ist mir einfach so eingefallen, aber ich bin sicher, dass wir hier draußen in der Muggelwelt weniger in Gefahr sind, die erwarten nicht, dass wir hier sind.«
»Stimmt«, sagte Ron und sah sich um, »aber fühlst du dich nicht ein bisschen – ungeschützt?«
»Wo können wir sonst hin?«, fragte Hermine und zuckte zusammen, als die Männer auf der anderen Straßenseite anfingen, ihr hinterherzupfeifen. »Wir können ja wohl kaum Zimmer im Tropfenden Kessel mieten, oder? Und der Grimmauldplatz kommt nicht in Frage, wenn Snape da reinkann … Wir könnten es vielleicht mit dem Haus meiner Eltern probieren, aber möglicherweise kommen die Todesser, um dort nachzusehen … oh, wenn die nur endlich die Klappe halten würden!«
»Alles klar, Süße?«, schrie der betrunkenste Mann auf dem Bürgersteig gegenüber. »Lust auf ’n Drink? Gib dem Rotfuchs den Laufpass und komm mit auf ’n Bier!«
»Am besten, wir setzen uns mal irgendwo rein«, sagte Hermine rasch, als Ron den Mund aufmachte, um über die Straße zurückzubrüllen. »Seht mal, das hier ist gut, los, hinein!«
Es war ein kleines, heruntergekommenes Nachtcafé. Eine dünne Fettschicht lag auf allen Resopaltischen, doch es war zumindest leer. Harry rutschte als Erster auf eine Sitzbank, und Ron nahm neben ihm und gegenüber von Hermine Platz, die es gar nicht mochte, mit dem Rücken zum Eingang zu sitzen: Sie blickte so oft über die Schulter, dass es aussah, als würde sie unter einem nervösen Zucken leiden. Harry behagte das Sitzen nicht; beim Gehen hatte er sich vormachen können, dass sie ein Ziel hatten. Unter dem Tarnumhang konnte er spüren, wie die letzten Reste des Vielsaft-Tranks ihre Wirkung verloren, seine Hände nahmen wieder ihre normale Länge und Form an. Er zog seine Brille aus der Tasche und setzte sie auf.
Nach ein oder zwei Minuten sagte Ron: »Wir sind hier nicht weit weg vom Tropfenden Kessel, wisst ihr, der ist gerade mal in der Charing Cross –«
»Ron, das geht nicht!«, sagte Hermine sofort.
»Nicht um dort zu bleiben, sondern um rauszufinden, was los ist!«
»Wir wissen, was los ist! Voldemort hat das Ministerium erobert, was müssen wir sonst noch wissen?«
»Okay, okay, es war nur ’ne Idee!«
Sie verfielen erneut in ein angespanntes Schweigen. Die Kaugummi kauende Bedienung schlurfte herüber und Hermine bestellte zwei Cappuccino: Da Harry unsichtbar war, hätte es komisch gewirkt, auch für ihn einen zu bestellen. Zwei stämmige Arbeiter betraten das Café und quetschten sich auf die benachbarte Sitzgruppe. Hermine senkte die Stimme und flüsterte.
»Ich würde sagen, wir suchen uns einen ruhigen Platz zum Disapparieren und verschwinden aufs Land. Wenn wir dort sind, können wir dem Orden eine Nachricht schicken.«
»Du kriegst das also hin mit diesem sprechenden Patronus?«, fragte Ron.
»Ich denk schon, ich hab geübt«, sagte Hermine.
»Von mir aus, solange die dadurch nicht in Schwierigkeiten geraten, aber vielleicht sind sie ja auch schon verhaftet«, sagte Ron. »Gott, ist das widerlich«, fügte er nach einem kleinen Schluck von dem schaumigen, gräulichen Kaffee hinzu. Die Bedienung hatte es gehört; sie warf Ron einen bösen Blick zu, während sie davonschlurfte, um die Bestellungen der neuen Gäste aufzunehmen. Der größere der beiden Arbeiter, der blond und ziemlich hünenhaft war, wie Harry jetzt erst bemerkte, scheuchte sie weg. Sie starrte beleidigt zurück.
»Lasst uns mal gehen, ich will diese Brühe nicht trinken«, sagte Ron. »Hermine, hast du Muggelgeld, um das zu bezahlen?«
»Ja, ich hab mein ganzes Bausparkonto geleert, bevor ich zum Fuchsbau kam. Ich wette, das Kleingeld ist ganz unten«, seufzte Hermine und griff nach ihrer Perlentasche.
Die Arbeiter machten beide dieselbe Bewegung, und Harry ahmte sie ganz automatisch nach: Alle drei zogen ihre Zauberstäbe. Ron, der ein paar Sekunden brauchte, bis er begriffen hatte, was los war, warf sich über den Tisch und stieß Hermine auf ihrer Bank um. Die Wucht der Todesserflüche zertrümmerte die geflieste Wand, dort, wo eben noch Rons Kopf gewesen war, und Harry schrie, immer noch unsichtbar: »Stupor!«
Ein roter Lichtstrahl traf den großen blonden Todesser im Gesicht: Er sackte ohnmächtig zur Seite. Sein Begleiter, der nicht sehen konnte, von wem der Fluch gekommen war, feuerte einen weiteren auf Ron: Glänzende schwarze Seile flogen aus der Spitze seines Zauberstabs und fesselten Ron am ganzen Körper – die Bedienung schrie und rannte zur Tür – Harry schoss einen weiteren Schockzauber auf den Todesser mit dem verzerrten Gesicht ab, der Ron gefesselt hatte, doch er verfehlte ihn, prallte am Fenster ab und traf die Bedienung, die an der Tür zusammenbrach.
»Expulso!«, brüllte der Todesser, und der Tisch, hinter dem Harry stand, flog in die Luft: Die Wucht der Explosion schmetterte ihn gegen die Wand, und er spürte, wie ihm der Zauberstab aus der Hand fiel und ihm der Tarnumhang herunterrutschte.
»Petrificus Totalus!«, kreischte Hermine von irgendwoher, und der Todesser kippte wie eine Statue mit einem dumpfen Knirschen vornüber auf das Durcheinander aus Porzellanscherben, Tischsplittern und Kaffee. Hermine kroch unter der Bank hervor, am ganzen Leib zitternd, und schüttelte sich Scherben von einem gläsernen Aschenbecher aus den Haaren.
»D-Diffindo«, sagte sie und richtete dabei ihren Zauberstab auf Ron, der vor Schmerz schrie, weil sie seine Jeans am Knie aufschlitzte, was einen tiefen Schnitt hinterließ. »Oh, tut mir so leid, Ron, meine Hand zittert! Diffindo!«
Die durchgetrennten Seile fielen von ihm ab. Ron stand auf und schüttelte seine Arme, um die Taubheit loszuwerden. Harry hob seinen Zauberstab auf und stieg über den ganzen Schutt zu dem großen blonden Todesser hinüber, der ausgestreckt über der Bank lag.
»Ich hätte ihn erkennen müssen, er war dabei in der Nacht, als Dumbledore starb«, sagte er. Er drehte den dunkleren Todesser mit dem Fuß um; die Augen des Mannes zuckten rasch zwischen Harry, Ron und Hermine hin und her.
»Das ist Dolohow«, sagte Ron. »Ich erkenne ihn von den alten Fahndungsplakaten her. Ich glaube, der Große ist Thorfinn Rowle.«
»Ist doch egal, wie sie heißen!«, sagte Hermine ein wenig hysterisch. »Wie konnten die uns finden? Was sollen wir jetzt tun?«
Ihre Panik schien auf irgendeine Art zu bewirken, dass Harry einen klaren Kopf bekam.
»Schließ die Tür ab«, sagte er, »und Ron, mach die Lichter aus.«
Er blickte hinunter auf den gelähmten Dolohow und überlegte rasch, während das Türschloss zuschnappte und Ron das Café mit dem Deluminator in Dunkelheit tauchte. Aus der Ferne konnte Harry die Männer hören, die vorher Hermine verhöhnt hatten und nun ein anderes Mädchen anschrien.
»Was machen wir mit denen?«, flüsterte Ron im Dunklen Harry zu; dann sagte er, noch leiser: »Sie töten? Die würden uns auch töten. Eben waren sie kurz davor.«
Hermine schauderte und trat einen Schritt zurück. Harry schüttelte den Kopf.
»Wir müssen nur ihre Gedächtnisse löschen«, sagte Harry. »Das ist besser, es wird sie von der Fährte ablenken. Wenn wir sie umbringen würden, wäre es offensichtlich, dass wir hier waren.«
»Du bist der Chef«, sagte Ron und klang äußerst erleichtert. »Aber ich hab noch nie einen Gedächtniszauber ausgeführt.«
»Ich auch nicht«, sagte Hermine, »aber ich kann es theoretisch.«
Sie nahm einen tiefen, beruhigenden Atemzug, dann richtete sie ihren Zauberstab auf Dolohows Stirn und sagte: »Amnesia.«
Dolohows Blick wurde sofort verschwommen und träumerisch.
»Bestens!«, sagte Harry und klopfte ihr auf die Schulter. »Kümmer dich um den anderen und die Bedienung, Ron und ich räumen inzwischen auf.«
»Aufräumen?«, sagte Ron und sah sich in dem halb demolierten Café um. »Wieso?«
»Meinst du nicht, dass die sich fragen könnten, was passiert ist, wenn sie an einem Ort aufwachen, wo es aussieht, als hätte gerade eine Bombe eingeschlagen?«
»O ja, stimmt …«
Ron hatte einen Augenblick damit zu tun, seinen Zauberstab aus der Tasche zu ziehen.
»Kein Wunder, dass ich ihn nicht rauskriege, Hermine, du hast meine alte Jeans eingepackt, die ist zu eng.«
»Oh, das tut mir aber leid«, fauchte Hermine, und während sie die Kellnerin aus dem Sichtbereich der Fenster schleifte, hörte Harry, wie sie leise murmelnd vorschlug, wo Ron seinen Zauberstab sonst noch hinstecken könnte.
Sobald das Café wieder in seinem alten Zustand war, hievten sie die Todesser zurück an ihren Tisch und stützten sie so ab, dass sie einander gegenübersaßen.
»Wie haben die uns nur gefunden?«, fragte Hermine und sah von dem einen reglosen Mann zum anderen. »Woher wussten die, wo wir sind?«
Sie wandte sich zu Harry um.
»Du – du glaubst doch nicht, dass du immer noch die Spur auf dir hast, Harry?«
»Das kann nicht sein«, sagte Ron. »Die Spur löst sich, wenn man siebzehn wird, das ist magisches Gesetz, man kann sie keinem Erwachsenen auferlegen.«
»Soweit du weißt«, sagte Hermine. »Und wenn die Todesser nun einen Weg gefunden haben, sie auf einen Siebzehnjährigen zu legen?«
»Aber Harry war in den letzten vierundzwanzig Stunden nicht in der Nähe eines Todessers. Wer sollte ihn denn wieder mit einer Spur belegt haben?«
Hermine antwortete nicht. Harry fühlte sich verseucht, befleckt: Hatten die Todesser ihn wirklich auf diese Weise gefunden?
»Wenn ich nicht zaubern kann und ihr nicht in meiner Nähe zaubern könnt, ohne dass wir unseren Standort verraten …«, begann er.
»Wir trennen uns nicht!«, sagte Hermine entschieden.
»Wir brauchen ein sicheres Versteck«, sagte Ron. »Wo wir in Ruhe über alles nachdenken können.«
»Grimmauldplatz«, sagte Harry.
Den beiden anderen blieb der Mund offen stehen.
»Sei nicht albern, Harry, da kann Snape doch rein!«
»Rons Dad meinte, sie hätten Flüche gegen ihn in Stellung gebracht – und selbst wenn die nicht funktioniert haben«, fuhr er hastig fort, als Hermine widersprechen wollte, »was soll’s? Ich schwöre, mir wäre nichts lieber, als Snape zu treffen!«
»Aber –«
»Was bleibt uns denn anderes übrig, Hermine? Eine bessere Möglichkeit gibt es nicht. Snape ist nur ein einzelner Todesser. Wenn ich die Spur immer noch auf mir habe, dann sind sie scharenweise hinter uns her, ganz gleich wo wir sonst hingehen.«
Sie konnte nicht widersprechen, auch wenn sie so aussah, als ob sie es gerne getan hätte. Als sie die Tür des Cafés aufschloss, ließ Ron den Deluminator klicken, um die Beleuchtung wieder freizugeben. Dann zählte Harry bis drei, sie lösten die Zauber von ihren drei Opfern, und noch ehe die Bedienung oder irgendeiner der beiden Todesser mehr als eine müde Bewegung machen konnten, hatten sich Harry, Ron und Hermine auf der Stelle gedreht und waren in der drückenden Dunkelheit verschwunden.
Sekunden später dehnte sich Harrys Lunge dankbar aus und er öffnete die Augen: Sie standen jetzt in der Mitte eines vertrauten kleinen und heruntergekommenen Platzes. Rundum ragten schäbige Häuser in die Höhe. Sie konnten Nummer zwölf sehen, denn Dumbledore, der Geheimniswahrer, hatte ihnen von der Existenz des Hauses erzählt, und schritten nun eilig darauf zu, wobei sie sich alle paar Meter vergewisserten, dass sie nicht verfolgt oder beobachtet wurden. Sie sprangen die Steinstufen hoch und Harry klopfte mit seinem Zauberstab ein Mal gegen die Haustür. Sie hörten mehrere metallische Klickgeräusche und das Rasseln einer Kette, dann schwang die Tür knarrend auf, und sie traten hastig über die Schwelle.
Als Harry die Tür hinter ihnen schloss, sprangen die altmodischen Gaslaternen an und warfen ihr flackerndes Licht durch die Eingangshalle. Hier sah es genauso aus, wie Harry es in Erinnerung hatte: unheimlich, voller Spinnweben, die Silhouetten der Hauselfenköpfe an der Wand warfen seltsame Schatten die Treppe hinauf. Lange, dunkle Vorhänge verdeckten das Porträt von Sirius’ Mutter. Nur der Schirmständer aus einem Trollbein war nicht an seinem Platz, sondern lag seitlich auf dem Boden, als hätte Tonks ihn eben wieder umgestoßen.
»Ich glaube, hier war jemand«, flüsterte Hermine und deutete auf den Schirmständer.
»Das ist vielleicht passiert, als der Orden hier rausgegangen ist«, erwiderte Ron leise.
»Wo sind jetzt diese Flüche, die sie gegen Snape in Stellung gebracht haben?«, fragte Harry.
»Vielleicht werden sie nur ausgelöst, wenn er auftaucht?«, überlegte Ron.
Dennoch blieben sie eng zusammen auf der Türmatte stehen, mit dem Rücken zur Tür, voller Angst, weiter ins Haus hineinzugehen.
»Also, ewig können wir hier nicht bleiben«, sagte Harry und machte einen Schritt vorwärts.
»Severus Snape?«
Mad-Eye Moodys Stimme flüsterte aus der Dunkelheit und alle drei sprangen vor Schreck zurück. »Wir sind nicht Snape!«, krächzte Harry, bis etwas über ihn hinwegzischte wie ein kalter Luftzug und seine Zunge sich umstülpte, so dass er nicht mehr sprechen konnte. Aber noch bevor er in seine Mundhöhle tasten konnte, hatte sich seine Zunge wieder gelöst.
Die beiden anderen hatten offenbar das gleiche unangenehme Erlebnis gehabt. Ron machte Würgelaute; Hermine stammelte: »Das m-muss der Zunge-Fessel-Fluch g-gewesen sein, den Mad-Eye für Snape eingerichtet hat!«
Behutsam machte Harry noch einen Schritt vorwärts. In den Schatten am Ende der Halle bewegte sich etwas, und ehe einer von ihnen ein weiteres Wort sagen konnte, war eine Gestalt aus dem Teppich emporgewachsen, groß, staubfarben und schrecklich: Hermine schrie, genau wie Mrs Black, deren Vorhänge zur Seite flogen; die graue Gestalt glitt auf sie zu, immer schneller, mit wehendem hüftlangem Haar und Bart, das Gesicht eingefallen, fleischlos, mit leeren Augenhöhlen: Schrecklich vertraut, entsetzlich verändert, hob sie einen abgezehrten Arm und richtete ihn auf Harry.
»Nein!«, schrie Harry, und obwohl er seinen Zauberstab erhoben hatte, fiel ihm kein Zauber ein. »Nein! Wir waren es nicht! Wir haben Sie nicht getötet –«
Bei dem Wort »getötet« zerbarst die Gestalt zu einer großen Staubwolke: Hustend und mit tränenden Augen schaute Harry sich um und sah Hermine an der Tür auf dem Boden kauern, die Arme über dem Kopf, während Ron, der am ganzen Leib zitterte, ihr unbeholfen die Schulter tätschelte und sagte: »Ist schon g-gut … er ist w-weg …«
Staub wirbelte um Harry herum wie Nebel und dämpfte das blaue Gaslicht, und dann fing Mrs Black wieder an zu schreien.
»Schlammblüter, Dreck, Schandflecke, Makel der Schmach auf dem Haus meiner Väter –«
»HALT DIE KLAPPE!«, brüllte Harry und richtete seinen Zauberstab auf sie, und mit einem Knall und einem roten Funkenschauer schwangen die Vorhänge wieder zu und ließen sie verstummen.
»Das … das war …«, wimmerte Hermine, während Ron ihr auf die Beine half.
»Jaah«, sagte Harry, »aber er war es nicht wirklich, oder? Nur etwas, das Snape Angst einjagen sollte.«
Hatte die Horrorgestalt ihren Zweck erfüllt, fragte sich Harry, oder hatte Snape sie schon aus dem Weg gesprengt, so lässig, wie er den echten Dumbledore getötet hatte? Immer noch nervös ging er den anderen beiden voran in die Halle hinein und rechnete fast damit, dass ein neuer Schrecken sich offenbaren würde, doch nichts regte sich außer einer Maus, die an der Fußleiste entlanghuschte.
»Ich glaube, bevor wir noch weitergehen, sollten wir besser mal nachsehen«, flüsterte Hermine, hob ihren Zauberstab und sagte: »Homenum revelio.«
Nichts geschah.
»Na ja, du hast gerade einen schweren Schock erlitten«, sagte Ron freundlich. »Was sollte das denn bewirken?«
»Es hat bewirkt, was ich haben wollte!«, sagte Hermine ziemlich ärgerlich. »Das war ein Zauber, der die Anwesenheit von Menschen zeigt, und es ist niemand hier außer uns!«
»Und der alte Staubwedel«, sagte Ron und warf einen Blick auf die Stelle im Teppich, wo die Leichengestalt emporgestiegen war.
»Gehen wir nach oben«, sagte Hermine mit einem angsterfüllten Blick auf dieselbe Stelle, und sie ging voran, die knarrende Treppe hinauf in den Salon im ersten Stock.
Hermine schwang ihren Zauberstab, um die alten Gaslaternen anzuzünden, dann setzte sie sich, leicht schaudernd in dem zugigen Raum, auf das Sofa, die Arme eng um den Körper geschlungen. Ron ging hinüber zum Fenster und schob den schweren Samtvorhang einige Zentimeter zur Seite.
»Kann da draußen niemanden sehen«, berichtete er. »Und wenn Harry immer noch die Spur auf sich hätte, wären sie uns bis hierher gefolgt, schätze ich. Ich weiß, sie können nicht ins Haus, aber – was ist los, Harry?«
Harry hatte vor Schmerz aufgeschrien: Seine Narbe hatte wieder gebrannt, als ihm etwas durch den Kopf geschossen war, wie ein helles Licht über dem Wasser. Er sah einen großen Schatten und spürte Wut, die nicht seine eigene war, durch seinen Körper pulsieren, heftig und kurz wie ein elektrischer Schlag.
»Was hast du gesehen?«, fragte Ron und ging auf Harry zu. »Hast du ihn bei mir zu Hause gesehen?«
»Nein, ich hab nur Zorn gespürt – er ist richtig zornig –«
»Aber das könnte im Fuchsbau sein«, sagte Ron laut. »Wo sonst? Hast du nichts gesehen? Hat er jemand einen Fluch aufgehalst?«
»Nein, ich hab nur Zorn gespürt – ich wusste nicht –«
Harry fühlte sich erschlagen, durcheinander, und Hermine war ihm keine Hilfe, als sie mit ängstlicher Stimme fragte: »Deine Narbe, schon wieder? Aber was ist da los? Ich dachte, diese Verbindung hätte sich geschlossen!«
»Hat sie auch, eine Zeit lang«, murmelte Harry; seine Narbe schmerzte noch immer, weshalb es ihm schwerfiel, sich zu konzentrieren. »Ich – ich glaub, sie fängt wieder an, sich zu öffnen, immer wenn er die Beherrschung verliert, so war das auch, als –«
»Aber dann musst du deinen Geist verschließen!«, sagte Hermine schrill. »Harry, Dumbledore wollte nicht, dass du diese Verbindung benutzt, er wollte, dass du sie stilllegst, deshalb solltest du Okklumentik einsetzen! Denn sonst kann Voldemort falsche Bilder in dein Bewusstsein einpflanzen, erinner dich –«
»Jaah, ich erinnere mich gut, danke«, sagte Harry mit zusammengebissenen Zähnen; Hermine brauchte ihm nicht zu sagen, dass Voldemort einst genau diese Verbindung zwischen ihnen genutzt hatte, um ihn in eine Falle zu locken, und auch nicht, dass dies zu Sirius’ Tod geführt hatte. Er wünschte, er hätte ihnen nicht erzählt, was er gesehen und gespürt hatte; es ließ Voldemort bedrohlicher wirken, so als ob er sich gerade gegen das Fenster des Salons pressen würde, und der Schmerz in seiner Narbe nahm immer noch zu, und er kämpfte dagegen an: Es war, als würde er sich gegen einen Brechreiz wehren.
Er wandte Ron und Hermine den Rücken zu und tat, als würde er den alten Wandteppich mit dem Stammbaum der Familie Black studieren. Dann stieß Hermine einen spitzen Schrei aus: Harry zückte erneut seinen Zauberstab, wirbelte herum und sah einen silbrigen Patronus durch das Fenster des Salons hereinschweben und auf dem Boden vor ihnen landen, wo er die Gestalt eines Wiesels annahm, das mit der Stimme von Rons Vater sprach.
»Familie sicher, nicht antworten, wir werden beobachtet.«
Der Patronus löste sich in nichts auf. Ron gab einen halb wimmernden, halb stöhnenden Laut von sich und ließ sich auf das Sofa fallen. Hermine rückte an ihn heran und ergriff seinen Arm.
»Es geht ihnen gut, es geht ihnen gut!«, flüsterte sie, und Ron lachte halbherzig und umarmte sie.
»Harry«, sagte er über Hermines Schulter, »ich –«
»Kein Problem«, sagte Harry, dem von dem Schmerz in seinem Kopf übel war. »Es ist deine Familie, ’türlich machst du dir Sorgen. Mir würde es genauso gehen.« Er dachte an Ginny. »Mir geht es genauso.«
Seine Narbe schmerzte höllisch, sie brannte wie im Garten des Fuchsbaus. Undeutlich hörte er Hermine sagen: »Ich will nicht alleine sein. Können wir nicht die Schlafsäcke nehmen, die ich mitgebracht habe, und heute hier drin übernachten?«
Er hörte, wie Ron zustimmte. Er konnte sich nicht mehr länger gegen den Schmerz wehren: Er musste ihm nachgeben.
»Badezimmer«, murmelte er und ging, so schnell er konnte, ohne zu rennen, aus dem Salon.
Er schaffte es gerade noch: Mit zitternden Händen verriegelte er die Tür hinter sich, griff nach seinem hämmernden Kopf und stürzte zu Boden, und dann spürte er in einem plötzlichen Ausbruch unerträglicher Schmerzen, wie der Zorn, der nicht zu ihm gehörte, von seiner Seele Besitz ergriff, er sah einen langen Raum, nur von einem Kaminfeuer erleuchtet, und den großen blonden Todesser auf dem Boden, schreiend und sich krümmend, und eine schmächtigere Gestalt über ihm, den Zauberstab in der ausgestreckten Hand, während Harry mit einer hohen, kalten, gnadenlosen Stimme sprach.
»Noch mehr, Rowle, oder sollen wir Schluss machen und dich Nagini zum Fraß vorwerfen? Lord Voldemort ist nicht sicher, ob er dieses Mal verzeiht … Dafür hast du mich zurückgerufen, um mir zu sagen, dass Harry Potter wieder entkommen ist? Draco, lass Rowle noch einmal von unserem Missvergnügen kosten … tu es, oder du spürst selbst meinen Zorn!«
Im Feuer fiel ein Holzscheit: Flammen loderten auf, ihr Licht zuckte über ein von Grauen erfülltes, spitzes weißes Gesicht – mit dem Gefühl, als ob er aus tiefem Wasser auftauchen würde, schnappte Harry nach Luft und öffnete die Augen.
Er lag, alle viere von sich gestreckt, auf dem kalten schwarzen Marmorboden, die Nase nur Zentimeter von einem der silbernen Schlangenschwänze entfernt, die die große Badewanne trugen. Er setzte sich auf. Malfoys ausgemergeltes, versteinertes Gesicht schien ins Innere seiner Augen eingebrannt. Harry war übel von dem, was er gesehen hatte, von der Art, wie Draco nun von Voldemort benutzt wurde.
Es klopfte heftig an der Tür, und Harry zuckte zusammen, als Hermines Stimme ertönte:
»Harry, möchtest du deine Zahnbürste? Ich hab sie hier.«
»Jaah, prima, danke«, sagte er, nach Kräften bemüht, so lässig wie möglich zu klingen, und er stand auf, um Hermine hereinzulassen.
Kreachers Geschichte
Harry erwachte früh am nächsten Morgen, auf dem Fußboden des Salons in einen Schlafsack gehüllt. Zwischen den schweren Vorhängen war ein schmaler Spalt vom Himmel zu sehen: Er hatte das kühle, klare Blau von Tusche, irgendwo zwischen Nacht und Morgendämmerung, und es war ganz still, nur Rons und Hermines langsame, tiefe Atemzüge waren zu hören. Harry spähte hinüber zu den dunklen Schemen, die sie auf dem Boden neben ihm bildeten. Ron hatte in einem Anfall von Ritterlichkeit darauf bestanden, dass Hermine auf den Sofakissen schlief, deshalb ragte ihre Silhouette nun höher als seine. Ihr Arm war zum Boden geschwungen, die Finger nur Zentimeter von Rons entfernt. Harry fragte sich, ob sie Hand in Hand eingeschlafen waren. Bei dieser Vorstellung fühlte er sich merkwürdig einsam.
Er blickte auf zu der düsteren Decke, zu dem mit Spinnweben überzogenen Kronleuchter. Vor kaum vierundzwanzig Stunden hatte er am Eingang des Zeltes in der Sonne gestanden und auf Hochzeitsgäste gewartet, um sie hineinzuführen. Es kam ihm vor wie in einem anderen Leben. Was würde jetzt geschehen? Er lag auf dem Boden und dachte an die Horkruxe, an die beängstigende und schwierige Mission, die Dumbledore ihm aufgetragen hatte … Dumbledore …
Der Kummer, der ihn seit Dumbledores Tod erfüllt hatte, fühlte sich nun anders an. Die Anschuldigungen, die er bei der Hochzeit von Muriel gehört hatte, schienen sich in seinem Gehirn eingenistet zu haben wie eine Krankheit und vergifteten seine Erinnerungen an den Zauberer, den er abgöttisch verehrt hatte. Könnte Dumbledore solche Dinge geschehen haben lassen? War er wie Dudley gewesen, der zufrieden zusah, wenn jemand vernachlässigt und misshandelt wurde, solange es nicht ihn betraf? Könnte er einer Schwester den Rücken zugekehrt haben, die eingesperrt und versteckt wurde?
Harry dachte an Godric’s Hollow, an die Gräber dort, die Dumbledore nie erwähnt hatte; er dachte an mysteriöse Gegenstände, die ihnen Dumbledore in seinem Testament ohne Erklärung vermacht hatte, und er spürte in der Dunkelheit wachsenden Unmut. Warum hatte Dumbledore es ihm nicht gesagt? Warum hatte er es nicht erklärt? War Harry für Dumbledore überhaupt wichtig gewesen? Oder war Harry nichts als ein Werkzeug gewesen, das man schleift und poliert, dem man aber nicht trauen und niemals etwas anvertrauen würde?
Harry hielt es nicht mehr länger aus, dazuliegen und sich nur mit bitteren Gedanken zu beschäftigen. Um endlich etwas zu tun und sich abzulenken, schlüpfte er aus dem Schlafsack, nahm seinen Zauberstab und schlich aus dem Salon. Auf dem Treppenabsatz flüsterte er »Lumos« und stieg im Licht des Zauberstabs die Stufen hinauf.
Im zweiten Stock lag das Zimmer, in dem er und Ron bei ihrem letzten Aufenthalt hier geschlafen hatten; er warf einen Blick hinein. Die Schranktüren standen offen und das Bettzeug war weggerissen worden. Harry dachte an das umgekippte Trollbein im Erdgeschoss. Jemand hatte das Haus durchsucht, nachdem der Orden es verlassen hatte. Snape? Oder vielleicht Mundungus, der etliches aus diesem Haus geklaut hatte, sowohl vor als auch nach Sirius’ Tod? Harrys Blick wanderte zu dem Bilderrahmen, in dem manchmal Phineas Nigellus Black zu sehen war, Sirius’ Ururgroßvater, doch er war leer und zeigte nichts als ein Stück schmutzig graue Hintergrundfläche. Phineas Nigellus verbrachte die Nacht offenbar im Büro des Schulleiters von Hogwarts.
Harry ging weiter die Treppe hinauf, bis er das oberste Stockwerk erreicht hatte, wo es nur zwei Türen gab. Die eine ihm gegenüber trug ein Schild, auf dem Sirius stand. Harry hatte das Zimmer seines Paten noch nie betreten. Er drückte die Tür auf und hielt seinen Zauberstab hoch, um möglichst viel Licht zu verbreiten.
Das Zimmer war geräumig und musste früher einmal hübsch gewesen sein. Es gab ein großes Bett darin mit einem verzierten hölzernen Kopfbrett, ein hohes Fenster, das mit langen Samtvorhängen verdunkelt war, und einen dick mit Staub bedeckten Kronleuchter, dessen Kerzenstummel immer noch in ihren Haltern steckten, von denen harte Wachstropfen wie Eiszapfen herunterhingen. Eine feine Staubschicht lag auf den Bildern an den Wänden und auf dem Kopfbrett des Bettes; eine Spinnwebe spannte sich zwischen dem Kronleuchter und der Oberkante des großen Holzschranks, und als Harry weiter in das Zimmer hineinging, hörte er aufgeschreckte Mäuse umhertrippeln.
Sirius hatte die Wände als Teenager mit so vielen Postern und Bildern bepflastert, dass nur noch wenig von der silbergrauen Seidentapete zu sehen war. Harry konnte nur vermuten, dass es Sirius’ Eltern nicht gelungen war, den Dauerklebefluch, der die Bilder an der Wand hielt, zu entfernen, denn er war sicher, dass sie es nicht geschätzt hatten, wie ihr ältester Sohn sein Zimmer dekorierte. Sirius schien sich ausgesprochen Mühe gegeben zu haben, seine Eltern zu ärgern. Die verschiedenen großen Gryffindor-Banner in ausgeblichenem Scharlachrot und Gold sollten nur noch deutlicher machen, dass er anders war als der Rest der Slytherin-Familie. Es gab viele Bilder von Muggel-Motorrädern und außerdem (Harry bewunderte unwillkürlich Sirius’ Unverfrorenheit) mehrere Poster mit Muggelmädchen in Bikinis; Harry erkannte, dass es Muggel waren, weil sie völlig unbewegt in ihren Bildern verharrten, ihr verblasstes Lächeln und die glasigen Augen waren auf dem Papier erstarrt. Ganz anders verhielt es sich mit dem einzigen Zaubererfoto an den Wänden, einem Bild von vier Hogwarts-Schülern, die Arm in Arm dastanden und in die Kamera lachten.
Harrys Herz schlug höher, als er seinen Vater erkannte; sein zerstrubbeltes schwarzes Haar stand im Nacken ab wie bei Harry, und auch er trug eine Brille. Neben ihm war Sirius, unverschämt hübsch, sein leicht arrogantes Gesicht so viel jünger und glücklicher, als Harry es zu seinen Lebzeiten je gesehen hatte. Rechts von Sirius stand Pettigrew, gut einen Kopf kleiner, pummelig und mit wässrigen Augen, das Gesicht gerötet vor Freude darüber, dass er zu dieser coolsten aller Banden gehörte, zu den viel bewunderten Rebellen, die James und Sirius gewesen waren. Links von James war Lupin, der schon damals ein wenig schäbig aussah, doch auch er machte den Eindruck, freudig überrascht zu sein, dass man ihn schätzte und aufgenommen hatte … oder las Harry diese Dinge nur deshalb aus dem Bild heraus, weil er wusste, wie es gewesen war? Er versuchte es von der Wand zu nehmen; schließlich gehörte es jetzt ihm – Sirius hatte ihm alles vermacht –, aber es rührte sich nicht von der Stelle. Sirius war kein Risiko eingegangen, als er verhindern wollte, dass seine Eltern den Raum anders gestalteten.
Harry blickte auf dem Fußboden umher. Der Himmel draußen wurde heller: Ein Lichtstrahl ließ einzelne Papierfetzen erkennen, Bücher und kleine Gegenstände, die auf dem Teppich verstreut lagen. Offensichtlich war auch Sirius’ Zimmer durchsucht worden, obwohl die meisten Sachen hier, wenn nicht alle, offenbar für wertlos erachtet worden waren. Einige von den Büchern waren so grob geschüttelt worden, dass sich die Einbände gelöst hatten, und allerlei Seiten lagen auf dem Boden herum. Harry bückte sich, hob ein paar von den einzelnen Blättern auf und betrachtete sie. In einem erkannte er eine Seite aus einer alten Ausgabe der Geschichte der Zauberei von Bathilda Bagshot und ein weiteres gehörte zu einer Wartungsanleitung für ein Motorrad. Das dritte war von Hand beschrieben und zusammengeknüllt. Er strich es glatt.
Lieber Tatze,
danke, danke für Harrys Geburtstagsgeschenk! Es war bei weitem sein liebstes. Ein Jahr alt, und schon mit einem Spielzeugbesen herumfliegen – er sah so zufrieden mit sich aus, ich füge ein Bild bei, damit du es sehen kannst. Du weißt, der Besen steigt nur etwa einen halben Meter hoch, aber er hat fast die Katze umgebracht und eine schreckliche Vase zerdeppert, die Petunia mir zu Weihnachten geschickt hat (ich will mich nicht beklagen). Natürlich fand James es furchtbar lustig, er meint, der wird mal ein großer Quidditch-Spieler, aber wir mussten sämtlichen Zierrat wegpacken und behalten ihn immer im Auge, wenn er losfliegt.
Wir hatten einen sehr beschaulichen Geburtstagstee, nur wir und die alte Bathilda, die immer nett zu uns war und ganz vernarrt ist in Harry. Es tat uns so leid, dass du nicht kommen konntest, aber der Orden hat Vorrang, und Harry ist sowieso noch nicht alt genug, um zu verstehen, dass es sein Geburtstag ist! James ist allmählich etwas frustriert, weil er hier eingesperrt ist, er versucht, es nicht zu zeigen, aber ich merke es – und Dumbledore hat immer noch seinen Tarnumhang, daher ist es nichts mit kleinen Ausflügen. Wenn du uns besuchen könntest, würde ihn das wirklich aufmuntern. Würmchen war hier, letztes Wochenende, er kam mir niedergeschlagen vor, aber das lag wohl an der Nachricht von den McKinnons; ich hab den ganzen Abend geweint, als ich davon hörte.
Bathilda schaut fast jeden Tag vorbei, sie ist eine hinreißende alte Dame und kennt die erstaunlichsten Geschichten über Dumbledore, ich bin nicht sicher, ob er erfreut wäre, wenn er das wüsste! Ich weiß nicht, wie viel davon wirklich wahr ist, denn es erscheint unglaublich, dass Dumbledore
Harrys Glieder waren offenbar taub geworden. Er stand stocksteif da, das wunderbare Papier in seinen gefühllosen Fingern, während mit lautloser Wucht Freude und Trauer gleichermaßen durch seine Adern rauschten. Taumelnd ging er zum Bett und setzte sich hin. Er las den Brief noch einmal durch, konnte aber nicht mehr darin finden als beim ersten Mal, und schließlich starrte er nur noch auf die Handschrift. Sie hatte ihre »g« genauso gemacht wie er: Er suchte den Brief nach jedem einzelnen davon ab, und jedes war wie ein freundliches kleines Winken, das er flüchtig hinter einem Schleier erspähen konnte. Der Brief war ein ungeheurer Schatz, ein Beweis dafür, dass Lily Potter gelebt hatte, wirklich gelebt hatte, dass ihre warme Hand sich einst über dieses Pergament bewegt hatte, die Tintenspur dieser Buchstaben gezogen hatte, dieser Wörter, Wörter über ihn, Harry, ihren Sohn.
Ungeduldig rieb er sich die Feuchtigkeit aus den Augen und las den Brief noch einmal, und diesmal konzentrierte er sich auf die Bedeutung. Es war, als würde er einer Stimme lauschen, an die er sich vage erinnerte.
Sie hatten eine Katze gehabt … vielleicht war sie, wie seine Eltern, in Godric’s Hollow umgekommen … oder aber geflohen, als niemand mehr da war, um sie zu füttern … Sirius hatte ihm seinen ersten Besen gekauft … seine Eltern hatten Bathilda Bagshot gekannt; hatte Dumbledore sie einander vorgestellt? Dumbledore hat immer noch seinen Tarnumhang … das kam ihm irgendwie komisch vor …
Harry hielt inne und dachte über die Worte seiner Mutter nach. Warum hatte Dumbledore James’ Tarnumhang an sich genommen? Harry erinnerte sich deutlich daran, dass sein Schulleiter vor Jahren zu ihm gesagt hatte: Ich brauche keinen Umhang, um unsichtbar zu werden. Vielleicht hatte ein weniger begabtes Ordensmitglied ihn zu Hilfe nehmen müssen und Dumbledore hatte ihn überbracht? Harry las weiter …
Würmchen war hier … Pettigrew, der Verräter, wirkte »niedergeschlagen«, tatsächlich? War ihm bewusst, dass er James und Lily zum letzten Mal lebend sah?
Und schließlich wieder Bathilda, die erstaunliche Geschichten über Dumbledore erzählte: es erscheint unglaublich, dass Dumbledore –
Dass Dumbledore was? Doch es gab eine Vielzahl von Dingen, die bei Dumbledore unglaublich erscheinen könnten; dass er einmal schlechte Noten in einer Prüfung in Verwandlung bekommen hatte, zum Beispiel, oder dass er wie Aberforth angefangen hatte, mit Ziegen zu zaubern …
Harry stand auf und ließ den Blick über den Boden schweifen: Vielleicht lag hier irgendwo der Rest des Briefes. Er hob Papiere auf und behandelte sie in seinem Eifer genauso rücksichtslos wie der Erste, der hier alles durchsucht hatte; er riss Schubladen auf, schüttelte Bücher aus, stieg auf einen Stuhl, um mit der Hand über den Schrank zu streichen, und kroch unter das Bett und einen Sessel.
Endlich, er lag gerade mit dem Kopf auf dem Boden, entdeckte er etwas wie einen Papierfetzen unter der Kommode. Als er ihn hervorzog, stellte sich heraus, dass es das weitgehend erhaltene Foto war, das Lily in ihrem Brief erwähnt hatte. Ein schwarzhaariges Baby flog auf einem winzigen Besen ins Bild und wieder hinaus, mit schallendem Gelächter, und ein Paar Beine, die zu James gehört haben mussten, jagten ihm hinterher. Harry steckte das Foto zusammen mit Lilys Brief in seine Tasche und suchte dann wieder nach dem zweiten Blatt.
Nach einer weiteren Viertelstunde musste er sich jedoch eingestehen, dass der Rest des Briefes seiner Mutter verschwunden war. War er einfach verloren gegangen in den sechzehn Jahren, seit er geschrieben worden war, oder war er von dem, der das Zimmer durchsucht hatte, mitgenommen worden, wer auch immer es war? Harry las das erste Blatt erneut durch und suchte diesmal nach Hinweisen, weshalb das zweite Blatt wertvoll hätte sein können. Sein Spielzeugbesen war für die Todesser wohl kaum interessant … das Einzige, was in seinen Augen hier vielleicht einen Nutzen haben konnte, war die mögliche Information über Dumbledore. Es erscheint unglaublich, dass Dumbledore – was?
»Harry? Harry! Harry!«
»Ich bin hier!«, rief er. »Was ist passiert?«
Draußen vor der Tür war Fußgetrappel zu hören und Hermine stürzte herein.
»Wir sind aufgewacht und wussten nicht, wo du bist!«, sagte sie atemlos. Sie wandte den Kopf und rief über die Schulter: »Ron! Ich hab ihn gefunden!«
Rons verärgerte Stimme tönte von weit entfernt, einige Stockwerke tiefer.
»Gut! Sag ihm von mir, dass er ’n Mistkerl ist!«
»Harry, verschwinde bitte nicht einfach, wir hatten so was von Angst! Wieso bist du eigentlich hier raufgegangen?« Sie sah sich in dem durchwühlten Zimmer um. »Was hast du gemacht?«
»Sieh mal, was ich eben gefunden habe.«
Er hielt ihr den Brief seiner Mutter hin. Hermine nahm ihn und las ihn, während Harry sie beobachtete. Als sie das Ende der Seite erreicht hatte, blickte sie zu ihm auf.
»Oh, Harry …«
»Und das hier hab ich auch noch.«
Er reichte ihr das eingerissene Foto, und Hermine lächelte über das Baby, das auf dem Spielzeugbesen ständig herbeigeflogen kam und wieder verschwand.
»Ich hab nach dem Rest des Briefes gesucht«, sagte Harry, »aber er ist nicht hier.«
Hermine sah sich um.
»Hast du dieses ganze Chaos veranstaltet, oder war das schon so, als du reinkamst?«
»Jemand hat vor mir alles durchsucht«, sagte Harry.
»Das hab ich mir gedacht. Jedes Zimmer, in das ich auf dem Weg nach oben geschaut habe, war durcheinander. Worauf, glaubst du, waren die aus?«
»Auf Informationen über den Orden, falls es Snape war.«
»Aber eigentlich hat er schon alles, was er braucht, ich meine, er war doch im Orden, oder?«
»Nun ja«, sagte Harry, der erpicht darauf war, über seine Theorie zu sprechen, »was ist mit Informationen über Dumbledore? Die zweite Seite dieses Briefes zum Beispiel. Kennst du diese Bathilda, die meine Mum erwähnt, weißt du, wer sie ist?«
»Wer?«
»Bathilda Bagshot, die Autorin von –«
»Geschichte der Zauberei«, sagte Hermine und sah interessiert aus. »Deine Eltern haben sie also gekannt? Sie war eine sagenhafte magische Historikerin.«
»Und sie lebt noch«, sagte Harry, »und zwar in Godric’s Hollow, Rons Tantchen Muriel hat bei der Hochzeit von ihr gesprochen. Sie kannte außerdem Dumbledores Familie. Wär doch ziemlich interessant, mit ihr zu reden, oder?«
Das Lächeln, das Hermine ihm schenkte, war Harry ein wenig zu verständnisvoll. Er nahm den Brief und das Foto wieder an sich und steckte sie in den Beutel um seinen Hals, damit er Hermine nicht anschauen und sich verraten musste.
»Ich verstehe, warum du liebend gern mit ihr über deine Mum und deinen Dad reden würdest, und auch über Dumbledore«, sagte Hermine. »Aber das würde uns bei unserer Suche nach den Horkruxen nicht so recht weiterbringen, oder?« Harry antwortete nicht und sie fuhr eilig fort: »Harry, ich weiß, dass du unbedingt nach Godric’s Hollow willst, aber ich habe Angst … Ich habe Angst, weil diese Todesser uns gestern so leicht gefunden haben. Ich habe einfach mehr denn je das Gefühl, dass wir den Ort meiden sollten, wo deine Eltern begraben sind, ich bin sicher, die erwarten, dass du ihn besuchst.«
»Es ist nicht nur das«, sagte Harry und vermied es nach wie vor, sie anzusehen. »Muriel hat bei der Hochzeit so einiges über Dumbledore erzählt. Ich will die Wahrheit wissen …«
Er berichtete Hermine alles, was Muriel ihm erzählt hatte. Als er fertig war, sagte Hermine: »Natürlich, ich verstehe, warum dich das geärgert hat, Harry –«
»Ich bin nicht verärgert«, log er. »Ich würde nur gerne wissen, ob es wahr ist oder nicht –«
»Harry, glaubst du wirklich, dass du die Wahrheit von einer gehässigen alten Frau wie Muriel erfährst, oder von Rita Kimmkorn? Wie kannst du ihnen glauben? Du kanntest Dumbledore!«
»Das dachte ich auch«, murmelte er.
»Aber du weißt, wie viel Wahrheit in allem steckte, was Rita Kimmkorn über dich geschrieben hat! Doge hat Recht, wie kannst du es zulassen, dass diese Leute deine Erinnerungen an Dumbledore trüben?«
Er sah weg, wollte den Unmut nicht zeigen, den er verspürte. Da war es wieder: Such dir aus, was du glauben willst. Er wollte die Wahrheit. Warum waren alle so dahinterher, dass er sie nicht erfahren sollte?
»Wollen wir runter in die Küche?«, schlug Hermine nach einer kleinen Weile vor. »Was zum Frühstücken suchen?«
Er willigte ein, wenn auch widerstrebend, und folgte ihr hinaus auf den Treppenabsatz, an der zweiten Tür vorbei, die sich hier befand. Unter einem kleinen Schild, das er im Dunkeln nicht bemerkt hatte, waren tiefe Kratzer im Lack. Er blieb oben an der Treppe stehen, um es zu lesen. Es war ein wichtigtuerisches Schildchen, sorgfältig mit der Hand beschriftet, etwa von der Art, wie Percy Weasley es an seiner Schlafzimmertür befestigt hätte:
Kein Eintritt
ohne die ausdrückliche Erlaubnis von
Regulus Arcturus Black
Harry spürte, wie Erregung ihn durchsickerte, war sich aber zunächst nicht sicher, warum. Er las die Aufschrift noch einmal. Hermine war schon eine Treppe weiter unten.
»Hermine«, sagte er und war überrascht, dass seine Stimme so ruhig klang. »Komm noch mal hier hoch.«
»Was ist los?«
»R. A. B. Ich glaube, ich habe ihn gefunden.«
Ein Keuchen war zu hören, dann rannte Hermine die Stufen wieder herauf.
»In dem Brief von deiner Mutter? Aber mir ist nichts aufgefallen –«
Harry schüttelte den Kopf und deutete auf das Schild von Regulus. Sie las es, dann packte sie Harry so fest am Arm, dass er zusammenzuckte.
»Sirius’ Bruder?«, flüsterte sie.
»Er war ein Todesser«, sagte Harry. »Sirius hat mir von ihm erzählt, er hat sich ihnen angeschlossen, als er noch ganz jung war, und dann bekam er kalte Füße und versuchte auszusteigen – deshalb haben sie ihn getötet.«
»Das passt!«, keuchte Hermine. »Wenn er ein Todesser war, dann hatte er Zugang zu Voldemort, und als er seine Illusionen verloren hatte, wollte er Voldemort vermutlich stürzen!«
Sie ließ Harry los, beugte sich über das Treppengeländer und schrie: »Ron! RON! Komm hier rauf, schnell!«
Eine Minute später tauchte Ron auf, schnaufend und den Zauberstab in seiner Hand bereit.
»Was ist los? Wenn es wieder Riesenspinnen sind, will ich erst frühstücken, bevor ich –«
Stirnrunzelnd betrachtete er das Schild an Regulus’ Tür, auf das Hermine stumm deutete.
»Was? Das war Sirius’ Bruder, oder? Regulus Arcturus … Regulus … R. A. B.! Das Medaillon – meint ihr nicht –?«
»Das werden wir gleich herausfinden«, sagte Harry. Er drückte gegen die Tür: Sie war verschlossen. Hermine richtete ihren Zauberstab auf die Klinke und sagte: »Alohomora.« Ein Klicken war zu hören und die Tür schwang auf.
Sie traten gemeinsam über die Schwelle und spähten umher. Das Schlafzimmer von Regulus war ein wenig kleiner als das von Sirius, doch auch hier konnte man vergangene Pracht erahnen. Während Sirius unbedingt seine Verschiedenheit vom Rest der Familie hatte kundtun wollen, war Regulus bemüht gewesen, das Gegenteil zu betonen. Die Slytherin-Farben Smaragdgrün und Silber waren hier überall zu sehen, sie schmückten das Bett, die Wände und die Fenster. Das Familienwappen der Blacks war detailgetreu über das Bett gemalt, zusammen mit ihrem Wahlspruch Toujours pur. Darunter hing eine Sammlung vergilbter Zeitungsausschnitte, nebeneinandergeklebt zu einer vieleckigen Collage. Hermine durchquerte das Zimmer, um sie näher in Augenschein zu nehmen.
»Die sind alle über Voldemort«, sagte sie. »Regulus war offenbar schon einige Jahre lang Fan von ihm, bis er sich dann den Todessern anschloss …«
Eine kleine Staubwolke stieg von den Bettbezügen auf, als sie sich setzte, um die Zeitungsausschnitte zu lesen. Harry hatte unterdessen noch ein Foto entdeckt; eine Quidditch-Mannschaft aus Hogwarts lächelte und winkte aus dem Bilderrahmen. Er trat näher und sah die Schlangenembleme auf ihren Brüsten: Slytherins. Regulus war sofort zu erkennen, er war der Junge, der in der Mitte der vorderen Reihe saß: Er hatte das gleiche dunkle Haar und den leicht hochmütigen Blick seines Bruders, allerdings war er kleiner, schmächtiger und um einiges weniger hübsch, als Sirius es gewesen war.
»Er hat als Sucher gespielt«, sagte Harry.
»Was?«, sagte Hermine geistesabwesend; sie war immer noch in die Zeitungsausschnitte über Voldemort vertieft.
»Er sitzt in der Mitte der vorderen Reihe, da, wo der Sucher … ist ja auch egal«, sagte Harry, als ihm klar wurde, dass niemand zuhörte: Ron suchte auf Händen und Knien unter dem Kleiderschrank. Harry sah sich im Zimmer nach möglichen Verstecken um und ging zum Schreibtisch. Doch wieder hatte jemand vor ihnen dort gesucht. Die Schubladen waren vor kurzem durchstöbert, ihr Staub aufgewirbelt worden, doch es war nichts Wertvolles darin: alte Schreibfedern, überholte Lehrbücher, die so aussahen, als wären sie grob behandelt worden, ein vor kurzem zertrümmertes Tintenfass, dessen klebriger Rest den Inhalt der Schublade bedeckte.
»Es gibt eine einfachere Methode«, sagte Hermine, als Harry sich die Tintenfinger an seiner Jeans abwischte. Sie hob ihren Zauberstab und sagte: »Accio Medaillon!«
Nichts geschah. Ron, der in den Falten der ausgebleichten Vorhänge gesucht hatte, sah enttäuscht aus.
»Das war’s dann also? Es ist nicht hier?«
»Oh, es könnte trotzdem hier sein, aber unter Gegenzaubern«, sagte Hermine. »Unter Zaubern, die verhindern, dass es magisch aufgerufen wird, weißt du?«
»Wie die, die Voldemort auf das steinerne Becken in der Höhle gelegt hat«, sagte Harry und erinnerte sich, dass er das falsche Medaillon nicht hatte aufrufen können.
»Wie sollen wir es dann finden?«, fragte Ron.
»Wir suchen per Hand«, sagte Hermine.
»Das ist eine gute Idee«, erwiderte Ron, verdrehte die Augen und fing wieder an, die Vorhänge abzusuchen.
Sie durchkämmten über eine Stunde lang jeden Zentimeter des Zimmers, mussten am Ende jedoch feststellen, dass das Medaillon nicht da war.
Die Sonne war jetzt aufgegangen; ihr Licht blendete sie sogar durch die schmutzigen Treppenhausfenster hindurch.
»Es könnte doch irgendwo anders im Haus sein«, sagte Hermine in aufmunterndem Ton, während sie wieder nach unten gingen: So wie Harry und Ron mehr und mehr den Mut verloren hatten, schien sie immer entschlossener geworden zu sein. »Ob er es nun geschafft hat, das Medaillon zu zerstören, oder nicht, er wollte es doch sicher vor Voldemort verstecken, oder? Erinnert ihr euch an all diese schrecklichen Dinge, die wir loswerden mussten, als wir letztes Mal hier waren? Diese Uhr, die Schrauben auf jeden abschoss, und die alten Umhänge, die versucht haben, Ron zu erwürgen; Regulus hat sie vielleicht dort hingetan, um das Versteck des Medaillons zu schützen, auch wenn wir das damals nicht … nicht …«
Harry und Ron sahen sie an. Sie stand da mit einem Fuß in der Luft und mit verdatterter Miene, wie jemand, der gerade einen Gedächtniszauber verpasst bekommen hatte; sie schielte sogar ein wenig.
»… wussten«, schloss sie flüsternd.
»Stimmt was nicht?«, fragte Ron.
»Da war ein Medaillon.«
»Was?«, sagten Harry und Ron gleichzeitig.
»In dem Schrank im Salon. Keiner konnte es öffnen. Und wir … wir …«
Harry hatte das Gefühl, als wäre ihm ein Backstein durch die Brust und in den Magen gerutscht. Nun fiel es ihm ein: Er hatte das Ding sogar in der Hand gehabt, als sie es herumgehen ließen und einer nach dem anderen versuchte, es aufzustemmen. Sie hatten es in einen Müllsack geworfen, zusammen mit der Schnupftabaksdose voll Warzhautpulver und mit der Spieldose, die alle schläfrig gemacht hatte …
»Kreacher hat jede Menge von diesen Sachen zurückgeklaut«, sagte Harry. Das war die einzige Chance, die einzige schwache Hoffnung, die ihnen blieb, und er wollte sich daran festklammern, bis er gezwungen war sie aufzugeben. »In seinem Schrank in der Küche hatte er ein richtiges Geheimlager. Kommt.«
Zwei Stufen auf einmal nehmend, rannte er die Treppe hinunter, und die anderen beiden polterten hinter ihm her. Sie machten so viel Lärm, dass sie auf dem Weg durch die Eingangshalle das Porträt von Sirius’ Mutter aufweckten.
»Dreck! Schlammblüter! Abschaum!«, kreischte sie ihnen nach, als sie in die Kellerküche stürmten und die Tür hinter sich zuschlugen.
Harry rannte quer durch den Raum, kam schlitternd vor der Tür von Kreachers Schrank zum Stehen und riss ihn auf. Da war das Nest aus schmutzigen alten Tüchern, in dem der Hauself einst geschlafen hatte, aber hier glitzerte nicht mehr der wertlose Plunder, den Kreacher geborgen hatte. Da war nichts weiter als ein altes Exemplar von Noblesse der Natur: Eine Genealogie der Zauberei. Harry wollte nicht glauben, was er sah, raffte die Tücher hoch und schüttelte sie. Eine tote Maus fiel heraus und kullerte jämmerlich über den Boden. Ron stöhnte und warf sich auf einen Küchenstuhl; Hermine schloss die Augen.
»Wir sind noch nicht fertig«, sagte Harry, und er hob die Stimme und rief: »Kreacher!«
Es gab einen lauten Knall, und der Hauself, den Harry so widerwillig von Sirius geerbt hatte, erschien aus dem Nichts vor dem kalten und leeren Kamin: Er war klein, halb so groß wie ein Mensch, die fahle Haut hing ihm in Falten herunter, und weißes Haar spross üppig aus seinen Fledermausohren. Er trug immer noch den schmutzigen Lumpen, in dem sie ihn erstmals getroffen hatten, und der verächtliche Blick, den er auf Harry richtete, zeigte, dass seine Haltung zu seinem Besitzerwechsel sich genauso wenig verändert hatte wie sein Äußeres.
»Herr«, krächzte Kreacher mit seiner Ochsenfroschstimme, verbeugte sich tief und murmelte zu seinen Knien: »Zurück im alten Haus meiner Herrin mit dem Blutsverräter Weasley und der Schlammblüterin –«
»Ich verbiete dir, irgendjemanden ›Blutsverräter‹ oder ›Schlammblut‹ zu nennen«, knurrte Harry. Er hätte Kreacher mit seiner Schnauzennase und seinen blutunterlaufenen Augen selbst dann für ein ausgesprochen unliebsames Etwas gehalten, wenn der Elf Sirius nicht an Voldemort verraten hätte.
»Ich habe eine Frage an dich«, sagte Harry, und sein Herz schlug ziemlich schnell, als er zu dem Elfen hinabblickte. »Und ich befehle dir, sie wahrheitsgemäß zu beantworten. Verstanden?«
»Ja, Herr«, sagte Kreacher mit einer neuerlichen tiefen Verbeugung. Harry sah, wie sich seine Lippen lautlos bewegten und zweifellos die Beleidigungen formten, die er nun nicht mehr aussprechen durfte.
»Vor zwei Jahren«, sagte Harry und sein Herz hämmerte jetzt gegen seine Rippen, »war ein großes goldenes Medaillon oben im Salon. Wir haben es weggeworfen. Hast du es dir wieder genommen?«
Es blieb einen Moment lang still, in dem Kreacher sich aufrichtete und Harry direkt ins Gesicht sah. Dann sagte er: »Ja.«
»Wo ist es jetzt?«, fragte Harry triumphierend, während Ron und Hermine vor Freude strahlten.
Kreacher schloss die Augen, als könnte er es nicht ertragen, mit anzusehen, wie sie auf sein nächstes Wort reagieren würden.
»Weg.«
»Weg?«, wiederholte Harry und seine Hochstimmung verflog. »Was soll das heißen, es ist weg?«
Der Elf zitterte. Er schwankte.
»Kreacher«, sagte Harry scharf. »Ich befehle dir –«
»Mundungus Fletcher«, krächzte der Elf, die Augen immer noch fest geschlossen. »Mundungus Fletcher hat alles gestohlen: die Bilder von Miss Bella und Miss Zissy, die Handschuhe von meiner Herrin, den Merlinorden erster Klasse, die Kelche mit dem Familienwappen und, und –«
Kreacher schnappte nach Luft: Seine eingefallene Brust hob und senkte sich rasch, dann riss er die Augen auf und stieß einen markerschütternden Schrei aus.
»– und das Medaillon, das Medaillon von Herrn Regulus, Kreacher hat Unrecht getan, Kreacher hat seine Befehle nicht befolgt!«
Harry reagierte instinktiv: Als Kreacher sich auf den Schürhaken stürzte, der im Kaminrost stand, warf er sich auf den Elfen und drückte ihn flach zu Boden. Hermines Schrei verschmolz mit dem von Kreacher, doch Harry brüllte lauter als die beiden: »Kreacher, ich befehle dir stillzuhalten!«
Er spürte, wie der Elf erstarrte, und ließ ihn los. Kreacher lag flach auf dem kalten Steinboden und Tränen strömten aus seinen faltigen Augen.
»Harry, lass ihn aufstehen!«, flüsterte Hermine.
»Damit er sich mit dem Schürhaken schlagen kann?«, schnaubte Harry und kniete sich neben dem Elfen nieder. »Besser nicht. Nun, Kreacher, ich will die Wahrheit: Woher weißt du, dass Mundungus Fletcher das Medaillon gestohlen hat?«
»Kreacher hat ihn gesehen!«, japste der Elf, und Tränen liefen ihm über die Schnauze und in den Mund voller angegrauter Zähne. »Kreacher hat gesehen, wie er aus Kreachers Schrank kam, die Hände voll mit Kreachers Schätzen. Kreacher sagte zu dem Tagedieb, dass er das lassen soll, aber Mundungus Fletcher lachte und – r-rannte …«
»Du hast behauptet, dass das Medaillon ›von Herrn Regulus‹ war«, sagte Harry. »Warum? Woher stammte es? Was hatte Regulus damit zu tun? Kreacher, setz dich auf und erzähl mir alles, was du über dieses Medaillon weißt, und alles, was Regulus damit zu tun hatte!«
Der Elf setzte sich auf und rollte sich zu einer Kugel zusammen, legte sein nasses Gesicht zwischen die Knie und begann sich vor und zurück zu wiegen. Dann sprach er mit einer gedämpften, in der stillen, hallenden Küche aber deutlich vernehmbaren Stimme.
»Herr Sirius ist von zu Hause weggerannt, und ein Schaden war es nicht, denn er war ein böser Junge und hat mit seiner liederlichen Art das Herz meiner Herrin gebrochen. Aber Herr Regulus hatte den gebührenden Stolz; er wusste, was er dem Namen der Blacks und der Würde seines reinen Blutes schuldig war. Jahrelang sprach er vom Dunklen Lord, der die Zauberer aus dem Verborgenen hinausführen würde, damit sie über die Muggel und die Muggelstämmigen herrschen … und als er sechzehn Jahre alt war, schloss sich Herr Regulus dem Dunklen Lord an. So stolz, so stolz, so glücklich, dienen zu dürfen …
Und eines Tages, ein Jahr nachdem er sich angeschlossen hatte, kam Herr Regulus herunter in die Küche, um Kreacher aufzusuchen. Herr Regulus hat Kreacher immer gemocht. Und Herr Regulus sagte … er sagte …«
Der Elf wiegte sich nun schneller.
»… er sagte, dass der Dunkle Lord nach einem Elfen verlange.«
»Voldemort brauchte einen Elfen?«, wiederholte Harry und wandte sich zu Ron und Hermine um, die genauso verdutzt wirkten wie er.
»O ja«, stöhnte Kreacher. »Und Herr Regulus hatte ihm Kreacher angeboten. Es sei eine Ehre, sagte Herr Regulus, eine Ehre für ihn und für Kreacher, der unbedingt alles tun müsse, was der Dunkle Lord ihm befehle … und dann müsse er wieder nach Hause k-kommen.«
Kreacher wiegte sich noch schneller und schluchzte bei jedem seiner Atemzüge.
»Also ging Kreacher zum Dunklen Lord. Der Dunkle Lord sagte Kreacher nicht, was sie tun würden, aber er nahm Kreacher mit zu einer Höhle am Meer. Und nach der Höhle kam eine Felsenhalle und in der Felsenhalle war ein großer schwarzer See …«
Harry sträubten sich die Haare im Nacken. Kreachers krächzende Stimme schien quer über dieses dunkle Wasser zu ihm zu kommen. Er hatte das, was geschehen war, so klar vor Augen, als ob er selbst dabei gewesen wäre.
»… da war ein Boot …«
Natürlich war da ein Boot gewesen; Harry kannte das Boot, geisterhaft grün und klein, verhext, damit es einen Zauberer und ein Opfer auf die Insel in der Mitte bringen konnte. So also hatte Voldemort die magischen Barrieren um den Horkrux getestet: indem er sich ein Wegwerfgeschöpf auslieh, einen Hauselfen …
»Da war ein B-Becken voller Zaubertrank auf der Insel. Der D-Dunkle Lord befahl Kreacher ihn zu trinken …«
Den Elfen schüttelte es am ganzen Körper.
»Kreacher trank, und während er trank, sah er schreckliche Dinge … Kreachers Eingeweide brannten … Kreacher schrie nach Herrn Regulus, dass er ihn rette, er schrie nach seiner Herrin Black, aber der Dunkle Lord lachte nur … er befahl Kreacher, den ganzen Zaubertrank auszutrinken … er ließ ein Medaillon in das leere Becken fallen … er füllte es wieder mit Zaubertrank.
Und dann fuhr der Dunkle Lord davon und ließ Kreacher auf der Insel …«
Harry konnte es vor sich sehen. Er sah Voldemorts weißes, schlangenartiges Gesicht in der Dunkelheit verschwinden, diese roten Augen, die mitleidlos auf den um sich schlagenden Elfen gerichtet waren, dessen Tod innerhalb von Minuten eintreten würde, sobald er dem verzweifelten Durst nachgeben würde, den der brennende Zaubertrank bei seinem Opfer verursachte … doch an dieser Stelle setzte Harrys Phantasie aus, denn er konnte sich nicht vorstellen, wie Kreacher entkommen war.
»Kreacher brauchte Wasser, er kroch zum Rand der Insel, und er trank aus dem schwarzen See … und Hände, tote Hände, kamen aus dem Wasser und zerrten Kreacher unter die Oberfläche …«
»Wie bist du da rausgekommen?«, fragte Harry und war nicht überrascht, dass er sich selbst flüstern hörte.
Kreacher hob seinen hässlichen Kopf und sah Harry mit seinen großen, blutunterlaufenen Augen an.
»Herr Regulus hat Kreacher gesagt, dass er zurückkommen müsse«, sagte er.
»Ich weiß – aber wie bist du den Inferi entkommen?«
Kreacher schien nicht zu verstehen.
»Herr Regulus hat Kreacher gesagt, dass er zurückkommen müsse«, wiederholte er.
»Ich weiß, aber –«
»Na, das ist doch klar, Harry, oder?«, sagte Ron. »Er ist disappariert!«
»Aber … man konnte in dieser Höhle nicht rein- und rausapparieren«, sagte Harry, »sonst hätte Dumbledore –«
»Elfenmagie ist anders als Zauberermagie, oder?«, sagte Ron. »Ich meine, sie können in Hogwarts rein- und rausapparieren, und wir nicht.«
Es herrschte Stille, während Harry all das verdaute. Wie hatte Voldemort einen solchen Fehler begehen können? Aber noch während er das dachte, fing Hermine an zu sprechen, und ihre Stimme war eisig.
»Natürlich hielt es Voldemort für weit unter seiner Würde, von den Eigenheiten der Hauselfen Notiz zu nehmen, genau wie all die Reinblüter, die sie wie Tiere behandeln … es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, dass sie magische Kräfte besitzen könnten, die er nicht hat.«
»Das Geheiß seines Herrn ist das oberste Gesetz für den Hauselfen«, psalmodierte Kreacher. »Kreacher wurde befohlen, nach Hause zu kommen, also ist Kreacher nach Hause gekommen …«
»Nun, dann hast du doch getan, was man dir befohlen hatte, oder?«, sagte Hermine freundlich. »Du hast überhaupt keine Befehle missachtet!«
Kreacher schüttelte den Kopf und wiegte sich so schnell wie zuvor.
»Also, was ist passiert, als du zurückkamst?«, fragte Harry. »Was hat Regulus gesagt, als du ihm erzählt hast, was geschehen war?«
»Herr Regulus war sehr beunruhigt, sehr beunruhigt«, krächzte Kreacher. »Herr Regulus hat Kreacher befohlen, versteckt zu bleiben und das Haus nicht zu verlassen. Und dann … es war eine kleine Weile später … kam Herr Regulus eines Nachts zu Kreacher in seinem Schrank, und Herr Regulus war seltsam, nicht wie sonst, sein Geist war verwirrt, Kreacher hat das gespürt … und er verlangte von Kreacher, dass er ihn zu der Höhle führt, der Höhle, in die Kreacher mit dem Dunklen Lord gegangen war …«
Und so waren sie aufgebrochen. Harry konnte sich die beiden lebhaft vorstellen, den verängstigten alten Elfen und den dünnen dunkelhaarigen Sucher, der Sirius so ähnlich gewesen war … Kreacher wusste, wie man den verborgenen Eingang zu der unterirdischen Felsenhalle öffnete, er wusste, wie man das kleine Boot hob; diesmal war es sein innig geliebter Regulus, der mit ihm zu der Insel mit dem Becken voll Gift übersetzte …
»Und er ließ dich den Zaubertrank trinken?«, sagte Harry angewidert.
Aber Kreacher schüttelte den Kopf und weinte. Hermines Hände fuhren rasch zu ihrem Mund: Sie schien etwas verstanden zu haben.
»Herr R-Regulus nahm ein Medaillon aus seiner Tasche, das aussah wie das des Dunklen Lords«, sagte Kreacher und Tränen stömten zu beiden Seiten seiner Schnauzennase hinab. »Und er befahl Kreacher, es zu nehmen und die Medaillons auszutauschen, wenn das Becken leer sei …«
Kreacher schluchzte nun mit einem Geräusch, das wie ein grobes Raspeln klang; Harry musste sich stark konzentrieren, um ihn zu verstehen.
»Und er befahl Kreacher – wegzugehen – ohne ihn. Und er sagte, Kreacher solle – nach Hause gehen – und meiner Herrin niemals erzählen – was er getan hatte – sondern das erste Medaillon – zerstören. Und er trank – den ganzen Zaubertrank – und Kreacher vertauschte die Medaillons – und sah zu … wie Herr Regulus … unter Wasser gezogen wurde … und …«
»Oh, Kreacher!«, jammerte Hermine und weinte. Sie sank neben dem Elfen auf die Knie und wollte ihn umarmen. Schlagartig war Kreacher auf den Beinen und schreckte vor ihr zurück, ganz offensichtlich voller Abscheu.
»Das Schlammblut hat Kreacher berührt, er wird das nicht gestatten, was würde seine Herrin sagen?«
»Ich hab dir gesagt, dass du sie nicht ›Schlammblut‹ nennen sollst«, fauchte Harry, aber der Elf war schon dabei, sich selbst zu bestrafen: Er ließ sich hinfallen und hämmerte mit seiner Stirn auf den Fußboden.
»Mach, dass er aufhört – er soll aufhören!«, schrie Hermine. »Oh, siehst du jetzt nicht, wie krank das ist, so wie sie gehorchen müssen?«
»Kreacher – hör auf, hör auf!«, rief Harry.
Der Elf lag auf dem Boden, keuchte und zitterte, rund um seine Schnauze glänzte grüner Schleim, dort, wo er sich geschlagen hatte, erschien bereits ein blauer Fleck auf seiner bleichen Stirn, seine Augen waren geschwollen, blutunterlaufen und schwammen in Tränen. Harry hatte noch nie etwas so Erbärmliches gesehen.
»Du hast also das Medaillon nach Hause gebracht«, drängte er unerbittlich weiter, denn er wollte unbedingt die ganze Geschichte erfahren. »Und du hast versucht, es zu zerstören?«
»Nichts, was Kreacher tat, hat irgendeine Spur darauf hinterlassen«, stöhnte der Elf. »Kreacher hat alles versucht, alles, was er wusste, aber nichts, nichts hat gewirkt … so viele mächtige Zauber auf dem Gehäuse. Kreacher war sicher, dass man es nur zerstören konnte, wenn man hineinkam, aber es wollte sich nicht öffnen … Kreacher bestrafte sich, er versuchte es wieder, er bestrafte sich, er versuchte es wieder. Kreacher hat Befehle nicht befolgt, Kreacher konnte das Medaillon nicht zerstören! Und seine Herrin war verrückt vor Kummer, weil Herr Regulus verschwunden war, und Kreacher konnte ihr nicht sagen, was passiert war, nein, weil Herr Regulus ihm v-v-verboten hatte, irgendwem von der F-F-Familie zu erzählen, was in der Höhle p-passiert war …«
Kreacher begann so heftig zu schluchzen, dass keine zusammenhängenden Wörter mehr zu hören waren. Hermine sah ihn mit tränenüberströmten Wangen an, wagte es jedoch nicht, ihn noch einmal anzufassen. Selbst Ron, der Kreacher nicht sonderlich leiden konnte, wirkte betrübt. Harry setzte sich auf die Fersen und schüttelte den Kopf, um vielleicht auf einen klaren Gedanken zu kommen.
»Ich verstehe dich nicht, Kreacher«, sagte er schließlich. »Voldemort hat versucht dich zu töten, Regulus starb, um Voldemort zu stürzen, und dennoch hast du Sirius mit Vergnügen an Voldemort verraten? Du bist mit Vergnügen zu Narzissa und Bellatrix gegangen und hast über sie Informationen an Voldemort weitergeleitet …«
»Harry, so denkt Kreacher nicht«, sagte Hermine und wischte sich mit dem Handrücken die Augen. »Er ist ein Sklave; Hauselfen sind an schlechte, ja sogar grausame Behandlung gewöhnt; was Voldemort Kreacher angetan hat, war gar nicht so unüblich. Was bedeuten einem Elfen wie Kreacher schon Kriege unter Zauberern? Er ist den Leuten treu ergeben, die freundlich zu ihm sind, und Mrs Black muss das gewesen sein, und Regulus war es ganz sicher, und so hat er ihnen bereitwillig gedient und ihre Ansichten nachgeplappert. Ich weiß, was du sagen willst«, fuhr sie fort, als Harry gerade protestieren wollte, »nämlich dass Regulus es sich anders überlegt hat … aber das scheint er Kreacher nicht klargemacht zu haben, oder? Und ich glaube, ich weiß, warum. Kreacher und die Familie von Regulus waren alle sicherer, wenn sie sich an den alten Grundsatz des reinen Blutes hielten. Regulus versuchte sie alle zu schützen.«
»Sirius –«
»Sirius war schrecklich zu Kreacher, Harry, und da brauchst du gar nicht so zu schauen, du weißt, dass es stimmt. Kreacher war schon lange Zeit allein, als Sirius kam, um hier zu leben, und er lechzte vermutlich nach ein bisschen Zuneigung. Ich bin sicher, ›Miss Zissy‹ und ›Miss Bella‹ waren furchtbar nett zu Kreacher, als er auftauchte, also hat er ihnen einen Gefallen getan und ihnen alles erzählt, was sie wissen wollten. Ich habe schon immer gesagt, dass die Zauberer eines Tages dafür bezahlen müssen, wie sie die Hauselfen behandeln. Nun, Voldemort hat bezahlt … und Sirius auch.«
Harry konnte ihr nichts entgegensetzen. Während er Kreacher beobachtete, der am Boden schluchzte, fiel ihm ein, was Dumbledore nur Stunden nach Sirius’ Tod zu ihm gesagt hatte: Ich glaube nicht, dass Sirius Kreacher jemals als ein Wesen mit Gefühlen betrachtete, die so heftig wie die eines Menschen sind …
»Kreacher«, sagte Harry nach einer Weile, »wenn du meinst, du schaffst es, ähm … dann setz dich bitte auf.«
Es dauerte einige Minuten, bis Kreachers Schluckauf sich beruhigt hatte und Stille eintrat. Dann stemmte er sich hoch in eine sitzende Haltung und rieb sich mit den Fingerknöcheln die Augen wie ein kleines Kind.
»Kreacher, ich werde dich bitten, etwas zu tun«, sagte Harry. Er warf Hermine einen Hilfe suchenden Blick zu: Er wollte den Befehl freundlich erteilen, konnte aber gleichzeitig nicht so tun, als wäre es keiner. Doch offenbar war sie damit einverstanden, wie er seinen Tonfall geändert hatte: Sie lächelte aufmunternd.
»Kreacher, ich möchte, dass du bitte gehst und Mundungus Fletcher findest. Wir müssen herausfinden, wo das Medaillon – wo das Medaillon von Herrn Regulus ist. Es ist wirklich wichtig. Wir wollen das Werk, das Herr Regulus begonnen hat, vollenden, wir wollen – ähm – dafür sorgen, dass er nicht umsonst gestorben ist.«
Kreacher ließ die Fäuste sinken und blickte zu Harry auf.
»Mundungus Fletcher finden?«, krächzte er.
»Und bring ihn hierher, zum Grimmauldplatz«, sagte Harry. »Meinst du, du könntest das für uns tun?«
Als Kreacher nickte und aufstand, kam Harry plötzlich eine Idee. Er zog Hagrids Beutel hervor und nahm den falschen Horkrux heraus, das Ersatzmedaillon, in das Regulus die Botschaft an Voldemort gesteckt hatte.
»Kreacher, ich, ähm, möchte, dass du das hier nimmst«, sagte er und drückte dem Elfen das Medaillon in die Hand. »Es gehörte Regulus, und ich bin sicher, dass es in seinem Sinne ist, wenn du es als Zeichen der Dankbarkeit für das bekommst, was du –«
»Das war der Overkill«, sagte Ron, als der Elf einen Blick auf das Medaillon warf, erschrocken und jammervoll aufschrie und sich wieder zu Boden stürzte.
Sie brauchten fast eine halbe Stunde, um Kreacher zu beruhigen, der so überwältigt war, ein Erbstück der Familie Black für sich ganz allein geschenkt zu bekommen, dass ihm die Knie zu weich wurden, um sich richtig auf den Beinen halten zu können. Als er endlich in der Lage war, ein paar wacklige Schritte zu machen, begleiteten sie ihn alle zu seinem Schrank, sahen zu, wie er das Medaillon gut in seine schmutzigen Tücher packte, und versicherten ihm, dass sie sich vorrangig um dessen Schutz kümmern würden, während er fort war. Dann verbeugte er sich jeweils tief vor Harry und Ron und machte sogar eine komische kleine Verrenkung in Hermines Richtung, vielleicht der Ansatz zu einem höflichen Gruß, ehe er mit dem üblichen lauten Knall disapparierte.
Das Bestechungsgeschenk
Wenn Kreacher aus einem See voller Inferi entkommen konnte, dann würde er höchstens ein paar Stunden brauchen, um Mundungus zu fangen, davon war Harry überzeugt, und er streifte den ganzen Morgen in gespannter Erwartung im Haus herum. Doch Kreacher kam an diesem Morgen nicht zurück, und auch nicht am Nachmittag. Als die Dämmerung anbrach, war Harry entmutigt und besorgt, und ein Abendessen, das überwiegend aus schimmligem Brot bestand, an dem Hermine erfolglos diverse Verwandlungen ausprobiert hatte, änderte daran nichts.
Kreacher kehrte am nächsten Tag nicht zurück, und auch nicht am Tag darauf. Draußen auf dem Platz vor Nummer zwölf waren jedoch zwei kapuzenvermummte Männer aufgetaucht, die bis in die Nacht hinein dort blieben und in Richtung des Hauses starrten, das sie nicht sehen konnten.
»Todesser, ganz sicher«, sagte Ron, während er, Harry und Hermine sie von den Salonfenstern aus beobachteten. »Meint ihr, die wissen, dass wir hier drin sind?«
»Ich glaube nicht«, sagte Hermine, obwohl sie verängstigt wirkte, »sonst hätten sie uns Snape auf den Hals gehetzt, oder?«
»Meinst du, er war schon hier drin, und Moodys Fluch hat ihm die Zunge gefesselt?«, fragte Ron.
»Ja«, sagte Hermine, »denn sonst hätte er denen sagen können, wie man reinkommt, oder? Aber die stehen hier wahrscheinlich Wache, um zu sehen, ob wir auftauchen. Sie wissen schließlich, dass das Haus Harry gehört.«
»Woher –?«, begann Harry.
»Zauberertestamente werden vom Ministerium geprüft, erinnerst du dich? Die dürften wissen, dass Sirius dir das Haus hinterlassen hat.«
Die Anwesenheit der Todesser draußen drückte die düstere Stimmung in Nummer zwölf noch mehr. Seit Mr Weasleys Patronus hatten sie von niemandem außerhalb des Hauses am Grimmauldplatz auch nur ein Wort gehört und allmählich machte sich die Anspannung bemerkbar. Unruhig und gereizt hatte Ron die unangenehme Gewohnheit entwickelt, mit dem Deluminator in seiner Tasche herumzuspielen: Das brachte vor allem Hermine zur Weißglut, die sich die Zeit des Wartens auf Kreacher mit den Märchen von Beedle dem Barden vertrieb und es nicht komisch fand, dass die Lichter ständig an- und ausgingen.
»Hör endlich auf damit!«, schrie sie am dritten Abend von Kreachers Abwesenheit, als schon wieder sämtliches Licht im Salon verschwand.
»’tschuldigung, ’tschuldigung!«, sagte Ron, klickte mit dem Deluminator und ließ die Lichter wieder angehen. »Ich merk gar nicht, dass ich das mache!«
»Kannst du dich denn nicht mit irgendwas Nützlichem beschäftigen?«
»Womit denn, soll ich etwa Kindergeschichten lesen?«
»Dumbledore hat mir dieses Buch vererbt, Ron –«
»– und mir hat er den Deluminator vererbt, vielleicht soll ich ihn ja benutzen!«
Harry hatte das Gezanke satt und stahl sich aus dem Salon, ohne dass die beiden es bemerkten. Er schlug den Weg nach unten zur Küche ein, die er ständig aufsuchte, weil er sicher war, dass Kreacher höchstwahrscheinlich dort wiederauftauchen würde. Auf halbem Weg die Treppe zur Eingangshalle hinunter hörte er jedoch ein leises Klopfen an der Haustür, dann metallische Klickgeräusche und das Rasseln der Kette.
Sämtliche Nerven in seinem Körper schienen sich zu spannen: Er zog seinen Zauberstab hervor, trat in die Schatten neben den abgeschlagenen Elfenköpfen und wartete. Die Tür ging auf: Er erhaschte einen flüchtigen Blick auf den laternenbeschienenen Platz draußen, und eine in einen Umhang gehüllte Gestalt schob sich in die Halle und schloss die Tür hinter sich. Der Eindringling trat einen Schritt vor und Moodys Stimme fragte: »Severus Snape?« Dann erhob sich die Staubgestalt hinten in der Halle und stürmte auf ihn los, die tote Hand erhoben.
»Ich war es nicht, der dich getötet hat, Albus«, sagte eine leise Stimme.
Der Bann brach: Die Staubgestalt zerbarst wieder, und es war unmöglich, den Neuankömmling durch die dichte graue Wolke, die sie hinterließ, zu erkennen.
Harry zielte mit dem Zauberstab mitten hinein.
»Keine Bewegung!«
Er hatte das Porträt von Mrs Black vergessen: Als sein Ruf erschallte, flogen die Vorhänge, die sie verbargen, auseinander, und sie begann zu schreien: »Schlammblüter und Dreck, bringen Schande über mein Haus –«
Ron und Hermine polterten hinter Harry die Stufen herab, und auch ihre Zauberstäbe waren auf den Unbekannten gerichtet, der jetzt mit erhobenen Armen unten in der Halle stand.
»Nicht feuern, ich bin es, Remus!«
»Oh, Gott sei Dank«, sagte Hermine matt und richtete ihren Zauberstab stattdessen auf Mrs Black; es knallte, die Vorhänge rauschten wieder zu, und Stille trat ein. Auch Ron ließ seinen Zauberstab sinken, aber Harry nicht.
»Zeig dich!«, rief er zurück.
Lupin trat vor ins Licht der Lampen, die Hände immer noch erhoben zum Zeichen, dass er sich ergeben hatte.
»Ich bin Remus John Lupin, Werwolf, manchmal Moony genannt, einer der vier Urheber der Karte des Rumtreibers, verheiratet mit Nymphadora, meist Tonks genannt, und ich habe dir beigebracht, wie man einen Patronus hervorbringt, Harry, der bei dir die Gestalt eines Hirsches annimmt.«
»Oh, schon gut«, sagte Harry und ließ seinen Zauberstab sinken, »aber ich musste mich vergewissern, oder?«
»Als dein ehemaliger Lehrer in Verteidigung gegen die dunklen Künste stimme ich dir vollkommen zu, dass du dich vergewissern musstest. Ron und Hermine, ihr solltet eure Waffen nicht ganz so schnell senken.«
Sie rannten die Treppe hinunter zu ihm. Er war in einen dicken schwarzen Reiseumhang gehüllt und wirkte erschöpft, aber erfreut, sie zu sehen.
»Also kein Zeichen von Severus?«, fragte er.
»Nein«, sagte Harry. »Was ist bei euch los? Sind alle okay?«
»Ja«, sagte Lupin, »aber wir werden alle beobachtet. Draußen auf dem Platz sind ein paar Todesser –«
»– das wissen wir –«
»– ich musste haargenau auf die oberste Stufe vor der Haustür apparieren, um sicher zu sein, dass sie mich nicht sehen. Sie können nicht wissen, dass ihr hier drin seid, sonst hätten sie gewiss mehr Leute da draußen; sie überwachen alles, was irgendwie mit dir zusammenhängt, Harry. Lasst uns nach unten gehen, ich habe euch eine Menge zu berichten, und ich will wissen, was passiert ist, nachdem ihr den Fuchsbau verlassen habt.«
Sie stiegen in die Küche hinunter, wo Hermine ihren Zauberstab auf den Kaminrost richtete. Augenblicklich flammte ein Feuer auf: Es verlieh den nackten Steinwänden etwas trügerisch Behagliches und sein Widerschein glitzerte auf dem langen Holztisch. Lupin zog einige Butterbiere unter seinem Reiseumhang hervor und sie setzten sich.
»Ich wäre schon vor drei Tagen hier gewesen, aber ich musste den Todesser abschütteln, der mich beschattet hat«, sagte Lupin. »Und ihr seid nach der Hochzeit direkt hierhergekommen?«
»Nein«, sagte Harry, »erst nachdem wir in einem Café in der Tottenham Court Road auf zwei Todesser gestoßen sind.«
Lupin schüttete sich den größten Teil seines Butterbiers über die Brust.
»Was?«
Sie erklärten, was geschehen war; als sie fertig waren, sah Lupin bestürzt aus.
»Aber wie haben sie euch so schnell gefunden? Es ist unmöglich, jemandem nachzuspüren, der appariert, außer man hält sich an ihm fest, wenn er verschwindet!«
»Und dass sie die Tottenham Court Road zu diesem Zeitpunkt nur entlangspaziert sind, kommt einem eher unwahrscheinlich vor, oder?«, sagte Harry.
»Wir haben uns gefragt«, sagte Hermine zögernd, »ob Harry vielleicht immer noch die Spur auf sich hat.«
»Unmöglich«, erwiderte Lupin. Ron blickte selbstgefällig drein und Harry fiel ein gewaltiger Stein vom Herzen. »Abgesehen von allem andern wüssten die sicher, dass Harry hier ist, wenn er die Spur noch auf sich hätte, oder? Aber ich verstehe nicht, wie sie euch bis zur Tottenham Court Road verfolgen konnten, das ist beängstigend, wirklich beängstigend.«
Er sah besorgt aus, doch was Harry anging, konnte diese Frage warten.
»Sag uns, was passiert ist, nachdem wir weg sind, wir haben absolut nichts gehört, seit Rons Dad uns mitgeteilt hat, dass die Familie in Sicherheit ist.«
»Nun, Kingsley hat uns gerettet«, sagte Lupin. »Dank seiner Warnung konnten die meisten Hochzeitsgäste disapparieren, ehe sie eintrafen.«
»Waren es Todesser oder Ministeriumsleute?«, warf Hermine ein.
»Sowohl als auch; aber da gibt es praktisch keinen Unterschied mehr«, sagte Lupin. »Es waren etwa ein Dutzend Leute, aber sie wussten nicht, dass du dort warst, Harry. Arthur hat ein Gerücht gehört, wonach sie Scrimgeour gefoltert haben, um deinen Aufenthaltsort aus ihm rauszukriegen, ehe sie ihn töteten; wenn das stimmt, dann hat er dich nicht verraten.«
Harry sah Hermine und Ron an; in ihren Mienen spiegelte sich die Mischung aus Entsetzen und Dankbarkeit, die er empfand. Er hatte Scrimgeour nie besonders gemocht, aber wenn zutraf, was Lupin sagte, dann war die letzte Tat dieses Mannes der Versuch gewesen, Harry zu beschützen.
»Die Todesser haben den Fuchsbau von oben bis unten durchsucht«, fuhr Lupin fort. »Sie haben den Ghul gefunden, wollten aber nicht zu nahe ran – und dann haben sie die von uns, die noch da waren, stundenlang verhört. Sie haben versucht Informationen über dich zu bekommen, Harry, aber natürlich wusste niemand außer den Ordensmitgliedern, dass du dort gewesen warst.
Genau zu dem Zeitpunkt, als sie die Hochzeit sprengten, drangen andere Todesser gewaltsam in jedes Haus im Land ein, das mit dem Orden zu tun hat. Keine Toten«, fügte er rasch hinzu, um der Frage zuvorzukommen, »aber sie sind rücksichtslos vorgegangen. Das Haus von Dädalus Diggel haben sie niedergebrannt, aber er war nicht da, wie ihr wisst, und bei Tonks’ Familie haben sie den Cruciatus-Fluch eingesetzt. Auch dort wollten sie herausfinden, wohin du verschwunden bist, nachdem du bei ihnen warst. Es geht ihnen allen gut – sie sind natürlich arg mitgenommen, aber sonst okay.«
»Die Todesser sind durch all die Schutzzauber durchgekommen?«, fragte Harry und erinnerte sich daran, wie wirkungsvoll sie in der Nacht gewesen waren, als er in den Garten von Tonks’ Eltern gestürzt war.
»Eins muss dir klar werden, Harry, die Todesser haben jetzt die ganze Macht des Ministeriums auf ihrer Seite«, sagte Lupin. »Sie sind ermächtigt, brutale Zauber auszuführen, ohne dass sie Gefahr laufen, sich ausweisen zu müssen oder verhaftet zu werden. Es ist ihnen gelungen, jeden Schutzzauber zu durchdringen, den wir gegen sie errichtet hatten, und sobald sie drin waren, bekannten sie ganz offen, warum sie gekommen waren.«
»Und lassen sie sich vielleicht zu einer Ausrede herbei, warum sie Leute foltern, um zu erfahren, wo Harry steckt?«, fragte Hermine und ihre Stimme klang gereizt.
»Nun«, sagte Lupin. Er zögerte, dann zog er eine zusammengefaltete Ausgabe des Tagespropheten hervor.
»Hier«, sagte er und schob sie über den Tisch zu Harry, »früher oder später erfährst du es sowieso. Das ist ihr Vorwand, weshalb sie hinter dir her sind.«
Harry strich die Zeitung glatt. Ein riesiges Foto von seinem eigenen Gesicht nahm die gesamte Titelseite ein. Er las die Schlagzeile darüber:
GESUCHT ZUR VERNEHMUNG ÜBER DEN TOD
VON ALBUS DUMBLEDORE
Ron und Hermine schrien empört auf, doch Harry sagte nichts. Er schob die Zeitung von sich weg; er wollte nicht weiterlesen: Er wusste, was da stand. Niemand außer denen, die oben auf dem Turm gewesen waren, als Dumbledore starb, wusste, wer ihn wirklich getötet hatte, und wie Rita Kimmkorn der Zaubererwelt bereits mitgeteilt hatte, hatte man Harry vom Tatort wegrennen sehen, Sekunden nachdem Dumbledore gefallen war.
»Es tut mir leid, Harry«, sagte Lupin.
»Die Todesser haben also auch den Tagespropheten in ihrer Hand?«, fragte Hermine zornig.
Lupin nickte.
»Aber die Leute begreifen doch sicher, was da gespielt wird?«
»Die Machtübernahme ist reibungslos und weitgehend ruhig verlaufen«, sagte Lupin. »Die offizielle Version von Scrimgeours Ermordung ist, dass er zurückgetreten sei; er wurde durch Pius Thicknesse ersetzt, der unter dem Imperius-Fluch steht.«
»Warum hat Voldemort sich nicht selbst zum Zaubereiminister ernannt?«, fragte Ron.
Lupin lachte.
»Das braucht er nicht, Ron. Tatsächlich ist er der Minister, aber warum sollte er an einem Schreibtisch im Ministerium hocken? Seine Marionette Thicknesse kümmert sich um das Alltagsgeschäft und Voldemort kann ungehindert seine Macht über das Ministerium hinaus ausweiten.
Natürlich haben sich viele Leute zusammengereimt, was passiert ist: In den letzten paar Tagen fand eine so dramatische Veränderung in der Politik des Ministeriums statt, und viele munkeln, dass Voldemort dahinterstecken müsse. Doch das ist es eben: Sie munkeln. Sie wagen es nicht, einander zu vertrauen, sie wissen nicht, wem sie trauen können; sie haben Angst, den Mund aufzumachen, falls ihre düsteren Ahnungen stimmen und ihre eigenen Familien ins Visier genommen werden. Ja, Voldemort spielt ein sehr cleveres Spiel. Wenn er sich selbst ernannt hätte, dann hätte das vielleicht eine offene Rebellion ausgelöst. Dass er sich verborgen hält, hat Verwirrung, Unsicherheit und Angst gestiftet.«
»Und zu dieser dramatischen Veränderung in der Ministeriumspolitik«, sagte Harry, »gehört wohl auch, dass man die Zaubererwelt vor mir statt vor Voldemort warnt?«
»Das ist sicher ein Teil davon«, sagte Lupin, »und es ist ein Geniestreich. Nun, da Dumbledore tot ist, wärst du – der Junge, der überlebt hat – mit Sicherheit die Symbolfigur und der Mittelpunkt für den gesamten Widerstand gegen Voldemort. Aber indem er unterstellte, dass du in den Tod des alten Helden verwickelt warst, hat Voldemort nicht nur ein Kopfgeld auf dich erreicht, sondern auch bei vielen Zweifel und Furcht gesät, die dich eigentlich verteidigt hätten.
In der Zwischenzeit hat das Ministerium angefangen, gegen Muggelstämmige vorzugehen.«
Lupin deutete auf den Tagespropheten.
»Schau auf die zweite Seite.«
Hermine blätterte mit ungefähr dem gleichen angewiderten Gesichtsausdruck um, den sie bei den Geheimnissen der dunkelsten Kunst aufgesetzt hatte.
»Registrierung der Muggelstämmigen«, las sie vor. »Das Zaubereiministerium führt eine Überprüfung der so genannten Muggelstämmigen durch, um zu klären, wie sie in den Besitz magischer Geheimnisse kamen.
Neuere Untersuchungen der Mysteriumsabteilung zeigen, dass Magie nur von Person zu Person weitergegeben werden kann, wenn sich Zauberer fortpflanzen. Sofern der so genannte Muggelstämmige keine Zauberer als Vorfahren nachweisen kann, hat er seine magische Kraft daher aller Wahrscheinlichkeit nach durch Diebstahl oder mit Gewalt erlangt.
Das Ministerium ist entschlossen, derlei unrechtmäßige Besitzer magischer Kraft aufzustöbern, und hat zu diesem Zweck eine Aufforderung an alle so genannten Muggelstämmigen ergehen lassen, sich zu einer Befragung bei der neu eingerichteten Registrierungskommission für Muggelstämmige einzufinden.«
»Das lassen die Leute nicht geschehen«, sagte Ron.
»Es geschieht gerade, Ron«, sagte Lupin. »Während wir hier miteinander reden, werden Muggelstämmige zusammengetrieben.«
»Aber wie sollen sie denn Magie ›gestohlen‹ haben?«, fragte Ron. »Das ist doch gestört, wenn man Magie stehlen könnte, gäbe es doch keine Squibs, oder?«
»Ich weiß«, sagte Lupin. »Und trotzdem, wenn du nicht beweisen kannst, dass du mindestens einen Zauberer in deiner näheren Verwandtschaft hast, giltst du jetzt als jemand, der seine magische Kraft illegal erlangt hat und dafür bestraft werden muss.«
Ron warf Hermine einen kurzen Blick zu und sagte: »Was ist, wenn Reinblüter und Halbblüter schwören, dass ein Muggelstämmiger zu ihrer Familie gehört? Ich sag allen, dass Hermine meine Cousine ist –«
Hermine legte ihre Hand auf seine und drückte sie.
»Danke, Ron, aber ich könnte nicht zulassen, dass du –«
»Du wirst keine Wahl haben«, sagte Ron grimmig, während er ihren Händedruck erwiderte. »Ich bring dir meinen Familienstammbaum bei, dann kannst du Fragen dazu beantworten.«
Hermine lachte halbherzig.
»Ron, da wir mit Harry Potter auf der Flucht sind, der meistgesuchten Person im Land, glaube ich nicht, dass das von Bedeutung ist. Wenn ich wieder zur Schule gehen würde, wäre es was anderes. Was plant Voldemort für Hogwarts?«, fragte sie Lupin.
»Der Schulbesuch ist jetzt obligatorisch für alle jungen Hexen und Zauberer«, antwortete er. »Das wurde gestern verkündet. Es ist neu, denn eine Schulpflicht gab es noch nie. Natürlich wurden fast alle Hexen und Zauberer in Britannien auf Hogwarts ausgebildet, aber die Eltern hatten das Recht, sie zu Hause zu unterrichten oder sie ins Ausland zu schicken, wenn ihnen das lieber war. So wird Voldemort die ganze Zaubererbevölkerung von einem sehr jungen Alter an unter seiner Kontrolle haben. Und es ist auch eine weitere Methode, Muggelstämmige auszusieben, weil Schüler einen Blutstatus erhalten müssen – das heißt, sie müssen vor dem Ministerium nachgewiesen haben, dass sie von Zauberern abstammen –, ehe sie die Schule besuchen dürfen.«
Harry war angeekelt und wütend: Genau in diesem Moment brüteten vermutlich begeisterte Elfjährige über Stapeln von neu gekauften Zauberspruchbüchern, nicht ahnend, dass sie Hogwarts nie zu Gesicht bekommen und vielleicht auch ihre Familien nie wiedersehen würden.
»Es ist … es ist …«, murmelte er, verzweifelt auf der Suche nach Worten, die seinen schrecklichen Gedanken gerecht wurden, aber Lupin sagte leise: »Ich weiß.«
Lupin zögerte.
»Ich würde verstehen, wenn du es nicht bestätigen kannst, Harry, aber der Orden hat den Eindruck, dass Dumbledore dir eine Mission aufgetragen hat.«
»Das hat er«, antwortete Harry, »und Ron und Hermine wissen darüber Bescheid, und sie kommen mit mir.«
»Kannst du mir anvertrauen, worum es bei dieser Mission geht?«
Harry sah in das früh gealterte Gesicht, das von dichtem, aber angegrautem Haar umrahmt war, und wünschte, er könnte eine andere Antwort geben.
»Das kann ich nicht, Remus, tut mir leid. Wenn Dumbledore es dir nicht gesagt hat, kann ich es wohl auch nicht tun.«
»Ich dachte mir, dass du das sagen würdest«, erwiderte Lupin mit enttäuschter Miene. »Aber ich könnte dir dennoch in gewisser Weise nützlich sein. Du weißt, was ich bin und was ich tun kann. Ich könnte mit euch kommen und für Begleitschutz sorgen. Ihr müsstet mir nicht sagen, was genau ihr vorhabt.«
Harry zögerte. Es war ein sehr verlockendes Angebot, obwohl er sich nicht vorstellen konnte, wie sie ihre Mission vor Lupin geheim halten würden, wenn er die ganze Zeit bei ihnen wäre.
Hermine jedoch schien verwundert.
»Und was ist mit Tonks?«, fragte sie.
»Was soll mit ihr sein?«, erwiderte Lupin.
»Nun ja«, sagte Hermine stirnrunzelnd, »ihr seid doch verheiratet! Wie ist das für sie, wenn du mit uns fortgehst?«
»Tonks wird vollkommen sicher sein«, sagte Lupin. »Sie wird zu Hause bei ihren Eltern bleiben.«
Es lag etwas Fremdes in Lupins Ton; er klang beinahe kalt. Auch die Vorstellung, dass Tonks im Haus ihrer Eltern versteckt bleiben sollte, hatte etwas Merkwürdiges; Tonks war immerhin ein Mitglied des Ordens, und soweit Harry wusste, war sie am liebsten mitten im Geschehen.
»Remus«, sagte Hermine zaghaft, »ist alles in Ordnung … du weißt schon … zwischen dir und –«
»Es ist alles bestens, danke«, sagte Lupin nachdrücklich.
Hermine lief rosa an. Wieder entstand eine Pause, eine peinliche und verlegene, dann sagte Lupin mit einer Miene, als ob er sich zwingen müsste, etwas Unangenehmes zuzugeben: »Tonks bekommt ein Baby.«
»Oh, wie wunderbar!«, kreischte Hermine.
»Toll!«, sagte Ron begeistert.
»Gratuliere«, sagte Harry.
Lupin setzte ein gekünsteltes Lächeln auf, das eher eine Grimasse war, und sagte dann: »Also … nehmt ihr mein Angebot an? Werden aus dreien vier? Ich kann mir nicht vorstellen, dass Dumbledore dagegen gewesen wäre, er hat mich schließlich zu eurem Lehrer in Verteidigung gegen die dunklen Künste ernannt. Und ich muss euch sagen, dass ich glaube, dass wir es hier mit Magie zu tun haben, der viele von uns noch nie begegnet sind und die wir uns nicht einmal vorstellen können.«
Ron und Hermine sahen Harry an.
»Nur – nur um es klarzustellen«, sagte er. »Du willst Tonks im Haus ihrer Eltern zurücklassen und mit uns weggehen?«
»Sie wird dort vollkommen sicher sein, sie kümmern sich um sie«, sagte Lupin. Er sprach mit einer Entschiedenheit, die schon an Gleichgültigkeit grenzte. »Harry, ich bin sicher, dass James gewollt hätte, dass ich bei dir bleibe.«
»Also«, sagte Harry langsam, »ich nicht. Ich bin sogar ziemlich sicher, dass mein Vater hätte wissen wollen, warum du nicht bei deinem eigenen Kind bleibst.«
Alle Farbe schwand aus Lupins Gesicht. Die Temperatur in der Küche schien um zehn Grad gesunken zu sein. Ron starrte umher, als hätte ihm jemand befohlen, sich den Raum genau einzuprägen, während Hermines Augen zwischen Harry und Lupin hin- und herhuschten.
»Du verstehst das nicht«, sagte Lupin endlich.
»Dann erklär’s«, sagte Harry.
Lupin schluckte.
»Ich – es war ein großer Fehler von mir, Tonks zu heiraten. Ich habe es wider bessere Einsicht getan und bereue es seither zutiefst.«
»Ich verstehe«, sagte Harry, »du lässt sie und das Kind jetzt also einfach im Stich und haust mit uns ab?«
Lupin sprang auf: Sein Stuhl kippte nach hinten um, und er starrte sie so grimmig an, dass Harry zum allerersten Mal die Spur des Wolfes auf seinem menschlichen Gesicht wahrnahm.
»Begreift ihr nicht, was ich meiner Frau und meinem ungeborenen Kind angetan habe? Ich hätte Tonks nie heiraten sollen, ich habe sie zu einer Ausgestoßenen gemacht!«
Lupin trat den Stuhl beiseite, den er umgeworfen hatte.
»Ihr habt mich immer nur unter den Ordensleuten erlebt, oder unter Dumbledores Schutz in Hogwarts. Ihr wisst nicht, wie die meisten in der Zaubererwelt Kreaturen wie mich betrachten! Wenn sie von meinem Gebrechen erfahren, können sie kaum mehr mit mir reden! Seht ihr nicht, was ich getan habe? Sogar ihre eigene Familie ist von unserer Heirat angewidert, welche Eltern wollen schon, dass ihre einzige Tochter sich einen Werwolf zum Mann nimmt? Und das Kind – das Kind –«
Lupin raufte sich mit beiden Händen die Haare; er wirkte völlig durcheinander.
»Meine Sippe pflanzt sich normalerweise nicht fort! Mein Kind wird wie ich sein, davon bin ich überzeugt – wie kann ich mir je verzeihen, dass ich es wissentlich riskiert habe, mein eigenes Leiden an ein unschuldiges Kind weiterzugeben? Und falls es, durch irgendein Wunder, nicht so ist wie ich, dann wird es besser dran sein, und zwar hundert Mal besser, ohne einen Vater, für den es sich immer schämen muss!«
»Remus!«, flüsterte Hermine, mit Tränen in den Augen. »Sag das nicht – wie könnte sich irgendein Kind denn für dich schämen?«
»Ach, ich weiß nicht, Hermine«, sagte Harry. »Ich würde mich ziemlich für ihn schämen.«
Harry wusste nicht, woher sein Zorn kam, doch er hatte auch ihn von seinem Platz hochgerissen. Lupin machte den Eindruck, als ob Harry ihn geschlagen hätte.
»Wenn das neue Regime Muggelstämmige für böse hält«, sagte Harry, »was werden die dann erst mit einem Halb-Werwolf machen, dessen Vater im Orden ist? Mein Vater ist bei dem Versuch gestorben, meine Mutter und mich zu schützen, und du meinst, er würde dir sagen, dass du dein Kind verlassen und mit uns zu einem Abenteuer aufbrechen sollst?«
»Wie – wie kannst du es wagen?«, sagte Lupin. »Hier geht es nicht um ein Verlangen nach – nach Gefahr oder Ruhm für mich – wie kannst du es wagen, etwas Derartiges zu –«
»Ich glaube, du kommst dir ein bisschen wie ein Draufgänger vor«, sagte Harry. »Du träumst davon, in Sirius’ Fußstapfen zu treten –«
»Harry, nicht!«, bat ihn Hermine, doch er starrte weiter zornig in Lupins aschgraues Gesicht.
»Das hätte ich nie gedacht«, sagte Harry. »Der Mann, der mir beigebracht hat, wie man gegen Dementoren kämpft – ein Feigling.«
Lupin zückte seinen Zauberstab so schnell, dass Harry seinen eigenen noch nicht einmal berührt hatte; es gab einen lauten Knall, und er spürte, wie er nach hinten flog, als ob er einen Fausthieb bekommen hätte; als er gegen die Küchenwand schlug und zu Boden rutschte, sah er den letzten Zipfel von Lupins Umhang gerade noch durch die Tür verschwinden.
»Remus, Remus, komm zurück!«, schrie Hermine, aber Lupin antwortete nicht. Einen Moment später hörten sie die Haustür zuschlagen.
»Harry!«, jammerte Hermine. »Wie konntest du nur?«
»Das war leicht«, sagte Harry. Er stand auf; er spürte, wie dort, wo er mit dem Kopf gegen die Wand geknallt war, eine Beule anschwoll. Er zitterte immer noch vor Wut.
»Schau mich nicht so an!«, fuhr er Hermine an.
»Lass sie in Ruhe!«, fauchte Ron.
»Nein – nein – wir dürfen nicht streiten!«, sagte Hermine und warf sich zwischen die beiden.
»Du hättest das nicht zu Lupin sagen sollen«, meinte Ron zu Harry.
»Er hat es nicht anders verdient«, erwiderte Harry. In seinem Kopf jagten Bruchstücke einzelner Bilder hintereinanderher: Sirius, wie er durch den Schleier fiel; Dumbledore in der Schwebe, mit gebrochenen Gliedmaßen, mitten in der Luft; ein grüner Lichtblitz und die Stimme seiner Mutter, die um Gnade bettelte …
»Eltern«, sagte Harry, »sollten ihre Kinder nicht verlassen, außer – außer wenn sie es müssen.«
»Harry –«, sagte Hermine und streckte tröstend die Hand aus, doch er tat es achselzuckend ab und ging davon, den Blick auf das Feuer gerichtet, das Hermine herbeigezaubert hatte. Er hatte einmal von diesem Kamin aus mit Lupin gesprochen, hatte sich wegen James vergewissern wollen, und Lupin hatte ihn getröstet. Jetzt schien Lupins gequältes weißes Gesicht vor ihm in der Luft zu schweben. Die Reue packte ihn so jäh, dass ihm übel wurde. Weder Ron noch Hermine sagten etwas, doch Harry war sicher, dass sie sich hinter seinem Rücken ansahen und wortlos austauschten.
Er drehte sich um und sah gerade noch, wie sie sich rasch voneinander abwandten.
»Ich weiß, ich hätte ihn nicht einen Feigling nennen sollen.«
»Nein, hättest du nicht«, sagte Ron sofort.
»Aber er verhält sich wie einer.«
»Trotzdem …«, sagte Hermine.
»Ich weiß«, sagte Harry. »Aber wenn er jetzt zu Tonks zurückkehrt, war es die Sache wert, oder?«
Er konnte es nicht verhindern, dass seine Stimme flehentlich klang. Hermine sah ihn mitfühlend an, Ron unsicher. Harry blickte hinunter auf seine Füße und dachte an seinen Vater. Hätte James Harry bei dem unterstützt, was er zu Lupin gesagt hatte, oder hätte es ihn wütend gemacht, wie sein Sohn seinen alten Freund behandelt hatte?
Es war, als würden der Schock über den jüngsten Vorfall und die unausgesprochenen Vorwürfe von Ron und Hermine in der stillen Küche nachhallen. Der Tagesprophet, den Lupin mitgebracht hatte, lag noch immer auf dem Tisch, und von der Titelseite starrte Harrys eigenes Gesicht hoch zur Decke. Er ging hinüber, setzte sich vor die Zeitung, schlug sie wahllos auf und tat, als würde er lesen. Er konnte die Worte nicht aufnehmen, ihm schwirrte nach wie vor der Kopf von dem Zusammenstoß mit Lupin. Er war sicher, dass Ron und Hermine hinter dem Tagespropheten wieder angefangen hatten, sich stumm zu verständigen. Er blätterte geräuschvoll eine Seite um und Dumbledores Name sprang ihm ins Auge. Er brauchte eine Weile, bis er erkannt hatte, was auf dem Foto abgebildet war, es zeigte ein Gruppenbild von einer Familie. Die Bildunterschrift lautete: Familie Dumbledore (von links nach rechts): Albus, Percival mit der neugeborenen Ariana, Kendra und Aberforth.
Aufmerksam geworden, betrachtete Harry das Foto sorgfältiger. Dumbledores Vater Percival war ein gut aussehender Mann, dessen Augen selbst auf diesem verblassten alten Foto zu zwinkern schienen. Das Baby, Ariana, war kaum größer als ein Laib Brot und genauso unauffällig. Die Mutter, Kendra, hatte rabenschwarzes Haar, das oben auf dem Kopf zu einem Knoten zusammengebunden war. Ihre Gesichtszüge waren wie gemeißelt. Trotz des hochgeschlossenen Seidenkleides, das sie trug, fühlte Harry sich an Indianer erinnert, als er ihre dunklen Augen, die hohen Wangenknochen und die gerade Nase betrachtete. Albus und Aberforth trugen zusammenpassende Jacken mit Spitzenkragen und hatten den gleichen schulterlangen Haarschnitt. Albus wirkte einige Jahre älter, doch ansonsten sahen die beiden Jungen einander sehr ähnlich, denn das Foto zeigte sie, noch ehe Albus’ Nase gebrochen worden war und ehe er anfing, eine Brille zu tragen.
Die Familie wirkte völlig glücklich und normal, wie sie da heiter aus der Zeitung herauslächelte. Der Arm der kleinen Ariana winkte undeutlich aus ihrem Wickeltuch. Harry hob den Blick und las die Schlagzeile über dem Bild:
EXKLUSIVER AUSZUG
AUS DER DEMNÄCHST ERSCHEINENDEN
BIOGRAPHIE VON ALBUS DUMBLEDORE
von Rita Kimmkorn
Mit der Überlegung, dass seine Stimmung dadurch wohl kaum noch schlechter werden konnte, begann Harry zu lesen:
Stolz und hochmütig, wie sie war, konnte Kendra Dumbledore es nach der Aufsehen erregenden Verhaftung ihres Gatten Percival und seiner Inhaftierung in Askaban nicht ertragen, in Mould-on-the-Wold zu bleiben. Sie beschloss daher, die Familie zu entwurzeln und nach Godric’s Hollow umzuziehen, in jenes Dorf, das später berühmt werden sollte als der Ort, wo Harry Potter auf merkwürdige Weise Du-weißt-schon-wem entrinnen konnte.
Wie Mould-on-the-Wold war auch Godric’s Hollow die Heimat etlicher Zaubererfamilien, doch da Kendra keine von ihnen kannte, blieb ihr die Neugier über das Verbrechen ihres Mannes wohl erspart, der sie in ihrem alten Dorf ausgesetzt gewesen war. Indem sie die freundlichen Annäherungsversuche ihrer neuen Zauberernachbarn immer wieder abwies, sorgte sie dafür, dass ihre Familie bald völlig in Ruhe gelassen wurde.
»Hat mir die Tür vor der Nase zugeknallt, als ich mit einer Ladung selbst gebackenem Kesselkuchen bei ihr vorbeischauen wollte, um sie zu begrüßen«, sagt Bathilda Bagshot. »In ihrem ersten Jahr hier habe ich praktisch nur die beiden Jungs gesehen. Hätte gar nicht gewusst, dass da auch noch eine Tochter war, wenn ich in dem Winter nach ihrem Einzug nicht im Mondschein Plangentinien gepflückt und dabei gesehen hätte, wie Kendra Ariana in den Garten hinter dem Haus hinausführte. Spazierte mit ihr einmal um den Rasen herum und hielt sie dabei immer schön fest, dann brachte sie sie wieder ins Haus zurück. Wusste nicht, was ich davon halten sollte.«
Anscheinend dachte Kendra, dass der Umzug nach Godric’s Hollow die perfekte Gelegenheit war, Ariana ein für alle Mal zu verstecken, etwas, das sie vermutlich seit Jahren geplant hatte. Der Zeitpunkt war von Bedeutung. Ariana war kaum sieben Jahre alt, als sie von der Bildfläche verschwand, und spätestens bis zum Alter von sieben offenbaren sich nach Auffassung der meisten Experten magische Kräfte, falls sie vorhanden sind. Keiner der heute noch Lebenden erinnert sich daran, dass Ariana je auch nur das geringste Zeichen magischer Fähigkeiten erkennen ließ. Es scheint daher offensichtlich, dass Kendra die Entscheidung traf, eher die Existenz ihrer Tochter zu verheimlichen, als die Schmach zu erdulden, zugeben zu müssen, dass sie eine Squib geboren hatte. Indem sie von den Freunden und Nachbarn wegzog, die Ariana kannten, wurde es natürlich um einiges leichter, sie einzusperren. Die kleine Zahl von Leuten, die fortan um Arianas Existenz wussten, würden verlässlich schweigen, darunter auch Arianas zwei Brüder, die unangenehme Fragen mit der Antwort abwehrten, die ihre Mutter ihnen beigebracht hatte: »Meine Schwester ist zu zart für die Schule.«
Nächste Woche: Albus Dumbledore in Hogwarts – Die Auszeichnungen und die Anmaßung
Harry hatte sich geirrt: Bei dem, was er gerade gelesen hatte, war seine Stimmung tatsächlich noch schlechter geworden. Er sah noch einmal auf das Foto der scheinbar glücklichen Familie. Entsprach das der Wahrheit? Wie konnte er es herausfinden? Er wollte nach Godric’s Hollow, selbst wenn Bathildas Zustand es nicht zuließ, dass sie mit ihm redete; er wollte den Ort besuchen, wo er und Dumbledore geliebte Menschen verloren hatten.
Er war gerade dabei, die Zeitung sinken zu lassen, um Ron und Hermine nach ihrer Meinung zu fragen, als ein ohrenbetäubender Knall die Küche erschütterte.
Zum ersten Mal seit drei Tagen hatte Harry Kreacher völlig vergessen. Sein nächster Gedanke war, Lupin sei wieder hereingeplatzt, und für den Bruchteil einer Sekunde wusste er mit dem Durcheinander zappelnder Arme und Beine, das gleich neben seinem Stuhl aus dem Nichts aufgetaucht war, gar nichts anzufangen. Er sprang hastig auf, als Kreacher sich aus dem Gewirr löste und mit einer tiefen Verbeugung vor Harry krächzte: »Kreacher ist mit dem Dieb Mundungus Fletcher zurückgekehrt, Herr.«
Mundungus rappelte sich auf und zog seinen Zauberstab hervor; doch Hermine war zu schnell für ihn.
»Expelliarmus!«
Mundungus’ Zauberstab schwirrte durch die Luft und Hermine fing ihn auf. Mit wildem Blick hechtete Mundungus zur Treppe: Ron stürzte sich auf ihn wie ein Rugbyspieler und Mundungus schlug mit einem dumpfen Knirschen auf den Steinboden.
»Was’n los?«, brüllte er und bäumte sich auf, um sich aus Rons Griff zu befreien. »Was hab ich getan? Mir ’nen verdammten Hauselfen auf den Hals zu hetzen, was soll das denn, was hab ich getan, lass mich los, lass mich los, oder –«
»Sieht nicht so aus, als könntest du hier große Töne spucken«, sagte Harry. Er warf die Zeitung beiseite, durchquerte mit wenigen Schritten die Küche und sank neben Mundungus auf die Knie, der nun aufhörte sich zu wehren und verängstigt dreinblickte. Ron erhob sich keuchend und sah zu, wie Harry seinen Zauberstab bedächtig auf Mundungus’ Nase richtete. Mundungus stank nach altem Schweiß und Tabakrauch, sein Haar war verfilzt und sein Umhang fleckig.
»Kreacher entschuldigt sich dafür, dass er den Dieb erst so spät gebracht hat, Herr«, krächzte der Elf. »Fletcher weiß, wie man es vermeidet, gefangen zu werden, hat viele Schlupfwinkel und Komplizen. Dennoch hat Kreacher den Dieb am Ende in die Enge getrieben.«
»Das hast du wirklich gut gemacht, Kreacher«, sagte Harry und der Elf verneigte sich tief.
»Also, wir haben ein paar Fragen an dich«, sagte Harry zu Mundungus, der sofort schrie: »Ich hab Panik gekriegt, okay? Ich wollte sowieso nie mitkommen, nichts für ungut, Mann, aber ich hab mich nie freiwillig gemeldet, um für dich zu sterben, un’ das war der verdammte Du-weißt-schon-wer, der da auf mich zugeflogen kam, da hätte jeder die Fliege gemacht, ich hab ja die ganze Zeit gesagt, dass ich’s nicht machen will –«
»Zu deiner Information, keiner von uns anderen ist disappariert«, sagte Hermine.
»Tja, dann seid ihr eben ein Haufen verdammte Helden, nicht wahr, aber ich hab nie behauptet, dass ich bereit wäre, mich umbringen zu lassen –«
»Es interessiert uns nicht, wieso du Mad-Eye im Stich gelassen hast«, sagte Harry und hielt seinen Zauberstab ein wenig näher an Mundungus’ triefende, blutunterlaufene Augen. »Wir wussten schon, dass du ein unzuverlässiges Stück Dreck bist.«
»Und warum zur Hölle werd ich dann von Hauselfen gejagt? Oder geht’s mal wieder um diese Kelche? Ich hab keine mehr übrig, sonst könntest du sie haben –«
»Es geht auch nicht um die Kelche, aber du kommst der Sache schon näher«, sagte Harry. »Halt den Mund und hör zu.«
Es war ein wunderbares Gefühl, etwas zu tun zu haben, von jemandem einen kleinen Teil der Wahrheit verlangen zu können. Harrys Zauberstab war nun so nahe an Mundungus’ Nasenrücken, dass Mundungus nach innen schielte, um ihn im Blick behalten zu können.
»Als du alles Wertvolle aus diesem Haus eingesackt hast«, begann Harry, aber Mundungus unterbrach ihn.
»Sirius war dieser ganze Plunder nie wichtig –«
Trappelnde Schritte waren zu hören, glänzendes Kupfer blitzte auf, ein Scheppern ertönte und ein Schmerzensschrei: Kreacher war auf Mundungus losgestürmt und hatte ihm einen Kochtopf an den Kopf geknallt.
»Ruf ihn zurück, ruf ihn zurück, der gehört eingesperrt!«, schrie Mundungus und duckte sich, als Kreacher den schwerbödigen Topf erneut hob.
»Kreacher, nein!«, rief Harry.
Kreachers dünne Arme zitterten unter dem Gewicht des Topfes, den er nach wie vor emporhielt.
»Vielleicht nur noch ein Mal, Meister Harry? Das bringt Glück!«
Ron lachte.
»Wir brauchen ihn bei Bewusstsein, Kreacher, aber wenn wir ihm auf die Sprünge helfen müssen, dann kannst du ihm die Ehre erweisen«, sagte Harry.
»Vielen Dank, Herr«, sagte Kreacher mit einer Verbeugung, und er trat ein wenig zurück, die großen blassen Augen immer noch hasserfüllt auf Mundungus gerichtet.
»Als du alle Wertgegenstände aus diesem Haus geholt hast, die du finden konntest«, begann Harry erneut, »hast du einiges aus dem Küchenschrank mitgenommen. Da war ein Medaillon dabei.« Harrys Mund war plötzlich trocken. Er konnte spüren, dass auch Ron und Hermine angespannt und aufgeregt waren. »Was hast du damit gemacht?«
»Warum?«, fragte Mundungus. »Is’ es wertvoll?«
»Du hast es immer noch!«, rief Hermine.
»Nein, hat er nicht«, sagte Ron gewieft. »Er fragt sich nur, ob er nicht mehr Geld dafür hätte verlangen sollen.«
»Mehr?«, sagte Mundungus. »Das wär verdammt noch mal nicht schwierig gewesen … zum Teufel, ich hab’s verschenkt, kapiert? Blieb mir nichts anderes übrig.«
»Was soll das heißen?«
»Ich hab grade in der Winkelgasse verkauft, da kommt so ’ne Frau auf mich zu un’ fragt mich, ob ich ’ne Lizenz für den Handel mit magischen Artefakten hab. Miese Schnüfflerin. Wollt’ mir ’n Bußgeld aufbrummen, aber sie hatte ’n Auge auf dieses Medaillon geworfen, un’ sie meinte, sie würd es nehmen und mich diesmal noch laufen lassen, un’ ich könnt von Glück reden.«
»Wer war diese Frau?«, fragte Harry.
»Keine Ahnung, irgend’ne Sabberhexe vom Ministerium.«
Mundungus überlegte kurz mit gerunzelter Stirn.
»Kleine Frau. Haarschleife oben auf’m Kopf.«
Er schaute finster drein, dann fügte er hinzu: »Sah aus wie ’ne Kröte.«
Harry ließ seinen Zauberstab fallen: Er traf Mundungus an der Nase und sprühte rote Funken in seine Augenbrauen, die Feuer fingen.
»Aguamenti!«, schrie Hermine, und ein Wasserstrahl schoss aus ihrem Zauberstab, der den prustenden und würgenden Mundungus überflutete.
Harry blickte auf und sah sein Entsetzen in den Gesichtern von Ron und Hermine widergespiegelt. Die Narben auf seinem rechten Handrücken schienen erneut zu brennen.
Magie ist Macht
Der August zog sich hin, der ungepflegte Flecken Gras in der Mitte des Grimmauldplatzes verdorrte in der Sonne und wurde spröde und braun. Niemand aus den benachbarten Häusern bekam die Bewohner von Nummer zwölf je zu Gesicht, auch das Haus selbst nicht. Die Muggel, die am Grimmauldplatz lebten, hatten sich schon seit langem mit dem komischen Fehler in der Nummerierung abgefunden, durch den Nummer elf neben Nummer dreizehn stand.
Und doch lockte der Platz nun kleine Besuchergruppen an, die diese Eigentümlichkeit offenbar höchst faszinierend fanden. Kaum ein Tag verging, ohne dass ein, zwei Leute zum Grimmauldplatz kamen, die dem Anschein nach nichts anderes im Sinn hatten, als sich an das Gitter gegenüber von Nummer elf und dreizehn zu lehnen und die Verbindungsstelle zwischen den beiden Häusern zu beobachten. Nie kam es vor, dass zwei Tage hintereinander dieselben Leute herumlungerten, doch hegten sie offenbar alle die gleiche Abneigung gegen normale Kleidung. Die meisten Londoner, die an ihnen vorbeigingen, waren an exzentrisch gekleidete Leute gewöhnt und nahmen kaum Notiz von ihnen, mochte auch der ein oder andere gelegentlich kurz zurückblicken und sich fragen, wie jemand in dieser Hitze so lange Umhänge tragen konnte.
Das Aufpassen schien für die Beobachter wenig befriedigend zu sein. Manchmal schrak einer von ihnen auf und wollte erregt losstürmen, als ob er endlich etwas Interessantes erspäht hätte, lehnte sich dann aber nur mit enttäuschtem Gesicht wieder zurück.
Am ersten Septembertag lungerten noch mehr Leute als sonst auf dem Platz herum. Ein halbes Dutzend Männer in langen Umhängen standen stumm und aufmerksam da und starrten wie immer auf die Häuser Nummer elf und dreizehn, doch das, worauf sie warteten, schien nach wie vor nicht greifbar. Als der Abend anbrach und zum ersten Mal seit Wochen einen unerwarteten kalten Regenschauer mit sich brachte, trat wieder einer jener unerklärlichen Momente ein, in denen es so aussah, als hätten sie etwas Interessantes entdeckt. Der Mann mit dem verzerrten Gesicht deutete auf etwas, und der ihm am nächsten stehende Gefährte, ein dicklicher, bleicher Mann, wollte schon losstürmen, doch einen Augenblick später waren sie wieder entspannt und gaben sich mit frustrierten und enttäuschten Mienen erneut ihrem Nichtstun hin.
Unterdessen hatte Harry in Haus Nummer zwölf gerade die Eingangshalle betreten. Er hatte fast das Gleichgewicht verloren, als er auf die oberste Stufe direkt vor der Haustür appariert war, und dachte, dass die Todesser vielleicht einen Blick auf seinen kurz sichtbaren Ellbogen erhascht hatten. Er schloss die Tür sorgfältig hinter sich ab, zog den Tarnumhang aus, warf ihn sich über den Arm und eilte mit einem gestohlenen Tagespropheten in der Hand durch die düstere Halle auf die Tür zu, die in den Keller führte.
Wie üblich empfing ihn das leise geflüsterte »Severus Snape?«, der kalte Wind fegte über ihn hinweg, und seine Zunge rollte sich für einen Moment zusammen.
»Ich habe Sie nicht getötet«, sagte er, sobald sich seine Zunge wieder gelöst hatte, dann hielt er den Atem an, als die staubige Zaubergestalt zerbarst. Er wartete, bis er die Treppe zur Küche halb hinunter war, außer Hörweite von Mrs Black und weg von der Staubwolke, dann rief er: »Ich hab Neuigkeiten und die werden euch nicht gefallen.«
Die Küche war kaum wiederzuerkennen. Sämtliche Flächen blitzten: Kupfertöpfe und -pfannen waren poliert worden und hatten einen rosigen Glanz angenommen, die Platte des Holztisches funkelte, die Kelche und Teller, die schon zum Abendessen bereitstanden, glitzerten im Schein eines munter lodernden Feuers, auf dem ein Kessel köchelte. Doch nichts im Raum hatte sich so drastisch verändert wie der Hauself, der nun auf Harry zugeeilt kam; er war in ein schneeweißes Handtuch gekleidet, sein Ohrenhaar war sauber und flauschig wie Watte, und an seiner schmächtigen Brust baumelte das Medaillon von Regulus.
»Schuhe ausziehen, wenn ich bitten darf, Meister Harry, und Hände waschen vor dem Abendessen«, krächzte Kreacher, nahm den Tarnumhang und schlurfte davon, um ihn an einen Haken an der Wand zu hängen, neben eine Reihe altmodischer, frisch gewaschener Umhänge.
»Was ist passiert?«, fragte Ron besorgt. Er und Hermine hatten gerade über einem Haufen handgeschriebener Notizen und selbst gezeichneter Karten gebrütet, die an einem Ende des langen Küchentisches herumlagen, doch nun beobachteten sie Harry, der mit großen Schritten auf sie zukam und die Zeitung auf ihre verstreuten Pergamentblätter warf.
Das große Bild eines altbekannten, hakennasigen, schwarzhaarigen Mannes starrte zu ihnen herauf, und die Schlagzeile darüber lautete:
SEVERUS SNAPE ALS SCHULLEITER VON HOGWARTS BESTÄTIGT
»Nein!«, sagten Ron und Hermine laut.
Hermine war am schnellsten; sie schnappte sich die Zeitung und begann den dazugehörigen Bericht laut vorzulesen.
»Severus Snape, langjähriger Lehrer für Zaubertränke an der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei, wurde heute zum Schulleiter ernannt, als wichtigste einer ganzen Reihe von personellen Veränderungen an der altehrwürdigen Schule. Nach dem Rücktritt der früheren Muggelkundelehrerin wird Alecto Carrow den Posten übernehmen, während ihr Bruder Amycus die Stelle des Professors für Verteidigung gegen die dunklen Künste einnimmt.
›Dies ist eine willkommene Gelegenheit für mich, die großen Traditionen und Werte unserer Zaubererwelt hochzuhalten –‹ Zum Beispiel Leute umbringen und ihnen die Ohren abschneiden, vermute ich mal! Snape und Schulleiter! Snape in Dumbledores Büro – bei Merlins Unterhose!«, kreischte Hermine, dass Harry und Ron zusammenzuckten. Sie sprang vom Tisch auf und wirbelte mit den Worten »Bin gleich wieder zurück!« aus der Küche.
»Bei Merlins Unterhose?«, wiederholte Ron amüsiert. »Sie muss wirklich wütend sein.« Er zog die Zeitung zu sich her und las den Artikel über Snape durch.
»Das machen die anderen Lehrer nicht mit. McGonagall und Flitwick und Sprout kennen alle die Wahrheit, sie wissen, wie Dumbledore starb. Die werden Snape nicht als Schulleiter akzeptieren. Und wer sind diese Carrows?«
»Todesser«, sagte Harry. »Im Innenteil sind Bilder von ihnen. Sie waren oben auf dem Turm, als Snape Dumbledore getötet hat, damit sind alle Freunde vereint. Außerdem«, fuhr Harry verbittert fort und zog einen Stuhl heran, »sehe ich nicht, dass die übrigen Lehrer eine andere Wahl haben, als zu bleiben. Wenn das Ministerium und Voldemort hinter Snape stehen, wird es die Wahl sein, ob sie bleiben und unterrichten oder aber ein paar nette Jahre in Askaban verbringen wollen – und das nur, wenn sie Glück haben. Ich schätze, sie bleiben und versuchen die Schüler zu schützen.«
Kreacher eilte mit einer großen Terrine in den Händen zum Tisch und schöpfte Suppe in blitzsaubere Schalen, während er durch die Zähne pfiff.
»Danke, Kreacher«, sagte Harry und drehte den Tagespropheten um, damit er Snapes Gesicht nicht sehen musste. »Na, wenigstens wissen wir jetzt genau, wo Snape ist.«
Er begann seine Suppe zu löffeln. Die Kochkünste Kreachers hatten sich deutlich verbessert, seit ihm Regulus’ Medaillon geschenkt worden war: Die heutige französische Zwiebelsuppe war die beste, die Harry je probiert hatte.
»Draußen sind immer noch eine Menge Todesser, die das Haus beobachten«, berichtete er Ron, während er aß, »mehr als sonst. Als ob die hoffen würden, dass wir mit unseren Schulkoffern rausmarschieren und zum Hogwarts-Express laufen.«
Ron blickte auf seine Uhr.
»Daran hab ich den ganzen Tag schon gedacht. Er ist vor fast sechs Stunden losgefahren. Komisches Gefühl, dass wir nicht drinsitzen, oder?«
Vor seinem geistigen Auge sah Harry die scharlachrote Dampflok, wie er und Ron sie einst in der Luft verfolgt hatten, schimmernd zwischen Feldern und Hügeln, eine scharlachrote, sich auf und ab wiegende Raupe. Er war sicher, dass Ginny, Neville und Luna in diesem Moment beisammensaßen, und vielleicht fragten sie sich, wo er, Ron und Hermine steckten, oder sprachen darüber, wie sie Snapes neues Regime am besten untergraben konnten.
»Die haben mich gerade eben, als ich zurückkam, fast gesehen«, sagte Harry. »Ich bin schlecht auf der obersten Stufe gelandet und der Tarnumhang ist verrutscht.«
»Das passiert mir auch jedes Mal. Oh, da ist sie ja«, fügte Ron hinzu und drehte sich auf seinem Stuhl zu Hermine um, die wieder in die Küche kam. »Und was im Namen von Merlins schlabberndster Feinrippunterhose hatte das zu bedeuten?«
»Mir ist das hier eingefallen«, keuchte Hermine.
Sie hatte ein großes, gerahmtes Bild dabei, legte es auf den Boden und nahm ihre kleine, mit Perlen verzierte Handtasche von der Küchenanrichte. Sie öffnete die Tasche und zwängte das Gemälde hinein, und obwohl es eindeutig zu groß war, um in die winzige Tasche zu passen, verschwand es innerhalb weniger Sekunden wie so vieles andere in ihren geräumigen Tiefen.
»Phineas Nigellus«, erklärte Hermine und warf die Tasche auf den Küchentisch, wo sie wie üblich mit klangvollem Scheppern und Krachen landete.
»Wie bitte?«, sagte Ron, aber Harry hatte begriffen. Das gemalte Abbild von Phineas Nigellus Black konnte hin- und herflitzen zwischen seinem Porträt am Grimmauldplatz und dem in Hogwarts, das im Büro des Schulleiters hing: in dem kreisrunden Turmzimmer, wo Snape zweifellos in diesem Moment saß und den Triumph genoss, dass Dumbledores Sammlung empfindlicher silberner magischer Instrumente nun ihm gehörte, das steinerne Denkarium, der Sprechende Hut und, sofern es nicht anderswohin gebracht worden war, das Schwert von Gryffindor.
»Snape könnte Phineas Nigellus losschicken, damit er für ihn in dieses Haus hineinsieht«, erklärte Hermine Ron, als sie ihren Platz wieder einnahm. »Aber das soll er mal ruhig versuchen, das Einzige, was Phineas Nigellus jetzt sehen kann, ist das Innere meiner Handtasche.«
»Gut mitgedacht!«, sagte Ron beeindruckt.
»Danke«, erwiderte Hermine lächelnd und zog ihre Suppe zu sich heran. »Also, Harry, was gab es heute sonst noch Neues?«
»Nichts«, sagte Harry. »Ich hab den Eingang zum Ministerium sieben Stunden lang beobachtet. Keine Spur von ihr. Aber deinen Dad hab ich gesehen, Ron. Er schaut richtig gut aus.«
Ron nickte, dankbar für diese Nachricht. Sie hatten sich darauf geeinigt, dass es viel zu gefährlich war, Kontakt mit Mr Weasley aufzunehmen, während er ins Ministerium ging oder dort herauskam, da er ständig von anderen Ministeriumsangestellten umgeben war. Dennoch war es beruhigend, ihn ab und an kurz zu sehen, auch wenn er äußerst angespannt und besorgt wirkte.
»Dad hat uns immer erzählt, dass die meisten Ministeriumsleute das Flohnetzwerk benutzen, um zur Arbeit zu kommen«, sagte Ron. »Deshalb haben wir Umbridge nicht gesehen, die würde nie zu Fuß gehen, die hält sich für zu wichtig.«
»Und was ist mit dieser komischen alten Hexe und diesem kleinen Zauberer in dem marineblauen Umhang?«, fragte Hermine.
»Ach ja, der Typ von der Zauberei-Zentralverwaltung«, sagte Ron.
»Woher weißt du, dass er für die Zentralverwaltung arbeitet?«, fragte Hermine, den Suppenlöffel auf halbem Weg zum Mund.
»Dad hat gesagt, dass die in der Zauberei-Zentralverwaltung alle marineblaue Umhänge tragen.«
»Aber das hast du uns nie erzählt!«
Hermine ließ den Löffel sinken und zog den Haufen Notizzettel und Karten zu sich herüber, die sie und Ron studiert hatten, als Harry in die Küche gekommen war.
»Hier steht nichts von marineblauen Umhängen drin, gar nichts!«, sagte sie und durchblätterte fieberhaft die Seiten.
»Na und, ist das wirklich so wichtig?«
»Ron, es ist alles wichtig! Wenn wir in das Ministerium reinwollen und dabei nicht auffliegen wollen, wo sie doch ganz bestimmt auf der Hut sind vor Eindringlingen, dann ist jedes kleine Detail wichtig! Wir haben das hundertmal durchgesprochen, ich meine, wozu all diese Erkundungstrips, wenn du es nicht mal für nötig hältst, uns zu erzählen –«
»Zum Teufel, Hermine, da hab ich mal ’ne Kleinigkeit vergessen –«
»Dir ist hoffentlich klar, dass es für uns im Moment keinen gefährlicheren Ort auf der Welt gibt als das Zauberei–«
»Ich glaube, wir sollten es morgen machen«, sagte Harry.
Hermine hielt abrupt inne, mit herabhängender Kinnlade; Ron verschluckte sich kurz an seiner Suppe.
»Morgen?«, wiederholte Hermine. »Das meinst du nicht im Ernst, Harry?«
»Doch«, sagte Harry. »Ich glaube nicht, dass wir viel besser vorbereitet wären als jetzt, auch wenn wir noch einen Monat um den Ministeriumseingang herumschleichen würden. Je länger wir es rausschieben, umso weiter weg könnte dieses Medaillon sein. Es ist jetzt schon ziemlich wahrscheinlich, dass Umbridge es weggeworfen hat; das Ding lässt sich ja nicht öffnen.«
»Es sei denn«, sagte Ron, »sie hat eine Möglichkeit gefunden, es aufzukriegen, und ist jetzt besessen.«
»Würde bei der keinen Unterschied machen, so böse, wie die immer schon war«, entgegnete Harry achselzuckend.
Hermine biss sich auf die Lippen, tief in Gedanken versunken.
»Wir wissen alles, was wichtig ist«, fuhr Harry an Hermine gewandt fort. »Wir wissen, dass man nicht mehr ins Ministerium rein- und wieder rausapparieren kann. Wir wissen, dass es jetzt nur noch den ranghöchsten Ministeriumsmitarbeitern gestattet ist, ihre Privathäuser an das Flohnetzwerk anzuschließen, weil Ron gehört hat, wie diese beiden Unsäglichen sich darüber beklagt haben. Und wir wissen ungefähr, wo Umbridges Büro ist, weil du gehört hast, was dieser bärtige Typ zu seinem Kollegen gesagt hat –«
»Ich bin dann oben im ersten Stock, Dolores will mich sprechen«, deklamierte Hermine sofort.
»Genau«, sagte Harry. »Und wir wissen, dass man mit diesen komischen Münzen oder Marken oder was auch immer reinkommt, weil ich gesehen habe, wie sich diese Hexe eine von ihrer Freundin geborgt hat –«
»Aber wir haben keine!«
»Wenn der Plan funktioniert, dann kriegen wir welche«, fuhr Harry ruhig fort.
»Ich weiß nicht, Harry, ich weiß nicht … es gibt schrecklich viele Dinge, die schiefgehen könnten, es hängt eine Menge vom Glück ab …«
»Daran wird sich nichts ändern, selbst wenn wir uns noch drei Monate lang vorbereiten«, sagte Harry. »Es ist Zeit, zu handeln.«
Er konnte von Rons und Hermines Gesichtern ablesen, dass sie Angst hatten; er war selbst nicht besonders zuversichtlich, und doch war er sicher, dass die Zeit gekommen war, ihren Plan in die Tat umzusetzen.
Während der letzten vier Wochen hatten sie sich abwechselnd den Tarnumhang angezogen und den offiziellen Eingang zum Ministerium ausspioniert, den Ron dank Mr Weasley seit seiner Kindheit kannte. Sie hatten Ministeriumsangestellte auf ihrem Weg hinein beschattet, ihre Gespräche belauscht und durch sorgfältige Beobachtungen erfahren, welcher von ihnen zuverlässig jeden Tag zur selben Zeit allein auftauchte. Ab und zu hatten sie eine Gelegenheit genutzt, jemandem einen Tagespropheten aus der Aktentasche zu stibitzen. Ganz allmählich hatten sie die skizzierten Etagenpläne und die Notizen zusammengestellt, die sich nun vor Hermine stapelten.
»Na gut«, sagte Ron langsam, »dann sagen wir eben, wir legen morgen los … ich denke, Harry und ich sollten es alleine machen.«
»Oh, fang nicht wieder damit an!«, seufzte Hermine. »Ich dachte, wir hätten das geklärt.«
»Sich unter dem Tarnumhang beim Eingang herumzutreiben, ist das eine, aber das hier ist was anderes, Hermine.« Ron tippte mit dem Finger auf einen zehn Tage alten Tagespropheten. »Du bist auf der Liste der Muggelstämmigen, die sich nicht zum Verhör eingefunden haben!«
»Und du solltest eigentlich gerade im Fuchsbau an Griselkrätze sterben! Wenn irgendwer nicht gehen sollte, dann Harry, auf seinen Kopf sind zehntausend Galleonen ausgesetzt –«
»Schön, dann bleib ich hier«, sagte Harry. »Gebt mir Bescheid, wenn ihr Voldemort besiegt habt, in Ordnung?«
Während Ron und Hermine lachten, fuhr ein Schmerz durch die Narbe auf Harrys Stirn. Seine Hand schnellte hoch: Er sah, wie sich Hermines Augen verengten, und tat so, als wollte er sich nur die Haare aus den Augen streichen.
»Also, wenn wir zu dritt gehen, müssen wir einzeln disapparieren«, sagte Ron gerade. »Wir passen nicht mehr alle unter den Tarnumhang.«
Harrys Narbe schmerzte immer mehr. Er stand auf. Sofort eilte Kreacher herbei.
»Der Herr hat seine Suppe nicht aufgegessen, hätte der Herr lieber den schmackhaften Eintopf oder die Siruptorte, für die der Herr ja eine Schwäche hat?«
»Danke, Kreacher, aber ich muss mal kurz verschwinden – ähm – Badezimmer.«
Harry, der Hermines argwöhnischen Blick im Rücken spürte, eilte die Treppe zur Eingangshalle hinauf und weiter in den ersten Stock, wo er ins Badezimmer stürzte und wieder die Tür verriegelte. Stöhnend vor Schmerz sackte er über dem schwarzen Becken mit den Wasserhähnen in Form von aufgerissenen Schlangenmäulern zusammen und schloss die Augen …
Er glitt eine dämmrige Straße entlang. Die Gebäude zu beiden Seiten hatten hohe Fachwerkgiebel; sie sahen aus wie Lebkuchenhäuser.
Er näherte sich einem davon, dann sah er das Weiß seiner langfingrigen Hand an der Tür. Er klopfte. Er spürte eine wachsende Erregung …
Die Tür öffnete sich: Eine lachende Frau stand da. Ihre Miene erstarrte, als sie in Harrys Gesicht blickte, alle Fröhlichkeit wich einer grauenhaften Angst …
»Gregorowitsch?«, sagte eine hohe, kalte Stimme.
Sie schüttelte den Kopf: Sie wollte die Tür zumachen. Eine weiße Hand hielt sie fest, hinderte sie daran, ihn auszusperren …
»Ich will Gregorowitsch.«
»Er wohnt hier nicht mehr!«, schrie sie auf Deutsch und schüttelte den Kopf. »Er nicht hier leben! Er nicht hier leben! Ich ihn nicht kennen!«
Sie gab den Versuch auf, die Tür zu schließen, und begann in den dunklen Flur zurückzuweichen, und Harry folgte ihr, glitt auf sie zu, und seine langfingrige Hand hatte den Zauberstab gezückt.
»Wo ist er?«
»Das weiß ich nicht! Er weggezogen. Ich nicht wissen, ich nicht wissen!«
Er hob den Zauberstab. Sie schrie. Zwei kleine Kinder kamen in den Flur gerannt. Sie versuchte sie mit den Armen zu beschützen. Ein grüner Lichtblitz –
»Harry! HARRY!«
Er öffnete die Augen; er war zu Boden gesunken. Hermine hämmerte erneut an die Tür.
»Harry, mach auf!«
Er hatte einen Schrei ausgestoßen, das wusste er. Er stand auf und schob den Riegel zurück; Hermine stolperte sofort herein, fand das Gleichgewicht wieder und sah sich misstrauisch um. Ron war direkt hinter ihr, er wirkte entnervt, als er seinen Zauberstab in die Ecken des kühlen Badezimmers richtete.
»Was machst du da?«, fragte Hermine streng.
»Was werde ich hier wohl machen?«, entgegnete Harry in einem schwachen Versuch, unbeeindruckt zu wirken.
»Du hast dir die Lunge aus dem Leib geschrien!«, sagte Ron.
»Ach jaah … ich muss eingenickt sein oder –«
»Harry, ganz so dämlich sind wir nicht«, sagte Hermine schwer atmend. »Wir wissen, dass deine Narbe unten in der Küche wehgetan hat, und du bist kreidebleich.«
Harry setzte sich auf den Rand der Badewanne.
»Na gut. Ich habe gerade gesehen, wie Voldemort eine Frau umgebracht hat. Inzwischen hat er wahrscheinlich ihre ganze Familie ermordet. Und es wäre gar nicht nötig gewesen. Es war wieder genau wie bei Cedric, sie waren einfach da …«
»Harry, du sollst das nicht mehr zulassen!«
Hermine weinte, ihre Stimme hallte durch das Badezimmer. »Es war Dumbledores Wille, dass du Okklumentik einsetzt! Er hielt die Verbindung für gefährlich – Voldemort kann sie benutzen, Harry! Was bringt es, ihm zuzusehen, wie er tötet und foltert, wie kann uns das weiterhelfen?«
»Ich weiß dadurch, was er tut«, sagte Harry.
»Also willst du nicht einmal versuchen, dich gegen ihn zu verschließen?«
»Ich kann nicht, Hermine. Du weißt, ich bin miserabel in Okklumentik, ich hab nie den Dreh rausgekriegt.«
»Du hast es nie wirklich versucht!«, sagte sie hitzig. »Ich kapier es nicht, Harry – gefällt es dir etwa, diese besondere Verbindung oder Beziehung zu haben, oder was – was auch immer –«
Sie stockte bei dem Blick, den er ihr zuwarf, als er aufstand.
»Ob es mir gefällt?«, sagte er leise. »Würde es dir gefallen?«
»Ich – nein – tut mir leid, Harry, ich wollte nicht –«
»Ich hasse es, ich hasse die Tatsache, dass er in mich reinkann, dass ich ihm zusehen muss, wenn er am gefährlichsten ist. Aber ich werde es nutzen.«
»Dumbledore –«
»Vergiss Dumbledore. Das entscheide ich und sonst niemand. Ich will wissen, warum er hinter Gregorowitsch her ist.«
»Hinter wem?«
»Das ist ein ausländischer Zauberstabmacher«, sagte Harry. »Er hat Krums Zauberstab gemacht und Krum hält ihn für genial.«
»Aber du hast doch behauptet, dass Voldemort Ollivander irgendwo eingesperrt hat«, sagte Ron. »Wenn er schon einen Zauberstabmacher hat, wozu braucht er dann noch einen?«
»Vielleicht ist er derselben Meinung wie Krum, vielleicht hält er Gregorowitsch für besser … oder er glaubt, dass Gregorowitsch erklären kann, was mein Zauberstab getan hat, als er mir nachgejagt ist, denn Ollivander wusste es nicht.«
Harry blickte in den gesprungenen staubigen Spiegel und sah, wie Ron und Hermine hinter seinem Rücken skeptische Blicke tauschten.
»Harry, du redest andauernd davon, was dein Zauberstab getan hat«, sagte Hermine, »aber du hast es doch bewirkt! Warum bist du so fest entschlossen, keine Verantwortung für deine eigene Macht zu übernehmen?«
»Weil ich weiß, dass ich es nicht war! Und das weiß Voldemort auch, Hermine! Wir wissen beide, was wirklich geschehen ist!«
Sie starrten einander finster an: Harry wusste, dass er Hermine nicht überzeugt hatte und dass sie schon dabei war, Argumente zu sammeln, sowohl gegen seine Theorie über seinen Zauberstab als auch dagegen, dass er es sich erlaubte, in Voldemorts Geist hineinzusehen. Zu seiner Erleichterung schritt Ron ein.
»Hör auf damit«, ermahnte er sie. »Es ist seine Sache. Und wenn wir morgen ins Ministerium wollen, meinst du nicht, dass wir noch mal den Plan besprechen sollten?«
Die beiden anderen sahen, dass Hermine nur widerstrebend die Sache auf sich beruhen ließ, obwohl Harry ziemlich sicher war, dass sie bei der nächsten Gelegenheit wieder angreifen würde. Unterdessen kehrten sie in die Kellerküche zurück, wo Kreacher ihnen Eintopf und Siruptorte servierte.
Sie kamen in dieser Nacht erst spät ins Bett, nachdem sie stundenlang immer wieder ihren Plan durchgesprochen hatten, bis sie ihn Wort für Wort einander aufsagen konnten. Harry, der jetzt in Sirius’ Zimmer schlief, lag im Bett, das Licht seines Zauberstabs auf das alte Foto von seinem Vater, Sirius, Lupin und Pettigrew gerichtet, und murmelte noch einmal zehn Minuten lang den Plan vor sich hin. Als er seinen Zauberstab löschte, dachte er jedoch nicht an Vielsaft-Trank, Kotzpastillen oder die marineblauen Umhänge der Zauberei-Zentralverwaltung; er dachte an Gregorowitsch und daran, wie lange es dem Zauberstabmacher noch gelingen würde, versteckt zu bleiben, während Voldemort ihn so entschlossen suchte.
Die Morgendämmerung schien ungebührlich rasch auf die Mitternacht zu folgen.
»Du siehst furchtbar aus«, lautete Rons Begrüßung, als er das Zimmer betrat, um Harry zu wecken.
»Nicht mehr lange«, sagte Harry gähnend.
Sie trafen Hermine unten in der Küche. Kreacher servierte ihr Kaffee und warme Brötchen, und sie hatte den leicht manischen Gesichtsausdruck, der Harry an das Büffeln vor den Prüfungen erinnerte.
»Umhänge«, sagte sie halblaut, nahm ihre Anwesenheit mit einem nervösen Nicken zur Kenntnis und kramte weiter in ihrer mit Perlen verzierten Handtasche herum, »Vielsaft-Trank … Tarnumhang … Bluffknaller … ihr solltet jeder ein paar davon nehmen, nur für den Fall … Kotzpastillen, Nasblutnugat, Langziehohren …«
Sie schlangen ihr Frühstück hinunter, und als sie dann nach oben aufbrachen, geleitete Kreacher sie unter Verbeugungen hinaus und versprach, dass er ihnen eine Steak-und-Nieren-Pastete auftischen würde, wenn sie wiederkämen.
»Der Gute«, sagte Ron herzlich, »und wenn man bedenkt, dass ich mir immer vorgestellt hab, wie ich ihm den Kopf abschneide und ihn an die Wand hänge.«
Sie näherten sich mit größter Vorsicht der obersten Stufe vor dem Eingang: Ein paar Todesser mit geröteten Augen waren zu sehen, die von der anderen Seite des nebligen Platzes aus das Haus beobachteten. Hermine disapparierte zuerst mit Ron und kam dann zurück, um Harry abzuholen.
Nach der üblichen kurzen Dunkelheit, in der man fast erstickte, fand sich Harry in der kleinen Gasse wieder, wo der erste Teil ihres Plans wie festgelegt stattfinden sollte. Sie war noch verlassen, nur ein paar große Mülltonnen standen herum; die ersten Ministeriumsangestellten tauchten hier für gewöhnlich nicht vor acht Uhr auf.
»Also dann«, sagte Hermine und sah auf ihre Uhr. »In fünf Minuten sollte sie hier sein. Wenn ich sie geschockt habe –«
»Hermine, wir wissen es«, sagte Ron streng. »Und ich dachte, wir wollten die Tür aufmachen, ehe sie kommt?«
Hermine stieß einen spitzen Schrei aus.
»Das hätte ich fast vergessen! Zurück –«
Sie richtete ihren Zauberstab auf die mit einem Vorhängeschloss versehene Feuertür neben ihnen, die voller Graffiti war, und mit einem Krachen flog sie auf. Der dunkle Korridor dahinter führte, wie sie von ihren sorgfältigen Erkundungstouren her wussten, in ein leeres Theater. Hermine lehnte die Tür wieder an, damit es aussah, als wäre sie noch verschlossen.
»Und jetzt«, sagte sie und wandte sich den beiden anderen in der Gasse zu, »ziehen wir den Tarnumhang wieder an –«
»– und warten«, beendete Ron den Satz, warf den Umhang über Hermines Kopf wie ein Tuch über einen Wellensittich und verdrehte, zu Harry gewandt, die Augen.
Gut eine Minute später war ein leises Plopp zu hören, und ein paar Meter von ihnen entfernt apparierte eine kleine Ministeriumshexe mit flatternden grauen Haaren, die in der plötzlichen Helligkeit ein wenig blinzelte; die Sonne war gerade hinter einer Wolke hervorgekommen. Die Hexe hatte jedoch kaum Zeit, die unerwartete Wärme zu genießen, ehe Hermines stummer Schockzauber sie auf der Brust traf und sie umknickte.
»Gute Arbeit, Hermine«, sagte Ron und kam hinter einer Mülltonne neben der Theatertür hervor, während Harry den Tarnumhang ablegte. Gemeinsam trugen sie die kleine Hexe in den dunklen Korridor, der hinter die Bühne führte. Hermine zupfte ihr ein paar Haare vom Kopf und steckte sie in eine Flasche mit trübem Vielsaft-Trank, die sie aus der Perlentasche genommen hatte. Ron durchwühlte die Handtasche der kleinen Hexe.
»Sie heißt Mafalda Hopfkirch«, las er von einer kleinen Karte ab, die ihr Opfer als Hilfskraft in der Abteilung für unbefugte Zauberei auswies. »Am besten nimmst du das, Hermine, und hier sind die Marken.«
Er reichte ihr mehrere kleine Goldmünzen aus dem Geldbeutel der Hexe, in die die Buchstaben ZM geprägt waren.
Hermine trank den Vielsaft-Trank, der jetzt eine freundliche blauviolette Farbe hatte, und Sekunden später stand das Ebenbild von Mafalda Hopfkirch vor ihnen. Während Hermine Mafalda die Brille abnahm und sie selber aufsetzte, sah Harry auf seine Uhr.
»Wir sind spät dran, Mr Zauberei-Zentralverwaltung wird jeden Moment hier sein.«
Eilends verschlossen sie die Tür, hinter der die echte Mafalda lag; Harry und Ron warfen sich den Tarnumhang über, doch Hermine blieb sichtbar und wartete. Sekunden später war ein weiteres Plopp zu hören und ein kleiner, frettchenartiger Zauberer tauchte vor ihnen auf.
»Oh, hallo, Mafalda.«
»Hallo!«, sagte Hermine mit zitternder Stimme. »Wie geht es Ihnen heute?«
»Nicht so gut, um ehrlich zu sein«, antwortete der kleine Zauberer, der äußerst niedergeschlagen wirkte.
Als Hermine und der Zauberer in Richtung Hauptstraße losgingen, schlichen Harry und Ron ihnen hinterher.
»Das tut mir aber leid, dass Sie nicht ganz auf dem Damm sind«, sagte Hermine, indem sie mit fester Stimme den kleinen Zauberer übertönte, der sich über seine Probleme auslassen wollte; das Wichtigste war, dass er die große Straße nicht erreichte. »Hier, nehmen Sie sich ein Bonbon.«
»Hm? Oh, nein danke –«
»Ich bestehe darauf!«, sagte Hermine angriffslustig und wedelte mit der Pastillentüte vor seiner Nase herum. Der kleine Zauberer schien ziemlich beunruhigt und nahm eine.
Die Wirkung trat augenblicklich ein. Kaum hatte die Pastille seine Zunge berührt, fing der kleine Zauberer an, sich so heftig zu übergeben, dass er nicht einmal bemerkte, wie Hermine ihm eine Hand voll Haare oben vom Kopf riss.
»Du liebe Zeit!«, sagte sie, während er die Gasse mit Erbrochenem vollspritzte. »Vielleicht sollten Sie heute besser freinehmen!«
»Nein – nein!« Er würgte und spuckte und wollte unbedingt weiter, obwohl er nicht mehr gerade gehen konnte. »Ich muss – heute – muss hingehen –«
»Aber das ist wirklich unvernünftig!«, sagte Hermine beunruhigt. »Sie können in diesem Zustand nicht zur Arbeit – ich finde, Sie sollten ins St. Mungo gehen, damit man Sie dort kuriert!«
Der Zauberer war zusammengebrochen und wollte nun keuchend und auf allen vieren in Richtung der Hauptstraße weiterkriechen.
»So können Sie einfach nicht zur Arbeit!«, schrie Hermine.
Endlich schien er einzusehen, dass sie Recht hatte. Er klammerte sich an die angeekelte Hermine, um sich wieder aufzurichten, drehte sich auf der Stelle und verschwand, und nichts blieb von ihm zurück als die Tasche, die Ron ihm im Vorbeigehen aus der Hand geschnappt hatte, und einige durch die Gegend fliegende Stückchen Erbrochenes.
»Igitt«, sagte Hermine und hob den Saum ihres Umhangs hoch, um den Kotzepfützen zu entgehen. »Es hätte viel weniger Sauerei gegeben, wenn wir den auch geschockt hätten.«
»Mag sein«, sagte Ron und kam mit der Tasche des Zauberers unter dem Tarnumhang hervor, »aber ich glaube immer noch, dass ein ganzer Haufen Bewusstlose stärker aufgefallen wäre. Der ist aber ziemlich scharf auf seinen Job, was? Dann gib mir mal die Haare und den Zaubertrank.«
Zwei Minuten später stand Ron vor ihnen, klein und frettchenartig wie der kranke Zauberer und in dem marineblauen Umhang, der zusammengefaltet in dessen Tasche gelegen hatte.
»Komisch, dass er ihn heute nicht getragen hat, oder, wo er doch unbedingt zur Arbeit gehen wollte? Aber egal, ich bin Reg Cattermole, wie’s auf dem Aufnäher hinten draufsteht.«
»Du wartest jetzt hier«, sagte Hermine zu Harry, der noch unter dem Tarnumhang war, »und wir kommen dann mit ein paar Haaren für dich zurück.«
Harry musste zehn Minuten warten, die ihm jedoch viel länger vorkamen, während er sich allein in der mit Erbrochenem vollgespritzten Gasse herumdrückte, neben der Tür, hinter der die geschockte Mafalda verborgen lag. Endlich tauchten Ron und Hermine wieder auf.
»Wir wissen nicht, wer er ist«, sagte Hermine und reichte Harry ein paar gekräuselte schwarze Haare, »aber er ist mit schrecklichem Nasenbluten nach Hause gegangen! Hier, er ist ziemlich groß, du wirst einen größeren Umhang brauchen …«
Sie zerrte einen alten Umhang hervor, den Kreacher für sie gewaschen hatte, und Harry zog sich zurück, um den Trank zu nehmen und sich umzuziehen.
Als die schmerzhafte Verwandlung vollendet war, war er über einen Meter achtzig groß und, nach seinen muskelbepackten Armen zu schließen, ziemlich kräftig gebaut. Außerdem hatte er einen Bart. Er stopfte den Tarnumhang und seine Brille in seinen neuen Umhang und kehrte zu den beiden anderen zurück.
»Teufel noch mal, du jagst einem vielleicht Angst ein«, sagte Ron und blickte zu Harry hoch, der ihn jetzt überragte.
»Nimm eine von Mafaldas Marken«, sagte Hermine zu Harry, »und lasst uns gehen, es ist fast neun.«
Sie traten gemeinsam aus der Gasse heraus. Fünfzig Meter weiter den belebten Bürgersteig entlang führten zwei Treppen mit schwarzen Spitzengeländern in die Tiefe, über denen Schilder mit der Aufschrift »Herren« und »Damen« angebracht waren.
»Dann also bis gleich«, sagte Hermine nervös und wankte die Treppe zu den »Damen« hinunter. Harry und Ron schlossen sich einigen seltsam gekleideten Männern an, die offenbar in eine ganz gewöhnliche unterirdische öffentliche Toilette mit schmutzigen schwarzweißen Fliesen hinunterstiegen.
»Morgen, Reg!«, rief ein weiterer Zauberer in marineblauem Umhang, der sich gerade Zugang zu einer Kabine verschaffte, indem er seine goldene Marke in einen Schlitz an der Tür steckte. »Das ist doch beschissen, oder? Dass wir alle über diesen Weg zur Arbeit müssen! Wer, glauben die denn, soll hier auftauchen, Harry Potter vielleicht?«
Der Zauberer brüllte vor Lachen über seinen eigenen Witz. Ron ließ ein gepresstes Glucksen hören.
»Jaah«, sagte er, »bescheuert, was?«
Und er und Harry ließen sich in benachbarte Kabinen ein.
Harry hörte links und rechts das Geräusch von Wasserspülungen. Er kauerte sich nieder, spähte durch den Spalt am Boden der Kabine und sah gerade noch, wie ein Paar gestiefelte Füße in die Toilette nebenan stiegen. Er schaute nach links und sah Ron zu sich herüberzwinkern.
»Müssen wir uns reinspülen?«, flüsterte er.
»Sieht so aus«, flüsterte Harry zurück; seine Stimme war tief und rau.
Sie standen beide auf. Harry, der sich ungeheuer albern vorkam, kletterte mühsam in die Toilettenschüssel.
Er wusste sofort, dass er das Richtige getan hatte; obwohl er scheinbar im Wasser stand, blieben seine Schuhe, seine Füße und sein Umhang völlig trocken. Er hob die Hand, zog an der Kette, und im nächsten Moment war er durch einen kurzen Schacht hinuntergerauscht und tauchte aus einem Kamin im Zaubereiministerium wieder auf.
Schwerfällig stand er auf; an so viel Körper, wie er jetzt hatte, war er nicht gewöhnt. Das große Atrium wirkte dunkler, als Harry es in Erinnerung hatte. Früher hatte ein goldener Brunnen die Mitte der Halle eingenommen und schimmernde Lichtflecken auf den polierten Holzboden und die Wände geworfen. Nun beherrschte ein gigantisches Denkmal aus schwarzem Stein die Szenerie. Sie wirkte recht beängstigend, diese riesige Skulptur einer Hexe und eines Zauberers, die auf kunstvoll geschnitzten Thronen saßen und auf die Ministeriumsangestellten herabschauten, die aus den Kaminen unter ihnen purzelten. Am Sockel des Denkmals waren in etwa dreißig Zentimeter großen Buchstaben die Worte MAGIE IST MACHT eingraviert.
Harry bekam einen heftigen Schlag von hinten gegen die Beine: Ein anderer Zauberer war gerade aus dem Kamin hinter ihm geflogen.
»Platz da, kannst du nicht – oh, Verzeihung, Runcorn!«
Sichtlich verängstigt, eilte der Zauberer mit schütterem Haar davon. Runcorn, dessen Gestalt Harry angenommen hatte, war offenbar ein einschüchternder Mann.
»Psst!«, ertönte eine Stimme, und als er sich umsah, erkannte er eine schmächtige kleine Hexe und den frettchenartigen Zauberer von der Zauberei-Zentralverwaltung, die von der anderen Seite des Denkmals zu ihm herüberwinkten. Harry ging rasch zu ihnen.
»Bist du denn gut reingekommen?«, flüsterte Hermine Harry zu.
»Nein, er steckt immer noch in der Scheiße«, sagte Ron.
»Oh, sehr witzig … das ist schrecklich, nicht wahr?«, sagte sie zu Harry, der zu der Skulptur hochstarrte. »Hast du gesehen, worauf die sitzen?«
Harry schaute genauer hin und erkannte, dass das, was er für zierreich gemeißelte Throne gehalten hatte, in Wirklichkeit Massen von Menschen waren, aus Stein gehauen: Hunderte und Aberhunderte von nackten Körpern, Männer, Frauen und Kinder, alle mit ziemlich dummen, hässlichen Gesichtern, krümmten sich und zwängten sich zusammen, um die Last der schön gekleideten Zauberer zu tragen.
»Muggel«, flüsterte Hermine. »An ihrem rechtmäßigen Platz. Kommt, wir müssen weiter.«
Sie schlossen sich den Zauberern und Hexen an, die auf die goldenen Tore am Ende der Halle zuströmten, und schauten sich dabei möglichst unauffällig um, doch von der markanten Gestalt von Dolores Umbridge war nichts zu sehen. Sie gingen durch die Tore in eine kleinere Halle, wo sich vor zwanzig goldenen Gittern, die ebenso viele Aufzüge bargen, Schlangen bildeten. Sie hatten sich kaum bei der nächsten hinten angestellt, als eine Stimme sagte: »Cattermole!«
Sie blickten sich um: Harrys Magen verkrampfte sich. Einer der Todesser, die dabei gewesen waren, als Dumbledore starb, schritt auf sie zu. Die Ministeriumsangestellten neben ihnen verstummten und senkten den Blick; Harry spürte förmlich, wie eine Welle von Angst sie erfasste. Das finstere, etwas ungeschlachte Gesicht des Mannes passte irgendwie nicht zu seinem prächtigen wallenden Umhang, der mit vielen goldenen Fäden bestickt war. Jemand in der Menge rund um die Aufzüge rief kriecherisch: »Morgen, Yaxley!« Yaxley ignorierte es.
»Ich hatte jemanden von der Zauberei-Zentralverwaltung angefordert, der mein Büro in Ordnung bringen soll, Cattermole. Es regnet dort immer noch.«
Ron blickte umher, als hoffte er, dass irgendein anderer eingreifen würde, aber niemand sprach ein Wort.
»Es regnet … in Ihrem Büro? Das – das ist nicht gut, oder?«
Ron lachte nervös auf. Yaxleys Augen weiteten sich.
»Sie halten das für komisch, Cattermole, stimmt’s?«
Zwei Hexen lösten sich aus der Schlange vor dem Lift und wuselten davon.
»Nein«, sagte Ron, »nein, natürlich –«
»Ist Ihnen klar, dass ich auf dem Weg nach unten bin, um Ihre Frau zu verhören, Cattermole? Tatsächlich bin ich ziemlich überrascht, dass Sie nicht dort unten sind und ihr das Händchen halten, während sie wartet. Haben sie wohl schon als hoffnungslos aufgegeben, was? Ist wahrscheinlich das Gescheiteste. Passen Sie auf, dass Sie das nächste Mal eine Reinblütige heiraten.«
Hermine hatte vor Entsetzen ein leises Piepsen ausgestoßen. Yaxley sah sie an. Sie hüstelte und wandte sich ab.
»Ich – ich –«, stammelte Ron.
»Aber wenn meine Frau beschuldigt würde, eine Schlammblüterin zu sein«, sagte Yaxley, »– nicht dass irgendeine Frau, die ich heirate, je mit einem solchen Dreckstück verwechselt werden könnte –, und wenn der Leiter der Abteilung für Magische Strafverfolgung etwas erledigt haben wollte, dann würde ich das zuallererst erledigen, Cattermole. Haben Sie mich verstanden?«
»Ja«, flüsterte Ron.
»Dann kümmern Sie sich darum, Cattermole, und wenn mein Büro nicht in einer Stunde vollkommen trocken ist, dann wird der Blutstatus Ihrer Frau noch zweifelhafter sein, als er ohnehin schon ist.«
Das goldene Gitter vor ihnen öffnete sich rasselnd. Mit einem Nicken und einem unfreundlichen Lächeln in Richtung Harry, von dem er offenbar erwartet hatte, dass er es gutheißen würde, wie Cattermole niedergemacht wurde, rauschte Yaxley zu einem anderen Aufzug davon. Harry, Ron und Hermine betraten den Lift vor ihnen, aber niemand kam hinterher: Es war, als ob sie ansteckend wären. Die Gitter schlossen sich krachend und der Lift begann nach oben zu fahren.
»Was soll ich jetzt machen?«, fragte Ron sofort die beiden anderen; er wirkte bestürzt. »Wenn ich nicht aufkreuze, wird meine Frau – ich meine, Cattermoles Frau –«
»Wir kommen mit, wir sollten zusammenbleiben –«, fing Harry an, aber Ron schüttelte fieberhaft den Kopf.
»Das wär verrückt, wir haben nicht viel Zeit. Ihr beide sucht Umbridge, ich geh und kümmer mich um Yaxleys Büro – aber wie schaffe ich es, dass es aufhört zu regnen?«
»Versuch es mit Finite Incantatem«, sagte Hermine sofort, »das müsste den Regen stoppen, falls es ein Bann oder ein Fluch ist; falls nicht, dann ist irgendwas mit einem Atmosphärischen Zauber schiefgegangen, was dann schon schwieriger zu reparieren ist, dann würde ich es als Übergangsmaßnahme erst mal mit Impervius probieren, um seine Sachen zu schützen –«
»Sag das noch mal langsam –«, bat Ron und suchte verzweifelt in seiner Tasche nach einer Feder, doch in diesem Moment ruckelte der Lift und blieb stehen. Eine geisterhafte Frauenstimme sagte: »Vierter Stock, Abteilung zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe, mit der Tierwesen-, der Zauberwesen- und der Geisterbehörde, dem Koboldverbindungsbüro und dem Seuchenberatungsbüro«, und die Gitter glitten wieder zur Seite und gewährten ein paar Zauberern und mehreren blassvioletten Papierfliegern Einlass, die um die Lampe an der Decke des Lifts herumschwirrten.
»Morgen, Albert«, sagte ein Mann mit buschigem Schnurrbart und lächelte Harry an. Als der Lift quietschend wieder losfuhr, sah er kurz zu Ron und Hermine hinüber; Hermine flüsterte Ron gerade hektisch Anweisungen zu. Der Zauberer neigte sich zu Harry hinüber, grinste schmierig und murmelte: »Dirk Cresswell, was? Von der Koboldverbindung? Nett von Ihnen, Albert. Ich bin ziemlich sicher, dass ich jetzt seine Stelle kriege!«
Er zwinkerte. Harry lächelte zurück und hoffte, das würde genügen. Der Aufzug blieb stehen; die Gitter öffneten sich erneut.
»Zweiter Stock, Abteilung für Magische Strafverfolgung, mit dem Büro gegen den Missbrauch der Magie, der Aurorenzentrale und dem Zaubergamot-Verwaltungsdienst«, sagte die geisterhafte Hexenstimme.
Harry sah, wie Hermine Ron einen kleinen Schubs gab, worauf er eilends den Fahrstuhl verließ, gefolgt von den anderen Zauberern, so dass Harry und Hermine allein zurückblieben. Sobald sich die goldene Tür geschlossen hatte, sagte Hermine ganz schnell: »Eigentlich glaub ich, dass ich ihm besser hinterhergehen sollte, Harry, ich glaub nicht, dass er weiß, was er tut, und wenn er erwischt wird, dann ist alles –«
»Erster Stock, Zaubereiminister und Assistenzkräfte.«
Die goldenen Gitter glitten wieder auseinander und Hermine stockte der Atem. Vier Leute standen vor ihnen, zwei davon ins Gespräch vertieft: ein Zauberer mit langen Haaren und prächtigem schwarzgoldenem Umhang und eine untersetzte, krötenartige Hexe mit einer Samtschleife in ihrem kurzen Haar, die ein Klemmbrett an ihre Brust drückte.
Die Registrierungskommission für Muggelstämmige
»Ah, Mafalda!«, sagte Umbridge mit Blick auf Hermine. »Travers hat Sie geschickt, nicht wahr?«
»J-ja«, piepste Hermine.
»Gut, Sie sind genau die Richtige.« Umbridge sprach zu dem Zauberer in Schwarz und Gold. »Damit wäre dieses Problem gelöst, Minister, wenn Mafalda die Aktenführung übernehmen kann, dann können wir gleich anfangen.« Sie zog ihr Klemmbrett zu Rate. »Zehn Personen heute, und eine davon die Frau eines Ministeriumsangestellten! Na, na … selbst hier, im Herzen des Ministeriums!« Sie trat in den Aufzug und stellte sich neben Hermine, wie auch die beiden Zauberer, die Umbridges Gespräch mit dem Minister verfolgt hatten. »Wir gehen gleich runter, Mafalda, Sie werden alles, was Sie benötigen, im Gerichtsraum vorfinden. Guten Morgen, Albert, steigen Sie nicht aus?«
»Doch, natürlich«, sagte Harry mit Runcorns tiefer Stimme.
Harry verließ den Fahrstuhl. Hinter ihm ratterten die goldenen Gitter zu. Er blickte über die Schulter und sah Hermine, flankiert von zwei großen Zauberern, mit bangem Gesicht nach unten verschwinden, Umbridges samtene Haarschleife auf der Höhe ihrer Schulter.
»Was führt Sie nach hier oben, Runcorn?«, fragte der neue Zaubereiminister. Silberne Strähnen durchzogen sein langes schwarzes Haar und seinen Bart, und seine große vorspringende Stirn überschattete die glänzenden Augen, was Harry an eine Krabbe erinnerte, die unter einem Felsen hervorlugt.
»Muss kurz mit …«, Harry zögerte einen kleinen Moment, »… Arthur Weasley sprechen. Jemand meinte, er wäre oben im ersten Stock.«
»Ah«, sagte Pius Thicknesse. »Hat man ihn dabei erwischt, wie er Kontakt mit einem Unerwünschten hatte?«
»Nein«, erwiderte Harry mit trockener Kehle. »Nein, nichts dergleichen.«
»Nun ja. Das ist nur eine Frage der Zeit«, sagte Thicknesse. »Wenn Sie mich fragen, sind die Blutsverräter genauso schlimm wie die Schlammblüter. Guten Tag, Runcorn.«
»Guten Tag, Minister.«
Harry sah zu, wie Thicknesse den mit einem dicken Teppich ausgelegten Korridor entlangging. Sobald der Minister außer Sicht war, zerrte Harry den Tarnumhang unter seinem schweren schwarzen Umhang hervor, warf ihn sich über und machte sich auf den Weg, in der anderen Richtung den Korridor entlang. Runcorn war so groß, dass Harry gebückt gehen musste, um auch seine großen Füße zu verbergen.
In seiner Magengrube pochte es vor Panik. Während er an einer glänzenden Holztür nach der anderen vorbeikam, die alle ein kleines Schild mit dem Namen und der Tätigkeit des Büroinsassen trugen, schien ihn die Macht des Ministeriums zu übermannen, das so vielschichtig, so undurchdringlich war, dass ihm der Plan, den er während der letzten vier Wochen mit Ron und Hermine sorgfältig ausgetüftelt hatte, lächerlich kindisch vorkam. Sie hatten all ihre Bemühungen darauf konzentriert, hineinzukommen, ohne erwischt zu werden, aber sie hatten sich keine Sekunde lang überlegt, was sie tun würden, wenn sie gezwungen waren sich zu trennen. Jetzt steckte Hermine in einem Gerichtsverfahren, das zweifellos Stunden dauern würde. Ron schlug sich mit Zauberei herum, die seine Fähigkeiten gewiss überstieg, wobei von seinem Erfolg möglicherweise abhing, ob eine Frau die Freiheit erlangte, und er, Harry, streifte durch den obersten Stock, obwohl er ganz genau wusste, dass seine Beute soeben mit dem Lift nach unten gefahren war.
Er blieb stehen, lehnte sich an eine Wand und versuchte einen Entschluss zu fassen. Die Stille war drückend: Hier gab es kein geschäftiges Treiben, keine Gespräche oder eilige Schritte; in den Korridoren mit ihren purpurroten Teppichen war es so ruhig, als läge der Muffliato-Zauber darüber.
Ihr Büro muss hier oben sein, dachte Harry.
Es war ziemlich unwahrscheinlich, dass Umbridge ihren Schmuck im Büro aufbewahrte, doch auf der anderen Seite erschien es ihm töricht, es nicht zu durchsuchen, nur um sicher zu sein. Also ging er weiter den Korridor entlang und begegnete niemandem außer einem stirnrunzelnden Zauberer, der murmelnd einer Feder diktierte, die vor ihm herschwebte und auf eine Pergamentrolle kritzelte.
Harry achtete jetzt auf die Namen an den Türen und bog um eine Ecke. Auf halbem Weg durch den nächsten Korridor gelangte er in einen weitläufigen offenen Raum, wo ein Dutzend Hexen und Zauberer in Reihen an kleinen Schreibtischen saßen, die Schulpulten ähnlich waren, wenn auch viel stärker poliert und ohne Kritzeleien. Harry hielt inne und sah ihnen zu, denn das Ganze hatte eine geradezu hypnotisierende Wirkung. Alle wedelten und schlenkerten gleichzeitig mit ihren Zauberstäben, während bunte Papierquadrate wie kleine rosa Drachen wild durcheinanderflogen. Es dauerte einige Sekunden, bis Harry klar wurde, dass diese Prozedur einen Rhythmus hatte, dass die Papiere alle nach dem gleichen Schema angeordnet waren, und nach ein paar weiteren Sekunden wurde ihm klar, dass er gerade dabei zusah, wie Broschüren hergestellt wurden, dass die Papierquadrate Seiten waren, die sich aufeinanderlegten, falteten und auf magische Weise zusammenfügten, um sich dann neben jeder Hexe oder jedem Zauberer fein säuberlich aufzustapeln.
Harry schlich näher heran, obwohl die Angestellten hier so konzentriert ihrer Arbeit nachgingen, dass sie seine vom Teppich gedämpften Schritte wohl kaum bemerken würden, und ließ eine fertige Broschüre von dem Stapel neben einer jungen Hexe gleiten. Unter dem Tarnumhang betrachtete er sie näher. Auf ihrem rosa Deckblatt prangte ein goldener Titel:
SCHLAMMBLÜTER
und die Gefahren, die sie für eine friedliche reinblütige Gesellschaft darstellen
Darunter war ein Bild von einer roten Rose zu sehen, mit einem unsicher lächelnden Gesicht inmitten ihrer Blütenblätter, die von den Schlingen eines grünen Unkrauts mit finsterer Miene stranguliert wurde. Auf der Broschüre stand kein Verfassername, doch während er sie betrachtete, schienen die Narben auf seinem rechten Handrücken wieder zu brennen. Dann bestätigte die junge Hexe neben ihm seinen Verdacht, als sie, immer noch mit ihrem Zauberstab wedelnd und schlenkernd, sagte: »Weiß jemand, ob die alte Sabberhexe den ganzen Tag Schlammblüter verhören wird?«
»Vorsicht«, sagte der Zauberer neben ihr und blickte nervös umher; eine seiner Seiten rutschte weg und fiel zu Boden.
»Was denn, hat sie jetzt außer einem magischen Auge auch noch magische Ohren?«
Die Hexe warf einen Blick auf die glänzende Mahagonitür an der Stirnseite des Raums mit den Broschürenmachern; auch Harry sah dorthin und Zorn bäumte sich wie eine Schlange in ihm auf. Wo bei einer Muggeltür vielleicht ein Guckloch gewesen wäre, war hier ein großes rundes Auge mit einer leuchtend blauen Iris in das Holz eingelassen; ein Auge, das jedem, der Alastor Moody gekannt hatte, entsetzlich vertraut war.
Für den Bruchteil einer Sekunde vergaß Harry, wo er war und was er hier machte. Er vergaß sogar, dass er unsichtbar war. Mit großen Schritten ging er geradewegs zur Tür hinüber und besah sich das Auge näher. Es bewegte sich nicht: Es glotzte blind nach oben, erstarrt. Auf dem Schild unter dem Auge stand:
Dolores Umbridge
Erste Untersekretärin des Ministers
Darunter war ein neues, noch ein wenig glänzenderes Schild, auf dem stand:
Vorsitzende der Registrierungskommission für Muggelstämmige
Harry blickte zurück auf das Dutzend Broschürenmacher: Obwohl sie alle in ihre Arbeit vertieft waren, konnte er wohl kaum davon ausgehen, dass sie es nicht bemerken würden, wenn sich die Tür eines unbesetzten Büros vor ihnen öffnete. Daher holte er aus einer Innentasche einen seltsamen Gegenstand mit kleinen Zappelbeinen und einer knollenförmigen Gummihupe als Körper hervor. Er kauerte sich unter dem Tarnumhang nieder und stellte den Bluffknaller auf den Boden.
Sofort trippelte der Knaller vor seinen Augen zwischen den Beinen der Hexen und Zauberer davon. Harry wartete bereits mit der Hand auf dem Türgriff, als es wenige Augenblicke später einen lauten Knall gab und aus einer Ecke jede Menge beißender schwarzer Qualm drang. Die junge Hexe in der vorderen Reihe begann zu kreischen: Rosa Seiten flogen durcheinander, als sie und ihre Kollegen aufsprangen und sich umsahen, woher das Getöse kam. Harry drückte die Klinke herunter, betrat Umbridges Büro und schloss die Tür hinter sich.
Er hatte das Gefühl, in einer vergangenen Zeit gelandet zu sein. Das Zimmer glich haargenau Umbridges Büro in Hogwarts: Spitzendeckchen, Untersetzer und Trockenblumen bedeckten jede verfügbare Fläche. An den Wänden hingen dieselben Zierteller mit den quietschbunten Kätzchen, die Bänder umhatten und ekelhaft süß umhertollten und spielten. Über dem Schreibtisch lag ein geblümtes, mit Volants besetztes Tuch. Hinter Mad-Eyes Auge war ein teleskopartiger Aufsatz befestigt, mit dem die Angestellten auf der anderen Seite der Tür ausspioniert werden konnten. Harry warf einen Blick hindurch und sah, dass sie immer noch alle um den Bluffknaller versammelt waren. Er riss das Teleskop aus der Tür, was ein Loch zurückließ, zog den magischen Augapfel heraus und steckte ihn in seine Tasche. Dann drehte er sich wieder zu dem Zimmer um, hob seinen Zauberstab und murmelte: »Accio Medaillon.«
Nichts geschah, doch er hatte es auch nicht erwartet; zweifellos wusste Umbridge alles über schützende Zauber und Banne. Er trat daher rasch hinter ihren Schreibtisch und begann die Schubladen herauszuziehen. Federn und Notizbücher und Zauberklebeband kamen zum Vorschein; magische Büroklammern, die sich wie Schlangen aus ihrer Schublade ringelten und zurückgetrieben werden mussten; eine reich verzierte kleine Schnürschachtel voller Reservehaarschleifen und -klammern; aber keine Spur von einem Medaillon.
Hinter dem Schreibtisch stand ein Aktenschrank; Harry machte sich daran, ihn zu durchsuchen. Wie Filchs Aktenschränke in Hogwarts war er voller Mappen, jede mit einem Namensschild versehen. Harry war schon bei der untersten Schublade angelangt, als er etwas sah, das ihn von seiner Suche ablenkte: Mr Weasleys Akte. Er zog sie heraus und öffnete sie.
ARTHUR WEASLEY
Blutstatus: Reinblüter, jedoch mit unerwünschten muggelfreundlichen Neigungen
Bekannt als Mitglied des Phönixordens
Familie: Ehefrau (reinblütig), sieben Kinder, die beiden jüngsten auf Hogwarts
NB: Jüngster Sohn gegenwärtig zu Hause, schwer krank, von Inspektoren des Ministeriums bestätigt
Kontrollstatus: ÜBERWACHT. Alle Aktivitäten werden beobachtet. Große Wahrscheinlichkeit, dass Unerwünschter No. 1 Kontakt aufnimmt (war bereits früher bei Familie Weasley)
»Unerwünschter Nummer eins«, murmelte Harry vor sich hin, als er Mr Weasleys Aktenmappe zurücklegte und die Schublade schloss. Er hatte eine dumpfe Ahnung, wer das sein konnte, und tatsächlich, als er sich aufrichtete und im Büro nach anderen Verstecken Ausschau hielt, sah er ein Plakat von sich selbst an der Wand, und quer über seiner Brust prangten die Worte UNERWÜNSCHTER No. 1. Ein kleiner rosa Notizzettel klebte daran, mit einem Kätzchenbild in der Ecke. Harry ging hinüber, um ihn zu lesen, und sah, was Umbridge daraufgeschrieben hatte: »Muss bestraft werden.«
Wütender denn je suchte er weiter und tastete jetzt auf den Böden der Vasen und in den Körben voller Trockenblumen herum, doch es überraschte ihn nicht im Geringsten, dass er das Medaillon hier nicht finden konnte. Er ließ den Blick ein letztes Mal durch das Büro schweifen, als sein Herz einen Augenblick aussetzte. Dumbledore starrte ihn aus einem kleinen rechteckigen Spiegel an, der auf einem Bücherregal neben dem Schreibtisch aufgestellt war.
Harry durchquerte im Laufschritt das Zimmer und riss den Spiegel hoch, doch er hatte ihn kaum berührt, als ihm klar wurde, dass es gar kein Spiegel war. Dumbledore lächelte versonnen vom Hochglanzumschlag eines Buches. Harry hatte die verschnörkelte grüne Schrift quer über seinem Hut zuerst nicht bemerkt: Leben und Lügen des Albus Dumbledore, und auch nicht die etwas kleinere Schrift über seiner Brust: von Rita Kimmkorn, Autorin des Bestsellers »Armando Dippet: Könner oder Knallkopf?«
Harry schlug das Buch wahllos auf und stieß auf ein ganzseitiges Foto von zwei Jungen im Teenageralter, die einander die Arme um die Schultern gelegt hatten und heftig lachten. Dumbledore, nun mit langem Haar bis zum Ellbogen, hatte sich einen kleinen, büscheligen Bart wachsen lassen, ähnlich dem an Krums Kinn, über den Ron sich so aufgeregt hatte. Der Junge, der sich neben Dumbledore lautlos brüllend amüsierte, hatte etwas Fröhliches und Wildes an sich. Sein goldenes Haar fiel ihm in Locken auf die Schultern. Harry überlegte, ob es der junge Doge war, doch ehe er die Bildunterschrift lesen konnte, ging die Bürotür auf.
Wenn Thicknesse beim Hereinkommen nicht über die Schulter geblickt hätte, wäre Harry keine Zeit geblieben, den Tarnumhang über sich zu ziehen. Dennoch hatte er den Eindruck, dass Thicknesse vielleicht eine Bewegung wahrgenommen hatte, denn er blieb ein paar Sekunden lang völlig reglos stehen und starrte neugierig auf die Stelle, wo Harry gerade verschwunden war. Vielleicht war Thicknesse zu dem Schluss gekommen, dass er lediglich Dumbledore gesehen hatte, der sich auf dem Umschlag des Buches die Nase kratzte, das Harry hastig wieder auf das Regal gelegt hatte, jedenfalls ging er schließlich doch zum Schreibtisch und richtete seinen Zauberstab auf die Feder, die in dem Tintenfass bereitstand. Sie sprang heraus und begann eine Notiz an Umbridge zu kritzeln. Ganz langsam, er wagte dabei kaum zu atmen, stahl Harry sich rückwärts aus dem Büro hinaus in den offenen Bereich davor.
Die Broschürenmacher waren immer noch um die Überreste des Bluffknallers geschart, der nach wie vor schwächlich trötete und qualmte. Harry eilte den Korridor entlang, als die junge Hexe sagte: »Ich wette, das hat sich aus der Experimentellen Zauberei hier hochgeschlichen, die sind ja so leichtsinnig, erinnert ihr euch noch an diese giftige Ente?«
Während Harry zum Lift zurückhastete, überlegte er, welche Optionen er jetzt noch hatte. Es war nie wahrscheinlich gewesen, dass das Medaillon hier im Ministerium war, und es wäre ein aussichtsloser Versuch, mit magischen Mitteln aus Umbridge herauszulocken, wo es steckte, während sie in einem vollen Gerichtsraum saß. Sie mussten jetzt dringend das Ministerium verlassen, ehe sie entdeckt wurden, und es an einem anderen Tag erneut versuchen. Als Erstes musste er Ron finden, dann konnten sie sich überlegen, wie sie Hermine aus dem Gerichtssaal herausbekamen.
Der Fahrstuhl war leer, als er hielt. Harry sprang hinein und zog den Tarnumhang herunter, während der Lift sich nach unten in Bewegung setzte. Als er im zweiten Stock ruckelnd stehen blieb, stieg zu Harrys gewaltiger Erleichterung Ron ein, pitschnass und mit gehetztem Blick.
»M-Morgen«, stammelte er Harry entgegen, als der Lift wieder anfuhr.
»Ron, ich bin’s, Harry!«
»Harry! Zum Teufel, ich hab ganz vergessen, wie du aussiehst – warum ist Hermine nicht bei dir?«
»Sie musste mit Umbridge runter in die Gerichtsräume, sie konnte es nicht ablehnen, und –«
Doch ehe Harry den Satz beenden konnte, hatte der Lift wieder angehalten: Die Türen öffneten sich, und Mr Weasley kam herein, im Gespräch mit einer älteren Hexe, die ihr blondes Haar zu einer Art Ameisenhügel hochtoupiert hatte.
»… ich verstehe vollkommen, was du meinst, Wakanda, aber ich fürchte, ich kann nicht mitmachen bei –«
Mr Weasley unterbrach sich; er hatte Harry bemerkt. Es war ein äußerst eigenartiges Gefühl, von Mr Weasley mit solchem Abscheu angefunkelt zu werden. Die Fahrstuhltüren schlossen sich und die vier zockelten weiter nach unten.
»Oh, hallo, Reg«, sagte Mr Weasley, der sich bei dem steten Tröpfeln von Rons Umhang umgedreht hatte. »Ist Ihre Frau heute nicht zum Verhör vorgeladen? Ähm – was ist mit Ihnen passiert? Warum sind Sie so nass?«
»Yaxleys Büro regnet«, sagte Ron. Er sah dabei Mr Weasleys Schulter an, und Harry war sicher, dass er Angst hatte, sein Vater könnte ihn erkennen, wenn sie sich direkt in die Augen blickten. »Ich hab es nicht in den Griff gekriegt, deshalb haben sie mich losgeschickt, um Bernie zu holen – Bernie Pillsworth, haben sie, glaube ich, gesagt –«
»Ja, viele Büros haben in letzter Zeit geregnet«, sagte Mr Weasley. »Haben Sie meteolohex recanto probiert? Bei Bletchley hat das funktioniert.«
»Meteolohex recanto?«, flüsterte Ron. »Nein, hab ich nicht. Danke, D– ich meine, danke, Arthur.«
Die Fahrstuhltüren öffneten sich; die alte Hexe mit dem Ameisenhügelhaar ging hinaus, und Ron schoss an ihr vorbei und verschwand. Harry wollte ihm gerade folgen, doch da kam ihm Percy Weasley in die Quere, der in den Lift marschierte, die Nase in irgendwelche Papiere gesteckt, die er gerade las.
Erst als die Türen wieder zugerattert waren, erkannte Percy, dass er mit seinem Vater im Aufzug war. Er blickte auf, sah Mr Weasley, wurde radieschenrot und verließ den Fahrstuhl, kaum dass sich die Türen wieder geöffnet hatten. Harry versuchte zum zweiten Mal auszusteigen, doch nun versperrte ihm Mr Weasleys Arm den Weg.
»Einen Moment, Runcorn.«
Die Aufzugtüren schlossen sich, und während sie wieder einen Stock tiefer rumpelten, sagte Mr Weasley: »Wie ich höre, haben Sie Informationen über Dirk Cresswell vorgelegt.«
Harry hatte den Eindruck, dass die kurze Begegnung mit Percy Mr Weasley nur noch wütender gemacht hatte. Er beschloss, dass es das Beste war, wenn er sich dumm stellte.
»Wie bitte?«, sagte er.
»Tun Sie nicht so, Runcorn«, sagte Mr Weasley zornig. »Sie haben den Zauberer aufgespürt, der seinen Familienstammbaum gefälscht hat, richtig?«
»Ich – und wenn ich’s getan hätte?«, sagte Harry.
»Nun, Dirk Cresswell ist Ihnen als Zauberer zehnmal überlegen«, sagte Mr Weasley leise, während der Fahrstuhl in die Tiefe sank. »Und wenn er Askaban überlebt, werden Sie ihm Rechenschaft ablegen müssen, ganz abgesehen von seiner Frau, seinen Söhnen und seinen Freunden –«
»Arthur«, unterbrach ihn Harry, »Sie wissen, dass Sie verfolgt werden, oder nicht?«
»Soll das eine Drohung sein, Runcorn?«, sagte Mr Weasley laut.
»Nein«, sagte Harry, »es ist eine Tatsache! Jeder Ihrer Schritte wird beobachtet –«
Die Aufzugtüren öffneten sich. Sie hatten das Atrium erreicht. Mr Weasley warf Harry einen verächtlichen Blick zu und rauschte aus dem Lift. Harry blieb erschüttert zurück. Er wünschte, er würde jemand anderen als Runcorn verkörpern … die Lifttüren ratterten zu.
Harry zog den Tarnumhang hervor und warf ihn sich wieder über. Er wollte nun allein versuchen, Hermine zu befreien, während Ron sich um das regnende Büro kümmerte. Als die Türen aufgingen, trat er in einen fackelbeleuchteten steinernen Gang hinaus, der sich deutlich von den holzgetäfelten und mit Teppichen ausgelegten Korridoren in den oberen Stockwerken unterschied. Als der Lift hinter ihm wieder hinaufrumpelte, blickte Harry leicht schaudernd auf die ferne schwarze Tür, die den Eingang zur Mysteriumsabteilung markierte.
Er ging weiter, denn sein Ziel war nicht die schwarze Tür, sondern ein Durchgang, der sich seiner Erinnerung nach links befand und in die Treppe mündete, die hinunter zu den Gerichtsräumen führte. Während er die Treppe hinunterschlich, spielte er hektisch die verschiedenen Möglichkeiten durch, die ihm blieben: Er hatte noch einige Bluffknaller, doch vielleicht war es besser, einfach an die Tür des Gerichtsraums zu klopfen, als Runcorn einzutreten und eine kurze Unterredung mit Mafalda zu verlangen? Natürlich wusste er nicht, ob Runcorn wichtig genug war, um sich das erlauben zu können, und selbst wenn er es schaffte, würde, wenn Hermine nicht wiederauftauchte, wahrscheinlich eine Suche nach ihr ausgelöst, noch ehe sie das Ministerium verlassen hatten …
Tief in Gedanken versunken, bemerkte er die unnatürliche Kälte zunächst gar nicht, die über ihn kroch, als würde er in einen Nebel hinabsteigen. Mit jedem seiner Schritte wurde es kälter: Es war eine Kälte, die ihm tief in die Kehle drang und an seinen Lungen zerrte. Und dann spürte er jenes schleichende Gefühl der Verzweiflung, der Hoffnungslosigkeit, das ihn erfüllte, sich in ihm ausbreitete …
Dementoren, dachte er.
Und als er den Fuß der Treppe erreichte und sich nach rechts wandte, sah er eine schreckliche Szene. Der dunkle Gang vor den Gerichtsräumen war voller großer Gestalten mit schwarzen Kapuzen, deren Gesichter vollkommen verhüllt waren und deren rasselnder Atem das einzige Geräusch an diesem Ort war. Die vor Angst wie versteinerten Muggelstämmigen, die man zum Verhör hergebracht hatte, saßen zusammengekauert und zitternd auf harten Holzbänken. Die meisten von ihnen hielten das Gesicht in den Händen verborgen, vielleicht in einem instinktiven Versuch, sich vor den gierigen Mündern der Dementoren abzuschirmen. Manche waren in Begleitung ihrer Familien hier, andere saßen allein. Die Dementoren schwebten vor ihnen auf und ab, und die Kälte und die Hoffnungslosigkeit und die Verzweiflung, die hier herrschten, legten sich wie ein Fluch auf Harry …
Kämpf dagegen, sagte er sich, doch er wusste, dass er hier keinen Patronus heraufbeschwören konnte, ohne sich augenblicklich zu verraten. Deshalb ging er, so leise er konnte, weiter, und mit jedem Schritt, den er machte, schien sich Benommenheit in seinem Kopf auszubreiten, doch er zwang sich, an Hermine und Ron zu denken, die ihn brauchten.
Zwischen den hoch aufragenden schwarzen Gestalten hindurchzugehen war Grauen erregend: Die augenlosen Gesichter, die unter ihren Kapuzen verborgen waren, wandten sich ihm zu, während er vorüberkam, und er war sicher, dass sie ihn spürten, vielleicht die Anwesenheit eines Menschen spürten, der noch ein wenig Hoffnung, ein wenig Widerstandskraft besaß …
Und dann, jäh und erschreckend inmitten der eisigen Stille, wurde eine der Kerkertüren auf der linken Seite des Korridors aufgerissen, und Schreie drangen heraus.
»Nein, nein, ich bin Halbblüter, ich bin Halbblüter, das versichere ich Ihnen! Mein Vater war ein Zauberer, wirklich, schauen Sie nach, Arkie Alderton, er ist ein bekannter Besenkonstrukteur, schauen Sie nach, ich versichere es Ihnen – lassen Sie mich los, lassen Sie mich –«
»Dies ist Ihre letzte Verwarnung«, sagte Umbridges leise Stimme, magisch verstärkt, so dass sie über die verzweifelten Schreie des Mannes hinweg deutlich zu hören war. »Wenn Sie sich wehren, werden Sie den Kuss des Dementors zu spüren bekommen.«
Die Schreie des Mannes erstarben, doch trockenes Schluchzen hallte durch den Korridor.
»Bringt ihn weg«, sagte Umbridge.
Zwei Dementoren erschienen in der Tür des Gerichtsraums, ihre modrigen, verschorften Hände umklammerten die Oberarme des Zauberers, der offenbar ohnmächtig wurde. Sie glitten mit ihm den Korridor entlang, und die Dunkelheit, die sie hinter sich herzogen, verschluckte ihn.
»Der Nächste – Mary Cattermole«, rief Umbridge.
Eine kleine Frau erhob sich; sie zitterte am ganzen Leib. Ihr dunkles Haar war straff zu einem Knoten nach hinten gebunden und sie trug einen langen schlichten Umhang. Ihr Gesicht war vollkommen blutleer. Als sie an den Dementoren vorbeiging, sah Harry sie erschaudern.
Er tat es instinktiv, ohne irgendeinen Plan, weil er nicht mit ansehen konnte, wie sie da allein in den Kerker ging: In dem Moment, als die Tür zuschwang, schlüpfte er hinter ihr in den Gerichtsraum.
Es war nicht der Raum, in dem er einst wegen unzulässigen Gebrauchs von Magie verhört worden war. Dieser hier war viel kleiner, doch die Decke war genauso hoch; sie vermittelte einem das klaustrophobische Gefühl, auf dem Boden eines tiefen Brunnens festzusitzen.
Hier drinnen waren weitere Dementoren, die ihre eiskalte Aura überall verströmten; sie standen wie gesichtslose Wächter in den Ecken, die am weitesten von dem hoch aufragenden Podium entfernt waren. Dort, hinter einer Balustrade, saß Umbridge, mit Yaxley auf der einen und Hermine, genauso bleich wie Mrs Cattermole, auf der anderen Seite. Am Fuß des Podiums schlich eine silbrig leuchtende, langhaarige Katze unentwegt auf und ab, und Harry begriff, dass sie die Ankläger vor der Verzweiflung schützen sollte, die von den Dementoren ausging: Die war für die Angeklagten bestimmt, nicht für die Kläger.
»Setzen Sie sich«, sagte Umbridge mit ihrer zarten, weichen Stimme.
Mrs Cattermole wankte zu dem einzelnen Stuhl mitten unter dem erhöhten Podium. Kaum hatte sie sich gesetzt, rasselten Ketten aus den Armlehnen des Stuhls und fesselten sie daran.
»Sie sind Mary Elizabeth Cattermole?«, fragte Umbridge.
Mrs Cattermole nickte einmal zitternd mit dem Kopf.
»Verheiratet mit Reginald Cattermole von der Abteilung Zauberei-Zentralverwaltung?«
Mrs Cattermole brach in Tränen aus.
»Ich weiß nicht, wo er ist, wir wollten uns hier treffen!«
Umbridge ignorierte sie.
»Mutter von Maisie, Ellie und Alfred Cattermole?«
Mrs Cattermole schluchzte noch mehr.
»Sie haben Angst, sie glauben, ich würde vielleicht nicht wieder nach Hause kommen –«
»Verschonen Sie uns«, zischte Yaxley. »Die Bälger von Schlammblütern erregen nicht unser Mitgefühl.«
Mrs Cattermoles Schluchzen übertönte Harrys Schritte, während er vorsichtig zu der Treppe ging, die zum Podium hinaufführte. In dem Moment, als er über die Linie getreten war, auf der die Patronus-Katze patrouillierte, spürte er, dass die Temperatur sich änderte: Hier war es warm und behaglich. Der Patronus, dessen war er sicher, gehörte zu Umbridge, und er leuchtete hell, weil sie so glücklich hier war, in ihrem Element, eine Hüterin der verdrehten Gesetze, die sie mitverfasst hatte. Langsam und äußerst vorsichtig schob er sich hinter Umbridge, Yaxley und Hermine das Podium entlang und nahm hinter Hermine Platz. Er war besorgt, dass er sie erschrecken könnte. Er überlegte, ob er Umbridge und Yaxley mit dem Muffliato-Zauber belegen sollte, doch selbst wenn er das Wort nur murmelte, würde er Hermine womöglich in helle Aufregung versetzen. Dann erhob Umbridge ihre Stimme und wandte sich an Mrs Cattermole, und Harry nutzte die Gelegenheit.
»Ich bin hinter dir«, flüsterte er Hermine ins Ohr.
Wie erwartet, fuhr sie so heftig zusammen, dass sie beinahe das Fass voller Tinte umwarf, mit der sie die Befragung protokollieren sollte, doch sowohl Umbridge als auch Yaxley hatten sich auf Mrs Cattermole konzentriert und bemerkten es nicht.
»Bei Ihrer Ankunft heute im Ministerium wurde Ihnen ein Zauberstab abgenommen, Mrs Cattermole«, sagte Umbridge gerade. »Achtdreiviertel Zoll, Kirsche, Kern Einhornhaar. Sagt Ihnen diese Beschreibung etwas?«
Mrs Cattermole nickte und wischte sich mit dem Ärmel über die Augen.
»Würden Sie uns bitte mitteilen, welcher Hexe oder welchem Zauberer Sie diesen Zauberstab entwendet haben?«
»E-entwendet?«, schluchzte Mrs Cattermole. »Ich hab ihn – niemandem entwendet. Ich hab ihn ge-gekauft, als ich elf Jahre alt war. Er – er – er hat mich ausgesucht.«
Sie weinte noch heftiger.
Umbridge lachte ein leises, mädchenhaftes Lachen, bei dem Harry ihr am liebsten an die Gurgel gefahren wäre. Sie beugte sich über die Balustrade, um ihr Opfer besser beobachten zu können, und dabei schwang auch etwas Goldenes nach vorn und baumelte in die Tiefe: das Medaillon.
Hermine hatte es gesehen und stieß ein leises Piepsen aus, doch Umbridge und Yaxley fixierten nach wie vor ihr Opfer und waren taub für alles andere.
»Nein«, sagte Umbridge, »nein, das glaube ich nicht, Mrs Cattermole. Zauberstäbe suchen sich nur Hexen oder Zauberer. Sie sind keine Hexe. Ich habe hier Ihre Antworten auf dem Fragebogen vorliegen, den wir Ihnen zugesandt haben – Mafalda, geben Sie ihn mir.«
Umbridge streckte ihre kleine Hand aus: In diesem Moment wirkte sie so krötenhaft, dass Harry ganz überrascht war, dass sie keine Schwimmhäute zwischen ihren Stummelfingern hatte. Hermines Hände zitterten vor Schreck. Sie wühlte in einem Stapel von Dokumenten auf dem Stuhl neben sich und zog schließlich einen Stoß Pergamente hervor, auf denen Mrs Cattermoles Name stand.
»Das – das ist hübsch, Dolores«, sagte sie und deutete auf den Anhänger, der in den knittrigen Falten von Umbridges Bluse schimmerte.
»Was?«, schnappte Umbridge und blickte hinunter. »O ja – ein altes Familienerbstück«, sagte sie und tätschelte das Medaillon, das auf ihrem großen Busen lag. »Das ›S‹ steht für Selwyn … ich bin mit den Selwyns verwandt … tatsächlich gibt es wenige reinblütige Familien, mit denen ich nicht verwandt bin … schade nur«, fuhr sie mit erhobener Stimme fort und blätterte durch Mrs Cattermoles Fragebogen, »dass man das nicht von Ihnen sagen kann. Beruf der Eltern: Gemüsehändler.«
Yaxley lachte höhnisch. Unten patrouillierte die flaumige silberne Katze auf und ab, und die Dementoren standen wartend in den Ecken.
Es war Umbridges Lüge, die Harry in Rage brachte und ihn alle Vorsicht in den Wind schlagen ließ: dass sie das Medaillon, das sie als Bestechungsgeschenk von einem Kleinkriminellen angenommen hatte, dazu benutzte, ihre Herkunft als Reinblütige zu belegen. Er hob den Zauberstab, bemühte sich gar nicht erst, ihn unter dem Tarnumhang zu verbergen, und sagte: »Stupor!«
Ein roter Lichtblitz zuckte auf; Umbridge brach zusammen und schlug mit der Stirn gegen den Rand der Balustrade; Mrs Cattermoles Papiere rutschten ihr vom Schoß und fielen zu Boden, und die umherstreifende silberne Katze unter ihr verschwand. Eiskalte Luft wie von einem aufkommenden Sturm schlug ihnen entgegen: Yaxley sah sich völlig verwirrt nach dem Ursprung der Unruhe um und erblickte Harrys frei schwebende Hand, die mit dem Zauberstab auf ihn zielte. Er wollte seinen eigenen Zauberstab zücken, doch es war zu spät.
»Stupor!«
Yaxley glitt zu Boden und blieb zusammengerollt liegen.
»Harry!«
»Hermine, wenn du gedacht hast, ich würde hier sitzen bleiben, während die so tut, als ob –«
»Harry, Mrs Cattermole!«
Harry wirbelte herum und warf den Tarnumhang ab; unten waren die Dementoren aus ihren Ecken gekommen; sie glitten auf die Frau zu, die an den Stuhl gekettet war: Sei es, weil der Patronus verschwunden war oder weil sie spürten, dass ihre Herren nicht mehr die Oberhand hatten, sie hielten sich jedenfalls nicht mehr zurück. Mrs Cattermole stieß einen schrecklichen Angstschrei aus, als eine schleimige, verschorfte Hand sie am Kinn packte und ihr den Kopf in den Nacken drückte.
»EXPECTO PATRONUM!«
Der silberne Hirsch schnellte aus der Spitze von Harrys Zauberstab hervor und stürzte auf die Dementoren zu, die zurückwichen und wieder mit den dunklen Schatten verschmolzen. Das Licht des Hirsches, der beharrlich im Raum umhersprang, war mächtiger und wärmender als der Schutz der Katze und erfüllte den ganzen Kerker.
»Nimm den Horkrux«, sagte Harry zu Hermine.
Er rannte die Treppe hinunter, stopfte den Tarnumhang wieder in seine Tasche und näherte sich Mrs Cattermole.
»Sie?«, flüsterte sie und starrte ihm ins Gesicht. »Aber – aber Reg sagte, dass Sie es waren, der beantragt hat, dass man mich verhört!«
»Habe ich das?«, murmelte Harry und riss an den Ketten, die ihre Arme fesselten. »Also, ich hab es mir anders überlegt. Diffindo!« Nichts geschah. »Hermine, wie krieg ich diese Ketten runter?«
»Warte, ich bin gerade hier oben beschäftigt –«
»Hermine, wir sind von Dementoren umzingelt!«
»Ich weiß, Harry, aber wenn sie aufwacht und das Medaillon verschwunden ist – ich muss ein Duplikat herstellen … Geminio! Na also … das müsste sie täuschen …«
Hermine kam die Stufen herabgerannt.
»Warte mal … Relaschio!«
Die Ketten zogen sich klirrend in die Armlehnen des Stuhls zurück. Mrs Cattermole wirkte nach wie vor verängstigt.
»Das verstehe ich nicht«, flüsterte sie.
»Sie werden mit uns zusammen hier rausgehen«, sagte Harry und zog sie auf die Beine. »Gehen Sie nach Hause, nehmen Sie Ihre Kinder und verschwinden Sie, verlassen Sie das Land, wenn es sein muss. Maskieren Sie sich und fliehen Sie. Sie haben gesehen, wie es ist, so etwas wie eine faire Anhörung bekommen Sie hier nicht.«
»Harry«, sagte Hermine, »wie kommen wir hier raus mit all diesen Dementoren draußen vor der Tür?«
»Patroni«, sagte Harry und deutete mit dem Zauberstab auf seinen eigenen: Der Hirsch wurde langsamer und wandte sich, immer noch hell leuchtend, zur Tür. »So viele wir aufbieten können; hol du deinen, Hermine.«
»Expec-expecto patronum«, sagte Hermine. Nichts passierte.
»Das ist der einzige Zauber, mit dem sie immer Schwierigkeiten hat«, erklärte Harry der völlig verdatterten Mrs Cattermole. »Bisschen schade eigentlich … nun mach schon, Hermine.«
»Expecto patronum!«
Ein silberner Otter brach aus der Spitze von Hermines Zauberstab hervor und schwamm elegant durch die Luft hinüber zu dem Hirsch.
»Nun los«, sagte Harry und führte Hermine und Mrs Cattermole zur Tür.
Als die Patroni aus dem Kerker schwebten, waren entsetzte Schreie der Leute zu hören, die draußen warteten. Harry sah sich um; die Dementoren wichen auf beiden Seiten zurück, verschmolzen mit der Dunkelheit, stoben vor den silbernen Geschöpfen davon.
»Es wurde angeordnet, dass Sie alle nach Hause gehen und sich mit Ihren Familien verstecken sollen«, verkündete Harry den wartenden Muggelstämmigen, die vom Licht der Patroni geblendet waren und sich nach wie vor ein wenig duckten. »Gehen Sie wenn möglich ins Ausland. Nur ganz weit weg vom Ministerium. Das ist die – ähm – neue offizielle Position. Wenn Sie jetzt einfach den Patroni folgen, können Sie vom Atrium aus nach draußen gelangen.«
Sie schafften es die steinerne Treppe hinauf, ohne dass sie abgefangen wurden, doch als sie sich den Fahrstühlen näherten, kamen Harry allmählich Bedenken. Er wurde das Gefühl nicht los, dass sie unerwünschte Aufmerksamkeit erregen würden, wenn sie mit einem silbernen Hirsch, einem neben ihm dahingleitenden Otter und etwa zwanzig Leuten im Atrium auftauchen würden, von denen die Hälfte angeklagte Muggelstämmige waren. Er war gerade zu diesem unangenehmen Schluss gekommen, als der Lift ratternd vor ihnen zum Stillstand kam.
»Reg!«, schrie Mrs Cattermole und warf sich in Rons Arme. »Runcorn hat mich freigelassen, er hat Umbridge und Yaxley angegriffen und uns allen befohlen, das Land zu verlassen, ich glaube, das sollten wir tun, Reg, wirklich. Lass uns schnell nach Hause gehen und die Kinder holen und – warum bist du so nass?«
»Wasser«, murmelte Ron, während er sich von ihr losmachte. »Harry, die wissen, dass Eindringlinge im Ministerium sind, wegen irgendeinem Loch in der Bürotür von Umbridge, ich schätze, wir haben noch fünf Minuten, wenn das –«
Hermines Patronus verschwand mit einem Plopp, als sie sich mit entsetztem Gesicht Harry zuwandte.
»Harry, wenn wir hier in der Falle sitzen –!«
»Nicht, wenn wir uns beeilen«, sagte Harry. Er drehte sich zu den stummen Leuten hinter ihm um, die ihn alle mit großen Augen anstarrten.
»Wer hat einen Zauberstab?«
Etwa die Hälfte von ihnen hob die Hand.
»Okay, alle, die keinen Zauberstab haben, müssen sich jemandem anschließen, der einen hat. Wir müssen schnell sein – bevor sie uns aufhalten. Kommt mit.«
Sie schafften es, sich in zwei Aufzüge zu zwängen. Harrys Patronus stand vor den goldenen Gittern Wache, während sie sich schlossen, und die Lifte begannen hochzufahren.
»Achter Stock«, sagte die kühle Stimme der Hexe. »Atrium.«
Harry wusste sofort, dass sie in Schwierigkeiten waren. Das Atrium war voller Leute, die von Kamin zu Kamin gingen und sie versiegelten.
»Harry!«, kreischte Hermine. »Was sollen wir –?«
»STOPP!«, donnerte Harry und die mächtige Stimme Runcorns hallte durch das Atrium: Die Zauberer, die gerade die Kamine versiegelten, erstarrten. »Folgt mir«, flüsterte er der Gruppe verängstigter Muggelstämmiger zu, die sich nun dicht aneinandergedrängt und geführt von Ron und Hermine vorwärtsbewegten.
»Was gibt’s, Albert?«, fragte der Zauberer mit dem schütteren Haar, der anfangs hinter Harry aus dem Kamin gekommen war. Er sah nervös aus.
»Diese Leute hier müssen raus, bevor Sie die Ausgänge versiegeln«, sagte Harry mit aller Autorität, die er aufbieten konnte.
Die Zauberer vor ihm blickten einander an.
»Wir haben Anweisung, alle Ausgänge zu versiegeln und niemanden –«
»Wollen Sie mir etwa widersprechen?«, polterte Harry. »Soll ich vielleicht Ihren Familienstammbaum überprüfen lassen, wie den von Dirk Cresswell?«
»Verzeihung!«, japste der Zauberer mit dem schütteren Haar und wich zurück. »So hab ich’s nicht gemeint, Albert, aber ich dachte … ich dachte, die wären zum Verhör da und …«
»Ihr Blut ist rein«, sagte Harry und seine tiefe Stimme dröhnte eindrucksvoll durch die Halle. »Reiner als das vieler von euch, vermute ich. Los geht’s«, sagte er mit donnernder Stimme zu den Muggelstämmigen, die hastig in die Kamine stürzten und paarweise zu verschwinden begannen. Die Ministeriumszauberer zögerten, einige mit verwirrter Miene, andere eingeschüchtert und ärgerlich. Dann –
»Mary!«
Mrs Cattermole blickte über die Schulter. Der echte Reg Cattermole, der sich von seinem Brechanfall erholt hatte, aber immer noch blass und matt aussah, war gerade aus einem Lift herausgerannt.
»R-Reg?«
Sie blickte von ihrem Gatten zu Ron, der laut fluchte.
Der Zauberer mit dem schütteren Haar riss den Mund auf, und es wirkte lächerlich, wie er den Kopf von dem einen Reg Cattermole zum anderen wandte.
»Hey – was geht hier vor? Was soll das?«
»Versiegelt den Ausgang! VERSIEGELN!«
Yaxley war aus einem anderen Fahrstuhl gestürmt und rannte auf die Gruppe neben den Kaminen zu, in denen inzwischen alle Muggelstämmigen außer Mrs Cattermole verschwunden waren. Als der Zauberer mit dem schütteren Haar seinen Zauberstab hob, riss Harry seine gewaltige Faust hoch und versetzte ihm einen Schlag, der ihn durch die Luft schleuderte.
»Er hat Muggelstämmigen zur Flucht verholfen, Yaxley!«, schrie Harry.
Unter den Kollegen des Mannes mit dem schütteren Haar brach ein Tumult aus, und Ron nutzte die Gelegenheit, packte Mrs Cattermole, zog sie in den noch offenen Kamin und verschwand mit ihr. Verwirrt blickte Yaxley von Harry zu dem zusammengeschlagenen Zauberer, während der echte Reg Cattermole schrie: »Meine Frau! Wer war das mit meiner Frau? Was geht hier vor?«
Harry sah, wie Yaxley den Kopf drehte und wie in diesem ungeschlachten Gesicht allmählich ein Licht aufging.
»Komm!«, rief Harry Hermine zu; er nahm sie bei der Hand, und sie sprangen zusammen in den Kamin, während Yaxleys Fluch über Harrys Kopf hinwegjagte. Sie wirbelten einige Sekunden umher, dann schossen sie aus einer Toilettenschüssel heraus und landeten in einer Kabine. Harry stieß die Tür auf; Ron stand an den Waschbecken und rang immer noch mit Mrs Cattermole.
»Reg, ich verstehe nicht –«
»Lassen Sie mich los, ich bin nicht Ihr Mann, Sie müssen nach Hause gehen!«
Aus der Kabine hinter ihnen war ein Geräusch zu hören; Harry schaute sich um: Yaxley war gerade aufgetaucht.
»NICHTS WIE WEG!«, schrie Harry. Er packte Hermine bei der Hand und Ron am Arm und drehte sich auf der Stelle.
Dunkelheit verschlang sie, und es war, als würden Bänder sie zusammenschnüren, doch irgendetwas stimmte nicht … Hermines Hand schien ihm zu entgleiten …
Er dachte schon, er würde vielleicht ersticken, er bekam keine Luft und konnte nichts sehen, das einzig Feste auf der Welt waren Rons Arm und Hermines Finger, die langsam wegrutschten …
Und dann sah er die Tür von Grimmauldplatz Nummer zwölf mit ihrem schlangenförmigen Türklopfer, doch ehe er Atem holen konnte, ertönte ein Schrei, und ein violetter Lichtblitz flammte auf; Hermines Hand schloss sich plötzlich wie ein Schraubstock um seine und alles wurde wieder dunkel.
Der Dieb
Als Harry die Augen aufschlug, blendete es ihn grün und golden; er hatte keine Ahnung, was passiert war, wusste nur, dass er, wie es sich anfühlte, auf Blättern und Zweigen lag. Mühsam rang er nach Atem, seine Lungen schienen platt gedrückt, er blinzelte und erkannte, dass das bunte Leuchten von der Sonne kam, deren Licht durch ein Blätterdach hoch über ihm flutete. Etwas zuckte nahe seinem Gesicht. Er stemmte sich hoch auf Hände und Knie, bereit, es mit irgendeinem kleinen, angriffslustigen Lebewesen aufzunehmen, sah dann aber, dass dieses Etwas Rons Fuß war. Er blickte sich um und stellte fest, dass er mit Ron und Hermine auf dem Boden eines Waldes lag, offenbar allein.
Harry dachte als Erstes an den Verbotenen Wald, und obwohl er wusste, wie töricht und gefährlich es wäre, wenn sie auf dem Gelände von Hogwarts erschienen, machte sein Herz einen kleinen Hüpfer, als er sich vorstellte, wie sie zwischen den Bäumen hindurch zu Hagrids Hütte schlichen. Doch nur wenige Augenblicke später, nachdem Ron leise gestöhnt hatte und Harry in seine Richtung gekrochen war, wurde ihm klar, dass dies nicht der Verbotene Wald war: Die Bäume wirkten jünger, der Wald war lichter und der Boden weniger dicht bewachsen.
Neben Rons Kopf fand er Hermine, ebenfalls auf Händen und Knien. Als Harrys Blick auf Ron fiel, waren all seine anderen Sorgen schlagartig vergessen, denn Rons ganze linke Seite war blutüberströmt, und sein Gesicht hob sich gräulich weiß gegen den mit Blättern übersäten Boden ab. Der Vielsaft-Trank verlor soeben seine Wirkung: Rons Äußeres war halb Cattermole, halb er selbst, sein Haar rötete sich allmählich, und aus seinem Gesicht schwand das letzte bisschen Farbe.
»Was ist mit ihm passiert?«
»Zersplintert«, sagte Hermine, und ihre Finger machten sich schon eifrig an Rons Ärmel zu schaffen, wo das Blut am feuchtesten und dunkelsten war.
Harry sah entsetzt zu, wie sie Rons Hemd aufriss. Er hatte immer gedacht, dass Zersplintern etwas Komisches war, aber das hier … in seinen Eingeweiden kollerte es unangenehm, als Hermine Rons Oberarm frei machte, wo ein großes Stück Fleisch fehlte, glatt weggeschnitten wie mit einem Messer.
»Harry, schnell, in meiner Tasche, da ist eine kleine Flasche mit der Aufschrift Diptam-Essenz –«
»Tasche – okay –«
Harry stürzte zu der Stelle, wo Hermine gelandet war, packte die kleine Perlenhandtasche und fuhr mit der Hand hinein. Sogleich kam ihm ein Gegenstand nach dem anderen zwischen die Finger: Er spürte die Lederrücken der Bücher, Ärmel von Wollpullovern, Absätze von Schuhen –
»Schnell!«
Er packte seinen Zauberstab, der auf dem Boden lag, und zielte in die Tiefen der magischen Tasche.
»Accio Diptam!«
Eine kleine braune Flasche flog aus der Tasche heraus; er fing sie auf und hastete zurück zu Hermine und Ron, dessen Augen jetzt halb geschlossen waren, nur ein Streifen des weißen Augapfels war zwischen seinen Lidern zu sehen.
»Er ist ohnmächtig geworden«, sagte Hermine, die auch ziemlich blass war; sie sah nicht mehr wie Mafalda aus, obwohl ihr Haar noch stellenweise grau war. »Zieh den Korken für mich raus, Harry, meine Hände zittern.«
Harry riss den Korken von der kleinen Flasche, Hermine nahm sie und träufelte drei Tropfen von dem Zaubertrank auf die blutende Wunde. Grünliche Rauchschwaden stiegen auf, und als sie sich verzogen hatten, sah Harry, dass die Blutung aufgehört hatte. Die Wunde wirkte jetzt, als wäre sie mehrere Tage alt; neue Haut spannte sich über das eben noch nackte Fleisch.
»Wow«, sagte Harry.
»Das ist aber auch schon alles, bei dem ich mich sicher fühle«, sagte Hermine mit zittriger Stimme. »Es gibt Zauber, die ihn ganz gesund machen würden, aber an die traue ich mich nicht ran, vielleicht mache ich was falsch und richte noch mehr Schaden an … er hat ohnehin schon so viel Blut verloren …«
»Wie hat er sich verletzt? Ich meine«, Harry schüttelte den Kopf, um vielleicht auf klare Gedanken zu kommen und sich einen Reim darauf zu machen, was immer hier auch geschehen war, »warum sind wir hier? Ich dachte, wir würden zum Grimmauldplatz zurückkehren?«
Hermine holte tief Luft. Sie schien den Tränen nahe.
»Harry, ich glaube nicht, dass wir dorthin zurückgehen können.«
»Was meinst du –?«
»Als wir disappariert sind, hat sich Yaxley an mir festgehalten, und ich konnte ihn nicht loswerden, er war zu stark, und er war immer noch da, als wir am Grimmauldplatz ankamen, und dann – also ich glaube, er muss die Tür gesehen und gedacht haben, wir würden dort anhalten, deshalb hat er seinen Griff gelockert, und ich konnte ihn abschütteln und hab uns stattdessen hierhergebracht!«
»Aber wo ist er dann? Wart mal … du meinst doch nicht etwa, dass er im Haus am Grimmauldplatz ist? Da kann er doch nicht rein?«
In ihren Augen glitzerten Tränen, als sie nickte.
»Harry, ich glaube, er kann es. Ich – ich hab ihn mit einem Verekelfluch gezwungen, loszulassen, aber da hatte ich ihn schon in den Schutz des Fidelius-Zaubers mit hineingenommen. Seit Dumbledores Tod sind wir Geheimniswahrer, also hab ich ihm das Geheimnis weitergegeben, oder?«
Da war nichts zu beschönigen; Harry war sicher, dass sie Recht hatte. Es war ein schwerer Schlag. Wenn Yaxley jetzt ins Haus gelangen konnte, kam es überhaupt nicht in Frage, dass sie zurückkehrten. Gerade jetzt apparierte er vielleicht mit anderen Todessern, um sie dort hineinzubringen. Das Haus war zwar düster und bedrückend, doch es war ihr einziger sicherer Unterschlupf gewesen: jetzt, da Kreacher so viel glücklicher und freundlicher geworden war, sogar eine Art Zuhause. Mit schmerzlichem Bedauern, das nichts mit Essbarem zu tun hatte, stellte Harry sich den Hauselfen vor, wie er emsig die Steak-und-Nieren-Pastete vorbereitete, die Harry, Ron und Hermine nie verspeisen würden.
»Harry, es tut mir leid, es tut mir so leid!«
»Sei nicht albern, es war nicht deine Schuld! Wenn überhaupt, dann meine …«
Harry fuhr mit der Hand in seine Tasche und zog Mad-Eyes Auge hervor. Hermine schreckte mit entsetztem Blick zurück.
»Umbridge hatte es in ihre Tür gesteckt, um Leute auszuspionieren. Ich konnte es nicht dort lassen … aber dadurch haben sie erfahren, dass Eindringlinge da waren.«
Ehe Hermine antworten konnte, stöhnte Ron und öffnete die Augen. Er war immer noch grau und sein Gesicht glänzte vor Schweiß.
»Wie geht es dir?«, flüsterte Hermine.
»Mies«, krächzte Ron und zuckte zusammen, als er seinen verletzten Arm spürte. »Wo sind wir?«
»In den Wäldern, wo die Quidditch-Weltmeisterschaft stattgefunden hat«, sagte Hermine. »Ich wollte etwas Geschütztes, Geheimes haben, und das war –«
»– der erste Ort, der dir eingefallen ist«, sprach Harry für sie zu Ende, während er einen raschen Blick über die offensichtlich verlassene Lichtung warf. Unwillkürlich musste er daran denken, was beim letzten Mal passiert war, als sie an den ersten Ort appariert waren, der Hermine eingefallen war: Todesser hatten sie nach wenigen Minuten gefunden. War es Legilimentik gewesen? Wussten Voldemort und seine Handlanger auch jetzt, wo Hermine sie hingebracht hatte?
»Meinst du, wir sollten weiterziehen?«, fragte ihn Ron, und Harry konnte an seinem Gesicht ablesen, dass er dasselbe dachte wie er.
»Weiß nicht.«
Ron sah immer noch blass und klamm aus. Er hatte keinen Versuch unternommen, sich aufzusetzen, und es schien, als wäre er zu schwach dazu. Die Aussicht, ihn transportieren zu müssen, war entmutigend.
»Bleiben wir erst mal hier«, sagte Harry.
Hermine sprang erleichtert auf.
»Wo gehst du hin?«, fragte Ron.
»Wenn wir hierbleiben, sollten wir rundum ein paar Schutzzauber errichten«, antwortete sie, hob ihren Zauberstab und ging in einem weiten Kreis um Harry und Ron herum, indem sie Beschwörungen vor sich hin murmelte. Harry sah in der Luft ringsumher ein leichtes Flimmern: als ob Hermine einen Hitzeschleier über die Lichtung gelegt hätte.
»Salvio hexia … Protego totalum … Repello Muggeltum … Muffliato … Du könntest das Zelt rausholen, Harry …«
»Zelt?«
»In der Tasche!«
»In der … natürlich«, sagte Harry.
Er stöberte diesmal gar nicht erst darin herum, sondern benutzte erneut einen Aufrufezauber. Das Zelt kam als klumpiger Haufen Leinwand mit Schnüren und Stangen zum Vorschein. Harry erkannte es, nicht zuletzt weil es nach Katze roch, als das Zelt, in dem sie in der Nacht während der Quidditch-Weltmeisterschaft geschlafen hatten.
»Ich dachte, das gehört diesem Perkins vom Ministerium?«, fragte er und begann die Heringe auseinanderzupflücken.
»Er wollte es offenbar nicht mehr zurückhaben, sein Hexenschuss ist so schlimm«, sagte Hermine, die jetzt eine komplizierte Figur aus acht Bewegungen mit ihrem Zauberstab vollführte, »deshalb meinte Rons Dad, dass ich es mir ausleihen kann. Erecto!«, fügte sie hinzu, wobei sie den Zauberstab auf die unförmige Zeltleinwand richtete, die sich in einer einzigen fließenden Bewegung in die Luft erhob und vollständig aufgebaut vor Harry zur Erde sank, der zusammenschreckte, als ihm ein Hering aus den Händen flog und mit einem abschließenden dumpfen Schlag am Ende einer Spannleine landete.
»Cave inimicum«, schloss Hermine mit einem Schwung himmelwärts. »Mehr kann ich nicht tun. Zumindest sollten wir es mitkriegen, wenn sie kommen, ich kann nicht garantieren, dass es Vol–«
»Sag den Namen nicht!«, fiel ihr Ron mit scharfer Stimme ins Wort.
Harry und Hermine schauten sich an.
»’tschuldigung«, sagte Ron und richtete sich leise stöhnend auf, um sie anzusehen, »aber es kommt mir wie ein – ein Fluch vor oder so. Können wir ihn nicht Du-weißt-schon-wer nennen – bitte?«
»Dumbledore hat gesagt, dass Angst vor einem Namen –«, begann Harry.
»Falls du es noch nicht bemerkt hast, Mann – dass Dumbledore Du-weißt-schon-wen bei seinem Namen nannte, hat ihm am Ende überhaupt nicht gutgetan«, fauchte Ron zurück. »Zeig – zeig Du-weißt-schon-wem einfach ein wenig Respekt, ja?«
»Respekt?«, wiederholte Harry, doch Hermine warf ihm einen warnenden Blick zu; offenbar sollte er sich nicht mit Ron streiten, solange der so geschwächt war.
Harry und Hermine hievten Ron halb tragend, halb schleifend durch den Zelteingang. Drinnen war es genauso, wie Harry es in Erinnerung hatte: eine kleine Wohnung, samt Badezimmer und winziger Küche. Er schob einen alten Sessel aus dem Weg und setzte Ron behutsam auf der unteren Matratze eines Stockbetts ab. Sogar dieser kurze Ortswechsel hatte Ron noch blasser werden lassen, und sobald sie ihn auf das Bett verfrachtet hatten, schloss er wieder die Augen und sprach eine Zeit lang kein Wort.
»Ich mach uns einen Tee«, sagte Hermine außer Atem, zog Kessel und Becher aus den Tiefen ihrer Tasche und ging zur Küche.
Harry war das heiße Getränk so willkommen wie der Feuerwhisky in der Nacht, als Mad-Eye gestorben war; es schien ein wenig von der Angst wegzubrennen, die in seiner Brust umherflatterte. Nach ein, zwei Minuten unterbrach Ron die Stille.
»Wie es wohl den Cattermoles ergangen ist?«
»Mit ein wenig Glück sind sie davongekommen«, sagte Hermine, die die Hände um ihren behaglich heißen Becher geklammert hatte. »Wenn Mr Cattermole seine fünf Sinne beisammenhatte, dann hat er seine Frau per Seit-an-Seit-Apparieren mitgenommen, und sie fliehen gerade mitsamt ihren Kindern aus dem Land. Das hat Harry ihnen geraten.«
»Zum Teufel, ich hoffe, sie sind entwischt«, sagte Ron und lehnte sich in seine Kissen zurück. Der Tee schien ihm gutzutun; er hatte wieder ein wenig Farbe bekommen. »Ich hatte aber nicht das Gefühl, dass Reg Cattermole besonders schnell von Begriff war, so, wie die Leute mit mir geredet haben, als ich er war. Himmel, ich hoffe, sie haben es geschafft … wenn sie beide wegen uns in Askaban landen …«
Harry blickte hinüber zu Hermine, und die Frage, die er stellen wollte – ob Mrs Cattermole, wenn sie keinen Zauberstab hatte, überhaupt mit ihrem Mann Seit-an-Seit-apparieren konnte –, blieb ihm im Hals stecken. Hermine beobachtete Ron, der sich über das Schicksal der Cattermoles Sorgen machte, und in ihrem Gesichtsausdruck lag so viel Zärtlichkeit, dass Harry fast das Gefühl hatte, er hätte sie dabei überrascht, wie sie ihn küsste.
»Also, hast du es?«, fragte er Hermine, auch um sie daran zu erinnern, dass er noch da war.
»Was denn – was soll ich haben?«, erwiderte sie, leicht zusammenfahrend.
»Wozu haben wir das alles gerade durchgemacht? Wegen dem Medaillon! Wo ist das Medaillon?«
»Du hast es?«, rief Ron und stemmte sich ein wenig höher aus seinen Kissen. »Keiner erzählt mir was! Verdammt, du hättest es doch erwähnen können!«
»Na ja, wir hatten eben noch die Todesser am Hals und mussten um unser Leben rennen, nicht wahr?«, sagte Hermine. »Hier.« Und sie zog das Medaillon aus der Tasche ihres Umhangs und gab es Ron.
Es war so groß wie ein Hühnerei. Ein reich verziertes »S«, das mit vielen kleinen grünen Steinen besetzt war, schimmerte matt in dem diffusen Licht, das durch das Leinwanddach des Zeltes drang.
»Wär es nicht doch möglich, dass es irgendjemand zerstört hat, seit Kreacher es in die Hände bekam?«, fragte Ron hoffnungsvoll. »Ich meine, sind wir sicher, dass es immer noch ein Horkrux ist?«
»Ich denke schon«, sagte Hermine, nahm es ihm wieder ab und betrachtete es genau. »Es würde irgendeine Spur von Beschädigung aufweisen, wenn es magisch zerstört worden wäre.«
Sie reichte es an Harry weiter, der es zwischen den Fingern drehte. Das Ding sah makellos aus, unberührt. Er erinnerte sich an die übel zugerichteten Überreste des Tagebuchs und daran, dass der Stein im Horkrux-Ring gespalten worden war, als Dumbledore ihn zerstörte.
»Ich denke, Kreacher hat Recht«, sagte Harry. »Wir müssen rausfinden, wie dieses Ding aufgeht, bevor wir es zerstören können.«
Noch während Harry sprach, wurde ihm schlagartig bewusst, was er da in der Hand hielt, was hinter den kleinen goldenen Türchen lebte. Auch wenn sie so viel auf sich genommen hatten, um es zu finden, verspürte er jetzt den heftigen Drang, das Medaillon von sich wegzuschleudern. Er beherrschte sich wieder und versuchte es mit den Fingern aufzustemmen, dann probierte er den Zauber aus, mit dem Hermine Regulus’ Schlafzimmertür geöffnet hatte. Weder das eine noch das andere funktionierte. Er reichte das Medaillon erneut Ron und Hermine, die sich beide alle Mühe gaben, denen es jedoch genauso wenig wie ihm gelang, es zu öffnen.
»Aber kannst du es spüren?«, fragte Ron leise, während er es fest in der geschlossenen Faust hielt.
»Was meinst du?«
Ron gab Harry den Horkrux. Nach einer kleinen Weile glaubte Harry zu wissen, was Ron meinte. War es sein eigenes Blut, das er durch seine Adern pulsieren spürte, oder war es irgendetwas, das im Inneren des Medaillons pochte, wie ein winziges metallenes Herz?
»Was sollen wir damit machen?«, fragte Hermine.
»Es sicher aufbewahren, bis wir rausfinden, wie wir es zerstören können«, erwiderte Harry, und obwohl es ihm gar nicht behagte, hängte er sich die Kette um den Hals und ließ das Medaillon unter seinen Umhang fallen, wo es nicht zu sehen war und auf seiner Brust neben dem Beutel ruhte, den Hagrid ihm geschenkt hatte.
»Ich glaube, wir sollten abwechselnd draußen vor dem Zelt Wache schieben«, sagte er zu Hermine gewandt, stand auf und streckte sich. »Und wir müssen uns auch Gedanken machen, wo wir was zu essen herkriegen. Du bleibst hier«, fügte er streng hinzu, als Ron sich aufsetzen wollte und eine gefährliche grüne Farbe annahm.
Das Spickoskop, das Hermine Harry zum Geburtstag geschenkt hatte, wurde sorgfältig auf dem Tisch im Zelt aufgebaut, und Harry und Hermine teilten sich für den Rest des Tages die Rolle des Beobachtungspostens. Doch das Spickoskop blieb den ganzen Tag stumm und reglos an seinem Platz, und ob es nun an den Schutzzaubern und den Flüchen zur Abwehr von Muggeln lag, die Hermine in ihrem Umkreis gestreut hatte, oder daran, dass sich selten Leute in diese Gegend wagten, in ihrem Waldstück rührte sich nichts außer gelegentlich ein Vogel oder ein Eichhörnchen. Auch am Abend blieb es ruhig; Harry entzündete seinen Zauberstab, als er um zehn Uhr Hermine ablöste, und blickte hinaus auf eine einsame Landschaft, wobei er Fledermäuse bemerkte, die hoch über ihm über das einzige Stück Himmel flatterten, das von ihrer geschützten Lichtung aus zu sehen war.
Er war jetzt hungrig und fühlte sich leicht benommen. Hermine hatte keine Verpflegung in ihre magische Tasche gepackt, da sie angenommen hatte, dass sie an diesem Abend zum Grimmauldplatz zurückkehren würden, und so hatten sie nichts zu essen gehabt außer ein paar Wildpilzen, die Hermine unter den nahen Bäumen gesammelt und in einem Campingkessel gekocht hatte. Nach einigen Bissen hatte Ron, dem offensichtlich speiübel war, seine Portion von sich weggeschoben; Harry hatte nur weitergegessen, um Hermine nicht zu kränken.
Die Stille rundum wurde von einem merkwürdigen Rascheln und einem Geräusch wie von knackenden Zweigen durchbrochen: Harry dachte, dass es eher von Tieren herrührte als von Menschen, hielt seinen Zauberstab jedoch fest und bereit. In seinen Eingeweiden, die sowieso schon wegen der kärglichen Portion gummiartiger Pilze rumorten, kribbelte es unangenehm.
Er hatte gedacht, dass er in Hochstimmung sein würde, sobald sie es geschafft hätten, den Horkrux zurückzustehlen, doch davon konnte keine Rede sein; er saß da und spähte in die Dunkelheit, die sein Zauberstab nur zu einem winzigen Teil erhellte, und das Einzige, was er empfand, war Sorge darüber, was als Nächstes passieren würde. Es war, als ob er seit Wochen, Monaten, vielleicht sogar Jahren auf diesen Punkt zugerast wäre, doch nun abrupt stehen geblieben war, weil der Weg ins Nichts führte.
Irgendwo dort draußen gab es noch weitere Horkruxe, aber er hatte nicht die leiseste Ahnung, wo sie stecken könnten. Er wusste nicht einmal von allen, woraus sie bestanden. Außerdem hatte er keine Idee, wie sie den einzigen, den sie gefunden hatten, zerstören sollten, den Horkrux, der in diesem Moment auf seiner Brust lag. Seltsam, dass er seine Körperwärme nicht angenommen hatte, sondern so kalt an seiner nackten Haut ruhte, als wäre er gerade aus eisigem Wasser aufgetaucht. Von Zeit zu Zeit dachte Harry, oder bildete es sich vielleicht ein, dass er das unregelmäßige Ticken des kleinen Herzens neben seinem eigenen spüren konnte.
Unbeschreibliche Vorahnungen beschlichen ihn, wie er da im Dunkeln saß: Er versuchte gegen sie anzukämpfen, sie wegzuschieben, doch sie ließen ihn nicht los. Keiner kann leben, während der Andere überlebt. Ron und Hermine, die sich jetzt hinter ihm im Zelt leise miteinander unterhielten, konnten weggehen, wenn sie wollten: Er konnte es nicht. Und während er dasaß und versuchte, seiner eigenen Furcht und Erschöpfung Herr zu werden, kam es Harry vor, als ob der Horkrux an seiner Brust mit seinem Ticken die Zeit verrinnen ließ, die Harry noch hatte … Dumme Vorstellung, sagte er sich, denk nicht so was …
Seine Narbe begann wieder zu stechen. Er hatte Angst, dass er es selbst auslöste, indem er solchen Gedanken nachhing, und versuchte sie in eine andere Richtung zu lenken. Er dachte an den armen Kreacher, der sie zu Hause erwartet und es stattdessen mit Yaxley zu tun bekommen hatte. Würde der Elf schweigen, oder würde er dem Todesser alles erzählen, was er wusste? Harry wollte glauben, dass Kreacher im vergangenen Monat zu ihm übergewechselt war, dass er nun zu ihm halten würde, doch wer wusste schon, was passieren würde? Was, wenn die Todesser den Elfen folterten? Schlimme Bilder geisterten durch Harrys Kopf, und er versuchte, auch sie zu verscheuchen, denn er konnte nichts für Kreacher tun: Er und Hermine hatten bereits entschieden, dass sie nicht versuchen würden ihn herbeizurufen; was wäre, wenn jemand vom Ministerium mitkam? Sie konnten nicht darauf bauen, dass das Apparieren bei Elfen nicht genau denselben Makel hatte, der auch schuld daran war, dass Yaxley an Hermines Ärmelsaum zum Grimmauldplatz gelangen konnte.
Harrys Narbe brannte jetzt. Er überlegte, dass es so viel gab, was sie nicht wussten: Lupin hatte Recht gehabt, was die Magie betraf, der sie noch nie begegnet waren und die sie sich nicht einmal vorstellen konnten. Warum hatte Dumbledore nicht mehr erklärt? Hatte er geglaubt, dass noch Zeit wäre; dass er noch jahrelang leben würde, jahrhundertelang vielleicht, wie sein Freund Nicolas Flamel? Wenn ja, dann hatte er sich geirrt … Snape hatte dafür gesorgt … Snape, die schlafende Schlange, die oben auf dem Turm zugeschlagen hatte …
Und Dumbledore war gefallen … gefallen …
»Gib ihn mir, Gregorowitsch.«
Harrys Stimme war hoch, klar und kalt: Eine langfingrige weiße Hand hielt seinen Zauberstab vor ihm umklammert. Der Mann, auf den er gerichtet war, hing kopfüber in der Luft, doch hielten ihn keine Seile; er schwang hin und her, unsichtbar und grausam gefesselt, die Gliedmaßen um sich geschlungen, sein angsterfülltes Gesicht auf Augenhöhe mit Harry, dunkelrot von dem Blut, das in seinen Kopf geschossen war. Er hatte schlohweißes Haar und einen dichten buschigen Bart: ein Weihnachtsmann in Fesseln.
»Ich habe ihn nicht, ich habe ihn nicht mehr! Er wurde mir gestohlen, vor vielen Jahren!«
»Lüge nicht vor Lord Voldemort, Gregorowitsch. Er merkt es … er merkt es immer.«
Die Pupillen des in der Luft hängenden Mannes waren groß, geweitet vor Angst, und sie schienen größer zu werden, größer und größer, bis ihr Schwarz Harry ganz verschluckte –
Und jetzt eilte Harry einen dunklen Korridor entlang, dem stämmigen kleinen Gregorowitsch hinterher, der eine Laterne emporhielt: Gregorowitsch stürzte in den Raum am Ende des Ganges und seine Laterne beleuchtete etwas wie eine Werkstatt; Hobelspäne und Gold schimmerten in dem schwankenden Lichtkreis, und dort auf der Fensterbank hockte, wie ein Riesenvogel, ein junger Mann mit goldenem Haar. In dem kurzen Moment, als das Licht der Laterne auf ihn fiel, sah Harry diebische Freude auf seinem hübschen Gesicht, dann feuerte der Eindringling einen Schockzauber aus seinem Zauberstab ab und sprang mit triumphierendem Gelächter elegant rückwärts aus dem Fenster.
Und Harry wirbelte wieder hinaus aus diesen weiten, tunnelartigen Pupillen, und Gregorowitschs Gesicht war starr vor Schreck.
»Wer war der Dieb, Gregorowitsch?«, sagte die hohe, kalte Stimme.
»Ich weiß es nicht, ich habe es nie erfahren, ein junger Mann – nein – bitte – BITTE!«
Ein Schrei, der einfach nicht aufhören wollte, und dann ein Blitz aus grünem Licht –
»Harry!«
Er schlug die Augen auf, keuchend, in seiner Stirn hämmerte es. Er war ohnmächtig gegen die Zeltwand gesunken, war seitlich am Zelt hinuntergerutscht und lag jetzt, alle viere von sich gestreckt, am Boden. Er sah zu Hermine auf, deren buschiges Haar das kleine Stück Himmel verdeckte, das durch die dunklen Äste hoch über ihnen zu sehen war.
»Traum«, sagte er, setzte sich rasch auf und versuchte Hermines finsterem Blick mit einer Unschuldsmiene zu begegnen. »Muss eingenickt sein, ’tschuldigung.«
»Ich weiß, dass es deine Narbe war! Das seh ich dir am Gesicht an! Du hast hineingeschaut, in den Geist von Vol–«
»Sag den Namen nicht!«, ertönte Rons zornige Stimme aus den Tiefen des Zeltes.
»Schön«, gab Hermine zurück. »Dann eben in den Geist von Du-weißt-schon-wem!«
»Es war keine Absicht!«, sagte Harry. »Es war ein Traum! Kannst du steuern, wovon du träumst, Hermine?«
»Wenn du nur lernen würdest, Okklumentik einzusetzen –«
Aber Harry hatte kein Interesse daran, sich Vorwürfe machen zu lassen; er wollte über das reden, was er gerade gesehen hatte.
»Er hat Gregorowitsch gefunden, Hermine, und ich glaube, er hat ihn umgebracht, aber bevor er ihn getötet hat, ist er in Gregorowitschs Geist eingedrungen, und ich hab gesehen –«
»Ich glaub, ich übernehm besser die Wache, wenn du so müde bist, dass du einschläfst«, sagte Hermine kühl.
»Ich kann die Wache durchhalten!«
»Nein, du bist offensichtlich erschöpft. Geh und leg dich hin.«
Sie hockte sich mit störrischer Miene in den Zelteingang. Wütend kroch Harry wieder hinein, da er keinen Streit wollte.
Rons immer noch blasses Gesicht schaute aus dem unteren Bett heraus; Harry kletterte in das obere, legte sich hin und blickte hoch zur dunklen Zeltdecke. Nach einiger Zeit sprach Ron mit so leiser Stimme, dass sie nicht zu Hermine drang, die im Eingang kauerte.
»Was macht Du-weißt-schon-wer?«
Harry kniff die Augen zusammen und versuchte sich mühsam an jede Einzelheit zu erinnern, dann flüsterte er in die Dunkelheit.
»Er hat Gregorowitsch gefunden. Er hat ihn gefesselt und ihn gefoltert.«
»Wie soll Gregorowitsch ihm einen neuen Zauberstab machen, wenn er gefesselt ist?«
»Keine Ahnung … verrückt, oder?«
Harry schloss die Augen und dachte an all das, was er gesehen und gehört hatte. Je mehr er sich ins Gedächtnis zurückrief, desto weniger Sinn ergab es … Voldemort hatte nichts über Harrys Zauberstab gesagt, nichts über die Zwillingskerne, nichts darüber, dass Gregorowitsch einen neuen und mächtigeren Zauberstab anfertigen solle, um den von Harry zu schlagen …
»Er wollte etwas von Gregorowitsch«, sagte Harry, die Augen immer noch fest geschlossen. »Er wollte, dass er es ihm gab, aber Gregorowitsch sagte, es wäre ihm gestohlen worden … und dann … dann …«
Er erinnerte sich daran, wie er, als Voldemort, scheinbar durch Gregorowitschs Augen gewirbelt war, in seine Erinnerung hinein …
»Er ist in Gregorowitschs Geist eingedrungen, und ich hab diesen jungen Kerl gesehen, der auf einer Fensterbank hockte, und er hat einen Fluch auf Gregorowitsch abgefeuert und ist dann hinausgesprungen und verschwunden. Er hat es gestohlen, er hat das gestohlen, was Du-weißt-schon-wer sucht. Und ich … ich glaub, ich hab ihn schon mal irgendwo gesehen …«
Harry wünschte, er könnte noch einmal für einen kurzen Moment in das Gesicht des lachenden Jungen schauen. Der Diebstahl hatte sich laut Gregorowitsch vor vielen Jahren zugetragen. Warum kam ihm der junge Dieb bekannt vor?
Die Geräusche des Waldes ringsumher waren im Zelt kaum zu hören; Harry konnte nur Rons Atem vernehmen. Nach einer Weile flüsterte Ron: »Konntest du nicht sehen, was der Dieb in der Hand hielt?«
»Nein … es muss etwas Kleines gewesen sein.«
»Harry?«
Die Holzlatten von Rons Bett knarrten, als er sich umdrehte.
»Harry, meinst du nicht, dass Du-weißt-schon-wer nach was Neuem sucht, das er in einen Horkrux verwandeln kann?«
»Ich weiß nicht«, sagte Harry langsam. »Vielleicht. Aber wäre es nicht gefährlich für ihn, noch einen zu machen? Hat Hermine nicht gesagt, dass er es mit seiner Seele schon bis zum Äußersten getrieben hat?«
»Jaah, aber vielleicht weiß er das nicht.«
»Ja … vielleicht«, sagte Harry.
Er war sicher gewesen, dass Voldemort einen Weg gesucht hatte, wie er das Problem der Zwillingskerne umgehen konnte, sicher, dass Voldemort eine Lösung von dem alten Zauberstabmacher begehrte … und doch hatte er ihn getötet, offenbar ohne ihm auch nur eine Frage zur Zauberstabkunde zu stellen.
Was wollte Voldemort herausfinden? Warum war er, wo das Zaubereiministerium und die Zaubererwelt ihm doch zu Füßen lagen, so weit weg und versessen darauf, einen Gegenstand aufzuspüren, der einst Gregorowitsch gehört hatte und den der unbekannte Dieb gestohlen hatte?
Harry konnte noch immer das Gesicht des blonden Jungen sehen, es war fröhlich, ungestüm; es lag etwas von Freds und Georges großartiger Durchtriebenheit darin. Er hatte sich von der Fensterbank geschwungen wie ein Vogel, und Harry hatte ihn früher schon gesehen, aber ihm fiel nicht ein, wo …
Nun, da Gregorowitsch tot war, schwebte der Dieb mit dem fröhlichen Gesicht in Gefahr, und Harry verweilte in Gedanken bei ihm, während Ron im unteren Bett polternd zu schnarchen begann und er selbst allmählich wieder in den Schlaf sank.
Die Rache des Kobolds
Harry verließ das Zelt früh am nächsten Morgen, noch bevor die beiden anderen wach waren, und suchte in den Wäldern um sie herum nach dem ältesten, knorrigsten und am unverwüstlichsten aussehenden Baum, den er finden konnte. Dort in seinem Schatten begrub er Mad-Eye Moodys Auge und kennzeichnete die Stelle mit einem kleinen Kreuz, das er mit seinem Zauberstab in die Rinde ritzte. Es war keine große Sache, aber Harry hatte das Gefühl, dass es Mad-Eye um einiges lieber gewesen wäre, als in Dolores Umbridges Tür zu stecken. Dann kehrte er zum Zelt zurück und wartete, bis die anderen aufwachten, um zu besprechen, was sie als Nächstes tun würden.
Harry und Hermine hielten es für das Beste, nicht allzu lange an einem Ort zu bleiben, und Ron stimmte ihnen zu, unter der einzigen Bedingung, dass sie beim nächsten Mal in der Nähe eines Schinkensandwichs landen sollten. Und so hob Hermine die Zauber auf, die sie im Umkreis der Lichtung errichtet hatte, während Harry und Ron alle Spuren und Vertiefungen auf dem Boden verwischten, die darauf hinweisen konnten, dass sie hier ihr Lager aufgeschlagen hatten. Dann disapparierten sie an den Rand eines kleinen Marktfleckens.
Als sie das Zelt im Schutz eines niedrigen Wäldchens aufgestellt und es mit neuen Verteidigungszaubern umgeben hatten, machte sich Harry unter dem Schutz des Tarnumhangs auf die Suche nach etwas Essbarem. Doch es kam anders als geplant. Kaum hatte er die Stadt betreten, wurde es unnatürlich kalt, ein drückender Nebel kam auf, und der Himmel verdunkelte sich, so dass Harry wie erstarrt stehen blieb.
»Aber du kriegst doch einen wunderbaren Patronus hin!«, sagte Ron entrüstet, als Harry atemlos und mit leeren Händen zum Zelt zurückkehrte und nur das Wort »Dementoren« hauchte.
»Ich hab … keinen zustande gebracht«, keuchte er und drückte mit der Hand auf seine stechende Seite. »Ist einfach nicht … gekommen.«
Die beiden sahen so verwundert und enttäuscht drein, dass Harry sich schämte. Es war ein wahrer Alptraum gewesen, als er die Dementoren in der Ferne aus dem Nebel gleiten sah und ihm klar wurde, dass er sich nicht schützen konnte, während die lähmende Kälte ihm die Lungen zuschnürte und ein Schrei von weit her an seine Ohren drang. Es hatte Harrys ganze Willenskraft gekostet, sich von der Stelle loszureißen und fortzurennen und die augenlosen Dementoren zurückzulassen, die zwischen den Muggeln dahinglitten, die sie vielleicht nicht sehen konnten, aber ganz sicher die Verzweiflung spürten, die sie überall verbreiteten, wo sie auch waren.
»Das heißt, es gibt immer noch nichts zu essen.«
»Sei still, Ron«, fauchte Hermine. »Harry, was ist passiert? Warum, glaubst du, hast du deinen Patronus nicht zustande gebracht? Gestern hast du es tadellos geschafft!«
»Ich weiß nicht.«
Er saß tief in einem von Perkins’ alten Sesseln und fühlte sich mehr und mehr gedemütigt. Er hatte Angst, dass irgendetwas in seinem Inneren zerbrochen war. Gestern schien lange her zu sein: Heute hätte er wieder jener Dreizehnjährige sein können, der als Einziger im Hogwarts-Express zusammengeklappt war.
Ron trat gegen ein Stuhlbein.
»Was ist?«, knurrte er Hermine an. »Ich bin am Verhungern! Seit ich fast verblutet bin, hab ich nichts als ein paar Giftpilze gegessen!«
»Dann geh du doch und schlag dich mit den Dementoren rum«, sagte Harry gereizt.
»Würde ich ja, aber ich hab einen Arm in der Schlinge, falls dir das noch nicht aufgefallen ist!«
»Wie praktisch.«
»Und was willst du damit –?«
»Natürlich!«, rief Hermine und schlug sich mit der Hand an die Stirn, worauf beide überrascht verstummten. »Harry, gib mir das Medaillon! Los!«, sagte sie ungeduldig und schnippte mit den Fingern, als er nicht reagierte, »der Horkrux, Harry, du hast ihn immer noch um!«
Sie streckte die Hände aus und Harry zog sich die goldene Kette über den Kopf. Sobald das Medaillon nicht mehr auf seiner Haut lag, fühlte er sich frei und seltsam leicht. Er hatte nicht einmal bemerkt, dass er klamm war oder dass ihm etwas Schweres auf dem Magen lastete, bis beide Gefühle verflogen waren.
»Besser?«, fragte Hermine.
»Ja, und wie!«
»Harry«, sagte sie, kauerte sich vor ihm nieder und sprach mit einer Stimme, die für Harry klang, als würde sie einen Schwerkranken besuchen, »könnte es nicht vielleicht sein, dass es von dir Besitz ergriffen hat?«
»Was? Nein!«, sagte er abwehrend. »Ich erinnere mich an alles, was wir gemacht haben, während ich es umhatte. Wenn es von mir Besitz ergriffen hätte, dann wüsste ich nicht mehr, was ich gemacht hab, oder? Ginny hat mir erzählt, dass sie sich damals zeitweise an gar nichts mehr erinnern konnte.«
»Hm«, sagte Hermine und blickte auf das schwere Medaillon hinunter. »Nun, vielleicht sollten wir es nicht tragen. Wir können es doch einfach im Zelt aufbewahren.«
»Wir lassen diesen Horkrux nicht irgendwo herumliegen«, stellte Harry entschieden fest. »Wenn wir ihn verlieren, wenn er gestohlen wird –«
»Oh, schon gut, schon gut«, sagte Hermine, hängte sich das Medaillon um den Hals und steckte es vorne unter ihr T-Shirt. »Aber wir wechseln uns ab, damit es keiner zu lange trägt.«
»Großartig«, sagte Ron säuerlich, »und jetzt, wo das geklärt ist, können wir uns bitte was zu essen besorgen?«
»Gut, aber dafür gehen wir erst mal woandershin«, sagte Hermine mit einem kurzen Blick auf Harry. »Es ist sinnlos, hierzubleiben, wenn wir wissen, dass überall Dementoren rumschwirren.«
Schließlich bauten sie ihr Nachtlager in einem weit abgelegenen Feld auf, das zu einem einsamen Bauernhof gehörte, wo sie sich Eier und Brot hatten beschaffen können.
»Das ist kein Diebstahl, oder?«, fragte Hermine mit besorgter Stimme, während sie Rühreier auf Toast verschlangen. »Wo ich doch ein wenig Geld unter dem Hühnerverschlag gelassen hab?«
Ron verdrehte die Augen und sagte mit dicken Backen: »Er-mie-nee, du mascht dir tschu viel Schorgen. Entschpann disch!«
Und tatsächlich, mit angenehm gefülltem Bauch konnten sie sich viel leichter entspannen: Der Streit wegen der Dementoren war an diesem Abend über ihrem Gelächter bald vergessen, und Harry war vergnügt, ja sogar hoffnungsvoll, als er die erste der drei Nachtwachen antrat.
Hier machten sie zum ersten Mal die Erfahrung, dass ein voller Magen gute Laune brachte; ein leerer eher Streit und gedrückte Stimmung. Harry überraschte das am wenigsten, denn er hatte bei den Dursleys Zeiten durchgemacht, in denen er fast verhungert war. Hermine hielt sich ziemlich tapfer an jenen Abenden, an denen sie außer Beeren und trockenen Keksen nichts hatten auftreiben können, nur platzte ihr vielleicht etwas schneller als sonst der Kragen, und ihr Schweigen wirkte ein wenig mürrisch. Ron jedoch war von jeher an drei köstliche Mahlzeiten am Tag gewöhnt gewesen, freundlicherweise von seiner Mutter oder den Hauselfen von Hogwarts zubereitet, und der Hunger machte ihn sowohl unvernünftig als auch jähzornig. Immer wenn Ron an der Reihe war, den Horkrux zu tragen, und es zugleich wenig zu essen gab, wurde er ausgesprochen unwirsch.
»Und wohin jetzt?«, wiederholte er dann andauernd. Er selbst schien keine Ideen zu haben, erwartete jedoch von Harry und Hermine, dass sie mit Plänen daherkamen, während er dasaß und schmollte, weil es nicht genug zu essen gab. Also überlegten Harry und Hermine stundenlang erfolglos, wo sie weitere Horkruxe finden und wie sie den einen, den sie schon hatten, zerstören könnten, doch weil sie nichts Neues herausgefunden hatten, drehten sich ihre Gespräche allmählich im Kreis.
Da Dumbledore Harry gegenüber die Vermutung geäußert hatte, dass Voldemort die Horkruxe an Orten aufbewahrt hatte, die ihm wichtig waren, zählten sie wie in einer eintönigen Litanei immer wieder jene Orte auf, von denen sie wussten, dass Voldemort dort gelebt oder sie besucht hatte. Das Waisenhaus, wo er geboren und aufgezogen worden war, Hogwarts, wo er ausgebildet worden war, Borgin und Burkes, wo er nach der Schule gearbeitet hatte, dann Albanien, wo er seine Jahre im Exil verbracht hatte: Das war die Grundlage ihrer Spekulationen.
»Jaah, lasst uns nach Albanien gehen. Wird uns bestimmt nicht mehr als einen Nachmittag kosten, ein ganzes Land abzusuchen«, bemerkte Ron sarkastisch.
»Dort kann nichts sein. Er hatte schon fünf von seinen Horkruxen gemacht, bevor er ins Exil ging, und Dumbledore war überzeugt davon, dass die Schlange der sechste ist«, sagte Hermine. »Wir wissen, dass die Schlange nicht in Albanien ist, sie ist normalerweise bei Vol–«
»Hab ich dich nicht gebeten, das nicht mehr zu sagen?«
»Na schön! Die Schlange ist normalerweise bei Du-weißt-schon-wem – zufrieden?«
»Es geht.«
»Ich kann mir nicht vorstellen, dass er etwas bei Borgin und Burkes versteckt hat«, sagte Harry, der dieses Argument schon viele Male angebracht hatte, es jetzt aber wiederholte, um die unangenehme Stille zu durchbrechen. »Borgin und Burke waren Experten für schwarzmagische Objekte, die hätten einen Horkrux sofort erkannt.«
Ron gähnte übertrieben. Harry unterdrückte das heftige Verlangen, ihm etwas an den Kopf zu werfen, und redete unverdrossen weiter: »Ich glaube immer noch, dass er etwas in Hogwarts versteckt haben könnte.«
Hermine seufzte.
»Aber Dumbledore hätte es gefunden, Harry!«
Harry wiederholte die Begründung, die er immer für seine Theorie parat hatte.
»Dumbledore hat zu mir selbst gesagt, dass er niemals angenommen hätte, alle Geheimnisse von Hogwarts zu kennen. Ich sag dir, wenn es einen Ort gab, der für Vol–«
»Hey!«
»Dann eben DU-WEISST-SCHON-WER!«, rief Harry, zur Weißglut getrieben. »Wenn es einen Ort gab, der für Du-weißt-schon-wen wirklich wichtig war, dann war es Hogwarts!«
»Ach, komm schon«, spottete Ron. »Seine Schule?«
»Jawohl, seine Schule! Sie war sein erstes richtiges Zuhause, der Ort, wo sich zeigte, dass er etwas Besonderes war, sie bedeutete alles für ihn, und selbst als er wegging –«
»Wir reden hier von Du-weißt-schon-wem, oder? Nicht von dir?«, wollte Ron wissen. Er zupfte an der Kette des Horkruxes um seinen Hals; Harry verspürte den Wunsch, sie zu packen und Ron damit zu würgen.
»Du hast uns erzählt, dass Du-weißt-schon-wer nach seinem Abgang von der Schule Dumbledore aufgefordert hat, ihm eine Stelle zu verschaffen«, sagte Hermine.
»Das stimmt.«
»Und Dumbledore dachte, dass er nur zurückkehren wollte, weil er auf der Suche nach etwas war, vielleicht nach einem weiteren Gegenstand von den Gründern, um daraus einen weiteren Horkrux zu machen?«
»Ja«, sagte Harry.
»Aber er hat keine Stelle gekriegt, oder?«, sagte Hermine. »Also hatte er nie die Gelegenheit, in der Schule einen Gegenstand der Gründer zu finden und ihn dort zu verstecken!«
»Na von mir aus«, sagte Harry resigniert. »Vergesst Hogwarts.«
Mangels anderer Anhaltspunkte reisten sie nach London und suchten, verborgen unter dem Tarnumhang, nach dem Waisenhaus, in dem Voldemort aufgewachsen war. Hermine schlich in eine Bibliothek und fand in alten Aufzeichnungen heraus, dass das Haus schon vor vielen Jahren abgerissen worden war. Sie suchten den Ort auf, wo es gestanden hatte, und stießen dort auf einen Büroturm.
»Wie wär’s, wenn wir im Fundament graben?«, schlug Hermine halbherzig vor.
»Hier hat er den Horkrux sicher nicht versteckt«, sagte Harry. Es war ihm schon die ganze Zeit klar gewesen: Voldemort hatte unbedingt dem Waisenhaus entkommen wollen, er hätte niemals einen Teil seiner Seele dort versteckt. Dumbledore hatte Harry gezeigt, dass für Voldemort nur Verstecke in Frage kamen, die Erhabenheit oder geheimnisvolle Ausstrahlung besaßen; diese trostlose, düstere Ecke Londons hatte rein gar nichts von Hogwarts an sich, auch nichts vom Ministerium oder von einem Gebäude wie Gringotts, der Zaubererbank, mit ihren goldenen Türen und Marmorböden.
Auch ohne neue Ideen zogen sie weiter durchs Land und sie stellten das Zelt zur Sicherheit jeden Abend woanders auf. Morgens verwischten sie gründlich jede Spur ihrer Anwesenheit und machten sich dann erneut auf die Suche nach einem einsamen und abgeschiedenen Ort, apparierten in andere Wälder, in schattige Felsspalten, in von violettem Gras bewachsene Moore, auf Berghänge, die von Stechginster überwuchert waren, und einmal in eine geschützte kleine Bucht mit Kieselsteinen. Ungefähr alle zwölf Stunden gaben sie den Horkrux untereinander weiter, als ob sie auf verquere Weise und in Zeitlupe »Taler, Taler, du musst wandern« spielen würden, wobei jeder sich davor fürchtete, den Taler zu bekommen, weil man als Preis zwölf Stunden lang in größerer Angst und Sorge zu leben hatte.
Harrys Narbe kribbelte immer wieder. Ihm fiel auf, dass es meistens geschah, wenn er den Horkrux trug. Manchmal fuhr er bei dem Schmerz unwillkürlich zusammen.
»Was ist? Was hast du gesehen?«, fragte Ron, wenn er merkte, dass Harry zuckte.
»Ein Gesicht«, murmelte Harry dann jedes Mal. »Wieder dieses Gesicht. Von dem Dieb, der Gregorowitsch bestohlen hat.«
Und Ron wandte sich ab und bemühte sich nicht, seine Enttäuschung zu verbergen. Harry wusste, dass Ron auf Neuigkeiten von seiner Familie hoffte oder von den anderen Mitgliedern des Phönixordens, doch er, Harry, war schließlich keine Fernsehantenne; er konnte nur sehen, was Voldemort zu einem bestimmten Zeitpunkt dachte, und sich nicht einfach irgendwo reinschalten, wo er es gerade spannend fand. Offenbar machte sich Voldemort endlos Gedanken über den unbekannten jungen Mann mit dem fröhlichen Gesicht, dessen Namen und Aufenthaltsort er mit Sicherheit genauso wenig kannte wie Harry selbst. Obwohl Harrys Narbe weiterhin brannte und der heitere blonde Junge quälend durch seine Erinnerungen trieb, gewöhnte Harry es sich an, jedes Anzeichen von Schmerz oder Unbehagen zu unterdrücken, denn die beiden anderen reagierten nur noch unwirsch, wenn er den Dieb erwähnte. Er konnte es ihnen nicht ganz verübeln, da sie doch so verzweifelt nach einem Hinweis auf die Horkruxe suchten.
Aus Tagen wurden Wochen, und Harry beschlich der Verdacht, dass Ron und Hermine sich gelegentlich ohne ihn und über ihn unterhielten. Mehrmals verfielen sie plötzlich in Schweigen, als Harry das Zelt betrat, und zweimal lief er ihnen zufällig über den Weg, als sie ein wenig entfernt die Köpfe zusammengesteckt hatten und rasch Worte wechselten; beide Male verstummten sie, sobald sie bemerkten, dass er näher kam, und taten hastig so, als würden sie Holz oder Wasser holen.
Harry fragte sich ständig, ob sie nur deshalb bereit gewesen waren, ihn auf einer, wie es nun schien, sinnlosen und ausufernden Reise zu begleiten, weil sie geglaubt hatten, dass er eine Art Geheimplan habe, von dem sie rechtzeitig erfahren würden. Ron gab sich gar nicht erst Mühe, seine schlechte Laune zu verbergen, und Harry befürchtete allmählich, dass auch Hermine darüber enttäuscht war, wie schlecht er sie führte. Verzweifelt überlegte er, wo weitere Horkruxe versteckt sein könnten, doch der einzige Ort, der ihm immer wieder einfiel, war Hogwarts, und da keiner von den anderen dies für irgend wahrscheinlich hielt, äußerte er den Vorschlag nicht mehr.
Der Herbst fegte über das Land, während sie hindurchzogen: Sie stellten das Zelt jetzt auf die Laubdecke der herabgefallenen Blätter. Natürliche Nebel vermengten sich mit denen, die von den Dementoren ausgingen; Wind und Regen machten ihnen das Leben noch schwerer. Die Tatsache, dass Hermine essbare Pilze immer besser erkannte, konnte sie nicht hinreichend für ihre andauernde Einsamkeit entschädigen, für die fehlende Gesellschaft anderer Leute oder ihre völlige Ahnungslosigkeit, was im Krieg gegen Voldemort augenblicklich geschah.
»Meine Mutter«, sagte Ron eines Abends, als sie an einem Flussufer in Wales in ihrem Zelt saßen, »kann gutes Essen aus dem Nichts herbeizaubern.«
Er stocherte trübsinnig in den Brocken von verkohltem grauem Fisch auf seinem Teller herum. Harry warf automatisch einen Blick auf Rons Hals und sah wie erwartet die goldene Kette des Horkruxes dort glitzern. Er konnte es sich gerade noch verkneifen, Ron zu beschimpfen, denn er wusste, dass sich Rons Laune ein wenig bessern würde, wenn es an der Zeit war, das Medaillon abzunehmen.
»Deine Mutter kann kein Essen aus dem Nichts holen«, sagte Hermine. »Niemand kann das. Essen ist die erste der fünf Wesentlichen Ausnahmen von Gamps Gesetz der Elementaren Transfigur–«
»Hey, kannst du nicht englisch reden?«, sagte Ron und zog sich eine Gräte zwischen den Zähnen heraus.
»Es ist unmöglich, gutes Essen aus nichts zu machen! Du kannst es aufrufen, wenn du weißt, wo es ist, du kannst es verwandeln, du kannst es mehr werden lassen, falls du schon welches hast –«
»– na, dann mach dir nicht die Mühe, das hier mehr werden zu lassen, es ist widerlich«, sagte Ron.
»Harry hat den Fisch gefangen, und ich hab getan, was ich konnte! Mir fällt auf, dass ich immer diejenige bin, die sich am Ende ums Essen kümmert; weil ich ein Mädchen bin, schätze ich!«
»Nein, weil du angeblich die Beste im Zaubern bist!«, schoss Ron zurück.
Hermine sprang hoch und Stücke von gebratenem Hecht rutschten von ihrem Blechteller zu Boden.
»Dann kannst du morgen kochen, Ron, du kannst die Zutaten zusammensuchen und probieren, sie in irgendwas Essbares zu verzaubern, und ich werd hier sitzen und Grimassen schneiden und jammern, und du kannst zusehen, wie du –«
»Sei still!«, sagte Harry, sprang auf und hielt beide Hände hoch. »Sei sofort still!«
Hermine sah empört aus.
»Wie kannst du für ihn Partei ergreifen, er kocht doch so gut wie nie –«
»Hermine, sei leise, ich hör jemanden!«
Er lauschte angestrengt, während er ihnen nach wie vor mit seinen erhobenen Händen gebot zu schweigen. Und dann hörte er erneut Stimmen über das Rauschen und Sprudeln des dunklen Flusses neben ihnen hinweg. Er drehte sich zu dem Spickoskop um. Es regte sich nicht.
»Du hast den Muffliato-Zauber über uns gelegt, stimmt’s?«, flüsterte er Hermine zu.
»Ich hab alles Mögliche gemacht«, flüsterte sie zurück. »Muffliato, Muggelabwehr und Desillusionierungszauber, die ganze Palette. Wer es auch sein mag, die dürften uns eigentlich nicht hören und nicht sehen.«
Heftiges Scharren und Schlurfen sowie das Geräusch von weggetretenen Steinen und Zweigen ließen darauf schließen, dass mehrere Leute den steilen bewaldeten Abhang zu dem schmalen Ufer heruntergeklettert kamen, wo sie ihr Zelt aufgeschlagen hatten. Sie zogen ihre Zauberstäbe und warteten. Die Zauber, die sie um sich herum errichtet hatten, sollten in der fast völligen Dunkelheit ausreichen, um sie vor Muggeln und normalen Hexen und Zauberern abzuschirmen. Wenn es Todesser waren, dann würde sich ihre Verteidigung vielleicht erstmals gegen schwarze Magie bewähren müssen.
Die Stimmen wurden lauter, aber nicht verständlicher, als die Gruppe von Männern das Ufer erreichte. Harry schätzte, dass sie etwas mehr als fünf Meter entfernt waren, doch der reißende Fluss machte es unmöglich, das sicher festzustellen. Hermine ergriff die mit Perlen verzierte Handtasche und begann darin herumzukramen; einen Augenblick später zog sie drei Langziehohren heraus und warf je eines davon Harry und Ron zu, die sich hastig ein Ende der fleischfarbenen Schnüre ins Ohr steckten und das andere durch den Zelteingang schoben.
Sekunden später hörte Harry die matte Stimme eines Mannes.
»Da müssten einige Lachse drin sein, oder meinst du, es ist noch zu früh im Jahr? Accio Lachs!«
Einige deutliche Spritzer waren zu hören, dann klatschte Fisch gegen Fleisch. Jemand brummte anerkennend. Harry drückte das Langziehohr tiefer in sein eigenes: Durch das Gemurmel des Flusses konnte er weitere Stimmen hören, doch sie redeten nicht Englisch oder sonst irgendeine menschliche Sprache, die er kannte. Es klang rau und unmelodisch, eine Folge von rasselnden, kehligen Geräuschen, und es schienen zwei Sprecher zu sein, der eine mit einer etwas tieferen und trägeren Stimme als der andere.
Draußen vor der Zeltleinwand loderte ein Feuer auf; große Schatten zogen zwischen Zelt und Flammen vorbei. Der köstliche Geruch von gebratenem Lachs wehte verlockend herein. Dann war das Klirren von Besteck auf Tellern zu hören und der erste Mann ergriff wieder das Wort.
»Hier, Griphook, Gornuk.«
Kobolde!, formte Hermine stumm mit den Lippen in Harrys Richtung, der nickte.
»Danke«, sagten die Kobolde gleichzeitig auf Englisch.
»Also, ihr drei seid jetzt wie lange schon auf der Flucht?«, fragte eine neue, weiche und angenehme Stimme; Harry kannte sie von irgendwoher, ein Mann mit rundem Bauch und heiterer Miene kam ihm in den Sinn.
»Sechs Wochen … sieben … ich hab’s vergessen«, sagte der müde Mann. »In den ersten Tagen hab ich Griphook getroffen und kurz darauf haben wir uns mit Gornuk zusammengetan. Schön, wenn man ein bisschen Gesellschaft hat.« Eine Pause trat ein, während deren Messer über Teller kratzten und Blechbecher hochgenommen und wieder auf die Erde gestellt wurden. »Weshalb bist du von zu Hause weg, Ted?«, fuhr der Mann fort.
»Wusste, dass sie hinter mir her sind«, erwiderte Ted mit der weichen Stimme, und Harry wusste plötzlich, wer er war: Tonks’ Vater. »Hab gehört, dass letzte Woche Todesser in der Gegend waren, und beschlossen, dass ich am besten so schnell wie möglich abhaue. Hab mich aus Prinzip geweigert, mich als Muggelstämmiger registrieren zu lassen, verstehst du, also wusste ich, dass es nur eine Frage der Zeit war, irgendwann würde ich verschwinden müssen. Meine Frau dürfte einigermaßen sicher sein, sie ist reinblütig. Und dann hab ich Dean hier getroffen, erst vor ein paar Tagen, nicht wahr, mein Junge?«
»Jaah«, sagte eine weitere Stimme, und Harry, Ron und Hermine starrten einander an, stumm, aber in heller Aufregung, denn sie waren überzeugt, dass sie die Stimme von Dean Thomas, ihrem Mitschüler aus Gryffindor, erkannt hatten.
»Muggelstämmig, was?«, fragte der erste Mann.
»Weiß nicht genau«, sagte Dean. »Mein Dad hat meine Mum verlassen, als ich noch klein war. Ich hab aber keinen Beweis dafür, dass er ein Zauberer war.«
Eine Weile herrschte Schweigen, nur Kaugeräusche waren zu hören; dann sprach Ted wieder.
»Eins muss ich sagen, Dirk, ich bin überrascht, dass ich dir über den Weg laufe. Erfreut, aber überrascht. Es hieß, du wärst erwischt worden.«
»Wurde ich auch«, sagte Dirk. »Ich war schon halb in Askaban, da bin ich abgehauen, hab Dawlish geschockt und seinen Besen geklaut. Das war einfacher, als man meinen sollte; er scheint zurzeit nicht so ganz bei sich zu sein. Vielleicht hat ihm jemand einen Verwechslungszauber aufgehalst. Wenn ja, würd ich der Hexe oder dem Zauberer gern persönlich die Hand schütteln, hat wahrscheinlich mein Leben gerettet.«
Wieder trat eine Pause ein, in der das Feuer prasselte und der Fluss weiter rauschte. Dann sagte Ted: »Und was ist mit Ihnen beiden? Ich, ähm, hatte den Eindruck, dass die Kobolde überwiegend auf der Seite von Du-weißt-schon-wem sind.«
»Sie hatten den falschen Eindruck«, sagte der Kobold mit der höheren Stimme. »Wir ergreifen keine Partei. Das ist ein Krieg unter Zauberern.«
»Und wie kommt es dann, dass Sie sich verstecken?«
»Ich hielt es für vernünftig«, sagte der Kobold mit der tieferen Stimme. »Nachdem ich ein aus meiner Sicht unverschämtes Gesuch abgeschlagen hatte, war mir klar, dass ich persönlich in Gefahr schwebte.«
»Was hat man von Ihnen verlangt?«, fragte Ted.
»Dienste, die unter der Würde meiner Rasse sind«, erwiderte der Kobold mit einer nun raueren und weniger menschlichen Stimme. »Ich bin kein Hauself.«
»Was ist mit Ihnen, Griphook?«
»Ähnliche Gründe«, sagte der Kobold mit der höheren Stimme. »Gringotts steht nicht mehr alleinig unter der Leitung meiner Rasse. Ich erkenne einen Zauberer als Gebieter nicht an.«
Halblaut fügte er etwas auf Koboldogack hinzu und Gornuk lachte.
»Was ist so witzig?«, fragte Dean.
»Er meinte«, erwiderte Dirk, »dass es auch Dinge gibt, die Zauberer nicht erkennen.«
Eine kurze Stille trat ein.
»Versteh ich nicht«, sagte Dean.
»Ich habe ein wenig Rache genommen, ehe ich fortging«, sagte Griphook auf Englisch.
»Guter Kerl – Kobold, wollte ich sagen«, verbesserte Ted sich hastig. »Sie haben nicht zufällig einen Todesser in eines der alten Hochsicherheitsverliese eingesperrt?«
»Wenn ich es getan hätte, dann hätte das Schwert ihm nicht geholfen, auszubrechen«, antwortete Griphook. Gornuk lachte wieder und selbst Dirk ließ ein trockenes Kichern hören.
»Dean und mir entgeht da immer noch was«, sagte Ted.
»Severus Snape auch, obwohl er es nicht weiß«, sagte Griphook und die beiden Kobolde brachen in hämisches Gelächter aus.
Im Innern des Zeltes atmete Harry flach vor Aufregung. Er und Hermine starrten einander an und hörten so genau hin, wie sie konnten.
»Hast du das nicht mitbekommen, Ted?«, fragte Dirk. »Von den Kindern, die versucht haben, das Schwert von Gryffindor aus Snapes Büro in Hogwarts zu stehlen?«
Elektrischer Strom schien durch Harry zu jagen und jeden einzelnen Nerv zu treffen, während er wie angewurzelt dastand.
»Nie was davon gehört«, sagte Ted. »Stand nicht im Propheten, oder?«
»Wohl kaum«, gluckste Dirk. »Ich hab es von Griphook hier erfahren, er hat es von Bill Weasley gehört, der für die Bank arbeitet. Eines der Kinder, die versucht haben, das Schwert zu klauen, war Bills kleine Schwester.«
Harry blickte rasch zu Hermine und Ron hinüber, die ihre Langziehohren so fest umklammert hielten wie Rettungsleinen.
»Sie und ein paar Freunde sind in Snapes Büro eingedrungen und haben die Vitrine zertrümmert, wo er das Schwert offenbar aufbewahrte. Snape hat sie erwischt, als sie dabei waren, es die Treppe runterzuschmuggeln.«
»Ah, die Guten«, sagte Ted. »Was haben sie sich dabei gedacht – dass sie das Schwert gegen Du-weißt-schon-wen einsetzen können? Oder gegen Snape selbst?«
»Nun, was auch immer sie damit vorhatten, Snape kam zu dem Schluss, dass das Schwert an seinem Platz nicht mehr sicher war«, sagte Dirk. »Ein paar Tage später, ich vermute mal, sobald er die Zustimmung von Du-weißt-schon-wem hatte, schickte er es nach London, um es stattdessen bei Gringotts aufbewahren zu lassen.«
Die Kobolde fingen wieder an zu lachen.
»Ich kapier den Witz immer noch nicht«, sagte Ted.
»Es ist eine Fälschung«, krächzte Griphook.
»Das Schwert von Gryffindor!«
»O ja. Es ist eine Kopie – eine hervorragende Kopie, freilich –, aber von Zaubererhand. Das Original wurde vor Jahrhunderten von Kobolden geschmiedet und hatte gewisse Eigenschaften, die nur koboldgearbeitete Waffen besitzen. Wo immer sich das echte Schwert von Gryffindor befindet, es ist nicht in einem Verlies der Gringotts-Bank.«
»Ich verstehe«, sagte Ted. »Und ich nehme an, Sie haben sich nicht die Mühe gemacht, das den Todessern mitzuteilen?«
»Ich sah keinen Grund, sie mit dieser Information zu behelligen«, sagte Griphook süffisant, und jetzt stimmten auch Ted und Dean in Gornuks und Dirks Gelächter ein.
Im Zelt schloss Harry die Augen und konzentrierte sich angestrengt darauf, dass jemand die Frage stellen möge, auf die er eine Antwort brauchte, und nach einer Minute, die ihm wie zehn vorkam, tat es Dean; auch er war (wie Harry schlagartig einfiel) ein Exfreund von Ginny.
»Was ist mit Ginny und den anderen passiert? Die versucht haben, es zu stehlen?«
»Oh, die wurden bestraft, und zwar grausam«, sagte Griphook gleichgültig.
»Es geht ihnen aber einigermaßen?«, fragte Ted rasch. »Ich meine, die Weasleys haben doch schon genug verletzte Kinder, oder?«
»Soweit ich weiß, haben sie keine schwere Verletzung erlitten«, antwortete Griphook.
»Glück gehabt«, sagte Ted. »Bei dem, was Snape schon angerichtet hat, können wir nur froh sein, dass sie noch am Leben sind.«
»Du glaubst diese Geschichte also, nicht wahr, Ted?«, fragte Dirk. »Du glaubst, dass Snape Dumbledore getötet hat?«
»Natürlich«, sagte Ted. »Du willst mir hier doch nicht sagen, dass du denkst, Potter hätte etwas damit zu tun?«
»Heutzutage weiß man kaum noch, was man glauben soll«, murmelte Dirk.
»Ich kenne Harry Potter«, sagte Dean. »Und ich schätze, er ist der Richtige – der Auserwählte, oder wie auch immer man es nennen mag.«
»Tja, es gibt viele, die das gerne glauben würden, mein Junge«, sagte Dirk, »ich selbst auch. Aber wo ist er? Abgehauen, wie’s aussieht. Man sollte meinen, dass er, wenn er irgendwas wüsste, was wir nicht wissen, oder irgendwas Besonderes an sich hätte, jetzt dort draußen wäre und kämpfen würde, den Widerstand um sich scharen und sich nicht verstecken würde. Und übrigens, der Prophet hat da einen ziemlich guten Artikel gegen ihn gebracht –«
»Der Prophet?«, spottete Ted. »Geschieht dir recht, angelogen zu werden, wenn du diesen Mist immer noch liest, Dirk. Wenn du die Fakten haben willst, dann versuch es mit dem Klitterer.«
Urplötzlich würgte und spuckte jemand, als würde es ihn zerreißen, dann folgte ein langes, dumpfes Klopfen; wie es sich anhörte, hatte Dirk eine Gräte verschluckt. Endlich prustete er: »Mit dem Klitterer? Diesem verrückten Witzblatt von Xeno Lovegood?«
»In letzter Zeit ist es gar nicht mehr so verrückt«, sagte Ted. »Schau doch mal rein. Xeno bringt alles, was der Prophet außer Acht lässt, in der letzten Ausgabe kamen kein einziges Mal die Schrumpfhörnigen Schnarchkackler vor. Wie lange sie ihn das noch machen lassen, weiß ich allerdings nicht. Aber Xeno schreibt auf der ersten Seite jeder Ausgabe, dass alle Zauberer, die gegen Du-weißt-schon-wen sind, als Allererstes Harry Potter helfen müssen.«
»Schwer, einem Jungen zu helfen, der wie vom Erdboden verschluckt ist«, sagte Dirk.
»Hör mal, die Tatsache, dass sie ihn noch nicht gefasst haben, ist schon ein gewaltiger Erfolg«, sagte Ted. »Ich würd mir gern ein paar Ratschläge von ihm holen. Wir versuchen ja auch nichts anderes, als in Freiheit zu bleiben, oder?«
»Jaah, nun, da ist was dran«, sagte Dirk schleppend. »Wo doch das ganze Ministerium und all seine Informanten nach ihm suchen, hätt ich angenommen, dass sie ihn inzwischen gefasst haben. Aber hör mal, wer weiß denn, ob sie ihn nicht schon gefasst und getötet haben, ohne etwas davon verlauten zu lassen?«
»Ah, sag nicht so was, Dirk«, murmelte Ted.
Eine längere Pause trat ein, in der wieder das Klirren von Messern und Gabeln zu hören war. Als sie erneut zu sprechen begannen, ging es darum, ob sie am Ufer schlafen oder sich auf den bewaldeten Abhang zurückziehen sollten. Sie kamen zu dem Schluss, dass die Bäume ihnen bessere Deckung bieten würden, löschten ihr Feuer und kletterten dann wieder den Hang hinauf, und ihre Stimmen wurden leiser.
Harry, Ron und Hermine zogen die Langziehohren herein und wickelten sie auf. Harry, dem es, je länger sie gelauscht hatten, immer schwerer gefallen war, schweigen zu müssen, brachte jetzt nichts weiter heraus als: »Ginny – das Schwert –«
»Ich weiß!«, sagte Hermine.
Mit einem Satz war sie bei ihrer kleinen Perlentasche und tauchte diesmal den Arm bis zur Achselhöhle hinein.
»Da … ist es … ja …«, sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen und zog an etwas, das offenbar in den Tiefen der Tasche steckte. Allmählich kam die Ecke eines reich verzierten Gemälderahmens in Sicht. Harry beeilte sich, ihr zu helfen. Während sie das leere Porträt von Phineas Nigellus ganz aus Hermines Tasche heraushoben, hielt sie ihren Zauberstab darauf gerichtet, bereit, es jederzeit mit einem Zauber zu belegen.
»Wenn jemand das echte Schwert mit einem falschen vertauscht hat, während es in Dumbledores Büro war«, keuchte sie, als sie das Gemälde seitlich an die Zeltwand lehnten, »dann muss Phineas Nigellus das gesehen haben, er hängt gleich neben der Vitrine!«
»Es sei denn, er hat geschlafen«, sagte Harry, hielt aber dennoch den Atem an, als Hermine vor der leeren Leinwand niederkniete, den Zauberstab genau auf die Mitte richtete, sich räusperte und dann sagte: »Ähm – Phineas? Phineas Nigellus?«
Nichts geschah.
»Phineas Nigellus?«, sagte Hermine noch einmal. »Professor Black? Könnten wir bitte mit Ihnen sprechen? Bitte?«
»›Bitte‹ hilft immer«, sagte eine kalte, schneidende Stimme und Phineas Nigellus glitt in sein Porträt. Sofort rief Hermine: »Obscuro!«
Eine schwarze Binde erschien über Phineas Nigellus’ klugen dunklen Augen, weshalb er gegen den Rahmen stieß und vor Schmerz aufschrie.
»Was – wie können Sie es wagen – was machen Sie –?«
»Es tut mir sehr leid, Professor Black«, sagte Hermine, »aber das ist eine notwendige Vorsichtsmaßnahme!«
»Entfernen Sie sofort diese abscheuliche Beigabe! Hinweg damit, sage ich! Sie ruinieren ein großes Kunstwerk! Wo bin ich? Was geht hier vor?«
»Wo wir sind, kann Ihnen egal sein«, sagte Harry, und Phineas Nigellus erstarrte und gab seine Versuche auf, sich die gemalte Augenbinde herunterzuziehen.
»Kann das womöglich die Stimme des schwer fassbaren Mr Potter sein?«
»Vielleicht«, sagte Harry, da er wusste, dies würde das Interesse von Phineas Nigellus wachhalten. »Wir haben ein paar Fragen an Sie – über das Schwert von Gryffindor.«
»Ah«, sagte Phineas Nigellus und drehte nun den Kopf in alle Richtungen, um möglichst doch einen Blick auf Harry zu erhaschen, »ja. Dieses törichte Mädchen hat da sehr unklug gehandelt –«
»Reden Sie nicht so über meine Schwester«, sagte Ron schroff. Phineas Nigellus zog arrogant die Augenbrauen hoch.
»Wer ist da noch?«, fragte er und drehte den Kopf nach rechts und links. »Ihr Ton missfällt mir! Das Mädchen und seine Freunde hatte der reinste Übermut gepackt. Den Schulleiter zu bestehlen!«
»Sie haben nicht gestohlen«, sagte Harry. »Dieses Schwert gehört nicht Snape.«
»Es gehört Professor Snapes Schule«, sagte Phineas Nigellus. »Welchen Anspruch hatte denn das Weasley-Mädchen darauf? Sie hat ihre Strafe verdient, genau wie der Dummkopf Longbottom und diese komische Lovegood!«
»Neville ist kein Dummkopf und Luna ist nicht komisch!«, sagte Hermine.
»Wo bin ich?«, sagte Phineas Nigellus erneut und begann wieder mit seiner Augenbinde zu ringen. »Wo haben Sie mich hingebracht? Warum haben Sie mich aus dem Haus meiner Vorgänger entfernt?«
»Das ist jetzt nicht wichtig! Wie hat Snape Ginny, Neville und Luna bestraft?«, fragte Harry eindringlich.
»Professor Snape hat sie in den Verbotenen Wald geschickt, um eine Arbeit für den Trottel Hagrid zu erledigen.«
»Hagrid ist kein Trottel!«, erwiderte Hermine schrill.
»Und Snape hielt das vielleicht für eine Bestrafung«, sagte Harry, »aber Ginny, Neville und Luna haben sich mit Hagrid wahrscheinlich halb totgelacht. Der Verbotene Wald … die haben bereits viel Schlimmeres erlebt als den Verbotenen Wald – meine Güte!«
Ein Stein fiel ihm vom Herzen; er hatte sich schon Furchtbares vorgestellt, allerwenigstens den Cruciatus-Fluch.
»Was wir eigentlich wissen wollten, Professor Black«, sagte Hermine, »hat jemals jemand anderes, ähm, das Schwert rausgenommen? Vielleicht wurde es zum Reinigen abgeholt oder – oder so?«
Phineas Nigellus gab erneut den Versuch auf, seine Augen frei zu bekommen, und kicherte.
»Muggelstämmige«, sagte er. »Koboldgearbeitete Waffen müssen nicht gereinigt werden, Sie einfältiges Mädchen. Koboldsilber stößt irdischen Schmutz ab und nimmt nur auf, was es stärkt.«
»Nennen Sie Hermine nicht einfältig«, sagte Harry.
»Ich bin der ständigen Widerrede allmählich überdrüssig«, sagte Phineas Nigellus. »Vielleicht ist es an der Zeit, dass ich in das Büro des Schulleiters zurückkehre?«
Mit immer noch verbundenen Augen fing er an, seitlich an seinem Rahmen herumzufummeln, um sich einen Weg aus seinem Bild hinaus zu ertasten und in das andere zurückzugelangen, das auf Hogwarts hing. Harry fiel plötzlich etwas ein.
»Dumbledore! Können Sie uns nicht Dumbledore herbringen?«
»Verzeihung, bitte?«, sagte Phineas Nigellus.
»Das Porträt von Professor Dumbledore – könnten Sie ihn nicht mitbringen, hierher, in Ihres?«
Phineas Nigellus wandte das Gesicht in die Richtung, aus der Harrys Stimme gekommen war.
»Offensichtlich sind nicht nur Muggelstämmige unkundig, Potter. Die Porträtierten von Hogwarts mögen vielleicht miteinander sprechen, aber sie können sich nicht aus dem Schloss hinausbegeben, außer um ein Bild von sich selbst zu besuchen, das anderswo hängt. Dumbledore kann nicht mit mir hierherkommen, und nach der Behandlung, die Sie mir haben angedeihen lassen, kann ich Ihnen versichern, dass ich Ihnen nicht noch einmal einen Besuch abstatten werde!«
Ein wenig geknickt sah Harry zu, wie Phineas sich noch heftiger bemühte, seinen Rahmen zu verlassen.
»Professor Black«, sagte Hermine, »könnten Sie uns nicht, bitte, einfach sagen, wann das Schwert das letzte Mal aus seiner Vitrine genommen wurde? Bevor Ginny es herausnahm, meine ich?«
Phineas schnaubte ungeduldig.
»Ich glaube, das letzte Mal, als ich gesehen habe, wie das Schwert von Gryffindor aus seiner Vitrine kam, benutzte es Professor Dumbledore, um einen Ring aufzuspalten.«
Hermine schnellte herum und sah Harry an. Keiner von ihnen wagte es, vor Phineas Nigellus ein weiteres Wort zu sagen, der es endlich geschafft hatte, den Ausgang zu finden.
»Alsdann, Ihnen eine gute Nacht«, sagte er ein wenig gereizt und war schon fast verschwunden. Nur der Rand seiner Hutkrempe war noch zu sehen, als Harry plötzlich einen Schrei ausstieß.
»Warten Sie! Haben Sie Snape erzählt, dass Sie das gesehen haben?«
Phineas Nigellus streckte seinen Kopf mit der Augenbinde wieder in das Bild.
»Professor Snape hat sich mit wichtigeren Dingen zu befassen als mit den vielen exzentrischen Angewohnheiten von Albus Dumbledore. Auf Wiedersehen, Potter!«
Und damit verschwand er endgültig und ließ nichts zurück außer seinen düsteren Hintergrund.
»Harry!«, schrie Hermine.
»Ich weiß!«, rief Harry. Ungestüm stieß er mit der Faust in die Luft: Das war mehr, als er zu hoffen gewagt hatte. Er schritt im Zelt auf und ab; ihm war, als könnte er Berge versetzen; er war nicht einmal mehr hungrig. Hermine quetschte das Porträt von Phineas Nigellus wieder in die Perlentasche, verschloss sie, warf sie beiseite und blickte mit strahlendem Gesicht zu Harry auf.
»Das Schwert kann Horkruxe zerstören! Koboldgearbeitete Klingen nehmen nur auf, was sie stärkt – Harry, dieses Schwert ist mit Basiliskengift getränkt!«
»Und Dumbledore hat es mir nicht gegeben, weil er es noch brauchte, und zwar für das Medaillon –«
»– und es muss ihm klar gewesen sein, dass sie es dir nicht überlassen würden, wenn er es dir in seinem Testament vermachte –«
»– also hat er eine Kopie angefertigt –«
»– und eine Fälschung in die Vitrine getan –«
»– und er hat das echte … wo gelassen?«
Sie starrten einander an; Harry hatte das Gefühl, als würde die Antwort unsichtbar in der Luft über ihnen hängen, verlockend nah. Warum hatte Dumbledore es ihm nicht gesagt? Oder hatte er es ihm tatsächlich gesagt und er hatte es damals nicht mitbekommen?
»Denk nach!«, flüsterte Hermine. »Denk nach! Wo hat er es gelassen?«
»Nicht in Hogwarts«, sagte Harry und ging wieder auf und ab.
»Irgendwo in Hogsmeade?«, schlug Hermine vor.
»In der Heulenden Hütte?«, sagte Harry. »Da geht nie jemand rein.«
»Aber Snape weiß, wie man reinkommt, wär das nicht ein wenig riskant?«
»Dumbledore hat Snape vertraut«, erinnerte Harry sie.
»Nicht genug, um ihm zu sagen, dass er die Schwerter vertauscht hatte«, sagte Hermine.
»Ja, du hast Recht!«, erwiderte Harry; und der Gedanke, dass Dumbledore doch einige wenn auch schwache Vorbehalte gehabt hatte, was Snapes Vertrauenswürdigkeit betraf, besserte seine Laune sogar noch mehr. »Also, hat er das Schwert dann weit entfernt von Hogsmeade versteckt? Was meinst du, Ron? Ron?«
Harry sah sich um. Einen Moment lang dachte er verwirrt, Ron hätte das Zelt verlassen, dann sah er ihn im Schatten des unteren Bettes liegen, wie versteinert.
»Ah, jetzt fällt dir ein, dass ich auch noch da bin, ja?«, sagte er.
»Was?«
Ron schnaubte und starrte auf die Unterseite des oberen Bettes.
»Macht ihr beiden nur weiter. Ich will euch den Spaß nicht verderben.«
Harry blickte verdutzt und Hilfe suchend zu Hermine, aber sie schüttelte den Kopf, offenbar genauso ratlos wie er.
»Wo liegt das Problem?«, fragte Harry.
»Problem? Es gibt kein Problem«, sagte Ron, der es beharrlich vermied, Harry anzusehen. »Wenn’s nach dir geht, jedenfalls nicht.«
Auf der Zeltleinwand über ihren Köpfen machte es ein paarmal plitsch. Es hatte angefangen zu regnen.
»Also, du hast offensichtlich ein Problem«, sagte Harry. »Spuck’s aus, ja?«
Ron schwang seine langen Beine vom Bett und setzte sich auf. Er sah böse aus, ganz anders als sonst.
»Na gut, ich spuck es aus. Erwart bloß nicht, dass ich hier Luftsprünge mache, nur weil es jetzt noch so ein verdammtes Ding gibt, das wir finden müssen. Schreib’s einfach auf die Liste mit den Sachen, die du nicht weißt.«
»Die ich nicht weiß?«, wiederholte Harry. »Die ich nicht weiß?«
Plitsch, plitsch, plitsch: Der Regen fiel heftiger und schwerer; er prasselte auf das mit Blättern übersäte Ufer um sie herum und in den Fluss, der durch die Dunkelheit plätscherte. Furcht erstickte Harrys Hochgefühl: Ron sagte genau das, von dem er vermutet und befürchtet hatte, dass er es dachte.
»Ich will ja nicht behaupten, dass ich mich hier nicht großartig amüsiere«, sagte Ron, »mit meinem verstümmelten Arm und ohne was zu essen und in dieser Saukälte jede Nacht. Ich hatte nur gehofft, dass wir nach den paar Wochen, die wir rumgerannt sind, irgendwas erreicht hätten, verstehst du?«
»Ron«, sagte Hermine, doch mit so leiser Stimme, dass Ron tun konnte, als hätte er sie durch das laute Getrommel, das der Regen nun auf dem Zelt machte, nicht gehört.
»Ich dachte, du wüsstest, auf was du dich eingelassen hast«, sagte Harry.
»Jaah, das dachte ich auch.«
»Also, und was daran entspricht nicht deinen Erwartungen?«, fragte Harry. Wut kam ihm jetzt zu Hilfe. »Hast du gedacht, wir würden in Fünfsternehotels wohnen? Alle paar Tage einen Horkrux finden? Hast du gedacht, du würdest Weihnachten wieder bei Mami sein?«
»Wir dachten, du wüsstest, was du tust!«, schrie Ron und stand auf; und seine Worte durchbohrten Harry wie glühende Messer. »Wir dachten, Dumbledore hätte dir gesagt, was du tun sollst, wir dachten, du hättest einen echten Plan!«
»Ron!«, sagte Hermine, diesmal deutlich vernehmbar durch den Regen hindurch, der auf das Zeltdach donnerte, doch auch diesmal ignorierte er sie.
»Tja, tut mir leid, dass ich euch enttäuschen muss«, sagte Harry, mit völlig ruhiger Stimme, obwohl er sich hohl und unzulänglich fühlte. »Ich war von Anfang an offen zu euch, ich hab euch alles gesagt, was Dumbledore mir erzählt hat. Und falls du es nicht bemerkt haben solltest, wir haben einen Horkrux gefunden –«
»Jaah, und wir sind ungefähr genauso weit davon entfernt, ihn plattzumachen, wie davon, die anderen zu finden – Lichtjahre entfernt, mit anderen Worten!«
»Nimm das Medaillon ab, Ron«, sagte Hermine mit ungewöhnlich hoher Stimme. »Bitte, nimm es ab. Du würdest nicht so reden, wenn du es nicht den ganzen Tag getragen hättest.«
»Doch, würde er«, sagte Harry, der nicht wollte, dass jemand Ausreden für Ron erfand. »Meint ihr, ich hätte nicht bemerkt, wie ihr beide hinter meinem Rücken tuschelt? Meint ihr, ich hätte mir nicht zusammengereimt, dass ihr so was denkt?«
»Harry, wir haben nicht –«
»Lüg nicht!«, schleuderte ihr Ron entgegen. »Du hast es auch gesagt, du hast gesagt, dass du enttäuscht wärst, dass du gedacht hättest, er hätte ein bisschen mehr in petto als –«
»So hab ich es nicht gesagt – Harry, das stimmt nicht!«, weinte sie.
Der Regen hämmerte auf das Zelt, Tränen strömten über Hermines Gesicht, und die freudige Erregung, die vor wenigen Minuten noch geherrscht hatte, war verflogen, als hätte es sie nie gegeben, ein Feuerwerk von kurzer Dauer, das aufgelodert und erloschen war und alles dunkel, nass und kalt zurückgelassen hatte. Das Schwert von Gryffindor war versteckt, wo, wussten sie nicht, und sie waren drei Teenager in einem Zelt, deren einziger Erfolg darin bestand, nicht tot zu sein – noch nicht.
»Und warum bist du dann noch hier?«, fragte Harry Ron.
»Das möcht ich auch gern wissen«, sagte Ron.
»Dann geh nach Hause«, sagte Harry.
»Jaah, vielleicht tu ich das!«, schrie Ron, und er machte ein paar Schritte auf Harry zu, der nicht zurückwich. »Hast du nicht gehört, was die über meine Schwester gesagt haben? Aber das geht dir völlig am Arsch vorbei, oder, ist ja nur der Verbotene Wald, Harry Ich-hab-schon-Schlimmeres-erlebt Potter ist es schnuppe, was ihr dort drin zustößt, tja, mir allerdings nicht, Riesenspinnen und krankes Zeug –«
»Ich hab nur gesagt – sie war mit den anderen zusammen, Hagrid war dabei –«
»– jaah, schon kapiert, es kümmert dich nicht! Und was ist mit dem Rest meiner Familie, ›die Weasleys haben doch schon genug verletzte Kinder‹, hast du das nicht gehört?«
»Jaah, ich –«
»Dich interessiert aber nicht, was das zu bedeuten hat?«
»Ron!«, sagte Hermine und drängte sich zwischen die beiden, »ich glaub nicht, dass es bedeutet, dass was Neues passiert ist, irgendwas, von dem wir nichts wissen; überleg mal, Ron, Bill hat schon seine Narben, viele Leute müssen inzwischen gesehen haben, dass George ein Ohr verloren hat, und du liegst angeblich mit Griselkrätze auf dem Sterbebett, ich bin sicher, mehr hat er nicht gemeint –«
»Oh, du bist sicher, ja? Also schön, dann mach ich mir keine Sorgen mehr um sie. Für euch beide ist ja alles in Ordnung, oder, wo eure Eltern doch außer Gefahr –«
»Meine Eltern sind tot!«, brüllte Harry.
»Und meine könnten das auch bald sein!«, schrie Ron.
»Dann GEH!«, donnerte Harry. »Geh zurück zu ihnen, tu so, als ob du die Griselkrätze los wärst, und Mami kann dich aufpäppeln und –«
Ron machte eine plötzliche Bewegung: Harry reagierte, doch bevor einer der beiden den Zauberstab aus der Tasche bekam, hatte Hermine ihren erhoben.
»Protego!«, rief sie, und ein unsichtbarer Schild breitete sich zwischen ihr und Harry auf der einen und Ron auf der anderen Seite aus; sie alle wurden durch die Kraft des Zaubers ein paar Schritte zurückgedrängt, und Harry und Ron funkelten sich von beiden Seiten der unsichtbaren Barriere her böse an, als würden sie sich zum ersten Mal deutlich sehen. Harry fühlte zersetzenden Hass gegen Ron: Etwas zwischen ihnen war zerbrochen.
»Lass den Horkrux hier«, sagte Harry.
Ron zerrte sich die Kette über den Kopf und warf das Medaillon in einen nahen Sessel. Dann wandte er sich an Hermine.
»Und was machst du?«
»Was soll das heißen?«
»Bleibst du, oder was?«
»Ich …«, sie wirkte gequält. »Ja – ja, ich bleibe. Ron, wir haben gesagt, wir gehen mit Harry, wir haben gesagt, wir helfen –«
»Ich versteh schon. Du entscheidest dich für ihn.«
»Ron, nein – bitte – komm zurück, komm zurück!«
Ihr eigener Schildzauber behinderte sie; als sie ihn schließlich entfernt hatte, war Ron schon in die Nacht hinausgestürmt. Harry stand völlig stumm und reglos da und hörte, wie sie schluchzte und zwischen den Bäumen nach Ron rief.
Ein paar Minuten später kehrte sie zurück, die nassen Haare klebten ihr im Gesicht.
»Er ist w-w-weg! Disappariert!«
Sie warf sich in einen Sessel, rollte sich zusammen und begann zu weinen.
Harry fühlte sich wie betäubt. Er bückte sich, hob den Horkrux auf und hängte ihn sich um den Hals. Er zog Decken von Rons Bett und warf sie Hermine über. Dann kletterte er in sein eigenes Bett, starrte hinauf zu der dunklen Zeltdecke und lauschte dem Trommeln des Regens.
Godric’s Hollow
Als Harry am nächsten Tag erwachte, dauerte es einige Sekunden, bis ihm wieder einfiel, was geschehen war. Dann hoffte er wie ein Kind, alles wäre ein Traum gewesen, Ron wäre noch da und nie fortgegangen. Doch wenn er nur den Kopf auf dem Kissen drehte, konnte er Rons verlassene Schlafstelle sehen. Es war, als ob sie seinen Blick auf sich ziehen würde wie eine Leiche. Harry sprang von seinem Bett hinunter und vermied es, zu dem von Ron zu schauen. Hermine, die sich bereits in der Küche zu schaffen machte, wünschte Harry nicht guten Morgen, sondern wandte rasch das Gesicht ab, als er vorbeiging.
Er ist weg, sagte sich Harry. Er ist weg. Während er sich wusch und anzog, musste er das denken, immer wieder, als würde der Schock darüber durch die Wiederholung abgeschwächt. Er ist weg und er kommt nicht zurück. Und das war die schlichte Wahrheit, wie Harry wusste, denn ihre Schutzzauber würden es Ron unmöglich machen, sie wiederzufinden, sobald sie ihren jetzigen Aufenthaltsort verlassen hatten.
Er und Hermine frühstückten schweigend. Hermines Augen waren verschwollen und rot; sie sah aus, als ob sie nicht geschlafen hätte. Während sie ihre Sachen packten, trödelte Hermine. Harry wusste, warum sie ihre Zeit am Flussufer in die Länge ziehen wollte; mehrmals sah er sie erwartungsvoll aufblicken, und er war sicher, dass sie sich eingeredet hatte, im prasselnden Regen Schritte gehört zu haben, doch keine rothaarige Gestalt tauchte zwischen den Bäumen auf. Harry folgte jedes Mal ihrem Blick (denn unwillkürlich hoffte er selbst ein wenig), und wenn er sich umwandte und nichts als vom Regen gepeitschte Bäume sah, packte ihn erneut ein Anflug von Wut. Er hörte Ron dann sagen: »Wir dachten, du wüsstest, was du tust!«, und fing mit einem festen Knoten im Bauch wieder an zu packen.
Der trübe Fluss neben ihnen schwoll rasch an und würde bald ihr Ufer überschwemmen. Sie waren eine gute Stunde länger an ihrem Lagerplatz geblieben, als sie es sonst für gewöhnlich taten. Hermine packte die Perlentasche drei Mal völlig neu und fand dann offenbar keine Gründe mehr, ihre Abreise noch länger zu verzögern: Sie und Harry nahmen sich bei der Hand, disapparierten und tauchten auf einem windzerzausten, mit Heidekraut bewachsenen Hang wieder auf.
Sobald sie angekommen waren, ließ Hermine Harrys Hand los und ging von ihm weg zu einem großen Felsen, wo sie sich, das Gesicht auf den Knien, hinsetzte und sich heftig schüttelte – vor lauter Schluchzen, wie Harry wusste. Er beobachtete sie und meinte hingehen und sie trösten zu müssen, doch aus irgendeinem Grund blieb er wie angewurzelt stehen. Alles in ihm fühlte sich kalt und verkrampft an: Er sah wieder Rons verächtlichen Gesichtsausdruck. Harry schritt in einem großen Kreis durch das Heidekraut um die aufgelöste Hermine herum und richtete die Zauber ein, die sie sonst immer zu ihrem Schutz ausführte.
In den nächsten Tagen sprachen sie kein einziges Wort über Ron. Harry war fest entschlossen, seinen Namen nie wieder zu erwähnen, und Hermine schien zu wissen, dass es keinen Zweck hatte, ihm das Thema aufzudrängen, obwohl er sie manchmal nachts, wenn sie dachte, er würde schlafen, weinen hörte. Unterdessen nahm Harry immer wieder die Karte des Rumtreibers hervor und betrachtete sie im Licht des Zauberstabs. Er wartete darauf, dass der Punkt mit Rons Namen wieder in den Gängen von Hogwarts auftauchen würde, zum Beweis dafür, dass er, geschützt durch seinen Status als Reinblüter, in das behagliche Schloss zurückgekehrt war. Doch Ron tauchte nicht auf der Karte auf, und nach einer Weile ertappte sich Harry dabei, wie er sie nur noch hervorholte, um auf Ginnys Namen im Mädchenschlafsaal zu starren, so intensiv, dass er sich fragte, ob es sie in ihrem Schlaf stören würde und ob sie wohl merkte, dass er an sie dachte und ihr alles Gute wünschte.
Bei Tag überlegten sie, wo Gryffindors Schwert stecken könnte, doch je länger sie über die Orte redeten, an denen Dumbledore es verborgen haben könnte, desto verzweifelter und wahnwitziger gerieten sie ins Spekulieren. Und wenn Harry sich auch noch so sehr den Kopf zerbrach, er konnte sich nicht erinnern, dass Dumbledore jemals einen Ort erwähnt hätte, wo er vielleicht etwas verstecken würde. Zeitweise wusste er nicht, auf wen er wütender war, auf Ron oder auf Dumbledore. Wir dachten, du wüsstest, was du tust … wir dachten, Dumbledore hätte dir gesagt, was du tun sollst … wir dachten, du hättest einen echten Plan!
Er konnte es vor sich selbst nicht verbergen: Ron hatte Recht gehabt. Dumbledore hatte ihm so gut wie nichts hinterlassen. Sie hatten einen Horkrux entdeckt, aber sie hatten nicht die Mittel, ihn zu zerstören: Die anderen waren genauso unerreichbar, wie sie es schon immer gewesen waren. Hoffnungslosigkeit drohte ihn zu überwältigen. Ihm wurde jetzt schwindlig, wenn er daran dachte, wie vermessen es von ihm gewesen war, das Angebot seiner Freunde anzunehmen, ihn auf dieser mäandernden, sinnlosen Reise zu begleiten. Er wusste nichts, er hatte keine Ideen, und er wartete ständig gequält auf erste Anzeichen dafür, dass ihm auch Hermine bald sagen würde, dass sie genug hätte, dass sie gehen würde.
Viele Abende verbrachten sie fast wortlos, und Hermine gewöhnte es sich an, das Porträt von Phineas Nigellus hervorzuholen und es auf einen Stuhl zu stellen, als ob er einen Teil des klaffenden Loches füllen könnte, das durch Rons Weggang entstanden war. Obwohl Phineas Nigellus zuvor erklärt hatte, er würde sie nie wieder besuchen kommen, schien er sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen zu wollen, mehr über Harrys Pläne herauszufinden, und willigte alle paar Tage ein, mit verbundenen Augen zu erscheinen. Harry war sogar froh, ihn zu sehen, denn dann hatten sie Gesellschaft, wenn auch hämische und stichelnde. Begeistert nahmen sie jede Nachricht über Hogwarts auf, obwohl Phineas Nigellus nicht der beste Informant war. Er vergötterte Snape, den ersten Direktor aus Slytherin, seit er selbst die Schule geleitet hatte, und sie mussten sich hüten, Snape zu kritisieren oder unverschämte Fragen über ihn zu stellen, denn dann verschwand Phineas Nigellus sofort aus seinem Gemälde.
Allerdings ließ er den einen oder anderen Brocken fallen. Snape schien einem fortwährenden Kleinkrieg ausgesetzt zu sein, den ein harter Kern der Schüler führte. Ginny war es verboten worden, nach Hogsmeade zu gehen. Snape hatte Umbridges alte Anordnung wieder in Kraft gesetzt, wonach Zusammenkünfte von drei oder mehr Schülern untersagt waren, wie auch jede inoffizielle Schülerorganisation.
Aus alldem schloss Harry, dass Ginny und mit ihr wohl auch Neville und Luna sich alle Mühe gegeben hatten, Dumbledores Armee am Leben zu erhalten. Angesichts dieser spärlichen Neuigkeiten verspürte Harry so heftig das Bedürfnis, Ginny zu sehen, dass es sich anfühlte wie Magenkrämpfe; doch dann musste er auch wieder an Ron denken, und an Dumbledore, und an Hogwarts selbst, das er fast so sehr vermisste wie seine Exfreundin. Als Phineas Nigellus von Snapes energischem Durchgreifen erzählte, stellte sich Harry in einem kurzen wahnhaften Moment tatsächlich vor, er würde einfach zur Schule zurückgehen und mithelfen, Snapes Regime zu untergraben: Mit Essen versorgt zu werden und in einem weichen Bett zu schlafen und andere Leute zu haben, die sich um alles kümmerten, erschien ihm in einem solchen Moment wie die herrlichste Sache der Welt. Doch dann fiel ihm ein, dass er der Unerwünschte Nummer eins war, dass ein Kopfgeld von zehntausend Galleonen auf ihn ausgesetzt war und dass es inzwischen genauso gefährlich war, in Hogwarts aufzutauchen wie im Zaubereiministerium. Phineas Nigellus machte das sogar noch unabsichtlich deutlich, indem er Fangfragen über Harrys und Hermines Aufenthaltsort einfließen ließ. Hermine schob ihn dann jedes Mal in die Perlentasche zurück, und immer wenn sie ihn so unsanft verabschiedet hatten, weigerte er sich ein paar Tage lang, wiederaufzutauchen.
Es wurde kälter und kälter. Sie wagten es nicht, sich zu lange in einer Gegend aufzuhalten, und blieben daher auch nicht im Süden Englands, wo sie höchstens einen strengen Bodenfrost zu befürchten hatten, sondern vagabundierten weiter kreuz und quer durch das Land, harrten auf einem Berghang aus, wo Schneeregen auf ihr Zelt trommelte, trotzten einer weitläufigen flachen Marsch, wo ihr Zelt mit eisigem Wasser überflutet wurde, und lagerten auf einer kleinen Insel inmitten eines schottischen Hochlandsees, wo das Zelt über Nacht halb von Schnee begraben wurde.
Sie hatten schon gelegentlich Weihnachtsbäume in Wohnzimmerfenstern funkeln sehen, als sich Harry eines Abends dazu entschloss, noch einmal die offenbar letzte unerkundete Möglichkeit vorzuschlagen, die ihnen blieb. Sie hatten gerade ein ungewöhnlich gutes Mahl beendet: Hermine war unter dem Tarnumhang in einem Supermarkt gewesen (wobei sie beim Hinausgehen das Geld gewissenhaft in eine offene Kasse gelegt hatte), und Harry dachte, dass sie mit dem Bauch voller Spaghetti bolognese und Dosenbirnen zugänglicher sein würde als üblich. Zudem hatte er in weiser Voraussicht vorgeschlagen, dass sie sich ein paar Stunden lang vom Horkruxtragen erholten, der jetzt neben ihm über dem Fußende des Bettes hing.
»Hermine?«
»Hm?« Sie hatte es sich mit den Märchen von Beedle dem Barden in einem der ausgebeulten Sessel gemütlich gemacht. Es war ihm ein Rätsel, wie viel sie noch aus diesem Buch herausholen wollte, das schließlich nicht sehr umfangreich war; doch offensichtlich war sie nach wie vor dabei, etwas darin zu entziffern, denn Zaubermanns Silbentabelle lag aufgeschlagen auf der Armlehne ihres Sessels.
Harry räusperte sich. Er fühlte sich genauso wie damals vor einigen Jahren, als er Professor McGonagall gefragt hatte, ob er nach Hogsmeade gehen dürfe, obwohl er die Dursleys nicht hatte überreden können, die Einverständniserklärung für ihn zu unterschreiben.
»Hermine, ich hab nachgedacht, und –«
»Harry, könntest du mir mal kurz helfen?«
Offenbar hatte sie ihm nicht zugehört. Sie beugte sich vor und hielt ihm die Märchen von Beedle dem Barden hin.
»Schau dir dieses Symbol an«, sagte sie und deutete oben auf eine Seite. Über dem, was Harry als den Titel der Geschichte ansah (da er keine Runen lesen konnte, war er nicht sicher), war etwas wie ein dreieckiges Auge abgebildet, durch dessen Pupille sich eine senkrechte Linie zog.
»Ich hab nie Alte Runen gehabt, Hermine.«
»Das weiß ich, aber es ist keine Rune, und es ist auch nicht in der Silbentabelle. Ich hab die ganze Zeit gedacht, es ist ein Bild von einem Auge, aber ich glaube nicht, dass es das ist! Es wurde mit Tinte reingezeichnet, schau mal, jemand hat es hier draufgemalt, es gehört eigentlich gar nicht zum Buch. Denk nach, hast du das schon mal gesehen?«
»Nein … nein, Moment mal.« Harry schaute genauer hin. »Ist das nicht das gleiche Symbol, das auch Lunas Dad um den Hals hängen hatte?«
»Nun, das hab ich auch gedacht!«
»Dann ist es Grindelwalds Zeichen.«
Sie starrte ihn mit offenem Mund an.
»Was?«
»Krum hat es mir gesagt …«
Er erzählte ihr, was er bei der Hochzeit von Viktor Krum erfahren hatte. Hermine sah erstaunt aus.
»Grindelwalds Zeichen?«
Sie blickte von Harry zu dem seltsamen Symbol und wieder zurück. »Ich habe nie gehört, dass Grindelwald ein Zeichen hatte. In all dem, was ich über ihn gelesen habe, ist es nirgends erwähnt.«
»Also, wie gesagt, Krum meinte, dass dieses Symbol in Durmstrang in eine Wand gemeißelt war und dass Grindelwald das getan hat.«
Sie ließ sich stirnrunzelnd in den alten Sessel zurückplumpsen.
»Das ist sehr merkwürdig. Wenn es ein schwarzmagisches Symbol ist, was hat es dann in einem Buch mit Kindergeschichten zu suchen?«
»Jaah, seltsam«, sagte Harry. »Und Scrimgeour hätte es eigentlich erkennen müssen. Er war Minister, er hätte doch Erfahrung mit schwarzmagischen Dingen haben müssen.«
»Ich weiß … vielleicht hielt er es für ein Auge, genau wie ich. Bei allen anderen Geschichten sind richtige kleine Bilder über dem Titel.«
Sie sagte nichts, sondern brütete weiter über dem eigenartigen Zeichen. Harry versuchte es noch einmal.
»Hermine?«
»Hm?«
»Ich hab nachgedacht. Ich – ich will nach Godric’s Hollow.«
Sie sah zu ihm auf, aber ihre Augen blickten ins Leere, und er war sicher, dass sie immer noch über das geheimnisvolle Zeichen in dem Buch nachdachte.
»Ja«, sagte sie. »Ja, das habe ich auch überlegt. Ich glaub wirklich, dass wir das tun müssen.«
»Hast du mir richtig zugehört?«, fragte er.
»Natürlich. Du willst nach Godric’s Hollow. Ich bin einverstanden, ich glaube, wir sollten dorthin. Ich meine, mir fällt auch kein anderer Ort mehr ein, wo es sein könnte. Es wird gefährlich sein, aber je mehr ich darüber nachdenke, desto wahrscheinlicher kommt es mir vor, dass es dort ist.«
»Ähm – dass was dort ist?«, fragte Harry.
Darauf sah sie ebenso verwirrt drein, wie er sich fühlte.
»Na, das Schwert, Harry! Dumbledore muss gewusst haben, dass du dorthin zurückwillst, und immerhin ist Godric’s Hollow der Geburtsort von Godric Gryffindor –«
»Wirklich? Gryffindor stammte aus Godric’s Hollow?«
»Harry, hast du je die Geschichte der Zauberei aufgeschlagen?«
»Ähm«, sagte er und lächelte, wie ihm vorkam, zum ersten Mal seit Monaten: Seine Gesichtsmuskeln fühlten sich merkwürdig verspannt an. »Ich hab vielleicht mal reingeguckt, weißt du, als ich es gekauft hab … nur das eine Mal …«
»Nun, da das Dorf nach ihm benannt ist, hätte ich gedacht, dass du vielleicht den Zusammenhang durchschaust«, sagte Hermine. Sie klang viel eher nach ihrem alten Selbst, als das in letzter Zeit der Fall gewesen war; Harry wartete schon fast darauf, dass sie gleich verkünden würde, sie müsste mal eben in die Bibliothek. »In Geschichte der Zauberei steht ein Abschnitt über das Dorf, wart mal …«
Sie öffnete die mit Perlen verzierte Tasche, wühlte eine Weile darin herum und zog schließlich ein Exemplar ihres alten Schulbuchs Geschichte der Zauberei von Bathilda Bagshot hervor, das sie durchblätterte, bis sie die Seite fand, die sie suchte.
»Nach der Unterzeichnung des Internationalen Geheimhaltungsabkommens im Jahre 1689 gingen die Zauberer für immer in den Untergrund. Es war vielleicht nur natürlich, dass sie ihre eigenen kleinen Gemeinden innerhalb von Gemeinden bildeten. Viele kleine Dörfer und Weiler zogen gleich mehrere magische Familien an, die sich zum wechselseitigen Beistand und Schutz zusammenschlossen. Die Dörfer Tinworth in Cornwall, Upper Flagley in Yorkshire und Ottery St. Catchpole an der Südküste Englands waren bevorzugte Heimatorte für ganze Ansammlungen von Zaubererfamilien, die Seite an Seite mit duldsamen und manchmal dem Verwechslungszauber unterworfenen Muggeln lebten. Der berühmteste dieser halbmagischen Wohnorte ist wohl Godric’s Hollow, das Dorf in Südwestengland, wo der große Zauberer Godric Gryffindor geboren wurde und wo Bowman Wright, der Zauberschmied, den ersten Goldenen Schnatz anfertigte. Der Friedhof ist voll von Namen alter magischer Familien, und dies erklärt zweifellos die Spukgeschichten, die sich seit vielen Jahrhunderten um die kleine Kirche ranken.
Du und deine Eltern kommt nicht vor«, sagte Hermine, indem sie das Buch zuklappte, »weil Professor Bagshot alles, was nach dem neunzehnten Jahrhundert passiert ist, nicht mehr behandelt. Aber verstehst du? Godric’s Hollow, Godric Gryffindor, Gryffindors Schwert; glaubst du nicht, Dumbledore hätte von dir erwartet, dass du die Verbindung siehst?«
»O jaah …«
Harry wollte nicht zugeben, dass er gar nicht an das Schwert gedacht hatte, als er vorschlug, sie sollten nach Godric’s Hollow gehen. Für ihn lag die Anziehungskraft dieses Dorfes in den Gräbern seiner Eltern, dem Haus, in dem er knapp dem Tod entronnen war, und Bathilda Bagshot selbst.
»Erinnerst du dich noch daran, was Muriel gesagt hat?«, fragte er schließlich.
»Wer?«
»Du weißt –«, er zögerte; er wollte Rons Namen nicht aussprechen. »Ginnys Großtante. Bei der Hochzeit. Die, die behauptet hat, dass du magere Fesseln hättest.«
»Oh«, sagte Hermine.
Es war ein heikler Moment: Harry wusste, dass sie gespürt hatte, wie Rons Name in der Luft lag. Er sagte schnell: »Sie meinte, Bathilda Bagshot würde immer noch in Godric’s Hollow leben.«
»Bathilda Bagshot«, murmelte Hermine und fuhr mit ihrem Zeigefinger über Bathildas Namen, der auf den Umschlag von Geschichte der Zauberei geprägt war. »Also, ich vermute –«
Sie holte so dramatisch Luft, dass Harrys Magen rotierte; er zog seinen Zauberstab und drehte sich zum Eingang um, halb darauf gefasst, eine Hand zu sehen, die sich durch die Zeltklappe zwängte, aber da war nichts.
»Was ist los?«, sagte er, zornig und erleichtert zugleich. »Was sollte das denn? Ich dachte, du hättest einen Todesser gesehen, der gerade den Reißverschluss vom Zelt aufmacht, mindestens –«
»Harry, und wenn Bathilda das Schwert hätte? Was, wenn Dumbledore es ihr anvertraut hätte?«
Harry dachte darüber nach. Bathilda war inzwischen vermutlich eine steinalte Dame und Muriel zufolge war sie »plemplem«. War es wahrscheinlich, dass Dumbledore das Schwert von Gryffindor bei ihr versteckt hatte? Wenn ja, dann hatte Dumbledore nach Harrys Empfinden eine Menge dem Zufall überlassen: Dumbledore hatte nie verraten, dass er das Schwert durch eine Fälschung ersetzt hatte, noch hatte er eine Freundschaft mit Bathilda auch nur erwähnt. Dies war jedoch nicht der Moment, Hermines Theorie in Zweifel zu ziehen, wo sie doch so überraschend bereit war, sich Harrys sehnlichstem Wunsch anzuschließen.
»Jaah, das könnte er getan haben! Also, gehen wir nach Godric’s Hollow?«
»Ja, aber wir müssen alles sorgfältig durchdenken, Harry.« Sie setzte sich auf, und Harry spürte, dass der Umstand, dass sie wieder einen Plan hatten, ihre Laune genauso verbessert hatte wie seine. »Wir müssen erst mal üben, zusammen unter dem Tarnumhang zu disapparieren, und vielleicht wären Desillusionierungszauber auch sinnvoll, außer du meinst, wir sollten gleich Nägel mit Köpfen machen und Vielsaft-Trank verwenden? Dann müssten wir uns Haare von jemandem besorgen. Ich glaub wirklich, das sollten wir tun, Harry, je stärker unsere Masken sind, desto besser …«
Harry ließ sie reden, nickte und pflichtete ihr bei, wann immer sie eine Pause machte, doch seine Gedanken waren von dem Gespräch abgeschweift. Zum ersten Mal seit er erfahren hatte, dass das Schwert bei Gringotts eine Fälschung war, verspürte er Aufregung.
Er würde bald nach Hause gehen, zurück an den Ort, wo er eine Familie gehabt hatte. Wenn Voldemort nicht gewesen wäre, wäre er in Godric’s Hollow aufgewachsen und hätte dort all seine Schulferien verbracht. Er hätte Freunde zu sich nach Hause einladen können … er hätte vielleicht sogar Brüder und Schwestern gehabt … es wäre seine Mutter gewesen, die den Kuchen für seinen siebzehnten Geburtstag gebacken hätte. Das Leben, das er verloren hatte, war ihm kaum jemals so wirklich erschienen wie in diesem Moment, da er wusste, dass er den Ort bald sehen würde, wo es ihm genommen worden war. Nachdem Hermine an diesem Abend zu Bett gegangen war, zog Harry leise seinen Rucksack aus ihrer Perlentasche und nahm das Fotoalbum heraus, das Hagrid ihm vor so langer Zeit geschenkt hatte. Zum ersten Mal seit Monaten sah er die alten Bilder seiner Eltern durch, die aus diesen Fotos zu ihm hochlächelten und winkten, die nun alles waren, was er von ihnen noch besaß.
Am nächsten Tag wäre Harry am liebsten nach Godric’s Hollow aufgebrochen, aber Hermine hatte andere Pläne. Sie war überzeugt, Voldemort würde damit rechnen, dass Harry dorthin zurückkehrte, wo seine Eltern gestorben waren, und wollte daher unbedingt erst dann aufbrechen, wenn sie sich so gut wie möglich getarnt hatten. Es dauerte deswegen eine ganze Woche – in der sie sich heimlich Haare von arglosen Muggeln beschafften, die gerade ihre Weihnachtseinkäufe erledigten, und zu zweit unter dem Tarnumhang Apparieren und Disapparieren übten –, bis Hermine sich bereit erklärte, die Reise anzutreten.
Sie mussten im Schutz der Dunkelheit in das Dorf apparieren, also war es später Nachmittag, als sie endlich den Vielsaft-Trank schluckten und Harry sich in einen Muggel mittleren Alters mit schütterem Haar verwandelte, Hermine in seine kleine und ziemlich mausgraue Gattin. Die Perlentasche, die all ihre Habseligkeiten enthielt (außer dem Horkrux, den Harry um den Hals trug), steckte in einer Innentasche von Hermines zugeknöpftem Mantel. Harry legte den Tarnumhang über sie, dann drehten sie sich abermals in die drückende Dunkelheit hinein.
Harry schlug das Herz bis zum Hals, als er die Augen wieder aufschlug. Sie standen Hand in Hand auf einem verschneiten Sträßchen unter einem dunkelblauen Himmel, an dem schon die ersten nächtlichen Sterne schwach funkelten. Auf beiden Seiten der schmalen Straße standen kleine Häuser, in deren Fenstern Weihnachtsschmuck glitzerte. Nicht weit vor ihnen deutete der goldene Schein von Straßenlaternen die Ortsmitte an.
»So viel Schnee!«, flüsterte Hermine unter dem Tarnumhang. »Warum haben wir nicht an Schnee gedacht? All unsere Vorkehrungen, und nun werden wir Fußspuren hinterlassen! Die müssen wir unbedingt loswerden – du gehst vor, ich mach das –«
Harry wollte nicht wie ein Pferd im Märchenspiel in das Dorf kommen, denn so sahen sie aus, wenn sie sich verborgen halten wollten und magisch ihre Spuren verwischten.
»Lass uns den Tarnumhang ablegen«, sagte Harry, und als sie beklommen dreinblickte, setzte er hinzu: »Ach, komm schon, wir sehen nicht aus wie wir, und hier ist keiner.«
Er stopfte den Umhang unter seine Jacke, und nun kamen sie ungehindert voran, an weiteren Häusern vorbei, während die eisige Luft ihnen ins Gesicht stach: Jedes dieser Häuser hätte das sein können, in dem James und Lily einst gelebt hatten oder in dem Bathilda jetzt lebte. Harry starrte auf die Haustüren, die schneebeladenen Dächer und die Windfänge und überlegte, ob ihm irgendetwas bekannt vorkam, doch tief in seinem Inneren wusste er, dass es unmöglich war, dass er doch kaum älter als ein Jahr gewesen war, als er diesen Ort für immer verlassen hatte. Er war nicht einmal sicher, ob er das Haus überhaupt würde sehen können; er wusste nicht, was passierte, wenn jemand starb, der unter dem Schutz eines Fidelius-Zaubers gelebt hatte. Dann bog die kleine Straße, auf der sie gingen, nach links, und der Dorfkern, ein kleiner Platz, lag vor ihnen.
Rings um den Platz hingen bunte Lichterketten und in der Mitte stand etwas wie ein Kriegerdenkmal halb verborgen hinter einem windzerzausten Weihnachtsbaum. Es gab ein paar Läden, ein Postamt, einen Pub und eine kleine Kirche, deren Buntglasfenster wie glänzende Edelsteine über den Platz leuchteten.
Hier war der Schnee zusammengepresst, und er war hart und rutschig geworden, wo den ganzen Tag lang Menschen darübergelaufen waren. Leute aus dem Dorf kreuzten ihren Weg, für einen Moment angestrahlt von Straßenlaternen. Die Tür des Pubs ging kurz auf, und ein wenig Gelächter und Popmusik drang an ihre Ohren; dann hörten sie, wie in der kleinen Kirche ein Weihnachtslied angestimmt wurde.
»Harry, ich glaub, es ist Heiligabend!«, sagte Hermine.
»Tatsächlich?«
Er wusste nicht mehr, welches Datum sie hatten; sie hatten seit Wochen keine Zeitung gesehen.
»Ganz bestimmt«, sagte Hermine, den Blick zur Kirche gewandt. »Sie … sie sind wohl dort, oder? Deine Mum und dein Dad? Ich kann den Friedhof dahinter sehen.«
Harry spürte, wie etwas in ihm bebte, das mehr als Aufregung war, eher Furcht. Nun, da er so nahe war, fragte er sich, ob er es wirklich sehen wollte. Vielleicht wusste Hermine, wie er sich fühlte, denn sie nahm ihn bei der Hand und ging zum ersten Mal voraus und zog ihn weiter. In der Mitte des Platzes jedoch blieb sie wie angewurzelt stehen.
»Harry, sieh mal!«
Sie deutete auf das Kriegerdenkmal. Als sie daran vorbeigegangen waren, hatte es sich verwandelt. Statt eines Obelisken voller Namen war da jetzt ein Standbild von drei Menschen: ein Mann mit zerzausten Haaren und Brille, eine Frau mit langen Haaren und einem freundlichen, hübschen Gesicht, und ein kleiner Junge, der in den Armen seiner Mutter saß. Auf ihren Köpfen hatten sie weiche weiße Mützen aus Schnee.
Harry trat näher und blickte hoch in die Gesichter seiner Eltern. Er hätte nie gedacht, dass da ein Standbild sein würde … wie merkwürdig es war, sich selbst in Stein abgebildet zu sehen, ein glückliches Baby ohne Narbe auf der Stirn …
»Komm«, sagte Harry, nachdem er genug geschaut hatte, und sie wandten sich wieder der Kirche zu. Als sie die Straße überquerten, warf er einen Blick über die Schulter; das Standbild hatte sich wieder in das Kriegerdenkmal verwandelt.
Der Gesang wurde lauter, als sie sich der Kirche näherten. Es schnürte Harry die Kehle zu, so heftig fühlte er sich an Hogwarts erinnert, an Peeves, wie er unanständige Versionen von Weihnachtsliedern aus Rüstungen herausgrölte, an die zwölf Weihnachtsbäume in der Großen Halle, an Dumbledore mit seinem Hut, der aus einem Knallbonbon herausgekommen war, an Ron mit einem handgestrickten Pulli …
Am Eingang zum Friedhof war ein kleines Schwingtor. Hermine drückte es so leise wie möglich auf und sie schoben sich hindurch. Beidseits des rutschigen Weges zur Kirchentür lag hoher, unberührter Schnee. Sie gingen weiter, und als sie in den Schatten unter den leuchtenden Fenstern geduckt um das Gebäude herumschlichen, hinterließen sie tiefe Gräben.
Hinter der Kirche ragte Reihe um Reihe schneebedeckter Grabsteine aus einer blassblauen Decke, die mit roten, goldenen und grünen Sprenkeln übersät war, wo auch immer Reflexe der Buntglasfenster auf den Schnee trafen. Harry hielt den Zauberstab in seiner Jackentasche fest umklammert und ging auf das nächste Grab zu.
»Schau dir das an, es ist ein Abbott, könnte ein seit langem verschollener Verwandter von Hannah sein!«
»Sprich leise«, bat ihn Hermine.
Sie wateten immer tiefer in den Friedhof hinein, zogen dunkle Spuren im Schnee, bückten sich das ein oder andere Mal, um die Inschriften alter Grabsteine zu lesen, und spähten ab und zu in die Dunkelheit ringsumher, um sich zu vergewissern, dass sie allein waren.
»Harry, hier!«
Hermine war zwei Grabreihen entfernt; er musste zu ihr zurückwaten, das Herz hämmerte ihm geradezu in der Brust.
»Ist es –?«
»Nein, aber sieh mal!«
Sie deutete auf den dunklen Stein. Harry beugte sich hinunter und sah auf dem vereisten, von Flechten überzogenen Granit die Worte Kendra Dumbledore sowie, gleich unter ihrem Geburts- und Todesdatum, und ihre Tochter Ariana. Auch ein Zitat stand darauf:
Wo dein Schatz ist, da wird dein Herz auch sein.
Also hatten Rita Kimmkorn und Muriel mit einigen ihrer Behauptungen Recht gehabt. Die Familie Dumbledore hatte wirklich hier gelebt und ein Teil von ihr war hier gestorben.
Das Grab zu sehen war schlimmer, als davon zu hören. Harry drängte sich der Gedanke auf, dass seine und Dumbledores Wurzeln tief in diesem Friedhof lagen und dass Dumbledore es ihm hätte sagen müssen; doch er hatte nie daran gedacht, mit ihm darüber zu reden. Sie hätten diesen Ort gemeinsam besuchen können; Harry stellte sich kurz vor, wie er mit Dumbledore hierhergekommen wäre und wie sehr sie das verbunden hätte, wie viel es ihm bedeutet hätte. Doch für Dumbledore war die Tatsache, dass ihre Familien Seite an Seite auf demselben Friedhof lagen, offenbar ein belangloser Zufall gewesen, vielleicht unerheblich für die Mission, die er Harry aufgetragen hatte.
Hermine sah Harry an, und er war froh, dass sein Gesicht im Schatten verborgen lag. Er las noch einmal die Worte auf dem Grabstein. Wo dein Schatz ist, da wird dein Herz auch sein. Er begriff nicht, was diese Worte bedeuteten. Bestimmt hatte Dumbledore sie ausgewählt, als Familienältester, nachdem seine Mutter gestorben war.
»Bist du sicher, dass er nie erwähnt hat –?«, begann Hermine.
»Ja«, sagte Harry knapp, und dann: »Suchen wir weiter«, und er wandte sich von ihr ab und wünschte, er hätte den Stein nie gesehen: Er wollte sich seine gespannte Erwartung nicht durch Unmut verderben lassen.
»Hier!«, rief Hermine wenige Augenblicke später erneut aus der Dunkelheit. »Oh, nein, tut mir leid! Ich dachte, da steht Potter.«
Sie rieb einen bröckligen, bemoosten Stein ab und starrte mit leicht gerunzelter Stirn auf ihn hinunter.
»Harry, komm mal kurz zurück.«
Er wollte nicht wieder abgelenkt werden und ging nur widerwillig durch den Schnee zu ihr zurück.
»Was gibt’s?«
»Schau dir das an!«
Das Grab war äußerst alt und so verwittert, dass Harry kaum den Namen entziffern konnte. Hermine zeigte ihm das Symbol darunter.
»Harry, das ist das Zeichen aus dem Buch!«
Er schaute angestrengt auf die Stelle, auf die sie deutete: Der Stein war so ausgewaschen, dass man kaum erkennen konnte, was da eingemeißelt war, doch schien sich unter dem fast unleserlichen Namen tatsächlich ein dreieckiges Zeichen zu befinden.
»Jaah … könnte sein …«
Hermine entzündete ihren Zauberstab und richtete ihn auf den Namen auf dem Grabstein.
»Da steht Ig-Ignotus, glaube ich …«
»Ich such wieder nach meinen Eltern, in Ordnung?«, sagte Harry zu ihr, wobei seine Stimme leicht gereizt klang, und er ging weiter und ließ sie neben dem alten Grab kauernd zurück.
Hin und wieder sah er einen Nachnamen wie Abbott, den er von Hogwarts her kannte. Von manchen Zaubererfamilien lagen mehrere Generationen auf dem Friedhof: Harry konnte aus den Daten schließen, dass sie entweder ausgestorben waren oder dass die jüngeren Angehörigen aus Godric’s Hollow weggezogen waren. Er ging immer tiefer zwischen die Gräber, und jedes Mal, wenn er zu einem neuen Grabstein gelangte, spürte er zugleich Beklemmung und Vorfreude in sich aufkommen.
Die Dunkelheit und die Stille schienen auf einmal viel größer zu werden. Harry sah sich besorgt um, er dachte an Dementoren, doch dann bemerkte er, dass keine Weihnachtslieder mehr zu hören waren und sich das Stimmengewirr und die Schritte der Kirchgänger, die zum Dorfplatz zurückgingen, in der Ferne verloren. Im Innern der Kirche hatte jemand gerade das Licht ausgemacht.
Dann drang Hermines Stimme zum dritten Mal aus der Schwärze, scharf und klar, aus wenigen Metern Entfernung.
»Harry, sie sind hier … hier ist es.«
Und er erkannte an ihrem Ton, dass es diesmal seine Mutter und sein Vater waren: Er ging zu ihr hin mit dem Gefühl, als würde ihm etwas Schweres auf der Brust lasten, mit demselben Gefühl wie damals, kurz nachdem Dumbledore gestorben war, einer Trauer, die buchstäblich auf sein Herz und seine Lunge drückte.
Der Grabstein stand nur zwei Reihen hinter dem von Kendra und Ariana. Er war aus weißem Marmor, genau wie Dumbledores Grabmal, und so war er leicht zu lesen, denn er schien in der Dunkelheit zu leuchten. Harry musste sich nicht hinknien und nicht einmal ganz nahe herantreten, um die Worte zu erkennen, die darin eingemeißelt waren:
James Potter
geboren am 27. März 1960, gestorben am 31. Oktober 1981
Lily Potter
geboren am 30. Januar 1960, gestorben am 31. Oktober 1981
Der letzte Feind, der zerstört werden wird, ist der Tod.
Harry las die Inschrift langsam, als ob er nur eine einzige Gelegenheit hätte, ihren Sinn zu begreifen, und er las die letzten Worte laut.
»Der letzte Feind, der zerstört werden wird, ist der Tod …« Ein schrecklicher Gedanke kam ihm, in einem Anflug von Panik. »Ist das nicht eine Vorstellung von den Todessern? Was hat das hier zu suchen?«
»Es bedeutet nicht, dass der Tod so besiegt wird, wie die Todesser es meinen, Harry«, sagte Hermine mit sanfter Stimme. »Es bedeutet … du weißt schon … über den Tod hinaus leben. Leben nach dem Tod.«
Aber sie leben nicht, dachte Harry: Sie sind nicht mehr. Die leeren Worte konnten die Tatsache nicht verhüllen, dass die vermoderten Überreste seiner Eltern unter Schnee und Stein lagen, gleichgültig, unwissend. Und Tränen kamen ihm, ehe er sie zurückhalten konnte, kochend heiß und im nächsten Moment schon eisig auf seinem Gesicht, und wozu sollte er sie abwischen oder sie verbergen? Er ließ sie heruntertropfen, mit fest zusammengepressten Lippen, und sah hinab auf den dichten Schnee, der den Ort vor seinen Augen verbarg, wo die letzten Überreste von Lily und James lagen, die jetzt gewiss nur noch Knochen waren oder Staub, unwissend und gleichgültig ihrem lebenden Sohn gegenüber, der nun so nahe bei ihnen war und dessen Herz noch schlug, der lebendig war, weil sie sich geopfert hatten, und der in diesem Moment fast den Wunsch verspürte, unter dem Schnee bei ihnen zu schlafen.
Hermine hatte wieder seine Hand genommen und hielt sie fest. Er konnte sie nicht ansehen, erwiderte aber ihren Händedruck und atmete die Nachtluft jetzt in tiefen, heftigen Zügen ein, versuchte sich zu beruhigen, versuchte seine Beherrschung zurückzugewinnen. Er hätte etwas für sie mitbringen sollen, und er hatte nicht daran gedacht, und alle Pflanzen auf dem Friedhof waren kahl und gefroren. Aber Hermine hob ihren Zauberstab, zog einen Kreis durch die Luft, und vor ihnen erblühte ein Kranz aus Christrosen. Harry fing ihn auf und legte ihn auf das Grab seiner Eltern.
Sobald er sich wieder erhoben hatte, wollte er gehen: Er glaubte nicht, es einen Moment länger hier aushalten zu können. Er legte seinen Arm um Hermines Schultern, und sie schlang ihren um seine Hüfte, und so wandten sie sich schweigend ab und gingen durch den Schnee davon, an Dumbledores Mutter und Schwester vorbei in Richtung der dunklen Kirche und des Schwingtors zurück, das noch nicht zu sehen war.
Bathildas Geheimnis
»Wart mal, Harry.«
»Was gibt’s?«
Sie waren nicht weiter als bis zum Grab des unbekannten Abbott gekommen.
»Da ist jemand. Wir werden beobachtet. Ich weiß es. Dort drüben, bei den Büschen.«
Einander festhaltend, standen sie völlig reglos da und starrten auf die dicht bewachsene schwarze Friedhofsbegrenzung. Harry konnte nichts erkennen.
»Bist du sicher?«
»Ich hab gesehen, wie sich was bewegt hat, ich könnte schwören …«
Sie löste sich von ihm, um die Hand für den Zauberstab frei zu haben.
»Wir sehen aus wie Muggel«, erinnerte Harry sie.
»Muggel, die gerade Blumen auf das Grab deiner Eltern gelegt haben! Harry, ich bin sicher, da drüben ist jemand!«
Harry fiel ein, was in der Geschichte der Zauberei stand; angeblich spukte es auf dem Friedhof: Was wäre, wenn –? Doch dann hörte er ein Rascheln und sah an dem Busch, auf den Hermine gezeigt hatte, ein wenig Schnee herunterrieseln. Geister konnten keinen Schnee bewegen.
»Das ist eine Katze«, sagte Harry nach einigen Sekunden, »oder ein Vogel. Wenn es ein Todesser wäre, dann wären wir längst tot. Aber lass uns von hier verschwinden, und dann ziehen wir auch wieder den Tarnumhang über.«
Sie warfen dauernd Blicke zurück, während sie zum Ausgang des Friedhofs gingen. Harry, der keineswegs so unbefangen war, wie er Hermine gegenüber getan hatte, um sie zu beruhigen, war froh, als sie das Tor und den rutschigen Bürgersteig erreicht hatten. Sie hüllten sich wieder in den Tarnumhang. Im Pub war mehr los als zuvor: Vielstimmig erklang nun das Weihnachtslied, das sie gehört hatten, als sie auf die Kirche zugegangen waren. Harry überlegte kurz vorzuschlagen, dass sie Zuflucht in dem Pub suchen sollten, doch bevor er etwas sagen konnte, murmelte Hermine: »Lass uns hier langgehen«, und zog ihn eine dunkle Straße entlang, die auf der anderen Seite wieder aus dem Dorf hinausführte. Harry konnte erkennen, wo die Häuser aufhörten und der Weg sich im offenen Gelände verlor. Sie gingen, so schnell sie sich trauten, wieder an Fenstern vorbei, in denen bunte Lichter funkelten und hinter deren Vorhängen sich dunkle Umrisse von Weihnachtsbäumen abzeichneten.
»Wie sollen wir Bathildas Haus denn finden?«, fragte Hermine, die ein wenig zitterte und ständig über ihre Schulter zurückblickte. »Harry? Was meinst du? Harry?«
Sie zerrte an seinem Ärmel, aber Harry achtete nicht darauf. Er schaute auf das dunkle Gebilde, das ganz am Ende dieser Häuserzeile stand. Dann rannte er auch schon los und zog Hermine mit sich; sie rutschte ein wenig auf dem Eis.
»Harry –«
»Schau mal – schau mal da, Hermine …«
»Ich weiß nicht … oh!«
Er konnte es sehen; der Fidelius-Zauber musste mit James und Lily untergegangen sein. Die Hecke war wild gewuchert in den sechzehn Jahren, seit Hagrid Harry aus den Trümmern geholt hatte, die in dem hüfthohen Gras verstreut lagen. Zum größten Teil stand das Haus noch, wenn auch über und über mit dunklem Efeu und Schnee bedeckt, doch die rechte Seite der oberen Etage war weggesprengt worden; dort, da war Harry sicher, war der Fluch fehlgeschlagen. Er und Hermine standen am Tor und starrten hinauf zu dem zerstörten Haus, das einst vermutlich genauso ausgesehen hatte wie die anderen Häuser zu beiden Seiten.
»Warum es wohl nie wieder aufgebaut wurde?«, flüsterte Hermine.
»Vielleicht kann man es nicht wieder aufbauen?«, antwortete Harry. »Vielleicht ist es wie bei den Verletzungen durch schwarze Magie und man kann den Schaden nicht reparieren?«
Er schob eine Hand unter dem Tarnumhang hervor und griff nach dem schneebedeckten und stark verrosteten Tor, ohne es öffnen zu wollen, nur um etwas von dem Haus festzuhalten.
»Du gehst doch nicht da rein? Es sieht gefährlich aus, da könnte – oh, Harry, sieh mal!«
Das Berühren des Tores schien es ausgelöst zu haben. Ein Schild war vor ihnen aus dem Boden gestiegen, durch das Gestrüpp von Nesseln und Unkraut empor, wie eine ungewöhnliche, schnell wachsende Blume, und auf dem Holz stand in goldenen Buchstaben:
An dieser Stelle verloren in der Nacht des 31. Oktober 1981 Lily und James Potter ihr Leben. Ihr Sohn Harry ist bis heute der einzige Zauberer, der jemals den Todesfluch überlebt hat. Dieses Haus, für Muggel unsichtbar, wurde in seinem zerstörten Zustand belassen zum Gedenken an die Potters und zur Erinnerung an die Gewalt, die ihre Familie zerriss.
Und rings um diese sauber gesetzten Worte waren von anderen Hexen und Zauberern Kritzeleien hinzugefügt worden, die gekommen waren, um den Ort zu sehen, wo der Junge, der überlebt hat, entronnen war. Manche hatten nur ihre Namen mit Ewiger Tinte hingeschrieben; andere hatten ihre Initialen in das Holz geschnitzt, wieder andere hatten Botschaften hinterlassen. Die neuesten stachen deutlich unter den in sechzehn Jahren angesammelten magischen Graffiti hervor und lauteten alle ähnlich.
»Viel Glück, Harry, wo auch immer du bist.« »Wenn du das hier liest, Harry: Wir stehen alle hinter dir!« »Lang lebe Harry Potter.«
»Sie hätten nicht auf das Schild schreiben sollen!«, sagte Hermine entrüstet.
Aber Harry strahlte sie an.
»Das ist toll. Ich bin froh, dass sie es gemacht haben. Ich …«
Er hielt inne. Eine dick eingemummelte Gestalt kam die Straße entlang auf sie zugehumpelt, ihr Umriss hob sich vor den hellen Lichtern des fernen Platzes ab. Harry glaubte die Gestalt einer Frau zu erkennen, auch wenn es schwer zu beurteilen war. Sie bewegte sich langsam, vielleicht aus Angst, auf dem schneebedeckten Boden auszurutschen. Ihre gebeugte Haltung, ihr rundlicher Körper, ihr schlurfender Gang vermittelten den Eindruck von sehr hohem Alter. Sie beobachteten schweigend, wie sie näher kam. Harry wartete, ob sie vielleicht in eines der Häuser hineingehen würde, an denen sie vorüberkam, doch instinktiv wusste er, dass sie es nicht tun würde. Schließlich blieb sie einige Meter vor ihnen stehen und verharrte einfach, zu ihnen gewandt, mitten auf der vereisten Straße.
Dass Hermine ihn in den Arm kniff, wäre gar nicht nötig gewesen. Es war praktisch unmöglich, dass diese Frau ein Muggel war: Sie stand da und starrte auf ein Haus, das sie gar nicht sehen könnte, wenn sie keine Hexe wäre. Doch selbst wenn man davon ausging, dass sie eine war, verhielt sie sich seltsam, wenn sie in einer so kalten Nacht herauskam, nur um ein altes zerstörtes Haus zu betrachten. Zudem durfte sie nach allen Regeln gewöhnlicher Magie eigentlich nicht in der Lage sein, Hermine und ihn überhaupt zu sehen. Dennoch hatte Harry das äußerst merkwürdige Gefühl, dass sie wusste, dass sie hier waren, und auch, wer sie waren. Gerade als er zu diesem beunruhigenden Schluss gelangt war, hob sie eine Hand, die in einem Handschuh steckte, und winkte.
Hermine rückte unter dem Tarnumhang näher zu Harry hin, ihr Arm war an seinen gedrückt.
»Woher weiß sie das?«
Er schüttelte den Kopf. Die Frau winkte erneut, jetzt energischer. Harry fielen etliche Gründe ein, dieser Aufforderung nicht nachzukommen, und doch wurde sein Verdacht, wer sie war, mit jeder Sekunde stärker, die sie einander in der verlassenen Straße gegenüberstanden.
War es möglich, dass sie all diese langen Monate auf sie gewartet hatte? Dass Dumbledore ihr aufgetragen hatte zu warten, da Harry am Ende kommen würde? War es womöglich sie gewesen, die sich in den Schatten des Friedhofs bewegt hatte und ihnen bis hierher gefolgt war? Sogar ihre Fähigkeit, sie zu spüren, ließ eine gewisse dumbledoresche Kraft vermuten, der er nirgendwo sonst begegnet war.
Als Harry schließlich das Wort ergriff, stockte Hermine der Atem, und sie zuckte zusammen.
»Sind Sie Bathilda?«
Die eingemummelte Gestalt nickte und winkte erneut.
Harry und Hermine sahen sich unter dem Tarnumhang an. Harry zog die Brauen hoch; Hermine nickte kurz und nervös.
Sie gingen auf die Frau zu, worauf sie sich augenblicklich umdrehte und die Straße zurückhumpelte, auf der sie gekommen waren. Sie führte sie an einigen Häusern vorbei und bog schließlich bei einem Tor ab. Sie folgten ihr auf dem kleinen Weg durch den Vorgarten, der fast so überwuchert war wie der, bei dem sie eben gewesen waren. An der Haustür fummelte sie einen Moment fahrig mit einem Schlüssel herum, dann öffnete sie und trat beiseite, um sie vorbeigehen zu lassen.
Sie roch übel, vielleicht war es auch ihr Haus: Harry rümpfte die Nase, als sie sich an ihr vorbeizwängten, und zog den Tarnumhang herunter. Nun, da er neben ihr stand, fiel ihm auf, wie klein sie war; vom Alter gebeugt, reichte sie ihm kaum bis zur Brust. Sie schloss die Tür hinter ihnen, und ihre bläulichen und gefleckten Fingerknöchel hoben sich von dem abblätternden Anstrich ab, dann wandte sie sich um und spähte in Harrys Gesicht. Ihre Augen waren trüb vom grauen Star und tief versunken in Falten aus pergamentdünner Haut, und ihr ganzes Gesicht war übersät von geplatzten Äderchen und Leberflecken. Er fragte sich, ob sie ihn überhaupt wahrnehmen konnte; und selbst wenn, dann würde sie den Muggel mit dem schütteren Haar sehen, dessen Identität er gestohlen hatte.
Der Geruch von Alter, von Staub, von ungewaschenen Kleidern und verdorbenem Essen wurde stärker, als sie ihren mottenzerfressenen schwarzen Schal abnahm und ihr Kopf mit dem spärlichen weißen Haar zum Vorschein kam, durch das man die Kopfhaut deutlich sehen konnte.
»Bathilda?«, wiederholte Harry.
Sie nickte erneut. Das Medaillon auf Harrys Haut machte sich nun bemerkbar; das Ding darin, das manchmal tickte oder schlug, war aufgewacht; er spürte durch das kalte Gold hindurch, wie es pulsierte. Wusste es, konnte es fühlen, dass das Etwas, das es zerstören würde, in der Nähe war?
Bathilda schlurfte an ihnen vorbei, schob Hermine beiseite, als hätte sie sie nicht gesehen, und verschwand in einer Art Wohnzimmer.
»Harry, ich weiß nicht so recht«, hauchte Hermine.
»Schau mal, wie klein die ist; ich glaube, wir könnten mit ihr fertig werden, wenn es nötig wäre«, sagte Harry. »Hör zu, ich hätte es dir sagen sollen, ich wusste, dass sie nicht mehr alle beisammenhat. Muriel hat sie ›plemplem‹ genannt.«
»Komm!«, rief Bathilda aus dem Zimmer nebenan.
Hermine zuckte zusammen und klammerte sich an Harrys Arm.
»Schon gut«, sagte Harry beruhigend und ging voraus ins Wohnzimmer.
Bathilda wankte im Raum umher und zündete Kerzen an, doch es war nach wie vor sehr dunkel, und abgesehen davon äußerst schmutzig. Dicker Staub knirschte unter ihren Füßen, und Harrys Nase nahm in dem widerwärtigen und modrigen Geruch noch etwas Schlimmeres wahr, vielleicht schlecht gewordenes Fleisch. Er fragte sich, wann zum letzten Mal jemand in Bathildas Haus gewesen war, um nachzusehen, ob sie zurechtkam. Sie schien auch vergessen zu haben, dass sie zaubern konnte, denn sie zündete die Kerzen unbeholfen von Hand an, und ihr herunterhängender, mit Spitze besetzter Ärmelsaum war ständig in Gefahr, Feuer zu fangen.
»Das kann ich übernehmen«, bot Harry an und nahm ihr die Streichhölzer ab. Sie stand da und sah ihm zu, während er die restlichen Kerzenstummel entzündete, die auf Untertassen überall im Zimmer herumstanden, wacklig auf Bücherstapel gestellt und auf Serviertischchen voll zersprungener und verschimmelter Tassen.
Die letzte Fläche, auf der Harry eine Kerze entdeckte, war eine gewölbte Kommode, auf der eine Vielzahl von Fotografien stand. Als die Flamme aufflackerte, waberte ihr Widerschein über die verstaubten Deckgläser und Silberrahmen. Er sah ein paar schwache Bewegungen auf den Bildern. Während Bathilda mit Holzscheiten für das Feuer hantierte, murmelte er: »Tergeo.« Der Staub verschwand von den Fotos, und er sah sofort, dass in den größten und schmuckvollsten Rahmen ein halbes Dutzend davon fehlten. Er fragte sich, ob Bathilda oder jemand anders sie herausgenommen hatte. Dann fiel ihm ein Foto ziemlich weit hinten in der Sammlung ins Auge und er griff rasch danach.
Es war der Dieb mit dem goldenen Haar und dem fröhlichen Gesicht, der junge Mann, der auf Gregorowitschs Fensterbank gehockt hatte, der da gelassen aus dem Silberrahmen zu Harry hochlächelte. Und im selben Moment fiel Harry ein, wo er den Jungen schon einmal gesehen hatte: in Leben und Lügen des Albus Dumbledore, Arm in Arm mit dem Dumbledore im Teenageralter, und dort mussten auch all die fehlenden Fotos sein: in Ritas Buch.
»Mrs – Miss – Bagshot?«, sagte er und seine Stimme zitterte leicht. »Wer ist das?«
Bathilda stand mitten im Zimmer und sah zu, wie Hermine das Feuer für sie entfachte.
»Miss Bagshot?«, wiederholte Harry und ging nun mit dem Bild in der Hand auf sie zu, während die Flammen im Kamin aufloderten. Bathilda blickte auf, als sie seine Stimme hörte, und der Horkrux an seiner Brust pochte schneller.
»Wer ist das?«, fragte Harry und hielt ihr das Bild entgegen.
Sie sah es mit ernster Miene an, dann blickte sie wieder auf zu Harry.
»Wissen Sie, wer das ist?«, wiederholte er mit einer viel langsameren und lauteren Stimme als gewöhnlich. »Dieser Mann? Kennen Sie ihn? Wie heißt er?«
Bathilda blickte nur ausdruckslos. Harry war furchtbar enttäuscht. Wie hatte Rita Kimmkorn es geschafft, Bathildas Erinnerungen wachzurufen?
»Wer ist dieser Mann?«, wiederholte er laut.
»Harry, was machst du denn?«, fragte Hermine.
»Dieses Bild, Hermine, das ist der Dieb, der Dieb, der Gregorowitsch bestohlen hat! Bitte!«, sagte er zu Bathilda. »Wer ist das?«
Aber sie starrte ihn nur an.
»Warum haben Sie uns gebeten, mitzukommen, Mrs – Miss Bagshot?«, fragte Hermine mit nun ebenfalls erhobener Stimme. »Gab es etwas, das Sie uns erzählen wollten?«
Bathilda war nicht anzumerken, ob sie Hermine gehört hatte, sie schlurfte jetzt einige Schritte auf Harry zu. Sie zuckte kurz mit dem Kopf und blickte zurück in den Flur.
»Sie wollen, dass wir gehen?«, fragte er.
Sie wiederholte die Bewegungen, diesmal jedoch deutete sie zuerst auf ihn, dann auf sich, und dann zur Decke.
»Oh, verstehe … Hermine, ich glaube, sie will, dass ich mit ihr nach oben gehe.«
»Na schön«, sagte Hermine, »gehen wir.«
Aber als Hermine sich aufmachen wollte, schüttelte Bathilda überraschend energisch den Kopf und deutete wieder zuerst auf Harry und dann auf sich.
»Sie will, dass nur ich mitkomme.«
»Warum?«, fragte Hermine, und ihre Stimme tönte scharf und klar durch den von Kerzen beleuchteten Raum; die alte Dame schüttelte leicht den Kopf bei dem Lärm.
»Vielleicht hat Dumbledore ihr gesagt, dass sie mir das Schwert geben soll, mir allein?«
»Meinst du wirklich, sie weiß, wer du bist?«
»Ja«, sagte Harry und blickte hinab in die milchigen Augen, die auf seine eigenen gerichtet waren, »ich glaube schon.«
»Also gut, aber beeil dich, Harry.«
»Gehen Sie voraus«, sagte Harry zu Bathilda.
Sie schien zu verstehen, denn sie schlurfte um ihn herum auf die Tür zu. Harry drehte sich mit einem beruhigenden Lächeln zu Hermine um, aber er war nicht sicher, ob sie es gesehen hatte; sie stand, die Arme um sich geschlungen, mitten in dem von Kerzen beschienenen Elend und sah zum Bücherschrank hinüber. Als Harry aus dem Zimmer ging, ließ er, ohne dass Hermine oder Bathilda es merkten, das silbern gerahmte Foto des unbekannten Diebs in seine Jacke gleiten.
Die Treppe war steil und schmal: Harry hätte der rundlichen Bathilda am liebsten die Hände auf den Hintern gelegt, damit sie nicht rückwärts auf ihn stürzte, was durchaus passieren konnte. Langsam und ein wenig keuchend stieg sie zum oberen Treppenabsatz empor, wandte sich dann gleich nach rechts und führte ihn in ein niedriges Schlafzimmer.
Es war stockdunkel und stank fürchterlich: Harry hatte gerade noch einen Nachttopf unter dem Bett hervorlugen sehen, ehe Bathilda die Tür schloss und selbst dieser von der Dunkelheit verschluckt wurde.
»Lumos«, sagte Harry und sein Zauberstab flammte auf. Er fuhr zusammen: Bathilda war in diesen wenigen dunklen Sekunden dicht an ihn herangetreten, ohne dass er sie gehört hatte.
»Du bist Potter?«, flüsterte sie.
»Ja, der bin ich.«
Sie nickte langsam und ernst. Harry spürte den Horkrux schnell schlagen, schneller als sein eigenes Herz: Es war ein unangenehmes, aufwühlendes Gefühl.
»Haben Sie etwas für mich?«, fragte Harry, doch sie schien von der leuchtenden Spitze seines Zauberstabs abgelenkt.
»Haben Sie etwas für mich?«, wiederholte er.
Dann schloss sie die Augen und es passierten mehrere Dinge zugleich: Harrys Narbe kribbelte schmerzhaft; der Horkrux zuckte so heftig, dass sich sein Pulli vorne tatsächlich bewegte; das dunkle, stinkende Zimmer löste sich einen Augenblick lang auf. Er verspürte jähe Freude und sprach mit hoher, kalter Stimme: Halt ihn fest!
Harry schwankte auf der Stelle: Das dunkle, übel riechende Zimmer schien sich wieder um ihn zu schließen; er wusste nicht, was gerade passiert war.
»Haben Sie etwas für mich?«, fragte er ein drittes Mal, viel lauter.
»Hier drüben«, flüsterte sie und deutete in eine Ecke. Harry hob seinen Zauberstab und sah die Konturen eines überhäuften Frisiertischs unter den zugezogenen Vorhängen eines Fensters.
Diesmal ging sie nicht voraus. Harry drängte sich mit erhobenem Zauberstab zwischen ihr und dem ungemachten Bett hindurch. Er wollte den Blick nicht von ihr abwenden.
»Was ist es?«, fragte er, als er den Frisiertisch erreicht hatte, auf dem, so wie es aussah und roch, ein großer Haufen schmutzige Wäsche lag.
»Da«, sagte sie und deutete auf das heillose Durcheinander.
Und in dem Moment, als er den Blick abwandte, als seine Augen das wirre Knäuel nach dem Griff eines Schwertes, nach einem Rubin absuchten, machte sie eine unheimliche Bewegung. Er sah es aus dem Augenwinkel; Panik ließ ihn herumschnellen, und Grauen lähmte ihn, als er den alten Körper zusammenbrechen sah und die große Schlange dort herausquoll, wo gerade noch Bathildas Hals gewesen war.
Als er seinen Zauberstab hob, stieß die Schlange zu: Ihr Biss in seinen Unterarm war so kräftig, dass der Zauberstab hinauf zur Decke wirbelte, sein Lichtstrahl Schwindel erregend durchs Zimmer trudelte und erlosch. Dann nahm ihm ein mächtiger Schlag ihres Schwanzes in seine Magengrube den Atem: Er fiel zurück auf den Frisiertisch, in den Haufen schmutziger Kleider –
Er rollte zur Seite, entging nur knapp dem Schwanz der Schlange, der dort auf den Tisch schlug, wo gerade noch er gewesen war: Die Scherben der Glasplatte hagelten auf ihn herab, als er zu Boden fiel. Von unten hörte er Hermine rufen: »Harry?«
Er bekam nicht genug Luft in die Lungen, um zurückzurufen. Dann schmetterte ein schwerer, glatter Körper auf ihn herab, und er spürte, wie er über ihn glitt, kräftig, muskulös –
»Nein!«, keuchte er, flach auf den Boden gepresst.
»Ja«, flüsterte die Stimme. »Ja … dich fesssthalten … dich festhalten …«
»Accio … Accio Zauberstab …«
Doch nichts geschah, und er brauchte beide Hände, um die Schlange von sich wegzudrängen, die sich nun um seinen Rumpf wand und die Luft aus ihm herauspresste, den Horkrux fest auf seine Brust drückte, ein eisiges Rund, in dem es lebhaft pochte, Zentimeter von seinem rasenden Herzen entfernt, und in seinen Kopf flutete kaltes weißes Licht, jeder Gedanke war ausgelöscht, sein Atem erstarb, ferne Schritte, alles wurde …
Ein metallenes Herz schlug außerhalb seiner Brust, und jetzt flog er, flog mit triumphierendem Herzen, brauchte keinen Besen oder Thestral …
Plötzlich erwachte er in der säuerlich riechenden Dunkelheit; Nagini hatte ihn losgelassen. Er rappelte sich auf und sah den Umriss der Schlange draußen vor dem Flurlicht: Sie stieß zu und Hermine tauchte kreischend zur Seite weg. Ihr Fluch schlug fehl und traf das Fenster mit den geschlossenen Vorhängen, das zerbrach. Eiskalte Luft drang herein, während Harry sich duckte, um einem weiteren Splitterregen zu entgehen, und sein Fuß rutschte auf etwas wie einem Bleistift aus – seinem Zauberstab –
Er bückte sich und riss ihn hoch, doch jetzt hatte die Schlange das ganze Zimmer eingenommen und schlug mit dem Schwanz; Hermine war nirgends zu sehen, und für einen Moment befürchtete Harry das Schlimmste, doch dann war ein lauter Knall zu hören, und rotes Licht blitzte auf, und die Schlange flog durch die Luft und klatschte Harry heftig ins Gesicht, als sie sich Windung um Windung wuchtig zur Decke hinaufschraubte. Harry hob seinen Zauberstab, doch im selben Moment brannte seine Narbe so schmerzhaft, so stark wie seit Jahren nicht mehr.
»Er kommt! Hermine, er kommt!«
Während er brüllte, fiel die Schlange wild zischend herab. Chaos brach herein: Sie schmetterte Regale von den Wänden, und Porzellanscherben flogen umher, während Harry über das Bett sprang und die dunkle Gestalt packte, die, wie er wusste, Hermine war –
Sie schrie vor Schmerz, als er sie über das Bett zurückzog. Die Schlange bäumte sich erneut auf, aber Harry wusste, dass noch Schlimmeres als die Schlange herannahte, vielleicht schon unten am Tor war, ihm selbst würde gleich der Schädel platzen, so sehr schmerzte die Narbe –
Die Schlange zuckte vor, und er rannte los und zerrte Hermine mit sich; als sie zustieß, schrie Hermine »Confringo!«, und ihr Zauber flog im Zimmer umher, ließ den Schrankspiegel bersten und schnellte vom Boden zur Decke springend in ihre Richtung zurück; Harry spürte, wie die Hitze des Zaubers ihm den Handrücken versengte. Glas schnitt ihm in die Wange, als er Hermine mit sich zog, vom Bett auf den ramponierten Frisiertisch und dann geradewegs aus dem zertrümmerten Fenster ins Nichts hinaus, und ihr Schrei hallte durch die Nacht, während sie sich in der Luft drehten …
Und jetzt brach seine Narbe auf, und er war Voldemort, und er rannte durch das stinkende Schlafzimmer, klammerte sich mit seinen langen weißen Händen an die Fensterbank, als er sah, wie der Mann mit dem schütteren Haar und die kleine Frau sich drehten und verschwanden, und er schrie vor Wut, und sein Schrei verschmolz mit dem des Mädchens, hallte durch die dunklen Gärten und übertönte die Kirchenglocken, die den Weihnachtstag einläuteten …
Und sein Schrei war Harrys Schrei, sein Schmerz war Harrys Schmerz … dass es hier geschehen konnte, wo es schon einmal geschehen war … hier, in Sichtweite jenes Hauses, wo er fast erfahren hätte, was Sterben bedeutete … Sterben … der Schmerz war so schrecklich … aus seinem Körper herausgerissen … aber wenn er keinen Körper hatte, warum schmerzte sein Kopf dann so heftig, wenn er tot war, wie konnte er so Unerträgliches empfinden, hörte der Schmerz mit dem Tod denn nicht auf, ging er nicht weg …
Die Nacht war regnerisch und windig, zwei Kinder wackelten als Kürbisse verkleidet über den Platz, und die Schaufenster der Läden waren mit Papierspinnen beklebt, all diese geschmacklosen Anspielungen der Muggel auf eine Welt, an die sie nicht glaubten … und er glitt dahin, erfüllt von diesem Gefühl der Entschlossenheit und der Macht und der Rechtmäßigkeit, das er bei solchen Gelegenheiten immer empfand … nicht Wut … das war etwas für schwächere Gemüter … sondern Triumph, jawohl … er hatte darauf gewartet, er hatte darauf gehofft …
»Hübsches Kostüm, Mister!«
Er sah, wie das Lächeln des kleinen Jungen verblasste, als er so nahe zu ihm hingelaufen war, dass er unter die Kapuze seines Umhangs sehen konnte, er sah, wie Angst sein bemaltes Gesicht verdüsterte: Dann drehte sich das Kind um und rannte davon … unter dem Umhang tastete er nach dem Griff seines Zauberstabs … eine einfache Bewegung, und das Kind würde nie zu seiner Mutter zurückkehren … aber unnötig, vollkommen unnötig …
Und er ging jetzt eine andere und dunklere Straße entlang, und nun war sein Ziel endlich in Sicht, der Fidelius-Zauber war gebrochen, auch wenn sie es noch nicht wussten … und er bewegte sich leiser als die toten Blätter, die über den Gehweg trieben, als er die dunkle Hecke erreichte und darüber hinwegstarrte …
Sie hatten die Vorhänge nicht zugezogen, er sah sie ganz deutlich in ihrem kleinen Wohnzimmer, den großen schwarzhaarigen Mann mit seiner Brille, der bunte Rauchwölkchen aus seinem Zauberstab herauspaffen ließ, zur Freude des kleinen schwarzhaarigen Jungen in seinem blauen Schlafanzug. Das Kind lachte und versuchte den Rauch zu fangen, ihn in seiner kleinen Faust einzuschließen …
Eine Tür ging auf, und die Mutter trat ein, sagte Worte, die er nicht hören konnte, ihr langes dunkelrotes Haar fiel ihr übers Gesicht. Nun hob der Vater den Sohn hoch und übergab ihn der Mutter. Er warf seinen Zauberstab auf das Sofa und streckte sich gähnend …
Das Tor quietschte ein wenig, als er es aufstieß, aber James Potter hörte es nicht. Seine weiße Hand zog den Zauberstab unter seinem Umhang hervor und richtete ihn auf die Tür, die aufbarst.
Er war über der Schwelle, als James in den Flur gerannt kam. Es war leicht, allzu leicht, er hatte nicht einmal seinen Zauberstab mitgenommen …
»Lily, nimm Harry und flieh! Er ist es! Flieh! Schnell! Ich halte ihn auf –«
Ihn aufhalten, ohne einen Zauberstab in der Hand! … Er lachte, bevor er den Fluch aussprach …
»Avada Kedavra!«
Das grüne Licht erfüllte den engen Flur, es beleuchtete den Kinderwagen, der an die Wand gestellt war, ließ die Geländerpfosten wie Blitzableiter erglühen, und James Potter fiel wie eine Marionette um, deren Fäden durchgeschnitten waren …
Er konnte sie im oberen Stock schreien hören, sie saß in der Falle, doch solange sie vernünftig war, hatte zumindest sie nichts zu befürchten … er stieg die Stufen hoch, lauschte leicht amüsiert ihren Versuchen, sich zu verbarrikadieren … auch sie hatte keinen Zauberstab bei sich … wie dumm sie waren, und wie vertrauensselig, zu glauben, dass ihre Sicherheit in der Hand von Freunden läge und dass sie ihre Waffen auch nur für Sekunden ablegen könnten …
Er brach die Tür auf, fegte mit einem lässigen Schlenker seines Zauberstabs den Stuhl und die Kisten beiseite, die sie hastig davor aufgestapelt hatte … und da stand sie, das Kind in ihren Armen. Bei seinem Anblick legte sie ihren Sohn rasch in das Bettchen hinter sich und breitete die Arme aus, als ob das helfen würde, als ob sie hoffte, dass sie, wenn sie ihn vor seinem Blick abschirmte, an seiner Stelle ausgewählt würde …
»Nicht Harry, nicht Harry, bitte nicht Harry!«
»Geh beiseite, du dummes Mädchen … geh beiseite, sofort …«
»Nicht Harry, bitte nicht, nimm mich, töte mich an seiner Stelle –«
»Dies ist meine letzte Warnung –«
»Nicht Harry! Bitte … hab Erbarmen … Erbarmen … Nicht Harry! Nicht Harry! Bitte – ich tue alles –«
»Geh beiseite – geh beiseite, Mädchen –«
Er hätte sie von dem Kinderbett wegdrängen können, doch es schien klüger, sie alle zu erledigen …
Das grüne Licht blitzte durch den Raum und sie sank wie ihr Mann nieder. Das Kind hatte die ganze Zeit überhaupt nicht geweint: Es konnte stehen, an die Gitterstäbe seines Bettchens geklammert, und es blickte empor in das Gesicht des Eindringlings mit einer Art von wachem Interesse, vielleicht glaubte es, dass sein Vater sich unter dem Mantel verbarg und noch mehr schöne Lichter machen würde und seine Mutter jeden Moment aufspringen und lachen würde –
Er richtete den Zauberstab äußerst bedacht auf das Gesicht des Jungen: Er wollte sehen, wie sie sich abspielte, die Zerstörung dieser einzigen, unerklärlichen Gefahr. Das Kind begann zu weinen: Es hatte erkannt, dass er nicht James war. Er mochte nicht, dass es weinte, er hatte es nie ertragen können, wenn die Kleinen im Waisenhaus wimmerten –
»Avada Kedavra!«
Und dann brach er zusammen: Er war nichts, nichts als Schmerz und Todesangst, und er musste sich verstecken, nicht hier in den Trümmern des zerstörten Hauses, wo das Kind gefangen war und schrie, sondern weit weg … weit weg …
»Nein«, stöhnte er.
Die Schlange raschelte über den schmutzigen Boden voller Scherben, und er hatte den Jungen getötet, und doch war er der Junge …
»Nein …«
Und jetzt stand er am zersprungenen Fenster von Bathildas Haus, in Erinnerungen an seine größte Niederlage versunken, und zu seinen Füßen glitt die große Schlange über Scherben von Porzellan und Glas … er blickte hinab und sah etwas … etwas Unglaubliches …
»Nein …«
»Harry, schon gut, nichts passiert!«
Er bückte sich und hob das zersplitterte Foto auf. Da war er, der unbekannte Dieb, der Dieb, den er suchte …
»Nein … ich hab es fallen lassen … ich hab es fallen lassen …«
»Harry, schon gut, wach auf, wach auf!«
Er war Harry … Harry, nicht Voldemort … und das, was da raschelte, war keine Schlange …
Er schlug die Augen auf.
»Harry«, flüsterte Hermine. »Geht es dir – gut?«
»Ja«, log er.
Er war im Zelt, lag in einer der unteren Schlafstellen unter einem Haufen von Decken. An der Stille und an dem kalten, fahlen Licht jenseits des Leinwanddachs konnte er erkennen, dass der Tag bald anbrach. Er war schweißgebadet; er spürte es an den Laken und Decken.
»Wir sind entkommen.«
»Ja«, sagte Hermine. »Ich musste einen Schwebezauber einsetzen, um dich ins Bett zu kriegen, ich konnte dich nicht hochheben. Du warst … also, du warst nicht ganz …«
Unter ihren braunen Augen lagen tiefrote Schatten, und er bemerkte, dass sie einen kleinen Schwamm in der Hand hielt: Sie hatte ihm das Gesicht abgewischt.
»Du warst krank«, schloss sie. »Ziemlich krank.«
»Wann sind wir von dort weg?«
»Vor Stunden. Es ist fast Morgen.«
»Und ich war … was, bewusstlos?«
»Nicht direkt«, sagte Hermine unruhig. »Du hast geschrien und gestöhnt und … alles Mögliche«, fügte sie hinzu, in einem Ton, bei dem Harry mulmig wurde. Was hatte er getan? Flüche herausgeschrien wie Voldemort; geweint wie das Kind in seinem Bettchen?
»Ich hab den Horkrux nicht von dir runterbekommen«, sagte Hermine, und er wusste, dass sie das Thema wechseln wollte. »Er klebte fest, fest an deiner Brust. Jetzt hast du einen roten Fleck da; tut mir leid, ich musste einen Abtrennzauber nehmen, um den Horkrux wegzukriegen. Außerdem hat dich die Schlange gebissen, aber ich hab die Wunde gereinigt und etwas Diptam draufgetan …«
Er zog sich das schweißnasse T-Shirt, das er trug, vom Leib und blickte hinunter. Über seinem Herzen war ein scharlachrotes Oval, dort, wo das Medaillon ihn versengt hatte. Er konnte auch die halb verheilten Bissspuren an seinem Unterarm sehen.
»Wo hast du den Horkrux?«
»In meiner Tasche. Ich glaube, wir sollten ihn für eine Weile beiseitetun.«
Er legte sich wieder in die Kissen und blickte in ihr verhärmtes graues Gesicht.
»Wir hätten nicht nach Godric’s Hollow gehen sollen. Es ist meine Schuld, alles meine Schuld, Hermine, es tut mir leid.«
»Es ist nicht deine Schuld. Ich wollte auch dorthin; ich dachte wirklich, Dumbledore hätte das Schwert vielleicht dort für dich zurückgelassen.«
»Jaah, nun … da lagen wir falsch, was?«
»Was ist passiert, Harry? Was ist passiert, als sie dich mit nach oben nahm? Hatte sich die Schlange irgendwo versteckt? Ist sie einfach aufgetaucht und hat Bathilda umgebracht und dich angegriffen?«
»Nein«, sagte er. »Sie war die Schlange … oder die Schlange war sie … die ganze Zeit.«
»W-was?«
Er schloss die Augen. Er konnte Bathildas Haus immer noch an sich riechen: Das machte die ganze Sache grauenhaft lebendig.
»Bathilda muss schon eine ganze Zeit lang tot sein. Die Schlange war … war in ihr drin. Du-weißt-schon-wer hat sie dort in Godric’s Hollow warten lassen. Du hattest Recht. Er wusste, dass ich zurückkommen würde.«
»Die Schlange war in ihr?«
Er schlug wieder die Augen auf: Hermine sah angewidert aus, als wäre ihr übel.
»Lupin meinte, dass wir es mit Magie zu tun bekämen, die wir uns nicht einmal vorstellen könnten«, sagte Harry. »Sie wollte nicht vor dir sprechen, weil es Parsel war, nur Parsel, und mir war es nicht bewusst, aber ich konnte sie natürlich verstehen. Sobald wir oben im Zimmer waren, schickte die Schlange eine Botschaft an Du-weißt-schon-wen, ich hab es in meinem Kopf gehört, ich hab gespürt, wie es ihn erregte, er wies sie an, mich dort aufzuhalten … und dann …«
Er erinnerte sich, wie die Schlange aus Bathildas Hals gekrochen war: Die Einzelheiten konnte er Hermine ersparen.
»… sie hat sich verwandelt, in die Schlange verwandelt, und angegriffen.«
Er blickte auf die Bissspuren hinunter.
»Sie sollte mich nicht töten, sollte mich nur dort aufhalten, bis Du-weißt-schon-wer da war.«
Wenn er es nur geschafft hätte, die Schlange zu töten, dann hätte es sich gelohnt, all das … Todunglücklich setzte er sich auf und warf die Decken zurück.
»Harry, nein, du musst dich unbedingt ausruhen!«
»Wenn hier jemand Schlaf braucht, dann du. Nichts für ungut, aber du siehst furchtbar aus. Mir geht es gut. Ich halt eine Zeit lang Wache. Wo ist mein Zauberstab?«
Sie antwortete nicht, sie schaute ihn nur an.
»Wo ist mein Zauberstab, Hermine?«
Sie biss sich auf die Lippe, ihre Augen schwammen in Tränen.
»Harry …«
»Wo ist mein Zauberstab?«
Sie hob etwas neben dem Bett auf und hielt es ihm hin.
Der Zauberstab aus Stechpalme und Phönixfeder war fast entzweigerissen. Nur ein zarter Strang aus Phönixfeder hielt beide Teile noch zusammen. Das Holz war ganz auseinandergesplittert. Harry nahm ihn in die Hände, als wäre er ein Lebewesen, das eine schreckliche Verletzung erlitten hatte. Er konnte nicht klar denken: Alles war ein Nebel aus Panik und Furcht. Dann hielt er Hermine den Zauberstab hin.
»Reparier ihn. Bitte.«
»Harry, wenn er so zerbrochen ist, glaub ich nicht –«
»Bitte, Hermine, versuch es!«
»R-reparo.«
Die herabbaumelnde Hälfte des Zauberstabs fügte sich wieder an die andere. Harry hielt ihn empor.
»Lumos!«
Der Zauberstab entzündete sich schwach und erlosch dann. Harry richtete ihn auf Hermine.
»Expelliarmus!«
Hermines Zauberstab zuckte ein wenig, blieb aber in ihrer Hand. Der schwache Versuch, Magie hervorzubringen, war zu viel für Harrys Zauberstab, und er brach wieder entzwei. Harry starrte ihn an, entgeistert, unfähig zu begreifen, was er da sah … der Zauberstab, der so viel überstanden hatte …
»Harry«, flüsterte Hermine so leise, dass er sie kaum hören konnte. »Es tut mir leid, so leid. Ich glaube, das war ich. Als wir geflohen sind, weißt du, ging die Schlange auf uns los, und da hab ich einen Sprengfluch abgefeuert, und der ist überall abgeprallt, und er muss – muss ihn getroffen –«
»Es war ein Unfall«, sagte Harry mechanisch. Er fühlte sich leer, geschockt. »Wir – wir kriegen schon raus, wie man ihn richten kann.«
»Harry, ich glaub nicht, dass wir das können«, sagte Hermine und Tränen rannen ihr übers Gesicht. »Weißt du noch … weißt du noch, wie es bei Ron war? Als sein Zauberstab zu Bruch ging, beim Absturz des Autos? Der war nie mehr, wie er vorher mal war, er musste sich einen neuen besorgen.«
Harry dachte an Ollivander, von Voldemort entführt und als Geisel festgehalten, an Gregorowitsch, der tot war. Wie sollte er sich einen neuen Zauberstab beschaffen?
»Na gut«, sagte er mit gespielt nüchterner Stimme, »dann leih ich mir fürs Erste einfach mal deinen aus. Während ich Wache halte.«
Mit tränennassem Gesicht reichte Hermine ihm ihren Zauberstab, und er ließ sie an seinem Bett sitzend zurück, wollte nichts wie weg von ihr.
Leben und Lügen des Albus Dumbledore
Die Sonne ging auf: Klar und farblos erstreckte sich der weite Himmel über ihm, gleichgültig gegen ihn und sein Leid. Harry setzte sich in den Zelteingang und atmete tief die saubere Luft ein. Einfach nur am Leben zu sein und die Sonne über dem glitzernden, verschneiten Hang aufgehen zu sehen, sollte eigentlich der größte Schatz auf Erden sein, doch er konnte es nicht genießen: Seine Sinne waren in Aufruhr über das Unglück, seinen Zauberstab verloren zu haben. Er blickte hinaus über ein Tal, das unter einer Schneedecke lag, ferne Kirchenglocken läuteten in der glitzernden Stille.
Unwillkürlich grub er sich die Finger in die Arme, als ob er versuchte, einem körperlichen Schmerz standzuhalten. Er konnte nicht mehr sagen, wie oft er sein Blut schon vergossen hatte; einmal hatte er alle Knochen seines rechten Arms verloren; auf dieser Reise hatte er sich bereits Narben an der Brust und am Unterarm zugezogen, die noch zu denen auf seiner Hand und Stirn dazukamen, doch bis zu diesem Moment hatte er sich nie so tödlich geschwächt, so verletzlich und nackt gefühlt, als wäre ihm der größte Teil seiner magischen Kraft entrissen worden. Er wusste genau, was Hermine sagen würde, wenn er etwas davon zur Sprache bringen würde: Der Zauberstab ist nur so gut wie der Zauberer. Aber sie irrte sich, in seinem Fall war es anders. Sie hatte nicht gespürt, wie sich der Zauberstab wie eine Kompassnadel gedreht und goldene Flammen auf seinen Feind abgeschossen hatte. Er hatte den Schutz der Zwillingskerne verloren, und erst jetzt, da er verloren war, erkannte er, wie sehr er sich auf ihn verlassen hatte.
Er zog die Einzelteile des zerbrochenen Zauberstabs aus der Tasche und steckte sie ohne einen Blick darauf in Hagrids Beutel, der um seinen Hals hing. Der Beutel war jetzt so voll mit kaputten und nutzlosen Dingen, dass kein Platz mehr darin war. Harrys Hand spürte den alten Schnatz durch das Eselsfell, und einen Moment lang musste er gegen die Versuchung ankämpfen, ihn herauszuholen und wegzuwerfen. Unergründlich, nutzlos, unbrauchbar wie alles, was Dumbledore hinterlassen hatte –
Und sein Zorn auf Dumbledore brach über ihn herein wie Lava, glühte ihn aus, fegte jedes andere Gefühl beiseite. Aus purer Verzweiflung hatten sie sich eingeredet, dass Godric’s Hollow Antworten bereithielte, und sich gegenseitig davon überzeugt, dass sie zurückgehen sollten, dass alles Teil eines geheimen Weges sei, den Dumbledore für sie vorgezeichnet hatte; aber es gab keine Karte, keinen Plan. Dumbledore hatte sie im Dunkeln tappend zurückgelassen, sie mussten allein und ohne Hilfe mit unbekannten und ungeahnten Schrecken kämpfen: Nichts wurde ihnen erklärt, nichts bekamen sie umsonst, sie hatten kein Schwert, und jetzt hatte Harry auch keinen Zauberstab mehr. Und er hatte das Foto des Diebes fallen lassen, und für Voldemort würde es nun sicher leicht sein, herauszufinden, wer dieser Dieb war … Voldemort hatte jetzt alles, was er wissen musste …
»Harry?«
Hermine sah aus, als fürchtete sie, er könnte ihr mit ihrem eigenen Zauberstab einen Fluch anhängen. Mit verweintem Gesicht hockte sie sich neben ihn, zwei Tassen Tee in ihren zitternden Händen und unter dem Arm etwas Sperriges.
»Danke«, sagte er und nahm eine der Tassen.
»Hast du was dagegen, wenn ich mit dir rede?«
»Nein«, sagte er, weil er sie nicht verletzen wollte.
»Harry, du wolltest wissen, wer dieser Mann auf dem Bild war. Also … ich hab das Buch.«
Zaghaft schob sie es in seinen Schoß, ein druckfrisches Exemplar von Leben und Lügen des Albus Dumbledore.
»Wo – wie –?«
»Es war in Bathildas Wohnzimmer, lag einfach da rum … dieser Zettel ragte oben raus.«
Hermine las die wenigen Zeilen in spitzer giftgrüner Handschrift laut vor:
»Liebe Batty, danke für deine Hilfe. Hier ist ein Exemplar des Buches, ich hoffe, es gefällt dir. Du hast das alles gesagt, auch wenn du dich nicht mehr daran erinnerst. Rita. Ich glaube, es muss angekommen sein, als die echte Bathilda noch am Leben war, aber vielleicht hatte sie schon nicht mehr die Kraft, es zu lesen?«
»Nein, wahrscheinlich nicht.«
Harry sah hinab auf Dumbledores Gesicht und verspürte grimmige Genugtuung: Jetzt würde er all die Dinge erfahren, die Dumbledore nie für erwähnenswert gehalten hatte, und Dumbledore konnte nichts mehr dagegen tun.
»Du bist immer noch wirklich wütend auf mich, oder?«, sagte Hermine; er blickte auf, und als er neue Tränen aus ihren Augen quellen sah, wusste er, dass ihm sein Zorn wohl am Gesicht anzumerken war.
»Nein«, sagte er leise. »Nein, Hermine. Ich weiß, dass es ein Unfall war. Du hast versucht, uns lebend dort rauszukriegen, und du warst sagenhaft. Ich wäre tot, wenn du nicht da gewesen wärst und mir geholfen hättest.«
Er versuchte ihr feuchtes Lächeln zu erwidern, dann wandte er sich dem Buch zu. Der Buchrücken war steif; offensichtlich war es noch nie aufgeschlagen worden. Er durchblätterte die Seiten auf der Suche nach Fotos. Es dauerte nicht lange, dann stieß er auf das, welches er suchte, mit dem jungen Dumbledore und seinem hübschen Gefährten, die herzhaft über einen längst vergessenen Witz lachten. Harry senkte den Blick auf die Bildunterschrift.
Albus Dumbledore, kurz nach dem Tod seiner Mutter, mit seinem Freund Gellert Grindelwald.
Beim letzten Wort blieb Harry einige Sekunden lang der Mund offen stehen. Grindelwald. Sein Freund Grindelwald. Er blickte seitwärts zu Hermine, die immer noch auf den Namen sah, als traute sie ihren Augen nicht. Langsam hob sie den Blick zu Harry.
»Grindelwald?«
Harry beachtete die übrigen Fotos nicht und suchte auf den Seiten um sie herum, ob der unheilvolle Name irgendwo noch einmal erwähnt war. Er entdeckte ihn schnell und las begierig, kam jedoch nicht richtig mit: Er musste weiter zurückgehen, um den Zusammenhang zu verstehen, und schließlich fand er sich am Beginn eines Kapitels mit dem Titel »Das größere Wohl«. Gemeinsam mit Hermine begann er zu lesen:
Nun stand Dumbledores achtzehnter Geburtstag bevor, und er verließ Hogwarts im Ruhmesglanz – Schulsprecher, Vertrauensschüler, Gewinner des Barnabus-Finkley-Preises für Außergewöhnliche Zauberei, Britischer Jugendvertreter beim Zaubergamot, Gewinner der Goldmedaille für einen bahnbrechenden Beitrag zur Internationalen Alchemistenkonferenz in Kairo. Dumbledore hatte die Absicht, als Nächstes zu einer Bildungsreise aufzubrechen, zusammen mit Elphias »Doggenpuste« Doge, dem einfältigen, aber treuen Gefährten, den er sich in der Schule zugelegt hatte.
Die beiden jungen Männer hatten sich im Tropfenden Kessel in London einquartiert und bereiteten sich gerade auf die Abreise nach Griechenland am folgenden Morgen vor, als eine Eule mit der Nachricht eintraf, dass Dumbledores Mutter gestorben war. »Doggenpuste« Doge, der ein Interview für dieses Buch verweigerte, hat der Öffentlichkeit seine eigene, rührselige Version dessen aufgetischt, was dann passierte. Er stellt Kendras Tod als einen tragischen Schicksalsschlag dar, und Dumbledores Entscheidung, seine Expedition aufzugeben, als einen Akt großmütiger Selbstaufopferung.
Zweifellos kehrte Dumbledore sofort nach Godric’s Hollow zurück, angeblich, um für seine jüngeren Geschwister zu »sorgen«. Aber wie viel Sorge ließ er ihnen wirklich zuteilwerden?
»Der war ’n Spinner, dieser Aberforth«, sagt Enid Smeek, deren Familie damals am Rand von Godric’s Hollow lebte. »Völlig verwildert. Klar, wo seine Mum und sein Dad jetzt gestorben war’n, da hätt er einem leidtun können, nur hat er mir die ganze Zeit Ziegenmist an den Kopf geschmissen. Ich glaub nich, dass Albus sich groß um den gekümmert hat, ich hab die jedenfalls nie zusammen gesehen.«
Aber was tat Albus dann, wenn er nicht seinen ungestümen kleinen Bruder tröstete? Die Antwort lautet offenbar, er stellte sicher, dass seine Schwester auch weiterhin in Gefangenschaft lebte. Denn obwohl ihre erste Kerkermeisterin gestorben war, änderte sich an dem bedauerlichen Zustand von Ariana Dumbledore nichts. Dass sie überhaupt existierte, wussten nach wie vor nur jene wenigen Außenstehenden, die wie »Doggenpuste« Doge garantiert an die Geschichte von ihrer »schlechten Gesundheit« glaubten.
Eine andere Freundin der Familie, die sich genauso leicht abspeisen ließ, war Bathilda Bagshot, die berühmte magische Historikerin, die seit vielen Jahren in Godric’s Hollow lebt. Kendra hatte Bathilda natürlich vor den Kopf gestoßen, als die zunächst versucht hatte, die Familie im Dorf willkommen zu heißen. Einige Jahre später jedoch schickte die Autorin eine Eule zu Albus nach Hogwarts, da sein Aufsatz über Trans-Spezies-Transfiguration in Verwandlung Heute sie sehr beeindruckt hatte. Dieser erste Kontakt führte schließlich zur Bekanntschaft mit der gesamten Familie Dumbledore. Zum Zeitpunkt von Kendras Tod war Bathilda der einzige Mensch in Godric’s Hollow, mit dem Dumbledores Mutter überhaupt redete.
Leider hat die geistige Brillanz, die Bathilda in ihrem früheren Leben an den Tag legte, inzwischen nachgelassen. »Das Feuer brennt, aber der Kessel ist leer«, wie Ivor Dillonsby es mir gegenüber formulierte, oder, um es mit Enid Smeeks Worten etwas derber zu sagen: »Sie ist nicht ganz sauber.« Dennoch gelang es mir, ihr mit einer Kombination altbewährter journalistischer Techniken genügend harte Fakten zu entlocken, um die ganze skandalöse Geschichte der Reihe nach erzählen zu können.
Wie der Rest der Zaubererwelt schreibt Bathilda Kendras vorzeitigen Tod einem »fehlgeschlagenen Zauber« zu, eine Geschichte, die Albus und Aberforth in späteren Jahren wiederholt haben. Bathilda betet außerdem nach, was die Familie über Ariana sagt, und nennt sie »zerbrechlich« und »zart«. Bei einem Thema jedoch ist Bathilda die Mühe durchaus wert, die mich die Beschaffung von Veritaserum gekostet hat, denn sie und nur sie allein kennt die ganze Geschichte des bestgehüteten Geheimnisses in Albus Dumbledores Leben. Nun zum ersten Mal offengelegt, stellt es alles in Frage, was Dumbledores Bewunderer über ihn dachten: seinen angeblichen Hass auf die dunklen Künste, seinen Widerstand gegen die Unterdrückung der Muggel, sogar seine Liebe zu seiner Familie.
In ebendem Sommer, in dem Dumbledore nach Godric’s Hollow heimkehrte, nun als Waise und Oberhaupt der Familie, erklärte sich Bathilda Bagshot bereit, ihren Großneffen bei sich zu Hause aufzunehmen, Gellert Grindelwald.
Der Name Grindelwald ist zu Recht berühmt: In einer Liste der gefährlichsten schwarzen Magier aller Zeiten würde er den ersten Platz nur deshalb verfehlen, weil eine Generation später Du-weißt-schon-wer erschien und ihm die Krone stahl. Da Grindelwald seine Terrorkampagne jedoch nie auf Britannien ausdehnte, sind die Einzelheiten seines Aufstiegs zur Macht hierzulande in weiten Kreisen nicht bekannt.
In Durmstrang ausgebildet, einer Schule, die schon damals für ihre missliche Toleranz gegenüber den dunklen Künsten berühmt war, erwies sich Grindelwald als ebenso frühreif und brillant wie Dumbledore. Doch anstatt seine Fähigkeiten darauf zu verwenden, Auszeichnungen und Preise zu erlangen, widmete sich Gellert Grindelwald anderen Zielen. Als er sechzehn Jahre alt war, konnte man selbst in Durmstrang angesichts der verqueren Experimente von Gellert Grindelwald kein Auge mehr zudrücken, und er wurde von der Schule verwiesen.
Bisher war von Grindelwalds nächsten Schritten nur bekannt, dass er »für einige Monate ins Ausland« reiste. An dieser Stelle kann nun enthüllt werden, dass Grindelwald sich entschied, seine Großtante in Godric’s Hollow zu besuchen, und dass er dort, wie extrem schockierend dies auch für viele Ohren klingen mag, eine enge Freundschaft mit niemand anderem als Albus Dumbledore schloss.
»Für mich war er ein reizender Junge«, plappert Bathilda, »egal was später aus ihm wurde. Natürlich habe ich ihn dem armen Albus vorgestellt, der die Gesellschaft von gleichaltrigen Jungs vermisste. Die beiden waren sofort ein Herz und eine Seele.«
In der Tat. Bathilda zeigt mir einen von ihr aufbewahrten Brief, den Albus Dumbledore tief in der Nacht an Gellert Grindelwald geschickt hat.
»Ja, sogar nachdem sie den ganzen Tag lang diskutiert hatten – beide waren so glänzende junge Burschen, da war richtig Feuer im Kessel –, hörte ich manchmal mitten in der Nacht eine Eule an Gellerts Schlafzimmerfenster tippen, die einen Brief von Albus überbrachte! Dann war ihm wohl eine Idee gekommen und die musste er Gellert sofort mitteilen!«
Und was für Ideen das waren. Auch wenn Albus Dumbledores Anhänger es zutiefst schockierend finden werden – hier sind die Gedanken ihres siebzehnjährigen Helden, wie er sie seinem neuen besten Freund darlegte (eine Kopie des Originalbriefs ist auf Seite 463 zu sehen):
Gellert –
deine Überlegung, dass die Herrschaft der Zauberer ZUM WOHL DER MUGGEL ist – das, denke ich, ist der entscheidende Punkt. Ja, es wurde uns Macht verliehen, und ja, diese Macht gibt uns das Recht zu herrschen, aber sie bringt uns auch Verpflichtungen gegenüber den Beherrschten. Wir müssen diesen Punkt unterstreichen, er wird der Grundstein sein, auf dem wir bauen. Wo man sich uns widersetzt, was gewiss der Fall sein wird, muss dies die Basis all unserer Gegenargumente sein. Wir übernehmen die Kontrolle FÜR DAS GRÖSSERE WOHL. Und daraus folgt, dass wir dort, wo wir auf Widerstand stoßen, nur die Gewalt einsetzen dürfen, die notwendig ist, und nicht mehr. (Das war dein Fehler in Durmstrang! Aber ich will mich nicht beklagen, denn wenn man dich nicht rausgeworfen hätte, hätten wir uns nie getroffen.)
Albus
So erstaunt und entsetzt seine vielen Bewunderer auch sein mögen, dieser Brief ist der Beweis dafür, dass Albus Dumbledore einst davon träumte, das Geheimhaltungsabkommen umzuwerfen und die Herrschaft der Zauberer über die Muggel zu errichten. Was für ein Schlag für diejenigen, die Dumbledore immer als den größten Fürsprecher der Muggelstämmigen dargestellt haben! Wie hohl wirken seine Reden zugunsten der Muggelrechte im Lichte dieser vernichtenden neuen Beweise! Wie verachtenswert erscheint uns nun Albus Dumbledore, der eifrig seinen Aufstieg zur Macht plante, während er doch seine Mutter hätte betrauern und seine Schwester hätte umsorgen sollen!
Zweifellos werden diejenigen, die entschlossen sind, Dumbledore auf seinem bröckelnden Podest zu halten, weinerlich versichern, dass er seine Pläne letzten Endes nicht in die Tat umgesetzt hat, dass er einen Sinneswandel erlebt haben muss, dass er zur Vernunft kam. Doch die Wahrheit ist offenbar viel entsetzlicher.
Kaum zwei Monate waren vergangen, seit sie ihre große neue Freundschaft geschlossen hatten, da trennten sich Dumbledore und Grindelwald und sahen sich nie wieder, bis sie zu ihrem legendären Duell aufeinandertrafen (mehr dazu in Kapitel 22). Was führte zu dem plötzlichen Bruch? War Dumbledore zur Besinnung gekommen? Hatte er Grindelwald erklärt, dass er mit seinen Plänen nichts mehr zu tun haben wollte? Leider nein.
»Es lag, glaube ich, daran, dass die arme kleine Ariana gestorben ist«, sagt Bathilda. »Es war ein ungeheurer Schock. Gellert war drüben bei ihnen, als es passierte, und er kam ganz durcheinander zu mir ins Haus zurück, meinte, er wolle am nächsten Tag heimreisen. Furchtbar aufgewühlt, wissen Sie. Also habe ich einen Portschlüssel besorgt und seither habe ich ihn nicht mehr gesehen.
Albus war außer sich wegen Arianas Tod. Es war so grausam für diese beiden Brüder. Sie hatten die ganze Familie verloren und hatten jetzt nur noch einander. Kein Wunder, dass die Stimmung zwischen ihnen ein wenig gereizt war. Aberforth gab Albus die Schuld, wissen Sie, wie Leute das eben tun unter solch schrecklichen Umständen. Doch Aberforth hat immer ein wenig verrücktes Zeug geredet, der arme Junge. Und trotzdem, dass er Albus bei der Beerdigung die Nase gebrochen hat, war nicht nett. Kendra wäre am Boden zerstört gewesen, wenn sie ihre Söhne so hätte streiten sehen, am Sarg ihrer Tochter. Ein Jammer, dass Gellert nicht bis zum Begräbnis bleiben konnte … er wäre wenigstens ein Trost für Albus gewesen …«
Dieser fürchterliche Streit am offenen Grab, von dem nur die wenigen wissen, die bei Ariana Dumbledores Beerdigung dabei waren, wirft mehrere Fragen auf. Warum hat Aberforth Dumbledore eigentlich seinen Bruder Albus für den Tod der Schwester verantwortlich gemacht? Geschah es, wie »Batty« vorgibt, nur aus der großen Trauer heraus? Oder könnte es irgendeinen konkreteren Grund für seine Wut gegeben haben? Grindelwald, der wegen beinahe tödlicher Angriffe auf Mitschüler aus Durmstrang hinausgeworfen worden war, floh Stunden nach dem Tod des Mädchens außer Landes, und Albus sah ihn nie wieder (aus Scham oder aus Furcht?), bis ihn die dringenden Bitten der Zaubererwelt dazu zwangen.
Weder Dumbledore noch Grindelwald scheinen in ihrem späteren Leben diese kurze Jungenfreundschaft jemals erwähnt zu haben. Allerdings kann es keinen Zweifel daran geben, dass Dumbledore seinen Angriff auf Gellert Grindelwald etwa fünf Jahre lang hinauszögerte, eine Zeit des Aufruhrs, in der es zu Todesopfern und Entführungen kam. War es immer noch die Zuneigung zu diesem Mann, oder die Angst, dass öffentlich würde, dass er einst sein bester Freund gewesen war, die Dumbledore zögern ließ? Machte sich Dumbledore nur widerstrebend auf, den Mann zu fassen, über dessen Bekanntschaft er sich einst so gefreut hatte?
Und wie starb die geheimnisumwitterte Ariana? War sie das unbeabsichtigte Opfer irgendeines schwarzmagischen Ritus? Stieß sie auf etwas, das sie nicht hätte mitbekommen sollen, als die beiden jungen Männer gerade Übungen machten, um dereinst den Weg zu Ruhm und Herrschaft antreten zu können? Ist es möglich, dass Ariana Dumbledore der erste Mensch war, der »für das größere Wohl« gestorben ist?
Hier endete das Kapitel und Harry blickte auf. Hermine war vor ihm unten auf der Seite angelangt. Sie zog ihm das Buch aus den Händen, offenbar leicht beunruhigt über seinen Gesichtsausdruck, und ohne einen weiteren Blick darauf klappte sie es zu, als wollte sie etwas Ungehöriges verbergen.
»Harry –«
Doch er schüttelte den Kopf. Eine innere Gewissheit war in ihm zusammengebrochen; genauso hatte er sich auch gefühlt, als Ron gegangen war. Er hatte Dumbledore vertraut, hatte geglaubt, dass er der Inbegriff von Güte und Weisheit war. Alles lag in Trümmern: Wie viel konnte er noch verlieren? Ron, Dumbledore, den Phönix-Zauberstab …
»Harry.« Sie schien seine Gedanken vernommen zu haben. »Hör mir zu. Das – das zu lesen ist nicht sonderlich schön –«
»– ja, das kann man wohl sagen –«
»– aber vergiss nicht, Harry, das hat Rita Kimmkorn geschrieben.«
»Du hast diesen Brief an Grindelwald gelesen, oder?«
»Ja, das – das hab ich.« Sie zögerte, schien durcheinander und klammerte sich mit ihren kalten Händen an den Teebecher. »Ich glaube, das ist der schlimmste Teil. Ich weiß, Bathilda dachte, dass das alles nur Gerede wäre, aber ›Für das größere Wohl‹ wurde zu Grindelwalds Motto, zu seiner Rechtfertigung aller Gräueltaten, die er später beging. Und … so wie es aussieht … hat er die Idee von Dumbledore. Es heißt, ›Für das größere Wohl‹ sei sogar über dem Eingang von Nurmengard eingemeißelt gewesen.«
»Was ist Nurmengard?«
»Das Gefängnis, das Grindelwald bauen ließ, um seine Gegner dort gefangen zu halten. Er ist selber dort gelandet, nachdem Dumbledore ihn gefasst hatte. Wie auch immer, es ist – es ist ein schrecklicher Gedanke, dass Dumbledores Ideen Grindelwald halfen, an die Macht zu kommen. Doch andererseits kann nicht einmal Rita behaupten, dass sie sich mehr als ein paar Monate gekannt hätten, in einem Sommer, als sie beide noch ziemlich jung waren, und –«
»Ich dachte mir, dass du das sagen würdest«, erwiderte Harry. Er wollte seinen Zorn nicht an ihr auslassen, doch es fiel ihm schwer, seine Stimme ruhig zu halten. »Ich dachte mir, dass du sagen würdest, ›sie waren jung‹. Sie waren genauso alt wie wir heute. Und wir riskieren hier unser Leben, um gegen die dunklen Künste zu kämpfen, während er und sein neuer bester Freund damals die Köpfe zusammensteckten und Pläne schmiedeten, wie sie die Macht über die Muggel erringen können.«
Seine Wut ließ sich nicht mehr länger bändigen: Er stand auf und ging umher, um sich ein wenig abzureagieren.
»Ich will nicht verteidigen, was Dumbledore geschrieben hat«, sagte Hermine. »All dieser Quatsch von wegen ›Recht auf Herrschaft‹, das ist nur ›Magie ist Macht‹ neu aufgewärmt. Aber Harry, seine Mutter war gerade gestorben, er saß da allein in dem Haus –«
»Allein? Er war nicht allein! Er hatte seinen Bruder und seine Schwester zur Gesellschaft, seine Squib-Schwester, die er nach wie vor eingesperrt ließ –«
»Das glaube ich nicht«, sagte Hermine. Auch sie stand auf. »Was immer mit diesem Mädchen nicht stimmte, ich glaube nicht, dass sie eine Squib war. Der Dumbledore, den wir kannten, hätte nie und nimmer zugelassen –«
»Der Dumbledore, von dem wir dachten, dass wir ihn kannten, wollte die Muggel nicht mit Gewalt unterwerfen!«, rief Harry, und seine Stimme schallte über den kahlen Hügel, worauf mehrere Amseln in die Luft stiegen und sich kreischend in den perlweißen Himmel schraubten.
»Er hat sich verändert, Harry, er hat sich verändert! So einfach ist das! Vielleicht hat er an solche Sachen geglaubt, als er siebzehn war, aber den ganzen Rest seines Lebens hat er dem Kampf gegen die dunklen Künste gewidmet! Dumbledore war es, der Grindelwald aufhielt, er war es, der immer für den Schutz der Muggel und für die Rechte der Muggelstämmigen eingetreten ist, der von Anfang an gegen Du-weißt-schon-wen gekämpft hat und bei dem Versuch starb, ihn zu stürzen!«
Ritas Buch lag zwischen ihnen auf der Erde, so dass Albus Dumbledores Gesicht sie beide traurig anlächelte.
»Harry, tut mir leid, aber ich glaube, der wirkliche Grund, weshalb du so zornig bist, ist, dass Dumbledore dir nie selbst irgendetwas davon erzählt hat.«
»Mag sein!«, brüllte Harry und warf sich die Arme über den Kopf, ohne recht zu wissen, ob er damit seine Wut zügeln oder sich vor der Last seiner zerstörten Illusionen abschirmen wollte. »Überleg mal, was er von mir verlangt hat, Hermine! Riskier dein Leben, Harry! Und noch mal! Und noch mal! Und erwarte nicht von mir, dass ich dir alles erkläre, vertrau mir einfach blindlings, vertrau darauf, dass ich weiß, was ich tue, vertrau mir, auch wenn ich dir nicht vertraue! Nie die ganze Wahrheit! Nie!«
Seine Stimme überschlug sich vor Anstrengung, und sie standen da und sahen einander an in der weißen Leere, und Harry kam es vor, als wären sie so unbedeutend wie Insekten unter diesem weiten Himmel.
»Er hat dich geliebt«, flüsterte Hermine. »Ich weiß, dass er dich geliebt hat.«
Harry ließ die Arme sinken.
»Ich weiß nicht, wen er geliebt hat, Hermine, mich jedenfalls bestimmt nicht. Das ist keine Liebe, diese Misere, in der er mich zurückgelassen hat. Er hat Gellert Grindelwald verdammt viel mehr von dem anvertraut, was er wirklich dachte, als er mir jemals erzählt hat.«
Harry hob Hermines Zauberstab auf, den er in den Schnee hatte fallen lassen, und setzte sich wieder in den Eingang des Zeltes.
»Danke für den Tee. Ich mach die Wache noch zu Ende. Geh du wieder ins Warme.«
Sie zögerte, begriff aber, dass er sie zurückwies. Sie hob das Buch auf und ging an ihm vorbei ins Zelt, strich dabei jedoch mit der Hand leicht über seinen Kopf. Er schloss die Augen, als sie ihn berührte, und hasste sich dafür, dass er wünschte, ihre Worte wären wahr: dass er Dumbledore wirklich wichtig gewesen war.
Die silberne Hirschkuh
Es schneite, als Hermine um Mitternacht die Wache übernahm. Harry hatte wirre und beunruhigende Träume: Nagini wand sich durch seinen Schlaf, schlang sich erst durch einen gigantischen zerbrochenen Ring und dann durch einen Kranz aus Christrosen. Immer wieder erwachte er voller Panik, überzeugt, dass jemand aus der Ferne nach ihm gerufen hatte, und bildete sich ein, dass der Wind, der um das Zelt peitschte, das Geräusch von Schritten oder Stimmen war.
Schließlich stand er im Dunkeln auf und ging zu Hermine, die im Zelteingang kauerte und im Licht ihres Zauberstabs Geschichte der Zauberei las. Noch immer herrschte dichtes Schneetreiben, und sie war erleichtert über seinen Vorschlag, früh zu packen und weiterzuziehen.
»Wir suchen uns einen Platz, der besser geschützt ist«, fand auch sie und zog sich bibbernd ein Sweatshirt über ihren Schlafanzug. »Mir war andauernd, als würde ich draußen Leute herumlaufen hören. Ein-, zweimal dachte ich sogar, ich hätte jemanden gesehen.«
Harry, der sich gerade einen Pullover überzog, hielt inne und warf einen Blick auf das stumme, reglose Spickoskop auf dem Tisch.
»Das hab ich mir bestimmt nur eingebildet«, sagte Hermine mit nervösem Blick, »der Schnee im Dunkeln, der täuscht die Augen … aber sollten wir nicht für alle Fälle besser unter dem Tarnumhang disapparieren?«
Eine halbe Stunde später war das Zelt gepackt, und sie disapparierten, Harry mit dem Horkrux um den Hals und Hermine mit der Perlentasche in der Hand. Wie immer brach drückende Enge über sie herein; Harrys Füße lösten sich von dem schneebedeckten Boden und schlugen dann hart wieder auf, offenbar auf gefrorener, mit Blättern bedeckter Erde.
»Wo sind wir?«, fragte er, schaute sich um und sah wieder eine große Anzahl von Bäumen, während Hermine die Perlentasche öffnete und Zeltstangen herauszog.
»Im Forest of Dean«, sagte sie. »Ich war hier mal mit meiner Mum und meinem Dad zelten.«
Auch hier lag Schnee ringsum auf den Bäumen, und es war bitterkalt, doch zumindest waren sie vor dem Wind geschützt. Sie verbrachten den Tag überwiegend im Zelt und wärmten sich dicht zusammengedrängt an den nützlichen hellblauen Flammen, die Hermine so geschickt erzeugte und die man hochnehmen und in einem Gefäß umhertragen konnte. Harry fühlte sich, als würde er gerade von einer kurzen, aber schweren Krankheit genesen, und dass Hermine so fürsorglich war, verstärkte diesen Eindruck. Am Nachmittag wehten neue Flocken zu ihnen herab, so dass selbst ihre geschützte Lichtung bald mit frischem Pulverschnee bedeckt war.
Nach zwei Nächten, in denen er wenig geschlafen hatte, schienen Harrys Sinne schärfer als sonst. Sie waren so knapp aus Godric’s Hollow entkommen, dass ihm Voldemort näher und bedrohlicher vorkam als zuvor. Als es erneut dämmerte, schlug Harry Hermines Angebot aus, die Wache zu übernehmen, und sagte ihr, sie solle zu Bett gehen.
Harry legte ein altes Kissen in den Zelteingang und setzte sich, vor Kälte zitternd, obwohl er alle Pullover trug, die er hatte. Stunden verstrichen, und die Dunkelheit vertiefte sich, bis sie fast undurchdringlich war. Er wollte gerade die Karte des Rumtreibers herausholen, um für eine Weile Ginnys Punkt zu beobachten, als ihm einfiel, dass Weihnachtsferien waren und sie daheim im Fuchsbau sein würde.
In dem endlosen Wald schien jede kleine Bewegung wie vergrößert. Harry war klar, dass er voller Lebewesen sein musste, doch er wünschte, sie würden alle still und reglos bleiben, denn er konnte ihr harmloses Trippeln und Herumschleichen nicht von Geräuschen unterscheiden, die womöglich andere, unheilvolle Bewegungen kundtaten. Er erinnerte sich an das Rascheln eines Umhangs, der vor vielen Jahren über tote Blätter gestreift war, und glaubte sofort, es wieder zu hören, bis er solche Gedanken dann abschüttelte. Ihre Schutzzauber hatten wochenlang gewirkt; warum sollten sie jetzt brechen? Und doch wurde er das Gefühl nicht los, dass heute Nacht irgendetwas anders war.
Mehrmals zuckte er hoch, mit schmerzendem Nacken, weil er unbequem gegen die Zeltwand gesackt und eingeschlafen war. Die Nacht erreichte nun eine solch samtene, tiefe Schwärze, dass es ihm vorkam, als ob er im Irgendwo zwischen Disapparieren und Apparieren hängen geblieben wäre. Er hatte gerade die Hand vor sein Gesicht gehalten, um zu sehen, ob er seine Finger erkennen konnte, da geschah es.
Ein helles silbernes Licht tauchte direkt vor ihm auf und bewegte sich durch die Bäume. Woher es auch stammte, es bewegte sich lautlos. Das Licht schien einfach auf ihn zuzuschweben.
Er sprang auf und hob Hermines Zauberstab, die Stimme gefror ihm im Hals. Er kniff die Augen zusammen, als das Licht ihn zu blenden begann, die Bäume davor pechschwarze Umrisse, und noch immer kam das Ding näher …
Und dann trat die Quelle des Lichtes hinter einer Eiche hervor. Es war eine silbrig weiße Hirschkuh, mondhell und strahlend, die sich immer noch lautlos ihren Weg auf dem Waldboden suchte, ohne in dem pulvrigen Schnee Hufabdrücke zu hinterlassen. Sie kam auf ihn zu, ihren schönen Kopf mit den großen Augen und langen Wimpern hoch erhoben.
Harry starrte das Geschöpf an, zutiefst erstaunt, nicht weil es ihm fremd, sondern weil es ihm so unerklärlich vertraut vorkam. Es war, als hätte er ihr Kommen erwartet, doch bis zu diesem Augenblick vergessen, dass sie sich verabredet hatten. Das Bedürfnis, nach Hermine zu rufen, das er eben noch so heftig verspürt hatte, war verschwunden. Er wusste, und er hätte sein Leben darauf gesetzt, dass sie zu ihm gekommen war, und nur zu ihm.
Sie sahen sich eine ganze Zeit lang an, dann wandte sich die Hirschkuh ab und zog davon.
»Nein«, sagte er, mit brüchiger Stimme, da er sie so lange nicht gebraucht hatte. »Komm zurück!«
Sie schritt bedächtig weiter zwischen den Bäumen hindurch und bald bildeten die dicken schwarzen Stämme Streifen auf ihrem Glanz. Eine bange Sekunde lang zögerte er. Die Vorsicht flüsterte: Das könnte ein Trick, ein Köder, eine Falle sein. Doch der Instinkt, der übermächtige Instinkt, sagte ihm, dass dies keine schwarze Magie war. Er ging los und folgte ihr.
Schnee knirschte unter seinen Füßen, aber die Hirschkuh verursachte kein Geräusch, während sie zwischen den Bäumen hindurchstreifte, denn sie war nichts als Licht. Immer tiefer in den Wald führte sie ihn, und Harry ging zügig hinter ihr her, denn wenn sie einmal stehen blieb, würde sie ihm gewiss erlauben, ganz nahe zu ihr zu kommen. Und dann würde sie sprechen, und die Stimme würde ihm sagen, was er wissen musste.
Endlich machte sie Halt. Noch einmal wandte sie ihren schönen Kopf zu ihm um, und er rannte los, mit seiner brennenden Frage, doch als er die Lippen öffnete, um sie auszusprechen, verschwand die Hirschkuh.
Obwohl die Dunkelheit sie vollständig verschluckt hatte, war ihr glänzendes Bild noch in seine Netzhaut eingeprägt; es störte seine Sicht, wurde heller, wenn er die Lider senkte, und verwirrte ihn. Nun kam Furcht in ihm auf: Ihre Gegenwart hatte bedeutet, dass er sicher war.
»Lumos!«, flüsterte er und die Spitze seines Zauberstabs flammte auf.
Das Nachbild der Hirschkuh verblasste mit jedem Lidschlag, und er stand da und lauschte den Lauten des Waldes, dem fernen Knacken von Zweigen, dem sanften Rascheln von Schnee. Kam gleich ein Angriff? Hatte sie ihn in einen Hinterhalt gelockt? Bildete er sich nur ein, dass jemand außer Reichweite des Zauberstablichts stand und ihn beobachtete?
Er hielt den Zauberstab höher. Niemand stürmte auf ihn zu, kein grüner Lichtblitz zuckte hinter einem Baum hervor. Warum hatte sie ihn dann zu dieser Stelle geführt?
Im Licht des Zauberstabs schimmerte etwas, und Harry wirbelte herum, doch da war nichts weiter als ein kleiner gefrorener Weiher, dessen zersprungene schwarze Oberfläche glitzerte, als er den Zauberstab höher hob, um ihn genauer zu betrachten.
Er trat recht vorsichtig näher und sah hinab. Das Eis warf seinen verzerrten Schatten und den Lichtstrahl des Zauberstabs zurück, doch tief unter dem dicken, neblig grauen Eispanzer funkelte noch etwas anderes. Ein großes silbernes Kreuz … Sein Herz machte einen Sprung: Er ließ sich am Rand des Weihers auf die Knie fallen und hielt den Zauberstab so schräg, dass er seinen Grund möglichst weit ausleuchtete. Ein glutrotes Funkeln … es war ein Schwert mit glitzernden Rubinen am Griff … das Schwert von Gryffindor lag am Boden des Waldweihers.
Kaum atmend starrte er darauf hinab. Wie war das möglich? Wie war es in einen Waldweiher gekommen, so nahe der Stelle, wo sie ihr Lager aufgeschlagen hatten? Hatte irgendein unbekannter Zauber Hermine hierhergezogen, oder war die Hirschkuh, die er für einen Patronus gehalten hatte, eine Art Wächterin des Weihers? Oder war das Schwert nach ihrer Ankunft in den Weiher geworfen worden, eben weil sie hier waren? Und wo war dann die Person, die es Harry geben wollte? Erneut richtete er den Zauberstab auf die Bäume und Büsche ringsum, suchte nach menschlichen Umrissen, nach dem Funkeln eines Auges, aber er konnte niemanden sehen. Und dennoch trübte ein wenig mehr Angst seine Begeisterung, als er sich wieder dem Schwert zuwandte, das auf dem Grund des zugefrorenen Weihers lag.
Er richtete den Zauberstab auf das silbrige Gebilde und murmelte: »Accio Schwert!«
Es bewegte sich nicht. Er hatte es auch nicht erwartet. Wenn es so einfach gewesen wäre, dann hätte das Schwert auf der Erde gelegen, wo er es nur hätte aufheben müssen, und nicht in den Tiefen eines vereisten Weihers. Er ging an dem gefrorenen Rund entlang und versuchte sich angestrengt daran zu erinnern, wie es beim letzten Mal gewesen war, als das Schwert sich ihm zur Verfügung gestellt hatte. Er hatte damals in schrecklicher Gefahr geschwebt und um Hilfe gebeten.
»Hilfe«, murmelte er, aber das Schwert blieb auf dem Grund des Weihers, gleichgültig, regungslos.
Was war es, fragte sich Harry (während er weiterging), das Dumbledore beim letzten Mal zu ihm gesagt hatte, als er das Schwert zurückbekam? Nur ein wahrer Gryffindor hätte das aus dem Hut ziehen können. Und was waren die Eigenschaften, die einen Gryffindor kennzeichneten? Eine leise Stimme in seinem Kopf antwortete: In Gryffindor regieren, wie man weiß, Tapferkeit und Mut.
Harry blieb stehen und stieß einen langen Seufzer aus, sein Atemdunst verflog rasch in der eisigen Luft. Er wusste, was er zu tun hatte. Im Grunde hatte er schon gewusst, dass es darauf hinauslaufen würde, als er das Schwert durch das Eis hindurch erblickt hatte.
Er ließ den Blick wieder über die Bäume ringsum gleiten, war nun jedoch sicher, dass niemand ihn angreifen würde. Sie hatten ihre Chance gehabt, als er allein durch den Wald gegangen war, hatten genug Gelegenheiten gehabt, während er den Weiher erforscht hatte. Der einzige Grund, jetzt noch zu zögern, war, dass er gleich etwas äußerst Unangenehmes tun musste.
Mit nervösen Fingern begann Harry seine vielen Kleiderschichten abzulegen. Was das mit ritterlicher »Tapferkeit« zu tun hatte, dachte er düster, war ihm nicht ganz klar, es sei denn, es galt als tapfer, dass er nicht Hermine rief, damit sie es an seiner Stelle tat.
Während er sich auszog, schrie irgendwo eine Eule, und der Gedanke an Hedwig versetzte ihm einen Stich. Er zitterte jetzt, seine Zähne klapperten fürchterlich, und doch zog er sich weiter aus, bis er schließlich in seiner Unterwäsche barfuß im Schnee stand. Er legte den Beutel mit seinem Zauberstab, dem Brief seiner Mutter, der Scherbe von Sirius’ Spiegel und dem alten Schnatz auf seine Kleider, dann richtete er Hermines Zauberstab auf das Eis.
»Diffindo.«
Es zersprang mit dem Krachen einer Pistolenkugel in der Stille: Die Oberfläche des Weihers barst und dunkle Eisschollen schaukelten auf dem aufgewühlten Wasser. Soweit Harry es beurteilen konnte, war es nicht tief, aber um das Schwert heraufzuholen, würde er ganz untertauchen müssen.
Lange über die bevorstehende Aufgabe nachzudenken würde sie nicht einfacher machen und das Wasser nicht wärmer. Er trat an den Rand des Weihers und legte Hermines noch leuchtenden Zauberstab auf die Erde. Und während er versuchte sich nicht vorzustellen, wie viel kälter ihm gleich werden oder wie schlimm er dann zittern würde, sprang er.
Sämtliche Poren seines Körpers protestierten heftig: Als er bis zu den Schultern im eisigen Wasser versank, schien die Luft in seiner Lunge buchstäblich zu gefrieren. Er konnte kaum atmen; er schlotterte so stark, dass das Wasser über den Rand des Weihers schwappte, und tastete mit seinen tauben Füßen nach der Klinge. Er wollte nur ein Mal hinabtauchen.
Zitternd und nach Luft schnappend, zögerte Harry den Moment, da er ganz untertauchen würde, Sekunde um Sekunde hinaus, bis er sich sagte, dass es getan werden musste, und er all seinen Mut zusammennahm und tauchte.
Die Kälte war tödlich: Sie überfiel ihn wie Feuer. Selbst sein Gehirn schien gefroren zu sein, als er durch das dunkle Wasser zum Grund hinabstieß und mit der ausgestreckten Hand nach dem Schwert tastete. Seine Finger schlossen sich um den Griff; er zog es nach oben.
Dann schloss sich etwas fest um seinen Hals. Er dachte an Schlingpflanzen, obwohl ihn nichts gestreift hatte, als er hinuntergetaucht war, und hob seine leere Hand, um sich zu befreien. Es war keine Schlingpflanze: Die Kette des Horkruxes hatte sich zusammengezogen und schnürte allmählich seine Luftröhre ab.
Harry strampelte wild, versuchte sich zurück an die Oberfläche zu stoßen, trieb aber nur auf die steinige Seite des Weihers zu. Um sich schlagend und nah am Ersticken, zerrte er an der Kette, die ihn strangulierte, doch seine eisigen Finger konnten sie nicht lockern, und jetzt tauchten kleine Lichter in seinem Kopf auf, und er würde gleich ertrinken, es gab nichts mehr, nichts, was er tun konnte, und die Arme, die sich um seine Brust schlangen, waren sicher die des Todes …
Würgend und spuckend, klatschnass und frierend, wie er noch nie im Leben gefroren hatte, kam er zu sich, mit dem Gesicht im Schnee. Irgendwo in der Nähe keuchte und hustete und wankte noch jemand umher. Hermine war wieder gekommen, so wie sie gekommen war, als die Schlange angegriffen hatte … doch es hörte sich nicht nach ihr an, nicht dieses starke Husten, nicht diese schweren Schritte …
Harry hatte nicht die Kraft, den Kopf zu heben und nachzusehen, wer sein Retter war. Er konnte nichts weiter tun, als eine zittrige Hand an seine Kehle zu führen und die Stelle zu betasten, wo das Medaillon tief in sein Fleisch geschnitten hatte. Es war weg: Jemand hatte ihn befreit. Dann ertönte über seinem Kopf eine keuchende Stimme.
»Bist – du – verrückt?«
Nur der Schreck, diese Stimme zu hören, konnte Harry die Kraft gegeben haben, sich aufzurichten. Haltlos schlotternd und schwankend, erhob er sich. Da, vor ihm, stand Ron, ganz angezogen, aber nass bis auf die Haut, die Haare klebten ihm im Gesicht, er hielt das Schwert Gryffindors in der einen und den Horkrux, der an seiner zerrissenen Kette baumelte, in der anderen Hand.
»Warum zur Hölle«, keuchte Ron und hob den Horkrux empor, der an seiner verkürzten Kette vor und zurück schwang wie beim Versuch einer Hypnose, »warum zur Hölle hast du dieses Ding nicht abgelegt, bevor du reingesprungen bist?«
Harry konnte nicht antworten. Die silberne Hirschkuh war nichts, nichts im Vergleich zu Rons Wiedererscheinen, er konnte es nicht glauben. Schaudernd vor Kälte, nahm er den Haufen Kleider hoch, die noch am Rand des Weihers lagen, und begann sich anzuziehen. Während er sich einen Pullover nach dem anderen über den Kopf zog, starrte er Ron an, und immer wenn er ihn kurz nicht sah, rechnete er schon fast damit, dass er wieder verschwunden war, und doch musste es der echte Ron sein: Er war gerade in den Weiher gesprungen, er hatte Harry das Leben gerettet.
»Das warst d-du?«, fragte Harry endlich mit klappernden Zähnen, die Stimme schwächer als sonst, da er fast erwürgt worden war.
»Also, jaah«, sagte Ron, offenbar leicht verwirrt.
»D-du hast diese Hirschkuh herbeigezaubert?«
»Was? Nein, natürlich nicht! Ich dachte, das wärst du gewesen!«
»Mein Patronus ist ein Hirsch.«
»Ach ja. Dachte mir doch, dass da was nicht stimmte. Kein Geweih.«
Harry hängte sich Hagrids Beutel wieder um den Hals, zog einen letzten Pulli an, bückte sich, hob Hermines Zauberstab auf und wandte sich wieder Ron zu.
»Wie kommt es, dass du hier bist?«
Offenbar hatte Ron gehofft, dass das später zur Sprache kommen würde, wenn überhaupt.
»Also, ich bin – na ja – ich bin zurückgekommen. Falls –« Er räusperte sich. »Na ja. Du mich noch haben willst.«
Eine Stille trat ein, und die Tatsache, dass Ron weggegangen war, baute sich wie eine Mauer zwischen ihnen auf. Aber er war da. Er war zurückgekommen. Er hatte Harry gerade das Leben gerettet.
Ron sah auf seine Hände hinunter. Einen Moment wirkte er überrascht über die Dinge, die er da hielt.
»Ach ja; das hab ich rausgeholt«, sagte er, obwohl es eigentlich nicht nötig war, und hielt das Schwert in die Höhe, um es Harry zu zeigen. »Deswegen bist du reingesprungen, stimmt’s?«
»Jaah«, sagte Harry. »Aber ich versteh das nicht. Wie bist du hierhergekommen? Wie hast du uns gefunden?«
»Lange Geschichte«, sagte Ron. »Ich hab stundenlang nach euch gesucht, das ist ein großer Wald, was? Und ich hab gerade überlegt, dass ich wohl unter einem Baum pennen und bis zum Morgen warten muss, da sah ich dieses Tier kommen, und du warst hinter ihm her.«
»Sonst hast du niemanden gesehen?«
»Nein«, sagte Ron. »Ich –«
Aber er zögerte und warf einen flüchtigen Blick auf zwei Bäume, die einige Meter entfernt dicht beieinanderstanden.
»– ich dachte zwar, dort drüben hätte sich was bewegt, aber da lief ich gerade zum Weiher, weil du dadrin warst und nicht mehr aufgetaucht bist, deshalb wollte ich keinen Umweg machen, um – hey!«
Harry rannte bereits zu der Stelle, die Ron ihm gezeigt hatte. Die beiden Eichen wuchsen eng beieinander; zwischen den Stämmen war auf Augenhöhe eine Lücke, nur wenige Zentimeter breit, ein idealer Platz, um zu beobachten, aber nicht gesehen zu werden. Der Boden rund um die Wurzeln war jedoch frei von Schnee und Harry konnte keinerlei Fußspuren erkennen. Er ging zurück zu Ron, der auf ihn wartete, immer noch mit dem Schwert und dem Horkrux in den Händen.
»Ist da irgendwas?«, fragte Ron.
»Nein«, sagte Harry.
»Und wie ist das Schwert dann in den Weiher gekommen?«
»Wer auch immer den Patronus heraufbeschworen hat, muss es da reingetan haben.«
Beide betrachteten das reich verzierte silberne Schwert, dessen rubinbesetzter Griff im Licht von Hermines Zauberstab ein wenig glitzerte.
»Meinst du, dass es das echte ist?«, fragte Ron.
»Es gibt eine Möglichkeit, das rauszufinden, oder?«, sagte Harry.
Der Horkrux baumelte noch von Rons Hand. Das Medaillon zuckte leicht. Harry wusste, dass das Ding in seinem Innern wieder unruhig war. Es hatte die Gegenwart des Schwertes gespürt und versucht, Harry eher zu töten, als zuzulassen, dass er das Schwert in die Hände bekam. Jetzt war keine Zeit für lange Diskussionen; jetzt war der Augenblick gekommen, das Medaillon ein für alle Mal zu zerstören. Harry hielt Hermines Zauberstab empor, schaute sich um und sah auch schon, wo es geschehen sollte: auf einem einigermaßen flachen Stein im Schatten eines Bergahorns.
»Komm mit«, sagte er und ging voran, er wischte den Schnee von dem Stein und streckte die Hand nach dem Horkrux aus. Als Ron ihm jedoch auch das Schwert geben wollte, schüttelte Harry den Kopf.
»Nein, du solltest es tun.«
»Ich?«, sagte Ron mit bestürzter Miene. »Wieso?«
»Weil du das Schwert aus dem Weiher geholt hast. Ich glaube, du sollst derjenige sein.«
Es ging nicht darum, nett oder großzügig zu sein. So sicher, wie er gewusst hatte, dass die Hirschkuh ihm wohlgesinnt war, wusste er auch, dass Ron derjenige sein musste, der das Schwert führte. Dumbledore hatte Harry wenigstens etwas über gewisse Arten von Magie beigebracht, über die unberechenbare Kraft gewisser Handlungen.
»Ich werde es öffnen«, sagte Harry, »und du erstichst es. Und zwar sofort, verstanden? Denn was immer dadrin ist, es wird sich wehren. Das Stück Riddle in dem Tagebuch hat versucht mich umzubringen.«
»Wie willst du es öffnen?«, fragte Ron. Die Angst stand ihm ins Gesicht geschrieben.
»Ich werde von ihm verlangen, dass es sich öffnet, auf Parsel«, sagte Harry. Die Antwort kam ihm so prompt über die Lippen, dass er meinte, sie tief im Innern immer schon gewusst zu haben: Vielleicht war sein jüngster Zusammenstoß mit Nagini nötig gewesen, um es zu begreifen. Er betrachtete das gewundene »S«, in das funkelnde grüne Steine eingelegt waren: Es war leicht, sich darin eine winzige Schlange vorzustellen, die sich auf dem kalten Stein ringelte.
»Nein«, sagte Ron, »nein, mach es nicht auf! Im Ernst!«
»Warum nicht?«, fragte Harry. »Lass uns das verfluchte Ding loswerden, seit Monaten –«
»Ich kann nicht, Harry, ehrlich – mach du es –«
»Aber warum?«
»Weil dieses Ding schlecht für mich ist!«, sagte Ron und wich vor dem Medaillon auf dem Stein zurück. »Ich krieg das nicht hin! Das soll keine Ausrede dafür sein, dass ich so drauf war, Harry, aber es hat mir mehr zugesetzt als dir und Hermine, es hat mich lauter Sachen denken lassen, Sachen, die ich sowieso gedacht hab, aber es hat alles schlimmer gemacht, ich kann es nicht erklären, und wenn ich es dann abgenommen hab, war ich wieder klar im Kopf, und dann musste ich mir das verdammte Ding wieder umhängen – ich schaff es nicht, Harry!«
Er war kopfschüttelnd zurückgewichen, das Schwert neben sich über den Boden schleifend.
»Du kannst es schaffen«, sagte Harry, »du kannst! Du hast dir gerade das Schwert geholt, ich weiß, du musst derjenige sein, der es benutzt. Bitte, schlag das Ding einfach kaputt, Ron.«
Der Klang seines Namens schien ihn anzuspornen. Ron schluckte und ging dann, immer noch schwer durch seine lange Nase atmend, wieder auf den Stein zu.
»Sag mir, wann«, krächzte er.
»Bei drei«, sagte Harry, blickte wieder hinunter auf das Medaillon, kniff die Augen zusammen und konzentrierte sich auf den Buchstaben »S«, wobei er sich eine Schlange vorstellte, während es im Medaillon scharrte, als wäre eine Kakerlake darin gefangen. Man hätte leicht Mitleid damit haben können, wenn der Schnitt rund um Harrys Hals nicht immer noch gebrannt hätte.
»Eins … zwei … drei … öffne dich.«
Das letzte Wort war ein Zischen und ein Fauchen, und die goldenen Türchen des Medaillons schwangen mit einem leisen Klicken auseinander.
Hinter jedem der beiden Glasfenster im Medaillon blinzelte ein lebendiges Auge, dunkel und hübsch, wie Tom Riddles Augen es gewesen waren, ehe er sie scharlachrot und die Pupillen zu Schlitzen gemacht hatte.
»Stich zu«, sagte Harry und hielt das Medaillon auf dem Stein fest.
Ron hob mit zitternden Händen das Schwert: Die Spitze hing über den hektisch hin und her huschenden Augen, und Harry hatte das Medaillon sicher im Griff, war auf alles gefasst, sah schon Blut aus den leeren Fenstern quellen.
Dann zischte eine Stimme aus dem Horkrux.
»Ich habe dein Herz gesehen und es ist meines.«
»Hör nicht hin!«, sagte Harry barsch. »Erstich es!«
»Ich habe deine Träume gesehen, Ronald Weasley, und ich habe deine Ängste gesehen. Alles, was du begehrst, ist möglich, aber alles, was du fürchtest, ist ebenfalls möglich …«
»Stich zu!«, schrie Harry; seine Stimme hallte von den Bäumen ringsum wider, die Schwertspitze zitterte, und Ron starrte hinab in Riddles Augen.
»Am wenigsten geliebt, schon immer, von der Mutter, die sich eine Tochter ersehnte … am wenigsten geliebt, auch jetzt, von dem Mädchen, das deinen Freund bevorzugt … Zweitbester, immer, ewig im Schatten …«
»Ron, erstich es jetzt!«, brüllte Harry: Er spürte, wie das Medaillon in seinen Händen bebte, und hatte Angst vor dem, was gleich kommen würde. Ron hob das Schwert noch höher und dabei leuchteten Riddles Augen scharlachrot auf.
Aus den beiden Fenstern des Medaillons, aus den Augen, wuchsen wie zwei groteske Blasen die Köpfe von Harry und Hermine heraus, seltsam verzerrt.
Ron schrie schockiert auf und wich zurück, als die Gestalten aus dem Medaillon hervorsprossen, zuerst die Brust, dann die Hüfte, dann die Beine, bis sie schließlich in dem Medaillon standen, Seite an Seite wie Bäume mit einer gemeinsamen Wurzel, und über Ron und dem echten Harry schwankten, der die Finger von dem Medaillon weggerissen hatte, da es plötzlich weiß glühte.
»Ron!«, rief er, doch der Riddle-Harry sprach jetzt mit Voldemorts Stimme, und Ron starrte wie hypnotisiert in sein Gesicht.
»Warum bist du zurück? Es ging uns besser ohne dich, wir waren glücklicher ohne dich, froh, dass du weg warst … wir haben über deine Dummheit gelacht, über deine Feigheit, deine Aufgeblasenheit –«
»Aufgeblasenheit!«, wiederholte die Riddle-Hermine, die schöner und doch furchteinflößender war als die echte Hermine: Sie schwankte gackernd vor Ron hin und her, der entsetzt und doch wie gelähmt schien, das Schwert hing nutzlos an seiner Seite herab. »Wer kann dich denn ansehen, wer will dich jemals ansehen, neben Harry Potter? Was hast du je getan, im Vergleich zu dem Auserwählten? Was bist du, im Vergleich zu dem Jungen, der überlebt hat?«
»Ron, stich zu, STICH ZU!«, schrie Harry, aber Ron rührte sich nicht: In seinen weit aufgerissenen Augen spiegelten sich der Riddle-Harry und die Riddle-Hermine, ihre Haare wie Flammenwirbel, ihre Augen leuchtend rot, ihre Stimmen zu einem bösen Duett erhoben.
»Deine Mutter hat es zugegeben«, höhnte Riddle-Harry, während Riddle-Hermine beifällig johlte, »dass sie lieber mich zum Sohn gehabt hätte, gerne tauschen würde …«
»Wer hätte ihn nicht lieber, welche Frau würde dich schon nehmen? Du bist nichts, nichts, nichts gegen ihn«, gurrte Riddle-Hermine, und sie streckte sich wie eine Schlange und ringelte sich um Riddle-Harry, umschloss ihn in einer festen Umarmung: Ihre Lippen berührten sich.
Am Boden vor ihnen nahm Rons Gesicht einen qualvollen Ausdruck an: Mit zitternden Armen hob er das Schwert in die Höhe.
»Tu es, Ron!«, schrie Harry.
Ron warf ihm einen Blick zu und Harry glaubte eine Spur Scharlachrot in seinen Augen zu sehen.
»Ron –?«
Das Schwert blitzte, stieß hinab: Harry warf sich beiseite, ein metallisches Klirren war zu hören und ein lang anhaltender Schrei. Harry wirbelte herum, rutschte im Schnee aus, den Zauberstab bereit, um sich zu verteidigen: Aber es gab nichts, wogegen er kämpfen musste.
Die riesenhaften Versionen von ihm selbst und von Hermine waren fort: Nur noch Ron stand da, das Schwert schlaff in der Hand, und sah hinab auf die zertrümmerten Überreste des Medaillons auf dem flachen Stein.
Langsam ging Harry wieder auf ihn zu, ohne recht zu wissen, was er sagen oder tun sollte. Ron atmete schwer. Seine Augen waren gar nicht mehr rot, sondern wieder blau wie sonst; und sie waren feucht.
Harry tat, als hätte er das nicht gesehen, bückte sich und hob den zerbrochenen Horkrux auf. Ron hatte das Glas in beiden Fenstern durchstochen: Riddles Augen waren verschwunden und das fleckige Seidenfutter des Medaillons qualmte ein wenig. Das Ding, das in dem Horkrux gelebt hatte, war nicht mehr; Ron zu peinigen, war seine letzte Tat gewesen.
Das Schwert klirrte, als Ron es fallen ließ. Er war auf die Knie gesunken, den Kopf in den Armen. Er zitterte, aber Harry war klar, dass es nicht an der Kälte lag. Harry stopfte das zerstörte Medaillon in seine Tasche, kniete sich neben Ron nieder und legte ihm behutsam eine Hand auf die Schulter. Er hielt es für ein gutes Zeichen, dass Ron sie nicht abschüttelte.
»Nachdem du weg warst«, sagte er mit leiser Stimme, dankbar, dass Rons Gesicht verborgen war, »hat sie eine Woche lang geweint. Wahrscheinlich länger, sie wollte nur nicht, dass ich es mitbekomme. Es gab so viele Abende, an denen wir nicht mal miteinander gesprochen haben. Weil du weg warst …«
Er konnte den Satz nicht beenden; erst jetzt, da Ron zurück war, wurde Harry richtig bewusst, wie viel seine Abwesenheit sie gekostet hatte.
»Sie ist wie eine Schwester für mich«, fuhr er fort. »Ich liebe sie wie eine Schwester, und ich glaube, für sie ist es umgekehrt genauso. Das war immer schon so. Ich dachte, du wüsstest das.«
Ron antwortete nicht, sondern wandte sein Gesicht von Harry ab und putzte sich geräuschvoll mit seinem Ärmel die Nase. Harry stand auf und ging zu der Stelle, wo Rons riesiger Rucksack lag, den Ron einige Meter entfernt hingeworfen hatte, als er zu dem Weiher gerannt war, um Harry vor dem Ertrinken zu retten. Er schulterte ihn und ging zu Ron zurück, der sich, während Harry näher kam, mühsam hochrappelte, mit blutunterlaufenen Augen, doch sonst gefasst.
»Tut mir leid«, sagte er mit belegter Stimme. »Tut mir leid, dass ich abgehauen bin. Ich weiß, ich war ein – ein –«
Er sah sich in der Dunkelheit um, als hoffte er, ein möglichst schlimmes Wort würde auf ihn herabstürzen und ihm zupasskommen.
»Du hast es heute Nacht irgendwie wiedergutgemacht«, sagte Harry. »Das Schwert geholt. Den Horkrux erledigt. Mein Leben gerettet.«
»So klingt es viel cooler, als ich wirklich war«, murmelte Ron.
»Solche Sachen klingen immer cooler, als sie wirklich waren«, sagte Harry. »Das versuch ich schon seit Jahren dir klarzumachen.«
Sie gingen gleichzeitig aufeinander zu und umarmten sich, und als Harry Rons Jacke hinten anfasste, war sie immer noch klitschnass.
»Und jetzt«, sagte Harry, als sie sich voneinander lösten, »müssen wir nur noch das Zelt wiederfinden.«
Doch es war nicht schwer. Obwohl ihm der Weg durch den dunklen Wald hinter der Hirschkuh her sehr lang vorgekommen war, schien die Strecke zurück mit Ron an seiner Seite überraschend kurz. Harry wollte unbedingt sofort Hermine wecken und betrat in zunehmender Aufregung das Zelt, während Ron etwas hinter ihm zurückblieb.
Nach dem Weiher und dem Wald war es herrlich warm darin, und es wurde nur von den Flammen erhellt, die noch immer wie Glockenblumen in einer Schale auf dem Boden schimmerten. Hermine schlief fest, unter ihren Decken eingerollt, und rührte sich erst, als Harry mehrmals ihren Namen gesagt hatte.
»Hermine!«
Sie bewegte sich, setzte sich dann rasch auf und strich sich die Haare aus dem Gesicht.
»Stimmt was nicht? Harry? Ist alles in Ordnung mit dir?«
»Keine Sorge, alles ist gut. Mehr als gut. Ich fühl mich großartig. Ich hab dir jemand mitgebracht.«
»Was soll das heißen? Wen –?«
Sie sah Ron, der mit dem Schwert in der Hand dastand und auf den zerschlissenen Teppich tropfte. Harry trat in eine dunkle Ecke zurück, ließ Rons Rucksack zu Boden gleiten und versuchte, vor der Zeltleinwand möglichst unauffällig zu wirken.
Hermine schlüpfte aus ihrem Bett und bewegte sich wie eine Schlafwandlerin auf Ron zu, den Blick auf sein blasses Gesicht geheftet. Sie blieb dicht vor ihm stehen, mit leicht geöffneten Lippen, die Augen aufgerissen. Ron lächelte sie schwach und hoffnungsvoll an und hob halb die Arme.
Hermine stürzte sich auf ihn und fing an, jeden Zentimeter von ihm, den sie erreichen konnte, mit den Fäusten zu bearbeiten.
»Autsch – au – hör auf! Was zum –? Hermine – AUA!«
»Du – komplettes – Arschloch – Ronald – Weasley!«
Sie unterstrich jedes Wort mit einem Schlag: Ron wich zurück und hielt schützend die Hände über den Kopf, während Hermine vorrückte.
»Du – kommst – wieder – hier – angekrochen – nach – Wochen – und – Wochen – oh, wo ist mein Zauberstab?«
Sie sah aus, als würde sie ihn Harry gleich entreißen, und er reagierte instinktiv.
»Protego!«
Der unsichtbare Schild brach zwischen Ron und Hermine hervor: Seine Wucht stieß Hermine rücklings zu Boden. Sie spuckte Haare aus und sprang wieder auf die Beine.
»Hermine!«, sagte Harry. »Beruhige –«
»Ich beruhige mich nicht!«, schrie sie. Noch nie hatte er sie derart die Beherrschung verlieren sehen; sie wirkte völlig zerrüttet.
»Gib mir meinen Zauberstab zurück! Gib ihn mir zurück!«
»Hermine, würdest du bitte –«
»Du hast mir nicht zu sagen, was ich tun soll, Harry Potter!«, kreischte sie. »Wag es nicht! Gib ihn mir sofort zurück! Und DU!«
Sie zeigte in schwerer Anklage auf Ron: Es war, als ob sie ihn verwünschen wollte, und Harry konnte es Ron nicht verdenken, dass er sich ein paar Schritte zurückzog.
»Ich bin dir hinterhergelaufen! Ich hab nach dir gerufen! Ich hab dich angefleht, zurückzukommen!«
»Ich weiß«, sagte Ron. »Hermine, es tut mir leid, es tut mir wirklich –«
»Oh, es tut dir leid!«
Sie lachte, ein schrilles, unbeherrschtes Lachen; Ron sah Hilfe suchend zu Harry, doch Harry verzog nur hilflos das Gesicht.
»Du kommst nach Wochen – Wochen – zurück, und du meinst, es ist alles wieder in Ordnung, wenn du einfach sagst, dass es dir leidtut?«
»Na ja, was soll ich denn sonst sagen?«, rief Ron, und Harry war froh, dass er sich wehrte.
»Oh, ich weiß nicht!«, schrie Hermine mit beißendem Sarkasmus. »Kram doch mal in deinem Oberstübchen, Ron, das dürfte nur ein paar Sekunden dauern –«
»Hermine«, warf Harry ein, der dies für einen Schlag unter die Gürtellinie hielt, »er hat gerade mein Leben –«
»Ist mir egal!«, schrie sie. »Ist mir egal, was er gemacht hat! Wochenlang, wir hätten tot sein können, das hätte er gar nicht gemerkt –«
»Ich wusste, dass ihr nicht tot wart«, brüllte Ron und übertönte zum ersten Mal ihre Stimme, wobei er so nah an sie herantrat, wie es der Schildzauber zwischen ihnen ermöglichte. »Harry ist die ganze Zeit im Propheten und im Radio, die suchen überall nach dir, so viele Gerüchte und verrückte Geschichten, ich wusste, dass ich es sofort mitkriegen würde, wenn ihr tot wärt, du weißt gar nicht, wie das war –«
»Wie das für dich war?«
Ihre Stimme war jetzt so schrill, dass wohl bald nur noch Fledermäuse sie vernehmen konnten, doch sie hatte sich dermaßen entrüstet, dass ihr kurz die Worte fehlten, und Ron nutzte die Gelegenheit.
»Ich wollte wieder zurückkommen, kaum dass ich disappariert war, aber ich bin einer Bande von Greifern direkt in die Arme gelaufen, Hermine, und da konnte ich nirgends mehr hin!«
»Einer Bande von was?«, fragte Harry, während Hermine sich auf einen Stuhl fallen ließ, die Arme und Beine so fest verschlungen, dass sie sie wahrscheinlich erst in einigen Jahren wieder auseinanderbekam.
»Greifer«, sagte Ron. »Die sind überall, Banden, die Gold verdienen wollen, indem sie Muggelstämmige und Blutsverräter auftreiben, das Ministerium zahlt für jeden, den sie fangen, eine Belohnung. Ich war allein, und ich seh so jung aus, als ob ich noch Schüler wäre, die waren ganz aufgeregt, dachten, ich wär ein Muggelstämmiger, der sich versteckt. Ich musste mich schnell rausreden, damit die mich nicht ins Ministerium schleppten.«
»Was hast du zu ihnen gesagt?«
»Dass ich Stan Shunpike bin. War der Erste, der mir eingefallen ist.«
»Und das haben die geglaubt?«
»Die waren nicht die Hellsten. Einer von ihnen war eindeutig ein halber Troll, so wie der gestunken hat …«
Ron blickte rasch zu Hermine, offensichtlich in der Hoffnung, er hätte sie mit diesem kleinen Scherz ein wenig besänftigt, doch ihre Miene über den fest verknoteten Armen und Beinen war nach wie vor steinern.
»Jedenfalls haben die sich gestritten, ob ich nun Stan bin oder nicht. Es war ehrlich gesagt ein bisschen albern, aber die waren immerhin zu fünft, und ich war allein, und sie hatten meinen Zauberstab. Dann fingen zwei von denen an sich zu prügeln, und während die anderen abgelenkt waren, konnte ich den, der mich festhielt, in den Bauch schlagen, hab seinen Zauberstab gepackt, den Typen, der meinen hatte, entwaffnet und bin disappariert. Ich hab’s nicht so gut hingekriegt, hab mich wieder zersplintert –«, Ron hob die rechte Hand, um zu zeigen, dass ihm zwei Fingernägel fehlten; Hermine zog kühl die Augenbrauen hoch, »– und ich bin ewig weit weg von der Stelle gelandet, wo ihr wart. Als ich dann zu dem Stückchen Flussufer zurückkam, wo unser Lager war … wart ihr schon weg.«
»Meine Güte, was für eine spannende Geschichte«, sagte Hermine in dem hochmütigen Ton, den sie anschlug, wenn sie verletzen wollte. »Du musst ja so was von Angst gehabt haben. Währenddessen waren wir in Godric’s Hollow, und, lass mich überlegen, was ist da noch mal passiert, Harry? Ach ja, die Schlange von Du-weißt-schon-wem ist aufgetaucht und hat uns beide fast umgebracht, und dann kam Du-weißt-schon-wer persönlich und hat uns haarscharf verfehlt.«
»Was?«, sagte Ron und starrte erst sie und dann Harry an, aber Hermine ignorierte ihn.
»Stell dir vor, er hat Fingernägel verloren, Harry! Da sind unsere Wehwehchen ja nichts dagegen, oder?«
»Hermine«, sagte Harry leise, »Ron hat mir gerade das Leben gerettet.«
Sie schien ihn nicht gehört zu haben.
»Eins würde ich aber doch gerne wissen«, sagte sie und richtete ihren Blick auf einen Punkt einige Zentimeter über Rons Kopf. »Wie hast du uns heute Nacht eigentlich gefunden? Das ist wichtig. Wenn wir es wissen, können wir dafür sorgen, dass wir nicht noch mal von jemand Besuch kriegen, den wir nicht sehen wollen.«
Ron starrte sie böse an, dann zog er einen kleinen silbernen Gegenstand aus seiner Jeanstasche.
»Hier.«
Sie musste zu Ron hinschauen, um zu sehen, was er ihnen zeigte.
»Der Deluminator?«, sagte sie, so verblüfft, dass sie vergaß, kühl und grimmig zu blicken.
»Er macht nicht nur Lichter an und aus«, sagte Ron. »Ich weiß nicht, wie er funktioniert oder warum es erst dann passiert ist und nicht irgendwann sonst, wo ich doch die ganze Zeit schon zurückkommen wollte, seit ich weg war. Jedenfalls hab ich Radio gehört, ganz früh am Weihnachtsmorgen, und da hab ich … da hab ich dich gehört.«
Er sah Hermine an.
»Du hast mich im Radio gehört?«, fragte sie ungläubig.
»Nein, ich hab dich aus meiner Tasche kommen hören. Deine Stimme«, er hielt den Deluminator wieder hoch, »kam hier raus.«
»Und was genau habe ich gesagt?«, fragte Hermine in einem Ton irgendwo zwischen Skepsis und Neugier.
»Meinen Namen. ›Ron.‹ Und noch was … über einen Zauberstab …«
Hermines Gesicht lief feuerrot an. Harry erinnerte sich: Es war das erste Mal gewesen, dass Rons Name von einem von ihnen laut ausgesprochen worden war, seit dem Tag, an dem Ron gegangen war; Hermine hatte ihn erwähnt, als sie darüber redeten, wie Harrys Zauberstab repariert werden konnte.
»Also hab ich ihn rausgenommen«, fuhr Ron fort und blickte auf den Deluminator, »und er kam mir eigentlich wie immer vor, aber ich war sicher, dass ich dich gehört hatte. Also hab ich ihn klicken lassen. Und das Licht in meinem Zimmer ging aus, aber direkt vor dem Fenster tauchte ein anderes Licht auf.«
Ron hob seine freie Hand und deutete nach vorne, die Augen auf etwas gerichtet, das weder Harry noch Hermine sehen konnten.
»Es war eine Lichtkugel, die irgendwie pulsierte und bläulich war, wie dieses Licht, das um einen Portschlüssel entsteht, wisst ihr?«
»Jaah«, sagten Harry und Hermine automatisch und wie aus einem Mund.
»Ich wusste, das war es«, sagte Ron. »Ich hab meine Sachen geschnappt und gepackt, und dann hab ich den Rucksack geschultert und bin raus in den Garten. Da schwebte die kleine Lichtkugel, wartete auf mich, und als ich rauskam, hüpfte sie ein wenig voraus, und ich bin ihr hinter den Schuppen gefolgt, und dann ist sie … also, sie ist in mich rein.«
»Wie bitte?«, sagte Harry, der überzeugt war, dass er sich verhört hatte.
»Sie ist irgendwie auf mich zugeschwebt«, sagte Ron und veranschaulichte die Bewegung mit seinem freien Zeigefinger, »direkt auf meine Brust zu, und dann – ging sie einfach mittendurch. Sie war hier«, er berührte eine Stelle nahe seinem Herzen, »ich konnte sie spüren, sie war heiß. Und sobald sie in mir drin war, wusste ich, was ich tun sollte, ich wusste, sie würde mich dorthin bringen, wo ich hinmusste. Also bin ich disappariert und kam auf einem Berghang wieder raus. Überall war Schnee …«
»Da waren wir«, sagte Harry. »Wir haben da zwei Nächte verbracht, und in der zweiten Nacht hab ich die ganze Zeit geglaubt, ich würde jemanden hören, der sich in der Dunkelheit bewegt und ruft!«
»Jaa, genau, das muss wohl ich gewesen sein«, sagte Ron. »Eure Schutzzauber funktionieren jedenfalls, weil ich euch nicht sehen und nicht hören konnte. Ich war aber sicher, dass ihr da irgendwo wart, deshalb hab ich mich am Ende in meinen Schlafsack gelegt und gewartet, dass einer von euch auftaucht. Ich dachte, ihr müsstet euch zeigen, wenn ihr das Zelt einpackt.«
»Nein, eigentlich nicht«, sagte Hermine. »Wir sind immer unter dem Tarnumhang disappariert, als zusätzliche Vorsichtsmaßnahme. Und wir sind sehr früh aufgebrochen, weil wir, wie Harry sagt, gehört hatten, dass jemand umherstreunte.«
»Jedenfalls bin ich an diesem Tag auf dem Hügel geblieben«, sagte Ron. »Ich hab die ganze Zeit gehofft, dass ihr auftaucht. Aber als es dann anfing dunkel zu werden, wusste ich, dass ich euch verpasst haben musste, also hab ich den Deluminator wieder klicken lassen, das blaue Licht kam raus und ging in mich rein, und ich bin disappariert und hier angekommen, in diesem Wald. Ich konnte euch immer noch nicht sehen, also musste ich einfach hoffen, dass einer von euch sich irgendwann zeigen würde – und das hat Harry getan. Nun, die Hirschkuh hab ich natürlich zuerst gesehen.«
»Du hast was gesehen?«, sagte Hermine scharf.
Sie erklärten ihr, was geschehen war, und während sie die Geschichte von der silbernen Hirschkuh und dem Schwert im Weiher erzählten, blickte Hermine stirnrunzelnd vom einen zum andern, so aufmerksam, dass sie vergaß, ihre Hände und Füße verschränkt zu lassen.
»Aber das muss ein Patronus gewesen sein!«, sagte sie. »Konntet ihr nicht sehen, wer ihn erzeugt hat? Habt ihr niemanden gesehen? Und er hat euch zu dem Schwert geführt! Das ist ja unglaublich! Und was ist dann passiert?«
Ron erklärte, dass er Harry dabei beobachtet hatte, wie er in den Weiher sprang, und darauf gewartet hatte, dass er wieder auftauchte; dass ihm klar geworden war, dass etwas nicht stimmte, er selbst ins Wasser gesprungen war und Harry gerettet hatte, woraufhin er noch einmal nach dem Schwert getaucht war. Als er die Stelle vom Öffnen des Medaillons erreicht hatte, zögerte er, und Harry erzählte weiter.
»– und Ron hat das Ding mit dem Schwert erstochen.«
»Und … und es ist verschwunden? Einfach so?«, flüsterte sie.
»Also, es – es hat geschrien«, sagte Harry mit einem kurzen Blick zu Ron. »Hier.«
Er warf ihr das Medaillon in den Schoß; mit spitzen Fingern nahm sie es hoch und untersuchte seine durchbohrten Fenster.
Da Harry fand, dass es nun endlich ungefährlich war, entfernte er den Schildzauber mit einem Schlenker von Hermines Zauberstab und wandte sich dann Ron zu.
»Hast du nicht eben gesagt, dass du den Greifern noch einen Zauberstab abgenommen hast, ehe du ihnen entkommen bist?«
»Was?«, sagte Ron, der Hermine dabei beobachtet hatte, wie sie das Medaillon untersuchte. »Ach – ach ja.«
Er riss einen Verschluss an seinem Rucksack auf und zog einen kurzen, dunklen Zauberstab aus einer Seitentasche. »Hier. Ich dachte, dass man einen in Vorrat immer gut brauchen kann.«
»Wie wahr«, sagte Harry und streckte die Hand aus. »Meiner ist kaputt!«
»Soll das ein Witz sein?«, erwiderte Ron, doch in diesem Moment stand Hermine auf, und er machte wieder ein besorgtes Gesicht.
Hermine steckte den besiegten Horkrux in die mit Perlen verzierte Tasche, kletterte dann wieder in ihr Bett und legte sich ohne ein weiteres Wort schlafen.
Ron gab Harry den neuen Zauberstab.
»Da bist du ganz gut weggekommen, denke ich«, murmelte Harry.
»Jaah«, sagte Ron. »Hätte schlimmer sein können. Weißt du noch, wie sie diese Vögel auf mich gejagt hat?«
»Das kann dir immer noch blühen«, kam Hermines gedämpfte Stimme unter ihren Decken hervor, aber Harry sah, dass Ron ein wenig schmunzelte, während er seinen kastanienbraunen Pyjama aus dem Rucksack zog.
Xenophilius Lovegood
Harry hatte nicht erwartet, dass Hermines Zorn über Nacht abklingen würde, und war daher nicht überrascht, dass sie am nächsten Morgen vorwiegend über finstere Blicke und betontes Schweigen mit ihnen kommunizierte. Ron gab sich im Gegenzug in ihrer Nähe ungewöhnlich zerknirscht, um seine nachhaltige Reue deutlich sichtbar zu machen. Wenn sie alle drei zusammen waren, hatte Harry nun in der Tat den Eindruck, als wäre er der einzige nicht Trauernde auf einer schwach besuchten Beerdigung. In den wenigen Momenten, die Ron mit Harry allein verbrachte (beim Wasserholen und bei der Suche nach Pilzen im Unterholz), legte Ron eine unverschämt gute Laune an den Tag.
»Jemand hat uns geholfen«, sagte er immer wieder. »Jemand hat uns diese Hirschkuh geschickt. Jemand ist auf unserer Seite. Einen Horkrux hätten wir erledigt, Mann!«
Ermutigt durch die Zerstörung des Medaillons, diskutierten sie nun darüber, wo die anderen Horkruxe stecken könnten, und obwohl sie diese Frage schon so häufig erörtert hatten, war Harry zuversichtlich und sicher, dass dem ersten Durchbruch weitere folgen würden. Dass Hermine schmollte, konnte seine Hochstimmung nicht trüben: Ihre plötzliche Glückssträhne, das Erscheinen der geheimnisvollen Hirschkuh, die Entdeckung des Schwertes von Gryffindor und vor allem Rons Rückkehr machten Harry so glücklich, dass es ihm ziemlich schwerfiel, ernst zu bleiben.
Spät am Nachmittag entflohen er und Ron wieder einmal Hermines drückender Gegenwart unter dem Vorwand, dass sie die kahlen Sträucher nach Brombeeren absuchen wollten, die in Wahrheit gar nicht vorhanden waren, und setzten ihren Austausch von Neuigkeiten fort. Harry hatte es endlich geschafft, Ron die ganze Geschichte seiner und Hermines verschiedener Unternehmungen zu schildern, mit all dem, was in Godric’s Hollow passiert war; Ron erzählte Harry nun alles, was er während der Wochen, in denen er weg gewesen war, über das Geschehen draußen in der Zaubererwelt erfahren hatte.
»… und wie habt ihr die Sache mit dem Tabu rausgefunden?«, fragte er Harry, nachdem er von den vielen verzweifelten Versuchen Muggelstämmiger berichtet hatte, dem Ministerium zu entkommen.
»Dem was?«
»Du und Hermine habt aufgehört, den Namen von Du-weißt-schon-wem zu nennen!«
»Ach so. Nun, das ist nur eine schlechte Angewohnheit, die sich bei uns eingeschlichen hat«, sagte Harry. »Aber ich hab kein Problem damit, ihn V–«
»NEIN!«, brüllte Ron, worauf Harry einen Satz in die Hecke machte und Hermine (die in einem Buch vergraben am Zelteingang saß) ihnen einen finsteren Blick zuwarf. »Tut mir leid«, sagte Ron und zog Harry aus den Brombeersträuchern, »aber der Name wurde mit einem Bann versehen, Harry, auf diese Weise spüren sie Leute auf! Wenn man seinen Namen benutzt, dann brechen alle Schutzzauber, das gibt irgendeine magische Störung – so haben sie uns in der Tottenham Court Road gefunden!«
»Weil wir seinen Namen benutzt haben?«
»Genau! Eins muss man ihnen lassen, raffiniert ist das schon. Nur Leute, die sich ihm ernsthaft widersetzt haben, wie Dumbledore, haben sich jemals getraut, ihn zu verwenden. Jetzt haben sie ihn mit einem Tabu belegt, und jeder, der ihn ausspricht, kann aufgespürt werden – eine schnelle und einfache Methode, Ordensmitglieder zu finden! Beinah hätten sie Kingsley gekriegt –«
»Ehrlich?«
»Tja, Bill meinte, eine Bande von Todessern hätte ihn in die Enge getrieben, aber er hat sich rausgekämpft. Jetzt ist er auf der Flucht, genau wie wir.« Ron kratzte sich mit der Spitze seines Zauberstabs nachdenklich am Kinn. »Meinst du nicht, dass Kingsley vielleicht diese Hirschkuh geschickt hat?«
»Sein Patronus ist ein Luchs, wir haben ihn bei der Hochzeit gesehen, weißt du nicht mehr?«
»Ach jaah …«
Sie gingen weiter an der Hecke entlang und entfernten sich vom Zelt und von Hermine.
»Harry … meinst du, es könnte Dumbledore gewesen sein?«
»Dumbledore? Was?«
Ron blickte ein wenig verlegen, sagte aber mit leiser Stimme: »Dumbledore … die Hirschkuh? Ich meine –«, Ron beobachtete Harry aus den Augenwinkeln, »er hatte das echte Schwert als Letzter, oder?«
Harry lachte nicht über Ron, weil er die Sehnsucht, die in dieser Frage steckte, nur zu gut verstehen konnte. Die Vorstellung, dass Dumbledore es geschafft hatte, zu ihnen zurückzukehren, dass er auf sie aufpasste, wäre ungeheuer tröstlich gewesen. Er schüttelte den Kopf.
»Dumbledore ist tot«, sagte er. »Ich hab gesehen, wie es passiert ist, ich hab die Leiche gesehen. Er ist definitiv fort. Außerdem war sein Patronus ein Phönix, keine Hirschkuh.«
»Ein Patronus kann sich aber ändern, oder?«, sagte Ron. »Tonks hat jetzt einen anderen, stimmt’s?«
»Jaah, aber wenn Dumbledore am Leben ist, warum zeigt er sich dann nicht? Warum hat er uns dann nicht einfach das Schwert gegeben?«
»Keine Ahnung«, sagte Ron. »Aus demselben Grund, aus dem er es dir nicht gegeben hat, als er noch lebte? Aus demselben Grund, aus dem er dir einen alten Schnatz und Hermine ein Buch mit Kindergeschichten hinterlassen hat?«
»Und welcher wäre das?«, fragte Harry, drehte sich um und sah Ron direkt ins Gesicht, begierig auf eine Antwort.
»Weiß nicht«, sagte Ron. »Manchmal, wenn ich ein bisschen sauer war, hab ich gedacht, dass er sich einen ablacht oder – oder dass er es einfach schwieriger machen wollte. Aber das glaube ich nicht, nicht mehr jedenfalls. Er wusste, was er tat, als er mir den Deluminator gab, oder? Er – na ja«, Rons Ohren wurden leuchtend rot, und er beschäftigte sich eingehend mit einem Grasbüschel zu seinen Füßen, das er mit der Schuhspitze traktierte, »er muss gewusst haben, dass ich euch im Stich lassen würde.«
»Nein«, korrigierte ihn Harry. »Er muss gewusst haben, dass du die ganze Zeit zurückkehren wolltest.«
Ron schien dankbar, aber immer noch betreten. Auch um das Thema zu wechseln, sagte Harry: »Wo wir gerade bei Dumbledore sind, hast du mitbekommen, was Kimmkorn über ihn geschrieben hat?«
»O ja«, erwiderte Ron sofort, »es wird ziemlich viel darüber geredet. ’türlich, wenn die Dinge anders liegen würden, dann wären das große Neuigkeiten, Dumbledore ein Freund von Grindelwald, aber jetzt ist es nur was zum Lachen für Leute, die Dumbledore nicht ausstehen konnten, und eine kleine Ohrfeige für alle, die dachten, dass er so ein guter Kerl war. Aber ich weiß nicht, was groß dabei sein soll. Er war noch ganz jung, als sie –«
»In unserem Alter«, erwiderte Harry, genauso wie er es schon bei Hermine getan hatte, und etwas an seinem Gesichtsausdruck schien Ron davon abzuhalten, das Thema weiterzuverfolgen.
Eine große Spinne saß in der Mitte eines mit Raureif überzogenen Netzes in den Brombeersträuchern. Harry zielte mit dem Zauberstab darauf, den er in der Nacht zuvor von Ron bekommen hatte und den Hermine inzwischen gnädigerweise untersucht hatte, mit dem Ergebnis, dass er aus Schwarzdornholz war.
»Engorgio.«
Die Spinne erzitterte leicht und federte ein wenig in ihrem Netz. Harry versuchte es noch einmal. Diesmal wurde die Spinne etwas größer.
»Lass das«, sagte Ron scharf. »Tut mir leid, dass ich gesagt hab, dass Dumbledore jung war, in Ordnung?«
Harry hatte vergessen, dass Ron Spinnen nicht ausstehen konnte.
»Verzeihung – reducio.«
Die Spinne schrumpfte nicht. Harry blickte hinab auf den Schwarzdorn-Zauberstab. All die kleinen Zauber, die er bisher damit ausgeführt hatte, waren ihm weniger kräftig vorgekommen als die, die er mit seinem Phönix-Zauberstab hervorgebracht hatte. Der neue fühlte sich aufdringlich fremd an, als ob die Hand von jemand anderem ans Ende seines Arms genäht wäre.
»Du musst einfach üben«, sagte Hermine, die sich ihnen lautlos von hinten genähert und besorgt beobachtet hatte, wie Harry versuchte, die Spinne größer und kleiner werden zu lassen. »Das ist nur eine Frage des Selbstvertrauens, Harry.«
Er wusste, warum sie wollte, dass der Zauberstab in Ordnung war: Sie hatte nach wie vor ein schlechtes Gewissen, weil sein eigener zu Bruch gegangen war. Er verkniff sich die Erwiderung, die ihm schon auf der Zunge lag: dass sie den Schwarzdornstab doch selber nehmen könnte, wenn sie glaubte, dass es keinen Unterschied machte, und er würde dann ihren behalten. Doch weil er unbedingt wollte, dass sie alle wieder Freunde waren, pflichtete er ihr bei; als Ron jedoch Hermine zaghaft zulächelte, stolzierte sie davon und verschwand wieder hinter ihrem Buch.
Als es dunkel wurde, kehrten alle drei ins Zelt zurück, und Harry übernahm die erste Wache. Während er im Eingang hockte, versuchte er, mit dem Schwarzdornstab kleine Steine vor seinen Füßen zum Schweben zu bringen: Doch sein Zaubern erschien ihm nach wie vor schwerfälliger und kraftloser als sonst. Hermine lag im Bett und las, während Ron, nachdem er etliche Male scheu zu ihr hochgeschaut hatte, ein kleines hölzernes Radio aus seinem Rucksack geholt hatte und nun versuchte, einen Sender einzustellen.
»Da gibt es dieses eine Programm«, erklärte er Harry mit leiser Stimme, »das berichtet, was wirklich los ist. Alle anderen sind auf der Seite von Du-weißt-schon-wem und folgen der Linie des Ministeriums, aber dieses eine … warte, bis du es hörst, es ist toll. Nur können sie nicht jede Nacht senden, sie müssen ständig den Standort wechseln, damit sie in keine Razzia geraten, und man braucht ein Passwort, um den Sender zu empfangen … das Problem ist nur, dass ich das letzte nicht mitgekriegt habe …«
Er trommelte mit dem Zauberstab leicht auf das Radio und murmelte irgendwelche Wörter vor sich hin. Unterdessen warf er immer wieder verstohlene Blicke auf Hermine, offensichtlich aus Angst vor einem Wutausbruch, doch er hätte genauso gut Luft sein können, so wenig Notiz nahm sie von ihm. Etwa zehn Minuten lang klopfte und murmelte Ron, während Hermine die Seiten ihres Buches umblätterte und Harry weiter mit dem Schwarzdorn-Zauberstab übte.
Schließlich kletterte Hermine von ihrem Bett herunter. Ron hörte sofort auf zu klopfen.
»Wenn es dich nervt, lass ich es bleiben!«, meinte er nervös zu ihr.
Hermine ließ sich nicht dazu herab, ihm zu antworten, sondern ging auf Harry zu.
»Ich muss mit dir reden«, sagte sie.
Er blickte auf das Buch, das sie immer noch in der Hand hielt. Es war Leben und Lügen des Albus Dumbledore.
»Was gibt’s?«, fragte er argwöhnisch. Ihm schoss durch den Kopf, dass es auch ein Kapitel über ihn selbst darin gab; er war nicht sicher, ob er jetzt in der Stimmung war, sich Ritas Darstellung seiner Beziehung zu Dumbledore anzuhören. Auf Hermines Antwort jedoch war er überhaupt nicht gefasst.
»Ich möchte Xenophilius Lovegood besuchen.«
Er starrte sie an.
»Wie bitte?«
»Xenophilius Lovegood. Lunas Vater. Ich will hin und mit ihm reden!«
»Ähm – wieso?«
Sie holte tief Luft, als würde sie all ihren Mut zusammennehmen, und sagte: »Es geht um das Zeichen, das Zeichen in Beedle dem Barden. Schau dir das an!«
Sie hielt Leben und Lügen des Albus Dumbledore vor Harrys unwillige Augen, und er sah ein Foto von dem Originalbrief, den Dumbledore an Grindelwald geschrieben hatte, mit Dumbledores vertrauter feiner, schräger Handschrift. Es war ihm zuwider, den zwingenden Beweis dafür zu sehen, dass Dumbledore diese Worte tatsächlich geschrieben hatte, dass sie nicht Ritas Erfindung waren.
»Die Unterschrift«, sagte Hermine. »Sieh dir die Unterschrift an, Harry!«
Er gehorchte. Im ersten Moment wusste er überhaupt nicht, was sie meinte, doch als er mit Hilfe seines leuchtenden Zauberstabs näher hinsah, erkannte er, dass Dumbledore das »A« von Albus durch eine winzige Version jenes dreieckigen Zeichens ersetzt hatte, das auch in die Märchen von Beedle dem Barden hineingemalt war.
»Ähm – was macht ihr –?«, fragte Ron zaghaft, doch Hermine brachte ihn mit einem Blick zum Verstummen und wandte sich wieder Harry zu.
»Wir stoßen andauernd darauf, nicht wahr?«, sagte sie. »Ich weiß, dass Viktor es für Grindelwalds Zeichen hielt, aber es war eindeutig auf diesem alten Grab in Godric’s Hollow, und die Lebensdaten auf dem Grabstein lagen lange vor Grindelwalds Zeit! Und jetzt das! Also, Dumbledore oder Grindelwald können wir nicht fragen, was das bedeuten soll – ich weiß nicht mal, ob Grindelwald noch lebt –, aber wir können Mr Lovegood fragen. Er hat das Symbol bei der Hochzeit getragen. Ich bin sicher, dass das wichtig ist, Harry!«
Harry antwortete nicht sofort. Er blickte in ihr gespanntes, erwartungsvolles Gesicht und sah dann nachdenklich hinaus in die Dunkelheit rundherum. Nach langem Schweigen sagte er: »Hermine, ein Mal Godric’s Hollow ist genug. Wir haben uns eingeredet, dass wir unbedingt dorthin müssen, und –«
»Aber es taucht immer wieder auf, Harry! Dumbledore hat mir die Märchen von Beedle dem Barden hinterlassen, woher weißt du, dass wir nicht herausfinden sollen, was es mit dem Zeichen auf sich hat?«
»Jetzt geht das schon wieder los!« Harry war leicht genervt. »Wir versuchen die ganze Zeit uns selber weiszumachen, dass Dumbledore uns geheime Zeichen und Hinweise hinterlassen hat –«
»Der Deluminator war am Ende doch ziemlich nützlich«, meldete sich Ron. »Ich glaube, Hermine hat Recht, ich glaube, wir sollten Lovegood besuchen.«
Harry warf ihm einen finsteren Blick zu. Wenn Ron jetzt Hermine unterstützte, dann hatte das wenig mit dem Wunsch zu tun, die Bedeutung der dreieckigen Rune in Erfahrung zu bringen, davon war Harry völlig überzeugt.
»Es wird nicht so sein wie in Godric’s Hollow«, fügte Ron hinzu. »Lovegood ist auf deiner Seite, Harry, Der Klitterer war das schon die ganze Zeit, der ruft ständig alle auf, dir zu helfen!«
»Ich bin sicher, dass das wichtig ist«, sagte Hermine ernst.
»Aber glaubst du nicht, dass Dumbledore, wenn es so wäre, mir vor seinem Tod davon erzählt hätte?«
»Vielleicht … vielleicht ist es etwas, das du selber herausfinden musst«, sagte Hermine und wirkte fast so, als wollte sie sich an einen winzigen Strohhalm klammern.
»Jaah«, sagte Ron beflissen, »das klingt logisch.«
»Nein, tut es nicht«, fauchte Hermine, »aber trotzdem glaube ich, wir sollten mit Mr Lovegood reden. Ein Symbol, das Dumbledore, Grindelwald und Godric’s Hollow miteinander verbindet? Harry, wir sollten unbedingt rauskriegen, was das bedeutet!«
»Ich finde, wir sollten abstimmen«, sagte Ron. »Wer ist dafür, Lovegood zu besuchen –«
Seine Hand flog noch vor Hermines nach oben. Ihre Lippen bebten verdächtig, als sie ihre hob.
»Überstimmt, Harry, tut mir leid«, sagte Ron und klopfte ihm auf die Schulter.
»Na schön«, sagte Harry, halb belustigt, halb verärgert. »Aber sobald wir mit Lovegood gesprochen haben, suchen wir weiter nach Horkruxen, ja? Wo leben die Lovegoods überhaupt? Weiß das jemand von euch?«
»Ja, sie wohnen nicht weit von mir zu Hause«, sagte Ron. »Wo genau, weiß ich nicht, aber Mum und Dad zeigen immer auf die Hügel, wenn sie sie erwähnen. Sollte nicht schwer zu finden sein.«
Als Hermine wieder in ihr Bett gestiegen war, senkte Harry die Stimme.
»Du warst nur dafür, weil du bei ihr punkten wolltest.«
»In der Liebe und im Krieg ist alles erlaubt«, sagte Ron strahlend, »und das hier ist ein bisschen von beidem. Kopf hoch, es sind Weihnachtsferien, Luna wird bestimmt zu Hause sein!«
Von dem windgepeitschten Hügel, zu dem sie am nächsten Morgen disapparierten, hatten sie einen hervorragenden Blick über das Dorf Ottery St. Catchpole. Von diesem hohen Punkt aus betrachtet, wirkte das Dorf wie eine Ansammlung von Spielzeughäuschen in den schrägen, breiten Sonnenstrahlen, die zwischen Wolkenlücken hindurch auf die Erde fielen. Sie blieben ein paar Minuten lang stehen und blickten zum Fuchsbau hinunter, die Augen mit den Händen abgeschirmt, konnten jedoch nur die hohen Hecken und die Bäume des Obstgartens erkennen, die das krumme kleine Haus vor den Augen der Muggel verbargen.
»Komisches Gefühl, so nah zu sein und sie trotzdem nicht zu besuchen«, sagte Ron.
»Na ja, es ist nicht gerade lange her, dass du sie gesehen hast. Du warst Weihnachten dort«, sagte Hermine kühl.
»Ich war nicht im Fuchsbau!«, erwiderte Ron mit einem ungläubigen Lachen. »Denkst du, ich würde zurück nach Hause gehen und allen erzählen, dass ich euch sitzen gelassen hab? Jaah, Fred und George wären so was von begeistert gewesen. Und Ginny, die hätte furchtbar viel Verständnis gehabt.«
»Aber wo warst du dann?«, fragte Hermine überrascht.
»Im neuen Haus von Bill und Fleur. Shell Cottage. Bill war immer nett zu mir. Er – er war nicht gerade froh, als er hörte, was ich getan hatte, aber er hat mich damit in Ruhe gelassen. Er wusste, dass es mir wirklich leidtat. Von der Familie weiß sonst keiner, dass ich dort war. Bill hat Mum gesagt, er und Fleur würden an Weihnachten nicht nach Hause kommen, weil sie alleine feiern wollten. Die ersten Ferien nach ihrer Hochzeit, verstehst du. Ich glaube nicht, dass Fleur was dagegen hatte. Du weißt ja, wie sehr sie Celestina Warbeck verabscheut.«
Ron kehrte dem Fuchsbau den Rücken zu.
»Versuchen wir es mal hier lang«, sagte er und ging ihnen voran auf dem Weg, der über die Hügelkuppe führte.
Sie wanderten ein paar Stunden lang, Harry unter dem Tarnumhang verborgen, da Hermine darauf bestanden hatte. Die Kette niedriger Hügel schien nicht besiedelt zu sein, bis auf ein einzelnes kleines Haus, das verlassen wirkte.
»Meint ihr, das ist ihres, und sie sind über Weihnachten verreist?«, fragte Hermine und spähte durch das Fenster in eine hübsche kleine Küche mit Geranien auf der Fensterbank. Ron schnaubte.
»Hör mal, ich glaub, du würdest sofort wissen, wer dort lebt, wenn du bei den Lovegoods durchs Fenster schaust. Versuchen wir’s bei den nächsten paar Hügeln.«
Und so disapparierten sie einige Meilen weiter Richtung Norden.
»Aha!«, rief Ron, während der Wind ihnen durch Haare und Kleider fegte. Er zeigte nach oben, zur Kuppe des Hügels, bei dem sie aufgetaucht waren, wo ein äußerst merkwürdig aussehendes Haus senkrecht zum Himmel aufragte wie ein großer schwarzer Zylinder, hinter dem ein gespenstischer Mond am Nachmittagshimmel stand. »Das muss Lunas Haus sein, wer sonst würde in so etwas wohnen? Sieht aus wie eine Art Riesenmelone!«
»Es ist doch keine Kugel«, sagte Hermine, mit einem finsteren Blick auf den Turm.
»Ich meinte einen Melonenhut«, sagte Ron. »Für dich vielleicht Bowler.«
Ron hatte die längsten Beine und erreichte als Erster die Hügelkuppe. Als Harry und Hermine ihn schnaufend und mit heftigem Seitenstechen eingeholt hatten, grinste er breit.
»Das ist es«, sagte Ron. »Seht mal.«
Drei von Hand bemalte Schilder waren an ein kaputtes Gartentor genagelt. Auf dem ersten stand: »Der Klitterer. Herausgeber: X. Lovegood«, auf dem zweiten »Misteln zum Selberpflücken« und auf dem dritten »Hände weg von den Lenkpflaumen«.
Das Tor knarzte, als sie es öffneten. Eine bunte Vielfalt seltsamer Pflanzen überwucherte den Weg, der im Zickzack zur Haustür führte, darunter auch ein Busch, der mit den orangefarbenen, radieschenartigen Früchten bedeckt war, die Luna manchmal als Ohrringe trug. Harry glaubte einen Snargaluff zu erkennen und machte einen großen Bogen um den verwitterten Stumpf. Zwei alte, sturmgebeugte Holzapfelbäume, die keine Blätter hatten, aber noch schwer behangen waren mit beerengroßen roten Früchten und buschigen Mistelkronen mit weißen Perlen, standen zu beiden Seiten der Haustür Wache. Eine kleine Eule mit leicht abgeflachtem, falkenartigem Kopf spähte von einem der Äste zu ihnen herab.
»Am besten, du nimmst den Tarnumhang ab, Harry«, sagte Hermine, »Mr Lovegood will ja dir helfen und nicht uns.«
Er befolgte ihren Ratschlag und reichte ihr den Umhang, damit sie ihn in der Perlentasche verstaute. Dann klopfte sie dreimal an die schwere schwarze Tür, die mit Eisennägeln beschlagen war und einen Türklopfer in Gestalt eines Adlers trug.
Kaum zehn Sekunden vergingen, dann wurde die Tür aufgerissen, und Xenophilius Lovegood stand vor ihnen, barfuß und in etwas, das wie ein fleckiges Nachthemd aussah. Sein langes weißes Zuckerwattehaar war schmutzig und ungekämmt. Im Vergleich dazu war Xenophilius bei Bills und Fleurs Hochzeit ausgesprochen elegant aufgetreten.
»Was? Was gibt es? Wer seid ihr? Was wollt ihr?«, rief er mit schriller, nörgelnder Stimme und sah zuerst Hermine an, dann Ron und schließlich Harry, bei dessen Anblick ihm der Mund aufklappte und ein perfektes, urkomisches »O« bildete.
»Hallo, Mr Lovegood«, sagte Harry und streckte die Hand aus. »Ich bin Harry, Harry Potter.«
Xenophilius ergriff Harrys Hand nicht, obwohl das Auge, das nicht nach innen auf seine Nase gerichtet war, sofort zu der Narbe auf Harrys Stirn huschte.
»Wäre es möglich, dass wir reinkommen?«, fragte Harry. »Wir möchten Sie etwas fragen.«
»Ich … ich bin mir nicht sicher, ob das ratsam ist«, flüsterte Xenophilius. Er schluckte und warf rasch einen Blick über den Garten. »Ein ziemlicher Schreck … meine Güte … ich … ich fürchte, ich glaube wirklich nicht, dass ich –«
»Es dauert nicht lange«, sagte Harry, ein wenig enttäuscht über diese nicht besonders herzliche Begrüßung.
»Ich – oh, also, na schön. Kommen Sie rein, schnell. Schnell!«
Sie waren kaum über der Schwelle, als Xenophilius die Tür hinter ihnen zuschlug. Sie standen in der seltsamsten Küche, die Harry je gesehen hatte. Der Raum war völlig kreisrund und vermittelte den Eindruck, dass man sich im Inneren eines riesigen Pfefferstreuers befand. Alles war gebogen, damit es an die Wände passte: der Herd, die Spüle und die Schränke, und auf alles waren in leuchtenden Grundfarben Blumen, Insekten und Vögel gemalt. Harry glaubte, Lunas Stil zu erkennen: Die Wirkung in diesem geschlossenen Raum war einigermaßen überwältigend.
Von der Mitte des Fußbodens führte eine schmiedeeiserne Wendeltreppe in die oberen Stockwerke. Von dort war ein lautes Klappern und Rattern zu hören: Harry fragte sich, was Luna wohl treiben mochte.
»Sie kommen am besten mit nach oben«, sagte Xenophilius, der sich nach wie vor äußerst unwohl zu fühlen schien, und ging voraus.
Der Raum im nächsten Stock war anscheinend eine Mischung aus Wohnzimmer und Arbeitsplatz und daher sogar noch vollgestopfter als die Küche. Obwohl viel kleiner und vollkommen rund, erinnerte er ein wenig an den Raum der Wünsche in dem unvergesslichen Augenblick, als er sich in ein riesiges Labyrinth aus versteckten Gegenständen vieler vergangener Jahrhunderte verwandelt hatte. Auf sämtlichen Flächen stapelten sich unzählige Bücher und Papiere. Fein gearbeitete Modelle von Geschöpfen, die Harry nicht kannte, hingen von der Decke und schlugen mit den Flügeln oder schnappten mit ihren Mäulern.
Luna war nicht da: Was hier einen solchen Radau veranstaltete, war ein hölzernes Gerät voller sich magisch drehender Rollen und Zahnräder. Es sah aus wie die skurrile Kreuzung von einer Werkbank und einer alten Regalwand, doch da das Ding den Klitterer ausspuckte, schloss Harry bald, dass es sich um eine altmodische Druckerpresse handelte.
»Entschuldigen Sie mich«, sagte Xenophilius, ging rasch hinüber zu der Maschine, zog unter einem gewaltigen Stapel von Büchern und Papieren, die alle zu Boden fielen, ein schmutziges Tischtuch hervor und warf es über die Presse, was das laute Rattern und Klappern etwas dämpfte. Dann wandte er sich an Harry.
»Warum sind Sie hergekommen?«
Doch ehe Harry etwas sagen konnte, stieß Hermine einen kleinen erschrockenen Schrei aus.
»Mr Lovegood – was ist das?«
Sie deutete auf ein riesiges graues, gewundenes Horn, nicht unähnlich dem eines Einhorns, es war an der Wand befestigt und ragte gut einen Meter in den Raum hinein.
»Das ist das Horn eines Schrumpfhörnigen Schnarchkacklers«, sagte Xenophilius.
»Nein, ist es nicht!«, sagte Hermine.
»Hermine«, murmelte Harry verlegen, »jetzt ist nicht der Moment –«
»Aber Harry, das ist das Horn von einem Erumpent! Das gehört zu den Verkäuflichen Gütern der Klasse B, und es ist extrem gefährlich, so was im Haus zu haben!«
»Woher weißt du, dass es ein Erumpent-Horn ist?«, fragte Ron und schlich von dem Horn weg, so schnell es in dem heillosen Durcheinander des Zimmers möglich war.
»In Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind gibt es eine Beschreibung davon! Mr Lovegood, Sie müssen es sofort entfernen, wissen Sie denn nicht, dass es bei der leisesten Berührung explodieren kann?«
»Der Schrumpfhörnige Schnarchkackler«, sagte Xenophilius ganz deutlich und mit störrischer Miene, »ist ein scheues und höchst magisches Geschöpf, und sein Horn –«
»Mr Lovegood, ich erkenne die Kerben um den Ansatz herum, das ist ein Erumpent-Horn, und es ist unglaublich gefährlich – ich weiß nicht, wo Sie es herhaben –«
»Ich habe es gekauft«, sagte Xenophilius unbelehrbar, »vor zwei Wochen, von einem reizenden jungen Zauberer, der von meinem Interesse an dem wundervollen Schnarchkackler wusste. Eine Weihnachtsüberraschung für meine Luna. Nun«, sagte er und wandte sich an Harry, »warum sind Sie eigentlich hergekommen, Mr Potter?«
»Wir brauchen ein wenig Hilfe«, sagte Harry, ehe Hermine von neuem anfangen konnte.
»Ah«, sagte Xenophilius. »Hilfe. Hm.« Sein gesundes Auge richtete sich wieder auf Harrys Narbe. Er wirkte verängstigt und fasziniert zugleich. »Ja. Die Sache ist die … Harry Potter helfen … ziemlich gefährlich …«
»Sind Sie nicht derjenige, der ständig allen sagt, dass es ihre erste Pflicht ist, Harry zu helfen?«, fragte Ron. »In Ihrem Magazin da?«
Xenophilius warf einen Blick hinter sich auf die zugedeckte Druckerpresse, die unter dem Tischtuch weiter ratterte und klapperte.
»Ähm – ja, ich habe diese Meinung zum Ausdruck gebracht. Allerdings –«
»– gilt das für alle anderen und nicht für Sie persönlich?«, sagte Ron.
Xenophilius antwortete nicht. Er schluckte ein ums andere Mal, während seine Augen rasch zwischen den dreien hin und her huschten. Harry hatte den Eindruck, dass er qualvoll mit sich kämpfte.
»Wo ist Luna?«, fragte Hermine. »Schauen wir mal, was sie davon hält.«
Xenophilius schluckte. Er schien sich zu wappnen. Endlich sagte er mit zittriger Stimme, die bei dem Lärm der Druckerpresse schwer verständlich war: »Luna ist unten am Bach, sie angelt Süßwasser-Plimpys. Sie … wird sich sicher freuen, Sie zu sehen. Ich gehe sie rufen und dann – ja, nun gut. Ich werde versuchen, Ihnen zu helfen.«
Er verschwand die Wendeltreppe hinunter, und sie hörten die Haustür auf- und zugehen. Sie sahen einander an.
»Feiger alter Wicht«, sagte Ron. »Luna hat zehnmal so viel Mumm wie der.«
»Er hat wahrscheinlich Angst davor, was mit ihnen passieren wird, wenn die Todesser herausfinden, dass ich hier war«, sagte Harry.
»Also, ich finde, Ron hat Recht«, sagte Hermine. »Schrecklicher alter Heuchler, sagt allen anderen, dass sie dir helfen sollen, und versucht sich selber da rauszuwinden. Und haltet euch um Himmels willen von dem Horn fern.«
Harry ging zu dem Fenster auf der anderen Seite des Raumes hinüber. Er konnte einen Bach sehen, ein schmales, glitzerndes Band tief unten am Fuß des Hügels. Sie waren ganz hoch oben; ein Vogel flatterte am Fenster vorbei, während Harry in die Richtung des Fuchsbaus starrte, der jetzt hinter einer anderen Hügelkette verborgen war. Irgendwo da drüben war Ginny. Seit Bills und Fleurs Hochzeit waren sie einander nicht mehr so nahe gewesen, doch sie konnte nicht ahnen, dass er jetzt zu ihr hinsah und an sie dachte. Vielleicht sollte er froh darüber sein; jeder, mit dem er in Kontakt kam, war in Gefahr, Xenophilius’ Verhalten war der beste Beweis dafür.
Er wandte sich vom Fenster ab, und sein Blick fiel auf einen weiteren seltsamen Gegenstand, der auf dem überladenen runden Schränkchen stand: die steinerne Büste einer schönen, aber streng blickenden Hexe mit einer äußerst grotesken Kopfbedeckung. Zwei Gegenstände, die wie goldene Hörrohre aussahen, wölbten sich seitlich daraus hervor. An einem Ledergurt, der über ihren Kopf führte, war ein Paar glitzernder blauer Flügelchen befestigt, während eins von den orangefarbenen Radieschen an einem zweiten Gurt um ihre Stirn befestigt war.
»Seht euch das an«, sagte Harry.
»Entzückend«, sagte Ron. »Überrascht mich, dass er das nicht bei der Hochzeit getragen hat.«
Sie hörten die Haustür zugehen, und einen Moment später war Xenophilius über die Wendeltreppe nach oben zurückgekehrt, seine dürren Beine steckten jetzt in Gummistiefeln, und in den Händen hielt er ein Tablett mit verschiedensten Teetassen und einer dampfenden Kanne Tee.
»Ah, Sie haben meine Lieblingserfindung entdeckt«, sagte er, drückte Hermine das Tablett in die Arme und stellte sich neben Harry vor die Figur. »Haargenau dem Kopf der schönen Rowena Ravenclaw angepasst. Witzigkeit im Übermaß ist des Menschen größter Schatz!«
Er deutete auf die hörrohrartigen Gegenstände.
»Das sind Schlickschlupf-Absauger – um alle Störfaktoren aus der unmittelbaren Nähe des Denkenden zu entfernen. Hier«, er wies auf die Flügelchen, »ein Billywig-Propeller, um einen höheren Bewusstseinszustand herbeizuführen. Schließlich«, er zeigte auf das orangefarbene Radieschen, »die Lenkpflaume, sie steigert die Fähigkeit, das Außergewöhnliche anzunehmen.«
Xenophilius ging rasch zu dem Teetablett zurück, das Hermine erfolgreich, aber riskant auf einem der überladenen Tischchen ausbalanciert hatte.
»Darf ich Ihnen einen Spulenwurzeltee anbieten?«, sagte Xenophilius. »Wir machen ihn selber.« Er begann das Getränk einzuschenken, das tiefrot war wie Rote-Bete-Saft, und fügte hinzu: »Luna ist unten hinter der Tiefen Brücke, sie ist ganz aufgeregt, dass Sie hier sind. Sie dürfte bald zurück sein, sie hat beinahe genug Plimpys gefangen, um Suppe für uns alle zu kochen. Setzen Sie sich doch bitte und nehmen Sie Zucker. Nun«, er räumte einen schwankenden Papierstapel von einem Sessel, nahm Platz und schlug die Beine mit den Gummistiefeln übereinander, »wie kann ich Ihnen helfen, Mr Potter?«
»Also«, sagte Harry und warf Hermine einen Blick zu, die ermunternd nickte, »es geht um dieses Symbol, das Sie bei Bills und Fleurs Hochzeit um den Hals trugen, Mr Lovegood. Wir würden gerne wissen, was es bedeutet.«
Xenophilius hob die Brauen.
»Meinen Sie das Zeichen der Heiligtümer des Todes?«
Das Märchen von den drei Brüdern
Harry wandte sich um und sah Ron und Hermine an. Auch sie schienen nicht verstanden zu haben, was Xenophilius gesagt hatte.
»Die Heiligtümer des Todes?«
»Richtig«, sagte Xenophilius. »Sie haben noch nie davon gehört? Das überrascht mich nicht. Sehr, sehr wenige Zauberer glauben daran. Denken Sie nur an diesen hirnlosen jungen Mann bei der Hochzeit Ihres Bruders«, sagte er und nickte Ron zu, »der über mich herfiel, weil ich angeblich das Symbol eines weithin bekannten schwarzen Magiers zur Schau trage! Wie ignorant. Es ist nichts Schwarzmagisches an den Heiligtümern – zumindest nicht in diesem groben Sinne. Man benutzt das Symbol bloß, um sich anderen Gläubigen zu offenbaren, in der Hoffnung, dass sie einem bei der Suche helfen.«
Er rührte einige Zuckerstücke in seinen Spulenwurzeltee und trank einen Schluck.
»Verzeihung«, sagte Harry. »Ich verstehe immer noch nicht richtig.«
Um höflich zu sein, nippte auch er an seiner Tasse und musste fast würgen: Das Zeug war ziemlich widerlich, als hätte jemand Bertie Botts Bohnen mit Popelgeschmack püriert.
»Nun, Sie müssen verstehen, Gläubige suchen nach den Heiligtümern des Todes«, sagte Xenophilius und schmatzte, offensichtlich den Spulenwurzeltee genießend.
»Aber was sind die Heiligtümer des Todes?«, fragte Hermine.
Xenophilius stellte seine leere Teetasse beiseite.
»Ich nehme an, dass Sie alle das ›Märchen von den drei Brüdern‹ kennen?«
Harry sagte »Nein«, doch Ron und Hermine sagten beide »Ja«.
Xenophilius nickte gewichtig.
»Nun denn, Mr Potter, das Ganze beginnt mit dem Märchen von den drei Brüdern … ich habe irgendwo eine Ausgabe …«
Er ließ den Blick vage über die Stapel von Büchern und Papieren schweifen, doch da sagte Hermine schon: »Ich habe eine, Mr Lovegood, ich hab sie hier bei mir.«
Und sie zog die Märchen von Beedle dem Barden aus der kleinen, mit Perlen verzierten Tasche.
»Das Original?«, fragte Xenophilius schneidend, und als sie nickte, sagte er: »Alsdann, warum lesen Sie die Geschichte nicht einfach laut vor? So können wir sie alle sicher am besten verstehen.«
»Ähm … na gut«, sagte Hermine nervös. Sie schlug das Buch auf, und Harry sah das Symbol, dem sie gerade nachforschten, oben auf der Seite, sie hüstelte kurz und begann dann zu lesen.
»Es waren einmal drei Brüder, die wanderten auf einer einsamen, gewundenen Straße in der Abenddämmerung dahin –«
»Um Mitternacht, bei unserer Mum war es immer Mitternacht«, sagte Ron, der sich ausgestreckt hatte, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, und lauschte. Hermine warf ihm einen verärgerten Blick zu.
»Tut mir leid, ich finde nur, dass es ein bisschen unheimlicher klingt, wenn es Mitternacht ist!«, sagte Ron.
»Klar, weil wir unbedingt ein bisschen mehr Angst in unserem Leben brauchen«, sagte Harry, ehe er es sich verkneifen konnte. Xenophilius schien nicht weiter darauf zu achten, sondern starrte durch das Fenster zum Himmel. »Lesen Sie weiter, Hermine.«
»Nach einiger Zeit kamen die drei Brüder zu einem Fluss, der war so tief, dass sie nicht hindurchwaten konnten, und so gefährlich, dass sie nicht ans andere Ufer schwimmen konnten. Doch die Brüder waren der magischen Künste kundig, und so schwangen sie einfach ihre Zauberstäbe und ließen eine Brücke über dem tückischen Wasser erscheinen. Sie hatten die Brücke halb überquert, da trat ihnen eine Kapuzengestalt in den Weg.
Und der Tod sprach zu ihnen –«
»Verzeihung«, warf Harry ein, »aber der Tod sprach zu ihnen?«
»Es ist ein Märchen, Harry!«
»Stimmt. ’tschuldigung. Lies weiter.«
»Und der Tod sprach zu ihnen. Er war zornig, weil er um drei neue Opfer betrogen worden war, denn für gewöhnlich ertranken Wandersleute in dem Fluss. Doch der Tod war gerissen. Er tat, als würde er den drei Brüdern zu ihrer Zauberkunst gratulieren, und sagte, weil sie so klug gewesen seien, ihm zu entrinnen, verdiene jeder von ihnen einen Lohn.
So verlangte denn der älteste Bruder, der ein kämpferischer Mann war, einen Zauberstab, der mächtiger als alle anderen sein sollte: einen Zauberstab, der seinem Besitzer in jedem Duell zum Sieg verhelfen würde, einen Zauberstab, der eines Zauberers würdig war, der den Tod besiegt hatte! Also ging der Tod zu einem Elderbaum am Ufer des Flusses, formte einen Zauberstab aus einem Zweig, der dort hing, und schenkte ihn dem ältesten Bruder.
Dann beschloss der zweite Bruder, der ein hochmütiger Mann war, den Tod noch mehr zu demütigen, und verlangte nach der Macht, andere aus dem Tod zurückzurufen. Also nahm der Tod einen Stein vom Flussufer und schenkte ihn dem zweiten Bruder, und er sagte ihm, dass der Stein die Macht haben werde, die Toten zurückzuholen.
Und dann fragte der Tod den dritten und jüngsten Bruder nach seinem Wunsch. Der jüngste Bruder war der genügsamste und auch der weiseste der Brüder, und er traute dem Tod nicht. Also bat er um etwas, das es ihm ermöglichen würde, von dannen zu gehen, ohne dass ihn der Tod verfolgte. Und der Tod übergab ihm, höchst widerwillig, seinen eigenen Umhang, der unsichtbar machte.«
»Der Tod hat einen Tarnumhang?«, unterbrach Harry erneut.
»Damit er sich an die Leute ranpirschen kann«, sagte Ron. »Manchmal langweilt es ihn, auf sie zuzurennen und mit den Armen zu fuchteln und zu kreischen … Verzeihung, Hermine.«
»Nun trat der Tod beiseite und erlaubte den drei Brüdern, ihre Reise fortzusetzen, und dies taten sie und sprachen voller Staunen über das Abenteuer, das sie erlebt hatten, und bewunderten die Geschenke des Todes.
Bald darauf trennten sich die Brüder und ein jeder ging seines Weges.
Der erste Bruder war über eine Woche auf Wanderschaft, als er in ein fernes Dorf gelangte, wo er sich einen anderen Zauberer suchte, mit dem er einen Streit begann. Natürlich konnte er mit dem Elderstab als Waffe in dem Duell, das darauf folgte, nur gewinnen. Der älteste Bruder ließ seinen Gegner tot auf der Erde liegen und begab sich in ein Wirtshaus, wo er lautstark mit dem mächtigen Zauberstab prahlte, den er dem Tod selber entrissen habe und der ihn unbesiegbar mache.
Noch in derselben Nacht schlich sich ein anderer Zauberer an den ältesten Bruder heran, der trunken vom Wein auf seinem Bett lag. Der Dieb nahm den Zauberstab und schnitt dem ältesten Bruder obendrein die Kehle durch.
Und so machte der Tod sich den ersten Bruder zu eigen.
Unterdessen wanderte der zweite Bruder nach Hause, wo er allein lebte. Hier nahm er den Stein hervor, der die Macht hatte, die Toten zurückzurufen, und drehte ihn drei Mal in der Hand. Zu seiner Verwunderung und Freude erschien vor ihm sogleich die Gestalt jenes Mädchens, das er einst hatte heiraten wollen, ehe sie vorzeitig gestorben war.
Doch sie war traurig und kühl, wie durch einen Schleier von ihm getrennt. Obgleich sie in die Welt der Sterblichen zurückgekehrt war, gehörte sie in Wahrheit nicht dorthin und litt. Schließlich wurde der zweite Bruder wahnsinnig vor unerfüllbarer Sehnsucht, und er tötete sich, um wirklich bei ihr zu sein.
Und so machte der Tod sich den zweiten Bruder zu eigen.
Doch obwohl der Tod viele Jahre lang nach dem dritten Bruder suchte, konnte er ihn niemals finden. Erst als der jüngste Bruder ein hohes Alter erreicht hatte, legte er schließlich den Umhang ab, der unsichtbar machte, und schenkte ihn seinem Sohn. Und dann hieß er den Tod als alten Freund willkommen und ging freudig mit ihm, und ebenbürtig verließen sie dieses Leben.«
Hermine schloss das Buch. Es dauerte eine kleine Weile, bis Xenophilius zu bemerken schien, dass sie aufgehört hatte zu lesen, dann wandte er seinen Blick vom Fenster ab und sagte: »Nun, das sind sie.«
»Wie bitte?«, sagte Hermine und klang verwirrt.
»Das sind die Heiligtümer des Todes«, sagte Xenophilius.
Er nahm eine Feder von einem vollgepackten Tisch an seiner Seite und zupfte ein Stückchen Pergament zwischen irgendwelchen Büchern hervor.
»Der Elderstab«, sagte er und zog auf dem Pergament eine gerade senkrechte Linie. »Der Stein der Auferstehung«, sagte er und fügte einen Kreis auf der Linie hinzu. »Der Umhang, der unsichtbar macht«, sagte er endlich und schloss Linie und Kreis in einem Dreieck ein, was nun jenes Symbol ergab, das Hermine so rätselhaft vorkam. »Zusammengenommen«, sagte er, »die Heiligtümer des Todes.«
»Aber in der Geschichte kommt der Begriff ›Heiligtümer des Todes‹ gar nicht vor«, sagte Hermine.
»Ja, natürlich nicht«, erwiderte Xenophilius provozierend selbstgefällig. »Das ist ein Kindermärchen, es soll eher unterhalten als belehren. Diejenigen von uns, die mit solchen Dingen vertraut sind, erkennen jedoch, dass die alte Geschichte sich auf drei Gegenstände, oder Heiligtümer, bezieht, die, wenn sie vereint sind, ihren Besitzer zum Gebieter des Todes machen.«
Eine kurze Stille trat ein und Xenophilius warf einen Blick aus dem Fenster. Die Sonne stand bereits tief am Himmel.
»Luna dürfte bald genügend Plimpys beisammenhaben«, sagte er leise.
»Wenn Sie ›Gebieter des Todes‹ sagen –«, begann Ron.
»Gebieter«, sagte Xenophilius und wedelte vornehm mit der Hand. »Meister. Bezwinger. Welchen Ausdruck Sie auch vorziehen mögen.«
»Aber dann … heißt das …«, sagte Hermine langsam, und Harry spürte, wie sie sich bemühte, einen skeptischen Unterton zu vermeiden, »dass Sie glauben, diese Gegenstände – diese Heiligtümer – existieren tatsächlich?«
Xenophilius hob erneut die Brauen.
»Ja, selbstverständlich.«
»Aber, Mr Lovegood«, sagte Hermine, und Harry konnte hören, wie ihre Beherrschung zu bröckeln begann, »Mr Lovegood, Sie können doch unmöglich glauben, dass –?«
»Luna hat mir alles über Sie erzählt, junge Dame«, sagte Xenophilius, »Sie sind, wie ich daraus schließe, nicht unintelligent, aber unangenehm engstirnig. Kleinmütig. Vernagelt.«
»Vielleicht solltest du den Hut da mal anprobieren, Hermine«, sagte Ron und nickte zu der lächerlichen Kopfbedeckung hinüber. Seine Stimme bebte vor Anstrengung, nicht loszulachen.
»Mr Lovegood«, fing Hermine erneut an. »Wir wissen alle, dass es solche Dinge wie Tarnumhänge gibt. Sie sind selten, aber sie existieren. Trotzdem –«
»Ah, aber bei dem dritten Heiligtum handelt es sich um einen Umhang, der wirklich unsichtbar macht, Miss Granger! Soll heißen, es ist kein Reiseumhang, auf dem ein Desillusionierungszauber liegt oder der einen Blendzauber trägt oder aber aus dem Haar eines Demiguise gewoben ist, einer, der einen anfänglich verbirgt, doch mit den Jahren die Wirkung verliert, bis er schließlich undurchsichtig wird. Wir reden über einen Umhang, der seinen Träger wirklich und wahrhaftig vollkommen unsichtbar macht und ewig haltbar ist, der dauerhaft und unaufspürbar verbirgt, welchen Zaubern er auch ausgesetzt sein mag. Wie viele Umhänge dieser Art haben Sie je gesehen, Miss Granger?«
Hermine öffnete den Mund, um zu antworten, dann schloss sie ihn wieder und sah verwirrter aus denn je. Sie, Harry und Ron warfen sich Blicke zu, und Harry wusste, dass sie alle dasselbe dachten. Wie es der Zufall wollte, war ein Umhang von genau der Art, wie sie Xenophilius gerade beschrieben hatte, just in diesem Moment hier im Raum.
»Eben«, sagte Xenophilius, als ob er sie alle mit einer vernünftigen Beweisführung geschlagen hätte. »Keiner von Ihnen hat je so etwas gesehen. Der Besitzer wäre unermesslich reich, nicht wahr?«
Er blickte wieder aus dem Fenster. Der Himmel hatte sich hauchzart rosa gefärbt.
»Also gut«, sagte Hermine befremdet. »Sagen wir, der Tarnumhang existiert … was ist mit dem Stein, Mr Lovegood? Dem Gegenstand, den Sie den Stein der Auferstehung nennen?«
»Was soll damit sein?«
»Nun, den kann es doch unmöglich geben?«
»Beweisen Sie, dass es ihn nicht gibt«, sagte Xenophilius.
Hermine blickte empört.
»Aber das ist – Verzeihung, aber das ist vollkommen lächerlich! Wie kann ich denn jemals beweisen, dass er nicht existiert? Erwarten Sie, dass ich – dass ich sämtliche Kieselsteine der Welt einsammle und sie prüfe? Ich meine, man könnte von allem behaupten, dass es existiert, aus dem einzigen Grund, dass niemand bewiesen hat, dass es nicht existiert.«
»Ja, könnte man«, sagte Xenophilius. »Es freut mich zu sehen, dass Sie sich ein wenig aufgeschlossen zeigen.«
»Und der Elderstab«, sagte Harry rasch, ehe Hermine etwas erwidern konnte, »glauben Sie, dass es den auch gibt?«
»Oh, nun, in diesem Fall haben wir eine Fülle von Beweisen«, sagte Xenophilius. »Der Elderstab ist das Heiligtum, das sich am leichtesten aufspüren lässt, wegen der Art und Weise, wie er seinen Besitzer wechselt.«
»Und wie geht das vor sich?«, fragte Harry.
»Jeder, der den Zauberstab besitzen will, muss ihn dem vorherigen Eigentümer entwenden, wenn er sein wahrer Meister sein will«, sagte Xenophilius. »Gewiss haben Sie davon gehört, wie der Zauberstab an Egbert den Ungeheuerlichen ging, nachdem er Emmerich den Bösen gemeuchelt hatte? Wie Godelot in seinem eigenen Keller starb, nachdem sein Sohn Hereward ihm den Zauberstab abgenommen hatte? Oder von dem schrecklichen Loxias, der den Zauberstab von Barnabas Deverill nahm, den er getötet hatte? Die blutige Spur des Elderstabs zieht sich durch die Annalen der Zaubereigeschichte.«
Harry warf einen Blick auf Hermine. Sie sah Xenophilius missmutig an, widersprach ihm aber nicht.
»Und wo, glauben Sie, ist der Elderstab jetzt?«, fragte Ron.
»Herrje, wer weiß das schon?«, sagte Xenophilius, während er aus dem Fenster starrte. »Wer weiß, wo der Elderstab verborgen ist? Die Spur verliert sich mit Arcus und Livius. Wer kann sagen, welcher von den beiden tatsächlich Loxias besiegte und welcher den Zauberstab nahm? Und wer kann sagen, wer wiederum sie besiegt haben könnte? Die Geschichte verrät es uns leider nicht.«
Stille trat ein. Schließlich fragte Hermine steif: »Mr Lovegood, hat die Familie Peverell irgendetwas mit den Heiligtümern des Todes zu tun?«
Xenophilius schien verblüfft, und in Harrys Gedächtnis regte sich etwas, doch konnte er es nicht fassen. Peverell … den Namen hatte er schon einmal gehört …
»Da haben Sie mich aber irregeführt, junge Dame!«, sagte Xenophilius, der mit einem Mal viel aufrechter in seinem Sessel saß und Hermine mit großen Augen ansah. »Ich dachte, Sie wären nicht vertraut mit der Suche nach den Heiligtümern! Viele von uns Suchenden glauben, dass die Peverells am allermeisten – allermeisten! – mit den Heiligtümern zu tun haben!«
»Wer sind die Peverells?«, fragte Ron.
»Das war der Name auf dem Grab mit dem Zeichen drauf, in Godric’s Hollow«, antwortete Hermine, ohne Xenophilius aus den Augen zu lassen. »Ignotus Peverell.«
»Genau!«, sagte Xenophilius mit schulmeisterlich erhobenem Zeigefinger. »Das Zeichen der Heiligtümer des Todes auf dem Grab von Ignotus ist der eindeutige Beweis!«
»Wofür?«, fragte Ron.
»Nun, dass die drei Brüder, die in der Geschichte vorkommen, in Wirklichkeit die drei Brüder Peverell waren, Antioch, Cadmus und Ignotus! Dass sie die ursprünglichen Besitzer der Heiligtümer waren!«
Abermals aus dem Fenster blickend, stand er auf, nahm das Tablett und ging auf die Wendeltreppe zu.
»Sie bleiben zum Abendessen?«, rief er, während er wieder nach unten verschwand. »Die Leute wollen immer das Rezept für unsere Süßwasser-Plimpy-Suppe haben.«
»Vermutlich, weil sie es zur Vergiftungsstation vom St. Mungo mitbringen wollen«, sagte Ron leise.
Harry wartete, bis sie Xenophilius unten in der Küche herumgehen hörten, dann ergriff er das Wort.
»Was meinst du?«, fragte er Hermine.
»Oh, Harry«, sagte sie matt, »das ist ein Haufen ausgesprochener Blödsinn. Das kann nicht die eigentliche Bedeutung des Zeichens sein. Es ist sicher nur seine eigene versponnene Auffassung davon. Was für eine Zeitverschwendung.«
»Ich schätze, das ist eben der Mann, der uns die Schrumpfhörnigen Schnarchkackler beschert hat«, sagte Ron.
»Du glaubst es also auch nicht?«, fragte ihn Harry.
»Nö, diese Geschichte ist doch nur was, das man Kindern erzählt, um ihnen was beizubringen, oder? ›Handel dir keinen Ärger ein, geh einem Streit aus dem Weg, rühr nichts an, was du nicht kennst! Duck immer schön den Kopf, kümmer dich um deinen eigenen Kram, dann passiert dir nichts.‹ Da fällt mir ein«, fügte Ron hinzu, »vielleicht kommt es aus dieser Geschichte, dass Zauberstäbe aus Elderbäumen Unglück bringen sollen.«
»Was soll das heißen?«
»Das ist doch auch so ein Aberglaube, oder? ›Im Mai geborene Hexen heiraten Muggel.‹ ›Zauberst du während der Dämmerung, schert sich Mitternacht keiner mehr drum.‹ ›Zauberstab vom Elderbaum kannst du nie und nimmer trau’n.‹ Die Sprüche habt ihr sicher schon mal gehört. Meine Mum ist da unerschöpflich.«
»Harry und ich sind von Muggeln großgezogen worden«, erinnerte ihn Hermine, »uns hat man anderen Aberglauben beigebracht.« Sie seufzte tief, während ein ziemlich beißender Geruch von der Küche emporwehte. Das einzig Gute daran, dass Xenophilius sie so nervte, war, dass sie darüber offensichtlich vergessen hatte, sauer auf Ron zu sein. »Ich glaube, du hast Recht«, sagte sie zu ihm. »Es ist nur eine moralische Erzählung, ist doch klar, welches Geschenk das beste ist, welches man wählen würde –«
Alle drei sprachen gleichzeitig; Hermine sagte: »Den Umhang«, Ron sagte: »Den Zauberstab«, und Harry sagte: »Den Stein«.
Sie sahen einander an, halb verdutzt, halb belustigt.
»Klar, dass man den Tarnumhang nehmen soll«, meinte Ron zu Hermine, »aber man braucht doch nicht unsichtbar zu sein, wenn man den Zauberstab hat. Ein unbesiegbarer Zauberstab, Hermine, überleg doch mal!«
»Wir haben schon einen Tarnumhang«, sagte Harry.
»Und der hat uns ziemlich viel geholfen, falls du das nicht bemerkt haben solltest!«, sagte Hermine. »Während der Zauberstab einem zwangsläufig Ärger einhandeln würde –«
»– nur wenn man viel Wind um ihn macht«, wandte Ron ein. »Nur wenn man so dämlich ist und herumhüpft und den Zauberstab über dem Kopf schwingt und laut verkündet: ›Ich hab einen unbesiegbaren Zauberstab, kommt doch und probiert es mal, wenn ihr glaubt, dass ihr stark genug seid.‹ Solange man die Klappe hält –«
»Ja, aber könntest du deine Klappe halten?«, fragte Hermine mit skeptischem Blick. »Weißt du, das einzige Wahre, das er uns gesagt hat, war, dass es seit Jahrhunderten Geschichten über besonders mächtige Zauberstäbe gibt.«
»Gibt es die?«, fragte Harry.
Hermine blickte entnervt: Der Gesichtsausdruck war ihnen auf so liebenswerte Weise vertraut, dass Harry und Ron einander angrinsten.
»Der Todesstab, der Zauberstab des Schicksals, die treten im Lauf der Jahrhunderte unter verschiedenen Namen auf, meist im Besitz eines schwarzen Magiers, der mit ihnen prahlt. Professor Binns hat ein paar davon erwähnt, aber – ach, das ist alles Unsinn. Zauberstäbe sind nur so mächtig wie die Zauberer, die sie benutzen. Manche Zauberer brüsten sich einfach gerne damit, dass ihre größer und besser sind als die anderer.«
»Aber woher willst du wissen«, sagte Harry, »dass diese Zauberstäbe – der Todesstab und der Zauberstab des Schicksals – nicht ein und derselbe sind, der durch die Jahrhunderte unter verschiedenen Namen auftaucht?«
»Was, und die sind in Wirklichkeit alle der Elderstab, den der Tod gemacht hat?«, sagte Ron.
Harry lachte: Die seltsame Idee, die ihm gekommen war, war letzten Endes lächerlich. Sein Zauberstab, erinnerte er sich selbst, war aus Stechpalme gewesen und nicht aus Elderbaum, und Ollivander hatte ihn angefertigt, was immer dieser Stab auch getan hatte in jener Nacht, als Voldemort ihn am Himmel verfolgt hatte. Und wenn er unbesiegbar gewesen wäre, wie hätte er dann zerbrechen können?
»Und warum würdest du den Stein nehmen?«, fragte ihn Ron.
»Nun, wenn man Leute zurückbringen kann, könnten wir Sirius wiederhaben … Mad-Eye … Dumbledore … meine Eltern …«
Weder Ron noch Hermine lächelten.
»Aber Beedle dem Barden zufolge würden sie gar nicht zurückkommen wollen, oder?«, sagte Harry und dachte über das Märchen nach, das sie gerade gehört hatten. »Ich nehme nicht an, dass es allzu viele andere Geschichten über einen Stein gibt, der die Toten auferwecken kann, oder?«, fragte er Hermine.
»Nein«, erwiderte sie traurig. »Ich glaube nicht, dass sich außer Mr Lovegood irgendjemand vormachen kann, dass das möglich ist. Beedle hat sich wahrscheinlich vom Stein der Weisen zu dieser Idee anregen lassen; ihr wisst schon, statt eines Steins, der einen unsterblich macht, ein Stein, der den Tod rückgängig macht.«
Der Geruch aus der Küche wurde stärker: Es roch etwa so wie brennende Unterhosen. Harry fragte sich, ob es möglich sein würde, so viel von dem zu essen, was Xenophilius gerade kochte, dass er nicht gekränkt war.
»Aber was ist mit dem Tarnumhang?«, sagte Ron langsam. »Begreift ihr nicht, dass er Recht hat? Ich hab mich so an Harrys Umhang gewöhnt und daran, wie gut er ist, dass es mir nie aufgefallen ist. Ich hab noch nie von einem wie dem von Harry gehört. Er ist total zuverlässig. Wir sind nie darunter entdeckt worden –«
»Natürlich nicht – wir sind unsichtbar, wenn wir darunter sind, Ron!«
»Aber all das, was er über andere Umhänge gesagt hat – und die sind ja nicht für ’n paar lumpige Knuts zu kriegen –, wisst ihr, das stimmt! Ich hab noch nie groß darüber nachgedacht, aber ich hab schon Sachen gehört von Zaubern, die auf Umhänge gelegt wurden, aber mit der Zeit nachließen, oder dass diese Umhänge durch Flüche zerrissen wurden und Löcher bekamen. Der von Harry gehörte vorher seinem Dad, also ist er nicht gerade neu, stimmt’s, aber er ist … perfekt!«
»Ja, schon richtig, aber, Ron, der Stein …«
Während sie flüsternd diskutierten, ging Harry im Raum umher und hörte nur halb zu. Als er zu der Wendeltreppe gelangte, hob er den Blick gedankenverloren zur nächsten Etage und war sofort abgelenkt. Sein eigenes Gesicht sah ihn von der Decke des Raumes über ihnen an.
Er war kurz verwirrt, dann bemerkte er, dass es kein Spiegel war, sondern ein Gemälde. Neugierig begann er die Treppe hinaufzusteigen.
»Harry, was tust du da? Ich glaube nicht, dass du dich umsehen solltest, wenn er nicht da ist!«
Aber Harry hatte schon das nächste Stockwerk erreicht.
Luna hatte ihre Schlafzimmerdecke mit fünf wunderschön gemalten Gesichtern dekoriert: Harry, Ron, Hermine, Ginny und Neville. Sie bewegten sich nicht, wie es die Porträts in Hogwarts taten, aber trotzdem umgab sie ein gewisser Zauber: Harry hatte den Eindruck, dass sie atmeten. Es sah aus, als ob sich fünf goldene Ketten um die Bilder schlangen und sie miteinander verbanden, doch nachdem Harry sie eine Weile betrachtet hatte, erkannte er, dass die Ketten in Wirklichkeit ein Wort waren, das sich in goldener Tinte tausendfach wiederholte: Freunde … Freunde … Freunde …
Mit einem Mal überkam Harry eine Woge der Zuneigung für Luna. Er schaute sich in dem Zimmer um. Neben dem Bett war ein großes Foto von der jungen Luna und einer Frau, die ihr sehr ähnlich sah. Sie hatten die Arme umeinandergeschlungen. Luna wirkte auf diesem Bild um einiges gepflegter, als Harry sie je gesehen hatte. Das Bild war staubig. Harry kam das etwas merkwürdig vor. Er blickte aufmerksam umher.
Etwas stimmte hier nicht. Auf dem blassblauen Teppich lag ebenfalls dick der Staub. Im Schrank, dessen Türen halb offen standen, waren keine Kleider. Das Bett machte einen kalten, unfreundlichen Eindruck, als ob seit Wochen niemand darin geschlafen hätte. Eine einzelne Spinnwebe spannte sich über das nächste Fenster, vor einem blutroten Himmel.
»Stimmt was nicht?«, fragte Hermine, als Harry die Treppe hinabkam, doch ehe er antworten konnte, war Xenophilius von der Küche her die Treppe hinaufgestiegen, nun mit einem Tablett voller Schalen in den Händen.
»Mr Lovegood«, sagte Harry. »Wo ist Luna?«
»Wie bitte?«
»Wo ist Luna?«
Xenophilius blieb auf der obersten Stufe stehen.
»Das – das habe ich Ihnen bereits gesagt. Sie ist unten an der Tiefen Brücke und angelt Plimpys.«
»Und warum haben Sie dann auf diesem Tablett nur Geschirr für vier?«
Xenophilius versuchte etwas zu sagen, brachte jedoch keinen Ton heraus. Die einzigen Geräusche kamen von der Druckerpresse, die unentwegt ratterte, und von dem Tablett, auf dem es leise klirrte, weil Xenophilius’ Hände zitterten.
»Ich glaube, Luna ist seit Wochen nicht mehr hier gewesen«, sagte Harry. »Ihre Kleider sind weg, in ihrem Bett hat sie nicht geschlafen. Wo ist sie? Und warum schauen Sie die ganze Zeit aus dem Fenster?«
Xenophilius ließ das Tablett fallen: Die Suppenschalen machten einen Hüpfer und zerschellten. Harry, Ron und Hermine zogen ihre Zauberstäbe: Xenophilius erstarrte, die Hand schon halb in der Tasche. In diesem Moment gab die Druckerpresse einen lauten Knall von sich, und eine Flut von Klitterern quoll unter dem Tischtuch hervor und verbreitete sich überall auf dem Boden; endlich verstummte die Presse.
Hermine bückte sich und hob eines der Magazine auf, ohne den Zauberstab von Mr Lovegood abzuwenden.
»Harry, sieh dir das an.«
Er ging, so schnell es bei dem ganzen Chaos möglich war, zu ihr hinüber. Auf der Titelseite des Klitterers war er selbst abgebildet, geschmückt mit den Worten Unerwünschter Nummer eins, und die Bildunterschrift nannte die Summe der Belohnung.
»Der Klitterer hat wohl eine Kehrtwende hingelegt?«, fragte Harry kalt und in seinem Kopf arbeitete es wie wild. »Haben Sie etwa das getan, als Sie in den Garten gingen, Mr Lovegood? Eine Eule zum Ministerium geschickt?«
Xenophilius fuhr sich mit der Zunge über die Lippen.
»Die haben mir meine Luna weggenommen«, flüsterte er. »Wegen der Sachen, die ich geschrieben habe. Die haben mir meine Luna genommen, und ich weiß nicht, wo sie ist, was sie ihr angetan haben. Aber vielleicht geben sie sie mir zurück, wenn ich – wenn ich –«
»Harry ausliefere?«, beendete Hermine den Satz für ihn.
»Vergessen Sie’s«, sagte Ron entschieden. »Aus dem Weg, wir gehen.«
Xenophilius sah totenbleich aus, ein Jahrhundert alt, die Lippen zu einem schrecklichen höhnischen Grinsen verzogen.
»Die werden jeden Moment hier sein. Ich muss Luna retten. Ich darf Luna nicht verlieren. Sie dürfen nicht gehen.«
Er stellte sich mit ausgebreiteten Armen vor die Treppe, und Harry sah plötzlich das Bild seiner Mutter vor sich, wie sie das Gleiche vor seinem Kinderbett getan hatte.
»Zwingen Sie uns nicht, Ihnen wehzutun«, sagte Harry. »Aus dem Weg, Mr Lovegood.«
»HARRY!«, schrie Hermine.
Gestalten auf Besen flogen an den Fenstern vorbei. Als die drei den Blick von ihm abwandten, zog Xenophilius seinen Zauberstab. Harry erkannte ihren Fehler gerade noch rechtzeitig: Er warf sich zur Seite und stieß Ron und Hermine aus der Gefahrenzone, während Xenophilius’ Schockzauber durch den Raum jagte und das Horn des Erumpents traf.
Es gab eine kolossale Explosion. Der Lärm schien den Raum zu sprengen: Holzstücke, Papier und Steine stoben in alle Richtungen, in einer undurchdringlichen Wolke aus dichtem weißem Staub. Harry flog durch die Luft und krachte dann zu Boden, er hielt die Arme über den Kopf, blind von dem Schutt, der auf ihn herabregnete. Er hörte Hermines Kreischen, Rons Schrei und eine Reihe widerlicher dumpfer Schläge auf Metall, woraus er schloss, dass es Xenophilius von den Füßen gerissen hatte und er rücklings die Wendeltreppe hinabgefallen war.
Halb unter Schutt begraben, versuchte Harry aufzustehen: Er konnte vor Staub kaum atmen oder etwas sehen. Die Hälfte der Decke war eingestürzt und das Fußende von Lunas Bett hing durch das Loch. Die Büste von Rowena Ravenclaw, der das halbe Gesicht fehlte, lag neben ihm, Pergamentfetzen trieben durch den Raum, und der größte Teil der Druckerpresse lag umgekippt da und versperrte den Treppenabgang zur Küche. Dann bewegte sich eine weiße Gestalt ganz in der Nähe, und Hermine, staubbedeckt wie eine zweite Statue, drückte den Finger auf die Lippen.
Die Tür unten krachte auf.
»Hab ich dir nicht gesagt, dass wir uns nicht zu beeilen brauchen, Travers?«, sagte eine raue Stimme. »Hab ich dir nicht gesagt, dass dieser Spinner bloß wieder mal irres Zeug daherfaselt?«
Ein Knall war zu hören und ein Schmerzensschrei von Xenophilius.
»Nein … nein … oben … Potter!«
»Ich habe Ihnen letzte Woche schon gesagt, Lovegood, dass wir nur wiederkommen, wenn wir handfeste Informationen kriegen! Wissen Sie noch, was letzte Woche passiert ist? Als Sie Ihre Tochter gegen diese verdammt bescheuerte Kopfbedeckung eintauschen wollten? Und in der Woche davor –«, ein weiterer Knall, ein weiterer Schrei, »– als Sie dachten, wir würden sie zurückgeben, wenn Sie uns den Beweis dafür liefern, dass es Schrumpf–«, knall, »–köpfige –«, knall, »– Schnarchkackler gibt?«
»Nein – nein – ich bitte Sie!«, schluchzte Xenophilius. »Es ist wirklich Potter! Ehrlich!«
»Und jetzt stellt sich raus, dass Sie uns nur hierhergerufen haben, weil Sie uns in die Luft jagen wollten!«, brüllte der Todesser, und nun gab es eine ganze Batterie von Knallen, begleitet von Xenophilius’ gequälten Schreien.
»Sieht aus, als ob die Hütte gleich einstürzen würde, Selwyn«, sagte eine kühle zweite Stimme, die über die ruinierte Treppe emporhallte. »Die Treppe ist völlig blockiert. Soll ich versuchen, sie zu räumen? Dann könnte alles zusammenbrechen.«
»Sie verlogenes Dreckstück!«, rief der Zauberer namens Selwyn. »Sie haben Potter im Leben noch nicht gesehen, stimmt’s? Dachten, Sie könnten uns hierherlocken und uns umbringen, was? Und Sie glauben, Sie würden auf diese Weise Ihr Mädchen zurückkriegen?«
»Ich schwöre … ich schwöre … Potter ist oben!«
»Homenum revelio«, sagte die Stimme am Fuß der Treppe.
Harry hörte Hermine keuchen, und er hatte das merkwürdige Gefühl, dass irgendetwas tief über ihn hinwegrauschte und seinen Körper in Schatten tauchte.
»Da ist tatsächlich jemand oben, Selwyn«, sagte der zweite Mann mit schneidender Stimme.
»Es ist Potter, ich versichere Ihnen, es ist Potter!«, schluchzte Xenophilius. »Bitte … bitte … geben Sie mir Luna, lassen Sie mich nur Luna wiederhaben …«
»Sie können Ihr kleines Mädchen haben, Lovegood«, sagte Selwyn, »wenn Sie diese Treppe hier hochgehen und mir Harry Potter runterbringen. Aber wenn das ein Hinterhalt ist, wenn es ein Trick ist, wenn Sie einen Komplizen haben, der da oben wartet und uns überfallen will, dann müssen wir sehen, ob wir ein Stück von Ihrer Tochter übrig lassen, damit Sie es beerdigen können.«
Xenophilius stieß ein Wehgeschrei aus, voller Angst und Verzweiflung. Hastige Schritte und ein Scharren waren zu hören: Xenophilius versuchte, durch den Schutt auf der Treppe hindurchzugelangen.
»Kommt«, flüsterte Harry, »wir müssen hier raus.«
Er begann sich auszugraben, im Schutz des ganzen Lärms, den Xenophilius auf der Treppe machte. Ron war am tiefsten verschüttet: Harry und Hermine kletterten, so leise sie konnten, über den Haufen Trümmer zu der Stelle, wo er lag, und versuchten, eine schwere Kommode von Rons Beinen wegzustemmen. Während Xenophilius lärmend und scharrend immer näher kam, schaffte es Hermine, Ron mit einem Schwebezauber zu befreien.
»Also gut«, hauchte Hermine, als die demolierte Druckerpresse, die den Zugang zur Treppe blockierte, zu zittern begann; Xenophilius war nur noch ein, zwei Meter von ihnen entfernt. Hermine war immer noch weiß vor Staub. »Vertraust du mir, Harry?«
Harry nickte.
»Dann los«, flüsterte sie, »gib mir den Tarnumhang. Ron, du ziehst ihn über.«
»Ich? Aber Harry –«
»Bitte, Ron! Harry, halt dich an meiner Hand fest, Ron, klammer dich an meine Schulter.«
Harry streckte seine linke Hand aus. Ron verschwand unter dem Tarnumhang. Die Druckerpresse, die über der Treppe lag, bebte: Xenophilius versuchte sie mit einem Schwebezauber anzuheben. Harry wusste nicht, worauf Hermine wartete.
»Haltet euch fest«, flüsterte sie. »Haltet euch fest … einen Moment noch …«
Xenophilius’ kreidebleiches Gesicht erschien über dem Schränkchen.
»Amnesia!«, rief Hermine und richtete den Zauberstab zuerst auf sein Gesicht, dann auf den Fußboden neben ihnen: »Deprimo!«
Sie hatte ein Loch in den Wohnzimmerboden gesprengt. Sie krachten hinunter wie Felsbrocken, Harry klammerte sich verzweifelt an ihre Hand, von unten kam ein Schrei, und er sah kurz zwei Männer, die auszuweichen suchten, während gewaltige Mengen an Schutt und Möbeltrümmern von der zerschmetterten Decke rund um sie herunterprasselten. Hermine drehte sich in der Luft, und das Donnern des einstürzenden Hauses dröhnte Harry in den Ohren, als sie ihn erneut in die Dunkelheit hineinzog.
Die Heiligtümer des Todes
Harry fiel keuchend auf Gras und rappelte sich sofort wieder hoch. Offenbar waren sie in der Abenddämmerung am Rand eines Feldes gelandet; Hermine lief bereits, ihren Zauberstab schwingend, im Kreis um sie herum.
»Protego totalum … Salvio hexia …«
»Dieser verräterische alte Dreckskerl!«, schnaufte Ron, kam unter dem Tarnumhang hervor und warf ihn Harry zu. »Du bist genial, Hermine, absolut genial, kaum zu glauben, dass wir da rausgekommen sind!«
»Cave inimicum … hab ich nicht gesagt, dass es ein Erumpent-Horn war? Hab ich ihn nicht gewarnt? Und jetzt ist sein Haus in die Luft geflogen!«
»Geschieht ihm recht!«, sagte Ron, der seine zerrissene Jeans und die Schnittwunden an seinen Beinen untersuchte. »Was glaubt ihr, was die mit ihm anstellen?«
»Oh, ich hoffe, sie bringen ihn nicht um!«, stöhnte Hermine. »Deshalb wollte ich, dass die Todesser Harry kurz sehen, ehe wir verschwinden, damit sie wissen, dass Xenophilius nicht gelogen hat!«
»Aber warum hast du mich getarnt?«, fragte Ron.
»Du liegst doch angeblich mit Griselkrätze im Bett, Ron! Sie haben Luna entführt, weil ihr Vater Harry unterstützt hat! Was würde mit deiner Familie passieren, wenn sie wüssten, dass du bei ihm bist?«
»Und was ist mit deinen Eltern?«
»Die sind in Australien«, sagte Hermine. »Denen dürfte es gut gehen. Sie wissen von gar nichts.«
»Du bist genial«, wiederholte Ron mit Ehrfurchtsmiene.
»Ja, das bist du, Hermine«, pflichtete ihm Harry eifrig bei. »Ich weiß nicht, was wir ohne dich machen würden.«
Sie strahlte, wurde aber sofort wieder ernst.
»Was ist mit Luna?«
»Also, wenn es stimmt, was die behaupten, und sie noch am Leben ist –«, begann Ron.
»Sag so was nicht, sag so was nicht!«, stieß Hermine mit piepsender Stimme hervor. »Sie muss am Leben sein, sie muss!«
»Dann sitzt sie in Askaban, schätze ich«, sagte Ron. »Aber ob sie das überlebt … viele schaffen es nicht …«
»Sie wird es schaffen«, sagte Harry. Er mochte etwas anderes nicht einmal denken. »Luna, die ist zäh, viel zäher, als man glauben würde. Sie bringt den anderen Gefangenen wahrscheinlich alles über Schlickschlupfe und Nargel bei.«
»Hoffentlich hast du Recht«, sagte Hermine. Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen. »Xenophilius würde mir so leidtun, wenn –«
»– wenn er nicht gerade versucht hätte, uns an die Todesser zu verkaufen, jaah«, sagte Ron.
Sie stellten das Zelt auf, schlüpften hinein, und Ron machte ihnen Tee. Nach ihrer gerade noch geglückten Flucht kam ihnen das kalte und muffige alte Ding wie ein Zuhause vor, sicher, vertraut und freundlich.
»Meine Güte, was wollten wir dort eigentlich?«, stöhnte Hermine nach einigen Minuten der Stille. »Harry, du hattest Recht, es war noch mal wie in Godric’s Hollow, eine komplette Zeitverschwendung! Die Heiligtümer des Todes … was für ein Unsinn … obwohl«, ihr war offenbar ein plötzlicher Gedanke gekommen, »vielleicht hat er das alles ja erfunden? Er glaubt wahrscheinlich gar nicht an die Heiligtümer des Todes, er wollte nur, dass wir weiterredeten, bis die Todesser kamen!«
»Das glaube ich nicht«, sagte Ron. »Es ist verdammt viel schwerer, als du dir vorstellst, irgendwas zu erfinden, wenn du im Stress bist. Das hab ich gemerkt, als die Greifer mich gefangen hatten. Es war viel leichter, so zu tun, als wär ich Stan, als jemand ganz anderen zu erfinden, weil ich Stan ein wenig kannte. Der alte Lovegood stand schwer unter Druck, weil er dafür sorgen wollte, dass wir uns nicht vom Fleck rührten. Ich schätze, er hat uns die Wahrheit gesagt, oder was er für die Wahrheit hält, nur damit wir uns weiter unterhielten.«
»Also, ich finde, dass das keine Rolle spielt«, seufzte Hermine. »Selbst wenn er ehrlich war, ich hab in meinem ganzen Leben noch nie so viel Blödsinn gehört.«
»Moment mal«, sagte Ron. »Die Kammer des Schreckens war doch angeblich auch eine erfundene Geschichte, oder?«
»Aber die Heiligtümer des Todes können nicht existieren, Ron!«
»Das behauptest du andauernd, aber eins von diesen Dingern könnte es schon geben«, sagte Ron. »Harrys Tarnumhang –«
»›Das Märchen von den drei Brüdern‹ ist eine Geschichte«, sagte Hermine bestimmt. »Eine Geschichte von Menschen, die Angst vor dem Tod haben. Wenn es so einfach wäre, zu überleben, indem man sich unter dem Tarnumhang versteckt, dann hätten wir schon alles, was wir brauchen!«
»Ich weiß nicht. Ein unbesiegbarer Zauberstab wär ziemlich nützlich für uns«, sagte Harry und drehte den Schwarzdornstab, den er so wenig mochte, in den Fingern.
»So etwas gibt es nicht, Harry!«
»Du hast gesagt, dass es viele Zauberstäbe gegeben hat – der Todesstab oder wie auch immer sie genannt wurden –«
»Von mir aus, red dir ruhig ein, dass es den Elderstab wirklich gibt, aber was ist mit dem Stein der Auferstehung?« Sie setzte den Begriff mit einem Fingerschnippen in Anführungszeichen und ihre Stimme triefte vor Sarkasmus. »Kein Zauber kann die Toten auferwecken, und damit basta!«
»Als sich mein Zauberstab mit dem von Du-weißt-schon-wem verband, ließ er meine Mum und meinen Dad erscheinen … und Cedric …«
»Aber sie waren nicht wirklich zurück von den Toten, oder?«, sagte Hermine. »Solche irgendwie – blassen Schattenwesen haben nichts damit zu tun, dass jemand tatsächlich ins Leben zurückgerufen wird.«
»Aber dieses Mädchen in dem Märchen, das ist ja auch nicht richtig zurückgekehrt, oder? In der Geschichte heißt es, dass die Menschen, sobald sie einmal tot sind, zu den Toten gehören. Aber der zweite Bruder bekam sie trotzdem zu sehen und konnte mit ihr reden, stimmt’s? Er hat sogar eine Weile mit ihr gelebt …«
Er sah Anteilnahme in Hermines Gesicht und noch etwas anderes, das nicht so einfach zu bestimmen war. Als sie Ron dann einen Blick zuwarf, erkannte Harry, dass es Angst war: Er hatte ihr mit seinem Gerede vom Leben mit toten Menschen Furcht eingejagt.
»Und dieser Peverell, der in Godric’s Hollow begraben ist«, sagte er hastig und mit möglichst nüchterner Stimme, »über den weißt du also nichts?«
»Nein«, erwiderte sie, offensichtlich erleichtert über den Themawechsel. »Ich hab nachgeschaut, nachdem ich das Zeichen auf seinem Grab gesehen hatte; wenn er jemand Berühmtes gewesen wäre oder etwas Wichtiges getan hätte, dann käme er sicher in einem unserer Bücher vor. Aber das einzige Buch, in dem ich den Namen ›Peverell‹ finden konnte, ist Noblesse der Natur: Eine Genealogie der Zauberei. Ich hab es mir von Kreacher ausgeliehen«, erklärte sie, als Ron die Augenbrauen hochzog. »Darin sind die reinblütigen Familien aufgeführt, die in der männlichen Linie inzwischen ausgestorben sind. Offenbar waren die Peverells eine der ersten Familien, die verschwanden.«
»›In der männlichen Linie ausgestorben‹?«, wiederholte Ron.
»Das heißt, dass der Name erloschen ist«, sagte Hermine, »im Falle der Peverells vor Jahrhunderten. Es könnte zwar immer noch Nachkommen geben, aber die würden einen anderen Namen tragen.«
Und dann kam Harry als leuchtendes Bild jene Erinnerung, die sich beim Namen Peverell geregt hatte: ein schmutziger alter Mann, der mit einem hässlichen Ring vor dem Gesicht eines Ministeriumsbeamten herumfuchtelte, und er schrie lauthals: »Vorlost Gaunt!«
»Was?«, sagten Ron und Hermine gleichzeitig.
»Vorlost Gaunt! Der Großvater von Du-weißt-schon-wem! Im Denkarium! Bei Dumbledore! Vorlost Gaunt hat behauptet, er würde von den Peverells abstammen!«
Ron und Hermine blickten verwirrt.
»Der Ring, der Ring, der zu dem Horkrux wurde, Vorlost Gaunt hat behauptet, darauf sei das Wappen der Peverells! Ich hab gesehen, wie er dem Typen vom Ministerium damit vor dem Gesicht rumgewedelt hat, er hat ihm den Ring fast in die Nase gedrückt!«
»Das Wappen der Peverells?«, sagte Hermine scharf. »Hast du mitbekommen, wie es aussah?«
»Nicht so richtig«, sagte Harry und versuchte sich zu erinnern. »Soweit ich erkennen konnte, war da nichts Großartiges drauf; vielleicht ein paar Kratzer. Ich hab ihn erst richtig aus der Nähe gesehen, als er schon aufgespalten war.«
Hermine riss plötzlich die Augen auf, und Harry wusste, dass sie begriffen hatte. Ron sah mit verblüffter Miene beide nacheinander an.
»Mensch … du meinst, da war auch das Zeichen drauf? Das Zeichen der Heiligtümer?«
»Warum nicht?«, sagte Harry aufgeregt. »Vorlost Gaunt war ein ahnungsloser alter Widerling, der wie ein Schwein lebte, das einzig Wichtige für ihn waren seine Vorfahren. Wenn dieser Ring über die Jahrhunderte weitergegeben wurde, wusste er vielleicht gar nicht, was er in Wirklichkeit war. In diesem Haus gab es keine Bücher, und glaubt mir, der war nicht der Typ, der seinen Kindern Märchen vorliest. Er hat sicher liebend gern geglaubt, dass diese Kratzer auf dem Ring ein Wappen waren, denn reines Blut machte einen seiner Meinung nach geradezu königlich.«
»Ja … und das ist alles sehr interessant«, sagte Hermine behutsam, »aber, Harry, wenn du denkst, was ich denke, was du denkst –«
»Ja, warum denn nicht? Warum nicht?«, erwiderte Harry und ließ alle Vorsicht außer Acht. »Es war ein Stein, richtig?« Er wandte sich Hilfe suchend an Ron. »Was, wenn es der Stein der Auferstehung war?«
Ron klappte der Mund auf. »Ich fass es nicht – aber würde der immer noch funktionieren, wenn Dumbledore ihn zerbrochen –«
»Funktionieren? Funktionieren? Er hat nie funktioniert, Ron! So was wie einen Stein der Auferstehung gibt es nicht!« Hermine war aufgesprungen, entnervt und zornig. »Harry, du versuchst alles in diese Geschichte von den Heiligtümern hineinzuschustern –«
»Alles hineinzuschustern?«, erwiderte er. »Hermine, es passt von alleine! Ich weiß, dass das Symbol der Heiligtümer des Todes auf diesem Stein drauf war! Gaunt sagte, er würde von den Peverells abstammen!«
»Gerade hast du uns noch erzählt, dass du das Zeichen auf dem Stein gar nicht richtig erkennen konntest!«
»Wo, glaubst du, ist der Ring jetzt?«, fragte Ron Harry. »Was hat Dumbledore damit gemacht, nachdem er ihn aufgebrochen hat?«
Aber Harrys Phantasie eilte voraus, weit über die von Ron und Hermine hinaus …
Drei Gegenstände, oder Heiligtümer, die, wenn sie vereint sind, ihren Besitzer zum Gebieter des Todes machen … zum Gebieter … Meister … Bezwinger … der letzte Feind, der zerstört werden wird, ist der Tod …
Und er sah sich, im Besitz der Heiligtümer, Voldemort entgegentreten, dessen Horkruxe ihnen nicht gewachsen waren … keiner kann leben, während der Andere überlebt … war das die Antwort? Heiligtümer gegen Horkruxe? Gab es am Ende doch eine Möglichkeit, dafür zu sorgen, dass er derjenige war, der den Sieg davontrug? Wenn er der Gebieter der Heiligtümer des Todes wäre, wäre er dann gerettet?
»Harry?«
Doch er hörte Hermine kaum: Er hatte seinen Tarnumhang hervorgezogen und ließ ihn durch die Finger gleiten, diesen Stoff, der so geschmeidig war wie Wasser, so leicht wie Luft. Während seiner fast sieben Jahre in der Zaubererwelt hatte er nie etwas gesehen, das ihm gleichgekommen war. Der Tarnumhang war genau das, was Xenophilius beschrieben hatte: ein Umhang, der seinen Träger wirklich und wahrhaftig vollkommen unsichtbar macht und ewig haltbar ist, der dauerhaft und unaufspürbar verbirgt, welchen Zaubern er auch ausgesetzt sein mag …
Und dann erinnerte er sich und der Atem stockte ihm.
»Dumbledore hatte meinen Tarnumhang in der Nacht, als meine Eltern starben!«
Seine Stimme bebte, und er spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss, doch es kümmerte ihn nicht. »Meine Mutter hat Sirius geschrieben, dass Dumbledore sich den Umhang ausgeliehen hat! Das war der Grund! Er wollte ihn untersuchen, weil er dachte, er sei das dritte Heiligtum! Ignotus Peverell liegt in Godric’s Hollow begraben …« Harry lief ziellos im Zelt umher mit dem Gefühl, als würden sich überall um ihn herum neue, großartige Ausblicke auf die Wahrheit auftun. »Er ist mein Vorfahr! Ich stamme von dem dritten Bruder ab! Das ist alles plausibel!«
Er fühlte sich mit Gewissheit gewappnet, mit seinem Glauben an die Heiligtümer, als ob die bloße Vorstellung, sie zu besitzen, ihn schützen würde, und wandte sich glücklich wieder den beiden andern zu.
»Harry«, sagte Hermine erneut, doch Harry war gerade dabei, mit heftig zitternden Fingern den Beutel um seinen Hals zu öffnen.
»Lies das«, verlangte er und drückte ihr den Brief seiner Mutter in die Hand. »Lies das! Dumbledore hatte den Tarnumhang, Hermine! Weshalb hätte er ihn denn sonst haben wollen? Er brauchte keinen Tarnumhang, er konnte einen so mächtigen Desillusionierungszauber hervorbringen, dass er sich auch ohne einen vollkommen unsichtbar machte!«
Etwas fiel zu Boden und kullerte glitzernd unter einen Stuhl: Er hatte zusammen mit dem Brief auch den Schnatz herausgezogen. Er bückte sich, um ihn aufzuheben, da trug ihm die neue Quelle, aus der er fabelhafte Entdeckungen schöpfte, ein weiteres Geschenk zu, und überwältigt von Schreck und Erstaunen schrie er auf.
»ER IST DADRIN! Er hat mir den Ring vermacht – er ist in dem Schnatz!«
»Meinst du – meinst du wirklich?«
Er konnte nicht verstehen, weshalb Ron so überrascht wirkte. Für Harry war es so offensichtlich, so klar: Alles passte, alles … sein Tarnumhang war das dritte Heiligtum, und wenn er herausfand, wie der Schnatz zu öffnen war, würde er das zweite haben, und dann musste er nur noch das erste Heiligtum finden, den Elderstab, und dann –
Doch es war, als ob ein Vorhang vor einer beleuchteten Bühne fiel: All seine Begeisterung, all seine Hoffnung und sein Glück wurden mit einem Streich ausgelöscht, und er stand allein in der Dunkelheit, und der herrliche Zauber war gebrochen.
»Darauf hat er es abgesehen.«
Seine plötzlich veränderte Stimme ließ Ron und Hermine nur noch verängstigter blicken.
»Du-weißt-schon-wer hat es auf den Elderstab abgesehen.«
Er drehte ihren angespannten, ungläubigen Gesichtern den Rücken zu. Er wusste, dass es die Wahrheit war. Es war alles schlüssig. Voldemort suchte keinen neuen Zauberstab; er suchte einen alten Zauberstab, einen sehr alten Zauberstab. Harry ging zum Eingang des Zeltes und vergaß, dass Ron und Hermine noch da waren, während er in die Nacht hinausblickte und nachdachte …
Voldemort war in einem Waisenhaus der Muggel aufgewachsen. Niemand hatte ihm die Märchen von Beedle dem Barden erzählen können, als er noch ein Kind war, wie auch Harry sie nie gehört hatte. Kaum ein Zauberer glaubte an die Heiligtümer des Todes. War es wahrscheinlich, dass Voldemort von ihnen wusste?
Harry starrte in die Dunkelheit … wenn Voldemort von den Heiligtümern des Todes gewusst hätte, dann hätte er sie mit Sicherheit gesucht, hätte alles getan, um sie zu bekommen: drei Gegenstände, die ihren Besitzer zum Gebieter des Todes machten? Wenn er von den Heiligtümern des Todes gewusst hätte, dann hätte er vielleicht gar keine Horkruxe gebraucht. Bewies nicht die schlichte Tatsache, dass er eines von den Heiligtümern genommen und es zu einem Horkrux gemacht hatte, dass er dieses letzte große Geheimnis der Zauberer nicht kannte?
Was bedeutete, dass Voldemort den Elderstab suchte, ohne sich über dessen ganze Macht im Klaren zu sein, ohne zu verstehen, dass er eines von dreien war … denn der Zauberstab war das Heiligtum, das nicht verborgen werden konnte, dessen Existenz am besten bekannt war … die blutige Spur des Elderstabs zieht sich durch die Annalen der Zaubereigeschichte …
Harry betrachtete den wolkigen Himmel, rauchgraue und silbrige Schlieren glitten über das weiße Gesicht des Mondes. Das Erstaunen über seine Entdeckungen machte ihn ein wenig benommen.
Er ging wieder ins Zelt. Erschrocken sah er, dass Ron und Hermine noch genau da standen, wo er sie zurückgelassen hatte, Hermine immer noch mit Lilys Brief in der Hand, Ron an ihrer Seite mit leicht besorgter Miene. War ihnen nicht bewusst, welchen Weg sie in den letzten Minuten zurückgelegt hatten?
»Das ist es«, sagte Harry, bemüht, sie am Glanz seiner verblüffenden Gewissheit teilhaben zu lassen. »Das erklärt alles. Die Heiligtümer des Todes gibt es wirklich, und ich besitze eines davon – vielleicht zwei –«
Er hielt den Schnatz empor.
»– und Du-weißt-schon-wer jagt dem dritten hinterher, aber er weiß es nicht … er glaubt, dass es nur ein mächtiger Zauberstab ist –«
»Harry«, sagte Hermine, kam auf ihn zu und gab ihm Lilys Brief zurück, »tut mir leid, aber ich glaube, du liegst da falsch, völlig falsch.«
»Aber begreifst du nicht? Es passt alles –«
»Nein, tut es nicht«, sagte sie. »Tut es nicht, Harry, du steigerst dich da nur in was rein. Bitte«, sagte sie, als er zu einer Erwiderung ansetzte, »bitte, beantworte mir nur diese Frage. Wenn es die Heiligtümer des Todes wirklich gäbe und Dumbledore von ihnen wusste, wenn er wusste, dass die Person, die sie alle drei besitzt, Gebieter des Todes wäre – Harry, warum hat er dir dann nicht davon erzählt? Warum?«
Er hatte die Antwort schon parat.
»Aber du hast es doch selbst gesagt, Hermine! Man muss es selber herausfinden! Es ist eine Suche!«
»Aber das habe ich nur gesagt, weil ich dich überreden wollte, mit zu den Lovegoods zu gehen!«, rief Hermine aufgebracht. »Ich hab nicht wirklich daran geglaubt!«
Harry nahm keine Notiz davon.
»Dumbledore hat mich immer gewisse Dinge selber herausfinden lassen. Ich sollte meine Stärken erproben, ich sollte Risiken eingehen. Das alles sieht ganz nach ihm aus.«
»Harry, das ist kein Spiel, das ist keine Übung! Das ist die Realität und Dumbledore hat dir ganz klare Anweisungen hinterlassen: Finde und zerstöre die Horkruxe! Dieses Symbol bedeutet nichts, vergiss die Heiligtümer des Todes, wir können es uns nicht erlauben, uns ablenken zu lassen –«
Harry hörte ihr kaum zu. Er drehte den Schnatz in den Händen, immer wieder, und hoffte fast, er würde aufbrechen und den Stein der Auferstehung offenbaren, um Hermine zu beweisen, dass er Recht hatte, dass die Heiligtümer des Todes tatsächlich existierten.
Sie wandte sich an Ron.
»Du glaubst nicht daran, oder?«
Harry blickte auf. Ron zögerte.
»Ich weiß nicht … ich meine … teilweise passt es ja zusammen«, sagte Ron verlegen. »Aber wenn man es insgesamt betrachtet …« Er holte tief Luft. »Ich glaube, wir sollen die Horkruxe erledigen, Harry. Das hat uns Dumbledore aufgetragen. Vielleicht … vielleicht sollten wir diese Sache mit den Heiligtümern vergessen.«
»Danke, Ron«, sagte Hermine. »Ich übernehme die erste Wache.«
Und indem sie an Harry vorbeimarschierte und sich im Zelteingang niederließ, bereitete sie dem Ganzen grimmig ein Ende.
Aber Harry schlief kaum in dieser Nacht. Die Idee von den Heiligtümern des Todes hatte Besitz von ihm ergriffen, und er fand keine Ruhe, während aufwühlende Gedanken ihm durch den Kopf wirbelten: der Zauberstab, der Stein und der Umhang, wenn er sie nur alle haben könnte …
Ich öffne mich zum Schluss … aber was war der Schluss? Warum konnte er den Stein nicht jetzt haben? Wenn er ihn doch nur hätte, dann könnte er Dumbledore diese Fragen persönlich stellen … und Harry murmelte dem Schnatz im Dunkeln Worte zu, versuchte alles, selbst Parsel, doch der goldene Ball wollte sich einfach nicht öffnen …
Und der Zauberstab, der Elderstab, wo war der versteckt? Wo suchte Voldemort jetzt gerade? Harry wünschte, seine Narbe würde brennen und ihm Voldemorts Gedanken zeigen, denn zum ersten Mal überhaupt wollten Voldemort und er genau das Gleiche … Hermine würde diese Vorstellung natürlich gar nicht behagen … aber sie glaubte ja auch nicht … Xenophilius hatte Recht gehabt, in gewisser Weise … Engstirnig. Kleinmütig. Vernagelt. In Wahrheit machte ihr der Gedanke an die Heiligtümer des Todes Angst, besonders der Stein der Auferstehung … und Harry presste seinen Mund erneut auf den Schnatz, küsste ihn, verschluckte ihn fast, doch das kalte Metall gab nicht nach …
Es war fast Morgen, als er sich an Luna erinnerte, die allein in einer Zelle in Askaban saß, umringt von Dementoren, und plötzlich schämte er sich. Er hatte sich fieberhaft mit den Heiligtümern beschäftigt und sie darüber ganz vergessen. Wenn sie Luna nur befreien könnten, aber Dementoren in solcher Vielzahl waren praktisch unangreifbar. Nun fiel ihm auch ein, dass er noch gar nicht versucht hatte, mit dem Schwarzdorn-Zauberstab einen Patronus hervorzubringen … das musste er am Morgen nachholen …
Wenn es nur eine Möglichkeit gäbe, einen besseren Zauberstab zu bekommen …
Und wieder überkam ihn der Wunsch nach dem Elderstab, dem Todesstab, unbesiegbar, unschlagbar …
Am nächsten Morgen packten sie das Zelt ein und zogen durch triste Regenschauer weiter. Der Regen begleitete sie bis an die Küste, wo sie in dieser Nacht das Zelt aufstellten, und weiter die ganze Woche, durch verschlammte Landschaften, die Harry trostlos und bedrückend fand. Er musste ständig an die Heiligtümer des Todes denken. Es war, als ob eine Flamme in ihm entfacht worden wäre, die durch nichts zu löschen war, weder durch Hermines schlichten Unglauben noch durch Rons beharrliche Zweifel. Und doch, je heftiger die Sehnsucht nach den Heiligtümern in ihm brannte, desto schlechter wurde seine Laune. Er gab Ron und Hermine die Schuld: Ihre entschiedene Gleichgültigkeit dämpfte seine Stimmung genauso wie der anhaltende Regen, doch nichts konnte seine Gewissheit untergraben, sie blieb unerschütterlich. Harrys Glaube an die Heiligtümer und sein Verlangen danach nahmen ihn derart in Anspruch, dass er sich von den beiden anderen und ihrer Besessenheit für die Horkruxe vollkommen isoliert fühlte.
»Besessenheit?«, sagte Hermine mit leiser, zorniger Stimme, als Harry eines Abends so unvorsichtig war, das Wort zu benutzen, nachdem Hermine ihm Vorwürfe gemacht hatte, weil er so wenig Interesse daran zeigte, weitere Horkruxe ausfindig zu machen. »Wir sind nicht diejenigen, die besessen sind, Harry! Wir versuchen das zu tun, was Dumbledore uns aufgetragen hat!«
Doch die unterschwellige Kritik prallte an ihm ab. Dumbledore hatte Hermine das Zeichen der Heiligtümer hinterlassen, damit sie es entschlüsselte, und Harry war nach wie vor überzeugt davon, dass er auch den Stein der Auferstehung hinterlassen hatte, im Goldenen Schnatz versteckt. Keiner kann leben, während der Andere überlebt … Gebieter des Todes … warum begriffen es Ron und Hermine nicht?
»Der letzte Feind, der zerstört werden wird, ist der Tod«, zitierte Harry ruhig.
»Ich dachte, wir sollten gegen Du-weißt-schon-wen kämpfen?«, entgegnete Hermine und Harry gab es auf.
Selbst das Geheimnis der silbernen Hirschkuh, über das die anderen beiden beharrlich reden wollten, kam Harry jetzt weniger wichtig vor, wie eine mäßig interessante Nebensache. Das Einzige, was ihn sonst noch stark beschäftigte, war seine Narbe, die wieder zu kribbeln begonnen hatte, was er allerdings möglichst vor den anderen zu verheimlichen suchte. Wann immer es passierte, zog er sich zurück, doch was er sah, enttäuschte ihn. Die Bilder, die er mit Voldemort teilte, waren in ihrer Art nicht mehr wie vorher; sie waren auf einmal verwischt und veränderten sich, als würden sie ständig scharf gestellt und dann wieder unscharf. Harry konnte nur die undeutlichen Umrisse eines Gegenstands erkennen, der wie ein Totenschädel aussah, und etwas wie einen Berg, der eher ein Schatten war als feste Materie. Harry, der an gestochen scharfe Bilder gewöhnt war, beunruhigte diese Veränderung. Er machte sich Sorgen, dass die Verbindung zwischen ihm und Voldemort beschädigt worden sein könnte, eine Verbindung, die er gefürchtet und zugleich geschätzt hatte, was auch immer er Hermine gesagt haben mochte. Harry brachte diese unbefriedigenden, verschwommenen Bilder irgendwie mit der Zerstörung seines Zauberstabs in Zusammenhang, als ob es die Schuld des Schwarzdornstabs wäre, dass er nicht mehr so gut wie vorher in Voldemorts Geist hineinsehen konnte.
Während die Wochen dahinschlichen, konnte Harry, obwohl er so intensiv mit sich selbst beschäftigt war, nicht umhin zu bemerken, dass Ron nun offenbar die Dinge in die Hand nahm. Vielleicht weil er entschlossen war, wiedergutzumachen, dass er sie im Stich gelassen hatte, vielleicht weil Harrys Abgleiten in Teilnahmslosigkeit in ihm schlummernde Führungsqualitäten weckte, Ron war jedenfalls derjenige, der die andern beiden nun zum Handeln trieb und sie anfeuerte.
»Noch drei Horkruxe«, sagte er andauernd. »Wir brauchen einen Schlachtplan, kommt schon! Wo haben wir noch nicht gesucht? Gehen wir alles noch mal durch. Das Waisenhaus …«
Die Winkelgasse, Hogwarts, das Haus der Riddles, Borgin und Burkes, Albanien, jeden Ort, von dem sie wussten, dass Tom Riddle einst dort gelebt oder gearbeitet hatte, dass er ihn besucht oder dort gemordet hatte, zogen Ron und Hermine noch einmal in Erwägung, und Harry machte nur mit, damit Hermine ihn in Ruhe ließ. Er hätte am liebsten stumm allein dagesessen und versucht, in Voldemorts Gedanken einzudringen, um mehr über den Elderstab herauszufinden, aber Ron bestand darauf, auch noch die Orte zu bereisen, die nur entfernt in Frage kamen, aus dem einzigen Grund, wie Harry wusste, dass er sie auf Trab halten wollte.
»Man weiß ja nie«, lautete Rons ständiger Spruch, »Upper Flagley ist ein Zaubererdorf, vielleicht hat er mal überlegt, dort zu leben. Gehen wir und schnüffeln ein bisschen rum.«
Bei diesen häufigen Vorstößen in Zauberergebiet bekamen sie gelegentlich auch Greifer zu Gesicht.
»Manche von denen sollen genauso übel sein wie Todesser«, sagte Ron. »Die Bande, die mich gefasst hat, war ein bisschen lächerlich, aber Bill meint, dass einige wirklich gefährlich sind. Auf PotterWatch haben sie behauptet –«
»Auf was?«, fragte Harry.
»PotterWatch, hab ich dir den Namen noch nicht gesagt? Der Sender, den ich dauernd im Radio suche, der einzige, der die Wahrheit über das sagt, was gerade vor sich geht! Fast alle Sender halten sich an die Linie von Du-weißt-schon-wem, alle außer PotterWatch. Wär toll, wenn du ihn mal hören könntest, aber er ist total schwer reinzukriegen …«
Abend für Abend trommelte Ron mit seinem Zauberstab unterschiedliche Rhythmen auf das Radio, während die Knöpfe sich schnell drehten. Gelegentlich erhaschten sie Bruchstücke einer Ratgebersendung über Drachenpocken, und einmal ein paar Takte von »Ein Kessel voller heißer, starker Liebe«. Während seines Getrommels versuchte Ron immer wieder, das richtige Passwort zu erwischen, indem er irgendwelche beliebigen Wortfolgen vor sich hin murmelte.
»Die haben meistens was mit dem Orden zu tun«, erklärte er ihnen. »Bill hatte echt den Dreh raus, wie man sie errät. Irgendwann schaff ich’s bestimmt auch mal …«
Doch erst im März war das Schicksal Ron gewogen. Harry saß im Zelteingang auf Wache und starrte untätig auf ein Büschel Traubenhyazinthen, die sich durch den frostigen Erdboden gekämpft hatten, als Ron drinnen im Zelt begeistert aufschrie.
»Ich hab es, ich hab es! Das Passwort war ›Albus‹! Komm rein, Harry!«
Zum ersten Mal seit Tagen aus seinen Gedanken über die Heiligtümer des Todes gerissen, eilte Harry ins Zelt zurück und sah Ron und Hermine neben dem kleinen Radio auf dem Boden knien. Hermine, die gerade das Schwert von Gryffindor poliert hatte, nur um etwas zu tun zu haben, saß mit offenem Mund da und starrte auf den winzigen Lautsprecher, aus dem eine äußerst vertraute Stimme kam.
»… bitten wir zu entschuldigen, dass wir vorübergehend nicht über den Äther gingen, dies lag an einer Reihe von Hausbesuchen in unserer Gegend, die uns die reizenden Todesser abgestattet haben.«
»Das ist doch Lee Jordan!«, sagte Hermine.
»Ich weiß!«, strahlte Ron. »Cool, was?«
»… haben jetzt einen anderen sicheren Standort für uns gefunden«, sagte Lee Jordan gerade, »und ich freue mich, euch mitteilen zu können, dass zwei unserer ständigen Berichterstatter heute Abend bei mir sind. ’n Abend, Jungs.«
»Hallo.«
»’n Abend, Stromer.«
»›Stromer‹ ist Lee«, erklärte Ron. »Sie haben alle Decknamen, aber meistens weiß man –«
»Schh!«, machte Hermine.
»Doch bevor uns Royal und Romulus berichten«, fuhr Lee fort, »nehmen wir uns einen Moment Zeit, um die Todesfälle zu melden, die die Nachrichten im Magischen Rundfunk und der Tagesprophet nicht für erwähnenswert halten. Mit großem Bedauern informieren wir unsere Hörer von den Morden an Ted Tonks und Dirk Cresswell.«
Harry hatte das Gefühl, als würde ihm etwas schwer auf den Magen schlagen. Er, Ron und Hermine starrten einander voll Entsetzen an.
»Ein Kobold namens Gornuk wurde ebenfalls getötet. Es wird vermutet, dass der muggelstämmige Dean Thomas und ein weiterer Kobold, die beide wohl mit Tonks, Cresswell und Gornuk unterwegs waren, entkommen konnten. Wenn Dean jetzt zuhört oder wenn jemand irgendetwas über seinen Aufenthaltsort weiß, seine Eltern und Schwestern warten verzweifelt auf Nachricht von ihm.
Unterdessen wurde in Gaddley eine fünfköpfige Muggelfamilie tot in ihrem Haus aufgefunden. Die Muggelbehörden führen diese Todesfälle auf eine defekte Gasleitung zurück, doch wie ich von Mitgliedern des Phönixordens erfahre, war es der Todesfluch. Ein weiterer Beweis dafür – als ob wir noch einen brauchten –, dass das Abschlachten von Muggeln unter dem neuen Regime allmählich zu einem gehobeneren Freizeitsport wird.
Zuletzt müssen wir unseren Hörerinnen und Hörern leider mitteilen, dass in Godric’s Hollow die sterblichen Überreste von Bathilda Bagshot entdeckt wurden. Alles deutet darauf hin, dass sie schon vor einigen Monaten gestorben ist. Der Orden des Phönix teilt uns mit, dass ihre Leiche deutliche Spuren von Verletzungen aufwies, die durch schwarze Magie verursacht wurden.
Liebe Hörerinnen und Hörer, ich möchte Sie nun zu einer gemeinsamen Schweigeminute auffordern, zum Gedenken an Ted Tonks, Dirk Cresswell, Bathilda Bagshot, Gornuk und die namenlosen, doch nicht weniger zu betrauernden Muggel, die von den Todessern ermordet wurden.«
Stille trat ein, und Harry, Ron und Hermine sprachen kein Wort. Teils hatte Harry das Bedürfnis, mehr zu erfahren, teils hatte er Angst davor, was als Nächstes kommen mochte. Es war das erste Mal seit langem, dass er sich voll und ganz mit der Außenwelt verbunden fühlte.
»Danke«, sagte Lees Stimme. »Und nun zu unserem ständigen Berichterstatter Royal, der uns wieder einmal aktuell berichten wird, wie sich die neue Ordnung in der Zaubererwelt auf das Leben der Muggel auswirkt.«
»Danke, Stromer«, sagte eine unverkennbare Stimme, tief, gemessen und beruhigend.
»Kingsley!«, platzte Ron heraus.
»Wir wissen es!«, sagte Hermine und bedeutete ihm zu schweigen.
»Die Muggel wissen nach wie vor nicht, wer für ihr Leid verantwortlich ist, während sie weiterhin schwere Verluste zu beklagen haben«, sagte Kingsley. »Allerdings hören wir laufend wirklich inspirierende Geschichten von Zauberern und Hexen, die sich selbst in Gefahr bringen, um befreundete oder benachbarte Muggel zu schützen, häufig ohne dass die Muggel davon wissen. Ich möchte an all unsere Hörerinnen und Hörer appellieren, sich an ihnen ein Beispiel zu nehmen und vielleicht einen Schutzzauber über jedes Muggelhaus in ihrer Straße zu legen. Viele Leben könnten gerettet werden, wenn solche einfachen Maßnahmen ergriffen würden.«
»Und was würdest du den Hörern sagen, Royal, die darauf antworten, dass in diesen gefährlichen Zeiten ›Zauberer zuerst‹ gelten sollte?«, fragte Lee.
»Ich würde sagen, dass es nur ein kleiner Schritt von ›Zauberer zuerst‹ bis zu ›Reinblüter zuerst‹ und dann zu ›Todesser‹ ist«, erwiderte Kingsley. »Wir sind alle Menschen, oder? Jedes Menschenleben ist gleich viel wert und schützenswert.«
»Hervorragend gesagt, Royal, und sollten wir aus diesem Schlamassel je wieder rauskommen, kriegst du meine Stimme, wenn du für den Posten des Zaubereiministers kandidierst«, sagte Lee. »Und nun zu Romulus und unserer beliebten Reportagereihe: Freunde von Potter.«
»Danke, Stromer«, sagte eine weitere, sehr vertraute Stimme; Ron wollte etwas sagen, doch Hermine kam ihm mit einem Flüstern zuvor.
»Wir wissen, dass es Lupin ist!«
»Romulus, behauptest du immer noch, wie jedes Mal, wenn du in unserer Sendung bist, dass Harry Potter nach wie vor am Leben ist?«
»Allerdings«, sagte Lupin bestimmt. »Ich habe keinerlei Zweifel daran, dass die Todesser die Nachricht von seinem Tod möglichst weit verbreiten würden, wenn er eingetreten wäre, denn das würde der Moral all derjenigen, die dem neuen Regime Widerstand leisten, einen tödlichen Schlag versetzen. Der ›Junge, der überlebt hat‹ bleibt eine Symbolfigur für alles, wofür wir kämpfen: den Triumph des Guten, die Macht der Unschuld, die Notwendigkeit, weiterhin Widerstand zu leisten.«
Eine Mischung aus Dankbarkeit und Scham stieg in Harry auf. Hatte Lupin ihm also die schrecklichen Dinge verziehen, die er ihm bei ihrem letzten Treffen vorgeworfen hatte?
»Und was würdest du Harry sagen, wenn du wüsstest, dass er jetzt zuhört, Romulus?«
»Ich würde ihm sagen, dass wir alle in Gedanken bei ihm sind«, antwortete Lupin, dann zögerte er kurz. »Und ich würde ihm sagen, er soll seinem Instinkt folgen, der sicher und fast immer richtig ist.«
Harry sah Hermine an, die Tränen in den Augen hatte.
»Fast immer richtig«, wiederholte sie.
»Ach, hab ich’s euch nicht erzählt?«, sagte Ron überrascht. »Bill meinte, Lupin würde wieder mit Tonks zusammenleben! Und offenbar wird sie schon ziemlich rund.«
»… und wie immer deine Neuigkeiten über die Freunde von Harry Potter, die wegen ihrer Treue zu ihm leiden?«, sagte Lee gerade.
»Nun, wie Stammhörer sicher wissen, sind einige der freimütigsten Anhänger von Harry Potter inzwischen im Gefängnis, darunter Xenophilius Lovegood, der ehemalige Herausgeber des Klitterers –«, sagte Lupin.
»Wenigstens ist er noch am Leben!«, murmelte Ron.
»Wir haben in den letzten Stunden auch erfahren, dass Rubeus Hagrid –«, sie keuchten alle drei und verpassten so beinahe den Rest des Satzes, »– der bekannte Wildhüter der Hogwarts-Schule, knapp der Festnahme auf dem Gelände von Hogwarts entkommen ist, wo er Gerüchten zufolge eine ›Harry-Potter-Freundschaftsparty‹ veranstaltet haben soll. Hagrid wurde jedoch nicht verhaftet und ist, soweit wir wissen, auf der Flucht.«
»Ich schätze mal, dass es auf der Flucht vor Todessern hilfreich ist, wenn man einen fünf Meter großen Halbbruder hat?«, fragte Lee.
»Das verschafft einem vermutlich einen Vorteil«, stimmte Lupin in ernstem Ton zu. »Darf ich nur noch hinzufügen, dass wir hier bei PotterWatch zwar Hagrids Mut loben, aber selbst den treuesten von Harrys Anhängern dringend davon abraten möchten, Hagrids Beispiel zu folgen. ›Harry-Potter-Freundschaftspartys‹ sind im gegenwärtigen Klima nicht sonderlich klug.«
»In der Tat, Romulus«, sagte Lee, »wir schlagen daher vor, dass ihr eure Treue zu dem Mann mit der Blitznarbe weiterhin zeigt, indem ihr PotterWatch hört! Und nun zum Neuesten über den Zauberer, der sich als genauso ungreifbar erweist wie Harry Potter. Wir bezeichnen ihn gerne als den Obersten Todesser, und ich möchte euch hiermit einen neuen Korrespondenten vorstellen, der uns seine Version von einigen besonders verrückten Gerüchten, die über den Obersten Todesser in Umlauf sind, erzählen wird: Hallo, Nager.«
»Nager?«, sagte eine weitere vertraute Stimme, und Harry, Ron und Hermine schrien gleichzeitig auf: »Fred!«
»Nein – ist es George?«
»Es ist Fred, glaube ich«, sagte Ron und neigte sich weiter vor, als welcher Zwilling auch immer sagte: »Ich bin nicht ›Nager‹, vergiss es, ich hab dir doch gesagt, dass ich ›Beißer‹ sein will!«
»Oh, also gut. ›Beißer‹, würdest du uns bitte die verschiedenen Geschichten aus deiner Sicht erläutern, die wir in letzter Zeit über den Obersten Todesser gehört haben?«
»Ja, Stromer, gern«, sagte Fred. »Wie unsere Hörer sicher wissen, es sei denn, sie haben Zuflucht am Boden eines Gartenteichs oder an einem ähnlichen Ort gesucht, erzeugt die Strategie von Du-weißt-schon-wem, im Verborgenen zu bleiben, ein hübsches bisschen Panik. Wohlgemerkt, wenn alle angeblichen Sichtungen von ihm echt sind, müssten gut neunzehn Du-weißt-schon-wers momentan in der Gegend rumlaufen.«
»Was ihm natürlich sehr gelegen kommt«, sagte Kingsley. »Das Geheimnisvolle schürt mehr Angst, als wenn er sich tatsächlich zeigen würde.«
»Richtig«, sagte Fred. »Also, Leute, bemühen wir uns und beruhigen uns ein wenig. Die Zeiten sind schlecht genug, auch ohne dass wir noch irgendwelche Geschichten dazuerfinden. Zum Beispiel heißt es neuerdings, dass Du-weißt-schon-wer mit einem einzigen Blick aus seinen Augen töten kann. Das kann ein Basilisk, liebe Hörer. Ein ganz einfacher Test: Schaut nach, ob das Ding, das euch böse anstarrt, Beine hat. Wenn ja, ist es ungefährlich, ihm in die Augen zu sehen, obwohl, wenn es wirklich Du-weißt-schon-wer ist, dann ist das wahrscheinlich trotzdem eure letzte Tat.«
Zum ersten Mal seit vielen Wochen lachte Harry: Er spürte, wie die Last der Anspannung von ihm abfiel.
»Und die Gerüchte, dass er ständig im Ausland gesichtet wird?«, fragte Lee.
»Nun, wer würde nicht gern einen netten kleinen Urlaub einlegen, nach all der harten Arbeit, die er leistet?«, fragte Fred. »Die Sache ist die, Leute, lasst euch nicht in einem falschen Gefühl der Sicherheit wiegen, und denkt bloß nicht, er wär außer Landes. Vielleicht ist er es, vielleicht auch nicht, aber Tatsache bleibt, wenn er will, kann er schneller sein als ein Severus Snape, dem man Haarshampoo vor die Nase hält, also setzt nicht darauf, dass er weit weg ist, wenn ihr vorhabt, irgendwelche Risiken einzugehen. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich das mal sagen höre, aber es gilt: Sicherheit geht über alles!«
»Vielen Dank für diese klugen Worte, Beißer«, sagte Lee. »Liebe Hörerinnen und Hörer, damit endet ein weiteres PotterWatch. Wir wissen nicht, wann es uns erneut möglich sein wird zu senden, aber ihr könnt sicher sein, wir kommen wieder. Dreht munter an den Knöpfen: Das nächste Passwort lautet ›Mad-Eye‹. Gebt auf euch Acht und lasst nicht locker. Gute Nacht.«
Der Knopf am Radio wirbelte herum und die Beleuchtung der Senderskala erlosch. Harry, Ron und Hermine strahlten immer noch. Vertraute, freundliche Stimmen zu hören war eine besondere Stärkung; Harry hatte sich an ihre Abgeschiedenheit so gewöhnt, dass er fast vergessen hatte, dass auch andere Widerstand gegen Voldemort leisteten. Es war, als würde er aus einem langen Schlaf erwachen.
»Gut, was?«, sagte Ron glücklich.
»Großartig«, sagte Harry.
»Wie viel Mut die haben«, seufzte Hermine voll Bewunderung. »Wenn man sie erwischen würde …«
»Na ja, die sind dauernd auf Achse, oder?«, sagte Ron. »Wie wir.«
»Aber habt ihr gehört, was Fred gesagt hat?«, fragte Harry aufgeregt; nun, da die Sendung zu Ende war, kehrten seine Gedanken erneut zu der ihn völlig vereinnahmenden Besessenheit zurück. »Er ist im Ausland! Er sucht immer noch nach dem Zauberstab, ich wusste es!«
»Harry –«
»Komm schon, Hermine, warum willst du es partout nicht zugeben? Vol–«
»NEIN, HARRY!«
»–demort ist hinter dem Elderstab her!«
»Der Name hat ein Tabu!«, brüllte Ron und sprang auf, als draußen vor dem Zelt ein lauter Knall ertönte. »Ich hab’s dir doch gesagt, Harry, ich hab’s dir doch gesagt, wir dürfen ihn nicht mehr aussprechen – wir müssen die Schutzzauber um uns wieder aufbauen – schnell – so finden die –«
Aber Ron verstummte und Harry wusste, warum. Das Spickoskop auf dem Tisch hatte aufgeleuchtet und begann sich zu drehen; sie konnten Stimmen hören, die immer näher kamen: raue, aufgeregte Stimmen. Ron zog den Deluminator aus seiner Tasche und ließ ihn klicken: Ihre Lampen erloschen.
»Kommt mit erhobenen Händen da raus!«, drang eine schnarrende Stimme durch die Dunkelheit. »Wir wissen, dass ihr dadrin seid! Ein halbes Dutzend Zauberstäbe ist auf euch gerichtet, und es ist uns egal, wen wir verfluchen!«
Das Haus Malfoy
Harry wandte sich zu den beiden anderen um, die jetzt nur noch Umrisse in der Dunkelheit waren. Er sah, wie Hermine ihren Zauberstab nicht nach draußen, sondern auf sein Gesicht richtete; ein Knall war zu hören, weißes Licht zuckte auf, und Harry brach unter qualvollen Schmerzen zusammen und konnte nichts mehr sehen. Er spürte sein Gesicht unter seinen Händen rasch anschwellen, dann kamen schwere Schritte ringsum auf ihn zu.
»Aufstehen, Ungeziefer.«
Unbekannte Hände zerrten Harry brutal vom Boden hoch. Ehe er etwas dagegen unternehmen konnte, hatte jemand seine Taschen durchwühlt und ihm den Schwarzdorn-Zauberstab abgenommen. Harry drückte die Hände auf sein unerträglich schmerzendes Gesicht, das sich fremdartig anfühlte unter seinen Fingern, straff, geschwollen und aufgedunsen, als hätte er auf irgendetwas heftig allergisch reagiert. Seine Augen waren nur noch Schlitze, durch die er kaum sehen konnte; seine Brille fiel zu Boden, als er aus dem Zelt nach draußen verfrachtet wurde; er konnte nur noch erkennen, dass vier oder fünf verschwommene Gestalten auch Ron und Hermine mühsam hinauszerrten.
»Lasst – sie – los!«, brüllte Ron. Das unverkennbare Geräusch von Knöcheln, die auf einen Körper trafen, war zu hören: Ron stöhnte vor Schmerz und Hermine schrie: »Nein! Lasst ihn in Ruhe, lasst ihn in Ruhe!«
»Deinem Freund wird’s noch übler ergehen, wenn er auf meiner Liste steht«, sagte die fürchterlich vertraute, schnarrende Stimme. »Appetitliches Mädchen … was für ein Leckerbissen … wie weich ihre Haut ist …«
Harry stülpte sich der Magen um. Er wusste, wer das war: Fenrir Greyback, der Werwolf, dem es erlaubt war, einen Todesser-Umhang zu tragen, als Lohn für seine grausamen Dienste.
»Durchsucht das Zelt!«, sagte eine andere Stimme.
Harry wurde vornübergeworfen und fiel mit dem Gesicht auf die Erde. Ein dumpfer Aufprall verriet ihm, dass Ron neben ihm niedergeschlagen worden war. Sie konnten Schritte und Krach hören; die Männer warfen Stühle um, während sie das Zelt durchsuchten.
»Dann schauen wir mal, wen wir hier haben«, sagte Greybacks hämische Stimme über ihm, und Harry wurde auf den Rücken gedreht. Der Lichtstrahl von einem Zauberstab fiel ihm ins Gesicht und Greyback lachte.
»Dadrauf brauch ich ’n Butterbier. Was ist mit dir passiert, du Fratze?«
Harry antwortete nicht sofort.
»Ich hab dich was gefragt«, sagte Greyback, und Harry bekam einen Schlag aufs Zwerchfell, dass er sich vor Schmerz krümmte. »Was ist mit dir passiert?«
»Ein Stich«, murmelte Harry. »Bin gestochen worden.«
»Jaah, sieht so aus«, sagte eine zweite Stimme.
»Wie heißt du?«, knurrte Greyback.
»Dudley«, sagte Harry.
»Und dein Vorname?«
»Ich – Vernon. Vernon Dudley.«
»Schau auf der Liste nach, Scabior«, sagte Greyback, und Harry hörte, wie er ein Stück zur Seite ging, um nun auf Ron hinabzublicken. »Und was ist mit dir, Rotschopf?«
»Stan Shunpike«, sagte Ron.
»Der bist du verflucht noch mal nicht«, sagte der Mann namens Scabior. »Wir kennen Stan Shunpike, er hat uns mal ’n bisschen Arbeit verschafft.«
Dann war ein weiterer dumpfer Schlag zu hören.
»Ich bin Bardy«, sagte Ron, und Harry wusste, dass sein Mund voller Blut war. »Bardy Weaschley.«
»Ein Weasley?«, schnarrte Greyback. »Also bist du mit Blutsverrätern verwandt, auch wenn du kein Schlammblut bist. Und zum Schluss deine hübsche kleine Freundin …« Seine Stimme hatte etwas Genüssliches, so dass es Harry eiskalt über den Rücken lief.
»Langsam, Greyback«, sagte Scabior durch das Gejohle der anderen.
»Oh, ich werd doch nicht gleich zubeißen. Wollen mal sehen, ob sie sich schneller an ihren Namen erinnert als Barny. Wer bist du, Mädchen?«
»Penelope Clearwater«, sagte Hermine. Sie klang verängstigt, aber überzeugend.
»Wie ist dein Blutstatus?«
»Halbblut«, sagte Hermine.
»Lässt sich leicht überprüfen«, sagte Scabior. »Aber diese ganze Bande sieht aus, als könnt’n sie noch im ’Ogwarts-Alter sein –«
»Wir schin’ ford«, sagte Ron.
»Fort, tatsächlich, Rotschopf?«, sagte Scabior. »Und ihr ’abt beschlossen, zelten zu gehen? Und ihr dachtet, ihr könntet nur mal so aus Jux den Namen des Dunklen Lords aussprechen?«
»Kein Jugsch«, sagte Ron. »Ausch Verscheh’n.«
»Aus Versehen?« Von neuem brach höhnisches Gelächter los.
»Du weißt schon, wer den Namen des Dunklen Lords immer gerne verwendet hat, Weasley?«, knurrte Greyback. »Der Orden des Phönix. Jemals davon gehört?«
»Nöh.«
»Jedenfalls erweisen sie dem Dunklen Lord nicht den gebührenden Respekt, daher wurde ein Tabu auf den Namen gelegt. So wurden einige vom Orden aufgespürt. Werden sehen. Bindet sie mit den anderen beiden Gefangenen zusammen!«
Jemand riss Harry an den Haaren hoch, schleifte ihn ein Stück weiter, drückte ihn hinunter in eine sitzende Haltung und fing dann an, ihn Rücken an Rücken mit anderen zusammenzubinden. Harry war immer noch halb blind und kaum in der Lage, durch seine geschwollenen Augen etwas zu sehen. Als der Mann, der sie gefesselt hatte, sich endlich entfernt hatte, flüsterte Harry zu den anderen Gefangenen.
»Hat jemand noch seinen Zauberstab?«
»Nein«, antworteten Ron und Hermine rechts und links von ihm.
»Das ist alles meine Schuld. Ich hab den Namen genannt, tut mir leid –«
»Harry?«
Es war eine neue, aber bekannte Stimme, und sie ertönte direkt hinter Harry, von jemandem, der an Hermines linke Seite gefesselt war.
»Dean?«
»Du bist es! Wenn die rausfinden, wen sie da haben! Das sind Greifer, die suchen nur nach Schulschwänzern, die sie für Gold verkaufen –«
»Kein schlechter Fang für eine Nacht«, sagte Greyback gerade, als ein Paar genagelte Stiefel dicht an Harry vorbeimarschierten und sie aus dem Zelt weiteres Krachen hörten. »Ein Schlammblut, ein Kobold auf der Flucht und drei Schulschwänzer. Hast du ihre Namen schon auf der Liste gesucht, Scabior?«, brüllte er.
»Jaah. Da ist kein Vernon Dudley drauf, Greyback.«
»Interessant«, sagte Greyback. »Das ist interessant.«
Er kauerte sich vor Harry nieder, der durch den verschwindend kleinen Schlitz zwischen seinen geschwollenen Lidern ein Gesicht mit mattgrauem Haarpelz und einem Backenbart sah, mit spitzen braunen Zähnen und entzündeten Mundwinkeln. Greyback roch, wie er oben auf dem Turm gerochen hatte, wo Dumbledore gestorben war: nach Schmutz, Schweiß und Blut.
»Dann wirst du gar nicht gesucht, Vernon? Oder bist du unter einem anderen Namen auf dieser Liste? In welchem Haus von Hogwarts warst du?«
»Slytherin«, sagte Harry automatisch.
»Komisch, dass die alle glauben, wir woll’n das ’ören«, höhnte Scabior aus der Finsternis. »Aber keiner von den’n kann uns sagen, wo der Gemeinschaftsraum ist.«
»Er ist in den Kerkern«, sagte Harry deutlich. »Man tritt durch die Wand ein. Er ist voller Schädel und so, und er ist unter dem See, deshalb ist das Licht ganz grün.«
Eine kurze Stille trat ein.
»So, so, sieht aus, als ’ätten wir wirklich ’nen kleinen Slytherin geschnappt«, sagte Scabior. »Gratuliere, Vernon, gibt nicht viele Slytherins, die Schlammblüter sind. Wer ist dein Vater?«
»Er arbeitet im Ministerium«, log Harry. Er wusste, dass seine ganze Geschichte bei der kleinsten Nachforschung zusammenbrechen würde, andererseits hatte er nur noch Zeit, bis sein Gesicht wieder normal aussah, dann würde das Spiel ohnehin zu Ende sein. »Abteilung für Magische Unfälle und Katastrophen.«
»Weißt du was, Greyback«, sagte Scabior. »Ich glaub, da arbeitet tatsächlich einer, der Dudley heißt.«
Harry rang nach Luft: Konnte Glück, pures Glück, sie aus dieser Lage retten?
»So, so«, sagte Greyback, und Harry konnte eine winzige Spur von Beklommenheit in dieser gefühllosen Stimme hören, offenbar weil Greyback sich fragte, ob er tatsächlich gerade den Sohn eines Ministeriumsbeamten angegriffen und gefesselt hatte. Harrys Herz hämmerte gegen die Stricke um seine Rippen; es hätte ihn nicht überrascht, zu erfahren, dass Greyback das sehen konnte. »Wenn du die Wahrheit sagst, Fratzengesicht, dann hast du bei einem Abstecher ins Ministerium nichts zu befürchten. Ich schätze, dein Vater wird uns dafür belohnen, dass wir dich aufgelesen haben.«
»Aber«, sagte Harry mit völlig trockenem Mund, »wenn Sie uns einfach –«
»Hey!«, rief jemand aus dem Zeltinneren. »Sieh dir das mal an, Greyback!«
Eine dunkle Gestalt kam auf sie zugehastet und Harry sah im Licht der Zauberstäbe etwas silbern glitzern. Sie hatten Gryffindors Schwert gefunden.
»Seeehr schön«, sagte Greyback anerkennend und nahm es seinem Gefährten ab. »Oh, wirklich sehr hübsch. Das sieht aus wie koboldgearbeitet. Wo hast du denn so was her?«
»Es gehört meinem Vater«, log Harry und hoffte verzweifelt, dass es für Greyback zu dunkel war, um den Namen, der unterhalb des Griffs eingraviert war, zu erkennen. »Wir haben es uns ausgeliehen, um Brennholz zu hacken –«
»Wart mal kurz, Greyback! Schau dir das an, im Propheten!«
In dem Moment, als Scabior dies sagte, begann Harrys Narbe, die sich straff über seine aufgedunsene Stirn spannte, wild zu brennen. Deutlicher als irgendetwas, das er in seinem Umkreis ausmachen konnte, sah er ein hoch aufragendes Gebäude, eine düstere Festung, pechschwarz und bedrohlich; Voldemorts Gedanken waren mit einem Mal wieder rasiermesserscharf; er glitt in stiller Euphorie und Entschlossenheit auf den gewaltigen Bau zu …
So nah … so nah …
Mit einer gewaltigen Willensanstrengung verschloss Harry seinen Geist vor Voldemorts Gedanken, riss sich dorthin zurück, wo er jetzt saß, in der Dunkelheit an Ron, Hermine, Dean und Griphook gefesselt, und lauschte Greyback und Scabior.
»’Ermine Granger«, sagte Scabior gerade, »das Schlammblut, von dem man weiß, dass es mit ’Arry Potter unterwegs ist.«
Harrys Narbe brannte, während sie schwiegen, doch er bot alle Kraft auf, im Hier und Jetzt zu bleiben und nicht in Voldemorts Geist abzugleiten. Er hörte Greybacks Stiefel knarzen, als er vor Hermine in die Hocke ging.
»Weißt du was, du kleine Göre? Dieses Bild sieht dir aber verdammt ähnlich.«
»Tut es nicht! Das bin ich nicht!«
Hermines verängstigt piepsende Stimme war praktisch ein Geständnis.
»… von dem man weiß, dass es mit Harry Potter unterwegs ist«, wiederholte Greyback leise.
Stille hatte sich breitgemacht. Harrys Narbe schmerzte heftig, doch er wehrte sich mit aller Kraft gegen den Sog von Voldemorts Gedanken: Es war noch nie so wichtig gewesen, dass er bei sich und bei vollem Verstand blieb.
»Nun, das ändert die Sache, oder?«, flüsterte Greyback.
Niemand antwortete: Harry spürte, dass die Greiferbande reglos dastand und zusah, und fühlte Hermines Arm zitternd an seinem. Greyback stand auf, machte einige Schritte bis zu der Stelle, wo Harry saß, hockte sich wieder hin und fixierte scharf seine unförmigen Gesichtszüge.
»Was hast du da an der Stirn, Vernon?«, fragte er ruhig, und sein stinkender Atem drang in Harrys Nase, als er einen schmutzigen Finger auf die straffe Narbe drückte.
»Nicht anfassen!«, schrie Harry; es rutschte ihm heraus; er hatte das Gefühl, dass er sich vor Schmerz übergeben müsste.
»Ich dachte, du trägst eine Brille, Potter?«, hauchte Greyback.
»Ich hab eine Brille gefunden!«, japste einer der Greifer, der im Hintergrund lauerte. »Da war eine Brille im Zelt, Greyback, wart mal –«
Und Sekunden später hatten sie Harry die Brille wieder auf die Nase gedrückt. Nun kamen die Greifer näher und starrten ihn an.
»Das ist er!«, schnarrte Greyback. »Wir haben Potter gefangen!«
Sie traten allesamt einige Schritte zurück, ganz verblüfft darüber, was ihnen gelungen war. Harry, der sich immer noch mühte, in seinem eigenen, zerspringenden Kopf gegenwärtig zu bleiben, fiel nichts ein, was er hätte sagen können: Bruchstückhafte Bilder tauchten an der Oberfläche seines Bewusstseins auf –
… er glitt um die hohen Mauern der schwarzen Festung herum –
Nein, er war Harry, gefesselt und ohne Zauberstab, in ernster Gefahr –
… er blickte auf, zum obersten Fenster, zum höchsten Turm –
Er war Harry, und mit leisen Stimmen diskutierten sie, was mit ihm geschehen sollte –
… es ist Zeit, zu fliegen –
»– ins Ministerium?«
»Zur Hölle mit dem Ministerium«, knurrte Greyback. »Die heimsen dann die Lorbeeren ein und wir kriegen nichts ab. Ich würde sagen, wir bringen ihn direkt zu Du-weißt-schon-wem.«
»Willst du ihn ’errufen? ’Ierher?«, sagte Scabior und klang ehrfürchtig und entsetzt.
»Nein«, schnarrte Greyback. »Ich hab kein – es heißt, sie benutzen Malfoys Haus als Stützpunkt. Wir bringen den Jungen dorthin.«
Harry glaubte zu wissen, warum Greyback Voldemort nicht herbeirief. Der Werwolf durfte zwar einen Todesser-Umhang tragen, wenn sie ihn für ihre Zwecke brauchten, aber nur Voldemorts engster Kreis war mit dem Dunklen Mal versehen: Greyback hatten sie diese höchste Ehre versagt.
Harrys Narbe brannte wieder –
… und er stieg in die Nacht hinauf, flog geradewegs zu dem Fenster an der Spitze des Turms –
»… ganz sicher, dass er’s ist? Weil wenn nicht, Greyback, dann sind wir tot.«
»Wer führt hier das Kommando?«, brüllte Greyback, um seine kurze Schwäche zu vertuschen. »Ich sage, das ist Potter, und er plus sein Zauberstab, das gibt zweihunderttausend Galleonen sofort auf die Kralle! Aber wenn keiner von euch den Mumm hat mitzukommen, dann gehört alles mir, und mit ein bisschen Glück krieg ich das Mädchen noch dazu!«
… das Fenster war nur ein schmaler Spalt in dem schwarzen Stein, nicht groß genug, dass ein Mann eindringen konnte … eine skelettähnliche Gestalt war gerade noch durch den Spalt zu erkennen, zusammengekrümmt unter einer Decke … tot oder schlafend …?
»Na schön!«, sagte Scabior. »Na schön, wir sin’ dabei! Und was ist mit den andern, Greyback, was sollen wir mit den’n machen?«
»Am besten, wir nehmen die alle mit. Wir haben zwei Schlammblüter, das macht noch mal zehn Galleonen. Und das Schwert gebt ihr mir auch. Wenn das Rubine sind, ist das noch mal ein kleines Vermögen wert.«
Die Gefangenen wurden auf die Füße gezerrt. Harry konnte Hermine atmen hören, schnell und verängstigt.
»Alle festhalten, und zwar richtig. Ich nehm Potter!«, sagte Greyback und packte eine Hand voll von Harrys Haaren; Harry spürte seine langen gelben Nägel über seine Kopfhaut kratzen. »Bei drei! Eins – zwei – drei –«
Sie disapparierten und zogen die Gefangenen mit sich. Harry sträubte sich, versuchte Greybacks Hand abzuschütteln, doch es war hoffnungslos: Ron und Hermine wurden von beiden Seiten eng an ihn gepresst, er konnte sich nicht von der Gruppe lösen, und als ihm die Luft aus dem Leib gequetscht wurde, brannte seine Narbe noch schmerzhafter –
… und er zwängte sich durch den Fensterspalt wie eine Schlange und landete leicht wie Nebel in diesem zellenartigen Raum –
Die Gefangenen fielen übereinander, als sie auf einen Feldweg stürzten. Harrys immer noch geschwollene Augen brauchten einen Moment, bis sie sich gewöhnt hatten, dann erkannte er ein schmiedeeisernes Doppeltor, hinter dem sich ein offenbar langer Zufahrtsweg befand. Einen winzigen Moment lang war ihm leichter zumute. Das Schlimmste war noch nicht eingetreten: Voldemort war nicht hier. Er war, wie Harry wusste, da er gegen die Vision ankämpfte, an einem fremden Ort, in einer Art Festung, ganz oben in einem Turm. Wie lange Voldemort brauchen würde, um hierherzugelangen, sobald er erfahren hatte, dass Harry da war, war eine andere Frage …
Einer der Greifer schritt zum Tor und rüttelte daran.
»Wie kommen wir da rein? Es ist verschlossen, Greyback, ich kann nicht – zum Teufel!«
Er riss erschrocken seine Hände weg. Das Eisen verzog sich, die abstrakten Schnörkel und Spiralen lösten sich auf, und ein Furcht erregendes Gesicht wand sich heraus, das mit metallisch klirrender, widerhallender Stimme sprach: »Was ist Euer Begehr?«
»Wir haben Potter!«, brüllte Greyback triumphierend. »Wir haben Harry Potter gefangen!«
Das Doppeltor schwang auf.
»Kommt!«, sagte Greyback zu seinen Männern, und die Gefangenen wurden durch das Tor und die Zufahrt entlanggeschubst, zwischen hohen Hecken hindurch, die das Geräusch ihrer Schritte dämpften. Harry sah eine gespenstisch weiße Erscheinung über sich und erkannte, dass es ein Albino-Pfau war. Er stolperte und Greyback zerrte ihn hoch; jetzt wankte er seitwärts weiter, Rücken an Rücken an die vier anderen Gefangenen gefesselt. Er schloss seine verschwollenen Augen und gab dem Schmerz in seiner Narbe einen Moment lang nach, denn er wollte erfahren, was Voldemort tat, ob er schon wusste, dass Harry gefangen war –
… die ausgemergelte Gestalt regte sich unter ihrer dünnen Decke und drehte sich zu ihm herum, und in dem Gesicht, das wie von einem Totenschädel war, öffneten sich die Augen … der gebrechliche Mann setzte sich auf, die großen eingesunkenen Augen auf ihn gerichtet, auf Voldemort, und dann lächelte er. Er hatte kaum noch Zähne …
»Du bist also gekommen. Ich wusste, dass du kommen würdest … eines Tages. Aber deine Reise war sinnlos. Er war nie in meinem Besitz.«
»Du lügst!«
Voldemorts Wut hämmerte in ihm, und Harrys Narbe drohte vor Schmerz aufzuplatzen, er zwang seine Gedanken, wieder zurückzukehren in seinen eigenen Körper, kämpfte darum, bei Verstand zu bleiben, während die Gefangenen über den Kiesweg getrieben wurden.
Licht überflutete sie.
»Was hat das zu bedeuten?«, sagte die kalte Stimme einer Frau.
»Wir sind gekommen, um Ihn, dessen Name nicht genannt werden darf, zu sehen!«, schnarrte Greyback.
»Wer seid Ihr?«
»Ihr kennt mich!« Unmut lag in der Stimme des Werwolfs. »Fenrir Greyback! Wir haben Harry Potter gefasst!«
Greyback packte Harry und zerrte ihn herum ins Licht, was die anderen Gefangenen zwang, sich schlurfend mitzudrehen.
»Ich weiß, er ist zugeschwollen, gnädige Frau, aber er is’ es!«, meldete sich Scabior zu Wort. »Wenn Ihr ein bisschen näher ’inschaut, dann seht Ihr seine Narbe. Und ’ier, seht Ihr das Mädchen? Das Schlammblut, das mit ihm um’ergezogen ist, gnädige Frau. Kein Zweifel, dass er’s ist, und wir ’aben auch seinen Zauberstab! ’Ier, gnädige Frau –«
Harry sah, wie Narzissa Malfoy sein aufgedunsenes Gesicht musterte. Scabior drückte ihr den Schwarzdorn-Zauberstab in die Hand. Sie hob die Brauen.
»Bringt sie rein«, sagte sie.
Sie stießen und traten Harry und die anderen eine breite Steintreppe hinauf, die in eine Eingangshalle führte, an deren Wänden Porträts hingen.
»Folgt mir«, sagte Narzissa und ging voran durch die Halle. »Mein Sohn Draco ist über die Osterferien zu Hause. Wenn das Harry Potter ist, dann wird er ihn erkennen.«
Nach der Dunkelheit draußen war das Licht im Salon gleißend hell; obwohl seine Augen fast geschlossen waren, konnte Harry sehen, wie groß der Raum war. An der Decke hing ein Kristallleuchter und weitere Porträts hingen an den dunkelroten Wänden. Zwei Gestalten erhoben sich von ihren Stühlen vor dem reich verzierten Marmorkamin, als die Greifer ihre Gefangenen in den Salon hineinschleiften.
»Was gibt es?«
Die furchtbar vertraute, gedehnte Stimme von Lucius Malfoy drang in Harrys Ohren. Jetzt ergriff ihn Panik: Er sah keinen Ausweg, und während seine Angst wuchs, war es leichter, Voldemorts Gedanken fernzuhalten, obwohl seine Narbe nach wie vor brannte.
»Die behaupten, sie hätten Potter«, sagte Narzissas kalte Stimme. »Draco, komm her.«
Harry wagte es nicht, direkt zu Draco hinzublicken, sah ihn jedoch von der Seite her an: Eine Gestalt, die ein wenig größer war als er selbst, erhob sich aus einem Lehnstuhl, sein Gesicht ein blasser, spitz zulaufender Fleck unter weißblondem Haar.
Greyback zwang die Gefangenen erneut, sich zu drehen, damit Harry genau unter dem Kronleuchter zu stehen kam.
»Nun, Junge?«, schnarrte der Werwolf.
Harry befand sich gegenüber einem Spiegel über dem Kamin, einem großen, vergoldeten Ding mit kompliziert verschnörkeltem Rahmen. Durch seine Augenschlitze sah er sein Spiegelbild, zum ersten Mal seit er das Haus am Grimmauldplatz verlassen hatte.
Sein Gesicht war riesig, glänzend und blutrot, Hermines Zauber hatte all seine Züge verzerrt. Sein schwarzes Haar reichte ihm bis zu den Schultern und um seinen Kiefer zog sich ein schwarzer Schatten. Hätte er nicht gewusst, dass er selbst es war, der hier stand, hätte er sich gefragt, wer da seine Brille aufhatte. Er beschloss, nicht zu sprechen, denn seine Stimme würde ihn gewiss verraten; und er vermied nach wie vor den Blickkontakt mit Draco, als dieser sich näherte.
»Nun, Draco?«, sagte Lucius Malfoy. Er klang begierig. »Ist er es? Ist es Harry Potter?«
»Ich weiß nicht – ich weiß nicht genau«, sagte Draco. Er hielt Abstand von Greyback und schien genauso viel Angst davor zu haben, Harry anzusehen, wie Harry Angst davor hatte, ihn anzusehen.
»Aber schau ihn dir genau an, los! Geh näher ran!«
Harry hatte Lucius Malfoy noch nie so aufgeregt erlebt.
»Draco, wenn wir diejenigen sind, die Potter dem Dunklen Lord übergeben, dann wird alles verzieh–«
»Aber, Mr Malfoy, wir werden doch nicht vergessen, wer ihn tatsächlich gefasst hat, hoffe ich?«, sagte Greyback drohend.
»Natürlich nicht, natürlich nicht!«, erwiderte Lucius ungeduldig. Er ging nun selber auf Harry zu, kam ihm so nahe, dass Harry sogar durch seine Augenschlitze jedes Detail des für gewöhnlich gelangweilten, blassen Gesichts erkennen konnte. Da sein eigenes Gesicht eine aufgequollene Maske war, hatte Harry den Eindruck, zwischen den Stangen eines Käfigs hindurchzublicken.
»Was hast du mit ihm gemacht?«, fragte Lucius Greyback. »Wie kommt es, dass er in diesem Zustand ist?«
»Das war’n nicht wir.«
»Sieht mir eher nach einem Brandzauber aus«, sagte Lucius.
Seine grauen Augen suchten Harrys Stirn ab.
»Da ist etwas«, flüsterte er, »das könnte die Narbe sein, straff gezogen … Draco, komm her, schau dir das genau an! Was meinst du?«
Harry sah Dracos Gesicht jetzt aus der Nähe, gleich neben dem seines Vaters. Sie waren sich verblüffend ähnlich, nur dass der Vater ganz außer sich schien vor Erregung, während Dracos Miene voller Widerwille, ja sogar Furcht war.
»Ich weiß nicht«, sagte er und ging in Richtung Kamin, wo seine Mutter stand und zusah.
»Wir sollten sicher sein, Lucius«, rief Narzissa mit ihrer kalten, klaren Stimme ihrem Mann zu. »Ganz sicher, dass es Potter ist, ehe wir den Dunklen Lord rufen … Die behaupten, der gehöre ihm«, sie nahm den Schwarzdorn-Zauberstab genau in Augenschein, »aber er entspricht nicht Ollivanders Beschreibung … Wenn wir uns irren, wenn wir den Dunklen Lord umsonst hierherrufen … wisst ihr noch, was er mit Rowle und Dolohow gemacht hat?«
»Und was ist mit dem Schlammblut?«, knurrte Greyback. Harry wurde fast umgerissen, als die Greifer die Gefangenen zwangen, sich erneut zu drehen, damit das Licht nun auf Hermine fiel.
»Wartet«, sagte Narzissa scharf. »Ja – ja, sie war mit Potter bei Madam Malkins! Ich hab ihr Bild im Propheten gesehen! Schau, Draco, ist das nicht diese Granger?«
»Ich … vielleicht … jaah.«
»Aber das ist doch der Weasley-Junge!«, rief Lucius, schritt rasch um die Gefesselten herum und sah Ron ins Gesicht. »Das sind sie, Potters Freunde – Draco, schau ihn dir an, ist das nicht Arthur Weasleys Sohn, wie heißt er noch mal –?«
»Jaah«, sagte Draco erneut, den Rücken den Gefangenen zugewandt. »Könnte sein.«
Hinter Harry öffnete sich die Salontür. Eine Frau sprach und der Klang ihrer Stimme ließ Harrys Angst noch größer werden.
»Was geht hier vor? Was ist passiert, Zissy?«
Bellatrix Lestrange ging langsam um die Gefangenen herum, blieb rechts von Harry stehen und starrte unter ihren schweren Augenlidern auf Hermine.
»Aber das ist«, sagte sie leise, »das ist doch das Schlammblutmädchen? Ist das diese Granger?«
»Ja, ja, das ist die Granger!«, rief Lucius. »Und der neben ihr ist wahrscheinlich Potter! Potter und seine Freunde, endlich gefasst!«
»Potter?«, kreischte Bellatrix und wich zurück, damit sie Harry besser betrachten konnte. »Bist du sicher? Nun, dann muss der Dunkle Lord sofort informiert werden!«
Sie zog ihren linken Ärmel hoch: Harry sah das Dunkle Mal, das in das Fleisch ihres Armes gebrannt war, und wusste, dass sie es gleich berühren würde, um ihren geliebten Herrn herbeizurufen –
»Ich wollte ihn gerade rufen!«, sagte Lucius, und schon schloss sich seine Hand um Bellatrix’ Handgelenk, um sie daran zu hindern, das Mal zu berühren. »Ich werde ihn herbeirufen, Bella, Potter wurde in mein Haus gebracht, daher unterliegt es meiner Autorität –«
»Deiner Autorität!«, höhnte sie und versuchte, ihre Hand seinem Griff zu entwinden. »Du hast deine Autorität verloren, als du deinen Zauberstab verloren hast, Lucius! Wie kannst du es wagen! Lass mich los!«
»Du hast damit überhaupt nichts zu tun, du hast den Jungen nicht gefangen –«
»Bitte um Verzeihung, Mr Malfoy«, warf Greyback ein, »aber wir sind’s, die Potter gefasst haben, und wir wollen dann auch das Gold –«
»Gold!«, lachte Bellatrix, die immer noch versuchte, ihren Schwager abzuschütteln, während sie mit der freien Hand in der Tasche nach ihrem Zauberstab suchte. »Nimm dein Gold, du dreckiger Aasfresser, was will ich mit Gold? Ich strebe nur nach der Ehre seines – von –«
Sie hörte auf sich zu wehren und heftete ihre dunklen Augen auf etwas, das Harry nicht sehen konnte. Froh, dass sie kapituliert hatte, ließ Lucius sie rasch los und riss nun seinen eigenen Ärmel hoch –
»HALT!«, kreischte Bellatrix. »Berühr es nicht, wir werden alle zugrunde gehen, wenn der Dunkle Lord jetzt kommt!«
Lucius erstarrte, den Zeigefinger dicht über seinem Mal. Bellatrix schritt aus Harrys begrenztem Gesichtsfeld hinaus.
»Was ist das?«, hörte er sie sagen.
»Schwert«, grunzte ein Greifer, den er nicht sehen konnte.
»Gib es mir.«
»Das ist nicht Euers, Missis, das ist meins, ich hab’s nämlich gefunden.«
Es gab einen Knall und einen roten Lichtblitz: Harry wusste, dass der Greifer geschockt worden war. Seine Gefährten brüllten zornig auf; Scabior zückte den Zauberstab.
»Was soll das denn, Frau?«
»Stupor«, schrie sie, »stupor!«
Sie waren ihr nicht gewachsen, obwohl sie zu viert gegen eine waren: Sie war eine skrupellose Hexe mit ungeheuerlichen Fähigkeiten, wie Harry wusste. Sie brachen auf der Stelle zusammen, alle außer Greyback, den sie auf die Knie gezwungen hatte, die Arme ausgestreckt. Aus den Augenwinkeln sah Harry, wie Bellatrix sich über den Werwolf beugte, das Schwert von Gryffindor fest in der Hand, das Gesicht wächsern.
»Wo hast du dieses Schwert her?«, flüsterte sie Greyback zu, während sie ihm den Zauberstab aus seinem schlaffen Griff zog.
»Wie kannst du es wagen?«, knurrte er, und sein Mund war alles, was er bewegen konnte, während er gezwungen war, zu ihr aufzublicken. Er bleckte seine spitzen Zähne. »Lass mich los, Frau!«
»Wo hast du dieses Schwert gefunden?«, wiederholte sie und fuchtelte damit vor seinem Gesicht herum. »Snape hat es zu meinem Verlies in Gringotts geschickt!«
»Es war im Zelt von denen«, schnarrte Greyback. »Lass mich los, sage ich!«
Sie schwang ihren Zauberstab, und der Werwolf sprang auf, schien jedoch zu argwöhnisch, um sich ihr zu nähern. Er schlich hinter einen Sessel und grub seine schmutzigen, gebogenen Nägel in die Lehne.
»Draco, bring diesen Abschaum nach draußen«, sagte Bellatrix und deutete auf die bewusstlosen Männer. »Wenn du nicht den Schneid hast, sie zu erledigen, dann lass sie für mich im Hof liegen.«
»Untersteh dich, mit Draco zu sprechen wie –«, sagte Narzissa zornig, aber Bellatrix schrie: »Halt den Mund! Die Lage ist bedrohlicher, als du es dir vielleicht vorstellen kannst, Zissy! Wir haben ein sehr ernstes Problem!«
Sie stand rasch atmend da, blickte hinab auf das Schwert und musterte seinen Griff. Dann drehte sie sich um und sah die stummen Gefangenen an.
»Wenn es wirklich Potter ist, darf ihm nichts geschehen«, murmelte sie, mehr zu sich selbst als zu den anderen. »Der Dunkle Lord will Potter eigenhändig vernichten … aber wenn er herausfindet … ich muss … ich muss wissen …«
Sie wandte sich wieder an ihre Schwester.
»Die Gefangenen müssen in den Keller gebracht werden, während ich überlege, was zu tun ist!«
»Das ist mein Haus, Bella, du gibst keine Befehle in meinem –«
»Tu es! Du hast keine Ahnung, in welcher Gefahr wir sind!«, kreischte Bellatrix. Sie sah beängstigend aus, übergeschnappt; ein dünner Feuerstrahl drang aus ihrem Zauberstab und brannte ein Loch in den Teppich.
Narzissa zögerte einen Moment, dann richtete sie das Wort an den Werwolf.
»Bring diese Gefangenen hinunter in den Keller, Greyback.«
»Warte«, sagte Bellatrix scharf. »Alle außer … außer dem Schlammblut.«
Greyback grunzte vor Freude.
»Nein!«, rief Ron. »Sie können mich haben, behalten Sie mich!«
Bellatrix schlug ihm ins Gesicht; der Schlag hallte durch den Raum.
»Wenn sie im Verhör stirbt, nehm ich dich als Nächsten dran«, sagte sie. »Blutsverräter kommen auf meiner Liste gleich nach den Schlammblütern. Bring sie nach unten, Greyback, und sieh zu, dass sie dort auch bleiben, aber tu ihnen nichts weiter an – noch nicht.«
Sie warf Greyback seinen Zauberstab wieder zu und holte dann ein kurzes silbernes Messer unter ihrem Umhang hervor. Sie schnitt Hermine von den anderen Gefangenen los und zerrte sie an den Haaren in die Mitte des Raumes, während Greyback mit seinem ausgestreckten Zauberstab, von dem eine unsichtbare und unwiderstehliche Kraft ausging, die übrigen zwang, zu einer weiteren Tür und in einen dunklen Gang hineinzutrotten.
»Glaubst du, sie lässt mich ’n Stück von dem Mädchen haben, wenn sie mit ihr fertig ist?«, gurrte Greyback, während er sie den Gang entlangtrieb. »Schätze mal, ich krieg ’nen Bissen oder zwei ab, meinst du nicht, Rotschopf?«
Harry spürte, wie Ron bebte. Sie mussten eine steile Treppe hinunter, immer noch Rücken an Rücken gebunden und ständig in Gefahr, auszurutschen und sich den Hals zu brechen. Am Fuß der Treppe befand sich eine schwere Tür. Greyback öffnete sie mit einem leichten Klopfen seines Zauberstabs, dann zwang er sie alle in einen feuchten und modrigen Raum hinein und ließ sie in völliger Dunkelheit zurück. Das Echo der zugeschlagenen Kellertür war noch nicht verklungen, als auch schon direkt über ihnen ein schrecklicher, lang gezogener Schrei ertönte.
»HERMINE!«, brüllte Ron, und er begann sich zu winden und gegen die Stricke aufzubäumen, mit denen sie gefesselt waren, so dass Harry schwankte. »HERMINE!«
»Sei leise!«, sagte Harry. »Sei still, Ron, wir müssen überlegen, wie –«
»HERMINE! HERMINE!«
»Wir brauchen einen Plan, hör auf zu schreien – wir müssen diese Fesseln loskriegen –«
»Harry?«, flüsterte es aus der Dunkelheit. »Ron? Seid ihr das?«
Ron hörte auf zu schreien. Harry merkte, wie sich in ihrer Nähe etwas bewegte, dann sah er einen Schatten näher kommen.
»Harry? Ron?«
»Luna?«
»Ja, ich bin’s! O nein, ich wollte nicht, dass ihr gefasst werdet!«
»Luna, kannst du uns helfen, diese Fesseln abzukriegen?«, sagte Harry.
»O ja, ich denk schon … da ist so ein alter Nagel, den nehmen wir immer, wenn wir was aufbrechen müssen … einen Moment …«
Hermine schrie oben wieder, und sie konnten auch Bellatrix schreien hören, doch ihre Worte waren nicht zu verstehen, denn Ron rief erneut: »HERMINE! HERMINE!«
»Mr Ollivander?«, konnte Harry Luna sagen hören. »Mr Ollivander, haben Sie den Nagel? Würden Sie bitte ein wenig zur Seite rücken … ich glaube, er war neben dem Wasserkrug …«
In Sekundenschnelle war sie zurück.
»Ihr müsst jetzt stillhalten«, sagte sie.
Harry konnte spüren, wie sie in die zähen Fasern des Stricks hineinbohrte, um die Knoten zu lösen. Von oben hörten sie Bellatrix’ Stimme.
»Ich frage dich noch einmal! Wo habt ihr dieses Schwert her? Woher?«
»Wir haben es gefunden – wir haben es gefunden – BITTE!« Hermine schrie von neuem; Ron kämpfte nur noch verbissener gegen die Fesseln an, und der rostige Nagel rutschte weg auf Harrys Handgelenk.
»Ron, bitte, halt still!«, flüsterte Luna. »Ich kann nicht sehen, was ich mache –«
»Meine Tasche!«, sagte Ron. »In meiner Tasche ist ein Deluminator und der ist voller Licht!«
Wenige Sekunden später war ein Klicken zu hören, und die leuchtenden Kugeln, die der Deluminator aus den Lampen des Zeltes gesogen hatte, flogen in den Keller: Da sie ihre Quelle nicht wiederfinden konnten, blieben sie einfach wie winzige Sonnen dort hängen und tauchten den unterirdischen Raum in Licht. Harry sah Luna, mit bleichem Gesicht und großen Augen, und die reglose Gestalt von Ollivander, dem Zauberstabmacher, der zusammengerollt in der Ecke am Boden lag. Als er den Kopf drehte, erblickte er ihre Mitgefangenen: Dean und Griphook, den Kobold, der halb ohnmächtig schien und von den Stricken, die ihn an die Menschen banden, aufrecht gehalten wurde.
»Oh, das macht es viel einfacher, danke, Ron«, sagte Luna und begann erneut in ihre Fesseln zu stechen. »Hallo, Dean!«
Von oben drang Bellatrix’ Stimme zu ihnen.
»Du lügst, dreckiges Schlammblut, und ich weiß es! Ihr wart in meinem Verlies in Gringotts! Sag die Wahrheit, sag die Wahrheit!«
Ein weiterer schrecklicher Schrei –
»HERMINE!«
»Was habt ihr außerdem gestohlen? Was habt ihr sonst noch? Sag mir die Wahrheit, oder, ich schwöre, du wirst dieses Messer zu spüren bekommen!«
»Geschafft!«
Harry fühlte, wie die Fesseln von ihm abfielen, er rieb sich die Handgelenke, wandte sich um und sah Ron im Keller herumrennen, den Blick nach oben zur niedrigen Decke gerichtet auf der Suche nach einer Falltür. Dean, dessen Gesicht zerschrammt und blutig war, sagte »Danke« zu Luna und stand zitternd da, aber Griphook, der viele Striemen in seinem dunklen Gesicht hatte, wirkte angeschlagen und orientierungslos und sank auf den Kellerboden.
Ron machte jetzt den Versuch, ohne Zauberstab zu disapparieren.
»Es gibt keine Möglichkeit, hier rauszukommen, Ron«, sagte Luna, die ihn bei seinen erfolglosen Bemühungen beobachtete. »Der Keller ist vollkommen ausbruchsicher. Ich hab es zu Anfang auch probiert. Mr Ollivander ist schon lange Zeit hier, er hat alles versucht.«
Hermine schrie erneut: Der Laut durchfuhr Harry wie körperlicher Schmerz. Er nahm das zornige Stechen seiner Narbe kaum wahr, als nun auch er im Keller umherzulaufen begann und die Wände nach etwas abtastete, von dem er keine rechte Vorstellung hatte, wobei er im Grunde wusste, dass es sinnlos war.
»Was habt ihr noch mitgenommen, was noch? ANTWORTE MIR! CRUCIO!«
Hermines Schreie hallten von den Wänden oben wider, Ron brach fast in Schluchzen aus, während er mit den Fäusten gegen die Mauern hämmerte, und Harry packte in seiner tiefen Verzweiflung Hagrids Beutel um seinen Hals und tastete darin herum: Er zog Dumbledores Schnatz heraus und schüttelte ihn, in der Hoffnung auf irgendetwas – nichts geschah; er schwang die zerbrochenen Hälften des Phönix-Zauberstabs, doch sie waren leblos – die Spiegelscherbe fiel blitzend zu Boden, und er sah ein Funkeln von hellstem Blau –
Dumbledores Auge starrte ihn aus dem Spiegel heraus an.
»Helfen Sie uns!«, schrie er das Auge in wütender Verzweiflung an. »Wir sind im Keller im Haus der Malfoys, helfen Sie uns!«
Das Auge blinzelte und war verschwunden.
Harry war sich nicht einmal sicher, dass es wirklich da gewesen war. Er bewegte die Spiegelscherbe hin und her, doch er sah nichts darin als die Mauern und die Decke ihres Gefängnisses, während Hermine noch schlimmer schrie und Ron neben ihm brüllte: »HERMINE! HERMINE!«
»Wie seid ihr in mein Verlies gekommen?«, hörten sie Bellatrix schreien. »Hat euch dieser dreckige kleine Kobold unten im Keller geholfen?«
»Wir haben ihn erst heute Abend getroffen!«, schluchzte Hermine. »Wir waren nie in Ihrem Verlies … es ist nicht das echte Schwert! Es ist eine Kopie, nur eine Kopie!«
»Eine Kopie?«, kreischte Bellatrix. »Oh, und das soll ich glauben?«
»Aber wir können das ganz leicht feststellen!«, ertönte Lucius’ Stimme. »Draco, hol den Kobold, er kann uns sagen, ob das Schwert echt ist oder nicht!«
Harry stürzte durch den Keller zu Griphook, der auf dem Boden kauerte.
»Griphook«, flüsterte er in das spitze Ohr des Kobolds, »Sie müssen denen sagen, dass das Schwert eine Fälschung ist, die dürfen nicht wissen, dass es das echte ist, Griphook, bitte –«
Er konnte jemanden die Kellertreppe hinunterhasten hören; einen Moment später vernahmen sie Dracos zittrige Stimme vor der Tür.
»Zurücktreten. Stellt euch in einer Reihe an der Wand auf. Keine krummen Sachen, oder ich bring euch um!«
Sie taten, wie ihnen geheißen; als sich das Schloss drehte, ließ Ron den Deluminator klicken, die Lichter huschten zurück in seine Tasche, und der Keller lag wieder im Dunkeln. Die Tür flog auf; Malfoy marschierte herein, den Zauberstab vor sich ausgestreckt, blass und entschlossen. Er packte den kleinen Kobold am Arm und ging rückwärts wieder hinaus, wobei er Griphook mit sich schleifte. Genau in dem Moment, als die Tür zuschlug, hallte ein lauter Knall durch den Keller.
Ron ließ den Deluminator klicken. Drei Lichtkugeln flogen aus seiner Tasche zurück in die Luft und offenbarten, dass Dobby, der Hauself, gerade mitten unter sie appariert war.
»DOB–!«
Harry schlug Ron auf den Arm, damit er zu schreien aufhörte, und Ron schien bestürzt über seinen Fehler. Schritte quer über die Kellerdecke waren zu hören: Draco führte Griphook zu Bellatrix.
Dobbys gewaltige, tennisballförmige Augen waren weit aufgerissen; er zitterte von den Füßen bis zu den Ohrspitzen. Er war zurück im Haus seiner alten Herren und offensichtlich wie gelähmt vor Angst.
»Harry Potter«, quiekte er mit ganz leiser, bebender Stimme, »Dobby ist gekommen, um Sie zu retten.«
»Aber wie bist du –?«
Harrys Worte gingen in einem entsetzlichen Schrei unter: Hermine wurde erneut gefoltert. Er beschränkte sich auf das Wesentliche.
»Kannst du aus diesem Keller disapparieren?«, fragte er Dobby, der mit flatternden Ohren nickte.
»Und kannst du Menschen mitnehmen?«
Dobby nickte erneut.
»Gut. Dobby, ich möchte, dass du dir Luna, Dean und Mr Ollivander schnappst und sie zu – sie zu –«
»Bill und Fleur bringst«, sagte Ron. »Shell Cottage am Rand von Tinworth!«
Der Elf nickte zum dritten Mal.
»Und dann kommst du zurück«, sagte Harry. »Kannst du das tun, Dobby?«
»Natürlich, Harry Potter«, flüsterte der kleine Elf. Er eilte hinüber zu Mr Ollivander, der halb ohnmächtig schien. Er nahm eine Hand des Zauberstabmachers in seine, dann streckte er die andere Luna und Dean entgegen, doch keiner von den beiden rührte sich.
»Harry, wir wollen dir helfen!«, flüsterte Luna.
»Wir können dich nicht hierlassen«, sagte Dean.
»Geht, ihr beide! Wir sehen uns bei Bill und Fleur.«
Während Harry sprach, brannte seine Narbe schlimmer denn je, und einige Sekunden lang blickte er hinab, nicht auf den Zauberstabmacher, sondern auf einen anderen Mann, der genauso alt war, genauso mager, der aber verächtlich lachte.
»Töte mich doch, Voldemort, ich heiße den Tod willkommen! Aber mein Tod wird dir nicht bringen, was du suchst … es gibt so viel, was du nicht verstehst …«
Er spürte Voldemorts Zorn, doch als Hermine wieder schrie, verschloss er sich dagegen und kehrte in den Keller zurück zu dem Grauen, mit dem er selbst es gerade zu tun hatte.
»Geht!«, bat er Luna und Dean inständig. »Geht! Wir kommen nach, geht nur!«
Sie ergriffen die ausgestreckten Finger des Elfen. Ein weiterer lauter Knall ertönte, und Dobby, Luna, Dean und Ollivander verschwanden.
»Was war das?«, rief Lucius Malfoy über ihren Köpfen. »Habt ihr das gehört? Was war das für ein Lärm im Keller?«
Harry und Ron starrten einander an.
»Draco – nein, ruf Wurmschwanz! Lass ihn gehen und nachsehen!«
Schritte durchquerten oben den Raum, dann trat Stille ein. Harry wusste, dass die Leute im Salon auf weitere Geräusche aus dem Keller lauschten.
»Wir müssen versuchen, mit ihm fertig zu werden«, flüsterte er Ron zu. Sie hatten keine andere Wahl: Sobald irgendjemand den Raum betrat und sah, dass drei Gefangene fehlten, waren sie verloren. »Lass die Lichter an«, fügte Harry hinzu, und als sie draußen jemand die Treppe herunterkommen hörten, drückten sie sich zu beiden Seiten der Tür an die Wand.
»Zurücktreten«, erklang Wurmschwanz’ Stimme. »Weg von der Tür. Ich komme rein.«
Die Tür flog auf. Für den Bruchteil einer Sekunde starrte Wurmschwanz in den scheinbar leeren Keller, den die drei kleinen, in der Luft schwebenden Sonnen in gleißendes Licht tauchten. Dann warfen sich Harry und Ron auf ihn. Ron packte Wurmschwanz am Zauberstabarm und drückte ihn hoch; Harry schlug ihm die Hand auf den Mund, um seine Stimme zu ersticken. Sie kämpften stumm: Wurmschwanz’ Zauberstab sprühte Funken; seine silberne Hand schloss sich um Harrys Kehle.
»Was ist los, Wurmschwanz?«, rief Lucius Malfoy von oben.
»Nichts!«, rief Ron zurück, indem er Wurmschwanz’ heisere Stimme halbwegs nachahmte. »Alles in Ordnung!«
Harry rang nach Luft.
»Willst du mich umbringen?« Harry würgte und versuchte die metallenen Finger von sich wegzuzerren. »Nachdem ich dir das Leben gerettet habe? Du bist mir was schuldig, Wurmschwanz!«
Die silbernen Finger lockerten sich. Das hatte Harry nicht erwartet. Er riss sich los, verblüfft, die Hand nach wie vor auf Wurmschwanz’ Mund. Er sah, wie die kleinen, wässrigen Augen des rattenartigen Mannes vor Angst und Überraschung größer wurden: Er schien nicht weniger erschrocken als Harry über das, was seine Hand getan hatte, über die winzige barmherzige Regung, die sie gezeigt hatte, und nun sträubte er sich umso heftiger, als ob er diesen Moment der Schwäche ungeschehen machen wollte.
»Und den nehmen wir«, flüsterte Ron und zog Wurmschwanz den Zauberstab aus seiner anderen Hand.
Ohne Zauberstab, hilflos, wie er war, weiteten sich Pettigrews Pupillen voller Entsetzen. Seine Augen waren von Harrys Gesicht zu etwas anderem gehuscht. Seine silbernen Finger bewegten sich unaufhaltsam auf seine eigene Kehle zu.
»Nein –«
Ohne auch nur eine Sekunde zu überlegen, versuchte Harry die Hand wegzuziehen, doch sie ließ sich nicht aufhalten. Das silberne Werkzeug, das Voldemort seinem feigsten Diener gegeben hatte, hatte sich gegen seinen entwaffneten und nutzlosen Besitzer gekehrt; Pettigrew erntete den Lohn für sein Zögern, für den Moment des Mitleids; er wurde vor ihren Augen erwürgt.
»Nein!«
Auch Ron hatte Wurmschwanz losgelassen, und er und Harry versuchten gemeinsam die Metallfinger, die Wurmschwanz’ Kehle zusammendrückten, wegzureißen, doch es hatte keinen Zweck. Pettigrew lief blau an.
»Relaschio!«, sagte Ron und richtete den Zauberstab auf die silberne Hand, aber nichts geschah; Pettigrew fiel auf die Knie und im selben Moment stieß Hermine oben einen schrecklichen Schrei aus. Wurmschwanz’ Augen rollten in seinem violetten Gesicht nach oben, er zuckte ein letztes Mal und regte sich dann nicht mehr.
Harry und Ron sahen einander an, dann rannten sie, Wurmschwanz’ Leiche am Boden hinter sich lassend, die Treppe hinauf, zurück in den düsteren Gang, der zum Salon führte. Vorsichtig schlichen sie ihn entlang, bis sie die Salontür erreichten, die angelehnt war. Nun konnten sie deutlich sehen, wie Bellatrix auf Griphook hinabschaute, der Gryffindors Schwert in seinen langfingrigen Händen hielt. Hermine lag zu Bellatrix’ Füßen. Sie rührte sich kaum.
»Nun?«, sagte Bellatrix zu Griphook. »Ist es das echte Schwert?«
Harry wartete mit angehaltenem Atem und kämpfte gegen das Stechen seiner Narbe an.
»Nein«, sagte Griphook. »Es ist eine Fälschung.«
»Bist du sicher?«, keuchte Bellatrix. »Ganz sicher?«
»Ja«, sagte der Kobold.
Erleichterung trat in ihr Gesicht, alle Spannung fiel davon ab.
»Gut«, sagte sie, und mit einem lässigen Schlenker ihres Zauberstabs schlitzte sie einen weiteren tiefen Schnitt in das Gesicht des Kobolds, der schreiend vor ihren Füßen zusammenbrach. Sie stieß ihn beiseite. »Und jetzt«, sagte sie mit höchst triumphierender Stimme, »rufen wir den Dunklen Lord!«
Und sie schob ihren Ärmel hoch und berührte mit dem Zeigefinger das Dunkle Mal.
Augenblicklich fühlte sich Harrys Narbe an, als wäre sie wieder aufgerissen. Seine wahre Umgebung verschwand: Er war Voldemort und der skelettdürre Zauberer vor ihm lachte ihn zahnlos aus; er war erzürnt über den Ruf, den er spürte – er hatte sie gewarnt, er hatte sie angewiesen, ihn nur wegen Potter zu rufen. Wenn sie sich irrten …
»Dann töte mich doch!«, verlangte der alte Mann. »Du wirst nicht gewinnen, du kannst nicht gewinnen! Dieser Zauberstab wird nie und nimmer dir gehören –«
Und Voldemorts Zorn entlud sich: Ein grüner Lichtblitz erfüllte das Gefängnis, und es hob den gebrechlichen alten Körper von seiner Pritsche, dann fiel er leblos wieder hinab, und Voldemort kehrte zum Fenster zurück, mit kaum zu bändigender Wut … sie würden seine Strafe zu spüren bekommen, wenn sie keinen guten Grund hatten, ihn zurückzurufen …
»Und ich glaube«, sagte Bellatrix’ Stimme, »wir können das Schlammblut beseitigen. Greyback, nimm sie, wenn du sie haben willst.«
»NEIIIIIIIIIIIIN!«
Ron war in den Salon gestürmt; Bellatrix wandte sich erschrocken um; sie deutete mit ihrem Zauberstab nun auf Ron –
»Expelliarmus!«, brüllte er, Wurmschwanz’ Zauberstab auf Bellatrix gerichtet, und ihr eigener flog durch die Luft und wurde von Harry aufgefangen, der Ron hinterhergerannt war. Lucius, Narzissa, Draco und Greyback wirbelten herum; Harry schrie: »Stupor!«, und Lucius Malfoy brach neben dem Kamin zusammen. Lichtblitze zuckten aus Dracos, Narzissas und Greybacks Zauberstäben; Harry warf sich zu Boden und ließ sich hinter ein Sofa rollen, um ihnen auszuweichen.
»AUFHÖREN, ODER SIE STIRBT!«
Keuchend lugte Harry hinter dem Sofa hervor. Bellatrix stützte Hermine, die bewusstlos schien, und hielt ihr das kurze silberne Messer an die Kehle.
»Lasst eure Zauberstäbe fallen«, flüsterte sie. »Lasst sie fallen, oder wir werden genau sehen, wie dreckig ihr Blut ist!«
Ron stand stocksteif da, Wurmschwanz’ Zauberstab fest in der Hand. Harry, der immer noch Bellatrix’ Zauberstab hielt, richtete sich auf.
»Ich sagte, lasst sie fallen!«, kreischte sie und drückte die Klinge in Hermines Kehle: Harry sah Blutstropfen hervortreten.
»In Ordnung!«, rief er und ließ Bellatrix’ Zauberstab vor seinen Füßen auf den Boden fallen. Ron tat das Gleiche mit Wurmschwanz’ Zauberstab. Beide hoben die Hände auf Schulterhöhe.
»Gut!«, sagte sie mit einem boshaften Grinsen. »Draco, heb sie auf! Der Dunkle Lord ist unterwegs, Harry Potter! Dein Tod naht heran!«
Harry wusste es; deshalb schmerzte seine Narbe, als wolle sie bersten, und er konnte Voldemort spüren, wie er von weit her über den Himmel flog, über ein dunkles und stürmisches Meer, und bald war er nahe genug, um zu ihnen zu apparieren, und Harry sah keinen Ausweg.
»Nun«, sagte Bellatrix leise, als Draco mit den Zauberstäben zurückgeeilt kam, »Zissy, ich denke, wir sollten diese kleinen Helden wieder fesseln, während Greyback sich um Miss Schlammblut kümmert. Ich bin sicher, der Dunkle Lord wird dir das Mädchen nicht missgönnen, Greyback, nach allem, was du heute Nacht getan hast.«
Beim letzten Wort kam von oben her ein seltsam knirschendes Geräusch. Alle blickten auf und sahen gerade noch, wie der kristallene Kronleuchter erzitterte; dann begann er mit einem Quietschen und einem unheilvollen Klirren herabzustürzen. Bellatrix stand direkt unter ihm; sie ließ Hermine los und warf sich schreiend zur Seite. Der Kronleuchter krachte mit einer Explosion von Kristall und Ketten zu Boden und fiel dabei auf Hermine und den Kobold, der immer noch das Schwert von Gryffindor in der Hand hielt. Glitzernde Kristallscherben stoben in alle Richtungen: Draco krümmte sich und bedeckte sein blutiges Gesicht mit den Händen.
Als Ron losrannte, um Hermine aus den Trümmern zu ziehen, nutzte Harry die Chance; er sprang über einen Lehnstuhl, schnappte die drei Zauberstäbe aus Dracos Griff, richtete sie allesamt auf Greyback und schrie: »Stupor!« Der Dreifachzauber riss den Werwolf von den Füßen, er flog zur Decke und schlug dann auf den Boden.
Während Narzissa Draco wegzog, um ihn vor weiterem Schaden zu schützen, sprang Bellatrix mit wehenden Haaren auf und fuchtelte mit ihrem silbernen Messer; aber Narzissa hatte ihren Zauberstab auf die Tür gerichtet.
»Dobby!«, schrie sie und selbst Bellatrix erstarrte. »Du! Du hast den Kronleuchter herabstürzen lassen –?«
Der kleine Elf tapste in den Raum, seine zitternden Finger deuteten auf seine alte Herrin.
»Sie dürfen Harry Potter nicht wehtun«, quiekte er.
»Töte ihn, Zissy!«, kreischte Bellatrix, doch es gab einen weiteren lauten Knall, und auch Narzissas Zauberstab flog in die Luft und landete auf der anderen Seite des Raumes.
»Du dreckiger kleiner Affe!«, brüllte Bellatrix. »Wie kannst du es wagen, den Zauberstab einer Hexe in die Hand zu nehmen, wie kannst du es wagen, deinen Herren zu trotzen?«
»Dobby hat keinen Herrn!«, quiekte der Elf. »Dobby ist ein freier Elf, und Dobby ist gekommen, um Harry Potter und seine Freunde zu retten!«
Harrys Narbe machte ihn blind vor Schmerz. Er ahnte dumpf, dass sie nur noch Momente, Sekunden hatten, ehe Voldemort bei ihnen war.
»Ron, fang – und VERSCHWINDET!«, schrie er und warf ihm einen der Zauberstäbe zu; dann bückte er sich und zerrte Griphook unter dem Kronleuchter hervor. Er hob den stöhnenden Kobold, der immer noch das Schwert festhielt, auf seine Schulter, packte Dobbys Hand und wirbelte auf der Stelle herum, um zu disapparieren.
Während er sich in die Dunkelheit hineindrehte, erhaschte er einen letzten Blick von dem Salon: Er sah die bleichen, erstarrten Gestalten von Narzissa und Draco, die rote Schliere, die Rons Haar war, und einen verwischten silbernen Fleck, als Bellatrix’ Messer durch den Raum flog, dorthin, wo er gerade verschwand –
Zu Bill und Fleur … Shell Cottage … zu Bill und Fleur …
Er war ins Unbekannte abgetaucht; er konnte jetzt nichts weiter tun, als den Namen des Zielorts zu wiederholen und zu hoffen, dass das ausreichte, um ihn dorthin zu bringen. Der Schmerz in seiner Stirn durchdrang ihn und das Gewicht des Kobolds lastete schwer auf ihm; er konnte die Klinge des Schwerts von Gryffindor gegen seinen Rücken schlagen spüren; Dobbys Hand zuckte in seiner; er fragte sich, ob der Elf versuchte, die Führung zu übernehmen, sie in die richtige Richtung zu ziehen, und indem er die Finger zusammendrückte, versuchte er ihm zu zeigen, dass ihm das nur recht war …
Und dann stürzten sie auf feste Erde und rochen salzige Luft: Harry fiel auf die Knie, ließ Dobbys Hand los und bemühte sich, Griphook sanft auf dem Boden abzusetzen.
»Alles in Ordnung mit Ihnen?«, fragte er, als der Kobold sich regte, aber Griphook wimmerte nur.
Harry spähte in der Dunkelheit umher. Ganz in der Nähe, unter dem weiten Sternenhimmel, stand offenbar ein Haus, und er glaubte zu erkennen, dass sich davor etwas bewegte.
»Dobby, ist das Shell Cottage?«, flüsterte er, die beiden Zauberstäbe, die er vom Haus der Malfoys mitgebracht hatte, fest in der Hand und bereit zu kämpfen, falls es nötig war. »Sind wir hier richtig? Dobby?«
Er wandte sich um. Der kleine Elf stand nur ein, zwei Schritte von ihm entfernt.
»DOBBY!«
Der Elf schwankte leicht, in seinen großen, glänzenden Augen spiegelten sich die Sterne. Er und Harry richteten ihren Blick jetzt beide hinab auf den silbernen Schaft des Messers, der aus der Brust des schwer atmenden Elfen ragte.
»Dobby – nein – HILFE!«, brüllte Harry zu dem Haus hinüber, zu den Menschen, die sich dort bewegten. »HILFE!«
Er wusste nicht, ob es Zauberer oder Muggel, Freunde oder Feinde waren, und es war ihm auch egal; er dachte nur an den dunklen Fleck, der sich über Dobbys Brust ausbreitete, und dass er seine dünnen Arme nach Harry ausgestreckt hatte und ihn flehend ansah. Harry fing ihn auf und legte ihn seitlich ins kühle Gras.
»Dobby, nein, nicht sterben, nicht sterben –«
Die Augen des Elfen fanden seine, und seine Lippen zitterten von der Mühe, Worte zu bilden.
»Harry … Potter …«
Und dann, nach einem leisen Schaudern, regte sich der Elf nicht mehr, und seine Augen waren nur noch große, glasige Kugeln, gesprenkelt mit dem Sternenlicht, das sie nicht sehen konnten.
Der Zauberstabmacher
Es war, als würde er in einen altbekannten Alptraum sinken; für einen kurzen Moment kniete er wieder neben Dumbledores Leiche am Fuß des höchsten Turmes von Hogwarts, doch in Wirklichkeit starrte er auf einen kleinen, im Gras zusammengekrümmten Körper, der von Bellatrix’ silbernem Messer erstochen war. Harry hörte sich immer noch »Dobby … Dobby …« sagen, obwohl er wusste, dass der Elf dorthin gegangen war, von wo er ihn nicht zurückrufen konnte.
Nach etwa einer Minute wurde ihm klar, dass sie immerhin zum richtigen Ort gelangt waren, denn da waren Bill und Fleur, Dean und Luna, die sich um ihn herum versammelten, während er vor dem Elfen kniete.
»Hermine?«, sagte er plötzlich. »Wo ist sie?«
»Ron hat sie ins Haus gebracht«, sagte Bill. »Es wird ihr bald wieder gut gehen.«
Harry blickte erneut hinab auf Dobby. Er streckte eine Hand aus und zog die scharfe Klinge aus dem Körper des Elfen, dann schlüpfte er aus seiner Jacke und breitete sie wie eine Decke über Dobby.
Irgendwo in der Nähe brauste das Meer gegen Felsen; Harry lauschte der See, während die anderen sich unterhielten, Dinge besprachen, die er nur belanglos finden konnte, und Entscheidungen trafen. Dean trug den verletzten Griphook ins Haus, Fleur kam eilends mit; nun schlug Bill vor, wie sie den Elfen begraben sollten. Harry stimmte zu, ohne recht zu wissen, was er sagte. Dabei war sein Blick auf den kleinen Körper geheftet, und seine Narbe ziepte und brannte, und mit einem Teil seines Bewusstseins sah er, wie durch das falsche Ende eines langen Teleskops, Voldemort die bestrafen, die sie im Haus Malfoy zurückgelassen hatten. Voldemorts Wut war schrecklich, und doch schien Harrys Trauer um Dobby sie abzuschwächen, so dass sie nur noch ein ferner Sturm war, der Harry über einen riesigen stillen Ozean hinweg erreichte.
»Ich will es richtig machen« waren die ersten Worte, die Harry ganz bewusst sprach. »Nicht mit Magie. Habt ihr einen Spaten?«
Und kurz darauf hatte er sich allein an die Arbeit gemacht und hob das Grab an der Stelle aus, die Bill ihm gezeigt hatte, hinten im Garten zwischen Büschen. Er grub mit einer Art Zorn, genoss die Arbeit mit den Händen und freute sich, dass sie nichtmagisch war, denn jeder Tropfen seines Schweißes und jede Blase war wie ein Tribut an den Elfen, der ihnen das Leben gerettet hatte.
Seine Narbe brannte, doch er meisterte den Schmerz; er spürte ihn, blieb aber von ihm fern. Er hatte endlich gelernt, ihn zu beherrschen, gelernt, seinen Geist gegen Voldemort zu verschließen, genau das, was er nach Dumbledores Wunsch von Snape hatte lernen sollen. So, wie Voldemort nicht von Harry hatte Besitz ergreifen können, während der Kummer über Sirius ihn verzehrte, so konnte er auch jetzt nicht in Harrys Gedanken eindringen, während er Dobby betrauerte. Trauer verscheuchte Voldemort offenbar … obwohl Dumbledore natürlich gesagt hätte, dass es die Liebe war …
Harry grub weiter, immer tiefer in die harte, kalte Erde, ließ seine Trauer zu Schweiß werden, verleugnete den Schmerz in seiner Narbe. In der Dunkelheit, während er nur das Geräusch seiner eigenen Atemzüge und das Brausen des Meeres zur Gesellschaft hatte, kehrten die Ereignisse bei den Malfoys zu ihm zurück, kamen ihm die Dinge wieder, die er gehört hatte, und allmählich, allein in der Nacht, begann er zu verstehen …
Der stete Rhythmus seiner Arme schlug den Takt zu seinen Gedanken. Heiligtümer … Horkruxe … Heiligtümer … Horkruxe … doch dieses unheimliche, zwanghafte Verlangen brannte nun nicht mehr in ihm. Verlust und Angst hatten es ausgelöscht: Es war, als wäre er mit einer Ohrfeige geweckt worden.
Immer tiefer sank Harry in das Grab, und er wusste, wo Voldemort heute Nacht gewesen war und wen er in der obersten Zelle von Nurmengard ermordet hatte, und warum …
Und er dachte an Wurmschwanz, getötet wegen einer einzigen kleinen, unwillkürlichen Regung von Erbarmen … Dumbledore hatte das vorausgesehen … was hatte er noch alles gewusst?
Harry verlor jegliches Zeitgefühl. Er wusste nur, dass sich die Dunkelheit ein wenig gelichtet hatte, als Ron und Dean wieder zu ihm stießen.
»Wie geht es Hermine?«
»Besser«, sagte Ron. »Fleur kümmert sich um sie.«
Harry hatte seine Antwort parat, falls sie ihn fragten, warum er nicht einfach mit seinem Zauberstab ein perfektes Grab geschaffen hatte, doch er brauchte sie nicht. Sie sprangen selbst mit Spaten in das Loch hinunter, das er ausgehoben hatte, und alle drei arbeiteten stumm, bis das Loch ihnen tief genug vorkam.
Harry wickelte den Elfen enger in seine Jacke ein. Ron setzte sich an den Rand des Grabs, schlüpfte aus seinen Schuhen und Socken und zog sie dem Elfen über die nackten Füße. Dean holte eine Wollmütze hervor, die Harry sorgfältig auf Dobbys Kopf setzte und die seine Fledermausohren einhüllte.
»Wir sollten seine Augen schließen.«
Harry hatte die anderen nicht durch die Nacht kommen hören. Bill trug einen Reiseumhang; Fleur eine große weiße Schürze, aus deren Tasche eine Flasche herausragte, in der, wie Harry erkannte, Skele-Wachs war. Hermine war in einen geliehenen Morgenmantel gehüllt, blass und wacklig auf den Beinen; Ron legte einen Arm um sie, als sie an seine Seite trat. Luna, die sich einen von Fleurs Mänteln übergeworfen hatte, ging in die Hocke, legte ihre Finger sanft auf die Augenlider des Elfen und schob sie über seinen glasigen, starren Blick.
»So«, sagte sie leise. »Nun sieht es aus, als würde er schlafen.«
Harry legte den Elfen in das Grab, die winzigen Arme und Beine so angeordnet, als würde er sich nur ausruhen, dann kletterte er hinaus und blickte zum letzten Mal auf den kleinen Körper. Er musste sich zwingen aufrecht zu bleiben, als er sich an Dumbledores Begräbnis erinnerte und an die endlosen Reihen goldener Stühle und den Zaubereiminister in der ersten Reihe, an die Aufzählung von Dumbledores Leistungen, an das prachtvolle weiße Grabmal aus Marmor. Er hatte das Gefühl, dass Dobby ein genauso aufwändiges Begräbnis verdiente, und doch lag der Elf hier zwischen Büschen in einem auf die Schnelle ausgehobenen Loch.
»Ich glaube, wir sollten etwas sagen«, meldete sich Luna zu Wort. »Soll ich anfangen?«
Und sobald aller Augen auf sie gerichtet waren, wandte sie sich dem toten Elfen unten im Grab zu.
»Ich danke dir sehr, Dobby, dass du mich aus diesem Keller gerettet hast. Es ist so ungerecht, dass du sterben musstest, wo du doch so gut und mutig warst. Ich werde nie vergessen, was du für uns getan hast. Ich hoffe, du bist jetzt glücklich.«
Sie drehte sich um und sah erwartungsvoll Ron an, der sich räusperte und mit belegter Stimme sagte: »Jaah … danke, Dobby.«
»Danke«, murmelte Dean.
Harry schluckte.
»Mach’s gut, Dobby«, sagte er. Mehr brachte er nicht zustande, aber Luna hatte schon alles gesagt. Bill hob seinen Zauberstab, und der Erdhaufen neben dem Grab stieg in die Luft, fiel dann ordentlich hinein und bildete einen kleinen, rötlichen Hügel.
»Habt ihr was dagegen, wenn ich einen Moment hierbleibe?«, fragte Harry die anderen.
Sie murmelten Worte, die er nicht verstand; er spürte, wie sie ihm leicht auf die Schulter klopften, dann gingen sie mit schleppenden Schritten zurück zum Haus und ließen Harry bei dem Elfen allein.
Er blickte sich um: Es gab eine Menge großer weißer Steine, die vom Meer glatt geschliffen waren und die Blumenbeete umgrenzten. Er hob einen von den größten auf und legte ihn wie ein Kissen über die Stelle, wo Dobbys Kopf jetzt ruhte. Dann tastete er in seiner Tasche nach einem Zauberstab.
Es waren zwei darin. Er hatte es vergessen, den Überblick verloren; er konnte sich nicht mehr erinnern, wem diese Zauberstäbe gehörten; er wusste noch halbwegs, dass er sie jemandem aus der Hand gerissen hatte. Er wählte den kürzeren der beiden, der sich angenehmer anfühlte, und richtete ihn auf den Stein.
Langsam und nach den Anweisungen, die er murmelte, bildeten sich tiefe Einkerbungen auf der Gesteinsoberfläche. Hermine hätte es sicher ordentlicher gemacht, und wahrscheinlich auch schneller, doch er wollte diese Stelle kennzeichnen, wie er auch das Grab hatte schaufeln wollen. Als Harry wieder aufstand, lautete die Inschrift auf dem Stein:
Hier liegt Dobby, ein freier Elf.
Er blickte noch einige Sekunden lang auf sein Werk hinab, dann entfernte er sich, mit immer noch leicht kribbelnder Narbe und völlig mit den Dingen beschäftigt, die ihm in dem Grab eingefallen waren, mit Ideen, die in der Dunkelheit Gestalt angenommen hatten, faszinierend und schrecklich zugleich.
Als er in den kleinen Flur trat, saßen alle im Wohnzimmer und hatten ihre Aufmerksamkeit auf Bill gerichtet, der gerade sprach. Der Raum war in lichten Farben gehalten, hübsch, im Kamin brannte ein helles kleines Feuer aus Treibholz. Weil Harry den Teppich nicht mit Erde beschmutzen wollte, stellte er sich in die Tür und hörte zu.
»… ein Glück, dass Ginny in den Ferien ist. Wenn sie in Hogwarts gewesen wäre, dann hätten die sie womöglich entführt, bevor wir bei ihr gewesen wären. Jetzt wissen wir, dass auch sie in Sicherheit ist.«
Bill wandte sich um und sah Harry da stehen.
»Ich habe sie alle aus dem Fuchsbau geholt«, erklärte er. »Und sie zu Muriel gebracht. Die Todesser wissen jetzt, dass Ron bei dir ist, sie werden sicher die Familie ins Visier nehmen – das braucht dir nicht leidzutun«, fügte er hinzu, als er Harrys Miene sah. »Es war immer eine Frage der Zeit, das sagt Dad schon seit Monaten. Wir sind die größte Blutsverräterfamilie, die es gibt.«
»Wie werden sie geschützt?«, fragte Harry.
»Fidelius-Zauber. Dad ist der Geheimniswahrer. Und bei diesem Haus hier haben wir das auch gemacht; hier bin ich der Geheimniswahrer. Keiner von uns kann zur Arbeit gehen, aber das ist jetzt wohl nicht so wichtig. Sobald Ollivander und Griphook sich einigermaßen erholt haben, bringen wir auch sie zu Muriel. Hier ist nicht viel Platz, aber bei ihr jede Menge. Griphooks Beine verheilen schon, Fleur hat ihm Skele-Wachs gegeben. Wir können sie vermutlich in einer Stunde wegbringen oder –«
»Nein«, sagte Harry und Bill schien verblüfft. »Ich brauche sie beide hier. Ich muss mit ihnen reden. Es ist wichtig.«
Er hörte die Autorität in seiner Stimme, die Gewissheit, die Entschlossenheit, die er gewonnen hatte, während er Dobbys Grab ausgehoben hatte. Alle Gesichter waren ihm zugewandt und blickten verwirrt.
»Ich gehe mich waschen«, sagte Harry zu Bill und sah hinab auf seine Hände, die immer noch voll von Erde und Dobbys Blut waren. »Dann muss ich sie sehen, und zwar sofort.«
Er ging in die kleine Küche, zu dem Spülbecken unter einem Fenster, von dem aus das Meer zu sehen war. Während er sich wusch, brach am Horizont der Morgen an, muschelrosa und mit einem Streifen Gold, und Harry hing wieder den Gedanken nach, die ihm in dem dunklen Garten gekommen waren …
Dobby würde ihnen niemals sagen können, wer ihn in den Keller geschickt hatte, aber Harry wusste, was er gesehen hatte. Ein blaues Auge hatte mit stechendem Blick aus dem Bruchstück des Spiegels geschaut und dann war Hilfe da gewesen. Wer immer in Hogwarts um Hilfe bittet, wird sie auch bekommen.
Harry trocknete sich die Hände ab, die Schönheit der Szenerie vor dem Fenster und das Gemurmel der anderen im Wohnzimmer ließen ihn unberührt. Er blickte hinaus über den Ozean und hatte in dieser Morgendämmerung das Gefühl, näher als je zuvor zu sein, näher am Kern des Ganzen.
Und noch immer ziepte seine Narbe, und er wusste, dass auch Voldemort auf der richtigen Spur war. Harry begriff, und begriff doch nicht. Sein Instinkt sagte ihm das eine, sein Gehirn etwas ganz anderes. Der Dumbledore in Harrys Kopf lächelte, beobachtete Harry über seine Fingerkuppen hinweg, die er aneinandergelegt hatte wie zum Gebet.
Sie haben Ron den Deluminator gegeben. Sie haben ihn verstanden … Sie haben ihm einen Weg zurück ermöglicht …
Und Sie haben auch Wurmschwanz verstanden … Sie wussten, dass ein wenig Reue in ihm steckte, irgendwo …
Und wenn Sie sie kannten … was wussten Sie über mich, Dumbledore?
Bin ich dafür bestimmt, zu wissen, aber nicht, zu suchen? Wussten Sie, wie schwer mir das fallen würde? Ist das der Grund, warum Sie es so schwierig gemacht haben? Damit ich Zeit hätte, das herauszufinden?
Harry stand reglos da, mit glasigen Augen, den Blick auf den Punkt gerichtet, wo der strahlend goldene Rand der gleißenden Sonne am Horizont erschien. Dann schaute er auf seine sauberen Hände und war kurz überrascht, das Tuch zu sehen, das er darin hielt. Er legte es beiseite und kehrte in den Flur zurück, und dabei spürte er seine Narbe zornig pochen, und durch seinen Kopf jagte, rasch wie die Spiegelung einer Libelle über dem Wasser, die Silhouette eines Gebäudes, das er nur zu gut kannte.
Bill und Fleur standen am Fuß der Treppe.
»Ich muss mit Griphook und Ollivander sprechen«, sagte Harry.
»Nein«, sagte Fleur. »Du wirst warten müssen, ’Arry. Sie sind beide krank, müde –«
»Es tut mir leid«, sagte er ohne Schärfe, »aber ich kann nicht warten. Ich muss auf der Stelle mit ihnen reden. Allein – und mit jedem einzeln. Es ist dringend.«
»Harry, was zum Teufel ist eigentlich los?«, fragte Bill. »Du tauchst hier auf mit einem toten Hauselfen und einem halb bewusstlosen Kobold, Hermine sieht aus, als wäre sie gefoltert worden, und Ron hat sich eben geweigert, mir irgendwas zu erzählen –«
»Wir können dir nicht verraten, was wir gerade tun«, sagte Harry bestimmt. »Du bist im Orden, Bill, du weißt, dass Dumbledore uns einen Auftrag hinterlassen hat. Wir sollen mit niemand anderem darüber reden.«
Fleur gab einen ungeduldigen Laut von sich, aber Bill sah nicht zu ihr hin; er starrte Harry an. Sein tief vernarbtes Gesicht war schwer zu lesen. Schließlich sagte er: »Von mir aus. Mit wem willst du zuerst sprechen?«
Harry zögerte. Er wusste, was von dieser Wahl abhing. Es war kaum noch Zeit: Nun war der Moment gekommen, sich zu entscheiden: Horkruxe oder Heiligtümer?
»Griphook«, sagte Harry. »Ich will zuerst mit Griphook reden.«
Sein Herz raste, als wäre er gerannt und hätte gerade ein mächtiges Hindernis genommen.
»Dann hier hoch«, sagte Bill und ging voran.
Harry war mehrere Stufen hinaufgestiegen, als er stehen blieb und zurückblickte.
»Euch beide brauche ich auch!«, rief er Ron und Hermine zu, die sich halb versteckt bei der Tür zum Wohnzimmer herumgedrückt hatten.
Sie traten beide ins Licht mit seltsam erleichterten Mienen.
»Wie geht es dir?«, fragte Harry Hermine. »Du warst sagenhaft – dass dir diese Geschichte eingefallen ist, als sie dir so wehgetan hat –«
Hermine lächelte matt, und Ron nahm sie in den Arm und drückte sie.
»Was machen wir jetzt, Harry?«, fragte er.
»Ihr werdet sehen. Kommt mit.«
Harry, Ron und Hermine folgten Bill die steile Treppe hoch in einen kleinen Flur. Drei Türen gingen von ihm ab.
»Hier rein«, sagte Bill und öffnete die Tür zu seinem und Fleurs Zimmer. Auch von hier aus war das Meer zu sehen, das nun von der aufgehenden Sonne golden gesprenkelt war. Harry ging zum Fenster, kehrte der atemraubenden Aussicht den Rücken und wartete, mit verschränkten Armen und kribbelnder Narbe. Hermine nahm den Stuhl am Frisiertisch; Ron setzte sich auf seine Armlehne.
Bill tauchte wieder auf, er trug den kleinen Kobold und setzte ihn behutsam auf dem Bett ab. Griphook bedankte sich mit einem Grunzen, und Bill ging hinaus und schloss die Tür hinter sich, so dass sie allein waren.
»Es tut mir leid, dass ich Sie aus dem Bett hole«, sagte Harry. »Wie geht es Ihren Beinen?«
»Sie schmerzen«, antwortete der Kobold. »Aber sie heilen.«
Er hielt noch immer das Schwert von Gryffindor in der Hand und machte ein sonderbares Gesicht, halb trotzig, halb neugierig. Harry bemerkte die fahle Haut des Kobolds, seine langen dünnen Finger, seine schwarzen Augen. Fleur hatte ihm die Schuhe ausgezogen: Seine langen Füße waren schmutzig. Er war größer als ein Hauself, aber nicht viel. Sein nach oben gewölbter Kopf war viel größer als der eines Menschen.
»Sie erinnern sich wahrscheinlich nicht mehr –«, begann Harry.
»– dass ich der Kobold war, der Ihnen Ihr Verlies gezeigt hat, das erste Mal, als Sie bei Gringotts waren?«, sagte Griphook. »Ich erinnere mich, Harry Potter. Selbst unter Kobolden sind Sie sehr berühmt.«
Harry und der Kobold sahen sich an, taxierten sich. Harrys Narbe kribbelte immer noch. Er wollte dieses Gespräch mit Griphook rasch hinter sich bringen und fürchtete zugleich, einen falschen Schritt zu tun. Während er überlegte, wie er sein Anliegen am besten vortragen konnte, brach der Kobold das Schweigen.
»Sie haben den Elfen begraben«, sagte er und klang unerwartet bitter. »Ich habe Sie beobachtet, durch das Fenster im Schlafzimmer nebenan.«
»Ja«, sagte Harry.
Griphook sah ihn von der Seite her aus seinen schräg liegenden schwarzen Augen an.
»Sie sind ein ungewöhnlicher Zauberer, Harry Potter.«
»Inwiefern?«, fragte Harry und rieb sich zerstreut die Narbe.
»Sie haben das Grab ausgehoben.«
»Und?«
Griphook antwortete nicht. Harry hatte das Gefühl, dass er ihn verachtete, weil er wie ein Muggel gehandelt hatte, doch es war ihm ziemlich gleichgültig, ob Griphook die Sache mit Dobbys Grab billigte oder nicht. Er sammelte sich für den Angriff.
»Griphook, ich muss Sie fragen –«
»Sie haben auch einen Kobold gerettet.«
»Was?«
»Sie haben mich hierhergebracht. Mich gerettet.«
»Na, ich nehme an, dass Ihnen das nicht leidtut?«, sagte Harry ein wenig ungeduldig.
»Nein, Harry Potter«, erwiderte Griphook und wickelte sich den dünnen schwarzen Bart an seinem Kinn um einen Finger, »aber Sie sind ein sehr eigenartiger Zauberer.«
»Mag sein«, sagte Harry. »Nun, ich brauche Hilfe, Griphook, und zwar von Ihnen.«
Der Kobold gab kein Zeichen der Ermunterung, sondern sah Harry weiter stirnrunzelnd an, als ob er noch nie etwas wie ihn gesehen hätte.
»Ich muss in ein Verlies von Gringotts einbrechen.«
Harry hatte es eigentlich nicht so unverblümt sagen wollen; die Worte brachen aus ihm hervor, als ein Schmerz durch seine Blitznarbe fuhr und er von neuem die Umrisse von Hogwarts sah. Er verschloss fest seinen Geist. Er musste sich erst mit Griphook befassen. Ron und Hermine starrten Harry an, als wäre er verrückt geworden.
»Harry –«, sagte Hermine, doch Griphook fiel ihr ins Wort.
»In ein Verlies von Gringotts einbrechen?«, wiederholte der Kobold und zuckte leicht zusammen, als er seine Lage auf dem Bett wechselte. »Das ist unmöglich.«
»Nein, ist es nicht«, widersprach ihm Ron. »Es hat schon mal jemand geschafft.«
»Jaah«, sagte Harry. »Genau an dem Tag, als ich Sie zum ersten Mal traf, Griphook. An meinem Geburtstag, vor sieben Jahren.«
»Das besagte Verlies war zu jener Zeit leer«, erwiderte der Kobold bissig, und Harry begriff, dass der Gedanke, Gringotts’ Verteidigung könnte zusammenbrechen, für Griphook eine Beleidigung war, auch wenn er Gringotts längst verlassen hatte. »Es war nur äußerst schwach geschützt.«
»Nun, das Verlies, in das wir hineinmüssen, ist nicht leer, und ich vermute, sein Schutz wird ziemlich mächtig sein«, sagte Harry. »Es gehört den Lestranges.«
Er sah, wie Hermine und Ron sich völlig verdutzt anblickten, aber für Erklärungen würde noch Zeit genug sein, sobald Griphook eine Antwort gegeben hatte.
»Sie haben keine Chance«, sagte Griphook entschieden. »Überhaupt keine Chance. Wenn du suchst in diesen Hallen einen Schatz, dem du verfallen –«
»Dieb, sei gewarnt und sage dir – jaah, ich weiß, ich erinnere mich«, erwiderte Harry. »Aber ich will keinen Schatz für mich selbst dort herausholen, ich will nicht versuchen, mich irgendwie zu bereichern. Können Sie mir das glauben?«
Der Kobold sah Harry mit schrägem Blick an, und die Blitznarbe auf Harrys Stirn ziepte, doch er ignorierte sie, weigerte sich, ihren Schmerz oder ihre Verlockung zuzulassen.
»Wenn es einen Zauberer gäbe, dem ich glauben würde, dass er sich nicht persönlich bereichern will«, sagte Griphook endlich, »dann wären es Sie, Harry Potter. Kobolde und Elfen sind nicht an den Schutz oder Respekt gewöhnt, den Sie heute Nacht für uns aufgebracht haben. Nicht von Zauberstabträgern.«
»Zauberstabträger«, wiederholte Harry: Der Ausdruck klang ihm merkwürdig in den Ohren, während seine Narbe kribbelte, Voldemort seine Gedanken nordwärts wandte und Harry darauf brannte, Ollivander im benachbarten Zimmer zu befragen.
»Um das Recht, einen Zauberstab zu tragen«, sagte der Kobold leise, »streiten Zauberer und Kobolde schon seit langem.«
»Nun, Kobolde können ohne Zauberstab zaubern«, sagte Ron.
»Das ist unerheblich! Zauberer weigern sich, die Geheimnisse der Zauberstabkunde mit anderen magischen Wesen zu teilen, sie versagen uns die Möglichkeit, unsere Kräfte auszuweiten!«
»Na ja, auch Kobolde wollen ihre magischen Fähigkeiten für sich behalten«, sagte Ron. »Sie wollen uns nicht verraten, wie Sie Schwerter und Rüstungen auf Ihre Art herstellen. Kobolde wissen, wie man Metall so bearbeitet, wie es Zauberer niemals –«
»Ist doch egal«, sagte Harry, der bemerkte, dass Griphook immer röter wurde. »Hier geht es nicht um Zauberer gegen Kobolde oder irgendwelche anderen magischen Geschöpfe –«
Griphook lachte gehässig.
»Aber ja doch, genau darum geht es! Je mächtiger der Dunkle Lord wird, desto mehr festigt eure Rasse ihre Vorherrschaft über meine! Gringotts fällt unter das Gesetz der Zauberer, Hauselfen werden abgeschlachtet, und wer von den Zauberstabträgern protestiert dagegen?«
»Wir!«, sagte Hermine. Sie hatte sich aufgerichtet und ihre Augen leuchteten. »Wir protestieren! Und ich werde genauso gejagt wie jeder Kobold oder Elf, Griphook! Ich bin ein Schlammblut!«
»Nenn dich nicht selbst –«, murmelte Ron.
»Warum denn nicht?«, sagte Hermine. »Schlammblut, und stolz darauf! Ich bin in dieser neuen Ordnung nicht höhergestellt als Sie, Griphook! Ich war diejenige, die sie zum Foltern herausgepickt haben, dort bei den Malfoys.«
Während sie sprach, zog sie den Kragen des Morgenmantels zur Seite und zeigte die schmale scharlachrote Schnittwunde an ihrer Kehle, die ihr Bellatrix zugefügt hatte.
»Wussten Sie, dass Harry es war, der Dobby die Freiheit gegeben hat?«, fragte sie. »Wussten Sie, dass wir schon seit Jahren Freiheit für die Elfen verlangen?« (Ron rutschte unruhig auf der Armlehne von Hermines Stuhl herum.) »Keiner wünscht sich mehr als wir, dass Du-weißt-schon-wer besiegt wird, Griphook!«
Der Kobold starrte Hermine mit derselben Neugier an wie zuvor Harry.
»Was suchen Sie im Verlies der Lestranges?«, fragte er plötzlich. »Das Schwert, das dort liegt, ist eine Fälschung. Dies ist das echte.« Er blickte sie der Reihe nach an. »Ich denke, Sie wissen das bereits. Sie haben mich gebeten, bei den Malfoys für Sie zu lügen.«
»Aber das falsche Schwert ist nicht der einzige Gegenstand in diesem Verlies, richtig?«, fragte Harry. »Vielleicht haben Sie auch die anderen Dinge dort gesehen?«
Sein Herz schlug heftiger denn je. Umso mehr strengte er sich an, nicht auf das Pochen seiner Narbe zu achten.
Wieder wickelte der Kobold sich seinen Bart um den Finger.
»Es ist gegen unsere Vorschriften, über die Geheimnisse von Gringotts zu sprechen. Wir sind die Wächter sagenhafter Schätze. Wir haben eine Pflicht den Dingen gegenüber, die in unserer Obhut sind und die so häufig mit unseren eigenen Händen geschmiedet wurden.«
Der Kobold streichelte das Schwert, und seine schwarzen Augen wanderten von Harry über Hermine zu Ron und dann wieder zurück.
»So jung«, sagte er schließlich, »und kämpfen gegen so viele.«
»Werden Sie uns helfen?«, fragte Harry. »Es wäre hoffnungslos, wenn wir ohne die Hilfe eines Kobolds einbrechen würden. Sie sind unsere einzige Chance.«
»Ich werde … darüber nachdenken«, sagte Griphook zu ihrem Verdruss.
»Aber –«, begann Ron wütend; Hermine stieß ihm in die Rippen.
»Danke«, sagte Harry.
Der Kobold neigte anerkennend seinen großen gewölbten Kopf, dann beugte er seine kurzen Beine.
»Ich denke«, sagte er und machte es sich demonstrativ auf Bills und Fleurs Bett gemütlich, »dass das Skele-Wachs seine Arbeit getan hat. Vielleicht kann ich nun endlich schlafen. Sie entschuldigen mich …«
»Jaah, natürlich«, sagte Harry, doch ehe sie den Raum verließen, neigte er sich zu dem Kobold hinunter und nahm das Schwert Gryffindors von seiner Seite. Griphook protestierte nicht, aber Harry glaubte Unmut in den Augen des Kobolds zu sehen, als er die Tür schloss und sie ihn allein ließen.
»Kleiner Mistkerl«, flüsterte Ron. »Er genießt es, uns zappeln zu lassen.«
»Harry«, flüsterte Hermine und zog die beiden von der Tür weg in die Mitte des immer noch dunklen Flurs. »Glaubst du, was ich denke, was du glaubst? Willst du behaupten, dass in dem Verlies der Lestranges ein Horkrux ist?«
»Ja«, sagte Harry. »Bellatrix war höchst erschrocken, als sie dachte, dass wir dort drin gewesen wären, sie war außer sich. Warum? Was, meinte sie, hätten wir gesehen, was, meinte sie, hätten wir sonst noch mitnehmen können? Etwas, bei dem sie Todesangst bekam, wenn sie nur daran dachte, dass Du-weißt-schon-wer davon erfahren könnte.«
»Aber ich dachte, wir würden nach Orten suchen, wo Du-weißt-schon-wer mal gewesen ist, nach Orten, wo er etwas Wichtiges gemacht hat?«, sagte Ron mit verdutzter Miene. »War er jemals im Verlies der Lestranges?«
»Ich weiß nicht, ob er je in Gringotts drin war«, sagte Harry. »In seiner Jugend hatte er nie Gold dort, weil niemand ihm etwas hinterlassen hat. Aber er hat die Bank sicher von außen gesehen, als er zum ersten Mal in der Winkelgasse war.«
Harrys Narbe pochte, doch er achtete nicht darauf; er wollte, dass Ron und Hermine die Sache mit Gringotts begriffen, ehe sie mit Ollivander sprachen.
»Ich bin mir ziemlich sicher, dass er jeden beneidete, der einen Schlüssel zu einem Gringotts-Verlies hatte. Das war für ihn vermutlich ein echtes Symbol dafür, dass man zur Zaubererwelt gehörte. Und vergesst nicht, er vertraute Bellatrix und ihrem Mann. Sie waren vor seinem Sturz seine ergebensten Diener, und sie suchten nach ihm, als er verschwunden war. Das hat er gesagt in der Nacht, als er zurückkam, ich habe ihn gehört.«
Harry rieb sich die Narbe.
»Ich glaube allerdings nicht, dass er Bellatrix verraten hat, dass es ein Horkrux ist. Er hat Lucius Malfoy nie die Wahrheit über das Tagebuch erzählt. Er hat ihr wahrscheinlich gesagt, dass es ein hoch geschätzter Gegenstand sei, und sie gebeten, ihn in ihrem Verlies zu hinterlegen. Der sicherste Platz der Welt für alles, was man verstecken will, hat mir Hagrid erklärt … mit Ausnahme von Hogwarts.«
Als Harry geendet hatte, schüttelte Ron den Kopf.
»Du weißt ja richtig gut über ihn Bescheid.«
»Ein bisschen«, sagte Harry. »Ein bisschen … ich wünschte nur, ich hätte genauso viel über Dumbledore gewusst. Aber wir werden sehen. Kommt jetzt – zu Ollivander.«
Ron und Hermine blickten verwirrt, aber beeindruckt, als sie ihm über den kleinen Flur folgten und an die Tür gegenüber von Bills und Fleurs Zimmer klopften. Ein mattes »Herein!« war die Antwort.
Der Zauberstabmacher lag auf dem einen der beiden Betten im Zimmer, das weiter vom Fenster entfernt war. Er war über ein Jahr lang im Keller eingesperrt gewesen, und Harry wusste, dass er mindestens ein Mal gefoltert worden war. Er war entkräftet, seine Gesichtsknochen traten deutlich unter seiner gelblichen Haut hervor. Die großen silbernen Augen wirkten riesig in ihren tiefen Höhlen. Die Hände, die auf der Bettdecke ruhten, hätten die eines Gerippes sein können. Harry setzte sich auf das leere Bett, neben Ron und Hermine. Die aufgehende Sonne war hier nicht zu sehen. Das Zimmer lag zum Garten oben auf der Klippe und zu dem frisch ausgehobenen Grab.
»Mr Ollivander, es tut mir leid, Sie zu stören«, sagte Harry.
»Mein lieber Junge.« Ollivanders Stimme war schwach. »Sie haben uns gerettet. Ich dachte, wir würden an diesem Ort sterben. Ich kann Ihnen nie … nie genug … danken.«
»Wir haben es gern getan.«
Harrys Narbe pochte. Er wusste, er war sicher, dass kaum noch Zeit war, Voldemort zuvorzukommen oder einen Versuch zu unternehmen, ihn aufzuhalten. Er spürte einen Anflug von Panik … doch er hatte seine Entscheidung getroffen, als er beschloss, zuerst mit Griphook zu sprechen. Er täuschte eine Gelassenheit vor, die er nicht verspürte, kramte in dem Beutel um seinen Hals und holte die beiden Hälften seines zerbrochenen Zauberstabs hervor.
»Mr Ollivander, ich brauche Hilfe.«
»Gerne. Gerne«, sagte der Zauberstabmacher schwach.
»Können Sie den reparieren? Ist das möglich?«
Ollivander streckte eine zitternde Hand aus und Harry legte die lose aneinanderhängenden Hälften hinein.
»Stechpalme und Phönixfeder«, sagte Ollivander mit bebender Stimme. »Elf Zoll. Handlich und geschmeidig.«
»Ja«, sagte Harry. »Können Sie –?«
»Nein«, flüsterte Ollivander. »Es tut mir leid, sehr leid, aber ein Zauberstab, der in solchem Maße beschädigt ist, kann mit keinem Mittel, das ich kenne, wiederhergestellt werden.«
Harry war auf diese Antwort gefasst gewesen und doch war es ein Schlag. Er nahm die Hälften des Zauberstabs zurück und steckte sie wieder in den Beutel um seinen Hals. Ollivander starrte dorthin, wo der zerbrochene Stab verschwunden war, und wandte den Blick erst ab, als Harry die beiden Zauberstäbe, die er von den Malfoys mitgebracht hatte, aus seiner Tasche genommen hatte.
»Können Sie sagen, woraus die sind?«, fragte Harry.
Der Zauberstabmacher nahm den ersten Zauberstab, hielt ihn dicht an seine verblichenen Augen, rollte ihn zwischen seinen knorpeligen Fingern und bog ihn leicht.
»Walnuss und Drachenherzfaser«, sagte er. »Zwölfdreiviertel Zoll. Nicht flexibel. Dieser Zauberstab gehörte Bellatrix Lestrange.«
»Und dieser hier?«
Ollivander wiederholte die Prozedur.
»Weißdorn und Einhornhaar. Genau zehn Zoll. Ziemlich federnd. Dies war der Zauberstab von Draco Malfoy.«
»War?«, wiederholte Harry. »Gehört er ihm nicht mehr?«
»Womöglich nicht. Wenn Sie ihn an sich genommen haben –«
»– das habe ich –«
»– dann könnte er Ihnen gehören. Natürlich spielt die Art und Weise, wie man ihn sich nimmt, eine Rolle. Viel hängt auch von dem Zauberstab selbst ab. Doch für gewöhnlich wird ein Zauberstab, der im Kampf gewonnen wurde, seine Gefolgschaft wechseln.«
Stille breitete sich in dem Zimmer aus, nur das ferne Rauschen des Meeres war zu hören.
»Sie reden über Zauberstäbe, als ob sie Gefühle hätten«, sagte Harry, »als ob sie selber denken könnten.«
»Der Zauberstab sucht sich den Zauberer«, sagte Ollivander. »So viel war denjenigen von uns, welche die Zauberstabkunde studiert haben, immer schon klar.«
»Jemand kann aber trotzdem einen Zauberstab benutzen, der sich ihn nicht ausgesucht hat?«, fragte Harry.
»O ja, falls man überhaupt ein Zauberer ist, wird man seine magischen Kräfte durch fast jedes Werkzeug lenken können. Die besten Resultate werden sich jedoch immer dort einstellen, wo die stärkste Wesensverwandtschaft zwischen Zauberer und Zauberstab besteht. Diese Zusammenhänge sind kompliziert. Eine anfängliche Anziehung, und dann ein gemeinsames Streben nach Erfahrung, bei dem der Zauberstab vom Zauberer lernt und der Zauberer vom Zauberstab.«
Das Meer schlug hohe Wellen; es war ein klagendes Geräusch.
»Ich habe diesen Zauberstab Draco Malfoy mit Gewalt abgenommen«, sagte Harry. »Kann ich ihn gefahrlos benutzen?«
»Ich glaube, ja. Hintergründige Gesetzmäßigkeiten regeln die Inhaberschaft eines Zauberstabs, doch wird der eroberte Zauberstab meist seinen Willen dem neuen Herrn beugen.«
»Also kann ich den hier benutzen?«, sagte Ron, zog Wurmschwanz’ Zauberstab aus seiner Tasche und reichte ihn Ollivander.
»Kastanie und Drachenherzfaser. Neuneinviertel Zoll. Spröde. Kurz nach meiner Entführung hat man mich gezwungen, diesen anzufertigen, für Peter Pettigrew. Ja, wenn Sie ihn im Kampf errungen haben, wird er Ihre Befehle vermutlich eher befolgen als ein anderer Zauberstab, und zwar gut.«
»Und dies gilt für alle Zauberstäbe, nicht wahr?«, fragte Harry.
»Ich denke schon«, erwiderte Ollivander und richtete seine hervorquellenden Augen auf Harrys Gesicht. »Sie stellen tiefgründige Fragen, Mr Potter. Die Zauberstabkunde ist ein vielgliedriger und geheimnisvoller Zweig der Magie.«
»Also ist es nicht notwendig, den vorigen Eigentümer zu töten, um einen Zauberstab wahrhaft in Besitz zu nehmen?«, fragte Harry.
Ollivander schluckte.
»Notwendig? Nein, ich würde nicht sagen, dass es notwendig ist, zu töten.«
»Es gibt aber Legenden«, sagte Harry, und als sein Puls sich beschleunigte, schmerzte auch seine Narbe heftiger; er war sicher, dass Voldemort beschlossen hatte, seinen Plan in die Tat umzusetzen. »Legenden über einen Zauberstab – oder Zauberstäbe – die durch Mord von Hand zu Hand gingen.«
Ollivander erbleichte. Auf dem schneeweißen Kissen wirkte er hellgrau, und seine riesigen Augen waren blutunterlaufen und traten offenbar aus Angst noch weiter hervor.
»Nur ein einziger Zauberstab, denke ich«, flüsterte er.
»Und Du-weißt-schon-wer ist an ihm interessiert, nicht wahr?«, fragte Harry.
»Ich – woher?«, krächzte Ollivander und blickte Ron und Hermine um Hilfe flehend an. »Woher wissen Sie das?«
»Er wollte, dass Sie ihm verraten, wie er die Verbindung zwischen unseren Zauberstäben überwinden kann«, sagte Harry.
Ollivander schien zu Tode erschrocken.
»Er hat mich gefoltert, das müssen Sie verstehen! Der Cruciatus-Fluch, ich – ich hatte keine andere Wahl, als ihm zu sagen, was ich wusste, was ich vermutete!«
»Ich verstehe«, sagte Harry. »Sie haben ihm von den Zwillingskernen erzählt? Sie haben gesagt, dass er sich einfach den Zauberstab eines anderen Zauberers ausleihen muss?«
Ollivander wirkte wie versteinert, entsetzt darüber, wie viel Harry wusste. Er nickte langsam.
»Aber es hat nicht funktioniert«, fuhr Harry fort. »Meiner hat den geborgten Zauberstab immer noch geschlagen. Wissen Sie, warum das so war?«
Ollivander schüttelte den Kopf ebenso langsam, wie er gerade genickt hatte.
»Ich hatte … noch nie von so etwas gehört. Ihr Zauberstab hat in jener Nacht etwas Einzigartiges getan. Die Verbindung der Zwillingskerne ist unglaublich selten, doch warum Ihr Zauberstab den geborgten zerbrochen hat, weiß ich nicht …«
»Wir sprachen gerade über den anderen Zauberstab, den, der durch Mord den Besitzer wechselt. Als Du-weißt-schon-wer erkannte, dass mein Zauberstab etwas Seltsames getan hatte, kam er zurück und fragte Sie nach diesem anderen Zauberstab, nicht wahr?«
»Woher wissen Sie das?«
Harry antwortete nicht.
»Ja, er hat gefragt«, flüsterte Ollivander. »Er wollte alles erfahren, was ich ihm über den Zauberstab sagen konnte, der mal als Todesstab, als Zauberstab des Schicksals oder als Elderstab bezeichnet wird.«
Harry warf einen Seitenblick auf Hermine. Sie schaute völlig entgeistert.
»Der Dunkle Lord«, sagte Ollivander in gedämpftem und verängstigtem Ton, »war immer zufrieden mit dem Zauberstab, den ich ihm gemacht hatte – Eibe und Phönixfeder, dreizehneinhalb Zoll –, bis er die Verbindung der Zwillingskerne entdeckte. Nun sucht er einen anderen, mächtigeren Zauberstab als die einzige Möglichkeit, den Ihren zu besiegen.«
»Aber er wird bald erfahren, wenn er es nicht schon weiß, dass meiner zerbrochen und nicht mehr zu reparieren ist«, sagte Harry leise.
»Nein!«, rief Hermine mit angsterfüllter Stimme. »Er kann das nicht wissen, Harry, wie denn auch –?«
»Priori Incantatem«, sagte Harry. »Wir haben deinen Zauberstab und den Schwarzdornstab bei den Malfoys zurückgelassen, Hermine. Wenn sie die richtig untersuchen und die Zauber noch einmal wiederholen lassen, die sie kurz zuvor erzeugt haben, werden sie sehen, dass dein Zauberstab meinen zerbrochen hat, sie werden sehen, dass du vergeblich versucht hast, ihn zu richten, und es wird ihnen klar werden, dass ich seither immer den Schwarzdornstab benutzt habe.«
Das bisschen Farbe, das sie seit ihrer Ankunft wieder bekommen hatte, war aus ihrem Gesicht gewichen. Ron versetzte Harry einen vorwurfsvollen Blick und sagte: »Jetzt machen wir uns darüber mal keine Sorgen –«
Doch Mr Ollivander ergriff das Wort.
»Der Dunkle Lord sucht den Elderstab nicht mehr nur, um Sie zu vernichten, Mr Potter. Er ist entschlossen, ihn in Besitz zu nehmen, weil er glaubt, dass er ihn wahrhaft unbesiegbar machen wird.«
»Und wird er das?«
»Der Besitzer des Elderstabs muss immer einen Angriff fürchten«, sagte Ollivander, »aber die Vorstellung, dass der Dunkle Lord im Besitz des Todesstabes sein könnte, ist, ich muss es zugeben … beeindruckend.«
Harry fühlte sich plötzlich daran erinnert, dass er bei ihrem ersten Zusammentreffen nicht sicher gewesen war, wie gut er Ollivander leiden konnte. Selbst jetzt, nachdem er von Voldemort gefoltert und eingekerkert worden war, schien ihn die Vorstellung, dass der schwarze Magier im Besitz dieses Zauberstabs sein könnte, genauso zu faszinieren, wie sie ihn abstieß.
»Sie – Sie glauben wirklich, dass dieser Zauberstab existiert, Mr Ollivander?«, fragte Hermine.
»O ja«, sagte Ollivander. »Ja, es ist durchaus möglich, die Spur des Zauberstabs durch die Geschichte zu verfolgen. Es gibt natürlich Lücken, auch große, in denen er aus dem Blickfeld verschwindet, vorübergehend verloren oder verborgen ist; doch er taucht immer wieder auf. Er hat bestimmte kennzeichnende Merkmale, die diejenigen, die mit der Zauberstabkunde vertraut sind, erkennen können. Es gibt schriftliche Darstellungen, manche davon rätselhaft, die zu erforschen ich und andere Zauberstabmacher uns zur Aufgabe gemacht haben. Dem Anschein nach sind sie glaubwürdig.«
»Sie – Sie meinen also nicht, dass es sich um ein Märchen handeln könnte, oder um einen Mythos?«, fragte Hermine hoffnungsvoll.
»Nein«, sagte Ollivander. »Ob er tatsächlich durch Mord von Hand zu Hand gehen muss, weiß ich nicht. Seine Geschichte ist blutig, doch das könnte einfach daran liegen, dass er ein so begehrenswertes Objekt ist und in den Zauberern derartige Leidenschaften entfacht. Enorm mächtig, in den falschen Händen gefährlich, und etwas, das eine unglaubliche Faszination in uns allen auslöst, die wir die Macht von Zauberstäben erforschen.«
»Mr Ollivander«, sagte Harry, »Sie haben Du-weißt-schon-wem erzählt, dass Gregorowitsch den Elderstab hätte, nicht wahr?«
Ollivander wurde, soweit es möglich war, noch blasser. Er wirkte gespenstisch, als er schluckte.
»Aber woher – woher –?«
»Ist egal, woher ich das weiß«, sagte Harry und schloss kurz seine Augen, als seine Narbe brannte und er, nur für Sekunden, ein Bild von der Hauptstraße in Hogsmeade sah, wo es noch dunkel war, weil sie viel weiter nördlich lag. »Sie haben Du-weißt-schon-wem erzählt, dass Gregorowitsch den Zauberstab hätte?«
»Es war ein Gerücht«, flüsterte Ollivander. »Ein Gerücht, vor vielen, vielen Jahren, lange bevor Sie geboren wurden! Ich glaube, Gregorowitsch selbst hat es in Umlauf gebracht. Sie können sicher verstehen, wie geschäftsfördernd das gewesen sein muss: dass er die Eigenschaften des Elderstabs studierte und kopierte!«
»Ja, das kann ich«, sagte Harry. Er stand auf. »Mr Ollivander, noch ein Letztes, und dann lassen wir Sie ausruhen. Was wissen Sie über die Heiligtümer des Todes?«
»Die – die was?«, fragte der Zauberstabmacher und blickte vollkommen verwirrt.
»Die Heiligtümer des Todes.«
»Ich fürchte, ich weiß nicht, wovon Sie reden. Hat das auch etwas mit Zauberstäben zu tun?«
Harry sah in das eingefallene Gesicht und war überzeugt, dass Ollivander ihm nichts vorspielte. Er wusste nichts von den Heiligtümern.
»Danke«, sagte Harry. »Ich danke Ihnen sehr. Wir gehen jetzt, damit Sie sich ausruhen können.«
Ollivander schien verzweifelt.
»Er hat mich gefoltert!«, keuchte er. »Der Cruciatus-Fluch … Sie haben keine Ahnung …«
»Doch, das habe ich«, entgegnete Harry. »Das habe ich wirklich. Bitte ruhen Sie sich aus. Danke, dass Sie mir all das gesagt haben.«
Er ging Ron und Hermine voran die Treppe hinunter. Harry erhaschte einen flüchtigen Blick auf Bill, Fleur, Luna und Dean, die am Küchentisch saßen, Teetassen vor sich. Sie alle sahen zu Harry auf, als er an der Tür erschien, doch er nickte ihnen nur zu und ging, gefolgt von Ron und Hermine, weiter in den Garten. Der rötliche Erdhügel, der Dobby bedeckte, lag vor ihm, und Harry kehrte zu dem Grab zurück, während der Schmerz in seinem Kopf unaufhörlich zunahm. Inzwischen kostete es ihn gewaltige Mühe, die Bilder niederzukämpfen, die sich ihm aufzwangen, doch er wusste, dass er nur noch eine kleine Weile widerstehen musste. Er würde sehr bald nachgeben, denn er musste wissen, ob seine Theorie richtig war. Er musste sich nur noch einmal kurz Mühe geben, damit er Ron und Hermine alles erklären konnte.
»Gregorowitsch hatte den Elderstab vor langer Zeit«, sagte er. »Ich habe gesehen, wie Du-weißt-schon-wer versucht hat ihn zu finden. Als er Gregorowitsch aufgespürt hatte, stellte er fest, dass der ihn nicht mehr hatte: Er war ihm gestohlen worden, von Grindelwald. Wie Grindelwald herausgefunden hat, dass Gregorowitsch ihn besaß, weiß ich nicht – aber wenn Gregorowitsch so dumm war, dieses Gerücht zu verbreiten, kann es nicht allzu schwierig gewesen sein.«
Voldemort war vor den Toren von Hogwarts; Harry konnte ihn dort stehen sehen, und er sah auch die Lampe, die in der frühen Dämmerung auf und ab hüpfte und allmählich immer näher kam.
»Und Grindelwald benutzte den Elderstab, um mächtig zu werden. Und auf dem Höhepunkt seiner Macht, als Dumbledore wusste, dass er der Einzige war, der ihn aufhalten konnte, hat er sich mit Grindelwald duelliert und ihn besiegt, und er nahm den Elderstab an sich.«
»Dumbledore hatte den Elderstab?«, sagte Ron. »Aber dann – wo ist er jetzt?«
»In Hogwarts«, sagte Harry und kämpfte darum, hier bei ihnen in dem Garten auf der Klippe zu bleiben.
»Aber dann nichts wie hin!«, drängte Ron. »Harry, gehen wir und holen ihn, bevor er es tut!«
»Dafür ist es zu spät«, sagte Harry. Es ging nicht anders, er musste die Hände gegen seinen Kopf drücken, vielleicht halfen sie ihm standzuhalten. »Er weiß, wo er ist. Er ist jetzt dort.«
»Harry!«, sagte Ron zornig. »Wie lange weißt du das schon – wieso haben wir unsere Zeit verschwendet? Warum hast du zuerst mit Griphook gesprochen? Wir hätten losgehen können – wir könnten immer noch gehen –«
»Nein«, sagte Harry und sank im Gras auf die Knie. »Hermine hat Recht. Dumbledore wollte nicht, dass ich ihn besitze. Er wollte nicht, dass ich ihn an mich nehme. Er wollte, dass ich die Horkruxe jage.«
»Der unbesiegbare Zauberstab, Harry!«, stöhnte Ron.
»Ich soll nicht … ich soll die Horkruxe finden …«
Und jetzt war alles kühl und dunkel: Die Sonne war noch kaum am Horizont zu sehen, als er neben Snape dahinglitt, über das Gelände in Richtung See.
»Ich werde in Kürze im Schloss zu dir stoßen«, sagte er mit seiner hohen, kalten Stimme. »Lass mich jetzt allein.«
Snape verbeugte sich und ging wieder den Pfad hinauf, und sein schwarzer Umhang bauschte sich hinter ihm. Harry schritt langsam, er wartete, bis Snapes Gestalt verschwunden war. Es wäre ungut, wenn Snape oder auch irgendjemand sonst sehen würde, wohin er ging. Aber in den Fenstern des Schlosses war kein Licht und er konnte sich verstecken … und einen Moment später hatte er einen Desillusionierungszauber über sich selbst gelegt, der ihn sogar vor seinen eigenen Augen verbarg.
Und er setzte seinen Weg fort, am Ufer des Sees entlang, und betrachtete die Umrisse des geliebten Schlosses, seines ersten Königreichs, seines wahren Erbes …
Und hier stand es, am See, gespiegelt in dem dunklen Wasser. Das weiße Marmorgrabmal, ein unnötiger Schandfleck in der vertrauten Landschaft. Wieder spürte er, wie jene gemessene Euphorie ihn durchflutete, jenes berauschende Gefühl der Entschlossenheit, zu zerstören. Er hob seinen alten Zauberstab aus Eibenholz empor: Wie passend, dass dies die letzte große Tat des Stabs sein würde.
Das Grabmal riss von oben bis unten auf. Die in ein Leichentuch gehüllte Gestalt war so lang und dünn, wie sie es zu Lebzeiten gewesen war. Abermals hob er den Zauberstab.
Das Tuch fiel ab. Das Gesicht war durchscheinend, fahl, eingesunken, doch fast vollkommen erhalten. Sie hatten seine Brille auf der Hakennase gelassen: Er verspürte höhnisches Vergnügen. Dumbledores Hände waren auf seiner Brust gefaltet, und da lag er, unter den Fingern, mit ihm begraben.
Hatte der alte Narr sich eingebildet, dass Marmor oder der Tod den Zauberstab schützen würden? Hatte er gedacht, dass der Dunkle Lord Angst davor hätte, sein Grab zu schänden? Die spinnenartige Hand stieß hinab und zog den Zauberstab aus Dumbledores Griff, und als er ihn nahm, sprühte ein Funkenschauer aus seiner Spitze und warf funkelndes Licht über den Leichnam seines letzten Besitzers, bereit, endlich einem neuen Herrn zu dienen.
Shell Cottage
Bills und Fleurs Haus, in dessen weiß getünchte Mauern Muschelschalen eingelassen waren, stand allein auf einer Klippe über dem Meer. Es war ein einsamer und schöner Ort. Wo immer auch Harry in dem kleinen Haus oder seinem Garten hinkam, konnte er das stetige Wogen der See hören wie die Atemzüge eines großen schlummernden Tieres. In den nächsten Tagen verbrachte er viel Zeit damit, sich Ausreden einfallen zu lassen, um dem überfüllten Haus zu entfliehen, denn er sehnte sich nach dem Blick von der Klippe über den freien Himmel und das weite, einsame Meer, und nach dem Gefühl von kaltem, salzigem Wind auf seinem Gesicht.
Seine ungeheure Entscheidung, Voldemort allein nach dem Zauberstab jagen zu lassen, machte Harry immer noch Angst. Er konnte sich nicht erinnern, dass er jemals beschlossen hätte, nicht zu handeln. Er steckte voller Zweifel, und diese Zweifel brachte Ron unweigerlich zur Sprache, wann immer sie zusammen waren.
»Und wenn Dumbledore wollte, dass wir das Symbol rechtzeitig entschlüsseln, um an den Zauberstab zu kommen?«, »Vielleicht hat man sich die Heiligtümer ›verdient‹, wenn man das Symbol entschlüsselt?«, »Harry, wenn das wirklich der Elderstab ist, wie zum Teufel sollen wir dann Du-weißt-schon-wen erledigen?«
Harry wusste keine Antworten: Es gab Momente, in denen er sich fragte, ob es heller Wahnsinn gewesen war, nicht den Versuch zu unternehmen, Voldemort daran zu hindern, das Grabmal aufzubrechen. Er war sich nicht einmal so recht im Klaren, warum er sich dagegen entschieden hatte: Jedes Mal, wenn er versuchte, seine eigenen Argumente nachzuvollziehen, die zu dieser Entscheidung geführt hatten, kamen sie ihm schwächer vor.
Das Komische war, dass Hermines Unterstützung ihn genauso durcheinanderbrachte wie Rons Zweifel. Sie war nun gezwungen hinzunehmen, dass der Elderstab tatsächlich existierte, behauptete aber, dass es sich dabei um etwas Böses handle und dass die Art und Weise, wie Voldemort ihn sich verschafft hatte, widerwärtig und völlig indiskutabel sei.
»Das hättest du niemals über dich gebracht, Harry«, sagte sie immer wieder. »Du hättest nicht in Dumbledores Grab eindringen können.«
Aber der Gedanke an Dumbledores Leichnam ängstigte Harry viel weniger als die Möglichkeit, dass er die Absichten des lebenden Dumbledore vielleicht falsch verstanden hatte. Er hatte das Gefühl, nach wie vor im Dunkeln zu tappen; er hatte sich für seinen Weg entschieden, blickte jedoch ständig zurück und fragte sich, ob er die Zeichen falsch gedeutet hatte, ob er nicht die andere Richtung hätte nehmen sollen. Bisweilen erfasste ihn wieder die Wut auf Dumbledore, mächtig wie die Wellen, die unter dem Haus gegen die Klippe schlugen, die Wut darüber, dass Dumbledore vor seinem Tod nicht alles erklärt hatte.
»Aber ist er tot?«, fragte Ron, drei Tage nachdem sie in Shell Cottage angekommen waren. Harry hatte gerade hinausgestarrt, über die Mauer hinweg, die den Garten des Hauses von der Klippe abgrenzte, als Ron und Hermine zu ihm stießen; er wünschte, sie hätten es nicht getan, da er keine Lust verspürte, sich an ihrer Diskussion zu beteiligen.
»Ja, er ist tot, Ron, bitte, fang nicht wieder damit an!«
»Schau dir mal die Tatsachen an, Hermine«, sagte Ron über Harry hinweg, der weiter auf den Horizont starrte. »Die silberne Hirschkuh. Das Schwert. Das Auge, das Harry im Spiegel gesehen hat –«
»Harry gibt zu, dass er sich das Auge eingebildet haben könnte! Nicht wahr, Harry?«
»Könnte sein«, sagte Harry, ohne sie anzusehen.
»Aber das glaubst du nicht wirklich, oder?«, fragte Ron.
»Nein, tu ich nicht«, sagte Harry.
»Na also!«, sagte Ron schnell, ehe Hermine fortfahren konnte. »Wenn es nicht Dumbledore war, dann erklär mir mal, woher Dobby wusste, dass wir in dem Keller waren, Hermine?«
»Was weiß ich – aber kannst du erklären, wie ihn Dumbledore zu uns geschickt hat, wenn er in einem Grab in Hogwarts liegt?«
»Keine Ahnung, vielleicht war es sein Geist!«
»Dumbledore würde nicht als Geist zurückkommen«, sagte Harry. Es gab wenig, dessen er sich bei Dumbledore im Augenblick sicher war, aber so viel wusste er. »Er wäre weitergegangen.«
»Was meinst du mit ›weitergegangen‹?«, fragte Ron, doch ehe Harry noch etwas sagen konnte, ertönte eine Stimme von hinten: »’Arry?«
Fleur war aus dem Haus gekommen, ihr langes silbernes Haar wehte im Wind.
»’Arry, Grip’ook möschte mit dir reden. Er ist im kleinsten Schlafsimmer, er meint, er will nischt belauscht werden.«
Dass der Kobold sie schickte, um Botschaften auszurichten, gefiel ihr offensichtlich nicht; sie sah gereizt aus, als sie um das Haus herum zurückging.
Wie Fleur gesagt hatte, erwartete Griphook sie im kleinsten der drei Schlafzimmer des Hauses, in dem Hermine und Luna übernachteten. Er hatte die roten Baumwollvorhänge vor dem hellen, wolkigen Himmel zugezogen, weshalb im Zimmer ein glutrotes Licht herrschte, das nicht zu dem sonst luftigen und hellen Haus passte.
»Ich habe meine Entscheidung getroffen, Harry Potter«, sagte der Kobold, der mit gekreuzten Beinen auf einem niedrigen Stuhl saß und sich mit spindeldürren Fingern auf die Arme trommelte. »Auch wenn die Kobolde von Gringotts es als gemeinen Verrat betrachten werden, habe ich beschlossen, Ihnen zu helfen –«
»Großartig!«, sagte Harry und eine Woge der Erleichterung überkam ihn. »Griphook, danke, wir sind wirklich –«
»– als Gegenleistung«, sagte der Kobold bestimmt, »mit Bezahlung.«
Harry zögerte, ein wenig überrascht.
»Wie viel wollen Sie? Ich habe Gold.«
»Kein Gold«, sagte Griphook. »Ich besitze Gold.«
Seine schwarzen Augen funkelten; kein Weiß war darin.
»Ich will das Schwert. Das Schwert von Godric Gryffindor.«
Harrys Stimmung war schlagartig auf dem Tiefpunkt.
»Das können Sie nicht bekommen«, sagte er. »Tut mir leid.«
»Dann«, sagte der Kobold leise, »haben wir ein Problem.«
»Wir können Ihnen etwas anderes geben«, sagte Ron eifrig. »Ich wette, die Lestranges haben eine Menge Sachen, da können Sie sich was aussuchen, sobald wir in dem Verlies sind.«
Er hatte das Falsche gesagt. Griphook errötete zornig.
»Ich bin kein Dieb, Junge. Ich will mir keine Schätze beschaffen, auf die ich kein Recht habe!«
»Das Schwert gehört uns –«
»Das tut es nicht«, sagte der Kobold.
»Wir sind Gryffindors, und es war Godric Gryffindors –«
»Und vor Gryffindor, wem hat es da gehört?«, wollte der Kobold wissen und setzte sich aufrecht hin.
»Niemandem«, sagte Ron, »es wurde für ihn hergestellt, oder?«
»Nein!«, schrie der Kobold wutschnaubend und deutete mit einem langen Finger auf Ron. »Wieder diese Arroganz der Zauberer! Dieses Schwert gehörte Ragnuk dem Ersten und es wurde ihm von Godric Gryffindor genommen! Es ist ein verlorener Schatz, ein Meisterwerk der Koboldkunst! Es gehört den Kobolden! Das Schwert ist der Lohn für meine Dienste, das ist mein letztes Wort!«
Griphook sah sie finster an. Harry warf den anderen beiden einen kurzen Blick zu und sagte dann: »Wir müssen das besprechen, Griphook, wenn es für Sie in Ordnung ist. Können Sie uns ein paar Minuten geben?«
Der Kobold nickte mit mürrischer Miene.
Unten im leeren Wohnzimmer trat Harry mit gerunzelter Stirn vor den Kamin und versuchte zu überlegen, was sie tun sollten. Hinter ihm sagte Ron: »Das meint er doch wohl nicht im Ernst. Wir können ihm das Schwert nicht geben.«
»Stimmt es?«, fragte Harry Hermine. »Hat Gryffindor das Schwert gestohlen?«
»Ich weiß nicht«, sagte sie resigniert. »Die Geschichtsschreibung übergeht häufig, was die Zauberer den anderen magischen Arten angetan haben, aber ich kenne keine Darstellung, in der es heißt, dass Gryffindor das Schwert gestohlen hätte.«
»Das ist sicher wieder eine von diesen Koboldlegenden«, sagte Ron, »wonach die Zauberer immer versuchen, sie übers Ohr zu hauen. Ich denke, wir können von Glück reden, dass er nicht einen von unseren Zauberstäben haben will.«
»Kobolde haben gute Gründe, Zauberer nicht zu mögen, Ron«, sagte Hermine. »Sie wurden in der Vergangenheit grausam behandelt.«
»Kobolde sind auch nicht gerade kuschelige kleine Häschen, oder?«, erwiderte Ron. »Die haben viele von uns umgebracht. Die haben auch mit üblen Methoden gekämpft.«
»Aber wenn wir jetzt mit Griphook darüber streiten, welche Art am hinterhältigsten und gewalttätigsten ist, wird es nicht gerade wahrscheinlicher, dass er uns hilft, oder?«
Sie verstummten und dachten über eine Möglichkeit nach, das Problem zu umgehen. Harry blickte aus dem Fenster auf Dobbys Grab. Luna stellte gerade Meerlavendel in einem Marmeladenglas neben dem Grabstein auf.
»Okay«, sagte Ron und Harry drehte sich wieder zu ihm um, »wie wär’s damit? Wir sagen Griphook, dass wir das Schwert brauchen, bis wir im Verlies sind, und dann kann er es haben. Da ist eine Fälschung drin, oder? Wir tauschen die Schwerter und geben ihm das falsche.«
»Ron, er kann die vermutlich besser unterscheiden als wir!«, sagte Hermine. »Er war der Einzige, der erkannt hat, dass es jemand vertauscht hatte!«
»Jaah, aber wir könnten abhauen, bevor er merkt –«
Er wurde ganz klein unter dem Blick, den Hermine ihm versetzte.
»Das«, sagte sie leise, »ist abscheulich. Ihn um Hilfe bitten und ihn dann hereinlegen? Und du fragst dich, warum Kobolde keine Zauberer mögen, Ron?«
Ron hatte rote Ohren bekommen.
»Schon gut, schon gut! Was Besseres ist mir eben nicht eingefallen! Und wie willst du die Sache lösen?«
»Wir müssen ihm etwas anderes anbieten, etwas genauso Wertvolles.«
»Na toll. Ich geh und hol eins von den antiken Schwertern aus Koboldhand, die wir sonst noch haben, und du kannst es als Geschenk einpacken.«
Erneut verfielen sie in Schweigen. Harry war sicher, dass der Kobold nichts als das Schwert annehmen würde, selbst wenn sie etwas ebenso Wertvolles hätten, das sie ihm anbieten könnten. Doch das Schwert war ihre einzige, unentbehrliche Waffe gegen die Horkruxe.
Er schloss einige Momente lang die Augen und lauschte dem Brausen des Meeres. Die Vorstellung, dass Gryffindor das Schwert gestohlen haben könnte, behagte ihm nicht; er war immer stolz gewesen, ein Gryffindor zu sein; Gryffindor war der Fürsprecher der Muggelstämmigen gewesen, der Zauberer, der mit Slytherin, dem Freund der Reinblüter, aneinandergeraten war …
»Vielleicht lügt er«, sagte Harry und schlug die Augen wieder auf. »Griphook. Vielleicht hat Gryffindor das Schwert gar nicht gestohlen. Woher wissen wir, dass die Koboldversion der Geschichte stimmt?«
»Macht das einen Unterschied?«, fragte Hermine.
»Ich hätte ein anderes Gefühl dabei«, sagte Harry.
Er holte tief Luft.
»Wir sagen ihm, dass er das Schwert bekommt, nachdem er uns geholfen hat, in dieses Verlies zu gelangen – aber wir werden uns hüten, ihm zu sagen, wann genau er es haben kann.«
Auf Rons Gesicht breitete sich ein Grinsen aus. Hermine jedoch sah beunruhigt aus.
»Harry, wir können nicht –«
»Er kann es haben«, fuhr Harry fort, »nachdem wir alle Horkruxe damit erledigt haben. Ich sorge dafür, dass er es dann bekommt. Ich werde mein Wort halten.«
»Aber das könnte Jahre dauern!«, sagte Hermine.
»Das weiß ich, aber er braucht es nicht zu wissen. Ich werde nicht lügen … nicht wirklich.«
Harry begegnete ihrem Blick mit einer Mischung aus Trotz und Scham. Er erinnerte sich an die Worte, die über dem Tor von Nurmengard eingemeißelt waren: Für das größere Wohl. Er schob den Gedanken beiseite. Hatten sie eine andere Wahl?
»Das gefällt mir nicht«, sagte Hermine.
»Mir auch nicht besonders«, gab Harry zu.
»Also, ich finde es genial«, meinte Ron und erhob sich. »Gehen wir und sagen es ihm.«
Als sie wieder in dem kleinsten Schlafzimmer waren, unterbreitete Harry das Angebot und achtete darauf, es so zu formulieren, dass er keinen bestimmten Zeitpunkt für die Übergabe des Schwertes nannte. Hermine blickte stirnrunzelnd zu Boden, während er sprach; das ärgerte ihn, denn er befürchtete, dass sie den geheimen Plan verraten würde. Aber Griphook hatte nur Augen für Harry.
»Ich habe Ihr Wort, Harry Potter, dass Sie mir das Schwert von Gryffindor geben, wenn ich Ihnen helfe?«
»Ja«, sagte Harry.
»Dann schlagen Sie ein«, sagte der Kobold und streckte die Hand aus.
Harry nahm sie und schüttelte sie. Er fragte sich, ob diese schwarzen Augen irgendwelche bösen Absichten in seinen wahrnahmen. Dann ließ Griphook ihn los, klatschte in die Hände und sagte: »So. Fangen wir an!«
Es war alles wieder wie damals, als sie planten, ins Ministerium einzudringen. Sie machten sich in dem kleinsten Schlafzimmer an die Arbeit, das auf Griphooks Wunsch im Halbdunkel blieb.
»Ich habe das Verlies der Lestranges nur einmal aufgesucht«, erklärte ihnen Griphook, »als ich angewiesen wurde, das falsche Schwert dort zu deponieren. Es ist eine der Kammern aus den frühesten Zeiten. Die ältesten Zaubererfamilien bewahren ihre Schätze ganz in der Tiefe auf, wo die Verliese am größten und am besten geschützt sind …«
Sie schlossen sich stundenlang in dem schrankartigen Raum ein. Aus Tagen wurden allmählich Wochen. Es galt, immer neue Probleme zu lösen, und nicht das geringste davon war, dass ihr Vorrat an Vielsaft-Trank fast zur Neige gegangen war.
»Eigentlich ist nur noch genug für einen von uns übrig«, sagte Hermine und hielt den dickflüssigen, schlammartigen Zaubertrank schräg gegen das Lampenlicht.
»Das wird reichen«, sagte Harry, der gerade Griphooks handgezeichnete Karte der tiefsten unterirdischen Gänge begutachtete.
Den anderen Bewohnern von Shell Cottage konnte kaum entgehen, dass irgendetwas los war, da Harry, Ron und Hermine inzwischen nur noch zu den Mahlzeiten auftauchten. Niemand stellte Fragen, doch Harry spürte bei Tisch häufig Bills Blick auf ihnen dreien ruhen, nachdenklich, besorgt.
Je mehr Zeit sie zusammen verbrachten, desto deutlicher wurde Harry bewusst, dass er den Kobold nicht sonderlich mochte. Griphook war unerwartet blutrünstig, lachte bei der Vorstellung, geringeren Geschöpfen Schmerz zuzufügen, und schien von der Aussicht begeistert, dass sie möglicherweise andere Zauberer verletzen mussten, um das Verlies der Lestranges zu erreichen. Harry merkte, dass Ron und Hermine seine Abneigung teilten, doch redeten sie nicht darüber: Sie brauchten Griphook.
Der Kobold aß nur widerwillig gemeinsam mit den anderen. Selbst als seine Beine verheilt waren, bat er weiterhin, dass man ihm sein Essen auf dem Tablett ins Zimmer brachte, wie dem nach wie vor gebrechlichen Ollivander, bis Bill (nach einem Wutausbruch von Fleur) nach oben ging und ihm erklärte, dass es so nicht weitergehen könne. Danach kam Griphook zu ihnen an den vollbesetzten Tisch, allerdings weigerte er sich, das Gleiche zu essen wie die anderen, und bestand stattdessen auf rohen Fleischklumpen, Wurzeln und verschiedenen Pilzen.
Harry fühlte sich verantwortlich: Schließlich war er es gewesen, der darauf bestanden hatte, dass der Kobold in Shell Cottage blieb, damit er ihn befragen konnte; es war seine Schuld, dass die gesamte Familie Weasley untertauchen musste, dass Bill, Fred, George und Mr Weasley nicht mehr zur Arbeit konnten.
»Es tut mir leid«, sagte er an einem stürmischen Aprilabend zu Fleur, als er ihr half, das Essen vorzubereiten. »Ich wollte euch das alles wirklich nicht aufhalsen.«
Sie hatte gerade ein paar Messer zum Arbeiten gebracht, die Steaks für Griphook und Bill schnitten, der sein Fleisch blutig mochte, seit Greyback ihn angegriffen hatte. Während die Messer hinter ihr schnitten, wurde ihre leicht gereizte Miene sanfter.
»’Arry, du ’ast meiner Schwester das Leben gerettet, das ’abe isch nischt vergessen.«
Das stimmte genau genommen nicht, aber Harry beschloss, sie nicht daran zu erinnern, dass Gabrielle nie wirklich in Gefahr gewesen war.
»Außerdem«, fuhr Fleur fort und zielte mit ihrem Zauberstab auf einen Soßentopf auf dem Herd, der sofort zu blubbern begann, »verlässt uns Mr Ollivander sowieso ’eute Abend und geht zu Muriel. Dann wird es einfacher. Der Kobold«, sie blickte ein wenig finster bei dem Wort, »kann dann nach unten sie’en, und du, Ron und Dean könnt sein Simmer nehmen.«
»Es macht uns nichts aus, im Wohnzimmer zu schlafen«, sagte Harry, der wusste, dass Griphook wenig davon halten würde, wenn er auf dem Sofa schlafen musste; dass sie Griphook bei Laune hielten, war entscheidend für ihr Vorhaben. »Mach dir wegen uns keine Gedanken.« Und als sie protestieren wollte, fuhr er fort: »Uns bist du auch bald los, Ron, Hermine und mich. Wir werden hier nicht mehr viel länger bleiben müssen.«
»Aber was soll das ’eißen?«, sagte sie und sah ihn stirnrunzelnd an, den Zauberstab auf den Schmortopf gerichtet, der nun mitten in der Luft schwebte. »Natürlisch dürft ihr nischt ge’en, ’ier seid ihr sischer!«
Als sie das sagte, sah sie Mrs Weasley ziemlich ähnlich, und er war froh, dass im selben Moment die hintere Tür aufging. Luna und Dean kamen herein, mit feuchten Haaren vom Regen draußen und die Arme voller Treibholz.
»… und winzige kleine Ohren«, sagte Luna gerade, »ein bisschen wie die von einem Hippo, meint Daddy, nur violett und haarig. Und wenn man sie rufen will, muss man summen; sie mögen am liebsten Walzer, nichts allzu Schnelles …«
Dean blickte verlegen drein und zuckte mit den Schultern, als er an Harry vorbeiging und Luna in das Wohn- und Esszimmer folgte, wo Ron und Hermine gerade den Tisch zum Abendessen deckten. Harry nutzte die Gelegenheit, Fleurs Fragen zu entfliehen, ergriff zwei Krüge Kürbissaft und ging ihnen hinterher.
»… und wenn du uns mal zu Hause besuchen kommst, kann ich dir das Horn zeigen, Daddy hat mir davon geschrieben, aber ich hab es noch nicht gesehen, weil die Todesser mich aus dem Hogwarts-Express geholt haben und ich an Weihnachten gar nicht nach Hause kam«, sagte Luna, während sie und Dean Feuerholz nachlegten.
»Luna, wir haben es dir doch gesagt«, rief Hermine ihr zu. »Dieses Horn ist explodiert. Es war von einem Erumpent, nicht von einem Schrumpfhörnigen Schnarchkackler –«
»Nein, es war ganz bestimmt ein Schnarchkackler-Horn«, sagte Luna heiter. »Das weiß ich von Daddy. Es hat sich mittlerweile wahrscheinlich wieder zusammengesetzt, die reparieren sich von alleine, weißt du.«
Hermine schüttelte den Kopf und legte weiter Gabeln auf den Tisch, als Bill erschien, der Mr Ollivander die Treppe herunterführte. Der Zauberstabmacher wirkte immer noch äußerst gebrechlich, und er hielt sich an Bills Arm fest, während Bill, der einen großen Koffer trug, ihn stützte.
»Ich werde Sie vermissen, Mr Ollivander«, sagte Luna und trat auf den alten Mann zu.
»Und ich Sie, meine Liebe«, sagte Ollivander und tätschelte ihr die Schulter. »Sie waren ein unbeschreiblicher Trost für mich an diesem schrecklichen Ort.«
»Nun, au revoir, Mr Ollivander«, sagte Fleur und küsste ihn auf beide Wangen. »Und könnten Sie mir vielleischt einen Gefallen tun und Bills Tantschen Muriel ein Paket von mir bringen? Isch ’abe ihr das Diadem noch gar nischt zurückgegeben.«
»Es ist mir eine Ehre«, sagte Ollivander mit einer kleinen Verbeugung, »das Mindeste, womit ich mich für Ihre großzügige Gastfreundschaft revanchieren kann.«
Fleur holte ein abgegriffenes samtenes Kästchen hervor, das sie öffnete, um dem Zauberstabmacher zu zeigen, was darin war. Das Diadem lag glitzernd und funkelnd im Licht der niedrig hängenden Lampen.
»Mondsteine und Diamanten«, sagte Griphook, der hereingeschlichen war, ohne dass Harry es bemerkt hatte. »Von Kobolden gefertigt, schätze ich?«
»Und von Zauberern bezahlt«, sagte Bill leise, und der Kobold warf ihm einen lauernden und zugleich herausfordernden Blick zu.
Starke Windböen wehten gegen die Fenster des Hauses, als Bill und Ollivander in die Nacht hinein aufbrachen. Die Übrigen setzten sich dicht gedrängt um den Tisch herum; Ellbogen an Ellbogen, fingen sie an zu essen, sie hatten kaum Platz, sich zu rühren. Das Feuer prasselte und knisterte im Kamin neben ihnen. Harry bemerkte, dass Fleur nur in ihrem Essen herumstocherte; alle paar Minuten warf sie einen Blick zum Fenster; doch bevor sie mit dem ersten Gang fertig waren, kam Bill zurück, seine langen Haare waren vom Wind zerzaust.
»Alles in Ordnung«, sagte er zu Fleur. »Ollivander ist untergebracht, Mum und Dad lassen grüßen. Ginny schickt euch alles Liebe. Fred und George bringen Muriel auf die Palme, sie betreiben immer noch von ihrem Hinterzimmer aus einen Lieferservice mit Eulen. Aber es hat sie aufgemuntert, dass sie ihr Diadem wiederhat. Sie meinte, sie hätte schon geglaubt, dass wir es gestohlen hätten.«
»Ah, wie unge’euer charmante, eure Tante«, sagte Fleur säuerlich und schwang ihren Zauberstab, worauf die benutzten Teller in die Höhe stiegen und sich mitten in der Luft übereinanderstapelten. Sie fing sie auf und marschierte hinaus.
»Daddy hat auch ein Diadem gemacht«, meldete sich Luna. »Na ja, eigentlich eher eine Krone.«
Ron begegnete Harrys Blick und grinste; Harry wusste, dass er an den grotesken Kopfschmuck dachte, den sie während ihres Besuchs bei Xenophilius gesehen hatten.
»Ja, er versucht das verschollene Diadem von Ravenclaw nachzubilden. Er glaubt, dass er inzwischen weiß, aus was die meisten wichtigen Bestandteile waren. Dass er die Billywig-Flügel dazugetan hat, hat wirklich viel ausgemacht –«
Es klopfte an der Haustür. Alle wandten die Köpfe dorthin. Fleur kam mit verängstigter Miene aus der Küche gerannt; Bill sprang auf, den Zauberstab auf die Tür gerichtet; Harry, Ron und Hermine taten es ihm nach. Griphook glitt stillschweigend unter den Tisch und war nicht mehr zu sehen.
»Wer ist da?«, rief Bill.
»Ich bin es, Remus John Lupin!«, rief eine Stimme durch den heulenden Wind. Jähe Angst packte Harry; was war geschehen? »Ich bin ein Werwolf, verheiratet mit Nymphadora Tonks, und du, der Geheimniswahrer von Shell Cottage, hast mir die Adresse genannt und mich gebeten, im Ernstfall zu kommen!«
»Lupin«, murmelte Bill, und er rannte zur Tür und riss sie auf.
Lupin stürzte über die Schwelle. Er war weiß im Gesicht und in einen Reiseumhang gehüllt, sein angegrautes Haar war vom Wind zerzaust. Er richtete sich auf, blickte im Zimmer umher, um sich zu vergewissern, wer anwesend war, dann schrie er laut: »Es ist ein Junge! Wir haben ihn Ted genannt, nach Doras Vater!«
Hermine stieß einen spitzen Schrei aus.
»Wa–? Tonks – Tonks hat das Baby bekommen?«
»Ja, ja, sie hat das Baby bekommen!«, rief Lupin. Überall am Tisch waren Freudenschreie zu hören, Seufzer der Erleichterung. Hermine und Fleur quiekten beide: »Glückwunsch, Glückwunsch!«, und Ron sagte: »Meine Fresse, ein Baby!«, als ob er noch nie von so etwas gehört hätte.
»Ja – ja – ein Junge«, sagte Lupin erneut, offenbar ganz benebelt von seinem eigenen Glück. Er schritt zügig um den Tisch herum und schloss Harry in die Arme; es war, als ob die Szene im Kellergeschoss vom Grimmauldplatz nie stattgefunden hätte.
»Willst du der Pate sein?«, fragte er, als er Harry losließ.
»I-ich?«, stammelte Harry.
»Du, ja, natürlich – Dora ist ganz einverstanden, keiner wär besser –«
»Ich – jaah – meine Güte –«
Harry war überwältigt, verblüfft, erfreut. Bill ging nun rasch Wein holen, und Fleur überredete Lupin, eine Kleinigkeit mit ihnen zu trinken.
»Ich kann nicht lange bleiben, ich muss zurück«, sagte Lupin und strahlte alle ringsum an: Er wirkte um Jahre jünger, als Harry ihn je erlebt hatte. »Danke, danke, Bill.«
Bill hatte rasch alle ihre Kelchgläser gefüllt; sie standen auf und erhoben sie für einen Toast.
»Auf Teddy Remus Lupin«, sagte Lupin, »einen großen, noch ganz kleinen Zauberer!«
»Wem sieht er ähnlisch?«, erkundigte sich Fleur.
»Ich glaube, er sieht Dora ähnlich, aber sie meint, er schlägt nach mir. Wenig Haare. Sie waren schwarz, als er geboren wurde, aber ich schwöre, eine Stunde später waren sie rot. Wenn ich zurückkomme, werden sie wahrscheinlich blond sein. Andromeda meint, Tonks’ Haare hätten schon an dem Tag, als sie geboren wurde, angefangen die Farbe zu wechseln.« Er leerte sein Glas. »Oh, na gut, einen noch«, fügte er strahlend hinzu, als Bill nachschenken wollte.
Der Wind rüttelte an dem kleinen Haus, das Feuer loderte und knisterte, und es dauerte nicht lange und Bill öffnete eine weitere Flasche Wein. Lupin hatte sie mit seiner Nachricht offenbar auf andere Gedanken gebracht, hatte sie für eine Weile aus ihrem Belagerungszustand herausgeholt: Die Kunde von neuem Leben hatte sie aufgeheitert. Nur den Kobold schien die nun plötzlich festliche Stimmung ungerührt zu lassen, und nach einer Weile schlich er zurück in das Schlafzimmer, das er jetzt ganz für sich hatte. Harry glaubte, dass er der Einzige war, der seinen Weggang bemerkt hatte, bis er sah, wie Bills Blick dem Kobold die Treppe hinauf folgte.
»Nein … nein … ich muss wirklich zurück«, sagte Lupin schließlich und lehnte ein weiteres Glas Wein ab. Er stand auf und hüllte sich wieder in seinen Reiseumhang. »Auf Wiedersehen, bis bald – vielleicht bringe ich in den nächsten Tagen ein paar Bilder vorbei – sie werden ja alle so froh sein, dass ich euch gesehen hab –«
Er schloss seinen Umhang und verabschiedete sich, umarmte die Frauen und drückte den Männern die Hände, dann kehrte er, immer noch strahlend, in die stürmische Nacht zurück.
»Patenonkel, Harry!«, sagte Bill, als sie beim Tischabräumen halfen und zusammen in die Küche gingen. »Eine echte Ehre! Gratuliere!«
Als Harry die leeren Gläser abstellte, die er hinausgetragen hatte, zog Bill die Tür hinter ihm zu und sperrte die nach wie vor lebhaften Stimmen der anderen aus, die auch ohne Lupin noch weiterfeierten.
»Ich wollte eigentlich mal mit dir alleine sprechen, Harry. Es ist nicht leicht, eine Gelegenheit zu finden, bei dem vollen Haus.«
Bill zögerte.
»Harry, du planst etwas mit Griphook zusammen.«
Es war eine Feststellung, keine Frage, und Harry bemühte sich gar nicht erst, sie zu bestreiten. Er blickte Bill nur abwartend an.
»Ich kenne die Kobolde«, sagte Bill. »Ich habe für Gringotts gearbeitet, seit ich von Hogwarts weg war. Wenn es überhaupt Freundschaft zwischen Zauberern und Kobolden geben kann, habe ich Freunde unter Kobolden – oder zumindest Kobolde, die ich gut kenne und die ich mag.« Bill zögerte erneut. »Harry, was willst du von Griphook, und was hast du ihm dafür versprochen?«
»Das kann ich dir nicht sagen«, erwiderte Harry. »Tut mir leid, Bill.«
Die Küchentür hinter ihnen ging auf; Fleur wollte noch mehr leere Gläser hereinbringen.
»Warte«, sagte Bill zu ihr. »Nur einen Moment.«
Sie wich zurück und er schloss von neuem die Tür.
»Dann muss ich dir eins sagen«, fuhr Bill fort. »Falls du dich auf irgendeinen Handel mit Griphook eingelassen hast, und vor allem, falls es bei diesem Handel um wertvolle Dinge geht, musst du außerordentlich vorsichtig sein. Die Kobolde haben andere Begriffe von Eigentum, Bezahlung und Rückerstattung als die Menschen.«
Harry spürte, wie sich ein leises Unbehagen in ihm regte, als hätte eine kleine Schlange sich in ihm gekrümmt.
»Was meinst du damit?«, fragte er.
»Wir reden von einer anderen Art von Lebewesen«, sagte Bill. »Geschäfte zwischen Zauberern und Kobolden sind seit Jahrhunderten belastet – aber das wirst du ja alles aus Zaubereigeschichte kennen. Es wurden auf beiden Seiten Fehler begangen, ich würde nie behaupten, dass die Zauberer unschuldig waren. Allerdings herrscht bei manchen Kobolden die Auffassung, und die bei Gringotts neigen vielleicht am stärksten dazu, dass man Zauberern nicht vertrauen kann, wenn es um Gold und Kostbarkeiten geht, dass sie das Eigentum der Kobolde nicht respektieren.«
»Ich respektiere –«, begann Harry, aber Bill schüttelte den Kopf.
»Du verstehst nicht, Harry, keiner kann es verstehen, außer wenn er unter Kobolden gelebt hat. Für einen Kobold ist der rechtmäßige und wahre Besitzer jedes Gegenstands nicht der Käufer, sondern der Erzeuger. Alle koboldgearbeiteten Gegenstände gehören in ihren Augen rechtmäßig ihnen.«
»Aber wenn er gekauft wurde –«
»– dann würden sie ihn als gemietet betrachten, von demjenigen, der das Geld gezahlt hat. Sie haben jedoch große Schwierigkeiten mit der Vorstellung, dass koboldgearbeitete Gegenstände von Zauberer zu Zauberer weitergegeben werden. Du hast Griphooks Gesicht gesehen, als das Diadem vor seinen Augen weitergereicht wurde. Er missbilligt das. Ich glaube, wie die Grimmigsten seiner Artgenossen denkt er, es hätte den Kobolden zurückgegeben werden müssen, sobald der ursprüngliche Käufer gestorben war. Für sie ist unser Brauch, koboldgearbeitete Gegenstände zu behalten und sie ohne nochmalige Bezahlung von Zauberer zu Zauberer weiterzugeben, nichts anderes als Diebstahl.«
Harry beschlich nun ein düsteres Gefühl; er fragte sich, ob Bill mehr ahnte, als er zugab.
»Ich will nur sagen«, fuhr Bill fort und legte die Hand auf die Tür zum Wohnzimmer, »du musst sehr vorsichtig sein, was du einem Kobold versprichst, Harry. Es wäre weniger gefährlich, in Gringotts einzubrechen, als ein Versprechen, das einem Kobold gegeben wurde, nicht einzuhalten.«
»Verstehe«, sagte Harry, als Bill die Tür öffnete, »ja. Danke. Ich werd’s mir merken.«
Als er hinter Bill zu den anderen zurückkehrte, beschlich ihn ein bitterer Gedanke, zweifellos von dem Wein, den er getrunken hatte. Er schien auf dem besten Weg, ein genauso rücksichtsloser Pate für Teddy Lupin zu werden, wie es Sirius Black für ihn gewesen war.
Gringotts
Es war alles geplant, ihre Vorbereitungen waren abgeschlossen; im kleinsten Schlafzimmer lag ein einzelnes langes, grobes, schwarzes Haar (von dem Pullover gezupft, den Hermine im Haus der Malfoys getragen hatte) zusammengerollt in einem Glasfläschchen auf dem Kaminsims.
»Und dann benutzt du auch noch ihren richtigen Zauberstab«, sagte Harry und nickte in Richtung des Walnuss-Zauberstabs, »ich schätze mal, da wirst du ziemlich überzeugend sein.«
Hermine nahm den Zauberstab hoch und sah aus, als befürchtete sie, er könnte sie stechen oder beißen.
»Ich hasse dieses Ding«, sagte sie mit leiser Stimme. »Und wie ich es hasse. Es fühlt sich ganz komisch an, es ist nicht richtig für mich geeignet … es ist wie ein Stück von ihr.«
Harry musste unweigerlich daran denken, wie Hermine seinen Abscheu gegen den Schwarzdorn-Zauberstab abgetan hatte, wie sie darauf beharrt hatte, dass er sich nur irgendwas einbilden würde, als er nicht so gut funktioniert hatte wie sein eigener, und zu ihm gesagt hatte, er müsse einfach üben. Er beschloss jedoch, ihr diesen Ratschlag nicht zurückzugeben; der Vorabend ihres Versuchs, Gringotts zu erstürmen, schien der falsche Zeitpunkt, sie gegen sich aufzubringen.
»Aber er hilft dir wahrscheinlich, ein Gefühl für deine Rolle zu kriegen«, sagte Ron. »Denk mal, was dieser Zauberstab schon gemacht hat!«
»Aber genau das meine ich!«, sagte Hermine. »Das ist der Zauberstab, der Nevilles Mum und Dad gefoltert hat und wer weiß wie viele Leute sonst noch. Das ist der Zauberstab, der Sirius getötet hat!«
Daran hatte Harry nicht gedacht: Er blickte hinab auf den Zauberstab und verspürte einen grausamen Drang, ihn zu zerbrechen, ihn mit Gryffindors Schwert, das neben ihm an der Wand lehnte, entzweizuhacken.
»Ich vermisse meinen Zauberstab«, sagte Hermine bekümmert. »Hätte Mr Ollivander mir doch auch einen anderen machen können.«
Mr Ollivander hatte Luna an diesem Morgen einen neuen Zauberstab geschickt. Sie war im Augenblick draußen auf dem Rasen hinter dem Haus und probierte in der Nachmittagssonne aus, was er alles konnte. Dean, der seinen Zauberstab an die Greifer verloren hatte, sah ihr ziemlich bedrückt zu.
Harry blickte hinab auf den Weißdorn-Zauberstab, der einst Draco Malfoy gehört hatte. Zu seiner allerdings freudigen Überraschung hatte er festgestellt, dass er bei ihm mindestens genauso gut funktionierte wie zuvor Hermines Zauberstab. Er erinnerte sich daran, was Ollivander ihnen über das geheimnisvolle Wirken von Zauberstäben erzählt hatte, und meinte zu wissen, worin Hermines Problem lag: Sie hatte Bellatrix den Walnuss-Zauberstab nicht persönlich abgenommen und daher auch nicht seine Gefolgschaft gewonnen.
Die Tür des Schlafzimmers ging auf und Griphook trat ein. Harry langte instinktiv nach dem Griff des Schwertes und zog es zu sich heran, bereute es aber auf der Stelle: Der Kobold hatte das offensichtlich bemerkt. Harry versuchte den unangenehmen Moment zu überspielen, indem er sagte: »Wir sind gerade noch mal die allerletzten Sachen durchgegangen, Griphook. Wir haben Bill und Fleur gesagt, dass wir morgen abreisen und dass sie nicht aufzustehen brauchen, um uns zu verabschieden.«
In diesem Punkt waren sie hart geblieben, weil Hermine sich in Bellatrix verwandeln musste, ehe sie aufbrachen, und je weniger Bill und Fleur wussten oder vermuteten, was sie vorhatten, desto besser. Sie hatten ihnen auch erklärt, dass sie nicht zurückkommen würden. Da sie Perkins’ altes Zelt in der Nacht verloren hatten, als die Greifer sie fingen, hatte Bill ihnen ein anderes geliehen. Es war jetzt in der perlenverzierten Tasche verstaut, die Hermine, wie Harry beeindruckt erfuhr, vor den Greifern geschützt hatte, indem sie sie einfach ganz unten in ihre Socke gestopft hatte.
Obwohl er Bill, Fleur, Luna und Dean vermissen würde, ganz zu schweigen von den häuslichen Annehmlichkeiten, die sie während der letzten Wochen genossen hatten, freute sich Harry darauf, der Enge von Shell Cottage zu entkommen. Er hatte es satt, andauernd aufpassen zu müssen, dass ihnen keiner zuhörte, hatte es satt, in dem kleinen dunklen Schlafzimmer eingesperrt zu sein. Am meisten sehnte er sich danach, Griphook loszuwerden. Doch wie und wann genau sie sich von dem Kobold trennen würden, ohne ihm Gryffindors Schwert auszuhändigen, blieb eine Frage, auf die Harry keine Antwort hatte. Es war unmöglich gewesen, zu einer Entscheidung zu kommen, wie sie das anstellen sollten, da der Kobold Harry, Ron und Hermine selten länger als fünf Minuten am Stück allein ließ. »Der könnte meiner Mutter noch was beibringen«, knurrte Ron, als die langen Koboldfinger ständig an Türkanten auftauchten. Bills Warnung im Sinn, konnte Harry nicht umhin zu vermuten, dass Griphook Ausschau hielt, ob er womöglich hereingelegt wurde. Hermine war so vehement gegen das geplante falsche Spiel, dass Harry den Versuch aufgegeben hatte, sich ihr Wissen zunutze zu machen bei der Frage, wie man es am besten anstellen könnte; Ron fiel in einem jener seltenen Momente, die sie ohne Griphook ergattern konnten, nichts Besseres dazu ein als: »Wir müssen einfach irgendwie improvisieren, Mann.«
Harry schlief schlecht in dieser Nacht. In den frühen Morgenstunden lag er wach und rief sich ins Gedächtnis zurück, wie er sich in der Nacht gefühlt hatte, bevor sie ins Zaubereiministerium eingedrungen waren, und er erinnerte sich, dass er entschlossen, fast erregt gewesen war. Nun verspürte er jäh aufflackernde Ängste, nagende Zweifel: Er wurde die Befürchtung einfach nicht los, dass alles schiefgehen würde. Immer wieder sagte er sich, dass sie einen guten Plan hatten, dass Griphook wusste, womit sie es zu tun bekommen würden, dass sie auf all die Schwierigkeiten, mit denen sie rechnen mussten, gut vorbereitet waren; und dennoch hatte er ein ungutes Gefühl. Ein-, zweimal hörte er, wie Ron sich bewegte, und war sicher, dass auch er wach lag, doch sie teilten sich das Wohnzimmer mit Dean, deshalb sagte Harry nichts.
Es war eine Erleichterung, als es sechs Uhr wurde und sie aus ihren Schlafsäcken schlüpfen, sich im Halbdunkel anziehen und dann hinaus in den Garten schleichen konnten, wo sie sich mit Hermine und Griphook treffen wollten. Es war ein kühler Morgen, doch es wehte nur ein leichter Wind, nun, da es Mai war. Harry blickte hoch zu den Sternen, die am dunklen Himmel immer noch blass leuchteten, und lauschte den Wellen, die gegen die Klippe brandeten: Er würde dieses Geräusch vermissen.
Kleine grüne Schösslinge sprossen nun aus der roten Erde von Dobbys Grab; in einem Jahr würde der Hügel mit Blumen bewachsen sein. Der weiße Stein, der den Namen des Elfen trug, sah bereits verwittert aus. Jetzt wurde Harry klar, dass sie Dobby kaum an einem schöneren Platz hätten bestatten können, doch ihm war schmerzhaft traurig zumute bei dem Gedanken, dass sie ihn zurückließen. Er sah auf das Grab hinab und fragte sich noch einmal, woher der Elf gewusst hatte, wohin er kommen musste, um sie zu retten. Wie von allein wanderten seine Finger zu dem kleinen Beutel, der nach wie vor um seinen Hals hing und durch den er die gezackte Spiegelscherbe ertasten konnte, in der er, davon war er überzeugt, Dumbledores Auge gesehen hatte. Dann hörte er eine Tür aufgehen und drehte sich um.
Bellatrix Lestrange schritt über den Rasen auf sie zu, in Begleitung von Griphook. Im Gehen stopfte sie die kleine Perlentasche in die Innentasche eines weiteren der alten Umhänge, die sie vom Grimmauldplatz mitgenommen hatten. Obwohl Harry ganz genau wusste, dass es in Wahrheit Hermine war, konnte er einen Schauder des Abscheus nicht unterdrücken. Sie war größer als er, das lange schwarze Haar wogte ihr über den Rücken, und ihre Augen mit den schweren Lidern blickten verächtlich, als sie auf ihm ruhten; doch dann sprach sie und er hörte Hermine aus Bellatrix’ leiser Stimme heraus.
»Sie hat ekelhaft geschmeckt, schlimmer als Spulenwurzeln! Okay, Ron, komm, damit ich dich herrichten kann …«
»In Ordnung, aber vergiss nicht, ich mag den Bart nicht zu lang –«
»Oh, um Himmels willen, es geht hier nicht darum, möglichst gut auszusehen –«
»Das ist es nicht, der ist nur andauernd im Weg! Aber dass meine Nase ein wenig kürzer war, hat mir gefallen, versuch doch, es so wie letztes Mal hinzukriegen.«
Seufzend machte sich Hermine an die Arbeit und veränderte leise vor sich hin murmelnd verschiedene Merkmale von Rons Erscheinung. Er sollte eine völlig erfundene Person werden, und sie bauten darauf, dass die feindselige Aura, die von Bellatrix ausging, ihn schützen würde. Harry und Griphook wollten sich unterdessen unter dem Tarnumhang verbergen.
»Bitte sehr«, sagte Hermine, »wie sieht er aus, Harry?«
Es war gerade noch möglich, Ron unter seiner Maske zu erkennen, aber nur, dachte Harry, weil er ihn so gut kannte. Rons Haare waren jetzt lang und gewellt, er hatte einen dichten braunen Bart mitsamt Schnurrbart, keine Sommersprossen, eine kurze, breite Nase und buschige Augenbrauen.
»Also, mein Typ ist er nicht, aber es wird genügen«, sagte Harry. »Gehen wir dann?«
Alle drei blickten zurück auf Shell Cottage, das dunkel und still unter den verblassenden Sternen lag, dann wandten sie sich um und gingen auf die Stelle direkt hinter der Grenzmauer zu, wo der Fidelius-Zauber nicht mehr wirksam war und sie disapparieren konnten. Sobald sie draußen vor dem Tor waren, ergriff Griphook das Wort.
»Ich sollte jetzt aufsteigen, Harry Potter, nicht wahr?«
Harry bückte sich, der Kobold kletterte auf seinen Rücken und verschränkte seine Hände vor Harrys Kehle. Er war nicht schwer, doch Harry mochte das Gefühl des Kobolds auf seinem Rücken nicht, der sich überraschend kräftig an ihn klammerte. Hermine zog den Tarnumhang aus der Perlentasche und warf ihn beiden über.
»Perfekt«, sagte sie und bückte sich nach Harrys Füßen. »Nichts zu sehen. Gehen wir.«
Mit Griphook auf den Schultern drehte Harry sich auf der Stelle, voll und ganz auf den Tropfenden Kessel konzentriert, den Pub, der den Eingang zur Winkelgasse markierte. Der Kobold klammerte sich noch fester an ihn, als sie sich in die drückende Dunkelheit hineinbewegten, und Sekunden später landeten Harrys Füße auf dem Bürgersteig, er schlug die Augen auf und war in der Charing Cross Road. Muggel eilten vorbei, mit den tranigen Mienen des frühen Morgens, nichts von der Existenz des kleinen Pubs ahnend.
Der Schankraum des Tropfenden Kessels war fast leer. Tom, der zahnlose Wirt mit dem krummen Rücken, polierte Gläser hinter der Bar; einige Zauberer, die sich hinten in der Ecke leise unterhielten, warfen einen Blick auf Hermine und zogen sich in die Schatten zurück.
»Madam Lestrange«, murmelte Tom und neigte unterwürfig den Kopf, als Hermine vorbeiging.
»Guten Morgen«, sagte Hermine, und als Harry vorbeischlich, der unter dem Tarnumhang immer noch Griphook huckepack trug, sah er Toms überraschte Miene.
»Zu höflich«, flüsterte Harry Hermine ins Ohr, als sie aus dem Pub hinaus in den kleinen Hinterhof gingen. »Du musst die Leute wie Abschaum behandeln!«
»Okay, okay!«
Hermine zog Bellatrix’ Zauberstab hervor und klopfte sachte damit gegen einen Ziegelstein an der unauffälligen Mauer vor ihnen. Augenblicklich begannen die Steine sich zu drehen und herumzuwirbeln: Ein Loch tat sich in der Mitte der Mauer auf, wurde immer breiter und bildete schließlich einen Torbogen, der auf eine schmale gepflasterte Straße hinausführte, die Winkelgasse.
Es war ruhig, noch würde es etwas dauern, bis die Läden öffneten, und es waren kaum Käufer unterwegs. Die gewundene Pflasterstraße hatte sich stark verändert seit damals, als Harry vor seinem ersten Jahr in Hogwarts hier gewesen war und ein geschäftiges Treiben erlebt hatte. Noch mehr Läden waren mit Brettern vernagelt, doch seit seinem letzten Besuch hatten einige neue Geschäfte aufgemacht, die auf die dunklen Künste spezialisiert waren. Harrys Gesicht starrte finster von Plakaten zu ihm herab, die über vielen Fenstern klebten, stets mit der Überschrift versehen Unerwünschter Nummer eins.
In den Eingängen kauerten einige zerlumpte Gestalten dicht beieinander. Er hörte, wie sie die wenigen Passanten jammernd ansprachen, um Gold bettelten und dabei versicherten, dass sie wirklich Zauberer seien. Ein Mann hatte eine blutige Binde über dem Auge.
Als sie sich auf den Weg die Straße entlang machten, wurde Hermine von den Bettlern bemerkt. Sie schienen sich bei ihrem Anblick förmlich aufzulösen, zogen Kapuzen über ihre Gesichter und flohen, so schnell sie konnten. Hermine sah ihnen neugierig hinterher, bis der Mann mit der blutigen Binde ihr direkt über den Weg torkelte.
»Meine Kinder!«, schrie er und deutete auf sie. Seine schrille Stimme überschlug sich, er klang außer sich. »Wo sind meine Kinder? Was hat er mit ihnen gemacht? Du weißt es, du weißt es!«
»Ich – ich, woher –«, stammelte Hermine.
Der Mann stürzte sich auf sie, griff nach ihrer Kehle: Dann war ein Knall zu hören, rotes Licht blitzte auf, und der Mann wurde rücklings zu Boden geschleudert, wo er bewusstlos liegen blieb. Ron stand da mit immer noch ausgestrecktem Zauberstab, und unter seinem Bart war seine entsetzte Miene zu erkennen. Zu beiden Seiten der Straße erschienen Gesichter an den Fenstern, während ein Grüppchen offenbar wohlhabender Passanten ihre Umhänge rafften, die Schritte leicht beschleunigten und sich möglichst rasch von dannen machten.
Sie hätten beim Betreten der Winkelgasse kaum stärkeres Aufsehen erregen können; Harry überlegte kurz, ob sie nicht besser gleich wieder verschwinden und versuchen sollten, sich einen anderen Plan auszudenken. Doch ehe sie weitergehen oder sich beraten konnten, hörten sie hinter sich einen Schrei:
»Aber das ist ja Madam Lestrange!«
Harry fuhr herum und Griphook klammerte sich fester an seinen Hals: Ein großer, schlanker Zauberer mit einer buschigen grauen Haarkrone und einer langen, spitzen Nase schritt auf sie zu.
»Das ist Travers«, zischte der Kobold Harry ins Ohr, doch Harry wollte im Moment nicht einfallen, wer Travers war. Hermine hatte sich so groß wie möglich gemacht und sagte mit aller Geringschätzung, die sie aufbieten konnte: »Und was wollen Sie?«
Travers blieb abrupt stehen, offenbar vor den Kopf gestoßen.
»Er ist auch ein Todesser!«, hauchte Griphook, und Harry schlich seitwärts, um es Hermine ins Ohr zu flüstern.
»Ich wollte Sie nur begrüßen«, sagte Travers kühl, »aber wenn meine Gegenwart unerwünscht ist …«
Jetzt erkannte Harry die Stimme; Travers war einer der Todesser, die zu Xenophilius’ Haus gerufen worden waren.
»Nein, nein, im Gegenteil, Travers«, sagte Hermine rasch, um ihren Fehler zu vertuschen. »Wie geht es Ihnen?«
»Nun, ich gestehe, es überrascht mich, Sie hier unterwegs zu sehen, Bellatrix.«
»Tatsächlich? Weshalb?«, fragte Hermine.
»Nun«, Travers hüstelte, »ich habe gehört, dass die Bewohner des Hauses Malfoy das Haus nicht verlassen dürfen, seit der … ähm … Flucht.«
Harry wünschte mit aller Kraft, Hermine möge kühlen Kopf bewahren. Wenn das stimmte und Bellatrix eigentlich nicht draußen in der Öffentlichkeit sein sollte –
»Der Dunkle Lord vergibt denjenigen, die ihm in der Vergangenheit am treuesten gedient haben«, sagte Hermine, indem sie Bellatrix’ herablassendste Art großartig nachahmte. »Vielleicht stehen Sie nicht ganz so hoch in seiner Gunst wie ich, Travers.«
Der Todesser schien zwar gekränkt, doch auch weniger misstrauisch. Er warf einen Blick hinab auf den Mann, dem Ron gerade einen Schockzauber verpasst hatte.
»Wie hat Sie das hier beleidigt?«
»Das ist nicht von Bedeutung, es wird das nicht wieder tun«, sagte Hermine kühl.
»Manche von diesen Zauberstablosen können lästig sein«, sagte Travers. »Solange sie nur betteln, habe ich nichts gegen sie, aber letzte Woche hat mich eine tatsächlich gebeten, im Ministerium ein gutes Wort für sie einzulegen. ›Ich bin eine Hexe, Sir, ich bin eine Hexe, lassen Sie es mich beweisen!‹«, imitierte er sie mit piepsender Stimme. »Als ob ich ihr meinen Zauberstab geben würde – aber wessen Zauberstab«, fragte Travers neugierig, »benutzen Sie denn im Augenblick, Bellatrix? Wie ich höre, wurde der Ihre –«
»Ich habe meinen Zauberstab hier«, sagte Hermine kalt und hielt Bellatrix’ Zauberstab hoch. »Ich weiß nicht, welche Gerüchte Sie da gehört haben, Travers, aber Sie scheinen bedauerlich schlecht informiert zu sein.«
Travers wirkte darüber ein wenig verblüfft und wandte sich jetzt Ron zu.
»Wer ist Ihr Freund? Ich kenne ihn nicht.«
»Das ist Dragomir Despard«, sagte Hermine; sie hatten beschlossen, dass ein erfundener Ausländer die sicherste Tarnung für Ron war. »Er spricht nur sehr wenig Englisch, aber er sympathisiert mit den Zielen des Dunklen Lords. Er ist aus Transsylvanien angereist, um sich unser neues Regime anzusehen.«
»Tatsächlich? Guten Tag, Dragomir.«
»Tag«, sagte Ron und hielt ihm die Hand entgegen.
Travers streckte zwei Finger aus und schüttelte Rons Hand, als ob er Angst hätte, sich schmutzig zu machen.
»Nun, was führt Sie und Ihren – ähm – sympathischen Freund so früh in die Winkelgasse?«, fragte Travers.
»Ich muss zu Gringotts«, sagte Hermine.
»Ich auch, leider«, sagte Travers. »Gold, schnödes Gold! Wir können nicht ohne es leben, doch ich bedaure zugegebenermaßen die Notwendigkeit, mit unseren langfingrigen Freunden zu verkehren.«
Harry spürte, wie Griphooks Hände sich für einen Moment fester um seinen Hals schlossen.
»Wollen wir?«, sagte Travers und winkte Hermine vorwärts.
Hermine blieb nichts anderes übrig, als sich ihm anzuschließen und neben ihm die gewundene Pflasterstraße entlangzugehen, hin zu dem Platz, wo die schneeweiße Gringotts-Bank hoch über die kleinen Geschäfte aufragte. Ron schlenderte neben ihnen her, Harry und Griphook folgten.
Ein wachsamer Todesser war das Allerletzte, was sie brauchen konnten, und das Schlimmste daran war, dass Harry, solange Travers neben der vermeintlichen Bellatrix ging, keine Möglichkeit hatte, mit Hermine oder Ron in Verbindung zu treten. Allzu schnell gelangten sie zum Fuß der Marmortreppe, die zu dem großen Bronzetor hinaufführte. Wie Griphook sie schon vorgewarnt hatte, waren die uniformierten Kobolde, die sonst den Eingang flankierten, durch zwei Zauberer ersetzt worden, die beide lange, dünne goldene Stäbe in den Händen hielten.
»Ah, Seriositätssonden«, seufzte Travers theatralisch, »so primitiv – aber wirkungsvoll!«
Er ging nun die Treppe hinauf und nickte links und rechts den Zauberern zu, die ihre goldenen Stäbe hoben und sie an seinem Körper entlangführten. Die Sonden, das wusste Harry, spürten Verbergungszauber und versteckte magische Gegenstände auf. Sich dessen bewusst, dass er nur Sekunden hatte, richtete Harry Dracos Zauberstab nacheinander auf die beiden Wächter und murmelte jedes Mal: »Confundo.« Ohne dass Travers etwas bemerkte, der durch die Bronzetüren in die Halle hineinblickte, zuckten die beiden Wachen ein wenig zusammen, als sie von den Zaubern getroffen wurden.
Hermines langes schwarzes Haar wallte hinter ihr her, als sie die Treppe hochstieg.
»Einen Moment, Madam«, sagte der Wächter und hob seine Sonde.
»Aber das haben Sie doch eben schon getan!«, sagte Hermine in Bellatrix’ gebieterischem, arrogantem Tonfall. Travers wandte sich mit hochgezogenen Brauen um. Der Wächter war verwirrt. Er sah hinab auf die dünne goldene Sonde und dann zu seinem Gefährten, der mit leicht träger Stimme sagte: »Jaah, du hast die beiden gerade überprüft, Marius.«
Hermine schritt vorwärts, Ron an ihrer Seite, während Harry mit Griphook unsichtbar hinterhertrottete. Harry warf einen Blick zurück, als sie über die Schwelle traten: Beide Zauberer kratzten sich am Kopf.
Zwei Kobolde waren vor der inneren, silbernen Doppeltür postiert, auf der das Gedicht stand, das mögliche Diebe vor schrecklicher Strafe warnte. Harry schaute zu ihm auf und plötzlich kam ihm glasklar eine Erinnerung: Genau an dieser Stelle hatte er gestanden, an dem Tag als er elf geworden war, dem wunderbarsten Geburtstag seines Lebens, und Hagrid war an seiner Seite gewesen und hatte gesagt: »Wie ich gesagt hab, du musst verrückt sein, wenn du den Laden knacken willst.« Gringotts war ihm an diesem Tag wie etwas Wunderbares vorgekommen, der verzauberte Ort, der einen Goldschatz verwahrte, von dem er nicht gewusst hatte, dass er ihn besaß, und nicht im Traum hätte er auch nur für einen Moment gedacht, dass er zurückkommen würde, um zu stehlen … Doch wenige Sekunden später standen sie in der riesigen Marmorhalle der Bank.
Der lange Schalter war mit Kobolden auf hohen Schemeln besetzt, die die ersten Kunden des Tages bedienten. Hermine, Ron und Travers steuerten auf einen alten Kobold zu, der mit einer Uhrmacherlupe eine dicke Goldmünze untersuchte. Hermine ließ Travers den Vortritt unter dem Vorwand, dass sie Ron Besonderheiten der Halle erläutern wolle.
Der Kobold warf die Münze, die er in der Hand hielt, beiseite, sagte zu niemand Bestimmtem: »Leprechan«, und begrüßte dann Travers, der ihm einen winzigen goldenen Schlüssel überreichte, den er in Augenschein nahm und wieder zurückgab.
Hermine trat vor.
»Madam Lestrange!«, sagte der Kobold, offenbar verblüfft. »Meine Güte! Was – was kann ich heute für Sie tun?«
»Ich wünsche mein Verlies aufzusuchen«, sagte Hermine.
Der alte Kobold schien ein wenig zurückzuschrecken. Harry sah sich um. Nicht nur Travers lauerte wachsam im Hintergrund, auch einige der anderen Kobolde hatten von ihrer Arbeit aufgeblickt und starrten Hermine an.
»Können Sie sich … ausweisen?«, fragte der Kobold.
»Ausweisen? Man – man hat noch nie von mir verlangt, dass ich mich ausweisen soll!«, sagte Hermine.
»Sie wissen Bescheid!«, flüsterte Griphook in Harrys Ohr. »Sie müssen gewarnt worden sein, dass eine Doppelgängerin auftauchen könnte!«
»Ihr Zauberstab wird genügen, Madam«, sagte der Kobold. Er streckte seine etwas zitternde Hand aus, und wie ein furchtbarer Schlag traf Harry die Erkenntnis, dass die Kobolde von Gringotts wussten, dass Bellatrix’ Zauberstab gestohlen worden war.
»Sofort handeln, sofort handeln«, flüsterte Griphook Harry ins Ohr, »der Imperius-Fluch!«
Harry hob unter seinem Umhang den Weißdorn-Zauberstab, richtete ihn auf den alten Kobold und flüsterte zum ersten Mal in seinem Leben: »Imperio!«
Ein seltsames Gefühl schoss durch Harrys Arm, eine prickelnde Wärme, die von seinem Kopf auszugehen schien, durch die Sehnen und Adern hinabströmte und ihn mit dem Zauberstab und dem Fluch verband, den er gerade ausgeführt hatte. Der Kobold nahm Bellatrix’ Zauberstab entgegen, prüfte ihn genau und sagte dann: »Ah, Sie haben sich einen neuen Zauberstab machen lassen, Madam Lestrange!«
»Wie bitte?«, sagte Hermine. »Nein, nein, das ist meiner –«
»Einen neuen Zauberstab?«, fragte Travers und näherte sich wieder dem Schalter; die Kobolde rundum sahen immer noch zu. »Aber wie haben Sie das geschafft, welchen Zauberstabmacher haben Sie beauftragt?«
Harry handelte, ohne nachzudenken: Er richtete seinen Zauberstab auf Travers und murmelte noch einmal: »Imperio!«
»Oh, ja, ich verstehe«, sagte Travers, während er auf Bellatrix’ Zauberstab hinabschaute, »ja, sehr hübsch. Und funktioniert er gut? Ich war schon immer der Meinung, dass man Zauberstäbe ein wenig einzaubern muss, nicht wahr?«
Hermine sah völlig konfus aus, doch zu Harrys gewaltiger Erleichterung nahm sie die seltsame Wendung des Geschehens kommentarlos hin.
Der alte Kobold hinter dem Schalter klatschte in die Hände und ein jüngerer Kobold kam herbei.
»Ich brauche die Klirrer«, sagte er zu dem Kobold, der davoneilte und einen Moment später mit einer Ledertasche zurückkehrte, die offenbar voll klimpernder Metallteile war und die er seinem Vorgesetzten übergab. »Schön, schön! Nun, wenn Sie mir bitte folgen würden, Madam Lestrange«, sagte der alte Kobold, hüpfte von seinem Schemel herunter und war nicht mehr zu sehen. »Ich werde Sie zu Ihrem Verlies bringen.«
Er tauchte am Ende des Schalters wieder auf und trottete munter auf sie zu, wobei es im Innern der Ledertasche weiter klimperte. Travers stand inzwischen vollkommen reglos da und sein Mund blieb ihm weit offen stehen. Ron lenkte die Aufmerksamkeit auf dieses merkwürdige Bild, indem er Travers verwirrt ansah.
»Einen Moment, Bogrod!«
Ein weiterer Kobold kam um den Schalter herumgetrippelt.
»Wir haben Anweisungen«, sagte er mit einer Verneigung in Hermines Richtung. »Verzeihen Sie mir, Madam Lestrange, aber wir haben spezielle Befehle bekommen, was das Verlies der Lestranges angeht.«
Er flüsterte eindringlich in Bogrods Ohr, doch der Kobold unter dem Imperius-Fluch schüttelte ihn ab.
»Die Anweisungen sind mir bekannt. Madam Lestrange wünscht ihr Verlies aufzusuchen … sehr alte Familie … alte Kunden … hier lang, bitte …«
Und unter stetem Geklirre hastete er auf eine der vielen Türen zu, die aus der Halle hinausführten. Harry blickte zu Travers zurück, der immer noch wie angewurzelt dastand und einen ungewöhnlich teilnahmslosen Eindruck machte, dann traf er seine Entscheidung: Mit einem Schlenker seines Zauberstabs brachte er Travers dazu, mitzukommen, der ihnen nun lammfromm bis zur Tür folgte und weiter in den groben steinernen Gang dahinter, den lodernde Fackeln erleuchteten.
»Wir kriegen Ärger, sie haben Verdacht geschöpft«, sagte Harry, als die Tür hinter ihnen zuschlug und er den Tarnumhang herunterzog. Griphook sprang von seinen Schultern; weder Travers noch Bogrod schienen auch nur im Geringsten überrascht darüber, dass plötzlich Harry Potter in ihrer Mitte auftauchte. »Die stehen unter dem Imperius«, antwortete er auf Hermines und Rons verwirrte Fragen nach Travers und Bogrod, die beide dastanden und mit leerem Blick vor sich hin stierten. »Ich glaub nicht, dass ich ihn stark genug gemacht habe, ich weiß nicht …«
Und wieder jagte ihm eine Erinnerung durch den Kopf, an die echte Bellatrix Lestrange, die ihn angeschrien hatte, als er zum ersten Mal einen Unverzeihlichen Fluch ausprobiert hatte: »Du musst ihn auch wirklich so meinen, Potter!«
»Was machen wir jetzt?«, fragte Ron. »Sollten wir nicht gleich verschwinden, solange wir noch können?«
»Falls wir noch können«, sagte Hermine und blickte zurück auf die Tür zur Haupthalle, hinter der wer weiß was vor sich ging.
»Wir haben es bis hierher geschafft, ich denke, jetzt machen wir auch weiter«, erwiderte Harry.
»Gut!«, sagte Griphook. »Dann brauchen wir auf jeden Fall Bogrod, um den Karren zu fahren; ich habe nicht mehr die Befugnis. Aber für den Zauberer wird kein Platz sein.«
Harry richtete seinen Zauberstab auf Travers.
»Imperio!«
Der Zauberer drehte sich um und ging mit forschen Schritten den dunklen Schienenstrang entlang.
»Was lässt du ihn machen?«
»Er soll sich verstecken«, sagte Harry und richtete seinen Zauberstab auf Bogrod, der pfiff und damit einen kleinen Karren herbeirief, der auf den Schienen aus der Dunkelheit auf sie zugerollt kam. Harry war überzeugt davon, dass hinter ihnen in der Haupthalle Rufe zu hören waren, während sie alle hineinkletterten, Bogrod mit Griphook vorne, Harry, Ron und Hermine dicht gedrängt dahinter.
Mit einem Ruck fuhr der Karren los und gewann an Geschwindigkeit: Sie wirbelten an Travers vorbei, der sich in eine Felsspalte drückte, dann begann der Karren durch die labyrinthischen Gänge zu schlingern und zu kurven, die unaufhörlich in die Tiefe führten. Harry war betäubt von dem Geratter des Karrens auf den Schienen: Sein Haar flatterte im Fahrtwind, während sie zwischen Stalaktiten hindurchkurvten und immer tiefer in die Erde rauschten, doch er schaute ständig zurück. Sie hätten genauso gut gewaltige Fußabdrücke hinterlassen können; je länger er darüber nachdachte, desto törichter erschien es ihm, dass Hermine als Bellatrix verkleidet war, dass sie Bellatrix’ Zauberstab mitgebracht hatten, wo die Todesser doch wussten, wer ihn gestohlen hatte –
Sie waren jetzt tiefer in Gringotts, als Harry jemals vorgedrungen war; in flottem Tempo nahmen sie eine Haarnadelkurve und sahen vor sich, nur Sekunden entfernt, einen Wasserfall, der auf die Schienen herabdonnerte. Harry hörte Griphook »Nein!« schreien, aber bremsen war nicht möglich: Sie sausten mitten hindurch. Wasser drang in Harrys Augen und Mund: Er konnte nichts sehen und bekam keine Luft mehr. Dann kippte der Karren mit einem fürchterlichen Ruck und sie wurden alle hinausgeschleudert. Harry hörte, wie der Karren an der Felswand zerschmetterte, hörte Hermine etwas schreien und spürte, wie er selbst nach unten schwebte, als ob er schwerelos wäre, und ohne sich wehzutun auf dem Boden des steinernen Ganges landete.
»P-Polsterungszauber«, prustete Hermine, als Ron sie auf die Füße zog. Doch zu seinem Entsetzen sah Harry, dass sie nicht mehr Bellatrix war; stattdessen stand sie in einem viel zu großen Umhang da, tropfnass und völlig sie selbst; Ron war wieder rothaarig und hatte keinen Bart mehr. Als sie einander ansahen und die eigenen Gesichter abtasteten, wurde es ihnen bewusst.
»Der Diebesfall!«, sagte Griphook, rappelte sich auf und blickte zurück auf die Flut, die sich über die Schienen ergoss und mehr als Wasser war, wie Harry jetzt wusste. »Er spült alle Zauber, alle magischen Maskeraden weg! Die wissen, dass Betrüger in Gringotts sind, sie haben Verteidigungsmaßnahmen gegen uns eingeleitet!«
Harry sah, wie Hermine sich vergewisserte, dass sie die Perlentasche noch hatte, und fuhr hastig mit der Hand unter seine Jacke, um sicherzugehen, dass er den Tarnumhang nicht verloren hatte. Dann wandte er sich Bogrod zu, der konfus den Kopf schüttelte: Der Diebesfall schien den Imperius-Fluch aufgehoben zu haben.
»Wir brauchen ihn«, sagte Griphook, »ohne einen Kobold von Gringotts können wir nicht in das Verlies hineinkommen. Und wir brauchen die Klirrer!«
»Imperio!«, sagte Harry erneut; seine Stimme hallte durch den steinernen Gang, und er empfand wieder das berauschende Gefühl der Macht, das von seinem Gehirn zum Zauberstab strömte. Bogrod fügte sich noch einmal seinem Willen, und seine verwirrte Miene wurde wieder eine höflich gleichgültige, während Ron eilends die Ledertasche mit den metallenen Geräten aufhob.
»Harry, ich glaube, ich höre Leute kommen!«, sagte Hermine, und sie richtete Bellatrix’ Zauberstab auf den Wasserfall und schrie: »Protego!« Sie sahen, wie der Schildzauber durch die Flut des verzauberten Wassers brach, als er den Gang hinaufflog.
»Gut gemacht«, sagte Harry, »gehen Sie voran, Griphook!«
»Wie sollen wir da wieder rauskommen?«, fragte Ron, während sie dem Kobold zu Fuß in die Dunkelheit nacheilten, wobei Bogrod hinter ihnen herkeuchte wie ein alter Hund.
»Darüber machen wir uns Sorgen, wenn es so weit ist«, sagte Harry. Er spitzte die Ohren: Er meinte, in der Nähe etwas rasseln zu hören und dass sich etwas bewegte. »Wie weit noch, Griphook?«
»Nicht mehr weit, Harry Potter, nicht mehr weit …«
Dann bogen sie um eine Ecke und sahen das, worauf Harry gefasst war und das sie dennoch alle erstarren ließ.
Ein gigantischer Drache war vor ihnen an den Boden gekettet und versperrte den Zugang zu vier oder fünf der tiefsten Verliese von Gringotts. Die Schuppen des Untiers waren während der langen Gefangenschaft unter der Erde blass und rissig geworden; seine Augen waren milchig rosa. Beide Hinterbeine trugen schwere Schellen, von denen Ketten zu riesigen Pflöcken führten, die tief in den Felsboden getrieben waren. Seine großen stacheligen Flügel, die eng an den Körper gefaltet waren, hätten den ganzen Raum eingenommen, wenn er sie ausgebreitet hätte, und als er ihnen seinen hässlichen Kopf zuwandte, brüllte er, dass der Lärm das Gestein erzittern ließ, öffnete das Maul und spie einen Feuerstrahl, der sie in den Gang zurückjagte.
»Er ist halb blind«, keuchte Griphook, »und deshalb umso wütender. Aber wir haben die Mittel, ihn zu bändigen. Er hat gelernt, was er zu erwarten hat, wenn die Klirrer kommen. Geben Sie sie mir.«
Ron reichte Griphook die Tasche, und der Kobold zog eine Reihe kleiner metallener Instrumente hervor, die, wenn man sie schüttelte, ein lautes, klirrendes Geräusch wie von winzigen Hämmern auf Ambossen verursachten. Griphook teilte sie aus: Bogrod nahm seines unterwürfig entgegen.
»Sie wissen, was Sie zu tun haben«, sagte Griphook zu Harry, Ron und Hermine. »Er wird Schmerzen erwarten, wenn er das Geräusch hört: Er wird zurückweichen und Bogrod muss seine Handfläche auf die Tür des Verlieses legen.«
Sie kamen wieder hinter der Ecke hervor und schüttelten die Klirrer, deren Lärm von den Felswänden widerhallte und mächtig verstärkt wurde, so dass es in Harrys Schädel von dem Getöse zu vibrieren schien. Der Drache stieß erneut ein heiseres Brüllen aus, dann wich er zurück. Harry konnte sehen, dass er bebte, und als sie näher kamen, sah er die Narben, die furchtbare Hiebe auf seinem Gesicht hinterlassen hatten, und er vermutete, dass man dem Drachen beigebracht hatte, grausame Schwerter zu fürchten, wenn er den Klang der Klirrer vernahm.
»Lassen Sie ihn mit der Hand auf die Tür drücken!«, drängte Griphook Harry, der seinen Zauberstab abermals auf Bogrod richtete. Der alte Kobold gehorchte, drückte seine Handfläche auf das Holz, und die Tür des Verlieses löste sich auf und gab eine höhlenartige Kammer frei, die vom Boden bis zur Decke vollgestopft war mit Goldmünzen und Kelchen, silbernen Rüstungen, Häuten fremdartiger Lebewesen, manche mit langen Stacheln, andere mit schlaff herabhängenden Flügeln, mit Zaubertränken in juwelenbesetzten Flaschen und einem Totenschädel, auf dem immer noch eine Krone saß.
»Sucht, rasch!«, sagte Harry, während sie alle in das Verlies stürmten.
Er hatte Ron und Hermine Hufflepuffs Becher beschrieben, aber sollte es der andere, unbekannte Horkrux sein, der in diesem Verlies aufbewahrt war, dann wusste er nicht, wie er aussah. Er hatte jedoch kaum Zeit, sich umzuschauen, als hinter ihnen ein gedämpftes Scheppern zu hören war: Die Tür war wieder erschienen, hatte sie im Innern des Verlieses eingeschlossen, und sie waren in völlige Dunkelheit getaucht.
»Macht nichts, Bogrod kann uns dann rauslassen!«, sagte Griphook, als Ron einen überraschten Schrei ausstieß. »Entzünden Sie doch Ihre Zauberstäbe! Und Beeilung, wir haben sehr wenig Zeit!«
»Lumos!«
Harry leuchtete mit seinem entflammten Zauberstab im Verlies umher: Der Lichtstrahl fiel auf glitzernde Juwelen, auf einem hohen Regal sah er das falsche Schwert von Gryffindor in einem Wirrwarr von Ketten liegen. Auch Ron und Hermine hatten ihre Zauberstäbe entzündet und betrachteten die Berge von Gegenständen um sie herum.
»Harry, könnte das –? Aaarh!«
Hermine schrie vor Schmerz, und als Harry den Zauberstab auf sie richtete, sah er gerade noch, wie ein juwelenbesetzter Kelch aus ihrer Hand fiel: Doch als er aufprallte, spaltete er sich auf, und ein ganzer Schauer von Kelchen entstand daraus, so dass einen Augenblick später der komplette Fußboden voll von gleichartigen Kelchen war, die unter lautem Geschepper in alle Richtungen davonkullerten, und das Original darunter war nicht mehr auszumachen.
»Ich hab mich daran verbrannt!«, stöhnte Hermine und lutschte an ihren Fingern voller Blasen.
»Die haben zusätzlich noch Gemino- und Flagrante-Flüche eingesetzt!«, sagte Griphook. »Alles, was Sie berühren, wird heiß und vervielfältigt sich, aber die Kopien sind wertlos – und wenn Sie den Schatz weiterhin anfassen, erdrückt Sie am Ende die Last des Goldes, das immer mehr wird!«
»Okay, dann fasst nichts an!«, sagte Harry verzweifelt, doch im selben Augenblick stieß Ron versehentlich mit dem Fuß gegen einen der zu Boden gefallenen Kelche, und explosionsartig entstanden zwanzig neue, während Ron auf der Stelle hüpfte, weil ein Teil seines Schuhs bei der Berührung mit dem heißen Metall weggebrannt war.
»Still stehen, nicht bewegen!«, sagte Hermine und hielt Ron fest.
»Seht euch einfach nur um!«, sagte Harry. »Denkt dran, der Becher ist klein und golden, ein Dachs ist darauf eingraviert, und er hat zwei Henkel – ansonsten passt auf, ob ihr irgendwo das Symbol von Ravenclaw entdecken könnt, den Adler –«
Sich vorsichtig auf der Stelle drehend, richteten sie ihre Zauberstäbe in jeden Winkel und Hohlraum. Es war unmöglich, nicht irgendetwas zu streifen; Harry ließ einen riesigen Schwall falscher Galleonen zu Boden stürzen, wo sie zwischen den Kelchen liegen blieben, und nun war kaum noch Platz, um aufzutreten, während das schimmernde Gold vor Hitze glühte, so dass das Verlies zu einer Art Backofen wurde. Das Licht von Harrys Zauberstab glitt über Schilde und koboldgearbeitete Helme, die auf Regalen bis hoch zur Decke lagen. Er ließ den Lichtstrahl höher und höher klettern, bis er plötzlich auf einen Gegenstand stieß, der sein Herz hüpfen und seine Hand erzittern ließ.
»Da ist er, da oben ist er!«
Ron und Hermine richteten ihre Zauberstäbe nun auch dorthin, so dass der kleine goldene Becher aus drei Richtungen angestrahlt funkelte: Es war der Becher, der Helga Hufflepuff gehört hatte und in den Besitz von Hepzibah Smith übergegangen war, von der Tom Riddle ihn gestohlen hatte.
»Und wie zum Teufel sollen wir da hochkommen, ohne irgendwas zu berühren?«, fragte Ron.
»Accio Becher!«, rief Hermine, die in ihrer Verzweiflung offenbar vergessen hatte, was Griphook ihnen während ihrer Planungstreffen erzählt hatte.
»Zwecklos, zwecklos!«, knurrte der Kobold.
»Und was machen wir dann?«, sagte Harry und sah den Kobold wütend an. »Wenn Sie das Schwert wollen, Griphook, dann brauchen wir mehr Hilfe von Ihnen als – wartet! Kann ich die Sachen mit dem Schwert berühren? Hermine, gib es mir!«
Hermine wühlte in ihrem Umhang herum, zog die Perlentasche hervor, kramte ein paar Sekunden und holte dann das glänzende Schwert heraus. Harry packte es an seinem rubinbesetzten Griff und berührte mit der Spitze der Klinge einen silbernen Krug in der Nähe, der sich nicht vervielfältigte.
»Wenn ich das Schwert durch einen Henkel stechen könnte – aber wie soll ich da hochkommen?«
Das Regal, auf dem der Becher stand, war für keinen von ihnen in Reichweite, selbst für Ron nicht, der der Längste war. Von den verzauberten Schätzen stiegen Hitzewellen auf, und Harry rann der Schweiß über Gesicht und Rücken, während er sich den Kopf zerbrach, wie er zu dem Becher hinaufgelangen könnte; und dann hörte er den Drachen vor der Verliestür brüllen und ein immer lauter werdendes Klirren.
Jetzt saßen sie wirklich in der Falle: Es gab keinen Weg nach draußen, außer durch die Tür, und eine Horde Kobolde schien sich auf der anderen Seite zu nähern. Harry blickte zu Ron und Hermine und sah panische Angst in ihren Gesichtern.
»Hermine«, sagte Harry, als das Klirren noch lauter wurde, »ich muss da hoch, wir müssen das Ding erledigen –«
Sie hob ihren Zauberstab, richtete ihn auf Harry und flüsterte: »Levicorpus.«
Am Fußgelenk in die Luft gerissen, prallte Harry gegen eine Rüstung, und Kopien brachen aus ihr hervor wie weiß glühende Körper und füllten den engen Raum. Ron, Hermine und die beiden Kobolde brüllten vor Schmerz, als sie zur Seite gestoßen wurden und gegen andere Gegenstände fielen, die sich ebenfalls zu vervielfältigen begannen. Halb begraben unter einer steigenden Flut glühend heißer Kostbarkeiten, schlugen sie schreiend um sich, während Harry das Schwert durch den Henkel von Hufflepuffs Becher stieß, so dass er an der Klinge baumelte.
»Impervius!«, kreischte Hermine in einem Versuch, sich selbst, Ron und die Kobolde vor dem brennenden Metall zu schützen.
Dann ertönte der bisher schlimmste Schrei und Harry blickte nach unten: Ron und Hermine steckten bis zur Taille in den Schätzen und bemühten sich, Bogrod zu helfen, der in der steigenden Flut unterzugehen drohte, aber Griphook war versunken, und nur noch die Spitzen einiger langer Finger waren zu sehen.
Harry packte Griphooks Finger und zog. Der mit Blasen übersäte Kobold tauchte brüllend nach und nach auf.
»Liberacorpus!«, schrie Harry, und mit einem Krachen landeten er und Griphook oben auf dem anschwellenden Berg von Schätzen, und das Schwert flog Harry aus der Hand.
»Halt es fest!«, rief Harry und kämpfte gegen den Schmerz von heißem Metall auf seiner Haut, als Griphook wieder auf seine Schultern kletterte, entschlossen, der wachsenden Masse glühend heißer Gegenstände zu entkommen. »Wo ist das Schwert? Da war der Becher dran!«
Das Klirren auf der anderen Seite der Tür wurde ohrenbetäubend – es war zu spät –
»Da!«
Es war Griphook, der es gesehen hatte, und Griphook, der sich streckte, und in diesem Moment wusste Harry, dass der Kobold nie damit gerechnet hatte, dass sie ihr Wort halten würden. Griphook klammerte sich mit einer Hand an ein ganzes Büschel von Harrys Haaren, um nicht in das wogende Meer aus brennendem Gold zu stürzen, dann packte er den Griff des Schwertes und schwang es so hoch, dass Harry es nicht erreichen konnte.
Der kleine goldene Becher, der am Henkel auf der Schwertklinge aufgespießt war, wurde in die Luft geschleudert. Harry, auf dem immer noch rittlings der Kobold saß, machte einen Hechtsprung und fing den Becher auf, und obwohl er spüren konnte, wie er ihm die Haut versengte, ließ er ihn nicht los, selbst als unzählige Hufflepuff-Becher aus seiner Faust hervorbrachen und auf ihn herunterprasselten, während sich das Verlies wieder öffnete und er plötzlich merkte, wie er ohne Halt auf einer sich ausbreitenden Lawine von glühendem Gold und Silber dahinglitt, die ihn, Ron und Hermine in die Kammer draußen trug.
Harry, der den Schmerz der Verbrennungen überall auf seinem Körper kaum wahrnahm und immer noch von der Flut der sich vervielfältigenden Kostbarkeiten weitergetragen wurde, stopfte den Becher in seine Tasche und streckte die Hand in die Höhe, um sich das Schwert zurückzuholen, doch Griphook war fort. Er war bei der erstbesten Gelegenheit von Harrys Schultern geglitten und losgerannt, um unter den Kobolden ringsum Schutz zu suchen, wo er nun das Schwert schwang und schrie: »Diebe! Diebe! Hilfe! Diebe!« Er verschwand in der vorrückenden Meute der Kobolde, die alle Dolche in den Händen hielten und ihn, ohne nachzufragen, als einen der Ihren aufnahmen.
Harry, der auf dem heißen Metall ausgerutscht war, kämpfte sich hoch und wusste, dass der einzige Weg nach draußen geradewegs durch die Kobolde führte.
»Stupor!«, brüllte er, und Ron und Hermine schlossen sich ihm an: Rote Lichtstrahlen flogen in die Meute der Kobolde, und manche kippten um, doch andere rückten weiter vor, und Harry sah, wie mehrere Zauberer-Wächter um die Ecke gerannt kamen.
Der festgebundene Drache brüllte auf und eine Flammengarbe jagte über die Kobolde hinweg: Die Zauberer flohen zusammengekrümmt den Weg zurück, auf dem sie gekommen waren, und Harry hatte eine großartige – oder wahnwitzige – Idee. Er zielte mit dem Zauberstab auf die schweren Schellen, mit denen das Ungeheuer an den Boden gekettet war, und rief: »Relaschio!«
Die Schellen brachen mit lautem Krachen entzwei.
»Hier lang!«, rief Harry, und während er den vorrückenden Kobolden immer noch Schockzauber entgegenschoss, stürzte er auf den blinden Drachen zu.
»Harry – Harry – was machst du da?«, rief Hermine.
»Los, hoch, steigt auf, kommt schon –«
Der Drache hatte nicht begriffen, dass er frei war: Harry ertastete mit dem Fuß die Kniekehle seines Hinterbeins und zog sich hoch auf seinen Rücken. Die Schuppen waren hart wie Stahl: Der Drache schien ihn nicht einmal zu spüren. Harry streckte einen Arm aus; Hermine hievte sich hoch; Ron kletterte hinter ihnen hinauf, und eine Sekunde später bemerkte der Drache, dass seine Ketten gelöst waren.
Mit einem Brüllen bäumte er sich auf: Harry grub seine Knie tief ein und klammerte sich mit aller Kraft an die gezackten Schuppen, als sich die Flügel ausbreiteten, die die kreischenden Kobolde wie Kegel beiseitestießen, und der Drache in die Luft aufstieg. Harry, Ron und Hermine, die sich flach auf seinen Rücken drückten, schürften an der Decke entlang, als er zur Öffnung des Ganges hinabtauchte, während die ihnen nachjagenden Kobolde Dolche schleuderten, die von seinen Flanken abprallten.
»Wir kommen da nie raus, der ist zu groß!«, schrie Hermine, doch der Drache öffnete sein Maul und spie erneut Flammen, die den Tunnel sprengten, Boden und Decke aufreißen und bröckeln ließen. Mit schierer Kraft, kratzend und um sich schlagend, kämpfte sich der Drache weiter. Harry hatte die Augen fest zugedrückt gegen die Hitze und den Staub: Betäubt von den herabstürzenden Felsbrocken und dem Brüllen des Drachen, blieb ihm nichts, als sich an dessen Rücken zu klammern und sich darauf gefasst zu machen, jeden Moment abgeschüttelt zu werden; dann hörte er Hermine schreien: »Defodio!«
Sie half, den Gang zu vergrößern, und meißelte die Decke aus, während der Drache sich weiter nach oben quälte, zur frischeren Luft hin, weg von den kreischenden und klirrenden Kobolden: Harry und Ron folgten Hermines Beispiel und sprengten die Decke mit weiteren aushöhlenden Zaubern weg. Sie kamen an dem unterirdischen See vorbei, und das große, kriechende, fauchende Untier schien nun zu spüren, dass die Freiheit und mehr Raum vor ihm lagen, und der Tunnel hinter ihnen war voll von dem peitschenden stacheligen Schwanz, von großen Gesteinsbrocken, gigantischen zerschmetterten Stalaktiten, und das Klirren der Kobolde wirkte allmählich dumpfer, während das Feuer des Drachen ihnen vorne den Weg bahnte –
Und dann schließlich, mit der vereinten Kraft ihrer Zauber und der rohen Gewalt des Drachen, hatten sie sich den Durchgang hinaus in die Marmorhalle frei gesprengt. Kobolde und Zauberer kreischten und rannten in Deckung, und endlich hatte der Drache Platz, seine Flügel auszustrecken: Er wandte seinen gehörnten Kopf der kühlen Luft zu, die er draußen vor dem Eingang wittern konnte, und machte sich auf, und während Harry, Ron und Hermine sich immer noch an seinen Rücken klammerten, brach er durch die metallenen Tore und ließ sie verbogen und aus den Angeln hängend hinter sich, als er in die Winkelgasse hinauswankte und sich hoch in den Himmel stürzte.
Das letzte Versteck
Es gab keine Möglichkeit, zu lenken; der Drache konnte nicht sehen, wohin er flog, und Harry wusste, wenn er scharf in die Kurve gehen oder sich mitten in der Luft überschlagen würde, dann würden sie sich unter keinen Umständen weiter an seinen breiten Rücken klammern können. Dennoch, während sie immer höher stiegen und London sich unter ihnen ausbreitete wie eine graugrüne Landkarte, empfand Harry vor allem Dankbarkeit für eine Flucht, die undenkbar erschienen war. Er schmiegte sich eng an den Hals des Ungeheuers und klammerte sich an den metallischen Schuppen fest, während der kühle Wind seiner verbrannten und von Blasen übersäten Haut wohltat und die Flügel des Drachen durch die Luft schlugen wie die einer Windmühle. Hinter ihm fluchte Ron ununterbrochen aus Leibeskräften, Harry wusste nicht, ob aus Freude oder aus Angst, und Hermine schluchzte offenbar.
Nach etwa fünf Minuten ließ Harrys unmittelbare Befürchtung etwas nach, dass der Drache sie abwerfen könnte, denn er schien nichts anderes im Sinn zu haben, als sein unterirdisches Gefängnis so weit wie möglich hinter sich zu lassen, doch die Frage, wie und wann sie würden absteigen können, blieb ziemlich beängstigend. Er hatte keine Ahnung, wie lange Drachen sich in der Luft halten konnten, noch, wie gerade dieser Drache, der kaum etwas sehen konnte, einen guten Landeplatz ausfindig machen sollte. Harry blickte fortwährend umher und meinte, seine Narbe kribbeln zu spüren …
Wie lange würde es dauern, bis Voldemort erfuhr, dass sie in das Verlies der Lestranges eingebrochen waren? Wie schnell würden die Kobolde von Gringotts Bellatrix benachrichtigen? Wie rasch würden sie erkennen, was gestohlen worden war? Und was würde geschehen, wenn sie entdeckt hatten, dass der goldene Becher fehlte? Dann würde Voldemort endlich wissen, dass sie Horkruxe jagten …
Der Drache schien sich nach kühlerer und frischerer Luft zu sehnen: Beharrlich stieg er weiter in die Höhe, bis sie durch eisige Wolkenfetzen flogen und Harry die kleinen bunten Punkte nicht mehr ausmachen konnte, die Autos waren und in die Hauptstadt hinein- und wieder hinausströmten. Immer weiter flogen sie, über Land, das in grüne und braune Flecken aufgeteilt war, über Straßen und Flüsse, die sich durch die Landschaft wanden wie Streifen von mattem und glänzendem Geschenkband.
»Was glaubt ihr, wonach er sucht?«, schrie Ron, während sie unentwegt in nördliche Richtung flogen.
»Keine Ahnung«, brüllte Harry zurück. Seine Hände waren taub vor Kälte, doch er wagte es nicht, den Griff zu wechseln. Schon seit einer ganzen Weile überlegte er, was sie tun würden, wenn sie sehen würden, dass die Küste unter ihnen dahinglitt, wenn der Drache aufs offene Meer zusteuerte. Ihm war kalt, und er fühlte sich starr, ganz abgesehen davon, dass er furchtbaren Hunger und Durst hatte. Wann, fragte er sich, hatte das Untier selbst zum letzten Mal etwas gefressen? Es würde doch sicher bald etwas Nahrung brauchen? Und was wäre, wenn ihm dann klar wurde, dass es drei durchaus essbare Menschen auf dem Rücken hatte?
Die Sonne sank tiefer und der Himmel färbte sich indigoblau; und noch immer flog der Drache, Städte und Dörfer zogen unter ihnen vorbei und verschwanden, sein gewaltiger Schatten glitt über die Erde wie eine große dunkle Wolke. Harrys ganzer Körper schmerzte von der Anstrengung, sich auf dem Rücken des Drachen zu halten.
»Bilde ich mir das nur ein«, rief Ron, nachdem sie recht lange geschwiegen hatten, »oder verlieren wir an Höhe?«
Harry blickte hinunter und sah tiefgrüne Berge und Seen, kupferfarben im Sonnenuntergang. Während er seitlich an dem Drachen vorbeispähte, schien die Landschaft größer zu werden, und mehr Einzelheiten waren zu sehen, und er überlegte, ob die blitzenden Spiegelungen des Sonnenlichts dem Drachen eingegeben hatten, dass dort unten frisches Wasser war.
Der Drache flog immer weiter in die Tiefe, in großen, spiralförmigen Kreisen, und wie es schien, steuerte er auf einen der kleineren Seen zu.
»Ich würde sagen, wir springen runter, wenn er niedrig genug ist!«, rief Harry nach hinten den anderen zu. »Direkt ins Wasser, bevor er merkt, dass wir da sind!«
Sie stimmten zu, Hermine etwas zaghaft. Und nun konnte Harry den breiten gelben Bauch des Drachen im Wellengekräusel auf dem Wasser erkennen.
»JETZT!«
Er rutschte über die Flanke des Drachen und stürzte mit den Füßen voraus auf die Seeoberfläche zu; er fiel tiefer, als er geschätzt hatte, schlug hart auf dem Wasser auf und sank wie ein Stein in eine eiskalte, grüne Welt voller Schilf. Er strampelte sich mit den Füßen an die Oberfläche, und als er keuchend auftauchte, sah er, wie sich gewaltige Wellen kreisförmig dort ausbreiteten, wo Ron und Hermine hineingestürzt waren. Der Drache hatte offenbar überhaupt nichts bemerkt: Er war schon fünfzehn Meter weiter und rauschte tief über den See hinweg, um mit seiner narbigen Schnauze Wasser zu schöpfen. Als Ron und Hermine prustend und japsend aus den Tiefen des Sees auftauchten, flog der Drache weiter, mit mächtigem Flügelschlag, und landete schließlich an einem entfernten Ufer.
Harry, Ron und Hermine schwammen mit kräftigen Zügen los zum gegenüberliegenden Strand. Der See war offenbar nicht tief: Bald kämpften sie sich mehr durch Schilf und Schlamm, als dass sie schwammen, und schließlich plumpsten sie triefnass, atemlos und erschöpft in glitschiges Gras.
Hermine klappte hustend und schlotternd zusammen. Obwohl Harry sich am liebsten hingelegt und geschlafen hätte, stand er schwankend auf, zog seinen Zauberstab hervor und begann die üblichen Schutzzauber um sie herum aufzubauen.
Als er fertig war, ging er zu den anderen. Es war das erste Mal, seit sie aus dem Verlies geflohen waren, dass er sie richtig sah. Beide hatten schlimme rote Verbrennungen im ganzen Gesicht und an den Armen, und ihre Kleider waren stellenweise weggebrannt. Sie zuckten zusammen, während sie Diptam-Essenz auf ihre vielen Wunden tupften. Hermine reichte Harry das Fläschchen, dann zog sie drei Flaschen Kürbissaft hervor, die sie von Shell Cottage mitgebracht hatte, und saubere, trockene Umhänge für alle drei. Sie zogen sich um und tranken dann in großen Schlucken den Saft.
»Also, das Gute ist«, sagte Ron schließlich, während er dahockte und zusah, wie die Haut an seinen Händen nachwuchs, »wir haben den Horkrux. Das Schlechte –«
»– kein Schwert«, sagte Harry mit zusammengebissenen Zähnen, indes er Diptam durch das Brandloch in seiner Jeans auf die schmerzhafte Wunde darunter träufelte.
»Kein Schwert«, wiederholte Ron. »Dieses hinterhältige kleine Ekel …«
Harry holte den Horkrux aus der Tasche der nassen Jacke, die er gerade ausgezogen hatte, und legte ihn ins Gras vor ihnen. Er glitzerte in der Sonne und lenkte ihre Blicke auf sich, während sie aus ihren Saftflaschen tranken.
»Wenigstens können wir ihn diesmal nicht um den Hals tragen, das würde ein bisschen komisch aussehen«, sagte Ron und wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab.
Hermine spähte über den See zum anderen Ufer, wo der Drache nach wie vor Wasser trank.
»Was mit dem wohl passieren wird, was meint ihr?«, fragte sie. »Wird er durchkommen?«
»Du hörst dich an wie Hagrid«, sagte Ron. »Es ist ein Drache, Hermine, der wird schon zusehen, wo er bleibt. Wir müssen uns eher um uns selber Sorgen machen.«
»Was soll das heißen?«
»Also, ich weiß nicht, wie ich es euch beibringen soll«, sagte Ron, »aber ich glaube, denen könnte aufgefallen sein, dass wir in Gringotts eingebrochen sind.«
Alle drei begannen zu lachen, und nachdem sie einmal angefangen hatten, war es schwierig, wieder aufzuhören. Harry taten die Rippen weh, er fühlte sich schwindlig vor Hunger, doch er sank rücklings ins Gras unter dem immer röter werdenden Himmel und lachte, bis er einen rauen Hals hatte.
»Aber was sollen wir jetzt tun?«, sagte Hermine schließlich, die vor lauter Schluckauf wieder ernst geworden war. »Er wird es erfahren, oder? Du-weißt-schon-wer wird erfahren, dass wir von seinen Horkruxen wissen!«
»Vielleicht haben sie zu viel Angst, um es ihm zu sagen?«, meinte Ron hoffnungsvoll. »Vielleicht verheimlichen sie es –«
Der Himmel, der Geruch des Seewassers, Rons Stimme, alles wurde ausgelöscht: Schmerz spaltete Harrys Kopf wie der Hieb eines Schwertes. Er stand in einem spärlich beleuchteten Raum, ein Halbkreis aus Zauberern vor ihm, und auf dem Boden zu seinen Füßen kniete eine kleine, zitternde Gestalt.
»Was hast du da gesagt?« Seine Stimme war hoch und kalt, doch Zorn und Angst brannten in ihm. Das Einzige, was er befürchtet hatte – aber es konnte nicht wahr sein, er begriff nicht, wie …
Der Kobold bebte, unfähig, dem Blick der roten Augen über ihm standzuhalten.
»Sag es noch einmal!«, murmelte Voldemort. »Sag es noch einmal!«
»M-mein Herr«, stammelte der Kobold, die schwarzen Augen vor Entsetzen geweitet, »m-mein Herr … wir ha-haben versucht, sie auf-aufzuhalten … Be-Betrüger, mein Herr … brachen – brachen in das – in das Verlies der Le-Lestranges ein …«
»Betrüger? Was für Betrüger? Ich dachte, Gringotts hätte Mittel und Wege, Betrüger zu enttarnen? Wer waren sie?«
»Es war … es war … der P-Potter-Junge u-und zwei Kom-Komplizen …«
»Und was haben sie gestohlen?«, fragte er mit anschwellender Stimme, und eine schreckliche Angst ergriff ihn. »Sag es mir! Was haben sie gestohlen?«
»Ei-einen kleinen g-goldenen B-Becher, m-mein Herr …«
Der Schrei voll Wut, voll Abwehr entfuhr ihm, als wäre es der Schrei eines Fremden: Er war wahnsinnig, tobte, es konnte nicht wahr sein, es war unmöglich, niemand hatte je davon gewusst: Wie war es möglich, dass der Junge sein Geheimnis gelüftet hatte?
Der Elderstab peitschte durch die Luft, und grünes Licht flammte durch den Raum, der kniende Kobold rollte tot auf die Seite, die Zauberer, die es mit angesehen hatten, stoben in Panik davon: Bellatrix und Lucius Malfoy warfen andere über den Haufen, während sie zur Tür stürzten, und immer wieder sauste sein Zauberstab hinab, und die noch da waren, wurden ermordet, sie alle, weil sie ihm diese Nachricht überbracht hatten, weil sie von dem goldenen Becher erfahren hatten –
Allein zwischen den Toten, ging er mit stürmischen Schritten auf und ab, und vor seinem geistigen Auge tauchten sie der Reihe nach auf: seine Kostbarkeiten, seine Sicherheiten, seine Anker zur Unsterblichkeit – das Tagebuch war zerstört und der Becher war gestohlen; was wäre, wenn, was wäre, wenn der Junge von den anderen wusste? Konnte er davon wissen, hatte er schon etwas unternommen, hatte er noch mehr von ihnen aufgespürt? Steckte Dumbledore dahinter? Dumbledore, der ihn immer verdächtigt hatte, Dumbledore, dessen Tod er befohlen hatte, Dumbledore, dessen Zauberstab nun ihm gehörte, der jedoch aus der Schmach des Todes heraus handelte, durch den Jungen, den Jungen –
Aber wenn der Junge einen der Horkruxe zerstört hätte, dann hätte er, Lord Voldemort, dies doch sicher erfahren, dies gespürt? Er, der größte Zauberer von allen, er, der mächtigste, der Mörder Dumbledores und ungezählter anderer bedeutungsloser, namenloser Menschen: Wie konnte Lord Voldemort es nicht erfahren haben, wenn er, er selbst, wichtig und wertvoll, wie er war, angegriffen, verstümmelt worden war?
Gewiss, er hatte es nicht gespürt, als das Tagebuch zerstört worden war, doch er hatte geglaubt, dies hätte daran gelegen, dass er keinen Körper gehabt hatte, der empfinden konnte, da er doch geringer als ein Gespenst gewesen war … nein, die anderen waren ganz bestimmt in Sicherheit … die anderen Horkruxe mussten unversehrt sein …
Doch er musste es wissen, er musste sicher sein … Er durchschritt den Raum, stieß im Vorbeigehen die Leiche des Kobolds beiseite, und die Bilder verschwammen und loderten in seinem brodelnden Kopf: der See, die Hütte und Hogwarts –
Ein Quäntchen Ruhe kühlte nun seinen Zorn: Woher sollte der Junge wissen, dass er den Ring in der Hütte der Gaunts versteckt hatte? Niemand hatte je gewusst, dass er mit den Gaunts verwandt war, er hatte die Verbindung geheim gehalten, die Morde waren nie mit ihm in Zusammenhang gebracht worden: Der Ring war zweifelsohne sicher.
Und wie konnte der Junge oder sonst jemand von der Höhle erfahren oder ihren Schutz durchbrochen haben? Der Gedanke, dass das Medaillon gestohlen sein konnte, war absurd …
Und was die Schule anging: Er allein wusste, wo in Hogwarts er den Horkrux untergebracht hatte, denn er allein war bis in die tiefsten Geheimnisse dieses Ortes vorgedrungen …
Und da war immer noch Nagini, die jetzt in seiner Nähe bleiben musste, unter seinem Schutz, die er nicht mehr fortschicken durfte, um seine Befehle auszuführen …
Doch um sich Gewissheit zu verschaffen, völlige Gewissheit, musste er zu jedem seiner Verstecke zurückkehren, er musste den Schutz um jeden seiner Horkruxe verdoppeln … eine Aufgabe, die er, wie die Suche nach dem Elderstab, allein bewältigen musste …
Welchen sollte er zuerst aufsuchen, welcher war in der größten Gefahr? Ein altes Unbehagen flackerte in ihm auf. Dumbledore hatte seinen zweiten Vornamen gekannt … Dumbledore hätte möglicherweise die Verbindung zu den Gaunts herleiten können … ihr verlassenes Haus war vielleicht das unsicherste seiner Verstecke, dieses würde er zuerst aufsuchen …
Der See, gewiss unmöglich … doch gab es den Hauch einer Möglichkeit, dass Dumbledore über das Waisenhaus von einigen seiner frühen Untaten erfahren haben könnte.
Und Hogwarts … aber er wusste, dass sein Horkrux dort sicher war, es würde für Potter unmöglich sein, Hogsmeade zu betreten, ohne dass er entdeckt würde, geschweige denn die Schule. Dennoch, die Vorsicht gebot es, Snape davor zu warnen, dass der Junge vielleicht versuchen würde, wieder in das Schloss zu gelangen … Snape zu sagen, warum der Junge zurückkehren könnte, wäre natürlich töricht; es war ein schwerwiegender Fehler gewesen, Bellatrix und Malfoy zu vertrauen: Bewiesen ihre Dummheit und ihre Nachlässigkeit nicht, wie unklug es war, überhaupt jemandem zu vertrauen?
Er würde also die Hütte der Gaunts zuerst aufsuchen und Nagini mitnehmen: Er würde sich nicht mehr von der Schlange trennen … Und er schritt aus dem Raum, durch die Halle und hinaus in den dunklen Garten, wo der Brunnen plätscherte; er rief die Schlange auf Parsel, und sie glitt hervor und schloss sich ihm an wie ein langer Schatten …
Harrys Augen flogen auf, als er sich zwang, in seine Gegenwart zurückzukehren: Er lag in der untergehenden Sonne am Seeufer, und Ron und Hermine sahen auf ihn herab. Ihren besorgten Mienen und seiner immer noch pochenden Narbe nach zu schließen, war sein plötzlicher Ausflug in Voldemorts Geist nicht unbemerkt geblieben. Er kämpfte sich mühsam hoch, zitternd und halb überrascht, dass er nach wie vor nass bis auf die Haut war, und sah den Becher, der unschuldig vor ihm im Gras lag, und den tiefblauen See, der in der versinkenden Sonne golden schimmerte.
»Er weiß es.« Seine eigene Stimme kam ihm nach Voldemorts schrillen Schreien fremd und leise vor. »Er weiß es, und er prüft jetzt nach, ob die anderen noch da sind, und der letzte«, er war schon auf den Beinen, »ist in Hogwarts. Ich wusste es. Ich wusste es.«
»Was?«
Ron starrte ihn mit offenem Mund an; Hermine richtete sich mit besorgtem Gesicht auf und kniete sich hin.
»Aber was hast du gesehen? Woher weißt du das?«
»Ich hab gesehen, wie er das mit dem Becher erfahren hat, ich – ich war in seinem Kopf, er ist –«, Harry erinnerte sich an die Morde, »er ist unglaublich wütend, und er hat auch Angst, er kann nicht begreifen, wie wir es rausgefunden haben, und jetzt will er nachprüfen, ob die anderen sicher sind, beim Ring zuerst. Er glaubt, dass der in Hogwarts am sichersten ist, weil Snape dort ist, weil es so schwierig sein würde, unbemerkt dort reinzukommen, ich glaube, bei dem sieht er zuletzt nach, aber er könnte trotzdem in ein paar Stunden dort sein –«
»Hast du gesehen, wo in Hogwarts er versteckt ist?«, fragte Ron, der sich nun ebenfalls hochrappelte.
»Nein, er war ganz darauf konzentriert, Snape zu warnen, er hat nicht daran gedacht, wo genau er ist –«
»Wartet, wartet!«, schrie Hermine, als Ron den Horkrux aufhob und Harry den Tarnumhang wieder hervorzog. »Wir können nicht einfach losgehen, wir haben keinen Plan, wir müssen –«
»Wir müssen aufbrechen«, sagte Harry entschieden. Er hatte gehofft, schlafen zu können, hatte sich darauf gefreut, in das neue Zelt zu schlüpfen, aber das war jetzt ausgeschlossen. »Könnt ihr euch vorstellen, was er tun wird, sobald er erkennt, dass der Ring und das Medaillon fort sind? Was, wenn er den Horkrux aus Hogwarts herausholt, weil er zu dem Schluss kommt, dass er nicht sicher genug ist?«
»Aber wie sollen wir dort reinkommen?«
»Wir gehen nach Hogsmeade«, sagte Harry, »und versuchen uns was auszudenken, sobald wir sehen, welche Schutzmaßnahmen es rund um die Schule gibt. Komm unter den Tarnumhang, Hermine, ich will, dass wir diesmal zusammenbleiben.«
»Aber wir passen nicht richtig –«
»Es wird dunkel sein, niemand wird unsere Füße bemerken.«
Über das schwarze Wasser hallte das Echo gewaltiger Flügelschläge: Der Drache hatte seinen Durst gestillt und war in die Luft gestiegen. Sie hielten in ihren Vorbereitungen inne und schauten zu, wie er immer höher stieg, nun schwarz vor dem rasch dunkler werdenden Himmel, bis er über einem nahen Berg verschwand. Dann trat Hermine heran und nahm ihren Platz zwischen den beiden anderen ein. Harry zog den Tarnumhang, so weit es ging, hinunter, und gemeinsam wirbelten sie auf der Stelle herum, in die drückende Dunkelheit hinein.
Der fehlende Spiegel
Harrys Füße berührten eine Straße. Er sah die schmerzhaft vertraute Hauptstraße von Hogsmeade: dunkle Ladenfronten, die Umrisse schwarzer Berge hinter dem Dorf, die Kurve auf dem Weg vor ihm, der nach Hogwarts führte, und die Drei Besen, aus deren Fenstern Licht drang, und es stach ihm ins Herz, als er sich plötzlich messerscharf daran erinnerte, wie er vor fast einem Jahr hier gelandet war und dabei einen hoffnungslos geschwächten Dumbledore gestützt hatte; all das in der einen Sekunde, in der er landete – und dann, er wollte gerade Rons und Hermines Arme loslassen, geschah es.
Ein Schrei gellte durch die Luft, ähnlich dem Voldemorts, als er erkannt hatte, dass der Becher gestohlen worden war: Er zerrte an jedem Nerv in Harrys Körper, und Harry wusste sofort, dass ihr Erscheinen den Schrei ausgelöst hatte. Gerade als er die anderen beiden unter dem Tarnumhang ansah, krachte die Tür der Drei Besen auf, und ein Dutzend Todesser in Kapuzenumhängen stürmte auf die Straße, die Zauberstäbe im Anschlag.
Ron hob seinen Zauberstab, doch Harry hielt ihn am Handgelenk fest. Es waren zu viele, sie konnten nicht alle schocken: Schon mit dem Versuch würden sie ihren Standort verraten. Einer der Todesser schwang den Zauberstab, und der Schrei verstummte und hallte in den fernen Bergen nach.
»Accio Tarnumhang!«, brüllte einer der Todesser.
Harry raffte ihn an sich, doch er machte keine Anstalten, zu entfliehen: Der Aufrufezauber war bei ihm wirkungslos geblieben.
»Bist wohl nicht unter deinem Deckchen, Potter?«, rief der Todesser, der es mit dem Zauber versucht hatte, und wandte sich dann seinen Gefährten zu: »Ausschwärmen. Er ist hier.«
Sechs von den Todessern rannten auf sie zu: Harry, Ron und Hermine wichen schnellstmöglich in die nächste Seitenstraße zurück, und die Todesser verfehlten sie nur um Zentimeter. Sie verharrten in der Dunkelheit und lauschten den hin und her eilenden Schritten, während die Lichtstrahlen von den Zauberstäben der Todesser suchend die Straße entlanghuschten.
»Lasst uns einfach wieder verschwinden!«, flüsterte Hermine. »Sofort disapparieren!«
»Tolle Idee«, sagte Ron, doch ehe Harry antworten konnte, rief ein Todesser: »Wir wissen, dass du hier bist, Potter, und du entkommst uns nicht! Wir werden euch finden!«
»Die haben auf uns gewartet«, flüsterte Harry. »Die haben diesen Zauber eingerichtet, um es mitzukriegen, wenn wir hier sind. Vermutlich haben sie auch was dafür getan, uns hier festzuhalten, in der Falle –«
»Wie wär’s mit Dementoren?«, rief ein anderer Todesser. »Lasst ihnen freien Lauf, die krieg’n ihn ganz schnell!«
»Der Dunkle Lord will, dass Potter von keiner anderen Hand als seiner eigenen stirbt –«
»– un’ Dementoren bringen ihn nicht um! Der Dunkle Lord will Potters Leben, nicht seine Seele. Der ist leichter umzubringen, wenn er vorher den Kuss bekommen hat!«
Zustimmendes Raunen war zu hören. Harry wurde von Entsetzen gepackt: Um Dementoren abzuwehren, würden sie Patroni erzeugen müssen, und damit würden sie sich sofort verraten.
»Wir müssen versuchen zu disapparieren, Harry!«, flüsterte Hermine.
Im selben Moment spürte er die unnatürliche Kälte über die Straße kriechen. Das Licht im ganzen Umkreis wurde weggesogen, bis hin zu den Sternen, die erloschen. In der pechschwarzen Dunkelheit spürte er, wie Hermine ihn am Arm fasste, und gemeinsam drehten sie sich auf der Stelle.
Die Luft, durch die sie sich bewegen mussten, schien fest geworden zu sein: Sie konnten nicht disapparieren; die Todesser hatten mit ihren Zaubern gute Arbeit geleistet. Immer tiefer brannte sich die Kälte in Harrys Fleisch. Er, Ron und Hermine zogen sich weiter zurück, in die Seitenstraße hinein, tasteten sich an den Mauern entlang, versuchten möglichst kein Geräusch zu machen. Dann kamen sie lautlos um die Ecke geglitten, mindestens zehn Dementoren, sichtbar, weil sie mit ihren schwarzen Umhängen und ihren schorfigen und verwesenden Händen von einer tieferen Schwärze waren als ihre Umgebung. Konnten sie die Angst in ihrer Nähe fühlen? Harry war überzeugt davon: Sie schienen jetzt schneller heranzukommen, atmeten auf jene schleppende, rasselnde Weise, die er verabscheute, witterten Verzweiflung in der Luft, waren schon dicht bei ihnen –
Er hob seinen Zauberstab: Den Kuss des Dementors konnte er, wollte er nicht erleiden, was auch immer nun gleich passieren würde. In Gedanken an Ron und Hermine flüsterte er: »Expecto patronum!«
Der silberne Hirsch brach aus seinem Zauberstab hervor und stürmte los: Die Dementoren stoben davon und von irgendwo aus der Dunkelheit kam ein triumphierender Schrei.
»Da ist er, da lang, da lang, ich hab seinen Patronus gesehen, es war ein Hirsch!«
Die Dementoren hatten sich zurückgezogen, die Sterne begannen wieder zu funkeln, und die Schritte der Todesser wurden lauter; doch ehe Harry in seiner Panik entscheiden konnte, was sie tun sollten, war das quietschende Geräusch von Riegeln zu hören, und auf der linken Seite der schmalen Straße öffnete sich eine Tür, und eine raue Stimme sagte: »Potter, hier rein, schnell!«
Er gehorchte, ohne zu zögern: Hastig schlüpften die drei durch die offene Tür.
»Nach oben, Tarnumhang anbehalten, leise!«, murmelte eine große Gestalt, während sie an ihnen vorbei auf die Straße ging und die Tür hinter sich zuschlug.
Harry hatte keine Ahnung gehabt, wo sie waren, doch nun sah er im flackernden Licht einer einzelnen Kerze die schmuddelige, mit Sägemehl ausgestreute Bar des Eberkopfs. Sie rannten hinter die Theke und durch eine zweite Tür zu einer wackligen Holztreppe, die sie eilends hochstiegen. Oben gelangten sie in ein Wohnzimmer mit einem zerschlissenen Teppich und einem kleinen Kamin, über dem ein einzelnes großes Ölgemälde von einem blonden Mädchen hing, das auf eine gewisse abwesend süßliche Art in das Zimmer hineinblickte.
Von der Straße unten drangen Rufe zu ihnen hoch. Nach wie vor unter dem Tarnumhang, schlichen sie zu dem schmutzigen Fenster und spähten hinunter. Ihr Retter, in dem Harry nun den Wirt des Eberkopfs erkannte, war der Einzige, der keine Kapuze trug.
»Na und?«, brüllte er in eines der vermummten Gesichter. »Na und? Wenn ihr Dementoren in meine Straße schickt, dann schick ich denen einen Patronus auf den Hals! Ich lass die nicht in meine Nähe, das hab ich euch schon mal gesagt, ich will das nicht haben!«
»Das war nicht dein Patronus!«, sagte ein Todesser. »Das war ein Hirsch, der von Potter!«
»Hirsch!«, donnerte der Wirt und zückte einen Zauberstab. »Hirsch! Du Idiot – expecto patronum!«
Etwas Großes und Gehörntes brach aus dem Zauberstab hervor: Mit gesenktem Kopf stürmte es auf die Hauptstraße zu und verschwand.
»Das war nicht das, was ich gesehen hab –«, sagte der Todesser, wenngleich etwas verunsichert.
»Die Ausgangssperre wurde verletzt, du hast den Lärm gehört«, sagte einer seiner Gefährten zu dem Wirt. »Jemand war vorschriftswidrig draußen auf der Straße –«
»Wenn ich meine Katze rausbringen will, dann tu ich das auch, und zum Teufel mit eurer Ausgangssperre!«
»Du hast den Katzenjammer-Zauber ausgelöst?«
»Und wenn? Wollt ihr mich nach Askaban karren? Mich umbringen, weil ich die Nase aus meiner eigenen Haustür gesteckt hab? Dann tut’s doch, wenn ihr wollt! Aber ich hoffe für euch, dass ihr euer kleines Dunkles Mal nicht gedrückt und ihn gerufen habt. Er wird es gar nicht mögen, wegen mir und meiner ollen Katze hergeholt zu werden, oder?«
»Mach dir mal keine Sorgen um uns«, sagte einer der Todesser, »eher um dich selbst, weil du die Ausgangssperre verletzt hast!«
»Und wo wollt ihr dann Zaubertränke und Gifte verschieben, wenn mein Pub geschlossen wird? Was passiert dann mit euren kleinen Nebengeschäften?«
»Willst du uns drohen –?«
»Ich kann den Mund halten, deswegen kommt ihr doch hierher, oder?«
»Ich bleib dabei, ich hab einen Hirsch-Patronus gesehen!«, rief der erste Todesser.
»Hirsch?«, brüllte der Wirt. »Es ist ein Ziegenbock, du Flachkopf!«
»Na schön, wir haben einen Fehler gemacht«, sagte der zweite Todesser. »Aber wenn du die Ausgangssperre noch mal verletzt, sind wir nicht so nachsichtig!«
Die Todesser schritten zur Hauptstraße zurück. Hermine stöhnte erleichtert, wand sich unter dem Tarnumhang hervor und setzte sich auf einen Stuhl mit wackligen Beinen. Harry zog die Vorhänge fest zu, dann riss er den Umhang von sich und Ron herunter. Sie konnten hören, wie der Wirt unten die Tür zur Bar wieder verriegelte und dann die Treppe hochstieg.
Etwas auf dem Kaminsims erregte Harrys Aufmerksamkeit: Ein kleiner rechteckiger Spiegel war dort aufgestellt, direkt unter dem Porträt des Mädchens.
Der Wirt betrat das Zimmer.
»Ihr verfluchten Dummköpfe«, sagte er barsch und sah sie der Reihe nach an. »Was habt ihr euch dabei gedacht, hierherzukommen?«
»Danke«, sagte Harry, »wir können Ihnen nicht genug danken. Sie haben uns das Leben gerettet.«
Der Wirt grunzte. Harry näherte sich ihm, blickte hoch in sein Gesicht und versuchte zu ergründen, was sich unter dem langen, strähnigen stahlgrauen Haar und dem Bart verbarg. Er trug eine Brille. Die Augen hinter den schmutzigen Gläsern waren von einem durchdringenden, strahlenden Blau.
»Es ist Ihr Auge, das ich in dem Spiegel gesehen habe.«
Im Zimmer herrschte Stille. Harry und der Wirt schauten einander an.
»Sie haben Dobby geschickt.«
Der Wirt nickte und sah sich nach dem Elfen um.
»Dachte, er wäre bei euch. Wo habt ihr ihn gelassen?«
»Er ist tot«, sagte Harry. »Bellatrix Lestrange hat ihn umgebracht.«
Im Gesicht des Wirts zeigte sich keine Regung. Nach einer Weile sagte er: »Tut mir leid, das zu hören. Ich mochte diesen Elfen.«
Er wandte sich ab und entzündete Lampen, indem er mit seinem Zauberstab leicht dagegenstieß, ohne auch nur hinzusehen.
»Sie sind Aberforth«, sagte Harry zu dem Mann, der ihm den Rücken zugekehrt hatte.
Der Mann sagte weder ja noch nein, sondern bückte sich nur, um das Kaminfeuer zu entfachen.
»Wie sind Sie an den gekommen?«, fragte Harry und ging hinüber zu Sirius’ Spiegel, dem Gegenstück dessen, den er fast zwei Jahre zuvor zerbrochen hatte.
»Hab ihn vor etwa ’nem Jahr von Dung gekauft«, sagte Aberforth. »Albus hat mir erklärt, was es ist. Hab versucht, dich im Auge zu behalten.«
Ron keuchte.
»Die silberne Hirschkuh!«, sagte er aufgeregt. »Waren das auch Sie?«
»Wovon redest du?«, sagte Aberforth.
»Jemand hat uns eine Hirschkuh als Patronus geschickt!«
»So pfiffig, wie du bist, könntest du glatt ein Todesser sein, Junge. Hab ich nicht gerade bewiesen, dass mein Patronus ein Ziegenbock ist?«
»Oh«, sagte Ron. »Jaah … also, ich hab Hunger!«, fügte er trotzig hinzu, als sein Magen ein mörderisches Knurren von sich gab.
»Ich hab was zu essen«, sagte Aberforth, ging gemächlich aus dem Zimmer und kam kurze Zeit später mit einem großen Laib Brot, etwas Käse und einem Zinnkrug voll Met zurück, was er alles auf einen kleinen Tisch vor dem Kamin stellte. Gierig aßen und tranken sie, und eine Zeit lang herrschte Stille, in der nur das Prasseln des Feuers, das Klirren von Kelchen und Kaugeräusche zu hören waren.
»Nun denn«, sagte Aberforth, als sie sich satt gegessen hatten und Harry und Ron schläfrig und schlapp in ihren Sesseln hingen. »Wir müssen überlegen, wie ihr am besten hier rauskommt. Nachts geht es nicht, ihr habt gehört, was passiert, wenn jemand während der Dunkelheit nach draußen geht: Der Katzenjammer-Zauber geht los und dann sind sie hinter euch her wie Bowtruckles auf der Jagd nach Doxyeiern. Und ein zweites Mal lassen die mir wohl nicht einen Hirsch als Ziegenbock durchgehen. Wartet bis Tagesanbruch, dann endet die Ausgangssperre und ihr könnt euren Tarnumhang wieder anziehen und euch zu Fuß auf den Weg machen. Verschwindet sofort aus Hogsmeade, geht hoch in die Berge, von da aus könnt ihr disapparieren. Vielleicht trefft ihr Hagrid. Seit sie versucht haben, ihn zu verhaften, versteckt er sich dort oben in einer Höhle zusammen mit Grawp.«
»Wir gehen nicht weg«, sagte Harry. »Wir müssen nach Hogwarts rein.«
»Sei nicht albern, Junge«, entgegnete Aberforth.
»Wir müssen«, sagte Harry.
»Ihr müsst nur eins«, sagte Aberforth und beugte sich vor: »So weit wie möglich von hier wegkommen.«
»Sie verstehen nicht. Es bleibt nicht viel Zeit. Wir müssen ins Schloss. Dumbledore – ich meine, Ihr Bruder – wollte, dass wir –«
Der Schein des Feuers ließ Aberforths schmutzige Brillengläser für einen Moment undurchsichtig werden, sie nahmen ein leuchtendes, ausdrucksloses Weiß an, was Harry an die blinden Augen der Riesenspinne Aragog erinnerte.
»Mein Bruder Albus wollte viel«, sagte Aberforth, »und während er seine grandiosen Pläne verwirklichte, hatten ständig andere Leute den Schaden. Geh weg von dieser Schule, Potter, verlass, wenn möglich, das Land. Vergiss meinen Bruder und seine schlauen Pläne. Er ist dort, wo nichts von alldem ihm was anhaben kann, und du schuldest ihm überhaupt nichts.«
»Sie verstehen nicht«, sagte Harry erneut.
»Oh, wirklich nicht?«, sagte Aberforth leise. »Du glaubst, dass ich meinen eigenen Bruder nicht verstanden habe? Glaubst, du hättest Albus besser gekannt als ich?«
»Das meinte ich nicht«, sagte Harry, der sich träge im Kopf fühlte vor Erschöpfung und von dem Übermaß an Essen und Wein. »Es ist … er hat mir eine Aufgabe hinterlassen.«
»Hat er, ja?«, sagte Aberforth. »Nette Aufgabe, hoffe ich? Angenehm? Leicht? Etwas, das man einem unausgebildeten Zaubererjungen zutrauen würde, ohne dass er sich übernimmt?«
Ron lachte ziemlich bitter auf. Hermine wirkte angespannt.
»Ich – sie ist nicht leicht, nein«, sagte Harry. »Aber ich muss –«
»›Ich muss‹? Warum ›Ich muss‹? Er ist tot, oder etwa nicht?«, erwiderte Aberforth schroff. »Lass es bleiben, Junge, ehe du es auch bist! Rette dich selbst!«
»Ich kann nicht.«
»Warum nicht?«
»Ich –« Harry fühlte sich in die Ecke gedrängt; er konnte es nicht erklären, deshalb ergriff er die Offensive. »Aber Sie kämpfen doch auch, Sie sind im Orden des Phönix –«
»Ich war es«, sagte Aberforth. »Der Orden des Phönix ist erledigt. Du-weißt-schon-wer hat gesiegt, es ist vorbei, und jeder, der etwas anderes behauptet, macht sich selbst was vor. Hier wirst du nie sicher sein, Potter, er will dich um jeden Preis haben. Deshalb verschwinde ins Ausland, geh und versteck dich, rette deine Haut. Am besten, du nimmst die beiden hier mit.« Sein Daumen zuckte in Richtung Ron und Hermine. »Sie werden ihr Leben lang in Gefahr sein, jetzt, wo alle wissen, dass sie mit dir zusammengearbeitet haben.«
»Ich kann nicht fortgehen«, sagte Harry. »Ich habe eine Aufgabe –«
»Übertrag sie jemand anderem!«
»Das geht nicht. Ich muss es selber machen. Dumbledore hat alles erklärt –«
»Oh, hat er das, tatsächlich? Und er hat dir alles gesagt, er war offen zu dir?«
Harry wollte von ganzem Herzen »Ja« sagen, doch aus irgendeinem Grund kam dieses einfache Wort nicht über seine Lippen. Aberforth schien zu wissen, was in ihm vorging.
»Ich kannte meinen Bruder, Potter. Er hat die Geheimniskrämerei schon als kleines Kind gelernt. Geheimnisse und Lügen, damit sind wir aufgewachsen, und Albus … der war ein Naturtalent.«
Der Blick des alten Mannes wanderte zu dem Gemälde des Mädchens über dem Kaminsims. Nun, da Harry sich genauer umsah, stellte er fest, dass es das einzige Bild in dem Zimmer war. Es gab weder ein Foto von Albus Dumbledore noch von sonst jemandem.
»Mr Dumbledore?«, sagte Hermine ziemlich zaghaft. »Ist das Ihre Schwester, Ariana?«
»Ja«, sagte Aberforth kurz angebunden. »Hast wohl Rita Kimmkorn gelesen, was, Mädchen?«
Selbst im rosigen Licht des Feuers war deutlich zu sehen, dass Hermine rot angelaufen war.
»Elphias Doge hat sie uns gegenüber erwähnt«, sagte Harry, um Hermine in Schutz zu nehmen.
»Der alte Trottel«, murmelte Aberforth und trank einen weiteren kräftigen Schluck Met. »Ist meinem Bruder wirklich in den Hintern gekrochen. Tja, wie so viele andere auch, ihr drei eingeschlossen, so wie’s ausschaut.«
Harry schwieg. Er wollte jetzt nicht die Zweifel und Ungewissheiten über Dumbledore äußern, die ihn schon seit Monaten umtrieben. Er hatte seine Entscheidung getroffen, als er Dobbys Grab ausgehoben hatte; er hatte beschlossen, den gewundenen, gefährlichen Weg weiterzugehen, den ihm Albus Dumbledore gewiesen hatte, es hinzunehmen, dass Dumbledore ihm nicht alles gesagt hatte, was er wissen wollte, und stattdessen einfach Vertrauen zu haben. Er wollte nicht wieder zweifeln, er wollte nichts hören, was ihn von seinem Ziel ablenken konnte. Er begegnete Aberforths Blick, der dem seines Bruders so frappierend ähnlich war: Auch Aberforths hellblaue Augen erweckten den Eindruck, als würden sie den Gegenstand ihres Interesses röntgen, und Harry glaubte, dass Aberforth wusste, was er dachte, und ihn dafür verachtete.
»Professor Dumbledore hat Harry sehr geschätzt«, sagte Hermine mit leiser Stimme.
»Ach, wirklich?«, sagte Aberforth. »Komisch, wie viele von den Leuten, die mein Bruder so sehr geschätzt hat, am Ende schlimmer dran waren, als wenn er sie einfach in Ruhe gelassen hätte.«
»Was soll das heißen?«, fragte Hermine atemlos.
»Lass mal gut sein«, sagte Aberforth.
»Aber so was sagt man nicht einfach so dahin!«, erwiderte Hermine. »Meinen Sie – meinen Sie Ihre Schwester?«
Aberforth sah sie finster an: Seine Lippen bewegten sich, als würde er auf den Worten herumkauen, die er zurückhielt. Dann brachen sie aus ihm hervor.
»Als meine Schwester sechs Jahre alt war, wurde sie angegriffen, aus dem Hinterhalt, von drei Muggeljungen. Sie hatten gesehen, wie sie zauberte, hatten durch die Hecke im hinteren Garten gespäht; sie war noch ein Kind, sie hatte nicht die Kontrolle darüber, in diesem Alter hat das keine Hexe und kein Zauberer. Was sie sahen, hat ihnen Angst eingejagt, schätze ich. Sie zwängten sich durch die Hecke, und als sie ihnen den Trick nicht zeigen konnte, ist es ein bisschen mit ihnen durchgegangen, während sie versuchten, dem kleinen Ungeheuer die Sache auszutreiben.«
Hermines Augen waren riesig im Licht des Feuers; Ron sah aus, als sei ihm ein wenig schlecht. Aberforth stand auf, er war so groß wie Albus, und in seinem Zorn und dem heftigen Schmerz wirkte er plötzlich Furcht erregend.
»Was sie taten, hat Ariana zugrunde gerichtet: Sie war nie wieder dieselbe. Sie wollte nicht mehr zaubern, aber die Magie ließ sie nicht los: Sie kehrte sich in ihr Inneres und machte sie verrückt, sie brach aus ihr heraus, wenn sie sie mal nicht zügeln konnte, und zeitweise war Ariana sonderbar und gefährlich. Aber meistens war sie lieb, und ängstlich, und harmlos.
Und mein Vater ist den verfluchten Kerlen hinterher, die es getan hatten«, sagte Aberforth, »und hat sie angegriffen. Dafür haben sie ihn dann nach Askaban gesteckt. Er hat nie gesagt, warum er es getan hat, denn wenn das Ministerium erfahren hätte, was aus Ariana geworden war, hätte man sie für immer im St. Mungo weggesperrt. Man hätte in ihr eine ernste Bedrohung des Internationalen Geheimhaltungsabkommens gesehen, so unausgeglichen, wie sie war, wo doch Magie aus ihr herausbrach, wenn Ariana sie nicht mehr zurückhalten konnte.
Wir brauchten einen sicheren und friedlichen Ort für sie. Wir zogen um, verbreiteten überall, dass sie krank sei, und meine Mutter kümmerte sich um sie und versuchte dafür zu sorgen, dass sie ruhig und zufrieden blieb.
Ich war ihr Lieblingsbruder«, sagte Aberforth, und als er es sagte, wirkte er trotz seiner Falten und des zotteligen Bartes wie ein schmuddeliger Schuljunge. »Nicht Albus, der war immer oben in seinem Zimmer, wenn er zu Hause war, las seine Bücher und zählte seine Auszeichnungen, führte seine Korrespondenz mit ›den angesehensten magischen Persönlichkeiten der Zeit‹«, höhnte Aberforth. »Er wollte nicht mit ihr belästigt werden. Mich hat sie am liebsten gemocht. Ich konnte sie zum Essen bewegen, wenn sie es bei meiner Mutter nicht wollte, ich konnte sie besänftigen, wenn sie einen ihrer Wutanfälle hatte, und wenn sie ruhig war, half sie mir immer, die Ziegen zu füttern.
Dann, als sie vierzehn war … ich war nicht da, müsst ihr wissen«, sagte Aberforth. »Wenn ich da gewesen wäre, hätte ich sie beruhigen können. Sie hatte einen ihrer Wutanfälle, und meine Mutter war nicht mehr die Jüngste, und … es war ein Unfall. Ariana hatte es nicht unter Kontrolle. Aber meine Mutter starb dabei.«
Harry empfand eine schreckliche Mischung aus Mitleid und Abscheu; er wollte nichts mehr davon hören, doch Aberforth redete weiter, und Harry fragte sich, wie lange es wohl her war, dass er zum letzten Mal darüber gesprochen hatte; ob er es überhaupt jemals getan hatte.
»Damit hatte sich also Albus’ Weltreise mit dem kleinen Doge erledigt. Die beiden kamen zum Begräbnis meiner Mutter nach Hause, und dann ist Doge alleine losgezogen, und Albus hat sich als Familienoberhaupt häuslich niedergelassen. Ha!«
Aberforth spuckte ins Feuer.
»Ich hätte mich um sie gekümmert, das hab ich ihm auch gesagt, mir war die Schule egal, ich wäre zu Hause geblieben und hätte es gemacht. Er meinte zu mir, dass ich meine Ausbildung abschließen müsse und dass er jetzt die Aufgaben meiner Mutter übernehmen werde. Ein ziemlicher Abstieg für Mister Überflieger, da gibt’s keine Lorbeeren, wenn man sich um seine halb verrückte Schwester kümmert und drauf aufpasst, dass sie nicht alle paar Tage das Haus in die Luft sprengt. Aber einige Wochen lang hat er sich ganz vernünftig angestellt … bis er kam.«
Und nun breitete sich ein ausgesprochen gefährlicher Ausdruck auf Aberforths Gesicht aus.
»Grindelwald. Und endlich hatte mein Bruder einen Ebenbürtigen, mit dem er reden konnte, jemanden, der genauso klug und talentiert war wie er selbst. Dass er sich um Ariana kümmern wollte, war nun nicht mehr so wichtig, während sie ihre ganzen Pläne für die neue Ordnung der Zaubererwelt ausbrüteten und Heiligtümer suchten und was auch immer sie sonst noch interessierte. Grandiose Pläne zum Besten der gesamten Zaubererschaft, und wenn ein einzelnes junges Mädchen dabei vernachlässigt wurde, was spielte das schon für eine Rolle, wo Albus doch für das größere Wohl arbeitete?
Aber nach ein paar Wochen hatte ich wirklich genug davon. Es war fast Zeit für mich, nach Hogwarts zurückzukehren, also sagte ich den beiden, direkt ins Gesicht, wie dir jetzt«, und Aberforth blickte hinab auf Harry, und es brauchte wenig Phantasie, um ihn sich als drahtigen, zornigen Teenager vorzustellen, der seinem älteren Bruder gegenübertrat. »Ich sagte zu ihm, am besten, du gibst es jetzt auf. Ihr könnt sie nirgendwo anders hinbringen, ihr Zustand verbietet das, ihr könnt sie nicht mitnehmen, wohin auch immer ihr gehen wollt, um eure klugen Reden zu halten und zu versuchen, euch eine Gefolgschaft zusammenzutrommeln. Das gefiel ihm nicht«, sagte Aberforth, und der Schein des Feuers auf seinen Brillengläsern verdeckte für einen Moment seine Augen: Wieder schimmerten die Gläser hell und blind. »Grindelwald hat das überhaupt nicht gefallen. Er wurde wütend. Er meinte, was für ein dummer kleiner Junge ich sei, der versuche, sich ihm und meinem genialen Bruder in den Weg zu stellen … ob ich nicht verstehen würde, dass meine arme Schwester nicht mehr versteckt werden müsse, wenn sie einmal die Welt verändert und die Zauberer aus dem Untergrund geführt und den Muggeln gezeigt hätten, wo sie hingehörten?
Und es gab Streit … und ich zog meinen Zauberstab und er seinen, und ich bekam den Cruciatus-Fluch zu spüren, vom besten Freund meines Bruders – und Albus versuchte ihn aufzuhalten, und dann haben wir uns alle drei einen Kampf geliefert, und bei den blitzenden Lichtern und dem Knallen ist sie ausgerastet, das hielt sie nicht aus –«
Alle Farbe wich aus Aberforths Gesicht, als hätte er eine tödliche Wunde erlitten.
»– und ich glaube, sie wollte helfen, aber sie wusste nicht recht, was sie tat, und ich weiß nicht, wer von uns es war, es hätten alle drei sein können – und sie war tot.«
Beim letzten Wort versagte ihm die Stimme und er sank in den nächsten Sessel. Hermines Gesicht war tränennass und Ron war fast so bleich wie Aberforth. Harry verspürte nichts als Abscheu: Er wünschte, er hätte es nicht gehört, wünschte, er könnte seine Gedanken davon reinwaschen.
»Es tut mir … es tut mir so leid«, flüsterte Hermine.
»Fort«, krächzte Aberforth. »Für immer fort.«
Er wischte sich an seinem Ärmelaufschlag die Nase ab und räusperte sich.
»’türlich ist Grindelwald abgehauen. Er hatte schon ein bisschen was auf dem Kerbholz, in dem Land, wo er hergekommen war, und er wollte nicht, dass Ariana noch dazukam. Und Albus war frei, nicht wahr? Frei von der Last seiner Schwester, frei, um der größte Zauberer der –«
»Er war niemals frei«, sagte Harry.
»Wie bitte?«, sagte Aberforth.
»Niemals«, sagte Harry. »In der Nacht, als Ihr Bruder starb, nahm er einen Zaubertrank, der ihn in den Wahnsinn trieb. Er fing an zu schreien, flehte jemanden an, der nicht da war. Tu ihnen nicht weh, bitte … tu doch mir weh.«
Ron und Hermine starrten Harry an. Er hatte nie im Detail geschildert, was sich auf der Insel im See abgespielt hatte: Die Ereignisse, die auf seine und Dumbledores Rückkehr nach Hogwarts gefolgt waren, hatten das alles völlig in den Schatten gestellt.
»Er meinte, wieder dort zu sein, mit Ihnen und Grindelwald, da bin ich mir sicher«, sagte Harry und erinnerte sich daran, wie Dumbledore gewimmert und gefleht hatte. »Er meinte, er würde dabei zusehen, wie Grindelwald Ihnen und Ariana Schmerzen zufügte … es war eine Folter für ihn; wenn Sie ihn damals gesehen hätten, würden Sie nicht behaupten, er wäre frei gewesen.«
Aberforth schien in die Betrachtung seiner eigenen, knotigen und geäderten Hände versunken. Nach einer langen Pause sagte er: »Wie kannst du sicher sein, Potter, dass mein Bruder nicht stärker am größeren Wohl interessiert war als an dir? Wie kannst du sicher sein, dass du nicht entbehrlich bist, genau wie meine kleine Schwester?«
Ein Eissplitter schien Harrys Herz zu durchbohren.
»Ich glaube das nicht. Dumbledore hat Harry geliebt«, sagte Hermine.
»Warum hat er ihm dann nicht befohlen, sich zu verstecken?«, schoss Aberforth zurück. »Warum hat er nicht zu ihm gesagt, pass auf dich auf, so und so kannst du überleben?«
»Weil«, sagte Harry, ehe Hermine antworten konnte, »weil man manchmal an mehr denken muss als an die eigene Sicherheit! Manchmal muss man an das größere Wohl denken! Das hier ist Krieg!«
»Du bist siebzehn, Junge!«
»Ich bin volljährig, und ich werde weiterkämpfen, auch wenn Sie aufgegeben haben!«
»Wer behauptet, dass ich aufgegeben hätte?«
»›Der Orden des Phönix ist erledigt‹«, wiederholte Harry. »›Du-weißt-schon-wer hat gesiegt, es ist vorbei, und jeder, der etwas anderes behauptet, macht sich selbst was vor.‹«
»Ich sage nicht, dass mir das gefällt, aber es ist die Wahrheit!«
»Nein, das ist es nicht«, sagte Harry. »Ihr Bruder wusste, wie man Du-weißt-schon-wen erledigen kann, und er hat dieses Wissen an mich weitergegeben. Ich werde weitermachen, bis ich mein Ziel erreicht habe – oder sterbe. Glauben Sie nicht, dass ich nicht weiß, wie das enden könnte. Ich weiß es seit Jahren.«
Er machte sich darauf gefasst, dass Aberforth spotten oder ihm widersprechen würde, doch das tat er nicht. Er blickte nur finster vor sich hin.
»Wir müssen nach Hogwarts rein«, sagte Harry noch einmal. »Wenn Sie uns nicht helfen können, warten wir bis zur Morgendämmerung, lassen Sie in Ruhe und versuchen auf eigene Faust, einen Weg zu finden. Wenn Sie uns helfen können – nun, dann wäre jetzt ein geschickter Zeitpunkt, darüber zu reden.«
Aberforth verharrte reglos in seinem Sessel und starrte Harry mit diesen Augen an, die denen seines Bruders so ungeheuer ähnlich waren. Endlich räusperte er sich, stand auf, ging um den kleinen Tisch herum und trat auf das Porträt Arianas zu.
»Du weißt, was zu tun ist«, sagte er.
Sie lächelte, wandte sich um und ging davon, nicht wie Leute in Porträts dies sonst immer taten, seitlich aus ihrem Rahmen hinaus, sondern durch eine Art langen Tunnel, der hinter ihr gemalt war. Sie sahen zu, wie ihre schmächtige Gestalt immer kleiner wurde, bis die Dunkelheit sie schließlich verschluckte.
»Ähm – was –?«, setzte Ron an.
»Es gibt jetzt nur noch einen Weg hinein«, sagte Aberforth. »Ihr müsst wissen, laut meinen Informanten werden sämtliche alten Geheimgänge an beiden Enden beobachtet, Dementoren schleichen überall um die Grenzmauern herum, und in der Schule wird regelmäßig patrouilliert. Noch nie wurde Hogwarts so streng bewacht. Wie wollt ihr irgendwas unternehmen, wenn ihr mal drin seid, wo doch Snape Schulleiter ist und die Carrows seine Stellvertreter sind … nun, das ist eure Sache, oder? Ihr sagt, ihr seid bereit zu sterben.«
»Aber was …?«, sagte Hermine, die mit gerunzelten Brauen Arianas Bild betrachtete.
Ein winziger weißer Punkt war am Ende des gemalten Tunnels erschienen, und er wuchs und wuchs, während Ariana jetzt wieder auf sie zukam. Doch wurde sie von jemandem begleitet, der größer war als sie und aufgeregt an ihrer Seite humpelte. Sein Haar war länger, als Harry es je an ihm gesehen hatte; er schien mehrere tiefe Wunden im Gesicht abbekommen zu haben, und seine Kleider waren zerrissen und zerfetzt. Die beiden Gestalten wurden immer größer, bis ihre Köpfe und Schultern das gesamte Porträt einnahmen. Dann schwang das ganze Bild vor wie eine kleine Tür in der Wand und gab den Eingang zu einem echten Tunnel frei. Und aus dem Tunnel kletterte, mit stark gewucherten Haaren, zerschnittenem Gesicht, zerrissenem Umhang, der echte Neville Longbottom, der vor Freude aufschrie, vom Kaminsims heruntersprang und rief: »Ich wusste, dass ihr kommen würdet! Ich wusste es, Harry!«
Das verschollene Diadem
»Neville – was zum – wie –?«
Aber Neville hatte Ron und Hermine entdeckt und schloss nun auch sie unter Freudenschreien in die Arme. Je länger Harry Neville ansah, desto schlimmer erschien ihm sein Zustand: Eines seiner Augen war geschwollen, gelb und lila, auf seinem Gesicht waren Narben von Stichen, und so heruntergekommen, wie er insgesamt wirkte, lag der Schluss nahe, dass ihm in letzter Zeit übel mitgespielt worden war. Und doch leuchtete sein zerschundenes Gesicht vor Glück, als er Hermine losließ und noch einmal sagte: »Ich wusste, dass ihr kommen würdet! Ist nur eine Frage der Zeit, hab ich immer zu Seamus gesagt!«
»Neville, was ist mit dir passiert?«
»Was? Das?« Neville tat seine Verletzungen mit einem Kopfschütteln ab. »Das ist nichts. Seamus schaut übler aus. Du wirst sehen. Gehen wir dann? Oh«, er wandte sich an Aberforth, »Ab, es sind vielleicht noch ein paar Leute unterwegs.«
»Noch ein paar?«, wiederholte Aberforth düster. »Was soll das heißen, noch ein paar, Longbottom? Es gibt eine Ausgangssperre und auf dem ganzen Dorf liegt ein Katzenjammer-Zauber!«
»Ich weiß, deshalb werden sie direkt in die Bar apparieren«, sagte Neville. »Schick sie einfach den Gang runter, wenn sie da sind, ja? Vielen Dank.«
Neville reichte Hermine die Hand und half ihr, auf den Kaminsims und in den Tunnel zu steigen; Ron folgte, dann Neville. Harry richtete das Wort an Aberforth.
»Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll. Sie haben uns das Leben gerettet, zwei Mal.«
»Dann passt darauf auf«, sagte Aberforth barsch. »Ein drittes Mal kann ich es vielleicht nicht retten.«
Harry kletterte auf den Kaminsims und durch das Loch hinter Arianas Porträt. Auf der anderen Seite waren glatte steinerne Stufen: Es sah aus, als gäbe es den Tunnel schon seit Jahren. Messinglampen hingen an den Wänden, und der Erdboden war festgetreten und eben; während sie gingen, bewegten sich ihre Schatten wie Fächer über die Wände.
»Wie lange gibt es den schon?«, fragte Ron, als sie aufbrachen. »Er ist nicht auf der Karte des Rumtreibers, oder, Harry? Ich dachte, es gäbe nur sieben Geheimgänge in die Schule?«
»Die haben sie vor Beginn des Schuljahrs alle versiegelt«, sagte Neville. »Es gibt jetzt keine Möglichkeit mehr, durch einen davon hindurchzukommen, Flüche liegen auf den Eingängen, und Todesser und Dementoren warten an den Ausgängen.« Er ging nun rückwärts, strahlte und sah sie alle genau an. »Aber das ist jetzt egal … stimmt es? Seid ihr in Gringotts eingebrochen? Seid ihr einem Drachen entkommen? Das geht überall rum, alle reden drüber, Terry Boot ist von Carrow zusammengeschlagen worden, weil er es in der Großen Halle beim Abendessen rumposaunt hat!«
»Ja, es stimmt«, sagte Harry.
Neville lachte übermütig.
»Was habt ihr mit dem Drachen gemacht?«
»Freigelassen«, sagte Ron. »Hermine wollte ihn unbedingt als Kuscheltier behalten –«
»Übertreib nicht, Ron –«
»Aber was habt ihr die ganze Zeit getrieben? Es hieß, ihr seid nur auf der Flucht gewesen, Harry, aber das glaube ich nicht. Ich glaube, dass ihr irgendwas vorhattet.«
»Da hast du Recht«, sagte Harry, »aber erzähl uns von Hogwarts, Neville, wir haben überhaupt nichts gehört.«
»Es war … also, es ist eigentlich nicht mehr Hogwarts«, sagte Neville, und während er sprach, verschwand das Lächeln aus seinem Gesicht. »Kennt ihr die Carrows?«
»Diese beiden Todesser, die hier unterrichten?«
»Die unterrichten nicht nur«, sagte Neville. »Die sind für die ganze Disziplin verantwortlich. Die stehen auf Strafen, diese Carrows.«
»Wie Umbridge?«
»Nee, die ist zahm dagegen. Die anderen Lehrer sollen uns an die Carrows übergeben, wenn wir irgendetwas ausgefressen haben. Das tun sie aber nicht, wenn sie es vermeiden können. Man merkt, dass die alle sie genauso hassen wie wir.
Amycus, der Bruder, unterrichtet, was früher mal Verteidigung gegen die dunklen Künste war, nur dass es jetzt einfach die dunklen Künste sind. Wir sollen den Cruciatus-Fluch an Leuten üben, die sich Nachsitzen eingehandelt haben –«
»Was?«
Harrys, Rons und Hermines vereinte Stimmen hallten durch den Tunnel.
»Jaah«, sagte Neville. »Dabei hab ich den hier abgekriegt«, und er deutete auf einen besonders tiefen Schnitt an seiner Wange. »Ich hab mich geweigert, es zu tun. Manche Leute stehen aber drauf; Crabbe und Goyle lieben es. Das allererste Mal, dass sie in irgendwas richtig gut sind, schätze ich.
Alecto, die Schwester von Amycus, lehrt Muggelkunde, das ist Pflichtfach für alle. Wir müssen ihr zuhören, wenn sie erklärt, dass Muggel wie Tiere sind, dumm und schmutzig, und dass sie die Zauberer in den Untergrund getrieben hätten, weil sie fies zu ihnen waren, und dass nun die natürliche Ordnung wiederaufgebaut wird. Das hier hab ich gekriegt«, er zeigte auf eine weitere Schnittwunde in seinem Gesicht, »weil ich sie gefragt habe, wie viel Muggelblut sie und ihr Bruder in sich haben.«
»Verdammt, Neville«, sagte Ron, »man kann nicht überall und jederzeit eine freche Lippe riskieren.«
»Du hast sie nicht gehört«, erwiderte Neville. »Du hättest es auch nicht ertragen. Der Punkt ist, es hilft, wenn Leute sich gegen die wehren, es gibt allen Hoffnung. Das ist mir früher immer aufgefallen, wenn du es getan hast, Harry.«
»Aber die haben dich als Messerschleifer benutzt«, sagte Ron und fuhr leicht zusammen, als sie an einer Lampe vorbeikamen und Nevilles Verletzungen noch deutlicher hervortraten.
Neville zuckte die Achseln.
»Ist egal. Die wollen nicht zu viel reines Blut vergießen, also foltern sie uns ein wenig, wenn wir frech sind, aber umbringen werden sie uns dann doch nicht.«
Harry wusste nicht, was schlimmer war, die Dinge, die Neville berichtete, oder der nüchterne Ton, in dem er sie berichtete.
»Die Einzigen, die wirklich in Gefahr sind, sind die, deren Freunde und Verwandte draußen Ärger machen. Die werden als Geiseln genommen. Der alte Xeno Lovegood wurde im Klitterer ein wenig zu freimütig, deshalb haben sie Luna aus dem Zug gezerrt, als sie über Weihnachten nach Hause wollte.«
»Neville, es geht ihr gut, wir haben sie gesehen –«
»Jaah, ich weiß, sie hat es geschafft, mir eine Botschaft zu schicken.«
Er zog eine goldene Münze aus seiner Tasche, und Harry erkannte darin eine der falschen Galleonen, die Dumbledores Armee benutzt hatte, um Nachrichten auszutauschen.
»Die waren toll«, sagte Neville und strahlte Hermine an. »Die Carrows haben nie spitzgekriegt, wie wir in Verbindung stehen, es hat sie wahnsinnig gemacht. Wir sind nachts immer rausgeschlichen und haben Graffiti an die Wände gemalt: Dumbledores Armee sucht noch Leute, solche Sachen eben. Snape hat es gehasst.«
»Ihr habt das immer gemacht?«, sagte Harry, dem die Vergangenheitsform aufgefallen war.
»Na ja, es wurde mit der Zeit schwieriger«, sagte Neville. »Weihnachten haben wir Luna verloren, und Ginny kam nach Ostern nicht mehr zurück, und wir drei waren sozusagen die Anführer. Die Carrows wussten anscheinend, dass ich hinter vielem steckte, daher haben sie angefangen, mir schwer zuzusetzen, und dann ist Michael Corner auch noch dabei erwischt worden, als er einen Erstklässler befreien wollte, den sie angekettet hatten, und sie haben ihn ziemlich übel gefoltert. Das hat die Leute verschreckt.«
»Das glaub ich dir«, murmelte Ron, während der Gang anzusteigen begann.
»Jaah, nun, ich konnte von den Leuten nicht verlangen, das Gleiche durchzumachen wie Michael, also haben wir solche Kunststückchen bleiben lassen. Aber wir haben weitergekämpft, haben Sachen im Untergrund gemacht, bis vor ein paar Wochen. Da sind sie wohl zu der Überzeugung gekommen, dass es nur einen Weg gibt, mich zu stoppen, und sind zu Oma gegangen.«
»Sie sind was?«, sagten Harry, Ron und Hermine gleichzeitig.
»Jaah«, sagte Neville, der jetzt ein wenig schnaufte, weil der Gang so steil wurde, »also, ihr könnt verstehen, wie die ticken. Es hatte richtig gut funktioniert, Kinder zu entführen, um ihre Verwandten zu zwingen, sich zu benehmen, da war’s wohl bloß eine Frage der Zeit, bis sie es andersrum machten. Die Sache war nur«, er drehte sich zu ihnen um, und Harry sah verblüfft, dass er grinste, »die haben sich an Oma ziemlich die Zähne ausgebissen. Kleine alte Hexe, die allein lebt, haben sie sich wahrscheinlich gedacht, da braucht man keinen zu schicken, der besonders viel draufhat. Jedenfalls«, Neville lachte, »ist Dawlish immer noch im St. Mungo und Oma auf der Flucht. Sie hat mir einen Brief geschickt«, er klatschte mit der Hand auf die Brusttasche seines Umhangs, »und schreibt, dass sie stolz auf mich ist und dass ich ganz nach meinen Eltern schlage, und ich soll nicht lockerlassen.«
»Cool«, sagte Ron.
»Jaah«, sagte Neville glücklich. »Das Einzige war, dass sie, sobald ihnen klar wurde, dass sie mich nicht in der Hand hatten, zu dem Schluss kamen, Hogwarts könne eigentlich auch ohne mich auskommen. Ich weiß nicht, ob sie vorhatten, mich umzubringen oder nach Askaban zu schicken, auf jeden Fall wusste ich, dass es Zeit war, zu verschwinden.«
»Aber«, sagte Ron, der vollkommen verwirrt aussah, »gehen – gehen wir jetzt nicht geradewegs zurück nach Hogwarts?«
»’türlich«, erwiderte Neville. »Du wirst schon sehen. Wir sind da.«
Sie bogen um eine Ecke und nun lag das Ende des Durchgangs vor ihnen. Eine weitere kurze Treppe führte zu einer Tür genau wie die, die hinter Arianas Porträt versteckt war. Neville stieß sie auf und kletterte hindurch. Harry folgte ihm und hörte, wie Neville irgendwelchen Leuten, die er nicht sehen konnte, zurief: »Schaut mal, wer da kommt. Hab ich es euch nicht gesagt?«
Als Harry den Raum jenseits des Tunnels betrat, ertönten etliche Schreie und Rufe –
»HARRY!«
»Es ist Potter, es ist POTTER!«
»Ron!«
»Hermine!«
Er hatte einen verworrenen Eindruck von farbigen Wandbehängen, von Lampen und vielen Gesichtern. Im nächsten Moment wurden er, Ron und Hermine von etwa zwei Dutzend Leuten bestürmt, die sie umarmten, ihnen auf die Schultern schlugen, ihnen die Haare zerstrubbelten, die Hände schüttelten, als ob sie gerade ein Quidditch-Endspiel gewonnen hätten.
»Okay, okay, beruhigt euch!«, rief Neville, und als die Menge zurückwich, konnte Harry sich umsehen, wo sie gelandet waren.
Er erkannte den Raum überhaupt nicht. Er war riesig und wirkte eher wie das Innere eines ungewöhnlich luxuriösen Baumhauses oder die Kajüte eines gigantischen Schiffes. Bunte Hängematten waren an der Decke und an einer Galerie befestigt, die an den dunklen, holzgetäfelten und fensterlosen Wänden entlanglief, die mit hellen Wandteppichen bedeckt waren: Harry sah den goldenen Gryffindor-Löwen auf scharlachrotem Hintergrund prangen; den schwarzen Dachs von Hufflepuff auf gelbem und den bronzenen Adler von Ravenclaw auf blauem Grund. Nur das Silber und Grün von Slytherin fehlte. Es gab vollgestopfte Bücherregale, ein paar Besen lehnten an den Wänden, und in der Ecke stand ein großes Radio mit hölzernem Gehäuse.
»Wo sind wir?«
»Raum der Wünsche natürlich!«, sagte Neville. »Besser geht’s nicht, was? Die Carrows waren hinter mir her, und ich wusste, dass ich nur eine einzige Möglichkeit hatte, mich zu verstecken: Ich hab es geschafft, durch die Tür zu kommen, und das hier hab ich vorgefunden! Also, er sah nicht genauso aus wie jetzt, als ich ankam, er war viel kleiner, es gab nur eine Hängematte und nur Wandbehänge von Gryffindor. Aber er hat sich ausgedehnt, als immer mehr von der DA gekommen sind.«
»Und die Carrows können nicht rein?«, fragte Harry und sah sich nach der Tür um.
»Nein«, sagte Seamus Finnigan, den Harry erst jetzt erkannte, da er sprach: Seamus’ Gesicht war geschwollen und voll blauer Flecken. »Es ist ein gutes Versteck; solange einer von uns hier drinbleibt, kommen sie nicht an uns ran, die Tür geht nicht auf. Das ist alles Neville zu verdanken. Er hat diesen Raum wirklich im Griff. Du musst dir genau das wünschen, was du brauchst – zum Beispiel ›Ich will nicht, dass irgendwelche Carrow-Anhänger hier reinkommen‹ –, und der Raum macht es für dich! Man muss nur sichergehen, dass die Schlupflöcher verstopft sind! Neville ist unser Mann!«
»Es ist im Grunde ziemlich einfach«, sagte Neville bescheiden. »Ich war etwa anderthalb Tage hier drin und wurde so richtig hungrig und wünschte, ich könnte was zu essen bekommen, da hat sich der Tunnel zum Eberkopf geöffnet. Ich ging durch und hab Aberforth getroffen. Er versorgt uns mit Essen, denn das ist aus irgendeinem Grund das Einzige, was der Raum wirklich nicht tut.«
»Jaah, Essen ist eine der fünf Ausnahmen von Gamps Gesetz der Elementaren Transfiguration«, sagte Ron zum allgemeinen Erstaunen.
»Jedenfalls verstecken wir uns schon seit fast zwei Wochen hier«, sagte Seamus, »und jedes Mal, wenn wir mehr Hängematten brauchen, macht der Raum einfach noch welche, und er hat sogar ein ziemlich gutes Bad sprießen lassen, sobald Mädchen aufgetaucht sind –«
»– die dachten, sie würden sich ganz gern waschen, ja«, ergänzte Lavender Brown, die Harry bis dahin nicht bemerkt hatte. Nun, da er sich richtig umsah, erkannte er viele vertraute Gesichter. Beide Patil-Zwillinge waren da, wie auch Terry Boot, Ernie Macmillan, Anthony Goldstein und Michael Corner.
»Aber erzählt uns, was ihr vorhattet«, sagte Ernie, »es gab so viele Gerüchte, wir haben versucht, auf PotterWatch was über euch zu erfahren.« Er wies auf das Radio. »Ihr seid doch nicht in Gringotts eingebrochen?«
»Doch!«, sagte Neville. »Und das mit dem Drachen stimmt auch!«
Es gab von verschiedenen Seiten Beifall und einiges Gejohle; Ron machte eine Verbeugung.
»Auf was wart ihr aus?«, fragte Seamus begierig.
Ehe einer von ihnen die Frage mit einer Gegenfrage abschmettern konnte, spürte Harry einen fürchterlichen, brennenden Schmerz in der Blitznarbe. Rasch kehrte er den neugierigen und freudestrahlenden Gesichtern den Rücken zu, der Raum der Wünsche verschwand, und er stand in einer verfallenen Steinhütte, die fauligen Dielen zu seinen Füßen waren auseinandergerissen, ein ausgegrabenes goldenes Kästchen lag offen und leer neben dem Loch, und Voldemorts zorniger Schrei erschütterte seinen Kopf.
Mit gewaltiger Mühe zog er sich aus Voldemorts Geist heraus, zurück in den Raum der Wünsche, wo er schwankend und mit schweißüberströmtem Gesicht dastand und von Ron auf den Beinen gehalten wurde.
»Alles in Ordnung mit dir, Harry?«, fragte Neville. »Möchtest du dich hinsetzen? Ich schätze, du bist müde, oder –?«
»Nein«, sagte Harry. Er sah Ron und Hermine an und versuchte, ihnen wortlos zu verstehen zu geben, dass Voldemort gerade den Verlust eines der anderen Horkruxe entdeckt hatte. Die Zeit wurde nun knapp: Wenn Voldemort beschloss, als Nächstes nach Hogwarts zu kommen, dann hätten sie ihre Chance verpasst.
»Wir müssen los«, sagte er und las in ihren Gesichtern, dass sie begriffen hatten.
»Und was sollen wir tun, Harry?«, fragte Seamus. »Wie lautet der Plan?«
»Plan?«, wiederholte Harry. Er bot all seine Willenskraft auf, um nicht wieder Voldemorts Zorn nachzugeben: Seine Narbe brannte immer noch. »Also, es gibt etwas, das wir – Ron, Hermine und ich – erledigen müssen, und dann verschwinden wir von hier.«
Nun lachte oder johlte keiner mehr. Neville schien verwirrt.
»Was soll das heißen, von hier verschwinden?«
»Wir sind nicht zurückgekommen, um hierzubleiben«, sagte Harry, während er sich die Narbe rieb, um den Schmerz zu lindern. »Es gibt etwas Wichtiges, das wir tun müssen –«
»Was denn?«
»Das – das kann ich euch nicht sagen.«
Darauf ging ein leises Murren durch die Runde: Nevilles Augenbrauen zogen sich zusammen.
»Warum kannst du es uns nicht sagen? Es hat was mit dem Kampf gegen Du-weißt-schon-wen zu tun, stimmt’s?«
»Nun, jaah –«
»Dann helfen wir dir.«
Die anderen Mitglieder von Dumbledores Armee nickten, manche begeistert, andere ernst. Einige erhoben sich von ihren Stühlen, um ihre Bereitschaft zu bekunden, sofort loszulegen.
»Ihr versteht nicht.« Harry kam es vor, als hätte er das in den letzten paar Stunden häufig gesagt. »Wir – wir können es euch nicht sagen. Wir müssen es – alleine tun.«
»Warum?«, fragte Neville.
»Weil …« Harry war so erpicht darauf, die Suche nach dem fehlenden Horkrux zu beginnen oder zumindest mit Ron und Hermine allein darüber zu sprechen, wo sie damit anfangen sollten, dass es ihm schwerfiel, seine Gedanken zu sammeln. Seine Narbe brannte nach wie vor. »Dumbledore hat uns dreien eine Aufgabe hinterlassen«, sagte er vorsichtig, »und wir sollen nicht darüber reden – ich meine, er wollte, dass wir es tun, nur wir drei.«
»Wir sind seine Armee«, sagte Neville. »Dumbledores Armee. Wir waren da alle gemeinsam drin, wir haben damit weitergemacht, während ihr drei ohne uns weg wart –«
»Es war nicht gerade ein Picknick, Mann«, sagte Ron.
»Das hab ich nicht behauptet, aber ich verstehe nicht, warum ihr uns nicht vertrauen könnt. Jeder in diesem Raum hat gekämpft, und alle mussten hier rein, weil die Carrows Jagd auf sie gemacht haben. Jeder hier drin hat bewiesen, dass er zu Dumbledore hält – zu euch hält.«
»Sieh mal«, begann Harry, ohne zu wissen, was er sagen würde, doch es spielte keine Rolle: In diesem Moment hatte sich die Tür zum Tunnel hinter ihm geöffnet.
»Wir haben deine Nachricht bekommen, Neville! Hallo, ihr drei, ich dachte mir schon, dass ihr hier sein müsst!«
Es waren Luna und Dean. Seamus brüllte laut vor Freude und rannte los, um seinen besten Freund zu umarmen.
»Hi, alle zusammen!«, rief Luna glücklich. »Oh, ist es toll, wieder hier zu sein!«
»Luna«, sagte Harry irritiert, »was machst du denn hier? Wie bist du –?«
»Ich hab sie gerufen«, sagte Neville und hielt die falsche Galleone hoch. »Ich hab ihr und Ginny versprochen, dass ich ihnen Bescheid geben würde, wenn ihr auftaucht. Wir dachten alle, dass es Revolution bedeutet, wenn ihr zurückkommt. Dass wir dann Snape und die Carrows stürzen.«
»Natürlich bedeutet es das«, sagte Luna munter. »Stimmt doch, Harry, oder? Wir vertreiben sie aus Hogwarts?«
»Hört zu«, sagte Harry mit wachsender Panik. »Es tut mir leid, aber deswegen sind wir nicht zurückgekommen. Wir müssen etwas erledigen, und dann –«
»Wollt ihr uns in diesem Schlamassel zurücklassen?«, fragte Michael Corner.
»Nein!«, sagte Ron. »Was wir tun, wird am Ende allen nützen, es geht einzig und allein darum, Du-weißt-schon-wen loszuwerden –«
»Dann lasst uns helfen!«, erwiderte Neville wütend. »Wir wollen dabei sein!«
Hinter ihnen waren erneut Geräusche zu hören und Harry wandte sich um. Das Herz schien ihm zu stocken: Ginny kletterte gerade durch das Loch in der Wand, dicht gefolgt von Fred, George und Lee Jordan. Sie schenkte Harry ein strahlendes Lächeln: Er hatte vergessen oder nie richtig wahrgenommen, wie hübsch sie war, aber er hatte sich noch nie so wenig gefreut, sie zu sehen.
»Aberforth wird allmählich ’n bisschen fuchsig«, sagte Fred und hob die Hand, um einige Willkommensrufe zu quittieren. »Er will ’ne Runde pennen, aber seine Kneipe hat sich in einen Bahnhof verwandelt.«
Harry klappte der Mund auf. Gleich hinter Lee Jordan kam Harrys Exfreundin Cho Chang zum Vorschein. Sie lächelte ihn an.
»Ich hab die Nachricht bekommen«, sagte sie, hielt ihre falsche Galleone hoch und ging zu Michael Corner hinüber, um sich neben ihn zu setzen.
»Also, wie lautet der Plan, Harry?«, fragte George.
»Es gibt keinen«, sagte Harry, noch immer verwirrt über das plötzliche Erscheinen all dieser Leute und nicht in der Lage, all das zu bewältigen, während seine Narbe weiterhin so heftig brannte.
»Dann lassen wir uns einfach unterwegs einen einfallen, oder? Solche Pläne mag ich am liebsten«, sagte Fred.
»Du musst das hier stoppen!«, sagte Harry zu Neville. »Wozu hast du sie alle zurückgerufen? Das ist Irrsinn –«
»Wir kämpfen, oder etwa nicht?«, fragte Dean und holte seine falsche Galleone hervor. »In der Nachricht hieß es, dass Harry zurück ist und dass wir kämpfen werden! Allerdings brauch ich noch einen Zauberstab –«
»Du hast keinen Zauberstab –?«, begann Seamus.
Plötzlich drehte sich Ron zu Harry um.
»Warum können sie denn nicht helfen?«
»Was?«
»Sie können helfen.« Er senkte die Stimme und sagte so leise, dass außer Hermine, die zwischen ihnen stand, niemand von den anderen ihn hören konnte: »Wir wissen nicht, wo er ist. Wir müssen ihn schnell finden. Wir müssen ihnen ja nicht sagen, dass es ein Horkrux ist.«
Harry blickte von Ron zu Hermine, die jetzt murmelte: »Ich glaube, Ron hat Recht. Wir wissen nicht mal, wonach wir suchen, wir brauchen die anderen.« Und als Harry wenig überzeugt dreinsah, fuhr sie fort: »Du musst nicht alles alleine machen, Harry.«
Harry überlegte rasch, seine Narbe kribbelte immer noch, sein Kopf drohte erneut zu zerspringen. Dumbledore hatte ihn davor gewarnt, außer Ron und Hermine sonst noch jemandem von den Horkruxen zu erzählen. Geheimnisse und Lügen, damit sind wir aufgewachsen, und Albus … der war ein Naturtalent … Verwandelte er sich nun allmählich in Dumbledore, der mit seinen Geheimnissen nicht herausrückte, aus lauter Angst, jemandem zu vertrauen? Aber Dumbledore hatte Snape vertraut, und wozu hatte das geführt? Zum Mord oben auf dem höchsten Turm …
»Na gut«, sagte er leise zu den beiden anderen. »Okay«, rief er in die Menge, und aller Lärm verebbte: Fred und George, die zur Erheiterung ihrer Nachbarn Witze gerissen hatten, verstummten, und alle sahen wachsam und aufgeregt aus.
»Es gibt etwas, das wir finden müssen«, sagte Harry. »Etwas – etwas, das uns helfen wird, Du-weißt-schon-wen zu stürzen. Es ist hier in Hogwarts, aber wir wissen nicht wo. Es könnte Ravenclaw gehört haben. Hat irgendjemand schon mal von so einem Gegenstand gehört? Ist irgendjemand mal auf etwas gestoßen, auf dem zum Beispiel ihr Adler war?«
Er blickte hoffnungsvoll zu dem Grüppchen der Ravenclaws, zu Padma, Michael, Terry und Cho, doch es war die auf der Armlehne von Ginnys Stuhl sitzende Luna, die antwortete.
»Also, da wäre ihr verschollenes Diadem. Ich hab dir davon erzählt, weißt du noch, Harry? Das verschollene Diadem von Ravenclaw? Daddy versucht, es nachzubilden.«
»Jaah, aber das verschollene Diadem«, sagte Michael Corner und verdrehte die Augen, »ist verschollen, Luna. Das ist irgendwie der springende Punkt.«
»Wann ging es verloren?«, fragte Harry.
»Vor Jahrhunderten, heißt es«, sagte Cho und Harry sank der Mut. »Professor Flitwick meint, dass das Diadem mit Ravenclaw selbst verschwunden ist. Man hat danach gesucht, aber«, sie wandte sich mit fragendem Blick an die anderen Ravenclaws, »niemand hat je eine Spur davon gefunden, oder?«
Sie alle schüttelten die Köpfe.
»’tschuldigung, aber was ist ein Diadem?«, fragte Ron.
»Es ist eine Art Krone«, sagte Terry Boot. »Das von Ravenclaw hatte angeblich magische Eigenschaften, es konnte dem Träger höhere Weisheit verleihen.«
»Ja, die Schlickschlupf-Absauger von Daddy –«
Aber Harry schnitt Luna das Wort ab.
»Und niemand von euch hat jemals etwas gesehen, was so ausschaut?«
Wiederum schüttelten alle die Köpfe. Harry blickte Ron und Hermine an und sah seine eigene Enttäuschung in ihren Gesichtern widergespiegelt. Ein Gegenstand, der schon so lange verschollen war, und offenbar spurlos, schien kein guter Kandidat für den Horkrux zu sein, der im Schloss verborgen war … Ehe Harry jedoch eine weitere Frage formulieren konnte, ergriff Cho erneut das Wort.
»Wenn du wissen möchtest, wie das Diadem ausgesehen haben soll, könnte ich mit dir in unseren Gemeinschaftsraum hochgehen und es dir zeigen, Harry. Ravenclaw trägt es auf ihrer Statue.«
Harrys Narbe flammte abermals auf: Für einen Moment verschwamm der Raum der Wünsche vor seinen Augen, und stattdessen sah er die dunkle Erde unter sich dahingleiten und spürte die große Schlange, die sich um seine Schultern gelegt hatte. Voldemort flog wieder, ob nun zu dem unterirdischen See oder hierher zum Schloss, das wusste Harry nicht: Wie auch immer, es blieb wenig Zeit.
»Er ist unterwegs«, sagte er leise zu Ron und Hermine. Er warf einen kurzen Blick auf Cho, dann wandte er sich erneut den beiden zu. »Hört zu, ich weiß, es wird nicht viel helfen, aber ich geh und schau mir diese Statue an, dann weiß ich wenigstens, wie das Diadem aussieht. Wartet hier auf mich und passt auf, dass – das andere – ihr wisst schon, sicher ist.«
Cho war aufgestanden, aber Ginny sagte recht bissig: »Nein, Luna geht mit Harry, nicht wahr, Luna?«
»Oooh, ja, gerne«, sagte Luna glücklich und Cho setzte sich mit enttäuschter Miene wieder hin.
»Wie kommen wir hier raus?«, fragte Harry Neville.
»Dort drüben.«
Er ging mit Harry und Luna zu einer Ecke, wo sich ein kleiner Schrank zu einer steilen Treppe hin öffnete.
»Sie führt jeden Tag irgendwo anders hin, deswegen haben sie sie nie gefunden«, sagte Neville. »Das Dumme ist nur, dass wir nie genau wissen, wo wir landen, wenn wir rausgehen. Sei vorsichtig, Harry, nachts patrouillieren sie immer in den Korridoren.«
»Kein Problem«, sagte Harry. »Wir sehen uns später.«
Er und Luna eilten die lange Treppe hoch, die von Fackeln erleuchtet war und an unerwarteten Stellen um Ecken bog. Schließlich gelangten sie zu einer scheinbar massiven Wand.
»Komm hier drunter«, sagte Harry zu Luna, zog den Tarnumhang hervor und warf ihn über sie beide. Er gab der Wand einen kleinen Schubs.
Bei seiner Berührung löste sie sich auf und sie schlüpften hinaus. Als Harry zurückschaute, stellte er fest, dass sie sich augenblicklich wieder geschlossen hatte. Sie standen in einem dunklen Korridor: Harry zog Luna zurück in die Schatten, tastete in dem Beutel herum, der um seinen Hals hing, und zog die Karte des Rumtreibers heraus. Er hielt sie sich dicht vor die Nase, suchte und fand endlich seinen und Lunas Punkt.
»Wir sind oben im fünften Stock«, flüsterte er und sah zu, wie Filch sich, einen Korridor weiter, von ihnen entfernte. »Komm, hier lang.«
Sie schlichen los.
Harry war schon oft nachts durch das Schloss gestreift, doch noch nie hatte sein Herz so schnell gehämmert, noch nie hatte so viel davon abgehangen, dass er sicher durchkam. Über Mondlichtvierecke auf dem Boden, an Rüstungen vorbei, deren Helme beim Geräusch ihrer leisen Schritte quietschten, um Ecken herum, hinter denen wer weiß was lauerte, gingen Harry und Luna dahin, sie sahen auf der Karte des Rumtreibers nach, wann immer es hell genug dafür war, und hielten zweimal inne, um nicht von einem vorbeikommenden Gespenst bemerkt zu werden. Harry rechnete damit, jeden Moment auf ein Hindernis zu stoßen; seine größte Sorge war Peeves, und er spitzte bei jedem Schritt die Ohren, um die ersten verräterischen Zeichen des näher kommenden Poltergeists zu hören.
»Hier lang, Harry«, hauchte Luna, zupfte an seinem Ärmel und zog ihn zu einer Wendeltreppe.
In engen, Schwindel erregenden Kreisen stiegen sie hinauf; hier oben war Harry noch nie gewesen. Endlich gelangten sie zu einer Tür. Sie hatte keine Klinke und kein Schlüsselloch: Da war nichts als eine glatte Fläche aus altem Holz mit einem bronzenen Türklopfer in Form eines Adlers.
Luna streckte eine blasse Hand aus, die schaurig in der Luft zu schweben schien, ohne einen zugehörigen Arm oder Körper. Sie klopfte ein Mal und in der Stille kam es Harry vor wie ein Kanonenschlag. Sofort öffnete sich der Schnabel des Adlers, doch statt eines Vogelschreis hörten sie eine leise, melodische Stimme: »Was war zuerst da, der Phönix oder die Flamme?«
»Hmm … was meinst du, Harry?«, sagte Luna mit nachdenklicher Miene.
»Was? Gibt es nicht einfach ein Passwort?«
»O nein, man muss eine Frage beantworten«, sagte Luna.
»Und wenn man falsch antwortet?«
»Tja, dann muss man auf jemand anderen warten, der es richtig macht«, sagte Luna. »Auf diese Weise lernt man was, verstehst du?«
»Jaah … das Problem ist nur, dass wir es uns eigentlich nicht leisten können, auf jemand anderen zu warten, Luna.«
»Nein, ich verstehe, was du meinst«, sagte Luna ernst. »Also dann, ich glaube, die Antwort ist, dass ein Kreis keinen Anfang hat.«
»Gut überlegt«, sagte die Stimme und die Tür schwang auf.
Der verlassene Gemeinschaftsraum der Ravenclaws war groß und kreisförmig, luftiger als jeder andere Raum, den Harry je in Hogwarts gesehen hatte. Die Mauern, an denen blaue und bronzene Seidenbanner hingen, waren mit anmutigen Bogenfenstern versehen: Tagsüber hatten die Ravenclaws sicher eine überwältigende Aussicht auf die umliegenden Berge. Die Decke war kuppelförmig und mit Sternen bemalt, die auf dem mitternachtsblauen Teppich wiederauftauchten. Es gab Tische, Sessel und Bücherschränke, und in einer Nische gegenüber der Tür stand eine große weiße Marmorstatue.
Harry erkannte Rowena Ravenclaw von der Büste her, die er bei Luna zu Hause gesehen hatte. Die Statue stand neben einer Tür, die, wie er vermutete, nach oben zu den Schlafsälen führte. Er ging geradewegs auf die marmorne Frau zu, und sie schien seinen Blick mit einem angedeuteten spöttischen Lächeln im Gesicht zu erwidern, schön, doch ein wenig einschüchternd. Ein zerbrechlich wirkender Schmuckreif war in Marmor auf ihrem Kopf nachgebildet worden. Er war dem Diadem nicht unähnlich, das Fleur bei ihrer Hochzeit getragen hatte. Winzige Worte waren darin eingraviert. Harry trat unter dem Tarnumhang hervor, stieg auf Ravenclaws Sockel und las sie vor.
»Witzigkeit im Übermaß ist des Menschen größter Schatz.«
»Was dich ziemlich alt aussehen lässt, du Witzloser«, sagte eine gackernde Stimme.
Harry wirbelte herum, rutschte vom Sockel und landete auf dem Boden. Alecto Carrows Gestalt mit den hängenden Schultern stand vor ihm, und gerade als Harry seinen Zauberstab erhob, drückte sie einen stummeligen Zeigefinger auf den Schädel und die Schlange, die in ihren Unterarm eingebrannt waren.
Der Rauswurf von Severus Snape
Sobald ihr Finger das Mal berührte, brannte Harrys Narbe grausam, der Raum voller Sterne löste sich auf, und er stand auf einem Felsblock unter einer Klippe, die See umtoste ihn, und sein Herz war siegestrunken – Sie haben den Jungen.
Ein lauter Knall holte Harry dorthin zurück, wo er stand: Verwirrt hob er seinen Zauberstab, doch die Hexe vor ihm kippte schon vornüber; sie schlug so hart auf den Boden, dass die Scheiben der Bücherschränke klirrten.
»Ich hab noch nie jemand geschockt, außer in unseren DA-Stunden«, sagte Luna und klang dabei mäßig interessiert. »Das hat mehr Krach gemacht, als ich gedacht hätte.«
Und tatsächlich, die Decke hatte zu zittern angefangen. Das Geräusch hastiger, dröhnender Schritte drang immer lauter durch die Tür, die zu den Schlafsälen führte: Lunas Zauber hatte Ravenclaws geweckt, die oben schliefen.
»Luna, wo bist du? Ich muss unter den Tarnumhang!«
Lunas Füße erschienen aus dem Nichts; er trat eilends an ihre Seite, und kaum hatte sie den Tarnumhang über sie beide fallen lassen, ging die Tür auf und ein Strom von Ravenclaws, alle in Schlafanzügen, ergoss sich in den Gemeinschaftsraum. Sie keuchten und stießen überraschte Schreie aus, als sie Alecto ohnmächtig daliegen sahen. Langsam schlurften sie um sie herum wie um ein wildes Tier, das jeden Moment aufwachen und sie angreifen könnte. Dann schoss ein mutiger Erstklässler auf sie zu und stieß ihr mit seinem großen Zeh in den Hintern.
»Ich glaub, sie ist vielleicht tot!«, rief er vergnügt.
»Oh, sieh mal«, flüsterte Luna glücklich, während die Ravenclaws sich nun alle dicht um Alecto drängten. »Die freuen sich!«
»Jaah … toll …«
Harry machte die Augen zu, und während seine Narbe pochte, beschloss er, wieder in Voldemorts Geist einzutauchen … er drang durch den Tunnel in die erste Höhle … er hatte beschlossen, sich Gewissheit über das Medaillon zu verschaffen, bevor er kommen würde … aber dafür würde er nicht lange brauchen …
An der Tür des Gemeinschaftsraums klopfte es und alle Ravenclaws erstarrten. Von der anderen Seite her hörte Harry die leise, melodische Stimme, die von dem Türklopfer in Adlergestalt stammte: »Wo gehen verschwundene Gegenstände hin?«
»Was weiß denn ich? Halt’s Maul!«, knurrte jemand, und Harry erkannte die ordinäre Stimme von Amycus, dem Bruder von Alecto Carrow. »Alecto? Alecto? Bist du dadrin? Hast du ihn? Mach die Tür auf!«
Die Ravenclaws tuschelten entsetzt miteinander. Dann, ohne Vorwarnung, knallten eine Reihe heftiger Schläge, als ob jemand mit einem Gewehr auf die Tür schießen würde.
»ALECTO! Wenn er kommt und wir haben Potter nicht – willst du das Gleiche erleben wie die Malfoys? ANTWORTE MIR!« Amycus brüllte und trommelte mit aller Macht gegen die Tür, die sich dennoch nicht öffnete. Die Ravenclaws wichen alle zurück, einige so verängstigt, dass sie die Treppe wieder hochhasteten zu ihren Betten. Dann, als Harry sich gerade fragte, ob er nicht die Tür aufsprengen und Amycus schocken sollte, ehe der Todesser noch etwas anderes unternehmen konnte, ertönte eine zweite, höchst vertraute Stimme hinter der Tür.
»Darf ich fragen, was Sie da tun, Professor Carrow?«
»Ich versuche – durch diese – verdammte Tür – zu kommen!«, rief Amycus. »Gehen Sie und holen Sie Flitwick! Holen Sie ihn, damit er sie öffnet, sofort!«
»Aber ist nicht Ihre Schwester dort drin?«, fragte Professor McGonagall. »Hat Professor Flitwick sie nicht auf Ihre dringende Bitte hin eingelassen, heute früher am Abend? Vielleicht kann sie Ihnen die Tür öffnen? Dann müssten Sie nicht das halbe Schloss aufwecken.«
»Die antwortet ja nicht, Sie alter Besen! Machen Sie doch auf! Na los! Tun Sie’s, und zwar sofort!«
»Gewiss, wenn Sie es wünschen«, sagte Professor McGonagall mit schneidender Kälte. Ein sanfter Schlag des Türklopfers war zu hören und die melodische Stimme fragte erneut: »Wo gehen verschwundene Gegenstände hin?«
»Ins Nicht-Sein, das heißt in alles«, antwortete Professor McGonagall.
»Hübsch gesagt«, erwiderte der Adler-Türklopfer und die Tür schwang auf.
Die wenigen Ravenclaws, die noch da waren, spurteten zur Treppe, als Amycus, mit dem Zauberstab fuchtelnd, über die Schwelle stürmte. Er war gedrungen wie seine Schwester, hatte ein farbloses, teigiges Gesicht und winzige Augen, die sich sofort auf die reglos am Boden ausgestreckte Alecto richteten. Voll Zorn und Angst schrie er auf.
»Was haben sie getan, diese kleinen Bälger?«, schrie er. »Die kriegen alle miteinander den Cruciatus von mir zu spüren, bis sie mir verraten, wer das war – und was wird bloß der Dunkle Lord sagen?«, kreischte er über seiner Schwester stehend und schlug sich mit der Faust gegen die Stirn. »Er ist uns entwischt und die haben sie jetzt auch noch umgebracht!«
»Sie steht lediglich unter einem Schockzauber«, sagte Professor McGonagall ungeduldig, die sich gebückt hatte, um Alecto zu untersuchen. »Sie wird bald wieder bei bester Gesundheit sein.«
»Nein, zum Henker noch mal, wird sie nicht!«, brüllte Amycus. »Nicht, wenn der Dunkle Lord sie zu fassen kriegt! Sie hat doch nach ihm gerufen, ich hab gespürt, wie mein Mal gebrannt hat, und er glaubt, dass wir Potter haben!«
»›Potter haben‹?«, sagte Professor McGonagall scharf. »Was soll das heißen, ›Potter haben‹?«
»Er hat uns gesagt, dass Potter vielleicht versucht, in den Ravenclaw-Turm reinzukommen, und dass wir ihn rufen sollen, wenn wir ihn gefasst haben!«
»Warum sollte Potter versuchen, in den Ravenclaw-Turm hineinzukommen? Potter gehört in mein Haus!«
In ihrer Stimme voller Zweifel und Wut hörte Harry einen leisen Anflug von Stolz, und jähe Zuneigung für Minerva McGonagall flammte in ihm auf.
»Wir haben gesagt gekriegt, dass er vielleicht hier reinkommt!«, sagte Carrow. »Keine Ahnung, warum, woher auch?«
Professor McGonagall stand auf und suchte mit ihren glänzenden Knopfaugen den Raum ab. Zweimal wanderte ihr Blick direkt über die Stelle, wo Harry und Luna standen.
»Wir können es auf die Kinder schieben«, sagte Amycus und sein schweineähnliches Gesicht wirkte plötzlich verschlagen. »Jaah, das machen wir. Wir sagen, dass Alecto von den Kindern überfallen wurde, von diesen Kindern da oben«, er blickte hoch zu der Sternendecke in Richtung Schlafsäle, »und wir sagen, die hätten sie gezwungen, auf ihr Mal zu drücken, und deshalb hat er einen falschen Alarm gekriegt … dann kann er die bestrafen. Paar Kinder mehr oder weniger, was macht das schon für ’n Unterschied?«
»Nur den Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge, Mut und Feigheit«, sagte Professor McGonagall, die erblasst war, »kurz, einen Unterschied, den Sie und Ihre Schwester offenbar nicht zu schätzen wissen. Aber lassen Sie mich eines absolut klarstellen. Sie werden Ihre vielen Unzulänglichkeiten nicht den Schülern von Hogwarts in die Schuhe schieben. Das werde ich nicht zulassen.«
»Wie bitte?«
Amycus trat vor, bis er Professor McGonagall unangenehm nahe war, sein Gesicht Zentimeter von ihrem entfernt. Sie weigerte sich, zurückzuweichen, und blickte stattdessen auf ihn hinab, als wäre er etwas Widerliches, das sie an einer Klobrille klebend gefunden hatte.
»Es geht nicht darum, was Sie zulassen, Minerva McGonagall. Ihre Zeit ist vorbei. Jetzt haben wir hier das Kommando, und Sie werden mich unterstützen, oder Sie bezahlen den Preis.«
Und er spuckte ihr ins Gesicht.
Harry zerrte den Tarnumhang von sich, hob seinen Zauberstab und sagte: »Das hätten Sie nicht tun sollen.«
Als Amycus herumwirbelte, rief Harry: »Crucio!«
Der Todesser wurde von den Füßen gerissen. Er krümmte sich in der Luft wie ein Ertrinkender, schlug um sich und heulte vor Schmerz, und dann donnerte er mit einem Knirschen und Splittern in die Scheibe eines Bücherschranks und brach bewusstlos am Boden zusammen.
»Ich hab verstanden, was Bellatrix meinte«, sagte Harry, während ihm das Blut durch den Kopf schoss, »man muss es auch wirklich so meinen.«
»Potter!«, flüsterte Professor McGonagall und griff sich ans Herz. »Potter – Sie sind hier! Was –? Wie –?« Mühsam rang sie um Fassung. »Potter, das war töricht!«
»Er hat Sie angespuckt«, sagte Harry.
»Potter, ich – das war sehr – sehr ritterlich von Ihnen – aber ist Ihnen nicht klar –?«
»O doch«, versicherte ihr Harry. Irgendwie machte ihn ihre Panik ruhiger. »Professor McGonagall, Voldemort ist auf dem Weg.«
»Oh, dürfen wir jetzt den Namen sagen?«, fragte Luna mit interessierter Miene und zog den Tarnumhang aus. Dass noch ein zweiter Geächteter auftauchte, war offenbar zu viel für Professor McGonagall, die sich an den Kragen ihres alten schottengemusterten Morgenmantels klammerte, rückwärtswankte und in einen nahen Sessel fiel.
»Ich glaube, es ist egal, wie wir ihn nennen«, sagte Harry zu Luna, »er weiß schon, wo ich bin.«
Irgendwo tief in seinem Gehirn, in jenem Teil, der mit der entzündeten, brennenden Narbe verbunden war, konnte Harry sehen, wie Voldemort in dem geisterhaft grünen Boot schnell über den dunklen See fuhr … fast hatte er die Insel erreicht, auf der das steinerne Becken stand …
»Sie müssen fliehen«, flüsterte Professor McGonagall. »Sofort, Potter, so rasch wie möglich!«
»Ich kann nicht«, sagte Harry. »Es gibt etwas, das ich tun muss. Professor, wissen Sie, wo das Diadem von Ravenclaw ist?«
»Das D-Diadem von Ravenclaw? Natürlich nicht – ist es nicht seit Jahrhunderten verschollen?« Sie setzte sich ein wenig aufrechter hin. »Potter, es war Wahnsinn, heller Wahnsinn, dass Sie das Schloss betreten haben –«
»Ich musste es tun«, sagte Harry. »Professor, hier ist etwas versteckt, das ich finden soll, und es könnte das Diadem sein – wenn ich nur mit Professor Flitwick sprechen könnte –«
Ein Geräusch war zu hören, Glas klirrte: Amycus kam wieder zu sich. Ehe Harry oder Luna etwas tun konnten, erhob sich Professor McGonagall, richtete ihren Zauberstab auf den schwer angeschlagenen Todesser und sagte: »Imperio.«
Amycus stand auf, ging hinüber zu seiner Schwester, hob ihren Zauberstab auf, schleppte sich dann gehorsam zu Professor McGonagall und überreichte ihr den Zauberstab mitsamt seinem eigenen. Dann legte er sich auf den Boden neben Alecto. Professor McGonagall schwang erneut ihren Zauberstab, und ein schimmerndes, silbernes Stück Seil erschien aus dem Nichts, schlang sich um die Carrows und band sie fest zusammen.
»Potter«, sagte Professor McGonagall und wandte sich wieder Harry zu, mit großartiger Gleichgültigkeit dem Geschick der Carrows gegenüber, »wenn Er, dessen Name nicht genannt werden darf, tatsächlich weiß, dass Sie hier sind –«
Während sie sprach, loderte Zorn durch Harry wie körperlicher Schmerz, setzte seine Narbe in Brand, und für eine Sekunde blickte er hinab auf ein Becken, dessen Zaubertrank klar geworden war, und sah, dass kein goldenes Medaillon sicher unten am Boden lag –
»Potter, alles in Ordnung mit Ihnen?«, sagte eine Stimme und Harry kehrte zurück: Er klammerte sich an Lunas Schulter, um sich im Gleichgewicht zu halten.
»Die Zeit wird knapp, Voldemort kommt näher. Professor, ich handle nach Dumbledores Anordnungen, ich muss das finden, was ich für ihn finden soll! Aber wir müssen die Schüler rausschaffen, während ich das Schloss durchsuche – ich bin es, den Voldemort haben will, aber es wird ihn nicht kümmern, ob er ein paar mehr oder weniger umbringt, nicht jetzt –« Nicht jetzt, da er weiß, dass ich Horkruxe angreife, beendete Harry den Satz im Stillen.
»Sie handeln nach Dumbledores Anordnungen?«, wiederholte sie, mit wachsender Verwunderung. Dann richtete sie sich zu ihrer vollen Größe auf.
»Wir werden die Schule gegen Ihn, dessen Name nicht genannt werden darf, sichern, während Sie nach diesem – diesem Gegenstand suchen.«
»Ist das möglich?«
»Ich denke schon«, sagte Professor McGonagall trocken, »wir Lehrer sind ziemlich gut in Zauberei, wissen Sie. Ich bin überzeugt davon, dass wir ihn eine Zeit lang aufhalten können, wenn wir alle unsere gesamten Kräfte einsetzen. Natürlich muss sich jemand um Professor Snape kümmern –«
»Lassen Sie mich –«
»– und wenn sich Hogwarts nun, da der Dunkle Lord vor den Toren steht, für eine Belagerung rüstet, wäre es tatsächlich ratsam, so viele Unschuldige wie möglich in Sicherheit zu bringen. Da das Flohnetzwerk unter Beobachtung steht und Apparieren auf dem Gelände unmöglich ist –«
»Es gibt einen Weg«, sagte Harry rasch und berichtete von dem Tunnel, der in den Eberkopf führte.
»Potter, wir sprechen hier von Hunderten von Schülern –«
»Ich weiß, Professor, aber wenn Voldemort und die Todesser sich auf die Grenzen der Schule konzentrieren, wird sie jemand, der aus dem Eberkopf disappariert, nicht interessieren.«
»Da ist etwas dran«, stimmte sie zu. Sie richtete ihren Zauberstab auf die Carrows, und ein silbernes Netz fiel über ihre gefesselten Körper, schlang sich um sie und zog sie hoch unter die blau-goldene Decke, wo sie wie zwei große hässliche Meerungeheuer vor sich hin baumelten. »Kommen Sie. Wir müssen die anderen Hauslehrer alarmieren. Sie ziehen am besten wieder diesen Umhang an.«
Sie marschierte zur Tür und hob dabei ihren Zauberstab empor. Aus seiner Spitze brachen drei silberne Katzen mit Brillenzeichnung um die Augen hervor. Die Patroni rannten geschmeidig voraus und erfüllten die Wendeltreppe mit silbrigem Licht, während Professor McGonagall, Harry und Luna nach unten zurückeilten.
Sie jagten durch die Korridore und ein Patronus nach dem anderen verließ sie; Professor McGonagalls schottengemusterter Morgenmantel raschelte über den Boden, und Harry und Luna hasteten unter dem Tarnumhang hinter ihr her.
Sie waren zwei weitere Stockwerke hinabgestiegen, als sich ein neues Paar Füße unauffällig zu ihnen gesellte: Harry, dessen Narbe immer noch ziepte, hörte es zuerst. Er stöberte in dem Beutel um seinen Hals nach der Karte des Rumtreibers, doch ehe er sie herausholen konnte, schien auch McGonagall zu bemerken, dass sie nicht mehr allein waren. Sie blieb stehen, hob ihren Zauberstab, bereit zum Duell, und sagte: »Wer da?«
»Ich bin es«, sagte eine leise Stimme.
Hinter einer Rüstung trat Severus Snape hervor.
Bei seinem Anblick kochte Hass in Harry hoch: Snapes Verbrechen waren so ungeheuerlich gewesen, dass Harry vergessen hatte, wie er genau aussah, er hatte vergessen, dass ihm die fettigen schwarzen Haare wie Vorhänge um das schmale Gesicht fielen, dass seine schwarzen Augen einen toten, kalten Ausdruck hatten. Er trug keinen Schlafanzug, sondern war in seinen üblichen schwarzen Umhang gekleidet, und auch er hielt seinen Zauberstab kampfbereit.
»Wo sind die Carrows?«, fragte er ruhig.
»Vermutlich dort, wo immer Sie die beiden auch hinbefohlen haben, Severus«, sagte Professor McGonagall.
Snape trat näher, und sein Blick huschte über Professor McGonagall und durch die Luft um sie herum, als ob er wüsste, dass Harry da war. Auch Harry hielt seinen Zauberstab empor, bereit zum Angriff.
»Ich hatte den Eindruck«, sagte Snape, »dass Alecto einen Eindringling gefasst hätte.«
»Tatsächlich?«, sagte Professor McGonagall. »Und was vermittelte Ihnen diesen Eindruck?«
Snape winkelte leicht seinen linken Arm an, wo das Dunkle Mal in seine Haut gebrannt war.
»Oh, aber natürlich«, erwiderte Professor McGonagall. »Todesser wie Sie haben ihre ganz eigenen Mittel und Wege, miteinander in Verbindung zu treten, das hatte ich vergessen.«
Snape tat, als hätte er sie nicht gehört. Seine Augen suchten immer noch die Luft rund um sie ab, und er kam allmählich näher, scheinbar ohne richtig wahrzunehmen, was er tat.
»Ich wusste nicht, dass Sie heute Nacht an der Reihe sind, in den Korridoren zu patrouillieren, Minerva.«
»Haben Sie etwas dagegen einzuwenden?«
»Ich frage mich, was Sie zu so später Stunde aus dem Bett geholt haben könnte.«
»Ich dachte, ich hätte eine Ruhestörung vernommen«, sagte Professor McGonagall.
»Wirklich? Aber es scheint alles still zu sein.«
Snape sah ihr in die Augen.
»Haben Sie Harry Potter gesehen, Minerva? Wenn ja, muss ich nämlich darauf bestehen –«
Professor McGonagall bewegte sich schneller, als Harry ihr zugetraut hätte: Ihr Zauberstab peitschte durch die Luft, und für den Bruchteil einer Sekunde glaubte Harry, Snape müsse bewusstlos zusammenbrechen, doch der war mit seinem Schildzauber so flink, dass McGonagall aus dem Gleichgewicht geworfen wurde. Sie schwang ihren Zauberstab zu einer Fackel an der Wand, die aus ihrer Halterung flog: Harry, der gerade im Begriff war, Snape einen Fluch aufzuhalsen, musste Luna von den herabschießenden Flammen wegziehen, aus denen ein Feuerring wurde, der den Korridor erfüllte und wie ein Lasso auf Snape zuflog –
Dann war es nicht länger Feuer, sondern eine große, schwarze Schlange, die McGonagall zu Rauch zersprengte, der sich in Sekundenschnelle umformte und verdichtete und zu einer Horde angriffslustiger Dolche wurde: Snape entging ihnen nur, indem er die Rüstung vor seinen Körper riss, und mit laut hallendem Klirren landete ein Dolch nach dem anderen in deren Brust –
»Minerva!«, sagte eine Quiekstimme, und als Harry, der immer noch Luna gegen vorbeifliegende Zauber abschirmte, hinter sich blickte, sah er die Professoren Flitwick und Sprout in ihren Nachthemden den Korridor entlang auf sie zurennen, während der gewaltige Professor Slughorn ihnen hinterherkeuchte.
»Nein!«, quiekte Flitwick und hob seinen Zauberstab. »Sie werden in Hogwarts nicht weiter morden!«
Flitwicks Zauber traf die Rüstung, hinter der Snape Schutz gesucht hatte: Scheppernd erwachte sie zum Leben. Snape kämpfte sich aus dem Zangengriff ihrer Arme frei und ließ sie auf seine Angreifer fliegen: Harry und Luna mussten seitwärtshechten, um ihr auszuweichen, dann krachte sie gegen die Wand und zersprang. Als Harry aufblickte, war Snape Hals über Kopf auf der Flucht, und McGonagall, Flitwick und Sprout donnerten ihm hinterher: Snape stürmte durch eine Klassenzimmertür, und Sekunden später hörte Harry, wie McGonagall schrie: »Feigling! FEIGLING!«
»Was ist passiert, was ist passiert?«, fragte Luna.
Harry zog sie auf die Beine, und sie rasten, den Tarnumhang hinter sich herschleifend, den Korridor entlang in das leere Klassenzimmer, wo die Professoren McGonagall, Flitwick und Sprout vor einem zertrümmerten Fenster standen.
»Er ist gesprungen«, sagte Professor McGonagall, als Harry und Luna in das Zimmer rannten.
»Sie meinen, er ist tot?« Harry stürzte zum Fenster, ohne auf Flitwick und Sprout zu achten, die bei seinem plötzlichen Auftauchen erschrocken aufschrien.
»Nein, er ist nicht tot«, sagte McGonagall bitter. »Im Gegensatz zu Dumbledore trug er immer noch einen Zauberstab … und er hat offenbar ein paar Tricks von seinem Meister gelernt.«
Mit einem leisen Grauen sah Harry in der Ferne eine riesige fledermausartige Gestalt durch die Dunkelheit auf die Grenzmauer zufliegen.
Hinter ihnen waren schwere Schritte und heftiges Schnaufen zu hören: Slughorn war gerade angekommen.
»Harry!«, keuchte er und rieb sich die riesige Brust unter seinem smaragdgrünen Seidenpyjama. »Mein lieber Junge … was für eine Überraschung … Minerva, ich bitte Sie, erklären Sie … Severus … was …?«
»Unser Schulleiter macht eine kurze Pause«, sagte Professor McGonagall und deutete auf das snapeförmige Loch im Fenster.
»Professor!«, rief Harry, die Hände an seiner Stirn. Er konnte den See voller Inferi unter sich dahingleiten sehen, und er spürte, wie das geisterhaft grüne Boot gegen das unterirdische Ufer stieß, und Voldemort sprang heraus, Mord im Sinn –
»Professor, wir müssen die Schule verbarrikadieren, er kommt jetzt!«
»Na schön. Er, dessen Name nicht genannt werden darf, ist auf dem Weg hierher«, erklärte sie den anderen Lehrern. Sprout und Flitwick stockte der Atem; von Slughorn war ein schweres Stöhnen zu hören. »Potter hat auf Dumbledores Anordnung etwas im Schloss zu erledigen. Wir müssen sämtliche Schutzzauber, die wir aufbieten können, in Stellung bringen, während Potter tut, was er tun muss.«
»Ihnen ist natürlich klar, dass nichts von alldem Du-weißt-schon-wen auf Dauer fernhalten kann?«, quiekte Flitwick.
»Aber wir können ihn aufhalten«, sagte Professor Sprout.
»Danke, Pomona«, sagte Professor McGonagall, und die beiden Hexen tauschten einen Blick von grimmigem Einverständnis. »Ich schlage vor, wir treffen die grundlegenden Schutzmaßnahmen rund um das Schloss, dann rufen wir unsere Schüler zusammen und versammeln uns in der Großen Halle. Die meisten müssen in Sicherheit gebracht werden, doch wenn von den Volljährigen welche bleiben und kämpfen wollen, sollten sie, denke ich, die Gelegenheit bekommen.«
»Einverstanden«, sagte Professor Sprout und eilte bereits zur Tür. »Mein Haus und ich erwarten Sie in zwanzig Minuten in der Großen Halle.« Und während sie davonrannte, konnten sie sie murmeln hören: »Tentakula. Teufelsschlinge. Und Snargaluff-Kokons … ja, ich würde zu gern sehen, wie die Todesser dagegen kämpfen.«
»Ich kann von hier aus agieren«, sagte Flitwick, und obwohl er kaum etwas durch das kaputte Fenster erkennen konnte, zielte er mit dem Zauberstab nach draußen und begann hochkomplizierte Beschwörungen zu murmeln. Harry hörte ein sonderbares Brausen, als ob Flitwick die Kräfte des Windes über dem Gelände entfesselt hätte.
»Professor«, sagte Harry und näherte sich dem kleinen Zauberkunstmeister, »Professor, Verzeihung, dass ich Sie unterbreche, aber es ist wichtig. Haben Sie eine Ahnung, wo das Diadem von Ravenclaw ist?«
»… Protego horribilis – das Diadem von Ravenclaw?«, quiekte Flitwick. »Etwas mehr Weisheit ist nie verkehrt, Potter, aber ich denke kaum, dass es in dieser Situation besonders nützlich wäre!«
»Ich meinte nur – wissen Sie, wo es ist? Haben Sie es je gesehen?«
»Gesehen? Niemand hat es seit Menschengedenken gesehen! Es ist schon seit langem verschollen, Junge!«
Harry verspürte eine Mischung aus verzweifelter Enttäuschung und Panik. Was sonst konnte der Horkrux sein?
»Wir treffen Sie und Ihre Ravenclaws in der Großen Halle, Filius!«, sagte Professor McGonagall und winkte Harry und Luna, ihr zu folgen.
Sie hatten gerade die Tür erreicht, als Slughorn mit polternder Stimme zu sprechen begann.
»Meine Güte!«, japste er, blass und verschwitzt und mit zitterndem Walrossbart. »Was für ein Theater! Ich bin mir gar nicht sicher, ob das klug ist, Minerva. Er findet ganz bestimmt einen Weg herein, verstehen Sie, und jeder, der versucht hat, ihn zu behindern, wird in schrecklichster Gefahr sein –«
»Ich erwarte auch Sie und die Slytherins in zwanzig Minuten in der Großen Halle«, sagte Professor McGonagall. »Wenn Sie mit Ihren Schülern fortgehen wollen, werden wir Sie nicht aufhalten. Aber wenn irgendwer von Ihnen versucht, unseren Widerstand zu sabotieren oder in diesem Schloss die Waffen gegen uns zu erheben, dann, Horace, werden wir uns auf Leben und Tod duellieren.«
»Minerva!«, sagte er entsetzt.
»Der Zeitpunkt ist gekommen, dass das Haus Slytherin entscheidet, wem seine Treue gilt«, unterbrach ihn Professor McGonagall. »Gehen Sie und wecken Sie Ihre Schüler, Horace.«
Harry blieb nicht, bis er Slughorn prusten sah: Er und Luna rannten Professor McGonagall hinterher, die sich in die Mitte des Korridors gestellt hatte und den Zauberstab hob.
»Piertotum – oh, um Himmels willen, Filch, nicht jetzt –«
Der alte Hausmeister war gerade herbeigehumpelt und rief: »Schüler nicht in ihren Betten! Schüler in den Korridoren!«
»Das hat auch seine Richtigkeit, Sie Armleuchter!«, rief McGonagall. »Nun gehen Sie und tun Sie was Vernünftiges! Suchen Sie Peeves!«
»P-Peeves?«, stammelte Filch, als ob er den Namen noch nie gehört hätte.
»Ja, Peeves, Sie Dummkopf, Peeves! Beschweren Sie sich nicht schon seit einem Vierteljahrhundert über ihn? Gehen Sie und holen Sie ihn, sofort!«
Filch dachte offensichtlich, Professor McGonagall habe den Verstand verloren, humpelte aber dennoch mit eingezogenen Schultern und leise vor sich hin brabbelnd davon.
»Und jetzt – piertotum locomotor!«, rief Professor McGonagall.
Und im ganzen Korridor sprangen die Statuen und Rüstungen von ihren Sockeln, und aus dem dröhnenden Lärm in den höheren und tieferen Stockwerken schloss Harry, dass ihre Gefährten überall im Schloss das Gleiche getan hatten.
»Hogwarts ist in Gefahr!«, rief Professor McGonagall. »Besetzt die Grenzen, beschützt uns, erfüllt eure Pflicht unserer Schule gegenüber!«
Scheppernd und schreiend stürmte die Horde von Statuen an Harry vorüber: manche von ihnen kleiner, manche größer als lebendige Menschen. Es waren auch Tiere darunter, und die klirrenden Rüstungen schwangen Schwerter und Ketten mit Morgensternen.
»Nun, Potter«, sagte McGonagall, »Sie und Miss Lovegood kehren am besten zu Ihren Freunden zurück und bringen sie in die Große Halle – ich werde die anderen Gryffindors wecken.«
Sie trennten sich oben auf dem nächsten Treppenabsatz: Harry und Luna eilten zurück zu dem verborgenen Eingang des Raums der Wünsche. Während sie rannten, kamen ihnen Scharen von Schülern entgegen, die meist Reiseumhänge über ihren Schlafanzügen trugen und von Lehrern und Vertrauensschülern in die Große Halle geführt wurden.
»Das war Potter!«
»Harry Potter!«
»Das war er, ich schwör’s, ich hab ihn eben gesehen!«
Aber Harry blickte nicht zurück und endlich erreichten sie den Eingang zum Raum der Wünsche. Harry lehnte sich gegen die verzauberte Wand, die sich öffnete und sie einließ, und er und Luna stürmten wieder die steile Treppe hinunter.
»W–?«
Als der Raum in Sicht kam, schlitterte Harry vor Schreck ein paar Stufen abwärts. Er war proppenvoll, viel voller als beim letzten Mal, als er hier gewesen war. Kingsley und Lupin schauten zu ihm hoch, wie auch Oliver Wood, Katie Bell, Angelina Johnson und Alicia Spinnet, Bill und Fleur und Mr und Mrs Weasley.
»Harry, was geht hier vor?«, sagte Lupin, der ihn am Fuß der Treppe empfing.
»Voldemort ist auf dem Weg, sie verbarrikadieren die Schule – Snape ist geflohen – was macht ihr denn hier? Wie habt ihr davon erfahren?«
»Wir haben Botschaften an den Rest von Dumbledores Armee geschickt«, erklärte Fred. »Du hast doch nicht im Ernst geglaubt, dass sich alle den Spaß entgehen lassen würden, Harry, und die DA hat dem Phönixorden Bescheid gegeben, und irgendwie ist eine Lawine draus geworden.«
»Was passiert jetzt als Erstes, Harry?«, rief George. »Was geht ab?«
»Die jüngeren Kinder werden in Sicherheit gebracht, und alle kommen in der Großen Halle zusammen, um eingeteilt zu werden«, sagte Harry. »Wir werden kämpfen.«
Ein lautes Gebrüll erhob sich und die Menge drängte zum Fuß der Treppe; er wurde an die Wand zurückgedrückt, als sie wild durcheinander an ihm vorbeirannten, die Mitglieder des Phönixordens, Dumbledores Armee und Harrys alte Quidditch-Mannschaft, alle mit gezückten Zauberstäben auf dem Weg in das Hauptgebäude des Schlosses.
»Komm, Luna«, rief Dean, als er vorbeilief, und streckte seine freie Hand aus; sie nahm sie und folgte ihm wieder die Treppe hoch.
Die Reihen lichteten sich: Nur eine kleine Gruppe von Leuten blieb unten im Raum der Wünsche und Harry trat zu ihnen. Mrs Weasley stritt mit Ginny. Um sie herum standen Lupin, Fred, George, Bill und Fleur.
»Du bist minderjährig!«, schrie Mrs Weasley ihre Tochter an, als Harry sich näherte. »Das erlaube ich nicht! Die Jungs, ja, aber du, du gehst gefälligst nach Hause!«
»Kommt nicht in Frage!«
Mit wehenden Haaren zog Ginny ihren Arm aus dem Griff ihrer Mutter.
»Ich bin in Dumbledores Armee –«
»– einer Teenagerbande!«
»Einer Teenagerbande, die ihm gleich einen Kampf liefern wird, was niemand sonst sich getraut hat!«, sagte Fred.
»Sie ist sechzehn!«, rief Mrs Weasley. »Sie ist noch nicht alt genug! Was habt ihr beide euch dabei gedacht, sie mitzubringen –«
Fred und George sahen aus, als ob sie sich ein wenig schämten.
»Mum hat Recht, Ginny«, sagte Bill sanft. »Das kannst du nicht machen. Alle Minderjährigen müssen gehen, das ist nur richtig so.«
»Ich kann nicht nach Hause gehen!«, rief Ginny und Tränen der Wut glänzten in ihren Augen. »Meine ganze Familie ist hier, ich halte es nicht aus, allein dort zu warten und nichts zu wissen und –«
Ihr Blick traf zum ersten Mal den Harrys. Sie sah ihn flehentlich an, doch er schüttelte den Kopf, und sie wandte sich verbittert ab.
»Schön«, sagte sie und starrte auf den Eingang des Tunnels, der zurück zum Eberkopf führte. »Dann sag ich jetzt also Lebewohl und –«
Ein Schlurfen war zu hören und ein mächtiger dumpfer Schlag: Noch jemand war aus dem Tunnel geklettert, war ein wenig aus dem Gleichgewicht geraten und gestürzt. Er zog sich am nächsten Stuhl hoch, sah sich durch seine verrutschte Hornbrille um und sagte: »Bin ich zu spät? Hat es schon angefangen? Ich hab eben erst davon erfahren, also ich – ich –«
Stotternd verstummte Percy. Offenbar hatte er nicht erwartet, den größten Teil seiner Familie hier anzutreffen. Eine ganze Weile lang herrschte Erstaunen, bis Fleur sich schließlich an Lupin wandte und einen absolut durchschaubaren Versuch unternahm, die Spannung zu lösen, indem sie sagte: »Nun – wie geht es dem kleinen Teddy?«
Lupin blinzelte sie verdutzt an. Das Schweigen zwischen den Weasleys schien fest zu werden wie Eis.
»Ich – o ja – es geht ihm gut!«, sagte Lupin laut. »Ja, Tonks ist bei ihm – im Haus ihrer Mutter.«
Percy und die anderen Weasleys starrten einander nach wie vor frostig an.
»Hier, ich hab ein Bild!«, rief Lupin, zog ein Foto aus seiner Jacke und zeigte es Fleur und Harry, die ein winziges Baby mit einem Büschel helltürkisfarbigem Haar sahen, das mit seinen dicken Fäustchen in die Kamera winkte.
»Ich war ein Idiot!«, brüllte Percy, so laut, dass Lupin das Foto beinahe fallen ließ. »Ich war ein Idiot, ich war ein aufgeblasener Trottel, ich war ein – ein –«
»Ministeriumsverliebter, familienverleugnender, machthungriger Schwachkopf«, sagte Fred.
Percy schluckte.
»Ja, das war ich!«
»Nun, netter kann man es beim besten Willen nicht ausdrücken«, sagte Fred und streckte Percy die Hand entgegen.
Mrs Weasley brach in Tränen aus. Sie stürmte vor, schubste Fred beiseite und zog Percy in eine würgende Umarmung, während er ihr den Rücken tätschelte und dabei seinen Vater ansah.
»Tut mir leid, Dad«, sagte Percy.
Mr Weasley blinzelte ziemlich schnell, dann eilte auch er, um seinen Sohn zu umarmen.
»Was hat dich zur Vernunft gebracht, Perce?«, erkundigte sich George.
»Es dämmert mir schon eine ganze Weile«, sagte Percy und tupfte sich mit einem Zipfel seines Reiseumhangs unter seiner Brille die Augen. »Aber ich musste einen Weg finden rauszukommen, und das ist nicht so einfach im Ministerium, die sperren andauernd Verräter ein. Ich hab es geschafft, Kontakt mit Aberforth aufzunehmen, und er hat mir vor zehn Minuten den Hinweis gegeben, dass Hogwarts kämpfen wird, und hier bin ich.«
»Also, wir erwarten von unseren Vertrauensschülern, dass sie in Zeiten wie diesen die Führung übernehmen«, sagte George, indem er Percys wichtigtuerischste Art treffend nachahmte. »Nun lasst uns nach oben gehen und kämpfen, sonst sind alle guten Todesser schon weg.«
»Du bist also jetzt meine Schwägerin?«, fragte Percy und schüttelte Fleur die Hand, als sie mit Bill, Fred und George zur Treppe eilten.
»Ginny!«, bellte Mrs Weasley.
Ginny hatte während der Versöhnung versucht, sich unbemerkt auch nach oben zu schleichen.
»Molly, wie wär’s damit«, sagte Lupin. »Warum bleibt Ginny nicht einfach hier, dann ist sie zumindest am Ort des Geschehens und weiß, was vor sich geht, ist aber nicht mitten im Kampfgetümmel?«
»Ich –«
»Das ist eine gute Idee«, sagte Mr Weasley entschieden. »Ginny, du bleibst in diesem Raum, hast du mich verstanden?«
Ginny schien die Vorstellung nicht sonderlich zu gefallen, doch unter dem ungewöhnlich strengen Blick ihres Vaters nickte sie. Auch Mr und Mrs Weasley und Lupin steuerten nun auf die Treppe zu.
»Wo ist Ron?«, fragte Harry. »Wo ist Hermine?«
»Sie müssen schon in die Große Halle hochgegangen sein«, rief Mr Weasley über die Schulter.
»Ich hab sie nicht vorbeigehen sehen«, erwiderte Harry.
»Sie sagten irgendwas von einem Badezimmer«, sagte Ginny, »nicht lange nachdem du weg warst.«
»Einem Badezimmer?«
Harry schritt rasch quer durch den Raum zu einer offenen Tür, die aus dem Raum der Wünsche führte, und sah im Badezimmer dahinter nach. Es war leer.
»Bist du sicher, dass sie Bade–?«
Doch dann brannte seine Narbe und der Raum der Wünsche verschwand: Er blickte durch das hohe schmiedeeiserne Doppeltor, das von geflügelten Ebern auf Säulen flankiert wurde, blickte über das dunkle Gelände zum Schloss, das hell erleuchtet war. Nagini hing über seinen Schultern. Er war beherrscht von jenem kalten, grausamen Gefühl der Entschlossenheit, das dem Mord vorausging.
Die Schlacht von Hogwarts
Die verzauberte Decke der Großen Halle war dunkel und mit Sternen übersät, und darunter saßen, an den vier langen Haustischen, zerzaust wirkende Schüler, manche in Reiseumhängen, andere in Morgenmänteln. Hier und dort leuchteten die perlweißen Gestalten der Schulgespenster.
Jedes Auge, ob lebend oder tot, war auf Professor McGonagall gerichtet, die von dem Podium an der Stirnseite der Halle aus sprach. Hinter ihr standen die verbliebenen Lehrer, darunter der Palomino-Zentaur Firenze und die Mitglieder des Phönixordens, die gekommen waren, um zu kämpfen.
»… Mr Filch und Madam Pomfrey werden die Evakuierung beaufsichtigen. Vertrauensschüler, wenn ich das Signal gebe, scharen Sie die Schüler Ihres Hauses um sich und führen sie geordnet zum gemeinsamen Treffpunkt.«
Viele der Schülerinnen und Schüler wirkten wie versteinert. Doch während Harry an der Wand entlangging und den Gryffindor-Tisch nach Ron und Hermine absuchte, stand Ernie Macmillan am Hufflepuff-Tisch auf und schrie: »Und was, wenn wir hierbleiben und kämpfen wollen?«
Es gab vereinzelten Beifall.
»Wer volljährig ist, kann bleiben«, sagte Professor McGonagall.
»Was ist mit unseren Sachen?«, rief ein Mädchen am Ravenclaw-Tisch. »Unseren Koffern, unseren Eulen?«
»Es bleibt keine Zeit, Habseligkeiten einzusammeln«, sagte Professor McGonagall. »Wichtig ist, dass ihr hier sicher rauskommt.«
»Wo ist Professor Snape?«, schrie ein Mädchen vom Slytherin-Tisch.
»Er hat, wie man so schön sagt, die Fliege gemacht!«, antwortete Professor McGonagall, und großer Jubel brach bei den Gryffindors, Hufflepuffs und Ravenclaws aus.
Harry, der immer noch nach Ron und Hermine Ausschau hielt, ging nun am Gryffindor-Tisch entlang durch die Halle. Als er vorbeikam, wandten sich ihm Gesichter zu, und hinter ihm gab es Getuschel.
»Wir haben bereits Schutzzauber um das Schloss herum aufgebaut«, sagte Professor McGonagall gerade, »aber sie werden vermutlich nicht lange halten, wenn wir sie nicht verstärken. Ich muss euch daher bitten, zügig und ruhig hinauszugehen und zu tun, was eure Vertrauensschüler –«
Aber ihre letzten Worte gingen unter, als eine andere Stimme durch den Raum hallte. Sie war hoch, kalt und klar. Woher sie kam, war nicht auszumachen; sie schien aus den Wänden selbst hervorzudringen. Wie das Ungeheuer, das sie einst befehligt hatte, mochte sie vielleicht seit Jahrhunderten dort geschlummert haben.
»Ich weiß, dass ihr euch bereitmacht zum Kampf.« Einige Schüler schrien, manche klammerten sich aneinander und sahen sich voller Entsetzen nach der Herkunft der Stimme um. »Eure Bemühungen sind zwecklos. Ihr könnt mich nicht besiegen. Ich will euch nicht töten. Ich habe Hochachtung vor den Lehrern von Hogwarts. Ich will kein magisches Blut vergießen.«
Jetzt herrschte Stille in der Halle, jene Art von Stille, die gegen das Trommelfell drückt, die zu gewaltig scheint, als dass Mauern sie eindämmen könnten.
»Gebt mir Harry Potter«, sagte Voldemorts Stimme, »und keinem soll ein Leid geschehen. Gebt mir Harry Potter und ich werde die Schule unversehrt lassen. Gebt mir Harry Potter und ihr sollt belohnt werden. – Ihr habt Zeit bis Mitternacht.«
Abermals wurden sie alle von der Stille verschluckt. Sämtliche Köpfe drehten sich, alle Augen in der Halle schienen sich auf Harry gerichtet zu haben und ihn im grellen Licht Tausender unsichtbarer Strahlen zu bannen. Dann stand eine Gestalt am Slytherin-Tisch auf, und als sie ihren schlotternden Arm erhob, erkannte er Pansy Parkinson, die schrie: »Aber da ist er doch! Potter ist hier! Jemand soll ihn festhalten!«
Ehe Harry etwas sagen konnte, kam gewaltige Bewegung auf. Die Gryffindors vor ihm hatten sich erhoben und blieben nicht Harry, sondern den Slytherins zugewandt stehen. Dann standen die Hufflepuffs auf und fast im selben Moment die Ravenclaws, alle mit dem Rücken zu Harry, und alle blickten nicht zu ihm, sondern zu Pansy, und Harry sah beeindruckt und überwältigt, wie überall Zauberstäbe auftauchten, die aus Umhängen und Ärmeln hervorgezogen wurden.
»Danke, Miss Parkinson«, sagte Professor McGonagall mit schneidender Stimme. »Sie werden die Halle mit Mr Filch zusammen als Erste verlassen. Der Rest Ihres Hauses möge folgen.«
Harry hörte Bänke knarren und dann den Lärm der Slytherins, die auf der anderen Seite der Halle hinausmarschierten.
»Ravenclaws, folgt ihnen!«, rief Professor McGonagall.
Allmählich leerten sich die vier Tische. Der Slytherin-Tisch war vollkommen verlassen, doch einige ältere Ravenclaws verharrten auf ihren Plätzen, während ihre Mitschüler im Gänsemarsch hinauszogen. Von den Hufflepuffs blieben noch mehr zurück, und halb Gryffindor rührte sich nicht, weshalb Professor McGonagall sich genötigt sah, vom Lehrerpodium herabzusteigen und die Minderjährigen davonzuscheuchen.
»Kommt überhaupt nicht in Frage, Creevey, marsch! Und auch du, Peakes!«
Harry eilte hinüber zu den Weasleys, die alle am Gryffindor-Tisch versammelt waren.
»Wo sind Ron und Hermine?«
»Hast du sie nicht gefun–?«, begann Mr Weasley mit besorgtem Blick.
Doch er hielt inne, als Kingsley auf dem Podium nach vorne getreten war, um zu denen zu sprechen, die geblieben waren.
»Wir haben nur noch eine halbe Stunde bis Mitternacht, deshalb müssen wir schnell handeln! Die Lehrer von Hogwarts und der Orden des Phönix haben sich auf einen Schlachtplan verständigt. Die Professoren Flitwick, Sprout und McGonagall werden Gruppen von Kämpfern auf die drei höchsten Türme führen – Ravenclaw, Astronomie und Gryffindor –, dort haben sie einen guten Überblick und eine hervorragende Ausgangsposition, um Zauber auszuführen. Unterdessen werden Remus«, er wies auf Lupin, »Arthur«, er deutete auf Mr Weasley am Gryffindor-Tisch, »und ich Gruppen ins Gelände führen. Wir brauchen jemanden, der die Verteidigung der Tunneleingänge zur Schule übernimmt –«
»– klingt nach einem Job für uns«, rief Fred, indem er auf sich und George zeigte, und Kingsley nickte zustimmend.
»Nun denn, die Anführer hier hoch, wir teilen die Truppen ein!«
»Potter«, sagte Professor McGonagall und kam rasch auf ihn zu, während Schüler um das Podium strömten, um die besten Plätze rangelten und Anweisungen erhielten, »sollten Sie nicht nach etwas suchen?«
»Was? Oh«, sagte Harry, »ach jaah!«
Fast hatte er den Horkrux vergessen, fast vergessen, dass sie in die Schlacht zogen, damit er nach ihm suchen konnte: Dass Ron und Hermine unerklärlicherweise nicht da waren, hatte vorübergehend alle anderen Gedanken aus seinem Kopf verdrängt.
»Dann gehen Sie, Potter, gehen Sie!«
»In Ordnung – jaah –«
Er spürte, wie ihm Blicke folgten, als er aus der Großen Halle hinaus in die Eingangshalle rannte, wo sich noch viele Schüler drängten, die evakuiert wurden. Er ließ sich in der Menge die Marmortreppe hinauftreiben, doch oben angekommen, eilte er durch einen verlassenen Korridor davon. Angst und Panik vernebelten seine Gedankengänge. Er versuchte sich zu beruhigen, sich auf die Suche nach dem Horkrux zu konzentrieren, doch seine Gedanken schwirrten so hektisch und erfolglos durcheinander wie Wespen, die unter einem Glas gefangen waren. Ohne die Hilfe von Ron und Hermine konnte er seine Ideen scheinbar nicht ordnen. Er ging langsamer und blieb mitten in einem leeren Gang stehen, setzte sich auf den verlassenen Sockel einer Statue und zog die Karte des Rumtreibers aus dem Beutel um seinen Hals. Rons oder Hermines Namen konnte er nirgends darauf ausfindig machen, doch vielleicht, überlegte er, waren die vielen Punkte auf dem Weg zum Raum der Wünsche so dicht beieinander, dass die beiden verdeckt wurden. Er steckte die Karte weg, presste seine Hände auf sein Gesicht, schloss die Augen und versuchte sich zu sammeln …
Voldemort dachte, ich würde in den Ravenclaw-Turm gehen.
Da war sie: eine handfeste Tatsache, damit konnte er anfangen. Voldemort hatte Alecto Carrow im Gemeinschaftsraum der Ravenclaws postiert und dafür konnte es nur eine Erklärung geben: Voldemort befürchtete, dass Harry bereits wusste, dass der Horkrux mit diesem Haus in Zusammenhang stand.
Doch der einzige Gegenstand, den jeder mit Ravenclaw zu verbinden schien, war das verschollene Diadem … und wie konnte der Horkrux das Diadem sein? Wie war es möglich, dass Voldemort, der Slytherin, das Diadem gefunden hatte, das Generationen von Ravenclaws entgangen war? Wer konnte ihm verraten haben, wo er suchen musste, wo doch seit Menschengedenken niemand das Diadem gesehen hatte?
Seit Menschengedenken …
Harry riss unter seinen Fingern die Augen auf. Er sprang von dem Sockel hoch und jagte den Weg zurück, den er gekommen war, nun seiner einzigen, letzten Hoffnung hinterher. Der Lärm Hunderter von Menschen, die zum Raum der Wünsche marschierten, wurde immer lauter, während er zur Marmortreppe zurückkehrte. Vertrauensschüler riefen Anweisungen, versuchten die Schüler ihrer Häuser im Auge zu behalten; es wurde viel geschubst und gedrängelt; Harry sah Zacharias Smith ein paar Erstklässler umstoßen, um an die Spitze der Schlange zu kommen; hie und da waren jüngere Schüler in Tränen aufgelöst, während ältere verzweifelt nach Freunden oder Geschwistern riefen …
Harrys Blick fiel auf eine perlweiße Gestalt, die unten durch die Eingangshalle schwebte, und er schrie aus Leibeskräften durch den Trubel.
»Nick! NICK! Ich muss Sie sprechen!«
Er bahnte sich einen Weg zurück durch den Schülerstrom und gelangte schließlich zum Fuß der Treppe, wo der Fast Kopflose Nick, das Gespenst des Gryffindor-Turms, auf ihn wartete.
»Harry! Mein lieber Junge!«
Nick schickte sich an, Harrys Hände in seine zu nehmen; Harry hatte das Gefühl, als wären sie in Eiswasser getaucht worden.
»Nick, Sie müssen mir helfen. Wer ist das Gespenst vom Ravenclaw-Turm?«
Der Fast Kopflose Nick wirkte überrascht und ein wenig beleidigt.
»Die graue Dame natürlich; aber wenn du Gespensterdienste wünschst –?«
»Es muss sie sein – wissen Sie, wo sie ist?«
»Lass mich überlegen …«
Nicks Kopf eierte leicht auf seiner Halskrause, während er sich hierhin und dorthin wandte und über die Köpfe der Scharen von Schülern hinwegspähte.
»Da drüben ist sie, Harry, die junge Frau mit den langen Haaren.«
Harry blickte in die Richtung, in die Nicks durchsichtiger Zeigefinger wies, und sah ein großes Gespenst, dem auffiel, dass Harry zu ihm herüberblickte, und das mit hochgezogenen Augenbrauen durch eine massive Wand entschwebte.
Harry rannte ihr nach. Sobald er durch die Tür des Korridors getreten war, in dem sie verschwunden war, sah er sie ganz am Ende des Ganges, immer noch zügig vor ihm davongleitend.
»Hey – warten Sie – kommen Sie zurück!«
Sie ließ sich dazu herbei, einige Zentimeter über dem Boden schwebend innezuhalten. Harry nahm an, dass sie schön war, mit ihrem hüftlangen Haar und ihrem Umhang, der ihr bis zu den Füßen reichte, doch sie wirkte auch hochmütig und stolz. Aus der Nähe betrachtet, erkannte er in ihr ein Gespenst, das ihm in den Korridoren mehrmals begegnet war, mit dem er aber nie gesprochen hatte.
»Sind Sie die graue Dame?«
Sie nickte, sagte aber nichts.
»Das Gespenst vom Ravenclaw-Turm?«
»Das ist richtig.«
Ihr Ton war nicht ermutigend.
»Bitte, ich brauche Hilfe. Ich muss alles wissen, was Sie mir über das verschollene Diadem sagen können.«
Ein kühles Lächeln kräuselte ihre Lippen.
»Ich fürchte«, sagte sie und wandte sich ab, um zu entschwinden, »da kann ich Ihnen nicht helfen.«
»WARTEN SIE!«
Er hatte nicht schreien wollen, aber Wut und Panik drohten ihn zu überwältigen. Er blickte auf seine Uhr, während das Gespenst vor ihm schwebte: Noch eine Viertelstunde bis Mitternacht.
»Es ist dringend«, sagte er heftig. »Wenn dieses Diadem in Hogwarts ist, muss ich es finden, und zwar schnell.«
»Sie sind keineswegs der erste Schüler, der das Diadem begehrt«, sagte sie verächtlich. »Generationen von Schülern haben mir zugesetzt –«
»Es geht hier nicht darum, bessere Noten zu kriegen!«, schrie Harry sie an. »Es geht um Voldemort – darum, ihn zu besiegen – oder ist Ihnen das gleichgültig?«
Sie konnte nicht erröten, doch ihre durchsichtigen Wangen verdunkelten sich, und als sie antwortete, klang ihre Stimme erregt: »Natürlich, ich – wie können Sie es wagen, eine solche Unterstellung zu –?«
»Nun, dann helfen Sie mir doch!«
Sie verlor allmählich die Fassung.
»Es – es ist nicht wegen –«, stammelte sie. »Das Diadem meiner Mutter –«
»Ihrer Mutter?«
Sie schien sich über sich selbst zu ärgern.
»In meinem Leben«, sagte sie steif, »war ich Helena Ravenclaw.«
»Sie sind ihre Tochter? Aber dann müssen Sie wissen, was damit passiert ist!«
»Das Diadem verleiht zwar Weisheit«, sagte sie, sichtlich bemüht, sich zusammenzureißen, »doch ich bezweifle, dass es Ihre Chancen großartig steigern würde, den Zauberer zu besiegen, der sich Lord –«
»Ich habe Ihnen doch eben gesagt, dass ich es gar nicht tragen will!«, entgegnete Harry erbost. »Ich habe keine Zeit, es zu erklären – aber wenn Ihnen Hogwarts am Herzen liegt, wenn Sie Voldemort besiegt sehen wollen, müssen Sie mir alles über das Diadem erzählen, was Sie wissen!«
Sie schwebte völlig reglos in der Luft und starrte auf ihn herab, und ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit überkam ihn. Wenn sie etwas gewusst hätte, dann hätte sie es natürlich Flitwick oder Dumbledore mitgeteilt, die ihr sicher die gleiche Frage gestellt hatten. Kopfschüttelnd wollte er sich gerade abwenden, als sie mit leiser Stimme zu sprechen begann.
»Ich habe das Diadem meiner Mutter gestohlen.«
»Sie – Sie haben was?«
»Ich habe das Diadem gestohlen«, wiederholte Helena Ravenclaw flüsternd. »Ich wollte mich klüger machen, wichtiger als meine Mutter. Ich bin damit ausgerissen.«
Er wusste nicht, wie er es geschafft hatte, ihr Vertrauen zu gewinnen, und er fragte auch nicht nach. Er hörte ihr einfach genau zu, als sie fortfuhr: »Meine Mutter, so heißt es, gab nie zu, dass das Diadem verschwunden war, sondern tat so, als besäße sie es noch. Sie verschleierte den Verlust, meinen schrecklichen Verrat, selbst gegenüber den anderen Gründern von Hogwarts.
Dann wurde meine Mutter krank – sterbenskrank. Trotz meiner Treulosigkeit wollte sie mich unter allen Umständen noch einmal sehen. Sie schickte einen Mann aus, mich zu suchen, der mich lange geliebt, dessen Werben ich jedoch zurückgewiesen hatte. Sie wusste, er würde nicht ruhen, bis er mich gefunden hätte.«
Harry wartete. Sie holte tief Luft und warf ihren Kopf zurück.
»Er folgte meiner Spur bis zu dem Wald, in dem ich mich versteckt hielt. Als ich mich weigerte, mit ihm zurückzukehren, wandte er Gewalt an. Der Baron war schon immer ein jähzorniger Mann. Wütend, weil ich mich weigerte, neidisch auf meine Freiheit, erstach er mich.«
»Der Baron? Sie meinen –?«
»Den Blutigen Baron, ja«, sagte die graue Dame, hob ihren Umhang zur Seite und offenbarte eine einzelne dunkle Wunde auf ihrer weißen Brust. »Als er sah, was er getan hatte, ergriff ihn Reue. Er verwendete die Waffe, die mir das Leben genommen hatte, um sich selbst zu töten. Nach all diesen Jahrhunderten trägt er seine Ketten immer noch, um Buße zu tun … und das zu Recht«, fügte sie bitter hinzu.
»Und … und das Diadem?«
»Es blieb dort, wo ich es versteckt hatte, als ich hörte, dass der Baron durch den Wald auf mich zustolperte. In einem hohlen Baum verborgen.«
»Einem hohlen Baum?«, wiederholte Harry. »Was für einem Baum? Wo war das?«
»In einem Wald in Albanien. An einem entlegenen Ort, weit außerhalb der Reichweite meiner Mutter, wie ich glaubte.«
»Albanien«, wiederholte Harry. Wie durch ein Wunder schälte sich aus dem Durcheinander etwas heraus, das Sinn ergab, und nun begriff er, warum sie ihm erzählte, was sie Dumbledore und Flitwick vorenthalten hatte. »Sie haben diese Geschichte schon mal jemandem erzählt, oder? Einem anderen Schüler?«
Sie schloss die Augen und nickte.
»Ich hatte … keine Ahnung … er hat mir … geschmeichelt. Er schien … zu verstehen … mitzufühlen …«
Ja, dachte Harry, Tom Riddle hatte Helena Ravenclaws Verlangen nach sagenhaften Gegenständen, auf die sie wenig Anrecht hatte, gewiss verstanden.
»Nun, Sie waren nicht die Erste, der Riddle etwas abgeluchst hat«, murmelte Harry. »Er konnte charmant sein, wenn er wollte …«
Also hatte es Voldemort geschafft, der grauen Dame zu entlocken, wo sich das verschollene Diadem befand. Er war zu diesem weit entfernten Wald gereist und hatte es aus seinem Versteck geholt, vielleicht gleich nachdem er Hogwarts verlassen, noch ehe er seine Arbeit bei Borgin und Burkes aufgenommen hatte. Und waren Voldemort jene abgelegenen albanischen Wälder nicht wie eine hervorragende Zuflucht erschienen, als er sehr viel später einen Platz brauchte, wo er sich zehn lange Jahre ungestört versteckt halten konnte?
Aber sobald das Diadem einmal zu seinem wertvollen Horkrux geworden war, blieb es nicht in diesem schlichten Baum … nein, das Diadem wurde heimlich in sein wahres Zuhause zurückgebracht, Voldemort musste es dort hinterlegt haben –
»– an dem Abend, als er eine Stelle verlangte!«, sagte Harry und beendete damit seinen Gedankengang.
»Verzeihung bitte?«
»Er versteckte das Diadem im Schloss, an dem Abend, an dem er Dumbledore bat, ihn an der Schule unterrichten zu lassen!«, sagte Harry. Erst indem er es laut aussprach, konnte er sich einen Reim auf all das machen. »Er muss das Diadem auf dem Weg hinauf zu Dumbledores Büro versteckt haben, oder als er wieder hinunterging! Aber es war immerhin einen Versuch wert, diese Stelle zu bekommen – denn dann hätte er vielleicht die Gelegenheit gehabt, auch noch Gryffindors Schwert zu klauen – danke, vielen Dank!«
Harry ließ sie schwebend dort zurück, mit vollkommen verdutzter Miene. Als er wieder in Richtung Eingangshalle um die Ecke bog, sah er auf seine Uhr. Es war fünf Minuten vor Mitternacht, und obwohl er jetzt wusste, was der letzte Horkrux war, hatte er immer noch nicht herausgefunden, wo er steckte …
Generationen von Schülern war es nicht gelungen, das Diadem zu finden; das ließ vermuten, dass es nicht im Ravenclaw-Turm war – aber wenn nicht dort, wo dann? Welches Versteck hatte Tom Riddle im Schloss Hogwarts ausfindig gemacht, von dem er glaubte, es würde für immer ein Geheimnis bleiben?
Tief versunken in verzweifelte Spekulationen, bog Harry um eine Ecke, doch er war nur wenige Schritte den neuen Korridor entlanggegangen, als links von ihm mit einem ohrenbetäubenden, enormen Krach ein Fenster zerbarst. Er sprang zur Seite, und ein riesiger Körper flog durch das Fenster und schlug an die gegenüberliegende Wand. Etwas Großes und Pelziges löste sich jaulend von dem Neuankömmling und stürzte sich auf Harry.
»Hagrid!«, brüllte Harry, während er die Zudringlichkeiten von Fang, dem Saurüden, abwehrte, und die gewaltige bärtige Gestalt rappelte sich auf. »Was zum –?«
»Harry, du hier? Du hier!«
Hagrid bückte sich und bedachte Harry mit einer flüchtigen Umarmung, die ihm fast die Rippen brach, dann ging er eilends zurück zu dem zerschmetterten Fenster.
»Braver Junge, Grawpy!«, brüllte er durch das Loch in der Scheibe. »Wir sehn uns gleich, sei schön brav!«
Hinter Hagrid konnte Harry draußen in der dunklen Nacht Lichtgarben in der Ferne sehen, und er hörte einen unheimlichen, klagenden Schrei. Er blickte auf seine Uhr: Es war Mitternacht. Die Schlacht hatte begonnen.
»Mensch, Harry«, keuchte Hagrid, »jetzt is’ es so weit, was? Zeit zu kämpfen?«
»Hagrid, wo kommst du denn her?«
»Hab Du-weißt-schon-wen oben in unsrer Höhle gehört«, sagte Hagrid grimmig. »Durchdringende Stimme, nich wahr? ›Ihr habt bis Mitternacht, um mir Potter zu geb’n.‹ Hab gewusst, dass du hier sein musst, hab gewusst, dass das passier’n würd. Platz, Fang. Da kommen wir doch un’ machen mit, ich un’ Grawpy un’ Fang. Ham uns durch die Grenze am Wald geschlag’n, Grawpy hat uns getragen, Fang un’ mich. Hab ihm gesagt, er soll mich am Schloss runterlassen, da hat er mich durchs Fenster geschubst, der Gute. War nich genau das, was ich meinte, aber – wo sin’ Ron un’ Hermine?«
»Das«, sagte Harry, »ist eine wirklich gute Frage. Komm mit.«
Sie hasteten zusammen den Korridor entlang, Fang sprang neben ihnen her. Harry konnte hören, dass in den Gängen rundum Bewegung herrschte: rasche Schritte, Schreie; durch die Fenster sah er weitere Lichtblitze auf dem dunklen Gelände.
»Wo gehn wir hin?«, japste Hagrid, der Harry mit wuchtigen Schritten folgte, unter denen die Dielen erzitterten.
»Ich weiß nicht genau«, sagte Harry und bog erneut aufs Geratewohl um eine Ecke, »aber Ron und Hermine müssen hier irgendwo sein.«
Vor ihnen, quer über dem Gang, lagen schon die ersten Opfer der Schlacht: Die beiden steinernen Wasserspeier, die normalerweise den Eingang zum Lehrerzimmer bewachten, waren von einem Fluch zerschlagen worden, der durch ein weiteres zerbrochenes Fenster geflogen war. Ihre Überbleibsel regten sich schwach am Boden, und als Harry über einen der abgeschlagenen Köpfe sprang, stöhnte dieser matt: »Oh, lassen Sie sich durch mich nicht stören … ich lieg hier bloß und brösel vor mich hin …«
Sein hässliches Steingesicht erinnerte Harry plötzlich an die Marmorbüste von Rowena Ravenclaw in Xenophilius’ Haus, die jenen verrückten Kopfschmuck trug – und an die Statue im Ravenclaw-Turm, mit dem steinernen Diadem auf ihren weißen Locken …
Und als er das Ende des Ganges erreicht hatte, fiel Harry ein drittes steinernes Bildnis wieder ein: das eines hässlichen alten Zauberers, dem Harry selbst eine Perücke und ein ramponiertes altes Diadem auf den Kopf gesetzt hatte. Der Schock durchfuhr ihn wie das Brennen von Feuerwhisky und er wäre fast gestolpert.
Endlich wusste er, wo der Horkrux auf ihn wartete …
Tom Riddle, der sich niemandem anvertraute und ganz allein operierte, mochte arrogant genug gewesen sein, davon auszugehen, dass er, und nur er allein, bis in die tiefsten Geheimnisse von Schloss Hogwarts vorgedrungen war. Natürlich, Dumbledore und Flitwick, die beiden Musterschüler, hatten diesen besonderen Ort nie betreten, doch er, Harry, war während seiner Schulzeit das ein oder andere Mal von den gewohnten Wegen abgewichen – hier war endlich ein Geheimnis, das er und Voldemort kannten und das Dumbledore nie entdeckt hatte –
Er wurde von Professor Sprout aufgeschreckt, die an ihm vorbeidonnerte, gefolgt von Neville und einem halben Dutzend anderer, die alle Ohrenschützer aufhatten und etwas trugen, das wie große Topfpflanzen aussah.
»Alraunen!«, brüllte Neville Harry über die Schulter zu, während er vorüberrannte. »Die schmeißen wir über die Mauern – das wird denen gar nicht gefallen!«
Harry wusste jetzt, wo er hinmusste. Er raste los, Hagrid und Fang stürmten ihm hinterher. Sie ließen ein Porträt nach dem anderen hinter sich, und die gemalten Gestalten rannten neben ihnen her; Zauberer und Hexen mit Halskrausen und Bundhosen, in Rüstungen und Umhängen, drängten sich in die Gemälde anderer und tauschten lauthals Neuigkeiten aus verschiedenen Teilen des Schlosses aus. Als sie ans Ende dieses Korridors gelangten, bebte das ganze Schloss, und als eine mächtige Vase mit explosionsartiger Wucht von ihrem Sockel flog, wusste Harry, dass das Schloss im Griff unheilvollerer Zauber war als die der Lehrer und des Ordens.
»Is’ schon gut, Fang – is’ schon gut!«, rief Hagrid, doch der große Saurüde hatte die Flucht ergriffen, als Porzellansplitter wie Schrapnelle durch die Luft sausten; Hagrid stampfte davon, dem verängstigten Hund nach, und Harry blieb allein zurück.
Er kämpfte sich mühsam durch die bebenden Korridore voran, den Zauberstab bereit, und in einem der Gänge eilte der kleine gemalte Ritter Sir Cadogan mit seiner scheppernden Rüstung von Gemälde zu Gemälde neben ihm her und schrie ihm aufmunternd zu, während sein kleines dickes Pony locker hinterhergaloppierte.
»Prahler und Schurken, Hunde und Halunken, jag sie fort, Harry Potter, scheuch sie von dannen!«
Harry wirbelte um eine Ecke und stieß auf Fred und ein Grüppchen von Schülern, darunter Lee Jordan und Hannah Abbott, die vor einem weiteren leeren Sockel standen, dessen Statue einen Geheimgang verdeckt hatte. Sie hatten die Zauberstäbe gezückt und lauschten an dem verborgenen Loch.
»Hübsche Nacht für so was!«, rief Fred, als das Schloss von neuem erzitterte, und Harry raste vorbei, ermutigt und entsetzt gleichermaßen. Er jagte einen weiteren Korridor entlang, und dann waren überall Eulen, und Mrs Norris fauchte und versuchte mit den Pfoten nach ihnen zu hauen, sicher, um sie an ihren angestammten Platz zurückzuschicken …
»Potter!«
Aberforth Dumbledore stand vor ihm und versperrte den Korridor, den Zauberstab im Anschlag.
»Hunderte von Kindern rennen durch meinen Pub, Potter!«
»Ich weiß, wir räumen das Schloss«, sagte Harry. »Voldemort –«
»– greift an, weil man dich nicht ausgeliefert hat, ja«, sagte Aberforth, »ich bin nicht taub, ganz Hogsmeade hat ihn gehört. Und niemand von euch ist der Gedanke gekommen, ein paar Slytherins als Geiseln zu nehmen? Da sind auch Kinder von Todessern unter denen, die ihr gerade in Sicherheit gebracht habt. Wär es nicht ein wenig klüger gewesen, sie hier festzuhalten?«
»Das würde Voldemort nicht stoppen«, sagte Harry, »und Ihr Bruder hätte das niemals getan.«
Murrend machte Aberforth sich in die entgegengesetzte Richtung davon.
Ihr Bruder hätte das niemals getan … nun, das war die Wahrheit, dachte Harry, als er wieder losrannte; Dumbledore, der Snape so lange verteidigt hatte, hätte niemals Schüler gefangen gehalten, um etwas zu erpressen …
Und dann schlitterte er um eine letzte Ecke, und erleichtert und zornig zugleich schrie er auf, als er sie sah: Ron und Hermine, beide hatten die Arme voll großer, krummer, schmutzig gelber Gegenstände, und Ron hatte sich einen Besen unter die Achsel geklemmt.
»Wo zum Teufel wart ihr?«, rief Harry.
»Kammer des Schreckens«, sagte Ron.
»Kammer des – was?«, fragte Harry und blieb schwankend vor ihnen stehen.
»Es war Ron, das Ganze war Rons Idee!«, sagte Hermine atemlos. »War es nicht absolut großartig? Als du weg warst, standen wir rum, und ich sagte zu Ron, selbst wenn wir den anderen finden, wie sollen wir ihn loswerden? Wir waren ja noch nicht mal den Becher losgeworden! Und dann kam er auf die Idee! Der Basilisk!«
»Was zum –?«
»Etwas, um Horkruxe zu erledigen«, sagte Ron schlicht.
Harrys Blick fiel auf die Gegenstände, die Ron und Hermine in den Armen hielten: große, krumme Giftzähne, die sie, wie ihm jetzt klar wurde, einem toten Basilisken aus dem Schädel gerissen hatten.
»Aber wie seid ihr da reingekommen?«, fragte er und starrte von den Zähnen zu Ron. »Man muss Parsel sprechen!«
»Das hat er getan!«, flüsterte Hermine. »Mach es ihm vor, Ron!«
Ron gab einen fürchterlichen, erstickten Zischlaut von sich.
»Das hast du gemacht, um das Medaillon zu öffnen«, erklärte er Harry kleinlaut. »Ich musste es ein paarmal probieren, bis ich es richtig hinbekam, aber«, er zuckte bescheiden mit den Schultern, »am Ende sind wir doch reingekommen.«
»Er war sagenhaft!«, sagte Hermine. »Sagenhaft!«
»Also …«, Harry hatte Mühe mitzuhalten. »Also …«
»Also wieder ein Horkrux erledigt«, sagte Ron und zog unter seiner Jacke die Überreste des zerstörten Hufflepuff-Bechers hervor. »Hermine hat ihn durchbohrt. Ich dachte, sie sollte das machen. Sie hatte noch nicht das Vergnügen.«
»Genial!«, schrie Harry.
»Nicht der Rede wert«, sagte Ron, obwohl er mit sich zufrieden wirkte. »Und was gibt’s bei dir Neues?«
Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da ertönte über ihnen eine Explosion: Sie blickten alle drei hoch, Staub rieselte von der Decke, und sie hörten einen Schrei aus der Ferne.
»Ich weiß, wie das Diadem aussieht, und ich weiß auch, wo es ist«, sagte Harry rasch. »Er hat es genau dort versteckt, wo ich mein altes Zaubertrankbuch versteckt habe, wo seit Jahrhunderten alle irgendwelches Zeugs verstecken. Er dachte, er wäre der Einzige, der es entdeckt hat. Kommt mit.«
Während die Mauern wieder bebten, ging er den anderen beiden voran durch den verborgenen Eingang und die Treppe hinunter in den Raum der Wünsche. Er war fast leer, nur drei Frauen waren noch da: Ginny, Tonks und eine ältere Hexe mit einem mottenzerfressenen Hut, in der Harry sofort Nevilles Großmutter erkannte.
»Ah, Potter«, sagte sie forsch, als hätte sie auf ihn gewartet. »Du kannst uns berichten, was gerade los ist.«
»Alles in Ordnung mit den andern?«, fragten Ginny und Tonks gleichzeitig.
»Soweit wir wissen«, erwiderte Harry. »Sind noch Leute im Tunnel zum Eberkopf?«
Er wusste, dass der Raum sich nicht verwandeln konnte, solange ihn noch jemand benutzte.
»Ich war die Letzte, die durchkam«, sagte Mrs Longbottom. »Ich habe ihn versiegelt, ich halte es für unklug, ihn offen zu lassen, jetzt, wo Aberforth seinen Pub verlassen hat. Hast du meinen Enkel gesehen?«
»Er kämpft«, sagte Harry.
»Natürlich«, sagte die alte Dame stolz. »Entschuldigt mich, ich muss gehen und ihm beistehen.«
Überraschend schnell zockelte sie in Richtung der steinernen Treppe davon.
Harry sah zu Tonks.
»Ich dachte, du wärst mit Teddy bei deiner Mutter?«
»Ich hab es nicht ausgehalten, nichts zu wissen –« Tonks wirkte gequält. »Sie kümmert sich um ihn – hast du Remus gesehen?«
»Er wollte eine Gruppe von Kämpfern auf das Gelände führen –«
Ohne ein weiteres Wort eilte Tonks davon.
»Ginny«, sagte Harry, »es tut mir leid, aber du musst auch raus. Nur für eine Weile. Dann kannst du wieder reinkommen.«
Ginny schien sich einfach nur darüber zu freuen, dass sie ihre Zufluchtsstätte verlassen konnte.
»Und dann kannst du wieder reinkommen!«, rief er ihr nach, als sie Tonks hinterher die Treppe hochrannte. »Du musst wieder reinkommen!«
»Wart mal einen Moment«, sagte Ron scharf. »Wir haben jemanden vergessen!«
»Wen?«, fragte Hermine.
»Die Hauselfen, die sind sicher alle unten in der Küche, oder?«
»Du meinst, wir sollten sie zum Kämpfen bringen?«, fragte Harry.
»Nein«, erwiderte Ron ernst. »Ich meine, wir sollten ihnen sagen, dass sie weggehen müssen. Wir wollen nicht noch mehr Dobbys, oder? Wir können ihnen nicht befehlen, für uns zu sterben –«
Klappernd flogen die Basiliskenzähne in hohem Bogen aus Hermines Armen. Sie stürzte auf Ron zu, fiel ihm um den Hals und küsste ihn mitten auf den Mund. Ron warf die Zähne und den Besen, die er hielt, beiseite und erwiderte den Kuss so leidenschaftlich, dass er Hermine von den Füßen riss.
»Ist das jetzt der richtige Moment dafür?«, fragte Harry matt, und als nichts geschah, außer dass Ron und Hermine sich noch fester umklammerten und hin und her schwankten, hob er seine Stimme: »HEY! Hier herrscht Krieg!«
Ron und Hermine lösten sich voneinander, die Arme nach wie vor umeinandergeschlungen.
»Ich weiß, Mann«, sagte Ron, der den Eindruck machte, als hätte er gerade einen Klatscher an den Hinterkopf bekommen, »ebendeshalb, jetzt oder nie, stimmt’s?«
»Schon gut, aber was ist mit dem Horkrux?«, rief Harry. »Meint ihr, ihr könntet euch gerade noch – gerade noch zurückhalten, bis wir das Diadem haben?«
»Jaah – gut – ’tschuldigung –«, sagte Ron, und er und Hermine machten sich, beide mit rosa Gesichtern, daran, die Giftzähne aufzusammeln.
Als die drei in den Korridor oben zurückkehrten, war offensichtlich, dass sich die Lage im Schloss während der wenigen Minuten, die sie im Raum der Wünsche gewesen waren, ernstlich verschlechtert hatte: Die Wände und die Decke bebten schlimmer denn je; die Luft war voller Staub, und durch das nächste Fenster sah Harry grüne und rote Lichter so dicht am Fuß des Schlosses aufflammen, dass er wusste, dass die Todesser nahe daran sein mussten, in das Gebäude einzudringen. Er blickte hinunter und sah Grawp, den Riesen, in Schlangenlinien vorbeiwanken, er schwang offenbar einen vom Dach gerissenen steinernen Wasserspeier und brüllte verärgert.
»Hoffentlich tritt er auf ein paar von denen drauf!«, sagte Ron, während ganz in der Nähe weitere Schreie ertönten.
»Solange es nicht jemand von uns ist!«, sagte eine Stimme. Harry wandte sich um und sah Ginny und Tonks mit gezückten Zauberstäben am nächsten Fenster stehen, an dem mehrere Scheiben fehlten. Noch während er hinüberschaute, schickte Ginny einen gut gezielten Fluch nach unten in eine Gruppe von Kämpfern.
»Prima, Mädchen!«, brüllte eine Gestalt, die durch den Staub auf sie zurannte, und Harry sah wieder Aberforth, der mit wehenden grauen Haaren eine kleine Schülerschar vorbeiführte. »Die brechen anscheinend am nördlichen Wehrgang durch, sie haben ihre eigenen Riesen mitgebracht!«
»Hast du Remus gesehen?«, rief Tonks ihm nach.
»Der hat sich gerade mit Dolohow duelliert«, schrie Aberforth, »hab ihn seither nicht mehr gesehen!«
»Tonks«, sagte Ginny, »Tonks, ich bin sicher, ihm geht’s gut –«
Aber Tonks war Aberforth hinterhergestürmt und im Staub verschwunden.
Ratlos drehte Ginny sich zu Harry, Ron und Hermine um.
»Die werden es schon schaffen«, sagte Harry, wohl wissend, dass es leere Worte waren. »Ginny, wir sind gleich zurück, geh einfach in Deckung und pass auf dich auf – kommt mit!«, sagte er zu Ron und Hermine, und sie eilten wieder zu dem Stück Wand, hinter dem der Raum der Wünsche darauf wartete, den Befehl des nächsten Eintretenden auszuführen.
Ich brauche den Ort, wo alles versteckt ist, flehte Harry den Raum im Stillen an, und als sie zum dritten Mal an der Wand vorbeirannten, erschien die Tür.
Das Schlachtengetümmel erstarb in dem Moment, in dem sie die Schwelle überquerten und die Tür hinter sich schlossen: Es herrschte Stille. Sie waren an einen Ort gelangt, der so groß war wie eine Kathedrale und den Eindruck einer Stadt vermittelte, mit hoch aufragenden Mauern, aus Gegenständen gebaut, die Tausende längst fortgegangener Schüler hier versteckt hatten.
»Und es wurde ihm nie bewusst, dass jeder hier reinkommen kann?«, sagte Ron und seine Stimme hallte in der Stille.
»Er glaubte, er wäre der Einzige«, sagte Harry. »Pech für ihn, dass ich zu meiner Zeit auch was verstecken musste … hier lang«, fügte er hinzu, »ich glaube, es ist da drüben …«
Er ging an dem ausgestopften Troll und an dem Verschwindekabinett vorbei, das Draco Malfoy im vorigen Jahr mit so verheerenden Folgen repariert hatte, dann zögerte er und spähte links und rechts in Gänge aus Gerümpel hinein; er wusste nicht mehr, wo es jetzt weiterging …
»Accio Diadem!«, rief Hermine verzweifelt, doch nichts flog durch die Luft auf sie zu. Es sah aus, als ob dieser Raum, wie das Verlies in Gringotts, seine verborgenen Gegenstände nicht so einfach hergeben würde.
»Wir sollten uns aufteilen«, sagte Harry zu den beiden anderen. »Sucht nach der steinernen Büste eines alten Mannes, der eine Perücke und ein Diadem aufhat! Sie steht auf einem Schrank und ist ganz bestimmt irgendwo hier in der Nähe …«
Sie rasten los in angrenzende Gänge hinein; Harry konnte die Schritte der anderen hören, die zwischen den turmhohen Stapeln von Gerümpel, von Flaschen, Hüten, Körben, Stühlen, Büchern, Waffen, Besen, Schlägern hallten …
»Irgendwo hier in der Nähe«, murmelte Harry vor sich hin. »Irgendwo … irgendwo …«
Immer tiefer drang er in das Labyrinth ein und hielt Ausschau nach Gegenständen, die er von dem einen Besuch her kannte, den er diesem Raum zuvor abgestattet hatte. Sein Atem dröhnte ihm laut in den Ohren und dann schien seine Seele selbst zu erzittern: Da stand er, direkt vor ihm, der mit Blasen überzogene alte Schrank, in dem er sein altes Zaubertrankbuch versteckt hatte, und obenauf der pockennarbige steinerne Zauberer, der eine verstaubte alte Perücke trug und etwas, das wie ein uraltes, angelaufenes Diadem aussah.
Er hatte schon die Hand ausgestreckt, obwohl er noch drei Meter entfernt war, da sagte eine Stimme hinter ihm: »Halt, Potter.«
Er bremste schlitternd ab und drehte sich um. Crabbe und Goyle standen hinter ihm, Schulter an Schulter, die Zauberstäbe direkt auf ihn gerichtet. Durch die kleine Lücke zwischen ihren höhnischen Gesichtern sah er Draco Malfoy.
»Das ist mein Zauberstab, den du da in der Hand hast, Potter«, sagte Malfoy und deutete mit dem Stab, den er hielt, durch die Lücke zwischen Crabbe und Goyle.
»Das war einmal«, keuchte Harry und umklammerte den Weißdorn-Zauberstab noch fester. »Dem Sieger gehört die Beute, Malfoy. Wer hat dir deinen geliehen?«
»Meine Mutter«, sagte Draco.
Harry lachte, obwohl die Situation nicht besonders komisch war. Er konnte Ron und Hermine nicht mehr hören. Sie schienen außer Hörweite gelaufen zu sein und immer noch nach dem Diadem zu suchen.
»Wieso seid ihr drei eigentlich nicht bei Voldemort?«, fragte Harry.
»Wir kriegen ’ne Belohnung«, sagte Crabbe. Seine Stimme war überraschend leise für eine so riesige Person; Harry hatte ihn kaum jemals sprechen hören. Crabbe lächelte wie ein kleines Kind, dem man eine große Tüte Süßigkeiten versprochen hatte. »Wir sin’ dageblieben, Potter. Wir haben beschlossen, dass wir nicht weggehen. Haben beschlossen, dass wir dich zu ihm bringen.«
»Guter Plan«, lobte Harry ihn spöttisch. Er konnte es nicht glauben, dass er seinem Ziel so nahe war und ihm nun Malfoy, Crabbe und Goyle in die Quere kamen. Langsam rückwärtsgehend schob er sich auf die Stelle zu, wo der Horkrux verkehrt herum auf der Büste saß. Wenn er ihn nur in die Hände bekommen könnte, ehe der Kampf losging …
»Und wie seid ihr hier reingekommen?«, versuchte er sie abzulenken.
»Ich hab praktisch das ganze letzte Jahr im Raum der Verborgenen Dinge gelebt«, sagte Malfoy mit schriller Stimme. »Ich weiß, wie man reinkommt.«
»Wir ham uns draußen im Korridor versteckt«, grunzte Goyle. »Wir können jetzt De-lusionierungszauber! Und dann«, auf seinem Gesicht machte sich ein dümmliches Grinsen breit, »bist du direkt vor uns aufgetaucht und hast gesagt, dass du nach einem Dier-dem suchst! Was ist ein Dier-dem?«
»Harry?« Rons Stimme ertönte plötzlich auf der anderen Seite der Mauer zu Harrys Rechten. »Redest du da mit jemand?«
Mit einer peitschenden Bewegung richtete Crabbe seinen Zauberstab auf den fünfzehn Meter hohen Berg aus alten Möbeln, kaputten Koffern, alten Büchern, Umhängen und undefinierbarem Gerümpel und rief: »Descendo!«
Die Mauer geriet ins Wanken und bröckelte dann in den Nachbargang hinein, wo Ron sich befand.
»Ron!«, brüllte Harry, während Hermine irgendwo außer Sichtweite schrie, und Harry hörte auf der anderen Seite der aus dem Gleichgewicht geratenen Mauer zahllose Gegenstände zu Boden krachen: Er richtete seinen Zauberstab auf den Wall, rief »Finite«, und er stabilisierte sich.
»Nein!«, rief Malfoy und hielt Crabbe, der gerade den Zauber wiederholen wollte, am Arm zurück. »Wenn du den Raum demolierst, geht vielleicht dieses Diadem-Teil verschütt!«
»Ist doch egal, oder?«, sagte Crabbe und zerrte sich los. »Es ist doch Potter, den der Dunkle Lord haben will, wen kümmert da schon ein Dier-dem?«
»Potter kam hier rein, um es zu holen«, sagte Malfoy mit kaum versteckter Ungeduld, weil seine Gefährten so begriffsstutzig waren, »also muss das heißen –«
»›Muss das heißen‹?« Crabbe wandte sich mit unverhohlener Härte gegen Malfoy. »Wen interessiert’s schon, was du denkst? Ich nehm keine Befehle mehr von dir an, Draco. Du un’ dein Dad, ihr seid erledigt.«
»Harry?«, rief Ron erneut von der anderen Seite der Gerümpelmauer. »Was ist da los?«
»Harry?«, äffte Crabbe ihn nach. »Was ist da – nein, Potter! Crucio!«
Harry hatte sich auf das Diadem gestürzt; Crabbes Fluch verfehlte ihn, traf aber die steinerne Büste, die in die Luft flog; das Diadem schnellte nach oben und fiel dann außer Sichtweite in das Durcheinander von Gegenständen, wo auch die Büste liegen geblieben war.
»STOPP!«, schrie Malfoy Crabbe zu und seine Stimme hallte durch den gewaltigen Raum. »Der Dunkle Lord will ihn lebend –«
»Na und? Bring ich ihn etwa um?«, rief Crabbe und schüttelte Malfoys Arm ab, der ihn behinderte, »aber wenn ich kann, werd ich’s tun, der Dunkle Lord will sowieso, dass er tot ist, wo ist da der Untersch–?«
Ein Strahl scharlachroten Lichts jagte nur Zentimeter an Harry vorbei: Hermine war hinter ihm um die Ecke gerannt und hatte einen Schockzauber direkt auf Crabbes Kopf abgefeuert. Er verfehlte ihn nur, weil Malfoy ihn beiseitezog.
»Das ist dieses Schlammblut! Avada Kedavra!«
Harry sah Hermine weghechten, und seine Wut darüber, dass Crabbe hatte töten wollen, fegte alles andere aus seinem Kopf. Er schoss einen Schockzauber auf Crabbe ab, der zur Seite sprang und dabei Malfoy den Zauberstab aus der Hand schlug; er kullerte unter einen Berg von kaputten Möbeln und Kisten und war nicht mehr zu sehen.
»Tötet ihn nicht! TÖTET IHN NICHT!«, schrie Malfoy Crabbe und Goyle zu, die beide auf Harry zielten: Dass sie eine winzige Sekunde lang zögerten, war alles, was Harry brauchte.
»Expelliarmus!«
Goyles Zauberstab flog ihm aus der Hand und verschwand in dem Bollwerk aus Gegenständen neben ihm; Goyle hüpfte albern auf der Stelle umher und versuchte ihn wiederzufinden; Malfoy sprang fort, so dass Hermines zweiter Schockzauber ihn nicht erreichen konnte, und Ron, der plötzlich am Ende des Ganges auftauchte, schoss einen Ganzkörperklammer-Fluch auf Crabbe, der ihn knapp verfehlte.
Crabbe wirbelte herum und schrie wieder: »Avada Kedavra!« Ron stürzte beiseite, um dem grünen Lichtstrahl zu entkommen. Der zauberstablose Malfoy kauerte hinter einem dreibeinigen Kleiderschrank, als Hermine auf sie zustürmte und Goyle im Laufen mit einem Schockzauber traf.
»Irgendwo hier ist es!«, schrie Harry ihr zu und deutete auf den Haufen Gerümpel, in den das alte Diadem gefallen war. »Such es, während ich Ron hel–«
»HARRY!«, schrie sie.
Ein brausendes, loderndes Geräusch gab ihm eine kurze Vorwarnung. Er drehte sich um und sah Ron und Crabbe, so schnell sie konnten, den Gang entlang auf sie zurennen.
»Mögt ihr’s heiß, Kotzbrocken?«, brüllte Crabbe, während er rannte.
Doch er schien das, was er getan hatte, nicht unter Kontrolle zu haben. Flammen von ungewöhnlicher Größe verfolgten sie und züngelten an den Wänden der Gerümpelwälle hoch, die bei ihrer Berührung zu Ruß zerfielen.
»Aguamenti!«, schrie Harry, doch der Wasserstrahl, der aus der Spitze seines Zauberstabs schoss, verdampfte in der Luft.
»LAUFT!«
Malfoy packte den geschockten Goyle und zerrte ihn mit sich. Crabbe, dem jetzt die Angst im Gesicht stand, ließ sie alle hinter sich; Harry, Ron und Hermine rasten ihm hinterher, und das Feuer verfolgte sie. Es war kein normales Feuer; Crabbe hatte einen Fluch verwendet, mit dem Harry sich nicht auskannte. Während sie um eine Ecke bogen, jagten die Flammen hinter ihnen her, als wären es lebendige, fühlende Wesen, die darauf aus waren, sie zu töten. Nun verwandelte sich das Feuer, bildete eine gigantische Meute lohender Ungeheuer: Flammende Schlangen, Chimäras und Drachen bäumten sich auf, fielen in sich zusammen und bäumten sich wieder auf, und der Abhub von Jahrhunderten, von dem sie sich nährten, wurde in die Luft geworfen, in ihre Mäuler voller Reißzähne, von ihren Klauen hochgeschleudert, ehe das Flammenmeer ihn verschlang.
Malfoy, Crabbe und Goyle waren nicht mehr zu sehen: Harry, Ron und Hermine blieben abrupt stehen; die feurigen Monster umzingelten sie, kamen näher und näher, schlugen mit Klauen und Hörnern und Schwänzen nach ihnen, und die Hitze um sie herum war so fest wie eine Mauer.
»Was machen wir jetzt?«, schrie Hermine durch das ohrenbetäubende Brüllen des Feuers. »Was machen wir jetzt?«
»Hier!«
Harry packte zwei stabil wirkende Besen vom nächsten Gerümpelhaufen und warf einen Ron zu, der Hermine hinter sich hinaufzog. Harry schwang ein Bein über den zweiten Besen, sie stießen sich kraftvoll vom Boden ab und rauschten hoch in die Luft, wobei sie dem gehörnten Schnabel eines flammenden Raubvogels, der mit seinen Kiefern nach ihnen schnappte, nur um Zentimeter entgingen. Der Rauch und die Hitze wurden allmählich unerträglich. Unter ihnen verzehrte das verfluchte Feuer das Beutegut von Generationen gejagter Schüler, die strafbaren Ergebnisse tausend verbotener Experimente, die Geheimnisse zahlloser Seelen, die in diesem Raum Zuflucht gesucht hatten. Harry konnte nirgends eine Spur von Malfoy, Crabbe oder Goyle sehen. Er stieß, so tief er es wagte, zu den tobenden Flammenmonstern hinab, um die beiden vielleicht zu finden, doch da war nichts als Feuer: Welch schreckliche Art zu sterben … das hatte er nicht gewollt …
»Raus hier, Harry, lass uns verschwinden!«, brüllte Ron, aber es war durch den schwarzen Rauch unmöglich, zu erkennen, wo die Tür war.
Und dann hörte Harry einen schwachen, kläglichen menschlichen Schrei in dem schrecklichen Durcheinander, im Tosen der alles zermalmenden Flammen.
»Es ist – zu – gefährlich –!«, schrie Ron, doch Harry wirbelte in der Luft herum. Seine Brille bot seinen Augen ein wenig Schutz vor dem Rauch, und er suchte den Feuersturm unter sich ab, suchte nach einem Lebenszeichen, einem Körperglied oder einem Gesicht, das noch nicht verkohlt war wie Holz …
Und er sah sie: Malfoy, die Arme um den bewusstlosen Goyle geschlungen, beide auf einem wackligen Turm rußgeschwärzter Pulte sitzend, und Harry tauchte hinab. Malfoy sah ihn kommen und hob einen Arm, doch als Harry ihn packte, wusste er sofort, dass es keinen Sinn hatte: Goyle war zu schwer und Malfoys schweißbedeckte Hand rutschte gleich wieder aus Harrys Griff –
»WENN WIR FÜR DIE STERBEN, BRING ICH DICH UM, HARRY!«, brüllte Rons Stimme, und als eine große flammende Chimära sich auf sie herabstürzte, zerrten er und Hermine Goyle auf ihren Besen und stiegen schlingernd und taumelnd wieder hoch, während Malfoy hinter Harry hinaufkletterte.
»Die Tür, flieg zur Tür, zur Tür!«, schrie Malfoy Harry ins Ohr, und Harry beschleunigte, sauste Ron, Hermine und Goyle hinterher durch die schwarzen Rauchschwaden, konnte kaum atmen. Und überall um sie herum wurden die wenigen Gegenstände, die die gefräßigen Flammen noch nicht verbrannt hatten, in die Luft gewirbelt, siegestrunken hochgeschleudert von den Kreaturen des verfluchten Feuers: Pokale und Schilde, eine funkelnde Halskette und ein altes, angelaufenes Diadem –
»Was tust du da, was tust du da? Die Tür ist dort drüben!«, schrie Malfoy, doch Harry machte einen scharfen Schwenk und stieß hinunter. Das Diadem schien wie in Zeitlupe zu fallen, glitzernd drehte es sich um sich selbst, während es auf den klaffenden Schlund einer Schlange zustürzte, und dann hatte er es, aufgefangen mit seinem Handgelenk –
Harry schwenkte wieder herum, als die Schlange ihn angriff, er stieg in die Höhe und geradewegs auf die Stelle zu, wo, wie er nur beten konnte, die Tür offen stand: Ron, Hermine und Goyle waren verschwunden, Malfoy schrie die ganze Zeit und klammerte sich so fest an Harry, dass es wehtat. Dann sah Harry durch den Rauch einen rechteckigen Fleck an der Wand und steuerte mit dem Besen darauf zu, und Sekunden später füllte klare Luft seine Lungen, und sie krachten gegen die dahinterliegende Mauer des Korridors.
Malfoy fiel vom Besen und lag mit dem Gesicht nach unten da, keuchend, hustend und würgend. Harry drehte sich herum und setzte sich auf: Die Tür zum Raum der Wünsche war verschwunden, und Ron und Hermine saßen schwer atmend auf dem Boden neben Goyle, der immer noch bewusstlos war.
»C-Crabbe«, japste Malfoy, sobald er sprechen konnte. »C-Crabbe …«
»Er ist tot«, sagte Ron barsch.
Stille trat ein, nur das Keuchen und Husten war zu hören. Dann erschütterte eine Reihe von schweren Schlägen das Schloss, und ein mächtiger Reiterzug durchsichtiger Gestalten galoppierte an ihnen vorbei, und ihre Köpfe, die sie unter den Armen trugen, schrien im Blutrausch. Harry erhob sich schwankend, als die Kopflosenjagd vorbeigezogen war, und blickte sich um: Rund um ihn her tobte nach wie vor die Schlacht. Er konnte noch andere Schreie hören als die der sich zurückziehenden Gespenster. Panik loderte in ihm auf.
»Wo ist Ginny?«, sagte er scharf. »Sie war hier. Sie sollte in den Raum der Wünsche zurückgehen.«
»Verdammt, meinst du, der funktioniert noch nach diesem Feuer?«, fragte Ron, doch auch er stand auf, rieb sich die Brust und hielt nach links und rechts Ausschau. »Sollen wir uns aufteilen und suchen –?«
»Nein«, sagte Hermine und erhob sich ebenfalls. Malfoy und Goyle blieben hoffnungslos zusammengesackt auf dem Boden liegen; keiner von ihnen hatte einen Zauberstab. »Lasst uns zusammenbleiben. Ich denke, wir gehen – Harry, was ist das an deinem Arm?«
»Was? Oh, jaah –«
Er zog das Diadem von seinem Handgelenk und hielt es hoch. Es war immer noch heiß und rußgeschwärzt, doch als er es näher betrachtete, konnte er gerade noch die winzigen Wörter erkennen, die darin eingraviert waren: Witzigkeit im Übermaß ist des Menschen größter Schatz.
Eine blutartige Substanz, dunkel und teerig, schien aus dem Diadem zu sickern. Plötzlich spürte Harry, wie es heftig vibrierte und dann in seinen Händen auseinanderbrach, und dabei glaubte er einen äußerst schwachen, ganz fernen Schmerzensschrei zu hören, der nicht vom Gelände oder vom Schloss herdrang, sondern von dem Ding, das gerade in seinen Fingern zu Bruch gegangen war.
»Das muss das Dämonsfeuer gewesen sein!«, wisperte Hermine, die Augen auf die zerbrochenen Teile gerichtet.
»Wie bitte?«
»Dämonsfeuer – verfluchtes Feuer – das ist eines von den Dingen, die Horkruxe zerstören, aber ich hätte es nie und nimmer gewagt, das zu verwenden, so gefährlich ist es. Woher wusste Crabbe, wie man –?«
»Muss es von den Carrows gelernt haben«, sagte Harry grimmig.
»Schade eigentlich, dass er nicht aufgepasst hat, als die erwähnt haben, wie man es wieder löscht«, sagte Ron, dessen Haare wie die von Hermine angesengt waren und dessen Gesicht schwarz geworden war. »Wenn er nicht versucht hätte, uns alle umzubringen, würd’s mir tatsächlich leidtun, dass er tot ist.«
»Aber begreift ihr denn nicht?«, flüsterte Hermine. »Das bedeutet, wenn wir jetzt noch die Schlange kriegen –«
Doch sie unterbrach sich, als Schreie und Rufe und der unverkennbare Lärm von Zweikämpfen den Korridor erfüllten. Harry sah sich um und sein Herz schien stillzustehen: Todesser waren in Hogwarts eingedrungen. Fred und Percy waren gerade mit dem Rücken zu ihnen aufgetaucht, sie duellierten sich mit maskierten Kapuzenmännern.
Harry, Ron und Hermine stürmten vor, um ihnen zu helfen. Lichtblitze flogen in alle Richtungen, und der Mann, der mit Percy kämpfte, wich rasch zurück. Dann rutschte seine Kapuze herunter, und sie sahen eine hohe Stirn und gesträhntes Haar –
»Hallo, Minister!«, brüllte Percy und schickte Thicknesse einen sauber platzierten Fluch direkt entgegen, worauf dieser den Zauberstab fallen ließ und sich an die Brust fuhr, offenbar in schrecklicher Qual. »Hab ich schon erwähnt, dass ich kündige?«
»Du machst Witze, Perce!«, rief Fred, als der Todesser, gegen den er kämpfte, unter der Wucht von drei einzelnen Schockzaubern zusammenbrach. Thicknesse war zu Boden gestürzt, und winzige Stacheln brachen überall aus seinem Körper hervor; er schien zu einer Art Seeigel zu werden. Fred sah Percy fröhlich an.
»Du machst tatsächlich Witze, Perce … Ich glaub, ich hab keinen Witz mehr von dir gehört, seit du –«
Die Luft explodierte. Sie hatten alle zusammengestanden, Harry, Ron, Hermine, Fred und Percy, die beiden Todesser zu ihren Füßen, der eine geschockt, der andere verwandelt. Und in diesem Bruchteil einer Sekunde, als die Gefahr einstweilig gebannt schien, wurde die Welt auseinandergerissen. Harry spürte, wie er durch die Luft flog, und er konnte nichts weiter tun als so fest wie möglich diesen dünnen Holzstab umklammern, der seine einzige Waffe war, und schützend die Arme über den Kopf halten. Er hörte die Schreie und Rufe seiner Gefährten, hatte keine Hoffnung, zu erfahren, was ihnen zugestoßen war –
Und dann löste sich die Welt in Schmerz und Düsternis auf: Er lag halb begraben unter den Trümmern eines Korridors, der einen schrecklichen Angriff erlitten hatte. Aus dem kalten Luftzug schloss er, dass eine Seite des Schlosses weggesprengt worden war, und etwas Heißes und Klebriges an seiner Wange sagte ihm, dass er stark blutete. Dann hörte er einen schrecklichen Schrei, der an seinen Eingeweiden zerrte, der von Todesqualen kündete, die weder Flammen noch Flüche verursachen konnten, und er stand auf, schwankend, und hatte größere Angst als diesen ganzen Tag lang, größere Angst vielleicht, als er in seinem ganzen Leben gehabt hatte …
Hermine rappelte sich in dem Schutt mühsam hoch, und dort, wo die Mauer weggesprengt war, gruppierten sich drei rothaarige Männer auf dem Boden. Harry nahm Hermine bei der Hand, und sie taumelten und stolperten über Steine und Holz.
»Nein – nein – nein!«, schrie jemand. »Nein! Fred! Nein!«
Und Percy schüttelte seinen Bruder, und Ron kniete neben ihnen, und Freds Augen starrten, ohne zu sehen, die Spur seines letzten Lachens noch immer auf sein Gesicht gezeichnet.
Der Elderstab
Die Welt war zu Ende gegangen, warum hatte die Schlacht dann nicht aufgehört, war das Schloss nicht in stummes Grauen versunken und hatten nicht alle Kämpfer ihre Waffen niedergelegt? Harrys Gedanken waren im freien Fall, trudelten haltlos, unfähig, das Unmögliche zu begreifen, weil Fred Weasley nicht tot sein konnte, weil das, was ihm all seine Sinne sagten, eine Lüge sein musste –
Und dann fiel ein Körper an dem Loch vorbei, das seitlich in die Schule gesprengt worden war, und Flüche jagten aus der Dunkelheit zu ihnen herein und trafen die Wand hinter ihren Köpfen.
»In Deckung!«, rief Harry, als weitere Flüche durch die Nacht schossen: Er und Ron hatten Hermine gepackt und sie zu Boden gerissen, aber Percy lag über Freds Leiche, um sie vor weiterem Schaden zu schützen, und als Harry schrie: »Percy, komm, wir müssen weg!«, schüttelte der den Kopf.
»Percy!« Harry sah Tränenspuren auf Rons rußbedecktem Gesicht, als er seinen älteren Bruder an den Schultern fasste und hochziehen wollte, aber Percy rührte sich nicht. »Du kannst nichts mehr für ihn tun, Percy! Wir werden –«
Hermine kreischte, und als Harry herumschnellte, brauchte er nicht nach dem Grund zu fragen. Eine monströse Spinne von der Größe eines kleinen Autos versuchte durch das riesige Loch in der Mauer zu klettern: Eine von Aragogs Nachkommen war auch in den Kampf gezogen.
Ron und Harry schrien gleichzeitig; ihre Zauber prallten zusammen, und das Monster wurde zurückgeschleudert und verschwand mit scheußlich zuckenden Beinen in der Dunkelheit.
»Sie hat Freunde mitgebracht!«, rief Harry den anderen zu, als er durch das von den Flüchen gesprengte Loch über den Rand der Schlossmauer blickte: Noch mehr Riesenspinnen kletterten seitlich am Gebäude empor, aus dem Verbotenen Wald freigelassen, in den die Todesser eingedrungen sein mussten. Harry schoss Schockzauber auf sie hinab, die das Monster an der Spitze in seine Artgenossen stieß, so dass sie die Mauer wieder hinunterkullerten und nicht mehr zu sehen waren. Dann sausten weitere Flüche über Harrys Kopf hinweg, so dicht, dass er spürte, wie ihre Wucht ihm durch die Haare wehte.
»Gehen wir, JETZT!«
Gemeinsam mit Ron schob er Hermine vor sich her und bückte sich, um Freds Leiche unter den Achseln zu fassen. Percy, der begriff, was Harry vorhatte, klammerte sich nicht mehr an dem Toten fest und half ihm; tief geduckt, um den Flüchen zu entgehen, die vom Gelände auf sie abgefeuert wurden, zerrten sie Fred mit vereinten Kräften aus dem Weg.
»Hier«, sagte Harry, und sie legten ihn in eine Nische, wo vorher eine Rüstung gestanden hatte. Er konnte es nicht ertragen, Fred auch nur eine Sekunde länger als nötig anzusehen, und nachdem er sich vergewissert hatte, dass der Leichnam gut versteckt war, folgte er Ron und Hermine. Malfoy und Goyle waren verschwunden, doch am Ende des Korridors, der jetzt voll Staub und herabfallendem Mauerwerk war und dessen Fenster schon lange keine Scheiben mehr hatten, sah er viele Leute hin und her rennen, ob Freund oder Feind, konnte er nicht erkennen. Als er um die Ecke bog, brüllte Percy wie ein Stier: »ROOKWOOD!«, und spurtete los, einem großen Mann hinterher, der einige Schüler verfolgte.
»Hier rein, Harry!«, schrie Hermine.
Sie hatte Ron hinter einen Wandteppich gezogen. Offenbar rangen sie miteinander, und eine verrückte Sekunde lang glaubte Harry, sie würden sich wieder umarmen; dann sah er, dass Hermine versuchte, Ron zurückzuhalten, ihn daran zu hindern, Percy nachzurennen.
»Hör mir zu – HÖR ZU, RON!«
»Ich will helfen – ich will Todesser umbringen –«
Sein Gesicht war verzerrt, verschmiert von Staub und Ruß, und er bebte vor Zorn und Leid.
»Ron, wir sind die Einzigen, die es beenden können! Bitte – Ron – wir brauchen die Schlange, wir müssen die Schlange töten!«, sagte Hermine.
Aber Harry wusste, was in Ron vorging: Noch einen Horkrux zu verfolgen war für ihn nicht so befriedigend, wie Rache zu üben; auch Harry wollte kämpfen, wollte sie bestrafen, diejenigen, die Fred getötet hatten, und er wollte die anderen Weasleys finden und vor allem sichergehen, ganz sichergehen, dass Ginny nicht – aber er konnte es nicht zulassen, dass dieser Gedanke in seinem Kopf Gestalt annahm –
»Wir werden kämpfen!«, sagte Hermine. »Wir müssen es, um an die Schlange heranzukommen! Aber wir dürfen jetzt nicht aus dem Auge verlieren, was wir eigentlich t-tun sollen! Wir sind die Einzigen, die es beenden können!«
Auch sie weinte, und während sie sprach, wischte sie sich das Gesicht an ihrem zerfetzten und versengten Ärmel ab, doch sie holte lange und tief Luft, um sich zu beruhigen, als sie sich, immer noch Ron festhaltend, Harry zuwandte.
»Du musst herausfinden, wo Voldemort ist, denn er hat die Schlange sicher bei sich, oder? Tu es, Harry – schau in ihn rein!«
Warum war es so einfach? Weil seine Narbe seit Stunden brannte, begierig, ihm Voldemorts Gedanken zu zeigen? Auf Hermines Befehl schloss er die Augen, und sofort gingen die Schreie und die Schläge und all die Misstöne der Schlacht unter, bis sie ganz entfernt klangen, als befände er sich weit, weit weg von allem …
Er stand inmitten eines trostlosen, aber seltsam vertrauten Raumes, dessen Tapeten sich von den Wänden ablösten und dessen Fenster bis auf eines mit Brettern vernagelt waren. Der Lärm des Angriffs auf das Schloss war gedämpft und weit entfernt. Durch das eine freie Fenster sah man in der Ferne aufflammendes Licht um das Schloss herum, doch in dem Raum selbst war es dunkel, nur eine einsame Öllampe brannte.
Er rollte seinen Zauberstab zwischen den Fingern, betrachtete ihn, während er in Gedanken in jenem Raum im Schloss war, jenem geheimen Raum, den nur er je gefunden hatte, dem Raum, den man wie die Kammer nur entdecken konnte, wenn man klug und listig und neugierig genug dafür war … Er war überzeugt, dass der Junge das Diadem nicht finden würde … obwohl Dumbledores Marionette viel weiter gekommen war, als er jemals erwartet hätte … zu weit …
»Herr«, sagte eine Stimme, verzweifelt und gebrochen. Er wandte sich um: Da saß Lucius Malfoy, in der dunkelsten Ecke, zerlumpt und immer noch von der Strafe gezeichnet, die er nach der letzten Flucht des Jungen erhalten hatte. Eines seiner Augen war noch zugeschwollen. »Herr … bitte … mein Sohn …«
»Wenn dein Sohn tot ist, Lucius, ist es nicht meine Schuld. Er ist nicht wie die anderen Slytherins gekommen, um sich mir anzuschließen. Vielleicht hat er beschlossen, sich mit Harry Potter anzufreunden?«
»Nein – niemals«, flüsterte Malfoy.
»Das will ich für dich hoffen.«
»Habt Ihr – habt Ihr keine Angst, Herr, dass Potter von der Hand eines anderen und nicht von Eurer sterben könnte?«, fragte Malfoy mit zittriger Stimme. »Wäre es nicht … verzeiht mir … klüger, diese Schlacht abzubrechen, in das Schloss zu gehen und ihn s-selbst zu suchen?«
»Tu nicht so, Lucius. Du willst, dass die Schlacht aufhört, damit du herausfinden kannst, was mit deinem Sohn passiert ist. Und ich muss Potter nicht suchen. Noch vor Ende der Nacht wird Potter kommen, um mich aufzusuchen.«
Voldemort senkte den Blick erneut auf den Zauberstab in seinen Fingern. Er beunruhigte ihn … und Dinge, die Lord Voldemort beunruhigten, mussten geändert werden …
»Geh und hol Snape.«
»S-Snape, Herr?«
»Snape. Sofort. Ich brauche ihn. Er soll mir einen – Dienst – erweisen. Geh.«
Verängstigt und im trüben Licht ein wenig stolpernd, verließ Lucius den Raum. Voldemort blieb weiter stehen, rollte den Zauberstab zwischen den Fingern und starrte darauf.
»Es ist die einzige Möglichkeit, Nagini«, flüsterte er, und als er sich umdrehte, war da die große, dicke Schlange, die nun mitten in der Luft schwebte und sich graziös in dem verzauberten, geschützten Raum ringelte, den er für sie geschaffen hatte, einer strahlenden, durchsichtigen Sphäre irgendwo zwischen glitzerndem Käfig und Wasserbecken.
Mit einem Keuchen zog sich Harry zurück und schlug die Augen auf; im selben Moment drang das Kreischen und Schreien, das Krachen und Knallen der Schlacht wieder mit aller Gewalt an seine Ohren.
»Er ist in der Heulenden Hütte. Die Schlange ist bei ihm, sie hat eine Art magischen Schutz um sich. Er hat gerade Lucius Malfoy losgeschickt, um Snape zu suchen.«
»Voldemort sitzt in der Heulenden Hütte?«, sagte Hermine empört. »Er – er kämpft nicht mal?«
»Er glaubt nicht, dass er es nötig hat, zu kämpfen«, sagte Harry. »Er glaubt, dass ich zu ihm gehen werde.«
»Aber warum?«
»Er weiß, dass ich hinter den Horkruxen her bin – er behält Nagini dicht bei sich – offensichtlich muss ich zu ihm hin, um an das Ding heranzukommen –«
»Klar«, sagte Ron und straffte die Schultern. »Deshalb kannst du nicht gehen, das will er ja, das erwartet er. Du bleibst hier und passt auf Hermine auf, und ich geh und hol sie –«
Harry fiel Ron ins Wort.
»Ihr beide bleibt hier, ich geh unter dem Tarnumhang, und ich komm wieder zurück, sobald ich –«
»Nein«, sagte Hermine, »es ist viel vernünftiger, wenn ich den Tarnumhang nehme und –«
»Kommt überhaupt nicht in Frage«, knurrte Ron sie an.
Ehe Hermine mehr sagen konnte als: »Ron, ich bin genauso imstande –«, wurde der Wandteppich am oberen Ende der Treppe, auf der sie standen, beiseitegerissen.
»POTTER!«
Zwei maskierte Todesser standen dort, doch bevor sie ihre Zauberstäbe ganz erhoben hatten, rief Hermine: »Glisseo!«
Die Stufen unter ihren Füßen wurden eben und bildeten eine Rutschbahn, auf der sich die drei hinabstürzten, ohne dass sie ihre Geschwindigkeit beeinflussen konnten, jedoch so schnell, dass die Schockzauber der Todesser hoch über ihre Köpfe hinwegflogen. Am Fuß der Treppe schossen sie durch den Wandteppich, der sie verbarg, purzelten auf den Boden und krachten an die Wand gegenüber.
»Duro!«, rief Hermine, indem sie mit ihrem Zauberstab auf den Wandteppich deutete, und dann gab es zwei laute, Übelkeit erregende Knirschgeräusche, da der Teppich versteinerte und die Todesser, die sie verfolgten, dagegenschmetterten.
»Zurück!«, rief Ron, und er, Harry und Hermine drückten sich flach gegen eine Tür, als eine Herde galoppierender Pulte vorbeidonnerte, angeführt von einer rennenden Professor McGonagall. Sie schien sie nicht zu bemerken: Ihre Frisur hatte sich aufgelöst und auf ihrer Wange war eine klaffende Wunde. Als sie um die Ecke bog, hörten sie sie schreien: »ATTACKE!«
»Harry, du ziehst den Tarnumhang an«, sagte Hermine. »Kümmer dich nicht um uns –«
Doch er warf ihn über sie alle drei; so groß sie auch waren, er bezweifelte, dass irgendjemand ihre Füße ohne Körper durch den Staub sehen würde, der die Luft erfüllte, durch die herabfallenden Steine, das schimmernde Licht von Zaubern.
Sie eilten die nächste Treppe hinunter und gelangten in einen Korridor voller Duellanten. In den Porträts zu beiden Seiten der Kämpfenden drängelten sich Gestalten, die lauthals Ratschläge erteilten und aufmunternde Worte schrien, während maskierte wie unmaskierte Todesser sich mit Schülern und Lehrern Zweikämpfe lieferten. Dean hatte sich wohl einen Zauberstab erobert, denn er stand Dolohow von Angesicht zu Angesicht gegenüber, während Parvati gegen Travers kämpfte. Harry, Ron und Hermine hoben sofort die Zauberstäbe, bereit zuzuschlagen, doch die Duellanten wirbelten und sprangen so sehr umher, dass es durchaus wahrscheinlich war, dass sie einen der Ihren verletzten, wenn sie Flüche losließen. Noch während sie kampfbereit dastanden und nach einer Gelegenheit zum Eingreifen suchten, war ein lautes »ouiiiiiiie!« zu hören, und als Harry aufblickte, sah er Peeves über sie hinwegsausen und Snargaluff-Kokons auf die Todesser hinabwerfen, deren Köpfe plötzlich übersät waren von sich ringelnden grünen, fetten, wurmartigen Knollen.
»Aaarh!«
Eine Faust voll Knollenwürmer hatte den Tarnumhang über Rons Kopf getroffen; die schleimigen grünen Wurzeln blieben auffällig mitten in der Luft in der Schwebe, während Ron versuchte, sie abzuschütteln.
»Da ist jemand unsichtbar!«, rief ein maskierter Todesser und deutete in ihre Richtung.
Dean nutzte es, dass der Todesser vorübergehend abgelenkt war, und streckte ihn mit einem Schockzauber nieder; Dolohow setzte zum Vergeltungsschlag an, und Parvati schoss einen Körperklammer-Fluch auf ihn ab.
»WEG HIER!«, schrie Harry, und er, Ron und Hermine rafften den Tarnumhang eng an sich und spurteten mit gesenkten Köpfen los, mitten durch die Kämpfer und ein wenig in den Pfützen aus Snargaluff-Saft schlitternd, auf die Marmortreppe zu, die hinunter in die Eingangshalle führte.
»Ich bin Draco Malfoy, ich bin Draco, ich bin auf eurer Seite!«
Draco stand oben auf dem Treppenabsatz und flehte einen anderen maskierten Todesser an. Harry schockte den Todesser, als sie vorbeihuschten: Malfoy blickte sich strahlend nach seinem Retter um und Ron verpasste ihm unter dem Tarnumhang hervor einen Faustschlag. Malfoy fiel vollkommen verdutzt mit blutendem Mund rücklings auf den Todesser.
»Und das ist das zweite Mal, dass wir dir heute Nacht das Leben gerettet haben, du falsches Schwein!«, schrie Ron.
Auf der ganzen Treppe und in der Halle wurden weitere Zweikämpfe ausgefochten; wo Harry auch hinsah, überall waren Todesser: Yaxley kämpfte nahe dem Schlossportal gegen Flitwick, gleich daneben duellierte sich ein maskierter Todesser mit Kingsley. Schülerinnen und Schüler rannten kreuz und quer, manche schleppten verletzte Freunde oder zerrten sie hinter sich her. Harry feuerte einen Schockzauber auf den maskierten Todesser ab, der ihn verfehlte, aber dafür fast Neville traf, der aus dem Nichts aufgetaucht war und mit Armen voller Giftiger Tentakulas herumfuchtelte, die sich munter um den nächsten Todesser schlangen und ihn einzuwickeln begannen.
Harry, Ron und Hermine eilten die Marmortreppe hinunter: Zu ihrer Linken splitterte Glas, und das Slytherin-Stundenglas, das die Hauspunkte angezeigt hatte, schleuderte seine Smaragde überall umher, so dass die Vorbeirennenden ausrutschten und strauchelten. Als sie unten angelangt waren, stürzten von der Galerie über ihnen zwei Körper herunter, und ein grauer Fleck, den Harry für ein Tier hielt, jagte vierbeinig durch die Halle und grub seine Zähne in einen der Körper.
»NEIN!«, kreischte Hermine und mit einem ohrenbetäubenden Krach aus ihrem Zauberstab riss es Fenrir Greyback rücklings weg von dem sich schwach regenden Körper Lavender Browns. Greyback schlug gegen die marmornen Geländerpfosten und kämpfte sich mühsam hoch. Dann fiel ihm mit einem leuchtenden weißen Blitz und einem Knall eine Kristallkugel auf den Kopf, und er brach auf dem Boden zusammen und rührte sich nicht mehr.
»Ich hab noch mehr davon!«, kreischte Professor Trelawney, über das Geländer gebeugt, »es sind genug für alle da! Hier –«
Und mit einer Bewegung wie bei einem Tennisaufschlag zog sie eine weitere riesige Kristallkugel aus ihrer Tasche, schwang ihren Zauberstab durch die Luft und ließ den Ball quer durch die Halle sausen und durch ein Fenster krachen. Im selben Moment sprang das schwere hölzerne Schlossportal auf und weitere Riesenspinnen zwängten sich in die Eingangshalle.
Angstschreie gellten durch die Luft. Die Kämpfer zerstreuten sich, Todesser wie Hogwartsianer, und rote und grüne Lichtstrahlen flogen mitten zwischen die angreifenden Monster, die schauderten und sich aufbäumten, schrecklicher denn je.
»Wie kommen wir hier raus?«, rief Ron durch das ganze Geschrei, doch ehe Harry oder Hermine antworten konnten, wurden sie zur Seite gestoßen: Hagrid war die Treppe heruntergedonnert und schwang seinen geblümten rosa Schirm.
»Tut ihnen nich weh, tut ihnen nich weh!«, schrie er.
»HAGRID, NEIN!«
Harry vergaß alles andere: Er schoss unter dem Tarnumhang hervor und duckte sich im Laufen, um den Flüchen zu entgehen, die die ganze Halle erleuchteten.
»HAGRID, KOMM ZURÜCK!«
Doch er hatte noch nicht einmal den halben Weg zu Hagrid hinter sich, als er es geschehen sah: Hagrid verschwand zwischen den Spinnen, und unter mächtigem Getrippel, mit einer widerlichen wimmelnden Bewegung, zogen sie sich vor dem heftigen Anprall der Zauber zurück, Hagrid in ihrer Mitte begraben.
»HAGRID!«
Harry hörte hinter sich jemanden seinen Namen rufen, doch ob Freund oder Feind, es war ihm gleich: Er rannte die Vordertreppe hinunter auf das dunkle Gelände, während die Spinnen mit ihrer Beute davonschwärmten, und er konnte überhaupt nichts mehr von Hagrid sehen.
»HAGRID!«
Er glaubte einen riesigen Arm aus der Mitte des Spinnenschwarms herauswinken zu sehen, doch als er ihnen nachjagen wollte, versperrte ihm ein gewaltiger Fuß den Weg, der aus der Dunkelheit herabschwang und den Boden, auf dem Harry stand, erzittern ließ. Er blickte auf: Ein Riese stand vor ihm, gut sechs Meter hoch, den Kopf in der Düsternis verborgen, nur seine baumartigen, haarigen Schienbeine wurden vom Licht aus dem Schlossportal erhellt. Mit einer einzigen, vor Kraft strotzenden flüssigen Bewegung stieß er eine massige Faust durch ein Fenster in einem oberen Stockwerk, und herabprasselndes Glas zwang Harry, sich in den schützenden Eingang zurückzuziehen.
»O um Himmels –«, kreischte Hermine, als sie und Ron zu Harry gelangten und hinauf zu dem Riesen starrten, der jetzt versuchte, durch das Fenster oben nach Leuten zu greifen.
»NICHT!«, schrie Ron und packte Hermines Hand, als sie ihren Zauberstab hob. »Wenn du ihn schockst, drückt er das halbe Schloss ein –«
»HAGGER?«
Grawp taumelte um die Ecke des Schlosses; erst jetzt wurde Harry bewusst, dass Grawp tatsächlich ein kleinwüchsiger Riese war. Das gewaltige Ungeheuer, das gerade versuchte, Leute in den oberen Stockwerken zu zerquetschen, sah sich um und stieß ein Brüllen aus. Die Steinstufen erbebten, als es auf seinen kleineren Artgenossen zustampfte, Grawps schiefer Mund klappte auf und offenbarte gelbe Zähne, so groß wie halbe Backsteine, und dann stürzten sie sich wild wie Löwen aufeinander.
»LAUFT!«, brüllte Harry; die Nacht war erfüllt von grässlichen Schreien und Schlägen, während die Riesen miteinander rangen, und er packte Hermines Hand und stürmte die Treppe zum Gelände hinunter, Ron hinter ihnen. Noch hatte Harry die Hoffnung nicht verloren, dass er Hagrid finden und retten konnte; er rannte so schnell, dass sie den halben Weg zum Wald zurückgelegt hatten, ehe sie schließlich innehielten.
Die Luft um sie herum war erstarrt: Harry blieb der Atem in der Brust stecken und wurde dort hart. Schemen bewegten sich draußen in der Dunkelheit, tiefschwarze wirbelnde Gestalten schoben sich wie eine mächtige Woge auf das Schloss zu, mit rasselndem Atem und von Kapuzen verborgenen Gesichtern …
Ron und Hermine traten an seine Seite, als der Kampflärm hinter ihnen plötzlich gedämpft wurde, abgeschwächt, weil eine Stille, die nur Dementoren hervorbringen konnten, schwer durch die Nacht herabsank …
»Komm, Harry!«, sagte Hermines Stimme aus weiter Ferne, »Patroni, Harry, nun mach schon!«
Er hob seinen Zauberstab, doch eine dumpfe Hoffnungslosigkeit ergriff von ihm Besitz: Fred war nicht mehr, und Hagrid starb sicher gerade oder war bereits tot; wie viele andere waren umgekommen, von denen er noch nicht wusste; ihm war, als ob seine Seele schon halb seinen Körper verlassen hätte …
»HARRY, NUN KOMM!«, schrie Hermine.
Hundert Dementoren rückten vor, glitten auf sie zu, saugten sich näher heran an Harrys Verzweiflung, die wie die Verheißung eines Festmahls war …
Er sah Rons silbernen Terrier hervorbrechen, schwach flackern und erlöschen; er sah Hermines Otter sich in der Luft krümmen und dann verblassen, und sein eigener Zauberstab zitterte ihm in der Hand, und fast war ihm die bevorstehende Auslöschung willkommen, die Aussicht auf das Nichts, die Fühllosigkeit …
Und dann rauschten ein silberner Hase, ein Eber und ein Fuchs an Harrys, Rons und Hermines Köpfen vorbei: Die Dementoren wichen vor den näher kommenden Geschöpfen zurück. Drei Menschen waren in der Dunkelheit zu ihnen gestoßen, um ihnen zur Seite zu stehen: Luna, Ernie und Seamus, die mit gezückten Zauberstäben immer weiter ihre Patroni aufrechterhielten.
»Jawohl!«, sagte Luna aufmunternd, als ob sie sich wieder im Raum der Wünsche befänden und das alles nur eine Zauberübung für die DA wäre. »Ja, Harry … komm schon, denk an etwas Glückliches …«
»Etwas Glückliches?«, sagte er mit gebrochener Stimme.
»Wir sind alle noch hier«, flüsterte sie, »wir kämpfen immer noch. Komm schon, jetzt …«
Erst war ein silberner Funke zu sehen, dann ein flackerndes Licht, und dann brach, mit der größten Kraftanstrengung, die es ihn je gekostet hatte, der Hirsch aus der Spitze von Harrys Zauberstab hervor. Er sprang vorwärts, und nun stoben die Dementoren tatsächlich auseinander, und augenblicklich war die Nacht wieder mild, doch der Lärm der Schlacht rundum drang ihm laut in die Ohren.
»Weiß nicht, wie ich euch danken soll«, sagte Ron zittrig, an Luna, Ernie und Seamus gewandt, »ihr habt uns gerade das Leben –«
Mit einem Gebrüll und einem Beben, das die ganze Erde erschütterte, kam ein weiterer Riese aus der Dunkelheit vom Verbotenen Wald hergestampft und fuchtelte mit einer Keule, die größer als sie alle war.
»LAUFT!«, rief Harry erneut, doch das musste er den anderen nicht erst sagen: Sie stoben auseinander, und keine Sekunde zu früh, denn im nächsten Moment landete der riesige Fuß der Kreatur genau an der Stelle, wo sie gestanden hatten. Harry sah sich um: Ron und Hermine folgten ihm, aber die anderen drei waren wieder in Richtung Schlacht verschwunden.
»Wir müssen raus aus seiner Reichweite!«, schrie Ron, als der Riese seine Keule abermals schwang und sein Brüllen durch die Nacht hallte, über das Gelände, wo nach wie vor rote und grüne Lichtgarben die Finsternis erhellten.
»Zur Peitschenden Weide«, sagte Harry. »Los!«
Irgendwie mauerte er es alles in seinem Kopf ein, stopfte es in einen kleinen Raum, in den er jetzt nicht hineinschauen konnte: Die Gedanken an Fred und Hagrid und seine furchtbare Angst um die ganzen Menschen, die er liebte und die überall im Schloss und davor verstreut waren, all das musste warten, weil sie jetzt rennen, die Schlange erreichen mussten, und Voldemort, denn das war, wie Hermine sagte, die einzige Möglichkeit, es zu beenden –
Er jagte dahin, schon fast im Glauben, er könnte den Tod selbst hinter sich lassen, achtete nicht auf die Lichtstrahlen, die in der Dunkelheit überall um ihn her flogen, nicht auf den Lärm des Sees, der wie das Meer toste, nicht auf das Ächzen des Verbotenen Waldes trotz dieser windstillen Nacht; er rannte durch eine Landschaft, die sich scheinbar selbst zur Rebellion erhoben hatte, rannte schneller als je zuvor in seinem Leben, und er war es, der den großen Baum zuerst sah, die Weide, die das Geheimnis an ihren Wurzeln mit peitschenden, um sich schlagenden Zweigen beschützte.
Keuchend und japsend verlangsamte Harry seine Schritte, ging um die dreschenden Zweige der Weide herum, spähte durch die Dunkelheit auf ihren dicken Stamm und versuchte den einen Knoten in der Rinde des alten Baums zu erkennen, der ihn lahmlegen würde. Ron und Hermine kamen herbei, Hermine derart außer Atem, dass sie nicht sprechen konnte.
»Wie – wie sollen wir da reinkommen?«, keuchte Ron. »Ich kann – die Stelle sehen – wenn wir nur – wieder Krummbein hätten –«
»Krummbein?«, schnaufte Hermine vornübergebeugt, die Hand an die Brust gepresst. »Bist du ein Zauberer oder nicht?«
»Oh – stimmt – jaah –«
Ron blickte sich um, dann richtete er seinen Zauberstab auf einen kleinen Zweig am Boden und sagte: »Wingardium Leviosa!« Der Zweig flog vom Boden hoch, wirbelte durch die Luft, als wäre er von einem Windstoß erfasst worden, und sauste dann durch die unheilvoll schwingenden Äste der Weide hindurch direkt auf den Stamm zu. Er stach in eine Stelle nahe den Wurzeln und sofort wurde der um sich schlagende Baum friedlich.
»Perfekt!«, keuchte Hermine.
»Wartet.«
Eine ungewisse Sekunde lang zögerte Harry, während das Krachen und Dröhnen der Schlacht die Luft erfüllte. Voldemort wollte, dass er das tat, er wollte, dass er kam … führte er Ron und Hermine in eine Falle?
Doch dann schien ihn die Wirklichkeit wieder einzuholen, grausam und schlicht: Das Einzige, was sie weiterführte, war, die Schlange zu töten, und die Schlange war dort, wo Voldemort war, und Voldemort war am Ende dieses Tunnels …
»Harry, wir kommen auch, nun geh schon rein!«, sagte Ron und schob ihn vorwärts.
Harry zwängte sich in den erdigen Gang, der in den Wurzeln der Bäume verborgen war. Er musste sich viel kleiner machen als beim letzten Mal, als sie hier eingedrungen waren. Die Decke des Tunnels war niedrig: Vor fast vier Jahren hatten sie sich schon bücken müssen, um durchzukommen, und jetzt blieb ihnen nichts anderes übrig, als zu kriechen. Harry kroch voraus, mit erleuchtetem Zauberstab, und erwartete jeden Moment, auf Hindernisse zu stoßen, doch es kam keines. Sie bewegten sich schweigend, Harry behielt den hin und her schwingenden Lichtstrahl des Zauberstabs im Blick, den er in seiner Faust hielt.
Endlich begann der Tunnel anzusteigen und Harry sah vor sich einen Streifen Licht. Hermine zerrte an seinem Knöchel.
»Den Tarnumhang!«, flüsterte sie. »Zieh den Tarnumhang an!«
Er tastete nach hinten und sie drückte ihm das glatte Stoffbündel in die freie Hand. Mühsam zog er ihn über, murmelte »Nox«, um sein Zauberstablicht zu löschen, und kroch auf Händen und Knien weiter, so leise wie möglich, alle Sinne angespannt, darauf gefasst, jeden Moment entdeckt zu werden, eine kalte, klare Stimme zu hören, einen grünen Lichtblitz zu sehen.
Und dann hörte er Stimmen aus dem Raum direkt vor ihnen, nur leicht gedämpft, weil die Öffnung am Ende des Tunnels von etwas wie einer alten Kiste versperrt worden war. Harry, der kaum zu atmen wagte, schob sich langsam bis zur Öffnung vor und spähte durch einen schmalen Schlitz, der zwischen Kiste und Wand blieb.
Der Raum dahinter war spärlich beleuchtet, doch er konnte Nagini sehen, die sich ringelte und rollte wie eine Schlange unter Wasser, geschützt in ihrer verzauberten, strahlenden Sphäre, die frei in der Luft schwebte. Er konnte den Rand eines Tisches sehen und eine langfingrige weiße Hand, die mit einem Zauberstab spielte. Dann sprach Snape und Harry schlug das Herz bis zum Hals: Snape war nur Zentimeter von der Stelle entfernt, wo er verborgen kauerte.
»… Herr, ihr Widerstand bröckelt –«
»– und das ohne deine Hilfe«, sagte Voldemort mit seiner hohen, klaren Stimme. »Du bist zwar ein fähiger Zauberer, Severus, aber ich denke nicht, dass du jetzt noch von großer Bedeutung sein wirst. Wir sind fast am Ziel … fast.«
»Lasst mich den Jungen finden. Lasst mich Potter zu Euch bringen. Ich weiß, dass ich ihn finden kann, Herr. Bitte.«
Snape schritt an dem Spalt vorbei, und Harry wich ein wenig zurück, den Blick weiterhin auf Nagini geheftet, während er sich fragte, ob es irgendeinen Zauber gab, der den Schutz um sie herum durchdringen könnte, doch es fiel ihm nichts ein. Ein gescheiterter Versuch, und er hätte seine Position verraten …
Voldemort stand auf. Harry konnte ihn jetzt sehen, konnte die roten Augen sehen, das abgeflachte, schlangenartige Gesicht, seine Blässe, die im Halbdunkel leicht schimmerte.
»Ich habe ein Problem, Severus«, sagte Voldemort leise.
»Herr?«, sagte Snape.
Voldemort hob den Elderstab, hielt ihn so zart und präzise wie ein Dirigent seinen Taktstock.
»Warum arbeitet er nicht für mich, Severus?«
In der Stille bildete Harry sich ein, die Schlange leise zischen zu hören, während sie sich ein- und wieder aufrollte, oder war es Voldemorts zischendes Seufzen, das in der Luft nachklang?
»H-Herr?«, sagte Snape verdutzt. »Ich verstehe nicht. Ihr – Ihr habt außergewöhnliche Zauber mit diesem Stab vollbracht.«
»Nein«, entgegnete Voldemort. »Ich habe meine üblichen Zauber vollbracht. Ich bin außergewöhnlich, aber dieser Zauberstab … nein. Er hat die Wunder nicht offenbart, die er verheißen hat. Ich spüre keinen Unterschied zwischen diesem Zauberstab und dem, den ich vor all den Jahren bei Ollivander erworben habe.«
Voldemorts Ton war nachdenklich, ruhig, aber Harrys Narbe hatte zu pochen und zu hämmern begonnen: Schmerz bildete sich allmählich in seiner Stirn, und er konnte die gemessene Wut spüren, die sich in Voldemort anstaute.
»Keinen Unterschied«, sagte Voldemort erneut.
Snape schwieg. Harry konnte sein Gesicht nicht sehen. Er fragte sich, ob Snape Gefahr witterte, ob er versuchte, die richtigen Worte zu finden, um seinen Herrn zu beruhigen.
Voldemort begann durch den Raum zu gehen. Harry verlor ihn für Sekunden aus dem Auge, in denen Voldemort umherstrich und weiter mit gleichmäßiger Stimme sprach, während Schmerz und Zorn in Harry anschwollen.
»Ich habe lange und scharf nachgedacht, Severus … Weißt du, weshalb ich dich aus der Schlacht zurückgerufen habe?«
Und für einen Moment sah Harry Snape im Profil: Sein Blick war auf die sich windende Schlange in ihrem verzauberten Käfig gerichtet.
»Nein, Herr, aber ich bitte Euch, lasst mich zurückkehren. Lasst mich Potter finden.«
»Du klingst wie Lucius. Keiner von euch versteht Potter, wie ich es tue. Es ist nicht nötig, ihn zu finden. Potter wird zu mir kommen. Ich kenne seine Schwäche, musst du wissen, seinen einzigen großen Fehler. Er wird es verabscheuen, zusehen zu müssen, wie die anderen um ihn herum niedergestreckt werden, wohl wissend, dass es seinetwegen geschieht. Er wird dem um jeden Preis Einhalt gebieten wollen. Er wird kommen.«
»Aber, Herr, er könnte versehentlich von einem anderen statt von Euch getötet werden –«
»Meine Anweisungen an meine Todesser waren vollkommen klar. Nehmt Potter gefangen. Tötet seine Freunde – je mehr, desto besser –, aber ihn tötet nicht.
Doch ich wollte über dich sprechen, Severus, nicht über Harry Potter. Du warst sehr nützlich für mich. Sehr nützlich.«
»Mein Herr weiß, dass ich nur danach strebe, ihm zu dienen. Aber – lasst mich gehen und den Jungen finden, Herr. Ich will ihn zu Euch bringen. Ich weiß, ich kann es –«
»Ich habe es bereits gesagt, nein!«, entgegnete Voldemort, und als er sich wieder umdrehte, erhaschte Harry das rote Funkeln in seinen Augen, und sein Umhang raschelte wie eine dahingleitende Schlange, und Harry spürte Voldemorts Ungeduld in seiner brennenden Narbe. »Meine Sorge im Augenblick ist, was geschehen wird, Severus, wenn ich endlich auf den Jungen treffe!«
»Herr, es ist doch gewiss keine Frage –?«
»– aber es gibt eine Frage, Severus. Es gibt eine.«
Voldemort blieb stehen, und Harry konnte ihn wieder deutlich sehen, wie er den Elderstab durch seine weißen Finger gleiten ließ und Snape anstarrte.
»Warum haben beide Zauberstäbe, die ich benutzte, versagt, als ich sie gegen Harry Potter richtete?«
»Ich – ich kann das nicht beantworten, Herr.«
»Du kannst es nicht?«
Der jähe Zorn war wie ein Nagel, der durch Harrys Kopf getrieben wurde: Er drückte sich die Faust in den Mund, um nicht vor Schmerz aufzuschreien. Er schloss die Augen, und plötzlich war er Voldemort, der in Snapes bleiches Gesicht blickte.
»Mein Zauberstab aus Eibenholz tat alles, was ich von ihm verlangte, Severus, außer Harry Potter zu töten. Zwei Mal versagte er. Ollivander erzählte mir unter der Folter von den Zwillingskernen, er riet mir, den Zauberstab eines anderen zu nehmen. Das tat ich, aber Lucius’ Zauberstab zerbrach, als er auf den von Potter traf.«
»Ich – ich kann es nicht erklären, Herr.«
Snape schaute jetzt nicht zu Voldemort. Seine dunklen Augen waren nach wie vor auf die sich ringelnde Schlange in ihrer schützenden Sphäre gerichtet.
»Ich suchte einen dritten Zauberstab, Severus. Den Elderstab, den Zauberstab des Schicksals, den Todesstab. Ich nahm ihn seinem vorigen Herrn ab. Ich holte ihn aus dem Grab von Albus Dumbledore.«
Und nun blickte Snape Voldemort an und Snapes Gesicht war wie eine Totenmaske. Es war marmorweiß und so reglos, dass es ein Schock war, als er zu sprechen begann und es sichtbar wurde, dass sich Leben hinter diesen leeren Augen verbarg.
»Herr – lasst mich zu dem Jungen gehen –«
»Diese ganze lange Nacht, in der ich meinem Sieg so nahe bin, sitze ich schon hier«, sagte Voldemort, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern, »und ich frage mich, ich frage mich, warum der Elderstab sich weigert, das zu sein, was er sein sollte, sich weigert, das zu leisten, was er der Legende nach für seinen rechtmäßigen Besitzer leisten muss … und ich glaube, ich habe die Antwort.«
Snape schwieg.
»Vielleicht kennst du sie bereits? Du bist schließlich ein kluger Mann, Severus. Du warst mir ein guter und treuer Diener, und ich bedaure, was geschehen muss.«
»Herr –«
»Der Elderstab kann mir nicht richtig dienen, Severus, weil ich nicht sein wahrer Meister bin. Der Elderstab gehört dem Zauberer, der seinen letzten Besitzer getötet hat. Du hast Albus Dumbledore getötet. Solange du lebst, Severus, kann der Elderstab nicht wahrhaft mir gehören.«
»Herr!«, protestierte Snape und hob seinen Zauberstab.
»Es gibt keinen anderen Weg«, sagte Voldemort. »Ich muss den Zauberstab bezwingen, Severus. Den Zauberstab bezwingen, und dann werde ich endlich Potter bezwingen.«
Und Voldemort schlug mit dem Elderstab durch die Luft. Snape geschah nichts, und für den Bruchteil einer Sekunde schien er zu denken, ihm sei Gnade gewährt worden. Doch dann wurde Voldemorts Absicht offensichtlich: Der Schlangenkäfig wälzte sich durch die Luft, und ehe Snape etwas anderes tun konnte als schreien, war er mit Kopf und Schultern darin eingeschlossen, und Voldemort sprach Parsel.
»Töte.«
Ein furchtbarer Schrei war zu hören. Harry sah, wie Snapes Gesicht den letzten Rest Farbe verlor und weiß wurde, während seine schwarzen Augen sich weiteten, als die Zähne der Schlange sich in seinen Hals bohrten, und es gelang ihm nicht, den verzauberten Käfig von sich wegzustoßen, seine Knie gaben nach, und er stürzte zu Boden.
»Ich bedaure es«, sagte Voldemort kalt.
Er wandte sich ab; da war keine Trauer in ihm, keine Reue. Es war an der Zeit, diese Hütte zu verlassen und die Führung zu übernehmen, mit einem Zauberstab, der ihm nun vollkommen gehorchen würde. Er richtete ihn auf den strahlenden Schlangenkäfig, der nach oben trieb, weg von Snape, der seitlich umkippte und aus dessen Wunden am Hals Blut spritzte. Voldemort rauschte ohne einen Blick zurück hinaus und die große Schlange schwebte ihm in ihrer riesigen schützenden Sphäre hinterher.
Zurück im Tunnel und in seinem eigenen Geist, schlug Harry die Augen auf: Er blutete, da er sich auf die Knöchel gebissen hatte vor Anstrengung, nicht laut herauszuschreien. Jetzt blickte er durch den schmalen Spalt zwischen Kiste und Mauer und beobachtete einen Fuß in einem schwarzen Stiefel, der am Boden zitterte.
»Harry!«, hauchte Hermine hinter ihm, doch er hatte seinen Zauberstab schon auf die Kiste gerichtet, die ihm die Sicht versperrte. Sie hob sich einige Zentimeter in die Luft und schwebte geräuschlos zur Seite. So leise er konnte, zog er sich hoch in den Raum.
Er wusste nicht, warum er es tat, warum er sich dem sterbenden Mann näherte. Er wusste nicht, was er empfand, als er Snapes weißes Gesicht sah und die Finger, die versuchten, die blutende Wunde an seinem Hals zuzudrücken. Harry nahm den Tarnumhang ab und blickte hinunter auf den Mann, den er hasste, dessen schwarze Augen sich weiteten und Harry fanden, während er zu sprechen versuchte. Harry beugte sich über ihn; und Snape fasste ihn vorne am Umhang und zog ihn näher zu sich heran.
Ein schrecklich rasselndes, gurgelndes Geräusch drang aus Snapes Kehle.
»Nimm … es … Nimm … es …«
Etwas, das mehr war als Blut, sickerte aus Snape heraus. Silbrig blau, weder Gas noch Flüssigkeit, sprudelte es aus seinem Mund und seinen Ohren und seinen Augen, und Harry wusste, was es war, doch er wusste nicht, was er tun sollte –
Ein Fläschchen, aus dem Nichts heraufbeschworen, wurde ihm von Hermine in die zitternden Hände gedrückt. Harry hob die silbrige Substanz mit seinem Zauberstab hinein. Als das Fläschchen bis zum Rand voll war und Snape aussah, als wäre kein Blut mehr in ihm, lockerte sich sein Griff an Harrys Umhang.
»Sieh … mich … an …«, flüsterte er.
Die grünen Augen begegneten den schwarzen, doch eine Sekunde später schien etwas in den Tiefen des dunklen Augenpaares zu verschwinden, und es war nur noch starr, ausdruckslos und leer. Die Hand, die Harry hielt, schlug dumpf zu Boden, und Snape rührte sich nicht mehr.
Die Geschichte des Prinzen
Harry verharrte kniend an Snapes Seite, starrte einfach auf ihn hinab, bis völlig unvermittelt eine hohe, kalte Stimme zu hören war, so nah bei ihnen, dass Harry aufsprang, das Fläschchen fest in der Hand, da er dachte, dass Voldemort zurückgekommen war.
Voldemorts Stimme hallte von den Wänden und vom Boden wider, und Harry wusste, dass er zu Hogwarts und der ganzen Umgebung sprach und dass die Bewohner von Hogsmeade und alle, die noch im Schloss kämpften, ihn so deutlich hörten, als ob er neben ihnen stünde, als ob sie seinen Atem im Nacken hätten, einen tödlichen Schlag entfernt.
»Ihr habt gekämpft«, sagte die hohe, kalte Stimme, »heldenhaft gekämpft. Lord Voldemort weiß Tapferkeit zu schätzen.
Doch ihr habt schwere Verluste erlitten. Wenn ihr mir weiterhin Widerstand leistet, werdet ihr alle sterben, einer nach dem anderen. Ich will nicht, dass dies geschieht. Jeder Tropfen magisches Blut, der vergossen wird, ist ein Verlust und eine Verschwendung.
Lord Voldemort ist gnädig. Ich befehle meinen Streitkräften, sich sofort zurückzuziehen.
Ihr habt eine Stunde. Schafft eure Toten mit Würde fort. Versorgt eure Verletzten.
Harry Potter, ich spreche nun direkt zu dir. Du hast deine Freunde für dich sterben lassen, anstatt mir selbst entgegenzutreten. Ich werde eine Stunde lang im Verbotenen Wald warten. Wenn du nach Ablauf dieser Stunde nicht zu mir gekommen bist, dich nicht ergeben hast, dann beginnt die Schlacht von neuem. Diesmal werde ich selbst in den Kampf ziehen, Harry Potter, und ich werde dich finden, und ich werde jeden Einzelnen, ob Mann, Frau oder Kind, bestrafen, der versucht hat, dich vor mir zu verstecken. Eine Stunde.«
Ron und Hermine, die den Blick auf Harry gerichtet hatten, schüttelten beide fieberhaft die Köpfe.
»Hör nicht auf ihn«, sagte Ron.
»Es wird alles gut werden«, sagte Hermine völlig außer sich. »Lass uns – lass uns zum Schloss zurückkehren; wenn er in den Wald gegangen ist, müssen wir uns einen neuen Plan ausdenken –«
Sie blickte kurz auf Snapes Leiche, dann eilte sie zurück zum Eingang des Tunnels. Ron folgte ihr. Harry hob den Tarnumhang auf, dann sah er hinunter auf Snape. Er wusste nicht, was er empfinden sollte, außer Entsetzen über die Art und Weise, wie Snape getötet worden war, und über den Grund, weshalb es geschehen war …
Ohne ein Wort zu wechseln, krochen sie zurück durch den Tunnel, und Harry fragte sich, ob Voldemorts Stimme in Rons und Hermines Köpfen genauso nachklang wie in seinem eigenen.
Du hast deine Freunde für dich sterben lassen, anstatt mir selbst entgegenzutreten. Ich werde eine Stunde lang im Verbotenen Wald warten … eine Stunde …
Auf dem Rasen vor dem Schloss schienen kleine Bündel verstreut zu liegen. Es konnte höchstens noch eine Stunde bis zum Morgengrauen sein, doch es war stockdunkel. Die drei hasteten auf die Steintreppe zu. Vor ihnen lag ein einsamer einzelner Holzschuh von der Größe eines kleinen Bootes. Sonst war von Grawp oder seinem Angreifer keinerlei Spur zu sehen.
Im Schloss war es unnatürlich still. Es gab keine Lichtblitze mehr, kein Knallen, Schreien oder Rufen. Auf den Steinplatten der verlassenen Eingangshalle waren Blutflecken. Nach wie vor lagen überall auf dem Boden Smaragde herum, außerdem Marmortrümmer und Holzsplitter. Teile der Treppengeländer waren weggesprengt worden.
»Wo sind die denn alle?«, flüsterte Hermine.
Ron ging ihnen voraus in die Große Halle. Harry blieb im Eingang stehen.
Die Haustische waren verschwunden und der Raum war brechend voll. Die Überlebenden standen in Gruppen beieinander, hatten sich gegenseitig die Arme um den Hals geschlungen. Die Verletzten wurden auf dem Podium von Madam Pomfrey und einigen Helfern behandelt. Unter den Verwundeten war auch Firenze; Blut strömte aus seiner Flanke, und er lag zitternd da, unfähig aufzustehen.
Die Toten lagen in einer Reihe in der Mitte der Halle. Harry konnte Freds Leichnam nicht sehen, weil seine Familie ihn umringte. George kniete bei seinem Kopf; Mrs Weasley lag am ganzen Leib zitternd über seiner Brust. Mr Weasley, dem Tränen über die Wangen stürzten, strich ihr über die Haare.
Ohne ein Wort zu Harry entfernten sich Ron und Hermine. Harry sah Hermine auf Ginny zugehen, deren Gesicht geschwollen und fleckig war, und sie umarmen. Ron trat zu Bill, Fleur und Percy, der einen Arm um Rons Schultern warf. Als Ginny und Hermine sich dem Rest der Familie näherten, konnte Harry die Toten, die neben Fred lagen, deutlich erkennen: Remus und Tonks, bleich und reglos und scheinbar friedlich, machten den Eindruck, als würden sie unter der dunklen, verzauberten Decke schlafen.
Harry taumelte rückwärts durch die Tür, und die Große Halle schien davonzufliegen, kleiner zu werden, zu schrumpfen. Er bekam keine Luft mehr. Es war unerträglich für ihn, irgendeinen der anderen Toten anzuschauen, zu sehen, wer sonst noch für ihn gestorben war. Er brachte es nicht über sich, zu den Weasleys zu gehen und ihnen in die Augen zu sehen, denn wenn er sich gleich ausgeliefert hätte, wäre Fred vielleicht gar nicht gestorben …
Er wandte sich ab und rannte die Marmortreppe hoch. Lupin, Tonks … er sehnte sich danach, nichts zu fühlen … er wünschte, er könnte sich das Herz herausreißen, seine Eingeweide, alles, was in ihm schrie …
Das Schloss war vollkommen leer; selbst die Gespenster schienen sich zu den vielen Trauernden in der Großen Halle gesellt zu haben. Harry rannte, ohne anzuhalten, das Kristallfläschchen mit Snapes letzten Gedanken fest in der Hand, und verlangsamte seine Schritte erst, als er zu dem steinernen Wasserspeier kam, der das Büro des Schulleiters bewachte.
»Passwort?«
»Dumbledore!«, sagte Harry, ohne zu überlegen, weil es Dumbledore war, den er zu sehen begehrte, und zu seiner Überraschung glitt der Wasserspeier beiseite und gab die Wendeltreppe dahinter frei.
Doch als Harry in das kreisrunde Büro stürzte, sah er, dass sich etwas verändert hatte. Die Porträts, die ringsum an der Wand hingen, waren leer. Kein einziger Schulleiter, keine Schulleiterin war noch da und konnte ihn sehen; sie waren offenbar alle davongehuscht, durch die Gemälde gestürmt, die sich im ganzen Schloss befanden, um klare Sicht auf das Geschehen zu haben.
Harry warf einen verzweifelten Blick auf Dumbledores verlassenen Rahmen, der direkt hinter dem Stuhl des Schulleiters hing, dann kehrte er ihm den Rücken zu. Das steinerne Denkarium stand in dem Schrank, wo es immer gewesen war: Harry hob es auf den Schreibtisch und schüttete Snapes Erinnerungen in das breite Becken, dessen Rand mit Runen verziert war. In den Kopf von jemand anderem zu fliehen, würde wahrhaft eine Erleichterung sein … nichts, das selbst Snape ihm hinterlassen hatte, konnte schlimmer sein als seine eigenen Gedanken. Die Erinnerungen wirbelten umher, silbrig weiß und eigenartig, und ohne zu zögern, mit einem Gefühl hemmungsloser Selbstaufgabe, als würde dies seinen quälenden Schmerz lindern, tauchte Harry hinein.
Er fiel kopfüber in Sonnenlicht und seine Füße landeten auf warmem Boden. Als er sich aufrichtete, sah er, dass er auf einem beinahe leeren Spielplatz war. Ein einzelner riesiger Kamin ragte am fernen Horizont empor. Zwei Mädchen schwangen auf Schaukeln vor und zurück, und ein magerer Junge, der hinter einer Gruppe von Sträuchern stand, beobachtete sie. Sein schwarzes Haar war überlang, und seine Kleider passten so wenig zusammen, dass es wie absichtlich aussah: zu kurze Jeans, ein abgetragener, zu großer Mantel, der vielleicht einem Erwachsenen gehörte, ein merkwürdiges, kittelartiges Hemd.
Harry näherte sich dem Jungen. Snape wirkte nicht älter als neun oder zehn Jahre, blässlich, klein, zäh. Unverhohlene Gier stand in seinem schmalen Gesicht, als er zusah, wie das jüngere der beiden Mädchen immer höher schwang, höher als seine Schwester.
»Lily, nein, mach das nicht!«, kreischte die Ältere der beiden.
Aber das Mädchen hatte die Schaukel genau am höchsten Punkt des Bogens losgelassen und war in die Luft geflogen, im wahrsten Sinne geflogen, hatte sich lauthals schreiend vor Lachen in die Luft schleudern lassen, und statt auf dem Asphalt des Spielplatzes aufzuschlagen, rauschte sie wie eine Trapezkünstlerin durch die Luft, blieb viel zu lange oben und landete viel zu leichtfüßig.
»Mummy hat dir gesagt, dass du das nicht tun sollst!«
Petunia hielt ihre Schaukel an, indem sie mit den Absätzen ihrer Sandalen über den Boden schlitterte, was ein knirschendes, schleifendes Geräusch verursachte, dann sprang sie auf und stemmte die Hände in die Hüften.
»Mummy hat gesagt, dass du das nicht darfst, Lily!«
»Aber mir geht’s gut«, sagte Lily, immer noch kichernd. »Guck mal, Tunia. Schau, was ich machen kann.«
Petunia sah sich um. Der Spielplatz war menschenleer, nur sie waren da, und Snape, was die Mädchen aber nicht wussten. Lily hatte eine herabgefallene Blüte von dem Strauch aufgehoben, hinter dem Snape sich versteckt hielt. Petunia kam näher, offenbar hin- und hergerissen zwischen Neugier und Missbilligung. Lily wartete, bis Petunia nahe genug war, um gut sehen zu können, dann streckte sie die offene Handfläche aus. Da lag die Blüte und öffnete und schloss ihre Blätter wie eine seltsame, viellippige Auster.
»Hör auf damit!«, kreischte Petunia.
»Die tut dir doch nichts«, sagte Lily, schloss aber die Hand über der Blüte und warf sie wieder zu Boden.
»Das macht man nicht«, sagte Petunia, doch ihr Blick war der hinabfliegenden Blüte gefolgt und blieb auf ihr ruhen. »Wie kriegst du das hin?«, fügte sie hinzu und in ihrer Stimme lag eindeutiges Verlangen.
»Ist doch klar, oder?« Snape hatte sich nicht mehr länger zurückhalten können und war hinter den Sträuchern hervorgesprungen. Petunia kreischte und lief rückwärts in Richtung der Schaukeln, doch Lily blieb stehen, wenn auch offensichtlich verdutzt. Snape schien es zu bereuen, dass er sich gezeigt hatte. Ein mattes Rot kroch über seine fahlen Wangen, während er Lily ansah.
»Was ist klar?«, fragte Lily.
Snape wirkte leicht nervös und aufgeregt. Er warf einen Blick auf die ferne Petunia, die sich nun abwartend bei den Schaukeln herumdrückte, senkte die Stimme und sagte: »Ich weiß, was du bist.«
»Was meinst du?«
»Du bist … du bist eine Hexe«, flüsterte Snape.
Sie sah beleidigt aus.
»Es ist nicht besonders nett, wenn man jemandem das sagt!«
Sie wandte sich ab, die Nase in die Luft gereckt, und marschierte davon zu ihrer Schwester.
»Nein!«, sagte Snape. Er war jetzt puterrot, und Harry fragte sich, warum er den lächerlich großen Mantel nicht ablegte, vielleicht einfach weil er den Kittel darunter nicht zeigen wollte. Als er den Mädchen damit hinterherflatterte, ähnelte er auf groteske Weise einer Fledermaus, ganz wie sein älteres Selbst.
Die Schwestern hielten sich an einer Stange der Schaukel fest, als könnten sie hier wie beim Fangenspielen nicht abgeklatscht werden, und musterten ihn, einig in ihrer Ablehnung.
»Du bist eine«, sagte Snape zu Lily. »Du bist eine Hexe. Ich hab dir schon eine Weile zugeschaut. Aber das ist nichts Schlimmes. Meine Mum ist auch eine und ich bin ein Zauberer.«
Petunias Lachen war wie kaltes Wasser.
»Zauberer!«, kreischte sie mit frischem Mut, nun, da sie sich von dem Schreck erholt hatte, den ihr sein unerwartetes Auftauchen eingejagt hatte. »Ich weiß, was du bist. Du bist dieser Junge von den Snapes. Die wohnen am Fluss unten in Spinner’s End«, erklärte sie Lily, und aus ihrem Ton war deutlich herauszuhören, dass sie diese Adresse für eine schlechte Empfehlung hielt. »Warum hast du uns nachspioniert?«
»Ich hab nicht spioniert«, sagte Snape, erhitzt und verlegen, mit seinen schmutzigen Haaren im hellen Sonnenlicht. »Dir würd ich sowieso nicht nachspionieren«, fügte er gehässig hinzu, »du bist ein Muggel.«
Obwohl Petunia das Wort offensichtlich nicht verstand, konnte sie den Tonfall kaum falsch deuten.
»Lily, komm, wir gehen!«, sagte sie schrill. Lily gehorchte ihrer Schwester sofort und funkelte Snape im Davongehen böse an. Da stand er und sah ihnen nach, wie sie durch das Tor des Spielplatzes marschierten, und Harry, der Einzige, der ihn noch beobachtete, bemerkte Snapes bittere Enttäuschung und begriff, dass Snape diesen Auftritt schon eine ganze Weile geplant hatte und dass alles schiefgegangen war …
Die Szene löste sich auf, und ehe Harry sich’s versah, war eine neue um ihn herum entstanden. Er befand sich jetzt in einem kleinen Dickicht von Bäumen. Zwischen den Stämmen hindurch konnte er einen Fluss in der Sonne glitzern sehen. Die Schatten der Bäume bildeten eine kühle grüne Mulde. Zwei Kinder saßen am Boden einander gegenüber, die Beine über Kreuz; Snape hatte jetzt seinen Mantel abgelegt; sein merkwürdiger Kittel wirkte im Dämmerlicht weniger sonderbar.
»… und das Ministerium kann dich bestrafen, wenn du außerhalb der Schule zauberst, dann kriegst du Briefe.«
»Aber ich habe außerhalb der Schule gezaubert!«
»Bei uns ist das nicht schlimm. Wir haben noch keine Zauberstäbe. Die lassen es durchgehen, wenn du noch ein Kind bist und nichts dafür kannst. Aber sobald du elf bist«, er nickte wichtigtuerisch, »und die anfangen, dich auszubilden, musst du vorsichtig sein.«
Eine kurze Stille trat ein. Lily hatte einen herabgefallenen Zweig aufgehoben und wirbelte ihn durch die Luft, und Harry wusste, dass sie sich vorstellte, er würde einen Funkenschweif hinter sich herziehen. Dann ließ sie den Zweig fallen, beugte sich zu dem Jungen vor und sagte: »Es ist wirklich wahr, oder? Es ist kein Scherz? Petunia sagt, dass du mich anlügst. Petunia sagt, dass es gar kein Hogwarts gibt. Es ist wirklich wahr, oder?«
»Es ist wahr für uns«, sagte Snape. »Für sie nicht. Aber wir werden den Brief bekommen, du und ich.«
»Wirklich?«, flüsterte Lily.
»Ganz bestimmt«, sagte Snape, und selbst mit seinen schlecht geschnittenen Haaren und seinen komischen Kleidern gab er eine merkwürdig eindrucksvolle Figur ab, wie er da vor ihr hingelümmelt saß, strotzend vor Zuversicht, was seinen künftigen Lebensweg betraf.
»Und bringt ihn wirklich eine Eule?«, flüsterte Lily.
»Normalerweise schon«, sagte Snape. »Aber du stammst von Muggeln ab, da muss jemand von der Schule kommen und es deinen Eltern erklären.«
»Macht es einen Unterschied, wenn man von Muggeln abstammt?«
Snape zögerte. Seine schwarzen Augen blickten ungeduldig durch das grünliche Dämmerlicht, wanderten über das blasse Gesicht, das dunkelrote Haar.
»Nein«, sagte er. »Es macht keinen Unterschied.«
»Gut«, sagte Lily erleichtert: Es war offensichtlich, dass sie sich Sorgen gemacht hatte.
»Du hast ganz viel Magie«, sagte Snape. »Das habe ich gesehen. Die ganze Zeit, als ich dich beobachtet habe …«
Seine Stimme verlor sich; sie hörte ihm nicht zu, sondern hatte sich auf dem laubbedeckten Boden ausgestreckt und blickte hoch zu dem Blätterdach über ihr. Er sah sie an, so begierig wie schon auf dem Spielplatz.
»Wie steht es bei dir zu Hause?«, fragte Lily.
Eine kleine Falte bildete sich zwischen seinen Augen.
»Gut«, sagte er.
»Sie streiten nicht mehr?«
»O doch, sie streiten«, sagte Snape. Er hob eine Faust voll Blätter auf und begann sie zu zerreißen, offenbar ganz in Gedanken verloren. »Aber es wird nicht mehr allzu lange dauern, dann bin ich weg.«
»Mag dein Dad denn keine Zauberei?«
»Er mag nichts besonders gern«, sagte Snape.
»Severus?«
Ein leises Lächeln zuckte um Snapes Mund, als sie seinen Namen sagte.
»Jaah?«
»Erzähl mir noch mal von den Dementoren.«
»Weshalb willst du was über die wissen?«
»Wenn ich außerhalb der Schule Zauber benutze …«
»Dafür jagen sie dir keine Dementoren auf den Hals! Dementoren sind für Leute, die richtig böse Sachen machen. Sie bewachen das Zauberergefängnis, Askaban. Du wirst nicht in Askaban landen, du bist zu …«
Er lief wieder rot an und zerfetzte noch mehr Blätter. Dann hörte Harry ein leises Rascheln hinter sich und er drehte sich um: Petunia, die sich hinter einem Baum versteckt hatte, hatte den Halt verloren.
»Tunia!«, sagte Lily in überraschtem und freundlichem Ton, aber Snape war aufgesprungen.
»Wer spioniert da jetzt?«, rief er. »Was willst du?«
Petunia war außer Atem, bestürzt, weil sie erwischt worden war. Harry sah, dass sie angestrengt nach etwas Verletzendem suchte, das sie sagen konnte.
»Was hast du da eigentlich an?«, sagte sie und deutete auf Snapes Brust. »Die Bluse von deiner Mum?«
Es gab einen Knall: Ein Ast über Petunias Kopf fiel herunter. Lily schrie: Der Ast traf Petunia an der Schulter, und sie stolperte rückwärts und brach in Tränen aus.
»Tunia!«
Aber Petunia rannte davon. Lily fiel über Snape her.
»Hast du das passieren lassen?«
»Nein.« Er blickte trotzig und erschrocken zugleich.
»Doch, das hast du!« Sie wich vor ihm zurück. »Das hast du. Du hast ihr wehgetan!«
»Nein – nein, hab ich nicht!«
Aber die Lüge überzeugte Lily nicht: Nach einem letzten flammenden Blick rannte sie aus dem kleinen Dickicht, ihrer Schwester hinterher, und Snape wirkte elend und durcheinander …
Und dann veränderte sich die Szene. Harry blickte sich um: Er war auf Bahnsteig neundreiviertel, und Snape stand dicht bei ihm, leicht gebeugt, neben einer hageren, blässlichen, mürrisch dreinblickenden Frau, die ihm stark ähnelte. Snape starrte auf eine vierköpfige Familie nur wenig entfernt. Die beiden Mädchen standen etwas abseits von ihren Eltern. Lily schien ihre Schwester anzuflehen; Harry näherte sich, um zu lauschen.
»… es tut mir leid, Tunia, es tut mir leid! Hör zu –« Sie ergriff die Hand ihrer Schwester und hielt sie fest, obwohl Petunia sie wegzuziehen versuchte. »Vielleicht kann ich, wenn ich erst mal da bin – nein, hör zu, Tunia! Vielleicht kann ich, wenn ich da bin, zu Professor Dumbledore gehen und ihn überreden, dass er es sich anders überlegt!«
»Ich will – nicht – dahin!«, sagte Petunia und zog ihre Hand aus dem Griff ihrer Schwester. »Meinst du, ich will in irgendein blödes Schloss und lernen, wie ich eine – eine –«
Ihre blassen Augen schweiften über den Bahnsteig, über die Katzen, die in den Armen ihrer Besitzer maunzten, über die Eulen, die in ihren Käfigen flatterten und sich gegenseitig ankreischten, über die Schülerinnen und Schüler, manche schon in ihren langen schwarzen Umhängen, die Schrankkoffer in den Zug mit der scharlachroten Dampflok luden oder sich mit freudigen Rufen begrüßten, nachdem sie sich einen Sommer lang nicht gesehen hatten.
»– meinst du, ich will ein – ein Spinner sein?«
Lilys Augen füllten sich mit Tränen, als es Petunia gelang, ihre Hand wegzureißen.
»Ich bin kein Spinner«, sagte Lily. »Es ist schrecklich, so was zu sagen.«
»Da gehst du doch hin«, sagte Petunia genüsslich. »In eine Sonderschule für Spinner. Du und dieser Snape-Junge … Verrückte, das seid ihr beide. Es ist gut, dass man euch von normalen Leuten trennt. Das ist zu unserer Sicherheit.«
Lily warf rasch einen Blick auf ihre Eltern, die sich auf dem Bahnsteig umsahen und sich offenbar von ganzem Herzen freuten und das Schauspiel genossen. Dann wandte sie sich wieder ihrer Schwester zu und sprach in leisem und grimmigem Ton.
»Als du dem Schulleiter geschrieben und gebettelt hast, dass er dich aufnimmt, hast du nicht gedacht, dass es so eine Spinnerschule ist.«
Petunia lief puterrot an.
»Gebettelt? Ich hab nicht gebettelt!«
»Ich hab seine Antwort gesehen. Sie war sehr nett.«
»Du hättest sie nicht lesen –«, flüsterte Petunia. »Das war nur für mich – wie konntest du –?«
Lily verriet sich durch einen verstohlenen Blick zu Snape hinüber, der in der Nähe stand.
Petunia keuchte. »Dieser Junge hat ihn gefunden! Du und der Junge, ihr habt in meinem Zimmer rumgeschnüffelt!«
»Nein – nicht geschnüffelt –« Nun war Lily in der Defensive. »Severus hat den Umschlag gesehen, und er konnte nicht glauben, dass ein Muggel nach Hogwarts geschrieben hat, das war alles! Er sagt, da müssen heimlich Zauberer bei der Post arbeiten, damit die Briefe …«
»Offenbar stecken Zauberer ihre Nasen überall rein!«, sagte Petunia, nun so heftig erbleicht, wie sie vorher errötet war. »Spinner!«, fauchte sie ihre Schwester an und stürzte davon zu ihren Eltern …
Wieder löste sich die Szene auf. Snape hastete durch den Gang im Hogwarts-Express, der durch die Landschaft ratterte. Er hatte bereits seinen Schulumhang an, hatte vielleicht die erste Gelegenheit ergriffen, seine fürchterlichen Muggelsachen abzulegen. Schließlich blieb er vor einem Abteil stehen, in dem sich ein paar ruppige Jungen unterhielten. Auf einem Fensterplatz in der Ecke kauerte Lily, das Gesicht an die Scheibe gedrückt.
Snape schob die Abteiltür auf und setzte sich Lily gegenüber. Sie sah ihn kurz an und schaute dann wieder aus dem Fenster. Sie hatte geweint.
»Ich will nicht mit dir reden«, sagte sie mit erstickter Stimme.
»Warum nicht?«
»Tunia – h-hasst mich. Weil wir diesen Brief von Dumbledore gesehen haben.«
»Na und?«
Sie warf ihm einen Blick voll tiefer Abneigung zu.
»Sie ist immerhin meine Schwester!«
»Sie ist nur ein –« Er fing sich noch rasch; Lily, die zu sehr damit beschäftigt war, sich unauffällig die Augen zu wischen, hörte ihn nicht.
»Aber wir fahren!«, sagte er und konnte die Begeisterung in seiner Stimme nicht unterdrücken. »Es ist so weit! Wir sind auf dem Weg nach Hogwarts!«
Sie nickte, tupfte sich die Augen, musste jedoch unwillkürlich ein wenig lächeln.
»Du solltest am besten nach Slytherin kommen«, sagte Snape, von ihrer etwas besseren Laune ermutigt.
»Slytherin?«
Einer der Jungen mit ihnen im Abteil, der bislang keinerlei Notiz von Lily oder Snape genommen hatte, wandte sich bei dem Wort um, und Harry, der seine Aufmerksamkeit ganz den beiden am Fenster gewidmet hatte, erblickte seinen Vater: mager, mit schwarzen Haaren wie Snape, aber mit jener undefinierbaren Art eines Menschen, für den immer gesorgt, ja der innig geliebt worden war, die Snape so deutlich abging.
»Wer will denn schon nach Slytherin? Ich glaub, dann würd ich abhauen, du auch?« James fragte den Jungen, der sich ihm gegenüber auf den Sitzen fläzte, und mit einem Schlag wurde Harry klar, dass es Sirius war. Sirius lächelte nicht.
»Meine ganze Familie war in Slytherin«, sagte er.
»O Mann«, sagte James, »und ich dachte, du wärst in Ordnung!«
Sirius grinste.
»Vielleicht brech ich mit der Tradition. Wo würdest du hinwollen, wenn du die Wahl hättest?«
James hob ein imaginäres Schwert.
»Gryffindor, denn dort regieren Tapferkeit und Mut! Wie mein Dad.«
Snape machte ein leises, abfälliges Geräusch. James fuhr ihn an.
»Hast du ’n Problem damit?«
»Nein«, sagte Snape, doch sein höhnisches Grinsen strafte ihn Lügen. »Wenn du lieber Kraft als Köpfchen haben willst –«
»Wo möchtest du denn gern hin, wo du offenbar nichts von beidem hast?«, warf Sirius ein.
James brüllte vor Lachen. Lily richtete sich auf, ziemlich rot im Gesicht, und blickte geringschätzig von James zu Sirius.
»Komm, Severus, wir suchen uns ein anderes Abteil.«
»Oooooh …«
James und Sirius äfften ihren hochmütigen Ton nach; James versuchte Snape ein Bein zu stellen, als er vorbeiging.
»Wir sehn uns, Schniefelus!«, rief eine Stimme, als die Abteiltür zukrachte …
Und erneut löste sich die Szene auf …
Harry stand direkt hinter Snape, sie waren den von Kerzen erleuchteten Haustischen und Reihen von gebannten Gesichtern zugewandt. Professor McGonagall sagte gerade: »Evans, Lily!«
Er sah seine Mutter mit zittrigen Beinen nach vorne gehen und sich auf den wackligen Stuhl setzen. Professor McGonagall ließ den Sprechenden Hut auf ihren Kopf sinken, und kaum eine Sekunde nachdem er das dunkelrote Haar berührt hatte, rief der Hut: »Gryffindor!«
Harry hörte, wie Snape leise stöhnte. Lily nahm den Hut ab, gab ihn Professor McGonagall zurück und eilte zu den jubelnden Gryffindors, doch unterwegs warf sie einen Blick zurück zu Snape, und ein trauriges leichtes Lächeln lag auf ihrem Gesicht. Harry sah Sirius aufrücken, um ihr auf der Bank Platz zu machen. Sie blickte ihn kurz an, schien ihn vom Zug her wiederzuerkennen, verschränkte die Arme und kehrte ihm entschieden den Rücken zu.
Weitere Namen wurden aufgerufen. Harry sah, wie Lupin, Pettigrew und sein Vater sich zu Lily und Sirius am Gryffindor-Tisch gesellten. Endlich, als nur noch ein Dutzend Schüler auf die Häuser verteilt werden mussten, rief Professor McGonagall Snape auf.
Harry begleitete ihn zu dem Stuhl und beobachtete, wie er sich den Hut aufsetzte. »Slytherin!«, rief der Sprechende Hut.
Und Severus Snape ging hinüber auf die andere Seite der Halle, fort von Lily, dorthin, wo die Slytherins ihm zujubelten, wo Lucius Malfoy, mit einem schimmernden Vertrauensschülerabzeichen an der Brust, ihm auf die Schulter klopfte, als er sich neben ihn setzte …
Und die Szene veränderte sich …
Lily und Snape gingen über den Hof des Schlosses, offenbar im Streit miteinander. Harry beeilte sich, sie einzuholen, um ihnen zu lauschen. Als er sie erreichte, fiel ihm auf, um wie viel größer sie beide geworden waren: Einige Jahre schienen vergangen zu sein, seit sie den Häusern zugeteilt worden waren.
»… dachte eigentlich, wir wären Freunde?«, sagte Snape gerade. »Beste Freunde?«
»Das sind wir, Sev, aber ich mag eben manche von den Leuten nicht, mit denen du rumhängst! Tut mir leid, aber ich hasse Avery und Mulciber! Mulciber! Was findest du an ihm, Sev? Er ist unheimlich! Weißt du, was er neulich mit Mary Macdonald anstellen wollte?«
Lily war an einer Säule angelangt und lehnte sich dagegen, sie blickte in Snapes schmales, blässliches Gesicht.
»Das war doch nichts«, sagte Snape. »Es war ein Scherz, weiter nichts –«
»Es war schwarze Magie, und wenn du das komisch findest –«
»Was ist mit dem, was Potter und seine Kumpel veranstalten?«, fragte Snape. Dabei stieg ihm wieder die Röte ins Gesicht, offenbar konnte er seinen Unmut nicht zurückhalten.
»Was hat Potter mit alldem zu tun?«, sagte Lily.
»Die schleichen sich nachts raus. Dieser Lupin hat irgendwas Seltsames an sich. Wo geht der andauernd hin?«
»Er ist krank«, sagte Lily. »Es heißt, er sei krank –«
»Jeden Monat bei Vollmond?«, erwiderte Snape.
»Ich weiß, was du denkst«, sagte Lily in kühlem Ton. »Warum bist du eigentlich so auf die fixiert? Warum interessiert es dich, was die nachts tun?«
»Ich versuch dir nur klarzumachen, dass sie nicht so toll sind, wie alle offenbar denken.«
Er starrte sie so eindringlich an, dass sie errötete.
»Aber sie verwenden keine schwarze Magie.« Sie senkte die Stimme. »Und du bist wirklich undankbar. Ich hab gehört, was neulich nachts passiert ist. Du bist in diesen Tunnel bei der Peitschenden Weide runtergeschlichen und James Potter hat dich gerettet vor was immer da unten ist –«
Snapes Gesicht verzerrte sich. »Gerettet?«, prustete er. »Gerettet? Du meinst, er hat den Helden gespielt? Er hat seine eigene Haut gerettet und auch die seiner Freunde! Du wirst nicht – ich lass dich nicht –«
»Mich lassen? Mich lassen?«
Lilys leuchtend grüne Augen waren ganz schmal. Snape gab sofort klein bei.
»Ich meinte nicht – ich will nur nicht mit ansehen, wie man sich über dich lustig macht – er mag dich, James Potter mag dich!« Es war, als würden ihm die Worte gegen seinen Willen entrissen. »Und er ist kein … alle denken … großer Quidditch-Held –« Verbitterung und Abscheu ließen Snapes Worte unzusammenhängend werden, und Lilys Augenbrauen bewegten sich immer höher ihre Stirn hinauf.
»Ich weiß, dass James Potter ein arroganter Widerling ist«, unterbrach sie Snape. »Das brauchst du mir nicht erst zu sagen. Aber Mulcibers und Averys Vorstellung von Humor ist einfach böse. Böse, Sev. Ich verstehe nicht, wie du mit denen befreundet sein kannst.«
Harry bezweifelte, dass Snape ihre scharfe Kritik an Mulciber und Avery überhaupt gehört hatte. In dem Moment, als sie Potter beleidigt hatte, hatte sich sein ganzer Körper entspannt, und als sie sich entfernten, war Snapes Gang ein wenig federnder geworden …
Und die Szene löste sich auf …
Harry sah nun wieder zu, wie Snape die Große Halle verließ, nachdem er die ZAG-Prüfung in Verteidigung gegen die dunklen Künste abgelegt hatte, sah zu, wie er aus dem Schloss ging, gedankenverloren herumschlenderte und sich dem Platz unter der Buche näherte, wo James, Sirius, Lupin und Pettigrew zusammensaßen. Aber diesmal hielt Harry Abstand, weil er wusste, was passiert war, nachdem James Severus kopfüber in die Luft hatte schnellen lassen und ihn verspottet hatte; er wusste, was getan und gesagt worden war, und es machte ihm keinen Spaß, es noch einmal zu hören. Er sah zu, wie Lily zu der Gruppe stieß und Snape zu Hilfe kam. Aus der Ferne hörte er, wie der gedemütigte und zornige Snape sie mit dem unverzeihlichen Wort anschrie: »Schlammblüterin.«
Die Szene veränderte sich …
»Es tut mir leid.«
»Das interessiert mich nicht.«
»Es tut mir leid!«
»Spar dir deine Worte.«
Es war Nacht. Lily, die einen Morgenrock anhatte, stand mit verschränkten Armen vor dem Porträt der fetten Dame am Eingang des Gryffindor-Turms.
»Ich bin nur rausgekommen, weil Mary gesagt hat, du hättest gedroht, hier zu schlafen.«
»Das stimmt. Das hätte ich getan. Ich wollte dich nie Schlammblut nennen, es ist einfach –«
»Rausgerutscht?« In Lilys Stimme war kein Mitleid. »Es ist zu spät. Seit Jahren entschuldige ich mich für dich. Keiner von meinen Freunden kann verstehen, warum ich überhaupt mit dir rede. Du und deine netten kleinen Todesserfreunde – siehst du, du streitest es nicht einmal ab! Du streitest nicht einmal ab, dass ihr das alle gerne wärt! Du kannst es kaum erwarten, bei Du-weißt-schon-wem mitzumachen, oder?«
Er öffnete den Mund, schloss ihn aber wieder, ohne etwas gesagt zu haben.
»Ich kann mich nicht mehr verstellen. Du hast deinen Weg gewählt, ich den meinen.«
»Nein – hör zu, ich wollte dich nicht –«
»– Schlammblut nennen? Aber du nennst jeden, der meine Herkunft hat, Schlammblut, Severus. Warum sollte es bei mir anders sein?«
Er kämpfte mit Worten, die ihm nicht über die Lippen wollten, doch Lily wandte sich mit einem verächtlichen Blick ab und kletterte durch das Porträtloch zurück …
Der Korridor löste sich auf, und es dauerte etwas länger, ehe sich eine neue Szene bildete: Harry schien durch wechselnde Formen und Farben zu fliegen, bis sich seine Umgebung wieder verfestigte und er einsam und frierend in der Dunkelheit auf einem Hügel stand, wo der Wind durch die Äste einiger weniger kahler Bäume pfiff. Der erwachsene Snape keuchte, drehte sich auf der Stelle, den Zauberstab fest in der Hand, wartete auf etwas oder jemanden … seine Furcht steckte auch Harry an, obwohl er wusste, dass ihm nichts geschehen konnte, und er blickte über die Schulter und fragte sich, worauf Snape wartete –
Dann flog ein blendender, gezackter weißer Lichtstrahl durch die Luft: Harry dachte an einen Gewitterblitz, aber Snape war auf die Knie gesunken, und sein Zauberstab war ihm aus der Hand geflogen.
»Töten Sie mich nicht!«
»Das hatte ich nicht vor.«
Jedes Geräusch, das Dumbledore beim Apparieren gemacht hatte, war im Brausen des Windes, der durch die Äste blies, untergegangen. Er stand mit wehendem Umhang vor Snape, sein Gesicht durch das Licht seines Zauberstabs von unten erhellt.
»Nun, Severus? Welche Botschaft hat Lord Voldemort für mich?«
»Keine – keine Botschaft – ich bin auf eigene Verantwortung hier!«
Snape rang die Hände: Mit seinem strähnigen schwarzen Haar, das ihm um den Kopf wirbelte, wirkte er leicht wahnsinnig.
»Ich – ich komme mit einer Warnung – nein, einem Wunsch – bitte –«
Dumbledore schnippte mit seinem Zauberstab. Obwohl noch Blätter und Zweige durch die nächtliche Luft um sie her flogen, legte sich Stille über den Ort, an dem er und Snape sich gegenüberstanden.
»Was könnte ein Todesser von mir erbitten?«
»Die – die Prophezeiung … die Vorhersage … Trelawney …«
»Ah ja«, sagte Dumbledore. »Wie viel haben Sie Lord Voldemort mitgeteilt?«
»Alles – alles, was ich gehört habe!«, sagte Snape. »Deshalb – aus diesem Grund – er glaubt, es geht um Lily Evans!«
»Die Prophezeiung bezog sich nicht auf eine Frau«, sagte Dumbledore. »Sie erwähnte einen Jungen, der Ende Juli geboren wird –«
»Sie wissen, was ich meine! Er glaubt, es geht um ihren Sohn, er wird sie jagen – sie alle töten –«
»Wenn sie Ihnen so viel bedeutet«, sagte Dumbledore, »dann wird Lord Voldemort sie doch gewiss verschonen? Könnten Sie nicht um Gnade für die Mutter bitten, im Austausch gegen ihren Sohn?«
»Darum – darum habe ich ihn gebeten –«
»Sie widern mich an«, sagte Dumbledore und Harry hatte noch nie so viel Verachtung in seiner Stimme gehört. Snape schien ein wenig zusammenzuschrumpfen. »Dann ist Ihnen der Tod ihres Mannes und des Kindes also gleichgültig? Die können sterben, solange Sie haben, was Sie wollen?«
Snape sagte nichts, er blickte nur zu Dumbledore auf.
»Dann verstecken Sie doch alle«, krächzte er. »Passen Sie auf, dass ihr – ihnen – nichts passiert. Bitte.«
»Und was werden Sie mir dafür geben, Severus?«
»Dafür – geben?« Snape starrte Dumbledore mit offenem Mund an, und Harry nahm an, dass er protestieren würde, doch nach einem langen Moment sagte er: »Alles.«
Der Hügel verblasste, und Harry stand in Dumbledores Büro, und irgendetwas machte ein schreckliches Geräusch wie ein verletztes Tier. Snape saß vornübergesunken auf einem Stuhl, und Dumbledore stand vor ihm, mit grimmiger Miene. Nach einer Weile hob Snape das Gesicht, und er sah aus wie ein Mann, der hundert Jahre Elend durchlebt hatte, seit er den windumtosten Hügel verlassen hatte.
»Ich dachte … Sie würden … auf sie … aufpassen …«
»Lily und James haben ihr Vertrauen in die falsche Person gesetzt«, sagte Dumbledore. »Ganz ähnlich wie Sie, Severus. Hatten Sie nicht die Hoffnung, dass Lord Voldemort sie verschonen würde?«
Snape atmete flach.
»Ihr Junge hat überlebt«, sagte Dumbledore.
Snape zuckte kurz mit dem Kopf, als würde er eine lästige Fliege verscheuchen.
»Ihr Sohn lebt. Er hat ihre Augen, genau ihre Augen. Sie erinnern sich doch gewiss an die Form und die Farbe von Lily Evans’ Augen?«
»NICHT!«, brüllte Snape. »Fort … tot …«
»Ist das Reue, Severus?«
»Ich wünschte … ich wünschte, ich wäre tot …«
»Und was würde das irgendwem nützen?«, sagte Dumbledore kalt. »Wenn Sie Lily Evans geliebt haben, wenn Sie sie wahrhaftig geliebt haben, dann ist Ihr weiterer Weg offensichtlich.«
Snape schien durch einen Schleier aus Schmerz zu starren, und Dumbledores Worte brauchten offenbar lange, bis sie ihn erreichten.
»Was – was meinen Sie damit?«
»Sie wissen, wie und warum sie gestorben ist. Sorgen Sie dafür, dass es nicht umsonst war. Helfen Sie mir, Lilys Sohn zu beschützen.«
»Er braucht keinen Schutz. Der Dunkle Lord ist nicht mehr –«
»– der Dunkle Lord wird zurückkehren, und Harry Potter wird in schrecklicher Gefahr sein, wenn es so weit ist.«
Eine lange Pause trat ein, und allmählich gewann Snape wieder die Kontrolle über sich, beherrschte seine Atemzüge. Schließlich sagte er: »Nun gut. Nun gut. Aber verraten Sie es niemals – niemals, Dumbledore! Das muss unter uns bleiben! Schwören Sie! Ich kann es nicht ertragen … vor allem Potters Sohn … ich will Ihr Wort haben!«
»Mein Wort, Severus, dass ich niemals das Beste an Ihnen offenbaren werde?« Dumbledore seufzte und sah hinab auf Snapes erzürntes, gequältes Gesicht. »Wenn Sie darauf bestehen …«
Das Büro löste sich auf, formte sich jedoch augenblicklich neu. Snape schritt vor Dumbledore auf und ab.
»– mittelmäßig, arrogant wie sein Vater, einer, der entschlossen Regeln verletzt, der es genießt, unversehens berühmt zu sein, der Aufmerksamkeit heischt und unverschämt ist –«
»Man sieht nur, was man sehen will, Severus«, sagte Dumbledore, ohne von einer Ausgabe von Verwandlung Heute aufzublicken. »Andere Lehrer berichten, dass der Junge bescheiden, liebenswürdig und einigermaßen talentiert ist. Ich persönlich halte ihn für ein einnehmendes Kind.«
Dumbledore blätterte eine Seite um und sagte, ohne den Blick zu heben: »Behalten Sie Quirrell im Auge, ja?«
Ein Wirbel aus Farben, und nun verdunkelte sich alles, und Snape und Dumbledore standen ein wenig abseits in der Eingangshalle, während die letzten Nachzügler vom Weihnachtsball auf ihrem Weg ins Bett an ihnen vorbeikamen.
»Nun?«, murmelte Dumbledore.
»Auch Karkaroffs Mal wird dunkler. Er gerät in Panik, er fürchtet eine Strafe; Sie wissen, wie hilfreich er dem Ministerium nach dem Sturz des Dunklen Lords war.« Snape sah zur Seite, auf Dumbledores hakennasiges Profil. »Karkaroff plant zu fliehen, wenn das Mal brennt.«
»Tatsächlich?«, sagte Dumbledore leise, während Fleur Delacour und Roger Davies kichernd vom Gelände hereinkamen. »Und sind Sie versucht, sich ihm anzuschließen?«
»Nein«, sagte Snape, seine schwarzen Augen folgten Fleurs und Rogers Gestalten, die sich entfernten. »Ich bin kein solcher Feigling.«
»Nein«, stimmte Dumbledore ihm zu. »Sie sind ein weitaus mutigerer Mann als Igor Karkaroff. Wissen Sie, manchmal denke ich, wir lassen den Hut zu früh sein Urteil sprechen …«
Er ging davon und Snape blieb mit verzweifelter Miene zurück …
Und nun stand Harry wieder im Büro des Schulleiters. Es war Nacht, und Dumbledore war seitlich auf dem thronartigen Stuhl hinter dem Schreibtisch zusammengesackt, offenbar halb ohnmächtig. Seine rechte Hand hing über die Lehne herab, geschwärzt und verbrannt.
Snape murmelte Beschwörungen, er hatte seinen Zauberstab auf Dumbledores Handgelenk gerichtet, während er ihm mit der Linken einen Kelch voll dicker goldener Flüssigkeit in die Kehle träufelte. Nach einer Weile flatterten Dumbledores Augenlider und öffneten sich.
»Warum«, sagte Snape ohne Umschweife, »warum haben Sie sich diesen Ring angesteckt? Auf ihm liegt ein Fluch, das war Ihnen sicher bewusst. Warum haben Sie ihn überhaupt berührt?«
Vorlost Gaunts Ring lag auf dem Schreibtisch vor Dumbledore. Er war zerschlagen; das Schwert von Gryffindor lag daneben.
Dumbledore verzog das Gesicht.
»Ich … war ein Narr. In großer Versuchung …«
»Was hat Sie in Versuchung gebracht?«
Dumbledore antwortete nicht.
»Es ist ein Wunder, dass Sie es geschafft haben, hierher zurückzukommen!« Snape klang wütend. »Auf diesem Ring lag ein Fluch von außerordentlicher Kraft, uns bleibt nur zu hoffen, dass wir ihn eindämmen können; ich habe den Fluch fürs Erste in der einen Hand eingeschlossen –«
Dumbledore hob seine geschwärzte, unbrauchbare Hand und musterte sie mit der Miene von jemandem, dem eine interessante Kuriosität gezeigt wird.
»Das haben Sie sehr gut gemacht, Severus. Wie lange, glauben Sie, habe ich noch?«
Dumbledore sprach in beiläufigem Ton; er hätte genauso gut nach den Wetteraussichten fragen können. Snape zögerte, dann sagte er: »Ich bin nicht sicher. Vielleicht ein Jahr. Es ist unmöglich, einen solchen Fluch für immer aufzuhalten. Er wird sich irgendwann ausbreiten, es ist die Art von Flüchen, die mit der Zeit stärker werden.«
Dumbledore lächelte. Die Nachricht, dass er weniger als ein Jahr zu leben hatte, schien ihn kaum oder gar nicht zu bekümmern.
»Welch ein Glück, welch ein Glück, dass ich Sie habe, Severus.«
»Hätten Sie mich nur ein wenig früher gerufen, dann hätte ich vielleicht mehr tun, Ihnen mehr Zeit verschaffen können!«, sagte Snape erzürnt. Er blickte hinab auf den zerbrochenen Ring und das Schwert. »Haben Sie geglaubt, wenn Sie den Ring zerbrechen, würden Sie auch den Fluch brechen?«
»Etwas in der Art … ich war wie in einem Rausch, zweifellos …«, sagte Dumbledore. Mühsam richtete er sich in seinem Stuhl auf. »Nun, in der Tat, das macht die Angelegenheit viel einfacher.«
Snape schien völlig verdutzt. Dumbledore lächelte.
»Ich meine den Plan, den Lord Voldemort um mich herum ausheckt. Seinen Plan, mich durch den armen Malfoy-Jungen ermorden zu lassen.«
Snape setzte sich auf den Stuhl, auf dem Harry so oft Platz genommen hatte, vor dem Schreibtisch, gegenüber von Dumbledore. Harry wusste, dass er mehr zu dem auf Dumbledores Hand sagen wollte, doch dieser hielt die Hand empor, um damit höflich abzulehnen, weiter über die Angelegenheit zu sprechen. Mit finsterer Miene sagte Snape: »Der Dunkle Lord erwartet nicht, dass es Draco gelingt. Das ist nur eine Strafe für die jüngsten Misserfolge von Lucius. Langsame Folter für Dracos Eltern, sie sehen mit an, wie er scheitert, und bezahlen den Preis.«
»Kurz, über den Jungen wurde ein Todesurteil gefällt, genau wie über mich«, sagte Dumbledore. »Nun, ich würde meinen, der Nachfolger für diese Aufgabe, sobald Draco gescheitert ist, sind selbstverständlich Sie?«
Es entstand eine kurze Pause.
»Das ist, denke ich, der Plan des Dunklen Lords.«
»Lord Voldemort sieht den Zeitpunkt näher rücken, da er keinen Spion in Hogwarts mehr braucht?«
»Er glaubt, die Schule wird bald in seiner Hand sein, ja.«
»Und wenn sie ihm tatsächlich in die Hand fällt«, sagte Dumbledore, scheinbar nebenbei, »habe ich Ihr Wort, dass Sie alles in Ihrer Macht Stehende tun werden, um die Schüler von Hogwarts zu beschützen?«
Snape nickte steif.
»Gut. Nun denn. Ihre erste Priorität wird es sein, herauszufinden, was Draco im Schilde führt. Ein verängstigter Junge im Teenageralter ist eine Gefahr für andere ebenso wie für sich selbst. Bieten Sie ihm Hilfe und Rat an, das sollte er annehmen, er mag Sie –«
»– viel weniger, seit sein Vater in Ungnade gefallen ist. Draco macht mich dafür verantwortlich, er denkt, ich hätte Lucius von seinem Platz verdrängt.«
»Gleichwohl, versuchen Sie es. Ich sorge mich weniger um mich selbst als um zufällige Opfer irgendwelcher Machenschaften, die dem Jungen vielleicht in den Sinn kommen. Am Ende wird es natürlich nur eins geben, was wir tun müssen, wenn wir ihn vor Lord Voldemorts Zorn retten wollen.«
Snape hob die Augenbrauen und in sardonischem Ton fragte er: »Haben Sie die Absicht, sich von ihm töten zu lassen?«
»Gewiss nicht. Sie müssen mich töten.«
Eine lange Stille trat ein, unterbrochen nur von einem merkwürdigen klackernden Geräusch. Fawkes, der Phönix, knabberte an einem Stück Kalkschulp.
»Möchten Sie, dass ich es jetzt gleich erledige?«, fragte Snape unüberhörbar ironisch. »Oder wünschen Sie ein wenig Zeit, um einen Grabspruch zu verfassen?«
»Oh, nicht so schnell«, sagte Dumbledore lächelnd. »Ich vermute, der richtige Moment wird sich bald einstellen. In Anbetracht dessen, was heute Abend geschehen ist«, er zeigte auf seine verdorrte Hand, »können wir sicher sein, dass es binnen eines Jahres geschehen wird.«
»Wenn es Ihnen nichts ausmacht, zu sterben«, sagte Snape schroff, »warum lassen Sie es nicht Draco tun?«
»Die Seele dieses Jungen ist noch nicht so beschädigt«, sagte Dumbledore. »Ich möchte nicht, dass sie meinetwegen auseinandergerissen wird.«
»Und meine Seele, Dumbledore? Meine?«
»Sie allein wissen, ob es Ihrer Seele schaden wird, einem alten Mann zu helfen, Schmerz und Demütigung zu vermeiden«, sagte Dumbledore. »Ich erbitte diesen einzigen großen Gefallen von Ihnen, Severus, weil mein Tod so sicher kommen wird, wie die Chudley Cannons dieses Jahr Letzte der Liga sein werden. Ich gestehe, ich ziehe einen raschen, schmerzlosen Abgang jener langwierigen und hässlichen Angelegenheit vor, die es werden würde, wenn beispielsweise Greyback daran beteiligt wäre – wie ich höre, hat Voldemort ihn angeworben? Oder die gute Bellatrix, die gern mit ihrem Essen spielt, bevor sie es verspeist.«
Sein Ton war heiter, doch seine blauen Augen durchbohrten Snape, wie sie es schon so oft bei Harry getan hatten, als ob die Seele, über die sie sprachen, sichtbar für ihn wäre. Schließlich nickte Snape abermals kurz.
Dumbledore schien zufrieden.
»Danke, Severus …«
Das Büro verschwand, und nun schlenderten Snape und Dumbledore in der Dämmerung durch die einsamen Schlossgründe.
»Was tun Sie mit Potter, all die Abende, an denen Sie allein mit ihm zusammensitzen?«, fragte Snape unvermittelt.
Dumbledore wirkte erschöpft.
»Warum? Sie wollen ihn doch nicht noch mehr nachsitzen lassen, Severus? Der Junge wird bald mehr Zeit mit Nachsitzen verbracht haben als mit sonst etwas.«
»Er ist genau wie sein Vater –«
»Im Aussehen vielleicht, aber in seinem innersten Wesen ähnelt er viel mehr seiner Mutter. Ich verbringe Zeit mit Harry, weil ich Dinge mit ihm zu besprechen habe, ihm Informationen geben muss, ehe es zu spät ist.«
»Informationen«, wiederholte Snape. »Sie vertrauen ihm … mir vertrauen Sie nicht.«
»Es ist keine Frage des Vertrauens. Meine Zeit ist, wie wir beide wissen, begrenzt. Es ist entscheidend, dass ich dem Jungen genügend Informationen gebe, damit er tun kann, was er tun muss.«
»Und warum darf ich nicht die gleichen Informationen erhalten?«
»Ich ziehe es vor, nicht alle meine Geheimnisse in einen Korb zu stecken, und schon gar nicht in einen Korb, der so oft am Arm von Lord Voldemort baumelt.«
»Was ich auf Ihren Befehl hin tue!«
»Und Sie tun es äußerst gut. Denken Sie nicht, dass ich die ständige Gefahr, in die Sie sich begeben, unterschätze, Severus. Voldemort vermeintlich wertvolle Informationen zu liefern, während Sie die wesentlichen Dinge zurückhalten, ist eine Aufgabe, die ich niemandem außer Ihnen anvertrauen würde.«
»Aber einem Jungen, der keine Okklumentik beherrscht, der mittelmäßig zaubert und eine direkte Verbindung zum Geist des Dunklen Lords hat, vertrauen Sie viel mehr!«
»Voldemort fürchtet diese Verbindung«, sagte Dumbledore. »Vor nicht allzu langer Zeit bekam er einen kleinen Vorgeschmack davon, was es für ihn bedeutet, wahrhaftig teilzuhaben an Harrys Geist. Es war Schmerz von einer Art, wie er ihn nie erlebt hat. Er wird nicht noch einmal versuchen, von Harry Besitz zu ergreifen, dessen bin ich sicher. Nicht auf diese Weise.«
»Ich verstehe nicht.«
»Lord Voldemorts Seele, verstümmelt, wie sie ist, kann keinen engen Kontakt mit einer Seele wie der Harrys ertragen. Wie eine Zunge auf gefrorenem Stahl, wie Fleisch im Feuer –«
»Seele? Wir sprachen vom Geist!«
»Im Falle von Harry und Lord Voldemort heißt von jener zu reden auch, von diesem zu reden.«
Dumbledore blickte umher, um sich zu vergewissern, dass sie allein waren. Sie waren jetzt dicht beim Verbotenen Wald, doch es deutete nichts darauf hin, dass irgendjemand in der Nähe war.
»Nachdem Sie mich getötet haben, Severus –«
»Sie weigern sich, mir irgendetwas zu sagen, und doch erwarten Sie diesen kleinen Dienst von mir!«, fauchte Snape und in seinem schmalen Gesicht flackerte nun echter Zorn auf. »Sie halten eine Menge für selbstverständlich, Dumbledore! Vielleicht habe ich es mir anders überlegt!«
»Sie gaben mir Ihr Wort, Severus. Und wo wir schon über Dienste reden, die Sie mir schulden, ich dachte, Sie hätten sich bereit erklärt, Ihren jungen Slytherin-Freund gut im Auge zu behalten?«
Snape blickte zornig, aufsässig. Dumbledore seufzte.
»Kommen Sie heute Abend in mein Büro, Severus, um elf, und Sie werden sich nicht beklagen, dass ich kein Vertrauen in Sie habe …«
Sie waren wieder in Dumbledores Büro, vor den Fenstern war es dunkel, Fawkes saß stumm da und Snape völlig reglos, während Dumbledore um ihn herumging und redete.
»Harry darf es nicht erfahren, erst im letzten Moment, erst wenn es notwendig ist, wie könnte er sonst die Kraft haben, zu tun, was getan werden muss?«
»Aber was muss er tun?«
»Das ist eine Sache zwischen Harry und mir. Nun, hören Sie gut zu, Severus. Es wird eine Zeit kommen – nach meinem Tod – widersprechen Sie nicht, unterbrechen Sie mich nicht! Es wird eine Zeit kommen, da Lord Voldemort offensichtlich um das Leben seiner Schlange fürchten wird.«
»Um Nagini?« Snape wirkte erstaunt.
»Genau. Wenn eine Zeit kommt, da Lord Voldemort diese Schlange nicht mehr hinausschickt, um seine Befehle auszuführen, sondern sie sicher an seiner Seite hält, unter magischem Schutz, dann, denke ich, wird es angeraten sein, es Harry zu sagen.«
»Ihm was zu sagen?«
Dumbledore holte tief Luft und schloss die Augen.
»Sagen Sie ihm, dass in der Nacht, als Lord Voldemort versucht hat ihn zu töten, als Lily ihr eigenes Leben wie einen Schild zwischen sie warf, dass in dieser Nacht der Todesfluch auf Lord Voldemort zurückprallte und ein Bruchstück von Voldemorts Seele vom Ganzen abgesprengt wurde und sich an die einzige lebendige Seele klammerte, die in jenem einstürzenden Gebäude noch übrig war. Ein Teil von Lord Voldemort lebt in Harry, und dies gibt ihm die Macht, mit Schlangen zu sprechen, und eine Verbindung zu Lord Voldemorts Geist, die er nie begriffen hat. Und solange dieses Seelenbruchstück, das von Voldemort nicht vermisst wird, mit Harry verknüpft ist und von ihm geschützt wird, kann Lord Voldemort nicht sterben.«
Harry schien die beiden Männer durch das Ende eines langen Tunnels zu beobachten, so weit entfernt von ihm waren sie, so fremd klangen ihre Stimmen in seinen Ohren.
»Also muss der Junge … muss der Junge sterben?«, fragte Snape ganz ruhig.
»Und Voldemort selbst muss es tun, Severus. Das ist entscheidend.«
Wieder lang anhaltende Stille. Dann sagte Snape: »Ich dachte … all diese Jahre … dass wir ihn für sie beschützen. Für Lily.«
»Wir haben ihn beschützt, weil es notwendig war, ihn zu unterrichten, ihn zu erziehen, ihn seine Stärken erproben zu lassen«, sagte Dumbledore, die Augen noch immer fest geschlossen. »Unterdessen wird die Verbindung zwischen ihnen immer stärker, es ist ein schmarotzerisches Wachstum: Manchmal denke ich, dass er selbst den Verdacht hegt. Wie ich ihn kenne, wird er die Dinge so bestellt haben, dass es, wenn er sich tatsächlich aufmacht, dem Tod entgegenzugehen, wahrhaftig das Ende Voldemorts bedeuten wird.«
Dumbledore öffnete die Augen. Snape blickte entsetzt.
»Sie haben ihn am Leben erhalten, damit er im richtigen Moment sterben kann?«
»Seien Sie nicht schockiert, Severus. Wie viele Männer und Frauen haben Sie sterben sehen?«
»In jüngster Zeit nur die, die ich nicht retten konnte«, sagte Snape. Er stand auf. »Sie haben mich benutzt.«
»Soll heißen?«
»Ich habe für Sie spioniert und für Sie gelogen, mich für Sie in Lebensgefahr begeben. Alles angeblich zu dem Zweck, Lily Potters Sohn zu schützen. Nun erzählen Sie mir, dass Sie ihn wie ein Schwein zum Schlachten aufgezogen haben –«
»Aber das ist rührend, Severus«, sagte Dumbledore ernst. »Sind Sie nun doch so weit, dass Sie sich um den Jungen sorgen?«
»Um ihn?«, rief Snape. »Expecto patronum!«
Aus der Spitze seines Zauberstabs brach die silberne Hirschkuh hervor: Sie landete auf dem Boden des Büros, sprang mit einem Satz durch den Raum und rauschte aus dem Fenster. Dumbledore beobachtete, wie sie davonflog, und als ihr silbriger Schimmer verblasste, wandte er sich zu Snape um, dessen Augen voller Tränen waren.
»Nach all dieser Zeit?«
»Immer«, sagte Snape.
Und die Szene verwandelte sich. Nun sah Harry, wie Snape mit Dumbledores Porträt hinter seinem Schreibtisch redete.
»Sie werden Voldemort das genaue Datum nennen müssen, an dem Harry das Haus seiner Tante und seines Onkels verlässt«, sagte Dumbledore. »Wenn Sie es nicht tun, wird er Verdacht schöpfen, da Voldemort Sie für so gut informiert hält. Allerdings müssen Sie die Idee von den Lockvögeln ins Spiel bringen – das dürfte Harrys Sicherheit gewährleisten. Versuchen Sie Mundungus Fletcher mit einem Verwechslungszauber zu belegen. Und, Severus, wenn Sie gezwungen sind, an der Jagd teilzunehmen, seien Sie darauf bedacht, Ihre Rolle überzeugend zu spielen … ich verlasse mich darauf, dass Sie so lange wie möglich in Lord Voldemorts Gunst bleiben, andernfalls wird Hogwarts auf Gedeih und Verderb den Carrows ausgeliefert sein …«
Nun hatten Snape und Mundungus in einer unbekannten Kneipe die Köpfe zusammengesteckt, Mundungus’ Gesicht wirkte eigentümlich leer, Snape runzelte konzentriert die Stirn.
»Du wirst dem Orden des Phönix vorschlagen«, murmelte Snape, »dass sie Lockvögel verwenden. Vielsaft-Trank. Identische Potters. Das ist das Einzige, was funktionieren könnte. Du wirst vergessen, dass ich das vorgeschlagen habe. Du wirst es als deine eigene Idee ausgeben. Hast du verstanden?«
»Ich habe verstanden«, murmelte Mundungus mit verschwommenem Blick …
Nun flog Harry an Snapes Seite auf einem Besen durch eine klare dunkle Nacht: Er wurde von anderen kapuzenvermummten Todessern begleitet, und vor ihnen flogen Lupin und ein Harry, der in Wirklichkeit George war … ein Todesser überholte Snape, hob seinen Zauberstab und richtete ihn direkt auf Lupins Rücken –
»Sectumsempra!«, schrie Snape.
Doch der Zauber, der eigentlich für die Stabhand des Todessers bestimmt war, ging daneben und traf stattdessen George –
Und dann kniete Snape in Sirius’ einstigem Schlafzimmer. Tränen tropften von der Spitze seiner Hakennase, als er den alten Brief von Lily las. Auf der zweiten Seite standen nur wenige Worte:
jemals mit Gellert Grindelwald befreundet sein konnte. Wenn du mich fragst, denke ich, dass es bei ihr allmählich aussetzt!
Alles Liebe
Lily
Snape nahm die Seite, die Lilys Unterschrift und ihre lieben Grüße trug, und steckte sie in seinen Umhang. Dann riss er das Foto entzwei, das er ebenfalls in der Hand hielt, behielt den Teil, aus dem Lily herauslachte, und warf den Fetzen, der James und Harry zeigte, wieder auf den Boden, unter die Kommode …
Und nun stand Snape erneut im Büro des Schulleiters, als Phineas Nigellus in sein Porträt geeilt kam.
»Schulleiter! Sie kampieren im Forest of Dean! Dieses Schlammblut –«
»Benutzen Sie dieses Wort nicht!«
»– dieses Granger-Mädchen, also, sie hat den Ort erwähnt, als sie ihre Tasche öffnete, und ich habe sie gehört!«
»Gut. Sehr gut!«, rief das Porträt von Dumbledore hinter dem Stuhl des Schulleiters. »Nun, Severus, das Schwert! Vergessen Sie nicht, dass es nur in Not und mit Heldenmut genommen werden darf – und er darf nicht wissen, dass es von Ihnen kommt! Wenn Voldemort in Harrys Gedanken eintauchen sollte und sieht, dass Sie für ihn handeln –«
»Ich weiß«, sagte Snape knapp. Er näherte sich dem Porträt von Dumbledore und zog seitlich daran. Es schwang vor und offenbarte einen verborgenen Hohlraum, aus dem er das Schwert von Gryffindor herausnahm.
»Und Sie wollen mir immer noch nicht sagen, warum es so wichtig ist, Potter das Schwert zu geben?«, fragte Snape, als er einen Reisemantel über seinen Umhang schwang.
»Nein, ich denke nicht«, sagte Dumbledores Porträt. »Er wird wissen, was er damit tun soll. Und, Severus, seien Sie sehr vorsichtig, nach George Weasleys Unglück werden die sich womöglich nicht besonders über Ihr Erscheinen freuen –«
Snape wandte sich an der Tür um.
»Machen Sie sich keine Sorgen, Dumbledore«, sagte er kühl. »Ich habe einen Plan …«
Und Snape verließ den Raum. Harry stieg aus dem Denkarium empor und Sekunden später lag er in genau demselben Raum auf dem Teppichboden: Es war, als hätte Snape gerade die Tür hinter sich geschlossen.
Wieder der Wald
Endlich die Wahrheit. Auf dem Boden liegend, das Gesicht in den staubigen Teppich des Büros gepresst, in dem er einst geglaubt hatte, jene Geheimnisse zu erfahren, die ihm zum Sieg verhelfen würden, begriff Harry endlich, dass er nicht überleben sollte. Seine Aufgabe war es, ruhig dem Tod entgegenzugehen, der ihn mit ausgebreiteten Armen erwartete. Auf dem Weg dorthin sollte er die Bindungen kappen, die Voldemort noch zum Leben hatte, damit es, wenn er sich Voldemort schließlich vor die Füße warf und seinen Zauberstab nicht hob, um sich zu verteidigen, ein sauberes Ende sein würde, damit das, was in Godric’s Hollow hätte getan werden müssen, erledigt wäre: Keiner von beiden würde leben, keiner konnte überleben.
Er spürte sein Herz wütend in seiner Brust pochen. Wie seltsam, dass es in seiner Todesangst umso heftiger pumpte, ihn tapfer am Leben hielt. Aber es würde stillstehen müssen, und zwar bald. Seine Schläge waren gezählt. Für wie viele würde noch Zeit sein, wenn er sich erhob und zum letzten Mal durch das Schloss ging, hinaus auf das Gelände und in den Wald?
Grauen überflutete ihn, während er am Boden lag und jene Totentrommel in ihm schlug. Würde es wehtun, zu sterben? All die Male, da er geglaubt hatte, dass es gleich geschehen würde, und doch entkommen war, hatte er nie wirklich an die Sache selbst gedacht: Sein Lebenswille war immer so viel stärker gewesen als seine Furcht vor dem Tod. Doch kam er jetzt nicht auf den Gedanken, er könnte versuchen zu fliehen, Voldemort davonzulaufen. Es war zu Ende, er wusste es, und alles, was blieb, war die Sache selbst: sterben.
Hätte er nur in jener Sommernacht sterben können, in der er den Ligusterweg Nummer vier zum letzten Mal verlassen hatte und von dem edlen Phönixfeder-Zauberstab gerettet worden war! Hätte er doch nur wie Hedwig sterben können, so rasch, dass er gar nicht mitbekommen hätte, dass es passiert war! Oder hätte er sich vor einen Zauberstab stürzen können, um jemanden zu retten, den er liebte … Er beneidete nun sogar seine Eltern um ihren Tod. Dieser kaltblütige Gang zu seiner eigenen Vernichtung würde eine andere Art von Tapferkeit erfordern. Er spürte, dass seine Finger leicht zitterten, und bemühte sich, sie unter Kontrolle zu bringen, obwohl ihn niemand sehen konnte; die Porträts an den Wänden waren alle leer.
Langsam, ganz langsam, setzte er sich auf, und dabei fühlte er sich lebendiger, sich seines eigenen lebenden Körpers bewusster als je zuvor. Warum hatte er nie zu schätzen gewusst, was für ein Wunder er war, sein Gehirn, seine Nerven, sein hüpfendes Herz? All das würde nicht mehr sein … oder zumindest würde er nicht mehr darin sein. Sein Atem ging langsam und tief, sein Mund und seine Kehle waren völlig ausgetrocknet, aber auch seine Augen.
Dumbledores Verrat zählte kaum. Natürlich hatte es einen größeren Plan gegeben; Harry war einfach zu dumm gewesen, ihn zu begreifen, wie ihm jetzt aufging. Er hatte nie seine eigene Annahme in Frage gestellt, dass Dumbledore wollte, dass er lebte. Nun sah er, dass seine Lebenszeit immer dadurch bestimmt gewesen war, wie lange es dauerte, alle Horkruxe zu beseitigen. Dumbledore hatte ihm die Aufgabe übertragen, sie zu zerstören, und gehorsam hatte er stets weiter auf jene Bande eingehauen, die nicht nur Voldemort, sondern auch ihn selbst am Leben hielten! Wie geschickt, wie elegant, keine Leben mehr zu vergeuden, sondern die gefährliche Aufgabe dem Jungen zu überlassen, der bereits zum Abschlachten gezeichnet war und dessen Tod keine Katastrophe sein würde, sondern ein weiterer Schlag gegen Voldemort.
Und Dumbledore hatte gewusst, dass Harry sich nicht drücken würde, dass er bis zum Ende weitergehen würde, auch wenn es sein Ende war, denn er hatte sich Mühe gegeben, ihn kennen zu lernen, oder etwa nicht? Dumbledore wusste, genau wie Voldemort, dass Harry niemand anderen mehr für sich sterben lassen würde, nun, da er entdeckt hatte, dass es in seiner Macht stand, es zu beenden. Die Bilder von Fred, Lupin und Tonks, tot in der Großen Halle liegend, drängten sich gewaltsam vor sein inneres Auge zurück, und für kurze Zeit verschlug es ihm den Atem: Der Tod war ungeduldig …
Aber Dumbledore hatte ihn überschätzt. Er war gescheitert: Die Schlange lebte immer noch. Ein Horkrux blieb, der Voldemort an die Erde band, selbst nachdem Harry getötet worden war. Gewiss, das würde die Aufgabe für jemand anderen leichter machen. Er fragte sich, wer es tun würde … Ron und Hermine würden natürlich wissen, was getan werden musste … das war vermutlich der Grund, weshalb Dumbledore gewollt hatte, dass er sich zwei anderen anvertraute … denn wenn er seiner wahren Bestimmung ein wenig zu früh nachkommen sollte, konnten sie weitermachen …
Wie Regen gegen ein kaltes Fenster prasselten diese Gedanken auf die harte Oberfläche der unumstößlichen Wahrheit, die lautete, dass er sterben musste. Ich muss sterben. Es muss enden.
Ron und Hermine schienen weit weg, in einem fernen Land; ihm war, als hätte er sich vor langer Zeit von ihnen getrennt. Es würde keine Abschiedsworte geben und keine Erklärungen, dazu war er entschlossen. Dies war eine Reise, die sie nicht gemeinsam antreten konnten, und die Versuche, die sie unternehmen würden, um ihn aufzuhalten, würden wertvolle Zeit verschwenden. Er blickte hinab auf die lädierte goldene Uhr, die er zu seinem siebzehnten Geburtstag bekommen hatte. Fast die Hälfte der Stunde, die Voldemort für seine Auslieferung gewährt hatte, war vergangen.
Er stand auf. Sein Herz sprang gegen seine Rippen wie ein verzweifelter Vogel. Vielleicht wusste es, dass es nur noch wenig Zeit hatte, vielleicht war es entschlossen, vor dem Ende noch die Schläge eines ganzen Lebens zu vollbringen. Ohne einen Blick zurück machte er die Bürotür zu.
Das Schloss war leer. Er kam sich vor wie ein Gespenst, während er allein hindurchschritt, als ob er bereits tot wäre. Die Leute aus den Porträts waren immer noch nicht in ihren Rahmen zurück; im ganzen Schloss herrschte unheimliche Stille, als hätte sich all sein verbliebener Lebenssaft in der Großen Halle gesammelt, wo sich die Toten und die Trauernden drängten.
Harry zog den Tarnumhang über und stieg die Stockwerke hinab, und schließlich über die Marmortreppe hinunter in die Eingangshalle. Vielleicht hoffte ein winziger Teil von ihm, gespürt zu werden, gesehen zu werden, aufgehalten zu werden, doch der Tarnumhang war wie immer undurchdringlich, perfekt, und er gelangte ohne weiteres zum Portal.
Dann stieß Neville beinahe mit ihm zusammen. Er war einer von zweien, die eine Leiche vom Gelände hereintrugen. Harry blickte hinab und verspürte einen weiteren dumpfen Schlag in den Magen: Colin Creevey, obgleich minderjährig, musste sich zurückgeschlichen haben, genau wie Malfoy, Crabbe und Goyle. Im Tod war er winzig.
»Weißt du was? Ich kann ihn allein tragen, Neville«, sagte Oliver Wood, hob Colin quer über seine Schulter und trug ihn in die Große Halle.
Neville lehnte sich einen Moment lang gegen den Türrahmen und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Er sah aus wie ein alter Mann. Dann ging er wieder die Treppe hinunter in die Dunkelheit, um weitere Tote zu bergen.
Harry blickte kurz zurück zum Eingang der Großen Halle. Leute gingen umher, versuchten sich gegenseitig zu trösten, tranken etwas, knieten neben den Toten, doch er konnte niemanden von denen sehen, die er liebte, keine Spur von Hermine, Ron, Ginny oder einem der anderen Weasleys, keine Luna. Er hatte das Gefühl, dass er all die Zeit, die ihm noch blieb, für nur einen einzigen letzten Blick auf sie hingegeben hätte; aber hätte er dann überhaupt die Kraft gehabt, seinen Blick abzuwenden? Es war besser so, wie es war.
Er ging die Treppe hinunter und hinaus in die Dunkelheit. Es war fast vier Uhr morgens, und die tödliche Stille über dem Gelände fühlte sich an, als würden sie alle den Atem anhalten und abwarten, um zu sehen, ob er tun konnte, was er tun musste.
Harry trat auf Neville zu, der sich über eine weitere Leiche beugte.
»Neville.«
»Mensch, Harry, du hast mich zu Tode erschreckt!«
Harry hatte den Tarnumhang heruntergezogen: Die Idee war ihm urplötzlich gekommen, dem Wunsch entsprungen, ganz sicherzugehen.
»Wo willst du denn hin, alleine?«, fragte Neville argwöhnisch.
»Das gehört alles zum Plan«, sagte Harry. »Ich muss was erledigen. Hör zu – Neville –«
»Harry!« Neville schien plötzlich verängstigt. »Harry, du hast doch nicht etwa vor, dich selbst auszuliefern?«
»Nein«, log Harry mühelos. »’türlich nicht … es geht um was anderes. Aber es könnte sein, dass ich eine Zeit lang nicht auftauche. Du kennst doch Voldemorts Schlange, Neville? Er hat eine riesige Schlange … nennt sie Nagini …«
»Hab ich gehört, jaah … was ist mit ihr?«
»Sie muss getötet werden. Ron und Hermine wissen es, aber nur für den Fall, dass sie –«
Diese Möglichkeit war so furchtbar, dass ihm für einen Moment die Luft wegblieb, dass er unmöglich weiterreden konnte. Doch dann riss er sich zusammen: Dies war entscheidend, er musste wie Dumbledore sein, einen kühlen Kopf bewahren, sicherstellen, dass Ersatzleute da waren, andere, die weitermachten. Dumbledore war in dem Wissen gestorben, dass noch drei Menschen von den Horkruxen wussten; nun würde Neville Harrys Platz einnehmen. Dann würden sich immer noch drei das Geheimnis teilen.
»Nur für den Fall, dass sie – beschäftigt sind – und du die Gelegenheit bekommst –«
»Die Schlange zu töten?«
»Die Schlange zu töten«, wiederholte Harry.
»Ja, gut, Harry. Mit dir ist alles okay, oder?«
»Mir geht’s gut. Danke, Neville.«
Aber Neville packte Harry am Handgelenk, als der sich wieder auf den Weg machen wollte.
»Wir kämpfen alle weiter, Harry. Das weißt du?«
»Jaah, ich –«
Das erstickende Gefühl würgte das Ende des Satzes ab, er konnte nicht fortfahren. Neville schien es nicht merkwürdig zu finden. Er klopfte Harry auf die Schulter, ließ ihn los und ging davon, um nach weiteren Toten zu suchen.
Harry schwang den Tarnumhang wieder über sich und setzte seinen Weg fort. Ganz in der Nähe bewegte sich noch jemand, beugte sich über eine weitere auf dem Bauch liegende Gestalt am Boden. Er war nur wenige Schritte entfernt, als er merkte, dass es Ginny war.
Er blieb abrupt stehen. Sie kauerte bei einem Mädchen, das flüsternd nach seiner Mutter verlangte.
»Es ist alles gut«, sagte Ginny. »Es ist gut. Wir bringen dich rein.«
»Aber ich will nach Hause«, flüsterte das Mädchen. »Ich will nicht mehr kämpfen!«
»Ich weiß«, sagte Ginny und ihre Stimme brach. »Es wird alles gut werden.«
Kalte Schauder liefen Harry über die Haut. Er wollte in die Nacht hinausschreien, wollte, dass Ginny erfuhr, dass er hier war, wollte, dass sie wusste, wo er hinging. Er wollte aufgehalten werden, zurückgezerrt werden, nach Hause zurückgeschickt werden …
Aber er war zu Hause. Hogwarts war das erste und beste Zuhause, das er gehabt hatte. Er und Voldemort und Snape, die verlassenen Jungen, sie alle hatten hier ihr Zuhause gefunden …
Ginny kniete jetzt neben dem verletzten Mädchen, hielt ihre Hand. Mit gewaltiger Mühe zwang Harry sich weiter. Als er an Ginny vorbeikam, meinte er zu sehen, dass sie sich umdrehte, und fragte sich, ob sie gespürt hatte, dass jemand nahe an ihr vorbeigegangen war, doch er sagte nichts, und er blickte nicht zurück.
Hagrids Hütte tauchte schemenhaft aus der Dunkelheit auf. Da waren keine Lichter, und nichts war zu hören von Fang, wie er an der Tür kratzte, oder von seinem stürmischen Bellen, mit dem er ihn willkommen hieß. All jene Besuche bei Hagrid, das Schimmern des Kupferkessels auf dem Feuer, die Felsenkekse und Riesenraupen und sein großes bärtiges Gesicht, und Ron, der Schnecken erbrach, und Hermine, die ihm half, Norbert zu retten …
Er ging weiter, und nun erreichte er den Rand des Verbotenen Waldes, und er blieb stehen.
Eine Horde von Dementoren glitt zwischen den Bäumen dahin; er konnte ihre Kälte spüren, und er war nicht sicher, ob er es schaffen würde, unversehrt hindurchzugelangen. Seine Kraft reichte nicht mehr für einen Patronus. Er konnte sein Zittern nicht länger beherrschen. Am Ende war es doch nicht so einfach, zu sterben. Jede Sekunde, die er atmete, der Geruch von Gras, die kühle Luft auf seinem Gesicht, alles war so kostbar: der Gedanke, dass Menschen Jahre um Jahre hatten, Zeit verschwenden konnten, so viel Zeit, dass sie lang wurde, während er sich an jede Sekunde klammerte. Gleichzeitig dachte er, dass er nicht fähig wäre weiterzugehen, und wusste doch, dass er es musste. Das lange Spiel war zu Ende, der Schnatz war gefangen, es war an der Zeit, aus der Luft herabzukommen …
Der Schnatz. Seine kraftlosen Finger nestelten einen Moment lang an dem Beutel herum, der um seinen Hals hing, und er zog ihn heraus.
Ich öffne mich zum Schluss.
Rasch und schwer atmend starrte er auf ihn hinab. Nun, da er wollte, dass die Zeit so langsam wie möglich verging, schien sie sich beschleunigt zu haben, und er begriff so schnell, als hätte er gar nicht erst nachgedacht. Dies war der Schluss. Dies war der Zeitpunkt.
Er drückte das goldene Metall an seine Lippen und flüsterte: »Ich werde gleich sterben.«
Die metallene Hülle brach auf. Er senkte seine zitternde Hand, hob unter dem Tarnumhang Dracos Zauberstab und murmelte: »Lumos.«
Der schwarze Stein mit dem gezackten Riss durch die Mitte lag in den beiden Hälften des Schnatzes. Der Stein der Auferstehung war entlang der senkrechten Linie auseinandergebrochen, die den Elderstab darstellte. Das Dreieck und der Kreis, die den Tarnumhang und den Stein darstellten, waren noch zu erkennen.
Und wieder begriff Harry, ohne nachdenken zu müssen. Es ging nicht darum, sie zurückzubringen, denn er war gerade dabei, zu ihnen zu gehen. In Wirklichkeit holte nicht er sie: Sie holten ihn.
Er schloss die Augen und drehte den Stein in der Hand, drei Mal.
Er wusste, dass es geschehen war, denn er hörte leise Bewegungen um sich herum, die darauf schließen ließen, dass zarte Körper über den mit Zweigen bestreuten Erdboden am äußersten Rand des Waldes schritten. Er öffnete die Augen und sah sich um.
Sie waren weder Gespenst noch wahrhaft Fleisch, das konnte er sehen. Sie ähnelten am ehesten jenem Riddle, der vor so langer Zeit dem Tagebuch entflohen war, und dieser Riddle war Erinnerung gewesen, die sich annähernd verfestigt hatte. Weniger stofflich als lebende Körper, doch viel stofflicher als Gespenster bewegten sie sich auf ihn zu, und auf jedem Gesicht war das gleiche liebevolle Lächeln.
James war genauso groß wie Harry. Er trug die Kleider, in denen er gestorben war, sein Haar war unordentlich und zerzaust, und seine Brille saß ein wenig schief, wie die von Mr Weasley.
Sirius war groß und hübsch und viel jünger, als Harry ihn jemals erlebt hatte. Er ging mit federnden Schritten und lässiger Anmut dahin, die Hände in den Taschen und ein Grinsen auf dem Gesicht.
Auch Lupin war jünger und bei weitem nicht mehr so heruntergekommen, und sein Haar war dichter und dunkler. Er schien glücklich, wieder an diesem vertrauten Ort zu sein, wo er in seiner Jugendzeit so viele Streifzüge unternommen hatte.
Lilys Lächeln war das breiteste von allen. Sie strich ihr langes Haar zurück, als sie ihm näher kam, und ihre grünen Augen, die seinen so ähnlich waren, musterten begierig sein Gesicht, als könnte sie sich nie an ihm sattsehen.
»Du bist so mutig.«
Er konnte nicht sprechen. Seine Augen weideten sich an ihr, und er dachte, er würde gern stehen bleiben und sie immer nur ansehen, und das würde genügen.
»Du bist fast am Ziel«, sagte James. »Ganz nah. Wir sind … so stolz auf dich.«
»Tut es weh?«
Die kindische Frage war über Harrys Lippen gerutscht, ehe er es verhindern konnte.
»Sterben? Überhaupt nicht«, sagte Sirius. »Schneller und leichter als einschlafen.«
»Und er will, dass es schnell geht. Er will es hinter sich haben«, sagte Lupin.
»Ich wollte nicht, dass ihr sterbt«, sagte Harry. Die Worte kamen ihm unwillkürlich. »Keiner von euch. Es tut mir leid –«
Er sprach Lupin an, flehentlich, mehr als jeden anderen.
»– so kurz nachdem dein Sohn geboren war … Remus, es tut mir leid –«
»Mir tut es auch leid«, sagte Lupin, »mir tut leid, dass ich ihn nie kennen lernen werde … Aber er wird wissen, warum ich gestorben bin, und ich hoffe, er wird es verstehen. Ich habe versucht, eine Welt zu schaffen, in der er ein glücklicheres Leben führen könnte.«
Eine kühle Brise, die aus dem Herzen des Waldes zu dringen schien, blies Harry die Haare aus der Stirn. Er wusste, sie würden ihm nicht sagen, dass er gehen sollte, es musste seine eigene Entscheidung sein.
»Ihr werdet bei mir bleiben?«
»Bis ganz zum Schluss«, sagte James.
»Sie werden euch nicht sehen können?«, fragte Harry.
»Wir sind ein Teil von dir«, sagte Sirius. »Für jeden anderen unsichtbar.«
Harry sah seine Mutter an.
»Bleib in meiner Nähe«, sagte er leise.
Und er machte sich auf den Weg. Die Kälte der Dementoren übermannte ihn nicht; er durchquerte sie mit seinen Gefährten, die wie Patroni für ihn waren, und gemeinsam schritten sie zwischen den alten, dicht wachsenden Bäumen hindurch, mit den ineinandergeschlungenen Ästen, den knorrigen und verflochtenen Wurzeln am Boden. Harry raffte den Tarnumhang in der Dunkelheit eng an sich und begab sich immer tiefer in den Wald hinein, ohne eine Vorstellung davon, wo Voldemort genau war, doch sicher, dass er ihn finden würde. Neben ihm gingen, fast lautlos, James, Sirius, Lupin und Lily, und ihre Anwesenheit machte seinen Mut aus und war der Grund dafür, dass er unaufhörlich einen Fuß vor den anderen setzen konnte.
Sein Körper und sein Geist schienen jetzt auf merkwürdige Weise voneinander getrennt, seine Gliedmaßen bewegten sich ohne bewusste Anweisung, als wäre er ein Mitreisender und nicht der Lenkende in dem Körper, den er gleich verlassen würde. Die Toten, die neben ihm durch den Wald gingen, waren nun viel wirklicher für ihn als die Lebenden drüben im Schloss: Ron, Hermine, Ginny und all die anderen waren diejenigen, die ihm wie Gespenster vorkamen, während er dem Ende seines Lebens entgegenstolperte und -schlitterte, Voldemort entgegen …
Ein dumpfer Schlag und ein Flüstern: Ganz in der Nähe hatte sich ein anderes Lebewesen gerührt. Harry blieb unter dem Tarnumhang verborgen stehen und spähte lauschend umher, und auch seine Mutter und sein Vater, Lupin und Sirius blieben stehen.
»Da ist jemand«, kam ein raues Flüstern von irgendwo dicht bei ihnen. »Er hat einen Tarnumhang. Könnte das –?«
Zwei Gestalten kamen hinter einem nahen Baum hervor: Ihre Zauberstäbe flammten auf, und Harry sah Yaxley und Dolohow in die Dunkelheit starren, direkt zu der Stelle, wo Harry, seine Eltern, Sirius und Lupin standen. Offenbar konnten sie nichts erkennen.
»Hab eindeutig was gehört«, sagte Yaxley. »’n Tier, was meinst du?«
»Dieser Schwachkopf Hagrid hat eine ganze Horde von Viechern hier drin gehalten«, sagte Dolohow und blickte kurz über seine Schulter.
Yaxley sah hinunter auf seine Uhr.
»Die Zeit ist fast um. Potter hat seine Stunde gehabt. Er kommt nicht.«
»Und er war sicher, dass er kommen würde! Das wird ihm gar nicht gefallen.«
»Besser, wir gehn zurück«, sagte Yaxley. »Hören, was jetzt geplant ist.«
Er und Dolohow wandten sich ab und gingen tiefer in den Wald hinein. Harry folgte ihnen, denn er wusste, dass sie ihn genau dorthin führen würden, wo er hinwollte. Als er einen Blick zur Seite warf, lächelte ihm seine Mutter zu, und sein Vater nickte ermutigend.
Sie waren nur ein paar Minuten weitergegangen, da sah Harry vor sich ein Licht, und Yaxley und Dolohow traten auf eine Lichtung, die Harry als den Ort erkannte, wo der grässliche Aragog einst gelebt hatte. Die Überreste seines riesigen Netzes waren noch da, doch der Schwarm von Nachkommen, die er in die Welt gesetzt hatte, war von den Todessern hinausgetrieben worden, um für ihre Sache zu kämpfen.
Inmitten der Lichtung brannte ein Feuer, dessen flackernder Schein auf eine dichte Menge vollkommen stummer, wachsamer Todesser fiel. Manche von ihnen waren nach wie vor maskiert und hatten Kapuzen auf, andere zeigten ihre Gesichter. Zwei Riesen saßen am Rand der Gruppe, mit grausamen Gesichtern, klobig wie Felsen, und warfen gewaltige Schatten über die Szenerie. Harry erkannte Fenrir, der lauernd an seinen langen Nägeln kaute; der große blonde Rowle betupfte seine blutende Lippe. Er sah Lucius Malfoy, der niedergeschlagen und verängstigt wirkte, und Narzissa, die Augen voller Argwohn tief in ihren Höhlen.
Alle Blicke waren auf Voldemort gerichtet, der mit geneigtem Kopf dastand und seine weißen Hände über dem Elderstab vor sich gefaltet hatte. Es war, als würde er beten oder stumm vor sich hin zählen, und Harry, der unbeweglich am Rand des Schauplatzes stand, hatte den absurden Gedanken an ein Kind, das beim Versteckspielen zählt, bis es suchen darf. Hinter Voldemorts Kopf schwebte, sich immer noch ringelnd und windend, die große Schlange Nagini in ihrem glitzernden magischen Käfig, wie ein ungeheuerlicher Glorienschein.
Als Dolohow und Yaxley sich wieder zu dem Kreis gesellten, blickte Voldemort auf.
»Keine Spur von ihm, Herr«, sagte Dolohow.
Voldemorts Gesichtsausdruck änderte sich nicht. Die roten Augen schienen im Licht des Feuers zu glühen. Langsam zog er den Elderstab zwischen seinen langen Fingern hervor.
»Herr –«
Bellatrix hatte gesprochen: Sie saß Voldemort am nächsten, mit zerzaustem Haar, das Gesicht ein wenig blutig, doch ansonsten unversehrt.
Voldemort hob seine Hand und gebot ihr Schweigen, und sie sagte kein weiteres Wort, sondern betrachtete ihn mit faszinierter Ehrerbietung.
»Ich dachte, er würde kommen«, sagte Voldemort mit seiner hohen, klaren Stimme, den Blick auf die lodernden Flammen gerichtet. »Ich habe erwartet, dass er kommt.«
Niemand sprach. Sie schienen genauso viel Angst zu haben wie Harry, dessen Herz sich nun gegen seine Rippen warf, als wollte es dem Körper unbedingt entfliehen, den er gleich wegschlendern würde. Mit schwitzenden Händen zog er den Tarnumhang von sich und stopfte ihn unter seinen Umhang, zusammen mit seinem Zauberstab. Er wollte nicht in Versuchung geraten zu kämpfen.
»Ich habe mich, wie es scheint … geirrt«, sagte Voldemort.
»Hast du nicht.«
Harry sagte es, so laut er konnte, mit aller Kraft, die er aufbrachte: Er wollte nicht verängstigt klingen. Der Stein der Auferstehung rutschte ihm aus seinen tauben Fingern, und aus den Augenwinkeln sah er, wie seine Eltern, Sirius und Lupin verschwanden, als er vortrat in den Lichtschein des Feuers. In diesem Moment hatte er das Gefühl, dass niemand wichtig war außer Voldemort. Es ging jetzt nur um sie beide.
Die Illusion verflog noch im selben Augenblick. Die Riesen brüllten, als sich die Todesser gemeinsam erhoben, Geschrei, Keuchen, ja sogar Gelächter war zu hören. Voldemort stand vollkommen reglos da, doch seine roten Augen hatten Harry gefunden, und er starrte ihn an, während Harry auf ihn zuging, zwischen ihnen nichts als das Feuer.
Dann gellte eine Stimme –
»HARRY! NEIN!«
Er drehte sich um: Hagrid war gefesselt und zusammengeschnürt an einen nahen Baum gebunden. Sein massiger Körper sträubte sich verzweifelt und schüttelte die Äste über ihm.
»NEIN! NEIN! HARRY, WAS WILLST’N –?«
»RUHE!«, schrie Rowle und ein Schlenker seines Zauberstabs brachte Hagrid zum Schweigen.
Bellatrix, die aufgesprungen war, sah begierig und mit wogender Brust von Voldemort zu Harry. Nur die Flammen bewegten sich, und die Schlange, die sich in ihrem glitzernden Käfig hinter Voldemorts Kopf ringelte.
Harry konnte seinen Zauberstab an seiner Brust spüren, doch er machte keinen Versuch, ihn hervorzuziehen. Er wusste, dass die Schlange zu gut geschützt war, wusste, dass, wenn er es schaffte, den Zauberstab auf Nagini zu richten, fünfzig Flüche ihn zuerst treffen würden. Und immer noch blickten Voldemort und Harry einander an, und jetzt neigte Voldemort seinen Kopf ein wenig zur Seite, betrachtete den Jungen, der vor ihm stand, und ein seltsam freudloses Lächeln kräuselte den lippenlosen Mund.
»Harry Potter«, sagte er ganz leise. Es war, als wäre seine Stimme Teil des zischenden Feuers. »Der Junge, der überlebt hat.«
Kein Todesser rührte sich. Sie warteten. Alles wartete. Hagrid kämpfte, und Bellatrix keuchte, und Harry dachte unerklärlicherweise an Ginny, und an ihren glühenden Blick, und an das Gefühl ihrer Lippen auf seinen –
Voldemort hatte seinen Zauberstab erhoben. Sein Kopf war immer noch zur Seite geneigt, wie der eines neugierigen Kindes, als ob er sich fragte, was geschehen würde, wenn er weitermachte. Harry erwiderte seinen Blick, sah in die roten Augen und wollte, dass es jetzt geschah, rasch, solange er noch stehen konnte, ehe er die Kontrolle verlor, ehe er Furcht zeigte –
Er sah, wie sich der Mund bewegte, dann einen Blitz grünen Lichts, und alles war vorüber.
King’s Cross
Er lag mit dem Gesicht nach unten da und lauschte in die Stille. Er war vollkommen allein. Niemand beobachtete ihn. Niemand sonst war da. Er war nicht einmal ganz sicher, dass er selbst da war.
Eine lange Zeit später, vielleicht aber auch im selben Augenblick, kam ihm, dass er existieren musste, mehr sein musste als körperloses Denken, denn er lag eindeutig auf irgendeiner Oberfläche. Folglich spürte er eine Berührung, und das Etwas, auf dem er lag, existierte ebenfalls.
Kaum war er zu diesem Schluss gelangt, wurde Harry bewusst, dass er nackt war. Da er überzeugt war, vollkommen allein zu sein, kümmerte es ihn nicht, aber es erschien ihm doch ein wenig rätselhaft. Er fragte sich, ob er, wenn er fühlen konnte, vielleicht auch sehen konnte. Indem er die Augen öffnete, fand er heraus, dass er welche hatte.
Er lag in einem hellen Nebel, doch der war ganz anders als alle Nebel, die er je erlebt hatte. Seine Umgebung wurde nicht durch trüben Dunst verborgen; vielmehr hatte sich aus dem trüben Dunst noch gar keine Umgebung gebildet. Der Boden, auf dem er lag, schien weiß zu sein, weder warm noch kalt, sondern einfach da, ein flaches, leeres Etwas, auf dem man sein konnte.
Er setzte sich auf. Sein Körper war offensichtlich unversehrt. Er berührte sein Gesicht. Er trug keine Brille mehr.
Dann drang durch das unförmige Nichts, das ihn umgab, ein Geräusch zu ihm: das leise dumpfe Patschen von etwas, das flatterte, um sich schlug, sich abquälte. Es war ein Mitleid erregendes Geräusch, doch auch ein wenig anstößig. Er hatte das unbehagliche Gefühl, dass er etwas Heimliches, Schmachvolles belauschte.
Zum ersten Mal wünschte er sich, bekleidet zu sein.
Kaum hatte sich der Wunsch in seinem Kopf gebildet, da tauchte nicht weit entfernt ein Umhang auf. Er nahm ihn und zog ihn sich über: Er war weich, sauber und warm. Es war seltsam, dass er aufgetaucht war, einfach so, in dem Moment, als er ihn haben wollte …
Er stand auf und sah sich um. War er in irgendeinem großen Raum der Wünsche? Je länger er sich umblickte, desto mehr gab es zu sehen. Ein großes gläsernes Kuppeldach glitzerte hoch über ihm im Sonnenlicht. Vielleicht war es ein Palast. Alles war still und friedlich, nur dieses merkwürdige Patschen und Wimmern kam von irgendwoher ganz nah aus dem Nebel …
Harry drehte sich langsam auf der Stelle und seine Umgebung schien sich vor seinen Augen selbst zu erfinden. Ein weitläufiger offener Raum, hell und sauber, eine Halle, viel größer als die Große Halle, mit dieser klaren gläsernen Kuppel. Der Raum war völlig leer. Er war der einzige Mensch hier, außer –
Er schreckte zurück. Sein Blick war auf das Etwas gefallen, das die Geräusche verursachte. Es hatte die Gestalt eines kleinen nackten Kindes, das sich am Boden krümmte, sah wund und rau aus, wie gehäutet, und lag schaudernd unter einem Stuhl, wo es zurückgelassen worden war, unerwünscht, weggesteckt, vor Blicken verborgen und nach Atem ringend.
Er hatte Angst davor. So klein und gebrechlich und verletzt es war, er wollte sich ihm nicht nähern. Dennoch ging er langsam darauf zu, jederzeit bereit zurückzuspringen. Bald stand er so nahe vor ihm, dass er es hätte berühren können, doch er brachte es nicht über sich. Er kam sich vor wie ein Feigling. Er sollte es trösten, doch es widerte ihn an.
»Du kannst nicht helfen.«
Er schnellte herum. Albus Dumbledore kam auf ihn zu, munter lächelnd und aufrecht, in einem wallenden, mitternachtsblauen Umhang.
»Harry.« Er breitete die Arme weit aus, und seine Hände waren beide ganz und weiß und unversehrt. »Du wunderbarer Junge. Du mutiger, mutiger Mann. Lass uns ein Stück gehen.«
Völlig verblüfft folgte Harry Dumbledore, der ihn von dem Ort wegführte, wo das geschundene Kind wimmernd lag, hinüber zu zwei Sitzplätzen, die Harry zuvor nicht bemerkt hatte und die ein wenig entfernt unter diesem hohen funkelnden Dach standen. Dumbledore setzte sich auf den einen, und Harry ließ sich auf den anderen fallen und starrte dabei in das Gesicht seines alten Schulleiters. Dumbledores langes silbernes Haar, sein Bart, die stechend blauen Augen hinter der Halbmondbrille, die Hakennase: Alles war, wie er es in Erinnerung hatte. Und dennoch …
»Aber Sie sind tot«, sagte Harry.
»O ja«, erwiderte Dumbledore nüchtern.
»Dann … bin ich auch tot?«
»Ah«, sagte Dumbledore und lächelte noch breiter. »Das ist die Frage, nicht wahr? Im Großen und Ganzen, mein lieber Junge, glaube ich das nicht.«
Sie sahen sich an, der alte Mann immer noch strahlend.
»Nicht?«, wiederholte Harry.
»Nein«, sagte Dumbledore.
»Aber …« Harry hob unwillkürlich die Hand zu seiner Blitznarbe. Sie war anscheinend nicht da. »Aber ich hätte sterben müssen – ich habe mich nicht verteidigt! Ich wollte mich von ihm töten lassen!«
»Und das«, sagte Dumbledore, »wird, denke ich, das alles Entscheidende gewesen sein.«
Dumbledore schien Glück auszustrahlen wie Licht, wie Feuer: Harry hatte den Mann noch nie so vollkommen, so offensichtlich zufrieden erlebt.
»Erklären Sie«, sagte Harry.
»Aber du weißt es schon«, sagte Dumbledore. Er drehte Däumchen.
»Ich habe mich von ihm töten lassen«, sagte Harry. »Oder nicht?«
»Doch«, sagte Dumbledore und nickte. »Fahr fort!«
»Also ist der Teil seiner Seele, der in mir war …«
Dumbledore nickte noch begeisterter und drängte Harry weiter, mit einem breiten ermutigenden Lächeln im Gesicht.
»… ist er weg?«
»O ja!«, sagte Dumbledore. »Ja, er hat ihn zerstört. Deine Seele ist ganz, und ganz deine eigene, Harry.«
»Aber dann …«
Harry blickte über seine Schulter, dorthin, wo das kleine verstümmelte Wesen unter dem Stuhl zitterte.
»Was ist das, Professor?«
»Etwas, dem wir beide nicht helfen können«, sagte Dumbledore.
»Aber wenn Voldemort den Todesfluch eingesetzt hat«, begann Harry erneut, »und diesmal niemand für mich gestorben ist – wie kann ich dann am Leben sein?«
»Ich glaube, du weißt es«, sagte Dumbledore. »Denk zurück. Erinnere dich an das, was er getan hat, in seiner Unwissenheit, in seiner Gier und seiner Grausamkeit.«
Harry dachte nach. Er ließ den Blick über seine Umgebung schweifen. Wenn es tatsächlich ein Palast war, in dem sie saßen, dann war es ein merkwürdiger, mit Stühlen, die in kurzen Reihen aufgestellt waren, und hie und da einem Stück Geländer, und doch waren er und Dumbledore und das verkümmerte Geschöpf unter dem Stuhl die einzigen Lebewesen hier. Dann kam ihm die Antwort leicht und mühelos über die Lippen.
»Er hat Blut von mir genommen«, sagte Harry.
»Genau!«, sagte Dumbledore. »Er hat Blut von dir genommen und seinen lebenden Körper damit neu erschaffen! Dein Blut in seinen Adern, Harry, Lilys Schutz in euch beiden! Er hat dich ans Leben gebunden, solange er lebt!«
»Ich lebe … solange er lebt? Aber ich dachte … ich dachte, es war umgekehrt! Ich dachte, wir müssten beide sterben? Oder ist das dasselbe?«
Er war abgelenkt von dem Wimmern und Patschen des gequälten Geschöpfes hinter ihnen und warf erneut einen Blick darauf.
»Sind Sie sicher, dass wir nichts tun können?«
»Es gibt keine Hilfe.«
»Dann erklären Sie … mehr«, sagte Harry und Dumbledore lächelte.
»Du warst der siebte Horkrux, Harry, der Horkrux, den er nie erzeugen wollte. Er hatte seine Seele so instabil gemacht, dass sie zerbrach, als er diese unsagbar bösen Taten beging, den Mord an deinen Eltern, die versuchte Tötung eines Kindes. Aber was aus jenem Zimmer floh, war sogar noch weniger, als er wusste. Er ließ mehr zurück als seinen Körper. Er ließ einen Teil von sich selbst zurück, an dich festgeklammert, an das ausersehene Opfer, das überlebt hatte.
Und sein Wissen blieb weiterhin jämmerlich unvollständig, Harry! Wenn etwas für Voldemort nicht wertvoll ist, macht er sich auch nicht die Mühe, es zu begreifen. Von Hauselfen und Kindermärchen, von Liebe, Treue und Unschuld weiß und versteht Voldemort nichts. Nichts. Dass sie alle eine Macht haben, die seine eigene übertrifft, eine Macht, die weiter reicht als jede Magie, das ist eine Wahrheit, die er nie erfasst hat.
Er nahm Blut von dir in dem Glauben, dass es ihn stärken würde. Er nahm einen winzigen Teil jenes Zaubers in seinen Körper auf, den deine Mutter auf dich legte, als sie für dich starb. Voldemorts Körper hält ihr Opfer lebendig, und solange dieser Zauber überlebt, überlebst auch du, und damit Voldemorts letzte Hoffnung für sich selbst.«
Dumbledore lächelte Harry zu und Harry starrte ihn an.
»Und Sie wussten das? Sie wussten das – die ganze Zeit?«
»Ich habe es vermutet. Aber meine Vermutungen erwiesen sich meistens als richtig«, sagte Dumbledore zufrieden, und sie saßen schweigend da, eine ganze Weile, wie es schien, während das Geschöpf hinter ihnen weiter wimmerte und zitterte.
»Da ist noch etwas«, sagte Harry. »Das ist noch nicht alles. Warum hat mein Zauberstab den Zauberstab zerbrochen, den er sich ausgeliehen hat?«
»Was das betrifft, bin ich mir nicht sicher.«
»Dann vermuten Sie mal«, sagte Harry und Dumbledore lachte.
»Du musst dir klarmachen, Harry, dass du und Lord Voldemort gemeinsam in Bereiche der Magie vorgestoßen seid, die bislang noch unbekannt und unerprobt waren. Aber Folgendes ist, denke ich, passiert, und es ist beispiellos, und kein Zauberstabmacher hätte es Voldemort wohl je vorhersagen oder erklären können.
Ohne es zu beabsichtigen, wie du jetzt weißt, hat Lord Voldemort, als er wieder in eine menschliche Gestalt zurückkehrte, das Band zwischen euch verdoppelt. Ein Teil seiner Seele war nach wie vor an deine geheftet, und während er glaubte, dass er sich stärkte, nahm er auch einen Teil des Opfers deiner Mutter in sich auf. Wenn er doch nur die schreckliche Macht dieses Opfers genau verstanden hätte, dann hätte er es vielleicht nicht gewagt, dein Blut anzurühren … aber andererseits, wenn er in der Lage gewesen wäre zu verstehen, dann könnte er nicht Lord Voldemort sein und hätte vielleicht nie gemordet.
Nachdem er diese zweifache Verbindung hergestellt hatte, nachdem er eure Schicksale fester miteinander verknüpft hatte, als es je bei zwei Magiern in der Geschichte der Fall war, schickte sich Voldemort an, dich mit einem Zauberstab anzugreifen, der den gleichen Kern wie deiner hatte. Und nun geschah, wie wir wissen, etwas sehr Merkwürdiges. Die Kerne reagierten auf eine Weise, die Lord Voldemort, der nie wusste, dass dein Zauberstab der Zwilling seines eigenen war, vollkommen überraschte.
Er hatte in jener Nacht mehr Angst als du, Harry. Du hattest die Möglichkeit des Todes akzeptiert, ja sogar bereitwillig angenommen, etwas, zu dem Lord Voldemort nie fähig war. Dein Mut hat den Sieg davongetragen, dein Zauberstab hat seinen überwältigt. Und dabei ist etwas zwischen diesen Zauberstäben passiert, etwas, das die Beziehung zwischen ihren Herren widerspiegelte.
Ich glaube, dass dein Zauberstab in dieser Nacht etwas von der Macht und den Fähigkeiten von Voldemorts Zauberstab in sich aufgesogen hat, das heißt, dass er nun ein wenig von Voldemort selbst enthielt. Deshalb hat dein Zauberstab ihn erkannt, als er dich verfolgte, einen Mann erkannt, der Verwandter und Todfeind zugleich war, und er spie etwas von seiner eigenen Magie gegen ihn aus, einer Magie, die viel mächtiger war als alles, was Lucius’ Zauberstab je vollbracht hatte. Dein Zauberstab enthielt nun die Macht deines gewaltigen Mutes und des tödlichen Könnens von Voldemort selbst: Welche Chance sollte der arme Stab von Lucius Malfoy da noch haben?«
»Aber wenn mein Zauberstab so mächtig war, weshalb konnte Hermine ihn dann zerbrechen?«, fragte Harry.
»Mein lieber Junge, seine bemerkenswerte Wirkkraft war nur gegen Voldemort gerichtet, der so unbedacht an die grundlegenden Gesetze der Magie gerührt hatte. Nur gegen ihn war dieser Zauberstab von ungewöhnlicher Macht. Ansonsten war es ein Zauberstab wie jeder andere … wenn auch ein guter, dessen bin ich gewiss«, schloss Dumbledore freundlich.
Harry saß nachdenklich da, eine ganze Zeit lang oder vielleicht nur Sekunden. Hier war es sehr schwierig, sich in Fragen wie der Zeit sicher zu sein.
»Er hat mich mit Ihrem Zauberstab getötet.«
»Es ist ihm misslungen, dich mit meinem Zauberstab zu töten«, korrigierte Dumbledore Harry. »Ich denke, wir können uns darauf einigen, dass du nicht tot bist – aber natürlich«, fügte er hinzu, als fürchtete er, unhöflich gewesen zu sein, »will ich deine Leiden, die sicher sehr schwer waren, nicht herabsetzen.«
»Aber im Moment fühle ich mich großartig«, sagte Harry und blickte hinab auf seine sauberen, makellosen Hände. »Wo sind wir eigentlich?«
»Nun, das wollte ich dich fragen«, sagte Dumbledore und sah sich um. »Wo, würdest du meinen, sind wir?«
Bis Dumbledore ihn gefragt hatte, hatte Harry es nicht gewusst. Nun jedoch hatte er unversehens eine Antwort parat.
»Es sieht so aus«, sagte er langsam, »wie der Bahnhof King’s Cross. Nur dass es viel sauberer ist, und leer, und dass anscheinend keine Züge da sind.«
»Der Bahnhof King’s Cross!«, gluckste Dumbledore unmäßig. »Du meine Güte, wirklich?«
»Nun ja, wo glauben Sie denn, dass wir sind?«, fragte Harry ein wenig trotzig.
»Mein lieber Junge, ich habe keine Ahnung. Das ist, wie man so sagt, dein Bier.«
Harry hatte keine Ahnung, was das bedeuten sollte; Dumbledore machte ihn wütend. Er sah ihn finster an, dann fiel ihm eine viel dringendere Frage ein als die nach ihrem jetzigen Aufenthaltsort.
»Die Heiligtümer des Todes«, sagte er, und er war froh, dass diese Worte das Lächeln von Dumbledores Gesicht wischten.
»Ah, ja«, sagte er. Er blickte sogar ein wenig beunruhigt drein.
»Nun?«
Zum ersten Mal seit Harry Dumbledore kennen gelernt hatte, sah er nicht mehr aus wie ein alter Mann, sondern viel jünger. Er wirkte für einen Moment wie ein kleiner Junge, der bei einem bösen Streich ertappt worden war.
»Kannst du mir verzeihen?«, fragte er. »Kannst du mir verzeihen, dass ich dir nicht vertraut habe? Dass ich es dir nicht gesagt habe? Harry, ich hatte nur die Befürchtung, dass du scheitern würdest, wie ich gescheitert war. Ich hatte nur die große Angst, dass du meine Fehler wiederholen würdest. Ich bitte dich inständig um Verzeihung, Harry. Ich weiß nun seit einiger Zeit, dass du der bessere Mann bist.«
»Wovon reden Sie denn da?«, fragte Harry, bestürzt über Dumbledores Ton, über die plötzlichen Tränen in seinen Augen.
»Von den Heiligtümern, den Heiligtümern«, murmelte Dumbledore. »Dem Traum eines verzweifelten Mannes.«
»Aber es gibt sie wirklich!«
»Sie sind wirklich, und gefährlich, und eine Verlockung für Narren«, sagte Dumbledore. »Und ich war ein solcher Narr. Aber du weißt es, nicht wahr? Ich habe keine Geheimnisse mehr vor dir. Du weißt es.«
»Was weiß ich?«
Dumbledore wandte sich nun mit dem ganzen Körper zu Harry um und noch immer funkelten Tränen in seinen leuchtend blauen Augen.
»Gebieter des Todes, Harry, Gebieter des Todes! War ich, letzten Endes, besser als Voldemort?«
»Natürlich waren Sie das«, sagte Harry. »Natürlich – wie können Sie das fragen? Sie haben nie getötet, wenn Sie es vermeiden konnten!«
»Gewiss, gewiss«, sagte Dumbledore, und er war wie ein Kind, das beruhigt werden will. »Doch auch ich suchte nach einem Weg, den Tod zu besiegen, Harry.«
»Nicht nach dem gleichen Weg wie er«, sagte Harry. Wie seltsam war es, nach all seinem Zorn auf Dumbledore hier zu sitzen, unter dem hohen Kuppeldach, und ihn vor sich selbst in Schutz zu nehmen. »Heiligtümer, keine Horkruxe.«
»Heiligtümer«, murmelte Dumbledore, »keine Horkruxe. Genau.«
Es entstand eine Pause. Das Geschöpf hinter ihnen wimmerte, aber Harry blickte sich nicht mehr um.
»Grindelwald hat auch nach ihnen gesucht?«, fragte er.
Dumbledore schloss für einen Moment die Augen und nickte.
»Das war es, was uns vor allem zusammenbrachte«, sagte er leise. »Zwei kluge, arrogante Jungen mit einer gemeinsamen Leidenschaft. Er kam wegen Ignotus Peverells Grab nach Godric’s Hollow, wie du sicher schon vermutet hast. Er wollte den Ort erkunden, wo der dritte Bruder gestorben war.«
»Also ist es wahr?«, fragte Harry. »Alles? Die Brüder Peverell –«
»– waren die drei Brüder aus dem Märchen«, sagte Dumbledore nickend. »O ja, ich denke schon. Ob sie dem Tod auf einer einsamen Straße begegnet sind … ich halte es für wahrscheinlicher, dass die Brüder Peverell einfach begabte, gefährliche Zauberer waren, denen es gelang, diese mächtigen Gegenstände herzustellen. Die Geschichte, wonach es Heiligtümer waren, die dem Tod gehörten, scheint mir eine von jenen Legenden zu sein, wie sie um solche Schöpfungen herum zu entstehen pflegen.
Der Tarnumhang wurde, wie du jetzt weißt, durch die Jahrhunderte weitergegeben, von Vater zu Sohn, von Mutter zu Tochter, bis hin zu Ignotus’ letztem lebendem Nachfahren, der, wie Ignotus selbst, in dem Dorf Godric’s Hollow geboren wurde.«
Dumbledore lächelte Harry an.
»Bis zu mir?«
»Bis zu dir. Du hast, wie ich weiß, schon erraten, warum der Tarnumhang in der Nacht, als deine Eltern starben, in meinen Händen war. James hatte ihn mir nur wenige Tage zuvor gezeigt. Das erklärte, warum ihm so viele Missetaten in der Schule nicht nachzuweisen waren! Ich konnte kaum glauben, was ich da sah. Ich bat darum, mir den Tarnumhang ausleihen zu dürfen, um ihn zu untersuchen. Schon seit langem hatte ich meinen Traum aufgegeben, die Heiligtümer zu vereinen, aber ich konnte nicht widerstehen, musste ihn einfach genauer in Augenschein nehmen … Es war ein Tarnumhang, wie ich ihn noch nie gesehen hatte, ungeheuer alt, in jeder Hinsicht vollkommen … und dann starb dein Vater, und ich hatte endlich zwei Heiligtümer, ganz allein für mich!«
Sein Ton war unerträglich bitter.
»Der Tarnumhang hätte ihnen aber nicht geholfen zu überleben«, sagte Harry rasch. »Voldemort wusste, wo meine Mum und mein Dad waren. Der Tarnumhang hätte sie nicht vor Flüchen geschützt.«
»Gewiss«, seufzte Dumbledore. »Gewiss.«
Harry wartete, aber Dumbledore sprach nicht, und so half er ihm weiter.
»Also hatten Sie die Suche nach den Heiligtümern bereits aufgegeben, als Sie den Tarnumhang zu Gesicht bekamen?«
»O ja«, sagte Dumbledore matt. Es schien, als würde er sich zwingen, Harry in die Augen zu sehen. »Du weißt, was geschah. Du weißt es. Du kannst mich nicht noch mehr verachten, als ich mich selbst verachte.«
»Aber ich verachte Sie nicht –«
»Dann solltest du es«, sagte Dumbledore. Er holte tief Luft. »Du kennst das Geheimnis des Leidens meiner Schwester, weißt, was diese Muggel angerichtet haben, was aus ihr wurde. Du weißt, dass mein armer Vater Rache suchte und den Preis dafür bezahlte, in Askaban starb. Du weißt, dass meine Mutter ihr eigenes Leben opferte, um für Ariana zu sorgen. – Ich habe es gehasst, Harry.«
Dumbledore stellte es knapp und nüchtern fest. Er blickte jetzt über Harrys Kopf hinweg in die Ferne.
»Ich war begabt, ich war brillant. Ich wollte fliehen. Ich wollte glänzen. Ich wollte Ruhm. Versteh mich nicht falsch«, sagte er, und ein schmerzlicher Ausdruck trat in sein Gesicht, so dass er wieder alt wirkte. »Ich habe sie geliebt. Ich habe meine Eltern geliebt, ich habe meinen Bruder und meine Schwester geliebt, aber ich war selbstsüchtig, Harry, selbstsüchtiger, als du, der du ein bemerkenswert selbstloser Mensch bist, es dir vielleicht vorstellen kannst.
Als meine Mutter gestorben war und mir die Verantwortung für eine versehrte Schwester und einen eigensinnigen Bruder zufiel, kehrte ich deshalb zornig und verbittert in mein Dorf zurück. Gefangen, meine Talente vergeudet, dachte ich! Und dann, natürlich, kam er …«
Dumbledore sah Harry wieder direkt in die Augen.
»Grindelwald. Du kannst dir nicht vorstellen, Harry, wie seine Ideen mich packten, mich entflammten. Muggel gewaltsam unterwerfen. Der Triumph für uns Zauberer. Grindelwald und ich, die glorreichen jungen Führer der Revolution.
Oh, ich hatte einige Skrupel. Ich beruhigte mein Gewissen mit leeren Worten. Es würde alles nur für das größere Wohl geschehen, und jeder Schaden, der zugefügt werden musste, würde sich hundertfach zugunsten der Zauberer bezahlt machen. Wusste ich, im Grunde meines Herzens, was Gellert Grindelwald war? Ich glaube, ja, aber ich verschloss die Augen. Wenn die Pläne, die wir schmiedeten, sich verwirklichten, dann würden all meine Träume wahr werden.
Und im Zentrum unseres großen Projektes: die Heiligtümer des Todes! Wie sie ihn faszinierten, wie sie uns beide faszinierten! Der unbesiegbare Zauberstab, die Waffe, die uns an die Macht bringen würde! Der Stein der Auferstehung – für ihn bedeutete er, obgleich ich vorgab, es nicht zu wissen, eine Armee von Inferi! Für mich bedeutete er, wie ich gestehen muss, die Rückkehr meiner Eltern, wodurch alle Verantwortung von meinen Schultern genommen worden wäre.
Und der Tarnumhang … irgendwie haben wir nie groß über den Umhang diskutiert, Harry. Wir beide konnten uns auch ohne Tarnumhang recht gut verbergen, dessen wahrer Zauber natürlich darin besteht, dass er nicht nur für den Besitzer, sondern auch für andere Schutz und Schirm sein kann. Sollten wir ihn je finden, so dachte ich, dann wäre er nützlich, um Ariana zu verstecken, doch wir waren vor allem deshalb an dem Tarnumhang interessiert, weil er die drei komplett machen würde, denn der Legende nach würde derjenige, der alle drei Gegenstände vereinte, zum wahren Gebieter des Todes werden, und das hieß für uns, unbesiegbar.
Unbesiegbare Gebieter des Todes, Grindelwald und Dumbledore! Zwei Monate des Wahns, grausamer Träumereien und der Vernachlässigung der einzigen beiden Menschen, die mir von meiner Familie geblieben waren.
Und dann … du weißt, was geschah. Die Wirklichkeit kehrte zurück, in Gestalt meines ruppigen, ungebildeten und unendlich bewundernswerten Bruders. Ich wollte die Wahrheiten nicht hören, die er mir entgegenschrie. Ich wollte nicht hören, dass ich mit einer gebrechlichen und labilen Schwester im Schlepptau nicht aufbrechen konnte, um nach Heiligtümern zu suchen.
Aus dem Streit wurde ein Kampf. Grindelwald verlor die Kontrolle. Was ich immer in ihm vermutet hatte, auch wenn ich das Gegenteil vortäuschte, es wurde nun schreckliche Realität. Und Ariana … nach all der Pflege und Umsicht meiner Mutter … lag tot am Boden.«
Dumbledore keuchte leise, dann begann er richtig zu weinen. Harry streckte die Hand aus und war froh, als er merkte, dass er ihn berühren konnte: Er packte ihn fest am Arm und Dumbledore fasste sich allmählich wieder.
»Nun, Grindelwald floh, wie jeder außer mir es hätte vorhersagen können. Er verschwand, mit seinen Plänen zur Machtübernahme und seinen Vorhaben, Muggel zu foltern, und seinen Träumen von den Heiligtümern des Todes, Träumen, in denen ich ihn bestärkt, bei denen ich ihn unterstützt hatte. Er rannte davon, während ich zurückblieb, um meine Schwester zu beerdigen und zu lernen, mit meiner Schuld zu leben und meiner schrecklichen Trauer, dem Preis für meine Schmach.
Jahre vergingen. Es gab Gerüchte über ihn. Es hieß, er hätte sich einen Zauberstab von ungeheurer Macht verschafft. Mir wurde unterdessen der Posten des Zaubereiministers angeboten, nicht ein Mal, sondern mehrere Male. Natürlich lehnte ich ab. Ich hatte gelernt, dass man mir keine Macht anvertrauen sollte.«
»Aber Sie wären besser gewesen, viel besser als Fudge oder Scrimgeour!«, platzte Harry heraus.
»Wäre ich das?«, fragte Dumbledore bedrückt. »Ich bin mir da nicht so sicher. Ich hatte als ganz junger Mann bewiesen, dass Macht meine Schwäche und meine Versuchung war. Es ist merkwürdig, Harry, aber diejenigen, die nie nach Macht strebten, sind vielleicht am besten geeignet sie auszuüben. Diejenigen, denen die Führung aufgedrängt wird wie dir und die dann das Zepter übernehmen, weil sie es müssen, und zu ihrer eigenen Überraschung feststellen, dass es ihnen gut steht.
In Hogwarts war ich sicherer. Ich glaube, ich war ein guter Lehrer –«
»Sie waren der beste –«
»Das ist sehr nett von dir, Harry. Aber während ich mich mit der Ausbildung junger Zauberer beschäftigte, stellte Grindelwald eine Armee auf. Es heißt, er fürchtete mich, und vielleicht tat er es auch, aber ich denke, weniger, als ich ihn fürchtete.
Oh, nicht den Tod«, sagte Dumbledore auf Harrys fragenden Blick hin. »Nicht das, was er mir als Magier hätte antun können. Ich wusste, dass wir ebenbürtig waren, dass ich vielleicht eine Spur geschickter war. Es war die Wahrheit, die ich fürchtete. Verstehst du, ich wusste nie, wer von uns in diesem letzten, grauenhaften Kampf tatsächlich den Fluch geschleudert hatte, der meine Schwester tötete. Du magst mich feige nennen: Du hättest Recht. Harry, ich fürchtete vor allem zu erfahren, dass ich es gewesen war, der ihren Tod herbeigeführt hatte, nicht nur durch meinen Hochmut und meine Dummheit, sondern dass ich ihr tatsächlich den Schlag versetzt hatte, der ihr Leben auslöschte.
Ich glaube, er wusste es, ich glaube, er wusste, wovor ich Angst hatte. Ich schob die Begegnung mit ihm hinaus, bis es schließlich eine zu große Schmach gewesen wäre, mich noch länger zu sträuben. Menschen starben, und es hatte den Anschein, als wäre er nicht aufzuhalten, und ich musste tun, was in meiner Kraft stand.
Nun, du weißt, was dann passierte. Ich gewann das Duell. Ich gewann den Zauberstab.«
Erneut trat Stille ein. Harry fragte nicht, ob Dumbledore jemals herausfand, wer Ariana tödlich getroffen hatte. Er wollte es nicht wissen, und noch weniger wollte er, dass Dumbledore es ihm sagen musste. Endlich wusste er, was Dumbledore gesehen hätte, wenn er in den Spiegel Nerhegeb geblickt hätte, und warum Dumbledore so gut verstanden hatte, dass der Spiegel Harry derart faszinierte.
Sie saßen eine lange Zeit schweigend da und das Wimmern der Kreatur hinter ihnen störte Harry kaum noch.
Endlich sagte er: »Grindelwald hat versucht Voldemort bei seiner Jagd nach dem Zauberstab aufzuhalten. Er hat gelogen, wissen Sie, er hat so getan, als hätte er ihn nie besessen.«
Dumbledore nickte und sah hinunter auf seinen Schoß, auf seiner Hakennase glitzerten immer noch Tränen.
»Es heißt, er habe in späteren Jahren Reue gezeigt, allein in seiner Zelle in Nurmengard. Ich hoffe, das ist wahr. Mir würde der Gedanke gefallen, dass er das Grauen und das Schandhafte dessen, was er getan hatte, tatsächlich gespürt hat. Vielleicht war jene Lüge Voldemort gegenüber sein Versuch einer Wiedergutmachung … sein Versuch, zu verhindern, dass Voldemort in den Besitz des Heiligtums kam …«
»… oder vielleicht zu verhindern, dass er in Ihr Grab eindrang?«, überlegte Harry und Dumbledore tupfte sich die Augen.
Nach einer weiteren kurzen Pause sagte Harry: »Sie haben versucht, den Stein der Auferstehung zu benutzen.«
Dumbledore nickte.
»Als ich es nach all den Jahren entdeckte, im verlassenen Haus der Gaunts vergraben, jenes Heiligtum, das ich am meisten begehrt hatte – obwohl ich es in meiner Jugend aus ganz anderen Gründen haben wollte –, da verlor ich den Kopf, Harry. Ich vergaß völlig, dass es nun ein Horkrux war, dass auf diesem Ring mit Sicherheit ein Fluch lag. Ich hob ihn auf, und ich steckte ihn an, und eine Sekunde lang stellte ich mir vor, dass ich nun gleich Ariana sehen würde, und meine Mutter, und meinen Vater, und ihnen sagen würde, wie sehr, wie sehr es mir leidtat …
Was für ein Narr ich war, Harry. Nach all den Jahren hatte ich nichts gelernt. Ich war unwürdig, die Heiligtümer des Todes zu vereinen, ich hatte es immer wieder bewiesen, und dies war der endgültige Beweis.«
»Warum?«, sagte Harry. »Es war nur zu verständlich! Sie wollten sie wiedersehen. Was ist falsch daran?«
»Vielleicht einer unter einer Million könnte die Heiligtümer vereinen, Harry. Ich eignete mich nur dafür, das geringste davon zu besitzen, das am wenigsten außergewöhnliche. Ich eignete mich dafür, den Elderstab zu besitzen und nicht damit zu prahlen und nicht damit zu töten. Es war mir gestattet, ihn zu zähmen und zu nutzen, weil ich ihn nicht zu meinem Vorteil einsetzte, sondern um andere vor ihm zu schützen.
Aber den Tarnumhang nahm ich aus eitler Neugier an mich, und so hätte er für mich niemals dieselbe Wirkung entfalten können wie für dich, seinen wahren Eigentümer. Den Stein hätte ich benutzt, um zu versuchen, diejenigen zurückzuzerren, die in Frieden ruhen, und nicht, um meine Selbstaufopferung zu ermöglichen, wie du es getan hast. Du bist der würdige Besitzer der Heiligtümer.«
Dumbledore tätschelte Harrys Hand, und Harry blickte zu dem alten Mann auf und lächelte; er konnte nicht anders. Wie konnte er jetzt weiter zornig auf Dumbledore sein?
»Warum mussten Sie es so schwierig machen?«
Dumbledore lächelte zittrig.
»Ich fürchte, ich baute darauf, dass Miss Granger dich bremsen würde, Harry. Ich hatte Angst, dass dein hitziger Kopf stärker sein könnte als dein gutes Herz. Ich hatte die Befürchtung, dass, wenn ich dir die Tatsachen über diese verlockenden Gegenstände geradeheraus erzählte, du dir die Heiligtümer verschaffen würdest, wie ich es tat, zur falschen Zeit, aus den falschen Beweggründen. Wenn du sie dereinst in deinen Besitz bringen würdest, so dachte ich, dann sollten sie auch sicher bei dir sein. Du bist der wahre Gebieter des Todes, weil der wahre Gebieter nicht versucht, vor dem Tod wegzulaufen. Er nimmt hin, dass er sterben muss, und begreift, dass es viel, viel Schlimmeres in der lebendigen Welt gibt, als zu sterben.«
»Und Voldemort wusste nie von den Heiligtümern?«
»Ich glaube nicht, denn er hat den Stein der Auferstehung, den er in einen Horkrux verwandelte, nicht erkannt. Doch selbst wenn er von ihnen gewusst hätte, Harry, bezweifle ich, dass er an irgendeinem davon interessiert gewesen wäre außer an dem ersten. Er hätte geglaubt, dass er den Tarnumhang nicht brauchte, und was den Stein betrifft, wen würde er von den Toten zurückholen wollen? Er fürchtet die Toten. Er liebt nicht.«
»Aber Sie rechneten damit, dass er hinter dem Zauberstab her sein würde?«
»Ich war mir sicher, dass Voldemort es versuchen würde, seit dein Zauberstab auf dem Friedhof von Little Hangleton seinen besiegt hatte. Zuerst hatte er die Befürchtung, dass du ihn durch überlegene Fähigkeiten geschlagen hättest. Sobald er jedoch Ollivander entführt hatte, erfuhr er von der Existenz der Zwillingskerne. Er dachte, dies würde alles erklären. Aber der geborgte Zauberstab richtete auch nicht mehr gegen deinen aus! Und anstatt sich zu fragen, welche deiner Eigenschaften es war, die deinen Zauberstab so stark gemacht hatte, welche Gabe du besaßest, die ihm fehlte, schickte Voldemort sich natürlich an, den einzigen Zauberstab zu finden, der, wie es hieß, jeden anderen schlagen würde. Für ihn ist der Elderstab zu einer Besessenheit geworden, die seiner Besessenheit, was dich angeht, gleichkommt. Er glaubt, dass der Elderstab seine letzte Schwäche beseitigt und ihn wahrhaft unbesiegbar macht. Armer Severus …«
»Wenn Sie Ihren Tod durch Snape planten, wollten Sie also, dass er die Sache mit dem Elderstab beendet, oder?«
»Ich gebe zu, das war meine Absicht«, sagte Dumbledore, »aber es hat nicht so funktioniert, wie ich wollte, nicht wahr?«
»Nein«, sagte Harry. »Dieser Teil hat nicht geklappt.«
Das Geschöpf hinter ihnen zuckte und stöhnte, und Harry und Dumbledore saßen da und schwiegen, länger als zuvor. Die Erkenntnis, was als Nächstes geschehen würde, legte sich in diesen langen Minuten ganz allmählich über Harry wie sanft fallender Schnee.
»Ich muss zurück, oder?«
»Das ist deine Entscheidung.«
»Ich habe die Wahl?«
»O ja.« Dumbledore lächelte ihn an. »Wir sind in King’s Cross, sagst du? Ich denke, wenn du beschließen würdest, nicht zurückzugehen, könntest du … sagen wir … in einen Zug einsteigen.«
»Und wo würde mich der hinbringen?«
»Weiter«, sagte Dumbledore nur.
Wieder Schweigen.
»Voldemort hat den Elderstab.«
»Richtig. Voldemort hat den Elderstab.«
»Aber Sie wollen, dass ich zurückgehe?«
»Ich denke«, sagte Dumbledore, »wenn du dich entscheidest zurückzukehren, besteht die Chance, dass er ein für alle Mal erledigt wird. Ich kann es nicht versprechen. Aber eins weiß ich, Harry, nämlich dass du weniger von der Rückkehr hierher zu befürchten hast als er.«
Harry warf erneut einen Blick auf das geschundene Etwas, das im Schatten unter dem fernen Stuhl zitterte und würgte.
»Bedaure nicht die Toten, Harry. Bedaure die Lebenden, und vor allem diejenigen, die ohne Liebe leben. Indem du zurückkehrst, könntest du dafür sorgen, dass weniger Seelen verstümmelt werden, weniger Familien auseinandergerissen werden. Wenn dir das wie ein würdiges Ziel erscheint, dann sagen wir einstweilen Lebewohl.«
Harry nickte und seufzte. Diesen Ort zu verlassen würde nicht annähernd so schwierig sein, wie es gewesen war, in den Verbotenen Wald zu gehen, doch es war warm und hell und friedlich hier, und er wusste, dass er zum Schmerz zurückging und zur Angst vor noch mehr Verlusten. Er stand auf, und Dumbledore tat es ihm nach, und sie sahen einander einen langen Moment ins Gesicht.
»Verraten Sie mir noch ein Letztes«, sagte Harry. »Ist das hier wirklich? Oder passiert es in meinem Kopf?«
Dumbledore strahlte ihn an, und seine Stimme klang laut und stark in Harrys Ohren, obwohl der helle Nebel sich wieder herabsenkte und seine Gestalt verschwimmen ließ.
»Natürlich passiert es in deinem Kopf, Harry, aber warum um alles in der Welt sollte das bedeuten, dass es nicht wirklich ist?«
Der Fehler im Plan
Wieder lag er mit dem Gesicht nach unten am Boden. Der Geruch des Verbotenen Waldes fuhr ihm in die Nase. Er spürte die kalte, harte Erde unter seiner Wange, und das Scharnier seiner Brille, die bei dem Sturz zur Seite gestoßen worden war, schnitt ihm in die Schläfe. Jeder Zentimeter seines Körpers schmerzte, und die Stelle, wo ihn der Todesfluch getroffen hatte, fühlte sich an wie der Bluterguss vom Schlag einer gepanzerten Faust. Er regte sich nicht, sondern blieb genau dort liegen, wo er hingefallen war, mit aufgerissenem Mund, den linken Arm in einem unbequemen Winkel nach außen gespreizt.
Er hatte erwartet, Triumphgeheul und Jubel über seinen Tod zu hören, doch stattdessen erfüllte das Geräusch hastiger Schritte, Flüstern und besorgtes Gemurmel die Luft.
»Herr … Herr …«
Es war Bellatrix’ Stimme und sie sprach wie zu einem Geliebten. Harry wagte es nicht, die Augen zu öffnen, erkundete jedoch mit den übrigen Sinnen seine Lage. Er wusste, dass sein Zauberstab immer noch unter seinem Umhang steckte, denn er konnte ihn spüren, eingeklemmt zwischen seiner Brust und der Erde. Eine Art kleines Polster in seiner Magengegend verriet ihm, dass auch der Tarnumhang da war, zusammengepresst und nicht zu sehen.
»Herr …«
»Das genügt«, sagte Voldemorts Stimme.
Wieder Schritte: Einige Leute wichen von derselben Stelle zurück. Da Harry unbedingt sehen wollte, was vor sich ging und warum, öffnete er die Augen um einen Millimeter.
Voldemort schien gerade aufzustehen. Einzelne Todesser entfernten sich hastig von ihm und kehrten zu der Menge rund um die Lichtung zurück. Nur Bellatrix, die neben Voldemort kniete, blieb zurück.
Harry schloss die Augen wieder und dachte über das nach, was er gesehen hatte. Die Todesser hatten sich um Voldemort gedrängt, der offenbar zu Boden gestürzt war. Irgendetwas war passiert, als er Harry mit dem Todesfluch getroffen hatte. War auch Voldemort zusammengebrochen? Es schien so. Und sie waren beide kurz ohnmächtig geworden und beide nun wieder bei Bewusstsein …
»Herr, lasst mich –«
»Ich brauche keine Hilfe«, sagte Voldemort kalt, und obwohl Harry es nicht sehen konnte, stellte er sich vor, wie Bellatrix ihre hilfsbereit ausgestreckte Hand zurückzog. »Der Junge … ist er tot?«
Auf der Lichtung herrschte vollkommene Stille. Niemand näherte sich Harry, doch er spürte ihren geballten Blick auf sich vereint, der ihn scheinbar härter zu Boden presste, und er hatte Angst, einer seiner Finger oder ein Augenlid könnte zucken.
»Du«, sagte Voldemort, und ein Knall und ein kurzer spitzer Schmerzensschrei waren zu hören. »Untersuch ihn. Sag mir, ob er tot ist.«
Harry wusste nicht, wer geschickt worden war, um es zu überprüfen. Er konnte nichts weiter tun als daliegen, mit verräterisch klopfendem Herzen, und darauf warten, dass man ihn in Augenschein nahm, doch gleichzeitig bemerkte er, obwohl es ein schwacher Trost war, dass Voldemort sich scheute, ihm nahe zu kommen, dass Voldemort den Verdacht hegte, etwas sei nicht nach Plan gelaufen …
Hände, weichere Hände, als er erwartet hatte, berührten Harrys Gesicht, hoben ein Augenlid an, krochen unter sein Hemd, hinab zu seiner Brust und tasteten nach seinem Herzen. Er konnte das schnelle Atmen der Frau hören, ihre langen Haare kitzelten ihn im Gesicht. Er wusste, dass sie das stete Pochen des Lebens gegen seine Rippen spüren konnte.
»Lebt Draco noch? Ist er im Schloss?«
Das Flüstern war kaum zu vernehmen; ihre Lippen waren nur Zentimeter von seinem Ohr entfernt, sie hatte den Kopf so tief herabgebeugt, dass ihr langes Haar sein Gesicht vor den Zuschauern verbarg.
»Ja«, hauchte er zurück.
Er spürte, wie sich die Hand auf seiner Brust verkrampfte; ihre Fingernägel bohrten sich in ihn hinein. Dann wurde die Hand zurückgezogen. Sie hatte sich aufgerichtet.
»Er ist tot!«, rief Narzissa Malfoy den Umstehenden zu.
Und nun schrien sie, nun stimmten sie Triumphgeheul an und stampften mit den Füßen, und durch seine Augenlider sah Harry, wie zur Feier rote und silberne Lichtgarben in die Luft geschossen wurden.
Während er weiter wie tot am Boden liegen blieb, begriff er. Narzissa wusste, dass es ihr nur als Angehörige der siegreichen Armee erlaubt sein würde, Hogwarts zu betreten und nach ihrem Sohn zu suchen. Ihr war es inzwischen gleichgültig, ob Voldemort gewann.
»Seht ihr?«, kreischte Voldemort durch den Lärm. »Harry Potter ist von meiner Hand gestorben, und nun ist keiner mehr unter den Lebenden, der eine Gefahr für mich sein könnte! Seht her! Crucio!«
Harry hatte es erwartet, er hatte gewusst, dass seine Leiche nicht unbesudelt am Boden des Waldes liegen bleiben durfte, sie musste geschändet werden, damit Voldemorts Sieg bewiesen wäre. Er wurde in die Luft gehoben, und es kostete ihn all seine Willenskraft, schlaff zu bleiben, doch der Schmerz, mit dem er gerechnet hatte, blieb aus. Ein, zwei, drei Mal wurde er in die Luft geschleudert: Seine Brille flog weg, und er spürte den Zauberstab unter seinem Umhang leicht verrutschen, doch er blieb weiterhin lasch und teilnahmslos, und als er ein letztes Mal zu Boden fiel, hallten höhnische Schreie und schrilles Gelächter über die Lichtung.
»Nun denn«, sagte Voldemort, »gehen wir zum Schloss und zeigen ihnen, was aus ihrem Helden geworden ist. Wer schleppt die Leiche? Nein – wartet –«
Erneut brach Gelächter aus und wenig später spürte Harry den Boden unter sich erzittern.
»Du trägst ihn«, sagte Voldemort. »In deinen Armen wird er sich hübsch machen und gut sichtbar sein, nicht wahr? Nimm deinen kleinen Freund hoch, Hagrid. Und die Brille – setzt ihm die Brille auf – man muss sehen können, wer es ist.«
Jemand rammte Harry absichtlich grob die Brille ins Gesicht, doch die gewaltigen Hände, die ihn in die Luft hoben, waren außerordentlich sanft. Harry konnte spüren, wie Hagrids Arme von schweren Schluchzern geschüttelt wurden, und dicke Tränen spritzten auf ihn herab, als Hagrid ihn in seinen Armen wiegte, und Harry wagte es nicht, sich zu rühren oder etwas zu sagen und damit Hagrid zu verstehen zu geben, dass noch nicht alles verloren war.
»Los!«, sagte Voldemort, und Hagrid stolperte vorwärts, bahnte sich einen Weg durch die dicht wachsenden Bäume, zurück durch den Verbotenen Wald. Zweige verfingen sich in Harrys Haaren und in seinem Umhang, doch er lag ruhig da, ließ den Mund offen stehen, hielt die Augen geschlossen, und in der Dunkelheit, während die Todesser rundum frohlockten und Hagrid verständnislos schluchzte, gab es keinen, der hingesehen und sich vergewissert hätte, ob am bloßen Hals von Harry Potter nicht eine Ader pulsierte …
Die beiden Riesen trampelten hinter den Todessern her; Harry konnte Bäume auf ihrem Weg knarren und umfallen hören; sie machten ein derartiges Getöse, dass Vögel kreischend in den Himmel stiegen und selbst das höhnische Geschrei der Todesser unterging.
Der Triumphzug marschierte auf das offene Gelände zu, und als sich nach einiger Zeit die Dunkelheit unter Harrys geschlossenen Lidern aufhellte, wusste er, dass sich der Wald allmählich lichtete.
»BANE!«
Hagrids plötzliches Gebrüll hätte Harry fast dazu gebracht, die Augen zu öffnen. »Zufried’n jetz’, oder, dass ihr nich gekämpft habt, ihr feiges Pack Schindmähr’n? Seid ihr zufried’n, dass Harry Potter – t-tot is’ …?«
Hagrid versagte die Stimme und er brach erneut in Tränen aus. Harry fragte sich, wie viele Zentauren ihren Zug vorbeikommen sahen; er wagte es nicht, die Augen aufzuschlagen, um nachzusehen. Einige Todesser riefen den Zentauren im Vorbeigehen Beleidigungen zu. Ein wenig später spürte Harry an der nun kühleren Luft, dass sie den Rand des Waldes erreicht hatten.
»Halt.«
Harry glaubte, dass Hagrid gezwungen worden war, Voldemorts Befehl zu gehorchen, denn er geriet leicht ins Taumeln. Und nun legte sich dort, wo sie standen, eine Kälte über sie, und Harry hörte den rasselnden Atem der Dementoren, die am Waldrand patrouillierten. Sie würden ihm jetzt nichts anhaben können. Die Tatsache, dass er überlebt hatte, brannte in ihm, als Talisman gegen sie, als ob der Hirsch seines Vaters in seinem Herzen Wache hielte.
Jemand kam dicht an Harry vorbei, und er wusste, dass es Voldemort selbst war, da er einen Moment später sprach, mit magisch verstärkter Stimme, die über die Schlossgründe stieg und gegen Harrys Trommelfelle schlug.
»Harry Potter ist tot. Er wurde getötet, als er wegrannte, als er versuchte, sich selbst zu retten, während ihr euer Leben für ihn gegeben habt. Wir bringen euch seine Leiche zum Beweis dafür, dass euer Held gestorben ist.
Die Schlacht ist gewonnen. Ihr habt die Hälfte eurer Kämpfer verloren. Meine Todesser sind in der Überzahl gegen euch, und der Junge, der überlebt hat, ist erledigt. Der Krieg darf nicht länger währen. Jeder, der weiterhin Widerstand leistet, ob Mann, Frau oder Kind, wird niedergemetzelt werden, wie jedes Mitglied seiner Familie. Kommt aus dem Schloss, unverzüglich, und kniet vor mir nieder, und ihr werdet verschont werden. Eure Eltern und Kinder, eure Brüder und Schwestern werden leben, und es wird ihnen verziehen, und ihr werdet euch mir anschließen in der neuen Welt, die wir gemeinsam errichten werden.«
Stille legte sich über das Gelände und auch vom Schloss her war nichts zu hören. Voldemort war Harry so nahe, dass er es nicht wagte, wieder die Augen zu öffnen.
»Komm«, sagte Voldemort, und Harry hörte ihn weitergehen, und Hagrid war gezwungen, ihm zu folgen. Jetzt öffnete Harry seine Augen einen winzigen Spaltbreit und sah Voldemort vor ihnen einherschreiten, die große Schlange Nagini, nun von ihrem verzauberten Käfig befreit, um seine Schultern. Aber Harry hatte keine Möglichkeit, den Zauberstab herauszuziehen, der unter seinem Umhang verborgen war, ohne dass es von den Todessern bemerkt worden wäre, die zu ihren beiden Seiten durch die allmählich heller werdende Dunkelheit marschierten …
»Harry«, schluchzte Hagrid. »Oh, Harry … Harry …«
Harry drückte die Augen wieder fest zu. Er wusste, dass sie sich dem Schloss näherten, und spitzte die Ohren, um durch die höhnischen Stimmen und die trampelnden Schritte der Todesser irgendein Lebenszeichen von den Leuten drinnen wahrzunehmen.
»Halt.«
Die Todesser blieben stehen: Harry hörte, wie sie ausschwärmten und sich in einer Reihe vor dem offenen Portal der Schule aufstellten. Selbst durch seine geschlossenen Lider konnte er den rötlichen Schimmer sehen, der ihm sagte, dass Licht von der Eingangshalle her zu ihm herüberflutete. Er wartete. Es konnte jetzt nur noch Momente dauern, dann würden die Menschen, für die er versucht hatte zu sterben, ihn erblicken, scheinbar tot in Hagrids Armen liegend.
»NEIN!«
Der Schrei war umso schrecklicher, da er nie erwartet oder geahnt hätte, dass Professor McGonagall einen solchen Laut von sich geben könnte. Er hörte eine andere Frau ganz in der Nähe lachen, und er wusste, dass es Bellatrix war, die McGonagalls Verzweiflung genoss. Er spähte wieder, nur eine Sekunde lang, und sah, dass sich das offene Portal nun mit Menschen füllte, die Überlebenden der Schlacht kamen heraus auf die Vordertreppe, um den Siegern entgegenzutreten und sich selbst von Harrys Tod zu überzeugen. Er sah, wie Voldemort, der nicht weit entfernt vor ihm stand, Nagini mit einem einzigen weißen Finger streichelte. Erneut schloss er die Augen.
»Nein!«
»Nein!«
»Harry! HARRY!«
Rons, Hermines und Ginnys Stimmen waren schlimmer als die von McGonagall; Harry wollte nichts sehnlicher als zurückrufen, doch er zwang sich, stumm liegen zu bleiben, und ihre Schreie waren der Auslöser dafür, dass die Menge der Überlebenden den Todessern kreischend und brüllend Beleidigungen entgegenschleuderte, bis –
»RUHE!«, rief Voldemort, es gab einen Knall und einen hellen Lichtblitz, und alle wurden zum Schweigen gezwungen. »Es ist vorbei! Leg ihn hin, Hagrid, zu meinen Füßen, wo er hingehört!«
Harry spürte, wie er ins Gras hinuntergelassen wurde.
»Seht ihr?«, sagte Voldemort, und Harry spürte ihn direkt neben der Stelle, wo er lag, hin und her gehen. »Harry Potter ist tot! Versteht ihr jetzt, ihr Betrogenen? Er war niemals etwas anderes als ein Junge, der sich darauf verließ, dass sich andere für ihn aufopferten!«
»Er hat dich besiegt!«, brüllte Ron, und der Zauber löste sich, und die Verteidiger von Hogwarts schrien und riefen erneut, bis ein zweiter, noch mächtigerer Knall ihre Stimmen von neuem erstickte.
»Er wurde getötet, als er sich vom Schlossgelände davonstehlen wollte«, sagte Voldemort und seine Stimme klang genüsslich bei dieser Lüge, »wurde getötet, als er sich selbst retten wollte.«
Aber Voldemort hielt inne: Harry hörte ein Handgemenge und einen Schrei, dann einen weiteren Knall, einen Lichtblitz und ein schmerzliches Stöhnen; er öffnete die Augen einen unendlich kleinen Spaltbreit. Jemand hatte sich aus der Menge gelöst und war auf Voldemort zugestürmt: Harry sah die Gestalt zu Boden stürzen, entwaffnet, und Voldemort warf den Zauberstab des Herausforderers lachend beiseite.
»Wen haben wir denn da?«, sagte er mit seinem leisen schlangenartigen Zischen. »Wer hat sich hier freiwillig gemeldet, um vorzuführen, was mit denen passiert, die weiterkämpfen, während die Schlacht schon verloren ist?«
Bellatrix lachte entzückt.
»Es ist Neville Longbottom, Herr! Der Junge, der den Carrows so viel Ärger gemacht hat! Der Sohn der Auroren, Ihr erinnert Euch?«
»Ah, ja, ich erinnere mich«, sagte Voldemort und blickte hinab zu Neville, der sich nun wieder aufrappelte, unbewaffnet und schutzlos im Niemandsland zwischen den Überlebenden und den Todessern. »Aber du bist ein Reinblüter, nicht wahr, mein tapferer Junge?«, fragte Voldemort Neville, der ihm gegenüberstand, die leeren Hände zu Fäusten geballt.
»Und was, wenn ich einer bin?«, erwiderte Neville laut.
»Du beweist Kampfgeist und Mut, und du bist von edler Abstammung. Du wirst einen äußerst wertvollen Todesser abgeben. Wir brauchen Leute von deinem Schlag, Neville Longbottom.«
»Bei euch mach ich erst mit, wenn die Hölle gefriert«, sagte Neville. »Dumbledores Armee!«, schrie er, und die Menge, die von Voldemorts Schweigezaubern offenbar nicht zu bändigen war, antwortete mit lautem Jubel.
»Na schön«, sagte Voldemort und Harry hörte in der sanften Stimme größere Gefahr lauern als im mächtigsten Fluch. »Wenn das deine Entscheidung ist, Longbottom, dann kehren wir zum ursprünglichen Plan zurück. Auf deinem Kopf«, sagte er leise, »soll es sein.«
Immer noch durch seine Wimpern spähend, sah Harry, wie Voldemort seinen Zauberstab schwang. Sekunden später flog aus einem der zersplitterten Fenster des Schlosses etwas wie ein unförmiger Vogel durch das Dämmerlicht und landete in Voldemorts Hand. Er hielt das modrige Etwas an seiner Spitze fest und schüttelte es, und da baumelte er, leer und zerschlissen: der Sprechende Hut.
»Es wird an der Schule von Hogwarts keine Auswahl mehr geben«, sagte Voldemort. »Es wird keine Häuser mehr geben. Das Wappen, der Schild und die Farben meines edlen Vorfahren Salazar Slytherin werden für jedermann genügen, nicht wahr, Neville Longbottom?«
Er richtete seinen Zauberstab auf Neville, der stocksteif und unbeweglich wurde, dann rammte er ihm den Hut auf den Kopf, dass er über seine Augen rutschte. In der Zuschauermenge vor dem Schloss gab es einige Bewegung, und die Todesser hoben ihre Zauberstäbe wie ein Mann und hielten die Kämpfer von Hogwarts in Schach.
»Neville hier wird nun vorführen, was mit jedem geschieht, der so töricht ist, mir weiterhin Widerstand zu leisten«, sagte Voldemort und mit einem Schlenker seines Zauberstabs ließ er den Sprechenden Hut in Flammen aufgehen.
Schreie gellten durch das Morgengrauen, und als Neville lichterloh brannte, wie zu Stein erstarrt, unfähig, sich zu rühren, konnte Harry es nicht mehr länger ertragen: Er musste handeln –
Und dann passierten viele Dinge gleichzeitig.
Sie hörten einen Tumult von der fernen Grenze des Schulgeländes her, und es klang, als schwärmten Hunderte von Menschen über die Mauern, die außer Sicht waren, und stürmten unter lautem Kriegsgeschrei auf das Schloss zu. Zur selben Zeit kam Grawp um die Ecke des Schlosses herumgetrampelt und rief: »HAGGER!« Voldemorts Riesen beantworteten seinen Schrei mit Gebrüll: Sie rannten wie Elefantenbullen auf Grawp zu, dass die Erde erbebte. Dann kam Hufgeklapper, Bogen schwirrten, und plötzlich schossen Pfeile in die Reihe der Todesser, die mit überraschten Schreien auseinanderstoben. Harry zog den Tarnumhang aus seinem Umhang, warf ihn sich über und sprang auf die Beine, als auch Neville sich bewegte.
Mit einer raschen, flüssigen Bewegung warf Neville den Körperklammer-Fluch ab; der lodernde Hut fiel ihm vom Kopf, und aus seinen Tiefen zog er einen silbernen Gegenstand hervor, mit einem glitzernden, rubinbesetzten Griff –
Der Hieb der silbernen Klinge war im Gebrüll der herannahenden Menge, im Lärm der sich aufeinanderwerfenden Riesen und heranstürmenden Zentauren nicht zu hören, und doch schien er alle Blicke auf sich zu ziehen. Mit einem einzigen Schlag schnitt Neville der großen Schlange den Kopf ab, der hoch in die Luft wirbelte und in dem Licht schimmerte, das aus der Eingangshalle flutete, und Voldemorts Mund stand offen, und ein Wutschrei entfuhr ihm, den niemand hören konnte, und der Körper der Schlange fiel dumpf auf die Erde zu seinen Füßen –
Unter dem Tarnumhang versteckt, warf Harry einen Schildzauber zwischen Neville und Voldemort, bevor dieser seinen Zauberstab heben konnte. Und dann drang durch die Schreie und das Gebrüll und das donnernde Gestampfe der kämpfenden Riesen Hagrids Schrei, der lauteste von allen.
»HARRY!«, brüllte Hagrid. »HARRY! – WO IST HARRY?«
Es herrschte Chaos. Die angreifenden Zentauren trieben die Todesser auseinander, alle flohen vor den stampfenden Füßen der Riesen, und die herandonnernde Verstärkung, von der keiner wusste, woher sie gekommen war, rückte immer näher; Harry sah, wie große geflügelte Wesen Voldemorts Riesen um die Köpfe flogen, wie Thestrale und der Hippogreif Seidenschnabel ihnen die Augen auskratzten, während Grawp mit den Fäusten auf sie einschlug und eintrommelte; und nun wurden die Zauberer, die Verteidiger von Hogwarts und Voldemorts Todesser gleichermaßen, zurück in das Schloss gezwungen. Harry schoss Zauber und Flüche gegen jeden Todesser ab, den er zu Gesicht bekam, und sie brachen zusammen, ohne zu wissen, was oder wer sie getroffen hatte, und die sich zurückziehende Menge trampelte über ihre Körper hinweg.
Noch immer unter dem Tarnumhang versteckt, wurde Harry in die Eingangshalle gedrängt: Er suchte nach Voldemort und sah ihn auf der anderen Seite des Raumes mit seinem Zauberstab Flüche abfeuern und in die Große Halle zurückweichen, und er schrie nach wie vor seinen Anhängern Befehle zu, während er Zauber nach rechts und links schickte; Harry brachte noch mehr Schildzauber hervor, und Seamus Finnigan und Hannah Abbott, die sonst Voldemort zum Opfer gefallen wären, jagten an ihm vorbei in die Große Halle, wo sie sich in den Kampf stürzten, der dort bereits in vollem Gange war.
Und nun stürmten mehr, noch mehr Leute die Vordertreppe hoch, und Harry sah, wie Charlie Weasley Horace Slughorn überholte, der immer noch seinen smaragdgrünen Pyjama anhatte. Offenbar waren sie an der Spitze einer Gruppe von Familien und Freunden all jener Hogwarts-Schüler zurückgekehrt, die geblieben waren, um zu kämpfen, zusammen mit den Ladeninhabern und Hausbesitzern von Hogsmeade. Die Zentauren Bane, Ronan und Magorian platzten gerade mit lautem Hufgeklapper in die Halle, als hinter Harry die Tür zu den Küchen aus den Angeln gesprengt wurde.
Die Hauselfen von Hogwarts schwärmten in die Eingangshalle, schreiend und Tranchiermesser und Hackbeile schwingend, angeführt von Kreacher, an dessen Brust das Medaillon von Regulus Black baumelte und dessen Ochsenfroschstimme selbst in all dem Getöse noch vernehmbar war: »Kämpft! Kämpft! Kämpft für meinen Herrn, den Beschützer der Hauselfen! Kämpft gegen den Dunklen Lord, im Namen des tapferen Regulus! Kämpft!«
Sie hackten und stachen auf die Knöchel und Schienbeine der Todesser ein, die kleinen Gesichter voller Heimtücke, und wo Harry auch hinblickte, brachen Todesser unter der schieren Überzahl ein, die von Zaubern besiegt waren, die Pfeile aus Wunden zogen, denen Elfen ins Bein gestochen hatten oder die einfach versuchten zu entkommen, doch in der heranstürmenden Horde untergingen.
Aber noch war es nicht vorüber: Harry eilte zwischen Duellanten hindurch, an sich sträubenden Gefangenen vorbei in die Große Halle.
Voldemort stand im Zentrum der Schlacht, er schlug und quälte alle, die in seiner Reichweite waren. Harry kam nicht frei zum Schuss, kämpfte sich aber näher heran, immer noch unsichtbar, und die Große Halle füllte sich mehr und mehr, da alles, was Beine hatte, sich hineinzwängte.
Harry sah, wie Yaxley von George und Lee Jordan niedergeschlagen wurde, wie Dolohow schreiend von Flitwick gefällt wurde, wie Walden Macnair von Hagrid quer durch den Raum geschleudert wurde, gegen die steinerne Wand auf der anderen Seite krachte und bewusstlos zu Boden rutschte. Er sah, wie Ron und Neville Fenrir Greyback zu Fall brachten, wie Aberforth Rookwood schockte, Arthur und Percy Thicknesse niedermachten und Lucius und Narzissa Malfoy durch die Menge rannten und nicht einmal versuchten zu kämpfen, sondern nach ihrem Sohn schrien.
Voldemort kämpfte nun gegen McGonagall, Slughorn und Kingsley gleichzeitig, und kalter Hass stand ihm ins Gesicht geschrieben, während sie sich um ihn herumschlängelten und duckten, außerstande, ihm den letzten Schlag zu versetzen –
Auch Bellatrix kämpfte noch, etwa fünfzig Meter von Voldemort entfernt, und wie ihr Herr schlug sie sich mit dreien auf einmal: mit Hermine, Ginny und Luna, die alle ihr Bestes gaben, doch Bellatrix war ihnen ebenbürtig, und Harrys Aufmerksamkeit wurde abgelenkt, als ein Todesfluch so nahe an Ginny vorbeischoss, dass sie dem Tod nur um Zentimeter entging –
Er rannte in die andere Richtung, stürzte auf Bellatrix statt auf Voldemort zu, doch nach wenigen Schritten wurde er zur Seite gestoßen.
»NICHT MEINE TOCHTER, DU SCHLAMPE!«
Mrs Weasley warf im Laufen ihren Umhang von sich, um die Arme frei zu haben. Bellatrix drehte sich um sich selbst, brüllend vor Lachen, als sie ihre neue Herausforderin erblickte.
»AUS DEM WEG!«, rief Mrs Weasley den drei Mädchen zu und mit einem ausladenden Schwung ihres Zauberstabs eröffnete sie das Duell. Harry beobachtete, erschrocken und begeistert zugleich, wie Molly Weasleys Zauberstab peitschte und wirbelte und wie Bellatrix Lestranges Lächeln verschwand und zu einem Zähnefletschen wurde. Lichtstrahlen schossen aus beiden Zauberstäben, der Boden rund um die Füße der Hexen wurde heiß und rissig; beide Frauen kämpften auf Leben und Tod.
»Nein!«, schrie Mrs Weasley, als einige Schüler vorwärtsstürmten und ihr zu Hilfe kommen wollten. »Zurück! Zurück! Sie gehört mir!«
Hunderte von Leuten standen nun an den Wänden ringsum und beobachteten die beiden Kämpfe, den von Voldemort und seinen drei Gegnern und den zwischen Bellatrix und Molly, und Harry verharrte unsichtbar, hin- und hergerissen zwischen beiden, wollte angreifen, aber auch beschützen und konnte nicht sicher sein, dass er dabei nicht die Unschuldigen treffen würde.
»Was wird aus deinen Kindern, wenn ich dich getötet habe?«, spottete Bellatrix, wahnsinnig wie ihr Herr und auf der Stelle hüpfend, während Mollys Flüche um sie herumtanzten. »Wenn es Mami so ergangen ist wie Freddy?«
»Du – wirst – nie – wieder – unsere – Kinder – anrühren!«, schrie Mrs Weasley.
Bellatrix lachte, genauso übermütig, wie ihr Cousin Sirius gelacht hatte, als er rücklings durch den Schleier gestürzt war, und plötzlich wusste Harry, was im nächsten Moment passieren würde.
Mollys Fluch rauschte unter Bellatrix’ ausgestrecktem Arm hindurch und traf sie mitten auf die Brust, direkt über dem Herzen.
Bellatrix’ hämisches Grinsen erstarrte, ihre Augen schienen hervorzuquellen: Für den Bruchteil einer Sekunde wusste sie, was geschehen war, dann kippte sie vornüber, und die Zuschauermenge brüllte, und Voldemort schrie.
Harry kam es vor, als würde er sich in Zeitlupe umdrehen; er sah, wie es McGonagall, Kingsley und Slughorn nach hinten schleuderte, wie sie, sich windend und mit den Armen rudernd, durch die Luft flogen, als Voldemorts Zorn über den Sturz seiner letzten und besten Getreuen mit der Wucht einer Bombe explodierte. Voldemort hob seinen Zauberstab und richtete ihn auf Molly Weasley.
»Protego!«, brüllte Harry, sein Schildzauber breitete sich in der Mitte der Halle aus, und Voldemort starrte umher auf der Suche nach dem Urheber, als Harry sich endlich den Tarnumhang herunterriss.
Der Schreckensschrei, der Jubel, die Rufe von allen Seiten – »Harry!«, »ER LEBT!« –, sie erstarben auf der Stelle. Die Menge hatte Angst, und schlagartig trat vollkommene Stille ein, als Voldemort und Harry sich ansahen und im selben Moment begannen, im Kreis umeinander herumzugehen.
»Ich will keine Hilfe von irgendjemandem«, sagte Harry laut und in der absoluten Stille trug seine Stimme wie ein Trompetensignal. »Es muss so sein. Ich muss es selber tun.«
Voldemort zischte.
»Potter meint es nicht so«, sagte er, seine roten Augen geweitet. »Das ist doch nicht seine Art, oder? Wen wirst du heute als Schild benutzen, Potter?«
»Niemanden«, sagte Harry bloß. »Es gibt keine Horkruxe mehr. Nur uns beide. Keiner kann leben, während der Andere überlebt, und einer von uns wird gleich endgültig verschwinden …«
»Einer von uns?«, höhnte Voldemort, und sein ganzer Körper war angespannt, und die roten Augen starrten, eine Schlange, die gleich zuschlagen würde. »Du glaubst, du wirst es sein, nicht wahr, der Junge, der durch Zufall überlebt hat und weil Dumbledore die Fäden in der Hand hielt?«
»Zufall war es also, als meine Mutter starb, um mich zu retten?«, fragte Harry. Sie bewegten sich beide immer noch seitwärts in einem vollkommenen Kreis, wahrten stets denselben Abstand voneinander, und für Harry existierte kein anderes Gesicht als das Voldemorts. »Zufall, als ich beschloss, auf jenem Friedhof zu kämpfen? Zufall, dass ich mich heute Nacht nicht verteidigt und dennoch überlebt habe und zurückkam, um wieder zu kämpfen?«
»Zufälle!«, schrie Voldemort, aber nach wie vor schlug er nicht zu, und die Menge ringsrum war erstarrt, wie versteinert, und von den Hunderten in der Halle schien niemand zu atmen außer den beiden. »Zufall und Glück und die Tatsache, dass du dich heulend hinter den Rücken bedeutenderer Männer und Frauen geduckt und es zugelassen hast, dass ich sie statt deiner töte!«
»Du wirst heute Nacht niemanden mehr töten«, sagte Harry, während sie weiter im Kreis gingen und sich in die Augen starrten, Grün in Rot. »Du wirst nicht in der Lage sein, je wieder irgendeinen von ihnen zu töten. Begreifst du es nicht? Ich war bereit zu sterben, um dich daran zu hindern, diesen Menschen etwas anzutun –«
»Aber du bist nicht gestorben!«
»– ich wollte es und das war entscheidend. Ich habe getan, was meine Mutter getan hat. Sie sind vor dir geschützt. Hast du nicht bemerkt, dass keiner der Zauber, die du auf sie gelegt hast, bindende Kraft hat? Du kannst sie nicht foltern. Du kannst ihnen nichts anhaben. Du lernst nicht aus deinen Fehlern, Riddle, oder?«
»Du wagst es –«
»Ja, ich wage es«, sagte Harry. »Ich weiß Dinge, die du nicht weißt, Tom Riddle. Ich weiß viele wichtige Dinge, die du nicht weißt. Willst du welche hören, ehe du einen weiteren großen Fehler machst?«
Voldemort sagte nichts, ging nur lauernd im Kreis, und Harry wusste, dass er ihn vorläufig noch bannte und in Schach hielt, dass ihn auch nur der Hauch einer Möglichkeit zügelte, dass Harry tatsächlich ein letztes Geheimnis kennen könnte …
»Ist es wieder die Liebe?«, sagte Voldemort mit einem höhnischen Grinsen auf seinem Schlangengesicht, »Dumbledores Lieblingsrezept, Liebe, die, wie er behauptete, den Tod besiegen würde, auch wenn Liebe es nicht verhindert hat, dass er vom Turm fiel und wie eine alte Wachsfigur zerbrach? Liebe, die mich nicht davon abhielt, deine Schlammblutmutter wie eine Kakerlake zu zertreten, Potter – und diesmal scheint dich keiner genug zu lieben, um herbeizurennen und meinen Fluch auf sich zu nehmen. Was wird also diesmal verhindern, dass du stirbst, wenn ich zuschlage?«
»Nur eines«, sagte Harry, und sie gingen immer noch im Kreis, aneinander gebunden, auf Abstand gehalten nur durch das letzte Geheimnis.
»Wenn es nicht Liebe ist, die dich diesmal retten wird«, sagte Voldemort, »dann glaubst du wohl, dass du magische Kräfte besitzt, die ich nicht besitze, oder aber eine Waffe, die mächtiger ist als meine?«
»Ich glaube, beides«, sagte Harry, und er sah einen erschrockenen Ausdruck über das schlangenartige Gesicht huschen, der sich jedoch im nächsten Augenblick verflüchtigte; Voldemort begann zu lachen, und es hörte sich furchterregender an als seine Schreie; humorlos und wahnsinnig, erfüllte sein Lachen die stille Halle mit seinem Echo.
»Du denkst, du beherrschst mehr Magie als ich?«, sagte er. »Als ich, als Lord Voldemort, der Zauber vollbracht hat, die sich selbst Dumbledore nicht im Traum vorstellen konnte?«
»Oh, er konnte es«, sagte Harry, »aber er wusste mehr als du, er wusste genug, um das nicht zu tun, was du getan hast.«
»Du meinst, er war schwach!«, schrie Voldemort. »Zu schwach, um etwas zu wagen, zu schwach, um sich zu nehmen, was ihm vielleicht hätte gehören können, was nun mein sein wird!«
»Nein, er war klüger als du«, sagte Harry, »ein besserer Zauberer, ein besserer Mann.«
»Ich habe den Tod von Albus Dumbledore herbeigeführt!«
»Das dachtest du«, sagte Harry, »aber du hast dich geirrt.«
Die Menge der Zuschauer rührte sich zum ersten Mal, als die Hunderte an den Wänden gleichzeitig Atem holten.
»Dumbledore ist tot!« Voldemort schleuderte Harry die Worte entgegen, als ob sie ihm unerträgliche Schmerzen bereiteten. »Seine Leiche vermodert in dem Marmorgrab auf diesem Schlossgelände, ich habe sie gesehen, Potter, und er wird nicht zurückkehren!«
»Ja, Dumbledore ist tot«, sagte Harry ruhig, »aber du hast ihn nicht töten lassen. Er wählte selbst, wie er sterben wollte, tat dies, Monate bevor er starb, bereitete alles gemeinsam mit dem Mann vor, den du für deinen Diener gehalten hast.«
»Was für ein kindischer Wunschtraum ist das?«, sagte Voldemort, und doch schlug er immer noch nicht zu, und seine roten Augen waren unverwandt auf die von Harry gerichtet.
»Severus Snape war nicht dein Mann«, sagte Harry. »Snape war Dumbledores Mann, er war von dem Moment an Dumbledores Mann, als du anfingst, meine Mutter zu jagen. Und du hast es nie erkannt, wegen der einen Sache, die du nicht verstehen kannst. Du hast nie gesehen, wie Snape einen Patronus hervorbrachte, oder, Riddle?«
Voldemort antwortete nicht. Sie gingen weiter umeinander herum wie Wölfe, die sich gleich in Stücke reißen würden.
»Snapes Patronus war eine Hirschkuh«, sagte Harry, »genau wie der meiner Mutter, weil er sie fast sein ganzes Leben lang geliebt hat, schon seit sie Kinder waren. Das hättest du erkennen müssen«, sagte er, und er sah, wie Voldemorts Nüstern sich blähten, »er hat dich gebeten, ihr Leben zu verschonen, richtig?«
»Er begehrte sie, nichts weiter«, höhnte Voldemort, »doch als sie tot war, sah er ein, dass es auch andere Frauen gab, und von reinerem Blut, die seiner würdiger waren –«
»Natürlich hat er das zu dir gesagt«, erwiderte Harry, »aber er war Dumbledores Spion von dem Moment an, als du sie bedroht hast, und er hat seither immer gegen dich gearbeitet! Dumbledore war schon beinahe tot, als Snape ihm den letzten Stoß versetzte!«
»Das ist nicht von Bedeutung!«, kreischte Voldemort, der jedes Wort mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt hatte, nun jedoch ein gackerndes irres Gelächter ausstieß. »Es ist nicht von Bedeutung, ob Snape mein oder Dumbledores Mann war oder welch kleine Steine sie mir in den Weg zu legen versuchten! Ich habe sie zertreten, wie ich deine Mutter zertreten habe, Snapes angebliche große Liebe! Oh, aber das passt alles zusammen, Potter, und auf eine Weise, die du nicht verstehst!
Dumbledore versuchte mich daran zu hindern, in den Besitz des Elderstabs zu gelangen! Er wollte, dass Snape der wahre Herr dieses Stabes wird! Aber ich war vor dir dort, kleiner Junge – ich war bei dem Zauberstab, bevor du ihn in die Hände bekommen konntest, ich hatte die Wahrheit begriffen, ehe du so weit warst. Ich habe Severus Snape vor drei Stunden getötet, und der Elderstab, der Todesstab, der Zauberstab des Schicksals, ist wahrhaft mein! Dumbledores letzter Plan ist misslungen, Harry Potter!«
»Jaah, allerdings«, sagte Harry. »Du hast Recht. Aber bevor du versuchst mich zu töten, würde ich dir raten, darüber nachzudenken, was du getan hast … denk nach, und versuch ein wenig zu bereuen, Riddle …«
»Was soll das heißen?«
Nichts, was Harry zu ihm gesagt hatte, keine Enthüllung und kein Spott, hatte Voldemort so heftig schockiert wie dies. Harry sah, wie sich seine Pupillen zu schmalen Schlitzen verengten, sah die Haut um seine Augen weiß werden.
»Das ist deine letzte Chance«, sagte Harry, »das ist alles, was dir noch bleibt … ich habe gesehen, was du andernfalls sein wirst … sei ein Mann … versuch es … versuch ein wenig zu bereuen …«
»Du wagst es –?«, sagte Voldemort erneut.
»Ja, ich wage es«, erwiderte Harry, »weil Dumbledores letzter Plan zwar nach hinten losging, aber nicht gegen mich. Sondern gegen dich, Riddle.«
Der Elderstab zitterte in Voldemorts Hand und Harry umschloss Dracos Zauberstab ganz fest. Der Moment, das wusste er, war nur noch Sekunden entfernt.
»Dieser Zauberstab arbeitet immer noch nicht richtig für dich, weil du den Falschen ermordet hast. Severus Snape war nie der wahre Herr über den Elderstab. Er hat Dumbledore nie besiegt.«
»Er tötete –«
»Hörst du nicht zu? Snape hat Dumbledore nie geschlagen! Sie haben Dumbledores Tod untereinander vereinbart! Dumbledore hatte die Absicht, unbesiegt zu sterben, als der letzte wahre Herr über den Zauberstab! Wenn alles so gelaufen wäre wie geplant, wäre die Macht des Zauberstabs mit ihm untergegangen, weil er ihm nie abgerungen wurde!«
»Aber dann, Potter, hat Dumbledore mir den Zauberstab so gut wie geschenkt!« Voldemorts Stimme bebte vor boshaftem Vergnügen. »Ich habe den Zauberstab aus dem Grab seines letzten Herrn gestohlen! Ich habe ihn gegen den Wunsch seines letzten Herrn an mich genommen! Seine Macht gehört mir!«
»Du begreifst es immer noch nicht, Riddle, oder? Den Zauberstab zu besitzen genügt nicht! Ihn zu halten, ihn zu gebrauchen macht ihn nicht wirklich zu deinem eigenen. Hast du Ollivander nicht zugehört? Der Zauberstab sucht sich den Zauberer … der Elderstab erkannte einen neuen Herrn, ehe Dumbledore starb, jemanden, der ihn nie auch nur berührt hatte. Der neue Herr nahm Dumbledore den Zauberstab gegen seinen Willen ab, und ihm war nie bewusst, was er da eigentlich getan hatte, und auch nicht, dass der gefährlichste Zauberstab der Welt sich ihm unterworfen hatte …«
Voldemorts Brust hob und senkte sich rasch, und Harry konnte den Fluch kommen spüren, konnte spüren, wie er sich in dem Zauberstab, der auf sein Gesicht gerichtet war, aufbaute.
»Der wahre Herr über den Elderstab war Draco Malfoy.«
Blankes Entsetzen trat für einen Moment in Voldemorts Gesicht, doch dann war es wieder verschwunden.
»Aber was spielt das für eine Rolle?«, sagte er leise. »Selbst wenn du Recht hast, Potter, ändert sich nichts für dich und mich. Du hast den Phönixstab nicht mehr: In unserem Duell hier zählen also nur unsere Fähigkeiten … und wenn ich dich getötet habe, kann ich mich um Draco Malfoy kümmern.«
»Aber da kommst du zu spät«, sagte Harry. »Du hast deine Chance verpasst. Ich war zuerst da. Ich habe Draco schon vor Wochen überwältigt. Ich habe ihm diesen Zauberstab abgenommen.«
Harry zuckte kurz mit dem Weißdorn-Zauberstab und er spürte aller Augen in der Halle auf ihm ruhen.
»Also geht es nur noch um die eine Frage, oder?«, flüsterte Harry. »Weiß der Zauberstab in deiner Hand, dass sein letzter Herr entwaffnet wurde? Denn wenn er es weiß … dann bin ich der wahre Herr über den Elderstab.«
Eine rotgoldene Glut ergoss sich plötzlich über den verzauberten Himmel über ihnen, als der Rand der gleißenden Sonne am Sims des nächsten Fensters auftauchte. Das Licht traf ihre beiden Gesichter gleichzeitig und das von Voldemort war mit einem Mal ein flammender Fleck. Harry hörte die hohe Stimme kreischen, als auch er in größter Hoffnung zum Himmel flehend schrie und mit Dracos Zauberstab zielte.
»Avada Kedavra!«
»Expelliarmus!«
Der Knall war wie ein Kanonenschlag, und die goldenen Flammen, die zwischen ihnen in der leeren Mitte des Kreises aufloderten, den sie beschritten hatten, kennzeichneten die Stelle, wo die Zauber zusammenstießen. Harry sah Voldemorts grünen Strahl auf seinen eigenen Zauber treffen, sah den Elderstab in die Höhe fliegen, dunkel gegen den Sonnenaufgang, sah ihn quer über die verzauberte Decke trudeln wie den Kopf von Nagini, durch die Luft zu seinem Herrn hin wirbeln, den er nicht töten würde und der gekommen war, um ihn endlich ganz in Besitz zu nehmen. Und Harry fing den Zauberstab mit der unfehlbaren Sicherheit des Suchers in seiner freien Hand auf, während Voldemort mit ausgebreiteten Armen nach hinten fiel und die schlitzartigen Pupillen seiner roten Augen sich nach oben drehten. Tom Riddle schlug mit banaler Endgültigkeit auf dem Boden auf, mit schwachem und zusammengeschrumpftem Körper und leeren weißen Händen, das schlangenartige Gesicht ausdruckslos und unwissend. Voldemort war tot, getötet von seinem eigenen zurückprallenden Fluch, und Harry stand mit zwei Zauberstäben in der Hand da und starrte hinunter auf die Hülle seines toten Feindes.
Eine zittrige Sekunde lang herrschte Stille, blieb der Schrecken dieses Augenblicks in der Schwebe: Und dann brach der Tumult um Harry los, die Schreie und der Jubel und das Gebrüll der Zuschauer gellten durch die Luft. Die glühende neue Sonne ließ die Fenster erstrahlen, als sie auf ihn zudonnerten, und die Ersten, die ihn erreichten, waren Ron und Hermine, und es waren ihre Arme, die sich um ihn schlangen, ihre unverständlichen Rufe, die ihn betäubten. Dann waren Ginny, Neville und Luna da, und dann alle Weasleys und Hagrid, und Kingsley und McGonagall und Flitwick und Sprout, und Harry verstand kein Wort von dem, was alle schrien, noch wusste er, wessen Hände ihn packten, an ihm zogen, versuchten, irgendeinen Teil von ihm an sich zu drücken, Hunderte von ihnen drängten herbei, alle wollten unbedingt den Jungen, der überlebte, berühren, der dafür gesorgt hatte, dass es endlich vorbei war –
Die Sonne ging stetig über Hogwarts auf, und die Große Halle glühte vor Leben und Licht. Harry war unerlässlich bei den gemischten Gefühlsausbrüchen rundum, bei Jubel und Trauer, Kummer und Triumph. Sie wollten ihn hier bei sich haben, ihren Anführer und ihre Symbolfigur, ihren Retter und ihren Lotsen, und dass er nicht geschlafen hatte, dass er sich nach der Gesellschaft nur weniger von ihnen sehnte, schien niemandem in den Sinn zu kommen. Er musste zu den Trauernden sprechen, ihre Hände drücken, ihre Tränen bezeugen, ihren Dank entgegennehmen, sich die Neuigkeiten anhören, die nun, da der Morgen verging, aus allen Richtungen zu ihnen drangen, wonach diejenigen, die im ganzen Land unter dem Imperius-Fluch gestanden hatten, wieder zu sich gekommen waren, wonach Todesser flohen oder aber gefangen wurden, wonach die Unschuldigen von Askaban gerade in diesem Moment freigelassen wurden und Kingsley Shacklebolt zum einstweiligen Zaubereiminister ernannt worden war …
Sie brachten Voldemorts Leiche weg und legten sie in eine Kammer neben der Halle, abseits der Leichen von Fred, Tonks, Lupin, Colin Creevey und fünfzig anderen, die im Kampf gegen ihn gestorben waren.
McGonagall hatte die Haustische wieder aufgestellt, aber niemand saß mehr dort, wo er seinem Haus nach hingehörte: Alle waren bunt durcheinandergewürfelt, Lehrer und Schüler, Gespenster und Eltern, Zentauren und Hauselfen, und Firenze lag in einer Ecke, um sich zu erholen, und als Grawp durch ein zerschmettertes Fenster hereinlugte, warfen sie ihm Essen in seinen lachenden Mund. Nach einer Weile fand sich Harry unversehens, erschöpft und ausgelaugt, auf einer Bank neben Luna wieder.
»Wenn ich du wäre, würde ich ein bisschen Ruhe und Frieden haben wollen«, sagte sie.
»Nur zu gerne«, erwiderte er.
»Ich lenk sie alle ab«, sagte sie. »Nimm deinen Tarnumhang.«
Und ehe er ein Wort sagen konnte, hatte sie aus dem Fenster gedeutet und gerufen: »Oooh, schaut mal, ein Schlibbriger Summlinger!« Alle, die es hörten, drehten sich um, und Harry ließ den Tarnumhang über sich gleiten und stand auf.
Nun konnte er ungestört durch die Halle gehen. Zwei Tische weiter entdeckte er Ginny; sie saß da, mit dem Kopf an der Schulter ihrer Mutter: Sie würden später noch Zeit haben zu reden, Stunden und Tage und vielleicht Jahre Zeit. Er sah Neville, der das Schwert von Gryffindor neben seinem Teller liegen hatte, während er aß, inmitten einer Traube von glühenden Bewunderern. Er schritt den Gang zwischen den Tischen entlang, und sein Blick fiel auf die drei Malfoys, die sich eng aneinander drängten, als wären sie nicht sicher, ob sie hier erwünscht waren, aber niemand achtete auf sie. Wo immer er hinschaute, sah er wiedervereinte Familien, und endlich erblickte er die beiden, deren Gesellschaft er am meisten ersehnte.
»Ich bin’s«, murmelte er und kauerte sich zwischen sie. »Kommt ihr mit?«
Sie standen sofort auf, und gemeinsam verließen er, Ron und Hermine die Große Halle. An der Marmortreppe fehlten große Stücke, Teile des Geländers waren weg, und als sie hinaufstiegen, stießen sie alle paar Schritte auf Trümmer und Blutflecken.
Irgendwo in der Ferne konnten sie Peeves durch die Korridore sausen und ein selbst verfasstes Siegeslied singen hören:
Wir ham sie vermöbelt, Klein Potter, der war’s,
Und Voldy, der modert, und wir ham jetzt Spaß!
»Da wird einem erst richtig klar, was für eine große Tragödie das war, oder?«, sagte Ron und drückte eine Tür auf, um Harry und Hermine durchzulassen.
Das Glück würde kommen, dachte Harry, aber im Augenblick war es von Erschöpfung überdeckt, und der Schmerz über den Verlust von Fred und Lupin und Tonks versetzte ihm alle paar Schritte einen Stich wie eine körperliche Wunde. Vor allem andern verspürte er ungeheure Erleichterung und ein großes Bedürfnis nach Schlaf. Doch zunächst schuldete er Ron und Hermine eine Erklärung, sie hatten so lange zu ihm gehalten und hatten die Wahrheit verdient. In allen Einzelheiten berichtete er, was er im Denkarium gesehen hatte und was im Verbotenen Wald geschehen war, und sie hatten noch nicht einmal ansatzweise ihr ganzes Entsetzen und ihr Erstaunen zum Ausdruck gebracht, als sie endlich an dem Ort ankamen, zu dem sie gegangen waren, auch wenn keiner von ihnen ihr Ziel erwähnt hatte.
Seit er den Wasserspeier, der den Eingang zum Büro des Schulleiters bewachte, das letzte Mal gesehen hatte, war er beiseitegestoßen worden; er stand schief da und wirkte ein wenig angeschlagen, und Harry fragte sich, ob er noch Passwörter erkennen konnte.
»Können wir nach oben gehen?«, fragte er den Wasserspeier.
»Nur zu«, stöhnte die Statue.
Sie kletterten über ihn hinweg auf die steinerne Wendeltreppe, die sich langsam aufwärtsbewegte wie eine Rolltreppe. Oben angekommen, drückte Harry die Tür auf.
Ihm blieb nur ein kurzer Blick auf das steinerne Denkarium, das auf dem Schreibtisch stand, wo er es zurückgelassen hatte, dann ließ ihn ein ohrenbetäubender Lärm laut aufschreien, und er dachte an Flüche und zurückkehrende Todesser und die Wiedergeburt Voldemorts –
Aber es war Applaus. Ringsumher an der Wand jubelten ihm die Schulleiter und Schulleiterinnen von Hogwarts stürmisch zu; sie schwangen ihre Hüte und manche ihre Perücken, sie streckten die Arme durch ihre Rahmen und fassten sich an den Händen; sie tanzten auf den Stühlen herum, in denen sie gemalt worden waren; Dilys Derwent schluchzte hemmungslos, Dexter Fortescue schwang sein Hörrohr; und Phineas Nigellus rief mit seiner hohen, schrillen Stimme: »Und wohlgemerkt, das Haus Slytherin hat seine Rolle gespielt! Vergesst unseren Beitrag nicht!«
Aber Harry hatte nur Augen für den Mann, der in dem größten Porträt direkt hinter dem Stuhl des Schulleiters stand. Tränen liefen hinter der Halbmondbrille in den langen silbernen Bart hinunter, und der Stolz und die Dankbarkeit, die er ausströmte, war Balsam für Harry wie der Gesang des Phönix.
Schließlich hob Harry die Hände, und die Porträts verstummten respektvoll, strahlten und wischten sich die Augen und warteten begierig darauf, dass er sprach. Er richtete seine Worte jedoch an Dumbledore und wählte sie mit äußerster Sorgfalt. Obwohl er erschöpft war und vor Müdigkeit kaum aus den Augen schauen konnte, musste er noch einen letzten Kraftakt bewältigen, einen letzten Rat suchen.
»Das Ding, das in dem Schnatz verborgen war«, begann er, »das habe ich im Wald fallen lassen. Ich weiß nicht genau, wo, aber ich werde nicht mehr danach suchen. Sind Sie einverstanden?«
»Mein lieber Junge, ja«, sagte Dumbledore, während die anderen Porträts verwirrt und neugierig dreinschauten. »Eine weise und mutige Entscheidung, aber nicht weniger, als ich von dir erwartet hätte. Weiß sonst jemand, wo er hingefallen ist?«
»Niemand«, sagte Harry und Dumbledore nickte zufrieden.
»Das Geschenk von Ignotus werde ich allerdings behalten«, sagte Harry und Dumbledore strahlte.
»Aber natürlich, Harry, es gehört für immer dir, bis du es weitergibst!«
»Und dann ist da noch der hier.«
Harry hielt den Elderstab empor, und Ron und Hermine blickten ihn mit einer Ehrfurcht an, die Harry, so benebelt und schlafbedürftig er auch war, nicht gerne sah.
»Ich will ihn nicht haben«, sagte Harry.
»Was?«, sagte Ron laut. »Bist du verrückt?«
»Ich weiß, er ist mächtig«, erwiderte Harry müde. »Aber mit meinem eigenen war ich glücklicher. Also …«
Er stöberte in dem Beutel um seinen Hals und zog die beiden Hälften des Stechpalmenstabs hervor, die nach wie vor bloß von einer äußerst feinen Faser einer Phönixfeder zusammengehalten wurden. Hermine hatte gesagt, er könne nicht repariert werden, der Schaden sei zu gravierend. Er wusste nur, wenn dies nicht funktionieren würde, dann würde gar nichts helfen.
Er legte den zerbrochenen Zauberstab auf den Schreibtisch des Schulleiters, berührte ihn mit der äußersten Spitze des Elderstabs und sagte: »Reparo.«
Als der Zauberstab sich wieder zusammenfügte, stoben rote Funken aus seinem Ende hervor. Harry wusste, dass es ihm gelungen war. Er nahm den Zauberstab aus Stechpalme und Phönixfeder hoch und spürte eine plötzliche Wärme in seinen Fingern, als ob Zauberstab und Hand sich darüber freuten, dass sie wieder vereint waren.
»Den Elderstab«, sagte er zu Dumbledore, der ihn mit größter Zuneigung und Bewunderung beobachtete, »bringe ich wieder dorthin, wo er herkam. Dort kann er bleiben. Wenn ich eines natürlichen Todes sterbe, wie Ignotus, wird seine Macht gebrochen sein, nicht wahr? Der letzte Herr ist dann nie besiegt worden. Das wird sein Ende sein.«
Dumbledore nickte. Sie lächelten einander an.
»Bist du sicher?«, sagte Ron. Eine winzige Spur Sehnsucht lag in seiner Stimme, während er den Elderstab betrachtete.
»Ich glaube, Harry hat Recht«, sagte Hermine leise.
»Dieser Zauberstab ist den ganzen Ärger nicht wert«, sagte Harry. »Und ganz ehrlich«, er wandte sich von den gemalten Porträts ab und dachte jetzt nur noch an das Himmelbett, das im Gryffindor-Turm auf ihn wartete, wobei er sich fragte, ob Kreacher ihm vielleicht ein Sandwich dort hinaufbringen würde, »ich hatte für mein Leben genug Ärger.«
Neunzehn Jahre später
Dieses Jahr schien es überraschend schnell Herbst zu werden. Der Morgen des ersten September war frisch und golden wie ein Apfel, und während die kleine Familie über die holprige Straße auf den großen verrußten Bahnhof zuwackelte, glitzerten der Qualm von Autos und der Atem der Fußgänger wie Spinnennetze in der kalten Luft. Zwei große Käfige klapperten oben auf den schwer beladenen Gepäckwagen, die die Eltern schoben: Die Eulen darin schrien empört, und das rothaarige Mädchen, das sich an den Arm ihres Vaters geklammert hatte, lief heulend hinter ihren Brüdern her.
»Nicht mehr lange, dann darfst du auch gehen«, sagte Harry zu ihr.
»Zwei Jahre«, schniefte Lily. »Ich will jetzt gehen!«
Die Pendler starrten neugierig auf die Eulen, als sich die Familie auf die Absperrung zwischen den Bahnsteigen neun und zehn zuschlängelte. Mitten in all dem Lärm wehte Albus’ Stimme zu Harry zurück; seine Söhne hatten den Streit fortgesetzt, den sie im Auto begonnen hatten.
»Ich will nicht! Ich will nicht nach Slytherin!«
»James, nun lass mal gut sein!«, sagte Ginny.
»Ich hab nur gesagt, dass es bei ihm sein könnte«, erwiderte James und grinste seinen jüngeren Bruder an. »Das stimmt doch auch. Er könnte nach Slytherin kommen –«
Aber James begegnete dem Blick seiner Mutter und verstummte. Die fünf Potters steuerten auf die Absperrung zu. Mit einem etwas hochnäsigen Blick über die Schulter auf seinen jüngeren Bruder übernahm James den Wagen von seiner Mutter und rannte los. Einen Moment später war er verschwunden.
»Ihr schreibt mir doch?«, fragte Albus sofort seine Eltern, indem er es ausnutzte, dass sein Bruder für kurze Zeit nicht dabei war.
»Jeden Tag, wenn du möchtest«, sagte Ginny.
»Nicht jeden Tag«, sagte Albus rasch. »James meint, dass die meisten nur etwa einmal im Monat Briefe von zu Haus kriegen.«
»Wir haben James letztes Jahr dreimal die Woche geschrieben«, sagte Ginny.
»Und glaub am besten nicht alles, was er dir über Hogwarts erzählt«, warf Harry ein. »Der macht gerne mal Späße, dein Bruder.«
Seite an Seite schoben sie den zweiten Gepäckwagen und beschleunigten allmählich ihre Schritte. Als sie die Barriere erreichten, zuckte Albus, doch der Zusammenprall blieb aus. Stattdessen tauchte die Familie auf Bahnsteig neundreiviertel wieder auf, der durch den dichten weißen Dampf verschleiert war, der aus dem scharlachroten Hogwarts-Express quoll. Undeutliche Gestalten schwärmten durch den Nebel, in dem James bereits verschwunden war.
»Wo sind sie?«, fragte Albus beklommen und starrte auf die verschwommenen Wesen, an denen sie auf ihrem Weg über den Bahnsteig vorbeikamen.
»Wir finden sie schon«, beteuerte Ginny.
Aber in dem dichten Dampf war es schwierig, irgendein Gesicht auszumachen. Die Stimmen, die niemandem zu gehören schienen, klangen unnatürlich laut. Harry glaubte Percy zu hören, der volltönend einen Vortrag über Flugbesenvorschriften hielt, und war ziemlich froh über die Ausrede, nicht anhalten und Hallo sagen zu müssen …
»Ich glaube, da sind sie, Al«, sagte Ginny plötzlich.
Eine Gruppe von vier Leuten am allerletzten Waggon tauchte aus dem Nebel auf. Ihre Gesichter waren erst zu erkennen, als Harry, Ginny, Lily und Albus direkt vor ihnen standen.
»Hi«, sagte Albus und er klang ungeheuer erleichtert.
Rose, die bereits ihren brandneuen Hogwarts-Umhang trug, strahlte ihn an.
»Gut eingeparkt, ja?«, fragte Ron Harry. »Ich jedenfalls schon. Hermine hat nicht geglaubt, dass ich eine Fahrprüfung bei den Muggeln bestehen könnte, stimmt’s? Sie dachte, ich müsste dem Prüfer einen Verwechslungszauber auf den Hals jagen.«
»Nein, dachte ich nicht«, sagte Hermine. »Ich hatte vollstes Vertrauen in dich.«
»Übrigens hab ich ihm tatsächlich einen verpasst«, flüsterte Ron Harry zu, als sie gemeinsam Albus’ Koffer und Eule auf den Zug hoben. »Ich hab nur vergessen, in den Seitenspiegel zu schauen, und ehrlich gesagt, dafür kann ich auch einen Superspürsinns-Zauber benutzen.«
Zurück auf dem Bahnsteig, stellten sie fest, dass Lily und Hugo, Rose’ jüngerer Bruder, eine angeregte Diskussion darüber führten, in welches Haus der Sprechende Hut sie stecken würde, wenn sie endlich nach Hogwarts gehen würden.
»Wenn du nicht nach Gryffindor kommst, enterben wir dich«, sagte Ron, »aber mach dir bloß keinen Stress.«
»Ron!«
Lily und Hugo lachten, aber Albus und Rose machten ernste Gesichter.
»Er meint es nicht so«, sagten Hermine und Ginny, aber Ron schenkte ihnen keine Beachtung mehr. Er suchte Harrys Blick und nickte verstohlen zu einer etwa fünfzig Meter entfernten Stelle hin. Der Dampf hatte sich für einen Moment gelichtet und vor dem wabernden Nebel hoben sich deutlich die Umrisse dreier Menschen ab.
»Schau, wer da ist.«
Draco Malfoy stand dort, mit Frau und Sohn, in einen dunklen Mantel gehüllt, der bis zur Kehle zugeknöpft war. Seine Stirn wurde schon etwas kahl, was das spitze Kinn noch deutlicher hervorhob. Sein Junge, der ebenfalls neu in die Schule kam, ähnelte Draco ebenso sehr, wie Albus Harry ähnelte. Draco bemerkte, dass Harry, Ron, Hermine und Ginny ihn anstarrten, worauf er kurz nickte und sich wieder abwandte.
»Das ist also der kleine Scorpius«, sagte Ron mit leiser Stimme. »Pass bloß auf, dass du ihn in jeder Prüfung schlägst, Rosie. Gott sei Dank hast du den Grips deiner Mutter geerbt.«
»Ron, um Himmels willen«, sagte Hermine, halb streng, halb belustigt. »Hetz sie doch nicht gegeneinander auf, noch ehe sie mit der Schule angefangen haben!«
»Du hast Recht, tut mir leid«, sagte Ron, konnte es sich jedoch nicht verkneifen, hinzuzufügen: »Sieh aber zu, dass du dich nicht allzu sehr mit ihm anfreundest, Rosie. Großpapa Weasley würde es dir nie verzeihen, wenn du einen Reinblüter heiraten würdest.«
»Hey!«
James war wiederaufgetaucht; er war seinen Koffer, seine Eule und den Gepäckwagen losgeworden und platzte offensichtlich vor Neuigkeiten.
»Dahinten ist Teddy«, sagte er atemlos und wies über die Schulter zurück in die wogenden Dampfwolken. »Hab ihn eben gesehen! Und ratet mal, was er macht? Er knutscht mit Victoire!«
Er starrte zu den Erwachsenen hoch, offenbar enttäuscht, dass sie gar nicht reagierten.
»Unser Teddy! Teddy Lupin! Knutscht mit unserer Victoire! Unserer Cousine! Und ich hab Teddy gefragt, was er da treibt –«
»Du hast sie gestört?«, sagte Ginny. »Du bist ja haargenau wie Ron –«
»– und er meinte, er wäre gekommen, um sie zu verabschieden! Und dann hat er zu mir gesagt, dass ich verschwinden soll. Er knutscht mit ihr!«, fügte James hinzu, als ob er Sorge hätte, sich nicht klar ausgedrückt zu haben.
»Oh, es wär wunderbar, wenn sie heiraten würden!«, flüsterte Lily entzückt. »Dann würde Teddy wirklich zu unserer Familie gehören!«
»Er kommt ja jetzt schon ungefähr viermal die Woche zum Abendessen«, sagte Harry. »Warum laden wir ihn nicht einfach ein, bei uns zu leben, und lassen es damit gut sein?«
»Jaah!«, sagte James begeistert. »Mir macht es nichts aus, ein Zimmer mit Al zusammen zu haben – Teddy könnte meins kriegen!«
»Nein«, sagte Harry bestimmt, »du und Al werdet euch erst dann ein Zimmer teilen, wenn ich das Haus zum Abriss freigebe.«
Er sah auf die lädierte alte Uhr, die einst Fabian Prewett gehört hatte.
»Es ist fast elf, ihr steigt jetzt besser ein.«
»Vergiss nicht, Neville liebe Grüße von uns auszurichten!«, sagte Ginny zu James, während sie ihn umarmte.
»Mum! Ich kann einem Professor doch nicht liebe Grüße ausrichten!«
»Aber du kennst Neville doch –«
James verdrehte die Augen.
»Draußen ja, aber in der Schule ist er Professor Longbottom, oder? Ich kann doch nicht in Kräuterkunde gehen und ihm liebe Grüße ausrichten …«
Er schüttelte den Kopf über seine törichte Mutter und machte seinen Gefühlen Luft, indem er seinem Bruder einen Tritt verpasste.
»Wir sehen uns später, Al. Nimm dich vor den Thestralen in Acht.«
»Ich dachte, die wären unsichtbar? Du hast gesagt, die wären unsichtbar!«
Aber James lachte nur, erlaubte seiner Mutter, ihn zu küssen, umarmte flüchtig seinen Vater und sprang dann auf den sich rasch füllenden Zug. Sie sahen ihn winken, dann spurtete er den Gang entlang, um nach seinen Freunden zu suchen.
»Vor Thestralen muss man keine Angst haben«, erklärte Harry Albus. »Das sind freundliche Wesen, die sind überhaupt nicht gruselig. Außerdem werdet ihr nicht in den Kutschen zur Schule gefahren, sondern in den Booten.«
Ginny küsste Albus zum Abschied.
»Wir sehen uns an Weihnachten.«
»Mach’s gut, Al«, sagte Harry, als sein Sohn ihn umarmte. »Vergiss nicht, dass Hagrid dich für nächsten Freitag zum Tee eingeladen hat. Treib dich nicht mit Peeves rum. Kämpf mit keinem, ehe du gelernt hast, wie es geht. Und lass dich von James nicht auf den Arm nehmen.«
»Was ist, wenn ich ein Slytherin werde?«
Die geflüsterten Worte waren allein für seinen Vater bestimmt, und Harry wusste, nur der Moment der Abreise hatte Albus zu dem Eingeständnis bringen können, wie groß und ehrlich diese Furcht war.
Harry kauerte sich nieder, so dass Albus’ Gesicht ein wenig über seinem eigenen war. Albus hatte als einziges von Harrys drei Kindern Lilys Augen geerbt.
»Albus Severus«, sagte Harry leise, so dass niemand außer Ginny es hören konnte, die taktvollerweise so tat, als würde sie Rose zuwinken, die schon im Zug war, »du bist nach zwei Schulleitern von Hogwarts benannt. Einer von ihnen war ein Slytherin, und er war wahrscheinlich der mutigste Mann, den ich je kannte.«
»Aber, nur mal angenommen –«
»– dann wird das Haus Slytherin einen ausgezeichneten Schüler gewonnen haben, nicht wahr? Es spielt für uns keine Rolle, Al. Aber wenn es dir wichtig ist, dann kannst du dich für Gryffindor und gegen Slytherin entscheiden. Der Sprechende Hut berücksichtigt deine Wahl.«
»Wirklich?«
»Bei mir hat er das auch getan«, sagte Harry.
Das hatte er noch keinem seiner Kinder erzählt, und als er es sagte, sah er Erstaunen in Albus’ Gesicht. Doch nun schlugen die Türen den ganzen scharlachroten Zug entlang zu, und die verschwommenen Silhouetten der Eltern strömten zu Abschiedsküssen und allerletzten Ermahnungen herbei. Albus sprang in den Waggon und Ginny schloss die Tür hinter ihm. Schüler lehnten sich ganz in ihrer Nähe aus den Fenstern. Eine Vielzahl von Gesichtern, im Zug wie auf dem Bahnsteig, war offenbar Harry zugewandt.
»Warum glotzen die alle so?«, wollte Albus wissen, während er und Rose die Hälse reckten, um einen Blick auf die anderen Schüler zu werfen.
»Mach dir darüber keine Gedanken«, sagte Ron. »Es ist wegen mir. Ich bin extrem berühmt.«
Albus, Rose, Hugo und Lily lachten. Der Zug setzte sich in Bewegung, und Harry ging neben ihm her und beobachtete das schmale Gesicht seines Sohnes, das schon glühte vor Aufregung. Harry lächelte und winkte unentwegt, auch wenn es wie ein kleiner schmerzlicher Verlust war, seinen Sohn von sich weggleiten zu sehen …
Die letzten Dampfschwaden lösten sich in der Herbstluft auf. Der Zug fuhr in eine Kurve. Harry hatte immer noch die Hand zum Abschied erhoben.
»Er wird es schon schaffen«, murmelte Ginny.
Als Harry sie ansah, ließ er gedankenverloren die Hand sinken und berührte die Blitznarbe auf seiner Stirn.
»Ich weiß, das wird er.«
Die Narbe hatte Harry seit neunzehn Jahren nicht geschmerzt. Alles war gut.
Hallo
Hat es geklappt?
Ja bist du deppert?!
Harry die Ehre
Servus!
Ist es zusammen zu sehen?
Arschloch!
Ich hab keinen Bock mehr
Halloooooooo, ich hoffe das funktioniert jetzt endlich